diff options
| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 18:20:14 -0800 |
|---|---|---|
| committer | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 18:20:14 -0800 |
| commit | 4c7035054e4de8e1362269b0e72b66f318ec4461 (patch) | |
| tree | 2a954c3ab6ed21795731642dab37c57218995eb0 /old/53661-h/53661-h.htm | |
| parent | 677dcbc423bf26f2be5e0cf847739e6b1d3306e1 (diff) | |
Diffstat (limited to 'old/53661-h/53661-h.htm')
| -rw-r--r-- | old/53661-h/53661-h.htm | 10139 |
1 files changed, 0 insertions, 10139 deletions
diff --git a/old/53661-h/53661-h.htm b/old/53661-h/53661-h.htm deleted file mode 100644 index 0bf590b..0000000 --- a/old/53661-h/53661-h.htm +++ /dev/null @@ -1,10139 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Jockele und die Mädchen, by Max Geißler. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; } -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.larger { - font-size: larger; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Poetry */ -.poem { - margin-left:10%; - margin-right:10%; - text-align: left; -} - -.poem br {display: none;} - -.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} - -.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} -p.drop { - margin-top: 4ex; - text-indent: 0; -} - -p.drop:first-letter { - float: left; - margin: 0.3ex 0.1em 0 0; - font-size: 250%; - line-height: 1.7ex; -} - -@media handheld { - p.drop:first-letter { - float: none; - margin: 0; - font-size: 100%; - } -} - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Jockele und die Mädchen, by Max Geißler - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Jockele und die Mädchen - Roman aus dem heutigen Weimar - -Author: Max Geißler - -Release Date: December 4, 2016 [EBook #53661] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOCKELE UND DIE MÄDCHEN *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am -<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2"> -Ullstein-Bücher</p> -<p class="center"> -Eine Sammlung<br /> -zeitgenössischer Romane</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> -<hr class="tb" /> -<p class="center"> -Ullstein & Co / Berlin und Wien</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Jockele und die Mädchen</h1> -<p class="center"> -Roman aus dem heutigen Weimar von</p> -<p class="h2"> -Max Geißler</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> -<hr class="tb" /> -<p class="center"> -Ullstein & Co / Berlin und Wien</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"> -Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten.<br /> -Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co, Berlin. -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Als wäre diese Geschichte nicht wahr – so wunderlich -angetan mit allem Zierate der Romantik schreitet sie -heraus aus dem grünen thüringischen Waldleben! Mit -Zigeunern, die sich die Häuser aus bunten Lappen und -Fichtenreisern erbauen und durch den Bergwald fliegen -wie die Distelfinken, denen der Herrgott am letzten -Schöpfungstage die Reste seiner Farbeschalen aufgetupft -hat. Und mit einem alten Mädchen, das in besinnlicher -Güte und Einsamkeit dem Herzschlag des Thüringer -Waldes lauschte – auf einmal fiel der Veronika Sinsheimer -ein Kind in die Hände, als sie schon daran dachte, -wem sie das kleine Haus vermachen solle, wenn eines -Tages der Mann im weißen Mantel über das Gebirge -schritt, der die blauen Mohnkörner des ewigen Schlafes -auswirft.</p> -</div> - -<p>Das mit dem Kinde geschah ganz früh am Jakobustage -– zu Sommeranfang, wenn die Drosseln das Silber -ihrer Lieder über den Wald werfen wie die jungen -Mütter des Christkindleins Haar um die Weihnachtstanne.</p> - -<p>Die Häuslein sind um den Fuß der Vorberge gesäet -wie die Weizenkörner; ein paar sind emporgeweht an die<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -Hänge, und der Bergwald legt seine grünen Arme darum. -Zuhöchst steht das des Fräuleins Veronika Sinsheimer – -von weitem anzuschauen als ein Wildrosenbusch im Mai; -denn es hatte frühlingsgrüne Mauern und ein hellrotes -Ziegeldach, darin zwei blanke Augen, just wie das alte -Fräulein selber.</p> - -<p>An den Fenstern waren weiße Vorhänge, feuerrote -Geranien und Glockenstöcke; die standen auch während -des Bergwinters in lachendem Blühen. Kein Wunder, -denn das Fräulein in dem Frühlingshause wandelte in -einem freundlichen Spätlichte des Lebens, so warm und -hell, daß die grämlichen Nebel der Altjüngferlichkeit sich -darin niederschlugen als ein Tau in den Sommermorgen.</p> - -<p>Die Leute von Ibenheim gingen gern bei ihr ein und -aus; denn sie sprach eine feine thüringfremde Sprache. -Die hatte sie mit aus der norddeutschen Heimat gebracht -und schoß das »s« von dem feinen Bogen ihres Mundes wie -einen Pfeil. Die zu ihr kamen, banden sich daheim eine -saubere Schürze vor und strichen sich die Schuhe vor der -Schwelle des Hauses ab, oder sie ließen die Pantoffel -draußen stehen; denn um das Fräulein Veronika war -alles blank.</p> - -<p>Die lebte das Leben des späten Mädchens in Freude -und erzählte keinem Menschen, daß sie hundertmal Gelegenheit -gehabt hätte, einen Mann zu nehmen, oder daß -gar einer wegen seiner Liebe zu ihr ins Wasser gegangen -sei, sondern sie sagte: es wäre halt keiner gekommen, sie -lieb zu haben, darüber wäre sie stehengeblieben. Und ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -Augen lachten das leise Lachen der Freude über diese -Rede, weil sie dennoch mit dem Leben fertig geworden -war.</p> - -<p>Dies stille Leben lag vor den Augen all der Leute von -Ibenheim, und doch war die feine kleine Person des alten -Fräuleins für sie voller Geheimnisse. Aus jedem Stücke -des Hausrats schaute eine ferne liebe Zeit, wie sie in den -Erkerstuben alter Burgen eingefangen ist, die vordem -einmal Kemenaten junger Frauen gewesen sind. Ahnungsreich -lag der Duft von Lavendel um alle Körbchen und -Decken, um Kissen und Polster, und Fräulein Veronika -Sinsheimers reinliches Wesen trippelte zwischen diesen -Dingen umher, und das Leben hatte kein Stäubchen auf -sie geworfen.</p> - -<p>Die Menschen sahen sich an ihr die Augen voll Sonntag. -Und an dem Zinzilein, dem kleinen Mädel des Holzhauers, -das an jedem Tag in das Frühlingshaus kam, war -all der Sonntag hängengeblieben: es schoß das spitze »s« -aus seinem Mündlein wie sie; seine kleine Zunge schwang -in diesem Mündlein als gegen eine silberne Glocke, und -wenn das Zinzilein aus der Hütte des Holzhauers über -den Weg lief, ward der Waldsaum hell – in Kindern -leuchtet das Scheinen der anderen Welt, aus der sie gekommen -sind, rasch wieder auf.</p> - -<p>Das Zinzilein blühte seinen fünfjährigen Frühling so -in das Leben der alten Dame hinein und schüttete seine -klingenden Fragen über sie, als es anfing, an dem Dasein -herumzuraten: »Warum kann ich nicht in Deinem Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -schlafen, liebe Tante Veronika? Und warum sage ich zu -Dir Tante und nicht Mutter? Warum bist Du nicht meine -Mutter? Und was ist für ein Unterschied zwischen einer -Tante und einer Mutter? Wenn ich groß bin – kann -ich dann immer bei Dir sein, liebe Tante Veronika? Und -warum ist es bei Dir so schön, so schön?«</p> - -<p>Darüber kamen sie dann beide ins Raten; und wie -eine Blume wandte sich diese junge Menschenblüte der -Sonne zu, in der Fräulein Veronika stand. Den Namen -Zinzilein hatte die Kleine für sich gemacht – er war aus -der Zeit, da die Worte in dem jungen Munde noch -manchmal durcheinanderpurzelten, aus Kreszenzia und -Sinsheimer entstanden. Und weil es ein so wunderlicher -Zusammenklang war, blieb er an dem Kinde hängen: als -das ›Zinzilein‹ ist die Kreszenzia Laufer durch ihr Leben -geschritten.</p> - -<p>Aus dem unbewußten Blumendasein des ganz kleinen -Holzhauermädels wurde gemach ein Menschenleben; und -in seligem Erschauern ließ Fräulein Veronika das Glück -dieses sachten Blühens in die Waldstille ihrer Tage rieseln -und fühlte, wie es an ihrem vereinsamten Herzen zum -Wunder ward.</p> - -<p>Die Eltern des Zinzilein gingen zu Walde roden und -aufforsten, und wenn der Schneewind über die Berge -brauste, saßen sie bei der Heimarbeit, die in dieser Gegend -Brauch ist: sie machten Puppen. Außer dem Zinzilein -hatten sie kein Kind; und dies eine ward ihnen fremder -mit jedem Tag. Es dachte anders und redete anders als<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -Vater und Mutter. Und wenn das Zinzilein des Abends -heimkam und aus seinem Frühlingsherzen heraus über -sie schüttete, was das alte Fräulein am Tage hineingelegt -hatte, merkten sie, daß das Kleine ein Gast in ihrer Waldhütte -geworden war. Dann gaben sie sich Mühe, so fein -mit ihm zu sprechen, wie es selber sprach, und standen vor -ihm in feierlicher fremder Freude wie vor einer Tulpe, -die ihnen auf den Geburtstagstisch gestellt worden. Wenn -das Zinzilein nebenan in seinem Bette lag, holte die -Mutter jedes Stück herzu, das es auf seinem Körperlein -getragen, ließ ihre harte Hand darübergleiten und drückte -es gegen die Wangen, zu fühlen, wie sanft es sei. Oder -sie hielt das Kräuschen aus alten Spitzen gegen das Licht -der Lampe, den feinen Lauf der Fäden zu sehen; denn -Fräulein Veronika sorgte für alles – auch dafür, daß sich -das Kinderherz den Eltern nicht völlig abwende. Und das -war sehr schwer.</p> - -<p>Sie badete es an jedem Tage des Sommern in einem -klaren Bergquell, der aus dem schwarzen Wurzelgrunde -heraus sich in ein Sonnenbett legte und das Glück des -Himmels und Lichts in sich trank, ehe er als fußbreites -Wasser in die Welt lief. Sie lehrte das Kind, diese Welt -durch ihre klugen, reinen Augen zu sehen, und schloß ihm -auf jedem Gang in den Frühling ein Wunder der -Erde auf.</p> - -<p>Es schien, als wäre die unerforschliche Macht, die die -Menschen Schicksal nennen, zu der späten Erkenntnis gelangt, -daß diesem Fräulein Veronika das herrlichste<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -Mutterherz geschenkt worden, das sich denken ließe – da -legte es ihr das kleine fremde Mädel in die Arme; denn -das Kleinod dieses Frauenherzens, das kein Mann gefunden -hatte, durfte nicht in Vereinsamung verloren -gehen. Und dies Schicksal erkannte auch, daß dies Frauenherz -unerschöpflich sei an hingebender Liebe und Klugheit -… am frühen Morgen des Jakobustages, als das -Fräulein Veronika sein Spitzenhäubchen auf die ergrauenden -Haare gesetzt hatte und gleich einmal nach dem -Zinzilein ausschauen wollte, ob es schon am Waldrand -herüberschreite … »Na,« sagte Fräulein Sinsheimer, -»wer hat mir denn da etwas auf die Haustürschwelle -gelegt?«</p> - -<p>Sie beugte sich ein wenig nieder und machte die Augen -weit. Es war ein Bündel aus grauem Wolltuch. Sie -rührte ein wenig mit ihrem weichen Morgenschuh daran. -Da wackelte etwas unter dem Tuche. Und sie tastete mit -ihren Fingern darüber. Da kneckerte ein Lebendiges in -dem Bündel – »Na!«</p> - -<p>Es war aber weder ein junger Hund noch eine junge -Katze darin, sondern ein leibhaftiges Menschlein, in Dinge -gewickelt, die große Armut als Windeln ansehen konnte. -Und daneben kniete das gütige alte Mädchen und wußte -nicht, was es mit sich selber anfangen sollte.</p> - -<p>Da kam ein wunderliches verzweifelte Lachen über -sie. Sie trippelte durch die Stuben und durch die Küche, -und ihre besonnenen Hände begannen umherzugreifen, als -könnten sie einen der vielen flatternden Gedanken erhaschen.<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -Sie legte die Hände vor den Mund, als müsse -sie dies hilflose Lachen ersticken, das gar keinen Platz hatte -in diesem seltsamsten Augenblick ihres Lebens …</p> - -<p>»Na, na, und gar ein Bübchen!« schrie sie aus ihrem -gepreßten Herzen heraus. Aber dieser Ruf war schon -Glück; denn er brach aus ihr hervor wie die Sonne aus -dem verstürmten Märzhimmel.</p> - -<p>Dann lief sie und nahm das große Bündel auf ihre -Arme und trug es in die Küche und aus der Küche in das -Zimmer und aus dem Zimmer zu ihrem Bette und legte -es darauf. Und alle Türen standen offen, da lief ein -goldener Morgenwind ins Haus und lief um sie her, und -sie legte in ihrer freudigen Not eine Serviette dreieckig zusammen -und das braune Bübchen darauf und deckte es mit -ihrem weichen Deckbett zu bis an die Nase.</p> - -<p>Zu all dem sagte der Junge gar nichts; als Zeichen -seines lebendigen Unverständnisse wackelte er einmal mit -den Lippen eine saugende Bewegung, beschied sich aber, -ballte die Fäustlein, legte sie an seine Wangen und schlief -sich tief in die wohlige Wärme dieses Bettes und neuen -Lebens hinein wie ein Maulwurf.</p> - -<p>Als das kleine braune schlafende Ding mit dem -glänzenden Fellchen auf dem Kopfe nicht mehr in den -Lumpen war, faßte Fräulein Veronika die Hülle mit sehr -spitzen Fingern an und legte sie auf ein Zeitungspapier … -da klapperte etwas auf den Fußboden. Es war ein -silberner Ohrreif, der der Mutter über der Hast und dem -Schmerze des Scheidens entfallen sein mochte; oder eine<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -der kleinen Hände hatte über dem letzten Kusse stürmischer -Liebe nach einem Halt gesucht; oder die große -Herzensnot der Frau hatte dem Kinde das einzige Besitztum -mitgegeben, dem sie noch einen geringen Geldeswert -beimaß.</p> - -<p>Das Fräulein verwahrte den Ring in einer Glasschale -auf der Etagere; aber die Hüllen trug sie in dem Papier -hinaus und legte sie rechts neben die Schwelle.</p> - -<p>Da kam das Zinzilein, wie der Frühling, der über die -Berge steigt – der Morgenwind nahm es an der Hausecke -gleich ein bißchen beim Kopfe; aber das Mädel stellte ihn -darüber zur Rede: »Was fällt Dir denn ein? Du verstruwelst -mir ja ganz meine Haare!« und schubste mit -seinen kleinen Händen vor sich in die wehende Bergluft.</p> - -<p>Fräulein Veronika führte das Zinzilein gleich an das -Bett, und weil sie auf den Zehen ging und die Augen -voller Geheimnis hatte, mußte etwas ganz Wunderbares -in diesem Bette sein.</p> - -<p>Da sah das Zinzilein das blauschwarze Fellchen und -sah die kleinen Läden, die über die Augen herabgelassen -waren … aber das Wundern dauerte nur einen Augenblick, -dann krümmte sich das Zinzilein in leisem, über die -Maßen lustigem Lachen, und damit es nicht laut werde, -klemmte es die Hände zwischen die Knie und lachte in -einem fort. Dann warf es seine Arme stürmisch um -Veronika.</p> - -<p>»Das ist aber eine feine Geschichte!« sagte es. »Ich -werde jetzt gleich laufen und meinen Puppenwagen holen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p> - -<p>»Nein,« sagte das Fräulein, »der ist viel zu klein.«</p> - -<p>Und sie gingen miteinander in die Küche, wo das -Wasser zum Morgenkaffee noch immer wallend gegen die -Stürze des Topfes stieß, und ließen die Tür ein wenig -offen.</p> - -<p>»Weißt Du,« sagte das Zinzilein und redete ganz leise, -»ich werde mich so lange an das Bett setzen, bis er aufwacht! -… Ob man ihm nicht einmal die Augen ein wenig -aufklappen könnte?«</p> - -<p>»Ach lieber gar,« sagte Tante Veronika. »Zuerst gehst -Du einmal zum Gemeindevorsteher und sagst zu ihm: -Sie möchten, bitte, gleich einmal zu Fräulein Sinsheimer -kommen – es ist eine sehr wichtige Sache.«</p> - -<p>Das Zinzilein mußte diese Worte dreimal wiederholen, -lief damit einen Steinwurf weit den Berg hinab zum -dritten Hause und sah den Vorsteher in seinem Garten. -Da hielt es sich an einem Zaunstänglein fest und schrie: -»Die Tante Veronika hat ein Kind gekriegt – es hat -einen schwarzen Kopf, und Du sollst schnell kommen. Es -ist eine großartige Sache!«</p> - -<p>Herr Peter Squenz wußte, daß das Zinzilein ein -unterhaltsames kleines Mädchen war, aber diese Botschaft -schien ihm im höchsten Grade sonderbar. Er trat zu dem -Kind an den Zaun, und weil er lachte, kam die Kleine ein -bißchen aus dem Gleichgewicht. Da sah er, daß das Gesicht -verängstigt war; denn das Zinzilein merkte, daß es die -Worte der Tante über der Wichtigkeit des Augenblicks ganz -vergessen hatte, aber es verließ sich auf sich selber und<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -drängte: »Komm nur! Ein wirkliches richtiges Kind hat -sie, liegt im Bette und hat die Augen ganz fest zu.«</p> - -<p>Da dachte Herr Squenz, dem Fräulein Sinsheimer -müsse etwas zugestoßen sein, warf sich schnell den Rock -über und ging mit dem Zinzilein. Das redete immerfort -von dem Kinde und seinem Sammetfellchen, und brauchte -altkluge Worte, die wunderlich in dem kleinen Munde -standen, aber als Herr Peter Squenz das Fräulein in der -Haustür stehen sah, geriet seine lustige Neugier in abgrundtiefe -Verwirrung.</p> - -<p>Da mußte Fräulein Sinsheimer einspringen und ihn -auf den rechten Weg führen. Die Sache war anders, aber -sie war nicht weniger wunderlich; denn von dem kleinen -Trupp Zigeuner, der in der Mondnacht durch den Bergwald -gezogen war, hatte niemand etwas gesehen. Und -weil das Fräulein Veronika auch erkläre, sie wolle für -das Kind sorgen, wenn sich die Mutter nicht fände, und -es solle der Gemeinde nicht zur Last fallen, so hatte Herr -Peter Squenz weiter nichts zu tun, als den Vorfall mit -dem Protokoll und der Unterschrift der Pflegemutter an -seine Behörde zu berichten. In den umliegenden Dörfern -und Städten blieben die Nachforschungen erfolglos. Die -blanken Reden, die ins Ländchen liefen, versickerten, und -es versickerte der Eifer der Behörden. So hatte Fräulein -Veronika Sinsheimer zu dem blonden Zinzilein einen -kleinen schwarzen Jakobus bekommen, den ihr recht gerne -kein Mensch streitig machte. Diesen Namen hatte sie ihm -gegeben nach dem Tage, an dem er gefunden worden.<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -Etliche meinten zwar, er müsse Moses heißen: denn ob -er aus dem Wasser oder aus dem Walde gezogen sei, -wäre nicht so wichtig. Das Fräulein mochte davon nichts -wissen.</p> - -<p>Es blieb aber auch nicht bei dem Jakobus, denn das -Zinzilein machte einen Jockele daraus und war mit seinem -hellen ahnungsvollen Herzen um ihn und lebte sich in -seiner Freude an ihm in ein sorgendes leuchtendes Glück; -und die Tante Veronika lebte sich darüber hinein in die -leuchtende Ewigkeit.</p> - -<p>Natürlich hatte es Tante Veronika damit nicht eilig; -denn Festungen, die ihm so sicher sind wie das Grab, pflegt -ein weltfrohes Menschenherz nicht im Sturm zu erobern.</p> - -<p>Es war nun doch ein großer Wandel der Dinge im -Leben der alten Dame eingetreten: mit seinem kleinen -Fäustchen warf das am Waldrand aufgelesene Büblein -das stille Gleichmaß des blumenhaften Daseins einfach -über den Haufen. Die rote Knospe seines Mundes faltete -sich erst so leis auseinander, da herrschte er schon als König -in seinem Reiche. Die blauen Wunder seiner Augen, in -denen noch kaum etwas anderes war als die rätsellose -Unbewußtheit des Himmels, machten das Wetter im -Frühlingshause. Und weil er gewöhnlich nach Tante -Veronika rief – mit Lauten, die ebensogut von einem -Maikätzlein hervorgebracht werden konnten – wenn diese -gerade in der Küche zu tun hatte, so mußte ein Mädchen -ins Haus. Es waren da überhaupt hundert Dinge um -seine kleine Majestät zu verrichten, deren viele recht<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -unköniglich aussahen und die am besten einer dienenden -Person überlassen wurden; denn zur Betätigung der -unerschöpflichen Liebe blieb auch ohne jene Pflichterfüllung -Gelegenheit genug.