diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/53713-0.txt | 5221 | ||||
| -rw-r--r-- | old/53713-0.zip | bin | 127943 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/53713-h.zip | bin | 174524 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/53713-h/53713-h.htm | 7375 | ||||
| -rw-r--r-- | old/53713-h/images/cover.jpg | bin | 37164 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/53713-h/images/signet.png | bin | 3590 -> 0 bytes |
9 files changed, 17 insertions, 12596 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..cdb440c --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #53713 (https://www.gutenberg.org/ebooks/53713) diff --git a/old/53713-0.txt b/old/53713-0.txt deleted file mode 100644 index b424abf..0000000 --- a/old/53713-0.txt +++ /dev/null @@ -1,5221 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Das österreichische Antlitz, by Felix Salten - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Das österreichische Antlitz - Essays - -Author: Felix Salten - -Release Date: December 11, 2016 [EBook #53713] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ *** - - - - -Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive/Canadian Libraries) - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - -[Illustration] - - - - - FELIX SALTEN - - DAS ÖSTERREICHISCHE - ANTLITZ - - ESSAYS - - - S-FISCHER-VERLAG-BERLIN - - 1910 - - - - -Alle Rechte vorbehalten. - -Zweite Auflage. - - - - -INHALT - - - Seite - - 1. Die Wiener Straße 9 - - 2. Klavierstunde bei Leschetitzky 23 - - 3. Aristokraten-Vorstellung 37 - - 4. Fünfkreuzertanz 49 - - 5. Stalehner 59 - - 6. Beim Brady 71 - - 7. Nachtvergnügen 83 - - 8. Peter Altenberg 97 - - 9. Spaziergang in der Vorstadt 115 - - 10. Lueger 127 - - 11. Girardi-Kainz 143 - - 12. Menagerie in Schönbrunn 157 - - 13. Mauerbach 169 - - 14. Das Wirtshaus von Österreich 181 - - 15. Mariazell 191 - - 16. Radetzky 203 - - 17. Thronrede 213 - - 18. »Gewehr heraus!« 223 - - 19. Frühjahrsparade 233 - - 20. Kaisermanöver 243 - - 21. Elisabeth 255 - - 22. Das österreichische Antlitz 265 - - - - -DIE WIENER STRASSE - - -Der alte Herr schreibt in sein Tagebuch: - -Ein wunderschöner Tag ist das heute gewesen. Voller Sonnenglanz und -Wärme, und in den Straßen hat es überall nach Veilchen geduftet. -Daß ich heute gerade sechzig Jahre alt geworden bin, möchte mich -freilich herabstimmen. Aber ich kann mir nicht helfen, ich bin ganz -gut gelaunt. Und ich finde, es ist sehr hübsch, im Frühling Geburtstag -zu haben, wenn es so warm wird, und wenn die Straßen nach frischen -Blumen riechen. Was will man denn mehr? Ich bin spazieren gegangen, wie -gewöhnlich. Zuerst durch die Innere Stadt, dann bei der Oper auf den -Ring hinaus und wieder zurück. Dann bin ich noch im Kaffeehaus gewesen. - -Also sechzig Jahre. Am liebsten würde ich mit Stillschweigen darüber -weggehen; weil es aber schon so lange meine Gewohnheit ist, daß ich bei -solchen Anlässen gewissermaßen den Jahresschluß ziehe, und ein bisserl -was aufschreibe von dem, was ich mir denke, will ich es auch heute -nicht versäumen. Obwohl ... Denn viel habe ich ja kaum zu sagen. Da -liegen in der Lade die Bogen aus all den Jahren, und wenn ich sie jetzt -durchlesen wollte, würde vielleicht immer dasselbe drinnen stehen. Ich -habe ein sehr regelmäßiges Leben geführt, und wenn man ein Junggeselle -ist, gibt es nicht viel Ereignisse. Es ist nur, daß ich jetzt eine -gewisse Scheu habe, diese Blätter in die Hand zu nehmen. Sie könnten -mich am Ende in eine sentimentale Verfassung bringen, und das hätte -keinen Zweck. Ich bin von dem schönen Tag noch ganz angeregt. - -Bald wird man auch wieder im Freien sitzen können. Auf dem Graben sind -die zwei Kaffeehütteln schon hergerichtet; ein paar Tische sind sogar -besetzt gewesen. Aber ich hab' es doch noch nicht riskiert. Es war -übrigens nicht zum Vorwärtskommen heute, so viel Menschen sind in der -Stadt herumgelaufen. Und was man für schöne Mädchen sieht, das ist -eine wahre Freude. Man weiß gar nicht, welche man zuerst anschauen -soll. Gleich in ganzen Rudeln marschieren sie auf. Und wie reizend ist -das, diese vielen jungen, rosigen Gesichter, diese lachenden Augen! -Seit vierzig Jahren gehe ich jetzt Tag für Tag denselben Weg durch die -Innere Stadt und über den Ring und immer seh' ich diese vielen schönen -Mädchen. Es ist unglaublich, wo die nur herkommen. - -Allerdings, die bleiben ja auch nicht ewig jung. Das darf man sich -nicht einbilden. Denn sonst müßte ich ganz allein alt werden, und -dafür tät' ich mich doch schönstens bedanken. Aber das nimmt alles -seinen geordneten Gang. Wenn man sich auch wundert. Ich hab' das an -der Baronin Ruttersdorf gemerkt, wie ich sie heute gesehen habe. Gott, -wie die ausschaut! Ganz schneeweiße Haare hat sie schon, und recht -zusammengebrochen ist sie. Ich bin stehen geblieben und hab' ihr -nachgeschaut. Seit dreißig Jahren zum erstenmal wieder. - -Vor dreißig Jahren bin ich nämlich öfter stehengeblieben und hab' ihr -nachgeschaut. Da ist sie ein junges Mädchen gewesen, und war schön. -Mir wird heute noch ganz schwindelig, wenn ich daran denke, wie schön -sie war. Damals habe ich sie rasend geliebt. Aber dieses Gefühl ist -längst in mir erloschen. Ja, ja, ich habe so manches erlebt. Das -heißt, persönlich gekannt habe ich sie natürlich nicht. Wie wäre das -auch möglich gewesen? Ich war ein ganz kleiner Beamter. Ein noch viel -kleinerer als ich heute bin. Und was werd' ich denn im Monat gehabt -haben, vor dreißig Jahren? Sechzig oder siebzig Gulden; mehr gewiß -nicht. Aber was will man ...? Ein junger Mensch! Und so hat sie damals -mein ganzes Dasein erfüllt. Ich hab' ganz genau gewußt, daß sie am -Sonntag in die Schottenkirche geht, ich hab' gewußt, wann ich sie am -Nachmittag in der Stadt treffe. Wenn ich jetzt die Bogen von damals -hervornehmen möchte, da würde gar viel von ihr drin stehen. Ich weiß, -wie ich ihr nachgegangen bin, und wie ich mir vorgestellt habe, ich -werde auf einmal ein Millionär, oder ich werde in zwei Jahren Minister, -oder ich schreibe ein Drama, und werde berühmt, so daß mich alle Leute -anschauen, wenn ich über die Straße gehe, und daß sich alle Leute um -mich reißen, und dann ... na, und dann ... Es war so wundervoll, sich -das ganz genau vorzustellen, so lebendig, als ob es wirklich wäre, als -ob es morgen schon sein könnte. Ich bin ganz eingesponnen gewesen in -diese Träume und hab' ihnen viele glückliche Stunden zu verdanken. - -Jetzt bin ich aber sechzig Jahre alt. Und sie ist eine alte Frau. Ich -habe ihr ganzes Leben mit angeschaut. Damals war sie eine Komtesse -Nußbach. Auch ihren Vater kannte ich, den alten General. Der hatte so -schön dichte, weiße Haare wie jetzt seine Tochter. Dann hat sie den -Baron Ruttersdorf geheiratet. Dann ist sie mit ihren Kindern spazieren -gegangen. Was für reizende Kinder sind das gewesen, besonders der -älteste Bub, der Ferdinand. Dann ist ihr Vater gestorben, und sie hat -das Palais auf der Wieden geerbt. Dann hat ihr Mann die Geschichte -gehabt mit der ungarischen Sängerin, und man hat gesagt, sie werden -sich scheiden lassen. Dann hat sich der Ferdinand erschossen. Er -war Leutnant bei den Windischgrätz-Dragonern. Und dann ist ihr Mann -gestorben. Wenn ich sie heute angesprochen hätte, und hätte ihr -erzählt, daß ich ihr ganzes Leben kenne und daß ich sie geliebt habe, -was für Augen hätte sie gemacht! So was kann man freilich nicht tun; -und ich bin auch gar nicht der Mann dazu. Aber wer weiß, wie gut wir -jetzt miteinander reden würden. - -Denn ich glaube wohl, daß ich imstande wäre, mit so einer Dame zu -sprechen, ohne einen Fehler zu machen. Und ich denke, auch meine -Kleidung ist elegant genug, um in besseren Kreisen zu verkehren. Auf -anständige Manieren habe ich nämlich immer sehr acht gegeben, und auf -gute Kleider habe ich immer sehr viel gehalten. Es war das erste, was -ich getan habe, wie ich fix angestellt worden bin, daß ich mich mit -einem Schneider auf Monatsraten verständigte. Und seitdem bin ich immer -sehr fein angezogen gewesen. Auch habe ich immer nur in noblen Lokalen -verkehrt. Natürlich nur in Kaffeehäusern, denn die Restaurants sind ja -doch für meine Verhältnisse zu kostspielig. Aber darauf kommt es gar -nicht an. Was hat man denn von einem Restaurant? Man ißt, steht auf und -geht wieder fort. Zu diesem Zweck genügt mir doch mein Gasthaus in der -Piaristengasse, wo ich abonniert bin, und wo ich schon seit Jahrzehnten -alle Tage um drei Uhr, nach dem Bureau, speise. Aber mit dem Kaffeehaus -ist das etwas anderes. Und im Café Imperial oder im Pucher hat man mich -immer für einen Baron gehalten. - -Selbstverständlich habe ich die Baronin Ruttersdorf nicht angesprochen -und werde sie auch niemals anreden. In diesem Leben nicht. Vielleicht, -daß wir uns einmal in einer anderen Welt begegnen. Da würden wir -freilich genug Gesprächstoff haben, und vielleicht wird sie sich dann -mit mir sogar lieber noch unterhalten als mit ihrem Herrn Gemahl. Hier -aber bleibt es schon beim Alten. Denn da müßte ich gar viele Leute -ansprechen, wenn ich das wollte, und finge mit jedem zu reden an, dem -ich das ganze Leben zugeschaut habe. - -Ob das in einer anderen Stadt auch so ist, in Berlin oder in London, -das weiß ich nicht. Aber bei uns ist es so. Man kann die Leute sehen, -die interessant sind, man kann ihnen zuschauen, wie sie leben. Man lebt -mit ihnen, und es ist gar nicht einmal notwendig, daß man reich ist -oder vom Adel oder ein großes Tier. Ich gehöre doch gewiß nicht zur -Aristokratie, aber ich kenne trotzdem alle. Ich kenne sie, wie sie jung -waren, sehe ihnen zu, wie sie alt werden, sehe ihre Kinder heranwachsen -und dieselben Geschichten machen. Ich habe nie so viel Geld gehabt, um -alle Augenblick in Kunstausstellungen zu gehen, und ich habe doch den -Kanon gekannt und den Makart. Ich weiß es noch wie heute, wie er im -Fiaker über den Ring gefahren ist, ein ganz kleiner, schlanker Herr. -Im Theater bin ich auch fast nie gewesen, und habe doch alle gekannt -und gesehen; die Wolter, wie sie den Grafen O'Sullivan geheiratet hat, -und die Geistinger, und wie der Girardi berühmt geworden ist, und -alle miteinander. Woher ich sie kenne, das vermöchte ich nicht einmal -zu sagen. Vielleicht macht es die Übung, wenn man so viele Jahre Tag -für Tag durch die Stadt geht. Da findet man die berühmten Gesichter -einfach heraus; und da weiß man auf einmal den Namen; und dann sieht -man die Leute wieder und wieder, bis man ihnen zuletzt alles von ihren -Gesichtern, von ihrem Gang, von ihrer Haltung ablesen kann, was sie -erleben. So oft ich in dieser langen Zeit meinen Spazierweg gemacht -habe, immer bin ich davon angeregt und zerstreut worden, immer habe -ich mich glänzend unterhalten, immer habe ich das Gefühl gehabt, daß -ich in einer vorzüglichen Gesellschaft verkehre. Und dazu braucht man -wirklich keine Reichtümer. Was will man denn mehr? - -Wenn ich mich so erinnere, wie ich als junger Mensch nach und nach -gelernt habe, die Augen aufzumachen ... Ich bin zwar in ganz einfachen -Verhältnissen aufgewachsen, aber gespürt habe ich doch, was es für -schöne Dinge gibt in der Welt. An einem Sonntag, wenn die Stadt ganz -still ist, da habe ich stundenlang herumgehen können und mir die alten -Palais anschauen; die Portale, und der Blick, der sich in die weiten -Höfe erschließt, und dann die hohen Fenster und die Figuren drauf. -Dann die engen Gassen, so um die alte Universität herum. Und wie -lang bin ich immer auf dem Burgplatz gestanden, vor dem Eingang zum -Schweizerhof. Wie gut kenne ich den Burgplatz. An frühen Winterabenden -zum Beispiel, wenn der Schnee wie ein weißer ausgebreiteter Teppich -den ganzen Platz überspannt, wenn die grauen Fronten schimmern, und -wenn hier alles so abseits, so wie in einer anderen Welt ist. Oder -an Nachmittagen im Hochsommer, wenn man weiß, der Kaiser ist nicht -da, und alles, was sich regt, ist nur Dienerschaft. Wenn dieser Platz -mit der Wache und den Gendarmen und den verhängten Fenstern so was -Träges und Schläfriges hat. Und dann die Sommerabende draußen auf dem -äußeren Burgplatz, wenn der Himmel so schön weit ist, und wenn in der -Ferne die Dächer der Vorstadt glänzen. Wieviel habe ich sehen gelernt, -seit ich ein junger Mann war und jeden Tag nach dem Bureau spazieren -gegangen bin; und wieviel könnte ich sagen. Aber ich möchte nur -bemerken, daß in diesen jungen Jahren gerade durch meine Spaziergänge -viele Eigenschaften in mir entwickelt wurden. Der Burgplatz zum -Beispiel, der Graben, der Kohlmarkt, ... da habe ich nach und nach -einen Sinn für Anstand bekommen, ganz unwillkürlich; eine Neigung -zu besseren Lebensformen und eine gewisse Empfindlichkeit gegen das -Ordinäre und gegen das Geschmacklose. - -Ich möchte bemerken, daß die Menschen, die ich täglich sah, einen -gewissen Zwang auf mich ausgeübt haben. Ich hätte mich geschämt, -unordentlich oder aufdringlich angezogen unter ihnen zu erscheinen. -Wenn ich mein Bureau verlassen und gespeist hatte, dann lief ich in die -Stadt, um das glänzende Leben zu sehen. Ein junger Mensch will eben -sein Vergnügen haben. Und mir war es ein Vergnügen, mir ist es heute -noch eines. Meine Freude am Luxus wurde mit jedem Tage mehr und mehr -geweckt. Und ich brauchte nur spazieren zu gehen, um diesen Luxus zu -genießen. Nehmen wir die Fiaker. Ich bin selbst nur drei- oder viermal -in einem Fiaker gefahren, aber ich verstehe, daß es sehr schön ist, wie -leicht solch ein Wagen rollt; wie die Pferde gleichmäßig traben, wie -das um die Ecke biegt, dahersaust, verschwindet. Ich brauche das nur -anzuschauen, und genieße die Annehmlichkeit, die in einem so famosen -Fuhrwerk liegt. Und ich schaue es mir heute noch aufmerksam an, es -unterhält mich jedesmal. Nehmen wir die Burg und die Oper. Ich kann -es an meinen Fingern abzählen, wie oft ich drin war. Aber unzählige -Male bin ich nach der Vorstellung im Opernvestibül gestanden und habe -mir die vornehme Welt angeschaut, und bin wie nach einer glänzenden -Unterhaltung heimgegangen, wenn ich dieses prachtvolle Gedränge -schöner Frauen und eleganter Herren die majestätische Logentreppe -herunterströmen sah, und das Schauspiel der geschäftigen Lakaien. Im -Sommer, wenn man keine Überkleider mehr in der Garderobe abzulegen -braucht, bin ich oft ins Burgtheater, habe mir die Treppenhäuser -angesehen, bin im großen Foyer herumspaziert, mitten unter dem -Menschenschwarm. Wenn dann der Zwischenakt vorbei war, stürzten die -Leute wieder in den Zuschauerraum. Ich aber entfernte mich und hatte -wieder einen Genuß gehabt. Wäre ich beständig im Fiaker gefahren, -wäre ich alle Tage ins Theater gegangen, mit einem Wort, wäre ich -reich gewesen, wer weiß, ob sich nicht alles für mich mit der Zeit -abgestumpft hätte. So aber habe ich immer nur den besten Schaum von -den Dingen gekostet, habe mir alle Genüsse in meiner Phantasie noch -herrlicher ausgemalt, als sie vielleicht in Wirklichkeit sind, und so -hat bis heute nichts von alledem seinen Reiz verloren. - -Als junger Mensch bin ich oft in der Stadt herumgelaufen und habe -geglaubt, es müsse mir etwas Wunderbares begegnen, es müsse sich etwas -Herrliches plötzlich mit mir ereignen. Irgendetwas, das mit schönen -Frauen, mit Pracht und Glück, mit Palästen, mit Musik oder dergleichen -zusammenhängt. Dieses manchmal ungeduldige Erwarten hat sich mit der -Zeit nun freilich stark gedämpft. Ich bin heute schließlich sechzig -Jahre alt. Aber noch heute, wenn ich durch die Innere Stadt promeniere, -wenn ich durch das Rauschen der Ringstraße gehe, wenn so viele schöne -Frauengesichter an mir vorübergleiten, dann ist mir, als sei noch -manche verborgene Möglichkeit irgendwo vorhanden, und als könne doch -noch etwas Merkwürdiges und Festliches geschehen. Das ist gewiß -töricht, ich sehe es ja ein, aber die Zeit vergeht so schnell dabei, -und man fühlt sich dann so angeregt und so zufrieden. - -Ich bin sechzig Jahre alt und weiß, daß vieles für mich vorüber ist. -Ich bin ein armer Teufel. Das weiß ich auch. Und ich habe nichts -erreicht. Manche Leute werden finden, ich hätte keine Ursache, so -zufrieden zu sein. Manche Leute werden finden, ich hätte meine -Jahre besser anwenden, hätte es durch größeren Fleiß, durch höhere -Strebsamkeit ungleich weiter bringen können. Und ich muß ihnen recht -geben. Ich muß es um so mehr, als ich zu alledem noch weiß, daß es -mir nicht an guten Talenten, an reichen Anlagen und Geschicklichkeiten -gefehlt hat. Heute darf ich's ja sagen, wo es doch schon zu spät ist. -Ich hätte etwas werden können in der Welt. Etwas Großes vielleicht. -Sicherlich etwas viel größeres, als ich geworden bin. Aber ich muß -sagen, daß ich bei alledem nicht unglücklich bin. Vielleicht wäre -ich als armer Teufel in einer anderen Stadt sehr unzufrieden und -sehr unglücklich gewesen. Das vermag ich nicht zu beurteilen, denn -ich kenne die Verhältnisse anderswo nicht, und weiß nicht, ob ich -mich anderswo wegen meiner Armut und wegen meiner niedrigen Stellung -ausgeschlossen gefühlt hätte. Hier habe ich mich niemals ausgeschlossen -gefühlt, sondern habe immer die Empfindung, mindestens aber die -Illusion gehabt, an allem Luxus, an aller Schönheit und an aller -Intimität der Stadt ohne weiteres teilnehmen zu dürfen. Vielleicht -hätte ich anderswo nicht gerastet, um in die Höhe zu kommen. Das -ist schwer zu sagen. Ich weiß nur, daß ich immer, wenn ich des -Abends von meinen Spaziergängen heimwärts wanderte, von allen meinen -Eindrücken ganz sorglos gemacht und in meinem Sehnen ganz wunderbar -beschwichtigt war. Wenn mir manchmal der Trieb kam, etwas Besonderes -zu leisten, etwas zu unternehmen, dann schien es mir immer, als sei -ja schon längst alles unternommen und geleistet und erreicht, und -es bliebe jetzt nichts mehr zu tun übrig, als das Vorhandene wie -einen köstlichen Besitz zu verstehen und zu genießen. Das mag ein -verhängnisvoller Irrtum sein, doch werde ich mich jetzt nicht mehr -damit befassen, ihn richtigzustellen. Ich habe schließlich genug -erlebt, habe Menschenkenntnis und Erfahrungen in Hülle und Fülle, ich -habe mein sicheres Auskommen und meine Ruhe. Jetzt habe ich auch noch -den Frühling und diese fröhlichen Tage voll Sonne und Blumenduft. Bald -wird man auch im Freien sitzen können. Auf dem Graben sind ja schon die -Kaffeehütteln hergerichtet. Alles übrige mag sein wie es ist. Was liegt -denn dran? - - - - -KLAVIERSTUNDE BEI LESCHETIZKY - - -Ein kleines rotes Haus im Währinger Kottage, mit einem netten Turm, der -sich stramm davor aufrichtet. Ich kenne es seit meiner Kindheit; und -seit ich als Bub auf der Türkenschanze umherlief, die damals freilich -noch hinter jenem Hause gleich anfing, kenne ich vom Sehen den fröhlich -dreinblickenden, weißbärtigen Herrn, der an milden Frühlingsabenden -aus der Pforte unter dem Turm herauskam und über die Wiesen zum -Heinrichshügel spazierte; immer munter, und immer von schönen, -exotischen Frauen gesprächig umgeben. - -Der Heinrichshügel, dieser bescheiden erhöhte Abendsitz inmitten -wogender Kornfelder, ist lange verschwunden. Die Felder und Wiesen sind -ja alle verbaut, und die ganze Türkenschanze existiert nicht mehr. Es -sind, wie gesagt, über zwanzig Jahre her. Aber der weißbärtige alte -Herr blickt immer noch fröhlich drein, ist immer noch munter, und -immer noch von schönen exotischen Frauen gesprächig umgeben. Und sein -kleines, rotes Kottagehaus, mit dem netten Turm, der sich stramm davor -aufrichtet, ist inzwischen der sonderbarste Ort in Wien geworden. -Jedenfalls etwas einziges in seiner Art; nicht nur bei uns, sondern -überall. Wenigstens müssen die Leute allerwegs dieser Meinung sein, -denn aus sämtlichen Weltgegenden kommen sie hierher. Wie man sagt: -ein Brennpunkt. Wenn man kurz und nüchtern mitteilt, was in diesem -Hause geschieht, dann hört es sich wie gar nichts an: Hier werden -Klavierstunden gegeben. Ein Unternehmen, das bekanntlich nur zu oft -besteht, das fast immer mit allerlei entsetzlichem Geräusch verbunden -ist und nicht gerade als eine Seltenheit angestaunt wird. Hier aber -sind wir am wundertätigen Wallfahrtsorte aller Klaviermusikanten, hier -ist das Rom und der Vatikan aller Pianogläubigen, hier werden die -höchsten Weihen empfangen, denn hier wohnt und lehrt, hier segnet, und -flucht zuweilen auch, der unfehlbare, alleinseligmachende Klavierpapst. - -Es ist etwas mehr als ein Vierteljahrhundert, seit Theodor Leschetitzky -als ein schon längst berühmter Mann in Wien sich ansiedelte. Man -kann nicht sagen, daß man ihn hier übertrieben gefeiert habe, daß -die Reklametrommel für ihn gewirbelt worden sei; und während sein -Ruhm aus den entferntesten Landen Schüler wie Verehrer herbeilockt, -kennt man hier seine merkwürdige, in ihrer Art machtvolle und seltene -Persönlichkeit in weiteren Kreisen verhältnismäßig nur wenig. Die -Wiener, die seit fünfundzwanzig Jahren an ihm vorübergehen, wissen -eben nach so langer Zeit, das ist der Leschetitzky. Viel mehr wissen -sie aber nicht, denn es ist bei uns immer so, daß die Leute erst -»nachträglich« alles erfahren. So kommt es, daß man jetzt nicht einmal -sagen kann, Leschetitzky habe sich in Wien eine große Stellung gemacht. -In Wahrheit muß es heißen, Leschetitzky nimmt in der Welt eine große -Stellung ein und lebt in Wien. Er könnte aber ebensogut in Graz, in -Magdeburg oder in Düsseldorf leben. Weil es nämlich nicht die Wiener -gewesen sind, die ihn verkündet haben, sondern die Fremden, die -Engländer, die Amerikaner, die Schweden, Dänen, Franzosen und Russen. - -Hier werde ich natürlich nicht von seiner Methode sprechen. Erstens -vermöchte ich das gar nicht, zweitens interessiert mich diese Methode -nur sehr wenig, und endlich könnte eine theoretische Erörterung darüber -nur einen schwachen Begriff von Leschetitzkys Individualität geben. -Diese allein aber fesselt mich, diese eigentümliche Gewalt, die von -ihm ausgeht, daß er auf seine Schüler nicht bloß pädagogischen Einfluß -übt, sondern sich vollständig ihres Menschentums bemächtigt. Die -Persönlichkeit eines Mannes, die es bewirkt, daß ihm alle bedingungslos -ergeben sind, daß sie ihn über gelegentliche Schroffheit und manche -Tyrannei hinweg unbeirrt lieben, daß große Künstler vor ihm befangen -werden und für sein kärglichstes Lob den Beifall von Tausenden freudig -dahingehen. Da ist es denn am besten, ihn einmal mitten unter seinen -Schülern zu sehen, wenn alle in dem kleinen roten Kottagehäuschen -beisammen sind und er ihrem Ehrgeiz, ihrem Können und ihrem Talent -einen Produktionsabend gönnt. - -Von diesen Abenden ist immer wie von einem Feiertag die Rede; und es -geht auch sehr feierlich zu, wie bei einem richtigen Konzert. Nur daß -es hier angenehmer und freier ist, die Stimmung einheitlicher und -viel mehr erhöht als in einem öffentlichen Musiksaal. Das kommt daher, -weil hier eine fühlbare Zusammengehörigkeit alle verbindet. Künstler, -die unter sich sind und froh darüber, daß die Profanen draußen bleiben -müssen. Nur selten geschieht es, daß hier ein Saulus unter die -Propheten gerät, ein Pontius ins Credo sich verirrt. - -In einem langen vierfenstrigen Saale stehen an der oberen Schmalseite -zwei Klaviere nebeneinander, derart, daß die Spieler mit dem Rücken zur -Wand sitzen, das Gesicht den Hörern zugewendet, von denen sie durch die -ganze Länge des Instruments getrennt sind. An derselben Schmalseite des -Musiksalons führt eine Tür in das Speisezimmer. Hier sitzen gewöhnlich -die Amerikaner und sehen nur gerade die Vortragenden. Spielt ein -gewöhnlicher Mensch, dann wird im Saal länger applaudiert und aus dem -Speisezimmer hört man bald nichts mehr. Spielt aber ein Amerikaner -oder eine Amerikanerin, dann wirds hier draußen früher stille, während -aus dem Speisezimmer der Beifall der unsichtbaren Landsleute noch -weiterklingt. - -Man ist hier überhaupt in einer höchst internationalen Gesellschaft. -In Wien an und für sich schon eine Seltenheit. Hier gibt es Russinnen -in prunkvollen Gewändern und mit barbarisch schönen Edelsteinen; -dann die dunkeläugigen, ein wenig zur karikaturmäßigen Genialität -neigenden Polen; dann die blonden Schwedinnen, die so stolze und -nachdenklich blaue Augen haben, so wunderbar goldblonde Haare, -die so einfach angezogen und so schön und biegsam von Wuchs sind; -dann ein ganzes Rudel Amerikanerinnen von jener unnachahmlichen -Barrison-Grazie, von jenem unerreichbaren Schick, der sie sogleich von -allen anderen unterscheidet, und von jener gesammelten Sachlichkeit -in Miene, Geberden und Worten, die mit ein Reiz ihrer Schönheit -ist; Engländerinnen, die manchmal nicht schön sind, aber fast immer -märchenhaft viele Haare haben, märchenhaft frisiert, und von einer -märchenhaft rostroten Farbe. Dann die Amerikaner und die Engländer -mit ihren Langschädeln, ihren langen Hasenzähnen, ihren langen Armen -und Beinen; kleine stämmige Russen, breitknochige Gesichter, niedere, -aber gewölbte Stirnen und üppige Mähnen; dann natürlich die gewissen -Jünglinge mit den überspannten Locken und den überspannten Kravatten, -oftmals recht groteske Gestalten, wie Eugen Kirchner sie zeichnet. -Vor Jahren ging hier als ein hagerer Jüngling Paderewski umher, mit -einem dünnen, langen Hals, aus dessen Magerkeit der Kehlkopf wie ein -halbverschluckter Bissen hervorstach. Sein Gesicht trug die vielen -Sommersprossen der Rothaarigen und er hatte einen roten Schopf, der -ihm verzweifelt in die Höhe stand, dann bis tief zur Nase ins Gesicht -herein wuchtete und sich ausnahm wie ein Hahnenkamm. Zuletzt etliche -deutsche Brüder und Schwestern aus dem Reich, die erheblich schnarren. -Endlich die beweglichen Wiener Judenmädel und die Wiener Christenmädel, -von denen wieder manche sehr hausmeisterisch aussehen und manche wie -Erzherzoginnen. - -Alle aber sind vom gleichen Feuer entzündet; allen ist der heiße -Ehrgeiz von den Zügen abzulesen, das angespannte, mühevolle Streben, -allen merkt man die harte Arbeit vieler Stunden an, das Ringen mit -dem eigenen Wesen, mit den tückischen Problemen der Technik. Und alle -sind erregt, als seien definitive Entscheidungen zu erwarten. Es ist -ganz merkwürdig, wie alle miteinander befangen werden, wenn einer ans -Klavier gerufen wird. Dieses Mitfühlen ist stärker als persönliche -Gegensätze, stärker als vereinzeltes Übelwollen. Wie durch einen -elektrischen Kontakt sind sie alle sofort mit dem einen verbunden, -der aus ihrer Reihe vor den Lehrer treten muß, und sie zittern mit -ihm, haben mit ihm Lampenfieber. Aus der Schule her wird man sich -erinnern, wie durch die ganze Klasse immer ein Beben geht, wenn ein -strenger Professor prüft. Die Kinder vergessen allen Streit und -wünschen auch dem feindlichen Kameraden in diesen schweren Minuten -jegliches Glück. Niemals fühlt man das Ta twam asi naiver und stärker -als in solchen frühen Augenblicken. Hier aber ist doch noch ein -wesentlicher Unterschied, denn neben der Anteilnahme regt hier sich -in allen Hörern auch sofort die Strenge mit dazu. Die Ansprüche sind -hoch; man ist verwöhnt, hier in diesem kleinen roten Kottagehaus, -wo seit fünfundzwanzig Jahren alle großen Künstler, die nach Wien -kamen, ihr Können zeigten, hier wo die Wände die allerbeste und die -allerhöchste Musik seit einem Vierteljahrhundert vernehmen. Dieses -ganze Haus ist von oben bis unten erfüllt von einer klingenden großen -Tradition und in diesen Räumen hier sind die edelsten Weisen verhallt, -die in der Welt nur unter edelsten Künstlerhänden ertönen. Drei, vier -Virtuosengenerationen haben von hier ihren Ausgang genommen, sind über -die ganze Erde gewandert, da und dort verschollen, am Wege gestorben -oder mit Ruhm, Ehre und Reichtum beladen in das kleine Haus im Kottage -zurückgekehrt, um hier vor dem alten Lehrer und den neuen Schülern -ihren Ruf, ihre Entwicklung und ihre Reife bestätigen zu lassen. - -Wenn so ein junger Mann oder ein junges Mädchen während der kurzen -Schritte zum Klavier sich an diese Dinge erinnerte, dann müßte das -bißchen Courage freilich zusammenschnappen. Meistens aber denken sie -an gar nichts als an ihr Stück, an dessen schwierige Stellen, und nur -daran, daß »der Professor« da ist und sie anhört. Da kommt eine hübsche -Engländerin. Das rostrote Haar umgibt ihr Haupt wie ein brennender -Schein. Sie spielt scheinbar ohne körperliche Anstrengung; aber mit -niedergeschlagenen Augen beaufsichtigt sie den Lauf der Finger über -die Tasten. Ihre lächelnden Mienen werden ernster und ernster, ihre -Mundwinkel zucken leise, und allmählich steigt eine sanfte Röte über -den Saum ihres Kragens herauf zu den Wangen, zur Schläfe, und färbt -ihr blasses Gesicht. Während die Leute applaudieren, tritt sie sofort -zu Leschetitzky, lachend, eilig, als flüchte sie zu ihm nach einer -glücklich überstandenen Gefahr. Dann, nachdem sie eine Silbe erhascht -hat, verschwindet sie. Schon sitzt auch eine andere am Flügel. Ein -kleines, blühendes Ding, eine Wienerin rotwangig und frisch, aber -mit kurzsichtigen Augen und mit willensstarken, geschlossenen Zügen, -aus denen nichts anderes als Fleiß, Entschiedenheit und sichere Ruhe -spricht. Sie stößt mit sprungartigen Bewegungen in die Tasten, hält -sich verkauert, fährt zurück und schießt gleich wieder mit aller -Heftigkeit los, die Arme wie Krallen vorgestreckt, den Kopf geduckt, -so daß man bei ihren Sprüngen unwillkürlich an ein kämpfendes Huhn -denkt. Sie scheint nichts zu hören, nichts zu fühlen, nichts zu -sehen. Zum Schluß aber tritt sie sofort, des Beifalls nicht achtend, -zu Leschetitzky, aufatmend, lachend, eilig, als flüchte auch sie zu -ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr. Alle wenden sich ihm -so zu, wenn sie fertig sind; alle haben die gleiche Art, zu ihm zu -flüchten, einen Augenblick lächelnd, aufatmend vor ihm zu stehen und -dann zu verschwinden. Jetzt sitzt ein sehr bleicher, sehr englisch -aussehender junger Mann am Flügel, der das Zittern seiner Unterlippe -nicht beherrschen kann, der wie bewußtlos vor sich hinstarrt, und -der doch unter dem Zwange des Augenblicks alles aus sich herausholt, -was an Talent, an technischer Sicherheit und durchdachter Auffassung -in ihm bereit lag. Dann kommt eine bildschöne Russin, die sehr ruhig -scheint. Ihr elfenbeinschimmerndes Gesicht färbt sich nicht höher, nur -den kleinen Mund preßt sie heftig zusammen und ihre Nasenflügel beben, -während sie mit ihren dunklen, großen Augen die Leute anblitzt. Nach -ihr eine Amerikanerin, die sich im Sessel wie in einem Sattel wiegt, -die gütig den Kopf zur Seite neigt, zur Klaviatur herabnickt, als -könne sanftes Zureden helfen. Dann wieder ein sehr ernster Mann mit -einer Rubinsteinfrisur und -- wenn man so gut sein will -- mit einem -Rubinsteingesicht, der hier nur gastiert, und der sein Lampenfieber -hinter einer düsteren Entschlossenheit zu bergen trachtet. Dann -ein Kind von vierzehn Jahren. American Girl, nicht eben schön. Ein -bißchen dick in ihrem kurzen weißen Kleid, ein bißchen breitnasig und -ein bißchen zu vollwangig. Spielt aber, als ob sie allein sei und -nach keinem Menschen zu fragen hätte; den Kopf weit zurückgeworfen, -Verzückung in den Mienen, die großen hellen Augen, die manchmal zu -jauchzen scheinen, aufwärts gerichtet, und ist völlig eingehüllt in -ihrer Musik wie in einer kleinen Wolke von Begeisterung. - -Über all dieser Entfaltung von Talent, Energie, Ehrgeiz und Fleiß -wacht der weißbärtige alte Herr, der mit seinen weißen, russisch -geschnittenen Haaren, mit der gemütlichen Nase und den schwimmenden, -verkniffenen, vergnügten blauen Augen wie ein Muschik aussieht. Rosig -und frisch im ganzen Gesicht, bis unter die Haarwurzeln rosig, ist -er voll Elastizität, voll Temperament und Nerven, scheint aus der -musizierenden Jugend, die ihn beständig wie ein Choral des Lebens -umgibt, immer neue Erquickung, immer neue Frische zu schöpfen. Mit -der Präzision eines Thermometers und mit derselben Empfindlichkeit -reagiert sein Kunstgefühl auf jeden Ton, der sein Ohr erreicht. Andere -ermüden, seine Aufnahmefähigkeit aber wächst von Stunde zu Stunde und -ermattet nicht. Gelingt etwas so recht nach seinem Willen, dann lachen -seine Augen, sein Mund, seine Wangen; alles an ihm lacht, auch sein -Herz: das sieht man sehr gut. Und in solchen Augenblicken ebenso wie -in Momenten des Zornes, der Ungeduld kann man wahrnehmen, wie durch -und durch künstlerisch das Wesen dieses Mannes ist und wie groß seine -Gabe, sich zwingend, deutlich, überzeugend mitzuteilen. Oft und oft -setzt er sich an das zweite Klavier, wenn der Vortrag des Spielenden -ungleich, oberflächlich, verwischend wird, oder wenn's am Rhythmus -oder an der dynamischen Wirkung hapert. Dann begleitet er nach seiner -Weise den Schüler ein Stück des Weges, reißt ihn schneller mit sich -fort, oder hält ihn zügelnd zurück, oder gibt einer Cantilene mehr -Weichheit, hilft einem Thema zum plastischen Ausdruck und läßt dann -den wider Willen Geleiteten allein weiter laufen. Oder er fährt wütend -dazwischen, schickt die Vortragende unter heftigen Scheltworten -vom Klavier weg und erlaubt ihr erst auf inständiges Bitten das -Weiterspielen. Und da ist es oft rührend, wie so ein junges Ding nun -seine ganze Aufmerksamkeit in beide Hände nimmt, um das glückliche Ende -zu erreichen. Niemand wundert sich über solche Zwischenfälle, niemand -von den Betroffenen zeigt falsche Scham. Alle wissen ja, daß sie hier -eigentlich nur für ihn allein spielen, und nicht für die anderen -hundert Menschen, die zufällig dabei sind. - -Wie ein vielmögender Pförtner an der Schwelle des Ruhmes steht er vor -dieser andrängenden, stürmisch den Einlaß begehrenden Jugend, die -er durch sein Künstlertum beherrscht, durch den Glanz einer großen -Vergangenheit und durch den Scharme einer immer sprudelnden, immer -lebendigen und verheißungsvollen Gegenwart. Es ist ein hervortretender -Zug im Wesen Leschetitzkys, daß er Festlichkeit um sich verbreitet. -Damit lockt er und wirkt er wohl am meisten. All seine Wissenschaft -und Erkenntnis würde ihm die Menschen nicht zuführen und könnte den -Menschen nichts nützen, wenn er zufällig ein Schulmeister wäre und kein -Künstler, wenn sein Ernst trocken wäre und er dieses strömende, zum -Wohlsein und zur Feiertagslaune geneigte Temperament nicht besäße. -Denn nie ist ein Schulmeister geliebt worden, und es ist kein Schaffen -möglich ohne Heiterkeit des Herzens und festlich gestimmte Laune. - -Stünde dieses kleine Haus in Graz, in Magdeburg oder in Düsseldorf, -man würde sich beeilen, von Wien aus hinzureisen, um diese seltene -Kunstakademie zu sehen, die ein einzelner geschaffen, die nur durch die -Persönlichkeit eines einzelnen lebt, und aus der so viele Berühmtheiten -hervorgegangen sind. Man würde den weiten Weg nicht scheuen, um einmal -in dieser rätselhaften und wohltuenden Atmosphäre zu weilen, um diesen -Mann genauer zu betrachten, der von weitem wie ein Magier aussieht, der -in der Nähe jedoch nichts weiter ist als ein starker Mensch und ein -Künstler von mitteilsamen Kräften. Weil es aber nur in Währing ist, -kann die Sache aufgeschoben werden, denn da kommt man ja sowieso alle -Tage hin. - - - - -ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG - - -Der Wagen rollt durch das Augartentor und sogleich fühlt man sich ein -wenig gehoben. Wer hat auch sonst Erlaubnis, hier hereinzukutschieren? -Da gibt es denn einfach eine vornehme Stimmung, von der gemeinen -Straße abbiegen und über diesen fürstlichen Kies dahinfahren zu -dürfen. Schade, daß kein Schnarrposten da ist. Der könnte ein bißchen -schreien, und das würde das Selbstgefühl ungemein steigern. Aber -das sind überschwengliche, vermessene Träume, gefördert durch die -Einsamkeit des Coupees. Betritt man erst die große Antichambre, dann -schnappt man rasch wieder zusammen. Ein hoher Saal mit Kronleuchtern, -Spiegeln, Teppichen. Weiß, Gold und Rot, die offiziellen Farben in -den Palästen. Das Wort Zimmer schrumpft auf ein Nichts; in wahrhaft -beschämender Weise. Hier sind Gemächer, Appartements. Und Lakaien. -Ein solcher Schwarm von Lakaien, wie er sich nur in verschwenderisch -ausstaffierten Romanen zu finden pflegt. Nicht einmal auf der Bühne. -Denn welches Theater hätte so viele und so präsentable Komparsen? -Galonierte prächtige Lakaien mit galonierten, prächtigen Gesichtern. Es -ist wirklich herzerfreuend, wie gesund und wohlgenährt diese wackeren -Männer aussehen. Lakaien, mit einem Wort, die höflich sind und streng -dabei; die Gebärden von ungeheurem Stolz haben, und die einem trotzdem -beim Ablegen des Winterrockes behilflich sind. Man merkt sofort: hier -muß man sich geehrt fühlen. - -Von allen Gefühlen, die es gibt, ist das Gefühl, geehrt zu sein, -unstreitig das angenehmste. Und wenn man diese bescheidene Behauptung -nur einigermaßen als wahr hinnehmen will, dann ist das Rätsel solcher -Vorstellungen gelöst. Das Rätsel nämlich, daß man solche Vorstellungen -wie Ereignisse ersten Ranges traktiert, daß man sich zu ihnen drängt, -sich die Billette aus der Hand reißt und sich schlechterdings für -deklassiert hält, wenn man nicht mit dabei gewesen ist. Es gibt -Vorstellungen, in denen man sich gerührt, Vorstellungen, in denen man -sich aufgeregt fühlt, Vorstellungen, in denen man sich belustigt oder -begeistert, Vorstellungen, in denen man sich gelangweilt fühlt. Aber -Vorstellungen, in denen man sich ununterbrochen geehrt fühlen muß, -darf oder kann, gehören doch zu den seltenen Genüssen. Man betritt -den Zuschauerraum, und gleich am Eingang steht ein Graf, der die -Kartenabgabe überwacht. Zu viel Ehre! Man versucht, in seine Sitzreihe -zu gelangen, und es erheben sich drei Komtessen, zwei Gardekapitäne, um -uns durchzulassen, eine Altgräfin und zwei Prinzen. Zu viel, zu viel -der Gnade! Man setzt sich nieder und hat einen Prinzen zur Rechten, -eine Reichsfreifrau zur Linken, einen Fürsten vor sich und hinten einen -Marquis. Wie angenehm das ist! Und der Prinz zur Rechten plaudert mit -der Reichsfreifrau zu deiner Linken, so laut und so ungeniert, als ob -du gar nicht da, als ob du einfach Luft wärst. Jedes Wort hörst du, ob -du nun willst oder nicht, du hörst es und bist hochgeehrt. Kein Zweifel. - -Es wäre nun ganz abscheulich, die hohen Eintrittspreise zu erwähnen. -Wer wird vom Geld sprechen? Was ist das überhaupt: Geld? Jeder Krämer, -der sichs sauer werden läßt, kann es besitzen. Hier gilt vor allem die -Wohltätigkeit, und was der Abend bringt, ist gewiß einem ebenso guten -als tadellos frommen Zweck geweiht. Wenn adelige Leute lebende Bilder -stehen und sich gegen Entree anschauen lassen, wenn dieser Saal im -Augarten -- ein zwar nicht allen, aber doch allen zahlenden Menschen -gewidmeter Erlustigungsort wird, dann, bitte, nur keine plebejischen -Anwandlungen. Daß Aristokraten keine gelernten Künstler sind, muß -man im voraus wissen; daß sie nur über eine standesgemäße Begabung -verfügen, darauf muß man gefaßt sein. So amüsant wie beim Wurstl kann's -halt nicht sein. Aber: ein Theater, wo lauter Fürsten und Grafen -und Komtessen und Prinzessinnen Komödie spielen, das ist doch was, -Himmelherrgott! - -Und -- Himmelherrgott -- es ist auch was! Schon der Zuschauerraum, -dieses ganze vornehme, wenn auch reichlich bürgerlich gesprenkelte -Auditorium bietet genug und genug. Wollte man die Kronen der hier -versammelten Herrschaften auf ein Häuferl schichten, das gäbe eine -nette, funkelnde Pyramide, die bis zur Decke reichen würde. Schwerlich -vermöchte es diese Erwägung, auf einen Südsee-Insulaner sonderlich zu -wirken. Aber ein zivilisierter Mensch fühlt sich immerhin von Ehrfurcht -ergriffen. Was das Wissen, das Bewußtsein nicht alles tut: An einem -anderen Ort zum Beispiel möchte man sich schrecklich entrüsten, wenn -die Leute so schreien, wenn sie einander über zwanzig Köpfe hinweg -anreden, sich »Grüß' dich« oder »Servus« zuschmettern wollten. Weil -es aber Aristokraten sind, die so knallende Gespräche führen, hält -man's für ungenierte Noblesse, fühlt sich eingeschüchtert von diesen -Menschen, die durch ihre ungeheuer hörbare Konversation zu erkennen -geben, daß sie immer und überall »unter sich« sind, und daß, wer nicht -dazu gehört, einfach nicht als anwesend gilt. Das Bewußtsein und seine -Helfer, die Kleider, die Uniformen, die Juwelen: es ist kinderleicht, -eine Frau als eine Fürstin zu erkennen, wenn sie ein Diadem in den -Haaren trägt, das eine Million wert sein mag. Man breite ein Kopftuch -über diesen Schmuck, ein gewöhnliches, kleines Kopftuch, und das nette, -zutrauliche Gesicht eines Wäschermädels ist fertig. Diesen kleinen -Offizier, der trotz seiner Uniform so unscheinbar aussieht, muß man -erst umdrehen, um hinten an seiner Kämmererspange zu merken, daß er -»wer« ist. In Zivil würde man ihn mit seinen gewöhnlich-ernsthaften -Zügen, mit seiner alltäglichen, ein wenig farblosen Wohlgenährtheit -und mit seinem Zwicker für einen Magistratsbeamten nehmen. Jener alte -Mann dort, dessen weißer Bart ebenso ungepflegt als ehrwürdig ist, -dem die Backen schlaff und wie ermüdet niederhängen, dem die Nase zum -Mund hereinhängt, dem die Schultern hängen, und die Kleider am Leibe: --- genau so, so betrübt und erschöpft und im ganzen so belanglos hat -mein Mathematik-Professor ausgesehen. Jener Herr aber ist ein Fürst. -Fürstliche Gnaden, Durchlaucht. Da ist eine liebe, schlanke Frau. Dünn -wie eine Gelse. Fliegt im Saal umher wie eine Gelse, hat ein nettes, -schmales Gesicht, kurzsichtige Augen, ein schnippisches Stumpfnäschen, -und man würde sie treuherzig für ein niedliches Kammerzöfchen halten, -das zu hüpfen gewöhnt ist, sooft die Klingel tönt; wenn man nicht -wüßte, daß man sie Frau Gräfin ansprechen muß. Da sind junge Herren, -die so glatt frisiert sind und so windspielhaft von Wuchs, wie feine -Kellner in einem feinen Hotel. Haben so gutmütig junge, gedankenlos -hübsche und sauber gewaschene Gesichter wie feine Kellner und sind -Majoratserben, Prinzen, Pagen. Da sind andere, mit herrischen Mienen, -scharfgerissene Profile, Nasen von einer Krümmung, die sich heutzutage -nur ein Graf erlauben kann. Glühende Augen. Stolzgeschwungene Lippen. -Und gleich sagen die Leute: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich -die Abkunft! Aber mit Leichtigkeit könnte man in Hernals und in -Ottakring ein paar junge Burschen einfangen, angehende Fiaker, bei -denen nur die mangelhafte Kleidung schuld daran ist, daß sie nicht -wie Grafen aussehen. Selbst aus der Tempelgasse ließen sich Duplikate -herbeischaffen. Nur daß es dann freilich mit anderer Betonung hieße: Da -sieht man die Rasse! Da zeigt sich die Abkunft! - -Einen gänzlich Fremden -- man brauchte ihn gar nicht von den -Südsee-Inseln herzunehmen -- könnte die Vorstellung nicht im mindesten -interessieren. Weder das Publikum, da er unsere Uniformen und -Ehrenzeichen nicht zu erkennen vermöchte, noch die Gaben der Bühne, -da ja die stolzen Namen seinem Ohr unvertraut und gleichgültig wären, -die Namen, ohne die beinahe alle Akteure ihren Reiz verlieren müßten. -Wir aber haben die Zusammenhänge, haben alle die Relativitäten, die -das Amüsement solcher Theaterspielerei ausmachen. Und mondainen Leuten -mag es schon ein Hauptspaß sein, die Herrschaften, die sonst hoch über -ihnen hausen, einmal als befangene, ehrgeizige Komödianten vor sich zu -sehen. - -Befangen aber und ehrgeizig sind die meisten dort oben auf den -Brettern. Die Aufregung ist so ungeheuer, daß sie sympathisch wird, wie -jede ehrliche Regung sympathisch ist. Da war ein Engel in dem ersten -Bild. Eine reizende kleine Komteß hatte nichts weiter zu tun, als in -der vorgeschriebenen Stellung ruhig dazusitzen, indes die anderen -musizierten. Aber wie gelähmt war sie vor Befangenheit, wurde rot und -röter unter der ungewohnten Schminke, und man mußte gerührt werden, -wenn man das schöne Kind ansah. In diesem ersten Bild war übrigens die -Darstellerin der heiligen Cäcilie vortrefflich. Ein Antlitz, als ob's -von Holbein gemalt worden sei, mit einem weltentrückten Ernst in den -Augen und einem frommen, strengen Harm auf den eingefallenen Wangen. -Noch einer fiel mir im zweiten Bild auf: der Pierrot. Ein schöner, -feingeschnittener Kopf. So geisterhaft beschattete, gleichsam gehöhlte -Züge, daß man an die wunderbaren Pierrots denken mußte, die Willette -gezeichnet hat. Dieses Bild brachte ein bewegliches Kindermenuett. Ein -Halbdutzend winziger Prinzessinnen und Komtessen und, das muß wahr -sein, sie haben wie die kleinen Ladstöcke getanzt. Aber lustig war's -doch, wie an den Kindern gewisse Unterschiede am schärfsten merkbar -wurden. Wie die einen nämlich, von ihrer Angst, von ihrer Befangenheit -und von ihrem Ehrgeiz hypnotisiert, nur mehr automatisch sich rührten, -indessen die anderen mit einer großartigen Gleichgültigkeit, mit -absoluter Ruhe ihre Schritte und Knickse taten, unbekümmert, ob's gut -sei oder schlecht, und als dächten sie: hier tanzt die Prinzessin -Mimi -- das genügt! Es waren dann im Schubert-Bild ein paar niedliche -Mädchen zu sehen, von einem kleinbürgerlichen Typus, der unsere -Vertraulichkeit nicht gar zu sehr entfernt. Und ein blonder Jüngling -war bei ihnen, von der Schlankheit und federnden Grazie russischer -Windspiele, dazu mit Augen, die so vergißmeinnichtblau schimmerten -wie Schubertsche Lieder. Die Schubertschen Lieder aber sang ein Sänger --- und die Wohltätigkeit ist wohltätig genug, seine Kunst zu schirmen. -So wie er jedoch müßte der Bellac im Burgtheater aussehen, und im -»Probepfeil« der Krasinski sollte sich eine solche Maske nehmen und -ein Schubertlied als Einlage singen. Das gäbe einen Sturm. Weniger -empfehlenswert für die Burg wären die spanischen Messerhelden, die man -hernach zu sehen bekam, und die spanische Donna, die an der Leiche des -gemordeten Liebsten ein so gemütliches Entsetzen, eine so gänzlich -nebensächliche Verzweiflung agierte. Dann aber kam das letzte Bild, -wo in der Tiefe des Ozeans der bärtige Freiherr mit dem »Jägerg'müat« -als Neptun auf dem Throne saß und eine frappante Ähnlichkeit mit dem -Pikkönig hatte, wo auf dem Meeresgrund ein weiblicher Leibhusar von -pausbackiger Feschheit der Wassermajestät zur Seite stand, wo ein -Hofnarr so hochmütig und schlecht gelaunt sein glattes, junges Antlitz -in Falten zog, als sei er beim Demel oder im Café Pucher, wo ein -Vierteldutzend adelige Frauen mit all der Sicherheit posierten, die ein -fabelhafter Perlen- und Diamantenschatz der Seele verleiht, wo inmitten -der Meeresgötter ein befrackter Baßgeiger erschien, der prachtvoll -spielte, der aber mit all seiner Musik die Dissonanz zwischen seinem -Frack und den Märchengewändern der übrigen nicht aufzulösen vermochte, -und wo endlich -- auch im Frack -- Alfred Grünfeld kam, um mit -Schuberts silbern tönender »Forelle« der fürnehmen Mummerei ein -willkommenes Ende zu bereiten. - -Man möchte vorschlagen: lasset die Aristokraten Karussels veranstalten. -Niemand vermag ihnen das gleichzutun. Zu Pferde, in allen Künsten des -Sattels und der Zügel, im Glanz ererbter herrlicher Kostüme werden -sie uns Schauspiele geben können, die nur der Adel zu geben vermag, -werden eine künstlerische, ja, gewiß eine berauschende Augenweide -bieten, für die man ihnen wird danken müssen. Der Mensch, auch der -vom Baron aufwärts, sollte immer nur das tun, wozu er Talent hat. Das -Komödiespielen aber, das jetzt im Schwang ist, bleibt doch stets ein -arges Dilettieren, das durch die vielen edlen Namen nur prätentiös -wird, von seinen Mängeln aber, von seinen menschlichen und von seinen -Geschmacksmängeln nichts verliert. Den namenlosen Zuschauern möchte -man sagen: Habt ihr denn wirklich so viel von einer Vorstellung, in -die ihr nur euren Snobismus mitnehmt? Und fühlt denn der Snobismus -selbst sich nicht beschämt, da jeder Bürgerliche doch empfinden muß, -bei einem Haustheater zu sein, in einem Hause, dessen Insassen euch -sonst nie einlassen würden, und die in eurer Gegenwart fortfahren, -sich untereinander zu vergnügen. Aber den Snobismus scheint das gar -nicht zu genieren. Den Aristokraten scheint es Spaß zu machen, wenn die -Unzulänglichkeit ein gesellschaftliches Ereignis wird. Die öffentliche -Meinung dienert im Kartell vor dero leutselig Pläsier, und da -schließlich doch ein bißchen Geld an fromme Vereine kommt, muß man die -Dinge gehen lassen, wie sie gehen. Es ist nicht das Schlimmste, es ist -nicht das Wichtigste, und die Mehrzahl der Menschen hat andere Sorgen. - - - - -FÜNFKREUZERTANZ - - -Ein Liebespaar hat mich zum Fünfkreuzertanz geführt. Sie war mir schon -früher beim Ringelspiel aufgefallen, wo sie rasch eintrat und sich -augenblicklich auf ein Pferd schwang, mit so viel Entschlossenheit, -als wollte sie sagen: Von der Arbeit zum Vergnügen, das muß eben -sein! Dann nahm sie sich in der verwaschenen Bluse und dem weißen -Kopftuch, hoch zu Roß, sonderbar genug aus. Und wie das Ringeln anfing, -schaute jedermann nach ihr, weil ihr hübsches Gesicht und ihre ganze -Haltung solch ein leidenschaftliches Genießen, so tiefe Versunkenheit -aussprach, so viel körperliche Hingabe und dabei so überraschenden -Ernst. Man merkte, daß sie sich vollständig allein fühlte, daß die -anderen Leute für sie nicht existierten. Später, als ich sie dann -wiedersah, war sie freilich nicht mehr allein. - -Ich vernahm, wie ein Budenausrufer mit einer wahrhaft tobenden Stimme -von der Dame ohne Unterleib behauptete, sie sei das süße Mädel. Da -blieb ich denn im Menschenschwarme stehen, um zu hören, wie der -Mann seine immerhin schwierige Sache verfechten werde; und hier -erblickte ich die Reiterin von früher wieder. Sie hing jetzt am Arme -ihres Liebsten, den Kopf an seine Schulter gelehnt, während er, die -Soldatenmütze weit zurückgeschoben, mit seinem jungen Antlitz, gläubig -lächelnd, zu dem Ausrufer und zur Dame ohne Unterleib emporblickte. Ein -Dritter kam herzu, und ich meinte zuerst, es sei ein Bekannter. Nur -schien es mir sonderbar, daß der Mann barhaupt im Prater herumgehe. Es -ergab sich jedoch, daß es gleichfalls ein Ausrufer war, ein Gehilfe -sozusagen. Eigentlich aber noch ein blutiger Anfänger, denn er machte -keine Späße; er sah auch gar nicht danach aus, als sei er zu Scherzen -aufgelegt, und er war offenbar noch zu schüchtern, um laut zu allem -Volk zu sprechen. Deshalb begnügte er sich einstweilen damit, sich -an die einzelnen zu wenden und ihnen ganz privatim die Vorteile -auseinanderzusetzen, die der Besuch der Bude ihnen bringen würde. -Dabei sprach er sehr leise, und wenn auch mit enormer Wichtigkeit, -so doch sichtlich verschämt. Das Liebespaar hörte ihn ebenfalls sehr -befangen an. Nie habe ich drei Leute in solcher Verlegenheit und so -ratlos beisammen gesehen. Unwillkürlich nahm ich Anteil an dieser -heillosen Situation und war auf den Ausgang beinah ängstlich gespannt. -Die Reiterin aber führte die Geschichte rücksichtslos zu Ende, indem -sie ihren Burschen an der Hand nahm und wegging. Ganz einfach. Da -folgte ich den beiden, die jetzt rasch dahinschritten, neugierig, das -Vergnügungsprogramm dieses entschlossenen Mädchens kennen zu lernen. -Sie eilten zum Tanz. - -Unzähligemal bin ich an schönen Sommerabenden im Prater bei diesen -Fünfkreuzerbällen vorübergegangen; oder manchmal für einen Augenblick -nur stehengeblieben, um auf das Gewühl da drinnen zu schauen, mit jenem -flüchtigen töricht-überlegenen Lächeln, das man gewöhnlich für die -Freuden der Einfachen bereit hat. Wahrscheinlich wäre ich auch heute -wieder vorbeigegangen, wenn mich nicht die Lust angewandelt hätte, -zu sehen, ob sie auch so leidenschaftlich tanzen werde, wie sie sich -ringeln ließ, so hingegeben und so versunken. - -Unsicher und mit dem gewissen Lächeln stand ich im Saal, schaute in -das dichte Getümmel, blickte in den großen, schmucklosen Raum umher -und redete mir ein, daß mich die raucherfüllte Luft bedrücke, daß -mir der Kleiderdunst lästig sei, der aufwirbelnde Staub, der scharfe -Biergeruch, der Tumult so vieler schreiender Stimmen, das unbarmherzige -Tosen der Blechmusik, und daß ich in zwei Minuten gehen werde. - -Meine Liebesleute suchte ich vergebens. Der Wirbel hatte sie -verschlungen. Aber es fand sich Ersatz genug. Gleich das erste Paar, -das sich für meinen irrenden Blick aus der Menge löste, fesselte mich -im Nu. Sie tanzten langsam, einen schönen, sicheren Sechsschritt und -hielten sich dabei umarmt, vielmehr sie hatten einander um den Hals -gefaßt und drückten Wange an Wange. Beide waren hochrot im Gesicht, -der Schweiß lief ihnen über die Stirn, des Mädchens Haare hatten sich -gelöst, aber sie achteten dessen nicht. Sie hielten immerzu die Wangen -gegeneinandergepreßt, beinahe Mund an Mund, und glitten dahin, wie -in einer tiefen Erregung, so daß von ihrer Unbekümmertheit schier -etwas Feierliches ausging. Ein zweites Paar kam wiegend und sacht -sich drehend einher. Sie ganz frisch und goldblond und zart, und er -beinahe riesenhaft, aber schlank, mit einem Flaumbart. Und sie reichte -ihm kaum bis zur Brust, lag in seinen Armen mit einem grenzenlosen -Vertrauen, die Augen geschlossen, wie schlafend, und er sah hoch -über sie hinweg, warf tapfere Blicke umher, und nahm sich aus, als -rette er sein Glück aus tausend Gefahren. Dann aber kamen zwei, deren -Mienen nicht wahrgenommen werden konnten, so blitzschnell drehten sie -sich, so fabelhaft rasch sprangen sie vorüber. Sie schienen sich in -einem Anfall von äußerster Raserei, ja in einer Art von rhythmischer -Tobsucht zu befinden, in die sie durch die Musik gebracht wurden. -Sie kamen bald darauf nochmals zum Vorschein, offenbar hatten sie -so geschwind den ganzen Saal durchmessen. Sie, eine kleine, dicke, -nicht mehr ganz jugendliche Person. Er, ein baumlanger Kerl, im -Ruderleibchen und grauen Rock. Er mußte sich tief herabbücken, seine -Dame um die Taille zu fassen, und so, in dieser anscheinend qualvollen -Haltung, die einer andauernden, devoten Verbeugung glich, schwang -er sich wie ein gepeitschter Kreisel. Ganz in meiner Nähe fielen -sie plötzlich, wie hingeschleudert, auf eine Bank, mit todblassen, -benommenen Mienen, nach einer Sekunde aber sprangen sie wieder auf -und wirbelten mit derselben, unbegreiflichen Schnelligkeit weiter. -Noch einige Male kamen sie also angesaust, und es war auffallend, wie -wenig sie sich in solchen Pausen umeinander scherten, da sie doch, -tanzend, so begeistert zusammenhielten. Wie nach einer Krankheit saßen -sie da, machten verstörte Augen, bis es sie wiederum ergriff und -emporriß. Ein Pärchen erzwang sich die Aufmerksamkeit, weil es sehr -künstlich tanzte; bald nach rechts, bald nach links, bald geradeaus -nach vorwärts, bald zurück. Dabei hatte sie ein gänzlich mißlungenes -Gesicht, darin, wie bei einem geborstenen Schränkchen, durchaus nichts -klappen wollte, weder Mund noch Augen. Und er war ein bißchen schief -von Wuchs, hatte einen ärmlichen, farblosen Bart, schielte ein wenig, -und seine geringfügige Nase nahm sich unter einer dicken Hornbrille -sehr gedemütigt aus. Aber beiden konnte man die Anständigkeit sogleich -anmerken, und so tanzten sie auch: treu, ehrlich und fleißig, -versäumten keine Figur, ließen sich keine Nachlässigkeit zuschulden -kommen und hatten eine sachliche Freude des Gelingens, in der ihr -gedrücktes Selbstbewußtsein frei wurde. Sorgloser gingen zwei andere zu -Werke, die mit ruckweisen Drehungen im Tanze sich schwangen; die Köpfe -weit zurückgebogen, daß sie einander beständig ins Antlitz schauen -konnten. Und beständig lachten sie, als ob ein prächtiger Scherz ihnen -von einem Mund zum andern ginge. Dabei sagten sie kein Wort, redeten -nur mit den lachenden Augen, und das war wie ein Spiel fröhlicher -Kinder. - -Überhaupt war in allen diese kindergleiche, vollkommene Hingabe an die -Freude, und diesem tanzenden Gewühl entströmte eine unaussprechliche -Glückseligkeit, mühelos verlockt, hingerissen und entfacht von ein -paar Walzertakten und etlichen Trommelschlägen. Und die erwachende -Sinneslust schlug die Harmlosigkeit hier keineswegs nieder. Vielmehr -wurde all das Begehren, davon die Atmosphäre bebte, ins Unschuldige -gerückt, da es so aufrichtig und mit solcher Selbstverständlichkeit -sich äußerte. Was hier die Arme umeinanderschlang, das liebte sich, -gleichviel, ob vorher schon oder jetzt erst, aber es gab keine andere -Veranlassung zum Tanz als die Liebe. Sie tanzten mitsammen, weil sie -sich liebten, und sie liebten sich, weil sie mitsammen tanzten. - -Zwei Soldaten waren hereingekommen und standen neben mir. -Artilleristen. Der eine von ihnen, aufragend und in der Fülle seiner -Kraft, »schön wie ein junger Gott«, mit blauen, fröhlich leuchtenden -Siegeraugen. Der andere schwächlich, von der Uniform fast erdrückt, -und mit verprügelten Mienen. Ein hübsches blondes Mädchen sprang ihnen -entgegen, flog mit ausgebreiteten Armen auf den schönen Burschen zu -und küßte ihn, munter, herzlich, vergnügt. Er ließ sichs gefallen und -meinte nur, auf den Kameraden deutend: »Dem gibst d' a a Bußl!« Sie -zögerte keinen Moment, lächelte, stellte sich auf die Zehenspitzen und -küßte den Verprügelten. Dann wartete sie, daß der Schöne sie zum Tanze -führe. Der aber schaute gelassen umher, achtete ihrer kaum. Er war -nicht in der Geberlaune. So ließ sie sich denn vom andern umfangen. - -Ein Ländler begann, eine kleine, bescheidene Melodie, die sich -zufrieden im Kreise um sich selbst drehte, dann wieder innehielt, -um sich gleich wieder gutgelaunt weiterzuschwingen. Und jetzt waren -die Großstadtkinder und die vom Lande Zugereisten deutlich zu -unterscheiden. Für die einen war's eben nur wieder ein Walzer, die -anderen aber fingen an, sich in kleinen Gehschritten kirchweihmäßig zu -wiegen, in jener ernsthaften Ruhe, mit der die Bauern den Tanz als eine -feierliche Arbeit traktieren, und das Bauerng'wand schien unter mancher -Uniform jetzt sichtbar zu werden. Ein Juchschrei flog da und dort -empor, der Erinnerung an das ferne Dorf entstiegen, Händeklatschen, -mühevolle Verschlingungen. Heimatkunst, in bescheidener Munterkeit -verrichtet. - -Inmitten dieser stampfenden, jubelnden, lachenden und liebenden -Jugendseligkeit regt sich der Wunsch, hier nicht als Fremder stehen -zu müssen, nicht wie nach fremden Tieren auf diejenigen zu schauen, -die in Ursprünglichkeit und ungebrochener Lust genießen, nicht in -Grübelei und nachdenklichem Zögern den Inhalt froher Stunden zu messen, -sondern Anteil nehmen zu können, besinnungslos und ohne Rückhalt. Und -da erträumt sich die Phantasie einen jungen Menschen, der, in allen -Finessen des Geistes, des Wissens und der Kultur geschmeidig, dennoch -so viel Schnellkraft sich bewahrt, daß er den Subtilen gelegentlich -entwischt, seinen Lebensunband hierher zu tragen, der untertaucht in -diesem dampfenden Tumult einfältiger Urtriebe, und dann neugebadet -zurückkehrt zu den anderen, die nur beziehungsweise Wehmut kennen und -vieldeutige Sentimentalität. - -Schon dem Ausgange zugewendet, erblicke ich meine Bekannte vom -Ringelspiel wieder. Sie walzt jetzt mit ihrem Burschen, ihr hübsches -Gesicht ist dunkelrot geworden und hat denselben Ausdruck von -Versunkenheit wie vorhin, da sie auf dem hölzernen Schaukelpferd -saß. Hier aber fällt sie gar nicht auf, denn hier gleicht sie völlig -den anderen, denen das Leben und die Jugend noch so überaus einfach -geblieben: Man arbeitet erst und geht dann tanzen. Saure Wochen, frohe -Feste. - - - - -STALEHNER - - -Das hundertjährige Stalehnerwirtshaus wurde niedergerissen, und -ein neues aufgebaut. Denn die Zeit schreitet vorwärts. Ein Kapitel -Hernalserischer Daseinswonne ist damit zu Ende. Wiener Liedersänger, -Komiker, Lokalschriftsteller und allerlei andere Vergnügungskünstler -haben da draußen den Kehraus gefeiert, den Abschied von einem Stück -Urwüchsigkeit, das nun in der allgemein großstädtischen Banalität -aufgehen wird. Es war ein Schluß mit Jubel. - -Immer, wenn sie so ein altes Wiener Freudennest demolieren, staubt -aus dem Schutt des bröckelnden Mauerwerks der Schwarm bekannter Worte -empor: die Wiener Gemütlichkeit ..., der Wiener Hamur ..., die schöne, -liebe, alte Zeit ... Es ist, als wenn wir unter Menschen lebten, die -wirklich allweil fidel sind, und nur traurig werden, wenn man ihnen -einmal ein altes Wirtshaus zusperrt. Man muß sagen, daß uns bessere -Häuser schon verschwunden sind, ehrwürdigere und wertvollere, als der -Stalehner. Die neue junge Stadt ist über sie hinausgewachsen, und wir -haben ihrer vergessen. Wir werden auch den Stalehner verschmerzen. - -Ein Nekrolog gebührt ihm freilich. Denn er war berühmt und schaut -auf eine große Vergangenheit zurück. Er hat seine Rolle gespielt -in der Sittengeschichte von Wien, und sein Einfluß ist manchmal in -dieser Stadt sehr fühlbar gewesen. Stalehner, das war nicht bloß ein -Wirtshaus, sondern auch eine Art Weltanschauung. Das Wirtshaus haben -sie jetzt niedergerissen, die Stalehner-Weltanschauung wird vielleicht -bestehen bleiben. Vielleicht. - -Stalehner ... schon der Name hat etwas unnachahmlich Echtes, ist wie -geschaffen zur Straßenberühmtheit. Der wienerische Dialekt schwingt -auf diesem Namen wie ein Wäschermädel auf einer Praterhutschen. Es -ist ein Fiakerparfüm darin, und ein Schnalzen, das aus den »enteren« -Gründen kommt. Wir haben ein paar solcher köstlichen Wirtsnamen, deren -bloßer Klang schon eine ganze Stimmung gibt. Weigl zum Beispiel mit -dem gequetschten, wienerisch breitgedrückten »ei«, so daß es sich -anhört wie ein wohliger Schnaufer. Oder Gschwandner ... was ja wie -ein Walzertakt schleudert. Nichts aber hört sich so behaglich an wie -Stalehner mit diesem offenen, ein wenig frechen und gellenden Wiener a -der ersten Silbe und dem Schleifen durch die Nase der beiden anderen: -»lehner«. Behaglich und leichtsinnig. - -Wir kennen den Namen jetzt schon über hundert Jahre. Und es sind viele, -viele Wiener Früchteln und Wiener Kinder beim Stalehner draußen berühmt -geworden. Die einen durch ihren Gesang, durch ihr Kunstpfeifen und -durch ihren Mutterwitz, die anderen durch ihre Freigebigkeit, durch ihr -»Aufdrahn« und durch ihr Trinken. Vom Standpunkt des Schanktisches aus -muß man schon sagen: es war eine große Zeit. Aber, wer denkt denn heute -der fröhlichen Schar! Weiß jemand noch was von der Judenpeppi, die so -besonders talentvoll gepascht hat, wenn der Gruber das picksüße Hölzel -spielte? Man weiß ja auch vom Gruber nichts mehr. Lieber Gott, es gibt -so viele Gruber. Und diese beiden, der Meister auf dem Picksüßen und -die Judenpeppi, haben in den fünfziger Jahren gelebt. - -Vor ihnen mag es in dieser Heurigenseligkeit noch andere Götter -gegeben haben. Aber sie sind vergessen und verschollen, wie man des -Weins, nachdem man ihn genossen hat, vergißt. Der Boden hier ist -reich. Er gibt in jedem Jahre eine neue Lese; und in jeder Generation -neue Originale. Weinstöcke und Menschen, in denen die Kraft und der -Übermut dieser Scholle aufgesammelt waren, sind hier herum immer -frisch nachgewachsen. Derart ist ja denn auch der Anfang gewesen, -daß der erste Stalehner ein Weinbauer war, der da draußen in dem -winzigen Dörfchen Hernals das Leutgeben hatte, und alljährlich, wenn -seine Trauben gekeltert waren, den Buschen aussteckte. In ihren -kleinen, niedrigen Häuseln saßen sie dort nebeneinander, am Ufer -des Alsbachs, der damals noch in seinem offenen grünen Bett zum -Stroheck hinunterfloß. Zum Stalehner gingen dann die Harfenisten und -Natursänger, die feschen Mädeln, die sich aufs Paschen verstanden, -und die Fiaker brachten dort ihre Kavaliere hinaus, um ihnen draußen -zu zeigen, daß sie nicht nur kutschieren, sondern auch dudeln und -- -trinken können. - -So ist nach und nach der Stalehner die Grenzstelle geworden, an der -sich die Blüte des Wiener Hochadels mit der Weinblüte des Wiener -Volkes begegnete, die Grenze, an der sich beide in sanfter, singender -Berauschtheit einander vermählten. Der Stalehner war die Stätte, an der -die gräflichen Instinkte unserer Fiaker und die fiakerischen Triebe -unserer Grafen einander in die Arme sanken. Es war, wie gesagt, eine -große Zeit. - -Wir wissen ja nichts mehr von den fünfziger Jahren. Da könnte sich ein -Lokalchronist einmal ein Verdienst erwerben, wenn er die Geschichte -des Hauses Stalehner erforschen und aufschreiben wollte. Tut er es -nur halbwegs gut, und wird vom verjährten Weindunst, der ihm aus den -vergangenen Zeiten aufsteigt, nicht betäubt, so daß er nun etwa selber -in Duliähgejauchz ausbricht, dann muß ihm ein lebensvolles, farbiges -Spiegelbild der Stadt Wien gelingen. Unser Erinnern weiß nur von dem -Rausch der achtziger Jahre, jener Zeit, in der unsere Prinzen noch -fröhlicher waren. Vom Glanz der Fiakermilli und der Turfkarolin, -die zwischen der Freudenau und den Stalehnerischen Gefilden einst -hochberühmt gewesen sind. Vom Bratfisch, der letzten romantischen -Gestalt unter den Fiakern. Und daß der Ziehrer draußen die ersten -Erfolge hatte, mit seinen ersten Walzern, in denen ja ein Echo von -jenem hernalserischen Händeklatschen leise wiederklingt. - -Hernals ... Wenn man von der Laimgruben bis zum Liechtental, und -im weiteren Bogen von der Schwarzen Westen bis zum Krottenbach die -verschiedenen Abschattierungen der Wiener Art betrachtet, wird man -finden, daß Hernals etwas Besonderes ist: ein herbes Wienertum, -weniger lyrisch, dafür aber unbändiger, mehr ins Randalierende und -kreischend Grelle. Weniger anmutig und sanft, sondern von ausfahrenden -Temperamenten feuriger und wilder gemacht. Es ist die Stelle, an der -sich die Wiener Art zum Proletarischen absenkt, die Stelle, an der sie -am leichtesten und am häufigsten verpöbelt. Es ist der Boden, auf dem -die Schalanthers wachsen. - -Gerade dieser Schalantherboden aber bringt die Menschen hervor, die -den absoluten Willen zur Freude haben. Ihr Talent zum Vergnügen ist -so groß, daß es alle anderen Gaben in ihnen aufsaugt. Der Leichtsinn -in ihnen ist so stark, daß er sie dauernder berauscht als der Wein, -den sie trinken; daß er ihnen glänzender und täuschender als der Wein -die Sorgen des Daseins und seinen Ernst verhüllt. Die wienerische -Fähigkeit, lustig zu sein, wird nirgendwo mit solcher Heftigkeit -geübt wie hier, so entschlossen, so über alle Ursachen hinaus, und -mit einer solchen Zuversicht in die altwienerischen Ausdrucksmittel -des Fröhlichseins: Händeklatschen, Singen, Schnalzen, Pfeifen. Diese -Hernalser Gegend, die nicht so anmutig ist wie andere Wiener Gegenden, -die auch nicht anmutig war, als man noch vom Stalehner bis zu der -Kirche mit dem Kalvarienberg hinsehen konnte, und der Blick nur -Felder, Felder, Obstgärten und Weingelände überschaute, diese Gegend -hat doch immer etwas Anlockendes gehabt: ihre kleinen Heurigenstuben, -ihre Wirtshausgärten, in die man einkehrte auf der Wanderung zum -Dornbacher Wald hinaus, oder auf dem Heimweg von dort in die Stadt -zurück. In diesen winzigen verrauchten Stuben und in diesen primitiven -Gärten war die singende, jauchzende Verführung. Dort lockte der Wein, -den die Bauern zogen, dort der Gesang der Burschen, und dort die -freigebige Üppigkeit der Weiber. In Grinzing, in Heiligenstadt, am Fuß -des Nußberges gab es von jeher und gibt es noch immer Heurigenschenken, -zu denen die Leute pilgern. Aber solch einen Schwung hat die Sache -niemals gehabt. Solch einen Schmiß, daß die Nobelwelt herankarossiert -kam, um sich aus dem Urwuchs des Volkstümlichen aufzufrischen und -aufzufärben, hat es auf die Dauer nur beim Stalehner in Hernals gegeben. - -Steht man vor dem Stalehnerhause, dann merkt man von außen schon, -daß seine Zeit erfüllt ist. Das neue Niveau der Straße, die hier -vorbeiführt, die nicht mehr nach dem Alsbach heißt, sondern nach dem -ausgestorbenen Grafengeschlecht der Jörger, das hier in Hernals einst -reich begütert gewesen ist, das Niveau dieser Straße hat man längst -gehoben, und nun scheint es, als wäre das Stalehnerhaus sachte in -die Erde versunken. Inwendig hat es den veralteten Reiz eines nach -und nach adaptierten Vergnügungsnestes, hat diesen alten, immer ein -wenig schmutzig aussehenden, immer von alkoholischen Kellerdünsten -erfüllten Hof. Der langgestreckte Garten wurde zur Hälfte verbaut. Da -ist ein Ballsaal aufgeführt worden, und den muß man durchschreiten, ehe -man zum Garten und zur Sommerbühne kommt. All das ist vorstadtmäßig -verschachtelt, ineinander verschränkt, Winkelwerk, malerisch und -heimlig. All das zeigt den langsamen, Jahrzehnte währenden Aufschwung -des Hauses, all das erzählt hier von dem immer mehr und mehr wachsenden -Zulauf, von dem immer mehr steigenden Menschenandrang, dem Raum -geschaffen werden mußte und Unterkommen. All das hier spricht von einer -bedächtigen und langsam wienerisch-schlendernden Unternehmungslust und -von einem stetig sich häufenden Wohlstand. Diese Gastzimmer, dieser -Ballsaal, diese Gartenbühne zeigen vorstadtmäßige Begriffe von Luxus, -Ausstattung und Eleganz. - -Und da haftet nun die Fröhlichkeit, der Leichtsinn, die Debauche und -der Übermut von drei, vier Generationen an diesen alten Wänden. Diese -alten Zimmer, in denen der Weingeruch säuerlich geworden ist, haben -die gutgelaunten Stunden von drei, vier Generationen mit angeschaut. -Haben das Jauchzen von jungen Mädchen gehört, die heute längst dahin -sind, wie die Blätter vergangener Sommerszeiten. Sie haben die naiven -Kunststücke und die verführerischen Gemütlichkeitskniffe von drei, -vier Fiakergenerationen mit angeschaut, haben den Gesang vernommen, -der es hier jahrzehntelang allabendlich zur Decke hinaufschmetterte, -daß der Wiener nicht untergeht, daß wir keine Traurigkeit nicht spüren -lassen; und ein feiner Widerklang des einst so zwingenden Estam-tam -scheint hier noch nachzudröhnen. Während man hier umherwandert, -erwachen viele alte Wiener Lieder, die von diesen Räumen aus durch -die ganze Stadt fegten, Lieder, deren Melodie schmeichlerisch war und -schmiegsam, schaukelnd und wiegend, Lieder, die von Sorglosigkeit, von -weinseligem Glück, von auftrotzendem Was-liegt-denn-dran-Humor sangen. -Wenn man hier umhergeht, fühlt man sich angehaucht vom leichten Atem -wienerischer Harmlosigkeit, von einer weichen, hinschmelzenden Güte, -die an sich selbst kaput geht. Aber auch von einer erotischen Glut, die -hier ins Toben kam, von einer Lebenskraft, die hier Betäubung suchte. -In diesem Saal rauscht es noch von Walzern. Aber anders, wilder, -trunkener als in dem Hietzinger Dommeyersaal, der ja jetzt auch bald -verschwindet. Dort draußen in Hietzing, wo die ersten Lanner- und -Straußwalzer geboren wurden, liegt über der Kaiser Franz-Architektur -des Saales ein merkwürdiger, stiller Glanz von Vornehmheit. Hier eine -Stimmung von süßer Pöbelei. Hier stampfte die Orgie der Fiakerbälle -und riß junge Vorstadtmädchen und routinierte Ringstraßenkokotten, -Hausmeisterburschen und Edelknaben, Fiaker und Prinzen in ihrem -Wirbel mit sich fort. »Beim Gschwander, Stalehner ... da lernt ma si -kehner ...« - -Schluß mit Jubel. Was da draußen war, ist wenigstens echt gewesen, ist -organisch dem Erdreich entwachsen, und hatte die innere Notwendigkeit -alles dessen, was auf natürliche Weise entsteht. Was da draußen war, -ist mit der Erinnerung an fröhliche Wiener Tage innig verknüpft, -ist dem wehmütigen Gedächtnis an die sprühende Jugendlaune der -Kronprinzenzeit innig gesellt, ist vielleicht für lange, lange Jahre -das letzte Kapitel wienerischer Leichtherzigkeit. Mit der Zeit freilich -kam von außen manches falsche Element hinzu. Es kam die Nachäfferei, -die das Ursprüngliche sich anschminken möchte, seine Farben fälscht und -übertreibt. Es kam der Snobismus. Denn auch einen Stalehner-Snobismus -hat es gegeben, der sich in die Manieren fiakerischer Lebenslust -hineinschmiß und sich drin rekelte, wie er sich in die bequemen Polster -unserer Fiakerwagen hochnasig hineinschmeißt und sich darin spreizt. Es -kam auch die korrumpierende Wirkung, daß die »schlichten Leute aus dem -Volk« da draußen ihre Schlichtheit mit Affektation zur Schau stellten, -daß sie ohne Naivität ihre Urwüchsigkeit posierten und also, gleich den -Schlierseer Bauern, auf eine nicht mehr ganz frische, nicht mehr ganz -ursprüngliche Art die Komödianten ihrer eigenen Natur wurden. Schluß -mit Jubel. Das alte Stalehner-Wirtshaus hat uns die ins Hernalserische -gerückte Weltanschauung der Wiener dargestellt, wie uns der Stelzer in -Rodaun die kalksburgisch gefärbte Wiener Weltanschauung bietet. Das -alte Stalehner-Haus ist ein Stück Geschichte, ein Stück Kultur von -Wien, war eine Charaktereigenschaft dieser ewig-anmutigen Stadt, die -aber doch in ihrem Wesen mehr ist als immer nur fidel und lustig, wie -manche Leute glauben oder glauben machen wollen. - - - - -BEIM BRADY - - -Der prächtige Titel »Wintergarten« ist natürlich eine Übertreibung. -In Wirklichkeit spricht auch kein Mensch von Bradys Wintergarten, -sondern alle Welt sagt einfach: beim Brady. An einen Garten erinnert -übrigens nur die ziemlich geschmacklose Staketendekoration der Wände, -dann ein wenig falscher Efeu und kunstlos gefälschtes Weinlaub. Sonst -aber ist man hier beinahe wie in einer Spelunke. Und das mag eben -der Hauptreiz an diesem »Wintergarten« sein, daß er wie ein Beisel -aussieht. Denn wenn es irgendwo recht schäbig ist, dann sagt man in -Wien noch lange nicht: hier ist's schäbig. Vielmehr findet man eine -versöhnliche Bezeichnung dafür, und jedem, der sich über mangelnde -Pracht, über fehlenden Komfort, über nasse Tischtücher und schlechte -Luft beklagt, wird geantwortet: Ja, aber gemütlich ist's. Beim Brady -ist es also gemütlich. Damit ist zugleich auch die Summe aller -seiner Eigenschaften gezogen. Es läßt sich weiter nichts hinzufügen. -Höchstens, daß es in Wien sonst nirgends so gemütlich ist, wie eben -beim Brady. Und das ist allerdings sehr bemerkenswert. Die wienerische -Gemütlichkeit, wie wir sie nur mehr noch aus abgedroschenen Liedern -kennen, oder aus den Schilderungen der gewissen ältesten Leute, diese -grundlos fröhliche, ziellose, an der eigenen Lebenslust entzündete, -sorgenfreie, naive, singende und jauchzende Wiener Gemütlichkeit -findet man jetzt nur hier. Aus den anderen Vergnügungslokalen, aus -dem übrigen großen modernen Wien ist sie ja verschwunden. Vielleicht, -daß man sie hie und da in irgendeinem versteckten Vorstadtwirtshaus -noch treffen kann. Das ist aber sehr ungewiß. Die Zeiten sind -vorbei. Und wenn man zum Brady geht, dann ist der Weg dahin schon -wie ein Spaziergang in die Vergangenheit. Ein enges Gäßchen, das vom -gemütlichen Franziskanerplatz unter einem schmalen Schwibbogen abbiegt, -das sich windschief bei jedem Schritt anderswohin zu wenden scheint. -Eine jener Gassen mit so enorm hohen Häusern, daß der Himmel droben -nur wie eine schmale, helle Linie aussieht; und wenn hier unten einmal -zwei Wagen einander begegnen, dann darf kein Fußgänger vorbei, weil er -das bißchen Platz, das zum Ausweichen nötig ist, verstellen könnte. -Das uralte, beinahe schon vergessene Wien. Was beim Brady geschieht, -ist rasch erzählt. Eine Salonkapelle spielt; und wenn sie aufhört, -dann singt ein Männerquartett zur Begleitung einer Ziehharmonika, -einer Geige und einer Gitarre. Haben die vier Männer ihr Stücklein -heruntergejodelt, dann kommt wieder die Salonkapelle dran. Ohne Pause. -Und so ist denn der rauchige kleine Saal immerzu von Musik erfüllt. -Daran scheint freilich nichts Besonderes zu sein, und man wird es noch -nicht begreifen, wie nur ein mäßiges Orchester und vier Natursänger -solchen Zulauf finden können. Denn der schlaue Brady ist nicht mehr -da. Ein kleiner, leidlich hübscher, flotter Kerl mit einer angenehmen -Pleinairstimme, war er sein eigener Star. Trug den Leuten seine -fiakerisch-lustigen und sentimentalen Lieder vor und hatte jeden Abend -zu dem geschäftlichen Profit den persönlichen Erfolg. Dann nahm er -Abschied, als ein kluger Mann auf der Höhe seines Ruhmes, zog sich ins -Privatleben zurück, vielleicht nur, um fortan zeitlicher schlafen gehen -zu können, und erlaubte bloß, daß der Glanz seines Namens auch ferner -des Nachfolgers Bude erleuchte. Unberühmte Leute, die man nicht näher -kennt noch sieht, halten die Weinstube weiter. Ein Geschäftsführer ist -da, in einem schwarzen Salonrock, ein dünner Mensch, der aussieht wie -ein Meßner, der umhergeht und den Gästen guten Abend wünscht. Gesungen -hat er noch nie, hübsch ist er auch nicht, kurzum, der Brady ist noch -nicht ersetzt. Aber die gute Laune, die er hier eingerichtet hat, ist -noch nicht verdampft; sie liegt hier noch immer in der Luft. Und wenn -man hereinkommt, wird man fröhlich, man weiß nicht wie und man weiß -nicht warum. - -Schuld daran sind aber doch zunächst die Musikanten. Die von der -Salonkapelle, und die vier Natursänger, die zur Geige, zur Gitarre -und zur Ziehharmonika jodeln. Gewöhnlich gibt es ja nichts, was einen -Menschen so traurig machen könnte, wie ein bezahlter Lustigmacher. Die -armen Teufel, die beim öffentlichen Vergnügen bedienstet sind, versehen -ihre Funktionen fast immer mit solcher Wehmut, daß einen bei ihrem -Anblick der Menschheit ganzer Jammer anfaßt. Unter allen Professionals -sind ja die Professionals der Heiterkeit die trübseligsten. Beim Brady -ist das anders. Die Salonkapelle scheint gar nicht der Gäste wegen -zu spielen, sondern nur ihrem Dirigenten zuliebe. Wenn der die Geige -ansetzt und seinen Musikanten das Zeichen gibt, ist es, als wollten ein -paar Freunde unter einem lustigen Rädelsführer einen Spaß anzetteln. -Die zigeunerisch schmachtenden Primgeiger, die in posierter Ekstase vor -unseren Augen zu vergehen scheinen, die kennen wir ja zum Überdruß. -Daß aber dieser blitzlustige schwarze Bursche, der immerfort lacht, -wenn er geigt, ein Poseur ist, glaube ich nicht. Er unterhält sich ganz -einfach, wenn er eine Operettenmelodie spielt. Und weil er so animiert -ist, singt er den Text gleich mit dazu, wiegt sich und tanzt ein -bißchen dabei und schaut mit schwarzen, lachenden Augen und mit weißen, -blinkenden Zähnen im Saal umher. Ferner könnte man auch die Natursänger -für Gäste halten, die freiwillig zum allgemeinen Amusement beitragen. -Sie sehen aus wie kleine Geschäftsleute, Fiaker, Fleischhauer, Greisler -etwa, die ihr Sonntagsgewand angezogen haben und sich einen lustigen -Abend machen wollen. Dick sind sie alle zusammen, und eigentlich nicht -mehr ganz jung; aber einer fröhlicher als der andere. Der mit dem -blonden Schnurrbart hat geradezu jubelnde Augen, ein fideler Leichtsinn -spricht aus seinen Zügen und sein ganzes Wesen hat etwas Urwüchsiges, -etwas Schnalzendes, dem man nicht widersteht. Der Jodler unter ihnen, -der so hoch »überschlagen« kann, sieht spaßig aus. Er hat nicht nur -die schönste Stimme, er gleicht auch wirklich einem singenden Vogel. -Die Nase steht ihm spitz und hoch wie ein aufgesperrter Meisenschnabel -dicht überm Mund. Dann kneift er auch die kleinen Augen so bedenklich -zusammen, als belausche er sich; und wenn er sich einmal mit einem -Triller an das Publikum wendet, zieht er ein Gesicht, als ob er einen -schwierigen Fall zu explizieren hätte. Der dritte ist der Ironiker -unter ihnen, temperamentvoll, aber gezügelt, schaut immer drein, als -ob er nach einer Antwort suche, ist aber nie um zwanzig verlegen. -Der vierte ist der Dickste; wahrscheinlich auch der Gutmütigste. Nur -manchmal simuliert er Anfälle von Gesangstobsucht. Dann ist es drollig, -wie dieser kleine Koloß zu brüllen anfängt und sich geberdet, als könne -er die Lustigkeit in seiner Brust nicht länger bändigen. - -Nun darf man aber nicht glauben, daß diese vier Sänger und der -Kapellmeister etwa zu den besonderen Talenten gehören. Jeder von ihnen -ist in jedem Augenblick zu ersetzen. Wenn einer nur ein wirklicher -Wiener ist, wirklich lustig, und dabei ein bißchen singen kann, vermag -er ihren Platz einzunehmen. Manchmal stellt sich auch von den Gästen -einer zu ihnen und macht's geradeso wie sie. Und es ist eben ihr Reiz, -daß sie so gar keine Künstler sind, sondern nur Wiener. Das gibt dem -ganzen Brady seine Wirkung, daß hier eben sonst nichts vorgeht, als -daß die Wiener auf ihre Weise fidel sein wollen. Anderswo will man -essen oder trinken oder sich an Produktionen kritisch ergötzen. Hier -will und soll kein Mensch etwas anderes als heiter sein. Die Gäste, -die Musikanten, die Sänger; es geht alles in einem. Und wie da junge -Prinzen, Offiziere, alte Lebemänner, Kommis, Bürgersleute, Kutscher -und »kleine Mädchen« beisammensitzen und singen, ist es, als sei man -hier in einer ganz kleinen Stadt, deren Einwohner eine besonders -beschaffene Familie bilden, oder als fände man hier den Auszug aller -wienerischen Art. Hier wird einem unaufhörlich in die Ohren gesungen, -daß wir »zum Trübsalblasen nicht auf Erden sind«, hier hört man jeden -Moment die unbestreitbare Tatsache vertont und betont, daß man »'s -Geld auf dera Welt net fressen kann« und hier ist der Ort, wo diese -Behauptungen nicht verlogen klingen, wo sich nichts in uns gegen solch -billige Weltanschauung sträubt. Der einzige Ort, an dem man sich ohne -Widerstand überreden läßt: »Drah'n m'r um und drah'n m'r auf -- es -liegt nix dran!