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- The Project Gutenberg eBook of Jockele und die Mädchen, by Max Geißler.
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Jockele und die Mädchen, by Max Geißler
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Jockele und die Mädchen
- Roman aus dem heutigen Weimar
-
-Author: Max Geißler
-
-Release Date: December 4, 2016 [EBook #53661]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOCKELE UND DIE MÄDCHEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">
-Ullstein-Bücher</p>
-<p class="center">
-Eine Sammlung<br />
-zeitgenössischer Romane</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-<hr class="tb" />
-<p class="center">
-Ullstein &amp; Co / Berlin und Wien</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Jockele und die Mädchen</h1>
-<p class="center">
-Roman aus dem heutigen Weimar von</p>
-<p class="h2">
-Max Geißler</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
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-<p class="center">
-Ullstein &amp; Co / Berlin und Wien</p>
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-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">
-Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten.<br />
-Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein &amp; Co, Berlin.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Als wäre diese Geschichte nicht wahr &ndash; so wunderlich
-angetan mit allem Zierate der Romantik schreitet sie
-heraus aus dem grünen thüringischen Waldleben! Mit
-Zigeunern, die sich die Häuser aus bunten Lappen und
-Fichtenreisern erbauen und durch den Bergwald fliegen
-wie die Distelfinken, denen der Herrgott am letzten
-Schöpfungstage die Reste seiner Farbeschalen aufgetupft
-hat. Und mit einem alten Mädchen, das in besinnlicher
-Güte und Einsamkeit dem Herzschlag des Thüringer
-Waldes lauschte &ndash; auf einmal fiel der Veronika Sinsheimer
-ein Kind in die Hände, als sie schon daran dachte,
-wem sie das kleine Haus vermachen solle, wenn eines
-Tages der Mann im weißen Mantel über das Gebirge
-schritt, der die blauen Mohnkörner des ewigen Schlafes
-auswirft.</p>
-</div>
-
-<p>Das mit dem Kinde geschah ganz früh am Jakobustage
-&ndash; zu Sommeranfang, wenn die Drosseln das Silber
-ihrer Lieder über den Wald werfen wie die jungen
-Mütter des Christkindleins Haar um die Weihnachtstanne.</p>
-
-<p>Die Häuslein sind um den Fuß der Vorberge gesäet
-wie die Weizenkörner; ein paar sind emporgeweht an die<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-Hänge, und der Bergwald legt seine grünen Arme darum.
-Zuhöchst steht das des Fräuleins Veronika Sinsheimer &ndash;
-von weitem anzuschauen als ein Wildrosenbusch im Mai;
-denn es hatte frühlingsgrüne Mauern und ein hellrotes
-Ziegeldach, darin zwei blanke Augen, just wie das alte
-Fräulein selber.</p>
-
-<p>An den Fenstern waren weiße Vorhänge, feuerrote
-Geranien und Glockenstöcke; die standen auch während
-des Bergwinters in lachendem Blühen. Kein Wunder,
-denn das Fräulein in dem Frühlingshause wandelte in
-einem freundlichen Spätlichte des Lebens, so warm und
-hell, daß die grämlichen Nebel der Altjüngferlichkeit sich
-darin niederschlugen als ein Tau in den Sommermorgen.</p>
-
-<p>Die Leute von Ibenheim gingen gern bei ihr ein und
-aus; denn sie sprach eine feine thüringfremde Sprache.
-Die hatte sie mit aus der norddeutschen Heimat gebracht
-und schoß das »s« von dem feinen Bogen ihres Mundes wie
-einen Pfeil. Die zu ihr kamen, banden sich daheim eine
-saubere Schürze vor und strichen sich die Schuhe vor der
-Schwelle des Hauses ab, oder sie ließen die Pantoffel
-draußen stehen; denn um das Fräulein Veronika war
-alles blank.</p>
-
-<p>Die lebte das Leben des späten Mädchens in Freude
-und erzählte keinem Menschen, daß sie hundertmal Gelegenheit
-gehabt hätte, einen Mann zu nehmen, oder daß
-gar einer wegen seiner Liebe zu ihr ins Wasser gegangen
-sei, sondern sie sagte: es wäre halt keiner gekommen, sie
-lieb zu haben, darüber wäre sie stehengeblieben. Und ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-Augen lachten das leise Lachen der Freude über diese
-Rede, weil sie dennoch mit dem Leben fertig geworden
-war.</p>
-
-<p>Dies stille Leben lag vor den Augen all der Leute von
-Ibenheim, und doch war die feine kleine Person des alten
-Fräuleins für sie voller Geheimnisse. Aus jedem Stücke
-des Hausrats schaute eine ferne liebe Zeit, wie sie in den
-Erkerstuben alter Burgen eingefangen ist, die vordem
-einmal Kemenaten junger Frauen gewesen sind. Ahnungsreich
-lag der Duft von Lavendel um alle Körbchen und
-Decken, um Kissen und Polster, und Fräulein Veronika
-Sinsheimers reinliches Wesen trippelte zwischen diesen
-Dingen umher, und das Leben hatte kein Stäubchen auf
-sie geworfen.</p>
-
-<p>Die Menschen sahen sich an ihr die Augen voll Sonntag.
-Und an dem Zinzilein, dem kleinen Mädel des Holzhauers,
-das an jedem Tag in das Frühlingshaus kam, war
-all der Sonntag hängengeblieben: es schoß das spitze »s«
-aus seinem Mündlein wie sie; seine kleine Zunge schwang
-in diesem Mündlein als gegen eine silberne Glocke, und
-wenn das Zinzilein aus der Hütte des Holzhauers über
-den Weg lief, ward der Waldsaum hell &ndash; in Kindern
-leuchtet das Scheinen der anderen Welt, aus der sie gekommen
-sind, rasch wieder auf.</p>
-
-<p>Das Zinzilein blühte seinen fünfjährigen Frühling so
-in das Leben der alten Dame hinein und schüttete seine
-klingenden Fragen über sie, als es anfing, an dem Dasein
-herumzuraten: »Warum kann ich nicht in Deinem Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-schlafen, liebe Tante Veronika? Und warum sage ich zu
-Dir Tante und nicht Mutter? Warum bist Du nicht meine
-Mutter? Und was ist für ein Unterschied zwischen einer
-Tante und einer Mutter? Wenn ich groß bin &ndash; kann
-ich dann immer bei Dir sein, liebe Tante Veronika? Und
-warum ist es bei Dir so schön, so schön?«</p>
-
-<p>Darüber kamen sie dann beide ins Raten; und wie
-eine Blume wandte sich diese junge Menschenblüte der
-Sonne zu, in der Fräulein Veronika stand. Den Namen
-Zinzilein hatte die Kleine für sich gemacht &ndash; er war aus
-der Zeit, da die Worte in dem jungen Munde noch
-manchmal durcheinanderpurzelten, aus Kreszenzia und
-Sinsheimer entstanden. Und weil es ein so wunderlicher
-Zusammenklang war, blieb er an dem Kinde hängen: als
-das ›Zinzilein‹ ist die Kreszenzia Laufer durch ihr Leben
-geschritten.</p>
-
-<p>Aus dem unbewußten Blumendasein des ganz kleinen
-Holzhauermädels wurde gemach ein Menschenleben; und
-in seligem Erschauern ließ Fräulein Veronika das Glück
-dieses sachten Blühens in die Waldstille ihrer Tage rieseln
-und fühlte, wie es an ihrem vereinsamten Herzen zum
-Wunder ward.</p>
-
-<p>Die Eltern des Zinzilein gingen zu Walde roden und
-aufforsten, und wenn der Schneewind über die Berge
-brauste, saßen sie bei der Heimarbeit, die in dieser Gegend
-Brauch ist: sie machten Puppen. Außer dem Zinzilein
-hatten sie kein Kind; und dies eine ward ihnen fremder
-mit jedem Tag. Es dachte anders und redete anders als<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-Vater und Mutter. Und wenn das Zinzilein des Abends
-heimkam und aus seinem Frühlingsherzen heraus über
-sie schüttete, was das alte Fräulein am Tage hineingelegt
-hatte, merkten sie, daß das Kleine ein Gast in ihrer Waldhütte
-geworden war. Dann gaben sie sich Mühe, so fein
-mit ihm zu sprechen, wie es selber sprach, und standen vor
-ihm in feierlicher fremder Freude wie vor einer Tulpe,
-die ihnen auf den Geburtstagstisch gestellt worden. Wenn
-das Zinzilein nebenan in seinem Bette lag, holte die
-Mutter jedes Stück herzu, das es auf seinem Körperlein
-getragen, ließ ihre harte Hand darübergleiten und drückte
-es gegen die Wangen, zu fühlen, wie sanft es sei. Oder
-sie hielt das Kräuschen aus alten Spitzen gegen das Licht
-der Lampe, den feinen Lauf der Fäden zu sehen; denn
-Fräulein Veronika sorgte für alles &ndash; auch dafür, daß sich
-das Kinderherz den Eltern nicht völlig abwende. Und das
-war sehr schwer.</p>
-
-<p>Sie badete es an jedem Tage des Sommern in einem
-klaren Bergquell, der aus dem schwarzen Wurzelgrunde
-heraus sich in ein Sonnenbett legte und das Glück des
-Himmels und Lichts in sich trank, ehe er als fußbreites
-Wasser in die Welt lief. Sie lehrte das Kind, diese Welt
-durch ihre klugen, reinen Augen zu sehen, und schloß ihm
-auf jedem Gang in den Frühling ein Wunder der
-Erde auf.</p>
-
-<p>Es schien, als wäre die unerforschliche Macht, die die
-Menschen Schicksal nennen, zu der späten Erkenntnis gelangt,
-daß diesem Fräulein Veronika das herrlichste<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-Mutterherz geschenkt worden, das sich denken ließe &ndash; da
-legte es ihr das kleine fremde Mädel in die Arme; denn
-das Kleinod dieses Frauenherzens, das kein Mann gefunden
-hatte, durfte nicht in Vereinsamung verloren
-gehen. Und dies Schicksal erkannte auch, daß dies Frauenherz
-unerschöpflich sei an hingebender Liebe und Klugheit
-… am frühen Morgen des Jakobustages, als das
-Fräulein Veronika sein Spitzenhäubchen auf die ergrauenden
-Haare gesetzt hatte und gleich einmal nach dem
-Zinzilein ausschauen wollte, ob es schon am Waldrand
-herüberschreite … »Na,« sagte Fräulein Sinsheimer,
-»wer hat mir denn da etwas auf die Haustürschwelle
-gelegt?«</p>
-
-<p>Sie beugte sich ein wenig nieder und machte die Augen
-weit. Es war ein Bündel aus grauem Wolltuch. Sie
-rührte ein wenig mit ihrem weichen Morgenschuh daran.
-Da wackelte etwas unter dem Tuche. Und sie tastete mit
-ihren Fingern darüber. Da kneckerte ein Lebendiges in
-dem Bündel &ndash; »Na!«</p>
-
-<p>Es war aber weder ein junger Hund noch eine junge
-Katze darin, sondern ein leibhaftiges Menschlein, in Dinge
-gewickelt, die große Armut als Windeln ansehen konnte.
-Und daneben kniete das gütige alte Mädchen und wußte
-nicht, was es mit sich selber anfangen sollte.</p>
-
-<p>Da kam ein wunderliches verzweifelte Lachen über
-sie. Sie trippelte durch die Stuben und durch die Küche,
-und ihre besonnenen Hände begannen umherzugreifen, als
-könnten sie einen der vielen flatternden Gedanken erhaschen.<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-Sie legte die Hände vor den Mund, als müsse
-sie dies hilflose Lachen ersticken, das gar keinen Platz hatte
-in diesem seltsamsten Augenblick ihres Lebens&nbsp;…</p>
-
-<p>»Na, na, und gar ein Bübchen!« schrie sie aus ihrem
-gepreßten Herzen heraus. Aber dieser Ruf war schon
-Glück; denn er brach aus ihr hervor wie die Sonne aus
-dem verstürmten Märzhimmel.</p>
-
-<p>Dann lief sie und nahm das große Bündel auf ihre
-Arme und trug es in die Küche und aus der Küche in das
-Zimmer und aus dem Zimmer zu ihrem Bette und legte
-es darauf. Und alle Türen standen offen, da lief ein
-goldener Morgenwind ins Haus und lief um sie her, und
-sie legte in ihrer freudigen Not eine Serviette dreieckig zusammen
-und das braune Bübchen darauf und deckte es mit
-ihrem weichen Deckbett zu bis an die Nase.</p>
-
-<p>Zu all dem sagte der Junge gar nichts; als Zeichen
-seines lebendigen Unverständnisse wackelte er einmal mit
-den Lippen eine saugende Bewegung, beschied sich aber,
-ballte die Fäustlein, legte sie an seine Wangen und schlief
-sich tief in die wohlige Wärme dieses Bettes und neuen
-Lebens hinein wie ein Maulwurf.</p>
-
-<p>Als das kleine braune schlafende Ding mit dem
-glänzenden Fellchen auf dem Kopfe nicht mehr in den
-Lumpen war, faßte Fräulein Veronika die Hülle mit sehr
-spitzen Fingern an und legte sie auf ein Zeitungspapier …
-da klapperte etwas auf den Fußboden. Es war ein
-silberner Ohrreif, der der Mutter über der Hast und dem
-Schmerze des Scheidens entfallen sein mochte; oder eine<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-der kleinen Hände hatte über dem letzten Kusse stürmischer
-Liebe nach einem Halt gesucht; oder die große
-Herzensnot der Frau hatte dem Kinde das einzige Besitztum
-mitgegeben, dem sie noch einen geringen Geldeswert
-beimaß.</p>
-
-<p>Das Fräulein verwahrte den Ring in einer Glasschale
-auf der Etagere; aber die Hüllen trug sie in dem Papier
-hinaus und legte sie rechts neben die Schwelle.</p>
-
-<p>Da kam das Zinzilein, wie der Frühling, der über die
-Berge steigt &ndash; der Morgenwind nahm es an der Hausecke
-gleich ein bißchen beim Kopfe; aber das Mädel stellte ihn
-darüber zur Rede: »Was fällt Dir denn ein? Du verstruwelst
-mir ja ganz meine Haare!« und schubste mit
-seinen kleinen Händen vor sich in die wehende Bergluft.</p>
-
-<p>Fräulein Veronika führte das Zinzilein gleich an das
-Bett, und weil sie auf den Zehen ging und die Augen
-voller Geheimnis hatte, mußte etwas ganz Wunderbares
-in diesem Bette sein.</p>
-
-<p>Da sah das Zinzilein das blauschwarze Fellchen und
-sah die kleinen Läden, die über die Augen herabgelassen
-waren … aber das Wundern dauerte nur einen Augenblick,
-dann krümmte sich das Zinzilein in leisem, über die
-Maßen lustigem Lachen, und damit es nicht laut werde,
-klemmte es die Hände zwischen die Knie und lachte in
-einem fort. Dann warf es seine Arme stürmisch um
-Veronika.</p>
-
-<p>»Das ist aber eine feine Geschichte!« sagte es. »Ich
-werde jetzt gleich laufen und meinen Puppenwagen holen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p>
-
-<p>»Nein,« sagte das Fräulein, »der ist viel zu klein.«</p>
-
-<p>Und sie gingen miteinander in die Küche, wo das
-Wasser zum Morgenkaffee noch immer wallend gegen die
-Stürze des Topfes stieß, und ließen die Tür ein wenig
-offen.</p>
-
-<p>»Weißt Du,« sagte das Zinzilein und redete ganz leise,
-»ich werde mich so lange an das Bett setzen, bis er aufwacht!
-… Ob man ihm nicht einmal die Augen ein wenig
-aufklappen könnte?«</p>
-
-<p>»Ach lieber gar,« sagte Tante Veronika. »Zuerst gehst
-Du einmal zum Gemeindevorsteher und sagst zu ihm:
-Sie möchten, bitte, gleich einmal zu Fräulein Sinsheimer
-kommen &ndash; es ist eine sehr wichtige Sache.«</p>
-
-<p>Das Zinzilein mußte diese Worte dreimal wiederholen,
-lief damit einen Steinwurf weit den Berg hinab zum
-dritten Hause und sah den Vorsteher in seinem Garten.
-Da hielt es sich an einem Zaunstänglein fest und schrie:
-»Die Tante Veronika hat ein Kind gekriegt &ndash; es hat
-einen schwarzen Kopf, und Du sollst schnell kommen. Es
-ist eine großartige Sache!«</p>
-
-<p>Herr Peter Squenz wußte, daß das Zinzilein ein
-unterhaltsames kleines Mädchen war, aber diese Botschaft
-schien ihm im höchsten Grade sonderbar. Er trat zu dem
-Kind an den Zaun, und weil er lachte, kam die Kleine ein
-bißchen aus dem Gleichgewicht. Da sah er, daß das Gesicht
-verängstigt war; denn das Zinzilein merkte, daß es die
-Worte der Tante über der Wichtigkeit des Augenblicks ganz
-vergessen hatte, aber es verließ sich auf sich selber und<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-drängte: »Komm nur! Ein wirkliches richtiges Kind hat
-sie, liegt im Bette und hat die Augen ganz fest zu.«</p>
-
-<p>Da dachte Herr Squenz, dem Fräulein Sinsheimer
-müsse etwas zugestoßen sein, warf sich schnell den Rock
-über und ging mit dem Zinzilein. Das redete immerfort
-von dem Kinde und seinem Sammetfellchen, und brauchte
-altkluge Worte, die wunderlich in dem kleinen Munde
-standen, aber als Herr Peter Squenz das Fräulein in der
-Haustür stehen sah, geriet seine lustige Neugier in abgrundtiefe
-Verwirrung.</p>
-
-<p>Da mußte Fräulein Sinsheimer einspringen und ihn
-auf den rechten Weg führen. Die Sache war anders, aber
-sie war nicht weniger wunderlich; denn von dem kleinen
-Trupp Zigeuner, der in der Mondnacht durch den Bergwald
-gezogen war, hatte niemand etwas gesehen. Und
-weil das Fräulein Veronika auch erkläre, sie wolle für
-das Kind sorgen, wenn sich die Mutter nicht fände, und
-es solle der Gemeinde nicht zur Last fallen, so hatte Herr
-Peter Squenz weiter nichts zu tun, als den Vorfall mit
-dem Protokoll und der Unterschrift der Pflegemutter an
-seine Behörde zu berichten. In den umliegenden Dörfern
-und Städten blieben die Nachforschungen erfolglos. Die
-blanken Reden, die ins Ländchen liefen, versickerten, und
-es versickerte der Eifer der Behörden. So hatte Fräulein
-Veronika Sinsheimer zu dem blonden Zinzilein einen
-kleinen schwarzen Jakobus bekommen, den ihr recht gerne
-kein Mensch streitig machte. Diesen Namen hatte sie ihm
-gegeben nach dem Tage, an dem er gefunden worden.<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-Etliche meinten zwar, er müsse Moses heißen: denn ob
-er aus dem Wasser oder aus dem Walde gezogen sei,
-wäre nicht so wichtig. Das Fräulein mochte davon nichts
-wissen.</p>
-
-<p>Es blieb aber auch nicht bei dem Jakobus, denn das
-Zinzilein machte einen Jockele daraus und war mit seinem
-hellen ahnungsvollen Herzen um ihn und lebte sich in
-seiner Freude an ihm in ein sorgendes leuchtendes Glück;
-und die Tante Veronika lebte sich darüber hinein in die
-leuchtende Ewigkeit.</p>
-
-<p>Natürlich hatte es Tante Veronika damit nicht eilig;
-denn Festungen, die ihm so sicher sind wie das Grab, pflegt
-ein weltfrohes Menschenherz nicht im Sturm zu erobern.</p>
-
-<p>Es war nun doch ein großer Wandel der Dinge im
-Leben der alten Dame eingetreten: mit seinem kleinen
-Fäustchen warf das am Waldrand aufgelesene Büblein
-das stille Gleichmaß des blumenhaften Daseins einfach
-über den Haufen. Die rote Knospe seines Mundes faltete
-sich erst so leis auseinander, da herrschte er schon als König
-in seinem Reiche. Die blauen Wunder seiner Augen, in
-denen noch kaum etwas anderes war als die rätsellose
-Unbewußtheit des Himmels, machten das Wetter im
-Frühlingshause. Und weil er gewöhnlich nach Tante
-Veronika rief &ndash; mit Lauten, die ebensogut von einem
-Maikätzlein hervorgebracht werden konnten &ndash; wenn diese
-gerade in der Küche zu tun hatte, so mußte ein Mädchen
-ins Haus. Es waren da überhaupt hundert Dinge um
-seine kleine Majestät zu verrichten, deren viele recht<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-unköniglich aussahen und die am besten einer dienenden
-Person überlassen wurden; denn zur Betätigung der
-unerschöpflichen Liebe blieb auch ohne jene Pflichterfüllung
-Gelegenheit genug.</p>
-
-<p>So war das Haus am Bergrand vollgeworden zum
-Ueberlaufen, und die Tage begannen darin zu rennen wie
-die Windrädchen. Aber sie waren auch lustig wie diese,
-und es dauerte gar nicht lange, so hatte das Fräulein
-Sinsheimer wieder alles in seinen feinen weißen Händen,
-und die kleinen Sonnen, die sie sich an den Späthimmel
-des Lebens gestellt hatte, richteten ihren Gang nach dem
-großen Licht ihres Herzens.</p>
-
-<p>Darüber lernte das Bübchen seine Freude in die Welt
-jubeln, und das Zinzilein fand sich in ahnungsvoller Hingabe
-in die seltsame Rolle, die es diesem Jungen gegenüber
-zu spielen berufen war. Es ward ihm Schwester und
-Mütterchen; es herrschte und gehorchte; es ward Pol und
-Kompaß, Saat und Sonne für das kleine Herz und schlang
-von einem zum anderen das Kettlein einer Liebe, das
-köstlicher war als Gold.</p>
-
-<p>Weil es dem eigenwilligen Wunsche Jockeles entsprach,
-zog das Zinzilein in diesem Sommer ganz in das Frühlingshaus.
-Der Junge, dem Tante Veronika nachdrücklich
-klar gemacht hatte, daß es ein Gesetz des Wohlbefinden
-sei, die Nacht zum Schlafen zu benutzen, fand sich darein
-als in eine unverletzliche Pflicht. Und das Zinzilein war
-zu der Erkenntnis gelangt, daß man einem kleinen Menschen
-die Augendeckel nicht aufklappen dürfe, wenn sie<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-heruntergelassen werden, und daß man so feine Härchen
-nicht stundenlang mit den scharfen Zähnen eines Staubkammes
-bearbeite. Dabei hatte sie Tante Veronika einmal
-ertappt, als es schon ganz rot unter dem Sammetfellchen
-hervorleuchtete. Man durfte einen Jungen auch nicht an
-einem Beine herumschlenkern wie eine Puppe. Es war
-überhaupt eine viel künstlichere Sache mit einem richtigen
-kleinen Menschen, und weit unterhaltsamer; denn der
-Jockele, als er sitzen konnte, bemühte sich nicht nur, dem
-»großen« und sehr klugen Zinzilein alles nachzutun, sondern
-er erfand auch eine Sprache, die das Zinzilein besser
-verstand als alle anderen.</p>
-
-<p>Daß es nicht in dieser Sprache mit ihm reden durfte,
-war verdrießlich. Aber die Tante war gewöhnt, daß man
-Ordre pariere, und so mußte das Zinzilein in seiner klaren
-und reinen Sprache schon mit dem ganz kleinen Jockele
-verkehren. Und merkwürdig &ndash; die Tante war in dieser
-Sache zu keinem Entgegenkommen zu bewegen … die
-gütige, allerliebste Frau, die es gab! Und sie ließ sich nicht
-einmal auf Erklärungen ein.</p>
-
-<p>Darüber geriet das Herz Zinzileins beinahe in Not,
-und das Mädchen Mali wurde von ihm zu Rate gezogen.
-Es fand sich in dem wunderlichen Willen der Tante
-Veronika aber auch nicht zurecht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Kinder schliefen droben in der Giebelstube, und
-das Zinzilein hatte sich von der Sorge um die Nächte ein
-für allemal frei gemacht mit der Frage: »Wenn der Jockele
-kneckert, soll ich dann aufwachen?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p>
-
-<p>»Nein,« hatte die Tante gesagt und behauptet, sie schliefe
-so leise, daß sie die Träume der Kinder kommen und gehen
-höre.</p>
-
-<p>Von nun an änderte sich durch eine lange Reihe von
-Jahren nichts mehr; denn das Glück bleibt gern zu Gast
-in einem Haus, in dem man zufrieden mit ihm ist. Nur
-weil die Menschen immer an ihm herumnörgeln, ist es
-so scheu geworden, und es muß einer in dieser Zeit oft
-meilenweit wandern, um es einmal über den Weg laufen
-zu sehen.</p>
-
-<p>Seit das Zinzilein im Haus am Walde wohnte, hatten
-sich auch die Holzhauerleute mit dem Dasein des kleinen
-Jakobus abzufinden versucht, denn denen war der Junge
-wie ein Meteorstein in die Suppe gefallen. Armut ist
-immer eigensüchtig und wird darüber noch ärmer.</p>
-
-<p>Einmal erschien die Mutter des Zinzilein bei dem
-Fräulein Veronika. Sie hatte sich zu dem Gange äußerlich
-zurecht gemacht wie ein Dorfsonntag und gab sich redlich
-Mühe, frohmütig zu erscheinen. Aber was sie sagte, kam
-aus einem angesäuerten Herzen; denn der Puppenmacherin
-Barbara Laufer wollte just der schönste Pott ihrer Hoffnung
-in Scherben gehen und klirrte vernehmbar in ihre
-Rede: das Zinzilein würde nun wohl übrig werden …
-Und von dem kleinen Mädel sprang sie gleich mittenhinein
-in ihre saure Weltanschauung, vor der die Milch auf dem
-Teetische zusammenrinnen konnte.</p>
-
-<p>Aber Tante Veronika wußte derartigen Ausfällen zu
-begegnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p>
-
-<p>Was sie sich an Lebensglück und an Freude zurechtgerichtet
-hatte, stand mit einer etwas spitzen Ueberlegenheit
-gegen die Menschen, und es hätte wie Feindseligkeit ausgesehen,
-wenn Veronika eine Unterhaltung über derlei
-Dinge jemals eingegangen wäre; denn die Lebensauffassung
-dieser Menschen baut sich auf die Weisheit:
-Wir können anfangen, was wir wollen &ndash; wir haben kein
-Glück und sind an die Schattenseite des Daseins gesetzt. &ndash;
-Fräulein Sinsheimer aber sagte: Jeder Mensch hat vom
-Glücke genau so viel, als er sich erzwingt. Und in ihrem
-Munde lag das unausgesprochene Wort: »Sie haben alle
-nicht das Geschick, glücklich zu sein!«</p>
-
-<p>Und damit hatte das Fräulein recht. Die leuchtende
-Weisheit der wenigen Stillen im Lande war auch die ihre
-geworden; denn zuletzt sind es doch nur diese Stillen, die
-in allen Stücken mit dem Leben fertig werden. Aber sie
-wußte auch: es würden alle an ihr herumnagen wegen
-dieser Erkenntnis, sobald sie einmal ihre Zunge davonlaufen
-ließ, und man würde sie als eine verrückte alte
-Jungfer ausrufen.</p>
-
-<p>Sie hütete sich, die Menschen zu bessern und zu bekehren,
-damit ihr nicht die eigene Sonne über diesem
-müßigen Beginnen auslösche. Sie ließ sich tausendmal
-sagen: »Ja, ja, das Fräulein Sinsheimer hat das Große
-Los des Lebens gewonnen!« Aber sie verriet keinem,
-wie töricht diese Rede sei, und daß sie selbst auf ein
-in Tränen ertrunkenes Dasein zurückschauen würde, wenn
-sie ihren vereinsamten Jahren nicht eine Fülle von Licht<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-mit aller Weisheit und Zähigkeit ihres Herzens abgerungen
-hätte.</p>
-
-<p>An einem Sonntagnachmittag um die Teestunde brach
-die Barbara Laufer in das Frühlingshaus. Sie ließ aus
-ihren ungeschickten Worten heraus merken, daß der Eindringling
-Jakobus dem Zinzilein leicht ein Glück streitig
-mache. Dies Glück hatten sie in dem Holzhauerhause schon
-mit heimlicher Freude gehätschelt.</p>
-
-<p>Ueber allem rückte das Fräulein seinen Stuhl mit Entschiedenheit
-in die Sonne, faßte das flache altmeißener
-Schälchen mit drei spitzen Fingern und schlürfte ihren Tee
-mit jener süßen Behaglichkeit, gegen die keine Säuernis
-verknitterter Herzen ankommen konnte. Sie wäre gewöhnt,
-ihr Haus und ihr Leben selber zu bestellen, sagte
-sie, und fand dafür so feine und blanke Worte, daß die
-Frau Barbara in ganz demütiger Dankbarkeit zuhörte und
-mit der Erkenntnis davonging, sie wäre nahe daran gewesen,
-eine fürchterliche Dummheit zu machen.</p>
-
-<p>Als ihr Mann sie vom Waldsaume her gegen das Haus
-kommen sah, schritt sie voll unverrichteter Dinge ihres
-Wegs.</p>
-
-<p>Er fragte an ihr herum, ob sie denn nicht von Leben
-und Sterben geredet habe? Es könne doch einem alten
-Menschen einmal etwas zustoßen, und dergleichen.</p>
-
-<p>Aber die Frau Barbara meinte, so weit wäre sie gar
-nicht gekommen, und er solle nur selber zusehen, wenn
-er sich einbilde, er mache es besser. Danach knurrten sie
-sich noch ein bißchen an, trösteten sich zuletzt aber mit der<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-Weisheit, daß ein gesprungener Topf oft recht haltbar
-wäre. Sie trauten sich dabei nicht, die Sache mit dem
-rechten Namen zu nennen, und hatten doch schon so lange
-daran herumgedacht.</p>
-
-<p>Das Fräulein Sinsheimer aber hatte sich in ihrem
-Leben nur ein einziges Mal überraschen lassen. Das war
-an jenem Sommeranfang gewesen, als ihr die Vorsehung
-den kleinen Jakobus in die Arme gelegt hatte. Nun war
-längst alles wieder in schöner Ordnung in ihrem Herzen,
-und es war fertig zum Leben und zum Sterben. Die
-Puppenmacherin Barbara Laufer brauchte gar nicht zu
-kommen, um einmal nachzuschauen, wie die Sachen
-stünden.</p>
-
-<p>Aber die sehnerigen Augen der Leute von Ibenheim
-rieten vergeblich an der geheimnisvollen Freude des Fräuleins
-vom Berge und an ihren Absichten für die Zukunft
-herum.</p>
-
-<p>Die Freude an den Kindern bekam ein helleres Herz
-mit jedem Tage; denn es blühte an ihnen alles licht hinein
-in das Leben. Nur das Mädchen Mali war ein Ding im
-Hause, dem das Glück über dem Zusammensein mit den
-anderen Menschen längst keine Selbstverständlichkeit mehr
-war. Um Mali schauerten um diese Zeit die kühlen Tage
-des späten Mädchenlebens, in denen die Lippen ihre Sehnsucht
-zu vergessen haben, und es doch nicht können. Malis
-Herz spähete aus vom Turme der höchsten Zeit, ob sich
-eine Stätte finden ließe, von der es sagen könnte: Hier
-bin ich daheim.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p>
-
-<p>So hatte Fräulein Veronika auch ihr Sorgenkind, das
-nicht gleich in die Sonne des Hauses als in sein fröhliches
-Besitztum hineinwuchs. Aber es fiel ihr nicht ein, dem
-Mädchen Mali Wohltaten für die kommende Zeit zu verheißen,
-sondern sie schrieb einfach unter den letzten Willen,
-durch den sie die Kinder bedacht hatte, daß die Mali &ndash;
-wenn sie die Kleinen bis zur Mündigkeit erziehe &ndash; in der
-oberen Giebelstube des Hauses für den Rest ihres Lebens
-Wohnung haben solle, und setzte ihr einen Geldbetrag aus.</p>
-
-<p>Das Mädchen erfuhr von alledem nichts, und Fräulein
-Sinsheimer war zu jeder Stunde bereit, diese Bestimmung
-durch eine andere zu ersetzen, wenn Mali der Ansicht wäre,
-das Glück finde sich im Lande irgendwo für sie leichter
-als an dem hellen Herdfeuer des Frühlingshauses.</p>
-
-<p>Und als sie sich derart auch mit ihrem Sterben auseinandergesetzt
-hatte &ndash; damit sie sich Grab und Himmel
-nicht vergälle &ndash; nahm sie die große Kunst mit aller Zähigkeit
-wieder auf, das Leben in klarster Bewußtheit zu leben.
-Sie empfing jeden Tag aus den Händen ihres heiteren
-Gottes als ein Geschenk, das sie in grenzenloser Hingebung
-austeilte an alle, die in ihrem Hause waren.</p>
-
-<p>Tante Veronika hatte dreißig Jahre tiefster Sommereinsamkeit
-ihres Lebens mit Bergwald, Büchern und sich
-selber verbracht. Darüber kann der Mensch ein wunderlicher
-Kauz werden und eine so zerknitterte Seele bekommen,
-daß sie der Stahl des blankesten Glücks nicht
-wieder ausplättet. Er kann aber auch zu einer lichten
-Höhe mit erhabener Rundschau über alles Menschentum<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-gelangen, für die besondere Gesetze des Lebens geschrieben
-sind.</p>
-
-<p>Für Tante Veronika galt beides.</p>
-
-<p>Sie war aus der langen Stille nicht ganz ohne Knitter
-hervorgegangen, aber die waren an ihr als feine Besonderheiten;
-und wenn sie da und dort Aehnlichkeit mit jenen
-Brüchen hatten, in denen sich der Staub der Altjüngferlichkeit
-festsetzt, so verbarg sie das unter dem Takt ihres geläuterten
-Frauentums und blies diesen Staub nicht durchs
-Haus nach der Gewohnheit jener Frauenzimmer, in denen
-verwelkte Jahre ihre Verwüstungen anrichten. Schon das
-Wort Staub verursachte ihr das Unbehagen einer nahenden
-Krankheit, und wenn sie es ausgesprochen hatte, rollte sie
-die Spitze der Zunge hinter den Zähnen in dem Gefühle,
-es sei von der grauen Wolke, die darübergestrichen, etwas
-hängen geblieben. Aber sie wedelte nicht als ein lebendig
-gewordenes Wischtuch durch das Haus. Und da sie dies
-Haus vor dreißig Jahren erbaute, geschah es in der weisen
-Erwägung, daß sie an dem sonnenvollen Rande des
-Buchenschlages so hoch über allem stehe, was innerhalb
-der menschlichen Gemeinsamkeit wie Staub auffliegt, als
-es einem Menschen möglich ist, der einsam sein will, ohne
-sich in die Welt feindseliger Einsiedelei zu vermauern.</p>
-
-<p>Sie hatte in diesen dreißig Jahren die hellen Augen
-frohsinnig in die Welt gerichtet und hatte in der Rolle
-des vergnügten Zuschauers das Wundern nicht verlernt.
-Sie stand der neuen Zeit mit dem Respekte gegenüber,
-den große Wandlungen der Dinge zu beanspruchen haben,<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-und redete nicht nach der Art alternder Leute mit wehmütigem
-Bedauern von der guten vergangenen Zeit, weil
-sie mit der neuen nicht mehr Schritt halten können &ndash; hoho,
-diese Tante Veronika schloß sich ihre Tage auf, als hätte
-sie eine Geschichte der Entwicklung des deutschen Volkes
-im zwanzigsten Jahrhundert vor! Und als der erste
-Zeppelin über die Wälder im Herzen Deutschlands
-donnerte, wunderte sie sich, daß man darauf so lange habe
-warten müssen, und sie sagte zu Herrn Peter Squenz:
-»In fünfzig Jahren werden die Menschen über die Maßen
-lustig sein bei dem Gedanken, daß ihre Großväter mit solch
-einer Explosionsmaschine die Fahrt in die Welt des gestirnten
-Himmels begonnen haben; den Mut werden sie
-bewundern, aber die Weisheit, die mit Gas und Funken
-durch die Lüfte reiste, werden sie belächeln.«</p>
-
-<p>Herrn Peter Squenz, dem gerade das Herz in seligem
-Stolz auf die Zeit erschauerte, in der er lebte, sah Fräulein
-Sinsheimer mitleidig aus den Winkeln seiner Augen an
-und sagte, die Errungenschaft sei eine Sache, über die
-hinaus es einfach nicht mehr ginge.</p>
-
-<p>Fräulein Veronika aber lächelte und antwortete:
-»Schade, daß wir in fünfzig Jahren beide irgendwo im
-All herumwirbeln oder etwa als wilde Rosen an einer
-Berghalde unsere Sommerseele in heiterem Blühen verhauchen
-und uns über unsern heutigen Zusammenstoß
-nicht mehr unterhalten können!« Dann lachte sie ihm
-so überlegen ins Gesicht, und das erhabene Bild des
-Luftkreuzers versickerte im Blau über dem Gebirge. Herr<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-Peter Squenz aber dachte: »Was richten Bücher, Gedanken
-und Einsamkeit in von Natur ganz vernünftigen
-Menschen für heillose Verwirrungen an!«</p>
-
-<p>Nun hatte Fräulein Sinsheimer aber weder den Ehrgeiz,
-ein gelehrtes Frauenzimmer zu sein, noch war sie
-vom Dichterwahn oder den Emanzipationsgelüsten ihrer
-städtischen Schwestern befallen; sie predigte weder die
-Erlösung vom Manne &ndash; was in ihrer manneslosen Lage
-nicht unverständlich gewesen wäre &ndash; und forderte auch
-nicht das Frauenstimmrecht … aber schon daß sie ein
-ganzes Regal voll Bücher besaß und sich sogar mit ihnen
-belästigte, war für Ibenheim bei Waltershausen eine
-unerhörte Tatsache. Und die hätte genügt, die Besitzerin
-so vieler gedruckter Gelehrsamkeit zum Gegenstand sorgsamer
-Beobachtung ihres Geistes zu machen, wenn das
-Fräulein das Bedürfnis gefühlt hätte, den Leuten häufiger
-in ihrer Ueberlegenheit zu begegnen. So aber hatte sie
-sich die herrlichste aller Künste in vollkommenem Maße
-zu eigen gemacht: sich vor der Welt ohne Haß zu verschließen.
-Und ihr kleines Reich blieb für alles, was
-draußen lag, uneinnehmbar.</p>
-
-<p>Als der Jockele seinen Einzug in das Frühlingshaus
-gehalten hatte, rieten die Leute eine Zeitlang wieder
-lebhafter an den Dingen da oben herum und sagten:
-Wenn ein Mensch keine Sorge hätte, so mache er sich
-welche &ndash; an dem Jungen von dunkler Herkunft werde
-sie ihr Wunder schon noch erleben! Etliche mutmaßten
-sich darum in eine wilde Zukunft hinein und sahen den<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-Jakobus Sinsheimer, der doch wahrscheinlich ein Zigeuner
-wäre, als Räuberhauptmann sein Unwesen in den
-thüringischen Wäldern treiben.</p>
-
-<p>Einmal brachte das Mädchen Mali solchen phantastischen
-Klatsch mit aus dem Dorfe. Das war sehr
-heilsam für sie, denn sie erkannte an der hellen Empörung
-ihres Herzens, wie sie sich in ihrer Denkart allgemach
-loslöste von den Schichten, aus denen sie gekommen war.</p>
-
-<p>Tante Veronika lachte ihr vergnügtes Lachen darüber
-und sagte einige Worte über die Macht der Erziehung,
-die nicht nur den Leuten von Ibenheim, sondern der
-Menschheit im allgemeinen noch ein Buch mit sieben
-Siegeln sei … Doch &ndash; das war wieder einmal eine
-der gelehrten Reden des Fräuleins, die das Mädchen
-Mali nicht ganz verstand. Aber zu denken hatte ihr diese
-Unterhaltung gegeben, und sie lenkte das Gespräch in der
-Folgezeit immer wieder einmal darauf zurück; denn der
-Unterschied zwischen der Blütenfreude des kleinen Jockele
-und einem angehenden Räuberhauptmann hätte schließlich
-doch selbst einem Holzhauerverstande eingehen müssen.</p>
-
-<p>Weil es nicht in dem Wesen des Fräuleins lag, so
-schulmeisterte sie weder an Mali noch an den Kindern
-herum. Sie ging zwischen diesen drei Menschen einher
-wie zwischen den vielen, vielen Rosen ihres Gartens, und
-ließ blühen und ranken nach eigenen Gedanken, bis die
-Natur einmal sich selber im Wege war. Wie sie des
-Morgens mit der kleinen blanken Rosenschere durch die
-Sommerbeete wandelte, so schuf sie mit der klaren Feinfühligkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-des Herzens auch Ordnung in der überschießenden
-Seligkeit des jungen Lebens. Und die Regel,
-in die sich dies Leben hineinlief, hieß: der Wille zum
-Glück.</p>
-
-<p>Nicht weit vom Hause lag eine Sandgrube, die war
-voll Sonne, und um ihre Säume wob der Sommer
-blühende Borden. Da standen die Kerzen des Natterkopfs,
-und an jeder brannte ein Dutzend blauer Flämmlein
-und leuchteten über die goldene Einsamkeit der Sandhalde.
-Da war ein Wildrosenbusch, da war purpurner
-Steinklee &ndash; es brachte jeder Monat ein paar Hände voll
-neuer Blumen, es brachte auch jeder dem Buchwald eine
-neue Farbe des Kleides, und zuletzt den scharlachenen
-Königsmantel. Und als das große Rauschen der Wälder
-gekommen war, fuhr der Wind über den Sandbruch
-hinweg, und es war, als hätte sich aller Sommersonnenschein
-in der Kuhle gesammelt.</p>
-
-<p>Das Zinzilein war über diese Wahrnehmung ganz
-außer sich vor Freude, kletterte hinab in den gelben
-Trichter und sah zu, wie der Wind droben an den Rändern
-die bunten Blätter als Kreisel trieb. Er jagte ihrer gleich
-hundert auf einmal in wirrem Tanze dahin, immer auf
-dem schmalen Rande &ndash; wenn eins davon an den Hang
-entwischte, durfte es nicht mehr mitspielen; denn in dem
-Trichter war es still und warm wie an einem schönen
-Sommertage. Da sagte das Zinzilein: der Sandbruch
-wäre ihr goldenes Haus; aber die Mali meinte, das Haus
-hätte ja kein Dach, also wäre es keins. So genau ginge<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-das nicht, sagte wieder das Zinzilein, wurde aber auf
-einmal schweigsam und patschte mit seinen kleinen Händen
-die Mauern der Sandburg fester, die sie während der
-vorigen Tage gebaut hatten. Nach einiger Zeit sagte es:
-»Mali, es ist ein Loch, und es ist voll Gold &ndash; und
-wenn es kein Haus sein kann, so ist es ein Brunnen;
-denn ein Brunnen hat auch kein Dach.« &ndash; »Aber in
-einem Brunnen ist Wasser,« wußte die Mali. &ndash; »Haha,«
-lachte das Zinzilein, »in unserem ist etwas viel Feineres
-&ndash; guck nur, es ist ein ganz goldener Brunnen!« Da
-guckte die Mali und fand das nun wirklich.</p>
-
-<p>Von Stund an hieß der Sandbruch der Goldbrunnen.
-Zwar &ndash; dies Wort hatte zuerst die Tante Veronika ausgesprochen,
-als sie ihr erzählten, was sie heute miteinander
-geredet hätten; aber das Zinzilein hatte doch die ganze
-Sache erfunden. &ndash; Der Wildrosenstrauch hatte nun Hagebutten
-mit schwarzen Mützen, und die Mali lehrte davor
-das Zinzilein das Lied von dem Männlein, das still und
-stumm im Walde steht und sein Mäntlein aus lauter
-Purpur umhat. Der Gesang der Mali war scheußlich, aber
-das Lied war fein.</p>
-
-<p>Manchmal ging auch Tante Veronika mit in den Goldbrunnen.
-Zuvor war sie über den farblosen Schacht nie
-erfreut gewesen, der mit in ihrer Umzäunung lag, aber
-nun waren die Kinder darin vor allen Einbrüchen und
-vor der Zerstörungswut junger Dorfgenossen sicher. In
-den Tagen des Herbstes sammelten Veronika und
-Zinzilein Samen von hundert Blumen, und das Zinzilein<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-kroch an den Hängen des Goldbrunnens herum, schaufelte
-da und dort ein Loch und legte Samen und bessere Erde
-in den Sand und wollte auch gleich warten, bis es
-wüchse.</p>
-
-<p>Als wieder Tage voll Sonne den pfeifenden Bergwinter
-vertrieben und die Kätzchenweide im Goldbrunnen
-schon Wolken gelben Blütenstaubes in den Frühling warf,
-spazierte der Jockele auf eigenen Füßen in den Sandbruch,
-kam aber nicht weit über den Rand, an dem im
-Herbste die bunten Buchenblätter gelaufen waren; denn
-dann geriet er ins Kugeln und schoß kopfüber kopfunter
-auf den Grund des Trichters. Das war eine peinliche
-Geschichte, hätte ihn aber keine Träne gekostet, wenn
-die Mali und das Zinzilein nicht mit so schrecklichem
-Schreien hinterdreingelaufen wären, als müßten sie nun
-alle seine Beinchen zusammensuchen.</p>
-
-<p>Darüber merkte der Junge, daß etwas mit ihm passiert
-sei, aber er hätte es mit jungmännlicher Tapferkeit getragen,
-wenn die beiden Mädchen nicht in ein erlösendes
-Lachen verfallen wären, als er sich den langen Weg mit
-verständnislosen Augen betrachtete, den er in Purzelbäumen
-durchmessen hatte. Da begann er ein gefährliches
-Heulen, bis man ihm den Sand aus Mund und Nase
-gewischt hatte und ihm aus sorgenden Herzen versicherte,
-daß er noch ganz sei.</p>
-
-<p>Im Jahre darauf hatte er schon ein Holzschwert und
-lief dem Zinzilein damit entgegen, wenn es aus der
-Schule kam.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>Als er diesen Weg in die Welt zum ersten Male
-schritt, hatte er gleich einen Kampf zu bestehen. Auf dem
-Anger vor dem Hause des Herrn Peter Squenz sonnte
-sich nämlich eine Gänsemutter mit ihren sechs Kücken.
-Die Kinder stiegen so sachte daran vorüber, auf einmal
-ward der Hals der alten Gans zu einer zischenden Schlange
-und schoß ihnen entgegen. Das Zinzilein überkam der
-Schreck, aber der Jockele riß sein Schwert aus dem Gürtel
-und fuchtelte damit bedrohlich in der Luft herum. Da
-mußte die Frau Peter Squenz kommen und ihn retten.</p>
-
-<p>»Ha!« sagte er mutig, als ihn die Squenzin wieder
-auf sicheren Grund gestellt hatte &ndash; »ha!« Aber in diesen
-Ruf der Tapferkeit gewitterte es sachte aus überstandenen
-Fernen.</p>
-
-<p>Der Goldbrunnen erhielt in den folgenden Jahren das
-Aussehen eines Bahnhofsneubaus. Man konnte dabei
-aber auch an die Anlage einer Kupfermine denken.</p>
-
-<p>Als Jockele dann in die Schuljahre hineinwuchs,
-standen ihm die Sandburgen, die unter jedem Gewitterregen
-einstürzten, nur noch in lächelnder Erinnerung;
-denn da hub er ein lebensgefährliches Graben in der
-Sandkuhle an … Holzhauer hatten beim Stöckeroden
-am Saum einer Waldau ein Hockergrab gefunden, dazu
-Waffen und Urnen. Deshalb wollte auch er in forschendem
-Eifer ein Stück Weltgeschichte zutage wühlen.</p>
-
-<p>Das betrieb er, bis er einmal die Schule vergaß und
-Tante Veronika selbst sich auf den schwierigen Weg in den
-Goldbrunnen machte. Da kroch er aus den Röhren im<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-Sande wie ein Fuchs aus dem Bau, und die Tante hatte
-Gelegenheit, ein bißchen Wildwuchs zu beschneiden. Das
-Zinzilein war in dem Sandbruch nun schon ein seltener
-Gast geworden, und die Mali war seit Jahren nicht mehr
-hinabgestiegen. Da nahm der Jockele in Jungenweise
-überhand. Aber in dieser Stunde bewährte sich die Erziehungskunst
-der alten Dame wieder einmal ausgezeichnet&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ich hätte Dir sagen sollen, daß solch eine wilde Hantierung
-für einen Jungen gefährlich ist. Hast Du denn
-gar nicht daran gedacht, daß die Sandmassen über Dir zusammenbrechen
-könnten?«</p>
-
-<p>»O ja,« sagte der Jockele, »wenn jemand darauf
-herumliefe, könnte das wohl sein.«</p>
-
-<p>Da leitete sie ihn zu einer besseren Erkenntnis, und
-dann mußte er sein Ränzlein überhängen und in die
-Schule gehen, die schon längst angefangen hatte.</p>
-
-<p>Das war eine furchtbar peinliche Geschichte; denn als
-er über die Schwelle trat, spießten ihn die Blicke aus hundert
-Augen auf; und als er dem Lehrer berichtete, wie er
-zu der Verspätung gekommen, brandete ein Lachen aus
-fünfzig Kinderkehlen um ihn, daß es ihm ganz rosenrot
-vor den Augen wurde. Während er dann auf seinem
-Bänklein saß, sauste ihm ein Sturm in den Ohren, als ob
-er die große Seemuschel von Tante Veronikas Wandbrett
-daranhielte.</p>
-
-<p>Aber ein Gutes hatte diese Sache doch: er bekam an
-jenem Tage die Taschenuhr, deretwillen er sich schon lange<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-um ein paar Jahre älter gewünscht hatte &ndash; nun hörte
-er auf einmal die Zeit laufen in richtigen kleinen Schritten,
-deren jeder eine Wegstrecke vorwärts bedeute. Und das
-war an dem gleichen Tage, an dem er darüber nachdenken
-lernte: Tod und Leben stünden so dicht beieinander, daß
-oft nur eine Handvoll Sand zwischen beiden wäre …
-Und er hatte immer gedacht, vom Leben zum Tode wäre
-es weiter als bis an das blaue Gewölbe des Himmels,
-das kein Adler und kein Zeppelin erfliegen könne.</p>
-
-<p>Die Wahrsager im Dorfe waren darüber entweder hinweggestorben,
-oder sie getrauten sich nicht, ihre wilden
-Prophezeiungen aufrechtzuerhalten; denn der Jockele war
-ein über die Maßen manierlicher Junge geworden,
-er brach ihnen weder in die Hühnerställe, noch schnörrte
-er den Leuten die kleinen Fenster in den Giebeln und
-Dächern mit der Steinschleuder in Stücke; und wenn ein
-paar Schlingel vom Förster bei dem Stellen von Leimruten
-und Sprenkeln abgefaßt wurden, so war der Jakobus
-Sinsheimer nie dabei. Manchmal gab es zwar auch ein
-wildes Fahren durch den Bergwald, aber nicht zu oft;
-denn die Kinder in dieser köstlich grünen Welt blühen wie
-die Nägelein in den Scherben auf den Fenstersteinen: sie
-puddeln sich über der Heimarbeit die roten Backen zum
-Teufel, oder es löscht ihnen im halben Licht der Stuben
-der Glanz aus den Augen, und die Wälder und dunkelblauen
-Berge ihrer Heimat stehen vornehmlich in ihrer
-Sehnsucht. Dem Jockele aber sprudelten die Quellen entgegen
-und &ndash; unerhört: er badete sogar darin. Dies zuzulassen,<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-war auch eine solche Lästerlichkeit des Fräuleins
-Sinsheimer! … Der Jockele durfte mit dem Zinzilein
-und der Mali durch den jauchzenden Hochwald streifen,
-so oft er wollte. Oder er ging mit einem Forstgehilfen
-zwischen Tag und Dunkel, wenn nur über dem Hörselberge
-noch eine Flamme Licht im Verleuchten war und
-wenn die Nebel in feinen Gespinnen in den Wipfeln
-hingen, und sah die Hirsche heraustreten und hörte sie
-ihren königlichen Brunftschrei über die Grenzen ihres
-Reiches schlagen &ndash; ah, du dunkelgrüne, du starke, du
-einzige Thüringer Erde!</p>
-
-<p>Um diese Zeit lief der Jockele den Dorfjungen aus den
-Händen. Es war ein so kümmerliches Blühen des Geistes
-und Herzens um sie, und sie rochen nach Leim und Stube
-&ndash; was soll einer damit anfangen?</p>
-
-<p>Das alte Fräulein, das nun ganz weiße Scheitel hatte,
-hielt alles Leben im Hause weiter in ihren sicheren Händen.
-Manchmal gab es eine freundschaftliche Unterredung
-über den Jockele mit dem Zinzilein; denn dieses
-war nun ein ›Fräulein‹ geworden, litt an einer verzärtelnden
-Liebe zu dem Jungen und dachte, es müsse den
-›Kleinen‹ aus der tiefen Hingabe ihres Herzens heraus
-noch beraten wie damals, als er im Kittelchen in der
-Sandgrube Kuchen buk. Mit solch mütterlichem Behaben
-drohte sie oft die ganze Pädagogik der Tante über den
-Haufen zu werfen.</p>
-
-<p>»Du mußt nicht meinen, Du hättest ein Mädchen vor
-Dir,« sagte dann die Tante; »ein Junge, der unter der<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-ängstlichen Fürsorge von lauter Frauen aufwächst, läuft
-Gefahr, unter die Räder des Lebens zu kommen. Ich
-habe es deshalb von frühester Kindheit mit dem Jockele
-anders angefangen als mit Dir. Ein Junge muß einmal
-in der Welt stehen und muß sich ein Stück dieser Welt erobern
-können.«</p>
-
-<p>Die Dorfschule reichte für den Jungen längst nicht
-mehr zu. Tante Veronika spannte ihn immer eine Stunde
-des Tages noch zur Fahrt durch das Reich ihrer Bücher
-ein. Sie hatte sich da einen klugen Plan zurechtgedacht,
-und weil sie selbst in allen Werken, die auf dem Regale
-standen, wohl beschlagen war, ging Jockele willig in dem
-Geschirr und nahm gegen die alte Dame nicht überhand.
-Als er auf einen Physikband verfiel, richtete er sich in dem
-Gartenhause, das aus Stein war und ein Fenster hatte,
-und in dem es sich sehr traulich lebte, eine Werkstätte zu
-allerlei Hantierung ein.</p>
-
-<p>Einmal baute er wochenlang an einer Lokomotive,
-eine Konservenbüchse mußte dabei die Rolle des Dampfkessels
-übernehmen. Danach galt es, ein Flugzeug zu
-erdenken, natürlich von so kühner Bauart, wie sie den
-Fachleuten noch nie eingefallen war. Und als er aus
-einem Automaten eine apfelgroße Weltkugel erstanden
-hatte, die mit Schokolade gefüllt gewesen war, hing
-er sie an einem Faden an die Decke des Gartenhauses,
-und die Frauen mußten kommen und sich die Sache ansehen.
-Das Fenster stellte die Sonne vor, und Jockele
-löste an der im Raume schwebenden Erdkugel der Mali<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-das Geheimnis von Tag und Nacht. Zur größeren Anschaulichkeit
-hatte er die Schattenseite ein bißchen mit
-Ofenruß angestrichen.</p>
-
-<p>Er hatte in dem Gartenhaus überhaupt hundert Dinge
-aufgestapelt: wunderlich gewachsene Hölzer, die die Form
-von Köpfen hatten, der er dann immer ein wenig nachhalf,
-bis die Mali sich vor ihnen entsetzte; dazu Versteinerungen,
-sauber aufgespannte Schmetterlinge, die sich in
-einem Kasten mit einem Glasdeckel befanden, und zu denen
-er nach den Büchern der Tante die Namen geschrieben
-hatte; Raupenhäuser, in denen er den Wandel der Würmer
-zum Falter beobachtete; ein Fischglas und ein Terrarium
-mit Eidechsen, einer Blindschleiche und einer Ringelnatter.</p>
-
-<p>Damit die Bergwinter seinen Eifer nicht unterbrachen,
-war der einzige Raum des steinernen Gartenhäusleins
-auch mit einem kleinen Ofen versehen worden.</p>
-
-<p>Je mehr er in das betriebsame Jungentum hineinwuchs,
-desto sicherer entglitt er den Einflüssen der sehr
-sanften Mädchenhaftigkeit, mit denen das Zinzilein um
-ihn war.</p>
-
-<p>Tante Veronika bemerkte das mit Genugtuung; denn
-das Behaben des Zinzilein zu dem Jungen war ganz
-voll von der Rätselhaftigkeit der Liebe, die in ihrer Maßlosigkeit
-gar nicht anders bezeichnet werden kann als hingebungsvolle
-Eigensucht. Es schien fast, als vereinsame
-das Zinzilein über seiner Liebe zu dem Jungen, weil er
-nun so von ihr fortwuchs.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p>
-
-<p>Sie sagte das Veronika auch. Aber die Tante blieb
-bei ihrer wunderlichen Ansicht: das müsse so sein. Im
-übrigen ließ sie sich auf Erklärungen nicht ein, hütete sich
-dem Jungen gegenüber ängstlich vor aller Schulmeisterei
-und sorgte dennoch, daß sie ihm an der Hand ihrer Bücher
-von Zeit zu Zeit ein neues Wissensgebiet erschloß. Er
-ging auf alles mit begieriger Freude ein, aber von der
-Sorge, die Veronika in dieser Zeit des flüggen Jungentums
-am meisten beschäftigte, sagte sie dem Zinzilein gar
-nichts. Und dennoch schlief die Sorge nie ganz ein, es
-möchten sich eines Tages an Jockele vererbte Eigentümlichkeiten
-zeigen, denen gegenüber alle Erziehung und
-Liebe ohnmächtig wären. Aber diese Bangigkeit nagte
-nicht an ihr und quälte sie nicht; denn sie war ihr in Wahrheit
-gegen ihre Ueberzeugung gekommen in einer Zeit,
-die ganz voll war von der Mechanikerweisheit der Vererbung.
-Und dafür fand sie zu ihrem Erstaunen eines
-Tages auch bei dem Menschheitslehrer Goethe eine Belegstelle
-&ndash; »Man könnte erzogene Kinder gebären, wenn
-die Eltern erzogen wären&nbsp;…«</p>
-
-<p>Darüber geriet sie von neuem ins Raten. Aber trotz
-aller Mühe, die sie sich gab, konnte sie diese Verse nicht
-ganz zu ihrer Ansicht umdeuten, daß eine in allen Stücken
-vollkommene Erziehung die geistige und sittliche Verfassung
-eines Menschen aller Vererbung zum Trotze bestimme.</p>
-
-<p>Tante Veronika hätschelte den Gedanken solchen unerkannten
-Königtums der Erziehung mit eifersüchtiger<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-Liebe als die köstlichste Erkenntnis ihres Lebens &ndash; und
-nun wälzte ihr gar Johann Wolfgang einen Fels in
-den Weg! Zwar: er setzte damit auch der Erziehung eine
-der vielen Kronen auf, die seine königliche Hand zu vergeben
-hatte, aber … Und dies Aber blieb stehen und
-rumorte in Winkeln ihrer Seele herum, die Jahrzehnte
-in wundervoller Sonnenruhe gelegen hatten.</p>
-
-<p>Doch &ndash; eine sechzig Jahre alte Dame läßt sich schwerer
-umstimmen als ein sechshundert Jahre altes Klavier. Und
-das war in diesem Falle ein großes Glück.</p>
-
-<p>Wunderlicherweise war es das Zinzilein, das die
-Frage zuerst aufwarf, was einmal aus dem Jockele
-werden solle. Das kam daher, daß der Gedanke in dem
-Mädchen Wurzel geschlagen hatte: ein Junge müsse geschickt
-werden, sich ein Stück Welt zu erobern. Wie er
-das in Ibenheim anfangen sollte, war nicht leicht zu
-denken.</p>
-
-<p>Tante Veronika war in diesem Falle von einer unerforschlichen
-Sorglosigkeit und sagte:</p>
-
-<p>»Zuerst und vor allem muß er ein Mensch werden.
-Es ist falsch, einen Jungen für einen Beruf zu bestimmen,
-weil er im Spiele diese oder jene Neigungen
-zeigt. Solche Neigungen sind wichtig, aber es geht nicht
-an, darin in verliebtem Stolze gleich einen Weg fürs
-Leben zu erkennen.«</p>
-
-<p>Das Zinzilein meinte, Naturforscher wäre für den
-Jockele das Richtige, und dachte sich etwas ganz Närrisches
-dabei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p>
-
-<p>Eines Wintertags, als alle Quellen des Lichts aus dem
-geschliffenen Späthimmel brachen und es aussah, als wäre
-die Himmelsglocke zertrümmert worden, weil der Sonnenball,
-siebenmal größer als sonst, in seiner leuchtenden
-Majestät anders nicht hätte durch die Tore ziehen können,
-schlug der Jockele seinen Farbekasten auf und pinselte das
-königliche Spiel des Verleuchtens auf ein weißes Papier.
-Er saß am Fenster des Gartenhauses, sein Tisch war eine
-alte Hobelbank, an der in grauen Zeiten Tante Veronika
-ihre Rosenpfähle selber zugerichtet und grün angestrichen
-hatte &ndash; da fiel das gewaltige Flammenwerk des Himmels
-in seine jauchzenden Augen. Er wußte kaum, was er tat
-&ndash; es war ihm, er stünde davor mit hoch, hoch emporgestreckten
-Armen und wäre ganz nackt; denn alle Armseligkeit
-des Irdischen fiel darüber von ihm ab &ndash; und
-hätte ein Schauen in eine andere Welt. Aber er saß
-doch an der braunen Hobelbank, inmitten tausend kleiner
-Dinge, die er dem Alltag aus den Händen genommen,
-und strich in Selbstvergessenheit die Farben auf das
-Papier.</p>
-
-<p>Und dann war es ein recht armseliges Machwerk geworden
-&ndash; es fehlte darin kein Licht, aber es fehlte das
-Leuchten … Die Himmelsfreude seiner Augen war ausgelöscht
-auf der Spanne Weges durch den Pinsel! Darum
-sah sein Sonnenuntergang so verbrecherisch aus, als hätt'
-ein Dorfjunge, der dem Puppenmaler zugesehen, einen
-Haufen farbiger Kreidestücke an der schneeweißen Haustür
-der Tante Veronika probiert. Scheußlich!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>Er warf den Pinsel hin und verlor sich mit seinen
-Gedanken wieder in das letzte Scheinen, das noch
-ferne stand.</p>
-
-<p>Es waren nun Wolken in wunderlichen und wilden
-Bildern über den Saum der Erde gekrochen und fraßen
-den königlichen Glanz. Endlich waren nur noch zwei
-Oeffnungen in der Finsternis. Durch diese konnte man
-hineinsehen in glutrote Weiten&nbsp;…</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke zerriß ein schwarzer Vorhang
-vor einer Kammer seines Herzens, und was ihm kein
-Mund eines Menschen erklärt hatte, ging in seiner Seele
-auf als eine rote stille Flamme: er erriet ein Stück der
-Götterlehre der Germanen, die von den Gipfeln dieser
-Berge, so wie er jetzt, durch die Türen des Himmels geschaut
-und ein machtvolles Wandern von Gestalten gesehen
-hatten, die dort in einem großen Lichte gingen. Und weil
-die Vorfahren noch nichts von der Welt kannten, als was
-sie mit ihren Sinnen erfaßten, deuteten sie sich das Gesehene
-und sagten: es ist das ewige Leben in jenem großen
-Leuchten, und sie nannten es Walhall&nbsp;…</p>
-
-<p>Da fiel der rauhe Ruf des Mädchens Mali in den
-Sternenflug seiner Gedanken. Es war die Zeit des Nachtmahls,
-das sehr früh genommen wurde.</p>
-
-<p>Auf seinem Gesichte lag noch der Widerschein des
-heiligen Feuers. An anderen Abenden nahm er sich mit
-wißbegierigen Augen gleich beim Eintritt ins Zimmer
-von den aufgetragenen Speisen einen Teil des Wohlbehagens
-hinweg, in das sich sein gesunder Jungenappetit<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-hineinzuessen gedachte &ndash; heute stand er diesen Dingen
-gleichmütig gegenüber wie noch nie.</p>
-
-<p>Das Zinzilein, das gewöhnt war, alle seine Begeisterungen
-und Enttäuschungen mitfühlend zu durchleben, als
-wär's ein Stück von ihm, ein großes Stück, trat gleich ohne
-anzuklopfen mitten in ihn hinein&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Na,« fragte es.</p>
-
-<p>»Ich habe ein großes Erlebnis gehabt!« sagte er mit
-Wichtigkeit.</p>
-
-<p>»Wahrhaftig &ndash; es ist noch ein ganz fremder Klang in
-Deiner Stimme!«</p>
-
-<p>»Ich wünschte, ich könnt' Euch alles halb so schön
-sagen, wie ich es gedacht habe! Aber es geht nicht. Wenn
-ich erzählen wollte, würde es geradeso herauskommen wie
-der Sonnenuntergangshimmel, den ich zu malen versucht
-habe. Ich wette, ich habe jedes Licht auf dem Papier,
-und ist dennoch eine abscheulich schlechte Sache … es sieht
-aus wie die bunte Kaffeedecke, als sie das Mädchen
-Malchen mal abgekocht hatte, und sollte doch der Himmel
-werden &ndash; der herrlichste Abendhimmel, der je über der
-Erde gestanden hat!«</p>
-
-<p>Er redete da in Worten, wie er sie vordem nie gebraucht
-&ndash; jedes hatte Flügel, und seine Augen hatten den
-Glanz großer Sterne.</p>
-
-<p>Dann lockte das Zinzilein Walhalls Entdeckung aus
-ihm heraus.</p>
-
-<p>Er redete sich darüber in fernschauende Vergessenheit,
-aber es ward zuletzt doch nur ein Bild ohne den überirdischen<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-Glanz, in dem seine Träume durch die Dämmerung
-gezogen waren. Das kam auch von der Scheu, vor
-den prüfenden Blicken der Tante und des Zinzilein alle
-Hüllen von der Seele zu werfen.</p>
-
-<p>Darüber ward er schweigsam. Das Essen geschah ohne
-die begeisterungsvolle Hingabe, zu der er sonst imstande
-war, und er sah aus wie einer, der eine Erscheinung
-gehabt hat. Er war in der Dämmerung dieses Wintertags
-in einen neuen Abschnitt seines Lebens gesprungen.</p>
-
-<p>Vor dem Schlafengehen nahm er sich das Zinzilein
-noch einmal zur Seite und sagte: »Du, das quält mich!