</p> - -<p>So war das Haus am Bergrand vollgeworden zum -Ueberlaufen, und die Tage begannen darin zu rennen wie -die Windrädchen. Aber sie waren auch lustig wie diese, -und es dauerte gar nicht lange, so hatte das Fräulein -Sinsheimer wieder alles in seinen feinen weißen Händen, -und die kleinen Sonnen, die sie sich an den Späthimmel -des Lebens gestellt hatte, richteten ihren Gang nach dem -großen Licht ihres Herzens.</p> - -<p>Darüber lernte das Bübchen seine Freude in die Welt -jubeln, und das Zinzilein fand sich in ahnungsvoller Hingabe -in die seltsame Rolle, die es diesem Jungen gegenüber -zu spielen berufen war. Es ward ihm Schwester und -Mütterchen; es herrschte und gehorchte; es ward Pol und -Kompaß, Saat und Sonne für das kleine Herz und schlang -von einem zum anderen das Kettlein einer Liebe, das -köstlicher war als Gold.</p> - -<p>Weil es dem eigenwilligen Wunsche Jockeles entsprach, -zog das Zinzilein in diesem Sommer ganz in das Frühlingshaus. -Der Junge, dem Tante Veronika nachdrücklich -klar gemacht hatte, daß es ein Gesetz des Wohlbefinden -sei, die Nacht zum Schlafen zu benutzen, fand sich darein -als in eine unverletzliche Pflicht. Und das Zinzilein war -zu der Erkenntnis gelangt, daß man einem kleinen Menschen -die Augendeckel nicht aufklappen dürfe, wenn sie<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -heruntergelassen werden, und daß man so feine Härchen -nicht stundenlang mit den scharfen Zähnen eines Staubkammes -bearbeite. Dabei hatte sie Tante Veronika einmal -ertappt, als es schon ganz rot unter dem Sammetfellchen -hervorleuchtete. Man durfte einen Jungen auch nicht an -einem Beine herumschlenkern wie eine Puppe. Es war -überhaupt eine viel künstlichere Sache mit einem richtigen -kleinen Menschen, und weit unterhaltsamer; denn der -Jockele, als er sitzen konnte, bemühte sich nicht nur, dem -»großen« und sehr klugen Zinzilein alles nachzutun, sondern -er erfand auch eine Sprache, die das Zinzilein besser -verstand als alle anderen.</p> - -<p>Daß es nicht in dieser Sprache mit ihm reden durfte, -war verdrießlich. Aber die Tante war gewöhnt, daß man -Ordre pariere, und so mußte das Zinzilein in seiner klaren -und reinen Sprache schon mit dem ganz kleinen Jockele -verkehren. Und merkwürdig – die Tante war in dieser -Sache zu keinem Entgegenkommen zu bewegen … die -gütige, allerliebste Frau, die es gab! Und sie ließ sich nicht -einmal auf Erklärungen ein.</p> - -<p>Darüber geriet das Herz Zinzileins beinahe in Not, -und das Mädchen Mali wurde von ihm zu Rate gezogen. -Es fand sich in dem wunderlichen Willen der Tante -Veronika aber auch nicht zurecht. –</p> - -<p>Die Kinder schliefen droben in der Giebelstube, und -das Zinzilein hatte sich von der Sorge um die Nächte ein -für allemal frei gemacht mit der Frage: »Wenn der Jockele -kneckert, soll ich dann aufwachen?« –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span></p> - -<p>»Nein,« hatte die Tante gesagt und behauptet, sie schliefe -so leise, daß sie die Träume der Kinder kommen und gehen -höre.</p> - -<p>Von nun an änderte sich durch eine lange Reihe von -Jahren nichts mehr; denn das Glück bleibt gern zu Gast -in einem Haus, in dem man zufrieden mit ihm ist. Nur -weil die Menschen immer an ihm herumnörgeln, ist es -so scheu geworden, und es muß einer in dieser Zeit oft -meilenweit wandern, um es einmal über den Weg laufen -zu sehen.</p> - -<p>Seit das Zinzilein im Haus am Walde wohnte, hatten -sich auch die Holzhauerleute mit dem Dasein des kleinen -Jakobus abzufinden versucht, denn denen war der Junge -wie ein Meteorstein in die Suppe gefallen. Armut ist -immer eigensüchtig und wird darüber noch ärmer.</p> - -<p>Einmal erschien die Mutter des Zinzilein bei dem -Fräulein Veronika. Sie hatte sich zu dem Gange äußerlich -zurecht gemacht wie ein Dorfsonntag und gab sich redlich -Mühe, frohmütig zu erscheinen. Aber was sie sagte, kam -aus einem angesäuerten Herzen; denn der Puppenmacherin -Barbara Laufer wollte just der schönste Pott ihrer Hoffnung -in Scherben gehen und klirrte vernehmbar in ihre -Rede: das Zinzilein würde nun wohl übrig werden … -Und von dem kleinen Mädel sprang sie gleich mittenhinein -in ihre saure Weltanschauung, vor der die Milch auf dem -Teetische zusammenrinnen konnte.</p> - -<p>Aber Tante Veronika wußte derartigen Ausfällen zu -begegnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p> - -<p>Was sie sich an Lebensglück und an Freude zurechtgerichtet -hatte, stand mit einer etwas spitzen Ueberlegenheit -gegen die Menschen, und es hätte wie Feindseligkeit ausgesehen, -wenn Veronika eine Unterhaltung über derlei -Dinge jemals eingegangen wäre; denn die Lebensauffassung -dieser Menschen baut sich auf die Weisheit: -Wir können anfangen, was wir wollen – wir haben kein -Glück und sind an die Schattenseite des Daseins gesetzt. – -Fräulein Sinsheimer aber sagte: Jeder Mensch hat vom -Glücke genau so viel, als er sich erzwingt. Und in ihrem -Munde lag das unausgesprochene Wort: »Sie haben alle -nicht das Geschick, glücklich zu sein!«</p> - -<p>Und damit hatte das Fräulein recht. Die leuchtende -Weisheit der wenigen Stillen im Lande war auch die ihre -geworden; denn zuletzt sind es doch nur diese Stillen, die -in allen Stücken mit dem Leben fertig werden. Aber sie -wußte auch: es würden alle an ihr herumnagen wegen -dieser Erkenntnis, sobald sie einmal ihre Zunge davonlaufen -ließ, und man würde sie als eine verrückte alte -Jungfer ausrufen.</p> - -<p>Sie hütete sich, die Menschen zu bessern und zu bekehren, -damit ihr nicht die eigene Sonne über diesem -müßigen Beginnen auslösche. Sie ließ sich tausendmal -sagen: »Ja, ja, das Fräulein Sinsheimer hat das Große -Los des Lebens gewonnen!« Aber sie verriet keinem, -wie töricht diese Rede sei, und daß sie selbst auf ein -in Tränen ertrunkenes Dasein zurückschauen würde, wenn -sie ihren vereinsamten Jahren nicht eine Fülle von Licht<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -mit aller Weisheit und Zähigkeit ihres Herzens abgerungen -hätte.</p> - -<p>An einem Sonntagnachmittag um die Teestunde brach -die Barbara Laufer in das Frühlingshaus. Sie ließ aus -ihren ungeschickten Worten heraus merken, daß der Eindringling -Jakobus dem Zinzilein leicht ein Glück streitig -mache. Dies Glück hatten sie in dem Holzhauerhause schon -mit heimlicher Freude gehätschelt.</p> - -<p>Ueber allem rückte das Fräulein seinen Stuhl mit Entschiedenheit -in die Sonne, faßte das flache altmeißener -Schälchen mit drei spitzen Fingern und schlürfte ihren Tee -mit jener süßen Behaglichkeit, gegen die keine Säuernis -verknitterter Herzen ankommen konnte. Sie wäre gewöhnt, -ihr Haus und ihr Leben selber zu bestellen, sagte -sie, und fand dafür so feine und blanke Worte, daß die -Frau Barbara in ganz demütiger Dankbarkeit zuhörte und -mit der Erkenntnis davonging, sie wäre nahe daran gewesen, -eine fürchterliche Dummheit zu machen.</p> - -<p>Als ihr Mann sie vom Waldsaume her gegen das Haus -kommen sah, schritt sie voll unverrichteter Dinge ihres -Wegs.</p> - -<p>Er fragte an ihr herum, ob sie denn nicht von Leben -und Sterben geredet habe? Es könne doch einem alten -Menschen einmal etwas zustoßen, und dergleichen.</p> - -<p>Aber die Frau Barbara meinte, so weit wäre sie gar -nicht gekommen, und er solle nur selber zusehen, wenn -er sich einbilde, er mache es besser. Danach knurrten sie -sich noch ein bißchen an, trösteten sich zuletzt aber mit der<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -Weisheit, daß ein gesprungener Topf oft recht haltbar -wäre. Sie trauten sich dabei nicht, die Sache mit dem -rechten Namen zu nennen, und hatten doch schon so lange -daran herumgedacht.</p> - -<p>Das Fräulein Sinsheimer aber hatte sich in ihrem -Leben nur ein einziges Mal überraschen lassen. Das war -an jenem Sommeranfang gewesen, als ihr die Vorsehung -den kleinen Jakobus in die Arme gelegt hatte. Nun war -längst alles wieder in schöner Ordnung in ihrem Herzen, -und es war fertig zum Leben und zum Sterben. Die -Puppenmacherin Barbara Laufer brauchte gar nicht zu -kommen, um einmal nachzuschauen, wie die Sachen -stünden.</p> - -<p>Aber die sehnerigen Augen der Leute von Ibenheim -rieten vergeblich an der geheimnisvollen Freude des Fräuleins -vom Berge und an ihren Absichten für die Zukunft -herum.</p> - -<p>Die Freude an den Kindern bekam ein helleres Herz -mit jedem Tage; denn es blühte an ihnen alles licht hinein -in das Leben. Nur das Mädchen Mali war ein Ding im -Hause, dem das Glück über dem Zusammensein mit den -anderen Menschen längst keine Selbstverständlichkeit mehr -war. Um Mali schauerten um diese Zeit die kühlen Tage -des späten Mädchenlebens, in denen die Lippen ihre Sehnsucht -zu vergessen haben, und es doch nicht können. Malis -Herz spähete aus vom Turme der höchsten Zeit, ob sich -eine Stätte finden ließe, von der es sagen könnte: Hier -bin ich daheim.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p> - -<p>So hatte Fräulein Veronika auch ihr Sorgenkind, das -nicht gleich in die Sonne des Hauses als in sein fröhliches -Besitztum hineinwuchs. Aber es fiel ihr nicht ein, dem -Mädchen Mali Wohltaten für die kommende Zeit zu verheißen, -sondern sie schrieb einfach unter den letzten Willen, -durch den sie die Kinder bedacht hatte, daß die Mali – -wenn sie die Kleinen bis zur Mündigkeit erziehe – in der -oberen Giebelstube des Hauses für den Rest ihres Lebens -Wohnung haben solle, und setzte ihr einen Geldbetrag aus.</p> - -<p>Das Mädchen erfuhr von alledem nichts, und Fräulein -Sinsheimer war zu jeder Stunde bereit, diese Bestimmung -durch eine andere zu ersetzen, wenn Mali der Ansicht wäre, -das Glück finde sich im Lande irgendwo für sie leichter -als an dem hellen Herdfeuer des Frühlingshauses.</p> - -<p>Und als sie sich derart auch mit ihrem Sterben auseinandergesetzt -hatte – damit sie sich Grab und Himmel -nicht vergälle – nahm sie die große Kunst mit aller Zähigkeit -wieder auf, das Leben in klarster Bewußtheit zu leben. -Sie empfing jeden Tag aus den Händen ihres heiteren -Gottes als ein Geschenk, das sie in grenzenloser Hingebung -austeilte an alle, die in ihrem Hause waren.</p> - -<p>Tante Veronika hatte dreißig Jahre tiefster Sommereinsamkeit -ihres Lebens mit Bergwald, Büchern und sich -selber verbracht. Darüber kann der Mensch ein wunderlicher -Kauz werden und eine so zerknitterte Seele bekommen, -daß sie der Stahl des blankesten Glücks nicht -wieder ausplättet. Er kann aber auch zu einer lichten -Höhe mit erhabener Rundschau über alles Menschentum<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -gelangen, für die besondere Gesetze des Lebens geschrieben -sind.</p> - -<p>Für Tante Veronika galt beides.</p> - -<p>Sie war aus der langen Stille nicht ganz ohne Knitter -hervorgegangen, aber die waren an ihr als feine Besonderheiten; -und wenn sie da und dort Aehnlichkeit mit jenen -Brüchen hatten, in denen sich der Staub der Altjüngferlichkeit -festsetzt, so verbarg sie das unter dem Takt ihres geläuterten -Frauentums und blies diesen Staub nicht durchs -Haus nach der Gewohnheit jener Frauenzimmer, in denen -verwelkte Jahre ihre Verwüstungen anrichten. Schon das -Wort Staub verursachte ihr das Unbehagen einer nahenden -Krankheit, und wenn sie es ausgesprochen hatte, rollte sie -die Spitze der Zunge hinter den Zähnen in dem Gefühle, -es sei von der grauen Wolke, die darübergestrichen, etwas -hängen geblieben. Aber sie wedelte nicht als ein lebendig -gewordenes Wischtuch durch das Haus. Und da sie dies -Haus vor dreißig Jahren erbaute, geschah es in der weisen -Erwägung, daß sie an dem sonnenvollen Rande des -Buchenschlages so hoch über allem stehe, was innerhalb -der menschlichen Gemeinsamkeit wie Staub auffliegt, als -es einem Menschen möglich ist, der einsam sein will, ohne -sich in die Welt feindseliger Einsiedelei zu vermauern.</p> - -<p>Sie hatte in diesen dreißig Jahren die hellen Augen -frohsinnig in die Welt gerichtet und hatte in der Rolle -des vergnügten Zuschauers das Wundern nicht verlernt. -Sie stand der neuen Zeit mit dem Respekte gegenüber, -den große Wandlungen der Dinge zu beanspruchen haben,<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -und redete nicht nach der Art alternder Leute mit wehmütigem -Bedauern von der guten vergangenen Zeit, weil -sie mit der neuen nicht mehr Schritt halten können – hoho, -diese Tante Veronika schloß sich ihre Tage auf, als hätte -sie eine Geschichte der Entwicklung des deutschen Volkes -im zwanzigsten Jahrhundert vor! Und als der erste -Zeppelin über die Wälder im Herzen Deutschlands -donnerte, wunderte sie sich, daß man darauf so lange habe -warten müssen, und sie sagte zu Herrn Peter Squenz: -»In fünfzig Jahren werden die Menschen über die Maßen -lustig sein bei dem Gedanken, daß ihre Großväter mit solch -einer Explosionsmaschine die Fahrt in die Welt des gestirnten -Himmels begonnen haben; den Mut werden sie -bewundern, aber die Weisheit, die mit Gas und Funken -durch die Lüfte reiste, werden sie belächeln.«</p> - -<p>Herrn Peter Squenz, dem gerade das Herz in seligem -Stolz auf die Zeit erschauerte, in der er lebte, sah Fräulein -Sinsheimer mitleidig aus den Winkeln seiner Augen an -und sagte, die Errungenschaft sei eine Sache, über die -hinaus es einfach nicht mehr ginge.</p> - -<p>Fräulein Veronika aber lächelte und antwortete: -»Schade, daß wir in fünfzig Jahren beide irgendwo im -All herumwirbeln oder etwa als wilde Rosen an einer -Berghalde unsere Sommerseele in heiterem Blühen verhauchen -und uns über unsern heutigen Zusammenstoß -nicht mehr unterhalten können!« Dann lachte sie ihm -so überlegen ins Gesicht, und das erhabene Bild des -Luftkreuzers versickerte im Blau über dem Gebirge. Herr<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -Peter Squenz aber dachte: »Was richten Bücher, Gedanken -und Einsamkeit in von Natur ganz vernünftigen -Menschen für heillose Verwirrungen an!«</p> - -<p>Nun hatte Fräulein Sinsheimer aber weder den Ehrgeiz, -ein gelehrtes Frauenzimmer zu sein, noch war sie -vom Dichterwahn oder den Emanzipationsgelüsten ihrer -städtischen Schwestern befallen; sie predigte weder die -Erlösung vom Manne – was in ihrer manneslosen Lage -nicht unverständlich gewesen wäre – und forderte auch -nicht das Frauenstimmrecht … aber schon daß sie ein -ganzes Regal voll Bücher besaß und sich sogar mit ihnen -belästigte, war für Ibenheim bei Waltershausen eine -unerhörte Tatsache. Und die hätte genügt, die Besitzerin -so vieler gedruckter Gelehrsamkeit zum Gegenstand sorgsamer -Beobachtung ihres Geistes zu machen, wenn das -Fräulein das Bedürfnis gefühlt hätte, den Leuten häufiger -in ihrer Ueberlegenheit zu begegnen. So aber hatte sie -sich die herrlichste aller Künste in vollkommenem Maße -zu eigen gemacht: sich vor der Welt ohne Haß zu verschließen. -Und ihr kleines Reich blieb für alles, was -draußen lag, uneinnehmbar.</p> - -<p>Als der Jockele seinen Einzug in das Frühlingshaus -gehalten hatte, rieten die Leute eine Zeitlang wieder -lebhafter an den Dingen da oben herum und sagten: -Wenn ein Mensch keine Sorge hätte, so mache er sich -welche – an dem Jungen von dunkler Herkunft werde -sie ihr Wunder schon noch erleben! Etliche mutmaßten -sich darum in eine wilde Zukunft hinein und sahen den<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -Jakobus Sinsheimer, der doch wahrscheinlich ein Zigeuner -wäre, als Räuberhauptmann sein Unwesen in den -thüringischen Wäldern treiben.</p> - -<p>Einmal brachte das Mädchen Mali solchen phantastischen -Klatsch mit aus dem Dorfe. Das war sehr -heilsam für sie, denn sie erkannte an der hellen Empörung -ihres Herzens, wie sie sich in ihrer Denkart allgemach -loslöste von den Schichten, aus denen sie gekommen war.</p> - -<p>Tante Veronika lachte ihr vergnügtes Lachen darüber -und sagte einige Worte über die Macht der Erziehung, -die nicht nur den Leuten von Ibenheim, sondern der -Menschheit im allgemeinen noch ein Buch mit sieben -Siegeln sei … Doch – das war wieder einmal eine -der gelehrten Reden des Fräuleins, die das Mädchen -Mali nicht ganz verstand. Aber zu denken hatte ihr diese -Unterhaltung gegeben, und sie lenkte das Gespräch in der -Folgezeit immer wieder einmal darauf zurück; denn der -Unterschied zwischen der Blütenfreude des kleinen Jockele -und einem angehenden Räuberhauptmann hätte schließlich -doch selbst einem Holzhauerverstande eingehen müssen.</p> - -<p>Weil es nicht in dem Wesen des Fräuleins lag, so -schulmeisterte sie weder an Mali noch an den Kindern -herum. Sie ging zwischen diesen drei Menschen einher -wie zwischen den vielen, vielen Rosen ihres Gartens, und -ließ blühen und ranken nach eigenen Gedanken, bis die -Natur einmal sich selber im Wege war. Wie sie des -Morgens mit der kleinen blanken Rosenschere durch die -Sommerbeete wandelte, so schuf sie mit der klaren Feinfühligkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -des Herzens auch Ordnung in der überschießenden -Seligkeit des jungen Lebens. Und die Regel, -in die sich dies Leben hineinlief, hieß: der Wille zum -Glück.</p> - -<p>Nicht weit vom Hause lag eine Sandgrube, die war -voll Sonne, und um ihre Säume wob der Sommer -blühende Borden. Da standen die Kerzen des Natterkopfs, -und an jeder brannte ein Dutzend blauer Flämmlein -und leuchteten über die goldene Einsamkeit der Sandhalde. -Da war ein Wildrosenbusch, da war purpurner -Steinklee – es brachte jeder Monat ein paar Hände voll -neuer Blumen, es brachte auch jeder dem Buchwald eine -neue Farbe des Kleides, und zuletzt den scharlachenen -Königsmantel. Und als das große Rauschen der Wälder -gekommen war, fuhr der Wind über den Sandbruch -hinweg, und es war, als hätte sich aller Sommersonnenschein -in der Kuhle gesammelt.</p> - -<p>Das Zinzilein war über diese Wahrnehmung ganz -außer sich vor Freude, kletterte hinab in den gelben -Trichter und sah zu, wie der Wind droben an den Rändern -die bunten Blätter als Kreisel trieb. Er jagte ihrer gleich -hundert auf einmal in wirrem Tanze dahin, immer auf -dem schmalen Rande – wenn eins davon an den Hang -entwischte, durfte es nicht mehr mitspielen; denn in dem -Trichter war es still und warm wie an einem schönen -Sommertage. Da sagte das Zinzilein: der Sandbruch -wäre ihr goldenes Haus; aber die Mali meinte, das Haus -hätte ja kein Dach, also wäre es keins. So genau ginge<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -das nicht, sagte wieder das Zinzilein, wurde aber auf -einmal schweigsam und patschte mit seinen kleinen Händen -die Mauern der Sandburg fester, die sie während der -vorigen Tage gebaut hatten. Nach einiger Zeit sagte es: -»Mali, es ist ein Loch, und es ist voll Gold – und -wenn es kein Haus sein kann, so ist es ein Brunnen; -denn ein Brunnen hat auch kein Dach.