« Vielleicht wirkt der Brady auch deshalb so zwingend, -weil die Leute hier, ob sie gleich fast alle betrunken sind, sich nett -benehmen. Betrunken ist, für einzelne wenigstens, gewiß nicht zu viel -gesagt; allein hier lernt man den richtigen, anmutigen Sinn des guten -Wortes: Angeheitert. - -Angeheitert ist jeder. Man wird es vom Wein, man wird es von dem -Gelächter ringsumher, von dieser Atmosphäre unbekümmerter, übermütiger -Fröhlichkeit. Angeheitert wird man von diesem Kapellmeister, der die -Geige streicht, als gäbe es nichts Lustigeres in der ganzen Welt als -Geigenspielen. Angeheitert von den Sängern, die einem lachend zujubeln: -Es liegt nix dran. Angeheitert von dem Jodler, der den Meisenschnabel -aufsperrt; sogar von dem feierlichen Meßner, der herumgeht und -immerfort »Guten Abend!« wünscht. Da springt ein Lebemann plötzlich -auf, drückt sich den Zylinder schief in die Stirn, hebt die Frackschöße -und tanzt Cancan, da er augenscheinlich Paris nicht vergessen kann. -Er geniert sich nicht, und alle applaudieren, feuern ihn an und sind -im Nu gut bekannt mit ihm. Ein ernster Mensch, der wie ein Oberlehrer -aussieht, oder wie ein kleiner Beamter, und der bisher still vor -seinem Glas gesessen, fährt in die Höh', stürmt das Podium, drängt den -Kapellmeister zur Seite und beginnt zu dirigieren. Wer weiß, vielleicht -verwirklicht er hier zum erstenmal einen Lebenstraum. Irgendwo in -einer Ecke hebt eine elegante junge Dame zu singen an: »Wann der -Auerhahn ...«, eine glockenreine, helle Stimme. Sofort ist einer von -den Natursängern dabei, jodelt die zweite Stimme, und die Geige, die -Gitarre, die Ziehharmonika spielen die Begleitung. Vor einem Tisch -im Kreis seiner Freunde und ihrer Mädchen ist ein junger Kavalier -aufgestanden. Ein frisches, bildhübsches, aufgeregtes Pagengesicht, -die Augen funkeln ihm, er sprüht vor Jugend und Lebenslust, hält -einen Toast an alle Anwesenden, und wird nicht fertig. Ein alter Herr -entzückt sich mit einemmal an einer Offenbachmelodie, wird sichtlich -von Erinnerungen befallen und wiegt sich auf seinem Sessel hin und -her. Ein Mann, den man für einen Viehhändler halten darf, zecht mit -einer großen Blonden, die aussieht, wie eine von den strotzenden -Rubensweibern aus einem seiner Bohnenkönigsfeste. Und dann fällt dem -rothalsigen dicken Viehhändler unversehens ein, daß man noblerweise -nicht zweimal aus demselben Becher trinken kann, und er zerschmettert -jedes Glas, nachdem er es geleert hat, gleichmütig, gelassen, wie -selbstverständlich, und die blonde Rubensdame lacht, wenn ihr der -Champagner ins Gesicht oder auf das Kleid spritzt. In einer anderen -Ecke sitzen kümmerliche Menschen. Wie sehr sie sich auch mit Ringen -und Goldketten behängen, sie bleiben armselig; graue einfältige -Gesichter; Spießbürger, offenbar aus der Provinz; die Frauen nach einer -verschollenen, unwahrscheinlich gewordenen Mode gekleidet. Zur Freude -nicht geboren, zu jedem Vergnügen talentlos, starren sie mit sachlichem -Ernst auf das Getriebe. Dann aber geht es wie eine große Freudenwelle -plötzlich über alle Köpfe. Plötzlich beginnen alle miteinander zu -singen, die Kellner sogar, und selbst die Provinzler singen mit. - -Das ist nun vielleicht sehr stumpfsinnig, es ist albern, wenn man will, -und sicherlich ist es sinnlos. Ein Berliner Freund, den ich neulich -zum Brady führte, ließ sich den ewig nüchternen Kopf nicht benebeln, -fand, daß die ganze Sache der großstädtischen Pracht entbehre, daß die -Ventilation zu wünschen übriglasse, und daß überhaupt die Geschichte -»bezeichnend« für Wien sei. Er hat allerdings recht, aber ahnungslos -wie diese Berliner nun einmal unserer Stadt gegenüberstehen, auf ganz -andere Art, als er denken mochte. Es ist freilich bezeichnend für Wien, -daß es nur hier einen Brady geben kann, und nirgends anderswo, daß hier -die Leute zusammenkommen, um zu singen und lustig zu sein, daß sie -sich dabei betrinken und trotzdem manierlich bleiben, daß Aristokraten -und Spießer, Offiziere und Kommis, Fiaker und Hofräte hier Tisch an -Tisch sitzen, Wiener Lieder anhören und kopfüber in die Banalität der -Gassenhauerweisheit tauchen, ihre Sorgen vergessen, und in die Hände -klatschen: Drah'n m'r um und drah'n m'r auf! Sie ist kindisch diese -Zuversicht, aber kindlich auch, und deswegen so wohltuend: Es liegt nix -d'ran! - - - - -NACHTVERGNÜGEN - - -Musik. Junge Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. Das hat sich -in den letzten paar Jahren allmählich so entwickelt. Aber schon beim -gottseligen Brady galt es: »Kinder, wer kein Geld hat, der bleibt z' -Haus ...« Die Natursänger schmetterten diese einfache Philosophie in -den Saal. Wer sie vernahm, der war gewarnt, und durfte dann am nächsten -Morgen nicht klagen: Ihr laßt den Armen schuldig werden. - -Zuerst war der Brady allein. Er war wienerisch und wußte es nicht -besser. Er trieb einen schwunghaften Handel mit Urwüchsigkeit, hielt -einen Ausschank von Volksliedern; er regalierte seine Gäste mit dem -Humor, der auf dem städtischen Pflaster sprießt. Und er ließ die -bodenständige Lebensfreude alle Abend so lange aufkochen, bis sie sich -glühend vermaß, der Welt eine Haxen auszureißen. Aber er war eben -allein, und man konnte bei alledem behaupten, daß wir kein Nachtleben -haben. Jetzt haben wir eines. - -Jetzt gibt es in der Innern Stadt etwa ein halbes Dutzend -Gelegenheiten, die Nacht zu verjubeln und das Geld »am Schädel zu -hauen.« Das Verfahren ist inzwischen nur ein anderes geworden: Junge -Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. Spanischer Fandango und -Veuve Cliquot. Tunesischer Bauchtanz und American Drinks. Cake Walk -und Vöslauer wie Bordeaux. Deutscher Sekt und Matchiche. Wir sind -international geworden. Die nächtlichen Freudenlokale tragen fast -alle pariserische Namen, und man amüsiert sich jetzt hinterwärts der -Kärntnerstraße ganz genau nach derselben Art, nach der man sich in -Berlin, Paris, New York oder Kopenhagen unterhält. - -Deswegen fehlt es doch nicht ganz an Lokalton. Oft genug dringt -durch die französisch-spanisch-amerikanische Buntheit ein Schimmer -wienerischer Farbe. Auch hier kriegt man die neuesten Gassenhauer -und die frisch entstandenen Straßenlieder zu hören. Wie das Gemüse, -das draußen am Wiesensaum der Stadt wächst, werden auch sie -nächtlicherweile herein und auf den Markt gebracht, diese kleinen Texte -und Melodien, die draußen am Saum der Stadt aus der Erde wachsen. -Und auch sie dienen hier nur zur Garnierung. Die Herren von der -Kapelle singen sie. Denn es ist Mode geworden, daß die Orchesterleute -sich nicht mehr auf ihre Instrumente beschränken, sondern daß sie -einfach akute Anfälle von Lebensfreude haben. Anfälle, in denen sie -die Daseinswonne ihres Herzens nicht mehr bändigen können. Ihr Jubel -schwillt so mächtig an, daß er sich in einer Geige gar nicht mehr -auffangen, in ein Klavier gar nicht mehr hineindreschen läßt. Da müssen -dann die Musikanten einfach losbrechen, müssen zu singen anfangen, -mitten während des Aufspielens. Sie können sich nicht anders helfen. - -Das Wichtigste aber bleiben die jungen Mädchen, welche tanzen. Man -sitzt rings um eine leere Mitte, an kleinen Tischchen. Und da kommen -die jungen Mädchen. Das ist -- zwischen ein und vier Uhr früh -- -wirklich sehr hübsch. Es sind lauter niedliche kleine Mädchen, manche -von ihnen sind schön, manche sind nur angenehm; manche sind begabt und -manche sind ohne Geschicklichkeit; manche sind voll Anmut und manche -sind ganz hilflos; manche sind schüchtern, ja verlegen, und manche -wieder sind sehr frech. Aber alle zusammen haben etwas Sanftes in ihrem -Wesen, alle zusammen sind wie die Kinder, scheinen vom wirklichen -Leben gar nichts zu wissen. Sie sind ganz arglos in ihren Begierden, -in ihrer Gefallsucht, in ihren kleinen, durchsichtigen Raffinements. -Ringsherum an den Tischen sitzen die Leute, die aus dem wirklichen -Leben hier hereinkommen, aus allerlei Ernst und Sorge, aus allerlei -Arbeit, Schwierigkeit und Schicksal; sitzen da und sind beladen mit -ihren Gedanken, Geschäften und Pflichten. Sind gefesselt und gebunden -an Dinge und Menschen, die draußen irgendwo leben, sind umstrickt -von allen möglichen Zusammenhängen. Da in der Mitte, auf dem glatten -Parkett jedoch tanzen die jungen Mädchen, und es ist, als existierten -sie in einer eigenen Atmosphäre, in einer leichteren, in der es keine -Gedanken und keine Sorgen gibt. Es ist, als tanzten sie, weil alle -Zusammenhänge von ihnen sich abgelöst, und weil sie dadurch so viel -freie Gelenkigkeit gewonnen haben. Es ist, als hätten sie gar kein -Schicksal, sondern nur dieses Lächeln. Wenn der Morgen anbricht, gehen -sie zu Bett, und die ungeheure Tagesarbeit dieser Stadt braust dann -über ihren Schlummer hin. Sie hören es nicht. Sie sehen nur die vielen -hellen Lichter des Abends, hören nur die lustige Musik. Und tanzen. - -Das Orchester schmettert, und ein junges Mädchen wirft sich in den -tönenden Schaum dieses Fandango, wirft sich mit einer enthusiastischen -Gebärde in die Flut dieser hochaufspritzenden Musik, wie eine Badende, -die vom Trampolin fröhlich ins helle Wasser sich schleudert. Ihr -schönes Gesicht ist von Heiterkeit ganz erleuchtet; ihre schwarzen -Augen glänzen und schauen irgendwohin, sehen niemanden an, und haben -einen Ausdruck, als seien sie nur von einem schimmernden Nebel umgeben. -Dieses Mädchen ist ganz von sich erfüllt. Von ihrer Jugend, von ihrer -Schönheit, von ihrem Tanz, von der Wirkung, die sie ausübt. Ihr feiner, -schlanker Körper arbeitet, von der Musik beherrscht, in allen Muskeln. -Dieser achtzehnjährige Leib fiebert, und glüht und tobt. Er spürt seine -kreisenden Kräfte und sehnt sich, diese Kräfte rasen zu lassen, sie zu -verschwenden, sie hinzugeben an den Jubel dieser Stunde. So schleudern -sich kleine, junge Lerchen in die Luft, so schwirren Libellen in der -Mittagssonne. Dieses junge Mädchen, das eigentlich gar nicht tanzen -kann, das wahrscheinlich gar kein Talent hat, ist dennoch in diesem -Augenblick etwas ganz Vollkommenes. Denn sie tanzt ihre Jugend, ihre -achtzehn Jahre, ihre Frische und ihren Frühling. Und sie genießt das -alles, wie sie so in der jauchzenden Musik dahinfliegt, sie ist ganz -allein mit sich, sie schlürft den feurigen Trank ihres Daseins und -berauscht sich daran. Die Leute rings an den Tischen betrachten sie und -werden von ihrem Zustand irgendwie mitgerissen. Sie betrachten dieses -kunstlose, enthusiastische Mädchen und werden unwillkürlich erfrischt, -werden milder, heiterer. Sie schauen sie an, wie man ein schönes, in -der Luft tanzendes Insekt anschaut, dessen Leichtigkeit und Anmut etwas -Aufmunterndes hat. Sie blicken gleichsam über den Bord ihres eigenen -Lebens geneigt hierher auf diese mühelos heitere Existenz. Und lächeln. -Die Musik bricht ab; das Mädchen steht, wie erschrocken, still, und -geht dann mit einem ernsten, aufgewachten Gesicht hinaus. - -Alle diese Mädchen tanzen sich selbst, erklären sich im Tanz, liefern -Bekenntnisse, unfreiwillige Aufrichtigkeiten, lassen ihr Wesen -sogleich erraten. Nicht nur diese Mädchen hier, überhaupt: Tanzen -ist Selbstverrat. Da kommt eine, die tanzt ihre törichte Eitelkeit, -schwatzt sie mit jeder Bewegung aus, zeigt mit unglaublich falschen -Geziertheiten und mit schrecklich mißlingendem Stolz, wie sie sich -das Nobelsein vorstellt, und das Verführerische. Eine Andere wieder -ist halb noch ein Kind, hat blonde Gretchenhaare, blaue Augen und -ein schmales bürgerliches Gesicht. Aber dieses Gesicht hat nur einen -einzigen erstaunten, amüsierten, frivolen und verdutzten Ausdruck, -als habe sie eben erst das Geheimnis der Liebe erfahren, als habe es -ihr in dieser Sekunde erst eine Freundin ins Ohr geflüstert. Und in -ihrem Tanz spricht sich nur dies eine aus, nur dieses: Ich weiß es! -Wie sie die Schultern biegt, die Arme hebt, den Kopf zurückwirft, -plötzlich auflachend mit den Augen zwinkert, scheint sie nur dies -zu sagen: Ich weiß es! Wieder eine Andere tanzt ihren Leichtsinn, -ihre vollendete Verlogenheit und Gier, tanzt in ihrem nachlässig -studierten, fehlerhaften Schritt ihre Faulheit und Schlamperei. -Wieder Eine tanzt immer ihre unleidlichen Hochstaplerinnenversuche, -möchte in jede Drehung, in jeden Augenaufschlag, in jedes Neigen -des Hauptes eine rätselhafte Bedeutung legen, möchte den Anschein -wecken, als sei sie nur inkognito hier, nur aus mutwilliger Laune, -als könne sie aber morgen wieder Sternkreuzordensdame sein oder -Stiftsfräulein. Wieder eine Andere, ein nettes kleines Ding mit -einfachen Mienen, mit gutmütigen Gebärden und mit hausbackener Haltung, -tanzt ihre Bereitwilligkeit, jeden Moment Kindermädchen zu werden -oder Weißnäherin, tanzt die Erinnerung an eine bescheidene, arme -Vorstadtwohnung, tanzt die angeborene Sympathie fürs Staubabwischen und -Fensterputzen. - -Die begabteren unter diesen Mädchen haben immer die Landschaft um -sich, aus der sie kommen, die Gegend, in der sie heimisch sind. Immer -ist das besondere Kolorit ihrer Heimat an ihnen bemerkbar. Da ist -eine kleine Pariserin, ganz mager, spitznäsig und kreideweiß. Aber mit -diesen großen beredsamen Augen der Montmartremädchen und mit ihren -plastisch eindringlichen, witzigen Gebärden. Und sie erinnert an -unzählige ähnliche Gesichter, ähnliche Gestalten, die man abends auf -der Place Pigalle oder in der Rue Lepic an sich vorbeihuschen sieht. Da -ist eine kleine Engländerin, mit dem halb offenen, fragenden Hasenmund, -mit dem kühlen, wasserblauen Blick, mit der unverbindlichen Koketterie -... träfe man sie nachts um elf in Piccadilly oder am Trafalgar -Square, man könnte sie von den anderen Mädchen, die da herumlaufen, -nicht unterscheiden. Da ist eine junge Dänin, und ihre braunen klaren -Augen, ihre gerade, stolze Haltung erinnert an die schönen Kopenhagener -Mädchen, die alle so klare, festblickende Augen haben wie junge Falken, -und die alle so aufrecht, so frei und gesund einhergehen. Die anderen -aber erinnern an gar nichts mehr. Nur an Nachtlokale. Ihre Mienen, -ihre Blicke, ihre Gebärden sind vom Dunst und Rauch dieser Luft wie -mit einer Patina bedeckt. Ihr Lächeln ist nur mehr das Lächeln dieser -bezahlten Abende. Sie haben es durch den Nachttaumel vieler Städte -geschleift, sie sind gewohnt, die grelle Musik mit diesem grellen -Lächeln zu beantworten, und die Musik hat dieses Lächeln auf ihren -Zügen erstarrt, hat es unpersönlich gemacht. - -Eine lange Mulattin vollführt das virtuose Sohlenklappern des Hornpipe. -Ekstase der Knöchelgelenke, die den ganzen Körper von unten her ins -Schütteln bringt. Baskische Mädchen winden sich unter dem pochenden -Rhythmus der Melodie in den buhlerischen Zärtlichkeiten der Matchiche. -Dann der Cake Walk mit der frechen Unzucht des zappelnden, sich -verrenkenden Niggers. Unsagbar, was dieser Tanz ausdrückt, wie er -den Gentlemen up to date gewissermaßen als balzenden Affen im Frack -entlarvt. Wenn dann die Musikanten wieder einmal zu brüllen anfangen: -»Menschen, Menschen san m'r alle ...« ist man plötzlich wieder in Wien; -wird durch den Gassenhauer erst daran erinnert, daß man nicht in einem -Vergnügungsort zu Paris, Athen oder Port-Said sich befand. Wir sind -international geworden. - -Und ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute. Schauen -auf diese aus aller Herren Ländern zusammengemischte Lustbarkeit. -Lassen sich von der unaufhörlich schmetternden Musik aufrütteln, von -spanischen, französischen, englischen, russischen, amerikanischen -und wienerischen Melodien aufrütteln. Von spanischen, englischen und -wienerischen Mädchen aufrütteln. Möchten die eigene Schwere, die -eigene Bürgerlichkeit für eine Nacht wenigstens los sein und haben -dennoch kein Talent zum Vergnügen, haben keinen rechten Glauben daran. -Sie sitzen da und zweifeln, und überlegen, und machen mißtrauische -Gesichter, ängstliche Augen, als fürchteten sie, es könne ihnen -unversehens ihre Würde gestohlen werden, ihre soziale Stellung, oder -als könne ihnen auf eins zwei ihre Selbstachtung abhanden kommen. -Unsicher sind sie, ihrer selbst, und dieser Freuden da. Unsicher und -lüstern zugleich und zugleich bereit, sich irgend etwas vorzulügen, -sich einer auf den anderen auszureden. Frauen sitzen hier mit ihren -Ehemännern, und machen neugierige Augen, und vergehen vor Begierde, -einen Blick in den »Sündenpfuhl« zu tun, das »Laster« kennen zu lernen. -Und dann haben sie, wenn sie irgendwo eine scharmante Gebärde, eine -allzu deutliche Zärtlichkeit belauern, solch eine infame Milde in -ihrem Lächeln, solch eine taktlose, selbstgefällige Nachsicht, daß -man merkt, sie sind nur hergekommen, um sich aufzuspielen, um sich -auf Kosten dieser Mädchen da überlegen zu fühlen. Wenn aber eine von -den Tänzerinnen einmal zu solch einer Frau hingehen und ihr sagen -würde: »Ich laß mich von Ihnen nicht ausnützen ...,« man müßte es -verstehen. Eine jedoch war da, und die wirkte rührend. Es war keine -legitime Frau, aber offenbar schon jahrelang mit dem Manne, der -neben ihr saß, beisammen. Eine Frau so zwischen dreißig und vierzig. -Vielleicht früher einmal Choristin, jetzt aber an ein ruhiges Leben in -behaglichen Verhältnissen gewöhnt. Noch immer schick gekleidet, mit -jener Sorgfalt, die eine Frau anwendet, wenn sie abhängig ist und ihrem -Freund immer wieder gefallen muß. Der Mann neben ihr an die Fünfzig, -elegant, gepflegt, im Smoking. Und sie sah nun zu, wie er alle diese -Tänzerinnen mit den Blicken verschlang. Eine nach der anderen. Sie sah -zu, wie er diese jungen, tanzenden Mädchen musterte, prüfte, begehrte. -Ein paarmal legte sie ganz leise ihre Hand auf die seinige. Er merkte -es gar nicht; schien sie völlig vergessen zu haben. Um ihre Lippen -bebte ein schwaches, beschämtes Lächeln. Sie spähte umher, ob niemand -sie beobachtet habe. Von da an sah sie zu, wie der Mann neben ihr sie -betrog, wie ihr seine Wünsche untreu wurden, vor ihren Augen. Sie -sah aufmerksam diese jungen, sprühenden, in ihrer Frische entblößten -Mädchen an, und ihr hübsches, verblühtes Gesicht wurde mutlos. Ihr -Blick verhängte sich. Sie sah jetzt nichts mehr. Und sie saß da wie -beraubt, verlassen und gänzlich entwaffnet. - -Ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute, und es sind -unsichtbare Schranken zwischen ihnen, zwischen ihrer Welt und dieser -tanzenden Welt da. Manchmal aber läßt sich einer von den ernsten -Männern vom Augenblick wegraffen, springt über diese Schranke und reißt -so ein Mädchen an sich, um mit ihr zu tanzen. Gewöhnlich ist es ein -älterer Herr, und gewöhnlich zeigt er durch irgend einen Ruck, den er -sich gibt, durch eine unsäglich düstere Miene, daß er nun den Entschluß -gefaßt habe, fröhlich zu sein. Es sind immer nur zwei Spielarten, von -Männern. Der eine, der es einfach aus Sinnlichkeit tut, der sich mit -dem bloßen Schauen nicht mehr begnügt. Er ist immer der ernsteste von -allen. Seine Brauen runzeln sich, seine Stirn legt sich in Falten, -sein Mund ist fest geschlossen. Also beginnt er, das Mädchen im Arme, -zu tanzen. Zornig beinahe, dreht er sie im Kreis, preßt sie an sich -und wirbelt mit ihr, und scheint entsetzlich wütend. Es ist schon kein -Walzer mehr, sondern eher eine symbolische Handlung, die er vollzieht, -eine vorläufige Besitzergreifung etwa. Dann geht er gesenkten Hauptes -an seinen Platz zurück, setzt sich nieder und schaut sich erbittert -um. Der Andere ist eitel, erinnert sich plötzlich, daß er schön tanzen -kann, daß man ihm in seiner Jugend wegen seines leichten Sechsschrittes -Komplimente gemacht hat. Und nun tanzt er mit so einem Mädchen, aber -nicht, als ob er ihr sein Wohlgefallen, sondern als ob er ihr seine -Anerkennung bezeigen wollte. In seinem Gesicht ist die Hoffnung, man -werde ihn bewundern. Er hält das Kreuz hohl, dreht nach links, macht -zierlich ausgemessene Schrittchen, setzt die Fußspitzen preziös nach -auswärts, schwingt die Waden in affektierten Zirkeln, wechselt die -Gangart, das Tempo, vollführt allerlei kleine Bravourstückchen, und -hört dann plötzlich auf, weil er schwindlig wird. Kreidebleich setzt er -sich nieder, trinkt in kleinen Schlucken, damit keiner bemerken soll, -daß er keucht und ihm der Atem ausgegangen ist. - -Nachtvergnügen. Draußen in den schlafend stillen Straßen, in der kalten -Winterluft zerstiebt dies alles spurlos. Eine Weile noch rauscht die -Musik ins Ohr, dann wird das letzte Echo davon verblasen. Eine Weile -noch schimmert ein Frauenlächeln, dann verlischt es. - -Das ist aber keineswegs eine Betrachtung, an die eine Schlußmoral -geknüpft werden soll. - - - - -PETER ALTENBERG - - -Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags -dahinwandelt, an den äußeren Rändern des bürgerlichen Lebens? -Dirnenlokale, Freudenhäuser, Boheme-Spelunken, Varietees, Kabaretts. -Bei Menschen, die der brutalen Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit, -dem gedankenlosen Vergnügen der Satten dienen. Bei Menschen, die -aufgebraucht, genossen, verachtet werden und die er anbetet. Dort -schwelgt er in subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und -zärtlicher Verzweiflung. Dort waren die moskowitischen Sänger von der -Newsky-Russotine-Truppe, denen er seine Seele hingab, dort war die -spanische Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleichfalls seine Seele -hingab, das Aschanti-Mädchen Nah Bâdúh, an das er ebenfalls seine Seele -hingab, dann die Schwestern Nagel, welche wienerische Lieder singen, -dann die Leopoldine, die Gusti, die Anna, die Helene, die Gabriele, -denen er immer wieder und wieder seine Seele hingegeben hat. - -In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das Gläserklirren, -Kreischen, Lachen und Lärmen eines Nachtcafés tritt er ein, geht mit -seinen sanften Schritten und mit seinem sanften Lächeln durch den -Tumult, und der Reihe nach grüßen ihn zehn, zwölf, zwanzig Mädchen. -»Servus Altenberg! ... O, Peter -- wie geht's dir? ...« Sie grüßen ihn -nicht wie einen Habitué, nicht wie eine geschätzte Kundschaft, sondern -wie einen Freund, oder richtiger, wie man in einem Verein etwa ein -Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und hochachtungsvoll. Vertraulich, -weil er ja dazugehört, und hochachtungsvoll, weil es ein Ehrenmitglied -ist. - -Man steht mit ihm an einer Straßenecke. Graben oder Kärntnerstraße. -Spät nachts. Er disputiert, regt sich auf, schreit. Die Kutscher vom -Standplatz hören zu, treten näher heran, bilden einen Kreis, lächeln. -Dann sagt einer von ihnen mit tiefem Baß: »Hab' die Ehre, Herr von -Altenberg ...« Um sich vor uns damit auszuzeichnen, daß er ihn kennt. -Die anderen wiederholen es, intim und respektvoll. Es ist beinahe eine -Ovation. Der Schutzmann kommt herbei, weil er glaubt, es gäbe einen -Auflauf. Seine Mienen sagen: ach soo ... Er lächelt, salutiert: »Hab' -die Ehre, Herr von Altenberg.« - -Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber sitzen, Gemüse und -Blumen verkaufen. Er geht mitten in dem Gewühl umher, atmet -den Duft von Erdbeeren, Reseda, Levkoien, von Spinatblättern, -Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch des aufgehenden Tages und -des frischbesprengten Straßenstaubes; sucht mit den Augen, liebkost -mit den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten grünen -Gemüseberge und die hübschen Töchter der Marktweiber, die vierzehn- und -fünfzehnjährigen. Die Mütter und die Töchter nicken ihm zu: »Grüaß' -Ihna God, Herr von Altenberg ...« - -Peter Altenberg erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an -Terrain gewinne. Er hat das selbst einmal geschrieben, und es drückt -sein Wesen vortrefflich aus. Er wird jetzt fünfzig Jahre alt. Das ist -ein Abschnitt, um manches zu überdenken und sich mancher Dinge zu -besinnen, und ich lese seine Bücher. - -Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen einmal gesagt hat; eine -Sängerin oder Tänzerin, vielleicht auch nur eine, die durch die -American Bars und Chantant-Promenoirs von Europa zigeunert, jedenfalls -eine von den vielen, denen er seine Seele hingegeben hat: »Votre lettre -... je comprends, que vous me comprenez ... c'est tout ce qu'il nous -faut ... c'est plus!« - -Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der Geliebten im Kaffeehaus die -Geliebte erwartet, die aus dem Theater kommen soll: »Der Pudel setzte -sich so, daß er die Eingangstür im Auge behalten konnte, und ich hielt -es für sehr zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte, -es war halb acht Uhr, und wir hatten bis viertel zwölf Uhr zu warten. -Wir saßen da und warteten. Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in -ihm Hoffnungen, und ich sagte jedesmal zu ihm: ›Es ist nicht möglich, -sie kann es noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!‹ Er -war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf nach mir um: ›Kommt sie -oder kommt sie nicht?!‹ -- ›Sie kommt, sie kommt ...‹ erwiderte ich. -Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte die Pfoten auf -meine Knie, und ich küßte ihn. Wie wenn er zu mir sagte: ›Sage mir doch -die Wahrheit, ich kann alles hören!‹ Um zehn Uhr begann er zu jammern. -Da sagte ich zu ihm: ›Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir nicht bange -ist?! Man muß sich beherrschen!‹ Er hielt nichts auf Beherrschung und -jammerte ...!« - -Ich lese das Hotelzimmer: »Um drei Uhr morgens begannen die Vögel -leise zu piepsen, andeutungsweise. Meine Sorgen wuchsen und wuchsen. -Es begann im Gehirn wie mit einem rollenden Steinchen, riß alle -Hoffnungsfreudigkeit mit, die Lebensleichtigkeiten, wurde zur -zerstörenden Lawine, begrub die Fähigkeit, dem Tag zu genügen, und der -unerbittlichen gebieterischen Stunde! Ein lauer Sturm brauste in den -Baumwipfeln vor meinem Fenster ...!« Und dann der Schluß: »Das Singen -der Vögel in den Baumkronen wird deutlicher, Ansätze zu Melodien sind -vorhanden. Laue Stürme bringen Wiesengeruch. Es wäre die schicklichste -Stunde, sich am Fensterkreuze aufzuhängen ...« - -Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen: »Es gibt drei -Märsche, die in Musik umgewandelte Todeskühnheit und Blutdunst sind: -Lorrainemarsch, Sternenbannermarsch, Einzug der Gladiatoren. Sie müssen -mit einer kurzen und schrecklichen Entschlossenheit gespielt werden! --- -- Die Instrumente mögen direkt in den Tod gehen! Besonders kleine -Trommel und Klarinette seien Helden! Sterben fürs Vaterland! Ex! Man -muß die Bataillone gleichsam sehen, die den Selbsterhaltungstrieb -hinter sich zurücklassen! Vor, vor, vor! Eine schreckliche Krankheit -hat das Gehirn, das Nervensystem ergriffen: ›Du oder ich, Hund!‹ Sonst -nichts!« - -Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters: »Also Arterienverkalkung -höchsten Grades -- --. Die junge Frau wird leben, leben, die zu -mir gesagt hat: ›Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen jemanden so -glücklich gemacht hat wie Sie!‹ -- -- Die Bergwiesen in R. werden -duften und leuchten, besonders nach Regen am Abend. Niemals ist -jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich. -- -- Enkelin, -süße, bescheidene, allzu zarte, verlegene, in dich gekehrte, immer -spürtest du es: ›Mein Großpapa versteht mich besser als alle --.‹ Ich -möchte dich anflehen aus dem Grabe: ›Warte auf einen, der dich so, so -verstünde wie dein verstorbener Großvater! Aber du wirst ihn nicht -erwarten können.‹ -- -- -- Amen -- -- Arterienverkalkung höchsten -Grades -- -- Lebet wohl!« - -Dann das Café de l'Opera im Prater: »Jawohl, eine eigentümliche -Beziehung ist zwischen diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe, -Birke, Platane, Esche; weiße Bogenlampe und kühler Auen Nachtduft. -Etwas abseits vom Leben ist es. Es schleicht nicht dahin wie -Brackwasser. Eine wundervolle Mischung ist es, welche uns heiter -macht und leicht. So unbedenklich sitze ich und lausche. Niemanden -beneide ich. Eine Rose kaufe ich und schenke sie Signorina Maria. Eine -wundervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie lieblich die Mandolinen -gebaut sind, wie hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter glitzern! -Wie ruhig die Platane steht. Und wie die Esche mit ihren zarten -Blätterfingern bebt.« - -Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen Predigten, Ansprachen -und Dichtungen. Manche sind wie stählerne Projektile, so fest in -sich geschlossen, so vollendet und präzise in ihrer Form; und sie -dringen einem wie Projektile in die Brust; man ist getroffen und -blutet an ihnen. Manche sind wie Kristalle und Edelsteine, funkelnd -in allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes, strahlend von -eingefangenen Sonnenstrahlen und blitzend von einem geheimnisvollen -inneren Feuer. Manche sind wie reife Früchte, warm vom Hauch des -Sommers, schwellend und süß, und voll Duft nach Laub und Gärten. Ich -lese alle diese kleinen Werke, und sie sind entzückend in dem Rhythmus -ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihren gleichsam mit einer heftigen -Gebärde hingeschleuderten Satzformen, die so viel Plastik haben und -so viel malerische Kraft. Diese Sprache ist wunderbar persönlich -und erinnert an keine andere. Nur hie und da, ganz leise, mahnt -irgendein Klang an den Sprechton von Andersen. Und wenn man es weiß, -daß Altenbergs Vater für Victor Hugo geschwärmt und die französische -Kultur fanatisch geliebt hat, aber nur wenn man das weiß, merkt man, -daß die Jugend dieses Dichters oft den Schwung und das graziöse Pathos -französischer Konversationskünste gehört hat, und daß davon ein -schwaches Echo in seiner Rhetorik vernehmlich wird. Sonst aber erinnert -diese Sprache an nichts. Wenn er sagt: »Sterben fürs Vaterland! Ex!« -... wenn er sagt: »So ist es! Schweige, Rekrut des Lebens!« ... -oder: »Basta! Wozu Ereignisse?« ... oder: »Siehe! Diese Herrliche, -Jugendliche, in purpurrotem Samt hat ihr Sedan in sich. Sie wird sich -verfetten! Helas -- --«; wenn er dies sagt, dann ist das wie lauter -kleine neue Empfindungen, die er gemacht hat. Es ist, als ob man ihn -reden hörte; als sprängen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden, -abschnappenden, pointierten Schlußwendungen unmittelbar aus der Hast -und Aufregung seines Denkens und seines Temperaments. In seiner Form -ist etwas Zwingendes; diese scheinbar asthmatische Beredsamkeit, dieses -Klopfen aller Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze, schnalzende -Prägnanz wirkt verführerisch und lockt zur Kopie. Aber er allein nennt -diese Echtheit sein eigen. Er hat vor sein erstes Buch das Motto -gesetzt: »Mon verre n'est pas grand, mais je bois dans mon verre!« Mit -der Zeit trinken freilich auch manche andere aus diesem Glas. Aber das -macht nichts. - -Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset, als er anfing. Damals -war er etwa dreißig Jahre alt und reif und fertig. Er ist nicht anders -geworden seither, und was man künstlerische Entwicklung nennt, liegt -nicht in seinem Wesen. Er wird niemals ein großes Werk schaffen, -langsam komponieren und bauen, wird niemals die Fäden irgendeiner -Handlung spinnen, knüpfen und lösen, niemals in seiner Phantasie -Gestalten und Schicksale erschaffen. Denn er trägt nicht wie andere -Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück -- einen »Fetzen«, würde -er sagen -- mit sich nach Hause, reißt nicht irgendein Stück aus dem -Leben, um es bei sich zu verarbeiten, um es zu verändern, zu erhöhen -und sein ganzes Ich darein zu verweben. Er sieht das Leben wie ein -einziges, furchtbares und herrliches Schauspiel vor sich abrollen und -hat keine Zeit, etwas zu versäumen, indem er sich mit sich selbst und -mit einem Werk einschlösse. Er ist von diesem Schauspiel in solchem -Maße erschüttert, gefesselt, berauscht, daß er keinen Moment vom -Platze weicht. Ihm enthüllt sich die Tiefe der Welt in Worten, die -Vorübergehende sprechen, in dem Auflachen oder im Erbleichen einer -Dirne. Ihm öffnen sich die schwarzen Abgründe der Tragik im Seufzer -eines enttäuschten Jünglings, in dem Blick, den eine gealterte Frau auf -eine erblühende richtet. Er sagt: »Goldgelber, wunderbarer Chinatee«, -und empfindet unermeßliche Fernen, exotische Landschaften, unermeßliche -Möglichkeiten des Daseins. Er wird andächtig und ergriffen von dem -rosigen gesunden Körper eines Kindes, erbebt vor den hellen unbeirrten -Augen einer Dreizehnjährigen als vor etwas Göttlichem. Es ist seine -innerste Notwendigkeit, still dazusitzen und zu schauen und sich -schauend am Leben zu erzücken oder zu kränken. Und es ist seine -innerste Notwendigkeit, daß er dann diese kurzen Briefe an das Leben -richtet. Manchmal Anerkennungsschreiben, die von seinem Entzücken -auf eine rührende Weise ganz durchtränkt sind. Manchmal wieder -Schmähbriefe, in denen ein erstickender Zorn ins Stammeln gerät. Er -wird immer nur diese kleinen Prosastücke schreiben; alle seine Bücher -enthalten nur solche kleine Prosastücke, und die folgenden Bücher, die -er noch erscheinen lassen mag, werden auch nichts anderes enthalten. -Aber unter ihnen sind viele kleine Meisterwerke. In diesen wohnt eine -ungemeine Flugkraft, und sie werden ihn über die Jahre hinwegtragen -zu Generationen, die erst noch kommen. Denn Altenberg besitzt eine -wunderbare Macht. Während andere mit der Gewalt eines langen Atems -Werke schreiben, die man morgen schon vergessen hat, kann er mit seinem -kurzen Atem Dinge sagen, die einfach unvergeßlich sind. - -Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freudenhäusern, in den Varietees, -in den Boheme-Cafés und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen -an Terrain gewinne. Es sind seine eigenen Worte. Freilich ist das der -Wunsch so ziemlich aller Dichter, nebenbei auch aller Priester. Die -Dichter betonen es nur nicht immer ausdrücklich, streben bloß bewußt -oder unbewußt danach, zur Erreichung dieses Zieles etwas beizutragen. -Die Priester wieder predigen und verkündigen es unaufhörlich und -wissen Rezepte, die unfehlbar dazu verhelfen, daß die Seele an Terrain -gewinne. Altenberg tut beides. Er predigt, und er dichtet; er gibt -Rezepte, er überredet und schreit das Leben an, kanzelt es ab wie ein -Priester und wirft sich ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos, -überwältigt in die Arme wie ein Künstler. - -Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine junge Tänzerin voll -Verve in jeder Bewegung oder einen Collie von echter Rasse oder ein -Tiffany-Glas oder eine frische Wiesenblume und ruft mit geschnürter -Stimme, zitternd vor Begeisterung: »Das ist das Höchste! Das -Hö-ö-öchste!!« In dieser Sekunde ist es ihm wirklich das Höchste. Als -habe das Leben eine neue Überraschung, irgendeine neue Aufmerksamkeit -für Altenberg bereitgehalten, habe ihm diese Gabe plötzlich -dargereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er nun fürstlich -beschenkt, als sei er vor allen anderen begnadet. Es ist aber auch, als -umfasse er in dieser einen Sekunde wiederum den ganzen Reichtum des -Daseins. - -Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick ist sie die einzige, an -die er seine Seele hingibt. »Ich habe das Antlitz gesehen«, sagt er. -Jedes andere Antlitz verlöscht in ihm, versinkt, und es existiert nur -dieses eine. Dieses ist ihm für jetzt die Erfüllung seines Traumes von -Frauenschönheit; dieses ist ihm für jetzt die höchste Meisterleistung -der schaffenden Natur und ist ihm ein Anlaß, wiederum ein lobendes -Schreiben, einen enthusiastischen Dankbrief an das Leben zu richten. Er -hat seine Seele oft nur für wenige Tage, oft nur für eine halbe Stunde -hingegeben; aber er hat sie immer ganz hingegeben, ohne Vorbehalt, und -als täte er es zum erstenmal. - -Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mädchen kaufen, und sagt -ihnen: Glaubt nicht, daß ihr jetzt alle Rechte über dieses Geschöpf -habt! Beachtet, wie herrlich schön dieses Mädchen ist. Nehmt sie nicht -im brutalen Heißhunger eurer Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei -die freche Gesinnung hegt, ihr werdet durch sie besudelt. Beachtet ihre -Traurigkeit und ihre Heiterkeit; beachtet ihr Schicksal. Seid nicht -wie Tiere! Die jungen Leute denken bei sich: er ist verrückt! Aber sie -schlagen einen andern Ton gegen die Mädchen an. Die Seele des Menschen -hat an Terrain gewonnen. - -Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele ältere sitzen an -seinem Tisch und hören ihm zu. Viele haben sich im Laufe der Jahre -nacheinander seiner bemächtigt, haben ihn nicht losgelassen, -konnten nicht existieren ohne seinen Zuspruch, ohne seine milden -Reden, ohne seine Wutanfälle und tobenden Beschimpfungen. Verwöhnte -Frauen, sehnsüchtige Mädchen langen über seine Bücher und über -gesellschaftlichen Zwang hinweg nach ihm, begehren seine persönliche -Nähe, seine Worte, spüren in ihm eine unbekannte neue Zärtlichkeit, -eine wunschlose Anbetung, irgendeine Befreiung, irgendein Labsal oder -eine Aufklärung. Die Leute in den Nachtlokalen, die Freudenmädchen, -die stumpfsinnigen Trinker und Genießer, die Kellner, die Kutscher, -die Schutzmänner, die Wirte, alle sprechen mit ihm. Er sagt ihnen: -Hütet eure Verdauung! Habet Ehrfurcht vor eurem Schlaf! Er sagt ihnen: -Die einzige Perversität, die es gibt, ist, seine Lebensenergien -zu schwächen und zu vermindern! Alle diese Menschen verstehen ihn -natürlich nicht, aber sie verstehen, daß er sie irgendwie liebt, daß er -Güte für sie hat, und sie lieben ihn auch. Sie lächeln, wenn er seine -langen Reden hält, sie blinzeln einander an, sie zucken die Achseln, -aber sie lassen nicht ab, ihm zuzuhören, sie kommen nicht los von -ihm. Wie das Grubenpferd im Germinal das andere eben von den Wiesen -ins Bergwerk hinuntergelassene junge Tier beschnuppert und an seinem -frischen Geruch die freie Luft und die Sonne ahnt, so wittern diese -Leute, die im Alkoholdampf, im Lärm, in der Nachtmusik, im Rausch und -Dunst ihrer Welt eingeschlossen sind, an ihm etwas von der Unschuld, -die ihnen verloren ging, wittern an ihm die Poesie, die sie nicht mehr -kennen, und freuen sich, wenn er kommt, und grüßen ihn, wenn er geht. - -Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka im Nachtasyl oder wie -in der Macht der Finsternis der alte Akim. Er ist hier heimisch und -kommt doch von wo anders her. Er wurzelt hier, und doch brennt in ihm -eine Flamme, die nicht an diesen Lichtern hier unten entzündet worden -ist. Er ist unter all den Erwachsenen und Beladenen und vom Dasein -Entstellten vollkommen wie ein Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen, -schauen einander an und lächeln, wenn sie ihn wie ein Kind gegen das -Leben eifern und streiten hören; und sie lächeln noch einmal, wenn -sie merken, wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten dieses -Lebens verstrickt ist, und wie naiv er sich seiner bedient. Die breite -Menge der Gebildeten ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung, -verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn für verrückt oder für -einen, der sich zum Narren hergibt, wohl auch für gemeingefährlich, -jedenfalls für sehr verkommen. Im Kabarett Fledermaus erzählt Dr. -Egon Friedell Altenberg-Anekdoten. So oft er beginnt: »Es ist mir -beschieden, im Leben des Dichters Altenberg dieselbe Rolle zu spielen, -die Eckermann im Leben Goethes gespielt hat«, brüllt das Publikum und -meint, damit sei nun Altenberg gebührend verhöhnt worden. Es gilt ihnen -schon als ein Witz, daß der Dr. Friedell sagt: Der Dichter Altenberg. -Denn sie meinen, es sei im Ernst ganz unmöglich, ihn einen Dichter zu -nennen. Sie brüllen auch zu den Anekdoten und ahnen nicht, wie glänzend -diese erfunden sind. Die stürmische Heiterkeit, welche Dr. Friedell -mit seinen Altenberg-Geschichten immer erregt, ist gewissermaßen eine -falsche, eine mißverständliche Heiterkeit. Denn die Leute verstehen -nicht, wie der ganze Wert dieser ausgezeichneten kleinen Geschichten -nur darin besteht, daß aus ihnen die rührende und einzigartige Gestalt -Altenbergs lebendig hervortritt, daß durch sie das Wesen Altenbergs mit -einem klaren ungemein psychologischen Humor beleuchtet und manchmal -verklärt wird. Die Leute sehen ihn von weitem. Sie sehen seine Werke -aus der Entfernung ihres bürgerlichen und an vermorschte Wahrheiten -geklammerten Standpunktes, genau so wie sie seine Person von weitem -sehen, wenn er zufällig auf der Straße an ihnen vorbeigeht, oder -wenn er eben im Saale ist, während Dr. Friedell von ihm spricht. Sie -meinen dann ja auch, nachdem sie ihn begafft haben, er sähe wüst aus, -vernachlässigt und beinahe zerlumpt. Und wissen nicht, mit welcher -Sorgfalt diese weiche, den Körper kaum beschwerende Kleidung ausgewählt -ist; wissen nicht, was für ein gepflegtes, weißes, durchleuchtetes -Antlitz er hat, was für feine beseelte Züge, was für schöne -strahlende Augen; sie wissen nicht, daß er die schmalsten vornehmsten -Alabasterhände hat, und daß seine Stimme sanft und gesanglich klingt -und edel. - -Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags -dahinwandelt, am äußern Rand des bürgerlichen Lebens, an den -Grenzlinien, wo das Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die sonst -als unumstößlich gelten, zweifelhaft werden! Er ist jetzt fünfzig Jahre -alt, ist in diesem heutigen Wien eine der interessantesten, subtilsten -und ergreifendsten Existenzen, ist für alle Wissenden in Europa ein -geliebter und bewunderter Dichter, in dem großen geistigen Orchester -ein Instrument, dessen besonderer Klang durchdringend und aus tausend -Stimmen kenntlich bleibt, ... und für das Amüsierpublikum vom Maxim, -vom Café Central und vom Kabarett Fledermaus eine Kuriosität, ein -ridiküles Schaustück neugierigen Bürgersleuten. Eines Tages aber wird -man Altenberg-Erinnerungen schreiben und Altenberg-Biographien. Die -dann diese Bücher lesen, werden glauben, ganz Wien habe dieses Original -verstanden, verehrt und gefeiert, und sie werden sagen: Schade, daß -wir ihn nicht mehr gekannt haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert und -verehrt. Eines Tages wird jemand beweisen, daß draußen, an den äußern -Rändern des Alltags, durch das Wirken Altenbergs die Seele des Menschen -an Terrain gewonnen habe. Dieser Beweis wird gelingen, weil es einfach -wahr ist. Nur heute würde das niemand glauben wollen. - - - - -SPAZIERGANG IN DER VORSTADT - - -In diesen schönen Frühlingstagen bin ich jetzt oft und gern in Währing -gewesen. Weit prächtiger mag es sich ja anhören, wenn einer sagen -kann, er sei kürzlich erst in Samarkand spazierengegangen, oder er -habe sich in Brasilien umgetan. Währing, das klingt natürlich nach gar -nichts. Zwar wüßte ich nur wenig Punkte der Erde, von denen sich heute -noch ein großes Rühmens machen ließe. Die Menschen sind überall schon -umhergewesen und kommen überall hin. Alle Länder mit all ihren Städten -sind uns hundertmal schon beschrieben, derart, daß gar viele unter uns, -deren Sinn beständig nach der Ferne steht, im Weiteren besser Bescheid -wissen als im Engeren und Nächsten. Mag es also auch nur Währing sein -... ist man da aufgewachsen, dann fragt man nicht viel, ob der Name -des Ortes hinreichend prächtig sich anhört. Und wenn man nach zwanzig -Jahren zum erstenmal wieder heimkehrt, zum erstenmal wieder an diesen -bescheidenen Häusern vorbeigeht, und den stillen Gärten; nach zwanzig -Jahren wieder den wohlvertrauten Umkreis durchwandert, darin man -vorzeiten das Gehen und Sprechen gelernt, das Lesen und Schreiben, wo -man die ersten Freuden gehabt hat und frühen Kummer genug, dann mag man -sich allhier von der Lebendigkeit des Daseins stärker angerührt fühlen -als im fremden Samarkand oder in Brasilien. - -Das war damals wirklich so, und man schrieb es auch auf den -Postadressen nicht anders, daß Währing »bei« Wien lag. Draußen, -vor den festgemauerten Wällen lag es, hinter denen sich die Stadt -verschanzte, und begann erst ein gutes Stück hinter dem gewaltigen -Holzgatter, mit dem man die »Linie« absperren konnte. Von der -Stadtseite her war es nur durch den einzigen Durchschlupf zu erreichen, -den eben die Linie freiließ. Deutlich erinnere ich mich noch des -Feldweges, der hinter dem Mauttor anfing und heimwärts führte. Felder -überall und Wiesen. Und jenseits davon standen die ersten Währinger -Häuser, wie gute Bekannte mit freundlichen Gesichtern. Aus den hellen -Gassen kam man rasch überall ins Freie. Ein paar Schritte von der -Kirche ab, die alte Neugasse hinauf, vorüber an dem halben Dutzend -damals noch gern bespöttelter Kottagevillen, und man war auf der -Türkenschanze, konnte durch hochstehende Saaten, durch Weingärten und -Brachäcker unter Lerchenjubel und Sensenklirren in Feldeinsamkeit -dahinwandeln, war einfach auf dem Lande. Und ein kleines, halb -ländliches Gemeinwesen war das ganze Währing. - -Die Stadt, die begann für uns gleich bei der Linie. Und beim -Bürgerversorgungshaus, wo die Pferdebahn klingelnd zum Zögernitz -hinausfuhr, glaubten wir uns schon mitten in ihrem stolzesten Gewühl. -Hatten wir uns aber einmal gar bis zum Josephinum vorgewagt, dann -meinten wir alle Pracht der Residenz erspäht zu haben. Eine alte Tante -kam damals aus der Provinz zu uns, um, wie sie sich ausdrückte, die -Wienerstadt kennen zu lernen. Und da wir Knaben ihr als Fremdenführer -dienten, ist auch sie übers Josephinum nicht hinausgelangt. Sie war -genügsam und gab sich damit zufrieden. Sie hat den Rest ihrer Jahre bei -uns verbracht, aber während wir Kinder die Wienerstadt, nach der es -sie so sehr verlangte, längst schon in allen Bezirken durchstreiften, -reichte ihr Begehren gar nicht mehr weiter. Täglich rüstete sie sich -mit sehr viel umständlicher Feierlichkeit, um »in die Stadt« zu gehen, -rückte voll Anstand und Bedacht bis an das Versorgungshaus, und machte -dort pünktlich kehrt. Vom Graben, vom Stephansplatz, vom Praterstern -sprach sie zuletzt nicht anders als von Gegenden, in deren exotische -Gefahren sich nur ein übertriebener oder ein mutwilliger Mensch begibt. - -So saß unsere Jugend da draußen abgeschlossen und hatte, in enger -Nachbarschaft mit der großen fremden, eine kleine trauliche Welt -ganz für sich. Man war am geruhigen Ufer eines rastlos und brausend -hinstürzenden Stromes, der nur manchmal eine Welle ergötzlich und -überraschend zu uns heraufwarf. Kam im Frühherbst das Militär -anmarschiert, dann lief bei der schmetternden Musik der ganze -Ort freudevoll zusammen. Und wenn die Truppen auf den Hügeln -der Türkenschanze manövrierten, hatte Währing seine richtige -Einquartierung. Da erinnere ich mich noch der milden Septemberabende, -an denen Schlag neun vor unseren Fenstern der Zapfenstreich -geblasen wurde. In unserem ersten Kindesschlaf vernahmen wir die -melancholisch-verwegene Melodie, hörten sie aus dem Dunkel der Straße -zu uns heraufklingen und fühlten uns von wundersamen Abenteuern -umwittert. - -Es gab noch ein paar andere wunderschöne Dinge in Währing, um die es -schade ist. Da war das Gasthaus »zum wilden Mann«. Freilich besteht -es auch heute noch. Aber sein Charakter ist hin, seine Individualität -ausgelöscht. Es ist längst in Reih und Glied der Gewöhnlichkeit -getreten, steht mit seiner gleichförmigen Zinshausfront, mit den -banalen Spiegelscheiben eingefügt in andere Fronten an der Straße, es -gleicht den fünfhundert übrigen Bierhallen in Wien und nimmermehr sich -selbst. Damals war es eine kleine, lang hingestreckte Baracke, voll -altgeschwärzter, verräucherter, köstlich patinierter Gemütlichkeit, lag -angeschmiegt an einen uralten Garten, der wie ein Wald aussah, dessen -Baumgipfel, breit ausladend, die enge Hauptstraße überschatteten und -in dessen duftender Ruhe vormittags die Kinder spielen durften. Dann -war das Gasthaus »zum Biersack« da. Ein ländliches Gebäude mit einer -für Heuwagen berechneten Toreinfahrt, von der man in die saalgroße, -blendende Küche schauen konnte. Wir haben das oft getan, weil dort ein -paar üppige Wirtstöchter, hochmütig, aber anlockend, mit den Schulbuben -kokettierten; hübsche, wenn auch allzu feiste Backfische, die trotz -ihrer geputzten Kleider famos in die Küche paßten, weil sie sich -dort auf dem Nährboden ihrer blanken Fülle zeigten, ihn anschaulich -zu erläutern und anzupreisen schienen. Einen Wirtschaftshof gab es -da mit Schlachtbank, Taubenkogel und Steirerwagerl unter blühenden -Akazien, und hinter dem weißen Zaun, der ihn abgrenzte, sah man den -kühldunklen, kastanienlaubüberdeckten Biergarten. Es war ein Bild -naiver Behaglichkeit, eine Szenerie für altväterische Genußfreude, wie -etwa Schwind sie hätte zeichnen mögen. Und er muß den Biersack ja wohl -gekannt haben, denn sein Freund Schubert hat oftmals hier fröhliche -Einkehr gehalten, hat sogar, um sein müheloses Schaffen zu erproben, -das Ständchen hier komponiert, mitten im Lärm unter Gläserklirren -und Kellnerrufen. Dann gab's den Bachusgarten, an den mir nur ein -verschleiertes Erinnern geblieben ist, wie an einen prangenden Traum. -Uns war der Name schon wie ein Märchen. Den fröhlichen Weingott hatten -wir auf Schildern neben Gambrinus oft gemalt erblickt, und angesichts -der stattlichen, vollkommenen Bekleidung, die der Bierkönig trug, -konnte der nackte, mit Weinlaub bekränzte Jüngling den Eindruck -fröhlichster Unbändigkeit wecken. Der Bachusgarten, das schien uns sein -eigener, gewissermaßen sein Privatgarten zu sein. Ein Märchen war halb -erfüllt, da es den Garten gab, und wenn der Gott auch sichtbarlich -darin fehlte, wir suchten ihn darin, und vermuteten seine Gegenwart. -Es war eine wundervolle, zügellos grünende und blühende Wildnis, die -hinter der mürrischen grauen Mauer sich auftat. Hoch standen die -Gräser, undurchdringlich das Strauchwerk, und finstere alte Bäume -reckten mit wilden Gebärden ihre Äste zum Sonnenlicht. Heute ist dies -alles spurlos verschwunden. Eine gesittete, langweilige Häuserreihe -steht nüchtern und vernünftig da. Nur das Staunen, mit dem man die -ganze Verwandlung gewahrt, zeigt uns, wie tief einst der Glaube an die -Unwandelbarkeit dieser Dinge gewesen. - -Aber ich weiß sehr genau, wann dieser Umschwung begonnen hat. -Eines Tages kam die Tramway heraufgeklingelt und fuhr mitten durch -Währing. Es gab Straßen, die von Schienen durchzogen wurden, es gab -Haltestellen. Man war einfach wie in Wien. Diese Tramway, die hin und -her klingelte, bis tief in die Nacht hinein, sogar bis zehn Uhr, hat -den ganzen Ort aufrebellt. Drei- und vierstockhohe Häuser reckten -sich himmelwärts, rückten gegen die Stadt vor und besetzten das wüste -Feld, das zwischen Wien und Währing lag. Angesichts dieser steinernen -Regimenter sank der Linienwall zusammen, von hüben und drüben schlossen -Straßenzüge und Baulichkeiten ineinander. Über die einstige Grenzspur -aber ward der eherne Reif der Stadtbahn geschlagen. - -Wandert man jetzt in dem neuen, von der Elektrischen durchsausten -Bezirk umher, dann muß man das alte Währing unter all dem frisch -Hinzugewachsenen mühsam hervorsuchen. Völlig schüchtern hält es sich -verborgen, schweigt, weil es ja doch überschrien wird, und läßt das -geschäftig eingedrungene Wesen schalten. Manches wohlbekannte alte -Haus findet sich freilich noch. Beinahe jedes aber ist verändert, ist -entweder ganz nobel, ganz modern herausgeputzt, hat sich entwickelt, -ist jung geblieben, oder es scheint ablehnend in sich zu verharren. -Und da fällt es mir auf, wie merkwürdig menschenähnlich manche Häuser -altern. Sie werden unfreundlich, da sie einst gastlich und einladend -gewesen, erscheinen mürrisch und schlecht gelaunt wie Greise, und man -hat Mitleid mit ihnen, wie mit betagten, verbitterten Menschen, denen -doch nicht zu helfen ist. Wer die Leute gekannt hat, die vor einem -Vierteljahrhundert hier ihr Gewerbe getrieben haben, der kann auf -seinem Spaziergang wohl auch merken, wie eine helle, in den morgigen -Tag hineinhorchende Klugheit, wie verständiger Fleiß sich belohnt, und -wie da der einzelne mit dem Boden, dem er sich anvertraut, gedeiht. -Da ist nun mancher, den ich ganz klein hier einziehen und seinen -Glückskreuzer an die Ladenschwelle nageln sah, heute ein großer Herr -geworden, mancher enge Kramladen hat sich erweitert und prunkt jetzt -mit großstädtischer Eleganz. Andere wieder, die hier ein üppiges Leben -führten, so recht mit Übermut in ihrem Glück saßen, sind verschwunden, -verdorben und verarmt, und drücken sich in kümmerliche Seitengassen. -Man darf schon an die Leute von Seldwyla denken, denn die Währinger -sind ein gar lustiges, zu allerhand Kurzweil stets bereites Volk. - -Ehe ich dann den Weg ins Grüne gehe, den alten Weg der Währinger -nach Weinhaus, Gersthof, Pötzleinsdorf, diesen drei Dörfern, die so -wie an einer Schnur an der Straße aufgereiht liegen, suche ich den -alten Ortsfriedhof heim, der unberührt wie einst mitten unter den -Häusern liegt, und dem sie auch die kleine Zufahrtsrampe gelassen -haben. Schubert und Beethoven haben hier geruht, und ihre ersten -Grabsteine sind noch an der gleichen Stelle. Aus der Erde, in der -Beethoven vermodert ist, sprießen Dijonrosen und wollen eben ihre -Knospen öffnen. Über eingesunkene Grabhügel schreitet man dahin, an -geborstenen Grüften vorüber. Die Inschriften auf den Totensteinen sind -verlöscht und verwaschen, sie haben nichts mehr zu melden. Vergessene -und Verlassene zumeist schlafen hier. Die Trauer, die einst um diese -Stätte gewebt und sich zu Ewigkeitsversprechungen aufschwang, der -Schmerz, der über diesen Särgen weinte und der sich in goldenen Lettern -unstillbar nannte, all die Klagen, Tränen und all der Jammer schicken -sich an, zu verflüchtigen. Von draußen dringt das Brausen der jungen -Tage herein und weht die zögernde Erinnerung hinweg. Das Gewesene -versinkt hier tiefer, tiefer in den Erdenschoß. Aber ein dunkles, -machtvolles Grünen treibt üppig aus der reichgedüngten Scholle. Wie -ein wilder, verwunschener Garten liegt der Friedhof da, blühende Hecken -und schwellende Gräser überwachsen und decken den Totenzierat, und -wunderbare Bäume sind hoch emporgeschossen, seit ich, ein Kind noch, -hier gewesen, breiten ihre Wipfel in der Maienluft und trinken mit -ihren Wurzeln die Kraft dieser Erde, die einst lebendig war. - -Nur ganz draußen in Pötzleinsdorf ist alles beim Alten geblieben. -Und der lieblich-schöne Wald umfängt einen wie treue, unwandelbare -Freundschaft. Bloß weil das Unterholz so arg in die Höhe gewachsen -ist und an manchen Punkten die Aussicht sperrt, wo einst der Blick -das stille Tal durchmessen konnte, merkt man, daß ein bißchen Zeit -vergangen sein mag. Da steht noch die Bank, einst Ziel und Rast so -vieler Spaziergänger. - -Ich will mich nach so langer Frist auf diese liebe alte Bank setzen. -Und vielleicht wäre jetzt der Augenblick, Betrachtungen anzustellen: -wie das Leben hinrollt, wie alles unaufhaltsam wächst und vergeht. -Oder: wie man an diesem kleinen Gemeinwesen, das sachte und wie -einer tätigen Vernunft folgend sich entfaltet hat, die ungeheure -Bewegungsgewalt aller Entwicklung kann begreifen lernen. Aber ich -denke nur an das Traumhafte dieses Spazierganges. Daß ich in diesen -Lebensbereich, der mir einst so nahe gewesen, zurückgekehrt bin, und -daß mir nun zumute ist, als sei ich gestorben gewesen oder all die -Jahre her ganz fern von hier, in einem anderen Weltteil. Und habe -inzwischen doch nur am Alsergrund gewohnt, gleich nebenan. So leben -wir in einer großen Stadt. Leben stets nur auf einem winzigen Fleck, -in zwei, drei Gassen. Begnügen uns mit dem Gefühl der Fülle, die uns -umbraust. Und haben jeder irgendein Josephinum, bei dem wir Halt -machen. Alle Fernen zwingen wir uns herbei in unser Zimmer, haben sie -in Papier und Büchern eingefangen auf unserem Tisch. Aber es passiert -uns, daß wir das Lebendigste versäumen, auch wenn, um es zu sehen, -nicht mehr vonnöten ist als ein Spaziergang von einem Stadtviertel in -das andere. - - - - -LUEGER - - -Vielleicht kommt es auch dazu, und es greift einmal jemand nach diesem -Mann und stellt ihn mitten in einen Wiener Roman, und rollt sein -Leben auf und enthüllt sein Schicksal. Aber das müßte dann freilich -einer tun, dem nicht Haß, noch Bewunderung den Blick umschleiert; es -müßte jemand sein, der die wundervolle Gabe des Anschauens besitzt -und dem in seiner Kunst nichts höher gilt als die Anschaulichkeit. -Wie man einen Schlüssel ins Schloß fügt, so müßte derjenige, der es -unternimmt, diesen Roman zu schreiben, den Lueger-Charakter in das -Herz des Wiener Volkes einfügen und dieses Herz damit aufsperren, -daß alle seine Kammern offen stünden. Er müßte die Gestalt Luegers -so über die wienerische Art hinfegen lassen wie eine Wolke über eine -Wasserfläche streicht, und das Wesen Luegers müßte sich in der Tiefe -des wienerischen Wesens spiegeln wie eine Wolke auf dem Grund der Flut -sich abzubilden scheint. Er müßte die ganze Stadt rings um diesen Mann -herum aufbauen, damit alle ihre Farben und ihre Lichter, in diesem -einen gesammelt, blitzen und funkeln. Das wäre die Aufgabe. - -Wichtig, interessant und für den Roman sehr wirksam ist es, daß er -gleich im Anfang sagte, er wolle Bürgermeister von Wien werden. Bei -allen Parteien, denen er sich anbot, hat er diese Bedingung gestellt: -Bürgermeister werden! Und er hat sich vielen Parteien angeboten. -Er begann als der Schüler eines jüdischen Oppositionskünstlers im -Gemeinderat, ging zu den Liberalen, zu den Demokraten, und pries zu -Schönerers Füßen die teutonische Heilslehre. Überall lehnte man ihn -ab, von seinem stürmischen Ehrgeiz beunruhigt. Überall auch spürte -sein Instinkt: diese Mühlen klappern zu wenig, mahlen zu langsam. -Sein wienerischer Instinkt spürte: das wurzelt nicht! Liberaler -Bildungseifer, demokratische Aufklärung und Unzufriedenheit, -alldeutsche Wotansideale ... das wurzelt hier nicht, das schlägt nicht -ein! Er aber brauchte etwas, das breite Wurzeln fassen konnte, brauchte -etwas, das wie der Donner einschlug. Damit er Bürgermeister werden -könne. Niemand begriff damals, warum sein heißes Streben nach einem so -bescheidenen Ziele ging. Er hat nachher gezeigt, wie es gemeint war. - -Wichtig ist, auch für den Roman, sein Äußeres: Eine glänzende -Bühnenerscheinung; die beste, die es für das Rollenfach des Demagogen -gibt. Hochgewachsen, breitschultrig, nicht dick, aber doch behaglich -genug, und man wird das Wort »stattlich« kaum vermeiden können, wenn -man ihn schildern will. Nimmt man sein Antlitz noch dazu, dann wird -vieles begreiflich. Für ein Wesen, das so ganz auf Äußerlichkeit -gestellt ist, gilt solch ein Aussehen schon als Prädestination, als -Beruf, als Erfolgsbürgschaft. Dieses Gesicht erscheint vollkommen -bieder. Einfache, aus der knappen Stirn zurückfallende Haare, die -sanft gelockt sind. Kleine Augen, die vergnügt und schwärmerisch, -naiv und sentimental wirken. Ein außerordentlich solider Vollbart, -der am Kinn nach dem Geschmack der Vororte geteilt ist; und mitten in -diesem würdigen, bürgerlichen, ruhigen Antlitz die nette kleine Nase. -Diese Nase, die wie eine aus der Bubenzeit stehengebliebene Keckheit -aussieht. Man kann es gar nicht anders sagen: bieder, rechtschaffen, -treuherzig, wacker. Lauter solche Worte fallen einem ein, wenn man -sein Gesicht erblickt. Aus der Ferne. Denn alle Wirkung dieser -Physiognomie ist gleichsam auf Distanz berechnet. In der Nähe redet -dann schon eine trotzige Rauflust, die nicht ohne Tücke scheint, von -dieser schmalen Stirne. In der Nähe zeigt sich der leicht schielende -Doppelblick dieser kleinen listigen Augen, aus denen eine hurtige -Verschlagenheit blitzschnelle, zwinkernde Umschau hält. Da zeigt sich, -vom soliden, wackern Bart verborgen, ein spöttischer Mund, der hinter -der Ehrlichkeit grauer Haare schadenfroh zu lächeln vermag. In der -Nähe erst wird es sichtbar, welch ein unruhig flackernder Schimmer -von Schlauheit und Verstellung dies Antlitz überbreitet, das auf -Ansichtskarten schön ist. - -Mit dieser lockenden Vorstadtpracht tritt er auf. Im Wien der achtziger -und neunziger Jahre, in welchem die Vorstädte gerade anfangen, mächtig -zu werden. Eine lauwarme, trübe, unentschlossene Zeit. Die bürgerlichen -Parteien im Zerfall und in totaler Ratlosigkeit; nachlässig geleitet -von ausrangierten Lieblingen, von alten Komödianten einer überlebten -Politik. In der Tiefe des Volkes greift die Sozialdemokratie um -sich. Die breite Masse der Kleinbürger aber irrt führerlos blökend -wie eine verwaiste Herde durch die Versammlungslokale. Und alle sind -von der österreichischen Selbstkritik, von der Skepsis, von der -österreichischen Selbstironie bis zur Verzagtheit niedergedrückt. - -Da kommt dieser Mann und schlachtet -- weil ihm sonst alle anderen -Künste mißlangen -- vor der aufheulenden Menge einen Juden. Auf der -Rednertribüne schlachtet er ihn mit Worten, sticht ihn mit Worten tot, -reißt ihn in Fetzen, schleudert ihn dem Volk als Opfer hin. Es ist -seine erste monarchisch-klerikale Tat: Der allgemeinen Unzufriedenheit -den Weg in die Judengassen weisen; dort mag sie sich austoben. Ein -Gewitter muß diese verdorbene Luft von Wien reinigen. Er läßt das -Donnerwetter über die Juden niedergehen. Und man atmet auf. - -Allein er nimmt auch noch die Verzagtheit von den Wienern. Man -hat sie bisher gescholten. Er lobt sie. Man hat Respekt von ihnen -verlangt. Er entbindet sie jeglichen Respektes. Man hat ihnen gesagt, -nur die Gebildeten sollen regieren. Er zeigt, wie schlecht die -Gebildeten das Regieren verstehen. Er, ein Gebildeter, ein Doktor, ein -Advokat, zerfetzt die Ärzte, zerreißt die Advokaten, beschimpft die -Professoren, verspottet die Wissenschaft; er gibt alles preis, was -die Menge einschüchtert und beengt, er schleudert es hin, trampelt -lachend darauf herum, und die Schuster, die Schneider, die Kutscher, -die Gemüsekrämer, die Budiker jauchzen, rasen, glauben das Zeitalter -sei angebrochen, das da verheißen ward mit den Worten: selig sind -die Armen am Geiste. Er bestätigt die Wiener Unterschicht in allen -ihren Eigenschaften, in ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit, in ihrem -Mißtrauen gegen die Bildung, in ihrem Weindusel, in ihrer Liebe zu -Gassenhauern, in ihrem Festhalten am Altmodischen, in ihrer übermütigen -Selbstgefälligkeit; und sie rasen, sie rasen vor Wonne, wenn er zu -ihnen spricht. - -Aber wie spricht er auch zu ihnen. Das Dröhnen ihres Beifalls löst -erst alle seine Gaben. Beinahe genial ist es, wie er sich da seine -Argumente zusammenholt. Gleich einem Manne, der in der Rage nach dem -nächsten greift, nach einem Zaunstecken, Zündstein, Briefbeschwerer, um -damit loszudreschen, greift er, um dreinzuschmettern, nach Schlagworten -aus vergangenen Zeiten und bläst ihnen mit dem heißen Dampf seines -Atems neue Jugend ein, rafft weggeworfenen Gedankenkehricht zusammen, -bückt sich nach abgehetzten, müd am Weg niedergebrochenen Banalitäten, -peitscht sie auf, daß sie im Blitzlicht seiner Leidenschaft mit dem -alarmierenden Glanz des Niegehörten wirken. In dem rasenden Anlauf, -dessen sein Temperament fähig ist, überrennt er Vernunftgründe und -Beweise, stampft große Bedeutungen wie kleine Hindernisse in den -Boden, schleudert dann wieder mit einem Wort Nichtigkeiten so steil -empor, daß sie wie die höchsten Gipfel der Dinge erscheinen. Im Furor -seiner Rednerstunde gerät der Mutterwitz, der sein Wesen durchdringt, -ins Sieden und wirft Blasen, in denen alles wie toll, alles verkehrt -und lächerlich erscheint. Einfälle sprudeln hervor, in deren Wirbel -frappierende, unglaubliche und verführerische Gedanken funkeln, sich -drehen und überschlagen. In seinem Rednerfuror, wenn ihm schon alles -egal ist, fängt er freilich auch den Schimpf der Straße ein, reißt den -Niederen und Geistesarmen alberne Sprüche des Aberglaubens vom Munde, -schnappt selbst den Pfaffen die Effekte weg, die auf der Kanzel längst -versagen wollten -- aber er siegt mit alledem. Schlägt zu damit und -trifft und wirkt. Oft schon hat er seine entsetzten, überrumpelten -Gegner vor sich hergejagt -- wie sich nachher gezeigt hat -- mit einem -Eselskinnbacken. Dieses ist seine Macht über das Volk von Wien: daß -alle Typen dieses Volkes aus seinem Munde sprechen, der Fiaker und der -Schusterbub, der Veteranenhauptmann, der gute Advokat, die Frau Sopherl -und der Armenvater. Und alle Volkssänger mit dazu. Vom Guschelbauer an -bis zum Schmitter. Man hört die Schrammelmusik aus der Melodie seines -Wortes, das picksüße Hölzel und die Winsel, hört das Händepaschen und -ein jauchzendes Estam-tam klingt in seiner Stimme beständig an. - -Ein Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: Wie er in der -Fronleichnamsprozession dem Baldachin vorausschreitet. Als -Vizebürgermeister; vor zwölf Jahren etwa. Er ist zum Bürgermeister -erwählt worden, aber der Kaiser hat die Wahl verworfen. Dreimal ist -er gewählt worden, dreimal hat der Kaiser nein gesagt. Lueger wartet -und begnügt sich derweil mit dem zweiten Platz. Jetzt geht er in -der Fronleichnamsprozession vor dem Baldachin einher. Die Glocken -läuten, die Kirchenfahnen wehen, und das brausende Rufen der Menge -empfängt den geliebten Mann, der nach allen Seiten dankt, grüßt, -lächelt. Er freut sich. Denn der Kaiser, der dem Baldachin folgt, muß -den tausendstimmigen Donner hören. Auf dem ganzen Weg rauscht dieser -Jubelschrei vor dem Kaiser einher, dieses jauchzende Brüllen, das -einem andern gilt. Franz Josef hat ein feines, eifersüchtiges Ohr -für die Stimme der Wiener. Er hat Erzherzoge von hier entfernt, wenn -sie gar zu populär wurden, hat einen Minister, dem zufällig einmal -ein paar halblaute Hochrufe beschieden wurden, aufgefordert, sich zu -rechtfertigen, hat den Grafen Badeni im Stiche gelassen, weil er die -Wiener Straße gegen die Hofburg verstimmte. Franz Josef weiß, die -Wiener lieben ihn; er weiß, sein kaiserliches Wort übt allmächtige -Wirkung. Aber diesen da konnte er nicht verdrängen, auch nicht, -nachdem er's dreimal sagte. Das erlebt der Kaiser jetzt. Der Mann da -vorne im Zuge gibt's ihm zu kosten. Als ob er nur im Gefolge dieses -Mannes einherginge, wandelt der Kaiser mit der Prozession. Vor sich -das Aufrauschen der Ovationen, um sich her Stille. Es war Luegers -Triumphzug. - -Die Glocken läuten und die Kirchenfahnen flattern jetzt auf allen -Wegen, die Lueger geht. Wie ein gewaltiger Heerbann ziehen die Pfaffen -hinter ihm drein. Seit vielen Jahren haben sie den bürgerlichen -Condottiere entbehrt, der ihnen die breite Masse erobert. So einer hat -ihnen gefehlt. Sie haben innerlich jubelnd den Liberalismus verrecken -sehen, der sich einst unterfangen wollte, die Kuttenherrschaft -in Österreich zu zerbrechen. Das Land lag wieder frei vor ihnen, -fiel ihnen wieder zu, aber sie brauchten einen Mann, der in das -neueroberte Gebiet fröhlichen Einmarsch hielt, der die Kirchenfahnen -wieder flattern ließ. Dies Volk ist immer gerne fromm und katholisch -gewesen. Aber die Frömmigkeit war eine Zeitlang außer Mode. Lueger -hat sie wieder in Flor gebracht und ließ die Glocken läuten. Ließ die -Glocken läuten und sagte: ich spucke auf die Aufklärung und auf die -Wissenschaft. Das war endlich ihr Mann. Von allen Kanzeln herab und -in allen Beichtstühlen halfen sie nun seiner Sache, schlossen ihm die -Pforten zu allen Fürstenschlössern auf, schafften ihm Eingang in -alle Bauernhütten. Wie hoch sie einen Menschen heben können, wenn sie -wollen, hat er erprobt. Und hat auch dem Kaiser nur damals, an jenem -Fronleichnamstage trotzig gezeigt, wer von nun an dem Wind und dem -Wetter befiehlt, in der Stadt, in der die Hofburg steht. Nur dieses -eine Mal. Am Ziele angelangt, nahm er die schwarzgelbe Gesinnung in -städtische Obhut, nahm die Kaisertreue in städtische Verwaltung, nahm -die Volkshymne in städtische Regie. - -Erst als er am Ziele war, merkte man, daß es wirklich ein Ziel sein -konnte, Bürgermeister von Wien zu werden. Man merkte, daß wirklich -ein Gedanke in diesem Manne nach Ausdruck gerungen hat, nicht bloß -der Gedanke an den eigenen Erfolg; daß er von einem Traum erfüllt -war, nicht bloß von dem Traum des eigenen Aufstiegs: Wien! All dies -andere vorher war nur ein Mittel gewesen. Er hätte jedes beliebige -Mittel angewendet, selbst ein edles, wenn es nützlich gewesen wäre. -Freilich aber hätte er keines so mühelos, so voll aus seinem Wesen -heraus, so ganz aus seinen Instinkten gebrauchen können wie diese -Taktik und Technik des Gassenhauers, des »mir san mir«! Und nun hat -er Wien aufgerichtet als eine Art von Königtum mitten in Österreich. -Dutzendweise wurden die kleinen Ortschaften, welche Wien umgürteten, -von dem großen Gemeinwesen verschlungen. Das ist jetzt, vom Marchfeld -bis zur Sophienalpe, nur mehr eine einzige Stadt: Wien. Und in -dieser Stadt ein einziges Haupt: Lueger, der Bürgermeister. Er -nahm die Straßenbahnen, die Gaswerke, das elektrische Licht, die -Leichenbestattung, die Spitäler. Wasser und Feuer, Leben und Tod gehört -seiner Stadt. All dies lag freilich in der Entwicklung, hätte auch -unter einer andern Verwaltung so kommen müssen. Aber er nahm diese -Dinge, unter lauten pathetischen Proklamationen, er nahm sie wie man -eroberte Provinzen einnimmt, und er schuf aus all diesen Besitztümern -neue Werkzeuge seiner Macht. Wo die Straßenbahn hingeführt wird, das -elektrische Licht, die Wasserleitung, da steigen in den entlegensten -Gegenden die Bodenpreise, hebt sich der Wohlstand. Treue Bezirke können -belohnt, unsichere gekirrt, treulose bestraft werden. Die Stadt, die -so viele Betriebe in ihrer Hand hält, herrscht über eine Armee von -Dienern, Arbeitern, Beamten, Lehrern, Ärzten und Professoren, herrscht -durch tausendfach verknüpfte Interessen weithin über die Gesinnungen, -und allen ist der Bürgermeister, von dem sie abhängen, wie ein Monarch. - -Er arbeitet denn auch mit einer vollkommen monarchischen Technik. -Sein Bild ist überall. In den Amtslokalen, in den Schulzimmern, in -den Wirtshäusern, in den Theaterfoyers, in den Schaufenstern. Sein -Antlitz ist den Wienern beständig so gegenwärtig und eingeprägt, -wie das Antlitz des Kaisers. Seine Ausfahrt ebenso feierlich, wie -die eines Monarchen, und nur noch Franz Josef selbst wird in den -Straßen ebenso gegrüßt wie der Bürgermeister Lueger. Wie auf den -Staatsgebäuden der Name des Kaisers steht, so wird auf allen Bauten, -in allen Gärten, die von der Stadt errichtet wurden, der Name Lueger -hingeschrieben und eingemeißelt. In hundert Inschriften liest man es -überall: »Erbaut unter dem Bürgermeister Dr. Karl Lueger.« Und wie -dem Kaiser das »Gott erhalte ...« entgegenschallt, so empfängt den -Bürgermeister überall seine offizielle Hymne: »Hoch Lueger, er soll -leben ...