summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/53713-0.txt5221
-rw-r--r--old/53713-0.zipbin127943 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53713-h.zipbin174524 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53713-h/53713-h.htm7375
-rw-r--r--old/53713-h/images/cover.jpgbin37164 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53713-h/images/signet.pngbin3590 -> 0 bytes
9 files changed, 17 insertions, 12596 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..cdb440c
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #53713 (https://www.gutenberg.org/ebooks/53713)
diff --git a/old/53713-0.txt b/old/53713-0.txt
deleted file mode 100644
index b424abf..0000000
--- a/old/53713-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,5221 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Das österreichische Antlitz, by Felix Salten
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Das österreichische Antlitz
- Essays
-
-Author: Felix Salten
-
-Release Date: December 11, 2016 [EBook #53713]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ ***
-
-
-
-
-Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive/Canadian Libraries)
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- FELIX SALTEN
-
- DAS ÖSTERREICHISCHE
- ANTLITZ
-
- ESSAYS
-
-
- S-FISCHER-VERLAG-BERLIN
-
- 1910
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten.
-
-Zweite Auflage.
-
-
-
-
-INHALT
-
-
- Seite
-
- 1. Die Wiener Straße 9
-
- 2. Klavierstunde bei Leschetitzky 23
-
- 3. Aristokraten-Vorstellung 37
-
- 4. Fünfkreuzertanz 49
-
- 5. Stalehner 59
-
- 6. Beim Brady 71
-
- 7. Nachtvergnügen 83
-
- 8. Peter Altenberg 97
-
- 9. Spaziergang in der Vorstadt 115
-
- 10. Lueger 127
-
- 11. Girardi-Kainz 143
-
- 12. Menagerie in Schönbrunn 157
-
- 13. Mauerbach 169
-
- 14. Das Wirtshaus von Österreich 181
-
- 15. Mariazell 191
-
- 16. Radetzky 203
-
- 17. Thronrede 213
-
- 18. »Gewehr heraus!« 223
-
- 19. Frühjahrsparade 233
-
- 20. Kaisermanöver 243
-
- 21. Elisabeth 255
-
- 22. Das österreichische Antlitz 265
-
-
-
-
-DIE WIENER STRASSE
-
-
-Der alte Herr schreibt in sein Tagebuch:
-
-Ein wunderschöner Tag ist das heute gewesen. Voller Sonnenglanz und
-Wärme, und in den Straßen hat es überall nach Veilchen geduftet.
-Daß ich heute gerade sechzig Jahre alt geworden bin, möchte mich
-freilich herabstimmen. Aber ich kann mir nicht helfen, ich bin ganz
-gut gelaunt. Und ich finde, es ist sehr hübsch, im Frühling Geburtstag
-zu haben, wenn es so warm wird, und wenn die Straßen nach frischen
-Blumen riechen. Was will man denn mehr? Ich bin spazieren gegangen, wie
-gewöhnlich. Zuerst durch die Innere Stadt, dann bei der Oper auf den
-Ring hinaus und wieder zurück. Dann bin ich noch im Kaffeehaus gewesen.
-
-Also sechzig Jahre. Am liebsten würde ich mit Stillschweigen darüber
-weggehen; weil es aber schon so lange meine Gewohnheit ist, daß ich bei
-solchen Anlässen gewissermaßen den Jahresschluß ziehe, und ein bisserl
-was aufschreibe von dem, was ich mir denke, will ich es auch heute
-nicht versäumen. Obwohl ... Denn viel habe ich ja kaum zu sagen. Da
-liegen in der Lade die Bogen aus all den Jahren, und wenn ich sie jetzt
-durchlesen wollte, würde vielleicht immer dasselbe drinnen stehen. Ich
-habe ein sehr regelmäßiges Leben geführt, und wenn man ein Junggeselle
-ist, gibt es nicht viel Ereignisse. Es ist nur, daß ich jetzt eine
-gewisse Scheu habe, diese Blätter in die Hand zu nehmen. Sie könnten
-mich am Ende in eine sentimentale Verfassung bringen, und das hätte
-keinen Zweck. Ich bin von dem schönen Tag noch ganz angeregt.
-
-Bald wird man auch wieder im Freien sitzen können. Auf dem Graben sind
-die zwei Kaffeehütteln schon hergerichtet; ein paar Tische sind sogar
-besetzt gewesen. Aber ich hab' es doch noch nicht riskiert. Es war
-übrigens nicht zum Vorwärtskommen heute, so viel Menschen sind in der
-Stadt herumgelaufen. Und was man für schöne Mädchen sieht, das ist
-eine wahre Freude. Man weiß gar nicht, welche man zuerst anschauen
-soll. Gleich in ganzen Rudeln marschieren sie auf. Und wie reizend ist
-das, diese vielen jungen, rosigen Gesichter, diese lachenden Augen!
-Seit vierzig Jahren gehe ich jetzt Tag für Tag denselben Weg durch die
-Innere Stadt und über den Ring und immer seh' ich diese vielen schönen
-Mädchen. Es ist unglaublich, wo die nur herkommen.
-
-Allerdings, die bleiben ja auch nicht ewig jung. Das darf man sich
-nicht einbilden. Denn sonst müßte ich ganz allein alt werden, und
-dafür tät' ich mich doch schönstens bedanken. Aber das nimmt alles
-seinen geordneten Gang. Wenn man sich auch wundert. Ich hab' das an
-der Baronin Ruttersdorf gemerkt, wie ich sie heute gesehen habe. Gott,
-wie die ausschaut! Ganz schneeweiße Haare hat sie schon, und recht
-zusammengebrochen ist sie. Ich bin stehen geblieben und hab' ihr
-nachgeschaut. Seit dreißig Jahren zum erstenmal wieder.
-
-Vor dreißig Jahren bin ich nämlich öfter stehengeblieben und hab' ihr
-nachgeschaut. Da ist sie ein junges Mädchen gewesen, und war schön.
-Mir wird heute noch ganz schwindelig, wenn ich daran denke, wie schön
-sie war. Damals habe ich sie rasend geliebt. Aber dieses Gefühl ist
-längst in mir erloschen. Ja, ja, ich habe so manches erlebt. Das
-heißt, persönlich gekannt habe ich sie natürlich nicht. Wie wäre das
-auch möglich gewesen? Ich war ein ganz kleiner Beamter. Ein noch viel
-kleinerer als ich heute bin. Und was werd' ich denn im Monat gehabt
-haben, vor dreißig Jahren? Sechzig oder siebzig Gulden; mehr gewiß
-nicht. Aber was will man ...? Ein junger Mensch! Und so hat sie damals
-mein ganzes Dasein erfüllt. Ich hab' ganz genau gewußt, daß sie am
-Sonntag in die Schottenkirche geht, ich hab' gewußt, wann ich sie am
-Nachmittag in der Stadt treffe. Wenn ich jetzt die Bogen von damals
-hervornehmen möchte, da würde gar viel von ihr drin stehen. Ich weiß,
-wie ich ihr nachgegangen bin, und wie ich mir vorgestellt habe, ich
-werde auf einmal ein Millionär, oder ich werde in zwei Jahren Minister,
-oder ich schreibe ein Drama, und werde berühmt, so daß mich alle Leute
-anschauen, wenn ich über die Straße gehe, und daß sich alle Leute um
-mich reißen, und dann ... na, und dann ... Es war so wundervoll, sich
-das ganz genau vorzustellen, so lebendig, als ob es wirklich wäre, als
-ob es morgen schon sein könnte. Ich bin ganz eingesponnen gewesen in
-diese Träume und hab' ihnen viele glückliche Stunden zu verdanken.
-
-Jetzt bin ich aber sechzig Jahre alt. Und sie ist eine alte Frau. Ich
-habe ihr ganzes Leben mit angeschaut. Damals war sie eine Komtesse
-Nußbach. Auch ihren Vater kannte ich, den alten General. Der hatte so
-schön dichte, weiße Haare wie jetzt seine Tochter. Dann hat sie den
-Baron Ruttersdorf geheiratet. Dann ist sie mit ihren Kindern spazieren
-gegangen. Was für reizende Kinder sind das gewesen, besonders der
-älteste Bub, der Ferdinand. Dann ist ihr Vater gestorben, und sie hat
-das Palais auf der Wieden geerbt. Dann hat ihr Mann die Geschichte
-gehabt mit der ungarischen Sängerin, und man hat gesagt, sie werden
-sich scheiden lassen. Dann hat sich der Ferdinand erschossen. Er
-war Leutnant bei den Windischgrätz-Dragonern. Und dann ist ihr Mann
-gestorben. Wenn ich sie heute angesprochen hätte, und hätte ihr
-erzählt, daß ich ihr ganzes Leben kenne und daß ich sie geliebt habe,
-was für Augen hätte sie gemacht! So was kann man freilich nicht tun;
-und ich bin auch gar nicht der Mann dazu. Aber wer weiß, wie gut wir
-jetzt miteinander reden würden.
-
-Denn ich glaube wohl, daß ich imstande wäre, mit so einer Dame zu
-sprechen, ohne einen Fehler zu machen. Und ich denke, auch meine
-Kleidung ist elegant genug, um in besseren Kreisen zu verkehren. Auf
-anständige Manieren habe ich nämlich immer sehr acht gegeben, und auf
-gute Kleider habe ich immer sehr viel gehalten. Es war das erste, was
-ich getan habe, wie ich fix angestellt worden bin, daß ich mich mit
-einem Schneider auf Monatsraten verständigte. Und seitdem bin ich immer
-sehr fein angezogen gewesen. Auch habe ich immer nur in noblen Lokalen
-verkehrt. Natürlich nur in Kaffeehäusern, denn die Restaurants sind ja
-doch für meine Verhältnisse zu kostspielig. Aber darauf kommt es gar
-nicht an. Was hat man denn von einem Restaurant? Man ißt, steht auf und
-geht wieder fort. Zu diesem Zweck genügt mir doch mein Gasthaus in der
-Piaristengasse, wo ich abonniert bin, und wo ich schon seit Jahrzehnten
-alle Tage um drei Uhr, nach dem Bureau, speise. Aber mit dem Kaffeehaus
-ist das etwas anderes. Und im Café Imperial oder im Pucher hat man mich
-immer für einen Baron gehalten.
-
-Selbstverständlich habe ich die Baronin Ruttersdorf nicht angesprochen
-und werde sie auch niemals anreden. In diesem Leben nicht. Vielleicht,
-daß wir uns einmal in einer anderen Welt begegnen. Da würden wir
-freilich genug Gesprächstoff haben, und vielleicht wird sie sich dann
-mit mir sogar lieber noch unterhalten als mit ihrem Herrn Gemahl. Hier
-aber bleibt es schon beim Alten. Denn da müßte ich gar viele Leute
-ansprechen, wenn ich das wollte, und finge mit jedem zu reden an, dem
-ich das ganze Leben zugeschaut habe.
-
-Ob das in einer anderen Stadt auch so ist, in Berlin oder in London,
-das weiß ich nicht. Aber bei uns ist es so. Man kann die Leute sehen,
-die interessant sind, man kann ihnen zuschauen, wie sie leben. Man lebt
-mit ihnen, und es ist gar nicht einmal notwendig, daß man reich ist
-oder vom Adel oder ein großes Tier. Ich gehöre doch gewiß nicht zur
-Aristokratie, aber ich kenne trotzdem alle. Ich kenne sie, wie sie jung
-waren, sehe ihnen zu, wie sie alt werden, sehe ihre Kinder heranwachsen
-und dieselben Geschichten machen. Ich habe nie so viel Geld gehabt, um
-alle Augenblick in Kunstausstellungen zu gehen, und ich habe doch den
-Kanon gekannt und den Makart. Ich weiß es noch wie heute, wie er im
-Fiaker über den Ring gefahren ist, ein ganz kleiner, schlanker Herr.
-Im Theater bin ich auch fast nie gewesen, und habe doch alle gekannt
-und gesehen; die Wolter, wie sie den Grafen O'Sullivan geheiratet hat,
-und die Geistinger, und wie der Girardi berühmt geworden ist, und
-alle miteinander. Woher ich sie kenne, das vermöchte ich nicht einmal
-zu sagen. Vielleicht macht es die Übung, wenn man so viele Jahre Tag
-für Tag durch die Stadt geht. Da findet man die berühmten Gesichter
-einfach heraus; und da weiß man auf einmal den Namen; und dann sieht
-man die Leute wieder und wieder, bis man ihnen zuletzt alles von ihren
-Gesichtern, von ihrem Gang, von ihrer Haltung ablesen kann, was sie
-erleben. So oft ich in dieser langen Zeit meinen Spazierweg gemacht
-habe, immer bin ich davon angeregt und zerstreut worden, immer habe
-ich mich glänzend unterhalten, immer habe ich das Gefühl gehabt, daß
-ich in einer vorzüglichen Gesellschaft verkehre. Und dazu braucht man
-wirklich keine Reichtümer. Was will man denn mehr?
-
-Wenn ich mich so erinnere, wie ich als junger Mensch nach und nach
-gelernt habe, die Augen aufzumachen ... Ich bin zwar in ganz einfachen
-Verhältnissen aufgewachsen, aber gespürt habe ich doch, was es für
-schöne Dinge gibt in der Welt. An einem Sonntag, wenn die Stadt ganz
-still ist, da habe ich stundenlang herumgehen können und mir die alten
-Palais anschauen; die Portale, und der Blick, der sich in die weiten
-Höfe erschließt, und dann die hohen Fenster und die Figuren drauf.
-Dann die engen Gassen, so um die alte Universität herum. Und wie
-lang bin ich immer auf dem Burgplatz gestanden, vor dem Eingang zum
-Schweizerhof. Wie gut kenne ich den Burgplatz. An frühen Winterabenden
-zum Beispiel, wenn der Schnee wie ein weißer ausgebreiteter Teppich
-den ganzen Platz überspannt, wenn die grauen Fronten schimmern, und
-wenn hier alles so abseits, so wie in einer anderen Welt ist. Oder
-an Nachmittagen im Hochsommer, wenn man weiß, der Kaiser ist nicht
-da, und alles, was sich regt, ist nur Dienerschaft. Wenn dieser Platz
-mit der Wache und den Gendarmen und den verhängten Fenstern so was
-Träges und Schläfriges hat. Und dann die Sommerabende draußen auf dem
-äußeren Burgplatz, wenn der Himmel so schön weit ist, und wenn in der
-Ferne die Dächer der Vorstadt glänzen. Wieviel habe ich sehen gelernt,
-seit ich ein junger Mann war und jeden Tag nach dem Bureau spazieren
-gegangen bin; und wieviel könnte ich sagen. Aber ich möchte nur
-bemerken, daß in diesen jungen Jahren gerade durch meine Spaziergänge
-viele Eigenschaften in mir entwickelt wurden. Der Burgplatz zum
-Beispiel, der Graben, der Kohlmarkt, ... da habe ich nach und nach
-einen Sinn für Anstand bekommen, ganz unwillkürlich; eine Neigung
-zu besseren Lebensformen und eine gewisse Empfindlichkeit gegen das
-Ordinäre und gegen das Geschmacklose.
-
-Ich möchte bemerken, daß die Menschen, die ich täglich sah, einen
-gewissen Zwang auf mich ausgeübt haben. Ich hätte mich geschämt,
-unordentlich oder aufdringlich angezogen unter ihnen zu erscheinen.
-Wenn ich mein Bureau verlassen und gespeist hatte, dann lief ich in die
-Stadt, um das glänzende Leben zu sehen. Ein junger Mensch will eben
-sein Vergnügen haben. Und mir war es ein Vergnügen, mir ist es heute
-noch eines. Meine Freude am Luxus wurde mit jedem Tage mehr und mehr
-geweckt. Und ich brauchte nur spazieren zu gehen, um diesen Luxus zu
-genießen. Nehmen wir die Fiaker. Ich bin selbst nur drei- oder viermal
-in einem Fiaker gefahren, aber ich verstehe, daß es sehr schön ist, wie
-leicht solch ein Wagen rollt; wie die Pferde gleichmäßig traben, wie
-das um die Ecke biegt, dahersaust, verschwindet. Ich brauche das nur
-anzuschauen, und genieße die Annehmlichkeit, die in einem so famosen
-Fuhrwerk liegt. Und ich schaue es mir heute noch aufmerksam an, es
-unterhält mich jedesmal. Nehmen wir die Burg und die Oper. Ich kann
-es an meinen Fingern abzählen, wie oft ich drin war. Aber unzählige
-Male bin ich nach der Vorstellung im Opernvestibül gestanden und habe
-mir die vornehme Welt angeschaut, und bin wie nach einer glänzenden
-Unterhaltung heimgegangen, wenn ich dieses prachtvolle Gedränge
-schöner Frauen und eleganter Herren die majestätische Logentreppe
-herunterströmen sah, und das Schauspiel der geschäftigen Lakaien. Im
-Sommer, wenn man keine Überkleider mehr in der Garderobe abzulegen
-braucht, bin ich oft ins Burgtheater, habe mir die Treppenhäuser
-angesehen, bin im großen Foyer herumspaziert, mitten unter dem
-Menschenschwarm. Wenn dann der Zwischenakt vorbei war, stürzten die
-Leute wieder in den Zuschauerraum. Ich aber entfernte mich und hatte
-wieder einen Genuß gehabt. Wäre ich beständig im Fiaker gefahren,
-wäre ich alle Tage ins Theater gegangen, mit einem Wort, wäre ich
-reich gewesen, wer weiß, ob sich nicht alles für mich mit der Zeit
-abgestumpft hätte. So aber habe ich immer nur den besten Schaum von
-den Dingen gekostet, habe mir alle Genüsse in meiner Phantasie noch
-herrlicher ausgemalt, als sie vielleicht in Wirklichkeit sind, und so
-hat bis heute nichts von alledem seinen Reiz verloren.
-
-Als junger Mensch bin ich oft in der Stadt herumgelaufen und habe
-geglaubt, es müsse mir etwas Wunderbares begegnen, es müsse sich etwas
-Herrliches plötzlich mit mir ereignen. Irgendetwas, das mit schönen
-Frauen, mit Pracht und Glück, mit Palästen, mit Musik oder dergleichen
-zusammenhängt. Dieses manchmal ungeduldige Erwarten hat sich mit der
-Zeit nun freilich stark gedämpft. Ich bin heute schließlich sechzig
-Jahre alt. Aber noch heute, wenn ich durch die Innere Stadt promeniere,
-wenn ich durch das Rauschen der Ringstraße gehe, wenn so viele schöne
-Frauengesichter an mir vorübergleiten, dann ist mir, als sei noch
-manche verborgene Möglichkeit irgendwo vorhanden, und als könne doch
-noch etwas Merkwürdiges und Festliches geschehen. Das ist gewiß
-töricht, ich sehe es ja ein, aber die Zeit vergeht so schnell dabei,
-und man fühlt sich dann so angeregt und so zufrieden.
-
-Ich bin sechzig Jahre alt und weiß, daß vieles für mich vorüber ist.
-Ich bin ein armer Teufel. Das weiß ich auch. Und ich habe nichts
-erreicht. Manche Leute werden finden, ich hätte keine Ursache, so
-zufrieden zu sein. Manche Leute werden finden, ich hätte meine
-Jahre besser anwenden, hätte es durch größeren Fleiß, durch höhere
-Strebsamkeit ungleich weiter bringen können. Und ich muß ihnen recht
-geben. Ich muß es um so mehr, als ich zu alledem noch weiß, daß es
-mir nicht an guten Talenten, an reichen Anlagen und Geschicklichkeiten
-gefehlt hat. Heute darf ich's ja sagen, wo es doch schon zu spät ist.
-Ich hätte etwas werden können in der Welt. Etwas Großes vielleicht.
-Sicherlich etwas viel größeres, als ich geworden bin. Aber ich muß
-sagen, daß ich bei alledem nicht unglücklich bin. Vielleicht wäre
-ich als armer Teufel in einer anderen Stadt sehr unzufrieden und
-sehr unglücklich gewesen. Das vermag ich nicht zu beurteilen, denn
-ich kenne die Verhältnisse anderswo nicht, und weiß nicht, ob ich
-mich anderswo wegen meiner Armut und wegen meiner niedrigen Stellung
-ausgeschlossen gefühlt hätte. Hier habe ich mich niemals ausgeschlossen
-gefühlt, sondern habe immer die Empfindung, mindestens aber die
-Illusion gehabt, an allem Luxus, an aller Schönheit und an aller
-Intimität der Stadt ohne weiteres teilnehmen zu dürfen. Vielleicht
-hätte ich anderswo nicht gerastet, um in die Höhe zu kommen. Das
-ist schwer zu sagen. Ich weiß nur, daß ich immer, wenn ich des
-Abends von meinen Spaziergängen heimwärts wanderte, von allen meinen
-Eindrücken ganz sorglos gemacht und in meinem Sehnen ganz wunderbar
-beschwichtigt war. Wenn mir manchmal der Trieb kam, etwas Besonderes
-zu leisten, etwas zu unternehmen, dann schien es mir immer, als sei
-ja schon längst alles unternommen und geleistet und erreicht, und
-es bliebe jetzt nichts mehr zu tun übrig, als das Vorhandene wie
-einen köstlichen Besitz zu verstehen und zu genießen. Das mag ein
-verhängnisvoller Irrtum sein, doch werde ich mich jetzt nicht mehr
-damit befassen, ihn richtigzustellen. Ich habe schließlich genug
-erlebt, habe Menschenkenntnis und Erfahrungen in Hülle und Fülle, ich
-habe mein sicheres Auskommen und meine Ruhe. Jetzt habe ich auch noch
-den Frühling und diese fröhlichen Tage voll Sonne und Blumenduft. Bald
-wird man auch im Freien sitzen können. Auf dem Graben sind ja schon die
-Kaffeehütteln hergerichtet. Alles übrige mag sein wie es ist. Was liegt
-denn dran?
-
-
-
-
-KLAVIERSTUNDE BEI LESCHETIZKY
-
-
-Ein kleines rotes Haus im Währinger Kottage, mit einem netten Turm, der
-sich stramm davor aufrichtet. Ich kenne es seit meiner Kindheit; und
-seit ich als Bub auf der Türkenschanze umherlief, die damals freilich
-noch hinter jenem Hause gleich anfing, kenne ich vom Sehen den fröhlich
-dreinblickenden, weißbärtigen Herrn, der an milden Frühlingsabenden
-aus der Pforte unter dem Turm herauskam und über die Wiesen zum
-Heinrichshügel spazierte; immer munter, und immer von schönen,
-exotischen Frauen gesprächig umgeben.
-
-Der Heinrichshügel, dieser bescheiden erhöhte Abendsitz inmitten
-wogender Kornfelder, ist lange verschwunden. Die Felder und Wiesen sind
-ja alle verbaut, und die ganze Türkenschanze existiert nicht mehr. Es
-sind, wie gesagt, über zwanzig Jahre her. Aber der weißbärtige alte
-Herr blickt immer noch fröhlich drein, ist immer noch munter, und
-immer noch von schönen exotischen Frauen gesprächig umgeben. Und sein
-kleines, rotes Kottagehaus, mit dem netten Turm, der sich stramm davor
-aufrichtet, ist inzwischen der sonderbarste Ort in Wien geworden.
-Jedenfalls etwas einziges in seiner Art; nicht nur bei uns, sondern
-überall. Wenigstens müssen die Leute allerwegs dieser Meinung sein,
-denn aus sämtlichen Weltgegenden kommen sie hierher. Wie man sagt:
-ein Brennpunkt. Wenn man kurz und nüchtern mitteilt, was in diesem
-Hause geschieht, dann hört es sich wie gar nichts an: Hier werden
-Klavierstunden gegeben. Ein Unternehmen, das bekanntlich nur zu oft
-besteht, das fast immer mit allerlei entsetzlichem Geräusch verbunden
-ist und nicht gerade als eine Seltenheit angestaunt wird. Hier aber
-sind wir am wundertätigen Wallfahrtsorte aller Klaviermusikanten, hier
-ist das Rom und der Vatikan aller Pianogläubigen, hier werden die
-höchsten Weihen empfangen, denn hier wohnt und lehrt, hier segnet, und
-flucht zuweilen auch, der unfehlbare, alleinseligmachende Klavierpapst.
-
-Es ist etwas mehr als ein Vierteljahrhundert, seit Theodor Leschetitzky
-als ein schon längst berühmter Mann in Wien sich ansiedelte. Man
-kann nicht sagen, daß man ihn hier übertrieben gefeiert habe, daß
-die Reklametrommel für ihn gewirbelt worden sei; und während sein
-Ruhm aus den entferntesten Landen Schüler wie Verehrer herbeilockt,
-kennt man hier seine merkwürdige, in ihrer Art machtvolle und seltene
-Persönlichkeit in weiteren Kreisen verhältnismäßig nur wenig. Die
-Wiener, die seit fünfundzwanzig Jahren an ihm vorübergehen, wissen
-eben nach so langer Zeit, das ist der Leschetitzky. Viel mehr wissen
-sie aber nicht, denn es ist bei uns immer so, daß die Leute erst
-»nachträglich« alles erfahren. So kommt es, daß man jetzt nicht einmal
-sagen kann, Leschetitzky habe sich in Wien eine große Stellung gemacht.
-In Wahrheit muß es heißen, Leschetitzky nimmt in der Welt eine große
-Stellung ein und lebt in Wien. Er könnte aber ebensogut in Graz, in
-Magdeburg oder in Düsseldorf leben. Weil es nämlich nicht die Wiener
-gewesen sind, die ihn verkündet haben, sondern die Fremden, die
-Engländer, die Amerikaner, die Schweden, Dänen, Franzosen und Russen.
-
-Hier werde ich natürlich nicht von seiner Methode sprechen. Erstens
-vermöchte ich das gar nicht, zweitens interessiert mich diese Methode
-nur sehr wenig, und endlich könnte eine theoretische Erörterung darüber
-nur einen schwachen Begriff von Leschetitzkys Individualität geben.
-Diese allein aber fesselt mich, diese eigentümliche Gewalt, die von
-ihm ausgeht, daß er auf seine Schüler nicht bloß pädagogischen Einfluß
-übt, sondern sich vollständig ihres Menschentums bemächtigt. Die
-Persönlichkeit eines Mannes, die es bewirkt, daß ihm alle bedingungslos
-ergeben sind, daß sie ihn über gelegentliche Schroffheit und manche
-Tyrannei hinweg unbeirrt lieben, daß große Künstler vor ihm befangen
-werden und für sein kärglichstes Lob den Beifall von Tausenden freudig
-dahingehen. Da ist es denn am besten, ihn einmal mitten unter seinen
-Schülern zu sehen, wenn alle in dem kleinen roten Kottagehäuschen
-beisammen sind und er ihrem Ehrgeiz, ihrem Können und ihrem Talent
-einen Produktionsabend gönnt.
-
-Von diesen Abenden ist immer wie von einem Feiertag die Rede; und es
-geht auch sehr feierlich zu, wie bei einem richtigen Konzert. Nur daß
-es hier angenehmer und freier ist, die Stimmung einheitlicher und
-viel mehr erhöht als in einem öffentlichen Musiksaal. Das kommt daher,
-weil hier eine fühlbare Zusammengehörigkeit alle verbindet. Künstler,
-die unter sich sind und froh darüber, daß die Profanen draußen bleiben
-müssen. Nur selten geschieht es, daß hier ein Saulus unter die
-Propheten gerät, ein Pontius ins Credo sich verirrt.
-
-In einem langen vierfenstrigen Saale stehen an der oberen Schmalseite
-zwei Klaviere nebeneinander, derart, daß die Spieler mit dem Rücken zur
-Wand sitzen, das Gesicht den Hörern zugewendet, von denen sie durch die
-ganze Länge des Instruments getrennt sind. An derselben Schmalseite des
-Musiksalons führt eine Tür in das Speisezimmer. Hier sitzen gewöhnlich
-die Amerikaner und sehen nur gerade die Vortragenden. Spielt ein
-gewöhnlicher Mensch, dann wird im Saal länger applaudiert und aus dem
-Speisezimmer hört man bald nichts mehr. Spielt aber ein Amerikaner
-oder eine Amerikanerin, dann wirds hier draußen früher stille, während
-aus dem Speisezimmer der Beifall der unsichtbaren Landsleute noch
-weiterklingt.
-
-Man ist hier überhaupt in einer höchst internationalen Gesellschaft.
-In Wien an und für sich schon eine Seltenheit. Hier gibt es Russinnen
-in prunkvollen Gewändern und mit barbarisch schönen Edelsteinen;
-dann die dunkeläugigen, ein wenig zur karikaturmäßigen Genialität
-neigenden Polen; dann die blonden Schwedinnen, die so stolze und
-nachdenklich blaue Augen haben, so wunderbar goldblonde Haare,
-die so einfach angezogen und so schön und biegsam von Wuchs sind;
-dann ein ganzes Rudel Amerikanerinnen von jener unnachahmlichen
-Barrison-Grazie, von jenem unerreichbaren Schick, der sie sogleich von
-allen anderen unterscheidet, und von jener gesammelten Sachlichkeit
-in Miene, Geberden und Worten, die mit ein Reiz ihrer Schönheit
-ist; Engländerinnen, die manchmal nicht schön sind, aber fast immer
-märchenhaft viele Haare haben, märchenhaft frisiert, und von einer
-märchenhaft rostroten Farbe. Dann die Amerikaner und die Engländer
-mit ihren Langschädeln, ihren langen Hasenzähnen, ihren langen Armen
-und Beinen; kleine stämmige Russen, breitknochige Gesichter, niedere,
-aber gewölbte Stirnen und üppige Mähnen; dann natürlich die gewissen
-Jünglinge mit den überspannten Locken und den überspannten Kravatten,
-oftmals recht groteske Gestalten, wie Eugen Kirchner sie zeichnet.
-Vor Jahren ging hier als ein hagerer Jüngling Paderewski umher, mit
-einem dünnen, langen Hals, aus dessen Magerkeit der Kehlkopf wie ein
-halbverschluckter Bissen hervorstach. Sein Gesicht trug die vielen
-Sommersprossen der Rothaarigen und er hatte einen roten Schopf, der
-ihm verzweifelt in die Höhe stand, dann bis tief zur Nase ins Gesicht
-herein wuchtete und sich ausnahm wie ein Hahnenkamm. Zuletzt etliche
-deutsche Brüder und Schwestern aus dem Reich, die erheblich schnarren.
-Endlich die beweglichen Wiener Judenmädel und die Wiener Christenmädel,
-von denen wieder manche sehr hausmeisterisch aussehen und manche wie
-Erzherzoginnen.
-
-Alle aber sind vom gleichen Feuer entzündet; allen ist der heiße
-Ehrgeiz von den Zügen abzulesen, das angespannte, mühevolle Streben,
-allen merkt man die harte Arbeit vieler Stunden an, das Ringen mit
-dem eigenen Wesen, mit den tückischen Problemen der Technik. Und alle
-sind erregt, als seien definitive Entscheidungen zu erwarten. Es ist
-ganz merkwürdig, wie alle miteinander befangen werden, wenn einer ans
-Klavier gerufen wird. Dieses Mitfühlen ist stärker als persönliche
-Gegensätze, stärker als vereinzeltes Übelwollen. Wie durch einen
-elektrischen Kontakt sind sie alle sofort mit dem einen verbunden,
-der aus ihrer Reihe vor den Lehrer treten muß, und sie zittern mit
-ihm, haben mit ihm Lampenfieber. Aus der Schule her wird man sich
-erinnern, wie durch die ganze Klasse immer ein Beben geht, wenn ein
-strenger Professor prüft. Die Kinder vergessen allen Streit und
-wünschen auch dem feindlichen Kameraden in diesen schweren Minuten
-jegliches Glück. Niemals fühlt man das Ta twam asi naiver und stärker
-als in solchen frühen Augenblicken. Hier aber ist doch noch ein
-wesentlicher Unterschied, denn neben der Anteilnahme regt hier sich
-in allen Hörern auch sofort die Strenge mit dazu. Die Ansprüche sind
-hoch; man ist verwöhnt, hier in diesem kleinen roten Kottagehaus,
-wo seit fünfundzwanzig Jahren alle großen Künstler, die nach Wien
-kamen, ihr Können zeigten, hier wo die Wände die allerbeste und die
-allerhöchste Musik seit einem Vierteljahrhundert vernehmen. Dieses
-ganze Haus ist von oben bis unten erfüllt von einer klingenden großen
-Tradition und in diesen Räumen hier sind die edelsten Weisen verhallt,
-die in der Welt nur unter edelsten Künstlerhänden ertönen. Drei, vier
-Virtuosengenerationen haben von hier ihren Ausgang genommen, sind über
-die ganze Erde gewandert, da und dort verschollen, am Wege gestorben
-oder mit Ruhm, Ehre und Reichtum beladen in das kleine Haus im Kottage
-zurückgekehrt, um hier vor dem alten Lehrer und den neuen Schülern
-ihren Ruf, ihre Entwicklung und ihre Reife bestätigen zu lassen.
-
-Wenn so ein junger Mann oder ein junges Mädchen während der kurzen
-Schritte zum Klavier sich an diese Dinge erinnerte, dann müßte das
-bißchen Courage freilich zusammenschnappen. Meistens aber denken sie
-an gar nichts als an ihr Stück, an dessen schwierige Stellen, und nur
-daran, daß »der Professor« da ist und sie anhört. Da kommt eine hübsche
-Engländerin. Das rostrote Haar umgibt ihr Haupt wie ein brennender
-Schein. Sie spielt scheinbar ohne körperliche Anstrengung; aber mit
-niedergeschlagenen Augen beaufsichtigt sie den Lauf der Finger über
-die Tasten. Ihre lächelnden Mienen werden ernster und ernster, ihre
-Mundwinkel zucken leise, und allmählich steigt eine sanfte Röte über
-den Saum ihres Kragens herauf zu den Wangen, zur Schläfe, und färbt
-ihr blasses Gesicht. Während die Leute applaudieren, tritt sie sofort
-zu Leschetitzky, lachend, eilig, als flüchte sie zu ihm nach einer
-glücklich überstandenen Gefahr. Dann, nachdem sie eine Silbe erhascht
-hat, verschwindet sie. Schon sitzt auch eine andere am Flügel. Ein
-kleines, blühendes Ding, eine Wienerin rotwangig und frisch, aber
-mit kurzsichtigen Augen und mit willensstarken, geschlossenen Zügen,
-aus denen nichts anderes als Fleiß, Entschiedenheit und sichere Ruhe
-spricht. Sie stößt mit sprungartigen Bewegungen in die Tasten, hält
-sich verkauert, fährt zurück und schießt gleich wieder mit aller
-Heftigkeit los, die Arme wie Krallen vorgestreckt, den Kopf geduckt,
-so daß man bei ihren Sprüngen unwillkürlich an ein kämpfendes Huhn
-denkt. Sie scheint nichts zu hören, nichts zu fühlen, nichts zu
-sehen. Zum Schluß aber tritt sie sofort, des Beifalls nicht achtend,
-zu Leschetitzky, aufatmend, lachend, eilig, als flüchte auch sie zu
-ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr. Alle wenden sich ihm
-so zu, wenn sie fertig sind; alle haben die gleiche Art, zu ihm zu
-flüchten, einen Augenblick lächelnd, aufatmend vor ihm zu stehen und
-dann zu verschwinden. Jetzt sitzt ein sehr bleicher, sehr englisch
-aussehender junger Mann am Flügel, der das Zittern seiner Unterlippe
-nicht beherrschen kann, der wie bewußtlos vor sich hinstarrt, und
-der doch unter dem Zwange des Augenblicks alles aus sich herausholt,
-was an Talent, an technischer Sicherheit und durchdachter Auffassung
-in ihm bereit lag. Dann kommt eine bildschöne Russin, die sehr ruhig
-scheint. Ihr elfenbeinschimmerndes Gesicht färbt sich nicht höher, nur
-den kleinen Mund preßt sie heftig zusammen und ihre Nasenflügel beben,
-während sie mit ihren dunklen, großen Augen die Leute anblitzt. Nach
-ihr eine Amerikanerin, die sich im Sessel wie in einem Sattel wiegt,
-die gütig den Kopf zur Seite neigt, zur Klaviatur herabnickt, als
-könne sanftes Zureden helfen. Dann wieder ein sehr ernster Mann mit
-einer Rubinsteinfrisur und -- wenn man so gut sein will -- mit einem
-Rubinsteingesicht, der hier nur gastiert, und der sein Lampenfieber
-hinter einer düsteren Entschlossenheit zu bergen trachtet. Dann
-ein Kind von vierzehn Jahren. American Girl, nicht eben schön. Ein
-bißchen dick in ihrem kurzen weißen Kleid, ein bißchen breitnasig und
-ein bißchen zu vollwangig. Spielt aber, als ob sie allein sei und
-nach keinem Menschen zu fragen hätte; den Kopf weit zurückgeworfen,
-Verzückung in den Mienen, die großen hellen Augen, die manchmal zu
-jauchzen scheinen, aufwärts gerichtet, und ist völlig eingehüllt in
-ihrer Musik wie in einer kleinen Wolke von Begeisterung.
-
-Über all dieser Entfaltung von Talent, Energie, Ehrgeiz und Fleiß
-wacht der weißbärtige alte Herr, der mit seinen weißen, russisch
-geschnittenen Haaren, mit der gemütlichen Nase und den schwimmenden,
-verkniffenen, vergnügten blauen Augen wie ein Muschik aussieht. Rosig
-und frisch im ganzen Gesicht, bis unter die Haarwurzeln rosig, ist
-er voll Elastizität, voll Temperament und Nerven, scheint aus der
-musizierenden Jugend, die ihn beständig wie ein Choral des Lebens
-umgibt, immer neue Erquickung, immer neue Frische zu schöpfen. Mit
-der Präzision eines Thermometers und mit derselben Empfindlichkeit
-reagiert sein Kunstgefühl auf jeden Ton, der sein Ohr erreicht. Andere
-ermüden, seine Aufnahmefähigkeit aber wächst von Stunde zu Stunde und
-ermattet nicht. Gelingt etwas so recht nach seinem Willen, dann lachen
-seine Augen, sein Mund, seine Wangen; alles an ihm lacht, auch sein
-Herz: das sieht man sehr gut. Und in solchen Augenblicken ebenso wie
-in Momenten des Zornes, der Ungeduld kann man wahrnehmen, wie durch
-und durch künstlerisch das Wesen dieses Mannes ist und wie groß seine
-Gabe, sich zwingend, deutlich, überzeugend mitzuteilen. Oft und oft
-setzt er sich an das zweite Klavier, wenn der Vortrag des Spielenden
-ungleich, oberflächlich, verwischend wird, oder wenn's am Rhythmus
-oder an der dynamischen Wirkung hapert. Dann begleitet er nach seiner
-Weise den Schüler ein Stück des Weges, reißt ihn schneller mit sich
-fort, oder hält ihn zügelnd zurück, oder gibt einer Cantilene mehr
-Weichheit, hilft einem Thema zum plastischen Ausdruck und läßt dann
-den wider Willen Geleiteten allein weiter laufen. Oder er fährt wütend
-dazwischen, schickt die Vortragende unter heftigen Scheltworten
-vom Klavier weg und erlaubt ihr erst auf inständiges Bitten das
-Weiterspielen. Und da ist es oft rührend, wie so ein junges Ding nun
-seine ganze Aufmerksamkeit in beide Hände nimmt, um das glückliche Ende
-zu erreichen. Niemand wundert sich über solche Zwischenfälle, niemand
-von den Betroffenen zeigt falsche Scham. Alle wissen ja, daß sie hier
-eigentlich nur für ihn allein spielen, und nicht für die anderen
-hundert Menschen, die zufällig dabei sind.
-
-Wie ein vielmögender Pförtner an der Schwelle des Ruhmes steht er vor
-dieser andrängenden, stürmisch den Einlaß begehrenden Jugend, die
-er durch sein Künstlertum beherrscht, durch den Glanz einer großen
-Vergangenheit und durch den Scharme einer immer sprudelnden, immer
-lebendigen und verheißungsvollen Gegenwart. Es ist ein hervortretender
-Zug im Wesen Leschetitzkys, daß er Festlichkeit um sich verbreitet.
-Damit lockt er und wirkt er wohl am meisten. All seine Wissenschaft
-und Erkenntnis würde ihm die Menschen nicht zuführen und könnte den
-Menschen nichts nützen, wenn er zufällig ein Schulmeister wäre und kein
-Künstler, wenn sein Ernst trocken wäre und er dieses strömende, zum
-Wohlsein und zur Feiertagslaune geneigte Temperament nicht besäße.
-Denn nie ist ein Schulmeister geliebt worden, und es ist kein Schaffen
-möglich ohne Heiterkeit des Herzens und festlich gestimmte Laune.
-
-Stünde dieses kleine Haus in Graz, in Magdeburg oder in Düsseldorf,
-man würde sich beeilen, von Wien aus hinzureisen, um diese seltene
-Kunstakademie zu sehen, die ein einzelner geschaffen, die nur durch die
-Persönlichkeit eines einzelnen lebt, und aus der so viele Berühmtheiten
-hervorgegangen sind. Man würde den weiten Weg nicht scheuen, um einmal
-in dieser rätselhaften und wohltuenden Atmosphäre zu weilen, um diesen
-Mann genauer zu betrachten, der von weitem wie ein Magier aussieht, der
-in der Nähe jedoch nichts weiter ist als ein starker Mensch und ein
-Künstler von mitteilsamen Kräften. Weil es aber nur in Währing ist,
-kann die Sache aufgeschoben werden, denn da kommt man ja sowieso alle
-Tage hin.
-
-
-
-
-ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG
-
-
-Der Wagen rollt durch das Augartentor und sogleich fühlt man sich ein
-wenig gehoben. Wer hat auch sonst Erlaubnis, hier hereinzukutschieren?
-Da gibt es denn einfach eine vornehme Stimmung, von der gemeinen
-Straße abbiegen und über diesen fürstlichen Kies dahinfahren zu
-dürfen. Schade, daß kein Schnarrposten da ist. Der könnte ein bißchen
-schreien, und das würde das Selbstgefühl ungemein steigern. Aber
-das sind überschwengliche, vermessene Träume, gefördert durch die
-Einsamkeit des Coupees. Betritt man erst die große Antichambre, dann
-schnappt man rasch wieder zusammen. Ein hoher Saal mit Kronleuchtern,
-Spiegeln, Teppichen. Weiß, Gold und Rot, die offiziellen Farben in
-den Palästen. Das Wort Zimmer schrumpft auf ein Nichts; in wahrhaft
-beschämender Weise. Hier sind Gemächer, Appartements. Und Lakaien.
-Ein solcher Schwarm von Lakaien, wie er sich nur in verschwenderisch
-ausstaffierten Romanen zu finden pflegt. Nicht einmal auf der Bühne.
-Denn welches Theater hätte so viele und so präsentable Komparsen?
-Galonierte prächtige Lakaien mit galonierten, prächtigen Gesichtern. Es
-ist wirklich herzerfreuend, wie gesund und wohlgenährt diese wackeren
-Männer aussehen. Lakaien, mit einem Wort, die höflich sind und streng
-dabei; die Gebärden von ungeheurem Stolz haben, und die einem trotzdem
-beim Ablegen des Winterrockes behilflich sind. Man merkt sofort: hier
-muß man sich geehrt fühlen.
-
-Von allen Gefühlen, die es gibt, ist das Gefühl, geehrt zu sein,
-unstreitig das angenehmste. Und wenn man diese bescheidene Behauptung
-nur einigermaßen als wahr hinnehmen will, dann ist das Rätsel solcher
-Vorstellungen gelöst. Das Rätsel nämlich, daß man solche Vorstellungen
-wie Ereignisse ersten Ranges traktiert, daß man sich zu ihnen drängt,
-sich die Billette aus der Hand reißt und sich schlechterdings für
-deklassiert hält, wenn man nicht mit dabei gewesen ist. Es gibt
-Vorstellungen, in denen man sich gerührt, Vorstellungen, in denen man
-sich aufgeregt fühlt, Vorstellungen, in denen man sich belustigt oder
-begeistert, Vorstellungen, in denen man sich gelangweilt fühlt. Aber
-Vorstellungen, in denen man sich ununterbrochen geehrt fühlen muß,
-darf oder kann, gehören doch zu den seltenen Genüssen. Man betritt
-den Zuschauerraum, und gleich am Eingang steht ein Graf, der die
-Kartenabgabe überwacht. Zu viel Ehre! Man versucht, in seine Sitzreihe
-zu gelangen, und es erheben sich drei Komtessen, zwei Gardekapitäne, um
-uns durchzulassen, eine Altgräfin und zwei Prinzen. Zu viel, zu viel
-der Gnade! Man setzt sich nieder und hat einen Prinzen zur Rechten,
-eine Reichsfreifrau zur Linken, einen Fürsten vor sich und hinten einen
-Marquis. Wie angenehm das ist! Und der Prinz zur Rechten plaudert mit
-der Reichsfreifrau zu deiner Linken, so laut und so ungeniert, als ob
-du gar nicht da, als ob du einfach Luft wärst. Jedes Wort hörst du, ob
-du nun willst oder nicht, du hörst es und bist hochgeehrt. Kein Zweifel.
-
-Es wäre nun ganz abscheulich, die hohen Eintrittspreise zu erwähnen.
-Wer wird vom Geld sprechen? Was ist das überhaupt: Geld? Jeder Krämer,
-der sichs sauer werden läßt, kann es besitzen. Hier gilt vor allem die
-Wohltätigkeit, und was der Abend bringt, ist gewiß einem ebenso guten
-als tadellos frommen Zweck geweiht. Wenn adelige Leute lebende Bilder
-stehen und sich gegen Entree anschauen lassen, wenn dieser Saal im
-Augarten -- ein zwar nicht allen, aber doch allen zahlenden Menschen
-gewidmeter Erlustigungsort wird, dann, bitte, nur keine plebejischen
-Anwandlungen. Daß Aristokraten keine gelernten Künstler sind, muß
-man im voraus wissen; daß sie nur über eine standesgemäße Begabung
-verfügen, darauf muß man gefaßt sein. So amüsant wie beim Wurstl kann's
-halt nicht sein. Aber: ein Theater, wo lauter Fürsten und Grafen
-und Komtessen und Prinzessinnen Komödie spielen, das ist doch was,
-Himmelherrgott!
-
-Und -- Himmelherrgott -- es ist auch was! Schon der Zuschauerraum,
-dieses ganze vornehme, wenn auch reichlich bürgerlich gesprenkelte
-Auditorium bietet genug und genug. Wollte man die Kronen der hier
-versammelten Herrschaften auf ein Häuferl schichten, das gäbe eine
-nette, funkelnde Pyramide, die bis zur Decke reichen würde. Schwerlich
-vermöchte es diese Erwägung, auf einen Südsee-Insulaner sonderlich zu
-wirken. Aber ein zivilisierter Mensch fühlt sich immerhin von Ehrfurcht
-ergriffen. Was das Wissen, das Bewußtsein nicht alles tut: An einem
-anderen Ort zum Beispiel möchte man sich schrecklich entrüsten, wenn
-die Leute so schreien, wenn sie einander über zwanzig Köpfe hinweg
-anreden, sich »Grüß' dich« oder »Servus« zuschmettern wollten. Weil
-es aber Aristokraten sind, die so knallende Gespräche führen, hält
-man's für ungenierte Noblesse, fühlt sich eingeschüchtert von diesen
-Menschen, die durch ihre ungeheuer hörbare Konversation zu erkennen
-geben, daß sie immer und überall »unter sich« sind, und daß, wer nicht
-dazu gehört, einfach nicht als anwesend gilt. Das Bewußtsein und seine
-Helfer, die Kleider, die Uniformen, die Juwelen: es ist kinderleicht,
-eine Frau als eine Fürstin zu erkennen, wenn sie ein Diadem in den
-Haaren trägt, das eine Million wert sein mag. Man breite ein Kopftuch
-über diesen Schmuck, ein gewöhnliches, kleines Kopftuch, und das nette,
-zutrauliche Gesicht eines Wäschermädels ist fertig. Diesen kleinen
-Offizier, der trotz seiner Uniform so unscheinbar aussieht, muß man
-erst umdrehen, um hinten an seiner Kämmererspange zu merken, daß er
-»wer« ist. In Zivil würde man ihn mit seinen gewöhnlich-ernsthaften
-Zügen, mit seiner alltäglichen, ein wenig farblosen Wohlgenährtheit
-und mit seinem Zwicker für einen Magistratsbeamten nehmen. Jener alte
-Mann dort, dessen weißer Bart ebenso ungepflegt als ehrwürdig ist,
-dem die Backen schlaff und wie ermüdet niederhängen, dem die Nase zum
-Mund hereinhängt, dem die Schultern hängen, und die Kleider am Leibe:
--- genau so, so betrübt und erschöpft und im ganzen so belanglos hat
-mein Mathematik-Professor ausgesehen. Jener Herr aber ist ein Fürst.
-Fürstliche Gnaden, Durchlaucht. Da ist eine liebe, schlanke Frau. Dünn
-wie eine Gelse. Fliegt im Saal umher wie eine Gelse, hat ein nettes,
-schmales Gesicht, kurzsichtige Augen, ein schnippisches Stumpfnäschen,
-und man würde sie treuherzig für ein niedliches Kammerzöfchen halten,
-das zu hüpfen gewöhnt ist, sooft die Klingel tönt; wenn man nicht
-wüßte, daß man sie Frau Gräfin ansprechen muß. Da sind junge Herren,
-die so glatt frisiert sind und so windspielhaft von Wuchs, wie feine
-Kellner in einem feinen Hotel. Haben so gutmütig junge, gedankenlos
-hübsche und sauber gewaschene Gesichter wie feine Kellner und sind
-Majoratserben, Prinzen, Pagen. Da sind andere, mit herrischen Mienen,
-scharfgerissene Profile, Nasen von einer Krümmung, die sich heutzutage
-nur ein Graf erlauben kann. Glühende Augen. Stolzgeschwungene Lippen.
-Und gleich sagen die Leute: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich
-die Abkunft! Aber mit Leichtigkeit könnte man in Hernals und in
-Ottakring ein paar junge Burschen einfangen, angehende Fiaker, bei
-denen nur die mangelhafte Kleidung schuld daran ist, daß sie nicht
-wie Grafen aussehen. Selbst aus der Tempelgasse ließen sich Duplikate
-herbeischaffen. Nur daß es dann freilich mit anderer Betonung hieße: Da
-sieht man die Rasse! Da zeigt sich die Abkunft!
-
-Einen gänzlich Fremden -- man brauchte ihn gar nicht von den
-Südsee-Inseln herzunehmen -- könnte die Vorstellung nicht im mindesten
-interessieren. Weder das Publikum, da er unsere Uniformen und
-Ehrenzeichen nicht zu erkennen vermöchte, noch die Gaben der Bühne,
-da ja die stolzen Namen seinem Ohr unvertraut und gleichgültig wären,
-die Namen, ohne die beinahe alle Akteure ihren Reiz verlieren müßten.
-Wir aber haben die Zusammenhänge, haben alle die Relativitäten, die
-das Amüsement solcher Theaterspielerei ausmachen. Und mondainen Leuten
-mag es schon ein Hauptspaß sein, die Herrschaften, die sonst hoch über
-ihnen hausen, einmal als befangene, ehrgeizige Komödianten vor sich zu
-sehen.
-
-Befangen aber und ehrgeizig sind die meisten dort oben auf den
-Brettern. Die Aufregung ist so ungeheuer, daß sie sympathisch wird, wie
-jede ehrliche Regung sympathisch ist. Da war ein Engel in dem ersten
-Bild. Eine reizende kleine Komteß hatte nichts weiter zu tun, als in
-der vorgeschriebenen Stellung ruhig dazusitzen, indes die anderen
-musizierten. Aber wie gelähmt war sie vor Befangenheit, wurde rot und
-röter unter der ungewohnten Schminke, und man mußte gerührt werden,
-wenn man das schöne Kind ansah. In diesem ersten Bild war übrigens die
-Darstellerin der heiligen Cäcilie vortrefflich. Ein Antlitz, als ob's
-von Holbein gemalt worden sei, mit einem weltentrückten Ernst in den
-Augen und einem frommen, strengen Harm auf den eingefallenen Wangen.
-Noch einer fiel mir im zweiten Bild auf: der Pierrot. Ein schöner,
-feingeschnittener Kopf. So geisterhaft beschattete, gleichsam gehöhlte
-Züge, daß man an die wunderbaren Pierrots denken mußte, die Willette
-gezeichnet hat. Dieses Bild brachte ein bewegliches Kindermenuett. Ein
-Halbdutzend winziger Prinzessinnen und Komtessen und, das muß wahr
-sein, sie haben wie die kleinen Ladstöcke getanzt. Aber lustig war's
-doch, wie an den Kindern gewisse Unterschiede am schärfsten merkbar
-wurden. Wie die einen nämlich, von ihrer Angst, von ihrer Befangenheit
-und von ihrem Ehrgeiz hypnotisiert, nur mehr automatisch sich rührten,
-indessen die anderen mit einer großartigen Gleichgültigkeit, mit
-absoluter Ruhe ihre Schritte und Knickse taten, unbekümmert, ob's gut
-sei oder schlecht, und als dächten sie: hier tanzt die Prinzessin
-Mimi -- das genügt! Es waren dann im Schubert-Bild ein paar niedliche
-Mädchen zu sehen, von einem kleinbürgerlichen Typus, der unsere
-Vertraulichkeit nicht gar zu sehr entfernt. Und ein blonder Jüngling
-war bei ihnen, von der Schlankheit und federnden Grazie russischer
-Windspiele, dazu mit Augen, die so vergißmeinnichtblau schimmerten
-wie Schubertsche Lieder. Die Schubertschen Lieder aber sang ein Sänger
--- und die Wohltätigkeit ist wohltätig genug, seine Kunst zu schirmen.
-So wie er jedoch müßte der Bellac im Burgtheater aussehen, und im
-»Probepfeil« der Krasinski sollte sich eine solche Maske nehmen und
-ein Schubertlied als Einlage singen. Das gäbe einen Sturm. Weniger
-empfehlenswert für die Burg wären die spanischen Messerhelden, die man
-hernach zu sehen bekam, und die spanische Donna, die an der Leiche des
-gemordeten Liebsten ein so gemütliches Entsetzen, eine so gänzlich
-nebensächliche Verzweiflung agierte. Dann aber kam das letzte Bild,
-wo in der Tiefe des Ozeans der bärtige Freiherr mit dem »Jägerg'müat«
-als Neptun auf dem Throne saß und eine frappante Ähnlichkeit mit dem
-Pikkönig hatte, wo auf dem Meeresgrund ein weiblicher Leibhusar von
-pausbackiger Feschheit der Wassermajestät zur Seite stand, wo ein
-Hofnarr so hochmütig und schlecht gelaunt sein glattes, junges Antlitz
-in Falten zog, als sei er beim Demel oder im Café Pucher, wo ein
-Vierteldutzend adelige Frauen mit all der Sicherheit posierten, die ein
-fabelhafter Perlen- und Diamantenschatz der Seele verleiht, wo inmitten
-der Meeresgötter ein befrackter Baßgeiger erschien, der prachtvoll
-spielte, der aber mit all seiner Musik die Dissonanz zwischen seinem
-Frack und den Märchengewändern der übrigen nicht aufzulösen vermochte,
-und wo endlich -- auch im Frack -- Alfred Grünfeld kam, um mit
-Schuberts silbern tönender »Forelle« der fürnehmen Mummerei ein
-willkommenes Ende zu bereiten.
-
-Man möchte vorschlagen: lasset die Aristokraten Karussels veranstalten.
-Niemand vermag ihnen das gleichzutun. Zu Pferde, in allen Künsten des
-Sattels und der Zügel, im Glanz ererbter herrlicher Kostüme werden
-sie uns Schauspiele geben können, die nur der Adel zu geben vermag,
-werden eine künstlerische, ja, gewiß eine berauschende Augenweide
-bieten, für die man ihnen wird danken müssen. Der Mensch, auch der
-vom Baron aufwärts, sollte immer nur das tun, wozu er Talent hat. Das
-Komödiespielen aber, das jetzt im Schwang ist, bleibt doch stets ein
-arges Dilettieren, das durch die vielen edlen Namen nur prätentiös
-wird, von seinen Mängeln aber, von seinen menschlichen und von seinen
-Geschmacksmängeln nichts verliert. Den namenlosen Zuschauern möchte
-man sagen: Habt ihr denn wirklich so viel von einer Vorstellung, in
-die ihr nur euren Snobismus mitnehmt? Und fühlt denn der Snobismus
-selbst sich nicht beschämt, da jeder Bürgerliche doch empfinden muß,
-bei einem Haustheater zu sein, in einem Hause, dessen Insassen euch
-sonst nie einlassen würden, und die in eurer Gegenwart fortfahren,
-sich untereinander zu vergnügen. Aber den Snobismus scheint das gar
-nicht zu genieren. Den Aristokraten scheint es Spaß zu machen, wenn die
-Unzulänglichkeit ein gesellschaftliches Ereignis wird. Die öffentliche
-Meinung dienert im Kartell vor dero leutselig Pläsier, und da
-schließlich doch ein bißchen Geld an fromme Vereine kommt, muß man die
-Dinge gehen lassen, wie sie gehen. Es ist nicht das Schlimmste, es ist
-nicht das Wichtigste, und die Mehrzahl der Menschen hat andere Sorgen.
-
-
-
-
-FÜNFKREUZERTANZ
-
-
-Ein Liebespaar hat mich zum Fünfkreuzertanz geführt. Sie war mir schon
-früher beim Ringelspiel aufgefallen, wo sie rasch eintrat und sich
-augenblicklich auf ein Pferd schwang, mit so viel Entschlossenheit,
-als wollte sie sagen: Von der Arbeit zum Vergnügen, das muß eben
-sein! Dann nahm sie sich in der verwaschenen Bluse und dem weißen
-Kopftuch, hoch zu Roß, sonderbar genug aus. Und wie das Ringeln anfing,
-schaute jedermann nach ihr, weil ihr hübsches Gesicht und ihre ganze
-Haltung solch ein leidenschaftliches Genießen, so tiefe Versunkenheit
-aussprach, so viel körperliche Hingabe und dabei so überraschenden
-Ernst. Man merkte, daß sie sich vollständig allein fühlte, daß die
-anderen Leute für sie nicht existierten. Später, als ich sie dann
-wiedersah, war sie freilich nicht mehr allein.
-
-Ich vernahm, wie ein Budenausrufer mit einer wahrhaft tobenden Stimme
-von der Dame ohne Unterleib behauptete, sie sei das süße Mädel. Da
-blieb ich denn im Menschenschwarme stehen, um zu hören, wie der
-Mann seine immerhin schwierige Sache verfechten werde; und hier
-erblickte ich die Reiterin von früher wieder. Sie hing jetzt am Arme
-ihres Liebsten, den Kopf an seine Schulter gelehnt, während er, die
-Soldatenmütze weit zurückgeschoben, mit seinem jungen Antlitz, gläubig
-lächelnd, zu dem Ausrufer und zur Dame ohne Unterleib emporblickte. Ein
-Dritter kam herzu, und ich meinte zuerst, es sei ein Bekannter. Nur
-schien es mir sonderbar, daß der Mann barhaupt im Prater herumgehe. Es
-ergab sich jedoch, daß es gleichfalls ein Ausrufer war, ein Gehilfe
-sozusagen. Eigentlich aber noch ein blutiger Anfänger, denn er machte
-keine Späße; er sah auch gar nicht danach aus, als sei er zu Scherzen
-aufgelegt, und er war offenbar noch zu schüchtern, um laut zu allem
-Volk zu sprechen. Deshalb begnügte er sich einstweilen damit, sich
-an die einzelnen zu wenden und ihnen ganz privatim die Vorteile
-auseinanderzusetzen, die der Besuch der Bude ihnen bringen würde.
-Dabei sprach er sehr leise, und wenn auch mit enormer Wichtigkeit,
-so doch sichtlich verschämt. Das Liebespaar hörte ihn ebenfalls sehr
-befangen an. Nie habe ich drei Leute in solcher Verlegenheit und so
-ratlos beisammen gesehen. Unwillkürlich nahm ich Anteil an dieser
-heillosen Situation und war auf den Ausgang beinah ängstlich gespannt.
-Die Reiterin aber führte die Geschichte rücksichtslos zu Ende, indem
-sie ihren Burschen an der Hand nahm und wegging. Ganz einfach. Da
-folgte ich den beiden, die jetzt rasch dahinschritten, neugierig, das
-Vergnügungsprogramm dieses entschlossenen Mädchens kennen zu lernen.
-Sie eilten zum Tanz.
-
-Unzähligemal bin ich an schönen Sommerabenden im Prater bei diesen
-Fünfkreuzerbällen vorübergegangen; oder manchmal für einen Augenblick
-nur stehengeblieben, um auf das Gewühl da drinnen zu schauen, mit jenem
-flüchtigen töricht-überlegenen Lächeln, das man gewöhnlich für die
-Freuden der Einfachen bereit hat. Wahrscheinlich wäre ich auch heute
-wieder vorbeigegangen, wenn mich nicht die Lust angewandelt hätte,
-zu sehen, ob sie auch so leidenschaftlich tanzen werde, wie sie sich
-ringeln ließ, so hingegeben und so versunken.
-
-Unsicher und mit dem gewissen Lächeln stand ich im Saal, schaute in
-das dichte Getümmel, blickte in den großen, schmucklosen Raum umher
-und redete mir ein, daß mich die raucherfüllte Luft bedrücke, daß
-mir der Kleiderdunst lästig sei, der aufwirbelnde Staub, der scharfe
-Biergeruch, der Tumult so vieler schreiender Stimmen, das unbarmherzige
-Tosen der Blechmusik, und daß ich in zwei Minuten gehen werde.
-
-Meine Liebesleute suchte ich vergebens. Der Wirbel hatte sie
-verschlungen. Aber es fand sich Ersatz genug. Gleich das erste Paar,
-das sich für meinen irrenden Blick aus der Menge löste, fesselte mich
-im Nu. Sie tanzten langsam, einen schönen, sicheren Sechsschritt und
-hielten sich dabei umarmt, vielmehr sie hatten einander um den Hals
-gefaßt und drückten Wange an Wange. Beide waren hochrot im Gesicht,
-der Schweiß lief ihnen über die Stirn, des Mädchens Haare hatten sich
-gelöst, aber sie achteten dessen nicht. Sie hielten immerzu die Wangen
-gegeneinandergepreßt, beinahe Mund an Mund, und glitten dahin, wie
-in einer tiefen Erregung, so daß von ihrer Unbekümmertheit schier
-etwas Feierliches ausging. Ein zweites Paar kam wiegend und sacht
-sich drehend einher. Sie ganz frisch und goldblond und zart, und er
-beinahe riesenhaft, aber schlank, mit einem Flaumbart. Und sie reichte
-ihm kaum bis zur Brust, lag in seinen Armen mit einem grenzenlosen
-Vertrauen, die Augen geschlossen, wie schlafend, und er sah hoch
-über sie hinweg, warf tapfere Blicke umher, und nahm sich aus, als
-rette er sein Glück aus tausend Gefahren. Dann aber kamen zwei, deren
-Mienen nicht wahrgenommen werden konnten, so blitzschnell drehten sie
-sich, so fabelhaft rasch sprangen sie vorüber. Sie schienen sich in
-einem Anfall von äußerster Raserei, ja in einer Art von rhythmischer
-Tobsucht zu befinden, in die sie durch die Musik gebracht wurden.
-Sie kamen bald darauf nochmals zum Vorschein, offenbar hatten sie
-so geschwind den ganzen Saal durchmessen. Sie, eine kleine, dicke,
-nicht mehr ganz jugendliche Person. Er, ein baumlanger Kerl, im
-Ruderleibchen und grauen Rock. Er mußte sich tief herabbücken, seine
-Dame um die Taille zu fassen, und so, in dieser anscheinend qualvollen
-Haltung, die einer andauernden, devoten Verbeugung glich, schwang
-er sich wie ein gepeitschter Kreisel. Ganz in meiner Nähe fielen
-sie plötzlich, wie hingeschleudert, auf eine Bank, mit todblassen,
-benommenen Mienen, nach einer Sekunde aber sprangen sie wieder auf
-und wirbelten mit derselben, unbegreiflichen Schnelligkeit weiter.
-Noch einige Male kamen sie also angesaust, und es war auffallend, wie
-wenig sie sich in solchen Pausen umeinander scherten, da sie doch,
-tanzend, so begeistert zusammenhielten. Wie nach einer Krankheit saßen
-sie da, machten verstörte Augen, bis es sie wiederum ergriff und
-emporriß. Ein Pärchen erzwang sich die Aufmerksamkeit, weil es sehr
-künstlich tanzte; bald nach rechts, bald nach links, bald geradeaus
-nach vorwärts, bald zurück. Dabei hatte sie ein gänzlich mißlungenes
-Gesicht, darin, wie bei einem geborstenen Schränkchen, durchaus nichts
-klappen wollte, weder Mund noch Augen. Und er war ein bißchen schief
-von Wuchs, hatte einen ärmlichen, farblosen Bart, schielte ein wenig,
-und seine geringfügige Nase nahm sich unter einer dicken Hornbrille
-sehr gedemütigt aus. Aber beiden konnte man die Anständigkeit sogleich
-anmerken, und so tanzten sie auch: treu, ehrlich und fleißig,
-versäumten keine Figur, ließen sich keine Nachlässigkeit zuschulden
-kommen und hatten eine sachliche Freude des Gelingens, in der ihr
-gedrücktes Selbstbewußtsein frei wurde. Sorgloser gingen zwei andere zu
-Werke, die mit ruckweisen Drehungen im Tanze sich schwangen; die Köpfe
-weit zurückgebogen, daß sie einander beständig ins Antlitz schauen
-konnten. Und beständig lachten sie, als ob ein prächtiger Scherz ihnen
-von einem Mund zum andern ginge. Dabei sagten sie kein Wort, redeten
-nur mit den lachenden Augen, und das war wie ein Spiel fröhlicher
-Kinder.
-
-Überhaupt war in allen diese kindergleiche, vollkommene Hingabe an die
-Freude, und diesem tanzenden Gewühl entströmte eine unaussprechliche
-Glückseligkeit, mühelos verlockt, hingerissen und entfacht von ein
-paar Walzertakten und etlichen Trommelschlägen. Und die erwachende
-Sinneslust schlug die Harmlosigkeit hier keineswegs nieder. Vielmehr
-wurde all das Begehren, davon die Atmosphäre bebte, ins Unschuldige
-gerückt, da es so aufrichtig und mit solcher Selbstverständlichkeit
-sich äußerte. Was hier die Arme umeinanderschlang, das liebte sich,
-gleichviel, ob vorher schon oder jetzt erst, aber es gab keine andere
-Veranlassung zum Tanz als die Liebe. Sie tanzten mitsammen, weil sie
-sich liebten, und sie liebten sich, weil sie mitsammen tanzten.
-
-Zwei Soldaten waren hereingekommen und standen neben mir.
-Artilleristen. Der eine von ihnen, aufragend und in der Fülle seiner
-Kraft, »schön wie ein junger Gott«, mit blauen, fröhlich leuchtenden
-Siegeraugen. Der andere schwächlich, von der Uniform fast erdrückt,
-und mit verprügelten Mienen. Ein hübsches blondes Mädchen sprang ihnen
-entgegen, flog mit ausgebreiteten Armen auf den schönen Burschen zu
-und küßte ihn, munter, herzlich, vergnügt. Er ließ sichs gefallen und
-meinte nur, auf den Kameraden deutend: »Dem gibst d' a a Bußl!« Sie
-zögerte keinen Moment, lächelte, stellte sich auf die Zehenspitzen und
-küßte den Verprügelten. Dann wartete sie, daß der Schöne sie zum Tanze
-führe. Der aber schaute gelassen umher, achtete ihrer kaum. Er war
-nicht in der Geberlaune. So ließ sie sich denn vom andern umfangen.
-
-Ein Ländler begann, eine kleine, bescheidene Melodie, die sich
-zufrieden im Kreise um sich selbst drehte, dann wieder innehielt,
-um sich gleich wieder gutgelaunt weiterzuschwingen. Und jetzt waren
-die Großstadtkinder und die vom Lande Zugereisten deutlich zu
-unterscheiden. Für die einen war's eben nur wieder ein Walzer, die
-anderen aber fingen an, sich in kleinen Gehschritten kirchweihmäßig zu
-wiegen, in jener ernsthaften Ruhe, mit der die Bauern den Tanz als eine
-feierliche Arbeit traktieren, und das Bauerng'wand schien unter mancher
-Uniform jetzt sichtbar zu werden. Ein Juchschrei flog da und dort
-empor, der Erinnerung an das ferne Dorf entstiegen, Händeklatschen,
-mühevolle Verschlingungen. Heimatkunst, in bescheidener Munterkeit
-verrichtet.
-
-Inmitten dieser stampfenden, jubelnden, lachenden und liebenden
-Jugendseligkeit regt sich der Wunsch, hier nicht als Fremder stehen
-zu müssen, nicht wie nach fremden Tieren auf diejenigen zu schauen,
-die in Ursprünglichkeit und ungebrochener Lust genießen, nicht in
-Grübelei und nachdenklichem Zögern den Inhalt froher Stunden zu messen,
-sondern Anteil nehmen zu können, besinnungslos und ohne Rückhalt. Und
-da erträumt sich die Phantasie einen jungen Menschen, der, in allen
-Finessen des Geistes, des Wissens und der Kultur geschmeidig, dennoch
-so viel Schnellkraft sich bewahrt, daß er den Subtilen gelegentlich
-entwischt, seinen Lebensunband hierher zu tragen, der untertaucht in
-diesem dampfenden Tumult einfältiger Urtriebe, und dann neugebadet
-zurückkehrt zu den anderen, die nur beziehungsweise Wehmut kennen und
-vieldeutige Sentimentalität.
-
-Schon dem Ausgange zugewendet, erblicke ich meine Bekannte vom
-Ringelspiel wieder. Sie walzt jetzt mit ihrem Burschen, ihr hübsches
-Gesicht ist dunkelrot geworden und hat denselben Ausdruck von
-Versunkenheit wie vorhin, da sie auf dem hölzernen Schaukelpferd
-saß. Hier aber fällt sie gar nicht auf, denn hier gleicht sie völlig
-den anderen, denen das Leben und die Jugend noch so überaus einfach
-geblieben: Man arbeitet erst und geht dann tanzen. Saure Wochen, frohe
-Feste.
-
-
-
-
-STALEHNER
-
-
-Das hundertjährige Stalehnerwirtshaus wurde niedergerissen, und
-ein neues aufgebaut. Denn die Zeit schreitet vorwärts. Ein Kapitel
-Hernalserischer Daseinswonne ist damit zu Ende. Wiener Liedersänger,
-Komiker, Lokalschriftsteller und allerlei andere Vergnügungskünstler
-haben da draußen den Kehraus gefeiert, den Abschied von einem Stück
-Urwüchsigkeit, das nun in der allgemein großstädtischen Banalität
-aufgehen wird. Es war ein Schluß mit Jubel.
-
-Immer, wenn sie so ein altes Wiener Freudennest demolieren, staubt
-aus dem Schutt des bröckelnden Mauerwerks der Schwarm bekannter Worte
-empor: die Wiener Gemütlichkeit ..., der Wiener Hamur ..., die schöne,
-liebe, alte Zeit ... Es ist, als wenn wir unter Menschen lebten, die
-wirklich allweil fidel sind, und nur traurig werden, wenn man ihnen
-einmal ein altes Wirtshaus zusperrt. Man muß sagen, daß uns bessere
-Häuser schon verschwunden sind, ehrwürdigere und wertvollere, als der
-Stalehner. Die neue junge Stadt ist über sie hinausgewachsen, und wir
-haben ihrer vergessen. Wir werden auch den Stalehner verschmerzen.
-
-Ein Nekrolog gebührt ihm freilich. Denn er war berühmt und schaut
-auf eine große Vergangenheit zurück. Er hat seine Rolle gespielt
-in der Sittengeschichte von Wien, und sein Einfluß ist manchmal in
-dieser Stadt sehr fühlbar gewesen. Stalehner, das war nicht bloß ein
-Wirtshaus, sondern auch eine Art Weltanschauung. Das Wirtshaus haben
-sie jetzt niedergerissen, die Stalehner-Weltanschauung wird vielleicht
-bestehen bleiben. Vielleicht.
-
-Stalehner ... schon der Name hat etwas unnachahmlich Echtes, ist wie
-geschaffen zur Straßenberühmtheit. Der wienerische Dialekt schwingt
-auf diesem Namen wie ein Wäschermädel auf einer Praterhutschen. Es
-ist ein Fiakerparfüm darin, und ein Schnalzen, das aus den »enteren«
-Gründen kommt. Wir haben ein paar solcher köstlichen Wirtsnamen, deren
-bloßer Klang schon eine ganze Stimmung gibt. Weigl zum Beispiel mit
-dem gequetschten, wienerisch breitgedrückten »ei«, so daß es sich
-anhört wie ein wohliger Schnaufer. Oder Gschwandner ... was ja wie
-ein Walzertakt schleudert. Nichts aber hört sich so behaglich an wie
-Stalehner mit diesem offenen, ein wenig frechen und gellenden Wiener a
-der ersten Silbe und dem Schleifen durch die Nase der beiden anderen:
-»lehner«. Behaglich und leichtsinnig.
-
-Wir kennen den Namen jetzt schon über hundert Jahre. Und es sind viele,
-viele Wiener Früchteln und Wiener Kinder beim Stalehner draußen berühmt
-geworden. Die einen durch ihren Gesang, durch ihr Kunstpfeifen und
-durch ihren Mutterwitz, die anderen durch ihre Freigebigkeit, durch ihr
-»Aufdrahn« und durch ihr Trinken. Vom Standpunkt des Schanktisches aus
-muß man schon sagen: es war eine große Zeit. Aber, wer denkt denn heute
-der fröhlichen Schar! Weiß jemand noch was von der Judenpeppi, die so
-besonders talentvoll gepascht hat, wenn der Gruber das picksüße Hölzel
-spielte? Man weiß ja auch vom Gruber nichts mehr. Lieber Gott, es gibt
-so viele Gruber. Und diese beiden, der Meister auf dem Picksüßen und
-die Judenpeppi, haben in den fünfziger Jahren gelebt.
-
-Vor ihnen mag es in dieser Heurigenseligkeit noch andere Götter
-gegeben haben. Aber sie sind vergessen und verschollen, wie man des
-Weins, nachdem man ihn genossen hat, vergißt. Der Boden hier ist
-reich. Er gibt in jedem Jahre eine neue Lese; und in jeder Generation
-neue Originale. Weinstöcke und Menschen, in denen die Kraft und der
-Übermut dieser Scholle aufgesammelt waren, sind hier herum immer
-frisch nachgewachsen. Derart ist ja denn auch der Anfang gewesen,
-daß der erste Stalehner ein Weinbauer war, der da draußen in dem
-winzigen Dörfchen Hernals das Leutgeben hatte, und alljährlich, wenn
-seine Trauben gekeltert waren, den Buschen aussteckte. In ihren
-kleinen, niedrigen Häuseln saßen sie dort nebeneinander, am Ufer
-des Alsbachs, der damals noch in seinem offenen grünen Bett zum
-Stroheck hinunterfloß. Zum Stalehner gingen dann die Harfenisten und
-Natursänger, die feschen Mädeln, die sich aufs Paschen verstanden,
-und die Fiaker brachten dort ihre Kavaliere hinaus, um ihnen draußen
-zu zeigen, daß sie nicht nur kutschieren, sondern auch dudeln und --
-trinken können.
-
-So ist nach und nach der Stalehner die Grenzstelle geworden, an der
-sich die Blüte des Wiener Hochadels mit der Weinblüte des Wiener
-Volkes begegnete, die Grenze, an der sich beide in sanfter, singender
-Berauschtheit einander vermählten. Der Stalehner war die Stätte, an der
-die gräflichen Instinkte unserer Fiaker und die fiakerischen Triebe
-unserer Grafen einander in die Arme sanken. Es war, wie gesagt, eine
-große Zeit.
-
-Wir wissen ja nichts mehr von den fünfziger Jahren. Da könnte sich ein
-Lokalchronist einmal ein Verdienst erwerben, wenn er die Geschichte
-des Hauses Stalehner erforschen und aufschreiben wollte. Tut er es
-nur halbwegs gut, und wird vom verjährten Weindunst, der ihm aus den
-vergangenen Zeiten aufsteigt, nicht betäubt, so daß er nun etwa selber
-in Duliähgejauchz ausbricht, dann muß ihm ein lebensvolles, farbiges
-Spiegelbild der Stadt Wien gelingen. Unser Erinnern weiß nur von dem
-Rausch der achtziger Jahre, jener Zeit, in der unsere Prinzen noch
-fröhlicher waren. Vom Glanz der Fiakermilli und der Turfkarolin,
-die zwischen der Freudenau und den Stalehnerischen Gefilden einst
-hochberühmt gewesen sind. Vom Bratfisch, der letzten romantischen
-Gestalt unter den Fiakern. Und daß der Ziehrer draußen die ersten
-Erfolge hatte, mit seinen ersten Walzern, in denen ja ein Echo von
-jenem hernalserischen Händeklatschen leise wiederklingt.
-
-Hernals ... Wenn man von der Laimgruben bis zum Liechtental, und
-im weiteren Bogen von der Schwarzen Westen bis zum Krottenbach die
-verschiedenen Abschattierungen der Wiener Art betrachtet, wird man
-finden, daß Hernals etwas Besonderes ist: ein herbes Wienertum,
-weniger lyrisch, dafür aber unbändiger, mehr ins Randalierende und
-kreischend Grelle. Weniger anmutig und sanft, sondern von ausfahrenden
-Temperamenten feuriger und wilder gemacht. Es ist die Stelle, an der
-sich die Wiener Art zum Proletarischen absenkt, die Stelle, an der sie
-am leichtesten und am häufigsten verpöbelt. Es ist der Boden, auf dem
-die Schalanthers wachsen.
-
-Gerade dieser Schalantherboden aber bringt die Menschen hervor, die
-den absoluten Willen zur Freude haben. Ihr Talent zum Vergnügen ist
-so groß, daß es alle anderen Gaben in ihnen aufsaugt. Der Leichtsinn
-in ihnen ist so stark, daß er sie dauernder berauscht als der Wein,
-den sie trinken; daß er ihnen glänzender und täuschender als der Wein
-die Sorgen des Daseins und seinen Ernst verhüllt. Die wienerische
-Fähigkeit, lustig zu sein, wird nirgendwo mit solcher Heftigkeit
-geübt wie hier, so entschlossen, so über alle Ursachen hinaus, und
-mit einer solchen Zuversicht in die altwienerischen Ausdrucksmittel
-des Fröhlichseins: Händeklatschen, Singen, Schnalzen, Pfeifen. Diese
-Hernalser Gegend, die nicht so anmutig ist wie andere Wiener Gegenden,
-die auch nicht anmutig war, als man noch vom Stalehner bis zu der
-Kirche mit dem Kalvarienberg hinsehen konnte, und der Blick nur
-Felder, Felder, Obstgärten und Weingelände überschaute, diese Gegend
-hat doch immer etwas Anlockendes gehabt: ihre kleinen Heurigenstuben,
-ihre Wirtshausgärten, in die man einkehrte auf der Wanderung zum
-Dornbacher Wald hinaus, oder auf dem Heimweg von dort in die Stadt
-zurück. In diesen winzigen verrauchten Stuben und in diesen primitiven
-Gärten war die singende, jauchzende Verführung. Dort lockte der Wein,
-den die Bauern zogen, dort der Gesang der Burschen, und dort die
-freigebige Üppigkeit der Weiber. In Grinzing, in Heiligenstadt, am Fuß
-des Nußberges gab es von jeher und gibt es noch immer Heurigenschenken,
-zu denen die Leute pilgern. Aber solch einen Schwung hat die Sache
-niemals gehabt. Solch einen Schmiß, daß die Nobelwelt herankarossiert
-kam, um sich aus dem Urwuchs des Volkstümlichen aufzufrischen und
-aufzufärben, hat es auf die Dauer nur beim Stalehner in Hernals gegeben.
-
-Steht man vor dem Stalehnerhause, dann merkt man von außen schon,
-daß seine Zeit erfüllt ist. Das neue Niveau der Straße, die hier
-vorbeiführt, die nicht mehr nach dem Alsbach heißt, sondern nach dem
-ausgestorbenen Grafengeschlecht der Jörger, das hier in Hernals einst
-reich begütert gewesen ist, das Niveau dieser Straße hat man längst
-gehoben, und nun scheint es, als wäre das Stalehnerhaus sachte in
-die Erde versunken. Inwendig hat es den veralteten Reiz eines nach
-und nach adaptierten Vergnügungsnestes, hat diesen alten, immer ein
-wenig schmutzig aussehenden, immer von alkoholischen Kellerdünsten
-erfüllten Hof. Der langgestreckte Garten wurde zur Hälfte verbaut. Da
-ist ein Ballsaal aufgeführt worden, und den muß man durchschreiten, ehe
-man zum Garten und zur Sommerbühne kommt. All das ist vorstadtmäßig
-verschachtelt, ineinander verschränkt, Winkelwerk, malerisch und
-heimlig. All das zeigt den langsamen, Jahrzehnte währenden Aufschwung
-des Hauses, all das erzählt hier von dem immer mehr und mehr wachsenden
-Zulauf, von dem immer mehr steigenden Menschenandrang, dem Raum
-geschaffen werden mußte und Unterkommen. All das hier spricht von einer
-bedächtigen und langsam wienerisch-schlendernden Unternehmungslust und
-von einem stetig sich häufenden Wohlstand. Diese Gastzimmer, dieser
-Ballsaal, diese Gartenbühne zeigen vorstadtmäßige Begriffe von Luxus,
-Ausstattung und Eleganz.
-
-Und da haftet nun die Fröhlichkeit, der Leichtsinn, die Debauche und
-der Übermut von drei, vier Generationen an diesen alten Wänden. Diese
-alten Zimmer, in denen der Weingeruch säuerlich geworden ist, haben
-die gutgelaunten Stunden von drei, vier Generationen mit angeschaut.
-Haben das Jauchzen von jungen Mädchen gehört, die heute längst dahin
-sind, wie die Blätter vergangener Sommerszeiten. Sie haben die naiven
-Kunststücke und die verführerischen Gemütlichkeitskniffe von drei,
-vier Fiakergenerationen mit angeschaut, haben den Gesang vernommen,
-der es hier jahrzehntelang allabendlich zur Decke hinaufschmetterte,
-daß der Wiener nicht untergeht, daß wir keine Traurigkeit nicht spüren
-lassen; und ein feiner Widerklang des einst so zwingenden Estam-tam
-scheint hier noch nachzudröhnen. Während man hier umherwandert,
-erwachen viele alte Wiener Lieder, die von diesen Räumen aus durch
-die ganze Stadt fegten, Lieder, deren Melodie schmeichlerisch war und
-schmiegsam, schaukelnd und wiegend, Lieder, die von Sorglosigkeit, von
-weinseligem Glück, von auftrotzendem Was-liegt-denn-dran-Humor sangen.
-Wenn man hier umhergeht, fühlt man sich angehaucht vom leichten Atem
-wienerischer Harmlosigkeit, von einer weichen, hinschmelzenden Güte,
-die an sich selbst kaput geht. Aber auch von einer erotischen Glut, die
-hier ins Toben kam, von einer Lebenskraft, die hier Betäubung suchte.
-In diesem Saal rauscht es noch von Walzern. Aber anders, wilder,
-trunkener als in dem Hietzinger Dommeyersaal, der ja jetzt auch bald
-verschwindet. Dort draußen in Hietzing, wo die ersten Lanner- und
-Straußwalzer geboren wurden, liegt über der Kaiser Franz-Architektur
-des Saales ein merkwürdiger, stiller Glanz von Vornehmheit. Hier eine
-Stimmung von süßer Pöbelei. Hier stampfte die Orgie der Fiakerbälle
-und riß junge Vorstadtmädchen und routinierte Ringstraßenkokotten,
-Hausmeisterburschen und Edelknaben, Fiaker und Prinzen in ihrem
-Wirbel mit sich fort. »Beim Gschwander, Stalehner ... da lernt ma si
-kehner ...«
-
-Schluß mit Jubel. Was da draußen war, ist wenigstens echt gewesen, ist
-organisch dem Erdreich entwachsen, und hatte die innere Notwendigkeit
-alles dessen, was auf natürliche Weise entsteht. Was da draußen war,
-ist mit der Erinnerung an fröhliche Wiener Tage innig verknüpft,
-ist dem wehmütigen Gedächtnis an die sprühende Jugendlaune der
-Kronprinzenzeit innig gesellt, ist vielleicht für lange, lange Jahre
-das letzte Kapitel wienerischer Leichtherzigkeit. Mit der Zeit freilich
-kam von außen manches falsche Element hinzu. Es kam die Nachäfferei,
-die das Ursprüngliche sich anschminken möchte, seine Farben fälscht und
-übertreibt. Es kam der Snobismus. Denn auch einen Stalehner-Snobismus
-hat es gegeben, der sich in die Manieren fiakerischer Lebenslust
-hineinschmiß und sich drin rekelte, wie er sich in die bequemen Polster
-unserer Fiakerwagen hochnasig hineinschmeißt und sich darin spreizt. Es
-kam auch die korrumpierende Wirkung, daß die »schlichten Leute aus dem
-Volk« da draußen ihre Schlichtheit mit Affektation zur Schau stellten,
-daß sie ohne Naivität ihre Urwüchsigkeit posierten und also, gleich den
-Schlierseer Bauern, auf eine nicht mehr ganz frische, nicht mehr ganz
-ursprüngliche Art die Komödianten ihrer eigenen Natur wurden. Schluß
-mit Jubel. Das alte Stalehner-Wirtshaus hat uns die ins Hernalserische
-gerückte Weltanschauung der Wiener dargestellt, wie uns der Stelzer in
-Rodaun die kalksburgisch gefärbte Wiener Weltanschauung bietet. Das
-alte Stalehner-Haus ist ein Stück Geschichte, ein Stück Kultur von
-Wien, war eine Charaktereigenschaft dieser ewig-anmutigen Stadt, die
-aber doch in ihrem Wesen mehr ist als immer nur fidel und lustig, wie
-manche Leute glauben oder glauben machen wollen.
-
-
-
-
-BEIM BRADY
-
-
-Der prächtige Titel »Wintergarten« ist natürlich eine Übertreibung.
-In Wirklichkeit spricht auch kein Mensch von Bradys Wintergarten,
-sondern alle Welt sagt einfach: beim Brady. An einen Garten erinnert
-übrigens nur die ziemlich geschmacklose Staketendekoration der Wände,
-dann ein wenig falscher Efeu und kunstlos gefälschtes Weinlaub. Sonst
-aber ist man hier beinahe wie in einer Spelunke. Und das mag eben
-der Hauptreiz an diesem »Wintergarten« sein, daß er wie ein Beisel
-aussieht. Denn wenn es irgendwo recht schäbig ist, dann sagt man in
-Wien noch lange nicht: hier ist's schäbig. Vielmehr findet man eine
-versöhnliche Bezeichnung dafür, und jedem, der sich über mangelnde
-Pracht, über fehlenden Komfort, über nasse Tischtücher und schlechte
-Luft beklagt, wird geantwortet: Ja, aber gemütlich ist's. Beim Brady
-ist es also gemütlich. Damit ist zugleich auch die Summe aller
-seiner Eigenschaften gezogen. Es läßt sich weiter nichts hinzufügen.
-Höchstens, daß es in Wien sonst nirgends so gemütlich ist, wie eben
-beim Brady. Und das ist allerdings sehr bemerkenswert. Die wienerische
-Gemütlichkeit, wie wir sie nur mehr noch aus abgedroschenen Liedern
-kennen, oder aus den Schilderungen der gewissen ältesten Leute, diese
-grundlos fröhliche, ziellose, an der eigenen Lebenslust entzündete,
-sorgenfreie, naive, singende und jauchzende Wiener Gemütlichkeit
-findet man jetzt nur hier. Aus den anderen Vergnügungslokalen, aus
-dem übrigen großen modernen Wien ist sie ja verschwunden. Vielleicht,
-daß man sie hie und da in irgendeinem versteckten Vorstadtwirtshaus
-noch treffen kann. Das ist aber sehr ungewiß. Die Zeiten sind
-vorbei. Und wenn man zum Brady geht, dann ist der Weg dahin schon
-wie ein Spaziergang in die Vergangenheit. Ein enges Gäßchen, das vom
-gemütlichen Franziskanerplatz unter einem schmalen Schwibbogen abbiegt,
-das sich windschief bei jedem Schritt anderswohin zu wenden scheint.
-Eine jener Gassen mit so enorm hohen Häusern, daß der Himmel droben
-nur wie eine schmale, helle Linie aussieht; und wenn hier unten einmal
-zwei Wagen einander begegnen, dann darf kein Fußgänger vorbei, weil er
-das bißchen Platz, das zum Ausweichen nötig ist, verstellen könnte.
-Das uralte, beinahe schon vergessene Wien. Was beim Brady geschieht,
-ist rasch erzählt. Eine Salonkapelle spielt; und wenn sie aufhört,
-dann singt ein Männerquartett zur Begleitung einer Ziehharmonika,
-einer Geige und einer Gitarre. Haben die vier Männer ihr Stücklein
-heruntergejodelt, dann kommt wieder die Salonkapelle dran. Ohne Pause.
-Und so ist denn der rauchige kleine Saal immerzu von Musik erfüllt.
-Daran scheint freilich nichts Besonderes zu sein, und man wird es noch
-nicht begreifen, wie nur ein mäßiges Orchester und vier Natursänger
-solchen Zulauf finden können. Denn der schlaue Brady ist nicht mehr
-da. Ein kleiner, leidlich hübscher, flotter Kerl mit einer angenehmen
-Pleinairstimme, war er sein eigener Star. Trug den Leuten seine
-fiakerisch-lustigen und sentimentalen Lieder vor und hatte jeden Abend
-zu dem geschäftlichen Profit den persönlichen Erfolg. Dann nahm er
-Abschied, als ein kluger Mann auf der Höhe seines Ruhmes, zog sich ins
-Privatleben zurück, vielleicht nur, um fortan zeitlicher schlafen gehen
-zu können, und erlaubte bloß, daß der Glanz seines Namens auch ferner
-des Nachfolgers Bude erleuchte. Unberühmte Leute, die man nicht näher
-kennt noch sieht, halten die Weinstube weiter. Ein Geschäftsführer ist
-da, in einem schwarzen Salonrock, ein dünner Mensch, der aussieht wie
-ein Meßner, der umhergeht und den Gästen guten Abend wünscht. Gesungen
-hat er noch nie, hübsch ist er auch nicht, kurzum, der Brady ist noch
-nicht ersetzt. Aber die gute Laune, die er hier eingerichtet hat, ist
-noch nicht verdampft; sie liegt hier noch immer in der Luft. Und wenn
-man hereinkommt, wird man fröhlich, man weiß nicht wie und man weiß
-nicht warum.