-Lach' aber nicht! … Es ist heute so etwas in mir aufgegangen
-&ndash; weißt Du, gerade wie damals, als die Schauspieler
-im Dorfe waren … Wir saßen in dem ganz
-finsteren Saale, auf einmal rollte der Vorhang empor &ndash;
-es blühte ein schöner Rosengarten dahinter und stand alles
-in so warmem Lichte … Jawohl, so ist es in mir gewesen!
-Zinzilein, sag es mir: ist das die Seele?«</p>
-
-<p>Gott, wie purzelten ihm die Worte klug und unbeholfen
-über die Lippen!</p>
-
-<p>Aber wenn er das alles hätte Veronika sagen sollen,
-wär' es noch reichlich dümmer geworden.</p>
-
-<p>Das Zinzilein geriet an dieser Frage des großen Erwachens
-in Herzensnot. Es merkte: der Junge wollte
-eine sichere Rede hören über Dinge, die ihr selbst bis zu
-dieser Stunde nur unsichere Gedanken gewesen waren.
-Wie sollte sie denn das anfangen, ohne sich Jockeles
-Achtung und Liebe zu zertrümmern?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p>
-
-<p>»Ja,« sagte sie aus großer Bedrängnis heraus, »das
-ist die Seele!«</p>
-
-<p>»Das hab ich mir gedacht,« sagte er in aufatmender
-Befriedigung. »Ist Dir das auch so gegangen?«</p>
-
-<p>»Aehnlich wird es wohl gewesen sein,« lächelte das
-Zinzilein. »Aber weißt Du, das sind Dinge, über die man
-erst klug reden kann, wenn man viel älter geworden ist.
-In der Jugend ist es genug, wenn man weiß, es ist etwas
-da, das einen von innen so warm und hell anscheint wie
-die Sonne von außen.«</p>
-
-<p>Das war das erlösende Wort! Es fiel in den Jungen
-aus einer großen Not ihres Herzens, das an diesem Abend
-jedem seiner Gedanken und Blicke treues Geleit gegeben
-hatte. Und darum fand sich's nun so auf Zinzileins
-Lippen, just wie es das drängende Begehren des Knaben
-brauchte, das plötzlich an dem Uhrwerke des Lebens
-herumzuraten begann.</p>
-
-<p>Als der Jockele, der schon seit Jahren allein in der
-Giebelstube schlief, zu Bett gegangen war, geriet das
-Zinzilein in ihrer Bedrängnis an Tante Veronika. Die
-saß in der warmen Behaglichkeit ihres Lehnstuhls,
-aber als das Mädchen das fremde Geschütz auffuhr,
-griff Tante Veronika mit der einen Hand nach der
-Krücke des gelben Stockes, an dem sie nun aus einer
-alten Familiengewohnheit heraus zu gehen pflegte,
-und mit der anderen glitt sie so langsam über das
-Gesicht, als müßte sie sich ein bißchen lächelnde Verlegenheit
-abwischen&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span></p>
-
-<p>Es wurde an diesem Abend länger und gefühlvoller
-gesprochen als sonst, ohne daß es zu Entdeckungen von
-grundlegender Bedeutung über das Wesen der Seele gekommen
-wäre.</p>
-
-<p>Seit dieser Zeit beschied sich Jakobus nicht mehr damit,
-vorgedruckte Bilder auszutauschen, sondern er suchte
-Farben und griff nach dem Himmel.</p>
-
-<p>Darüber wurde das Zinzilein von einem grausamen
-Lachen befallen und sagte: kleine Kinder machten es geradeso
-&ndash; sie langten zuerst nach den schönen goldenen Nägeln
-des Firmaments, dann aber spielten sie mit Steinen und
-schlechtem Sand! Ob denn auf der <em class="gesperrt">Erde</em> nicht etwas
-wäre, und nicht so voll von unmalbarem innerlichen
-Glanze wie die Wunder des Himmels? Sie könnte ihm
-zwar weiter nichts helfen als sehen … »Guck,« sagte sie,
-»da steht draußen der Zaun aus lauter braunen Stänglein,
-steht vor dem blauen Tuche des Himmels und hat sich
-so viele kleine Mützen aus frischem Schnee aufgesetzt …
-könnte man das nicht malen?«</p>
-
-<p>Himmel, was solch ein großes Mädchen für herrliche
-Einfälle hat! &ndash; Da war das Zinzilein schon aus dem
-Gartenhause gesprungen, kam aber gleich wieder, schwang
-ein blaues Papier und sagte: die Sache wäre einfach
-genug &ndash; er brauchte den Himmel nicht einmal zu malen;
-denn da wäre er schon!</p>
-
-<p>Die Tante lobte ihn danach mit Maßen und sagte:
-wenn er hundert solche und ähnliche Dinge vor der Natur
-weggenommen, werde er große Geheimnisse entdecken. &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-Das war ein Rätselspruch von der Art jener, die die verschleiernde
-Kunst der Pythia geliebt hatte! Einer, der
-vor einem großen Werke steht ohne den heiteren Glauben
-an seine Kraft, kann sich darüber verbluten.</p>
-
-<p>Das Zinzilein verlangte mehr Lob für den Jockele,
-aber Tante Veronika überhörte das gute Wort gänzlich.</p>
-
-<p>Die beiden letzten Schuljahre des Jungen wurden von
-ihr sehr ernst genommen, die Naturgeschichte und Malerei
-schienen dabei geflissentlich übersehen zu werden und
-blieben für die Sonntage und die Ferien.</p>
-
-<p>Veronika hatte auch eine lateinische Grammatik ungemein
-ehrwürdigen Alters unter ihren Büchern entdeckt,
-die war voll Genusregeln von klappriger Enthaltsamkeit
-des Geschmacks und Geistes. Dazu ein Uebersetzungsbuch
-von Ostermann für Sexta, das bibliophilen Wert hatte;
-denn es war eines der ersten Exemplare der ersten Auflage
-und trug eine vergilbte Einschrift des Verfassers für
-den Vater der Tante Veronika.</p>
-
-<p>Jockele, der sich ausrechnete, daß dieser Vater um jene
-Zeit gut hundertzwanzig Jahre hätte zählen können, ahnte
-beim Anblick der greisenhaften Würde des Buches zum
-andern Male seine Seele &ndash; diesmal in einem fröstelnden
-Erschauern.</p>
-
-<p>Dann kam über die alte Dame eine fast heftige Betriebsamkeit
-im Latein. Gleich zu Anfang aber forderte
-der Junge Frist zu einem Privatschnaufer der Verwunderung,
-weil die Tante das nun auch noch konnte. Allein,
-sie gestand ohne Umschweife, daß es mit ihrem Latein<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-hapere. Doch &ndash; das kannte der Jockele! Nichts als übertriebene
-Bescheidenheit! Und er war geneigt, jede Wette
-einzugehen, daß der Professor Sinsheimer, der an dem
-gelben Krückstock durch die Straßen Bremerhavens gestabt
-und dessen Werk die Tante Veronika war, an ausbündiger
-Gelehrsamkeit zugrunde gegangen wäre.</p>
-
-<p>Während dieser letzten Schuljahre stand der Jockele
-der Grammatik und dem Uebungsbuche mit frostigem
-Herzen gegenüber, er lernte, weil er sollte, und niemand
-im Hause wußte eigentlich recht, wozu. Selbst Tante
-Veronika war froh, als sie dem Jungen erklären konnte,
-nun sei es mit ihrem Latein zu Ende. Das war an dem
-Tage, an dem sie die letzte Seite des Ostermanns für
-Sexta umschlugen.</p>
-
-<p>Danach kam die heitere Ruhe des Frühlingshauses
-ein wenig ins Wanken, es war ein wunderliches Drängen
-nach außen. Zuerst ging die Schulzeit des Jockele zu
-Ende, und es richteten sich allerlei Fragen steil und
-nüchtern vor dem innigen Beisammensein auf. Sie forderten
-die Antwort nicht von einem Tage zum anderen,
-aber sie schoben bei jeder unpassenden Gelegenheit den
-Kopf zwischen die drei Menschen und sagten: »Na, wie
-wird das?« Und sie wären noch viel hartnäckiger gewesen,
-wenn das Zinzilein nicht um diese Zeit maienseliger
-Erdenfreude von einem Forstgehilfen schön gefunden
-worden wäre. Weil der nicht das Töchterlein
-des Holzhauers und Puppenmachers Laufer, den er im
-Walde an die Arbeit zu stellen hatte, sondern das Ziehkind<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-der feinen alten Dame ehelichen wollte, war ihm von
-vornherein klar, er werde einen heillosen Sturm im Haus
-auf dem Hügel losmachen, der ihm die großen Klötzer
-nur so vor die Füße wirbelte.</p>
-
-<p>Die erste Betätigung dieser Liebe war das Interesse
-des jungen Forstgehilfen für den Jockele.</p>
-
-<p>Einmal auf einem Spaziergang, als auf den Waldgrund
-die braunen Knospenhüllen der Buchen herabschneiten
-und das brünstige Schauern der Frühlingserde
-sich an Quellen und Bachsäumen zu Bändern aus
-Vergißmeinnicht zusammenwob, schlug der Forstmann
-Matthias Prinz dem Jungen eine Tür auf, durch die er
-einen Blick in die Ferne tat &ndash; so weit hatte er nie sehen
-können, wenn Tante Veronika vor seinen Augen hinaus
-ins Leben deutete! Es waren in Matthias einige Erinnerungen
-aus verlorenen Lateinjahren wachgeworden.</p>
-
-<p>»Siehst Du,« sagte er zu Jockele, »das Latein, das ich
-nicht gelernt habe, hat mir die Hälfte meines Lebens
-verdonnert!«</p>
-
-<p>»Wie denn das?«</p>
-
-<p>»Nun, ich hätte Oberförster werden können und Forstmeister
-&ndash; aber an dem Latein bin ich hängen geblieben.«</p>
-
-<p>»Und wenn einer nicht Forstmeister werden will?«
-klügelte Jockele an dieser Rede herum.</p>
-
-<p>»Lern's Junge!« schrie ihm Matthias Prinz ins
-Gesicht und legte ihm beide Hände auf die Achseln, »und
-wenn Du's hundertmal nicht weißt, wozu Dir dies oder
-jenes nützen soll &ndash; raff zusammen in Deinen Frühlingsjahren,<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-was Du kannst, denn es könnte die Zeit kommen,
-da Du Gold daraus schlägst!« Nach dieser klingenden
-Rede fragte er kurz: »Was willst Du werden?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht. Wenn ich sehr fleißig bin, darf
-ich mir's noch drei Jahre überlegen; bin ich faul, muß ich
-in irgendeine Lehre.«</p>
-
-<p>»Junge,« sagte Matthias, »das ist ja großartig!&nbsp;…«</p>
-
-<p>Darüber waren sie an den Saum des Buchwalds gekommen,
-an dem die Umzäunung über dem Goldbrunnen
-dahinlief.</p>
-
-<p>Sie gingen ganz langsam dem Frühlingshaus entgegen,
-und Herr Matthias Prinz redete sehr laut und
-väterlich.</p>
-
-<p>Da lugte die Mali aus dem Küchenfenster, was es
-wäre, und gleich darauf trat Tante Veronika an dem
-gelben Krückstock heraus in die Sonne. Sie überschüttete
-die jungen Leute ganz mit der hellen Freude, die immer
-nicht genug Platz in ihren Augen hatte, und sagte, sie
-könne dem Herrn Matthias nun endlich danken für die
-Teilnahme, die er an der Entwicklung des Jakobus zeige.</p>
-
-<p>Herr Matthias Prinz aber redete sehr verbindlich und
-ehrfürchtig zu der alten Dame, von der alle einsichtigen
-Leute mit so heillosem Respekte sprachen, und fand sich
-auch geschickt zu der Behauptung, von der er dachte, sie
-werde sie am meisten erfreuen. Er sagte, sie hätte den
-Jockele zu einem sehr klugen und braven Jungen erzogen.</p>
-
-<p>Es lag aber nicht in der Art Veronikas, sich im Sturme
-nehmen zu lassen. Deshalb begegnete sie der prinzlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-Begeisterung mit einer maßvollen und sicheren Liebenswürdigkeit;
-und als Matthias fragte, ob er bei Gelegenheit
-einmal in ihr Haus treten dürfe, entgegnete sie: »Ich
-werde mich darüber freuen; und dann wird Ihnen Jakobus
-in der Gartenhütte zeigen, wie er lernt, und Sie werden
-ihm sagen, daß ihm noch viel zu tun übriggeblieben ist.«</p>
-
-<p>Danach reichte sie ihm die Hand und wußte, daß aus
-diesen drei Minuten die größte Wandlung in ihrem Hause
-hervorwachsen würde, die seit dem Eintritt Jockeles darin
-gegeben war.</p>
-
-<p>Nichts an ihr verriet diese Erkenntnis, aber das Herz
-des Herrn Matthias Prinz hatte Schwingen bekommen
-und wirbelte mit ihm hinein in den Frühlingswald &ndash;
-die Finken rührten ihr Schlagzeug, als hätten sie Wachtparade,
-die Mönchsgrasmücke trug den Schellenbaum,
-und die wilden Tauber schlugen die große Trommel. Und
-der Herr Prinz &ndash; als wär er schon König geworden &ndash;
-bildete sich ein, die ganze Waldmusik hätte der Frühling
-extra für ihn losgelassen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jockele stand auch über diesen Tag hinaus den Ereignissen
-mit Unbefangenheit gegenüber. Das Geheimnis
-der rosenroten klingenden Liebe war für ihn noch nicht
-erfunden, und er brachte nicht den ahnungslosesten Verdacht
-auf, daß er von dem Herrn Matthias als Sprungbrett
-zu einer himmelblauen Seligkeit benutzt würde.</p>
-
-<p>Gesprochen wurde nach Ansicht des Jockele von dem
-Forstgehilfen im Hause nur dann, wenn er selbst die Rede
-auf ihn brachte; Tante Veronika hatte mit sehr nachdrücklichen<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-Worten namentlich der Mali alles verboten,
-was für die Ohren des Jungen nicht paßte. Daß Mali
-und das Zinzilein in dieser Zeit oft recht geheimnisvoll
-taten, merkte er auch nicht &ndash; ein Junge merkt überhaupt
-nicht viel; er wühlte sich im Gartenhaus mit einer Wichtigkeit
-in seine Bücher, die er über den anderen Pflichten
-der Schule nicht einmal geahnt hatte.</p>
-
-<p>Darüber war auch der »Ostermann für Quinta« beschafft
-worden, an dem der alte Pastor in Jockeles Gemeinschaft
-jede Woche drei Stunden sein verblichenes
-Latein auffrischte.</p>
-
-<p>Als Herr Matthias nach einigen Wochen im Frühlingshause
-Besuch machte, beschränkte ihn die Tante wiederum
-für die Dauer von drei Minuten auf das Damenzimmer.
-Dann begleitete sie ihn vor das Gartenhaus, das Zinzilein
-guckte durch den Vorhang, und der Herr Matthias Prinz
-suchte mit seinen Augen über die Achsel der Tante hinweg,
-ob etwa aus diesem Fenster ein Sonnenschein fiele. Er
-redete dabei ausgiebig und bezeigte ein großes Interesse
-für die Anlage des Gartens.</p>
-
-<p>Veronika war auch davon nicht im geringsten überrascht
-&ndash; wer überhaupt dächte, sie hätte sich von Stund
-an in die Rolle des schätzehütenden Drachen eingelebt &ndash;
-ha, der würde Fräulein Sinsheimer sehr schlecht kennen!</p>
-
-<p>Sie liebte es, die Augen zu schließen, um besser sehen
-zu können, und war dem Zinzilein selbst in den wichtigsten
-Angelegenheiten der Liebe unbedingt vertrauenswürdig.
-Wenn der Jockele davon etwas hätte ahnen dürfen, so<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-hätte er gesagt: »Nun versteht sie das wahrhaftig auch
-noch!«</p>
-
-<p>Tante Veronika hatte gegen die Dinge, die sich nun
-im Frühlingshause vorbereiteten, nicht das geringste
-einzuwenden, aber sie wollte alles mit der ihr eigenen
-Delikatesse behandelt wissen.</p>
-
-<p>Sie fand es selbstverständlich, daß das Zinzilein gleich
-das neue Muster abhäkeln mußte &ndash; jetzt, am Sonntag
-mittag, und eine Stunde vor dem Essen! Und sie fand
-es durchaus natürlich, daß dies auf einem Platze hinter
-dem Vorhang des Fensters nach dem Gartenhaus hin
-geschah, an dem das Zinzilein sonst nie saß. Dabei blühte
-das Zinzilein wie eine Malve und war von weltumarmender
-Glückseligkeit. Und weil Tante Veronika
-wußte, daß solch ein Glück als Geheimnis tausendmal
-schöner ist, merkte sie von den musizierenden Engeln, die
-das Zinzilein umtanzten, gar nichts.</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit ging die Gartentür &ndash; da stürzten
-sich alle anwesenden Engel dem Mädel ans Herz und
-läuteten damit, daß ihm angst und bange wurde.</p>
-
-<p>In der schönen Zeit dieses Jahres schlossen sich Herr
-Matthias Prinz und Jockele innig aneinander, wiewohl
-der Forstgehilfe beinahe noch einmal so alt war als sein
-junger Freund. Sie waren fast an jedem Tage beisammen.</p>
-
-<p>Weil Matthias keine Gelegenheit vorübergehen lassen
-durfte, die sehr umsichtig befestigte alte Dame zu erobern
-&ndash; und wenn sie mit Ketten an den Himmel gebunden<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-wäre! &ndash;, so machte er dem Jungen die Waldgänge zu
-fröhlich angeregtem Unterricht vor der Natur. Darüber
-wurde alles Glanz an dem, und er lief in seine ersten
-Jünglingsjahre, als wäre er der Blütenzauberer Frühling
-selber.</p>
-
-<p>Das Ebenmaß seines Wachstums geriet um diese Zeit,
-die zwischen den Zeiten steht, ein wenig in Unordnung,
-und die Glieder baumelten manchmal in der Welt herum,
-als wüßten sie nicht, was sie schlagen sollten. Das Zinzilein
-aber sagte in belustigter Uebertreibung, Arme und Beine
-hingen um ihn wie langgereckte Fragezeichen.</p>
-
-<p>Aus dieser Erkenntnis des Zinzilein erklärte er sich
-die merkwürdig fremden Augen, mit denen das Mädchen
-nun manchmal an ihm herumsuchte, als gingen sie Rätsel
-raten. Und es trat auch sonst eine Veränderung in ihrem
-Wesen ein; früher machten sie oft einen Ringkampf, zu
-dem sie ihn sogar herausforderte &ndash; jetzt wies sie das als
-eine ganz unmögliche Sache von sich, und er hatte doch
-gerade so große Lust dazu. Früher war sie ein Kind
-gewesen wie er, nun war sie über Nacht ein Fräulein geworden
-und war voller Geheimnisse. Früher sah man ihr
-an, daß sie das Leben des Jungen in allen Stücken zu
-dem ihren machte, jetzt wußte sie nicht einmal mehr in
-seinem »Laboratorium« in der Gartenhütte recht Bescheid.
-Und die natürlichste Sache von der Welt &ndash; nämlich daß
-sie der Jockele heiraten würde &ndash; schien ihr auf einmal
-ein kindischer Spaß, und sie lachte ihn aus. &ndash; »Davon
-verstehst Du noch gar nichts!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p>
-
-<p>Einmal des Abends, als die sammetweiche Sommernacht
-durch die Fenster ins Zimmer stieg, trat auch das
-Zinzilein herein, und seine Augen flogen vor ihm her
-wie Leuchtkäfer; da nannte sie der Jockele »ein merkwürdiges
-Stück Naturgeschichte«.</p>
-
-<p>Er erzählte Tante Veronika, was er die Tage her von
-Herrn Matthias gelernt hatte, und das Zinzilein wurde
-darüber ganz Andacht.</p>
-
-<p>Des anderen Tages ging sie selber mit ihm in den
-Wald, und da mußte er ihr jede Seite des leuchtenden
-Sommerbuches umschlagen und mußte vorlesen, was
-darauf geschrieben war &ndash; nicht nur von den Arten der
-Blumen und Bäume und des vielerlei Getiers, sondern
-auch von der Forstwirtschaft wollte sie hören. Sie war
-fast fürchterlich in ihrem Wissensdrange.</p>
-
-<p>Da sagte Jakobus, sie solle nur einmal mitkommen,
-wenn er mit dem Herrn Matthias ginge. Aber das
-Zinzilein lachte ihn für diesen wohlmeinenden Vorschlag
-aus, und dies Lachen schlug einen Laden an seiner Seele
-auf, und es brach eine Fülle neuen Lichts in ihn. Ein
-Gedanke sprang ihm klingend ins Herz &ndash; da ward dies
-Herz voller Ahnungen. Das Zinzilein aber bückte sich
-rasch und strich mit der Hand über das grüne weiche
-Waldmoos&nbsp;…</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Polytrichum commune</em>, Goldhaar,« sagte ihr der
-Jockele.</p>
-
-<p>»Weißt Du das auch von dem Herrn Prinz?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p>
-
-<p>»Nein. Alles soll ich von dem Herrn Prinz haben! …
-Warum bist Du denn so rot geworden?«</p>
-
-<p>»Weil Du so grausam gelehrt bist,« log das Zinzilein.</p>
-
-<p>»Es wäre auch ein Name für Dich, Prinzessin Goldhaar!«
-scherzte der Jockele.</p>
-
-<p>Da wurde aus dem Zinzilein eine ungeheure blutrote
-Verwirrung; denn dieser Junge sprang ihr mit
-dem goldenen Wortspiele vom Prinzen und der Prinzessin
-mitten hinein in das Allerheiligste ihres Herzens,
-und es fehlte nicht viel, so ertappte er sie über heimlichem
-Opfer.</p>
-
-<p>Das Herz des Zinzilein schlug sich allgemach in das
-vorige Gleichgewicht; sie war aber kurz angebunden, und
-ihre Gedanken stolperten umher wie die Libellen mit den
-blauen und glasgrünen Flügeln.</p>
-
-<p>Von diesem Tage ab wurde das Verhalten Jockeles
-zu dem Herrn Prinz ein wenig anders. Aber nicht etwa
-respektloser, weil er hinter ein Geheimnis gekommen, oder
-gar mißtrauisch, sondern es wurde ein bißchen verwandtschaftlich.</p>
-
-<p>Der Himmel mochte wissen, wer dem Forstgehilfen
-das Märchen von der Prinzessin und dem Prinzen erzählt
-hatte &ndash; genug, er kannte es.</p>
-
-<p>Danach kam er eine ganze Woche nicht ins Frühlingshaus,
-weil er in einem sehr fernen Forste Vermessungen
-vorzunehmen und Arbeiten zu überwachen hatte &ndash; aber
-am nächsten Sonntag als schon die Mittagsglocke über<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-das Dorf läutete und der Jockele ahnungslos von irgendwo
-aus dem September kam, nahm ihn die Mali gleich an
-der Haustür in ihre Hände. Ihre Augen fielen ihn an
-wie zwei Sonnen, und sie zog ihn eilig in die Küche und
-war gar nicht bei sich.</p>
-
-<p>»Der Herr Prinz ist drinne!« zischte sie ihn an. »Er
-will das Zinzilein heiraten &ndash; alleweil sagt er's der
-Tante!«</p>
-
-<p>»Hab ich längst gewußt!« sagte Jockele so von oben
-herab, fiel aber gleich aus der Rolle, faßte die Mali unter
-und wirbelte sie ein paarmal durch die Küche. Dann
-gingen sie auf den Zehen, horchten manchmal ein bißchen
-durch den Türspalt und wisperten miteinander wie die
-Goldhähnchen im Winterwalde &ndash; alles als gäbe ihnen
-eine dunkele Ahnung ein: sie beide müßten nun zusammenhalten,
-da das Frühlingshaus langsam zu vereinsamen
-begann.</p>
-
-<p>Auf diese losgelassene Freude kam ein Augenblick, der
-wäre beinahe sehr feierlich geworden: die Tante trat in
-die Küche und sagte, der Herr Matthias Prinz speise heute
-bei ihnen zu Mittag; dann führte Veronika den Jockele
-in das Zimmer, das ganz voll Gold und Glück und weißer
-Vorhänge war &ndash; »Jakobus,« begann sie und gedachte
-in sehr schönen Worten von einer großen Freude zu reden.
-Aber das dauerte dem Jakobus zu lange, da ging er ihr
-durch und stürzte den beiden ans Herz.</p>
-
-<p>So hatte Herr Matthias Prinz das Wachstum dieses
-Jahres unter Dach, ehe die Welt von Nebeln eingewoben<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-wurde &ndash; wie sich das für einen vorsichtigen Liebhaber
-schickt.</p>
-
-<p>Tante Veronika, obwohl sie niemals in himmelblauer
-Verlobungsseligkeit herumgeflogen und darüber hinaus
-von dem anderen Geschlechte so gründlich stehen gelassen
-worden war als möglich, kam dennoch nicht auf den
-Einfall, es diesen einen entgelten zu lassen und ihn in
-Entsagungen zu üben &ndash; nur auf Delikatesse hielt sie und
-bestand darauf, daß »solche Sachen« nicht zum Ansehen
-für andere gemacht seien. Wodurch aber nicht verhindert
-wurde, was sie beabsichtigte &ndash; nämlich, daß der lange
-schöne Knabe Jakobus die Vorstufe zu einer raschen und
-gründlichen Liebesschule durchmachte. Wäre der Lehrstoff
-weniger delikat zum Vortrage gelangt, so hätte Jockele
-vielleicht nicht die nötige Anteilnahme aufgebracht und
-wäre davongelaufen. Aber dieser Herr Prinz war in
-allen Stücken von einer so vorbildlichen Ritterlichkeit, daß
-der Junge während des Winters feststellte: Matthias der
-Prinz und Prinzessin Zinzilein wären einander durchaus
-würdig, und das Mädel in seiner sonnigen Blondheit wäre
-nun noch viel schöner geworden … Lauter Dinge, an
-denen der Jockele so viel herumzudenken hatte, daß er
-denselbigen Winter in der Folgezeit einmal »die Auferweckung
-des Jakobus« genannt hat.</p>
-
-<p>Durch den tiefsten Bergschnee herüber trug Matthias
-eines Tages die Nachricht, daß er vom 1. April ab als
-Revierförster in der Nachbarschaft des Hörselberges bestimmt
-sei. Natürlich wollte er nicht unbeweibt seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-Einzug in das Waldforsthaus halten &ndash; da überkam den
-Jockele zum ersten Male die Schwäche der Eifersucht, und
-zwar auf beide, die sich ihm gegenseitig wegnahmen.</p>
-
-<p>Er wäre darüber am Ende in die Unzufriedenheit
-des Flegeltums hineingewachsen, dem der liebe Gott
-zur Warnung als äußeres Kennzeichen das schlaksige
-Unebenmaß der Glieder anhängt. Aber die Erziehungskunst
-der Tante Veronika trieb an ihm eine schöne späte
-Blüte: sein Takt gegenüber der waldgesunden Männlichkeit
-des Schwagers behütete ihn vor Entgleisungen.</p>
-
-<p>So focht er den ersten Kampf mit sich und der Welt
-in der Stelle des Gartenhauses aus; er ward einsilbig,
-er knurrte auch einmal, wenn er durch die Stube wippte,
-aber er setzte sich nicht dem vereinigten Gelächter der
-Engel und Menschen aus, die während der Vorbereitungen
-zur Hochzeit das Haus bevölkerten. Er arbeitete
-sich um seine offensichtliche Zurücksetzung mit großem Eifer
-herum, entschädigte sich durch Erzählungen aus dem
-Gallischen Kriege des Cäsar, den er um diese Zeit mit
-dem Pastor las, und hörte mit sieghafter Genugtuung zu,
-wenn der ritterliche Herr Matthias das Bekenntnis ablegte,
-daß sein Schiff an dieser Klippe fast wrack geworden
-wäre.</p>
-
-<p>So war Jockele über allem auf ein Nebengeleise
-rangiert worden. Da fiel er in der beschaulichen Ruhe
-seiner Gartenhütte auf eine Verzweiflungstat: er hatte
-die Schmetterlinge seiner Sammlung gemalt und begann,
-zu jedem die Naturgeschichte zu schreiben. Es war die<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-erste Arbeit, die er planvoll aufnahm und durchführte.
-Das Zinzilein, das ihn am liebsten als »Naturforscher«
-gesehen, hatte auch Verdienste an seinen farbigen Tier-
-und Pflanzenstudien, die oft recht hilflos waren. Deshalb
-dachte er, er wollte dem Zinzilein dies »Werk« als
-Hochzeitsgeschenk überreichen; denn er wußte, Prinzessin
-Goldhaar war mehr als die anderen dazu geneigt, gute
-Vorsätze als Taten anzusehen.</p>
-
-<p>Mitte März war er damit fertig, und als es der
-Buchbinder wieder ins Haus schickte, standen sie in diesem
-Hause gerade vor der Hochzeit.</p>
-
-<p>Die wenigen Tage surrten noch vorüber; dann kam
-der stürmische 1. April, der das Zinzilein dem Frühlingshaus
-entführte &ndash; Himmel, was war von dieser blonden
-Mädchenjugend eine Fülle von Sonne gekommen!</p>
-
-<p>Nun, da sie nicht mehr da war, schauerte den Zurückgebliebenen
-die Einsamkeit fröstelnd ans Herz. Ueberall
-lagen Erinnerungen: Blätter aus zerfallenen Blüten &ndash;
-das ganze Haus war voll von abgestandenen Festtagen;
-es war stief und stoppelfeldig in allen Zimmern, und
-gegen die Fenster stieß der Sturm, klirrte der Aprilregen.</p>
-
-<p>Tante Veronika hatte sich fest zugeschlossen, stabte mit
-dem gelben Stocke in ihrer Wehmut herum und suchte
-nach einem liegengebliebenen Sonnenschein. Es war
-aber keiner da.</p>
-
-<p>Vielleicht lief das alte Fräulein auch dem Gedanken
-nach, ob sie denn zum zweiten Male ganz verwaisen
-sollte?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>Es ist bei den Jahren anders als bei den Menschen &ndash;
-die Jahre kriegen im Alter das Rennen, und man muß
-sich bei guter Zeit vorsehen, will man sie nicht davonlaufen
-lassen.</p>
-
-<p>Jawohl, ganz heimlich dachte Tante Veronika daran,
-wie sie den Jungen im Hause behalten könnte, ohne daß
-er an ihrer verzeihlichen Selbstsucht nicht zur vollen Entfaltung
-seiner hellen Gaben gelangte. Aber sie faßte
-diesen Glauben nicht mit der alten Festigkeit an, weil
-ihr das Herz davor bange war. Und diese Bangigkeit
-verlor sie nicht mehr. Doch brauchte sie nicht lange an
-der Frage herumzuraten; denn eines Tages stand ein
-Sturm auf, der dem alten Mädchen am Bergwalde den
-Jungen aus Haus und Händen wirbelte&nbsp;…</p>
-
-<p>Zuvor aber kam Maria Reh nach Ibenheim.</p>
-
-<p>Da war der Frühling im vollen Gange und schüttete
-ein Blühen in die Gärten, daß es über die Zäune lief.</p>
-
-<p>Weil Fräulein Reh zuerst mit dem Mai durch den
-sprossenden Buchwald gestrichen war, kam sie mit Maleraugen
-voll Entdeckungen und einem Herzen voll Licht
-und Himmelblau und trat in das erste Haus, an dem sie
-der Weg aus dem Walde vorbeiführte.</p>
-
-<p>Darin wohnten die Laufers. Frau Barbara fing sie
-gleich in dem Netz ihrer Freude und schüttelte die ganze
-Hochzeit und das Glück des Zinzileins über sie. An diesem
-Tage nahm Maria Reh die Stube nach dem Wald hinaus.</p>
-
-<p>Als sie am nächsten Morgen mit der Staffelei in die
-Bergsonne stieg, um ihre Sinne vom wilden Farbendrängen<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-zu erlösen, ward sie von dem Mädchen Mali
-erspäht. Deshalb schritt bald danach der Jockele von
-ungefähr des Weges, um zu sehen, was es wäre. Er
-kroch erst ein bißchen um das Malfräulein herum, und
-weil er noch so zwischen den Lebensaltern stand, durfte
-ihn ihre Spätfrühlingsreife ohne Scheu ermutigen. Es
-wurden ein paar falterleichte Fragen gewechselt &ndash; die
-erste ließ Maria auffliegen. Weil sie den Jockele mit
-»Sie« anredete, bekam er einen roten Kopf; denn das
-passierte ihm zum ersten Male. Aber er fand sich alsbald
-in das erforderliche Auftreten und erwies sich dabei als
-fertiger Schüler seines Schwagers Matthias.</p>
-
-<p>Am ersten Regentage machte Maria Reh der Tante
-einen Besuch. Sie trat auch in das »Laboratorium« und
-erbat sich den »Herrn Jakobus« als fröhlichen Malergesellen,
-nachdem sie seine frischen, aber ungelenken Versuche
-gesehen hatte.</p>
-
-<p>Einige Tage später, in denen das junge Buchlaub
-ganz zu Golde geschlagen worden, war aus dem komischen
-»Herrn Jakobus« für das Fräulein schon der junge
-Jockele geworden &ndash; manchmal hieß er noch »Sie, Herr
-Jockele!« &ndash; und er saß neben ihr im Walde und visierte
-mit dem Zielauge über den Bleistift hinweg die Lage der
-Dinge, die er skizzierte.</p>
-
-<p>Wieder nach einiger Zeit wanderten sie zusammen in
-das Forsthaus am Hörselberge. Da nahm auch Maria
-ihr Skizzenbuch mit und redete von lustigen Malerfahrten
-beider Herzen in ein weltumarmendes Glück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>Die enganliegende Lebensart im Frühlingshause, die
-das Werk der Tante Veronika war, fand sich bei Maria
-Reh nicht. Sie war ein blondes, schlankes Mädchen mit
-einem Teutoburgerwaldgesicht und einem freien Hals,
-an dem über dem Blusenausschnitt unter dem Nacken
-der erste Rückenwirbel kräftig hervortrat; denn er hatte
-zu tun, den Kopf mit dem klingenden Haar und dem
-klaren, kühnen Gesicht zu tragen.</p>
-
-<p>Natürlich behauptete Maria, sie wäre viel größer als
-Jockele. Als sie einander aber mit entschuhten Füßen
-und aufgelegtem Skizzenbuch an einem Waldstamme
-maßen, war zwischen den beiden Strichen gerade nur
-so viel Raum, daß ein Sonnenstrahl hindurchkriechen
-konnte.</p>
-
-<p>Diese Messung fand auf dem Wege zu dem Berge der
-Frau Venus statt. Und weil es eine so sonnevolle Waldfahrt
-war, gelangten sie erst im roten Lichte des Spätnachmittags
-in das Forsthaus und standen beide über
-und über in Blüte. Deshalb läutete das prinzliche Paar
-gleich mit allen Glocken, und das Lachen schoß als
-goldene Raketen in die Waldnacht vor dem traulichen
-alten Jägerhause. Dabei wurde festgestellt, daß der
-Jockele in sechs Wochen um sechs Jahre älter und ritterlicher
-geworden sei, und er, dem das Haar so wellig
-und schwarz um die Stirne wehte, hatte die Augen voll
-feuchten Glanzes.</p>
-
-<p>Das Zinzilein schaute fast erschrocken in dies heiße
-Licht, das aus einem tiefen Himmel kam. Aber der<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-Jockele sagte: daran wäre die Sonne schuld, die über
-Tag hineingeronnen, und daran wäre schuld, daß diese
-Augen nun Dinge zu suchen und zu sehen hätten, von
-denen das Zinzilein samt seinem jungen Herrn Förster
-gar nichts ahnte. Er sagte das aus einem gläubigen
-Jungenherzen heraus; aber das Zinzilein mußte doch auf
-der Hut vor sich selber sein, daß sie ihn nicht für ganz
-erwachsen nahm und ein bißchen an ihm herumklopfte …
-denn auch das Zinzilein war in diesen sechs Wochen gelehrig
-gewesen und verstand sich auf Männeraugen.</p>
-
-<p>Sie blieben in dieser Nacht im Forsthaus, und am
-Morgen wußte der Jockele, warum ihn das Zinzilein
-manchmal mit so rätselhafter Lustigkeit ansah, hinter der
-immer ein sehr großes und sehr leuchtendes Ausrufezeichen
-stand. Sie schliefen in den Zimmern im oberen
-Stockwerk, und ihre Betten standen Wand an Wand. Der
-Hochwald hauchte die Kraft durch die weiche Nacht, die
-die Kerzen zur Frühlingsfeier aus den schwarzen Tannen
-treibt, und irgendwo unter den Fenstern brach ein
-Brunnen aus dem schwarzen Stein und flüsterte der
-Nacht wunderliche heimliche Reden ins Ohr. Als Jakobus
-an das Fenster trat, hauchte ihn die Südwand des Zimmers
-mit einer süßen Schwüle an, daß er erschrak; denn
-es war, als legte Maria Reh die Arme um ihn.</p>
-
-<p>Er löschte das Licht, das ihm das Zinzilein aufs
-Zimmer gebracht hatte. Die blaue warme Finsternis
-tat ihm wohl &ndash; und da merkte er, das Zinzilein hatte
-die Rätsel seiner Augen schon erraten, ehe er noch wußte,<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-daß sie darin waren. Aber nun, in der Stille dieser
-Waldnacht, nun war das Wunder da: er sah in der
-Finsternis! Es stand ein hohes blondes Frauenbild vor
-ihm, reif wie ein Aehrenfeld im Sommer, wenn der Duft
-von gebackenem Brote über die wogenden Halme zu
-schwimmen beginnt, und Maria Reh war schön wie eine
-Königin. Er blieb immer in der Nähe der Wand, in die
-des Tages die Sonne gesickert war, und fühlte den
-warmen fremden Odem … Mitten darin stand Maria
-Reh in ihrer leuchtenden Ueberlegenheit und zog ihn an
-sich und küßte ihn mit ihren roten Lippen auf den
-Mund. »Was bist Du für ein lieber stolzer Junge,« sagte
-sie. &ndash; »Stolz?« fragte er. »Wissen Sie denn nicht, daß
-ich immer so vor Ihnen knien möchte wie heute an dem
-warmen Waldhange, wo der Wachtelweizen in tausend
-blauen Lichtern brannte? Und wissen Sie denn nicht,
-daß ich Ihr Edelknabe bin, Sie liebe, liebe blonde
-Königin?« Da hörte er ihr klingendes Lachen, und sie
-nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf
-die Stirn&nbsp;…</p>
-
-<p>Ueber dem Kusse schloß er die Augen und fühlte ihn
-hinabrinnen als ein wundersames himmelfremdes Glück
-bis in sein Herz.</p>
-
-<p>Und er ward durstig nach dem blutroten Leben ihres
-Mundes &ndash; aber er dachte nicht daran, sie zu küssen,
-sondern <em class="gesperrt">sie</em> mußte es sein, die sich über ihn beugte und
-ihm aus der Gnade ihres Königinnentums reichte, wonach
-er so sehnsüchtig war&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p>
-
-<p>So sahen die Verheerungen aus, die dieser jubilierende
-Montag in Jakobus Sinsheimer angerichtet hatte. Weit
-über die Mitternacht hin schwamm er in einem rosenroten
-Meere von Seligkeit … Auf einmal wachte er auf &ndash;
-der Morgenhahn warf seinen Ruf wie eine goldene Lanze
-durch das Fenster! Jockele erwachte sehr nüchtern; er
-hatte sich in den Schlaf gefreut; denn er dachte, der Traum
-würde die Fäden noch viel schöner weiterspinnen, die er
-ihm in die Hand gegeben. Nun hatte ihn die Nacht
-darum betrogen.</p>
-
-<p>Aber die falterleichte Jugend, als sie die Wipfel so
-voll klingender Sonne sah, brachte sein Herz gleich wieder
-zum Fliegen.</p>
-
-<p>Er schritt leise die Treppe hinab und fand Zinzilein
-und Matthias schon draußen beim Morgenkaffee unter
-der großen Buche. Im Zimmer Marias war der Vorhang
-noch vor das Fenster gezogen.</p>
-
-<p>Jockele hatte nichts dagegen, daß Matthias gleich
-danach das Gewehr umhängte und in den Wald ging;
-denn nun nahm er des Schwagers Platz ein, weil er von
-da aus das Fenster an Marias Zimmer immer im Auge
-haben konnte.</p>
-
-<p>Das Zinzilein belustigte sich in aller Heimlichkeit ganz
-ungemein.</p>
-
-<p>Es war ein blanker Morgentisch gedeckt, wie es zu
-den hellen Herzen und der Welt voll Licht paßte, und als
-Maria Reh &ndash; schon fix und fertig &ndash; endlich den Vorhang
-zur Seite zog, flogen ihr die sehnsüchtigen Augen des<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-Jungen ans Herz. »Na, da ist sie ja!« jubelte das
-Zinzilein, und Jockele wurde ganz stolz, weil sie seine
-Schwärmerei gemerkt hatte und doch in der Ordnung zu
-finden schien. Man plätscherte noch eine Viertelstunde in
-Lachen und Sonne, dann segelten die beiden auf ihrem
-glückhaften Schiffe davon.</p>
-
-<p>Jakobus war nach dem Erlebnisse vom Abend zuvor
-wie verwandelt, gestern war er ein Malschüler gewesen,
-heute war er ein glückseliger Page.</p>
-
-<p>Maria Reh ließ sich seine scheue Liebe gefallen und
-hätte nicht das geringste einzuwenden gehabt, wenn sie
-etwas weniger ungefährlich gewesen wäre. Sie war
-nun auch viel sanfter zu ihm; denn sie sah, der
-Junge war ganz von sich, und diese erste Jugendschwärmerei
-fiel über sie wie der Duft einer Blume,
-die ohne Gift ist.</p>
-
-<p>Mittags, als sie wieder an dem Hange ruhten, über
-dem der Wachtelweizen mit den himmelblauen Spitzen
-seiner Stengel als ein sonnenstiller See blühte, strich
-Maria mit ihrer Hand über sein Gesicht; da lehnte er den
-Kopf an die Erde und ließ ihre Stirn so über sich kommen
-und sah seinem Glücke tief in die Augen. Dann sagte
-er: »Ich bin sehr froh, daß Sie so lieb zu mir sind!«</p>
-
-<p>»Sind das Zinzilein und Fräulein Veronika nie so
-gewesen?« fragte sie aus ihrem wissenden Herzen heraus.</p>
-
-<p>»Aber das ist doch etwas ganz anderes, Fräulein
-Maria!« Und er erfaßte ihre Hand und legte sie über
-seine Augen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>Weiter geschah auf diesem langen, langen Frühlingsgange
-nichts, aber als sie in der Dämmerung nach Hause
-kamen, waren sie beide ganz still geworden, und Maria
-sagte sehr weich und mitleidvoll zu ihm: »Auf morgen &ndash;
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>Da küßte ihr der Junge die Hand und ging mit gefährlich
-feuchten Augen von dannen.</p>
-
-<p>Sie sahen sich nun an jedem Tage. Jockele saß neben
-ihr im Walde und zeichnete, was sie ihm aufgab. Des
-Morgens suchte er sie stets mit scheuer Freude; denn vor
-Nacht war sie immer in so königlichen Bildern um ihn,
-und dann ließ er sich von ihren sachten Händen in den
-Schlaf streicheln.</p>
-
-<p>Sie fühlte auch, was sie ihm war, und war darum
-auf der Hut vor sich selber, damit der Glanz nicht von ihr
-abfiel, den seine erwachenden Sinne um sie träumten.</p>
-
-<p>Er hätte am liebsten gehört, wenn sie ihn »Du« genannt
-hätte, aber die Scheu, sich lächerlich zu machen,
-hielt ihn davor zurück, es ihr zu sagen; wenn er in den
-heimlichen Stunden zwischen Schlaf und Wachen mit ihr
-allein war, mußte sie es doch machen wie er wollte!</p>
-
-<p>Ueber allem befiel ihn ein ruheloser Eifer, ihr mit
-seinen Zeichnungen zu gefallen. Sie lobte ihn leicht und
-oft; das hatte ihm zuerst wohlgetan; dann peinigte es ihn;
-denn er dachte, es wäre eine unverdiente Gefälligkeit.
-Er sagte ihr das auch einmal und verstimmte sie damit;
-das dauerte drei Tage, und am vierten ging sie zu einer
-Stelle im Walde malen, die sie ihm nicht verraten hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Da geriet er in eine qualvolle Unruhe, lief den ganzen
-Tag im Walde herum und war heilsfroh, als er sie gefunden
-hatte. Aber die Abende, in denen er sich ihr ans
-Herz träumte, waren seit einiger Zeit nicht mehr so
-wonnevoll wogend und rosenrot, und sie wurden es noch
-weniger, als sie eines Tages an ihrer Bluse auf dem
-Rücken einen Druckknopf nicht geschlossen hatte. Wenn
-sie vor der Staffel stand und sich ein wenig zurückbeugte,
-sperrte sich diese Stelle des Verschlusses immer auf und
-ließ ein Stück Spitze ihres Hemdes sehen.</p>
-
-<p>Das peinigte ihn; denn es stimmte gar nicht zu den
-königlichen Bildern seiner Frühlingsträume. Er arbeitete
-mit heißerem Eifer, um Maria vor seinen törichten Augen
-zu schonen. Aber immer wieder blitzte das schmerzende
-Weiß in seine Arbeit &ndash; da nahm er den Feldstuhl und
-setzte ihn so, daß er ihre Rückseite nicht sehen konnte, und
-begann eine neue Zeichnung.</p>
-
-<p>Einige Tage später war der Druckknopf wieder offen.
-Da sagte er zu ihr, er könne diese Bluse nicht leiden. Sie
-redeten eine Weile in scherzendem Ernste, und weil sie
-so überlegen tat, wehrte er sich&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Jawohl, nicht leiden, weil immer ein Knopf daran
-offen ist!«</p>
-
-<p>»O weh,« sagte sie lachend, »und das haben Sie gesehen
-und haben ihn nicht zugedrückt?«</p>
-
-<p>Sie fand also dabei gar nichts. Aber sie ahnte auch
-nicht, daß ihr großes Licht in seinem Herzen darüber zu
-einer matten Sonnenscheibe geworden war. Dann knurrte<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-er ein bißchen vor sich hin, und sie redeten danach einmal
-vom Wetter und daß der Herbst schon so unfreundlich
-durch das Gebirge kroch.</p>
-
-<p>An ihrer Freundschaft änderte dieser Vorfall nichts,
-aber über die Vergänglichkeit des Rausches der Liebe begann
-Jockele in diesen Tagen der ersten Nebel doch nachzudenken&nbsp;…</p>
-
-<p>Er ging in die Reifkälte des Oktobers aufrechter und
-fertiger, als er durch die fallenden Blüten des jungen
-Jahres gegangen war.</p>
-
-<p>Da sie sich wieder einmal maßen, war er über
-Maria Reh hinausgewachsen, was ein wildes Siegesgeschrei
-zur Folge hatte, und seine Arme baumelten
-nicht mehr um ihn herum wie Schlaghölzer am Dreschflegel.
-Er hatte auch Fräulein Sinsheimer mit auffälliger
-Sicherheit erklärt, er wolle Maler werden und &ndash; vom
-Herbste des nächsten Jahres an &ndash; die Weimarische Kunstschule
-besuchen. Im Herbste des nächsten Jahres war
-er siebzehn vorbei.</p>
-
-<p>Veronika, die mit Maria Reh mehrfach über sein
-Talent gesprochen hatte, gab ihr ruhevolles Einverständnis
-und war froh, daß die Dinge sich so fügten. Seine
-mancherlei Studien vor und in der Natur waren nun
-gewiß auch für seinen künftigen Beruf nicht zwecklos
-gewesen, und die alte Dame brauchte sich nicht zu sorgen,
-daß ihr der Junge dereinst den Vorwurf machte, sie hätte
-den Unterricht planlos betrieben &ndash; nein, nein, die Sache
-war ihr so in allen Stücken recht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p>
-
-<p>Als die Blätter gefallen waren, war Maria Reh fort.
-Die Freundschaft hatte gehalten &ndash; Jockele hatte ihr das
-Gepäck in das Wagenabteil gereicht und hatte ihr noch
-im Schreiten Lebwohl gesagt, als schon die Räder neben
-seinen Schuhen rollten.</p>
-
-<p>Aber sie stand nun in seinen Gedanken in einer so
-rotbäckigen Menschlichkeit und kernigen deutschen Art,
-daß er sich wunderte, wie es ihm möglich gewesen wäre,
-das alles mit dem Glanze des Märchenkönigtums zu
-umdichten.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Auf einmal faßte das Leben mit hartem Griff in den
-stillen Lauf der Tage des Hauses am Walde, und
-es ward eine tiefe Finsternis. Es sah aus, als wollte sie
-der Dinge und Herzen Herr werden und alle Freude in
-einer Stunde in die Luft sprengen, an der Veronika viele
-Jahre mit heiterem Fleiße gebaut hatte.</p>
-</div>
-
-<p>Tief im Thüringer Wald steht ein Gasthaus an der
-Straße, etwa drei Wegstunden von Ibenheim; darin
-halten Fuhrleute, die über das Gebirge fahren, ihre Rast;
-dahin ziehen sommerfröhliche Menschen, wenn ihre Herzen
-dürsten nach Bergwind und Tannengrün. Im Winter
-ist es ein verlorener Bergwinkel, um den die Stürme
-Lasten von Schnee mauern.</p>
-
-<p>In jenes Gasthaus trat an einem frostklaren Januartage
-ein Weib, hatte in Männerstiefeln lange verschneite
-Straßen hinter sich getreten und war in allerlei schlechte
-Tücher gehüllt. In der Hand trug sie den Schaft einer<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-jungen Erle, irgendwo am Wege gebrochen und notdürftig
-für eine Bergfahrt zugerichtet.</p>
-
-<p>Die Frau sprach ein fremdes und mühseliges Deutsch,
-und die Wirtsleute sahen sie aus ihrer tiefen Wintereinsamkeit
-verwundert und fast feindselig an.</p>
-
-<p>Sie rückte sich einen Holzstuhl an den Ofen und nestelte
-Kupferstücke aus der Tasche ihres Rockes; das ging
-langsam, denn ihre Hände waren krumm vor Kälte. Für
-das Geld bekam sie ein Glas Grog und schüttete den
-heißen Trank schluckweis in sich hinein. Darüber kamen
-ihre erstarrten Sinne, kam ihr das Herz allgemach wieder
-in Gang. Die Wirtsleute begannen, sich an sie heranzufragen.
-Aber sie hatte abwesende Augen, leuchtete
-damit in der großen Gaststube herum und sagte: »Die
-Fenster sind alle dick zu von Eis.«</p>
-
-<p>Da merkte der Wirt, es wäre nicht viel mit ihr zu
-reden, und bedeutete sie durch Zeichen, ob sie noch ein
-Glas Grog brauche. »Ja,« sagte sie, und legte das Geld
-dafür auf den Tisch. Ihre Augen gingen wieder durch
-die Stube und blieben endlich stehen, und die Wirtin, die
-das kochende Wasser aus dem Kessel über den Rum
-schüttete, fragte sie, ob sie krank wäre.</p>
-
-<p>»Nein,« &ndash; sie überlegte sich nur, wie sie es sagen
-sollte, was sie vorzubringen hätte; denn ihre Sprache wäre
-das Ungarische und sie fände sich im Deutschen nur mühsam
-zurecht.</p>
-
-<p>Da taten die Leute ihre Arbeit und warteten, was es
-mit ihr wäre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p>
-
-<p>Nach einer Weile sagte sie: »Ist hier vor länger als
-sechzehn Jahren ein Kind gefunden worden?«</p>
-
-<p>»Hm, ein Kind gefunden? Das ist eine merkwürdige
-Frage. Und vor mehr als sechzehn Jahren?«</p>
-
-<p>Die Wirtin wußte gleich, wohin die Frage zielte. Aber
-es wachte in ihr auch schon die Furcht auf vor mühsamen
-Gängen zum Gericht. Und sie warf ihrem Mann einen
-Blick zu, der wollte sagen: gibt acht, aus derlei Dingen
-wächst ein Haufen Unkraut!</p>
-
-<p>Deshalb antwortete sie mit hinterhältiger Sanftmut:
-»Ein Kind? Es ist davon wohl nichts bekannt worden.«
-Aber die Neugier brannte sie auf die Nägel, und der
-Mann sagte, vor sechzehn Jahren wären sie noch gar nicht
-in dieser Gegend gewesen.</p>
-
-<p>Die Zigeunerin hatte das graue Tuch, das sie um den
-Kopf getragen, überdem zurückgeschoben; da sahen sie, daß
-sie im Alter der ergrauenden Haare stand. Sie hatte ein
-verkümmertes Gesicht und sehr schöne schmerzvolle Augen.</p>
-
-<p>»Nun,« begann sie nach einer Weile, »wenn ein Kind
-gefunden worden ist, so redet man in einem Gasthause
-wohl auch nach vielen Jahren einmal davon; denn Kinder
-wachsen doch nicht an den Straßenrändern wie die
-Disteln.«</p>
-
-<p>Ob es ein Junge oder ein Mädel gewesen wäre?</p>
-
-<p>»Es war ein Knabe, und in der Nähe des kleinen hellgrünen
-Hauses am Waldrande war eine Sandkuhle. Ist
-da nicht ein grünes Haus in der Nähe, bei dem eine Sandkuhle
-ist?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>»Es sind etliche Sandkuhlen in dieser Gegend und wohl
-auch mancherlei grüne Häuser,« sagte der Wirt, aber es
-war, als liefen ihr seine Gedanken nun doch entgegen.
-»Was haben Sie denn mit jenem Kinde zu tun?«</p>
-
-<p>»Ich bin die Mutter. Ich habe es auf die Schwelle
-jenes Hauses gelegt &ndash; es war in einer grauen Frühe und
-war im hohen Sommer. Ich dachte: in diesem Hause
-müßten gute Leute wohnen &ndash; es war alles blank und
-sauber daran.«</p>
-
-<p>Da redeten die Wirtsleute leise miteinander, und weil
-sie dachten, es wäre besser, dies Weib wäre nicht unter
-ihrem Dache, rückte die Wirtin ihren Stuhl herzu und
-sagte: »Es ist in der Tat einmal von einer solchen Sache
-geredet worden« &ndash; was es denn wäre, das sie nach so
-vielen Jahren herzöge?</p>
-
-<p>Menschen, die von Reu' und Glauben voll sind, schließen
-leicht alle Türen ihres Herzens auf … und die Zigeunerin
-erzählte: es lebe in ihrem Volke die Gabe, das Künftige
-zu erschauen, und es hätten ihr drei weise Frauen
-ihres Stammes gesagt: ihr Kind lebe, aber es könne keine
-Rast finden hier und dort&nbsp;…</p>
-
-<p>So erzählte sie aus der Not ihres abergläubigen
-Herzens eine verworrene Geschichte von silbernen Ohrringen,
-deren einen sie trüge und die wieder zusammenkommen
-müßten, und sie erzählte eine noch viel verworrenere
-Geschichte von den Seelen, die sich gleich den
-getrennten Ringen suchten über Zeit und Ewigkeit
-hinaus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span></p>
-
-<p>Nicht die irrende Not dieses Weibes, nicht das Elend
-ihres verkümmerten Leibes hatte bei den Wirtsleuten vermocht,
-was der närrische Glaube ihres Herzens vollbrachte&nbsp;…</p>
-
-<p>Davor wurden ihre Augen weit, und sie liefen mit
-schauerndem Behagen am Wunderlichen in das dämmerige
-Land dieser Seele.</p>
-
-<p>Aber sie scheuten sich, das letzte zu sagen, und gerieten
-darüber wieder ins Forschen: wenn sie den Sohn nun
-für sich haben wollte, ob sie meinte, daß man ihn ihr
-gäbe? Er wäre doch nun ein Mensch geworden, der ihr
-ganz ferne gerückt sei mit seinen Gewohnheiten und
-seinen Kenntnissen.</p>
-
-<p>»Oh,« sagte die Zigeunerin, »ich will nicht sein Glück
-zerstören, sondern ich will es erfüllen.«</p>
-
-<p>Da redeten die Wirtsleute in der breiten Mundart
-ihres Landes miteinander.</p>
-
-<p>Die Frau war voll Mitleid und sagte:</p>
-
-<p>»Man muß ihr den Weg zeigen!«</p>
-
-<p>Aber der Mann widersetzte sich:</p>
-
-<p>»Sie wird die Geschichte von den Wahrsagerinnen erfunden
-haben; sie will sich in das fremde Haus stehlen und
-dort einnisten, und man wird uns die Schuld an allem zumessen,
-was daraus hervorwächst&nbsp;…«</p>
-
-<p>Dann beschrieben sie ihr den Weg aber doch, der sie
-über das Gebirge führte, und nannten ihr den Namen
-des Dorfes und sagten, sie müsse zum Gemeindevorsteher<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-gehen und den Ohrring zeigen &ndash; es würde sich dann
-schon alles finden.</p>
-
-<p>Danach ging die Zigeunerin fort und wanderte durch
-den tiefen Schnee des Waldes und lief einen weiten Weg
-in dem Dämmerlichte, das zwischen den Stämmen der
-hohen Fichten lag; denn die Bäume trugen ein Dach aus
-Schnee.</p>
-
-<p>Es war ein Schreiten zu den Toren der Ewigkeit;
-denn es fiel ein fremdes schönes Licht in die bangende
-Seele, und der vermühte Leib vergaß über dem beschwingten
-Gange die Not der verflossenen Zeit.</p>
-
-<p>Der Weg führte aufwärts zum Kamme des Gebirges.
-Der Weg? Es war kein Weg, es war weißer schlafender
-Waldgrund, und der klirrende Frost zerwehte vor dem
-beseligten Wanderschritt.</p>
-
-<p>Droben, wo sie schon den Wind hinter dem Kamme
-des Gebirges singen hörte, und wo er hohe Mauern aus
-glitzerndem Schnee durch den Wald gezogen hatte, lehnte
-sich das Weib an eine der weißen Wände … es war, als
-wäre aller Frost drüben, wo das ferne und eintönige
-Singen der Luft erklang. Da dachte sie: ich will mich ausrasten,
-ehe ich hineinschreite in den klirrenden Wind. Sie
-setzte sich nieder und sah die tiefe Spur, die ihre Füße in
-den Schnee getreten hatten, und wunderte sich, daß ein
-Mensch durch solch einen verstürmten Bergwinter schreiten
-könnte&nbsp;…</p>
-
-<p>»O ja,« sagte sie, »mit einem Herzen voll Himmel
-wandert man durch alle Mühsal der Erde&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p>
-
-<p>Das war das letzte. Dann fiel ein blaues heitres
-Scheinen in sie. Und das blaue heitere Scheinen war das
-Sterben; denn als der Frühling über die Berge stieg und
-die weißen Decken wegnahm, fanden sie die Waldleute in
-ihrem tiefen Schlafe. Der Mann der Barbara Laufer
-war unter ihnen, und als er den silbernen Ohrring sah,
-den die fremde Tote trug, lief er zu Herrn Peter Squenz
-in Ibenheim und sagte, er sollte gleich mit ihm gehen;
-denn die dort oben schliefe, wäre die Mutter des Jakobus
-Sinsheimer.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Durch Herrn Peter Squenz war diese Geschichte schon
-in allen Einzelheiten auf die Menschen losgelassen worden,
-als sie im Frühlingshause noch niemand ahnte.</p>
-
-<p>Gegen Abend, da die Leute von der Waldarbeit heimgekommen,
-sah Mali eilige Frauen gegen die Hütte der
-Laufer streben, verkündete das dem Fräulein Veronika
-und schickte sich gerade an, Licht in die Sache zu bringen,
-da trat Herr Peter Squenz über die Schwelle. Die Glocke
-an dem metallenen Schwippbogen machte einen so ausgiebigen
-Lärm, daß auch der Jockele mit Augen voll Einsamkeit
-und Bestürzung herzulief; er hatte naturforschenderweise
-in der Gartenhütte gesessen.</p>
-
-<p>Squenz, der als Amtsperson kam, nahm sich entsprechend
-wichtig und ahnte nicht, daß Tante Veronika ihm
-von dieser Stunde an eine Taktlosigkeit und Gemütsroheit
-nachreden würde, die sie mit sehr spitzem Munde als
-»einfach ganz unverzeihlich« bezeichnete. Er hielt die Anwesenheit
-Jockeles für durchaus wichtig; denn es ginge<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-den Jungen vor allem an, meinte Herr Squenz, und dann
-berichtete er. Fräulein Sinsheimer saß dabei in ihrem
-Lehnstuhl, als hinge sich in dieser Stunde ein Bienenschwarm
-unter ihr an die Polster des Sessels; in Jakobus
-löschte der Tag aus, und das Mädchen Mali stand draußen
-im Vorhaus, hielt die Hand auf der blanken Klinke und
-überlegte, ob sie nicht die Flamme ihres Zornes über
-diesen Herrn Squenz werfen sollte. Der faltete drinnen
-ein Papier auseinander und legte den Ohrring auf den
-Tisch, und Jockele holte den Bruderreif aus dem geschliffenen
-Väslein und legte ihn daneben&nbsp;…</p>
-
-<p>Da fand Fräulein Sinsheimer das erlösende Wort&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ich bin gar nicht mehr imstande, Ihnen zuzuhören,
-Herr Squenz, und bitte Sie, das Haus zu verlassen …
-Sehen Sie denn nicht, welche Verwüstungen Sie anrichten?«</p>
-
-<p>Herr Squenz schaute sich sehr verwundert um und sah
-nichts. Dann entschuldigte er sich mit seiner Pflicht, aber
-Tante Veronika lehnte sich im Stuhle zurück und bezeigte
-ihm so vollkommene Abwesenheit und tiefe Entrüstung,
-daß er sich ohne Säumen empfahl. Die Klingel läutete
-ihn hinaus, und es war zu hören, daß Mali den Riegel
-hinter ihm mit strafender Empörung vor die Tür schlug.