« Wer städtische Dienste nimmt, muß Luegertreu sein, so wie -jeder Staatsdiener zur Kaisertreue verpflichtet ist. Er hat das so -eingerichtet, hat sich um den Widerspruch der Machtlosen, hat sich um -das Recht der freien Meinung, die das Staatsgrundgesetz gewährleistet, -nicht gekümmert und einen Fahneneid eingeführt für alle, die im Rathaus -Broterwerb suchen. Ein monarchisches Talent, das vorher gröhlend durch -alle Tiefen des Pöbels geschritten ist, im Bierdunst der Versammlungen -die Massenpsychologie studiert und den Menschenfang allmählich bis -zur Meisterschaft gebracht hat. Dennoch, nur ein Bürgermeister. Aber -was hat er aus seiner Rolle gemacht! Wie Mitterwurzer einst, als er -im »Don Carlos« den Philipp gab, das Stück umkehrte und alle Welt -zur Verwunderung zwang. Gegen Carlos und Posa war dieser Philipp nie -aufgekommen, er galt für so wichtig nicht, nicht für so begehrenswert -und dankbar. Und jetzt auf einmal war Philipp die Hauptsache, war -Mittelpunkt und Held des Stückes. Die vorigen Bürgermeister sind nur -brave Ensemblespieler gewesen gegen den jetzigen. Der aber hat die -Kunst der Auffassung. So wie er seine Rolle anschaut, wie er die -Bedeutung seines Amtes begreift, hat er es ganz neu entdeckt; fast -möchte man sagen, neu kreiert. Niemals ist der Bürgermeister von Wien -so viel gewesen wie heute. Neben dem Landesherrn, der Herr der Stadt. - -Ein anderes Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: Wie -dreimalhunderttausend sozialdemokratische Arbeiter gegen seinen Willen -über die Ringstraße ziehen; wie sie das allgemeine, gleiche und direkte -Wahlrecht erzwingen; wie der alternde Bürgermeister im Pomp des -Rathauses sitzend dies Brausen der Volksmenge vernimmt; wie eine Ahnung -ihn ergreift, daß nun eine neue Zeit heranbricht, eine neue Zeit, -die er nur aufhalten, nur für eine kurze Weile verzögern aber nicht -hindern konnte. Sie wird erbarmungslos die Dämme niederreißen, die er -aufgerichtet hat; sie wird ihn zu den Komödianten von vorgestern werfen -und ihn erledigen. Wie jetzt eine Ahnung ihn ergreift, daß da draußen -ein Gegner sich emporrichtet, langsam und furchtbar, ein Feind, dem er -sich nicht mehr entgegenzuwerfen vermag. Wie der Zorn von einst und die -Rauflust von früher noch einmal in ihm schwellen und wie er spürt, daß -ihm die Kräfte langsam entschwinden, spürt, daß er nicht mehr aufrecht, -nicht mehr sicher und schwindelfrei genug sein wird, wenn auch an seine -Tür plötzlich die Jugend pocht, wie an die Tür des Baumeisters Solneß. - -Und noch ein Kapitel: Wie er jetzt weißhaarig, matt, erblindet und -zitternd, von zwei Nonnen geführt, einherwankt, mit Orden bedeckt, -... Exzellenz ... auf dem Gipfel ... und niedergebrochen. Den letzten -Rest der im Kampfe aufgebrauchten Gesundheit im Rausch der Siegesfeste -vergeudet. Vorzeitig zu Boden geschleudert, unfähig die Ernte zu -genießen. Neidisch auf alle, denen er emporgeholfen und die nun in -der Fülle der Macht schwelgen. Wie er langsam zum ewig greinenden, -mißlaunigen, scheltenden Alten sich wandelt, dem die Treuesten nur noch -aus Pietät lauschen. Wie er fühlt, daß sie von ihm abrücken, heimlich -schon über ihn lächeln, die Achseln zucken; und wie er dann manchmal -zeigen möchte, daß er noch derselbe ist, wie er längst abgenützte -Künste wieder spielen läßt, wie er mit gebrochener Stimme wieder -schmettern und donnern möchte, und wie ihn dann die Weihrauchdämpfe -mitleidiger Schmeichler benebeln und beschwichtigen. Das letzte -Kapitel: wie diese Flamme eines Wiener Temperamentes im blassen -Schimmer der Ordensterne, im kindischen Glanz von Auszeichnungen und -Titeln verlöscht. - -Dieser Roman wäre zu schreiben. Die Gestalt eines Menschen zu -zeichnen, in dem sich der Wille einer Epoche erfüllt hat. Jetzt -freilich muß man noch warten. Bis es sichtbar wird, was nach ihm kommt, -bis die Jahre, die seinem Dasein folgen, die richtige Distanz und die -richtige Perspektive geben. Dann mag es geschehen, daß irgend jemand -nach diesem Manne greift und den Roman seines Lebens, den man schnell -vergessen wird, wenn er zu Ende ist, zu einem unvergeßlichen Kunstwerk -formt. - - - - -GIRARDI-KAINZ - - -Sie betonen es, daß gerade diese beiden vortrefflichen Schauspieler -dem wienerischen Theater unentbehrlich sein müßten, weil sie unter den -wenigen bedeutenden Persönlichkeiten, die sich hier etwa vorfinden, die -stärksten Österreicher seien. Ich würde hinzufügen: die letzten, wenn -es nicht übertrieben wäre, dergleichen von irgendeinem Menschenexemplar -zu behaupten. Aber für uns sind sie bei alledem die letzten; wir werden -schwerlich noch andere sehen und wir vermissen sie sehr. - -Sie weisen mich darauf hin, daß diese beiden Schauspieler einander -verwandt, ja oft frappierend ähnlich sind. Dies sei Ihnen vorher nie -so deutlich geworden als eben jetzt, da Kainz und Girardi gleichzeitig -in Berlin wirken. Bei uns ist es, wie natürlich, oft bemerkt und -besprochen worden. Manches ist ihnen gemeinsam. Wie Männer, die gewohnt -sind zu befehlen, fast überall diesen unbeirrten ruhigen Ausdruck des -Blickes, diese geborgene, schwere Sicherheit des Tones in der Stimme -haben, so haben diese beiden in ihren Gebärden, in ihrem Gehen über -die Bühne, in der unbedingten Freiheit ihrer Schultern das Glück -früher und beinahe müheloser Erfolge. Sie waren gleich von Anfang an -berühmt, sind es schon von Jugend auf. Sie stehen jahrzehntelang unter -der erfrischenden Dusche des Beifalls. Dann ist da noch in beiden -auf dem Grunde ihres Wesens ein beständig mitschwingendes Jauchzen, -und das ist ihre Verwandtschaft. Sie sind beide so sehr voneinander -verschieden, ganze Welten liegen zwischen ihnen; allein wie Brüder -oft voneinander verschieden und durch Weltenfernen in ihrem Charakter -voneinander getrennt sein können, und dennoch mit einem Lächeln, mit -einem Zucken der Lippen sich als Geschwister offenbaren, so offenbaren -sich diese beiden mit ihrem Jauchzen als Brüder. Denn es ist ein -österreichisches Jauchzen; es stammt aus demselben Klima, es ist von -derselben Sonne und von demselben Dialekt gebräunt. Auch ist ihr -Zugreifen dasselbe. Sie wissen ja, was ich damit meine: ihre Art eine -Sache anzugehen, einer Empfindung, einem Konflikt gegenüber zu treten, -sich einer Aufgabe zu bemächtigen, kurz, es ist derselbe Handgriff. - -Man hat Ihnen gesagt, daß Girardi der typische Ausdruck des Wienertums -sei, die leibhaftige Verkörperung der wienerischen Art, der -wienerischen Echtheit. Es ist so oft gesagt worden, hat so oft in den -Zeitungen gestanden, daß es vielleicht wahr ist. Trotzdem vermochte ich -niemals den Gedanken abzuweisen, warum man einen glänzenden Orientmaler -dann nicht auch einen typischen Orientalen nennt. Oder weshalb wir -dann zum Beispiel Lafcadio Hearn nicht als einen vollendeten Japaner -erklären. Hat doch der eine alle Farben und feinsten Lufttöne des -Morgenlandes gegeben, der andere die seelische Verstecktheit Japans -erhellt. Nur weil der Maler so sichtbar von seinem Werk zu trennen -ist? Und weil wir zu genau wissen, daß Hearn ein Anglo-Amerikaner war? - -Auch Ihnen erscheint Girardi als der echte Wiener. Aber Sie haben gewiß -schon bemerkt, wie sonderbar und wie irreführend das national und -landschaftlich Echte auf fremder Erde wirkt. Eine spanische Tänzerin -scheint uns absolut ganz Spanien auszudrücken; ein tartarischer Sänger -absolut die Welt des Kaukasus. Unsere Vorstellung von Spanien findet -sich in irgendeinem Hüftenrhythmus der Tänzerin plötzlich bestätigt, -unser Phantasiebild vom Kaukasus glüht bei irgendeinem Kehllaut -des Sängers unversehens auf, und wir rufen: echt! Wir rufen es mit -Entzücken und verfehlen dabei -- fast regelmäßig -- gerade diejenigen -Dinge, die ein Spanier oder ein Tartar mit vertrauten Instinkten als -echt empfinden würde. - -Girardi trägt viel Wienerisches in sich. Von den feinsten wienerischen -Stoffen wie von den allgemeinsten hat er den Extrakt in sich gesogen; -viele wienerische Elemente sind in ihm zu Essenzen verdichtet. Wenn er -spricht, hören wir aus seiner Stimme die Urlaute des Volkes, wenn er -singt, aus seiner Fröhlichkeit jenes niederösterreichisch-jauchzende -Johlen trunkener Rekruten, das im Frühling und im Herbst immer -durch unsere Straßen hallt. Im Aufschnalzen eines Wortes klingt -die schnippische Anmut Wiener Vorstadtmädchen, und wenn die Leute -von Girardi reden, schleppen sie auch sofort alle Wiener Typen zum -Vergleich heran; den Fiaker, den Deutschmeister, den Zahlkellner, den -Sportbaron. Aber das Wienertum, das er gibt, ist im Grunde nicht das -wirkliche, sondern es ist ein Wienertum, das er ganz allein erfunden -hat. Wir spüren immer »Wien« bei ihm. Nur wenn er uns nicht völlig -umnebelt, spüren wir zugleich auch: er macht etwas ganz anderes -daraus, etwas, das neben dem Wienerischen ist. Etwas, das vielleicht -darüber ist, wie schließlich alle Kunst über dem Wirklichen, alle -Dichtung über dem Wahren; aber etwas, das eine besondere Kontur hat; -keine wienerische. Es ist eine halbechte, eine unwahre, doch in ihrer -Unwahrheit eine entzückend mögliche und hinreißend eigenartige Kontur. -Dieses Wienertum, das Girardi gibt, hat vorher nicht existiert. Seit er -es ersonnen hat, wird es nachgeahmt. Die Leute haben im Theater von ihm -gelernt, wie man wienerisch ist und haben es nachher kopiert. Hunderte -seiner Einfälle, seiner plötzlichen Ideen vom Wienertum laufen jetzt -verwirklicht und lebendig umher. - -Wie sollte ein Mann, der so stark ist, daß er uns alle glauben macht, -seine persönliche Art sei die unsere, sei unser Spiegel und Abklatsch; -sein eigenes, durchaus einziges Wesen sei der Inbegriff und die -Verkörperung unserer Wesenheit, -- wie sollte ein solcher Mann nicht -auch bei Ihnen als der definitive Ausdruck des Wieners gelten? In dem -gewissen landläufigen Sinn ist er ja schließlich ein Vertreter Wiens, -wenn man diese Bezeichnung nur in ihrer flüchtigen, zeitungsmäßigen -Bedeutung anwendet, in der sie sonst gebraucht wird, um einen Künstler -rasch mit dem Poststempel zu versehen. Aber nehmen Sie nur einmal seine -eckige Gestalt, in der nichts Sanftes und Gleitendes sich rundet, -in der nur die ungeheuere Energie eines Marschrhythmus schleudert -und schlenkert, und Sie werden sogleich sehen, daß eine ganze, in -ihrer innersten Natur wienerische Welt sich in diesem Künstler gar -nicht oder nur vermittels besonderer Transponierungen ausdrückt. Er -hat jahrzehntelang Walzer von Johann Strauß gesungen; siegreich und -hinreißend hat er sie gesungen, aber sie mußten erst durch ihn zu -Girardi-Couplets werden, und sie waren -- wenn er sie sang -- eben -keine Walzer von Johann Strauß. Wenn man nur die Texte anschaut, die -eigens für ihn diesen Walzern unterlegt wurden, kann man das sogar -jetzt noch nachprüfen. Denn alle diese Texte widerstreben in ihrem -Witz, in ihrer karikaturistischen Schärfe, in ihrer harten Ironie, der -weichen Seele des Wiener Walzers. Alle diese Texte sind den Walzern -aufgezwungen, gehen ihnen gegen die Natur. Aber die Farbe seiner -Persönlichkeit ist so sprühend, so durchdringend und so vorleuchtend, -daß es fast unbemerkt geblieben ist, was ein Straußscher Walzer bei -Girardi wurde, daß es fast unbemerkt geblieben ist, wie sehr diesem -Manne selbst ein wienerisches Grundelement fehlt: das innere Tanzen. -Und fast unbemerkt ist es geblieben, wie er das Wesen dieser Stadt -überfärbt und verändert und umgebildet hat. - -Man könnte es etwa damit erklären, daß die enorme schauspielerische -Kraft Girardis, der es beinahe immer an wirklichen Rollen fehlte, -solchem Mangel abgeholfen hat, indem sie sich der ganzen Stadt als -einer Girardi-Rolle bemächtigte, sie immer wieder studierte, ihren -reichen Inhalt immer wieder erlebte, und sie dann immer wieder als -Girardi-Rolle spielte. Zuletzt war denn auch jeder zweite junge Herr, -den man auf der Straße traf, jeder Fiakerkutscher, jeder Briefbote, -jeder Spießbürger eine Girardi-Rolle. Eine Zeitlang lief halb Wien -herum und spielte Girardi, und wußte nicht, daß es damit sich selbst -aufgab, daß es auf seine eigene Echtheit verzichtete, und an deren -Stelle die besondere Echtheit eines einzelnen annahm. Seine Wirkung -ist bis auf den heutigen Tag so umklammernd, daß selbst der Wiener -Dialekt Girardi-Worte mitführt, die es früher nicht gegeben hat, die -niemals auf dem Wiener Boden wachsen könnten, die keine Wurzeln in -der wienerischen Sprache besitzen, die aber jetzt als selbständige -Schöpfungen in der Wiener Mundart leben. Dabei sind es Verzerrungen; -denn er kann gelegentlich über irgendein Wort herfallen, kann es mit -einem Hieb zum Krüppel schlagen, kann es zerquetschen und zerkneten -und ihm zugleich damit ein ganz neues, überwältigend komisches Gesicht -geben. Eine Zeitlang hat halb Wien in solchen Ausdrücken geredet, -und Sie werden zugeben, daß dies keinen Wiener Dialekt, sondern eher -einen Girardi-Jargon vorstellt. Man könnte sagen, vieles, was Girardi -tut, ist Wien, aber vieles, was Wien tut, ist Girardi. Unsere Stadt -ist sein ganzes künstlerisches Erlebnis. Unendlich viele feine und -grobe Reflexe der wienerischen Art funkeln in ihm. Unendlich viele -Nuancen des wienerischen Wesens, zarte und derbe, drücken sich in ihm -aus. Aber wenn Sie den Begriff Wien als ein Ganzes nehmen, zu dessen -Bestandteilen auch Schubert und Kriehuber und Grillparzer und Schwindt -und Fischer von Erlach und Makart gehören, dann werden Sie finden, daß -Girardi weder der Spiegel noch der Ausdruck des Wienertums ist; nicht -der Wiener, sondern unter wenigen erlesenen Wienern: Auch einer. - -Daß man bei den erbärmlichsten Possenfiguren, die er darstellt, oft -wie von ferne den Atem wirklicher Tragik spürt, daß die Puppen bei ihm -gleichsam transparent werden, und der Zuschauer durch sie hindurch in -tiefe Menschlichkeiten blickt, daß man immer wieder, wenn man Girardi -in einer elenden Schwankrolle begegnet, überzeugt ist, er könne auch -klassische Meisterrollen spielen, möchte ich so hoch nicht anschlagen. -Was wäre denn auch ein Humor ohne diese dunkeln Untertöne? Was wäre -uns ein Komiker ohne diese Durchblicke ins Menschliche? Ich weiß nicht, -ob wir über ihn lachen wollten, aber ich bin sicher, daß wir nicht über -ihn reden würden. Vielleicht ist der Zug ins Klassische in irgendeiner -Epoche Girardis näher und stärker gewesen; vielleicht haben wir da für -die Kunst des großen Stiles einen Verlust zu beklagen. Ich glaube nicht -sehr daran. Das heißt, ich glaube wohl an die objektive Gabe Girardis, -in dieser Kunst ein Hohes zu leisten, aber ich bezweifle sein dauerndes -Bedürfnis danach. - -Dieses dauernde und leidenschaftliche Bedürfnis, über sich selbst -hinweg zu Höherem, und auf höheren Gipfeln wieder zu sich selbst zu -gelangen, lebt in Kainz. Ich bezeichne damit keinen Unterschied der -Werte, sondern nur die verschiedenen Wege, die Kainz und Girardi -gewandelt sind. Beide von demselben Punkt ausgehend, dieser immer durch -Wien, allein durch Wien, und auf den allernächsten Straßen immer wieder -zum eigenen Ich; jener durch aller Herren Länder. Girardi, indem er -alles zum Werkzeug seiner Persönlichkeit macht, alles in den Dienst -der angeborenen Art zwingt; Kainz, indem er sich als ein Instrument -darbringt und allen Geistern dient, die ihn entzücken. - -Es gibt keinen anderen deutschen Schauspieler, der wie Kainz den -Romanen so nahe wäre, der Beredsamkeit des romanischen Temperaments, -der musikalischen Anmut und der tänzerischen Biegsamkeit. Ich weiß -nicht, wo ich diese wunderbare österreichisch-italienische Mischung -heute im sichtbaren Leben fände, um sie Ihnen als Beispiel anzubieten, -aber ich erinnere Sie an manche Paläste in Wien und in Salzburg, die -von italienischen Baumeistern errichtet, und nachher von Canaletto -gemalt wurden, und deren Linien in geheimnisvoller Harmonie alles -aussprechen, was wienerisch, und zugleich alles, was über das -Heimatliche hinaus italisch, südlich und sonnig ist. - -Es gibt auch keinen anderen Schauspieler als ihn, der sich zu einem -solch vollendeten Instrument der Dichter gebildet hätte. Gebildet an -seinem knabenhaft schmalen, in allen Gelenken jugendlich behenden -Leib, an seinem schlagfertigen, feinhörigen Geist und an allen seinen -Mitteln des Ausdrucks. Keiner ist ein solcher Meister der köstlich -bewußten, durchgearbeiteten, der besiegten und zu etwas Unwillkürlichem -gewordenen Technik. Es ist mir keiner gegenwärtig wie er, der die -Geheimnisse der Technik so ergründet, keiner, der ihre Mühseligkeit so -überwunden hätte. Und gewiß besteht das tiefste Wesen der Kunst nur -darin, die Geheimnisse der Technik zu entziffern, das edelste Wesen der -Kunst darin, die Mühsal des Technischen in Leichtigkeit zu verwandeln, -seine Hindernisse in Stützen, seine lastende Schwere in ein Mittel zum -Vogelflug. Es ist mir immer wunderlich, wenn ich einen Schriftsteller -abfällig Wortkünstler nennen höre, einen Schauspieler Sprechkünstler; -denn was soll ein Schriftsteller sein, wenn er nicht ein Künstler -am Worte, und was ein Schauspieler, wenn er nicht ein Meister des -Sprechens ist? Es erscheint mir immer wunderlich, wenn einer es -niederschreibt, dieses oder jenes sei nicht zu schildern, sei nicht -auszudrücken, und nicht zu nennen. Denn worin besteht nun sonst in der -Welt seine Aufgabe und sein Daseinsrecht wenn er ein Schriftsteller -sein will, als eben darin, daß er verpflichtet ist, zu schildern, was -sich nicht schildern läßt, verpflichtet, auszudrücken, was dem Ausdruck -gerne sich entzieht, verpflichtet, zu nennen, was mit gewöhnlichen -Benennungen nicht ergriffen werden kann? Die Gabe, irgend etwas -Künstlerisches zu vollbringen, ist doch in uns nicht wie das Wasser -im Schoß eines Brunnens, daß man nur den Hahn aufzudrehen braucht, um -es immerzu laufen zu lassen. Wie viele aber tun nur eben dieses, -- -gerade bei den Schriftstellern und Schauspielern --, lassen rinnen -und strömen, was in ihnen ist, wie es die Gnade des Augenblicks just -gewährt, stehen dabei und verehren andächtig das Walten des Gottes, den -sie in sich glauben. Wie viele saloppe, von Verlogenheit, von Faulheit -und von sorglosem Hochmut zurechtgekleisterte Mache tritt uns in der -Kunst feierlich und anspruchsvoll als »Arbeit« entgegen. - -Wenn Sie aber erwägen, wie viele erlauchte Kräfte der Seele und -des Verstandes angestrafft werden müssen, wie viele edle Kräfte -des Körpers, wenn Sie erwägen, mit welcher Gewalt sich ein Mensch -immerfort zusammenfassen muß, damit er fähig werde eine Technik zu -erwerben, und wie tief er in sein eigenes Selbst muß schauen können, -damit er +seine+ Technik erringe, dann werden Sie gerne verstehen, -daß es vor allem die Arbeit ist, die mich an Kainz bezaubert. Diese -wunderbar funktionierende Arbeit voll jeder Lust an der schwersten -Bravour. Dieser Schauspieler besitzt sich selbst in jedem Augenblick. -Sein ganzer feiner, komplizierter Organismus gehört und gehorcht -seiner Arbeit und er beherrscht ihn so, daß sein Künstlerwesen keinen -Augenblick in jene demütigende Abhängigkeit gerät, welche die Schwachen -Stimmung nennen. Er hat ihn so vollkommen entwickelt, daß es keine -ungenützten Reste, keine versäumten und verschleuderten und verlorenen -Möglichkeiten bei ihm gibt. - -Manchmal läßt er diesen Organismus sozusagen leer laufen, läßt diese -brillant funktionierende Technik einfach absurren. Sie haben ihn ja -selbst schon an solchen Abenden gesehen, und Sie werden den Zustand, -in dem er sich da befindet, gewiß nicht mit jenem verwechseln, den -ich oben Stimmung genannt habe. Es ist, als zöge er sich gleichsam -aus seiner Arbeit zurück, als nehme er ihr sein Seelisches. Aber -es ist kein Erliegen, kein Gelähmtsein, welches den Künstler unter -sein Wollen, unter seine Aufgabe wirft und ihn am Schaffen hindert. -Vielmehr ist es ein innerliches bewußtes Sichabwenden von einer längst -gelösten Aufgabe; vielmehr ist es das unwillkürliche Abfallen des -Schöpfers von seinem vollendeten Werk. - -An solchen Abenden, aber manchmal auch in Augenblicken des Glanzes, -manchmal auch an dem von plötzlicher Gleichgültigkeit wie gehöhlten und -berstenden Klang seiner unermeßlich reichen Stimme ist es zu spüren, -daß dieser Schauspieler, der an der äußersten Grenze des Meisterlichen -steht, anfängt, über seine Kunst hinweg zu leben, daß es ihn über die -Grenzen seines Berufes hinwegzieht, über diese Grenze hinaus bangt --- irgendwohin. Er ist so hart bis an den Rand jeglicher Erfüllung -gestiegen, daß er sich manchmal schon von der Dämonie des Vergeblichen -angehaucht fühlt. Diese Existenz jenseits aller erlebten Reife ist die -subtile Tragik seiner Gegenwart und das Problem seiner Zukunft. - - - - -MENAGERIE IN SCHÖNBRUNN - - -Vor wenigen Jahren gab es fünf oder sechs junge Bären in Schönbrunn. -Herzige kleine Dinger, die in ihrem frischen Wollpelz aussahen, als -trügen sie zu weite Hosen. Alle schienen sie, mit ihren fröhlichen -Ohren, mit den weichen, hilflosen und doch so geschickten Bewegungen, -und mit den listig schmunzelnden Schnauzen wie geborene Komiker. Man -hatte die ganze Gesellschaft in einen Zwinger gesteckt; da spielten -sie, rauften miteinander, kugelten und balgten sich. Es war die -richtige Kinderstube. Wie dann die Leute anfingen, sie zu füttern, -wurden die kleinen Bären gewerbsmäßige Bettler; saßen beständig -nebeneinander am Gitter, jammerten und stöhnten, als müßten sie Hungers -sterben, wenn sich von den Vorübergehenden niemand ihrer erbarmte. Und -je mehr Zulauf sie hatten, desto herzbrechender wurden die Klagen, die -sie anhoben. Noch mit dem Bissen im Maul fuhren sie fort zu wimmern, -daß die Mildtätigkeit nur ja nicht erlahme und keiner denke, so vieler -Kummer sei mit geringem Almosen gestillt. Durch ihren Erfolg verlockt, -begannen die japanischen Bären gegenüber ein Konkurrenzgeschäft und -stimmten ein originelles Flennen an, das geradezu Aufsehen erregte. -Es war ein ganz dünnes, zimpferliches Weinen, tremolierend, atemlos, -und boshaft, wie von jemandem, der friert und der sich ärgert. Aber -dieses Ehepaar hatte auf die Dauer kein Glück, denn es war ein düsteres -Familiengemälde, das sich hier bot. Der Mann, ein ausgemachter -Heuchler, schlug seine Frau in aller Wehmut, so oft sie einen Brocken -erhaschte. Wimmernd und wehklagend mißhandelte er seine Gefährtin und -nahm gerührt alles für sich allein. - -Dann kam ein Wolf in die Menagerie. Der saß eines Tages hinter Schloß -und Riegel und festen Eisenstäben und war sehr unglücklich. Denn -er war ein Wolf, der einst bessere Tage gesehen hatte. In seiner -Jugend war er irgendwo bei einer guten Frau wie der Hund im Haus -behandelt worden. Das ist enorm viel für einen Wolf, und er konnte der -glücklichen Zeit nicht vergessen. Die Behörde war eingeschritten, und -in ihrer unerschöpflichen Weisheit hatte sie entdeckt, ein Wolf sei ein -reißendes Tier. Also vertilgen oder ihn vorschriftsmäßig unterbringen. -All seine Sanftheit half nichts; es half nicht, daß er gehorsam -auf jeden Ruf herbeigelaufen kam, nicht, daß er mit bestrickender -Liebenswürdigkeit wedelte, nicht, daß er -- an gekochtes Futter -gewöhnt -- das blutige Fleisch verschmähte, es half nicht, daß er sich -streicheln ließ und zärtlich die Hand zu lecken verstand; er wurde als -reißendes Tier eingesperrt. Es war einfach ein Justizmord. Dazu gab man -ihm einen ungezähmten Gefährten. Offenbar um einen ordentlichen Wolf -aus ihm zu machen. Er blieb sanft. Er duldete die Bisse und Schläge -seines Zellengenossen und konnte nur weinen. Der Kaiser hat ihn einmal -auf einem Morgenspaziergang jammern gehört, fand ihn blutig und -hilflos und befahl, daß der gute Wolf vom bösen befreit werde. - -Dann gab es einen weißen großen Kakadu in Schönbrunn, der ein Simulant -war. Hatte er Zuschauer, begann er sofort mit seiner Komödie. Er besaß -eine kunstvolle Art, langsam und mit vielen Umständen seine Kette -um Hals und Kopf zu winden und sie außerdem an der Kletterstange zu -verwickeln, so daß es den Anschein hatte, als habe er sich unversehens -stranguliert. Hing er endlich in der selbstgedrehten Schlinge, dann -erhob er mit einemmal ein gottsjämmerliches Schreien und Kreischen, -schlug mit den Flügeln, als stünde sein qualvolles Ende bevor. Immer -saß irgendwer diesen gellenden Hilferufen auf und lief nach dem Wärter. -Die Zurückgebliebenen bedachten indessen erregt, ob der arme Vogel wohl -so lange noch leben könne. Wenn er aber merkte, daß nun die Spannung -ihren Gipfel erreicht habe, oder wenn ihm jemand beistehen wollte, zog -er plötzlich den Kopf aus der verschlungenen Kette, schwang sich auf -seine Sprosse und schaute ganz still und ruhig umher, als sei nichts -geschehen. - -Dann gab es einen Löwen, der sich gemütlich ans Gitter preßte und -sich die Mähne krauen ließ. Nach einer Weile aber fuhr er mit -erschrecklichem Fauchen herum, schlug mit den Tatzen nach dem -freundlichen Wärter und benahm sich so recht als ein großer Herr, der -treue Dienste mit grausamer Undankbarkeit lohnt. - -Früher bin ich alle Tage in den Schönbrunner Garten gegangen und -am liebsten bei den Tieren gewesen. Die vielen großen und kleinen -Tragödien, die sich hier abspielen, all die lustigen Zwischenfälle, die -drolligen Episoden, diese verschiedenartigen Äußerungen und Anzeigen -einer zwar deutlich wahrnehmbaren, für uns aber unverständlichen und -geheimnisvollen Vernunft können stundenlang aufregen oder erheitern. -Jetzt sind die Bären erwachsen, und nur ein einziger kleiner Kerl -wohnt in der Kinderstube von damals. Die japanische Konkurrenz hat -sich beruhigt und führt ein ziemlich friedliches Dasein. Der arme Wolf -wird immer noch nicht müde, seine Unschuld zu beteuern; begrüßt jeden -mit demütiger Gebärde und sitzt den ganzen Tag mit sehnsüchtigen Augen -da. Heute wissen ja alle, daß er zahm, lieb und ungefährlich ist. -Trotzdem muß er hinter Gitterstäben bleiben; nur weil er ein Wolf ist. -Aus keiner anderen Ursache. Und so mancher bissige Hund läuft frei -umher, wird geachtet und geehrt. Aber wer kann eingewurzelte Vorurteile -besiegen? Da gibt es denn nichts Verfehlteres im Leben als einen Wolf, -der mit den Wölfen nicht heulen will. - -Der Kakadu ist noch derselbe Schwindler und foppt die Leute, so -oft es ihm gefällt. Dem Löwen aber hat man, wie es scheint, seine -Herrenlaunen abgewöhnt. Geduckt sind alle diese Tiere durch ihre lange -Gefangenschaft. Ihnen allen ist die Menschenfurcht von den Mienen -zu lesen. Aber verändert sind sie in ihrem Wesen nicht. Manchmal -revoltieren sie, und solche Augenblicke, in denen ihre wirkliche Natur -hervorbricht, sind von einer wunderbaren Gewalt. - -An sommerstillen Abenden, wenn die Löwen unruhig in ihrem Käfig -umherlaufen oder stehen bleiben, das Haupt tief herabgesenkt, -aufmerksam witternd; wenn der Königstiger sich erhebt und die -ungenützte Kraft in seinen Flanken zittert; und wenn sie dann alle -ihr Gebrüll beginnen, das wie ein schmerzliches Stöhnen und Blasen -sich anhört, dann fallen die anderen Tiere ein, und dann ist es ein -mächtiger Chor der Gefangenen. Und es ist von einem sonderbaren -Reiz, die Stimmen aller Länder und Zonen hier auf einem einzigen -Platz zu vernehmen. Die Löwen der afrikanischen Wüste, die Tiger aus -den Dschungeln Indiens, den Schrei der Pardelkatzen aus Brasilien, -das Brummen der nordamerikanischen Bären, die wilden Trompetenstöße -der Elefanten, tropisches und arktisches Getier, als ob sie aus -allen Weltteilen ihre erbitterten Klagen erheben wollten gegen eine -drückende, ungerechte und quälende Herrschaft. - -Versöhnlicher hört sich das in der großen Volière an, in diesem hellen, -belebten Saal, in dem die Vogelstimmen aus allen Wäldern der Erde -ineinanderklingen. Von einer beständigen, fröhlichen Musik ist das -freundliche Gelaß erfüllt. Tausendfache Melodien tausendfach ineinander -verschlungen, Töne von einer märchenhaften Reinheit, ein Gesang von -so schallendem Jubel, daß man sich von linder, tröstlicher Heiterkeit -unwiderstehlich ergriffen fühlt. Staunend betrachtet man hier die -wundersamsten Launen der schaffenden Natur. Winzige Vögel, die in -der Farbenglut ihres Gefieders aussehen wie lebendiges Geschmeide. -Prunkvolle, majestätische Tiere wieder mit richtigen Kronen auf dem -stolzen Haupt; Tiere von heraldischer Würde, und dann wieder tolle, -groteske Einfälle, Karikaturen, beschämte Existenzen, äußerste -Plumpheit und himmliche Anmut; märchenhaft holde Gebilde und höhnische -Verzerrungen, und beinahe mit frommen Gedanken findet man sich einer -Kraft gegenüber, die mit sorglosem Gleichmut solch höchste Vollendung -der Schönheit und so erbärmlich mißlungene Versuche nebeneinander -bietet. Merkwürdige Vögel lernt man hier kennen, mit lyrisch-zärtlichen -Namen wie die Diamant-Amandine; mit Namen aus Tausendundeiner Nacht, -wie den Vogel Bülbül, von dem manche Leute glauben, daß er gar nicht -existiert. Hier hüpft er gar zierlich in seinem Bauer umher und ist der -Nachbar des echten Pirol. Gegenüber jedoch wohnt einer, der wie eine -kleine gelbe Krähe aussieht. Gelb mit schwarzen Kopfflecken, schwarzen -Schwingenfedern. Er hat ein scheues, schweigsames Wesen und heißt: Der -schwefelgelbe Tyrann. - -In der Volière wird der Zwang, den die gefangenen Tiere erleiden, am -wenigsten kenntlich. Aber draußen, die Adler und Geier, die in ihren -Käfigen sitzen und mit kummervollen Augen ins Weite schauen, die ihre -Schwingen breiten und sie wieder langsam, gleich als ob sie seufzen -würden, zusammenfalten, die sehen wirklich aus wie gefesselte Helden, -und sie können einen manchmal arg verstimmen. Ein Kind sagte neulich: -»Ich weiß jetzt, Vater, wie die Adler aussehen, und du kannst sie -schon wieder fliegen lassen.« Wir wissen auch, wie Löwen und Tiger -aussehen, und lassen sie doch nicht laufen. Aber das ist, abgesehen -vom Schaden, den sie stiften würden, eher zu begreifen. Denn die -Menschen empfinden es als einen Reiz, gebändigte Wildheit zu beschauen, -gefesselte Riesen anzugaffen und an wehrlos gemachter Kraft sich zu -weiden. Jeder hat schon bei sich, vor dem Zwinger, erwogen, »was der -Löwe tun würde«, wenn man ihn plötzlich freiließe. Ich hab' mich -niemals dazu vermocht, ihm was Schlimmes zuzutrauen, ob ich gleich -all die blutigen Dinge, die ihm nachgesagt werden, nicht im mindesten -bezweifle. So oft ich ihn aber sehe, erscheint er mir sanft, anmutig, -harmlos und besser als sein Ruf. Selbst wenn er brüllt, sieht er nicht -wild aus, sondern eher, als sei ihm bedenklich übel. Und im übrigen ist -der Löwe in unserem Bewußtsein schon mehr ein Klischee geworden als -ein lebendiges Wesen, eine Art dekoratives Gebilde, das ein jeder von -allen möglichen Wappen her kennt, von Brücken und Denkmälern, so daß -man glauben möchte, er werde in den Menagerien nur gehalten, damit er -seine Existenz beweise. Sicherlich denken die Leute in Afrika anders -darüber ... Nur im Königstiger läßt sich der Feind erkennen. Doch wenn -er in seiner engen Zelle die prachtvollen Glieder zum Sprung reckt, -wenn er die verlangenden Körperkräfte an den Eisenwänden verrast, dann -fühlt man Mitleid mit ihm und wünschte, diese Tiere, in denen der -Trieb nach Freiheit nimmer schläft, möchten wenigstens in ein größeres -Gehege gebracht werden. Es ist eine alte und, wie ich glaube, falsche -Menagerietradition, die Raubtiere so eng als möglich zu halten und den -Rindern, den Schafen und anderem gutmütigen, an den Stall gewöhnten -Zeug weiten Spielraum zu lassen. Würde man Löwen, Tiger, Leoparden, -Bären und Füchse in große Gehäuse bringen, wir könnten ihren Anblick -zehnfach genießen und ein Schauspiel der herrlichsten Bewegungen würde -sich entfalten. - -Der gleiche Brauch bewährt sich ja im Affenhaus, vor dem die großen -und die kleinen Kinder sich amüsieren. Im Grunde aber ist es doch ein -recht melancholischer Spaß, den man mit diesen kränklichen, boshaften -und lächerlich menschengleichen Geschöpfen hat. Wie gehässige, -misanthropisch ausgesonnene Karikaturen, wie gespenstische Zerrbilder -und böse Träume wirken sie auf die Dauer. Es ist, wenn man einen -Affen betrachtet, als habe ein Mensch durch Krankheit oder durch -verruchten Zauber den Gebrauch seiner Gaben verloren, als falle er -in den tierischen Urstand zurück. Und während alle Schamlosigkeiten -des Körpers die Übermacht gewinnen, quält er sich ab, diesem Jammer zu -entwischen, bleibt mit menschlichen Mienen und tierischen Gebärden an -der fürchterlichen Grenze zwischen Mensch und Vieh. Diese Versuche, die -ihn uns wieder nähern sollen, wirken wie fast alle Vergeblichkeiten -aufs erste freilich komisch. Die Leute möchten vor Lachen rasend -werden, wenn so ein kleiner Mandrill einen Spiegel in die Hand kriegt -und sich über das Wunder nicht zu fassen weiß. Und das Amüsement -kennt keine Schranken, wenn ein Affe all das nachzuahmen sucht, was -ihm einer aus dem Publikum vorzeigt. Da wirkt der tiefe Ernst solcher -Bemühungen und ihre Fruchtlosigkeit lächerlich. Aber wer einmal nur -einen kranken Affen gesehen, wer diesen flehenden, kummervollen -Menschenblick geschaut hat, diese dunkeln, klugen Augen, die in -Tränen schwimmen, diese vergrämten, greisenhaften und so verzweifelt -kinderähnlichen Züge, der wird ein atavistisches Grauen bei ihnen -nicht mehr los. In Wirklichkeit possierlich sind nur jene Tiere, die -man ohne Befangenheit betrachten kann. Tiere, von denen uns weite -Distanzen und Zwischenstufen trennen. Ein Drahtgitter aber ist noch -keine ausreichende Scheidewand. Und es dient beim Affenhaus nur dazu, -gelegentliche Verwechslungen und Irrtümer hintanzuhalten. - - - - -MAUERBACH - - -Am Laudonpark vorbei führt die schöne, sanft ansteigende Waldstaße nach -Mauerbach. Gleich an ihrem Anfang steht das alte Laudonschloß mitten -in einem stillen dunkeln Weiher. Man soll hier nicht vorbei, ohne -diesen ruhevollen Herrensitz zu betrachten. Ein wenig neidisch wird -man freilich, wenn man da so um die Mauern streicht und zu den hohen -Fenstern emporblickt und dabei sich ausmalt, wie ganz wunderbar es sein -muß, so mit allem Luxus und behaglicher Vornehmheit eingebettet sein -inmitten des Waldes, umbuscht und umgrünt von einem Getümmel blühenden -Strauchwerks und himmelragender Bäume. Auf dem stillen Weiher ziehen -lichte Schwäne ihre Bahn, hellgrün belaubte Weiden lassen ihre Zweige -in das Wasser niedersinken, und die Quadern des Schlosses spiegeln -sich darin. Es ist ein Bau im Stil der Maria Theresienzeit. Anmutig -und feierlich, und mit einem Zug ins Heroische. Daß man erst über eine -steinerne Brücke gehen muß, um an das Tor zu gelangen, gibt dem Schloß -das Aussehen einer Veste. So bauten die großen Soldaten vergangener -Epochen. Immer, auch wenn sie sich zur Ruhe setzen, tun sie, als ob sie -sich verschanzen wollten. - -Der Feldmarschall Laudon ist in Weidlingau noch sehr populär. Seine -Nachkommen leben in dem schönen Schloß, das er ihnen hinterließ. -Er selbst aber liegt draußen im Walde begraben. Neulich habe ich -ihn sogar mitten durch die Hauptstraße reiten sehen, umgeben von -seinem Stabe, im weißen Waffenrock, das Goldene Vließ auf der Brust -und hinterher ein Schwarm türkischer Gefangener. Voran kamen zwei -Herolde in altdeutscher Tracht. Und auf seinem Zuge ließ sich der -Generalfeldmarschall photographieren. Das Ganze war ein Sängerfest, -und der Mummenschanz nahm sich auf sonniger Straße hübsch genug aus. -Namentlich der Feldmarschall Laudon, von einem schlanken jungen Mann -mit Würde dargestellt, erschien hier wie ein alter Bekannter. Er glich -aufs Haar dem Laudon auf dem Wirtshausschild, was für beide, für den -gemalten wie für den kostümierten Generalissimus, als ein voller Beweis -ihrer historischen Echtheit gelten darf. - -An diesem festlichen Tage fuhr ich, dem etwas langwierigen und lauten -Männergesang zu entwischen, wieder einmal die Straße nach Mauerbach. -Dort draußen kann man ja auch Sonntags im Freien sich ergehen, der -frischen Luft genießen, ohne allzuvielen Menschen zu begegnen. Der -große Schwarm hält sich eben dicht an der Bahnstrecke, und in dieses -friedliche Seitental kommen nur wenige. - -Ein schmaler weißer Streifen, zieht die Waldstraße durch die schöne -grüne Welt. Berge ringsumher, sanfte, freundliche Berge, einer zärtlich -immer an den anderen gelehnt. Und breite, fröhliche Wiesenflächen, auf -denen einsame Erlen ihre Äste breiten. Hier und da eine alleinstehende -Eiche, die aussieht, als sei sie mit den anderen Bäumen verfeindet und -halte sich nun trotzig abseits von ihnen. Oder ein paar zarte junge -Birken mitten auf einer Wiese, als sei es ihnen im Walde zu langweilig -geworden, und als wollten sie nur eben ein bißchen spazierengehen. Und -der weiße Wegstreifen vor dir läuft immerzu ins Grüne hinein, bergauf, -bergab, wie unsere Sehnsucht, die sommerlich ins Freie strebt. - -Man blickt zurück und findet sich völlig eingeschlossen von der -Lieblichkeit der Wienerwald-Landschaft, in der so viel Eichendorffsche -Stimmung ruht. O Täler weit, o Höhen! Wie nah ist man hier doch der -Stadt, oder wie fern von ihr? Man weiß es nicht. Es können viele, -viele Meilen sein, so still ist es da, und so unberührt ist die Flur. -Nicht einmal der Wind trägt das lärmende Wanderlied der Eisenbahnzüge -bis hierher. Nur Amselrufe, Finkenschlag und Lerchengesang, und das -helle Zirpen der Grillen, das von den Wiesen aufsteigt wie der tönend -gewordene Atem der blühenden Erde. Lange wird dieser Frieden nicht mehr -dauern. Dann kommt die Bahn. Die »Wienerwald«-Bahn, wie man sie heute -schon nennt, die von Hütteldorf über Judenau nach Tulln-Herzogenburg -führen soll. Dann wird auch das jungfräuliche, wenig besiedelte -Mauerbachtal, das jetzt so hübsch außer der Welt liegt, von Lärm und -Unrast und Neugier erfüllt sein. Schlag' noch einmal die Bogen um mich, -du grünes Zelt! - -Dann freilich wird auch das kleine Mauerbach für die sogenannten -weitesten Kreise entdeckt werden. Und man wird finden, daß es ein -seltsamer und sehenswerter Ort ist. Maler werden hierher kommen und das -alte Karthäuserkloster malen, und die Pfründner, die jetzt darinnen -wohnen, wird man auf Bildern sehen, die den Armenhausbildern von -Gotthard Kuehl gleichen werden. Und man wird bemerken, daß Mauerbach -geradeso schön ist, wie die vielgerühmte Beguinage in Brügge, und -ebenso vom Zauber einer wunderbaren, wehmütig lieblichen Stimmung -übergossen, wie die stillen Stätten verrastender Greise in Holland. - -Schon der abschüssige Dorfplatz in Mauerbach ist von einer merkwürdigen -Schönheit. Die große uralte Linde, die in seiner Mitte steht, und das -tief gelegene, farbige Portal, das den Eingang zur Karthause bildet. -Verwachsene Fresken zieren den kühnen Steinbogen dieses Durchlasses, -der eine Vedute auf den weiten Vorhof eröffnet. Es ist wie der Eingang -zu einer Burg. Hinter dem vergitterten Fenster, das wie ein einziges -Auge aus dem verwitterten Gemäuer blickt, mag einmal der Torwart -ausgespäht haben. Jetzt sitzen die alten Frauen und Männer hier in der -Sonne, oder rings um die Linde, oder sie kauern am Zaun der kleinen -Vorgärten und schauen die Straße hinunter, die aus dem Gewühl des -Lebens hierher zu ihrer Einsamkeit führt. - -Über den weiten Vorhof, in dem die Hühner und Gänse ihre Prozessionen -halten, kommt man zum Kloster. Ein Wassergraben, durch den der -Mauerbach rinnt, wehrt den Zugang und erinnert wieder an eine Festung. -Weiter unten steht auch ein runder, spitzbedachter verwitterter Turm -mit kleinen Schießscharten. Die Karthäuser mögen sich gegen alle -Zufälle vorgesehen haben. Denn es war eben doch nicht ganz gemütlich -hier, mitten im Wald, vor vier- oder fünfhundert Jahren, und die -»Wienerwaldbahn« ruhte damals noch tiefer im Zeitenschoße als jetzt. -Die Pfründner natürlich haben dem Bollwerk eine andere Bestimmung -anphantasiert. Sie nennen ihn den Hungerturm und behaupten, man habe -sündige Mönche da hineingesperrt und sie elend darin versterben lassen, -und natürlich gibt es einige, die wissen wollen, daß es in dem alten -Turm spuke. - -Durch schöne breite Gänge spaziert man in dem Kloster umher. -Kreuzgänge, in denen es angenehm kühl ist, in denen die Schritte -auf den Steinfliesen hallen, und wo das geschnitzte Holzwerk an den -Türrahmen nachgedunkelt und tiefbraun geworden ist. Schlafsaal -- -Krankensaal -- liest man jetzt, wo früher Refektorium oder Bibliothek -gewesen. Dann die Kirche. Sie ist klein, aber hoch, und hat einen -prunkvollen Altar mit einem mächtigen Bild darüber; rechts und links -zwei überlebensgroße, in Gold und reichen Farben prangende Holzstatuen. -Hier ist auch das Grabmal Friedrichs des Schönen, der die Karthause -einst gegründet hat. Draußen im Garten wird die Stelle gezeigt, an der -Friedrich im Walde sich verirrte und das Gelöbnis tat, wenn Gott ihn -aus der Wildnis führe, hier ein Kloster zu erbauen. Und Gott rettete -den schönen jungen Herzog. Und der »bonus dux« wie die Grabschrift -ihn nennt, hielt seinem Schöpfer, was er versprochen. Lange hat er in -dieser Kirche geschlafen, hinter diesem roten Marmorstein, der heute -noch sein Lob kündet. Als dann Josef II. das Kloster aufhob und zu -einem Armenhaus verwandelte, wurde auch der Stifter von den Mönchen -hinweggenommen und anderswo gebettet. Ich glaube, zu St. Stephan in -Wien, oder im Stift zu Heiligenkreuz. - -Die Kirche aber ward zu groß befunden für die Armenhäusler, und so -führte man in der Mitte eine Mauer auf, ließ das vordere Hauptschiff -als Kapelle bestehen und teilte die rückwärtige Hälfte in mehrere -Stockwerke, so daß jetzt zwei Schlafsäle übereinander den Raum -einnehmen, den früher das Orgelemporium hatte. In dem obersten Saale -sind alte Frauen. Da ist es denn für sie beinahe wie im Himmel selbst, -denn sie sehen durch die Fenster geradeaus in die Kirche herunter, -können von ihrem Bette aus den Hochaltar erblicken, die Messe hören, -und der sanft schütternde Klang der Orgel dringt bis herauf in ihre -Stube. Wenn sie aber morgens die Augen aufschlagen, dann haben sie -gleich eine ganze Engelsschar über ihrem Haupt. Weil nämlich die -prächtige Kirchendecke mit ihren Gemälden und ihren Stuckverzierungen -hier unversehrt geblieben, genießen sie diesen Luxus, der ja in -Armenstuben selten und sonderbar genug ist. Wo aber die Wand an die -Kirchendecke stößt, schneidet sie freilich recht unbekümmert die ganze -Herrlichkeit entzwei. Und da fährt nun ein Engel zum Zimmer herein, der -halben Leibes noch in der Kirche drüben steckt. Ein anderer wieder ist -noch mit den Beinen hier innen, während er mit Kopf und Armen voran in -die Kirche strebt, und nimmt sich aus, als sei er hier gefangen und -eben mit allen Kräften bemüht, zu entschlüpfen. - -Es ist ein merkwürdiger Raum, dieser Schlafsaal armer, alter Frauen, -dessen Dielen Weichholz sind und dessen Plafond an fürstliche -Prachtgemächer erinnert. Welch eine ergreifende Atmosphäre! Wie -nah am Tode und am Ende aller Dinge fühlt man sich hier! Wie viel -verbrauchtes Leben, vollendetes Schicksal, überstandene Sorge, wie -viel Hoffnungslosigkeit und Trauer, müdgeweinte Enttäuschung, wie viel -endgültiges, demütigendes Verzichten, wie viel Abschiedsschmerz atmet -hier, wo die Menschen nichts mehr zu tun haben, als auf ihr Stündlein -zu warten! - -Da sitzen die alten Frauen vor den Fenstern und schauen in die Kirche -hinunter, mit stillen, erloschenen Blicken, die so bewegungslos und so -undurchdringlich sind. Oder sie hocken auf ihren Betten und verstricken -den Sommertag, oder wirtschaften mit einem enormen Aufgebot -selbsttäuschender Wichtigkeit in allerlei Kleinkram. - -Wie das Alter ertragen wird, kann man hier merken auf Schritt und -Tritt. Wie die einen gelassen sind und beschwichtigt, die anderen -in beständiger Aufregung, andere verzweifelt, andere beschämt und -verschüchtert, andere wieder fröhlich. Sie alle zusammen aber recht -egoistisch und zur Verträglichkeit wenig geneigt. Dort geht ein Greis -über den Hof, trägt stolz seine Medaillen und raucht lächelnd sein -Pfeifchen. Zwei andere aber stoßen sich an, blicken ihm spöttisch nach -und beschwatzen ihn. Oder eine alte Frau verläßt eine Gruppe. Sofort -finden sich die übrigen zusammen, ziehen über sie los, so ungeniert, -daß die Davongelaufene es noch hören muß. Aber sie ist es gewohnt, -kümmert sich nicht darum und macht es offenbar, wenn es die Gelegenheit -gibt, auch nicht anders. - -Beruhigt sind die Menschen auch hier noch nicht. Das kommt doch wohl -erst, wenn jeder für sich im Schrein liegt, wo niemand ihn sieht, und -wo er niemanden mehr beobachten, beneiden und bereden kann. »Was man -da alles hört ...« sagt eine kleine alte Frau zu einem Greis, der ihr -aufmerksam lauscht. »Gestern hat die Huber mit der Berger g'stritten, -weil der Meyer ihr zurückg'sagt hat ...« Und ihr vergilbtes, kraftloses -Gesicht leuchtet vor Vergnügen, so interessante Neuigkeiten zu -berichten. Erstaunt betrachte ich sie, wie sie auf dem Platz unter -der Linde stehen, alle beide ganz versunken in ihrem Gespräch. Ein -paar Schritte weiter hinauf, und man überblickt die Karthause, wie sie -eingebettet, im tiefen Wald, mitten in den Bergen hier einsam liegt. -Da glaubt man, hier ist die Ruhe, und hier steht alles Leben und alles -Geschehen stille. Und auf einmal sagt jemand: »Was man da alles hört!« -In Mauerbach ... - - - - -DAS WIRTSHAUS VON ÖSTERREICH - - -Wir fahren zum Stelzer nach Rodaun. Durch den lang hingestreckten Lärm -der Mariahilferstraße; durch diese Stromschnellen des Mittelstandes, -der hier in hunderttausend Alltäglichkeiten uns umschäumt. Draußen bei -den letzten Häusern ist es dann, als ob eine Türe plötzlich aufginge. -Da öffnet sich das Land, da wird der Himmel weit; von ferne schimmern -die Höhen des Wienerwaldes und durch die Luft weht der Atem des Mai. -Seitab der Straße, jenseits der Wiesensenkung lächelt Schönbrunn zu -uns herauf. Über das Schloß hinaus prangt die feierliche Anmut der -Gloriette am Firmament. Wir fahren durch das stille, noble Hietzing. -Blühende Gärten, Sommerpaläste aus den Tagen der Maria Theresia, -Biedermeierhäuschen und blühende Gärten. Weiter hinaus durch Lainz -und Speising, alte Bauerhütten und neue Cottagevillen. Wir fahren am -Rosenhügel vorüber, dann hinunter in die kleine Ortschaft Mauer, dann -noch eine enge gewundene Straße bergan, zwischen Gärten, in denen der -Flieder duftet. Auf der Graskuppe droben rasten die Pferde ein wenig. -Nun sind wir den Bergen nahe. Der Wind trägt den Laubgeruch der Wälder -zu uns her. Vor uns in der Tiefe, an die ersten Hügel geschmiegt, -weißblinkend das Dorf Rodaun. - -Drunten, beim Stelzer eine wirr drängende Auffahrt. Fiaker, Equipagen, -Automobile, Kutschierwagen. Beinahe wie vor dem Lusthaus im Prater -oder vor dem Pavillon d'Armenonville im Bois de Boulogne. Dies ist -nichts als ein altes Wirtshaus. Eine ländliche Diele, im Stil der -Kaiser-Franz-Zeit wienerisch; ein paar behagliche altmodische Stuben, -allerlei neuer Zubau an Veranden und Terrassen. Ein Garten, der den -Hügel erklettert, daran das Haus sich lehnt. Dreißig Wirtschaften gibt -es im Wienerwald, die schöner und lieblicher gelegen sind als diese -hier. Die Gegend ist reizend, aber sie wird von dreißig anderen hier -herum an Reiz übertroffen. Hier ist auch kein Ausgangspunkt, hier führt -kein Weg zu populären Landpartien. Man kommt eben nur heraus, um beim -Stelzer zu sein. Der ganze Garten schwirrt von eleganten Menschen. -Alle sitzen da unter den blühenden Kastanienbäumen und trinken Kaffee, -sitzen dann im oberen Garten und soupieren. - -Kleine Buben in Uniform, von Vater und Mutter, von Schwestern und -Tanten umgeben und umzärtelt, verschlingen gierig ihre Eisschokolade, -ihre Erdbeercreme und Kuchen. Zehnjährige, zwölfjährige Buberln, -fünfzehnjährige, sechszehnjährige Burschen. Sie sind ungefähr wie die -Theresianisten angezogen. Österreichischer Offiziersrock, silberne -Litzen am Kragen, österreichische Offizierskappen. Brave, saubere -Gesichter, die manchmal die Züge bekannter Familien tragen. Der Kleine -da mag ein Liechtenstein, der andere hier ein Auersperg sein, der -hübsche Pagenkopf dort ein Taxis. Diese kleinen Buben werden nebenan -in der Jesuitenschule erzogen. Fünfzig Schritte vom Stelzer liegt das -Kalksburger Kloster, darin diese Kinder aufwachsen, die jetzt schon so -offiziell und so österreichisch aussehen. - -Kalksburg ... in dieser Küche wird der österreichische Geist -zubereitet, wird gemischt und gewürzt, gedämpft und abgebrüht. In -die Jesuitenschule gehen alle, die geboren sind, dieses Land zu -regieren. Katholische Verhaltenheit, Kunst des Lavierens, innerliches -Gebundensein, Technik der kleinen Lüge und der feingesponnenen -Intrigen, Demut und Beschränktheit, Stolz und Gehorsam, Andacht, -Aberglaube, Snobismus, Weisheit und Mißtrauen, Liebe zu allem -Hergebrachten, Widerstand und Tücke gegen alles Neue, und noch viele -andere Dinge werden hier in die Menschen gepflanzt, Dinge, die man bei -uns sogleich begreift und erkennt, wenn man nur »Kalksburg« sagt. Hier -wuchsen die Gegner Josefs des Zweiten auf, hier wurden die Minister -des Kaisers Franz, die Diplomaten des Kaisers Ferdinand, die Ratgeber, -Botschafter und Statthalter Franz Josefs erzogen. Von hier aus nahmen -sie ihren Weg. - -Und ihr erster Weg war immer zum Stelzer. Hier ward, in der Kalksburger -Jesuitenschule, der staatsmännische Geist gebildet, der die Habsburger -Monarchie vom Deutschen Reich löste, der nach Achtundvierzig die -Reaktion verhängte, der auf den lombardischen Schlachtfeldern -unser Blut vergoß, der gegen das protestantische Preußen trieb -und uns zu Königgrätz brachte. Hier wird das pfaffenbeherrschte, -christlich-soziale Österreich jetzt machtvoll wieder aufgerichtet. In -dieser Waffenschmiede der Jesuiten wird unser Adel für Rom und seine -Kirche gerüstet. - -Aber wenn sie noch kleine Buben sind, und ihre Eltern herausgefahren -kommen, um sie zu besuchen, dann werden sie zum Stelzer geführt. -Es ist ihr erster Weg. Dann sitzen sie hier im Garten und essen -Gefrorenes und haben liebe, saubere, brave Gesichter. Die Väter sitzen -wohlwollend dabei, schauen zu, wie es den Kindern schmeckt, und denken -der eigenen Jugend: Kalksburg, die Jesuitenschule, die Uniform und -die Jause beim Stelzer. Diese kleinen Buben werden aufwachsen, werden -dann zur Universität oder auf die Orientalische Akademie gehen, oder -sie werden bei den Windischgrätz-Dragonern dienen. Dann werden sie -mit ihrer ersten Geliebten, mit einem hübschen Ballettmädel, oder mit -einer herzigen Choristin, oder mit einer französischen Varieteedame -im Fiaker fahren. Über die Mariahilferstraße, am Schönbrunner Schloß -vorbei, durch Hietzing und Mauer nach Rodaun, zum Stelzer. Sie werden -irgendeiner Botschaft attachiert sein, in Buenos Aires oder in -Peking, sie werden in die Statthalterei eintreten, bei irgendeiner -Bezirkshauptmannschaft in der Provinz, oder sie werden in einem -Ministerium arbeiten; und wenn sie dann im Frühling auf Urlaub nach -Wien kommen, werden sie wieder im Fiaker zum Stelzer fahren. Sie werden -irgendeine Prinzeß oder eine Komtesse heiraten und sich im Wonnemond, -vor dem Derby jedenfalls, mit ihrer Frau beim Stelzer sehen lassen. -Dann kriegen sie Kinder, die wieder nach Kalksburg zu den Jesuiten -in die Schule müssen, und die kleinen Buben führt man dann wieder in -den Gasthausgarten her, damit sie Gefrorenes essen zu ihrer Erholung -vom Studium. Sie werden Hofräte und Sektionschefs und Generale und -Leibgardekapitäns, und wenn man an linden Frühsommerabenden unter -freiem Himmel »nachtmahlen« will, oder zum Kaffee ins Grüne fahren, -dann ist es wieder zum Stelzer. Denn man ist konservativ und treu. -Seinem Gott, seinem Kaiser, seinen Jesuiten, seinem gewohnten Weg und -seinem Wirtshaus. Sie werden Minister und Exzellenzen und Statthalter -und Gouverneure, halten die Schnüre der großen Politik in der -Hand, haben feine und delikate Geschäfte auszuführen, mit fremden -Diplomaten, mit irgendeinem Parlamentarier oder mit einem Börsenbaron; -Angelegenheiten, die man vorerst ganz vertraulich, ganz privat -behandeln muß und ganz gemütlich. Da gibt man solch einer Konferenz, -in der manchmal das Schicksal Österreichs ein bißchen entschieden -wird, den harmlosen Charakter eines Soupergespräches, den Anschein -zufälliger Begegnung, und man plaudert beim Stelzer draußen in einem -Gartenzelt, wenn's Sommer ist, oder in einer der behaglichen Altwiener -Stuben, wenn ringsum der Schnee auf den Bergen liegt. - -In diesen Stuben sind die Wände bedeckt mit Photographien. Prinzen und -Prinzessinnen, ungarische Magnaten, polnische Schlachzizen, wienerische -Geldfürsten, Theaterköniginnen, berühmte Tenoristen, populäre Komiker. -Eine Galerie, die verschollenen Ruhm und versunkene Macht wieder ins -Gedächtnis bringt, und Gesichter zeigt, die in den Sechziger- und -Siebzigerjahren des vorigen Säkulums lebendig und bekannt gewesen; -Gesichter, die heute lebendig und bekannt sind. Auf jedem Bild -Unterschrift und Widmung an den Wirt. In diesen Stuben sind Geheimnisse -der Monarchie besprochen worden, diese Wände haben den Klatsch der -großen Gesellschaft gehört und das Flüstern galanter, vornehmer -Abenteuer. - -Der schmale Weg vom Kloster her hat die Leute zuerst zum Stelzer -gebracht. Kloster und Wirtshaus, Kirche und Lustbarkeit, das ist eine -uralte katholische Nachbarschaft. Mit den Adeligen sind die Kokotten -gekommen, mit den Kokotten die reichen Bürgersöhne, die Sprößlinge der -großen Bankhäuser; es kamen die Fabrikantenfamilien vom Grund, es kam -die prunkvolle Finanzwelt, die Künstler kamen, das Theater, einfach -alle. - -In diesem Garten, der von Menschen schwirrt, ist ganz Österreich -beisammen. Österreichs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die -Männer, die das Land regiert haben, die es regieren und die es -einst regieren werden. Alle zusammen sind sie Schulkameraden von -Kalksburg her. Das sitzt hier beieinander, jetzt, wie in den Tagen des -Kronprinzen Rudolf, wie in den Tagen des Sechsundsechzigerkrieges, wie -in den Jahren Radetzkys, wie im Vormärz, als Kaiser Ferdinand noch -regierte. Das plaudert wie einst, sieht aus wie damals und denkt nicht -viel anders, als man immer schon gedacht hat. Kennt sich untereinander, -ist wie eine große Familie; und der Frühling duftet wie einst. - -Wir fahren heim. In den Gärten singen die Amseln, über die jungen -Saaten zuckt der Schwalbenflug dahin. Oben auf der Anhöhe liegt das -kaiserliche Wien vor den berauschten Blicken. Dunst und Staub schwebt -über der Stadt wie ein feiner hellgrauer Schleier, aus dem die -Turmspitzen in der Abendsonne funkeln. Unübersehbar und mächtig ruht -die Stadt in der Ebene, verschwindet am fernen Horizont, als breite -sie sich über das ganze Land hin. Wir schauen zurück in das Tal, das -wir verlassen, sehen die weiße Front des Klosters aus den Baumwipfeln -des alten Parks schimmern, sehen Rodaun sich an den Fuß der Berge -schmiegen. Dort unten haben wir den Extrakt dieser Heimatswelt -geschaut, haben ihr Inhaltsverzeichnis gelesen, die Überschrift aller -Kapitel ihrer Geschichte und ihrer Romane. - -Und die Pferde traben. - - - - -MARIAZELL - - -Einmal muß man's gesehen haben, muß hinter den Bergen gewesen sein, -bei Maria in Zell. Besonders aber wer nach dem tieferen Sinn der -österreichischen Art und des österreichischen Schicksals trachtet. -Dem mag es frommen, wenn er eines Tages den mühsamen Kreuzberg -hinaufwandert, wo dann die üppige Kirche weiß auf grünem Hügel vor ihm -daliegt, eingebettet im Rund der hohen steirischen Gipfel. Da wird ihm -hernach vieles klar. Mariazell ... es ist der Schlüssel zu einer der -innersten Kammern des österreichischen Herzens. Besser wird man in der -Geschichte des Landes sich zurechtfinden, wird seine Gegenwart leichter -entziffern, vielleicht auch in der Zukunft ein wenig lesen können, -wenn man diese Luft geatmet hat, die vom Harzgeruch der Bergwälder -erfüllt ist, vom Duft der Weihrauchwolken, vom Geläute der Glocken, vom -Flattern der Kirchenfahnen und von den Lobgesängen wallfahrenden Volkes. - -Hinter Mürzsteg, wo an den Tannenwald gelehnt das kleine Jagdschloß -des Kaisers mit geschlossenen Fenstern schlummert, hinter Mürzsteg -also beginnt die Jetztzeit, das Heute, das zwanzigste Jahrhundert, -so langsam zu versinken. Und bis man in Mariazell ankommt, liegt es -weit, weit zurück. Hinter Mürzsteg betritt man die schmale Straße, die -mürzaufwärts durch die Felsschlucht sich windet. Man betritt sie auf -eigene Verantwortung, denn das Forstärar lehnt es ausdrücklich ab, -für die Wanderer und ihre Sicherheit zu haften. Aber die da des Weges -ziehen, haben sich in einen höheren Schutz als in den eines k. k. -Forstärars begeben, und hoffen auf ihrem Weg zu dem frommen Ziel vor -Steinschlägen bewahrt zu bleiben. Und dieses Hoffen wird bestärkt, wenn -sie beim »Toten Weib« die Votivtafel sehen, die hier daran erinnert, -daß vor Jahren einmal unsere Kaiserin, hier spazieren reitend, in -Gefahr sich befand, aus der sie unversehrt entronnen ist. Dem heiligen -Georg, »equitum patronus«, hat sie hier ein Bild an die Wand heften -lassen. Und die Erzherzogin Valerie hat ein langes Gedicht an den -Beschützer der Reiter daruntergesetzt. Alle Leute lesen es, und ich -hab' es auch gelesen, dieses Gedicht. Aber ich glaube nicht, daß es -erlaubt ist, diese Verse zu kritisieren. Man wird sie wohl nur loben -dürfen, weshalb wir denn auch weitergehen wollen. - -Kurz vor Mariazell liest man vor einem kleinen Dorf die Tafel: -»Evangelische Ortsgemeinde.« Dann weiter auf einem sauberen Hause: -»Evangelische Schule.« Weiß Gott, durch welchen Zufall dies -Häuflein Protestanten den Verfolgungen der Gegenreformation und dem -Ausgetriebenwerden entging. Und man müßte hier wohl ein wenig länger -bleiben, um zu sehen, wie sie auf ihrer winzigen lutherischen Insel -hier leben und wie sie zu ihren anderen Landsleuten stehen: besonders -aber diese zu ihnen. - -Dann kommt der Kreuzberg, und dann ist man in Mariazell. Von dem -grünen Wiesenhügel, auf dem die Ortschaft mit der Kirche liegt, kann -man weit in die Runde sehen. Da kommen die weißen Straßen von überall -her, von allen Seiten des Landes. Stürzen sich aus der Höhe herab -zur Marienkirche, laufen aus den dunklen Wäldern schimmernd hervor, -gehen durch die Taltiefe in Windungen immer näher heran, gürten den -Hügel mit ihren weißen Bändern und ihrer beflissenen Wegsamkeit. -Überall Pferdegetrappel, Wagenrollen, aus der Höhe, aus der Tiefe, -Peitschenknall und Rufen. Besuche kommen, Besuche gehen. Die Sonne -sank schon hinter den höchsten Spitzen, und in den Turmkreuzen erlosch -das Blitzen ihres Lichtes, da kommt von weitem eine Prozession heran. -Seidene Kirchenfahnen bauschen sich schwer im Abendwind. Rote Fahnen, -blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten, wehenden Bändern. Standarten -der Frömmigkeit, hoch über den Häuptern der Wallfahrer hinschwankend. -Nun sie der Kirche ansichtig werden, beginnen sie zu singen. -Langhingezogene, feierliche Rhythmen. Tiefe Männerstimmen, darüber -der dünne, etwas heulende Sopran der Weiber. Hier draußen im Freien -bekommt der Gesang Luft und Weite, die frische Luft haucht ihm eine -neue Schönheit an, etwa wie sie blassen Wangen höhere Farben anbläst. -Dieser Wallfahrerzug, über den Teppich blumiger Wiesen schreitend, von -der unendlichen Kulisse ragender Bergwälder sich abhebend mit seinen -Fahnen und Bändern, tönend von einem Gesang, dessen Sehnsucht der Wind -aufhebt und hoch im blaßblauen Dämmer in lauter Duft und Zartheit löst, -wird nach und nach mehr, als er in seiner Einzelheit vorstellt. »Das -sind die Floridsdorfer ...« sagt ein Kundiger neben mir. Aber in diesem -Augenblick ist es Stimme und Gebärde eines ganzen Landes, des Landes, -das vor uns sich breitet und das man jenseits all dieser Berge weiß; -ist es Naturlaut und tiefster Herzensakzent dieses Bodens. Mögen es -nachher immer die Floridsdorfer sein. - -Die Glocken beginnen jetzt zu läuten. Als Willkomm dem grüßenden Lied, -das die Wallfahrer ihren Schritten vorausschicken. Unter Glockengeläute -folgt dann der Einzug. Glockenläuten, Gesang, Paukenwirbel, Fanfaren, -Fahnenrauschen, Vaterunser. Und jeder Tag sieht solche Einzüge hier. -Jeden Tag schreiten solche Prozessionen in feierlicher Musik durch -die Straßen dieses Ortes. Es ist wie ein beständiges Sommerfest der -Frömmigkeit, wie ein Permanenzdienst der Andacht. Eine unaufhörliche -Frohfeier schwebt auf dieser Ortschaft, die sich üppig, in reichen, -blinkenden Häusern um die Kirche schmiegt. Ein Seelenkurort, der mit -lockenden Buden, mit Gasthöfen, mit gleißenden Kramläden in Blüte -steht. An fünfunddreißigtausend Menschen kommen jahrüber nach Salzburg, -an sechzigtausend nach Luzern, -- um die gesuchtesten Städte zu -nennen. Nach Mariazell kommen etwa hundertfünfzigtausend. - -Das Läuten verstummt und das Singen. Betend gehen die Wallfahrer -durch das breitgeöffnete Kirchentor ein. Im Lichterglanz schimmernd, -flimmernd, strahlend, glänzend empfängt sie die hochgewölbte Kirche, -empfängt sie das Marienbild auf dem silberstarrenden Altar; mit ihrem -milden, melodischen Donner empfängt sie die Orgel, und hüllt sie -völlig ein in die brausende Kraft ihrer Stimme. Schwergoldenen Brokat -um die Schultern, empfängt sie der Priester, der vor dem Tisch des -Herrn steht; Weihrauch dampft empor und strömt seinen Duft über sie -hin. Und wegmüde, sehnsüchtige, vollkommen gebannte Menschen knien auf -den steinernen Fliesen, Gesichter, in denen der Fanatismus zu brennen -anfängt, Gesichter, auf denen tiefe Andacht geschrieben steht, Mienen, -die in Bewunderung sich lösen, in unbedingter Hingabe, Gesichter, die -stumpf sind und verschlossen, verriegelt für alles andere außer für die -Überredung dieser Stunde. Und über alle spricht dann der Priester den -Segen. Dominus vobiscum! - -Draußen hat sich die Dunkelheit auf die Landschaft gesenkt. Draußen -wartet, mit ihren aufstrahlenden Glühlichtern die weltliche Lustbarkeit -des Ortes. Tische im Freien vor den hellbeleuchteten Gasthöfen. -Die Buden hell beleuchtet, die Schaufenster der Läden, und ein -italienisches Volkstreiben auf den Straßen. Wagen, die abfahren, -Wagen, die kommen. Singende Bursche und Mädchen, Gaffer. Mittendurch, -mit brennenden Kerzen und Lampions der »Lichtlumzug« der Wallfahrer, -wie ein freudiger Reigen. Später dann im Nachtlager der Armen, all -derer, die kein Extrazimmer mieten können, und die auch die langen -Massenschlafstuben zu teuer finden. Mit ihren Reisebündeln, die Kleider -ein wenig nur gelöst, liegen sie auf der gestampften Erde im Freien, -unter halb offenen Stadeln, Wagenschuppen, und der Nachtwind nimmt den -Schlafdunst von ihnen. Dominus vobiscum. - -Am andern Morgen das Hochamt; Sonntagmorgen. Die Kirche gedrängt voll, -Marienbilder, von den Prozessionen hereingetragen, stehen vor dem -silbernen Altar, die Fahnen der Wallfahrer. Nach der Messe predigt der -Kaplan, der sie hergeführt hat. Warum sind die Katholiken immer so -lustig, sagt er, und die Protestanten so traurig? Weil die Katholiken -eine Mutter haben, die Muttergottes Maria, und die Protestanten -nicht. Weil die Katholiken die Heiligen haben, ihre Schutzpatrone und -Fürsprecher, und die Protestanten nicht. Und weil die Protestanten sich -von seiner Mutter abgewendet haben, darum hat sich Jesus auch von ihnen -abgewendet usw. Jetzt glaubt man sich's ein wenig vorstellen zu können, -was für einen Stand die kleine evangelische Gemeinde in St. Aegyd bei -Mariazell wohl haben mag. - -Wie dann das Hochamt und die Predigt vorüber sind, kann man die -Schatzkammer sehen. Ein hohes Gemach neben dem Orgel-Emporium birgt -in großen Glasschränken, was eben an Juwelen, Perlen, Gold und Silber -ausgelegt ward. Ein fabelhafter, gar nicht meßbarer Reichtum, der hier -ruht. Man könnte unzählige Tränen damit trocknen, könnte ungeheures -Elend in Wohlstand verwandeln, könnte eine kleine Provinz dafür -kaufen. Ein Altarschrein aus massivem Silber nimmt die Mitte ein. Er -ist von Maria Theresia gestiftet und trägt in tellergroßen, schweren -Goldreliefs die Bildnisse ihrer ganzen Familie. Aus allerlei Opfergaben -wurde eine Monstranz gemacht. Vierzehnhundert Edelsteine zieren sie. -Nur noch zu Paris, in der Notredame-Sakristei, sah ich eine ähnliche. -Sie war ganz aus weißen, funkelnden Brillanten, und man war geblendet, -wenn man sie nur ansah. Unsere Kaiserin hat das Medaillon hierher -gestiftet, das sie bei jenem Unfall in Mürzsteg trug. Rubinen und -Brillanten. Auf Kaiser Ferdinand wurde in Baden einmal geschossen. -Maria Anna ließ aus purem Gold ein Büschel Eichenblätter formen und die -Kugel des Attentäters in die goldene Eichel kapseln. Außerdem gab sie -eine Perlenschnur von einer wahrhaft kaiserlichen Pracht und Größe. -Unzählbar sind die Perlenschnüre, die Brillantringe, die Broschen, -Münzen, Orden, Korallen und andere Kostbarkeiten. - -Oben auf den Galerien und Treppenhäusern, die rings um das Hauptschiff -der Kirche führen, sind die Wände dicht mit Votivbildern behangen. -Wunderbare Rettungen, wunderbare Heilkuren, aufgemalt zum Dank und -Gedächtnis, und allen Zweiflern zur Schau. Da liegt ein abgezehrtes -Kind im Bett, dort ein Vater am Verlöschen, hier eine Mutter in -Todesnot. Die Angehörigen stehen verzweifelt im Kreise, und der -Arzt in ihrer Mitte, achselzuckend, bedauernd, ratlos. Die Ärzte -spielen überhaupt eine trübselige Rolle in dieser großen seltsamen -Bildergalerie. Man kann faktisch alles Vertrauen zu ihnen verlieren. - -Noch einmal schaut man in der Kirche unten zum Altar hin. Ein -breites Gebäude aus leuchtendem Silber, dessen Front oben vom -kaiserlichen Doppeladler gekrönt wird. In der Tiefe des Schreines, von -ungewissem Kerzenschimmer überfunkelt, ein Marienbildnis. In seidene, -goldgestickte Gewänder gehüllt. Oben in der Schatzkammer liegen noch -mehr als hundert andere Kleider für das Heiligenbild, aus Brokat, aus -Atlas, aus Sammet, mit Dukaten benäht, mit Silber und Perlen bestickt. - -Draußen, im sommerlichen Sonntag, wird man von dem anmutigen Lächeln -der Landschaft bezwungen. Schreitet den Hügel niederwärts, geht -die Anhöhen zum Wald hinauf: überall sieht man die Kirche, sieht -ihre drei stolzen Türme emporragen. Sie beherrscht das Land! Man -schaut in dies Gewimmel von zahllosen Menschen, schaut auf die -Wagen, die von allen Seiten heranrollen, auf das Treiben vor den -Buden, und man versucht ein paar Namen zu denken, versucht sie laut -auszusprechen, hier in dieser vom Duft des Weihrauchs, vom Geläute -der Glocken erfüllten Luft: Friedrich Schiller ... richtig, den hat -ja ein strebernder österreichischer Geistesritter neulich im Wiener -Rathaus zum Katholischen gemacht. Zum Ehrenbürger von Mariazell. -Aber andere: Pasteur ... Nietzsche ... Oder: Ojama ... Togo ... oder -Stendhal ... Maupassant ... Zola ... Sie haben hier einen fremden -Klang, wie von weither, aus fernen Ländern, die gar nicht an diese -Landschaft grenzen. Namen aus dem neunzehnten Jahrhundert, das hier -noch nicht, noch lange nicht angebrochen ist. Namen, die man aus einer -Erinnerung holt, aus einem Bewußtsein, das selbst einzuschlummern -beginnt, hier in Mariazell. Dort aber zieht am Saum des Waldes, eine -neue Prozession heran. Seidene Kirchenfahnen, die sich bauschen, -rote Fahnen, blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten. Gesang und -Glockengeläute. Nächstens aber kommt die Eisenbahn auch hierher, und -die Massenzufuhr per Dampf, die sie in Lourdes jetzt eingestellt haben, -lebt in Steiermark wieder auf. Dann wird man rascher noch als jetzt, -und mit allem modernen Komfort aus der Jetztzeit, in die Vergangenheit -hineinfahren können. - - - - -RADETZKY - - -In dem Namen ist eine große Kraft: Radetzky. Sein Klang hat etwas -Couragiertes. Er tönt wie heller Trommelschlag, und eine Trompete -schmettert dazu. Der Name ist unter uns wie ein lebendiges Wesen; -scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der ihn getragen, -der ihn berühmt gemacht, der ihm so viel Lebenslicht verliehen hat, ist -nun ein halbes Jahrhundert tot. - -Ein Feldherr. In weite Ferne rückt uns seine Gestalt. Alle Gestalten -dieser Art sind uns in weite Fernen gerückt. Unsere Zeit kennt keine -Feldherren. Vier Dezennien Friede, Aufwachsen und Absterben von -Generationen, und keinen sahen wir, der durch den Dampf und Donner -der Schlachtfelder seinen Willen trägt, der dann heimkehrt, in seinem -Aug' den Glanz des Sieges, den dunklen Schein vergossenen Blutes, und -um seinen Mund den eisernen Zug vollbrachter Taten. Wir haben solche -Männer nicht erlebt. Da ist, in weiter Ferne, nur diese Gestalt, deren -Menschliches fast schon zu zerfließen beginnt, sich in Volkslied und -Dichtung auflöst, deren Leibhaftigkeit sich in ein Emblem wandelt, zum -Motto wird, zum Ausruf, zum Feldzeichen. - -Sein Menschliches ... »... ein kleiner Mann mit einem unbeschreiblich -ruhigen, wohlwollenden Gesichtsausdruck.« Graf Schönfeld, der als -Ordonnanzoffizier bei ihm war, schildert ihn so. Und wie aufmerksam -man auch die Bildnisse, die von ihm da sind, betrachten mag, man -findet nicht mehr. Ein altes Soldatenantlitz, gesammelt und ruhig. -Ein österreichisches Gesicht, das unter dem Schimmer der Gemütlichkeit -alles birgt, was an Härte, an Schwung oder Geist von anderen Mienen -sonst zu lesen wäre. Man schaut dies einfache Greisenantlitz an und -verklärt es in dem Gedanken an sein Schicksal. Die militärischen -Gelehrten können seine Begabung messen, das, was sein Feldherrengenie -war, was wir nicht verstehen, was wir als ein Gegebenes hinnehmen und -nach dem Erfolg bewerten. Sein Menschenschicksal können wir erfassen, -dieses ungewöhnliche, fast ungeheure Schicksal; können die Größe seiner -Persönlichkeit verstehen, und den Zauber seines Wesens, der noch heute -anhält. - -Er kam als Krieger in eine kriegerische Welt. Das ist schon Schicksal. -Wie es ja ein Schicksal ist, ein schlimmes freilich, als Krieger in -eine friedsame Welt zu kommen. Auch unserem Zeitalter sind sicherlich -Feldherrn geboren worden, Genies vielleicht. Warum sollen wir daran -zweifeln? Sie wuchsen auf, wurden alt, starben, oder werden demnächst -sterben, und niemand weiß von ihnen. Sie hätten glanzvolle Siege -erfochten, aber da niemand kämpfte, konnten sie weder fechten noch -siegen. Ihr Los war, in Bereitschaft sein und nicht verbraucht werden. -Einen großen Schauspieler, der niemals spielen, einen genialen Maler, -der niemals malen darf, können wir uns nicht denken. Aber einen großen -Krieger, der niemals Krieg führen darf, müssen wir uns vorstellen -können. Einen, der in sich die Fähigkeit weiß, unsterblich zu werden; -und der seine Unsterblichkeit muß hindorren sehen. - -Radetzky kam in eine Welt, die vom Waffenlärm klirrte. Er hat noch -gegen den letzten Feind des alten Österreich gekämpft, gegen die -Türken. Und er hat gegen den ersten Gegner des neuen Österreich -Krieg geführt, gegen die Italiener. Er hat, als junger Offizier, -den jähen Stoß des jungen Bonaparte erlebt, hat es miterlebt, -wie der neuerstandene Franzosenfeldherr in Italien einbrach, die -österreichische Armee überrannte, und er hat dann auf diesen selben -Schlachtfeldern der Lombardei die österreichische Armee zum Siege -geführt, lange, lange, nachdem das Napoleon-Märchen verrauscht und -verblaßt war. - -Es wird erzählt, Radetzky sei im Zeichen des Schützen zur Welt -gekommen. War's eine Vorbedeutung, dann hat sie sich wunderbar erfüllt. -Denn kaum ein anderer ist vom Schicksal so aufgespart worden wie er. -Sein Ruhm beginnt, wo das Leben der meisten Menschen längst zu Ende -ist; seine größten Taten heben erst an, wo das Tun anderer Menschen -längst kraftlos geworden. Er hat siebzehn Feldzüge mitgemacht, wurde in -vielen Schlachten verwundet, hat mit einer Tapferkeit gefochten, die -selbst in den tapferen, an Bravour so reichen Napoleon-Jahren Aufsehen -erregte. Aber wäre er damals gefallen, nur die Regimentsgeschichte -hätte seinen Namen bewahrt. Er hat in den dreißig Friedensjahren, die -auf Waterloo folgten, den österreichischen Truppendienst reformiert, -daß Russen und Preußen daran ein Muster nahmen. Aber wäre er als ein -Achtzigjähriger gestorben, nur die Kriegswissenschaft hätte ihn gekannt. - -Mit dreiundsechzig Jahren geht er als Kommandant nach Olmütz, glaubt -sein Lebensabend sei nun angebrochen, meint, daß er dem wohlverdienten -Ruhestand sich nähere. Und ist drei Jahre später in Mailand. Wird dort -siebzig und achtzig Jahre alt. Und wie dann die Agenten Karl Alberts -ganz Oberitalien insurgieren, sagt der einundachtzigjährige Radetzky: -»Ich werde das Blut beweinen, das fließen muß, aber ich werde es -vergießen!« - -Ein Jahr nachher vergießt er dieses Blut. Er siegt in Schlachten, -die wie in einem Jugendrausch geschlagen werden, siegt bei Verona, -Curtatone, Santa Lucia und Custozza. Noch ein Jahr darauf bezwingt -er die Piemontesen und sagt bei Novara, in das Kampfgewühl schauend: -»Gott sei Dank, sie laufen!« Dem Adjutanten, den er dann zu Viktor -Emanuel sendet, mit der Botschaft, er bewillige dem geschlagenen König -eine Unterredung, sagt er lächelnd: »Er darf schon ein bisserl Wind -machen ...« Auch für den, der nicht militärisch fühlt, der nur aufs -Menschliche blickt, hat dieser kämpfende Greis einen unbeschreiblichen -Zauber, hätte ihn, selbst wenn er unterlegen wäre. - -In einem Bauerngehöft kommen Radetzky und Viktor Emanuel zusammen. Um -ungestört sich zu besprechen, steigen sie auf einen Düngerhaufen. Rings -im Kreise stehen die Suiten und schauen zu. Und wie Radetzky einmal mit -einer Gebärde der Ungeduld sich abwendet, murrt sein Kammerdiener, der -Karl, der das lose Maul hat, und der sich ungeniert zu den Offizieren -gesellt: »Wenn er nur nicht nachgibt, der Alte! Hab's ihm heute beim -Anziehen noch eigens eingeschärft.« - -Er gab nicht nach. Wieder ein Lustrum später, als -Siebenundachtzigjähriger, schreibt er seiner Tochter aus Verona jenen -merkwürdigen Brief, der anhebt: »Den siebenten Ball, sehr zahlreich und -animiert ... Die Herzogin von Parma tanzte bis drei Uhr sehr munter, -die Toiletten der Damen sehr gesucht und elegant ... den Kotillon -tanzten etliche fünfzig Paare ...« Jenen beispiellosen Brief, in dem -es wenige Zeilen nach dem Ballbericht heißt: »Zehn tote Soldaten mit -ausgestochenen Augen, aufgeschlitzten Bäuchen ...« (wurden in Mailand -gefunden). Jenen Brief, der mit den Worten schließt: »Wenn meine -Anträge genehmigt, Mailand außer Gesetz gestellt -- dann wehe Mailand!« - -Als er dann -- 1857 -- die erbetene Versetzung in den Ruhestand erhält, -sendet er seiner Tochter eine Kopie des kaiserlichen Handbilletts -und schreibt dazu: »Anliegend schicke ich Dir eine Abschrift mit der -geplatzten Bombe ...« Er hat zweiundsiebzig Dienstjahre hinter sich, -ist einundneunzig Jahre alt, und nennt seinen Rücktritt, wie man etwa -ein unerwartetes, verfrühtes Ereignis nennt: eine »geplatzte Bombe«. - -Züge: Der Mann, der spricht: »Ich beweine das Blut ... aber ich werde -es vergießen.« Der nach dem Sieg von Novara dem jungen Ordonanzoffizier -erlaubt: »Er darf schon ein bisserl Wind machen ...« Der auf ein und -derselben Briefseite einen Ball beschreibt, die Toiletten der Damen -kritisiert, und zuletzt das »wehe Mailand« hinsetzt. In all dem ist -eine österreichische Mischung von Größe und Gemütlichkeit, von Härte -und liebenswürdiger Anmut. Die Jovialität, die dem Kammerdiener -gestattet, sich's einzubilden, er habe, wenn über Krieg und Frieden -entschieden wird, auch was dreinzureden, ist von österreichischer Art -ebenso tief gefärbt, wie die unfeierliche, von allem Pathos ferne -Manier, mit der dieser Kammerdiener den siegreichen Feldherrn mitten -unter seinen Offizieren: »der Alte!« nennen darf, ohne daß der Respekt, -ohne daß die Verehrung dabei Schaden leidet. - -Ein österreichisches Soldatenleben, wie kein anderes. Ein -Militärdienst, der unter Kaiser Josef II. anhebt und unter Franz Josef -endigt. Eine Vitalität, die im höchsten Greisenalter ihre höchste -Leistung vollbringt. Ein besonderes, beinahe planvoll wirkendes -Schicksal, das diesen Feldherrn aufspart, ihn von den Türkenkriegen -her durch alle napoleonischen Blutbäder in eine neu anbrechende Zeit -geleitet, daß er, mitten im Sturm der Wiener Revolution, im Abfall und -Aufstand der Provinzen, die Habsburger rette. Und wie er als hinfällig -geglaubter Greis überraschend seine Siege erringt, scheint er die -Kraft des alten, für hinfällig und marastisch erklärten Österreich zu -verkörpern und zu beweisen. - -Das Wesen dieses Mannes, sein Geist und seine Art klingen weiter bei -den österreichischen Soldaten, bei dem ganzen Volk. Radetzky-Marsch. -Nicht viele wissen, daß Johann Strauß, der Vater, ihn gedichtet hat. -Niemand fragt danach, ob ihn überhaupt ein einzelner ersann. Es ist wie -eine österreichische Melodie, aus dem Lande selbst entstanden, und ihm -so natürlich, wie nur irgendein Bodenwuchs. Radetzky scheint darin, -beinahe körperlich, fortzuleben, in farbige Töne aufgelöst, scheint -darin zu atmen und zu sprechen, mit seiner Energie, seiner Tapferkeit -und seinem Talent zur Popularität. Ein hinreißend mutiger Schritt -wie von vorrückenden Regimentern ist darin, wie wenn hunderttausend -junge Menschen in hunderttausendfacher Jugendfröhlichkeit einherkämen. -Das Rauschen heroischen Kampfes ist in diesen Klängen, Übermut, -Siegesjauchzen, dazwischen, wie ein Echo aus der Ferne, das zappelnde -Modulieren italienischer Dudelsäcke und Lederpfeifen. Und der Glanz -des Ruhms schimmert in dieser Melodie. - -Immer aber scheint sie den einen Namen in uns aufzuwecken und zu -wiederholen: Radetzky. Der ist unter uns wie ein lebendiges Wesen, -scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der Mann, der ihn -einst getragen, der ihm so viel Daseinskraft gegeben hat, ist nun ein -halbes Jahrhundert tot. Mit diesem Namen aber ist es so, als höre man -noch ein Herz darin schlagen. - - - - -THRONREDE - - -Das sind nun wieder sechs Jahre her, seit der Thron zuletzt hier -aufgerichtet ward, wie heute, in diesem alten Prunksaal, damit der -Kaiser von seinem Herrschersitz aus so feierlich zum Reichsrat spreche. -Eine Formalität. Aber sie bedeutet so viel. Ist das äußere Zeichen -einer Idee, die ihren Tiefsinn und ihren Pomp nicht anders mitteilen -kann, als durch feierliche äußere Zeichen. Daß weiße Straußenfedern den -Baldachin zu des Kaisers Häupten krönen, spricht vom Wappenschmuck, -ritterlicher Helmzier von einst. In der Gegenwart heraldisch beredsame -Vergangenheit. Daß die Garde dasteht, den Säbel gezückt, eine -Formalität; aber das äußere Zeichen einer Idee. Daß der Mann zur -Rechten des Thrones in seinen Händen das blanke Reichsschwert hält, -während der Kaiser spricht, eine Formalität. Denkt man der Stadt, die -jetzt im Drang des geschäftigen Tages tausendfältig da draußen diesen -Saal umbraust, denkt man über die Stadt hinaus, weit in die Ferne, zu -anderen Städten, zu den Provinzen, millionenfach bevölkert und belebt, -und öffnet sein Auge dann dem Bilde wieder, das dieser Saal hier -bietet, dann ist dieser ganze Raum hier die Szene einer bedeutenden -und erhabenen Handlung, ist erfüllt von Sinn und Bedeutung, jede Geste -schwer von Inhalt, beredsam durch die Kraft des langsam Gewordenen, -beladen von Erinnerung, von Vergangenheit ganzer Völker, bedeckt -von den Spuren verjährter Kämpfe um Recht und Vorrecht. Man kann -menschliches Gepränge belächeln, kann für sich den äußeren Glanz eines -Schauspiels mit einem ironischen Wischer auslöschen und sich damit -das Blinzeln geblendeter Augen sparen. Aber es zeigt von wenig Witz, -so witzig zu sein. Und von wenig Lebensgefühl, die Schönheit solcher -Lebensfülle zu verkennen. - -Man braucht, um von großem Schicksal angerührt zu werden, nur den -Kaiser anzuschauen. Braucht nicht erst den Prunk, der ihn ernst, starr -und groß umgibt, bis zur lebendigsten Beredsamkeit aufzulösen. Man -braucht nur den Kaiser anzusehen, um die historische Kraft dieser -Stunde zu empfinden. Wie vieles ist geschehen, seit er -- ein Jüngling -von achtzehn Jahren -- zum erstenmal auf diesem Thron saß. Und wie -vieles liegt vor uns, jetzt, da er hier zu den Vertretern des Volkes -redet. Das alte Österreich versank unter seinen Schritten. Unter seinen -Schritten entstand ein neues Österreich, ersteht jetzt wieder ein neues. - -Unbewegt und hoch über jedem Niveau, auf dem man noch nach Wirkung -strebt, klingt seine Stimme. Unnahbar für Zustimmung und Beifall. -Dennoch kommt ein Wort, das auf einmal die Distanz zwischen den -versammelten Menschen hier und dem einsam über allen Thronenden kürzt: -»Wenn mir in meiner frühen Jugend die Aufgabe ward ...