-
-Schuld daran sind aber doch zunächst die Musikanten. Die von der
-Salonkapelle, und die vier Natursänger, die zur Geige, zur Gitarre
-und zur Ziehharmonika jodeln. Gewöhnlich gibt es ja nichts, was einen
-Menschen so traurig machen könnte, wie ein bezahlter Lustigmacher. Die
-armen Teufel, die beim öffentlichen Vergnügen bedienstet sind, versehen
-ihre Funktionen fast immer mit solcher Wehmut, daß einen bei ihrem
-Anblick der Menschheit ganzer Jammer anfaßt. Unter allen Professionals
-sind ja die Professionals der Heiterkeit die trübseligsten. Beim Brady
-ist das anders. Die Salonkapelle scheint gar nicht der Gäste wegen
-zu spielen, sondern nur ihrem Dirigenten zuliebe. Wenn der die Geige
-ansetzt und seinen Musikanten das Zeichen gibt, ist es, als wollten ein
-paar Freunde unter einem lustigen Rädelsführer einen Spaß anzetteln.
-Die zigeunerisch schmachtenden Primgeiger, die in posierter Ekstase vor
-unseren Augen zu vergehen scheinen, die kennen wir ja zum Überdruß.
-Daß aber dieser blitzlustige schwarze Bursche, der immerfort lacht,
-wenn er geigt, ein Poseur ist, glaube ich nicht. Er unterhält sich ganz
-einfach, wenn er eine Operettenmelodie spielt. Und weil er so animiert
-ist, singt er den Text gleich mit dazu, wiegt sich und tanzt ein
-bißchen dabei und schaut mit schwarzen, lachenden Augen und mit weißen,
-blinkenden Zähnen im Saal umher. Ferner könnte man auch die Natursänger
-für Gäste halten, die freiwillig zum allgemeinen Amusement beitragen.
-Sie sehen aus wie kleine Geschäftsleute, Fiaker, Fleischhauer, Greisler
-etwa, die ihr Sonntagsgewand angezogen haben und sich einen lustigen
-Abend machen wollen. Dick sind sie alle zusammen, und eigentlich nicht
-mehr ganz jung; aber einer fröhlicher als der andere. Der mit dem
-blonden Schnurrbart hat geradezu jubelnde Augen, ein fideler Leichtsinn
-spricht aus seinen Zügen und sein ganzes Wesen hat etwas Urwüchsiges,
-etwas Schnalzendes, dem man nicht widersteht. Der Jodler unter ihnen,
-der so hoch »überschlagen« kann, sieht spaßig aus. Er hat nicht nur
-die schönste Stimme, er gleicht auch wirklich einem singenden Vogel.
-Die Nase steht ihm spitz und hoch wie ein aufgesperrter Meisenschnabel
-dicht überm Mund. Dann kneift er auch die kleinen Augen so bedenklich
-zusammen, als belausche er sich; und wenn er sich einmal mit einem
-Triller an das Publikum wendet, zieht er ein Gesicht, als ob er einen
-schwierigen Fall zu explizieren hätte. Der dritte ist der Ironiker
-unter ihnen, temperamentvoll, aber gezügelt, schaut immer drein, als
-ob er nach einer Antwort suche, ist aber nie um zwanzig verlegen.
-Der vierte ist der Dickste; wahrscheinlich auch der Gutmütigste. Nur
-manchmal simuliert er Anfälle von Gesangstobsucht. Dann ist es drollig,
-wie dieser kleine Koloß zu brüllen anfängt und sich geberdet, als könne
-er die Lustigkeit in seiner Brust nicht länger bändigen.
-
-Nun darf man aber nicht glauben, daß diese vier Sänger und der
-Kapellmeister etwa zu den besonderen Talenten gehören. Jeder von ihnen
-ist in jedem Augenblick zu ersetzen. Wenn einer nur ein wirklicher
-Wiener ist, wirklich lustig, und dabei ein bißchen singen kann, vermag
-er ihren Platz einzunehmen. Manchmal stellt sich auch von den Gästen
-einer zu ihnen und macht's geradeso wie sie. Und es ist eben ihr Reiz,
-daß sie so gar keine Künstler sind, sondern nur Wiener. Das gibt dem
-ganzen Brady seine Wirkung, daß hier eben sonst nichts vorgeht, als
-daß die Wiener auf ihre Weise fidel sein wollen. Anderswo will man
-essen oder trinken oder sich an Produktionen kritisch ergötzen. Hier
-will und soll kein Mensch etwas anderes als heiter sein. Die Gäste,
-die Musikanten, die Sänger; es geht alles in einem. Und wie da junge
-Prinzen, Offiziere, alte Lebemänner, Kommis, Bürgersleute, Kutscher
-und »kleine Mädchen« beisammensitzen und singen, ist es, als sei man
-hier in einer ganz kleinen Stadt, deren Einwohner eine besonders
-beschaffene Familie bilden, oder als fände man hier den Auszug aller
-wienerischen Art. Hier wird einem unaufhörlich in die Ohren gesungen,
-daß wir »zum Trübsalblasen nicht auf Erden sind«, hier hört man jeden
-Moment die unbestreitbare Tatsache vertont und betont, daß man »'s
-Geld auf dera Welt net fressen kann« und hier ist der Ort, wo diese
-Behauptungen nicht verlogen klingen, wo sich nichts in uns gegen solch
-billige Weltanschauung sträubt. Der einzige Ort, an dem man sich ohne
-Widerstand überreden läßt: »Drah'n m'r um und drah'n m'r auf -- es
-liegt nix dran!« Vielleicht wirkt der Brady auch deshalb so zwingend,
-weil die Leute hier, ob sie gleich fast alle betrunken sind, sich nett
-benehmen. Betrunken ist, für einzelne wenigstens, gewiß nicht zu viel
-gesagt; allein hier lernt man den richtigen, anmutigen Sinn des guten
-Wortes: Angeheitert.
-
-Angeheitert ist jeder. Man wird es vom Wein, man wird es von dem
-Gelächter ringsumher, von dieser Atmosphäre unbekümmerter, übermütiger
-Fröhlichkeit. Angeheitert wird man von diesem Kapellmeister, der die
-Geige streicht, als gäbe es nichts Lustigeres in der ganzen Welt als
-Geigenspielen. Angeheitert von den Sängern, die einem lachend zujubeln:
-Es liegt nix dran. Angeheitert von dem Jodler, der den Meisenschnabel
-aufsperrt; sogar von dem feierlichen Meßner, der herumgeht und
-immerfort »Guten Abend!« wünscht. Da springt ein Lebemann plötzlich
-auf, drückt sich den Zylinder schief in die Stirn, hebt die Frackschöße
-und tanzt Cancan, da er augenscheinlich Paris nicht vergessen kann.
-Er geniert sich nicht, und alle applaudieren, feuern ihn an und sind
-im Nu gut bekannt mit ihm. Ein ernster Mensch, der wie ein Oberlehrer
-aussieht, oder wie ein kleiner Beamter, und der bisher still vor
-seinem Glas gesessen, fährt in die Höh', stürmt das Podium, drängt den
-Kapellmeister zur Seite und beginnt zu dirigieren. Wer weiß, vielleicht
-verwirklicht er hier zum erstenmal einen Lebenstraum. Irgendwo in
-einer Ecke hebt eine elegante junge Dame zu singen an: »Wann der
-Auerhahn ...«, eine glockenreine, helle Stimme. Sofort ist einer von
-den Natursängern dabei, jodelt die zweite Stimme, und die Geige, die
-Gitarre, die Ziehharmonika spielen die Begleitung. Vor einem Tisch
-im Kreis seiner Freunde und ihrer Mädchen ist ein junger Kavalier
-aufgestanden. Ein frisches, bildhübsches, aufgeregtes Pagengesicht,
-die Augen funkeln ihm, er sprüht vor Jugend und Lebenslust, hält
-einen Toast an alle Anwesenden, und wird nicht fertig. Ein alter Herr
-entzückt sich mit einemmal an einer Offenbachmelodie, wird sichtlich
-von Erinnerungen befallen und wiegt sich auf seinem Sessel hin und
-her. Ein Mann, den man für einen Viehhändler halten darf, zecht mit
-einer großen Blonden, die aussieht, wie eine von den strotzenden
-Rubensweibern aus einem seiner Bohnenkönigsfeste. Und dann fällt dem
-rothalsigen dicken Viehhändler unversehens ein, daß man noblerweise
-nicht zweimal aus demselben Becher trinken kann, und er zerschmettert
-jedes Glas, nachdem er es geleert hat, gleichmütig, gelassen, wie
-selbstverständlich, und die blonde Rubensdame lacht, wenn ihr der
-Champagner ins Gesicht oder auf das Kleid spritzt. In einer anderen
-Ecke sitzen kümmerliche Menschen. Wie sehr sie sich auch mit Ringen
-und Goldketten behängen, sie bleiben armselig; graue einfältige
-Gesichter; Spießbürger, offenbar aus der Provinz; die Frauen nach einer
-verschollenen, unwahrscheinlich gewordenen Mode gekleidet. Zur Freude
-nicht geboren, zu jedem Vergnügen talentlos, starren sie mit sachlichem
-Ernst auf das Getriebe. Dann aber geht es wie eine große Freudenwelle
-plötzlich über alle Köpfe. Plötzlich beginnen alle miteinander zu
-singen, die Kellner sogar, und selbst die Provinzler singen mit.
-
-Das ist nun vielleicht sehr stumpfsinnig, es ist albern, wenn man will,
-und sicherlich ist es sinnlos. Ein Berliner Freund, den ich neulich
-zum Brady führte, ließ sich den ewig nüchternen Kopf nicht benebeln,
-fand, daß die ganze Sache der großstädtischen Pracht entbehre, daß die
-Ventilation zu wünschen übriglasse, und daß überhaupt die Geschichte
-»bezeichnend« für Wien sei. Er hat allerdings recht, aber ahnungslos
-wie diese Berliner nun einmal unserer Stadt gegenüberstehen, auf ganz
-andere Art, als er denken mochte. Es ist freilich bezeichnend für Wien,
-daß es nur hier einen Brady geben kann, und nirgends anderswo, daß hier
-die Leute zusammenkommen, um zu singen und lustig zu sein, daß sie
-sich dabei betrinken und trotzdem manierlich bleiben, daß Aristokraten
-und Spießer, Offiziere und Kommis, Fiaker und Hofräte hier Tisch an
-Tisch sitzen, Wiener Lieder anhören und kopfüber in die Banalität der
-Gassenhauerweisheit tauchen, ihre Sorgen vergessen, und in die Hände
-klatschen: Drah'n m'r um und drah'n m'r auf! Sie ist kindisch diese
-Zuversicht, aber kindlich auch, und deswegen so wohltuend: Es liegt nix
-d'ran!
-
-
-
-
-NACHTVERGNÜGEN
-
-
-Musik. Junge Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. Das hat sich
-in den letzten paar Jahren allmählich so entwickelt. Aber schon beim
-gottseligen Brady galt es: »Kinder, wer kein Geld hat, der bleibt z'
-Haus ...« Die Natursänger schmetterten diese einfache Philosophie in
-den Saal. Wer sie vernahm, der war gewarnt, und durfte dann am nächsten
-Morgen nicht klagen: Ihr laßt den Armen schuldig werden.
-
-Zuerst war der Brady allein. Er war wienerisch und wußte es nicht
-besser. Er trieb einen schwunghaften Handel mit Urwüchsigkeit, hielt
-einen Ausschank von Volksliedern; er regalierte seine Gäste mit dem
-Humor, der auf dem städtischen Pflaster sprießt. Und er ließ die
-bodenständige Lebensfreude alle Abend so lange aufkochen, bis sie sich
-glühend vermaß, der Welt eine Haxen auszureißen. Aber er war eben
-allein, und man konnte bei alledem behaupten, daß wir kein Nachtleben
-haben. Jetzt haben wir eines.
-
-Jetzt gibt es in der Innern Stadt etwa ein halbes Dutzend
-Gelegenheiten, die Nacht zu verjubeln und das Geld »am Schädel zu
-hauen.« Das Verfahren ist inzwischen nur ein anderes geworden: Junge
-Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. Spanischer Fandango und
-Veuve Cliquot. Tunesischer Bauchtanz und American Drinks. Cake Walk
-und Vöslauer wie Bordeaux. Deutscher Sekt und Matchiche. Wir sind
-international geworden. Die nächtlichen Freudenlokale tragen fast
-alle pariserische Namen, und man amüsiert sich jetzt hinterwärts der
-Kärntnerstraße ganz genau nach derselben Art, nach der man sich in
-Berlin, Paris, New York oder Kopenhagen unterhält.
-
-Deswegen fehlt es doch nicht ganz an Lokalton. Oft genug dringt
-durch die französisch-spanisch-amerikanische Buntheit ein Schimmer
-wienerischer Farbe. Auch hier kriegt man die neuesten Gassenhauer
-und die frisch entstandenen Straßenlieder zu hören. Wie das Gemüse,
-das draußen am Wiesensaum der Stadt wächst, werden auch sie
-nächtlicherweile herein und auf den Markt gebracht, diese kleinen Texte
-und Melodien, die draußen am Saum der Stadt aus der Erde wachsen.
-Und auch sie dienen hier nur zur Garnierung. Die Herren von der
-Kapelle singen sie. Denn es ist Mode geworden, daß die Orchesterleute
-sich nicht mehr auf ihre Instrumente beschränken, sondern daß sie
-einfach akute Anfälle von Lebensfreude haben. Anfälle, in denen sie
-die Daseinswonne ihres Herzens nicht mehr bändigen können. Ihr Jubel
-schwillt so mächtig an, daß er sich in einer Geige gar nicht mehr
-auffangen, in ein Klavier gar nicht mehr hineindreschen läßt. Da müssen
-dann die Musikanten einfach losbrechen, müssen zu singen anfangen,
-mitten während des Aufspielens. Sie können sich nicht anders helfen.
-
-Das Wichtigste aber bleiben die jungen Mädchen, welche tanzen. Man
-sitzt rings um eine leere Mitte, an kleinen Tischchen. Und da kommen
-die jungen Mädchen. Das ist -- zwischen ein und vier Uhr früh --
-wirklich sehr hübsch. Es sind lauter niedliche kleine Mädchen, manche
-von ihnen sind schön, manche sind nur angenehm; manche sind begabt und
-manche sind ohne Geschicklichkeit; manche sind voll Anmut und manche
-sind ganz hilflos; manche sind schüchtern, ja verlegen, und manche
-wieder sind sehr frech. Aber alle zusammen haben etwas Sanftes in ihrem
-Wesen, alle zusammen sind wie die Kinder, scheinen vom wirklichen
-Leben gar nichts zu wissen. Sie sind ganz arglos in ihren Begierden,
-in ihrer Gefallsucht, in ihren kleinen, durchsichtigen Raffinements.
-Ringsherum an den Tischen sitzen die Leute, die aus dem wirklichen
-Leben hier hereinkommen, aus allerlei Ernst und Sorge, aus allerlei
-Arbeit, Schwierigkeit und Schicksal; sitzen da und sind beladen mit
-ihren Gedanken, Geschäften und Pflichten. Sind gefesselt und gebunden
-an Dinge und Menschen, die draußen irgendwo leben, sind umstrickt
-von allen möglichen Zusammenhängen. Da in der Mitte, auf dem glatten
-Parkett jedoch tanzen die jungen Mädchen, und es ist, als existierten
-sie in einer eigenen Atmosphäre, in einer leichteren, in der es keine
-Gedanken und keine Sorgen gibt. Es ist, als tanzten sie, weil alle
-Zusammenhänge von ihnen sich abgelöst, und weil sie dadurch so viel
-freie Gelenkigkeit gewonnen haben. Es ist, als hätten sie gar kein
-Schicksal, sondern nur dieses Lächeln. Wenn der Morgen anbricht, gehen
-sie zu Bett, und die ungeheure Tagesarbeit dieser Stadt braust dann
-über ihren Schlummer hin. Sie hören es nicht. Sie sehen nur die vielen
-hellen Lichter des Abends, hören nur die lustige Musik. Und tanzen.
-
-Das Orchester schmettert, und ein junges Mädchen wirft sich in den
-tönenden Schaum dieses Fandango, wirft sich mit einer enthusiastischen
-Gebärde in die Flut dieser hochaufspritzenden Musik, wie eine Badende,
-die vom Trampolin fröhlich ins helle Wasser sich schleudert. Ihr
-schönes Gesicht ist von Heiterkeit ganz erleuchtet; ihre schwarzen
-Augen glänzen und schauen irgendwohin, sehen niemanden an, und haben
-einen Ausdruck, als seien sie nur von einem schimmernden Nebel umgeben.
-Dieses Mädchen ist ganz von sich erfüllt. Von ihrer Jugend, von ihrer
-Schönheit, von ihrem Tanz, von der Wirkung, die sie ausübt. Ihr feiner,
-schlanker Körper arbeitet, von der Musik beherrscht, in allen Muskeln.
-Dieser achtzehnjährige Leib fiebert, und glüht und tobt. Er spürt seine
-kreisenden Kräfte und sehnt sich, diese Kräfte rasen zu lassen, sie zu
-verschwenden, sie hinzugeben an den Jubel dieser Stunde. So schleudern
-sich kleine, junge Lerchen in die Luft, so schwirren Libellen in der
-Mittagssonne. Dieses junge Mädchen, das eigentlich gar nicht tanzen
-kann, das wahrscheinlich gar kein Talent hat, ist dennoch in diesem
-Augenblick etwas ganz Vollkommenes. Denn sie tanzt ihre Jugend, ihre
-achtzehn Jahre, ihre Frische und ihren Frühling. Und sie genießt das
-alles, wie sie so in der jauchzenden Musik dahinfliegt, sie ist ganz
-allein mit sich, sie schlürft den feurigen Trank ihres Daseins und
-berauscht sich daran. Die Leute rings an den Tischen betrachten sie und
-werden von ihrem Zustand irgendwie mitgerissen. Sie betrachten dieses
-kunstlose, enthusiastische Mädchen und werden unwillkürlich erfrischt,
-werden milder, heiterer. Sie schauen sie an, wie man ein schönes, in
-der Luft tanzendes Insekt anschaut, dessen Leichtigkeit und Anmut etwas
-Aufmunterndes hat. Sie blicken gleichsam über den Bord ihres eigenen
-Lebens geneigt hierher auf diese mühelos heitere Existenz. Und lächeln.
-Die Musik bricht ab; das Mädchen steht, wie erschrocken, still, und
-geht dann mit einem ernsten, aufgewachten Gesicht hinaus.
-
-Alle diese Mädchen tanzen sich selbst, erklären sich im Tanz, liefern
-Bekenntnisse, unfreiwillige Aufrichtigkeiten, lassen ihr Wesen
-sogleich erraten. Nicht nur diese Mädchen hier, überhaupt: Tanzen
-ist Selbstverrat. Da kommt eine, die tanzt ihre törichte Eitelkeit,
-schwatzt sie mit jeder Bewegung aus, zeigt mit unglaublich falschen
-Geziertheiten und mit schrecklich mißlingendem Stolz, wie sie sich
-das Nobelsein vorstellt, und das Verführerische. Eine Andere wieder
-ist halb noch ein Kind, hat blonde Gretchenhaare, blaue Augen und
-ein schmales bürgerliches Gesicht. Aber dieses Gesicht hat nur einen
-einzigen erstaunten, amüsierten, frivolen und verdutzten Ausdruck,
-als habe sie eben erst das Geheimnis der Liebe erfahren, als habe es
-ihr in dieser Sekunde erst eine Freundin ins Ohr geflüstert. Und in
-ihrem Tanz spricht sich nur dies eine aus, nur dieses: Ich weiß es!
-Wie sie die Schultern biegt, die Arme hebt, den Kopf zurückwirft,
-plötzlich auflachend mit den Augen zwinkert, scheint sie nur dies
-zu sagen: Ich weiß es! Wieder eine Andere tanzt ihren Leichtsinn,
-ihre vollendete Verlogenheit und Gier, tanzt in ihrem nachlässig
-studierten, fehlerhaften Schritt ihre Faulheit und Schlamperei.
-Wieder Eine tanzt immer ihre unleidlichen Hochstaplerinnenversuche,
-möchte in jede Drehung, in jeden Augenaufschlag, in jedes Neigen
-des Hauptes eine rätselhafte Bedeutung legen, möchte den Anschein
-wecken, als sei sie nur inkognito hier, nur aus mutwilliger Laune,
-als könne sie aber morgen wieder Sternkreuzordensdame sein oder
-Stiftsfräulein. Wieder eine Andere, ein nettes kleines Ding mit
-einfachen Mienen, mit gutmütigen Gebärden und mit hausbackener Haltung,
-tanzt ihre Bereitwilligkeit, jeden Moment Kindermädchen zu werden
-oder Weißnäherin, tanzt die Erinnerung an eine bescheidene, arme
-Vorstadtwohnung, tanzt die angeborene Sympathie fürs Staubabwischen und
-Fensterputzen.
-
-Die begabteren unter diesen Mädchen haben immer die Landschaft um
-sich, aus der sie kommen, die Gegend, in der sie heimisch sind. Immer
-ist das besondere Kolorit ihrer Heimat an ihnen bemerkbar. Da ist
-eine kleine Pariserin, ganz mager, spitznäsig und kreideweiß. Aber mit
-diesen großen beredsamen Augen der Montmartremädchen und mit ihren
-plastisch eindringlichen, witzigen Gebärden. Und sie erinnert an
-unzählige ähnliche Gesichter, ähnliche Gestalten, die man abends auf
-der Place Pigalle oder in der Rue Lepic an sich vorbeihuschen sieht. Da
-ist eine kleine Engländerin, mit dem halb offenen, fragenden Hasenmund,
-mit dem kühlen, wasserblauen Blick, mit der unverbindlichen Koketterie
-... träfe man sie nachts um elf in Piccadilly oder am Trafalgar
-Square, man könnte sie von den anderen Mädchen, die da herumlaufen,
-nicht unterscheiden. Da ist eine junge Dänin, und ihre braunen klaren
-Augen, ihre gerade, stolze Haltung erinnert an die schönen Kopenhagener
-Mädchen, die alle so klare, festblickende Augen haben wie junge Falken,
-und die alle so aufrecht, so frei und gesund einhergehen. Die anderen
-aber erinnern an gar nichts mehr. Nur an Nachtlokale. Ihre Mienen,
-ihre Blicke, ihre Gebärden sind vom Dunst und Rauch dieser Luft wie
-mit einer Patina bedeckt. Ihr Lächeln ist nur mehr das Lächeln dieser
-bezahlten Abende. Sie haben es durch den Nachttaumel vieler Städte
-geschleift, sie sind gewohnt, die grelle Musik mit diesem grellen
-Lächeln zu beantworten, und die Musik hat dieses Lächeln auf ihren
-Zügen erstarrt, hat es unpersönlich gemacht.
-
-Eine lange Mulattin vollführt das virtuose Sohlenklappern des Hornpipe.
-Ekstase der Knöchelgelenke, die den ganzen Körper von unten her ins
-Schütteln bringt. Baskische Mädchen winden sich unter dem pochenden
-Rhythmus der Melodie in den buhlerischen Zärtlichkeiten der Matchiche.
-Dann der Cake Walk mit der frechen Unzucht des zappelnden, sich
-verrenkenden Niggers. Unsagbar, was dieser Tanz ausdrückt, wie er
-den Gentlemen up to date gewissermaßen als balzenden Affen im Frack
-entlarvt. Wenn dann die Musikanten wieder einmal zu brüllen anfangen:
-»Menschen, Menschen san m'r alle ...« ist man plötzlich wieder in Wien;
-wird durch den Gassenhauer erst daran erinnert, daß man nicht in einem
-Vergnügungsort zu Paris, Athen oder Port-Said sich befand. Wir sind
-international geworden.
-
-Und ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute. Schauen
-auf diese aus aller Herren Ländern zusammengemischte Lustbarkeit.
-Lassen sich von der unaufhörlich schmetternden Musik aufrütteln, von
-spanischen, französischen, englischen, russischen, amerikanischen
-und wienerischen Melodien aufrütteln. Von spanischen, englischen und
-wienerischen Mädchen aufrütteln. Möchten die eigene Schwere, die
-eigene Bürgerlichkeit für eine Nacht wenigstens los sein und haben
-dennoch kein Talent zum Vergnügen, haben keinen rechten Glauben daran.
-Sie sitzen da und zweifeln, und überlegen, und machen mißtrauische
-Gesichter, ängstliche Augen, als fürchteten sie, es könne ihnen
-unversehens ihre Würde gestohlen werden, ihre soziale Stellung, oder
-als könne ihnen auf eins zwei ihre Selbstachtung abhanden kommen.
-Unsicher sind sie, ihrer selbst, und dieser Freuden da. Unsicher und
-lüstern zugleich und zugleich bereit, sich irgend etwas vorzulügen,
-sich einer auf den anderen auszureden. Frauen sitzen hier mit ihren
-Ehemännern, und machen neugierige Augen, und vergehen vor Begierde,
-einen Blick in den »Sündenpfuhl« zu tun, das »Laster« kennen zu lernen.
-Und dann haben sie, wenn sie irgendwo eine scharmante Gebärde, eine
-allzu deutliche Zärtlichkeit belauern, solch eine infame Milde in
-ihrem Lächeln, solch eine taktlose, selbstgefällige Nachsicht, daß
-man merkt, sie sind nur hergekommen, um sich aufzuspielen, um sich
-auf Kosten dieser Mädchen da überlegen zu fühlen. Wenn aber eine von
-den Tänzerinnen einmal zu solch einer Frau hingehen und ihr sagen
-würde: »Ich laß mich von Ihnen nicht ausnützen ...,« man müßte es
-verstehen. Eine jedoch war da, und die wirkte rührend. Es war keine
-legitime Frau, aber offenbar schon jahrelang mit dem Manne, der
-neben ihr saß, beisammen. Eine Frau so zwischen dreißig und vierzig.
-Vielleicht früher einmal Choristin, jetzt aber an ein ruhiges Leben in
-behaglichen Verhältnissen gewöhnt. Noch immer schick gekleidet, mit
-jener Sorgfalt, die eine Frau anwendet, wenn sie abhängig ist und ihrem
-Freund immer wieder gefallen muß. Der Mann neben ihr an die Fünfzig,
-elegant, gepflegt, im Smoking. Und sie sah nun zu, wie er alle diese
-Tänzerinnen mit den Blicken verschlang. Eine nach der anderen. Sie sah
-zu, wie er diese jungen, tanzenden Mädchen musterte, prüfte, begehrte.
-Ein paarmal legte sie ganz leise ihre Hand auf die seinige. Er merkte
-es gar nicht; schien sie völlig vergessen zu haben. Um ihre Lippen
-bebte ein schwaches, beschämtes Lächeln. Sie spähte umher, ob niemand
-sie beobachtet habe. Von da an sah sie zu, wie der Mann neben ihr sie
-betrog, wie ihr seine Wünsche untreu wurden, vor ihren Augen. Sie
-sah aufmerksam diese jungen, sprühenden, in ihrer Frische entblößten
-Mädchen an, und ihr hübsches, verblühtes Gesicht wurde mutlos. Ihr
-Blick verhängte sich. Sie sah jetzt nichts mehr. Und sie saß da wie
-beraubt, verlassen und gänzlich entwaffnet.
-
-Ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute, und es sind
-unsichtbare Schranken zwischen ihnen, zwischen ihrer Welt und dieser
-tanzenden Welt da. Manchmal aber läßt sich einer von den ernsten
-Männern vom Augenblick wegraffen, springt über diese Schranke und reißt
-so ein Mädchen an sich, um mit ihr zu tanzen. Gewöhnlich ist es ein
-älterer Herr, und gewöhnlich zeigt er durch irgend einen Ruck, den er
-sich gibt, durch eine unsäglich düstere Miene, daß er nun den Entschluß
-gefaßt habe, fröhlich zu sein. Es sind immer nur zwei Spielarten, von
-Männern. Der eine, der es einfach aus Sinnlichkeit tut, der sich mit
-dem bloßen Schauen nicht mehr begnügt. Er ist immer der ernsteste von
-allen. Seine Brauen runzeln sich, seine Stirn legt sich in Falten,
-sein Mund ist fest geschlossen. Also beginnt er, das Mädchen im Arme,
-zu tanzen. Zornig beinahe, dreht er sie im Kreis, preßt sie an sich
-und wirbelt mit ihr, und scheint entsetzlich wütend. Es ist schon kein
-Walzer mehr, sondern eher eine symbolische Handlung, die er vollzieht,
-eine vorläufige Besitzergreifung etwa. Dann geht er gesenkten Hauptes
-an seinen Platz zurück, setzt sich nieder und schaut sich erbittert
-um. Der Andere ist eitel, erinnert sich plötzlich, daß er schön tanzen
-kann, daß man ihm in seiner Jugend wegen seines leichten Sechsschrittes
-Komplimente gemacht hat. Und nun tanzt er mit so einem Mädchen, aber
-nicht, als ob er ihr sein Wohlgefallen, sondern als ob er ihr seine
-Anerkennung bezeigen wollte. In seinem Gesicht ist die Hoffnung, man
-werde ihn bewundern. Er hält das Kreuz hohl, dreht nach links, macht
-zierlich ausgemessene Schrittchen, setzt die Fußspitzen preziös nach
-auswärts, schwingt die Waden in affektierten Zirkeln, wechselt die
-Gangart, das Tempo, vollführt allerlei kleine Bravourstückchen, und
-hört dann plötzlich auf, weil er schwindlig wird. Kreidebleich setzt er
-sich nieder, trinkt in kleinen Schlucken, damit keiner bemerken soll,
-daß er keucht und ihm der Atem ausgegangen ist.
-
-Nachtvergnügen. Draußen in den schlafend stillen Straßen, in der kalten
-Winterluft zerstiebt dies alles spurlos. Eine Weile noch rauscht die
-Musik ins Ohr, dann wird das letzte Echo davon verblasen. Eine Weile
-noch schimmert ein Frauenlächeln, dann verlischt es.
-
-Das ist aber keineswegs eine Betrachtung, an die eine Schlußmoral
-geknüpft werden soll.
-
-
-
-
-PETER ALTENBERG
-
-
-Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags
-dahinwandelt, an den äußeren Rändern des bürgerlichen Lebens?
-Dirnenlokale, Freudenhäuser, Boheme-Spelunken, Varietees, Kabaretts.
-Bei Menschen, die der brutalen Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit,
-dem gedankenlosen Vergnügen der Satten dienen. Bei Menschen, die
-aufgebraucht, genossen, verachtet werden und die er anbetet. Dort
-schwelgt er in subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und
-zärtlicher Verzweiflung. Dort waren die moskowitischen Sänger von der
-Newsky-Russotine-Truppe, denen er seine Seele hingab, dort war die
-spanische Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleichfalls seine Seele
-hingab, das Aschanti-Mädchen Nah Bâdúh, an das er ebenfalls seine Seele
-hingab, dann die Schwestern Nagel, welche wienerische Lieder singen,
-dann die Leopoldine, die Gusti, die Anna, die Helene, die Gabriele,
-denen er immer wieder und wieder seine Seele hingegeben hat.
-
-In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das Gläserklirren,
-Kreischen, Lachen und Lärmen eines Nachtcafés tritt er ein, geht mit
-seinen sanften Schritten und mit seinem sanften Lächeln durch den
-Tumult, und der Reihe nach grüßen ihn zehn, zwölf, zwanzig Mädchen.
-»Servus Altenberg! ... O, Peter -- wie geht's dir? ...« Sie grüßen ihn
-nicht wie einen Habitué, nicht wie eine geschätzte Kundschaft, sondern
-wie einen Freund, oder richtiger, wie man in einem Verein etwa ein
-Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und hochachtungsvoll. Vertraulich,
-weil er ja dazugehört, und hochachtungsvoll, weil es ein Ehrenmitglied
-ist.
-
-Man steht mit ihm an einer Straßenecke. Graben oder Kärntnerstraße.
-Spät nachts. Er disputiert, regt sich auf, schreit. Die Kutscher vom
-Standplatz hören zu, treten näher heran, bilden einen Kreis, lächeln.
-Dann sagt einer von ihnen mit tiefem Baß: »Hab' die Ehre, Herr von
-Altenberg ...« Um sich vor uns damit auszuzeichnen, daß er ihn kennt.
-Die anderen wiederholen es, intim und respektvoll. Es ist beinahe eine
-Ovation. Der Schutzmann kommt herbei, weil er glaubt, es gäbe einen
-Auflauf. Seine Mienen sagen: ach soo ... Er lächelt, salutiert: »Hab'
-die Ehre, Herr von Altenberg.«
-
-Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber sitzen, Gemüse und
-Blumen verkaufen. Er geht mitten in dem Gewühl umher, atmet
-den Duft von Erdbeeren, Reseda, Levkoien, von Spinatblättern,
-Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch des aufgehenden Tages und
-des frischbesprengten Straßenstaubes; sucht mit den Augen, liebkost
-mit den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten grünen
-Gemüseberge und die hübschen Töchter der Marktweiber, die vierzehn- und
-fünfzehnjährigen. Die Mütter und die Töchter nicken ihm zu: »Grüaß'
-Ihna God, Herr von Altenberg ...«
-
-Peter Altenberg erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an
-Terrain gewinne. Er hat das selbst einmal geschrieben, und es drückt
-sein Wesen vortrefflich aus. Er wird jetzt fünfzig Jahre alt. Das ist
-ein Abschnitt, um manches zu überdenken und sich mancher Dinge zu
-besinnen, und ich lese seine Bücher.
-
-Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen einmal gesagt hat; eine
-Sängerin oder Tänzerin, vielleicht auch nur eine, die durch die
-American Bars und Chantant-Promenoirs von Europa zigeunert, jedenfalls
-eine von den vielen, denen er seine Seele hingegeben hat: »Votre lettre
-... je comprends, que vous me comprenez ... c'est tout ce qu'il nous
-faut ... c'est plus!«
-
-Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der Geliebten im Kaffeehaus die
-Geliebte erwartet, die aus dem Theater kommen soll: »Der Pudel setzte
-sich so, daß er die Eingangstür im Auge behalten konnte, und ich hielt
-es für sehr zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte,
-es war halb acht Uhr, und wir hatten bis viertel zwölf Uhr zu warten.
-Wir saßen da und warteten. Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in
-ihm Hoffnungen, und ich sagte jedesmal zu ihm: ›Es ist nicht möglich,
-sie kann es noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!‹ Er
-war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf nach mir um: ›Kommt sie
-oder kommt sie nicht?!‹ -- ›Sie kommt, sie kommt ...‹ erwiderte ich.
-Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte die Pfoten auf
-meine Knie, und ich küßte ihn. Wie wenn er zu mir sagte: ›Sage mir doch
-die Wahrheit, ich kann alles hören!‹ Um zehn Uhr begann er zu jammern.
-Da sagte ich zu ihm: ›Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir nicht bange
-ist?! Man muß sich beherrschen!‹ Er hielt nichts auf Beherrschung und
-jammerte ...!«
-
-Ich lese das Hotelzimmer: »Um drei Uhr morgens begannen die Vögel
-leise zu piepsen, andeutungsweise. Meine Sorgen wuchsen und wuchsen.
-Es begann im Gehirn wie mit einem rollenden Steinchen, riß alle
-Hoffnungsfreudigkeit mit, die Lebensleichtigkeiten, wurde zur
-zerstörenden Lawine, begrub die Fähigkeit, dem Tag zu genügen, und der
-unerbittlichen gebieterischen Stunde! Ein lauer Sturm brauste in den
-Baumwipfeln vor meinem Fenster ...!« Und dann der Schluß: »Das Singen
-der Vögel in den Baumkronen wird deutlicher, Ansätze zu Melodien sind
-vorhanden. Laue Stürme bringen Wiesengeruch. Es wäre die schicklichste
-Stunde, sich am Fensterkreuze aufzuhängen ...«
-
-Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen: »Es gibt drei
-Märsche, die in Musik umgewandelte Todeskühnheit und Blutdunst sind:
-Lorrainemarsch, Sternenbannermarsch, Einzug der Gladiatoren. Sie müssen
-mit einer kurzen und schrecklichen Entschlossenheit gespielt werden!
--- -- Die Instrumente mögen direkt in den Tod gehen! Besonders kleine
-Trommel und Klarinette seien Helden! Sterben fürs Vaterland! Ex! Man
-muß die Bataillone gleichsam sehen, die den Selbsterhaltungstrieb
-hinter sich zurücklassen! Vor, vor, vor! Eine schreckliche Krankheit
-hat das Gehirn, das Nervensystem ergriffen: ›Du oder ich, Hund!‹ Sonst
-nichts!«
-
-Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters: »Also Arterienverkalkung
-höchsten Grades -- --. Die junge Frau wird leben, leben, die zu
-mir gesagt hat: ›Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen jemanden so
-glücklich gemacht hat wie Sie!‹ -- -- Die Bergwiesen in R. werden
-duften und leuchten, besonders nach Regen am Abend. Niemals ist
-jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich. -- -- Enkelin,
-süße, bescheidene, allzu zarte, verlegene, in dich gekehrte, immer
-spürtest du es: ›Mein Großpapa versteht mich besser als alle --.‹ Ich
-möchte dich anflehen aus dem Grabe: ›Warte auf einen, der dich so, so
-verstünde wie dein verstorbener Großvater! Aber du wirst ihn nicht
-erwarten können.‹ -- -- -- Amen -- -- Arterienverkalkung höchsten
-Grades -- -- Lebet wohl!«
-
-Dann das Café de l'Opera im Prater: »Jawohl, eine eigentümliche
-Beziehung ist zwischen diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe,
-Birke, Platane, Esche; weiße Bogenlampe und kühler Auen Nachtduft.
-Etwas abseits vom Leben ist es. Es schleicht nicht dahin wie
-Brackwasser. Eine wundervolle Mischung ist es, welche uns heiter
-macht und leicht. So unbedenklich sitze ich und lausche. Niemanden
-beneide ich. Eine Rose kaufe ich und schenke sie Signorina Maria. Eine
-wundervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie lieblich die Mandolinen
-gebaut sind, wie hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter glitzern!
-Wie ruhig die Platane steht. Und wie die Esche mit ihren zarten
-Blätterfingern bebt.«
-
-Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen Predigten, Ansprachen
-und Dichtungen. Manche sind wie stählerne Projektile, so fest in
-sich geschlossen, so vollendet und präzise in ihrer Form; und sie
-dringen einem wie Projektile in die Brust; man ist getroffen und
-blutet an ihnen. Manche sind wie Kristalle und Edelsteine, funkelnd
-in allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes, strahlend von
-eingefangenen Sonnenstrahlen und blitzend von einem geheimnisvollen
-inneren Feuer. Manche sind wie reife Früchte, warm vom Hauch des
-Sommers, schwellend und süß, und voll Duft nach Laub und Gärten. Ich
-lese alle diese kleinen Werke, und sie sind entzückend in dem Rhythmus
-ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihren gleichsam mit einer heftigen
-Gebärde hingeschleuderten Satzformen, die so viel Plastik haben und
-so viel malerische Kraft. Diese Sprache ist wunderbar persönlich
-und erinnert an keine andere. Nur hie und da, ganz leise, mahnt
-irgendein Klang an den Sprechton von Andersen. Und wenn man es weiß,
-daß Altenbergs Vater für Victor Hugo geschwärmt und die französische
-Kultur fanatisch geliebt hat, aber nur wenn man das weiß, merkt man,
-daß die Jugend dieses Dichters oft den Schwung und das graziöse Pathos
-französischer Konversationskünste gehört hat, und daß davon ein
-schwaches Echo in seiner Rhetorik vernehmlich wird. Sonst aber erinnert
-diese Sprache an nichts. Wenn er sagt: »Sterben fürs Vaterland! Ex!«
-... wenn er sagt: »So ist es! Schweige, Rekrut des Lebens!« ...
-oder: »Basta! Wozu Ereignisse?« ... oder: »Siehe! Diese Herrliche,
-Jugendliche, in purpurrotem Samt hat ihr Sedan in sich. Sie wird sich
-verfetten! Helas -- --«; wenn er dies sagt, dann ist das wie lauter
-kleine neue Empfindungen, die er gemacht hat. Es ist, als ob man ihn
-reden hörte; als sprängen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden,
-abschnappenden, pointierten Schlußwendungen unmittelbar aus der Hast
-und Aufregung seines Denkens und seines Temperaments. In seiner Form
-ist etwas Zwingendes; diese scheinbar asthmatische Beredsamkeit, dieses
-Klopfen aller Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze, schnalzende
-Prägnanz wirkt verführerisch und lockt zur Kopie. Aber er allein nennt
-diese Echtheit sein eigen. Er hat vor sein erstes Buch das Motto
-gesetzt: »Mon verre n'est pas grand, mais je bois dans mon verre!« Mit
-der Zeit trinken freilich auch manche andere aus diesem Glas. Aber das
-macht nichts.
-
-Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset, als er anfing. Damals
-war er etwa dreißig Jahre alt und reif und fertig. Er ist nicht anders
-geworden seither, und was man künstlerische Entwicklung nennt, liegt
-nicht in seinem Wesen. Er wird niemals ein großes Werk schaffen,
-langsam komponieren und bauen, wird niemals die Fäden irgendeiner
-Handlung spinnen, knüpfen und lösen, niemals in seiner Phantasie
-Gestalten und Schicksale erschaffen. Denn er trägt nicht wie andere
-Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück -- einen »Fetzen«, würde
-er sagen -- mit sich nach Hause, reißt nicht irgendein Stück aus dem
-Leben, um es bei sich zu verarbeiten, um es zu verändern, zu erhöhen
-und sein ganzes Ich darein zu verweben. Er sieht das Leben wie ein
-einziges, furchtbares und herrliches Schauspiel vor sich abrollen und
-hat keine Zeit, etwas zu versäumen, indem er sich mit sich selbst und
-mit einem Werk einschlösse. Er ist von diesem Schauspiel in solchem
-Maße erschüttert, gefesselt, berauscht, daß er keinen Moment vom
-Platze weicht. Ihm enthüllt sich die Tiefe der Welt in Worten, die
-Vorübergehende sprechen, in dem Auflachen oder im Erbleichen einer
-Dirne. Ihm öffnen sich die schwarzen Abgründe der Tragik im Seufzer
-eines enttäuschten Jünglings, in dem Blick, den eine gealterte Frau auf
-eine erblühende richtet. Er sagt: »Goldgelber, wunderbarer Chinatee«,
-und empfindet unermeßliche Fernen, exotische Landschaften, unermeßliche
-Möglichkeiten des Daseins. Er wird andächtig und ergriffen von dem
-rosigen gesunden Körper eines Kindes, erbebt vor den hellen unbeirrten
-Augen einer Dreizehnjährigen als vor etwas Göttlichem. Es ist seine
-innerste Notwendigkeit, still dazusitzen und zu schauen und sich
-schauend am Leben zu erzücken oder zu kränken. Und es ist seine
-innerste Notwendigkeit, daß er dann diese kurzen Briefe an das Leben
-richtet. Manchmal Anerkennungsschreiben, die von seinem Entzücken
-auf eine rührende Weise ganz durchtränkt sind. Manchmal wieder
-Schmähbriefe, in denen ein erstickender Zorn ins Stammeln gerät. Er
-wird immer nur diese kleinen Prosastücke schreiben; alle seine Bücher
-enthalten nur solche kleine Prosastücke, und die folgenden Bücher, die
-er noch erscheinen lassen mag, werden auch nichts anderes enthalten.
-Aber unter ihnen sind viele kleine Meisterwerke. In diesen wohnt eine
-ungemeine Flugkraft, und sie werden ihn über die Jahre hinwegtragen
-zu Generationen, die erst noch kommen. Denn Altenberg besitzt eine
-wunderbare Macht. Während andere mit der Gewalt eines langen Atems
-Werke schreiben, die man morgen schon vergessen hat, kann er mit seinem
-kurzen Atem Dinge sagen, die einfach unvergeßlich sind.
-
-Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freudenhäusern, in den Varietees,
-in den Boheme-Cafés und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen
-an Terrain gewinne. Es sind seine eigenen Worte. Freilich ist das der
-Wunsch so ziemlich aller Dichter, nebenbei auch aller Priester. Die
-Dichter betonen es nur nicht immer ausdrücklich, streben bloß bewußt
-oder unbewußt danach, zur Erreichung dieses Zieles etwas beizutragen.
-Die Priester wieder predigen und verkündigen es unaufhörlich und
-wissen Rezepte, die unfehlbar dazu verhelfen, daß die Seele an Terrain
-gewinne. Altenberg tut beides. Er predigt, und er dichtet; er gibt
-Rezepte, er überredet und schreit das Leben an, kanzelt es ab wie ein
-Priester und wirft sich ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos,
-überwältigt in die Arme wie ein Künstler.
-
-Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine junge Tänzerin voll
-Verve in jeder Bewegung oder einen Collie von echter Rasse oder ein
-Tiffany-Glas oder eine frische Wiesenblume und ruft mit geschnürter
-Stimme, zitternd vor Begeisterung: »Das ist das Höchste! Das
-Hö-ö-öchste!!« In dieser Sekunde ist es ihm wirklich das Höchste. Als
-habe das Leben eine neue Überraschung, irgendeine neue Aufmerksamkeit
-für Altenberg bereitgehalten, habe ihm diese Gabe plötzlich
-dargereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er nun fürstlich
-beschenkt, als sei er vor allen anderen begnadet. Es ist aber auch, als
-umfasse er in dieser einen Sekunde wiederum den ganzen Reichtum des
-Daseins.
-
-Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick ist sie die einzige, an
-die er seine Seele hingibt. »Ich habe das Antlitz gesehen«, sagt er.
-Jedes andere Antlitz verlöscht in ihm, versinkt, und es existiert nur
-dieses eine. Dieses ist ihm für jetzt die Erfüllung seines Traumes von
-Frauenschönheit; dieses ist ihm für jetzt die höchste Meisterleistung
-der schaffenden Natur und ist ihm ein Anlaß, wiederum ein lobendes
-Schreiben, einen enthusiastischen Dankbrief an das Leben zu richten. Er
-hat seine Seele oft nur für wenige Tage, oft nur für eine halbe Stunde
-hingegeben; aber er hat sie immer ganz hingegeben, ohne Vorbehalt, und
-als täte er es zum erstenmal.
-
-Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mädchen kaufen, und sagt
-ihnen: Glaubt nicht, daß ihr jetzt alle Rechte über dieses Geschöpf
-habt! Beachtet, wie herrlich schön dieses Mädchen ist. Nehmt sie nicht
-im brutalen Heißhunger eurer Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei
-die freche Gesinnung hegt, ihr werdet durch sie besudelt. Beachtet ihre
-Traurigkeit und ihre Heiterkeit; beachtet ihr Schicksal. Seid nicht
-wie Tiere! Die jungen Leute denken bei sich: er ist verrückt! Aber sie
-schlagen einen andern Ton gegen die Mädchen an. Die Seele des Menschen
-hat an Terrain gewonnen.
-
-Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele ältere sitzen an
-seinem Tisch und hören ihm zu. Viele haben sich im Laufe der Jahre
-nacheinander seiner bemächtigt, haben ihn nicht losgelassen,
-konnten nicht existieren ohne seinen Zuspruch, ohne seine milden
-Reden, ohne seine Wutanfälle und tobenden Beschimpfungen. Verwöhnte
-Frauen, sehnsüchtige Mädchen langen über seine Bücher und über
-gesellschaftlichen Zwang hinweg nach ihm, begehren seine persönliche
-Nähe, seine Worte, spüren in ihm eine unbekannte neue Zärtlichkeit,
-eine wunschlose Anbetung, irgendeine Befreiung, irgendein Labsal oder
-eine Aufklärung. Die Leute in den Nachtlokalen, die Freudenmädchen,
-die stumpfsinnigen Trinker und Genießer, die Kellner, die Kutscher,
-die Schutzmänner, die Wirte, alle sprechen mit ihm. Er sagt ihnen:
-Hütet eure Verdauung! Habet Ehrfurcht vor eurem Schlaf! Er sagt ihnen:
-Die einzige Perversität, die es gibt, ist, seine Lebensenergien
-zu schwächen und zu vermindern! Alle diese Menschen verstehen ihn
-natürlich nicht, aber sie verstehen, daß er sie irgendwie liebt, daß er
-Güte für sie hat, und sie lieben ihn auch. Sie lächeln, wenn er seine
-langen Reden hält, sie blinzeln einander an, sie zucken die Achseln,
-aber sie lassen nicht ab, ihm zuzuhören, sie kommen nicht los von
-ihm. Wie das Grubenpferd im Germinal das andere eben von den Wiesen
-ins Bergwerk hinuntergelassene junge Tier beschnuppert und an seinem
-frischen Geruch die freie Luft und die Sonne ahnt, so wittern diese
-Leute, die im Alkoholdampf, im Lärm, in der Nachtmusik, im Rausch und
-Dunst ihrer Welt eingeschlossen sind, an ihm etwas von der Unschuld,
-die ihnen verloren ging, wittern an ihm die Poesie, die sie nicht mehr
-kennen, und freuen sich, wenn er kommt, und grüßen ihn, wenn er geht.
-
-Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka im Nachtasyl oder wie
-in der Macht der Finsternis der alte Akim. Er ist hier heimisch und
-kommt doch von wo anders her. Er wurzelt hier, und doch brennt in ihm
-eine Flamme, die nicht an diesen Lichtern hier unten entzündet worden
-ist. Er ist unter all den Erwachsenen und Beladenen und vom Dasein
-Entstellten vollkommen wie ein Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen,
-schauen einander an und lächeln, wenn sie ihn wie ein Kind gegen das
-Leben eifern und streiten hören; und sie lächeln noch einmal, wenn
-sie merken, wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten dieses
-Lebens verstrickt ist, und wie naiv er sich seiner bedient. Die breite
-Menge der Gebildeten ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung,
-verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn für verrückt oder für
-einen, der sich zum Narren hergibt, wohl auch für gemeingefährlich,
-jedenfalls für sehr verkommen. Im Kabarett Fledermaus erzählt Dr.
-Egon Friedell Altenberg-Anekdoten. So oft er beginnt: »Es ist mir
-beschieden, im Leben des Dichters Altenberg dieselbe Rolle zu spielen,
-die Eckermann im Leben Goethes gespielt hat«, brüllt das Publikum und
-meint, damit sei nun Altenberg gebührend verhöhnt worden. Es gilt ihnen
-schon als ein Witz, daß der Dr. Friedell sagt: Der Dichter Altenberg.
-Denn sie meinen, es sei im Ernst ganz unmöglich, ihn einen Dichter zu
-nennen. Sie brüllen auch zu den Anekdoten und ahnen nicht, wie glänzend
-diese erfunden sind. Die stürmische Heiterkeit, welche Dr. Friedell
-mit seinen Altenberg-Geschichten immer erregt, ist gewissermaßen eine
-falsche, eine mißverständliche Heiterkeit. Denn die Leute verstehen
-nicht, wie der ganze Wert dieser ausgezeichneten kleinen Geschichten
-nur darin besteht, daß aus ihnen die rührende und einzigartige Gestalt
-Altenbergs lebendig hervortritt, daß durch sie das Wesen Altenbergs mit
-einem klaren ungemein psychologischen Humor beleuchtet und manchmal
-verklärt wird. Die Leute sehen ihn von weitem. Sie sehen seine Werke
-aus der Entfernung ihres bürgerlichen und an vermorschte Wahrheiten
-geklammerten Standpunktes, genau so wie sie seine Person von weitem
-sehen, wenn er zufällig auf der Straße an ihnen vorbeigeht, oder
-wenn er eben im Saale ist, während Dr. Friedell von ihm spricht. Sie
-meinen dann ja auch, nachdem sie ihn begafft haben, er sähe wüst aus,
-vernachlässigt und beinahe zerlumpt. Und wissen nicht, mit welcher
-Sorgfalt diese weiche, den Körper kaum beschwerende Kleidung ausgewählt
-ist; wissen nicht, was für ein gepflegtes, weißes, durchleuchtetes
-Antlitz er hat, was für feine beseelte Züge, was für schöne
-strahlende Augen; sie wissen nicht, daß er die schmalsten vornehmsten
-Alabasterhände hat, und daß seine Stimme sanft und gesanglich klingt
-und edel.
-
-Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags
-dahinwandelt, am äußern Rand des bürgerlichen Lebens, an den
-Grenzlinien, wo das Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die sonst
-als unumstößlich gelten, zweifelhaft werden! Er ist jetzt fünfzig Jahre
-alt, ist in diesem heutigen Wien eine der interessantesten, subtilsten
-und ergreifendsten Existenzen, ist für alle Wissenden in Europa ein
-geliebter und bewunderter Dichter, in dem großen geistigen Orchester
-ein Instrument, dessen besonderer Klang durchdringend und aus tausend
-Stimmen kenntlich bleibt, ... und für das Amüsierpublikum vom Maxim,
-vom Café Central und vom Kabarett Fledermaus eine Kuriosität, ein
-ridiküles Schaustück neugierigen Bürgersleuten. Eines Tages aber wird
-man Altenberg-Erinnerungen schreiben und Altenberg-Biographien. Die
-dann diese Bücher lesen, werden glauben, ganz Wien habe dieses Original
-verstanden, verehrt und gefeiert, und sie werden sagen: Schade, daß
-wir ihn nicht mehr gekannt haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert und
-verehrt. Eines Tages wird jemand beweisen, daß draußen, an den äußern
-Rändern des Alltags, durch das Wirken Altenbergs die Seele des Menschen
-an Terrain gewonnen habe. Dieser Beweis wird gelingen, weil es einfach
-wahr ist. Nur heute würde das niemand glauben wollen.
-
-
-
-
-SPAZIERGANG IN DER VORSTADT
-
-
-In diesen schönen Frühlingstagen bin ich jetzt oft und gern in Währing
-gewesen. Weit prächtiger mag es sich ja anhören, wenn einer sagen
-kann, er sei kürzlich erst in Samarkand spazierengegangen, oder er
-habe sich in Brasilien umgetan. Währing, das klingt natürlich nach gar
-nichts. Zwar wüßte ich nur wenig Punkte der Erde, von denen sich heute
-noch ein großes Rühmens machen ließe. Die Menschen sind überall schon
-umhergewesen und kommen überall hin. Alle Länder mit all ihren Städten
-sind uns hundertmal schon beschrieben, derart, daß gar viele unter uns,
-deren Sinn beständig nach der Ferne steht, im Weiteren besser Bescheid
-wissen als im Engeren und Nächsten. Mag es also auch nur Währing sein
-... ist man da aufgewachsen, dann fragt man nicht viel, ob der Name
-des Ortes hinreichend prächtig sich anhört. Und wenn man nach zwanzig
-Jahren zum erstenmal wieder heimkehrt, zum erstenmal wieder an diesen
-bescheidenen Häusern vorbeigeht, und den stillen Gärten; nach zwanzig
-Jahren wieder den wohlvertrauten Umkreis durchwandert, darin man
-vorzeiten das Gehen und Sprechen gelernt, das Lesen und Schreiben, wo
-man die ersten Freuden gehabt hat und frühen Kummer genug, dann mag man
-sich allhier von der Lebendigkeit des Daseins stärker angerührt fühlen
-als im fremden Samarkand oder in Brasilien.
-
-Das war damals wirklich so, und man schrieb es auch auf den
-Postadressen nicht anders, daß Währing »bei« Wien lag. Draußen,
-vor den festgemauerten Wällen lag es, hinter denen sich die Stadt
-verschanzte, und begann erst ein gutes Stück hinter dem gewaltigen
-Holzgatter, mit dem man die »Linie« absperren konnte. Von der
-Stadtseite her war es nur durch den einzigen Durchschlupf zu erreichen,
-den eben die Linie freiließ. Deutlich erinnere ich mich noch des
-Feldweges, der hinter dem Mauttor anfing und heimwärts führte. Felder
-überall und Wiesen. Und jenseits davon standen die ersten Währinger
-Häuser, wie gute Bekannte mit freundlichen Gesichtern. Aus den hellen
-Gassen kam man rasch überall ins Freie. Ein paar Schritte von der
-Kirche ab, die alte Neugasse hinauf, vorüber an dem halben Dutzend
-damals noch gern bespöttelter Kottagevillen, und man war auf der
-Türkenschanze, konnte durch hochstehende Saaten, durch Weingärten und
-Brachäcker unter Lerchenjubel und Sensenklirren in Feldeinsamkeit
-dahinwandeln, war einfach auf dem Lande. Und ein kleines, halb
-ländliches Gemeinwesen war das ganze Währing.
-
-Die Stadt, die begann für uns gleich bei der Linie. Und beim
-Bürgerversorgungshaus, wo die Pferdebahn klingelnd zum Zögernitz
-hinausfuhr, glaubten wir uns schon mitten in ihrem stolzesten Gewühl.
-Hatten wir uns aber einmal gar bis zum Josephinum vorgewagt, dann
-meinten wir alle Pracht der Residenz erspäht zu haben. Eine alte Tante
-kam damals aus der Provinz zu uns, um, wie sie sich ausdrückte, die
-Wienerstadt kennen zu lernen. Und da wir Knaben ihr als Fremdenführer
-dienten, ist auch sie übers Josephinum nicht hinausgelangt. Sie war
-genügsam und gab sich damit zufrieden. Sie hat den Rest ihrer Jahre bei
-uns verbracht, aber während wir Kinder die Wienerstadt, nach der es
-sie so sehr verlangte, längst schon in allen Bezirken durchstreiften,
-reichte ihr Begehren gar nicht mehr weiter. Täglich rüstete sie sich
-mit sehr viel umständlicher Feierlichkeit, um »in die Stadt« zu gehen,
-rückte voll Anstand und Bedacht bis an das Versorgungshaus, und machte
-dort pünktlich kehrt. Vom Graben, vom Stephansplatz, vom Praterstern
-sprach sie zuletzt nicht anders als von Gegenden, in deren exotische
-Gefahren sich nur ein übertriebener oder ein mutwilliger Mensch begibt.
-
-So saß unsere Jugend da draußen abgeschlossen und hatte, in enger
-Nachbarschaft mit der großen fremden, eine kleine trauliche Welt
-ganz für sich. Man war am geruhigen Ufer eines rastlos und brausend
-hinstürzenden Stromes, der nur manchmal eine Welle ergötzlich und
-überraschend zu uns heraufwarf. Kam im Frühherbst das Militär
-anmarschiert, dann lief bei der schmetternden Musik der ganze
-Ort freudevoll zusammen. Und wenn die Truppen auf den Hügeln
-der Türkenschanze manövrierten, hatte Währing seine richtige
-Einquartierung. Da erinnere ich mich noch der milden Septemberabende,
-an denen Schlag neun vor unseren Fenstern der Zapfenstreich
-geblasen wurde. In unserem ersten Kindesschlaf vernahmen wir die
-melancholisch-verwegene Melodie, hörten sie aus dem Dunkel der Straße
-zu uns heraufklingen und fühlten uns von wundersamen Abenteuern
-umwittert.
-
-Es gab noch ein paar andere wunderschöne Dinge in Währing, um die es
-schade ist. Da war das Gasthaus »zum wilden Mann«. Freilich besteht
-es auch heute noch. Aber sein Charakter ist hin, seine Individualität
-ausgelöscht. Es ist längst in Reih und Glied der Gewöhnlichkeit
-getreten, steht mit seiner gleichförmigen Zinshausfront, mit den
-banalen Spiegelscheiben eingefügt in andere Fronten an der Straße, es
-gleicht den fünfhundert übrigen Bierhallen in Wien und nimmermehr sich
-selbst. Damals war es eine kleine, lang hingestreckte Baracke, voll
-altgeschwärzter, verräucherter, köstlich patinierter Gemütlichkeit, lag
-angeschmiegt an einen uralten Garten, der wie ein Wald aussah, dessen
-Baumgipfel, breit ausladend, die enge Hauptstraße überschatteten und
-in dessen duftender Ruhe vormittags die Kinder spielen durften. Dann
-war das Gasthaus »zum Biersack« da. Ein ländliches Gebäude mit einer
-für Heuwagen berechneten Toreinfahrt, von der man in die saalgroße,
-blendende Küche schauen konnte. Wir haben das oft getan, weil dort ein
-paar üppige Wirtstöchter, hochmütig, aber anlockend, mit den Schulbuben
-kokettierten; hübsche, wenn auch allzu feiste Backfische, die trotz
-ihrer geputzten Kleider famos in die Küche paßten, weil sie sich
-dort auf dem Nährboden ihrer blanken Fülle zeigten, ihn anschaulich
-zu erläutern und anzupreisen schienen. Einen Wirtschaftshof gab es
-da mit Schlachtbank, Taubenkogel und Steirerwagerl unter blühenden
-Akazien, und hinter dem weißen Zaun, der ihn abgrenzte, sah man den
-kühldunklen, kastanienlaubüberdeckten Biergarten. Es war ein Bild
-naiver Behaglichkeit, eine Szenerie für altväterische Genußfreude, wie
-etwa Schwind sie hätte zeichnen mögen. Und er muß den Biersack ja wohl
-gekannt haben, denn sein Freund Schubert hat oftmals hier fröhliche
-Einkehr gehalten, hat sogar, um sein müheloses Schaffen zu erproben,
-das Ständchen hier komponiert, mitten im Lärm unter Gläserklirren
-und Kellnerrufen. Dann gab's den Bachusgarten, an den mir nur ein
-verschleiertes Erinnern geblieben ist, wie an einen prangenden Traum.
-Uns war der Name schon wie ein Märchen. Den fröhlichen Weingott hatten
-wir auf Schildern neben Gambrinus oft gemalt erblickt, und angesichts
-der stattlichen, vollkommenen Bekleidung, die der Bierkönig trug,
-konnte der nackte, mit Weinlaub bekränzte Jüngling den Eindruck
-fröhlichster Unbändigkeit wecken. Der Bachusgarten, das schien uns sein
-eigener, gewissermaßen sein Privatgarten zu sein. Ein Märchen war halb
-erfüllt, da es den Garten gab, und wenn der Gott auch sichtbarlich
-darin fehlte, wir suchten ihn darin, und vermuteten seine Gegenwart.
-Es war eine wundervolle, zügellos grünende und blühende Wildnis, die
-hinter der mürrischen grauen Mauer sich auftat. Hoch standen die
-Gräser, undurchdringlich das Strauchwerk, und finstere alte Bäume
-reckten mit wilden Gebärden ihre Äste zum Sonnenlicht. Heute ist dies
-alles spurlos verschwunden. Eine gesittete, langweilige Häuserreihe
-steht nüchtern und vernünftig da. Nur das Staunen, mit dem man die
-ganze Verwandlung gewahrt, zeigt uns, wie tief einst der Glaube an die
-Unwandelbarkeit dieser Dinge gewesen.
-
-Aber ich weiß sehr genau, wann dieser Umschwung begonnen hat.
-Eines Tages kam die Tramway heraufgeklingelt und fuhr mitten durch
-Währing. Es gab Straßen, die von Schienen durchzogen wurden, es gab
-Haltestellen. Man war einfach wie in Wien. Diese Tramway, die hin und
-her klingelte, bis tief in die Nacht hinein, sogar bis zehn Uhr, hat
-den ganzen Ort aufrebellt. Drei- und vierstockhohe Häuser reckten
-sich himmelwärts, rückten gegen die Stadt vor und besetzten das wüste
-Feld, das zwischen Wien und Währing lag. Angesichts dieser steinernen
-Regimenter sank der Linienwall zusammen, von hüben und drüben schlossen
-Straßenzüge und Baulichkeiten ineinander. Über die einstige Grenzspur
-aber ward der eherne Reif der Stadtbahn geschlagen.
-
-Wandert man jetzt in dem neuen, von der Elektrischen durchsausten
-Bezirk umher, dann muß man das alte Währing unter all dem frisch
-Hinzugewachsenen mühsam hervorsuchen. Völlig schüchtern hält es sich
-verborgen, schweigt, weil es ja doch überschrien wird, und läßt das
-geschäftig eingedrungene Wesen schalten. Manches wohlbekannte alte
-Haus findet sich freilich noch. Beinahe jedes aber ist verändert, ist
-entweder ganz nobel, ganz modern herausgeputzt, hat sich entwickelt,
-ist jung geblieben, oder es scheint ablehnend in sich zu verharren.
-Und da fällt es mir auf, wie merkwürdig menschenähnlich manche Häuser
-altern. Sie werden unfreundlich, da sie einst gastlich und einladend
-gewesen, erscheinen mürrisch und schlecht gelaunt wie Greise, und man
-hat Mitleid mit ihnen, wie mit betagten, verbitterten Menschen, denen
-doch nicht zu helfen ist. Wer die Leute gekannt hat, die vor einem
-Vierteljahrhundert hier ihr Gewerbe getrieben haben, der kann auf
-seinem Spaziergang wohl auch merken, wie eine helle, in den morgigen
-Tag hineinhorchende Klugheit, wie verständiger Fleiß sich belohnt, und
-wie da der einzelne mit dem Boden, dem er sich anvertraut, gedeiht.
-Da ist nun mancher, den ich ganz klein hier einziehen und seinen
-Glückskreuzer an die Ladenschwelle nageln sah, heute ein großer Herr
-geworden, mancher enge Kramladen hat sich erweitert und prunkt jetzt
-mit großstädtischer Eleganz. Andere wieder, die hier ein üppiges Leben
-führten, so recht mit Übermut in ihrem Glück saßen, sind verschwunden,
-verdorben und verarmt, und drücken sich in kümmerliche Seitengassen.
-Man darf schon an die Leute von Seldwyla denken, denn die Währinger
-sind ein gar lustiges, zu allerhand Kurzweil stets bereites Volk.
-
-Ehe ich dann den Weg ins Grüne gehe, den alten Weg der Währinger
-nach Weinhaus, Gersthof, Pötzleinsdorf, diesen drei Dörfern, die so
-wie an einer Schnur an der Straße aufgereiht liegen, suche ich den
-alten Ortsfriedhof heim, der unberührt wie einst mitten unter den
-Häusern liegt, und dem sie auch die kleine Zufahrtsrampe gelassen
-haben. Schubert und Beethoven haben hier geruht, und ihre ersten
-Grabsteine sind noch an der gleichen Stelle. Aus der Erde, in der
-Beethoven vermodert ist, sprießen Dijonrosen und wollen eben ihre
-Knospen öffnen. Über eingesunkene Grabhügel schreitet man dahin, an
-geborstenen Grüften vorüber. Die Inschriften auf den Totensteinen sind
-verlöscht und verwaschen, sie haben nichts mehr zu melden. Vergessene
-und Verlassene zumeist schlafen hier. Die Trauer, die einst um diese
-Stätte gewebt und sich zu Ewigkeitsversprechungen aufschwang, der
-Schmerz, der über diesen Särgen weinte und der sich in goldenen Lettern
-unstillbar nannte, all die Klagen, Tränen und all der Jammer schicken
-sich an, zu verflüchtigen. Von draußen dringt das Brausen der jungen
-Tage herein und weht die zögernde Erinnerung hinweg. Das Gewesene
-versinkt hier tiefer, tiefer in den Erdenschoß. Aber ein dunkles,
-machtvolles Grünen treibt üppig aus der reichgedüngten Scholle. Wie
-ein wilder, verwunschener Garten liegt der Friedhof da, blühende Hecken
-und schwellende Gräser überwachsen und decken den Totenzierat, und
-wunderbare Bäume sind hoch emporgeschossen, seit ich, ein Kind noch,
-hier gewesen, breiten ihre Wipfel in der Maienluft und trinken mit
-ihren Wurzeln die Kraft dieser Erde, die einst lebendig war.
-
-Nur ganz draußen in Pötzleinsdorf ist alles beim Alten geblieben.
-Und der lieblich-schöne Wald umfängt einen wie treue, unwandelbare
-Freundschaft. Bloß weil das Unterholz so arg in die Höhe gewachsen
-ist und an manchen Punkten die Aussicht sperrt, wo einst der Blick
-das stille Tal durchmessen konnte, merkt man, daß ein bißchen Zeit
-vergangen sein mag. Da steht noch die Bank, einst Ziel und Rast so
-vieler Spaziergänger.
-
-Ich will mich nach so langer Frist auf diese liebe alte Bank setzen.
-Und vielleicht wäre jetzt der Augenblick, Betrachtungen anzustellen:
-wie das Leben hinrollt, wie alles unaufhaltsam wächst und vergeht.
-Oder: wie man an diesem kleinen Gemeinwesen, das sachte und wie
-einer tätigen Vernunft folgend sich entfaltet hat, die ungeheure
-Bewegungsgewalt aller Entwicklung kann begreifen lernen. Aber ich
-denke nur an das Traumhafte dieses Spazierganges. Daß ich in diesen
-Lebensbereich, der mir einst so nahe gewesen, zurückgekehrt bin, und
-daß mir nun zumute ist, als sei ich gestorben gewesen oder all die
-Jahre her ganz fern von hier, in einem anderen Weltteil. Und habe
-inzwischen doch nur am Alsergrund gewohnt, gleich nebenan. So leben
-wir in einer großen Stadt. Leben stets nur auf einem winzigen Fleck,
-in zwei, drei Gassen. Begnügen uns mit dem Gefühl der Fülle, die uns
-umbraust. Und haben jeder irgendein Josephinum, bei dem wir Halt
-machen. Alle Fernen zwingen wir uns herbei in unser Zimmer, haben sie
-in Papier und Büchern eingefangen auf unserem Tisch. Aber es passiert
-uns, daß wir das Lebendigste versäumen, auch wenn, um es zu sehen,
-nicht mehr vonnöten ist als ein Spaziergang von einem Stadtviertel in
-das andere.
-
-
-
-
-LUEGER
-
-
-Vielleicht kommt es auch dazu, und es greift einmal jemand nach diesem
-Mann und stellt ihn mitten in einen Wiener Roman, und rollt sein
-Leben auf und enthüllt sein Schicksal. Aber das müßte dann freilich
-einer tun, dem nicht Haß, noch Bewunderung den Blick umschleiert; es
-müßte jemand sein, der die wundervolle Gabe des Anschauens besitzt
-und dem in seiner Kunst nichts höher gilt als die Anschaulichkeit.
-Wie man einen Schlüssel ins Schloß fügt, so müßte derjenige, der es
-unternimmt, diesen Roman zu schreiben, den Lueger-Charakter in das
-Herz des Wiener Volkes einfügen und dieses Herz damit aufsperren,
-daß alle seine Kammern offen stünden. Er müßte die Gestalt Luegers
-so über die wienerische Art hinfegen lassen wie eine Wolke über eine
-Wasserfläche streicht, und das Wesen Luegers müßte sich in der Tiefe
-des wienerischen Wesens spiegeln wie eine Wolke auf dem Grund der Flut
-sich abzubilden scheint. Er müßte die ganze Stadt rings um diesen Mann
-herum aufbauen, damit alle ihre Farben und ihre Lichter, in diesem
-einen gesammelt, blitzen und funkeln. Das wäre die Aufgabe.
-
-Wichtig, interessant und für den Roman sehr wirksam ist es, daß er
-gleich im Anfang sagte, er wolle Bürgermeister von Wien werden. Bei
-allen Parteien, denen er sich anbot, hat er diese Bedingung gestellt:
-Bürgermeister werden! Und er hat sich vielen Parteien angeboten.
-Er begann als der Schüler eines jüdischen Oppositionskünstlers im
-Gemeinderat, ging zu den Liberalen, zu den Demokraten, und pries zu
-Schönerers Füßen die teutonische Heilslehre. Überall lehnte man ihn
-ab, von seinem stürmischen Ehrgeiz beunruhigt. Überall auch spürte
-sein Instinkt: diese Mühlen klappern zu wenig, mahlen zu langsam.
-Sein wienerischer Instinkt spürte: das wurzelt nicht! Liberaler
-Bildungseifer, demokratische Aufklärung und Unzufriedenheit,
-alldeutsche Wotansideale ... das wurzelt hier nicht, das schlägt nicht
-ein! Er aber brauchte etwas, das breite Wurzeln fassen konnte, brauchte
-etwas, das wie der Donner einschlug. Damit er Bürgermeister werden
-könne. Niemand begriff damals, warum sein heißes Streben nach einem so
-bescheidenen Ziele ging. Er hat nachher gezeigt, wie es gemeint war.
-
-Wichtig ist, auch für den Roman, sein Äußeres: Eine glänzende
-Bühnenerscheinung; die beste, die es für das Rollenfach des Demagogen
-gibt. Hochgewachsen, breitschultrig, nicht dick, aber doch behaglich
-genug, und man wird das Wort »stattlich« kaum vermeiden können, wenn
-man ihn schildern will. Nimmt man sein Antlitz noch dazu, dann wird
-vieles begreiflich. Für ein Wesen, das so ganz auf Äußerlichkeit
-gestellt ist, gilt solch ein Aussehen schon als Prädestination, als
-Beruf, als Erfolgsbürgschaft. Dieses Gesicht erscheint vollkommen
-bieder. Einfache, aus der knappen Stirn zurückfallende Haare, die
-sanft gelockt sind. Kleine Augen, die vergnügt und schwärmerisch,
-naiv und sentimental wirken. Ein außerordentlich solider Vollbart,
-der am Kinn nach dem Geschmack der Vororte geteilt ist; und mitten in
-diesem würdigen, bürgerlichen, ruhigen Antlitz die nette kleine Nase.
-Diese Nase, die wie eine aus der Bubenzeit stehengebliebene Keckheit
-aussieht. Man kann es gar nicht anders sagen: bieder, rechtschaffen,
-treuherzig, wacker. Lauter solche Worte fallen einem ein, wenn man
-sein Gesicht erblickt. Aus der Ferne. Denn alle Wirkung dieser
-Physiognomie ist gleichsam auf Distanz berechnet. In der Nähe redet
-dann schon eine trotzige Rauflust, die nicht ohne Tücke scheint, von
-dieser schmalen Stirne. In der Nähe zeigt sich der leicht schielende
-Doppelblick dieser kleinen listigen Augen, aus denen eine hurtige
-Verschlagenheit blitzschnelle, zwinkernde Umschau hält. Da zeigt sich,
-vom soliden, wackern Bart verborgen, ein spöttischer Mund, der hinter
-der Ehrlichkeit grauer Haare schadenfroh zu lächeln vermag. In der
-Nähe erst wird es sichtbar, welch ein unruhig flackernder Schimmer
-von Schlauheit und Verstellung dies Antlitz überbreitet, das auf
-Ansichtskarten schön ist.
-
-Mit dieser lockenden Vorstadtpracht tritt er auf. Im Wien der achtziger
-und neunziger Jahre, in welchem die Vorstädte gerade anfangen, mächtig
-zu werden. Eine lauwarme, trübe, unentschlossene Zeit. Die bürgerlichen
-Parteien im Zerfall und in totaler Ratlosigkeit; nachlässig geleitet
-von ausrangierten Lieblingen, von alten Komödianten einer überlebten
-Politik. In der Tiefe des Volkes greift die Sozialdemokratie um
-sich. Die breite Masse der Kleinbürger aber irrt führerlos blökend
-wie eine verwaiste Herde durch die Versammlungslokale. Und alle sind
-von der österreichischen Selbstkritik, von der Skepsis, von der
-österreichischen Selbstironie bis zur Verzagtheit niedergedrückt.
-
-Da kommt dieser Mann und schlachtet -- weil ihm sonst alle anderen
-Künste mißlangen -- vor der aufheulenden Menge einen Juden. Auf der
-Rednertribüne schlachtet er ihn mit Worten, sticht ihn mit Worten tot,
-reißt ihn in Fetzen, schleudert ihn dem Volk als Opfer hin. Es ist
-seine erste monarchisch-klerikale Tat: Der allgemeinen Unzufriedenheit
-den Weg in die Judengassen weisen; dort mag sie sich austoben. Ein
-Gewitter muß diese verdorbene Luft von Wien reinigen. Er läßt das
-Donnerwetter über die Juden niedergehen. Und man atmet auf.
-
-Allein er nimmt auch noch die Verzagtheit von den Wienern. Man
-hat sie bisher gescholten. Er lobt sie. Man hat Respekt von ihnen
-verlangt. Er entbindet sie jeglichen Respektes. Man hat ihnen gesagt,
-nur die Gebildeten sollen regieren. Er zeigt, wie schlecht die
-Gebildeten das Regieren verstehen. Er, ein Gebildeter, ein Doktor, ein
-Advokat, zerfetzt die Ärzte, zerreißt die Advokaten, beschimpft die
-Professoren, verspottet die Wissenschaft; er gibt alles preis, was
-die Menge einschüchtert und beengt, er schleudert es hin, trampelt
-lachend darauf herum, und die Schuster, die Schneider, die Kutscher,
-die Gemüsekrämer, die Budiker jauchzen, rasen, glauben das Zeitalter
-sei angebrochen, das da verheißen ward mit den Worten: selig sind
-die Armen am Geiste. Er bestätigt die Wiener Unterschicht in allen
-ihren Eigenschaften, in ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit, in ihrem
-Mißtrauen gegen die Bildung, in ihrem Weindusel, in ihrer Liebe zu
-Gassenhauern, in ihrem Festhalten am Altmodischen, in ihrer übermütigen
-Selbstgefälligkeit; und sie rasen, sie rasen vor Wonne, wenn er zu
-ihnen spricht.
-
-Aber wie spricht er auch zu ihnen. Das Dröhnen ihres Beifalls löst
-erst alle seine Gaben. Beinahe genial ist es, wie er sich da seine
-Argumente zusammenholt. Gleich einem Manne, der in der Rage nach dem
-nächsten greift, nach einem Zaunstecken, Zündstein, Briefbeschwerer, um
-damit loszudreschen, greift er, um dreinzuschmettern, nach Schlagworten
-aus vergangenen Zeiten und bläst ihnen mit dem heißen Dampf seines
-Atems neue Jugend ein, rafft weggeworfenen Gedankenkehricht zusammen,
-bückt sich nach abgehetzten, müd am Weg niedergebrochenen Banalitäten,
-peitscht sie auf, daß sie im Blitzlicht seiner Leidenschaft mit dem
-alarmierenden Glanz des Niegehörten wirken. In dem rasenden Anlauf,
-dessen sein Temperament fähig ist, überrennt er Vernunftgründe und
-Beweise, stampft große Bedeutungen wie kleine Hindernisse in den
-Boden, schleudert dann wieder mit einem Wort Nichtigkeiten so steil
-empor, daß sie wie die höchsten Gipfel der Dinge erscheinen. Im Furor
-seiner Rednerstunde gerät der Mutterwitz, der sein Wesen durchdringt,
-ins Sieden und wirft Blasen, in denen alles wie toll, alles verkehrt
-und lächerlich erscheint. Einfälle sprudeln hervor, in deren Wirbel
-frappierende, unglaubliche und verführerische Gedanken funkeln, sich
-drehen und überschlagen. In seinem Rednerfuror, wenn ihm schon alles
-egal ist, fängt er freilich auch den Schimpf der Straße ein, reißt den
-Niederen und Geistesarmen alberne Sprüche des Aberglaubens vom Munde,
-schnappt selbst den Pfaffen die Effekte weg, die auf der Kanzel längst
-versagen wollten -- aber er siegt mit alledem. Schlägt zu damit und
-trifft und wirkt. Oft schon hat er seine entsetzten, überrumpelten
-Gegner vor sich hergejagt -- wie sich nachher gezeigt hat -- mit einem
-Eselskinnbacken. Dieses ist seine Macht über das Volk von Wien: daß
-alle Typen dieses Volkes aus seinem Munde sprechen, der Fiaker und der
-Schusterbub, der Veteranenhauptmann, der gute Advokat, die Frau Sopherl
-und der Armenvater. Und alle Volkssänger mit dazu. Vom Guschelbauer an
-bis zum Schmitter. Man hört die Schrammelmusik aus der Melodie seines
-Wortes, das picksüße Hölzel und die Winsel, hört das Händepaschen und
-ein jauchzendes Estam-tam klingt in seiner Stimme beständig an.
-
-Ein Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: Wie er in der
-Fronleichnamsprozession dem Baldachin vorausschreitet. Als
-Vizebürgermeister; vor zwölf Jahren etwa. Er ist zum Bürgermeister
-erwählt worden, aber der Kaiser hat die Wahl verworfen. Dreimal ist
-er gewählt worden, dreimal hat der Kaiser nein gesagt. Lueger wartet
-und begnügt sich derweil mit dem zweiten Platz. Jetzt geht er in
-der Fronleichnamsprozession vor dem Baldachin einher. Die Glocken
-läuten, die Kirchenfahnen wehen, und das brausende Rufen der Menge
-empfängt den geliebten Mann, der nach allen Seiten dankt, grüßt,
-lächelt. Er freut sich. Denn der Kaiser, der dem Baldachin folgt, muß
-den tausendstimmigen Donner hören. Auf dem ganzen Weg rauscht dieser
-Jubelschrei vor dem Kaiser einher, dieses jauchzende Brüllen, das
-einem andern gilt. Franz Josef hat ein feines, eifersüchtiges Ohr
-für die Stimme der Wiener. Er hat Erzherzoge von hier entfernt, wenn
-sie gar zu populär wurden, hat einen Minister, dem zufällig einmal
-ein paar halblaute Hochrufe beschieden wurden, aufgefordert, sich zu
-rechtfertigen, hat den Grafen Badeni im Stiche gelassen, weil er die
-Wiener Straße gegen die Hofburg verstimmte. Franz Josef weiß, die
-Wiener lieben ihn; er weiß, sein kaiserliches Wort übt allmächtige
-Wirkung. Aber diesen da konnte er nicht verdrängen, auch nicht,
-nachdem er's dreimal sagte. Das erlebt der Kaiser jetzt. Der Mann da
-vorne im Zuge gibt's ihm zu kosten. Als ob er nur im Gefolge dieses
-Mannes einherginge, wandelt der Kaiser mit der Prozession. Vor sich
-das Aufrauschen der Ovationen, um sich her Stille. Es war Luegers
-Triumphzug.
-
-Die Glocken läuten und die Kirchenfahnen flattern jetzt auf allen
-Wegen, die Lueger geht. Wie ein gewaltiger Heerbann ziehen die Pfaffen
-hinter ihm drein. Seit vielen Jahren haben sie den bürgerlichen
-Condottiere entbehrt, der ihnen die breite Masse erobert. So einer hat
-ihnen gefehlt. Sie haben innerlich jubelnd den Liberalismus verrecken
-sehen, der sich einst unterfangen wollte, die Kuttenherrschaft
-in Österreich zu zerbrechen. Das Land lag wieder frei vor ihnen,
-fiel ihnen wieder zu, aber sie brauchten einen Mann, der in das
-neueroberte Gebiet fröhlichen Einmarsch hielt, der die Kirchenfahnen
-wieder flattern ließ. Dies Volk ist immer gerne fromm und katholisch
-gewesen. Aber die Frömmigkeit war eine Zeitlang außer Mode. Lueger
-hat sie wieder in Flor gebracht und ließ die Glocken läuten. Ließ die
-Glocken läuten und sagte: ich spucke auf die Aufklärung und auf die
-Wissenschaft. Das war endlich ihr Mann. Von allen Kanzeln herab und
-in allen Beichtstühlen halfen sie nun seiner Sache, schlossen ihm die
-Pforten zu allen Fürstenschlössern auf, schafften ihm Eingang in
-alle Bauernhütten. Wie hoch sie einen Menschen heben können, wenn sie
-wollen, hat er erprobt. Und hat auch dem Kaiser nur damals, an jenem
-Fronleichnamstage trotzig gezeigt, wer von nun an dem Wind und dem
-Wetter befiehlt, in der Stadt, in der die Hofburg steht. Nur dieses
-eine Mal. Am Ziele angelangt, nahm er die schwarzgelbe Gesinnung in
-städtische Obhut, nahm die Kaisertreue in städtische Verwaltung, nahm
-die Volkshymne in städtische Regie.
-
-Erst als er am Ziele war, merkte man, daß es wirklich ein Ziel sein
-konnte, Bürgermeister von Wien zu werden. Man merkte, daß wirklich
-ein Gedanke in diesem Manne nach Ausdruck gerungen hat, nicht bloß
-der Gedanke an den eigenen Erfolg; daß er von einem Traum erfüllt
-war, nicht bloß von dem Traum des eigenen Aufstiegs: Wien! All dies
-andere vorher war nur ein Mittel gewesen. Er hätte jedes beliebige
-Mittel angewendet, selbst ein edles, wenn es nützlich gewesen wäre.
-Freilich aber hätte er keines so mühelos, so voll aus seinem Wesen
-heraus, so ganz aus seinen Instinkten gebrauchen können wie diese
-Taktik und Technik des Gassenhauers, des »mir san mir«! Und nun hat
-er Wien aufgerichtet als eine Art von Königtum mitten in Österreich.
-Dutzendweise wurden die kleinen Ortschaften, welche Wien umgürteten,
-von dem großen Gemeinwesen verschlungen. Das ist jetzt, vom Marchfeld
-bis zur Sophienalpe, nur mehr eine einzige Stadt: Wien. Und in
-dieser Stadt ein einziges Haupt: Lueger, der Bürgermeister. Er
-nahm die Straßenbahnen, die Gaswerke, das elektrische Licht, die
-Leichenbestattung, die Spitäler. Wasser und Feuer, Leben und Tod gehört
-seiner Stadt. All dies lag freilich in der Entwicklung, hätte auch
-unter einer andern Verwaltung so kommen müssen. Aber er nahm diese
-Dinge, unter lauten pathetischen Proklamationen, er nahm sie wie man
-eroberte Provinzen einnimmt, und er schuf aus all diesen Besitztümern
-neue Werkzeuge seiner Macht. Wo die Straßenbahn hingeführt wird, das
-elektrische Licht, die Wasserleitung, da steigen in den entlegensten
-Gegenden die Bodenpreise, hebt sich der Wohlstand. Treue Bezirke können
-belohnt, unsichere gekirrt, treulose bestraft werden. Die Stadt, die
-so viele Betriebe in ihrer Hand hält, herrscht über eine Armee von
-Dienern, Arbeitern, Beamten, Lehrern, Ärzten und Professoren, herrscht
-durch tausendfach verknüpfte Interessen weithin über die Gesinnungen,
-und allen ist der Bürgermeister, von dem sie abhängen, wie ein Monarch.
-
-Er arbeitet denn auch mit einer vollkommen monarchischen Technik.
-Sein Bild ist überall. In den Amtslokalen, in den Schulzimmern, in
-den Wirtshäusern, in den Theaterfoyers, in den Schaufenstern. Sein
-Antlitz ist den Wienern beständig so gegenwärtig und eingeprägt,
-wie das Antlitz des Kaisers. Seine Ausfahrt ebenso feierlich, wie
-die eines Monarchen, und nur noch Franz Josef selbst wird in den
-Straßen ebenso gegrüßt wie der Bürgermeister Lueger. Wie auf den
-Staatsgebäuden der Name des Kaisers steht, so wird auf allen Bauten,
-in allen Gärten, die von der Stadt errichtet wurden, der Name Lueger
-hingeschrieben und eingemeißelt. In hundert Inschriften liest man es
-überall: »Erbaut unter dem Bürgermeister Dr. Karl Lueger.« Und wie
-dem Kaiser das »Gott erhalte ...« entgegenschallt, so empfängt den
-Bürgermeister überall seine offizielle Hymne: »Hoch Lueger, er soll
-leben ...« Wer städtische Dienste nimmt, muß Luegertreu sein, so wie
-jeder Staatsdiener zur Kaisertreue verpflichtet ist. Er hat das so
-eingerichtet, hat sich um den Widerspruch der Machtlosen, hat sich um
-das Recht der freien Meinung, die das Staatsgrundgesetz gewährleistet,
-nicht gekümmert und einen Fahneneid eingeführt für alle, die im Rathaus
-Broterwerb suchen. Ein monarchisches Talent, das vorher gröhlend durch
-alle Tiefen des Pöbels geschritten ist, im Bierdunst der Versammlungen
-die Massenpsychologie studiert und den Menschenfang allmählich bis
-zur Meisterschaft gebracht hat. Dennoch, nur ein Bürgermeister. Aber
-was hat er aus seiner Rolle gemacht! Wie Mitterwurzer einst, als er
-im »Don Carlos« den Philipp gab, das Stück umkehrte und alle Welt
-zur Verwunderung zwang. Gegen Carlos und Posa war dieser Philipp nie
-aufgekommen, er galt für so wichtig nicht, nicht für so begehrenswert
-und dankbar. Und jetzt auf einmal war Philipp die Hauptsache, war
-Mittelpunkt und Held des Stückes. Die vorigen Bürgermeister sind nur
-brave Ensemblespieler gewesen gegen den jetzigen. Der aber hat die
-Kunst der Auffassung. So wie er seine Rolle anschaut, wie er die
-Bedeutung seines Amtes begreift, hat er es ganz neu entdeckt; fast
-möchte man sagen, neu kreiert. Niemals ist der Bürgermeister von Wien
-so viel gewesen wie heute. Neben dem Landesherrn, der Herr der Stadt.
-
-Ein anderes Kapitel aus dem Roman dieses Lebens: Wie
-dreimalhunderttausend sozialdemokratische Arbeiter gegen seinen Willen
-über die Ringstraße ziehen; wie sie das allgemeine, gleiche und direkte
-Wahlrecht erzwingen; wie der alternde Bürgermeister im Pomp des
-Rathauses sitzend dies Brausen der Volksmenge vernimmt; wie eine Ahnung
-ihn ergreift, daß nun eine neue Zeit heranbricht, eine neue Zeit,
-die er nur aufhalten, nur für eine kurze Weile verzögern aber nicht
-hindern konnte. Sie wird erbarmungslos die Dämme niederreißen, die er
-aufgerichtet hat; sie wird ihn zu den Komödianten von vorgestern werfen
-und ihn erledigen. Wie jetzt eine Ahnung ihn ergreift, daß da draußen
-ein Gegner sich emporrichtet, langsam und furchtbar, ein Feind, dem er
-sich nicht mehr entgegenzuwerfen vermag. Wie der Zorn von einst und die
-Rauflust von früher noch einmal in ihm schwellen und wie er spürt, daß
-ihm die Kräfte langsam entschwinden, spürt, daß er nicht mehr aufrecht,
-nicht mehr sicher und schwindelfrei genug sein wird, wenn auch an seine
-Tür plötzlich die Jugend pocht, wie an die Tür des Baumeisters Solneß.