-Dann kam sie herein; denn sie hatte Fräulein Sinsheimer
-von Verwüstungen reden hören &ndash; sie hielt ihre Anwesenheit
-in dieser wilden Stunde auch ohne Aufforderung für
-durchaus nötig. Tante Veronika stieß ihren gelben Stock
-in einemfort hart vor sich auf die Dielen; denn sie hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-das Bedürfnis, jedes ihrer zornwütigen Worte mit einem
-Schlage zu bekräftigen. Jakobus saß am Fenster, hatte
-den Kopf auf den Arm gestützt und sah in finsterem
-Schmerze in die sinkende Nacht. Was ihm einmal ein
-Schuljunge in raschem Kinderärger nachgerufen und wovor
-man ihn im Haus eine lange lichte Jugend hindurch
-behütet hatte &ndash; in dieser Stunde hatte Peter Squenz mit
-der brutalen Rücksichtslosigkeit des vereinigten Ochsenbauern
-und Polizeimannes die Decke von dem Geheimnis
-gerissen und hatte dem Jungen das Herz blutig geschlagen.
-Es war alles durcheinandergestürzt, was Tante Veronika
-in den Jahren aufgebaut hatte, und sie fand sich nicht mehr
-in sich selber zurecht. Da legte die alte Mali dem Jockele
-ihre Hand auf die Achsel; denn sie sah, daß ihm die Augen
-überliefen von stillem und heißem Weinen. Sie fand
-auch warme Worte windigen Trostes &ndash; denn welches
-Menschen Rede vermöchte das wildgewordene Meer eines
-im Tiefsten erregten Herzens zu glätten?</p>
-
-<p>Danach stand er sehr ruhig auf und sagte: »Ich will in
-das Gartenhaus gehen und sehen, wie wir es machen
-können.«</p>
-
-<p>Als es schon ganz dunkel geworden war, kam er wieder
-herein und sagte:</p>
-
-<p>»Es ist nicht das, was Ihr denkt, daß es mich so hart
-getroffen habe! Daß eine Zigeunerin im Bergwinter
-verkommen ist, die ich nicht kenne, ist ein Jammer, und
-der Gedanke ist furchtbar, daß sie meine Mutter gewesen
-sein könnte. Aber ich habe sie nicht gekannt &ndash; sie hat<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-auch gar nicht gewollt, daß ich sie kenne und liebhabe &ndash;
-aber sie zerreißen sich nun die Mäuler in der ganzen
-Gegend über mich. Vielleicht ist das auch nicht so schrecklich,
-wie es mir jetzt zu sein scheint; denn jetzt meine
-ich, ich könnte mich nicht mehr draußen sehen lassen, weil
-die Kinder hinter mir herschreien, was mir meine Mutter
-getan hat.«</p>
-
-<p>Tante Veronika hörte ihn in Ruhe an, aber der alten
-Wirtschafterin wendete sich das Herz um, und sie kam mit
-Gründen einer landläufigen und gefühlsseligen Moral,
-daß es schlimm wäre, wenn ein Kind so von seiner Mutter
-rede.</p>
-
-<p>»Und was hast Du Dir weiter gedacht?« fragte Veronika.</p>
-
-<p>»Ich habe mir gedacht, es wäre am besten, ich ginge
-fort, schon morgen. Ich habe alle meine Zeichnungen zusammengesucht
-und will damit zu Maria Reh nach Weimar
-und möchte sie fragen, was <em class="gesperrt">sie</em> zu der Sache meint.
-Wenn ich unter fremden Menschen bin und neue Pflichten
-habe, komme ich leichter über alles hinweg.«</p>
-
-<p>»So ist es wohl am besten,« sagte Tante Veronika.
-»Ich kann Dir in jedem Monat hundert Mark schicken;
-wenn Du mit dieser kleinen Summe auskommst, so will
-ich Dich nicht zurückhalten. Und es wird wohl gehen;
-denn Maria Reh hat mir gesagt, daß sie auch mit so
-wenigem haushalten müßte.«</p>
-
-<p>»Hundert Mark?« fragte Jakobus in großer Verwunderung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p>
-
-<p>»Du darfst darüber nicht erstaunt sein,« sagte Veronika,
-»es ist nicht viel &ndash; Du weißt das noch nicht. Aber ich
-denke, es läßt sich schon machen.«</p>
-
-<p>Sie hütete sich auch in dieser finsteren Stunde vor
-schulmeisterlichen Lehren und dachte: wenn ich ihn falsch
-erzogen habe, so wird nun auch sein Leben falsch werden.</p>
-
-<p>Dann stand sie auf und suchte mit dem Mädchen alles
-zusammen, was er mitnehmen sollte. Er trug aus dem
-Gartenhause herüber, was er für nötig hielt, und sie ließen
-noch etliches für den anderen Tag; denn es wurde bestimmt,
-daß er erst abends reisen sollte, um den peinlichen
-Augen der Leute von Ibenheim aus dem Wege zu gehen.</p>
-
-<p>Als die Stunde gekommen und sein Gepäck schon vorausgeschickt
-war, begleiteten ihn Veronika und Mali bis
-auf die Schwelle des Hauses. Sie hatten alle aufrechte
-und stille Herzen, und Fräulein Sinsheimer sagte: »Ich
-habe mir das bis zuletzt aufgehoben: borge Dir von keinem
-Menschen Geld, wenn Du einmal nicht mit dem langen
-solltest, was ich Dir geben kann! Es würde mir sehr weh
-tun; denn Du würdest damit bezeigen, daß Du zu anderen
-mehr Vertrauen hast als zu der Frau, die mit all
-ihrer Treue und Liebe um Dich gewesen ist. Du hast mir
-viel Freude geschenkt, Jakobus, und ich habe die Pflicht
-und den Wunsch, Dir für dies Glück zu danken. Du wirst
-mich immer finden, so oft Du mich suchst. Und nun sei
-brav und tapfer &ndash; lebe wohl!«</p>
-
-<p>Jakobus sagte: »Ich weiß seit gestern klarer denn seit
-je, daß ich Dir alles zu danken habe, was ich bin und wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-auch werde, liebe Tante Veronika, und ich werde es nie
-vergessen.«</p>
-
-<p>Dann beugte sich seine hochgewachsene klare Jugend
-zu der kleinen feinen Frau hinab, und sie küßte ihn mit
-ihren schmalen Lippen auf die Stirn.</p>
-
-<p>Die Glocke am Schwibbogen tat drei leise Schläge,
-als sich die Türe geschlossen hatte, und Veronika sagte zu
-Mali: »Wir sind heute ein großes Stück dem Ende zugelaufen.
-Man legt nicht jeden Tag als Maß an den
-Weg, aber in solch einem stehen gleich sieben Meilensteine.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er kam nachts um elf Uhr nach Weimar. Am anderen
-Vormittage ging er in die stille Straße, die Am
-Horn heißt; denn Maria Reh wohnte seit einiger Zeit
-mit einer Freundin, die auch Malerin war, in dem sehr
-kleinen Gartenhause, das ganz versteckt in dem schönen
-Besitze des Generalintendanten von Vignau liegt.</p>
-
-<p>Als er den breiten Fahrweg entlang schritt, der von
-dem eisernen Tor unter Kastanienbäumen zu dem Häuschen
-führt, kam er sich sehr tapfer und fast daheim vor; denn
-er war durch den alten Weimarer Park herübergegangen,
-und die Welt war voll Frühlingsahnungen und heimlich
-springenden Knospen wie der Buchenwald an den Hängen
-des Gebirges. Als seine Augen nun den Schritten voraufliefen
-und an den kleinen Fenstern suchten, ob sie Maria
-Reh sähen, wußte er: er würde den Damen alles erzählen,
-was ihn zu seinem raschen Entschlusse gebracht hatte. Er
-kannte all diese Menschen nicht, an denen er vorbeigelaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-war, und fühlte: denen wäre es ganz gleichgültig,
-woher er gekommen sei; und sein helläugiges
-Wesen bäumte sich auch dagegen auf, sich von den Malerinnen
-die Wege in das Leben führen zu lassen und ihnen
-dafür mit Unehrlichkeit zu begegnen. Barbara Laufer
-hatte wahrscheinlich längst von allerlei Vermutungen zu
-Maria Reh gesprochen&nbsp;…</p>
-
-<p>Er stand vor der grauen Haustür und zog an dem
-Glockenstrange, der aus einer anderen Zeit kam … Da
-hatte ihn Maria Reh auch schon in den Händen, und ihre
-weiche tiefe Frauenstimme wollte sich überschlagen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Mensch!« rief sie, »Sie sind ja schon wieder eine Elle
-länger geworden und haben die Augen ganz voller Himmel
-&ndash; was will denn das werden?«</p>
-
-<p>Sie zog ihn die schmale Holztreppe empor &ndash;&nbsp;&ndash; was
-war das für eine starke und frohmütige Art!</p>
-
-<p>In der kleinen Stube nach dem Garten hin stand
-Doris Rinkhaus in einem hellblauen Morgenkleide &ndash;
-ein Frühlingstag, dachte Jakobus Sinsheimer; denn es
-war alles blau und golden an ihr, ihr Gesicht blühte wie
-ein Sonnenhang im März, und sie trug das lichte Haar
-wie die Mädchen auf den Bildern Defreggers.</p>
-
-<p>Das stürzte alles so über ihn, und eine dunkle und eine
-helle Frauenstimme flatterten um ihn wie ein Trauermantel
-und ein Zitronenvogel, die in seinem jungen Lichte
-spielten. Maria Reh ergriff seine beiden Hände und legte
-sie in die von Doris Rinkhaus und sagte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>»Das ist der Junge aus dem grünen Lande! Gib acht,
-aus dem wird etwas &ndash; es weiß nur noch nicht, wohin es
-mit ihm will!«</p>
-
-<p>Nun saßen sie sich seit drei Minuten gegenüber und
-kannten sich schon seit Anbeginn.</p>
-
-<p>Auf dem Tische lag ein Wachstuch; das Geschirr vom
-Morgenkaffee stand noch darauf und daneben lagen viele
-Krumen. Auf einmal fiel es Doris Rinkhaus ein, sie
-müßten den Tisch abräumen, weil sie Besuch hätten. Da
-packten sie beide die vier Zipfel des Wachstuches, ließen
-das Geschirr durcheinanderklirren, schütteten ihr Lachen
-darüber und trippelten damit in die Küche. Dann
-rückten sie an Jakobus heran, daß die drei Paar Knie zusammenstießen,
-und Maria Reh sagte: »Schießen Sie los,
-junger Mann! Sie wissen, Sie haben sich einmal an mir
-in sieben rosenrote Himmel hineingeschwärmt, aus deren
-etlichen Sie jählings herausgefallen sind. Aber der
-Freundschaft tut das keinen Eintrag &ndash; und nun mal los:
-Hat die Tante Veronika einen Krach geblasen? Leiden
-Sie an einer unglücklichen Liebe, die ganz gewiß Ihre
-letzte sein wird? Haben Sie ein neues Schmetterlingsbuch
-verfaßt, oder wie ist das?«</p>
-
-<p>»Du reißt ja mit einem Male alle Türen an Herrn
-Sinsheimer auf!« mahnte Doris Rinkhaus. »So laß ihn
-doch erst zu sich selbst kommen!«</p>
-
-<p>Da tat Jockele einen tiefen Atemzug &ndash; es ging nun
-doch nicht so leicht, wie er nach dem klingenden Begrüßungsfeste
-gedacht hatte. Er begann tastend &ndash; ein<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-Wanderer an einem steilen Hange, der fürchtet, die Steine
-unter ihm könnten ins Gleiten geraten. Er suchte zuerst
-auch in den Augen und Mienen der Mädchen, ob sich in
-ihnen über seine Rede eine heimliche Lustigkeit zeige.
-Aber sie hörten ihm mit Selbstvergessenheit zu. Einmal
-unterbrach er sich und sah Maria Reh an: »Wußten Sie
-schon, daß allerhand Gerüchte über mich in den Dörfern
-liefen?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte sie, »ich habe es reden hören. Die Leute
-taten sehr geheimnisvoll; ihre Erzählungen hörten sich auch
-gar zu komisch-romantisch an &ndash; das Lachen kam einem ja,
-wenn man ihre stumpfen Gedanken und plumpen Münder
-an diesem Rätsel herumraten sah!«</p>
-
-<p>»Ich dachte es mir, daß Sie es wüßten. Und Sie
-haben mir auf unseren Waldgängen nichts davon gesagt?«</p>
-
-<p>»Warum sollte ich mich in Dinge drängen, die mich
-nichts angehen? Und wenn Sie selbst gar keine Ahnung
-gehabt hätten &ndash; warum sollte ich Ihnen denn einen so
-großen Schmerz bereiten?«</p>
-
-<p>»Sie reden von einem großen Schmerz, Maria. Wollen
-Sie ganz ehrlich gegen mich sein?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte sie, »ich gelobe es sogar!«</p>
-
-<p>»So sagen Sie mir: was meinen Sie mit diesem
-großen Schmerz?«</p>
-
-<p>»Ich habe gedacht, es müßte Ihnen sehr weh tun, daß
-Ihre Mutter Sie so lieblos in die Welt gesetzt hat&nbsp;…«</p>
-
-<p>Darüber sprang Doris Rinkhaus auf und schritt ein
-paarmal durch die kleine Stube&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span></p>
-
-<p>»Was meinst Du?« fragte Maria.</p>
-
-<p>»Ich glaube gar nicht an den großen Schmerz,« sagte
-sie, »nein, ich kann es mir nicht denken!« Und es lag
-über ihren klugen Stirn und über ihrem leuchtenden
-Munde wie ein Märztag, den der Sturm blank geblasen
-hat. Sie sprach hart und klar: »Wenn ich mir überlege,
-meine Mutter hätte mich hilflos auf eine fremde Schwelle
-gesetzt und hätte sich nicht mehr um mich gekümmert,
-dann hätte sie ja gar keinen Anspruch auf meine Liebe&nbsp;…«</p>
-
-<p>Danach erzählte Jockele die Geschichte zu Ende. Es kam
-ein fast wilder Mut in ihn, den Kampf mit dem Leben
-aufzunehmen, in das er nun hinausgestoßen war, ehe er
-daran gedacht hatte. Hinter jedem Worte stand sein
-kampfmutiges und kühnes junges Herz. Der blühende
-Märzenmund hatte zur Flamme geblasen, was Glut gewesen
-war&nbsp;…</p>
-
-<p>»Man wird auch hier von dieser Geschichte reden; denn
-ich mag nicht immer um mich selbst herumlaufen wie der
-Fuchs um das Schlageisen, in dem er sich doch endlich
-fängt &ndash; nur sagen Sie es mir: wird man auch hier hinter
-mir herschreien und mich verachten, weil meine Mutter
-eine Zigeunerin war?«</p>
-
-<p>»Ach Unsinn!« riefen die Mädchen wie aus einem
-Munde.</p>
-
-<p>»Wenn Sie schon recht viel könnten, wären Sie mit
-einem Schlage berühmt!« Doris Rinkhaus fand alles
-›rasend‹ interessant und warf die ›Donnerwetter‹ hinter
-ihre Worte als Ausrufezeichen. Manchmal wollten ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-Herz und Kopf davonlaufen, dann schlug sie sich übermütig
-vor den Mund und sagte: »Nur für Damen! Darüber
-will ich mit Maria reden, wenn wir allein sind!« Und
-Maria Reh faßte Jockele vorn an der Jacke und sagte:
-»Wissen Sie noch, wie weich und träumerisch und maigrün
-Sie um die Wachtelweizenblüte waren?«</p>
-
-<p>Es flog ihm blutrot aus dem Herzen herauf &ndash; nun
-ja, auf dem Weg aus dem Sommerwalde durch den Bergwinter
-hatte auch viel Erkenntnis und Einsamkeit gelegen,
-dazu der Tag, in dem Tante Veronika sieben Meilensteine
-stehen sah! … Doris Rinkhaus sprang rettend dazwischen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wie ich die Dinge beurteile,« sagte sie, »so müssen wir
-jetzt eine Bude für Sie suchen; denn hier geht das nicht,
-junger Mann!«</p>
-
-<p>Jakobus Sinsheimer hätte am liebsten gesehen, wenn
-es hier gegangen wäre &ndash; nun jagten sie ihre Gedanken
-durch viele Straßen, und als nichts paßte, verfielen sie
-auf das Dienerhaus, das neben dem sehr kleinen Gartenhause
-stand und doch fast dreimal kleiner war als dieses.
-Weiß Gott, welcher Philosoph sich das einmal ins Grüne
-gedichtet hatte wie Vögel ihr Nest! Doris Rinkhaus
-sagte: es müsse ein ganz ungeheuer fröhlicher und gescheiter
-armer Mensch gewesen sein, und er sei über dem
-Gedanken sicher ins Singen geraten oder in ein welt- und
-himmelfröhliches Pfeifen.</p>
-
-<p>Die Sache kam in Ordnung: Jakobus Sinsheimer, der
-angehende Kunstmaler, hatte zwei Stuben zu ebener Erde<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-und über sich ein Dach. In der einen hatte mit knapper
-Not sein Bett Platz. Auf ein Atelier glaubte er aus
-vielerlei Gründen zunächst verzichten zu können. Er ließ
-sich also sein Gepäck herbefördern und fing an zu wohnen.</p>
-
-<p>Auf der Akademie hörte er auch Kunstgeschichte bei
-einem alten Herrn, der einmal Pastor gewesen war. Am
-ersten Tag erschien ihm die Sache prächtig; denn er trat
-an die neue Welt heran mit dem selbstverständlichen
-Willen, sie in allen Stücken vollkommen zu finden. Später
-saß er in diesen Vorlesungen mit grausamer Selbstentäußerung
-und ließ ihre mitleidlose Langweile über sich
-zusammenschlagen. Auf Akt und Landschaft warf er sich
-mit der fröhlichen Kunst der Jugend zum Glücklichsein.
-Es war ein frisches Zugreifen und herzhaftes Vorwärtskommen,
-aber nicht ohne Eigenwilligkeiten, wegen derer
-es zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und seinen
-Lehrern kam. Wege suchen und Ziele finden, wenn es
-auch noch so mühsam war, machte ihn warm; der Regel
-und dem Schema stand er gefroren gegenüber. Um
-Menschen solcher Art bilden sich zweierlei Meinungen &ndash;
-die einen sagten: »Dieser Sinsheimer kann nichts und wird
-nichts!« Die anderen meinten: »Sinsheimer ist ein eigenwilliger
-Kopf, aber er ist aus dem Holze derer geschnitten,
-die durchkommen!«</p>
-
-<p>Er hatte schon wenige Tage nach seiner Uebersiedlung
-viele Bekannte; denn ein Junge, dem Zigeunerblut in den
-Adern rollte und der berühmt war von dem Augenblick an,
-in dem ihn zum ersten Male die Sonne beschienen hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-&ndash; das war etwas! Dazu diese geschmeidigen Glieder, und
-dies Herz, voll bis zum Rande von der Kraft des Bergwalds,
-und die Augen voller Licht &ndash; »Donnerwetter!«
-schrieb Doris Rinkhaus hinter Jakob Sinsheimer. Nach
-vier Wochen wußte kaum einer mehr, daß er noch einen
-anderem Namen trüge als Jockele &ndash; und das kam ihm
-von Maria Reh.</p>
-
-<p>In der Zeit zwischen März und Frühling geriet er in
-das Leben, das Doris Rinkhaus in der Klarheit, mit der
-sie alle Erscheinungen erfaßte, die ›Filiale von München-Schwabing‹
-genannt hatte. Es ist ein Gemisch von
-Jugend, Sorglosigkeit, Uebermut, einem ganz geringen
-Zusatz ernster Arbeit und einem stärkeren von vermeintlicher
-Genialität. Zu den äußeren Kennzeichen rechnete
-Jockele, daß jeder, der in diesem Leben stand &ndash; sei es
-Jüngling oder Mädchen &ndash; die unverbrüchliche Verpflichtung
-eingegangen zu sein schien, in je fünf Minuten
-mindestens einmal die Worte genial, Genialität oder Genie
-zu gebrauchen. Darüber gelangte man zu der Annahme,
-die Genies wüchsen in der Welt wie gelber Löwenzahn,
-und binnen kurzem könnte sich die Erde nicht mehr vor
-ihnen retten.</p>
-
-<p>Das war die Zeit, in der Jockele zu der peinlichen Erkenntnis
-kam, daß ein Monat zwanzig Tage länger sein
-kann als hundert Mark.</p>
-
-<p>Ehe er dieses Maß nahm, hatte er sogar Geld ausgeliehen.
-Einmal machte er sich auf den Weg, die
-Schuld einzufordern. Da schloß ihn der Kunstschüler<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-gerührt in die Arme und rief den Propheten Daniel zum
-Zeugen an, daß er alles bezahlen würde, wenn er
-berühmt wäre.</p>
-
-<p>Mit diesem Troste zog Jakobus Sinsheimer seine
-Straße und war froh, daß er über den alten Schießstand
-unter den mächtigen Kastanienbäumen nach Hause gehen
-konnte, der hinter den Gartenzäunen langlief; denn er
-dachte, die Menschen müßten es ihm ansehen, daß er seit
-drei Tagen nur noch zwei rote Pfennige in der Tasche
-trüge. Weil der Magen gegen solche Behandlung knurrend
-Einspruch erhob, trat Jockele zuvor in den Hausgang
-einer Bäckerei und erstand für diese zwei Pfennig
-Weißbrot. Auf dem Walle des Schießstandes, um den
-Maienwind und Grün wirbelten, verschlang er die Semmel
-und sah dabei manchmal über die Gartenzäune, ob da wohl
-einer in sattem Wohlbefinden stand und ihn beobachte.
-Aber es war niemand da als der Frühling, und der hatte
-alle Hände voll zu tun; denn da warteten die tausendarmigen
-Leuchter der Kastanien und wollten angezündet
-sein.</p>
-
-<p>Als Jakobus gerade den alten Wall hinabspazierte und
-durch die Schlüpfe des Gartenzauns in die grüngoldene
-Einsamkeit verschwinden wollte, setzte sich ein Mann im
-Gras auf. Ein stattlicher Herr mit einem blonden Vollbart
-und einer goldenen Brille. Unter seinen forschenden
-Blicken schritt Jockele auf die Pforte zu, und als er den
-Schlüssel hervorsuchte, erhob sich der andere und fragte:
-»Ah, Sie wohnen hier?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p>
-
-<p>»Zu dienen &ndash; in dem ganz kleinen Hause da.«</p>
-
-<p>»Aha. Da sind Sie also der junge Maler Jakobus
-Sinsheimer. Ich heiße Fridolin Hartwig.«</p>
-
-<p>»Angenehm. Auch Maler?«</p>
-
-<p>»O nein, ich bin Schriftsteller. Darf ich Ihnen für
-wenige Augenblicke in das grüne Idyll folgen? Ich interessiere
-mich dafür &ndash; man kann Sie ja wohl darum beneiden.«</p>
-
-<p>»Das wohl!« sagte Jockele. &ndash; Sie schritten über das
-Gras, das unter den schon schattenden Obstbäumen noch
-morgenfeucht war.</p>
-
-<p>»Sie haben ja einen romantischen Einzug in die Welt
-gehalten,« begann Hartwig, »und wollen es im Leben zu
-etwas bringen, hm?«</p>
-
-<p>»Ich hoffe.«</p>
-
-<p>Sie waren eine halbe Stunde beisammen, und als sie
-wieder vor der Pforte im Zaune standen, kam Doris Rinkhaus
-den Gartenweg daher und ein Paar aufdringliche
-Männeraugen begegneten ihr.</p>
-
-<p>»Was hatten Sie denn für einen Herrn in Ihrer Gesellschaft?«
-fragte sie später. Sie ließ es sich berichten&nbsp;…</p>
-
-<p>»Er hat unehrliche Augen,« sagte sie &ndash; »solche, die gern
-um die Ecke gucken. Und wissen Sie, derartige Koketterien
-wie die dünne silberne Uhrkette um den Hals, die
-große Silbermünze mitten auf der Brust, und dies Spazierstöckchen
-neben so mächtigen Gliedern &ndash; so etwas
-wirkt auf mich einfach peinlich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>»Aber liebes Fräulein Rinkhaus&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie sprang mitten hinein in seine Rede&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ach, sagen Sie, was Sie wollen, so trägt sich ein
-Mann nicht, und wenn er sich noch so ernst gebärdet! Ich
-würde das nicht einmal einem halbwüchsigen Kunstschüler
-verzeihen.«</p>
-
-<p>»Sie verschießen Ihre Worte ja wie vergiftete Pfeile,«
-lachte Jockele; aber es war nicht das fröhliche Draufgängertum
-der anderen Tage in ihm.</p>
-
-<p>»Jawohl, Pfeile! Und ich wünsche, Sie würden getroffen!
-Ich glaube, es ist die höchste Zeit, Sie einmal
-auszuputzen. Sie laufen seit ein paar Tagen in der Welt
-herum und tragen den Kopf unter dem Arm. Kommen
-Sie mal gleich rein, da kann ich lauter reden!«</p>
-
-<p>Sie faßte ihn am Jackenzipfel und zog ihn hinter sich
-her in das kleine Haus. Da hatte die Sonne tausend
-Goldstücke auf die Dielen gelegt &ndash; Jockele sah dies poesievolle
-Leuchten zum erstenmal aus dem nüchternen Gesichtswinkel
-geprägten Edelmetalls. Das ist ein kläglicher
-Standpunkt; die meisten Menschen sagen: er ist richtig,
-aber sie unterbinden sich damit das Herz, kriegen scheele
-Augen, puddeln sich darüber ins Grab und haben ihr
-Leben zuletzt doch um das bißchen Himmel betrogen.</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus schob die Staffelei und den Stuhl in
-den Winkel &ndash; es war weiter nichts da, das sie am Auffahren
-ihres Geschützes hinderte. Jockele suchte einen
-Stützpunkt und wählte sich dazu den Stuhl. Sie wollte
-gleich ein richtiges Maschinengewehrfeuer auf ihn eröffnen,<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-da befiel sie ein letztes Mitleid &ndash; »Mensch, sind
-Sie krank?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er, »sehr! Ich habe kein Geld und habe
-seit drei Tagen eigentlich nichts mehr gegessen.«</p>
-
-<p>»Was fällt Ihnen ein, &ndash; sehen Sie denn nicht, daß
-Sie mich damit einfach entwaffnen?«</p>
-
-<p>»Das einzige Gute an diesem verzweifelten Zustande!«
-sagte Jockele. »Sehen Sie, ich habe mein Portemonnaie
-vor ein paar Tagen auseinandergezogen und in die alte
-Vase gesteckt, als Blume der Erinnerung an schöne
-Zeiten.«</p>
-
-<p>Er trug vom Fensterbrett nebenan die Vase herüber,
-die er in einem Winkel des Schuppens gefunden hatte,
-und darin steckte die zerknüllte Geldtasche und machte eine
-schmerzensreiche Verbeugung vor Doris Rinkhaus. Die
-hatte über Jockele im besonderen und über die schiefe
-Stellung zum Leben reden wollen, in die er hineintrieb &ndash;
-nun aber sprach sie über die Männer im allgemeinen und
-teilte sie ein in Helden, Dummköpfe und Kinder. Die
-Helden kämen hier gar nicht in Frage; denn sie wüchsen
-spärlich wie Mohn im Winter. Die Dummköpfe müßten
-ausgeschaltet werden, weil sie in Riesenauflagen erschienen
-und von der fixen Idee befallen seien, sie wären als
-würdige Vertreter des starken Geschlechts in die Weltregierung
-eingesetzt und wären so etwas wie die Staatsminister
-des lieben Gottes. Und die dritte Sorte: die
-Kinder &ndash; aus denen in allen Fällen etwas würde, wenn
-sie beizeiten einer gescheiten Frau in die Hände fielen&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p>
-
-<p>Jockele bekam eine Anwandlung verzweifelten Humors
-und sagte: »Darüber müssen Sie mal einen öffentlichen
-Vortrag halten.«</p>
-
-<p>Da merkte sie, daß sie sich nun doch mäßig aneinander
-erbost hatten, und fragte ihn, wie es käme, daß sie nur
-zwei Jahre älter und dennoch um ein Menschenalter
-gescheiter wäre als er?</p>
-
-<p>»Das ist wohl so etwas wie Notreife, die ich als peinliche
-Tatsache empfinde, bis ich wieder Geld habe,«
-sagte er.</p>
-
-<p>»So kann ich bis dahin auch nicht mit Ihnen kämpfen!
-&ndash; Sie müssen also heute an Tante Veronika schreiben,
-ich bringe Ihnen Briefpapier und eine Marke.«</p>
-
-<p>»Fällt mir ja gar nicht ein,« sagte Jockele, »denken Sie,
-ich mache mich auch dort lächerlich?«</p>
-
-<p>Hinter diese Rede setzte Doris Rinkhaus ein Ausrufezeichen;
-sie ließ es ihn aber nicht merken.</p>
-
-<p>»Es muß doch irgendetwas geschehen!«</p>
-
-<p>»Natürlich &ndash; ich hungre die zwanzig Tage, und wenn
-es nicht mehr geht, fresse ich Gras.«</p>
-
-<p>Da machte sie wieder ein Ausrufezeichen.</p>
-
-<p>Sie dachte nicht, daß es bei dieser stumpfen Härte
-einen Zweck hätte, aber sie sagte dennoch: »Sie gehen
-augenblicklich mit zu mir hinüber und essen sich satt! Ich
-lade Sie für jeden Tag dieses Monats zu Mittag und
-Abend &ndash; zwischendurch gibt es nichts!«</p>
-
-<p>»Diese Güte beschämt mich, Fräulein Rinkhaus! Aber
-es wird sich nicht anders machen lassen. Ein Trost ist,<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-daß es zwischendurch nichts gibt, sonst würde ich für meine
-Eselei ja gar nicht gestraft werden.«</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus lachte hell auf, und er gab sich der
-klaren Ueberlegenheit ihres leuchtenden Frauentums mit
-ganzer Seele hin. Maria Reh war schon seit drei Tagen
-in ihre westfälische Heimat gereist und blieb über
-Pfingsten fort.</p>
-
-<p>Als er gegessen hatte, fragte er: »Warum reisen Sie
-nicht auch?«</p>
-
-<p>»Trotz!« sagte sie. »Wenn wir uns besser kennen,
-erzähl' ich Ihnen diese Geschichte. Ich bleibe dies ganze
-Jahr hier.«</p>
-
-<p>»Auch ich kann ja nicht nach Hause gehen,« sagte er.
-»Ich muß erst weiter abrücken von den Dingen und Menschen,
-die dort um mich gewesen sind, seit ich vor der Tür
-aufgelesen wurde. Ich bin zwar fast immer allein geblieben,
-aber ich kenne diese Gesichter von Ibenheim zu
-gut, und ich kann Augen nicht leiden, die so an mir
-herumnagen.«</p>
-
-<p>»Augen, die an einem herumnagen …,« wiederholte
-sie nachdenklich, &ndash; »jawohl, das ist das richtige Wort dafür;
-jener Herr Fridolin Hartwig hat auch solche Augen.
-Vielleicht nur Frauen gegenüber … Es gibt viele
-Männer, die uns auf diese Weise anfallen, und kommen
-sich dabei wohl auch tapfer vor.« Da merkte sie, daß sie
-damit auf ein Feld geraten war, auf dem die Jugend
-Jockeles noch nicht säete. Sie dachte auch, vielleicht wäre
-sie darin von zu großer Empfindlichkeit; denn Maria Reh<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-hatte ihr einmal gesagt: »Du bäumst Dich da vor Dingen
-auf, die gar nicht so widerlich sind.« &ndash; Nun ja, Maria
-Reh, mit ihrem sachte rinnenden Blute und ihrer Hochsommerruhe!
-Maria Reh stand nicht mehr weit von der
-Schwelle der Dreißig.</p>
-
-<p>»Es ist merkwürdig, daß Maria nirgend rechten Anschluß
-findet,« sagte sie dann, »sie hat hundert Bekannte
-und keinen Freund oder keine Freundin. So ist es auch
-mit ihrer Kunst &ndash; sie malt tausend Landschaften und
-kein Bild. Und so sind sie fast alle, diese ›Malerinnen‹;
-sie hungern nach Betätigung und werden doch nie satt
-an einer Sache, zu der sie von ihrem Geschmack, aber
-nicht von einem gewaltigen Willen und überzeugendem
-Talente geführt worden sind. Nun halten sie zwar erträglich
-damit Haus, aber sie finden sich darüber doch nicht
-zu einem Glücke des Lebens.«</p>
-
-<p>»Und doch reden sie alle ganz anders,« sagte Jakobus.</p>
-
-<p>»Reden! Natürlich reden sie; sie sind begriffen auf
-einer fortwährenden Selbstentschuldigung, oder nicht
-einmal das &ndash; sondern sie sind froh, daß sie ihr
-Leben wenigstens ohne die Langweile vertändeln können,
-die sie &ndash; sind sie Frauen &ndash; auch zu physischem Ruin
-führen.«</p>
-
-<p>Jakobus merkte: es waren in diesem Mädchen ganz
-andere Kräfte lebendig, es war ein Licht in ihr in einer
-fast wilden, unbändigen Helligkeit, das nun in ihn
-hineinstürmte.</p>
-
-<p>»Es hat noch niemand so mit mir gesprochen,« sagte er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p>
-
-<p>»Mit mir auch nicht!« lachte sie &ndash; »sonst wär' ich nicht
-so querköpfig geworden. Querköpfig daheim und querköpfig
-unter den Menschen. Ich ecke an, wo ich mich
-sehen lasse.«</p>
-
-<p>»Mit Ihrer Kunst auch?« fragte Jockele.</p>
-
-<p>»Ach Unsinn &ndash; oder besser: leider nein; denn was
-ich schaffe, schaff ich für mich, zu einem Mehr reicht's
-nicht aus.«</p>
-
-<p>»Und sind mit solcher Erkenntnis Kunstgewerblerin
-geworden?«</p>
-
-<p>»Nein, lieber Jakobus Sinsheimer! Ich bin nur
-dazu gegangen, damit ich aus Verhältnissen herauskam,
-die mich in ein paar Jahren auch um das betrogen hätten,
-was mich heute noch apart &ndash; oder sagen Sie: so fröhlich
-eigenwillig macht. Mein alter Herr ist Fabrikbesitzer in
-Bonn, er ist ein reicher Mann &ndash; na, was soll ich Ihnen
-sagen: da fliegen die heiratslustigen jungen Männer ins
-Haus, daß es eine Art hat! Natürlich &ndash; ich will heiraten
-&ndash; aber <em class="gesperrt">ich</em> will heiraten … Sie verstehen ja davon
-nichts! Sehen Sie, wenn es nach mir gegangen wäre,
-hätt' ich studiert &ndash; Kunstgeschichte meinetwegen oder
-Germanistik, oder auch Staatswissenschaften, und hätte
-promoviert &ndash; aus purem Eigenwillen, wissen Sie. Aber
-dazu fehlen mir die Zeugnisse. Und so in die Vorlesungen
-laufen, ohne das Ziel eines Abschlusses mit dem
-<em class="antiqua">Dr. phil.</em>, ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack.
-Da hab ich mich nach Weimar gesetzt. Ich liebe diese
-Stadt, sie ist voll berauschenden Lebens &ndash; die meisten<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-laufen daran vorbei mit ihren müßigen Seelen und
-schwätzen von dem ›Odem einer großen Vergangenheit‹,
-unter dem ihr kärgliche Licht manchmal ein bißchen ins
-Wackeln kommt. Ich bin hier, weil ich mir hier selbst
-gehöre! Alles andere ist Nebensache, und den Titel einer
-angehenden Künstlerin verbitt' ich mir ein für allemal …
-Das war eine lange Rede. Ich hätte sie Ihnen erst halten
-sollen, wenn Sie mal Weltschmerz haben &ndash; vielleicht
-hätte ich Sie dann wieder aufgebaut. Na, Hunger und
-Weltschmerz sind ja wohl Geschwister. Heut abend um
-sieben kommen Sie zum Nachtmahl. Und nun fangen
-Sie wieder an zu arbeiten. Adieu.«</p>
-
-<p>Sie nahm eine Kunstgeschichte vom Regal, setzte sich
-vor den Tisch am Fenster, und Jockele ging hinüber in
-seinen Malraum; er ging wortlos und dachte, was das
-mit ihm wäre? Er hatte dem weichen Frauentum Maria
-Rehs gegenüber vor einem Jahre die gleiche Willfährigkeit
-gezeigt wie jetzt dieser leuchtenden Mädchenjugend.
-Es waren Schauer wollüstiger Ergebenheit, zu beiden
-Malen, die ihn ganz untergehen ließen in der anderen
-Art &ndash; dort ein weiches frauliches Hinnehmen, das hatte
-sanfte Hände, denen er sich einst mit geschlossenen Augen
-ergab … und diese schöne klare Doris Rinkhaus kam
-über ihn als ein jauchzender Sieg.</p>
-
-<p>Es war eine Sache, die ihm wohl eines Gedankens
-wert schien, aber er zerbrach sich nicht den Kopf, weder
-darüber, ob es so in Ordnung sei, noch darüber, ob es
-daher käme, daß er vom ersten Tage ab nur Frauen um<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-sich gehabt hatte. Auch was in seiner Stellung zum Leben
-und zu seinem Schaffen etwa auf Rechnung dieser Erziehung
-zu setzen wäre, fiel ihm nicht ein, zu erwägen &ndash;
-für jeden Menschen ist der Weg siebenmal um die Erde
-viel kürzer als der in sein eigen Herz. Und zwischen diesem
-Herzen und den Augen, die ihm am nächsten sind, liegt
-neunfältige Nacht. Die Tür zu dem Herzen aber ist so
-fest zu, daß ein großes Glück, welches mit Leichtigkeit den
-Himmel samt allen Sternen in die Arme schließt, kaum
-mehr an ihr vermag, als durch das Schlüsselloch zu gucken,
-ob es dahinter auch wirklich hell ist. Ein großes Leid
-aber bescheidet sich nicht mit dem Schlüsselloch &ndash; ein
-großes Leid tritt die Tür ein; denn es hat eiserne Füße
-und Fäuste von Stein.</p>
-
-<p>Auf derlei Gleichnisse verfiel Jockele aber nicht. Und
-das war gut; sonst hätte seine Jugend ausgesehen wie
-einer, der in Kniehosen und hohem Glanzhut durch die
-Welt läuft. &ndash; Er steckte noch bis über die Ohren in der
-landläufigen Weisheit, daß der Mensch zum Arbeiten da
-sei &ndash; eine Sache, die auch der vor seinen Mitmenschen
-als selbstverständlich anzusehen hat, der da weiß: das
-ganze Menschengeschlecht wird erst dann in die sehnsüchtig
-erträumte Gotteskindschaft hineinwachsen, wenn ihm
-Arbeit und Leben eine fröhliche Gemeinsamkeit geworden
-sind.</p>
-
-<p>Tante Veronika hatte sich mit dieser Ansicht so viel
-Himmel erobert, als sich denken läßt; aber wie sie ihre
-Weisheit dem Jungen beibringen sollte, ohne die heillosesten<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-Verwirrungen in ihm anzurichten, das war ihr
-dunkel geblieben. Darum hatte sie niemals an diese Dinge
-gerührt.</p>
-
-<p>Von den jungen Männern, die Jakobus kennen gelernt,
-erweckte keiner den Wunsch nach engerem Zusammenschlusse
-in ihm &ndash; ein Erbe aus dem Frühlingshause;
-und an die älteren unter den Akademikern, die
-schon nahe daran waren, etwas zu sein, hatte ihm die
-Gelegenheit gefehlt, heranzukommen. Er arbeitete in
-diesem Sommer mit immer wachsender Zähigkeit. Ein
-über das andere Mal ging ihm das Vertrauen zu sich
-selbst in Scherben; dann mußten ihn die Damen aus dem
-Gartenhause wieder zusammensuchen. Aber raten konnten
-sie ihm nicht; denn Doris Rinkhaus stand diesen Erscheinungen
-fremd gegenüber, und in Maria Reh traten
-sie zutage als Verstimmungen leichterer Art; sie hatte
-sich schon bescheiden gelernt, als sie mit dem Pinsel an
-ihre erste Leinwand geriet.</p>
-
-<p>In solchen Zeiten war Jakobus Sinsheimer für Gott
-und die Welt verloren, und Doris Rinkhaus allein durfte
-es unter Beobachtung aller Vorsicht wagen, ihm über
-den Weg zu laufen. »Sie sind selbst da noch ein ganz
-passabler Mensch,« sagte sie und hielt still, wenn ihn
-einmal ein blitzeschleuderndes Gewitter durchtobte. Maria
-Reh aber wurde bei solchen Gelegenheiten stets drei Tage
-unsichtbar für ihn und ließ sich nur langsam wieder finden.
-Er hielt auch diese Entladungen für ganz in der Ordnung
-und wurde in seiner Annahme bestärkt, als er einem Zusammenstoße<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-zwischen Maria und Doris beigewohnt hatte,
-in dem Fräulein Rinkhaus seine Partei ergriff: »In einem
-jungen Manne, der so allein steht und sich seine Stellung
-in der Welt zu erkämpfen hat, sammelt sich allerlei Zündstoff
-&ndash; wo will er denn hin damit?« sagte Doris Rinkhaus.
-Aber Maria Reh redete von ungezogenen Stunden.
-Sie hatte sich über manche geheiligte Form und Regel
-des Kleinbürgertum hinweggesetzt, aber sie war doch ohne
-jene königliche Beschwingtheit der Seele, die der anderen
-ihren leuchtenden und freien Flug sicherte. So stand
-Jakobus zwischen den beiden Mädchen, deren gegensätzliche
-Art den friedlichen Verein der Drei niemals ernstlich
-in Gefahr brachte &ndash; das Barometer maß Tief und
-Hoch und zeigte so häufig himmelblaue Beständigkeit, als
-sie von Menschenherzen ohne Schaden ertragen werden
-kann. Der Wetterwechsel war nicht immer willkommen,
-aber man schlug seinetwegen den lieben Gott nicht tot.</p>
-
-<p>Dies ganze Jahr war für Jakobus Sinsheimer Kampf,
-aber es war nirgend Sieg.</p>
-
-<p>Hinter dem kleinen Hause lag ein Gartenwinkel mit
-Fruchtbäumen, der nach zwei Seiten durch die Gebäude,
-nach den anderen beiden durch Hecken und Zäune begrenzt
-wurde, und hinter der einen Hecke erhob sich der
-Wall mit den herrlichen alten Kastanien. Von dort her
-durch die Schlüpfe betrat Fridolin Hartwig den Apfelgarten
-während des Sommers häufig. Er kam immer
-mit dem leisen Tritt und der tiefen Ruhe des auf ein
-schönes inneres Gleichmaß gestimmten Menschen und erzählte<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-von einigen Verlagshäusern, von denen er reichliche
-Einnahmen beziehe. Er war auch nie aufdringlich, suchte
-sich einen Platz in dem sachte durchsonnten Grase nahe
-der Staffelei Jockeles, redete dabei von nicht allzu tiefen
-und nicht allzu gleichgültigen Dingen und lebte sich durch
-die grüne Sommerstille als ein Mann, der auf Gedanken
-zu einem tüchtigen Werke wartet. Manchmal sprach er
-mit Respekt von sich selber, oder er brachte seinem jungen
-Freunde das Heft einer Zeitschrift, in der sich ein Artikel
-oder die Fortsetzung eines Romans aus seiner Feder
-befand, dann sagte er: »Das müssen Sie lesen.« &ndash; Wenn
-es geschah, daß Doris Rinkhaus in dem schlichten blauen
-Morgenkleide aus dem jenseitigen Gartenteil in ihr Haus
-schlüpfte, befiel sein besinnliches Wesen eine Bestürzung,
-und er raffte sich zusammen wie einer, der eine Attacke
-reiten will. Er war ihr schon vorgestellt worden, aber
-Doris Rinkhaus hatte ihr Urteil über ihn nicht geändert;
-nun ließ sie sich zwar sehen, so oft er da war, aber sie
-setzte ihn auf einen stummen Gruß und wußte: ›die
-nagenden Augen‹ liefen hinter ihr her, bis der blaue
-Schein ihres Kleides darin verlöschte &ndash; oder auch noch
-länger.</p>
-
-<p>Jockele begann dieses Verhalten zu belustigen. Einmal
-sagte Hartwig: »Sie, Herr Jockele, ich glaube, Fräulein
-Rinkhaus ist eifersüchtig auf mich, oder sie ist hochmütig.«</p>
-
-<p>»Sie ist keins von beiden,« sagte Jockele, »sie ist nur
-eigenwillig!«</p>
-
-<p>»Hat sie einmal mit Ihnen von mir gesprochen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p>
-
-<p>»Ja. Als Sie das erste Mal hier waren, seitdem nie
-wieder &ndash; sie fragte damals die gleichgültigen Fragen.
-Aber das ist ja natürlich; denn wir drei gehören nun doch
-zusammen; jetzt sind wir aber nur zwei; Fräulein Reh
-kehrt erst im September zurück.«</p>
-
-<p>Der Anfang des Augustmonats war regnerisch, da
-besuchte Jakobus Fridolin Hartwig mehrmals; denn die
-Bilder, die im Sonnenschatten des Apfelgartens begonnen
-waren, konnten in dieser Zeit nicht gefördert werden.
-Einmal fiel ihm die Stille der Wohnung auf, und als er
-nach den drei Kindern fragte, sagte Hartwig: »Ich habe
-sie in ein Kloster gegeben. Ich arbeite zuviel, wissen Sie,
-und sie störten mich häufig. Außerdem konnten wir uns
-der Erziehung nicht in dem Maße widmen, das wir für
-wünschenswert hielten.«</p>
-
-<p>Als sie noch redeten, klopfte es an der Tür, und
-Hartwig ging hinaus. Er sprach da mit einem Manne,
-der sich nicht abweisen zu lassen schien, und kam nach
-geraumer Zeit herein und sagte: »Pardon, Herr Jockele
-&ndash; haben Sie vielleicht sechzig Mark bei sich? Es ist mir
-eine Zahlung ausgeblieben. Ich erstatte Ihnen das Geld
-in den allernächsten Tagen zurück … Nicht? Das ist
-peinlich! Sie ahnen nicht, mit welchen Widerwärtigkeiten
-ein ringender starker Geist zu kämpfen hat!« Dann ließ
-er den Gerichtsvollzieher eintreten, der im Auftrage des
-Buchhändlers die Pfändungsmarke an das eichene Regal
-mit der Prachtausgabe eines Konversationslexikons klebte.
-… »Guten Morgen, Herr Hartwig.« &ndash; »Guten Morgen,<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-Herr Hucke &ndash;« Die beiden kannten sich offenbar schon
-von früher. Und da war die Sache geschehen.</p>
-
-<p>»Brauchten Sie denn zwei Lexika?« fragte Jockele.
-»Sie haben ja da noch den Herder.«</p>
-
-<p>»Ach, wissen Sie, der enthielt mir zu wenig bibliographische
-Angaben, und da hab' ich mir noch den Meyer
-zugelegt &ndash; auf Raten, na, und die hab' ich ein paarmal
-vergessen … das ist doch menschlich, nicht? Wer soll
-denn solche Lappalien immer im Kopfe behalten?«
-Hartwig reichte Jockele das Zigarettenetui: »Da,« sagte
-er, »setzen wir uns einen Dämpfer auf!«</p>
-
-<p>Aber Jakobus Sinsheimer war die Sache auf die
-Sprache gefallen &ndash;&nbsp;&ndash; drei Kinder im Kloster, Gerichtsvollzieher,
-und dabei das großmännische Behaben …
-Es war von diesen Gedanken und dem sachten Gruseln,
-das sie Jockele verursachten, nur ein Schritt bis zu Doris
-Rinkhaus. Er gab sich auch gar keine Mühe, Teilnahme
-zu heucheln oder sein Befremden zu verbergen, sondern
-verabschiedete sich und fiel wenige Minuten später in die
-Ecke des Sofas von Doris Rinkhaus.</p>
-
-<p>Es war für ihn ein ungeheures Erlebnis und brannte
-ihn, daß er übergekocht wäre. Aber das Rätsel Mensch
-war in dieser Stunde in einer so fremden Erscheinung
-vor ihn hingetreten, daß er sich nun vorkam wie in einem
-nächtlichen Walde. Vor der Ahnungslosigkeit, mit der
-er diesem Manne gegenübergestanden hatte, bäumten
-sich alle seine Sinne auf, und er begriff nicht, wie Doris
-Rinkhaus zu ihrer Hellsichtigkeit kam. Er berichtete mit<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-einer Stimme aus verstürmtem Herzen, und Fräulein
-Rinkhaus lehnte in ihrem Stuhle wie eine Siegerin und
-sagte:</p>
-
-<p>»Was wollen Sie, er ist einer von vielen!«</p>
-
-<p>In der Woche danach, als von allen Bäumen wieder
-die goldenen Flaggen des hohen Sommers wehten, malte
-Jockele im Apfelgarten. Rings lag bienendurchsummtes
-Mittagslicht voll Traum und Stille. Da klangen Frauenstimmen
-auf dem breiten Wege, der von dem eisernen
-Tore herläuft &ndash; und der Pinsel, der das Grün der Baumkronen
-so besinnlich vor den Himmel auf die Leinwand
-tupfte, blieb plötzlich auf halbem Wege stehen … »Na!« &ndash;
-Dann ging Jockele bis an die Hausecke und lugte durch
-die goldgrüne Stille. Wahrhaftig, da wandelte Tante
-Veronika neben dem blauen Morgenkleide den breiten
-Weg unter den Kastanien daher &ndash; den Kapotthut auf dem
-weißen Haare, die violetten Seidenbänder unter dem
-Kinne leicht verschlungen. Der schwarze Spitzenumhang
-fiel so zier um die kleine feine Person, und die schritt so
-klar und sauber daher wie ihre Sprache; der gelbe Krückstock
-stabte immer eine Spanne vor ihrem rechten Fuße
-&ndash; das kam alles stracks heraus aus einer anderen Zeit,
-es flog ein sachter Lavendelduft darum, und war doch
-gar nicht altmodisch.</p>
-
-<p>In der Linken die Palette, in der Rechten den Pinsel,
-und den ein wenig verdrückten Panama weit ins Genick
-geschoben, so lief er den Damen entgegen und wagte bei
-Tante Veronika eine Umarmung, die er in gefälligerer<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-Form zu wiederholen versicherte, wenn er das Malzeug
-los wäre.</p>
-
-<p>»Na!« dachte auch Tante Veronika, als die Sonne
-dieser freien Augen über sie fiel. Aber wenn sie sich nichts
-merken lassen wollte, war sie undurchsichtig wie ein Dachziegel.
-Und jetzt <em class="gesperrt">wollte</em> sie sich nichts merken lassen.</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus beteuerte: als das große Tor vor
-Tante Veronika aufgegangen wäre, hätte sie sie schon
-erkannt. Sie hatte im Liegestuhl unter den Bäumen eine
-Geschichte von Fridolin Hartwig gelesen &ndash; die sie überdies
-nicht im mindesten berührt hatte &ndash;, da war das alte
-Fräulein an der Treppe des Herrenhauses vorübergeschritten,
-und der Gedanke war ihr voraufgelaufen:
-dort hinten, wo die Bäume das flitternde Gold herniederschütteten,
-dort müßte es sein! Da flatterte ihr das blaue
-Kleid schon entgegen … »Ich werde Sie doch kennen &ndash;
-sind Sie denn nicht jeden Tag einmal mitten unter uns?«</p>
-
-<p>Aber Tante Veronika wartete mit allem ein bißchen,
-was sie sagte.</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus dachte: »So machen es die alten
-Damen alle.« Und Jockele meinte: er müßte wohl einen
-Schritt zurücktreten und sie einmal ordentlich ins Auge
-fassen; denn Tante Veronika schien ihm nicht mehr ganz
-richtig zu gehen.</p>
-
-<p>Vor dem Hause blieb das blaue Kleid stehen und sagte:
-»Es ist nicht sehr wohnlich in der Werkstatt Jockeles &ndash;
-bitte, treten Sie bei mir ein, wenn Sie sich ausruhen
-wollen; ich werde indes an eine Erfrischung denken.« Und<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-als sie dann durch das Häuschen gingen, lächerte es Fräulein
-Sinsheimer ein wenig &ndash; »Ich wußte schon seit
-Deinem ersten Brief alles auswendig,« sagte sie; »ich
-wußte auch, daß diese Studien unten an den Wänden
-liegen und daß etliche so herumhängen.« Da gestand er
-ihr, daß ihm die Hobelbank aus der Gartenhütte fehle,
-und daß er manchmal eine heiße Sehnsucht nach dem
-›Laboratorium‹ habe. Tante Veronika sagte: »Wenn
-Du nach allem noch länger hier bleiben willst, läßt sich
-das ja wohl auch machen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Es guckte aus diesen Worten schon wieder das Warten;
-sie sah ihm dabei ins Herz, aber sie fand keinen Schatten.
-Da fing sie in Gedanken gleich an einzurichten &ndash; hier
-könnte ein Tisch stehen, da die Hobelbank doch besser im
-Gartenhause bliebe, und hier ein Schrank und ein Regal;
-dazu nähmen sie vielleicht das aus der oberen Giebelstube.
-… Die ganze Freude, die in der Sorge um den Jungen
-das späte Glück ihres Lebens geworden war, hatte wieder
-ihre himmelseligen Schwingen bekommen. Dann faßte
-sie Jockele unter, wählte noch drei Studien aus, die sie
-sehen sollte, und führte sie hinüber zu Fräulein Rinkhaus.
-Vor der Türe wurde ihre Stimme noch einmal vorsichtig:
-»Kann man denn vor dem Fräulein alles reden, was Dich
-angeht?«</p>
-
-<p>»Alles!« lachte Jockele aus seinem sommerhellen Gewissen
-heraus. Und als Tante Veronika in der sicheren
-Sofaecke die Lippen mit einem Himbeerwasser angefeuchtet
-hatte, ritt sie geradeaus zur Attacke.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist gar nichts in Dir in Unordnung geraten?«
-fragte sie. Da sah sie in zwei Paar erstaunte junge
-Augen. »Und Du hast auch keinen Boten zu mir gesandt,
-der mir etwas ausrichten sollte?«</p>
-
-<p>»Boten? Ich? Nein! Womit denn?«</p>
-
-<p>»Nun, eben mit jener Nachricht, daß man über ein
-paar Verschiebungen leicht wieder ins Gleichgewicht kommen
-könnte &ndash; mehr als hundert Mark seien dazu nicht
-nötig&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, aber liebe Tante Veronika!! Du redest da immer
-an etwas herum &ndash; siehst Du denn nicht, daß Du uns
-beide peinigst?«</p>
-
-<p>»Verstehen <em class="gesperrt">Sie</em> mich, Fräulein Rinkhaus?«</p>
-
-<p>»Auch ich nicht!« sagte Doris, und ihre Augen richteten
-sich starr und weit offen auf die alte Dame.</p>
-
-<p>»Mein guter Junge,« sagte die und geriet ganz nahe
-ans Lachen, »es scheint, die alte Tante Veronika ist wieder
-einmal sehr klug gewesen!« Sie begann, die crèmefarbenen
-Glacéhandschuhe abzustreifen. &ndash; »Ich sehe, Sie
-haben alle beide keine Ahnung! So lassen Sie mich also
-erzählen &ndash; doch halt: noch eine Frage: Hast Du mich für
-heute nicht erwartet?«</p>
-
-<p>»Nicht einmal im Traum wäre mir das eingefallen!«</p>
-
-<p>Tante Veronika war nun mitten darin in ihrer
-lachenden Genugtuung: »Und ich dachte, das Fräulein
-Rinkhaus hätte mich da vorn in Empfang genommen,
-weil meinem Jungen am Gerichtstag das Herz ein wenig
-ins Rutschen gekommen wäre! Nun, es wird ja gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-Tag werden! Es ist da vorgestern ein Herr in Ibenheim
-erschienen, mit blondem Vollbart und goldener Brille;
-er schickte seine Karte herein, und ich habe eine Stunde
-mit ihm geplaudert, die noch netter gewesen wäre, wenn
-er nicht zuletzt mit der Nachricht aufgewartet hätte, es
-wäre Dir mit Deinem Geld ein kleines Malheur passiert
-… ein paar Schulden&nbsp;…«</p>
-
-<p>So erzählte sie. Und dann hatte sich der Herr angeboten,
-den jungen Mann zu rangieren, und Tante
-Veronika solle ihm nur gleich die hundert Mark mitgeben
-… Das hatte sie ihm aber verweigert und war
-nun selbst gekommen, zu sehen, wie es um ihren Jungen
-stand.</p>
-
-<p>So hatte sich Fridolin Hartwig einen Weg gesucht,
-den Zehrpfennig für eine letzte Sommerfahrt zu erlangen,
-die ihn bis an die Pforte des Vergessens führen sollte!
-Er hatte das Vertrauen der alten Dame zu dem Jungen
-als Spieleinsatz darangewagt, und hatte sich nicht gescheut,
-sich diesen sträflichen Abgang aus dem Leben zu sichern,
-mit dem er niemals fertig geworden war; denn am Tage
-darauf, während Veronika schon längst wieder in ihrem
-Waldhäuslein saß, stürmte Doris Rinkhaus auf die Malwiese
-Jockeles und stieß einen Indianerschrei aus &ndash; Herr
-Fridolin Hartwig wäre verschwunden und hätte seiner
-Frau einen Brief zurückgelassen, darin stand:</p>
-
-<p>»Ich bin des aussichtslosen Kampfes mit der Welt
-müde &ndash; in der Stille eines Klosters hoffe ich Rast und
-Sühne zu finden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>Jockele besann sich in seiner Bestürzung auf kein Wort,
-das er ihr sagen sollte. Er legte sein Malzeug ins Gras
-und ging in das kleine Haus, das noch ganz voll war von
-dem hellen Scheine, den Tante Veronika gestern hindurchgeschienen
-hatte. Er setzte sich auf den Stuhl wie ein
-Reiter in den Sattel, kreuzte die Arme über der Lehne
-und legte das Kinn darauf. Er machte sich schwere Bedenken
-über die Menschen, mit denen er in diesen Monaten
-zusammengetroffen war. Darüber wurde es ganz
-finster in ihm, und in der Finsternis standen zwei sehr
-helle Sterne, die hießen Veronika und Doris; und es
-glimmten noch zwei kleinere in weiter Ferne herauf: das
-Zinzilein und Matthias Prinz.</p>
-
-<p>Zum ersten Male kam ihm der Gedanke, der heimliche
-Friede des Frühlingshauses könnte daran schuld sein, und
-sein Leben wäre zu weit abgerückt gewesen von dem der
-anderen. Er saß eine Stunde und sann sich brunnentief
-in den Gedanken: er wäre wohl ein Mensch, der nicht zu
-anderen paßte; denn in Doris Rinkhaus war über der
-wilden Geschichte mit Hartwig nicht eine einzige Kerze
-verlöscht von den vielen, die in ihr leuchteten. Und in
-ihm sah es aus, als wäre er in ein Burgverließ gestoßen
-worden.</p>
-
-<p>Da ging er wieder hinaus und nahm sein Malzeug
-auf und setzte einen Farbenfleck neben den andern.
-Aber es kam nichts zustande; denn seine Gedanken
-flogen umher wie Tauben, die sich nicht mehr zu
-ihrem Schlage finden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>Doris Rinkhaus kam, und er sagte zu ihr: »Es ist
-eine verrückte Sache, und ich bin darüber ganz von mir
-selber gekommen. Haben Sie Lust? Ich möchte mit
-Ihnen in die Welt laufen &ndash; vielleicht entdecke ich da den
-Jockele Sinsheimer in irgendeinem Waldwinkel; denn
-der jetzt mit Ihnen redet, heißt etwa Emil Meyer.«</p>
-
-<p>Da machten sie sich fertig und gingen durch die Pforte
-im Zaun über die Raine und kamen in den Kastanienwald,
-der an der Viehleite nach Oberweimar liegt.</p>
-
-<p>»Warum sind wir eigentlich noch nie so miteinander
-gegangen?« fragte er. »Es sind doch Ferien, und es ist
-Sommer in der Welt.«</p>
-
-<p>»Weil Sie immer fleißig gewesen sind und auch gar
-keine Wünsche hatten.«</p>
-
-<p>»Es ist richtig &ndash; ich habe kaum gemerkt, daß ich bis
-zum Rande voll Glück war. Aber durch die mancherlei
-Erlebnisse ist darüber vieles in den Sand geronnen.«</p>
-
-<p>»Oder Sie waren von unnahbarer Unzufriedenheit;
-dann haben Sie menschenfresserische Gelüste. Aber die
-soll man Ihnen gern lassen; denn auch damit hat es bei
-Ihnen seine Richtigkeit!« neckte Doris Rinkhaus.</p>
-
-<p>So stiegen sie hinein in späte Aehrenfelder und
-Sommerlicht, und dieser Tag ward ein Meilenstein am
-Weg ihres Lebens, und sie wußten es nicht. Doris Rinkhaus
-hatte gedacht: »Ich will ihm alle Schatten hinweglachen,«
-aber nun, da sie erkannte, daß er in eifriger
-Arbeit an sich selber war, blieb sie bei ihm, wie er sie haben
-wollte. Einmal schritten sie zwischen hohem Hafer; es<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-war ganz still, nur der Sang einer Sommerlerche war
-noch da und sehr viel Sonne. Da lachte Doris Rinkhaus
-und sagte: »Ich dachte daran, daß junge Männer in der
-Regel neben jungen Mädchen herlaufen wie Hunde, die
-ihnen die Zeit vertreiben; es sieht aus, als wollten sie
-immer etwas apportieren, was ihnen die Laune auf den
-Weg wirft; dann werden sie müde aneinander und langweilen
-sich heimwärts.« Sie wanderten danach ein Stück
-durch das Wäldchen, das das Webicht heißt &ndash; »Hoffmann
-von Fallersleben hat in den Erinnerungen aus seinem
-Leben manches hübsche dichterische Bild aus diesem Walde
-aufbewahrt,« sagte sie, »es müssen zu jener Zeit hier noch
-Schneeglöckchen gewachsen sein; denn er sagt einmal:
-›Diese sprossenden Frühlingskinder strecken im Webicht
-dem besiegten Winter schon die Zünglein heraus.‹ Und
-Musäus hat auf seinen Gängen hier Märchen blühen
-sehen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das wissen Sie alles?«</p>
-
-<p>»Hm,« sagte sie, »ich bin in diesen zwei Jahren ja fast
-stets allein mit mir selber gewesen, da hab' ich mir dann
-immer einen Dichter zur Begleitung gebeten.«</p>
-
-<p>»Und wollen Sie nun alle diese Schätze für mich
-aufbauen?«</p>
-
-<p>»Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so oft und so viel
-Sie wollen.«</p>
-
-<p>Sie kamen nach Tiefurt und gingen durch das alte
-Schloß, das einst ein Bauernhaus gewesen ist, und gelangten
-in schauerndem Erleben hinein in die Tage, da<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-sich in diesen Räumen der Teekreis mit Goethe, Herder
-und Wieland, mit Anna Amalia, der Göchhausen und
-Corona Schröter bildete, der zu einem Zauberringe
-geworden ist, in dem Lust, Genie und Freundschaft
-vermoderter Zeiten neu werden jedem sehenden Auge
-und sich hinüberleben aus einem Jahrhundert in das
-andere.</p>
-
-<p>Es war um diese Mittagszeit niemand auf den Wegen
-des Parks, auf denen sonst die Allzuvielen dahinwandeln
-in der Ahnungslosigkeit ihres Schauens und meinen, was
-sie mit ihren Augen sehen, das wäre es. Aber Weimar &ndash;
-das Unsichtbare &ndash; ist tiefe, tiefe Ewigkeit, und Ewigkeit
-ist lebendig, und darum ist Weimar die Seele Deutschlands.