« – »Aber in -einem Brunnen ist Wasser,« wußte die Mali. – »Haha,« -lachte das Zinzilein, »in unserem ist etwas viel Feineres -– guck nur, es ist ein ganz goldener Brunnen!« Da -guckte die Mali und fand das nun wirklich.</p> - -<p>Von Stund an hieß der Sandbruch der Goldbrunnen. -Zwar – dies Wort hatte zuerst die Tante Veronika ausgesprochen, -als sie ihr erzählten, was sie heute miteinander -geredet hätten; aber das Zinzilein hatte doch die ganze -Sache erfunden. – Der Wildrosenstrauch hatte nun Hagebutten -mit schwarzen Mützen, und die Mali lehrte davor -das Zinzilein das Lied von dem Männlein, das still und -stumm im Walde steht und sein Mäntlein aus lauter -Purpur umhat. Der Gesang der Mali war scheußlich, aber -das Lied war fein.</p> - -<p>Manchmal ging auch Tante Veronika mit in den Goldbrunnen. -Zuvor war sie über den farblosen Schacht nie -erfreut gewesen, der mit in ihrer Umzäunung lag, aber -nun waren die Kinder darin vor allen Einbrüchen und -vor der Zerstörungswut junger Dorfgenossen sicher. In -den Tagen des Herbstes sammelten Veronika und -Zinzilein Samen von hundert Blumen, und das Zinzilein<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -kroch an den Hängen des Goldbrunnens herum, schaufelte -da und dort ein Loch und legte Samen und bessere Erde -in den Sand und wollte auch gleich warten, bis es -wüchse.</p> - -<p>Als wieder Tage voll Sonne den pfeifenden Bergwinter -vertrieben und die Kätzchenweide im Goldbrunnen -schon Wolken gelben Blütenstaubes in den Frühling warf, -spazierte der Jockele auf eigenen Füßen in den Sandbruch, -kam aber nicht weit über den Rand, an dem im -Herbste die bunten Buchenblätter gelaufen waren; denn -dann geriet er ins Kugeln und schoß kopfüber kopfunter -auf den Grund des Trichters. Das war eine peinliche -Geschichte, hätte ihn aber keine Träne gekostet, wenn -die Mali und das Zinzilein nicht mit so schrecklichem -Schreien hinterdreingelaufen wären, als müßten sie nun -alle seine Beinchen zusammensuchen.</p> - -<p>Darüber merkte der Junge, daß etwas mit ihm passiert -sei, aber er hätte es mit jungmännlicher Tapferkeit getragen, -wenn die beiden Mädchen nicht in ein erlösendes -Lachen verfallen wären, als er sich den langen Weg mit -verständnislosen Augen betrachtete, den er in Purzelbäumen -durchmessen hatte. Da begann er ein gefährliches -Heulen, bis man ihm den Sand aus Mund und Nase -gewischt hatte und ihm aus sorgenden Herzen versicherte, -daß er noch ganz sei.</p> - -<p>Im Jahre darauf hatte er schon ein Holzschwert und -lief dem Zinzilein damit entgegen, wenn es aus der -Schule kam.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<p>Als er diesen Weg in die Welt zum ersten Male -schritt, hatte er gleich einen Kampf zu bestehen. Auf dem -Anger vor dem Hause des Herrn Peter Squenz sonnte -sich nämlich eine Gänsemutter mit ihren sechs Kücken. -Die Kinder stiegen so sachte daran vorüber, auf einmal -ward der Hals der alten Gans zu einer zischenden Schlange -und schoß ihnen entgegen. Das Zinzilein überkam der -Schreck, aber der Jockele riß sein Schwert aus dem Gürtel -und fuchtelte damit bedrohlich in der Luft herum. Da -mußte die Frau Peter Squenz kommen und ihn retten.</p> - -<p>»Ha!« sagte er mutig, als ihn die Squenzin wieder -auf sicheren Grund gestellt hatte – »ha!« Aber in diesen -Ruf der Tapferkeit gewitterte es sachte aus überstandenen -Fernen.</p> - -<p>Der Goldbrunnen erhielt in den folgenden Jahren das -Aussehen eines Bahnhofsneubaus. Man konnte dabei -aber auch an die Anlage einer Kupfermine denken.</p> - -<p>Als Jockele dann in die Schuljahre hineinwuchs, -standen ihm die Sandburgen, die unter jedem Gewitterregen -einstürzten, nur noch in lächelnder Erinnerung; -denn da hub er ein lebensgefährliches Graben in der -Sandkuhle an … Holzhauer hatten beim Stöckeroden -am Saum einer Waldau ein Hockergrab gefunden, dazu -Waffen und Urnen. Deshalb wollte auch er in forschendem -Eifer ein Stück Weltgeschichte zutage wühlen.</p> - -<p>Das betrieb er, bis er einmal die Schule vergaß und -Tante Veronika selbst sich auf den schwierigen Weg in den -Goldbrunnen machte. Da kroch er aus den Röhren im<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -Sande wie ein Fuchs aus dem Bau, und die Tante hatte -Gelegenheit, ein bißchen Wildwuchs zu beschneiden. Das -Zinzilein war in dem Sandbruch nun schon ein seltener -Gast geworden, und die Mali war seit Jahren nicht mehr -hinabgestiegen. Da nahm der Jockele in Jungenweise -überhand. Aber in dieser Stunde bewährte sich die Erziehungskunst -der alten Dame wieder einmal ausgezeichnet –</p> - -<p>»Ich hätte Dir sagen sollen, daß solch eine wilde Hantierung -für einen Jungen gefährlich ist. Hast Du denn -gar nicht daran gedacht, daß die Sandmassen über Dir zusammenbrechen -könnten?«</p> - -<p>»O ja,« sagte der Jockele, »wenn jemand darauf -herumliefe, könnte das wohl sein.«</p> - -<p>Da leitete sie ihn zu einer besseren Erkenntnis, und -dann mußte er sein Ränzlein überhängen und in die -Schule gehen, die schon längst angefangen hatte.</p> - -<p>Das war eine furchtbar peinliche Geschichte; denn als -er über die Schwelle trat, spießten ihn die Blicke aus hundert -Augen auf; und als er dem Lehrer berichtete, wie er -zu der Verspätung gekommen, brandete ein Lachen aus -fünfzig Kinderkehlen um ihn, daß es ihm ganz rosenrot -vor den Augen wurde. Während er dann auf seinem -Bänklein saß, sauste ihm ein Sturm in den Ohren, als ob -er die große Seemuschel von Tante Veronikas Wandbrett -daranhielte.</p> - -<p>Aber ein Gutes hatte diese Sache doch: er bekam an -jenem Tage die Taschenuhr, deretwillen er sich schon lange<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -um ein paar Jahre älter gewünscht hatte – nun hörte -er auf einmal die Zeit laufen in richtigen kleinen Schritten, -deren jeder eine Wegstrecke vorwärts bedeute. Und das -war an dem gleichen Tage, an dem er darüber nachdenken -lernte: Tod und Leben stünden so dicht beieinander, daß -oft nur eine Handvoll Sand zwischen beiden wäre … -Und er hatte immer gedacht, vom Leben zum Tode wäre -es weiter als bis an das blaue Gewölbe des Himmels, -das kein Adler und kein Zeppelin erfliegen könne.</p> - -<p>Die Wahrsager im Dorfe waren darüber entweder hinweggestorben, -oder sie getrauten sich nicht, ihre wilden -Prophezeiungen aufrechtzuerhalten; denn der Jockele war -ein über die Maßen manierlicher Junge geworden, -er brach ihnen weder in die Hühnerställe, noch schnörrte -er den Leuten die kleinen Fenster in den Giebeln und -Dächern mit der Steinschleuder in Stücke; und wenn ein -paar Schlingel vom Förster bei dem Stellen von Leimruten -und Sprenkeln abgefaßt wurden, so war der Jakobus -Sinsheimer nie dabei. Manchmal gab es zwar auch ein -wildes Fahren durch den Bergwald, aber nicht zu oft; -denn die Kinder in dieser köstlich grünen Welt blühen wie -die Nägelein in den Scherben auf den Fenstersteinen: sie -puddeln sich über der Heimarbeit die roten Backen zum -Teufel, oder es löscht ihnen im halben Licht der Stuben -der Glanz aus den Augen, und die Wälder und dunkelblauen -Berge ihrer Heimat stehen vornehmlich in ihrer -Sehnsucht. Dem Jockele aber sprudelten die Quellen entgegen -und – unerhört: er badete sogar darin. Dies zuzulassen,<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -war auch eine solche Lästerlichkeit des Fräuleins -Sinsheimer! … Der Jockele durfte mit dem Zinzilein -und der Mali durch den jauchzenden Hochwald streifen, -so oft er wollte. Oder er ging mit einem Forstgehilfen -zwischen Tag und Dunkel, wenn nur über dem Hörselberge -noch eine Flamme Licht im Verleuchten war und -wenn die Nebel in feinen Gespinnen in den Wipfeln -hingen, und sah die Hirsche heraustreten und hörte sie -ihren königlichen Brunftschrei über die Grenzen ihres -Reiches schlagen – ah, du dunkelgrüne, du starke, du -einzige Thüringer Erde!</p> - -<p>Um diese Zeit lief der Jockele den Dorfjungen aus den -Händen. Es war ein so kümmerliches Blühen des Geistes -und Herzens um sie, und sie rochen nach Leim und Stube -– was soll einer damit anfangen?</p> - -<p>Das alte Fräulein, das nun ganz weiße Scheitel hatte, -hielt alles Leben im Hause weiter in ihren sicheren Händen. -Manchmal gab es eine freundschaftliche Unterredung -über den Jockele mit dem Zinzilein; denn dieses -war nun ein ›Fräulein‹ geworden, litt an einer verzärtelnden -Liebe zu dem Jungen und dachte, es müsse den -›Kleinen‹ aus der tiefen Hingabe ihres Herzens heraus -noch beraten wie damals, als er im Kittelchen in der -Sandgrube Kuchen buk. Mit solch mütterlichem Behaben -drohte sie oft die ganze Pädagogik der Tante über den -Haufen zu werfen.</p> - -<p>»Du mußt nicht meinen, Du hättest ein Mädchen vor -Dir,« sagte dann die Tante; »ein Junge, der unter der<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -ängstlichen Fürsorge von lauter Frauen aufwächst, läuft -Gefahr, unter die Räder des Lebens zu kommen. Ich -habe es deshalb von frühester Kindheit mit dem Jockele -anders angefangen als mit Dir. Ein Junge muß einmal -in der Welt stehen und muß sich ein Stück dieser Welt erobern -können.«</p> - -<p>Die Dorfschule reichte für den Jungen längst nicht -mehr zu. Tante Veronika spannte ihn immer eine Stunde -des Tages noch zur Fahrt durch das Reich ihrer Bücher -ein. Sie hatte sich da einen klugen Plan zurechtgedacht, -und weil sie selbst in allen Werken, die auf dem Regale -standen, wohl beschlagen war, ging Jockele willig in dem -Geschirr und nahm gegen die alte Dame nicht überhand. -Als er auf einen Physikband verfiel, richtete er sich in dem -Gartenhause, das aus Stein war und ein Fenster hatte, -und in dem es sich sehr traulich lebte, eine Werkstätte zu -allerlei Hantierung ein.</p> - -<p>Einmal baute er wochenlang an einer Lokomotive, -eine Konservenbüchse mußte dabei die Rolle des Dampfkessels -übernehmen. Danach galt es, ein Flugzeug zu -erdenken, natürlich von so kühner Bauart, wie sie den -Fachleuten noch nie eingefallen war. Und als er aus -einem Automaten eine apfelgroße Weltkugel erstanden -hatte, die mit Schokolade gefüllt gewesen war, hing -er sie an einem Faden an die Decke des Gartenhauses, -und die Frauen mußten kommen und sich die Sache ansehen. -Das Fenster stellte die Sonne vor, und Jockele -löste an der im Raume schwebenden Erdkugel der Mali<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -das Geheimnis von Tag und Nacht. Zur größeren Anschaulichkeit -hatte er die Schattenseite ein bißchen mit -Ofenruß angestrichen.</p> - -<p>Er hatte in dem Gartenhaus überhaupt hundert Dinge -aufgestapelt: wunderlich gewachsene Hölzer, die die Form -von Köpfen hatten, der er dann immer ein wenig nachhalf, -bis die Mali sich vor ihnen entsetzte; dazu Versteinerungen, -sauber aufgespannte Schmetterlinge, die sich in -einem Kasten mit einem Glasdeckel befanden, und zu denen -er nach den Büchern der Tante die Namen geschrieben -hatte; Raupenhäuser, in denen er den Wandel der Würmer -zum Falter beobachtete; ein Fischglas und ein Terrarium -mit Eidechsen, einer Blindschleiche und einer Ringelnatter.</p> - -<p>Damit die Bergwinter seinen Eifer nicht unterbrachen, -war der einzige Raum des steinernen Gartenhäusleins -auch mit einem kleinen Ofen versehen worden.</p> - -<p>Je mehr er in das betriebsame Jungentum hineinwuchs, -desto sicherer entglitt er den Einflüssen der sehr -sanften Mädchenhaftigkeit, mit denen das Zinzilein um -ihn war.</p> - -<p>Tante Veronika bemerkte das mit Genugtuung; denn -das Behaben des Zinzilein zu dem Jungen war ganz -voll von der Rätselhaftigkeit der Liebe, die in ihrer Maßlosigkeit -gar nicht anders bezeichnet werden kann als hingebungsvolle -Eigensucht. Es schien fast, als vereinsame -das Zinzilein über seiner Liebe zu dem Jungen, weil er -nun so von ihr fortwuchs.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p> - -<p>Sie sagte das Veronika auch. Aber die Tante blieb -bei ihrer wunderlichen Ansicht: das müsse so sein. Im -übrigen ließ sie sich auf Erklärungen nicht ein, hütete sich -dem Jungen gegenüber ängstlich vor aller Schulmeisterei -und sorgte dennoch, daß sie ihm an der Hand ihrer Bücher -von Zeit zu Zeit ein neues Wissensgebiet erschloß. Er -ging auf alles mit begieriger Freude ein, aber von der -Sorge, die Veronika in dieser Zeit des flüggen Jungentums -am meisten beschäftigte, sagte sie dem Zinzilein gar -nichts. Und dennoch schlief die Sorge nie ganz ein, es -möchten sich eines Tages an Jockele vererbte Eigentümlichkeiten -zeigen, denen gegenüber alle Erziehung und -Liebe ohnmächtig wären. Aber diese Bangigkeit nagte -nicht an ihr und quälte sie nicht; denn sie war ihr in Wahrheit -gegen ihre Ueberzeugung gekommen in einer Zeit, -die ganz voll war von der Mechanikerweisheit der Vererbung. -Und dafür fand sie zu ihrem Erstaunen eines -Tages auch bei dem Menschheitslehrer Goethe eine Belegstelle -– »Man könnte erzogene Kinder gebären, wenn -die Eltern erzogen wären …«</p> - -<p>Darüber geriet sie von neuem ins Raten. Aber trotz -aller Mühe, die sie sich gab, konnte sie diese Verse nicht -ganz zu ihrer Ansicht umdeuten, daß eine in allen Stücken -vollkommene Erziehung die geistige und sittliche Verfassung -eines Menschen aller Vererbung zum Trotze bestimme.</p> - -<p>Tante Veronika hätschelte den Gedanken solchen unerkannten -Königtums der Erziehung mit eifersüchtiger<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -Liebe als die köstlichste Erkenntnis ihres Lebens – und -nun wälzte ihr gar Johann Wolfgang einen Fels in -den Weg! Zwar: er setzte damit auch der Erziehung eine -der vielen Kronen auf, die seine königliche Hand zu vergeben -hatte, aber … Und dies Aber blieb stehen und -rumorte in Winkeln ihrer Seele herum, die Jahrzehnte -in wundervoller Sonnenruhe gelegen hatten.</p> - -<p>Doch – eine sechzig Jahre alte Dame läßt sich schwerer -umstimmen als ein sechshundert Jahre altes Klavier. Und -das war in diesem Falle ein großes Glück.</p> - -<p>Wunderlicherweise war es das Zinzilein, das die -Frage zuerst aufwarf, was einmal aus dem Jockele -werden solle. Das kam daher, daß der Gedanke in dem -Mädchen Wurzel geschlagen hatte: ein Junge müsse geschickt -werden, sich ein Stück Welt zu erobern. Wie er -das in Ibenheim anfangen sollte, war nicht leicht zu -denken.</p> - -<p>Tante Veronika war in diesem Falle von einer unerforschlichen -Sorglosigkeit und sagte:</p> - -<p>»Zuerst und vor allem muß er ein Mensch werden. -Es ist falsch, einen Jungen für einen Beruf zu bestimmen, -weil er im Spiele diese oder jene Neigungen -zeigt. Solche Neigungen sind wichtig, aber es geht nicht -an, darin in verliebtem Stolze gleich einen Weg fürs -Leben zu erkennen.«</p> - -<p>Das Zinzilein meinte, Naturforscher wäre für den -Jockele das Richtige, und dachte sich etwas ganz Närrisches -dabei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p> - -<p>Eines Wintertags, als alle Quellen des Lichts aus dem -geschliffenen Späthimmel brachen und es aussah, als wäre -die Himmelsglocke zertrümmert worden, weil der Sonnenball, -siebenmal größer als sonst, in seiner leuchtenden -Majestät anders nicht hätte durch die Tore ziehen können, -schlug der Jockele seinen Farbekasten auf und pinselte das -königliche Spiel des Verleuchtens auf ein weißes Papier. -Er saß am Fenster des Gartenhauses, sein Tisch war eine -alte Hobelbank, an der in grauen Zeiten Tante Veronika -ihre Rosenpfähle selber zugerichtet und grün angestrichen -hatte – da fiel das gewaltige Flammenwerk des Himmels -in seine jauchzenden Augen. Er wußte kaum, was er tat -– es war ihm, er stünde davor mit hoch, hoch emporgestreckten -Armen und wäre ganz nackt; denn alle Armseligkeit -des Irdischen fiel darüber von ihm ab – und -hätte ein Schauen in eine andere Welt. Aber er saß -doch an der braunen Hobelbank, inmitten tausend kleiner -Dinge, die er dem Alltag aus den Händen genommen, -und strich in Selbstvergessenheit die Farben auf das -Papier.</p> - -<p>Und dann war es ein recht armseliges Machwerk geworden -– es fehlte darin kein Licht, aber es fehlte das -Leuchten … Die Himmelsfreude seiner Augen war ausgelöscht -auf der Spanne Weges durch den Pinsel! Darum -sah sein Sonnenuntergang so verbrecherisch aus, als hätt' -ein Dorfjunge, der dem Puppenmaler zugesehen, einen -Haufen farbiger Kreidestücke an der schneeweißen Haustür -der Tante Veronika probiert. Scheußlich!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<p>Er warf den Pinsel hin und verlor sich mit seinen -Gedanken wieder in das letzte Scheinen, das noch -ferne stand.</p> - -<p>Es waren nun Wolken in wunderlichen und wilden -Bildern über den Saum der Erde gekrochen und fraßen -den königlichen Glanz. Endlich waren nur noch zwei -Oeffnungen in der Finsternis. Durch diese konnte man -hineinsehen in glutrote Weiten …</p> - -<p>In diesem Augenblicke zerriß ein schwarzer Vorhang -vor einer Kammer seines Herzens, und was ihm kein -Mund eines Menschen erklärt hatte, ging in seiner Seele -auf als eine rote stille Flamme: er erriet ein Stück der -Götterlehre der Germanen, die von den Gipfeln dieser -Berge, so wie er jetzt, durch die Türen des Himmels geschaut -und ein machtvolles Wandern von Gestalten gesehen -hatten, die dort in einem großen Lichte gingen. Und weil -die Vorfahren noch nichts von der Welt kannten, als was -sie mit ihren Sinnen erfaßten, deuteten sie sich das Gesehene -und sagten: es ist das ewige Leben in jenem großen -Leuchten, und sie nannten es Walhall …</p> - -<p>Da fiel der rauhe Ruf des Mädchens Mali in den -Sternenflug seiner Gedanken. Es war die Zeit des Nachtmahls, -das sehr früh genommen wurde.</p> - -<p>Auf seinem Gesichte lag noch der Widerschein des -heiligen Feuers. An anderen Abenden nahm er sich mit -wißbegierigen Augen gleich beim Eintritt ins Zimmer -von den aufgetragenen Speisen einen Teil des Wohlbehagens -hinweg, in das sich sein gesunder Jungenappetit<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -hineinzuessen gedachte – heute stand er diesen Dingen -gleichmütig gegenüber wie noch nie.</p> - -<p>Das Zinzilein, das gewöhnt war, alle seine Begeisterungen -und Enttäuschungen mitfühlend zu durchleben, als -wär's ein Stück von ihm, ein großes Stück, trat gleich ohne -anzuklopfen mitten in ihn hinein –</p> - -<p>»Na,« fragte es.</p> - -<p>»Ich habe ein großes Erlebnis gehabt!« sagte er mit -Wichtigkeit.</p> - -<p>»Wahrhaftig – es ist noch ein ganz fremder Klang in -Deiner Stimme!