-
-Und noch ein Kapitel: Wie er jetzt weißhaarig, matt, erblindet und
-zitternd, von zwei Nonnen geführt, einherwankt, mit Orden bedeckt,
-... Exzellenz ... auf dem Gipfel ... und niedergebrochen. Den letzten
-Rest der im Kampfe aufgebrauchten Gesundheit im Rausch der Siegesfeste
-vergeudet. Vorzeitig zu Boden geschleudert, unfähig die Ernte zu
-genießen. Neidisch auf alle, denen er emporgeholfen und die nun in
-der Fülle der Macht schwelgen. Wie er langsam zum ewig greinenden,
-mißlaunigen, scheltenden Alten sich wandelt, dem die Treuesten nur noch
-aus Pietät lauschen. Wie er fühlt, daß sie von ihm abrücken, heimlich
-schon über ihn lächeln, die Achseln zucken; und wie er dann manchmal
-zeigen möchte, daß er noch derselbe ist, wie er längst abgenützte
-Künste wieder spielen läßt, wie er mit gebrochener Stimme wieder
-schmettern und donnern möchte, und wie ihn dann die Weihrauchdämpfe
-mitleidiger Schmeichler benebeln und beschwichtigen. Das letzte
-Kapitel: wie diese Flamme eines Wiener Temperamentes im blassen
-Schimmer der Ordensterne, im kindischen Glanz von Auszeichnungen und
-Titeln verlöscht.
-
-Dieser Roman wäre zu schreiben. Die Gestalt eines Menschen zu
-zeichnen, in dem sich der Wille einer Epoche erfüllt hat. Jetzt
-freilich muß man noch warten. Bis es sichtbar wird, was nach ihm kommt,
-bis die Jahre, die seinem Dasein folgen, die richtige Distanz und die
-richtige Perspektive geben. Dann mag es geschehen, daß irgend jemand
-nach diesem Manne greift und den Roman seines Lebens, den man schnell
-vergessen wird, wenn er zu Ende ist, zu einem unvergeßlichen Kunstwerk
-formt.
-
-
-
-
-GIRARDI-KAINZ
-
-
-Sie betonen es, daß gerade diese beiden vortrefflichen Schauspieler
-dem wienerischen Theater unentbehrlich sein müßten, weil sie unter den
-wenigen bedeutenden Persönlichkeiten, die sich hier etwa vorfinden, die
-stärksten Österreicher seien. Ich würde hinzufügen: die letzten, wenn
-es nicht übertrieben wäre, dergleichen von irgendeinem Menschenexemplar
-zu behaupten. Aber für uns sind sie bei alledem die letzten; wir werden
-schwerlich noch andere sehen und wir vermissen sie sehr.
-
-Sie weisen mich darauf hin, daß diese beiden Schauspieler einander
-verwandt, ja oft frappierend ähnlich sind. Dies sei Ihnen vorher nie
-so deutlich geworden als eben jetzt, da Kainz und Girardi gleichzeitig
-in Berlin wirken. Bei uns ist es, wie natürlich, oft bemerkt und
-besprochen worden. Manches ist ihnen gemeinsam. Wie Männer, die gewohnt
-sind zu befehlen, fast überall diesen unbeirrten ruhigen Ausdruck des
-Blickes, diese geborgene, schwere Sicherheit des Tones in der Stimme
-haben, so haben diese beiden in ihren Gebärden, in ihrem Gehen über
-die Bühne, in der unbedingten Freiheit ihrer Schultern das Glück
-früher und beinahe müheloser Erfolge. Sie waren gleich von Anfang an
-berühmt, sind es schon von Jugend auf. Sie stehen jahrzehntelang unter
-der erfrischenden Dusche des Beifalls. Dann ist da noch in beiden
-auf dem Grunde ihres Wesens ein beständig mitschwingendes Jauchzen,
-und das ist ihre Verwandtschaft. Sie sind beide so sehr voneinander
-verschieden, ganze Welten liegen zwischen ihnen; allein wie Brüder
-oft voneinander verschieden und durch Weltenfernen in ihrem Charakter
-voneinander getrennt sein können, und dennoch mit einem Lächeln, mit
-einem Zucken der Lippen sich als Geschwister offenbaren, so offenbaren
-sich diese beiden mit ihrem Jauchzen als Brüder. Denn es ist ein
-österreichisches Jauchzen; es stammt aus demselben Klima, es ist von
-derselben Sonne und von demselben Dialekt gebräunt. Auch ist ihr
-Zugreifen dasselbe. Sie wissen ja, was ich damit meine: ihre Art eine
-Sache anzugehen, einer Empfindung, einem Konflikt gegenüber zu treten,
-sich einer Aufgabe zu bemächtigen, kurz, es ist derselbe Handgriff.
-
-Man hat Ihnen gesagt, daß Girardi der typische Ausdruck des Wienertums
-sei, die leibhaftige Verkörperung der wienerischen Art, der
-wienerischen Echtheit. Es ist so oft gesagt worden, hat so oft in den
-Zeitungen gestanden, daß es vielleicht wahr ist. Trotzdem vermochte ich
-niemals den Gedanken abzuweisen, warum man einen glänzenden Orientmaler
-dann nicht auch einen typischen Orientalen nennt. Oder weshalb wir
-dann zum Beispiel Lafcadio Hearn nicht als einen vollendeten Japaner
-erklären. Hat doch der eine alle Farben und feinsten Lufttöne des
-Morgenlandes gegeben, der andere die seelische Verstecktheit Japans
-erhellt. Nur weil der Maler so sichtbar von seinem Werk zu trennen
-ist? Und weil wir zu genau wissen, daß Hearn ein Anglo-Amerikaner war?
-
-Auch Ihnen erscheint Girardi als der echte Wiener. Aber Sie haben gewiß
-schon bemerkt, wie sonderbar und wie irreführend das national und
-landschaftlich Echte auf fremder Erde wirkt. Eine spanische Tänzerin
-scheint uns absolut ganz Spanien auszudrücken; ein tartarischer Sänger
-absolut die Welt des Kaukasus. Unsere Vorstellung von Spanien findet
-sich in irgendeinem Hüftenrhythmus der Tänzerin plötzlich bestätigt,
-unser Phantasiebild vom Kaukasus glüht bei irgendeinem Kehllaut
-des Sängers unversehens auf, und wir rufen: echt! Wir rufen es mit
-Entzücken und verfehlen dabei -- fast regelmäßig -- gerade diejenigen
-Dinge, die ein Spanier oder ein Tartar mit vertrauten Instinkten als
-echt empfinden würde.
-
-Girardi trägt viel Wienerisches in sich. Von den feinsten wienerischen
-Stoffen wie von den allgemeinsten hat er den Extrakt in sich gesogen;
-viele wienerische Elemente sind in ihm zu Essenzen verdichtet. Wenn er
-spricht, hören wir aus seiner Stimme die Urlaute des Volkes, wenn er
-singt, aus seiner Fröhlichkeit jenes niederösterreichisch-jauchzende
-Johlen trunkener Rekruten, das im Frühling und im Herbst immer
-durch unsere Straßen hallt. Im Aufschnalzen eines Wortes klingt
-die schnippische Anmut Wiener Vorstadtmädchen, und wenn die Leute
-von Girardi reden, schleppen sie auch sofort alle Wiener Typen zum
-Vergleich heran; den Fiaker, den Deutschmeister, den Zahlkellner, den
-Sportbaron. Aber das Wienertum, das er gibt, ist im Grunde nicht das
-wirkliche, sondern es ist ein Wienertum, das er ganz allein erfunden
-hat. Wir spüren immer »Wien« bei ihm. Nur wenn er uns nicht völlig
-umnebelt, spüren wir zugleich auch: er macht etwas ganz anderes
-daraus, etwas, das neben dem Wienerischen ist. Etwas, das vielleicht
-darüber ist, wie schließlich alle Kunst über dem Wirklichen, alle
-Dichtung über dem Wahren; aber etwas, das eine besondere Kontur hat;
-keine wienerische. Es ist eine halbechte, eine unwahre, doch in ihrer
-Unwahrheit eine entzückend mögliche und hinreißend eigenartige Kontur.
-Dieses Wienertum, das Girardi gibt, hat vorher nicht existiert. Seit er
-es ersonnen hat, wird es nachgeahmt. Die Leute haben im Theater von ihm
-gelernt, wie man wienerisch ist und haben es nachher kopiert. Hunderte
-seiner Einfälle, seiner plötzlichen Ideen vom Wienertum laufen jetzt
-verwirklicht und lebendig umher.
-
-Wie sollte ein Mann, der so stark ist, daß er uns alle glauben macht,
-seine persönliche Art sei die unsere, sei unser Spiegel und Abklatsch;
-sein eigenes, durchaus einziges Wesen sei der Inbegriff und die
-Verkörperung unserer Wesenheit, -- wie sollte ein solcher Mann nicht
-auch bei Ihnen als der definitive Ausdruck des Wieners gelten? In dem
-gewissen landläufigen Sinn ist er ja schließlich ein Vertreter Wiens,
-wenn man diese Bezeichnung nur in ihrer flüchtigen, zeitungsmäßigen
-Bedeutung anwendet, in der sie sonst gebraucht wird, um einen Künstler
-rasch mit dem Poststempel zu versehen. Aber nehmen Sie nur einmal seine
-eckige Gestalt, in der nichts Sanftes und Gleitendes sich rundet,
-in der nur die ungeheuere Energie eines Marschrhythmus schleudert
-und schlenkert, und Sie werden sogleich sehen, daß eine ganze, in
-ihrer innersten Natur wienerische Welt sich in diesem Künstler gar
-nicht oder nur vermittels besonderer Transponierungen ausdrückt. Er
-hat jahrzehntelang Walzer von Johann Strauß gesungen; siegreich und
-hinreißend hat er sie gesungen, aber sie mußten erst durch ihn zu
-Girardi-Couplets werden, und sie waren -- wenn er sie sang -- eben
-keine Walzer von Johann Strauß. Wenn man nur die Texte anschaut, die
-eigens für ihn diesen Walzern unterlegt wurden, kann man das sogar
-jetzt noch nachprüfen. Denn alle diese Texte widerstreben in ihrem
-Witz, in ihrer karikaturistischen Schärfe, in ihrer harten Ironie, der
-weichen Seele des Wiener Walzers. Alle diese Texte sind den Walzern
-aufgezwungen, gehen ihnen gegen die Natur. Aber die Farbe seiner
-Persönlichkeit ist so sprühend, so durchdringend und so vorleuchtend,
-daß es fast unbemerkt geblieben ist, was ein Straußscher Walzer bei
-Girardi wurde, daß es fast unbemerkt geblieben ist, wie sehr diesem
-Manne selbst ein wienerisches Grundelement fehlt: das innere Tanzen.
-Und fast unbemerkt ist es geblieben, wie er das Wesen dieser Stadt
-überfärbt und verändert und umgebildet hat.
-
-Man könnte es etwa damit erklären, daß die enorme schauspielerische
-Kraft Girardis, der es beinahe immer an wirklichen Rollen fehlte,
-solchem Mangel abgeholfen hat, indem sie sich der ganzen Stadt als
-einer Girardi-Rolle bemächtigte, sie immer wieder studierte, ihren
-reichen Inhalt immer wieder erlebte, und sie dann immer wieder als
-Girardi-Rolle spielte. Zuletzt war denn auch jeder zweite junge Herr,
-den man auf der Straße traf, jeder Fiakerkutscher, jeder Briefbote,
-jeder Spießbürger eine Girardi-Rolle. Eine Zeitlang lief halb Wien
-herum und spielte Girardi, und wußte nicht, daß es damit sich selbst
-aufgab, daß es auf seine eigene Echtheit verzichtete, und an deren
-Stelle die besondere Echtheit eines einzelnen annahm. Seine Wirkung
-ist bis auf den heutigen Tag so umklammernd, daß selbst der Wiener
-Dialekt Girardi-Worte mitführt, die es früher nicht gegeben hat, die
-niemals auf dem Wiener Boden wachsen könnten, die keine Wurzeln in
-der wienerischen Sprache besitzen, die aber jetzt als selbständige
-Schöpfungen in der Wiener Mundart leben. Dabei sind es Verzerrungen;
-denn er kann gelegentlich über irgendein Wort herfallen, kann es mit
-einem Hieb zum Krüppel schlagen, kann es zerquetschen und zerkneten
-und ihm zugleich damit ein ganz neues, überwältigend komisches Gesicht
-geben. Eine Zeitlang hat halb Wien in solchen Ausdrücken geredet,
-und Sie werden zugeben, daß dies keinen Wiener Dialekt, sondern eher
-einen Girardi-Jargon vorstellt. Man könnte sagen, vieles, was Girardi
-tut, ist Wien, aber vieles, was Wien tut, ist Girardi. Unsere Stadt
-ist sein ganzes künstlerisches Erlebnis. Unendlich viele feine und
-grobe Reflexe der wienerischen Art funkeln in ihm. Unendlich viele
-Nuancen des wienerischen Wesens, zarte und derbe, drücken sich in ihm
-aus. Aber wenn Sie den Begriff Wien als ein Ganzes nehmen, zu dessen
-Bestandteilen auch Schubert und Kriehuber und Grillparzer und Schwindt
-und Fischer von Erlach und Makart gehören, dann werden Sie finden, daß
-Girardi weder der Spiegel noch der Ausdruck des Wienertums ist; nicht
-der Wiener, sondern unter wenigen erlesenen Wienern: Auch einer.
-
-Daß man bei den erbärmlichsten Possenfiguren, die er darstellt, oft
-wie von ferne den Atem wirklicher Tragik spürt, daß die Puppen bei ihm
-gleichsam transparent werden, und der Zuschauer durch sie hindurch in
-tiefe Menschlichkeiten blickt, daß man immer wieder, wenn man Girardi
-in einer elenden Schwankrolle begegnet, überzeugt ist, er könne auch
-klassische Meisterrollen spielen, möchte ich so hoch nicht anschlagen.
-Was wäre denn auch ein Humor ohne diese dunkeln Untertöne? Was wäre
-uns ein Komiker ohne diese Durchblicke ins Menschliche? Ich weiß nicht,
-ob wir über ihn lachen wollten, aber ich bin sicher, daß wir nicht über
-ihn reden würden. Vielleicht ist der Zug ins Klassische in irgendeiner
-Epoche Girardis näher und stärker gewesen; vielleicht haben wir da für
-die Kunst des großen Stiles einen Verlust zu beklagen. Ich glaube nicht
-sehr daran. Das heißt, ich glaube wohl an die objektive Gabe Girardis,
-in dieser Kunst ein Hohes zu leisten, aber ich bezweifle sein dauerndes
-Bedürfnis danach.
-
-Dieses dauernde und leidenschaftliche Bedürfnis, über sich selbst
-hinweg zu Höherem, und auf höheren Gipfeln wieder zu sich selbst zu
-gelangen, lebt in Kainz. Ich bezeichne damit keinen Unterschied der
-Werte, sondern nur die verschiedenen Wege, die Kainz und Girardi
-gewandelt sind. Beide von demselben Punkt ausgehend, dieser immer durch
-Wien, allein durch Wien, und auf den allernächsten Straßen immer wieder
-zum eigenen Ich; jener durch aller Herren Länder. Girardi, indem er
-alles zum Werkzeug seiner Persönlichkeit macht, alles in den Dienst
-der angeborenen Art zwingt; Kainz, indem er sich als ein Instrument
-darbringt und allen Geistern dient, die ihn entzücken.
-
-Es gibt keinen anderen deutschen Schauspieler, der wie Kainz den
-Romanen so nahe wäre, der Beredsamkeit des romanischen Temperaments,
-der musikalischen Anmut und der tänzerischen Biegsamkeit. Ich weiß
-nicht, wo ich diese wunderbare österreichisch-italienische Mischung
-heute im sichtbaren Leben fände, um sie Ihnen als Beispiel anzubieten,
-aber ich erinnere Sie an manche Paläste in Wien und in Salzburg, die
-von italienischen Baumeistern errichtet, und nachher von Canaletto
-gemalt wurden, und deren Linien in geheimnisvoller Harmonie alles
-aussprechen, was wienerisch, und zugleich alles, was über das
-Heimatliche hinaus italisch, südlich und sonnig ist.
-
-Es gibt auch keinen anderen Schauspieler als ihn, der sich zu einem
-solch vollendeten Instrument der Dichter gebildet hätte. Gebildet an
-seinem knabenhaft schmalen, in allen Gelenken jugendlich behenden
-Leib, an seinem schlagfertigen, feinhörigen Geist und an allen seinen
-Mitteln des Ausdrucks. Keiner ist ein solcher Meister der köstlich
-bewußten, durchgearbeiteten, der besiegten und zu etwas Unwillkürlichem
-gewordenen Technik. Es ist mir keiner gegenwärtig wie er, der die
-Geheimnisse der Technik so ergründet, keiner, der ihre Mühseligkeit so
-überwunden hätte. Und gewiß besteht das tiefste Wesen der Kunst nur
-darin, die Geheimnisse der Technik zu entziffern, das edelste Wesen der
-Kunst darin, die Mühsal des Technischen in Leichtigkeit zu verwandeln,
-seine Hindernisse in Stützen, seine lastende Schwere in ein Mittel zum
-Vogelflug. Es ist mir immer wunderlich, wenn ich einen Schriftsteller
-abfällig Wortkünstler nennen höre, einen Schauspieler Sprechkünstler;
-denn was soll ein Schriftsteller sein, wenn er nicht ein Künstler
-am Worte, und was ein Schauspieler, wenn er nicht ein Meister des
-Sprechens ist? Es erscheint mir immer wunderlich, wenn einer es
-niederschreibt, dieses oder jenes sei nicht zu schildern, sei nicht
-auszudrücken, und nicht zu nennen. Denn worin besteht nun sonst in der
-Welt seine Aufgabe und sein Daseinsrecht wenn er ein Schriftsteller
-sein will, als eben darin, daß er verpflichtet ist, zu schildern, was
-sich nicht schildern läßt, verpflichtet, auszudrücken, was dem Ausdruck
-gerne sich entzieht, verpflichtet, zu nennen, was mit gewöhnlichen
-Benennungen nicht ergriffen werden kann? Die Gabe, irgend etwas
-Künstlerisches zu vollbringen, ist doch in uns nicht wie das Wasser
-im Schoß eines Brunnens, daß man nur den Hahn aufzudrehen braucht, um
-es immerzu laufen zu lassen. Wie viele aber tun nur eben dieses, --
-gerade bei den Schriftstellern und Schauspielern --, lassen rinnen
-und strömen, was in ihnen ist, wie es die Gnade des Augenblicks just
-gewährt, stehen dabei und verehren andächtig das Walten des Gottes, den
-sie in sich glauben. Wie viele saloppe, von Verlogenheit, von Faulheit
-und von sorglosem Hochmut zurechtgekleisterte Mache tritt uns in der
-Kunst feierlich und anspruchsvoll als »Arbeit« entgegen.
-
-Wenn Sie aber erwägen, wie viele erlauchte Kräfte der Seele und
-des Verstandes angestrafft werden müssen, wie viele edle Kräfte
-des Körpers, wenn Sie erwägen, mit welcher Gewalt sich ein Mensch
-immerfort zusammenfassen muß, damit er fähig werde eine Technik zu
-erwerben, und wie tief er in sein eigenes Selbst muß schauen können,
-damit er +seine+ Technik erringe, dann werden Sie gerne verstehen,
-daß es vor allem die Arbeit ist, die mich an Kainz bezaubert. Diese
-wunderbar funktionierende Arbeit voll jeder Lust an der schwersten
-Bravour. Dieser Schauspieler besitzt sich selbst in jedem Augenblick.
-Sein ganzer feiner, komplizierter Organismus gehört und gehorcht
-seiner Arbeit und er beherrscht ihn so, daß sein Künstlerwesen keinen
-Augenblick in jene demütigende Abhängigkeit gerät, welche die Schwachen
-Stimmung nennen. Er hat ihn so vollkommen entwickelt, daß es keine
-ungenützten Reste, keine versäumten und verschleuderten und verlorenen
-Möglichkeiten bei ihm gibt.
-
-Manchmal läßt er diesen Organismus sozusagen leer laufen, läßt diese
-brillant funktionierende Technik einfach absurren. Sie haben ihn ja
-selbst schon an solchen Abenden gesehen, und Sie werden den Zustand,
-in dem er sich da befindet, gewiß nicht mit jenem verwechseln, den
-ich oben Stimmung genannt habe. Es ist, als zöge er sich gleichsam
-aus seiner Arbeit zurück, als nehme er ihr sein Seelisches. Aber
-es ist kein Erliegen, kein Gelähmtsein, welches den Künstler unter
-sein Wollen, unter seine Aufgabe wirft und ihn am Schaffen hindert.
-Vielmehr ist es ein innerliches bewußtes Sichabwenden von einer längst
-gelösten Aufgabe; vielmehr ist es das unwillkürliche Abfallen des
-Schöpfers von seinem vollendeten Werk.
-
-An solchen Abenden, aber manchmal auch in Augenblicken des Glanzes,
-manchmal auch an dem von plötzlicher Gleichgültigkeit wie gehöhlten und
-berstenden Klang seiner unermeßlich reichen Stimme ist es zu spüren,
-daß dieser Schauspieler, der an der äußersten Grenze des Meisterlichen
-steht, anfängt, über seine Kunst hinweg zu leben, daß es ihn über die
-Grenzen seines Berufes hinwegzieht, über diese Grenze hinaus bangt
--- irgendwohin. Er ist so hart bis an den Rand jeglicher Erfüllung
-gestiegen, daß er sich manchmal schon von der Dämonie des Vergeblichen
-angehaucht fühlt. Diese Existenz jenseits aller erlebten Reife ist die
-subtile Tragik seiner Gegenwart und das Problem seiner Zukunft.
-
-
-
-
-MENAGERIE IN SCHÖNBRUNN
-
-
-Vor wenigen Jahren gab es fünf oder sechs junge Bären in Schönbrunn.
-Herzige kleine Dinger, die in ihrem frischen Wollpelz aussahen, als
-trügen sie zu weite Hosen. Alle schienen sie, mit ihren fröhlichen
-Ohren, mit den weichen, hilflosen und doch so geschickten Bewegungen,
-und mit den listig schmunzelnden Schnauzen wie geborene Komiker. Man
-hatte die ganze Gesellschaft in einen Zwinger gesteckt; da spielten
-sie, rauften miteinander, kugelten und balgten sich. Es war die
-richtige Kinderstube. Wie dann die Leute anfingen, sie zu füttern,
-wurden die kleinen Bären gewerbsmäßige Bettler; saßen beständig
-nebeneinander am Gitter, jammerten und stöhnten, als müßten sie Hungers
-sterben, wenn sich von den Vorübergehenden niemand ihrer erbarmte. Und
-je mehr Zulauf sie hatten, desto herzbrechender wurden die Klagen, die
-sie anhoben. Noch mit dem Bissen im Maul fuhren sie fort zu wimmern,
-daß die Mildtätigkeit nur ja nicht erlahme und keiner denke, so vieler
-Kummer sei mit geringem Almosen gestillt. Durch ihren Erfolg verlockt,
-begannen die japanischen Bären gegenüber ein Konkurrenzgeschäft und
-stimmten ein originelles Flennen an, das geradezu Aufsehen erregte.
-Es war ein ganz dünnes, zimpferliches Weinen, tremolierend, atemlos,
-und boshaft, wie von jemandem, der friert und der sich ärgert. Aber
-dieses Ehepaar hatte auf die Dauer kein Glück, denn es war ein düsteres
-Familiengemälde, das sich hier bot. Der Mann, ein ausgemachter
-Heuchler, schlug seine Frau in aller Wehmut, so oft sie einen Brocken
-erhaschte. Wimmernd und wehklagend mißhandelte er seine Gefährtin und
-nahm gerührt alles für sich allein.
-
-Dann kam ein Wolf in die Menagerie. Der saß eines Tages hinter Schloß
-und Riegel und festen Eisenstäben und war sehr unglücklich. Denn
-er war ein Wolf, der einst bessere Tage gesehen hatte. In seiner
-Jugend war er irgendwo bei einer guten Frau wie der Hund im Haus
-behandelt worden. Das ist enorm viel für einen Wolf, und er konnte der
-glücklichen Zeit nicht vergessen. Die Behörde war eingeschritten, und
-in ihrer unerschöpflichen Weisheit hatte sie entdeckt, ein Wolf sei ein
-reißendes Tier. Also vertilgen oder ihn vorschriftsmäßig unterbringen.
-All seine Sanftheit half nichts; es half nicht, daß er gehorsam
-auf jeden Ruf herbeigelaufen kam, nicht, daß er mit bestrickender
-Liebenswürdigkeit wedelte, nicht, daß er -- an gekochtes Futter
-gewöhnt -- das blutige Fleisch verschmähte, es half nicht, daß er sich
-streicheln ließ und zärtlich die Hand zu lecken verstand; er wurde als
-reißendes Tier eingesperrt. Es war einfach ein Justizmord. Dazu gab man
-ihm einen ungezähmten Gefährten. Offenbar um einen ordentlichen Wolf
-aus ihm zu machen. Er blieb sanft. Er duldete die Bisse und Schläge
-seines Zellengenossen und konnte nur weinen. Der Kaiser hat ihn einmal
-auf einem Morgenspaziergang jammern gehört, fand ihn blutig und
-hilflos und befahl, daß der gute Wolf vom bösen befreit werde.
-
-Dann gab es einen weißen großen Kakadu in Schönbrunn, der ein Simulant
-war. Hatte er Zuschauer, begann er sofort mit seiner Komödie. Er besaß
-eine kunstvolle Art, langsam und mit vielen Umständen seine Kette
-um Hals und Kopf zu winden und sie außerdem an der Kletterstange zu
-verwickeln, so daß es den Anschein hatte, als habe er sich unversehens
-stranguliert. Hing er endlich in der selbstgedrehten Schlinge, dann
-erhob er mit einemmal ein gottsjämmerliches Schreien und Kreischen,
-schlug mit den Flügeln, als stünde sein qualvolles Ende bevor. Immer
-saß irgendwer diesen gellenden Hilferufen auf und lief nach dem Wärter.
-Die Zurückgebliebenen bedachten indessen erregt, ob der arme Vogel wohl
-so lange noch leben könne. Wenn er aber merkte, daß nun die Spannung
-ihren Gipfel erreicht habe, oder wenn ihm jemand beistehen wollte, zog
-er plötzlich den Kopf aus der verschlungenen Kette, schwang sich auf
-seine Sprosse und schaute ganz still und ruhig umher, als sei nichts
-geschehen.
-
-Dann gab es einen Löwen, der sich gemütlich ans Gitter preßte und
-sich die Mähne krauen ließ. Nach einer Weile aber fuhr er mit
-erschrecklichem Fauchen herum, schlug mit den Tatzen nach dem
-freundlichen Wärter und benahm sich so recht als ein großer Herr, der
-treue Dienste mit grausamer Undankbarkeit lohnt.
-
-Früher bin ich alle Tage in den Schönbrunner Garten gegangen und
-am liebsten bei den Tieren gewesen. Die vielen großen und kleinen
-Tragödien, die sich hier abspielen, all die lustigen Zwischenfälle, die
-drolligen Episoden, diese verschiedenartigen Äußerungen und Anzeigen
-einer zwar deutlich wahrnehmbaren, für uns aber unverständlichen und
-geheimnisvollen Vernunft können stundenlang aufregen oder erheitern.
-Jetzt sind die Bären erwachsen, und nur ein einziger kleiner Kerl
-wohnt in der Kinderstube von damals. Die japanische Konkurrenz hat
-sich beruhigt und führt ein ziemlich friedliches Dasein. Der arme Wolf
-wird immer noch nicht müde, seine Unschuld zu beteuern; begrüßt jeden
-mit demütiger Gebärde und sitzt den ganzen Tag mit sehnsüchtigen Augen
-da. Heute wissen ja alle, daß er zahm, lieb und ungefährlich ist.
-Trotzdem muß er hinter Gitterstäben bleiben; nur weil er ein Wolf ist.
-Aus keiner anderen Ursache. Und so mancher bissige Hund läuft frei
-umher, wird geachtet und geehrt. Aber wer kann eingewurzelte Vorurteile
-besiegen? Da gibt es denn nichts Verfehlteres im Leben als einen Wolf,
-der mit den Wölfen nicht heulen will.
-
-Der Kakadu ist noch derselbe Schwindler und foppt die Leute, so
-oft es ihm gefällt. Dem Löwen aber hat man, wie es scheint, seine
-Herrenlaunen abgewöhnt. Geduckt sind alle diese Tiere durch ihre lange
-Gefangenschaft. Ihnen allen ist die Menschenfurcht von den Mienen
-zu lesen. Aber verändert sind sie in ihrem Wesen nicht. Manchmal
-revoltieren sie, und solche Augenblicke, in denen ihre wirkliche Natur
-hervorbricht, sind von einer wunderbaren Gewalt.
-
-An sommerstillen Abenden, wenn die Löwen unruhig in ihrem Käfig
-umherlaufen oder stehen bleiben, das Haupt tief herabgesenkt,
-aufmerksam witternd; wenn der Königstiger sich erhebt und die
-ungenützte Kraft in seinen Flanken zittert; und wenn sie dann alle
-ihr Gebrüll beginnen, das wie ein schmerzliches Stöhnen und Blasen
-sich anhört, dann fallen die anderen Tiere ein, und dann ist es ein
-mächtiger Chor der Gefangenen. Und es ist von einem sonderbaren
-Reiz, die Stimmen aller Länder und Zonen hier auf einem einzigen
-Platz zu vernehmen. Die Löwen der afrikanischen Wüste, die Tiger aus
-den Dschungeln Indiens, den Schrei der Pardelkatzen aus Brasilien,
-das Brummen der nordamerikanischen Bären, die wilden Trompetenstöße
-der Elefanten, tropisches und arktisches Getier, als ob sie aus
-allen Weltteilen ihre erbitterten Klagen erheben wollten gegen eine
-drückende, ungerechte und quälende Herrschaft.
-
-Versöhnlicher hört sich das in der großen Volière an, in diesem hellen,
-belebten Saal, in dem die Vogelstimmen aus allen Wäldern der Erde
-ineinanderklingen. Von einer beständigen, fröhlichen Musik ist das
-freundliche Gelaß erfüllt. Tausendfache Melodien tausendfach ineinander
-verschlungen, Töne von einer märchenhaften Reinheit, ein Gesang von
-so schallendem Jubel, daß man sich von linder, tröstlicher Heiterkeit
-unwiderstehlich ergriffen fühlt. Staunend betrachtet man hier die
-wundersamsten Launen der schaffenden Natur. Winzige Vögel, die in
-der Farbenglut ihres Gefieders aussehen wie lebendiges Geschmeide.
-Prunkvolle, majestätische Tiere wieder mit richtigen Kronen auf dem
-stolzen Haupt; Tiere von heraldischer Würde, und dann wieder tolle,
-groteske Einfälle, Karikaturen, beschämte Existenzen, äußerste
-Plumpheit und himmliche Anmut; märchenhaft holde Gebilde und höhnische
-Verzerrungen, und beinahe mit frommen Gedanken findet man sich einer
-Kraft gegenüber, die mit sorglosem Gleichmut solch höchste Vollendung
-der Schönheit und so erbärmlich mißlungene Versuche nebeneinander
-bietet. Merkwürdige Vögel lernt man hier kennen, mit lyrisch-zärtlichen
-Namen wie die Diamant-Amandine; mit Namen aus Tausendundeiner Nacht,
-wie den Vogel Bülbül, von dem manche Leute glauben, daß er gar nicht
-existiert. Hier hüpft er gar zierlich in seinem Bauer umher und ist der
-Nachbar des echten Pirol. Gegenüber jedoch wohnt einer, der wie eine
-kleine gelbe Krähe aussieht. Gelb mit schwarzen Kopfflecken, schwarzen
-Schwingenfedern. Er hat ein scheues, schweigsames Wesen und heißt: Der
-schwefelgelbe Tyrann.
-
-In der Volière wird der Zwang, den die gefangenen Tiere erleiden, am
-wenigsten kenntlich. Aber draußen, die Adler und Geier, die in ihren
-Käfigen sitzen und mit kummervollen Augen ins Weite schauen, die ihre
-Schwingen breiten und sie wieder langsam, gleich als ob sie seufzen
-würden, zusammenfalten, die sehen wirklich aus wie gefesselte Helden,
-und sie können einen manchmal arg verstimmen. Ein Kind sagte neulich:
-»Ich weiß jetzt, Vater, wie die Adler aussehen, und du kannst sie
-schon wieder fliegen lassen.« Wir wissen auch, wie Löwen und Tiger
-aussehen, und lassen sie doch nicht laufen. Aber das ist, abgesehen
-vom Schaden, den sie stiften würden, eher zu begreifen. Denn die
-Menschen empfinden es als einen Reiz, gebändigte Wildheit zu beschauen,
-gefesselte Riesen anzugaffen und an wehrlos gemachter Kraft sich zu
-weiden. Jeder hat schon bei sich, vor dem Zwinger, erwogen, »was der
-Löwe tun würde«, wenn man ihn plötzlich freiließe. Ich hab' mich
-niemals dazu vermocht, ihm was Schlimmes zuzutrauen, ob ich gleich
-all die blutigen Dinge, die ihm nachgesagt werden, nicht im mindesten
-bezweifle. So oft ich ihn aber sehe, erscheint er mir sanft, anmutig,
-harmlos und besser als sein Ruf. Selbst wenn er brüllt, sieht er nicht
-wild aus, sondern eher, als sei ihm bedenklich übel. Und im übrigen ist
-der Löwe in unserem Bewußtsein schon mehr ein Klischee geworden als
-ein lebendiges Wesen, eine Art dekoratives Gebilde, das ein jeder von
-allen möglichen Wappen her kennt, von Brücken und Denkmälern, so daß
-man glauben möchte, er werde in den Menagerien nur gehalten, damit er
-seine Existenz beweise. Sicherlich denken die Leute in Afrika anders
-darüber ... Nur im Königstiger läßt sich der Feind erkennen. Doch wenn
-er in seiner engen Zelle die prachtvollen Glieder zum Sprung reckt,
-wenn er die verlangenden Körperkräfte an den Eisenwänden verrast, dann
-fühlt man Mitleid mit ihm und wünschte, diese Tiere, in denen der
-Trieb nach Freiheit nimmer schläft, möchten wenigstens in ein größeres
-Gehege gebracht werden. Es ist eine alte und, wie ich glaube, falsche
-Menagerietradition, die Raubtiere so eng als möglich zu halten und den
-Rindern, den Schafen und anderem gutmütigen, an den Stall gewöhnten
-Zeug weiten Spielraum zu lassen. Würde man Löwen, Tiger, Leoparden,
-Bären und Füchse in große Gehäuse bringen, wir könnten ihren Anblick
-zehnfach genießen und ein Schauspiel der herrlichsten Bewegungen würde
-sich entfalten.
-
-Der gleiche Brauch bewährt sich ja im Affenhaus, vor dem die großen
-und die kleinen Kinder sich amüsieren. Im Grunde aber ist es doch ein
-recht melancholischer Spaß, den man mit diesen kränklichen, boshaften
-und lächerlich menschengleichen Geschöpfen hat. Wie gehässige,
-misanthropisch ausgesonnene Karikaturen, wie gespenstische Zerrbilder
-und böse Träume wirken sie auf die Dauer. Es ist, wenn man einen
-Affen betrachtet, als habe ein Mensch durch Krankheit oder durch
-verruchten Zauber den Gebrauch seiner Gaben verloren, als falle er
-in den tierischen Urstand zurück. Und während alle Schamlosigkeiten
-des Körpers die Übermacht gewinnen, quält er sich ab, diesem Jammer zu
-entwischen, bleibt mit menschlichen Mienen und tierischen Gebärden an
-der fürchterlichen Grenze zwischen Mensch und Vieh. Diese Versuche, die
-ihn uns wieder nähern sollen, wirken wie fast alle Vergeblichkeiten
-aufs erste freilich komisch. Die Leute möchten vor Lachen rasend
-werden, wenn so ein kleiner Mandrill einen Spiegel in die Hand kriegt
-und sich über das Wunder nicht zu fassen weiß. Und das Amüsement
-kennt keine Schranken, wenn ein Affe all das nachzuahmen sucht, was
-ihm einer aus dem Publikum vorzeigt. Da wirkt der tiefe Ernst solcher
-Bemühungen und ihre Fruchtlosigkeit lächerlich. Aber wer einmal nur
-einen kranken Affen gesehen, wer diesen flehenden, kummervollen
-Menschenblick geschaut hat, diese dunkeln, klugen Augen, die in
-Tränen schwimmen, diese vergrämten, greisenhaften und so verzweifelt
-kinderähnlichen Züge, der wird ein atavistisches Grauen bei ihnen
-nicht mehr los. In Wirklichkeit possierlich sind nur jene Tiere, die
-man ohne Befangenheit betrachten kann. Tiere, von denen uns weite
-Distanzen und Zwischenstufen trennen. Ein Drahtgitter aber ist noch
-keine ausreichende Scheidewand. Und es dient beim Affenhaus nur dazu,
-gelegentliche Verwechslungen und Irrtümer hintanzuhalten.
-
-
-
-
-MAUERBACH
-
-
-Am Laudonpark vorbei führt die schöne, sanft ansteigende Waldstaße nach
-Mauerbach. Gleich an ihrem Anfang steht das alte Laudonschloß mitten
-in einem stillen dunkeln Weiher. Man soll hier nicht vorbei, ohne
-diesen ruhevollen Herrensitz zu betrachten. Ein wenig neidisch wird
-man freilich, wenn man da so um die Mauern streicht und zu den hohen
-Fenstern emporblickt und dabei sich ausmalt, wie ganz wunderbar es sein
-muß, so mit allem Luxus und behaglicher Vornehmheit eingebettet sein
-inmitten des Waldes, umbuscht und umgrünt von einem Getümmel blühenden
-Strauchwerks und himmelragender Bäume. Auf dem stillen Weiher ziehen
-lichte Schwäne ihre Bahn, hellgrün belaubte Weiden lassen ihre Zweige
-in das Wasser niedersinken, und die Quadern des Schlosses spiegeln
-sich darin. Es ist ein Bau im Stil der Maria Theresienzeit. Anmutig
-und feierlich, und mit einem Zug ins Heroische. Daß man erst über eine
-steinerne Brücke gehen muß, um an das Tor zu gelangen, gibt dem Schloß
-das Aussehen einer Veste. So bauten die großen Soldaten vergangener
-Epochen. Immer, auch wenn sie sich zur Ruhe setzen, tun sie, als ob sie
-sich verschanzen wollten.
-
-Der Feldmarschall Laudon ist in Weidlingau noch sehr populär. Seine
-Nachkommen leben in dem schönen Schloß, das er ihnen hinterließ.
-Er selbst aber liegt draußen im Walde begraben. Neulich habe ich
-ihn sogar mitten durch die Hauptstraße reiten sehen, umgeben von
-seinem Stabe, im weißen Waffenrock, das Goldene Vließ auf der Brust
-und hinterher ein Schwarm türkischer Gefangener. Voran kamen zwei
-Herolde in altdeutscher Tracht. Und auf seinem Zuge ließ sich der
-Generalfeldmarschall photographieren. Das Ganze war ein Sängerfest,
-und der Mummenschanz nahm sich auf sonniger Straße hübsch genug aus.
-Namentlich der Feldmarschall Laudon, von einem schlanken jungen Mann
-mit Würde dargestellt, erschien hier wie ein alter Bekannter. Er glich
-aufs Haar dem Laudon auf dem Wirtshausschild, was für beide, für den
-gemalten wie für den kostümierten Generalissimus, als ein voller Beweis
-ihrer historischen Echtheit gelten darf.
-
-An diesem festlichen Tage fuhr ich, dem etwas langwierigen und lauten
-Männergesang zu entwischen, wieder einmal die Straße nach Mauerbach.
-Dort draußen kann man ja auch Sonntags im Freien sich ergehen, der
-frischen Luft genießen, ohne allzuvielen Menschen zu begegnen. Der
-große Schwarm hält sich eben dicht an der Bahnstrecke, und in dieses
-friedliche Seitental kommen nur wenige.
-
-Ein schmaler weißer Streifen, zieht die Waldstraße durch die schöne
-grüne Welt. Berge ringsumher, sanfte, freundliche Berge, einer zärtlich
-immer an den anderen gelehnt. Und breite, fröhliche Wiesenflächen, auf
-denen einsame Erlen ihre Äste breiten. Hier und da eine alleinstehende
-Eiche, die aussieht, als sei sie mit den anderen Bäumen verfeindet und
-halte sich nun trotzig abseits von ihnen. Oder ein paar zarte junge
-Birken mitten auf einer Wiese, als sei es ihnen im Walde zu langweilig
-geworden, und als wollten sie nur eben ein bißchen spazierengehen. Und
-der weiße Wegstreifen vor dir läuft immerzu ins Grüne hinein, bergauf,
-bergab, wie unsere Sehnsucht, die sommerlich ins Freie strebt.
-
-Man blickt zurück und findet sich völlig eingeschlossen von der
-Lieblichkeit der Wienerwald-Landschaft, in der so viel Eichendorffsche
-Stimmung ruht. O Täler weit, o Höhen! Wie nah ist man hier doch der
-Stadt, oder wie fern von ihr? Man weiß es nicht. Es können viele,
-viele Meilen sein, so still ist es da, und so unberührt ist die Flur.
-Nicht einmal der Wind trägt das lärmende Wanderlied der Eisenbahnzüge
-bis hierher. Nur Amselrufe, Finkenschlag und Lerchengesang, und das
-helle Zirpen der Grillen, das von den Wiesen aufsteigt wie der tönend
-gewordene Atem der blühenden Erde. Lange wird dieser Frieden nicht mehr
-dauern. Dann kommt die Bahn. Die »Wienerwald«-Bahn, wie man sie heute
-schon nennt, die von Hütteldorf über Judenau nach Tulln-Herzogenburg
-führen soll. Dann wird auch das jungfräuliche, wenig besiedelte
-Mauerbachtal, das jetzt so hübsch außer der Welt liegt, von Lärm und
-Unrast und Neugier erfüllt sein. Schlag' noch einmal die Bogen um mich,
-du grünes Zelt!
-
-Dann freilich wird auch das kleine Mauerbach für die sogenannten
-weitesten Kreise entdeckt werden. Und man wird finden, daß es ein
-seltsamer und sehenswerter Ort ist. Maler werden hierher kommen und das
-alte Karthäuserkloster malen, und die Pfründner, die jetzt darinnen
-wohnen, wird man auf Bildern sehen, die den Armenhausbildern von
-Gotthard Kuehl gleichen werden. Und man wird bemerken, daß Mauerbach
-geradeso schön ist, wie die vielgerühmte Beguinage in Brügge, und
-ebenso vom Zauber einer wunderbaren, wehmütig lieblichen Stimmung
-übergossen, wie die stillen Stätten verrastender Greise in Holland.
-
-Schon der abschüssige Dorfplatz in Mauerbach ist von einer merkwürdigen
-Schönheit. Die große uralte Linde, die in seiner Mitte steht, und das
-tief gelegene, farbige Portal, das den Eingang zur Karthause bildet.
-Verwachsene Fresken zieren den kühnen Steinbogen dieses Durchlasses,
-der eine Vedute auf den weiten Vorhof eröffnet. Es ist wie der Eingang
-zu einer Burg. Hinter dem vergitterten Fenster, das wie ein einziges
-Auge aus dem verwitterten Gemäuer blickt, mag einmal der Torwart
-ausgespäht haben. Jetzt sitzen die alten Frauen und Männer hier in der
-Sonne, oder rings um die Linde, oder sie kauern am Zaun der kleinen
-Vorgärten und schauen die Straße hinunter, die aus dem Gewühl des
-Lebens hierher zu ihrer Einsamkeit führt.
-
-Über den weiten Vorhof, in dem die Hühner und Gänse ihre Prozessionen
-halten, kommt man zum Kloster. Ein Wassergraben, durch den der
-Mauerbach rinnt, wehrt den Zugang und erinnert wieder an eine Festung.
-Weiter unten steht auch ein runder, spitzbedachter verwitterter Turm
-mit kleinen Schießscharten. Die Karthäuser mögen sich gegen alle
-Zufälle vorgesehen haben. Denn es war eben doch nicht ganz gemütlich
-hier, mitten im Wald, vor vier- oder fünfhundert Jahren, und die
-»Wienerwaldbahn« ruhte damals noch tiefer im Zeitenschoße als jetzt.
-Die Pfründner natürlich haben dem Bollwerk eine andere Bestimmung
-anphantasiert. Sie nennen ihn den Hungerturm und behaupten, man habe
-sündige Mönche da hineingesperrt und sie elend darin versterben lassen,
-und natürlich gibt es einige, die wissen wollen, daß es in dem alten
-Turm spuke.
-
-Durch schöne breite Gänge spaziert man in dem Kloster umher.
-Kreuzgänge, in denen es angenehm kühl ist, in denen die Schritte
-auf den Steinfliesen hallen, und wo das geschnitzte Holzwerk an den
-Türrahmen nachgedunkelt und tiefbraun geworden ist. Schlafsaal --
-Krankensaal -- liest man jetzt, wo früher Refektorium oder Bibliothek
-gewesen. Dann die Kirche. Sie ist klein, aber hoch, und hat einen
-prunkvollen Altar mit einem mächtigen Bild darüber; rechts und links
-zwei überlebensgroße, in Gold und reichen Farben prangende Holzstatuen.
-Hier ist auch das Grabmal Friedrichs des Schönen, der die Karthause
-einst gegründet hat. Draußen im Garten wird die Stelle gezeigt, an der
-Friedrich im Walde sich verirrte und das Gelöbnis tat, wenn Gott ihn
-aus der Wildnis führe, hier ein Kloster zu erbauen. Und Gott rettete
-den schönen jungen Herzog. Und der »bonus dux« wie die Grabschrift
-ihn nennt, hielt seinem Schöpfer, was er versprochen. Lange hat er in
-dieser Kirche geschlafen, hinter diesem roten Marmorstein, der heute
-noch sein Lob kündet. Als dann Josef II. das Kloster aufhob und zu
-einem Armenhaus verwandelte, wurde auch der Stifter von den Mönchen
-hinweggenommen und anderswo gebettet. Ich glaube, zu St. Stephan in
-Wien, oder im Stift zu Heiligenkreuz.
-
-Die Kirche aber ward zu groß befunden für die Armenhäusler, und so
-führte man in der Mitte eine Mauer auf, ließ das vordere Hauptschiff
-als Kapelle bestehen und teilte die rückwärtige Hälfte in mehrere
-Stockwerke, so daß jetzt zwei Schlafsäle übereinander den Raum
-einnehmen, den früher das Orgelemporium hatte. In dem obersten Saale
-sind alte Frauen. Da ist es denn für sie beinahe wie im Himmel selbst,
-denn sie sehen durch die Fenster geradeaus in die Kirche herunter,
-können von ihrem Bette aus den Hochaltar erblicken, die Messe hören,
-und der sanft schütternde Klang der Orgel dringt bis herauf in ihre
-Stube. Wenn sie aber morgens die Augen aufschlagen, dann haben sie
-gleich eine ganze Engelsschar über ihrem Haupt. Weil nämlich die
-prächtige Kirchendecke mit ihren Gemälden und ihren Stuckverzierungen
-hier unversehrt geblieben, genießen sie diesen Luxus, der ja in
-Armenstuben selten und sonderbar genug ist. Wo aber die Wand an die
-Kirchendecke stößt, schneidet sie freilich recht unbekümmert die ganze
-Herrlichkeit entzwei. Und da fährt nun ein Engel zum Zimmer herein, der
-halben Leibes noch in der Kirche drüben steckt. Ein anderer wieder ist
-noch mit den Beinen hier innen, während er mit Kopf und Armen voran in
-die Kirche strebt, und nimmt sich aus, als sei er hier gefangen und
-eben mit allen Kräften bemüht, zu entschlüpfen.
-
-Es ist ein merkwürdiger Raum, dieser Schlafsaal armer, alter Frauen,
-dessen Dielen Weichholz sind und dessen Plafond an fürstliche
-Prachtgemächer erinnert. Welch eine ergreifende Atmosphäre! Wie
-nah am Tode und am Ende aller Dinge fühlt man sich hier! Wie viel
-verbrauchtes Leben, vollendetes Schicksal, überstandene Sorge, wie
-viel Hoffnungslosigkeit und Trauer, müdgeweinte Enttäuschung, wie viel
-endgültiges, demütigendes Verzichten, wie viel Abschiedsschmerz atmet
-hier, wo die Menschen nichts mehr zu tun haben, als auf ihr Stündlein
-zu warten!
-
-Da sitzen die alten Frauen vor den Fenstern und schauen in die Kirche
-hinunter, mit stillen, erloschenen Blicken, die so bewegungslos und so
-undurchdringlich sind. Oder sie hocken auf ihren Betten und verstricken
-den Sommertag, oder wirtschaften mit einem enormen Aufgebot
-selbsttäuschender Wichtigkeit in allerlei Kleinkram.
-
-Wie das Alter ertragen wird, kann man hier merken auf Schritt und
-Tritt. Wie die einen gelassen sind und beschwichtigt, die anderen
-in beständiger Aufregung, andere verzweifelt, andere beschämt und
-verschüchtert, andere wieder fröhlich. Sie alle zusammen aber recht
-egoistisch und zur Verträglichkeit wenig geneigt. Dort geht ein Greis
-über den Hof, trägt stolz seine Medaillen und raucht lächelnd sein
-Pfeifchen. Zwei andere aber stoßen sich an, blicken ihm spöttisch nach
-und beschwatzen ihn. Oder eine alte Frau verläßt eine Gruppe. Sofort
-finden sich die übrigen zusammen, ziehen über sie los, so ungeniert,
-daß die Davongelaufene es noch hören muß. Aber sie ist es gewohnt,
-kümmert sich nicht darum und macht es offenbar, wenn es die Gelegenheit
-gibt, auch nicht anders.
-
-Beruhigt sind die Menschen auch hier noch nicht. Das kommt doch wohl
-erst, wenn jeder für sich im Schrein liegt, wo niemand ihn sieht, und
-wo er niemanden mehr beobachten, beneiden und bereden kann. »Was man
-da alles hört ...« sagt eine kleine alte Frau zu einem Greis, der ihr
-aufmerksam lauscht. »Gestern hat die Huber mit der Berger g'stritten,
-weil der Meyer ihr zurückg'sagt hat ...« Und ihr vergilbtes, kraftloses
-Gesicht leuchtet vor Vergnügen, so interessante Neuigkeiten zu
-berichten. Erstaunt betrachte ich sie, wie sie auf dem Platz unter
-der Linde stehen, alle beide ganz versunken in ihrem Gespräch. Ein
-paar Schritte weiter hinauf, und man überblickt die Karthause, wie sie
-eingebettet, im tiefen Wald, mitten in den Bergen hier einsam liegt.
-Da glaubt man, hier ist die Ruhe, und hier steht alles Leben und alles
-Geschehen stille. Und auf einmal sagt jemand: »Was man da alles hört!«
-In Mauerbach ...
-
-
-
-
-DAS WIRTSHAUS VON ÖSTERREICH
-
-
-Wir fahren zum Stelzer nach Rodaun. Durch den lang hingestreckten Lärm
-der Mariahilferstraße; durch diese Stromschnellen des Mittelstandes,
-der hier in hunderttausend Alltäglichkeiten uns umschäumt. Draußen bei
-den letzten Häusern ist es dann, als ob eine Türe plötzlich aufginge.
-Da öffnet sich das Land, da wird der Himmel weit; von ferne schimmern
-die Höhen des Wienerwaldes und durch die Luft weht der Atem des Mai.
-Seitab der Straße, jenseits der Wiesensenkung lächelt Schönbrunn zu
-uns herauf. Über das Schloß hinaus prangt die feierliche Anmut der
-Gloriette am Firmament. Wir fahren durch das stille, noble Hietzing.
-Blühende Gärten, Sommerpaläste aus den Tagen der Maria Theresia,
-Biedermeierhäuschen und blühende Gärten. Weiter hinaus durch Lainz
-und Speising, alte Bauerhütten und neue Cottagevillen. Wir fahren am
-Rosenhügel vorüber, dann hinunter in die kleine Ortschaft Mauer, dann
-noch eine enge gewundene Straße bergan, zwischen Gärten, in denen der
-Flieder duftet. Auf der Graskuppe droben rasten die Pferde ein wenig.
-Nun sind wir den Bergen nahe. Der Wind trägt den Laubgeruch der Wälder
-zu uns her. Vor uns in der Tiefe, an die ersten Hügel geschmiegt,
-weißblinkend das Dorf Rodaun.
-
-Drunten, beim Stelzer eine wirr drängende Auffahrt. Fiaker, Equipagen,
-Automobile, Kutschierwagen. Beinahe wie vor dem Lusthaus im Prater
-oder vor dem Pavillon d'Armenonville im Bois de Boulogne. Dies ist
-nichts als ein altes Wirtshaus. Eine ländliche Diele, im Stil der
-Kaiser-Franz-Zeit wienerisch; ein paar behagliche altmodische Stuben,
-allerlei neuer Zubau an Veranden und Terrassen. Ein Garten, der den
-Hügel erklettert, daran das Haus sich lehnt. Dreißig Wirtschaften gibt
-es im Wienerwald, die schöner und lieblicher gelegen sind als diese
-hier. Die Gegend ist reizend, aber sie wird von dreißig anderen hier
-herum an Reiz übertroffen. Hier ist auch kein Ausgangspunkt, hier führt
-kein Weg zu populären Landpartien. Man kommt eben nur heraus, um beim
-Stelzer zu sein. Der ganze Garten schwirrt von eleganten Menschen.
-Alle sitzen da unter den blühenden Kastanienbäumen und trinken Kaffee,
-sitzen dann im oberen Garten und soupieren.
-
-Kleine Buben in Uniform, von Vater und Mutter, von Schwestern und
-Tanten umgeben und umzärtelt, verschlingen gierig ihre Eisschokolade,
-ihre Erdbeercreme und Kuchen. Zehnjährige, zwölfjährige Buberln,
-fünfzehnjährige, sechszehnjährige Burschen. Sie sind ungefähr wie die
-Theresianisten angezogen. Österreichischer Offiziersrock, silberne
-Litzen am Kragen, österreichische Offizierskappen. Brave, saubere
-Gesichter, die manchmal die Züge bekannter Familien tragen. Der Kleine
-da mag ein Liechtenstein, der andere hier ein Auersperg sein, der
-hübsche Pagenkopf dort ein Taxis. Diese kleinen Buben werden nebenan
-in der Jesuitenschule erzogen. Fünfzig Schritte vom Stelzer liegt das
-Kalksburger Kloster, darin diese Kinder aufwachsen, die jetzt schon so
-offiziell und so österreichisch aussehen.
-
-Kalksburg ... in dieser Küche wird der österreichische Geist
-zubereitet, wird gemischt und gewürzt, gedämpft und abgebrüht. In
-die Jesuitenschule gehen alle, die geboren sind, dieses Land zu
-regieren. Katholische Verhaltenheit, Kunst des Lavierens, innerliches
-Gebundensein, Technik der kleinen Lüge und der feingesponnenen
-Intrigen, Demut und Beschränktheit, Stolz und Gehorsam, Andacht,
-Aberglaube, Snobismus, Weisheit und Mißtrauen, Liebe zu allem
-Hergebrachten, Widerstand und Tücke gegen alles Neue, und noch viele
-andere Dinge werden hier in die Menschen gepflanzt, Dinge, die man bei
-uns sogleich begreift und erkennt, wenn man nur »Kalksburg« sagt. Hier
-wuchsen die Gegner Josefs des Zweiten auf, hier wurden die Minister
-des Kaisers Franz, die Diplomaten des Kaisers Ferdinand, die Ratgeber,
-Botschafter und Statthalter Franz Josefs erzogen. Von hier aus nahmen
-sie ihren Weg.
-
-Und ihr erster Weg war immer zum Stelzer. Hier ward, in der Kalksburger
-Jesuitenschule, der staatsmännische Geist gebildet, der die Habsburger
-Monarchie vom Deutschen Reich löste, der nach Achtundvierzig die
-Reaktion verhängte, der auf den lombardischen Schlachtfeldern
-unser Blut vergoß, der gegen das protestantische Preußen trieb
-und uns zu Königgrätz brachte. Hier wird das pfaffenbeherrschte,
-christlich-soziale Österreich jetzt machtvoll wieder aufgerichtet. In
-dieser Waffenschmiede der Jesuiten wird unser Adel für Rom und seine
-Kirche gerüstet.
-
-Aber wenn sie noch kleine Buben sind, und ihre Eltern herausgefahren
-kommen, um sie zu besuchen, dann werden sie zum Stelzer geführt.
-Es ist ihr erster Weg. Dann sitzen sie hier im Garten und essen
-Gefrorenes und haben liebe, saubere, brave Gesichter. Die Väter sitzen
-wohlwollend dabei, schauen zu, wie es den Kindern schmeckt, und denken
-der eigenen Jugend: Kalksburg, die Jesuitenschule, die Uniform und
-die Jause beim Stelzer. Diese kleinen Buben werden aufwachsen, werden
-dann zur Universität oder auf die Orientalische Akademie gehen, oder
-sie werden bei den Windischgrätz-Dragonern dienen. Dann werden sie
-mit ihrer ersten Geliebten, mit einem hübschen Ballettmädel, oder mit
-einer herzigen Choristin, oder mit einer französischen Varieteedame
-im Fiaker fahren. Über die Mariahilferstraße, am Schönbrunner Schloß
-vorbei, durch Hietzing und Mauer nach Rodaun, zum Stelzer. Sie werden
-irgendeiner Botschaft attachiert sein, in Buenos Aires oder in
-Peking, sie werden in die Statthalterei eintreten, bei irgendeiner
-Bezirkshauptmannschaft in der Provinz, oder sie werden in einem
-Ministerium arbeiten; und wenn sie dann im Frühling auf Urlaub nach
-Wien kommen, werden sie wieder im Fiaker zum Stelzer fahren. Sie werden
-irgendeine Prinzeß oder eine Komtesse heiraten und sich im Wonnemond,
-vor dem Derby jedenfalls, mit ihrer Frau beim Stelzer sehen lassen.
-Dann kriegen sie Kinder, die wieder nach Kalksburg zu den Jesuiten
-in die Schule müssen, und die kleinen Buben führt man dann wieder in
-den Gasthausgarten her, damit sie Gefrorenes essen zu ihrer Erholung
-vom Studium. Sie werden Hofräte und Sektionschefs und Generale und
-Leibgardekapitäns, und wenn man an linden Frühsommerabenden unter
-freiem Himmel »nachtmahlen« will, oder zum Kaffee ins Grüne fahren,
-dann ist es wieder zum Stelzer. Denn man ist konservativ und treu.
-Seinem Gott, seinem Kaiser, seinen Jesuiten, seinem gewohnten Weg und
-seinem Wirtshaus. Sie werden Minister und Exzellenzen und Statthalter
-und Gouverneure, halten die Schnüre der großen Politik in der
-Hand, haben feine und delikate Geschäfte auszuführen, mit fremden
-Diplomaten, mit irgendeinem Parlamentarier oder mit einem Börsenbaron;
-Angelegenheiten, die man vorerst ganz vertraulich, ganz privat
-behandeln muß und ganz gemütlich. Da gibt man solch einer Konferenz,
-in der manchmal das Schicksal Österreichs ein bißchen entschieden
-wird, den harmlosen Charakter eines Soupergespräches, den Anschein
-zufälliger Begegnung, und man plaudert beim Stelzer draußen in einem
-Gartenzelt, wenn's Sommer ist, oder in einer der behaglichen Altwiener
-Stuben, wenn ringsum der Schnee auf den Bergen liegt.
-
-In diesen Stuben sind die Wände bedeckt mit Photographien. Prinzen und
-Prinzessinnen, ungarische Magnaten, polnische Schlachzizen, wienerische
-Geldfürsten, Theaterköniginnen, berühmte Tenoristen, populäre Komiker.
-Eine Galerie, die verschollenen Ruhm und versunkene Macht wieder ins
-Gedächtnis bringt, und Gesichter zeigt, die in den Sechziger- und
-Siebzigerjahren des vorigen Säkulums lebendig und bekannt gewesen;
-Gesichter, die heute lebendig und bekannt sind. Auf jedem Bild
-Unterschrift und Widmung an den Wirt. In diesen Stuben sind Geheimnisse
-der Monarchie besprochen worden, diese Wände haben den Klatsch der
-großen Gesellschaft gehört und das Flüstern galanter, vornehmer
-Abenteuer.
-
-Der schmale Weg vom Kloster her hat die Leute zuerst zum Stelzer
-gebracht. Kloster und Wirtshaus, Kirche und Lustbarkeit, das ist eine
-uralte katholische Nachbarschaft. Mit den Adeligen sind die Kokotten
-gekommen, mit den Kokotten die reichen Bürgersöhne, die Sprößlinge der
-großen Bankhäuser; es kamen die Fabrikantenfamilien vom Grund, es kam
-die prunkvolle Finanzwelt, die Künstler kamen, das Theater, einfach
-alle.
-
-In diesem Garten, der von Menschen schwirrt, ist ganz Österreich
-beisammen. Österreichs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die
-Männer, die das Land regiert haben, die es regieren und die es
-einst regieren werden. Alle zusammen sind sie Schulkameraden von
-Kalksburg her. Das sitzt hier beieinander, jetzt, wie in den Tagen des
-Kronprinzen Rudolf, wie in den Tagen des Sechsundsechzigerkrieges, wie
-in den Jahren Radetzkys, wie im Vormärz, als Kaiser Ferdinand noch
-regierte. Das plaudert wie einst, sieht aus wie damals und denkt nicht
-viel anders, als man immer schon gedacht hat. Kennt sich untereinander,
-ist wie eine große Familie; und der Frühling duftet wie einst.
-
-Wir fahren heim. In den Gärten singen die Amseln, über die jungen
-Saaten zuckt der Schwalbenflug dahin. Oben auf der Anhöhe liegt das
-kaiserliche Wien vor den berauschten Blicken. Dunst und Staub schwebt
-über der Stadt wie ein feiner hellgrauer Schleier, aus dem die
-Turmspitzen in der Abendsonne funkeln. Unübersehbar und mächtig ruht
-die Stadt in der Ebene, verschwindet am fernen Horizont, als breite
-sie sich über das ganze Land hin. Wir schauen zurück in das Tal, das
-wir verlassen, sehen die weiße Front des Klosters aus den Baumwipfeln
-des alten Parks schimmern, sehen Rodaun sich an den Fuß der Berge
-schmiegen. Dort unten haben wir den Extrakt dieser Heimatswelt
-geschaut, haben ihr Inhaltsverzeichnis gelesen, die Überschrift aller
-Kapitel ihrer Geschichte und ihrer Romane.
-
-Und die Pferde traben.
-
-
-
-
-MARIAZELL
-
-
-Einmal muß man's gesehen haben, muß hinter den Bergen gewesen sein,
-bei Maria in Zell. Besonders aber wer nach dem tieferen Sinn der
-österreichischen Art und des österreichischen Schicksals trachtet.
-Dem mag es frommen, wenn er eines Tages den mühsamen Kreuzberg
-hinaufwandert, wo dann die üppige Kirche weiß auf grünem Hügel vor ihm
-daliegt, eingebettet im Rund der hohen steirischen Gipfel. Da wird ihm
-hernach vieles klar. Mariazell ... es ist der Schlüssel zu einer der
-innersten Kammern des österreichischen Herzens. Besser wird man in der
-Geschichte des Landes sich zurechtfinden, wird seine Gegenwart leichter
-entziffern, vielleicht auch in der Zukunft ein wenig lesen können,
-wenn man diese Luft geatmet hat, die vom Harzgeruch der Bergwälder
-erfüllt ist, vom Duft der Weihrauchwolken, vom Geläute der Glocken, vom
-Flattern der Kirchenfahnen und von den Lobgesängen wallfahrenden Volkes.
-
-Hinter Mürzsteg, wo an den Tannenwald gelehnt das kleine Jagdschloß
-des Kaisers mit geschlossenen Fenstern schlummert, hinter Mürzsteg
-also beginnt die Jetztzeit, das Heute, das zwanzigste Jahrhundert,
-so langsam zu versinken. Und bis man in Mariazell ankommt, liegt es
-weit, weit zurück. Hinter Mürzsteg betritt man die schmale Straße, die
-mürzaufwärts durch die Felsschlucht sich windet. Man betritt sie auf
-eigene Verantwortung, denn das Forstärar lehnt es ausdrücklich ab,
-für die Wanderer und ihre Sicherheit zu haften. Aber die da des Weges
-ziehen, haben sich in einen höheren Schutz als in den eines k. k.
-Forstärars begeben, und hoffen auf ihrem Weg zu dem frommen Ziel vor
-Steinschlägen bewahrt zu bleiben. Und dieses Hoffen wird bestärkt, wenn
-sie beim »Toten Weib« die Votivtafel sehen, die hier daran erinnert,
-daß vor Jahren einmal unsere Kaiserin, hier spazieren reitend, in
-Gefahr sich befand, aus der sie unversehrt entronnen ist. Dem heiligen
-Georg, »equitum patronus«, hat sie hier ein Bild an die Wand heften
-lassen. Und die Erzherzogin Valerie hat ein langes Gedicht an den
-Beschützer der Reiter daruntergesetzt. Alle Leute lesen es, und ich
-hab' es auch gelesen, dieses Gedicht. Aber ich glaube nicht, daß es
-erlaubt ist, diese Verse zu kritisieren. Man wird sie wohl nur loben
-dürfen, weshalb wir denn auch weitergehen wollen.
-
-Kurz vor Mariazell liest man vor einem kleinen Dorf die Tafel:
-»Evangelische Ortsgemeinde.« Dann weiter auf einem sauberen Hause:
-»Evangelische Schule.« Weiß Gott, durch welchen Zufall dies
-Häuflein Protestanten den Verfolgungen der Gegenreformation und dem
-Ausgetriebenwerden entging. Und man müßte hier wohl ein wenig länger
-bleiben, um zu sehen, wie sie auf ihrer winzigen lutherischen Insel
-hier leben und wie sie zu ihren anderen Landsleuten stehen: besonders
-aber diese zu ihnen.
-
-Dann kommt der Kreuzberg, und dann ist man in Mariazell. Von dem
-grünen Wiesenhügel, auf dem die Ortschaft mit der Kirche liegt, kann
-man weit in die Runde sehen. Da kommen die weißen Straßen von überall
-her, von allen Seiten des Landes. Stürzen sich aus der Höhe herab
-zur Marienkirche, laufen aus den dunklen Wäldern schimmernd hervor,
-gehen durch die Taltiefe in Windungen immer näher heran, gürten den
-Hügel mit ihren weißen Bändern und ihrer beflissenen Wegsamkeit.
-Überall Pferdegetrappel, Wagenrollen, aus der Höhe, aus der Tiefe,
-Peitschenknall und Rufen. Besuche kommen, Besuche gehen. Die Sonne
-sank schon hinter den höchsten Spitzen, und in den Turmkreuzen erlosch
-das Blitzen ihres Lichtes, da kommt von weitem eine Prozession heran.
-Seidene Kirchenfahnen bauschen sich schwer im Abendwind. Rote Fahnen,
-blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten, wehenden Bändern. Standarten
-der Frömmigkeit, hoch über den Häuptern der Wallfahrer hinschwankend.
-Nun sie der Kirche ansichtig werden, beginnen sie zu singen.
-Langhingezogene, feierliche Rhythmen. Tiefe Männerstimmen, darüber
-der dünne, etwas heulende Sopran der Weiber. Hier draußen im Freien
-bekommt der Gesang Luft und Weite, die frische Luft haucht ihm eine
-neue Schönheit an, etwa wie sie blassen Wangen höhere Farben anbläst.
-Dieser Wallfahrerzug, über den Teppich blumiger Wiesen schreitend, von
-der unendlichen Kulisse ragender Bergwälder sich abhebend mit seinen
-Fahnen und Bändern, tönend von einem Gesang, dessen Sehnsucht der Wind
-aufhebt und hoch im blaßblauen Dämmer in lauter Duft und Zartheit löst,
-wird nach und nach mehr, als er in seiner Einzelheit vorstellt. »Das
-sind die Floridsdorfer ...« sagt ein Kundiger neben mir. Aber in diesem
-Augenblick ist es Stimme und Gebärde eines ganzen Landes, des Landes,
-das vor uns sich breitet und das man jenseits all dieser Berge weiß;
-ist es Naturlaut und tiefster Herzensakzent dieses Bodens. Mögen es
-nachher immer die Floridsdorfer sein.
-
-Die Glocken beginnen jetzt zu läuten. Als Willkomm dem grüßenden Lied,
-das die Wallfahrer ihren Schritten vorausschicken. Unter Glockengeläute
-folgt dann der Einzug. Glockenläuten, Gesang, Paukenwirbel, Fanfaren,
-Fahnenrauschen, Vaterunser. Und jeder Tag sieht solche Einzüge hier.
-Jeden Tag schreiten solche Prozessionen in feierlicher Musik durch
-die Straßen dieses Ortes. Es ist wie ein beständiges Sommerfest der
-Frömmigkeit, wie ein Permanenzdienst der Andacht. Eine unaufhörliche
-Frohfeier schwebt auf dieser Ortschaft, die sich üppig, in reichen,
-blinkenden Häusern um die Kirche schmiegt. Ein Seelenkurort, der mit
-lockenden Buden, mit Gasthöfen, mit gleißenden Kramläden in Blüte
-steht. An fünfunddreißigtausend Menschen kommen jahrüber nach Salzburg,
-an sechzigtausend nach Luzern, -- um die gesuchtesten Städte zu
-nennen. Nach Mariazell kommen etwa hundertfünfzigtausend.
-
-Das Läuten verstummt und das Singen. Betend gehen die Wallfahrer
-durch das breitgeöffnete Kirchentor ein. Im Lichterglanz schimmernd,
-flimmernd, strahlend, glänzend empfängt sie die hochgewölbte Kirche,
-empfängt sie das Marienbild auf dem silberstarrenden Altar; mit ihrem
-milden, melodischen Donner empfängt sie die Orgel, und hüllt sie
-völlig ein in die brausende Kraft ihrer Stimme. Schwergoldenen Brokat
-um die Schultern, empfängt sie der Priester, der vor dem Tisch des
-Herrn steht; Weihrauch dampft empor und strömt seinen Duft über sie
-hin. Und wegmüde, sehnsüchtige, vollkommen gebannte Menschen knien auf
-den steinernen Fliesen, Gesichter, in denen der Fanatismus zu brennen
-anfängt, Gesichter, auf denen tiefe Andacht geschrieben steht, Mienen,
-die in Bewunderung sich lösen, in unbedingter Hingabe, Gesichter, die
-stumpf sind und verschlossen, verriegelt für alles andere außer für die
-Überredung dieser Stunde. Und über alle spricht dann der Priester den
-Segen. Dominus vobiscum!
-
-Draußen hat sich die Dunkelheit auf die Landschaft gesenkt. Draußen
-wartet, mit ihren aufstrahlenden Glühlichtern die weltliche Lustbarkeit
-des Ortes. Tische im Freien vor den hellbeleuchteten Gasthöfen.
-Die Buden hell beleuchtet, die Schaufenster der Läden, und ein
-italienisches Volkstreiben auf den Straßen. Wagen, die abfahren,
-Wagen, die kommen. Singende Bursche und Mädchen, Gaffer. Mittendurch,
-mit brennenden Kerzen und Lampions der »Lichtlumzug« der Wallfahrer,
-wie ein freudiger Reigen. Später dann im Nachtlager der Armen, all
-derer, die kein Extrazimmer mieten können, und die auch die langen
-Massenschlafstuben zu teuer finden. Mit ihren Reisebündeln, die Kleider
-ein wenig nur gelöst, liegen sie auf der gestampften Erde im Freien,
-unter halb offenen Stadeln, Wagenschuppen, und der Nachtwind nimmt den
-Schlafdunst von ihnen. Dominus vobiscum.
-
-Am andern Morgen das Hochamt; Sonntagmorgen. Die Kirche gedrängt voll,
-Marienbilder, von den Prozessionen hereingetragen, stehen vor dem
-silbernen Altar, die Fahnen der Wallfahrer. Nach der Messe predigt der
-Kaplan, der sie hergeführt hat. Warum sind die Katholiken immer so
-lustig, sagt er, und die Protestanten so traurig? Weil die Katholiken
-eine Mutter haben, die Muttergottes Maria, und die Protestanten
-nicht. Weil die Katholiken die Heiligen haben, ihre Schutzpatrone und
-Fürsprecher, und die Protestanten nicht. Und weil die Protestanten sich
-von seiner Mutter abgewendet haben, darum hat sich Jesus auch von ihnen
-abgewendet usw. Jetzt glaubt man sich's ein wenig vorstellen zu können,
-was für einen Stand die kleine evangelische Gemeinde in St. Aegyd bei
-Mariazell wohl haben mag.
-
-Wie dann das Hochamt und die Predigt vorüber sind, kann man die
-Schatzkammer sehen. Ein hohes Gemach neben dem Orgel-Emporium birgt
-in großen Glasschränken, was eben an Juwelen, Perlen, Gold und Silber
-ausgelegt ward. Ein fabelhafter, gar nicht meßbarer Reichtum, der hier
-ruht. Man könnte unzählige Tränen damit trocknen, könnte ungeheures
-Elend in Wohlstand verwandeln, könnte eine kleine Provinz dafür
-kaufen. Ein Altarschrein aus massivem Silber nimmt die Mitte ein. Er
-ist von Maria Theresia gestiftet und trägt in tellergroßen, schweren
-Goldreliefs die Bildnisse ihrer ganzen Familie. Aus allerlei Opfergaben
-wurde eine Monstranz gemacht. Vierzehnhundert Edelsteine zieren sie.
-Nur noch zu Paris, in der Notredame-Sakristei, sah ich eine ähnliche.
-Sie war ganz aus weißen, funkelnden Brillanten, und man war geblendet,
-wenn man sie nur ansah. Unsere Kaiserin hat das Medaillon hierher
-gestiftet, das sie bei jenem Unfall in Mürzsteg trug. Rubinen und
-Brillanten. Auf Kaiser Ferdinand wurde in Baden einmal geschossen.
-Maria Anna ließ aus purem Gold ein Büschel Eichenblätter formen und die
-Kugel des Attentäters in die goldene Eichel kapseln. Außerdem gab sie
-eine Perlenschnur von einer wahrhaft kaiserlichen Pracht und Größe.
-Unzählbar sind die Perlenschnüre, die Brillantringe, die Broschen,
-Münzen, Orden, Korallen und andere Kostbarkeiten.
-
-Oben auf den Galerien und Treppenhäusern, die rings um das Hauptschiff
-der Kirche führen, sind die Wände dicht mit Votivbildern behangen.
-Wunderbare Rettungen, wunderbare Heilkuren, aufgemalt zum Dank und
-Gedächtnis, und allen Zweiflern zur Schau. Da liegt ein abgezehrtes
-Kind im Bett, dort ein Vater am Verlöschen, hier eine Mutter in
-Todesnot. Die Angehörigen stehen verzweifelt im Kreise, und der
-Arzt in ihrer Mitte, achselzuckend, bedauernd, ratlos. Die Ärzte
-spielen überhaupt eine trübselige Rolle in dieser großen seltsamen
-Bildergalerie. Man kann faktisch alles Vertrauen zu ihnen verlieren.
-
-Noch einmal schaut man in der Kirche unten zum Altar hin. Ein
-breites Gebäude aus leuchtendem Silber, dessen Front oben vom
-kaiserlichen Doppeladler gekrönt wird. In der Tiefe des Schreines, von
-ungewissem Kerzenschimmer überfunkelt, ein Marienbildnis. In seidene,
-goldgestickte Gewänder gehüllt. Oben in der Schatzkammer liegen noch
-mehr als hundert andere Kleider für das Heiligenbild, aus Brokat, aus
-Atlas, aus Sammet, mit Dukaten benäht, mit Silber und Perlen bestickt.
-
-Draußen, im sommerlichen Sonntag, wird man von dem anmutigen Lächeln
-der Landschaft bezwungen. Schreitet den Hügel niederwärts, geht
-die Anhöhen zum Wald hinauf: überall sieht man die Kirche, sieht
-ihre drei stolzen Türme emporragen. Sie beherrscht das Land! Man
-schaut in dies Gewimmel von zahllosen Menschen, schaut auf die
-Wagen, die von allen Seiten heranrollen, auf das Treiben vor den
-Buden, und man versucht ein paar Namen zu denken, versucht sie laut
-auszusprechen, hier in dieser vom Duft des Weihrauchs, vom Geläute
-der Glocken erfüllten Luft: Friedrich Schiller ... richtig, den hat
-ja ein strebernder österreichischer Geistesritter neulich im Wiener
-Rathaus zum Katholischen gemacht. Zum Ehrenbürger von Mariazell.
-Aber andere: Pasteur ... Nietzsche ... Oder: Ojama ... Togo ... oder
-Stendhal ... Maupassant ... Zola ... Sie haben hier einen fremden
-Klang, wie von weither, aus fernen Ländern, die gar nicht an diese
-Landschaft grenzen. Namen aus dem neunzehnten Jahrhundert, das hier
-noch nicht, noch lange nicht angebrochen ist. Namen, die man aus einer
-Erinnerung holt, aus einem Bewußtsein, das selbst einzuschlummern
-beginnt, hier in Mariazell. Dort aber zieht am Saum des Waldes, eine
-neue Prozession heran. Seidene Kirchenfahnen, die sich bauschen,
-rote Fahnen, blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten. Gesang und
-Glockengeläute. Nächstens aber kommt die Eisenbahn auch hierher, und
-die Massenzufuhr per Dampf, die sie in Lourdes jetzt eingestellt haben,
-lebt in Steiermark wieder auf. Dann wird man rascher noch als jetzt,
-und mit allem modernen Komfort aus der Jetztzeit, in die Vergangenheit
-hineinfahren können.
-
-
-
-
-RADETZKY
-
-
-In dem Namen ist eine große Kraft: Radetzky. Sein Klang hat etwas
-Couragiertes. Er tönt wie heller Trommelschlag, und eine Trompete
-schmettert dazu. Der Name ist unter uns wie ein lebendiges Wesen;
-scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der ihn getragen,
-der ihn berühmt gemacht, der ihm so viel Lebenslicht verliehen hat, ist
-nun ein halbes Jahrhundert tot.
-
-Ein Feldherr. In weite Ferne rückt uns seine Gestalt. Alle Gestalten
-dieser Art sind uns in weite Fernen gerückt. Unsere Zeit kennt keine
-Feldherren. Vier Dezennien Friede, Aufwachsen und Absterben von
-Generationen, und keinen sahen wir, der durch den Dampf und Donner
-der Schlachtfelder seinen Willen trägt, der dann heimkehrt, in seinem
-Aug' den Glanz des Sieges, den dunklen Schein vergossenen Blutes, und
-um seinen Mund den eisernen Zug vollbrachter Taten. Wir haben solche
-Männer nicht erlebt. Da ist, in weiter Ferne, nur diese Gestalt, deren
-Menschliches fast schon zu zerfließen beginnt, sich in Volkslied und
-Dichtung auflöst, deren Leibhaftigkeit sich in ein Emblem wandelt, zum
-Motto wird, zum Ausruf, zum Feldzeichen.
-
-Sein Menschliches ... »... ein kleiner Mann mit einem unbeschreiblich
-ruhigen, wohlwollenden Gesichtsausdruck.« Graf Schönfeld, der als
-Ordonnanzoffizier bei ihm war, schildert ihn so. Und wie aufmerksam
-man auch die Bildnisse, die von ihm da sind, betrachten mag, man
-findet nicht mehr. Ein altes Soldatenantlitz, gesammelt und ruhig.
-Ein österreichisches Gesicht, das unter dem Schimmer der Gemütlichkeit
-alles birgt, was an Härte, an Schwung oder Geist von anderen Mienen
-sonst zu lesen wäre. Man schaut dies einfache Greisenantlitz an und
-verklärt es in dem Gedanken an sein Schicksal. Die militärischen
-Gelehrten können seine Begabung messen, das, was sein Feldherrengenie
-war, was wir nicht verstehen, was wir als ein Gegebenes hinnehmen und
-nach dem Erfolg bewerten. Sein Menschenschicksal können wir erfassen,
-dieses ungewöhnliche, fast ungeheure Schicksal; können die Größe seiner
-Persönlichkeit verstehen, und den Zauber seines Wesens, der noch heute
-anhält.
-
-Er kam als Krieger in eine kriegerische Welt. Das ist schon Schicksal.
-Wie es ja ein Schicksal ist, ein schlimmes freilich, als Krieger in
-eine friedsame Welt zu kommen. Auch unserem Zeitalter sind sicherlich
-Feldherrn geboren worden, Genies vielleicht. Warum sollen wir daran
-zweifeln? Sie wuchsen auf, wurden alt, starben, oder werden demnächst
-sterben, und niemand weiß von ihnen. Sie hätten glanzvolle Siege
-erfochten, aber da niemand kämpfte, konnten sie weder fechten noch
-siegen. Ihr Los war, in Bereitschaft sein und nicht verbraucht werden.
-Einen großen Schauspieler, der niemals spielen, einen genialen Maler,
-der niemals malen darf, können wir uns nicht denken. Aber einen großen
-Krieger, der niemals Krieg führen darf, müssen wir uns vorstellen
-können. Einen, der in sich die Fähigkeit weiß, unsterblich zu werden;
-und der seine Unsterblichkeit muß hindorren sehen.
-
-Radetzky kam in eine Welt, die vom Waffenlärm klirrte. Er hat noch
-gegen den letzten Feind des alten Österreich gekämpft, gegen die
-Türken. Und er hat gegen den ersten Gegner des neuen Österreich
-Krieg geführt, gegen die Italiener. Er hat, als junger Offizier,
-den jähen Stoß des jungen Bonaparte erlebt, hat es miterlebt,
-wie der neuerstandene Franzosenfeldherr in Italien einbrach, die
-österreichische Armee überrannte, und er hat dann auf diesen selben
-Schlachtfeldern der Lombardei die österreichische Armee zum Siege
-geführt, lange, lange, nachdem das Napoleon-Märchen verrauscht und
-verblaßt war.
-
-Es wird erzählt, Radetzky sei im Zeichen des Schützen zur Welt
-gekommen. War's eine Vorbedeutung, dann hat sie sich wunderbar erfüllt.
-Denn kaum ein anderer ist vom Schicksal so aufgespart worden wie er.
-Sein Ruhm beginnt, wo das Leben der meisten Menschen längst zu Ende
-ist; seine größten Taten heben erst an, wo das Tun anderer Menschen
-längst kraftlos geworden. Er hat siebzehn Feldzüge mitgemacht, wurde in
-vielen Schlachten verwundet, hat mit einer Tapferkeit gefochten, die
-selbst in den tapferen, an Bravour so reichen Napoleon-Jahren Aufsehen
-erregte. Aber wäre er damals gefallen, nur die Regimentsgeschichte
-hätte seinen Namen bewahrt. Er hat in den dreißig Friedensjahren, die
-auf Waterloo folgten, den österreichischen Truppendienst reformiert,
-daß Russen und Preußen daran ein Muster nahmen. Aber wäre er als ein
-Achtzigjähriger gestorben, nur die Kriegswissenschaft hätte ihn gekannt.
-
-Mit dreiundsechzig Jahren geht er als Kommandant nach Olmütz, glaubt
-sein Lebensabend sei nun angebrochen, meint, daß er dem wohlverdienten
-Ruhestand sich nähere. Und ist drei Jahre später in Mailand. Wird dort
-siebzig und achtzig Jahre alt. Und wie dann die Agenten Karl Alberts
-ganz Oberitalien insurgieren, sagt der einundachtzigjährige Radetzky:
-»Ich werde das Blut beweinen, das fließen muß, aber ich werde es
-vergießen!«
-
-Ein Jahr nachher vergießt er dieses Blut. Er siegt in Schlachten,
-die wie in einem Jugendrausch geschlagen werden, siegt bei Verona,
-Curtatone, Santa Lucia und Custozza. Noch ein Jahr darauf bezwingt
-er die Piemontesen und sagt bei Novara, in das Kampfgewühl schauend:
-»Gott sei Dank, sie laufen!« Dem Adjutanten, den er dann zu Viktor
-Emanuel sendet, mit der Botschaft, er bewillige dem geschlagenen König
-eine Unterredung, sagt er lächelnd: »Er darf schon ein bisserl Wind
-machen ...« Auch für den, der nicht militärisch fühlt, der nur aufs
-Menschliche blickt, hat dieser kämpfende Greis einen unbeschreiblichen
-Zauber, hätte ihn, selbst wenn er unterlegen wäre.
-
-In einem Bauerngehöft kommen Radetzky und Viktor Emanuel zusammen. Um
-ungestört sich zu besprechen, steigen sie auf einen Düngerhaufen. Rings
-im Kreise stehen die Suiten und schauen zu. Und wie Radetzky einmal mit
-einer Gebärde der Ungeduld sich abwendet, murrt sein Kammerdiener, der
-Karl, der das lose Maul hat, und der sich ungeniert zu den Offizieren
-gesellt: »Wenn er nur nicht nachgibt, der Alte! Hab's ihm heute beim
-Anziehen noch eigens eingeschärft.«
-
-Er gab nicht nach. Wieder ein Lustrum später, als
-Siebenundachtzigjähriger, schreibt er seiner Tochter aus Verona jenen
-merkwürdigen Brief, der anhebt: »Den siebenten Ball, sehr zahlreich und
-animiert ... Die Herzogin von Parma tanzte bis drei Uhr sehr munter,
-die Toiletten der Damen sehr gesucht und elegant ... den Kotillon
-tanzten etliche fünfzig Paare ...« Jenen beispiellosen Brief, in dem
-es wenige Zeilen nach dem Ballbericht heißt: »Zehn tote Soldaten mit
-ausgestochenen Augen, aufgeschlitzten Bäuchen ...« (wurden in Mailand
-gefunden). Jenen Brief, der mit den Worten schließt: »Wenn meine
-Anträge genehmigt, Mailand außer Gesetz gestellt -- dann wehe Mailand!«
-
-Als er dann -- 1857 -- die erbetene Versetzung in den Ruhestand erhält,
-sendet er seiner Tochter eine Kopie des kaiserlichen Handbilletts
-und schreibt dazu: »Anliegend schicke ich Dir eine Abschrift mit der
-geplatzten Bombe ...« Er hat zweiundsiebzig Dienstjahre hinter sich,
-ist einundneunzig Jahre alt, und nennt seinen Rücktritt, wie man etwa
-ein unerwartetes, verfrühtes Ereignis nennt: eine »geplatzte Bombe«.
-
-Züge: Der Mann, der spricht: »Ich beweine das Blut ... aber ich werde
-es vergießen.« Der nach dem Sieg von Novara dem jungen Ordonanzoffizier
-erlaubt: »Er darf schon ein bisserl Wind machen ...« Der auf ein und
-derselben Briefseite einen Ball beschreibt, die Toiletten der Damen
-kritisiert, und zuletzt das »wehe Mailand« hinsetzt. In all dem ist
-eine österreichische Mischung von Größe und Gemütlichkeit, von Härte
-und liebenswürdiger Anmut. Die Jovialität, die dem Kammerdiener
-gestattet, sich's einzubilden, er habe, wenn über Krieg und Frieden
-entschieden wird, auch was dreinzureden, ist von österreichischer Art
-ebenso tief gefärbt, wie die unfeierliche, von allem Pathos ferne
-Manier, mit der dieser Kammerdiener den siegreichen Feldherrn mitten
-unter seinen Offizieren: »der Alte!« nennen darf, ohne daß der Respekt,
-ohne daß die Verehrung dabei Schaden leidet.
-
-Ein österreichisches Soldatenleben, wie kein anderes. Ein
-Militärdienst, der unter Kaiser Josef II. anhebt und unter Franz Josef
-endigt. Eine Vitalität, die im höchsten Greisenalter ihre höchste
-Leistung vollbringt. Ein besonderes, beinahe planvoll wirkendes
-Schicksal, das diesen Feldherrn aufspart, ihn von den Türkenkriegen
-her durch alle napoleonischen Blutbäder in eine neu anbrechende Zeit
-geleitet, daß er, mitten im Sturm der Wiener Revolution, im Abfall und
-Aufstand der Provinzen, die Habsburger rette. Und wie er als hinfällig
-geglaubter Greis überraschend seine Siege erringt, scheint er die
-Kraft des alten, für hinfällig und marastisch erklärten Österreich zu
-verkörpern und zu beweisen.
-
-Das Wesen dieses Mannes, sein Geist und seine Art klingen weiter bei
-den österreichischen Soldaten, bei dem ganzen Volk. Radetzky-Marsch.
-Nicht viele wissen, daß Johann Strauß, der Vater, ihn gedichtet hat.
-Niemand fragt danach, ob ihn überhaupt ein einzelner ersann. Es ist wie
-eine österreichische Melodie, aus dem Lande selbst entstanden, und ihm
-so natürlich, wie nur irgendein Bodenwuchs. Radetzky scheint darin,
-beinahe körperlich, fortzuleben, in farbige Töne aufgelöst, scheint
-darin zu atmen und zu sprechen, mit seiner Energie, seiner Tapferkeit
-und seinem Talent zur Popularität. Ein hinreißend mutiger Schritt
-wie von vorrückenden Regimentern ist darin, wie wenn hunderttausend
-junge Menschen in hunderttausendfacher Jugendfröhlichkeit einherkämen.
-Das Rauschen heroischen Kampfes ist in diesen Klängen, Übermut,
-Siegesjauchzen, dazwischen, wie ein Echo aus der Ferne, das zappelnde
-Modulieren italienischer Dudelsäcke und Lederpfeifen. Und der Glanz
-des Ruhms schimmert in dieser Melodie.