-Vielleicht ist es die Seele der Welt.</p>
-
-<p>»Ich bin einmal durchgelaufen, wie die Neugier hier
-durchläuft,« sagte Jakobus, »und ich habe damals einige
-Scherze Goethes gesehen, wie sie die Neugier sich ansieht.«</p>
-
-<p>»Dachten Sie dabei nicht, was es wäre, das selbst
-diese Scherze auf die Schwelle der Unsterblichkeit versetzt
-hat?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er, »ich hatte damals noch nicht gelernt,
-vor dem Ewigen zu erschauern; denn ich dachte, es gäbe
-keine Rede, die nicht mit den Ohren zu hören wäre. Aber
-vorhin, als ich Sie ganz vergessen hatte, wie wir so
-zwischen dem kleinen Gartentempel der Anna Amalia und
-dem Ufer der Ilm dahinschritten &ndash; vorhin hab' ich einer
-Aufführung der ›Fischerin‹ beigewohnt &ndash; ich danke Ihnen
-viele tausend Mal, Fräulein Rinkhaus!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p>
-
-<p>Da machte sie wieder ihre Siegeraugen und sagte:
-»Kommen Sie, jetzt müssen wir zu Tisch.« Sie waren
-auch da allein und so voll freudiger Weihe, daß Doris
-Rinkhaus den Platz mit ihm wechselte. »Sie müssen in
-den Gutshof gucken,« sagte sie, »sonst kommen Sie mir
-abhanden. &ndash; So haben Sie heute also doch noch den
-Namen Goethes leuchten sehen, den der Genius an jenem
-Abend in die Wolken schrieb und um den Minerva ihre
-Kränze flocht &ndash; ob man damals ahnte, daß er für Deutschland
-ein Flammenzeichen würde? Es war ein Spiel und
-hieß ›Minervens Geburt, Leben und Taten‹. &ndash; Seckendorff
-hatte Reime und Musik geschrieben und Karl August
-stellte den Vulkan dar.« Doris Rinkhaus sprach das alles
-von der Pforte der Unsterblichkeit herüber, das Herz
-leuchtete ihr dabei in die Augen. Aber so oft sie merkte,
-daß sie über ihn hinwegwuchs, pflanzte sie ein Wort
-fröhlichen Mutwillens daneben … »Hätschelhans!« sagte
-sie jetzt &ndash; »so hat die Herzogin Anna Amalia in einem
-Brief an seine Mutter Goethen genannt, als sie ihr berichtete,
-daß das Tiefurter Journal immer noch in Blüte
-stehe. Vielleicht ist ihr der Gedanke, es zu gründen, an
-dieser Stelle eingefallen … Jawohl, Hätschelhans &ndash;
-ich bin Ihnen nicht einmal diesen Schnipp mit Daumen
-und Zeigefinger schuldig, und tue doch gerade, als wär'
-ich dazu auf die Welt gekommen, Sie weise zu machen.
-Was gehen Sie mich eigentlich an? … Hätschelhans ist
-eine feine Bezeichnung für Sie … Erst das Fräulein
-Sinsheimer, dann das Zinzilein, dann die Doris Rinkhaus,<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-dann … und dann … na, und dann … Die Gurke ist
-einfach erhaben die müssen Sie probieren!« Dabei schaute
-sie sich aber schon wieder in ihr Herz: »Vielleicht bin ich
-Ihnen doch etwas schuldig geworden,« und legte gleich
-einen neuen Pfeil auf, den wollte sie verschießen, wenn
-er sich einfallen ließ, zu fragen, was das heißen solle.
-Aber er fragte nicht, sondern sagte: »Wohin gehen wir
-morgen?« &ndash; »Auf die Entdeckung Weimars!« lachte sie.
-Und weil sie nun lustig waren, sagte er: »Mit Ihnen wag'
-ich mich auch nach Ibenheim.«</p>
-
-<p>Abends saß er allein auf der Wildenbruchbank, die am
-Ende des Walles vom alten Schießstande steht, und sah
-den Tag über dem Silberblick in sein blutrotes Sterben
-sinken und erkannte, daß er das nun ganz anders sah als
-damals, da er mit seiner neuentdeckten Seele aus dem
-›Laboratorium‹ in die Gefilde Walhalls flog. Da wuchtete,
-meermäßig, aber unverstürmt, eine korpulente Dame den
-Wall daher, den Panama romantisch aufgestülpt …
-»Die sieht stets aus, als regnete es,« dachte er und lachte
-so in sich hinein; denn es fiel ihm ein, daß er sich bei ihrem
-Anblick immer auf dem gleichen Gedanken ertappte. Er
-kannte sie nicht. Sie redete mit ihm, und ihre Stimme
-und ihre Worte waren auf einem behaglichen Selbstbewußtsein
-erbaut … »Was wissen Sie von Wildenbruch?«
-fragte sie im Laufe der Unterhaltung. Diese
-Frage fiel ihn ein bißchen an, aber er hatte eine Erleuchtung
-und sagte: »Daß er dem deutschen Volke zwanzig
-Jahre zu früh gestorben ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p>
-
-<p>Diesen langen Sommertag hindurch hatte das Leben
-an ihm herumgefragt &ndash; zuerst: Was wissen Sie von den
-Menschen? Was wissen Sie von Goethe, Herder, Wieland,
-was von Weimar und was von Wildenbruch? Er ging
-noch einmal unter den Fenstern des Gartenhauses vorüber,
-zu sehen, ob Do noch in der Weinlaube säße. Da rief
-sie von oben: »Was treiben Sie denn da, Jo?« &ndash; »Ich
-ästimiere mein Gehirn für die Wüste Sahara,« sagte er.
-&ndash; »Da suchen Sie gleich mal nach einer Oase!« &ndash; »Die
-einzige, die da ist, hab' ich schon gefunden,« sagte er aus
-unverhohlener Bitternis, »sie ist voll von Versteinerungen,
-Kräutern, Moosen und Schmetterlingen, wie sie in Ibenheim
-im Thüringer Walde wachsen. Aber lassen Sie mir
-doch eine Kerze und ein Stück Wildenbruch an einem
-Faden herunter &ndash; ich will mich bilden!«</p>
-
-<p>Nicht lange danach pendelte ein Pack durch die sammetweiche
-Dunkelheit, und Do's Augen leuchteten ihr Vergnügen
-darauf hernieder. »Es sind die Gedichte, und es
-ist die ›Rabensteinerin‹,« sagte sie. »Sie sollen nicht gleich
-in die Königsdramen springen, und die Romane dürfen
-Sie sich ganz schenken.« Weil der Faden nicht lang genug
-war und der Pack vor der Mitte des Fensters in neckische
-Schwingungen geriet, mußte Jockele ein paarmal danach
-springen. Da scherzte Doris Rinkhaus: »Sehen Sie, jetzt
-malen Sie nicht und haben doch eine Illustration geliefert:
-›Jakobus Sinsheimer und die deutsche Dichtung‹.«</p>
-
-<p>Sie hatten über dem Mittagsmahle von Tiefurt beschlossen,
-sich der Kürze halber Do und Jo zu nennen.<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-Das Fenster ging wieder zu. Fräulein Rinkhaus ließ sich
-nie auf abendliche Gartengespräche mit ihm ein, und auf
-geflüstertes Fensterln nun mal gar nicht. Seit sie allein
-war, rückte sie mit Eintritt der Dämmerung für Jakobus
-in befremdende Fernen.</p>
-
-<p>Aber nun setzte er sich doch in Dos Weinlaube, träufelte
-Stearin auf die Tischplatte, stellt die Kerze hinein
-und las sich über der ›Rabensteinerin‹ ein fliegendes Herz.
-Manchmal stolperte er und rückte mit dem Schnitt des
-Buches ganz dicht unter das Licht … »Es liegen Feldsteine
-in dieser Sprache,« dachte er und wunderte sich
-über diese holprige Absichtlichkeit und konnte sie sich nicht
-erklären. Als er das Buch zugeklappt hatte, griff er nach
-den Gedichten &ndash; es war nur noch ein winziger Stumpf
-Stearin da &ndash; und fand das ›Hexenlied‹ und ließ die
-heißen leuchtenden Verse über sich kommen wie ein Gewitter,
-das auf dürstende Sommerwiesen fällt. Und wie
-ein Gebet. Er fühlte das Blut schäumen in seinen Adern
-und hielt den Band in den Händen, daß er in den Heften
-knarrte, und seine Sinne gerieten darüber in eine heilige
-Not. Er atmete über die Seiten wie heiße Nacht und
-las laut in die dunkelblaue Einsamkeit und wußte es nicht.
-Da fiel der Docht in den flüssigen Talg, und er ließ sich
-von der Benzinflamme seiner Feuermaschine leuchten.</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus, die schon im Bett gewesen war, öffnete
-droben ganz leise das Fenster und hörte, daß er mit sich
-allein sprach. Dann versickerte auch das kleine Licht, da
-lief er in das Gras unter den Bäumen und wunderte sich,<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-daß nun doch gar kein Sturm in den Kronen flog. Die
-Sterne hingen darin, und aus dem Herrenhause zog weich
-und sehnsüchtig das Spiel einer Geige. Er wußte von Do:
-es war eine Frauenhand, die diese Fülle klarer Schönheit
-aus den Saiten strich, und die silberne Exzellenz saß am
-Flügel und begleitete. Verspätete Leuchtkäfer zogen
-zwischen den klingenden Bändern der Geige ihre goldene
-Bahn.</p>
-
-<p>Als alles in dunkelblaue Finsternis versickert war,
-dachte er: »Ich weiß auch von Klavier und Geige nicht
-mehr, als daß sie da sind. Sahara! Sie sagen: die
-Zigeuner geigen sich aus dem Mutterleib hinein in ihr
-Leben, und ihr Herz ist ein Saitenspiel, das zu klingen
-beginnt, wenn man es in Wind oder Sonne stellt …
-Warum hab ich nicht solch ein Herz? … Oha,« lachte er
-ingrimmig &ndash; »wenn das Mädchen Mali in der Sandkuhle
-zu singen anhub, da war es, als probiere sie einen Kieselstein
-auf einem Reibeisen, und das nannte sie dann Musik.
-Darüber ist alles, was in mir klingen konnte, zuschanden
-gesungen worden.«</p>
-
-<p>Auf einmal stand im Fenster des Gartenhauses ein
-Licht und war, als ob es ihn riefe.</p>
-
-<p>Da ging er hin. Aber der blaue Vorhang war fest
-geschlossen, es war der Schein einer Laterne, der sich durch
-die Hecke und das weite Dunkel des Gartens gefunden
-hatte und sich nun im Fenster brach.</p>
-
-<p>Es war aber ein wilder Wille in ihm, Doris Rinkhaus
-in dieser Stunde bei sich zu haben &ndash; wenn sie jetzt da<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-wäre, würde er ihr alle Türen seines Herzens aufreißen,
-und es müßten brausende Ströme von Gold über sie
-schießen … Morgen früh? Ach, morgen früh ist das
-schöne wilde Feuer darnieder!</p>
-
-<p>Da lief er an den Schuppen, nahm die Leiter herab,
-und lehnte sie an die Mauer unter Dos Fenster und stieg
-empor. Das Feuerzeug raffte sich noch auf zu einem
-halbverlorenen Flämmlein &ndash; er schrieb auf ein Stück
-Papier:</p>
-
-<p>»Do &ndash; wenn Sie wüßten, wie ich brenne, Sie könnten
-nicht schlafen! Ich bin voll Licht wie blühende Kastanien
-im Frühling &ndash; nein: ich bin voller Sterne wie die
-Sommernacht, der der Mond aus den Händen gefallen
-ist.«</p>
-
-<p>Dann steckte er den Zettel mit zwei Nadeln an den
-Rahmen, damit sie ihn lesen mußte, wenn sie morgens den
-Vorhang aufzog. Er kletterte die Leiter wieder hinab und
-wunderte sich, daß er nicht sprang.</p>
-
-<p>Früh war er aber doch noch voll nachzitternder Erinnerungen
-und kam sich nicht entfernt vor wie eine
-Brandstätte.</p>
-
-<p>Er hatte vor dem Gange mit Doris Rinkhaus noch ein
-paar Besorgungen in der Stadt machen wollen, und weil
-es ein Markttag war, war die Luft in der Nähe der Sternbrücke
-auch schon voll von Umgegend, und das andere
-Leben plätscherte bis über die Ilm. Als er die Straße
-Am Horn herabkam, sah er an der Quelle, die in sanftem<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-Wall den Spiegel des flachen Beckens zerbricht, den
-Musikstudierenden Erich Meyer. Er hatte ihn gleich in
-den ersten Wochen seines Weimarer Aufenthaltes kennen
-gelernt; er war der ärmste aller Akademiker, ein vorgeschrittenes
-Semester und von durchschnittlichem Talente.
-Von diesen dreien sind Armut und mäßiges Alter hinwegzusingen
-oder zu vergeigen, aber das Teufelsgeschenk
-einer Durchschnittsbegabung kann es fertigbringen, den
-Betroffenen um Leben, Ehr' und Seligkeit zu betrügen.
-Zu allem besaß Erich Meyer noch ein Herz von Gold in
-kaum je dagewesener Echtheit. So war seine Begabung
-auch nach der rein menschlichen Seite hin fast lebensgefährlich.</p>
-
-<p>Als Jakobus Sinsheimer ihn da unten in sinnender
-Betrachtung entdeckt hatte, sprang er gleich den Hang
-hinab und setzte über die Leutra und erfuhr, daß Erich
-Meyer in dieser Zeit aus irgendeinem Weltwinkel ein
-bescheidenes Stipendium erhalten hatte &ndash; dreihundert
-Mark, die ihm von einer mitleidigen Fürsprache unter
-dreifachem Hinweis auf seine Entsagungs- und Gemütskraft
-ausgewirkt worden waren. Nun stand Erich Meyer
-mit dem goldenen Herzen zwischen Sphinx und Brunnen,
-und Jockele sagte zu ihm: »Sie sehen aus, als setzten Sie
-flackerndes Sonnenlicht im Spiele mit den Wassern in
-Töne um!«</p>
-
-<p>»Fällt mir ja gar nicht ein,« lachte der blonde Erich,
-»sondern ich freute mich gerade darüber, daß ich über jene
-dreihundert Mark mit einer Genialität verfügt habe, die<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-mir die Frage nahelegt, ob ich nicht doch noch umsattele
-und mich dem Bankfache widme.«</p>
-
-<p>»Es wäre zu erwägen,« sagte Jockele mit komischem
-Ernst.</p>
-
-<p>Darüber spähten sie nach dem Wege aus, den sie
-nehmen wollten, und kamen ins Wippen. Der lange
-Meyer wandelte mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße
-Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und
-während diese Partie seines Menschen sich für den Pendelschlag
-von vorn nach hinten entschieden hatte, schwangen
-die langen, stracken, blonden Haare über dem Rockkragen
-von links und rechts. Meyer hatte einmal eine unmöblierte
-Stube bei Hartwig innegehabt und besaß außer
-einem Bett und dem, was er auf dem Leibe trug, kaum
-etwas. Eine leere Kiste, von der er behauptete, er brauche
-sie zu Umzügen, benutzte er als Tisch, und einen Stuhl
-hatte er nicht. Sie gingen an der Ilm entlang und über
-die Kegelbrücke zur Stadt. In dem Brückenhäuschen, um
-das immerwährendes Rauschen des Wassers und der
-Bäume ist, hatte er eine Stube ermietet, und die fünf hellhaarigen
-Mädel des Brückenmannes waren seine treuen
-Gesellen durch die Mühsal seiner Tage, von der er aber
-keine richtige Ahnung hatte. Die älteste bereitete er für
-die Musikschule vor, natürlich umsonst, und war nun in
-eine Gesprächigkeit verfallen, die seinem Wesen ganz
-fremd war. Er sagte, er hätte in diesen Tagen alle seine
-Rechnungen beglichen, auch die des Schneiders, und das
-Mittagessen hatte er sogar auf sechs Wochen im voraus<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-bezahlt. Das war die Hauptursache seines hochgehenden
-Glücks. »Und jetzt hab' ich noch zehn Mark und gehe,
-einen Stuhl zu erstehen! So wird meine Einrichtung
-allmählich komplett, und es wird ganz unbeschreiblich
-wohnlich werden. Kommen Sie, helfen Sie mir beim
-Einkauf!«</p>
-
-<p>Als sie aus der Vorwerksgasse auf den Herderplatz
-schritten, kreuzte eine Frau mit versorgtem Gesicht ihren
-Weg. Es war Therese Hartwig. Niedergegangenes
-Weinen hatte Gräben um ihren Mund gewaschen, und
-was in diesem Gesicht vor Jahren in Blüte gestanden, war
-von den Gewittern des Lebens zerschlagen. Es war alles
-hausmachen an ihr. Sie fing gleich an, ihr Klagelied zu
-singen; denn sie hatte sich Erich Meyer schon in besseren
-Tagen anvertraut, und sein Herz geriet darüber in mitleidvolles
-Schwingen. Als sie durch die Rittergasse auf
-den stillen Zeughof gekommen waren, läutete es so feierlich,
-daß er in die rechte Westentasche griff und darin etwas
-losmachte. »Es fällt mir eben ein,« sagte er &ndash; »Fridolin
-Hartwig hat mir vor langer Zeit zehn Mark geliehen. Ich
-konnte ihm das Geld nicht zurückgeben. So nehmen Sie
-es als seine Hinterlassenschaft.« Als sie wieder allein
-waren, sagte Meyer: »Alle diese Leute haben kein Geschick
-zum Glücklichsein. Erst ist sie die Frau eines anderen gewesen
-und hat Kinder gehabt. Dann ist sie jenem mit
-Fridolin Hartwig davongelaufen &ndash; und nun hat ihr der
-Mann auch diese Kinder genommen und hat sie sitzen
-lassen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p>
-
-<p>Jockele aber sagte: »Ich denke, Sie haben weiter gar
-nichts besessen als diese zehn Mark?«</p>
-
-<p>»Natürlich nicht.«</p>
-
-<p>»Und am Ende sind sie jenem Hartwig gar nichts
-schuldig geworden?«</p>
-
-<p>»Ach Unsinn! Niemals einen Pfennig! Aber die
-Frau ist damals doch immer so freundlich zu mir gewesen,
-und solch eine tiefe Not kann ich nicht mitansehen.«</p>
-
-<p>»Den Plan mit dem Finanzminister geben Sie mal
-auf,« sagte Jockele, »ich glaube, Sie passen nicht recht für
-einen solchen Posten. Was soll denn nun mit Ihnen
-werden?«</p>
-
-<p>»Ach, der liebe Gott und meine fünf Brückenmädel
-lassen mich nicht verderben.«</p>
-
-<p>Vor dem Theater gingen sie auseinander, und als
-Jakobus einige Tuben Farben erstanden, eilte er nach
-Hause. Doris Rinkhaus sah ihn den hohen Wall des
-Schießstands daherkommen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Sie haben die Augen schon wieder voll Erlebnisse!«
-sagte sie.</p>
-
-<p>»Mir begegnet auf allen Wegen ein Wunder! Dieser
-Erich Meyer ist ein Genie des Herzens … Hören Sie!«
-Und als sie gehört hatte, sagte sie: »Genie des Herzens!
-Er liegt unter den Rädern des Lebens und macht aus
-seinem Dasein ein Fastnachtsspiel! Aber ein Mann muß
-Stahl im Herzen haben.«</p>
-
-<p>Dann gingen sie um die Stadt herum und wanderten
-nach dem Ettersberg. Erich Meyers gigantische Gemütskraft<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-in ihrem Verhältnis zum Dasein wurde erörtert und
-schlug heftige Reden aus ihnen.</p>
-
-<p>Jockele hatte das heilige Feuer der vorigen Nacht darüber
-fast vergessen. Auf einmal waren sie im Walde, und
-das sachte Rauschen der hohen Fichten lag um sie wie
-schwarzer Samt.</p>
-
-<p>»Was hatte das Hexenlied in der Nacht für eine Verwirrung
-in Ihnen angerichtet?« fragte Do.</p>
-
-<p>Es schoß eine heiße, heiße Welle Blutes in seine Stirn,
-aber er jauchzte sich darüber hinweg und breitete die Arme
-weit aus:</p>
-
-<p>»Ich bin zu einem neuen Lande gefahren &ndash; warum
-waren Sie nicht bei mir?«</p>
-
-<p>Sie hatte sich vorgenommen, dies neue Land auszukundschaften,
-und zog alle Segel hoch&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Nun, und wenn ich dagewesen wäre?«</p>
-
-<p>»Dann &ndash;&nbsp;&ndash; ich glaube, es wäre für Sie sehr gefährlich
-geworden!«</p>
-
-<p>»Donnerwetter!« lachte sie, »das heißt, Sie hätten mir
-eine Vorlesung über Wildenbruch gehalten?«</p>
-
-<p>»Nein, nein &ndash; ich hatte eine Sehnsucht … Es war
-alles wild geworden in mir, ich dachte, ich müßte die
-Zähne in blühende Frühlingsgaben schlagen!«</p>
-
-<p>»Das klingt allerdings genau wie der Zettel,« sagte
-sie ein bißchen verächtlich und merkte, daß sie den Ton
-getroffen hatte, nach dem sie suchen gegangen war.</p>
-
-<p>»Sagen Sie mir die Worte &ndash; sagen Sie sie mir!« bat
-er und stand schon wieder in hohem Feuer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p>
-
-<p>»Ich weiß sie nicht mehr, und den Zettel hab' ich in
-den Ofen gesteckt. So kleine Entgleisungen muß eine
-Freundschaft vergessen können.«</p>
-
-<p>Das klang sehr wohltemperiert.</p>
-
-<p>»Ach,« jubilierte er, »nennen Sie es tausendmal eine
-Entgleisung &ndash; es war doch fein, und ich war voll purpurnem
-Lichte wie der Abendhimmel!«</p>
-
-<p>»So etwas ist wahrscheinlich immer am feinsten allein,«
-sagte sie unwissend.</p>
-
-<p>Aber er fragte fürwitzig: »Ist es Ihnen auch schon so
-ergangen?«</p>
-
-<p>Da wäre sie am liebsten davongeflogen wie ein kleiner
-roter Luftballon. Sie strich sich mit beiden Händen über
-das Gesicht und sagte, die Sonne hätte sie verbrannt …
-»Sie hören wohl nicht gut?« schalt sie, weil sie sich so in
-Not sah. »Ich sagte, wahrscheinlich!«</p>
-
-<p>Da zwang er sie, in die dunklen Brunnen seiner Augen
-zu schauen und sie merkte: es standen Sterne darin, die
-vorher nicht dagewesen waren. Und sie versuchte ihre
-Siegeraugen; es war mühevoll und kam nicht weit über
-den Vorsatz hinaus. Aber sie war froh, daß ihm das
-Leben aufging, und daß sie nun auf einer Wacht sein
-mußte, die sie die Zeit her lächelnd für unnötig gehalten
-hatte. Frauen spielen gern mit Feuer und fangen an
-zu blasen, wenn sie eine Glut vermuten. Und als Doris
-Rinkhaus fühlte, daß ihre Bedrängnis fort war, blies sie
-ein bißchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p>
-
-<p>Sie schritten nun auf dem Ettersberge an dem schönen
-Waldsaum nach dem Bismarck-Denkmale dahin. Rings
-lag die Erde in breiten, bunten Erntefarben, die im Tale
-zwischen den Häusern mit den funkelnden Fenstern versickerten.</p>
-
-<p>Auf einmal stand ein gelbes Kleid im Walde hinter
-einer Staffelei, und obendarauf war ein breiter Sonnenhut
-mit einem Kranz aus wilden Rosen. Wilde Rosen
-waren auch über das Kleid gestreut.</p>
-
-<p>»Jakobus Sinsheimer,« sagte Do und ging im Hinschauen
-unter, »das ist Gwendolin Vogelgesang, eine
-Böhmin, und sehr jung! Kennen Sie die?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er, »aber sie scheint so lang zu sein wie
-ihr Name.«</p>
-
-<p>»Die Männer finden sie hübsch, und sie kann etwas.«</p>
-
-<p>»Einstweilen sieht man noch gar nicht, was unter dem
-Wildrosenhute steckt!«</p>
-
-<p>»Kommen Sie, die führ' ich Ihnen vor!«</p>
-
-<p>Sie hatte da ein Waldinneres mit breitem Pinsel etwas
-pastos auf die Leinwand gestrichen und ihm eine ganz
-wundervolle Durchleuchtung gegeben. Während sie mit
-Doris Rinkhaus redete, sah sich Jakobus an dem Bild in
-ein Sonnenglück hinein, das er gleich in lautem Lob über
-sie ausschüttete. Da hörte er, daß sie solches Malen förmlich
-mit auf die Welt gebracht hätte, daß sie aber am liebsten
-mit der kalten Nadel arbeitete und derlei Leinwanden
-nur zum Verkaufe bemalte. Sie hatte in Frankfurt und
-München Kunsthändler, die ihr diese Sachen bescheiden<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-bezahlten, aber sie verkaufte und brachte sich mit dem Ertrage
-gut durchs Leben.</p>
-
-<p>Sie stellten das Malzeug im Dorfe ein, streiften bis
-Abends im Walde herum und fanden nicht, daß der
-Spruch: ›<em class="antiqua">Two is company, three is none</em>‹ in allen
-Fällen wahr wäre. Einmal lagerten sie sich auf einem
-Anger, der ganz voll hoher Spätsommerblumen war,
-darüber schwammen die Schmetterlinge in breiten Flügen,
-und Jockele dachte, er möchte mit diesem langen, leuchtenden
-Mädchen auch in der Folge zusammensein. Darum
-sagte er:</p>
-
-<p>»Gwendolin, wir wollen den Anger malen &ndash; beide das
-gleiche Bild.«</p>
-
-<p>»Warum?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Ich will sehen, wie viel weniger ich kann als Sie,«
-sagte er sehr ernsthaft, und Doris Rinkhaus saß dabei und
-bekam weite und kalte Augen.</p>
-
-<p>Am anderen Tag, als Jockele daheim auszog, lief ihm
-das blaue Morgenkleid über den Weg zur Schlüpfe im
-Zaun &ndash; Do ertappte sich auf dem mädchenhaften Gedanken,
-er hätte sie doch wenigstens auffordern können,
-mitzugehen. Aber es war morgendlich um ihn, und er
-sagte: »Ich werde mir heute eine Niederlage holen.« Da
-nahm sie ein herbes Wort in den Mund, ließ es aber
-nicht fliegen und sagte ohne Bitterkeit und ohne Teilnahme:
-»Es ist wahrscheinlich. Mag es nun so oder so
-kommen &ndash; das Spiel wird nicht ohne Gewinn für Sie
-sein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte die Gedichte Wildenbruchs in der Tasche, und
-über dem weiten Wanderwege wurde ihm das Malzeug
-lästig. Da dachte er: »Ich hätte Do sagen können, daß ich
-heute vielleicht in Ettersburg schlafe …« Mit diesem Gedanken
-lief er seine Straße, und es blühten um ihn
-noch andere blutrote heiße Blumen: Gwendolin hatte all
-die Tage her schon in Ettersburg gewohnt; er wollte ihr
-das Hexenlied vorlesen, wenn die Schatten auf den Anger
-traten wie die äugenden Rehe. Das mußte schön sein,
-so im Lichte der Blumen, die ihre schmeichelnden Seelen
-in den müden Tag strömten.</p>
-
-<p>Ob Gwendolin auch wie Do nach Hause drängen würde,
-wenn die sachten Netze der Nacht fielen? Und ob ihre
-Augen auch Sterne würden, die immer als die ersten in
-der Nacht stünden wie die Augen Dos? Und ob ihre
-Stimme dann weicher würde und so sehnsüchtig, wie Dos
-Stimme einmal gewesen war, nur ein einziges Mal? Und
-ob sie wieder das Kleid mit den winden Rosen trüge? Auf
-einmal summte er das Heideröslein grausam unmusikalisch
-vor sich hin und kam auf den Anger und war enttäuscht,
-weil sie noch nicht da war.</p>
-
-<p>Natürlich war sie noch nicht da; denn die Hälfte der
-Blumenwiese lag noch im Schatten. Ein paar Samenfahnen
-der ersten Weidenröschen schwebten als weiße,
-stille Flugzeuge vorüber.</p>
-
-<p>Er stellte seine Staffelei aber nicht auf; denn er wollte
-Gwendolin ihren Platz zuerst wählen lassen. Da setzte
-er sich an den Waldgrund und las in den Gedichten. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-geriet wieder an das Hexenlied, und sein Herz blühte daran
-auf wie in der anderen Nacht.</p>
-
-<p>Gwendolin kam mit den Schmetterlingen; sie hatte das
-Wildrosenkleid an und trug den Sonnenhut von gestern,
-und sah gerade so brünett und heiß aus wie gestern &ndash;
-so an der Sonnenseite gewachsen. Aber sie redete genau
-so morgenkühl wie Do und fragte, ob er sich etwas zu
-essen mitgebracht hätte.</p>
-
-<p>»Nein. Ich dachte, wir äßen gemeinsam im Dorfe.«</p>
-
-<p>»Wahrscheinlich kommen wir vor drei Uhr nicht dazu
-&ndash; es ist um Mittag so köstlich und leuchtend hier, daß
-einem das Ultramarin von der Palette läuft. Aber jetzt
-los!« sagte sie. Da ging es ans Malen. Es hing eine
-Waldstille ringsum, daß man die Pinsel streichen hörte,
-und der Himmel war über die Wipfel gestülpt wie eine
-Glocke aus blauem Glas, durch die die Welt von draußen
-hereinschauen mochte, wenn sie Lust hatte.</p>
-
-<p>Da vergaßen sie, daß sie zwei junge Menschen waren,
-die sich beim ersten Sehen gefallen hatten, und schwiegen
-sich in eine tiefe Farbenfreude hinein und sagten sich bei
-drei Stunden kein Wort und hatten kaum einmal einen Blick.
-Anfangs dachte Jakobus: »Ich spiele da ein gefährliches
-Spiel mit mir selber. Es ist sehr ungeschickt gewesen, daß
-ich mich einem Vergleiche ausgesetzt habe, dem ich doch
-nicht standhalten kann.« Dann vergaß er auch das und
-vergaß, daß er in klingenden Farben alles so breit und
-voll hinstreichen wollte, wie er es gestern bei ihr gesehen
-hatte. Er malte, wie es ihm die Stunde gab, aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-strahlenden Beschwingtheit seiner Seele heraus, die dunkelrot
-vom Scheine des Feuers aus dem Hexenlied überglüht
-war. Sie hatten sich alle Neugier verbeten, hörten die
-Mittagsglocke aus dem Dorfe läuten, sahen, wie die Luft
-flimmrig wurde, als tropfe flüssiges Silber hindurch, und
-schwiegen.</p>
-
-<p>Einmal legte Gwendolin die Palette in den Kasten
-und warf den Deckel zu und trat mit einem Pack raschelnder
-Papiere in den Schatten des Waldes. Als ihr Jakobus
-nachging, sagte sie: »Wenn sie nicht essen <em class="gesperrt">müssen</em>, so
-arbeiten Sie. Ich lasse für Sie genug übrig. Natürlich
-habe ich gewußt, daß Sie auf alles vergessen, was der
-Mensch außer Pinsel und Farben nötig hat!« Dieses ›auf
-alles vergessen‹ klang österreichisch lustig in ihn hinein;
-es war viel Sonne in ihrer Stimme. Und er sagte: »Ich
-freue mich auf die Stunde, in der wir fertig sind; dann
-will ich Sie immer reden hören.«</p>
-
-<p>»Ich bin fertig,« lachte sie. Da sprang er auf und lief
-zu ihrer Staffelei … »Es ist ein grausames Bild,« sagte
-er; »es ist herrisch, und es kann dagegen kein anderes aufkommen.
-Aber es ist doch königlich.«</p>
-
-<p>»Nun ja, es ist königlich. Sie mögen es immer so
-nennen. Wenn Sie mich einmal nicht leiden mögen,
-sagen Sie: es ist Theater! Dieses Wort hat mir die
-Freude an den Farben verdorben. Aber was kann ich
-dafür, daß sie mir so in die Augen stürzen, wohin ich sehe?«</p>
-
-<p>»Es kommt auf das Herz an,« sagte er. »Sie streichen
-das in einer wilden Lichtlust daraus hervor, und jedes<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-Ding stellt sich dagegen, wie sich die Wolken stellen gegen
-die Feuerfanfaren, die der Himmel über das Sterben des
-Tages bläst. Mir ist bange gewesen vor Ihnen, aber ich
-schäme mich nun nicht &ndash; wenn Sie Wasser sehen, malen
-Sie Perlen, und wenn Sie Licht sehen, malen Sie
-Jauchzen. Ein Feld voll Blumen wird auf dem Wege
-durch Ihr Herz zu einem taumelnden Märchen oder zu
-einem himmlischen Farbenrausche. Aber ich male die
-Erde …« So redete er sich in Flammen.</p>
-
-<p>Gwendolin sagte: »Meine Bilder sind Lügen für jeden,
-der die Wirklichkeit nimmt und damit ein zentimetermäßiges
-Messen an ihnen beginnt. Aber für mich ist es
-Wahrhaftigkeit; denn es ist künstlerisches Erleben.«</p>
-
-<p>Dann traten sie zur Staffelei Jockeles. Es stand ein
-Idyll darauf, das versickerte &ndash; letzte Blütenfreude des
-Sommers &ndash; in dunkelgrüne kühle Waldestiefe.</p>
-
-<p>»Ich kann das nicht,« sagte sie &ndash; »Sie suchen die Seele
-einer Handvoll Welt, und ich blase eine hinein, die mir
-gerade paßt.«</p>
-
-<p>Da nahmen sie ihr Malzeug auf und trugen es ins
-Dorf, saßen in dem Baumgarten des Gasthofs und aßen
-Pflaumenkuchen.</p>
-
-<p>»Wann gehen Sie?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Heute nicht,« sagte er und bestellte ein Zimmer für
-die Nacht.</p>
-
-<p>»Das ist fein. Da machen wir eine Waldstreife. Also los!«</p>
-
-<p>Den Band Gedichte nahm er mit. Im Ettersburger
-Schloßgarten fiel das Blühen über sie. »Ich kann mir<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-denken, daß Ihre Lichtfreude hier wohnen muß, Gwendolin!«
-sagte er voll Innigkeit. Ueber die blaue Weltenwiese
-jauchzt die Sonne im goldenen Sechsergespann, aber
-im Garten von Ettersburg geht sie spazieren; draußen ist
-sie das große Licht, hier ist sie sanftes Leuchten; draußen
-ist sie Sieg, hier ist sie Liebe; und die Menschen werden
-leise auf diesen Wegen. Die Tage liegen darauf wie
-Falter mit breiten Schwingen &ndash; der Schloßgarten von
-Ettersburg ist ein ewiges Ostern der Herzen … Darüber
-gerieten Gwendolin und Jakobus immer tiefer in sich
-hinein.</p>
-
-<p>Es war, als wären sie allein auf der Welt.</p>
-
-<p>Sie gingen nun unter den hohen Buchen, die sich so
-sachte mit Himmel zudecken lassen. Aber unter den
-Wurzeln heraus atmete die Erde den berauschenden
-Herbstodem, der voll Traum heißer Auferstehungsfeste ist,
-und sie bekamen Augen wie der Hochwald, voll heimlicher
-Dämmerungen. Augen wie junge Menschen, die herumirren
-in den Rätseln ihres Frühlings. Augen wie junge
-Menschen, die über und über in Blüte stehen und die
-Seligkeit ihrer Seelen dahinströmen wie die Blumen und
-ihre klingende Helligkeit ineinandergießen wie die Quellen,
-wenn die Erde birst unter dem Jauchzen des Himmels.</p>
-
-<p>An einem Hange, an dem die Sonne gelegen hatte,
-umarmte sie die heiße Dämmerung. Da sanken sie hinein,
-und das Moos war voll vom Dufte später Veilchen.</p>
-
-<p>Gwendolin saß neben ihm.</p>
-
-<p>»So war es schon einmal,« sagte er &ndash; »damals mit<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-Maria Reh! Da war ich ein kleiner Junge und hatte
-Sehnsucht nach ihren Händen.«</p>
-
-<p>Da setzte sie den Hut ab und legte ihn über den Band
-Gedichte.</p>
-
-<p>»Wie war das mit Maria Reh?« fragte sie und
-stemmte ihre Ellenbogen auf seine Brust.</p>
-
-<p>»Rosenrot!« sagte er. Und ihre Augen waren einander
-nahe und kamen sich immer näher&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Und jetzt?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Dunkelblau mit Sternen!« sagte er. »Aber was ist
-das für ein verrücktes Reden! Komm doch!«</p>
-
-<p>»Komm doch!« lockte sie.</p>
-
-<p>Da faßte er in ihr lose geschlungenes Haar und ergriff
-ihren roten, roten Mund mit den Zähnen &ndash; der Vorhang
-im Tempel zerriß, und sie fanden sich mit geschlossenen
-Augen in das Allerheiligste des Lebens.</p>
-
-<p>Dann fing sie an, den pressenden Armen zu trotzen,
-und wand sich über ihm und bekam ihre Lippen los aus
-der schmerzenden heißen Verheißung seines Mundes. »Du
-bist zu wild!« sagte sie.</p>
-
-<p>»Ich habe zu lange gedürstet! Warum bist Du so
-heiß und schön geworden &ndash; nun mußt Du das leiden.«</p>
-
-<p>Da litt sie es. Sie küßten sich drei Meilen tief hinein
-in die kobaltblaue Spätsommernacht, und als einmal die
-Dorfuhr über die Sternenstraße rief, war den Glocken anzumerken,
-daß sie noch ganz allein wach wären. Im
-Walde lag eine schwere Finsternis. Da tasteten sie sich
-hindurch, und als sie vor dem kleinen Hause standen,<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-in dem Gwendolin wohnte, wartete die Frau des Arbeiters
-drinnen bei dem Licht. Gwendolin fing an, sich
-das Haar noch einmal zu stecken, aber weil sie in der
-mitternächtigen Dunkelheit unter Küssen und Zwetschenbäumen
-doch nicht damit zurechtkam, sagte sie: »Es ist
-mir ganz egal! Doch morgen mußt Du warten, bis ich
-komme und Dich hole.«</p>
-
-<p>Der Hausknecht ließ ihn ein, und er fiel gleich in
-einen abgrundtiefen Schlaf. Aber früh ärgerte er sich,
-daß er nicht mehr an Gwendolin gedacht hatte, und die
-Nüchternheit des fremden Zimmers verstimmte ihn.
-Gwendolin kam, als er drunten im Garten beim Morgenkaffee
-saß; ein Fink war auf seinen Tisch geflogen und
-pickte die Krumen auf.</p>
-
-<p>Am vierten Tage malten sie wieder, und am vierten
-Tage kam Doris Rinkhaus. Sie hatte vormittags den
-Wald nach ihnen durchsucht, sagte das aber nicht, sondern
-spazierte zur Essenszeit wie von ungefähr durch den Garten
-des Gasthofs und setzte sich zu ihnen. Sie merkte den
-großen Wandel an Jakobus, aber sie war unbefangen
-und klug und klar wie der Tag. Deshalb ging er am
-Spätnachmittag mit ihr heim, aber das Malzeug ließ er
-bei Gwendolin. Sie machten einen weiten Umweg über
-das Rödchen und gelangten auf abgeernteten Feldern zu
-der großen Eiche, die im Webicht, nahe dem Goethe-Schiller-Archiv,
-steht. Es war schon Abend geworden.
-Doris hatte es auf dem langen Gange vermieden, an
-sein Verhältnis zu Gwendolin zu rühren. Sie hatten von<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-der Sendung der Tante Veronika zu reden gehabt, die
-inzwischen für Jockele eingetroffen war &ndash; »Die freundliche
-alte Dame überschüttet Sie in der Tat mit einer
-ganz unverdienten Güte &ndash;« sagte sie … und da war
-der Stein durch das sorglich gehütete Fenster geflogen!</p>
-
-<p>Er faßte ihre Worte gleich fest an: »Wenn Sie damit
-auf Gwendolin zielen, so finde ich das unbeschreiblich
-komisch: erst haben Sie mich auf sie losgelassen, und
-jetzt drohen Sie mir gouvernantenhaft mit dem Finger
-und spielen würdig die Mama gegen mich aus! Do, Do,
-fühlen Sie wirklich nicht, daß Sie da nach einer Rolle
-gegriffen haben, die Ihnen ganz und gar nicht auf den
-Leib geschrieben ist?«</p>
-
-<p>Jawohl, sie fühlte das und pries ihre Klugheit, die sie
-damit hatte warten lassen, bis die Nacht um sie hing.
-Das Buschwerk zu beiden Seiten des Weges von der
-großen Eiche herauf half bei der gütigen Finsternis.</p>
-
-<p>Darüber fand sie den gewohnten Ton wieder &ndash; »So
-ist das gar nicht gemeint gewesen. Ich hätte wohl besser
-gesagt: Sie sind sehr keck geworden in diesen vier Tagen.«
-Sie suchte nach einer Schlüpfe, durch die sie in ihn hinein
-kommen konnte; der lange Weg, den sie berechnend gewählt,
-hatte ihn zu keinem Verrat an sich selbst geführt.
-Wollte er Gwendolin schonen? War er wieder in eine
-rosenrote Anbetung versunken wie damals vor Maria
-Reh, die noch heute lustig davon berichtete? … Sie fing
-also an zu klopfen. &ndash; »Ich meine, Sie gehen so aufgeblüht
-daher! So jungmänniglich, tapfer und weltumarmend!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p>
-
-<p>Nun schlug er alle Türen weit auf und trat heraus
-und sagte: »Es war fein! Gwendolin ist ein süßes, heißes
-Mädel.« Er wollte mit vollem Atem das Lied vom ersten
-Liebesrausche blasen, aber die Worte lagen neben dem
-Erleben wie welke Blüten. Da sagte er: »Ich will
-Gwendolin heiraten!« und hatte damit einen Heiterkeitserfolg.
-Es war schrecklich &ndash; bei dem dramatischen Höhepunkte,
-bei der Stelle, die er mit wahrer Heldengröße
-herausgeschleudert hatte, bekam Doris Rinkhaus das ungeheure
-Lachen! Und der Vorhang mußte heruntergehen.
-Sie lachte sich auch durch die Pforte im Zaun und sagte:
-»Sie sind heute abend zu ulkig! Sie dürfen deshalb
-ausnahmsweise noch eine Stunde zu mir herüberkommen.
-Ich muß Ihnen eine Kerze geben; denn es sieht in Ihrer
-Wohnung aus wie in einem Lagerhause.«</p>
-
-<p>Sie bereitete in der Küche das Nachtmahl; Jockele entzog
-ihr seine Mitarbeit und dachte in der dunklen Stube
-darüber nach, wie sich das Spiel für ihn gewinnen ließe.</p>
-
-<p>Als sie gegessen hatten und der Samowar summte,
-setzte sie sich wieder in den vorigen Gang. »Haben Sie
-schon Bestimmungen über die Hochzeit getroffen?«</p>
-
-<p>Da schwieg er sie gekränkt an; sie aber nahm noch
-mehr überhand. »Mein lieber Junge Jo, wenn Sie nicht
-so grausam lächerlich aus diesen ersten verliebten Stunden
-hervorgegangen wären, würde ich sagen: Mein werter
-Herr Jakobus Sinsheimer &ndash; es senkt sich zwar schon
-der sachte Schatten eines Bartes auf Ihren verräterischen
-roten Mund, aber mit dem Gewaffen holder siebzehn<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-Sommer läßt sich ein leidlich befestigtes Mädchen nicht
-fürs Leben erobern! Sind Sie denn wirklich so einfältig,
-zu meinen, eine Kette angereihter Küsse hielte über ein
-paar Meilen Zeit? Und glauben Sie, Sie wären der
-erste, der Gwendolin Vogelgesang hübsch findet? Und
-das ›süße heiße Mädel‹ hätten Sie entdeckt? Meinetwegen
-küssen Sie sie ab, soviel sie es verdient &ndash; aber geraten
-Sie darüber nicht in Unordnung und reden Sie nicht ein
-tragisches Pathos übers Land.«</p>
-
-<p>Er kreuzte die Arme vor der Brust, und auf seiner
-Stirne stand kalter Schweiß. »Was geht Sie denn das
-alles an, daß Sie so in Harnisch geraten?«</p>
-
-<p>»Es täte mir leid, wenn Sie vor sich selbst lächerlich
-würden,« sagte sie. »Sehen Sie, wie Sie neulich aus dem
-wildgewordenen Herzen mit feurigen Buchstaben etwas
-von ihrem Frühlingssturm auf ein Stück Papier schrieben
-und es mir vors Fenster hingen, das war jung und gesund.
-Und jung und gesund ist es auch, wenn Sie mal über
-die lange Gwendolin kommen &ndash; aber daß Sie jede
-Seifenblase für eine Weltkugel halten und den Eroberer
-spielen, das ist Ihr hartnäckiges Mißgeschick.« Sie steckte
-eine Kerze an und gab sie ihm in die Hand: »So, und
-nun leuchten Sie sich mal nach Hause.«</p>
-
-<p>Da sagte er: »Wenn ich Sie nicht bis zu dieser Stunde
-für einen Ausbund von Klugheit gehalten und nicht
-allerlei Ursache zur Dankbarkeit gegen Sie hätte, würden
-wir uns morgen kaum noch kennen, Fräulein
-Rinkhaus!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p>
-
-<p>»Sie, das ist ein famoser Einfall,« lachte sie &ndash; »betrachten
-wir diese Stunde als Mobilmachung zu einem
-achtwöchigen Kriege! Am ersten November wird Friede
-geschlossen.«</p>
-
-<p>»Und wenn ich dann noch Krieg will?«</p>
-
-<p>»Mir auch recht!« lachte Do.</p>
-
-<p>»Ich gebe mein erlösendes Einverständnis. Gute
-Nacht.«</p>
-
-<p>Sie drehte den Schlüssel schon feindlich im Schloß
-herum.</p>
-
-<p>»Do hat ihre giftiggelbe Eifersucht vor mir verbergen
-wollen, und damit ich es nicht merkte, hat sie Esel zu
-mir gesagt,« dachte er. Aber nun, da er durch das Stück
-dunkelblaue Spätsommernacht stieg und die Linke vor das
-kärgliche Fünkchen Licht hielt, kam er sich wirklich sehr
-komisch vor &ndash; diese Rolle mit der Hand vor dem bißchen
-Flamme hatte er den ganzen Abend gespielt. Und gestern
-&ndash; vorgestern sicherlich! &ndash; hatte er geglaubt, es wäre so
-etwas wie der große Brand in ihm, den der Sommer des
-Abends vor den Toren der Welt für Himmel und Erde
-aufführt.</p>
-
-<p>Er leuchtete sich in einen mäßigen Schmerz hinein,
-der sich über dem Haufen mit Latten verschlagener Möbelstücke
-zu einer tiefen Verstimmung auswuchs. Die Liebe,
-mit welcher Tante Veronika und Mali diese Dinge ausgewählt
-und verpackt hatten, wollte sich heimlich an sein
-Herz schmeicheln, aber sie war ihm peinlich: die treuen
-alten Mädchen hatten das im Frühlingshause mit der<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-Sonne ihres Vertrauens für ihn umschienen &ndash; vielleicht
-in der gleichen Stunde, in der er sich draußen am Waldrande
-gewälzt hatte wie ein jähriger Hirsch&nbsp;…</p>
-
-<p>Er fuhr in ein Land tiefen Nebels hinein und verbiesterte
-sich&nbsp;…</p>
-
-<p>»Was ist das wieder mal für eine Sache, die Du
-da aufgemacht hast, Jakobus Sinsheimer! Es ist der
-niederträchtigste Vertrauensbruch, der einem Menschen
-je Scham auf die Stirn getrieben hat. Du kommst
-Deiner Tage zu nichts &ndash; gib's auf, Jakobus Sinsheimer,
-Du bist ein Zigeuner. Wie ein Zigeuner hast Du den
-Wald zum Nachtquartier gemacht&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er nahm wieder einmal Seifenblasen für Weltkugeln!
-Da schlug er mit der flachen Hand auf das Zünglein Licht
-und warf sich aufs Bett und wühlte sich in eine wilde
-Selbstverachtung hinein. Auf einmal hüpfte Gwendolin
-aus dem zähen Nebel und war vergnügt wie der Frühling.
-Das Wildrosenkleid war längst ausgeplättet, ihr
-Mund blühte wie roter Mohn, und die ganze Nacht wurde
-zu tausend feuerroten Blumen. Er lag mitten darin und
-schlief ein.</p>
-
-<p>Am Morgen, als er sich in den Kleidern auf dem Bette
-fand, fiel ihn der Jammer an. Aber er raffte sich zusammen,
-zog andere Wäsche und Kleider an und begann
-auszupacken.</p>
-
-<p>Tante Veronika und Mali, manchmal auch das Zinzilein,
-waren dabei immer um ihn, und er werkte sich in
-eine vergessende Freude.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span></p>
-
-<p>Als er allen Unrat hinausgetragen hatte in den
-Schuppen, schloß er die Schubfächer des Schrankes auf
-und fand darin Vorhänge für drei Fenster, und in dem
-Kleiderschrank die drei Leisten dazu &ndash; es war auch ein
-Kästchen mit Stecknadeln darangebunden; als er das
-erkannte, schauerte ihm die ferne sorgende Liebe durchs
-Herz, daß ihm ganz bange wurde.</p>
-
-<p>Er wäre nun am liebsten zu Do geflogen und hätte
-mit allen Glocken Frieden geläutet &ndash; nein, diesmal sollte
-sie gewiß nicht triumphieren! Wenn sie ihm jetzt ihre
-Siegeraugen gemacht hätte, jetzt hätte er sie gerne ertragen;
-aber am Ende sagte sie: »Lassen Sie sich das nur
-von Gwendolin machen.«</p>
-
-<p>Da überlegte er sich, wie Mali dabei zu Werke gegangen
-war, damals, als er ihr die Stecknadeln gereicht
-hatte.</p>
-
-<p>Er drehte eine der Leisten ein paarmal in den Händen
-und gewahrte die Bänder, die da angenagelt waren. Dann
-pfiff er seine Entdeckerfreude sachte vor sich hin und kam
-auch mit den Vorhängen zustande.</p>
-
-<p>So ordnete sich jedes Ding an seinen Platz. Es war
-alles durch viele Jahre in einer schönen Sonne gewesen
-&ndash; das ganze kleine Haus schien sich nun daran heimlich
-voll Gold bis zum Rande. Tante Veronika hatte ihm
-auch eine Erhöhung des Monatsgehalts von zehn Mark
-gewährt, dafür sollte er eine Frau bezahlen, die ihm die
-Wohnung säuberte. Ueber allem hatte er sich wieder zu
-sich selber gefunden, und weil er den Ueberschuß an Seligkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-merkte, packte er ihn in einen Brief und schickte ihn
-nach Ibenheim.</p>
-
-<p>Da war der erste Tag nach der Mobilmachung herum,
-und als sein Verglimmen durch die neuen Vorhänge
-sickerte, gab er sich der Wohligkeit des Daheimseins hin.
-Es war, als legte die sorgte alte Tante Veronika ihre
-reinen Hände an seine Wangen und sagte wie einst: »Mein
-braver, lieber Junge.« Er saß zum ersten Mal bei der
-abendlichen Lampe in dem kleinen Haus; die warf die
-goldenen Fächer ihres Lichts über die bunte Tischdecke,
-und aus dem Bücherschranke blinzelten ihn die Aufschriften
-der Bücherrücken so traulich an wie in der anderen Zeit.
-Veronika hatte ihm alles geschickt, was sie an gedruckter
-Weisheit besaß &ndash; die zweihundert Bände umfaßten die
-Welt; und es lag in der Uebergabe dieses Schatzes eine
-rührende Erklärung der Liebe&nbsp;…</p>
-
-<p>Wie ihm Fridolin Hartwig in den Weg gelaufen war,
-und wie dessen großsprecherische Schwächlichkeit strandete
-an einer Insel der Weltflucht, hatte er dies als ein Erlebnis
-erkannt; die Nacht im Jägerhaus am Hörselberg
-stand in seiner Jugend als eine bunte Lichtkugel, nach
-der er gern einmal zurückschaute, denn sie leuchtete noch
-immer; das Glück von Ettersburg war ein kristallener
-Becher, von dem er meinte, er wäre reich genug, sein
-ganzes Leben mit Glanz zu erfüllen … So standen viele
-Tage in der vergangenen Zeit, von denen er sagte: ich
-werde sie immer sehen. Aber dies Heute, in dem ein
-Stück seiner waldherrlichen Knabenzeit sich wieder zu ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-gefunden hatte &ndash; dies Heute erkannte er nicht. Es war
-für ihn eine liebe freundliche Begegnung von jener
-lächelnden Innigkeit, die ihn über dem Kommen Tante
-Veronikas berührte, als der gelbe Krückstock neben dem
-blauen Morgenkleide den breiten Gartenweg daherspaziert
-war. Und doch war dieser Tag eine Weiche, über die das
-Leben Jakobus Sinsheimers auf das Geleise lief, das er
-sich selbst in Spiel und Ernst seiner Frühlingsjahre gelegt
-hatte. Und er wußte es nicht; denn die Sinne der Jugend
-sind vorwitzig: sie sehen den Schaum als Trank, sie fühlen
-den Rausch als Glück, sie schmecken die Erde als Himmel,
-sie halten Dasein für Ewigkeit.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Am nächsten Morgen spazierte er sehr früh nach
-Ettersburg, äußerlich angetan wie ein junger Kavalier.
-Er wollte an diesem Tage nicht malen, aber er wollte sich
-auch gegen zigeunermäßiges Waldstreifen verwahren.
-Zudem war es am Anfange des Monats, und hundert
-Mark im Portemonnaie geben einem jungen Menschen
-Haltung.</p>
-</div>
-
-<p>Am Häuschen Gwendolins erfuhr er, sie habe Besuch,
-und die Herrschaften seien wahrscheinlich im Baumgarten
-des Gasthofs beim Frühstück.</p>
-
-<p>Da fragte er sich ein wenig an der Frau zurecht, aber
-er wandelte noch auf Wegen aus Himmelblau seinen
-heißen Wünschen nach.</p>
-
-<p>Als er das Wildrosenkleid und den blühenden Sonnenhut
-sah, ward er beschwingter Sommerwind und flog ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-entgegen. Der Herr, der mit Gwendolin an dem übersonnten
-Tische saß, nestelte ihr aus einem schäkernden
-Besitzrecht heraus an dem goldenen Halskettlein. Und
-als der lustige Sommerwind dazwischenflog, blies ihn
-eine morgenkühle Gleichgültigkeit an. Gwendolin tat sehr
-überrascht, den Herrn Sinsheimer zu sehen, und stellte
-ihn vor als einen Malschüler, mit dem sie gelegentlich
-eine Stunde da oben am Waldrande zusammen eine
-Farbenskizze gemacht habe.</p>
-
-<p>»Und Sie wollen Ihre Staffelei holen?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Eigentlich nicht,« antwortete er und setzte sich steil in
-eine Art von Fassung.</p>
-
-<p>Da kam der Kellner und meldete, der Wagen sei da.</p>
-
-<p>»Wir fahren nach Belvedere,« sagte Gwendolin.
-»Wenn Sie Ihr Malzeug heute mitnehmen wollen &ndash;
-meine Mietsfrau kennt Sie ja und wird Ihnen willig
-alles einhändigen. Adieu, Herr Sinsheimer.«</p>
-
-<p>Sie legte die Spitzen ihrer Finger in seine Hand,
-und nach einer förmlichen Verbeugung ihres Begleiters
-hüpften die beiden durch den Sonnenschatten der
-Zwetschenbäume in klingender Unbekümmertheit dahin.</p>
-
-<p>Der Kellner klemmte seine Serviette unter den Arm,
-und während der Kavalier Jockele sich erhob und zu
-einem entfernten Tische schritt, starrten sie einander an &ndash;
-Jockele als Hypnotiseur, der Kellner als zweifelndes
-Medium zwischen Lächeln und sachtem Verkommen des
-Bewußtseins. Am Gefrierpunkte der Sinne bäumte er
-sich auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p>
-
-<p>»Ich dachte immer, Fräulein Vogelgesang wäre
-Ihre Braut&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Das dachte ich auch,« sagte Jakobus; »aber nun
-bringen Sie mir mal schnell drei Zigaretten und eine
-Tasse Kaffee.«</p>
-
-<p>»Sehr wohl, drei Zigaretten und 'ne Selters.«</p>
-
-<p>»Kaffee!« brüllte Jockele. &ndash; »Halt, kommen Sie mal
-her. Sie sind ein unverschämter Mensch! Da &ndash; zwanzig
-Pfennig für die Beleidigung! Adieu!«</p>
-
-<p>Er zog das Etui aus der Tasche, brannte sich eine
-Zigarette an und wirbelte sich hinter seinem zwischen den
-Fingern drehenden Spazierstock aus dem Gesichtskreise.</p>
-
-<p>Die Sonne roch nach dem Staube, der unter dem
-enteilenden Wagen hervorbrach; der goldene Septemberwind
-machte sich ein billiges Vergnügen daraus, mit dem
-Geräusche rollender Räder und klapperndem Hufschlag
-die Dorfstraße entlangzuschlendern und Jockele zu fragen,
-ob er das hübsch finde; und der Himmel stand über dieser
-Erde, durchsichtig vor leuchtender Ahnungslosigkeit, und
-ein paar Engel guckten zum Fenster heraus und flatterten
-mit den Flügeln.</p>
-
-<p>Jockele verfiel in ein stürmisches Dahinschreiten. Er
-dachte, er müsse mit erhobenen Armen und einem ungeheueren
-fanfarenden Schreien das Licht zerreißen. Aber
-es schoben sich da und dort Frauenköpfe mit neugierigen
-Augen durch niedere Fenster; es standen
-schwätzende Weiber hinter den Zäunen und sahen ihm
-nach; und wie die Gattertür vor der Auffahrt zum Schloßgarten<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-hinter ihm zuschlug und Falterstille, mit großen
-stummen Augen auf den Schwingen, um ihn schwebte,
-schlug sich der Drang zu dem ungeheueren himmelzerreißenden
-Schrei nieder in Bitternis und Schweigen.</p>
-
-<p>Er hatte den Rausch der vier Tage in windigen
-Kniehosen und in einer Gürteljoppe bestanden und hatte
-ausgesehen wie Samstag. Nun schmiegte sich freudiger
-Sommerstoff um ihn. Er hatte eine blaue Krawatte
-umgetan, die an Daseinslust mit der Seide des Himmels
-wetteiferte, und seine Augen liefen an der gepflegten
-Bügelfalte hinab, die in den Aufschlag der Hose versickerte;
-dazu hatte er chamoisfarbene Gamaschen über die gelben
-Schule gestreift &ndash;&nbsp;&ndash; die sehr frühe Stunde fiel ihm ein,
-in der er den langen Menschen Jakobus mit beseligter
-Hingabe für Gwendolin Vogelgesang bereitet hatte&nbsp;…</p>
-
-<p>Er suchte nach dem Winkel in seinem Herzen, in dem
-eine annähernd höllische Teufelei aufgehen könnte, und
-fand ihn nicht.</p>
-
-<p>Oder war das Benehmen Gwendolins von der Verzweiflung
-des Augenblicks geboren? War es Verwirrung
-gewesen, die der Ueberfall angerichtet hatte? Oder war
-es die mädchenhafte Scheu, sich zu verraten?</p>
-
-<p>Vielleicht, wenn er ihr morgen entgegenlief, breitete
-sie die Arme weit aus wie ein Sommertag, wenn er die
-Sonne kommen sieht!</p>
-
-<p>Ueber diesem Gedanken stieß er alle Türen und Fenster
-seines Herzens weit auf &ndash; aber der liebe glockenklare
-Morgenwind lief nicht hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>Da hatte er nun diese Lippen hingenommen wie der
-Frühling eine erwachende Blume! Und als Do ihren
-wissenden Finger erhob, der da fragte: »Sie denken
-wohl …?« hatte er seine Empörung gegen diesen Finger
-geblasen.</p>
-
-<p>Nun waren die Küsse der vier Tage, die ihm auf dem
-morgendlichen Waldgange erdbeerfrisch noch auf dem
-Munde gelegen hatten, am Wegrande gewachsen!</p>
-
-<p>Er wischte sie mit dem Taschentuche fort und dachte:
-ein Mädchenmund voll so staubiger Süßigkeiten müßte
-von Rechts wegen gekennzeichnet sein &ndash; und nörgelte
-eine Stunde lang an der Weltordnung herum.</p>
-
-<p>Es tauchten da und dort morgenlichte Kleider auf, und
-es blühten da und dort auf umschatteten Wegen junge
-Stimmen. Da setzte er sich auf eine Bank und saß bis
-an den Mittag und warf seine Blicke auf jeden Frauenmund
-&ndash; ob er sich an ihm vorüberlachte in der Freude
-am Licht, ob er voll sehnsüchtigem oder besinnlichem oder
-dankbarem Traum am Glück sei, oder ob er blühe wie
-ein Mohnfeld, lichterloh und in seelenzehrendem Brand&nbsp;…</p>
-
-<p>Es war ein qualvolles Studium, und der Teufel half
-ihm die Küsse zählen, die verschwenderisch auf diese roten
-Blumen hingedrückt worden, und rieb sich die Hände.</p>
-
-<p>So ließ er an dem Grab, an dem er stand, ›die
-Schmerzen in Betrachtung übergehn‹ … Er wußte nicht,
-daß er damit heimlich in die Gärten Goethes getreten
-war, der also dichtend überwand, was Bitternis auf seine
-Sonnenwege schattete. Aber nur ein paar Schritte weiter<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-am Wege durch den Schloßgarten wartete ein Erlebnis
-auf ihn.</p>
-
-<p>Der Traum des Mittags war aufgestanden und
-wandelte mit erhobenen Händen, unter denen es sonnenstill
-wird. Die goldenen Netze der Luft fielen über das
-Atmen der Blumen; helle Menschensinne begegnen in
-dieser Stunde den Seelen der Bäume&nbsp;…</p>
-
-<p>Als die Dame, mit der Jakobus an diesem Tag in
-ein Gespräch kam, solche Worte aus einer seherischen Erschütterung
-ihres Herzens zu ihm redete, wunderte er sich;
-denn es war eine fremde Art. Die Frauen, die seither
-um ihn gewesen waren, begriffen die Welt in heiterer
-Sinnlichkeit &ndash; vor allem Gwendolin die Sonnenseitige.
-Und Doris Rinkhaus war oktoberklar, oder sie war voll
-Märzenlicht … Er lächelte sich in ein heimliches Vergleichen
-hinein und merkte, daß Do ihm ihre Siegeraugen
-machte. Aber sie lachte nicht das Lachen, in dem die
-Engel Feste feierten und grüne Gläser mit sachte
-spritzendem Moselwein aneinanderklangen, sondern sie
-sagte: »Na, Herr Jakobus Sinsheimer?« Damit verbriefte
-sie ihm ihr Recht, wenn er ihr einmal unter die
-Füße gekommen war. Aber er dachte, jener unter die
-Füße zu kommen wäre besser, als der Gwendolin unter
-die Lippen &ndash; zwar&nbsp;…</p>
-
-<p>Dies Zwar war eine Schwelle. Seine Gedanken
-stolperten darüber und stolperten zu einem gelben Buch,
-das auf der Bank unter der Hängebuche lag. Es lag auf
-der Nase und Jockele setzte sich daneben und las so von<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-oben herunter: ›Reclams Klassikerausgaben. Gedichte von
-Wolfgang von Goethe.‹</p>
-
-<p>Er ließ die Seiten durch seine Finger laufen &ndash; der
-ganze zwanzig Bogen umfassende Band, von der
-›Zueignung‹ bis zu den Noten am Schluß, war Zeile
-für Zeile grüblerisch durchgearbeitet. Unbeirrbare Sehnsucht,
-alles zu wissen, war hier am Werke gewesen. Schon
-hinter der ersten Ueberschrift »Zueignung« stand geschrieben:
-›August 1784 auf einer Reise nach Braunschweig,
-ursprüngl. f. d. Geheimnisse‹. Die zweite Strophe
-des Gedichts beginnt: »Und wie ich stieg, zog von dem
-Fluß der Wiesen ein Nebel sich in Streifen sacht hervor,«
-daneben in Blei und emsig schülerhaft: ›Goethe interessierte
-sich sehr für Wolken.‹ Vor allem waren die Beziehungen
-zu Faust zweiter Teil mit beharrlichem Bemühen
-gesucht und vermerkt &ndash; gleich zu Anfang der
-dritten Strophe der Zueignung: »Auf einmal schien die
-Sonne durchzudringen, im Nebel ließ sich eine Klarheit
-sehn …,« war notiert: ›Faust II, 1: Im Dämmerschein
-liegt schon die Welt erschlossen.‹</p>
-
-<p>War das ein Philologe, der so nach Dichterschätzen grub?</p>
-
-<p>Wieder hörte er die graue Frage: »Was wissen Sie
-von Goethe, Herr Jo?« hinter der damals im Tiefurter
-Park seine Jugend in so beängstigender Finsternis gestanden
-hatte. Es war ihm, als wäre von unsichtbaren
-Händen ein Tor angelweit aufgeschlagen worden &ndash; und
-nun sollte er nicht eintreten dürfen in dies Licht, das
-über ihn fiel? Ein unersetzbarer Schatz!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p>
-
-<p>Er schaute um sich … rings waren die schirmenden
-Aeste der Buche … vielleicht hatte einer den Band zum
-Finden dahingelegt … ›Zigeuner!‹ sagte er laut und
-bitter.</p>
-
-<p>Aber fortgehen konnte er nicht. Er ergriff es abermals,
-las sich das Herz heiß und dachte: »Ich will es dem
-Kastellan bringen und will mein Besitzrecht geltend
-machen für den Fall, daß sich der Verlierer nicht meldet.