« Das Wort Jugend -schlägt warm zu uns heran, und mit einer flüchtigen Betroffenheit, -mit einer rasch hinhuschenden Ergriffenheit hört man den Kaiser von -seiner Jugend sprechen. Den alten Kaiser, der dort auf dem Thron sitzt, -ganz wenig in sich versunken, schneeweiß, unter seinem grünbefederten -Generalshut. Dann wieder ein Wort: »Durch die Gnade der Vorsehung war -es mir beschieden, zwei Generationen meiner Völker zu führen.« Von -seiner Jugend und von seinem Alter spricht der Kaiser. Fürsten auf dem -Throne haben sonst nicht Jugend und nicht Alter, haben in ihren Worten -keinen Anklang an persönliche und irdische Dinge, sondern stehen da als -Repräsentanten eines Prinzips mehr denn als Menschen. Diese Worte aber -sind menschlich, persönlich, irdisch. Es ist, als ob sich der Kaiser -in ihnen tiefer zu den anderen Menschen herabneigen würde, als käme er -ihnen, die da um seinen Thron geschart sind, in diesen Worten näher. - -In diesem Kreis, in dem er einst auf seinem Kaisersitz der Jüngste -gewesen, ist er der Älteste heute. Mögen auch etliche im Saale -sein, die der Jahre um einige mehr zählen als er. Dennoch ist er -der Älteste. Denn die anderen haben ihre Jugend, ihre von aller -Verantwortung leichte Jugend gehabt, aus einer zwanglosen Tiefe erst -später aufsteigend, und im Aufsteigen die Kräfte übend für die Höhe. -Er aber ist als Jüngling schon da oben gestanden. Wie viele hat er -im Besitz der Macht gesehen, die er ihnen anvertraute. Und wie viele -brachen unter der Last, die auf ihre Schultern gelegt war, zusammen. -Wie viele sind hier aufrecht an des Thrones Stufen gestanden, als -seine Ratgeber und ersten Diener, und sanken erschöpft darnieder, -während er dort oben ausharrt und frisch bleibt. Als er zum erstenmal -hier zu dem neuen Parlament sprach, stand Schmerling da, in voller -Mannesblüte. Schmerling ... wie aus verschollenen Fernen klingt dieser -Name heute nur noch leise zu uns herüber. Namen: Graf Beust, dann -Schwarzenberg, Pretis, Hohenwart, Taaffe. Einst war das Gegenwart, -Leben, Wirklichkeit. Jetzt liegt es wie Erinnerungsschutt unter den -Schritten der neuen Männer. Doch unter dem Baldachin, der wie einst -seinen fürstlichen Federschmuck zur Decke hebt, thront über den neuen -Männern der alte Kaiser. - -Einst ist er hier der Jüngste gewesen, war inmitten seiner Räte wie -ihr Sohn, und sie standen vor ihm wie väterliche Freunde. Jetzt treten -alle, die hier im Saale sind, wie seine Söhne zu ihm heran, und er -ist wie ein Vater über allen. Da sind die neuen Abgeordneten, die -das neue Wahlrecht hergebracht hat. So viel Jugend, so viel Frische -und erste Manneskraft war selten noch in einem Parlament, in einem -österreichischen Parlament noch niemals beisammen. Männer von dreißig -bis fünfzig. Die an die Sechzig gehen, sind wenige unter ihnen. Früher -war's eine Versammlung von Grauköpfen, jetzt sind die grauen Haare -selten. Die Minister fast alle knapp über fünfzig; ungefähr in dem -Alter, in dem jetzt der Kronprinz wäre, wenn er noch lebte. Beinahe -alle, die hier des Kaisers Wort vernehmen, die seine Regierung führen, -die in seiner Gesetzgebung mitreden, wurden geboren, wuchsen auf, -wurden Jünglinge, Männer, während er auf seinem Throne saß. Während er -die Krone trug und die Bürde des Herrschens, zogen Geschlechter auf -Geschlechter an ihm vorbei. Die Generation, die er vorfand, als er das -Zepter ergriff, schwand dahin und liegt jetzt in ihren Gräbern. Und die -Generation, die zum Dasein erwachte, als er schon ein Menschenalter in -diesem Dasein die Völkerschicksale lenkte, tritt jetzt zu ihm heran -wie ein Geschlecht von Söhnen. Diejenigen aber, die mit ihm zugleich -ins Leben kamen, sind fast alle schon schlafen gegangen, und was von -ihnen die Augen noch offen hat, ist müde. Er aber ist unermüdlich. -Einen nach den anderen hat er in diesen letzten Jahren zum Ausrasten -beurlaubt, mit freundlichem Dank verabschiedet, mit guten Wünschen für -den Ruhestand. Kaum einer oder zwei sind noch bei ihm, die von jeher -mit ihm Schritt gehalten. Er entbehrt die langgewohnten Weggenossen -und bedarf für sich selbst keiner Rast. Hier im Saale ist einer, der -gestützt werden muß wie ein Greis. Über ein Jahrzehnt ist er jünger -als der Kaiser, schlürft die Wonne des Herrschens seit drei Lustren -erst, und schon hat ihn die malmende Schwere der Macht gebrochen. -Verwüstet von Würden, verbraucht vom Regieren, zersplittert, erlahmt -und verwelkt auf der Höhe hat der Kaiser viele gesehen. Und schreitet -selber aufrecht durch den langen Saal, sprengt hoch zu Roß über weite -Manöverfelder. Er, der zwei Generationen seiner Völker geführt hat. - -Wüßte man, wie er jetzt über das menschliche Treiben denkt, das er -fast sechzig Jahre lang von der Höhe des Thrones herab betrachtet. -Wüßte man, wie er über menschliches Herrschen denkt, das er fast -sechzig Jahre lang geübt hat, gehüllt in den ältesten Purpur Europas. -Und mit welchem Gefühl er die Wandelbilder seines Lebens in der -Erinnerung überschaut, wieviel von seinem Ich er als Gegenwart, -wieviel als Geschichte empfindet. »In meiner frühen Jugend ...« Mit -fernem Dämmerschein winkt Alt-Österreich aus diesen Worten. Und ein -unermeßliches Schicksal tritt aus ihnen hervor. - -Feierliche Thronrede. Diesmal historisch und menschlich feierlich -zugleich. Denn die jungen Menschen, die hier standen, werden sich -in späten Jahren der Stunde noch erinnern, da sie den alten Kaiser -sahen, das freundliche, lebenslang uns allen vertraute und gewohnte -Antlitz, schneeweißen Bartes unter dem Generalshut, diese feine -Fürstengestalt, umwittert von dem Hauch großartiger, tragischer und -seltener Erlebnisse. Und wie er in dieser Stunde, nahe am sechzigsten -Jahre seiner Reiche, der neuen Zeit die Pforten öffnete, wie er milde, -abendlich leuchtende Worte von seiner Jugend und von seinem Alter -sprach, konnte man für Augenblicke tiefer in diese unerreichbare, fern -über alle hinschwebende Stimme hineinhorchen. - - - - -»GEWEHR HERAUS!« - - -Wie ein hoher fürstlicher Saal ist der innere Burgplatz. Wundervolle -Stille umfängt einen, wenn man aus dem Straßenlärm hereinkommt und es -ist, als sei man hier in der imposanten Leere einer herrschaftlichen -Antichambre. Man spaziert umher, verrastet Aug' und Sinne an der -vornehmen Ruhe dieser Mauern, wird langsam und ganz unmerklich von -einer ehrfürchtigen Stimmung beschlichen. Das Kaiser Franz-Denkmal -steht da, wie ein einsames Zierstück in einem ausgeräumten Prunkgemach. -Überall Strenge, steinerner Ernst. Nur die Uhr auf dem First des -Amalien-Traktes blickt auf die eingeschüchterten Untertanen herab wie -ein rundes freundliches Antlitz. - -Als kleiner Junge habe ich mich hier oft herumgeschlichen. Alle kleinen -Jungen in Wien tun das. Hier ist die Kaiserwache. Da steht die Fahne, -lehnen an schwarzgelber Barriere die Flinten, und besonders: da sitzen -auf einer langen, die graue Burgmauer hinlaufenden Bank die Soldaten, -daß man sie in aller Muße betrachten mag, was ja in jenen guten Tagen -ein unerschöpflicher Genuß ist. Der Offizier promeniert, die goldene -Feldbinde um den Leib, vor der Wachstube, und man beneidet ihn sehr. -Der Mann am Posten geht, das Gewehr geschultert, aufmerksam auf und ab. -Alle warten. Der schöne, stille Platz ist wie von atemloser Erwartung -erfüllt, und von gespannter Neugierde. - -Einmal war ich mutiger und trat zu dem Posten, um ihn genauer zu -betrachten. Er stand dicht vor der Fahne und ich ganz nahe vor ihm und -bestaunte ihn in seiner Rüstung und in seiner herrlichen Strammheit. -Hatte nur ein wenig Angst, er würde mich wegjagen oder gar einsperren. -Wich aber doch nicht vom Fleck. Er schob mit einem Achselzucken das -Gewehr zurecht, reckte sich kerzengerade auf, blinzelte mit stumpfem -Blick seitwärts in die Höhe. Ein sonngebräunter, pausbackiger, -eisenfester Bauernbursch. Plötzlich stieß er ein hirnerschütterndes -Geschrei aus. Gänzlich unvermittelt. Ich sah nur, daß sein breites -Gesicht im Nu völlig auseinanderging, daß sein Mund sich auftat, -wie ein ungeheurer schwarzer Rachen, aus dem dieses schreckliche -Gebrüll hervordonnerte. Entsetzt war ich zurückgesprungen, und in der -blitzartigen Überlegung der ersten Sekunde meinte ich, er sei aus -heiler Haut rasend geworden, oder weil der Mann es vielleicht nicht -ertragen könne, angeschaut zu werden, sei nun durch meine Schuld ein -toller Schmerz in ihm erwacht und entreiße ihm diese gellenden Töne, -davon der ganze Platz widerhallte: Ge...wäh...rähr...rrrr...a...aus! -Dann aber, als die anderen Soldaten eilig nach ihren Waffen sprangen, -sich in Reih und Glied stellten, der Offizier den blitzenden Säbel aus -der Scheide holte, und als die Trommeln zu wirbeln begannen, merkte -ich, daß alles in Ordnung sei. Und gaffte überwältigt dem goldenen -Wagen nach, der majestätisch zum Tor hinausfuhr. - -Viel mehr als den Wagen, dessen Radspeichen vergoldet sind, kriegt -man ja auch sonst nicht zu sehen. Höchstens, daß noch des gleichfalls -goldgeschirrten Leibjägers weißer Federbusch, der so stolz im Winde -flattert, als Augenweide gelten kann, und daß man sich der prachtvollen -Pferde freut, die im Laufen so nobel mit dem Kopf nicken. Dann ist -alles wieder vorüber. Der Trommelwirbel verklingt, der Schnarrposten -schweigt beruhigt, die Soldaten sitzen wieder harmlos da. Es ist nichts -vorgefallen, und man kann auch keinen weiteren Eindruck mit nach Hause -nehmen, als daß die Mächtigen dieser Erde nicht über die Straße können, -ohne daß sich vor ihnen ein helles Geschrei und ein gewaltiger Lärm -erhebt. - -Dennoch: auch der Erwachsene, auch der Aufgeklärte, auch der weiß -Gott wie Gescheite kann sich der Wirkung dieser Szene nie entziehen. -Er wird jedesmal, immer und immer wieder aufs neue gefangen genommen, -wie von einem unwiderstehlichen Effekt. Man geht gleichgültig über den -Franzensplatz, ohne Laune, ohne den Zauber seiner Stimmung diesmal -zu spüren. Da auf einmal der langgezogene Ruf: »Gewehr heraus!« -Aufgeregtes, eiliges Zuspringen der Soldaten. In der nächsten Sekunde -das Einschlagen der Trommel. Der Offizier präsentiert grüßend den -Säbel. Noch sieht man nicht, wen er grüßt. Aber er grüßt feierlich in -die leere Luft, und das Wirbeln des Tambours prasselt über den Platz. -Überallhin schaut man sich um. Plötzlich, von irgend einer Seite her -jagt der Wagen, umhüllt vom festlichen Dröhnen dieser Ehrenbezeugung -heran. Ein wehender Federbusch, goldfunkelnde Räder, vielleicht sogar -am kristallenen Kupeefenster ein weißer Handschuh. Und schon werden -hohe Torflügel geschlossen. Vorüber. Man hat den Kaiser selbst nicht -gesehen, aber doch den Glanz seiner Nähe, hat doch von kaiserlicher -Macht einen flüchtigen Hauch verspürt. Zum deutlichsten Wahrzeichen -seiner Herrschaft wird einem nun die Torwache. Abgesandte sind es, von -allen Truppen hierhergeschickt, zu des Kaisers Wohnung, um in Waffen -unter seinen Fenstern auf der Hut zu sein. Und kommt er nach Hause, und -fährt er aus, sowie sie nur seiner ansichtig werden, treten sie hervor, -grüßen ihn mit kriegerischem Zuruf und Trommelschall, melden: Wir sind -da! - -Viele ernsthafte Leute gibt es, die sonst niemals Maulaffen feilhalten, -und die sich doch manchmal dazu verleiten lassen, wenn sie über den -Franzensplatz gehen. Sie warten ein paar Minuten. Aufs Geratewohl. -Spähen umher, verweilen noch ein paar Minuten und sind dann gänzlich -der allgemeinen, ruhevollen und großartigen Spannung, die hier -herrscht, verfallen. Schauen überall nach Vorzeichen aus, lugen zu den -Fenstern empor. Dort im Torbogen schüttelt ein Burggendarm den Kopf, -daß der üppige Roßschweif auf seinem Helm zu wallen und zu zittern -beginnt. Hat er was bemerkt? Oben in den Fenstern lüften hie und da -die Garden den Vorhang, daß ihre scharlachroten goldbetreßten Röcke -sichtbar werden und die blinkende Hellebarde in ihrem Arm ... Noch -nicht? Dann steigt die neugierige Spannung bis zum heftigen Wunsch: -das Ereignis möge endlich eintreten. Zu allen Stunden kann man hier -Menschen finden, die zögernd vor der Burgwache stehen, die Soldaten -anschauen, und von ihnen erwarten, daß sie »Gewehr heraus!« schreien. - -Die besonderen Anlässe gar nicht eingerechnet. Wenn eine feierliche -Auffahrt die Wache fortwährend ins Gewehr nötigt. Dann füllen die alten -Staatskarossen den Platz, Prunkwagen, die in kühngeschweiften Federn -schaukeln. Drei, vier Lakaien in Allongeperücken hinten drauf. Als -seien die prächtigen, herrschaftlichen Zeiten des Rokoko wiedergekehrt. -Da tritt der Ruf des Schnarrpostens zurück, wird bei solch blendender -Ausstattung nur zu einem stützenden Nebeneffekt, fügt sich harmonisch -in die erhöhte Stimmung und sorgt dafür, daß derlei Schauspiel nicht -als völlig lautlose Pantomime vor der staunenden Menge sich zutrage. -Oder wenn ein toter Prinz eingebracht wird, nächtlicherweise bei -Fackelschein, wie es Brauch ist, und ihn bei dieser trübseligen -Heimkehr in das Haus der Väter der Postenruf empfängt. Dann ist -das »Gewehr heraus!«, das unheimlich, wie ein Klageton durch die -Finsternis dringt, eben von so pointierter Wirkung, daß es sich von -selbst begreift. - -Sonst aber: mag es unverständlich scheinen oder töricht, in der -überkommenen Lust an höfischem und kirchlichem Gepränge liegen, oder -an dem hier herrschenden Geschmack, der dekorative Zeremonien liebt. -Niemals versagt diese Wirkung. Man könnte ein Theaterstück schreiben, -das auf jeder Wiener Bühne einschlagen müßte: »Der Kaiser kommt«. Und -es braucht weiter keine Handlung zu haben, als daß halt der Kaiser -kommt. Man muß den Kaiser auch gar nicht einmal sehen, und es wäre -dennoch ein großer Erfolg. Sieht man ihn im Leben ja auch nur selten. -Jeder Mensch könnte dieses Stück schreiben, denn es ist durchaus -nicht notwendig, daß irgend etwas anderes sich zuträgt, als leise, -sorgfältig arrangierte, behutsam gesteigerte Vorzeichen. Es erübrigt -nur, sie der Wirklichkeit abzulauschen. Allerdings wäre die herrliche -Kulisse dazu erforderlich, die zum Beispiel der äußere Burgplatz -abgibt, wo die Stadt ehrfurchtsvoll vor der Burg zurückweicht und mit -ihren Häusern in einem ungeheuren Kreise die kaiserliche Wohnung nur -von ferne umgibt. Dann draußen vor dem Franzenstor auf der Ringstraße -der Soldat. Ganz von weitem, von der Mariahilferstraße her, ein -winkender Sicherheitsmann. Er hat den Hofwagen zuerst erblickt. Der -Soldat wartet, bis auch er den weißen Federbusch schimmern sieht. -Dann schnell einen Druck auf die elektrische Klingel, die in der Säule -verborgen angebracht ist, und jetzt drinnen auf dem grünen Platz jubelt -der Posten sein »Gewehr heraus!« zum Reiterstandbild des Erzherzogs -Karl empor, als habe er jetzt eine Vision, oder als fühle er sich -gedrängt, dem Sieger von Aspern eine plötzliche Huldigung darzubringen. -Dann das gewöhnliche, aufgeregte und ratlose Laufen der alarmierten -Passanten, nach allen Richtungen hin, weil sie ja doch nicht wissen -können, von welcher Seite der Einzug stattfindet. Dann Trommelwirbel, -der die allgemeine Erregung nur noch vermehrt, da sich für ihn weit -und breit kein Anlaß zeigt. Dann der Säbelsalut des Offiziers, und nun -rollt die Equipage blitzschnell vorüber. Nun rufen sie auch schon auf -dem inneren Burghof ins Gewehr. - -Es ist aber doch vielleicht besser, diese Szene nicht zu schreiben. Von -den technischen Aufführungsschwierigkeiten ganz zu schweigen. Würde -sie trotzdem geschrieben, dann müßte sie für alle Bühnen verboten -werden. Denn sie könnte nur Illusionen zerstören, den Eindruck, -den die Wirklichkeit übt, in bedenklicher Weise abschwächen. Wenn -man sich jetzt vom Gewehrruf ergriffen fühlt, wenn das Rühren der -Trommeln einem unwillkürlich jähe Ehrfurcht einwirbelt, wenn man -beinahe Bereitwilligkeit zur Devotion in sich verspürt angesichts -dieser feierlichen Begrüßung, und zuletzt entblößten Hauptes dem -vorübersausenden Hofwagen nachblickt, dann zeigt man nachher keine -Lust, sein Empfinden zu korrigieren. Man hat mitten auf seinem Wege -durch die Alltäglichkeit des Lebens einen wunderbar dramatischen -und prächtigen Moment genossen, sich ihm gern hingegeben, ja sogar -daran tätigen Anteil genommen. Und hat man auch nur einen zufälligen, -gänzlich nebensächlichen Komparsen vorgestellt, so bewundert man -doch völlig aus seinen ästhetischen Instinkten heraus die glänzende, -unübertreffliche Regie, deren dekorative Kunst ebenso groß ist, wie -ihre psychologische Weisheit. - - - - -FRÜHJAHRSPARADE - - -Ganz früh am Morgen. Die Sonne funkelt freilich schon auf den Dächern, -aber noch ist dieser junge Tag durchweht vom kühlen Atem der ersten -Juninacht, und die Schatten längs der Häuser sind noch ohne das tiefe -Schwarz, sind noch blaß und zart wie Schleier. Die Straßen riechen in -der beginnenden Wärme nach trockenem Staub, aber sie sind noch frei von -dem erstickenden Dunst des Menschengewühls. Und manchmal merkt man noch -den Duft der nahen Berge, der Wälder, den Grasduft der Wiesen, die vor -wenig Stunden über die schlafende Stadt hingehaucht haben. - -Musik und Schritt der Regimenter. Bum, bum ... in der Ferne hört man -das Schlagen der Trommeln. Dann muß an einer Kreuzung der Wagen halten, -und wieder halten. Militär rückt in den Morgen hinaus. Die Trompeten -und Hörner schmettern einen Marsch, und ihr helles Goldblechklingen -hat jetzt irgendeine fühlbare Verwandtschaft mit dem Sonnenlicht, -das nun goldener und heller aufs Pflaster zu schmettern anfängt. Die -Straßenzeile hinauf rollt das dunkelblaue Band solch eines Regiments. -Der Schritt der Soldaten bewegt dieses dunkelblaue Band in kleinen -regelmäßigen Wellen. Und über diese Wellenlinie hin schwebt ein -süßer, feiner Farbenton von hellem Grün. Der Eichenbruch, den die -Leute auf ihren Tschakos tragen. Wie viel pochendes Leben, wie viel -Kraft und Jugend und wie viel Frühling liegt in diesen regelmäßigen, -dunkelblauen Wellen. - -Jetzt sind wir die Rudolfshöhe hinauf, und das weite Feld dehnt sich -festlich vor unserem Blick. Ganz sanft niedergleitend gegen den -Horizont, ein grünes Brett, um mit menschlichen Figuren ein fürstliches -Schachspiel darauf zu pflegen. Dort drüben hält der Wienerwald seinen -breiten Rücken her, trägt die vielen weißen Häuser, die Kirche mit der -goldenen Kuppel des Steinhof, trägt das breite Erzherzogschloß, und -dort sind die Abhänge, die rauschenden Wälder des Galitzynberges, den -die Wiener einfach und vertraut den »Galihziberg« nennen. - -Das funkelt nun alles in der Morgensonne. Das grüne Feld, die Kuppen -der Berge, die Fronten der weißen Vorstadthäuser in der Ferne, und -langsam beginnt der Tag sich zu erhitzen, beginnt zu flammen und zu -glühen in einer wundervollen, himmelblau und goldenen Sommerpracht. -In vierfachen Reihen stehen an tausend Wagen hier oben auf der -Rudolfshöhe, am Saum der Schmelz. Wenn man dies fröhliche Bild -betrachtet, erinnert man sich der farbigen englischen Stiche, auf -denen mit ihrem mondainen Getümmel die Wagenburgen dargestellt sind, -etwa beim Wettrennen zu Newmarket oder Devonshire. Nur daß diese -Wirklichkeit noch bunter und zwingender ist als alle englischen Stiche -zusammen. Die Damen in ihren hellen Sommerkleidern sind auf die -Wagensitze gestiegen, ihre weißen, blauen, grünen und roten Schleier -flattern, ihre Hutfedern wehen, ihr Lachen und ihr Plaudern fegt wie -ein leises Rauschen über den Platz. Und die Luft ist jetzt erfüllt vom -Geruch hundertfacher Parfüms, vom Duft der Seidenkleider, vom Geruch -der Zigaretten, die die Herren rauchen, und vom Geruch der vielen -dampfenden Wagenpferde. - -Über das weite Feld hin ziehen die Truppen, rücken jetzt in langen -Linien auf, mit wehenden Fahnen, die sich von fern nur wie das -Tanzen kleiner Wimpel ausnehmen, und mit klingendem Spiel. Aber man -hört nichts von der Musik. Der Wind hebt das Schmettern von neun -Regimentskapellen auf und zerstreut diesen riesigen Schall wie das -Singen eines Kindes; er nimmt diese Klänge, löst sie auf und trägt -sie zu den Wäldern hinüber, die das laute Tönen einschlürfen. Nur das -Schlagen der großen Trommeln hört man, und es klingt wie ein feierlich -taktmäßiges Teppichklopfen im Freien. - -Ebenso trinkt dieses Feld die Massen. Dort drüben marschiert eine Armee -daher, dort stampfen abertausend Männertritte, abertausend Rosse mit -ihren Hufen, man hört es nicht. Man sieht nur kleine, blaue Schwärme -und Linien dahinkriechen. Man sieht ein wenig Gold schimmern, man -sieht manchmal einen Blitzstrahl aufleuchten, das Sonnenlicht, das in -irgendeinem Säbel zuckt. - -Quer über das Feld sprengt ein junger Offizier heran; ein Adjutant. -Wie er näher kommt, wie er an uns vorüberstiebt, erkennt man, daß er -die elegante Ulanenuniform trägt, daß er ein bildhübscher, schlanker -junger Mensch ist, mit einem gesunden tiefbraunen Antlitz. Und es ist -in allen seinen Gebärden, wie er die Zügel hält, wie er im Sattel -sitzt, wie er den feinen Oberkörper leicht vorneigt, ein bezwingender -Ausdruck von Lust, von Kraft und Jugend, und zugleich das Bewußtsein, -daß er jetzt so vielen Menschen zum Schauspiel dient. Mir fällt -irgendein Romankapitel ein, aus irgendeinem Wiener Roman. Und dieses -Kapitel spielt auf der Schmelz, während der Frühjahrsparade, und -der junge Offizier sprengt genau so über das Feld, trägt genau so -die Ulanenuniform und ist genau so stolz und befangen zugleich bei -diesem Ritt. Er stellt eine ziemlich wichtige Figur in diesem Roman -vor, ist ein nachdenklicher Mensch, der den Boden prüft, auf dem er -geboren wurde, der zu Hause und auf großen Reisen zu erkennen gesucht -hat, worin die Eigenart Österreichs liegt, worin die besondere Art -des Dienens und Herrschens liegt, und wodurch sich das Dienen und -das Herrschen in Österreich etwa von der gleichen Übung in anderen -Ländern unterscheidet. Jetzt sprengt er quer über das Feld auf seinen -Posten und sieht die kaiserliche Suite beim eisernen Obelisken stehen, -bemerkt die weißen Federbüsche, die roten Reiher, die blinkenden -Pickelhauben und die Astrachanmützen der fremden Militärattachés, -bemerkt die Feierlichkeit der kaiserlichen Garde, die dort wartet, um -den Monarchen zu umgeben. Und jetzt kommt der Kaiser. Grüßend reitet -er durch das Spalier der Suite, die sich dann hinter ihm zu einem -goldenen, schimmernden Wall zusammenschließt. Der Kaiser reitet einen -herrlichen Goldfuchsen, der im Tänzerschritt geht und beim kurzen -Galopp die Grazie einer Ballerine hat. Der junge Offizier bemerkt, -wie der Kaiser mit einer unwillkürlichen Reiteranmut im Sattel sitzt, -wie er den feinen, schlanken Oberleib leicht vorgeneigt hält, wie -seine Schultern fallen, und der junge Offizier weiß in diesem Moment, -daß er selbst beständig, ganz unbewußt, diese Haltung nachzuahmen -bestrebt war, dieses leichte Vorneigen, diese abfallenden Schultern, -diese österreichische Eleganz der Mühelosigkeit, der kaum von weitem -angedeuteten, diskret gehaltenen Strammheit, und der lächelnden Würde. - -Da galoppiert schon der Kaiser den aufgestellten Truppen entgegen. -Weit voran, in der dunklen Uniform mit der goldenen Schärpe querüber, -sprengt sein Flügeladjutant. Dann reitet der Kaiser, ganz allein, und -es ist, als ob sein schönes Pferd nur auf dem vordersten Hufrand, wie -auf den Zehenspitzen mit dem Boden tändeln würde, so federnd trägt es -ihn dahin. Man sieht sein Gesicht von weitem, man glaubt es zu sehen, -denn der weiße Bart schimmert unter dem grün wehenden Generalshut, -und nur diesen Schimmer braucht es, um das wohlbekannte, in jedes -Bewußtsein wie auf alle Münzen eingeprägte Antlitz vor sich zu sehen. -Hinter dem Kaiser her der prächtige Sturz des Gefolges, diese herrliche -Wolke, aus der das Braun und Weiß und Schwarz der galoppierenden -Pferde, das Blinken der Helme, das Wehen der Federbüsche, das Gleißen -der Tressen und Waffen und Schärpen als eine wundervolle Einheit von -Prunk hervorbricht. Aber dem Kaiser entgegen braust und schmettert die -Volkshymne. Die Fronten der Regimenter stehen regungslos, stehen da -wie bunte Mauern, unbeweglich und starr, aber ihr klingender Gruß fegt -dem heranreitenden Kaiser entgegen, mit Trommelwirbel und metallischem -Trompetenklingen und donnerndem Paukenschlagen. Dieser Gruß fegt ihm -entgegen wie ein tönender Atem, der seit hundert Jahren stets in den -gleichen Zügen den Kaisern von Österreich aus der stummen, lebendigen -Mauer ihrer Truppen entgegenschwoll. - -Jetzt reitet der Kaiser langsam die Fronten ab. In vierfachen Reihen -stehen diese Menschenmauern, in vierfacher Wendung reitet ihnen, -hinauf und hinab, der Kaiser vorbei und zieht die goldene Schleppe -seines Gefolges hinter sich her. Wo er sich einem Regiment nähert, -rauscht die Volkshymne auf. Und der junge Offizier blickt auf dieses -Beisammensein des Kaisers mit den Soldaten. Er sieht, wie die -kaiserliche Gegenwart alle diese Menschen bannt, wie über ihnen nur -das eine ist: der Befehl, und in ihrer Haltung nur das eine: der -Gehorsam. Er blickt hinüber und vermag fast jeden einzelnen Mann zu -unterscheiden, und vermag auf dem Boden die gleichen Zwischenräume -zwischen all diesen Fußspitzen zu sehen, als hätte man in sorgsamer -Symmetrie zwanzigtausend Bleisoldaten auf ein großes Brett gestellt. Er -betrachtet diesen Vorbeiritt, der sich ausnimmt, als ob weiter nichts -geschehen würde, und er weiß aber, daß dort dennoch etwas geschieht, -etwas, das zwischen der Person des Kaisers und diesen Soldaten hin und -wieder geht, eine Hingabe, die in ihrem letzten Grund rätselhaft ist, -auf der jedoch die ganze Macht eines Regierenden sich aufbaut. - -Umstoben von dem blitzenden Schwarm seines Gefolges, sprengt der Kaiser -wieder zum Obelisken heran. Wie er so dahergaloppiert und hinter ihm -drein noch der Salut der Truppen rauscht, ist es ein Augenblick von -einer Feierlichkeit, wie nach einem Sieg. Und der junge Offizier, der -seine Ergriffenheit meistern will, überlegt, daß in diesem Augenblick -ein uraltes Prinzip aufs neue besiegelt und bekräftigt wurde -- -hier am Rande der enormen, von allen neuen Gedanken und Problemen -durcharbeiteten Großstadt -- und daß von dieser Besieglung das -feierliche Empfinden herrührt. - -Dann marschieren die Regimenter an dem Kaiser vorbei. In breiten Reihen -kommen sie heran, junge Menschen, viele Tausende von jungen, blühenden -Menschen, Söhne, Söhne, Söhne. Der Defiliermarsch zwingt ihnen wie -mit energischen Griffen seinen Rhythmus auf, die Fahnen flattern hoch -gehoben, und alle diese jungen, lächelnden, frischen Gesichter dem -einen, weißbärtigen Greisenantlitz zugewendet, marschieren sie vorüber. - -Der junge Offizier denkt bei sich, wie einfach, wie untheatralisch -diese Art der Parade und des Vorbeimarsches ist, wie diese Truppe den -kriegerischen Geist nur andeutet, als fürchte sie das Lächerliche und -Prahlerische einer Übertreibung; wie sie die Strammheit mühelos und -diskret nur andeutet, wie sie in ihrer Masse und in ihrem Schritt, in -ihrer Zusammengeschlossenheit doch menschlich und persönlich bleibt, -wie sie nicht einen Augenblick als eine Schar von Gliederpuppen -erscheint, wie selbst ihr Gruß noch etwas Gemütvolles und Weiches -hat -- und er überlegt, daß die Anmut dieses Landes, daß seine -tiefwurzelnde Kultur, seine Willigkeit und sein Taktgefühl so vieles -leicht und anmutig macht, was anderswo ... - -Wo ich dieses Romankapitel gelesen habe, weiß ich jetzt nicht mehr. Ich -glaube sogar, ich habe es überhaupt noch nirgends gelesen, und mich -nur in die Möglichkeit eines solchen Kapitels verirrt. Es wäre aber -vielleicht ganz gut, wenn es einmal geschrieben würde. - - - - -KAISERMANÖVER - - -Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist. - -Hinaus, die morgenstille Dorfstraße entlang, die vom ländlichen -Geruch brennenden Reisigs durchflogen wird. Der Tag ist an der Sonne -noch nicht warm geworden, und sein junges Atmen weht kühl über das -erwachende Gelände. Auf dem dunklen Grün der Hochlandwiesen schreitet -man über Moorgrund, wo das perlenbesäte Gras unter den Füßen glitzert, -schreitet über die hellfarbigen Teppiche blühender Buchweizenfelder -den Hügel hinan, wo junge Lärchen wie auf Vorposten stehen. Weithin -überschaut man hier das Tal: in der Tiefe überall weißblinkende -Ortschaften, winzige Häuser, gleich umhergestreuten Steinen auf einer -riesenhaften Matte. In schwarzblauen Schatten steigen die Bergwälder -von den Felsen nieder. Aber hinter grauen Wolken birgt sich die -Brentagruppe noch mit ihren Gletschern, des Adamello und des Ortlers -aufragende Schneegipfel, als habe die Natur zum Sommerfest dieses Tages -noch nicht aufgeräumt und halte die Prunkstücke dieser Landschaft -einstweilen unter Schutzdecken. - -Irgend ein dumpfer Ton schlägt an, als ob in der Ferne ein -Böttcherhammer niederfiele. Noch einmal, dann wieder. Mit dem -Feldstecher suchen die Augen alle Höhen und Tiefen ab. Ganz weit, -weit weg funkt ein gelber Schimmer auf, nicht stärker als ein -verlöschendes Streichholz. Und wieder der dumpfe Ton. Die Kanonen -eröffnen das Gefecht. Plötzlich andere Geräusche. Wie schwaches -Peitschenknallen, wie das Bersten auffliegender Eierschalen, wie das -Knittern von starkem Papier. Infanterie im Schnellfeuer. Dazwischen -ein lautes, überraschendes Pochen, ungeduldig, als ob jemand voll Zorn -an eine Tür klopfen würde: die Maschinengewehre. Das Pochen reißt ab, -setzt wieder ein. Und nichts zu sehen, als in den Feldern oder am -meilenfernen Waldrand das Aufblitzen der Säbel. In einer unermeßlichen -Ruhe verharrt die Landschaft, in einer majestätischen Gleichgültigkeit -gegen den Kampf, der sie in ihren Schrunden und Falten durchwühlt, in -ihren Mulden und Gräben. Dort unten, tief in den Wäldern, in schmalen -Gebirgspässen, am Rande unwegsamer Schluchten, auf engen Brücken, die -hoch über wilden Sturzbächen schweben, bricht jetzt der Kampf los; um -des Reiches Pforten. - -Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist. -Sollte das hitzige Fieber spüren, das in den Stunden vor einer großen -Entscheidung über die Menschen hinpeitscht. Sollte die Schauer jener -ungeheuren, verführerischen Feindseligkeit genießen, die aus den -tierischen Wurzeln unserer Art empordampft. Dann aufwachen, wie aus -einem glühenden Traum, und sich an der spielerischen Wirklichkeit -beschwichtigen: Gedankenmanöver ... Vielleicht, daß von den Soldaten -einer, anschleichend in der Schützenlinie, am Boden liegend, im -Schnellfeuer, berauscht von seiner Jugend, von der eigenen Kampfgebärde -und vom Knall des eigenen Gewehrs, für Sekunden in das siedende Bad -dieser Einbildung stürzt, für Sekunden in dieses Traumes flammende -Tiefen hinabtaucht. Im nächsten Augenblick aber reißt es ihn gewiß -schon wieder aus dem Abgrund solcher Schwärmerei empor zum harmlosen -Bewußtsein des harmlosen Kampfspieles. Denn es gibt eben Dinge, die -sich auf Befehl nicht vorstellen, die sich nicht manövrieren lassen: -Todesgefahr und Sterbensahnung, Blutrauch und in Ackerschollen -hingekrümmte Verzweiflung, und die furchtbare Schicksalsatmosphäre, die -über den Schlachtfeldern sich breitet. - -Ein Schauspiel. Künftiger, oder niemals kommender Ereignisse -vorberechnete Gebärde. Erdichtetes, wohl ausgedachtes, künstlerisch -komponiertes Geschehen, dargestellt unter freiem Himmel von -fünfzigtausend Akteuren. Ein Schauspiel in drei Tagen, in drei -Aufzügen, wenn man will. Sorgfältig gesteigert, mit prachtvollen -Massenszenen, mit unzähligen dekorativen Episoden, und mit einem -einzigen Zuschauer, dessen Beifall ersehnt wird, dessen Gegenwart, wie -ein ruheloser Pulsschlag in all den Massen, die sich hier bewegen, -fühlbar ist, dessen Dasein Aufregung, Gespanntheit, Anstraffen der -Nerven ringsumher verbreitet, und Prunk und Glanz und hohes Erwarten: -der Kaiser. - -Anschaulicher als sonst jemals tritt hier der militärisch-monarchische -Gedanke in die Erscheinung, wird in dem kleinen Ort hier -- vom -bürgerlichen Großstadtwirbel nicht mehr verhüllt -- greifbar nahe, -wird gleichsam ohne störende Nebengeräusche reiner vernehmlich. Das -unübersehbar große Regierungsnetz, das ein ganzes Reich zusammenhält, -ist hier auf einmal zu übersehen, ist dichtmaschiger, so daß man -herantreten und sein sinnreiches Gewebe bewundern kann. Das geringe -Dorf ist zum Auszug der staatsgebietenden Mächte geworden, gibt den -Extrakt der herrschenden Gewalten. Schon äußerlich. Die Einwohner, -das, was man die »Bevölkerung« nennt, ist wie verschwunden, ist an -die Wand gedrängt, in die Winkel verscheucht, unsichtbar neben dem -Glanz, der jetzt in diesen Hütten wohnt. Tür an Tür: der Kaiser, die -Erzherzoge, die Generale, Minister, Statthalter, Polizei. Und Militär, -Militär, Militär. Überall, auf den Straßen, vor den Schenken, auf den -Feldern, in den Torbogen, an den Brunnen steht einer vor dem anderen -in Ehrfurcht, in Strammheit, in erstarrendem Gehorchen. Überall wird -nur befohlen und Gehorsam geleistet. Überall gibt es nur Vorgesetzte -und Untergebene. Alle Klassenunterschiede, alle Vorrechte stellen sich -in greller Sichtbarkeit dar. Einer freien Arbeit lebend, hat man sie -gelegentlich wohl vergessen: hat, unter höher gewölbten Horizonten -dahinwandelnd, manche dieser Dinge für verschollen, für erledigt, -für nicht mehr diskutierbar gehalten. Da wird es einem seltsam zumute -während dieser drei Tage, die man hier in einer Atmosphäre voll -Disziplin, voll Ergebenheit, voll Devotion verbringt, in konzentrischen -Kreisen sich dreht, auf denen Rang und Stand, und Geburt und Charge -verzeichnet sind, wo jeder mit den äußeren Abzeichen und Signalen -seines Wertes umhergeht, wo Lohn und Strafe sofort vollzogen, erteilt -und im Augenblick fühlbar werden. So nach und nach aber findet man -sich angezogen vom großartigen Hokuspokus des Herrschens, fühlt sich -fasziniert von der erlauchten Magie des Menschenfanges, und bewundert -ihre tiefe Psychologie, ihre uralte Weisheit. Und dann braucht man -sich's gar nicht mehr einbilden zu wollen, daß es ein wirklicher Krieg -ist, hat dem Waffenspiel einen anderen Sinn gefunden, wenn man am -nächsten Morgen hinauswandert ins Gelände. Da wird eben die Krone des -Werkes gezeigt, die höchste Vollendung der Idee: wie sich die Tausende -darbringen, wie sie dereinst ihr Sein und Leben einsetzen werden. Die -Hauptprobe der äußersten Hingebung. Die Hauptprobe jener Treue, die in -der Volkshymne »Gut und Blut« verspricht: Kaisermanöver. - -Kanonengebrüll am zweiten Tag in der Frühe. Ganz nahe dem kaiserlichen -Hauptquartier. Schwere nasse Wolkenvorhänge hüllen die Berge ein. -Wolken ziehen am Waldsaum hin, und in der Tiefe des Tales deckt -weißdampfender Nebel alle Dörfer und Fluren. Unten vollzieht der -anrückende »Feind«, vom Wetterschleier verborgen, seinen Vormarsch. -An die Sonne von Austerlitz denkt man, aber die Sonne scheint Zitate -aus der Geschichte nicht anzuwenden und zeigt sich nicht. Auf der -Anhöhe vor dem Dorf steht die Artillerie. Der Feuerblitz fährt aus -den Kanonen, ein Donnerschlag, den man in der Magengrube, in den -Eingeweiden wahrnimmt, der den ganzen Körper gleichsam durchzuckt. -Das Echo reißt ungeheure Schallfetzen von den Bergen, die der Wind -zerbläst. Aus den Wolkennebeln ein Knattern wie das Anfahren eines -Motorrades. Mühsam nur erkennt man drüben im schütteren Gehölz -das Landesschützenregiment. Langsam, geduckt, mit schleichenden -Jägerschritten vorgehend, feuern sie, werfen sich zu Boden, in die -Regenlachen, feuern. Jetzt, dicht vor der Anhöhe, auf der die Kanonen -stehen, rückt in Schwarmlinie die Infanterie vor, erwidert die -Gewehrsalven, deckt das Abreiten der Batterie: Rückzug. Nach einer -kurzen Weile ist die Artillerie verschwunden. »Feuer einstellen.« Jeder -Mann wiederholt es, ein langgezogener Aufschrei fliegt über die Felder. -Und jetzt kommt die feindliche Macht von überallher heran, stürmt, aus -dem Talnebel hervorbrechend, die Hügel hinauf, wälzt sich über die -gewundenen Bergwege, und plötzlich wieder das Pochen, laut, eilig, -zornig. Die Maschinengewehre, die den Verfolger noch aufhalten sollen. -Kein anderes Schlachtgeräusch ist wie dieses alarmierend, trägt so -beredsam den Charakter des schnellen Eingreifens, der furchtbaren -Aggressivität. - -Es regnet in Strömen. Seit Stunden regnet es. Scharf, kalt, und der -Wind schleudert einem die dichten Strahlen ins Gesicht, zerrt die -Wolken bis auf den Boden herab, wühlt die Schollen auf, peitscht einen -mit eisiger Wassernagaika. Auf dem freien Platz vor dem Hauptquartier -hält der Kaiser zu Pferd. Vor ihm in ihren weißen Mänteln die sechs -Gardereiter, das Gesicht zu ihm gewendet. Ein wenig abseits das -Gefolge. Generalstäbler, die fremden Attachés, Adjutanten. Weiter weg -die Lakaien mit den Reservepferden. Vom Unwetter werden die Tiere -nervös. Ihr lautes Wiehern tönt herüber, ihr ungeduldiges Schnauben. -Niemand rührt sich dort, wo der Kaiser unbeweglich im Regensturm -aushält. Stunde um Stunde erblickt man ihn so; querfeldein galoppierend -zu einem anderen Standplatz, an feuernden Batterien vorbei, sein Pferd -parierend, sieht diesen Greis, der leicht in seinem Sattel nur so zu -federn scheint, und für den es den Hochlandsorkan, den Wolkenbruch, die -Kälte offenbar nicht gibt. Wie er dann endlich einreitet, gefolgt vom -Schwarm seiner erschöpften Suite, sieht man, wie ihm unter der schwer -nassen Kappe das Wasser die weißen Haare an den Kopf klebt, wie es ihm -von der Stirne, vom Bart und von den Wangen herabläuft, aber auch, wie -er, frisch und rot überhaucht, lächelt, als sei das alles gar nichts. -Die fünfundsiebzig Jahre, die fünf Morgenstunden zu Pferd und das -Wetter ... gar nichts. - -Schluß. Dritter Tag, dritter und letzter Aufzug. Man will ganz zeitlich -fort, nichts versäumen, aber ehe die Sonne noch aufgeht, bebt das Haus. -Auf der Wiese drüben schießen die Kanonen. Es ist, als ob das ganze -Gebäude von einer Riesenfaust dröhnende Stöße bekäme. Der Fußboden -zittert, die Fenster schüttern. Schlag auf Schlag. Plötzlich, dicht vor -dem Tore das helle Krachen der Gewehre. Und rückwärts über den Hof, -übers Dach hinweg das Pochen der Maxims. Hinaus ins Freie. Adjutanten -rasen vorbei. Motorräder preschen die Mendelstraße hinauf, und in der -Luft ein schallendes, verfliegendes »aaa ...« Das Hurrarufen stürmender -Truppen. Saphirblau ist der Himmel, alles in goldenen Glanz getaucht, -in Sonnenfröhlichkeit und Reinheit, die Wälder, die Wiesen, die -funkelnden Kirchturmspitzen, die Berggipfel. Und von den schimmernden -Neuschneefeldern der Brentagruppe lösen sich die letzten weißen -Flockenwolken. Ein festlicher Abschluß. Wie ein Salutschießen dröhnt -der Donner der Schlacht, die sich jetzt voll entfaltet. Auf der breiten -Terrainwelle, die sich zwischen Romeno und Sarnonico wölbt, stürmen -die Regimenter in breiten, formierten Fronten gegeneinander. Mitten -zwischen die beiden Parteien fliegt ein glitzernder, goldfunkelnder, -prachtblitzender Schwarm die Wiese hinauf, sammelt sich oben, nimmt -Stellung: die kaiserliche Suite. Das Gewehrfeuer prasselt und -schnattert und knattert, die Gebirgsbatterien pochen, die Haubitzen -zerreißen das Firmament mit ihrem Krachen, und das Echo tobt an den -Felswänden. Wie kleine farbige Tüchlein flattern die entrollten Fahnen -über den Bataillonen. Da bricht aus dem Tann, der den Hintergrund -abschließt, mit Hurra ein neues Regiment hervor. Es ist der Höhepunkt. -Der Kaiser inmitten dreier Fronten, umgeben von formierten Regimentern. -Regimentern auf seinem ganzen Rückweg, den er von Cavareno nach Romeno -zu nehmen hat, all das mit meisterlicher Regiekunst auf den letzten -Augenblick hin, auf den Schlußeffekt gruppiert. Ein scharfer Hornruf -jetzt. Das Feuern verstummt allmählich, das Echo besänftigt sich und -verhallt, und brausend klingt das Einschlagen der Musikbanden herüber: -»Gott erhalte ...« Der Kaiser reitet die Fronten ab. Mit Trommelwirbel -übernimmt eine Truppe von der anderen das Kaiserlied, immer weiter, -immer entfernter, Generalmarsch ... Trommeln, dann feierlich die -Volkshymne ... zuletzt nur ein leises metallisches Klingen. Der Kaiser -reitet ins Hauptquartier zurück. - -Rasch jetzt die Straße hinauf, heimwärts nach Bozen. Wie durch einen -heiteren Soldatensonntag fährt man dahin. Singende Soldaten, lachende, -sonnengebräunte Gesichter, Gesichter, denen das tiefe Atemschöpfen -der Beruhigung etwas Zufriedenes und Befreites gibt. Überall liegen -sie im Gras, rasten am Wegrand, rauchen, essen und singen. Wenn man -sich's einbilden könnte, daß es ein wirklicher Krieg war und daß es nun -Frieden ist, seit einer Stunde ... - -Während der Drahtseilwaggon von der Mendel ins Kalterertal -hinuntergleitet, wie in freier Luft hinab zu schweben scheint, rauscht -der ganze Berg und klingt von Musik. Und in Sankt Anton unten, auf dem -kleinen Bahnsteig, erzählen die Leute, daß der große Krieg im fernen -Asien zu Ende, der Friede zwischen Rußland und Japan geschlossen sei. -Laurins Rosengarten steht im Glühen der Abendsonne. Vom Bozener Dom her -läuten die Glocken, und man hat den Traum, daß diese schöne Welt eine -ruhige Stunde genießt. - - - - -ELISABETH - - -Jetzt ist uns ihre Existenz fast schon wie etwas Unwirkliches, ihre -Gestalt schwebend wie die Gestalten eines Traumes, und auf ihr -Schicksal blicken wir kaum noch wie auf ein gelebtes Dasein, sondern -wie auf eine Dichtung. Das rührt von der tiefsten Seelenkraft dieser -Frau her, die alle Wirklichkeit immer ins Erhabene emporzwang. Das -rührt davon her, daß ihr Wesen vom Geschick freilich verwundet, -aber niemals bestaubt werden konnte. Was auch rings um sie her an -Verheißungen hindorrte, ihr eigener Sinn ist nicht welk geworden. Was -auch vor ihr an teuren Gütern in Trümmer sank, es vermochte nicht, -ihr den Weg zu sich selbst zu verrammeln. Dieses unbegreiflich hohe -Hinwegschreiten über das äußere Leben macht es, daß ihr Dasein jetzt -einer Legende gleicht. - -Es fängt mit dem strahlenden Glück an, läuft aus sonniger Pracht in -dunkle Trauer und endigt in grauenhaftem Tod. Momente aus ihrem Leben: -die stürmisch geliebte Kaiserbraut, die in Wien einzog, so lieblich, -daß sie nicht bloß die erste, sondern die schönste Frau des Reiches -war. Die schönste Kaiserin an einem lachenden, frohgelaunten Hof, in -einem lachenden, frohgelaunten Wien. Dann ihre Krönung zur Königin -von Ungarn, bejubelt, wie seit den Tagen der Maria Theresia keine -Monarchin mehr bejubelt wurde. Dann ein langsames Hinweggleiten aus -all dem Glanz. Einsam und einsamer auf weiten Reisen. Dann der Tag -von Mayerling. Das jähe Hinstürzen jeglicher Zukunftshoffnung. Dann -wieder tiefe Einsamkeit in fernen Ländern. Der Traum vom Griechentum -in dem weißen Schloß auf Korfu. Ein unerfüllter Traum. Das Schloß -blieb verlassen. Wandern, wandern, wandern. An den Gestaden südlicher -Meere, durch kleine Städte Italiens. Unerkannt, unscheinbar in ihren -Trauerkleidern, versteckt und den Zudrang der Menschen meidend. Jahre. -Dann am Genfer See das schnelle, aus Mörderhand empfangene Sterben. - -Die Kaiserin ... Sie ist uns lange schon entschwebt, war uns eine -Gestalt, die irgendwo ihr Dasein hoch über dem Dasein anderer Menschen -ins Weite trug. Nur manchmal drang eine Kunde von ihr bis zu uns -herüber, nur manchmal kam ein Klang aus ihrer Welt zu uns herangeweht. -Und wunderbar, wie feines Ahnen in den Instinkten der Menge liegt, daß -man aus so fernen Fernen die Kaiserin verstand, daß man ihr Suchen nach -Schönheit und Ruhe begriff, daß man banalere Vorstellungen vom Walten -einer Kaiserin still beiseite legte und mit ahnungsvoller Ehrfurcht -eine Menschlichkeit bewunderte, die über den höchsten irdischen -Rang hinaus höheren Graden noch sehnsüchtig entgegenstrebte. Die -Kaiserin. Auch dieses Wort ist durch Elisabeth zarter, märchenhafter, -unwirklicher, gleichsam dichterischer geworden. - -Wir haben Bilder aus ihrer Jugendzeit. Denn ein anderes Antlitz als das -ihrer blühenden Jugend hat sie dem Volke niemals im Bilde gezeigt. -Aber indem wir diese Bilder jetzt betrachten, wissen wir, daß keines -ihr wirkliches Wesen enthüllt. Dieses edel schmale Gesicht sehen wir, -die Anmut ihrer geschwungenen Lippen, die dunkle Tiefe ihrer Augen. -Doch wir sehen, daß alle Maler die Prinzessin Elisabeth malen wollten, -die Kaiserin Elisabeth. Und daß keiner es vermocht hat, Elisabeth -zu malen. Wir sehen, daß dieses Antlitz etwas noch verbirgt, ein -Unaufgefundenes, ein Verhehltes, ein Verschlossenes: sein Bestes. Die -Züge sind da, aber was diese Züge zur Einheit verschmilzt, was sie -beseelt, das ist nicht da. An die leere Stelle tritt ein offizieller -Ausdruck: Kaiserin. Die Lebendigkeit dieses Gesichtes, seine zarteste, -intimste Lebendigkeit hat keiner von den Malern gegeben. Vielleicht -auch, weil keiner sie erfassen konnte. - -So ist ihr Wesen auch dem einfacher Zugreifenden nicht erfaßlich -gewesen. Nicht in geraden, handlichen Worten ließ es sich sagen. Etwa: -sie ist heiter gewesen, oder melancholisch, oder freigeistig, oder -fromm, oder demütig, oder stolz, gütig oder voll Energie. Sie war am -Ende zu sehr alles zusammen, heiter und melancholisch, freigeistig und -fromm, demütig und stolz und gütig und voll Energie und noch vieles -andere dazu. Sie war viel zu sehr alles zusammen, als daß man dem Volke -eine Formel hätte darreichen können: so und so ist deine Kaiserin. Kann -sein, man hätte sagen dürfen: sie ist fürstlich. Aber die Begriffe, -die vom Fürstlichsein umgehen, sind durch andere Beispiele entstanden -und gewertet worden. Es hätte Mißverständnisse gegeben. - -Mancherlei Erbe trug sie in ihrem königlichen Blut. Die Wittelsbacher -vermochten es oft, ihr fürstliches Vergnügen künstlerisch zu veredeln, -hatten die Gabe, in geistigen Genüssen zu schwelgen, ja zu prassen -wie andere in Genüssen des Leibes, hatten oft diese stürmende Seele, -die sich selbst zerarbeitet. Zu ihren Urmüttern zählte Therese -Kunigunde, des Polenkönigs Sobieski stolze und wildschöne Tochter, die -das Reiten und Jagen liebte und das Bücherlesen, und dem höfischen -Zeremoniell sich ewig widersetzte. Sie war des Kurfürsten Max Emanuel -Gattin. Elisabeths Vater war der Herzog Max, den seine Sehnsucht in -den Orient trieb. Es war die große Reise seines Lebens. Und sein -Traum vom Reisen war der Orient. Ein Dichter, wie König Ludwig I., -ein besserer vielleicht. Mindestens ein sehr kultivierter Dilettant, -der historische Novellen aus der Renaissancezeit schrieb. Königliche -Prunkliebe und bürgerliche Einfachheit ist bei den Wittelsbachern. Aber -am Ende mag man alle Gaben, die das Bayernhaus zu vererben hat, noch so -sehr durchsuchen, noch so sehr durcheinandermischen, die wundervolle -Zartheit, die geheimnistiefe Kraft, die in der Kaiserin Elisabeth -gelebt hat, entschleiert sich und erklärt sich damit nicht. - -Was wissen wir auch von ihr? Daß sie in ihrer Jugend die adelige -Kunst des Reitens geliebt und geübt hat. Daß ihr Körper gestählt und -geschmeidig war und daß ihr Gang eine musikalische Schönheit besaß, die -aus solcher Meisterschaft herkam. Daß sie den Zauber einer unberührten -Natur, Bergwälder und Meeresufer inniger verehrte als den Tumult -mondäner Amüsements. Daß keine Eitelkeit und keine Hoffart in ihr -war, die sie getrieben hätten, sich am lärmenden Zuruf der Massen zu -ergötzen. Daß es sie zu quälen schien, sich selbst als Schaustück der -Menge hinzustellen. Daß sie dafür auf einsamen Spaziergängen aus dem -Homer sich vorlesen ließ und in späten Jahren noch anfing, Griechisch -zu lernen, um des Gedichtes Schönheit aus dem Urtext näher zu -begreifen. Daß sie den Dichter, der das »Buch der Lieder« geschrieben, -verehrte und ihm zu Korfu ein Denkmal gesetzt hat. Daß sie den Schmerz -um ihren einzigen Sohn von Land zu Land, von Gestade zu Gestade ruhelos -umhergetragen, ihren Kummer vor den Blicken der Welt verbarg, wie sie -stets ihr schönstes Fühlen vor profanen Augen verborgen gehalten. Wenn -wir nur dieses, was wir wissen, nehmen, ihr Wesen damit zu umspannen, -dann haben wir eine große Seele, ein Frauenherz von einer Reinheit, -einen Frauensinn von einer Tiefe, daß sie als eine lichte Gestalt -unserem Gedächtnis bleiben müßte, auch wenn sie nicht die Kaiserin -gewesen wäre. - -Daß sie's gewesen ist, scheint mir von unermeßbarem Wert. Denn sie hat -mehr gewirkt als eine Kaiserin, die prunkvoll durch alle Straßen fährt, -auf allen Festen glänzt, sich überall huldvoll und gnädig dem Volke -neigt und die Mode des Landes wie das gesellige Wohltätigkeitsgeschäft -regiert. Sie hat dieser Zeit die Fürstin gegeben, hat als einzige -auf eine lautlose, unwillkürliche und vollkommen menschliche Art -gezeigt, was eine Fürstin ist. Sie hat ein Hochmaß von Weiblichkeit in -unsere Zeit hineingestellt, das kostbarer ist als alles, was wir an -erdichteten weiblichen Idealgestalten besitzen. - -Und sonderbar: Wie unser Erinnern sich lebhafter der Kaiserin zuwendet, -da merken wir, daß wir im Eigentlichen nur wenig von ihr wissen, uns -nicht vermessen dürfen, sie zu kennen, sondern daß es weit mehr die -Ahnung von ihrem reichen Wesen ist, die uns bezwingt. Ein Leben, aus -weiter Ferne angeschaut. Still und hoch dahinfunkelnd, vom Schimmer -des seligsten Glückes umflossen und vom Glanz einer erlesenen Tragik -umleuchtet. Nur leise Andeutungen haben wir, um ihr Inneres zu erraten, -nur das Echo vom Echo ihrer Worte, nur den Hauch, der von ihrem -Wandel ausging, nur verwehte Klänge ihrer Lebensmelodie. Der Spiegel -der Volksseele hat nur ein schwaches, undeutliches Bild dieser hohen -Frau aufgefangen, und man bestaunt es wie das Antlitz eines Märchens. -Diese Gestalt ist wie aus lauter dünnen Schleiern gewoben, fließend, -ungreifbar, unwirklich beinahe, und ist uns doch eingeprägt wie mit -einem Stempel. - -So wenig braucht es, einen guten und seltenen Menschen zu erkennen. -Sei er noch so verborgen, so hat sein Wesen doch einen Duft von solch -feiner Kraft, daß man seine Gegenwart empfindet wie die Gegenwart im -Grase verborgener Blumen. Sei er noch so entfernt, so ist er doch -in eine Atmosphäre gehüllt, die leuchtet wie ein Gestirn am dunkeln -Himmel. - - - - -DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ - - -Von überall her blickt uns jetzt sein Antlitz entgegen. Aus allen -Schaufenstern sieht es uns an, es ziert alle Paravents, Tabaksdosen, -Ansichtskarten, Bonbonnieren; es schmückt die Titelblätter aller -Zeitungen, die wir zur Hand nehmen, und es prangt in der Apotheose -aller Festspiele, umrauscht von der Volkshymne und von der Hochflut -wienerisch zärtlicher Kaiserstimmung. Wo wir uns hinwenden, lächelt -dies Greisenhaupt aus weißem Bart und aus den von weißen Brauen dicht -verhehlten Augen sein stilles Lächeln. - -Wie ist uns dieses Antlitz wohl vertraut. Wir alle sind mit diesem -Bilde vor uns aufgewachsen. Unsere Väter schon haben kein anderes -Kaiserantlitz mehr in Österreich gekannt, und wie wir kleine Buben -waren, hat uns dieses Antlitz angeschaut, da wir zum erstenmal in der -Schulstube saßen. Jetzt wachsen unsere Kinder auf und gehen zur Schule, -und auch sie blickt dieses selbe Angesicht aus feierlichem Rahmen an. -Mit diesem Angesicht haben wir unser Leben verbracht, haben alle unsere -Tage in diese Mienen geschaut, und sie sind uns so eingeprägt, daß wir -bei dem Worte Kaiser immer gleich auch diese Züge sehen. Wir werden sie -noch lange sehen, wenn wir das Wort Kaiser aussprechen oder denken. -Diese beiden Vorstellungen, von einem Monarchen und von einem Antlitz, -sind in unserem Bewußtsein so unauflöslich, so von frühester Kindheit -an miteinander verknüpft, daß wir sie nun wohl kaum mehr voneinander -trennen werden. Was immer auch geschehen mag. - -Aber es ist nicht bloß die Erinnerung an wohlvertraute Züge, die -unserem Denken also lebhaft einleuchtet. Schließlich gab es ja noch -andere Gesichter, mit deren berühmter Gegenwart wir gelebt haben. -Gesichter, die uns geläufig waren, deren Klischee wir fertig in -unserem Bewußtsein trugen. Gesichter, die in uns vorhanden waren, wie -Photographien in einem Album. Man braucht gar kein langes Gedächtnis zu -haben, um sich des dunkeln, zierlich wilden Zigeunerkopfes Andrassys zu -besinnen, oder der behaglich pfiffigen, rotnasigen Spießbürgermaske des -Grafen Taaffe. Und vor kurzem noch war das lachende Beethovenantlitz -Girardis berühmt, so berühmt, daß es über Wien stand wie der Mond, und -wie dieser in alle Straßen und in alle Fenster schaute. Dann Johann -Strauß, sein blasses Antlitz mit den tiefstrahlenden schwarzen Augen, -dieses Antlitz der zum Genie gesteigerten Wiener Lebensfreude. Wir -haben viele Gesichter gehabt, die uns beständig gegenwärtig waren, -und von denen es schien, als gehörten sie einfach mit zum Bestand des -Lebens, und als sei ohne sie die Welt gar nicht möglich. - -Dennoch hat kein anderes Antlitz und keines anderen Mannes Wesen so -vielfach, so stark und so nachhaltig sich in der Menge gespiegelt und -auf die Menge abgefärbt wie das Antlitz und das Wesen des Kaisers. -Freilich: weil es der Kaiser war. Das ist natürlich, braucht -nicht erst entdeckt, noch bewundert zu werden. Auch eine schwache -Persönlichkeit kann die Menge beeinflussen, wenn sie auf so hohem, -so weithin sichtbarem Gipfel steht, wenn sie auf so vielen tausend -Wegen, durch so viele tausend Türen und Türchen immerfort auf die Menge -eindringen kann. Hier aber ist es nicht nur der Kaiser gewesen, nicht -dieser allein; und es machen's auch nicht die sechzig Jahre, obwohl sie -viel mitgeholfen haben. Hier war es der Österreicher. Dieser zumeist. -Das echt österreichische Antlitz des Kaisers. Sein österreichisches -Wesen. Seine ... Bodenständigkeit, würde ich sagen, wenn ich von dieser -Eigenschaft so viel halten könnte wie andere Leute. Aber lassen wir's -dabei. So wenig diese Bodenständigkeit in der Kunst zur Größe oder zur -Komplexheit notwendig, ja selbst nützlich ist, so wichtig mag sie bei -einem Fürsten sein. Also: seine Bodenständigkeit. - -Man braucht ja nur bedenken, daß in England hannoveranische Prinzen die -Krone tragen, daß im russischen Reiche Holsteiner Fürsten herrschen, -daß in Schweden die Enkel des französischen Bernadotte Könige sind, -in Griechenland ein Dänensproß regiert, in Rumänien ein Hohenzoller -und in Bulgarien ein Koburger. Rein äußerlich mag auch der landfremde -Monarch durch sein Wesen Einfluß üben. Auch der Regent, der in seiner -Persönlichkeit nicht den Typus des Volkes darstellt, auch der wird -kopiert. Aber doch nur von liebedienernder Absicht, doch nur von -Höflingen, die mühselig in der Maske und in den Gebärden ihres Herrn -posieren. Diese Wirkung streift nur die Oberfläche. Unser Kaiser -spiegelt sich in den Österreichern, wie österreichische Art in seinem -Wesen sich spiegelt, weil er nicht nur ein Kaiser, sondern ein Typus in -Österreich ist. Eine Gestalt, diesem Lande eingeboren und verwurzelt. - -Wir können die Probe drauf machen. Wenn einer das Bildnis Eduards -anschaut und es zufällig nicht weiß, daß es der King von Großbritannien -ist, niemals würde er darauf verfallen, ihn für einen Engländer zu -halten. Niemand, der es nicht vorher weiß, würde von selbst sagen, -Nikolaus sei ein Russe, und sein vollkommenes Ebenbild, der Prinz von -Wales, ein Insularbrite; niemand würde von Karol behaupten, das sei ein -echter Rumäne, und Wilhelm II. würde man, ohne ausdrückliches Wissen, -eher für einen Engländer ansprechen, genau so wie seinen ältesten Sohn, -den Kronprinzen von Preußen. Aber das Gesicht unseres Kaisers muß -jeder für ein österreichisches Gesicht erkennen. Man denke der Bilder, -die den Kaiser in Zivil zeigen. Auf diesen Bildern kommt's erst recht -heraus: das ist weder ein französischer Kavalier noch ein englischer, -weder ein Sachse noch ein Preuße, das kann nur ein Österreicher sein. -Nicht wahr? - -Immer ist es ein österreichisches, eigentlich ein wienerisches Gesicht -gewesen. Man betrachte die Bildnisse aus einer frühen Zeit, da er, -ein achtzehnjähriger Jüngling, den Thron gewann. Und man nehme, -zum Vergleich, ein Bildnis des ersten Kaiser Wilhelm, das ihn als -Jüngling zeigt. Auch der Sohn der in Preußen vielgeliebten, schönen -Königin Luise ist ein wunderschöner junger Prinz gewesen, wie der -Sohn der Erzherzogin Sophie. Vielleicht war er sogar schöner noch -als dieser. Aber das Antlitz des jungen Franz Josef mit den heiter -schwellenden Lippen, mit den weichen, zärtlichen Linien, mit dieser -sanften, gleichsam musikalischen Anmut, ist das Antlitz eines jungen -Österreichers. Und das Gesicht des Prinzen Wilhelm mit dem schmalen, -fest zusammengepreßten Mund, mit den streng in sich verhaltenen Zügen -und dem gewissermaßen sachlichen Ausdruck ist das Gesicht eines -Norddeutschen. Man könnte sagen: jenes ist ein katholisches und dieses -ein protestantisches Antlitz. Ihrer Volksart typisch waren beide, -indessen jetzt keine Monarchen mehr da sind, weder Eduard noch Georg, -noch Ferdinand oder Nikolaus, ja auch gewiß nicht Wilhelm II., die -ihrer Volksart typische Gestalten wären. - -Man erinnere sich noch des Kaisers Franz Josef der sechziger, siebziger -und ersten achtziger Jahre. Wie viele unter uns werden sich dessen noch -leicht erinnern. Wie war er da mit dem langwehenden, blondbraunen, -dichten und krausen Backenbart österreichisch. Und wie viel Offiziere, -wie viel Beamte, wie viel Offizielle hat es damals gegeben, die den -lang wehenden Backenbart trugen? In allen Amtsstuben, auf allen -Exerzierplätzen, auf allen Promenaden hat man diese Gesichter und diese -Bärte gesehen. Und manchmal war die Ähnlichkeit täuschend genug. - -Das sind freilich nur oberflächliche Dinge. Ein wenig tiefer aber liegt -es schon, daß die Männer in Österreich auch des Kaisers Manieren sachte -angenommen haben. Nicht nur die Höflinge, die das Vorbild immer mit -Augen sehen und ihrem ganzen Charakter nach so gern erlauchtem Beispiel -sich anschmiegen. Nicht nur die Offiziere, die, enger dem Kaiser -verbunden, gewiß schärfer aufpassen, wie er seinen Rock trägt. Nicht -nur die Beamten und alle die anderen vom offiziellen Dienst, sondern -jeder, der vom Bürgertum irgendwie nach Formen, nach repräsentierender -Geschicklichkeit strebt, nach einer Manier, sich im Verkehr menschlich -zu geben und menschlich zu behaupten, jeder hat die Spur dieses -Einflusses an sich, jeder ist in der Farbe des Kaisers irgendwie -gefärbt. - -Wenn man die leicht geneigte Haltung des Kopfes, diesen unauffällig -federnden, sorglosen und anmutigen Gang, dieses Sich-schmal-machen -für österreichisch hält, dieses mit angedrücktem Oberarm, aus dem -Ellbogen vollführte, runde Agieren, diesen um und um mit Freundlichkeit -gepolsterten Stolz, diese verbindliche Kunst, lächelnd zu distanzieren, -wenn man dies alles für österreichisch hält und dann erst den Kaiser -beobachtet, merkt man erst, wie österreichisch Franz Josef ist, aber -auch wie Franz-Josef-mäßig die Österreicher geworden sind. Man merkt, -daß es eigentlich sein persönliches Wesen ausmacht, davon man die -Spuren und Farben bei den anderen vereinzelt getroffen, vereinzelt und -wie etwas Angenommenes, wie ein unwillkürlich Angewohntes. Sein Wesen -ist dieser anmutige Paßgang, mit der Natürlichkeit der abfallenden -Schultern, mit der leicht geneigten Haltung des Kopfes, das Agieren -in runden, aus dem Ellbogen spielenden Gebärden mit angedrückten -Oberarmen. Sein Wesen, diese ganze unauffällige, diskrete, sorglose und -ihrer selbst unendlich sichere Eleganz. - -Nachahmung allein kann das nicht zuwege bringen. Auch greift Nachahmung -allein nicht so weit um sich, dringt nicht so ins Breite und Tiefe, -sickert nicht so unaufhaltsam durch alle Schichtungen der Stände. Wenn -sie den Kaiser nur nachahmen würden, wäre dies alles gezwungener und -leichter kenntlich. Man merkt ja sonst überall, wo ein Mensch einen -anderen bewußt kopiert, den kleinen Zwischenraum, der zwischen seiner -eigenen und der angenommenen Art klafft. Man merkt den feinen Striemen, -den die vorgebundene Maske in das wirkliche Antlitz gräbt. Hier aber -ist kein Zwischenraum, der eine kopierte Art vom wahren Wesen trennt. -Wie der Kaiser sich gibt, wie er geht und spricht, wie er den Kopf -hält und wie er schaut, dies alles ist Ausdruck des österreichischen -Wesens. Eine tiefe Verwandtschaft des Blutes und der Rasse bindet den -Österreicher an den Kaiser und den Kaiser an den Österreicher, an den -niederösterreichischen, an den wienerischen, um es genauer zu sagen. - -Und es sind nicht die äußeren Züge bloß, die jene Gemeinsamkeit -erleichtern, nicht die äußeren Manieren, die es ermöglicht haben, daß -des Kaisers Art so viel abfärbende Wirkung, so viel angleichenden -Einfluß übt. Wie vieles an ihm ist österreichisch, was erörtert -werden kann, und wie vieles ist es, wovon wir heute nicht erst zu -sprechen brauchen. Österreichisch ist sein Hang zum Unauffälligen, -sein kultivierter Geschmack, der allem Gellenden, allem Schmetternden, -allem Unterstrichenen und überlaut Betonten abhold ist. Österreichisch, -wie seine Haltung, die nicht bolzengerade, nicht »stramm« mit -aufgeworfenem Kopf soldatischen Geist zu markieren strebt, ist seine -Diskretion, die vor allem Theatralischen, vor allem Exaltierten als -vor etwas Unmöglichem scheu zurückweicht. Österreichisch ist dieses -subtile Taktgefühl, das in Befangenheit gerät, wenn es repräsentierend -obenan stehen soll, dieses Taktgefühl, das eher schüchtern wird, -als daß es vermöchte, aufzutrumpfen. Österreichisch ist diese -Art der gleichmäßigen, lautlosen Arbeit, dieses treue Hängen an -ein paar Gewohnheiten, an ein paar liebgewordenen Erdenplätzen. -(Wien--Ischl--Ischl--Wien.) Und dieses zuverlässige Zufindensein in -den alten Gewohnheiten und in den alten Wohnungen ist österreichisch. -Österreichisch ist auch diese Kultur der Seele, die es vermag, daß man -die schwersten Dinge mitmacht, durchmacht, und der Welt doch immer ein -lächelndes Antlitz zeigt. Und dieses Ablehnen allzu laut rauschender -Lorbeern, dies Abwinken allzu schreiender Lobredner, dieses stille -Beiseitegehen, dies Einsamkeitsleben ist österreichisch. - -Wir sehen dieses Antlitz jetzt überall, wohin wir uns wenden; wohin -wir uns wenden, sehen wir jetzt die Initialen dieses Namens, das -F. J. I., sehen die Jahreszahlen 1848--1908. Wie ein großer, von -einem einzigen Ornament durchwirkter Stoff ist die Stadt Wien jetzt -durchwirkt von diesem Antlitz, von diesen Initialen und von diesen -Doppelziffern. Und durchwirkt ist dieses ganze engere Österreich, -die Stadt und das Land von dem Antlitz des Kaisers, von seiner Art, -von seinem Wesen, von den Initialen seines Charakters. Daß er hier -wurzelt, hier heimisch ist, daß diese Erde ihn trug und reifte, daß -er die Frucht dieses Bodens wurde, den feinsten und geschlossensten -Auszug aller Kräfte dieser Scholle darstellt, daß er ein Typus seines -Volkes ist, hat diese tiefe Harmonie zwischen ihm und seinem Volk -sechzig Jahre währen lassen. Kaiser Franz ist aus Toskana erst nach -Wien und in die Erblande gekommen, hat die italienische Art, die ihm -in den Adern lag, erst vergessen, hat sich hier erst akklimatisieren -und assimilieren müssen, ehe ihn die Wiener -- nach vielen Jahren -- -ihren »Franzl« nannten. Franz Josef ist in Schönbrunn geboren. Sohn -einer bayrischen Prinzessin und eines österreichischen Erzherzogs, -der als ein Typus altwienerischer Gestalten, als eine Kriehuber-Figur -gelten darf. Die Wiener, die vornehmen wenigstens, diejenigen, die das -Wienertum Schuberts, Lanners und der Strauß-Walzer repräsentieren, die -waren wie er. Deshalb wurden sie wie er. Deshalb sahen ihm seinerzeit -die Jünglinge ähnlich, dann die Männer, und deshalb sehen ihm jetzt -die Greise ähnlich, die mit ihm und seiner Epoche gealtert sind. Diese -Epoche trägt seine Züge, wie den Münzen sein Antlitz eingeprägt ist. - -Die Zeit aber rollt unaufhaltsam dahin. Und wahrscheinlich gibt es -heute schon einen anderen, einen neuösterreichischen Typus. Wir -kennen ihn noch nicht, wollen heute auch nicht vermuten, noch darüber -nachsinnen, wie er wohl sein wird. Aber wir dürfen zufrieden sein, wenn -er uns mit diesem sanften Lächeln anschaut, das man bis in späte Tage -noch das Lächeln Franz Josefs nennen wird. - - - +Ende+ - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten. Die Darstellung - der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 172: allzuviele → allzuvielen - ohne {allzuvielen} Menschen zu begegnen - - - - - - -End of Project Gutenberg's Das österreichische Antlitz, by Felix Salten - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ *** - -***** This file should be named 53713-0.txt or 53713-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/7/1/53713/ - -Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive/Canadian Libraries) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/53713-0.zip b/old/53713-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 965d774..0000000 --- a/old/53713-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/53713-h.zip b/old/53713-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 62c564b..0000000 --- a/old/53713-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/53713-h/53713-h.htm b/old/53713-h/53713-h.htm deleted file mode 100644 index d87cff5..0000000 --- a/old/53713-h/53713-h.htm +++ /dev/null @@ -1,7375 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Das österreichische Antlitz, by Felix Salten. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdr {text-align: right;} - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - -p.drop { - text-indent: 0; -} - -p.drop:first-letter { - float: left; - margin: 0.15em 0.1em 0em 0em; - font-size: 250%; - line-height:0.85em; -} - -@media handheld { - p.drop:first-letter { - float: none; - margin: 0; - font-size: 100%; - } -} - - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Das österreichische Antlitz, by Felix Salten - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Das österreichische Antlitz - Essays - -Author: Felix Salten - -Release Date: December 11, 2016 [EBook #53713] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ *** - - - - -Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive/Canadian Libraries) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am -<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">FELIX SALTEN</p> - -<h1>DAS ÖSTERREICHISCHE<br /> -ANTLITZ</h1> - -<p class="center">ESSAYS</p> - -<p class="center p2">S-FISCHER-VERLAG-BERLIN</p> - -<p class="center">1910</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Alle Rechte vorbehalten.<br /> -Zweite Auflage.</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 id="INHALT">INHALT</h2> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>1. Die Wiener Straße</td> - <td class="tdr"><a href="#DIE_WIENER_STRASSE">9</a></td> -</tr> -<tr> -<td>2. Klavierstunde bei Leschetitzky</td> - <td class="tdr"><a href="#KLAVIERSTUNDE_BEI_LESCHETITZKY">23</a></td> -</tr> -<tr> -<td>3. Aristokraten-Vorstellung</td> - <td class="tdr"><a href="#ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG">37</a></td> -</tr> -<tr> -<td>4. Fünfkreuzertanz</td> - <td class="tdr"><a href="#FUENFKREUZERTANZ">49</a></td> -</tr> -<tr> -<td>5. Stalehner</td> - <td class="tdr"><a href="#STALEHNER">59</a></td> -</tr> -<tr> -<td>6. Beim Brady</td> - <td class="tdr"><a href="#BEIM_BRADY">71</a></td> -</tr> -<tr> -<td>7. Nachtvergnügen</td> - <td class="tdr"><a href="#NACHTVERGNUEGEN">83</a></td> -</tr> -<tr> -<td>8. Peter Altenberg</td> - <td class="tdr"><a href="#PETER_ALTENBERG">97</a></td> -</tr> -<tr> -<td>9. Spaziergang in der Vorstadt</td> - <td class="tdr"><a href="#SPAZIERGANG_IN_DER_VORSTADT">115</a></td> -</tr> -<tr> -<td>10. Lueger</td> - <td class="tdr"><a href="#LUEGER">127</a></td> -</tr> -<tr> -<td>11. Girardi-Kainz</td> - <td class="tdr"><a href="#GIRARDI-KAINZ">143</a></td> -</tr> -<tr> -<td>12. Menagerie in Schönbrunn</td> - <td class="tdr"><a href="#MENAGERIE_IN_SCHOENBRUNN">157</a></td> -</tr> -<tr> -<td>13. Mauerbach</td> - <td class="tdr"><a href="#MAUERBACH">169</a></td> -</tr> -<tr> -<td>14. Das Wirtshaus von Österreich</td> - <td class="tdr"><a href="#DAS_WIRTSHAUS_VON_OESTERREICH">181</a></td> -</tr> -<tr> -<td>15. Mariazell</td> - <td class="tdr"><a href="#MARIAZELL">191</a></td> -</tr> -<tr> -<td>16. Radetzky</td> - <td class="tdr"><a href="#RADETZKY">203</a></td> -</tr> -<tr> -<td>17. Thronrede</td> - <td class="tdr"><a href="#THRONREDE">213</a></td> -</tr> -<tr> -<td>18. »Gewehr heraus!«</td> - <td class="tdr"><a href="#GEWEHR_HERAUS">223</a></td> -</tr> -<tr> -<td>19. Frühjahrsparade</td> - <td class="tdr"><a href="#FRUEHJAHRSPARADE">233</a></td> -</tr> -<tr> -<td>20. Kaisermanöver</td> - <td class="tdr"><a href="#KAISERMANOEVER">243</a></td> -</tr> -<tr> -<td>21. Elisabeth</td> - <td class="tdr"><a href="#ELISABETH">255</a></td> -</tr> -<tr> -<td>22. Das österreichische Antlitz</td> - <td class="tdr"><a href="#DAS_OESTERREICHISCHE_ANTLITZ">265</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> -</div> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<h2 id="DIE_WIENER_STRASSE">DIE WIENER STRASSE</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> - -<p class="drop">Der alte Herr schreibt in sein Tagebuch:</p> - -<p>Ein wunderschöner Tag ist das heute gewesen. -Voller Sonnenglanz und Wärme, und -in den Straßen hat es überall nach Veilchen geduftet. -Daß ich heute gerade sechzig Jahre alt geworden -bin, möchte mich freilich herabstimmen. Aber ich -kann mir nicht helfen, ich bin ganz gut gelaunt. -Und ich finde, es ist sehr hübsch, im Frühling Geburtstag -zu haben, wenn es so warm wird, und wenn -die Straßen nach frischen Blumen riechen. Was will -man denn mehr? Ich bin spazieren gegangen, wie -gewöhnlich. Zuerst durch die Innere Stadt, dann -bei der Oper auf den Ring hinaus und wieder zurück. -Dann bin ich noch im Kaffeehaus gewesen.</p> - -<p>Also sechzig Jahre. Am liebsten würde ich mit -Stillschweigen darüber weggehen; weil es aber -schon so lange meine Gewohnheit ist, daß ich bei -solchen Anlässen gewissermaßen den Jahresschluß -ziehe, und ein bisserl was aufschreibe von dem, was -ich mir denke, will ich es auch heute nicht versäumen. -Obwohl … Denn viel habe ich ja kaum -zu sagen. Da liegen in der Lade die Bogen aus all -den Jahren, und wenn ich sie jetzt durchlesen -wollte, würde vielleicht immer dasselbe drinnen -stehen. Ich habe ein sehr regelmäßiges Leben geführt, -und wenn man ein Junggeselle ist, gibt es -nicht viel Ereignisse. Es ist nur, daß ich jetzt eine -gewisse Scheu habe, diese Blätter in die Hand zu -nehmen. Sie könnten mich am Ende in eine sentimentale -Verfassung bringen, und das hätte keinen<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -Zweck. Ich bin von dem schönen Tag noch ganz -angeregt.</p> - -<p>Bald wird man auch wieder im Freien sitzen -können. Auf dem Graben sind die zwei Kaffeehütteln -schon hergerichtet; ein paar Tische sind sogar -besetzt gewesen. Aber ich hab' es doch noch -nicht riskiert. Es war übrigens nicht zum Vorwärtskommen -heute, so viel Menschen sind in der Stadt -herumgelaufen. Und was man für schöne Mädchen -sieht, das ist eine wahre Freude. Man weiß -gar nicht, welche man zuerst anschauen soll. Gleich -in ganzen Rudeln marschieren sie auf. Und wie -reizend ist das, diese vielen jungen, rosigen Gesichter, -diese lachenden Augen! Seit vierzig Jahren -gehe ich jetzt Tag für Tag denselben Weg durch -die Innere Stadt und über den Ring und immer -seh' ich diese vielen schönen Mädchen. Es ist unglaublich, -wo die nur herkommen.</p> - -<p>Allerdings, die bleiben ja auch nicht ewig jung. -Das darf man sich nicht einbilden. Denn sonst -müßte ich ganz allein alt werden, und dafür tät' -ich mich doch schönstens bedanken. Aber das -nimmt alles seinen geordneten Gang. Wenn man -sich auch wundert. Ich hab' das an der Baronin -Ruttersdorf gemerkt, wie ich sie heute gesehen -habe. Gott, wie die ausschaut! Ganz schneeweiße -Haare hat sie schon, und recht zusammengebrochen -ist sie. Ich bin stehen geblieben und hab' ihr -nachgeschaut. Seit dreißig Jahren zum erstenmal -wieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p> - -<p>Vor dreißig Jahren bin ich nämlich öfter stehengeblieben -und hab' ihr nachgeschaut. Da ist sie -ein junges Mädchen gewesen, und war schön. Mir -wird heute noch ganz schwindelig, wenn ich daran -denke, wie schön sie war. Damals habe ich sie -rasend geliebt. Aber dieses Gefühl ist längst in -mir erloschen. Ja, ja, ich habe so manches erlebt. -Das heißt, persönlich gekannt habe ich sie natürlich -nicht. Wie wäre das auch möglich gewesen? -Ich war ein ganz kleiner Beamter. Ein noch viel -kleinerer als ich heute bin. Und was werd' ich -denn im Monat gehabt haben, vor dreißig Jahren? -Sechzig oder siebzig Gulden; mehr gewiß nicht. -Aber was will man …? Ein junger Mensch! -Und so hat sie damals mein ganzes Dasein erfüllt. -Ich hab' ganz genau gewußt, daß sie am Sonntag -in die Schottenkirche geht, ich hab' gewußt, wann -ich sie am Nachmittag in der Stadt treffe. Wenn -ich jetzt die Bogen von damals hervornehmen -möchte, da würde gar viel von ihr drin stehen. Ich -weiß, wie ich ihr nachgegangen bin, und wie ich mir -vorgestellt habe, ich werde auf einmal ein Millionär, -oder ich werde in zwei Jahren Minister, oder -ich schreibe ein Drama, und werde berühmt, so -daß mich alle Leute anschauen, wenn ich über die -Straße gehe, und daß sich alle Leute um mich -reißen, und dann … na, und dann … Es war -so wundervoll, sich das ganz genau vorzustellen, -so lebendig, als ob es wirklich wäre, als ob es morgen -schon sein könnte. Ich bin ganz eingesponnen gewesen<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -in diese Träume und hab' ihnen viele glückliche -Stunden zu verdanken.</p> - -<p>Jetzt bin ich aber sechzig Jahre alt. Und sie ist -eine alte Frau. Ich habe ihr ganzes Leben mit angeschaut. -Damals war sie eine Komtesse Nußbach. -Auch ihren Vater kannte ich, den alten General. -Der hatte so schön dichte, weiße Haare wie jetzt -seine Tochter. Dann hat sie den Baron Ruttersdorf -geheiratet. Dann ist sie mit ihren Kindern -spazieren gegangen. Was für reizende Kinder -sind das gewesen, besonders der älteste Bub, der -Ferdinand. Dann ist ihr Vater gestorben, und sie -hat das Palais auf der Wieden geerbt. Dann hat -ihr Mann die Geschichte gehabt mit der ungarischen -Sängerin, und man hat gesagt, sie werden -sich scheiden lassen. Dann hat sich der Ferdinand -erschossen. Er war Leutnant bei den Windischgrätz-Dragonern. -Und dann ist ihr Mann gestorben. -Wenn ich sie heute angesprochen hätte, -und hätte ihr erzählt, daß ich ihr ganzes Leben -kenne und daß ich sie geliebt habe, was für Augen -hätte sie gemacht! So was kann man freilich nicht -tun; und ich bin auch gar nicht der Mann dazu. -Aber wer weiß, wie gut wir jetzt miteinander reden -würden.