-
-Immer aber scheint sie den einen Namen in uns aufzuwecken und zu
-wiederholen: Radetzky. Der ist unter uns wie ein lebendiges Wesen,
-scheint für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der Mann, der ihn
-einst getragen, der ihm so viel Daseinskraft gegeben hat, ist nun ein
-halbes Jahrhundert tot. Mit diesem Namen aber ist es so, als höre man
-noch ein Herz darin schlagen.
-
-
-
-
-THRONREDE
-
-
-Das sind nun wieder sechs Jahre her, seit der Thron zuletzt hier
-aufgerichtet ward, wie heute, in diesem alten Prunksaal, damit der
-Kaiser von seinem Herrschersitz aus so feierlich zum Reichsrat spreche.
-Eine Formalität. Aber sie bedeutet so viel. Ist das äußere Zeichen
-einer Idee, die ihren Tiefsinn und ihren Pomp nicht anders mitteilen
-kann, als durch feierliche äußere Zeichen. Daß weiße Straußenfedern den
-Baldachin zu des Kaisers Häupten krönen, spricht vom Wappenschmuck,
-ritterlicher Helmzier von einst. In der Gegenwart heraldisch beredsame
-Vergangenheit. Daß die Garde dasteht, den Säbel gezückt, eine
-Formalität; aber das äußere Zeichen einer Idee. Daß der Mann zur
-Rechten des Thrones in seinen Händen das blanke Reichsschwert hält,
-während der Kaiser spricht, eine Formalität. Denkt man der Stadt, die
-jetzt im Drang des geschäftigen Tages tausendfältig da draußen diesen
-Saal umbraust, denkt man über die Stadt hinaus, weit in die Ferne, zu
-anderen Städten, zu den Provinzen, millionenfach bevölkert und belebt,
-und öffnet sein Auge dann dem Bilde wieder, das dieser Saal hier
-bietet, dann ist dieser ganze Raum hier die Szene einer bedeutenden
-und erhabenen Handlung, ist erfüllt von Sinn und Bedeutung, jede Geste
-schwer von Inhalt, beredsam durch die Kraft des langsam Gewordenen,
-beladen von Erinnerung, von Vergangenheit ganzer Völker, bedeckt
-von den Spuren verjährter Kämpfe um Recht und Vorrecht. Man kann
-menschliches Gepränge belächeln, kann für sich den äußeren Glanz eines
-Schauspiels mit einem ironischen Wischer auslöschen und sich damit
-das Blinzeln geblendeter Augen sparen. Aber es zeigt von wenig Witz,
-so witzig zu sein. Und von wenig Lebensgefühl, die Schönheit solcher
-Lebensfülle zu verkennen.
-
-Man braucht, um von großem Schicksal angerührt zu werden, nur den
-Kaiser anzuschauen. Braucht nicht erst den Prunk, der ihn ernst, starr
-und groß umgibt, bis zur lebendigsten Beredsamkeit aufzulösen. Man
-braucht nur den Kaiser anzusehen, um die historische Kraft dieser
-Stunde zu empfinden. Wie vieles ist geschehen, seit er -- ein Jüngling
-von achtzehn Jahren -- zum erstenmal auf diesem Thron saß. Und wie
-vieles liegt vor uns, jetzt, da er hier zu den Vertretern des Volkes
-redet. Das alte Österreich versank unter seinen Schritten. Unter seinen
-Schritten entstand ein neues Österreich, ersteht jetzt wieder ein neues.
-
-Unbewegt und hoch über jedem Niveau, auf dem man noch nach Wirkung
-strebt, klingt seine Stimme. Unnahbar für Zustimmung und Beifall.
-Dennoch kommt ein Wort, das auf einmal die Distanz zwischen den
-versammelten Menschen hier und dem einsam über allen Thronenden kürzt:
-»Wenn mir in meiner frühen Jugend die Aufgabe ward ...« Das Wort Jugend
-schlägt warm zu uns heran, und mit einer flüchtigen Betroffenheit,
-mit einer rasch hinhuschenden Ergriffenheit hört man den Kaiser von
-seiner Jugend sprechen. Den alten Kaiser, der dort auf dem Thron sitzt,
-ganz wenig in sich versunken, schneeweiß, unter seinem grünbefederten
-Generalshut. Dann wieder ein Wort: »Durch die Gnade der Vorsehung war
-es mir beschieden, zwei Generationen meiner Völker zu führen.« Von
-seiner Jugend und von seinem Alter spricht der Kaiser. Fürsten auf dem
-Throne haben sonst nicht Jugend und nicht Alter, haben in ihren Worten
-keinen Anklang an persönliche und irdische Dinge, sondern stehen da als
-Repräsentanten eines Prinzips mehr denn als Menschen. Diese Worte aber
-sind menschlich, persönlich, irdisch. Es ist, als ob sich der Kaiser
-in ihnen tiefer zu den anderen Menschen herabneigen würde, als käme er
-ihnen, die da um seinen Thron geschart sind, in diesen Worten näher.
-
-In diesem Kreis, in dem er einst auf seinem Kaisersitz der Jüngste
-gewesen, ist er der Älteste heute. Mögen auch etliche im Saale
-sein, die der Jahre um einige mehr zählen als er. Dennoch ist er
-der Älteste. Denn die anderen haben ihre Jugend, ihre von aller
-Verantwortung leichte Jugend gehabt, aus einer zwanglosen Tiefe erst
-später aufsteigend, und im Aufsteigen die Kräfte übend für die Höhe.
-Er aber ist als Jüngling schon da oben gestanden. Wie viele hat er
-im Besitz der Macht gesehen, die er ihnen anvertraute. Und wie viele
-brachen unter der Last, die auf ihre Schultern gelegt war, zusammen.
-Wie viele sind hier aufrecht an des Thrones Stufen gestanden, als
-seine Ratgeber und ersten Diener, und sanken erschöpft darnieder,
-während er dort oben ausharrt und frisch bleibt. Als er zum erstenmal
-hier zu dem neuen Parlament sprach, stand Schmerling da, in voller
-Mannesblüte. Schmerling ... wie aus verschollenen Fernen klingt dieser
-Name heute nur noch leise zu uns herüber. Namen: Graf Beust, dann
-Schwarzenberg, Pretis, Hohenwart, Taaffe. Einst war das Gegenwart,
-Leben, Wirklichkeit. Jetzt liegt es wie Erinnerungsschutt unter den
-Schritten der neuen Männer. Doch unter dem Baldachin, der wie einst
-seinen fürstlichen Federschmuck zur Decke hebt, thront über den neuen
-Männern der alte Kaiser.
-
-Einst ist er hier der Jüngste gewesen, war inmitten seiner Räte wie
-ihr Sohn, und sie standen vor ihm wie väterliche Freunde. Jetzt treten
-alle, die hier im Saale sind, wie seine Söhne zu ihm heran, und er
-ist wie ein Vater über allen. Da sind die neuen Abgeordneten, die
-das neue Wahlrecht hergebracht hat. So viel Jugend, so viel Frische
-und erste Manneskraft war selten noch in einem Parlament, in einem
-österreichischen Parlament noch niemals beisammen. Männer von dreißig
-bis fünfzig. Die an die Sechzig gehen, sind wenige unter ihnen. Früher
-war's eine Versammlung von Grauköpfen, jetzt sind die grauen Haare
-selten. Die Minister fast alle knapp über fünfzig; ungefähr in dem
-Alter, in dem jetzt der Kronprinz wäre, wenn er noch lebte. Beinahe
-alle, die hier des Kaisers Wort vernehmen, die seine Regierung führen,
-die in seiner Gesetzgebung mitreden, wurden geboren, wuchsen auf,
-wurden Jünglinge, Männer, während er auf seinem Throne saß. Während er
-die Krone trug und die Bürde des Herrschens, zogen Geschlechter auf
-Geschlechter an ihm vorbei. Die Generation, die er vorfand, als er das
-Zepter ergriff, schwand dahin und liegt jetzt in ihren Gräbern. Und die
-Generation, die zum Dasein erwachte, als er schon ein Menschenalter in
-diesem Dasein die Völkerschicksale lenkte, tritt jetzt zu ihm heran
-wie ein Geschlecht von Söhnen. Diejenigen aber, die mit ihm zugleich
-ins Leben kamen, sind fast alle schon schlafen gegangen, und was von
-ihnen die Augen noch offen hat, ist müde. Er aber ist unermüdlich.
-Einen nach den anderen hat er in diesen letzten Jahren zum Ausrasten
-beurlaubt, mit freundlichem Dank verabschiedet, mit guten Wünschen für
-den Ruhestand. Kaum einer oder zwei sind noch bei ihm, die von jeher
-mit ihm Schritt gehalten. Er entbehrt die langgewohnten Weggenossen
-und bedarf für sich selbst keiner Rast. Hier im Saale ist einer, der
-gestützt werden muß wie ein Greis. Über ein Jahrzehnt ist er jünger
-als der Kaiser, schlürft die Wonne des Herrschens seit drei Lustren
-erst, und schon hat ihn die malmende Schwere der Macht gebrochen.
-Verwüstet von Würden, verbraucht vom Regieren, zersplittert, erlahmt
-und verwelkt auf der Höhe hat der Kaiser viele gesehen. Und schreitet
-selber aufrecht durch den langen Saal, sprengt hoch zu Roß über weite
-Manöverfelder. Er, der zwei Generationen seiner Völker geführt hat.
-
-Wüßte man, wie er jetzt über das menschliche Treiben denkt, das er
-fast sechzig Jahre lang von der Höhe des Thrones herab betrachtet.
-Wüßte man, wie er über menschliches Herrschen denkt, das er fast
-sechzig Jahre lang geübt hat, gehüllt in den ältesten Purpur Europas.
-Und mit welchem Gefühl er die Wandelbilder seines Lebens in der
-Erinnerung überschaut, wieviel von seinem Ich er als Gegenwart,
-wieviel als Geschichte empfindet. »In meiner frühen Jugend ...« Mit
-fernem Dämmerschein winkt Alt-Österreich aus diesen Worten. Und ein
-unermeßliches Schicksal tritt aus ihnen hervor.
-
-Feierliche Thronrede. Diesmal historisch und menschlich feierlich
-zugleich. Denn die jungen Menschen, die hier standen, werden sich
-in späten Jahren der Stunde noch erinnern, da sie den alten Kaiser
-sahen, das freundliche, lebenslang uns allen vertraute und gewohnte
-Antlitz, schneeweißen Bartes unter dem Generalshut, diese feine
-Fürstengestalt, umwittert von dem Hauch großartiger, tragischer und
-seltener Erlebnisse. Und wie er in dieser Stunde, nahe am sechzigsten
-Jahre seiner Reiche, der neuen Zeit die Pforten öffnete, wie er milde,
-abendlich leuchtende Worte von seiner Jugend und von seinem Alter
-sprach, konnte man für Augenblicke tiefer in diese unerreichbare, fern
-über alle hinschwebende Stimme hineinhorchen.
-
-
-
-
-»GEWEHR HERAUS!«
-
-
-Wie ein hoher fürstlicher Saal ist der innere Burgplatz. Wundervolle
-Stille umfängt einen, wenn man aus dem Straßenlärm hereinkommt und es
-ist, als sei man hier in der imposanten Leere einer herrschaftlichen
-Antichambre. Man spaziert umher, verrastet Aug' und Sinne an der
-vornehmen Ruhe dieser Mauern, wird langsam und ganz unmerklich von
-einer ehrfürchtigen Stimmung beschlichen. Das Kaiser Franz-Denkmal
-steht da, wie ein einsames Zierstück in einem ausgeräumten Prunkgemach.
-Überall Strenge, steinerner Ernst. Nur die Uhr auf dem First des
-Amalien-Traktes blickt auf die eingeschüchterten Untertanen herab wie
-ein rundes freundliches Antlitz.
-
-Als kleiner Junge habe ich mich hier oft herumgeschlichen. Alle kleinen
-Jungen in Wien tun das. Hier ist die Kaiserwache. Da steht die Fahne,
-lehnen an schwarzgelber Barriere die Flinten, und besonders: da sitzen
-auf einer langen, die graue Burgmauer hinlaufenden Bank die Soldaten,
-daß man sie in aller Muße betrachten mag, was ja in jenen guten Tagen
-ein unerschöpflicher Genuß ist. Der Offizier promeniert, die goldene
-Feldbinde um den Leib, vor der Wachstube, und man beneidet ihn sehr.
-Der Mann am Posten geht, das Gewehr geschultert, aufmerksam auf und ab.
-Alle warten. Der schöne, stille Platz ist wie von atemloser Erwartung
-erfüllt, und von gespannter Neugierde.
-
-Einmal war ich mutiger und trat zu dem Posten, um ihn genauer zu
-betrachten. Er stand dicht vor der Fahne und ich ganz nahe vor ihm und
-bestaunte ihn in seiner Rüstung und in seiner herrlichen Strammheit.
-Hatte nur ein wenig Angst, er würde mich wegjagen oder gar einsperren.
-Wich aber doch nicht vom Fleck. Er schob mit einem Achselzucken das
-Gewehr zurecht, reckte sich kerzengerade auf, blinzelte mit stumpfem
-Blick seitwärts in die Höhe. Ein sonngebräunter, pausbackiger,
-eisenfester Bauernbursch. Plötzlich stieß er ein hirnerschütterndes
-Geschrei aus. Gänzlich unvermittelt. Ich sah nur, daß sein breites
-Gesicht im Nu völlig auseinanderging, daß sein Mund sich auftat,
-wie ein ungeheurer schwarzer Rachen, aus dem dieses schreckliche
-Gebrüll hervordonnerte. Entsetzt war ich zurückgesprungen, und in der
-blitzartigen Überlegung der ersten Sekunde meinte ich, er sei aus
-heiler Haut rasend geworden, oder weil der Mann es vielleicht nicht
-ertragen könne, angeschaut zu werden, sei nun durch meine Schuld ein
-toller Schmerz in ihm erwacht und entreiße ihm diese gellenden Töne,
-davon der ganze Platz widerhallte: Ge...wäh...rähr...rrrr...a...aus!
-Dann aber, als die anderen Soldaten eilig nach ihren Waffen sprangen,
-sich in Reih und Glied stellten, der Offizier den blitzenden Säbel aus
-der Scheide holte, und als die Trommeln zu wirbeln begannen, merkte
-ich, daß alles in Ordnung sei. Und gaffte überwältigt dem goldenen
-Wagen nach, der majestätisch zum Tor hinausfuhr.
-
-Viel mehr als den Wagen, dessen Radspeichen vergoldet sind, kriegt
-man ja auch sonst nicht zu sehen. Höchstens, daß noch des gleichfalls
-goldgeschirrten Leibjägers weißer Federbusch, der so stolz im Winde
-flattert, als Augenweide gelten kann, und daß man sich der prachtvollen
-Pferde freut, die im Laufen so nobel mit dem Kopf nicken. Dann ist
-alles wieder vorüber. Der Trommelwirbel verklingt, der Schnarrposten
-schweigt beruhigt, die Soldaten sitzen wieder harmlos da. Es ist nichts
-vorgefallen, und man kann auch keinen weiteren Eindruck mit nach Hause
-nehmen, als daß die Mächtigen dieser Erde nicht über die Straße können,
-ohne daß sich vor ihnen ein helles Geschrei und ein gewaltiger Lärm
-erhebt.
-
-Dennoch: auch der Erwachsene, auch der Aufgeklärte, auch der weiß
-Gott wie Gescheite kann sich der Wirkung dieser Szene nie entziehen.
-Er wird jedesmal, immer und immer wieder aufs neue gefangen genommen,
-wie von einem unwiderstehlichen Effekt. Man geht gleichgültig über den
-Franzensplatz, ohne Laune, ohne den Zauber seiner Stimmung diesmal
-zu spüren. Da auf einmal der langgezogene Ruf: »Gewehr heraus!«
-Aufgeregtes, eiliges Zuspringen der Soldaten. In der nächsten Sekunde
-das Einschlagen der Trommel. Der Offizier präsentiert grüßend den
-Säbel. Noch sieht man nicht, wen er grüßt. Aber er grüßt feierlich in
-die leere Luft, und das Wirbeln des Tambours prasselt über den Platz.
-Überallhin schaut man sich um. Plötzlich, von irgend einer Seite her
-jagt der Wagen, umhüllt vom festlichen Dröhnen dieser Ehrenbezeugung
-heran. Ein wehender Federbusch, goldfunkelnde Räder, vielleicht sogar
-am kristallenen Kupeefenster ein weißer Handschuh. Und schon werden
-hohe Torflügel geschlossen. Vorüber. Man hat den Kaiser selbst nicht
-gesehen, aber doch den Glanz seiner Nähe, hat doch von kaiserlicher
-Macht einen flüchtigen Hauch verspürt. Zum deutlichsten Wahrzeichen
-seiner Herrschaft wird einem nun die Torwache. Abgesandte sind es, von
-allen Truppen hierhergeschickt, zu des Kaisers Wohnung, um in Waffen
-unter seinen Fenstern auf der Hut zu sein. Und kommt er nach Hause, und
-fährt er aus, sowie sie nur seiner ansichtig werden, treten sie hervor,
-grüßen ihn mit kriegerischem Zuruf und Trommelschall, melden: Wir sind
-da!
-
-Viele ernsthafte Leute gibt es, die sonst niemals Maulaffen feilhalten,
-und die sich doch manchmal dazu verleiten lassen, wenn sie über den
-Franzensplatz gehen. Sie warten ein paar Minuten. Aufs Geratewohl.
-Spähen umher, verweilen noch ein paar Minuten und sind dann gänzlich
-der allgemeinen, ruhevollen und großartigen Spannung, die hier
-herrscht, verfallen. Schauen überall nach Vorzeichen aus, lugen zu den
-Fenstern empor. Dort im Torbogen schüttelt ein Burggendarm den Kopf,
-daß der üppige Roßschweif auf seinem Helm zu wallen und zu zittern
-beginnt. Hat er was bemerkt? Oben in den Fenstern lüften hie und da
-die Garden den Vorhang, daß ihre scharlachroten goldbetreßten Röcke
-sichtbar werden und die blinkende Hellebarde in ihrem Arm ... Noch
-nicht? Dann steigt die neugierige Spannung bis zum heftigen Wunsch:
-das Ereignis möge endlich eintreten. Zu allen Stunden kann man hier
-Menschen finden, die zögernd vor der Burgwache stehen, die Soldaten
-anschauen, und von ihnen erwarten, daß sie »Gewehr heraus!« schreien.
-
-Die besonderen Anlässe gar nicht eingerechnet. Wenn eine feierliche
-Auffahrt die Wache fortwährend ins Gewehr nötigt. Dann füllen die alten
-Staatskarossen den Platz, Prunkwagen, die in kühngeschweiften Federn
-schaukeln. Drei, vier Lakaien in Allongeperücken hinten drauf. Als
-seien die prächtigen, herrschaftlichen Zeiten des Rokoko wiedergekehrt.
-Da tritt der Ruf des Schnarrpostens zurück, wird bei solch blendender
-Ausstattung nur zu einem stützenden Nebeneffekt, fügt sich harmonisch
-in die erhöhte Stimmung und sorgt dafür, daß derlei Schauspiel nicht
-als völlig lautlose Pantomime vor der staunenden Menge sich zutrage.
-Oder wenn ein toter Prinz eingebracht wird, nächtlicherweise bei
-Fackelschein, wie es Brauch ist, und ihn bei dieser trübseligen
-Heimkehr in das Haus der Väter der Postenruf empfängt. Dann ist
-das »Gewehr heraus!«, das unheimlich, wie ein Klageton durch die
-Finsternis dringt, eben von so pointierter Wirkung, daß es sich von
-selbst begreift.
-
-Sonst aber: mag es unverständlich scheinen oder töricht, in der
-überkommenen Lust an höfischem und kirchlichem Gepränge liegen, oder
-an dem hier herrschenden Geschmack, der dekorative Zeremonien liebt.
-Niemals versagt diese Wirkung. Man könnte ein Theaterstück schreiben,
-das auf jeder Wiener Bühne einschlagen müßte: »Der Kaiser kommt«. Und
-es braucht weiter keine Handlung zu haben, als daß halt der Kaiser
-kommt. Man muß den Kaiser auch gar nicht einmal sehen, und es wäre
-dennoch ein großer Erfolg. Sieht man ihn im Leben ja auch nur selten.
-Jeder Mensch könnte dieses Stück schreiben, denn es ist durchaus
-nicht notwendig, daß irgend etwas anderes sich zuträgt, als leise,
-sorgfältig arrangierte, behutsam gesteigerte Vorzeichen. Es erübrigt
-nur, sie der Wirklichkeit abzulauschen. Allerdings wäre die herrliche
-Kulisse dazu erforderlich, die zum Beispiel der äußere Burgplatz
-abgibt, wo die Stadt ehrfurchtsvoll vor der Burg zurückweicht und mit
-ihren Häusern in einem ungeheuren Kreise die kaiserliche Wohnung nur
-von ferne umgibt. Dann draußen vor dem Franzenstor auf der Ringstraße
-der Soldat. Ganz von weitem, von der Mariahilferstraße her, ein
-winkender Sicherheitsmann. Er hat den Hofwagen zuerst erblickt. Der
-Soldat wartet, bis auch er den weißen Federbusch schimmern sieht.
-Dann schnell einen Druck auf die elektrische Klingel, die in der Säule
-verborgen angebracht ist, und jetzt drinnen auf dem grünen Platz jubelt
-der Posten sein »Gewehr heraus!« zum Reiterstandbild des Erzherzogs
-Karl empor, als habe er jetzt eine Vision, oder als fühle er sich
-gedrängt, dem Sieger von Aspern eine plötzliche Huldigung darzubringen.
-Dann das gewöhnliche, aufgeregte und ratlose Laufen der alarmierten
-Passanten, nach allen Richtungen hin, weil sie ja doch nicht wissen
-können, von welcher Seite der Einzug stattfindet. Dann Trommelwirbel,
-der die allgemeine Erregung nur noch vermehrt, da sich für ihn weit
-und breit kein Anlaß zeigt. Dann der Säbelsalut des Offiziers, und nun
-rollt die Equipage blitzschnell vorüber. Nun rufen sie auch schon auf
-dem inneren Burghof ins Gewehr.
-
-Es ist aber doch vielleicht besser, diese Szene nicht zu schreiben. Von
-den technischen Aufführungsschwierigkeiten ganz zu schweigen. Würde
-sie trotzdem geschrieben, dann müßte sie für alle Bühnen verboten
-werden. Denn sie könnte nur Illusionen zerstören, den Eindruck,
-den die Wirklichkeit übt, in bedenklicher Weise abschwächen. Wenn
-man sich jetzt vom Gewehrruf ergriffen fühlt, wenn das Rühren der
-Trommeln einem unwillkürlich jähe Ehrfurcht einwirbelt, wenn man
-beinahe Bereitwilligkeit zur Devotion in sich verspürt angesichts
-dieser feierlichen Begrüßung, und zuletzt entblößten Hauptes dem
-vorübersausenden Hofwagen nachblickt, dann zeigt man nachher keine
-Lust, sein Empfinden zu korrigieren. Man hat mitten auf seinem Wege
-durch die Alltäglichkeit des Lebens einen wunderbar dramatischen
-und prächtigen Moment genossen, sich ihm gern hingegeben, ja sogar
-daran tätigen Anteil genommen. Und hat man auch nur einen zufälligen,
-gänzlich nebensächlichen Komparsen vorgestellt, so bewundert man
-doch völlig aus seinen ästhetischen Instinkten heraus die glänzende,
-unübertreffliche Regie, deren dekorative Kunst ebenso groß ist, wie
-ihre psychologische Weisheit.
-
-
-
-
-FRÜHJAHRSPARADE
-
-
-Ganz früh am Morgen. Die Sonne funkelt freilich schon auf den Dächern,
-aber noch ist dieser junge Tag durchweht vom kühlen Atem der ersten
-Juninacht, und die Schatten längs der Häuser sind noch ohne das tiefe
-Schwarz, sind noch blaß und zart wie Schleier. Die Straßen riechen in
-der beginnenden Wärme nach trockenem Staub, aber sie sind noch frei von
-dem erstickenden Dunst des Menschengewühls. Und manchmal merkt man noch
-den Duft der nahen Berge, der Wälder, den Grasduft der Wiesen, die vor
-wenig Stunden über die schlafende Stadt hingehaucht haben.
-
-Musik und Schritt der Regimenter. Bum, bum ... in der Ferne hört man
-das Schlagen der Trommeln. Dann muß an einer Kreuzung der Wagen halten,
-und wieder halten. Militär rückt in den Morgen hinaus. Die Trompeten
-und Hörner schmettern einen Marsch, und ihr helles Goldblechklingen
-hat jetzt irgendeine fühlbare Verwandtschaft mit dem Sonnenlicht,
-das nun goldener und heller aufs Pflaster zu schmettern anfängt. Die
-Straßenzeile hinauf rollt das dunkelblaue Band solch eines Regiments.
-Der Schritt der Soldaten bewegt dieses dunkelblaue Band in kleinen
-regelmäßigen Wellen. Und über diese Wellenlinie hin schwebt ein
-süßer, feiner Farbenton von hellem Grün. Der Eichenbruch, den die
-Leute auf ihren Tschakos tragen. Wie viel pochendes Leben, wie viel
-Kraft und Jugend und wie viel Frühling liegt in diesen regelmäßigen,
-dunkelblauen Wellen.
-
-Jetzt sind wir die Rudolfshöhe hinauf, und das weite Feld dehnt sich
-festlich vor unserem Blick. Ganz sanft niedergleitend gegen den
-Horizont, ein grünes Brett, um mit menschlichen Figuren ein fürstliches
-Schachspiel darauf zu pflegen. Dort drüben hält der Wienerwald seinen
-breiten Rücken her, trägt die vielen weißen Häuser, die Kirche mit der
-goldenen Kuppel des Steinhof, trägt das breite Erzherzogschloß, und
-dort sind die Abhänge, die rauschenden Wälder des Galitzynberges, den
-die Wiener einfach und vertraut den »Galihziberg« nennen.
-
-Das funkelt nun alles in der Morgensonne. Das grüne Feld, die Kuppen
-der Berge, die Fronten der weißen Vorstadthäuser in der Ferne, und
-langsam beginnt der Tag sich zu erhitzen, beginnt zu flammen und zu
-glühen in einer wundervollen, himmelblau und goldenen Sommerpracht.
-In vierfachen Reihen stehen an tausend Wagen hier oben auf der
-Rudolfshöhe, am Saum der Schmelz. Wenn man dies fröhliche Bild
-betrachtet, erinnert man sich der farbigen englischen Stiche, auf
-denen mit ihrem mondainen Getümmel die Wagenburgen dargestellt sind,
-etwa beim Wettrennen zu Newmarket oder Devonshire. Nur daß diese
-Wirklichkeit noch bunter und zwingender ist als alle englischen Stiche
-zusammen. Die Damen in ihren hellen Sommerkleidern sind auf die
-Wagensitze gestiegen, ihre weißen, blauen, grünen und roten Schleier
-flattern, ihre Hutfedern wehen, ihr Lachen und ihr Plaudern fegt wie
-ein leises Rauschen über den Platz. Und die Luft ist jetzt erfüllt vom
-Geruch hundertfacher Parfüms, vom Duft der Seidenkleider, vom Geruch
-der Zigaretten, die die Herren rauchen, und vom Geruch der vielen
-dampfenden Wagenpferde.
-
-Über das weite Feld hin ziehen die Truppen, rücken jetzt in langen
-Linien auf, mit wehenden Fahnen, die sich von fern nur wie das
-Tanzen kleiner Wimpel ausnehmen, und mit klingendem Spiel. Aber man
-hört nichts von der Musik. Der Wind hebt das Schmettern von neun
-Regimentskapellen auf und zerstreut diesen riesigen Schall wie das
-Singen eines Kindes; er nimmt diese Klänge, löst sie auf und trägt
-sie zu den Wäldern hinüber, die das laute Tönen einschlürfen. Nur das
-Schlagen der großen Trommeln hört man, und es klingt wie ein feierlich
-taktmäßiges Teppichklopfen im Freien.
-
-Ebenso trinkt dieses Feld die Massen. Dort drüben marschiert eine Armee
-daher, dort stampfen abertausend Männertritte, abertausend Rosse mit
-ihren Hufen, man hört es nicht. Man sieht nur kleine, blaue Schwärme
-und Linien dahinkriechen. Man sieht ein wenig Gold schimmern, man
-sieht manchmal einen Blitzstrahl aufleuchten, das Sonnenlicht, das in
-irgendeinem Säbel zuckt.
-
-Quer über das Feld sprengt ein junger Offizier heran; ein Adjutant.
-Wie er näher kommt, wie er an uns vorüberstiebt, erkennt man, daß er
-die elegante Ulanenuniform trägt, daß er ein bildhübscher, schlanker
-junger Mensch ist, mit einem gesunden tiefbraunen Antlitz. Und es ist
-in allen seinen Gebärden, wie er die Zügel hält, wie er im Sattel
-sitzt, wie er den feinen Oberkörper leicht vorneigt, ein bezwingender
-Ausdruck von Lust, von Kraft und Jugend, und zugleich das Bewußtsein,
-daß er jetzt so vielen Menschen zum Schauspiel dient. Mir fällt
-irgendein Romankapitel ein, aus irgendeinem Wiener Roman. Und dieses
-Kapitel spielt auf der Schmelz, während der Frühjahrsparade, und
-der junge Offizier sprengt genau so über das Feld, trägt genau so
-die Ulanenuniform und ist genau so stolz und befangen zugleich bei
-diesem Ritt. Er stellt eine ziemlich wichtige Figur in diesem Roman
-vor, ist ein nachdenklicher Mensch, der den Boden prüft, auf dem er
-geboren wurde, der zu Hause und auf großen Reisen zu erkennen gesucht
-hat, worin die Eigenart Österreichs liegt, worin die besondere Art
-des Dienens und Herrschens liegt, und wodurch sich das Dienen und
-das Herrschen in Österreich etwa von der gleichen Übung in anderen
-Ländern unterscheidet. Jetzt sprengt er quer über das Feld auf seinen
-Posten und sieht die kaiserliche Suite beim eisernen Obelisken stehen,
-bemerkt die weißen Federbüsche, die roten Reiher, die blinkenden
-Pickelhauben und die Astrachanmützen der fremden Militärattachés,
-bemerkt die Feierlichkeit der kaiserlichen Garde, die dort wartet, um
-den Monarchen zu umgeben. Und jetzt kommt der Kaiser. Grüßend reitet
-er durch das Spalier der Suite, die sich dann hinter ihm zu einem
-goldenen, schimmernden Wall zusammenschließt. Der Kaiser reitet einen
-herrlichen Goldfuchsen, der im Tänzerschritt geht und beim kurzen
-Galopp die Grazie einer Ballerine hat. Der junge Offizier bemerkt,
-wie der Kaiser mit einer unwillkürlichen Reiteranmut im Sattel sitzt,
-wie er den feinen, schlanken Oberleib leicht vorgeneigt hält, wie
-seine Schultern fallen, und der junge Offizier weiß in diesem Moment,
-daß er selbst beständig, ganz unbewußt, diese Haltung nachzuahmen
-bestrebt war, dieses leichte Vorneigen, diese abfallenden Schultern,
-diese österreichische Eleganz der Mühelosigkeit, der kaum von weitem
-angedeuteten, diskret gehaltenen Strammheit, und der lächelnden Würde.
-
-Da galoppiert schon der Kaiser den aufgestellten Truppen entgegen.
-Weit voran, in der dunklen Uniform mit der goldenen Schärpe querüber,
-sprengt sein Flügeladjutant. Dann reitet der Kaiser, ganz allein, und
-es ist, als ob sein schönes Pferd nur auf dem vordersten Hufrand, wie
-auf den Zehenspitzen mit dem Boden tändeln würde, so federnd trägt es
-ihn dahin. Man sieht sein Gesicht von weitem, man glaubt es zu sehen,
-denn der weiße Bart schimmert unter dem grün wehenden Generalshut,
-und nur diesen Schimmer braucht es, um das wohlbekannte, in jedes
-Bewußtsein wie auf alle Münzen eingeprägte Antlitz vor sich zu sehen.
-Hinter dem Kaiser her der prächtige Sturz des Gefolges, diese herrliche
-Wolke, aus der das Braun und Weiß und Schwarz der galoppierenden
-Pferde, das Blinken der Helme, das Wehen der Federbüsche, das Gleißen
-der Tressen und Waffen und Schärpen als eine wundervolle Einheit von
-Prunk hervorbricht. Aber dem Kaiser entgegen braust und schmettert die
-Volkshymne. Die Fronten der Regimenter stehen regungslos, stehen da
-wie bunte Mauern, unbeweglich und starr, aber ihr klingender Gruß fegt
-dem heranreitenden Kaiser entgegen, mit Trommelwirbel und metallischem
-Trompetenklingen und donnerndem Paukenschlagen. Dieser Gruß fegt ihm
-entgegen wie ein tönender Atem, der seit hundert Jahren stets in den
-gleichen Zügen den Kaisern von Österreich aus der stummen, lebendigen
-Mauer ihrer Truppen entgegenschwoll.
-
-Jetzt reitet der Kaiser langsam die Fronten ab. In vierfachen Reihen
-stehen diese Menschenmauern, in vierfacher Wendung reitet ihnen,
-hinauf und hinab, der Kaiser vorbei und zieht die goldene Schleppe
-seines Gefolges hinter sich her. Wo er sich einem Regiment nähert,
-rauscht die Volkshymne auf. Und der junge Offizier blickt auf dieses
-Beisammensein des Kaisers mit den Soldaten. Er sieht, wie die
-kaiserliche Gegenwart alle diese Menschen bannt, wie über ihnen nur
-das eine ist: der Befehl, und in ihrer Haltung nur das eine: der
-Gehorsam. Er blickt hinüber und vermag fast jeden einzelnen Mann zu
-unterscheiden, und vermag auf dem Boden die gleichen Zwischenräume
-zwischen all diesen Fußspitzen zu sehen, als hätte man in sorgsamer
-Symmetrie zwanzigtausend Bleisoldaten auf ein großes Brett gestellt. Er
-betrachtet diesen Vorbeiritt, der sich ausnimmt, als ob weiter nichts
-geschehen würde, und er weiß aber, daß dort dennoch etwas geschieht,
-etwas, das zwischen der Person des Kaisers und diesen Soldaten hin und
-wieder geht, eine Hingabe, die in ihrem letzten Grund rätselhaft ist,
-auf der jedoch die ganze Macht eines Regierenden sich aufbaut.
-
-Umstoben von dem blitzenden Schwarm seines Gefolges, sprengt der Kaiser
-wieder zum Obelisken heran. Wie er so dahergaloppiert und hinter ihm
-drein noch der Salut der Truppen rauscht, ist es ein Augenblick von
-einer Feierlichkeit, wie nach einem Sieg. Und der junge Offizier, der
-seine Ergriffenheit meistern will, überlegt, daß in diesem Augenblick
-ein uraltes Prinzip aufs neue besiegelt und bekräftigt wurde --
-hier am Rande der enormen, von allen neuen Gedanken und Problemen
-durcharbeiteten Großstadt -- und daß von dieser Besieglung das
-feierliche Empfinden herrührt.
-
-Dann marschieren die Regimenter an dem Kaiser vorbei. In breiten Reihen
-kommen sie heran, junge Menschen, viele Tausende von jungen, blühenden
-Menschen, Söhne, Söhne, Söhne. Der Defiliermarsch zwingt ihnen wie
-mit energischen Griffen seinen Rhythmus auf, die Fahnen flattern hoch
-gehoben, und alle diese jungen, lächelnden, frischen Gesichter dem
-einen, weißbärtigen Greisenantlitz zugewendet, marschieren sie vorüber.
-
-Der junge Offizier denkt bei sich, wie einfach, wie untheatralisch
-diese Art der Parade und des Vorbeimarsches ist, wie diese Truppe den
-kriegerischen Geist nur andeutet, als fürchte sie das Lächerliche und
-Prahlerische einer Übertreibung; wie sie die Strammheit mühelos und
-diskret nur andeutet, wie sie in ihrer Masse und in ihrem Schritt, in
-ihrer Zusammengeschlossenheit doch menschlich und persönlich bleibt,
-wie sie nicht einen Augenblick als eine Schar von Gliederpuppen
-erscheint, wie selbst ihr Gruß noch etwas Gemütvolles und Weiches
-hat -- und er überlegt, daß die Anmut dieses Landes, daß seine
-tiefwurzelnde Kultur, seine Willigkeit und sein Taktgefühl so vieles
-leicht und anmutig macht, was anderswo ...
-
-Wo ich dieses Romankapitel gelesen habe, weiß ich jetzt nicht mehr. Ich
-glaube sogar, ich habe es überhaupt noch nirgends gelesen, und mich
-nur in die Möglichkeit eines solchen Kapitels verirrt. Es wäre aber
-vielleicht ganz gut, wenn es einmal geschrieben würde.
-
-
-
-
-KAISERMANÖVER
-
-
-Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist.
-
-Hinaus, die morgenstille Dorfstraße entlang, die vom ländlichen
-Geruch brennenden Reisigs durchflogen wird. Der Tag ist an der Sonne
-noch nicht warm geworden, und sein junges Atmen weht kühl über das
-erwachende Gelände. Auf dem dunklen Grün der Hochlandwiesen schreitet
-man über Moorgrund, wo das perlenbesäte Gras unter den Füßen glitzert,
-schreitet über die hellfarbigen Teppiche blühender Buchweizenfelder
-den Hügel hinan, wo junge Lärchen wie auf Vorposten stehen. Weithin
-überschaut man hier das Tal: in der Tiefe überall weißblinkende
-Ortschaften, winzige Häuser, gleich umhergestreuten Steinen auf einer
-riesenhaften Matte. In schwarzblauen Schatten steigen die Bergwälder
-von den Felsen nieder. Aber hinter grauen Wolken birgt sich die
-Brentagruppe noch mit ihren Gletschern, des Adamello und des Ortlers
-aufragende Schneegipfel, als habe die Natur zum Sommerfest dieses Tages
-noch nicht aufgeräumt und halte die Prunkstücke dieser Landschaft
-einstweilen unter Schutzdecken.
-
-Irgend ein dumpfer Ton schlägt an, als ob in der Ferne ein
-Böttcherhammer niederfiele. Noch einmal, dann wieder. Mit dem
-Feldstecher suchen die Augen alle Höhen und Tiefen ab. Ganz weit,
-weit weg funkt ein gelber Schimmer auf, nicht stärker als ein
-verlöschendes Streichholz. Und wieder der dumpfe Ton. Die Kanonen
-eröffnen das Gefecht. Plötzlich andere Geräusche. Wie schwaches
-Peitschenknallen, wie das Bersten auffliegender Eierschalen, wie das
-Knittern von starkem Papier. Infanterie im Schnellfeuer. Dazwischen
-ein lautes, überraschendes Pochen, ungeduldig, als ob jemand voll Zorn
-an eine Tür klopfen würde: die Maschinengewehre. Das Pochen reißt ab,
-setzt wieder ein. Und nichts zu sehen, als in den Feldern oder am
-meilenfernen Waldrand das Aufblitzen der Säbel. In einer unermeßlichen
-Ruhe verharrt die Landschaft, in einer majestätischen Gleichgültigkeit
-gegen den Kampf, der sie in ihren Schrunden und Falten durchwühlt, in
-ihren Mulden und Gräben. Dort unten, tief in den Wäldern, in schmalen
-Gebirgspässen, am Rande unwegsamer Schluchten, auf engen Brücken, die
-hoch über wilden Sturzbächen schweben, bricht jetzt der Kampf los; um
-des Reiches Pforten.
-
-Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist.
-Sollte das hitzige Fieber spüren, das in den Stunden vor einer großen
-Entscheidung über die Menschen hinpeitscht. Sollte die Schauer jener
-ungeheuren, verführerischen Feindseligkeit genießen, die aus den
-tierischen Wurzeln unserer Art empordampft. Dann aufwachen, wie aus
-einem glühenden Traum, und sich an der spielerischen Wirklichkeit
-beschwichtigen: Gedankenmanöver ... Vielleicht, daß von den Soldaten
-einer, anschleichend in der Schützenlinie, am Boden liegend, im
-Schnellfeuer, berauscht von seiner Jugend, von der eigenen Kampfgebärde
-und vom Knall des eigenen Gewehrs, für Sekunden in das siedende Bad
-dieser Einbildung stürzt, für Sekunden in dieses Traumes flammende
-Tiefen hinabtaucht. Im nächsten Augenblick aber reißt es ihn gewiß
-schon wieder aus dem Abgrund solcher Schwärmerei empor zum harmlosen
-Bewußtsein des harmlosen Kampfspieles. Denn es gibt eben Dinge, die
-sich auf Befehl nicht vorstellen, die sich nicht manövrieren lassen:
-Todesgefahr und Sterbensahnung, Blutrauch und in Ackerschollen
-hingekrümmte Verzweiflung, und die furchtbare Schicksalsatmosphäre, die
-über den Schlachtfeldern sich breitet.
-
-Ein Schauspiel. Künftiger, oder niemals kommender Ereignisse
-vorberechnete Gebärde. Erdichtetes, wohl ausgedachtes, künstlerisch
-komponiertes Geschehen, dargestellt unter freiem Himmel von
-fünfzigtausend Akteuren. Ein Schauspiel in drei Tagen, in drei
-Aufzügen, wenn man will. Sorgfältig gesteigert, mit prachtvollen
-Massenszenen, mit unzähligen dekorativen Episoden, und mit einem
-einzigen Zuschauer, dessen Beifall ersehnt wird, dessen Gegenwart, wie
-ein ruheloser Pulsschlag in all den Massen, die sich hier bewegen,
-fühlbar ist, dessen Dasein Aufregung, Gespanntheit, Anstraffen der
-Nerven ringsumher verbreitet, und Prunk und Glanz und hohes Erwarten:
-der Kaiser.
-
-Anschaulicher als sonst jemals tritt hier der militärisch-monarchische
-Gedanke in die Erscheinung, wird in dem kleinen Ort hier -- vom
-bürgerlichen Großstadtwirbel nicht mehr verhüllt -- greifbar nahe,
-wird gleichsam ohne störende Nebengeräusche reiner vernehmlich. Das
-unübersehbar große Regierungsnetz, das ein ganzes Reich zusammenhält,
-ist hier auf einmal zu übersehen, ist dichtmaschiger, so daß man
-herantreten und sein sinnreiches Gewebe bewundern kann. Das geringe
-Dorf ist zum Auszug der staatsgebietenden Mächte geworden, gibt den
-Extrakt der herrschenden Gewalten. Schon äußerlich. Die Einwohner,
-das, was man die »Bevölkerung« nennt, ist wie verschwunden, ist an
-die Wand gedrängt, in die Winkel verscheucht, unsichtbar neben dem
-Glanz, der jetzt in diesen Hütten wohnt. Tür an Tür: der Kaiser, die
-Erzherzoge, die Generale, Minister, Statthalter, Polizei. Und Militär,
-Militär, Militär. Überall, auf den Straßen, vor den Schenken, auf den
-Feldern, in den Torbogen, an den Brunnen steht einer vor dem anderen
-in Ehrfurcht, in Strammheit, in erstarrendem Gehorchen. Überall wird
-nur befohlen und Gehorsam geleistet. Überall gibt es nur Vorgesetzte
-und Untergebene. Alle Klassenunterschiede, alle Vorrechte stellen sich
-in greller Sichtbarkeit dar. Einer freien Arbeit lebend, hat man sie
-gelegentlich wohl vergessen: hat, unter höher gewölbten Horizonten
-dahinwandelnd, manche dieser Dinge für verschollen, für erledigt,
-für nicht mehr diskutierbar gehalten. Da wird es einem seltsam zumute
-während dieser drei Tage, die man hier in einer Atmosphäre voll
-Disziplin, voll Ergebenheit, voll Devotion verbringt, in konzentrischen
-Kreisen sich dreht, auf denen Rang und Stand, und Geburt und Charge
-verzeichnet sind, wo jeder mit den äußeren Abzeichen und Signalen
-seines Wertes umhergeht, wo Lohn und Strafe sofort vollzogen, erteilt
-und im Augenblick fühlbar werden. So nach und nach aber findet man
-sich angezogen vom großartigen Hokuspokus des Herrschens, fühlt sich
-fasziniert von der erlauchten Magie des Menschenfanges, und bewundert
-ihre tiefe Psychologie, ihre uralte Weisheit. Und dann braucht man
-sich's gar nicht mehr einbilden zu wollen, daß es ein wirklicher Krieg
-ist, hat dem Waffenspiel einen anderen Sinn gefunden, wenn man am
-nächsten Morgen hinauswandert ins Gelände. Da wird eben die Krone des
-Werkes gezeigt, die höchste Vollendung der Idee: wie sich die Tausende
-darbringen, wie sie dereinst ihr Sein und Leben einsetzen werden. Die
-Hauptprobe der äußersten Hingebung. Die Hauptprobe jener Treue, die in
-der Volkshymne »Gut und Blut« verspricht: Kaisermanöver.
-
-Kanonengebrüll am zweiten Tag in der Frühe. Ganz nahe dem kaiserlichen
-Hauptquartier. Schwere nasse Wolkenvorhänge hüllen die Berge ein.
-Wolken ziehen am Waldsaum hin, und in der Tiefe des Tales deckt
-weißdampfender Nebel alle Dörfer und Fluren. Unten vollzieht der
-anrückende »Feind«, vom Wetterschleier verborgen, seinen Vormarsch.
-An die Sonne von Austerlitz denkt man, aber die Sonne scheint Zitate
-aus der Geschichte nicht anzuwenden und zeigt sich nicht. Auf der
-Anhöhe vor dem Dorf steht die Artillerie. Der Feuerblitz fährt aus
-den Kanonen, ein Donnerschlag, den man in der Magengrube, in den
-Eingeweiden wahrnimmt, der den ganzen Körper gleichsam durchzuckt.
-Das Echo reißt ungeheure Schallfetzen von den Bergen, die der Wind
-zerbläst. Aus den Wolkennebeln ein Knattern wie das Anfahren eines
-Motorrades. Mühsam nur erkennt man drüben im schütteren Gehölz
-das Landesschützenregiment. Langsam, geduckt, mit schleichenden
-Jägerschritten vorgehend, feuern sie, werfen sich zu Boden, in die
-Regenlachen, feuern. Jetzt, dicht vor der Anhöhe, auf der die Kanonen
-stehen, rückt in Schwarmlinie die Infanterie vor, erwidert die
-Gewehrsalven, deckt das Abreiten der Batterie: Rückzug. Nach einer
-kurzen Weile ist die Artillerie verschwunden. »Feuer einstellen.« Jeder
-Mann wiederholt es, ein langgezogener Aufschrei fliegt über die Felder.
-Und jetzt kommt die feindliche Macht von überallher heran, stürmt, aus
-dem Talnebel hervorbrechend, die Hügel hinauf, wälzt sich über die
-gewundenen Bergwege, und plötzlich wieder das Pochen, laut, eilig,
-zornig. Die Maschinengewehre, die den Verfolger noch aufhalten sollen.
-Kein anderes Schlachtgeräusch ist wie dieses alarmierend, trägt so
-beredsam den Charakter des schnellen Eingreifens, der furchtbaren
-Aggressivität.
-
-Es regnet in Strömen. Seit Stunden regnet es. Scharf, kalt, und der
-Wind schleudert einem die dichten Strahlen ins Gesicht, zerrt die
-Wolken bis auf den Boden herab, wühlt die Schollen auf, peitscht einen
-mit eisiger Wassernagaika. Auf dem freien Platz vor dem Hauptquartier
-hält der Kaiser zu Pferd. Vor ihm in ihren weißen Mänteln die sechs
-Gardereiter, das Gesicht zu ihm gewendet. Ein wenig abseits das
-Gefolge. Generalstäbler, die fremden Attachés, Adjutanten. Weiter weg
-die Lakaien mit den Reservepferden. Vom Unwetter werden die Tiere
-nervös. Ihr lautes Wiehern tönt herüber, ihr ungeduldiges Schnauben.
-Niemand rührt sich dort, wo der Kaiser unbeweglich im Regensturm
-aushält. Stunde um Stunde erblickt man ihn so; querfeldein galoppierend
-zu einem anderen Standplatz, an feuernden Batterien vorbei, sein Pferd
-parierend, sieht diesen Greis, der leicht in seinem Sattel nur so zu
-federn scheint, und für den es den Hochlandsorkan, den Wolkenbruch, die
-Kälte offenbar nicht gibt. Wie er dann endlich einreitet, gefolgt vom
-Schwarm seiner erschöpften Suite, sieht man, wie ihm unter der schwer
-nassen Kappe das Wasser die weißen Haare an den Kopf klebt, wie es ihm
-von der Stirne, vom Bart und von den Wangen herabläuft, aber auch, wie
-er, frisch und rot überhaucht, lächelt, als sei das alles gar nichts.
-Die fünfundsiebzig Jahre, die fünf Morgenstunden zu Pferd und das
-Wetter ... gar nichts.
-
-Schluß. Dritter Tag, dritter und letzter Aufzug. Man will ganz zeitlich
-fort, nichts versäumen, aber ehe die Sonne noch aufgeht, bebt das Haus.
-Auf der Wiese drüben schießen die Kanonen. Es ist, als ob das ganze
-Gebäude von einer Riesenfaust dröhnende Stöße bekäme. Der Fußboden
-zittert, die Fenster schüttern. Schlag auf Schlag. Plötzlich, dicht vor
-dem Tore das helle Krachen der Gewehre. Und rückwärts über den Hof,
-übers Dach hinweg das Pochen der Maxims. Hinaus ins Freie. Adjutanten
-rasen vorbei. Motorräder preschen die Mendelstraße hinauf, und in der
-Luft ein schallendes, verfliegendes »aaa ...« Das Hurrarufen stürmender
-Truppen. Saphirblau ist der Himmel, alles in goldenen Glanz getaucht,
-in Sonnenfröhlichkeit und Reinheit, die Wälder, die Wiesen, die
-funkelnden Kirchturmspitzen, die Berggipfel. Und von den schimmernden
-Neuschneefeldern der Brentagruppe lösen sich die letzten weißen
-Flockenwolken. Ein festlicher Abschluß. Wie ein Salutschießen dröhnt
-der Donner der Schlacht, die sich jetzt voll entfaltet. Auf der breiten
-Terrainwelle, die sich zwischen Romeno und Sarnonico wölbt, stürmen
-die Regimenter in breiten, formierten Fronten gegeneinander. Mitten
-zwischen die beiden Parteien fliegt ein glitzernder, goldfunkelnder,
-prachtblitzender Schwarm die Wiese hinauf, sammelt sich oben, nimmt
-Stellung: die kaiserliche Suite. Das Gewehrfeuer prasselt und
-schnattert und knattert, die Gebirgsbatterien pochen, die Haubitzen
-zerreißen das Firmament mit ihrem Krachen, und das Echo tobt an den
-Felswänden. Wie kleine farbige Tüchlein flattern die entrollten Fahnen
-über den Bataillonen. Da bricht aus dem Tann, der den Hintergrund
-abschließt, mit Hurra ein neues Regiment hervor. Es ist der Höhepunkt.
-Der Kaiser inmitten dreier Fronten, umgeben von formierten Regimentern.
-Regimentern auf seinem ganzen Rückweg, den er von Cavareno nach Romeno
-zu nehmen hat, all das mit meisterlicher Regiekunst auf den letzten
-Augenblick hin, auf den Schlußeffekt gruppiert. Ein scharfer Hornruf
-jetzt. Das Feuern verstummt allmählich, das Echo besänftigt sich und
-verhallt, und brausend klingt das Einschlagen der Musikbanden herüber:
-»Gott erhalte ...« Der Kaiser reitet die Fronten ab. Mit Trommelwirbel
-übernimmt eine Truppe von der anderen das Kaiserlied, immer weiter,
-immer entfernter, Generalmarsch ... Trommeln, dann feierlich die
-Volkshymne ... zuletzt nur ein leises metallisches Klingen. Der Kaiser
-reitet ins Hauptquartier zurück.
-
-Rasch jetzt die Straße hinauf, heimwärts nach Bozen. Wie durch einen
-heiteren Soldatensonntag fährt man dahin. Singende Soldaten, lachende,
-sonnengebräunte Gesichter, Gesichter, denen das tiefe Atemschöpfen
-der Beruhigung etwas Zufriedenes und Befreites gibt. Überall liegen
-sie im Gras, rasten am Wegrand, rauchen, essen und singen. Wenn man
-sich's einbilden könnte, daß es ein wirklicher Krieg war und daß es nun
-Frieden ist, seit einer Stunde ...
-
-Während der Drahtseilwaggon von der Mendel ins Kalterertal
-hinuntergleitet, wie in freier Luft hinab zu schweben scheint, rauscht
-der ganze Berg und klingt von Musik. Und in Sankt Anton unten, auf dem
-kleinen Bahnsteig, erzählen die Leute, daß der große Krieg im fernen
-Asien zu Ende, der Friede zwischen Rußland und Japan geschlossen sei.
-Laurins Rosengarten steht im Glühen der Abendsonne. Vom Bozener Dom her
-läuten die Glocken, und man hat den Traum, daß diese schöne Welt eine
-ruhige Stunde genießt.
-
-
-
-
-ELISABETH
-
-
-Jetzt ist uns ihre Existenz fast schon wie etwas Unwirkliches, ihre
-Gestalt schwebend wie die Gestalten eines Traumes, und auf ihr
-Schicksal blicken wir kaum noch wie auf ein gelebtes Dasein, sondern
-wie auf eine Dichtung. Das rührt von der tiefsten Seelenkraft dieser
-Frau her, die alle Wirklichkeit immer ins Erhabene emporzwang. Das
-rührt davon her, daß ihr Wesen vom Geschick freilich verwundet,
-aber niemals bestaubt werden konnte. Was auch rings um sie her an
-Verheißungen hindorrte, ihr eigener Sinn ist nicht welk geworden. Was
-auch vor ihr an teuren Gütern in Trümmer sank, es vermochte nicht,
-ihr den Weg zu sich selbst zu verrammeln. Dieses unbegreiflich hohe
-Hinwegschreiten über das äußere Leben macht es, daß ihr Dasein jetzt
-einer Legende gleicht.
-
-Es fängt mit dem strahlenden Glück an, läuft aus sonniger Pracht in
-dunkle Trauer und endigt in grauenhaftem Tod. Momente aus ihrem Leben:
-die stürmisch geliebte Kaiserbraut, die in Wien einzog, so lieblich,
-daß sie nicht bloß die erste, sondern die schönste Frau des Reiches
-war. Die schönste Kaiserin an einem lachenden, frohgelaunten Hof, in
-einem lachenden, frohgelaunten Wien. Dann ihre Krönung zur Königin
-von Ungarn, bejubelt, wie seit den Tagen der Maria Theresia keine
-Monarchin mehr bejubelt wurde. Dann ein langsames Hinweggleiten aus
-all dem Glanz. Einsam und einsamer auf weiten Reisen. Dann der Tag
-von Mayerling. Das jähe Hinstürzen jeglicher Zukunftshoffnung. Dann
-wieder tiefe Einsamkeit in fernen Ländern. Der Traum vom Griechentum
-in dem weißen Schloß auf Korfu. Ein unerfüllter Traum. Das Schloß
-blieb verlassen. Wandern, wandern, wandern. An den Gestaden südlicher
-Meere, durch kleine Städte Italiens. Unerkannt, unscheinbar in ihren
-Trauerkleidern, versteckt und den Zudrang der Menschen meidend. Jahre.
-Dann am Genfer See das schnelle, aus Mörderhand empfangene Sterben.
-
-Die Kaiserin ... Sie ist uns lange schon entschwebt, war uns eine
-Gestalt, die irgendwo ihr Dasein hoch über dem Dasein anderer Menschen
-ins Weite trug. Nur manchmal drang eine Kunde von ihr bis zu uns
-herüber, nur manchmal kam ein Klang aus ihrer Welt zu uns herangeweht.
-Und wunderbar, wie feines Ahnen in den Instinkten der Menge liegt, daß
-man aus so fernen Fernen die Kaiserin verstand, daß man ihr Suchen nach
-Schönheit und Ruhe begriff, daß man banalere Vorstellungen vom Walten
-einer Kaiserin still beiseite legte und mit ahnungsvoller Ehrfurcht
-eine Menschlichkeit bewunderte, die über den höchsten irdischen
-Rang hinaus höheren Graden noch sehnsüchtig entgegenstrebte. Die
-Kaiserin. Auch dieses Wort ist durch Elisabeth zarter, märchenhafter,
-unwirklicher, gleichsam dichterischer geworden.
-
-Wir haben Bilder aus ihrer Jugendzeit. Denn ein anderes Antlitz als das
-ihrer blühenden Jugend hat sie dem Volke niemals im Bilde gezeigt.
-Aber indem wir diese Bilder jetzt betrachten, wissen wir, daß keines
-ihr wirkliches Wesen enthüllt. Dieses edel schmale Gesicht sehen wir,
-die Anmut ihrer geschwungenen Lippen, die dunkle Tiefe ihrer Augen.
-Doch wir sehen, daß alle Maler die Prinzessin Elisabeth malen wollten,
-die Kaiserin Elisabeth. Und daß keiner es vermocht hat, Elisabeth
-zu malen. Wir sehen, daß dieses Antlitz etwas noch verbirgt, ein
-Unaufgefundenes, ein Verhehltes, ein Verschlossenes: sein Bestes. Die
-Züge sind da, aber was diese Züge zur Einheit verschmilzt, was sie
-beseelt, das ist nicht da. An die leere Stelle tritt ein offizieller
-Ausdruck: Kaiserin. Die Lebendigkeit dieses Gesichtes, seine zarteste,
-intimste Lebendigkeit hat keiner von den Malern gegeben. Vielleicht
-auch, weil keiner sie erfassen konnte.
-
-So ist ihr Wesen auch dem einfacher Zugreifenden nicht erfaßlich
-gewesen. Nicht in geraden, handlichen Worten ließ es sich sagen. Etwa:
-sie ist heiter gewesen, oder melancholisch, oder freigeistig, oder
-fromm, oder demütig, oder stolz, gütig oder voll Energie. Sie war am
-Ende zu sehr alles zusammen, heiter und melancholisch, freigeistig und
-fromm, demütig und stolz und gütig und voll Energie und noch vieles
-andere dazu. Sie war viel zu sehr alles zusammen, als daß man dem Volke
-eine Formel hätte darreichen können: so und so ist deine Kaiserin. Kann
-sein, man hätte sagen dürfen: sie ist fürstlich. Aber die Begriffe,
-die vom Fürstlichsein umgehen, sind durch andere Beispiele entstanden
-und gewertet worden. Es hätte Mißverständnisse gegeben.
-
-Mancherlei Erbe trug sie in ihrem königlichen Blut. Die Wittelsbacher
-vermochten es oft, ihr fürstliches Vergnügen künstlerisch zu veredeln,
-hatten die Gabe, in geistigen Genüssen zu schwelgen, ja zu prassen
-wie andere in Genüssen des Leibes, hatten oft diese stürmende Seele,
-die sich selbst zerarbeitet. Zu ihren Urmüttern zählte Therese
-Kunigunde, des Polenkönigs Sobieski stolze und wildschöne Tochter, die
-das Reiten und Jagen liebte und das Bücherlesen, und dem höfischen
-Zeremoniell sich ewig widersetzte. Sie war des Kurfürsten Max Emanuel
-Gattin. Elisabeths Vater war der Herzog Max, den seine Sehnsucht in
-den Orient trieb. Es war die große Reise seines Lebens. Und sein
-Traum vom Reisen war der Orient. Ein Dichter, wie König Ludwig I.,
-ein besserer vielleicht. Mindestens ein sehr kultivierter Dilettant,
-der historische Novellen aus der Renaissancezeit schrieb. Königliche
-Prunkliebe und bürgerliche Einfachheit ist bei den Wittelsbachern. Aber
-am Ende mag man alle Gaben, die das Bayernhaus zu vererben hat, noch so
-sehr durchsuchen, noch so sehr durcheinandermischen, die wundervolle
-Zartheit, die geheimnistiefe Kraft, die in der Kaiserin Elisabeth
-gelebt hat, entschleiert sich und erklärt sich damit nicht.
-
-Was wissen wir auch von ihr? Daß sie in ihrer Jugend die adelige
-Kunst des Reitens geliebt und geübt hat. Daß ihr Körper gestählt und
-geschmeidig war und daß ihr Gang eine musikalische Schönheit besaß, die
-aus solcher Meisterschaft herkam. Daß sie den Zauber einer unberührten
-Natur, Bergwälder und Meeresufer inniger verehrte als den Tumult
-mondäner Amüsements. Daß keine Eitelkeit und keine Hoffart in ihr
-war, die sie getrieben hätten, sich am lärmenden Zuruf der Massen zu
-ergötzen. Daß es sie zu quälen schien, sich selbst als Schaustück der
-Menge hinzustellen. Daß sie dafür auf einsamen Spaziergängen aus dem
-Homer sich vorlesen ließ und in späten Jahren noch anfing, Griechisch
-zu lernen, um des Gedichtes Schönheit aus dem Urtext näher zu
-begreifen. Daß sie den Dichter, der das »Buch der Lieder« geschrieben,
-verehrte und ihm zu Korfu ein Denkmal gesetzt hat. Daß sie den Schmerz
-um ihren einzigen Sohn von Land zu Land, von Gestade zu Gestade ruhelos
-umhergetragen, ihren Kummer vor den Blicken der Welt verbarg, wie sie
-stets ihr schönstes Fühlen vor profanen Augen verborgen gehalten. Wenn
-wir nur dieses, was wir wissen, nehmen, ihr Wesen damit zu umspannen,
-dann haben wir eine große Seele, ein Frauenherz von einer Reinheit,
-einen Frauensinn von einer Tiefe, daß sie als eine lichte Gestalt
-unserem Gedächtnis bleiben müßte, auch wenn sie nicht die Kaiserin
-gewesen wäre.
-
-Daß sie's gewesen ist, scheint mir von unermeßbarem Wert. Denn sie hat
-mehr gewirkt als eine Kaiserin, die prunkvoll durch alle Straßen fährt,
-auf allen Festen glänzt, sich überall huldvoll und gnädig dem Volke
-neigt und die Mode des Landes wie das gesellige Wohltätigkeitsgeschäft
-regiert. Sie hat dieser Zeit die Fürstin gegeben, hat als einzige
-auf eine lautlose, unwillkürliche und vollkommen menschliche Art
-gezeigt, was eine Fürstin ist. Sie hat ein Hochmaß von Weiblichkeit in
-unsere Zeit hineingestellt, das kostbarer ist als alles, was wir an
-erdichteten weiblichen Idealgestalten besitzen.
-
-Und sonderbar: Wie unser Erinnern sich lebhafter der Kaiserin zuwendet,
-da merken wir, daß wir im Eigentlichen nur wenig von ihr wissen, uns
-nicht vermessen dürfen, sie zu kennen, sondern daß es weit mehr die
-Ahnung von ihrem reichen Wesen ist, die uns bezwingt. Ein Leben, aus
-weiter Ferne angeschaut. Still und hoch dahinfunkelnd, vom Schimmer
-des seligsten Glückes umflossen und vom Glanz einer erlesenen Tragik
-umleuchtet. Nur leise Andeutungen haben wir, um ihr Inneres zu erraten,
-nur das Echo vom Echo ihrer Worte, nur den Hauch, der von ihrem
-Wandel ausging, nur verwehte Klänge ihrer Lebensmelodie. Der Spiegel
-der Volksseele hat nur ein schwaches, undeutliches Bild dieser hohen
-Frau aufgefangen, und man bestaunt es wie das Antlitz eines Märchens.
-Diese Gestalt ist wie aus lauter dünnen Schleiern gewoben, fließend,
-ungreifbar, unwirklich beinahe, und ist uns doch eingeprägt wie mit
-einem Stempel.
-
-So wenig braucht es, einen guten und seltenen Menschen zu erkennen.
-Sei er noch so verborgen, so hat sein Wesen doch einen Duft von solch
-feiner Kraft, daß man seine Gegenwart empfindet wie die Gegenwart im
-Grase verborgener Blumen. Sei er noch so entfernt, so ist er doch
-in eine Atmosphäre gehüllt, die leuchtet wie ein Gestirn am dunkeln
-Himmel.
-
-
-
-
-DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ
-
-
-Von überall her blickt uns jetzt sein Antlitz entgegen. Aus allen
-Schaufenstern sieht es uns an, es ziert alle Paravents, Tabaksdosen,
-Ansichtskarten, Bonbonnieren; es schmückt die Titelblätter aller
-Zeitungen, die wir zur Hand nehmen, und es prangt in der Apotheose
-aller Festspiele, umrauscht von der Volkshymne und von der Hochflut
-wienerisch zärtlicher Kaiserstimmung. Wo wir uns hinwenden, lächelt
-dies Greisenhaupt aus weißem Bart und aus den von weißen Brauen dicht
-verhehlten Augen sein stilles Lächeln.
-
-Wie ist uns dieses Antlitz wohl vertraut. Wir alle sind mit diesem
-Bilde vor uns aufgewachsen. Unsere Väter schon haben kein anderes
-Kaiserantlitz mehr in Österreich gekannt, und wie wir kleine Buben
-waren, hat uns dieses Antlitz angeschaut, da wir zum erstenmal in der
-Schulstube saßen. Jetzt wachsen unsere Kinder auf und gehen zur Schule,
-und auch sie blickt dieses selbe Angesicht aus feierlichem Rahmen an.
-Mit diesem Angesicht haben wir unser Leben verbracht, haben alle unsere
-Tage in diese Mienen geschaut, und sie sind uns so eingeprägt, daß wir
-bei dem Worte Kaiser immer gleich auch diese Züge sehen. Wir werden sie
-noch lange sehen, wenn wir das Wort Kaiser aussprechen oder denken.
-Diese beiden Vorstellungen, von einem Monarchen und von einem Antlitz,
-sind in unserem Bewußtsein so unauflöslich, so von frühester Kindheit
-an miteinander verknüpft, daß wir sie nun wohl kaum mehr voneinander
-trennen werden. Was immer auch geschehen mag.
-
-Aber es ist nicht bloß die Erinnerung an wohlvertraute Züge, die
-unserem Denken also lebhaft einleuchtet. Schließlich gab es ja noch
-andere Gesichter, mit deren berühmter Gegenwart wir gelebt haben.
-Gesichter, die uns geläufig waren, deren Klischee wir fertig in
-unserem Bewußtsein trugen. Gesichter, die in uns vorhanden waren, wie
-Photographien in einem Album. Man braucht gar kein langes Gedächtnis zu
-haben, um sich des dunkeln, zierlich wilden Zigeunerkopfes Andrassys zu
-besinnen, oder der behaglich pfiffigen, rotnasigen Spießbürgermaske des
-Grafen Taaffe. Und vor kurzem noch war das lachende Beethovenantlitz
-Girardis berühmt, so berühmt, daß es über Wien stand wie der Mond, und
-wie dieser in alle Straßen und in alle Fenster schaute. Dann Johann
-Strauß, sein blasses Antlitz mit den tiefstrahlenden schwarzen Augen,
-dieses Antlitz der zum Genie gesteigerten Wiener Lebensfreude. Wir
-haben viele Gesichter gehabt, die uns beständig gegenwärtig waren,
-und von denen es schien, als gehörten sie einfach mit zum Bestand des
-Lebens, und als sei ohne sie die Welt gar nicht möglich.
-
-Dennoch hat kein anderes Antlitz und keines anderen Mannes Wesen so
-vielfach, so stark und so nachhaltig sich in der Menge gespiegelt und
-auf die Menge abgefärbt wie das Antlitz und das Wesen des Kaisers.
-Freilich: weil es der Kaiser war. Das ist natürlich, braucht
-nicht erst entdeckt, noch bewundert zu werden. Auch eine schwache
-Persönlichkeit kann die Menge beeinflussen, wenn sie auf so hohem,
-so weithin sichtbarem Gipfel steht, wenn sie auf so vielen tausend
-Wegen, durch so viele tausend Türen und Türchen immerfort auf die Menge
-eindringen kann. Hier aber ist es nicht nur der Kaiser gewesen, nicht
-dieser allein; und es machen's auch nicht die sechzig Jahre, obwohl sie
-viel mitgeholfen haben. Hier war es der Österreicher. Dieser zumeist.
-Das echt österreichische Antlitz des Kaisers. Sein österreichisches
-Wesen. Seine ... Bodenständigkeit, würde ich sagen, wenn ich von dieser
-Eigenschaft so viel halten könnte wie andere Leute. Aber lassen wir's
-dabei. So wenig diese Bodenständigkeit in der Kunst zur Größe oder zur
-Komplexheit notwendig, ja selbst nützlich ist, so wichtig mag sie bei
-einem Fürsten sein. Also: seine Bodenständigkeit.
-
-Man braucht ja nur bedenken, daß in England hannoveranische Prinzen die
-Krone tragen, daß im russischen Reiche Holsteiner Fürsten herrschen,
-daß in Schweden die Enkel des französischen Bernadotte Könige sind,
-in Griechenland ein Dänensproß regiert, in Rumänien ein Hohenzoller
-und in Bulgarien ein Koburger. Rein äußerlich mag auch der landfremde
-Monarch durch sein Wesen Einfluß üben. Auch der Regent, der in seiner
-Persönlichkeit nicht den Typus des Volkes darstellt, auch der wird
-kopiert. Aber doch nur von liebedienernder Absicht, doch nur von
-Höflingen, die mühselig in der Maske und in den Gebärden ihres Herrn
-posieren. Diese Wirkung streift nur die Oberfläche. Unser Kaiser
-spiegelt sich in den Österreichern, wie österreichische Art in seinem
-Wesen sich spiegelt, weil er nicht nur ein Kaiser, sondern ein Typus in
-Österreich ist. Eine Gestalt, diesem Lande eingeboren und verwurzelt.
-
-Wir können die Probe drauf machen. Wenn einer das Bildnis Eduards
-anschaut und es zufällig nicht weiß, daß es der King von Großbritannien
-ist, niemals würde er darauf verfallen, ihn für einen Engländer zu
-halten. Niemand, der es nicht vorher weiß, würde von selbst sagen,
-Nikolaus sei ein Russe, und sein vollkommenes Ebenbild, der Prinz von
-Wales, ein Insularbrite; niemand würde von Karol behaupten, das sei ein
-echter Rumäne, und Wilhelm II. würde man, ohne ausdrückliches Wissen,
-eher für einen Engländer ansprechen, genau so wie seinen ältesten Sohn,
-den Kronprinzen von Preußen. Aber das Gesicht unseres Kaisers muß
-jeder für ein österreichisches Gesicht erkennen. Man denke der Bilder,
-die den Kaiser in Zivil zeigen. Auf diesen Bildern kommt's erst recht
-heraus: das ist weder ein französischer Kavalier noch ein englischer,
-weder ein Sachse noch ein Preuße, das kann nur ein Österreicher sein.
-Nicht wahr?
-
-Immer ist es ein österreichisches, eigentlich ein wienerisches Gesicht
-gewesen. Man betrachte die Bildnisse aus einer frühen Zeit, da er,
-ein achtzehnjähriger Jüngling, den Thron gewann. Und man nehme,
-zum Vergleich, ein Bildnis des ersten Kaiser Wilhelm, das ihn als
-Jüngling zeigt. Auch der Sohn der in Preußen vielgeliebten, schönen
-Königin Luise ist ein wunderschöner junger Prinz gewesen, wie der
-Sohn der Erzherzogin Sophie. Vielleicht war er sogar schöner noch
-als dieser. Aber das Antlitz des jungen Franz Josef mit den heiter
-schwellenden Lippen, mit den weichen, zärtlichen Linien, mit dieser
-sanften, gleichsam musikalischen Anmut, ist das Antlitz eines jungen
-Österreichers. Und das Gesicht des Prinzen Wilhelm mit dem schmalen,
-fest zusammengepreßten Mund, mit den streng in sich verhaltenen Zügen
-und dem gewissermaßen sachlichen Ausdruck ist das Gesicht eines
-Norddeutschen. Man könnte sagen: jenes ist ein katholisches und dieses
-ein protestantisches Antlitz. Ihrer Volksart typisch waren beide,
-indessen jetzt keine Monarchen mehr da sind, weder Eduard noch Georg,
-noch Ferdinand oder Nikolaus, ja auch gewiß nicht Wilhelm II., die
-ihrer Volksart typische Gestalten wären.
-
-Man erinnere sich noch des Kaisers Franz Josef der sechziger, siebziger
-und ersten achtziger Jahre. Wie viele unter uns werden sich dessen noch
-leicht erinnern. Wie war er da mit dem langwehenden, blondbraunen,
-dichten und krausen Backenbart österreichisch. Und wie viel Offiziere,
-wie viel Beamte, wie viel Offizielle hat es damals gegeben, die den
-lang wehenden Backenbart trugen? In allen Amtsstuben, auf allen
-Exerzierplätzen, auf allen Promenaden hat man diese Gesichter und diese
-Bärte gesehen. Und manchmal war die Ähnlichkeit täuschend genug.
-
-Das sind freilich nur oberflächliche Dinge. Ein wenig tiefer aber liegt
-es schon, daß die Männer in Österreich auch des Kaisers Manieren sachte
-angenommen haben. Nicht nur die Höflinge, die das Vorbild immer mit
-Augen sehen und ihrem ganzen Charakter nach so gern erlauchtem Beispiel
-sich anschmiegen. Nicht nur die Offiziere, die, enger dem Kaiser
-verbunden, gewiß schärfer aufpassen, wie er seinen Rock trägt. Nicht
-nur die Beamten und alle die anderen vom offiziellen Dienst, sondern
-jeder, der vom Bürgertum irgendwie nach Formen, nach repräsentierender
-Geschicklichkeit strebt, nach einer Manier, sich im Verkehr menschlich
-zu geben und menschlich zu behaupten, jeder hat die Spur dieses
-Einflusses an sich, jeder ist in der Farbe des Kaisers irgendwie
-gefärbt.
-
-Wenn man die leicht geneigte Haltung des Kopfes, diesen unauffällig
-federnden, sorglosen und anmutigen Gang, dieses Sich-schmal-machen
-für österreichisch hält, dieses mit angedrücktem Oberarm, aus dem
-Ellbogen vollführte, runde Agieren, diesen um und um mit Freundlichkeit
-gepolsterten Stolz, diese verbindliche Kunst, lächelnd zu distanzieren,
-wenn man dies alles für österreichisch hält und dann erst den Kaiser
-beobachtet, merkt man erst, wie österreichisch Franz Josef ist, aber
-auch wie Franz-Josef-mäßig die Österreicher geworden sind. Man merkt,
-daß es eigentlich sein persönliches Wesen ausmacht, davon man die
-Spuren und Farben bei den anderen vereinzelt getroffen, vereinzelt und
-wie etwas Angenommenes, wie ein unwillkürlich Angewohntes. Sein Wesen
-ist dieser anmutige Paßgang, mit der Natürlichkeit der abfallenden
-Schultern, mit der leicht geneigten Haltung des Kopfes, das Agieren
-in runden, aus dem Ellbogen spielenden Gebärden mit angedrückten
-Oberarmen. Sein Wesen, diese ganze unauffällige, diskrete, sorglose und
-ihrer selbst unendlich sichere Eleganz.
-
-Nachahmung allein kann das nicht zuwege bringen. Auch greift Nachahmung
-allein nicht so weit um sich, dringt nicht so ins Breite und Tiefe,
-sickert nicht so unaufhaltsam durch alle Schichtungen der Stände. Wenn
-sie den Kaiser nur nachahmen würden, wäre dies alles gezwungener und
-leichter kenntlich. Man merkt ja sonst überall, wo ein Mensch einen
-anderen bewußt kopiert, den kleinen Zwischenraum, der zwischen seiner
-eigenen und der angenommenen Art klafft. Man merkt den feinen Striemen,
-den die vorgebundene Maske in das wirkliche Antlitz gräbt. Hier aber
-ist kein Zwischenraum, der eine kopierte Art vom wahren Wesen trennt.
-Wie der Kaiser sich gibt, wie er geht und spricht, wie er den Kopf
-hält und wie er schaut, dies alles ist Ausdruck des österreichischen
-Wesens. Eine tiefe Verwandtschaft des Blutes und der Rasse bindet den
-Österreicher an den Kaiser und den Kaiser an den Österreicher, an den
-niederösterreichischen, an den wienerischen, um es genauer zu sagen.
-
-Und es sind nicht die äußeren Züge bloß, die jene Gemeinsamkeit
-erleichtern, nicht die äußeren Manieren, die es ermöglicht haben, daß
-des Kaisers Art so viel abfärbende Wirkung, so viel angleichenden
-Einfluß übt. Wie vieles an ihm ist österreichisch, was erörtert
-werden kann, und wie vieles ist es, wovon wir heute nicht erst zu
-sprechen brauchen. Österreichisch ist sein Hang zum Unauffälligen,
-sein kultivierter Geschmack, der allem Gellenden, allem Schmetternden,
-allem Unterstrichenen und überlaut Betonten abhold ist. Österreichisch,
-wie seine Haltung, die nicht bolzengerade, nicht »stramm« mit
-aufgeworfenem Kopf soldatischen Geist zu markieren strebt, ist seine
-Diskretion, die vor allem Theatralischen, vor allem Exaltierten als
-vor etwas Unmöglichem scheu zurückweicht. Österreichisch ist dieses
-subtile Taktgefühl, das in Befangenheit gerät, wenn es repräsentierend
-obenan stehen soll, dieses Taktgefühl, das eher schüchtern wird,
-als daß es vermöchte, aufzutrumpfen. Österreichisch ist diese
-Art der gleichmäßigen, lautlosen Arbeit, dieses treue Hängen an
-ein paar Gewohnheiten, an ein paar liebgewordenen Erdenplätzen.
-(Wien--Ischl--Ischl--Wien.) Und dieses zuverlässige Zufindensein in
-den alten Gewohnheiten und in den alten Wohnungen ist österreichisch.
-Österreichisch ist auch diese Kultur der Seele, die es vermag, daß man
-die schwersten Dinge mitmacht, durchmacht, und der Welt doch immer ein
-lächelndes Antlitz zeigt. Und dieses Ablehnen allzu laut rauschender
-Lorbeern, dies Abwinken allzu schreiender Lobredner, dieses stille
-Beiseitegehen, dies Einsamkeitsleben ist österreichisch.
-
-Wir sehen dieses Antlitz jetzt überall, wohin wir uns wenden; wohin
-wir uns wenden, sehen wir jetzt die Initialen dieses Namens, das
-F. J. I., sehen die Jahreszahlen 1848--1908. Wie ein großer, von
-einem einzigen Ornament durchwirkter Stoff ist die Stadt Wien jetzt
-durchwirkt von diesem Antlitz, von diesen Initialen und von diesen
-Doppelziffern. Und durchwirkt ist dieses ganze engere Österreich,
-die Stadt und das Land von dem Antlitz des Kaisers, von seiner Art,
-von seinem Wesen, von den Initialen seines Charakters. Daß er hier
-wurzelt, hier heimisch ist, daß diese Erde ihn trug und reifte, daß
-er die Frucht dieses Bodens wurde, den feinsten und geschlossensten
-Auszug aller Kräfte dieser Scholle darstellt, daß er ein Typus seines
-Volkes ist, hat diese tiefe Harmonie zwischen ihm und seinem Volk
-sechzig Jahre währen lassen. Kaiser Franz ist aus Toskana erst nach
-Wien und in die Erblande gekommen, hat die italienische Art, die ihm
-in den Adern lag, erst vergessen, hat sich hier erst akklimatisieren
-und assimilieren müssen, ehe ihn die Wiener -- nach vielen Jahren --
-ihren »Franzl« nannten. Franz Josef ist in Schönbrunn geboren. Sohn
-einer bayrischen Prinzessin und eines österreichischen Erzherzogs,
-der als ein Typus altwienerischer Gestalten, als eine Kriehuber-Figur
-gelten darf. Die Wiener, die vornehmen wenigstens, diejenigen, die das
-Wienertum Schuberts, Lanners und der Strauß-Walzer repräsentieren, die
-waren wie er. Deshalb wurden sie wie er. Deshalb sahen ihm seinerzeit
-die Jünglinge ähnlich, dann die Männer, und deshalb sehen ihm jetzt
-die Greise ähnlich, die mit ihm und seiner Epoche gealtert sind. Diese
-Epoche trägt seine Züge, wie den Münzen sein Antlitz eingeprägt ist.
-
-Die Zeit aber rollt unaufhaltsam dahin. Und wahrscheinlich gibt es
-heute schon einen anderen, einen neuösterreichischen Typus. Wir
-kennen ihn noch nicht, wollen heute auch nicht vermuten, noch darüber
-nachsinnen, wie er wohl sein wird. Aber wir dürfen zufrieden sein, wenn
-er uns mit diesem sanften Lächeln anschaut, das man bis in späte Tage
-noch das Lächeln Franz Josefs nennen wird.
-
-
- +Ende+
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten. Die Darstellung
- der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 172: allzuviele → allzuvielen
- ohne {allzuvielen} Menschen zu begegnen
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Das österreichische Antlitz, by Felix Salten
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ ***
-
-***** This file should be named 53713-0.txt or 53713-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/3/7/1/53713/
-
-Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive/Canadian Libraries)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/53713-0.zip b/old/53713-0.zip
deleted file mode 100644
index 965d774..0000000
--- a/old/53713-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53713-h.zip b/old/53713-h.zip
deleted file mode 100644
index 62c564b..0000000
--- a/old/53713-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53713-h/53713-h.htm b/old/53713-h/53713-h.htm
deleted file mode 100644
index d87cff5..0000000
--- a/old/53713-h/53713-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,7375 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Das österreichische Antlitz, by Felix Salten.
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.chapter {
- page-break-before: always;
-}
-
-h1, h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-.h2 {
- text-indent: 0;
- text-align: center;
- font-size: x-large;
-}
-
-p {
- margin-top: 1ex;
- margin-bottom: 1ex;
- text-align: justify;
- text-indent: 1em;
-}
-
-.p2 {margin-top: 2em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; }
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
-}
-
-.tdr {text-align: right;}
-
-.pagenum {
- position: absolute;
- left: 90%;
- width: 8%;
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-size: small;
- text-align: right;
-} /* page numbers */
-
-.pagenum a {
- color: gray;
-}
-
-.center {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
-}
-
-.gesperrt {
- font-style: italic;
-}
-
-/* Images */
-img {
- max-width: 100%;
- height: auto;
-}
-
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;
-}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
-}
-
-.corr p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
-
-p.drop {
- text-indent: 0;
-}
-
-p.drop:first-letter {
- float: left;
- margin: 0.15em 0.1em 0em 0em;
- font-size: 250%;
- line-height:0.85em;
-}
-
-@media handheld {
- p.drop:first-letter {
- float: none;
- margin: 0;
- font-size: 100%;
- }
-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Das österreichische Antlitz, by Felix Salten
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Das österreichische Antlitz
- Essays
-
-Author: Felix Salten
-
-Release Date: December 11, 2016 [EBook #53713]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ ***
-
-
-
-
-Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive/Canadian Libraries)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">FELIX SALTEN</p>
-
-<h1>DAS ÖSTERREICHISCHE<br />
-ANTLITZ</h1>
-
-<p class="center">ESSAYS</p>
-
-<p class="center p2">S-FISCHER-VERLAG-BERLIN</p>
-
-<p class="center">1910</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Alle Rechte vorbehalten.<br />
-Zweite Auflage.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="INHALT">INHALT</h2>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>1. Die Wiener Straße</td>
- <td class="tdr"><a href="#DIE_WIENER_STRASSE">9</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>2. Klavierstunde bei Leschetitzky</td>
- <td class="tdr"><a href="#KLAVIERSTUNDE_BEI_LESCHETITZKY">23</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>3. Aristokraten-Vorstellung</td>
- <td class="tdr"><a href="#ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG">37</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>4. Fünfkreuzertanz</td>
- <td class="tdr"><a href="#FUENFKREUZERTANZ">49</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>5. Stalehner</td>
- <td class="tdr"><a href="#STALEHNER">59</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>6. Beim Brady</td>
- <td class="tdr"><a href="#BEIM_BRADY">71</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>7. Nachtvergnügen</td>
- <td class="tdr"><a href="#NACHTVERGNUEGEN">83</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>8. Peter Altenberg</td>
- <td class="tdr"><a href="#PETER_ALTENBERG">97</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>9. Spaziergang in der Vorstadt</td>
- <td class="tdr"><a href="#SPAZIERGANG_IN_DER_VORSTADT">115</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>10. Lueger</td>
- <td class="tdr"><a href="#LUEGER">127</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>11. Girardi-Kainz</td>
- <td class="tdr"><a href="#GIRARDI-KAINZ">143</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>12. Menagerie in Schönbrunn</td>
- <td class="tdr"><a href="#MENAGERIE_IN_SCHOENBRUNN">157</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>13. Mauerbach</td>
- <td class="tdr"><a href="#MAUERBACH">169</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>14. Das Wirtshaus von Österreich</td>
- <td class="tdr"><a href="#DAS_WIRTSHAUS_VON_OESTERREICH">181</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>15. Mariazell</td>
- <td class="tdr"><a href="#MARIAZELL">191</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>16. Radetzky</td>
- <td class="tdr"><a href="#RADETZKY">203</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>17. Thronrede</td>
- <td class="tdr"><a href="#THRONREDE">213</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>18. »Gewehr heraus!«</td>
- <td class="tdr"><a href="#GEWEHR_HERAUS">223</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>19. Frühjahrsparade</td>
- <td class="tdr"><a href="#FRUEHJAHRSPARADE">233</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>20. Kaisermanöver</td>
- <td class="tdr"><a href="#KAISERMANOEVER">243</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>21. Elisabeth</td>
- <td class="tdr"><a href="#ELISABETH">255</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>22. Das österreichische Antlitz</td>
- <td class="tdr"><a href="#DAS_OESTERREICHISCHE_ANTLITZ">265</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-</div>
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p>
-
-<h2 id="DIE_WIENER_STRASSE">DIE WIENER STRASSE</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Der alte Herr schreibt in sein Tagebuch:</p>
-
-<p>Ein wunderschöner Tag ist das heute gewesen.
-Voller Sonnenglanz und Wärme, und
-in den Straßen hat es überall nach Veilchen geduftet.
-Daß ich heute gerade sechzig Jahre alt geworden
-bin, möchte mich freilich herabstimmen. Aber ich
-kann mir nicht helfen, ich bin ganz gut gelaunt.
-Und ich finde, es ist sehr hübsch, im Frühling Geburtstag
-zu haben, wenn es so warm wird, und wenn
-die Straßen nach frischen Blumen riechen. Was will
-man denn mehr? Ich bin spazieren gegangen, wie
-gewöhnlich. Zuerst durch die Innere Stadt, dann
-bei der Oper auf den Ring hinaus und wieder zurück.
-Dann bin ich noch im Kaffeehaus gewesen.</p>
-
-<p>Also sechzig Jahre. Am liebsten würde ich mit
-Stillschweigen darüber weggehen; weil es aber
-schon so lange meine Gewohnheit ist, daß ich bei
-solchen Anlässen gewissermaßen den Jahresschluß
-ziehe, und ein bisserl was aufschreibe von dem, was
-ich mir denke, will ich es auch heute nicht versäumen.
-Obwohl … Denn viel habe ich ja kaum
-zu sagen. Da liegen in der Lade die Bogen aus all
-den Jahren, und wenn ich sie jetzt durchlesen
-wollte, würde vielleicht immer dasselbe drinnen
-stehen. Ich habe ein sehr regelmäßiges Leben geführt,
-und wenn man ein Junggeselle ist, gibt es
-nicht viel Ereignisse. Es ist nur, daß ich jetzt eine
-gewisse Scheu habe, diese Blätter in die Hand zu
-nehmen. Sie könnten mich am Ende in eine sentimentale
-Verfassung bringen, und das hätte keinen<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-Zweck. Ich bin von dem schönen Tag noch ganz
-angeregt.</p>
-
-<p>Bald wird man auch wieder im Freien sitzen
-können. Auf dem Graben sind die zwei Kaffeehütteln
-schon hergerichtet; ein paar Tische sind sogar
-besetzt gewesen. Aber ich hab' es doch noch
-nicht riskiert. Es war übrigens nicht zum Vorwärtskommen
-heute, so viel Menschen sind in der Stadt
-herumgelaufen. Und was man für schöne Mädchen
-sieht, das ist eine wahre Freude. Man weiß
-gar nicht, welche man zuerst anschauen soll. Gleich
-in ganzen Rudeln marschieren sie auf. Und wie
-reizend ist das, diese vielen jungen, rosigen Gesichter,
-diese lachenden Augen! Seit vierzig Jahren
-gehe ich jetzt Tag für Tag denselben Weg durch
-die Innere Stadt und über den Ring und immer
-seh' ich diese vielen schönen Mädchen. Es ist unglaublich,
-wo die nur herkommen.</p>
-
-<p>Allerdings, die bleiben ja auch nicht ewig jung.
-Das darf man sich nicht einbilden. Denn sonst
-müßte ich ganz allein alt werden, und dafür tät'
-ich mich doch schönstens bedanken. Aber das
-nimmt alles seinen geordneten Gang. Wenn man
-sich auch wundert. Ich hab' das an der Baronin
-Ruttersdorf gemerkt, wie ich sie heute gesehen
-habe. Gott, wie die ausschaut! Ganz schneeweiße
-Haare hat sie schon, und recht zusammengebrochen
-ist sie. Ich bin stehen geblieben und hab' ihr
-nachgeschaut. Seit dreißig Jahren zum erstenmal
-wieder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p>
-
-<p>Vor dreißig Jahren bin ich nämlich öfter stehengeblieben
-und hab' ihr nachgeschaut. Da ist sie
-ein junges Mädchen gewesen, und war schön. Mir
-wird heute noch ganz schwindelig, wenn ich daran
-denke, wie schön sie war. Damals habe ich sie
-rasend geliebt. Aber dieses Gefühl ist längst in
-mir erloschen. Ja, ja, ich habe so manches erlebt.
-Das heißt, persönlich gekannt habe ich sie natürlich
-nicht. Wie wäre das auch möglich gewesen?