«</p> - -<p>»Ich wünschte, ich könnt' Euch alles halb so schön -sagen, wie ich es gedacht habe! Aber es geht nicht. Wenn -ich erzählen wollte, würde es geradeso herauskommen wie -der Sonnenuntergangshimmel, den ich zu malen versucht -habe. Ich wette, ich habe jedes Licht auf dem Papier, -und ist dennoch eine abscheulich schlechte Sache … es sieht -aus wie die bunte Kaffeedecke, als sie das Mädchen -Malchen mal abgekocht hatte, und sollte doch der Himmel -werden – der herrlichste Abendhimmel, der je über der -Erde gestanden hat!«</p> - -<p>Er redete da in Worten, wie er sie vordem nie gebraucht -– jedes hatte Flügel, und seine Augen hatten den -Glanz großer Sterne.</p> - -<p>Dann lockte das Zinzilein Walhalls Entdeckung aus -ihm heraus.</p> - -<p>Er redete sich darüber in fernschauende Vergessenheit, -aber es ward zuletzt doch nur ein Bild ohne den überirdischen<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -Glanz, in dem seine Träume durch die Dämmerung -gezogen waren. Das kam auch von der Scheu, vor -den prüfenden Blicken der Tante und des Zinzilein alle -Hüllen von der Seele zu werfen.</p> - -<p>Darüber ward er schweigsam. Das Essen geschah ohne -die begeisterungsvolle Hingabe, zu der er sonst imstande -war, und er sah aus wie einer, der eine Erscheinung -gehabt hat. Er war in der Dämmerung dieses Wintertags -in einen neuen Abschnitt seines Lebens gesprungen.</p> - -<p>Vor dem Schlafengehen nahm er sich das Zinzilein -noch einmal zur Seite und sagte: »Du, das quält mich! -Lach' aber nicht! … Es ist heute so etwas in mir aufgegangen -– weißt Du, gerade wie damals, als die Schauspieler -im Dorfe waren … Wir saßen in dem ganz -finsteren Saale, auf einmal rollte der Vorhang empor – -es blühte ein schöner Rosengarten dahinter und stand alles -in so warmem Lichte … Jawohl, so ist es in mir gewesen! -Zinzilein, sag es mir: ist das die Seele?«</p> - -<p>Gott, wie purzelten ihm die Worte klug und unbeholfen -über die Lippen!</p> - -<p>Aber wenn er das alles hätte Veronika sagen sollen, -wär' es noch reichlich dümmer geworden.</p> - -<p>Das Zinzilein geriet an dieser Frage des großen Erwachens -in Herzensnot. Es merkte: der Junge wollte -eine sichere Rede hören über Dinge, die ihr selbst bis zu -dieser Stunde nur unsichere Gedanken gewesen waren. -Wie sollte sie denn das anfangen, ohne sich Jockeles -Achtung und Liebe zu zertrümmern?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p> - -<p>»Ja,« sagte sie aus großer Bedrängnis heraus, »das -ist die Seele!«</p> - -<p>»Das hab ich mir gedacht,« sagte er in aufatmender -Befriedigung. »Ist Dir das auch so gegangen?«</p> - -<p>»Aehnlich wird es wohl gewesen sein,« lächelte das -Zinzilein. »Aber weißt Du, das sind Dinge, über die man -erst klug reden kann, wenn man viel älter geworden ist. -In der Jugend ist es genug, wenn man weiß, es ist etwas -da, das einen von innen so warm und hell anscheint wie -die Sonne von außen.«</p> - -<p>Das war das erlösende Wort! Es fiel in den Jungen -aus einer großen Not ihres Herzens, das an diesem Abend -jedem seiner Gedanken und Blicke treues Geleit gegeben -hatte. Und darum fand sich's nun so auf Zinzileins -Lippen, just wie es das drängende Begehren des Knaben -brauchte, das plötzlich an dem Uhrwerke des Lebens -herumzuraten begann.</p> - -<p>Als der Jockele, der schon seit Jahren allein in der -Giebelstube schlief, zu Bett gegangen war, geriet das -Zinzilein in ihrer Bedrängnis an Tante Veronika. Die -saß in der warmen Behaglichkeit ihres Lehnstuhls, -aber als das Mädchen das fremde Geschütz auffuhr, -griff Tante Veronika mit der einen Hand nach der -Krücke des gelben Stockes, an dem sie nun aus einer -alten Familiengewohnheit heraus zu gehen pflegte, -und mit der anderen glitt sie so langsam über das -Gesicht, als müßte sie sich ein bißchen lächelnde Verlegenheit -abwischen …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span></p> - -<p>Es wurde an diesem Abend länger und gefühlvoller -gesprochen als sonst, ohne daß es zu Entdeckungen von -grundlegender Bedeutung über das Wesen der Seele gekommen -wäre.</p> - -<p>Seit dieser Zeit beschied sich Jakobus nicht mehr damit, -vorgedruckte Bilder auszutauschen, sondern er suchte -Farben und griff nach dem Himmel.</p> - -<p>Darüber wurde das Zinzilein von einem grausamen -Lachen befallen und sagte: kleine Kinder machten es geradeso -– sie langten zuerst nach den schönen goldenen Nägeln -des Firmaments, dann aber spielten sie mit Steinen und -schlechtem Sand! Ob denn auf der <em class="gesperrt">Erde</em> nicht etwas -wäre, und nicht so voll von unmalbarem innerlichen -Glanze wie die Wunder des Himmels? Sie könnte ihm -zwar weiter nichts helfen als sehen … »Guck,« sagte sie, -»da steht draußen der Zaun aus lauter braunen Stänglein, -steht vor dem blauen Tuche des Himmels und hat sich -so viele kleine Mützen aus frischem Schnee aufgesetzt … -könnte man das nicht malen?«</p> - -<p>Himmel, was solch ein großes Mädchen für herrliche -Einfälle hat! – Da war das Zinzilein schon aus dem -Gartenhause gesprungen, kam aber gleich wieder, schwang -ein blaues Papier und sagte: die Sache wäre einfach -genug – er brauchte den Himmel nicht einmal zu malen; -denn da wäre er schon!</p> - -<p>Die Tante lobte ihn danach mit Maßen und sagte: -wenn er hundert solche und ähnliche Dinge vor der Natur -weggenommen, werde er große Geheimnisse entdecken. –<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -Das war ein Rätselspruch von der Art jener, die die verschleiernde -Kunst der Pythia geliebt hatte! Einer, der -vor einem großen Werke steht ohne den heiteren Glauben -an seine Kraft, kann sich darüber verbluten.</p> - -<p>Das Zinzilein verlangte mehr Lob für den Jockele, -aber Tante Veronika überhörte das gute Wort gänzlich.</p> - -<p>Die beiden letzten Schuljahre des Jungen wurden von -ihr sehr ernst genommen, die Naturgeschichte und Malerei -schienen dabei geflissentlich übersehen zu werden und -blieben für die Sonntage und die Ferien.</p> - -<p>Veronika hatte auch eine lateinische Grammatik ungemein -ehrwürdigen Alters unter ihren Büchern entdeckt, -die war voll Genusregeln von klappriger Enthaltsamkeit -des Geschmacks und Geistes. Dazu ein Uebersetzungsbuch -von Ostermann für Sexta, das bibliophilen Wert hatte; -denn es war eines der ersten Exemplare der ersten Auflage -und trug eine vergilbte Einschrift des Verfassers für -den Vater der Tante Veronika.</p> - -<p>Jockele, der sich ausrechnete, daß dieser Vater um jene -Zeit gut hundertzwanzig Jahre hätte zählen können, ahnte -beim Anblick der greisenhaften Würde des Buches zum -andern Male seine Seele – diesmal in einem fröstelnden -Erschauern.</p> - -<p>Dann kam über die alte Dame eine fast heftige Betriebsamkeit -im Latein. Gleich zu Anfang aber forderte -der Junge Frist zu einem Privatschnaufer der Verwunderung, -weil die Tante das nun auch noch konnte. Allein, -sie gestand ohne Umschweife, daß es mit ihrem Latein<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -hapere. Doch – das kannte der Jockele! Nichts als übertriebene -Bescheidenheit! Und er war geneigt, jede Wette -einzugehen, daß der Professor Sinsheimer, der an dem -gelben Krückstock durch die Straßen Bremerhavens gestabt -und dessen Werk die Tante Veronika war, an ausbündiger -Gelehrsamkeit zugrunde gegangen wäre.</p> - -<p>Während dieser letzten Schuljahre stand der Jockele -der Grammatik und dem Uebungsbuche mit frostigem -Herzen gegenüber, er lernte, weil er sollte, und niemand -im Hause wußte eigentlich recht, wozu. Selbst Tante -Veronika war froh, als sie dem Jungen erklären konnte, -nun sei es mit ihrem Latein zu Ende. Das war an dem -Tage, an dem sie die letzte Seite des Ostermanns für -Sexta umschlugen.</p> - -<p>Danach kam die heitere Ruhe des Frühlingshauses -ein wenig ins Wanken, es war ein wunderliches Drängen -nach außen. Zuerst ging die Schulzeit des Jockele zu -Ende, und es richteten sich allerlei Fragen steil und -nüchtern vor dem innigen Beisammensein auf. Sie forderten -die Antwort nicht von einem Tage zum anderen, -aber sie schoben bei jeder unpassenden Gelegenheit den -Kopf zwischen die drei Menschen und sagten: »Na, wie -wird das?« Und sie wären noch viel hartnäckiger gewesen, -wenn das Zinzilein nicht um diese Zeit maienseliger -Erdenfreude von einem Forstgehilfen schön gefunden -worden wäre. Weil der nicht das Töchterlein -des Holzhauers und Puppenmachers Laufer, den er im -Walde an die Arbeit zu stellen hatte, sondern das Ziehkind<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -der feinen alten Dame ehelichen wollte, war ihm von -vornherein klar, er werde einen heillosen Sturm im Haus -auf dem Hügel losmachen, der ihm die großen Klötzer -nur so vor die Füße wirbelte.</p> - -<p>Die erste Betätigung dieser Liebe war das Interesse -des jungen Forstgehilfen für den Jockele.</p> - -<p>Einmal auf einem Spaziergang, als auf den Waldgrund -die braunen Knospenhüllen der Buchen herabschneiten -und das brünstige Schauern der Frühlingserde -sich an Quellen und Bachsäumen zu Bändern aus -Vergißmeinnicht zusammenwob, schlug der Forstmann -Matthias Prinz dem Jungen eine Tür auf, durch die er -einen Blick in die Ferne tat – so weit hatte er nie sehen -können, wenn Tante Veronika vor seinen Augen hinaus -ins Leben deutete! Es waren in Matthias einige Erinnerungen -aus verlorenen Lateinjahren wachgeworden.</p> - -<p>»Siehst Du,« sagte er zu Jockele, »das Latein, das ich -nicht gelernt habe, hat mir die Hälfte meines Lebens -verdonnert!«</p> - -<p>»Wie denn das?«</p> - -<p>»Nun, ich hätte Oberförster werden können und Forstmeister -– aber an dem Latein bin ich hängen geblieben.«</p> - -<p>»Und wenn einer nicht Forstmeister werden will?« -klügelte Jockele an dieser Rede herum.</p> - -<p>»Lern's Junge!« schrie ihm Matthias Prinz ins -Gesicht und legte ihm beide Hände auf die Achseln, »und -wenn Du's hundertmal nicht weißt, wozu Dir dies oder -jenes nützen soll – raff zusammen in Deinen Frühlingsjahren,<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -was Du kannst, denn es könnte die Zeit kommen, -da Du Gold daraus schlägst!« Nach dieser klingenden -Rede fragte er kurz: »Was willst Du werden?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht. Wenn ich sehr fleißig bin, darf -ich mir's noch drei Jahre überlegen; bin ich faul, muß ich -in irgendeine Lehre.«</p> - -<p>»Junge,« sagte Matthias, »das ist ja großartig! …«</p> - -<p>Darüber waren sie an den Saum des Buchwalds gekommen, -an dem die Umzäunung über dem Goldbrunnen -dahinlief.</p> - -<p>Sie gingen ganz langsam dem Frühlingshaus entgegen, -und Herr Matthias Prinz redete sehr laut und -väterlich.</p> - -<p>Da lugte die Mali aus dem Küchenfenster, was es -wäre, und gleich darauf trat Tante Veronika an dem -gelben Krückstock heraus in die Sonne. Sie überschüttete -die jungen Leute ganz mit der hellen Freude, die immer -nicht genug Platz in ihren Augen hatte, und sagte, sie -könne dem Herrn Matthias nun endlich danken für die -Teilnahme, die er an der Entwicklung des Jakobus zeige.</p> - -<p>Herr Matthias Prinz aber redete sehr verbindlich und -ehrfürchtig zu der alten Dame, von der alle einsichtigen -Leute mit so heillosem Respekte sprachen, und fand sich -auch geschickt zu der Behauptung, von der er dachte, sie -werde sie am meisten erfreuen. Er sagte, sie hätte den -Jockele zu einem sehr klugen und braven Jungen erzogen.</p> - -<p>Es lag aber nicht in der Art Veronikas, sich im Sturme -nehmen zu lassen. Deshalb begegnete sie der prinzlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -Begeisterung mit einer maßvollen und sicheren Liebenswürdigkeit; -und als Matthias fragte, ob er bei Gelegenheit -einmal in ihr Haus treten dürfe, entgegnete sie: »Ich -werde mich darüber freuen; und dann wird Ihnen Jakobus -in der Gartenhütte zeigen, wie er lernt, und Sie werden -ihm sagen, daß ihm noch viel zu tun übriggeblieben ist.«</p> - -<p>Danach reichte sie ihm die Hand und wußte, daß aus -diesen drei Minuten die größte Wandlung in ihrem Hause -hervorwachsen würde, die seit dem Eintritt Jockeles darin -gegeben war.</p> - -<p>Nichts an ihr verriet diese Erkenntnis, aber das Herz -des Herrn Matthias Prinz hatte Schwingen bekommen -und wirbelte mit ihm hinein in den Frühlingswald – -die Finken rührten ihr Schlagzeug, als hätten sie Wachtparade, -die Mönchsgrasmücke trug den Schellenbaum, -und die wilden Tauber schlugen die große Trommel. Und -der Herr Prinz – als wär er schon König geworden – -bildete sich ein, die ganze Waldmusik hätte der Frühling -extra für ihn losgelassen. –</p> - -<p>Jockele stand auch über diesen Tag hinaus den Ereignissen -mit Unbefangenheit gegenüber. Das Geheimnis -der rosenroten klingenden Liebe war für ihn noch nicht -erfunden, und er brachte nicht den ahnungslosesten Verdacht -auf, daß er von dem Herrn Matthias als Sprungbrett -zu einer himmelblauen Seligkeit benutzt würde.</p> - -<p>Gesprochen wurde nach Ansicht des Jockele von dem -Forstgehilfen im Hause nur dann, wenn er selbst die Rede -auf ihn brachte; Tante Veronika hatte mit sehr nachdrücklichen<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -Worten namentlich der Mali alles verboten, -was für die Ohren des Jungen nicht paßte. Daß Mali -und das Zinzilein in dieser Zeit oft recht geheimnisvoll -taten, merkte er auch nicht – ein Junge merkt überhaupt -nicht viel; er wühlte sich im Gartenhaus mit einer Wichtigkeit -in seine Bücher, die er über den anderen Pflichten -der Schule nicht einmal geahnt hatte.</p> - -<p>Darüber war auch der »Ostermann für Quinta« beschafft -worden, an dem der alte Pastor in Jockeles Gemeinschaft -jede Woche drei Stunden sein verblichenes -Latein auffrischte.</p> - -<p>Als Herr Matthias nach einigen Wochen im Frühlingshause -Besuch machte, beschränkte ihn die Tante wiederum -für die Dauer von drei Minuten auf das Damenzimmer. -Dann begleitete sie ihn vor das Gartenhaus, das Zinzilein -guckte durch den Vorhang, und der Herr Matthias Prinz -suchte mit seinen Augen über die Achsel der Tante hinweg, -ob etwa aus diesem Fenster ein Sonnenschein fiele. Er -redete dabei ausgiebig und bezeigte ein großes Interesse -für die Anlage des Gartens.</p> - -<p>Veronika war auch davon nicht im geringsten überrascht -– wer überhaupt dächte, sie hätte sich von Stund -an in die Rolle des schätzehütenden Drachen eingelebt – -ha, der würde Fräulein Sinsheimer sehr schlecht kennen!</p> - -<p>Sie liebte es, die Augen zu schließen, um besser sehen -zu können, und war dem Zinzilein selbst in den wichtigsten -Angelegenheiten der Liebe unbedingt vertrauenswürdig. -Wenn der Jockele davon etwas hätte ahnen dürfen, so<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -hätte er gesagt: »Nun versteht sie das wahrhaftig auch -noch!«</p> - -<p>Tante Veronika hatte gegen die Dinge, die sich nun -im Frühlingshause vorbereiteten, nicht das geringste -einzuwenden, aber sie wollte alles mit der ihr eigenen -Delikatesse behandelt wissen.</p> - -<p>Sie fand es selbstverständlich, daß das Zinzilein gleich -das neue Muster abhäkeln mußte – jetzt, am Sonntag -mittag, und eine Stunde vor dem Essen! Und sie fand -es durchaus natürlich, daß dies auf einem Platze hinter -dem Vorhang des Fensters nach dem Gartenhaus hin -geschah, an dem das Zinzilein sonst nie saß. Dabei blühte -das Zinzilein wie eine Malve und war von weltumarmender -Glückseligkeit. Und weil Tante Veronika -wußte, daß solch ein Glück als Geheimnis tausendmal -schöner ist, merkte sie von den musizierenden Engeln, die -das Zinzilein umtanzten, gar nichts.</p> - -<p>Nach einiger Zeit ging die Gartentür – da stürzten -sich alle anwesenden Engel dem Mädel ans Herz und -läuteten damit, daß ihm angst und bange wurde.</p> - -<p>In der schönen Zeit dieses Jahres schlossen sich Herr -Matthias Prinz und Jockele innig aneinander, wiewohl -der Forstgehilfe beinahe noch einmal so alt war als sein -junger Freund. Sie waren fast an jedem Tage beisammen.</p> - -<p>Weil Matthias keine Gelegenheit vorübergehen lassen -durfte, die sehr umsichtig befestigte alte Dame zu erobern -– und wenn sie mit Ketten an den Himmel gebunden<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -wäre! –, so machte er dem Jungen die Waldgänge zu -fröhlich angeregtem Unterricht vor der Natur. Darüber -wurde alles Glanz an dem, und er lief in seine ersten -Jünglingsjahre, als wäre er der Blütenzauberer Frühling -selber.</p> - -<p>Das Ebenmaß seines Wachstums geriet um diese Zeit, -die zwischen den Zeiten steht, ein wenig in Unordnung, -und die Glieder baumelten manchmal in der Welt herum, -als wüßten sie nicht, was sie schlagen sollten. Das Zinzilein -aber sagte in belustigter Uebertreibung, Arme und Beine -hingen um ihn wie langgereckte Fragezeichen.</p> - -<p>Aus dieser Erkenntnis des Zinzilein erklärte er sich -die merkwürdig fremden Augen, mit denen das Mädchen -nun manchmal an ihm herumsuchte, als gingen sie Rätsel -raten. Und es trat auch sonst eine Veränderung in ihrem -Wesen ein; früher machten sie oft einen Ringkampf, zu -dem sie ihn sogar herausforderte – jetzt wies sie das als -eine ganz unmögliche Sache von sich, und er hatte doch -gerade so große Lust dazu. Früher war sie ein Kind -gewesen wie er, nun war sie über Nacht ein Fräulein geworden -und war voller Geheimnisse. Früher sah man ihr -an, daß sie das Leben des Jungen in allen Stücken zu -dem ihren machte, jetzt wußte sie nicht einmal mehr in -seinem »Laboratorium« in der Gartenhütte recht Bescheid. -Und die natürlichste Sache von der Welt – nämlich daß -sie der Jockele heiraten würde – schien ihr auf einmal -ein kindischer Spaß, und sie lachte ihn aus. – »Davon -verstehst Du noch gar nichts!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p> - -<p>Einmal des Abends, als die sammetweiche Sommernacht -durch die Fenster ins Zimmer stieg, trat auch das -Zinzilein herein, und seine Augen flogen vor ihm her -wie Leuchtkäfer; da nannte sie der Jockele »ein merkwürdiges -Stück Naturgeschichte«.</p> - -<p>Er erzählte Tante Veronika, was er die Tage her von -Herrn Matthias gelernt hatte, und das Zinzilein wurde -darüber ganz Andacht.</p> - -<p>Des anderen Tages ging sie selber mit ihm in den -Wald, und da mußte er ihr jede Seite des leuchtenden -Sommerbuches umschlagen und mußte vorlesen, was -darauf geschrieben war – nicht nur von den Arten der -Blumen und Bäume und des vielerlei Getiers, sondern -auch von der Forstwirtschaft wollte sie hören. Sie war -fast fürchterlich in ihrem Wissensdrange.</p> - -<p>Da sagte Jakobus, sie solle nur einmal mitkommen, -wenn er mit dem Herrn Matthias ginge. Aber das -Zinzilein lachte ihn für diesen wohlmeinenden Vorschlag -aus, und dies Lachen schlug einen Laden an seiner Seele -auf, und es brach eine Fülle neuen Lichts in ihn. Ein -Gedanke sprang ihm klingend ins Herz – da ward dies -Herz voller Ahnungen. Das Zinzilein aber bückte sich -rasch und strich mit der Hand über das grüne weiche -Waldmoos …</p> - -<p>»<em class="antiqua">Polytrichum commune</em>, Goldhaar,« sagte ihr der -Jockele.</p> - -<p>»Weißt Du das auch von dem Herrn Prinz?