-Oder &ndash; ich will mir die gleiche Ausgabe kaufen und will
-jeden Tag herausgehen und diese Anmerkungen abschreiben
-…« Er dachte sich ganz wirbelig, und dann
-schritt er den Gartenweg entlang.</p>
-
-<p>Da begegnete ihm eine Dame&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Verzeihung,« sagte sie, »Sie haben meinen Band
-Goethe auf der Bank unter jener Buche gefunden&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Jawohl,« sagte er verbindlich und hielt den Hut
-dabei in der Hand, »ich wollte ihn dem Kastellan übergeben;
-denn ich sah, daß der Eigentümer den Verlust
-sehr schmerzlich empfinden würde.«</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen tausendmal,« sagte das ältliche
-Fräulein mit jenem norddeutschen Ausdrucke, den er selbst
-von Tante Veronika angenommen hatte. Da faßte
-er Mut&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Darf ich mir als Finderlohn die Erlaubnis ausbitten,
-alle Anmerkungen in einen eigenen Band zu übertragen?«</p>
-
-<p>»Gerne, wenn wir einen Weg dazu finden,« antwortete
-sie. »Ich komme von weit her &ndash; ich bin eine
-Sucherin nach herrlichen Schätzen, mein Herr &ndash; eine<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-Schatzgräberin in des Wortes ursprünglichster Bedeutung:
-ich werde den Faust finden, von dem Goethe in seinen
-Tagebüchern redet als von dem ›Hauptgeschäft‹. Diese
-letzte Fassung ist der Welt noch vorenthalten; er selbst
-redet von einem Schelmenstück, das er damit beabsichtigte
-&ndash; bis ins Jahr 1775 zurück läßt sich das Vorhaben verfolgen,
-dies Werk den Augen der Menschen zu entziehen &ndash;
-und er ist hingegangen in den Garten Am Horn zu
-Weimar und hat während der letzten Jahre seines Lebens
-die Vorbereitungen getroffen. In jenem Garten, in den
-er seinen ewigen Tempel baute, hat er am 16. August
-1831 die Handschrift vergraben.«</p>
-
-<p>Das alles kam aus einem lodenen Fräulein und unter
-einem Jägerhütchen hervor und stürmte auf ihn ein mit
-kühn vorgehaltenem Fahnenschafte.</p>
-
-<p>»Ah,« sagte er, »und wenn ich recht verstanden habe,
-so wollen Sie diese endgültige Fassung des ›Faust‹ im
-Garten des kleinen Hauses entdecken?«</p>
-
-<p>»Ich <em class="gesperrt">werde</em> sie entdecken!«</p>
-
-<p>»Dann &ndash; dann müßten Sie aber wohl den ganzen
-Garten umwühlen?«</p>
-
-<p>»Oh, ich werde die Stellen zu bezeichnen wissen!«</p>
-
-<p>»Das ist ja ein Fund, der die Welt erschüttern wird!«
-stammelte Jakobus. »Ich fange an, die Hand einer gütigen
-Vorsehung zu erkennen,« sagte er, schon mit allen Sinnen
-hineingebettet in den schwärmerischen Ton des Fräuleins
-Erika Flucht &ndash; »mein Weg führt mich täglich an jenem
-Garten Goethes vorüber … Haben Sie ihn vorhin nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-den ewigen Tempel genannt? Auch ich wohne in einem
-Gartenhäuschen am Horn.«</p>
-
-<p>»So seien Sie mir gegrüßt!« rief sie, reichte ihm die
-Hand und versprach, ihm noch an diesem Abend die Bezeichnung
-›der ewige Tempel‹ zu erläutern. Dann erhob
-sie ihre Stimme und sprach, mit einer großen Geste nach
-Weimar:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Gab die liebende Natur,<br /></span>
-<span class="i0">Gab der Geist Euch Flügel,<br /></span>
-<span class="i0">Folget meiner leichten Spur&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Auf, zum Rosenhügel!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Jakobus Sinsheimer ahnte eine Aufforderung zu
-sofortigem Aufbruche, und weil seine Augen dies Ahnen
-spiegelten, fragte sie: »Sie wissen wohl nicht, daß der
-Hang, an dem Goethes Gartenhaus liegt, der Rosenberg
-heißt?«</p>
-
-<p>»Nein,« gestand er, »mir kommt es überhaupt vor, als
-wüßte ich gar nichts.«</p>
-
-<p>»Sehen Sie &ndash; und die Stelle, die ich Ihnen soeben
-vorsprach &ndash; ist sie nicht ein Ruf des Meisters: ›Ihr,
-denen der Geist Flügel schenkte, folgt mir … unter dem
-von Geisterstimmen umraunten Rasen des Rosenhügels
-findet Ihr des Rätsels Lösung!‹ Aber seine Dichtungen
-sind <em class="gesperrt">voll</em> von solchen Rufen und Lockungen nach dem
-Geheimnisse, das er schelmisch dort der Mutter Erde vertraute.
-Kommen Sie, sehen Sie mit Ihren Augen die
-Zauberkreise, die Goethes heitere Größe um das königliche
-Vermächtnis schlug!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p>
-
-<p>Es kam aus dieser seherischen Seele über ihn &ndash; noch
-zitterte der Rausch durch seine aufgewühlten Sinne, den
-die Frühlingsgaben Gwendolins hindurchgejauchzt hatten,
-nun ruderte er schon wieder mit schwunghafter Leichtherzigkeit
-hinein ins Himmelblau ohne Grenzen und fühlte:
-die fruchtatmende Erde geriet ins Wogen.</p>
-
-<p>Als sie an dem Hause Gwendolins vorübergingen, rief
-er der Frau hinein, er werde das Malzeug in den nächsten
-Tagen holen lassen.</p>
-
-<p>Dann fanden sie sich im Zwetschengarten des Gasthofs
-über einem verspäteten Mahle zueinander: das
-Glück, aus gerütteltem Ueberflusse Weisheit zu spenden,
-führte Erika Flucht &ndash; die Frage Dos: Was
-wissen Sie von Goethe? drängte ihn zu ihr …
-Aber er selbst war viel zu sehr bedrängt vom Erleben.
-Er hörte mit Atemlosigkeit des Herzens zu und kam sich
-vor wie das Kind, das den himmelblauen Frühlingswind
-fangen wollte; da rettete der sich vor den tappenden
-Händen in einen blühenden Kirschbaum und wirbelte
-einen Haufen Silberzindel herab &ndash; und der lange Mensch
-Jakobus stand mitten darin und ließ es schneien. Auch
-der gewärmte Kalbsbraten forderte ein Stück liebevolle
-Teilnahme.</p>
-
-<p>Einmal hob er das Glas zum Trunke, aber es mußte
-auf halbem Wege warten; denn zwischen Lipp' und
-Kelchesrand warf Erika Fluchts stürmende Begeisterung
-den Peneios, den Olymp, Persephoneien und Orpheus
-und die ganze klassische Walpurgisnacht hindurch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p>
-
-<p>Das geschah an dem gleichen Tische, um den die
-Scherben der vor vier Stunden jäh zerbrochenen Liebe
-lagen.</p>
-
-<p>Sollte er ihr gestehen, daß wenigstem Peneios und
-Persephoneia unentdeckte Welten für ihn waren?&nbsp;…</p>
-
-<p>Nachdem der Kellner abgetragen hatte, legte Jockele
-die Arme um die Kante des Tisches, als wären auf der
-Platte tausend surrende Firlchen losgelassen &ndash; Knöpfe,
-die auf dem durchgesteckten Holze tanzen &ndash; und gebärdete
-sich, als dürfe von dem närrischen Schwarme keines
-hinabschnorren in den Sand. Aber das war ein eitles
-Beginnen. Darum sann er auf Rettung und sagte: »Verehrtes
-Fräulein, bitte, nehmen Sie eine Zigarette.«</p>
-
-<p>Er hatte gerechnet: sie ist von ganz anderer Art als
-Gwendolin Vogelgesang, die oft sogar beim Malen
-rauchte, und gedachte nun Feuer mit Feuer zu dämpfen;
-auch Maria Reh hatte sich vom Rauchen so hinnehmen
-lassen als von einem mühseligen Geschäft &ndash; und mild
-lächelnd senkte sich die Ruhe über sie.</p>
-
-<p>Als der rote Bronnen der Weisheit gestopft war,
-lenkte er das Gespräch nicht ungeschickt auf ein Nebengeleis
-&ndash; »Durch die Kronen der Bäume wehen Duftwogen
-aus der blütenbunten Stille des Schloßgartens,«
-sagte er, der Würde der Stunde entsprechend. Aber
-Erika Flucht warf sich gleich in diese Wogen hinein und
-sprach, als läse sie ihm vor: »In Ettersburg vollendete
-Stiller ›Maria Stuart‹, und hier wurde Goethes
-›Iphigenie‹ zum erstenmal in geschlossenem Raum aufgeführt.<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-Goethe spielte den Orest, und &ndash; wenn ich nicht
-irre &ndash; Karl August den Pylades.«</p>
-
-<p>»So, so,« sagte Jockele aus seiner tiefen Zerschmetterung
-heraus und rang mit sich, ob er ihr erklären
-sollte, daß er für die nächste Stunde nicht mehr aufnahmefähig
-sei &ndash; wegen des Erlebnisses vom Vormittag, oder
-weil das Feld seines Geistes, auf dem sie mit beglücktem
-Fleiße baute, noch zu wenig vorbereitet wäre?</p>
-
-<p>Er entschied sich für das letztere und erzählte ihr den
-Roman seines Lebens. Darüber traten sie die Wanderung
-nach Weimar an, und der Bericht war auf eine Meile
-verteilt.</p>
-
-<p>Als es dämmerig wurde, traten sie unter dem Gewölbe
-der Sternbrücke heraus in den weimarischen Park. Ein
-später Nebel spann aus dem abendruhigen Spiegel der
-Ilm, ganz dünn und zauberisch und von leisem Glanz:
-er hatte an den Kahn des Mondes gestreift, der auf dem
-Wasser lag.</p>
-
-<p>Sie gingen an der Sphinx vorüber, und Erika Flucht
-sprach unter dem Silberschleier hervor, der sich auf ihre
-Seele gelegt hatte, sprach ein paar Verse Goethes &ndash; »auch
-aus diesen Versen von der Sphinx ruft das Geheimnis
-von dem nahe verborgenen Schatze,« erläuterte sie.</p>
-
-<p>Der Abend im Park war voll heimlicher Verheißungen.
-Und Jockele war gefaßt.</p>
-
-<p>Auf dem Weg über den Stern nach Goethes Gartenhause
-fragte er: »Sie redeten von dem ewigen Tempel &ndash;
-wo ist er?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>»Später, später!« sagte sie. »Jetzt von der klassischen
-Walpurgisnacht &ndash; dies ist die Landschaft! Rechts die
-Ilm, die Goethe den Peneios nennt; links der Rosenberg
-oder das Horn, der ihm zum Olymp geworden. Und
-daß dies Reich in den ›Sand‹ versickert, ist ebenfalls dem
-Ilmtal entnommen; denn der Platz, in den dies Tal vor
-Oberweimar hinübermündet, hieß ›der Sand‹ und war
-ein Exerzierplatz. Sehen Sie &ndash; so führt der Dichter selbst
-alle jene, denen der Geist Flügel gab, zu dem Schatze
-seines letzten, des wahren Faust! Jetzt verstehen Sie
-die Landschaft und Sie verstehen die Mahnung:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">In des Olympus hohlem Fuß<br /></span>
-<span class="i0">Lauscht sie (Persephoneia) geheim verbotenem Gruß;<br /></span>
-<span class="i0">Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt;<br /></span>
-<span class="i0">Benutz' es besser, frisch! beherzt!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Kann ein Dichter, der der Nachwelt ein Rätsel aufgeben
-wollte, unverschleierter andeuten, daß er die Handschrift,
-von der er als von dem ›Hauptgeschäfte‹ redet, in den
-Fuß dieses Hanges vergrub? Kann er klarer den Weg
-dazu weisen?«</p>
-
-<p>Jakobus empfand ihre Worte wie liebevolle Umarmungen.
-Aber der Gedanke an den Reif, den der
-Herbstmorgen heut über die allzufreudige Hingabe seines
-Herzens gesprüht hatte, ließ seine Sinne steil und sein
-Herz lauschend werden, und er fragte aus leisem Zweifel
-heraus:</p>
-
-<p>»Hat man diese letzte Niederschrift des Faust von
-Goethes Hand in der Tat nie gesehen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p>
-
-<p>»Nie! Und doch ist sie beinahe in jeder Anmerkung
-seines Tagebuchs aus der Zeit kurz vor seinem Tode erwähnt.«
-Erika Flucht zitierte aus einem sicheren Gedächtnis
-alle Stellen dieses Tagebuchs mit den Daten.
-Sie hatte jede Zeile Goethes geprüft auf das Rätsel, dem
-sie in ahnender Erleuchtung nachzog.</p>
-
-<p>Da waren sie an die untere Pforte des Gartens
-gelangt.</p>
-
-<p>Erika Flucht öffnete sie und sagte: »Man hat mir den
-Schlüssel übergeben, damit ich des Traumes Deutung
-nachspüre, so oft mich der Geist ergreift. Sieben Stufen
-führen empor &ndash; eine geheiligte Zahl!« Das silberne
-Dämmerlicht sickerte um die hohen Säulen der Bäume.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Blick auf, hier steht bedeutend nah<br /></span>
-<span class="i0">Im Mondenschein der ewige Tempel da!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">Wir schreiten in diesem Augenblicke hinein! Und niemand
-erriet, was mir die Seele dieses Ortes offenbarte! Zuerst
-fand ich unter Moos dies Mosaik, und eingelegt in das
-Gestein das Zeichen des Pentagrammas. Goethe setzte
-dies Ausrufezeichen an die Schwelle des Tempels &ndash; aber
-die Menschen bedachten es nicht und schritten darüber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und warum nennen Sie diesen Teil des Gartens
-immer ›Tempel‹, Fräulein Flucht?«</p>
-
-<p>»Meine Entdeckung, Herr Sinsheimer! Die Gartenanlage
-trägt die Grundform eines altchristlichen Heiligtums
-&ndash; dieser Weg nach Osten stellt das Hauptschiff dar,
-jener das Querschiff &ndash;, dort in der Verlängerung des
-Mittelschiffs sehen Sie den muschelförmigen Abschluß,<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-Chor und Apsis, den Goethe durch die im Bogen gepflanzten
-Linden andeutete, und an der gleichen Stelle
-wie in der Basilika, der Hochaltar: das Allerheiligste mit
-dem Tisch aus Stein, um den Sie den welligen Saum
-des Altartuchs gemeißelt finden, und darüber das Altarbild,
-die Tafel mit den Versen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Hier in Stille gedachte der liebende seiner Geliebten;<br /></span>
-<span class="i0">Heiter sprach er zu mir: werde mir Zeuge, Du Stein!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>»Und der Faust?« fragte er erschüttert.</p>
-
-<p>»Dieser wunderbare Naturtempel kann nichts anderes
-sein als die Folie zu dem tiefen, ernsten Vermächtnis &ndash;
-›blick auf, er steht bedeutend nah!‹ ruft der Dichter der
-Menschheit ins Herz &ndash; aber sie versteht seine Mahnung
-nicht … Hier, mein Herr, hat Goethe die Urschrift zu
-seinem Faust vergraben.«</p>
-
-<p>Erika hatte alles zusammengetragen an Daten und
-Veränderungen, die in dem unteren Garten während der
-letzten Lebensjahre Goethes vorgenommen worden
-waren. Sie ließ in den folgenden Tagen an Stellen des
-umrauschten Hanges graben, von denen sie vermutete,
-daß sie des Rätsels Lösung brächten &ndash; vergebens!</p>
-
-<p>In Jakobus klang jedes ihrer Worte nach, als sie
-abgereist war.</p>
-
-<p>Den Band Goethe ließ sie ihm zur Abschrift der Anmerkungen
-und sagte, wenn sie wiederkäme, würde sie der
-Enthüllung des Vermächtnisses, das ›in den Fuß des
-Olympus eingeschwärzt‹ sei, ein gut Stück näher sein.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p>
-
-<p>Seine Tage &ndash; die letzten im lichten Scheinen des
-Jahres, die es im Scheiden abbrennt als ein königliches
-Feuerwerk, zogen dahin in tapferer Feindschaft gegen
-Doris Rinkhaus. Das hatte Gwendolin Vogelgesang
-getan! Do und Jo gingen aneinander grußlos vorüber,
-wenn es einmal kam, daß sie nicht ausweichen konnten.</p>
-
-<p>Da hing oft mitternächtige Finsternis um ihn, und er
-rief sich den Geist Dos wie einer Abgeschiedenen und sagte
-zu ihm: »Wie denken Sie über die vergrabene Handschrift
-zum Faust?« Es war komisch &ndash; er nannte das Bild mit
-den hellen Augen und der klaren Sichtigkeit des Märztages
-immer ›Sie‹. Und Do lehnte sich mit vor der Brust
-gekreuzten Armen rückwärts gegen das Fensterbrett, wie
-es ihre Gewohnheit war, wenn sie einen Angriff plante
-oder sich eine Stellung zu erfolgreicher Verteidigung
-eroberte&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Hm,« sagte sie, »es wäre eine Roheit, diese wunderliche
-Idee vor der Welt ins Lächerliche zu ziehen. Da
-die Handschrift in der Tat fehlt und die Tagebuchaufzeichnungen
-Goethes den Schluß auf eine zurzeit verlorene
-Fassung des Dramas zulassen, so muß man wohl auch
-jeden Versuch, ihrer habhaft zu werden, achten. Aber
-ich halte die Kette der Schlüsse jenes Fräuleins doch für
-eine sehr phantastische Anreihung und glaube nicht, daß
-sie im Besitz der Wunderlampe ist, die zu dem Schatze
-leuchtet.«</p>
-
-<p>Aber Jockele, der Dos Geist nun auf dies heimliche
-Zwiegespräch gefordert hatte, beschied sich damit nicht&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span></p>
-
-<p>»Und warum sind Sie dieser Ansicht?«</p>
-
-<p>»Ich sagte Ihnen ja schon, daß mir die Beweisführung
-zu phantastisch erscheint &ndash; vor allem aber: es gehört doch
-eine merkwürdige Auffassung von der Psyche eines
-ernsten und bedeutenden Mannes dazu, ihr ein derartiges
-Versteckspiel anzudichten, das ohne Zweifel kindsköpfisch
-aussieht.«</p>
-
-<p>»Sie kennen die Beweisführung nicht in allen
-Stücken, Do!«</p>
-
-<p>»Aber das Fundament ist für mich Luft! Es gehört
-der unbegreifliche Mut einer Frau dazu, darauf ein
-Gebäude zu errichten.«</p>
-
-<p>Draußen ging ein langer spinnwebfeiner Septemberregen
-nieder.</p>
-
-<p>Da wühlte sich Jakobus in dem sanft durchwärmten
-Gartenhäuschen tiefer in Goethe und die Gedankengänge
-Erika Fluchts hinein &ndash; bis zu selbstvergessender
-Forscherfreude. Der zweite Teil des Faust
-wurde auch für ihn ein mächtiger Bund von Schlüsseln.
-Er probierte jeden an den vielen Türen, die der Dichter
-vor dem ›großen Schelmenstück‹ seines Lebens aufgerichtet
-hatte. Zu dem dunklen Gange, der den Schatz bewahrte
-und zu Persephoneien führte, sah er Wegzeichen &ndash;:
-›Von der Erde muß das Heil uns kommen!‹ stand da
-geschrieben, und er fand die Verse, die Goethe mit Bezug
-auf den Hügel seines Gartens gedichtet haben mußte,
-wenn in der griechischen Landschaft des Peneios das
-Ilmtal dargestellt war:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,<br /></span>
-<span class="i0">Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,<br /></span>
-<span class="i0">Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen&nbsp;&ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Das wäre hier für sie ein würdig Ziel!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Bei der Papiergeldszene, von der ihm Erika Flucht
-mit geheimnisreicher Inbrunst ihre Deutung gegeben,
-verweilte er lange. Ihre Fragen klangen ihm in den
-Ohren &ndash; Glocken, die am längsten läuten: »Was soll
-diese Szene, wenn sie nicht ein Hinweis auf die vergrabene
-Handschrift wäre?«</p>
-
-<p>Er las:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;<br /></span>
-<span class="i0">Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen.<br /></span>
-<span class="i0">In Berges Adern, Mauergründen<br /></span>
-<span class="i0">Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden;<br /></span>
-<span class="i0">Und fragt Ihr mich, wer es zutage schafft?<br /></span>
-<span class="i0">Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und daneben stellte Goethe die anderen Worte des
-Mephistopheles:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.<br /></span>
-<span class="i0">Es liegt schon da, doch um es zu erlangen,<br /></span>
-<span class="i0">Das ist die Kunst; wer weiß es anzufangen?<br /></span>
-<span class="i0">Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften,<br /></span>
-<span class="i0">Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften,<br /></span>
-<span class="i0">Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte,<br /></span>
-<span class="i0">Sein Liebstes da- und dortwohin versteckte&nbsp;…<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Aber durch jedes Fenster, das er aufschlug, um Licht
-durch die zähe Dämmerung fluten zu lassen, steckte Doris<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-Rinkhaus den Kopf mit den unbarmherzig hellen Augen
-und sagte: »Ich höre doppelt, was er spricht &ndash; und dennoch
-überzeugt's mich nicht!«</p>
-
-<p>Jockele hieß die Gelegenheit willkommen, mit dem
-›Lichte von drüben‹ sich über den Fall auseinanderzusetzen
-&ndash; es war kurzweiliger, als immerfort Erika Flucht im
-Geiste reden zu hören, die die ganze Papiergeldgeschichte
-auswendig wußte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Es steht hier ja mit nahezu unheimlicher Deutlichkeit,
-wie die Entdeckung des Schatzes vor sich gehen wird,« sagte
-er und pochte mit den Fingern auf die bedruckten Seiten,
-als gälte es, den Geist Dos, den stets verneinenden, für
-diesen Himmel zu gewinnen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Doch kann ich nicht genug verkünden,<br /></span>
-<span class="i0">Was überall besitzlos harrend liegt.<br /></span>
-<span class="i0">Der Bauer, der die Furche pflügt,<br /></span>
-<span class="i0">Hebt einen Goldtopf mit der Scholle,<br /></span>
-<span class="i0">Salpeter hofft er von der Leimenwand<br /></span>
-<span class="i0">Und findet golden-goldne Rolle,<br /></span>
-<span class="i0">Erschreckt, erfreut, in kümmerlicher Hand&nbsp;…<br /></span>
-<span class="i0">Nimm Hack' und Spaten, grabe selber,<br /></span>
-<span class="i0">Die Bauernarbeit macht Dich groß,<br /></span>
-<span class="i0">Und eine Herde goldner Kälber,<br /></span>
-<span class="i0">Sie reißen sich vom Boden los.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Er las in unablässigem Wandelgange so laut, daß Do
-hätte aufhorchen müssen, wenn sie im Garten gewesen
-wäre. Aber der Nebel kroch draußen über das Gras, zog<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-seine Netze von Stamm zu Stamm und fing darin schlafmüde
-Blätter.</p>
-
-<p>So oft Jo sich Doris Rinkhaus in den Lehnstuhl am
-wärmelnden Ofen dachte, hatte sie immer die gleichen
-mitleidlosen Augen.</p>
-
-<p>Dann kam ein Tag, da schritt er ohne Buch durch die
-trauliche niedere Stube und wußte die Szene auswendig
-wie Erika Flucht. Aber die Freudigkeit der Gefolgschaft
-hatte er verloren.</p>
-
-<p>An diesem Tage schrieb er an die ferne Erika Flucht:
-»Manchmal fällt himmelfrohes Leuchten in mich und ich
-grüße Sie in Ihr beseligtes Suchen. Aber zuletzt steht
-doch stets der Zweifel &ndash; ich kann Ihnen nicht mehr helfen,
-verehrte Freundin; denn ich finde keinen Vers, der sich
-nicht viel müheloser anders deuten ließe als im Sinne
-Ihres wertvollen und interessanten Bemühens. Und doch:
-ich habe meinen Schatz gefunden, indem ich hinter dem
-Lichte wanderte, das Sie vor mir hertrugen &ndash; sehen Sie
-zu, daß auch Ihnen Ihre Sehnsucht Erfüllung werde!«</p>
-
-<p>Zwei Jahre später erhielt er ein Buch, das sie über
-diese Dinge geschrieben hatte. Es trug den Titel: »Das
-Vermächtnis« und er erkannte daraus, daß sie ihres
-Traumes Deutung nicht näher gekommen war.</p>
-
-<p>Ihr Name wurde später noch oft von Do und ihm
-genannt, aber sie lächelten doch zuletzt über ihn hin &ndash;
-›im Finstern sind Mysterien zu Haus‹.</p>
-
-<p>Leibhaftig gesehen hatte er Do nicht in diesen Tagen,
-die so schläfrig im Nebel herumliefen. Aber nun ging er<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-des Mittags immer den breiten Gartenweg, und nicht
-mehr durch die Schlüpfe, und richtete seine Blicke bei jeder
-Heimkehr aus der Stadt gegen ihre Fenster.</p>
-
-<p>Es lag immer die gleiche undurchdringliche Ruhe dort.</p>
-
-<p>Da befiel ihn die Sorge, es könnte Do etwas zugestoßen
-sein. Er suchte vor der Tür in dem aufgeweichten
-Wege nach der Spur ihrer Füße und fand sie nicht. Er
-ging an einem Abend viermal hinaus und sah, ob Licht
-hinter den Fenstern ihres Zimmers wäre &ndash; das Haus
-war gestorben. Er riß an dem Klingelstrange, daß die
-Glocke drinnen jäh aus ihrem Schlafe schreckte und Sturm
-läutete &ndash; »Wenn sie jetzt kommt,« dachte er, »so sag' ich:
-›ich wollte sie nur noch mehr ärgern, als dies schon geschehen
-ist‹ &ndash; und dann frier' ich zu bis auf den Grund.«</p>
-
-<p>Aber sie kam nicht. Da lief er gegen seine Gewohnheit
-in die Stadt, um eine ihrer Bekannten zu treffen.
-Vor jedem Menschen hatte er die Frage auf den Lippen:
-»Kennen Sie Doris Rinkhaus? Wo ist sie hingekommen?«</p>
-
-<p>Als er beim Kaisercafé um die Ecke in die Schillerstraße
-einbog, war der Bummel der Weimaraner schon im
-Einschlafen. Die Rathausuhr schlug acht. Die Laternen
-spannten gelbe Brücken auf die glitschigen Steige, und
-was da in Regenzeug mit hochgeschlagenen Rockkragen
-dahinstapfte, waren »die nach Ladenschluß«. Nur aus dem
-Fauserschen Blumengeschäft bei dem Gänsemännchen
-brach noch ein verspäteter Strom Licht in den Nebel &ndash;
-Gwendolin stand drinnen in Blüten und steckte sich gerade
-drei rote Nelken in den Gürtel!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span></p>
-
-<p>Er hatte all die Zeit her nicht das leiseste Verlangen
-gespürt, sie über ihr Verhalten in Ettersburg zur Rede
-zu stellen. Nun, da nur die blanke Scheibe zwischen ihm
-und ihr war, prallte er zurück &ndash; aber: »Träf' ich Dich nicht
-heute, träf' ich Dich ein andermal,« dachte er, sprang die
-Stufe empor und stieß hart gegen die Glastür; sie war
-geschlossen.</p>
-
-<p>Da öffnete ihm Gwendolin&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wissen Sie, wo Doris Rinkhaus hingekommen ist?«
-fragte er.</p>
-
-<p>»Aber ja,« sagte sie, »sie ist in Ibenheim! Und Sie
-wissen das nicht?«</p>
-
-<p>»Nein. Was soll denn das heißen? &ndash; Nun ja, wir
-haben doch noch vier Wochen Krieg miteinander.«</p>
-
-<p>»Geschieht Ihnen recht. Halt, halt! Warten Sie, ich
-gehe mit Ihnen!«</p>
-
-<p>Das war Gwendolin &ndash; sie hatte ihn schon wieder in
-beiden Händen.</p>
-
-<p>»Ich gehe nach Hause,« sagte er.</p>
-
-<p>»Ich gehe mit,« sagte sie. »Warum haben Sie sich in
-diesen vier Wochen eigentlich nicht sehen lassen?«</p>
-
-<p>»Vor Ihnen?«</p>
-
-<p>»Natürlich vor mir! Aber diese Sache machen wir
-daheim ab. Los!« kommandierte sie.</p>
-
-<p>Sie gingen über den Markt und gingen über die
-Sternbrücke. Als sie in den dunklen Fußweg nach dem
-Horn einbogen, sprengte ihr ein Lachen den Mund &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-diesen Mund, der über seine rauchenden Sinne geblüht
-war wie die rote Seide des Feldmohns, wenn sie sich
-voll Sonne getrunken hat! Und Doris Rinkhaus in Ibenheim!
-Krieg auf Kündigung! Dazu Erika Flucht, die
-den Olympus durchwühlte, in den Goethe sein Vermächtnis
-eingeschwärzt hat … Und das alles auf einem
-kleinen Zirkel Zeit und Erde! … Jakobus Sinsheimer
-stand in der Mitte dieser verrückt gewordenen Drehscheibe,
-wirbelte sich um seine eigene Achse und bekam das wüste
-Sehen.</p>
-
-<p>»Du,« sagte sie, »willst Du den ganzen Abend so zugenagelt
-sein? Rede!«</p>
-
-<p>»Frage nur weiter,« sagte er &ndash; »vielleicht rat' ich mich
-dann aus meinem Staunen heraus.«</p>
-
-<p>Sie lachte, daß ihm das Herz klang.</p>
-
-<p>»Verrückte Geschichte!« sagte er. »Und nun kommt
-das auch noch, sagt ›Du‹ zu mir und stattet mir einen
-mitternächtigen Besuch ab. Nimm Dich in acht vor mir!«</p>
-
-<p>»Fällt mir ja gar nicht ein!«</p>
-
-<p>Teufel, wie das lachen konnte! … Jakobus Sinsheimer
-fing an, nachsichtig gegen sich selbst zu werden und
-dachte an vollkommene Verzeihung &ndash; »das heißt,« erläuterte
-er laut, als ob sie seine Gedanken gehört hätte &ndash;
-»ich selbst will mir verzeihen. Du bist hoffentlich vernünftig
-genug und verzichtest für Dich!«</p>
-
-<p>Es knisterte und tropfte im Laubdache der Kastanien,
-und auf dem breiten Gartenwege lag mitternächtige
-Finsternis.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p>
-
-<p>»Es ist schaurig einsam hier,« sagte Gwendolin und
-legte ihren Arm um den seinen; da fühlte sie, daß der von
-Holz war und ohne Bedürfnis, sich anzuschmiegen.</p>
-
-<p>In der Türe des Hauses ließ er sie stehen und brannte
-die Lampe an, und Licht und Wärme nahmen ihr das
-Regencape ab&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ah,« sagte sie voll Rührung, »wie lieb hier alles ist!
-Und dahinein hast Du mich nicht ein einziges Mal gerufen?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er &ndash; »der Name Gwendolin Vogelgesang
-ringelt sich aus dem Mund als eine Schlange und
-zischt, ehe er noch ganz hervorgekrochen ist! … Ich weiß
-das leider erst seit diesem Augenblick.«</p>
-
-<p>Sie setzte auch den braunen Hut ab, um den ein
-schmales Band aus schwarzem Glanztuch geschnallt war,
-und rückte sich den Lehnstuhl an den Tisch.</p>
-
-<p>»Du, mach' eine Tasse Tee!« lockte sie.</p>
-
-<p>Da holte er den Spirituskocher von dem Fensterbrett
-in der Kammer. Sie hörte, wie er draußen Wasser in
-einen Blechtopf goß, dann stellte er den ganzen Betrieb
-auf die Diele vor den Ofen und zündete an.</p>
-
-<p>»Pfui, wie männermäßig und stimmungslos! Ich
-werde Dir morgen einen Samowar schicken, der kommt
-auf den Tisch, und Du läßt Dir des Abends etwas von
-ihm vorsingen, wenn ich nicht da bin.«</p>
-
-<p>»Das klingt ja gerade, als wolltest Du wiederkommen?«</p>
-
-<p>»Du lieber dummer Junge &ndash; selbstverständlich will
-ich wiederkommen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p>
-
-<p>Da legte er das Kinn auf die gelbgemusterte Tischdecke
-und sagte: »Gwendolin Vogelgesang! Gwendolin
-Vogelgesang! So &ndash; jetzt kriechen zwei Schlangen auf dem
-Tische herum … Ich wollte, Du entsetztest Dich davor &ndash;
-vor Dir und Deinem Namen und vor Deiner bittersüßen
-Seele und vor Deinen Tollkirschenaugen.«</p>
-
-<p>»Ich habe gar nicht gewußt, welch eine komplizierte
-Einrichtung ich bin,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Hm. Ich habe mir die Lippen abgewischt neulich in
-Ettersburg, weil ich auf dem Wege zu Dir Deine Küsse
-darauf gefühlt hatte.«</p>
-
-<p>»Den Samowar kriegst Du aber doch; denn … Sie
-sind einfach süß in Ihrer Dummheit, Herr Sinsheimer!«</p>
-
-<p>Aber sie lachte nun nicht mehr, und es wurde ihr
-schwer, ihn anzusehen; sein Mund, der so wild und süßschmerzlich
-küssen konnte, verzog sich in gallebitterem
-Widerwillen. Sie hatte in ihrer sonnenseitigen Art über
-den Graben hinwegsetzen wollen, den sie gerissen &ndash; nun
-war er breiter, als sie ahnen konnte, und Jockele stand
-drüben und reichte ihr keine helfende Hand.</p>
-
-<p>Die kleine Uhr mit den Alabastersäulchen und dem
-gewölbten Glas über dem Zifferblatt rief mit heller
-Stimme neun &ndash; es war die gleiche Glocke, die schon in
-Tante Veronikas Jungmädchenträume geklungen hatte …
-Die mußten aus kleinen Rosen gewoben gewesen sein,
-aber die Gwendolins waren aus violettem Nachtschatten,
-der in jeder Dämmerung ein schwüles Leuchten anhebt
-und Perlen aus Granatrot und Gift trägt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p>
-
-<p>Jakobus nahm eine Tasse aus dem Schrank, füllte die
-kleine Meißener Kanne mit Tee und goß für Gwendolin
-ein. Da ging sie an den Schrank, nahm für ihn eine Tasse
-heraus und bediente ihn in der gleichen Weise.</p>
-
-<p>»Heute gefällst Du mir,« lächelte sie so über ihn hin,
-»Du bist nicht nur dumm, Du bist auch tapfer.« Während
-sie die Teekanne abstellte, streifte sie ihm mit der Hand
-über das Haar &ndash; »Du,« sagte sie, »warum rauchst Du
-nicht auf &ndash; ich habe Dich nun schon dreimal dumm
-genannt!«</p>
-
-<p>»Weil Du recht hast. Wär' ich sonst auf Dich hineingefallen?«</p>
-
-<p>Auf dem Tische stand ein Strauß von Herbstgräsern.
-Den hatte die Aufwärterin zusammengetragen, und Gwendolin
-hatte ihre Nelken dazugefügt. Aus diesem Strauße
-zog er einen Halm Zittergras und tupfte ihr damit an die
-Lippen: »Walderdbeeren, die im Straßengraben wachsen,«
-sagte er.</p>
-
-<p>Da wurde das hohe sonnige Mädchen leise, es gingen
-vier Lichter aus an dem siebenarmigen Leuchter ihrer Zuversicht.
-»Jockele,« sagte sie, »denkst Du, ich hätte Dir
-diesen Mund gegeben, wenn Du nicht voll Sehnsucht nach
-ihm gewesen wärst?« Sie zog mit dem Löffel das Muster
-der Decke nach und glitt sich sachte aus den Händen.</p>
-
-<p>Er sprang auf und ging mit harten Schritten durch
-das Zimmer &ndash; »Du hättest mich nicht so stumpfherzig verleugnen
-sollen &ndash; dann wärest Du nicht so tief untergegangen
-für mich, Gwendolin,« sagte er; »denn Du bist<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-nicht so arm, daß Du Dich selbst einem Bräutigam gegenüber
-nicht verteidigen könntest.«</p>
-
-<p>Er ließ seine Augen nicht von ihr, denn sie war für
-ihn Komödie geworden. Aber sie schaute nicht auf. Dann
-sagte sie mit gesprungener Stimme: »Ich habe gedacht, es
-könnte Dir daran gelegen sein&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Daß Du mich vor einem Kellner zu einem Narren
-machst?«</p>
-
-<p>Da erschrak sie und stand auf und legte ihre Arme um
-ihn. Er wehrte sie ab&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Jetzt hast Du mir mitten aufs Herz getreten,«
-knirschte sie und setzte sich voll Bitternis in den Stuhl. »Ich
-habe Dich für jünger gehalten, als Du bist.«</p>
-
-<p>Da lachte er gell auf &ndash; »Wär' ich älter, so hätt' ich Dich
-zur Dirne gemacht!« schrie er. »Aus! &ndash; Und nun sage
-mir: was weißt Du von Doris Rinkhaus? Ich werde von
-ihr das Leben erlernen müssen. Macht es Dich nicht nachdenklich,
-daß ich mich nicht an ihren Mund wagen würde?
-An diese hellen, kühlen, sauberen Lippen! Doris Rinkhaus
-hat einmal gesagt: Wer den Glauben an die Menschen
-nicht verlieren will, muß den Verkehr mit ihnen nach
-Möglichkeit einschränken. Warum denke ich nun daran,
-da ich Dich vor mir habe? Was weißt Du von ihr?«</p>
-
-<p>»Daß sie nach Ibenheim gereist ist und in dem Hause
-wohnen wollte, in dem einst Maria Reh gewohnt hat.
-Sie wollte wohl auch wissen, wo Du daheim wärst, und
-wollte mit Tante Veronika zusammensein, die sie sehr
-schätzt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p>
-
-<p>Das war so ohne Verhehlungen hingesagt, daß er ganz
-ruhig daran wurde. &ndash; Doris Rinkhaus hatte es sonst nicht
-leicht mit den Menschen, sie war hellsichtiger als alle ihres
-Alters, sie war fertig und selbstbewußt, und was ihr noch
-zu erleben blieb, nahm sie hin in der klaren Bewußtheit,
-mit der sie sich zu leben gewöhnt hatte. Sie machte sich
-ihre Tage selber.</p>
-
-<p>Menschen solcher Art wachsen wenige und stehen fremd
-inmitten der zehntausend Schablonen, die um sie herumlaufen,
-und sie haben viele Feinde.</p>
-
-<p>Gwendolin sagte: »Doris Rinkhaus ist eine kaltherzige
-Egoistin.«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte Jakobus, »sie ist blank und klar wie der
-volle Mond, der in der Hochnacht hängt.«</p>
-
-<p>»Er wärmt nicht.«</p>
-
-<p>»Das Bild war auch nicht klug gewählt,« sagte er &ndash;
-»manchmal kann ich mir denken, daß sie über ein dürres
-Feld schreitet, und es fängt um ihre Schuhe an zu blühen.
-Aber es ist richtig: sie redet oft mit Menschen und ist doch
-weit weg von ihnen. Alle Mädchen müßten so sein wie sie,
-so königlich und klar. Sie ist ein Quell voll Erfrischung.
-Ihr andern habt nur Kleider und Sinne, aber sie hat eine
-Krone. Oh, wenn Ihr wüßtet, wie Ihr Euch erniedrigt
-mit Eurer dürftigen Rechnung auf das andere Geschlecht!«</p>
-
-<p>Gedanken, die Do auf ernsten Wanderungen in ihn
-geworfen hatte, wollten sich in Helligkeit ringen, aber sie
-fanden den Weg nicht; denn Gwendolins Augen stellten
-sich vor ihn hin und fragten: »Was verstehst Du von diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-Dingen?« Und ihre schwüle Art, ihn anzusehen, machte
-ihn wieder unsicher an sich selbst.</p>
-
-<p>»Du wirst nach Hause gehen müssen,« sagte er &ndash; und
-sie: »Es ist schade, daß Du nicht zehn Jahre älter bist. Ich
-glaube, ich könnte Dich dann richtig lieb haben.«</p>
-
-<p>Sie machte sich fertig, und er führte sie die Kastanienallee
-entlang und ging noch ein paar Schritte mit ihr
-draußen vor der Hecke.</p>
-
-<p>»Du bist nun doch anders als andere, und ich hätte
-gegen Dich nicht so freigebig sein dürfen,« sagte sie. »Aber
-Du darfst mich deswegen nicht steinigen und meinen, ich
-allein trüge die Schuld. Vor solch einem feuerroten Aufblühen
-will ich mich aber in Zukunft hüten.«</p>
-
-<p>Vom Tor aus sah er ihr noch einmal nach &ndash; die Nebel
-schlugen über ihrem Schatten zusammen.</p>
-
-<p>Er trat hochaufgerichtet in sein Haus und dachte, sie
-wäre nach seiner Aufforderung ohne Säumen gegangen,
-weil er von Do zu ihr geredet hatte, und wie die so schön
-und hoheitsvoll sei; gegangen aber auch deshalb, weil sie
-seine ehrliche Bitternis gefühlt hatte.</p>
-
-<p>Dann holte er die Gedichte Goethes mit den Anmerkungen
-der Erika Flucht vom Regale. Da fiel ihm ein,
-daß es viele Mädchen leicht hätten, neben den suchenden
-Sinnen der jungen Männer dahinzuleben &ndash; die heidegraue
-Norddeutsche mit dem Faustfimmel hatte keiner
-schön gefunden!</p>
-
-<p>Es waren Gedanken, die er nie zuvor gehabt hatte;
-darüber ward sein Herz noch versöhnlicher gestimmt, und<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-er fragte sich, ob er Gwendolin nicht unrecht getan hätte.
-»Nein &ndash; nur quitt sind wir geworden,« sagte er. Und
-am anderen Tage konnte er sich über den Samowar in
-helle Glückseligkeit freuen.</p>
-
-<p>Sie hatte den Kessel ganz mit Blumen überdeckt, aber
-sie hatte kein Wort dazu geschrieben.</p>
-
-<p>Da suchte er sie während der folgenden Tage in der
-Stadt zu treffen. Wie er sie sah, traten sie sich ernst und
-freundschaftlich gegenüber, und ehe sie auseinandergingen,
-sagte er:</p>
-
-<p>»Ich glaube, wir sind gar nicht von so unterschiedlicher
-Art der Herzen. Ich weiß jetzt: die meisten jungen
-Männer und jungen Mädchen vertändeln sich aneinander
-&ndash; aber so zwei wie wir müssen darüber hinwegkommen.
-&ndash; Wann besuchst Du mich?«</p>
-
-<p>»Morgen abend &ndash; wenn Du willst,« sagte sie.</p>
-
-<p>Er hatte sich und sie besiegt.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Den Menschen in Weimar ist das Glücklichsein leichter
-gemacht als denen anderswo &ndash; nicht, als ob sich die
-Steuerlokalkommission weniger anmaßend gebärdete &ndash;
-o nein, sie hat genau so das Bewußtsein, daß sie zuletzt
-immer die Gefoppte sein könnte, und ist deshalb zur Vergeltung
-geneigt; genau so wie anderswo hat sie das Recht
-zum Pessimismus. Und nicht, als ob die Weimarer
-Bürger und Dichter, die den Hauptteil der Bevölkerung
-bilden, trockenen Fußes über die Straßen gehen dürften,
-wenn es schon seit zwei Wochen aufgehört hat zu regnen<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span>
-&ndash; o nein, o siebenmal nein! Für diese Fälle hat sich ein
-ebenso eigenartiges als lustiges Verfahren herausgebildet.
-Regnet es, und es beabsichtigt trotzdem jemand aus einer
-der grünen stillen Vorstadtstraßen einen Ausgang, so
-wendet er sich zuvor an den Gemeindevorstand mit einer
-Eingabe und fordert die Beschotterung des Weges.
-Darauf erläßt der Stadtbaumeister ein Rundschreiben an
-alle Anlieger der Straße, ob sie für die Kosten der Instandsetzung
-aufzukommen gedächten. Wenn diese zurückgeschrieben
-haben, daß sie zu wenig Humor besäßen, um
-ein so vergnügtes Ansinnen auch nur zu erwägen, dann
-ist seit mehreren Wochen so trockenes Wetter, daß die Entnahme
-von Wasser aus der städtischen Leitung bei Strafe
-verboten wird, der beabsichtigte Gang in die Stadt kann
-ohne Lebensgefahr vorgenommen werden, und über die
-Eingabe, die bis auf weiteres inaktuell ist, wird zur Tagesordnung
-übergegangen.</p>
-</div>
-
-<p>Trotz alledem &ndash; das Glücklichsein ist den Menschen in
-Weimar leichter als denen draußen; denn jeder treibt sich
-an dem andern rasch und fremd vorüber und fraget nicht
-nach seinem Schmerz. Es gibt keine aufdringlichen Nachbarn,
-und wer Neigung dazu verspürt, läßt sich leicht zu
-grußloser Begegnung bekehren. Man sieht sich in Weimar,
-aber man kennt sich nicht; und das ist ein Stück des Geheimnisses
-der Glückseligkeit. Man wohnt vergnügt wie
-in Ibenheim am Walde; denn Weimar ist die Stadt mit
-der unsterblichen Seele, und nicht nur, wenn der Mond
-Busch und Tal still mit Nebelglanz füllt, hält diese Seele<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-ihre geheimnisreichen Umgänge und schauert um Herzen
-und Wege das Scheinen der Ewigkeit.</p>
-
-<p>»Das Vermögen, in Einsamkeit glücklich zu sein, steht
-in geradem Verhältnisse zum inneren Reichtum eines
-Menschen,« hatte Doris Rinkhaus einmal zu Jockele gesagt.
-Das war zu einer Zeit gewesen, in der er noch nicht
-wußte, daß er zu denen gehörte, die Schmerz und Lust in
-Betrachtung übergehen lassen. Aber er hatte gefühlt: es
-war die Wegstelle, an der Tante Veronika und Do einander
-trafen.</p>
-
-<p>Und nun war er längst zu der Erkenntnis gelangt, daß
-das Glück von Weimar sich ihm um so inniger ans Herz
-legte, je heimlicher er sich in die Stille dieser beseelten Gärten
-hineinlebte. Er war daheim wie in den himmelumdrängten
-Waldsäumen hinter dem Frühlingshause. Die
-Namen der Großen von Weimar blühten für ihn von allen
-Fenstersteinen, und er sah klingende Ewigkeit ranken um
-alle Giebel.</p>
-
-<p>Er schaltete die Steinbrüche der Städte nicht einfach
-in das Dasein als Verirrungen verkümmerter Herzen und
-Geister, die das Bedürfnis haben, sich das Firmament der
-Sterne zu vermauern &ndash; wie er einmal von einem Dichter
-hatte sagen hören &ndash; aber er dachte: wie kann man seine
-Augen so der Sonne entwöhnen und seine Seele so dem
-jubilierenden Hochgesang der Erde! Wie kann man Gott
-absetzen und den Göttern der Gassen und Gossen dienen,
-solange noch Wälder ihre Arme lichtselig gen Himmel
-dehnen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span></p>
-
-<p>Ueber diese Erde ritt der Oktober in silbernem Rüstzeug
-mit goldenen Sporen. Er trug eine blaue Aster am
-Helm, und die Sonnenrosen lehnten sich über die Zäune
-und mußten seinen Weg bescheinen.</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus war wiedergekommen aus den bunten
-Wäldern der Berge und sah aus wie die Braut des silbernen
-Reiters: kriegsfroh und sieghaft &ndash; sah aus, als
-liefe sie unter dem Schellenbaume der Militärmusik. Sie
-machte keine abwesenden Augen mehr, wenn sie aneinander
-vorübergingen &ndash; sie wartete auf die rote Fahne,
-die Jockele aufzog, sobald sie in Sicht kam, und freute sich,
-wenn er als Feuersäule an ihr vorbeiloderte.</p>
-
-<p>Er hatte nicht an Tante Veronika geschrieben, während
-Do in Ibenheim war. Und diese Tante war auch darin
-eine Ausnahme, daß sie von ihrem Jungen nicht einen
-Wochenbericht mit Speisenkarte und Wetteranzeige verlangte.</p>
-
-<p>Am letzten Oktober abends war der Sturm in die spärlich
-belaubten Wipfel gestiegen und blies den Frieden über
-den Garten. Gwendolin war da, und während sie beim
-Tee saßen, brachte Maria Reh &ndash; noch im Reisekleide &ndash;
-die Einladung zum nächsten Morgenkaffee herüber aus
-dem Gartenhaus. Es war sehr lustig; denn Maria Reh
-hatte von den Dingen, die sich über Sommer zugetragen
-hatten, keine Ahnung. Und es wäre noch lustiger gewesen,
-wenn sie nicht den jungen Malschüler hätte begrüßen
-wollen, der für sie noch immer mitten in der Erinnerung
-des Waldspazierganges zum Berge der Frau Venus lebte<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-&ndash; nun war aus ihm ein junger Mann geworden, der seine
-Erlebnisse hatte, und der auf dem Wege zu einer Weltanschauung
-war.</p>
-
-<p>Aus dem anderen Morgen wurde ein Vormittag und
-aus dem Kaffee ein Mittagsmahl. Die Aufwärterin
-Jockeles wurde in die Küche gestellt; denn die Damen
-konnten nicht abkommen. Es hatte sich ein halbes Leben
-während dieses Krieges im Frieden durch ihn hindurch
-gelebt, und er stand schon wieder hoch darüber auf einer
-heiteren Höhe, von der er sich die Welt unter ihm mit
-Humor betrachtete.</p>
-
-<p>Do hatte, als die Kriegserklärung erfolgte, noch die
-erste Nacht von Ettersburg auf seinen Lippen leuchten
-sehen &ndash; auf dem gleichen Munde, der sich zu dem begeisterungsvollen
-Ausspruche von der bevorstehenden Eheschließung
-mit Gwendolin hinreißen ließ.</p>
-
-<p>Aber Doris Rinkhaus hatte keinen Verrat an ihm begangen,
-weder gegen die bunten Wälder von Ibenheim
-noch gegen Maria Reh; und auch er spielte nicht den Verräter;
-denn Gwendolin hatte sich Do an jenem Sonntag
-in Ettersburg nicht verborgen. Deshalb durfte er alle
-seine Erlebnisse berichten und schonte sich nicht.</p>
-
-<p>Dieser erste November leitete Jakobus Sinsheimers
-wildes Jahr ein.</p>
-
-<p>Zuerst verlor er Gwendolin. Sie kam noch ein paarmal,
-dann stürzte er sich in ein ausgelassenes Malen. An
-einem verschneiten Tage betraf ihn Maria Reh dabei, wie
-er Stöße bemalter Leinewand in den Schuppen hinter dem<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-Hause trug &ndash; um die Holzdieme im Zwetschengarten
-hatten sich Sturm und Winter gejagt, und die Schuppentüre
-lag hinter einer Schneelast. Da wühlte er sich Bahn
-und warf alle Landschaften der anderen Zeit zu Staub
-und Moder. Dann verfiel er in einen unwirschen Fleiß
-und verlernte darüber zu lachen und zu reden. Er sah
-die Freundinnen aus dem Gartenhause tagelang nicht,
-wußte nicht, was sie trieben, und es kümmerte ihn nicht,
-ob sie daheim oder verreist waren. Er verbrachte Wochen
-in der Akademie, er verbrachte lange Tage in der Büchereinsamkeit
-seines Hauses. Es gingen alte und junge
-männliche Modelle darin ein und aus, und es kam auch
-ein ganz junges blondes Mädchen der Armut mit einem
-Madonnengesichte. Die hatte ihm die Aufwärterin zugeführt.</p>
-
-<p>Danach entließ er die Frau und hatte die jungen sechzehn
-Jahre der Husch um sich; die behauptete, sie wäre auf
-diesen Namen getauft.</p>
-
-<p>Er gebot über ihre junge unterwürfige Jugend wie er
-wollte. An ihrer sanften Schönheit sannen sich seine
-Augen in Träume wie vor dem Bilde des Mondes; und
-die Kümmernis ihrer Jugend erbarmte ihn. Sie lebte
-sich in ihn und das kleine Haus hinein als in ein fremdes
-schönes Glück und litt an der Ahnung, der Märchenglanz
-werde vergehen, wenn der Schatten von Menschen
-darüberfiele.</p>
-
-<p>Da geriet sie in eine eifersüchtige Wachsamkeit und
-haßte Doris Rinkhaus, daß sie zitterte, wenn ihr Name<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-von ihm genannt wurde, und daß sie in Tränen ausbrach,
-wenn Jakobus drüben im Gartenhause war.</p>
-
-<p>Einmal hatte er mit Do verabredet, Husch sollte für die
-Damen und ihn in der Küche drüben die Mahlzeiten bereiten,
-aber sie war nicht dazu zu bringen &ndash; »Fordere,
-daß ich in den Winternächten an der Erde vor Deinem
-Bette schlafe oder draußen beim Holz,« flehte sie, »aber
-beschütze Dich und mich vor jener!«</p>
-
-<p>Da machte sie aus dem kleinen Schuppen eine armselige
-Küche und wirtschaftete darin und aß dort, wenn er
-nicht daheim war. Des Abends ging sie über den Wall
-nach Hause, sie bewohnte mit ihrer Mutter eine Mansarde
-in der Musäusstraße, und war früh vor Tag wieder
-da und wartete, daß er über sie befahl. Sie waltete in
-dem Häuschen mit blumenhafter <span id="corr175">Stille</span> und Hingabe an die
-Sonne, die darin für sie schien, und dachte: »Wenn diese
-Sonne untergeht, muß ich sterben.«</p>
-
-<p>Einmal hatte sie ein Märchen von einer Fee gelesen,
-die in eine Blume verzaubert war. Aus dieser Blume
-durfte sie um die Mitternacht herausschreiten. Da schlief
-der Mann, der die Blume in einen Scherben gepflanzt
-hatte, nebenan in dem Kämmerchen, die Fee aber fegte
-die Stube und wischte den Staub und trug Wasser herzu
-und war so leise wie der Sonnenschein, der über die Diele
-schreitet. Dann zündete sie Feuer unter dem Herde und
-setzte das Essen daran, daß es sich bis zum Morgen koche;
-denn sie mußte wieder zur Blume werden, ehe der erste
-Sonnenstrahl kam &ndash; sonst war es um sie geschehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p>
-
-<p>Dies Märchen erzählte Husch eines Tages dem Jakobus
-und ward traurig und sagte:</p>
-
-<p>»Dieser erste Sonnenstrahl &ndash; ich muß dabei an etwas
-ganz anderes denken … davor fürchte ich mich!«</p>
-
-<p>Er fragte sie, was es wäre, aber sie schüttelte mit
-dem Kopfe und schwieg. Dann sagte sie:</p>
-
-<p>»Ich werde es Dir nie verraten. Aber wissen wirst
-Du es doch, wenn dieser Sonnenstrahl gekommen ist;
-denn dann ist es um mich geschehen.«</p>
-
-<p>In der ersten Zeit war ihr sehr bange, sie könnte nicht
-alle Dinge in der Stube wieder an den richtigen Platz und
-in die Stellung bringen, die sie zuvor gehabt hatten, weil
-ihre Hände und Augen nicht dazu geschickt wären.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ihre Mutter hatte sie am Rande eines wilden und
-schönen Mädchentages aufgelesen und wohnte noch immer
-in dem gleichen Dachstübchen, in dem ihrem Schoße die
-weiße Rose entblüht war. Das Fenster lag nach Norden,
-und man konnte die Sonne von dort aus nur sehen, wenn
-sie in fremden Gärten und in den Stuben der anderen
-Leute lag.</p>
-
-<p>Das Schauen nach fremder Sonne hatte einen Zug
-tiefer Schmerzen in das junge Gesicht getragen. Eines
-Tages saß sie am Fenster &ndash; es war ein frostheller
-Januartag, und der Ostwind klirrte durch das Geäst. Sie
-dachte an die Zeit, in der das liebe Licht dieses kleinen
-Hauses nicht mehr um sie wäre, und blickte empor zu den
-kahlen Zweigen, die vom Winde geschlagen wurden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p>
-
-<p>Da wandte sich Jakobus ihr zu und sah ihr schmerzvolles
-Gesicht. Aber sie merkte es nicht. Es schien ihm,
-als wandele sie in einem tiefen, öden Felsentale, das auf
-allen Seiten verschlossen war, und sie ging dahin und sah
-die Abendsonne ihren Königspurpur um die hohen Zinnen
-legen.</p>
-
-<p>Du hieß er sie ihre Kleider ausziehen und ihr langes,
-blondes Haar lösen, wie sie das schon oft vor ihm getan.</p>
-
-<p>Er hatte sie dann gezeichnet als ein schönes, schlankes
-Kind, das in erdenfernen Gärten schritt &ndash; einmal auch als
-die Fee in dem Märchen, die sich aus der Blume befreite
-&ndash; da wob sie sich aus sanften Linien, die zuvor Blütenodem
-gewesen waren, zu einer holdseligen Frauengestalt.
-Oder sie wandelte über Stufen des Himmels den Engeln
-entgegen, die dort auf den lieben Gott warteten.</p>
-
-<p>Aber an diesem Tage wurde sie ihm zum ersten Male
-zu dem schmerzensvollen Erdenmädchen.</p>
-
-<p>Er hatte eine Eingebung gehabt, sie so in ein großes
-Bild zu stellen, das er ›Gruppe aus dem Tartarus‹ nennen
-wollte. Wenn die hohen Bäume wieder Frühling über
-sich warfen und nur verirrtes Licht durch die Wogen der
-Wipfel brach, sollte es draußen vollendet werden.</p>
-
-<p>Zuerst hatten sich seine Sinne an dem scheuen Frühling
-dieses Mädchenleibes in einen blutroten Taumel gesungen,
-und er hatte ihr die Augen verbinden müssen.</p>
-
-<p>Nun gab sie sich ihm längst ohne Scheu, es war, als
-durchleuchtete die Seligkeit ihrer Seele den jungen Leib,
-so oft er sie rief. An diesem Tage sagte er ihr, daß sie mit<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-dem vorigen Gedanken sehnsüchtigen Schmerzes dastehen
-müßte und mit erhobenen Armen, die den beglückenden
-Traum der Sonne nur ein einziges Mal fühlen möchten&nbsp;…</p>
-
-<p>Sie war ohne Grenzen in ihrer Demut, und sie war
-ohne Grenzen in ihrer Kraft, wenn er ihr gesagt hatte:
-»Du sollst&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er wußte nicht, woher dieser zarten Schlankheit solche
-Kraft kam. Sie wurzelte in den Stein, der unter ihren
-Füßen war, wenn er es ihr gebot; und sie litt Qualen
-einer Zeit, vor der sie bangte als vor dem namenlosen
-Jammer, an dem sie sich in das Grab siechen mußte &ndash; sie
-litt es; denn er hatte es gefordert. Und sie dehnte die
-Arme &ndash; nicht nach der Sonne, sie dehnte sie nach dem
-Saume der Berge, über die sie ihn schreiten sah, und mit
-jedem Schritte zog er weiter von ihr fort&nbsp;…</p>
-
-<p>Da rief sie seinen Namen aus den Tiefen ihres
-Schmerzes herauf und brach in die Knie und verbarg ihr
-Gesicht in den Händen.</p>
-
-<p>Und weil sie schluchzte und nicht fühlte, daß er seine
-Hand auf ihr Haar legte, und nicht hörte, daß er da war
-und mit ihr redete, nahm er sie auf die Arme und trug
-sie auf sein Bett.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jakobus Sinsheimer war keine Einsiedlernatur, aber
-Abstammung und Erziehung hatten es ihm zur beglückenden
-Gewohnheit werden lassen, sich nicht in die Märkte
-und Gassen hineinzudrängen, auf denen die Menschen ihre
-Jahrmarktsherzen und sich selbst als Kleiderstöcke ausstellen.
-Wer der Ansicht ist, daß ausschließlich solche Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-vorhanden wären, der ist gar sehr im Irrtum; denn
-es ist zu schätzen, daß es an nahezu fünf Prozent aller neuzeitlichen
-Kulturstätten annähernd ein Prozent immer noch
-ganz vernünftige Leute geben mag.</p>
-
-<p>In Weimar sind deren mehr, was schon daraus zu ersehen
-ist, daß dort sehr viele Dichter leben.</p>
-
-<p>Nein, Einsiedlerneigungen hatte Jakobus Sinsheimer
-keineswegs, aber er legte um das Bild jeden Tages einen
-Rahmen von Sonne und Grün. Und wenn beides nicht
-zu haben war, weil die Sonne in den Gärten der
-Engel und das Grün in den Bettlein der Elfen zu tun
-hatten, so nahm er mit freiem Weltenlicht und mit Himmel
-vorlieb.</p>
-
-<p>Es setzte ihn auch schon lange nicht mehr allzuviel in
-Erstaunen. Nur darüber &ndash; dachte er &ndash; würde er sich
-bis in die goldene Ewigkeit hinein wundern, daß die Menschen
-mit dem Himmel fast gar nichts mehr anzufangen
-wüßten.</p>
-
-<p>So gewöhnte er sich, davon immer ein Stück in den
-Händen zu halten. Und das war gut; denn damit findet
-sich der Mensch durch Nacht und Licht und findet sich auf
-die Sonnenraine, die auch mitten durch die lautesten
-Märkte des Lebens führen, und auf denen immerfort ein
-bißchen Glück blüht.</p>
-
-<p>Uebrigens erfüllte ihn das neue robuste Schaffen dieses
-Vorstadtwinters mit einer ungekannten Freude.</p>
-
-<p>Er wußte, daß der Wandel, der seine Vorliebe für
-landschaftliche Motive verdrängt hatte, ihm aus dem Eifer<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span>
-gediehen war, mit dem er sich den Dichtern gewidmet &ndash;
-auf einmal waren seine Gedanken bei Doris Rinkhaus.
-Von allen Menschen, die ihm nahegetreten waren, hatte er
-an Do den geringsten Anteil gehabt. Aber sie redete doch
-immer dazwischen. Sie erklärte ihm den Krieg und
-guckte ihm über die Achsel in jedes Buch; sie verreiste und
-blieb doch bei ihm. Sie stand in ihm als eine brennende
-Kerze, und er nannte sie, wenn er sich über sie ärgert, die
-ewige Lampe.</p>
-
-<p>Aber in dieser Zeit begann er sich gegen sie zu wehren
-&ndash; es war das wilde Jahr!</p>
-
-<p>In diesem Jahre halten junge Männer ihre Väter
-gemeinhin für altmodische Tröpfe und ihre Mütter für
-abgestandene Frauen, die aus ihrem späten Leben in das
-Land der Jugend und neuen Zeit herüberreden möchten
-und sich darin nicht zurechtfinden. In diesem Jahre reckt
-sich eine Kraft, die für den, der sie spürt, aussieht wie der
-Riese Goliath, und für den, der daneben steht, wie ein
-Embryo, an dem schon alles da ist, aber das Maul ist aus
-seiner Natur heraus am größten. In diesem Jahre hält
-der junge Mann von Begabung die Mädchen und die
-Ellbogen für die vornehmsten Einrichtungen und hat
-niederreißende Gelüste. Wenn man ihn gewähren ließe,
-würde er auf den Thron Gottes steigen und der Welt
-zeigen, was Allwissenheit ist. Und so weiter.</p>
-
-<p>Das kommt daher, daß sich über der reckenden Kraft
-alle Gesichtswinkel verschieben &ndash; auf einmal sieht die
-Welt aus wie vor den Toren im November: vor den<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-Toren sind die Schrebergärten mit den tausend Lauben,
-die Begeisterung und Ungeschick gezimmert haben; beides
-wird im abgeblühten Jahr offenbarer.</p>
-
-<p>Und über diese Welt stürmt die Kraft des wilden
-Jahres dahin, gerät in Sand und Nebel und wird besinnlich
-und gibt dem lieben Gott eine Gnadenfrist …
-Das Sinnbild des wilden Jahres sind die Hörner.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Daran dachte Jockele aber nicht, als er im Lehnstuhl
-am Ofen saß. Er hatte die Tür zu dem Kämmerchen nur
-angelehnt und horchte manchmal hinaus, was es mit
-Husch wäre.</p>
-
-<p>»Ich habe ein mächtiges Unheil in ihr angerichtet,«
-dachte er.</p>
-
-<p>Do und Maria Reh sollten nichts davon erfahren. Er
-kannte die Reden der beiden zur Genüge: Maria Reh
-sagte, so etwas wäre ›überhaupt‹ nichts, und ließ sich auf
-Erklärungen ihres himmel- und erdenumfassenden ›Ueberhaupt‹
-nicht ein. Und Doris Rinkhaus war in solchen
-Fällen von einer Kälte, die ihm unter die Nägel kam.</p>
-
-<p>Er legte das Ohr an den Türspalt und hörte an ihrem
-regelmäßiggehenden Atem, daß sie eingeschlafen war.</p>
-
-<p>Dann hatte er mancherlei Einfälle; der einer in nahe
-Zeit gerückten Eheschließung war diesmal nicht dabei,
-aber auch nicht die Absicht einer sanften Entwöhnung.