</p> - -<p>Denn ich glaube wohl, daß ich imstande wäre, -mit so einer Dame zu sprechen, ohne einen Fehler -zu machen. Und ich denke, auch meine Kleidung -ist elegant genug, um in besseren Kreisen zu verkehren. -Auf anständige Manieren habe ich nämlich<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -immer sehr acht gegeben, und auf gute Kleider -habe ich immer sehr viel gehalten. Es war das erste, -was ich getan habe, wie ich fix angestellt worden -bin, daß ich mich mit einem Schneider auf Monatsraten -verständigte. Und seitdem bin ich immer sehr -fein angezogen gewesen. Auch habe ich immer nur -in noblen Lokalen verkehrt. Natürlich nur in -Kaffeehäusern, denn die Restaurants sind ja doch -für meine Verhältnisse zu kostspielig. Aber darauf -kommt es gar nicht an. Was hat man denn von -einem Restaurant? Man ißt, steht auf und geht -wieder fort. Zu diesem Zweck genügt mir doch -mein Gasthaus in der Piaristengasse, wo ich abonniert -bin, und wo ich schon seit Jahrzehnten alle -Tage um drei Uhr, nach dem Bureau, speise. Aber -mit dem Kaffeehaus ist das etwas anderes. Und -im Café Imperial oder im Pucher hat man mich -immer für einen Baron gehalten.</p> - -<p>Selbstverständlich habe ich die Baronin Ruttersdorf -nicht angesprochen und werde sie auch niemals -anreden. In diesem Leben nicht. Vielleicht, -daß wir uns einmal in einer anderen Welt begegnen. -Da würden wir freilich genug Gesprächstoff haben, -und vielleicht wird sie sich dann mit mir sogar -lieber noch unterhalten als mit ihrem Herrn Gemahl. -Hier aber bleibt es schon beim Alten. Denn -da müßte ich gar viele Leute ansprechen, wenn ich -das wollte, und finge mit jedem zu reden an, dem -ich das ganze Leben zugeschaut habe.</p> - -<p>Ob das in einer anderen Stadt auch so ist, in<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -Berlin oder in London, das weiß ich nicht. Aber -bei uns ist es so. Man kann die Leute sehen, die -interessant sind, man kann ihnen zuschauen, wie -sie leben. Man lebt mit ihnen, und es ist gar nicht -einmal notwendig, daß man reich ist oder vom -Adel oder ein großes Tier. Ich gehöre doch gewiß -nicht zur Aristokratie, aber ich kenne trotzdem -alle. Ich kenne sie, wie sie jung waren, sehe ihnen -zu, wie sie alt werden, sehe ihre Kinder heranwachsen -und dieselben Geschichten machen. Ich -habe nie so viel Geld gehabt, um alle Augenblick -in Kunstausstellungen zu gehen, und ich habe doch -den Kanon gekannt und den Makart. Ich weiß -es noch wie heute, wie er im Fiaker über den Ring -gefahren ist, ein ganz kleiner, schlanker Herr. Im -Theater bin ich auch fast nie gewesen, und habe -doch alle gekannt und gesehen; die Wolter, wie -sie den Grafen O'Sullivan geheiratet hat, und die -Geistinger, und wie der Girardi berühmt geworden -ist, und alle miteinander. Woher ich sie kenne, -das vermöchte ich nicht einmal zu sagen. Vielleicht -macht es die Übung, wenn man so viele Jahre -Tag für Tag durch die Stadt geht. Da findet man -die berühmten Gesichter einfach heraus; und da -weiß man auf einmal den Namen; und dann sieht -man die Leute wieder und wieder, bis man ihnen -zuletzt alles von ihren Gesichtern, von ihrem Gang, -von ihrer Haltung ablesen kann, was sie erleben. -So oft ich in dieser langen Zeit meinen Spazierweg -gemacht habe, immer bin ich davon angeregt<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -und zerstreut worden, immer habe ich mich glänzend -unterhalten, immer habe ich das Gefühl gehabt, -daß ich in einer vorzüglichen Gesellschaft -verkehre. Und dazu braucht man wirklich keine -Reichtümer. Was will man denn mehr?</p> - -<p>Wenn ich mich so erinnere, wie ich als junger -Mensch nach und nach gelernt habe, die Augen -aufzumachen … Ich bin zwar in ganz einfachen -Verhältnissen aufgewachsen, aber gespürt habe ich -doch, was es für schöne Dinge gibt in der Welt. -An einem Sonntag, wenn die Stadt ganz still ist, -da habe ich stundenlang herumgehen können und -mir die alten Palais anschauen; die Portale, und -der Blick, der sich in die weiten Höfe erschließt, -und dann die hohen Fenster und die Figuren drauf. -Dann die engen Gassen, so um die alte Universität -herum. Und wie lang bin ich immer auf -dem Burgplatz gestanden, vor dem Eingang zum -Schweizerhof. Wie gut kenne ich den Burgplatz. -An frühen Winterabenden zum Beispiel, wenn der -Schnee wie ein weißer ausgebreiteter Teppich den -ganzen Platz überspannt, wenn die grauen Fronten -schimmern, und wenn hier alles so abseits, so -wie in einer anderen Welt ist. Oder an Nachmittagen -im Hochsommer, wenn man weiß, der -Kaiser ist nicht da, und alles, was sich regt, ist nur -Dienerschaft. Wenn dieser Platz mit der Wache -und den Gendarmen und den verhängten Fenstern -so was Träges und Schläfriges hat. Und dann -die Sommerabende draußen auf dem äußeren Burgplatz,<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -wenn der Himmel so schön weit ist, und -wenn in der Ferne die Dächer der Vorstadt glänzen. -Wieviel habe ich sehen gelernt, seit ich ein junger -Mann war und jeden Tag nach dem Bureau spazieren -gegangen bin; und wieviel könnte ich -sagen. Aber ich möchte nur bemerken, daß in -diesen jungen Jahren gerade durch meine Spaziergänge -viele Eigenschaften in mir entwickelt wurden. -Der Burgplatz zum Beispiel, der Graben, der -Kohlmarkt, … da habe ich nach und nach einen Sinn -für Anstand bekommen, ganz unwillkürlich; eine -Neigung zu besseren Lebensformen und eine gewisse -Empfindlichkeit gegen das Ordinäre und gegen -das Geschmacklose.</p> - -<p>Ich möchte bemerken, daß die Menschen, die -ich täglich sah, einen gewissen Zwang auf mich -ausgeübt haben. Ich hätte mich geschämt, unordentlich -oder aufdringlich angezogen unter ihnen -zu erscheinen. Wenn ich mein Bureau verlassen -und gespeist hatte, dann lief ich in die Stadt, um -das glänzende Leben zu sehen. Ein junger Mensch -will eben sein Vergnügen haben. Und mir war es -ein Vergnügen, mir ist es heute noch eines. Meine -Freude am Luxus wurde mit jedem Tage mehr und -mehr geweckt. Und ich brauchte nur spazieren -zu gehen, um diesen Luxus zu genießen. Nehmen -wir die Fiaker. Ich bin selbst nur drei- oder -viermal in einem Fiaker gefahren, aber ich verstehe, -daß es sehr schön ist, wie leicht solch ein -Wagen rollt; wie die Pferde gleichmäßig traben,<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -wie das um die Ecke biegt, dahersaust, verschwindet. -Ich brauche das nur anzuschauen, und genieße -die Annehmlichkeit, die in einem so famosen -Fuhrwerk liegt. Und ich schaue es mir heute noch -aufmerksam an, es unterhält mich jedesmal. Nehmen -wir die Burg und die Oper. Ich kann es an -meinen Fingern abzählen, wie oft ich drin war. -Aber unzählige Male bin ich nach der Vorstellung -im Opernvestibül gestanden und habe mir die vornehme -Welt angeschaut, und bin wie nach einer -glänzenden Unterhaltung heimgegangen, wenn ich -dieses prachtvolle Gedränge schöner Frauen und -eleganter Herren die majestätische Logentreppe -herunterströmen sah, und das Schauspiel der geschäftigen -Lakaien. Im Sommer, wenn man keine -Überkleider mehr in der Garderobe abzulegen -braucht, bin ich oft ins Burgtheater, habe mir die -Treppenhäuser angesehen, bin im großen Foyer -herumspaziert, mitten unter dem Menschenschwarm. -Wenn dann der Zwischenakt vorbei war, -stürzten die Leute wieder in den Zuschauerraum. -Ich aber entfernte mich und hatte wieder einen -Genuß gehabt. Wäre ich beständig im Fiaker gefahren, -wäre ich alle Tage ins Theater gegangen, -mit einem Wort, wäre ich reich gewesen, wer weiß, -ob sich nicht alles für mich mit der Zeit abgestumpft -hätte. So aber habe ich immer nur den -besten Schaum von den Dingen gekostet, habe mir -alle Genüsse in meiner Phantasie noch herrlicher -ausgemalt, als sie vielleicht in Wirklichkeit sind,<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -und so hat bis heute nichts von alledem seinen Reiz -verloren.</p> - -<p>Als junger Mensch bin ich oft in der Stadt -herumgelaufen und habe geglaubt, es müsse mir -etwas Wunderbares begegnen, es müsse sich etwas -Herrliches plötzlich mit mir ereignen. Irgendetwas, -das mit schönen Frauen, mit Pracht und -Glück, mit Palästen, mit Musik oder dergleichen -zusammenhängt. Dieses manchmal ungeduldige -Erwarten hat sich mit der Zeit nun freilich stark -gedämpft. Ich bin heute schließlich sechzig Jahre -alt. Aber noch heute, wenn ich durch die Innere -Stadt promeniere, wenn ich durch das Rauschen -der Ringstraße gehe, wenn so viele schöne Frauengesichter -an mir vorübergleiten, dann ist mir, als -sei noch manche verborgene Möglichkeit irgendwo -vorhanden, und als könne doch noch etwas Merkwürdiges -und Festliches geschehen. Das ist gewiß -töricht, ich sehe es ja ein, aber die Zeit vergeht -so schnell dabei, und man fühlt sich dann so -angeregt und so zufrieden.</p> - -<p>Ich bin sechzig Jahre alt und weiß, daß vieles -für mich vorüber ist. Ich bin ein armer Teufel. Das -weiß ich auch. Und ich habe nichts erreicht. -Manche Leute werden finden, ich hätte keine Ursache, -so zufrieden zu sein. Manche Leute werden -finden, ich hätte meine Jahre besser anwenden, -hätte es durch größeren Fleiß, durch höhere Strebsamkeit -ungleich weiter bringen können. Und ich -muß ihnen recht geben. Ich muß es um so mehr,<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -als ich zu alledem noch weiß, daß es mir nicht an -guten Talenten, an reichen Anlagen und Geschicklichkeiten -gefehlt hat. Heute darf ich's ja sagen, -wo es doch schon zu spät ist. Ich hätte etwas werden -können in der Welt. Etwas Großes vielleicht. -Sicherlich etwas viel größeres, als ich geworden bin. -Aber ich muß sagen, daß ich bei alledem nicht unglücklich -bin. Vielleicht wäre ich als armer Teufel -in einer anderen Stadt sehr unzufrieden und sehr -unglücklich gewesen. Das vermag ich nicht zu beurteilen, -denn ich kenne die Verhältnisse anderswo -nicht, und weiß nicht, ob ich mich anderswo wegen -meiner Armut und wegen meiner niedrigen Stellung -ausgeschlossen gefühlt hätte. Hier habe ich -mich niemals ausgeschlossen gefühlt, sondern habe -immer die Empfindung, mindestens aber die Illusion -gehabt, an allem Luxus, an aller Schönheit -und an aller Intimität der Stadt ohne weiteres teilnehmen -zu dürfen. Vielleicht hätte ich anderswo -nicht gerastet, um in die Höhe zu kommen. Das -ist schwer zu sagen. Ich weiß nur, daß ich immer, -wenn ich des Abends von meinen Spaziergängen -heimwärts wanderte, von allen meinen Eindrücken -ganz sorglos gemacht und in meinem Sehnen ganz -wunderbar beschwichtigt war. Wenn mir manchmal -der Trieb kam, etwas Besonderes zu leisten, -etwas zu unternehmen, dann schien es mir immer, -als sei ja schon längst alles unternommen und geleistet -und erreicht, und es bliebe jetzt nichts mehr -zu tun übrig, als das Vorhandene wie einen köstlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -Besitz zu verstehen und zu genießen. Das -mag ein verhängnisvoller Irrtum sein, doch werde -ich mich jetzt nicht mehr damit befassen, ihn richtigzustellen. -Ich habe schließlich genug erlebt, -habe Menschenkenntnis und Erfahrungen in Hülle -und Fülle, ich habe mein sicheres Auskommen und -meine Ruhe. Jetzt habe ich auch noch den Frühling -und diese fröhlichen Tage voll Sonne und -Blumenduft. Bald wird man auch im Freien sitzen -können. Auf dem Graben sind ja schon die Kaffeehütteln -hergerichtet. Alles übrige mag sein wie es -ist. Was liegt denn dran?</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p> - -<h2 id="KLAVIERSTUNDE_BEI_LESCHETITZKY">KLAVIERSTUNDE BEI LESCHETIZKY</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<p class="drop">Ein kleines rotes Haus im Währinger Kottage, -mit einem netten Turm, der sich stramm -davor aufrichtet. Ich kenne es seit meiner -Kindheit; und seit ich als Bub auf der Türkenschanze -umherlief, die damals freilich noch hinter -jenem Hause gleich anfing, kenne ich vom Sehen -den fröhlich dreinblickenden, weißbärtigen Herrn, -der an milden Frühlingsabenden aus der Pforte -unter dem Turm herauskam und über die Wiesen -zum Heinrichshügel spazierte; immer munter, und -immer von schönen, exotischen Frauen gesprächig -umgeben.</p> - -<p>Der Heinrichshügel, dieser bescheiden erhöhte -Abendsitz inmitten wogender Kornfelder, ist lange -verschwunden. Die Felder und Wiesen sind ja -alle verbaut, und die ganze Türkenschanze existiert -nicht mehr. Es sind, wie gesagt, über zwanzig -Jahre her. Aber der weißbärtige alte Herr blickt -immer noch fröhlich drein, ist immer noch munter, -und immer noch von schönen exotischen Frauen -gesprächig umgeben. Und sein kleines, rotes Kottagehaus, -mit dem netten Turm, der sich stramm -davor aufrichtet, ist inzwischen der sonderbarste -Ort in Wien geworden. Jedenfalls etwas einziges -in seiner Art; nicht nur bei uns, sondern überall. -Wenigstens müssen die Leute allerwegs dieser -Meinung sein, denn aus sämtlichen Weltgegenden -kommen sie hierher. Wie man sagt: ein Brennpunkt. -Wenn man kurz und nüchtern mitteilt, was -in diesem Hause geschieht, dann hört es sich wie<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -gar nichts an: Hier werden Klavierstunden gegeben. -Ein Unternehmen, das bekanntlich nur zu -oft besteht, das fast immer mit allerlei entsetzlichem -Geräusch verbunden ist und nicht gerade -als eine Seltenheit angestaunt wird. Hier aber -sind wir am wundertätigen Wallfahrtsorte aller -Klaviermusikanten, hier ist das Rom und der Vatikan -aller Pianogläubigen, hier werden die höchsten -Weihen empfangen, denn hier wohnt und lehrt, -hier segnet, und flucht zuweilen auch, der unfehlbare, -alleinseligmachende Klavierpapst.</p> - -<p>Es ist etwas mehr als ein Vierteljahrhundert, seit -Theodor Leschetitzky als ein schon längst berühmter -Mann in Wien sich ansiedelte. Man kann -nicht sagen, daß man ihn hier übertrieben gefeiert -habe, daß die Reklametrommel für ihn gewirbelt -worden sei; und während sein Ruhm aus den entferntesten -Landen Schüler wie Verehrer herbeilockt, -kennt man hier seine merkwürdige, in ihrer -Art machtvolle und seltene Persönlichkeit in weiteren -Kreisen verhältnismäßig nur wenig. Die -Wiener, die seit fünfundzwanzig Jahren an ihm -vorübergehen, wissen eben nach so langer Zeit, -das ist der Leschetitzky. Viel mehr wissen sie aber -nicht, denn es ist bei uns immer so, daß die Leute -erst »nachträglich« alles erfahren. So kommt es, -daß man jetzt nicht einmal sagen kann, Leschetitzky -habe sich in Wien eine große Stellung gemacht. -In Wahrheit muß es heißen, Leschetitzky -nimmt in der Welt eine große Stellung ein und<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -lebt in Wien. Er könnte aber ebensogut in Graz, -in Magdeburg oder in Düsseldorf leben. Weil es -nämlich nicht die Wiener gewesen sind, die ihn -verkündet haben, sondern die Fremden, die Engländer, -die Amerikaner, die Schweden, Dänen, -Franzosen und Russen.</p> - -<p>Hier werde ich natürlich nicht von seiner Methode -sprechen. Erstens vermöchte ich das gar -nicht, zweitens interessiert mich diese Methode nur -sehr wenig, und endlich könnte eine theoretische -Erörterung darüber nur einen schwachen Begriff -von Leschetitzkys Individualität geben. Diese allein -aber fesselt mich, diese eigentümliche Gewalt, -die von ihm ausgeht, daß er auf seine Schüler nicht -bloß pädagogischen Einfluß übt, sondern sich vollständig -ihres Menschentums bemächtigt. Die Persönlichkeit -eines Mannes, die es bewirkt, daß ihm -alle bedingungslos ergeben sind, daß sie ihn über -gelegentliche Schroffheit und manche Tyrannei -hinweg unbeirrt lieben, daß große Künstler vor -ihm befangen werden und für sein kärglichstes Lob -den Beifall von Tausenden freudig dahingehen. -Da ist es denn am besten, ihn einmal mitten unter -seinen Schülern zu sehen, wenn alle in dem kleinen -roten Kottagehäuschen beisammen sind und er -ihrem Ehrgeiz, ihrem Können und ihrem Talent -einen Produktionsabend gönnt.</p> - -<p>Von diesen Abenden ist immer wie von einem -Feiertag die Rede; und es geht auch sehr feierlich -zu, wie bei einem richtigen Konzert. Nur daß es<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -hier angenehmer und freier ist, die Stimmung einheitlicher -und viel mehr erhöht als in einem öffentlichen -Musiksaal. Das kommt daher, weil hier eine -fühlbare Zusammengehörigkeit alle verbindet. -Künstler, die unter sich sind und froh darüber, -daß die Profanen draußen bleiben müssen. Nur -selten geschieht es, daß hier ein Saulus unter die -Propheten gerät, ein Pontius ins Credo sich verirrt.</p> - -<p>In einem langen vierfenstrigen Saale stehen an -der oberen Schmalseite zwei Klaviere nebeneinander, -derart, daß die Spieler mit dem Rücken zur -Wand sitzen, das Gesicht den Hörern zugewendet, -von denen sie durch die ganze Länge des Instruments -getrennt sind. An derselben Schmalseite des -Musiksalons führt eine Tür in das Speisezimmer. -Hier sitzen gewöhnlich die Amerikaner und sehen -nur gerade die Vortragenden. Spielt ein gewöhnlicher -Mensch, dann wird im Saal länger applaudiert -und aus dem Speisezimmer hört man bald -nichts mehr. Spielt aber ein Amerikaner oder eine -Amerikanerin, dann wirds hier draußen früher -stille, während aus dem Speisezimmer der Beifall -der unsichtbaren Landsleute noch weiterklingt.</p> - -<p>Man ist hier überhaupt in einer höchst internationalen -Gesellschaft. In Wien an und für sich -schon eine Seltenheit. Hier gibt es Russinnen in -prunkvollen Gewändern und mit barbarisch schönen -Edelsteinen; dann die dunkeläugigen, ein wenig -zur karikaturmäßigen Genialität neigenden Polen;<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -dann die blonden Schwedinnen, die so stolze -und nachdenklich blaue Augen haben, so wunderbar -goldblonde Haare, die so einfach angezogen -und so schön und biegsam von Wuchs sind; dann -ein ganzes Rudel Amerikanerinnen von jener unnachahmlichen -Barrison-Grazie, von jenem unerreichbaren -Schick, der sie sogleich von allen anderen -unterscheidet, und von jener gesammelten -Sachlichkeit in Miene, Geberden und Worten, die -mit ein Reiz ihrer Schönheit ist; Engländerinnen, -die manchmal nicht schön sind, aber fast immer -märchenhaft viele Haare haben, märchenhaft frisiert, -und von einer märchenhaft rostroten Farbe. -Dann die Amerikaner und die Engländer mit ihren -Langschädeln, ihren langen Hasenzähnen, ihren -langen Armen und Beinen; kleine stämmige Russen, -breitknochige Gesichter, niedere, aber gewölbte -Stirnen und üppige Mähnen; dann natürlich -die gewissen Jünglinge mit den überspannten -Locken und den überspannten Kravatten, oftmals -recht groteske Gestalten, wie Eugen Kirchner sie -zeichnet. Vor Jahren ging hier als ein hagerer -Jüngling Paderewski umher, mit einem dünnen, -langen Hals, aus dessen Magerkeit der Kehlkopf -wie ein halbverschluckter Bissen hervorstach. Sein -Gesicht trug die vielen Sommersprossen der Rothaarigen -und er hatte einen roten Schopf, der ihm -verzweifelt in die Höhe stand, dann bis tief zur -Nase ins Gesicht herein wuchtete und sich ausnahm -wie ein Hahnenkamm. Zuletzt etliche deutsche<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -Brüder und Schwestern aus dem Reich, die erheblich -schnarren. Endlich die beweglichen Wiener -Judenmädel und die Wiener Christenmädel, -von denen wieder manche sehr hausmeisterisch aussehen -und manche wie Erzherzoginnen.</p> - -<p>Alle aber sind vom gleichen Feuer entzündet; -allen ist der heiße Ehrgeiz von den Zügen abzulesen, -das angespannte, mühevolle Streben, allen -merkt man die harte Arbeit vieler Stunden an, das -Ringen mit dem eigenen Wesen, mit den tückischen -Problemen der Technik. Und alle sind erregt, -als seien definitive Entscheidungen zu erwarten. -Es ist ganz merkwürdig, wie alle miteinander -befangen werden, wenn einer ans Klavier gerufen -wird. Dieses Mitfühlen ist stärker als persönliche -Gegensätze, stärker als vereinzeltes Übelwollen. -Wie durch einen elektrischen Kontakt sind sie alle -sofort mit dem einen verbunden, der aus ihrer -Reihe vor den Lehrer treten muß, und sie zittern -mit ihm, haben mit ihm Lampenfieber. Aus der -Schule her wird man sich erinnern, wie durch die -ganze Klasse immer ein Beben geht, wenn ein -strenger Professor prüft. Die Kinder vergessen -allen Streit und wünschen auch dem feindlichen -Kameraden in diesen schweren Minuten jegliches -Glück. Niemals fühlt man das Ta twam asi naiver -und stärker als in solchen frühen Augenblicken. -Hier aber ist doch noch ein wesentlicher Unterschied, -denn neben der Anteilnahme regt hier sich -in allen Hörern auch sofort die Strenge mit dazu.<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -Die Ansprüche sind hoch; man ist verwöhnt, hier -in diesem kleinen roten Kottagehaus, wo seit fünfundzwanzig -Jahren alle großen Künstler, die nach -Wien kamen, ihr Können zeigten, hier wo die Wände -die allerbeste und die allerhöchste Musik seit -einem Vierteljahrhundert vernehmen. Dieses ganze -Haus ist von oben bis unten erfüllt von einer klingenden -großen Tradition und in diesen Räumen hier -sind die edelsten Weisen verhallt, die in der Welt -nur unter edelsten Künstlerhänden ertönen. Drei, -vier Virtuosengenerationen haben von hier ihren -Ausgang genommen, sind über die ganze Erde gewandert, -da und dort verschollen, am Wege gestorben -oder mit Ruhm, Ehre und Reichtum beladen -in das kleine Haus im Kottage zurückgekehrt, -um hier vor dem alten Lehrer und den neuen Schülern -ihren Ruf, ihre Entwicklung und ihre Reife -bestätigen zu lassen.</p> - -<p>Wenn so ein junger Mann oder ein junges Mädchen -während der kurzen Schritte zum Klavier sich -an diese Dinge erinnerte, dann müßte das bißchen -Courage freilich zusammenschnappen. Meistens -aber denken sie an gar nichts als an ihr Stück, an -dessen schwierige Stellen, und nur daran, daß »der -Professor« da ist und sie anhört. Da kommt eine -hübsche Engländerin. Das rostrote Haar umgibt -ihr Haupt wie ein brennender Schein. Sie spielt -scheinbar ohne körperliche Anstrengung; aber mit -niedergeschlagenen Augen beaufsichtigt sie den -Lauf der Finger über die Tasten. Ihre lächelnden<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -Mienen werden ernster und ernster, ihre Mundwinkel -zucken leise, und allmählich steigt eine -sanfte Röte über den Saum ihres Kragens herauf -zu den Wangen, zur Schläfe, und färbt ihr blasses -Gesicht. Während die Leute applaudieren, tritt -sie sofort zu Leschetitzky, lachend, eilig, als flüchte -sie zu ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr. -Dann, nachdem sie eine Silbe erhascht hat, -verschwindet sie. Schon sitzt auch eine andere am -Flügel. Ein kleines, blühendes Ding, eine Wienerin -rotwangig und frisch, aber mit kurzsichtigen Augen -und mit willensstarken, geschlossenen Zügen, aus -denen nichts anderes als Fleiß, Entschiedenheit -und sichere Ruhe spricht. Sie stößt mit sprungartigen -Bewegungen in die Tasten, hält sich verkauert, -fährt zurück und schießt gleich wieder mit -aller Heftigkeit los, die Arme wie Krallen vorgestreckt, -den Kopf geduckt, so daß man bei ihren -Sprüngen unwillkürlich an ein kämpfendes Huhn -denkt. Sie scheint nichts zu hören, nichts zu fühlen, -nichts zu sehen. Zum Schluß aber tritt sie -sofort, des Beifalls nicht achtend, zu Leschetitzky, -aufatmend, lachend, eilig, als flüchte auch sie zu -ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr. -Alle wenden sich ihm so zu, wenn sie fertig sind; -alle haben die gleiche Art, zu ihm zu flüchten, -einen Augenblick lächelnd, aufatmend vor ihm zu -stehen und dann zu verschwinden. Jetzt sitzt ein -sehr bleicher, sehr englisch aussehender junger -Mann am Flügel, der das Zittern seiner Unterlippe<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -nicht beherrschen kann, der wie bewußtlos vor sich -hinstarrt, und der doch unter dem Zwange des -Augenblicks alles aus sich herausholt, was an Talent, -an technischer Sicherheit und durchdachter -Auffassung in ihm bereit lag. Dann kommt eine -bildschöne Russin, die sehr ruhig scheint. Ihr -elfenbeinschimmerndes Gesicht färbt sich nicht -höher, nur den kleinen Mund preßt sie heftig zusammen -und ihre Nasenflügel beben, während sie -mit ihren dunklen, großen Augen die Leute anblitzt. -Nach ihr eine Amerikanerin, die sich im -Sessel wie in einem Sattel wiegt, die gütig den Kopf -zur Seite neigt, zur Klaviatur herabnickt, als könne -sanftes Zureden helfen. Dann wieder ein sehr -ernster Mann mit einer Rubinsteinfrisur und – -wenn man so gut sein will – mit einem Rubinsteingesicht, -der hier nur gastiert, und der sein -Lampenfieber hinter einer düsteren Entschlossenheit -zu bergen trachtet. Dann ein Kind von vierzehn -Jahren. American Girl, nicht eben schön. -Ein bißchen dick in ihrem kurzen weißen Kleid, -ein bißchen breitnasig und ein bißchen zu vollwangig. -Spielt aber, als ob sie allein sei und nach -keinem Menschen zu fragen hätte; den Kopf weit -zurückgeworfen, Verzückung in den Mienen, die -großen hellen Augen, die manchmal zu jauchzen -scheinen, aufwärts gerichtet, und ist völlig eingehüllt -in ihrer Musik wie in einer kleinen Wolke von -Begeisterung.</p> - -<p>Über all dieser Entfaltung von Talent, Energie,<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -Ehrgeiz und Fleiß wacht der weißbärtige alte Herr, -der mit seinen weißen, russisch geschnittenen Haaren, -mit der gemütlichen Nase und den schwimmenden, -verkniffenen, vergnügten blauen Augen -wie ein Muschik aussieht. Rosig und frisch im -ganzen Gesicht, bis unter die Haarwurzeln rosig, -ist er voll Elastizität, voll Temperament und Nerven, -scheint aus der musizierenden Jugend, die ihn -beständig wie ein Choral des Lebens umgibt, immer -neue Erquickung, immer neue Frische zu -schöpfen. Mit der Präzision eines Thermometers -und mit derselben Empfindlichkeit reagiert sein -Kunstgefühl auf jeden Ton, der sein Ohr erreicht. -Andere ermüden, seine Aufnahmefähigkeit aber -wächst von Stunde zu Stunde und ermattet nicht. -Gelingt etwas so recht nach seinem Willen, dann -lachen seine Augen, sein Mund, seine Wangen; -alles an ihm lacht, auch sein Herz: das sieht man -sehr gut. Und in solchen Augenblicken ebenso wie -in Momenten des Zornes, der Ungeduld kann man -wahrnehmen, wie durch und durch künstlerisch -das Wesen dieses Mannes ist und wie groß seine -Gabe, sich zwingend, deutlich, überzeugend mitzuteilen. -Oft und oft setzt er sich an das zweite -Klavier, wenn der Vortrag des Spielenden ungleich, -oberflächlich, verwischend wird, oder wenn's am -Rhythmus oder an der dynamischen Wirkung hapert. -Dann begleitet er nach seiner Weise den -Schüler ein Stück des Weges, reißt ihn schneller -mit sich fort, oder hält ihn zügelnd zurück, oder<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -gibt einer Cantilene mehr Weichheit, hilft einem -Thema zum plastischen Ausdruck und läßt dann -den wider Willen Geleiteten allein weiter laufen. -Oder er fährt wütend dazwischen, schickt die Vortragende -unter heftigen Scheltworten vom Klavier -weg und erlaubt ihr erst auf inständiges Bitten das -Weiterspielen. Und da ist es oft rührend, wie so -ein junges Ding nun seine ganze Aufmerksamkeit -in beide Hände nimmt, um das glückliche Ende zu -erreichen. Niemand wundert sich über solche -Zwischenfälle, niemand von den Betroffenen zeigt -falsche Scham. Alle wissen ja, daß sie hier eigentlich -nur für ihn allein spielen, und nicht für die -anderen hundert Menschen, die zufällig dabei sind.</p> - -<p>Wie ein vielmögender Pförtner an der Schwelle -des Ruhmes steht er vor dieser andrängenden, -stürmisch den Einlaß begehrenden Jugend, die er -durch sein Künstlertum beherrscht, durch den -Glanz einer großen Vergangenheit und durch den -Scharme einer immer sprudelnden, immer lebendigen -und verheißungsvollen Gegenwart. Es ist -ein hervortretender Zug im Wesen Leschetitzkys, -daß er Festlichkeit um sich verbreitet. Damit -lockt er und wirkt er wohl am meisten. All seine -Wissenschaft und Erkenntnis würde ihm die Menschen -nicht zuführen und könnte den Menschen -nichts nützen, wenn er zufällig ein Schulmeister -wäre und kein Künstler, wenn sein Ernst trocken -wäre und er dieses strömende, zum Wohlsein und -zur Feiertagslaune geneigte Temperament nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -besäße. Denn nie ist ein Schulmeister geliebt worden, -und es ist kein Schaffen möglich ohne Heiterkeit -des Herzens und festlich gestimmte Laune.</p> - -<p>Stünde dieses kleine Haus in Graz, in Magdeburg -oder in Düsseldorf, man würde sich beeilen, -von Wien aus hinzureisen, um diese seltene Kunstakademie -zu sehen, die ein einzelner geschaffen, die -nur durch die Persönlichkeit eines einzelnen lebt, -und aus der so viele Berühmtheiten hervorgegangen -sind. Man würde den weiten Weg nicht -scheuen, um einmal in dieser rätselhaften und wohltuenden -Atmosphäre zu weilen, um diesen Mann -genauer zu betrachten, der von weitem wie ein -Magier aussieht, der in der Nähe jedoch nichts -weiter ist als ein starker Mensch und ein Künstler -von mitteilsamen Kräften. Weil es aber nur in -Währing ist, kann die Sache aufgeschoben werden, -denn da kommt man ja sowieso alle Tage hin.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p> - -<h2 id="ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG">ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<p class="drop">Der Wagen rollt durch das Augartentor und -sogleich fühlt man sich ein wenig gehoben. -Wer hat auch sonst Erlaubnis, hier hereinzukutschieren? -Da gibt es denn einfach eine vornehme -Stimmung, von der gemeinen Straße abbiegen -und über diesen fürstlichen Kies dahinfahren -zu dürfen. Schade, daß kein Schnarrposten da ist. -Der könnte ein bißchen schreien, und das würde -das Selbstgefühl ungemein steigern. Aber das sind -überschwengliche, vermessene Träume, gefördert -durch die Einsamkeit des Coupees. Betritt man erst -die große Antichambre, dann schnappt man rasch -wieder zusammen. Ein hoher Saal mit Kronleuchtern, -Spiegeln, Teppichen. Weiß, Gold und -Rot, die offiziellen Farben in den Palästen. Das -Wort Zimmer schrumpft auf ein Nichts; in wahrhaft -beschämender Weise. Hier sind Gemächer, -Appartements. Und Lakaien. Ein solcher Schwarm -von Lakaien, wie er sich nur in verschwenderisch -ausstaffierten Romanen zu finden pflegt. Nicht -einmal auf der Bühne. Denn welches Theater hätte -so viele und so präsentable Komparsen? Galonierte -prächtige Lakaien mit galonierten, prächtigen Gesichtern. -Es ist wirklich herzerfreuend, wie gesund -und wohlgenährt diese wackeren Männer aussehen. -Lakaien, mit einem Wort, die höflich sind -und streng dabei; die Gebärden von ungeheurem -Stolz haben, und die einem trotzdem beim Ablegen -des Winterrockes behilflich sind. Man merkt -sofort: hier muß man sich geehrt fühlen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span></p> - -<p>Von allen Gefühlen, die es gibt, ist das Gefühl, -geehrt zu sein, unstreitig das angenehmste. Und -wenn man diese bescheidene Behauptung nur -einigermaßen als wahr hinnehmen will, dann ist -das Rätsel solcher Vorstellungen gelöst. Das Rätsel -nämlich, daß man solche Vorstellungen wie Ereignisse -ersten Ranges traktiert, daß man sich zu -ihnen drängt, sich die Billette aus der Hand reißt -und sich schlechterdings für deklassiert hält, wenn -man nicht mit dabei gewesen ist. Es gibt Vorstellungen, -in denen man sich gerührt, Vorstellungen, -in denen man sich aufgeregt fühlt, Vorstellungen, -in denen man sich belustigt oder begeistert, -Vorstellungen, in denen man sich gelangweilt -fühlt. Aber Vorstellungen, in denen man sich -ununterbrochen geehrt fühlen muß, darf oder kann, -gehören doch zu den seltenen Genüssen. Man betritt -den Zuschauerraum, und gleich am Eingang -steht ein Graf, der die Kartenabgabe überwacht. -Zu viel Ehre! Man versucht, in seine Sitzreihe -zu gelangen, und es erheben sich drei Komtessen, -zwei Gardekapitäne, um uns durchzulassen, eine -Altgräfin und zwei Prinzen. Zu viel, zu viel der -Gnade! Man setzt sich nieder und hat einen -Prinzen zur Rechten, eine Reichsfreifrau zur Linken, -einen Fürsten vor sich und hinten einen Marquis. -Wie angenehm das ist! Und der Prinz zur -Rechten plaudert mit der Reichsfreifrau zu deiner -Linken, so laut und so ungeniert, als ob du gar nicht -da, als ob du einfach Luft wärst. Jedes Wort hörst<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -du, ob du nun willst oder nicht, du hörst es und -bist hochgeehrt. Kein Zweifel.</p> - -<p>Es wäre nun ganz abscheulich, die hohen Eintrittspreise -zu erwähnen. Wer wird vom Geld -sprechen? Was ist das überhaupt: Geld? Jeder -Krämer, der sichs sauer werden läßt, kann es besitzen. -Hier gilt vor allem die Wohltätigkeit, und -was der Abend bringt, ist gewiß einem ebenso guten -als tadellos frommen Zweck geweiht. Wenn -adelige Leute lebende Bilder stehen und sich gegen -Entree anschauen lassen, wenn dieser Saal im Augarten -– ein zwar nicht allen, aber doch allen -zahlenden Menschen gewidmeter Erlustigungsort -wird, dann, bitte, nur keine plebejischen Anwandlungen. -Daß Aristokraten keine gelernten Künstler -sind, muß man im voraus wissen; daß sie nur -über eine standesgemäße Begabung verfügen, darauf -muß man gefaßt sein. So amüsant wie beim -Wurstl kann's halt nicht sein. Aber: ein Theater, -wo lauter Fürsten und Grafen und Komtessen und -Prinzessinnen Komödie spielen, das ist doch was, -Himmelherrgott!</p> - -<p>Und – Himmelherrgott – es ist auch was! -Schon der Zuschauerraum, dieses ganze vornehme, -wenn auch reichlich bürgerlich gesprenkelte Auditorium -bietet genug und genug. Wollte man die -Kronen der hier versammelten Herrschaften auf -ein Häuferl schichten, das gäbe eine nette, funkelnde -Pyramide, die bis zur Decke reichen würde. -Schwerlich vermöchte es diese Erwägung, auf einen<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -Südsee-Insulaner sonderlich zu wirken. Aber ein -zivilisierter Mensch fühlt sich immerhin von Ehrfurcht -ergriffen. Was das Wissen, das Bewußtsein -nicht alles tut: An einem anderen Ort zum Beispiel -möchte man sich schrecklich entrüsten, wenn -die Leute so schreien, wenn sie einander über -zwanzig Köpfe hinweg anreden, sich »Grüß' dich« -oder »Servus« zuschmettern wollten. Weil es aber -Aristokraten sind, die so knallende Gespräche führen, -hält man's für ungenierte Noblesse, fühlt sich -eingeschüchtert von diesen Menschen, die durch -ihre ungeheuer hörbare Konversation zu erkennen -geben, daß sie immer und überall »unter sich« -sind, und daß, wer nicht dazu gehört, einfach nicht -als anwesend gilt. Das Bewußtsein und seine Helfer, -die Kleider, die Uniformen, die Juwelen: es -ist kinderleicht, eine Frau als eine Fürstin zu erkennen, -wenn sie ein Diadem in den Haaren trägt, -das eine Million wert sein mag. Man breite ein -Kopftuch über diesen Schmuck, ein gewöhnliches, -kleines Kopftuch, und das nette, zutrauliche Gesicht -eines Wäschermädels ist fertig. Diesen kleinen -Offizier, der trotz seiner Uniform so unscheinbar -aussieht, muß man erst umdrehen, um hinten -an seiner Kämmererspange zu merken, daß er -»wer« ist. In Zivil würde man ihn mit seinen gewöhnlich-ernsthaften -Zügen, mit seiner alltäglichen, -ein wenig farblosen Wohlgenährtheit und -mit seinem Zwicker für einen Magistratsbeamten -nehmen. Jener alte Mann dort, dessen weißer<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -Bart ebenso ungepflegt als ehrwürdig ist, dem die -Backen schlaff und wie ermüdet niederhängen, -dem die Nase zum Mund hereinhängt, dem die -Schultern hängen, und die Kleider am Leibe: – -genau so, so betrübt und erschöpft und im ganzen -so belanglos hat mein Mathematik-Professor ausgesehen. -Jener Herr aber ist ein Fürst. Fürstliche -Gnaden, Durchlaucht. Da ist eine liebe, schlanke -Frau. Dünn wie eine Gelse. Fliegt im Saal umher -wie eine Gelse, hat ein nettes, schmales Gesicht, -kurzsichtige Augen, ein schnippisches Stumpfnäschen, -und man würde sie treuherzig für ein -niedliches Kammerzöfchen halten, das zu hüpfen -gewöhnt ist, sooft die Klingel tönt; wenn man -nicht wüßte, daß man sie Frau Gräfin ansprechen -muß. Da sind junge Herren, die so glatt frisiert -sind und so windspielhaft von Wuchs, wie feine -Kellner in einem feinen Hotel. Haben so gutmütig -junge, gedankenlos hübsche und sauber gewaschene -Gesichter wie feine Kellner und sind -Majoratserben, Prinzen, Pagen. Da sind andere, -mit herrischen Mienen, scharfgerissene Profile, -Nasen von einer Krümmung, die sich heutzutage -nur ein Graf erlauben kann. Glühende Augen. -Stolzgeschwungene Lippen. Und gleich sagen die -Leute: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich die -Abkunft! Aber mit Leichtigkeit könnte man in -Hernals und in Ottakring ein paar junge Burschen -einfangen, angehende Fiaker, bei denen nur -die mangelhafte Kleidung schuld daran ist, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -sie nicht wie Grafen aussehen. Selbst aus der -Tempelgasse ließen sich Duplikate herbeischaffen. -Nur daß es dann freilich mit anderer Betonung -hieße: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich die -Abkunft!</p> - -<p>Einen gänzlich Fremden – man brauchte ihn -gar nicht von den Südsee-Inseln herzunehmen – -könnte die Vorstellung nicht im mindesten interessieren. -Weder das Publikum, da er unsere Uniformen -und Ehrenzeichen nicht zu erkennen vermöchte, -noch die Gaben der Bühne, da ja die -stolzen Namen seinem Ohr unvertraut und gleichgültig -wären, die Namen, ohne die beinahe alle -Akteure ihren Reiz verlieren müßten. Wir aber -haben die Zusammenhänge, haben alle die Relativitäten, -die das Amüsement solcher Theaterspielerei -ausmachen. Und mondainen Leuten mag es -schon ein Hauptspaß sein, die Herrschaften, die -sonst hoch über ihnen hausen, einmal als befangene, -ehrgeizige Komödianten vor sich zu sehen.</p> - -<p>Befangen aber und ehrgeizig sind die meisten -dort oben auf den Brettern. Die Aufregung ist -so ungeheuer, daß sie sympathisch wird, wie jede -ehrliche Regung sympathisch ist. Da war ein Engel -in dem ersten Bild. Eine reizende kleine Komteß -hatte nichts weiter zu tun, als in der vorgeschriebenen -Stellung ruhig dazusitzen, indes die -anderen musizierten. Aber wie gelähmt war sie -vor Befangenheit, wurde rot und röter unter der -ungewohnten Schminke, und man mußte gerührt<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -werden, wenn man das schöne Kind ansah. In -diesem ersten Bild war übrigens die Darstellerin -der heiligen Cäcilie vortrefflich. Ein Antlitz, als -ob's von Holbein gemalt worden sei, mit einem -weltentrückten Ernst in den Augen und einem -frommen, strengen Harm auf den eingefallenen -Wangen. Noch einer fiel mir im zweiten Bild auf: -der Pierrot. Ein schöner, feingeschnittener Kopf. -So geisterhaft beschattete, gleichsam gehöhlte Züge, -daß man an die wunderbaren Pierrots denken -mußte, die Willette gezeichnet hat. Dieses Bild -brachte ein bewegliches Kindermenuett. Ein Halbdutzend -winziger Prinzessinnen und Komtessen -und, das muß wahr sein, sie haben wie die kleinen -Ladstöcke getanzt. Aber lustig war's doch, wie an -den Kindern gewisse Unterschiede am schärfsten -merkbar wurden. Wie die einen nämlich, von -ihrer Angst, von ihrer Befangenheit und von ihrem -Ehrgeiz hypnotisiert, nur mehr automatisch sich -rührten, indessen die anderen mit einer großartigen -Gleichgültigkeit, mit absoluter Ruhe ihre -Schritte und Knickse taten, unbekümmert, ob's -gut sei oder schlecht, und als dächten sie: hier -tanzt die Prinzessin Mimi – das genügt! Es waren -dann im Schubert-Bild ein paar niedliche Mädchen -zu sehen, von einem kleinbürgerlichen Typus, der -unsere Vertraulichkeit nicht gar zu sehr entfernt. -Und ein blonder Jüngling war bei ihnen, von der -Schlankheit und federnden Grazie russischer Windspiele, -dazu mit Augen, die so vergißmeinnichtblau<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -schimmerten wie Schubertsche Lieder. Die -Schubertschen Lieder aber sang ein Sänger – und -die Wohltätigkeit ist wohltätig genug, seine Kunst -zu schirmen. So wie er jedoch müßte der Bellac -im Burgtheater aussehen, und im »Probepfeil« der -Krasinski sollte sich eine solche Maske nehmen und -ein Schubertlied als Einlage singen. Das gäbe einen -Sturm. Weniger empfehlenswert für die Burg -wären die spanischen Messerhelden, die man hernach -zu sehen bekam, und die spanische Donna, -die an der Leiche des gemordeten Liebsten ein so -gemütliches Entsetzen, eine so gänzlich nebensächliche -Verzweiflung agierte. Dann aber kam -das letzte Bild, wo in der Tiefe des Ozeans der -bärtige Freiherr mit dem »Jägerg'müat« als Neptun -auf dem Throne saß und eine frappante Ähnlichkeit -mit dem Pikkönig hatte, wo auf dem -Meeresgrund ein weiblicher Leibhusar von pausbackiger -Feschheit der Wassermajestät zur Seite -stand, wo ein Hofnarr so hochmütig und schlecht -gelaunt sein glattes, junges Antlitz in Falten zog, -als sei er beim Demel oder im Café Pucher, wo ein -Vierteldutzend adelige Frauen mit all der Sicherheit -posierten, die ein fabelhafter Perlen- und Diamantenschatz -der Seele verleiht, wo inmitten der -Meeresgötter ein befrackter Baßgeiger erschien, der -prachtvoll spielte, der aber mit all seiner Musik -die Dissonanz zwischen seinem Frack und den -Märchengewändern der übrigen nicht aufzulösen -vermochte, und wo endlich – auch im Frack –<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -Alfred Grünfeld kam, um mit Schuberts silbern -tönender »Forelle« der fürnehmen Mummerei ein -willkommenes Ende zu bereiten.</p> - -<p>Man möchte vorschlagen: lasset die Aristokraten -Karussels veranstalten. Niemand vermag ihnen -das gleichzutun. Zu Pferde, in allen Künsten des -Sattels und der Zügel, im Glanz ererbter herrlicher -Kostüme werden sie uns Schauspiele geben -können, die nur der Adel zu geben vermag, werden -eine künstlerische, ja, gewiß eine berauschende -Augenweide bieten, für die man ihnen wird danken -müssen. Der Mensch, auch der vom Baron aufwärts, -sollte immer nur das tun, wozu er Talent -hat. Das Komödiespielen aber, das jetzt im -Schwang ist, bleibt doch stets ein arges Dilettieren, -das durch die vielen edlen Namen nur prätentiös -wird, von seinen Mängeln aber, von seinen menschlichen -und von seinen Geschmacksmängeln nichts -verliert. Den namenlosen Zuschauern möchte man -sagen: Habt ihr denn wirklich so viel von einer -Vorstellung, in die ihr nur euren Snobismus mitnehmt? -Und fühlt denn der Snobismus selbst sich -nicht beschämt, da jeder Bürgerliche doch empfinden -muß, bei einem Haustheater zu sein, in -einem Hause, dessen Insassen euch sonst nie einlassen -würden, und die in eurer Gegenwart fortfahren, -sich untereinander zu vergnügen. Aber den -Snobismus scheint das gar nicht zu genieren. Den -Aristokraten scheint es Spaß zu machen, wenn die -Unzulänglichkeit ein gesellschaftliches Ereignis<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -wird. Die öffentliche Meinung dienert im Kartell -vor dero leutselig Pläsier, und da schließlich doch -ein bißchen Geld an fromme Vereine kommt, muß -man die Dinge gehen lassen, wie sie gehen. Es ist -nicht das Schlimmste, es ist nicht das Wichtigste, -und die Mehrzahl der Menschen hat andere Sorgen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p> - -<h2 id="FUENFKREUZERTANZ">FÜNFKREUZERTANZ</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p> - -<p class="drop">Ein Liebespaar hat mich zum Fünfkreuzertanz -geführt. Sie war mir schon früher beim Ringelspiel -aufgefallen, wo sie rasch eintrat und sich -augenblicklich auf ein Pferd schwang, mit so viel -Entschlossenheit, als wollte sie sagen: Von der -Arbeit zum Vergnügen, das muß eben sein! -Dann nahm sie sich in der verwaschenen Bluse und -dem weißen Kopftuch, hoch zu Roß, sonderbar -genug aus. Und wie das Ringeln anfing, schaute -jedermann nach ihr, weil ihr hübsches Gesicht und -ihre ganze Haltung solch ein leidenschaftliches Genießen, -so tiefe Versunkenheit aussprach, so viel -körperliche Hingabe und dabei so überraschenden -Ernst. Man merkte, daß sie sich vollständig allein -fühlte, daß die anderen Leute für sie nicht existierten. -Später, als ich sie dann wiedersah, war -sie freilich nicht mehr allein.</p> - -<p>Ich vernahm, wie ein Budenausrufer mit einer -wahrhaft tobenden Stimme von der Dame ohne -Unterleib behauptete, sie sei das süße Mädel. Da -blieb ich denn im Menschenschwarme stehen, um -zu hören, wie der Mann seine immerhin schwierige -Sache verfechten werde; und hier erblickte ich die -Reiterin von früher wieder. Sie hing jetzt am -Arme ihres Liebsten, den Kopf an seine Schulter -gelehnt, während er, die Soldatenmütze weit zurückgeschoben, -mit seinem jungen Antlitz, gläubig -lächelnd, zu dem Ausrufer und zur Dame ohne -Unterleib emporblickte. Ein Dritter kam herzu, -und ich meinte zuerst, es sei ein Bekannter. Nur<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -schien es mir sonderbar, daß der Mann barhaupt -im Prater herumgehe. Es ergab sich jedoch, daß -es gleichfalls ein Ausrufer war, ein Gehilfe sozusagen. -Eigentlich aber noch ein blutiger Anfänger, -denn er machte keine Späße; er sah auch gar nicht -danach aus, als sei er zu Scherzen aufgelegt, und -er war offenbar noch zu schüchtern, um laut zu -allem Volk zu sprechen. Deshalb begnügte er -sich einstweilen damit, sich an die einzelnen zu -wenden und ihnen ganz privatim die Vorteile auseinanderzusetzen, -die der Besuch der Bude ihnen -bringen würde. Dabei sprach er sehr leise, und -wenn auch mit enormer Wichtigkeit, so doch sichtlich -verschämt. Das Liebespaar hörte ihn ebenfalls -sehr befangen an. Nie habe ich drei Leute in -solcher Verlegenheit und so ratlos beisammen gesehen. -Unwillkürlich nahm ich Anteil an dieser -heillosen Situation und war auf den Ausgang beinah -ängstlich gespannt. Die Reiterin aber führte -die Geschichte rücksichtslos zu Ende, indem sie -ihren Burschen an der Hand nahm und wegging. -Ganz einfach. Da folgte ich den beiden, die jetzt -rasch dahinschritten, neugierig, das Vergnügungsprogramm -dieses entschlossenen Mädchens kennen -zu lernen. Sie eilten zum Tanz.</p> - -<p>Unzähligemal bin ich an schönen Sommerabenden -im Prater bei diesen Fünfkreuzerbällen vorübergegangen; -oder manchmal für einen Augenblick -nur stehengeblieben, um auf das Gewühl da -drinnen zu schauen, mit jenem flüchtigen töricht-überlegenen<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -Lächeln, das man gewöhnlich für die -Freuden der Einfachen bereit hat. Wahrscheinlich -wäre ich auch heute wieder vorbeigegangen, -wenn mich nicht die Lust angewandelt hätte, zu -sehen, ob sie auch so leidenschaftlich tanzen werde, -wie sie sich ringeln ließ, so hingegeben und so versunken.</p> - -<p>Unsicher und mit dem gewissen Lächeln stand -ich im Saal, schaute in das dichte Getümmel, -blickte in den großen, schmucklosen Raum umher -und redete mir ein, daß mich die raucherfüllte -Luft bedrücke, daß mir der Kleiderdunst lästig sei, -der aufwirbelnde Staub, der scharfe Biergeruch, -der Tumult so vieler schreiender Stimmen, das -unbarmherzige Tosen der Blechmusik, und daß ich -in zwei Minuten gehen werde.</p> - -<p>Meine Liebesleute suchte ich vergebens. Der -Wirbel hatte sie verschlungen. Aber es fand sich -Ersatz genug. Gleich das erste Paar, das sich für -meinen irrenden Blick aus der Menge löste, fesselte -mich im Nu. Sie tanzten langsam, einen schönen, -sicheren Sechsschritt und hielten sich dabei umarmt, -vielmehr sie hatten einander um den Hals -gefaßt und drückten Wange an Wange. Beide -waren hochrot im Gesicht, der Schweiß lief ihnen -über die Stirn, des Mädchens Haare hatten sich -gelöst, aber sie achteten dessen nicht. Sie hielten -immerzu die Wangen gegeneinandergepreßt, beinahe -Mund an Mund, und glitten dahin, wie in -einer tiefen Erregung, so daß von ihrer Unbekümmertheit<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -schier etwas Feierliches ausging. Ein -zweites Paar kam wiegend und sacht sich drehend -einher. Sie ganz frisch und goldblond und zart, -und er beinahe riesenhaft, aber schlank, mit einem -Flaumbart. Und sie reichte ihm kaum bis zur -Brust, lag in seinen Armen mit einem grenzenlosen -Vertrauen, die Augen geschlossen, wie schlafend, -und er sah hoch über sie hinweg, warf tapfere -Blicke umher, und nahm sich aus, als rette er sein -Glück aus tausend Gefahren. Dann aber kamen -zwei, deren Mienen nicht wahrgenommen werden -konnten, so blitzschnell drehten sie sich, so fabelhaft -rasch sprangen sie vorüber. Sie schienen sich -in einem Anfall von äußerster Raserei, ja in einer -Art von rhythmischer Tobsucht zu befinden, in -die sie durch die Musik gebracht wurden. Sie -kamen bald darauf nochmals zum Vorschein, offenbar -hatten sie so geschwind den ganzen Saal durchmessen. -Sie, eine kleine, dicke, nicht mehr ganz -jugendliche Person. Er, ein baumlanger Kerl, im -Ruderleibchen und grauen Rock. Er mußte sich -tief herabbücken, seine Dame um die Taille zu -fassen, und so, in dieser anscheinend qualvollen -Haltung, die einer andauernden, devoten Verbeugung -glich, schwang er sich wie ein gepeitschter -Kreisel. Ganz in meiner Nähe fielen sie plötzlich, -wie hingeschleudert, auf eine Bank, mit todblassen, -benommenen Mienen, nach einer Sekunde aber -sprangen sie wieder auf und wirbelten mit derselben, -unbegreiflichen Schnelligkeit weiter. Noch<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -einige Male kamen sie also angesaust, und es war -auffallend, wie wenig sie sich in solchen Pausen -umeinander scherten, da sie doch, tanzend, so begeistert -zusammenhielten. Wie nach einer Krankheit -saßen sie da, machten verstörte Augen, bis es -sie wiederum ergriff und emporriß. Ein Pärchen -erzwang sich die Aufmerksamkeit, weil es sehr -künstlich tanzte; bald nach rechts, bald nach links, -bald geradeaus nach vorwärts, bald zurück. Dabei -hatte sie ein gänzlich mißlungenes Gesicht, darin, -wie bei einem geborstenen Schränkchen, durchaus -nichts klappen wollte, weder Mund noch Augen. -Und er war ein bißchen schief von Wuchs, hatte -einen ärmlichen, farblosen Bart, schielte ein wenig, -und seine geringfügige Nase nahm sich unter einer -dicken Hornbrille sehr gedemütigt aus. Aber beiden -konnte man die Anständigkeit sogleich anmerken, -und so tanzten sie auch: treu, ehrlich und -fleißig, versäumten keine Figur, ließen sich keine -Nachlässigkeit zuschulden kommen und hatten -eine sachliche Freude des Gelingens, in der ihr gedrücktes -Selbstbewußtsein frei wurde. Sorgloser -gingen zwei andere zu Werke, die mit ruckweisen -Drehungen im Tanze sich schwangen; die Köpfe -weit zurückgebogen, daß sie einander beständig -ins Antlitz schauen konnten. Und beständig lachten -sie, als ob ein prächtiger Scherz ihnen von -einem Mund zum andern ginge. Dabei sagten sie -kein Wort, redeten nur mit den lachenden Augen, -und das war wie ein Spiel fröhlicher Kinder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p> - -<p>Überhaupt war in allen diese kindergleiche, vollkommene -Hingabe an die Freude, und diesem -tanzenden Gewühl entströmte eine unaussprechliche -Glückseligkeit, mühelos verlockt, hingerissen -und entfacht von ein paar Walzertakten und etlichen -Trommelschlägen. Und die erwachende Sinneslust -schlug die Harmlosigkeit hier keineswegs -nieder. Vielmehr wurde all das Begehren, davon -die Atmosphäre bebte, ins Unschuldige gerückt, da -es so aufrichtig und mit solcher Selbstverständlichkeit -sich äußerte. Was hier die Arme umeinanderschlang, -das liebte sich, gleichviel, ob vorher -schon oder jetzt erst, aber es gab keine andere -Veranlassung zum Tanz als die Liebe. Sie tanzten -mitsammen, weil sie sich liebten, und sie liebten -sich, weil sie mitsammen tanzten.</p> - -<p>Zwei Soldaten waren hereingekommen und standen -neben mir. Artilleristen. Der eine von ihnen, -aufragend und in der Fülle seiner Kraft, »schön -wie ein junger Gott«, mit blauen, fröhlich leuchtenden -Siegeraugen. Der andere schwächlich, von -der Uniform fast erdrückt, und mit verprügelten -Mienen. Ein hübsches blondes Mädchen sprang -ihnen entgegen, flog mit ausgebreiteten Armen -auf den schönen Burschen zu und küßte ihn, munter, -herzlich, vergnügt. Er ließ sichs gefallen und -meinte nur, auf den Kameraden deutend: »Dem -gibst d' a a Bußl!« Sie zögerte keinen Moment, -lächelte, stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte -den Verprügelten. Dann wartete sie, daß der<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -Schöne sie zum Tanze führe. Der aber schaute -gelassen umher, achtete ihrer kaum. Er war nicht -in der Geberlaune. So ließ sie sich denn vom andern -umfangen.</p> - -<p>Ein Ländler begann, eine kleine, bescheidene -Melodie, die sich zufrieden im Kreise um sich selbst -drehte, dann wieder innehielt, um sich gleich -wieder gutgelaunt weiterzuschwingen. Und jetzt -waren die Großstadtkinder und die vom Lande -Zugereisten deutlich zu unterscheiden. Für die -einen war's eben nur wieder ein Walzer, die anderen -aber fingen an, sich in kleinen Gehschritten -kirchweihmäßig zu wiegen, in jener ernsthaften -Ruhe, mit der die Bauern den Tanz als eine feierliche -Arbeit traktieren, und das Bauerng'wand -schien unter mancher Uniform jetzt sichtbar zu -werden. Ein Juchschrei flog da und dort empor, -der Erinnerung an das ferne Dorf entstiegen, -Händeklatschen, mühevolle Verschlingungen. Heimatkunst, -in bescheidener Munterkeit verrichtet.</p> - -<p>Inmitten dieser stampfenden, jubelnden, lachenden -und liebenden Jugendseligkeit regt sich der -Wunsch, hier nicht als Fremder stehen zu müssen, -nicht wie nach fremden Tieren auf diejenigen zu -schauen, die in Ursprünglichkeit und ungebrochener -Lust genießen, nicht in Grübelei und nachdenklichem -Zögern den Inhalt froher Stunden zu -messen, sondern Anteil nehmen zu können, besinnungslos -und ohne Rückhalt. Und da erträumt -sich die Phantasie einen jungen Menschen, der, in<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -allen Finessen des Geistes, des Wissens und der -Kultur geschmeidig, dennoch so viel Schnellkraft -sich bewahrt, daß er den Subtilen gelegentlich entwischt, -seinen Lebensunband hierher zu tragen, -der untertaucht in diesem dampfenden Tumult -einfältiger Urtriebe, und dann neugebadet zurückkehrt -zu den anderen, die nur beziehungsweise -Wehmut kennen und vieldeutige Sentimentalität.</p> - -<p>Schon dem Ausgange zugewendet, erblicke ich -meine Bekannte vom Ringelspiel wieder. Sie walzt -jetzt mit ihrem Burschen, ihr hübsches Gesicht -ist dunkelrot geworden und hat denselben Ausdruck -von Versunkenheit wie vorhin, da sie auf -dem hölzernen Schaukelpferd saß. Hier aber fällt -sie gar nicht auf, denn hier gleicht sie völlig den -anderen, denen das Leben und die Jugend noch -so überaus einfach geblieben: Man arbeitet erst -und geht dann tanzen. Saure Wochen, frohe -Feste.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p> - -<h2 id="STALEHNER">STALEHNER</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span></p> - -<p class="drop">Das hundertjährige Stalehnerwirtshaus wurde -niedergerissen, und ein neues aufgebaut. -Denn die Zeit schreitet vorwärts. Ein Kapitel -Hernalserischer Daseinswonne ist damit zu -Ende. Wiener Liedersänger, Komiker, Lokalschriftsteller -und allerlei andere Vergnügungskünstler -haben da draußen den Kehraus gefeiert, den Abschied -von einem Stück Urwüchsigkeit, das nun in -der allgemein großstädtischen Banalität aufgehen -wird. Es war ein Schluß mit Jubel.</p> - -<p>Immer, wenn sie so ein altes Wiener Freudennest -demolieren, staubt aus dem Schutt des bröckelnden -Mauerwerks der Schwarm bekannter Worte -empor: die Wiener Gemütlichkeit …, der Wiener -Hamur …, die schöne, liebe, alte Zeit … Es ist, -als wenn wir unter Menschen lebten, die wirklich -allweil fidel sind, und nur traurig werden, wenn -man ihnen einmal ein altes Wirtshaus zusperrt. -Man muß sagen, daß uns bessere Häuser schon -verschwunden sind, ehrwürdigere und wertvollere, -als der Stalehner. Die neue junge Stadt ist über -sie hinausgewachsen, und wir haben ihrer vergessen. -Wir werden auch den Stalehner verschmerzen.</p> - -<p>Ein Nekrolog gebührt ihm freilich. Denn er war -berühmt und schaut auf eine große Vergangenheit -zurück. Er hat seine Rolle gespielt in der -Sittengeschichte von Wien, und sein Einfluß ist -manchmal in dieser Stadt sehr fühlbar gewesen. -Stalehner, das war nicht bloß ein Wirtshaus, sondern -auch eine Art Weltanschauung. Das Wirtshaus<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -haben sie jetzt niedergerissen, die Stalehner-Weltanschauung -wird vielleicht bestehen bleiben. -Vielleicht.</p> - -<p>Stalehner … schon der Name hat etwas unnachahmlich -Echtes, ist wie geschaffen zur Straßenberühmtheit. -Der wienerische Dialekt schwingt -auf diesem Namen wie ein Wäschermädel auf einer -Praterhutschen. Es ist ein Fiakerparfüm darin, -und ein Schnalzen, das aus den »enteren« Gründen -kommt. Wir haben ein paar solcher köstlichen -Wirtsnamen, deren bloßer Klang schon eine ganze -Stimmung gibt. Weigl zum Beispiel mit dem gequetschten, -wienerisch breitgedrückten »ei«, so -daß es sich anhört wie ein wohliger Schnaufer. -Oder Gschwandner … was ja wie ein Walzertakt -schleudert. Nichts aber hört sich so behaglich -an wie Stalehner mit diesem offenen, ein wenig -frechen und gellenden Wiener a der ersten Silbe -und dem Schleifen durch die Nase der beiden anderen: -»lehner«. Behaglich und leichtsinnig.</p> - -<p>Wir kennen den Namen jetzt schon über hundert -Jahre. Und es sind viele, viele Wiener Früchteln -und Wiener Kinder beim Stalehner draußen -berühmt geworden. Die einen durch ihren Gesang, -durch ihr Kunstpfeifen und durch ihren -Mutterwitz, die anderen durch ihre Freigebigkeit, -durch ihr »Aufdrahn« und durch ihr Trinken. -Vom Standpunkt des Schanktisches aus muß man -schon sagen: es war eine große Zeit. Aber, wer -denkt denn heute der fröhlichen Schar! Weiß<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -jemand noch was von der Judenpeppi, die so besonders -talentvoll gepascht hat, wenn der Gruber -das picksüße Hölzel spielte? Man weiß ja auch -vom Gruber nichts mehr. Lieber Gott, es gibt so -viele Gruber. Und diese beiden, der Meister auf -dem Picksüßen und die Judenpeppi, haben in den -fünfziger Jahren gelebt.</p> - -<p>Vor ihnen mag es in dieser Heurigenseligkeit -noch andere Götter gegeben haben. Aber sie sind -vergessen und verschollen, wie man des Weins, -nachdem man ihn genossen hat, vergißt. Der Boden -hier ist reich. Er gibt in jedem Jahre eine -neue Lese; und in jeder Generation neue Originale. -Weinstöcke und Menschen, in denen die -Kraft und der Übermut dieser Scholle aufgesammelt -waren, sind hier herum immer frisch nachgewachsen. -Derart ist ja denn auch der Anfang gewesen, -daß der erste Stalehner ein Weinbauer war, -der da draußen in dem winzigen Dörfchen Hernals -das Leutgeben hatte, und alljährlich, wenn seine -Trauben gekeltert waren, den Buschen aussteckte. -In ihren kleinen, niedrigen Häuseln saßen sie dort -nebeneinander, am Ufer des Alsbachs, der damals -noch in seinem offenen grünen Bett zum Stroheck -hinunterfloß. Zum Stalehner gingen dann die -Harfenisten und Natursänger, die feschen Mädeln, -die sich aufs Paschen verstanden, und die Fiaker -brachten dort ihre Kavaliere hinaus, um ihnen -draußen zu zeigen, daß sie nicht nur kutschieren, -sondern auch dudeln und – trinken können.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p> - -<p>So ist nach und nach der Stalehner die Grenzstelle -geworden, an der sich die Blüte des Wiener -Hochadels mit der Weinblüte des Wiener Volkes -begegnete, die Grenze, an der sich beide in sanfter, -singender Berauschtheit einander vermählten. Der -Stalehner war die Stätte, an der die gräflichen Instinkte -unserer Fiaker und die fiakerischen Triebe -unserer Grafen einander in die Arme sanken. Es -war, wie gesagt, eine große Zeit.</p> - -<p>Wir wissen ja nichts mehr von den fünfziger -Jahren. Da könnte sich ein Lokalchronist einmal -ein Verdienst erwerben, wenn er die Geschichte -des Hauses Stalehner erforschen und aufschreiben -wollte. Tut er es nur halbwegs gut, und wird vom -verjährten Weindunst, der ihm aus den vergangenen -Zeiten aufsteigt, nicht betäubt, so daß er nun -etwa selber in Duliähgejauchz ausbricht, dann muß -ihm ein lebensvolles, farbiges Spiegelbild der Stadt -Wien gelingen. Unser Erinnern weiß nur von dem -Rausch der achtziger Jahre, jener Zeit, in der unsere -Prinzen noch fröhlicher waren. Vom Glanz -der Fiakermilli und der Turfkarolin, die zwischen -der Freudenau und den Stalehnerischen Gefilden -einst hochberühmt gewesen sind. Vom Bratfisch, -der letzten romantischen Gestalt unter den Fiakern. -Und daß der Ziehrer draußen die ersten Erfolge -hatte, mit seinen ersten Walzern, in denen ja ein -Echo von jenem hernalserischen Händeklatschen -leise wiederklingt.</p> - -<p>Hernals … Wenn man von der Laimgruben bis<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -zum Liechtental, und im weiteren Bogen von der -Schwarzen Westen bis zum Krottenbach die verschiedenen -Abschattierungen der Wiener Art betrachtet, -wird man finden, daß Hernals etwas Besonderes -ist: ein herbes Wienertum, weniger lyrisch, -dafür aber unbändiger, mehr ins Randalierende -und kreischend Grelle. Weniger anmutig -und sanft, sondern von ausfahrenden Temperamenten -feuriger und wilder gemacht. Es ist die -Stelle, an der sich die Wiener Art zum Proletarischen -absenkt, die Stelle, an der sie am leichtesten -und am häufigsten verpöbelt. Es ist der Boden, -auf dem die Schalanthers wachsen.</p> - -<p>Gerade dieser Schalantherboden aber bringt die -Menschen hervor, die den absoluten Willen zur -Freude haben. Ihr Talent zum Vergnügen ist so -groß, daß es alle anderen Gaben in ihnen aufsaugt. -Der Leichtsinn in ihnen ist so stark, daß er sie -dauernder berauscht als der Wein, den sie trinken; -daß er ihnen glänzender und täuschender als der -Wein die Sorgen des Daseins und seinen Ernst verhüllt. -Die wienerische Fähigkeit, lustig zu sein, -wird nirgendwo mit solcher Heftigkeit geübt wie -hier, so entschlossen, so über alle Ursachen hinaus, -und mit einer solchen Zuversicht in die altwienerischen -Ausdrucksmittel des Fröhlichseins: Händeklatschen, -Singen, Schnalzen, Pfeifen. Diese Hernalser -Gegend, die nicht so anmutig ist wie andere -Wiener Gegenden, die auch nicht anmutig war, -als man noch vom Stalehner bis zu der Kirche mit<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -dem Kalvarienberg hinsehen konnte, und der Blick -nur Felder, Felder, Obstgärten und Weingelände -überschaute, diese Gegend hat doch immer etwas -Anlockendes gehabt: ihre kleinen Heurigenstuben, -ihre Wirtshausgärten, in die man einkehrte -auf der Wanderung zum Dornbacher Wald hinaus, -oder auf dem Heimweg von dort in die Stadt zurück. -In diesen winzigen verrauchten Stuben und -in diesen primitiven Gärten war die singende, -jauchzende Verführung. Dort lockte der Wein, -den die Bauern zogen, dort der Gesang der Burschen, -und dort die freigebige Üppigkeit der Weiber. -In Grinzing, in Heiligenstadt, am Fuß des -Nußberges gab es von jeher und gibt es noch immer -Heurigenschenken, zu denen die Leute pilgern. -Aber solch einen Schwung hat die Sache niemals gehabt. -Solch einen Schmiß, daß die Nobelwelt herankarossiert -kam, um sich aus dem Urwuchs des -Volkstümlichen aufzufrischen und aufzufärben, hat -es auf die Dauer nur beim Stalehner in Hernals -gegeben.</p> - -<p>Steht man vor dem Stalehnerhause, dann merkt -man von außen schon, daß seine Zeit erfüllt ist. -Das neue Niveau der Straße, die hier vorbeiführt, -die nicht mehr nach dem Alsbach heißt, sondern -nach dem ausgestorbenen Grafengeschlecht der -Jörger, das hier in Hernals einst reich begütert gewesen -ist, das Niveau dieser Straße hat man längst -gehoben, und nun scheint es, als wäre das Stalehnerhaus -sachte in die Erde versunken. Inwendig<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -hat es den veralteten Reiz eines nach und nach -adaptierten Vergnügungsnestes, hat diesen alten, -immer ein wenig schmutzig aussehenden, immer -von alkoholischen Kellerdünsten erfüllten Hof. Der -langgestreckte Garten wurde zur Hälfte verbaut. -Da ist ein Ballsaal aufgeführt worden, und den -muß man durchschreiten, ehe man zum Garten -und zur Sommerbühne kommt. All das ist vorstadtmäßig -verschachtelt, ineinander verschränkt, Winkelwerk, -malerisch und heimlig. All das zeigt -den langsamen, Jahrzehnte währenden Aufschwung -des Hauses, all das erzählt hier von dem immer -mehr und mehr wachsenden Zulauf, von dem immer -mehr steigenden Menschenandrang, dem Raum -geschaffen werden mußte und Unterkommen. All -das hier spricht von einer bedächtigen und langsam -wienerisch-schlendernden Unternehmungslust -und von einem stetig sich häufenden Wohlstand. -Diese Gastzimmer, dieser Ballsaal, diese -Gartenbühne zeigen vorstadtmäßige Begriffe von -Luxus, Ausstattung und Eleganz.</p> - -<p>Und da haftet nun die Fröhlichkeit, der Leichtsinn, -die Debauche und der Übermut von drei, -vier Generationen an diesen alten Wänden. Diese -alten Zimmer, in denen der Weingeruch säuerlich -geworden ist, haben die gutgelaunten Stunden -von drei, vier Generationen mit angeschaut. Haben -das Jauchzen von jungen Mädchen gehört, die -heute längst dahin sind, wie die Blätter vergangener -Sommerszeiten. Sie haben die naiven Kunststücke<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -und die verführerischen Gemütlichkeitskniffe -von drei, vier Fiakergenerationen mit angeschaut, -haben den Gesang vernommen, der es -hier jahrzehntelang allabendlich zur Decke hinaufschmetterte, -daß der Wiener nicht untergeht, daß -wir keine Traurigkeit nicht spüren lassen; und ein -feiner Widerklang des einst so zwingenden Estam-tam -scheint hier noch nachzudröhnen. Während -man hier umherwandert, erwachen viele alte -Wiener Lieder, die von diesen Räumen aus durch -die ganze Stadt fegten, Lieder, deren Melodie -schmeichlerisch war und schmiegsam, schaukelnd -und wiegend, Lieder, die von Sorglosigkeit, von -weinseligem Glück, von auftrotzendem Was-liegt-denn-dran-Humor -sangen. Wenn man hier umhergeht, -fühlt man sich angehaucht vom leichten -Atem wienerischer Harmlosigkeit, von einer weichen, -hinschmelzenden Güte, die an sich selbst -kaput geht. Aber auch von einer erotischen Glut, -die hier ins Toben kam, von einer Lebenskraft, die -hier Betäubung suchte. In diesem Saal rauscht es -noch von Walzern. Aber anders, wilder, trunkener -als in dem Hietzinger Dommeyersaal, der ja jetzt -auch bald verschwindet. Dort draußen in Hietzing, -wo die ersten Lanner- und Straußwalzer geboren -wurden, liegt über der Kaiser Franz-Architektur -des Saales ein merkwürdiger, stiller Glanz von -Vornehmheit. Hier eine Stimmung von süßer -Pöbelei. Hier stampfte die Orgie der Fiakerbälle -und riß junge Vorstadtmädchen und routinierte<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -Ringstraßenkokotten, Hausmeisterburschen und -Edelknaben, Fiaker und Prinzen in ihrem Wirbel -mit sich fort. »Beim Gschwander, Stalehner … -da lernt ma si kehner …«</p> - -<p>Schluß mit Jubel. Was da draußen war, ist -wenigstens echt gewesen, ist organisch dem Erdreich -entwachsen, und hatte die innere Notwendigkeit -alles dessen, was auf natürliche Weise entsteht. -Was da draußen war, ist mit der Erinnerung -an fröhliche Wiener Tage innig verknüpft, ist dem -wehmütigen Gedächtnis an die sprühende Jugendlaune -der Kronprinzenzeit innig gesellt, ist vielleicht -für lange, lange Jahre das letzte Kapitel -wienerischer Leichtherzigkeit. Mit der Zeit freilich -kam von außen manches falsche Element hinzu. -Es kam die Nachäfferei, die das Ursprüngliche sich -anschminken möchte, seine Farben fälscht und -übertreibt. Es kam der Snobismus. Denn auch -einen Stalehner-Snobismus hat es gegeben, der sich -in die Manieren fiakerischer Lebenslust hineinschmiß -und sich drin rekelte, wie er sich in die -bequemen Polster unserer Fiakerwagen hochnasig -hineinschmeißt und sich darin spreizt. Es kam auch -die korrumpierende Wirkung, daß die »schlichten -Leute aus dem Volk« da draußen ihre Schlichtheit -mit Affektation zur Schau stellten, daß sie -ohne Naivität ihre Urwüchsigkeit posierten und -also, gleich den Schlierseer Bauern, auf eine nicht -mehr ganz frische, nicht mehr ganz ursprüngliche -Art die Komödianten ihrer eigenen Natur wurden.<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -Schluß mit Jubel. Das alte Stalehner-Wirtshaus -hat uns die ins Hernalserische gerückte Weltanschauung -der Wiener dargestellt, wie uns der Stelzer -in Rodaun die kalksburgisch gefärbte Wiener -Weltanschauung bietet. Das alte Stalehner-Haus -ist ein Stück Geschichte, ein Stück Kultur von -Wien, war eine Charaktereigenschaft dieser ewig-anmutigen -Stadt, die aber doch in ihrem Wesen -mehr ist als immer nur fidel und lustig, wie manche -Leute glauben oder glauben machen wollen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<h2 id="BEIM_BRADY">BEIM BRADY</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<p class="drop">Der prächtige Titel »Wintergarten« ist natürlich -eine Übertreibung. In Wirklichkeit -spricht auch kein Mensch von Bradys Wintergarten, -sondern alle Welt sagt einfach: beim Brady. -An einen Garten erinnert übrigens nur die ziemlich -geschmacklose Staketendekoration der Wände, -dann ein wenig falscher Efeu und kunstlos gefälschtes -Weinlaub. Sonst aber ist man hier beinahe -wie in einer Spelunke. Und das mag eben der -Hauptreiz an diesem »Wintergarten« sein, daß er -wie ein Beisel aussieht. Denn wenn es irgendwo -recht schäbig ist, dann sagt man in Wien noch -lange nicht: hier ist's schäbig. Vielmehr findet man -eine versöhnliche Bezeichnung dafür, und jedem, -der sich über mangelnde Pracht, über fehlenden -Komfort, über nasse Tischtücher und schlechte -Luft beklagt, wird geantwortet: Ja, aber gemütlich -ist's. Beim Brady ist es also gemütlich. Damit -ist zugleich auch die Summe aller seiner Eigenschaften -gezogen. Es läßt sich weiter nichts hinzufügen. -Höchstens, daß es in Wien sonst nirgends -so gemütlich ist, wie eben beim Brady. Und -das ist allerdings sehr bemerkenswert. Die wienerische -Gemütlichkeit, wie wir sie nur mehr noch -aus abgedroschenen Liedern kennen, oder aus den -Schilderungen der gewissen ältesten Leute, diese -grundlos fröhliche, ziellose, an der eigenen Lebenslust -entzündete, sorgenfreie, naive, singende und -jauchzende Wiener Gemütlichkeit findet man -jetzt nur hier. Aus den anderen Vergnügungslokalen,<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -aus dem übrigen großen modernen Wien -ist sie ja verschwunden. Vielleicht, daß man sie -hie und da in irgendeinem versteckten Vorstadtwirtshaus -noch treffen kann. Das ist aber sehr ungewiß. -Die Zeiten sind vorbei. Und wenn man -zum Brady geht, dann ist der Weg dahin schon wie -ein Spaziergang in die Vergangenheit. Ein enges -Gäßchen, das vom gemütlichen Franziskanerplatz -unter einem schmalen Schwibbogen abbiegt, das -sich windschief bei jedem Schritt anderswohin zu -wenden scheint. Eine jener Gassen mit so enorm -hohen Häusern, daß der Himmel droben nur wie -eine schmale, helle Linie aussieht; und wenn hier -unten einmal zwei Wagen einander begegnen, dann -darf kein Fußgänger vorbei, weil er das bißchen -Platz, das zum Ausweichen nötig ist, verstellen -könnte. Das uralte, beinahe schon vergessene Wien. -Was beim Brady geschieht, ist rasch erzählt. Eine -Salonkapelle spielt; und wenn sie aufhört, dann -singt ein Männerquartett zur Begleitung einer -Ziehharmonika, einer Geige und einer Gitarre. -Haben die vier Männer ihr Stücklein heruntergejodelt, -dann kommt wieder die Salonkapelle dran. -Ohne Pause. Und so ist denn der rauchige kleine -Saal immerzu von Musik erfüllt. Daran scheint -freilich nichts Besonderes zu sein, und man wird -es noch nicht begreifen, wie nur ein mäßiges Orchester -und vier Natursänger solchen Zulauf finden -können. Denn der schlaue Brady ist nicht mehr -da. Ein kleiner, leidlich hübscher, flotter Kerl mit<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -einer angenehmen Pleinairstimme, war er sein -eigener Star. Trug den Leuten seine fiakerisch-lustigen -und sentimentalen Lieder vor und hatte -jeden Abend zu dem geschäftlichen Profit den persönlichen -Erfolg. Dann nahm er Abschied, als ein -kluger Mann auf der Höhe seines Ruhmes, zog sich -ins Privatleben zurück, vielleicht nur, um fortan -zeitlicher schlafen gehen zu können, und erlaubte -bloß, daß der Glanz seines Namens auch ferner des -Nachfolgers Bude erleuchte. Unberühmte Leute, -die man nicht näher kennt noch sieht, halten die -Weinstube weiter. Ein Geschäftsführer ist da, in -einem schwarzen Salonrock, ein dünner Mensch, -der aussieht wie ein Meßner, der umhergeht und -den Gästen guten Abend wünscht. Gesungen hat -er noch nie, hübsch ist er auch nicht, kurzum, der -Brady ist noch nicht ersetzt. Aber die gute Laune, -die er hier eingerichtet hat, ist noch nicht verdampft; -sie liegt hier noch immer in der Luft. -Und wenn man hereinkommt, wird man fröhlich, -man weiß nicht wie und man weiß nicht warum.</p> - -<p>Schuld daran sind aber doch zunächst die Musikanten. -Die von der Salonkapelle, und die vier -Natursänger, die zur Geige, zur Gitarre und zur -Ziehharmonika jodeln. Gewöhnlich gibt es ja -nichts, was einen Menschen so traurig machen -könnte, wie ein bezahlter Lustigmacher. Die armen -Teufel, die beim öffentlichen Vergnügen bedienstet -sind, versehen ihre Funktionen fast immer -mit solcher Wehmut, daß einen bei ihrem Anblick<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -der Menschheit ganzer Jammer anfaßt. Unter allen -Professionals sind ja die Professionals der Heiterkeit -die trübseligsten. Beim Brady ist das anders. Die -Salonkapelle scheint gar nicht der Gäste wegen zu -spielen, sondern nur ihrem Dirigenten zuliebe. -Wenn der die Geige ansetzt und seinen Musikanten -das Zeichen gibt, ist es, als wollten ein paar -Freunde unter einem lustigen Rädelsführer einen -Spaß anzetteln. Die zigeunerisch schmachtenden -Primgeiger, die in posierter Ekstase vor unseren -Augen zu vergehen scheinen, die kennen wir ja -zum Überdruß. Daß aber dieser blitzlustige -schwarze Bursche, der immerfort lacht, wenn er -geigt, ein Poseur ist, glaube ich nicht. Er unterhält -sich ganz einfach, wenn er eine Operettenmelodie -spielt. Und weil er so animiert ist, singt er -den Text gleich mit dazu, wiegt sich und tanzt -ein bißchen dabei und schaut mit schwarzen, -lachenden Augen und mit weißen, blinkenden -Zähnen im Saal umher. Ferner könnte man auch -die Natursänger für Gäste halten, die freiwillig -zum allgemeinen Amusement beitragen. Sie sehen -aus wie kleine Geschäftsleute, Fiaker, Fleischhauer, -Greisler etwa, die ihr Sonntagsgewand angezogen -haben und sich einen lustigen Abend machen -wollen. Dick sind sie alle zusammen, und -eigentlich nicht mehr ganz jung; aber einer fröhlicher -als der andere. Der mit dem blonden -Schnurrbart hat geradezu jubelnde Augen, ein fideler -Leichtsinn spricht aus seinen Zügen und sein<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -ganzes Wesen hat etwas Urwüchsiges, etwas Schnalzendes, -dem man nicht widersteht. Der Jodler -unter ihnen, der so hoch »überschlagen« kann, -sieht spaßig aus. Er hat nicht nur die schönste -Stimme, er gleicht auch wirklich einem singenden -Vogel. Die Nase steht ihm spitz und hoch wie -ein aufgesperrter Meisenschnabel dicht überm -Mund. Dann kneift er auch die kleinen Augen so -bedenklich zusammen, als belausche er sich; und -wenn er sich einmal mit einem Triller an das Publikum -wendet, zieht er ein Gesicht, als ob er einen -schwierigen Fall zu explizieren hätte. Der dritte -ist der Ironiker unter ihnen, temperamentvoll, aber -gezügelt, schaut immer drein, als ob er nach einer -Antwort suche, ist aber nie um zwanzig verlegen. -Der vierte ist der Dickste; wahrscheinlich auch der -Gutmütigste. Nur manchmal simuliert er Anfälle -von Gesangstobsucht. Dann ist es drollig, wie dieser -kleine Koloß zu brüllen anfängt und sich geberdet, -als könne er die Lustigkeit in seiner Brust -nicht länger bändigen.