-Ich war ein ganz kleiner Beamter. Ein noch viel
-kleinerer als ich heute bin. Und was werd' ich
-denn im Monat gehabt haben, vor dreißig Jahren?
-Sechzig oder siebzig Gulden; mehr gewiß nicht.
-Aber was will man …? Ein junger Mensch!
-Und so hat sie damals mein ganzes Dasein erfüllt.
-Ich hab' ganz genau gewußt, daß sie am Sonntag
-in die Schottenkirche geht, ich hab' gewußt, wann
-ich sie am Nachmittag in der Stadt treffe. Wenn
-ich jetzt die Bogen von damals hervornehmen
-möchte, da würde gar viel von ihr drin stehen. Ich
-weiß, wie ich ihr nachgegangen bin, und wie ich mir
-vorgestellt habe, ich werde auf einmal ein Millionär,
-oder ich werde in zwei Jahren Minister, oder
-ich schreibe ein Drama, und werde berühmt, so
-daß mich alle Leute anschauen, wenn ich über die
-Straße gehe, und daß sich alle Leute um mich
-reißen, und dann … na, und dann … Es war
-so wundervoll, sich das ganz genau vorzustellen,
-so lebendig, als ob es wirklich wäre, als ob es morgen
-schon sein könnte. Ich bin ganz eingesponnen gewesen<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-in diese Träume und hab' ihnen viele glückliche
-Stunden zu verdanken.</p>
-
-<p>Jetzt bin ich aber sechzig Jahre alt. Und sie ist
-eine alte Frau. Ich habe ihr ganzes Leben mit angeschaut.
-Damals war sie eine Komtesse Nußbach.
-Auch ihren Vater kannte ich, den alten General.
-Der hatte so schön dichte, weiße Haare wie jetzt
-seine Tochter. Dann hat sie den Baron Ruttersdorf
-geheiratet. Dann ist sie mit ihren Kindern
-spazieren gegangen. Was für reizende Kinder
-sind das gewesen, besonders der älteste Bub, der
-Ferdinand. Dann ist ihr Vater gestorben, und sie
-hat das Palais auf der Wieden geerbt. Dann hat
-ihr Mann die Geschichte gehabt mit der ungarischen
-Sängerin, und man hat gesagt, sie werden
-sich scheiden lassen. Dann hat sich der Ferdinand
-erschossen. Er war Leutnant bei den Windischgrätz-Dragonern.
-Und dann ist ihr Mann gestorben.
-Wenn ich sie heute angesprochen hätte,
-und hätte ihr erzählt, daß ich ihr ganzes Leben
-kenne und daß ich sie geliebt habe, was für Augen
-hätte sie gemacht! So was kann man freilich nicht
-tun; und ich bin auch gar nicht der Mann dazu.
-Aber wer weiß, wie gut wir jetzt miteinander reden
-würden.</p>
-
-<p>Denn ich glaube wohl, daß ich imstande wäre,
-mit so einer Dame zu sprechen, ohne einen Fehler
-zu machen. Und ich denke, auch meine Kleidung
-ist elegant genug, um in besseren Kreisen zu verkehren.
-Auf anständige Manieren habe ich nämlich<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-immer sehr acht gegeben, und auf gute Kleider
-habe ich immer sehr viel gehalten. Es war das erste,
-was ich getan habe, wie ich fix angestellt worden
-bin, daß ich mich mit einem Schneider auf Monatsraten
-verständigte. Und seitdem bin ich immer sehr
-fein angezogen gewesen. Auch habe ich immer nur
-in noblen Lokalen verkehrt. Natürlich nur in
-Kaffeehäusern, denn die Restaurants sind ja doch
-für meine Verhältnisse zu kostspielig. Aber darauf
-kommt es gar nicht an. Was hat man denn von
-einem Restaurant? Man ißt, steht auf und geht
-wieder fort. Zu diesem Zweck genügt mir doch
-mein Gasthaus in der Piaristengasse, wo ich abonniert
-bin, und wo ich schon seit Jahrzehnten alle
-Tage um drei Uhr, nach dem Bureau, speise. Aber
-mit dem Kaffeehaus ist das etwas anderes. Und
-im Café Imperial oder im Pucher hat man mich
-immer für einen Baron gehalten.</p>
-
-<p>Selbstverständlich habe ich die Baronin Ruttersdorf
-nicht angesprochen und werde sie auch niemals
-anreden. In diesem Leben nicht. Vielleicht,
-daß wir uns einmal in einer anderen Welt begegnen.
-Da würden wir freilich genug Gesprächstoff haben,
-und vielleicht wird sie sich dann mit mir sogar
-lieber noch unterhalten als mit ihrem Herrn Gemahl.
-Hier aber bleibt es schon beim Alten. Denn
-da müßte ich gar viele Leute ansprechen, wenn ich
-das wollte, und finge mit jedem zu reden an, dem
-ich das ganze Leben zugeschaut habe.</p>
-
-<p>Ob das in einer anderen Stadt auch so ist, in<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-Berlin oder in London, das weiß ich nicht. Aber
-bei uns ist es so. Man kann die Leute sehen, die
-interessant sind, man kann ihnen zuschauen, wie
-sie leben. Man lebt mit ihnen, und es ist gar nicht
-einmal notwendig, daß man reich ist oder vom
-Adel oder ein großes Tier. Ich gehöre doch gewiß
-nicht zur Aristokratie, aber ich kenne trotzdem
-alle. Ich kenne sie, wie sie jung waren, sehe ihnen
-zu, wie sie alt werden, sehe ihre Kinder heranwachsen
-und dieselben Geschichten machen. Ich
-habe nie so viel Geld gehabt, um alle Augenblick
-in Kunstausstellungen zu gehen, und ich habe doch
-den Kanon gekannt und den Makart. Ich weiß
-es noch wie heute, wie er im Fiaker über den Ring
-gefahren ist, ein ganz kleiner, schlanker Herr. Im
-Theater bin ich auch fast nie gewesen, und habe
-doch alle gekannt und gesehen; die Wolter, wie
-sie den Grafen O'Sullivan geheiratet hat, und die
-Geistinger, und wie der Girardi berühmt geworden
-ist, und alle miteinander. Woher ich sie kenne,
-das vermöchte ich nicht einmal zu sagen. Vielleicht
-macht es die Übung, wenn man so viele Jahre
-Tag für Tag durch die Stadt geht. Da findet man
-die berühmten Gesichter einfach heraus; und da
-weiß man auf einmal den Namen; und dann sieht
-man die Leute wieder und wieder, bis man ihnen
-zuletzt alles von ihren Gesichtern, von ihrem Gang,
-von ihrer Haltung ablesen kann, was sie erleben.
-So oft ich in dieser langen Zeit meinen Spazierweg
-gemacht habe, immer bin ich davon angeregt<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-und zerstreut worden, immer habe ich mich glänzend
-unterhalten, immer habe ich das Gefühl gehabt,
-daß ich in einer vorzüglichen Gesellschaft
-verkehre. Und dazu braucht man wirklich keine
-Reichtümer. Was will man denn mehr?</p>
-
-<p>Wenn ich mich so erinnere, wie ich als junger
-Mensch nach und nach gelernt habe, die Augen
-aufzumachen … Ich bin zwar in ganz einfachen
-Verhältnissen aufgewachsen, aber gespürt habe ich
-doch, was es für schöne Dinge gibt in der Welt.
-An einem Sonntag, wenn die Stadt ganz still ist,
-da habe ich stundenlang herumgehen können und
-mir die alten Palais anschauen; die Portale, und
-der Blick, der sich in die weiten Höfe erschließt,
-und dann die hohen Fenster und die Figuren drauf.
-Dann die engen Gassen, so um die alte Universität
-herum. Und wie lang bin ich immer auf
-dem Burgplatz gestanden, vor dem Eingang zum
-Schweizerhof. Wie gut kenne ich den Burgplatz.
-An frühen Winterabenden zum Beispiel, wenn der
-Schnee wie ein weißer ausgebreiteter Teppich den
-ganzen Platz überspannt, wenn die grauen Fronten
-schimmern, und wenn hier alles so abseits, so
-wie in einer anderen Welt ist. Oder an Nachmittagen
-im Hochsommer, wenn man weiß, der
-Kaiser ist nicht da, und alles, was sich regt, ist nur
-Dienerschaft. Wenn dieser Platz mit der Wache
-und den Gendarmen und den verhängten Fenstern
-so was Träges und Schläfriges hat. Und dann
-die Sommerabende draußen auf dem äußeren Burgplatz,<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-wenn der Himmel so schön weit ist, und
-wenn in der Ferne die Dächer der Vorstadt glänzen.
-Wieviel habe ich sehen gelernt, seit ich ein junger
-Mann war und jeden Tag nach dem Bureau spazieren
-gegangen bin; und wieviel könnte ich
-sagen. Aber ich möchte nur bemerken, daß in
-diesen jungen Jahren gerade durch meine Spaziergänge
-viele Eigenschaften in mir entwickelt wurden.
-Der Burgplatz zum Beispiel, der Graben, der
-Kohlmarkt, … da habe ich nach und nach einen Sinn
-für Anstand bekommen, ganz unwillkürlich; eine
-Neigung zu besseren Lebensformen und eine gewisse
-Empfindlichkeit gegen das Ordinäre und gegen
-das Geschmacklose.</p>
-
-<p>Ich möchte bemerken, daß die Menschen, die
-ich täglich sah, einen gewissen Zwang auf mich
-ausgeübt haben. Ich hätte mich geschämt, unordentlich
-oder aufdringlich angezogen unter ihnen
-zu erscheinen. Wenn ich mein Bureau verlassen
-und gespeist hatte, dann lief ich in die Stadt, um
-das glänzende Leben zu sehen. Ein junger Mensch
-will eben sein Vergnügen haben. Und mir war es
-ein Vergnügen, mir ist es heute noch eines. Meine
-Freude am Luxus wurde mit jedem Tage mehr und
-mehr geweckt. Und ich brauchte nur spazieren
-zu gehen, um diesen Luxus zu genießen. Nehmen
-wir die Fiaker. Ich bin selbst nur drei- oder
-viermal in einem Fiaker gefahren, aber ich verstehe,
-daß es sehr schön ist, wie leicht solch ein
-Wagen rollt; wie die Pferde gleichmäßig traben,<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-wie das um die Ecke biegt, dahersaust, verschwindet.
-Ich brauche das nur anzuschauen, und genieße
-die Annehmlichkeit, die in einem so famosen
-Fuhrwerk liegt. Und ich schaue es mir heute noch
-aufmerksam an, es unterhält mich jedesmal. Nehmen
-wir die Burg und die Oper. Ich kann es an
-meinen Fingern abzählen, wie oft ich drin war.
-Aber unzählige Male bin ich nach der Vorstellung
-im Opernvestibül gestanden und habe mir die vornehme
-Welt angeschaut, und bin wie nach einer
-glänzenden Unterhaltung heimgegangen, wenn ich
-dieses prachtvolle Gedränge schöner Frauen und
-eleganter Herren die majestätische Logentreppe
-herunterströmen sah, und das Schauspiel der geschäftigen
-Lakaien. Im Sommer, wenn man keine
-Überkleider mehr in der Garderobe abzulegen
-braucht, bin ich oft ins Burgtheater, habe mir die
-Treppenhäuser angesehen, bin im großen Foyer
-herumspaziert, mitten unter dem Menschenschwarm.
-Wenn dann der Zwischenakt vorbei war,
-stürzten die Leute wieder in den Zuschauerraum.
-Ich aber entfernte mich und hatte wieder einen
-Genuß gehabt. Wäre ich beständig im Fiaker gefahren,
-wäre ich alle Tage ins Theater gegangen,
-mit einem Wort, wäre ich reich gewesen, wer weiß,
-ob sich nicht alles für mich mit der Zeit abgestumpft
-hätte. So aber habe ich immer nur den
-besten Schaum von den Dingen gekostet, habe mir
-alle Genüsse in meiner Phantasie noch herrlicher
-ausgemalt, als sie vielleicht in Wirklichkeit sind,<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-und so hat bis heute nichts von alledem seinen Reiz
-verloren.</p>
-
-<p>Als junger Mensch bin ich oft in der Stadt
-herumgelaufen und habe geglaubt, es müsse mir
-etwas Wunderbares begegnen, es müsse sich etwas
-Herrliches plötzlich mit mir ereignen. Irgendetwas,
-das mit schönen Frauen, mit Pracht und
-Glück, mit Palästen, mit Musik oder dergleichen
-zusammenhängt. Dieses manchmal ungeduldige
-Erwarten hat sich mit der Zeit nun freilich stark
-gedämpft. Ich bin heute schließlich sechzig Jahre
-alt. Aber noch heute, wenn ich durch die Innere
-Stadt promeniere, wenn ich durch das Rauschen
-der Ringstraße gehe, wenn so viele schöne Frauengesichter
-an mir vorübergleiten, dann ist mir, als
-sei noch manche verborgene Möglichkeit irgendwo
-vorhanden, und als könne doch noch etwas Merkwürdiges
-und Festliches geschehen. Das ist gewiß
-töricht, ich sehe es ja ein, aber die Zeit vergeht
-so schnell dabei, und man fühlt sich dann so
-angeregt und so zufrieden.</p>
-
-<p>Ich bin sechzig Jahre alt und weiß, daß vieles
-für mich vorüber ist. Ich bin ein armer Teufel. Das
-weiß ich auch. Und ich habe nichts erreicht.
-Manche Leute werden finden, ich hätte keine Ursache,
-so zufrieden zu sein. Manche Leute werden
-finden, ich hätte meine Jahre besser anwenden,
-hätte es durch größeren Fleiß, durch höhere Strebsamkeit
-ungleich weiter bringen können. Und ich
-muß ihnen recht geben. Ich muß es um so mehr,<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-als ich zu alledem noch weiß, daß es mir nicht an
-guten Talenten, an reichen Anlagen und Geschicklichkeiten
-gefehlt hat. Heute darf ich's ja sagen,
-wo es doch schon zu spät ist. Ich hätte etwas werden
-können in der Welt. Etwas Großes vielleicht.
-Sicherlich etwas viel größeres, als ich geworden bin.
-Aber ich muß sagen, daß ich bei alledem nicht unglücklich
-bin. Vielleicht wäre ich als armer Teufel
-in einer anderen Stadt sehr unzufrieden und sehr
-unglücklich gewesen. Das vermag ich nicht zu beurteilen,
-denn ich kenne die Verhältnisse anderswo
-nicht, und weiß nicht, ob ich mich anderswo wegen
-meiner Armut und wegen meiner niedrigen Stellung
-ausgeschlossen gefühlt hätte. Hier habe ich
-mich niemals ausgeschlossen gefühlt, sondern habe
-immer die Empfindung, mindestens aber die Illusion
-gehabt, an allem Luxus, an aller Schönheit
-und an aller Intimität der Stadt ohne weiteres teilnehmen
-zu dürfen. Vielleicht hätte ich anderswo
-nicht gerastet, um in die Höhe zu kommen. Das
-ist schwer zu sagen. Ich weiß nur, daß ich immer,
-wenn ich des Abends von meinen Spaziergängen
-heimwärts wanderte, von allen meinen Eindrücken
-ganz sorglos gemacht und in meinem Sehnen ganz
-wunderbar beschwichtigt war. Wenn mir manchmal
-der Trieb kam, etwas Besonderes zu leisten,
-etwas zu unternehmen, dann schien es mir immer,
-als sei ja schon längst alles unternommen und geleistet
-und erreicht, und es bliebe jetzt nichts mehr
-zu tun übrig, als das Vorhandene wie einen köstlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-Besitz zu verstehen und zu genießen. Das
-mag ein verhängnisvoller Irrtum sein, doch werde
-ich mich jetzt nicht mehr damit befassen, ihn richtigzustellen.
-Ich habe schließlich genug erlebt,
-habe Menschenkenntnis und Erfahrungen in Hülle
-und Fülle, ich habe mein sicheres Auskommen und
-meine Ruhe. Jetzt habe ich auch noch den Frühling
-und diese fröhlichen Tage voll Sonne und
-Blumenduft. Bald wird man auch im Freien sitzen
-können. Auf dem Graben sind ja schon die Kaffeehütteln
-hergerichtet. Alles übrige mag sein wie es
-ist. Was liegt denn dran?</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p>
-
-<h2 id="KLAVIERSTUNDE_BEI_LESCHETITZKY">KLAVIERSTUNDE BEI LESCHETIZKY</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Ein kleines rotes Haus im Währinger Kottage,
-mit einem netten Turm, der sich stramm
-davor aufrichtet. Ich kenne es seit meiner
-Kindheit; und seit ich als Bub auf der Türkenschanze
-umherlief, die damals freilich noch hinter
-jenem Hause gleich anfing, kenne ich vom Sehen
-den fröhlich dreinblickenden, weißbärtigen Herrn,
-der an milden Frühlingsabenden aus der Pforte
-unter dem Turm herauskam und über die Wiesen
-zum Heinrichshügel spazierte; immer munter, und
-immer von schönen, exotischen Frauen gesprächig
-umgeben.</p>
-
-<p>Der Heinrichshügel, dieser bescheiden erhöhte
-Abendsitz inmitten wogender Kornfelder, ist lange
-verschwunden. Die Felder und Wiesen sind ja
-alle verbaut, und die ganze Türkenschanze existiert
-nicht mehr. Es sind, wie gesagt, über zwanzig
-Jahre her. Aber der weißbärtige alte Herr blickt
-immer noch fröhlich drein, ist immer noch munter,
-und immer noch von schönen exotischen Frauen
-gesprächig umgeben. Und sein kleines, rotes Kottagehaus,
-mit dem netten Turm, der sich stramm
-davor aufrichtet, ist inzwischen der sonderbarste
-Ort in Wien geworden. Jedenfalls etwas einziges
-in seiner Art; nicht nur bei uns, sondern überall.
-Wenigstens müssen die Leute allerwegs dieser
-Meinung sein, denn aus sämtlichen Weltgegenden
-kommen sie hierher. Wie man sagt: ein Brennpunkt.
-Wenn man kurz und nüchtern mitteilt, was
-in diesem Hause geschieht, dann hört es sich wie<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-gar nichts an: Hier werden Klavierstunden gegeben.
-Ein Unternehmen, das bekanntlich nur zu
-oft besteht, das fast immer mit allerlei entsetzlichem
-Geräusch verbunden ist und nicht gerade
-als eine Seltenheit angestaunt wird. Hier aber
-sind wir am wundertätigen Wallfahrtsorte aller
-Klaviermusikanten, hier ist das Rom und der Vatikan
-aller Pianogläubigen, hier werden die höchsten
-Weihen empfangen, denn hier wohnt und lehrt,
-hier segnet, und flucht zuweilen auch, der unfehlbare,
-alleinseligmachende Klavierpapst.</p>
-
-<p>Es ist etwas mehr als ein Vierteljahrhundert, seit
-Theodor Leschetitzky als ein schon längst berühmter
-Mann in Wien sich ansiedelte. Man kann
-nicht sagen, daß man ihn hier übertrieben gefeiert
-habe, daß die Reklametrommel für ihn gewirbelt
-worden sei; und während sein Ruhm aus den entferntesten
-Landen Schüler wie Verehrer herbeilockt,
-kennt man hier seine merkwürdige, in ihrer
-Art machtvolle und seltene Persönlichkeit in weiteren
-Kreisen verhältnismäßig nur wenig. Die
-Wiener, die seit fünfundzwanzig Jahren an ihm
-vorübergehen, wissen eben nach so langer Zeit,
-das ist der Leschetitzky. Viel mehr wissen sie aber
-nicht, denn es ist bei uns immer so, daß die Leute
-erst »nachträglich« alles erfahren. So kommt es,
-daß man jetzt nicht einmal sagen kann, Leschetitzky
-habe sich in Wien eine große Stellung gemacht.
-In Wahrheit muß es heißen, Leschetitzky
-nimmt in der Welt eine große Stellung ein und<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-lebt in Wien. Er könnte aber ebensogut in Graz,
-in Magdeburg oder in Düsseldorf leben. Weil es
-nämlich nicht die Wiener gewesen sind, die ihn
-verkündet haben, sondern die Fremden, die Engländer,
-die Amerikaner, die Schweden, Dänen,
-Franzosen und Russen.</p>
-
-<p>Hier werde ich natürlich nicht von seiner Methode
-sprechen. Erstens vermöchte ich das gar
-nicht, zweitens interessiert mich diese Methode nur
-sehr wenig, und endlich könnte eine theoretische
-Erörterung darüber nur einen schwachen Begriff
-von Leschetitzkys Individualität geben. Diese allein
-aber fesselt mich, diese eigentümliche Gewalt,
-die von ihm ausgeht, daß er auf seine Schüler nicht
-bloß pädagogischen Einfluß übt, sondern sich vollständig
-ihres Menschentums bemächtigt. Die Persönlichkeit
-eines Mannes, die es bewirkt, daß ihm
-alle bedingungslos ergeben sind, daß sie ihn über
-gelegentliche Schroffheit und manche Tyrannei
-hinweg unbeirrt lieben, daß große Künstler vor
-ihm befangen werden und für sein kärglichstes Lob
-den Beifall von Tausenden freudig dahingehen.
-Da ist es denn am besten, ihn einmal mitten unter
-seinen Schülern zu sehen, wenn alle in dem kleinen
-roten Kottagehäuschen beisammen sind und er
-ihrem Ehrgeiz, ihrem Können und ihrem Talent
-einen Produktionsabend gönnt.</p>
-
-<p>Von diesen Abenden ist immer wie von einem
-Feiertag die Rede; und es geht auch sehr feierlich
-zu, wie bei einem richtigen Konzert. Nur daß es<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-hier angenehmer und freier ist, die Stimmung einheitlicher
-und viel mehr erhöht als in einem öffentlichen
-Musiksaal. Das kommt daher, weil hier eine
-fühlbare Zusammengehörigkeit alle verbindet.
-Künstler, die unter sich sind und froh darüber,
-daß die Profanen draußen bleiben müssen. Nur
-selten geschieht es, daß hier ein Saulus unter die
-Propheten gerät, ein Pontius ins Credo sich verirrt.</p>
-
-<p>In einem langen vierfenstrigen Saale stehen an
-der oberen Schmalseite zwei Klaviere nebeneinander,
-derart, daß die Spieler mit dem Rücken zur
-Wand sitzen, das Gesicht den Hörern zugewendet,
-von denen sie durch die ganze Länge des Instruments
-getrennt sind. An derselben Schmalseite des
-Musiksalons führt eine Tür in das Speisezimmer.
-Hier sitzen gewöhnlich die Amerikaner und sehen
-nur gerade die Vortragenden. Spielt ein gewöhnlicher
-Mensch, dann wird im Saal länger applaudiert
-und aus dem Speisezimmer hört man bald
-nichts mehr. Spielt aber ein Amerikaner oder eine
-Amerikanerin, dann wirds hier draußen früher
-stille, während aus dem Speisezimmer der Beifall
-der unsichtbaren Landsleute noch weiterklingt.</p>
-
-<p>Man ist hier überhaupt in einer höchst internationalen
-Gesellschaft. In Wien an und für sich
-schon eine Seltenheit. Hier gibt es Russinnen in
-prunkvollen Gewändern und mit barbarisch schönen
-Edelsteinen; dann die dunkeläugigen, ein wenig
-zur karikaturmäßigen Genialität neigenden Polen;<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-dann die blonden Schwedinnen, die so stolze
-und nachdenklich blaue Augen haben, so wunderbar
-goldblonde Haare, die so einfach angezogen
-und so schön und biegsam von Wuchs sind; dann
-ein ganzes Rudel Amerikanerinnen von jener unnachahmlichen
-Barrison-Grazie, von jenem unerreichbaren
-Schick, der sie sogleich von allen anderen
-unterscheidet, und von jener gesammelten
-Sachlichkeit in Miene, Geberden und Worten, die
-mit ein Reiz ihrer Schönheit ist; Engländerinnen,
-die manchmal nicht schön sind, aber fast immer
-märchenhaft viele Haare haben, märchenhaft frisiert,
-und von einer märchenhaft rostroten Farbe.
-Dann die Amerikaner und die Engländer mit ihren
-Langschädeln, ihren langen Hasenzähnen, ihren
-langen Armen und Beinen; kleine stämmige Russen,
-breitknochige Gesichter, niedere, aber gewölbte
-Stirnen und üppige Mähnen; dann natürlich
-die gewissen Jünglinge mit den überspannten
-Locken und den überspannten Kravatten, oftmals
-recht groteske Gestalten, wie Eugen Kirchner sie
-zeichnet. Vor Jahren ging hier als ein hagerer
-Jüngling Paderewski umher, mit einem dünnen,
-langen Hals, aus dessen Magerkeit der Kehlkopf
-wie ein halbverschluckter Bissen hervorstach. Sein
-Gesicht trug die vielen Sommersprossen der Rothaarigen
-und er hatte einen roten Schopf, der ihm
-verzweifelt in die Höhe stand, dann bis tief zur
-Nase ins Gesicht herein wuchtete und sich ausnahm
-wie ein Hahnenkamm. Zuletzt etliche deutsche<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-Brüder und Schwestern aus dem Reich, die erheblich
-schnarren. Endlich die beweglichen Wiener
-Judenmädel und die Wiener Christenmädel,
-von denen wieder manche sehr hausmeisterisch aussehen
-und manche wie Erzherzoginnen.</p>
-
-<p>Alle aber sind vom gleichen Feuer entzündet;
-allen ist der heiße Ehrgeiz von den Zügen abzulesen,
-das angespannte, mühevolle Streben, allen
-merkt man die harte Arbeit vieler Stunden an, das
-Ringen mit dem eigenen Wesen, mit den tückischen
-Problemen der Technik. Und alle sind erregt,
-als seien definitive Entscheidungen zu erwarten.
-Es ist ganz merkwürdig, wie alle miteinander
-befangen werden, wenn einer ans Klavier gerufen
-wird. Dieses Mitfühlen ist stärker als persönliche
-Gegensätze, stärker als vereinzeltes Übelwollen.
-Wie durch einen elektrischen Kontakt sind sie alle
-sofort mit dem einen verbunden, der aus ihrer
-Reihe vor den Lehrer treten muß, und sie zittern
-mit ihm, haben mit ihm Lampenfieber. Aus der
-Schule her wird man sich erinnern, wie durch die
-ganze Klasse immer ein Beben geht, wenn ein
-strenger Professor prüft. Die Kinder vergessen
-allen Streit und wünschen auch dem feindlichen
-Kameraden in diesen schweren Minuten jegliches
-Glück. Niemals fühlt man das Ta twam asi naiver
-und stärker als in solchen frühen Augenblicken.
-Hier aber ist doch noch ein wesentlicher Unterschied,
-denn neben der Anteilnahme regt hier sich
-in allen Hörern auch sofort die Strenge mit dazu.<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-Die Ansprüche sind hoch; man ist verwöhnt, hier
-in diesem kleinen roten Kottagehaus, wo seit fünfundzwanzig
-Jahren alle großen Künstler, die nach
-Wien kamen, ihr Können zeigten, hier wo die Wände
-die allerbeste und die allerhöchste Musik seit
-einem Vierteljahrhundert vernehmen. Dieses ganze
-Haus ist von oben bis unten erfüllt von einer klingenden
-großen Tradition und in diesen Räumen hier
-sind die edelsten Weisen verhallt, die in der Welt
-nur unter edelsten Künstlerhänden ertönen. Drei,
-vier Virtuosengenerationen haben von hier ihren
-Ausgang genommen, sind über die ganze Erde gewandert,
-da und dort verschollen, am Wege gestorben
-oder mit Ruhm, Ehre und Reichtum beladen
-in das kleine Haus im Kottage zurückgekehrt,
-um hier vor dem alten Lehrer und den neuen Schülern
-ihren Ruf, ihre Entwicklung und ihre Reife
-bestätigen zu lassen.</p>
-
-<p>Wenn so ein junger Mann oder ein junges Mädchen
-während der kurzen Schritte zum Klavier sich
-an diese Dinge erinnerte, dann müßte das bißchen
-Courage freilich zusammenschnappen. Meistens
-aber denken sie an gar nichts als an ihr Stück, an
-dessen schwierige Stellen, und nur daran, daß »der
-Professor« da ist und sie anhört. Da kommt eine
-hübsche Engländerin. Das rostrote Haar umgibt
-ihr Haupt wie ein brennender Schein. Sie spielt
-scheinbar ohne körperliche Anstrengung; aber mit
-niedergeschlagenen Augen beaufsichtigt sie den
-Lauf der Finger über die Tasten. Ihre lächelnden<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-Mienen werden ernster und ernster, ihre Mundwinkel
-zucken leise, und allmählich steigt eine
-sanfte Röte über den Saum ihres Kragens herauf
-zu den Wangen, zur Schläfe, und färbt ihr blasses
-Gesicht. Während die Leute applaudieren, tritt
-sie sofort zu Leschetitzky, lachend, eilig, als flüchte
-sie zu ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr.
-Dann, nachdem sie eine Silbe erhascht hat,
-verschwindet sie. Schon sitzt auch eine andere am
-Flügel. Ein kleines, blühendes Ding, eine Wienerin
-rotwangig und frisch, aber mit kurzsichtigen Augen
-und mit willensstarken, geschlossenen Zügen, aus
-denen nichts anderes als Fleiß, Entschiedenheit
-und sichere Ruhe spricht. Sie stößt mit sprungartigen
-Bewegungen in die Tasten, hält sich verkauert,
-fährt zurück und schießt gleich wieder mit
-aller Heftigkeit los, die Arme wie Krallen vorgestreckt,
-den Kopf geduckt, so daß man bei ihren
-Sprüngen unwillkürlich an ein kämpfendes Huhn
-denkt. Sie scheint nichts zu hören, nichts zu fühlen,
-nichts zu sehen. Zum Schluß aber tritt sie
-sofort, des Beifalls nicht achtend, zu Leschetitzky,
-aufatmend, lachend, eilig, als flüchte auch sie zu
-ihm nach einer glücklich überstandenen Gefahr.
-Alle wenden sich ihm so zu, wenn sie fertig sind;
-alle haben die gleiche Art, zu ihm zu flüchten,
-einen Augenblick lächelnd, aufatmend vor ihm zu
-stehen und dann zu verschwinden. Jetzt sitzt ein
-sehr bleicher, sehr englisch aussehender junger
-Mann am Flügel, der das Zittern seiner Unterlippe<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-nicht beherrschen kann, der wie bewußtlos vor sich
-hinstarrt, und der doch unter dem Zwange des
-Augenblicks alles aus sich herausholt, was an Talent,
-an technischer Sicherheit und durchdachter
-Auffassung in ihm bereit lag. Dann kommt eine
-bildschöne Russin, die sehr ruhig scheint. Ihr
-elfenbeinschimmerndes Gesicht färbt sich nicht
-höher, nur den kleinen Mund preßt sie heftig zusammen
-und ihre Nasenflügel beben, während sie
-mit ihren dunklen, großen Augen die Leute anblitzt.
-Nach ihr eine Amerikanerin, die sich im
-Sessel wie in einem Sattel wiegt, die gütig den Kopf
-zur Seite neigt, zur Klaviatur herabnickt, als könne
-sanftes Zureden helfen. Dann wieder ein sehr
-ernster Mann mit einer Rubinsteinfrisur und &ndash;
-wenn man so gut sein will &ndash; mit einem Rubinsteingesicht,
-der hier nur gastiert, und der sein
-Lampenfieber hinter einer düsteren Entschlossenheit
-zu bergen trachtet. Dann ein Kind von vierzehn
-Jahren. American Girl, nicht eben schön.
-Ein bißchen dick in ihrem kurzen weißen Kleid,
-ein bißchen breitnasig und ein bißchen zu vollwangig.
-Spielt aber, als ob sie allein sei und nach
-keinem Menschen zu fragen hätte; den Kopf weit
-zurückgeworfen, Verzückung in den Mienen, die
-großen hellen Augen, die manchmal zu jauchzen
-scheinen, aufwärts gerichtet, und ist völlig eingehüllt
-in ihrer Musik wie in einer kleinen Wolke von
-Begeisterung.</p>
-
-<p>Über all dieser Entfaltung von Talent, Energie,<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-Ehrgeiz und Fleiß wacht der weißbärtige alte Herr,
-der mit seinen weißen, russisch geschnittenen Haaren,
-mit der gemütlichen Nase und den schwimmenden,
-verkniffenen, vergnügten blauen Augen
-wie ein Muschik aussieht. Rosig und frisch im
-ganzen Gesicht, bis unter die Haarwurzeln rosig,
-ist er voll Elastizität, voll Temperament und Nerven,
-scheint aus der musizierenden Jugend, die ihn
-beständig wie ein Choral des Lebens umgibt, immer
-neue Erquickung, immer neue Frische zu
-schöpfen. Mit der Präzision eines Thermometers
-und mit derselben Empfindlichkeit reagiert sein
-Kunstgefühl auf jeden Ton, der sein Ohr erreicht.
-Andere ermüden, seine Aufnahmefähigkeit aber
-wächst von Stunde zu Stunde und ermattet nicht.
-Gelingt etwas so recht nach seinem Willen, dann
-lachen seine Augen, sein Mund, seine Wangen;
-alles an ihm lacht, auch sein Herz: das sieht man
-sehr gut. Und in solchen Augenblicken ebenso wie
-in Momenten des Zornes, der Ungeduld kann man
-wahrnehmen, wie durch und durch künstlerisch
-das Wesen dieses Mannes ist und wie groß seine
-Gabe, sich zwingend, deutlich, überzeugend mitzuteilen.
-Oft und oft setzt er sich an das zweite
-Klavier, wenn der Vortrag des Spielenden ungleich,
-oberflächlich, verwischend wird, oder wenn's am
-Rhythmus oder an der dynamischen Wirkung hapert.
-Dann begleitet er nach seiner Weise den
-Schüler ein Stück des Weges, reißt ihn schneller
-mit sich fort, oder hält ihn zügelnd zurück, oder<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-gibt einer Cantilene mehr Weichheit, hilft einem
-Thema zum plastischen Ausdruck und läßt dann
-den wider Willen Geleiteten allein weiter laufen.
-Oder er fährt wütend dazwischen, schickt die Vortragende
-unter heftigen Scheltworten vom Klavier
-weg und erlaubt ihr erst auf inständiges Bitten das
-Weiterspielen. Und da ist es oft rührend, wie so
-ein junges Ding nun seine ganze Aufmerksamkeit
-in beide Hände nimmt, um das glückliche Ende zu
-erreichen. Niemand wundert sich über solche
-Zwischenfälle, niemand von den Betroffenen zeigt
-falsche Scham. Alle wissen ja, daß sie hier eigentlich
-nur für ihn allein spielen, und nicht für die
-anderen hundert Menschen, die zufällig dabei sind.</p>
-
-<p>Wie ein vielmögender Pförtner an der Schwelle
-des Ruhmes steht er vor dieser andrängenden,
-stürmisch den Einlaß begehrenden Jugend, die er
-durch sein Künstlertum beherrscht, durch den
-Glanz einer großen Vergangenheit und durch den
-Scharme einer immer sprudelnden, immer lebendigen
-und verheißungsvollen Gegenwart. Es ist
-ein hervortretender Zug im Wesen Leschetitzkys,
-daß er Festlichkeit um sich verbreitet. Damit
-lockt er und wirkt er wohl am meisten. All seine
-Wissenschaft und Erkenntnis würde ihm die Menschen
-nicht zuführen und könnte den Menschen
-nichts nützen, wenn er zufällig ein Schulmeister
-wäre und kein Künstler, wenn sein Ernst trocken
-wäre und er dieses strömende, zum Wohlsein und
-zur Feiertagslaune geneigte Temperament nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-besäße. Denn nie ist ein Schulmeister geliebt worden,
-und es ist kein Schaffen möglich ohne Heiterkeit
-des Herzens und festlich gestimmte Laune.</p>
-
-<p>Stünde dieses kleine Haus in Graz, in Magdeburg
-oder in Düsseldorf, man würde sich beeilen,
-von Wien aus hinzureisen, um diese seltene Kunstakademie
-zu sehen, die ein einzelner geschaffen, die
-nur durch die Persönlichkeit eines einzelnen lebt,
-und aus der so viele Berühmtheiten hervorgegangen
-sind. Man würde den weiten Weg nicht
-scheuen, um einmal in dieser rätselhaften und wohltuenden
-Atmosphäre zu weilen, um diesen Mann
-genauer zu betrachten, der von weitem wie ein
-Magier aussieht, der in der Nähe jedoch nichts
-weiter ist als ein starker Mensch und ein Künstler
-von mitteilsamen Kräften. Weil es aber nur in
-Währing ist, kann die Sache aufgeschoben werden,
-denn da kommt man ja sowieso alle Tage hin.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span></p>
-
-<h2 id="ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG">ARISTOKRATEN-VORSTELLUNG</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Der Wagen rollt durch das Augartentor und
-sogleich fühlt man sich ein wenig gehoben.
-Wer hat auch sonst Erlaubnis, hier hereinzukutschieren?
-Da gibt es denn einfach eine vornehme
-Stimmung, von der gemeinen Straße abbiegen
-und über diesen fürstlichen Kies dahinfahren
-zu dürfen. Schade, daß kein Schnarrposten da ist.
-Der könnte ein bißchen schreien, und das würde
-das Selbstgefühl ungemein steigern. Aber das sind
-überschwengliche, vermessene Träume, gefördert
-durch die Einsamkeit des Coupees. Betritt man erst
-die große Antichambre, dann schnappt man rasch
-wieder zusammen. Ein hoher Saal mit Kronleuchtern,
-Spiegeln, Teppichen. Weiß, Gold und
-Rot, die offiziellen Farben in den Palästen. Das
-Wort Zimmer schrumpft auf ein Nichts; in wahrhaft
-beschämender Weise. Hier sind Gemächer,
-Appartements. Und Lakaien. Ein solcher Schwarm
-von Lakaien, wie er sich nur in verschwenderisch
-ausstaffierten Romanen zu finden pflegt. Nicht
-einmal auf der Bühne. Denn welches Theater hätte
-so viele und so präsentable Komparsen? Galonierte
-prächtige Lakaien mit galonierten, prächtigen Gesichtern.
-Es ist wirklich herzerfreuend, wie gesund
-und wohlgenährt diese wackeren Männer aussehen.
-Lakaien, mit einem Wort, die höflich sind
-und streng dabei; die Gebärden von ungeheurem
-Stolz haben, und die einem trotzdem beim Ablegen
-des Winterrockes behilflich sind. Man merkt
-sofort: hier muß man sich geehrt fühlen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span></p>
-
-<p>Von allen Gefühlen, die es gibt, ist das Gefühl,
-geehrt zu sein, unstreitig das angenehmste. Und
-wenn man diese bescheidene Behauptung nur
-einigermaßen als wahr hinnehmen will, dann ist
-das Rätsel solcher Vorstellungen gelöst. Das Rätsel
-nämlich, daß man solche Vorstellungen wie Ereignisse
-ersten Ranges traktiert, daß man sich zu
-ihnen drängt, sich die Billette aus der Hand reißt
-und sich schlechterdings für deklassiert hält, wenn
-man nicht mit dabei gewesen ist. Es gibt Vorstellungen,
-in denen man sich gerührt, Vorstellungen,
-in denen man sich aufgeregt fühlt, Vorstellungen,
-in denen man sich belustigt oder begeistert,
-Vorstellungen, in denen man sich gelangweilt
-fühlt. Aber Vorstellungen, in denen man sich
-ununterbrochen geehrt fühlen muß, darf oder kann,
-gehören doch zu den seltenen Genüssen. Man betritt
-den Zuschauerraum, und gleich am Eingang
-steht ein Graf, der die Kartenabgabe überwacht.
-Zu viel Ehre! Man versucht, in seine Sitzreihe
-zu gelangen, und es erheben sich drei Komtessen,
-zwei Gardekapitäne, um uns durchzulassen, eine
-Altgräfin und zwei Prinzen. Zu viel, zu viel der
-Gnade! Man setzt sich nieder und hat einen
-Prinzen zur Rechten, eine Reichsfreifrau zur Linken,
-einen Fürsten vor sich und hinten einen Marquis.
-Wie angenehm das ist! Und der Prinz zur
-Rechten plaudert mit der Reichsfreifrau zu deiner
-Linken, so laut und so ungeniert, als ob du gar nicht
-da, als ob du einfach Luft wärst. Jedes Wort hörst<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-du, ob du nun willst oder nicht, du hörst es und
-bist hochgeehrt. Kein Zweifel.</p>
-
-<p>Es wäre nun ganz abscheulich, die hohen Eintrittspreise
-zu erwähnen. Wer wird vom Geld
-sprechen? Was ist das überhaupt: Geld? Jeder
-Krämer, der sichs sauer werden läßt, kann es besitzen.
-Hier gilt vor allem die Wohltätigkeit, und
-was der Abend bringt, ist gewiß einem ebenso guten
-als tadellos frommen Zweck geweiht. Wenn
-adelige Leute lebende Bilder stehen und sich gegen
-Entree anschauen lassen, wenn dieser Saal im Augarten
-&ndash; ein zwar nicht allen, aber doch allen
-zahlenden Menschen gewidmeter Erlustigungsort
-wird, dann, bitte, nur keine plebejischen Anwandlungen.
-Daß Aristokraten keine gelernten Künstler
-sind, muß man im voraus wissen; daß sie nur
-über eine standesgemäße Begabung verfügen, darauf
-muß man gefaßt sein. So amüsant wie beim
-Wurstl kann's halt nicht sein. Aber: ein Theater,
-wo lauter Fürsten und Grafen und Komtessen und
-Prinzessinnen Komödie spielen, das ist doch was,
-Himmelherrgott!</p>
-
-<p>Und &ndash; Himmelherrgott &ndash; es ist auch was!
-Schon der Zuschauerraum, dieses ganze vornehme,
-wenn auch reichlich bürgerlich gesprenkelte Auditorium
-bietet genug und genug. Wollte man die
-Kronen der hier versammelten Herrschaften auf
-ein Häuferl schichten, das gäbe eine nette, funkelnde
-Pyramide, die bis zur Decke reichen würde.
-Schwerlich vermöchte es diese Erwägung, auf einen<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-Südsee-Insulaner sonderlich zu wirken. Aber ein
-zivilisierter Mensch fühlt sich immerhin von Ehrfurcht
-ergriffen. Was das Wissen, das Bewußtsein
-nicht alles tut: An einem anderen Ort zum Beispiel
-möchte man sich schrecklich entrüsten, wenn
-die Leute so schreien, wenn sie einander über
-zwanzig Köpfe hinweg anreden, sich »Grüß' dich«
-oder »Servus« zuschmettern wollten. Weil es aber
-Aristokraten sind, die so knallende Gespräche führen,
-hält man's für ungenierte Noblesse, fühlt sich
-eingeschüchtert von diesen Menschen, die durch
-ihre ungeheuer hörbare Konversation zu erkennen
-geben, daß sie immer und überall »unter sich«
-sind, und daß, wer nicht dazu gehört, einfach nicht
-als anwesend gilt. Das Bewußtsein und seine Helfer,
-die Kleider, die Uniformen, die Juwelen: es
-ist kinderleicht, eine Frau als eine Fürstin zu erkennen,
-wenn sie ein Diadem in den Haaren trägt,
-das eine Million wert sein mag. Man breite ein
-Kopftuch über diesen Schmuck, ein gewöhnliches,
-kleines Kopftuch, und das nette, zutrauliche Gesicht
-eines Wäschermädels ist fertig. Diesen kleinen
-Offizier, der trotz seiner Uniform so unscheinbar
-aussieht, muß man erst umdrehen, um hinten
-an seiner Kämmererspange zu merken, daß er
-»wer« ist. In Zivil würde man ihn mit seinen gewöhnlich-ernsthaften
-Zügen, mit seiner alltäglichen,
-ein wenig farblosen Wohlgenährtheit und
-mit seinem Zwicker für einen Magistratsbeamten
-nehmen. Jener alte Mann dort, dessen weißer<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-Bart ebenso ungepflegt als ehrwürdig ist, dem die
-Backen schlaff und wie ermüdet niederhängen,
-dem die Nase zum Mund hereinhängt, dem die
-Schultern hängen, und die Kleider am Leibe: &ndash;
-genau so, so betrübt und erschöpft und im ganzen
-so belanglos hat mein Mathematik-Professor ausgesehen.
-Jener Herr aber ist ein Fürst. Fürstliche
-Gnaden, Durchlaucht. Da ist eine liebe, schlanke
-Frau. Dünn wie eine Gelse. Fliegt im Saal umher
-wie eine Gelse, hat ein nettes, schmales Gesicht,
-kurzsichtige Augen, ein schnippisches Stumpfnäschen,
-und man würde sie treuherzig für ein
-niedliches Kammerzöfchen halten, das zu hüpfen
-gewöhnt ist, sooft die Klingel tönt; wenn man
-nicht wüßte, daß man sie Frau Gräfin ansprechen
-muß. Da sind junge Herren, die so glatt frisiert
-sind und so windspielhaft von Wuchs, wie feine
-Kellner in einem feinen Hotel. Haben so gutmütig
-junge, gedankenlos hübsche und sauber gewaschene
-Gesichter wie feine Kellner und sind
-Majoratserben, Prinzen, Pagen. Da sind andere,
-mit herrischen Mienen, scharfgerissene Profile,
-Nasen von einer Krümmung, die sich heutzutage
-nur ein Graf erlauben kann. Glühende Augen.
-Stolzgeschwungene Lippen. Und gleich sagen die
-Leute: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich die
-Abkunft! Aber mit Leichtigkeit könnte man in
-Hernals und in Ottakring ein paar junge Burschen
-einfangen, angehende Fiaker, bei denen nur
-die mangelhafte Kleidung schuld daran ist, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-sie nicht wie Grafen aussehen. Selbst aus der
-Tempelgasse ließen sich Duplikate herbeischaffen.
-Nur daß es dann freilich mit anderer Betonung
-hieße: Da sieht man die Rasse! Da zeigt sich die
-Abkunft!</p>
-
-<p>Einen gänzlich Fremden &ndash; man brauchte ihn
-gar nicht von den Südsee-Inseln herzunehmen &ndash;
-könnte die Vorstellung nicht im mindesten interessieren.
-Weder das Publikum, da er unsere Uniformen
-und Ehrenzeichen nicht zu erkennen vermöchte,
-noch die Gaben der Bühne, da ja die
-stolzen Namen seinem Ohr unvertraut und gleichgültig
-wären, die Namen, ohne die beinahe alle
-Akteure ihren Reiz verlieren müßten. Wir aber
-haben die Zusammenhänge, haben alle die Relativitäten,
-die das Amüsement solcher Theaterspielerei
-ausmachen. Und mondainen Leuten mag es
-schon ein Hauptspaß sein, die Herrschaften, die
-sonst hoch über ihnen hausen, einmal als befangene,
-ehrgeizige Komödianten vor sich zu sehen.</p>
-
-<p>Befangen aber und ehrgeizig sind die meisten
-dort oben auf den Brettern. Die Aufregung ist
-so ungeheuer, daß sie sympathisch wird, wie jede
-ehrliche Regung sympathisch ist. Da war ein Engel
-in dem ersten Bild. Eine reizende kleine Komteß
-hatte nichts weiter zu tun, als in der vorgeschriebenen
-Stellung ruhig dazusitzen, indes die
-anderen musizierten. Aber wie gelähmt war sie
-vor Befangenheit, wurde rot und röter unter der
-ungewohnten Schminke, und man mußte gerührt<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-werden, wenn man das schöne Kind ansah. In
-diesem ersten Bild war übrigens die Darstellerin
-der heiligen Cäcilie vortrefflich. Ein Antlitz, als
-ob's von Holbein gemalt worden sei, mit einem
-weltentrückten Ernst in den Augen und einem
-frommen, strengen Harm auf den eingefallenen
-Wangen. Noch einer fiel mir im zweiten Bild auf:
-der Pierrot. Ein schöner, feingeschnittener Kopf.
-So geisterhaft beschattete, gleichsam gehöhlte Züge,
-daß man an die wunderbaren Pierrots denken
-mußte, die Willette gezeichnet hat. Dieses Bild
-brachte ein bewegliches Kindermenuett. Ein Halbdutzend
-winziger Prinzessinnen und Komtessen
-und, das muß wahr sein, sie haben wie die kleinen
-Ladstöcke getanzt. Aber lustig war's doch, wie an
-den Kindern gewisse Unterschiede am schärfsten
-merkbar wurden. Wie die einen nämlich, von
-ihrer Angst, von ihrer Befangenheit und von ihrem
-Ehrgeiz hypnotisiert, nur mehr automatisch sich
-rührten, indessen die anderen mit einer großartigen
-Gleichgültigkeit, mit absoluter Ruhe ihre
-Schritte und Knickse taten, unbekümmert, ob's
-gut sei oder schlecht, und als dächten sie: hier
-tanzt die Prinzessin Mimi &ndash; das genügt! Es waren
-dann im Schubert-Bild ein paar niedliche Mädchen
-zu sehen, von einem kleinbürgerlichen Typus, der
-unsere Vertraulichkeit nicht gar zu sehr entfernt.
-Und ein blonder Jüngling war bei ihnen, von der
-Schlankheit und federnden Grazie russischer Windspiele,
-dazu mit Augen, die so vergißmeinnichtblau<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-schimmerten wie Schubertsche Lieder. Die
-Schubertschen Lieder aber sang ein Sänger &ndash; und
-die Wohltätigkeit ist wohltätig genug, seine Kunst
-zu schirmen. So wie er jedoch müßte der Bellac
-im Burgtheater aussehen, und im »Probepfeil« der
-Krasinski sollte sich eine solche Maske nehmen und
-ein Schubertlied als Einlage singen. Das gäbe einen
-Sturm. Weniger empfehlenswert für die Burg
-wären die spanischen Messerhelden, die man hernach
-zu sehen bekam, und die spanische Donna,
-die an der Leiche des gemordeten Liebsten ein so
-gemütliches Entsetzen, eine so gänzlich nebensächliche
-Verzweiflung agierte. Dann aber kam
-das letzte Bild, wo in der Tiefe des Ozeans der
-bärtige Freiherr mit dem »Jägerg'müat« als Neptun
-auf dem Throne saß und eine frappante Ähnlichkeit
-mit dem Pikkönig hatte, wo auf dem
-Meeresgrund ein weiblicher Leibhusar von pausbackiger
-Feschheit der Wassermajestät zur Seite
-stand, wo ein Hofnarr so hochmütig und schlecht
-gelaunt sein glattes, junges Antlitz in Falten zog,
-als sei er beim Demel oder im Café Pucher, wo ein
-Vierteldutzend adelige Frauen mit all der Sicherheit
-posierten, die ein fabelhafter Perlen- und Diamantenschatz
-der Seele verleiht, wo inmitten der
-Meeresgötter ein befrackter Baßgeiger erschien, der
-prachtvoll spielte, der aber mit all seiner Musik
-die Dissonanz zwischen seinem Frack und den
-Märchengewändern der übrigen nicht aufzulösen
-vermochte, und wo endlich &ndash; auch im Frack &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-Alfred Grünfeld kam, um mit Schuberts silbern
-tönender »Forelle« der fürnehmen Mummerei ein
-willkommenes Ende zu bereiten.</p>
-
-<p>Man möchte vorschlagen: lasset die Aristokraten
-Karussels veranstalten. Niemand vermag ihnen
-das gleichzutun. Zu Pferde, in allen Künsten des
-Sattels und der Zügel, im Glanz ererbter herrlicher
-Kostüme werden sie uns Schauspiele geben
-können, die nur der Adel zu geben vermag, werden
-eine künstlerische, ja, gewiß eine berauschende
-Augenweide bieten, für die man ihnen wird danken
-müssen. Der Mensch, auch der vom Baron aufwärts,
-sollte immer nur das tun, wozu er Talent
-hat. Das Komödiespielen aber, das jetzt im
-Schwang ist, bleibt doch stets ein arges Dilettieren,
-das durch die vielen edlen Namen nur prätentiös
-wird, von seinen Mängeln aber, von seinen menschlichen
-und von seinen Geschmacksmängeln nichts
-verliert. Den namenlosen Zuschauern möchte man
-sagen: Habt ihr denn wirklich so viel von einer
-Vorstellung, in die ihr nur euren Snobismus mitnehmt?
-Und fühlt denn der Snobismus selbst sich
-nicht beschämt, da jeder Bürgerliche doch empfinden
-muß, bei einem Haustheater zu sein, in
-einem Hause, dessen Insassen euch sonst nie einlassen
-würden, und die in eurer Gegenwart fortfahren,
-sich untereinander zu vergnügen. Aber den
-Snobismus scheint das gar nicht zu genieren. Den
-Aristokraten scheint es Spaß zu machen, wenn die
-Unzulänglichkeit ein gesellschaftliches Ereignis<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-wird. Die öffentliche Meinung dienert im Kartell
-vor dero leutselig Pläsier, und da schließlich doch
-ein bißchen Geld an fromme Vereine kommt, muß
-man die Dinge gehen lassen, wie sie gehen. Es ist
-nicht das Schlimmste, es ist nicht das Wichtigste,
-und die Mehrzahl der Menschen hat andere Sorgen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p>
-
-<h2 id="FUENFKREUZERTANZ">FÜNFKREUZERTANZ</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Ein Liebespaar hat mich zum Fünfkreuzertanz
-geführt. Sie war mir schon früher beim Ringelspiel
-aufgefallen, wo sie rasch eintrat und sich
-augenblicklich auf ein Pferd schwang, mit so viel
-Entschlossenheit, als wollte sie sagen: Von der
-Arbeit zum Vergnügen, das muß eben sein!
-Dann nahm sie sich in der verwaschenen Bluse und
-dem weißen Kopftuch, hoch zu Roß, sonderbar
-genug aus. Und wie das Ringeln anfing, schaute
-jedermann nach ihr, weil ihr hübsches Gesicht und
-ihre ganze Haltung solch ein leidenschaftliches Genießen,
-so tiefe Versunkenheit aussprach, so viel
-körperliche Hingabe und dabei so überraschenden
-Ernst. Man merkte, daß sie sich vollständig allein
-fühlte, daß die anderen Leute für sie nicht existierten.
-Später, als ich sie dann wiedersah, war
-sie freilich nicht mehr allein.</p>
-
-<p>Ich vernahm, wie ein Budenausrufer mit einer
-wahrhaft tobenden Stimme von der Dame ohne
-Unterleib behauptete, sie sei das süße Mädel. Da
-blieb ich denn im Menschenschwarme stehen, um
-zu hören, wie der Mann seine immerhin schwierige
-Sache verfechten werde; und hier erblickte ich die
-Reiterin von früher wieder. Sie hing jetzt am
-Arme ihres Liebsten, den Kopf an seine Schulter
-gelehnt, während er, die Soldatenmütze weit zurückgeschoben,
-mit seinem jungen Antlitz, gläubig
-lächelnd, zu dem Ausrufer und zur Dame ohne
-Unterleib emporblickte. Ein Dritter kam herzu,
-und ich meinte zuerst, es sei ein Bekannter. Nur<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-schien es mir sonderbar, daß der Mann barhaupt
-im Prater herumgehe. Es ergab sich jedoch, daß
-es gleichfalls ein Ausrufer war, ein Gehilfe sozusagen.
-Eigentlich aber noch ein blutiger Anfänger,
-denn er machte keine Späße; er sah auch gar nicht
-danach aus, als sei er zu Scherzen aufgelegt, und
-er war offenbar noch zu schüchtern, um laut zu
-allem Volk zu sprechen. Deshalb begnügte er
-sich einstweilen damit, sich an die einzelnen zu
-wenden und ihnen ganz privatim die Vorteile auseinanderzusetzen,
-die der Besuch der Bude ihnen
-bringen würde. Dabei sprach er sehr leise, und
-wenn auch mit enormer Wichtigkeit, so doch sichtlich
-verschämt. Das Liebespaar hörte ihn ebenfalls
-sehr befangen an. Nie habe ich drei Leute in
-solcher Verlegenheit und so ratlos beisammen gesehen.
-Unwillkürlich nahm ich Anteil an dieser
-heillosen Situation und war auf den Ausgang beinah
-ängstlich gespannt. Die Reiterin aber führte
-die Geschichte rücksichtslos zu Ende, indem sie
-ihren Burschen an der Hand nahm und wegging.
-Ganz einfach. Da folgte ich den beiden, die jetzt
-rasch dahinschritten, neugierig, das Vergnügungsprogramm
-dieses entschlossenen Mädchens kennen
-zu lernen. Sie eilten zum Tanz.</p>
-
-<p>Unzähligemal bin ich an schönen Sommerabenden
-im Prater bei diesen Fünfkreuzerbällen vorübergegangen;
-oder manchmal für einen Augenblick
-nur stehengeblieben, um auf das Gewühl da
-drinnen zu schauen, mit jenem flüchtigen töricht-überlegenen<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-Lächeln, das man gewöhnlich für die
-Freuden der Einfachen bereit hat. Wahrscheinlich
-wäre ich auch heute wieder vorbeigegangen,
-wenn mich nicht die Lust angewandelt hätte, zu
-sehen, ob sie auch so leidenschaftlich tanzen werde,
-wie sie sich ringeln ließ, so hingegeben und so versunken.</p>
-
-<p>Unsicher und mit dem gewissen Lächeln stand
-ich im Saal, schaute in das dichte Getümmel,
-blickte in den großen, schmucklosen Raum umher
-und redete mir ein, daß mich die raucherfüllte
-Luft bedrücke, daß mir der Kleiderdunst lästig sei,
-der aufwirbelnde Staub, der scharfe Biergeruch,
-der Tumult so vieler schreiender Stimmen, das
-unbarmherzige Tosen der Blechmusik, und daß ich
-in zwei Minuten gehen werde.</p>
-
-<p>Meine Liebesleute suchte ich vergebens. Der
-Wirbel hatte sie verschlungen. Aber es fand sich
-Ersatz genug. Gleich das erste Paar, das sich für
-meinen irrenden Blick aus der Menge löste, fesselte
-mich im Nu. Sie tanzten langsam, einen schönen,
-sicheren Sechsschritt und hielten sich dabei umarmt,
-vielmehr sie hatten einander um den Hals
-gefaßt und drückten Wange an Wange. Beide
-waren hochrot im Gesicht, der Schweiß lief ihnen
-über die Stirn, des Mädchens Haare hatten sich
-gelöst, aber sie achteten dessen nicht. Sie hielten
-immerzu die Wangen gegeneinandergepreßt, beinahe
-Mund an Mund, und glitten dahin, wie in
-einer tiefen Erregung, so daß von ihrer Unbekümmertheit<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-schier etwas Feierliches ausging. Ein
-zweites Paar kam wiegend und sacht sich drehend
-einher. Sie ganz frisch und goldblond und zart,
-und er beinahe riesenhaft, aber schlank, mit einem
-Flaumbart. Und sie reichte ihm kaum bis zur
-Brust, lag in seinen Armen mit einem grenzenlosen
-Vertrauen, die Augen geschlossen, wie schlafend,
-und er sah hoch über sie hinweg, warf tapfere
-Blicke umher, und nahm sich aus, als rette er sein
-Glück aus tausend Gefahren. Dann aber kamen
-zwei, deren Mienen nicht wahrgenommen werden
-konnten, so blitzschnell drehten sie sich, so fabelhaft
-rasch sprangen sie vorüber. Sie schienen sich
-in einem Anfall von äußerster Raserei, ja in einer
-Art von rhythmischer Tobsucht zu befinden, in
-die sie durch die Musik gebracht wurden. Sie
-kamen bald darauf nochmals zum Vorschein, offenbar
-hatten sie so geschwind den ganzen Saal durchmessen.
-Sie, eine kleine, dicke, nicht mehr ganz
-jugendliche Person. Er, ein baumlanger Kerl, im
-Ruderleibchen und grauen Rock. Er mußte sich
-tief herabbücken, seine Dame um die Taille zu
-fassen, und so, in dieser anscheinend qualvollen
-Haltung, die einer andauernden, devoten Verbeugung
-glich, schwang er sich wie ein gepeitschter
-Kreisel. Ganz in meiner Nähe fielen sie plötzlich,
-wie hingeschleudert, auf eine Bank, mit todblassen,
-benommenen Mienen, nach einer Sekunde aber
-sprangen sie wieder auf und wirbelten mit derselben,
-unbegreiflichen Schnelligkeit weiter. Noch<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-einige Male kamen sie also angesaust, und es war
-auffallend, wie wenig sie sich in solchen Pausen
-umeinander scherten, da sie doch, tanzend, so begeistert
-zusammenhielten. Wie nach einer Krankheit
-saßen sie da, machten verstörte Augen, bis es
-sie wiederum ergriff und emporriß. Ein Pärchen
-erzwang sich die Aufmerksamkeit, weil es sehr
-künstlich tanzte; bald nach rechts, bald nach links,
-bald geradeaus nach vorwärts, bald zurück. Dabei
-hatte sie ein gänzlich mißlungenes Gesicht, darin,
-wie bei einem geborstenen Schränkchen, durchaus
-nichts klappen wollte, weder Mund noch Augen.
-Und er war ein bißchen schief von Wuchs, hatte
-einen ärmlichen, farblosen Bart, schielte ein wenig,
-und seine geringfügige Nase nahm sich unter einer
-dicken Hornbrille sehr gedemütigt aus. Aber beiden
-konnte man die Anständigkeit sogleich anmerken,
-und so tanzten sie auch: treu, ehrlich und
-fleißig, versäumten keine Figur, ließen sich keine
-Nachlässigkeit zuschulden kommen und hatten
-eine sachliche Freude des Gelingens, in der ihr gedrücktes
-Selbstbewußtsein frei wurde. Sorgloser
-gingen zwei andere zu Werke, die mit ruckweisen
-Drehungen im Tanze sich schwangen; die Köpfe
-weit zurückgebogen, daß sie einander beständig
-ins Antlitz schauen konnten. Und beständig lachten
-sie, als ob ein prächtiger Scherz ihnen von
-einem Mund zum andern ginge. Dabei sagten sie
-kein Wort, redeten nur mit den lachenden Augen,
-und das war wie ein Spiel fröhlicher Kinder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p>
-
-<p>Überhaupt war in allen diese kindergleiche, vollkommene
-Hingabe an die Freude, und diesem
-tanzenden Gewühl entströmte eine unaussprechliche
-Glückseligkeit, mühelos verlockt, hingerissen
-und entfacht von ein paar Walzertakten und etlichen
-Trommelschlägen. Und die erwachende Sinneslust
-schlug die Harmlosigkeit hier keineswegs
-nieder. Vielmehr wurde all das Begehren, davon
-die Atmosphäre bebte, ins Unschuldige gerückt, da
-es so aufrichtig und mit solcher Selbstverständlichkeit
-sich äußerte. Was hier die Arme umeinanderschlang,
-das liebte sich, gleichviel, ob vorher
-schon oder jetzt erst, aber es gab keine andere
-Veranlassung zum Tanz als die Liebe. Sie tanzten
-mitsammen, weil sie sich liebten, und sie liebten
-sich, weil sie mitsammen tanzten.</p>
-
-<p>Zwei Soldaten waren hereingekommen und standen
-neben mir. Artilleristen. Der eine von ihnen,
-aufragend und in der Fülle seiner Kraft, »schön
-wie ein junger Gott«, mit blauen, fröhlich leuchtenden
-Siegeraugen. Der andere schwächlich, von
-der Uniform fast erdrückt, und mit verprügelten
-Mienen. Ein hübsches blondes Mädchen sprang
-ihnen entgegen, flog mit ausgebreiteten Armen
-auf den schönen Burschen zu und küßte ihn, munter,
-herzlich, vergnügt. Er ließ sichs gefallen und
-meinte nur, auf den Kameraden deutend: »Dem
-gibst d' a a Bußl!« Sie zögerte keinen Moment,
-lächelte, stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte
-den Verprügelten. Dann wartete sie, daß der<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-Schöne sie zum Tanze führe. Der aber schaute
-gelassen umher, achtete ihrer kaum. Er war nicht
-in der Geberlaune. So ließ sie sich denn vom andern
-umfangen.</p>
-
-<p>Ein Ländler begann, eine kleine, bescheidene
-Melodie, die sich zufrieden im Kreise um sich selbst
-drehte, dann wieder innehielt, um sich gleich
-wieder gutgelaunt weiterzuschwingen. Und jetzt
-waren die Großstadtkinder und die vom Lande
-Zugereisten deutlich zu unterscheiden. Für die
-einen war's eben nur wieder ein Walzer, die anderen
-aber fingen an, sich in kleinen Gehschritten
-kirchweihmäßig zu wiegen, in jener ernsthaften
-Ruhe, mit der die Bauern den Tanz als eine feierliche
-Arbeit traktieren, und das Bauerng'wand
-schien unter mancher Uniform jetzt sichtbar zu
-werden. Ein Juchschrei flog da und dort empor,
-der Erinnerung an das ferne Dorf entstiegen,
-Händeklatschen, mühevolle Verschlingungen. Heimatkunst,
-in bescheidener Munterkeit verrichtet.</p>
-
-<p>Inmitten dieser stampfenden, jubelnden, lachenden
-und liebenden Jugendseligkeit regt sich der
-Wunsch, hier nicht als Fremder stehen zu müssen,
-nicht wie nach fremden Tieren auf diejenigen zu
-schauen, die in Ursprünglichkeit und ungebrochener
-Lust genießen, nicht in Grübelei und nachdenklichem
-Zögern den Inhalt froher Stunden zu
-messen, sondern Anteil nehmen zu können, besinnungslos
-und ohne Rückhalt. Und da erträumt
-sich die Phantasie einen jungen Menschen, der, in<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-allen Finessen des Geistes, des Wissens und der
-Kultur geschmeidig, dennoch so viel Schnellkraft
-sich bewahrt, daß er den Subtilen gelegentlich entwischt,
-seinen Lebensunband hierher zu tragen,
-der untertaucht in diesem dampfenden Tumult
-einfältiger Urtriebe, und dann neugebadet zurückkehrt
-zu den anderen, die nur beziehungsweise
-Wehmut kennen und vieldeutige Sentimentalität.</p>
-
-<p>Schon dem Ausgange zugewendet, erblicke ich
-meine Bekannte vom Ringelspiel wieder. Sie walzt
-jetzt mit ihrem Burschen, ihr hübsches Gesicht
-ist dunkelrot geworden und hat denselben Ausdruck
-von Versunkenheit wie vorhin, da sie auf
-dem hölzernen Schaukelpferd saß. Hier aber fällt
-sie gar nicht auf, denn hier gleicht sie völlig den
-anderen, denen das Leben und die Jugend noch
-so überaus einfach geblieben: Man arbeitet erst
-und geht dann tanzen. Saure Wochen, frohe
-Feste.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p>
-
-<h2 id="STALEHNER">STALEHNER</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Das hundertjährige Stalehnerwirtshaus wurde
-niedergerissen, und ein neues aufgebaut.
-Denn die Zeit schreitet vorwärts. Ein Kapitel
-Hernalserischer Daseinswonne ist damit zu
-Ende. Wiener Liedersänger, Komiker, Lokalschriftsteller
-und allerlei andere Vergnügungskünstler
-haben da draußen den Kehraus gefeiert, den Abschied
-von einem Stück Urwüchsigkeit, das nun in
-der allgemein großstädtischen Banalität aufgehen
-wird. Es war ein Schluß mit Jubel.</p>
-
-<p>Immer, wenn sie so ein altes Wiener Freudennest
-demolieren, staubt aus dem Schutt des bröckelnden
-Mauerwerks der Schwarm bekannter Worte
-empor: die Wiener Gemütlichkeit …, der Wiener
-Hamur …, die schöne, liebe, alte Zeit … Es ist,
-als wenn wir unter Menschen lebten, die wirklich
-allweil fidel sind, und nur traurig werden, wenn
-man ihnen einmal ein altes Wirtshaus zusperrt.
-Man muß sagen, daß uns bessere Häuser schon
-verschwunden sind, ehrwürdigere und wertvollere,
-als der Stalehner. Die neue junge Stadt ist über
-sie hinausgewachsen, und wir haben ihrer vergessen.
-Wir werden auch den Stalehner verschmerzen.</p>
-
-<p>Ein Nekrolog gebührt ihm freilich. Denn er war
-berühmt und schaut auf eine große Vergangenheit
-zurück. Er hat seine Rolle gespielt in der
-Sittengeschichte von Wien, und sein Einfluß ist
-manchmal in dieser Stadt sehr fühlbar gewesen.
-Stalehner, das war nicht bloß ein Wirtshaus, sondern
-auch eine Art Weltanschauung. Das Wirtshaus<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-haben sie jetzt niedergerissen, die Stalehner-Weltanschauung
-wird vielleicht bestehen bleiben.
-Vielleicht.</p>
-
-<p>Stalehner … schon der Name hat etwas unnachahmlich
-Echtes, ist wie geschaffen zur Straßenberühmtheit.
-Der wienerische Dialekt schwingt
-auf diesem Namen wie ein Wäschermädel auf einer
-Praterhutschen. Es ist ein Fiakerparfüm darin,
-und ein Schnalzen, das aus den »enteren« Gründen
-kommt. Wir haben ein paar solcher köstlichen
-Wirtsnamen, deren bloßer Klang schon eine ganze
-Stimmung gibt. Weigl zum Beispiel mit dem gequetschten,
-wienerisch breitgedrückten »ei«, so
-daß es sich anhört wie ein wohliger Schnaufer.
-Oder Gschwandner … was ja wie ein Walzertakt
-schleudert. Nichts aber hört sich so behaglich
-an wie Stalehner mit diesem offenen, ein wenig
-frechen und gellenden Wiener a der ersten Silbe
-und dem Schleifen durch die Nase der beiden anderen:
-»lehner«. Behaglich und leichtsinnig.</p>
-
-<p>Wir kennen den Namen jetzt schon über hundert
-Jahre. Und es sind viele, viele Wiener Früchteln
-und Wiener Kinder beim Stalehner draußen
-berühmt geworden. Die einen durch ihren Gesang,
-durch ihr Kunstpfeifen und durch ihren
-Mutterwitz, die anderen durch ihre Freigebigkeit,
-durch ihr »Aufdrahn« und durch ihr Trinken.
-Vom Standpunkt des Schanktisches aus muß man
-schon sagen: es war eine große Zeit. Aber, wer
-denkt denn heute der fröhlichen Schar! Weiß<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-jemand noch was von der Judenpeppi, die so besonders
-talentvoll gepascht hat, wenn der Gruber
-das picksüße Hölzel spielte? Man weiß ja auch
-vom Gruber nichts mehr. Lieber Gott, es gibt so
-viele Gruber. Und diese beiden, der Meister auf
-dem Picksüßen und die Judenpeppi, haben in den
-fünfziger Jahren gelebt.</p>
-
-<p>Vor ihnen mag es in dieser Heurigenseligkeit
-noch andere Götter gegeben haben. Aber sie sind
-vergessen und verschollen, wie man des Weins,
-nachdem man ihn genossen hat, vergißt. Der Boden
-hier ist reich. Er gibt in jedem Jahre eine
-neue Lese; und in jeder Generation neue Originale.
-Weinstöcke und Menschen, in denen die
-Kraft und der Übermut dieser Scholle aufgesammelt
-waren, sind hier herum immer frisch nachgewachsen.
-Derart ist ja denn auch der Anfang gewesen,
-daß der erste Stalehner ein Weinbauer war,
-der da draußen in dem winzigen Dörfchen Hernals
-das Leutgeben hatte, und alljährlich, wenn seine
-Trauben gekeltert waren, den Buschen aussteckte.
-In ihren kleinen, niedrigen Häuseln saßen sie dort
-nebeneinander, am Ufer des Alsbachs, der damals
-noch in seinem offenen grünen Bett zum Stroheck
-hinunterfloß. Zum Stalehner gingen dann die
-Harfenisten und Natursänger, die feschen Mädeln,
-die sich aufs Paschen verstanden, und die Fiaker
-brachten dort ihre Kavaliere hinaus, um ihnen
-draußen zu zeigen, daß sie nicht nur kutschieren,
-sondern auch dudeln und &ndash; trinken können.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p>
-
-<p>So ist nach und nach der Stalehner die Grenzstelle
-geworden, an der sich die Blüte des Wiener
-Hochadels mit der Weinblüte des Wiener Volkes
-begegnete, die Grenze, an der sich beide in sanfter,
-singender Berauschtheit einander vermählten. Der
-Stalehner war die Stätte, an der die gräflichen Instinkte
-unserer Fiaker und die fiakerischen Triebe
-unserer Grafen einander in die Arme sanken. Es
-war, wie gesagt, eine große Zeit.</p>
-
-<p>Wir wissen ja nichts mehr von den fünfziger
-Jahren. Da könnte sich ein Lokalchronist einmal
-ein Verdienst erwerben, wenn er die Geschichte
-des Hauses Stalehner erforschen und aufschreiben
-wollte. Tut er es nur halbwegs gut, und wird vom
-verjährten Weindunst, der ihm aus den vergangenen
-Zeiten aufsteigt, nicht betäubt, so daß er nun
-etwa selber in Duliähgejauchz ausbricht, dann muß
-ihm ein lebensvolles, farbiges Spiegelbild der Stadt
-Wien gelingen. Unser Erinnern weiß nur von dem
-Rausch der achtziger Jahre, jener Zeit, in der unsere
-Prinzen noch fröhlicher waren. Vom Glanz
-der Fiakermilli und der Turfkarolin, die zwischen
-der Freudenau und den Stalehnerischen Gefilden
-einst hochberühmt gewesen sind. Vom Bratfisch,
-der letzten romantischen Gestalt unter den Fiakern.
-Und daß der Ziehrer draußen die ersten Erfolge
-hatte, mit seinen ersten Walzern, in denen ja ein
-Echo von jenem hernalserischen Händeklatschen
-leise wiederklingt.</p>
-
-<p>Hernals … Wenn man von der Laimgruben bis<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-zum Liechtental, und im weiteren Bogen von der
-Schwarzen Westen bis zum Krottenbach die verschiedenen
-Abschattierungen der Wiener Art betrachtet,
-wird man finden, daß Hernals etwas Besonderes
-ist: ein herbes Wienertum, weniger lyrisch,
-dafür aber unbändiger, mehr ins Randalierende
-und kreischend Grelle. Weniger anmutig
-und sanft, sondern von ausfahrenden Temperamenten
-feuriger und wilder gemacht. Es ist die
-Stelle, an der sich die Wiener Art zum Proletarischen
-absenkt, die Stelle, an der sie am leichtesten
-und am häufigsten verpöbelt. Es ist der Boden,
-auf dem die Schalanthers wachsen.</p>
-
-<p>Gerade dieser Schalantherboden aber bringt die
-Menschen hervor, die den absoluten Willen zur
-Freude haben. Ihr Talent zum Vergnügen ist so
-groß, daß es alle anderen Gaben in ihnen aufsaugt.
-Der Leichtsinn in ihnen ist so stark, daß er sie
-dauernder berauscht als der Wein, den sie trinken;
-daß er ihnen glänzender und täuschender als der
-Wein die Sorgen des Daseins und seinen Ernst verhüllt.
-Die wienerische Fähigkeit, lustig zu sein,
-wird nirgendwo mit solcher Heftigkeit geübt wie
-hier, so entschlossen, so über alle Ursachen hinaus,
-und mit einer solchen Zuversicht in die altwienerischen
-Ausdrucksmittel des Fröhlichseins: Händeklatschen,
-Singen, Schnalzen, Pfeifen. Diese Hernalser
-Gegend, die nicht so anmutig ist wie andere
-Wiener Gegenden, die auch nicht anmutig war,
-als man noch vom Stalehner bis zu der Kirche mit<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-dem Kalvarienberg hinsehen konnte, und der Blick
-nur Felder, Felder, Obstgärten und Weingelände
-überschaute, diese Gegend hat doch immer etwas
-Anlockendes gehabt: ihre kleinen Heurigenstuben,
-ihre Wirtshausgärten, in die man einkehrte
-auf der Wanderung zum Dornbacher Wald hinaus,
-oder auf dem Heimweg von dort in die Stadt zurück.
-In diesen winzigen verrauchten Stuben und
-in diesen primitiven Gärten war die singende,
-jauchzende Verführung. Dort lockte der Wein,
-den die Bauern zogen, dort der Gesang der Burschen,
-und dort die freigebige Üppigkeit der Weiber.
-In Grinzing, in Heiligenstadt, am Fuß des
-Nußberges gab es von jeher und gibt es noch immer
-Heurigenschenken, zu denen die Leute pilgern.
-Aber solch einen Schwung hat die Sache niemals gehabt.
-Solch einen Schmiß, daß die Nobelwelt herankarossiert
-kam, um sich aus dem Urwuchs des
-Volkstümlichen aufzufrischen und aufzufärben, hat
-es auf die Dauer nur beim Stalehner in Hernals
-gegeben.</p>
-
-<p>Steht man vor dem Stalehnerhause, dann merkt
-man von außen schon, daß seine Zeit erfüllt ist.
-Das neue Niveau der Straße, die hier vorbeiführt,
-die nicht mehr nach dem Alsbach heißt, sondern
-nach dem ausgestorbenen Grafengeschlecht der
-Jörger, das hier in Hernals einst reich begütert gewesen
-ist, das Niveau dieser Straße hat man längst
-gehoben, und nun scheint es, als wäre das Stalehnerhaus
-sachte in die Erde versunken. Inwendig<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-hat es den veralteten Reiz eines nach und nach
-adaptierten Vergnügungsnestes, hat diesen alten,
-immer ein wenig schmutzig aussehenden, immer
-von alkoholischen Kellerdünsten erfüllten Hof. Der
-langgestreckte Garten wurde zur Hälfte verbaut.
-Da ist ein Ballsaal aufgeführt worden, und den
-muß man durchschreiten, ehe man zum Garten
-und zur Sommerbühne kommt. All das ist vorstadtmäßig
-verschachtelt, ineinander verschränkt, Winkelwerk,
-malerisch und heimlig. All das zeigt
-den langsamen, Jahrzehnte währenden Aufschwung
-des Hauses, all das erzählt hier von dem immer
-mehr und mehr wachsenden Zulauf, von dem immer
-mehr steigenden Menschenandrang, dem Raum
-geschaffen werden mußte und Unterkommen. All
-das hier spricht von einer bedächtigen und langsam
-wienerisch-schlendernden Unternehmungslust
-und von einem stetig sich häufenden Wohlstand.
-Diese Gastzimmer, dieser Ballsaal, diese
-Gartenbühne zeigen vorstadtmäßige Begriffe von
-Luxus, Ausstattung und Eleganz.</p>
-
-<p>Und da haftet nun die Fröhlichkeit, der Leichtsinn,
-die Debauche und der Übermut von drei,
-vier Generationen an diesen alten Wänden. Diese
-alten Zimmer, in denen der Weingeruch säuerlich
-geworden ist, haben die gutgelaunten Stunden
-von drei, vier Generationen mit angeschaut. Haben
-das Jauchzen von jungen Mädchen gehört, die
-heute längst dahin sind, wie die Blätter vergangener
-Sommerszeiten. Sie haben die naiven Kunststücke<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-und die verführerischen Gemütlichkeitskniffe
-von drei, vier Fiakergenerationen mit angeschaut,
-haben den Gesang vernommen, der es
-hier jahrzehntelang allabendlich zur Decke hinaufschmetterte,
-daß der Wiener nicht untergeht, daß
-wir keine Traurigkeit nicht spüren lassen; und ein
-feiner Widerklang des einst so zwingenden Estam-tam
-scheint hier noch nachzudröhnen. Während
-man hier umherwandert, erwachen viele alte
-Wiener Lieder, die von diesen Räumen aus durch
-die ganze Stadt fegten, Lieder, deren Melodie
-schmeichlerisch war und schmiegsam, schaukelnd
-und wiegend, Lieder, die von Sorglosigkeit, von
-weinseligem Glück, von auftrotzendem Was-liegt-denn-dran-Humor
-sangen. Wenn man hier umhergeht,
-fühlt man sich angehaucht vom leichten
-Atem wienerischer Harmlosigkeit, von einer weichen,
-hinschmelzenden Güte, die an sich selbst
-kaput geht. Aber auch von einer erotischen Glut,
-die hier ins Toben kam, von einer Lebenskraft, die
-hier Betäubung suchte. In diesem Saal rauscht es
-noch von Walzern. Aber anders, wilder, trunkener
-als in dem Hietzinger Dommeyersaal, der ja jetzt
-auch bald verschwindet. Dort draußen in Hietzing,
-wo die ersten Lanner- und Straußwalzer geboren
-wurden, liegt über der Kaiser Franz-Architektur
-des Saales ein merkwürdiger, stiller Glanz von
-Vornehmheit. Hier eine Stimmung von süßer
-Pöbelei. Hier stampfte die Orgie der Fiakerbälle
-und riß junge Vorstadtmädchen und routinierte<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-Ringstraßenkokotten, Hausmeisterburschen und
-Edelknaben, Fiaker und Prinzen in ihrem Wirbel
-mit sich fort. »Beim Gschwander, Stalehner …
-da lernt ma si kehner&nbsp;…«</p>
-
-<p>Schluß mit Jubel. Was da draußen war, ist
-wenigstens echt gewesen, ist organisch dem Erdreich
-entwachsen, und hatte die innere Notwendigkeit
-alles dessen, was auf natürliche Weise entsteht.
-Was da draußen war, ist mit der Erinnerung
-an fröhliche Wiener Tage innig verknüpft, ist dem
-wehmütigen Gedächtnis an die sprühende Jugendlaune
-der Kronprinzenzeit innig gesellt, ist vielleicht
-für lange, lange Jahre das letzte Kapitel
-wienerischer Leichtherzigkeit. Mit der Zeit freilich
-kam von außen manches falsche Element hinzu.
-Es kam die Nachäfferei, die das Ursprüngliche sich
-anschminken möchte, seine Farben fälscht und
-übertreibt. Es kam der Snobismus. Denn auch
-einen Stalehner-Snobismus hat es gegeben, der sich
-in die Manieren fiakerischer Lebenslust hineinschmiß
-und sich drin rekelte, wie er sich in die
-bequemen Polster unserer Fiakerwagen hochnasig
-hineinschmeißt und sich darin spreizt. Es kam auch
-die korrumpierende Wirkung, daß die »schlichten
-Leute aus dem Volk« da draußen ihre Schlichtheit
-mit Affektation zur Schau stellten, daß sie
-ohne Naivität ihre Urwüchsigkeit posierten und
-also, gleich den Schlierseer Bauern, auf eine nicht
-mehr ganz frische, nicht mehr ganz ursprüngliche
-Art die Komödianten ihrer eigenen Natur wurden.<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-Schluß mit Jubel. Das alte Stalehner-Wirtshaus
-hat uns die ins Hernalserische gerückte Weltanschauung
-der Wiener dargestellt, wie uns der Stelzer
-in Rodaun die kalksburgisch gefärbte Wiener
-Weltanschauung bietet. Das alte Stalehner-Haus
-ist ein Stück Geschichte, ein Stück Kultur von
-Wien, war eine Charaktereigenschaft dieser ewig-anmutigen
-Stadt, die aber doch in ihrem Wesen
-mehr ist als immer nur fidel und lustig, wie manche
-Leute glauben oder glauben machen wollen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<h2 id="BEIM_BRADY">BEIM BRADY</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Der prächtige Titel »Wintergarten« ist natürlich
-eine Übertreibung. In Wirklichkeit
-spricht auch kein Mensch von Bradys Wintergarten,
-sondern alle Welt sagt einfach: beim Brady.
-An einen Garten erinnert übrigens nur die ziemlich
-geschmacklose Staketendekoration der Wände,
-dann ein wenig falscher Efeu und kunstlos gefälschtes
-Weinlaub. Sonst aber ist man hier beinahe
-wie in einer Spelunke. Und das mag eben der
-Hauptreiz an diesem »Wintergarten« sein, daß er
-wie ein Beisel aussieht. Denn wenn es irgendwo
-recht schäbig ist, dann sagt man in Wien noch
-lange nicht: hier ist's schäbig. Vielmehr findet man
-eine versöhnliche Bezeichnung dafür, und jedem,
-der sich über mangelnde Pracht, über fehlenden
-Komfort, über nasse Tischtücher und schlechte
-Luft beklagt, wird geantwortet: Ja, aber gemütlich
-ist's. Beim Brady ist es also gemütlich. Damit
-ist zugleich auch die Summe aller seiner Eigenschaften
-gezogen. Es läßt sich weiter nichts hinzufügen.
-Höchstens, daß es in Wien sonst nirgends
-so gemütlich ist, wie eben beim Brady. Und
-das ist allerdings sehr bemerkenswert. Die wienerische
-Gemütlichkeit, wie wir sie nur mehr noch
-aus abgedroschenen Liedern kennen, oder aus den
-Schilderungen der gewissen ältesten Leute, diese
-grundlos fröhliche, ziellose, an der eigenen Lebenslust
-entzündete, sorgenfreie, naive, singende und
-jauchzende Wiener Gemütlichkeit findet man
-jetzt nur hier. Aus den anderen Vergnügungslokalen,<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-aus dem übrigen großen modernen Wien
-ist sie ja verschwunden. Vielleicht, daß man sie
-hie und da in irgendeinem versteckten Vorstadtwirtshaus
-noch treffen kann. Das ist aber sehr ungewiß.
-Die Zeiten sind vorbei. Und wenn man
-zum Brady geht, dann ist der Weg dahin schon wie
-ein Spaziergang in die Vergangenheit. Ein enges
-Gäßchen, das vom gemütlichen Franziskanerplatz
-unter einem schmalen Schwibbogen abbiegt, das
-sich windschief bei jedem Schritt anderswohin zu
-wenden scheint. Eine jener Gassen mit so enorm
-hohen Häusern, daß der Himmel droben nur wie
-eine schmale, helle Linie aussieht; und wenn hier
-unten einmal zwei Wagen einander begegnen, dann
-darf kein Fußgänger vorbei, weil er das bißchen
-Platz, das zum Ausweichen nötig ist, verstellen
-könnte. Das uralte, beinahe schon vergessene Wien.
-Was beim Brady geschieht, ist rasch erzählt. Eine
-Salonkapelle spielt; und wenn sie aufhört, dann
-singt ein Männerquartett zur Begleitung einer
-Ziehharmonika, einer Geige und einer Gitarre.
-Haben die vier Männer ihr Stücklein heruntergejodelt,
-dann kommt wieder die Salonkapelle dran.
-Ohne Pause. Und so ist denn der rauchige kleine
-Saal immerzu von Musik erfüllt. Daran scheint
-freilich nichts Besonderes zu sein, und man wird
-es noch nicht begreifen, wie nur ein mäßiges Orchester
-und vier Natursänger solchen Zulauf finden
-können. Denn der schlaue Brady ist nicht mehr
-da. Ein kleiner, leidlich hübscher, flotter Kerl mit<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-einer angenehmen Pleinairstimme, war er sein
-eigener Star. Trug den Leuten seine fiakerisch-lustigen
-und sentimentalen Lieder vor und hatte
-jeden Abend zu dem geschäftlichen Profit den persönlichen
-Erfolg. Dann nahm er Abschied, als ein
-kluger Mann auf der Höhe seines Ruhmes, zog sich
-ins Privatleben zurück, vielleicht nur, um fortan
-zeitlicher schlafen gehen zu können, und erlaubte
-bloß, daß der Glanz seines Namens auch ferner des
-Nachfolgers Bude erleuchte. Unberühmte Leute,
-die man nicht näher kennt noch sieht, halten die
-Weinstube weiter. Ein Geschäftsführer ist da, in
-einem schwarzen Salonrock, ein dünner Mensch,
-der aussieht wie ein Meßner, der umhergeht und
-den Gästen guten Abend wünscht. Gesungen hat
-er noch nie, hübsch ist er auch nicht, kurzum, der
-Brady ist noch nicht ersetzt. Aber die gute Laune,
-die er hier eingerichtet hat, ist noch nicht verdampft;
-sie liegt hier noch immer in der Luft.
-Und wenn man hereinkommt, wird man fröhlich,
-man weiß nicht wie und man weiß nicht warum.</p>
-
-<p>Schuld daran sind aber doch zunächst die Musikanten.
-Die von der Salonkapelle, und die vier
-Natursänger, die zur Geige, zur Gitarre und zur
-Ziehharmonika jodeln. Gewöhnlich gibt es ja
-nichts, was einen Menschen so traurig machen
-könnte, wie ein bezahlter Lustigmacher. Die armen
-Teufel, die beim öffentlichen Vergnügen bedienstet
-sind, versehen ihre Funktionen fast immer
-mit solcher Wehmut, daß einen bei ihrem Anblick<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-der Menschheit ganzer Jammer anfaßt. Unter allen
-Professionals sind ja die Professionals der Heiterkeit
-die trübseligsten. Beim Brady ist das anders. Die
-Salonkapelle scheint gar nicht der Gäste wegen zu
-spielen, sondern nur ihrem Dirigenten zuliebe.
-Wenn der die Geige ansetzt und seinen Musikanten
-das Zeichen gibt, ist es, als wollten ein paar
-Freunde unter einem lustigen Rädelsführer einen
-Spaß anzetteln. Die zigeunerisch schmachtenden
-Primgeiger, die in posierter Ekstase vor unseren
-Augen zu vergehen scheinen, die kennen wir ja
-zum Überdruß. Daß aber dieser blitzlustige
-schwarze Bursche, der immerfort lacht, wenn er
-geigt, ein Poseur ist, glaube ich nicht. Er unterhält
-sich ganz einfach, wenn er eine Operettenmelodie
-spielt. Und weil er so animiert ist, singt er
-den Text gleich mit dazu, wiegt sich und tanzt
-ein bißchen dabei und schaut mit schwarzen,
-lachenden Augen und mit weißen, blinkenden
-Zähnen im Saal umher. Ferner könnte man auch
-die Natursänger für Gäste halten, die freiwillig
-zum allgemeinen Amusement beitragen. Sie sehen
-aus wie kleine Geschäftsleute, Fiaker, Fleischhauer,
-Greisler etwa, die ihr Sonntagsgewand angezogen
-haben und sich einen lustigen Abend machen
-wollen. Dick sind sie alle zusammen, und
-eigentlich nicht mehr ganz jung; aber einer fröhlicher
-als der andere. Der mit dem blonden
-Schnurrbart hat geradezu jubelnde Augen, ein fideler
-Leichtsinn spricht aus seinen Zügen und sein<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-ganzes Wesen hat etwas Urwüchsiges, etwas Schnalzendes,
-dem man nicht widersteht. Der Jodler
-unter ihnen, der so hoch »überschlagen« kann,
-sieht spaßig aus. Er hat nicht nur die schönste
-Stimme, er gleicht auch wirklich einem singenden
-Vogel. Die Nase steht ihm spitz und hoch wie
-ein aufgesperrter Meisenschnabel dicht überm
-Mund. Dann kneift er auch die kleinen Augen so
-bedenklich zusammen, als belausche er sich; und
-wenn er sich einmal mit einem Triller an das Publikum
-wendet, zieht er ein Gesicht, als ob er einen
-schwierigen Fall zu explizieren hätte. Der dritte
-ist der Ironiker unter ihnen, temperamentvoll, aber
-gezügelt, schaut immer drein, als ob er nach einer
-Antwort suche, ist aber nie um zwanzig verlegen.