-Vielleicht würde es besser mit ihr, wenn der Frühling in
-diesem kühlen Baumwinkel über sie kam! Dann sollte sie
-draußen um ihn sein, wenn er die ›Gruppe aus dem
-Tartarus‹ schuf&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p>
-
-<p>Natürlich lief er gleich hinaus, zu sehen, wie diese große
-Sache am besten zu machen wäre. Gegen den Zaun kam
-die Leinwand, der er beiläufig zehn Geviertmeter Fläche
-gab &ndash; und er mußte das von der Leiter aus malen.
-Der Gedanke hatte etwas Berauschendes … so hoch da
-droben mit dem Pinsel: Prometheus, der der Erde das
-Feuer bringt!</p>
-
-<p>Da blinkte eine Flocke Weiß aus dem grauen Grase
-hervor &ndash; wahrhaftig, in den vergangenen drei Tagen,
-in denen ein Weststurm den Schnee zusammengekehrt
-hatte, war schon das Wecken in die Erde geklungen, und
-ein Schneeglöckchen hatte sich aus der Scholle gedrängt,
-und hing doch noch tiefe Winternacht ringsum. So war
-dies Fünklein Licht aus dem Frühling herübergeweht,
-und Jakobus, der gleich alle Engel im Himmel die
-silbernen Glocken suchen sah, kriegte das Laufen, stülpte
-den Hut auf und eilte in die Stadt. Er brauchte noch
-drei Modelle: einen Mann auf der Höhe des Lebens
-und einen, der ganz voll war von dem Klange der
-Erlösung, die sich aus dem dumpfen Schalle der Hufe
-trinken läßt, wenn der Tod über die letzte Brücke reitet.
-Und ein Weib.</p>
-
-<p>Da ging er zu Huschs Mutter und fand sie in dem
-Vorderstübchen. Sie stickte und hatte die Füße auf einem
-Backstein, den sie so oft gegen den anderen auf dem
-eisernen Oeflein auswechselte, als er kalt wurde. Der
-Ostwind spielte draußen auf den Dachziegeln ein gefrorenes
-Lied.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<p>Jakobus erzählte ihr, wie es mit Husch gegangen wäre,
-und daß sie nun in seinem Bette läge und schliefe.</p>
-
-<p>Da sagte die Frau: »Oh, schicken Sie sie nicht fort! Sie
-ist schon viel freudiger geworden, seit sie um Sie sein
-darf. Es ist schlimm mit einem so wunderlichen Mädchen
-in solcher Zeit &ndash; die Husch hat eine grausame Lust, leiden
-zu können. Aber es muß aus dem Glück zu einem anderen
-Menschen geschehen, dann wird sie gesünder und weiß
-es nicht. Sie ist über einer ewigen Selbstopferung, und
-Leiden ist ihr Freude. Aber wenn sie hier unter dem
-Dache kümmern muß, fällt sie mir aus und stirbt.«</p>
-
-<p>Da dachte Jockele an das Kind der Bauersleute, das
-dem aussätzigen Ritter Heinrich sein Herzblut opfern will.
-Er hatte in dem Gedichte des Hartmann von der Aue am
-Morgen gelesen, wie der Arzt von Salern zu ihr sagt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich muß Dich ausziehn nackt und bloß;<br /></span>
-<span class="i0">Ist das nicht Not genug, so groß,<br /></span>
-<span class="i0">Daß Du mit Recht vor Scham vergehst,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn Du so nackend vor mir stehst?<br /></span>
-<span class="i0">An Beinen bind' ich Dich und Armen;<br /></span>
-<span class="i0">Fühlst Du mit Deinem Leib Erbarmen,<br /></span>
-<span class="i0">Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen!<br /></span>
-<span class="i0">Ich schneide Dich bis tief zum Herzen<br /></span>
-<span class="i0">Und brech' es, wenn Du lebst, aus Dir&nbsp;…<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Nun schenkte ihm die Stunde eine Reihe von Bildern,
-die gleich in seinem Geiste standen als leuchtende Erfüllung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p>
-
-<p>Er gab sich dem Reichtum des Augenblicks in gesegnetem
-Vergessen hin. Das sah die Frau, und weil sie
-es sich nicht anders deuten konnte, sagte sie: »Sie sind
-nun doch gekommen, um mir zu sagen, daß ich Husch nicht
-mehr schicken soll!«</p>
-
-<p>»Oh, ich brauche sie &ndash; ich brauche sie vielleicht den
-ganzen Sommer über!« rief er und sah, wie froh die
-bleiche Stickerin an seinen Worten wurde.</p>
-
-<p>Dann schickte er sie zu Husch und sagte ihr, wo der
-Schlüssel wäre, und ging in einem wilden Glücke davon.</p>
-
-<p>Auf dem Wege den Kasernenberg hinab über die
-Sternbrücke in die Wagnergasse, wo er das Modell zum
-Armen Heinrich wußte, dachte er an Husch und wie er
-ihr Leben richten sollte. Man wartete auf ihn, und er
-war in dieser Stunde zu Sein oder Nichtsein für zwei
-Frauen geworden, die auf den Dächern lebten und sich
-nicht herabfanden auf die Erde. Er war ein Mann und
-eine beglückende Hoffnung! Da brauste Frühlingssturm
-in ihm.</p>
-
-<p>Als er in der Dämmerung nach Hause kam, war Husch
-aufgestanden.</p>
-
-<p>Er fragte sie, warum sie nicht mit ihrer Mutter nach
-Hause gegangen wäre.</p>
-
-<p>Sie lachte, aber sie sagte ihm nicht, daß sie noch alles
-hätte um ihn bereiten wollen, was ihre Pflicht wäre. Sie
-ließ sich auch nicht heimschicken und wurde ganz ängstlich,
-weil sie fühlte, daß er sie schonen wollte. Da litt er es,
-aber er sagte: »Du machst mir damit große Sorge, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-Du mir mehr geben willst, als in Deiner Kraft ist. Wenn
-ich mich und Dich über dem Malen vergesse wie heute,
-so mußt Du es mir sagen.«</p>
-
-<p>»Ich bin ganz allein daran schuld gewesen,« sprach
-sie &ndash; »ich habe Dich so weit fortgehen sehen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Im Gartenhause nebenan bildete diese Sache den
-Gegenstand einer Auseinandersetzung zwischen Maria Reh
-und Do. Maria hatte mit Huschs Mutter gesprochen und
-von ihr erfahren, warum sie da war und nun forderte
-Maria, sie müßten diesem Zusammenleben der beiden
-ein Ende machen.</p>
-
-<p>Sie stellte sich dabei auf den Standpunkt einer Fürsorge,
-der Doris Rinkhaus aufs höchste befremdete.</p>
-
-<p>»Es ist eine Modellgeschichte,« sagte Do, »und was
-geht sie uns an?«</p>
-
-<p>»Es ist eine Herzensgeschichte, die für beide ein Unglück
-werden kann,« sagte Maria &ndash; »und überhaupt, wie läßt
-sich so etwas billigen?«</p>
-
-<p>»Billigen oder nicht &ndash; darauf kommt es gar nicht an!
-An irgend einem Mädchen muß ein Junge zum Manne
-werden! Möchtest Du Dich vielleicht dazu hergeben?
-Das läßt sich dann nicht immer über den Spießerleisten
-schlagen, und ich finde es sehr sonderbar, daß gerade Du
-Dir dabei eine Rettungsmedaille verdienen willst.«</p>
-
-<p>»Weißt Du denn, wie sich Tante Veronika dazu stellen
-würde?« fragte Maria Reh.</p>
-
-<p>»Das ist nicht Deine Sache! Aber so viel weiß ich,
-sie hat Vertrauen zu Jo. Und ich habe es auch. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-denke: sie würde nicht die Dritte im Bunde sein wollen;
-aber wenn ihr das Frühlingshaus als der richtige Platz
-für ihn erschienen wäre, so hätte sie ihn ja wohl daheim
-behalten. Es ist am besten, wir sehen und hören nichts
-von allem. Jedenfalls taugt Dein Schürzenschutz nichts
-für ihn, und wenn ich Jo wäre, so würde ich jeden sehr
-unsanft hinauskomplimentieren, der mir in meine Tage
-reden wollte. Basta! Du darfst nicht vergessen, daß die
-meisten jungen Männer auf dem gesicherten Geleise einer
-Familientradition hineinfahren ins Leben &ndash; Jo aber ist
-auf eine Schwelle gesetzt und steht noch heute darauf. Ich
-kann nicht sehen, daß er töricht ist oder mit blinden Augen
-dahintappt.«</p>
-
-<p>Draußen schloß um diese Zeit Husch die Schlüpfe im
-Gartenzaun hinter sich zu.</p>
-
-<p>Jockele saß noch eine Stunde bei der Lampe und
-blätterte in Goethes Gedichten mit den Anmerkungen.
-Aber die Bilder dieses Tages drängten sich zu laut um
-ihn. Er dachte: er wollte Husch dreißig Mark Monatsgeld
-geben und sechzig Mark für den Haushalt &ndash; darüber
-verfiel er in ein mühsames Rechnen und erkannte, so
-ging das nicht. Aber Tante Veronika wollte er nicht
-helfen lassen. Er hatte den Plan mit Husch ohne sie erwogen,
-so sollte er auch ohne sie <span id="corr186">ausgeführt</span> werden!
-Er mußte in den Bildern zum Armen Heinrich etwas
-Ordentliches schaffen, etwas, das sich zu Gelde machen
-ließ! Zum ersten Male erhellte ihn der Gedanke, und
-Gwendolin tauchte wieder auf, die geschäftskundige.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p>
-
-<p>Da ging er ins Kaisercafé und saß mit einigen Kunstschülern
-an einem Tische, die voller Pläne für einen großen
-Faschingszug waren, der im nächsten Monate abgebrannt
-werden sollte. »Prinz Karneval vermählt sich mit der
-Muse Weimars« hieß die Idee, auf der sich die Sache
-aufbaute; und Jockele mußte dabei helfen.</p>
-
-<p>Da wurden die Zahlen, die er vor einer halben Stunde
-im winterlichen Baumgarten am Horn aufgeschrieben,
-riesenwüchsig &ndash; die Dreier und Zweier wurden zu
-Schlangen und die Einser und Vierer zu Keulen und
-rückten gegen ihn an zu einem wüsten Kampfe.</p>
-
-<p>Aber seit jenem langen Frühlingsmonate, in dem er
-zwanzig Tage niederschmetternde Gastfreundschaft bei Do
-genossen, war er ein gut Stück in die Lebenskunst gewachsen.
-Nun saß er in einem Kreise junger Leute, bei
-denen das Exempel in der Regel <em class="gesperrt">nach</em> dem Vergnügen
-ausgerechnet wurde &ndash; da brachte auch er den Armen
-Heinrich, die Gruppe aus dem Tartarus, die männliche
-Fürsorge für Husch und den Prinzen Karneval zusammen,
-und gelobte, den Faschingszug als Spitzenreiter mitzumachen.</p>
-
-<p>Am anderen Tage griff er sich Gwendolin vor der
-Kunstschule und verwickelte die Ueberraschte in ein besinnliches
-Gespräch.</p>
-
-<p>Wie ihn Gwendolin so reden hörte, sagte sie: »Immer
-hast Du Dir einen neuen Turm aufgesetzt, wenn man Dich
-mal acht Tage nicht gesehen hat,« und sie legte einen
-Respekt in ihre Worte, den er von ihr nicht gewöhnt war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p>
-
-<p>Als er ihr von Husch erzähle und wie es mit ihr geworden
-wäre, sagte sie: »Du faßt alle kleinen Dinge gleich
-mit beiden Händen und mit dem Herzen an und stellst Dich
-zu jedem, als müßtest Du Dich mit ihm verheiraten. Wenn
-Du das Dein ganzes Leben hindurch so machen willst,
-kommst Du aus der Grundsuppe gar nicht heraus.«</p>
-
-<p>»Es liegt das wohl so in meiner Art,« sagte Jockele.</p>
-
-<p>»Ja, aber ich halte diese Art für schwerblütig und
-gefährlich.«</p>
-
-<p>Auf dem Heimwege blieb die Rede Gwendolins um
-ihn, aber er vergrübelte sich daran nicht in Hoffnungsödigkeit,
-wie ihm das vordem geschehen war, sondern
-dachte: »Wenn ich mit dieser Art nicht mehr weiterkomme,
-muß ich ihr aufkündigen. Gwendolin hat mit ihrer
-anderen frühzeitig auf eigenen Füßen gestanden, aber sie
-bleibt auch immer dieselbe. Bei einem Mann ist das eine
-ganz andere Sache.«</p>
-
-<p>Er hatte sich das genialische Treiben seiner Bekannten
-zu genau besehen und wußte, daß er nicht mit ihnen gehen
-konnte. Aber er wußte nicht, was er Do in diesem Jahre
-schuldig geworden war, die ihn mit ihrer sichtigen Klugheit
-auf klare Wege geleitet hatte. Nun hielt ihn das eigene
-und ein gut Teil eigenwillige Wesen fest, und er pendelte
-nicht zwischen Moden und Manieren, die sich als Schimmel
-oder als wildes Rankenwerk über eine jugendliche Kraft
-legen und sie ersticken.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Husch hatte das Häufen so mit ihrem heimlichen
-Glücke durchleuchtet, daß er gleich alles bereitete, um an<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>
-dem Armen Heinrich zu beginnen. Er erzählte ihr die
-Fabel der Dichtung, und sie lebte sich in das seelenverwandte
-Mädchen mit der grenzenlosen Innigkeit
-hinein, deren sie fähig war. Das sentimentalste und rühmlichste
-Preislied der Jungfrauenliebe, das die Erde kennt,
-gewann da zum anderen Male Gestalt.</p>
-
-<p>Sie sah in dem Kleide der alten Zeit und dem zierlichen
-Kopfputze sehr lieblich aus, und er versank in das
-süße Weh ihrer Augen. Sie saß auf einem Fußschemel
-und hob das Gesicht voller Hingabe zu dem empor, der
-nicht da war, und verfiel ganz in den Traum ihres seligen
-Schmerzes.</p>
-
-<p>Jakobus hatte ihr gesagt: »Du mußt jetzt denken,
-daß er Dir Ringe für Deine Hände und goldene
-Bänder für Dein Haar geschenkt hat, und nun sitzt er Dir
-gegenüber und erzählt, daß er nicht von seinem qualvollen
-Leiden erlöst werden könnte, weil nur das in Liebe
-geopferte Herzblut eines schuldlosen Mädchens dies Wunder
-vollbrächte …« Da trat der große Schmerz vor sie
-hin und legte ihr die Hände auf die Lider. Und sie schlief
-einen wachen Schlaf und ward zu atmendem Marmor.</p>
-
-<p>Als er mit der Zeichnung zufrieden war, nahm er
-Farben und eine Tafel, machte mit Kohle eine rasche
-Skizze und begann zu malen.</p>
-
-<p>Sie erwachte nicht und saß bis in den Nachmittag.
-Das Licht wurde müde, aber Husch ahnte es nicht. Da hob
-er sie auf und streifte ihr das fremde Kleid ab und legte
-sie zu einem langen Schlafe auf sein Bett.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p>
-
-<p>Diese Erscheinung hatte für ihn nun schon wesentlich an
-Tragik verloren. Wenn es auch ein Rausch des Schmerzes
-war, so war es doch ein Rausch, und der mußte verschlafen
-werden. Mochte der Trank für Husch süß oder bitter sein,
-ganz rein war er jedenfalls nicht. Aber die Sache fing
-an, ihm peinlich zu werden, und er fühlte wieder die Scheu
-vor der Klatschsucht der Menschen; denn seine Jugend
-hatte über aller Klatschsucht noch nicht Zeit gehabt zu der
-Erkenntnis, daß der Sieg über sich selbst auch den Sieg
-über jedes unerlaubte Maul bedeutet.</p>
-
-<p>Deshalb ließ er das Modell für den Armen Heinrich
-zu einer Zeit kommen, in der er Husch zu einer Besorgung
-in die Stadt geschickt hatte, oder in der sie in ihrem
-ekstatischen Schlummer lag.</p>
-
-<p>Das zweite Bild stellte die Szene dar, in der das
-Mädchen ihren Eltern offenbart, sie wolle für Herrn
-Heinrich sterben; das dritte die Unterredung mit dem Arzte
-von Salerno, der sie nicht wankend machen kann in ihrem
-Entschlusse. Das wurde das beste von allen; denn der
-verzückte Opfermut durchschauerte ihre Seele als ein
-unirdisches Licht, und sie versank in das qualvolle Glück
-des Martyriums.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Zuletzt stellte er sie dar, wie sie vor Heinrich
-kniete, als der die Heilung durch die Gnade Gottes
-empfangen. Aber dazu gebrach ihr die Kraft des Einfühlens,
-es fehlte ihr der Glaube an die hohe Sonne.
-Was sie beseligen konnte, lag in Bitternis und
-Dämmerung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p>
-
-<p>An diesem Stück saß er vier Tage, und all sein Wille
-reichte nicht aus, sie zu bekehren, und weder sein Stift
-noch sein Pinsel fand, was blühender Traum in ihm
-gewesen war.</p>
-
-<p>Husch lag schlafen. Da ergriff er in der Freude am
-Gelingen die Zeichnungen und Tafeln und lief mit
-Erobererschritten zu Do und Maria. Sie waren beide
-überrascht bis zur Betroffenheit. Maria Reh lobte nach
-Frauenart im Ueberfluß, Do war froh und kritisch und
-sagte: »Es ist alles famos, Jo! Aber nun kommen Sie
-mal her und lassen Sie sich angucken.« Sie rückte ihn
-ins Licht. &ndash; »Na ja! Warum machen Sie sich so gewaltsam
-krank, Sie waldgesunder Zigeuner?«</p>
-
-<p>Maria Reh trat dazwischen und sagte: »Sie sieht in
-den Künstler hinein, was er seinem Stoff entnahm! Sie
-gedachte es böse mit Ihnen zu machen und lobt Sie!«</p>
-
-<p>Da bliesen sie zu einem lustigen Kriege, und Maria
-Reh jubelte:</p>
-
-<p>»Verehrungswürdiger Jo, ich möchte wieder Ihren
-Kopf zwischen diese Hände nehmen und in den schwarzen
-Ringeln Ihrer Haare wühlen &ndash; aber es geht nicht mehr.
-Donnerwetter, wie erwachsen sind Sie!«</p>
-
-<p>Von der andren Seite ritt Do zur Attacke: »Lassen
-Sie sich nicht von ihr in einen gefährlichen Uebermut
-hineinloben! Ich klatsche Ihnen von Herzen Beifall, aber
-Ihre gesunden Sinne sind nicht frei dabei gewesen &ndash;
-haben Sie die Luft Ihres Hauses mit Heliotrop geschwängert,
-wie Sie das malten?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span></p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Haben Sie dabei eine Toga aus Zindel getragen
-und sich Sandalen aus Rauschgold unter die Füße
-gebunden?«</p>
-
-<p>»Unsinn! Meine Kniehosen hab' ich angehabt und
-die Bergsteigstiefel!«</p>
-
-<p>»Natürlich,« sagte Do, »aber ich schwöre Ihnen: in
-vier Wochen sind Sie hysterisch, wenn Sie diese Husch
-als Modell behalten.«</p>
-
-<p>»Nein, in vier Wochen reit' ich im Faschingszug,«
-sagte Jockele. Aber er strich sich über Stirn und Augen,
-als läge da das leise Gewebe einer Müdigkeit. Er reckte
-sich empor, daß seine Gelenke knackten, und er hätte in
-diesem Augenblick den Schleier des fremden Wesens
-vielleicht auch zerstoßen, wenn Maria Reh in Schweigen
-geblieben wäre. Aber sie erfaßte die Gelegenheit und
-führte neben Dos blankes Reiten drei spießig gesattelte
-›Ueberhaupt‹. Die sahen aus wie Esel und malten die
-Wirkung des schneidigen Angriffs zuschanden.</p>
-
-<p>Darüber ward Jakobus Sinsheimer rebellisch und
-forderte Sachlichkeit; denn nach der Erlaubnis, sich dieses
-oder jenes Modell wählen zu dürfen, hatte er nicht gefragt.</p>
-
-<p>Do machte der Maria ihr Siegergesicht, und Jockele
-nahm sein Werk unter den Arm und empfahl sich höflich
-und aufrecht. Abends lernte er reiten.</p>
-
-<p>Gwendolin, die er am nächsten Tage besuchte, fragte
-nicht nach Krankheit oder Gesundheit &ndash; sie fragte: »Kann
-das einem Menschen gefallen und kann man es zu Gelde<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-machen?« Sie lief vor und zurück und lief hin und her,
-verfiel in ein leises Pfeifen und sagte: »Machen wir!«
-Sie lobte mit keinem Worte, aber sie war entschlossen.
-Da schickte sie Jakobus Sinsheimers ›Armen Heinrich‹
-nach München zu ihrem Kunsthändler. Und er ging nach
-Hause und stieg in den Tartarus.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als im Februar die Sonne schon auf der frischblauen
-Himmelswiese spazierte und die kleinen Engel um sie
-herum in Scharen Purzelbäume schossen, wurde die Leinwand
-zu der ›Gruppe‹ am Zaun im Baumwinkel aufgestellt.
-Es wurde auch eine Vorrichtung getroffen, daß
-sie des Nachts an der rückwärtigen Hauswand lehnen
-konnte, ohne den Unbilden des ungeschickten Vorjahres
-ausgesetzt zu sein, das noch nicht mit der Sonne umzugehen
-weiß.</p>
-
-<p>Und das Schicksal nahm seinen Gang.</p>
-
-<p>Alle Studien zu der Gruppe aus dem Tartarus waren
-gemacht. Es sollten fünf Figuren in dem Bilde stehen:
-Husch und ihre Mutter, ein nackter Jüngling, ein Mann
-und ein Greis. Husch lehnte dem Alten zu Füßen; ein
-schwarzer Schleier fiel vom Scheitel über sie, der ließ ihr
-nach unten gerichtetes Gesicht sehen und den verleuchtenden
-Frühling ihrer Glieder ahnen. Die anderen starrten oder
-schrien oder hoben ihre sehnenden Arme nach dem Lichte
-des Himmels, das über tote Felsen herniederbrach.</p>
-
-<p>Um diese Zeit redete Jockele zu Do und Maria von
-der Gruppe nur noch als von seinem ›Monumentalgemälde‹
-oder von dem ›Galeriestück‹, oder in sonstigen<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-Vollwörtern, die sich mit gewaltigen Armen um die Vorstellung
-warfen, welche er damit verband.</p>
-
-<p>Als er zum erstenmal im wehenden Malerkittel auf
-der Leiter stand und die Figuren mit Kohle umriß, verbat
-er sich von den beiden Freundinnen alles kritische Dreinreden
-&ndash; er sicherte ihnen dazu drei Sommertage.</p>
-
-<p>Da lugte von draußen schon das Leben in Gestalt
-eines maienhaften kleinen Mädchens durch die Zinzeln
-des Zaunes, stocherte mit einem blühenden Mandelzweig
-hindurch und lachte darüber hinweg, daß es wie gemünztes
-Gold in das lichtahnende Gras fiel … Aber Jockele hörte
-es nicht.</p>
-
-<p>Dann kam der Fastnachtsdienstag, und er war Spitzenreiter
-vorm Faschingszug.</p>
-
-<p>Es war eine feine Sache. Er trug blanke hohe Stiefel
-und enganliegende weiße Lederhosen, einen feuerroten
-Reitrock, Perücke und Dreimaster. Und die schwarze
-Stute unter ihm spiegelte den hellen Tag und war voll
-Verständnis für ihre Sendung, aber ohne Humor.</p>
-
-<p>Faschingszüge sehen einander ähnlich, selbst dann,
-wenn junge Leute ihren Witz auf die verblüffte Menge
-loslassen, die ihren künftigen Ruhm verbrieft in der Rocktasche
-tragen. Aber ein weimarisches Narrenfest hat seine
-geistigen Besonderheiten; denn nicht nur was irdisch und
-schier allzu sterblich ist, sondern auch die ewige Seele der
-Stadt schmunzelte ihr wärmendes Lächeln darüber, wie
-Froriep in violettem Professorentalar mit einer Miene,
-die der Würde der Sache entsprach, das Problem des<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span>
-Schillerschädels aufrollte. Natürlich redete er nicht, damit
-er den Spaß nicht verderbe. Und Goethe, Schiller, Liszt,
-Cranach traten aus den Pforten der historischen Häuser,
-begrüßten mit Humor und Behagen das närrische Treiben
-ihrer Stadt und reihten sich fahrend in den Zug ein. Der
-Genius fehlte bei keinem; er postierte sich hinter jeden auf
-den Wagen.</p>
-
-<p>Gleich beim ersten Halten, dort, wo die Belvedereallee
-in die Marienstraße mündet und um das Liszthaus der
-weiche, grüne Traum weht, der zu klingen anhebt für
-den, der mit der Seele hinhorcht &ndash; gleich beim ersten
-Halten guckte das Schicksal für Jockele dort aus dem
-Fenster.</p>
-
-<p>Liszt schritt durch das eiserne Pförtchen seines Gartens
-&ndash; das lange Totsein hatte ihm nicht geschadet,
-und just so, wie er durch das Gedächtnis der Nachwelt
-wandelt, stand er leibhaftig in ihr und grüßte die Menge
-mit der Feierlichkeit eines frühen Sonntagsmorgens, der
-voll ist von den waldfernen Fanfaren eines Kaisermarsches.</p>
-
-<p>Aber solche Dinge sind vorbereitet, und wer nicht zu
-der staunenden Masse gehört, darf einmal daran vorüberschauen.</p>
-
-<p>In überlegenem Stolze faßt Jugend solcherlei Gelegenheit
-beim Schopfe; denn wer hat eine Ahnung, wie
-putzig und liebenswert die Welt aussieht, wenn sie betrachtet
-wird in rotem Reitrock und Stulpenstiefeln und
-von einer tänzelnden Rappstute herab, die hin und wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-durch die Nüstern bläst und ins Zaumzeug knirscht, als
-wäre sie eins der blanken Sonnenpferde?</p>
-
-<p>Der rote Spitzenreiter hielt just vor dem Fenster, aus
-dem des Herrn Franz Liszt »dreißigjährige« Schaffnerin
-Pauline herausschaute und ihr Glück über das Volk
-lächelte, das draußen ihrem großen Herrn wieder einmal
-Palmen streute. Da ließ sie sich in dankbarer Rührung
-gleich selbst ein bißchen huldigen, und es schien, als sähe
-sie in Augen, die ihr ein helles Hurra von den Steigen
-emporriefen; denn dieser Franz Liszt von heute war bei
-aller Aehnlichkeit und Würde, die ihm ein trefflicher Darsteller
-lieh, doch nur ein Spiel &ndash; sie aber war noch die
-echte, die ihm mit ihren Händen die Nadel in die Krawatte
-gesteckt und die Krücken der Spazierstöcke mit dem seidenen
-Tuche gewischt hatte (wiewohl er keinen je in Gebrauch
-nahm), während er im Vorplatz den Glanzhut auf
-dem Aermel bürstete für den Ausgang&nbsp;…</p>
-
-<p>Wo hat aus einem Blumentopf voll Erde die Sonne
-so strahlende Menschenblüten hervorgelockt wie in
-Weimar?</p>
-
-<p>Wo bescheint die Seele des Himmels die Welt, wie
-in diesen warmen Winkeln zwischen den bemoosten
-Dächern und kleinen Fenstern?</p>
-
-<p>Und wo sonst ist Ewigkeit in so fühlbarem Fluge, daß
-sie sich um die Stirnen schmiegt wie atmender Duft des
-Hochwalds?&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber des Herrn Franz Liszt treues Schlüsselfräulein
-war es nicht, für das Jockele die Raketen seiner Blicke<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span>
-abbrannte. Das Feuerwerk galt dem jungen Mädchen,
-das der Frühling daneben ins Fenster gestellt hatte. Er
-hatte sich da etwas ausgesucht, das im zeitigen Jahre
-schon über und über in Blüte stand, und wollte zeigen,
-daß er auch schon um die Mitte des Hornung, wenn er
-gerade die Stare losgelassen, etwas Rechtschaffenes zuwege
-brächte.</p>
-
-<p>Dieses Dokument seiner königlichen Herrlichkeit hatte
-die Haare voll Sonnenschein auf den Ohren zu goldenen
-Schnecken gedreht. Das ganze Röckchen und die rosa
-Crêpe-de-chine-Bluse steckte voll Frühling. Das silberne
-Glöckchen, das sie an einem Kettlein auf dem Halsausschnitt
-trug, läutete mit inbrünstiger Heftigkeit.</p>
-
-<p>Ohren, Augen und Herzen der tausend Menschen
-ringsum hatten alle Hände voll zu tun, um von dem eben
-begonnenen Ereignisse kein Korn bunten Glücks fallen zu
-lassen. Da wurde aus den Köpfen und Leibern und
-Schellen und Farben und Fahnen und Trompeten ein
-brandendes Meer, das wogte um den Frühling neben
-Paulinen und um Jockele auf der Rappstute als wohlige
-Einsamkeit. Und die zwei Paar blauen Augen fingen
-an, sich über das Meer hinweg zu unterhalten und verstanden
-jedes Wort. Die unter dem Dreimaster standen
-hoch und hell im Tage und taten, als müßten sie zwei
-Löcher in die rosa Bluse brennen. Sie sagten:</p>
-
-<p>»Was bist Du für eine märchensüße, kleine Frühlingsprinzessin!
-Warum hab' ich Dich zuvor nie in Weimar
-gesehen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p>
-
-<p>Da sagten die Augen hinter den blühenden Mandeln:
-»Oh, ich kenn' Dich! Du bist der Maler aus dem Baumwinkel
-am Horn. Was bist Du für ein ranker, feiner
-Junge! Ich habe Dich schon durch die Zaunzinzeln gesehen
-und habe Dich ausgelacht, wie Du auf der Jakobsleiter
-standest. Aber Du nahmst Dich so wichtig, als müßtest Du
-den lieben Gott malen, und sahst mich nicht.«</p>
-
-<p>Weil sie Miene machte, ihm den Mandelbuschen herüberzuwerfen,
-ließ er die Stute ein wenig seitlich treten,
-und er fing den Strauß&nbsp;…</p>
-
-<p>Drüben aus einem Fenster der Kunstschule guckte
-Gwendolin und sah das und sagte zu ihrer Nachbarin:
-»Jakobus Sinsheimer ist dabei, sich wieder zu verheiraten.«</p>
-
-<p>Hinter ihm hatte Liszt indes sein Volk begrüßt, und es
-begann, vorwärtszudrängen. Da legte Jockele die Hand
-an den Hut &ndash; natürlich für den Frühling, und der Frühling
-wedelte mit Herz und Händen. Und Jockele stieß den
-rechten Zeigefinger gegen die Brust und dann dreimal
-deutend halb nach unten gegen das Fenster, und malte mit
-den Augen ein mächtiges Fragezeichen in die Luft.</p>
-
-<p>Der Frühling mit den goldenen Schnecken verstand das
-und geriet in ein beifälliges Nicken: »Ich warte, bis Du
-kommst, und wär' es bis übermorgen!« Und vorn der
-Jockele dachte, er wäre Kapellmeister geworden, und schlug
-mit dem Mandelblütenbusche der Narrenmusik einen flotteren
-Takt in das Blaszeug; denn sein Herz wollte mit
-der Musik Schritt halten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p>
-
-<p>So wurde die Sache, die eben noch feierlich gewesen
-war, lustig. Von oben herab zischten die Papierschlangen,
-wirbelten die zitternden Konfetti, und Weimars Ewigkeit
-schwang sich ein bißchen darüber hinaus aus dem Staube
-und flog an den hohen stillen Fenstern dahin.</p>
-
-<p>Aber schließlich hat ja auch ein Fastnachtszug sein Ziel.
-Es war kurzweilig, die Welt in so feuerroter äußerer und
-innerer Aufmachung zu durchschreiten, aber manchmal
-stahl Jockele sich doch eine Minute aus den vielen, vielen,
-die da an bunten Papierstreifen herumhingen, und drückte
-sie in seiner sattelhohen Einsamkeit voll Inbrunst ans
-Herz, damit sie ganz ihm gehöre.</p>
-
-<p>Darüber fiel ihm ein, welchen Namen die Kleine im
-Liszthause wohl hätte?</p>
-
-<p>Er nannte alle Mädchennamen, aber es wollte keiner
-passen. Er verfaßte in träumendem Reiten durch dies
-Chaos der Lust eine ganze Spalte Familiennachrichten
-und stellte darin Vermutungen auf: himmelblaue über
-Vater, Mutter und Geschwister; gelbe über die Frage, ob
-so etwas Morgenblütiges und voll von Ostertau noch ohne
-Bräutigam wäre; sehr grüne über ihre allgemeinen
-Fähigkeiten zu lieben und über ihre besonderen, ihm die
-Treue zu halten&nbsp;…</p>
-
-<p>Diese peinigten ihn ein wenig, und als er die Läden
-über die Augen schlug, um klarer sehen zu können, stand
-sie noch immer im Fenster des dunkelgelben Eckhauses am
-Park, aber sie hatte nun auch den anderen Buschen Mandelblüten
-verschenkt und hatte in jeder Hand einen langen<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-Stengel Diclytra, die sie in Weimar fliegende Herzen
-nennen, und die vielen, vielen Herzen baumelten über den
-Köpfen der jungen Männer, die unter dem Fenster vorübergingen,
-und jeder konnte eines haben, wenn er gut
-danach hüpfen konnte.</p>
-
-<p>Seit Gwendolin war er dem Gedanken nicht mehr
-nachgegangen, daß ein Frauenherz eine Einrichtung mit
-beliebig auswechselbarer Liebe und Treue sei, und der Sitz
-in dem behaglich knirschenden Sattel wurde ihm unbequem.</p>
-
-<p>Manchmal war es ihm, das Hurrarufen wäre tief, tief
-unter ihm, und die Leute stünden alle auf dem Kopfe und
-schrien ihre Begeisterung über das Straßenpflaster. Zuletzt
-aber setzte sich das ganze Ringsum in ein wohliges
-Schaukeln, und er trieb segelsachte darüberhin in eine pfirsichrote
-Crêpe-de-chine-Beleuchtung.</p>
-
-<p>Als ihm eine schöne Hand am Schillerhause einen
-Becher Sekt in den Sattel reichte, und Schiller unter die
-Menge trat und eine erstaunte Rede hielt, die mit den
-denkwürdig-pathetischen Worten begann: »Was rennt das
-Volk, was wälzt sich hier vom Kaisercafé bis zu mir?«
-tat Jockele, als grüße er mit dem Schaumwein die
-lächelnde Spenderin. Aber er beging damit einen schändlichen
-Verrat und trank auf den Frühling im Liszthause.
-Und darüber kam ihm die Erlösung: der Name Frühling,
-der sich ihm gar nicht so recht an die Lippen legen
-wollte, ward auf einmal zu Minchen Herzlieb, und
-»Hurra Minchen Herzlieb« tirilierte sein Herz, und er<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-brach in göttlicher Gebelaune einen Zweig aus den
-rosa Blüten Minchen Herzliebs und reichte ihn mit dem
-silbernen Becher hinab.</p>
-
-<p>Friedrich von Schiller hatte mittlerweile eine Salve
-knatternder Jamben auf das Volk abgefeuert &ndash; Jockele
-wollte wetten, es wäre ein Akrostichon auf Minchen Herzlieb
-gewesen. Die Sache nahm ihren Lauf: seitdem das
-Mädel einen Namen hatte, kuschte es sich ihm ins Herz
-wie ein Vöglein in sein Nest. Und das Herz war aus
-Mandelblüten.</p>
-
-<p>Während er so dahinritt und immer dachte, es müßte
-nun alle sein, sang er leis und laut in die Musik. Das
-Lied setzte sich nur aus den zwei Worten Minchen und
-Herzlieb zusammen, und es war doch alles darin, was ein
-junger Mann zu einem gewissen Wohlbefinden braucht,
-über das sich die himmlischen Englein wundern müßten,
-wenn sie so etwas schmecken könnten.</p>
-
-<p>Wie er den Zug doch endlich vor den Armbrustsaal in
-der Schützengasse geleitet hatte und den Knecht sah, der dort
-auf die Rappstute wartete, glitt er aus dem Sattel, warf
-dem Jungen die Zügel zu und versickerte in die jubelnde
-Unendlichkeit. Als er drüben wieder herauskam, warf
-er sich in ein Auto, und am Fenster des Liszthauses stand
-Minchen Herzlieb als süße Treuhalterin, hatte die langen
-Stengel mit den vielen, vielen Herzen gar nicht in den
-Händen, sondern biß sich ein wenig leuchtende Verlegenheit
-in die Lippe und dachte: »Teufel, da hab' ich wieder
-mal was angerichtet!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span></p>
-
-<p>Sein Herz schlug wie ein Triangulum, weil er sie noch
-an der gleichen Stelle fand, und er läutete sich gleich mit
-allen Glocken in sie hinein&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Erstens habe ich Dich auf dem drei Stunden langen
-Ritte siebentausendmal ›Du‹ genannt,« jubilierte er, »und
-zweitens ist Fasching, das ist das große Verbrüderungsfest
-der Menschheit &ndash; guten Tag, Minchen Herzlieb!«</p>
-
-<p>Da schlug sie beide Hände vor das Gesicht, und das
-Tirilieren kam auch über sie&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ich heiße ja gar nicht Minchen Herzlieb, ich heiße ja
-Sibylle Bach!«</p>
-
-<p>»Auch ganz schön,« sagte er &ndash; »Sibylle Bach …
-das geht in den Mund wie Knickebein, aber Minchen Herzlieb
-läuft ins Herz wie der blühende Frühling! Guten
-Tag, Minchen Herzlieb! Und nun mach' die Tür auf und
-laß mich hinein!«</p>
-
-<p>Frau Pauline stand zu einem Ausgange gerüstet. Sie
-hatte es aus ihrem ahnungsvollen Frauenherzen heraus
-so eingerichtet und stattete damit einem Manne, der schon
-längst seine ehrsame Mansarde im Himmel bezogen hatte,
-eine liebe Dankesschuld ab.</p>
-
-<p>Dieser Mann war der Großvater Minchen Herzliebs
-und hatte sechzig Jahre zuvor eine blutjunge Geschichte
-mit Paulinen erlebt; das wirkte nun über Zeit und
-Leben hinaus und verschaffte Minchen das Recht, zu festlichen
-Gelegenheiten aus dem Fenster des Liszthauses
-jungen Männern die Köpfe zu verdrehen. Aber es muß
-zu Minchens Ehre gesagt werden, daß sie auch zu anderen<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-Zeiten und Gelegenheiten dieser kurzweiligen Beschäftigung
-nachging.</p>
-
-<p>So oft sie in Paulinens blankes Stübchen trat, in dem
-die weißen Fensterbehänge mit den roten Geranien Feste
-feierten, verfiel die alte Dame zuerst in ein hingebungsvolles
-Schweigen. Minchen Herzlieb verhielt sich dann
-abwartend, bis Tante Pauline mit den Fingern auf der
-Kante des Nähtisches zu trommeln begann. Dieser sanfte
-Wirbel, auf dem ein Dämpfer von sechzig Jahren saß, lief
-immer den gleichen Worten voraus &ndash; »Ja ja, Dein Großvater
-hat mich einmal heiraten wollen, Sibyllchen, aber
-es ist hernach nichts daraus geworden&nbsp;…«</p>
-
-<p>Es ist wahr: die guten Taten der Väter werden an
-den Kindern heimgesucht durch viele Glieder. Jockele
-widmete dem alten Herrn im Himmel ein paar rührende
-Worte des Dankes. Daraus erkannte die greise Schließerin,
-daß der junge Mann, der vorhin so schön zu Roß gesessen,
-auch ein sehr guter Mensch wäre, und sie machte
-sich voll gütigen Verständnisses auf den Weg.</p>
-
-<p>Es war ein so liebes Scheinen in dieser Stube wie in
-den Räumen des Hauses am Buchenwalde zu Ibenheim;
-aus allen Winkeln atmete die alte Zeit, und draußen auf
-der Straße spielte ein sachter Wind Fasching und tanzte
-mit den bunten Konfetti einen altmodischen Walzer.</p>
-
-<p>Minchen Herzlieb fragte Jockele gleich, ob er Tango
-könnte.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er. Aber es fiel ihm ein, daß ein junger
-Mann mit vielen Mädchenbekanntschaften universale<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span>
-Kenntnisse besitzen müsse &ndash; was wissen Sie von Goethe,
-von Wieland, von Wildenbruch, von dem ›Hauptgeschäft‹,
-vom Peneios, von Persephoneia, von Hysterie, von Tango?
-&ndash; Die einzige, die nichts weiter von ihm hatte wissen
-wollen als das Küssen, war Gwendolin. Er hatte ihr längst
-verziehen, daß sie so übel mit ihm verfahren war, und
-manchmal in diesen Winternächten im Baumwinkel waren
-ihm die Lippen im Feuer der Sehnsucht nach ihren verzehrenden
-Küssen heiß geworden.</p>
-
-<p>Viel, viel später dachte er einmal: Es wäre gescheit,
-wenn die jungen Männer auf die ersten Fragen warteten,
-die ihnen von einem Mädchen vorgelegt würden. Diese
-ersten Fragen lassen sie ausfliegen, damit sie ihnen Botschaft
-bringen, wie es in der Welt aussieht, an deren
-Strand sie segeln. Und wer hinhorcht, der weiß, wonach
-diese Tauben vor allem Ausschau halten.</p>
-
-<p>Jetzt aber hatte er zu derlei Betrachtungen keine Zeit.
-Es war ihm schon zur belustigenden Gewißheit geworden,
-daß Minchen Herzlieb gar nicht ahnte, daß er sie
-zur Trägerin eines berühmten Namens gemacht hatte.
-Sie nahm die Herzensgeschichten vergangener Herren nicht
-entfernt so wichtig wie ihre eigenen. Darum sagte er ihr,
-daß sie furchtbar nett aussähe, hütete sich vor dichterischen
-Vergleichen und hielt sich an das Greifbare. Das Sofa
-mit dem Kirschbaumrahmen, durch den sich zierliche Einlagen
-schlängelten, sagte zwar ein verwundertes ›Na!‹;
-denn es war von Tante Pauline her an ruhevollere Behandlung
-gewöhnt, aber es dauerte nicht lange, so war<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-doch wieder nur der kleine fixe Schlag der Pendule
-hörbar, und die Geranien am Fenster waren die
-Fackelträger.</p>
-
-<p>An Gwendolin dachte Jockele nicht, wiewohl sich Minchen
-Herzlieb viel weicher und ergebungsvoller benahm. Die
-Liebesstunden mit Gwendolin waren ein Flammentanz,
-ein Taumel durch alle Brände der Hölle, ein Vergehen in
-feuerroter Seligkeit, waren ein ungeheueres Verschwenden
-gewesen.</p>
-
-<p>Minchen Herzlieb dagegen blieb bei sich selber und verabscheute
-die Tiefen. Sie fiel in ihre Sinne wie die Lerche
-in die jungen Halme, voll Lütütü und hellgrünem
-Pfingsten. Aber in Gwendolin Vogelgesang entluden sich
-alle Mächte <span id="corr205">des Himmels</span> und der Erde. Gwendolin sprang
-in eine Liebesstunde vom Turme &ndash; Minchen Herzlieb
-dachte daran, ob er hernach wohl mit ihr zum Faschingsball
-gehen werde. Wenn er diesen famosen Einfall hatte,
-durfte sie keine Knitter bekommen; denn sie wollte für die
-ganze Welt immer frisch aufgeblüht erscheinen. Dem Gedanken,
-nur <em class="gesperrt">einem</em> zu gefallen, stand sie mit lachendem
-Unverstande gegenüber, aber es war doch eine schauerliche
-Süßigkeit, mit der er über sie kam. Und als er die Perücke
-ganz nebenher in Sicherheit bringen wollte, weil er dachte,
-Minchen Herzlieb wäre so hoch im Himmel, daß sie davon
-nichts merkte, brachte sie durch ihr Lachen die Stimmung
-in ein gefährliches Schwanken.</p>
-
-<p>Dann fielen ein paar Fäden Dämmerung durch die
-Fenster, und draußen in der blauen Küche bekam Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-Pauline Apel einen diskreten Husten und läutete mit zwei
-Tellern Feierabend.</p>
-
-<p>Da machten sie sich fertig und gingen in die Armbrust
-zum Faschingsball, und seit diesem Balle hieß sie in der
-ganzen Stadt Minchen Herzlieb.</p>
-
-<p>Sie blühte auch da unter aller Buntheit hindurch und
-schwamm in Weltfeiertagsfröhlichkeit, aber wenn Jockele
-die vorige Stunde in ihren Augen suchte, stand sie doch
-noch darin. Gwendolin dagegen konnte zwischen zwei
-Minuten eine sternenweite Vergessenheit aufrichten &ndash; die
-Augen, die in der einen gesagt hatten: »Du trinkst mir
-mit Deinen Küssen die Seele aus,« schwuren in der
-nächsten: »Ich kenne diesen Menschen nicht.«</p>
-
-<p>Wenn er mit Minchen Herzlieb tanzte, fiel alle Erdenschwere
-von ihm ab samt Armem Heinrich und Tartarus
-und Huschs Anfällen; denn das Mädchen lag ihm im
-Arme wie eine hineingewehte Blüte; und so führte er sie
-in einer Nachmitternachtsstunde nach Hause. Sie gewährte
-ihm noch eine kleine Nachfeier in der Gartenlaube.
-Der Wind, der durch die Windmühlenstraße am Silberblick
-hinauf in die Felder lief, tat die vorjährigen Blätter der
-Clematis auseinander und wollte ein bißchen gucken,
-konnte aber nichts sehen.</p>
-
-<p>Da vereinbarten sie einen Katerbummel, der so lang
-und leichtsinnig sein sollte wie das schöne Wetter. Er
-dauerte drei Vormittage. Der erste Morgen in den Stadtratstannen
-und Buchfart war ein wenig müde, und Jockele
-war zu Betrachtungen geneigt; der zweite war voll Ueberstrom<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-an Licht und Liebe, und als sie vor der kleinen
-Brunnengruppe des Herkules und Antäos in Belvedere
-standen &ndash; in jenem Gartenteile, in dem der alte Kaiser
-Wilhelm als Prinz von Preußen die Eiche gepflanzt &ndash;
-nahm er sie auf den Arm und trug sie in klingender Siegerfreude
-den Parkweg entlang bis hinab an den Fichtensaum
-im Tale.</p>
-
-<p>Dort lag die Sonne in zehntausend Anemonen und
-Veilchen und hatte sich den Frühling hinbestellt. Da
-spielten sie zu Vieren Küssen.</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit erklangen junge Stimmen auf dem
-Grashange gegenüber, und wie die vier himmelfreudigen
-Spieler die Zweige der Jungfichte auseinanderbogen, sahen
-sie die kleine Prinzessin Sophie und den noch kleineren
-Erbgroßherzog Wilhelm Ernst. Die Kleine kauerte vor
-einer Röhre, die unter dem Parkwege hindurchführte, und
-hatte das Tirilieren wie Minchen Herzlieb; denn Flipp, der
-stichelhaarige Dackel, war von seinem Forschertriebe in die
-Röhre getrieben worden und suchte da nach Wundern.
-Und das Kleine wollte ihn am Schwanze herausziehen.
-Wilhelm Ernst der Jüngere aber hatte sich von einer Parkfrau
-den Rechen geben lassen, der älter war als er selber,
-und versuchte sich damit am Ernste des Lebens.</p>
-
-<p>Da lief die Sonne hin und faßte das Vorfrühlingsidyll
-mit den Fürstenkindern und Flipp dem Dackel in einen
-goldenen Rahmen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Am dritten Tage waren sie in der Fasanerie im
-Webicht. Es waren da schon viele Lichter ausgelöscht in<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-der Welt, und was sich an verfrühten Blumengesichtern
-aus dem vorjährigen Laube hob, hatte die Augen zu, und
-der Wald trauerte um den leuchtenden Irrtum der letzten
-zwei Tage.</p>
-
-<p>Es war wieder Februar geworden.</p>
-
-<p>In der niederen Stube der Fasanerie waren sie allein,
-um sie ein bißchen verblichene Weidmannsfreude des abseitigen
-Jägerhauses an den Wänden &ndash; auf einmal war
-Jockele im Forsthaus an der Hörsel, und das Zinzilein
-stand in der Stube und schaukelte ein kleines Mädchen auf
-dem Arme&nbsp;…</p>
-
-<p>Gott, das Zinzilein! Wo war es gewesen all die
-Zeit her!</p>
-
-<p>Es hatte genau solche goldenen Haare und solche Maifestaugen
-wie Minchen Herzlieb. Aber es war kaum der
-Schule entlaufen, da hatte es schon ausgesehen wie ein
-durchsonntes stilles Waldwasser, aus dem die weißen
-Sterne des Hahnenfußes aufgehen und die silbernen
-Kronen der Teichrosen. Es blühte an ihm alles so von
-innen heraus; wo es seine Augen hatte, ward's hell,
-und wo seine liebe Stimme erklang, ward's warm …
-Nun war ein schlankes, junges Mütterchen aus ihr
-geworden!</p>
-
-<p>Die Sehnsucht faßte Jockele an &ndash; heißer, träumerischer
-Hochsommermittag, in dem alle Düfte Farben bekommen
-und Säulen von Gold in den thüringischen Buchenwäldern
-stehen. Und seine Seele schwamm darin mit
-breiten Schwingen&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span></p>
-
-<p>»Du bist heute langweilig,« sagte Minchen Herzlieb
-und riß ihm einen seiner schönen bunten Flügel aus …
-»Ich gefalle Dir nicht in Blau, gelt?«</p>
-
-<p>»Himmel, es gibt doch auch noch wichtigere Dinge auf
-der Welt als Frauenkleider!«</p>
-
-<p>»Wichtigere Dinge? Wie meinst Du das?« fragte sie
-und wurde steil.</p>
-
-<p>Da sprang draußen eine Stimme auf die Haustürschwelle,
-die packte die Frage Minchens und schnickte sie
-unter den Tisch.</p>
-
-<p>Dann ging die Tür auf&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Da haben wir ihn! Kommen Sie, Husch! … Sie,
-Jakobus Sinsheimer, ich hab' Ihren ›Armen Heinrich‹
-verkauft! Und Sie sitzen mit einer Ihrer zahllosen Bräute
-beim Frühschoppen, den Sie aus einer Ewigkeit in die
-andere verlängern! Reden Sie nicht, ich weiß alles! Diese
-Dame heißt Minchen Herzlieb, und Sie haben sich mit ihr
-im Sattel vor dem Liszthause verheiratet.«</p>
-
-<p>Einen Schwung hatte Gwendolin, einen Schwung
-voller Erlösung und seelenerstürmenden Jubels &ndash; Jockele
-dachte gar nicht mehr an den abgerissenen Flügel, er
-breitete seine Arme weit aus und riß das lange Mädel
-an sein Herz. In sie wurden weder Knitter, noch ging
-daran etwas in Stücke&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Gwendolin, Krone der Weiber, Königin des Himmels
-und der Erde! Gwendolin, Du ungeheures Licht, Du
-Zauberin!« Und dann geriet er über ihre Lippen, und
-die beiden ranken jungen Menschen schossen durcheinander<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-wie zwei Waldbäume und verflochten sich mit Wurzeln
-und Aesten.</p>
-
-<p>Seine dröhnenden Worte hatten in der Küche eingeschlagen.
-Die Wirtin sprang hinein und wollte retten,
-was zu retten wäre. Aber schon in der Türe kriegte sie
-die Verklärung, schrieb unter das Bild in Lebensgröße:
-»Ein Wiedersehen nach langen Jahren« und versank in
-Rührung.</p>
-
-<p>Minchen Herzlieb saß auf einem weißglühenden Stuhle
-und dachte: »Scheidungsgrund!«</p>
-
-<p>Husch war an einen abseitigen Tisch gesunken &ndash; es
-glitt ihr nichts aus den Händen; denn sie hatte sich gehütet,
-etwas zu halten; darum setzte sie sich nun neben das Leben
-und wartete, ob für sie etwas am Rande liegen bliebe.</p>
-
-<p>»So &ndash; nun laß mich los! Mensch, Du bist ja immer
-noch &ndash; waldwild wie damals &ndash; und tollwüchsig &ndash; und
-&ndash;&nbsp;&ndash; Hilfe!! Es sind bloß dreihundert Mark &ndash; Du küßt
-ja für fünfhundert!«</p>
-
-<p>Da wurde Jockele barmherzig, aber er schwur, daß es
-erst hätte angehen sollen.</p>
-
-<p>»Geschenkt! Geschenkt!« keuchte sie.</p>
-
-<p>Da ließ er sie los, und Minchen Herzlieb quittierte ihren
-Aerger und sagte zu Gwendolin: »Ich kenne das!«</p>
-
-<p>»Ach nein? Wirklich?« sagte Gwendolin, aber sie
-tröpfelte ein bißchen Gift darauf. Da merkte das Kleine,
-daß es renommiert hätte, und Gwendolin führte Husch an
-den Tisch, warf ein paar Hände voll Frohmut über sie
-und ließ sich das Hütchen mit der Spielhahnfeder zurechtschieben,<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-das ihr obenauf saß wie ein hingeschmettertes
-Juchtrala.</p>
-
-<p>Minchen Herzlieb konnte inzwischen den Gedanken
-nicht loswerden, die Sache mit dem Armen Heinrich wäre
-nur eine Finte, und die lange Gwendolin hätte den Hieb
-geschlagen, um ihr &ndash; dem Minchen &ndash; eine blutige Abfuhr
-zu bereiten. Darum fragte sie, wo denn das Geld
-wäre, und es entstand eine elektrische Schwüle, die der
-armen Husch auf die Nerven fiel.</p>
-
-<p>Aber Jockele rettete die Situation mit einer Flasche
-Sekt und einem Frühstück. &ndash; Ein Münchener Verleger
-hatte die Zeichnungen für eine neue Uebertragung des
-Gedichts vom Armen Heinrich erstanden, und der Kunsthändler
-hatte dafür &ndash; natürlich samt den vier Tafeln in
-Oel &ndash; den Betrag geboten; die Verhandlungen waren
-zwischen ihm und Gwendolin durch den Draht gepflogen
-worden.</p>
-
-<p>So war alles sternenwunderbar und märchenhaft, und
-ein gewöhnlicher Mensch konnte darüber den Verstand
-verlieren. Jockele aber ging nur über die Baumwipfel
-nach Hause, und Gwendolin scherzte: »Ich wußte, daß ich
-einen schweren Gang tat, darum hab' ich mir die Husch
-mitgenommen.«</p>
-
-<p>Sie spazierten über die Felder und Gleise hinter dem
-Luftbad und setzten Husch an der Schlüpfe im Zaun ab;
-dann ging Gwendolin, die in der Kurthstraße wohnte,
-und die allen Bitten Jockeles, den Umweg über den
-Silberblick zu machen, kein Gehör gab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p>
-
-<p>So lieferte sie ihn Minchen Herzliebs Zorn aus, und
-die knatterte auch gleich los, als hätte es kein Verbrüderungsfest
-auf dem Sofa Paulinens und kein Vorfrühlingsglück
-im Park zu Belvedere gegeben&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er wäre wohl mit allen Mädchen auf Du und Du in
-Weimar? Und ob er sich einbilde, daß sie gerade auf ihn
-gewartet hätte? Und was das für ein unsauberes Küssen
-gewesen wäre mit dieser Gwendolin Vogelgesang &ndash; pfui
-tausend! Und warum er ihr verschwiegen hätte, daß die
-Husch sogar bei ihm im Hause wohne &ndash; oh!</p>
-
-<p>Sie ging mit ihm die Windmühlenstraße hin bis in das
-Wäldchen um Hases Ruhe und hatte sich in eine rauchende,
-allgemein menschliche Entrüstung hineingeredet. Darüber
-konnte er noch lange nicht zu Worte kommen. Zuletzt
-wartete sie mit einem Platzregen von Tränen auf.</p>
-
-<p>Aber Jockele hätte nicht an einer Wegscheide stehen
-dürfen &ndash; wiewohl er sie längst noch nicht klar zu sehen
-vermochte &ndash; und er hätte nicht das schöne fremde Scheinen
-des blauen Geldes ums Herz tragen müssen! Die Rede
-ging Minchen Herzlieb aus dem Munde wie Gift und Oel
-und war voll weiheloser Empörung, aber sie trat keine
-Türen ein.</p>
-
-<p>Sie schritten hundertmal den kleinen Weg durch das
-ausgeholzte Wäldchen, grauer Alltag stand ringsherum,
-und dem Jockele gefror das Herz vor dieser Millionenschablone
-bis auf den Grund.</p>
-
-<p>»Minchen Herzlieb, Du warst eine Faschingsdummheit!«
-sagte er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p>
-
-<p>Darüber verlor sie die schöne Sicherheit, mit der sie
-ihm den Tisch voll bittere Mandeln getragen hatte, und
-die Sache bekam eine neue Wendung; denn Minchen befand
-sich nicht zum ersten Male in solcher Lage, aber vordem
-hatte so etwas wenigstens drei Wochen gedauert, nun
-war es gar auf drei Tage zusammengeschrumpft.</p>
-
-<p>Und sie verfiel in eine grausame Selbstquälerei …
-»Warum bist Du erst gekommen, wenn Du mich nicht liebgehabt
-hast?«</p>
-
-<p>»Natürlich hab ich Dich liebgehabt.«</p>
-
-<p>»Gehabt!«</p>
-
-<p>Er zog die Achseln und redete wie aus tausendjähriger
-Erfahrung: »Es steht schlimm um die meisten Mädchen &ndash;
-entweder können sie das Feuer nicht anblasen, oder sie
-können es nicht unterhalten.«</p>
-
-<p>»Anblasen …,« sagte sie schokiert.</p>
-
-<p>»Oh, anblasen kannst Du, aber es fehlt das Oel auf der
-Lampe. Ihr habt die pudelnärrische Ansicht, ein Mann sei
-ein Ding wie ein Spiegel, der Ja sagt, so oft ihr hineinguckt.
-Der Spiegel gehorcht sieben Jahre, der Mann ist
-des Schauspiels am siebenten Tage müde&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie bekam das Zittern ins Herz und schwur sich, sie
-wollte zuhören bis zum Abend. Das ›Oel auf der Lampe‹
-quälte sie &ndash;&nbsp;&ndash; wenn man einen Mund hat so voller
-Blühen und den besten Willen zum Küssen und siebzehn
-Blusen und vier Kostüme und drei Kästen bunte
-Schleifen … ist das kein Oel? Aber sie sagte das nicht,
-sondern wartete, was er meinte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p>
-
-<p>Die Stunden in diesem Wäldchen vor dem Südtore
-der Stadt gehörten zu denen, die in seinem Leben stehenblieben
-&ndash; nicht, weil er da zwei Tage einer Liebe begrub,
-die vormärzlich und sonnenfieberisch gewesen war, und die
-ihn betrogen hatte, sondern weil er in diesen Stunden in
-die Tiefen des wilden Jahres schritt, in denen ihn das
-Leben jählings zerriß.</p>
-
-<p>Die stille und klare Feierlichkeit des Hauses am Buchenwalde
-schien aus Fernen in sein Herz, die er verloren gab.
-Aber das Licht von den ersten Blumensteigen des Daseins
-leuchtet bis auf die andere Seite, und kein Leben kommt
-darüber hinweg.</p>
-
-<p>Nun erfüllte das leidsüchtige Wesen der Husch sein
-Schaffen&nbsp;…</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus hatte den Finger gehoben &ndash; er verstand
-ihn nicht. Und nun hatte er sein Herz an ein
-junges Gesicht vertrödelt, weil es lustig lachen konnte!
-Dies Herz hatte Sehnsucht nach einer kindhaften Fröhlichkeit
-gehabt, wie sie das Zinzilein ausgestrahlt hatte. Aber
-nach drei Tagen war der perlende Trunk abgestanden, und
-Huschs Veilchenstille, die an dem bißchen Schimmer blühte,
-der in die Winkel fiel &ndash; ach nein, die lockte ihn nicht, aber
-er war ihr dankbar.</p>
-
-<p>So vergrübelte er sich und lief seiner Sehnsucht nach,
-und Minchen Herzlieb war ihm ganz aus den Gedanken
-gekommen. Da fing sie ihn sich wieder&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ach ja,« sagte er, »ich glaube, die meisten von Euch
-halten die Männer für Narren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span></p>
-
-<p>»Vielleicht haben wir ein Recht dazu,« sagte sie
-schnippisch.</p>
-
-<p>»Ihr macht Euch zu Blumen fürs Knopfloch. Es fehlt
-das eine, das nottut.«</p>
-
-<p>Damit hatte er einen großen Stein vor sich auf den
-Weg gewälzt und mühte sich eine lange Rede hindurch
-damit herum. Er sprach von breiter, schöner Menschlichkeit,
-in die ein Mädchen schon hineinwachsen müßte, während
-der junge Mann auf dem Bauplatze für seinen künftigen
-Beruf Kärrnerarbeit verrichtet. Er redete von früherwachender
-Sinnlichkeit, die in Putzsucht geriete und zu
-der jämmerlichen Frauenhalbheit führe, die ebenso arrogant
-wie unfruchtbar wäre. Aber der Stein im Wege
-wollte nicht weichen, und der Herr Jakobus Sinsheimer,
-der sich so männlich-kraftvoll gebärdete, schritt doch immer
-nur mit einer mehr oder weniger höflichen Verbeugung
-um ihn herum.</p>
-
-<p>Das merkte Minchen Herzlieb natürlich und sagte: »Du
-hast da eine wirre Sache auf mich losgelassen, mit der Du
-selbst nichts anzufangen weißt! Wenn Du mich wieder
-einmal sehen willst, so wirst Du mich ja wohl finden. Jetzt
-geh ich nach Hause; denn ich habe Hunger.«</p>
-
-<p>Und das war eine ganz vernünftige Lösung. Der
-Glaube an ihre brauchbare Art war ihr nicht erschüttert
-worden &ndash; warum auch?</p>
-
-<p>Sie ahnte, daß es in einem jungen Künstlerherzen so
-aussehen könnte. Es war das etwas anderes als bei
-einem Menschen, der mit dem Reisekoffer hineinfährt ins<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-Leben, den ihm die Alten daheim gepackt haben. Aber
-die Verwirrung, die Jockele angerichtet hatte, blieb auch
-für sie undurchsichtig. Es kam ihr vor, als hätte sie sich an
-den Rand eines Abgrunds gewagt, an dem nicht spazieren
-zu gehen war nach der Mädchenweise:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Hüpft's Herz hinterm Mieder,<br /></span>
-<span class="i0">Wird's inwendig heiß.<br /></span>
-<span class="i0">Und Küsse sind Lieder,<br /></span>
-<span class="i0">Die man auswendig weiß.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Schon der Wanderweg durch das Webicht und das
-Wäldchen um Hases Ruhe war eine Strapaze gewesen,
-wie jene Viertelstunde auf dem Pferde, auf dem sie einmal
-im Zuckeltrab über einen Acker geritten war. Aber
-für solche Reisen ins Land der Liebe dankte sie ein- für
-allemal &ndash; dieser Jockele hatte zuletzt Dinge geredet, die
-genau so aussahen, als mute er seinem Mädchen zu, daß
-es ihm im Kampfe gegen das Leben beistehen sollte …
-Dabei packte er dies Leben an ganz anderen Zipfeln an
-und tat, als ob es sich nach der zufriedenen und hergebrachten
-Art nicht anständig leben ließe. Er hatte seine
-Augen immer in Gegenden, in denen die netten Kleider
-und die tausend interessanten Dinge, die in der Stadt
-passieren, gar keiner Rede wert waren.</p>
-
-<p>So dachte sie sich in eine lustig-wehmütige Befreiung
-hinein und daß sie nachmittags zur Anprobe bestellt wäre.</p>
-
-<p>Für Jockele war sie Vergangenheit geworden. In
-tiefer Dankbarkeit gegen diesen Tag ging er hin und kaufte
-einen silbernen Armring. Den brachte er Husch mit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span></p>
-
-<p>Es war ein unbändiger Drang zur Klarheit in ihm.