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p> - -<p>»Nein. Alles soll ich von dem Herrn Prinz haben! … -Warum bist Du denn so rot geworden?«</p> - -<p>»Weil Du so grausam gelehrt bist,« log das Zinzilein.</p> - -<p>»Es wäre auch ein Name für Dich, Prinzessin Goldhaar!« -scherzte der Jockele.</p> - -<p>Da wurde aus dem Zinzilein eine ungeheure blutrote -Verwirrung; denn dieser Junge sprang ihr mit -dem goldenen Wortspiele vom Prinzen und der Prinzessin -mitten hinein in das Allerheiligste ihres Herzens, -und es fehlte nicht viel, so ertappte er sie über heimlichem -Opfer.</p> - -<p>Das Herz des Zinzilein schlug sich allgemach in das -vorige Gleichgewicht; sie war aber kurz angebunden, und -ihre Gedanken stolperten umher wie die Libellen mit den -blauen und glasgrünen Flügeln.</p> - -<p>Von diesem Tage ab wurde das Verhalten Jockeles -zu dem Herrn Prinz ein wenig anders. Aber nicht etwa -respektloser, weil er hinter ein Geheimnis gekommen, oder -gar mißtrauisch, sondern es wurde ein bißchen verwandtschaftlich.</p> - -<p>Der Himmel mochte wissen, wer dem Forstgehilfen -das Märchen von der Prinzessin und dem Prinzen erzählt -hatte – genug, er kannte es.</p> - -<p>Danach kam er eine ganze Woche nicht ins Frühlingshaus, -weil er in einem sehr fernen Forste Vermessungen -vorzunehmen und Arbeiten zu überwachen hatte – aber -am nächsten Sonntag als schon die Mittagsglocke über<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -das Dorf läutete und der Jockele ahnungslos von irgendwo -aus dem September kam, nahm ihn die Mali gleich an -der Haustür in ihre Hände. Ihre Augen fielen ihn an -wie zwei Sonnen, und sie zog ihn eilig in die Küche und -war gar nicht bei sich.</p> - -<p>»Der Herr Prinz ist drinne!« zischte sie ihn an. »Er -will das Zinzilein heiraten – alleweil sagt er's der -Tante!«</p> - -<p>»Hab ich längst gewußt!« sagte Jockele so von oben -herab, fiel aber gleich aus der Rolle, faßte die Mali unter -und wirbelte sie ein paarmal durch die Küche. Dann -gingen sie auf den Zehen, horchten manchmal ein bißchen -durch den Türspalt und wisperten miteinander wie die -Goldhähnchen im Winterwalde – alles als gäbe ihnen -eine dunkele Ahnung ein: sie beide müßten nun zusammenhalten, -da das Frühlingshaus langsam zu vereinsamen -begann.</p> - -<p>Auf diese losgelassene Freude kam ein Augenblick, der -wäre beinahe sehr feierlich geworden: die Tante trat in -die Küche und sagte, der Herr Matthias Prinz speise heute -bei ihnen zu Mittag; dann führte Veronika den Jockele -in das Zimmer, das ganz voll Gold und Glück und weißer -Vorhänge war – »Jakobus,« begann sie und gedachte -in sehr schönen Worten von einer großen Freude zu reden. -Aber das dauerte dem Jakobus zu lange, da ging er ihr -durch und stürzte den beiden ans Herz.</p> - -<p>So hatte Herr Matthias Prinz das Wachstum dieses -Jahres unter Dach, ehe die Welt von Nebeln eingewoben<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -wurde – wie sich das für einen vorsichtigen Liebhaber -schickt.</p> - -<p>Tante Veronika, obwohl sie niemals in himmelblauer -Verlobungsseligkeit herumgeflogen und darüber hinaus -von dem anderen Geschlechte so gründlich stehen gelassen -worden war als möglich, kam dennoch nicht auf den -Einfall, es diesen einen entgelten zu lassen und ihn in -Entsagungen zu üben – nur auf Delikatesse hielt sie und -bestand darauf, daß »solche Sachen« nicht zum Ansehen -für andere gemacht seien. Wodurch aber nicht verhindert -wurde, was sie beabsichtigte – nämlich, daß der lange -schöne Knabe Jakobus die Vorstufe zu einer raschen und -gründlichen Liebesschule durchmachte. Wäre der Lehrstoff -weniger delikat zum Vortrage gelangt, so hätte Jockele -vielleicht nicht die nötige Anteilnahme aufgebracht und -wäre davongelaufen. Aber dieser Herr Prinz war in -allen Stücken von einer so vorbildlichen Ritterlichkeit, daß -der Junge während des Winters feststellte: Matthias der -Prinz und Prinzessin Zinzilein wären einander durchaus -würdig, und das Mädel in seiner sonnigen Blondheit wäre -nun noch viel schöner geworden … Lauter Dinge, an -denen der Jockele so viel herumzudenken hatte, daß er -denselbigen Winter in der Folgezeit einmal »die Auferweckung -des Jakobus« genannt hat.</p> - -<p>Durch den tiefsten Bergschnee herüber trug Matthias -eines Tages die Nachricht, daß er vom 1. April ab als -Revierförster in der Nachbarschaft des Hörselberges bestimmt -sei. Natürlich wollte er nicht unbeweibt seinen<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -Einzug in das Waldforsthaus halten – da überkam den -Jockele zum ersten Male die Schwäche der Eifersucht, und -zwar auf beide, die sich ihm gegenseitig wegnahmen.</p> - -<p>Er wäre darüber am Ende in die Unzufriedenheit -des Flegeltums hineingewachsen, dem der liebe Gott -zur Warnung als äußeres Kennzeichen das schlaksige -Unebenmaß der Glieder anhängt. Aber die Erziehungskunst -der Tante Veronika trieb an ihm eine schöne späte -Blüte: sein Takt gegenüber der waldgesunden Männlichkeit -des Schwagers behütete ihn vor Entgleisungen.</p> - -<p>So focht er den ersten Kampf mit sich und der Welt -in der Stelle des Gartenhauses aus; er ward einsilbig, -er knurrte auch einmal, wenn er durch die Stube wippte, -aber er setzte sich nicht dem vereinigten Gelächter der -Engel und Menschen aus, die während der Vorbereitungen -zur Hochzeit das Haus bevölkerten. Er arbeitete -sich um seine offensichtliche Zurücksetzung mit großem Eifer -herum, entschädigte sich durch Erzählungen aus dem -Gallischen Kriege des Cäsar, den er um diese Zeit mit -dem Pastor las, und hörte mit sieghafter Genugtuung zu, -wenn der ritterliche Herr Matthias das Bekenntnis ablegte, -daß sein Schiff an dieser Klippe fast wrack geworden -wäre.</p> - -<p>So war Jockele über allem auf ein Nebengeleise -rangiert worden. Da fiel er in der beschaulichen Ruhe -seiner Gartenhütte auf eine Verzweiflungstat: er hatte -die Schmetterlinge seiner Sammlung gemalt und begann, -zu jedem die Naturgeschichte zu schreiben. Es war die<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -erste Arbeit, die er planvoll aufnahm und durchführte. -Das Zinzilein, das ihn am liebsten als »Naturforscher« -gesehen, hatte auch Verdienste an seinen farbigen Tier- -und Pflanzenstudien, die oft recht hilflos waren. Deshalb -dachte er, er wollte dem Zinzilein dies »Werk« als -Hochzeitsgeschenk überreichen; denn er wußte, Prinzessin -Goldhaar war mehr als die anderen dazu geneigt, gute -Vorsätze als Taten anzusehen.</p> - -<p>Mitte März war er damit fertig, und als es der -Buchbinder wieder ins Haus schickte, standen sie in diesem -Hause gerade vor der Hochzeit.</p> - -<p>Die wenigen Tage surrten noch vorüber; dann kam -der stürmische 1. April, der das Zinzilein dem Frühlingshaus -entführte – Himmel, was war von dieser blonden -Mädchenjugend eine Fülle von Sonne gekommen!</p> - -<p>Nun, da sie nicht mehr da war, schauerte den Zurückgebliebenen -die Einsamkeit fröstelnd ans Herz. Ueberall -lagen Erinnerungen: Blätter aus zerfallenen Blüten – -das ganze Haus war voll von abgestandenen Festtagen; -es war stief und stoppelfeldig in allen Zimmern, und -gegen die Fenster stieß der Sturm, klirrte der Aprilregen.</p> - -<p>Tante Veronika hatte sich fest zugeschlossen, stabte mit -dem gelben Stocke in ihrer Wehmut herum und suchte -nach einem liegengebliebenen Sonnenschein. Es war -aber keiner da.</p> - -<p>Vielleicht lief das alte Fräulein auch dem Gedanken -nach, ob sie denn zum zweiten Male ganz verwaisen -sollte?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p> - -<p>Es ist bei den Jahren anders als bei den Menschen – -die Jahre kriegen im Alter das Rennen, und man muß -sich bei guter Zeit vorsehen, will man sie nicht davonlaufen -lassen.</p> - -<p>Jawohl, ganz heimlich dachte Tante Veronika daran, -wie sie den Jungen im Hause behalten könnte, ohne daß -er an ihrer verzeihlichen Selbstsucht nicht zur vollen Entfaltung -seiner hellen Gaben gelangte. Aber sie faßte -diesen Glauben nicht mit der alten Festigkeit an, weil -ihr das Herz davor bange war. Und diese Bangigkeit -verlor sie nicht mehr. Doch brauchte sie nicht lange an -der Frage herumzuraten; denn eines Tages stand ein -Sturm auf, der dem alten Mädchen am Bergwalde den -Jungen aus Haus und Händen wirbelte …</p> - -<p>Zuvor aber kam Maria Reh nach Ibenheim.</p> - -<p>Da war der Frühling im vollen Gange und schüttete -ein Blühen in die Gärten, daß es über die Zäune lief.</p> - -<p>Weil Fräulein Reh zuerst mit dem Mai durch den -sprossenden Buchwald gestrichen war, kam sie mit Maleraugen -voll Entdeckungen und einem Herzen voll Licht -und Himmelblau und trat in das erste Haus, an dem sie -der Weg aus dem Walde vorbeiführte.</p> - -<p>Darin wohnten die Laufers. Frau Barbara fing sie -gleich in dem Netz ihrer Freude und schüttelte die ganze -Hochzeit und das Glück des Zinzileins über sie. An diesem -Tage nahm Maria Reh die Stube nach dem Wald hinaus.</p> - -<p>Als sie am nächsten Morgen mit der Staffelei in die -Bergsonne stieg, um ihre Sinne vom wilden Farbendrängen<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -zu erlösen, ward sie von dem Mädchen Mali -erspäht. Deshalb schritt bald danach der Jockele von -ungefähr des Weges, um zu sehen, was es wäre. Er -kroch erst ein bißchen um das Malfräulein herum, und -weil er noch so zwischen den Lebensaltern stand, durfte -ihn ihre Spätfrühlingsreife ohne Scheu ermutigen. Es -wurden ein paar falterleichte Fragen gewechselt – die -erste ließ Maria auffliegen. Weil sie den Jockele mit -»Sie« anredete, bekam er einen roten Kopf; denn das -passierte ihm zum ersten Male. Aber er fand sich alsbald -in das erforderliche Auftreten und erwies sich dabei als -fertiger Schüler seines Schwagers Matthias.</p> - -<p>Am ersten Regentage machte Maria Reh der Tante -einen Besuch. Sie trat auch in das »Laboratorium« und -erbat sich den »Herrn Jakobus« als fröhlichen Malergesellen, -nachdem sie seine frischen, aber ungelenken Versuche -gesehen hatte.</p> - -<p>Einige Tage später, in denen das junge Buchlaub -ganz zu Golde geschlagen worden, war aus dem komischen -»Herrn Jakobus« für das Fräulein schon der junge -Jockele geworden – manchmal hieß er noch »Sie, Herr -Jockele!« – und er saß neben ihr im Walde und visierte -mit dem Zielauge über den Bleistift hinweg die Lage der -Dinge, die er skizzierte.</p> - -<p>Wieder nach einiger Zeit wanderten sie zusammen in -das Forsthaus am Hörselberge. Da nahm auch Maria -ihr Skizzenbuch mit und redete von lustigen Malerfahrten -beider Herzen in ein weltumarmendes Glück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p> - -<p>Die enganliegende Lebensart im Frühlingshause, die -das Werk der Tante Veronika war, fand sich bei Maria -Reh nicht. Sie war ein blondes, schlankes Mädchen mit -einem Teutoburgerwaldgesicht und einem freien Hals, -an dem über dem Blusenausschnitt unter dem Nacken -der erste Rückenwirbel kräftig hervortrat; denn er hatte -zu tun, den Kopf mit dem klingenden Haar und dem -klaren, kühnen Gesicht zu tragen.</p> - -<p>Natürlich behauptete Maria, sie wäre viel größer als -Jockele. Als sie einander aber mit entschuhten Füßen -und aufgelegtem Skizzenbuch an einem Waldstamme -maßen, war zwischen den beiden Strichen gerade nur -so viel Raum, daß ein Sonnenstrahl hindurchkriechen -konnte.</p> - -<p>Diese Messung fand auf dem Wege zu dem Berge der -Frau Venus statt. Und weil es eine so sonnevolle Waldfahrt -war, gelangten sie erst im roten Lichte des Spätnachmittags -in das Forsthaus und standen beide über -und über in Blüte. Deshalb läutete das prinzliche Paar -gleich mit allen Glocken, und das Lachen schoß als -goldene Raketen in die Waldnacht vor dem traulichen -alten Jägerhause. Dabei wurde festgestellt, daß der -Jockele in sechs Wochen um sechs Jahre älter und ritterlicher -geworden sei, und er, dem das Haar so wellig -und schwarz um die Stirne wehte, hatte die Augen voll -feuchten Glanzes.</p> - -<p>Das Zinzilein schaute fast erschrocken in dies heiße -Licht, das aus einem tiefen Himmel kam. Aber der<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -Jockele sagte: daran wäre die Sonne schuld, die über -Tag hineingeronnen, und daran wäre schuld, daß diese -Augen nun Dinge zu suchen und zu sehen hätten, von -denen das Zinzilein samt seinem jungen Herrn Förster -gar nichts ahnte. Er sagte das aus einem gläubigen -Jungenherzen heraus; aber das Zinzilein mußte doch auf -der Hut vor sich selber sein, daß sie ihn nicht für ganz -erwachsen nahm und ein bißchen an ihm herumklopfte … -denn auch das Zinzilein war in diesen sechs Wochen gelehrig -gewesen und verstand sich auf Männeraugen.</p> - -<p>Sie blieben in dieser Nacht im Forsthaus, und am -Morgen wußte der Jockele, warum ihn das Zinzilein -manchmal mit so rätselhafter Lustigkeit ansah, hinter der -immer ein sehr großes und sehr leuchtendes Ausrufezeichen -stand. Sie schliefen in den Zimmern im oberen -Stockwerk, und ihre Betten standen Wand an Wand. Der -Hochwald hauchte die Kraft durch die weiche Nacht, die -die Kerzen zur Frühlingsfeier aus den schwarzen Tannen -treibt, und irgendwo unter den Fenstern brach ein -Brunnen aus dem schwarzen Stein und flüsterte der -Nacht wunderliche heimliche Reden ins Ohr. Als Jakobus -an das Fenster trat, hauchte ihn die Südwand des Zimmers -mit einer süßen Schwüle an, daß er erschrak; denn -es war, als legte Maria Reh die Arme um ihn.</p> - -<p>Er löschte das Licht, das ihm das Zinzilein aufs -Zimmer gebracht hatte. Die blaue warme Finsternis -tat ihm wohl – und da merkte er, das Zinzilein hatte -die Rätsel seiner Augen schon erraten, ehe er noch wußte,<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -daß sie darin waren. Aber nun, in der Stille dieser -Waldnacht, nun war das Wunder da: er sah in der -Finsternis! Es stand ein hohes blondes Frauenbild vor -ihm, reif wie ein Aehrenfeld im Sommer, wenn der Duft -von gebackenem Brote über die wogenden Halme zu -schwimmen beginnt, und Maria Reh war schön wie eine -Königin. Er blieb immer in der Nähe der Wand, in die -des Tages die Sonne gesickert war, und fühlte den -warmen fremden Odem … Mitten darin stand Maria -Reh in ihrer leuchtenden Ueberlegenheit und zog ihn an -sich und küßte ihn mit ihren roten Lippen auf den -Mund. »Was bist Du für ein lieber stolzer Junge,« sagte -sie. – »Stolz?« fragte er. »Wissen Sie denn nicht, daß -ich immer so vor Ihnen knien möchte wie heute an dem -warmen Waldhange, wo der Wachtelweizen in tausend -blauen Lichtern brannte? Und wissen Sie denn nicht, -daß ich Ihr Edelknabe bin, Sie liebe, liebe blonde -Königin?« Da hörte er ihr klingendes Lachen, und sie -nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf -die Stirn …</p> - -<p>Ueber dem Kusse schloß er die Augen und fühlte ihn -hinabrinnen als ein wundersames himmelfremdes Glück -bis in sein Herz.</p> - -<p>Und er ward durstig nach dem blutroten Leben ihres -Mundes – aber er dachte nicht daran, sie zu küssen, -sondern <em class="gesperrt">sie</em> mußte es sein, die sich über ihn beugte und -ihm aus der Gnade ihres Königinnentums reichte, wonach -er so sehnsüchtig war …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p> - -<p>So sahen die Verheerungen aus, die dieser jubilierende -Montag in Jakobus Sinsheimer angerichtet hatte. Weit -über die Mitternacht hin schwamm er in einem rosenroten -Meere von Seligkeit … Auf einmal wachte er auf – -der Morgenhahn warf seinen Ruf wie eine goldene Lanze -durch das Fenster! Jockele erwachte sehr nüchtern; er -hatte sich in den Schlaf gefreut; denn er dachte, der Traum -würde die Fäden noch viel schöner weiterspinnen, die er -ihm in die Hand gegeben. Nun hatte ihn die Nacht -darum betrogen.</p> - -<p>Aber die falterleichte Jugend, als sie die Wipfel so -voll klingender Sonne sah, brachte sein Herz gleich wieder -zum Fliegen.</p> - -<p>Er schritt leise die Treppe hinab und fand Zinzilein -und Matthias schon draußen beim Morgenkaffee unter -der großen Buche. Im Zimmer Marias war der Vorhang -noch vor das Fenster gezogen.</p> - -<p>Jockele hatte nichts dagegen, daß Matthias gleich -danach das Gewehr umhängte und in den Wald ging; -denn nun nahm er des Schwagers Platz ein, weil er von -da aus das Fenster an Marias Zimmer immer im Auge -haben konnte.</p> - -<p>Das Zinzilein belustigte sich in aller Heimlichkeit ganz -ungemein.</p> - -<p>Es war ein blanker Morgentisch gedeckt, wie es zu -den hellen Herzen und der Welt voll Licht paßte, und als -Maria Reh – schon fix und fertig – endlich den Vorhang -zur Seite zog, flogen ihr die sehnsüchtigen Augen des<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -Jungen ans Herz. »Na, da ist sie ja!« jubelte das -Zinzilein, und Jockele wurde ganz stolz, weil sie seine -Schwärmerei gemerkt hatte und doch in der Ordnung zu -finden schien. Man plätscherte noch eine Viertelstunde in -Lachen und Sonne, dann segelten die beiden auf ihrem -glückhaften Schiffe davon.</p> - -<p>Jakobus war nach dem Erlebnisse vom Abend zuvor -wie verwandelt, gestern war er ein Malschüler gewesen, -heute war er ein glückseliger Page.</p> - -<p>Maria Reh ließ sich seine scheue Liebe gefallen und -hätte nicht das geringste einzuwenden gehabt, wenn sie -etwas weniger ungefährlich gewesen wäre. Sie war -nun auch viel sanfter zu ihm; denn sie sah, der -Junge war ganz von sich, und diese erste Jugendschwärmerei -fiel über sie wie der Duft einer Blume, -die ohne Gift ist.</p> - -<p>Mittags, als sie wieder an dem Hange ruhten, über -dem der Wachtelweizen mit den himmelblauen Spitzen -seiner Stengel als ein sonnenstiller See blühte, strich -Maria mit ihrer Hand über sein Gesicht; da lehnte er den -Kopf an die Erde und ließ ihre Stirn so über sich kommen -und sah seinem Glücke tief in die Augen. Dann sagte -er: »Ich bin sehr froh, daß Sie so lieb zu mir sind!«</p> - -<p>»Sind das Zinzilein und Fräulein Veronika nie so -gewesen?« fragte sie aus ihrem wissenden Herzen heraus.</p> - -<p>»Aber das ist doch etwas ganz anderes, Fräulein -Maria!« Und er erfaßte ihre Hand und legte sie über -seine Augen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p> - -<p>Weiter geschah auf diesem langen, langen Frühlingsgange -nichts, aber als sie in der Dämmerung nach Hause -kamen, waren sie beide ganz still geworden, und Maria -sagte sehr weich und mitleidvoll zu ihm: »Auf morgen – -nicht wahr?«</p> - -<p>Da küßte ihr der Junge die Hand und ging mit gefährlich -feuchten Augen von dannen.</p> - -<p>Sie sahen sich nun an jedem Tage. Jockele saß neben -ihr im Walde und zeichnete, was sie ihm aufgab. Des -Morgens suchte er sie stets mit scheuer Freude; denn vor -Nacht war sie immer in so königlichen Bildern um ihn, -und dann ließ er sich von ihren sachten Händen in den -Schlaf streicheln.</p> - -<p>Sie fühlte auch, was sie ihm war, und war darum -auf der Hut vor sich selber, damit der Glanz nicht von ihr -abfiel, den seine erwachenden Sinne um sie träumten.