-Der vierte ist der Dickste; wahrscheinlich auch der
-Gutmütigste. Nur manchmal simuliert er Anfälle
-von Gesangstobsucht. Dann ist es drollig, wie dieser
-kleine Koloß zu brüllen anfängt und sich geberdet,
-als könne er die Lustigkeit in seiner Brust
-nicht länger bändigen.</p>
-
-<p>Nun darf man aber nicht glauben, daß diese vier
-Sänger und der Kapellmeister etwa zu den besonderen
-Talenten gehören. Jeder von ihnen ist in
-jedem Augenblick zu ersetzen. Wenn einer nur
-ein wirklicher Wiener ist, wirklich lustig, und dabei
-ein bißchen singen kann, vermag er ihren Platz
-einzunehmen. Manchmal stellt sich auch von den
-Gästen einer zu ihnen und macht's geradeso wie sie.
-Und es ist eben ihr Reiz, daß sie so gar keine Künstler<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-sind, sondern nur Wiener. Das gibt dem ganzen
-Brady seine Wirkung, daß hier eben sonst nichts
-vorgeht, als daß die Wiener auf ihre Weise fidel
-sein wollen. Anderswo will man essen oder trinken
-oder sich an Produktionen kritisch ergötzen. Hier
-will und soll kein Mensch etwas anderes als heiter
-sein. Die Gäste, die Musikanten, die Sänger; es
-geht alles in einem. Und wie da junge Prinzen,
-Offiziere, alte Lebemänner, Kommis, Bürgersleute,
-Kutscher und »kleine Mädchen« beisammensitzen
-und singen, ist es, als sei man hier in einer
-ganz kleinen Stadt, deren Einwohner eine besonders
-beschaffene Familie bilden, oder als fände
-man hier den Auszug aller wienerischen Art. Hier
-wird einem unaufhörlich in die Ohren gesungen,
-daß wir »zum Trübsalblasen nicht auf Erden sind«,
-hier hört man jeden Moment die unbestreitbare
-Tatsache vertont und betont, daß man »'s Geld
-auf dera Welt net fressen kann« und hier ist der
-Ort, wo diese Behauptungen nicht verlogen klingen,
-wo sich nichts in uns gegen solch billige Weltanschauung
-sträubt. Der einzige Ort, an dem man
-sich ohne Widerstand überreden läßt: »Drah'n
-m'r um und drah'n m'r auf &ndash; es liegt nix dran!«
-Vielleicht wirkt der Brady auch deshalb so zwingend,
-weil die Leute hier, ob sie gleich fast alle
-betrunken sind, sich nett benehmen. Betrunken
-ist, für einzelne wenigstens, gewiß nicht zu viel gesagt;
-allein hier lernt man den richtigen, anmutigen
-Sinn des guten Wortes: Angeheitert.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p>
-
-<p>Angeheitert ist jeder. Man wird es vom Wein,
-man wird es von dem Gelächter ringsumher, von
-dieser Atmosphäre unbekümmerter, übermütiger
-Fröhlichkeit. Angeheitert wird man von diesem
-Kapellmeister, der die Geige streicht, als gäbe es
-nichts Lustigeres in der ganzen Welt als Geigenspielen.
-Angeheitert von den Sängern, die einem
-lachend zujubeln: Es liegt nix dran. Angeheitert
-von dem Jodler, der den Meisenschnabel aufsperrt;
-sogar von dem feierlichen Meßner, der
-herumgeht und immerfort »Guten Abend!«
-wünscht. Da springt ein Lebemann plötzlich
-auf, drückt sich den Zylinder schief in die Stirn,
-hebt die Frackschöße und tanzt Cancan, da er
-augenscheinlich Paris nicht vergessen kann. Er
-geniert sich nicht, und alle applaudieren, feuern
-ihn an und sind im Nu gut bekannt mit ihm. Ein
-ernster Mensch, der wie ein Oberlehrer aussieht,
-oder wie ein kleiner Beamter, und der bisher still
-vor seinem Glas gesessen, fährt in die Höh', stürmt
-das Podium, drängt den Kapellmeister zur Seite
-und beginnt zu dirigieren. Wer weiß, vielleicht
-verwirklicht er hier zum erstenmal einen Lebenstraum.
-Irgendwo in einer Ecke hebt eine elegante
-junge Dame zu singen an: »Wann der Auerhahn
-…«, eine glockenreine, helle Stimme. Sofort ist
-einer von den Natursängern dabei, jodelt die zweite
-Stimme, und die Geige, die Gitarre, die Ziehharmonika
-spielen die Begleitung. Vor einem
-Tisch im Kreis seiner Freunde und ihrer Mädchen<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-ist ein junger Kavalier aufgestanden. Ein frisches,
-bildhübsches, aufgeregtes Pagengesicht, die Augen
-funkeln ihm, er sprüht vor Jugend und Lebenslust,
-hält einen Toast an alle Anwesenden, und wird
-nicht fertig. Ein alter Herr entzückt sich mit
-einemmal an einer Offenbachmelodie, wird sichtlich
-von Erinnerungen befallen und wiegt sich auf
-seinem Sessel hin und her. Ein Mann, den man
-für einen Viehhändler halten darf, zecht mit einer
-großen Blonden, die aussieht, wie eine von den
-strotzenden Rubensweibern aus einem seiner Bohnenkönigsfeste.
-Und dann fällt dem rothalsigen
-dicken Viehhändler unversehens ein, daß man noblerweise
-nicht zweimal aus demselben Becher trinken
-kann, und er zerschmettert jedes Glas, nachdem
-er es geleert hat, gleichmütig, gelassen, wie
-selbstverständlich, und die blonde Rubensdame
-lacht, wenn ihr der Champagner ins Gesicht oder
-auf das Kleid spritzt. In einer anderen Ecke sitzen
-kümmerliche Menschen. Wie sehr sie sich auch
-mit Ringen und Goldketten behängen, sie bleiben
-armselig; graue einfältige Gesichter; Spießbürger,
-offenbar aus der Provinz; die Frauen nach einer
-verschollenen, unwahrscheinlich gewordenen Mode
-gekleidet. Zur Freude nicht geboren, zu jedem
-Vergnügen talentlos, starren sie mit sachlichem
-Ernst auf das Getriebe. Dann aber geht es wie eine
-große Freudenwelle plötzlich über alle Köpfe.
-Plötzlich beginnen alle miteinander zu singen, die
-Kellner sogar, und selbst die Provinzler singen mit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>Das ist nun vielleicht sehr stumpfsinnig, es ist
-albern, wenn man will, und sicherlich ist es sinnlos.
-Ein Berliner Freund, den ich neulich zum
-Brady führte, ließ sich den ewig nüchternen Kopf
-nicht benebeln, fand, daß die ganze Sache der
-großstädtischen Pracht entbehre, daß die Ventilation
-zu wünschen übriglasse, und daß überhaupt
-die Geschichte »bezeichnend« für Wien sei. Er
-hat allerdings recht, aber ahnungslos wie diese Berliner
-nun einmal unserer Stadt gegenüberstehen,
-auf ganz andere Art, als er denken mochte. Es ist
-freilich bezeichnend für Wien, daß es nur hier
-einen Brady geben kann, und nirgends anderswo,
-daß hier die Leute zusammenkommen, um zu singen
-und lustig zu sein, daß sie sich dabei betrinken
-und trotzdem manierlich bleiben, daß Aristokraten
-und Spießer, Offiziere und Kommis, Fiaker und
-Hofräte hier Tisch an Tisch sitzen, Wiener Lieder
-anhören und kopfüber in die Banalität der Gassenhauerweisheit
-tauchen, ihre Sorgen vergessen, und
-in die Hände klatschen: Drah'n m'r um und drah'n
-m'r auf! Sie ist kindisch diese Zuversicht, aber
-kindlich auch, und deswegen so wohltuend: Es
-liegt nix d'ran!</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span></p>
-
-<h2 id="NACHTVERGNUEGEN">NACHTVERGNÜGEN</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Musik. Junge Mädchen, welche tanzen. Und
-Champagnerwein. Das hat sich in den letzten
-paar Jahren allmählich so entwickelt.
-Aber schon beim gottseligen Brady galt es: »Kinder,
-wer kein Geld hat, der bleibt z' Haus …« Die
-Natursänger schmetterten diese einfache Philosophie
-in den Saal. Wer sie vernahm, der war gewarnt,
-und durfte dann am nächsten Morgen nicht
-klagen: Ihr laßt den Armen schuldig werden.</p>
-
-<p>Zuerst war der Brady allein. Er war wienerisch
-und wußte es nicht besser. Er trieb einen schwunghaften
-Handel mit Urwüchsigkeit, hielt einen Ausschank
-von Volksliedern; er regalierte seine Gäste
-mit dem Humor, der auf dem städtischen Pflaster
-sprießt. Und er ließ die bodenständige Lebensfreude
-alle Abend so lange aufkochen, bis sie sich
-glühend vermaß, der Welt eine Haxen auszureißen.
-Aber er war eben allein, und man konnte bei alledem
-behaupten, daß wir kein Nachtleben haben.
-Jetzt haben wir eines.</p>
-
-<p>Jetzt gibt es in der Innern Stadt etwa ein halbes
-Dutzend Gelegenheiten, die Nacht zu verjubeln
-und das Geld »am Schädel zu hauen.« Das Verfahren
-ist inzwischen nur ein anderes geworden:
-Junge Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein.
-Spanischer Fandango und Veuve Cliquot.
-Tunesischer Bauchtanz und American Drinks.
-Cake Walk und Vöslauer wie Bordeaux. Deutscher
-Sekt und Matchiche. Wir sind international
-geworden. Die nächtlichen Freudenlokale tragen<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-fast alle pariserische Namen, und man amüsiert
-sich jetzt hinterwärts der Kärntnerstraße ganz genau
-nach derselben Art, nach der man sich in Berlin,
-Paris, New York oder Kopenhagen unterhält.</p>
-
-<p>Deswegen fehlt es doch nicht ganz an Lokalton.
-Oft genug dringt durch die französisch-spanisch-amerikanische
-Buntheit ein Schimmer wienerischer
-Farbe. Auch hier kriegt man die neuesten
-Gassenhauer und die frisch entstandenen Straßenlieder
-zu hören. Wie das Gemüse, das draußen
-am Wiesensaum der Stadt wächst, werden auch sie
-nächtlicherweile herein und auf den Markt gebracht,
-diese kleinen Texte und Melodien, die
-draußen am Saum der Stadt aus der Erde wachsen.
-Und auch sie dienen hier nur zur Garnierung. Die
-Herren von der Kapelle singen sie. Denn es ist
-Mode geworden, daß die Orchesterleute sich nicht
-mehr auf ihre Instrumente beschränken, sondern
-daß sie einfach akute Anfälle von Lebensfreude
-haben. Anfälle, in denen sie die Daseinswonne
-ihres Herzens nicht mehr bändigen können. Ihr
-Jubel schwillt so mächtig an, daß er sich in einer
-Geige gar nicht mehr auffangen, in ein Klavier
-gar nicht mehr hineindreschen läßt. Da müssen
-dann die Musikanten einfach losbrechen, müssen
-zu singen anfangen, mitten während des Aufspielens.
-Sie können sich nicht anders helfen.</p>
-
-<p>Das Wichtigste aber bleiben die jungen Mädchen,
-welche tanzen. Man sitzt rings um eine leere
-Mitte, an kleinen Tischchen. Und da kommen die<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-jungen Mädchen. Das ist &ndash; zwischen ein und vier
-Uhr früh &ndash; wirklich sehr hübsch. Es sind lauter
-niedliche kleine Mädchen, manche von ihnen
-sind schön, manche sind nur angenehm; manche
-sind begabt und manche sind ohne Geschicklichkeit;
-manche sind voll Anmut und manche sind
-ganz hilflos; manche sind schüchtern, ja verlegen,
-und manche wieder sind sehr frech. Aber alle
-zusammen haben etwas Sanftes in ihrem Wesen,
-alle zusammen sind wie die Kinder, scheinen vom
-wirklichen Leben gar nichts zu wissen. Sie sind ganz
-arglos in ihren Begierden, in ihrer Gefallsucht, in
-ihren kleinen, durchsichtigen Raffinements. Ringsherum
-an den Tischen sitzen die Leute, die aus dem
-wirklichen Leben hier hereinkommen, aus allerlei
-Ernst und Sorge, aus allerlei Arbeit, Schwierigkeit
-und Schicksal; sitzen da und sind beladen mit ihren
-Gedanken, Geschäften und Pflichten. Sind gefesselt
-und gebunden an Dinge und Menschen, die
-draußen irgendwo leben, sind umstrickt von allen
-möglichen Zusammenhängen. Da in der Mitte,
-auf dem glatten Parkett jedoch tanzen die jungen
-Mädchen, und es ist, als existierten sie in einer
-eigenen Atmosphäre, in einer leichteren, in der
-es keine Gedanken und keine Sorgen gibt. Es ist,
-als tanzten sie, weil alle Zusammenhänge von ihnen
-sich abgelöst, und weil sie dadurch so viel freie
-Gelenkigkeit gewonnen haben. Es ist, als hätten
-sie gar kein Schicksal, sondern nur dieses Lächeln.
-Wenn der Morgen anbricht, gehen sie zu Bett, und<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-die ungeheure Tagesarbeit dieser Stadt braust
-dann über ihren Schlummer hin. Sie hören es nicht.
-Sie sehen nur die vielen hellen Lichter des Abends,
-hören nur die lustige Musik. Und tanzen.</p>
-
-<p>Das Orchester schmettert, und ein junges Mädchen
-wirft sich in den tönenden Schaum dieses
-Fandango, wirft sich mit einer enthusiastischen
-Gebärde in die Flut dieser hochaufspritzenden
-Musik, wie eine Badende, die vom Trampolin fröhlich
-ins helle Wasser sich schleudert. Ihr schönes
-Gesicht ist von Heiterkeit ganz erleuchtet; ihre
-schwarzen Augen glänzen und schauen irgendwohin,
-sehen niemanden an, und haben einen Ausdruck,
-als seien sie nur von einem schimmernden
-Nebel umgeben. Dieses Mädchen ist ganz von sich
-erfüllt. Von ihrer Jugend, von ihrer Schönheit,
-von ihrem Tanz, von der Wirkung, die sie ausübt.
-Ihr feiner, schlanker Körper arbeitet, von der Musik
-beherrscht, in allen Muskeln. Dieser achtzehnjährige
-Leib fiebert, und glüht und tobt. Er spürt
-seine kreisenden Kräfte und sehnt sich, diese
-Kräfte rasen zu lassen, sie zu verschwenden, sie
-hinzugeben an den Jubel dieser Stunde. So schleudern
-sich kleine, junge Lerchen in die Luft, so
-schwirren Libellen in der Mittagssonne. Dieses
-junge Mädchen, das eigentlich gar nicht tanzen
-kann, das wahrscheinlich gar kein Talent hat, ist
-dennoch in diesem Augenblick etwas ganz Vollkommenes.
-Denn sie tanzt ihre Jugend, ihre achtzehn
-Jahre, ihre Frische und ihren Frühling. Und<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-sie genießt das alles, wie sie so in der jauchzenden
-Musik dahinfliegt, sie ist ganz allein mit sich, sie
-schlürft den feurigen Trank ihres Daseins und berauscht
-sich daran. Die Leute rings an den Tischen
-betrachten sie und werden von ihrem Zustand
-irgendwie mitgerissen. Sie betrachten dieses
-kunstlose, enthusiastische Mädchen und werden
-unwillkürlich erfrischt, werden milder, heiterer.
-Sie schauen sie an, wie man ein schönes, in der
-Luft tanzendes Insekt anschaut, dessen Leichtigkeit
-und Anmut etwas Aufmunterndes hat. Sie
-blicken gleichsam über den Bord ihres eigenen Lebens
-geneigt hierher auf diese mühelos heitere
-Existenz. Und lächeln. Die Musik bricht ab; das
-Mädchen steht, wie erschrocken, still, und geht
-dann mit einem ernsten, aufgewachten Gesicht
-hinaus.</p>
-
-<p>Alle diese Mädchen tanzen sich selbst, erklären
-sich im Tanz, liefern Bekenntnisse, unfreiwillige
-Aufrichtigkeiten, lassen ihr Wesen sogleich erraten.
-Nicht nur diese Mädchen hier, überhaupt: Tanzen
-ist Selbstverrat. Da kommt eine, die tanzt ihre
-törichte Eitelkeit, schwatzt sie mit jeder Bewegung
-aus, zeigt mit unglaublich falschen Geziertheiten
-und mit schrecklich mißlingendem Stolz, wie sie
-sich das Nobelsein vorstellt, und das Verführerische.
-Eine Andere wieder ist halb noch ein Kind,
-hat blonde Gretchenhaare, blaue Augen und ein
-schmales bürgerliches Gesicht. Aber dieses Gesicht
-hat nur einen einzigen erstaunten, amüsierten,<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-frivolen und verdutzten Ausdruck, als habe
-sie eben erst das Geheimnis der Liebe erfahren, als
-habe es ihr in dieser Sekunde erst eine Freundin ins
-Ohr geflüstert. Und in ihrem Tanz spricht sich nur
-dies eine aus, nur dieses: Ich weiß es! Wie sie die
-Schultern biegt, die Arme hebt, den Kopf zurückwirft,
-plötzlich auflachend mit den Augen zwinkert,
-scheint sie nur dies zu sagen: Ich weiß es!
-Wieder eine Andere tanzt ihren Leichtsinn, ihre
-vollendete Verlogenheit und Gier, tanzt in ihrem
-nachlässig studierten, fehlerhaften Schritt ihre
-Faulheit und Schlamperei. Wieder Eine tanzt immer
-ihre unleidlichen Hochstaplerinnenversuche,
-möchte in jede Drehung, in jeden Augenaufschlag,
-in jedes Neigen des Hauptes eine rätselhafte
-Bedeutung legen, möchte den Anschein
-wecken, als sei sie nur inkognito hier, nur aus mutwilliger
-Laune, als könne sie aber morgen wieder
-Sternkreuzordensdame sein oder Stiftsfräulein. Wieder
-eine Andere, ein nettes kleines Ding mit einfachen
-Mienen, mit gutmütigen Gebärden und mit
-hausbackener Haltung, tanzt ihre Bereitwilligkeit,
-jeden Moment Kindermädchen zu werden oder
-Weißnäherin, tanzt die Erinnerung an eine bescheidene,
-arme Vorstadtwohnung, tanzt die angeborene
-Sympathie fürs Staubabwischen und
-Fensterputzen.</p>
-
-<p>Die begabteren unter diesen Mädchen haben immer
-die Landschaft um sich, aus der sie kommen,
-die Gegend, in der sie heimisch sind. Immer ist das<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-besondere Kolorit ihrer Heimat an ihnen bemerkbar.
-Da ist eine kleine Pariserin, ganz mager, spitznäsig
-und kreideweiß. Aber mit diesen großen beredsamen
-Augen der Montmartremädchen und mit
-ihren plastisch eindringlichen, witzigen Gebärden.
-Und sie erinnert an unzählige ähnliche Gesichter,
-ähnliche Gestalten, die man abends auf der Place
-Pigalle oder in der Rue Lepic an sich vorbeihuschen
-sieht. Da ist eine kleine Engländerin, mit dem
-halb offenen, fragenden Hasenmund, mit dem
-kühlen, wasserblauen Blick, mit der unverbindlichen
-Koketterie … träfe man sie nachts um elf
-in Piccadilly oder am Trafalgar Square, man könnte
-sie von den anderen Mädchen, die da herumlaufen,
-nicht unterscheiden. Da ist eine junge Dänin, und
-ihre braunen klaren Augen, ihre gerade, stolze Haltung
-erinnert an die schönen Kopenhagener Mädchen,
-die alle so klare, festblickende Augen haben
-wie junge Falken, und die alle so aufrecht, so frei
-und gesund einhergehen. Die anderen aber erinnern
-an gar nichts mehr. Nur an Nachtlokale.
-Ihre Mienen, ihre Blicke, ihre Gebärden sind vom
-Dunst und Rauch dieser Luft wie mit einer Patina
-bedeckt. Ihr Lächeln ist nur mehr das Lächeln
-dieser bezahlten Abende. Sie haben es durch den
-Nachttaumel vieler Städte geschleift, sie sind gewohnt,
-die grelle Musik mit diesem grellen Lächeln
-zu beantworten, und die Musik hat dieses Lächeln
-auf ihren Zügen erstarrt, hat es unpersönlich gemacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>Eine lange Mulattin vollführt das virtuose Sohlenklappern
-des Hornpipe. Ekstase der Knöchelgelenke,
-die den ganzen Körper von unten her
-ins Schütteln bringt. Baskische Mädchen winden
-sich unter dem pochenden Rhythmus der Melodie
-in den buhlerischen Zärtlichkeiten der Matchiche.
-Dann der Cake Walk mit der frechen Unzucht des
-zappelnden, sich verrenkenden Niggers. Unsagbar,
-was dieser Tanz ausdrückt, wie er den Gentlemen
-up to date gewissermaßen als balzenden Affen
-im Frack entlarvt. Wenn dann die Musikanten
-wieder einmal zu brüllen anfangen: »Menschen,
-Menschen san m'r alle …« ist man plötzlich wieder
-in Wien; wird durch den Gassenhauer erst
-daran erinnert, daß man nicht in einem Vergnügungsort
-zu Paris, Athen oder Port-Said sich befand.
-Wir sind international geworden.</p>
-
-<p>Und ringsherum an den kleinen Tischen sitzen
-die Leute. Schauen auf diese aus aller Herren Ländern
-zusammengemischte Lustbarkeit. Lassen sich
-von der unaufhörlich schmetternden Musik aufrütteln,
-von spanischen, französischen, englischen,
-russischen, amerikanischen und wienerischen Melodien
-aufrütteln. Von spanischen, englischen und
-wienerischen Mädchen aufrütteln. Möchten die
-eigene Schwere, die eigene Bürgerlichkeit für eine
-Nacht wenigstens los sein und haben dennoch
-kein Talent zum Vergnügen, haben keinen rechten
-Glauben daran. Sie sitzen da und zweifeln,
-und überlegen, und machen mißtrauische Gesichter,<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-ängstliche Augen, als fürchteten sie, es könne
-ihnen unversehens ihre Würde gestohlen werden,
-ihre soziale Stellung, oder als könne ihnen auf eins
-zwei ihre Selbstachtung abhanden kommen. Unsicher
-sind sie, ihrer selbst, und dieser Freuden da.
-Unsicher und lüstern zugleich und zugleich bereit,
-sich irgend etwas vorzulügen, sich einer auf den
-anderen auszureden. Frauen sitzen hier mit ihren
-Ehemännern, und machen neugierige Augen, und
-vergehen vor Begierde, einen Blick in den »Sündenpfuhl«
-zu tun, das »Laster« kennen zu lernen. Und
-dann haben sie, wenn sie irgendwo eine scharmante
-Gebärde, eine allzu deutliche Zärtlichkeit belauern,
-solch eine infame Milde in ihrem Lächeln, solch
-eine taktlose, selbstgefällige Nachsicht, daß man
-merkt, sie sind nur hergekommen, um sich aufzuspielen,
-um sich auf Kosten dieser Mädchen da
-überlegen zu fühlen. Wenn aber eine von den
-Tänzerinnen einmal zu solch einer Frau hingehen
-und ihr sagen würde: »Ich laß mich von Ihnen
-nicht ausnützen …,« man müßte es verstehen.
-Eine jedoch war da, und die wirkte rührend. Es war
-keine legitime Frau, aber offenbar schon jahrelang
-mit dem Manne, der neben ihr saß, beisammen.
-Eine Frau so zwischen dreißig und vierzig.
-Vielleicht früher einmal Choristin, jetzt aber an
-ein ruhiges Leben in behaglichen Verhältnissen gewöhnt.
-Noch immer schick gekleidet, mit jener
-Sorgfalt, die eine Frau anwendet, wenn sie abhängig
-ist und ihrem Freund immer wieder gefallen<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-muß. Der Mann neben ihr an die Fünfzig,
-elegant, gepflegt, im Smoking. Und sie sah nun zu,
-wie er alle diese Tänzerinnen mit den Blicken verschlang.
-Eine nach der anderen. Sie sah zu, wie er
-diese jungen, tanzenden Mädchen musterte, prüfte,
-begehrte. Ein paarmal legte sie ganz leise ihre
-Hand auf die seinige. Er merkte es gar nicht; schien
-sie völlig vergessen zu haben. Um ihre Lippen
-bebte ein schwaches, beschämtes Lächeln. Sie
-spähte umher, ob niemand sie beobachtet habe.
-Von da an sah sie zu, wie der Mann neben ihr sie
-betrog, wie ihr seine Wünsche untreu wurden, vor
-ihren Augen. Sie sah aufmerksam diese jungen,
-sprühenden, in ihrer Frische entblößten Mädchen
-an, und ihr hübsches, verblühtes Gesicht wurde
-mutlos. Ihr Blick verhängte sich. Sie sah jetzt
-nichts mehr. Und sie saß da wie beraubt, verlassen
-und gänzlich entwaffnet.</p>
-
-<p>Ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die
-Leute, und es sind unsichtbare Schranken zwischen
-ihnen, zwischen ihrer Welt und dieser tanzenden
-Welt da. Manchmal aber läßt sich einer
-von den ernsten Männern vom Augenblick wegraffen,
-springt über diese Schranke und reißt so
-ein Mädchen an sich, um mit ihr zu tanzen. Gewöhnlich
-ist es ein älterer Herr, und gewöhnlich
-zeigt er durch irgend einen Ruck, den er sich
-gibt, durch eine unsäglich düstere Miene, daß er
-nun den Entschluß gefaßt habe, fröhlich zu sein.
-Es sind immer nur zwei Spielarten, von Männern.<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-Der eine, der es einfach aus Sinnlichkeit tut, der
-sich mit dem bloßen Schauen nicht mehr begnügt.
-Er ist immer der ernsteste von allen. Seine Brauen
-runzeln sich, seine Stirn legt sich in Falten, sein
-Mund ist fest geschlossen. Also beginnt er, das
-Mädchen im Arme, zu tanzen. Zornig beinahe,
-dreht er sie im Kreis, preßt sie an sich und wirbelt
-mit ihr, und scheint entsetzlich wütend. Es ist
-schon kein Walzer mehr, sondern eher eine symbolische
-Handlung, die er vollzieht, eine vorläufige
-Besitzergreifung etwa. Dann geht er gesenkten
-Hauptes an seinen Platz zurück, setzt sich
-nieder und schaut sich erbittert um. Der Andere
-ist eitel, erinnert sich plötzlich, daß er schön tanzen
-kann, daß man ihm in seiner Jugend wegen
-seines leichten Sechsschrittes Komplimente gemacht
-hat. Und nun tanzt er mit so einem Mädchen,
-aber nicht, als ob er ihr sein Wohlgefallen,
-sondern als ob er ihr seine Anerkennung bezeigen
-wollte. In seinem Gesicht ist die Hoffnung, man
-werde ihn bewundern. Er hält das Kreuz hohl,
-dreht nach links, macht zierlich ausgemessene
-Schrittchen, setzt die Fußspitzen preziös nach auswärts,
-schwingt die Waden in affektierten Zirkeln,
-wechselt die Gangart, das Tempo, vollführt allerlei
-kleine Bravourstückchen, und hört dann plötzlich
-auf, weil er schwindlig wird. Kreidebleich
-setzt er sich nieder, trinkt in kleinen Schlucken,
-damit keiner bemerken soll, daß er keucht und ihm
-der Atem ausgegangen ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span></p>
-
-<p>Nachtvergnügen. Draußen in den schlafend
-stillen Straßen, in der kalten Winterluft zerstiebt
-dies alles spurlos. Eine Weile noch rauscht die
-Musik ins Ohr, dann wird das letzte Echo davon
-verblasen. Eine Weile noch schimmert ein Frauenlächeln,
-dann verlischt es.</p>
-
-<p>Das ist aber keineswegs eine Betrachtung, an die
-eine Schlußmoral geknüpft werden soll.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p>
-
-<h2 id="PETER_ALTENBERG">PETER ALTENBERG</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie
-des Alltags dahinwandelt, an den äußeren
-Rändern des bürgerlichen Lebens? Dirnenlokale,
-Freudenhäuser, Boheme-Spelunken, Varietees,
-Kabaretts. Bei Menschen, die der brutalen
-Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit, dem gedankenlosen
-Vergnügen der Satten dienen. Bei
-Menschen, die aufgebraucht, genossen, verachtet
-werden und die er anbetet. Dort schwelgt er in
-subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und
-zärtlicher Verzweiflung. Dort waren die moskowitischen
-Sänger von der Newsky-Russotine-Truppe,
-denen er seine Seele hingab, dort war die
-spanische Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleichfalls
-seine Seele hingab, das Aschanti-Mädchen
-Nah Bâdúh, an das er ebenfalls seine Seele hingab,
-dann die Schwestern Nagel, welche wienerische
-Lieder singen, dann die Leopoldine, die Gusti, die
-Anna, die Helene, die Gabriele, denen er immer
-wieder und wieder seine Seele hingegeben hat.</p>
-
-<p>In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das
-Gläserklirren, Kreischen, Lachen und Lärmen
-eines Nachtcafés tritt er ein, geht mit seinen
-sanften Schritten und mit seinem sanften Lächeln
-durch den Tumult, und der Reihe nach grüßen
-ihn zehn, zwölf, zwanzig Mädchen. »Servus Altenberg!
-… O, Peter &ndash; wie geht's dir? …« Sie
-grüßen ihn nicht wie einen Habitué, nicht wie
-eine geschätzte Kundschaft, sondern wie einen
-Freund, oder richtiger, wie man in einem Verein<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-etwa ein Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und
-hochachtungsvoll. Vertraulich, weil er ja dazugehört,
-und hochachtungsvoll, weil es ein Ehrenmitglied
-ist.</p>
-
-<p>Man steht mit ihm an einer Straßenecke.
-Graben oder Kärntnerstraße. Spät nachts. Er
-disputiert, regt sich auf, schreit. Die Kutscher
-vom Standplatz hören zu, treten näher heran,
-bilden einen Kreis, lächeln. Dann sagt einer von
-ihnen mit tiefem Baß: »Hab' die Ehre, Herr von
-Altenberg …« Um sich vor uns damit auszuzeichnen,
-daß er ihn kennt. Die anderen wiederholen
-es, intim und respektvoll. Es ist beinahe
-eine Ovation. Der Schutzmann kommt herbei,
-weil er glaubt, es gäbe einen Auflauf. Seine
-Mienen sagen: ach soo … Er lächelt, salutiert:
-»Hab' die Ehre, Herr von Altenberg.«</p>
-
-<p>Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber
-sitzen, Gemüse und Blumen verkaufen. Er geht
-mitten in dem Gewühl umher, atmet den Duft
-von Erdbeeren, Reseda, Levkoien, von Spinatblättern,
-Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch
-des aufgehenden Tages und des frischbesprengten
-Straßenstaubes; sucht mit den Augen, liebkost mit
-den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten
-grünen Gemüseberge und die hübschen
-Töchter der Marktweiber, die vierzehn- und fünfzehnjährigen.
-Die Mütter und die Töchter nicken
-ihm zu: »Grüaß' Ihna God, Herr von Altenberg&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span></p>
-
-<p>Peter Altenberg erwünscht es sich, daß die
-Seele des Menschen an Terrain gewinne. Er hat
-das selbst einmal geschrieben, und es drückt sein
-Wesen vortrefflich aus. Er wird jetzt fünfzig
-Jahre alt. Das ist ein Abschnitt, um manches zu
-überdenken und sich mancher Dinge zu besinnen,
-und ich lese seine Bücher.</p>
-
-<p>Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen
-einmal gesagt hat; eine Sängerin oder Tänzerin,
-vielleicht auch nur eine, die durch die American
-Bars und Chantant-Promenoirs von Europa zigeunert,
-jedenfalls eine von den vielen, denen er seine
-Seele hingegeben hat: »Votre lettre … je comprends,
-que vous me comprenez … c'est tout ce
-qu'il nous faut … c'est plus!«</p>
-
-<p>Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der
-Geliebten im Kaffeehaus die Geliebte erwartet,
-die aus dem Theater kommen soll: »Der Pudel
-setzte sich so, daß er die Eingangstür im Auge behalten
-konnte, und ich hielt es für sehr zweckmäßig,
-wenn auch ein wenig übertrieben, denn,
-bitte, es war halb acht Uhr, und wir hatten bis
-viertel zwölf Uhr zu warten. Wir saßen da und
-warteten. Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte
-in ihm Hoffnungen, und ich sagte jedesmal
-zu ihm: ›Es ist nicht möglich, sie kann es
-noch nicht sein, bedenke doch, es ist nicht möglich!‹
-Er war direkt krank vor Sehnsucht, wandte
-den Kopf nach mir um: ›Kommt sie oder kommt
-sie nicht?!‹ &ndash; ›Sie kommt, sie kommt …‹ erwiderte<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-ich. Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir
-heran, legte die Pfoten auf meine Knie, und ich
-küßte ihn. Wie wenn er zu mir sagte: ›Sage mir
-doch die Wahrheit, ich kann alles hören!‹ Um
-zehn Uhr begann er zu jammern. Da sagte ich
-zu ihm: ›Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir
-nicht bange ist?! Man muß sich beherrschen!‹
-Er hielt nichts auf Beherrschung und jammerte&nbsp;…!«</p>
-
-<p>Ich lese das Hotelzimmer: »Um drei Uhr morgens
-begannen die Vögel leise zu piepsen, andeutungsweise.
-Meine Sorgen wuchsen und wuchsen.
-Es begann im Gehirn wie mit einem rollenden
-Steinchen, riß alle Hoffnungsfreudigkeit mit,
-die Lebensleichtigkeiten, wurde zur zerstörenden
-Lawine, begrub die Fähigkeit, dem Tag zu genügen,
-und der unerbittlichen gebieterischen
-Stunde! Ein lauer Sturm brauste in den Baumwipfeln
-vor meinem Fenster …!« Und dann der
-Schluß: »Das Singen der Vögel in den Baumkronen
-wird deutlicher, Ansätze zu Melodien sind
-vorhanden. Laue Stürme bringen Wiesengeruch.
-Es wäre die schicklichste Stunde, sich am Fensterkreuze
-aufzuhängen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen:
-»Es gibt drei Märsche, die in Musik umgewandelte
-Todeskühnheit und Blutdunst sind: Lorrainemarsch,
-Sternenbannermarsch, Einzug der Gladiatoren.
-Sie müssen mit einer kurzen und schrecklichen
-Entschlossenheit gespielt werden! &ndash;&nbsp;&ndash; Die
-Instrumente mögen direkt in den Tod gehen!<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-Besonders kleine Trommel und Klarinette seien
-Helden! Sterben fürs Vaterland! Ex! Man muß
-die Bataillone gleichsam sehen, die den Selbsterhaltungstrieb
-hinter sich zurücklassen! Vor, vor,
-vor! Eine schreckliche Krankheit hat das Gehirn,
-das Nervensystem ergriffen: ›Du oder ich, Hund!‹
-Sonst nichts!«</p>
-
-<p>Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters:
-»Also Arterienverkalkung höchsten Grades &ndash;&nbsp;&ndash;.
-Die junge Frau wird leben, leben, die zu mir gesagt
-hat: ›Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen
-jemanden so glücklich gemacht hat wie Sie!‹ &ndash;&nbsp;&ndash;
-Die Bergwiesen in R. werden duften und leuchten,
-besonders nach Regen am Abend. Niemals ist
-jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich.
-&ndash;&nbsp;&ndash; Enkelin, süße, bescheidene, allzu zarte, verlegene,
-in dich gekehrte, immer spürtest du es:
-›Mein Großpapa versteht mich besser als alle &ndash;.‹
-Ich möchte dich anflehen aus dem Grabe: ›Warte
-auf einen, der dich so, so verstünde wie dein verstorbener
-Großvater! Aber du wirst ihn nicht erwarten
-können.‹ &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Amen &ndash;&nbsp;&ndash; Arterienverkalkung
-höchsten Grades &ndash;&nbsp;&ndash; Lebet wohl!«</p>
-
-<p>Dann das Café de l'Opera im Prater: »Jawohl,
-eine eigentümliche Beziehung ist zwischen
-diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe,
-Birke, Platane, Esche; weiße Bogenlampe und
-kühler Auen Nachtduft. Etwas abseits vom Leben
-ist es. Es schleicht nicht dahin wie Brackwasser.
-Eine wundervolle Mischung ist es, welche uns<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-heiter macht und leicht. So unbedenklich sitze
-ich und lausche. Niemanden beneide ich. Eine
-Rose kaufe ich und schenke sie Signorina Maria.
-Eine wundervolle Zigarette zünde ich mir an.
-Wie lieblich die Mandolinen gebaut sind, wie
-hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter
-glitzern! Wie ruhig die Platane steht. Und wie
-die Esche mit ihren zarten Blätterfingern bebt.«</p>
-
-<p>Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen
-Predigten, Ansprachen und Dichtungen. Manche
-sind wie stählerne Projektile, so fest in sich geschlossen,
-so vollendet und präzise in ihrer Form;
-und sie dringen einem wie Projektile in die Brust;
-man ist getroffen und blutet an ihnen. Manche
-sind wie Kristalle und Edelsteine, funkelnd in
-allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes,
-strahlend von eingefangenen Sonnenstrahlen und
-blitzend von einem geheimnisvollen inneren Feuer.
-Manche sind wie reife Früchte, warm vom Hauch
-des Sommers, schwellend und süß, und voll Duft
-nach Laub und Gärten. Ich lese alle diese kleinen
-Werke, und sie sind entzückend in dem Rhythmus
-ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihren gleichsam
-mit einer heftigen Gebärde hingeschleuderten
-Satzformen, die so viel Plastik haben und so viel
-malerische Kraft. Diese Sprache ist wunderbar
-persönlich und erinnert an keine andere. Nur hie
-und da, ganz leise, mahnt irgendein Klang an den
-Sprechton von Andersen. Und wenn man es weiß,
-daß Altenbergs Vater für Victor Hugo geschwärmt<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-und die französische Kultur fanatisch geliebt hat,
-aber nur wenn man das weiß, merkt man, daß die
-Jugend dieses Dichters oft den Schwung und das
-graziöse Pathos französischer Konversationskünste
-gehört hat, und daß davon ein schwaches Echo in
-seiner Rhetorik vernehmlich wird. Sonst aber erinnert
-diese Sprache an nichts. Wenn er sagt:
-»Sterben fürs Vaterland! Ex!« … wenn er sagt:
-»So ist es! Schweige, Rekrut des Lebens!« …
-oder: »Basta! Wozu Ereignisse?« … oder: »Siehe!
-Diese Herrliche, Jugendliche, in purpurrotem
-Samt hat ihr Sedan in sich. Sie wird sich verfetten!
-Helas &ndash;&nbsp;&ndash;«; wenn er dies sagt, dann ist das wie
-lauter kleine neue Empfindungen, die er gemacht
-hat. Es ist, als ob man ihn reden hörte; als
-sprängen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden,
-abschnappenden, pointierten Schlußwendungen
-unmittelbar aus der Hast und Aufregung
-seines Denkens und seines Temperaments. In
-seiner Form ist etwas Zwingendes; diese scheinbar
-asthmatische Beredsamkeit, dieses Klopfen
-aller Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze, schnalzende
-Prägnanz wirkt verführerisch und lockt zur
-Kopie. Aber er allein nennt diese Echtheit sein
-eigen. Er hat vor sein erstes Buch das Motto gesetzt:
-»Mon verre n'est pas grand, mais je bois
-dans mon verre!« Mit der Zeit trinken freilich
-auch manche andere aus diesem Glas. Aber das
-macht nichts.</p>
-
-<p>Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-als er anfing. Damals war er etwa dreißig Jahre
-alt und reif und fertig. Er ist nicht anders geworden
-seither, und was man künstlerische Entwicklung
-nennt, liegt nicht in seinem Wesen. Er
-wird niemals ein großes Werk schaffen, langsam
-komponieren und bauen, wird niemals die Fäden
-irgendeiner Handlung spinnen, knüpfen und lösen,
-niemals in seiner Phantasie Gestalten und Schicksale
-erschaffen. Denn er trägt nicht wie andere
-Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück &ndash;
-einen »Fetzen«, würde er sagen &ndash; mit sich nach
-Hause, reißt nicht irgendein Stück aus dem Leben,
-um es bei sich zu verarbeiten, um es zu verändern,
-zu erhöhen und sein ganzes Ich darein zu verweben.
-Er sieht das Leben wie ein einziges,
-furchtbares und herrliches Schauspiel vor sich abrollen
-und hat keine Zeit, etwas zu versäumen,
-indem er sich mit sich selbst und mit einem Werk
-einschlösse. Er ist von diesem Schauspiel in solchem
-Maße erschüttert, gefesselt, berauscht, daß
-er keinen Moment vom Platze weicht. Ihm enthüllt
-sich die Tiefe der Welt in Worten, die Vorübergehende
-sprechen, in dem Auflachen oder im
-Erbleichen einer Dirne. Ihm öffnen sich die
-schwarzen Abgründe der Tragik im Seufzer eines
-enttäuschten Jünglings, in dem Blick, den eine
-gealterte Frau auf eine erblühende richtet. Er
-sagt: »Goldgelber, wunderbarer Chinatee«, und
-empfindet unermeßliche Fernen, exotische Landschaften,
-unermeßliche Möglichkeiten des Daseins.<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-Er wird andächtig und ergriffen von dem
-rosigen gesunden Körper eines Kindes, erbebt vor
-den hellen unbeirrten Augen einer Dreizehnjährigen
-als vor etwas Göttlichem. Es ist seine
-innerste Notwendigkeit, still dazusitzen und zu
-schauen und sich schauend am Leben zu erzücken
-oder zu kränken. Und es ist seine innerste
-Notwendigkeit, daß er dann diese kurzen Briefe
-an das Leben richtet. Manchmal Anerkennungsschreiben,
-die von seinem Entzücken auf eine
-rührende Weise ganz durchtränkt sind. Manchmal
-wieder Schmähbriefe, in denen ein erstickender
-Zorn ins Stammeln gerät. Er wird immer nur
-diese kleinen Prosastücke schreiben; alle seine
-Bücher enthalten nur solche kleine Prosastücke,
-und die folgenden Bücher, die er noch erscheinen
-lassen mag, werden auch nichts anderes enthalten.
-Aber unter ihnen sind viele kleine Meisterwerke.
-In diesen wohnt eine ungemeine Flugkraft, und
-sie werden ihn über die Jahre hinwegtragen zu
-Generationen, die erst noch kommen. Denn Altenberg
-besitzt eine wunderbare Macht. Während
-andere mit der Gewalt eines langen Atems Werke
-schreiben, die man morgen schon vergessen hat,
-kann er mit seinem kurzen Atem Dinge sagen,
-die einfach unvergeßlich sind.</p>
-
-<p>Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freudenhäusern,
-in den Varietees, in den Boheme-Cafés
-und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen
-an Terrain gewinne. Es sind seine eigenen Worte.<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-Freilich ist das der Wunsch so ziemlich aller Dichter,
-nebenbei auch aller Priester. Die Dichter betonen
-es nur nicht immer ausdrücklich, streben
-bloß bewußt oder unbewußt danach, zur Erreichung
-dieses Zieles etwas beizutragen. Die
-Priester wieder predigen und verkündigen es unaufhörlich
-und wissen Rezepte, die unfehlbar dazu
-verhelfen, daß die Seele an Terrain gewinne.
-Altenberg tut beides. Er predigt, und er dichtet;
-er gibt Rezepte, er überredet und schreit das
-Leben an, kanzelt es ab wie ein Priester und
-wirft sich ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos,
-überwältigt in die Arme wie ein Künstler.</p>
-
-<p>Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine
-junge Tänzerin voll Verve in jeder Bewegung oder
-einen Collie von echter Rasse oder ein Tiffany-Glas
-oder eine frische Wiesenblume und ruft mit
-geschnürter Stimme, zitternd vor Begeisterung:
-»Das ist das Höchste! Das Hö-ö-öchste!!« In
-dieser Sekunde ist es ihm wirklich das Höchste.
-Als habe das Leben eine neue Überraschung,
-irgendeine neue Aufmerksamkeit für Altenberg
-bereitgehalten, habe ihm diese Gabe plötzlich
-dargereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er
-nun fürstlich beschenkt, als sei er vor allen anderen
-begnadet. Es ist aber auch, als umfasse er
-in dieser einen Sekunde wiederum den ganzen
-Reichtum des Daseins.</p>
-
-<p>Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick
-ist sie die einzige, an die er seine Seele hingibt.<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-»Ich habe das Antlitz gesehen«, sagt er. Jedes
-andere Antlitz verlöscht in ihm, versinkt, und es
-existiert nur dieses eine. Dieses ist ihm für jetzt
-die Erfüllung seines Traumes von Frauenschönheit;
-dieses ist ihm für jetzt die höchste Meisterleistung
-der schaffenden Natur und ist ihm ein Anlaß,
-wiederum ein lobendes Schreiben, einen enthusiastischen
-Dankbrief an das Leben zu richten.
-Er hat seine Seele oft nur für wenige Tage, oft
-nur für eine halbe Stunde hingegeben; aber er
-hat sie immer ganz hingegeben, ohne Vorbehalt,
-und als täte er es zum erstenmal.</p>
-
-<p>Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mädchen
-kaufen, und sagt ihnen: Glaubt nicht, daß
-ihr jetzt alle Rechte über dieses Geschöpf habt!
-Beachtet, wie herrlich schön dieses Mädchen ist.
-Nehmt sie nicht im brutalen Heißhunger eurer
-Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei die
-freche Gesinnung hegt, ihr werdet durch sie besudelt.
-Beachtet ihre Traurigkeit und ihre Heiterkeit;
-beachtet ihr Schicksal. Seid nicht wie Tiere!
-Die jungen Leute denken bei sich: er ist verrückt!
-Aber sie schlagen einen andern Ton gegen die
-Mädchen an. Die Seele des Menschen hat an
-Terrain gewonnen.</p>
-
-<p>Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele
-ältere sitzen an seinem Tisch und hören ihm zu.
-Viele haben sich im Laufe der Jahre nacheinander
-seiner bemächtigt, haben ihn nicht losgelassen,
-konnten nicht existieren ohne seinen Zuspruch,<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-ohne seine milden Reden, ohne seine Wutanfälle
-und tobenden Beschimpfungen. Verwöhnte Frauen,
-sehnsüchtige Mädchen langen über seine Bücher
-und über gesellschaftlichen Zwang hinweg nach
-ihm, begehren seine persönliche Nähe, seine Worte,
-spüren in ihm eine unbekannte neue Zärtlichkeit,
-eine wunschlose Anbetung, irgendeine Befreiung,
-irgendein Labsal oder eine Aufklärung. Die Leute
-in den Nachtlokalen, die Freudenmädchen, die
-stumpfsinnigen Trinker und Genießer, die Kellner,
-die Kutscher, die Schutzmänner, die Wirte, alle
-sprechen mit ihm. Er sagt ihnen: Hütet eure Verdauung!
-Habet Ehrfurcht vor eurem Schlaf! Er
-sagt ihnen: Die einzige Perversität, die es gibt,
-ist, seine Lebensenergien zu schwächen und zu
-vermindern! Alle diese Menschen verstehen ihn
-natürlich nicht, aber sie verstehen, daß er sie
-irgendwie liebt, daß er Güte für sie hat, und sie
-lieben ihn auch. Sie lächeln, wenn er seine langen
-Reden hält, sie blinzeln einander an, sie zucken
-die Achseln, aber sie lassen nicht ab, ihm zuzuhören,
-sie kommen nicht los von ihm. Wie das
-Grubenpferd im Germinal das andere eben von
-den Wiesen ins Bergwerk hinuntergelassene junge
-Tier beschnuppert und an seinem frischen Geruch
-die freie Luft und die Sonne ahnt, so wittern diese
-Leute, die im Alkoholdampf, im Lärm, in der
-Nachtmusik, im Rausch und Dunst ihrer Welt eingeschlossen
-sind, an ihm etwas von der Unschuld,
-die ihnen verloren ging, wittern an ihm die Poesie,<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-die sie nicht mehr kennen, und freuen sich, wenn
-er kommt, und grüßen ihn, wenn er geht.</p>
-
-<p>Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka
-im Nachtasyl oder wie in der Macht der Finsternis
-der alte Akim. Er ist hier heimisch und kommt
-doch von wo anders her. Er wurzelt hier, und
-doch brennt in ihm eine Flamme, die nicht an
-diesen Lichtern hier unten entzündet worden ist.
-Er ist unter all den Erwachsenen und Beladenen
-und vom Dasein Entstellten vollkommen wie ein
-Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen, schauen
-einander an und lächeln, wenn sie ihn wie ein
-Kind gegen das Leben eifern und streiten hören;
-und sie lächeln noch einmal, wenn sie merken,
-wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten
-dieses Lebens verstrickt ist, und wie naiv er sich
-seiner bedient. Die breite Menge der Gebildeten
-ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung,
-verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn für
-verrückt oder für einen, der sich zum Narren hergibt,
-wohl auch für gemeingefährlich, jedenfalls
-für sehr verkommen. Im Kabarett Fledermaus
-erzählt Dr. Egon Friedell Altenberg-Anekdoten.
-So oft er beginnt: »Es ist mir beschieden, im
-Leben des Dichters Altenberg dieselbe Rolle zu
-spielen, die Eckermann im Leben Goethes gespielt
-hat«, brüllt das Publikum und meint, damit
-sei nun Altenberg gebührend verhöhnt worden.
-Es gilt ihnen schon als ein Witz, daß der
-Dr. Friedell sagt: Der Dichter Altenberg. Denn<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-sie meinen, es sei im Ernst ganz unmöglich, ihn
-einen Dichter zu nennen. Sie brüllen auch zu
-den Anekdoten und ahnen nicht, wie glänzend
-diese erfunden sind. Die stürmische Heiterkeit,
-welche Dr. Friedell mit seinen Altenberg-Geschichten
-immer erregt, ist gewissermaßen eine
-falsche, eine mißverständliche Heiterkeit. Denn
-die Leute verstehen nicht, wie der ganze Wert
-dieser ausgezeichneten kleinen Geschichten nur
-darin besteht, daß aus ihnen die rührende und
-einzigartige Gestalt Altenbergs lebendig hervortritt,
-daß durch sie das Wesen Altenbergs mit
-einem klaren ungemein psychologischen Humor
-beleuchtet und manchmal verklärt wird. Die
-Leute sehen ihn von weitem. Sie sehen seine
-Werke aus der Entfernung ihres bürgerlichen und
-an vermorschte Wahrheiten geklammerten Standpunktes,
-genau so wie sie seine Person von weitem
-sehen, wenn er zufällig auf der Straße an ihnen
-vorbeigeht, oder wenn er eben im Saale ist, während
-Dr. Friedell von ihm spricht. Sie meinen
-dann ja auch, nachdem sie ihn begafft haben, er
-sähe wüst aus, vernachlässigt und beinahe zerlumpt.
-Und wissen nicht, mit welcher Sorgfalt
-diese weiche, den Körper kaum beschwerende
-Kleidung ausgewählt ist; wissen nicht, was für ein
-gepflegtes, weißes, durchleuchtetes Antlitz er hat,
-was für feine beseelte Züge, was für schöne strahlende
-Augen; sie wissen nicht, daß er die schmalsten
-vornehmsten Alabasterhände hat, und daß<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-seine Stimme sanft und gesanglich klingt und edel.</p>
-
-<p>Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie
-des Alltags dahinwandelt, am äußern Rand
-des bürgerlichen Lebens, an den Grenzlinien, wo
-das Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die
-sonst als unumstößlich gelten, zweifelhaft werden!
-Er ist jetzt fünfzig Jahre alt, ist in diesem heutigen
-Wien eine der interessantesten, subtilsten und ergreifendsten
-Existenzen, ist für alle Wissenden in
-Europa ein geliebter und bewunderter Dichter,
-in dem großen geistigen Orchester ein Instrument,
-dessen besonderer Klang durchdringend und aus
-tausend Stimmen kenntlich bleibt, … und für das
-Amüsierpublikum vom Maxim, vom Café Central
-und vom Kabarett Fledermaus eine Kuriosität,
-ein ridiküles Schaustück neugierigen Bürgersleuten.
-Eines Tages aber wird man Altenberg-Erinnerungen
-schreiben und Altenberg-Biographien.
-Die dann diese Bücher lesen, werden
-glauben, ganz Wien habe dieses Original verstanden,
-verehrt und gefeiert, und sie werden
-sagen: Schade, daß wir ihn nicht mehr gekannt
-haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert und verehrt.
-Eines Tages wird jemand beweisen, daß draußen,
-an den äußern Rändern des Alltags, durch das
-Wirken Altenbergs die Seele des Menschen an
-Terrain gewonnen habe. Dieser Beweis wird gelingen,
-weil es einfach wahr ist. Nur heute würde
-das niemand glauben wollen.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span></p>
-
-<h2 id="SPAZIERGANG_IN_DER_VORSTADT">SPAZIERGANG IN DER VORSTADT</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span></p>
-
-<p class="drop">In diesen schönen Frühlingstagen bin ich jetzt oft
-und gern in Währing gewesen. Weit prächtiger
-mag es sich ja anhören, wenn einer
-sagen kann, er sei kürzlich erst in Samarkand spazierengegangen,
-oder er habe sich in Brasilien umgetan.
-Währing, das klingt natürlich nach gar
-nichts. Zwar wüßte ich nur wenig Punkte der
-Erde, von denen sich heute noch ein großes Rühmens
-machen ließe. Die Menschen sind überall
-schon umhergewesen und kommen überall hin.
-Alle Länder mit all ihren Städten sind uns hundertmal
-schon beschrieben, derart, daß gar viele unter
-uns, deren Sinn beständig nach der Ferne steht,
-im Weiteren besser Bescheid wissen als im Engeren
-und Nächsten. Mag es also auch nur Währing
-sein … ist man da aufgewachsen, dann fragt man
-nicht viel, ob der Name des Ortes hinreichend
-prächtig sich anhört. Und wenn man nach zwanzig
-Jahren zum erstenmal wieder heimkehrt, zum
-erstenmal wieder an diesen bescheidenen Häusern
-vorbeigeht, und den stillen Gärten; nach zwanzig
-Jahren wieder den wohlvertrauten Umkreis durchwandert,
-darin man vorzeiten das Gehen und
-Sprechen gelernt, das Lesen und Schreiben, wo
-man die ersten Freuden gehabt hat und frühen
-Kummer genug, dann mag man sich allhier von
-der Lebendigkeit des Daseins stärker angerührt
-fühlen als im fremden Samarkand oder in Brasilien.</p>
-
-<p>Das war damals wirklich so, und man schrieb
-es auch auf den Postadressen nicht anders, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-Währing »bei« Wien lag. Draußen, vor den festgemauerten
-Wällen lag es, hinter denen sich die
-Stadt verschanzte, und begann erst ein gutes Stück
-hinter dem gewaltigen Holzgatter, mit dem man
-die »Linie« absperren konnte. Von der Stadtseite
-her war es nur durch den einzigen Durchschlupf
-zu erreichen, den eben die Linie freiließ.
-Deutlich erinnere ich mich noch des Feldweges,
-der hinter dem Mauttor anfing und heimwärts
-führte. Felder überall und Wiesen. Und jenseits
-davon standen die ersten Währinger Häuser,
-wie gute Bekannte mit freundlichen Gesichtern.
-Aus den hellen Gassen kam man rasch überall ins
-Freie. Ein paar Schritte von der Kirche ab, die
-alte Neugasse hinauf, vorüber an dem halben
-Dutzend damals noch gern bespöttelter Kottagevillen,
-und man war auf der Türkenschanze, konnte
-durch hochstehende Saaten, durch Weingärten
-und Brachäcker unter Lerchenjubel und Sensenklirren
-in Feldeinsamkeit dahinwandeln, war einfach
-auf dem Lande. Und ein kleines, halb ländliches
-Gemeinwesen war das ganze Währing.</p>
-
-<p>Die Stadt, die begann für uns gleich bei der
-Linie. Und beim Bürgerversorgungshaus, wo die
-Pferdebahn klingelnd zum Zögernitz hinausfuhr,
-glaubten wir uns schon mitten in ihrem stolzesten
-Gewühl. Hatten wir uns aber einmal gar bis zum
-Josephinum vorgewagt, dann meinten wir alle
-Pracht der Residenz erspäht zu haben. Eine alte
-Tante kam damals aus der Provinz zu uns, um,<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-wie sie sich ausdrückte, die Wienerstadt kennen zu
-lernen. Und da wir Knaben ihr als Fremdenführer
-dienten, ist auch sie übers Josephinum nicht
-hinausgelangt. Sie war genügsam und gab sich damit
-zufrieden. Sie hat den Rest ihrer Jahre bei
-uns verbracht, aber während wir Kinder die Wienerstadt,
-nach der es sie so sehr verlangte, längst
-schon in allen Bezirken durchstreiften, reichte ihr
-Begehren gar nicht mehr weiter. Täglich rüstete
-sie sich mit sehr viel umständlicher Feierlichkeit,
-um »in die Stadt« zu gehen, rückte voll Anstand
-und Bedacht bis an das Versorgungshaus, und
-machte dort pünktlich kehrt. Vom Graben, vom
-Stephansplatz, vom Praterstern sprach sie zuletzt
-nicht anders als von Gegenden, in deren exotische
-Gefahren sich nur ein übertriebener oder ein mutwilliger
-Mensch begibt.</p>
-
-<p>So saß unsere Jugend da draußen abgeschlossen
-und hatte, in enger Nachbarschaft mit der großen
-fremden, eine kleine trauliche Welt ganz für sich.
-Man war am geruhigen Ufer eines rastlos und brausend
-hinstürzenden Stromes, der nur manchmal
-eine Welle ergötzlich und überraschend zu uns
-heraufwarf. Kam im Frühherbst das Militär anmarschiert,
-dann lief bei der schmetternden Musik
-der ganze Ort freudevoll zusammen. Und wenn
-die Truppen auf den Hügeln der Türkenschanze
-manövrierten, hatte Währing seine richtige Einquartierung.
-Da erinnere ich mich noch der milden
-Septemberabende, an denen Schlag neun vor<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-unseren Fenstern der Zapfenstreich geblasen wurde.
-In unserem ersten Kindesschlaf vernahmen wir die
-melancholisch-verwegene Melodie, hörten sie aus
-dem Dunkel der Straße zu uns heraufklingen und
-fühlten uns von wundersamen Abenteuern umwittert.</p>
-
-<p>Es gab noch ein paar andere wunderschöne Dinge
-in Währing, um die es schade ist. Da war das
-Gasthaus »zum wilden Mann«. Freilich besteht
-es auch heute noch. Aber sein Charakter ist hin,
-seine Individualität ausgelöscht. Es ist längst in
-Reih und Glied der Gewöhnlichkeit getreten, steht
-mit seiner gleichförmigen Zinshausfront, mit den
-banalen Spiegelscheiben eingefügt in andere Fronten
-an der Straße, es gleicht den fünfhundert
-übrigen Bierhallen in Wien und nimmermehr
-sich selbst. Damals war es eine kleine, lang hingestreckte
-Baracke, voll altgeschwärzter, verräucherter,
-köstlich patinierter Gemütlichkeit, lag angeschmiegt
-an einen uralten Garten, der wie ein
-Wald aussah, dessen Baumgipfel, breit ausladend,
-die enge Hauptstraße überschatteten und in dessen
-duftender Ruhe vormittags die Kinder spielen
-durften. Dann war das Gasthaus »zum Biersack«
-da. Ein ländliches Gebäude mit einer für Heuwagen
-berechneten Toreinfahrt, von der man in
-die saalgroße, blendende Küche schauen konnte.
-Wir haben das oft getan, weil dort ein paar üppige
-Wirtstöchter, hochmütig, aber anlockend, mit den
-Schulbuben kokettierten; hübsche, wenn auch allzu<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-feiste Backfische, die trotz ihrer geputzten Kleider
-famos in die Küche paßten, weil sie sich dort
-auf dem Nährboden ihrer blanken Fülle zeigten,
-ihn anschaulich zu erläutern und anzupreisen schienen.
-Einen Wirtschaftshof gab es da mit Schlachtbank,
-Taubenkogel und Steirerwagerl unter blühenden
-Akazien, und hinter dem weißen Zaun, der
-ihn abgrenzte, sah man den kühldunklen, kastanienlaubüberdeckten
-Biergarten. Es war ein Bild naiver
-Behaglichkeit, eine Szenerie für altväterische
-Genußfreude, wie etwa Schwind sie hätte zeichnen
-mögen. Und er muß den Biersack ja wohl gekannt
-haben, denn sein Freund Schubert hat oftmals
-hier fröhliche Einkehr gehalten, hat sogar,
-um sein müheloses Schaffen zu erproben, das Ständchen
-hier komponiert, mitten im Lärm unter
-Gläserklirren und Kellnerrufen. Dann gab's den
-Bachusgarten, an den mir nur ein verschleiertes
-Erinnern geblieben ist, wie an einen prangenden
-Traum. Uns war der Name schon wie ein Märchen.
-Den fröhlichen Weingott hatten wir auf Schildern
-neben Gambrinus oft gemalt erblickt, und angesichts
-der stattlichen, vollkommenen Bekleidung,
-die der Bierkönig trug, konnte der nackte, mit
-Weinlaub bekränzte Jüngling den Eindruck fröhlichster
-Unbändigkeit wecken. Der Bachusgarten,
-das schien uns sein eigener, gewissermaßen sein
-Privatgarten zu sein. Ein Märchen war halb erfüllt,
-da es den Garten gab, und wenn der Gott auch
-sichtbarlich darin fehlte, wir suchten ihn darin,<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-und vermuteten seine Gegenwart. Es war eine
-wundervolle, zügellos grünende und blühende
-Wildnis, die hinter der mürrischen grauen Mauer
-sich auftat. Hoch standen die Gräser, undurchdringlich
-das Strauchwerk, und finstere alte Bäume
-reckten mit wilden Gebärden ihre Äste zum Sonnenlicht.
-Heute ist dies alles spurlos verschwunden.
-Eine gesittete, langweilige Häuserreihe steht
-nüchtern und vernünftig da. Nur das Staunen,
-mit dem man die ganze Verwandlung gewahrt,
-zeigt uns, wie tief einst der Glaube an die Unwandelbarkeit
-dieser Dinge gewesen.</p>
-
-<p>Aber ich weiß sehr genau, wann dieser Umschwung
-begonnen hat. Eines Tages kam die Tramway
-heraufgeklingelt und fuhr mitten durch Währing.
-Es gab Straßen, die von Schienen durchzogen
-wurden, es gab Haltestellen. Man war einfach
-wie in Wien. Diese Tramway, die hin und
-her klingelte, bis tief in die Nacht hinein, sogar
-bis zehn Uhr, hat den ganzen Ort aufrebellt. Drei-
-und vierstockhohe Häuser reckten sich himmelwärts,
-rückten gegen die Stadt vor und besetzten
-das wüste Feld, das zwischen Wien und Währing
-lag. Angesichts dieser steinernen Regimenter sank
-der Linienwall zusammen, von hüben und drüben
-schlossen Straßenzüge und Baulichkeiten ineinander.
-Über die einstige Grenzspur aber ward der
-eherne Reif der Stadtbahn geschlagen.</p>
-
-<p>Wandert man jetzt in dem neuen, von der Elektrischen
-durchsausten Bezirk umher, dann muß<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-man das alte Währing unter all dem frisch Hinzugewachsenen
-mühsam hervorsuchen. Völlig schüchtern
-hält es sich verborgen, schweigt, weil es ja doch
-überschrien wird, und läßt das geschäftig eingedrungene
-Wesen schalten. Manches wohlbekannte
-alte Haus findet sich freilich noch. Beinahe jedes
-aber ist verändert, ist entweder ganz nobel, ganz
-modern herausgeputzt, hat sich entwickelt, ist
-jung geblieben, oder es scheint ablehnend in sich
-zu verharren. Und da fällt es mir auf, wie merkwürdig
-menschenähnlich manche Häuser altern.
-Sie werden unfreundlich, da sie einst gastlich und
-einladend gewesen, erscheinen mürrisch und schlecht
-gelaunt wie Greise, und man hat Mitleid mit ihnen,
-wie mit betagten, verbitterten Menschen, denen
-doch nicht zu helfen ist. Wer die Leute gekannt
-hat, die vor einem Vierteljahrhundert hier ihr Gewerbe
-getrieben haben, der kann auf seinem Spaziergang
-wohl auch merken, wie eine helle, in den
-morgigen Tag hineinhorchende Klugheit, wie verständiger
-Fleiß sich belohnt, und wie da der einzelne
-mit dem Boden, dem er sich anvertraut, gedeiht.
-Da ist nun mancher, den ich ganz klein
-hier einziehen und seinen Glückskreuzer an die
-Ladenschwelle nageln sah, heute ein großer Herr
-geworden, mancher enge Kramladen hat sich erweitert
-und prunkt jetzt mit großstädtischer Eleganz.
-Andere wieder, die hier ein üppiges Leben
-führten, so recht mit Übermut in ihrem Glück
-saßen, sind verschwunden, verdorben und verarmt,<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-und drücken sich in kümmerliche Seitengassen.
-Man darf schon an die Leute von Seldwyla
-denken, denn die Währinger sind ein gar
-lustiges, zu allerhand Kurzweil stets bereites Volk.</p>
-
-<p>Ehe ich dann den Weg ins Grüne gehe, den alten
-Weg der Währinger nach Weinhaus, Gersthof,
-Pötzleinsdorf, diesen drei Dörfern, die so wie an
-einer Schnur an der Straße aufgereiht liegen, suche
-ich den alten Ortsfriedhof heim, der unberührt wie
-einst mitten unter den Häusern liegt, und dem sie
-auch die kleine Zufahrtsrampe gelassen haben.
-Schubert und Beethoven haben hier geruht, und
-ihre ersten Grabsteine sind noch an der gleichen
-Stelle. Aus der Erde, in der Beethoven vermodert
-ist, sprießen Dijonrosen und wollen eben ihre
-Knospen öffnen. Über eingesunkene Grabhügel
-schreitet man dahin, an geborstenen Grüften vorüber.
-Die Inschriften auf den Totensteinen sind
-verlöscht und verwaschen, sie haben nichts mehr zu
-melden. Vergessene und Verlassene zumeist schlafen
-hier. Die Trauer, die einst um diese Stätte
-gewebt und sich zu Ewigkeitsversprechungen aufschwang,
-der Schmerz, der über diesen Särgen
-weinte und der sich in goldenen Lettern unstillbar
-nannte, all die Klagen, Tränen und all der
-Jammer schicken sich an, zu verflüchtigen. Von
-draußen dringt das Brausen der jungen Tage herein
-und weht die zögernde Erinnerung hinweg.
-Das Gewesene versinkt hier tiefer, tiefer in den
-Erdenschoß. Aber ein dunkles, machtvolles Grünen<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-treibt üppig aus der reichgedüngten Scholle.
-Wie ein wilder, verwunschener Garten liegt der
-Friedhof da, blühende Hecken und schwellende
-Gräser überwachsen und decken den Totenzierat,
-und wunderbare Bäume sind hoch emporgeschossen,
-seit ich, ein Kind noch, hier gewesen, breiten
-ihre Wipfel in der Maienluft und trinken mit
-ihren Wurzeln die Kraft dieser Erde, die einst lebendig
-war.</p>
-
-<p>Nur ganz draußen in Pötzleinsdorf ist alles beim
-Alten geblieben. Und der lieblich-schöne Wald
-umfängt einen wie treue, unwandelbare Freundschaft.
-Bloß weil das Unterholz so arg in die Höhe
-gewachsen ist und an manchen Punkten die Aussicht
-sperrt, wo einst der Blick das stille Tal durchmessen
-konnte, merkt man, daß ein bißchen Zeit
-vergangen sein mag. Da steht noch die Bank, einst
-Ziel und Rast so vieler Spaziergänger.</p>
-
-<p>Ich will mich nach so langer Frist auf diese liebe
-alte Bank setzen. Und vielleicht wäre jetzt der
-Augenblick, Betrachtungen anzustellen: wie das
-Leben hinrollt, wie alles unaufhaltsam wächst und
-vergeht. Oder: wie man an diesem kleinen Gemeinwesen,
-das sachte und wie einer tätigen Vernunft
-folgend sich entfaltet hat, die ungeheure
-Bewegungsgewalt aller Entwicklung kann begreifen
-lernen. Aber ich denke nur an das Traumhafte
-dieses Spazierganges. Daß ich in diesen Lebensbereich,
-der mir einst so nahe gewesen, zurückgekehrt
-bin, und daß mir nun zumute ist, als sei<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-ich gestorben gewesen oder all die Jahre her ganz
-fern von hier, in einem anderen Weltteil. Und
-habe inzwischen doch nur am Alsergrund gewohnt,
-gleich nebenan. So leben wir in einer großen Stadt.
-Leben stets nur auf einem winzigen Fleck, in zwei,
-drei Gassen. Begnügen uns mit dem Gefühl der
-Fülle, die uns umbraust. Und haben jeder irgendein
-Josephinum, bei dem wir Halt machen. Alle
-Fernen zwingen wir uns herbei in unser Zimmer,
-haben sie in Papier und Büchern eingefangen auf
-unserem Tisch. Aber es passiert uns, daß wir das
-Lebendigste versäumen, auch wenn, um es zu sehen,
-nicht mehr vonnöten ist als ein Spaziergang von
-einem Stadtviertel in das andere.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p>
-
-<h2 id="LUEGER">LUEGER</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Vielleicht kommt es auch dazu, und es greift
-einmal jemand nach diesem Mann und stellt
-ihn mitten in einen Wiener Roman, und rollt
-sein Leben auf und enthüllt sein Schicksal. Aber
-das müßte dann freilich einer tun, dem nicht
-Haß, noch Bewunderung den Blick umschleiert;
-es müßte jemand sein, der die wundervolle Gabe
-des Anschauens besitzt und dem in seiner Kunst
-nichts höher gilt als die Anschaulichkeit. Wie
-man einen Schlüssel ins Schloß fügt, so müßte
-derjenige, der es unternimmt, diesen Roman zu
-schreiben, den Lueger-Charakter in das Herz des
-Wiener Volkes einfügen und dieses Herz damit
-aufsperren, daß alle seine Kammern offen stünden.
-Er müßte die Gestalt Luegers so über die wienerische
-Art hinfegen lassen wie eine Wolke über
-eine Wasserfläche streicht, und das Wesen Luegers
-müßte sich in der Tiefe des wienerischen Wesens
-spiegeln wie eine Wolke auf dem Grund der Flut
-sich abzubilden scheint. Er müßte die ganze
-Stadt rings um diesen Mann herum aufbauen,
-damit alle ihre Farben und ihre Lichter, in
-diesem einen gesammelt, blitzen und funkeln.
-Das wäre die Aufgabe.</p>
-
-<p>Wichtig, interessant und für den Roman sehr
-wirksam ist es, daß er gleich im Anfang sagte, er
-wolle Bürgermeister von Wien werden. Bei allen
-Parteien, denen er sich anbot, hat er diese Bedingung
-gestellt: Bürgermeister werden! Und er
-hat sich vielen Parteien angeboten. Er begann<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-als der Schüler eines jüdischen Oppositionskünstlers
-im Gemeinderat, ging zu den Liberalen, zu
-den Demokraten, und pries zu Schönerers Füßen
-die teutonische Heilslehre. Überall lehnte man
-ihn ab, von seinem stürmischen Ehrgeiz beunruhigt.
-Überall auch spürte sein Instinkt: diese
-Mühlen klappern zu wenig, mahlen zu langsam.
-Sein wienerischer Instinkt spürte: das wurzelt
-nicht! Liberaler Bildungseifer, demokratische Aufklärung
-und Unzufriedenheit, alldeutsche Wotansideale
-… das wurzelt hier nicht, das schlägt nicht
-ein! Er aber brauchte etwas, das breite Wurzeln
-fassen konnte, brauchte etwas, das wie der Donner
-einschlug. Damit er Bürgermeister werden könne.
-Niemand begriff damals, warum sein heißes Streben
-nach einem so bescheidenen Ziele ging. Er
-hat nachher gezeigt, wie es gemeint war.</p>
-
-<p>Wichtig ist, auch für den Roman, sein Äußeres:
-Eine glänzende Bühnenerscheinung; die beste, die
-es für das Rollenfach des Demagogen gibt. Hochgewachsen,
-breitschultrig, nicht dick, aber doch
-behaglich genug, und man wird das Wort »stattlich«
-kaum vermeiden können, wenn man ihn
-schildern will. Nimmt man sein Antlitz noch dazu,
-dann wird vieles begreiflich. Für ein Wesen,
-das so ganz auf Äußerlichkeit gestellt ist, gilt solch
-ein Aussehen schon als Prädestination, als Beruf,
-als Erfolgsbürgschaft. Dieses Gesicht erscheint
-vollkommen bieder. Einfache, aus der knappen
-Stirn zurückfallende Haare, die sanft gelockt sind.<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-Kleine Augen, die vergnügt und schwärmerisch,
-naiv und sentimental wirken. Ein außerordentlich
-solider Vollbart, der am Kinn nach dem Geschmack
-der Vororte geteilt ist; und mitten in
-diesem würdigen, bürgerlichen, ruhigen Antlitz
-die nette kleine Nase. Diese Nase, die wie eine
-aus der Bubenzeit stehengebliebene Keckheit aussieht.
-Man kann es gar nicht anders sagen: bieder,
-rechtschaffen, treuherzig, wacker. Lauter solche
-Worte fallen einem ein, wenn man sein Gesicht
-erblickt. Aus der Ferne. Denn alle Wirkung dieser
-Physiognomie ist gleichsam auf Distanz berechnet.
-In der Nähe redet dann schon eine trotzige Rauflust,
-die nicht ohne Tücke scheint, von dieser
-schmalen Stirne. In der Nähe zeigt sich der leicht
-schielende Doppelblick dieser kleinen listigen
-Augen, aus denen eine hurtige Verschlagenheit
-blitzschnelle, zwinkernde Umschau hält. Da zeigt
-sich, vom soliden, wackern Bart verborgen, ein
-spöttischer Mund, der hinter der Ehrlichkeit
-grauer Haare schadenfroh zu lächeln vermag. In
-der Nähe erst wird es sichtbar, welch ein unruhig
-flackernder Schimmer von Schlauheit und Verstellung
-dies Antlitz überbreitet, das auf Ansichtskarten
-schön ist.</p>
-
-<p>Mit dieser lockenden Vorstadtpracht tritt er
-auf. Im Wien der achtziger und neunziger Jahre,
-in welchem die Vorstädte gerade anfangen, mächtig
-zu werden. Eine lauwarme, trübe, unentschlossene
-Zeit. Die bürgerlichen Parteien im<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-Zerfall und in totaler Ratlosigkeit; nachlässig geleitet
-von ausrangierten Lieblingen, von alten
-Komödianten einer überlebten Politik. In der
-Tiefe des Volkes greift die Sozialdemokratie um
-sich. Die breite Masse der Kleinbürger aber irrt
-führerlos blökend wie eine verwaiste Herde durch
-die Versammlungslokale. Und alle sind von der
-österreichischen Selbstkritik, von der Skepsis, von
-der österreichischen Selbstironie bis zur Verzagtheit
-niedergedrückt.</p>
-
-<p>Da kommt dieser Mann und schlachtet &ndash; weil
-ihm sonst alle anderen Künste mißlangen &ndash; vor
-der aufheulenden Menge einen Juden. Auf der
-Rednertribüne schlachtet er ihn mit Worten,
-sticht ihn mit Worten tot, reißt ihn in Fetzen,
-schleudert ihn dem Volk als Opfer hin. Es ist
-seine erste monarchisch-klerikale Tat: Der allgemeinen
-Unzufriedenheit den Weg in die Judengassen
-weisen; dort mag sie sich austoben. Ein
-Gewitter muß diese verdorbene Luft von Wien
-reinigen. Er läßt das Donnerwetter über die Juden
-niedergehen. Und man atmet auf.</p>
-
-<p>Allein er nimmt auch noch die Verzagtheit von
-den Wienern. Man hat sie bisher gescholten. Er
-lobt sie. Man hat Respekt von ihnen verlangt.
-Er entbindet sie jeglichen Respektes. Man hat
-ihnen gesagt, nur die Gebildeten sollen regieren.
-Er zeigt, wie schlecht die Gebildeten das Regieren
-verstehen. Er, ein Gebildeter, ein Doktor, ein
-Advokat, zerfetzt die Ärzte, zerreißt die Advokaten,<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-beschimpft die Professoren, verspottet die
-Wissenschaft; er gibt alles preis, was die Menge
-einschüchtert und beengt, er schleudert es hin,
-trampelt lachend darauf herum, und die Schuster,
-die Schneider, die Kutscher, die Gemüsekrämer,
-die Budiker jauchzen, rasen, glauben das Zeitalter
-sei angebrochen, das da verheißen ward mit den
-Worten: selig sind die Armen am Geiste. Er bestätigt
-die Wiener Unterschicht in allen ihren
-Eigenschaften, in ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit,
-in ihrem Mißtrauen gegen die Bildung, in ihrem
-Weindusel, in ihrer Liebe zu Gassenhauern, in
-ihrem Festhalten am Altmodischen, in ihrer übermütigen
-Selbstgefälligkeit; und sie rasen, sie rasen
-vor Wonne, wenn er zu ihnen spricht.</p>
-
-<p>Aber wie spricht er auch zu ihnen. Das Dröhnen
-ihres Beifalls löst erst alle seine Gaben. Beinahe
-genial ist es, wie er sich da seine Argumente zusammenholt.
-Gleich einem Manne, der in der
-Rage nach dem nächsten greift, nach einem Zaunstecken,
-Zündstein, Briefbeschwerer, um damit
-loszudreschen, greift er, um dreinzuschmettern,
-nach Schlagworten aus vergangenen Zeiten und
-bläst ihnen mit dem heißen Dampf seines Atems
-neue Jugend ein, rafft weggeworfenen Gedankenkehricht
-zusammen, bückt sich nach abgehetzten,
-müd am Weg niedergebrochenen Banalitäten,
-peitscht sie auf, daß sie im Blitzlicht seiner Leidenschaft
-mit dem alarmierenden Glanz des Niegehörten
-wirken. In dem rasenden Anlauf, dessen<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-sein Temperament fähig ist, überrennt er Vernunftgründe
-und Beweise, stampft große Bedeutungen
-wie kleine Hindernisse in den Boden,
-schleudert dann wieder mit einem Wort Nichtigkeiten
-so steil empor, daß sie wie die höchsten
-Gipfel der Dinge erscheinen. Im Furor seiner
-Rednerstunde gerät der Mutterwitz, der sein
-Wesen durchdringt, ins Sieden und wirft Blasen,
-in denen alles wie toll, alles verkehrt und lächerlich
-erscheint. Einfälle sprudeln hervor, in deren
-Wirbel frappierende, unglaubliche und verführerische
-Gedanken funkeln, sich drehen und überschlagen.
-In seinem Rednerfuror, wenn ihm schon
-alles egal ist, fängt er freilich auch den Schimpf
-der Straße ein, reißt den Niederen und Geistesarmen
-alberne Sprüche des Aberglaubens vom
-Munde, schnappt selbst den Pfaffen die Effekte
-weg, die auf der Kanzel längst versagen wollten &ndash;
-aber er siegt mit alledem. Schlägt zu damit und
-trifft und wirkt. Oft schon hat er seine entsetzten,
-überrumpelten Gegner vor sich hergejagt &ndash; wie
-sich nachher gezeigt hat &ndash; mit einem Eselskinnbacken.
-Dieses ist seine Macht über das Volk von
-Wien: daß alle Typen dieses Volkes aus seinem
-Munde sprechen, der Fiaker und der Schusterbub,
-der Veteranenhauptmann, der gute Advokat, die
-Frau Sopherl und der Armenvater. Und alle
-Volkssänger mit dazu. Vom Guschelbauer an bis
-zum Schmitter. Man hört die Schrammelmusik
-aus der Melodie seines Wortes, das picksüße Hölzel<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-und die Winsel, hört das Händepaschen und ein
-jauchzendes Estam-tam klingt in seiner Stimme
-beständig an.</p>
-
-<p>Ein Kapitel aus dem Roman dieses Lebens:
-Wie er in der Fronleichnamsprozession dem Baldachin
-vorausschreitet. Als Vizebürgermeister;
-vor zwölf Jahren etwa. Er ist zum Bürgermeister
-erwählt worden, aber der Kaiser hat die Wahl
-verworfen. Dreimal ist er gewählt worden, dreimal
-hat der Kaiser nein gesagt. Lueger wartet
-und begnügt sich derweil mit dem zweiten Platz.
-Jetzt geht er in der Fronleichnamsprozession vor
-dem Baldachin einher. Die Glocken läuten, die
-Kirchenfahnen wehen, und das brausende Rufen
-der Menge empfängt den geliebten Mann, der
-nach allen Seiten dankt, grüßt, lächelt. Er freut
-sich. Denn der Kaiser, der dem Baldachin folgt,
-muß den tausendstimmigen Donner hören. Auf
-dem ganzen Weg rauscht dieser Jubelschrei vor
-dem Kaiser einher, dieses jauchzende Brüllen, das
-einem andern gilt. Franz Josef hat ein feines,
-eifersüchtiges Ohr für die Stimme der Wiener.
-Er hat Erzherzoge von hier entfernt, wenn sie gar
-zu populär wurden, hat einen Minister, dem zufällig
-einmal ein paar halblaute Hochrufe beschieden
-wurden, aufgefordert, sich zu rechtfertigen,
-hat den Grafen Badeni im Stiche gelassen,
-weil er die Wiener Straße gegen die Hofburg
-verstimmte. Franz Josef weiß, die Wiener
-lieben ihn; er weiß, sein kaiserliches Wort übt<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-allmächtige Wirkung. Aber diesen da konnte er
-nicht verdrängen, auch nicht, nachdem er's dreimal
-sagte. Das erlebt der Kaiser jetzt. Der Mann
-da vorne im Zuge gibt's ihm zu kosten. Als ob
-er nur im Gefolge dieses Mannes einherginge,
-wandelt der Kaiser mit der Prozession. Vor sich
-das Aufrauschen der Ovationen, um sich her Stille.
-Es war Luegers Triumphzug.</p>
-
-<p>Die Glocken läuten und die Kirchenfahnen
-flattern jetzt auf allen Wegen, die Lueger geht.
-Wie ein gewaltiger Heerbann ziehen die Pfaffen
-hinter ihm drein. Seit vielen Jahren haben sie
-den bürgerlichen Condottiere entbehrt, der ihnen
-die breite Masse erobert. So einer hat ihnen gefehlt.
-Sie haben innerlich jubelnd den Liberalismus
-verrecken sehen, der sich einst unterfangen
-wollte, die Kuttenherrschaft in Österreich zu zerbrechen.
-Das Land lag wieder frei vor ihnen, fiel
-ihnen wieder zu, aber sie brauchten einen Mann,
-der in das neueroberte Gebiet fröhlichen Einmarsch
-hielt, der die Kirchenfahnen wieder flattern
-ließ. Dies Volk ist immer gerne fromm und
-katholisch gewesen. Aber die Frömmigkeit war
-eine Zeitlang außer Mode. Lueger hat sie wieder
-in Flor gebracht und ließ die Glocken läuten.
-Ließ die Glocken läuten und sagte: ich spucke
-auf die Aufklärung und auf die Wissenschaft. Das
-war endlich ihr Mann. Von allen Kanzeln herab
-und in allen Beichtstühlen halfen sie nun seiner
-Sache, schlossen ihm die Pforten zu allen Fürstenschlössern<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-auf, schafften ihm Eingang in alle Bauernhütten.
-Wie hoch sie einen Menschen heben können,
-wenn sie wollen, hat er erprobt. Und hat auch
-dem Kaiser nur damals, an jenem Fronleichnamstage
-trotzig gezeigt, wer von nun an dem Wind und
-dem Wetter befiehlt, in der Stadt, in der die Hofburg
-steht. Nur dieses eine Mal. Am Ziele angelangt,
-nahm er die schwarzgelbe Gesinnung in
-städtische Obhut, nahm die Kaisertreue in städtische
-Verwaltung, nahm die Volkshymne in städtische
-Regie.</p>
-
-<p>Erst als er am Ziele war, merkte man, daß es
-wirklich ein Ziel sein konnte, Bürgermeister von
-Wien zu werden. Man merkte, daß wirklich ein
-Gedanke in diesem Manne nach Ausdruck gerungen
-hat, nicht bloß der Gedanke an den eigenen
-Erfolg; daß er von einem Traum erfüllt war, nicht
-bloß von dem Traum des eigenen Aufstiegs: Wien!
-All dies andere vorher war nur ein Mittel gewesen.
-Er hätte jedes beliebige Mittel angewendet, selbst
-ein edles, wenn es nützlich gewesen wäre. Freilich
-aber hätte er keines so mühelos, so voll aus seinem
-Wesen heraus, so ganz aus seinen Instinkten gebrauchen
-können wie diese Taktik und Technik
-des Gassenhauers, des »mir san mir«! Und nun
-hat er Wien aufgerichtet als eine Art von Königtum
-mitten in Österreich. Dutzendweise wurden
-die kleinen Ortschaften, welche Wien umgürteten,
-von dem großen Gemeinwesen verschlungen. Das
-ist jetzt, vom Marchfeld bis zur Sophienalpe, nur<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-mehr eine einzige Stadt: Wien. Und in dieser
-Stadt ein einziges Haupt: Lueger, der Bürgermeister.
-Er nahm die Straßenbahnen, die Gaswerke,
-das elektrische Licht, die Leichenbestattung,
-die Spitäler. Wasser und Feuer, Leben und Tod
-gehört seiner Stadt. All dies lag freilich in der Entwicklung,
-hätte auch unter einer andern Verwaltung
-so kommen müssen. Aber er nahm diese
-Dinge, unter lauten pathetischen Proklamationen,
-er nahm sie wie man eroberte Provinzen einnimmt,
-und er schuf aus all diesen Besitztümern neue
-Werkzeuge seiner Macht. Wo die Straßenbahn
-hingeführt wird, das elektrische Licht, die Wasserleitung,
-da steigen in den entlegensten Gegenden
-die Bodenpreise, hebt sich der Wohlstand. Treue
-Bezirke können belohnt, unsichere gekirrt, treulose
-bestraft werden. Die Stadt, die so viele Betriebe
-in ihrer Hand hält, herrscht über eine
-Armee von Dienern, Arbeitern, Beamten, Lehrern,
-Ärzten und Professoren, herrscht durch tausendfach
-verknüpfte Interessen weithin über die Gesinnungen,
-und allen ist der Bürgermeister, von
-dem sie abhängen, wie ein Monarch.</p>
-
-<p>Er arbeitet denn auch mit einer vollkommen
-monarchischen Technik. Sein Bild ist überall. In
-den Amtslokalen, in den Schulzimmern, in den
-Wirtshäusern, in den Theaterfoyers, in den Schaufenstern.
-Sein Antlitz ist den Wienern beständig
-so gegenwärtig und eingeprägt, wie das Antlitz
-des Kaisers. Seine Ausfahrt ebenso feierlich, wie<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-die eines Monarchen, und nur noch Franz Josef
-selbst wird in den Straßen ebenso gegrüßt wie
-der Bürgermeister Lueger. Wie auf den Staatsgebäuden
-der Name des Kaisers steht, so wird auf
-allen Bauten, in allen Gärten, die von der Stadt
-errichtet wurden, der Name Lueger hingeschrieben
-und eingemeißelt. In hundert Inschriften liest
-man es überall: »Erbaut unter dem Bürgermeister
-Dr. Karl Lueger.« Und wie dem Kaiser das »Gott
-erhalte …« entgegenschallt, so empfängt den
-Bürgermeister überall seine offizielle Hymne:
-»Hoch Lueger, er soll leben …« Wer städtische
-Dienste nimmt, muß Luegertreu sein, so wie jeder
-Staatsdiener zur Kaisertreue verpflichtet ist. Er
-hat das so eingerichtet, hat sich um den Widerspruch
-der Machtlosen, hat sich um das Recht
-der freien Meinung, die das Staatsgrundgesetz gewährleistet,
-nicht gekümmert und einen Fahneneid
-eingeführt für alle, die im Rathaus Broterwerb
-suchen. Ein monarchisches Talent, das vorher
-gröhlend durch alle Tiefen des Pöbels geschritten
-ist, im Bierdunst der Versammlungen die Massenpsychologie
-studiert und den Menschenfang allmählich
-bis zur Meisterschaft gebracht hat. Dennoch,
-nur ein Bürgermeister. Aber was hat er
-aus seiner Rolle gemacht! Wie Mitterwurzer einst,
-als er im »Don Carlos« den Philipp gab, das Stück
-umkehrte und alle Welt zur Verwunderung zwang.