-Er hatte mit Husch nie ein Wort von Liebe gesprochen,
-nie ein Wort über Gwendolin und Minchen Herzlieb. Das
-Gefühl, daß er ihr wunderlich ergebungsvolles Herz
-schonen müßte, hatte ihn gegen seine Art verschwiegen gemacht.
-Aber nun waren die Mädchen zu dritt um ihn
-gewesen, und die Freundschaft hatte die Liebe in der
-Narrenkappe aus dem Lande gejagt.</p>
-
-<p>An diesem Tag schloß er Husch alle Türen und Fenster
-seines Herzens auf. Wenn einmal die Unordnung über
-ihn hereinbrach, daß er aus dem Hause floh &ndash; Huschs
-Hände vermochten Wunder zu tun; und so oft er heimkam,
-umarmte ihn wieder die liebe Stille und sonnige
-Sauberkeit. Sie sollte ihm auch über sein ungeratenes
-Herz hinweghelfen.</p>
-
-<p>Es war ihm nicht katerjämmerlich zumute, aber er
-fühlte, daß er sich eine moralische Schlappe beigebracht
-hatte, und litt wieder einmal an sich selbst. Doch ging er
-aufrecht in der Kraft, die im Haus am Walde von Tante
-Veronikas Treue in heiliger Bewußtheit in ihn gepflanzt
-war, und sagte: »Wie kann sich ein so langer und tapferer
-Mensch so verplempern!«</p>
-
-<p>Er ließ Wind und Feldfrische durch sein Herz laufen,
-atmete über dem großen Lüftungsfeste auf und sagte: »Es
-ist nicht zu glauben, wie einem ein so kleines, blankes
-Mädel das Haus verstauben kann!«</p>
-
-<p>Darüber mußte auch Husch lachen. Sie teilte sich ihr bißchen
-laute Freude ein und lachte in jedem Monat einmal.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p>
-
-<p>Erst hatte sie gedacht, dem Minchen wäre die alleswissende
-Gwendolin im Wege gewesen, und es hätte deshalb
-ein Zerwürfnis gegeben, das sie schon auf dem Heimgang
-ahnte, und sie war froh, daß sie nicht dabei zu sein
-brauchte. Nun erkannte sie aber: das war es nicht, und
-wunderte sich über die Maßen, daß er des frischen
-Mädchens mit den trällernden Augen so bald überdrüssig
-geworden war.</p>
-
-<p>Er wunderte sich darüber eigentlich auch und deutete
-vor Husch immer wieder in grausamer Selbstentblößung
-auf den ›langen und tapferen Menschen‹, der so eigenwillig
-in seinem Schaffen und seinen Tagen stand und
-doch immer so auf das erste beste hinliebte, was ihm den
-Weg kreuzte.</p>
-
-<p>Gleich Maria Reh, die eine kleine Ewigkeit älter war
-als er, war keine glückliche Wahl gewesen. Und so
-weiter. Aber zuletzt erteilte er seinem irrenden Herzen
-in Husch's Beisein eine lustige Generalabsolution und fand
-für jeden Irrtum eine Entschuldigung: Maria Reh war
-schon damals voll schöner Sommerreife gewesen, die
-nun in Ausdehnungen und Behaglichkeit hineinwuchs;
-Gwendolin hatte Stunden, in denen sie den lieben Gott
-besiegen konnte, aber sie litt an kurzem Gedächtnis; vor
-Erika Flucht war er nur bis zu einer dankerfüllten Verehrung
-gelangt &ndash; sie suchte nach Blumen auf späteren
-Feldern und liebte bis auf weiteres über das Zeitliche
-dahin. Aber sie hatte ihn doch ein großes Stück Weges
-geführt&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p>
-
-<p>So stellte er jede, die zu dem Kapitel ›Jockele und die
-Mädchen‹ gehörte, an diesem Nachmittag in dem kleinen
-Haus im Pflaumenwinkel auf. &ndash; Doris Rinkhaus kam
-zuletzt und weitab von den anderen. Er sagte außer
-ihrem Namen kein Wort von ihr; denn er wußte: er hätte
-Husch an das Geranienfenster Paulinens im Liszthaus
-setzen können, während er mit Minchen Herzlieb das
-Verbrüderungsfest feierte &ndash; Husch hätte ihn deshalb nicht
-scheel angesehen; aber sie geriet an die Qualen des
-höllischen Feuers, wenn das Bild der blonden Doris in
-die Zweieinsamkeit ihres Hauses trat, und sie gönnte ihren
-Augen nicht, daß sie eine Studie Jockeles betrachtete.
-Darum: als die Reihe an Doris Rinkhaus kam, entwischte
-Husch mit ihm in die ferne, ferne Zeit und leitete ihn zu
-klugen und besinnlichen Reden über die Mädchen des
-Frühlingshauses.</p>
-
-<p>Dabei merkte er, daß Tante Veronika über alle hinwegschien
-&ndash; heller, als er den lieben Glanz empfunden
-hatte, wie er noch mitten darin stand. Und sie wurden
-lustig an dem Mädchen Mali, die es fertig gebracht
-hatte, mit ihrem Singen alles in ewigkeitstiefe Abgründe
-zu schlagen, was ihm an Klängen in sein jauchzendes
-Zigeunerherz hineingeboren war.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Doris Rinkhaus war er seit Tagen ganz aus den Händen
-gefallen. Er hatte sie nicht mehr gesehen seit jener
-Stunde, in der sie ihn fragte: »Wo haben Sie Ihre waldwüchsige
-Zigeunergesundheit hingebracht?«</p>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p>
-
-<p>Aber das war schon immer so gewesen. Sie drängte
-sich nicht in seine Angelegenheiten und war immer ganz
-unsichtbar, wenn er sein Herz auf Abenteuer schickte. Es
-war, als hätten sie drüben im Gartenhaus ein Barometer,
-das den Druck der Atmosphäre auf dies Herz mit verräterischer
-Genauigkeit anzeigte. Doris Rinkhaus schloß
-beide Augen, wenn sie merkte, daß er wieder einmal in
-eine blutjunge Geschichte hineinsegelte, aus der er sich doch
-alsbald rettete.</p>
-
-<p>So behütete sie ihn, daß er vor ihr rot werden mußte.
-Auch den Faschingsritt hatte sie mit einem lachenden und
-einem trauernden Auge betrachtet &ndash; solche Dinge lagen
-ihr nun einmal nicht.</p>
-
-<p>Im Sommer, wenn sie beide von der gleichen Stille
-der Baumwinkel eingesponnen wurden, hingen sie an den
-goldgeschmiedeten Lichtketten, die im Schattengarten
-umherlagen. Aber nun plätscherte ein langweiliger
-Februarregen in die Welt, und Maria Reh hatte aus
-der Stadt mitgebracht: Jakobus Sinsheimer wäre von
-der kleinen Person am Silberblick festgenommen worden.</p>
-
-<p>Er selbst saß drüben in schöner Ahnungslosigkeit und
-dachte: es wäre fein, daß von dieser dreitägigen Haft
-nichts ruchbar geworden.</p>
-
-<p>»Ich begreife Dich nicht,« sagte Maria Reh zu Do &ndash;
-»wie kannst Du darüber so vergnügt sein?«</p>
-
-<p>»Du tust ja, als wärest Du mit ihm verheiratet!«
-lachte Do. »So hol' ihn herüber und laß ihn die Mädchen
-abschwören für alle Zeiten! Warum willst Du nun gerade<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-diesen hübschen, langen Bengel zu einem Mönch machen?
-Na, und daß er nicht mehr in Dich versunken ist wie im
-Ibenheimer Waldmärchen &ndash; das sollte Dich doch nicht zur
-Beschließerin seines Herzens machen!«</p>
-
-<p>Maria Reh kannte diese Reden. Sie waren die Vorläufer
-langer und schweigender Stunden, über die sie sich
-oft recht mühsam wieder zueinander fanden: »Du bist
-es dem Vertrauen der alten Dame schuldig, daß Du mal
-zu einem kleinen Familienrat reisest.«</p>
-
-<p>Aber damit war sie gründlich abgefallen, und seitdem
-bekam sie verzweifelte Augen von diesem Liberalismus
-artigen Frauentums und knurrte sich in ein rebellisches
-Kopfschütteln über verrückte Erziehung hinein.</p>
-
-<p>Einmal um diese Zeit griff sie sich Gwendolin und
-hatte eine lange, eindringliche Parkwanderung mit ihr.
-Der Regen war fort, ein kalter Nebel reifte durch die
-Bäume und strickte Netze aus Silber. Die Ilm rauchte,
-und die Baumläufer eilten geschäftig pochend über die
-alten Stämme und hatten ihre liebe Not, daß der Frühling
-unter dem weißen Glanze nicht wieder einschliefe.</p>
-
-<p>Auf der Schunkelbrücke bei der Pappfabrik, als die
-Mädchen zur Belvederer Allee hinübersteuerten, wurde
-Gwendolin von ausgelassener Lustigkeit an Maria Rehs
-komischer Sorge &ndash; die Geschichte mit Minchen Herzlieb
-wäre ja nur eine kurze Novelle gewesen mit dem Titel
-›Zwei glückliche Tage‹, und die Sache hätte mit dem Lustspiel
-eine verblüffende Aehnlichkeit: der erste Tag glücklich,
-weil er sie hatte, der zweite, weil er sie los wurde! Es<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span>
-wäre ein Lustspiel, das diese Sorte Mädchen in jedem
-Monat einmal als Heldinnen durchlebte!</p>
-
-<p>Da geriet Maria Reh in harte Bedrängnis, rettete
-sich hinter Tante Veronika und tat, als wäre sie von ihr
-als Agentin der Sittenpolizei eingesetzt.</p>
-
-<p>Aber Gwendolin ließ dafür ein verständnisloses und
-erschütterndes Lachen auf sie los.</p>
-
-<p>Auf dem Heimweg ging Maria den Philosophenweg
-entlang durch die Kiefern nach dem Walle des alten
-Schießstandes und kämpfte dabei einen harten Kampf
-ums Recht. Weil sie erkannte, daß sie in dieser Gefahr
-für Jockele ganz allein sehende Augen behalten hätte und
-am Ausgange der Dinge triumphieren wollte, beschloß
-sie ein Tagebuch. Darin wollte sie sich alle Bitternis über
-den leichtsinnigen Verkehr Jockeles und die noch viel
-leichtsinnigere Beurteilung durch Doris Rinkhaus vom
-Herzen schreiben. Sie machte sich auch gleich einen Plan.
-Es sollte ausgiebig von Erziehung und Vererbung darin
-die Rede sein und von den Gefahren, die mütterliche
-Nachsicht über einen Menschen bringen könne. Und zuletzt
-&ndash; zuletzt würden die denkwürdigen Worte stehen: »Das
-war das Ende: es ist gekommen, wie ich vorausgesehen
-habe! Ein leuchtendes Talent ist zerbrochen am Zigeunertume
-des Herzens.«</p>
-
-<p>So war Maria Reh durch eine närrische Rechthaberei
-viel zu früh auf den Distelrain der Altjüngferlichkeit gedrängt
-worden. Sie verfiel von Stund an in eine selbstquälerische
-Wachsamkeit. Und weil sie sich vor Doris<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-Rinkhaus nicht verbergen konnte und doch vor Fragen
-verschont bleiben wollte, sagte sie ihr, was sie vorhätte.
-Aber sie stellte es so dar, als ob es sich um die Niederschrift
-von Erinnerungen aus dem Baumgarten handelte,
-die sie zur leidlich nutzbringenden Anwendung der langen
-Abende ersonnen habe.</p>
-
-<p>So oft Doris Rinkhaus die emsige Feder über das
-Papier knirschen hörte, saß sie ohne die leiseste Anwandlung
-von Neugier über ihren Büchern. Sie dachte
-sich eine Darstellung der kleinen Ereignisse durch Maria
-Reh nicht sehr interessant; denn es fehlte der Scheinwerfer
-einer rotblütigen Lebensauffassung und rassiger Freude
-am Dasein.</p>
-
-<p>Sie kamen darüber aber doch nicht selten ins
-Scherzen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wo stehst Du jetzt?« fragte Do.</p>
-
-<p>»Immer noch beim Sommer in Ibenheim!«</p>
-
-<p>»Du bist ausführlich, Maria! Vergiß die Geschichte
-mit dem Druckknopf nicht &ndash; sie ist lehrreich.«</p>
-
-<p>»Wie meinst Du das?«</p>
-
-<p>»Nun, wenn Du mal Großtante geworden bist, so läßt
-sich dann durch Deinen verblühten Mund eine weise Nutzanwendung
-machen, etwa mit der Ueberschrift ›von der
-Niedertracht der leblosen Dinge‹.«</p>
-
-<p>Aber sie war noch gar nicht bei dem Sommer in Ibenheim
-&ndash; die Zigeunergeschichte und das romantische
-Sterben von Jockeles Mutter, die Gartenhütte mit der
-aufgehängten Weltkugel, das Zinzilein, das gemalte<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-Schmetterlingsbuch, Tante Veronika &ndash;&nbsp;&ndash; sie schätzte den
-Umfang auf drei dicke Bände. Und es war mühevoll, sich
-in die Seele eines Jungen hineinzudenken. Ueber die
-erste Schwärmerei, in der sie selbst doch mittendrein gestanden
-hatte, schrieb sie sich ein lästerliches Kopfweh.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nach dem Fasching, als Jockele dachte, er stünde längst
-wieder in schöner Sicherheit auf sich selbst, war er in
-erhöhtem Grade der Gegenstand des Interesses aller Malmädchen
-geworden. Es war, als hätten sie ihn über dem
-heimlichen Gelöbnis belauscht, das er sich auf einsamer
-Wanderung durch die märzlichen Felder gegeben: auf
-Dreitagemädchen sein Herz nicht mehr hinfliegen zu lassen.</p>
-
-<p>Das kam daher, daß Jockele die wahre Größe seines
-Ruhms nicht ahnte &ndash;&nbsp;&ndash; Spitzenreiter! Es war kein
-Mädchen in Weimar, das nicht mindestens eine Handvoll
-verliebter Konfetti oder zwei Augen voll Wohlgefallen
-über ihn gewirbelt hatte! Dazu Husch, das hysterische
-Modell. Es ging die Sage, der Arme Heinrich sei dem
-Jockele auf dem Hainturm eingefallen, und zur selbigen
-Stunde hätte die Husch im Gartenhaus am Horn schon
-einen verzückten Leidrausch bekommen&nbsp;…</p>
-
-<p>Die Phantasie ist das letzte Wunder, das der liebe
-Gott den Menschen gelassen hat, damit sie nicht voll Mißvergnügen
-an seiner Schöpfung werden. Wo sie ahnen,
-weil sie nicht wissen können, geben sie sich damit eine
-Zaubervorstellung.</p>
-
-<p>Auch waren auf dem Wege durch die Menschen aus
-den dreihundert Mark für den Armen Heinrich dreitausend<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span>
-geworden. »Dreihundert, dreihundert!« riefen die Besonnenen,
-aber sie erschauerten dennoch bis ins Herz
-hinein vor dem großen Lichte, das an dem Künstlerhimmel
-im Aufgehen war.</p>
-
-<p>Während sich die anderen noch schülermäßig in der
-Aktklasse mühten, warf er in der Einsamkeit seines
-Gartenhauses einen unerhörten Glanz in sein Modell
-und tat Wunder. Er hatte Minchen Herzlieb an
-der Straße stehen gelassen wie ein Gänseblümchen &ndash;
-aber was wollte dies alles besagen gegen das siebenfache
-Mirakel: die schöne, klare Doris Rinkhaus liebte ihn! Die
-Millionenerbin den Zigeunerjungen! Und sein wildes,
-geniales, strahlendes Wesen stürmte über sie hinweg und
-sah sie nicht! &ndash; So redeten die Leute in Weimar von
-ihm, und was zwischen diese leuchtenden Fäden hineingesponnen
-wurde, war nicht minder bunt und unterhaltsam.
-Und alles fand seine Bestätigung darin, daß just in
-dieser wundertätigen Zeit Jockele weniger denn je unter
-die Menschen ging. Er schwebte im Baumwinkel auf der
-Leiter und steckte bis über die Ohren im Tartarus. Wer
-neugierig war und auf dem hohen Wall des alten Schießstandes
-dahinwandelte, konnte ihn sehen.</p>
-
-<p>Einmal kam Maria Reh aus der Akademie, warf die
-Lippen und erzählte Do: die Leute wüßten, daß sie an
-einer himmlischen Liebe zu Jo litte, die sich aber gar sehr
-nach Erde sehne&nbsp;…</p>
-
-<p>Maria Reh spazierte also emsig vorwärts auf dem
-Distelraine, nahm zu an ofenhafter Ausdehnung und<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-hatte sich schon in eine rechtschaffene Verbitterung hineingeschrieben.</p>
-
-<p>»Eigentlich müßtest Du vor Vergnügen über diesen
-Klatsch wieder das springseilhüpfende Jungsein kriegen,«
-lachte Do, und sie lachte so lange, bis sie auch Maria Reh
-von der angenommenen Entrüstung geholfen hatte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Weimar hing nun ganz von Maienseligkeit &ndash; jawohl,
-auch der Frühling ist in Weimar voll inbrünstigerem
-Glück als anderswo; denn es rauschen die hellen Ewigkeiten
-darin um die klingenden Tore der Stadt.</p>
-
-<p>Jockele wurde von Grün und Blühen in seliger Vergessenheit
-gefangen. Die Blüten fielen, und die große
-Gruppe aus dem Tartarus ward fertig.</p>
-
-<p>Do, die oft einmal in den Baumwinkel gekommen war,
-wurde immer schweigsamer, und auch Maria Reh war
-nur mäßig beglückt.</p>
-
-<p>»Er hat sich da an eine Sache gewagt, die noch über
-seine Kraft geht,« sagte sie eines Tages zu Doris Rinkhaus.</p>
-
-<p>»Das wird ihm noch oft passieren,« sagte Do. Es klang
-hart und mitleidlos; und gleich darauf kam Jo selber und
-setzte sich zu den Mädchen an den Gartentisch. Er war
-versonnen und ließ seine Augen über die hohen Kastanienwipfel
-gehen &ndash; er hatte sich den Tag, an dem er die letzten
-Farbentupfen in das Bild setzte, anders gedacht. Maria
-Reh hatte sich fertig gemacht zu einem Ausgang&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Kommen Sie mit &ndash; wir wollen Jakobus Sinsheimer
-suchen!« lachte sie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p>
-
-<p>Da lehnten sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gegen
-die Hauswand und gingen zu dritt in die Felder und
-redeten immerfort von dem Bilde. Do sagte:</p>
-
-<p>»Es ist äußerlich geblieben im Empfinden. Sie sind
-über das hysterische Mädchen dazu gekommen; aber Ihre
-gesunde Art hat sich zuletzt nicht unterkriegen lassen &ndash;
-das ist es!«</p>
-
-<p>Genau so hatte Do über den Armen Heinrich geurteilt,
-der ihm seinen ersten Ruhm eingetragen. Aber nun stand
-er doch mit gebrochenen Flügeln vor Do, und Marias
-scheue Zugeknöpftheit quälte ihn. Langsam fing er wieder
-an zu leuchten, und abends brachten sie ihn frohmütiger
-und mit neuen Plänen heim: er wollte die Tiefen und
-Schründe übermalen, die Figuren mit strahlendem Himmel
-umhängen und sie auf die Spitze eines Berges stellen,
-der im letzten Scheine des Abends lag. Dann sollte das
-Bild ›Schmerz‹ heißen.</p>
-
-<p>Do hatte ihre Einwände; aber er ließ sie nicht an sich
-kommen, und die nächsten Tage fanden ihn wieder im
-Baumwinkel. Er legte Himmel über die Felsen; die
-Figuren blieben in ihrer Stellung, aber er verlieh den
-Gesichtern die stille Erhabenheit des Leides, das in die
-Nachbarschaft Gottes führt. Aus treibenden Wolken stieg
-ein umglühter Bergkegel hervor, wo zuerst die Abgründe
-des Tartarus gegähnt hatten.</p>
-
-<p>Aber das selige Leuchten, das er in seinen Träumen
-gehabt, verlor sich dennoch über allem und ward
-Finsternis.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p>
-
-<p>Als er am vierten Abende mit Do und Maria vor
-dem Bilde stand, die in diesen Tagen nicht gekommen
-waren, weil er sie darum gebeten hatte, legte sich ein
-schweres Schweigen auf ihn und die Mädchen. Das zerriß
-er mit einem gellen Auflachen; dann rannte er in den
-Schuppen und stürzte mit einem hocherhobenen Grabscheit
-heraus und schlug blindwütig auf die Leinwand ein, bis
-sie in bunten Fetzen herumlag, und der Rahmen krachend
-zusammensank.</p>
-
-<p>Husch hörte im Hause das wilde Schlagen und Knattern
-des Holzes.</p>
-
-<p>Sie stürzte heraus und warf sich über die Trümmer
-und achtete des niedersausenden Spatens nicht.</p>
-
-<p>Darüber kam er zu sich, und er sah sie vor dem Haufen
-Fetzen knien, wie sie Doris Rinkhaus anstarrte.</p>
-
-<p>Da schleuderte er das Grabscheit fort und lief in
-das Haus.</p>
-
-<p>Husch aber schritt auf Do zu, die vor Maria stand, und
-streckte ihre Arme aus und war anzusehen, als käme sie
-aus dem Grabe.</p>
-
-<p>»Sie sind es gewesen!« schrie sie Do ins Gesicht &ndash;
-»Sie haben ihn so von sich gebracht! Nun ist er wahnsinnig
-geworden.«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; <em class="gesperrt">Sie</em> sind es gewesen!« sagte Do, und ihre
-Stimme zitterte zum ersten Male. Sie wandte sich ab
-und wollte zu Jakobus gehen und mit ihm reden. Aber
-Husch kam ihr zuvor und warf sich mit heiserem Schrei auf
-die Schwelle.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span></p>
-
-<p>Da trat Jakobus heraus und gebot ihr, stille zu sein,
-und trug sie auf seinen Armen hinein. Er hatte Do und
-Maria einen Wink gegeben, daß sie in ihr Haus gehen
-sollten, er wollte später hinüberkommen.</p>
-
-<p>Wie er Husch zu Bette gelegt hatte, schlug ein grimmiges
-Lachen aus ihm &ndash; zwanzigmal hatte er sie nun
-so auf sein Lager geschleppt und war voll Erbarmen mit
-ihr gewesen … nun dachte er, er hätte sich von ihrer
-krankhaften Art niedertreten lassen und hätte diese Wochen
-jauchzenden Mühens verloren wegen ihr. Und hätte sich
-selbst verloren.</p>
-
-<p>Da warf er den Malkittel ab und ging hinüber in das
-Gartenhaus. Er hatte sich wieder fest in den Händen.
-Maria Reh war in das Nebenzimmer geflohen, als sie
-ihn kommen hörte.</p>
-
-<p>»Es ist gut,« sagte er, »ich bin froh, daß ich so rasch
-gewesen bin!«</p>
-
-<p>»Ich auch!« sagte Do. »Es war eine wilde Geschichte,
-aber es war ein kurzes Leid. Sie müssen nun zusehen,
-daß Sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ auch in Ihrem
-Kopfe zerschlagen können! Reisen Sie mit mir nach
-Ibenheim &ndash; mit mir ganz allein?«</p>
-
-<p>»Wann?«</p>
-
-<p>»Morgen?«</p>
-
-<p>»Heut abend wäre es noch besser.«</p>
-
-<p>»So reisen wir heute abend. Wie steht es mit Husch?«</p>
-
-<p>»Sie schläft,« sagte Jo. »Aber diesmal ist es zu Ende
-zwischen mir und ihr! Wo ist Fräulein Reh?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span></p>
-
-<p>Da rief Do Maria herein&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Bitte, gehen Sie zu Husch's Mutter,« sagte er, »und
-bringen Sie ihr diese fünfzig Mark. Ich kann das Mädchen
-nicht mehr um mich haben &ndash; ich kann nicht! Sie wissen,
-was Sie der Frau sagen werden. Und wenn Sie mehr
-Geld braucht, so soll sie später zu mir kommen, ich will
-ihr geben, was mir möglich ist; denn Husch ist leidender
-geworden durch mich, viel leidender. Ich hätte sie mehr
-schonen sollen.«</p>
-
-<p>»Noch mehr?« fragte Do. »Sie hätten sie nach dem
-Armen Heinrich abschaffen müssen.«</p>
-
-<p>In Maria Reh aber ging eine ungeheure Fülle von
-Lichtern an &ndash; es waren ihrer so viele, daß sie geblendet
-dazwischen umhertappte.</p>
-
-<p>Zuerst wollte sie erkennen, daß Do nun doch an der
-himmlischen Liebe litte, die sie als einfältige Dichtung
-der Menschen belacht hatte. War Do in gut gespielter
-Gefrorenheit all die Zeit her nur zur Seite gestanden voll
-Erwartung, daß die Stunde ja kommen müßte, in der
-ihr diese ringende Jugend in die Hände fiel? Hatte man
-sie mit der Sendung zu Husch's Mutter betraut, damit
-die beiden schon bei den Vorbereitungen zur Reise unbeobachtet
-wären?</p>
-
-<p>Es schoß Licht in rasenden Pfeilen um sie her und
-wurde doch nur langsam Tag.</p>
-
-<p>Aber zuletzt ärgerte sie sich über ihr verwinkeltes Herz
-und begriff die Stunde als einen Sieg ihrer längst gehegten
-Ueberzeugungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span></p>
-
-<p>Jockele ging hinüber, um sich zu der schnellen Abfahrt
-zu bereiten. Er traf Husch in den Tiefen ihres krankhaften
-Schlafes. Und als er so alle Dinge zusammenwarf, die
-er mitnehmen wollte, ward ihm doch bange vor der Zeit, in
-der ihre ordnenden Hände und ihre sorgende Stille nicht
-mehr um ihn wären. Einmal hatte sie gesagt, sie würde
-sich in den Tod hinüberschlafen, wenn er sie fortschickte&nbsp;…</p>
-
-<p>Daran dachte er nun und sah immer einmal zu der
-Türe nach dem Kämmerchen; denn es war ihm, als müßte
-sie mit entgeisterten Augen und halb erstarrten Gliedern
-hereintreten und ihn fragen: »Was willst Du mit mir
-und Dir beginnen?«</p>
-
-<p>Aber sie kam nicht, und er ging zu Maria Reh und
-sagte ihr, ob es nicht besser wäre, man ließe sie noch ein
-paar Tage kommen. Dann würde sie fragen, wo er hingegangen
-sei und was überhaupt geschehen wäre, und
-Maria Reh sollte in Ruhe mit ihr reden. Da wehrten
-die Mädchen beide ab und wunderten sich über die Macht,
-die dies krankhafte Wesen bis zuletzt über seine Kraft und
-Jugend behalten hatte.</p>
-
-<p>Gegen Abend reisten sie ab.</p>
-
-<p>Maria Reh schickte nach einem Arzte und besprach das
-ganze wunderliche Erleben mit ihm.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Zweimal hatte der Frühling um Ibenheim am Walde
-geblüht und hatte Jakobus vergeblich gesucht.</p>
-</div>
-
-<p>Nun stürzte der dem grünen Bergsommer mit ausgebreiteten
-Armen ans Herz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span></p>
-
-<p>Was war das für ein überschäumendes Jauchzen! Und
-was war das für ein Finden der alten Steige und durchsonnten
-Waldwinkel, die alle auf ihn gewartet hatten!
-Die Erde erschauerte, wo sein Fuß über sie schritt, und
-die blaue Seide der Lüfte flatterte, wenn sie an seine
-Stirne streifte. Der Sandbruch, um dessen Säume der
-Wind und die Herbstblätter gelaufen waren, und die
-gelben Wände, über die Regen und Sonne gegangen, aber
-kein Menschenfuß &ndash; das alles lag da als eine schlummernde
-Welt von Wundern. Und was die jubilierende,
-sinnende, träumende Jungenseele in Jahren hineingedichtet
-hatte, wurde wach und wandelte, wie es den
-Klang seiner Stimme hörte.</p>
-
-<p>O Menschen, die Ihr in den Steinbrüchen der Städte
-jung gewesen seid, was ahnt Ihr von den atmenden Geheimnissen
-der Erde! Was wißt Ihr vom Glück! Und
-was wißt Ihr vom Himmel!</p>
-
-<p>Und dann schlug die Gartenhütte ihre Augen auf. Da
-pendelte noch die geschwärzte Weltkugel, die einmal ein
-Behälter für Schokoladenpfennige gewesen war, und geriet
-in ein stürmische Schwingen. Da hingen die Kästen
-mit den Schmetterlingen, da war … es war alles da,
-was ein wundertätiges Jungenherz in Verstand und
-Unverstand als nötig zur Seligkeit erkannt hatte. Auch
-die Trümmer der Flugmaschine. Davor wurde Jockele
-besinnlich und sagte: »Die Trümmer eines Flugzeugs
-liegen auch in dem kleinen Haus am Horn &ndash; aber sie
-liegen wohl in allen Häusern!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Ob Tante Veronika mit der schönen, blonden Doris
-Rinkhaus jemals oder gar schon an jenem Tag ihres
-ersten Zusammentreffens im Baumgarten am Horn einen
-Zweibund geschlossen &ndash; aus dem Gefühl einer Interessengemeinschaft
-an Jockele &ndash; ist nicht bekannt geworden.
-Es ist aber nicht anzunehmen; denn das Vertrauen der
-alten Dame zu ihrem Pflegesohne war unbegrenzt von
-Anbeginn und wollte so bleiben bis zu dem Augenblick,
-in dem es für Jockele ein so gleichgültiges Ding geworden
-wäre, daß er es zerbrach und ihr vor die Füße warf. Sie
-war mit klingendem Spiel in das Herz, in das tapfere,
-eigenwillige Herz Dos eingezogen, als sie in der Kriegszeit
-zu ihr sagte:</p>
-</div>
-
-<p>»Ich habe die Erziehung meines Jungen auf dies
-unbegrenzte Vertrauen gestellt, weil ich meine, es ist keine
-Grundlage sicherer, Eltern und Kinder in alles überwindender
-Zuneigung aneinanderzufesseln; denn die Bande
-des Bluts vermögen das nicht.«</p>
-
-<p>Dies Wort war zu einer Offenbarung für Doris Rinkhaus
-geworden: man hatte in dem reichen Haus am
-Rhein über sie Beschlüsse gefaßt, für die sie mit List oder
-elterlicher Gewalt gewonnen werden sollte. Und sie war
-aufwieglerisch geworden. Die Bande des Bluts waren
-nicht zerrissen, aber die des Vertrauens wollte sie sich
-erkämpfen; darüber hatte sie das elterliche Haus verlassen,
-eine längst Mündige. Und sie wollte heimkehren, wenn
-ihr die Mündigkeit auch von Rechts und Gesetzes wegen
-zugesprochen sein würde.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span></p>
-
-<p>In ihrem Verhalten zu Jakobus war mancherlei
-Wandel eingetreten. Zuerst hatte sie ihn gesehen mit den
-Augen Maria Rehs: als den dunklen, blauäugigen
-Jungen, mit dem das Schicksal von der Schwelle des
-Lebens ab ein leuchtendes Spiel getrieben, und der aus
-seiner umblühten Waldjugend rein und schön und
-schwärmerisch vor das süßeste Geheimnis des Lebens
-geraten war. Er fragte nicht vorwitzig nach Dingen, die
-ihm nicht geziemten, sondern ließ die Sonne geahnter
-Wunder heimlich in sein Herz fallen, wie der Frühling
-fällt in das Herz des Waldes. Und erschauerte in Ahnung
-harrender Herrlichkeiten.</p>
-
-<p>Danach tat er ihr selbst die Türen auf, und sie erkannte
-die Fülle und Leere der jungen Jahre in ihm. Das Haus
-am Walde ward offen für sie &ndash; von Stund an wußte Do,
-daß Maria Reh die Kunst der feinen Hände, die die Uhr
-seines Lebens geregelt, nicht erkannt hatte.</p>
-
-<p>Tante Veronika meinte dies helle Jungenleben ganz
-anders als Maria Reh; denn Maria Reh war mit fünfundzwanzig
-Jahren eine Distelbauerin, Tante Veronika
-aber hielt mit fünfundsechzig das Uhrwerk ihrer kleinen
-Welt unter einer Glocke aus Himmel und sorgte, daß kein
-Staub in das blanke Getriebe fiel. Dabei war sie aber
-immer lächelnd bereit, es auch einmal putzen zu müssen.</p>
-
-<p>Wenn Do darüber nachdachte, was sie an Himmel
-und Erde zumeist bewunderte, so stand die freundliche
-Greisin mit den Scheiteln aus Silber ganz vorn. Und
-wenn sie sie fragte, wen sie unter allen Menschen zumeist<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span>
-liebe, so schritt Tante Veronika mit dem sanft wiegenden
-Spitzenumhang und dem Kapotthütchen mit den violetten
-Bändern, dem gelben Krückstock und dem ganzen sauberen
-Drum und Dran unter den Kastanien des durchsonnten
-Baumgartens daher und sagte: »Ist dies wohl das kleine
-Haus, in dem der Kunstschüler Jakobus Sinsheimer
-wohnt?«</p>
-
-<p>Do ließ Fräulein Veronika an jenem Sommertage
-auf diese Frage hin auch gleich in ihr Herz spazieren;
-denn der Jakobus Sinsheimer hatte ja auch dort sein
-Kämmerchen gemietet.</p>
-
-<p>Wie dann Gwendolin mit den dürstenden Sinnen
-über Jockele kam, ward ihm nicht gekündigt … aber es
-hockte sich doch eine frauenhafte, wachsame Eifersucht vor
-alle Türen dieses Herzens und hatte den Finger immerfort
-auf dem Schellenknopf.</p>
-
-<p>Darüber ärgerte sich Doris Rinkhaus, sandte Jockele
-eine Kriegserklärung und führte einen Kampf mit sich
-selber. Und weil sie auch in ihren Schlummer läuten
-hörte, reiste sie vor die bunten Tore des Bergwalds und
-wurde an Tante Veronika zu einer lächelnden Königin
-über sich selbst.</p>
-
-<p>Maria Reh fuhr gleich das schwere Geschütz der
-Sittlichkeit auf, als Jockele in Huschs Nebelnetze fiel.
-Doris Rinkhaus ließ sich von ihr die ›leichtsinnige Lebensauffassung‹
-vorwerfen und sagte: »Husch ist ein Irrtum,
-aber sie ist nur eine Gefahr für den Maler und nicht für
-den Menschen.« Und dann fand sie das leuchtende Wort,<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-das für Maria Reh zu einem Stachel wurde: »Möchtest
-Du etwa die sein, an der er seine Jungmännlichkeit
-schleift?«</p>
-
-<p>Maria Reh fand sich nicht in die Fernen des anderen
-Geschlechts, die so nahe sind, daß sie sich mit den Händen
-greifen lassen, aber ihre Rätsel doch nicht enthüllen; sie
-sticken den Himmel der Nächte mit Sternen und müssen
-ihn schön und ahnungsvoll erhalten in Ewigkeit.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Am zweiten Tage gingen Do und Jo miteinander auf
-den Steigen der Jugend. Da sagte Do zu ihm: »Sie
-müssen Tante Veronika verraten, daß Sie die ›Gruppe
-aus dem Tartarus‹ zu einer Art ›Berg der Seligkeiten‹
-gemacht haben, und daß Sie dann einen Glauben bekamen,
-der auch diesen Berg zu versetzen vermochte.«</p>
-</div>
-
-<p>»Ja. Aber es ist grausam,« sagte er. »Ich habe ihr
-rauschende Briefe geschrieben und habe ihr gesagt, der
-›Arme Heinrich‹ wäre nur ein sanftes, sentimentale Lied
-auf zwei Saiten; die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ dagegen
-würde eine wilde Sinfonie des Schmerzes auf neuen,
-unerhörten Instrumenten sein.«</p>
-
-<p>»Sie haben da kaum ein Wort zu viel gesagt,« scherzte
-Do, »denn sogar ein Grabscheit hat mitgespielt.«</p>
-
-<p>»Mir ist heute, als würde ich nie wieder einen Pinsel
-anfassen! Wäre es nicht am besten gewesen, wenn ich
-auch die Farbentruhe mit zertrümmert hätte?«</p>
-
-<p>Da horchte Do auf in den Tiefen ihres Herzens; denn
-in diesen geheimen Kammern lagen heiße und freudige<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span>
-Wünsche, vor denen sie selbst erschrak, wenn sie merkte,
-daß sie anfingen, sie zu bedrängen.</p>
-
-<p>Damals, als sie ihn am Ufer der Ilm in Tiefurt fragte:
-»Was wissen Sie von Goethe?« damals hätte sie diese
-Pläne jubelnd und stürmisch vor ihm ausgebreitet.</p>
-
-<p>Nun schritt einer neben ihr, vor dem sich ihr erblühtes
-Frauentum noch immer nicht zu wehren brauchte &ndash; diese
-ungeschlossene Kraft reichte nicht an sie heran &ndash; und vor
-dem es sich nicht beugen konnte … aber es schritten da
-ein Wille und eine Art, die das andere Geschlecht hatten,
-und die sie sich nicht zusammenzupacken getraute wie die
-des langen Jungen, der ihr vor Jahr und Tag aus dem
-Bergwald heraus in die Arme gelaufen war.</p>
-
-<p>Wenn Maria Reh die letzten Worte Jockeles gehört
-hätte, wäre sie kampfwütig gegen Do geworden; denn
-es war ihr Stolz, daß sie dies Talent im Walde gefunden
-hatte, und so oft sie davon sprach, fing sie an, mit Rührung
-Goethe zu zitieren: von jenem Blümlein, das sie mit
-allen Wurzeln ausgegraben und in den Garten beim
-kleinen Haus gepflanzt habe. &ndash; Daß zuletzt doch der
-weiße Tod seine Hand im Spiele hatte und den Jungen
-jählings hinauswarf in die Welt, konnte sie nicht ganz
-in Abrede stellen, aber sie ließ sich ihren Entdeckerruhm
-darüber nicht schmälern.</p>
-
-<p>Das gelang ihr um so leichter, als Jockele zwar seinen
-künstlerischen Eigensinn und seine technischen Unbeholfenheiten
-hatte &ndash; wer aber wollte die Keckheit besitzen und
-ihm sagen, daß er einer der vielzuvielen wäre, die einem<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-Irrlicht ihres Herzens nachstürmten, das sie für die Fackel
-des Genius hielten?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun, da das erste Wort von Jakobus selbst gesprochen
-worden, nun ward Do auf einmal bange, einem Quell
-nachzugraben, der am ersten heißen Tage wieder versiechen
-konnte.</p>
-
-<p>Sie erschrak und sagte: »Bilden Sie sich denn ein, die
-Sterne lassen sich so vom Himmel holen, ohne daß Sie
-sich auf dem Wege über die blauem Berge einmal die Knie
-zerschürften? Oder wie haben Sie sich dies Pflücken der
-fernen Lichter gedacht?«</p>
-
-<p>Er sagte: »Gedacht! Was denkt sich ein Junge unter
-dem Kampf um Glück und Ruhm eines Künstlers? Was
-denken sich die Menschen dabei? Und was selbst der
-Künstler? Man weiß, daß es ein Kampf war, wenn er
-Sieg wurde, und dann sagt man: dieser Kampf war
-Glück! Aber wenn er nie zum Siege führt, dann heißt
-er Künstlerelend, und sein Symbol ist der Schmachtriemen.
-&ndash; Ich bin nicht Narr genug gewesen, in diesem ersten
-fröhlichen Anlaufe rechts und links neben die Straße zu
-schauen; denn das sag' ich Ihnen: hätt' ich mich darüber
-ertappt &ndash; ich hätte mich dieser guten, sorglichen Mutter
-nicht einen Tag lang verborgen! Es hätte sich dann wohl
-auch ein anderer Weg gefunden; denn unter den Drängen
-meiner Thüringerwaldjahre stand der zur Malerei doch
-erst an zweiter Stelle, und vor Maria Reh kannte ich
-Tante Veronika und ihre Bücherei, kannte ich das
-Zinzilein und den Herrn Matthias Prinz und mich selber.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span></p>
-
-<p>Do kam ins Wundern &ndash; »Davon haben Sie mir nie
-ein Wort gesagt.«</p>
-
-<p>»Ich hatte es wohl selbst vergessen,« sagte Jockele.
-»Was hat man überhaupt mit siebzehn Jahren für Augen!
-Aber nun, da ich mit dem Grabscheit auf mich losgehauen
-habe …,« er blieb stehen und sah ihr lange und tief ins
-Herz … »warum haben mir Zorn und Zufall ein Ding
-in die Hände gespielt, mit dem man in die Erde wühlt,
-was tot ist? … Kommen Sie,« rief er und faßte sie an
-der Hand, »wir wollen jenen glückseligen grünen Waldjahren
-ein Opfer bringen &ndash; wir wollen pflanzenhaft und
-erdenselig sein, wie ich es damals gewesen bin mit
-Maria Reh!«</p>
-
-<p>Da liefen sie in kindhafter Fröhlichkeit über den Waldgrund,
-der ganz warm war von dem Lichte, das den junglaubigen
-Bäumen aus den Händen fiel, und sie warfen
-sich an einen Mooshang. Der war mit einem dünnen
-Schattennetze überstrickt; die hohen Stauden des Fingerhutes
-standen umher und hauchten aus den ersten offenen
-Blüten süßes Gift.</p>
-
-<p>Do hatte diesen roten Zauber im Walde nie zuvor
-gesehen. Hinter ihnen reckte sich ein schlanker Buchenbestand
-mit glänzenden Stämmen, der hatte ein goldenes
-Dach. Vor ihnen trällerte ein fußbreites Bergwasser an
-einer Kiefernschonung dahin, und der frühe Sommer hatte
-ihm die Ränder zu bunten Wundern gesäumt.</p>
-
-<p>Jockele stapfte in dem blühenden Glück der Heimaterde
-herum und brach einen Armvoll davon. Dann setzte er<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-sich neben Do in das gebrochene Licht und suchte aus
-seinem Herzen hervor, was er dort in der ersten heißen
-Freude an der Welt zusammengetragen hatte. Da merkte
-er, daß die ganze Naturwissenschaft noch in feierlichster
-Ordnung war &ndash; selbst das Linnésche System; aber er
-warf in seiner Freude tiefe und schöne Gedanken über das
-trockene Rüstzeug der anderen Jahre. Da wurde ein
-lustiger Tempel aus lebendigen Blumen daraus. Er
-blätterte weiter in dem Buche des Glücks, das nun längst
-ganz oben auf dem Regale seiner Erinnerungen gestanden
-hatte &ndash; »Erde, heilige Erde!« rief er und drückte seine
-Lippen hin ins Moos. Und »Erde, heilige Erde!« rief
-er und schüttete alle Blüten über Do aus&nbsp;…</p>
-
-<p>»Wann war das doch, wissen Sie &ndash; wie ich mit dem
-Grabscheit den Berg der Seligkeiten zerschlug?«</p>
-
-<p>»Das ist schon sehr lange her,« sagte sie.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber nun ging es doch wunderlich mit Doris
-Rinkhaus.</p>
-
-<p>Wenn ihr jemand das Wort Schicksal zuwarf, so fing
-sie es mit hellem Lachen und spielte damit als mit einem
-goldenen Balle; dann ließ sie es fallen und sagte: »Ach
-was! Es gibt kein Schicksal!«</p>
-
-<p>Wer das aus ihrem Munde hörte, stellte sich ihr entgegen
-und dachte: »Wie kann ein so kluges, klares
-Mädchen solch eine Lächerlichkeit reden!«</p>
-
-<p>»Ich habe noch nie ein Schicksal gehabt,« sagte sie
-dann; »denn ich habe mein Leben immer nach meinem
-Willen gelenkt. Es waren Irrtümer da, und es lag<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-Gelingen und Freude daneben &ndash; aber Schicksal? Nein
-und tausendmal nein! Wenn man wach ist, und wenn
-man stark ist, gibt es kein Schicksal. Aber jeder Tag wird
-dazu, der mit Händen voll Gaben an Dich herantritt, und
-Du fragst ihn nicht: was will das werden?«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Allein &ndash; es kommen Stunden mit geschlossenen Händen
-und ahnungsreichen Augen. Die sehen aus wie
-Sommerhimmel oder wie eine Nacht voll Sterne. Und
-der Mensch fällt diesen Stunden in die Arme und läßt sich
-tragen in Seligkeit und absetzen an einer Wegstelle &ndash;
-dünke sie ihn nun ein Paradies oder eine Wüste. Die
-Menschen sagen dann: »Ich bin an diese Stelle verschlagen
-worden &ndash; es ist das Schicksal.« Do sagte: »Das ist ein
-Irrtum; denn Ihr habt nichts getan, was Euch vor diesem
-Verschlagen behütet hätte. Ihr schlieft, oder Ihr ließet
-Euch tragen mit geschlossenen Augen, weil Ihr Euch einer
-frohen Hoffnung hingabt. Wo sind die Tage, die man
-nicht anders hätte leben können, wenn man gewollt hätte?«</p>
-
-<p>Sie hatte einmal im Kampf um ihre Ueberzeugung
-gegen einen Jenenser Universitätsprofessor gestanden, der
-dem jungen Viktor von Scheffel sehr ähnlich war, und den
-sie gut leiden mochte. Zu ihm sagte sie: »Das Schicksal
-eines Menschen wächst im Quadrate der Abnahme seines
-Willens.« Und weil dieser Herr jung und Jurist war,
-debattierte er mit lachender Losgelassenheit auf sie hin.
-Er sagte: »Ich sollte Offizier werden und trat in die
-Armee und hatte blöde Augen. Da mußte ich aus einer<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span>
-gesicherten Ueberlieferung meines Geschlechts heraus zur
-Wissenschaft. Schicksal! Nicht ich, nicht mein Wille &ndash;
-meine Augen waren daran schuld, daß ich den Krieg gegen
-Rußland und Frankreich nicht als Kommandeur des dreizehnten
-Armeekorps mitmachte.«</p>
-
-<p>Es war eine Stunde gewaltiger Heiterkeit für Do;
-denn der gescheiterte General bewies ihr ihr Recht &ndash; »Sie
-haben sich einer bunten Hoffnung an die Schürze gehängt«,
-lachte sie, »und haben Ihre Tauglichkeit zum Offizier
-schlecht erwogen &ndash; das nennen Sie nun Schicksal! Aber
-ich will Ihnen helfen; Sie hätten sich das wirklich leichter
-machen können: ein Granatsplitter, der die Tücke des
-Feindes zertrümmern sollte, zertrümmerte den Himmel
-Ihres Auges &ndash; das kann Schicksal sein. Es muß nicht;
-denn nicht alles, das nicht in Ihrem Willen liegt, darf in
-diesen Kasten gebracht werden.«</p>
-
-<p>Auch brünstig atmender Waldgrund, berauschend
-küssende Sonne, jubilierende Blumen und trällernde Bäche,
-und was alles über eine himmelgesegnete Hochwaldstunde
-hinwegblüht als Ahnung, Wunsch und Sinnenseligkeit,
-kann Schicksal werden.</p>
-
-<p>Es lauert an allen Ecken und wird nicht erkannt. Es
-vermag sich im Raum einer Stunde zehntausendmal zu
-verwandeln.</p>
-
-<p>Jo lief wieder auf eine Entdeckungsreise.</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus versank in das warme Moos und
-flatterte ihren Wünschen nach. Sie dachte: »Soll ich mit
-dem Schicksal ein bißchen Verstecken spielen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p>
-
-<p>Ihr Herz hatte auf einmal ganz wunderliche Meinungen
-und Anschläge und redete mit ihr: »Die Gwendolin
-hat er geküßt, und die Husch hat er geküßt &ndash; was ist das
-für ein bleiches nebelhaftes Wesen! Wegen Minchen Herzlieb
-ist er sogar in ein fremdes Haus gedrungen, und mit
-der behäbigen Maria Reh hat er seine rosenrote Himmelfahrt
-gehabt. Am Rhein sind die jungen Studenten in
-Schwärmen um mich geflogen &ndash; weil sie wußten, daß ich
-reich bin? Die Gwendolin hat einen Mund wie Feldmohn
-und hat lodernde Sinne … Minchen Herzlieb hat tirilierende
-Augen und hat die Seidenbluse und das Röckchen
-voll Frühling … Husch &ndash; na, Husch hat vielleicht die
-Seele einer Lilie, die sich als singende Sehnsucht über das
-närrische Herz eines Mannes tastet … und Maria Reh
-lag als das Rätsel Weib in betörender Sonne und in den
-lustigen Halmen des Wachtelweizens &ndash; vielleicht hat sie
-auch ein bißchen gelockt: ›Junge, lieber Junge, komm und
-rat' mich!‹«</p>
-
-<p>So hatte Do ihre Gedanken in das Blühen und Singen
-des Frühsommermorgens hineingelassen und sah ihnen
-nach &ndash; »Vor mich aber hat er noch nicht einmal seine
-Augen hingestellt, damit sie sagten: Do, Du bist auch
-hübsch, und Du gefällst mir doch eigentlich sehr.« … Die
-Mädchen prickelten um seine vollen Sinne wie Sekt in
-einem neugefüllten Glase. »Warum prickelt er nicht um
-mich? Und wenn er gar einmal schäumte wie vor Gwendolin
-&ndash; man würde sich ja wohl helfen können … Und
-wenn nicht? &ndash; Na&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span></p>
-
-<p>Sie legte sich lang ins Moos und fühlte die warmen
-Hände der Sonne über ihre schlanken Glieder streichen.
-Es war süß und wohltätig. Sie bedeckte ihr Gesicht mit
-dem Sommerhute, der einen Kranz von kleinen, bunten,
-sehr lustigen Blumen hatte, aber gar nicht lärmend war,
-und schloß die Augen.</p>
-
-<p>So hörte sie Jakobus zurückkommen und ganz leise
-gehen.</p>
-
-<p>Er setzte sich neben sie, und sie wußte genau, daß er
-nicht dachte, sie wäre eingeschlafen. Warum ließ er sie so
-ruhig weiterspinnen an dem langen Faden ihrer Erwartung
-&ndash; warum prickelte er nicht?</p>
-
-<p>Die Augen unter dem Hute taten sich auf, und sie hatte
-sich über eine lange, schöne Strecke Lebens hingedacht &ndash;&nbsp;&ndash;
-Jakobus war da immer neben ihr gewesen und lächelte
-zurück auf die ferne Zeit seines jugendlichen Irrtums, in
-der er auf der Leiter geschwebt und die ›Gruppe aus dem
-Tartarus‹ gemalt hatte; denn danach hatte er in Jena die
-Naturwissenschaften studiert und hatte sich durch ein keckes
-gelehrtes Kunststück den <em class="antiqua">Dr. phil.</em> erworben.</p>
-
-<p>Nun war ihr, als müßte sie ihm den wachen Traum
-erzählen. Sollte sie ein bißchen Schicksal spielen, das in
-Gestalt eines Traumes durch ihren Schlummer gezogen
-sei? Konnte sie nicht wirklich eingeschlafen sein unter dem
-trauten Schirme des Hutes und unter den Zärtlichkeiten
-der Sonne?</p>
-
-<p>Aber das war ein plumpes Wagnis; denn lustig und
-schön war der Traum doch nur deswegen, weil er sie so<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-heiß, heiß lieb hatte und weil sie geholfen, ihm den Weg zu
-bahnen zur Hochschule und darüber hinaus.</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus war keine von denen, die einem schimmernden
-Wunsche nachlaufen und mitten im Jauchzen
-den Boden unter den Füßen verlieren und um Hilfe rufen.
-Wenn sie sich jetzt aufrichtete und ihm den Traum erzählte
-&ndash; mochte er nun im Wachen oder im Schlummer
-zu ihr gekommen sein &ndash; dann geschah es ihr wohl, daß
-sie in ein Paar sehr blaue, sehr schöne und sehr wehmütige
-Augen sah, und daß Jockele die Achseln zog und sagte:
-»Der Gedanke ist hell wie ein Märztag und wie Doris
-Rinkhaus selber. Aber wenn ich den Willen hätte und
-die Kraft, nachzuholen, was ich zu diesem Ziele brauche &ndash;
-wo wäre das Geld?« Dann könnte sie lächeln und sagen:
-»Na, Sie guter, ahnungsloser Junge, reden Sie doch keine
-Dummheiten! Wenn ich Sie auf den Weg gesetzt habe,
-werde ich natürlich auch für das bißchen Geld sorgen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Es fiel nun wirklich eine tiefe Finsternis um sie, in
-der auch die klaren Sonnenbrünnlein, die durch das Flechtwerk
-des Hutes sickerten, ganz versiegt waren. Alles
-heimliche Glück war fort. Sie dachte den Traum zu Ende
-&ndash; aber nach dem Worte Geld erschütterte sie ein Herzbeben.
-Sie preßte den Hut fest auf ihr Gesicht und dachte:
-»Dann würde er vielleicht seine jubelnden Arme um mich
-werfen, oder er würde die wilde Art kriegen, in der er mit
-dem Grabscheit auf sich losschlug, und würde sagen: ›Wissen
-Sie, daß Sie sich damit den Jakobus Sinsheimer kaufen?‹«
-Seine jubelnden Arme oder dies kecke Wort &ndash; beides war<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-in diesem Falle gleich gräßlich. Dieser letzte Gedanke
-schlug wild und häßlich durch sie hindurch. Sie richtete sich
-mit einem wilden Ruck empor&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Was haben Sie da wieder zusammengetragen? Und
-warum rufen Sie mich nicht?«</p>
-
-<p>»Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er erstaunt.</p>
-
-<p>»Ach, Unsinn,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Warum machen Sie solch ein verlorenes Gesicht?«</p>
-
-<p>»Ich hatte mich in einen Gedanken verfitzt. Er war
-dumm und kindisch.«</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Es lag nichts gefestigter in dem Wesen Dos als der
-Wille, sich das königliche Recht der Selbstbestimmung
-in allen Stücken zu wahren, zumeist in den Angelegenheiten
-des Herzens. Der Gedanke, daß sie sich verschachern
-könnte, hetzte ein ganzes Heer von Gespenstern
-auf sie.</p>
-</div>
-
-<p>Und es lag nicht minder in ihrer eigenwilligen Art,
-die nach keiner Seite hin eigensinnig oder gar verstockt
-war, sich den Platz an der Seite eines Mannes zu erkämpfen.</p>
-
-<p>Sie wollte nicht ›genommen‹ sein, wie man ein Stück
-aus dem Schaufenster des Krämers ersteht. Sie haßte
-lärmende Kleider und Hüte. Sie haßte die im Schwunge
-stehende Ausstellung, der die Mädchen gemeinhin huldigen,
-und konnte bitter und verächtlich von ihrem Geschlechte
-reden, wenn sie in den Zeitungen das verzweifelte
-Lockmittel der Mitgift ausgestreut fand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p>
-
-<p>Ihre Empfindlichkeit in diesen Dingen wurde von
-niemandem verstanden. Am wenigsten von Maria Reh.
-Man kannte diese Empfindlichkeit auch in der Stadt. Es
-gingen da Gerüchte von ihrem überschwänglichen Reichtume,
-aber man wußte, daß sie sich jedem mädchenhaften
-Flirt gegenüber ablehnend verhielt. Daraus wuchs dann
-die Sage von der himmlischen Liebe zu Jakobus &ndash; Maria
-Reh war daran nicht schuldlos; denn Do war durchsichtig &ndash;
-wie denn starke Seelen alles Versteckspiel verschmähen &ndash;
-und sie hatte der Freundin nicht verborgen, daß sie den
-Gedanken als einen lieben Genossen träumerischer Stunden
-hätschelte: einen Mann durch sie zu einem Sieger des
-Lebens werden zu sehen.</p>
-
-<p>Als Jakobus die lodernde Stunde hatte und das Feuer
-seines Zornes über sich und sein Werk dahinrasen ließ,
-weil er nicht hatte einlösen können, was ihm der Rausch
-eines schaffenden Glücks versprochen, da stand sie daneben
-und fiel ihm nicht in die Arme; denn ihr Herz bewunderte
-ihn und jauchzte ihm zu.</p>
-
-<p>Und sie fühlte, daß sie unter den drei Mädchen, die um
-ihn gewesen waren, die einzige sei, die Seite an Seite mit
-ihm stand. Maria Reh lähmte dieser heilige Brand &ndash;
-sie sah Wut und Enttäuschung. Husch sah ein Unglück und
-ging unter in Mitleid. Aber Doris Rinkhaus erkannte
-den Sieger.</p>
-
-<p>In jenem Augenblicke verschwieg sie sich Maria Reh;
-da hatten die Gedanken der Freundin freies Spiel, und
-sie erinnerte sich an Huschs krankhafte Furcht vor Do und<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span>
-sagte zu sich: »Dieses Mädchen sieht mit ihren wunderlichen
-Ahnungen in Fernen, die unseren hellen Augen verschlossen
-sind.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun streifte Do mit Jakobus durch die heimatlichen
-Wälder. Sie fühlte, wie ihm das Herz aufging in Frohsinn,
-aber sie quälte sich mit einem Glück, vor dem ihr
-bange ward. Darüber verlor sie ihre Durchsichtigkeit
-für Jo.</p>
-
-<p>Sie kam in dem Kampfe mit sich selbst nicht zurecht;
-und vor dem einen &ndash; vor dem, was die zehntausend
-anderen für die einsamste Lösung gehalten hätten, prallte
-sie zurück.</p>
-
-<p>»Ueberlaß es der Zeit!« beriet sie sich und ward eine
-Stunde lang ganz frei und sorglos. Dann ärgerte sie sich
-darüber und sagte: »Er hat davongelaufene Jahre einzuholen
-&ndash; ich werde zu einer Feindin an ihm, wenn ich
-nicht rede!«</p>
-
-<p>Sie war nicht mit ihm gegangen, weil sie in den
-Wäldern von Ibenheim von ihm hören wollte: »Ich werde
-keinen Pinsel wieder anfassen!« Aber nun, da er es
-gesagt hatte, war sie ihren heimlichen Plänen näher
-denn je.</p>
-
-<p>Sie wußte auch nicht, daß es zuletzt doch nur ihr überlegenes
-Alter und ihr geschlosseneres Menschentum waren,
-was ihm seine sanfte Scheu auferlegte. Er kam nicht zu
-dem Gefühle, daß er ihre Klugheit und klare Art beherrschte,
-wie es der Mann in ihm forderte &ndash; die anderen
-Mädchen hatten ihm gegeben, was er wollte, er hatte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-gleich in die Hände bekommen, wie er sie in den Sinnen
-hatte. Und Husch war gar in ihm untergegangen. Doris
-Rinkhaus aber hatte für ihn immer den Königsmantel
-um, auch wenn sie im Moose lag und die Zärtlichkeiten
-des Sommers empfand, als kämen sie ihr von seinen
-Händen und seinen Lippen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sie hatten Sehnsucht nacheinander, wenn weiter nichts
-zwischen ihnen war als ein Streifen Sonne und Waldrauschen.</p>
-
-<p>Diese Sehnsucht war für ihn fremd und schön und sah
-genau so aus wie jene, mit welcher er den Prinzessinnen
-der Märchen nachgeträumt hatte, die sich von vier Schimmeln
-mit blauen Federstützen auf den Köpfen in einem
-goldenen Wagen durch den Wald kutschieren ließen.</p>
-
-<p>Und diese Sehnsucht war für sie ein ganz mädchenhaftes
-Wünschen nach junger Kraft und einem jubelnden
-Sieg über sie selbst.</p>
-
-<p>Aber so oft sie dachte, daß ihre Lippen verräterisch rot
-aufblühen könnten, ward sie noch wachsamer; denn sie
-sagte sich:</p>
-
-<p>»Wenn ich in diesem Kampf unterliege, komm' ich
-heim und habe seit zwei Jahren ein albernes Spiel mit
-mir und den Meinen getrieben&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Schablone des Durchschnitts konnte an diese beiden
-jungen Menschen gelegt werden so oder so &ndash; sie paßte
-nicht.</p>
-
-<p>Sie waren voll von den Drängen der Frühlingserde,
-aber sie streiften mit den Spitzen ihrer Finger die Säume<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-eines Himmels, den sie über sich gewölbt hatten in ihrer
-reichen und glaubensvollen Jugend. &ndash; Und zuletzt hatte
-sich Doris Rinkhaus doch in einen edlen Trotz des Herzens
-hineingelebt, der für Jakobus eine fremde, unnahbare
-Herrlichkeit war &ndash; er hatte für ihn um kein Mädchenherz
-gelegen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So führten sie ihre Sehnsüchte spazieren im sommerstillen
-Bergwalde. Eins lief dem Herzen des anderen
-nach, und sie kamen sich doch nicht näher.</p>
-
-<p>Sie wanderten den weiten Weg zum Forsthaus an der
-Hörsel und fanden Matthias Prinz und das Zinzilein und
-das Kleine, dem der Kopf von hellgelben Haarringlein
-umweht war. Es hieß Maria und konnte sein junges
-Lachen schlagen wie ein Buchfink.</p>
-
-<p>Sie kehrten zurück in das Haus vorm Walde und hatten
-die Herzen voll Frohmut. Das Zinzilein war eine schlanke,
-junge Jägersfrau, war voll Waldfrische wie einst und suchte
-nach Geheimnissen an diesen beiden, wie sie nach Geheimnissen
-an Jockele gesucht hatte, als seine Augen voll
-erster heißer und seliger Ahnungen waren. Die Herzen im
-Jagdhause jubilierten hinter dem Zaun ihres Glücks, aber
-das war ein anderes Glück, als es die hochgemuten Träume
-suchen, die ausziehen, zu erobern.</p>
-
-<p>An diesem Abende rettete sich Do zu Tante Veronika.</p>
-
-<p>Jakobus war bei dem Pastor, mit dem er die Leiden
-und Freuden des zweiten lateinischen Uebersetzungsbuches,
-der Musterstücke aus lateinischen Klassikern und des Gallischen
-Krieges, durchlebt hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p>
-
-<p>Tante Veronika hatte gefaßt den Bericht von der
-wilden Stunde im Baumwinkel angehört, dazu die lange
-Geschichte, die vom Tartarus bis zum Berge der Seligkeiten
-reichte; und sie wäre noch gefaßter gewesen, wenn
-ihr das Reich der Kunst, in dem Jockele ein Bürger sein
-wollte, nicht nur aus ferner genießender Betrachtung
-bekannt geworden wäre.</p>
-
-<p>Nun, als sie hinter der blauen Sommernacht und den
-sachte wehenden Vorhängen saßen, brachte Veronika
-wieder die Rede darauf. Es lag ihr daran, den Jungen
-glücklich zu sehen. Und Doris Rinkhaus ward ganz freudig
-in ihrem Bekenntnisse von dem Eifer, mit dem Jakobus
-in seinen Tagen gestanden hatte&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Er ist weiter gekommen als alle, die gleichalterig mit
-ihm sind,« sagte sie, »aber ich halte es doch nicht für richtig,
-ihm nicht wenigstens einen anderen Weg zu <em class="gesperrt">zeigen</em>.
-Dieser Weg ist nicht leichter und nicht schwerer, und doch
-scheint mir, als würde er durch die Wissenschaft, durch die
-Tore einer Universität hindurch zu reinerer Befriedigung
-gelangen, als sie ihm die Malerei jemals gewähren wird.