</p> - -<p>Nun darf man aber nicht glauben, daß diese vier -Sänger und der Kapellmeister etwa zu den besonderen -Talenten gehören. Jeder von ihnen ist in -jedem Augenblick zu ersetzen. Wenn einer nur -ein wirklicher Wiener ist, wirklich lustig, und dabei -ein bißchen singen kann, vermag er ihren Platz -einzunehmen. Manchmal stellt sich auch von den -Gästen einer zu ihnen und macht's geradeso wie sie. -Und es ist eben ihr Reiz, daß sie so gar keine Künstler<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -sind, sondern nur Wiener. Das gibt dem ganzen -Brady seine Wirkung, daß hier eben sonst nichts -vorgeht, als daß die Wiener auf ihre Weise fidel -sein wollen. Anderswo will man essen oder trinken -oder sich an Produktionen kritisch ergötzen. Hier -will und soll kein Mensch etwas anderes als heiter -sein. Die Gäste, die Musikanten, die Sänger; es -geht alles in einem. Und wie da junge Prinzen, -Offiziere, alte Lebemänner, Kommis, Bürgersleute, -Kutscher und »kleine Mädchen« beisammensitzen -und singen, ist es, als sei man hier in einer -ganz kleinen Stadt, deren Einwohner eine besonders -beschaffene Familie bilden, oder als fände -man hier den Auszug aller wienerischen Art. Hier -wird einem unaufhörlich in die Ohren gesungen, -daß wir »zum Trübsalblasen nicht auf Erden sind«, -hier hört man jeden Moment die unbestreitbare -Tatsache vertont und betont, daß man »'s Geld -auf dera Welt net fressen kann« und hier ist der -Ort, wo diese Behauptungen nicht verlogen klingen, -wo sich nichts in uns gegen solch billige Weltanschauung -sträubt. Der einzige Ort, an dem man -sich ohne Widerstand überreden läßt: »Drah'n -m'r um und drah'n m'r auf – es liegt nix dran!« -Vielleicht wirkt der Brady auch deshalb so zwingend, -weil die Leute hier, ob sie gleich fast alle -betrunken sind, sich nett benehmen. Betrunken -ist, für einzelne wenigstens, gewiß nicht zu viel gesagt; -allein hier lernt man den richtigen, anmutigen -Sinn des guten Wortes: Angeheitert.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p> - -<p>Angeheitert ist jeder. Man wird es vom Wein, -man wird es von dem Gelächter ringsumher, von -dieser Atmosphäre unbekümmerter, übermütiger -Fröhlichkeit. Angeheitert wird man von diesem -Kapellmeister, der die Geige streicht, als gäbe es -nichts Lustigeres in der ganzen Welt als Geigenspielen. -Angeheitert von den Sängern, die einem -lachend zujubeln: Es liegt nix dran. Angeheitert -von dem Jodler, der den Meisenschnabel aufsperrt; -sogar von dem feierlichen Meßner, der -herumgeht und immerfort »Guten Abend!« -wünscht. Da springt ein Lebemann plötzlich -auf, drückt sich den Zylinder schief in die Stirn, -hebt die Frackschöße und tanzt Cancan, da er -augenscheinlich Paris nicht vergessen kann. Er -geniert sich nicht, und alle applaudieren, feuern -ihn an und sind im Nu gut bekannt mit ihm. Ein -ernster Mensch, der wie ein Oberlehrer aussieht, -oder wie ein kleiner Beamter, und der bisher still -vor seinem Glas gesessen, fährt in die Höh', stürmt -das Podium, drängt den Kapellmeister zur Seite -und beginnt zu dirigieren. Wer weiß, vielleicht -verwirklicht er hier zum erstenmal einen Lebenstraum. -Irgendwo in einer Ecke hebt eine elegante -junge Dame zu singen an: »Wann der Auerhahn -…«, eine glockenreine, helle Stimme. Sofort ist -einer von den Natursängern dabei, jodelt die zweite -Stimme, und die Geige, die Gitarre, die Ziehharmonika -spielen die Begleitung. Vor einem -Tisch im Kreis seiner Freunde und ihrer Mädchen<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -ist ein junger Kavalier aufgestanden. Ein frisches, -bildhübsches, aufgeregtes Pagengesicht, die Augen -funkeln ihm, er sprüht vor Jugend und Lebenslust, -hält einen Toast an alle Anwesenden, und wird -nicht fertig. Ein alter Herr entzückt sich mit -einemmal an einer Offenbachmelodie, wird sichtlich -von Erinnerungen befallen und wiegt sich auf -seinem Sessel hin und her. Ein Mann, den man -für einen Viehhändler halten darf, zecht mit einer -großen Blonden, die aussieht, wie eine von den -strotzenden Rubensweibern aus einem seiner Bohnenkönigsfeste. -Und dann fällt dem rothalsigen -dicken Viehhändler unversehens ein, daß man noblerweise -nicht zweimal aus demselben Becher trinken -kann, und er zerschmettert jedes Glas, nachdem -er es geleert hat, gleichmütig, gelassen, wie -selbstverständlich, und die blonde Rubensdame -lacht, wenn ihr der Champagner ins Gesicht oder -auf das Kleid spritzt. In einer anderen Ecke sitzen -kümmerliche Menschen. Wie sehr sie sich auch -mit Ringen und Goldketten behängen, sie bleiben -armselig; graue einfältige Gesichter; Spießbürger, -offenbar aus der Provinz; die Frauen nach einer -verschollenen, unwahrscheinlich gewordenen Mode -gekleidet. Zur Freude nicht geboren, zu jedem -Vergnügen talentlos, starren sie mit sachlichem -Ernst auf das Getriebe. Dann aber geht es wie eine -große Freudenwelle plötzlich über alle Köpfe. -Plötzlich beginnen alle miteinander zu singen, die -Kellner sogar, und selbst die Provinzler singen mit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<p>Das ist nun vielleicht sehr stumpfsinnig, es ist -albern, wenn man will, und sicherlich ist es sinnlos. -Ein Berliner Freund, den ich neulich zum -Brady führte, ließ sich den ewig nüchternen Kopf -nicht benebeln, fand, daß die ganze Sache der -großstädtischen Pracht entbehre, daß die Ventilation -zu wünschen übriglasse, und daß überhaupt -die Geschichte »bezeichnend« für Wien sei. Er -hat allerdings recht, aber ahnungslos wie diese Berliner -nun einmal unserer Stadt gegenüberstehen, -auf ganz andere Art, als er denken mochte. Es ist -freilich bezeichnend für Wien, daß es nur hier -einen Brady geben kann, und nirgends anderswo, -daß hier die Leute zusammenkommen, um zu singen -und lustig zu sein, daß sie sich dabei betrinken -und trotzdem manierlich bleiben, daß Aristokraten -und Spießer, Offiziere und Kommis, Fiaker und -Hofräte hier Tisch an Tisch sitzen, Wiener Lieder -anhören und kopfüber in die Banalität der Gassenhauerweisheit -tauchen, ihre Sorgen vergessen, und -in die Hände klatschen: Drah'n m'r um und drah'n -m'r auf! Sie ist kindisch diese Zuversicht, aber -kindlich auch, und deswegen so wohltuend: Es -liegt nix d'ran!</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span></p> - -<h2 id="NACHTVERGNUEGEN">NACHTVERGNÜGEN</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p> - -<p class="drop">Musik. Junge Mädchen, welche tanzen. Und -Champagnerwein. Das hat sich in den letzten -paar Jahren allmählich so entwickelt. -Aber schon beim gottseligen Brady galt es: »Kinder, -wer kein Geld hat, der bleibt z' Haus …« Die -Natursänger schmetterten diese einfache Philosophie -in den Saal. Wer sie vernahm, der war gewarnt, -und durfte dann am nächsten Morgen nicht -klagen: Ihr laßt den Armen schuldig werden.</p> - -<p>Zuerst war der Brady allein. Er war wienerisch -und wußte es nicht besser. Er trieb einen schwunghaften -Handel mit Urwüchsigkeit, hielt einen Ausschank -von Volksliedern; er regalierte seine Gäste -mit dem Humor, der auf dem städtischen Pflaster -sprießt. Und er ließ die bodenständige Lebensfreude -alle Abend so lange aufkochen, bis sie sich -glühend vermaß, der Welt eine Haxen auszureißen. -Aber er war eben allein, und man konnte bei alledem -behaupten, daß wir kein Nachtleben haben. -Jetzt haben wir eines.</p> - -<p>Jetzt gibt es in der Innern Stadt etwa ein halbes -Dutzend Gelegenheiten, die Nacht zu verjubeln -und das Geld »am Schädel zu hauen.« Das Verfahren -ist inzwischen nur ein anderes geworden: -Junge Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. -Spanischer Fandango und Veuve Cliquot. -Tunesischer Bauchtanz und American Drinks. -Cake Walk und Vöslauer wie Bordeaux. Deutscher -Sekt und Matchiche. Wir sind international -geworden. Die nächtlichen Freudenlokale tragen<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -fast alle pariserische Namen, und man amüsiert -sich jetzt hinterwärts der Kärntnerstraße ganz genau -nach derselben Art, nach der man sich in Berlin, -Paris, New York oder Kopenhagen unterhält.</p> - -<p>Deswegen fehlt es doch nicht ganz an Lokalton. -Oft genug dringt durch die französisch-spanisch-amerikanische -Buntheit ein Schimmer wienerischer -Farbe. Auch hier kriegt man die neuesten -Gassenhauer und die frisch entstandenen Straßenlieder -zu hören. Wie das Gemüse, das draußen -am Wiesensaum der Stadt wächst, werden auch sie -nächtlicherweile herein und auf den Markt gebracht, -diese kleinen Texte und Melodien, die -draußen am Saum der Stadt aus der Erde wachsen. -Und auch sie dienen hier nur zur Garnierung. Die -Herren von der Kapelle singen sie. Denn es ist -Mode geworden, daß die Orchesterleute sich nicht -mehr auf ihre Instrumente beschränken, sondern -daß sie einfach akute Anfälle von Lebensfreude -haben. Anfälle, in denen sie die Daseinswonne -ihres Herzens nicht mehr bändigen können. Ihr -Jubel schwillt so mächtig an, daß er sich in einer -Geige gar nicht mehr auffangen, in ein Klavier -gar nicht mehr hineindreschen läßt. Da müssen -dann die Musikanten einfach losbrechen, müssen -zu singen anfangen, mitten während des Aufspielens. -Sie können sich nicht anders helfen.</p> - -<p>Das Wichtigste aber bleiben die jungen Mädchen, -welche tanzen. Man sitzt rings um eine leere -Mitte, an kleinen Tischchen. Und da kommen die<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -jungen Mädchen. Das ist – zwischen ein und vier -Uhr früh – wirklich sehr hübsch. Es sind lauter -niedliche kleine Mädchen, manche von ihnen -sind schön, manche sind nur angenehm; manche -sind begabt und manche sind ohne Geschicklichkeit; -manche sind voll Anmut und manche sind -ganz hilflos; manche sind schüchtern, ja verlegen, -und manche wieder sind sehr frech. Aber alle -zusammen haben etwas Sanftes in ihrem Wesen, -alle zusammen sind wie die Kinder, scheinen vom -wirklichen Leben gar nichts zu wissen. Sie sind ganz -arglos in ihren Begierden, in ihrer Gefallsucht, in -ihren kleinen, durchsichtigen Raffinements. Ringsherum -an den Tischen sitzen die Leute, die aus dem -wirklichen Leben hier hereinkommen, aus allerlei -Ernst und Sorge, aus allerlei Arbeit, Schwierigkeit -und Schicksal; sitzen da und sind beladen mit ihren -Gedanken, Geschäften und Pflichten. Sind gefesselt -und gebunden an Dinge und Menschen, die -draußen irgendwo leben, sind umstrickt von allen -möglichen Zusammenhängen. Da in der Mitte, -auf dem glatten Parkett jedoch tanzen die jungen -Mädchen, und es ist, als existierten sie in einer -eigenen Atmosphäre, in einer leichteren, in der -es keine Gedanken und keine Sorgen gibt. Es ist, -als tanzten sie, weil alle Zusammenhänge von ihnen -sich abgelöst, und weil sie dadurch so viel freie -Gelenkigkeit gewonnen haben. Es ist, als hätten -sie gar kein Schicksal, sondern nur dieses Lächeln. -Wenn der Morgen anbricht, gehen sie zu Bett, und<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -die ungeheure Tagesarbeit dieser Stadt braust -dann über ihren Schlummer hin. Sie hören es nicht. -Sie sehen nur die vielen hellen Lichter des Abends, -hören nur die lustige Musik. Und tanzen.</p> - -<p>Das Orchester schmettert, und ein junges Mädchen -wirft sich in den tönenden Schaum dieses -Fandango, wirft sich mit einer enthusiastischen -Gebärde in die Flut dieser hochaufspritzenden -Musik, wie eine Badende, die vom Trampolin fröhlich -ins helle Wasser sich schleudert. Ihr schönes -Gesicht ist von Heiterkeit ganz erleuchtet; ihre -schwarzen Augen glänzen und schauen irgendwohin, -sehen niemanden an, und haben einen Ausdruck, -als seien sie nur von einem schimmernden -Nebel umgeben. Dieses Mädchen ist ganz von sich -erfüllt. Von ihrer Jugend, von ihrer Schönheit, -von ihrem Tanz, von der Wirkung, die sie ausübt. -Ihr feiner, schlanker Körper arbeitet, von der Musik -beherrscht, in allen Muskeln. Dieser achtzehnjährige -Leib fiebert, und glüht und tobt. Er spürt -seine kreisenden Kräfte und sehnt sich, diese -Kräfte rasen zu lassen, sie zu verschwenden, sie -hinzugeben an den Jubel dieser Stunde. So schleudern -sich kleine, junge Lerchen in die Luft, so -schwirren Libellen in der Mittagssonne. Dieses -junge Mädchen, das eigentlich gar nicht tanzen -kann, das wahrscheinlich gar kein Talent hat, ist -dennoch in diesem Augenblick etwas ganz Vollkommenes. -Denn sie tanzt ihre Jugend, ihre achtzehn -Jahre, ihre Frische und ihren Frühling. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -sie genießt das alles, wie sie so in der jauchzenden -Musik dahinfliegt, sie ist ganz allein mit sich, sie -schlürft den feurigen Trank ihres Daseins und berauscht -sich daran. Die Leute rings an den Tischen -betrachten sie und werden von ihrem Zustand -irgendwie mitgerissen. Sie betrachten dieses -kunstlose, enthusiastische Mädchen und werden -unwillkürlich erfrischt, werden milder, heiterer. -Sie schauen sie an, wie man ein schönes, in der -Luft tanzendes Insekt anschaut, dessen Leichtigkeit -und Anmut etwas Aufmunterndes hat. Sie -blicken gleichsam über den Bord ihres eigenen Lebens -geneigt hierher auf diese mühelos heitere -Existenz. Und lächeln. Die Musik bricht ab; das -Mädchen steht, wie erschrocken, still, und geht -dann mit einem ernsten, aufgewachten Gesicht -hinaus.</p> - -<p>Alle diese Mädchen tanzen sich selbst, erklären -sich im Tanz, liefern Bekenntnisse, unfreiwillige -Aufrichtigkeiten, lassen ihr Wesen sogleich erraten. -Nicht nur diese Mädchen hier, überhaupt: Tanzen -ist Selbstverrat. Da kommt eine, die tanzt ihre -törichte Eitelkeit, schwatzt sie mit jeder Bewegung -aus, zeigt mit unglaublich falschen Geziertheiten -und mit schrecklich mißlingendem Stolz, wie sie -sich das Nobelsein vorstellt, und das Verführerische. -Eine Andere wieder ist halb noch ein Kind, -hat blonde Gretchenhaare, blaue Augen und ein -schmales bürgerliches Gesicht. Aber dieses Gesicht -hat nur einen einzigen erstaunten, amüsierten,<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -frivolen und verdutzten Ausdruck, als habe -sie eben erst das Geheimnis der Liebe erfahren, als -habe es ihr in dieser Sekunde erst eine Freundin ins -Ohr geflüstert. Und in ihrem Tanz spricht sich nur -dies eine aus, nur dieses: Ich weiß es! Wie sie die -Schultern biegt, die Arme hebt, den Kopf zurückwirft, -plötzlich auflachend mit den Augen zwinkert, -scheint sie nur dies zu sagen: Ich weiß es! -Wieder eine Andere tanzt ihren Leichtsinn, ihre -vollendete Verlogenheit und Gier, tanzt in ihrem -nachlässig studierten, fehlerhaften Schritt ihre -Faulheit und Schlamperei. Wieder Eine tanzt immer -ihre unleidlichen Hochstaplerinnenversuche, -möchte in jede Drehung, in jeden Augenaufschlag, -in jedes Neigen des Hauptes eine rätselhafte -Bedeutung legen, möchte den Anschein -wecken, als sei sie nur inkognito hier, nur aus mutwilliger -Laune, als könne sie aber morgen wieder -Sternkreuzordensdame sein oder Stiftsfräulein. Wieder -eine Andere, ein nettes kleines Ding mit einfachen -Mienen, mit gutmütigen Gebärden und mit -hausbackener Haltung, tanzt ihre Bereitwilligkeit, -jeden Moment Kindermädchen zu werden oder -Weißnäherin, tanzt die Erinnerung an eine bescheidene, -arme Vorstadtwohnung, tanzt die angeborene -Sympathie fürs Staubabwischen und -Fensterputzen.</p> - -<p>Die begabteren unter diesen Mädchen haben immer -die Landschaft um sich, aus der sie kommen, -die Gegend, in der sie heimisch sind. Immer ist das<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -besondere Kolorit ihrer Heimat an ihnen bemerkbar. -Da ist eine kleine Pariserin, ganz mager, spitznäsig -und kreideweiß. Aber mit diesen großen beredsamen -Augen der Montmartremädchen und mit -ihren plastisch eindringlichen, witzigen Gebärden. -Und sie erinnert an unzählige ähnliche Gesichter, -ähnliche Gestalten, die man abends auf der Place -Pigalle oder in der Rue Lepic an sich vorbeihuschen -sieht. Da ist eine kleine Engländerin, mit dem -halb offenen, fragenden Hasenmund, mit dem -kühlen, wasserblauen Blick, mit der unverbindlichen -Koketterie … träfe man sie nachts um elf -in Piccadilly oder am Trafalgar Square, man könnte -sie von den anderen Mädchen, die da herumlaufen, -nicht unterscheiden. Da ist eine junge Dänin, und -ihre braunen klaren Augen, ihre gerade, stolze Haltung -erinnert an die schönen Kopenhagener Mädchen, -die alle so klare, festblickende Augen haben -wie junge Falken, und die alle so aufrecht, so frei -und gesund einhergehen. Die anderen aber erinnern -an gar nichts mehr. Nur an Nachtlokale. -Ihre Mienen, ihre Blicke, ihre Gebärden sind vom -Dunst und Rauch dieser Luft wie mit einer Patina -bedeckt. Ihr Lächeln ist nur mehr das Lächeln -dieser bezahlten Abende. Sie haben es durch den -Nachttaumel vieler Städte geschleift, sie sind gewohnt, -die grelle Musik mit diesem grellen Lächeln -zu beantworten, und die Musik hat dieses Lächeln -auf ihren Zügen erstarrt, hat es unpersönlich gemacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p> - -<p>Eine lange Mulattin vollführt das virtuose Sohlenklappern -des Hornpipe. Ekstase der Knöchelgelenke, -die den ganzen Körper von unten her -ins Schütteln bringt. Baskische Mädchen winden -sich unter dem pochenden Rhythmus der Melodie -in den buhlerischen Zärtlichkeiten der Matchiche. -Dann der Cake Walk mit der frechen Unzucht des -zappelnden, sich verrenkenden Niggers. Unsagbar, -was dieser Tanz ausdrückt, wie er den Gentlemen -up to date gewissermaßen als balzenden Affen -im Frack entlarvt. Wenn dann die Musikanten -wieder einmal zu brüllen anfangen: »Menschen, -Menschen san m'r alle …« ist man plötzlich wieder -in Wien; wird durch den Gassenhauer erst -daran erinnert, daß man nicht in einem Vergnügungsort -zu Paris, Athen oder Port-Said sich befand. -Wir sind international geworden.</p> - -<p>Und ringsherum an den kleinen Tischen sitzen -die Leute. Schauen auf diese aus aller Herren Ländern -zusammengemischte Lustbarkeit. Lassen sich -von der unaufhörlich schmetternden Musik aufrütteln, -von spanischen, französischen, englischen, -russischen, amerikanischen und wienerischen Melodien -aufrütteln. Von spanischen, englischen und -wienerischen Mädchen aufrütteln. Möchten die -eigene Schwere, die eigene Bürgerlichkeit für eine -Nacht wenigstens los sein und haben dennoch -kein Talent zum Vergnügen, haben keinen rechten -Glauben daran. Sie sitzen da und zweifeln, -und überlegen, und machen mißtrauische Gesichter,<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -ängstliche Augen, als fürchteten sie, es könne -ihnen unversehens ihre Würde gestohlen werden, -ihre soziale Stellung, oder als könne ihnen auf eins -zwei ihre Selbstachtung abhanden kommen. Unsicher -sind sie, ihrer selbst, und dieser Freuden da. -Unsicher und lüstern zugleich und zugleich bereit, -sich irgend etwas vorzulügen, sich einer auf den -anderen auszureden. Frauen sitzen hier mit ihren -Ehemännern, und machen neugierige Augen, und -vergehen vor Begierde, einen Blick in den »Sündenpfuhl« -zu tun, das »Laster« kennen zu lernen. Und -dann haben sie, wenn sie irgendwo eine scharmante -Gebärde, eine allzu deutliche Zärtlichkeit belauern, -solch eine infame Milde in ihrem Lächeln, solch -eine taktlose, selbstgefällige Nachsicht, daß man -merkt, sie sind nur hergekommen, um sich aufzuspielen, -um sich auf Kosten dieser Mädchen da -überlegen zu fühlen. Wenn aber eine von den -Tänzerinnen einmal zu solch einer Frau hingehen -und ihr sagen würde: »Ich laß mich von Ihnen -nicht ausnützen …,« man müßte es verstehen. -Eine jedoch war da, und die wirkte rührend. Es war -keine legitime Frau, aber offenbar schon jahrelang -mit dem Manne, der neben ihr saß, beisammen. -Eine Frau so zwischen dreißig und vierzig. -Vielleicht früher einmal Choristin, jetzt aber an -ein ruhiges Leben in behaglichen Verhältnissen gewöhnt. -Noch immer schick gekleidet, mit jener -Sorgfalt, die eine Frau anwendet, wenn sie abhängig -ist und ihrem Freund immer wieder gefallen<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -muß. Der Mann neben ihr an die Fünfzig, -elegant, gepflegt, im Smoking. Und sie sah nun zu, -wie er alle diese Tänzerinnen mit den Blicken verschlang. -Eine nach der anderen. Sie sah zu, wie er -diese jungen, tanzenden Mädchen musterte, prüfte, -begehrte. Ein paarmal legte sie ganz leise ihre -Hand auf die seinige. Er merkte es gar nicht; schien -sie völlig vergessen zu haben. Um ihre Lippen -bebte ein schwaches, beschämtes Lächeln. Sie -spähte umher, ob niemand sie beobachtet habe. -Von da an sah sie zu, wie der Mann neben ihr sie -betrog, wie ihr seine Wünsche untreu wurden, vor -ihren Augen. Sie sah aufmerksam diese jungen, -sprühenden, in ihrer Frische entblößten Mädchen -an, und ihr hübsches, verblühtes Gesicht wurde -mutlos. Ihr Blick verhängte sich. Sie sah jetzt -nichts mehr. Und sie saß da wie beraubt, verlassen -und gänzlich entwaffnet.</p> - -<p>Ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die -Leute, und es sind unsichtbare Schranken zwischen -ihnen, zwischen ihrer Welt und dieser tanzenden -Welt da. Manchmal aber läßt sich einer -von den ernsten Männern vom Augenblick wegraffen, -springt über diese Schranke und reißt so -ein Mädchen an sich, um mit ihr zu tanzen. Gewöhnlich -ist es ein älterer Herr, und gewöhnlich -zeigt er durch irgend einen Ruck, den er sich -gibt, durch eine unsäglich düstere Miene, daß er -nun den Entschluß gefaßt habe, fröhlich zu sein. -Es sind immer nur zwei Spielarten, von Männern.<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -Der eine, der es einfach aus Sinnlichkeit tut, der -sich mit dem bloßen Schauen nicht mehr begnügt. -Er ist immer der ernsteste von allen. Seine Brauen -runzeln sich, seine Stirn legt sich in Falten, sein -Mund ist fest geschlossen. Also beginnt er, das -Mädchen im Arme, zu tanzen. Zornig beinahe, -dreht er sie im Kreis, preßt sie an sich und wirbelt -mit ihr, und scheint entsetzlich wütend. Es ist -schon kein Walzer mehr, sondern eher eine symbolische -Handlung, die er vollzieht, eine vorläufige -Besitzergreifung etwa. Dann geht er gesenkten -Hauptes an seinen Platz zurück, setzt sich -nieder und schaut sich erbittert um. Der Andere -ist eitel, erinnert sich plötzlich, daß er schön tanzen -kann, daß man ihm in seiner Jugend wegen -seines leichten Sechsschrittes Komplimente gemacht -hat. Und nun tanzt er mit so einem Mädchen, -aber nicht, als ob er ihr sein Wohlgefallen, -sondern als ob er ihr seine Anerkennung bezeigen -wollte. In seinem Gesicht ist die Hoffnung, man -werde ihn bewundern. Er hält das Kreuz hohl, -dreht nach links, macht zierlich ausgemessene -Schrittchen, setzt die Fußspitzen preziös nach auswärts, -schwingt die Waden in affektierten Zirkeln, -wechselt die Gangart, das Tempo, vollführt allerlei -kleine Bravourstückchen, und hört dann plötzlich -auf, weil er schwindlig wird. Kreidebleich -setzt er sich nieder, trinkt in kleinen Schlucken, -damit keiner bemerken soll, daß er keucht und ihm -der Atem ausgegangen ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p> - -<p>Nachtvergnügen. Draußen in den schlafend -stillen Straßen, in der kalten Winterluft zerstiebt -dies alles spurlos. Eine Weile noch rauscht die -Musik ins Ohr, dann wird das letzte Echo davon -verblasen. Eine Weile noch schimmert ein Frauenlächeln, -dann verlischt es.</p> - -<p>Das ist aber keineswegs eine Betrachtung, an die -eine Schlußmoral geknüpft werden soll.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p> - -<h2 id="PETER_ALTENBERG">PETER ALTENBERG</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p> - -<p class="drop">Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie -des Alltags dahinwandelt, an den äußeren -Rändern des bürgerlichen Lebens? Dirnenlokale, -Freudenhäuser, Boheme-Spelunken, Varietees, -Kabaretts. Bei Menschen, die der brutalen -Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit, dem gedankenlosen -Vergnügen der Satten dienen. Bei -Menschen, die aufgebraucht, genossen, verachtet -werden und die er anbetet. Dort schwelgt er in -subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und -zärtlicher Verzweiflung. Dort waren die moskowitischen -Sänger von der Newsky-Russotine-Truppe, -denen er seine Seele hingab, dort war die -spanische Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleichfalls -seine Seele hingab, das Aschanti-Mädchen -Nah Bâdúh, an das er ebenfalls seine Seele hingab, -dann die Schwestern Nagel, welche wienerische -Lieder singen, dann die Leopoldine, die Gusti, die -Anna, die Helene, die Gabriele, denen er immer -wieder und wieder seine Seele hingegeben hat.</p> - -<p>In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das -Gläserklirren, Kreischen, Lachen und Lärmen -eines Nachtcafés tritt er ein, geht mit seinen -sanften Schritten und mit seinem sanften Lächeln -durch den Tumult, und der Reihe nach grüßen -ihn zehn, zwölf, zwanzig Mädchen. »Servus Altenberg! -… O, Peter – wie geht's dir? …« Sie -grüßen ihn nicht wie einen Habitué, nicht wie -eine geschätzte Kundschaft, sondern wie einen -Freund, oder richtiger, wie man in einem Verein<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -etwa ein Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und -hochachtungsvoll. Vertraulich, weil er ja dazugehört, -und hochachtungsvoll, weil es ein Ehrenmitglied -ist.</p> - -<p>Man steht mit ihm an einer Straßenecke. -Graben oder Kärntnerstraße. Spät nachts. Er -disputiert, regt sich auf, schreit. Die Kutscher -vom Standplatz hören zu, treten näher heran, -bilden einen Kreis, lächeln. Dann sagt einer von -ihnen mit tiefem Baß: »Hab' die Ehre, Herr von -Altenberg …« Um sich vor uns damit auszuzeichnen, -daß er ihn kennt. Die anderen wiederholen -es, intim und respektvoll. Es ist beinahe -eine Ovation. Der Schutzmann kommt herbei, -weil er glaubt, es gäbe einen Auflauf. Seine -Mienen sagen: ach soo … Er lächelt, salutiert: -»Hab' die Ehre, Herr von Altenberg.«</p> - -<p>Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber -sitzen, Gemüse und Blumen verkaufen. Er geht -mitten in dem Gewühl umher, atmet den Duft -von Erdbeeren, Reseda, Levkoien, von Spinatblättern, -Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch -des aufgehenden Tages und des frischbesprengten -Straßenstaubes; sucht mit den Augen, liebkost mit -den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten -grünen Gemüseberge und die hübschen -Töchter der Marktweiber, die vierzehn- und fünfzehnjährigen. -Die Mütter und die Töchter nicken -ihm zu: »Grüaß' Ihna God, Herr von Altenberg …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p> - -<p>Peter Altenberg erwünscht es sich, daß die -Seele des Menschen an Terrain gewinne. Er hat -das selbst einmal geschrieben, und es drückt sein -Wesen vortrefflich aus. Er wird jetzt fünfzig -Jahre alt. Das ist ein Abschnitt, um manches zu -überdenken und sich mancher Dinge zu besinnen, -und ich lese seine Bücher.</p> - -<p>Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen -einmal gesagt hat; eine Sängerin oder Tänzerin, -vielleicht auch nur eine, die durch die American -Bars und Chantant-Promenoirs von Europa zigeunert, -jedenfalls eine von den vielen, denen er seine -Seele hingegeben hat: »Votre lettre … je comprends, -que vous me comprenez … c'est tout ce -qu'il nous faut … c'est plus!«</p> - -<p>Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der -Geliebten im Kaffeehaus die Geliebte erwartet, -die aus dem Theater kommen soll: »Der Pudel -setzte sich so, daß er die Eingangstür im Auge behalten -konnte, und ich hielt es für sehr zweckmäßig, -wenn auch ein wenig übertrieben, denn, -bitte, es war halb acht Uhr, und wir hatten bis -viertel zwölf Uhr zu warten. Wir saßen da und -warteten. Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte -in ihm Hoffnungen, und ich sagte jedesmal -zu ihm: ›Es ist nicht möglich, sie kann es -noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!‹ -Er war direkt krank vor Sehnsucht, wandte -den Kopf nach mir um: ›Kommt sie oder kommt -sie nicht?!‹ – ›Sie kommt, sie kommt …‹ erwiderte<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -ich. Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir -heran, legte die Pfoten auf meine Knie, und ich -küßte ihn. Wie wenn er zu mir sagte: ›Sage mir -doch die Wahrheit, ich kann alles hören!‹ Um -zehn Uhr begann er zu jammern. Da sagte ich -zu ihm: ›Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir -nicht bange ist?! Man muß sich beherrschen!‹ -Er hielt nichts auf Beherrschung und jammerte …!«</p> - -<p>Ich lese das Hotelzimmer: »Um drei Uhr morgens -begannen die Vögel leise zu piepsen, andeutungsweise. -Meine Sorgen wuchsen und wuchsen. -Es begann im Gehirn wie mit einem rollenden -Steinchen, riß alle Hoffnungsfreudigkeit mit, -die Lebensleichtigkeiten, wurde zur zerstörenden -Lawine, begrub die Fähigkeit, dem Tag zu genügen, -und der unerbittlichen gebieterischen -Stunde! Ein lauer Sturm brauste in den Baumwipfeln -vor meinem Fenster …!« Und dann der -Schluß: »Das Singen der Vögel in den Baumkronen -wird deutlicher, Ansätze zu Melodien sind -vorhanden. Laue Stürme bringen Wiesengeruch. -Es wäre die schicklichste Stunde, sich am Fensterkreuze -aufzuhängen …«</p> - -<p>Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen: -»Es gibt drei Märsche, die in Musik umgewandelte -Todeskühnheit und Blutdunst sind: Lorrainemarsch, -Sternenbannermarsch, Einzug der Gladiatoren. -Sie müssen mit einer kurzen und schrecklichen -Entschlossenheit gespielt werden! – – Die -Instrumente mögen direkt in den Tod gehen!<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -Besonders kleine Trommel und Klarinette seien -Helden! Sterben fürs Vaterland! Ex! Man muß -die Bataillone gleichsam sehen, die den Selbsterhaltungstrieb -hinter sich zurücklassen! Vor, vor, -vor! Eine schreckliche Krankheit hat das Gehirn, -das Nervensystem ergriffen: ›Du oder ich, Hund!‹ -Sonst nichts!«</p> - -<p>Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters: -»Also Arterienverkalkung höchsten Grades – –. -Die junge Frau wird leben, leben, die zu mir gesagt -hat: ›Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen -jemanden so glücklich gemacht hat wie Sie!‹ – – -Die Bergwiesen in R. werden duften und leuchten, -besonders nach Regen am Abend. Niemals ist -jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich. -– – Enkelin, süße, bescheidene, allzu zarte, verlegene, -in dich gekehrte, immer spürtest du es: -›Mein Großpapa versteht mich besser als alle –.‹ -Ich möchte dich anflehen aus dem Grabe: ›Warte -auf einen, der dich so, so verstünde wie dein verstorbener -Großvater! Aber du wirst ihn nicht erwarten -können.‹ – – – Amen – – Arterienverkalkung -höchsten Grades – – Lebet wohl!«</p> - -<p>Dann das Café de l'Opera im Prater: »Jawohl, -eine eigentümliche Beziehung ist zwischen -diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe, -Birke, Platane, Esche; weiße Bogenlampe und -kühler Auen Nachtduft. Etwas abseits vom Leben -ist es. Es schleicht nicht dahin wie Brackwasser. -Eine wundervolle Mischung ist es, welche uns<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -heiter macht und leicht. So unbedenklich sitze -ich und lausche. Niemanden beneide ich. Eine -Rose kaufe ich und schenke sie Signorina Maria. -Eine wundervolle Zigarette zünde ich mir an. -Wie lieblich die Mandolinen gebaut sind, wie -hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter -glitzern! Wie ruhig die Platane steht. Und wie -die Esche mit ihren zarten Blätterfingern bebt.«</p> - -<p>Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen -Predigten, Ansprachen und Dichtungen. Manche -sind wie stählerne Projektile, so fest in sich geschlossen, -so vollendet und präzise in ihrer Form; -und sie dringen einem wie Projektile in die Brust; -man ist getroffen und blutet an ihnen. Manche -sind wie Kristalle und Edelsteine, funkelnd in -allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes, -strahlend von eingefangenen Sonnenstrahlen und -blitzend von einem geheimnisvollen inneren Feuer. -Manche sind wie reife Früchte, warm vom Hauch -des Sommers, schwellend und süß, und voll Duft -nach Laub und Gärten. Ich lese alle diese kleinen -Werke, und sie sind entzückend in dem Rhythmus -ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihren gleichsam -mit einer heftigen Gebärde hingeschleuderten -Satzformen, die so viel Plastik haben und so viel -malerische Kraft. Diese Sprache ist wunderbar -persönlich und erinnert an keine andere. Nur hie -und da, ganz leise, mahnt irgendein Klang an den -Sprechton von Andersen. Und wenn man es weiß, -daß Altenbergs Vater für Victor Hugo geschwärmt<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -und die französische Kultur fanatisch geliebt hat, -aber nur wenn man das weiß, merkt man, daß die -Jugend dieses Dichters oft den Schwung und das -graziöse Pathos französischer Konversationskünste -gehört hat, und daß davon ein schwaches Echo in -seiner Rhetorik vernehmlich wird. Sonst aber erinnert -diese Sprache an nichts. Wenn er sagt: -»Sterben fürs Vaterland! Ex!« … wenn er sagt: -»So ist es! Schweige, Rekrut des Lebens!« … -oder: »Basta! Wozu Ereignisse?« … oder: »Siehe! -Diese Herrliche, Jugendliche, in purpurrotem -Samt hat ihr Sedan in sich. Sie wird sich verfetten! -Helas – –«; wenn er dies sagt, dann ist das wie -lauter kleine neue Empfindungen, die er gemacht -hat. Es ist, als ob man ihn reden hörte; als -sprängen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden, -abschnappenden, pointierten Schlußwendungen -unmittelbar aus der Hast und Aufregung -seines Denkens und seines Temperaments. In -seiner Form ist etwas Zwingendes; diese scheinbar -asthmatische Beredsamkeit, dieses Klopfen -aller Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze, schnalzende -Prägnanz wirkt verführerisch und lockt zur -Kopie. Aber er allein nennt diese Echtheit sein -eigen. Er hat vor sein erstes Buch das Motto gesetzt: -»Mon verre n'est pas grand, mais je bois -dans mon verre!« Mit der Zeit trinken freilich -auch manche andere aus diesem Glas. Aber das -macht nichts.</p> - -<p>Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -als er anfing. Damals war er etwa dreißig Jahre -alt und reif und fertig. Er ist nicht anders geworden -seither, und was man künstlerische Entwicklung -nennt, liegt nicht in seinem Wesen. Er -wird niemals ein großes Werk schaffen, langsam -komponieren und bauen, wird niemals die Fäden -irgendeiner Handlung spinnen, knüpfen und lösen, -niemals in seiner Phantasie Gestalten und Schicksale -erschaffen. Denn er trägt nicht wie andere -Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück – -einen »Fetzen«, würde er sagen – mit sich nach -Hause, reißt nicht irgendein Stück aus dem Leben, -um es bei sich zu verarbeiten, um es zu verändern, -zu erhöhen und sein ganzes Ich darein zu verweben. -Er sieht das Leben wie ein einziges, -furchtbares und herrliches Schauspiel vor sich abrollen -und hat keine Zeit, etwas zu versäumen, -indem er sich mit sich selbst und mit einem Werk -einschlösse. Er ist von diesem Schauspiel in solchem -Maße erschüttert, gefesselt, berauscht, daß -er keinen Moment vom Platze weicht. Ihm enthüllt -sich die Tiefe der Welt in Worten, die Vorübergehende -sprechen, in dem Auflachen oder im -Erbleichen einer Dirne. Ihm öffnen sich die -schwarzen Abgründe der Tragik im Seufzer eines -enttäuschten Jünglings, in dem Blick, den eine -gealterte Frau auf eine erblühende richtet. Er -sagt: »Goldgelber, wunderbarer Chinatee«, und -empfindet unermeßliche Fernen, exotische Landschaften, -unermeßliche Möglichkeiten des Daseins.<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -Er wird andächtig und ergriffen von dem -rosigen gesunden Körper eines Kindes, erbebt vor -den hellen unbeirrten Augen einer Dreizehnjährigen -als vor etwas Göttlichem. Es ist seine -innerste Notwendigkeit, still dazusitzen und zu -schauen und sich schauend am Leben zu erzücken -oder zu kränken. Und es ist seine innerste -Notwendigkeit, daß er dann diese kurzen Briefe -an das Leben richtet. Manchmal Anerkennungsschreiben, -die von seinem Entzücken auf eine -rührende Weise ganz durchtränkt sind. Manchmal -wieder Schmähbriefe, in denen ein erstickender -Zorn ins Stammeln gerät. Er wird immer nur -diese kleinen Prosastücke schreiben; alle seine -Bücher enthalten nur solche kleine Prosastücke, -und die folgenden Bücher, die er noch erscheinen -lassen mag, werden auch nichts anderes enthalten. -Aber unter ihnen sind viele kleine Meisterwerke. -In diesen wohnt eine ungemeine Flugkraft, und -sie werden ihn über die Jahre hinwegtragen zu -Generationen, die erst noch kommen. Denn Altenberg -besitzt eine wunderbare Macht. Während -andere mit der Gewalt eines langen Atems Werke -schreiben, die man morgen schon vergessen hat, -kann er mit seinem kurzen Atem Dinge sagen, -die einfach unvergeßlich sind.</p> - -<p>Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freudenhäusern, -in den Varietees, in den Boheme-Cafés -und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen -an Terrain gewinne. Es sind seine eigenen Worte.<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -Freilich ist das der Wunsch so ziemlich aller Dichter, -nebenbei auch aller Priester. Die Dichter betonen -es nur nicht immer ausdrücklich, streben -bloß bewußt oder unbewußt danach, zur Erreichung -dieses Zieles etwas beizutragen. Die -Priester wieder predigen und verkündigen es unaufhörlich -und wissen Rezepte, die unfehlbar dazu -verhelfen, daß die Seele an Terrain gewinne. -Altenberg tut beides. Er predigt, und er dichtet; -er gibt Rezepte, er überredet und schreit das -Leben an, kanzelt es ab wie ein Priester und -wirft sich ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos, -überwältigt in die Arme wie ein Künstler.</p> - -<p>Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine -junge Tänzerin voll Verve in jeder Bewegung oder -einen Collie von echter Rasse oder ein Tiffany-Glas -oder eine frische Wiesenblume und ruft mit -geschnürter Stimme, zitternd vor Begeisterung: -»Das ist das Höchste! Das Hö-ö-öchste!!« In -dieser Sekunde ist es ihm wirklich das Höchste. -Als habe das Leben eine neue Überraschung, -irgendeine neue Aufmerksamkeit für Altenberg -bereitgehalten, habe ihm diese Gabe plötzlich -dargereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er -nun fürstlich beschenkt, als sei er vor allen anderen -begnadet. Es ist aber auch, als umfasse er -in dieser einen Sekunde wiederum den ganzen -Reichtum des Daseins.</p> - -<p>Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick -ist sie die einzige, an die er seine Seele hingibt.<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -»Ich habe das Antlitz gesehen«, sagt er. Jedes -andere Antlitz verlöscht in ihm, versinkt, und es -existiert nur dieses eine. Dieses ist ihm für jetzt -die Erfüllung seines Traumes von Frauenschönheit; -dieses ist ihm für jetzt die höchste Meisterleistung -der schaffenden Natur und ist ihm ein Anlaß, -wiederum ein lobendes Schreiben, einen enthusiastischen -Dankbrief an das Leben zu richten. -Er hat seine Seele oft nur für wenige Tage, oft -nur für eine halbe Stunde hingegeben; aber er -hat sie immer ganz hingegeben, ohne Vorbehalt, -und als täte er es zum erstenmal.</p> - -<p>Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mädchen -kaufen, und sagt ihnen: Glaubt nicht, daß -ihr jetzt alle Rechte über dieses Geschöpf habt! -Beachtet, wie herrlich schön dieses Mädchen ist. -Nehmt sie nicht im brutalen Heißhunger eurer -Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei die -freche Gesinnung hegt, ihr werdet durch sie besudelt. -Beachtet ihre Traurigkeit und ihre Heiterkeit; -beachtet ihr Schicksal. Seid nicht wie Tiere! -Die jungen Leute denken bei sich: er ist verrückt! -Aber sie schlagen einen andern Ton gegen die -Mädchen an. Die Seele des Menschen hat an -Terrain gewonnen.</p> - -<p>Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele -ältere sitzen an seinem Tisch und hören ihm zu. -Viele haben sich im Laufe der Jahre nacheinander -seiner bemächtigt, haben ihn nicht losgelassen, -konnten nicht existieren ohne seinen Zuspruch,<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -ohne seine milden Reden, ohne seine Wutanfälle -und tobenden Beschimpfungen. Verwöhnte Frauen, -sehnsüchtige Mädchen langen über seine Bücher -und über gesellschaftlichen Zwang hinweg nach -ihm, begehren seine persönliche Nähe, seine Worte, -spüren in ihm eine unbekannte neue Zärtlichkeit, -eine wunschlose Anbetung, irgendeine Befreiung, -irgendein Labsal oder eine Aufklärung. Die Leute -in den Nachtlokalen, die Freudenmädchen, die -stumpfsinnigen Trinker und Genießer, die Kellner, -die Kutscher, die Schutzmänner, die Wirte, alle -sprechen mit ihm. Er sagt ihnen: Hütet eure Verdauung! -Habet Ehrfurcht vor eurem Schlaf! Er -sagt ihnen: Die einzige Perversität, die es gibt, -ist, seine Lebensenergien zu schwächen und zu -vermindern! Alle diese Menschen verstehen ihn -natürlich nicht, aber sie verstehen, daß er sie -irgendwie liebt, daß er Güte für sie hat, und sie -lieben ihn auch. Sie lächeln, wenn er seine langen -Reden hält, sie blinzeln einander an, sie zucken -die Achseln, aber sie lassen nicht ab, ihm zuzuhören, -sie kommen nicht los von ihm. Wie das -Grubenpferd im Germinal das andere eben von -den Wiesen ins Bergwerk hinuntergelassene junge -Tier beschnuppert und an seinem frischen Geruch -die freie Luft und die Sonne ahnt, so wittern diese -Leute, die im Alkoholdampf, im Lärm, in der -Nachtmusik, im Rausch und Dunst ihrer Welt eingeschlossen -sind, an ihm etwas von der Unschuld, -die ihnen verloren ging, wittern an ihm die Poesie,<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -die sie nicht mehr kennen, und freuen sich, wenn -er kommt, und grüßen ihn, wenn er geht.</p> - -<p>Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka -im Nachtasyl oder wie in der Macht der Finsternis -der alte Akim. Er ist hier heimisch und kommt -doch von wo anders her. Er wurzelt hier, und -doch brennt in ihm eine Flamme, die nicht an -diesen Lichtern hier unten entzündet worden ist. -Er ist unter all den Erwachsenen und Beladenen -und vom Dasein Entstellten vollkommen wie ein -Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen, schauen -einander an und lächeln, wenn sie ihn wie ein -Kind gegen das Leben eifern und streiten hören; -und sie lächeln noch einmal, wenn sie merken, -wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten -dieses Lebens verstrickt ist, und wie naiv er sich -seiner bedient. Die breite Menge der Gebildeten -ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung, -verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn für -verrückt oder für einen, der sich zum Narren hergibt, -wohl auch für gemeingefährlich, jedenfalls -für sehr verkommen. Im Kabarett Fledermaus -erzählt Dr. Egon Friedell Altenberg-Anekdoten. -So oft er beginnt: »Es ist mir beschieden, im -Leben des Dichters Altenberg dieselbe Rolle zu -spielen, die Eckermann im Leben Goethes gespielt -hat«, brüllt das Publikum und meint, damit -sei nun Altenberg gebührend verhöhnt worden. -Es gilt ihnen schon als ein Witz, daß der -Dr. Friedell sagt: Der Dichter Altenberg. Denn<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -sie meinen, es sei im Ernst ganz unmöglich, ihn -einen Dichter zu nennen. Sie brüllen auch zu -den Anekdoten und ahnen nicht, wie glänzend -diese erfunden sind. Die stürmische Heiterkeit, -welche Dr. Friedell mit seinen Altenberg-Geschichten -immer erregt, ist gewissermaßen eine -falsche, eine mißverständliche Heiterkeit. Denn -die Leute verstehen nicht, wie der ganze Wert -dieser ausgezeichneten kleinen Geschichten nur -darin besteht, daß aus ihnen die rührende und -einzigartige Gestalt Altenbergs lebendig hervortritt, -daß durch sie das Wesen Altenbergs mit -einem klaren ungemein psychologischen Humor -beleuchtet und manchmal verklärt wird. Die -Leute sehen ihn von weitem. Sie sehen seine -Werke aus der Entfernung ihres bürgerlichen und -an vermorschte Wahrheiten geklammerten Standpunktes, -genau so wie sie seine Person von weitem -sehen, wenn er zufällig auf der Straße an ihnen -vorbeigeht, oder wenn er eben im Saale ist, während -Dr. Friedell von ihm spricht. Sie meinen -dann ja auch, nachdem sie ihn begafft haben, er -sähe wüst aus, vernachlässigt und beinahe zerlumpt. -Und wissen nicht, mit welcher Sorgfalt -diese weiche, den Körper kaum beschwerende -Kleidung ausgewählt ist; wissen nicht, was für ein -gepflegtes, weißes, durchleuchtetes Antlitz er hat, -was für feine beseelte Züge, was für schöne strahlende -Augen; sie wissen nicht, daß er die schmalsten -vornehmsten Alabasterhände hat, und daß<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -seine Stimme sanft und gesanglich klingt und edel.</p> - -<p>Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie -des Alltags dahinwandelt, am äußern Rand -des bürgerlichen Lebens, an den Grenzlinien, wo -das Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die -sonst als unumstößlich gelten, zweifelhaft werden! -Er ist jetzt fünfzig Jahre alt, ist in diesem heutigen -Wien eine der interessantesten, subtilsten und ergreifendsten -Existenzen, ist für alle Wissenden in -Europa ein geliebter und bewunderter Dichter, -in dem großen geistigen Orchester ein Instrument, -dessen besonderer Klang durchdringend und aus -tausend Stimmen kenntlich bleibt, … und für das -Amüsierpublikum vom Maxim, vom Café Central -und vom Kabarett Fledermaus eine Kuriosität, -ein ridiküles Schaustück neugierigen Bürgersleuten. -Eines Tages aber wird man Altenberg-Erinnerungen -schreiben und Altenberg-Biographien. -Die dann diese Bücher lesen, werden -glauben, ganz Wien habe dieses Original verstanden, -verehrt und gefeiert, und sie werden -sagen: Schade, daß wir ihn nicht mehr gekannt -haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert und verehrt. -Eines Tages wird jemand beweisen, daß draußen, -an den äußern Rändern des Alltags, durch das -Wirken Altenbergs die Seele des Menschen an -Terrain gewonnen habe. Dieser Beweis wird gelingen, -weil es einfach wahr ist. Nur heute würde -das niemand glauben wollen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span></p> - -<h2 id="SPAZIERGANG_IN_DER_VORSTADT">SPAZIERGANG IN DER VORSTADT</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p> - -<p class="drop">In diesen schönen Frühlingstagen bin ich jetzt oft -und gern in Währing gewesen. Weit prächtiger -mag es sich ja anhören, wenn einer -sagen kann, er sei kürzlich erst in Samarkand spazierengegangen, -oder er habe sich in Brasilien umgetan. -Währing, das klingt natürlich nach gar -nichts. Zwar wüßte ich nur wenig Punkte der -Erde, von denen sich heute noch ein großes Rühmens -machen ließe. Die Menschen sind überall -schon umhergewesen und kommen überall hin. -Alle Länder mit all ihren Städten sind uns hundertmal -schon beschrieben, derart, daß gar viele unter -uns, deren Sinn beständig nach der Ferne steht, -im Weiteren besser Bescheid wissen als im Engeren -und Nächsten. Mag es also auch nur Währing -sein … ist man da aufgewachsen, dann fragt man -nicht viel, ob der Name des Ortes hinreichend -prächtig sich anhört. Und wenn man nach zwanzig -Jahren zum erstenmal wieder heimkehrt, zum -erstenmal wieder an diesen bescheidenen Häusern -vorbeigeht, und den stillen Gärten; nach zwanzig -Jahren wieder den wohlvertrauten Umkreis durchwandert, -darin man vorzeiten das Gehen und -Sprechen gelernt, das Lesen und Schreiben, wo -man die ersten Freuden gehabt hat und frühen -Kummer genug, dann mag man sich allhier von -der Lebendigkeit des Daseins stärker angerührt -fühlen als im fremden Samarkand oder in Brasilien.</p> - -<p>Das war damals wirklich so, und man schrieb -es auch auf den Postadressen nicht anders, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -Währing »bei« Wien lag. Draußen, vor den festgemauerten -Wällen lag es, hinter denen sich die -Stadt verschanzte, und begann erst ein gutes Stück -hinter dem gewaltigen Holzgatter, mit dem man -die »Linie« absperren konnte. Von der Stadtseite -her war es nur durch den einzigen Durchschlupf -zu erreichen, den eben die Linie freiließ. -Deutlich erinnere ich mich noch des Feldweges, -der hinter dem Mauttor anfing und heimwärts -führte. Felder überall und Wiesen. Und jenseits -davon standen die ersten Währinger Häuser, -wie gute Bekannte mit freundlichen Gesichtern. -Aus den hellen Gassen kam man rasch überall ins -Freie. Ein paar Schritte von der Kirche ab, die -alte Neugasse hinauf, vorüber an dem halben -Dutzend damals noch gern bespöttelter Kottagevillen, -und man war auf der Türkenschanze, konnte -durch hochstehende Saaten, durch Weingärten -und Brachäcker unter Lerchenjubel und Sensenklirren -in Feldeinsamkeit dahinwandeln, war einfach -auf dem Lande. Und ein kleines, halb ländliches -Gemeinwesen war das ganze Währing.</p> - -<p>Die Stadt, die begann für uns gleich bei der -Linie. Und beim Bürgerversorgungshaus, wo die -Pferdebahn klingelnd zum Zögernitz hinausfuhr, -glaubten wir uns schon mitten in ihrem stolzesten -Gewühl. Hatten wir uns aber einmal gar bis zum -Josephinum vorgewagt, dann meinten wir alle -Pracht der Residenz erspäht zu haben. Eine alte -Tante kam damals aus der Provinz zu uns, um,<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -wie sie sich ausdrückte, die Wienerstadt kennen zu -lernen. Und da wir Knaben ihr als Fremdenführer -dienten, ist auch sie übers Josephinum nicht -hinausgelangt. Sie war genügsam und gab sich damit -zufrieden. Sie hat den Rest ihrer Jahre bei -uns verbracht, aber während wir Kinder die Wienerstadt, -nach der es sie so sehr verlangte, längst -schon in allen Bezirken durchstreiften, reichte ihr -Begehren gar nicht mehr weiter. Täglich rüstete -sie sich mit sehr viel umständlicher Feierlichkeit, -um »in die Stadt« zu gehen, rückte voll Anstand -und Bedacht bis an das Versorgungshaus, und -machte dort pünktlich kehrt. Vom Graben, vom -Stephansplatz, vom Praterstern sprach sie zuletzt -nicht anders als von Gegenden, in deren exotische -Gefahren sich nur ein übertriebener oder ein mutwilliger -Mensch begibt.</p> - -<p>So saß unsere Jugend da draußen abgeschlossen -und hatte, in enger Nachbarschaft mit der großen -fremden, eine kleine trauliche Welt ganz für sich. -Man war am geruhigen Ufer eines rastlos und brausend -hinstürzenden Stromes, der nur manchmal -eine Welle ergötzlich und überraschend zu uns -heraufwarf. Kam im Frühherbst das Militär anmarschiert, -dann lief bei der schmetternden Musik -der ganze Ort freudevoll zusammen. Und wenn -die Truppen auf den Hügeln der Türkenschanze -manövrierten, hatte Währing seine richtige Einquartierung. -Da erinnere ich mich noch der milden -Septemberabende, an denen Schlag neun vor<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -unseren Fenstern der Zapfenstreich geblasen wurde. -In unserem ersten Kindesschlaf vernahmen wir die -melancholisch-verwegene Melodie, hörten sie aus -dem Dunkel der Straße zu uns heraufklingen und -fühlten uns von wundersamen Abenteuern umwittert.</p> - -<p>Es gab noch ein paar andere wunderschöne Dinge -in Währing, um die es schade ist. Da war das -Gasthaus »zum wilden Mann«. Freilich besteht -es auch heute noch. Aber sein Charakter ist hin, -seine Individualität ausgelöscht. Es ist längst in -Reih und Glied der Gewöhnlichkeit getreten, steht -mit seiner gleichförmigen Zinshausfront, mit den -banalen Spiegelscheiben eingefügt in andere Fronten -an der Straße, es gleicht den fünfhundert -übrigen Bierhallen in Wien und nimmermehr -sich selbst. Damals war es eine kleine, lang hingestreckte -Baracke, voll altgeschwärzter, verräucherter, -köstlich patinierter Gemütlichkeit, lag angeschmiegt -an einen uralten Garten, der wie ein -Wald aussah, dessen Baumgipfel, breit ausladend, -die enge Hauptstraße überschatteten und in dessen -duftender Ruhe vormittags die Kinder spielen -durften. Dann war das Gasthaus »zum Biersack« -da. Ein ländliches Gebäude mit einer für Heuwagen -berechneten Toreinfahrt, von der man in -die saalgroße, blendende Küche schauen konnte. -Wir haben das oft getan, weil dort ein paar üppige -Wirtstöchter, hochmütig, aber anlockend, mit den -Schulbuben kokettierten; hübsche, wenn auch allzu<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -feiste Backfische, die trotz ihrer geputzten Kleider -famos in die Küche paßten, weil sie sich dort -auf dem Nährboden ihrer blanken Fülle zeigten, -ihn anschaulich zu erläutern und anzupreisen schienen. -Einen Wirtschaftshof gab es da mit Schlachtbank, -Taubenkogel und Steirerwagerl unter blühenden -Akazien, und hinter dem weißen Zaun, der -ihn abgrenzte, sah man den kühldunklen, kastanienlaubüberdeckten -Biergarten. Es war ein Bild naiver -Behaglichkeit, eine Szenerie für altväterische -Genußfreude, wie etwa Schwind sie hätte zeichnen -mögen. Und er muß den Biersack ja wohl gekannt -haben, denn sein Freund Schubert hat oftmals -hier fröhliche Einkehr gehalten, hat sogar, -um sein müheloses Schaffen zu erproben, das Ständchen -hier komponiert, mitten im Lärm unter -Gläserklirren und Kellnerrufen. Dann gab's den -Bachusgarten, an den mir nur ein verschleiertes -Erinnern geblieben ist, wie an einen prangenden -Traum. Uns war der Name schon wie ein Märchen. -Den fröhlichen Weingott hatten wir auf Schildern -neben Gambrinus oft gemalt erblickt, und angesichts -der stattlichen, vollkommenen Bekleidung, -die der Bierkönig trug, konnte der nackte, mit -Weinlaub bekränzte Jüngling den Eindruck fröhlichster -Unbändigkeit wecken. Der Bachusgarten, -das schien uns sein eigener, gewissermaßen sein -Privatgarten zu sein. Ein Märchen war halb erfüllt, -da es den Garten gab, und wenn der Gott auch -sichtbarlich darin fehlte, wir suchten ihn darin,<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -und vermuteten seine Gegenwart. Es war eine -wundervolle, zügellos grünende und blühende -Wildnis, die hinter der mürrischen grauen Mauer -sich auftat. Hoch standen die Gräser, undurchdringlich -das Strauchwerk, und finstere alte Bäume -reckten mit wilden Gebärden ihre Äste zum Sonnenlicht. -Heute ist dies alles spurlos verschwunden. -Eine gesittete, langweilige Häuserreihe steht -nüchtern und vernünftig da. Nur das Staunen, -mit dem man die ganze Verwandlung gewahrt, -zeigt uns, wie tief einst der Glaube an die Unwandelbarkeit -dieser Dinge gewesen.</p> - -<p>Aber ich weiß sehr genau, wann dieser Umschwung -begonnen hat. Eines Tages kam die Tramway -heraufgeklingelt und fuhr mitten durch Währing. -Es gab Straßen, die von Schienen durchzogen -wurden, es gab Haltestellen. Man war einfach -wie in Wien. Diese Tramway, die hin und -her klingelte, bis tief in die Nacht hinein, sogar -bis zehn Uhr, hat den ganzen Ort aufrebellt. Drei- -und vierstockhohe Häuser reckten sich himmelwärts, -rückten gegen die Stadt vor und besetzten -das wüste Feld, das zwischen Wien und Währing -lag. Angesichts dieser steinernen Regimenter sank -der Linienwall zusammen, von hüben und drüben -schlossen Straßenzüge und Baulichkeiten ineinander. -Über die einstige Grenzspur aber ward der -eherne Reif der Stadtbahn geschlagen.</p> - -<p>Wandert man jetzt in dem neuen, von der Elektrischen -durchsausten Bezirk umher, dann muß<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -man das alte Währing unter all dem frisch Hinzugewachsenen -mühsam hervorsuchen. Völlig schüchtern -hält es sich verborgen, schweigt, weil es ja doch -überschrien wird, und läßt das geschäftig eingedrungene -Wesen schalten. Manches wohlbekannte -alte Haus findet sich freilich noch. Beinahe jedes -aber ist verändert, ist entweder ganz nobel, ganz -modern herausgeputzt, hat sich entwickelt, ist -jung geblieben, oder es scheint ablehnend in sich -zu verharren. Und da fällt es mir auf, wie merkwürdig -menschenähnlich manche Häuser altern. -Sie werden unfreundlich, da sie einst gastlich und -einladend gewesen, erscheinen mürrisch und schlecht -gelaunt wie Greise, und man hat Mitleid mit ihnen, -wie mit betagten, verbitterten Menschen, denen -doch nicht zu helfen ist. Wer die Leute gekannt -hat, die vor einem Vierteljahrhundert hier ihr Gewerbe -getrieben haben, der kann auf seinem Spaziergang -wohl auch merken, wie eine helle, in den -morgigen Tag hineinhorchende Klugheit, wie verständiger -Fleiß sich belohnt, und wie da der einzelne -mit dem Boden, dem er sich anvertraut, gedeiht. -Da ist nun mancher, den ich ganz klein -hier einziehen und seinen Glückskreuzer an die -Ladenschwelle nageln sah, heute ein großer Herr -geworden, mancher enge Kramladen hat sich erweitert -und prunkt jetzt mit großstädtischer Eleganz. -Andere wieder, die hier ein üppiges Leben -führten, so recht mit Übermut in ihrem Glück -saßen, sind verschwunden, verdorben und verarmt,<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -und drücken sich in kümmerliche Seitengassen. -Man darf schon an die Leute von Seldwyla -denken, denn die Währinger sind ein gar -lustiges, zu allerhand Kurzweil stets bereites Volk.</p> - -<p>Ehe ich dann den Weg ins Grüne gehe, den alten -Weg der Währinger nach Weinhaus, Gersthof, -Pötzleinsdorf, diesen drei Dörfern, die so wie an -einer Schnur an der Straße aufgereiht liegen, suche -ich den alten Ortsfriedhof heim, der unberührt wie -einst mitten unter den Häusern liegt, und dem sie -auch die kleine Zufahrtsrampe gelassen haben. -Schubert und Beethoven haben hier geruht, und -ihre ersten Grabsteine sind noch an der gleichen -Stelle. Aus der Erde, in der Beethoven vermodert -ist, sprießen Dijonrosen und wollen eben ihre -Knospen öffnen. Über eingesunkene Grabhügel -schreitet man dahin, an geborstenen Grüften vorüber. -Die Inschriften auf den Totensteinen sind -verlöscht und verwaschen, sie haben nichts mehr zu -melden. Vergessene und Verlassene zumeist schlafen -hier. Die Trauer, die einst um diese Stätte -gewebt und sich zu Ewigkeitsversprechungen aufschwang, -der Schmerz, der über diesen Särgen -weinte und der sich in goldenen Lettern unstillbar -nannte, all die Klagen, Tränen und all der -Jammer schicken sich an, zu verflüchtigen. Von -draußen dringt das Brausen der jungen Tage herein -und weht die zögernde Erinnerung hinweg. -Das Gewesene versinkt hier tiefer, tiefer in den -Erdenschoß. Aber ein dunkles, machtvolles Grünen<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -treibt üppig aus der reichgedüngten Scholle. -Wie ein wilder, verwunschener Garten liegt der -Friedhof da, blühende Hecken und schwellende -Gräser überwachsen und decken den Totenzierat, -und wunderbare Bäume sind hoch emporgeschossen, -seit ich, ein Kind noch, hier gewesen, breiten -ihre Wipfel in der Maienluft und trinken mit -ihren Wurzeln die Kraft dieser Erde, die einst lebendig -war.</p> - -<p>Nur ganz draußen in Pötzleinsdorf ist alles beim -Alten geblieben. Und der lieblich-schöne Wald -umfängt einen wie treue, unwandelbare Freundschaft. -Bloß weil das Unterholz so arg in die Höhe -gewachsen ist und an manchen Punkten die Aussicht -sperrt, wo einst der Blick das stille Tal durchmessen -konnte, merkt man, daß ein bißchen Zeit -vergangen sein mag. Da steht noch die Bank, einst -Ziel und Rast so vieler Spaziergänger.</p> - -<p>Ich will mich nach so langer Frist auf diese liebe -alte Bank setzen. Und vielleicht wäre jetzt der -Augenblick, Betrachtungen anzustellen: wie das -Leben hinrollt, wie alles unaufhaltsam wächst und -vergeht. Oder: wie man an diesem kleinen Gemeinwesen, -das sachte und wie einer tätigen Vernunft -folgend sich entfaltet hat, die ungeheure -Bewegungsgewalt aller Entwicklung kann begreifen -lernen. Aber ich denke nur an das Traumhafte -dieses Spazierganges. Daß ich in diesen Lebensbereich, -der mir einst so nahe gewesen, zurückgekehrt -bin, und daß mir nun zumute ist, als sei<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -ich gestorben gewesen oder all die Jahre her ganz -fern von hier, in einem anderen Weltteil. Und -habe inzwischen doch nur am Alsergrund gewohnt, -gleich nebenan. So leben wir in einer großen Stadt. -Leben stets nur auf einem winzigen Fleck, in zwei, -drei Gassen. Begnügen uns mit dem Gefühl der -Fülle, die uns umbraust. Und haben jeder irgendein -Josephinum, bei dem wir Halt machen. Alle -Fernen zwingen wir uns herbei in unser Zimmer, -haben sie in Papier und Büchern eingefangen auf -unserem Tisch. Aber es passiert uns, daß wir das -Lebendigste versäumen, auch wenn, um es zu sehen, -nicht mehr vonnöten ist als ein Spaziergang von -einem Stadtviertel in das andere.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p> - -<h2 id="LUEGER">LUEGER</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p> - -<p class="drop">Vielleicht kommt es auch dazu, und es greift -einmal jemand nach diesem Mann und stellt -ihn mitten in einen Wiener Roman, und rollt -sein Leben auf und enthüllt sein Schicksal. Aber -das müßte dann freilich einer tun, dem nicht -Haß, noch Bewunderung den Blick umschleiert; -es müßte jemand sein, der die wundervolle Gabe -des Anschauens besitzt und dem in seiner Kunst -nichts höher gilt als die Anschaulichkeit. Wie -man einen Schlüssel ins Schloß fügt, so müßte -derjenige, der es unternimmt, diesen Roman zu -schreiben, den Lueger-Charakter in das Herz des -Wiener Volkes einfügen und dieses Herz damit -aufsperren, daß alle seine Kammern offen stünden. -Er müßte die Gestalt Luegers so über die wienerische -Art hinfegen lassen wie eine Wolke über -eine Wasserfläche streicht, und das Wesen Luegers -müßte sich in der Tiefe des wienerischen Wesens -spiegeln wie eine Wolke auf dem Grund der Flut -sich abzubilden scheint. Er müßte die ganze -Stadt rings um diesen Mann herum aufbauen, -damit alle ihre Farben und ihre Lichter, in -diesem einen gesammelt, blitzen und funkeln. -Das wäre die Aufgabe.</p> - -<p>Wichtig, interessant und für den Roman sehr -wirksam ist es, daß er gleich im Anfang sagte, er -wolle Bürgermeister von Wien werden. Bei allen -Parteien, denen er sich anbot, hat er diese Bedingung -gestellt: Bürgermeister werden! Und er -hat sich vielen Parteien angeboten. Er begann<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -als der Schüler eines jüdischen Oppositionskünstlers -im Gemeinderat, ging zu den Liberalen, zu -den Demokraten, und pries zu Schönerers Füßen -die teutonische Heilslehre. Überall lehnte man -ihn ab, von seinem stürmischen Ehrgeiz beunruhigt. -Überall auch spürte sein Instinkt: diese -Mühlen klappern zu wenig, mahlen zu langsam. -Sein wienerischer Instinkt spürte: das wurzelt -nicht! Liberaler Bildungseifer, demokratische Aufklärung -und Unzufriedenheit, alldeutsche Wotansideale -… das wurzelt hier nicht, das schlägt nicht -ein! Er aber brauchte etwas, das breite Wurzeln -fassen konnte, brauchte etwas, das wie der Donner -einschlug. Damit er Bürgermeister werden könne. -Niemand begriff damals, warum sein heißes Streben -nach einem so bescheidenen Ziele ging. Er -hat nachher gezeigt, wie es gemeint war.</p> - -<p>Wichtig ist, auch für den Roman, sein Äußeres: -Eine glänzende Bühnenerscheinung; die beste, die -es für das Rollenfach des Demagogen gibt. Hochgewachsen, -breitschultrig, nicht dick, aber doch -behaglich genug, und man wird das Wort »stattlich« -kaum vermeiden können, wenn man ihn -schildern will. Nimmt man sein Antlitz noch dazu, -dann wird vieles begreiflich. Für ein Wesen, -das so ganz auf Äußerlichkeit gestellt ist, gilt solch -ein Aussehen schon als Prädestination, als Beruf, -als Erfolgsbürgschaft. Dieses Gesicht erscheint -vollkommen bieder. Einfache, aus der knappen -Stirn zurückfallende Haare, die sanft gelockt sind.<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -Kleine Augen, die vergnügt und schwärmerisch, -naiv und sentimental wirken. Ein außerordentlich -solider Vollbart, der am Kinn nach dem Geschmack -der Vororte geteilt ist; und mitten in -diesem würdigen, bürgerlichen, ruhigen Antlitz -die nette kleine Nase. Diese Nase, die wie eine -aus der Bubenzeit stehengebliebene Keckheit aussieht. -Man kann es gar nicht anders sagen: bieder, -rechtschaffen, treuherzig, wacker. Lauter solche -Worte fallen einem ein, wenn man sein Gesicht -erblickt. Aus der Ferne. Denn alle Wirkung dieser -Physiognomie ist gleichsam auf Distanz berechnet. -In der Nähe redet dann schon eine trotzige Rauflust, -die nicht ohne Tücke scheint, von dieser -schmalen Stirne. In der Nähe zeigt sich der leicht -schielende Doppelblick dieser kleinen listigen -Augen, aus denen eine hurtige Verschlagenheit -blitzschnelle, zwinkernde Umschau hält. Da zeigt -sich, vom soliden, wackern Bart verborgen, ein -spöttischer Mund, der hinter der Ehrlichkeit -grauer Haare schadenfroh zu lächeln vermag. In -der Nähe erst wird es sichtbar, welch ein unruhig -flackernder Schimmer von Schlauheit und Verstellung -dies Antlitz überbreitet, das auf Ansichtskarten -schön ist.</p> - -<p>Mit dieser lockenden Vorstadtpracht tritt er -auf. Im Wien der achtziger und neunziger Jahre, -in welchem die Vorstädte gerade anfangen, mächtig -zu werden. Eine lauwarme, trübe, unentschlossene -Zeit. Die bürgerlichen Parteien im<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -Zerfall und in totaler Ratlosigkeit; nachlässig geleitet -von ausrangierten Lieblingen, von alten -Komödianten einer überlebten Politik. In der -Tiefe des Volkes greift die Sozialdemokratie um -sich. Die breite Masse der Kleinbürger aber irrt -führerlos blökend wie eine verwaiste Herde durch -die Versammlungslokale. Und alle sind von der -österreichischen Selbstkritik, von der Skepsis, von -der österreichischen Selbstironie bis zur Verzagtheit -niedergedrückt.</p> - -<p>Da kommt dieser Mann und schlachtet – weil -ihm sonst alle anderen Künste mißlangen – vor -der aufheulenden Menge einen Juden. Auf der -Rednertribüne schlachtet er ihn mit Worten, -sticht ihn mit Worten tot, reißt ihn in Fetzen, -schleudert ihn dem Volk als Opfer hin. Es ist -seine erste monarchisch-klerikale Tat: Der allgemeinen -Unzufriedenheit den Weg in die Judengassen -weisen; dort mag sie sich austoben. Ein -Gewitter muß diese verdorbene Luft von Wien -reinigen. Er läßt das Donnerwetter über die Juden -niedergehen. Und man atmet auf.</p> - -<p>Allein er nimmt auch noch die Verzagtheit von -den Wienern. Man hat sie bisher gescholten. Er -lobt sie. Man hat Respekt von ihnen verlangt. -Er entbindet sie jeglichen Respektes. Man hat -ihnen gesagt, nur die Gebildeten sollen regieren. -Er zeigt, wie schlecht die Gebildeten das Regieren -verstehen. Er, ein Gebildeter, ein Doktor, ein -Advokat, zerfetzt die Ärzte, zerreißt die Advokaten,<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -beschimpft die Professoren, verspottet die -Wissenschaft; er gibt alles preis, was die Menge -einschüchtert und beengt, er schleudert es hin, -trampelt lachend darauf herum, und die Schuster, -die Schneider, die Kutscher, die Gemüsekrämer, -die Budiker jauchzen, rasen, glauben das Zeitalter -sei angebrochen, das da verheißen ward mit den -Worten: selig sind die Armen am Geiste. Er bestätigt -die Wiener Unterschicht in allen ihren -Eigenschaften, in ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit, -in ihrem Mißtrauen gegen die Bildung, in ihrem -Weindusel, in ihrer Liebe zu Gassenhauern, in -ihrem Festhalten am Altmodischen, in ihrer übermütigen -Selbstgefälligkeit; und sie rasen, sie rasen -vor Wonne, wenn er zu ihnen spricht.</p> - -<p>Aber wie spricht er auch zu ihnen. Das Dröhnen -ihres Beifalls löst erst alle seine Gaben. Beinahe -genial ist es, wie er sich da seine Argumente zusammenholt. -Gleich einem Manne, der in der -Rage nach dem nächsten greift, nach einem Zaunstecken, -Zündstein, Briefbeschwerer, um damit -loszudreschen, greift er, um dreinzuschmettern, -nach Schlagworten aus vergangenen Zeiten und -bläst ihnen mit dem heißen Dampf seines Atems -neue Jugend ein, rafft weggeworfenen Gedankenkehricht -zusammen, bückt sich nach abgehetzten, -müd am Weg niedergebrochenen Banalitäten, -peitscht sie auf, daß sie im Blitzlicht seiner Leidenschaft -mit dem alarmierenden Glanz des Niegehörten -wirken. In dem rasenden Anlauf, dessen<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -sein Temperament fähig ist, überrennt er Vernunftgründe -und Beweise, stampft große Bedeutungen -wie kleine Hindernisse in den Boden, -schleudert dann wieder mit einem Wort Nichtigkeiten -so steil empor, daß sie wie die höchsten -Gipfel der Dinge erscheinen. Im Furor seiner -Rednerstunde gerät der Mutterwitz, der sein -Wesen durchdringt, ins Sieden und wirft Blasen, -in denen alles wie toll, alles verkehrt und lächerlich -erscheint. Einfälle sprudeln hervor, in deren -Wirbel frappierende, unglaubliche und verführerische -Gedanken funkeln, sich drehen und überschlagen. -In seinem Rednerfuror, wenn ihm schon -alles egal ist, fängt er freilich auch den Schimpf -der Straße ein, reißt den Niederen und Geistesarmen -alberne Sprüche des Aberglaubens vom -Munde, schnappt selbst den Pfaffen die Effekte -weg, die auf der Kanzel längst versagen wollten – -aber er siegt mit alledem. Schlägt zu damit und -trifft und wirkt. Oft schon hat er seine entsetzten, -überrumpelten Gegner vor sich hergejagt – wie -sich nachher gezeigt hat – mit einem Eselskinnbacken. -Dieses ist seine Macht über das Volk von -Wien: daß alle Typen dieses Volkes aus seinem -Munde sprechen, der Fiaker und der Schusterbub, -der Veteranenhauptmann, der gute Advokat, die -Frau Sopherl und der Armenvater. Und alle -Volkssänger mit dazu. Vom Guschelbauer an bis -zum Schmitter. Man hört die Schrammelmusik -aus der Melodie seines Wortes, das picksüße Hölzel<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -und die Winsel, hört das Händepaschen und ein -jauchzendes Estam-tam klingt in seiner Stimme -beständig an.</p> - -<p>Ein Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: -Wie er in der Fronleichnamsprozession dem Baldachin -vorausschreitet. Als Vizebürgermeister; -vor zwölf Jahren etwa. Er ist zum Bürgermeister -erwählt worden, aber der Kaiser hat die Wahl -verworfen. Dreimal ist er gewählt worden, dreimal -hat der Kaiser nein gesagt. Lueger wartet -und begnügt sich derweil mit dem zweiten Platz. -Jetzt geht er in der Fronleichnamsprozession vor -dem Baldachin einher. Die Glocken läuten, die -Kirchenfahnen wehen, und das brausende Rufen -der Menge empfängt den geliebten Mann, der -nach allen Seiten dankt, grüßt, lächelt. Er freut -sich. Denn der Kaiser, der dem Baldachin folgt, -muß den tausendstimmigen Donner hören. Auf -dem ganzen Weg rauscht dieser Jubelschrei vor -dem Kaiser einher, dieses jauchzende Brüllen, das -einem andern gilt. Franz Josef hat ein feines, -eifersüchtiges Ohr für die Stimme der Wiener. -Er hat Erzherzoge von hier entfernt, wenn sie gar -zu populär wurden, hat einen Minister, dem zufällig -einmal ein paar halblaute Hochrufe beschieden -wurden, aufgefordert, sich zu rechtfertigen, -hat den Grafen Badeni im Stiche gelassen, -weil er die Wiener Straße gegen die Hofburg -verstimmte. Franz Josef weiß, die Wiener -lieben ihn; er weiß, sein kaiserliches Wort übt<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -allmächtige Wirkung. Aber diesen da konnte er -nicht verdrängen, auch nicht, nachdem er's dreimal -sagte. Das erlebt der Kaiser jetzt. Der Mann -da vorne im Zuge gibt's ihm zu kosten. Als ob -er nur im Gefolge dieses Mannes einherginge, -wandelt der Kaiser mit der Prozession. Vor sich -das Aufrauschen der Ovationen, um sich her Stille. -Es war Luegers Triumphzug.</p> - -<p>Die Glocken läuten und die Kirchenfahnen -flattern jetzt auf allen Wegen, die Lueger geht. -Wie ein gewaltiger Heerbann ziehen die Pfaffen -hinter ihm drein. Seit vielen Jahren haben sie -den bürgerlichen Condottiere entbehrt, der ihnen -die breite Masse erobert. So einer hat ihnen gefehlt. -Sie haben innerlich jubelnd den Liberalismus -verrecken sehen, der sich einst unterfangen -wollte, die Kuttenherrschaft in Österreich zu zerbrechen. -Das Land lag wieder frei vor ihnen, fiel -ihnen wieder zu, aber sie brauchten einen Mann, -der in das neueroberte Gebiet fröhlichen Einmarsch -hielt, der die Kirchenfahnen wieder flattern -ließ. Dies Volk ist immer gerne fromm und -katholisch gewesen. Aber die Frömmigkeit war -eine Zeitlang außer Mode. Lueger hat sie wieder -in Flor gebracht und ließ die Glocken läuten. -Ließ die Glocken läuten und sagte: ich spucke -auf die Aufklärung und auf die Wissenschaft. Das -war endlich ihr Mann. Von allen Kanzeln herab -und in allen Beichtstühlen halfen sie nun seiner -Sache, schlossen ihm die Pforten zu allen Fürstenschlössern<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -auf, schafften ihm Eingang in alle Bauernhütten. -Wie hoch sie einen Menschen heben können, -wenn sie wollen, hat er erprobt. Und hat auch -dem Kaiser nur damals, an jenem Fronleichnamstage -trotzig gezeigt, wer von nun an dem Wind und -dem Wetter befiehlt, in der Stadt, in der die Hofburg -steht. Nur dieses eine Mal. Am Ziele angelangt, -nahm er die schwarzgelbe Gesinnung in -städtische Obhut, nahm die Kaisertreue in städtische -Verwaltung, nahm die Volkshymne in städtische -Regie.</p> - -<p>Erst als er am Ziele war, merkte man, daß es -wirklich ein Ziel sein konnte, Bürgermeister von -Wien zu werden. Man merkte, daß wirklich ein -Gedanke in diesem Manne nach Ausdruck gerungen -hat, nicht bloß der Gedanke an den eigenen -Erfolg; daß er von einem Traum erfüllt war, nicht -bloß von dem Traum des eigenen Aufstiegs: Wien! -All dies andere vorher war nur ein Mittel gewesen. -Er hätte jedes beliebige Mittel angewendet, selbst -ein edles, wenn es nützlich gewesen wäre. Freilich -aber hätte er keines so mühelos, so voll aus seinem -Wesen heraus, so ganz aus seinen Instinkten gebrauchen -können wie diese Taktik und Technik -des Gassenhauers, des »mir san mir«! Und nun -hat er Wien aufgerichtet als eine Art von Königtum -mitten in Österreich. Dutzendweise wurden -die kleinen Ortschaften, welche Wien umgürteten, -von dem großen Gemeinwesen verschlungen. Das -ist jetzt, vom Marchfeld bis zur Sophienalpe, nur<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -mehr eine einzige Stadt: Wien. Und in dieser -Stadt ein einziges Haupt: Lueger, der Bürgermeister. -Er nahm die Straßenbahnen, die Gaswerke, -das elektrische Licht, die Leichenbestattung, -die Spitäler. Wasser und Feuer, Leben und Tod -gehört seiner Stadt. All dies lag freilich in der Entwicklung, -hätte auch unter einer andern Verwaltung -so kommen müssen. Aber er nahm diese -Dinge, unter lauten pathetischen Proklamationen, -er nahm sie wie man eroberte Provinzen einnimmt, -und er schuf aus all diesen Besitztümern neue -Werkzeuge seiner Macht. Wo die Straßenbahn -hingeführt wird, das elektrische Licht, die Wasserleitung, -da steigen in den entlegensten Gegenden -die Bodenpreise, hebt sich der Wohlstand. Treue -Bezirke können belohnt, unsichere gekirrt, treulose -bestraft werden. Die Stadt, die so viele Betriebe -in ihrer Hand hält, herrscht über eine -Armee von Dienern, Arbeitern, Beamten, Lehrern, -Ärzten und Professoren, herrscht durch tausendfach -verknüpfte Interessen weithin über die Gesinnungen, -und allen ist der Bürgermeister, von -dem sie abhängen, wie ein Monarch.</p> - -<p>Er arbeitet denn auch mit einer vollkommen -monarchischen Technik. Sein Bild ist überall. In -den Amtslokalen, in den Schulzimmern, in den -Wirtshäusern, in den Theaterfoyers, in den Schaufenstern. -Sein Antlitz ist den Wienern beständig -so gegenwärtig und eingeprägt, wie das Antlitz -des Kaisers. Seine Ausfahrt ebenso feierlich, wie<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -die eines Monarchen, und nur noch Franz Josef -selbst wird in den Straßen ebenso gegrüßt wie -der Bürgermeister Lueger. Wie auf den Staatsgebäuden -der Name des Kaisers steht, so wird auf -allen Bauten, in allen Gärten, die von der Stadt -errichtet wurden, der Name Lueger hingeschrieben -und eingemeißelt. In hundert Inschriften liest -man es überall: »Erbaut unter dem Bürgermeister -Dr. Karl Lueger.« Und wie dem Kaiser das »Gott -erhalte …« entgegenschallt, so empfängt den -Bürgermeister überall seine offizielle Hymne: -»Hoch Lueger, er soll leben …« Wer städtische -Dienste nimmt, muß Luegertreu sein, so wie jeder -Staatsdiener zur Kaisertreue verpflichtet ist. Er -hat das so eingerichtet, hat sich um den Widerspruch -der Machtlosen, hat sich um das Recht -der freien Meinung, die das Staatsgrundgesetz gewährleistet, -nicht gekümmert und einen Fahneneid -eingeführt für alle, die im Rathaus Broterwerb -suchen. Ein monarchisches Talent, das vorher -gröhlend durch alle Tiefen des Pöbels geschritten -ist, im Bierdunst der Versammlungen die Massenpsychologie -studiert und den Menschenfang allmählich -bis zur Meisterschaft gebracht hat. Dennoch, -nur ein Bürgermeister. Aber was hat er -aus seiner Rolle gemacht! Wie Mitterwurzer einst, -als er im »Don Carlos« den Philipp gab, das Stück -umkehrte und alle Welt zur Verwunderung zwang. -Gegen Carlos und Posa war dieser Philipp nie aufgekommen, -er galt für so wichtig nicht, nicht für<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -so begehrenswert und dankbar. Und jetzt auf -einmal war Philipp die Hauptsache, war Mittelpunkt -und Held des Stückes. Die vorigen Bürgermeister -sind nur brave Ensemblespieler gewesen -gegen den jetzigen. Der aber hat die Kunst der -Auffassung. So wie er seine Rolle anschaut, wie -er die Bedeutung seines Amtes begreift, hat er -es ganz neu entdeckt; fast möchte man sagen, neu -kreiert. Niemals ist der Bürgermeister von Wien -so viel gewesen wie heute. Neben dem Landesherrn, -der Herr der Stadt.