</p> - -<p>Er hätte am liebsten gehört, wenn sie ihn »Du« genannt -hätte, aber die Scheu, sich lächerlich zu machen, -hielt ihn davor zurück, es ihr zu sagen; wenn er in den -heimlichen Stunden zwischen Schlaf und Wachen mit ihr -allein war, mußte sie es doch machen wie er wollte!</p> - -<p>Ueber allem befiel ihn ein ruheloser Eifer, ihr mit -seinen Zeichnungen zu gefallen. Sie lobte ihn leicht und -oft; das hatte ihm zuerst wohlgetan; dann peinigte es ihn; -denn er dachte, es wäre eine unverdiente Gefälligkeit. -Er sagte ihr das auch einmal und verstimmte sie damit; -das dauerte drei Tage, und am vierten ging sie zu einer -Stelle im Walde malen, die sie ihm nicht verraten hatte.<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -Da geriet er in eine qualvolle Unruhe, lief den ganzen -Tag im Walde herum und war heilsfroh, als er sie gefunden -hatte. Aber die Abende, in denen er sich ihr ans -Herz träumte, waren seit einiger Zeit nicht mehr so -wonnevoll wogend und rosenrot, und sie wurden es noch -weniger, als sie eines Tages an ihrer Bluse auf dem -Rücken einen Druckknopf nicht geschlossen hatte. Wenn -sie vor der Staffel stand und sich ein wenig zurückbeugte, -sperrte sich diese Stelle des Verschlusses immer auf und -ließ ein Stück Spitze ihres Hemdes sehen.</p> - -<p>Das peinigte ihn; denn es stimmte gar nicht zu den -königlichen Bildern seiner Frühlingsträume. Er arbeitete -mit heißerem Eifer, um Maria vor seinen törichten Augen -zu schonen. Aber immer wieder blitzte das schmerzende -Weiß in seine Arbeit – da nahm er den Feldstuhl und -setzte ihn so, daß er ihre Rückseite nicht sehen konnte, und -begann eine neue Zeichnung.</p> - -<p>Einige Tage später war der Druckknopf wieder offen. -Da sagte er zu ihr, er könne diese Bluse nicht leiden. Sie -redeten eine Weile in scherzendem Ernste, und weil sie -so überlegen tat, wehrte er sich –</p> - -<p>»Jawohl, nicht leiden, weil immer ein Knopf daran -offen ist!«</p> - -<p>»O weh,« sagte sie lachend, »und das haben Sie gesehen -und haben ihn nicht zugedrückt?«</p> - -<p>Sie fand also dabei gar nichts. Aber sie ahnte auch -nicht, daß ihr großes Licht in seinem Herzen darüber zu -einer matten Sonnenscheibe geworden war. Dann knurrte<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -er ein bißchen vor sich hin, und sie redeten danach einmal -vom Wetter und daß der Herbst schon so unfreundlich -durch das Gebirge kroch.</p> - -<p>An ihrer Freundschaft änderte dieser Vorfall nichts, -aber über die Vergänglichkeit des Rausches der Liebe begann -Jockele in diesen Tagen der ersten Nebel doch nachzudenken …</p> - -<p>Er ging in die Reifkälte des Oktobers aufrechter und -fertiger, als er durch die fallenden Blüten des jungen -Jahres gegangen war.</p> - -<p>Da sie sich wieder einmal maßen, war er über -Maria Reh hinausgewachsen, was ein wildes Siegesgeschrei -zur Folge hatte, und seine Arme baumelten -nicht mehr um ihn herum wie Schlaghölzer am Dreschflegel. -Er hatte auch Fräulein Sinsheimer mit auffälliger -Sicherheit erklärt, er wolle Maler werden und – vom -Herbste des nächsten Jahres an – die Weimarische Kunstschule -besuchen. Im Herbste des nächsten Jahres war -er siebzehn vorbei.</p> - -<p>Veronika, die mit Maria Reh mehrfach über sein -Talent gesprochen hatte, gab ihr ruhevolles Einverständnis -und war froh, daß die Dinge sich so fügten. Seine -mancherlei Studien vor und in der Natur waren nun -gewiß auch für seinen künftigen Beruf nicht zwecklos -gewesen, und die alte Dame brauchte sich nicht zu sorgen, -daß ihr der Junge dereinst den Vorwurf machte, sie hätte -den Unterricht planlos betrieben – nein, nein, die Sache -war ihr so in allen Stücken recht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p> - -<p>Als die Blätter gefallen waren, war Maria Reh fort. -Die Freundschaft hatte gehalten – Jockele hatte ihr das -Gepäck in das Wagenabteil gereicht und hatte ihr noch -im Schreiten Lebwohl gesagt, als schon die Räder neben -seinen Schuhen rollten.</p> - -<p>Aber sie stand nun in seinen Gedanken in einer so -rotbäckigen Menschlichkeit und kernigen deutschen Art, -daß er sich wunderte, wie es ihm möglich gewesen wäre, -das alles mit dem Glanze des Märchenkönigtums zu -umdichten.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Auf einmal faßte das Leben mit hartem Griff in den -stillen Lauf der Tage des Hauses am Walde, und -es ward eine tiefe Finsternis. Es sah aus, als wollte sie -der Dinge und Herzen Herr werden und alle Freude in -einer Stunde in die Luft sprengen, an der Veronika viele -Jahre mit heiterem Fleiße gebaut hatte.</p> -</div> - -<p>Tief im Thüringer Wald steht ein Gasthaus an der -Straße, etwa drei Wegstunden von Ibenheim; darin -halten Fuhrleute, die über das Gebirge fahren, ihre Rast; -dahin ziehen sommerfröhliche Menschen, wenn ihre Herzen -dürsten nach Bergwind und Tannengrün. Im Winter -ist es ein verlorener Bergwinkel, um den die Stürme -Lasten von Schnee mauern.</p> - -<p>In jenes Gasthaus trat an einem frostklaren Januartage -ein Weib, hatte in Männerstiefeln lange verschneite -Straßen hinter sich getreten und war in allerlei schlechte -Tücher gehüllt. In der Hand trug sie den Schaft einer<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -jungen Erle, irgendwo am Wege gebrochen und notdürftig -für eine Bergfahrt zugerichtet.</p> - -<p>Die Frau sprach ein fremdes und mühseliges Deutsch, -und die Wirtsleute sahen sie aus ihrer tiefen Wintereinsamkeit -verwundert und fast feindselig an.</p> - -<p>Sie rückte sich einen Holzstuhl an den Ofen und nestelte -Kupferstücke aus der Tasche ihres Rockes; das ging -langsam, denn ihre Hände waren krumm vor Kälte. Für -das Geld bekam sie ein Glas Grog und schüttete den -heißen Trank schluckweis in sich hinein. Darüber kamen -ihre erstarrten Sinne, kam ihr das Herz allgemach wieder -in Gang. Die Wirtsleute begannen, sich an sie heranzufragen. -Aber sie hatte abwesende Augen, leuchtete -damit in der großen Gaststube herum und sagte: »Die -Fenster sind alle dick zu von Eis.«</p> - -<p>Da merkte der Wirt, es wäre nicht viel mit ihr zu -reden, und bedeutete sie durch Zeichen, ob sie noch ein -Glas Grog brauche. »Ja,« sagte sie, und legte das Geld -dafür auf den Tisch. Ihre Augen gingen wieder durch -die Stube und blieben endlich stehen, und die Wirtin, die -das kochende Wasser aus dem Kessel über den Rum -schüttete, fragte sie, ob sie krank wäre.</p> - -<p>»Nein,« – sie überlegte sich nur, wie sie es sagen -sollte, was sie vorzubringen hätte; denn ihre Sprache wäre -das Ungarische und sie fände sich im Deutschen nur mühsam -zurecht.</p> - -<p>Da taten die Leute ihre Arbeit und warteten, was es -mit ihr wäre.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p> - -<p>Nach einer Weile sagte sie: »Ist hier vor länger als -sechzehn Jahren ein Kind gefunden worden?«</p> - -<p>»Hm, ein Kind gefunden? Das ist eine merkwürdige -Frage. Und vor mehr als sechzehn Jahren?«</p> - -<p>Die Wirtin wußte gleich, wohin die Frage zielte. Aber -es wachte in ihr auch schon die Furcht auf vor mühsamen -Gängen zum Gericht. Und sie warf ihrem Mann einen -Blick zu, der wollte sagen: gibt acht, aus derlei Dingen -wächst ein Haufen Unkraut!</p> - -<p>Deshalb antwortete sie mit hinterhältiger Sanftmut: -»Ein Kind? Es ist davon wohl nichts bekannt worden.« -Aber die Neugier brannte sie auf die Nägel, und der -Mann sagte, vor sechzehn Jahren wären sie noch gar nicht -in dieser Gegend gewesen.</p> - -<p>Die Zigeunerin hatte das graue Tuch, das sie um den -Kopf getragen, überdem zurückgeschoben; da sahen sie, daß -sie im Alter der ergrauenden Haare stand. Sie hatte ein -verkümmertes Gesicht und sehr schöne schmerzvolle Augen.</p> - -<p>»Nun,« begann sie nach einer Weile, »wenn ein Kind -gefunden worden ist, so redet man in einem Gasthause -wohl auch nach vielen Jahren einmal davon; denn Kinder -wachsen doch nicht an den Straßenrändern wie die -Disteln.«</p> - -<p>Ob es ein Junge oder ein Mädel gewesen wäre?</p> - -<p>»Es war ein Knabe, und in der Nähe des kleinen hellgrünen -Hauses am Waldrande war eine Sandkuhle. Ist -da nicht ein grünes Haus in der Nähe, bei dem eine Sandkuhle -ist?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<p>»Es sind etliche Sandkuhlen in dieser Gegend und wohl -auch mancherlei grüne Häuser,« sagte der Wirt, aber es -war, als liefen ihr seine Gedanken nun doch entgegen. -»Was haben Sie denn mit jenem Kinde zu tun?«</p> - -<p>»Ich bin die Mutter. Ich habe es auf die Schwelle -jenes Hauses gelegt – es war in einer grauen Frühe und -war im hohen Sommer. Ich dachte: in diesem Hause -müßten gute Leute wohnen – es war alles blank und -sauber daran.«</p> - -<p>Da redeten die Wirtsleute leise miteinander, und weil -sie dachten, es wäre besser, dies Weib wäre nicht unter -ihrem Dache, rückte die Wirtin ihren Stuhl herzu und -sagte: »Es ist in der Tat einmal von einer solchen Sache -geredet worden« – was es denn wäre, das sie nach so -vielen Jahren herzöge?</p> - -<p>Menschen, die von Reu' und Glauben voll sind, schließen -leicht alle Türen ihres Herzens auf … und die Zigeunerin -erzählte: es lebe in ihrem Volke die Gabe, das Künftige -zu erschauen, und es hätten ihr drei weise Frauen -ihres Stammes gesagt: ihr Kind lebe, aber es könne keine -Rast finden hier und dort …</p> - -<p>So erzählte sie aus der Not ihres abergläubigen -Herzens eine verworrene Geschichte von silbernen Ohrringen, -deren einen sie trüge und die wieder zusammenkommen -müßten, und sie erzählte eine noch viel verworrenere -Geschichte von den Seelen, die sich gleich den -getrennten Ringen suchten über Zeit und Ewigkeit -hinaus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span></p> - -<p>Nicht die irrende Not dieses Weibes, nicht das Elend -ihres verkümmerten Leibes hatte bei den Wirtsleuten vermocht, -was der närrische Glaube ihres Herzens vollbrachte …</p> - -<p>Davor wurden ihre Augen weit, und sie liefen mit -schauerndem Behagen am Wunderlichen in das dämmerige -Land dieser Seele.</p> - -<p>Aber sie scheuten sich, das letzte zu sagen, und gerieten -darüber wieder ins Forschen: wenn sie den Sohn nun -für sich haben wollte, ob sie meinte, daß man ihn ihr -gäbe? Er wäre doch nun ein Mensch geworden, der ihr -ganz ferne gerückt sei mit seinen Gewohnheiten und -seinen Kenntnissen.</p> - -<p>»Oh,« sagte die Zigeunerin, »ich will nicht sein Glück -zerstören, sondern ich will es erfüllen.«</p> - -<p>Da redeten die Wirtsleute in der breiten Mundart -ihres Landes miteinander.</p> - -<p>Die Frau war voll Mitleid und sagte:</p> - -<p>»Man muß ihr den Weg zeigen!«</p> - -<p>Aber der Mann widersetzte sich:</p> - -<p>»Sie wird die Geschichte von den Wahrsagerinnen erfunden -haben; sie will sich in das fremde Haus stehlen und -dort einnisten, und man wird uns die Schuld an allem zumessen, -was daraus hervorwächst …«</p> - -<p>Dann beschrieben sie ihr den Weg aber doch, der sie -über das Gebirge führte, und nannten ihr den Namen -des Dorfes und sagten, sie müsse zum Gemeindevorsteher<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -gehen und den Ohrring zeigen – es würde sich dann -schon alles finden.</p> - -<p>Danach ging die Zigeunerin fort und wanderte durch -den tiefen Schnee des Waldes und lief einen weiten Weg -in dem Dämmerlichte, das zwischen den Stämmen der -hohen Fichten lag; denn die Bäume trugen ein Dach aus -Schnee.</p> - -<p>Es war ein Schreiten zu den Toren der Ewigkeit; -denn es fiel ein fremdes schönes Licht in die bangende -Seele, und der vermühte Leib vergaß über dem beschwingten -Gange die Not der verflossenen Zeit.</p> - -<p>Der Weg führte aufwärts zum Kamme des Gebirges. -Der Weg? Es war kein Weg, es war weißer schlafender -Waldgrund, und der klirrende Frost zerwehte vor dem -beseligten Wanderschritt.</p> - -<p>Droben, wo sie schon den Wind hinter dem Kamme -des Gebirges singen hörte, und wo er hohe Mauern aus -glitzerndem Schnee durch den Wald gezogen hatte, lehnte -sich das Weib an eine der weißen Wände … es war, als -wäre aller Frost drüben, wo das ferne und eintönige -Singen der Luft erklang. Da dachte sie: ich will mich ausrasten, -ehe ich hineinschreite in den klirrenden Wind. Sie -setzte sich nieder und sah die tiefe Spur, die ihre Füße in -den Schnee getreten hatten, und wunderte sich, daß ein -Mensch durch solch einen verstürmten Bergwinter schreiten -könnte …</p> - -<p>»O ja,« sagte sie, »mit einem Herzen voll Himmel -wandert man durch alle Mühsal der Erde …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p> - -<p>Das war das letzte. Dann fiel ein blaues heitres -Scheinen in sie. Und das blaue heitere Scheinen war das -Sterben; denn als der Frühling über die Berge stieg und -die weißen Decken wegnahm, fanden sie die Waldleute in -ihrem tiefen Schlafe. Der Mann der Barbara Laufer -war unter ihnen, und als er den silbernen Ohrring sah, -den die fremde Tote trug, lief er zu Herrn Peter Squenz -in Ibenheim und sagte, er sollte gleich mit ihm gehen; -denn die dort oben schliefe, wäre die Mutter des Jakobus -Sinsheimer. –</p> - -<p>Durch Herrn Peter Squenz war diese Geschichte schon -in allen Einzelheiten auf die Menschen losgelassen worden, -als sie im Frühlingshause noch niemand ahnte.</p> - -<p>Gegen Abend, da die Leute von der Waldarbeit heimgekommen, -sah Mali eilige Frauen gegen die Hütte der -Laufer streben, verkündete das dem Fräulein Veronika -und schickte sich gerade an, Licht in die Sache zu bringen, -da trat Herr Peter Squenz über die Schwelle. Die Glocke -an dem metallenen Schwippbogen machte einen so ausgiebigen -Lärm, daß auch der Jockele mit Augen voll Einsamkeit -und Bestürzung herzulief; er hatte naturforschenderweise -in der Gartenhütte gesessen.</p> - -<p>Squenz, der als Amtsperson kam, nahm sich entsprechend -wichtig und ahnte nicht, daß Tante Veronika ihm -von dieser Stunde an eine Taktlosigkeit und Gemütsroheit -nachreden würde, die sie mit sehr spitzem Munde als -»einfach ganz unverzeihlich« bezeichnete. Er hielt die Anwesenheit -Jockeles für durchaus wichtig; denn es ginge<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -den Jungen vor allem an, meinte Herr Squenz, und dann -berichtete er. Fräulein Sinsheimer saß dabei in ihrem -Lehnstuhl, als hinge sich in dieser Stunde ein Bienenschwarm -unter ihr an die Polster des Sessels; in Jakobus -löschte der Tag aus, und das Mädchen Mali stand draußen -im Vorhaus, hielt die Hand auf der blanken Klinke und -überlegte, ob sie nicht die Flamme ihres Zornes über -diesen Herrn Squenz werfen sollte. Der faltete drinnen -ein Papier auseinander und legte den Ohrring auf den -Tisch, und Jockele holte den Bruderreif aus dem geschliffenen -Väslein und legte ihn daneben …</p> - -<p>Da fand Fräulein Sinsheimer das erlösende Wort –</p> - -<p>»Ich bin gar nicht mehr imstande, Ihnen zuzuhören, -Herr Squenz, und bitte Sie, das Haus zu verlassen … -Sehen Sie denn nicht, welche Verwüstungen Sie anrichten?«</p> - -<p>Herr Squenz schaute sich sehr verwundert um und sah -nichts. Dann entschuldigte er sich mit seiner Pflicht, aber -Tante Veronika lehnte sich im Stuhle zurück und bezeigte -ihm so vollkommene Abwesenheit und tiefe Entrüstung, -daß er sich ohne Säumen empfahl. Die Klingel läutete -ihn hinaus, und es war zu hören, daß Mali den Riegel -hinter ihm mit strafender Empörung vor die Tür schlug. -Dann kam sie herein; denn sie hatte Fräulein Sinsheimer -von Verwüstungen reden hören – sie hielt ihre Anwesenheit -in dieser wilden Stunde auch ohne Aufforderung für -durchaus nötig. Tante Veronika stieß ihren gelben Stock -in einemfort hart vor sich auf die Dielen; denn sie hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -das Bedürfnis, jedes ihrer zornwütigen Worte mit einem -Schlage zu bekräftigen. Jakobus saß am Fenster, hatte -den Kopf auf den Arm gestützt und sah in finsterem -Schmerze in die sinkende Nacht. Was ihm einmal ein -Schuljunge in raschem Kinderärger nachgerufen und wovor -man ihn im Haus eine lange lichte Jugend hindurch -behütet hatte – in dieser Stunde hatte Peter Squenz mit -der brutalen Rücksichtslosigkeit des vereinigten Ochsenbauern -und Polizeimannes die Decke von dem Geheimnis -gerissen und hatte dem Jungen das Herz blutig geschlagen. -Es war alles durcheinandergestürzt, was Tante Veronika -in den Jahren aufgebaut hatte, und sie fand sich nicht mehr -in sich selber zurecht. Da legte die alte Mali dem Jockele -ihre Hand auf die Achsel; denn sie sah, daß ihm die Augen -überliefen von stillem und heißem Weinen. Sie fand -auch warme Worte windigen Trostes – denn welches -Menschen Rede vermöchte das wildgewordene Meer eines -im Tiefsten erregten Herzens zu glätten?</p> - -<p>Danach stand er sehr ruhig auf und sagte: »Ich will in -das Gartenhaus gehen und sehen, wie wir es machen -können.«</p> - -<p>Als es schon ganz dunkel geworden war, kam er wieder -herein und sagte:</p> - -<p>»Es ist nicht das, was Ihr denkt, daß es mich so hart -getroffen habe! Daß eine Zigeunerin im Bergwinter -verkommen ist, die ich nicht kenne, ist ein Jammer, und -der Gedanke ist furchtbar, daß sie meine Mutter gewesen -sein könnte. Aber ich habe sie nicht gekannt – sie hat<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -auch gar nicht gewollt, daß ich sie kenne und liebhabe – -aber sie zerreißen sich nun die Mäuler in der ganzen -Gegend über mich. Vielleicht ist das auch nicht so schrecklich, -wie es mir jetzt zu sein scheint; denn jetzt meine -ich, ich könnte mich nicht mehr draußen sehen lassen, weil -die Kinder hinter mir herschreien, was mir meine Mutter -getan hat.«</p> - -<p>Tante Veronika hörte ihn in Ruhe an, aber der alten -Wirtschafterin wendete sich das Herz um, und sie kam mit -Gründen einer landläufigen und gefühlsseligen Moral, -daß es schlimm wäre, wenn ein Kind so von seiner Mutter -rede.</p> - -<p>»Und was hast Du Dir weiter gedacht?« fragte Veronika.</p> - -<p>»Ich habe mir gedacht, es wäre am besten, ich ginge -fort, schon morgen. Ich habe alle meine Zeichnungen zusammengesucht -und will damit zu Maria Reh nach Weimar -und möchte sie fragen, was <em class="gesperrt">sie</em> zu der Sache meint. -Wenn ich unter fremden Menschen bin und neue Pflichten -habe, komme ich leichter über alles hinweg.«</p> - -<p>»So ist es wohl am besten,« sagte Tante Veronika. -»Ich kann Dir in jedem Monat hundert Mark schicken; -wenn Du mit dieser kleinen Summe auskommst, so will -ich Dich nicht zurückhalten. Und es wird wohl gehen; -denn Maria Reh hat mir gesagt, daß sie auch mit so -wenigem haushalten müßte.«</p> - -<p>»Hundert Mark?« fragte Jakobus in großer Verwunderung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p> - -<p>»Du darfst darüber nicht erstaunt sein,« sagte Veronika, -»es ist nicht viel – Du weißt das noch nicht. Aber ich -denke, es läßt sich schon machen.«</p> - -<p>Sie hütete sich auch in dieser finsteren Stunde vor -schulmeisterlichen Lehren und dachte: wenn ich ihn falsch -erzogen habe, so wird nun auch sein Leben falsch werden.