-Gegen Carlos und Posa war dieser Philipp nie aufgekommen,
-er galt für so wichtig nicht, nicht für<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-so begehrenswert und dankbar. Und jetzt auf
-einmal war Philipp die Hauptsache, war Mittelpunkt
-und Held des Stückes. Die vorigen Bürgermeister
-sind nur brave Ensemblespieler gewesen
-gegen den jetzigen. Der aber hat die Kunst der
-Auffassung. So wie er seine Rolle anschaut, wie
-er die Bedeutung seines Amtes begreift, hat er
-es ganz neu entdeckt; fast möchte man sagen, neu
-kreiert. Niemals ist der Bürgermeister von Wien
-so viel gewesen wie heute. Neben dem Landesherrn,
-der Herr der Stadt.</p>
-
-<p>Ein anderes Kapitel aus dem Roman dieses
-Lebens: Wie dreimalhunderttausend sozialdemokratische
-Arbeiter gegen seinen Willen über die
-Ringstraße ziehen; wie sie das allgemeine, gleiche
-und direkte Wahlrecht erzwingen; wie der alternde
-Bürgermeister im Pomp des Rathauses sitzend
-dies Brausen der Volksmenge vernimmt; wie eine
-Ahnung ihn ergreift, daß nun eine neue Zeit heranbricht,
-eine neue Zeit, die er nur aufhalten,
-nur für eine kurze Weile verzögern aber nicht
-hindern konnte. Sie wird erbarmungslos die
-Dämme niederreißen, die er aufgerichtet hat; sie
-wird ihn zu den Komödianten von vorgestern
-werfen und ihn erledigen. Wie jetzt eine Ahnung
-ihn ergreift, daß da draußen ein Gegner sich emporrichtet,
-langsam und furchtbar, ein Feind, dem
-er sich nicht mehr entgegenzuwerfen vermag.
-Wie der Zorn von einst und die Rauflust von
-früher noch einmal in ihm schwellen und wie er<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-spürt, daß ihm die Kräfte langsam entschwinden,
-spürt, daß er nicht mehr aufrecht, nicht mehr
-sicher und schwindelfrei genug sein wird, wenn
-auch an seine Tür plötzlich die Jugend pocht,
-wie an die Tür des Baumeisters Solneß.</p>
-
-<p>Und noch ein Kapitel: Wie er jetzt weißhaarig,
-matt, erblindet und zitternd, von zwei Nonnen
-geführt, einherwankt, mit Orden bedeckt, … Exzellenz
-… auf dem Gipfel … und niedergebrochen.
-Den letzten Rest der im Kampfe aufgebrauchten
-Gesundheit im Rausch der Siegesfeste vergeudet.
-Vorzeitig zu Boden geschleudert, unfähig die Ernte
-zu genießen. Neidisch auf alle, denen er emporgeholfen
-und die nun in der Fülle der Macht
-schwelgen. Wie er langsam zum ewig greinenden,
-mißlaunigen, scheltenden Alten sich wandelt, dem
-die Treuesten nur noch aus Pietät lauschen. Wie
-er fühlt, daß sie von ihm abrücken, heimlich schon
-über ihn lächeln, die Achseln zucken; und wie er
-dann manchmal zeigen möchte, daß er noch derselbe
-ist, wie er längst abgenützte Künste wieder
-spielen läßt, wie er mit gebrochener Stimme wieder
-schmettern und donnern möchte, und wie ihn
-dann die Weihrauchdämpfe mitleidiger Schmeichler
-benebeln und beschwichtigen. Das letzte Kapitel:
-wie diese Flamme eines Wiener Temperamentes
-im blassen Schimmer der Ordensterne, im
-kindischen Glanz von Auszeichnungen und Titeln
-verlöscht.</p>
-
-<p>Dieser Roman wäre zu schreiben. Die Gestalt<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-eines Menschen zu zeichnen, in dem sich der Wille
-einer Epoche erfüllt hat. Jetzt freilich muß man
-noch warten. Bis es sichtbar wird, was nach ihm
-kommt, bis die Jahre, die seinem Dasein folgen,
-die richtige Distanz und die richtige Perspektive
-geben. Dann mag es geschehen, daß irgend jemand
-nach diesem Manne greift und den Roman seines
-Lebens, den man schnell vergessen wird, wenn er
-zu Ende ist, zu einem unvergeßlichen Kunstwerk
-formt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<h2 id="GIRARDI-KAINZ">GIRARDI-KAINZ</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Sie betonen es, daß gerade diese beiden vortrefflichen
-Schauspieler dem wienerischen Theater
-unentbehrlich sein müßten, weil sie unter
-den wenigen bedeutenden Persönlichkeiten, die
-sich hier etwa vorfinden, die stärksten Österreicher
-seien. Ich würde hinzufügen: die letzten, wenn
-es nicht übertrieben wäre, dergleichen von irgendeinem
-Menschenexemplar zu behaupten. Aber für
-uns sind sie bei alledem die letzten; wir werden
-schwerlich noch andere sehen und wir vermissen
-sie sehr.</p>
-
-<p>Sie weisen mich darauf hin, daß diese beiden
-Schauspieler einander verwandt, ja oft frappierend
-ähnlich sind. Dies sei Ihnen vorher nie so deutlich
-geworden als eben jetzt, da Kainz und
-Girardi gleichzeitig in Berlin wirken. Bei uns ist
-es, wie natürlich, oft bemerkt und besprochen
-worden. Manches ist ihnen gemeinsam. Wie
-Männer, die gewohnt sind zu befehlen, fast überall
-diesen unbeirrten ruhigen Ausdruck des Blickes,
-diese geborgene, schwere Sicherheit des Tones in
-der Stimme haben, so haben diese beiden in ihren
-Gebärden, in ihrem Gehen über die Bühne, in
-der unbedingten Freiheit ihrer Schultern das
-Glück früher und beinahe müheloser Erfolge.
-Sie waren gleich von Anfang an berühmt, sind es
-schon von Jugend auf. Sie stehen jahrzehntelang
-unter der erfrischenden Dusche des Beifalls. Dann
-ist da noch in beiden auf dem Grunde ihres Wesens
-ein beständig mitschwingendes Jauchzen, und das<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-ist ihre Verwandtschaft. Sie sind beide so sehr
-voneinander verschieden, ganze Welten liegen
-zwischen ihnen; allein wie Brüder oft voneinander
-verschieden und durch Weltenfernen in ihrem
-Charakter voneinander getrennt sein können, und
-dennoch mit einem Lächeln, mit einem Zucken
-der Lippen sich als Geschwister offenbaren, so
-offenbaren sich diese beiden mit ihrem Jauchzen
-als Brüder. Denn es ist ein österreichisches Jauchzen;
-es stammt aus demselben Klima, es ist von
-derselben Sonne und von demselben Dialekt gebräunt.
-Auch ist ihr Zugreifen dasselbe. Sie
-wissen ja, was ich damit meine: ihre Art eine
-Sache anzugehen, einer Empfindung, einem Konflikt
-gegenüber zu treten, sich einer Aufgabe zu
-bemächtigen, kurz, es ist derselbe Handgriff.</p>
-
-<p>Man hat Ihnen gesagt, daß Girardi der typische
-Ausdruck des Wienertums sei, die leibhaftige Verkörperung
-der wienerischen Art, der wienerischen
-Echtheit. Es ist so oft gesagt worden, hat so oft
-in den Zeitungen gestanden, daß es vielleicht wahr
-ist. Trotzdem vermochte ich niemals den Gedanken
-abzuweisen, warum man einen glänzenden
-Orientmaler dann nicht auch einen typischen
-Orientalen nennt. Oder weshalb wir dann zum
-Beispiel Lafcadio Hearn nicht als einen vollendeten
-Japaner erklären. Hat doch der eine alle
-Farben und feinsten Lufttöne des Morgenlandes
-gegeben, der andere die seelische Verstecktheit
-Japans erhellt. Nur weil der Maler so sichtbar<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-von seinem Werk zu trennen ist? Und weil wir
-zu genau wissen, daß Hearn ein Anglo-Amerikaner
-war?</p>
-
-<p>Auch Ihnen erscheint Girardi als der echte
-Wiener. Aber Sie haben gewiß schon bemerkt,
-wie sonderbar und wie irreführend das national
-und landschaftlich Echte auf fremder Erde wirkt.
-Eine spanische Tänzerin scheint uns absolut ganz
-Spanien auszudrücken; ein tartarischer Sänger absolut
-die Welt des Kaukasus. Unsere Vorstellung
-von Spanien findet sich in irgendeinem Hüftenrhythmus
-der Tänzerin plötzlich bestätigt, unser
-Phantasiebild vom Kaukasus glüht bei irgendeinem
-Kehllaut des Sängers unversehens auf, und wir
-rufen: echt! Wir rufen es mit Entzücken und
-verfehlen dabei &ndash; fast regelmäßig &ndash; gerade diejenigen
-Dinge, die ein Spanier oder ein Tartar
-mit vertrauten Instinkten als echt empfinden
-würde.</p>
-
-<p>Girardi trägt viel Wienerisches in sich. Von
-den feinsten wienerischen Stoffen wie von den
-allgemeinsten hat er den Extrakt in sich gesogen;
-viele wienerische Elemente sind in ihm zu Essenzen
-verdichtet. Wenn er spricht, hören wir aus seiner
-Stimme die Urlaute des Volkes, wenn er singt,
-aus seiner Fröhlichkeit jenes niederösterreichisch-jauchzende
-Johlen trunkener Rekruten, das im
-Frühling und im Herbst immer durch unsere
-Straßen hallt. Im Aufschnalzen eines Wortes
-klingt die schnippische Anmut Wiener Vorstadtmädchen,<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-und wenn die Leute von Girardi reden,
-schleppen sie auch sofort alle Wiener Typen zum
-Vergleich heran; den Fiaker, den Deutschmeister,
-den Zahlkellner, den Sportbaron. Aber das
-Wienertum, das er gibt, ist im Grunde nicht das
-wirkliche, sondern es ist ein Wienertum, das er
-ganz allein erfunden hat. Wir spüren immer
-»Wien« bei ihm. Nur wenn er uns nicht völlig
-umnebelt, spüren wir zugleich auch: er macht
-etwas ganz anderes daraus, etwas, das neben dem
-Wienerischen ist. Etwas, das vielleicht darüber
-ist, wie schließlich alle Kunst über dem Wirklichen,
-alle Dichtung über dem Wahren; aber
-etwas, das eine besondere Kontur hat; keine
-wienerische. Es ist eine halbechte, eine unwahre,
-doch in ihrer Unwahrheit eine entzückend mögliche
-und hinreißend eigenartige Kontur. Dieses
-Wienertum, das Girardi gibt, hat vorher nicht
-existiert. Seit er es ersonnen hat, wird es nachgeahmt.
-Die Leute haben im Theater von ihm
-gelernt, wie man wienerisch ist und haben es
-nachher kopiert. Hunderte seiner Einfälle, seiner
-plötzlichen Ideen vom Wienertum laufen jetzt
-verwirklicht und lebendig umher.</p>
-
-<p>Wie sollte ein Mann, der so stark ist, daß er
-uns alle glauben macht, seine persönliche Art sei
-die unsere, sei unser Spiegel und Abklatsch; sein
-eigenes, durchaus einziges Wesen sei der Inbegriff
-und die Verkörperung unserer Wesenheit, &ndash; wie
-sollte ein solcher Mann nicht auch bei Ihnen als<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-der definitive Ausdruck des Wieners gelten? In
-dem gewissen landläufigen Sinn ist er ja schließlich
-ein Vertreter Wiens, wenn man diese Bezeichnung
-nur in ihrer flüchtigen, zeitungsmäßigen Bedeutung
-anwendet, in der sie sonst gebraucht wird,
-um einen Künstler rasch mit dem Poststempel zu
-versehen. Aber nehmen Sie nur einmal seine
-eckige Gestalt, in der nichts Sanftes und Gleitendes
-sich rundet, in der nur die ungeheuere Energie
-eines Marschrhythmus schleudert und schlenkert,
-und Sie werden sogleich sehen, daß eine ganze, in
-ihrer innersten Natur wienerische Welt sich in
-diesem Künstler gar nicht oder nur vermittels
-besonderer Transponierungen ausdrückt. Er hat
-jahrzehntelang Walzer von Johann Strauß gesungen;
-siegreich und hinreißend hat er sie gesungen,
-aber sie mußten erst durch ihn zu Girardi-Couplets
-werden, und sie waren &ndash; wenn er sie
-sang &ndash; eben keine Walzer von Johann Strauß.
-Wenn man nur die Texte anschaut, die eigens für
-ihn diesen Walzern unterlegt wurden, kann man
-das sogar jetzt noch nachprüfen. Denn alle diese
-Texte widerstreben in ihrem Witz, in ihrer karikaturistischen
-Schärfe, in ihrer harten Ironie, der
-weichen Seele des Wiener Walzers. Alle diese
-Texte sind den Walzern aufgezwungen, gehen
-ihnen gegen die Natur. Aber die Farbe seiner
-Persönlichkeit ist so sprühend, so durchdringend
-und so vorleuchtend, daß es fast unbemerkt geblieben
-ist, was ein Straußscher Walzer bei Girardi<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-wurde, daß es fast unbemerkt geblieben ist, wie
-sehr diesem Manne selbst ein wienerisches Grundelement
-fehlt: das innere Tanzen. Und fast unbemerkt
-ist es geblieben, wie er das Wesen dieser
-Stadt überfärbt und verändert und umgebildet hat.</p>
-
-<p>Man könnte es etwa damit erklären, daß die
-enorme schauspielerische Kraft Girardis, der es
-beinahe immer an wirklichen Rollen fehlte, solchem
-Mangel abgeholfen hat, indem sie sich der
-ganzen Stadt als einer Girardi-Rolle bemächtigte,
-sie immer wieder studierte, ihren reichen Inhalt
-immer wieder erlebte, und sie dann immer wieder
-als Girardi-Rolle spielte. Zuletzt war denn auch
-jeder zweite junge Herr, den man auf der Straße
-traf, jeder Fiakerkutscher, jeder Briefbote, jeder
-Spießbürger eine Girardi-Rolle. Eine Zeitlang lief
-halb Wien herum und spielte Girardi, und wußte
-nicht, daß es damit sich selbst aufgab, daß es auf
-seine eigene Echtheit verzichtete, und an deren
-Stelle die besondere Echtheit eines einzelnen annahm.
-Seine Wirkung ist bis auf den heutigen
-Tag so umklammernd, daß selbst der Wiener Dialekt
-Girardi-Worte mitführt, die es früher nicht
-gegeben hat, die niemals auf dem Wiener Boden
-wachsen könnten, die keine Wurzeln in der wienerischen
-Sprache besitzen, die aber jetzt als selbständige
-Schöpfungen in der Wiener Mundart
-leben. Dabei sind es Verzerrungen; denn er kann
-gelegentlich über irgendein Wort herfallen, kann
-es mit einem Hieb zum Krüppel schlagen, kann<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-es zerquetschen und zerkneten und ihm zugleich
-damit ein ganz neues, überwältigend komisches
-Gesicht geben. Eine Zeitlang hat halb Wien in
-solchen Ausdrücken geredet, und Sie werden zugeben,
-daß dies keinen Wiener Dialekt, sondern eher
-einen Girardi-Jargon vorstellt. Man könnte sagen,
-vieles, was Girardi tut, ist Wien, aber vieles, was
-Wien tut, ist Girardi. Unsere Stadt ist sein ganzes
-künstlerisches Erlebnis. Unendlich viele feine und
-grobe Reflexe der wienerischen Art funkeln in
-ihm. Unendlich viele Nuancen des wienerischen
-Wesens, zarte und derbe, drücken sich in ihm aus.
-Aber wenn Sie den Begriff Wien als ein Ganzes
-nehmen, zu dessen Bestandteilen auch Schubert
-und Kriehuber und Grillparzer und Schwindt und
-Fischer von Erlach und Makart gehören, dann
-werden Sie finden, daß Girardi weder der Spiegel
-noch der Ausdruck des Wienertums ist; nicht der
-Wiener, sondern unter wenigen erlesenen Wienern:
-Auch einer.</p>
-
-<p>Daß man bei den erbärmlichsten Possenfiguren,
-die er darstellt, oft wie von ferne den Atem wirklicher
-Tragik spürt, daß die Puppen bei ihm gleichsam
-transparent werden, und der Zuschauer durch
-sie hindurch in tiefe Menschlichkeiten blickt, daß
-man immer wieder, wenn man Girardi in einer
-elenden Schwankrolle begegnet, überzeugt ist, er
-könne auch klassische Meisterrollen spielen, möchte
-ich so hoch nicht anschlagen. Was wäre denn
-auch ein Humor ohne diese dunkeln Untertöne?<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-Was wäre uns ein Komiker ohne diese Durchblicke
-ins Menschliche? Ich weiß nicht, ob wir über
-ihn lachen wollten, aber ich bin sicher, daß wir
-nicht über ihn reden würden. Vielleicht ist der
-Zug ins Klassische in irgendeiner Epoche Girardis
-näher und stärker gewesen; vielleicht haben wir
-da für die Kunst des großen Stiles einen Verlust
-zu beklagen. Ich glaube nicht sehr daran. Das
-heißt, ich glaube wohl an die objektive Gabe
-Girardis, in dieser Kunst ein Hohes zu leisten,
-aber ich bezweifle sein dauerndes Bedürfnis danach.</p>
-
-<p>Dieses dauernde und leidenschaftliche Bedürfnis,
-über sich selbst hinweg zu Höherem, und auf
-höheren Gipfeln wieder zu sich selbst zu gelangen,
-lebt in Kainz. Ich bezeichne damit keinen Unterschied
-der Werte, sondern nur die verschiedenen
-Wege, die Kainz und Girardi gewandelt sind.
-Beide von demselben Punkt ausgehend, dieser
-immer durch Wien, allein durch Wien, und auf
-den allernächsten Straßen immer wieder zum
-eigenen Ich; jener durch aller Herren Länder.
-Girardi, indem er alles zum Werkzeug seiner Persönlichkeit
-macht, alles in den Dienst der angeborenen
-Art zwingt; Kainz, indem er sich als ein
-Instrument darbringt und allen Geistern dient,
-die ihn entzücken.</p>
-
-<p>Es gibt keinen anderen deutschen Schauspieler,
-der wie Kainz den Romanen so nahe wäre, der
-Beredsamkeit des romanischen Temperaments, der<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-musikalischen Anmut und der tänzerischen Biegsamkeit.
-Ich weiß nicht, wo ich diese wunderbare
-österreichisch-italienische Mischung heute im sichtbaren
-Leben fände, um sie Ihnen als Beispiel anzubieten,
-aber ich erinnere Sie an manche Paläste
-in Wien und in Salzburg, die von italienischen
-Baumeistern errichtet, und nachher von Canaletto
-gemalt wurden, und deren Linien in geheimnisvoller
-Harmonie alles aussprechen, was wienerisch,
-und zugleich alles, was über das Heimatliche hinaus
-italisch, südlich und sonnig ist.</p>
-
-<p>Es gibt auch keinen anderen Schauspieler als ihn,
-der sich zu einem solch vollendeten Instrument
-der Dichter gebildet hätte. Gebildet an seinem
-knabenhaft schmalen, in allen Gelenken jugendlich
-behenden Leib, an seinem schlagfertigen, feinhörigen
-Geist und an allen seinen Mitteln des
-Ausdrucks. Keiner ist ein solcher Meister der
-köstlich bewußten, durchgearbeiteten, der besiegten
-und zu etwas Unwillkürlichem gewordenen
-Technik. Es ist mir keiner gegenwärtig wie er, der
-die Geheimnisse der Technik so ergründet, keiner,
-der ihre Mühseligkeit so überwunden hätte. Und
-gewiß besteht das tiefste Wesen der Kunst nur
-darin, die Geheimnisse der Technik zu entziffern,
-das edelste Wesen der Kunst darin, die Mühsal
-des Technischen in Leichtigkeit zu verwandeln,
-seine Hindernisse in Stützen, seine lastende
-Schwere in ein Mittel zum Vogelflug. Es ist mir
-immer wunderlich, wenn ich einen Schriftsteller<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-abfällig Wortkünstler nennen höre, einen Schauspieler
-Sprechkünstler; denn was soll ein Schriftsteller
-sein, wenn er nicht ein Künstler am Worte,
-und was ein Schauspieler, wenn er nicht ein Meister
-des Sprechens ist? Es erscheint mir immer wunderlich,
-wenn einer es niederschreibt, dieses oder jenes
-sei nicht zu schildern, sei nicht auszudrücken, und
-nicht zu nennen. Denn worin besteht nun sonst
-in der Welt seine Aufgabe und sein Daseinsrecht
-wenn er ein Schriftsteller sein will, als eben darin,
-daß er verpflichtet ist, zu schildern, was sich nicht
-schildern läßt, verpflichtet, auszudrücken, was dem
-Ausdruck gerne sich entzieht, verpflichtet, zu
-nennen, was mit gewöhnlichen Benennungen nicht
-ergriffen werden kann? Die Gabe, irgend etwas
-Künstlerisches zu vollbringen, ist doch in uns nicht
-wie das Wasser im Schoß eines Brunnens, daß man
-nur den Hahn aufzudrehen braucht, um es immerzu
-laufen zu lassen. Wie viele aber tun nur eben
-dieses, &ndash; gerade bei den Schriftstellern und
-Schauspielern &ndash;, lassen rinnen und strömen, was
-in ihnen ist, wie es die Gnade des Augenblicks
-just gewährt, stehen dabei und verehren andächtig
-das Walten des Gottes, den sie in sich glauben.
-Wie viele saloppe, von Verlogenheit, von Faulheit
-und von sorglosem Hochmut zurechtgekleisterte
-Mache tritt uns in der Kunst feierlich und anspruchsvoll
-als »Arbeit« entgegen.</p>
-
-<p>Wenn Sie aber erwägen, wie viele erlauchte Kräfte
-der Seele und des Verstandes angestrafft werden<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-müssen, wie viele edle Kräfte des Körpers, wenn
-Sie erwägen, mit welcher Gewalt sich ein Mensch
-immerfort zusammenfassen muß, damit er fähig
-werde eine Technik zu erwerben, und wie tief er
-in sein eigenes Selbst muß schauen können, damit
-er <em class="gesperrt">seine</em> Technik erringe, dann werden Sie gerne
-verstehen, daß es vor allem die Arbeit ist, die
-mich an Kainz bezaubert. Diese wunderbar funktionierende
-Arbeit voll jeder Lust an der schwersten
-Bravour. Dieser Schauspieler besitzt sich
-selbst in jedem Augenblick. Sein ganzer feiner,
-komplizierter Organismus gehört und gehorcht
-seiner Arbeit und er beherrscht ihn so, daß sein
-Künstlerwesen keinen Augenblick in jene demütigende
-Abhängigkeit gerät, welche die Schwachen
-Stimmung nennen. Er hat ihn so vollkommen
-entwickelt, daß es keine ungenützten Reste, keine
-versäumten und verschleuderten und verlorenen
-Möglichkeiten bei ihm gibt.</p>
-
-<p>Manchmal läßt er diesen Organismus sozusagen
-leer laufen, läßt diese brillant funktionierende
-Technik einfach absurren. Sie haben ihn ja selbst
-schon an solchen Abenden gesehen, und Sie werden
-den Zustand, in dem er sich da befindet, gewiß
-nicht mit jenem verwechseln, den ich oben
-Stimmung genannt habe. Es ist, als zöge er sich
-gleichsam aus seiner Arbeit zurück, als nehme er
-ihr sein Seelisches. Aber es ist kein Erliegen, kein
-Gelähmtsein, welches den Künstler unter sein
-Wollen, unter seine Aufgabe wirft und ihn am<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-Schaffen hindert. Vielmehr ist es ein innerliches
-bewußtes Sichabwenden von einer längst gelösten
-Aufgabe; vielmehr ist es das unwillkürliche Abfallen
-des Schöpfers von seinem vollendeten Werk.</p>
-
-<p>An solchen Abenden, aber manchmal auch in
-Augenblicken des Glanzes, manchmal auch an dem
-von plötzlicher Gleichgültigkeit wie gehöhlten und
-berstenden Klang seiner unermeßlich reichen
-Stimme ist es zu spüren, daß dieser Schauspieler,
-der an der äußersten Grenze des Meisterlichen
-steht, anfängt, über seine Kunst hinweg zu leben,
-daß es ihn über die Grenzen seines Berufes hinwegzieht,
-über diese Grenze hinaus bangt &ndash;
-irgendwohin. Er ist so hart bis an den Rand jeglicher
-Erfüllung gestiegen, daß er sich manchmal
-schon von der Dämonie des Vergeblichen angehaucht
-fühlt. Diese Existenz jenseits aller erlebten
-Reife ist die subtile Tragik seiner Gegenwart
-und das Problem seiner Zukunft.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<h2 id="MENAGERIE_IN_SCHOENBRUNN">MENAGERIE IN SCHÖNBRUNN</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Vor wenigen Jahren gab es fünf oder sechs
-junge Bären in Schönbrunn. Herzige kleine
-Dinger, die in ihrem frischen Wollpelz aussahen,
-als trügen sie zu weite Hosen. Alle schienen
-sie, mit ihren fröhlichen Ohren, mit den weichen,
-hilflosen und doch so geschickten Bewegungen, und
-mit den listig schmunzelnden Schnauzen wie geborene
-Komiker. Man hatte die ganze Gesellschaft
-in einen Zwinger gesteckt; da spielten sie, rauften
-miteinander, kugelten und balgten sich. Es war
-die richtige Kinderstube. Wie dann die Leute anfingen,
-sie zu füttern, wurden die kleinen Bären
-gewerbsmäßige Bettler; saßen beständig nebeneinander
-am Gitter, jammerten und stöhnten, als
-müßten sie Hungers sterben, wenn sich von den
-Vorübergehenden niemand ihrer erbarmte. Und
-je mehr Zulauf sie hatten, desto herzbrechender
-wurden die Klagen, die sie anhoben. Noch mit
-dem Bissen im Maul fuhren sie fort zu wimmern,
-daß die Mildtätigkeit nur ja nicht erlahme und
-keiner denke, so vieler Kummer sei mit geringem
-Almosen gestillt. Durch ihren Erfolg verlockt,
-begannen die japanischen Bären gegenüber ein
-Konkurrenzgeschäft und stimmten ein originelles
-Flennen an, das geradezu Aufsehen erregte. Es
-war ein ganz dünnes, zimpferliches Weinen, tremolierend,
-atemlos, und boshaft, wie von jemandem,
-der friert und der sich ärgert. Aber dieses Ehepaar
-hatte auf die Dauer kein Glück, denn es war ein
-düsteres Familiengemälde, das sich hier bot. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-Mann, ein ausgemachter Heuchler, schlug seine
-Frau in aller Wehmut, so oft sie einen Brocken erhaschte.
-Wimmernd und wehklagend mißhandelte
-er seine Gefährtin und nahm gerührt alles
-für sich allein.</p>
-
-<p>Dann kam ein Wolf in die Menagerie. Der saß
-eines Tages hinter Schloß und Riegel und festen
-Eisenstäben und war sehr unglücklich. Denn er
-war ein Wolf, der einst bessere Tage gesehen hatte.
-In seiner Jugend war er irgendwo bei einer guten
-Frau wie der Hund im Haus behandelt worden.
-Das ist enorm viel für einen Wolf, und er konnte
-der glücklichen Zeit nicht vergessen. Die Behörde
-war eingeschritten, und in ihrer unerschöpflichen
-Weisheit hatte sie entdeckt, ein Wolf sei ein reißendes
-Tier. Also vertilgen oder ihn vorschriftsmäßig
-unterbringen. All seine Sanftheit half nichts;
-es half nicht, daß er gehorsam auf jeden Ruf herbeigelaufen
-kam, nicht, daß er mit bestrickender
-Liebenswürdigkeit wedelte, nicht, daß er &ndash; an
-gekochtes Futter gewöhnt &ndash; das blutige Fleisch
-verschmähte, es half nicht, daß er sich streicheln
-ließ und zärtlich die Hand zu lecken verstand; er
-wurde als reißendes Tier eingesperrt. Es war einfach
-ein Justizmord. Dazu gab man ihm einen ungezähmten
-Gefährten. Offenbar um einen ordentlichen
-Wolf aus ihm zu machen. Er blieb sanft. Er
-duldete die Bisse und Schläge seines Zellengenossen
-und konnte nur weinen. Der Kaiser hat ihn einmal
-auf einem Morgenspaziergang jammern gehört,<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-fand ihn blutig und hilflos und befahl, daß
-der gute Wolf vom bösen befreit werde.</p>
-
-<p>Dann gab es einen weißen großen Kakadu in
-Schönbrunn, der ein Simulant war. Hatte er Zuschauer,
-begann er sofort mit seiner Komödie. Er
-besaß eine kunstvolle Art, langsam und mit vielen
-Umständen seine Kette um Hals und Kopf zu
-winden und sie außerdem an der Kletterstange zu
-verwickeln, so daß es den Anschein hatte, als habe
-er sich unversehens stranguliert. Hing er endlich
-in der selbstgedrehten Schlinge, dann erhob er
-mit einemmal ein gottsjämmerliches Schreien und
-Kreischen, schlug mit den Flügeln, als stünde sein
-qualvolles Ende bevor. Immer saß irgendwer diesen
-gellenden Hilferufen auf und lief nach dem
-Wärter. Die Zurückgebliebenen bedachten indessen
-erregt, ob der arme Vogel wohl so lange
-noch leben könne. Wenn er aber merkte, daß nun
-die Spannung ihren Gipfel erreicht habe, oder
-wenn ihm jemand beistehen wollte, zog er plötzlich
-den Kopf aus der verschlungenen Kette,
-schwang sich auf seine Sprosse und schaute ganz
-still und ruhig umher, als sei nichts geschehen.</p>
-
-<p>Dann gab es einen Löwen, der sich gemütlich
-ans Gitter preßte und sich die Mähne krauen ließ.
-Nach einer Weile aber fuhr er mit erschrecklichem
-Fauchen herum, schlug mit den Tatzen nach dem
-freundlichen Wärter und benahm sich so recht als
-ein großer Herr, der treue Dienste mit grausamer
-Undankbarkeit lohnt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p>
-
-<p>Früher bin ich alle Tage in den Schönbrunner
-Garten gegangen und am liebsten bei den Tieren
-gewesen. Die vielen großen und kleinen Tragödien,
-die sich hier abspielen, all die lustigen Zwischenfälle,
-die drolligen Episoden, diese verschiedenartigen
-Äußerungen und Anzeigen einer zwar
-deutlich wahrnehmbaren, für uns aber unverständlichen
-und geheimnisvollen Vernunft können
-stundenlang aufregen oder erheitern. Jetzt sind
-die Bären erwachsen, und nur ein einziger kleiner
-Kerl wohnt in der Kinderstube von damals. Die
-japanische Konkurrenz hat sich beruhigt und führt
-ein ziemlich friedliches Dasein. Der arme Wolf
-wird immer noch nicht müde, seine Unschuld zu
-beteuern; begrüßt jeden mit demütiger Gebärde
-und sitzt den ganzen Tag mit sehnsüchtigen Augen
-da. Heute wissen ja alle, daß er zahm, lieb und
-ungefährlich ist. Trotzdem muß er hinter Gitterstäben
-bleiben; nur weil er ein Wolf ist. Aus
-keiner anderen Ursache. Und so mancher bissige
-Hund läuft frei umher, wird geachtet und geehrt.
-Aber wer kann eingewurzelte Vorurteile besiegen?
-Da gibt es denn nichts Verfehlteres im Leben als
-einen Wolf, der mit den Wölfen nicht heulen will.</p>
-
-<p>Der Kakadu ist noch derselbe Schwindler und
-foppt die Leute, so oft es ihm gefällt. Dem Löwen
-aber hat man, wie es scheint, seine Herrenlaunen
-abgewöhnt. Geduckt sind alle diese Tiere durch
-ihre lange Gefangenschaft. Ihnen allen ist die
-Menschenfurcht von den Mienen zu lesen. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-verändert sind sie in ihrem Wesen nicht. Manchmal
-revoltieren sie, und solche Augenblicke, in
-denen ihre wirkliche Natur hervorbricht, sind von
-einer wunderbaren Gewalt.</p>
-
-<p>An sommerstillen Abenden, wenn die Löwen
-unruhig in ihrem Käfig umherlaufen oder stehen
-bleiben, das Haupt tief herabgesenkt, aufmerksam
-witternd; wenn der Königstiger sich erhebt und
-die ungenützte Kraft in seinen Flanken zittert;
-und wenn sie dann alle ihr Gebrüll beginnen, das
-wie ein schmerzliches Stöhnen und Blasen sich anhört,
-dann fallen die anderen Tiere ein, und dann
-ist es ein mächtiger Chor der Gefangenen. Und es
-ist von einem sonderbaren Reiz, die Stimmen aller
-Länder und Zonen hier auf einem einzigen Platz
-zu vernehmen. Die Löwen der afrikanischen
-Wüste, die Tiger aus den Dschungeln Indiens, den
-Schrei der Pardelkatzen aus Brasilien, das Brummen
-der nordamerikanischen Bären, die wilden
-Trompetenstöße der Elefanten, tropisches und
-arktisches Getier, als ob sie aus allen Weltteilen
-ihre erbitterten Klagen erheben wollten gegen eine
-drückende, ungerechte und quälende Herrschaft.</p>
-
-<p>Versöhnlicher hört sich das in der großen Volière
-an, in diesem hellen, belebten Saal, in dem
-die Vogelstimmen aus allen Wäldern der Erde
-ineinanderklingen. Von einer beständigen, fröhlichen
-Musik ist das freundliche Gelaß erfüllt.
-Tausendfache Melodien tausendfach ineinander
-verschlungen, Töne von einer märchenhaften Reinheit,<span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span>
-ein Gesang von so schallendem Jubel, daß
-man sich von linder, tröstlicher Heiterkeit unwiderstehlich
-ergriffen fühlt. Staunend betrachtet
-man hier die wundersamsten Launen der schaffenden
-Natur. Winzige Vögel, die in der Farbenglut
-ihres Gefieders aussehen wie lebendiges Geschmeide.
-Prunkvolle, majestätische Tiere wieder mit
-richtigen Kronen auf dem stolzen Haupt; Tiere
-von heraldischer Würde, und dann wieder tolle,
-groteske Einfälle, Karikaturen, beschämte Existenzen,
-äußerste Plumpheit und himmliche Anmut;
-märchenhaft holde Gebilde und höhnische Verzerrungen,
-und beinahe mit frommen Gedanken
-findet man sich einer Kraft gegenüber, die mit
-sorglosem Gleichmut solch höchste Vollendung der
-Schönheit und so erbärmlich mißlungene Versuche
-nebeneinander bietet. Merkwürdige Vögel
-lernt man hier kennen, mit lyrisch-zärtlichen Namen
-wie die Diamant-Amandine; mit Namen aus
-Tausendundeiner Nacht, wie den Vogel Bülbül,
-von dem manche Leute glauben, daß er gar nicht
-existiert. Hier hüpft er gar zierlich in seinem
-Bauer umher und ist der Nachbar des echten Pirol.
-Gegenüber jedoch wohnt einer, der wie eine kleine
-gelbe Krähe aussieht. Gelb mit schwarzen Kopfflecken,
-schwarzen Schwingenfedern. Er hat ein
-scheues, schweigsames Wesen und heißt: Der
-schwefelgelbe Tyrann.</p>
-
-<p>In der Volière wird der Zwang, den die gefangenen
-Tiere erleiden, am wenigsten kenntlich. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-draußen, die Adler und Geier, die in ihren Käfigen
-sitzen und mit kummervollen Augen ins Weite
-schauen, die ihre Schwingen breiten und sie wieder
-langsam, gleich als ob sie seufzen würden, zusammenfalten,
-die sehen wirklich aus wie gefesselte
-Helden, und sie können einen manchmal arg verstimmen.
-Ein Kind sagte neulich: »Ich weiß
-jetzt, Vater, wie die Adler aussehen, und du kannst
-sie schon wieder fliegen lassen.« Wir wissen auch,
-wie Löwen und Tiger aussehen, und lassen sie doch
-nicht laufen. Aber das ist, abgesehen vom Schaden,
-den sie stiften würden, eher zu begreifen. Denn
-die Menschen empfinden es als einen Reiz, gebändigte
-Wildheit zu beschauen, gefesselte Riesen
-anzugaffen und an wehrlos gemachter Kraft sich
-zu weiden. Jeder hat schon bei sich, vor dem
-Zwinger, erwogen, »was der Löwe tun würde«,
-wenn man ihn plötzlich freiließe. Ich hab' mich
-niemals dazu vermocht, ihm was Schlimmes zuzutrauen,
-ob ich gleich all die blutigen Dinge, die
-ihm nachgesagt werden, nicht im mindesten bezweifle.
-So oft ich ihn aber sehe, erscheint er mir
-sanft, anmutig, harmlos und besser als sein Ruf.
-Selbst wenn er brüllt, sieht er nicht wild aus,
-sondern eher, als sei ihm bedenklich übel. Und im
-übrigen ist der Löwe in unserem Bewußtsein schon
-mehr ein Klischee geworden als ein lebendiges Wesen,
-eine Art dekoratives Gebilde, das ein jeder von
-allen möglichen Wappen her kennt, von Brücken
-und Denkmälern, so daß man glauben möchte, er<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-werde in den Menagerien nur gehalten, damit er
-seine Existenz beweise. Sicherlich denken die
-Leute in Afrika anders darüber … Nur im Königstiger
-läßt sich der Feind erkennen. Doch
-wenn er in seiner engen Zelle die prachtvollen
-Glieder zum Sprung reckt, wenn er die verlangenden
-Körperkräfte an den Eisenwänden verrast,
-dann fühlt man Mitleid mit ihm und wünschte,
-diese Tiere, in denen der Trieb nach Freiheit nimmer
-schläft, möchten wenigstens in ein größeres
-Gehege gebracht werden. Es ist eine alte und, wie
-ich glaube, falsche Menagerietradition, die Raubtiere
-so eng als möglich zu halten und den Rindern,
-den Schafen und anderem gutmütigen, an den
-Stall gewöhnten Zeug weiten Spielraum zu lassen.
-Würde man Löwen, Tiger, Leoparden, Bären und
-Füchse in große Gehäuse bringen, wir könnten
-ihren Anblick zehnfach genießen und ein Schauspiel
-der herrlichsten Bewegungen würde sich entfalten.</p>
-
-<p>Der gleiche Brauch bewährt sich ja im Affenhaus,
-vor dem die großen und die kleinen Kinder
-sich amüsieren. Im Grunde aber ist es doch ein
-recht melancholischer Spaß, den man mit diesen
-kränklichen, boshaften und lächerlich menschengleichen
-Geschöpfen hat. Wie gehässige, misanthropisch
-ausgesonnene Karikaturen, wie gespenstische
-Zerrbilder und böse Träume wirken sie
-auf die Dauer. Es ist, wenn man einen Affen betrachtet,
-als habe ein Mensch durch Krankheit
-oder durch verruchten Zauber den Gebrauch seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-Gaben verloren, als falle er in den tierischen Urstand
-zurück. Und während alle Schamlosigkeiten
-des Körpers die Übermacht gewinnen, quält er
-sich ab, diesem Jammer zu entwischen, bleibt mit
-menschlichen Mienen und tierischen Gebärden
-an der fürchterlichen Grenze zwischen Mensch und
-Vieh. Diese Versuche, die ihn uns wieder nähern
-sollen, wirken wie fast alle Vergeblichkeiten aufs
-erste freilich komisch. Die Leute möchten vor Lachen
-rasend werden, wenn so ein kleiner Mandrill
-einen Spiegel in die Hand kriegt und sich über
-das Wunder nicht zu fassen weiß. Und das Amüsement
-kennt keine Schranken, wenn ein Affe all das
-nachzuahmen sucht, was ihm einer aus dem Publikum
-vorzeigt. Da wirkt der tiefe Ernst solcher Bemühungen
-und ihre Fruchtlosigkeit lächerlich.
-Aber wer einmal nur einen kranken Affen gesehen,
-wer diesen flehenden, kummervollen Menschenblick
-geschaut hat, diese dunkeln, klugen Augen,
-die in Tränen schwimmen, diese vergrämten, greisenhaften
-und so verzweifelt kinderähnlichen Züge,
-der wird ein atavistisches Grauen bei ihnen nicht
-mehr los. In Wirklichkeit possierlich sind nur jene
-Tiere, die man ohne Befangenheit betrachten kann.
-Tiere, von denen uns weite Distanzen und Zwischenstufen
-trennen. Ein Drahtgitter aber ist noch
-keine ausreichende Scheidewand. Und es dient
-beim Affenhaus nur dazu, gelegentliche Verwechslungen
-und Irrtümer hintanzuhalten.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span></p>
-
-<h2 id="MAUERBACH">MAUERBACH</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Am Laudonpark vorbei führt die schöne, sanft
-ansteigende Waldstaße nach Mauerbach.
-Gleich an ihrem Anfang steht das alte Laudonschloß
-mitten in einem stillen dunkeln Weiher.
-Man soll hier nicht vorbei, ohne diesen ruhevollen
-Herrensitz zu betrachten. Ein wenig neidisch wird
-man freilich, wenn man da so um die Mauern
-streicht und zu den hohen Fenstern emporblickt
-und dabei sich ausmalt, wie ganz wunderbar es
-sein muß, so mit allem Luxus und behaglicher Vornehmheit
-eingebettet sein inmitten des Waldes, umbuscht
-und umgrünt von einem Getümmel blühenden
-Strauchwerks und himmelragender Bäume. Auf
-dem stillen Weiher ziehen lichte Schwäne ihre
-Bahn, hellgrün belaubte Weiden lassen ihre Zweige
-in das Wasser niedersinken, und die Quadern des
-Schlosses spiegeln sich darin. Es ist ein Bau im
-Stil der Maria Theresienzeit. Anmutig und feierlich,
-und mit einem Zug ins Heroische. Daß man
-erst über eine steinerne Brücke gehen muß, um
-an das Tor zu gelangen, gibt dem Schloß das Aussehen
-einer Veste. So bauten die großen Soldaten
-vergangener Epochen. Immer, auch wenn sie sich
-zur Ruhe setzen, tun sie, als ob sie sich verschanzen
-wollten.</p>
-
-<p>Der Feldmarschall Laudon ist in Weidlingau
-noch sehr populär. Seine Nachkommen leben in
-dem schönen Schloß, das er ihnen hinterließ. Er
-selbst aber liegt draußen im Walde begraben. Neulich
-habe ich ihn sogar mitten durch die Hauptstraße<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-reiten sehen, umgeben von seinem Stabe,
-im weißen Waffenrock, das Goldene Vließ auf der
-Brust und hinterher ein Schwarm türkischer Gefangener.
-Voran kamen zwei Herolde in altdeutscher
-Tracht. Und auf seinem Zuge ließ sich
-der Generalfeldmarschall photographieren. Das
-Ganze war ein Sängerfest, und der Mummenschanz
-nahm sich auf sonniger Straße hübsch genug aus.
-Namentlich der Feldmarschall Laudon, von einem
-schlanken jungen Mann mit Würde dargestellt, erschien
-hier wie ein alter Bekannter. Er glich aufs
-Haar dem Laudon auf dem Wirtshausschild, was
-für beide, für den gemalten wie für den kostümierten
-Generalissimus, als ein voller Beweis ihrer
-historischen Echtheit gelten darf.</p>
-
-<p>An diesem festlichen Tage fuhr ich, dem etwas
-langwierigen und lauten Männergesang zu entwischen,
-wieder einmal die Straße nach Mauerbach.
-Dort draußen kann man ja auch Sonntags
-im Freien sich ergehen, der frischen Luft genießen,
-ohne <span id="corr172">allzuvielen</span> Menschen zu begegnen. Der große
-Schwarm hält sich eben dicht an der Bahnstrecke,
-und in dieses friedliche Seitental kommen nur
-wenige.</p>
-
-<p>Ein schmaler weißer Streifen, zieht die Waldstraße
-durch die schöne grüne Welt. Berge ringsumher,
-sanfte, freundliche Berge, einer zärtlich
-immer an den anderen gelehnt. Und breite, fröhliche
-Wiesenflächen, auf denen einsame Erlen ihre
-Äste breiten. Hier und da eine alleinstehende<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-Eiche, die aussieht, als sei sie mit den anderen
-Bäumen verfeindet und halte sich nun trotzig abseits
-von ihnen. Oder ein paar zarte junge Birken
-mitten auf einer Wiese, als sei es ihnen im Walde
-zu langweilig geworden, und als wollten sie nur
-eben ein bißchen spazierengehen. Und der weiße
-Wegstreifen vor dir läuft immerzu ins Grüne hinein,
-bergauf, bergab, wie unsere Sehnsucht, die
-sommerlich ins Freie strebt.</p>
-
-<p>Man blickt zurück und findet sich völlig eingeschlossen
-von der Lieblichkeit der Wienerwald-Landschaft,
-in der so viel Eichendorffsche Stimmung
-ruht. O Täler weit, o Höhen! Wie nah ist
-man hier doch der Stadt, oder wie fern von ihr?
-Man weiß es nicht. Es können viele, viele Meilen
-sein, so still ist es da, und so unberührt ist die Flur.
-Nicht einmal der Wind trägt das lärmende Wanderlied
-der Eisenbahnzüge bis hierher. Nur Amselrufe,
-Finkenschlag und Lerchengesang, und das
-helle Zirpen der Grillen, das von den Wiesen aufsteigt
-wie der tönend gewordene Atem der blühenden
-Erde. Lange wird dieser Frieden nicht mehr
-dauern. Dann kommt die Bahn. Die »Wienerwald«-Bahn,
-wie man sie heute schon nennt, die
-von Hütteldorf über Judenau nach Tulln-Herzogenburg
-führen soll. Dann wird auch das jungfräuliche,
-wenig besiedelte Mauerbachtal, das jetzt
-so hübsch außer der Welt liegt, von Lärm und Unrast
-und Neugier erfüllt sein. Schlag' noch einmal
-die Bogen um mich, du grünes Zelt!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span></p>
-
-<p>Dann freilich wird auch das kleine Mauerbach
-für die sogenannten weitesten Kreise entdeckt werden.
-Und man wird finden, daß es ein seltsamer
-und sehenswerter Ort ist. Maler werden hierher
-kommen und das alte Karthäuserkloster malen,
-und die Pfründner, die jetzt darinnen wohnen,
-wird man auf Bildern sehen, die den Armenhausbildern
-von Gotthard Kuehl gleichen werden. Und
-man wird bemerken, daß Mauerbach geradeso
-schön ist, wie die vielgerühmte Beguinage in Brügge,
-und ebenso vom Zauber einer wunderbaren,
-wehmütig lieblichen Stimmung übergossen, wie
-die stillen Stätten verrastender Greise in Holland.</p>
-
-<p>Schon der abschüssige Dorfplatz in Mauerbach
-ist von einer merkwürdigen Schönheit. Die große
-uralte Linde, die in seiner Mitte steht, und das
-tief gelegene, farbige Portal, das den Eingang zur
-Karthause bildet. Verwachsene Fresken zieren den
-kühnen Steinbogen dieses Durchlasses, der eine
-Vedute auf den weiten Vorhof eröffnet. Es ist wie
-der Eingang zu einer Burg. Hinter dem vergitterten
-Fenster, das wie ein einziges Auge aus dem
-verwitterten Gemäuer blickt, mag einmal der Torwart
-ausgespäht haben. Jetzt sitzen die alten
-Frauen und Männer hier in der Sonne, oder rings
-um die Linde, oder sie kauern am Zaun der kleinen
-Vorgärten und schauen die Straße hinunter, die
-aus dem Gewühl des Lebens hierher zu ihrer Einsamkeit
-führt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span></p>
-
-<p>Über den weiten Vorhof, in dem die Hühner
-und Gänse ihre Prozessionen halten, kommt man
-zum Kloster. Ein Wassergraben, durch den der
-Mauerbach rinnt, wehrt den Zugang und erinnert
-wieder an eine Festung. Weiter unten steht auch
-ein runder, spitzbedachter verwitterter Turm mit
-kleinen Schießscharten. Die Karthäuser mögen
-sich gegen alle Zufälle vorgesehen haben. Denn
-es war eben doch nicht ganz gemütlich hier, mitten
-im Wald, vor vier- oder fünfhundert Jahren,
-und die »Wienerwaldbahn« ruhte damals noch
-tiefer im Zeitenschoße als jetzt. Die Pfründner
-natürlich haben dem Bollwerk eine andere Bestimmung
-anphantasiert. Sie nennen ihn den
-Hungerturm und behaupten, man habe sündige
-Mönche da hineingesperrt und sie elend darin versterben
-lassen, und natürlich gibt es einige, die
-wissen wollen, daß es in dem alten Turm spuke.</p>
-
-<p>Durch schöne breite Gänge spaziert man in dem
-Kloster umher. Kreuzgänge, in denen es angenehm
-kühl ist, in denen die Schritte auf den Steinfliesen
-hallen, und wo das geschnitzte Holzwerk an
-den Türrahmen nachgedunkelt und tiefbraun geworden
-ist. Schlafsaal &ndash; Krankensaal &ndash; liest man
-jetzt, wo früher Refektorium oder Bibliothek gewesen.
-Dann die Kirche. Sie ist klein, aber hoch,
-und hat einen prunkvollen Altar mit einem mächtigen
-Bild darüber; rechts und links zwei überlebensgroße,
-in Gold und reichen Farben prangende
-Holzstatuen. Hier ist auch das Grabmal Friedrichs<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-des Schönen, der die Karthause einst gegründet
-hat. Draußen im Garten wird die Stelle
-gezeigt, an der Friedrich im Walde sich verirrte
-und das Gelöbnis tat, wenn Gott ihn aus der Wildnis
-führe, hier ein Kloster zu erbauen. Und Gott
-rettete den schönen jungen Herzog. Und der
-»bonus dux« wie die Grabschrift ihn nennt, hielt
-seinem Schöpfer, was er versprochen. Lange hat
-er in dieser Kirche geschlafen, hinter diesem roten
-Marmorstein, der heute noch sein Lob kündet.
-Als dann Josef II. das Kloster aufhob und zu einem
-Armenhaus verwandelte, wurde auch der Stifter
-von den Mönchen hinweggenommen und anderswo
-gebettet. Ich glaube, zu St. Stephan in Wien,
-oder im Stift zu Heiligenkreuz.</p>
-
-<p>Die Kirche aber ward zu groß befunden für die
-Armenhäusler, und so führte man in der Mitte eine
-Mauer auf, ließ das vordere Hauptschiff als Kapelle
-bestehen und teilte die rückwärtige Hälfte in
-mehrere Stockwerke, so daß jetzt zwei Schlafsäle
-übereinander den Raum einnehmen, den früher
-das Orgelemporium hatte. In dem obersten Saale
-sind alte Frauen. Da ist es denn für sie beinahe wie
-im Himmel selbst, denn sie sehen durch die Fenster
-geradeaus in die Kirche herunter, können
-von ihrem Bette aus den Hochaltar erblicken, die
-Messe hören, und der sanft schütternde Klang der
-Orgel dringt bis herauf in ihre Stube. Wenn sie
-aber morgens die Augen aufschlagen, dann haben
-sie gleich eine ganze Engelsschar über ihrem Haupt.<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-Weil nämlich die prächtige Kirchendecke mit ihren
-Gemälden und ihren Stuckverzierungen hier unversehrt
-geblieben, genießen sie diesen Luxus, der
-ja in Armenstuben selten und sonderbar genug ist.
-Wo aber die Wand an die Kirchendecke stößt,
-schneidet sie freilich recht unbekümmert die ganze
-Herrlichkeit entzwei. Und da fährt nun ein Engel
-zum Zimmer herein, der halben Leibes noch in
-der Kirche drüben steckt. Ein anderer wieder ist
-noch mit den Beinen hier innen, während er mit
-Kopf und Armen voran in die Kirche strebt, und
-nimmt sich aus, als sei er hier gefangen und eben
-mit allen Kräften bemüht, zu entschlüpfen.</p>
-
-<p>Es ist ein merkwürdiger Raum, dieser Schlafsaal
-armer, alter Frauen, dessen Dielen Weichholz sind
-und dessen Plafond an fürstliche Prachtgemächer
-erinnert. Welch eine ergreifende Atmosphäre!
-Wie nah am Tode und am Ende aller Dinge fühlt
-man sich hier! Wie viel verbrauchtes Leben, vollendetes
-Schicksal, überstandene Sorge, wie viel
-Hoffnungslosigkeit und Trauer, müdgeweinte Enttäuschung,
-wie viel endgültiges, demütigendes Verzichten,
-wie viel Abschiedsschmerz atmet hier, wo
-die Menschen nichts mehr zu tun haben, als auf ihr
-Stündlein zu warten!</p>
-
-<p>Da sitzen die alten Frauen vor den Fenstern
-und schauen in die Kirche hinunter, mit stillen,
-erloschenen Blicken, die so bewegungslos und so
-undurchdringlich sind. Oder sie hocken auf ihren
-Betten und verstricken den Sommertag, oder wirtschaften<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-mit einem enormen Aufgebot selbsttäuschender
-Wichtigkeit in allerlei Kleinkram.</p>
-
-<p>Wie das Alter ertragen wird, kann man hier
-merken auf Schritt und Tritt. Wie die einen gelassen
-sind und beschwichtigt, die anderen in beständiger
-Aufregung, andere verzweifelt, andere
-beschämt und verschüchtert, andere wieder fröhlich.
-Sie alle zusammen aber recht egoistisch und
-zur Verträglichkeit wenig geneigt. Dort geht ein
-Greis über den Hof, trägt stolz seine Medaillen
-und raucht lächelnd sein Pfeifchen. Zwei andere
-aber stoßen sich an, blicken ihm spöttisch nach und
-beschwatzen ihn. Oder eine alte Frau verläßt
-eine Gruppe. Sofort finden sich die übrigen zusammen,
-ziehen über sie los, so ungeniert, daß die
-Davongelaufene es noch hören muß. Aber sie ist
-es gewohnt, kümmert sich nicht darum und macht
-es offenbar, wenn es die Gelegenheit gibt, auch
-nicht anders.</p>
-
-<p>Beruhigt sind die Menschen auch hier noch
-nicht. Das kommt doch wohl erst, wenn jeder für
-sich im Schrein liegt, wo niemand ihn sieht, und
-wo er niemanden mehr beobachten, beneiden und
-bereden kann. »Was man da alles hört …« sagt
-eine kleine alte Frau zu einem Greis, der ihr aufmerksam
-lauscht. »Gestern hat die Huber mit der
-Berger g'stritten, weil der Meyer ihr zurückg'sagt
-hat …« Und ihr vergilbtes, kraftloses Gesicht
-leuchtet vor Vergnügen, so interessante Neuigkeiten
-zu berichten. Erstaunt betrachte ich sie,<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-wie sie auf dem Platz unter der Linde stehen, alle
-beide ganz versunken in ihrem Gespräch. Ein paar
-Schritte weiter hinauf, und man überblickt die
-Karthause, wie sie eingebettet, im tiefen Wald,
-mitten in den Bergen hier einsam liegt. Da glaubt
-man, hier ist die Ruhe, und hier steht alles Leben
-und alles Geschehen stille. Und auf einmal sagt
-jemand: »Was man da alles hört!« In Mauerbach&nbsp;…</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span></p>
-
-<h2 id="DAS_WIRTSHAUS_VON_OESTERREICH">DAS WIRTSHAUS VON ÖSTERREICH</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Wir fahren zum Stelzer nach Rodaun. Durch
-den lang hingestreckten Lärm der Mariahilferstraße;
-durch diese Stromschnellen
-des Mittelstandes, der hier in hunderttausend Alltäglichkeiten
-uns umschäumt. Draußen bei den
-letzten Häusern ist es dann, als ob eine Türe plötzlich
-aufginge. Da öffnet sich das Land, da wird
-der Himmel weit; von ferne schimmern die Höhen
-des Wienerwaldes und durch die Luft weht der
-Atem des Mai. Seitab der Straße, jenseits der
-Wiesensenkung lächelt Schönbrunn zu uns herauf.
-Über das Schloß hinaus prangt die feierliche Anmut
-der Gloriette am Firmament. Wir fahren
-durch das stille, noble Hietzing. Blühende Gärten,
-Sommerpaläste aus den Tagen der Maria Theresia,
-Biedermeierhäuschen und blühende Gärten. Weiter
-hinaus durch Lainz und Speising, alte Bauerhütten
-und neue Cottagevillen. Wir fahren am
-Rosenhügel vorüber, dann hinunter in die kleine
-Ortschaft Mauer, dann noch eine enge gewundene
-Straße bergan, zwischen Gärten, in denen der
-Flieder duftet. Auf der Graskuppe droben rasten
-die Pferde ein wenig. Nun sind wir den Bergen
-nahe. Der Wind trägt den Laubgeruch der Wälder
-zu uns her. Vor uns in der Tiefe, an die ersten
-Hügel geschmiegt, weißblinkend das Dorf Rodaun.</p>
-
-<p>Drunten, beim Stelzer eine wirr drängende
-Auffahrt. Fiaker, Equipagen, Automobile, Kutschierwagen.
-Beinahe wie vor dem Lusthaus im
-Prater oder vor dem Pavillon d'Armenonville im<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-Bois de Boulogne. Dies ist nichts als ein altes
-Wirtshaus. Eine ländliche Diele, im Stil der
-Kaiser-Franz-Zeit wienerisch; ein paar behagliche
-altmodische Stuben, allerlei neuer Zubau an
-Veranden und Terrassen. Ein Garten, der den
-Hügel erklettert, daran das Haus sich lehnt.
-Dreißig Wirtschaften gibt es im Wienerwald, die
-schöner und lieblicher gelegen sind als diese hier.
-Die Gegend ist reizend, aber sie wird von dreißig
-anderen hier herum an Reiz übertroffen. Hier ist
-auch kein Ausgangspunkt, hier führt kein Weg
-zu populären Landpartien. Man kommt eben
-nur heraus, um beim Stelzer zu sein. Der ganze
-Garten schwirrt von eleganten Menschen. Alle
-sitzen da unter den blühenden Kastanienbäumen
-und trinken Kaffee, sitzen dann im oberen Garten
-und soupieren.</p>
-
-<p>Kleine Buben in Uniform, von Vater und
-Mutter, von Schwestern und Tanten umgeben
-und umzärtelt, verschlingen gierig ihre Eisschokolade,
-ihre Erdbeercreme und Kuchen. Zehnjährige,
-zwölfjährige Buberln, fünfzehnjährige,
-sechszehnjährige Burschen. Sie sind ungefähr
-wie die Theresianisten angezogen. Österreichischer
-Offiziersrock, silberne Litzen am Kragen, österreichische
-Offizierskappen. Brave, saubere Gesichter,
-die manchmal die Züge bekannter Familien
-tragen. Der Kleine da mag ein Liechtenstein,
-der andere hier ein Auersperg sein, der hübsche
-Pagenkopf dort ein Taxis. Diese kleinen Buben<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-werden nebenan in der Jesuitenschule erzogen.
-Fünfzig Schritte vom Stelzer liegt das Kalksburger
-Kloster, darin diese Kinder aufwachsen,
-die jetzt schon so offiziell und so österreichisch
-aussehen.</p>
-
-<p>Kalksburg … in dieser Küche wird der österreichische
-Geist zubereitet, wird gemischt und
-gewürzt, gedämpft und abgebrüht. In die Jesuitenschule
-gehen alle, die geboren sind, dieses
-Land zu regieren. Katholische Verhaltenheit,
-Kunst des Lavierens, innerliches Gebundensein,
-Technik der kleinen Lüge und der feingesponnenen
-Intrigen, Demut und Beschränktheit, Stolz und
-Gehorsam, Andacht, Aberglaube, Snobismus, Weisheit
-und Mißtrauen, Liebe zu allem Hergebrachten,
-Widerstand und Tücke gegen alles Neue,
-und noch viele andere Dinge werden hier in die
-Menschen gepflanzt, Dinge, die man bei uns
-sogleich begreift und erkennt, wenn man nur
-»Kalksburg« sagt. Hier wuchsen die Gegner
-Josefs des Zweiten auf, hier wurden die Minister
-des Kaisers Franz, die Diplomaten des Kaisers
-Ferdinand, die Ratgeber, Botschafter und Statthalter
-Franz Josefs erzogen. Von hier aus nahmen
-sie ihren Weg.</p>
-
-<p>Und ihr erster Weg war immer zum Stelzer.
-Hier ward, in der Kalksburger Jesuitenschule, der
-staatsmännische Geist gebildet, der die Habsburger
-Monarchie vom Deutschen Reich löste,
-der nach Achtundvierzig die Reaktion verhängte,<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-der auf den lombardischen Schlachtfeldern unser
-Blut vergoß, der gegen das protestantische Preußen
-trieb und uns zu Königgrätz brachte. Hier wird
-das pfaffenbeherrschte, christlich-soziale Österreich
-jetzt machtvoll wieder aufgerichtet. In
-dieser Waffenschmiede der Jesuiten wird unser
-Adel für Rom und seine Kirche gerüstet.</p>
-
-<p>Aber wenn sie noch kleine Buben sind, und ihre
-Eltern herausgefahren kommen, um sie zu besuchen,
-dann werden sie zum Stelzer geführt.
-Es ist ihr erster Weg. Dann sitzen sie hier im
-Garten und essen Gefrorenes und haben liebe,
-saubere, brave Gesichter. Die Väter sitzen wohlwollend
-dabei, schauen zu, wie es den Kindern
-schmeckt, und denken der eigenen Jugend: Kalksburg,
-die Jesuitenschule, die Uniform und die
-Jause beim Stelzer. Diese kleinen Buben werden
-aufwachsen, werden dann zur Universität oder
-auf die Orientalische Akademie gehen, oder
-sie werden bei den Windischgrätz-Dragonern
-dienen. Dann werden sie mit ihrer ersten Geliebten,
-mit einem hübschen Ballettmädel, oder
-mit einer herzigen Choristin, oder mit einer
-französischen Varieteedame im Fiaker fahren. Über
-die Mariahilferstraße, am Schönbrunner Schloß
-vorbei, durch Hietzing und Mauer nach Rodaun,
-zum Stelzer. Sie werden irgendeiner Botschaft
-attachiert sein, in Buenos Aires oder in Peking,
-sie werden in die Statthalterei eintreten, bei
-irgendeiner Bezirkshauptmannschaft in der Provinz,<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-oder sie werden in einem Ministerium
-arbeiten; und wenn sie dann im Frühling auf
-Urlaub nach Wien kommen, werden sie wieder
-im Fiaker zum Stelzer fahren. Sie werden irgendeine
-Prinzeß oder eine Komtesse heiraten und sich
-im Wonnemond, vor dem Derby jedenfalls, mit
-ihrer Frau beim Stelzer sehen lassen. Dann
-kriegen sie Kinder, die wieder nach Kalksburg
-zu den Jesuiten in die Schule müssen, und die
-kleinen Buben führt man dann wieder in den
-Gasthausgarten her, damit sie Gefrorenes essen
-zu ihrer Erholung vom Studium. Sie werden
-Hofräte und Sektionschefs und Generale und
-Leibgardekapitäns, und wenn man an linden
-Frühsommerabenden unter freiem Himmel »nachtmahlen«
-will, oder zum Kaffee ins Grüne fahren,
-dann ist es wieder zum Stelzer. Denn man ist
-konservativ und treu. Seinem Gott, seinem
-Kaiser, seinen Jesuiten, seinem gewohnten Weg
-und seinem Wirtshaus. Sie werden Minister und
-Exzellenzen und Statthalter und Gouverneure,
-halten die Schnüre der großen Politik in der Hand,
-haben feine und delikate Geschäfte auszuführen,
-mit fremden Diplomaten, mit irgendeinem Parlamentarier
-oder mit einem Börsenbaron; Angelegenheiten,
-die man vorerst ganz vertraulich,
-ganz privat behandeln muß und ganz gemütlich.
-Da gibt man solch einer Konferenz, in
-der manchmal das Schicksal Österreichs ein bißchen
-entschieden wird, den harmlosen Charakter<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-eines Soupergespräches, den Anschein zufälliger
-Begegnung, und man plaudert beim Stelzer
-draußen in einem Gartenzelt, wenn's Sommer
-ist, oder in einer der behaglichen Altwiener
-Stuben, wenn ringsum der Schnee auf den Bergen
-liegt.</p>
-
-<p>In diesen Stuben sind die Wände bedeckt mit
-Photographien. Prinzen und Prinzessinnen, ungarische
-Magnaten, polnische Schlachzizen, wienerische
-Geldfürsten, Theaterköniginnen, berühmte
-Tenoristen, populäre Komiker. Eine Galerie, die
-verschollenen Ruhm und versunkene Macht wieder
-ins Gedächtnis bringt, und Gesichter zeigt, die
-in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen
-Säkulums lebendig und bekannt gewesen; Gesichter,
-die heute lebendig und bekannt sind.
-Auf jedem Bild Unterschrift und Widmung an
-den Wirt. In diesen Stuben sind Geheimnisse
-der Monarchie besprochen worden, diese Wände
-haben den Klatsch der großen Gesellschaft gehört
-und das Flüstern galanter, vornehmer Abenteuer.</p>
-
-<p>Der schmale Weg vom Kloster her hat die
-Leute zuerst zum Stelzer gebracht. Kloster und
-Wirtshaus, Kirche und Lustbarkeit, das ist eine
-uralte katholische Nachbarschaft. Mit den Adeligen
-sind die Kokotten gekommen, mit den
-Kokotten die reichen Bürgersöhne, die Sprößlinge
-der großen Bankhäuser; es kamen die
-Fabrikantenfamilien vom Grund, es kam die<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>
-prunkvolle Finanzwelt, die Künstler kamen, das
-Theater, einfach alle.</p>
-
-<p>In diesem Garten, der von Menschen schwirrt,
-ist ganz Österreich beisammen. Österreichs Vergangenheit,
-Gegenwart und Zukunft. Die Männer,
-die das Land regiert haben, die es regieren und
-die es einst regieren werden. Alle zusammen sind
-sie Schulkameraden von Kalksburg her. Das sitzt
-hier beieinander, jetzt, wie in den Tagen des
-Kronprinzen Rudolf, wie in den Tagen des
-Sechsundsechzigerkrieges, wie in den Jahren Radetzkys,
-wie im Vormärz, als Kaiser Ferdinand
-noch regierte. Das plaudert wie einst, sieht aus
-wie damals und denkt nicht viel anders, als man
-immer schon gedacht hat. Kennt sich untereinander,
-ist wie eine große Familie; und der
-Frühling duftet wie einst.</p>
-
-<p>Wir fahren heim. In den Gärten singen die
-Amseln, über die jungen Saaten zuckt der
-Schwalbenflug dahin. Oben auf der Anhöhe liegt
-das kaiserliche Wien vor den berauschten Blicken.
-Dunst und Staub schwebt über der Stadt wie ein
-feiner hellgrauer Schleier, aus dem die Turmspitzen
-in der Abendsonne funkeln. Unübersehbar
-und mächtig ruht die Stadt in der Ebene, verschwindet
-am fernen Horizont, als breite sie sich
-über das ganze Land hin. Wir schauen zurück
-in das Tal, das wir verlassen, sehen die weiße
-Front des Klosters aus den Baumwipfeln des
-alten Parks schimmern, sehen Rodaun sich an<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span>
-den Fuß der Berge schmiegen. Dort unten haben
-wir den Extrakt dieser Heimatswelt geschaut,
-haben ihr Inhaltsverzeichnis gelesen, die Überschrift
-aller Kapitel ihrer Geschichte und ihrer
-Romane.</p>
-
-<p>Und die Pferde traben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p>
-
-<h2 id="MARIAZELL">MARIAZELL</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Einmal muß man's gesehen haben, muß hinter
-den Bergen gewesen sein, bei Maria in Zell.
-Besonders aber wer nach dem tieferen Sinn
-der österreichischen Art und des österreichischen
-Schicksals trachtet. Dem mag es frommen, wenn
-er eines Tages den mühsamen Kreuzberg hinaufwandert,
-wo dann die üppige Kirche weiß auf
-grünem Hügel vor ihm daliegt, eingebettet im
-Rund der hohen steirischen Gipfel. Da wird ihm
-hernach vieles klar. Mariazell … es ist der
-Schlüssel zu einer der innersten Kammern des
-österreichischen Herzens. Besser wird man in der
-Geschichte des Landes sich zurechtfinden, wird
-seine Gegenwart leichter entziffern, vielleicht auch
-in der Zukunft ein wenig lesen können, wenn
-man diese Luft geatmet hat, die vom Harzgeruch
-der Bergwälder erfüllt ist, vom Duft der Weihrauchwolken,
-vom Geläute der Glocken, vom
-Flattern der Kirchenfahnen und von den Lobgesängen
-wallfahrenden Volkes.</p>
-
-<p>Hinter Mürzsteg, wo an den Tannenwald gelehnt
-das kleine Jagdschloß des Kaisers mit geschlossenen
-Fenstern schlummert, hinter Mürzsteg
-also beginnt die Jetztzeit, das Heute, das zwanzigste
-Jahrhundert, so langsam zu versinken. Und
-bis man in Mariazell ankommt, liegt es weit,
-weit zurück. Hinter Mürzsteg betritt man die
-schmale Straße, die mürzaufwärts durch die Felsschlucht
-sich windet. Man betritt sie auf eigene
-Verantwortung, denn das Forstärar lehnt es ausdrücklich<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-ab, für die Wanderer und ihre Sicherheit
-zu haften. Aber die da des Weges ziehen,
-haben sich in einen höheren Schutz als in den
-eines k. k. Forstärars begeben, und hoffen auf
-ihrem Weg zu dem frommen Ziel vor Steinschlägen
-bewahrt zu bleiben. Und dieses Hoffen
-wird bestärkt, wenn sie beim »Toten Weib« die
-Votivtafel sehen, die hier daran erinnert, daß vor
-Jahren einmal unsere Kaiserin, hier spazieren reitend,
-in Gefahr sich befand, aus der sie unversehrt
-entronnen ist. Dem heiligen Georg, »equitum
-patronus«, hat sie hier ein Bild an die Wand
-heften lassen. Und die Erzherzogin Valerie hat
-ein langes Gedicht an den Beschützer der Reiter
-daruntergesetzt. Alle Leute lesen es, und ich
-hab' es auch gelesen, dieses Gedicht. Aber ich
-glaube nicht, daß es erlaubt ist, diese Verse zu
-kritisieren. Man wird sie wohl nur loben dürfen,
-weshalb wir denn auch weitergehen wollen.</p>
-
-<p>Kurz vor Mariazell liest man vor einem kleinen
-Dorf die Tafel: »Evangelische Ortsgemeinde.«
-Dann weiter auf einem sauberen Hause: »Evangelische
-Schule.« Weiß Gott, durch welchen Zufall
-dies Häuflein Protestanten den Verfolgungen
-der Gegenreformation und dem Ausgetriebenwerden
-entging. Und man müßte hier wohl ein
-wenig länger bleiben, um zu sehen, wie sie auf
-ihrer winzigen lutherischen Insel hier leben und
-wie sie zu ihren anderen Landsleuten stehen: besonders
-aber diese zu ihnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p>
-
-<p>Dann kommt der Kreuzberg, und dann ist man
-in Mariazell. Von dem grünen Wiesenhügel, auf
-dem die Ortschaft mit der Kirche liegt, kann
-man weit in die Runde sehen. Da kommen die
-weißen Straßen von überall her, von allen Seiten
-des Landes. Stürzen sich aus der Höhe herab
-zur Marienkirche, laufen aus den dunklen Wäldern
-schimmernd hervor, gehen durch die Taltiefe
-in Windungen immer näher heran, gürten den
-Hügel mit ihren weißen Bändern und ihrer beflissenen
-Wegsamkeit. Überall Pferdegetrappel,
-Wagenrollen, aus der Höhe, aus der Tiefe, Peitschenknall
-und Rufen. Besuche kommen, Besuche
-gehen. Die Sonne sank schon hinter den höchsten
-Spitzen, und in den Turmkreuzen erlosch das
-Blitzen ihres Lichtes, da kommt von weitem eine
-Prozession heran. Seidene Kirchenfahnen bauschen
-sich schwer im Abendwind. Rote Fahnen,
-blaue Fahnen, mit baumelnden Goldquasten,
-wehenden Bändern. Standarten der Frömmigkeit,
-hoch über den Häuptern der Wallfahrer hinschwankend.
-Nun sie der Kirche ansichtig werden,
-beginnen sie zu singen. Langhingezogene, feierliche
-Rhythmen. Tiefe Männerstimmen, darüber
-der dünne, etwas heulende Sopran der Weiber.
-Hier draußen im Freien bekommt der Gesang
-Luft und Weite, die frische Luft haucht ihm eine
-neue Schönheit an, etwa wie sie blassen Wangen
-höhere Farben anbläst. Dieser Wallfahrerzug, über
-den Teppich blumiger Wiesen schreitend, von der<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-unendlichen Kulisse ragender Bergwälder sich abhebend
-mit seinen Fahnen und Bändern, tönend
-von einem Gesang, dessen Sehnsucht der Wind
-aufhebt und hoch im blaßblauen Dämmer in lauter
-Duft und Zartheit löst, wird nach und nach mehr,
-als er in seiner Einzelheit vorstellt. »Das sind die
-Floridsdorfer …« sagt ein Kundiger neben mir.
-Aber in diesem Augenblick ist es Stimme und Gebärde
-eines ganzen Landes, des Landes, das vor
-uns sich breitet und das man jenseits all dieser
-Berge weiß; ist es Naturlaut und tiefster Herzensakzent
-dieses Bodens. Mögen es nachher immer
-die Floridsdorfer sein.</p>
-
-<p>Die Glocken beginnen jetzt zu läuten. Als Willkomm
-dem grüßenden Lied, das die Wallfahrer
-ihren Schritten vorausschicken. Unter Glockengeläute
-folgt dann der Einzug. Glockenläuten,
-Gesang, Paukenwirbel, Fanfaren, Fahnenrauschen,
-Vaterunser. Und jeder Tag sieht solche Einzüge
-hier. Jeden Tag schreiten solche Prozessionen in
-feierlicher Musik durch die Straßen dieses Ortes.
-Es ist wie ein beständiges Sommerfest der Frömmigkeit,
-wie ein Permanenzdienst der Andacht.
-Eine unaufhörliche Frohfeier schwebt auf dieser
-Ortschaft, die sich üppig, in reichen, blinkenden
-Häusern um die Kirche schmiegt. Ein Seelenkurort,
-der mit lockenden Buden, mit Gasthöfen,
-mit gleißenden Kramläden in Blüte steht. An
-fünfunddreißigtausend Menschen kommen jahrüber
-nach Salzburg, an sechzigtausend nach Luzern,<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span>
-&ndash; um die gesuchtesten Städte zu nennen. Nach
-Mariazell kommen etwa hundertfünfzigtausend.</p>
-
-<p>Das Läuten verstummt und das Singen. Betend
-gehen die Wallfahrer durch das breitgeöffnete
-Kirchentor ein. Im Lichterglanz schimmernd,
-flimmernd, strahlend, glänzend empfängt sie die
-hochgewölbte Kirche, empfängt sie das Marienbild
-auf dem silberstarrenden Altar; mit ihrem
-milden, melodischen Donner empfängt sie die
-Orgel, und hüllt sie völlig ein in die brausende
-Kraft ihrer Stimme. Schwergoldenen Brokat um
-die Schultern, empfängt sie der Priester, der vor
-dem Tisch des Herrn steht; Weihrauch dampft
-empor und strömt seinen Duft über sie hin. Und
-wegmüde, sehnsüchtige, vollkommen gebannte
-Menschen knien auf den steinernen Fliesen, Gesichter,
-in denen der Fanatismus zu brennen anfängt,
-Gesichter, auf denen tiefe Andacht geschrieben
-steht, Mienen, die in Bewunderung sich lösen,
-in unbedingter Hingabe, Gesichter, die stumpf
-sind und verschlossen, verriegelt für alles andere
-außer für die Überredung dieser Stunde. Und über
-alle spricht dann der Priester den Segen. Dominus
-vobiscum!</p>
-
-<p>Draußen hat sich die Dunkelheit auf die Landschaft
-gesenkt. Draußen wartet, mit ihren aufstrahlenden
-Glühlichtern die weltliche Lustbarkeit
-des Ortes. Tische im Freien vor den hellbeleuchteten
-Gasthöfen. Die Buden hell beleuchtet, die
-Schaufenster der Läden, und ein italienisches<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span>
-Volkstreiben auf den Straßen. Wagen, die abfahren,
-Wagen, die kommen. Singende Bursche
-und Mädchen, Gaffer. Mittendurch, mit brennenden
-Kerzen und Lampions der »Lichtlumzug« der
-Wallfahrer, wie ein freudiger Reigen. Später dann
-im Nachtlager der Armen, all derer, die kein Extrazimmer
-mieten können, und die auch die langen
-Massenschlafstuben zu teuer finden. Mit ihren
-Reisebündeln, die Kleider ein wenig nur gelöst,
-liegen sie auf der gestampften Erde im Freien,
-unter halb offenen Stadeln, Wagenschuppen, und
-der Nachtwind nimmt den Schlafdunst von ihnen.
-Dominus vobiscum.</p>
-
-<p>Am andern Morgen das Hochamt; Sonntagmorgen.
-Die Kirche gedrängt voll, Marienbilder,
-von den Prozessionen hereingetragen, stehen vor
-dem silbernen Altar, die Fahnen der Wallfahrer.
-Nach der Messe predigt der Kaplan, der sie hergeführt
-hat. Warum sind die Katholiken immer
-so lustig, sagt er, und die Protestanten so traurig?
-Weil die Katholiken eine Mutter haben, die
-Muttergottes Maria, und die Protestanten nicht.
-Weil die Katholiken die Heiligen haben, ihre
-Schutzpatrone und Fürsprecher, und die Protestanten
-nicht. Und weil die Protestanten sich von
-seiner Mutter abgewendet haben, darum hat sich
-Jesus auch von ihnen abgewendet usw. Jetzt glaubt
-man sich's ein wenig vorstellen zu können, was
-für einen Stand die kleine evangelische Gemeinde
-in St. Aegyd bei Mariazell wohl haben mag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>Wie dann das Hochamt und die Predigt vorüber
-sind, kann man die Schatzkammer sehen.
-Ein hohes Gemach neben dem Orgel-Emporium
-birgt in großen Glasschränken, was eben an Juwelen,
-Perlen, Gold und Silber ausgelegt ward. Ein
-fabelhafter, gar nicht meßbarer Reichtum, der
-hier ruht. Man könnte unzählige Tränen damit
-trocknen, könnte ungeheures Elend in Wohlstand
-verwandeln, könnte eine kleine Provinz dafür kaufen.
-Ein Altarschrein aus massivem Silber nimmt
-die Mitte ein. Er ist von Maria Theresia gestiftet
-und trägt in tellergroßen, schweren Goldreliefs
-die Bildnisse ihrer ganzen Familie. Aus allerlei
-Opfergaben wurde eine Monstranz gemacht. Vierzehnhundert
-Edelsteine zieren sie. Nur noch zu
-Paris, in der Notredame-Sakristei, sah ich eine
-ähnliche. Sie war ganz aus weißen, funkelnden
-Brillanten, und man war geblendet, wenn man
-sie nur ansah. Unsere Kaiserin hat das Medaillon
-hierher gestiftet, das sie bei jenem Unfall in Mürzsteg
-trug. Rubinen und Brillanten. Auf Kaiser
-Ferdinand wurde in Baden einmal geschossen.
-Maria Anna ließ aus purem Gold ein Büschel
-Eichenblätter formen und die Kugel des Attentäters
-in die goldene Eichel kapseln. Außerdem gab
-sie eine Perlenschnur von einer wahrhaft kaiserlichen
-Pracht und Größe. Unzählbar sind die Perlenschnüre,
-die Brillantringe, die Broschen, Münzen,
-Orden, Korallen und andere Kostbarkeiten.</p>
-
-<p>Oben auf den Galerien und Treppenhäusern,<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-die rings um das Hauptschiff der Kirche führen,
-sind die Wände dicht mit Votivbildern behangen.
-Wunderbare Rettungen, wunderbare Heilkuren,
-aufgemalt zum Dank und Gedächtnis, und allen
-Zweiflern zur Schau. Da liegt ein abgezehrtes
-Kind im Bett, dort ein Vater am Verlöschen, hier
-eine Mutter in Todesnot. Die Angehörigen stehen
-verzweifelt im Kreise, und der Arzt in ihrer Mitte,
-achselzuckend, bedauernd, ratlos. Die Ärzte spielen
-überhaupt eine trübselige Rolle in dieser großen
-seltsamen Bildergalerie. Man kann faktisch alles
-Vertrauen zu ihnen verlieren.</p>
-
-<p>Noch einmal schaut man in der Kirche unten
-zum Altar hin. Ein breites Gebäude aus leuchtendem
-Silber, dessen Front oben vom kaiserlichen
-Doppeladler gekrönt wird. In der Tiefe des
-Schreines, von ungewissem Kerzenschimmer überfunkelt,
-ein Marienbildnis. In seidene, goldgestickte
-Gewänder gehüllt. Oben in der Schatzkammer
-liegen noch mehr als hundert andere Kleider
-für das Heiligenbild, aus Brokat, aus Atlas,
-aus Sammet, mit Dukaten benäht, mit Silber und
-Perlen bestickt.</p>
-
-<p>Draußen, im sommerlichen Sonntag, wird man
-von dem anmutigen Lächeln der Landschaft bezwungen.
-Schreitet den Hügel niederwärts, geht
-die Anhöhen zum Wald hinauf: überall sieht man
-die Kirche, sieht ihre drei stolzen Türme emporragen.
-Sie beherrscht das Land! Man schaut in
-dies Gewimmel von zahllosen Menschen, schaut<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-auf die Wagen, die von allen Seiten heranrollen,
-auf das Treiben vor den Buden, und man versucht
-ein paar Namen zu denken, versucht sie laut auszusprechen,
-hier in dieser vom Duft des Weihrauchs,
-vom Geläute der Glocken erfüllten Luft:
-Friedrich Schiller … richtig, den hat ja ein
-strebernder österreichischer Geistesritter neulich
-im Wiener Rathaus zum Katholischen gemacht.
-Zum Ehrenbürger von Mariazell. Aber andere:
-Pasteur … Nietzsche … Oder: Ojama … Togo
-… oder Stendhal … Maupassant … Zola … Sie
-haben hier einen fremden Klang, wie von weither,
-aus fernen Ländern, die gar nicht an diese Landschaft
-grenzen. Namen aus dem neunzehnten
-Jahrhundert, das hier noch nicht, noch lange nicht
-angebrochen ist. Namen, die man aus einer Erinnerung
-holt, aus einem Bewußtsein, das selbst
-einzuschlummern beginnt, hier in Mariazell. Dort
-aber zieht am Saum des Waldes, eine neue Prozession
-heran. Seidene Kirchenfahnen, die sich
-bauschen, rote Fahnen, blaue Fahnen, mit baumelnden
-Goldquasten. Gesang und Glockengeläute.
-Nächstens aber kommt die Eisenbahn auch
-hierher, und die Massenzufuhr per Dampf, die
-sie in Lourdes jetzt eingestellt haben, lebt in
-Steiermark wieder auf. Dann wird man rascher
-noch als jetzt, und mit allem modernen Komfort
-aus der Jetztzeit, in die Vergangenheit hineinfahren
-können.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p>
-
-<h2 id="RADETZKY">RADETZKY</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span></p>
-
-<p class="drop">In dem Namen ist eine große Kraft: Radetzky.
-Sein Klang hat etwas Couragiertes. Er tönt
-wie heller Trommelschlag, und eine Trompete
-schmettert dazu. Der Name ist unter uns wie ein
-lebendiges Wesen; scheint für sich allein ein eigenes
-Dasein zu führen. Der ihn getragen, der ihn berühmt
-gemacht, der ihm so viel Lebenslicht verliehen
-hat, ist nun ein halbes Jahrhundert tot.</p>
-
-<p>Ein Feldherr. In weite Ferne rückt uns seine
-Gestalt. Alle Gestalten dieser Art sind uns in weite
-Fernen gerückt. Unsere Zeit kennt keine Feldherren.
-Vier Dezennien Friede, Aufwachsen und
-Absterben von Generationen, und keinen sahen
-wir, der durch den Dampf und Donner der
-Schlachtfelder seinen Willen trägt, der dann heimkehrt,
-in seinem Aug' den Glanz des Sieges, den
-dunklen Schein vergossenen Blutes, und um seinen
-Mund den eisernen Zug vollbrachter Taten. Wir
-haben solche Männer nicht erlebt. Da ist, in
-weiter Ferne, nur diese Gestalt, deren Menschliches
-fast schon zu zerfließen beginnt, sich in
-Volkslied und Dichtung auflöst, deren Leibhaftigkeit
-sich in ein Emblem wandelt, zum Motto wird,
-zum Ausruf, zum Feldzeichen.</p>
-
-<p>Sein Menschliches … »… ein kleiner Mann mit
-einem unbeschreiblich ruhigen, wohlwollenden Gesichtsausdruck.«
-Graf Schönfeld, der als Ordonnanzoffizier
-bei ihm war, schildert ihn so. Und
-wie aufmerksam man auch die Bildnisse, die von
-ihm da sind, betrachten mag, man findet nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-mehr. Ein altes Soldatenantlitz, gesammelt und
-ruhig. Ein österreichisches Gesicht, das unter dem
-Schimmer der Gemütlichkeit alles birgt, was an
-Härte, an Schwung oder Geist von anderen
-Mienen sonst zu lesen wäre. Man schaut dies einfache
-Greisenantlitz an und verklärt es in dem
-Gedanken an sein Schicksal. Die militärischen Gelehrten
-können seine Begabung messen, das, was
-sein Feldherrengenie war, was wir nicht verstehen,
-was wir als ein Gegebenes hinnehmen und nach
-dem Erfolg bewerten. Sein Menschenschicksal
-können wir erfassen, dieses ungewöhnliche, fast
-ungeheure Schicksal; können die Größe seiner
-Persönlichkeit verstehen, und den Zauber seines
-Wesens, der noch heute anhält.</p>
-
-<p>Er kam als Krieger in eine kriegerische Welt.
-Das ist schon Schicksal. Wie es ja ein Schicksal
-ist, ein schlimmes freilich, als Krieger in eine friedsame
-Welt zu kommen. Auch unserem Zeitalter
-sind sicherlich Feldherrn geboren worden, Genies
-vielleicht. Warum sollen wir daran zweifeln? Sie
-wuchsen auf, wurden alt, starben, oder werden
-demnächst sterben, und niemand weiß von ihnen.
-Sie hätten glanzvolle Siege erfochten, aber da niemand
-kämpfte, konnten sie weder fechten noch
-siegen. Ihr Los war, in Bereitschaft sein und nicht
-verbraucht werden. Einen großen Schauspieler,
-der niemals spielen, einen genialen Maler, der niemals
-malen darf, können wir uns nicht denken.
-Aber einen großen Krieger, der niemals Krieg<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-führen darf, müssen wir uns vorstellen können.
-Einen, der in sich die Fähigkeit weiß, unsterblich
-zu werden; und der seine Unsterblichkeit muß
-hindorren sehen.</p>
-
-<p>Radetzky kam in eine Welt, die vom Waffenlärm
-klirrte. Er hat noch gegen den letzten Feind
-des alten Österreich gekämpft, gegen die Türken.
-Und er hat gegen den ersten Gegner des neuen
-Österreich Krieg geführt, gegen die Italiener. Er
-hat, als junger Offizier, den jähen Stoß des jungen
-Bonaparte erlebt, hat es miterlebt, wie der neuerstandene
-Franzosenfeldherr in Italien einbrach,
-die österreichische Armee überrannte, und er hat
-dann auf diesen selben Schlachtfeldern der Lombardei
-die österreichische Armee zum Siege geführt,
-lange, lange, nachdem das Napoleon-Märchen
-verrauscht und verblaßt war.</p>
-
-<p>Es wird erzählt, Radetzky sei im Zeichen des
-Schützen zur Welt gekommen. War's eine Vorbedeutung,
-dann hat sie sich wunderbar erfüllt.
-Denn kaum ein anderer ist vom Schicksal so aufgespart
-worden wie er. Sein Ruhm beginnt, wo
-das Leben der meisten Menschen längst zu Ende
-ist; seine größten Taten heben erst an, wo das
-Tun anderer Menschen längst kraftlos geworden.
-Er hat siebzehn Feldzüge mitgemacht, wurde in
-vielen Schlachten verwundet, hat mit einer Tapferkeit
-gefochten, die selbst in den tapferen, an
-Bravour so reichen Napoleon-Jahren Aufsehen erregte.
-Aber wäre er damals gefallen, nur die Regimentsgeschichte<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-hätte seinen Namen bewahrt. Er
-hat in den dreißig Friedensjahren, die auf Waterloo
-folgten, den österreichischen Truppendienst
-reformiert, daß Russen und Preußen daran ein
-Muster nahmen. Aber wäre er als ein Achtzigjähriger
-gestorben, nur die Kriegswissenschaft
-hätte ihn gekannt.</p>
-
-<p>Mit dreiundsechzig Jahren geht er als Kommandant
-nach Olmütz, glaubt sein Lebensabend
-sei nun angebrochen, meint, daß er dem wohlverdienten
-Ruhestand sich nähere. Und ist drei
-Jahre später in Mailand. Wird dort siebzig und
-achtzig Jahre alt. Und wie dann die Agenten Karl
-Alberts ganz Oberitalien insurgieren, sagt der einundachtzigjährige
-Radetzky: »Ich werde das Blut
-beweinen, das fließen muß, aber ich werde es vergießen!«</p>
-
-<p>Ein Jahr nachher vergießt er dieses Blut. Er
-siegt in Schlachten, die wie in einem Jugendrausch
-geschlagen werden, siegt bei Verona, Curtatone,
-Santa Lucia und Custozza. Noch ein Jahr darauf
-bezwingt er die Piemontesen und sagt bei Novara,
-in das Kampfgewühl schauend: »Gott sei Dank,
-sie laufen!« Dem Adjutanten, den er dann zu
-Viktor Emanuel sendet, mit der Botschaft, er
-bewillige dem geschlagenen König eine Unterredung,
-sagt er lächelnd: »Er darf schon ein bisserl
-Wind machen …« Auch für den, der nicht militärisch
-fühlt, der nur aufs Menschliche blickt,
-hat dieser kämpfende Greis einen unbeschreiblichen<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-Zauber, hätte ihn, selbst wenn er unterlegen
-wäre.</p>
-
-<p>In einem Bauerngehöft kommen Radetzky und
-Viktor Emanuel zusammen. Um ungestört sich
-zu besprechen, steigen sie auf einen Düngerhaufen.