</p> - -<p>Ein anderes Kapitel aus dem Roman dieses -Lebens: Wie dreimalhunderttausend sozialdemokratische -Arbeiter gegen seinen Willen über die -Ringstraße ziehen; wie sie das allgemeine, gleiche -und direkte Wahlrecht erzwingen; wie der alternde -Bürgermeister im Pomp des Rathauses sitzend -dies Brausen der Volksmenge vernimmt; wie eine -Ahnung ihn ergreift, daß nun eine neue Zeit heranbricht, -eine neue Zeit, die er nur aufhalten, -nur für eine kurze Weile verzögern aber nicht -hindern konnte. Sie wird erbarmungslos die -Dämme niederreißen, die er aufgerichtet hat; sie -wird ihn zu den Komödianten von vorgestern -werfen und ihn erledigen. Wie jetzt eine Ahnung -ihn ergreift, daß da draußen ein Gegner sich emporrichtet, -langsam und furchtbar, ein Feind, dem -er sich nicht mehr entgegenzuwerfen vermag. -Wie der Zorn von einst und die Rauflust von -früher noch einmal in ihm schwellen und wie er<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -spürt, daß ihm die Kräfte langsam entschwinden, -spürt, daß er nicht mehr aufrecht, nicht mehr -sicher und schwindelfrei genug sein wird, wenn -auch an seine Tür plötzlich die Jugend pocht, -wie an die Tür des Baumeisters Solneß.</p> - -<p>Und noch ein Kapitel: Wie er jetzt weißhaarig, -matt, erblindet und zitternd, von zwei Nonnen -geführt, einherwankt, mit Orden bedeckt, … Exzellenz -… auf dem Gipfel … und niedergebrochen. -Den letzten Rest der im Kampfe aufgebrauchten -Gesundheit im Rausch der Siegesfeste vergeudet. -Vorzeitig zu Boden geschleudert, unfähig die Ernte -zu genießen. Neidisch auf alle, denen er emporgeholfen -und die nun in der Fülle der Macht -schwelgen. Wie er langsam zum ewig greinenden, -mißlaunigen, scheltenden Alten sich wandelt, dem -die Treuesten nur noch aus Pietät lauschen. Wie -er fühlt, daß sie von ihm abrücken, heimlich schon -über ihn lächeln, die Achseln zucken; und wie er -dann manchmal zeigen möchte, daß er noch derselbe -ist, wie er längst abgenützte Künste wieder -spielen läßt, wie er mit gebrochener Stimme wieder -schmettern und donnern möchte, und wie ihn -dann die Weihrauchdämpfe mitleidiger Schmeichler -benebeln und beschwichtigen. Das letzte Kapitel: -wie diese Flamme eines Wiener Temperamentes -im blassen Schimmer der Ordensterne, im -kindischen Glanz von Auszeichnungen und Titeln -verlöscht.</p> - -<p>Dieser Roman wäre zu schreiben. Die Gestalt<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -eines Menschen zu zeichnen, in dem sich der Wille -einer Epoche erfüllt hat. Jetzt freilich muß man -noch warten. Bis es sichtbar wird, was nach ihm -kommt, bis die Jahre, die seinem Dasein folgen, -die richtige Distanz und die richtige Perspektive -geben. Dann mag es geschehen, daß irgend jemand -nach diesem Manne greift und den Roman seines -Lebens, den man schnell vergessen wird, wenn er -zu Ende ist, zu einem unvergeßlichen Kunstwerk -formt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<h2 id="GIRARDI-KAINZ">GIRARDI-KAINZ</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p> - -<p class="drop">Sie betonen es, daß gerade diese beiden vortrefflichen -Schauspieler dem wienerischen Theater -unentbehrlich sein müßten, weil sie unter -den wenigen bedeutenden Persönlichkeiten, die -sich hier etwa vorfinden, die stärksten Österreicher -seien. Ich würde hinzufügen: die letzten, wenn -es nicht übertrieben wäre, dergleichen von irgendeinem -Menschenexemplar zu behaupten. Aber für -uns sind sie bei alledem die letzten; wir werden -schwerlich noch andere sehen und wir vermissen -sie sehr.</p> - -<p>Sie weisen mich darauf hin, daß diese beiden -Schauspieler einander verwandt, ja oft frappierend -ähnlich sind. Dies sei Ihnen vorher nie so deutlich -geworden als eben jetzt, da Kainz und -Girardi gleichzeitig in Berlin wirken. Bei uns ist -es, wie natürlich, oft bemerkt und besprochen -worden. Manches ist ihnen gemeinsam. Wie -Männer, die gewohnt sind zu befehlen, fast überall -diesen unbeirrten ruhigen Ausdruck des Blickes, -diese geborgene, schwere Sicherheit des Tones in -der Stimme haben, so haben diese beiden in ihren -Gebärden, in ihrem Gehen über die Bühne, in -der unbedingten Freiheit ihrer Schultern das -Glück früher und beinahe müheloser Erfolge. -Sie waren gleich von Anfang an berühmt, sind es -schon von Jugend auf. Sie stehen jahrzehntelang -unter der erfrischenden Dusche des Beifalls. Dann -ist da noch in beiden auf dem Grunde ihres Wesens -ein beständig mitschwingendes Jauchzen, und das<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -ist ihre Verwandtschaft. Sie sind beide so sehr -voneinander verschieden, ganze Welten liegen -zwischen ihnen; allein wie Brüder oft voneinander -verschieden und durch Weltenfernen in ihrem -Charakter voneinander getrennt sein können, und -dennoch mit einem Lächeln, mit einem Zucken -der Lippen sich als Geschwister offenbaren, so -offenbaren sich diese beiden mit ihrem Jauchzen -als Brüder. Denn es ist ein österreichisches Jauchzen; -es stammt aus demselben Klima, es ist von -derselben Sonne und von demselben Dialekt gebräunt. -Auch ist ihr Zugreifen dasselbe. Sie -wissen ja, was ich damit meine: ihre Art eine -Sache anzugehen, einer Empfindung, einem Konflikt -gegenüber zu treten, sich einer Aufgabe zu -bemächtigen, kurz, es ist derselbe Handgriff.</p> - -<p>Man hat Ihnen gesagt, daß Girardi der typische -Ausdruck des Wienertums sei, die leibhaftige Verkörperung -der wienerischen Art, der wienerischen -Echtheit. Es ist so oft gesagt worden, hat so oft -in den Zeitungen gestanden, daß es vielleicht wahr -ist. Trotzdem vermochte ich niemals den Gedanken -abzuweisen, warum man einen glänzenden -Orientmaler dann nicht auch einen typischen -Orientalen nennt. Oder weshalb wir dann zum -Beispiel Lafcadio Hearn nicht als einen vollendeten -Japaner erklären. Hat doch der eine alle -Farben und feinsten Lufttöne des Morgenlandes -gegeben, der andere die seelische Verstecktheit -Japans erhellt. Nur weil der Maler so sichtbar<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -von seinem Werk zu trennen ist? Und weil wir -zu genau wissen, daß Hearn ein Anglo-Amerikaner -war?</p> - -<p>Auch Ihnen erscheint Girardi als der echte -Wiener. Aber Sie haben gewiß schon bemerkt, -wie sonderbar und wie irreführend das national -und landschaftlich Echte auf fremder Erde wirkt. -Eine spanische Tänzerin scheint uns absolut ganz -Spanien auszudrücken; ein tartarischer Sänger absolut -die Welt des Kaukasus. Unsere Vorstellung -von Spanien findet sich in irgendeinem Hüftenrhythmus -der Tänzerin plötzlich bestätigt, unser -Phantasiebild vom Kaukasus glüht bei irgendeinem -Kehllaut des Sängers unversehens auf, und wir -rufen: echt! Wir rufen es mit Entzücken und -verfehlen dabei – fast regelmäßig – gerade diejenigen -Dinge, die ein Spanier oder ein Tartar -mit vertrauten Instinkten als echt empfinden -würde.</p> - -<p>Girardi trägt viel Wienerisches in sich. Von -den feinsten wienerischen Stoffen wie von den -allgemeinsten hat er den Extrakt in sich gesogen; -viele wienerische Elemente sind in ihm zu Essenzen -verdichtet. Wenn er spricht, hören wir aus seiner -Stimme die Urlaute des Volkes, wenn er singt, -aus seiner Fröhlichkeit jenes niederösterreichisch-jauchzende -Johlen trunkener Rekruten, das im -Frühling und im Herbst immer durch unsere -Straßen hallt. Im Aufschnalzen eines Wortes -klingt die schnippische Anmut Wiener Vorstadtmädchen,<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -und wenn die Leute von Girardi reden, -schleppen sie auch sofort alle Wiener Typen zum -Vergleich heran; den Fiaker, den Deutschmeister, -den Zahlkellner, den Sportbaron. Aber das -Wienertum, das er gibt, ist im Grunde nicht das -wirkliche, sondern es ist ein Wienertum, das er -ganz allein erfunden hat. Wir spüren immer -»Wien« bei ihm. Nur wenn er uns nicht völlig -umnebelt, spüren wir zugleich auch: er macht -etwas ganz anderes daraus, etwas, das neben dem -Wienerischen ist. Etwas, das vielleicht darüber -ist, wie schließlich alle Kunst über dem Wirklichen, -alle Dichtung über dem Wahren; aber -etwas, das eine besondere Kontur hat; keine -wienerische. Es ist eine halbechte, eine unwahre, -doch in ihrer Unwahrheit eine entzückend mögliche -und hinreißend eigenartige Kontur. Dieses -Wienertum, das Girardi gibt, hat vorher nicht -existiert. Seit er es ersonnen hat, wird es nachgeahmt. -Die Leute haben im Theater von ihm -gelernt, wie man wienerisch ist und haben es -nachher kopiert. Hunderte seiner Einfälle, seiner -plötzlichen Ideen vom Wienertum laufen jetzt -verwirklicht und lebendig umher.</p> - -<p>Wie sollte ein Mann, der so stark ist, daß er -uns alle glauben macht, seine persönliche Art sei -die unsere, sei unser Spiegel und Abklatsch; sein -eigenes, durchaus einziges Wesen sei der Inbegriff -und die Verkörperung unserer Wesenheit, – wie -sollte ein solcher Mann nicht auch bei Ihnen als<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -der definitive Ausdruck des Wieners gelten? In -dem gewissen landläufigen Sinn ist er ja schließlich -ein Vertreter Wiens, wenn man diese Bezeichnung -nur in ihrer flüchtigen, zeitungsmäßigen Bedeutung -anwendet, in der sie sonst gebraucht wird, -um einen Künstler rasch mit dem Poststempel zu -versehen. Aber nehmen Sie nur einmal seine -eckige Gestalt, in der nichts Sanftes und Gleitendes -sich rundet, in der nur die ungeheuere Energie -eines Marschrhythmus schleudert und schlenkert, -und Sie werden sogleich sehen, daß eine ganze, in -ihrer innersten Natur wienerische Welt sich in -diesem Künstler gar nicht oder nur vermittels -besonderer Transponierungen ausdrückt. Er hat -jahrzehntelang Walzer von Johann Strauß gesungen; -siegreich und hinreißend hat er sie gesungen, -aber sie mußten erst durch ihn zu Girardi-Couplets -werden, und sie waren – wenn er sie -sang – eben keine Walzer von Johann Strauß. -Wenn man nur die Texte anschaut, die eigens für -ihn diesen Walzern unterlegt wurden, kann man -das sogar jetzt noch nachprüfen. Denn alle diese -Texte widerstreben in ihrem Witz, in ihrer karikaturistischen -Schärfe, in ihrer harten Ironie, der -weichen Seele des Wiener Walzers. Alle diese -Texte sind den Walzern aufgezwungen, gehen -ihnen gegen die Natur. Aber die Farbe seiner -Persönlichkeit ist so sprühend, so durchdringend -und so vorleuchtend, daß es fast unbemerkt geblieben -ist, was ein Straußscher Walzer bei Girardi<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -wurde, daß es fast unbemerkt geblieben ist, wie -sehr diesem Manne selbst ein wienerisches Grundelement -fehlt: das innere Tanzen. Und fast unbemerkt -ist es geblieben, wie er das Wesen dieser -Stadt überfärbt und verändert und umgebildet hat.</p> - -<p>Man könnte es etwa damit erklären, daß die -enorme schauspielerische Kraft Girardis, der es -beinahe immer an wirklichen Rollen fehlte, solchem -Mangel abgeholfen hat, indem sie sich der -ganzen Stadt als einer Girardi-Rolle bemächtigte, -sie immer wieder studierte, ihren reichen Inhalt -immer wieder erlebte, und sie dann immer wieder -als Girardi-Rolle spielte. Zuletzt war denn auch -jeder zweite junge Herr, den man auf der Straße -traf, jeder Fiakerkutscher, jeder Briefbote, jeder -Spießbürger eine Girardi-Rolle. Eine Zeitlang lief -halb Wien herum und spielte Girardi, und wußte -nicht, daß es damit sich selbst aufgab, daß es auf -seine eigene Echtheit verzichtete, und an deren -Stelle die besondere Echtheit eines einzelnen annahm. -Seine Wirkung ist bis auf den heutigen -Tag so umklammernd, daß selbst der Wiener Dialekt -Girardi-Worte mitführt, die es früher nicht -gegeben hat, die niemals auf dem Wiener Boden -wachsen könnten, die keine Wurzeln in der wienerischen -Sprache besitzen, die aber jetzt als selbständige -Schöpfungen in der Wiener Mundart -leben. Dabei sind es Verzerrungen; denn er kann -gelegentlich über irgendein Wort herfallen, kann -es mit einem Hieb zum Krüppel schlagen, kann<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -es zerquetschen und zerkneten und ihm zugleich -damit ein ganz neues, überwältigend komisches -Gesicht geben. Eine Zeitlang hat halb Wien in -solchen Ausdrücken geredet, und Sie werden zugeben, -daß dies keinen Wiener Dialekt, sondern eher -einen Girardi-Jargon vorstellt. Man könnte sagen, -vieles, was Girardi tut, ist Wien, aber vieles, was -Wien tut, ist Girardi. Unsere Stadt ist sein ganzes -künstlerisches Erlebnis. Unendlich viele feine und -grobe Reflexe der wienerischen Art funkeln in -ihm. Unendlich viele Nuancen des wienerischen -Wesens, zarte und derbe, drücken sich in ihm aus. -Aber wenn Sie den Begriff Wien als ein Ganzes -nehmen, zu dessen Bestandteilen auch Schubert -und Kriehuber und Grillparzer und Schwindt und -Fischer von Erlach und Makart gehören, dann -werden Sie finden, daß Girardi weder der Spiegel -noch der Ausdruck des Wienertums ist; nicht der -Wiener, sondern unter wenigen erlesenen Wienern: -Auch einer.</p> - -<p>Daß man bei den erbärmlichsten Possenfiguren, -die er darstellt, oft wie von ferne den Atem wirklicher -Tragik spürt, daß die Puppen bei ihm gleichsam -transparent werden, und der Zuschauer durch -sie hindurch in tiefe Menschlichkeiten blickt, daß -man immer wieder, wenn man Girardi in einer -elenden Schwankrolle begegnet, überzeugt ist, er -könne auch klassische Meisterrollen spielen, möchte -ich so hoch nicht anschlagen. Was wäre denn -auch ein Humor ohne diese dunkeln Untertöne?<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -Was wäre uns ein Komiker ohne diese Durchblicke -ins Menschliche? Ich weiß nicht, ob wir über -ihn lachen wollten, aber ich bin sicher, daß wir -nicht über ihn reden würden. Vielleicht ist der -Zug ins Klassische in irgendeiner Epoche Girardis -näher und stärker gewesen; vielleicht haben wir -da für die Kunst des großen Stiles einen Verlust -zu beklagen. Ich glaube nicht sehr daran. Das -heißt, ich glaube wohl an die objektive Gabe -Girardis, in dieser Kunst ein Hohes zu leisten, -aber ich bezweifle sein dauerndes Bedürfnis danach.</p> - -<p>Dieses dauernde und leidenschaftliche Bedürfnis, -über sich selbst hinweg zu Höherem, und auf -höheren Gipfeln wieder zu sich selbst zu gelangen, -lebt in Kainz. Ich bezeichne damit keinen Unterschied -der Werte, sondern nur die verschiedenen -Wege, die Kainz und Girardi gewandelt sind. -Beide von demselben Punkt ausgehend, dieser -immer durch Wien, allein durch Wien, und auf -den allernächsten Straßen immer wieder zum -eigenen Ich; jener durch aller Herren Länder. -Girardi, indem er alles zum Werkzeug seiner Persönlichkeit -macht, alles in den Dienst der angeborenen -Art zwingt; Kainz, indem er sich als ein -Instrument darbringt und allen Geistern dient, -die ihn entzücken.</p> - -<p>Es gibt keinen anderen deutschen Schauspieler, -der wie Kainz den Romanen so nahe wäre, der -Beredsamkeit des romanischen Temperaments, der<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -musikalischen Anmut und der tänzerischen Biegsamkeit. -Ich weiß nicht, wo ich diese wunderbare -österreichisch-italienische Mischung heute im sichtbaren -Leben fände, um sie Ihnen als Beispiel anzubieten, -aber ich erinnere Sie an manche Paläste -in Wien und in Salzburg, die von italienischen -Baumeistern errichtet, und nachher von Canaletto -gemalt wurden, und deren Linien in geheimnisvoller -Harmonie alles aussprechen, was wienerisch, -und zugleich alles, was über das Heimatliche hinaus -italisch, südlich und sonnig ist.</p> - -<p>Es gibt auch keinen anderen Schauspieler als ihn, -der sich zu einem solch vollendeten Instrument -der Dichter gebildet hätte. Gebildet an seinem -knabenhaft schmalen, in allen Gelenken jugendlich -behenden Leib, an seinem schlagfertigen, feinhörigen -Geist und an allen seinen Mitteln des -Ausdrucks. Keiner ist ein solcher Meister der -köstlich bewußten, durchgearbeiteten, der besiegten -und zu etwas Unwillkürlichem gewordenen -Technik. Es ist mir keiner gegenwärtig wie er, der -die Geheimnisse der Technik so ergründet, keiner, -der ihre Mühseligkeit so überwunden hätte. Und -gewiß besteht das tiefste Wesen der Kunst nur -darin, die Geheimnisse der Technik zu entziffern, -das edelste Wesen der Kunst darin, die Mühsal -des Technischen in Leichtigkeit zu verwandeln, -seine Hindernisse in Stützen, seine lastende -Schwere in ein Mittel zum Vogelflug. Es ist mir -immer wunderlich, wenn ich einen Schriftsteller<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -abfällig Wortkünstler nennen höre, einen Schauspieler -Sprechkünstler; denn was soll ein Schriftsteller -sein, wenn er nicht ein Künstler am Worte, -und was ein Schauspieler, wenn er nicht ein Meister -des Sprechens ist? Es erscheint mir immer wunderlich, -wenn einer es niederschreibt, dieses oder jenes -sei nicht zu schildern, sei nicht auszudrücken, und -nicht zu nennen. Denn worin besteht nun sonst -in der Welt seine Aufgabe und sein Daseinsrecht -wenn er ein Schriftsteller sein will, als eben darin, -daß er verpflichtet ist, zu schildern, was sich nicht -schildern läßt, verpflichtet, auszudrücken, was dem -Ausdruck gerne sich entzieht, verpflichtet, zu -nennen, was mit gewöhnlichen Benennungen nicht -ergriffen werden kann? Die Gabe, irgend etwas -Künstlerisches zu vollbringen, ist doch in uns nicht -wie das Wasser im Schoß eines Brunnens, daß man -nur den Hahn aufzudrehen braucht, um es immerzu -laufen zu lassen. Wie viele aber tun nur eben -dieses, – gerade bei den Schriftstellern und -Schauspielern –, lassen rinnen und strömen, was -in ihnen ist, wie es die Gnade des Augenblicks -just gewährt, stehen dabei und verehren andächtig -das Walten des Gottes, den sie in sich glauben. -Wie viele saloppe, von Verlogenheit, von Faulheit -und von sorglosem Hochmut zurechtgekleisterte -Mache tritt uns in der Kunst feierlich und anspruchsvoll -als »Arbeit« entgegen.</p> - -<p>Wenn Sie aber erwägen, wie viele erlauchte Kräfte -der Seele und des Verstandes angestrafft werden<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -müssen, wie viele edle Kräfte des Körpers, wenn -Sie erwägen, mit welcher Gewalt sich ein Mensch -immerfort zusammenfassen muß, damit er fähig -werde eine Technik zu erwerben, und wie tief er -in sein eigenes Selbst muß schauen können, damit -er <em class="gesperrt">seine</em> Technik erringe, dann werden Sie gerne -verstehen, daß es vor allem die Arbeit ist, die -mich an Kainz bezaubert. Diese wunderbar funktionierende -Arbeit voll jeder Lust an der schwersten -Bravour. Dieser Schauspieler besitzt sich -selbst in jedem Augenblick. Sein ganzer feiner, -komplizierter Organismus gehört und gehorcht -seiner Arbeit und er beherrscht ihn so, daß sein -Künstlerwesen keinen Augenblick in jene demütigende -Abhängigkeit gerät, welche die Schwachen -Stimmung nennen. Er hat ihn so vollkommen -entwickelt, daß es keine ungenützten Reste, keine -versäumten und verschleuderten und verlorenen -Möglichkeiten bei ihm gibt.</p> - -<p>Manchmal läßt er diesen Organismus sozusagen -leer laufen, läßt diese brillant funktionierende -Technik einfach absurren. Sie haben ihn ja selbst -schon an solchen Abenden gesehen, und Sie werden -den Zustand, in dem er sich da befindet, gewiß -nicht mit jenem verwechseln, den ich oben -Stimmung genannt habe. Es ist, als zöge er sich -gleichsam aus seiner Arbeit zurück, als nehme er -ihr sein Seelisches. Aber es ist kein Erliegen, kein -Gelähmtsein, welches den Künstler unter sein -Wollen, unter seine Aufgabe wirft und ihn am<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -Schaffen hindert. Vielmehr ist es ein innerliches -bewußtes Sichabwenden von einer längst gelösten -Aufgabe; vielmehr ist es das unwillkürliche Abfallen -des Schöpfers von seinem vollendeten Werk.</p> - -<p>An solchen Abenden, aber manchmal auch in -Augenblicken des Glanzes, manchmal auch an dem -von plötzlicher Gleichgültigkeit wie gehöhlten und -berstenden Klang seiner unermeßlich reichen -Stimme ist es zu spüren, daß dieser Schauspieler, -der an der äußersten Grenze des Meisterlichen -steht, anfängt, über seine Kunst hinweg zu leben, -daß es ihn über die Grenzen seines Berufes hinwegzieht, -über diese Grenze hinaus bangt – -irgendwohin. Er ist so hart bis an den Rand jeglicher -Erfüllung gestiegen, daß er sich manchmal -schon von der Dämonie des Vergeblichen angehaucht -fühlt. Diese Existenz jenseits aller erlebten -Reife ist die subtile Tragik seiner Gegenwart -und das Problem seiner Zukunft.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<h2 id="MENAGERIE_IN_SCHOENBRUNN">MENAGERIE IN SCHÖNBRUNN</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p> - -<p class="drop">Vor wenigen Jahren gab es fünf oder sechs -junge Bären in Schönbrunn. Herzige kleine -Dinger, die in ihrem frischen Wollpelz aussahen, -als trügen sie zu weite Hosen. Alle schienen -sie, mit ihren fröhlichen Ohren, mit den weichen, -hilflosen und doch so geschickten Bewegungen, und -mit den listig schmunzelnden Schnauzen wie geborene -Komiker. Man hatte die ganze Gesellschaft -in einen Zwinger gesteckt; da spielten sie, rauften -miteinander, kugelten und balgten sich. Es war -die richtige Kinderstube. Wie dann die Leute anfingen, -sie zu füttern, wurden die kleinen Bären -gewerbsmäßige Bettler; saßen beständig nebeneinander -am Gitter, jammerten und stöhnten, als -müßten sie Hungers sterben, wenn sich von den -Vorübergehenden niemand ihrer erbarmte. Und -je mehr Zulauf sie hatten, desto herzbrechender -wurden die Klagen, die sie anhoben. Noch mit -dem Bissen im Maul fuhren sie fort zu wimmern, -daß die Mildtätigkeit nur ja nicht erlahme und -keiner denke, so vieler Kummer sei mit geringem -Almosen gestillt. Durch ihren Erfolg verlockt, -begannen die japanischen Bären gegenüber ein -Konkurrenzgeschäft und stimmten ein originelles -Flennen an, das geradezu Aufsehen erregte. Es -war ein ganz dünnes, zimpferliches Weinen, tremolierend, -atemlos, und boshaft, wie von jemandem, -der friert und der sich ärgert. Aber dieses Ehepaar -hatte auf die Dauer kein Glück, denn es war ein -düsteres Familiengemälde, das sich hier bot. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -Mann, ein ausgemachter Heuchler, schlug seine -Frau in aller Wehmut, so oft sie einen Brocken erhaschte. -Wimmernd und wehklagend mißhandelte -er seine Gefährtin und nahm gerührt alles -für sich allein.</p> - -<p>Dann kam ein Wolf in die Menagerie. Der saß -eines Tages hinter Schloß und Riegel und festen -Eisenstäben und war sehr unglücklich. Denn er -war ein Wolf, der einst bessere Tage gesehen hatte. -In seiner Jugend war er irgendwo bei einer guten -Frau wie der Hund im Haus behandelt worden. -Das ist enorm viel für einen Wolf, und er konnte -der glücklichen Zeit nicht vergessen. Die Behörde -war eingeschritten, und in ihrer unerschöpflichen -Weisheit hatte sie entdeckt, ein Wolf sei ein reißendes -Tier. Also vertilgen oder ihn vorschriftsmäßig -unterbringen. All seine Sanftheit half nichts; -es half nicht, daß er gehorsam auf jeden Ruf herbeigelaufen -kam, nicht, daß er mit bestrickender -Liebenswürdigkeit wedelte, nicht, daß er – an -gekochtes Futter gewöhnt – das blutige Fleisch -verschmähte, es half nicht, daß er sich streicheln -ließ und zärtlich die Hand zu lecken verstand; er -wurde als reißendes Tier eingesperrt. Es war einfach -ein Justizmord. Dazu gab man ihm einen ungezähmten -Gefährten. Offenbar um einen ordentlichen -Wolf aus ihm zu machen. Er blieb sanft. Er -duldete die Bisse und Schläge seines Zellengenossen -und konnte nur weinen. Der Kaiser hat ihn einmal -auf einem Morgenspaziergang jammern gehört,<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -fand ihn blutig und hilflos und befahl, daß -der gute Wolf vom bösen befreit werde.</p> - -<p>Dann gab es einen weißen großen Kakadu in -Schönbrunn, der ein Simulant war. Hatte er Zuschauer, -begann er sofort mit seiner Komödie. Er -besaß eine kunstvolle Art, langsam und mit vielen -Umständen seine Kette um Hals und Kopf zu -winden und sie außerdem an der Kletterstange zu -verwickeln, so daß es den Anschein hatte, als habe -er sich unversehens stranguliert. Hing er endlich -in der selbstgedrehten Schlinge, dann erhob er -mit einemmal ein gottsjämmerliches Schreien und -Kreischen, schlug mit den Flügeln, als stünde sein -qualvolles Ende bevor. Immer saß irgendwer diesen -gellenden Hilferufen auf und lief nach dem -Wärter. Die Zurückgebliebenen bedachten indessen -erregt, ob der arme Vogel wohl so lange -noch leben könne. Wenn er aber merkte, daß nun -die Spannung ihren Gipfel erreicht habe, oder -wenn ihm jemand beistehen wollte, zog er plötzlich -den Kopf aus der verschlungenen Kette, -schwang sich auf seine Sprosse und schaute ganz -still und ruhig umher, als sei nichts geschehen.</p> - -<p>Dann gab es einen Löwen, der sich gemütlich -ans Gitter preßte und sich die Mähne krauen ließ. -Nach einer Weile aber fuhr er mit erschrecklichem -Fauchen herum, schlug mit den Tatzen nach dem -freundlichen Wärter und benahm sich so recht als -ein großer Herr, der treue Dienste mit grausamer -Undankbarkeit lohnt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p> - -<p>Früher bin ich alle Tage in den Schönbrunner -Garten gegangen und am liebsten bei den Tieren -gewesen. Die vielen großen und kleinen Tragödien, -die sich hier abspielen, all die lustigen Zwischenfälle, -die drolligen Episoden, diese verschiedenartigen -Äußerungen und Anzeigen einer zwar -deutlich wahrnehmbaren, für uns aber unverständlichen -und geheimnisvollen Vernunft können -stundenlang aufregen oder erheitern. Jetzt sind -die Bären erwachsen, und nur ein einziger kleiner -Kerl wohnt in der Kinderstube von damals. Die -japanische Konkurrenz hat sich beruhigt und führt -ein ziemlich friedliches Dasein. Der arme Wolf -wird immer noch nicht müde, seine Unschuld zu -beteuern; begrüßt jeden mit demütiger Gebärde -und sitzt den ganzen Tag mit sehnsüchtigen Augen -da. Heute wissen ja alle, daß er zahm, lieb und -ungefährlich ist. Trotzdem muß er hinter Gitterstäben -bleiben; nur weil er ein Wolf ist. Aus -keiner anderen Ursache. Und so mancher bissige -Hund läuft frei umher, wird geachtet und geehrt. -Aber wer kann eingewurzelte Vorurteile besiegen? -Da gibt es denn nichts Verfehlteres im Leben als -einen Wolf, der mit den Wölfen nicht heulen will.</p> - -<p>Der Kakadu ist noch derselbe Schwindler und -foppt die Leute, so oft es ihm gefällt. Dem Löwen -aber hat man, wie es scheint, seine Herrenlaunen -abgewöhnt. Geduckt sind alle diese Tiere durch -ihre lange Gefangenschaft. Ihnen allen ist die -Menschenfurcht von den Mienen zu lesen. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -verändert sind sie in ihrem Wesen nicht. Manchmal -revoltieren sie, und solche Augenblicke, in -denen ihre wirkliche Natur hervorbricht, sind von -einer wunderbaren Gewalt.</p> - -<p>An sommerstillen Abenden, wenn die Löwen -unruhig in ihrem Käfig umherlaufen oder stehen -bleiben, das Haupt tief herabgesenkt, aufmerksam -witternd; wenn der Königstiger sich erhebt und -die ungenützte Kraft in seinen Flanken zittert; -und wenn sie dann alle ihr Gebrüll beginnen, das -wie ein schmerzliches Stöhnen und Blasen sich anhört, -dann fallen die anderen Tiere ein, und dann -ist es ein mächtiger Chor der Gefangenen. Und es -ist von einem sonderbaren Reiz, die Stimmen aller -Länder und Zonen hier auf einem einzigen Platz -zu vernehmen. Die Löwen der afrikanischen -Wüste, die Tiger aus den Dschungeln Indiens, den -Schrei der Pardelkatzen aus Brasilien, das Brummen -der nordamerikanischen Bären, die wilden -Trompetenstöße der Elefanten, tropisches und -arktisches Getier, als ob sie aus allen Weltteilen -ihre erbitterten Klagen erheben wollten gegen eine -drückende, ungerechte und quälende Herrschaft.</p> - -<p>Versöhnlicher hört sich das in der großen Volière -an, in diesem hellen, belebten Saal, in dem -die Vogelstimmen aus allen Wäldern der Erde -ineinanderklingen. Von einer beständigen, fröhlichen -Musik ist das freundliche Gelaß erfüllt. -Tausendfache Melodien tausendfach ineinander -verschlungen, Töne von einer märchenhaften Reinheit,<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span> -ein Gesang von so schallendem Jubel, daß -man sich von linder, tröstlicher Heiterkeit unwiderstehlich -ergriffen fühlt. Staunend betrachtet -man hier die wundersamsten Launen der schaffenden -Natur. Winzige Vögel, die in der Farbenglut -ihres Gefieders aussehen wie lebendiges Geschmeide. -Prunkvolle, majestätische Tiere wieder mit -richtigen Kronen auf dem stolzen Haupt; Tiere -von heraldischer Würde, und dann wieder tolle, -groteske Einfälle, Karikaturen, beschämte Existenzen, -äußerste Plumpheit und himmliche Anmut; -märchenhaft holde Gebilde und höhnische Verzerrungen, -und beinahe mit frommen Gedanken -findet man sich einer Kraft gegenüber, die mit -sorglosem Gleichmut solch höchste Vollendung der -Schönheit und so erbärmlich mißlungene Versuche -nebeneinander bietet. Merkwürdige Vögel -lernt man hier kennen, mit lyrisch-zärtlichen Namen -wie die Diamant-Amandine; mit Namen aus -Tausendundeiner Nacht, wie den Vogel Bülbül, -von dem manche Leute glauben, daß er gar nicht -existiert. Hier hüpft er gar zierlich in seinem -Bauer umher und ist der Nachbar des echten Pirol. -Gegenüber jedoch wohnt einer, der wie eine kleine -gelbe Krähe aussieht. Gelb mit schwarzen Kopfflecken, -schwarzen Schwingenfedern. Er hat ein -scheues, schweigsames Wesen und heißt: Der -schwefelgelbe Tyrann.</p> - -<p>In der Volière wird der Zwang, den die gefangenen -Tiere erleiden, am wenigsten kenntlich. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -draußen, die Adler und Geier, die in ihren Käfigen -sitzen und mit kummervollen Augen ins Weite -schauen, die ihre Schwingen breiten und sie wieder -langsam, gleich als ob sie seufzen würden, zusammenfalten, -die sehen wirklich aus wie gefesselte -Helden, und sie können einen manchmal arg verstimmen. -Ein Kind sagte neulich: »Ich weiß -jetzt, Vater, wie die Adler aussehen, und du kannst -sie schon wieder fliegen lassen.« Wir wissen auch, -wie Löwen und Tiger aussehen, und lassen sie doch -nicht laufen. Aber das ist, abgesehen vom Schaden, -den sie stiften würden, eher zu begreifen. Denn -die Menschen empfinden es als einen Reiz, gebändigte -Wildheit zu beschauen, gefesselte Riesen -anzugaffen und an wehrlos gemachter Kraft sich -zu weiden. Jeder hat schon bei sich, vor dem -Zwinger, erwogen, »was der Löwe tun würde«, -wenn man ihn plötzlich freiließe. Ich hab' mich -niemals dazu vermocht, ihm was Schlimmes zuzutrauen, -ob ich gleich all die blutigen Dinge, die -ihm nachgesagt werden, nicht im mindesten bezweifle. -So oft ich ihn aber sehe, erscheint er mir -sanft, anmutig, harmlos und besser als sein Ruf. -Selbst wenn er brüllt, sieht er nicht wild aus, -sondern eher, als sei ihm bedenklich übel. Und im -übrigen ist der Löwe in unserem Bewußtsein schon -mehr ein Klischee geworden als ein lebendiges Wesen, -eine Art dekoratives Gebilde, das ein jeder von -allen möglichen Wappen her kennt, von Brücken -und Denkmälern, so daß man glauben möchte, er<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -werde in den Menagerien nur gehalten, damit er -seine Existenz beweise. Sicherlich denken die -Leute in Afrika anders darüber … Nur im Königstiger -läßt sich der Feind erkennen. Doch -wenn er in seiner engen Zelle die prachtvollen -Glieder zum Sprung reckt, wenn er die verlangenden -Körperkräfte an den Eisenwänden verrast, -dann fühlt man Mitleid mit ihm und wünschte, -diese Tiere, in denen der Trieb nach Freiheit nimmer -schläft, möchten wenigstens in ein größeres -Gehege gebracht werden. Es ist eine alte und, wie -ich glaube, falsche Menagerietradition, die Raubtiere -so eng als möglich zu halten und den Rindern, -den Schafen und anderem gutmütigen, an den -Stall gewöhnten Zeug weiten Spielraum zu lassen. -Würde man Löwen, Tiger, Leoparden, Bären und -Füchse in große Gehäuse bringen, wir könnten -ihren Anblick zehnfach genießen und ein Schauspiel -der herrlichsten Bewegungen würde sich entfalten.</p> - -<p>Der gleiche Brauch bewährt sich ja im Affenhaus, -vor dem die großen und die kleinen Kinder -sich amüsieren. Im Grunde aber ist es doch ein -recht melancholischer Spaß, den man mit diesen -kränklichen, boshaften und lächerlich menschengleichen -Geschöpfen hat. Wie gehässige, misanthropisch -ausgesonnene Karikaturen, wie gespenstische -Zerrbilder und böse Träume wirken sie -auf die Dauer. Es ist, wenn man einen Affen betrachtet, -als habe ein Mensch durch Krankheit -oder durch verruchten Zauber den Gebrauch seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -Gaben verloren, als falle er in den tierischen Urstand -zurück. Und während alle Schamlosigkeiten -des Körpers die Übermacht gewinnen, quält er -sich ab, diesem Jammer zu entwischen, bleibt mit -menschlichen Mienen und tierischen Gebärden -an der fürchterlichen Grenze zwischen Mensch und -Vieh. Diese Versuche, die ihn uns wieder nähern -sollen, wirken wie fast alle Vergeblichkeiten aufs -erste freilich komisch. Die Leute möchten vor Lachen -rasend werden, wenn so ein kleiner Mandrill -einen Spiegel in die Hand kriegt und sich über -das Wunder nicht zu fassen weiß. Und das Amüsement -kennt keine Schranken, wenn ein Affe all das -nachzuahmen sucht, was ihm einer aus dem Publikum -vorzeigt. Da wirkt der tiefe Ernst solcher Bemühungen -und ihre Fruchtlosigkeit lächerlich. -Aber wer einmal nur einen kranken Affen gesehen, -wer diesen flehenden, kummervollen Menschenblick -geschaut hat, diese dunkeln, klugen Augen, -die in Tränen schwimmen, diese vergrämten, greisenhaften -und so verzweifelt kinderähnlichen Züge, -der wird ein atavistisches Grauen bei ihnen nicht -mehr los. In Wirklichkeit possierlich sind nur jene -Tiere, die man ohne Befangenheit betrachten kann. -Tiere, von denen uns weite Distanzen und Zwischenstufen -trennen. Ein Drahtgitter aber ist noch -keine ausreichende Scheidewand. Und es dient -beim Affenhaus nur dazu, gelegentliche Verwechslungen -und Irrtümer hintanzuhalten.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span></p> - -<h2 id="MAUERBACH">MAUERBACH</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span></p> - -<p class="drop">Am Laudonpark vorbei führt die schöne, sanft -ansteigende Waldstaße nach Mauerbach. -Gleich an ihrem Anfang steht das alte Laudonschloß -mitten in einem stillen dunkeln Weiher. -Man soll hier nicht vorbei, ohne diesen ruhevollen -Herrensitz zu betrachten. Ein wenig neidisch wird -man freilich, wenn man da so um die Mauern -streicht und zu den hohen Fenstern emporblickt -und dabei sich ausmalt, wie ganz wunderbar es -sein muß, so mit allem Luxus und behaglicher Vornehmheit -eingebettet sein inmitten des Waldes, umbuscht -und umgrünt von einem Getümmel blühenden -Strauchwerks und himmelragender Bäume. Auf -dem stillen Weiher ziehen lichte Schwäne ihre -Bahn, hellgrün belaubte Weiden lassen ihre Zweige -in das Wasser niedersinken, und die Quadern des -Schlosses spiegeln sich darin. Es ist ein Bau im -Stil der Maria Theresienzeit. Anmutig und feierlich, -und mit einem Zug ins Heroische. Daß man -erst über eine steinerne Brücke gehen muß, um -an das Tor zu gelangen, gibt dem Schloß das Aussehen -einer Veste. So bauten die großen Soldaten -vergangener Epochen. Immer, auch wenn sie sich -zur Ruhe setzen, tun sie, als ob sie sich verschanzen -wollten.</p> - -<p>Der Feldmarschall Laudon ist in Weidlingau -noch sehr populär. Seine Nachkommen leben in -dem schönen Schloß, das er ihnen hinterließ. Er -selbst aber liegt draußen im Walde begraben. Neulich -habe ich ihn sogar mitten durch die Hauptstraße<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -reiten sehen, umgeben von seinem Stabe, -im weißen Waffenrock, das Goldene Vließ auf der -Brust und hinterher ein Schwarm türkischer Gefangener. -Voran kamen zwei Herolde in altdeutscher -Tracht. Und auf seinem Zuge ließ sich -der Generalfeldmarschall photographieren. Das -Ganze war ein Sängerfest, und der Mummenschanz -nahm sich auf sonniger Straße hübsch genug aus. -Namentlich der Feldmarschall Laudon, von einem -schlanken jungen Mann mit Würde dargestellt, erschien -hier wie ein alter Bekannter. Er glich aufs -Haar dem Laudon auf dem Wirtshausschild, was -für beide, für den gemalten wie für den kostümierten -Generalissimus, als ein voller Beweis ihrer -historischen Echtheit gelten darf.</p> - -<p>An diesem festlichen Tage fuhr ich, dem etwas -langwierigen und lauten Männergesang zu entwischen, -wieder einmal die Straße nach Mauerbach. -Dort draußen kann man ja auch Sonntags -im Freien sich ergehen, der frischen Luft genießen, -ohne <span id="corr172">allzuvielen</span> Menschen zu begegnen. Der große -Schwarm hält sich eben dicht an der Bahnstrecke, -und in dieses friedliche Seitental kommen nur -wenige.</p> - -<p>Ein schmaler weißer Streifen, zieht die Waldstraße -durch die schöne grüne Welt. Berge ringsumher, -sanfte, freundliche Berge, einer zärtlich -immer an den anderen gelehnt. Und breite, fröhliche -Wiesenflächen, auf denen einsame Erlen ihre -Äste breiten. Hier und da eine alleinstehende<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -Eiche, die aussieht, als sei sie mit den anderen -Bäumen verfeindet und halte sich nun trotzig abseits -von ihnen. Oder ein paar zarte junge Birken -mitten auf einer Wiese, als sei es ihnen im Walde -zu langweilig geworden, und als wollten sie nur -eben ein bißchen spazierengehen. Und der weiße -Wegstreifen vor dir läuft immerzu ins Grüne hinein, -bergauf, bergab, wie unsere Sehnsucht, die -sommerlich ins Freie strebt.</p> - -<p>Man blickt zurück und findet sich völlig eingeschlossen -von der Lieblichkeit der Wienerwald-Landschaft, -in der so viel Eichendorffsche Stimmung -ruht. O Täler weit, o Höhen! Wie nah ist -man hier doch der Stadt, oder wie fern von ihr? -Man weiß es nicht. Es können viele, viele Meilen -sein, so still ist es da, und so unberührt ist die Flur. -Nicht einmal der Wind trägt das lärmende Wanderlied -der Eisenbahnzüge bis hierher. Nur Amselrufe, -Finkenschlag und Lerchengesang, und das -helle Zirpen der Grillen, das von den Wiesen aufsteigt -wie der tönend gewordene Atem der blühenden -Erde. Lange wird dieser Frieden nicht mehr -dauern. Dann kommt die Bahn. Die »Wienerwald«-Bahn, -wie man sie heute schon nennt, die -von Hütteldorf über Judenau nach Tulln-Herzogenburg -führen soll. Dann wird auch das jungfräuliche, -wenig besiedelte Mauerbachtal, das jetzt -so hübsch außer der Welt liegt, von Lärm und Unrast -und Neugier erfüllt sein. Schlag' noch einmal -die Bogen um mich, du grünes Zelt!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span></p> - -<p>Dann freilich wird auch das kleine Mauerbach -für die sogenannten weitesten Kreise entdeckt werden. -Und man wird finden, daß es ein seltsamer -und sehenswerter Ort ist. Maler werden hierher -kommen und das alte Karthäuserkloster malen, -und die Pfründner, die jetzt darinnen wohnen, -wird man auf Bildern sehen, die den Armenhausbildern -von Gotthard Kuehl gleichen werden. Und -man wird bemerken, daß Mauerbach geradeso -schön ist, wie die vielgerühmte Beguinage in Brügge, -und ebenso vom Zauber einer wunderbaren, -wehmütig lieblichen Stimmung übergossen, wie -die stillen Stätten verrastender Greise in Holland.</p> - -<p>Schon der abschüssige Dorfplatz in Mauerbach -ist von einer merkwürdigen Schönheit. Die große -uralte Linde, die in seiner Mitte steht, und das -tief gelegene, farbige Portal, das den Eingang zur -Karthause bildet. Verwachsene Fresken zieren den -kühnen Steinbogen dieses Durchlasses, der eine -Vedute auf den weiten Vorhof eröffnet. Es ist wie -der Eingang zu einer Burg. Hinter dem vergitterten -Fenster, das wie ein einziges Auge aus dem -verwitterten Gemäuer blickt, mag einmal der Torwart -ausgespäht haben. Jetzt sitzen die alten -Frauen und Männer hier in der Sonne, oder rings -um die Linde, oder sie kauern am Zaun der kleinen -Vorgärten und schauen die Straße hinunter, die -aus dem Gewühl des Lebens hierher zu ihrer Einsamkeit -führt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span></p> - -<p>Über den weiten Vorhof, in dem die Hühner -und Gänse ihre Prozessionen halten, kommt man -zum Kloster. Ein Wassergraben, durch den der -Mauerbach rinnt, wehrt den Zugang und erinnert -wieder an eine Festung. Weiter unten steht auch -ein runder, spitzbedachter verwitterter Turm mit -kleinen Schießscharten. Die Karthäuser mögen -sich gegen alle Zufälle vorgesehen haben. Denn -es war eben doch nicht ganz gemütlich hier, mitten -im Wald, vor vier- oder fünfhundert Jahren, -und die »Wienerwaldbahn« ruhte damals noch -tiefer im Zeitenschoße als jetzt. Die Pfründner -natürlich haben dem Bollwerk eine andere Bestimmung -anphantasiert. Sie nennen ihn den -Hungerturm und behaupten, man habe sündige -Mönche da hineingesperrt und sie elend darin versterben -lassen, und natürlich gibt es einige, die -wissen wollen, daß es in dem alten Turm spuke.</p> - -<p>Durch schöne breite Gänge spaziert man in dem -Kloster umher. Kreuzgänge, in denen es angenehm -kühl ist, in denen die Schritte auf den Steinfliesen -hallen, und wo das geschnitzte Holzwerk an -den Türrahmen nachgedunkelt und tiefbraun geworden -ist. Schlafsaal – Krankensaal – liest man -jetzt, wo früher Refektorium oder Bibliothek gewesen. -Dann die Kirche. Sie ist klein, aber hoch, -und hat einen prunkvollen Altar mit einem mächtigen -Bild darüber; rechts und links zwei überlebensgroße, -in Gold und reichen Farben prangende -Holzstatuen. Hier ist auch das Grabmal Friedrichs<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -des Schönen, der die Karthause einst gegründet -hat. Draußen im Garten wird die Stelle -gezeigt, an der Friedrich im Walde sich verirrte -und das Gelöbnis tat, wenn Gott ihn aus der Wildnis -führe, hier ein Kloster zu erbauen. Und Gott -rettete den schönen jungen Herzog. Und der -»bonus dux« wie die Grabschrift ihn nennt, hielt -seinem Schöpfer, was er versprochen. Lange hat -er in dieser Kirche geschlafen, hinter diesem roten -Marmorstein, der heute noch sein Lob kündet. -Als dann Josef II. das Kloster aufhob und zu einem -Armenhaus verwandelte, wurde auch der Stifter -von den Mönchen hinweggenommen und anderswo -gebettet. Ich glaube, zu St. Stephan in Wien, -oder im Stift zu Heiligenkreuz.</p> - -<p>Die Kirche aber ward zu groß befunden für die -Armenhäusler, und so führte man in der Mitte eine -Mauer auf, ließ das vordere Hauptschiff als Kapelle -bestehen und teilte die rückwärtige Hälfte in -mehrere Stockwerke, so daß jetzt zwei Schlafsäle -übereinander den Raum einnehmen, den früher -das Orgelemporium hatte. In dem obersten Saale -sind alte Frauen. Da ist es denn für sie beinahe wie -im Himmel selbst, denn sie sehen durch die Fenster -geradeaus in die Kirche herunter, können -von ihrem Bette aus den Hochaltar erblicken, die -Messe hören, und der sanft schütternde Klang der -Orgel dringt bis herauf in ihre Stube. Wenn sie -aber morgens die Augen aufschlagen, dann haben -sie gleich eine ganze Engelsschar über ihrem Haupt.<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -Weil nämlich die prächtige Kirchendecke mit ihren -Gemälden und ihren Stuckverzierungen hier unversehrt -geblieben, genießen sie diesen Luxus, der -ja in Armenstuben selten und sonderbar genug ist. -Wo aber die Wand an die Kirchendecke stößt, -schneidet sie freilich recht unbekümmert die ganze -Herrlichkeit entzwei. Und da fährt nun ein Engel -zum Zimmer herein, der halben Leibes noch in -der Kirche drüben steckt. Ein anderer wieder ist -noch mit den Beinen hier innen, während er mit -Kopf und Armen voran in die Kirche strebt, und -nimmt sich aus, als sei er hier gefangen und eben -mit allen Kräften bemüht, zu entschlüpfen.</p> - -<p>Es ist ein merkwürdiger Raum, dieser Schlafsaal -armer, alter Frauen, dessen Dielen Weichholz sind -und dessen Plafond an fürstliche Prachtgemächer -erinnert. Welch eine ergreifende Atmosphäre! -Wie nah am Tode und am Ende aller Dinge fühlt -man sich hier! Wie viel verbrauchtes Leben, vollendetes -Schicksal, überstandene Sorge, wie viel -Hoffnungslosigkeit und Trauer, müdgeweinte Enttäuschung, -wie viel endgültiges, demütigendes Verzichten, -wie viel Abschiedsschmerz atmet hier, wo -die Menschen nichts mehr zu tun haben, als auf ihr -Stündlein zu warten!</p> - -<p>Da sitzen die alten Frauen vor den Fenstern -und schauen in die Kirche hinunter, mit stillen, -erloschenen Blicken, die so bewegungslos und so -undurchdringlich sind. Oder sie hocken auf ihren -Betten und verstricken den Sommertag, oder wirtschaften<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -mit einem enormen Aufgebot selbsttäuschender -Wichtigkeit in allerlei Kleinkram.</p> - -<p>Wie das Alter ertragen wird, kann man hier -merken auf Schritt und Tritt. Wie die einen gelassen -sind und beschwichtigt, die anderen in beständiger -Aufregung, andere verzweifelt, andere -beschämt und verschüchtert, andere wieder fröhlich. -Sie alle zusammen aber recht egoistisch und -zur Verträglichkeit wenig geneigt. Dort geht ein -Greis über den Hof, trägt stolz seine Medaillen -und raucht lächelnd sein Pfeifchen. Zwei andere -aber stoßen sich an, blicken ihm spöttisch nach und -beschwatzen ihn. Oder eine alte Frau verläßt -eine Gruppe. Sofort finden sich die übrigen zusammen, -ziehen über sie los, so ungeniert, daß die -Davongelaufene es noch hören muß. Aber sie ist -es gewohnt, kümmert sich nicht darum und macht -es offenbar, wenn es die Gelegenheit gibt, auch -nicht anders.</p> - -<p>Beruhigt sind die Menschen auch hier noch -nicht. Das kommt doch wohl erst, wenn jeder für -sich im Schrein liegt, wo niemand ihn sieht, und -wo er niemanden mehr beobachten, beneiden und -bereden kann. »Was man da alles hört …« sagt -eine kleine alte Frau zu einem Greis, der ihr aufmerksam -lauscht. »Gestern hat die Huber mit der -Berger g'stritten, weil der Meyer ihr zurückg'sagt -hat …« Und ihr vergilbtes, kraftloses Gesicht -leuchtet vor Vergnügen, so interessante Neuigkeiten -zu berichten. Erstaunt betrachte ich sie,<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -wie sie auf dem Platz unter der Linde stehen, alle -beide ganz versunken in ihrem Gespräch. Ein paar -Schritte weiter hinauf, und man überblickt die -Karthause, wie sie eingebettet, im tiefen Wald, -mitten in den Bergen hier einsam liegt. Da glaubt -man, hier ist die Ruhe, und hier steht alles Leben -und alles Geschehen stille. Und auf einmal sagt -jemand: »Was man da alles hört!« In Mauerbach …</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span></p> - -<h2 id="DAS_WIRTSHAUS_VON_OESTERREICH">DAS WIRTSHAUS VON ÖSTERREICH</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p> - -<p class="drop">Wir fahren zum Stelzer nach Rodaun. Durch -den lang hingestreckten Lärm der Mariahilferstraße; -durch diese Stromschnellen -des Mittelstandes, der hier in hunderttausend Alltäglichkeiten -uns umschäumt. Draußen bei den -letzten Häusern ist es dann, als ob eine Türe plötzlich -aufginge. Da öffnet sich das Land, da wird -der Himmel weit; von ferne schimmern die Höhen -des Wienerwaldes und durch die Luft weht der -Atem des Mai. Seitab der Straße, jenseits der -Wiesensenkung lächelt Schönbrunn zu uns herauf. -Über das Schloß hinaus prangt die feierliche Anmut -der Gloriette am Firmament. Wir fahren -durch das stille, noble Hietzing. Blühende Gärten, -Sommerpaläste aus den Tagen der Maria Theresia, -Biedermeierhäuschen und blühende Gärten. Weiter -hinaus durch Lainz und Speising, alte Bauerhütten -und neue Cottagevillen. Wir fahren am -Rosenhügel vorüber, dann hinunter in die kleine -Ortschaft Mauer, dann noch eine enge gewundene -Straße bergan, zwischen Gärten, in denen der -Flieder duftet. Auf der Graskuppe droben rasten -die Pferde ein wenig. Nun sind wir den Bergen -nahe. Der Wind trägt den Laubgeruch der Wälder -zu uns her. Vor uns in der Tiefe, an die ersten -Hügel geschmiegt, weißblinkend das Dorf Rodaun.</p> - -<p>Drunten, beim Stelzer eine wirr drängende -Auffahrt. Fiaker, Equipagen, Automobile, Kutschierwagen. -Beinahe wie vor dem Lusthaus im -Prater oder vor dem Pavillon d'Armenonville im<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span> -Bois de Boulogne. Dies ist nichts als ein altes -Wirtshaus. Eine ländliche Diele, im Stil der -Kaiser-Franz-Zeit wienerisch; ein paar behagliche -altmodische Stuben, allerlei neuer Zubau an -Veranden und Terrassen. Ein Garten, der den -Hügel erklettert, daran das Haus sich lehnt. -Dreißig Wirtschaften gibt es im Wienerwald, die -schöner und lieblicher gelegen sind als diese hier. -Die Gegend ist reizend, aber sie wird von dreißig -anderen hier herum an Reiz übertroffen. Hier ist -auch kein Ausgangspunkt, hier führt kein Weg -zu populären Landpartien. Man kommt eben -nur heraus, um beim Stelzer zu sein. Der ganze -Garten schwirrt von eleganten Menschen. Alle -sitzen da unter den blühenden Kastanienbäumen -und trinken Kaffee, sitzen dann im oberen Garten -und soupieren.</p> - -<p>Kleine Buben in Uniform, von Vater und -Mutter, von Schwestern und Tanten umgeben -und umzärtelt, verschlingen gierig ihre Eisschokolade, -ihre Erdbeercreme und Kuchen. Zehnjährige, -zwölfjährige Buberln, fünfzehnjährige, -sechszehnjährige Burschen. Sie sind ungefähr -wie die Theresianisten angezogen. Österreichischer -Offiziersrock, silberne Litzen am Kragen, österreichische -Offizierskappen. Brave, saubere Gesichter, -die manchmal die Züge bekannter Familien -tragen. Der Kleine da mag ein Liechtenstein, -der andere hier ein Auersperg sein, der hübsche -Pagenkopf dort ein Taxis. Diese kleinen Buben<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -werden nebenan in der Jesuitenschule erzogen. -Fünfzig Schritte vom Stelzer liegt das Kalksburger -Kloster, darin diese Kinder aufwachsen, -die jetzt schon so offiziell und so österreichisch -aussehen.</p> - -<p>Kalksburg … in dieser Küche wird der österreichische -Geist zubereitet, wird gemischt und -gewürzt, gedämpft und abgebrüht. In die Jesuitenschule -gehen alle, die geboren sind, dieses -Land zu regieren. Katholische Verhaltenheit, -Kunst des Lavierens, innerliches Gebundensein, -Technik der kleinen Lüge und der feingesponnenen -Intrigen, Demut und Beschränktheit, Stolz und -Gehorsam, Andacht, Aberglaube, Snobismus, Weisheit -und Mißtrauen, Liebe zu allem Hergebrachten, -Widerstand und Tücke gegen alles Neue, -und noch viele andere Dinge werden hier in die -Menschen gepflanzt, Dinge, die man bei uns -sogleich begreift und erkennt, wenn man nur -»Kalksburg« sagt. Hier wuchsen die Gegner -Josefs des Zweiten auf, hier wurden die Minister -des Kaisers Franz, die Diplomaten des Kaisers -Ferdinand, die Ratgeber, Botschafter und Statthalter -Franz Josefs erzogen. Von hier aus nahmen -sie ihren Weg.</p> - -<p>Und ihr erster Weg war immer zum Stelzer. -Hier ward, in der Kalksburger Jesuitenschule, der -staatsmännische Geist gebildet, der die Habsburger -Monarchie vom Deutschen Reich löste, -der nach Achtundvierzig die Reaktion verhängte,<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -der auf den lombardischen Schlachtfeldern unser -Blut vergoß, der gegen das protestantische Preußen -trieb und uns zu Königgrätz brachte. Hier wird -das pfaffenbeherrschte, christlich-soziale Österreich -jetzt machtvoll wieder aufgerichtet. In -dieser Waffenschmiede der Jesuiten wird unser -Adel für Rom und seine Kirche gerüstet.</p> - -<p>Aber wenn sie noch kleine Buben sind, und ihre -Eltern herausgefahren kommen, um sie zu besuchen, -dann werden sie zum Stelzer geführt. -Es ist ihr erster Weg. Dann sitzen sie hier im -Garten und essen Gefrorenes und haben liebe, -saubere, brave Gesichter. Die Väter sitzen wohlwollend -dabei, schauen zu, wie es den Kindern -schmeckt, und denken der eigenen Jugend: Kalksburg, -die Jesuitenschule, die Uniform und die -Jause beim Stelzer. Diese kleinen Buben werden -aufwachsen, werden dann zur Universität oder -auf die Orientalische Akademie gehen, oder -sie werden bei den Windischgrätz-Dragonern -dienen. Dann werden sie mit ihrer ersten Geliebten, -mit einem hübschen Ballettmädel, oder -mit einer herzigen Choristin, oder mit einer -französischen Varieteedame im Fiaker fahren. Über -die Mariahilferstraße, am Schönbrunner Schloß -vorbei, durch Hietzing und Mauer nach Rodaun, -zum Stelzer. Sie werden irgendeiner Botschaft -attachiert sein, in Buenos Aires oder in Peking, -sie werden in die Statthalterei eintreten, bei -irgendeiner Bezirkshauptmannschaft in der Provinz,<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span> -oder sie werden in einem Ministerium -arbeiten; und wenn sie dann im Frühling auf -Urlaub nach Wien kommen, werden sie wieder -im Fiaker zum Stelzer fahren. Sie werden irgendeine -Prinzeß oder eine Komtesse heiraten und sich -im Wonnemond, vor dem Derby jedenfalls, mit -ihrer Frau beim Stelzer sehen lassen. Dann -kriegen sie Kinder, die wieder nach Kalksburg -zu den Jesuiten in die Schule müssen, und die -kleinen Buben führt man dann wieder in den -Gasthausgarten her, damit sie Gefrorenes essen -zu ihrer Erholung vom Studium. Sie werden -Hofräte und Sektionschefs und Generale und -Leibgardekapitäns, und wenn man an linden -Frühsommerabenden unter freiem Himmel »nachtmahlen« -will, oder zum Kaffee ins Grüne fahren, -dann ist es wieder zum Stelzer. Denn man ist -konservativ und treu. Seinem Gott, seinem -Kaiser, seinen Jesuiten, seinem gewohnten Weg -und seinem Wirtshaus. Sie werden Minister und -Exzellenzen und Statthalter und Gouverneure, -halten die Schnüre der großen Politik in der Hand, -haben feine und delikate Geschäfte auszuführen, -mit fremden Diplomaten, mit irgendeinem Parlamentarier -oder mit einem Börsenbaron; Angelegenheiten, -die man vorerst ganz vertraulich, -ganz privat behandeln muß und ganz gemütlich. -Da gibt man solch einer Konferenz, in -der manchmal das Schicksal Österreichs ein bißchen -entschieden wird, den harmlosen Charakter<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span> -eines Soupergespräches, den Anschein zufälliger -Begegnung, und man plaudert beim Stelzer -draußen in einem Gartenzelt, wenn's Sommer -ist, oder in einer der behaglichen Altwiener -Stuben, wenn ringsum der Schnee auf den Bergen -liegt.</p> - -<p>In diesen Stuben sind die Wände bedeckt mit -Photographien. Prinzen und Prinzessinnen, ungarische -Magnaten, polnische Schlachzizen, wienerische -Geldfürsten, Theaterköniginnen, berühmte -Tenoristen, populäre Komiker. Eine Galerie, die -verschollenen Ruhm und versunkene Macht wieder -ins Gedächtnis bringt, und Gesichter zeigt, die -in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen -Säkulums lebendig und bekannt gewesen; Gesichter, -die heute lebendig und bekannt sind. -Auf jedem Bild Unterschrift und Widmung an -den Wirt. In diesen Stuben sind Geheimnisse -der Monarchie besprochen worden, diese Wände -haben den Klatsch der großen Gesellschaft gehört -und das Flüstern galanter, vornehmer Abenteuer.</p> - -<p>Der schmale Weg vom Kloster her hat die -Leute zuerst zum Stelzer gebracht. Kloster und -Wirtshaus, Kirche und Lustbarkeit, das ist eine -uralte katholische Nachbarschaft. Mit den Adeligen -sind die Kokotten gekommen, mit den -Kokotten die reichen Bürgersöhne, die Sprößlinge -der großen Bankhäuser; es kamen die -Fabrikantenfamilien vom Grund, es kam die<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span> -prunkvolle Finanzwelt, die Künstler kamen, das -Theater, einfach alle.</p> - -<p>In diesem Garten, der von Menschen schwirrt, -ist ganz Österreich beisammen. Österreichs Vergangenheit, -Gegenwart und Zukunft. Die Männer, -die das Land regiert haben, die es regieren und -die es einst regieren werden. Alle zusammen sind -sie Schulkameraden von Kalksburg her. Das sitzt -hier beieinander, jetzt, wie in den Tagen des -Kronprinzen Rudolf, wie in den Tagen des -Sechsundsechzigerkrieges, wie in den Jahren Radetzkys, -wie im Vormärz, als Kaiser Ferdinand -noch regierte. Das plaudert wie einst, sieht aus -wie damals und denkt nicht viel anders, als man -immer schon gedacht hat. Kennt sich untereinander, -ist wie eine große Familie; und der -Frühling duftet wie einst.</p> - -<p>Wir fahren heim. In den Gärten singen die -Amseln, über die jungen Saaten zuckt der -Schwalbenflug dahin. Oben auf der Anhöhe liegt -das kaiserliche Wien vor den berauschten Blicken. -Dunst und Staub schwebt über der Stadt wie ein -feiner hellgrauer Schleier, aus dem die Turmspitzen -in der Abendsonne funkeln. Unübersehbar -und mächtig ruht die Stadt in der Ebene, verschwindet -am fernen Horizont, als breite sie sich -über das ganze Land hin. Wir schauen zurück -in das Tal, das wir verlassen, sehen die weiße -Front des Klosters aus den Baumwipfeln des -alten Parks schimmern, sehen Rodaun sich an<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span> -den Fuß der Berge schmiegen. Dort unten haben -wir den Extrakt dieser Heimatswelt geschaut, -haben ihr Inhaltsverzeichnis gelesen, die Überschrift -aller Kapitel ihrer Geschichte und ihrer -Romane.</p> - -<p>Und die Pferde traben.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p> - -<h2 id="MARIAZELL">MARIAZELL</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p> - -<p class="drop">Einmal muß man's gesehen haben, muß hinter -den Bergen gewesen sein, bei Maria in Zell. -Besonders aber wer nach dem tieferen Sinn -der österreichischen Art und des österreichischen -Schicksals trachtet. Dem mag es frommen, wenn -er eines Tages den mühsamen Kreuzberg hinaufwandert, -wo dann die üppige Kirche weiß auf -grünem Hügel vor ihm daliegt, eingebettet im -Rund der hohen steirischen Gipfel. Da wird ihm -hernach vieles klar. Mariazell … es ist der -Schlüssel zu einer der innersten Kammern des -österreichischen Herzens. Besser wird man in der -Geschichte des Landes sich zurechtfinden, wird -seine Gegenwart leichter entziffern, vielleicht auch -in der Zukunft ein wenig lesen können, wenn -man diese Luft geatmet hat, die vom Harzgeruch -der Bergwälder erfüllt ist, vom Duft der Weihrauchwolken, -vom Geläute der Glocken, vom -Flattern der Kirchenfahnen und von den Lobgesängen -wallfahrenden Volkes.</p> - -<p>Hinter Mürzsteg, wo an den Tannenwald gelehnt -das kleine Jagdschloß des Kaisers mit geschlossenen -Fenstern schlummert, hinter Mürzsteg -also beginnt die Jetztzeit, das Heute, das zwanzigste -Jahrhundert, so langsam zu versinken. Und -bis man in Mariazell ankommt, liegt es weit, -weit zurück. Hinter Mürzsteg betritt man die -schmale Straße, die mürzaufwärts durch die Felsschlucht -sich windet. Man betritt sie auf eigene -Verantwortung, denn das Forstärar lehnt es ausdrücklich<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -ab, für die Wanderer und ihre Sicherheit -zu haften. Aber die da des Weges ziehen, -haben sich in einen höheren Schutz als in den -eines k. k. Forstärars begeben, und hoffen auf -ihrem Weg zu dem frommen Ziel vor Steinschlägen -bewahrt zu bleiben. Und dieses Hoffen -wird bestärkt, wenn sie beim »Toten Weib« die -Votivtafel sehen, die hier daran erinnert, daß vor -Jahren einmal unsere Kaiserin, hier spazieren reitend, -in Gefahr sich befand, aus der sie unversehrt -entronnen ist. Dem heiligen Georg, »equitum -patronus«, hat sie hier ein Bild an die Wand -heften lassen. Und die Erzherzogin Valerie hat -ein langes Gedicht an den Beschützer der Reiter -daruntergesetzt. Alle Leute lesen es, und ich -hab' es auch gelesen, dieses Gedicht. Aber ich -glaube nicht, daß es erlaubt ist, diese Verse zu -kritisieren. Man wird sie wohl nur loben dürfen, -weshalb wir denn auch weitergehen wollen.</p> - -<p>Kurz vor Mariazell liest man vor einem kleinen -Dorf die Tafel: »Evangelische Ortsgemeinde.« -Dann weiter auf einem sauberen Hause: »Evangelische -Schule.« Weiß Gott, durch welchen Zufall -dies Häuflein Protestanten den Verfolgungen -der Gegenreformation und dem Ausgetriebenwerden -entging. Und man müßte hier wohl ein -wenig länger bleiben, um zu sehen, wie sie auf -ihrer winzigen lutherischen Insel hier leben und -wie sie zu ihren anderen Landsleuten stehen: besonders -aber diese zu ihnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p> - -<p>Dann kommt der Kreuzberg, und dann ist man -in Mariazell. Von dem grünen Wiesenhügel, auf -dem die Ortschaft mit der Kirche liegt, kann -man weit in die Runde sehen. Da kommen die -weißen Straßen von überall her, von allen Seiten -des Landes. Stürzen sich aus der Höhe herab -zur Marienkirche, laufen aus den dunklen Wäldern -schimmernd hervor, gehen durch die Taltiefe -in Windungen immer näher heran, gürten den -Hügel mit ihren weißen Bändern und ihrer beflissenen -Wegsamkeit. Überall Pferdegetrappel, -Wagenrollen, aus der Höhe, aus der Tiefe, Peitschenknall -und Rufen. Besuche kommen, Besuche -gehen. Die Sonne sank schon hinter den höchsten -Spitzen, und in den Turmkreuzen erlosch das -Blitzen ihres Lichtes, da kommt von weitem eine -Prozession heran. Seidene Kirchenfahnen bauschen -sich schwer im Abendwind. Rote Fahnen, -blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten, -wehenden Bändern. Standarten der Frömmigkeit, -hoch über den Häuptern der Wallfahrer hinschwankend. -Nun sie der Kirche ansichtig werden, -beginnen sie zu singen. Langhingezogene, feierliche -Rhythmen. Tiefe Männerstimmen, darüber -der dünne, etwas heulende Sopran der Weiber. -Hier draußen im Freien bekommt der Gesang -Luft und Weite, die frische Luft haucht ihm eine -neue Schönheit an, etwa wie sie blassen Wangen -höhere Farben anbläst. Dieser Wallfahrerzug, über -den Teppich blumiger Wiesen schreitend, von der<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span> -unendlichen Kulisse ragender Bergwälder sich abhebend -mit seinen Fahnen und Bändern, tönend -von einem Gesang, dessen Sehnsucht der Wind -aufhebt und hoch im blaßblauen Dämmer in lauter -Duft und Zartheit löst, wird nach und nach mehr, -als er in seiner Einzelheit vorstellt. »Das sind die -Floridsdorfer …« sagt ein Kundiger neben mir. -Aber in diesem Augenblick ist es Stimme und Gebärde -eines ganzen Landes, des Landes, das vor -uns sich breitet und das man jenseits all dieser -Berge weiß; ist es Naturlaut und tiefster Herzensakzent -dieses Bodens. Mögen es nachher immer -die Floridsdorfer sein.</p> - -<p>Die Glocken beginnen jetzt zu läuten. Als Willkomm -dem grüßenden Lied, das die Wallfahrer -ihren Schritten vorausschicken. Unter Glockengeläute -folgt dann der Einzug. Glockenläuten, -Gesang, Paukenwirbel, Fanfaren, Fahnenrauschen, -Vaterunser. Und jeder Tag sieht solche Einzüge -hier. Jeden Tag schreiten solche Prozessionen in -feierlicher Musik durch die Straßen dieses Ortes. -Es ist wie ein beständiges Sommerfest der Frömmigkeit, -wie ein Permanenzdienst der Andacht. -Eine unaufhörliche Frohfeier schwebt auf dieser -Ortschaft, die sich üppig, in reichen, blinkenden -Häusern um die Kirche schmiegt. Ein Seelenkurort, -der mit lockenden Buden, mit Gasthöfen, -mit gleißenden Kramläden in Blüte steht. An -fünfunddreißigtausend Menschen kommen jahrüber -nach Salzburg, an sechzigtausend nach Luzern,<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span> -– um die gesuchtesten Städte zu nennen. Nach -Mariazell kommen etwa hundertfünfzigtausend.</p> - -<p>Das Läuten verstummt und das Singen. Betend -gehen die Wallfahrer durch das breitgeöffnete -Kirchentor ein. Im Lichterglanz schimmernd, -flimmernd, strahlend, glänzend empfängt sie die -hochgewölbte Kirche, empfängt sie das Marienbild -auf dem silberstarrenden Altar; mit ihrem -milden, melodischen Donner empfängt sie die -Orgel, und hüllt sie völlig ein in die brausende -Kraft ihrer Stimme. Schwergoldenen Brokat um -die Schultern, empfängt sie der Priester, der vor -dem Tisch des Herrn steht; Weihrauch dampft -empor und strömt seinen Duft über sie hin. Und -wegmüde, sehnsüchtige, vollkommen gebannte -Menschen knien auf den steinernen Fliesen, Gesichter, -in denen der Fanatismus zu brennen anfängt, -Gesichter, auf denen tiefe Andacht geschrieben -steht, Mienen, die in Bewunderung sich lösen, -in unbedingter Hingabe, Gesichter, die stumpf -sind und verschlossen, verriegelt für alles andere -außer für die Überredung dieser Stunde. Und über -alle spricht dann der Priester den Segen. Dominus -vobiscum!</p> - -<p>Draußen hat sich die Dunkelheit auf die Landschaft -gesenkt. Draußen wartet, mit ihren aufstrahlenden -Glühlichtern die weltliche Lustbarkeit -des Ortes. Tische im Freien vor den hellbeleuchteten -Gasthöfen. Die Buden hell beleuchtet, die -Schaufenster der Läden, und ein italienisches<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span> -Volkstreiben auf den Straßen. Wagen, die abfahren, -Wagen, die kommen. Singende Bursche -und Mädchen, Gaffer. Mittendurch, mit brennenden -Kerzen und Lampions der »Lichtlumzug« der -Wallfahrer, wie ein freudiger Reigen. Später dann -im Nachtlager der Armen, all derer, die kein Extrazimmer -mieten können, und die auch die langen -Massenschlafstuben zu teuer finden. Mit ihren -Reisebündeln, die Kleider ein wenig nur gelöst, -liegen sie auf der gestampften Erde im Freien, -unter halb offenen Stadeln, Wagenschuppen, und -der Nachtwind nimmt den Schlafdunst von ihnen. -Dominus vobiscum.</p> - -<p>Am andern Morgen das Hochamt; Sonntagmorgen. -Die Kirche gedrängt voll, Marienbilder, -von den Prozessionen hereingetragen, stehen vor -dem silbernen Altar, die Fahnen der Wallfahrer. -Nach der Messe predigt der Kaplan, der sie hergeführt -hat. Warum sind die Katholiken immer -so lustig, sagt er, und die Protestanten so traurig? -Weil die Katholiken eine Mutter haben, die -Muttergottes Maria, und die Protestanten nicht. -Weil die Katholiken die Heiligen haben, ihre -Schutzpatrone und Fürsprecher, und die Protestanten -nicht. Und weil die Protestanten sich von -seiner Mutter abgewendet haben, darum hat sich -Jesus auch von ihnen abgewendet usw. Jetzt glaubt -man sich's ein wenig vorstellen zu können, was -für einen Stand die kleine evangelische Gemeinde -in St. Aegyd bei Mariazell wohl haben mag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p> - -<p>Wie dann das Hochamt und die Predigt vorüber -sind, kann man die Schatzkammer sehen. -Ein hohes Gemach neben dem Orgel-Emporium -birgt in großen Glasschränken, was eben an Juwelen, -Perlen, Gold und Silber ausgelegt ward. Ein -fabelhafter, gar nicht meßbarer Reichtum, der -hier ruht. Man könnte unzählige Tränen damit -trocknen, könnte ungeheures Elend in Wohlstand -verwandeln, könnte eine kleine Provinz dafür kaufen. -Ein Altarschrein aus massivem Silber nimmt -die Mitte ein. Er ist von Maria Theresia gestiftet -und trägt in tellergroßen, schweren Goldreliefs -die Bildnisse ihrer ganzen Familie. Aus allerlei -Opfergaben wurde eine Monstranz gemacht. Vierzehnhundert -Edelsteine zieren sie. Nur noch zu -Paris, in der Notredame-Sakristei, sah ich eine -ähnliche. Sie war ganz aus weißen, funkelnden -Brillanten, und man war geblendet, wenn man -sie nur ansah. Unsere Kaiserin hat das Medaillon -hierher gestiftet, das sie bei jenem Unfall in Mürzsteg -trug. Rubinen und Brillanten. Auf Kaiser -Ferdinand wurde in Baden einmal geschossen. -Maria Anna ließ aus purem Gold ein Büschel -Eichenblätter formen und die Kugel des Attentäters -in die goldene Eichel kapseln. Außerdem gab -sie eine Perlenschnur von einer wahrhaft kaiserlichen -Pracht und Größe. Unzählbar sind die Perlenschnüre, -die Brillantringe, die Broschen, Münzen, -Orden, Korallen und andere Kostbarkeiten.</p> - -<p>Oben auf den Galerien und Treppenhäusern,<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -die rings um das Hauptschiff der Kirche führen, -sind die Wände dicht mit Votivbildern behangen. -Wunderbare Rettungen, wunderbare Heilkuren, -aufgemalt zum Dank und Gedächtnis, und allen -Zweiflern zur Schau. Da liegt ein abgezehrtes -Kind im Bett, dort ein Vater am Verlöschen, hier -eine Mutter in Todesnot. Die Angehörigen stehen -verzweifelt im Kreise, und der Arzt in ihrer Mitte, -achselzuckend, bedauernd, ratlos. Die Ärzte spielen -überhaupt eine trübselige Rolle in dieser großen -seltsamen Bildergalerie. Man kann faktisch alles -Vertrauen zu ihnen verlieren.</p> - -<p>Noch einmal schaut man in der Kirche unten -zum Altar hin. Ein breites Gebäude aus leuchtendem -Silber, dessen Front oben vom kaiserlichen -Doppeladler gekrönt wird. In der Tiefe des -Schreines, von ungewissem Kerzenschimmer überfunkelt, -ein Marienbildnis. In seidene, goldgestickte -Gewänder gehüllt. Oben in der Schatzkammer -liegen noch mehr als hundert andere Kleider -für das Heiligenbild, aus Brokat, aus Atlas, -aus Sammet, mit Dukaten benäht, mit Silber und -Perlen bestickt.</p> - -<p>Draußen, im sommerlichen Sonntag, wird man -von dem anmutigen Lächeln der Landschaft bezwungen. -Schreitet den Hügel niederwärts, geht -die Anhöhen zum Wald hinauf: überall sieht man -die Kirche, sieht ihre drei stolzen Türme emporragen. -Sie beherrscht das Land! Man schaut in -dies Gewimmel von zahllosen Menschen, schaut<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -auf die Wagen, die von allen Seiten heranrollen, -auf das Treiben vor den Buden, und man versucht -ein paar Namen zu denken, versucht sie laut auszusprechen, -hier in dieser vom Duft des Weihrauchs, -vom Geläute der Glocken erfüllten Luft: -Friedrich Schiller … richtig, den hat ja ein -strebernder österreichischer Geistesritter neulich -im Wiener Rathaus zum Katholischen gemacht. -Zum Ehrenbürger von Mariazell. Aber andere: -Pasteur … Nietzsche … Oder: Ojama … Togo -… oder Stendhal … Maupassant … Zola … Sie -haben hier einen fremden Klang, wie von weither, -aus fernen Ländern, die gar nicht an diese Landschaft -grenzen. Namen aus dem neunzehnten -Jahrhundert, das hier noch nicht, noch lange nicht -angebrochen ist. Namen, die man aus einer Erinnerung -holt, aus einem Bewußtsein, das selbst -einzuschlummern beginnt, hier in Mariazell. Dort -aber zieht am Saum des Waldes, eine neue Prozession -heran. Seidene Kirchenfahnen, die sich -bauschen, rote Fahnen, blaue Fahnen, mit baumelnden -Goldquasten. Gesang und Glockengeläute. -Nächstens aber kommt die Eisenbahn auch -hierher, und die Massenzufuhr per Dampf, die -sie in Lourdes jetzt eingestellt haben, lebt in -Steiermark wieder auf. Dann wird man rascher -noch als jetzt, und mit allem modernen Komfort -aus der Jetztzeit, in die Vergangenheit hineinfahren -können.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p> - -<h2 id="RADETZKY">RADETZKY</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p> - -<p class="drop">In dem Namen ist eine große Kraft: Radetzky. -Sein Klang hat etwas Couragiertes. Er tönt -wie heller Trommelschlag, und eine Trompete -schmettert dazu. Der Name ist unter uns wie ein -lebendiges Wesen; scheint für sich allein ein eigenes -Dasein zu führen. Der ihn getragen, der ihn berühmt -gemacht, der ihm so viel Lebenslicht verliehen -hat, ist nun ein halbes Jahrhundert tot.</p> - -<p>Ein Feldherr. In weite Ferne rückt uns seine -Gestalt. Alle Gestalten dieser Art sind uns in weite -Fernen gerückt. Unsere Zeit kennt keine Feldherren. -Vier Dezennien Friede, Aufwachsen und -Absterben von Generationen, und keinen sahen -wir, der durch den Dampf und Donner der -Schlachtfelder seinen Willen trägt, der dann heimkehrt, -in seinem Aug' den Glanz des Sieges, den -dunklen Schein vergossenen Blutes, und um seinen -Mund den eisernen Zug vollbrachter Taten. Wir -haben solche Männer nicht erlebt. Da ist, in -weiter Ferne, nur diese Gestalt, deren Menschliches -fast schon zu zerfließen beginnt, sich in -Volkslied und Dichtung auflöst, deren Leibhaftigkeit -sich in ein Emblem wandelt, zum Motto wird, -zum Ausruf, zum Feldzeichen.</p> - -<p>Sein Menschliches … »… ein kleiner Mann mit -einem unbeschreiblich ruhigen, wohlwollenden Gesichtsausdruck.« -Graf Schönfeld, der als Ordonnanzoffizier -bei ihm war, schildert ihn so. Und -wie aufmerksam man auch die Bildnisse, die von -ihm da sind, betrachten mag, man findet nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -mehr. Ein altes Soldatenantlitz, gesammelt und -ruhig. Ein österreichisches Gesicht, das unter dem -Schimmer der Gemütlichkeit alles birgt, was an -Härte, an Schwung oder Geist von anderen -Mienen sonst zu lesen wäre. Man schaut dies einfache -Greisenantlitz an und verklärt es in dem -Gedanken an sein Schicksal. Die militärischen Gelehrten -können seine Begabung messen, das, was -sein Feldherrengenie war, was wir nicht verstehen, -was wir als ein Gegebenes hinnehmen und nach -dem Erfolg bewerten. Sein Menschenschicksal -können wir erfassen, dieses ungewöhnliche, fast -ungeheure Schicksal; können die Größe seiner -Persönlichkeit verstehen, und den Zauber seines -Wesens, der noch heute anhält.</p> - -<p>Er kam als Krieger in eine kriegerische Welt. -Das ist schon Schicksal. Wie es ja ein Schicksal -ist, ein schlimmes freilich, als Krieger in eine friedsame -Welt zu kommen. Auch unserem Zeitalter -sind sicherlich Feldherrn geboren worden, Genies -vielleicht. Warum sollen wir daran zweifeln? Sie -wuchsen auf, wurden alt, starben, oder werden -demnächst sterben, und niemand weiß von ihnen. -Sie hätten glanzvolle Siege erfochten, aber da niemand -kämpfte, konnten sie weder fechten noch -siegen. Ihr Los war, in Bereitschaft sein und nicht -verbraucht werden. Einen großen Schauspieler, -der niemals spielen, einen genialen Maler, der niemals -malen darf, können wir uns nicht denken. -Aber einen großen Krieger, der niemals Krieg<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -führen darf, müssen wir uns vorstellen können. -Einen, der in sich die Fähigkeit weiß, unsterblich -zu werden; und der seine Unsterblichkeit muß -hindorren sehen.</p> - -<p>Radetzky kam in eine Welt, die vom Waffenlärm -klirrte. Er hat noch gegen den letzten Feind -des alten Österreich gekämpft, gegen die Türken. -Und er hat gegen den ersten Gegner des neuen -Österreich Krieg geführt, gegen die Italiener. Er -hat, als junger Offizier, den jähen Stoß des jungen -Bonaparte erlebt, hat es miterlebt, wie der neuerstandene -Franzosenfeldherr in Italien einbrach, -die österreichische Armee überrannte, und er hat -dann auf diesen selben Schlachtfeldern der Lombardei -die österreichische Armee zum Siege geführt, -lange, lange, nachdem das Napoleon-Märchen -verrauscht und verblaßt war.</p> - -<p>Es wird erzählt, Radetzky sei im Zeichen des -Schützen zur Welt gekommen. War's eine Vorbedeutung, -dann hat sie sich wunderbar erfüllt. -Denn kaum ein anderer ist vom Schicksal so aufgespart -worden wie er. Sein Ruhm beginnt, wo -das Leben der meisten Menschen längst zu Ende -ist; seine größten Taten heben erst an, wo das -Tun anderer Menschen längst kraftlos geworden. -Er hat siebzehn Feldzüge mitgemacht, wurde in -vielen Schlachten verwundet, hat mit einer Tapferkeit -gefochten, die selbst in den tapferen, an -Bravour so reichen Napoleon-Jahren Aufsehen erregte. -Aber wäre er damals gefallen, nur die Regimentsgeschichte<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span> -hätte seinen Namen bewahrt. Er -hat in den dreißig Friedensjahren, die auf Waterloo -folgten, den österreichischen Truppendienst -reformiert, daß Russen und Preußen daran ein -Muster nahmen. Aber wäre er als ein Achtzigjähriger -gestorben, nur die Kriegswissenschaft -hätte ihn gekannt.</p> - -<p>Mit dreiundsechzig Jahren geht er als Kommandant -nach Olmütz, glaubt sein Lebensabend -sei nun angebrochen, meint, daß er dem wohlverdienten -Ruhestand sich nähere. Und ist drei -Jahre später in Mailand. Wird dort siebzig und -achtzig Jahre alt. Und wie dann die Agenten Karl -Alberts ganz Oberitalien insurgieren, sagt der einundachtzigjährige -Radetzky: »Ich werde das Blut -beweinen, das fließen muß, aber ich werde es vergießen!«</p> - -<p>Ein Jahr nachher vergießt er dieses Blut. Er -siegt in Schlachten, die wie in einem Jugendrausch -geschlagen werden, siegt bei Verona, Curtatone, -Santa Lucia und Custozza. Noch ein Jahr darauf -bezwingt er die Piemontesen und sagt bei Novara, -in das Kampfgewühl schauend: »Gott sei Dank, -sie laufen!« Dem Adjutanten, den er dann zu -Viktor Emanuel sendet, mit der Botschaft, er -bewillige dem geschlagenen König eine Unterredung, -sagt er lächelnd: »Er darf schon ein bisserl -Wind machen …« Auch für den, der nicht militärisch -fühlt, der nur aufs Menschliche blickt, -hat dieser kämpfende Greis einen unbeschreiblichen<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -Zauber, hätte ihn, selbst wenn er unterlegen -wäre.