</p> - -<p>Dann stand sie auf und suchte mit dem Mädchen alles -zusammen, was er mitnehmen sollte. Er trug aus dem -Gartenhause herüber, was er für nötig hielt, und sie ließen -noch etliches für den anderen Tag; denn es wurde bestimmt, -daß er erst abends reisen sollte, um den peinlichen -Augen der Leute von Ibenheim aus dem Wege zu gehen.</p> - -<p>Als die Stunde gekommen und sein Gepäck schon vorausgeschickt -war, begleiteten ihn Veronika und Mali bis -auf die Schwelle des Hauses. Sie hatten alle aufrechte -und stille Herzen, und Fräulein Sinsheimer sagte: »Ich -habe mir das bis zuletzt aufgehoben: borge Dir von keinem -Menschen Geld, wenn Du einmal nicht mit dem langen -solltest, was ich Dir geben kann! Es würde mir sehr weh -tun; denn Du würdest damit bezeigen, daß Du zu anderen -mehr Vertrauen hast als zu der Frau, die mit all -ihrer Treue und Liebe um Dich gewesen ist. Du hast mir -viel Freude geschenkt, Jakobus, und ich habe die Pflicht -und den Wunsch, Dir für dies Glück zu danken. Du wirst -mich immer finden, so oft Du mich suchst. Und nun sei -brav und tapfer – lebe wohl!«</p> - -<p>Jakobus sagte: »Ich weiß seit gestern klarer denn seit -je, daß ich Dir alles zu danken habe, was ich bin und wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -auch werde, liebe Tante Veronika, und ich werde es nie -vergessen.«</p> - -<p>Dann beugte sich seine hochgewachsene klare Jugend -zu der kleinen feinen Frau hinab, und sie küßte ihn mit -ihren schmalen Lippen auf die Stirn.</p> - -<p>Die Glocke am Schwibbogen tat drei leise Schläge, -als sich die Türe geschlossen hatte, und Veronika sagte zu -Mali: »Wir sind heute ein großes Stück dem Ende zugelaufen. -Man legt nicht jeden Tag als Maß an den -Weg, aber in solch einem stehen gleich sieben Meilensteine.« –</p> - -<p>Er kam nachts um elf Uhr nach Weimar. Am anderen -Vormittage ging er in die stille Straße, die Am -Horn heißt; denn Maria Reh wohnte seit einiger Zeit -mit einer Freundin, die auch Malerin war, in dem sehr -kleinen Gartenhause, das ganz versteckt in dem schönen -Besitze des Generalintendanten von Vignau liegt.</p> - -<p>Als er den breiten Fahrweg entlang schritt, der von -dem eisernen Tor unter Kastanienbäumen zu dem Häuschen -führt, kam er sich sehr tapfer und fast daheim vor; denn -er war durch den alten Weimarer Park herübergegangen, -und die Welt war voll Frühlingsahnungen und heimlich -springenden Knospen wie der Buchenwald an den Hängen -des Gebirges. Als seine Augen nun den Schritten voraufliefen -und an den kleinen Fenstern suchten, ob sie Maria -Reh sähen, wußte er: er würde den Damen alles erzählen, -was ihn zu seinem raschen Entschlusse gebracht hatte. Er -kannte all diese Menschen nicht, an denen er vorbeigelaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -war, und fühlte: denen wäre es ganz gleichgültig, -woher er gekommen sei; und sein helläugiges -Wesen bäumte sich auch dagegen auf, sich von den Malerinnen -die Wege in das Leben führen zu lassen und ihnen -dafür mit Unehrlichkeit zu begegnen. Barbara Laufer -hatte wahrscheinlich längst von allerlei Vermutungen zu -Maria Reh gesprochen …</p> - -<p>Er stand vor der grauen Haustür und zog an dem -Glockenstrange, der aus einer anderen Zeit kam … Da -hatte ihn Maria Reh auch schon in den Händen, und ihre -weiche tiefe Frauenstimme wollte sich überschlagen –</p> - -<p>»Mensch!« rief sie, »Sie sind ja schon wieder eine Elle -länger geworden und haben die Augen ganz voller Himmel -– was will denn das werden?«</p> - -<p>Sie zog ihn die schmale Holztreppe empor – – was -war das für eine starke und frohmütige Art!</p> - -<p>In der kleinen Stube nach dem Garten hin stand -Doris Rinkhaus in einem hellblauen Morgenkleide – -ein Frühlingstag, dachte Jakobus Sinsheimer; denn es -war alles blau und golden an ihr, ihr Gesicht blühte wie -ein Sonnenhang im März, und sie trug das lichte Haar -wie die Mädchen auf den Bildern Defreggers.</p> - -<p>Das stürzte alles so über ihn, und eine dunkle und eine -helle Frauenstimme flatterten um ihn wie ein Trauermantel -und ein Zitronenvogel, die in seinem jungen Lichte -spielten. Maria Reh ergriff seine beiden Hände und legte -sie in die von Doris Rinkhaus und sagte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<p>»Das ist der Junge aus dem grünen Lande! Gib acht, -aus dem wird etwas – es weiß nur noch nicht, wohin es -mit ihm will!«</p> - -<p>Nun saßen sie sich seit drei Minuten gegenüber und -kannten sich schon seit Anbeginn.</p> - -<p>Auf dem Tische lag ein Wachstuch; das Geschirr vom -Morgenkaffee stand noch darauf und daneben lagen viele -Krumen. Auf einmal fiel es Doris Rinkhaus ein, sie -müßten den Tisch abräumen, weil sie Besuch hätten. Da -packten sie beide die vier Zipfel des Wachstuches, ließen -das Geschirr durcheinanderklirren, schütteten ihr Lachen -darüber und trippelten damit in die Küche. Dann -rückten sie an Jakobus heran, daß die drei Paar Knie zusammenstießen, -und Maria Reh sagte: »Schießen Sie los, -junger Mann! Sie wissen, Sie haben sich einmal an mir -in sieben rosenrote Himmel hineingeschwärmt, aus deren -etlichen Sie jählings herausgefallen sind. Aber der -Freundschaft tut das keinen Eintrag – und nun mal los: -Hat die Tante Veronika einen Krach geblasen? Leiden -Sie an einer unglücklichen Liebe, die ganz gewiß Ihre -letzte sein wird? Haben Sie ein neues Schmetterlingsbuch -verfaßt, oder wie ist das?«</p> - -<p>»Du reißt ja mit einem Male alle Türen an Herrn -Sinsheimer auf!« mahnte Doris Rinkhaus. »So laß ihn -doch erst zu sich selbst kommen!«</p> - -<p>Da tat Jockele einen tiefen Atemzug – es ging nun -doch nicht so leicht, wie er nach dem klingenden Begrüßungsfeste -gedacht hatte. Er begann tastend – ein<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -Wanderer an einem steilen Hange, der fürchtet, die Steine -unter ihm könnten ins Gleiten geraten. Er suchte zuerst -auch in den Augen und Mienen der Mädchen, ob sich in -ihnen über seine Rede eine heimliche Lustigkeit zeige. -Aber sie hörten ihm mit Selbstvergessenheit zu. Einmal -unterbrach er sich und sah Maria Reh an: »Wußten Sie -schon, daß allerhand Gerüchte über mich in den Dörfern -liefen?«</p> - -<p>»Ja,« sagte sie, »ich habe es reden hören. Die Leute -taten sehr geheimnisvoll; ihre Erzählungen hörten sich auch -gar zu komisch-romantisch an – das Lachen kam einem ja, -wenn man ihre stumpfen Gedanken und plumpen Münder -an diesem Rätsel herumraten sah!«</p> - -<p>»Ich dachte es mir, daß Sie es wüßten. Und Sie -haben mir auf unseren Waldgängen nichts davon gesagt?«</p> - -<p>»Warum sollte ich mich in Dinge drängen, die mich -nichts angehen? Und wenn Sie selbst gar keine Ahnung -gehabt hätten – warum sollte ich Ihnen denn einen so -großen Schmerz bereiten?«</p> - -<p>»Sie reden von einem großen Schmerz, Maria. Wollen -Sie ganz ehrlich gegen mich sein?«</p> - -<p>»Ja,« sagte sie, »ich gelobe es sogar!«</p> - -<p>»So sagen Sie mir: was meinen Sie mit diesem -großen Schmerz?«</p> - -<p>»Ich habe gedacht, es müßte Ihnen sehr weh tun, daß -Ihre Mutter Sie so lieblos in die Welt gesetzt hat …«</p> - -<p>Darüber sprang Doris Rinkhaus auf und schritt ein -paarmal durch die kleine Stube –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span></p> - -<p>»Was meinst Du?« fragte Maria.</p> - -<p>»Ich glaube gar nicht an den großen Schmerz,« sagte -sie, »nein, ich kann es mir nicht denken!« Und es lag -über ihren klugen Stirn und über ihrem leuchtenden -Munde wie ein Märztag, den der Sturm blank geblasen -hat. Sie sprach hart und klar: »Wenn ich mir überlege, -meine Mutter hätte mich hilflos auf eine fremde Schwelle -gesetzt und hätte sich nicht mehr um mich gekümmert, -dann hätte sie ja gar keinen Anspruch auf meine Liebe …«</p> - -<p>Danach erzählte Jockele die Geschichte zu Ende. Es kam -ein fast wilder Mut in ihn, den Kampf mit dem Leben -aufzunehmen, in das er nun hinausgestoßen war, ehe er -daran gedacht hatte. Hinter jedem Worte stand sein -kampfmutiges und kühnes junges Herz. Der blühende -Märzenmund hatte zur Flamme geblasen, was Glut gewesen -war …</p> - -<p>»Man wird auch hier von dieser Geschichte reden; denn -ich mag nicht immer um mich selbst herumlaufen wie der -Fuchs um das Schlageisen, in dem er sich doch endlich -fängt – nur sagen Sie es mir: wird man auch hier hinter -mir herschreien und mich verachten, weil meine Mutter -eine Zigeunerin war?«</p> - -<p>»Ach Unsinn!« riefen die Mädchen wie aus einem -Munde.</p> - -<p>»Wenn Sie schon recht viel könnten, wären Sie mit -einem Schlage berühmt!« Doris Rinkhaus fand alles -›rasend‹ interessant und warf die ›Donnerwetter‹ hinter -ihre Worte als Ausrufezeichen. Manchmal wollten ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -Herz und Kopf davonlaufen, dann schlug sie sich übermütig -vor den Mund und sagte: »Nur für Damen! Darüber -will ich mit Maria reden, wenn wir allein sind!« Und -Maria Reh faßte Jockele vorn an der Jacke und sagte: -»Wissen Sie noch, wie weich und träumerisch und maigrün -Sie um die Wachtelweizenblüte waren?«</p> - -<p>Es flog ihm blutrot aus dem Herzen herauf – nun -ja, auf dem Weg aus dem Sommerwalde durch den Bergwinter -hatte auch viel Erkenntnis und Einsamkeit gelegen, -dazu der Tag, in dem Tante Veronika sieben Meilensteine -stehen sah! … Doris Rinkhaus sprang rettend dazwischen –</p> - -<p>»Wie ich die Dinge beurteile,« sagte sie, »so müssen wir -jetzt eine Bude für Sie suchen; denn hier geht das nicht, -junger Mann!«</p> - -<p>Jakobus Sinsheimer hätte am liebsten gesehen, wenn -es hier gegangen wäre – nun jagten sie ihre Gedanken -durch viele Straßen, und als nichts paßte, verfielen sie -auf das Dienerhaus, das neben dem sehr kleinen Gartenhause -stand und doch fast dreimal kleiner war als dieses. -Weiß Gott, welcher Philosoph sich das einmal ins Grüne -gedichtet hatte wie Vögel ihr Nest! Doris Rinkhaus -sagte: es müsse ein ganz ungeheuer fröhlicher und gescheiter -armer Mensch gewesen sein, und er sei über dem -Gedanken sicher ins Singen geraten oder in ein welt- und -himmelfröhliches Pfeifen.</p> - -<p>Die Sache kam in Ordnung: Jakobus Sinsheimer, der -angehende Kunstmaler, hatte zwei Stuben zu ebener Erde<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -und über sich ein Dach. In der einen hatte mit knapper -Not sein Bett Platz. Auf ein Atelier glaubte er aus -vielerlei Gründen zunächst verzichten zu können. Er ließ -sich also sein Gepäck herbefördern und fing an zu wohnen.</p> - -<p>Auf der Akademie hörte er auch Kunstgeschichte bei -einem alten Herrn, der einmal Pastor gewesen war. Am -ersten Tag erschien ihm die Sache prächtig; denn er trat -an die neue Welt heran mit dem selbstverständlichen -Willen, sie in allen Stücken vollkommen zu finden. Später -saß er in diesen Vorlesungen mit grausamer Selbstentäußerung -und ließ ihre mitleidlose Langweile über sich -zusammenschlagen. Auf Akt und Landschaft warf er sich -mit der fröhlichen Kunst der Jugend zum Glücklichsein. -Es war ein frisches Zugreifen und herzhaftes Vorwärtskommen, -aber nicht ohne Eigenwilligkeiten, wegen derer -es zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und seinen -Lehrern kam. Wege suchen und Ziele finden, wenn es -auch noch so mühsam war, machte ihn warm; der Regel -und dem Schema stand er gefroren gegenüber. Um -Menschen solcher Art bilden sich zweierlei Meinungen – -die einen sagten: »Dieser Sinsheimer kann nichts und wird -nichts!« Die anderen meinten: »Sinsheimer ist ein eigenwilliger -Kopf, aber er ist aus dem Holze derer geschnitten, -die durchkommen!«</p> - -<p>Er hatte schon wenige Tage nach seiner Uebersiedlung -viele Bekannte; denn ein Junge, dem Zigeunerblut in den -Adern rollte und der berühmt war von dem Augenblick an, -in dem ihn zum ersten Male die Sonne beschienen hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -– das war etwas! Dazu diese geschmeidigen Glieder, und -dies Herz, voll bis zum Rande von der Kraft des Bergwalds, -und die Augen voller Licht – »Donnerwetter!« -schrieb Doris Rinkhaus hinter Jakob Sinsheimer. Nach -vier Wochen wußte kaum einer mehr, daß er noch einen -anderem Namen trüge als Jockele – und das kam ihm -von Maria Reh.</p> - -<p>In der Zeit zwischen März und Frühling geriet er in -das Leben, das Doris Rinkhaus in der Klarheit, mit der -sie alle Erscheinungen erfaßte, die ›Filiale von München-Schwabing‹ -genannt hatte. Es ist ein Gemisch von -Jugend, Sorglosigkeit, Uebermut, einem ganz geringen -Zusatz ernster Arbeit und einem stärkeren von vermeintlicher -Genialität. Zu den äußeren Kennzeichen rechnete -Jockele, daß jeder, der in diesem Leben stand – sei es -Jüngling oder Mädchen – die unverbrüchliche Verpflichtung -eingegangen zu sein schien, in je fünf Minuten -mindestens einmal die Worte genial, Genialität oder Genie -zu gebrauchen. Darüber gelangte man zu der Annahme, -die Genies wüchsen in der Welt wie gelber Löwenzahn, -und binnen kurzem könnte sich die Erde nicht mehr vor -ihnen retten.</p> - -<p>Das war die Zeit, in der Jockele zu der peinlichen Erkenntnis -kam, daß ein Monat zwanzig Tage länger sein -kann als hundert Mark.</p> - -<p>Ehe er dieses Maß nahm, hatte er sogar Geld ausgeliehen. -Einmal machte er sich auf den Weg, die -Schuld einzufordern. Da schloß ihn der Kunstschüler<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -gerührt in die Arme und rief den Propheten Daniel zum -Zeugen an, daß er alles bezahlen würde, wenn er -berühmt wäre.</p> - -<p>Mit diesem Troste zog Jakobus Sinsheimer seine -Straße und war froh, daß er über den alten Schießstand -unter den mächtigen Kastanienbäumen nach Hause gehen -konnte, der hinter den Gartenzäunen langlief; denn er -dachte, die Menschen müßten es ihm ansehen, daß er seit -drei Tagen nur noch zwei rote Pfennige in der Tasche -trüge. Weil der Magen gegen solche Behandlung knurrend -Einspruch erhob, trat Jockele zuvor in den Hausgang -einer Bäckerei und erstand für diese zwei Pfennig -Weißbrot. Auf dem Walle des Schießstandes, um den -Maienwind und Grün wirbelten, verschlang er die Semmel -und sah dabei manchmal über die Gartenzäune, ob da wohl -einer in sattem Wohlbefinden stand und ihn beobachte. -Aber es war niemand da als der Frühling, und der hatte -alle Hände voll zu tun; denn da warteten die tausendarmigen -Leuchter der Kastanien und wollten angezündet -sein.</p> - -<p>Als Jakobus gerade den alten Wall hinabspazierte und -durch die Schlüpfe des Gartenzauns in die grüngoldene -Einsamkeit verschwinden wollte, setzte sich ein Mann im -Gras auf. Ein stattlicher Herr mit einem blonden Vollbart -und einer goldenen Brille. Unter seinen forschenden -Blicken schritt Jockele auf die Pforte zu, und als er den -Schlüssel hervorsuchte, erhob sich der andere und fragte: -»Ah, Sie wohnen hier?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span></p> - -<p>»Zu dienen – in dem ganz kleinen Hause da.«</p> - -<p>»Aha. Da sind Sie also der junge Maler Jakobus -Sinsheimer. Ich heiße Fridolin Hartwig.«</p> - -<p>»Angenehm. Auch Maler?«</p> - -<p>»O nein, ich bin Schriftsteller. Darf ich Ihnen für -wenige Augenblicke in das grüne Idyll folgen? Ich interessiere -mich dafür – man kann Sie ja wohl darum beneiden.«</p> - -<p>»Das wohl!« sagte Jockele. – Sie schritten über das -Gras, das unter den schon schattenden Obstbäumen noch -morgenfeucht war.</p> - -<p>»Sie haben ja einen romantischen Einzug in die Welt -gehalten,« begann Hartwig, »und wollen es im Leben zu -etwas bringen, hm?«</p> - -<p>»Ich hoffe.«</p> - -<p>Sie waren eine halbe Stunde beisammen, und als sie -wieder vor der Pforte im Zaune standen, kam Doris Rinkhaus -den Gartenweg daher und ein Paar aufdringliche -Männeraugen begegneten ihr.</p> - -<p>»Was hatten Sie denn für einen Herrn in Ihrer Gesellschaft?« -fragte sie später. Sie ließ es sich berichten …</p> - -<p>»Er hat unehrliche Augen,« sagte sie – »solche, die gern -um die Ecke gucken. Und wissen Sie, derartige Koketterien -wie die dünne silberne Uhrkette um den Hals, die -große Silbermünze mitten auf der Brust, und dies Spazierstöckchen -neben so mächtigen Gliedern – so etwas -wirkt auf mich einfach peinlich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p> - -<p>»Aber liebes Fräulein Rinkhaus …«</p> - -<p>Sie sprang mitten hinein in seine Rede –</p> - -<p>»Ach, sagen Sie, was Sie wollen, so trägt sich ein -Mann nicht, und wenn er sich noch so ernst gebärdet! Ich -würde das nicht einmal einem halbwüchsigen Kunstschüler -verzeihen.«</p> - -<p>»Sie verschießen Ihre Worte ja wie vergiftete Pfeile,« -lachte Jockele; aber es war nicht das fröhliche Draufgängertum -der anderen Tage in ihm.</p> - -<p>»Jawohl, Pfeile! Und ich wünsche, Sie würden getroffen! -Ich glaube, es ist die höchste Zeit, Sie einmal -auszuputzen. Sie laufen seit ein paar Tagen in der Welt -herum und tragen den Kopf unter dem Arm. Kommen -Sie mal gleich rein, da kann ich lauter reden!«</p> - -<p>Sie faßte ihn am Jackenzipfel und zog ihn hinter sich -her in das kleine Haus. Da hatte die Sonne tausend -Goldstücke auf die Dielen gelegt – Jockele sah dies poesievolle -Leuchten zum erstenmal aus dem nüchternen Gesichtswinkel -geprägten Edelmetalls. Das ist ein kläglicher -Standpunkt; die meisten Menschen sagen: er ist richtig, -aber sie unterbinden sich damit das Herz, kriegen scheele -Augen, puddeln sich darüber ins Grab und haben ihr -Leben zuletzt doch um das bißchen Himmel betrogen.</p> - -<p>Doris Rinkhaus schob die Staffelei und den Stuhl in -den Winkel – es war weiter nichts da, das sie am Auffahren -ihres Geschützes hinderte. Jockele suchte einen -Stützpunkt und wählte sich dazu den Stuhl. Sie wollte -gleich ein richtiges Maschinengewehrfeuer auf ihn eröffnen,<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -da befiel sie ein letztes Mitleid – »Mensch, sind -Sie krank?« fragte sie.</p> - -<p>»Ja,« sagte er, »sehr! Ich habe kein Geld und habe -seit drei Tagen eigentlich nichts mehr gegessen.«</p> - -<p>»Was fällt Ihnen ein, – sehen Sie denn nicht, daß -Sie mich damit einfach entwaffnen?«</p> - -<p>»Das einzige Gute an diesem verzweifelten Zustande!« -sagte Jockele. »Sehen Sie, ich habe mein Portemonnaie -vor ein paar Tagen auseinandergezogen und in die alte -Vase gesteckt, als Blume der Erinnerung an schöne -Zeiten.«</p> - -<p>Er trug vom Fensterbrett nebenan die Vase herüber, -die er in einem Winkel des Schuppens gefunden hatte, -und darin steckte die zerknüllte Geldtasche und machte eine -schmerzensreiche Verbeugung vor Doris Rinkhaus. Die -hatte über Jockele im besonderen und über die schiefe -Stellung zum Leben reden wollen, in die er hineintrieb – -nun aber sprach sie über die Männer im allgemeinen und -teilte sie ein in Helden, Dummköpfe und Kinder. Die -Helden kämen hier gar nicht in Frage; denn sie wüchsen -spärlich wie Mohn im Winter. Die Dummköpfe müßten -ausgeschaltet werden, weil sie in Riesenauflagen erschienen -und von der fixen Idee befallen seien, sie wären als -würdige Vertreter des starken Geschlechts in die Weltregierung -eingesetzt und wären so etwas wie die Staatsminister -des lieben Gottes. Und die dritte Sorte: die -Kinder – aus denen in allen Fällen etwas würde, wenn -sie beizeiten einer gescheiten Frau in die Hände fielen …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p> - -<p>Jockele bekam eine Anwandlung verzweifelten Humors -und sagte: »Darüber müssen Sie mal einen öffentlichen -Vortrag halten.