-Er hat ja darin gestanden, und er kann sich an jedem Tage
-zu ihr zurückfinden, wenn er zu der Erkenntnis kommt,
-daß es so am besten für ihn wäre.«</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus ging da auf einem Pfade, an dessen
-Seiten sie alles Gestrüpp längst fortgeräumt hatte, und
-schritt ganz in Klarheit und Freude.</p>
-
-<p>»Er sollte die Naturwissenschaften studieren,« sagte sie,
-»und könnte damit vielleicht nach einem Jahre der Vorbereitung<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span>
-anfangen. Läßt er dies Jahr jetzt verstreichen
-oder eine noch längere Zeit, so verschlägt er sich alle
-anderen Straßen ins Leben.«</p>
-
-<p>Sie erinnerte Tante Veronika an die äußeren Vorgänge,
-die ihn in die Akademie geführt hatten. Sie
-kannten auch beide seine Neigungen viel zu gut, als daß
-sie einander nicht mit gesteigerter Hellhörigkeit in die
-Herzen gelauscht hätten. Doris Rinkhaus ward leuchtend
-und umschien Tante Veronika als ein warmer Sommerhimmel.</p>
-
-<p>Auf einmal schob sie den blauen Vorhang der Nacht
-zurück, kniete der alten Dame zu Füßen und legte ihr die
-Hände in den Schoß&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Liebste Tante Veronika,« sagte sie, »schwören Sie
-mir, daß Sie ihm nichts von allem verraten, was ich
-Ihnen nun sage! Sie brauchen mir meinen Wunsch ja
-nicht zu erfüllen, aber schweigen müssen Sie; denn ich
-erbitte nichts für mich von Ihnen und von ihm!«</p>
-
-<p>Da gelobte ihr Fräulein Sinsheimer, daß sie ihre
-Worte als unverbrüchliches Geheimnis bewahren wollte.</p>
-
-<p>Und Do sagte: »Heißen Sie ihn diesen Weg gehen,
-und lassen Sie mich alle Kosten bestreiten! … Das ist
-es, wovon er nichts erfahren darf, bis ich es ihm selber
-sage &ndash;&nbsp;&ndash; Himmel, was ist mir dies Wort so schwer geworden!«
-sagte sie und atmete tief, »denn ich weiß, ich
-dränge mich damit in Sie hinein &ndash; Sie könnten auch
-meinen: ich dränge mich zwischen Sie und ihn. Aber nun,
-da es gesprochen ist, nun kann ich mir das Herz freireden!<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-… Ich glaube, Jockele würde nicht glücklich werden
-als Maler. Ich habe ihn viel froher, ja ich habe ihn ganz
-verwandelt gesehen vor der Natur und in dem Eifer, der
-in diesen Tagen aus der andern Zeit über ihn gekommen
-ist. Ich denke mir die Sache so: schalten wir drei Jahre
-der Studien in sein junges Leben, so bereichern wir ihn,
-und er wird dieser Jahre gedenken als einer stolzen Zeit,
-auch wenn er zu der Erkenntnis käme, daß er im Reiche
-der Kunst ein König hätte werden können. Dann mag er
-alles wieder aufnehmen, was einst sein war; denn von
-dem einmal eroberten Felde verliert er keinen Fußbreit
-Erde; aber das neue Land müßte für ihn versinken, wenn
-Sie ihn nicht jetzt auf die Wege in dies Land leiten.«</p>
-
-<p>»Haben Sie schon mit ihm darüber geredet?« fragte
-Veronika.</p>
-
-<p>»Nein,« sagte sie, »ich habe aber alles mit mir erwogen
-seit jener Stunde, in der ich ihn im Baumwinkel die große
-Leinwand begeistert aufrichten sah.«</p>
-
-<p>»Sie wußten also, daß es damit nichts werden würde?«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; ich fürchtete es nur. Es hat nichts zu bedeuten.
-Enttäuschungen, wie sie am Wege wachsen und
-wie sie auf eine stürmische talentvolle Jugend an allen
-Enden warten! Es hat sicherlich nichts zu bedeuten,« beruhigte
-sie.</p>
-
-<p>»Warum wollen Sie ihm das nicht alles selber so schön
-und glücklich sagen?« forschte Veronika.</p>
-
-<p>Da senkte Do ihre Stirn auf die Knie der alten Frau
-und sagte: »Ich kann es ja nicht! Er würde mich auch an<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span>
-Sie weisen, weil ich ihm nicht verraten darf, daß ich ihm
-die Mittel dazu anbiete. Oder er würde sich vorkommen
-als ein Ding, mit dem ich Versuche machen will, weil ich
-es mir so in mein närrisches, eigenwilliges Herz gesetzt
-habe; und er könnte aufwieglerisch werden und sagen:
-Probieren Sie das mit einem anderen oder mit sich selbst!«
-Da merkte sie, daß sie um die Sache klug und eindringlich
-herumredete … »Ach Gott,« sagte sie, »ich müßte Ihnen
-da wohl noch etwas erzählen, aber Sie wollen es nicht
-wissen; denn Sie fühlen, daß ich dafür keine Worte finde!«
-Dann richtete sie sich auf und trat wieder hinter den blauen
-Vorhang der Nacht: »Denken Sie so: was ich selbst bei
-meinen Eltern niemals durchzusetzen vermochte, und was
-ich auch nicht mehr wollte, als ich älter geworden war, das
-möchte ich nun an Ihrem Sohne zur Tat werden sehen!
-Ich hoffe, es wird ein großes Glück &ndash; hätte ich sonst zu
-Ihnen davon geredet?«</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">In den nächsten Tagen war sie oft mit Veronika allein.
-Veronika sagte:</p>
-</div>
-
-<p>»Ich bin über die Jahre hinaus, in denen man sich in
-rauchende Begeisterung sinnt, und ich liebe ein klares
-und richtiges Sehen. Ich will mit Jakobus sprechen &ndash;
-nein, wir beide wollen mit ihm sprechen; denn Sie sollen
-sehen, wie er den Gedanken erfaßt. Aber das kann ich
-Ihnen schon sagen: ich gehe in großer Freude mit Ihnen;
-denn ich habe mich oft gefragt, ob ich in allen Stücken
-richtig mit dieser Jungenjugend verfahren bin.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span></p>
-
-<p>So wurden sie sich über alles einig. Und am vierten
-Tage danach, zur Teestunde, baute Tante Veronika sicher
-und umsichtig den Plan vor ihm auf. Es konnte natürlich
-kein Geheimnis daraus gemacht werden, von welcher
-Seite er kam.</p>
-
-<p>Da jubelte Jockele nicht, und er war nicht betrübt, sondern
-blieb in allerschönster Ordnung und fragte besinnlich:
-wie es denn mit dem Gelde wäre?</p>
-
-<p>»Sie würde dafür sorgen,« sagte Tante Veronika.</p>
-
-<p>Da sagte er: »Es ist ein sehr weiter Weg, aber er ist
-verlockend, und Du hast ein großes Vertrauen zu mir.«</p>
-
-<p>Dann ging er hinüber in die Gartenhütte und blieb
-dort allein bis zur Stunde des Nachtmahls.</p>
-
-<p>Was sollte das heißen? Das kleine blühende Waldmädel
-hatte zuerst zu ihm gesagt: »Du mußt ein Naturforscher
-werden.« Und nun wachte dies Wort eines Kindes
-noch in dem alten, lieben Haus und durchlief als Echo
-alle Winkel und Herzen. Und Doris Rinkhaus, die ihr
-Leben so fest in den Händen hielt, fing den silbernen Ball
-und warf ihn ihm zu. Wollte sie damit sagen: »Jakobus
-Sinsheimer, haben Sie denn an der ›Gruppe aus dem
-Tartarus‹ nicht erkannt, daß Ihre Kunst bankrott ist?«
-Wollte man ihm die Einsicht Dos verheimlichen und ihn
-schonen? Oder dachten sie, daß er durch sein wurzelgründiges
-Verfahren im Baumwinkel diesen Bankrott selbst
-angesagt hätte und nun nicht mehr wüßte, wohin er sich
-wenden sollte? … Wenn er wirklich einmal zu der Erkenntnis
-käme, daß er damals Maria Reh in einen Irrtum<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span>
-hinein gefolgt sei, in den ihn der Jammer jenes
-fremden Sterbens im Winterwalde gedrängt hatte &ndash;
-was dann?</p>
-
-<p>Nun, dann mußte er doch noch von neuem zu lernen
-anfangen, um sich eine Stellung im Leben zu erkämpfen,
-vielleicht einen mühseligen, armen Posten.</p>
-
-<p>Es war zum zweiten Male, daß er so ans Rechnen
-geriet. Einst, wenn Tante Veronika die Augen schloß,
-mußte er sie beerben. Er hatte sich nie um ihre Vermögensverhältnisse
-gekümmert, Wenn sie ihren kleinen
-Schatz seinetwegen in diesen letzten Jahren ihres Lebens
-verringerte, wenn sie in jedem Monate davon nahm, um
-ihm zu geben &ndash; konnte sie ihn nicht eines Tages rufen
-und zu ihm sagen: »Jakobus, Du mußt nun auf Dir selbst
-stehen; denn alle Güte und Liebe einer Greisin kann die
-kleine Truhe nicht mehr mit Gold füllen. Ich habe Dir
-alles gegeben, was ich hatte, bis auf den kargen Rest, an
-dem ich mich ins Grab leben muß.«</p>
-
-<p>Was dann?</p>
-
-<p>Sie hatte ihm gesagt, für fünf oder sechs Jahre, und &ndash;
-wenn er mit dem auskommen könnte, was sie für ihn bestimmt
-hatte &ndash; wohl auch noch für länger, wollte sie mit
-dankbarer Freude für ihn sorgen.</p>
-
-<p>Aber was dann?</p>
-
-<p>Mit dieser Frage in den Augen erschien er beim Nachtmahle.</p>
-
-<p>… »Ich habe wohl ein bißchen in den Tag hinein
-gelebt,« sagte er; »ich weiß nicht, ob nach der Art der vielen<span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span>
-oder nach meiner eigenen. Es schadet nicht, wenn ich besinnlicher
-werde.«</p>
-
-<p>Er redete das aus einer Versonnenheit des Herzens
-heraus, in die er in der Gartenhütte geraten war, und es
-klang, als hätte er ganz vergessen, daß die Frauen mit ihm
-zu Tische saßen.</p>
-
-<p>»Es ist aber ein wunderlicher Kram, wenn einer sich
-schieben läßt aus der einen Sache in die andere. Das
-darf nicht sein, wenn er nahe an die Zwanzig gerückt und
-ein so langer, gesunder Mensch ist, der schon einmal ein
-Galeriestück, ein Monumentalgemälde verpatzt hat&nbsp;…«</p>
-
-<p>Darüber wachte er auf und lachte.</p>
-
-<p>»Du sollst gar nicht geschoben werden,« sagte Tante
-Veronika.</p>
-
-<p>»Ich habe das auch nicht so gemeint,« sagte er und hatte
-seine hellen Augen wieder. »Ich reise morgen früh nach
-Weimar und will zusehen, wie man so etwas eigentlich
-macht. Es ist eine feine Sache, meine Damen,« scherzte
-er, »aber sie ist für den, der sie angreifen möchte, doch
-etwas ganz Ungeheuerliches. Heute früh sagte ich noch:
-ich habe einen solchen Haufen Naturwissenschaft im Kopfe,
-daß ich mich wundere, wohin das alles über dem Armen
-Heinrich und dem Tartarus und den Stößen von Akten
-und Landschaften gekommen war. Ich habe auch gedacht,
-es ließen sich drei dicke Bände damit füllen &ndash; aber nun,
-da ich nicht mehr damit spielen soll, ist auf einmal nichts
-Gescheites mehr vorhanden …« Er verfiel wieder in das
-Alleinsein &ndash; »Jakobus Sinsheimer, Du sollst Student<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-werden! Du Waldjunge, Du Schmetterlingsjäger, Du
-Stein- und Pflanzensammler, Du Zigeunerfindling sollst
-an die Türen der Hochschule klopfen und Einlaß fordern! …
-Es sitzt da einer an seinem Tische und fragt:
-Auf welchem Gymnasium waren Sie?«</p>
-
-<p>»Auf keinem.«</p>
-
-<p>»Wo haben Sie Ihre Zeugnisse?«</p>
-
-<p>»Es sind keine da.«</p>
-
-<p>»Na, zum Teufel, was haben Sie denn überhaupt für
-eine Vorbildung?«</p>
-
-<p>»Ich habe meinen Armen Heinrich verkauft. Ich habe
-eine Gruppe aus dem Tartarus zerhauen. Ich kann die
-Klassen des Linnéschen Systems seit vier Jahren vor- und
-rückwärts aufsagen. Ich weiß etwas von den Wundern
-des Radiolarienschlammes und von den vier Klassen der
-Grundformen bei den Organismen. Ich weiß&nbsp;…«</p>
-
-<p>Und der Mann an dem Tische sagte: »Damit können
-Sie sich allenfalls ein paar Kollegs &ndash; nicht ohne Nutzen
-für sich selbst &ndash; schinden, wenn Sie sehr viel Zeit haben.
-Aber keine noch so verliebte Thüringerwaldfreude ersetzt
-Ihnen die mangelnde Matura, junger Mann&nbsp;…«</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus und Tante Veronika aßen in frohem
-Zuhören darauf los. Auch Jockele kam über seinem neunzehnjährigen
-Appetit nicht dazu, dieses Selbstgespräch als
-prasselndes Feuerwerk steigen zu lassen. Er redete mit
-langen Unterbrechungen.</p>
-
-<p>Seit seinem achtzehnten Auffindungstage nannte er
-sich mit Stolz neunzehnjährig, und er hatte sich seit seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span>
-Hiersein oft von Tante Veronikas großem Schrankspiegel
-bestätigen lassen, daß sein hoher, geschlossener Aufbau mit
-gutem Recht Ansprüche auf Dreiundzwanzig geltend
-machen könnte. Er hatte sich auf dem Gang in den Tartarus
-ein Rasiermesser angeschafft, dem der Schnurrbart
-zwar noch bis auf weiteres zum Opfer fiel. Aber vor
-den Ohren hatte er sich kecke Kotelettchen stehen lassen, die
-ihm seine Mannhaftigkeit hinreichend bezeugten.</p>
-
-<p>Dem jungen Zigeunertume, das immer ein bißchen
-ungewaschen daherschreitet, und das den Robespierrekragen
-und den in der Hand getragenen Hut sowie ein
-durch mancherlei Aeußerlichkeiten betontes Wesen als zur
-›richtigen Genialität‹ gehörig betrachtete, war er geschmackvoll
-aus dem Wege gegangen.</p>
-
-<p>Er huldigte von Tante Veronika her dem lästerlich zur
-Schau getragenen Glauben, daß ein zweimaliges Vollbad
-in der Woche dem Menschen genau so nötig wäre wie
-jedem Tage ein noch so bescheidenes warmes Essen.</p>
-
-<p>Einmal hatte er sich in einem Ringe junger Maler zu
-der rauchenden Auflehnung verstiegen: es wäre eine
-brüchige Weisheit geworden: ›Sage mir, mit wem Du umgehst,
-so will ich Dir sagen, wer Du bist‹ &ndash; es müßte
-heißen: ›Sage mir, wie oft Du badest, so will ich Dir sagen,
-was Du wirst‹. &ndash; Er hatte wenig Verständnis mit dieser
-unerhört rebellischen Anschauung gefunden.</p>
-
-<p>Als er alle großen Steine mit Sorgfalt auf den Weg
-gefahren, erklärte ihm Do: sie hätte mit Tante Veronika
-vereinbart, den Sommer über im Frühlingshause zu<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span>
-wohnen; denn es liefen so viele und so glänzende Fäden
-aus dem älteren Herzen in das junge, daß sie eine sehr
-schöne und reiche Zeit vor den Toren des Waldes genießen
-wollte.</p>
-
-<p>»Sie scheinen diesen Tag mit Neuigkeiten angefüllt zu
-haben bis zum Rande,« sagte Jockele und sah sie lange an.</p>
-
-<p>»Den Winter über reise ich vielleicht nach Bonn, oder
-ich bleibe in Weimar &ndash; ich weiß das noch nicht. Ich will
-aber meine Wohnung im Gartenhaus am Horn nicht aufgeben.«</p>
-
-<p>»So!« sagte Jockele und setzte das kleine Wort hin wie
-ein Siegel. Er war horchend geworden &ndash; »Ist das etwa,
-weil ich gedacht habe, ein so langer und so alter Mensch
-dürfe sich nicht aus einer Sache in die andere schieben
-lassen?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Dann werde ich sehr einsam sein.«</p>
-
-<p>»Wissen Sie, daß wir uns im Baumgarten oft wochenlang
-kaum gesehen haben?«</p>
-
-<p>»Es ist wahr,« sagte er &ndash; »in Zeiten, in denen ich
-sehr fleißig gewesen bin.«</p>
-
-<p>Am andern Morgen reiste er nach Weimar. Als er
-unter den Kastanien durch den Garten schritt, sah ihn
-Maria Reh kommen und lief ihm entgegen.</p>
-
-<p>»Wie steht es mit Husch?« fragte er.</p>
-
-<p>»Der Arzt hat sie in eine Nervenheilanstalt geschickt,«
-sagte sie; »er erklärte für ausgeschlossen, daß sie je wieder
-in Ihre Dienste träte. Sie haben einen ganz wilden Einfluß<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-auf dies Mädchen gehabt und haben Sie physisch und
-seelisch zerbrochen.«</p>
-
-<p>»Ich habe gar nichts dazu getan,« sagte er; »aber vielleicht
-wäre ich ihr Schicksal geworden.«</p>
-
-<p>»Das ist die selbstsüchtige, harte Männerart &ndash; ›ich habe
-gar nichts dazu getan!‹ Hätten Sie sie früher fortgeschickt!
-Nun müssen Sie doch auch ohne das arme Geschöpf auskommen.«</p>
-
-<p>»Nun! Nun ist das ganz etwas anderes.«</p>
-
-<p>Er ging mit ihr durch sein kleines Haus &ndash; »Husch
-ist wirklich nicht mehr darin!« sagte er, »das haben nicht
-ihre Hände getan!«</p>
-
-<p>»Nein, ich selbst habe ein bißchen Ordnung geschafft.«</p>
-
-<p>Dann ging er mit ihr durch den Garten und setzte
-sich an den Tisch mit der machtvollen Bank, die am Südzaune
-steht, und erzählte ihr, wie es mit Do und mit
-ihm wäre.</p>
-
-<p>Maria Reh fand das unerhört. Sie faßte den Plan
-als einen ganz persönlichen Kampf Dos gegen sie auf, so,
-als ob sich Do ärgerte, weil Maria Reh Jakobus aus dem
-Bergwald in die Akademie gebracht hatte … »Nun will
-sie mich übertrumpfen und will Sie in die Universität
-führen!«</p>
-
-<p>Sie sagte das, als hätte sie einen Stengel Wolfsmilch
-zwischen den Zähnen.</p>
-
-<p>»Die Sache sieht also genau so aus, als würde ich zum
-drittenmal in die Schule gebracht,« lachte Jockele, »zuerst
-von Tante Veronika, dann von Maria Reh, zuletzt von<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span>
-Doris Rinkhaus … Aber dies dritte Mal findet Jakobus
-Sinsheimer seinen Weg allein.«</p>
-
-<p>»Sie denken überhaupt daran, ihn zu gehen?«</p>
-
-<p>Er zog die Achseln &ndash; »Es läßt sich doch nicht so ohne
-weiteres von der Hand weisen. Einstweilen: auf gute
-Nachbarschaft, liebe Maria!«</p>
-
-<p>Sie schlug herzhaft in die dargebotene Rechte; und wie
-er sich abwandte, rief sie ihm nach: »Auf gute Nachbarschaft
-&ndash; bis Sie sich selbst untreu werden!«</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">In die Akademie kam er in den folgenden Tagen nicht.
-Er war wieder einmal innerlich zerrissen. Sein Häuschen
-war bis unter das Dach voll von der anderen Zeit.
-Im Schuppen lag der zertrümmerte Berg der Seligkeiten
-&ndash; es waren Leinwandfetzen voll blutrotem Leuchten
-dabei, das er damals mit erschauernder Hand aus dem
-innersten Herzen Gottes heraus gemalt hatte.</p>
-</div>
-
-<p>Er wollte mit Gwendolin reden. Aber er suchte sie
-dann doch nicht. Warum auch? Daheim hatte er so selbstbewußte
-Worte gehabt, nun fastete er seine Seele durch
-eine verlorene Stille und wußte nicht, was das werden
-sollte.</p>
-
-<p>Aber eines Tages saß er im Zuge nach Jena &ndash; es
-jährte sich nun, daß ihn Gwendolin so hart auf den Rand
-des Lebens aufgeklopft hatte &ndash; und eine Stunde später
-stand er im Zimmer Ernst Haeckels.</p>
-
-<p>Es war die Stunde, von der er später nicht wußte, woher
-er den Mut genommen hatte, sie zu erleben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span></p>
-
-<p>Der greise Professor war nicht mehr im Amte. Er
-saß in seinem Lehnstuhl und schaute ihn aus seinen gütigen,
-hellen Augen an und ließ sich erzählen, wie es um diesen
-Jockele stand. Dann wurde ein Gespräch geführt, welches
-jenem nicht unähnlich war, das sich über dem Nachtmahl
-am Tische zu Ibenheim ereignet hatte.</p>
-
-<p>Er sagte dem alten Herrn manches kluge und gute
-Wort &ndash; es muß verraten werden, daß er in diesen Tagen
-Goethes naturwissenschaftliche Schriften gelesen hatte und
-an Haeckels ›Kunstformen der Natur‹ betriebsam herangetreten
-war, damit er die Fahrt in das neue Land wohl
-ausgerüstet anträte.</p>
-
-<p>Eine Stunde mit einem bedeutenden Menschen verbracht,
-bleibt lebendig bis an die Pforten des Todes. Eine
-Stunde, die das Licht eines großen Mannes durchstrahlt,
-wandelt sich für sehnsüchtige Hände zu einer Wunderlampe
-&ndash; Türen der Finsternis springen vor ihr auf und
-werden Glanz, Schlacken werden Brand und Steine
-fangen vor ihr an zu blühen&nbsp;…</p>
-
-<p>Als er wieder auf der Straße stand, fand er den Erobererschritt
-aus der Gegend des Tartarus. Er fühlte
-Flügel, wo er die Arme trug, und es war wieder eine
-Fackel in seiner Hand &ndash; just wie damals, als er der Welt
-das neue Licht zu bringen hatte.</p>
-
-<p>An diesem Abende saß er nicht über den Naturwissenschaften.
-Er schrieb einen Brief nach Ibenheim, der war
-stolz und mutig, aber er hütete sich doch vor Flügen, die
-ihm &ndash; so nahe dem Baumwinkel und den Trümmern des<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span>
-Berges der Seligkeiten &ndash; ihre Gefahren hatten. Doris
-Rinkhaus mit den sichtigen Augen würde diesen Brief
-auch lesen, und sie war Zeuge seines jammervollen Absturzes
-gewesen.</p>
-
-<p>Darum wog er jedes Wort und setzte es hin, als verschriebe
-er dem anderen seine Seele: »Ich will nun doch
-nicht mit beiden Füßen in das tiefe Meer springen, das
-sich vor mir aufgetan hat. Ich sehe unter den Rändern
-des fernen Himmels einen Saum, der vielleicht nur eine
-Spiegelung der Luft ist, aber es kann auch eine neue Welt
-sein. Ich will ruhig meines Weges fahren … Es muß
-nicht die Matura sein, es geht auch mit dem Einjährigenzeugnis
-der Kunstschule, es geht zwar nur bis zur kleinen
-Matrikel &ndash; aber wenn dann der Maler den Studierenden
-der Naturwissenschaften nicht aus dem Felde geschlagen
-hat, wird es ja wohl auch weiter gehen. Im
-Oktober hol' ich mir die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen
-Militärdienst&nbsp;…«</p>
-
-<p>Es war ein langer und klarer Brief, klar bis zur
-Schwunglosigkeit. Er verbarg das Glück an dem gefundenen
-Wege nicht, aber der Tartarus war zu nahe, und
-die vielen Pinsel in der alten Blumenvase mahnten zu
-einer höchst gemäßigten Begeisterung.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein Mensch von tüchtiger Art gerät in Irrtümer und
-kann darüber mit sich und der Welt zerfallen; einem
-Windhund passiert das nicht; denn sein ganzes Leben ist
-ein Irrtum.</p>
-
-<p>Es könnte einer sagen: dieser junge, gesunde und kluge<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span>
-Mensch &ndash; warum setzt er sich nicht ein Jahr hinter die
-Bücher und läßt sich testieren, was er gelernt hat? Es
-warten Tausende von jungen Leuten in der Welt auf ein
-Glück, wie es ihm in den Schoß fällt; aber er steht halb unentschlossen
-davor &ndash; es fehlt ihm der Trieb, und er ist
-zuletzt doch nur ein Blender.</p>
-
-<p>Aber Jockele durchlebte in diesem Sommer einen
-wilden und bitteren Kampf mit sich selbst; denn es ward
-herrschend, was die Erziehung in sorgsam gehüteten
-Jungenjahren an ihm getan hatte. Nun zeigte man ihm
-ein neues Land der Verheißung und sagte: »Dies alles
-will ich Dir geben, wenn …« Und auf der anderen Seite
-stand Maria Reh, die ihn damals zu sich selbst geführt
-hatte, und kämpfte um ihn. Sie war verärgert und hatte
-der kunstbeflissenen Jugend erzählt, daß man ihn schiffbrüchig
-machen wollte.</p>
-
-<p>So rissen die Tage an ihm herum, und er war froh,
-als die langen Sommerferien Ruhe brachten.</p>
-
-<p>Er saß da ganz einsam im Baumwinkel am Horn, aber
-die Naturwissenschaften standen hoch oben auf dem Bücherregale;
-denn danach fragte man ihn in der Oktoberprüfung
-nicht. Es klangen auch die Worte Ernst Haeckels in ihm
-nach: er wisse so viel wie ein Student im dritten Semester.
-Das hatte er im Spiel mit Wald und Quell, mit Stein und
-Wiese gelernt. Er wußte nun auch, daß es im Grunde die
-Naturwissenschaften gewesen waren, die ihn zur Kunst
-geführt hatten. Seine Freude an Farben, Formen und
-Licht war eine Gegengabe der Natur, die er als Künstlerin<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span>
-belauscht hatte, und deren Kunsttrieben er in heimlicher
-Entdeckerlust nachgegangen war.</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus hatte ihm nicht geschrieben. Sie
-bedrängte Tante Veronika nicht, aber sie quälte sich doch
-an dem ruhevollen Zuwarten der alten Freundin, und
-die Frage trat groß und voll Rätsel vor sie hin: warum
-diese Begeisterungslosigkeit bei solch einem jungen Menschen,
-der mit Augen voll Wundern durch seinen Bergwald
-zog?</p>
-
-<p>Es wurde so karg zwischen ihnen, daß erst um die
-Mitte des Septembers ein Brief kam, der von der
-Oktoberprüfung redete, und wie er wohlgerüstet hineinschritte.
-Er hätte auch viele Tage gemalt, und die Sorge
-um das Lernen, die zu Anfang groß gewesen, wäre ihm
-zuletzt ganz aus dem Sinne gekommen&nbsp;…</p>
-
-<p>Gwendolin hatte Weimar im September für immer
-verlassen. Ehe sie ging, hatte sie ihn noch mit Felidora
-Ritter bekannt gemacht. Das war etwas ganz Neues,
-Schlankes und Schwärmerisches. Sie sah aus wie ein
-reifes Kornfeld mit Mohn und Cyanen und war Kunstgewerblerin.
-Sie war eine von jenen, welche die Männer
-&ndash; wenn sie brünett und sehr jung sind &ndash; schon über dem
-Begegnen in gehobene Stimmung versetzen. Dazu kam
-für Jockele, daß sein Herz einen Sommer lang verwaist
-gewesen war wie nie im Leben. Da zog er alle Wimpel
-und Segel hoch und fuhr der ährenblonden Felidora
-entgegen.</p>
-
-<p>Es war eine lumpige Zeit. Sein Herz hing wie die<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span>
-Weltkugel aus Blech an einem dünnen Faden und pendelte,
-wohin er es stieß.</p>
-
-<p>Manchmal fiel ihm ein, daß die Prüfung nahe wäre.
-Er hatte da einen Stapel Bücher auf dem Tisch und schlug
-hin und her eins auf: dürftiger Kram, den er kannte, und
-der neben ihm lag. Und davor hatte ihm auch nur eine
-Stunde gebangt? &ndash; Es sah in ihm aus wie in seinem
-Häuschen, das er den Sommer über selbst in Ordnung
-gehalten hatte. Das Gartenhaus Dos stand nun seit zwei
-Monaten mit geschlossenen Augen&nbsp;…</p>
-
-<p>Darüber bekam die tiefe Schattenstille und grüngoldene
-Einsamkeit Stimme und sagte: »Jakobus Sinsheimer, was
-ist das mit Dir? Da sitzt die blonde Felidora in dem
-Stübchen Gwendolins &ndash; warum nimmst Du sie Dir nicht?
-Es ist ein feines, hohes und sommerliches Mädchen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er ließ sein Herz reden, bis es durstig wurde. Dann
-lief er mit begehrlichem Munde zu ihr. Und als er sie
-fand, führte er sie auf dem alten Wall unter den hohen
-Kastanien durch die Schlüpfe im Zaun.</p>
-
-<p>»Eigentlich fürchte ich mich vor Ihnen,« sagte sie. »Auf
-diesem Weg ist Gwendolin und Husch und Minchen Herzlieb
-gegangen und Maria Reh und Doris Rinkhaus. Alle
-in zwei Sommern. Es ist ja ein ganzes Heer&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und Felidora, meine große Sehnsucht,« setzte er
-hinzu. »Die anderen sind alle von selber gekommen, aber
-Felidora hab' ich gesucht &ndash; schon seit einer Woche.«</p>
-
-<p>Da ging sie mit in den Baumgarten.</p>
-
-<p>Sie hatte ein buntes und freudiges Kleid an, und in<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span>
-ihrer Stimme war ein Klang aus sommerlichen Feldbreiten,
-voll von zitterndem Glanze.</p>
-
-<p>Jockele dachte: »Man möchte sich an Dich hinschmiegen
-wie in die Aehren, die über den Sommerrainen wehen.«</p>
-
-<p>Dabei sah er sie an, und sie sagte: »Jawohl, ich fürchte
-mich doch vor Ihnen.«</p>
-
-<p>»Das ist fein,« sagte er und faßte sie so sachte unter
-und schritt mit ihr über die blanken Netze, die auf der
-Baumwiese lagen. Da verfingen sich ihre Füße in den
-Maschen von Gold, und sie sanken in das Gras.</p>
-
-<p>Die Grillen sangen, als ob es Zeit der ersten Mahd
-wäre. Aus den Feldern zog noch der Duft von gebackenem
-Brot, aber die Felder waren längst abgeerntet. Und hin
-und wieder sprang ein reifer Apfel ins Gras. Das war
-unter dem Regen und der Sonne des Septembers noch
-einmal so wogehoch und blumig geworden, daß die Hasen
-darin Pfingsten feiern konnten.</p>
-
-<p>In diesem Grase küßte er sie, und sie wollte sich mit
-ihren Händen schützen.</p>
-
-<p>»Es tut nicht weh!« sagte er.</p>
-
-<p>»Nein?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Guck an, wie fein Du küssen kannst!«</p>
-
-<p>»Es ist mir ja gar nicht eingefallen, Sie zu küssen.«</p>
-
-<p>»Du brauchst auch gar nicht! Aber leiden mußt Du es.«</p>
-
-<p>So schäkerten sie sich ganz hinein in das goldene Netz.
-Den Hut und die Handschuhe und die Tasche Felidoras
-hatten sie noch rasch daneben hingelegt. Und auf dem
-hohen Walle saß der Sommer und warf einmal eine<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span>
-grüne Schale vom Kastanienbaum, da sprangen die braunen,
-reifen Früchte heraus.</p>
-
-<p>Das Gebüsch des Baumwinkels hielt alle Hände über
-sie, und Jockele rauschte wie das Meer, wenn sich die
-Morgensonne hineinstürzt.</p>
-
-<p>»So &ndash; nun laß Dir mal noch was für morgen,« sagte
-sie ernsthaft. »Du bringst mich ja um mich selber! Jetzt
-gehen wir hinein, oder wir gehen hinaus ins Feld, und
-Du liest mir das Hexenlied vor.«</p>
-
-<p>Da bekam er weite Augen und suchte nach dem Faden,
-an dem der Tag mit diesem Gedichte aufgereiht war.</p>
-
-<p>Sie merkte das und rettete sich rasch in die Höhe und
-sagte: »Denkst Du denn, man kennt in Weimar nur Deine
-irdischen Lieben?«</p>
-
-<p>Er besann sich, wie er an dem Hexenliede wild geworden
-und in pathetischem Rausch auf die Leiter vor Dos
-Fenster gestiegen war. Der mädchenhafte Schwatz, den
-nur Maria Reh betrieben haben konnte, fiel ihn jäh an.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick schlug er sich auf und riß das
-Kapitel Maria Reh heraus und warf es in den Winkel
-zu dem Fastnachtsspiele Minchen Herzlieb.</p>
-
-<p>»Wie solch eine große und füllige Person ihren Nachbarn
-das Leben verleidet!« sagte er. »Sie ist wie der
-Papagei, der nebenan auf der Mauer steht und alle
-Sonnenruhe in Fetzen reißt. Sie braucht immer ein
-Tamtam und haut an alle Herzen. Sie ist eine Gehässigkeit
-oder eine Geschmacklosigkeit &ndash; und dies alles, weil
-sie keiner geheiratet hat!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span></p>
-
-<p>»Einst war Maria Reh aber Deine himmlische Liebe.«</p>
-
-<p>»Na ja!« &ndash; Er schütterte sich lachend wieder hinein in
-die frühere Helligkeit; die blühte in roten Küssen wie Mohn
-im Sommerkorn.</p>
-
-<p>»Wir müssen doch hineingehen,« sagte er; »denn ich
-berausche mich über dem lauten Lesen an meiner Männlichkeit.«</p>
-
-<p>»Da auch?« neckte sie.</p>
-
-<p>»Es ist aber nicht mehr so schön und still bei mir und
-von so sehnsüchtig-schmerzlicher Hingebung umrankt wie
-einst, als ich … als ich noch Maler war … Setz Dich
-so,« sagte er, »mit dem Rücken nach mir!«</p>
-
-<p>Er drehte ihr den Lehnstuhl herum, daß sie nun den
-kleinen Ofen ansehen mußte.</p>
-
-<p>Er hatte auf einmal ein ganz feierliches Herz und eine
-feierliche Stimme, und dann las er und schaute manchmal
-auf, ob sie sich nach ihm umwende.</p>
-
-<p>Weil sie andächtig war, als hörte sie mit geschlossenen
-Augen zu, schwelgte er sich in ein blutrotes Martyrium
-hinein. In ein tiefes Erleben wollüstiger Schmerzen. Es
-rollte Donner aus der Klosterzelle des Mönchs Medardus,
-es jauchzte das wilde, verbotene Lieben, es klagte der
-Jammer, es jubelte der Sieg. Und als er geendigt hatte,
-wandte sich Felidora nicht um. Er lehnte am Fenster
-und fühlte, wie der Schweiß an seinen Schläfen herniedersickerte.
-Sie blieben noch lange so.</p>
-
-<p>Da krähte Tante Veronikas kleine Standuhr keck über
-das verebbende Meer, das da aufgewühlt war, und Felidora<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-sprang empor und warf ihre Arme um ihn und
-sagte: »Das war schön und groß! Und solch ein Mensch
-setzt sich in solch einen Winkel und rät an sich herum, was
-er werden soll? Werde Schauspieler, Jakobus!«</p>
-
-<p>Sie jubelte das heraus, wie die Pendule ihren silbernen
-Schlag. Sie jubelte das mitten in die Stunde hinein, in
-der er das Kapitel Maria Reh aus seinem Leben gerissen
-hatte; und Doris Rinkhaus war weit, weit von ihm. Husch
-allein war nahe und fastete sich so durch ihre weißen
-Tage, an denen er selbst sacht und karg geworden war.
-Das Pathos des Berges der Seligkeiten fiel noch mit
-schönem, purpurnem Leuchten über ihn … Und nun
-standen Felidoras blaue Schwärmeraugen vor ihm und
-warfen ein fremdes, nie gesehenes Licht in seine Seele.</p>
-
-<p>Aber es zuckte ein Wetterleuchten an dem dämmerigen
-Himmel seines Herzens. &ndash; »Wenn sie das sagt,« dachte er,
-»so bin ich nichts weiter als ein Tag in ihrem Leben! Sie will
-nichts von mir; sie hält keine Rechnung in den Händen wie
-Minchen Herzlieb und sagt nicht: das und das bist Du mir
-schuldig geworden. Ich bin ihr wieder einmal zu jung,
-und sie wollte nur sehen, wie so etwas gemacht wird.«</p>
-
-<p>Die Gedanken flogen in ihm auf wie verstürmte Vögel.</p>
-
-<p>»Ich hüpfe immerfort auf Schwellen,« sagte er, »seit
-drei Monaten immer so in keuchendem Schwunge …
-Naturforscher, Maler, Bräutigam, Schauspieler, <em class="antiqua">Primo
-amoroso</em>, Spitzenreiter, Zerstörer des Berges der Seligkeiten,
-Zigeuner, Hypnotiseur &ndash; hast Du die Stirn, zu
-sagen, ich hätte es mit achtzehn Jahren zu nichts gebracht?<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span>
-Komm!« rief er und langte den Hut vom Nagel am Türpfosten
-herab und drückte sich ihn keck aufs Ohr.</p>
-
-<p>»Wohin?«</p>
-
-<p>»Eine Laute will ich mir kaufen und Schellen an den
-Hut &ndash; so, weißt Du, so!«</p>
-
-<p>Er wogte in komischen Sprüngen vor ihr hoch und
-nieder und hatte die Augen voll Hexenlied und Juchhei.
-Dann warf er den Hut auf den Stuhl und tobte in Anderthalbmeterschritten
-durch die Stube.</p>
-
-<p>Da ließ sie ihn toben und setzte sich mit ihrer lichten
-Sommerhelligkeit auf den Stuhl und sagte: »Du, ich
-glaube, Du bist ein richtiges Genie.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, Genie!« sagte er. »Genie, das hab' ich in der
-langen Reihe der Gipfelhöhen meines ruhmreichen Daseins
-vorhin vergessen!«</p>
-
-<p>»Ach, komm doch zu Dir! Solch ein tragikomisches Gesicht
-paßt nicht für Dich und bringt mich wieder zum Fürchten.«</p>
-
-<p>Da zog er ihr das Kleid zurecht, und sie ließ sich von
-ihm fertigmachen zum Ausgang.</p>
-
-<p>»Heut abend gehen wir ins Theater. Was ist heute?«</p>
-
-<p>»Die Räuber. Und morgen Pygmalion.«</p>
-
-<p>»Wir gehen an beiden Abenden hin. Schade, daß nicht
-auch solch ein halbverblödeter Wedekind dabei ist &ndash; ich
-meine, man könnte sich da gleich ein paar nette Rollen aussuchen,«
-lachte er bitter. Aber draußen unter den Bäumen,
-durch die eine nachmittägliche Drossel silberne Fäden zog,
-fand er sich und ward wieder ein brauchbarer Mensch.</p>
-
-<p>Sie sagte, an den Tagen, an denen sie ins Theater<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span>
-gingen, wollte sie nicht kommen. &ndash; Er war froh, als diese
-Tage vorbei waren; denn danach trieben sie ihre junge
-Liebe wild und königlich in die Blüte.</p>
-
-<p>Er hatte sich eine Frau verschafft, die das Häuschen
-festlich machen sollte zu Felidoras Geburtstag; er war am
-fünften Oktober, sie wurde da einundzwanzig.</p>
-
-<p>Man sah vom Wall aus in die Gärtnereien hüben und
-drüben, über die der Herbst alle Brunnen seiner Kraft
-ausgoß an Astern und Dahlien. Es war eine ausgelassene
-Farbenlust, und die Kastanien taten ihre goldenen Königsmäntel
-dazu um. Auf den Feldern loderten die Kartoffelfeuer
-&ndash; es waren die Tage, in der sich Frühling, Sommer
-und Herbst zum Ringelreihen finden und noch einmal
-alle Vogel- und Menschenherzen abschießen.</p>
-
-<p>Jockele hatte das kleine Haus für Felidora von allen
-drei Jahreszeiten rüsten lassen; denn seine Seele feierte
-schon seit einer Woche Hochzeit.</p>
-
-<p>Am fünften Oktober, der wieder voll Sonne war, daß sie
-über die Fensterstöcke hereinquoll und über die Sündflut
-seiner Sinnenfreude klingend dahinströmte, entlockte ihm
-Felidora das Gelöbnis: er sollte zu dem Regisseur gehen
-und ihm das Hexenlied vorsprechen. Er konnte auch sagen
-»Ich zählte zwanzig Jahre, Königin,« oder den Melchthal &ndash;
-er hatte in den Stunden, in denen Felidora nicht bei ihm
-war, ein bißchen in den Klassikern herumgelernt. Aber er
-ahnte das wartende Gelöbnis da noch nicht, sondern nur
-das Verlöbnis, in das er sich in seiner Art wieder einmal
-mit aller Frische und Vergessenheit hineinschwang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span></p>
-
-<p>Es war noch ein Hundertmarkschein vom Armen Heinrich
-her dagewesen, den er in der kleinen Standuhr verborgen
-hatte. Aber die Theaterfreude Felidoras war nun
-auch über den gekommen, und in diesen fünften Oktober
-rollten die letzten beiden Zwanzigmarkstücke, rollte sein
-Herz in purpurrotem Leichtsinn, rollte die Warnung
-Gwendolins, sich nicht immer gleich zu verheiraten, rollten
-Gott und Teufel in ihm&nbsp;…</p>
-
-<p>Am anderen Morgen, als die Blüten alle angewelkt
-waren und ein Herbstregen in grauer Unerbittlichkeit an
-die Fenster klapperte, gellte das wachsame Uehrlein in
-seinen späten Schlaf. Es hatte schon die Sechs und die
-Sieben ärgerlich gerufen, aber die Acht schrie es unheimlich
-und angstvoll.</p>
-
-<p>»Du, ich glaube, die Frau ist draußen und will ins Haus.«</p>
-
-<p>»Sie ist immer auf morgens zehn Uhr bestellt,« sagte er
-und fand sich aus der Nacht und dem anderen Tage herüber.</p>
-
-<p>Auf einmal&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ja, was trommelt denn die draußen so wild an das
-Fenster?«</p>
-
-<p>»Herr Sinsheimer! Herr Sins&ndash;hei&ndash;mer!«</p>
-
-<p>»Unerhört!«</p>
-
-<p>»Herr Sins&ndash;hei&ndash;mer!«</p>
-
-<p>Herr Sinsheimer stürzte ans Fenster und riß es auf&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Zum Teufel, Frau, sind Sie denn um den Verstand
-gekommen?«</p>
-
-<p>»Ach Gott, Herr Sinsheimer, Sie haben mich doch heute
-so früh bestellt! Es ist doch heute der sechste Oktober! Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span>
-warte schon seit einer geschlagenen Stunde &ndash; Sie haben doch
-gesagt, am Sechsten hätten Sie die Einjährigenprüfung.«</p>
-
-<p>Jawohl. Um acht Uhr hatte die Sache begonnen.
-Und fünf Minuten nach acht Uhr stand der Herr Sinsheimer
-im Nachthemd am Fenster des kleinen Hauses am
-Horn Nr. 35 und stemmte den Himmel mit seinen langen
-Armen über sich, der auf ihn herniederbrach &ndash; grauenhaft
-und mitleidlos, wie nur ein Himmel einfallen kann.</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Der Roman ›Jockele und die Mädchen‹ ist zu Ende;
-denn was nun kommt, ist eine sehr verständige und
-sehr symmetrische Geschichte, die mit einem Examen anfängt,
-mit einem Examen fortfährt und mit einem Examen
-endigt. Jockele bestand die Prüfungen alle drei &ndash; und
-was hernach kommt, heißt ›Jockele und seine Frau‹, darf
-aber nicht beschrieben werden&nbsp;…</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="drop">Weil der Himmel einfiel und kein Halten war, stürzte
-Jakobus Sinsheimer im Nachthemd in die Hosen.
-Was aus dem Nachthemd herausschaute, überschüttete er
-mit kaltem Wasser. Die Aufwartefrau erkannte inzwischen
-den Zweck des Blumenfestes; sie vergaß, den schwarzen
-Schulterkragen abzulegen und drängte dem Jockele das
-Handtuch und die Zahnbürste auf. Felidora war ein
-wenig kärglicher gekleidet und hob ihn in Weste und
-Joppe. Er ergriff die Mappe mit dem Schreibpapier,
-stülpte sich den Hut auf wie damals, als er die Laute der
-Verzweiflung erstehen wollte, die Krawatte schwang er<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-in der Rechten, daß sie hinter ihm zur Tür hinausflatterte
-&ndash; er knüpfte sie unter den triefenden Kastanienbäumen.
-So stürmte er dahin. Die Stufen vom Horn hinab in
-den Park. Ueber die Naturbrücke. Ins Fürstenhaus.
-In den Prüfungssaal&nbsp;…</p>
-</div>
-
-<p>Da wunderte sich der Herr Professor Redslob ein bißchen;
-denn das Thema zum deutschen Aufsatz hatte er
-längst gegeben, und viele Federn knirschten schon eifrig
-übers Papier. Aber er lächelte seine duldsame Freundlichkeit
-über Jockele dahin, auch ohne das Erlebnis ganz
-zu durchschauen &ndash; denn das wird ihm erst in diesen Zeilen
-verraten &ndash; aber Jockele hatte seinen Lokalruhm. Deshalb
-kam ihm der Professor entgegen und sagte: »Na, Sie
-werden wohl eine überzeugende Abhaltung gehabt haben
-&ndash; Witterungsverhältnisse oder so,« und er nannte ihm
-das Thema in Geduld noch einmal. Dann rückte sich
-Jockele in den Unbequemlichkeiten des für die obwaltenden
-Umstände viel zu geräumigen Nachthemds zurecht,
-überzeugte sich, daß er auch wirklich da wäre, und fing an,
-sich die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst
-zu erwerben. Nach acht Tagen hatte er auch ›das
-Mündliche‹ bestanden.</p>
-
-<p>In dieser Woche, die zwischen Anfang und Ende der
-Prüfung lag, ereigneten sich zwei Dinge für ihn.</p>
-
-<p>Zuerst bekam er einen Brief aus Ibenheim. Der verkündigte
-ihm, daß Doris Rinkhaus mit Tante Veronika
-eine frohe Fahrt über die Alpen angetreten hatte &ndash; sie
-wollten in Sestri-Levante und Nervi den Winter verbringen.<span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span>
-Do schrieb, daß sie erfahren hätte, wie Tante
-Veronika, seit sie Jockele aus dem Walde gezogen, in Enthaltsamkeit
-und selbstvergessener Sorge für den Jungen,
-außer der raschen Fahrt nach Weimar, Ibenheim nicht
-verlassen habe; darum hätte sie die alte Dame aufgeladen
-und sei mit ihr in den Frühling an das Südmeer gezogen.</p>
-
-<p>Darüber kam Jockele zum drittenmal ans Rechnen,
-und er hatte feierliche Gedanken und sagte: »Was hat
-diese Tante Veronika für ein opferfreudiges und großes
-Herz! Und was ist diese Doris Rinkhaus für ein tapferes
-und königliches Mädchen!«</p>
-
-<p>Er hatte überhaupt gute Vorsätze in dieser Woche; denn
-gute Vorsätze haben ihren Platz zwischen den Schwellen
-und sind einundeinhalb Meter lang. Deshalb reichen sie
-noch einen Schritt weit über jede Schwelle hinweg.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das andere Erlebnis betraf Felidora.</p>
-
-<p>Sie hatte am sechsten Oktober gegen Abend die delikate
-Annäherung eines jungen Bankbeamten gehabt, den ihre
-Sommeraugen und ihre ährengelbe Feldstille ernsthaft sehnsüchtig
-nach ihr machten. Da erteilte sie sich einen Generalpardon
-und zog schuldlos und schön dem neuen Glücke nach.</p>
-
-<p>Das gestand sie Jockele, und er stieß ein teilnahmsvolles
-»Oh!« hervor; er sagte ihr auch, daß er nicht verständnislos
-für ihre Wünsche sei, und daß sie gute Freundschaft
-halten wollten &ndash; er selbst ginge mit Semesterbeginn
-nach Jena studieren.</p>
-
-<p>Da quittierte sie ihm über das seelenvolle »Oh!« mit
-einem bedauernden »Ach?« Und er erfaßte ihre beiden<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span>
-Hände und sagte: »Du schönes, hohes Mädel! Und nun
-mußt Du mir mein Wort zurückgeben; die verrückte
-Stunde, in der Du mich zum Komödianten machen wolltest
-&ndash; wo ist sie geblieben?«</p>
-
-<p>Es schienen danach noch sonnige Oktobertage um das
-kleine Haus im Baumwinkel.</p>
-
-<p>Da bereitete sich Jockele zum Auszuge. Er kramte viele
-welke Zeichen des Erinnerns unter den mancherlei Dingen
-hervor, die er mit hinübernehmen wollte in das neue Leben.</p>
-
-<p>Als er seine Wohnung aufkündigte, erfuhr er, daß
-auch Maria Reh nicht mehr in das Gartenhaus zurückkehre.
-Nun hatte Doris Rinkhaus die weiße Stille oder
-grüne Einsamkeit ganz allein, so oft sie darin leben wollte.</p>
-
-<p>In diesen letzten Tagen stand Jockele einmal gegen
-den Zaun gelehnt, an dem er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹
-gemalt hatte, und ließ die vielen Bilder lieben Zusammenlebens
-der beiden Jahre durch seine Seele gehen.
-Da merkte er: Doris Rinkhaus leuchtete über alle hinweg
-und stand als ein großer, schöner Stern an dem Himmel,
-an dem nun die Nacht des Vergessens heraufziehen sollte.</p>
-
-<p>Da wurde ihm, als wäre alles Licht von ihr gekommen,
-und als hätte sein Herz keiner andern gehören können,
-weil sie es fest in ihren Händen hielt. Warum hatte er
-ihr dies nie sagen können? Es drängte ihn, ihr die
-Stunde, diese letzte Stunde im Baumwinkel, zu beschreiben
-und ihr zu sagen, wie er seine Arme nach ihr ausgebreitet
-hätte. Aber ihr blondes Königinnentum verbat
-sich das. Und er &ndash;&nbsp;&ndash; so zwischen den Schwellen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span></p>
-
-<p>Es wachsen in dem Winkel, in dem der Zaun des Tartarus
-gegen den Grenzzaun nach dem Wall stößt, drei
-Kastanienstämme aus einer Wurzel.</p>
-
-<p>Zu dem einen trat er hin und schnitt mit dem Messer
-ihren Namen in die Rinde: Do &ndash; groß und tief. Und
-durch das D grub er ein J. Wer nicht wußte, was diese
-Zeichen bedeuteten, der mochte lesen »Dio« &ndash; es waren
-ihre Namen, beide in einem.</p>
-
-<p>Wenn Doris Rinkhaus wieder einmal auf der Schwelle
-zu dem Gartenhause stand und ihre Augen wandern ließ
-über die Stellen frohen Beisammensein aus den glücklichen
-Jahren, dann mußte sie die Zeichen im Stamm
-entdecken. Sie allein unter allen Menschen, die hierher
-kommen würden, verstand sie.</p>
-
-<p>Das war der Brief, den er ihr schrieb &ndash; es war der
-erste, und sie sollte ihn finden, wenn sie je zurückkehrte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Danach zog er aus. Er übergab der Dienstfrau den
-Schlüssel und sagte: »Wenn ich wiederkäme, dann käm'
-ich wohl, um von neuem Maler zu werden.«</p>
-
-<p>In Jena ging er zu Ernst Haeckel und ließ sich von ihm
-beraten, welche Vorlesungen er belegen sollte, und wurde
-Student. Er dachte nicht an die Matura &ndash; erst wollte
-er ein Stückchen hineinlaufen in die Wissenschaft.</p>
-
-<p>Er mietete sich ein in einem nüchternen Hause der
-Stadt, aber er fand sich da nicht zu sich selber. Und um
-die Novembermitte, als er vier Wochen in Unbehagen in
-der steinernen Straße unter vermauertem Himmel gelebt
-hatte, jubilierte er in Flockentreiben und brüllendem Weststurm<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span>
-den Wall des alten Schießstands in Weimar entlang.
-Er konnte nicht durch die verschlossenen Schlüpfe im
-Zaun &ndash; da stieg er über und sprang hinein in den alten,
-einsamen Winkel, in dem noch die Dieme gespaltenen Holzes
-stand, der so wintertraurig und so voll von Leben war.</p>
-
-<p>»Zigeuner!« jauchzte er und schlang seine Arme um
-den Stamm der Kastanie, in die er die Namen geschnitten.
-Er war Maler gewesen und war Student geworden, aber
-er hatte nicht leben gelernt in den steinernen Gassen; nun
-lief er ins Herrenhaus und jubelte die silberne Exzellenz
-an: »Lassen Sie mir mein Haus im Winkel wieder &ndash; ich
-kann nicht daheim werden unter fremden Menschen, nicht
-daheim werden in der anderen Stadt, nicht daheim werden
-in mir selber. Ich will an jedem Tage nach Jena
-reisen &ndash; was verficht's, ob ich dort wohne oder hier?«</p>
-
-<p>Dann lebte er wieder an der alten Stätte und arbeitete
-sich in eine tiefe, ungeheure Freudigkeit hinein.</p>
-
-<p>Es trat kein Mensch seine Stapfen in den Schnee und
-in die Einsamkeit, die um ihn waren.</p>
-
-<p>Er wartete auf Doris Rinkhaus, aber sie kam nicht.
-Es wurde Frühling und Sommer.</p>
-
-<p>In Stunden, in denen er die Naturwissenschaften vergessen
-durfte, suchte er Farben und Pinsel hervor und
-den grauen Malerkittel und malte den Garten von allen
-Ecken aus, er malte die Häuser &ndash; er malte sich Schätze
-der Erinnerung für die Zeit, in der dies sonnendurchschauerte
-Idyll doch endlich ein Märchen für ihn werden
-müßte. Er dachte an Do, für die er dies Bild bestimmte<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span>
-und jenes &ndash; und ob sie wohl einmal sagen würde, wenn
-sie seinen Namen darunter las: »Jakobus Sinsheimer &ndash;
-den hab' ich einst gekannt; wir waren damals beide jung!«</p>
-
-<p>Doris Rinkhaus war den Frühling über in Bonn.</p>
-
-<p>In den langen Sommerferien reiste er nach Ibenheim.</p>
-
-<p>Tante Veronika tat freudig geheimnisvoll, und eines
-Tages ging sie mit ihm zur Haltestelle der Bahn &ndash; so
-ganz von ungefähr, und war stolz auf ihren glücklichen,
-langen Studenten, der voll von grausam gelehrter Weltbetrachtung
-war.</p>
-
-<p>Da lief der Zug ein, und Doris Rinkhaus stieg heraus
-und stürzte der alten gütigen Frau ans Herz.</p>
-
-<p>Und weil Jakobus zur Salzsäule geworden war, da
-er auf das leuchtende Wunder hinschaute, sagte sie: »Na,
-Jockele?«</p>
-
-<p>Da zersprang er &ndash; »Do! Do!«</p>
-
-<p>Die Welt ging unter, und er hatte gerade noch Zeit,
-Doris Rinkhaus zu retten, und trug sie auf seinen glückseligen
-Armen über den Bahnsteig und in seinem Herzen,
-in seinen Augen hinauf auf den Berg ins Frühlingshaus.</p>
-
-<p>Da hatte er sein zweites Examen bestanden &ndash;
-<em class="antiqua">summa cum laude</em>. Es dauerte viele Tage, aber das
-Zeugnis bekam er schon am ersten.</p>
-
-<p>Wie Do und Jo ›Du‹ zueinander sagten, und er längst
-keine Scheu mehr vor ihrem Königinnentum hatte, ließ
-sich auch Tante Veronika das Gelöbnis der Verschwiegenheit
-zurückgeben. Es war eine schöne und helle Stunde,
-in der sie ihm ihr Herz aufschloß &ndash; diese Stunde sah aus<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span>
-wie Doris Rinkhaus. Aber Do war hinausgegangen; denn
-Jockele war in allen Stücken gewachsen, seit er mit Gwendolin
-das lebende Bild in der Fasanerie gestellt hatte. Sie
-ahnte, was käme, und wollte dazu ganz allein mit ihm sein.</p>
-
-<p>Danach fing er an, Hochzeit zu feiern, und sagte: das
-Gartenhaus am Horn riefe nach ihr, und er malte es
-ihr mit Worten von Herrlichkeit und Sehnsucht. Aber
-Doris Rinkhaus sagte: »Ich werde auch wieder einmal
-in dem Gartenhause wohnen &ndash; da nehm' ich Tante
-Veronika mit, und es wird sehr fein.«</p>
-
-<p>Wieder verging ein Jahr, wieder hatten Do und Tante
-Veronika den Winter im Frühling des Südens verbracht,
-und wieder saßen Do und Jo in den Sommerferien vor
-dem thüringischen Buchenwalde. Da erzählte ihr Jockele
-viel von der ›Entwicklung der Organismen aus eigener
-Kraft durch die physikalische und chemische Energie der
-lebendigen Substanz‹, viel von ›plastischem Distanzgefühl‹
-und wie die Natur die wundervollsten Kunstgebilde schaffe.
-Er erzählte ihr, daß er diesen Kunstgebilden nachginge,
-und just wie einst male er, was er sehe; und er schreibe
-dazu, was er erkannt hätte. Und daß dies eine Förderung
-der Wissenschaft bedeutete. Noch ein Jahr wollte er
-daran arbeiten, dann wollte er das Werk einreichen und
-damit zum Doktor promovieren. Es wurde fertig und
-hieß ›Der Kunsttrieb der Natur‹.</p>
-
-<p>Von dem ›Schmetterlingsbuche mit Illustrationen‹, das
-der Dorfjunge in der Gartenhütte von Ibenheim verfaßt
-hatte, bis zu diesem war ein weiter Weg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span></p>
-
-<p>Sein väterlicher Freund Haeckel las es, und er klopfte
-ihm auf die Schulter und sagte: »Ein rechter Kerl geht
-nicht unter &ndash; auch ohne Matura; deutsche Hochschulprofessoren
-sind keine Philister, und aus einem Zigeuner
-wird durch die kluge Sorge seiner alten Tante ein gelehrter
-Doktor.«</p>
-
-<p>Da bestand er sein drittes Examen &ndash; diesmal <em class="antiqua">cum
-laude</em>.</p>
-
-<p>Danach reisten sie nach Bonn &ndash; Do und der Doktor
-und Tante Veronika und das Mädchen Mali; denn Veronikas
-neunundsechzig Jahre mochten die Hilfe der alten
-Dienerin auch auf der Reise nicht mehr entbehren.</p>
-
-<p>Damit ist die symmetrische Geschichte mit den drei
-Prüfungen zu Ende.</p>
-
-<p>Die Gartenhäuser am Horn in Weimar liegen wieder
-einsam. Aber unter den Sommerbäumen schreiten schöne,
-lichte Gestalten, gaukeln liebe und bunte Träume. Und
-wer am Kastanienstamm beim Zaun die eingeschnittenen
-Namen betrachtet, für den erwachen die Träume zum
-Dasein; denn um Sieger leben die Vergangenheiten.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Von <em class="gesperrt">Max Geißler</em> sind im Verlage von
-L. Staackmann in Leipzig erschienen:</p>
-</div>
-
-<p class="center">
-<span class="larger">Das Tristanlied.</span> Epos<br />
-<span class="larger">Die Rose von Schottland.</span> Epos<br />
-<span class="larger">Gedichte.</span> Volksausgabe<br />
-<span class="larger">Die neuen Gedichte.</span> Volksausgabe<br />
-<span class="larger">Die Bernsteinhexe.</span> Schauspiel<br />
-<span class="larger">Die Herrgottswiege.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Das hohe Licht.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Am Sonnenwirbel.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Das Heidejahr.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Das Moordorf.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Das sechste Gebot.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Der Erlkönig.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Die Glocken von Robbensiel.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Nach Rußland wollen wir reiten!</span> Roman<br />
-<span class="larger">Die Musikantenstadt.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Hütten im Hochland.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Inseln im Winde.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Die goldenen Türme.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Die Wacht in Polen.</span> Roman<br />
-<span class="larger">Briefe an meine Frau</span>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="h2">Ullstein-Bücher</p>
-
-<p class="center">Neue Bände:</p>
-
-<p class="h2">Vom Müller-Hannes</p>
-
-<p class="center">von Clara Viebig</p>
-
-<p class="noind smaller">Der Hintergrund dieses Romans von Clara Viebig ist das Eifelland
-mit seinen vulkanischen Bergkuppen, seinen Schluchten und
-Heiden, seinen weltabgeschiedenen Dörfern. Bauerntrotz und
-Bauernhochmut bereiten dem Müller-Hannes sein Schicksal. Mit
-staunenswerter Kraft macht die Dichterin diesen Charakter lebendig.
-Stimmungsschwere Romantik und meisterlicher Realismus
-vermählen sich in ihrem Werk, das unter den deutschen
-Volksromanen unserer Zeit einer der echtesten und stärksten ist.</p>
-
-<p class="h2">Die schwere Not</p>
-
-<p class="center">von Richard Skowronnek</p>
-
-<p class="noind smaller">»Die schwere Not« ist der dritte von Richard Skowronneks Ostpreußen-Romanen,
-die mit den »Sturmzeichen«, der Voraussage
-des großen Krieges, begannen und zu dem Roman »Das große
-Feuer« überführten. Mit herber Wucht stellt »Die schwere Not«
-die ersten Begebnisse nach der Kriegserklärung dar, den Aufmarsch
-der ostpreußischen Truppen gegen das in riesenhaften
-Feldlagern versammelte russische Millionenheer und den Einbruch
-der Kosakenhorden. In starker persönlicher Ausgestaltung
-gibt der Dichter wieder, was nachher kam: die opfermütige
-Abwehr und die Zeit der russischen Herrschaft in Masuren.</p>
-
-<p class="h2">Kriegsgetraut</p>
-
-<p class="center">von Otto von Gottberg</p>
-
-<p class="noind smaller">Otto von Gottbergs Erzählung, die in die Stimmungen des
-deutschen Seekriegs einen echt und warm empfundenen Liebesroman
-stellt, schildert hell und farbig die Junitage an der
-Kieler Regatta. Sie malt die Ausfahrt des deutschen Hochseegeschwaders,
-die Heimkehr der lichtweißen, von vier Kreuzern
-gefolgten »Hohenzollern«, ein schweres Seegefecht, den kühnen
-Flug eines Marinefliegers. Dem Heldentum der deutschen
-Flotte hat Otto von Gottberg dieses kleine Werk geweiht.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="h2">Ullstein-Kriegsbücher</p>
-
-<p class="center">Bisher erschienen</p>
-
-<p class="center p2">Paul Oskar Höcker:</p>
-
-<p class="center gesperrt">An der Spitze meiner Kompagnie</p>
-
-<p class="center p2">Fedor von Zobeltitz:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Kriegsfahrten eines Johanniters</p>
-
-<p class="center p2">Kurt Aram:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen</p>
-
-<p class="center p2">Ludwig Ganghofer:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Reise zur deutschen Front 1915&nbsp;/ Die
-stählerne Mauer&nbsp;/ Die Front im Osten&nbsp;/
-Der russische Niederbruch</p>
-
-<p class="center p2">Ernst Freiherr von Wolzogen:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Landsturm im Feuer</p>
-
-<p class="center p2">Otto von Gottberg:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Kreuzerfahrten und U-Bootstaten&nbsp;/
-Die Helden von Tsingtau</p>
-
-<p class="center p2">Emil Zimmermann:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Meine Kriegsfahrt von Kamerun zur Heimat</p>
-
-<p class="center p2">Heinz Tovote:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Aus einer deutschen Festung im Kriege</p>
-
-<p class="center p2">Rudolf Hans Bartsch:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Das deutsche Volk in schwerer Zeit</p>
-
-<p class="center p2">Paul Grabein:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Im Auto durch Feindesland</p>
-
-<p class="center p2">Kapitänleutnant Freiherr von Forstner:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Als U-Boots-Kommandant gegen England</p>
-
-<p class="center p2">Ernesto Freiherr Gedult von Jungenfeld:</p>
-
-<p class="center gesperrt">Aus den Urwäldern Paraguays zur Fahne</p>
-
-<p class="center p2 larger">Jeder Band 1 Mark</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">
-Ullstein &amp; Co<br />
-Berlin SW 68
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Der Schmutztitel wurde entfernt.
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der
-Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 175: Stile → Stille<br />
-dem Häuschen mit blumenhafter <a href="#corr175">Stille</a> und Hingabe</p>
-<p>
-S. 186: hinausgeführt → ausgeführt<br />
-so sollte er auch ohne sie <a href="#corr186">ausgeführt</a> werden</p>
-<p>
-S. 205: Himmels → des Himmels<br />
-alle Mächte <a href="#corr205">des Himmels</a> und der Erde</p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Jockele und die Mädchen, by Max Geißler
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOCKELE UND DIE MÄDCHEN ***
-
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