</p> - -<p>In einem Bauerngehöft kommen Radetzky und -Viktor Emanuel zusammen. Um ungestört sich -zu besprechen, steigen sie auf einen Düngerhaufen. -Rings im Kreise stehen die Suiten und -schauen zu. Und wie Radetzky einmal mit einer -Gebärde der Ungeduld sich abwendet, murrt sein -Kammerdiener, der Karl, der das lose Maul hat, -und der sich ungeniert zu den Offizieren gesellt: -»Wenn er nur nicht nachgibt, der Alte! Hab's -ihm heute beim Anziehen noch eigens eingeschärft.«</p> - -<p>Er gab nicht nach. Wieder ein Lustrum später, -als Siebenundachtzigjähriger, schreibt er seiner -Tochter aus Verona jenen merkwürdigen Brief, -der anhebt: »Den siebenten Ball, sehr zahlreich -und animiert … Die Herzogin von Parma tanzte -bis drei Uhr sehr munter, die Toiletten der Damen -sehr gesucht und elegant … den Kotillon tanzten -etliche fünfzig Paare …« Jenen beispiellosen -Brief, in dem es wenige Zeilen nach dem Ballbericht -heißt: »Zehn tote Soldaten mit ausgestochenen -Augen, aufgeschlitzten Bäuchen …« -(wurden in Mailand gefunden). Jenen Brief, der -mit den Worten schließt: »Wenn meine Anträge -genehmigt, Mailand außer Gesetz gestellt – dann -wehe Mailand!«</p> - -<p>Als er dann – 1857 – die erbetene Versetzung -in den Ruhestand erhält, sendet er seiner Tochter<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span> -eine Kopie des kaiserlichen Handbilletts und schreibt -dazu: »Anliegend schicke ich Dir eine Abschrift -mit der geplatzten Bombe …« Er hat zweiundsiebzig -Dienstjahre hinter sich, ist einundneunzig -Jahre alt, und nennt seinen Rücktritt, wie man -etwa ein unerwartetes, verfrühtes Ereignis nennt: -eine »geplatzte Bombe«.</p> - -<p>Züge: Der Mann, der spricht: »Ich beweine -das Blut … aber ich werde es vergießen.« Der -nach dem Sieg von Novara dem jungen Ordonanzoffizier -erlaubt: »Er darf schon ein bisserl Wind -machen …« Der auf ein und derselben Briefseite -einen Ball beschreibt, die Toiletten der -Damen kritisiert, und zuletzt das »wehe Mailand« -hinsetzt. In all dem ist eine österreichische Mischung -von Größe und Gemütlichkeit, von Härte -und liebenswürdiger Anmut. Die Jovialität, die -dem Kammerdiener gestattet, sich's einzubilden, -er habe, wenn über Krieg und Frieden entschieden -wird, auch was dreinzureden, ist von österreichischer -Art ebenso tief gefärbt, wie die unfeierliche, -von allem Pathos ferne Manier, mit der dieser -Kammerdiener den siegreichen Feldherrn mitten -unter seinen Offizieren: »der Alte!« nennen darf, -ohne daß der Respekt, ohne daß die Verehrung -dabei Schaden leidet.</p> - -<p>Ein österreichisches Soldatenleben, wie kein anderes. -Ein Militärdienst, der unter Kaiser Josef II. -anhebt und unter Franz Josef endigt. Eine Vitalität, -die im höchsten Greisenalter ihre höchste<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -Leistung vollbringt. Ein besonderes, beinahe planvoll -wirkendes Schicksal, das diesen Feldherrn aufspart, -ihn von den Türkenkriegen her durch alle -napoleonischen Blutbäder in eine neu anbrechende -Zeit geleitet, daß er, mitten im Sturm der Wiener -Revolution, im Abfall und Aufstand der Provinzen, -die Habsburger rette. Und wie er als hinfällig geglaubter -Greis überraschend seine Siege erringt, -scheint er die Kraft des alten, für hinfällig und -marastisch erklärten Österreich zu verkörpern und -zu beweisen.</p> - -<p>Das Wesen dieses Mannes, sein Geist und seine -Art klingen weiter bei den österreichischen Soldaten, -bei dem ganzen Volk. Radetzky-Marsch. -Nicht viele wissen, daß Johann Strauß, der Vater, -ihn gedichtet hat. Niemand fragt danach, ob ihn -überhaupt ein einzelner ersann. Es ist wie eine -österreichische Melodie, aus dem Lande selbst entstanden, -und ihm so natürlich, wie nur irgendein -Bodenwuchs. Radetzky scheint darin, beinahe -körperlich, fortzuleben, in farbige Töne aufgelöst, -scheint darin zu atmen und zu sprechen, mit seiner -Energie, seiner Tapferkeit und seinem Talent zur -Popularität. Ein hinreißend mutiger Schritt wie -von vorrückenden Regimentern ist darin, wie wenn -hunderttausend junge Menschen in hunderttausendfacher -Jugendfröhlichkeit einherkämen. Das -Rauschen heroischen Kampfes ist in diesen Klängen, -Übermut, Siegesjauchzen, dazwischen, wie -ein Echo aus der Ferne, das zappelnde Modulieren<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span> -italienischer Dudelsäcke und Lederpfeifen. Und -der Glanz des Ruhms schimmert in dieser Melodie.</p> - -<p>Immer aber scheint sie den einen Namen in -uns aufzuwecken und zu wiederholen: Radetzky. -Der ist unter uns wie ein lebendiges Wesen, scheint -für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der -Mann, der ihn einst getragen, der ihm so viel -Daseinskraft gegeben hat, ist nun ein halbes Jahrhundert -tot. Mit diesem Namen aber ist es so, -als höre man noch ein Herz darin schlagen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p> - -<h2 id="THRONREDE">THRONREDE</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span></p> - -<p class="drop">Das sind nun wieder sechs Jahre her, seit der -Thron zuletzt hier aufgerichtet ward, wie -heute, in diesem alten Prunksaal, damit der -Kaiser von seinem Herrschersitz aus so feierlich -zum Reichsrat spreche. Eine Formalität. Aber sie -bedeutet so viel. Ist das äußere Zeichen einer Idee, -die ihren Tiefsinn und ihren Pomp nicht anders -mitteilen kann, als durch feierliche äußere Zeichen. -Daß weiße Straußenfedern den Baldachin zu des -Kaisers Häupten krönen, spricht vom Wappenschmuck, -ritterlicher Helmzier von einst. In der -Gegenwart heraldisch beredsame Vergangenheit. -Daß die Garde dasteht, den Säbel gezückt, eine -Formalität; aber das äußere Zeichen einer Idee. -Daß der Mann zur Rechten des Thrones in seinen -Händen das blanke Reichsschwert hält, während der -Kaiser spricht, eine Formalität. Denkt man der -Stadt, die jetzt im Drang des geschäftigen Tages -tausendfältig da draußen diesen Saal umbraust, -denkt man über die Stadt hinaus, weit in die Ferne, -zu anderen Städten, zu den Provinzen, millionenfach -bevölkert und belebt, und öffnet sein Auge -dann dem Bilde wieder, das dieser Saal hier bietet, -dann ist dieser ganze Raum hier die Szene einer bedeutenden -und erhabenen Handlung, ist erfüllt -von Sinn und Bedeutung, jede Geste schwer von -Inhalt, beredsam durch die Kraft des langsam Gewordenen, -beladen von Erinnerung, von Vergangenheit -ganzer Völker, bedeckt von den Spuren -verjährter Kämpfe um Recht und Vorrecht. Man<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -kann menschliches Gepränge belächeln, kann für -sich den äußeren Glanz eines Schauspiels mit -einem ironischen Wischer auslöschen und sich damit -das Blinzeln geblendeter Augen sparen. Aber -es zeigt von wenig Witz, so witzig zu sein. Und -von wenig Lebensgefühl, die Schönheit solcher -Lebensfülle zu verkennen.</p> - -<p>Man braucht, um von großem Schicksal angerührt -zu werden, nur den Kaiser anzuschauen. -Braucht nicht erst den Prunk, der ihn ernst, starr -und groß umgibt, bis zur lebendigsten Beredsamkeit -aufzulösen. Man braucht nur den Kaiser anzusehen, -um die historische Kraft dieser Stunde -zu empfinden. Wie vieles ist geschehen, seit er – -ein Jüngling von achtzehn Jahren – zum erstenmal -auf diesem Thron saß. Und wie vieles liegt -vor uns, jetzt, da er hier zu den Vertretern des -Volkes redet. Das alte Österreich versank unter -seinen Schritten. Unter seinen Schritten entstand -ein neues Österreich, ersteht jetzt wieder ein -neues.</p> - -<p>Unbewegt und hoch über jedem Niveau, auf -dem man noch nach Wirkung strebt, klingt seine -Stimme. Unnahbar für Zustimmung und Beifall. -Dennoch kommt ein Wort, das auf einmal die -Distanz zwischen den versammelten Menschen -hier und dem einsam über allen Thronenden kürzt: -»Wenn mir in meiner frühen Jugend die Aufgabe -ward …« Das Wort Jugend schlägt warm zu -uns heran, und mit einer flüchtigen Betroffenheit,<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -mit einer rasch hinhuschenden Ergriffenheit hört -man den Kaiser von seiner Jugend sprechen. Den -alten Kaiser, der dort auf dem Thron sitzt, ganz -wenig in sich versunken, schneeweiß, unter seinem -grünbefederten Generalshut. Dann wieder ein -Wort: »Durch die Gnade der Vorsehung war es -mir beschieden, zwei Generationen meiner Völker -zu führen.« Von seiner Jugend und von seinem -Alter spricht der Kaiser. Fürsten auf dem Throne -haben sonst nicht Jugend und nicht Alter, haben -in ihren Worten keinen Anklang an persönliche -und irdische Dinge, sondern stehen da als Repräsentanten -eines Prinzips mehr denn als Menschen. -Diese Worte aber sind menschlich, persönlich, -irdisch. Es ist, als ob sich der Kaiser in ihnen -tiefer zu den anderen Menschen herabneigen -würde, als käme er ihnen, die da um seinen Thron -geschart sind, in diesen Worten näher.</p> - -<p>In diesem Kreis, in dem er einst auf seinem -Kaisersitz der Jüngste gewesen, ist er der Älteste -heute. Mögen auch etliche im Saale sein, die der -Jahre um einige mehr zählen als er. Dennoch ist -er der Älteste. Denn die anderen haben ihre -Jugend, ihre von aller Verantwortung leichte -Jugend gehabt, aus einer zwanglosen Tiefe erst -später aufsteigend, und im Aufsteigen die Kräfte -übend für die Höhe. Er aber ist als Jüngling schon -da oben gestanden. Wie viele hat er im Besitz der -Macht gesehen, die er ihnen anvertraute. Und wie -viele brachen unter der Last, die auf ihre Schultern<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span> -gelegt war, zusammen. Wie viele sind hier aufrecht -an des Thrones Stufen gestanden, als seine -Ratgeber und ersten Diener, und sanken erschöpft -darnieder, während er dort oben ausharrt und -frisch bleibt. Als er zum erstenmal hier zu dem -neuen Parlament sprach, stand Schmerling da, in -voller Mannesblüte. Schmerling … wie aus verschollenen -Fernen klingt dieser Name heute nur -noch leise zu uns herüber. Namen: Graf Beust, -dann Schwarzenberg, Pretis, Hohenwart, Taaffe. -Einst war das Gegenwart, Leben, Wirklichkeit. -Jetzt liegt es wie Erinnerungsschutt unter den -Schritten der neuen Männer. Doch unter dem -Baldachin, der wie einst seinen fürstlichen Federschmuck -zur Decke hebt, thront über den neuen -Männern der alte Kaiser.</p> - -<p>Einst ist er hier der Jüngste gewesen, war inmitten -seiner Räte wie ihr Sohn, und sie standen -vor ihm wie väterliche Freunde. Jetzt treten alle, -die hier im Saale sind, wie seine Söhne zu ihm -heran, und er ist wie ein Vater über allen. Da -sind die neuen Abgeordneten, die das neue Wahlrecht -hergebracht hat. So viel Jugend, so viel -Frische und erste Manneskraft war selten noch in -einem Parlament, in einem österreichischen Parlament -noch niemals beisammen. Männer von -dreißig bis fünfzig. Die an die Sechzig gehen, -sind wenige unter ihnen. Früher war's eine Versammlung -von Grauköpfen, jetzt sind die grauen -Haare selten. Die Minister fast alle knapp über<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span> -fünfzig; ungefähr in dem Alter, in dem jetzt der -Kronprinz wäre, wenn er noch lebte. Beinahe -alle, die hier des Kaisers Wort vernehmen, die -seine Regierung führen, die in seiner Gesetzgebung -mitreden, wurden geboren, wuchsen auf, wurden -Jünglinge, Männer, während er auf seinem Throne -saß. Während er die Krone trug und die Bürde -des Herrschens, zogen Geschlechter auf Geschlechter -an ihm vorbei. Die Generation, die er vorfand, -als er das Zepter ergriff, schwand dahin und liegt -jetzt in ihren Gräbern. Und die Generation, die -zum Dasein erwachte, als er schon ein Menschenalter -in diesem Dasein die Völkerschicksale lenkte, -tritt jetzt zu ihm heran wie ein Geschlecht von -Söhnen. Diejenigen aber, die mit ihm zugleich ins -Leben kamen, sind fast alle schon schlafen gegangen, -und was von ihnen die Augen noch offen -hat, ist müde. Er aber ist unermüdlich. Einen -nach den anderen hat er in diesen letzten Jahren -zum Ausrasten beurlaubt, mit freundlichem Dank -verabschiedet, mit guten Wünschen für den Ruhestand. -Kaum einer oder zwei sind noch bei ihm, -die von jeher mit ihm Schritt gehalten. Er entbehrt -die langgewohnten Weggenossen und bedarf -für sich selbst keiner Rast. Hier im Saale ist einer, -der gestützt werden muß wie ein Greis. Über ein -Jahrzehnt ist er jünger als der Kaiser, schlürft die -Wonne des Herrschens seit drei Lustren erst, und -schon hat ihn die malmende Schwere der Macht -gebrochen. Verwüstet von Würden, verbraucht<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span> -vom Regieren, zersplittert, erlahmt und verwelkt -auf der Höhe hat der Kaiser viele gesehen. Und -schreitet selber aufrecht durch den langen Saal, -sprengt hoch zu Roß über weite Manöverfelder. -Er, der zwei Generationen seiner Völker geführt -hat.</p> - -<p>Wüßte man, wie er jetzt über das menschliche -Treiben denkt, das er fast sechzig Jahre lang von -der Höhe des Thrones herab betrachtet. Wüßte -man, wie er über menschliches Herrschen denkt, -das er fast sechzig Jahre lang geübt hat, gehüllt in -den ältesten Purpur Europas. Und mit welchem -Gefühl er die Wandelbilder seines Lebens in der -Erinnerung überschaut, wieviel von seinem Ich er -als Gegenwart, wieviel als Geschichte empfindet. -»In meiner frühen Jugend …« Mit fernem -Dämmerschein winkt Alt-Österreich aus diesen -Worten. Und ein unermeßliches Schicksal tritt -aus ihnen hervor.</p> - -<p>Feierliche Thronrede. Diesmal historisch und -menschlich feierlich zugleich. Denn die jungen -Menschen, die hier standen, werden sich in späten -Jahren der Stunde noch erinnern, da sie den alten -Kaiser sahen, das freundliche, lebenslang uns allen -vertraute und gewohnte Antlitz, schneeweißen -Bartes unter dem Generalshut, diese feine Fürstengestalt, -umwittert von dem Hauch großartiger, -tragischer und seltener Erlebnisse. Und wie er in -dieser Stunde, nahe am sechzigsten Jahre seiner -Reiche, der neuen Zeit die Pforten öffnete, wie<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -er milde, abendlich leuchtende Worte von seiner -Jugend und von seinem Alter sprach, konnte man -für Augenblicke tiefer in diese unerreichbare, -fern über alle hinschwebende Stimme hineinhorchen.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span></p> - -<h2 id="GEWEHR_HERAUS">»GEWEHR HERAUS!«</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p> - -<p class="drop">Wie ein hoher fürstlicher Saal ist der innere -Burgplatz. Wundervolle Stille umfängt -einen, wenn man aus dem Straßenlärm -hereinkommt und es ist, als sei man hier in der imposanten -Leere einer herrschaftlichen Antichambre. -Man spaziert umher, verrastet Aug' und Sinne an -der vornehmen Ruhe dieser Mauern, wird langsam -und ganz unmerklich von einer ehrfürchtigen Stimmung -beschlichen. Das Kaiser Franz-Denkmal -steht da, wie ein einsames Zierstück in einem ausgeräumten -Prunkgemach. Überall Strenge, steinerner -Ernst. Nur die Uhr auf dem First des -Amalien-Traktes blickt auf die eingeschüchterten -Untertanen herab wie ein rundes freundliches -Antlitz.</p> - -<p>Als kleiner Junge habe ich mich hier oft herumgeschlichen. -Alle kleinen Jungen in Wien tun -das. Hier ist die Kaiserwache. Da steht die Fahne, -lehnen an schwarzgelber Barriere die Flinten, und -besonders: da sitzen auf einer langen, die graue -Burgmauer hinlaufenden Bank die Soldaten, daß -man sie in aller Muße betrachten mag, was ja in -jenen guten Tagen ein unerschöpflicher Genuß -ist. Der Offizier promeniert, die goldene Feldbinde -um den Leib, vor der Wachstube, und man -beneidet ihn sehr. Der Mann am Posten geht, -das Gewehr geschultert, aufmerksam auf und ab. -Alle warten. Der schöne, stille Platz ist wie von -atemloser Erwartung erfüllt, und von gespannter -Neugierde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span></p> - -<p>Einmal war ich mutiger und trat zu dem Posten, -um ihn genauer zu betrachten. Er stand dicht -vor der Fahne und ich ganz nahe vor ihm und -bestaunte ihn in seiner Rüstung und in seiner herrlichen -Strammheit. Hatte nur ein wenig Angst, -er würde mich wegjagen oder gar einsperren. -Wich aber doch nicht vom Fleck. Er schob mit -einem Achselzucken das Gewehr zurecht, reckte -sich kerzengerade auf, blinzelte mit stumpfem -Blick seitwärts in die Höhe. Ein sonngebräunter, -pausbackiger, eisenfester Bauernbursch. Plötzlich -stieß er ein hirnerschütterndes Geschrei aus. Gänzlich -unvermittelt. Ich sah nur, daß sein breites -Gesicht im Nu völlig auseinanderging, daß sein -Mund sich auftat, wie ein ungeheurer schwarzer -Rachen, aus dem dieses schreckliche Gebrüll hervordonnerte. -Entsetzt war ich zurückgesprungen, -und in der blitzartigen Überlegung der ersten -Sekunde meinte ich, er sei aus heiler Haut rasend -geworden, oder weil der Mann es vielleicht nicht -ertragen könne, angeschaut zu werden, sei nun -durch meine Schuld ein toller Schmerz in ihm -erwacht und entreiße ihm diese gellenden Töne, -davon der ganze Platz widerhallte: Ge…wäh…rähr…rrrr…a…aus! -Dann aber, als die anderen -Soldaten eilig nach ihren Waffen sprangen, sich in -Reih und Glied stellten, der Offizier den blitzenden -Säbel aus der Scheide holte, und als die Trommeln -zu wirbeln begannen, merkte ich, daß alles in -Ordnung sei. Und gaffte überwältigt dem goldenen<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span> -Wagen nach, der majestätisch zum Tor -hinausfuhr.</p> - -<p>Viel mehr als den Wagen, dessen Radspeichen -vergoldet sind, kriegt man ja auch sonst nicht zu -sehen. Höchstens, daß noch des gleichfalls goldgeschirrten -Leibjägers weißer Federbusch, der so -stolz im Winde flattert, als Augenweide gelten -kann, und daß man sich der prachtvollen Pferde -freut, die im Laufen so nobel mit dem Kopf -nicken. Dann ist alles wieder vorüber. Der Trommelwirbel -verklingt, der Schnarrposten schweigt -beruhigt, die Soldaten sitzen wieder harmlos da. -Es ist nichts vorgefallen, und man kann auch keinen -weiteren Eindruck mit nach Hause nehmen, als -daß die Mächtigen dieser Erde nicht über die -Straße können, ohne daß sich vor ihnen ein helles -Geschrei und ein gewaltiger Lärm erhebt.</p> - -<p>Dennoch: auch der Erwachsene, auch der Aufgeklärte, -auch der weiß Gott wie Gescheite kann -sich der Wirkung dieser Szene nie entziehen. Er -wird jedesmal, immer und immer wieder aufs -neue gefangen genommen, wie von einem unwiderstehlichen -Effekt. Man geht gleichgültig über den -Franzensplatz, ohne Laune, ohne den Zauber -seiner Stimmung diesmal zu spüren. Da auf einmal -der langgezogene Ruf: »Gewehr heraus!« -Aufgeregtes, eiliges Zuspringen der Soldaten. In -der nächsten Sekunde das Einschlagen der Trommel. -Der Offizier präsentiert grüßend den Säbel. -Noch sieht man nicht, wen er grüßt. Aber er grüßt<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span> -feierlich in die leere Luft, und das Wirbeln des -Tambours prasselt über den Platz. Überallhin -schaut man sich um. Plötzlich, von irgend einer -Seite her jagt der Wagen, umhüllt vom festlichen -Dröhnen dieser Ehrenbezeugung heran. Ein wehender -Federbusch, goldfunkelnde Räder, vielleicht -sogar am kristallenen Kupeefenster ein weißer -Handschuh. Und schon werden hohe Torflügel -geschlossen. Vorüber. Man hat den Kaiser selbst -nicht gesehen, aber doch den Glanz seiner Nähe, -hat doch von kaiserlicher Macht einen flüchtigen -Hauch verspürt. Zum deutlichsten Wahrzeichen -seiner Herrschaft wird einem nun die Torwache. -Abgesandte sind es, von allen Truppen hierhergeschickt, -zu des Kaisers Wohnung, um in Waffen -unter seinen Fenstern auf der Hut zu sein. Und -kommt er nach Hause, und fährt er aus, sowie -sie nur seiner ansichtig werden, treten sie hervor, -grüßen ihn mit kriegerischem Zuruf und Trommelschall, -melden: Wir sind da!</p> - -<p>Viele ernsthafte Leute gibt es, die sonst niemals -Maulaffen feilhalten, und die sich doch manchmal -dazu verleiten lassen, wenn sie über den Franzensplatz -gehen. Sie warten ein paar Minuten. Aufs Geratewohl. -Spähen umher, verweilen noch ein paar -Minuten und sind dann gänzlich der allgemeinen, -ruhevollen und großartigen Spannung, die hier -herrscht, verfallen. Schauen überall nach Vorzeichen -aus, lugen zu den Fenstern empor. Dort -im Torbogen schüttelt ein Burggendarm den Kopf,<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -daß der üppige Roßschweif auf seinem Helm zu -wallen und zu zittern beginnt. Hat er was bemerkt? -Oben in den Fenstern lüften hie und da -die Garden den Vorhang, daß ihre scharlachroten -goldbetreßten Röcke sichtbar werden und die blinkende -Hellebarde in ihrem Arm … Noch nicht? -Dann steigt die neugierige Spannung bis zum heftigen -Wunsch: das Ereignis möge endlich eintreten. -Zu allen Stunden kann man hier Menschen -finden, die zögernd vor der Burgwache stehen, die -Soldaten anschauen, und von ihnen erwarten, daß -sie »Gewehr heraus!« schreien.</p> - -<p>Die besonderen Anlässe gar nicht eingerechnet. -Wenn eine feierliche Auffahrt die Wache fortwährend -ins Gewehr nötigt. Dann füllen die alten -Staatskarossen den Platz, Prunkwagen, die in kühngeschweiften -Federn schaukeln. Drei, vier Lakaien -in Allongeperücken hinten drauf. Als seien die -prächtigen, herrschaftlichen Zeiten des Rokoko -wiedergekehrt. Da tritt der Ruf des Schnarrpostens -zurück, wird bei solch blendender Ausstattung -nur zu einem stützenden Nebeneffekt, -fügt sich harmonisch in die erhöhte Stimmung -und sorgt dafür, daß derlei Schauspiel nicht als -völlig lautlose Pantomime vor der staunenden -Menge sich zutrage. Oder wenn ein toter Prinz -eingebracht wird, nächtlicherweise bei Fackelschein, -wie es Brauch ist, und ihn bei dieser trübseligen -Heimkehr in das Haus der Väter der Postenruf -empfängt. Dann ist das »Gewehr heraus!«,<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -das unheimlich, wie ein Klageton durch die Finsternis -dringt, eben von so pointierter Wirkung, daß -es sich von selbst begreift.</p> - -<p>Sonst aber: mag es unverständlich scheinen oder -töricht, in der überkommenen Lust an höfischem -und kirchlichem Gepränge liegen, oder an dem -hier herrschenden Geschmack, der dekorative Zeremonien -liebt. Niemals versagt diese Wirkung. -Man könnte ein Theaterstück schreiben, das auf -jeder Wiener Bühne einschlagen müßte: »Der -Kaiser kommt«. Und es braucht weiter keine -Handlung zu haben, als daß halt der Kaiser kommt. -Man muß den Kaiser auch gar nicht einmal sehen, -und es wäre dennoch ein großer Erfolg. Sieht -man ihn im Leben ja auch nur selten. Jeder -Mensch könnte dieses Stück schreiben, denn es ist -durchaus nicht notwendig, daß irgend etwas anderes -sich zuträgt, als leise, sorgfältig arrangierte, -behutsam gesteigerte Vorzeichen. Es erübrigt nur, -sie der Wirklichkeit abzulauschen. Allerdings wäre -die herrliche Kulisse dazu erforderlich, die zum -Beispiel der äußere Burgplatz abgibt, wo die Stadt -ehrfurchtsvoll vor der Burg zurückweicht und mit -ihren Häusern in einem ungeheuren Kreise die -kaiserliche Wohnung nur von ferne umgibt. Dann -draußen vor dem Franzenstor auf der Ringstraße -der Soldat. Ganz von weitem, von der Mariahilferstraße -her, ein winkender Sicherheitsmann. -Er hat den Hofwagen zuerst erblickt. Der Soldat -wartet, bis auch er den weißen Federbusch schimmern<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -sieht. Dann schnell einen Druck auf die -elektrische Klingel, die in der Säule verborgen angebracht -ist, und jetzt drinnen auf dem grünen -Platz jubelt der Posten sein »Gewehr heraus!« -zum Reiterstandbild des Erzherzogs Karl empor, -als habe er jetzt eine Vision, oder als fühle er sich -gedrängt, dem Sieger von Aspern eine plötzliche -Huldigung darzubringen. Dann das gewöhnliche, -aufgeregte und ratlose Laufen der alarmierten -Passanten, nach allen Richtungen hin, weil sie ja -doch nicht wissen können, von welcher Seite der -Einzug stattfindet. Dann Trommelwirbel, der die -allgemeine Erregung nur noch vermehrt, da sich -für ihn weit und breit kein Anlaß zeigt. Dann der -Säbelsalut des Offiziers, und nun rollt die Equipage -blitzschnell vorüber. Nun rufen sie auch -schon auf dem inneren Burghof ins Gewehr.</p> - -<p>Es ist aber doch vielleicht besser, diese Szene -nicht zu schreiben. Von den technischen Aufführungsschwierigkeiten -ganz zu schweigen. Würde -sie trotzdem geschrieben, dann müßte sie für alle -Bühnen verboten werden. Denn sie könnte nur -Illusionen zerstören, den Eindruck, den die Wirklichkeit -übt, in bedenklicher Weise abschwächen. -Wenn man sich jetzt vom Gewehrruf ergriffen -fühlt, wenn das Rühren der Trommeln einem -unwillkürlich jähe Ehrfurcht einwirbelt, wenn man -beinahe Bereitwilligkeit zur Devotion in sich verspürt -angesichts dieser feierlichen Begrüßung, und -zuletzt entblößten Hauptes dem vorübersausenden<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -Hofwagen nachblickt, dann zeigt man nachher -keine Lust, sein Empfinden zu korrigieren. Man -hat mitten auf seinem Wege durch die Alltäglichkeit -des Lebens einen wunderbar dramatischen und -prächtigen Moment genossen, sich ihm gern hingegeben, -ja sogar daran tätigen Anteil genommen. -Und hat man auch nur einen zufälligen, gänzlich -nebensächlichen Komparsen vorgestellt, so bewundert -man doch völlig aus seinen ästhetischen Instinkten -heraus die glänzende, unübertreffliche -Regie, deren dekorative Kunst ebenso groß ist, -wie ihre psychologische Weisheit.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p> - -<h2 id="FRUEHJAHRSPARADE">FRÜHJAHRSPARADE</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p> - -<p class="drop">Ganz früh am Morgen. Die Sonne funkelt freilich -schon auf den Dächern, aber noch ist -dieser junge Tag durchweht vom kühlen -Atem der ersten Juninacht, und die Schatten längs -der Häuser sind noch ohne das tiefe Schwarz, sind -noch blaß und zart wie Schleier. Die Straßen -riechen in der beginnenden Wärme nach trockenem -Staub, aber sie sind noch frei von dem erstickenden -Dunst des Menschengewühls. Und manchmal -merkt man noch den Duft der nahen Berge, der -Wälder, den Grasduft der Wiesen, die vor wenig -Stunden über die schlafende Stadt hingehaucht -haben.</p> - -<p>Musik und Schritt der Regimenter. Bum, bum -… in der Ferne hört man das Schlagen der -Trommeln. Dann muß an einer Kreuzung der -Wagen halten, und wieder halten. Militär rückt -in den Morgen hinaus. Die Trompeten und -Hörner schmettern einen Marsch, und ihr helles -Goldblechklingen hat jetzt irgendeine fühlbare -Verwandtschaft mit dem Sonnenlicht, das nun -goldener und heller aufs Pflaster zu schmettern -anfängt. Die Straßenzeile hinauf rollt das dunkelblaue -Band solch eines Regiments. Der Schritt -der Soldaten bewegt dieses dunkelblaue Band in -kleinen regelmäßigen Wellen. Und über diese -Wellenlinie hin schwebt ein süßer, feiner Farbenton -von hellem Grün. Der Eichenbruch, den die Leute -auf ihren Tschakos tragen. Wie viel pochendes -Leben, wie viel Kraft und Jugend und wie viel<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -Frühling liegt in diesen regelmäßigen, dunkelblauen -Wellen.</p> - -<p>Jetzt sind wir die Rudolfshöhe hinauf, und das -weite Feld dehnt sich festlich vor unserem Blick. -Ganz sanft niedergleitend gegen den Horizont, -ein grünes Brett, um mit menschlichen Figuren -ein fürstliches Schachspiel darauf zu pflegen. Dort -drüben hält der Wienerwald seinen breiten Rücken -her, trägt die vielen weißen Häuser, die Kirche mit -der goldenen Kuppel des Steinhof, trägt das breite -Erzherzogschloß, und dort sind die Abhänge, die -rauschenden Wälder des Galitzynberges, den die -Wiener einfach und vertraut den »Galihziberg« -nennen.</p> - -<p>Das funkelt nun alles in der Morgensonne. Das -grüne Feld, die Kuppen der Berge, die Fronten -der weißen Vorstadthäuser in der Ferne, und langsam -beginnt der Tag sich zu erhitzen, beginnt zu -flammen und zu glühen in einer wundervollen, -himmelblau und goldenen Sommerpracht. In vierfachen -Reihen stehen an tausend Wagen hier oben -auf der Rudolfshöhe, am Saum der Schmelz. Wenn -man dies fröhliche Bild betrachtet, erinnert man -sich der farbigen englischen Stiche, auf denen mit -ihrem mondainen Getümmel die Wagenburgen -dargestellt sind, etwa beim Wettrennen zu Newmarket -oder Devonshire. Nur daß diese Wirklichkeit -noch bunter und zwingender ist als alle englischen -Stiche zusammen. Die Damen in ihren -hellen Sommerkleidern sind auf die Wagensitze gestiegen,<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span> -ihre weißen, blauen, grünen und roten -Schleier flattern, ihre Hutfedern wehen, ihr -Lachen und ihr Plaudern fegt wie ein leises Rauschen -über den Platz. Und die Luft ist jetzt erfüllt -vom Geruch hundertfacher Parfüms, vom Duft -der Seidenkleider, vom Geruch der Zigaretten, -die die Herren rauchen, und vom Geruch der -vielen dampfenden Wagenpferde.</p> - -<p>Über das weite Feld hin ziehen die Truppen, -rücken jetzt in langen Linien auf, mit wehenden -Fahnen, die sich von fern nur wie das Tanzen -kleiner Wimpel ausnehmen, und mit klingendem -Spiel. Aber man hört nichts von der Musik. Der -Wind hebt das Schmettern von neun Regimentskapellen -auf und zerstreut diesen riesigen Schall -wie das Singen eines Kindes; er nimmt diese -Klänge, löst sie auf und trägt sie zu den Wäldern -hinüber, die das laute Tönen einschlürfen. Nur -das Schlagen der großen Trommeln hört man, -und es klingt wie ein feierlich taktmäßiges Teppichklopfen -im Freien.</p> - -<p>Ebenso trinkt dieses Feld die Massen. Dort -drüben marschiert eine Armee daher, dort stampfen -abertausend Männertritte, abertausend Rosse -mit ihren Hufen, man hört es nicht. Man sieht -nur kleine, blaue Schwärme und Linien dahinkriechen. -Man sieht ein wenig Gold schimmern, -man sieht manchmal einen Blitzstrahl aufleuchten, -das Sonnenlicht, das in irgendeinem Säbel zuckt.</p> - -<p>Quer über das Feld sprengt ein junger Offizier<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -heran; ein Adjutant. Wie er näher kommt, wie er -an uns vorüberstiebt, erkennt man, daß er die -elegante Ulanenuniform trägt, daß er ein bildhübscher, -schlanker junger Mensch ist, mit einem -gesunden tiefbraunen Antlitz. Und es ist in allen -seinen Gebärden, wie er die Zügel hält, wie er im -Sattel sitzt, wie er den feinen Oberkörper leicht -vorneigt, ein bezwingender Ausdruck von Lust, -von Kraft und Jugend, und zugleich das Bewußtsein, -daß er jetzt so vielen Menschen zum Schauspiel -dient. Mir fällt irgendein Romankapitel ein, -aus irgendeinem Wiener Roman. Und dieses Kapitel -spielt auf der Schmelz, während der Frühjahrsparade, -und der junge Offizier sprengt genau so -über das Feld, trägt genau so die Ulanenuniform -und ist genau so stolz und befangen zugleich bei -diesem Ritt. Er stellt eine ziemlich wichtige Figur -in diesem Roman vor, ist ein nachdenklicher -Mensch, der den Boden prüft, auf dem er geboren -wurde, der zu Hause und auf großen Reisen zu -erkennen gesucht hat, worin die Eigenart Österreichs -liegt, worin die besondere Art des Dienens -und Herrschens liegt, und wodurch sich das Dienen -und das Herrschen in Österreich etwa von der -gleichen Übung in anderen Ländern unterscheidet. -Jetzt sprengt er quer über das Feld auf seinen -Posten und sieht die kaiserliche Suite beim eisernen -Obelisken stehen, bemerkt die weißen Federbüsche, -die roten Reiher, die blinkenden Pickelhauben und -die Astrachanmützen der fremden Militärattachés,<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -bemerkt die Feierlichkeit der kaiserlichen Garde, -die dort wartet, um den Monarchen zu umgeben. -Und jetzt kommt der Kaiser. Grüßend reitet er -durch das Spalier der Suite, die sich dann hinter -ihm zu einem goldenen, schimmernden Wall -zusammenschließt. Der Kaiser reitet einen herrlichen -Goldfuchsen, der im Tänzerschritt geht -und beim kurzen Galopp die Grazie einer Ballerine -hat. Der junge Offizier bemerkt, wie der Kaiser -mit einer unwillkürlichen Reiteranmut im Sattel -sitzt, wie er den feinen, schlanken Oberleib leicht -vorgeneigt hält, wie seine Schultern fallen, und -der junge Offizier weiß in diesem Moment, daß -er selbst beständig, ganz unbewußt, diese Haltung -nachzuahmen bestrebt war, dieses leichte Vorneigen, -diese abfallenden Schultern, diese österreichische -Eleganz der Mühelosigkeit, der kaum von -weitem angedeuteten, diskret gehaltenen Strammheit, -und der lächelnden Würde.</p> - -<p>Da galoppiert schon der Kaiser den aufgestellten -Truppen entgegen. Weit voran, in der dunklen -Uniform mit der goldenen Schärpe querüber, -sprengt sein Flügeladjutant. Dann reitet der -Kaiser, ganz allein, und es ist, als ob sein schönes -Pferd nur auf dem vordersten Hufrand, wie auf -den Zehenspitzen mit dem Boden tändeln würde, -so federnd trägt es ihn dahin. Man sieht sein Gesicht -von weitem, man glaubt es zu sehen, denn -der weiße Bart schimmert unter dem grün wehenden -Generalshut, und nur diesen Schimmer braucht<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span> -es, um das wohlbekannte, in jedes Bewußtsein wie -auf alle Münzen eingeprägte Antlitz vor sich zu -sehen. Hinter dem Kaiser her der prächtige Sturz -des Gefolges, diese herrliche Wolke, aus der das -Braun und Weiß und Schwarz der galoppierenden -Pferde, das Blinken der Helme, das Wehen der -Federbüsche, das Gleißen der Tressen und Waffen -und Schärpen als eine wundervolle Einheit von -Prunk hervorbricht. Aber dem Kaiser entgegen -braust und schmettert die Volkshymne. Die Fronten -der Regimenter stehen regungslos, stehen da -wie bunte Mauern, unbeweglich und starr, aber -ihr klingender Gruß fegt dem heranreitenden -Kaiser entgegen, mit Trommelwirbel und metallischem -Trompetenklingen und donnerndem Paukenschlagen. -Dieser Gruß fegt ihm entgegen wie -ein tönender Atem, der seit hundert Jahren stets -in den gleichen Zügen den Kaisern von Österreich -aus der stummen, lebendigen Mauer ihrer Truppen -entgegenschwoll.</p> - -<p>Jetzt reitet der Kaiser langsam die Fronten -ab. In vierfachen Reihen stehen diese Menschenmauern, -in vierfacher Wendung reitet ihnen, hinauf -und hinab, der Kaiser vorbei und zieht die goldene -Schleppe seines Gefolges hinter sich her. Wo er -sich einem Regiment nähert, rauscht die Volkshymne -auf. Und der junge Offizier blickt auf -dieses Beisammensein des Kaisers mit den Soldaten. -Er sieht, wie die kaiserliche Gegenwart alle diese -Menschen bannt, wie über ihnen nur das eine ist:<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -der Befehl, und in ihrer Haltung nur das eine: -der Gehorsam. Er blickt hinüber und vermag fast -jeden einzelnen Mann zu unterscheiden, und vermag -auf dem Boden die gleichen Zwischenräume -zwischen all diesen Fußspitzen zu sehen, als hätte -man in sorgsamer Symmetrie zwanzigtausend Bleisoldaten -auf ein großes Brett gestellt. Er betrachtet -diesen Vorbeiritt, der sich ausnimmt, als ob weiter -nichts geschehen würde, und er weiß aber, daß -dort dennoch etwas geschieht, etwas, das zwischen -der Person des Kaisers und diesen Soldaten hin -und wieder geht, eine Hingabe, die in ihrem letzten -Grund rätselhaft ist, auf der jedoch die ganze -Macht eines Regierenden sich aufbaut.</p> - -<p>Umstoben von dem blitzenden Schwarm seines -Gefolges, sprengt der Kaiser wieder zum Obelisken -heran. Wie er so dahergaloppiert und hinter -ihm drein noch der Salut der Truppen rauscht, -ist es ein Augenblick von einer Feierlichkeit, wie -nach einem Sieg. Und der junge Offizier, der -seine Ergriffenheit meistern will, überlegt, daß in -diesem Augenblick ein uraltes Prinzip aufs neue -besiegelt und bekräftigt wurde – hier am Rande -der enormen, von allen neuen Gedanken und Problemen -durcharbeiteten Großstadt – und daß von -dieser Besieglung das feierliche Empfinden herrührt.</p> - -<p>Dann marschieren die Regimenter an dem Kaiser -vorbei. In breiten Reihen kommen sie heran, junge -Menschen, viele Tausende von jungen, blühenden<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span> -Menschen, Söhne, Söhne, Söhne. Der Defiliermarsch -zwingt ihnen wie mit energischen Griffen -seinen Rhythmus auf, die Fahnen flattern hoch gehoben, -und alle diese jungen, lächelnden, frischen -Gesichter dem einen, weißbärtigen Greisenantlitz -zugewendet, marschieren sie vorüber.</p> - -<p>Der junge Offizier denkt bei sich, wie einfach, -wie untheatralisch diese Art der Parade und des -Vorbeimarsches ist, wie diese Truppe den kriegerischen -Geist nur andeutet, als fürchte sie das -Lächerliche und Prahlerische einer Übertreibung; -wie sie die Strammheit mühelos und diskret nur -andeutet, wie sie in ihrer Masse und in ihrem -Schritt, in ihrer Zusammengeschlossenheit doch -menschlich und persönlich bleibt, wie sie nicht -einen Augenblick als eine Schar von Gliederpuppen -erscheint, wie selbst ihr Gruß noch etwas Gemütvolles -und Weiches hat – und er überlegt, daß -die Anmut dieses Landes, daß seine tiefwurzelnde -Kultur, seine Willigkeit und sein Taktgefühl so -vieles leicht und anmutig macht, was anderswo …</p> - -<p>Wo ich dieses Romankapitel gelesen habe, weiß -ich jetzt nicht mehr. Ich glaube sogar, ich habe -es überhaupt noch nirgends gelesen, und mich -nur in die Möglichkeit eines solchen Kapitels verirrt. -Es wäre aber vielleicht ganz gut, wenn es -einmal geschrieben würde.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p> - -<h2 id="KAISERMANOEVER">KAISERMANÖVER</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p> - -<p class="drop">Man sollte sich's einbilden können, daß es ein -wirklicher Krieg ist.</p> - -<p>Hinaus, die morgenstille Dorfstraße entlang, -die vom ländlichen Geruch brennenden Reisigs -durchflogen wird. Der Tag ist an der Sonne noch -nicht warm geworden, und sein junges Atmen weht -kühl über das erwachende Gelände. Auf dem dunklen -Grün der Hochlandwiesen schreitet man über -Moorgrund, wo das perlenbesäte Gras unter den -Füßen glitzert, schreitet über die hellfarbigen -Teppiche blühender Buchweizenfelder den Hügel -hinan, wo junge Lärchen wie auf Vorposten stehen. -Weithin überschaut man hier das Tal: in der -Tiefe überall weißblinkende Ortschaften, winzige -Häuser, gleich umhergestreuten Steinen auf einer -riesenhaften Matte. In schwarzblauen Schatten -steigen die Bergwälder von den Felsen nieder. -Aber hinter grauen Wolken birgt sich die Brentagruppe -noch mit ihren Gletschern, des Adamello -und des Ortlers aufragende Schneegipfel, als habe -die Natur zum Sommerfest dieses Tages noch nicht -aufgeräumt und halte die Prunkstücke dieser Landschaft -einstweilen unter Schutzdecken.</p> - -<p>Irgend ein dumpfer Ton schlägt an, als ob in -der Ferne ein Böttcherhammer niederfiele. Noch -einmal, dann wieder. Mit dem Feldstecher suchen -die Augen alle Höhen und Tiefen ab. Ganz weit, -weit weg funkt ein gelber Schimmer auf, nicht -stärker als ein verlöschendes Streichholz. Und -wieder der dumpfe Ton. Die Kanonen eröffnen<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -das Gefecht. Plötzlich andere Geräusche. Wie -schwaches Peitschenknallen, wie das Bersten auffliegender -Eierschalen, wie das Knittern von starkem -Papier. Infanterie im Schnellfeuer. Dazwischen -ein lautes, überraschendes Pochen, ungeduldig, -als ob jemand voll Zorn an eine Tür -klopfen würde: die Maschinengewehre. Das -Pochen reißt ab, setzt wieder ein. Und nichts zu -sehen, als in den Feldern oder am meilenfernen -Waldrand das Aufblitzen der Säbel. In einer unermeßlichen -Ruhe verharrt die Landschaft, in -einer majestätischen Gleichgültigkeit gegen den -Kampf, der sie in ihren Schrunden und Falten -durchwühlt, in ihren Mulden und Gräben. Dort -unten, tief in den Wäldern, in schmalen Gebirgspässen, -am Rande unwegsamer Schluchten, auf -engen Brücken, die hoch über wilden Sturzbächen -schweben, bricht jetzt der Kampf los; um des -Reiches Pforten.</p> - -<p>Man sollte sich's einbilden können, daß es ein -wirklicher Krieg ist. Sollte das hitzige Fieber -spüren, das in den Stunden vor einer großen Entscheidung -über die Menschen hinpeitscht. Sollte -die Schauer jener ungeheuren, verführerischen -Feindseligkeit genießen, die aus den tierischen -Wurzeln unserer Art empordampft. Dann aufwachen, -wie aus einem glühenden Traum, und -sich an der spielerischen Wirklichkeit beschwichtigen: -Gedankenmanöver … Vielleicht, daß -von den Soldaten einer, anschleichend in der<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span> -Schützenlinie, am Boden liegend, im Schnellfeuer, -berauscht von seiner Jugend, von der eigenen -Kampfgebärde und vom Knall des eigenen Gewehrs, -für Sekunden in das siedende Bad dieser -Einbildung stürzt, für Sekunden in dieses Traumes -flammende Tiefen hinabtaucht. Im nächsten -Augenblick aber reißt es ihn gewiß schon wieder -aus dem Abgrund solcher Schwärmerei empor -zum harmlosen Bewußtsein des harmlosen Kampfspieles. -Denn es gibt eben Dinge, die sich auf -Befehl nicht vorstellen, die sich nicht manövrieren -lassen: Todesgefahr und Sterbensahnung, Blutrauch -und in Ackerschollen hingekrümmte Verzweiflung, -und die furchtbare Schicksalsatmosphäre, -die über den Schlachtfeldern sich breitet.</p> - -<p>Ein Schauspiel. Künftiger, oder niemals kommender -Ereignisse vorberechnete Gebärde. Erdichtetes, -wohl ausgedachtes, künstlerisch komponiertes -Geschehen, dargestellt unter freiem -Himmel von fünfzigtausend Akteuren. Ein Schauspiel -in drei Tagen, in drei Aufzügen, wenn man -will. Sorgfältig gesteigert, mit prachtvollen Massenszenen, -mit unzähligen dekorativen Episoden, und -mit einem einzigen Zuschauer, dessen Beifall ersehnt -wird, dessen Gegenwart, wie ein ruheloser -Pulsschlag in all den Massen, die sich hier bewegen, -fühlbar ist, dessen Dasein Aufregung, Gespanntheit, -Anstraffen der Nerven ringsumher verbreitet, -und Prunk und Glanz und hohes Erwarten: -der Kaiser.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p> - -<p>Anschaulicher als sonst jemals tritt hier der -militärisch-monarchische Gedanke in die Erscheinung, -wird in dem kleinen Ort hier – vom bürgerlichen -Großstadtwirbel nicht mehr verhüllt – -greifbar nahe, wird gleichsam ohne störende Nebengeräusche -reiner vernehmlich. Das unübersehbar -große Regierungsnetz, das ein ganzes Reich zusammenhält, -ist hier auf einmal zu übersehen, ist -dichtmaschiger, so daß man herantreten und sein -sinnreiches Gewebe bewundern kann. Das geringe -Dorf ist zum Auszug der staatsgebietenden Mächte -geworden, gibt den Extrakt der herrschenden Gewalten. -Schon äußerlich. Die Einwohner, das, -was man die »Bevölkerung« nennt, ist wie verschwunden, -ist an die Wand gedrängt, in die Winkel -verscheucht, unsichtbar neben dem Glanz, der -jetzt in diesen Hütten wohnt. Tür an Tür: der -Kaiser, die Erzherzoge, die Generale, Minister, -Statthalter, Polizei. Und Militär, Militär, Militär. -Überall, auf den Straßen, vor den Schenken, auf -den Feldern, in den Torbogen, an den Brunnen -steht einer vor dem anderen in Ehrfurcht, in -Strammheit, in erstarrendem Gehorchen. Überall -wird nur befohlen und Gehorsam geleistet. Überall -gibt es nur Vorgesetzte und Untergebene. Alle -Klassenunterschiede, alle Vorrechte stellen sich in -greller Sichtbarkeit dar. Einer freien Arbeit -lebend, hat man sie gelegentlich wohl vergessen: -hat, unter höher gewölbten Horizonten dahinwandelnd, -manche dieser Dinge für verschollen,<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -für erledigt, für nicht mehr diskutierbar gehalten. -Da wird es einem seltsam zumute während dieser -drei Tage, die man hier in einer Atmosphäre voll -Disziplin, voll Ergebenheit, voll Devotion verbringt, -in konzentrischen Kreisen sich dreht, auf -denen Rang und Stand, und Geburt und Charge -verzeichnet sind, wo jeder mit den äußeren Abzeichen -und Signalen seines Wertes umhergeht, wo -Lohn und Strafe sofort vollzogen, erteilt und im -Augenblick fühlbar werden. So nach und nach -aber findet man sich angezogen vom großartigen -Hokuspokus des Herrschens, fühlt sich fasziniert -von der erlauchten Magie des Menschenfanges, -und bewundert ihre tiefe Psychologie, ihre uralte -Weisheit. Und dann braucht man sich's gar nicht -mehr einbilden zu wollen, daß es ein wirklicher -Krieg ist, hat dem Waffenspiel einen anderen Sinn -gefunden, wenn man am nächsten Morgen hinauswandert -ins Gelände. Da wird eben die Krone -des Werkes gezeigt, die höchste Vollendung der -Idee: wie sich die Tausende darbringen, wie sie -dereinst ihr Sein und Leben einsetzen werden. -Die Hauptprobe der äußersten Hingebung. Die -Hauptprobe jener Treue, die in der Volkshymne -»Gut und Blut« verspricht: Kaisermanöver.</p> - -<p>Kanonengebrüll am zweiten Tag in der Frühe. -Ganz nahe dem kaiserlichen Hauptquartier. Schwere -nasse Wolkenvorhänge hüllen die Berge ein. Wolken -ziehen am Waldsaum hin, und in der Tiefe des -Tales deckt weißdampfender Nebel alle Dörfer und<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -Fluren. Unten vollzieht der anrückende »Feind«, -vom Wetterschleier verborgen, seinen Vormarsch. -An die Sonne von Austerlitz denkt man, aber die -Sonne scheint Zitate aus der Geschichte nicht anzuwenden -und zeigt sich nicht. Auf der Anhöhe -vor dem Dorf steht die Artillerie. Der Feuerblitz -fährt aus den Kanonen, ein Donnerschlag, den -man in der Magengrube, in den Eingeweiden -wahrnimmt, der den ganzen Körper gleichsam -durchzuckt. Das Echo reißt ungeheure Schallfetzen -von den Bergen, die der Wind zerbläst. -Aus den Wolkennebeln ein Knattern wie das Anfahren -eines Motorrades. Mühsam nur erkennt man -drüben im schütteren Gehölz das Landesschützenregiment. -Langsam, geduckt, mit schleichenden -Jägerschritten vorgehend, feuern sie, werfen sich -zu Boden, in die Regenlachen, feuern. Jetzt, dicht -vor der Anhöhe, auf der die Kanonen stehen, rückt -in Schwarmlinie die Infanterie vor, erwidert die -Gewehrsalven, deckt das Abreiten der Batterie: -Rückzug. Nach einer kurzen Weile ist die Artillerie -verschwunden. »Feuer einstellen.« Jeder Mann -wiederholt es, ein langgezogener Aufschrei fliegt -über die Felder. Und jetzt kommt die feindliche -Macht von überallher heran, stürmt, aus dem -Talnebel hervorbrechend, die Hügel hinauf, wälzt -sich über die gewundenen Bergwege, und plötzlich -wieder das Pochen, laut, eilig, zornig. Die Maschinengewehre, -die den Verfolger noch aufhalten -sollen. Kein anderes Schlachtgeräusch ist wie<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span> -dieses alarmierend, trägt so beredsam den Charakter -des schnellen Eingreifens, der furchtbaren -Aggressivität.</p> - -<p>Es regnet in Strömen. Seit Stunden regnet es. -Scharf, kalt, und der Wind schleudert einem die -dichten Strahlen ins Gesicht, zerrt die Wolken bis -auf den Boden herab, wühlt die Schollen auf, -peitscht einen mit eisiger Wassernagaika. Auf dem -freien Platz vor dem Hauptquartier hält der Kaiser -zu Pferd. Vor ihm in ihren weißen Mänteln die -sechs Gardereiter, das Gesicht zu ihm gewendet. -Ein wenig abseits das Gefolge. Generalstäbler, die -fremden Attachés, Adjutanten. Weiter weg die -Lakaien mit den Reservepferden. Vom Unwetter -werden die Tiere nervös. Ihr lautes Wiehern tönt -herüber, ihr ungeduldiges Schnauben. Niemand -rührt sich dort, wo der Kaiser unbeweglich im -Regensturm aushält. Stunde um Stunde erblickt -man ihn so; querfeldein galoppierend zu einem -anderen Standplatz, an feuernden Batterien vorbei, -sein Pferd parierend, sieht diesen Greis, der -leicht in seinem Sattel nur so zu federn scheint, -und für den es den Hochlandsorkan, den Wolkenbruch, -die Kälte offenbar nicht gibt. Wie er dann -endlich einreitet, gefolgt vom Schwarm seiner erschöpften -Suite, sieht man, wie ihm unter der -schwer nassen Kappe das Wasser die weißen Haare -an den Kopf klebt, wie es ihm von der Stirne, -vom Bart und von den Wangen herabläuft, aber -auch, wie er, frisch und rot überhaucht, lächelt, als<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span> -sei das alles gar nichts. Die fünfundsiebzig Jahre, -die fünf Morgenstunden zu Pferd und das Wetter -… gar nichts.</p> - -<p>Schluß. Dritter Tag, dritter und letzter Aufzug. -Man will ganz zeitlich fort, nichts versäumen, -aber ehe die Sonne noch aufgeht, bebt -das Haus. Auf der Wiese drüben schießen die -Kanonen. Es ist, als ob das ganze Gebäude von -einer Riesenfaust dröhnende Stöße bekäme. Der -Fußboden zittert, die Fenster schüttern. Schlag -auf Schlag. Plötzlich, dicht vor dem Tore das -helle Krachen der Gewehre. Und rückwärts über -den Hof, übers Dach hinweg das Pochen der -Maxims. Hinaus ins Freie. Adjutanten rasen vorbei. -Motorräder preschen die Mendelstraße hinauf, -und in der Luft ein schallendes, verfliegendes -»aaa …« Das Hurrarufen stürmender Truppen. -Saphirblau ist der Himmel, alles in goldenen Glanz -getaucht, in Sonnenfröhlichkeit und Reinheit, die -Wälder, die Wiesen, die funkelnden Kirchturmspitzen, -die Berggipfel. Und von den schimmernden -Neuschneefeldern der Brentagruppe lösen -sich die letzten weißen Flockenwolken. Ein festlicher -Abschluß. Wie ein Salutschießen dröhnt -der Donner der Schlacht, die sich jetzt voll -entfaltet. Auf der breiten Terrainwelle, die sich -zwischen Romeno und Sarnonico wölbt, stürmen -die Regimenter in breiten, formierten Fronten -gegeneinander. Mitten zwischen die beiden -Parteien fliegt ein glitzernder, goldfunkelnder,<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -prachtblitzender Schwarm die Wiese hinauf, sammelt -sich oben, nimmt Stellung: die kaiserliche -Suite. Das Gewehrfeuer prasselt und schnattert -und knattert, die Gebirgsbatterien pochen, die -Haubitzen zerreißen das Firmament mit ihrem -Krachen, und das Echo tobt an den Felswänden. -Wie kleine farbige Tüchlein flattern die entrollten -Fahnen über den Bataillonen. Da bricht aus dem -Tann, der den Hintergrund abschließt, mit Hurra -ein neues Regiment hervor. Es ist der Höhepunkt. -Der Kaiser inmitten dreier Fronten, umgeben von -formierten Regimentern. Regimentern auf seinem -ganzen Rückweg, den er von Cavareno nach Romeno -zu nehmen hat, all das mit meisterlicher -Regiekunst auf den letzten Augenblick hin, auf -den Schlußeffekt gruppiert. Ein scharfer Hornruf -jetzt. Das Feuern verstummt allmählich, das -Echo besänftigt sich und verhallt, und brausend -klingt das Einschlagen der Musikbanden herüber: -»Gott erhalte …« Der Kaiser reitet die Fronten -ab. Mit Trommelwirbel übernimmt eine -Truppe von der anderen das Kaiserlied, immer -weiter, immer entfernter, Generalmarsch … -Trommeln, dann feierlich die Volkshymne … -zuletzt nur ein leises metallisches Klingen. Der -Kaiser reitet ins Hauptquartier zurück.</p> - -<p>Rasch jetzt die Straße hinauf, heimwärts nach -Bozen. Wie durch einen heiteren Soldatensonntag -fährt man dahin. Singende Soldaten, lachende, -sonnengebräunte Gesichter, Gesichter, denen das<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span> -tiefe Atemschöpfen der Beruhigung etwas Zufriedenes -und Befreites gibt. Überall liegen sie -im Gras, rasten am Wegrand, rauchen, essen und -singen. Wenn man sich's einbilden könnte, daß -es ein wirklicher Krieg war und daß es nun Frieden -ist, seit einer Stunde …</p> - -<p>Während der Drahtseilwaggon von der Mendel -ins Kalterertal hinuntergleitet, wie in freier Luft -hinab zu schweben scheint, rauscht der ganze -Berg und klingt von Musik. Und in Sankt Anton -unten, auf dem kleinen Bahnsteig, erzählen die -Leute, daß der große Krieg im fernen Asien zu -Ende, der Friede zwischen Rußland und Japan geschlossen -sei. Laurins Rosengarten steht im -Glühen der Abendsonne. Vom Bozener Dom her -läuten die Glocken, und man hat den Traum, -daß diese schöne Welt eine ruhige Stunde genießt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span></p> - -<h2 id="ELISABETH">ELISABETH</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p> - -<p class="drop">Jetzt ist uns ihre Existenz fast schon wie etwas -Unwirkliches, ihre Gestalt schwebend wie die -Gestalten eines Traumes, und auf ihr Schicksal -blicken wir kaum noch wie auf ein gelebtes -Dasein, sondern wie auf eine Dichtung. Das rührt -von der tiefsten Seelenkraft dieser Frau her, die -alle Wirklichkeit immer ins Erhabene emporzwang. -Das rührt davon her, daß ihr Wesen vom Geschick -freilich verwundet, aber niemals bestaubt werden -konnte. Was auch rings um sie her an Verheißungen -hindorrte, ihr eigener Sinn ist nicht welk geworden. -Was auch vor ihr an teuren Gütern in -Trümmer sank, es vermochte nicht, ihr den Weg -zu sich selbst zu verrammeln. Dieses unbegreiflich -hohe Hinwegschreiten über das äußere Leben -macht es, daß ihr Dasein jetzt einer Legende -gleicht.</p> - -<p>Es fängt mit dem strahlenden Glück an, läuft -aus sonniger Pracht in dunkle Trauer und endigt -in grauenhaftem Tod. Momente aus ihrem Leben: -die stürmisch geliebte Kaiserbraut, die in Wien -einzog, so lieblich, daß sie nicht bloß die erste, -sondern die schönste Frau des Reiches war. Die -schönste Kaiserin an einem lachenden, frohgelaunten -Hof, in einem lachenden, frohgelaunten Wien. -Dann ihre Krönung zur Königin von Ungarn, bejubelt, -wie seit den Tagen der Maria Theresia -keine Monarchin mehr bejubelt wurde. Dann ein -langsames Hinweggleiten aus all dem Glanz. Einsam -und einsamer auf weiten Reisen. Dann der<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span> -Tag von Mayerling. Das jähe Hinstürzen jeglicher -Zukunftshoffnung. Dann wieder tiefe Einsamkeit -in fernen Ländern. Der Traum vom Griechentum -in dem weißen Schloß auf Korfu. Ein -unerfüllter Traum. Das Schloß blieb verlassen. -Wandern, wandern, wandern. An den Gestaden -südlicher Meere, durch kleine Städte Italiens. Unerkannt, -unscheinbar in ihren Trauerkleidern, versteckt -und den Zudrang der Menschen meidend. -Jahre. Dann am Genfer See das schnelle, aus Mörderhand -empfangene Sterben.</p> - -<p>Die Kaiserin … Sie ist uns lange schon entschwebt, -war uns eine Gestalt, die irgendwo ihr -Dasein hoch über dem Dasein anderer Menschen -ins Weite trug. Nur manchmal drang eine Kunde -von ihr bis zu uns herüber, nur manchmal kam -ein Klang aus ihrer Welt zu uns herangeweht. Und -wunderbar, wie feines Ahnen in den Instinkten der -Menge liegt, daß man aus so fernen Fernen die -Kaiserin verstand, daß man ihr Suchen nach Schönheit -und Ruhe begriff, daß man banalere Vorstellungen -vom Walten einer Kaiserin still beiseite -legte und mit ahnungsvoller Ehrfurcht eine Menschlichkeit -bewunderte, die über den höchsten irdischen -Rang hinaus höheren Graden noch sehnsüchtig -entgegenstrebte. Die Kaiserin. Auch dieses -Wort ist durch Elisabeth zarter, märchenhafter, -unwirklicher, gleichsam dichterischer geworden.</p> - -<p>Wir haben Bilder aus ihrer Jugendzeit. Denn -ein anderes Antlitz als das ihrer blühenden Jugend<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span> -hat sie dem Volke niemals im Bilde gezeigt. Aber -indem wir diese Bilder jetzt betrachten, wissen wir, -daß keines ihr wirkliches Wesen enthüllt. Dieses -edel schmale Gesicht sehen wir, die Anmut ihrer -geschwungenen Lippen, die dunkle Tiefe ihrer -Augen. Doch wir sehen, daß alle Maler die Prinzessin -Elisabeth malen wollten, die Kaiserin Elisabeth. -Und daß keiner es vermocht hat, Elisabeth -zu malen. Wir sehen, daß dieses Antlitz etwas -noch verbirgt, ein Unaufgefundenes, ein Verhehltes, -ein Verschlossenes: sein Bestes. Die Züge -sind da, aber was diese Züge zur Einheit verschmilzt, -was sie beseelt, das ist nicht da. An die -leere Stelle tritt ein offizieller Ausdruck: Kaiserin. -Die Lebendigkeit dieses Gesichtes, seine zarteste, -intimste Lebendigkeit hat keiner von den Malern -gegeben. Vielleicht auch, weil keiner sie erfassen -konnte.</p> - -<p>So ist ihr Wesen auch dem einfacher Zugreifenden -nicht erfaßlich gewesen. Nicht in geraden, -handlichen Worten ließ es sich sagen. Etwa: sie -ist heiter gewesen, oder melancholisch, oder freigeistig, -oder fromm, oder demütig, oder stolz, -gütig oder voll Energie. Sie war am Ende zu sehr -alles zusammen, heiter und melancholisch, freigeistig -und fromm, demütig und stolz und gütig -und voll Energie und noch vieles andere dazu. -Sie war viel zu sehr alles zusammen, als daß man -dem Volke eine Formel hätte darreichen können: -so und so ist deine Kaiserin. Kann sein, man hätte<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span> -sagen dürfen: sie ist fürstlich. Aber die Begriffe, -die vom Fürstlichsein umgehen, sind durch andere -Beispiele entstanden und gewertet worden. Es -hätte Mißverständnisse gegeben.</p> - -<p>Mancherlei Erbe trug sie in ihrem königlichen -Blut. Die Wittelsbacher vermochten es oft, ihr -fürstliches Vergnügen künstlerisch zu veredeln, -hatten die Gabe, in geistigen Genüssen zu schwelgen, -ja zu prassen wie andere in Genüssen des -Leibes, hatten oft diese stürmende Seele, die sich -selbst zerarbeitet. Zu ihren Urmüttern zählte -Therese Kunigunde, des Polenkönigs Sobieski stolze -und wildschöne Tochter, die das Reiten und Jagen -liebte und das Bücherlesen, und dem höfischen -Zeremoniell sich ewig widersetzte. Sie war des -Kurfürsten Max Emanuel Gattin. Elisabeths -Vater war der Herzog Max, den seine Sehnsucht -in den Orient trieb. Es war die große Reise seines -Lebens. Und sein Traum vom Reisen war der -Orient. Ein Dichter, wie König Ludwig I., ein -besserer vielleicht. Mindestens ein sehr kultivierter -Dilettant, der historische Novellen aus der Renaissancezeit -schrieb. Königliche Prunkliebe und bürgerliche -Einfachheit ist bei den Wittelsbachern. -Aber am Ende mag man alle Gaben, die das Bayernhaus -zu vererben hat, noch so sehr durchsuchen, -noch so sehr durcheinandermischen, die wundervolle -Zartheit, die geheimnistiefe Kraft, die in der -Kaiserin Elisabeth gelebt hat, entschleiert sich und -erklärt sich damit nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span></p> - -<p>Was wissen wir auch von ihr? Daß sie in ihrer -Jugend die adelige Kunst des Reitens geliebt und -geübt hat. Daß ihr Körper gestählt und geschmeidig -war und daß ihr Gang eine musikalische Schönheit -besaß, die aus solcher Meisterschaft herkam. -Daß sie den Zauber einer unberührten Natur, -Bergwälder und Meeresufer inniger verehrte als -den Tumult mondäner Amüsements. Daß keine -Eitelkeit und keine Hoffart in ihr war, die sie getrieben -hätten, sich am lärmenden Zuruf der Massen -zu ergötzen. Daß es sie zu quälen schien, sich -selbst als Schaustück der Menge hinzustellen. Daß -sie dafür auf einsamen Spaziergängen aus dem -Homer sich vorlesen ließ und in späten Jahren -noch anfing, Griechisch zu lernen, um des Gedichtes -Schönheit aus dem Urtext näher zu begreifen. -Daß sie den Dichter, der das »Buch der -Lieder« geschrieben, verehrte und ihm zu Korfu -ein Denkmal gesetzt hat. Daß sie den Schmerz -um ihren einzigen Sohn von Land zu Land, von -Gestade zu Gestade ruhelos umhergetragen, ihren -Kummer vor den Blicken der Welt verbarg, wie -sie stets ihr schönstes Fühlen vor profanen Augen -verborgen gehalten. Wenn wir nur dieses, was wir -wissen, nehmen, ihr Wesen damit zu umspannen, -dann haben wir eine große Seele, ein Frauenherz -von einer Reinheit, einen Frauensinn von einer -Tiefe, daß sie als eine lichte Gestalt unserem Gedächtnis -bleiben müßte, auch wenn sie nicht die -Kaiserin gewesen wäre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span></p> - -<p>Daß sie's gewesen ist, scheint mir von unermeßbarem -Wert. Denn sie hat mehr gewirkt als eine -Kaiserin, die prunkvoll durch alle Straßen fährt, -auf allen Festen glänzt, sich überall huldvoll und -gnädig dem Volke neigt und die Mode des Landes -wie das gesellige Wohltätigkeitsgeschäft regiert. -Sie hat dieser Zeit die Fürstin gegeben, hat als -einzige auf eine lautlose, unwillkürliche und vollkommen -menschliche Art gezeigt, was eine Fürstin -ist. Sie hat ein Hochmaß von Weiblichkeit in -unsere Zeit hineingestellt, das kostbarer ist als -alles, was wir an erdichteten weiblichen Idealgestalten -besitzen.</p> - -<p>Und sonderbar: Wie unser Erinnern sich lebhafter -der Kaiserin zuwendet, da merken wir, daß -wir im Eigentlichen nur wenig von ihr wissen, -uns nicht vermessen dürfen, sie zu kennen, sondern -daß es weit mehr die Ahnung von ihrem reichen -Wesen ist, die uns bezwingt. Ein Leben, aus -weiter Ferne angeschaut. Still und hoch dahinfunkelnd, -vom Schimmer des seligsten Glückes umflossen -und vom Glanz einer erlesenen Tragik umleuchtet. -Nur leise Andeutungen haben wir, um -ihr Inneres zu erraten, nur das Echo vom Echo -ihrer Worte, nur den Hauch, der von ihrem Wandel -ausging, nur verwehte Klänge ihrer Lebensmelodie. -Der Spiegel der Volksseele hat nur ein -schwaches, undeutliches Bild dieser hohen Frau -aufgefangen, und man bestaunt es wie das Antlitz -eines Märchens. Diese Gestalt ist wie aus lauter<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span> -dünnen Schleiern gewoben, fließend, ungreifbar, -unwirklich beinahe, und ist uns doch eingeprägt -wie mit einem Stempel.</p> - -<p>So wenig braucht es, einen guten und seltenen -Menschen zu erkennen. Sei er noch so verborgen, -so hat sein Wesen doch einen Duft von solch feiner -Kraft, daß man seine Gegenwart empfindet wie -die Gegenwart im Grase verborgener Blumen. Sei -er noch so entfernt, so ist er doch in eine Atmosphäre -gehüllt, die leuchtet wie ein Gestirn am -dunkeln Himmel.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span></p> - -<h2 id="DAS_OESTERREICHISCHE_ANTLITZ">DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ</h2> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p> - -<p class="drop">Von überall her blickt uns jetzt sein Antlitz -entgegen. Aus allen Schaufenstern sieht es -uns an, es ziert alle Paravents, Tabaksdosen, -Ansichtskarten, Bonbonnieren; es schmückt die -Titelblätter aller Zeitungen, die wir zur Hand nehmen, -und es prangt in der Apotheose aller Festspiele, -umrauscht von der Volkshymne und von der Hochflut -wienerisch zärtlicher Kaiserstimmung. Wo wir -uns hinwenden, lächelt dies Greisenhaupt aus -weißem Bart und aus den von weißen Brauen dicht -verhehlten Augen sein stilles Lächeln.</p> - -<p>Wie ist uns dieses Antlitz wohl vertraut. Wir -alle sind mit diesem Bilde vor uns aufgewachsen. -Unsere Väter schon haben kein anderes Kaiserantlitz -mehr in Österreich gekannt, und wie wir -kleine Buben waren, hat uns dieses Antlitz angeschaut, -da wir zum erstenmal in der Schulstube -saßen. Jetzt wachsen unsere Kinder auf und gehen -zur Schule, und auch sie blickt dieses selbe Angesicht -aus feierlichem Rahmen an. Mit diesem -Angesicht haben wir unser Leben verbracht, haben -alle unsere Tage in diese Mienen geschaut, und -sie sind uns so eingeprägt, daß wir bei dem Worte -Kaiser immer gleich auch diese Züge sehen. Wir -werden sie noch lange sehen, wenn wir das Wort -Kaiser aussprechen oder denken. Diese beiden -Vorstellungen, von einem Monarchen und von -einem Antlitz, sind in unserem Bewußtsein so unauflöslich, -so von frühester Kindheit an miteinander -verknüpft, daß wir sie nun wohl kaum mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span> -voneinander trennen werden. Was immer auch -geschehen mag.</p> - -<p>Aber es ist nicht bloß die Erinnerung an wohlvertraute -Züge, die unserem Denken also lebhaft -einleuchtet. Schließlich gab es ja noch andere Gesichter, -mit deren berühmter Gegenwart wir gelebt -haben. Gesichter, die uns geläufig waren, -deren Klischee wir fertig in unserem Bewußtsein -trugen. Gesichter, die in uns vorhanden waren, -wie Photographien in einem Album. Man braucht -gar kein langes Gedächtnis zu haben, um sich des -dunkeln, zierlich wilden Zigeunerkopfes Andrassys -zu besinnen, oder der behaglich pfiffigen, rotnasigen -Spießbürgermaske des Grafen Taaffe. Und -vor kurzem noch war das lachende Beethovenantlitz -Girardis berühmt, so berühmt, daß es über -Wien stand wie der Mond, und wie dieser in alle -Straßen und in alle Fenster schaute. Dann Johann -Strauß, sein blasses Antlitz mit den tiefstrahlenden -schwarzen Augen, dieses Antlitz der zum Genie -gesteigerten Wiener Lebensfreude. Wir haben -viele Gesichter gehabt, die uns beständig gegenwärtig -waren, und von denen es schien, als gehörten -sie einfach mit zum Bestand des Lebens, -und als sei ohne sie die Welt gar nicht möglich.</p> - -<p>Dennoch hat kein anderes Antlitz und keines -anderen Mannes Wesen so vielfach, so stark und -so nachhaltig sich in der Menge gespiegelt und -auf die Menge abgefärbt wie das Antlitz und das -Wesen des Kaisers. Freilich: weil es der Kaiser<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span> -war. Das ist natürlich, braucht nicht erst entdeckt, -noch bewundert zu werden. Auch eine schwache -Persönlichkeit kann die Menge beeinflussen, wenn -sie auf so hohem, so weithin sichtbarem Gipfel -steht, wenn sie auf so vielen tausend Wegen, durch -so viele tausend Türen und Türchen immerfort -auf die Menge eindringen kann. Hier aber ist es -nicht nur der Kaiser gewesen, nicht dieser allein; -und es machen's auch nicht die sechzig Jahre, obwohl -sie viel mitgeholfen haben. Hier war es der -Österreicher. Dieser zumeist. Das echt österreichische -Antlitz des Kaisers. Sein österreichisches -Wesen. Seine … Bodenständigkeit, würde -ich sagen, wenn ich von dieser Eigenschaft so viel -halten könnte wie andere Leute. Aber lassen wir's -dabei. So wenig diese Bodenständigkeit in der Kunst -zur Größe oder zur Komplexheit notwendig, ja -selbst nützlich ist, so wichtig mag sie bei einem -Fürsten sein. Also: seine Bodenständigkeit.</p> - -<p>Man braucht ja nur bedenken, daß in England -hannoveranische Prinzen die Krone tragen, daß im -russischen Reiche Holsteiner Fürsten herrschen, -daß in Schweden die Enkel des französischen Bernadotte -Könige sind, in Griechenland ein Dänensproß -regiert, in Rumänien ein Hohenzoller und -in Bulgarien ein Koburger. Rein äußerlich mag -auch der landfremde Monarch durch sein Wesen -Einfluß üben. Auch der Regent, der in seiner -Persönlichkeit nicht den Typus des Volkes darstellt, -auch der wird kopiert. Aber doch nur von<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span> -liebedienernder Absicht, doch nur von Höflingen, -die mühselig in der Maske und in den Gebärden -ihres Herrn posieren. Diese Wirkung streift nur -die Oberfläche. Unser Kaiser spiegelt sich in den -Österreichern, wie österreichische Art in seinem -Wesen sich spiegelt, weil er nicht nur ein Kaiser, -sondern ein Typus in Österreich ist. Eine Gestalt, -diesem Lande eingeboren und verwurzelt.</p> - -<p>Wir können die Probe drauf machen. Wenn -einer das Bildnis Eduards anschaut und es zufällig -nicht weiß, daß es der King von Großbritannien -ist, niemals würde er darauf verfallen, ihn für einen -Engländer zu halten. Niemand, der es nicht vorher -weiß, würde von selbst sagen, Nikolaus sei ein -Russe, und sein vollkommenes Ebenbild, der Prinz -von Wales, ein Insularbrite; niemand würde von -Karol behaupten, das sei ein echter Rumäne, und -Wilhelm II. würde man, ohne ausdrückliches Wissen, -eher für einen Engländer ansprechen, genau -so wie seinen ältesten Sohn, den Kronprinzen von -Preußen. Aber das Gesicht unseres Kaisers muß -jeder für ein österreichisches Gesicht erkennen. -Man denke der Bilder, die den Kaiser in Zivil -zeigen. Auf diesen Bildern kommt's erst recht heraus: -das ist weder ein französischer Kavalier noch -ein englischer, weder ein Sachse noch ein Preuße, -das kann nur ein Österreicher sein. Nicht wahr?</p> - -<p>Immer ist es ein österreichisches, eigentlich ein -wienerisches Gesicht gewesen. Man betrachte die -Bildnisse aus einer frühen Zeit, da er, ein achtzehnjähriger<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span> -Jüngling, den Thron gewann. Und -man nehme, zum Vergleich, ein Bildnis des ersten -Kaiser Wilhelm, das ihn als Jüngling zeigt. Auch -der Sohn der in Preußen vielgeliebten, schönen -Königin Luise ist ein wunderschöner junger Prinz -gewesen, wie der Sohn der Erzherzogin Sophie. -Vielleicht war er sogar schöner noch als dieser. -Aber das Antlitz des jungen Franz Josef mit den -heiter schwellenden Lippen, mit den weichen, -zärtlichen Linien, mit dieser sanften, gleichsam -musikalischen Anmut, ist das Antlitz eines jungen -Österreichers. Und das Gesicht des Prinzen Wilhelm -mit dem schmalen, fest zusammengepreßten -Mund, mit den streng in sich verhaltenen Zügen -und dem gewissermaßen sachlichen Ausdruck ist -das Gesicht eines Norddeutschen. Man könnte -sagen: jenes ist ein katholisches und dieses ein -protestantisches Antlitz. Ihrer Volksart typisch -waren beide, indessen jetzt keine Monarchen mehr -da sind, weder Eduard noch Georg, noch Ferdinand -oder Nikolaus, ja auch gewiß nicht Wilhelm II., -die ihrer Volksart typische Gestalten wären.</p> - -<p>Man erinnere sich noch des Kaisers Franz Josef -der sechziger, siebziger und ersten achtziger Jahre. -Wie viele unter uns werden sich dessen noch leicht -erinnern. Wie war er da mit dem langwehenden, -blondbraunen, dichten und krausen Backenbart -österreichisch. Und wie viel Offiziere, wie viel -Beamte, wie viel Offizielle hat es damals gegeben, -die den lang wehenden Backenbart trugen? In<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span> -allen Amtsstuben, auf allen Exerzierplätzen, auf -allen Promenaden hat man diese Gesichter und -diese Bärte gesehen. Und manchmal war die Ähnlichkeit -täuschend genug.</p> - -<p>Das sind freilich nur oberflächliche Dinge. Ein -wenig tiefer aber liegt es schon, daß die Männer -in Österreich auch des Kaisers Manieren sachte -angenommen haben. Nicht nur die Höflinge, die -das Vorbild immer mit Augen sehen und ihrem -ganzen Charakter nach so gern erlauchtem Beispiel -sich anschmiegen. Nicht nur die Offiziere, -die, enger dem Kaiser verbunden, gewiß schärfer -aufpassen, wie er seinen Rock trägt. Nicht nur die -Beamten und alle die anderen vom offiziellen -Dienst, sondern jeder, der vom Bürgertum irgendwie -nach Formen, nach repräsentierender Geschicklichkeit -strebt, nach einer Manier, sich im -Verkehr menschlich zu geben und menschlich zu -behaupten, jeder hat die Spur dieses Einflusses an -sich, jeder ist in der Farbe des Kaisers irgendwie -gefärbt.</p> - -<p>Wenn man die leicht geneigte Haltung des -Kopfes, diesen unauffällig federnden, sorglosen und -anmutigen Gang, dieses Sich-schmal-machen für -österreichisch hält, dieses mit angedrücktem Oberarm, -aus dem Ellbogen vollführte, runde Agieren, -diesen um und um mit Freundlichkeit gepolsterten -Stolz, diese verbindliche Kunst, lächelnd zu distanzieren, -wenn man dies alles für österreichisch hält -und dann erst den Kaiser beobachtet, merkt man<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span> -erst, wie österreichisch Franz Josef ist, aber auch -wie Franz-Josef-mäßig die Österreicher geworden -sind. Man merkt, daß es eigentlich sein persönliches -Wesen ausmacht, davon man die Spuren und -Farben bei den anderen vereinzelt getroffen, vereinzelt -und wie etwas Angenommenes, wie ein unwillkürlich -Angewohntes. Sein Wesen ist dieser -anmutige Paßgang, mit der Natürlichkeit der abfallenden -Schultern, mit der leicht geneigten Haltung -des Kopfes, das Agieren in runden, aus dem -Ellbogen spielenden Gebärden mit angedrückten -Oberarmen. Sein Wesen, diese ganze unauffällige, -diskrete, sorglose und ihrer selbst unendlich sichere -Eleganz.</p> - -<p>Nachahmung allein kann das nicht zuwege -bringen. Auch greift Nachahmung allein nicht so -weit um sich, dringt nicht so ins Breite und Tiefe, -sickert nicht so unaufhaltsam durch alle Schichtungen -der Stände. Wenn sie den Kaiser nur nachahmen -würden, wäre dies alles gezwungener und -leichter kenntlich. Man merkt ja sonst überall, wo -ein Mensch einen anderen bewußt kopiert, den -kleinen Zwischenraum, der zwischen seiner eigenen -und der angenommenen Art klafft. Man merkt -den feinen Striemen, den die vorgebundene Maske -in das wirkliche Antlitz gräbt. Hier aber ist kein -Zwischenraum, der eine kopierte Art vom wahren -Wesen trennt. Wie der Kaiser sich gibt, wie er -geht und spricht, wie er den Kopf hält und wie -er schaut, dies alles ist Ausdruck des österreichischen<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span> -Wesens. Eine tiefe Verwandtschaft des -Blutes und der Rasse bindet den Österreicher an -den Kaiser und den Kaiser an den Österreicher, -an den niederösterreichischen, an den wienerischen, -um es genauer zu sagen.</p> - -<p>Und es sind nicht die äußeren Züge bloß, die -jene Gemeinsamkeit erleichtern, nicht die äußeren -Manieren, die es ermöglicht haben, daß des Kaisers -Art so viel abfärbende Wirkung, so viel angleichenden -Einfluß übt. Wie vieles an ihm ist österreichisch, -was erörtert werden kann, und wie vieles ist -es, wovon wir heute nicht erst zu sprechen brauchen. -Österreichisch ist sein Hang zum Unauffälligen, -sein kultivierter Geschmack, der allem -Gellenden, allem Schmetternden, allem Unterstrichenen -und überlaut Betonten abhold ist. -Österreichisch, wie seine Haltung, die nicht bolzengerade, -nicht »stramm« mit aufgeworfenem -Kopf soldatischen Geist zu markieren strebt, ist -seine Diskretion, die vor allem Theatralischen, vor -allem Exaltierten als vor etwas Unmöglichem scheu -zurückweicht. Österreichisch ist dieses subtile -Taktgefühl, das in Befangenheit gerät, wenn es -repräsentierend obenan stehen soll, dieses Taktgefühl, -das eher schüchtern wird, als daß es vermöchte, -aufzutrumpfen. Österreichisch ist diese -Art der gleichmäßigen, lautlosen Arbeit, dieses -treue Hängen an ein paar Gewohnheiten, an ein -paar liebgewordenen Erdenplätzen. (Wien–Ischl–Ischl–Wien.) -Und dieses zuverlässige Zufindensein<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span> -in den alten Gewohnheiten und in den alten -Wohnungen ist österreichisch. Österreichisch ist -auch diese Kultur der Seele, die es vermag, daß man -die schwersten Dinge mitmacht, durchmacht, und -der Welt doch immer ein lächelndes Antlitz zeigt. -Und dieses Ablehnen allzu laut rauschender Lorbeern, -dies Abwinken allzu schreiender Lobredner, -dieses stille Beiseitegehen, dies Einsamkeitsleben -ist österreichisch.</p> - -<p>Wir sehen dieses Antlitz jetzt überall, wohin wir -uns wenden; wohin wir uns wenden, sehen wir -jetzt die Initialen dieses Namens, das F. J. I., -sehen die Jahreszahlen 1848–1908. Wie ein großer, -von einem einzigen Ornament durchwirkter Stoff -ist die Stadt Wien jetzt durchwirkt von diesem -Antlitz, von diesen Initialen und von diesen Doppelziffern. -Und durchwirkt ist dieses ganze engere -Österreich, die Stadt und das Land von dem Antlitz -des Kaisers, von seiner Art, von seinem Wesen, -von den Initialen seines Charakters. Daß er hier -wurzelt, hier heimisch ist, daß diese Erde ihn trug -und reifte, daß er die Frucht dieses Bodens wurde, -den feinsten und geschlossensten Auszug aller -Kräfte dieser Scholle darstellt, daß er ein Typus -seines Volkes ist, hat diese tiefe Harmonie zwischen -ihm und seinem Volk sechzig Jahre währen lassen. -Kaiser Franz ist aus Toskana erst nach Wien und -in die Erblande gekommen, hat die italienische -Art, die ihm in den Adern lag, erst vergessen, hat -sich hier erst akklimatisieren und assimilieren<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span> -müssen, ehe ihn die Wiener – nach vielen Jahren -– ihren »Franzl« nannten. Franz Josef ist in -Schönbrunn geboren. Sohn einer bayrischen Prinzessin -und eines österreichischen Erzherzogs, der -als ein Typus altwienerischer Gestalten, als eine -Kriehuber-Figur gelten darf. Die Wiener, die vornehmen -wenigstens, diejenigen, die das Wienertum -Schuberts, Lanners und der Strauß-Walzer -repräsentieren, die waren wie er. Deshalb wurden -sie wie er. Deshalb sahen ihm seinerzeit die Jünglinge -ähnlich, dann die Männer, und deshalb sehen -ihm jetzt die Greise ähnlich, die mit ihm und -seiner Epoche gealtert sind. Diese Epoche trägt -seine Züge, wie den Münzen sein Antlitz eingeprägt -ist.</p> - -<p>Die Zeit aber rollt unaufhaltsam dahin. Und -wahrscheinlich gibt es heute schon einen anderen, -einen neuösterreichischen Typus. Wir kennen ihn -noch nicht, wollen heute auch nicht vermuten, -noch darüber nachsinnen, wie er wohl sein wird. -Aber wir dürfen zufrieden sein, wenn er uns mit -diesem sanften Lächeln anschaut, das man bis in -späte Tage noch das Lächeln Franz Josefs nennen -wird.</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Ende</em> -</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 172: allzuviele → allzuvielen<br /> -ohne <a href="#corr172">allzuvielen</a> Menschen zu begegnen</p> -</div></div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Das österreichische Antlitz, by Felix Salten - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ *** - -***** This file should be named 53713-h.htm or 53713-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/7/1/53713/ - -Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive/Canadian Libraries) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/53713-h/images/cover.jpg b/old/53713-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7db4594..0000000 --- a/old/53713-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/53713-h/images/signet.png b/old/53713-h/images/signet.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 07ed44f..0000000 --- a/old/53713-h/images/signet.png +++ /dev/null |