-Rings im Kreise stehen die Suiten und
-schauen zu. Und wie Radetzky einmal mit einer
-Gebärde der Ungeduld sich abwendet, murrt sein
-Kammerdiener, der Karl, der das lose Maul hat,
-und der sich ungeniert zu den Offizieren gesellt:
-»Wenn er nur nicht nachgibt, der Alte! Hab's
-ihm heute beim Anziehen noch eigens eingeschärft.«</p>
-
-<p>Er gab nicht nach. Wieder ein Lustrum später,
-als Siebenundachtzigjähriger, schreibt er seiner
-Tochter aus Verona jenen merkwürdigen Brief,
-der anhebt: »Den siebenten Ball, sehr zahlreich
-und animiert … Die Herzogin von Parma tanzte
-bis drei Uhr sehr munter, die Toiletten der Damen
-sehr gesucht und elegant … den Kotillon tanzten
-etliche fünfzig Paare …« Jenen beispiellosen
-Brief, in dem es wenige Zeilen nach dem Ballbericht
-heißt: »Zehn tote Soldaten mit ausgestochenen
-Augen, aufgeschlitzten Bäuchen …«
-(wurden in Mailand gefunden). Jenen Brief, der
-mit den Worten schließt: »Wenn meine Anträge
-genehmigt, Mailand außer Gesetz gestellt &ndash; dann
-wehe Mailand!«</p>
-
-<p>Als er dann &ndash; 1857 &ndash; die erbetene Versetzung
-in den Ruhestand erhält, sendet er seiner Tochter<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-eine Kopie des kaiserlichen Handbilletts und schreibt
-dazu: »Anliegend schicke ich Dir eine Abschrift
-mit der geplatzten Bombe …« Er hat zweiundsiebzig
-Dienstjahre hinter sich, ist einundneunzig
-Jahre alt, und nennt seinen Rücktritt, wie man
-etwa ein unerwartetes, verfrühtes Ereignis nennt:
-eine »geplatzte Bombe«.</p>
-
-<p>Züge: Der Mann, der spricht: »Ich beweine
-das Blut … aber ich werde es vergießen.« Der
-nach dem Sieg von Novara dem jungen Ordonanzoffizier
-erlaubt: »Er darf schon ein bisserl Wind
-machen …« Der auf ein und derselben Briefseite
-einen Ball beschreibt, die Toiletten der
-Damen kritisiert, und zuletzt das »wehe Mailand«
-hinsetzt. In all dem ist eine österreichische Mischung
-von Größe und Gemütlichkeit, von Härte
-und liebenswürdiger Anmut. Die Jovialität, die
-dem Kammerdiener gestattet, sich's einzubilden,
-er habe, wenn über Krieg und Frieden entschieden
-wird, auch was dreinzureden, ist von österreichischer
-Art ebenso tief gefärbt, wie die unfeierliche,
-von allem Pathos ferne Manier, mit der dieser
-Kammerdiener den siegreichen Feldherrn mitten
-unter seinen Offizieren: »der Alte!« nennen darf,
-ohne daß der Respekt, ohne daß die Verehrung
-dabei Schaden leidet.</p>
-
-<p>Ein österreichisches Soldatenleben, wie kein anderes.
-Ein Militärdienst, der unter Kaiser Josef II.
-anhebt und unter Franz Josef endigt. Eine Vitalität,
-die im höchsten Greisenalter ihre höchste<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-Leistung vollbringt. Ein besonderes, beinahe planvoll
-wirkendes Schicksal, das diesen Feldherrn aufspart,
-ihn von den Türkenkriegen her durch alle
-napoleonischen Blutbäder in eine neu anbrechende
-Zeit geleitet, daß er, mitten im Sturm der Wiener
-Revolution, im Abfall und Aufstand der Provinzen,
-die Habsburger rette. Und wie er als hinfällig geglaubter
-Greis überraschend seine Siege erringt,
-scheint er die Kraft des alten, für hinfällig und
-marastisch erklärten Österreich zu verkörpern und
-zu beweisen.</p>
-
-<p>Das Wesen dieses Mannes, sein Geist und seine
-Art klingen weiter bei den österreichischen Soldaten,
-bei dem ganzen Volk. Radetzky-Marsch.
-Nicht viele wissen, daß Johann Strauß, der Vater,
-ihn gedichtet hat. Niemand fragt danach, ob ihn
-überhaupt ein einzelner ersann. Es ist wie eine
-österreichische Melodie, aus dem Lande selbst entstanden,
-und ihm so natürlich, wie nur irgendein
-Bodenwuchs. Radetzky scheint darin, beinahe
-körperlich, fortzuleben, in farbige Töne aufgelöst,
-scheint darin zu atmen und zu sprechen, mit seiner
-Energie, seiner Tapferkeit und seinem Talent zur
-Popularität. Ein hinreißend mutiger Schritt wie
-von vorrückenden Regimentern ist darin, wie wenn
-hunderttausend junge Menschen in hunderttausendfacher
-Jugendfröhlichkeit einherkämen. Das
-Rauschen heroischen Kampfes ist in diesen Klängen,
-Übermut, Siegesjauchzen, dazwischen, wie
-ein Echo aus der Ferne, das zappelnde Modulieren<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-italienischer Dudelsäcke und Lederpfeifen. Und
-der Glanz des Ruhms schimmert in dieser Melodie.</p>
-
-<p>Immer aber scheint sie den einen Namen in
-uns aufzuwecken und zu wiederholen: Radetzky.
-Der ist unter uns wie ein lebendiges Wesen, scheint
-für sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der
-Mann, der ihn einst getragen, der ihm so viel
-Daseinskraft gegeben hat, ist nun ein halbes Jahrhundert
-tot. Mit diesem Namen aber ist es so,
-als höre man noch ein Herz darin schlagen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p>
-
-<h2 id="THRONREDE">THRONREDE</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Das sind nun wieder sechs Jahre her, seit der
-Thron zuletzt hier aufgerichtet ward, wie
-heute, in diesem alten Prunksaal, damit der
-Kaiser von seinem Herrschersitz aus so feierlich
-zum Reichsrat spreche. Eine Formalität. Aber sie
-bedeutet so viel. Ist das äußere Zeichen einer Idee,
-die ihren Tiefsinn und ihren Pomp nicht anders
-mitteilen kann, als durch feierliche äußere Zeichen.
-Daß weiße Straußenfedern den Baldachin zu des
-Kaisers Häupten krönen, spricht vom Wappenschmuck,
-ritterlicher Helmzier von einst. In der
-Gegenwart heraldisch beredsame Vergangenheit.
-Daß die Garde dasteht, den Säbel gezückt, eine
-Formalität; aber das äußere Zeichen einer Idee.
-Daß der Mann zur Rechten des Thrones in seinen
-Händen das blanke Reichsschwert hält, während der
-Kaiser spricht, eine Formalität. Denkt man der
-Stadt, die jetzt im Drang des geschäftigen Tages
-tausendfältig da draußen diesen Saal umbraust,
-denkt man über die Stadt hinaus, weit in die Ferne,
-zu anderen Städten, zu den Provinzen, millionenfach
-bevölkert und belebt, und öffnet sein Auge
-dann dem Bilde wieder, das dieser Saal hier bietet,
-dann ist dieser ganze Raum hier die Szene einer bedeutenden
-und erhabenen Handlung, ist erfüllt
-von Sinn und Bedeutung, jede Geste schwer von
-Inhalt, beredsam durch die Kraft des langsam Gewordenen,
-beladen von Erinnerung, von Vergangenheit
-ganzer Völker, bedeckt von den Spuren
-verjährter Kämpfe um Recht und Vorrecht. Man<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-kann menschliches Gepränge belächeln, kann für
-sich den äußeren Glanz eines Schauspiels mit
-einem ironischen Wischer auslöschen und sich damit
-das Blinzeln geblendeter Augen sparen. Aber
-es zeigt von wenig Witz, so witzig zu sein. Und
-von wenig Lebensgefühl, die Schönheit solcher
-Lebensfülle zu verkennen.</p>
-
-<p>Man braucht, um von großem Schicksal angerührt
-zu werden, nur den Kaiser anzuschauen.
-Braucht nicht erst den Prunk, der ihn ernst, starr
-und groß umgibt, bis zur lebendigsten Beredsamkeit
-aufzulösen. Man braucht nur den Kaiser anzusehen,
-um die historische Kraft dieser Stunde
-zu empfinden. Wie vieles ist geschehen, seit er &ndash;
-ein Jüngling von achtzehn Jahren &ndash; zum erstenmal
-auf diesem Thron saß. Und wie vieles liegt
-vor uns, jetzt, da er hier zu den Vertretern des
-Volkes redet. Das alte Österreich versank unter
-seinen Schritten. Unter seinen Schritten entstand
-ein neues Österreich, ersteht jetzt wieder ein
-neues.</p>
-
-<p>Unbewegt und hoch über jedem Niveau, auf
-dem man noch nach Wirkung strebt, klingt seine
-Stimme. Unnahbar für Zustimmung und Beifall.
-Dennoch kommt ein Wort, das auf einmal die
-Distanz zwischen den versammelten Menschen
-hier und dem einsam über allen Thronenden kürzt:
-»Wenn mir in meiner frühen Jugend die Aufgabe
-ward …« Das Wort Jugend schlägt warm zu
-uns heran, und mit einer flüchtigen Betroffenheit,<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-mit einer rasch hinhuschenden Ergriffenheit hört
-man den Kaiser von seiner Jugend sprechen. Den
-alten Kaiser, der dort auf dem Thron sitzt, ganz
-wenig in sich versunken, schneeweiß, unter seinem
-grünbefederten Generalshut. Dann wieder ein
-Wort: »Durch die Gnade der Vorsehung war es
-mir beschieden, zwei Generationen meiner Völker
-zu führen.« Von seiner Jugend und von seinem
-Alter spricht der Kaiser. Fürsten auf dem Throne
-haben sonst nicht Jugend und nicht Alter, haben
-in ihren Worten keinen Anklang an persönliche
-und irdische Dinge, sondern stehen da als Repräsentanten
-eines Prinzips mehr denn als Menschen.
-Diese Worte aber sind menschlich, persönlich,
-irdisch. Es ist, als ob sich der Kaiser in ihnen
-tiefer zu den anderen Menschen herabneigen
-würde, als käme er ihnen, die da um seinen Thron
-geschart sind, in diesen Worten näher.</p>
-
-<p>In diesem Kreis, in dem er einst auf seinem
-Kaisersitz der Jüngste gewesen, ist er der Älteste
-heute. Mögen auch etliche im Saale sein, die der
-Jahre um einige mehr zählen als er. Dennoch ist
-er der Älteste. Denn die anderen haben ihre
-Jugend, ihre von aller Verantwortung leichte
-Jugend gehabt, aus einer zwanglosen Tiefe erst
-später aufsteigend, und im Aufsteigen die Kräfte
-übend für die Höhe. Er aber ist als Jüngling schon
-da oben gestanden. Wie viele hat er im Besitz der
-Macht gesehen, die er ihnen anvertraute. Und wie
-viele brachen unter der Last, die auf ihre Schultern<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span>
-gelegt war, zusammen. Wie viele sind hier aufrecht
-an des Thrones Stufen gestanden, als seine
-Ratgeber und ersten Diener, und sanken erschöpft
-darnieder, während er dort oben ausharrt und
-frisch bleibt. Als er zum erstenmal hier zu dem
-neuen Parlament sprach, stand Schmerling da, in
-voller Mannesblüte. Schmerling … wie aus verschollenen
-Fernen klingt dieser Name heute nur
-noch leise zu uns herüber. Namen: Graf Beust,
-dann Schwarzenberg, Pretis, Hohenwart, Taaffe.
-Einst war das Gegenwart, Leben, Wirklichkeit.
-Jetzt liegt es wie Erinnerungsschutt unter den
-Schritten der neuen Männer. Doch unter dem
-Baldachin, der wie einst seinen fürstlichen Federschmuck
-zur Decke hebt, thront über den neuen
-Männern der alte Kaiser.</p>
-
-<p>Einst ist er hier der Jüngste gewesen, war inmitten
-seiner Räte wie ihr Sohn, und sie standen
-vor ihm wie väterliche Freunde. Jetzt treten alle,
-die hier im Saale sind, wie seine Söhne zu ihm
-heran, und er ist wie ein Vater über allen. Da
-sind die neuen Abgeordneten, die das neue Wahlrecht
-hergebracht hat. So viel Jugend, so viel
-Frische und erste Manneskraft war selten noch in
-einem Parlament, in einem österreichischen Parlament
-noch niemals beisammen. Männer von
-dreißig bis fünfzig. Die an die Sechzig gehen,
-sind wenige unter ihnen. Früher war's eine Versammlung
-von Grauköpfen, jetzt sind die grauen
-Haare selten. Die Minister fast alle knapp über<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span>
-fünfzig; ungefähr in dem Alter, in dem jetzt der
-Kronprinz wäre, wenn er noch lebte. Beinahe
-alle, die hier des Kaisers Wort vernehmen, die
-seine Regierung führen, die in seiner Gesetzgebung
-mitreden, wurden geboren, wuchsen auf, wurden
-Jünglinge, Männer, während er auf seinem Throne
-saß. Während er die Krone trug und die Bürde
-des Herrschens, zogen Geschlechter auf Geschlechter
-an ihm vorbei. Die Generation, die er vorfand,
-als er das Zepter ergriff, schwand dahin und liegt
-jetzt in ihren Gräbern. Und die Generation, die
-zum Dasein erwachte, als er schon ein Menschenalter
-in diesem Dasein die Völkerschicksale lenkte,
-tritt jetzt zu ihm heran wie ein Geschlecht von
-Söhnen. Diejenigen aber, die mit ihm zugleich ins
-Leben kamen, sind fast alle schon schlafen gegangen,
-und was von ihnen die Augen noch offen
-hat, ist müde. Er aber ist unermüdlich. Einen
-nach den anderen hat er in diesen letzten Jahren
-zum Ausrasten beurlaubt, mit freundlichem Dank
-verabschiedet, mit guten Wünschen für den Ruhestand.
-Kaum einer oder zwei sind noch bei ihm,
-die von jeher mit ihm Schritt gehalten. Er entbehrt
-die langgewohnten Weggenossen und bedarf
-für sich selbst keiner Rast. Hier im Saale ist einer,
-der gestützt werden muß wie ein Greis. Über ein
-Jahrzehnt ist er jünger als der Kaiser, schlürft die
-Wonne des Herrschens seit drei Lustren erst, und
-schon hat ihn die malmende Schwere der Macht
-gebrochen. Verwüstet von Würden, verbraucht<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-vom Regieren, zersplittert, erlahmt und verwelkt
-auf der Höhe hat der Kaiser viele gesehen. Und
-schreitet selber aufrecht durch den langen Saal,
-sprengt hoch zu Roß über weite Manöverfelder.
-Er, der zwei Generationen seiner Völker geführt
-hat.</p>
-
-<p>Wüßte man, wie er jetzt über das menschliche
-Treiben denkt, das er fast sechzig Jahre lang von
-der Höhe des Thrones herab betrachtet. Wüßte
-man, wie er über menschliches Herrschen denkt,
-das er fast sechzig Jahre lang geübt hat, gehüllt in
-den ältesten Purpur Europas. Und mit welchem
-Gefühl er die Wandelbilder seines Lebens in der
-Erinnerung überschaut, wieviel von seinem Ich er
-als Gegenwart, wieviel als Geschichte empfindet.
-»In meiner frühen Jugend …« Mit fernem
-Dämmerschein winkt Alt-Österreich aus diesen
-Worten. Und ein unermeßliches Schicksal tritt
-aus ihnen hervor.</p>
-
-<p>Feierliche Thronrede. Diesmal historisch und
-menschlich feierlich zugleich. Denn die jungen
-Menschen, die hier standen, werden sich in späten
-Jahren der Stunde noch erinnern, da sie den alten
-Kaiser sahen, das freundliche, lebenslang uns allen
-vertraute und gewohnte Antlitz, schneeweißen
-Bartes unter dem Generalshut, diese feine Fürstengestalt,
-umwittert von dem Hauch großartiger,
-tragischer und seltener Erlebnisse. Und wie er in
-dieser Stunde, nahe am sechzigsten Jahre seiner
-Reiche, der neuen Zeit die Pforten öffnete, wie<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-er milde, abendlich leuchtende Worte von seiner
-Jugend und von seinem Alter sprach, konnte man
-für Augenblicke tiefer in diese unerreichbare,
-fern über alle hinschwebende Stimme hineinhorchen.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span></p>
-
-<h2 id="GEWEHR_HERAUS">»GEWEHR HERAUS!«</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Wie ein hoher fürstlicher Saal ist der innere
-Burgplatz. Wundervolle Stille umfängt
-einen, wenn man aus dem Straßenlärm
-hereinkommt und es ist, als sei man hier in der imposanten
-Leere einer herrschaftlichen Antichambre.
-Man spaziert umher, verrastet Aug' und Sinne an
-der vornehmen Ruhe dieser Mauern, wird langsam
-und ganz unmerklich von einer ehrfürchtigen Stimmung
-beschlichen. Das Kaiser Franz-Denkmal
-steht da, wie ein einsames Zierstück in einem ausgeräumten
-Prunkgemach. Überall Strenge, steinerner
-Ernst. Nur die Uhr auf dem First des
-Amalien-Traktes blickt auf die eingeschüchterten
-Untertanen herab wie ein rundes freundliches
-Antlitz.</p>
-
-<p>Als kleiner Junge habe ich mich hier oft herumgeschlichen.
-Alle kleinen Jungen in Wien tun
-das. Hier ist die Kaiserwache. Da steht die Fahne,
-lehnen an schwarzgelber Barriere die Flinten, und
-besonders: da sitzen auf einer langen, die graue
-Burgmauer hinlaufenden Bank die Soldaten, daß
-man sie in aller Muße betrachten mag, was ja in
-jenen guten Tagen ein unerschöpflicher Genuß
-ist. Der Offizier promeniert, die goldene Feldbinde
-um den Leib, vor der Wachstube, und man
-beneidet ihn sehr. Der Mann am Posten geht,
-das Gewehr geschultert, aufmerksam auf und ab.
-Alle warten. Der schöne, stille Platz ist wie von
-atemloser Erwartung erfüllt, und von gespannter
-Neugierde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span></p>
-
-<p>Einmal war ich mutiger und trat zu dem Posten,
-um ihn genauer zu betrachten. Er stand dicht
-vor der Fahne und ich ganz nahe vor ihm und
-bestaunte ihn in seiner Rüstung und in seiner herrlichen
-Strammheit. Hatte nur ein wenig Angst,
-er würde mich wegjagen oder gar einsperren.
-Wich aber doch nicht vom Fleck. Er schob mit
-einem Achselzucken das Gewehr zurecht, reckte
-sich kerzengerade auf, blinzelte mit stumpfem
-Blick seitwärts in die Höhe. Ein sonngebräunter,
-pausbackiger, eisenfester Bauernbursch. Plötzlich
-stieß er ein hirnerschütterndes Geschrei aus. Gänzlich
-unvermittelt. Ich sah nur, daß sein breites
-Gesicht im Nu völlig auseinanderging, daß sein
-Mund sich auftat, wie ein ungeheurer schwarzer
-Rachen, aus dem dieses schreckliche Gebrüll hervordonnerte.
-Entsetzt war ich zurückgesprungen,
-und in der blitzartigen Überlegung der ersten
-Sekunde meinte ich, er sei aus heiler Haut rasend
-geworden, oder weil der Mann es vielleicht nicht
-ertragen könne, angeschaut zu werden, sei nun
-durch meine Schuld ein toller Schmerz in ihm
-erwacht und entreiße ihm diese gellenden Töne,
-davon der ganze Platz widerhallte: Ge…wäh…rähr…rrrr…a…aus!
-Dann aber, als die anderen
-Soldaten eilig nach ihren Waffen sprangen, sich in
-Reih und Glied stellten, der Offizier den blitzenden
-Säbel aus der Scheide holte, und als die Trommeln
-zu wirbeln begannen, merkte ich, daß alles in
-Ordnung sei. Und gaffte überwältigt dem goldenen<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-Wagen nach, der majestätisch zum Tor
-hinausfuhr.</p>
-
-<p>Viel mehr als den Wagen, dessen Radspeichen
-vergoldet sind, kriegt man ja auch sonst nicht zu
-sehen. Höchstens, daß noch des gleichfalls goldgeschirrten
-Leibjägers weißer Federbusch, der so
-stolz im Winde flattert, als Augenweide gelten
-kann, und daß man sich der prachtvollen Pferde
-freut, die im Laufen so nobel mit dem Kopf
-nicken. Dann ist alles wieder vorüber. Der Trommelwirbel
-verklingt, der Schnarrposten schweigt
-beruhigt, die Soldaten sitzen wieder harmlos da.
-Es ist nichts vorgefallen, und man kann auch keinen
-weiteren Eindruck mit nach Hause nehmen, als
-daß die Mächtigen dieser Erde nicht über die
-Straße können, ohne daß sich vor ihnen ein helles
-Geschrei und ein gewaltiger Lärm erhebt.</p>
-
-<p>Dennoch: auch der Erwachsene, auch der Aufgeklärte,
-auch der weiß Gott wie Gescheite kann
-sich der Wirkung dieser Szene nie entziehen. Er
-wird jedesmal, immer und immer wieder aufs
-neue gefangen genommen, wie von einem unwiderstehlichen
-Effekt. Man geht gleichgültig über den
-Franzensplatz, ohne Laune, ohne den Zauber
-seiner Stimmung diesmal zu spüren. Da auf einmal
-der langgezogene Ruf: »Gewehr heraus!«
-Aufgeregtes, eiliges Zuspringen der Soldaten. In
-der nächsten Sekunde das Einschlagen der Trommel.
-Der Offizier präsentiert grüßend den Säbel.
-Noch sieht man nicht, wen er grüßt. Aber er grüßt<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span>
-feierlich in die leere Luft, und das Wirbeln des
-Tambours prasselt über den Platz. Überallhin
-schaut man sich um. Plötzlich, von irgend einer
-Seite her jagt der Wagen, umhüllt vom festlichen
-Dröhnen dieser Ehrenbezeugung heran. Ein wehender
-Federbusch, goldfunkelnde Räder, vielleicht
-sogar am kristallenen Kupeefenster ein weißer
-Handschuh. Und schon werden hohe Torflügel
-geschlossen. Vorüber. Man hat den Kaiser selbst
-nicht gesehen, aber doch den Glanz seiner Nähe,
-hat doch von kaiserlicher Macht einen flüchtigen
-Hauch verspürt. Zum deutlichsten Wahrzeichen
-seiner Herrschaft wird einem nun die Torwache.
-Abgesandte sind es, von allen Truppen hierhergeschickt,
-zu des Kaisers Wohnung, um in Waffen
-unter seinen Fenstern auf der Hut zu sein. Und
-kommt er nach Hause, und fährt er aus, sowie
-sie nur seiner ansichtig werden, treten sie hervor,
-grüßen ihn mit kriegerischem Zuruf und Trommelschall,
-melden: Wir sind da!</p>
-
-<p>Viele ernsthafte Leute gibt es, die sonst niemals
-Maulaffen feilhalten, und die sich doch manchmal
-dazu verleiten lassen, wenn sie über den Franzensplatz
-gehen. Sie warten ein paar Minuten. Aufs Geratewohl.
-Spähen umher, verweilen noch ein paar
-Minuten und sind dann gänzlich der allgemeinen,
-ruhevollen und großartigen Spannung, die hier
-herrscht, verfallen. Schauen überall nach Vorzeichen
-aus, lugen zu den Fenstern empor. Dort
-im Torbogen schüttelt ein Burggendarm den Kopf,<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-daß der üppige Roßschweif auf seinem Helm zu
-wallen und zu zittern beginnt. Hat er was bemerkt?
-Oben in den Fenstern lüften hie und da
-die Garden den Vorhang, daß ihre scharlachroten
-goldbetreßten Röcke sichtbar werden und die blinkende
-Hellebarde in ihrem Arm … Noch nicht?
-Dann steigt die neugierige Spannung bis zum heftigen
-Wunsch: das Ereignis möge endlich eintreten.
-Zu allen Stunden kann man hier Menschen
-finden, die zögernd vor der Burgwache stehen, die
-Soldaten anschauen, und von ihnen erwarten, daß
-sie »Gewehr heraus!« schreien.</p>
-
-<p>Die besonderen Anlässe gar nicht eingerechnet.
-Wenn eine feierliche Auffahrt die Wache fortwährend
-ins Gewehr nötigt. Dann füllen die alten
-Staatskarossen den Platz, Prunkwagen, die in kühngeschweiften
-Federn schaukeln. Drei, vier Lakaien
-in Allongeperücken hinten drauf. Als seien die
-prächtigen, herrschaftlichen Zeiten des Rokoko
-wiedergekehrt. Da tritt der Ruf des Schnarrpostens
-zurück, wird bei solch blendender Ausstattung
-nur zu einem stützenden Nebeneffekt,
-fügt sich harmonisch in die erhöhte Stimmung
-und sorgt dafür, daß derlei Schauspiel nicht als
-völlig lautlose Pantomime vor der staunenden
-Menge sich zutrage. Oder wenn ein toter Prinz
-eingebracht wird, nächtlicherweise bei Fackelschein,
-wie es Brauch ist, und ihn bei dieser trübseligen
-Heimkehr in das Haus der Väter der Postenruf
-empfängt. Dann ist das »Gewehr heraus!«,<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-das unheimlich, wie ein Klageton durch die Finsternis
-dringt, eben von so pointierter Wirkung, daß
-es sich von selbst begreift.</p>
-
-<p>Sonst aber: mag es unverständlich scheinen oder
-töricht, in der überkommenen Lust an höfischem
-und kirchlichem Gepränge liegen, oder an dem
-hier herrschenden Geschmack, der dekorative Zeremonien
-liebt. Niemals versagt diese Wirkung.
-Man könnte ein Theaterstück schreiben, das auf
-jeder Wiener Bühne einschlagen müßte: »Der
-Kaiser kommt«. Und es braucht weiter keine
-Handlung zu haben, als daß halt der Kaiser kommt.
-Man muß den Kaiser auch gar nicht einmal sehen,
-und es wäre dennoch ein großer Erfolg. Sieht
-man ihn im Leben ja auch nur selten. Jeder
-Mensch könnte dieses Stück schreiben, denn es ist
-durchaus nicht notwendig, daß irgend etwas anderes
-sich zuträgt, als leise, sorgfältig arrangierte,
-behutsam gesteigerte Vorzeichen. Es erübrigt nur,
-sie der Wirklichkeit abzulauschen. Allerdings wäre
-die herrliche Kulisse dazu erforderlich, die zum
-Beispiel der äußere Burgplatz abgibt, wo die Stadt
-ehrfurchtsvoll vor der Burg zurückweicht und mit
-ihren Häusern in einem ungeheuren Kreise die
-kaiserliche Wohnung nur von ferne umgibt. Dann
-draußen vor dem Franzenstor auf der Ringstraße
-der Soldat. Ganz von weitem, von der Mariahilferstraße
-her, ein winkender Sicherheitsmann.
-Er hat den Hofwagen zuerst erblickt. Der Soldat
-wartet, bis auch er den weißen Federbusch schimmern<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-sieht. Dann schnell einen Druck auf die
-elektrische Klingel, die in der Säule verborgen angebracht
-ist, und jetzt drinnen auf dem grünen
-Platz jubelt der Posten sein »Gewehr heraus!«
-zum Reiterstandbild des Erzherzogs Karl empor,
-als habe er jetzt eine Vision, oder als fühle er sich
-gedrängt, dem Sieger von Aspern eine plötzliche
-Huldigung darzubringen. Dann das gewöhnliche,
-aufgeregte und ratlose Laufen der alarmierten
-Passanten, nach allen Richtungen hin, weil sie ja
-doch nicht wissen können, von welcher Seite der
-Einzug stattfindet. Dann Trommelwirbel, der die
-allgemeine Erregung nur noch vermehrt, da sich
-für ihn weit und breit kein Anlaß zeigt. Dann der
-Säbelsalut des Offiziers, und nun rollt die Equipage
-blitzschnell vorüber. Nun rufen sie auch
-schon auf dem inneren Burghof ins Gewehr.</p>
-
-<p>Es ist aber doch vielleicht besser, diese Szene
-nicht zu schreiben. Von den technischen Aufführungsschwierigkeiten
-ganz zu schweigen. Würde
-sie trotzdem geschrieben, dann müßte sie für alle
-Bühnen verboten werden. Denn sie könnte nur
-Illusionen zerstören, den Eindruck, den die Wirklichkeit
-übt, in bedenklicher Weise abschwächen.
-Wenn man sich jetzt vom Gewehrruf ergriffen
-fühlt, wenn das Rühren der Trommeln einem
-unwillkürlich jähe Ehrfurcht einwirbelt, wenn man
-beinahe Bereitwilligkeit zur Devotion in sich verspürt
-angesichts dieser feierlichen Begrüßung, und
-zuletzt entblößten Hauptes dem vorübersausenden<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-Hofwagen nachblickt, dann zeigt man nachher
-keine Lust, sein Empfinden zu korrigieren. Man
-hat mitten auf seinem Wege durch die Alltäglichkeit
-des Lebens einen wunderbar dramatischen und
-prächtigen Moment genossen, sich ihm gern hingegeben,
-ja sogar daran tätigen Anteil genommen.
-Und hat man auch nur einen zufälligen, gänzlich
-nebensächlichen Komparsen vorgestellt, so bewundert
-man doch völlig aus seinen ästhetischen Instinkten
-heraus die glänzende, unübertreffliche
-Regie, deren dekorative Kunst ebenso groß ist,
-wie ihre psychologische Weisheit.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p>
-
-<h2 id="FRUEHJAHRSPARADE">FRÜHJAHRSPARADE</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Ganz früh am Morgen. Die Sonne funkelt freilich
-schon auf den Dächern, aber noch ist
-dieser junge Tag durchweht vom kühlen
-Atem der ersten Juninacht, und die Schatten längs
-der Häuser sind noch ohne das tiefe Schwarz, sind
-noch blaß und zart wie Schleier. Die Straßen
-riechen in der beginnenden Wärme nach trockenem
-Staub, aber sie sind noch frei von dem erstickenden
-Dunst des Menschengewühls. Und manchmal
-merkt man noch den Duft der nahen Berge, der
-Wälder, den Grasduft der Wiesen, die vor wenig
-Stunden über die schlafende Stadt hingehaucht
-haben.</p>
-
-<p>Musik und Schritt der Regimenter. Bum, bum
-… in der Ferne hört man das Schlagen der
-Trommeln. Dann muß an einer Kreuzung der
-Wagen halten, und wieder halten. Militär rückt
-in den Morgen hinaus. Die Trompeten und
-Hörner schmettern einen Marsch, und ihr helles
-Goldblechklingen hat jetzt irgendeine fühlbare
-Verwandtschaft mit dem Sonnenlicht, das nun
-goldener und heller aufs Pflaster zu schmettern
-anfängt. Die Straßenzeile hinauf rollt das dunkelblaue
-Band solch eines Regiments. Der Schritt
-der Soldaten bewegt dieses dunkelblaue Band in
-kleinen regelmäßigen Wellen. Und über diese
-Wellenlinie hin schwebt ein süßer, feiner Farbenton
-von hellem Grün. Der Eichenbruch, den die Leute
-auf ihren Tschakos tragen. Wie viel pochendes
-Leben, wie viel Kraft und Jugend und wie viel<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-Frühling liegt in diesen regelmäßigen, dunkelblauen
-Wellen.</p>
-
-<p>Jetzt sind wir die Rudolfshöhe hinauf, und das
-weite Feld dehnt sich festlich vor unserem Blick.
-Ganz sanft niedergleitend gegen den Horizont,
-ein grünes Brett, um mit menschlichen Figuren
-ein fürstliches Schachspiel darauf zu pflegen. Dort
-drüben hält der Wienerwald seinen breiten Rücken
-her, trägt die vielen weißen Häuser, die Kirche mit
-der goldenen Kuppel des Steinhof, trägt das breite
-Erzherzogschloß, und dort sind die Abhänge, die
-rauschenden Wälder des Galitzynberges, den die
-Wiener einfach und vertraut den »Galihziberg«
-nennen.</p>
-
-<p>Das funkelt nun alles in der Morgensonne. Das
-grüne Feld, die Kuppen der Berge, die Fronten
-der weißen Vorstadthäuser in der Ferne, und langsam
-beginnt der Tag sich zu erhitzen, beginnt zu
-flammen und zu glühen in einer wundervollen,
-himmelblau und goldenen Sommerpracht. In vierfachen
-Reihen stehen an tausend Wagen hier oben
-auf der Rudolfshöhe, am Saum der Schmelz. Wenn
-man dies fröhliche Bild betrachtet, erinnert man
-sich der farbigen englischen Stiche, auf denen mit
-ihrem mondainen Getümmel die Wagenburgen
-dargestellt sind, etwa beim Wettrennen zu Newmarket
-oder Devonshire. Nur daß diese Wirklichkeit
-noch bunter und zwingender ist als alle englischen
-Stiche zusammen. Die Damen in ihren
-hellen Sommerkleidern sind auf die Wagensitze gestiegen,<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span>
-ihre weißen, blauen, grünen und roten
-Schleier flattern, ihre Hutfedern wehen, ihr
-Lachen und ihr Plaudern fegt wie ein leises Rauschen
-über den Platz. Und die Luft ist jetzt erfüllt
-vom Geruch hundertfacher Parfüms, vom Duft
-der Seidenkleider, vom Geruch der Zigaretten,
-die die Herren rauchen, und vom Geruch der
-vielen dampfenden Wagenpferde.</p>
-
-<p>Über das weite Feld hin ziehen die Truppen,
-rücken jetzt in langen Linien auf, mit wehenden
-Fahnen, die sich von fern nur wie das Tanzen
-kleiner Wimpel ausnehmen, und mit klingendem
-Spiel. Aber man hört nichts von der Musik. Der
-Wind hebt das Schmettern von neun Regimentskapellen
-auf und zerstreut diesen riesigen Schall
-wie das Singen eines Kindes; er nimmt diese
-Klänge, löst sie auf und trägt sie zu den Wäldern
-hinüber, die das laute Tönen einschlürfen. Nur
-das Schlagen der großen Trommeln hört man,
-und es klingt wie ein feierlich taktmäßiges Teppichklopfen
-im Freien.</p>
-
-<p>Ebenso trinkt dieses Feld die Massen. Dort
-drüben marschiert eine Armee daher, dort stampfen
-abertausend Männertritte, abertausend Rosse
-mit ihren Hufen, man hört es nicht. Man sieht
-nur kleine, blaue Schwärme und Linien dahinkriechen.
-Man sieht ein wenig Gold schimmern,
-man sieht manchmal einen Blitzstrahl aufleuchten,
-das Sonnenlicht, das in irgendeinem Säbel zuckt.</p>
-
-<p>Quer über das Feld sprengt ein junger Offizier<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-heran; ein Adjutant. Wie er näher kommt, wie er
-an uns vorüberstiebt, erkennt man, daß er die
-elegante Ulanenuniform trägt, daß er ein bildhübscher,
-schlanker junger Mensch ist, mit einem
-gesunden tiefbraunen Antlitz. Und es ist in allen
-seinen Gebärden, wie er die Zügel hält, wie er im
-Sattel sitzt, wie er den feinen Oberkörper leicht
-vorneigt, ein bezwingender Ausdruck von Lust,
-von Kraft und Jugend, und zugleich das Bewußtsein,
-daß er jetzt so vielen Menschen zum Schauspiel
-dient. Mir fällt irgendein Romankapitel ein,
-aus irgendeinem Wiener Roman. Und dieses Kapitel
-spielt auf der Schmelz, während der Frühjahrsparade,
-und der junge Offizier sprengt genau so
-über das Feld, trägt genau so die Ulanenuniform
-und ist genau so stolz und befangen zugleich bei
-diesem Ritt. Er stellt eine ziemlich wichtige Figur
-in diesem Roman vor, ist ein nachdenklicher
-Mensch, der den Boden prüft, auf dem er geboren
-wurde, der zu Hause und auf großen Reisen zu
-erkennen gesucht hat, worin die Eigenart Österreichs
-liegt, worin die besondere Art des Dienens
-und Herrschens liegt, und wodurch sich das Dienen
-und das Herrschen in Österreich etwa von der
-gleichen Übung in anderen Ländern unterscheidet.
-Jetzt sprengt er quer über das Feld auf seinen
-Posten und sieht die kaiserliche Suite beim eisernen
-Obelisken stehen, bemerkt die weißen Federbüsche,
-die roten Reiher, die blinkenden Pickelhauben und
-die Astrachanmützen der fremden Militärattachés,<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-bemerkt die Feierlichkeit der kaiserlichen Garde,
-die dort wartet, um den Monarchen zu umgeben.
-Und jetzt kommt der Kaiser. Grüßend reitet er
-durch das Spalier der Suite, die sich dann hinter
-ihm zu einem goldenen, schimmernden Wall
-zusammenschließt. Der Kaiser reitet einen herrlichen
-Goldfuchsen, der im Tänzerschritt geht
-und beim kurzen Galopp die Grazie einer Ballerine
-hat. Der junge Offizier bemerkt, wie der Kaiser
-mit einer unwillkürlichen Reiteranmut im Sattel
-sitzt, wie er den feinen, schlanken Oberleib leicht
-vorgeneigt hält, wie seine Schultern fallen, und
-der junge Offizier weiß in diesem Moment, daß
-er selbst beständig, ganz unbewußt, diese Haltung
-nachzuahmen bestrebt war, dieses leichte Vorneigen,
-diese abfallenden Schultern, diese österreichische
-Eleganz der Mühelosigkeit, der kaum von
-weitem angedeuteten, diskret gehaltenen Strammheit,
-und der lächelnden Würde.</p>
-
-<p>Da galoppiert schon der Kaiser den aufgestellten
-Truppen entgegen. Weit voran, in der dunklen
-Uniform mit der goldenen Schärpe querüber,
-sprengt sein Flügeladjutant. Dann reitet der
-Kaiser, ganz allein, und es ist, als ob sein schönes
-Pferd nur auf dem vordersten Hufrand, wie auf
-den Zehenspitzen mit dem Boden tändeln würde,
-so federnd trägt es ihn dahin. Man sieht sein Gesicht
-von weitem, man glaubt es zu sehen, denn
-der weiße Bart schimmert unter dem grün wehenden
-Generalshut, und nur diesen Schimmer braucht<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-es, um das wohlbekannte, in jedes Bewußtsein wie
-auf alle Münzen eingeprägte Antlitz vor sich zu
-sehen. Hinter dem Kaiser her der prächtige Sturz
-des Gefolges, diese herrliche Wolke, aus der das
-Braun und Weiß und Schwarz der galoppierenden
-Pferde, das Blinken der Helme, das Wehen der
-Federbüsche, das Gleißen der Tressen und Waffen
-und Schärpen als eine wundervolle Einheit von
-Prunk hervorbricht. Aber dem Kaiser entgegen
-braust und schmettert die Volkshymne. Die Fronten
-der Regimenter stehen regungslos, stehen da
-wie bunte Mauern, unbeweglich und starr, aber
-ihr klingender Gruß fegt dem heranreitenden
-Kaiser entgegen, mit Trommelwirbel und metallischem
-Trompetenklingen und donnerndem Paukenschlagen.
-Dieser Gruß fegt ihm entgegen wie
-ein tönender Atem, der seit hundert Jahren stets
-in den gleichen Zügen den Kaisern von Österreich
-aus der stummen, lebendigen Mauer ihrer Truppen
-entgegenschwoll.</p>
-
-<p>Jetzt reitet der Kaiser langsam die Fronten
-ab. In vierfachen Reihen stehen diese Menschenmauern,
-in vierfacher Wendung reitet ihnen, hinauf
-und hinab, der Kaiser vorbei und zieht die goldene
-Schleppe seines Gefolges hinter sich her. Wo er
-sich einem Regiment nähert, rauscht die Volkshymne
-auf. Und der junge Offizier blickt auf
-dieses Beisammensein des Kaisers mit den Soldaten.
-Er sieht, wie die kaiserliche Gegenwart alle diese
-Menschen bannt, wie über ihnen nur das eine ist:<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-der Befehl, und in ihrer Haltung nur das eine:
-der Gehorsam. Er blickt hinüber und vermag fast
-jeden einzelnen Mann zu unterscheiden, und vermag
-auf dem Boden die gleichen Zwischenräume
-zwischen all diesen Fußspitzen zu sehen, als hätte
-man in sorgsamer Symmetrie zwanzigtausend Bleisoldaten
-auf ein großes Brett gestellt. Er betrachtet
-diesen Vorbeiritt, der sich ausnimmt, als ob weiter
-nichts geschehen würde, und er weiß aber, daß
-dort dennoch etwas geschieht, etwas, das zwischen
-der Person des Kaisers und diesen Soldaten hin
-und wieder geht, eine Hingabe, die in ihrem letzten
-Grund rätselhaft ist, auf der jedoch die ganze
-Macht eines Regierenden sich aufbaut.</p>
-
-<p>Umstoben von dem blitzenden Schwarm seines
-Gefolges, sprengt der Kaiser wieder zum Obelisken
-heran. Wie er so dahergaloppiert und hinter
-ihm drein noch der Salut der Truppen rauscht,
-ist es ein Augenblick von einer Feierlichkeit, wie
-nach einem Sieg. Und der junge Offizier, der
-seine Ergriffenheit meistern will, überlegt, daß in
-diesem Augenblick ein uraltes Prinzip aufs neue
-besiegelt und bekräftigt wurde &ndash; hier am Rande
-der enormen, von allen neuen Gedanken und Problemen
-durcharbeiteten Großstadt &ndash; und daß von
-dieser Besieglung das feierliche Empfinden herrührt.</p>
-
-<p>Dann marschieren die Regimenter an dem Kaiser
-vorbei. In breiten Reihen kommen sie heran, junge
-Menschen, viele Tausende von jungen, blühenden<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span>
-Menschen, Söhne, Söhne, Söhne. Der Defiliermarsch
-zwingt ihnen wie mit energischen Griffen
-seinen Rhythmus auf, die Fahnen flattern hoch gehoben,
-und alle diese jungen, lächelnden, frischen
-Gesichter dem einen, weißbärtigen Greisenantlitz
-zugewendet, marschieren sie vorüber.</p>
-
-<p>Der junge Offizier denkt bei sich, wie einfach,
-wie untheatralisch diese Art der Parade und des
-Vorbeimarsches ist, wie diese Truppe den kriegerischen
-Geist nur andeutet, als fürchte sie das
-Lächerliche und Prahlerische einer Übertreibung;
-wie sie die Strammheit mühelos und diskret nur
-andeutet, wie sie in ihrer Masse und in ihrem
-Schritt, in ihrer Zusammengeschlossenheit doch
-menschlich und persönlich bleibt, wie sie nicht
-einen Augenblick als eine Schar von Gliederpuppen
-erscheint, wie selbst ihr Gruß noch etwas Gemütvolles
-und Weiches hat &ndash; und er überlegt, daß
-die Anmut dieses Landes, daß seine tiefwurzelnde
-Kultur, seine Willigkeit und sein Taktgefühl so
-vieles leicht und anmutig macht, was anderswo&nbsp;…</p>
-
-<p>Wo ich dieses Romankapitel gelesen habe, weiß
-ich jetzt nicht mehr. Ich glaube sogar, ich habe
-es überhaupt noch nirgends gelesen, und mich
-nur in die Möglichkeit eines solchen Kapitels verirrt.
-Es wäre aber vielleicht ganz gut, wenn es
-einmal geschrieben würde.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p>
-
-<h2 id="KAISERMANOEVER">KAISERMANÖVER</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Man sollte sich's einbilden können, daß es ein
-wirklicher Krieg ist.</p>
-
-<p>Hinaus, die morgenstille Dorfstraße entlang,
-die vom ländlichen Geruch brennenden Reisigs
-durchflogen wird. Der Tag ist an der Sonne noch
-nicht warm geworden, und sein junges Atmen weht
-kühl über das erwachende Gelände. Auf dem dunklen
-Grün der Hochlandwiesen schreitet man über
-Moorgrund, wo das perlenbesäte Gras unter den
-Füßen glitzert, schreitet über die hellfarbigen
-Teppiche blühender Buchweizenfelder den Hügel
-hinan, wo junge Lärchen wie auf Vorposten stehen.
-Weithin überschaut man hier das Tal: in der
-Tiefe überall weißblinkende Ortschaften, winzige
-Häuser, gleich umhergestreuten Steinen auf einer
-riesenhaften Matte. In schwarzblauen Schatten
-steigen die Bergwälder von den Felsen nieder.
-Aber hinter grauen Wolken birgt sich die Brentagruppe
-noch mit ihren Gletschern, des Adamello
-und des Ortlers aufragende Schneegipfel, als habe
-die Natur zum Sommerfest dieses Tages noch nicht
-aufgeräumt und halte die Prunkstücke dieser Landschaft
-einstweilen unter Schutzdecken.</p>
-
-<p>Irgend ein dumpfer Ton schlägt an, als ob in
-der Ferne ein Böttcherhammer niederfiele. Noch
-einmal, dann wieder. Mit dem Feldstecher suchen
-die Augen alle Höhen und Tiefen ab. Ganz weit,
-weit weg funkt ein gelber Schimmer auf, nicht
-stärker als ein verlöschendes Streichholz. Und
-wieder der dumpfe Ton. Die Kanonen eröffnen<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-das Gefecht. Plötzlich andere Geräusche. Wie
-schwaches Peitschenknallen, wie das Bersten auffliegender
-Eierschalen, wie das Knittern von starkem
-Papier. Infanterie im Schnellfeuer. Dazwischen
-ein lautes, überraschendes Pochen, ungeduldig,
-als ob jemand voll Zorn an eine Tür
-klopfen würde: die Maschinengewehre. Das
-Pochen reißt ab, setzt wieder ein. Und nichts zu
-sehen, als in den Feldern oder am meilenfernen
-Waldrand das Aufblitzen der Säbel. In einer unermeßlichen
-Ruhe verharrt die Landschaft, in
-einer majestätischen Gleichgültigkeit gegen den
-Kampf, der sie in ihren Schrunden und Falten
-durchwühlt, in ihren Mulden und Gräben. Dort
-unten, tief in den Wäldern, in schmalen Gebirgspässen,
-am Rande unwegsamer Schluchten, auf
-engen Brücken, die hoch über wilden Sturzbächen
-schweben, bricht jetzt der Kampf los; um des
-Reiches Pforten.</p>
-
-<p>Man sollte sich's einbilden können, daß es ein
-wirklicher Krieg ist. Sollte das hitzige Fieber
-spüren, das in den Stunden vor einer großen Entscheidung
-über die Menschen hinpeitscht. Sollte
-die Schauer jener ungeheuren, verführerischen
-Feindseligkeit genießen, die aus den tierischen
-Wurzeln unserer Art empordampft. Dann aufwachen,
-wie aus einem glühenden Traum, und
-sich an der spielerischen Wirklichkeit beschwichtigen:
-Gedankenmanöver … Vielleicht, daß
-von den Soldaten einer, anschleichend in der<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span>
-Schützenlinie, am Boden liegend, im Schnellfeuer,
-berauscht von seiner Jugend, von der eigenen
-Kampfgebärde und vom Knall des eigenen Gewehrs,
-für Sekunden in das siedende Bad dieser
-Einbildung stürzt, für Sekunden in dieses Traumes
-flammende Tiefen hinabtaucht. Im nächsten
-Augenblick aber reißt es ihn gewiß schon wieder
-aus dem Abgrund solcher Schwärmerei empor
-zum harmlosen Bewußtsein des harmlosen Kampfspieles.
-Denn es gibt eben Dinge, die sich auf
-Befehl nicht vorstellen, die sich nicht manövrieren
-lassen: Todesgefahr und Sterbensahnung, Blutrauch
-und in Ackerschollen hingekrümmte Verzweiflung,
-und die furchtbare Schicksalsatmosphäre,
-die über den Schlachtfeldern sich breitet.</p>
-
-<p>Ein Schauspiel. Künftiger, oder niemals kommender
-Ereignisse vorberechnete Gebärde. Erdichtetes,
-wohl ausgedachtes, künstlerisch komponiertes
-Geschehen, dargestellt unter freiem
-Himmel von fünfzigtausend Akteuren. Ein Schauspiel
-in drei Tagen, in drei Aufzügen, wenn man
-will. Sorgfältig gesteigert, mit prachtvollen Massenszenen,
-mit unzähligen dekorativen Episoden, und
-mit einem einzigen Zuschauer, dessen Beifall ersehnt
-wird, dessen Gegenwart, wie ein ruheloser
-Pulsschlag in all den Massen, die sich hier bewegen,
-fühlbar ist, dessen Dasein Aufregung, Gespanntheit,
-Anstraffen der Nerven ringsumher verbreitet,
-und Prunk und Glanz und hohes Erwarten:
-der Kaiser.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span></p>
-
-<p>Anschaulicher als sonst jemals tritt hier der
-militärisch-monarchische Gedanke in die Erscheinung,
-wird in dem kleinen Ort hier &ndash; vom bürgerlichen
-Großstadtwirbel nicht mehr verhüllt &ndash;
-greifbar nahe, wird gleichsam ohne störende Nebengeräusche
-reiner vernehmlich. Das unübersehbar
-große Regierungsnetz, das ein ganzes Reich zusammenhält,
-ist hier auf einmal zu übersehen, ist
-dichtmaschiger, so daß man herantreten und sein
-sinnreiches Gewebe bewundern kann. Das geringe
-Dorf ist zum Auszug der staatsgebietenden Mächte
-geworden, gibt den Extrakt der herrschenden Gewalten.
-Schon äußerlich. Die Einwohner, das,
-was man die »Bevölkerung« nennt, ist wie verschwunden,
-ist an die Wand gedrängt, in die Winkel
-verscheucht, unsichtbar neben dem Glanz, der
-jetzt in diesen Hütten wohnt. Tür an Tür: der
-Kaiser, die Erzherzoge, die Generale, Minister,
-Statthalter, Polizei. Und Militär, Militär, Militär.
-Überall, auf den Straßen, vor den Schenken, auf
-den Feldern, in den Torbogen, an den Brunnen
-steht einer vor dem anderen in Ehrfurcht, in
-Strammheit, in erstarrendem Gehorchen. Überall
-wird nur befohlen und Gehorsam geleistet. Überall
-gibt es nur Vorgesetzte und Untergebene. Alle
-Klassenunterschiede, alle Vorrechte stellen sich in
-greller Sichtbarkeit dar. Einer freien Arbeit
-lebend, hat man sie gelegentlich wohl vergessen:
-hat, unter höher gewölbten Horizonten dahinwandelnd,
-manche dieser Dinge für verschollen,<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-für erledigt, für nicht mehr diskutierbar gehalten.
-Da wird es einem seltsam zumute während dieser
-drei Tage, die man hier in einer Atmosphäre voll
-Disziplin, voll Ergebenheit, voll Devotion verbringt,
-in konzentrischen Kreisen sich dreht, auf
-denen Rang und Stand, und Geburt und Charge
-verzeichnet sind, wo jeder mit den äußeren Abzeichen
-und Signalen seines Wertes umhergeht, wo
-Lohn und Strafe sofort vollzogen, erteilt und im
-Augenblick fühlbar werden. So nach und nach
-aber findet man sich angezogen vom großartigen
-Hokuspokus des Herrschens, fühlt sich fasziniert
-von der erlauchten Magie des Menschenfanges,
-und bewundert ihre tiefe Psychologie, ihre uralte
-Weisheit. Und dann braucht man sich's gar nicht
-mehr einbilden zu wollen, daß es ein wirklicher
-Krieg ist, hat dem Waffenspiel einen anderen Sinn
-gefunden, wenn man am nächsten Morgen hinauswandert
-ins Gelände. Da wird eben die Krone
-des Werkes gezeigt, die höchste Vollendung der
-Idee: wie sich die Tausende darbringen, wie sie
-dereinst ihr Sein und Leben einsetzen werden.
-Die Hauptprobe der äußersten Hingebung. Die
-Hauptprobe jener Treue, die in der Volkshymne
-»Gut und Blut« verspricht: Kaisermanöver.</p>
-
-<p>Kanonengebrüll am zweiten Tag in der Frühe.
-Ganz nahe dem kaiserlichen Hauptquartier. Schwere
-nasse Wolkenvorhänge hüllen die Berge ein. Wolken
-ziehen am Waldsaum hin, und in der Tiefe des
-Tales deckt weißdampfender Nebel alle Dörfer und<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-Fluren. Unten vollzieht der anrückende »Feind«,
-vom Wetterschleier verborgen, seinen Vormarsch.
-An die Sonne von Austerlitz denkt man, aber die
-Sonne scheint Zitate aus der Geschichte nicht anzuwenden
-und zeigt sich nicht. Auf der Anhöhe
-vor dem Dorf steht die Artillerie. Der Feuerblitz
-fährt aus den Kanonen, ein Donnerschlag, den
-man in der Magengrube, in den Eingeweiden
-wahrnimmt, der den ganzen Körper gleichsam
-durchzuckt. Das Echo reißt ungeheure Schallfetzen
-von den Bergen, die der Wind zerbläst.
-Aus den Wolkennebeln ein Knattern wie das Anfahren
-eines Motorrades. Mühsam nur erkennt man
-drüben im schütteren Gehölz das Landesschützenregiment.
-Langsam, geduckt, mit schleichenden
-Jägerschritten vorgehend, feuern sie, werfen sich
-zu Boden, in die Regenlachen, feuern. Jetzt, dicht
-vor der Anhöhe, auf der die Kanonen stehen, rückt
-in Schwarmlinie die Infanterie vor, erwidert die
-Gewehrsalven, deckt das Abreiten der Batterie:
-Rückzug. Nach einer kurzen Weile ist die Artillerie
-verschwunden. »Feuer einstellen.« Jeder Mann
-wiederholt es, ein langgezogener Aufschrei fliegt
-über die Felder. Und jetzt kommt die feindliche
-Macht von überallher heran, stürmt, aus dem
-Talnebel hervorbrechend, die Hügel hinauf, wälzt
-sich über die gewundenen Bergwege, und plötzlich
-wieder das Pochen, laut, eilig, zornig. Die Maschinengewehre,
-die den Verfolger noch aufhalten
-sollen. Kein anderes Schlachtgeräusch ist wie<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span>
-dieses alarmierend, trägt so beredsam den Charakter
-des schnellen Eingreifens, der furchtbaren
-Aggressivität.</p>
-
-<p>Es regnet in Strömen. Seit Stunden regnet es.
-Scharf, kalt, und der Wind schleudert einem die
-dichten Strahlen ins Gesicht, zerrt die Wolken bis
-auf den Boden herab, wühlt die Schollen auf,
-peitscht einen mit eisiger Wassernagaika. Auf dem
-freien Platz vor dem Hauptquartier hält der Kaiser
-zu Pferd. Vor ihm in ihren weißen Mänteln die
-sechs Gardereiter, das Gesicht zu ihm gewendet.
-Ein wenig abseits das Gefolge. Generalstäbler, die
-fremden Attachés, Adjutanten. Weiter weg die
-Lakaien mit den Reservepferden. Vom Unwetter
-werden die Tiere nervös. Ihr lautes Wiehern tönt
-herüber, ihr ungeduldiges Schnauben. Niemand
-rührt sich dort, wo der Kaiser unbeweglich im
-Regensturm aushält. Stunde um Stunde erblickt
-man ihn so; querfeldein galoppierend zu einem
-anderen Standplatz, an feuernden Batterien vorbei,
-sein Pferd parierend, sieht diesen Greis, der
-leicht in seinem Sattel nur so zu federn scheint,
-und für den es den Hochlandsorkan, den Wolkenbruch,
-die Kälte offenbar nicht gibt. Wie er dann
-endlich einreitet, gefolgt vom Schwarm seiner erschöpften
-Suite, sieht man, wie ihm unter der
-schwer nassen Kappe das Wasser die weißen Haare
-an den Kopf klebt, wie es ihm von der Stirne,
-vom Bart und von den Wangen herabläuft, aber
-auch, wie er, frisch und rot überhaucht, lächelt, als<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span>
-sei das alles gar nichts. Die fünfundsiebzig Jahre,
-die fünf Morgenstunden zu Pferd und das Wetter
-… gar nichts.</p>
-
-<p>Schluß. Dritter Tag, dritter und letzter Aufzug.
-Man will ganz zeitlich fort, nichts versäumen,
-aber ehe die Sonne noch aufgeht, bebt
-das Haus. Auf der Wiese drüben schießen die
-Kanonen. Es ist, als ob das ganze Gebäude von
-einer Riesenfaust dröhnende Stöße bekäme. Der
-Fußboden zittert, die Fenster schüttern. Schlag
-auf Schlag. Plötzlich, dicht vor dem Tore das
-helle Krachen der Gewehre. Und rückwärts über
-den Hof, übers Dach hinweg das Pochen der
-Maxims. Hinaus ins Freie. Adjutanten rasen vorbei.
-Motorräder preschen die Mendelstraße hinauf,
-und in der Luft ein schallendes, verfliegendes
-»aaa …« Das Hurrarufen stürmender Truppen.
-Saphirblau ist der Himmel, alles in goldenen Glanz
-getaucht, in Sonnenfröhlichkeit und Reinheit, die
-Wälder, die Wiesen, die funkelnden Kirchturmspitzen,
-die Berggipfel. Und von den schimmernden
-Neuschneefeldern der Brentagruppe lösen
-sich die letzten weißen Flockenwolken. Ein festlicher
-Abschluß. Wie ein Salutschießen dröhnt
-der Donner der Schlacht, die sich jetzt voll
-entfaltet. Auf der breiten Terrainwelle, die sich
-zwischen Romeno und Sarnonico wölbt, stürmen
-die Regimenter in breiten, formierten Fronten
-gegeneinander. Mitten zwischen die beiden
-Parteien fliegt ein glitzernder, goldfunkelnder,<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-prachtblitzender Schwarm die Wiese hinauf, sammelt
-sich oben, nimmt Stellung: die kaiserliche
-Suite. Das Gewehrfeuer prasselt und schnattert
-und knattert, die Gebirgsbatterien pochen, die
-Haubitzen zerreißen das Firmament mit ihrem
-Krachen, und das Echo tobt an den Felswänden.
-Wie kleine farbige Tüchlein flattern die entrollten
-Fahnen über den Bataillonen. Da bricht aus dem
-Tann, der den Hintergrund abschließt, mit Hurra
-ein neues Regiment hervor. Es ist der Höhepunkt.
-Der Kaiser inmitten dreier Fronten, umgeben von
-formierten Regimentern. Regimentern auf seinem
-ganzen Rückweg, den er von Cavareno nach Romeno
-zu nehmen hat, all das mit meisterlicher
-Regiekunst auf den letzten Augenblick hin, auf
-den Schlußeffekt gruppiert. Ein scharfer Hornruf
-jetzt. Das Feuern verstummt allmählich, das
-Echo besänftigt sich und verhallt, und brausend
-klingt das Einschlagen der Musikbanden herüber:
-»Gott erhalte …« Der Kaiser reitet die Fronten
-ab. Mit Trommelwirbel übernimmt eine
-Truppe von der anderen das Kaiserlied, immer
-weiter, immer entfernter, Generalmarsch …
-Trommeln, dann feierlich die Volkshymne …
-zuletzt nur ein leises metallisches Klingen. Der
-Kaiser reitet ins Hauptquartier zurück.</p>
-
-<p>Rasch jetzt die Straße hinauf, heimwärts nach
-Bozen. Wie durch einen heiteren Soldatensonntag
-fährt man dahin. Singende Soldaten, lachende,
-sonnengebräunte Gesichter, Gesichter, denen das<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span>
-tiefe Atemschöpfen der Beruhigung etwas Zufriedenes
-und Befreites gibt. Überall liegen sie
-im Gras, rasten am Wegrand, rauchen, essen und
-singen. Wenn man sich's einbilden könnte, daß
-es ein wirklicher Krieg war und daß es nun Frieden
-ist, seit einer Stunde&nbsp;…</p>
-
-<p>Während der Drahtseilwaggon von der Mendel
-ins Kalterertal hinuntergleitet, wie in freier Luft
-hinab zu schweben scheint, rauscht der ganze
-Berg und klingt von Musik. Und in Sankt Anton
-unten, auf dem kleinen Bahnsteig, erzählen die
-Leute, daß der große Krieg im fernen Asien zu
-Ende, der Friede zwischen Rußland und Japan geschlossen
-sei. Laurins Rosengarten steht im
-Glühen der Abendsonne. Vom Bozener Dom her
-läuten die Glocken, und man hat den Traum,
-daß diese schöne Welt eine ruhige Stunde genießt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span></p>
-
-<h2 id="ELISABETH">ELISABETH</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Jetzt ist uns ihre Existenz fast schon wie etwas
-Unwirkliches, ihre Gestalt schwebend wie die
-Gestalten eines Traumes, und auf ihr Schicksal
-blicken wir kaum noch wie auf ein gelebtes
-Dasein, sondern wie auf eine Dichtung. Das rührt
-von der tiefsten Seelenkraft dieser Frau her, die
-alle Wirklichkeit immer ins Erhabene emporzwang.
-Das rührt davon her, daß ihr Wesen vom Geschick
-freilich verwundet, aber niemals bestaubt werden
-konnte. Was auch rings um sie her an Verheißungen
-hindorrte, ihr eigener Sinn ist nicht welk geworden.
-Was auch vor ihr an teuren Gütern in
-Trümmer sank, es vermochte nicht, ihr den Weg
-zu sich selbst zu verrammeln. Dieses unbegreiflich
-hohe Hinwegschreiten über das äußere Leben
-macht es, daß ihr Dasein jetzt einer Legende
-gleicht.</p>
-
-<p>Es fängt mit dem strahlenden Glück an, läuft
-aus sonniger Pracht in dunkle Trauer und endigt
-in grauenhaftem Tod. Momente aus ihrem Leben:
-die stürmisch geliebte Kaiserbraut, die in Wien
-einzog, so lieblich, daß sie nicht bloß die erste,
-sondern die schönste Frau des Reiches war. Die
-schönste Kaiserin an einem lachenden, frohgelaunten
-Hof, in einem lachenden, frohgelaunten Wien.
-Dann ihre Krönung zur Königin von Ungarn, bejubelt,
-wie seit den Tagen der Maria Theresia
-keine Monarchin mehr bejubelt wurde. Dann ein
-langsames Hinweggleiten aus all dem Glanz. Einsam
-und einsamer auf weiten Reisen. Dann der<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-Tag von Mayerling. Das jähe Hinstürzen jeglicher
-Zukunftshoffnung. Dann wieder tiefe Einsamkeit
-in fernen Ländern. Der Traum vom Griechentum
-in dem weißen Schloß auf Korfu. Ein
-unerfüllter Traum. Das Schloß blieb verlassen.
-Wandern, wandern, wandern. An den Gestaden
-südlicher Meere, durch kleine Städte Italiens. Unerkannt,
-unscheinbar in ihren Trauerkleidern, versteckt
-und den Zudrang der Menschen meidend.
-Jahre. Dann am Genfer See das schnelle, aus Mörderhand
-empfangene Sterben.</p>
-
-<p>Die Kaiserin … Sie ist uns lange schon entschwebt,
-war uns eine Gestalt, die irgendwo ihr
-Dasein hoch über dem Dasein anderer Menschen
-ins Weite trug. Nur manchmal drang eine Kunde
-von ihr bis zu uns herüber, nur manchmal kam
-ein Klang aus ihrer Welt zu uns herangeweht. Und
-wunderbar, wie feines Ahnen in den Instinkten der
-Menge liegt, daß man aus so fernen Fernen die
-Kaiserin verstand, daß man ihr Suchen nach Schönheit
-und Ruhe begriff, daß man banalere Vorstellungen
-vom Walten einer Kaiserin still beiseite
-legte und mit ahnungsvoller Ehrfurcht eine Menschlichkeit
-bewunderte, die über den höchsten irdischen
-Rang hinaus höheren Graden noch sehnsüchtig
-entgegenstrebte. Die Kaiserin. Auch dieses
-Wort ist durch Elisabeth zarter, märchenhafter,
-unwirklicher, gleichsam dichterischer geworden.</p>
-
-<p>Wir haben Bilder aus ihrer Jugendzeit. Denn
-ein anderes Antlitz als das ihrer blühenden Jugend<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span>
-hat sie dem Volke niemals im Bilde gezeigt. Aber
-indem wir diese Bilder jetzt betrachten, wissen wir,
-daß keines ihr wirkliches Wesen enthüllt. Dieses
-edel schmale Gesicht sehen wir, die Anmut ihrer
-geschwungenen Lippen, die dunkle Tiefe ihrer
-Augen. Doch wir sehen, daß alle Maler die Prinzessin
-Elisabeth malen wollten, die Kaiserin Elisabeth.
-Und daß keiner es vermocht hat, Elisabeth
-zu malen. Wir sehen, daß dieses Antlitz etwas
-noch verbirgt, ein Unaufgefundenes, ein Verhehltes,
-ein Verschlossenes: sein Bestes. Die Züge
-sind da, aber was diese Züge zur Einheit verschmilzt,
-was sie beseelt, das ist nicht da. An die
-leere Stelle tritt ein offizieller Ausdruck: Kaiserin.
-Die Lebendigkeit dieses Gesichtes, seine zarteste,
-intimste Lebendigkeit hat keiner von den Malern
-gegeben. Vielleicht auch, weil keiner sie erfassen
-konnte.</p>
-
-<p>So ist ihr Wesen auch dem einfacher Zugreifenden
-nicht erfaßlich gewesen. Nicht in geraden,
-handlichen Worten ließ es sich sagen. Etwa: sie
-ist heiter gewesen, oder melancholisch, oder freigeistig,
-oder fromm, oder demütig, oder stolz,
-gütig oder voll Energie. Sie war am Ende zu sehr
-alles zusammen, heiter und melancholisch, freigeistig
-und fromm, demütig und stolz und gütig
-und voll Energie und noch vieles andere dazu.
-Sie war viel zu sehr alles zusammen, als daß man
-dem Volke eine Formel hätte darreichen können:
-so und so ist deine Kaiserin. Kann sein, man hätte<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span>
-sagen dürfen: sie ist fürstlich. Aber die Begriffe,
-die vom Fürstlichsein umgehen, sind durch andere
-Beispiele entstanden und gewertet worden. Es
-hätte Mißverständnisse gegeben.</p>
-
-<p>Mancherlei Erbe trug sie in ihrem königlichen
-Blut. Die Wittelsbacher vermochten es oft, ihr
-fürstliches Vergnügen künstlerisch zu veredeln,
-hatten die Gabe, in geistigen Genüssen zu schwelgen,
-ja zu prassen wie andere in Genüssen des
-Leibes, hatten oft diese stürmende Seele, die sich
-selbst zerarbeitet. Zu ihren Urmüttern zählte
-Therese Kunigunde, des Polenkönigs Sobieski stolze
-und wildschöne Tochter, die das Reiten und Jagen
-liebte und das Bücherlesen, und dem höfischen
-Zeremoniell sich ewig widersetzte. Sie war des
-Kurfürsten Max Emanuel Gattin. Elisabeths
-Vater war der Herzog Max, den seine Sehnsucht
-in den Orient trieb. Es war die große Reise seines
-Lebens. Und sein Traum vom Reisen war der
-Orient. Ein Dichter, wie König Ludwig I., ein
-besserer vielleicht. Mindestens ein sehr kultivierter
-Dilettant, der historische Novellen aus der Renaissancezeit
-schrieb. Königliche Prunkliebe und bürgerliche
-Einfachheit ist bei den Wittelsbachern.
-Aber am Ende mag man alle Gaben, die das Bayernhaus
-zu vererben hat, noch so sehr durchsuchen,
-noch so sehr durcheinandermischen, die wundervolle
-Zartheit, die geheimnistiefe Kraft, die in der
-Kaiserin Elisabeth gelebt hat, entschleiert sich und
-erklärt sich damit nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span></p>
-
-<p>Was wissen wir auch von ihr? Daß sie in ihrer
-Jugend die adelige Kunst des Reitens geliebt und
-geübt hat. Daß ihr Körper gestählt und geschmeidig
-war und daß ihr Gang eine musikalische Schönheit
-besaß, die aus solcher Meisterschaft herkam.
-Daß sie den Zauber einer unberührten Natur,
-Bergwälder und Meeresufer inniger verehrte als
-den Tumult mondäner Amüsements. Daß keine
-Eitelkeit und keine Hoffart in ihr war, die sie getrieben
-hätten, sich am lärmenden Zuruf der Massen
-zu ergötzen. Daß es sie zu quälen schien, sich
-selbst als Schaustück der Menge hinzustellen. Daß
-sie dafür auf einsamen Spaziergängen aus dem
-Homer sich vorlesen ließ und in späten Jahren
-noch anfing, Griechisch zu lernen, um des Gedichtes
-Schönheit aus dem Urtext näher zu begreifen.
-Daß sie den Dichter, der das »Buch der
-Lieder« geschrieben, verehrte und ihm zu Korfu
-ein Denkmal gesetzt hat. Daß sie den Schmerz
-um ihren einzigen Sohn von Land zu Land, von
-Gestade zu Gestade ruhelos umhergetragen, ihren
-Kummer vor den Blicken der Welt verbarg, wie
-sie stets ihr schönstes Fühlen vor profanen Augen
-verborgen gehalten. Wenn wir nur dieses, was wir
-wissen, nehmen, ihr Wesen damit zu umspannen,
-dann haben wir eine große Seele, ein Frauenherz
-von einer Reinheit, einen Frauensinn von einer
-Tiefe, daß sie als eine lichte Gestalt unserem Gedächtnis
-bleiben müßte, auch wenn sie nicht die
-Kaiserin gewesen wäre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span></p>
-
-<p>Daß sie's gewesen ist, scheint mir von unermeßbarem
-Wert. Denn sie hat mehr gewirkt als eine
-Kaiserin, die prunkvoll durch alle Straßen fährt,
-auf allen Festen glänzt, sich überall huldvoll und
-gnädig dem Volke neigt und die Mode des Landes
-wie das gesellige Wohltätigkeitsgeschäft regiert.
-Sie hat dieser Zeit die Fürstin gegeben, hat als
-einzige auf eine lautlose, unwillkürliche und vollkommen
-menschliche Art gezeigt, was eine Fürstin
-ist. Sie hat ein Hochmaß von Weiblichkeit in
-unsere Zeit hineingestellt, das kostbarer ist als
-alles, was wir an erdichteten weiblichen Idealgestalten
-besitzen.</p>
-
-<p>Und sonderbar: Wie unser Erinnern sich lebhafter
-der Kaiserin zuwendet, da merken wir, daß
-wir im Eigentlichen nur wenig von ihr wissen,
-uns nicht vermessen dürfen, sie zu kennen, sondern
-daß es weit mehr die Ahnung von ihrem reichen
-Wesen ist, die uns bezwingt. Ein Leben, aus
-weiter Ferne angeschaut. Still und hoch dahinfunkelnd,
-vom Schimmer des seligsten Glückes umflossen
-und vom Glanz einer erlesenen Tragik umleuchtet.
-Nur leise Andeutungen haben wir, um
-ihr Inneres zu erraten, nur das Echo vom Echo
-ihrer Worte, nur den Hauch, der von ihrem Wandel
-ausging, nur verwehte Klänge ihrer Lebensmelodie.
-Der Spiegel der Volksseele hat nur ein
-schwaches, undeutliches Bild dieser hohen Frau
-aufgefangen, und man bestaunt es wie das Antlitz
-eines Märchens. Diese Gestalt ist wie aus lauter<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span>
-dünnen Schleiern gewoben, fließend, ungreifbar,
-unwirklich beinahe, und ist uns doch eingeprägt
-wie mit einem Stempel.</p>
-
-<p>So wenig braucht es, einen guten und seltenen
-Menschen zu erkennen. Sei er noch so verborgen,
-so hat sein Wesen doch einen Duft von solch feiner
-Kraft, daß man seine Gegenwart empfindet wie
-die Gegenwart im Grase verborgener Blumen. Sei
-er noch so entfernt, so ist er doch in eine Atmosphäre
-gehüllt, die leuchtet wie ein Gestirn am
-dunkeln Himmel.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span></p>
-
-<h2 id="DAS_OESTERREICHISCHE_ANTLITZ">DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ</h2>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p>
-
-<p class="drop">Von überall her blickt uns jetzt sein Antlitz
-entgegen. Aus allen Schaufenstern sieht es
-uns an, es ziert alle Paravents, Tabaksdosen,
-Ansichtskarten, Bonbonnieren; es schmückt die
-Titelblätter aller Zeitungen, die wir zur Hand nehmen,
-und es prangt in der Apotheose aller Festspiele,
-umrauscht von der Volkshymne und von der Hochflut
-wienerisch zärtlicher Kaiserstimmung. Wo wir
-uns hinwenden, lächelt dies Greisenhaupt aus
-weißem Bart und aus den von weißen Brauen dicht
-verhehlten Augen sein stilles Lächeln.</p>
-
-<p>Wie ist uns dieses Antlitz wohl vertraut. Wir
-alle sind mit diesem Bilde vor uns aufgewachsen.
-Unsere Väter schon haben kein anderes Kaiserantlitz
-mehr in Österreich gekannt, und wie wir
-kleine Buben waren, hat uns dieses Antlitz angeschaut,
-da wir zum erstenmal in der Schulstube
-saßen. Jetzt wachsen unsere Kinder auf und gehen
-zur Schule, und auch sie blickt dieses selbe Angesicht
-aus feierlichem Rahmen an. Mit diesem
-Angesicht haben wir unser Leben verbracht, haben
-alle unsere Tage in diese Mienen geschaut, und
-sie sind uns so eingeprägt, daß wir bei dem Worte
-Kaiser immer gleich auch diese Züge sehen. Wir
-werden sie noch lange sehen, wenn wir das Wort
-Kaiser aussprechen oder denken. Diese beiden
-Vorstellungen, von einem Monarchen und von
-einem Antlitz, sind in unserem Bewußtsein so unauflöslich,
-so von frühester Kindheit an miteinander
-verknüpft, daß wir sie nun wohl kaum mehr<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span>
-voneinander trennen werden. Was immer auch
-geschehen mag.</p>
-
-<p>Aber es ist nicht bloß die Erinnerung an wohlvertraute
-Züge, die unserem Denken also lebhaft
-einleuchtet. Schließlich gab es ja noch andere Gesichter,
-mit deren berühmter Gegenwart wir gelebt
-haben. Gesichter, die uns geläufig waren,
-deren Klischee wir fertig in unserem Bewußtsein
-trugen. Gesichter, die in uns vorhanden waren,
-wie Photographien in einem Album. Man braucht
-gar kein langes Gedächtnis zu haben, um sich des
-dunkeln, zierlich wilden Zigeunerkopfes Andrassys
-zu besinnen, oder der behaglich pfiffigen, rotnasigen
-Spießbürgermaske des Grafen Taaffe. Und
-vor kurzem noch war das lachende Beethovenantlitz
-Girardis berühmt, so berühmt, daß es über
-Wien stand wie der Mond, und wie dieser in alle
-Straßen und in alle Fenster schaute. Dann Johann
-Strauß, sein blasses Antlitz mit den tiefstrahlenden
-schwarzen Augen, dieses Antlitz der zum Genie
-gesteigerten Wiener Lebensfreude. Wir haben
-viele Gesichter gehabt, die uns beständig gegenwärtig
-waren, und von denen es schien, als gehörten
-sie einfach mit zum Bestand des Lebens,
-und als sei ohne sie die Welt gar nicht möglich.</p>
-
-<p>Dennoch hat kein anderes Antlitz und keines
-anderen Mannes Wesen so vielfach, so stark und
-so nachhaltig sich in der Menge gespiegelt und
-auf die Menge abgefärbt wie das Antlitz und das
-Wesen des Kaisers. Freilich: weil es der Kaiser<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span>
-war. Das ist natürlich, braucht nicht erst entdeckt,
-noch bewundert zu werden. Auch eine schwache
-Persönlichkeit kann die Menge beeinflussen, wenn
-sie auf so hohem, so weithin sichtbarem Gipfel
-steht, wenn sie auf so vielen tausend Wegen, durch
-so viele tausend Türen und Türchen immerfort
-auf die Menge eindringen kann. Hier aber ist es
-nicht nur der Kaiser gewesen, nicht dieser allein;
-und es machen's auch nicht die sechzig Jahre, obwohl
-sie viel mitgeholfen haben. Hier war es der
-Österreicher. Dieser zumeist. Das echt österreichische
-Antlitz des Kaisers. Sein österreichisches
-Wesen. Seine … Bodenständigkeit, würde
-ich sagen, wenn ich von dieser Eigenschaft so viel
-halten könnte wie andere Leute. Aber lassen wir's
-dabei. So wenig diese Bodenständigkeit in der Kunst
-zur Größe oder zur Komplexheit notwendig, ja
-selbst nützlich ist, so wichtig mag sie bei einem
-Fürsten sein. Also: seine Bodenständigkeit.</p>
-
-<p>Man braucht ja nur bedenken, daß in England
-hannoveranische Prinzen die Krone tragen, daß im
-russischen Reiche Holsteiner Fürsten herrschen,
-daß in Schweden die Enkel des französischen Bernadotte
-Könige sind, in Griechenland ein Dänensproß
-regiert, in Rumänien ein Hohenzoller und
-in Bulgarien ein Koburger. Rein äußerlich mag
-auch der landfremde Monarch durch sein Wesen
-Einfluß üben. Auch der Regent, der in seiner
-Persönlichkeit nicht den Typus des Volkes darstellt,
-auch der wird kopiert. Aber doch nur von<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span>
-liebedienernder Absicht, doch nur von Höflingen,
-die mühselig in der Maske und in den Gebärden
-ihres Herrn posieren. Diese Wirkung streift nur
-die Oberfläche. Unser Kaiser spiegelt sich in den
-Österreichern, wie österreichische Art in seinem
-Wesen sich spiegelt, weil er nicht nur ein Kaiser,
-sondern ein Typus in Österreich ist. Eine Gestalt,
-diesem Lande eingeboren und verwurzelt.</p>
-
-<p>Wir können die Probe drauf machen. Wenn
-einer das Bildnis Eduards anschaut und es zufällig
-nicht weiß, daß es der King von Großbritannien
-ist, niemals würde er darauf verfallen, ihn für einen
-Engländer zu halten. Niemand, der es nicht vorher
-weiß, würde von selbst sagen, Nikolaus sei ein
-Russe, und sein vollkommenes Ebenbild, der Prinz
-von Wales, ein Insularbrite; niemand würde von
-Karol behaupten, das sei ein echter Rumäne, und
-Wilhelm II. würde man, ohne ausdrückliches Wissen,
-eher für einen Engländer ansprechen, genau
-so wie seinen ältesten Sohn, den Kronprinzen von
-Preußen. Aber das Gesicht unseres Kaisers muß
-jeder für ein österreichisches Gesicht erkennen.
-Man denke der Bilder, die den Kaiser in Zivil
-zeigen. Auf diesen Bildern kommt's erst recht heraus:
-das ist weder ein französischer Kavalier noch
-ein englischer, weder ein Sachse noch ein Preuße,
-das kann nur ein Österreicher sein. Nicht wahr?</p>
-
-<p>Immer ist es ein österreichisches, eigentlich ein
-wienerisches Gesicht gewesen. Man betrachte die
-Bildnisse aus einer frühen Zeit, da er, ein achtzehnjähriger<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-Jüngling, den Thron gewann. Und
-man nehme, zum Vergleich, ein Bildnis des ersten
-Kaiser Wilhelm, das ihn als Jüngling zeigt. Auch
-der Sohn der in Preußen vielgeliebten, schönen
-Königin Luise ist ein wunderschöner junger Prinz
-gewesen, wie der Sohn der Erzherzogin Sophie.
-Vielleicht war er sogar schöner noch als dieser.
-Aber das Antlitz des jungen Franz Josef mit den
-heiter schwellenden Lippen, mit den weichen,
-zärtlichen Linien, mit dieser sanften, gleichsam
-musikalischen Anmut, ist das Antlitz eines jungen
-Österreichers. Und das Gesicht des Prinzen Wilhelm
-mit dem schmalen, fest zusammengepreßten
-Mund, mit den streng in sich verhaltenen Zügen
-und dem gewissermaßen sachlichen Ausdruck ist
-das Gesicht eines Norddeutschen. Man könnte
-sagen: jenes ist ein katholisches und dieses ein
-protestantisches Antlitz. Ihrer Volksart typisch
-waren beide, indessen jetzt keine Monarchen mehr
-da sind, weder Eduard noch Georg, noch Ferdinand
-oder Nikolaus, ja auch gewiß nicht Wilhelm II.,
-die ihrer Volksart typische Gestalten wären.</p>
-
-<p>Man erinnere sich noch des Kaisers Franz Josef
-der sechziger, siebziger und ersten achtziger Jahre.
-Wie viele unter uns werden sich dessen noch leicht
-erinnern. Wie war er da mit dem langwehenden,
-blondbraunen, dichten und krausen Backenbart
-österreichisch. Und wie viel Offiziere, wie viel
-Beamte, wie viel Offizielle hat es damals gegeben,
-die den lang wehenden Backenbart trugen? In<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span>
-allen Amtsstuben, auf allen Exerzierplätzen, auf
-allen Promenaden hat man diese Gesichter und
-diese Bärte gesehen. Und manchmal war die Ähnlichkeit
-täuschend genug.</p>
-
-<p>Das sind freilich nur oberflächliche Dinge. Ein
-wenig tiefer aber liegt es schon, daß die Männer
-in Österreich auch des Kaisers Manieren sachte
-angenommen haben. Nicht nur die Höflinge, die
-das Vorbild immer mit Augen sehen und ihrem
-ganzen Charakter nach so gern erlauchtem Beispiel
-sich anschmiegen. Nicht nur die Offiziere,
-die, enger dem Kaiser verbunden, gewiß schärfer
-aufpassen, wie er seinen Rock trägt. Nicht nur die
-Beamten und alle die anderen vom offiziellen
-Dienst, sondern jeder, der vom Bürgertum irgendwie
-nach Formen, nach repräsentierender Geschicklichkeit
-strebt, nach einer Manier, sich im
-Verkehr menschlich zu geben und menschlich zu
-behaupten, jeder hat die Spur dieses Einflusses an
-sich, jeder ist in der Farbe des Kaisers irgendwie
-gefärbt.</p>
-
-<p>Wenn man die leicht geneigte Haltung des
-Kopfes, diesen unauffällig federnden, sorglosen und
-anmutigen Gang, dieses Sich-schmal-machen für
-österreichisch hält, dieses mit angedrücktem Oberarm,
-aus dem Ellbogen vollführte, runde Agieren,
-diesen um und um mit Freundlichkeit gepolsterten
-Stolz, diese verbindliche Kunst, lächelnd zu distanzieren,
-wenn man dies alles für österreichisch hält
-und dann erst den Kaiser beobachtet, merkt man<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span>
-erst, wie österreichisch Franz Josef ist, aber auch
-wie Franz-Josef-mäßig die Österreicher geworden
-sind. Man merkt, daß es eigentlich sein persönliches
-Wesen ausmacht, davon man die Spuren und
-Farben bei den anderen vereinzelt getroffen, vereinzelt
-und wie etwas Angenommenes, wie ein unwillkürlich
-Angewohntes. Sein Wesen ist dieser
-anmutige Paßgang, mit der Natürlichkeit der abfallenden
-Schultern, mit der leicht geneigten Haltung
-des Kopfes, das Agieren in runden, aus dem
-Ellbogen spielenden Gebärden mit angedrückten
-Oberarmen. Sein Wesen, diese ganze unauffällige,
-diskrete, sorglose und ihrer selbst unendlich sichere
-Eleganz.</p>
-
-<p>Nachahmung allein kann das nicht zuwege
-bringen. Auch greift Nachahmung allein nicht so
-weit um sich, dringt nicht so ins Breite und Tiefe,
-sickert nicht so unaufhaltsam durch alle Schichtungen
-der Stände. Wenn sie den Kaiser nur nachahmen
-würden, wäre dies alles gezwungener und
-leichter kenntlich. Man merkt ja sonst überall, wo
-ein Mensch einen anderen bewußt kopiert, den
-kleinen Zwischenraum, der zwischen seiner eigenen
-und der angenommenen Art klafft. Man merkt
-den feinen Striemen, den die vorgebundene Maske
-in das wirkliche Antlitz gräbt. Hier aber ist kein
-Zwischenraum, der eine kopierte Art vom wahren
-Wesen trennt. Wie der Kaiser sich gibt, wie er
-geht und spricht, wie er den Kopf hält und wie
-er schaut, dies alles ist Ausdruck des österreichischen<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span>
-Wesens. Eine tiefe Verwandtschaft des
-Blutes und der Rasse bindet den Österreicher an
-den Kaiser und den Kaiser an den Österreicher,
-an den niederösterreichischen, an den wienerischen,
-um es genauer zu sagen.</p>
-
-<p>Und es sind nicht die äußeren Züge bloß, die
-jene Gemeinsamkeit erleichtern, nicht die äußeren
-Manieren, die es ermöglicht haben, daß des Kaisers
-Art so viel abfärbende Wirkung, so viel angleichenden
-Einfluß übt. Wie vieles an ihm ist österreichisch,
-was erörtert werden kann, und wie vieles ist
-es, wovon wir heute nicht erst zu sprechen brauchen.
-Österreichisch ist sein Hang zum Unauffälligen,
-sein kultivierter Geschmack, der allem
-Gellenden, allem Schmetternden, allem Unterstrichenen
-und überlaut Betonten abhold ist.
-Österreichisch, wie seine Haltung, die nicht bolzengerade,
-nicht »stramm« mit aufgeworfenem
-Kopf soldatischen Geist zu markieren strebt, ist
-seine Diskretion, die vor allem Theatralischen, vor
-allem Exaltierten als vor etwas Unmöglichem scheu
-zurückweicht. Österreichisch ist dieses subtile
-Taktgefühl, das in Befangenheit gerät, wenn es
-repräsentierend obenan stehen soll, dieses Taktgefühl,
-das eher schüchtern wird, als daß es vermöchte,
-aufzutrumpfen. Österreichisch ist diese
-Art der gleichmäßigen, lautlosen Arbeit, dieses
-treue Hängen an ein paar Gewohnheiten, an ein
-paar liebgewordenen Erdenplätzen. (Wien&ndash;Ischl&ndash;Ischl&ndash;Wien.)
-Und dieses zuverlässige Zufindensein<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span>
-in den alten Gewohnheiten und in den alten
-Wohnungen ist österreichisch. Österreichisch ist
-auch diese Kultur der Seele, die es vermag, daß man
-die schwersten Dinge mitmacht, durchmacht, und
-der Welt doch immer ein lächelndes Antlitz zeigt.
-Und dieses Ablehnen allzu laut rauschender Lorbeern,
-dies Abwinken allzu schreiender Lobredner,
-dieses stille Beiseitegehen, dies Einsamkeitsleben
-ist österreichisch.</p>
-
-<p>Wir sehen dieses Antlitz jetzt überall, wohin wir
-uns wenden; wohin wir uns wenden, sehen wir
-jetzt die Initialen dieses Namens, das F. J. I.,
-sehen die Jahreszahlen 1848&ndash;1908. Wie ein großer,
-von einem einzigen Ornament durchwirkter Stoff
-ist die Stadt Wien jetzt durchwirkt von diesem
-Antlitz, von diesen Initialen und von diesen Doppelziffern.
-Und durchwirkt ist dieses ganze engere
-Österreich, die Stadt und das Land von dem Antlitz
-des Kaisers, von seiner Art, von seinem Wesen,
-von den Initialen seines Charakters. Daß er hier
-wurzelt, hier heimisch ist, daß diese Erde ihn trug
-und reifte, daß er die Frucht dieses Bodens wurde,
-den feinsten und geschlossensten Auszug aller
-Kräfte dieser Scholle darstellt, daß er ein Typus
-seines Volkes ist, hat diese tiefe Harmonie zwischen
-ihm und seinem Volk sechzig Jahre währen lassen.
-Kaiser Franz ist aus Toskana erst nach Wien und
-in die Erblande gekommen, hat die italienische
-Art, die ihm in den Adern lag, erst vergessen, hat
-sich hier erst akklimatisieren und assimilieren<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-müssen, ehe ihn die Wiener &ndash; nach vielen Jahren
-&ndash; ihren »Franzl« nannten. Franz Josef ist in
-Schönbrunn geboren. Sohn einer bayrischen Prinzessin
-und eines österreichischen Erzherzogs, der
-als ein Typus altwienerischer Gestalten, als eine
-Kriehuber-Figur gelten darf. Die Wiener, die vornehmen
-wenigstens, diejenigen, die das Wienertum
-Schuberts, Lanners und der Strauß-Walzer
-repräsentieren, die waren wie er. Deshalb wurden
-sie wie er. Deshalb sahen ihm seinerzeit die Jünglinge
-ähnlich, dann die Männer, und deshalb sehen
-ihm jetzt die Greise ähnlich, die mit ihm und
-seiner Epoche gealtert sind. Diese Epoche trägt
-seine Züge, wie den Münzen sein Antlitz eingeprägt
-ist.</p>
-
-<p>Die Zeit aber rollt unaufhaltsam dahin. Und
-wahrscheinlich gibt es heute schon einen anderen,
-einen neuösterreichischen Typus. Wir kennen ihn
-noch nicht, wollen heute auch nicht vermuten,
-noch darüber nachsinnen, wie er wohl sein wird.
-Aber wir dürfen zufrieden sein, wenn er uns mit
-diesem sanften Lächeln anschaut, das man bis in
-späte Tage noch das Lächeln Franz Josefs nennen
-wird.</p>
-
-<p class="center">
-<em class="gesperrt">Ende</em>
-</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 172: allzuviele → allzuvielen<br />
-ohne <a href="#corr172">allzuvielen</a> Menschen zu begegnen</p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Das österreichische Antlitz, by Felix Salten
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ÖSTERREICHISCHE ANTLITZ ***
-
-***** This file should be named 53713-h.htm or 53713-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/3/7/1/53713/
-
-Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive/Canadian Libraries)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/53713-h/images/cover.jpg b/old/53713-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index 7db4594..0000000
--- a/old/53713-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53713-h/images/signet.png b/old/53713-h/images/signet.png
deleted file mode 100644
index 07ed44f..0000000
--- a/old/53713-h/images/signet.png
+++ /dev/null
Binary files differ