«</p> - -<p>Da merkte sie, daß sie sich nun doch mäßig aneinander -erbost hatten, und fragte ihn, wie es käme, daß sie nur -zwei Jahre älter und dennoch um ein Menschenalter -gescheiter wäre als er?</p> - -<p>»Das ist wohl so etwas wie Notreife, die ich als peinliche -Tatsache empfinde, bis ich wieder Geld habe,« -sagte er.</p> - -<p>»So kann ich bis dahin auch nicht mit Ihnen kämpfen! -– Sie müssen also heute an Tante Veronika schreiben, -ich bringe Ihnen Briefpapier und eine Marke.«</p> - -<p>»Fällt mir ja gar nicht ein,« sagte Jockele, »denken Sie, -ich mache mich auch dort lächerlich?«</p> - -<p>Hinter diese Rede setzte Doris Rinkhaus ein Ausrufezeichen; -sie ließ es ihn aber nicht merken.</p> - -<p>»Es muß doch irgendetwas geschehen!«</p> - -<p>»Natürlich – ich hungre die zwanzig Tage, und wenn -es nicht mehr geht, fresse ich Gras.«</p> - -<p>Da machte sie wieder ein Ausrufezeichen.</p> - -<p>Sie dachte nicht, daß es bei dieser stumpfen Härte -einen Zweck hätte, aber sie sagte dennoch: »Sie gehen -augenblicklich mit zu mir hinüber und essen sich satt! Ich -lade Sie für jeden Tag dieses Monats zu Mittag und -Abend – zwischendurch gibt es nichts!«</p> - -<p>»Diese Güte beschämt mich, Fräulein Rinkhaus! Aber -es wird sich nicht anders machen lassen. Ein Trost ist,<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -daß es zwischendurch nichts gibt, sonst würde ich für meine -Eselei ja gar nicht gestraft werden.«</p> - -<p>Doris Rinkhaus lachte hell auf, und er gab sich der -klaren Ueberlegenheit ihres leuchtenden Frauentums mit -ganzer Seele hin. Maria Reh war schon seit drei Tagen -in ihre westfälische Heimat gereist und blieb über -Pfingsten fort.</p> - -<p>Als er gegessen hatte, fragte er: »Warum reisen Sie -nicht auch?«</p> - -<p>»Trotz!« sagte sie. »Wenn wir uns besser kennen, -erzähl' ich Ihnen diese Geschichte. Ich bleibe dies ganze -Jahr hier.«</p> - -<p>»Auch ich kann ja nicht nach Hause gehen,« sagte er. -»Ich muß erst weiter abrücken von den Dingen und Menschen, -die dort um mich gewesen sind, seit ich vor der Tür -aufgelesen wurde. Ich bin zwar fast immer allein geblieben, -aber ich kenne diese Gesichter von Ibenheim zu -gut, und ich kann Augen nicht leiden, die so an mir -herumnagen.«</p> - -<p>»Augen, die an einem herumnagen …,« wiederholte -sie nachdenklich, – »jawohl, das ist das richtige Wort dafür; -jener Herr Fridolin Hartwig hat auch solche Augen. -Vielleicht nur Frauen gegenüber … Es gibt viele -Männer, die uns auf diese Weise anfallen, und kommen -sich dabei wohl auch tapfer vor.« Da merkte sie, daß sie -damit auf ein Feld geraten war, auf dem die Jugend -Jockeles noch nicht säete. Sie dachte auch, vielleicht wäre -sie darin von zu großer Empfindlichkeit; denn Maria Reh<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -hatte ihr einmal gesagt: »Du bäumst Dich da vor Dingen -auf, die gar nicht so widerlich sind.« – Nun ja, Maria -Reh, mit ihrem sachte rinnenden Blute und ihrer Hochsommerruhe! -Maria Reh stand nicht mehr weit von der -Schwelle der Dreißig.</p> - -<p>»Es ist merkwürdig, daß Maria nirgend rechten Anschluß -findet,« sagte sie dann, »sie hat hundert Bekannte -und keinen Freund oder keine Freundin. So ist es auch -mit ihrer Kunst – sie malt tausend Landschaften und -kein Bild. Und so sind sie fast alle, diese ›Malerinnen‹; -sie hungern nach Betätigung und werden doch nie satt -an einer Sache, zu der sie von ihrem Geschmack, aber -nicht von einem gewaltigen Willen und überzeugendem -Talente geführt worden sind. Nun halten sie zwar erträglich -damit Haus, aber sie finden sich darüber doch nicht -zu einem Glücke des Lebens.«</p> - -<p>»Und doch reden sie alle ganz anders,« sagte Jakobus.</p> - -<p>»Reden! Natürlich reden sie; sie sind begriffen auf -einer fortwährenden Selbstentschuldigung, oder nicht -einmal das – sondern sie sind froh, daß sie ihr -Leben wenigstens ohne die Langweile vertändeln können, -die sie – sind sie Frauen – auch zu physischem Ruin -führen.«</p> - -<p>Jakobus merkte: es waren in diesem Mädchen ganz -andere Kräfte lebendig, es war ein Licht in ihr in einer -fast wilden, unbändigen Helligkeit, das nun in ihn -hineinstürmte.</p> - -<p>»Es hat noch niemand so mit mir gesprochen,« sagte er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p> - -<p>»Mit mir auch nicht!« lachte sie – »sonst wär' ich nicht -so querköpfig geworden. Querköpfig daheim und querköpfig -unter den Menschen. Ich ecke an, wo ich mich -sehen lasse.«</p> - -<p>»Mit Ihrer Kunst auch?« fragte Jockele.</p> - -<p>»Ach Unsinn – oder besser: leider nein; denn was -ich schaffe, schaff ich für mich, zu einem Mehr reicht's -nicht aus.«</p> - -<p>»Und sind mit solcher Erkenntnis Kunstgewerblerin -geworden?«</p> - -<p>»Nein, lieber Jakobus Sinsheimer! Ich bin nur -dazu gegangen, damit ich aus Verhältnissen herauskam, -die mich in ein paar Jahren auch um das betrogen hätten, -was mich heute noch apart – oder sagen Sie: so fröhlich -eigenwillig macht. Mein alter Herr ist Fabrikbesitzer in -Bonn, er ist ein reicher Mann – na, was soll ich Ihnen -sagen: da fliegen die heiratslustigen jungen Männer ins -Haus, daß es eine Art hat! Natürlich – ich will heiraten -– aber <em class="gesperrt">ich</em> will heiraten … Sie verstehen ja davon -nichts! Sehen Sie, wenn es nach mir gegangen wäre, -hätt' ich studiert – Kunstgeschichte meinetwegen oder -Germanistik, oder auch Staatswissenschaften, und hätte -promoviert – aus purem Eigenwillen, wissen Sie. Aber -dazu fehlen mir die Zeugnisse. Und so in die Vorlesungen -laufen, ohne das Ziel eines Abschlusses mit dem -<em class="antiqua">Dr. phil.</em>, ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. -Da hab ich mich nach Weimar gesetzt. Ich liebe diese -Stadt, sie ist voll berauschenden Lebens – die meisten<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -laufen daran vorbei mit ihren müßigen Seelen und -schwätzen von dem ›Odem einer großen Vergangenheit‹, -unter dem ihr kärgliche Licht manchmal ein bißchen ins -Wackeln kommt. Ich bin hier, weil ich mir hier selbst -gehöre! Alles andere ist Nebensache, und den Titel einer -angehenden Künstlerin verbitt' ich mir ein für allemal … -Das war eine lange Rede. Ich hätte sie Ihnen erst halten -sollen, wenn Sie mal Weltschmerz haben – vielleicht -hätte ich Sie dann wieder aufgebaut. Na, Hunger und -Weltschmerz sind ja wohl Geschwister. Heut abend um -sieben kommen Sie zum Nachtmahl. Und nun fangen -Sie wieder an zu arbeiten. Adieu.«</p> - -<p>Sie nahm eine Kunstgeschichte vom Regal, setzte sich -vor den Tisch am Fenster, und Jockele ging hinüber in -seinen Malraum; er ging wortlos und dachte, was das -mit ihm wäre? Er hatte dem weichen Frauentum Maria -Rehs gegenüber vor einem Jahre die gleiche Willfährigkeit -gezeigt wie jetzt dieser leuchtenden Mädchenjugend. -Es waren Schauer wollüstiger Ergebenheit, zu beiden -Malen, die ihn ganz untergehen ließen in der anderen -Art – dort ein weiches frauliches Hinnehmen, das hatte -sanfte Hände, denen er sich einst mit geschlossenen Augen -ergab … und diese schöne klare Doris Rinkhaus kam -über ihn als ein jauchzender Sieg.</p> - -<p>Es war eine Sache, die ihm wohl eines Gedankens -wert schien, aber er zerbrach sich nicht den Kopf, weder -darüber, ob es so in Ordnung sei, noch darüber, ob es -daher käme, daß er vom ersten Tage ab nur Frauen um<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -sich gehabt hatte. Auch was in seiner Stellung zum Leben -und zu seinem Schaffen etwa auf Rechnung dieser Erziehung -zu setzen wäre, fiel ihm nicht ein, zu erwägen – -für jeden Menschen ist der Weg siebenmal um die Erde -viel kürzer als der in sein eigen Herz. Und zwischen diesem -Herzen und den Augen, die ihm am nächsten sind, liegt -neunfältige Nacht. Die Tür zu dem Herzen aber ist so -fest zu, daß ein großes Glück, welches mit Leichtigkeit den -Himmel samt allen Sternen in die Arme schließt, kaum -mehr an ihr vermag, als durch das Schlüsselloch zu gucken, -ob es dahinter auch wirklich hell ist. Ein großes Leid -aber bescheidet sich nicht mit dem Schlüsselloch – ein -großes Leid tritt die Tür ein; denn es hat eiserne Füße -und Fäuste von Stein.</p> - -<p>Auf derlei Gleichnisse verfiel Jockele aber nicht. Und -das war gut; sonst hätte seine Jugend ausgesehen wie -einer, der in Kniehosen und hohem Glanzhut durch die -Welt läuft. – Er steckte noch bis über die Ohren in der -landläufigen Weisheit, daß der Mensch zum Arbeiten da -sei – eine Sache, die auch der vor seinen Mitmenschen -als selbstverständlich anzusehen hat, der da weiß: das -ganze Menschengeschlecht wird erst dann in die sehnsüchtig -erträumte Gotteskindschaft hineinwachsen, wenn ihm -Arbeit und Leben eine fröhliche Gemeinsamkeit geworden -sind.</p> - -<p>Tante Veronika hatte sich mit dieser Ansicht so viel -Himmel erobert, als sich denken läßt; aber wie sie ihre -Weisheit dem Jungen beibringen sollte, ohne die heillosesten<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -Verwirrungen in ihm anzurichten, das war ihr -dunkel geblieben. Darum hatte sie niemals an diese Dinge -gerührt.</p> - -<p>Von den jungen Männern, die Jakobus kennen gelernt, -erweckte keiner den Wunsch nach engerem Zusammenschlusse -in ihm – ein Erbe aus dem Frühlingshause; -und an die älteren unter den Akademikern, die -schon nahe daran waren, etwas zu sein, hatte ihm die -Gelegenheit gefehlt, heranzukommen. Er arbeitete in -diesem Sommer mit immer wachsender Zähigkeit. Ein -über das andere Mal ging ihm das Vertrauen zu sich -selbst in Scherben; dann mußten ihn die Damen aus dem -Gartenhause wieder zusammensuchen. Aber raten konnten -sie ihm nicht; denn Doris Rinkhaus stand diesen Erscheinungen -fremd gegenüber, und in Maria Reh traten -sie zutage als Verstimmungen leichterer Art; sie hatte -sich schon bescheiden gelernt, als sie mit dem Pinsel an -ihre erste Leinwand geriet.</p> - -<p>In solchen Zeiten war Jakobus Sinsheimer für Gott -und die Welt verloren, und Doris Rinkhaus allein durfte -es unter Beobachtung aller Vorsicht wagen, ihm über -den Weg zu laufen. »Sie sind selbst da noch ein ganz -passabler Mensch,« sagte sie und hielt still, wenn ihn -einmal ein blitzeschleuderndes Gewitter durchtobte. Maria -Reh aber wurde bei solchen Gelegenheiten stets drei Tage -unsichtbar für ihn und ließ sich nur langsam wieder finden. -Er hielt auch diese Entladungen für ganz in der Ordnung -und wurde in seiner Annahme bestärkt, als er einem Zusammenstoße<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -zwischen Maria und Doris beigewohnt hatte, -in dem Fräulein Rinkhaus seine Partei ergriff: »In einem -jungen Manne, der so allein steht und sich seine Stellung -in der Welt zu erkämpfen hat, sammelt sich allerlei Zündstoff -– wo will er denn hin damit?« sagte Doris Rinkhaus. -Aber Maria Reh redete von ungezogenen Stunden. -Sie hatte sich über manche geheiligte Form und Regel -des Kleinbürgertum hinweggesetzt, aber sie war doch ohne -jene königliche Beschwingtheit der Seele, die der anderen -ihren leuchtenden und freien Flug sicherte. So stand -Jakobus zwischen den beiden Mädchen, deren gegensätzliche -Art den friedlichen Verein der Drei niemals ernstlich -in Gefahr brachte – das Barometer maß Tief und -Hoch und zeigte so häufig himmelblaue Beständigkeit, als -sie von Menschenherzen ohne Schaden ertragen werden -kann. Der Wetterwechsel war nicht immer willkommen, -aber man schlug seinetwegen den lieben Gott nicht tot.</p> - -<p>Dies ganze Jahr war für Jakobus Sinsheimer Kampf, -aber es war nirgend Sieg.</p> - -<p>Hinter dem kleinen Hause lag ein Gartenwinkel mit -Fruchtbäumen, der nach zwei Seiten durch die Gebäude, -nach den anderen beiden durch Hecken und Zäune begrenzt -wurde, und hinter der einen Hecke erhob sich der -Wall mit den herrlichen alten Kastanien. Von dort her -durch die Schlüpfe betrat Fridolin Hartwig den Apfelgarten -während des Sommers häufig. Er kam immer -mit dem leisen Tritt und der tiefen Ruhe des auf ein -schönes inneres Gleichmaß gestimmten Menschen und erzählte<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -von einigen Verlagshäusern, von denen er reichliche -Einnahmen beziehe. Er war auch nie aufdringlich, suchte -sich einen Platz in dem sachte durchsonnten Grase nahe -der Staffelei Jockeles, redete dabei von nicht allzu tiefen -und nicht allzu gleichgültigen Dingen und lebte sich durch -die grüne Sommerstille als ein Mann, der auf Gedanken -zu einem tüchtigen Werke wartet. Manchmal sprach er -mit Respekt von sich selber, oder er brachte seinem jungen -Freunde das Heft einer Zeitschrift, in der sich ein Artikel -oder die Fortsetzung eines Romans aus seiner Feder -befand, dann sagte er: »Das müssen Sie lesen.« – Wenn -es geschah, daß Doris Rinkhaus in dem schlichten blauen -Morgenkleide aus dem jenseitigen Gartenteil in ihr Haus -schlüpfte, befiel sein besinnliches Wesen eine Bestürzung, -und er raffte sich zusammen wie einer, der eine Attacke -reiten will. Er war ihr schon vorgestellt worden, aber -Doris Rinkhaus hatte ihr Urteil über ihn nicht geändert; -nun ließ sie sich zwar sehen, so oft er da war, aber sie -setzte ihn auf einen stummen Gruß und wußte: ›die -nagenden Augen‹ liefen hinter ihr her, bis der blaue -Schein ihres Kleides darin verlöschte – oder auch noch -länger.</p> - -<p>Jockele begann dieses Verhalten zu belustigen. Einmal -sagte Hartwig: »Sie, Herr Jockele, ich glaube, Fräulein -Rinkhaus ist eifersüchtig auf mich, oder sie ist hochmütig.«</p> - -<p>»Sie ist keins von beiden,« sagte Jockele, »sie ist nur -eigenwillig!«</p> - -<p>»Hat sie einmal mit Ihnen von mir gesprochen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p> - -<p>»Ja. Als Sie das erste Mal hier waren, seitdem nie -wieder – sie fragte damals die gleichgültigen Fragen. -Aber das ist ja natürlich; denn wir drei gehören nun doch -zusammen; jetzt sind wir aber nur zwei; Fräulein Reh -kehrt erst im September zurück.«</p> - -<p>Der Anfang des Augustmonats war regnerisch, da -besuchte Jakobus Fridolin Hartwig mehrmals; denn die -Bilder, die im Sonnenschatten des Apfelgartens begonnen -waren, konnten in dieser Zeit nicht gefördert werden. -Einmal fiel ihm die Stille der Wohnung auf, und als er -nach den drei Kindern fragte, sagte Hartwig: »Ich habe -sie in ein Kloster gegeben. Ich arbeite zuviel, wissen Sie, -und sie störten mich häufig. Außerdem konnten wir uns -der Erziehung nicht in dem Maße widmen, das wir für -wünschenswert hielten.«</p> - -<p>Als sie noch redeten, klopfte es an der Tür, und -Hartwig ging hinaus. Er sprach da mit einem Manne, -der sich nicht abweisen zu lassen schien, und kam nach -geraumer Zeit herein und sagte: »Pardon, Herr Jockele -– haben Sie vielleicht sechzig Mark bei sich? Es ist mir -eine Zahlung ausgeblieben. Ich erstatte Ihnen das Geld -in den allernächsten Tagen zurück … Nicht? Das ist -peinlich! Sie ahnen nicht, mit welchen Widerwärtigkeiten -ein ringender starker Geist zu kämpfen hat!« Dann ließ -er den Gerichtsvollzieher eintreten, der im Auftrage des -Buchhändlers die Pfändungsmarke an das eichene Regal -mit der Prachtausgabe eines Konversationslexikons klebte. -… »Guten Morgen, Herr Hartwig.« – »Guten Morgen,<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -Herr Hucke –« Die beiden kannten sich offenbar schon -von früher. Und da war die Sache geschehen.</p> - -<p>»Brauchten Sie denn zwei Lexika?« fragte Jockele. -»Sie haben ja da noch den Herder.«</p> - -<p>»Ach, wissen Sie, der enthielt mir zu wenig bibliographische -Angaben, und da hab' ich mir noch den Meyer -zugelegt – auf Raten, na, und die hab' ich ein paarmal -vergessen … das ist doch menschlich, nicht? Wer soll -denn solche Lappalien immer im Kopfe behalten?« -Hartwig reichte Jockele das Zigarettenetui: »Da,« sagte -er, »setzen wir uns einen Dämpfer auf!«</p> - -<p>Aber Jakobus Sinsheimer war die Sache auf die -Sprache gefallen – – drei Kinder im Kloster, Gerichtsvollzieher, -und dabei das großmännische Behaben … -Es war von diesen Gedanken und dem sachten Gruseln, -das sie Jockele verursachten, nur ein Schritt bis zu Doris -Rinkhaus. Er gab sich auch gar keine Mühe, Teilnahme -zu heucheln oder sein Befremden zu verbergen, sondern -verabschiedete sich und fiel wenige Minuten später in die -Ecke des Sofas von Doris Rinkhaus.</p> - -<p>Es war für ihn ein ungeheures Erlebnis und brannte -ihn, daß er übergekocht wäre. Aber das Rätsel Mensch -war in dieser Stunde in einer so fremden Erscheinung -vor ihn hingetreten, daß er sich nun vorkam wie in einem -nächtlichen Walde. Vor der Ahnungslosigkeit, mit der -er diesem Manne gegenübergestanden hatte, bäumten -sich alle seine Sinne auf, und er begriff nicht, wie Doris -Rinkhaus zu ihrer Hellsichtigkeit kam. Er berichtete mit<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -einer Stimme aus verstürmtem Herzen, und Fräulein -Rinkhaus lehnte in ihrem Stuhle wie eine Siegerin und -sagte:</p> - -<p>»Was wollen Sie, er ist einer von vielen!«</p> - -<p>In der Woche danach, als von allen Bäumen wieder -die goldenen Flaggen des hohen Sommers wehten, malte -Jockele im Apfelgarten. Rings lag bienendurchsummtes -Mittagslicht voll Traum und Stille. Da klangen Frauenstimmen -auf dem breiten Wege, der von dem eisernen -Tore herläuft – und der Pinsel, der das Grün der Baumkronen -so besinnlich vor den Himmel auf die Leinwand -tupfte, blieb plötzlich auf halbem Wege stehen … »Na!« – -Dann ging Jockele bis an die Hausecke und lugte durch -die goldgrüne Stille. Wahrhaftig, da wandelte Tante -Veronika neben dem blauen Morgenkleide den breiten -Weg unter den Kastanien daher – den Kapotthut auf dem -weißen Haare, die violetten Seidenbänder unter dem -Kinne leicht verschlungen. Der schwarze Spitzenumhang -fiel so zier um die kleine feine Person, und die schritt so -klar und sauber daher wie ihre Sprache; der gelbe Krückstock -stabte immer eine Spanne vor ihrem rechten Fuße -– das kam alles stracks heraus aus einer anderen Zeit, -es flog ein sachter Lavendelduft darum, und war doch -gar nicht altmodisch.</p> - -<p>In der Linken die Palette, in der Rechten den Pinsel, -und den ein wenig verdrückten Panama weit ins Genick -geschoben, so lief er den Damen entgegen und wagte bei -Tante Veronika eine Umarmung, die er in gefälligerer<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -Form zu wiederholen versicherte, wenn er das Malzeug -los wäre.</p> - -<p>»Na!« dachte auch Tante Veronika, als die Sonne -dieser freien Augen über sie fiel. Aber wenn sie sich nichts -merken lassen wollte, war sie undurchsichtig wie ein Dachziegel. -Und jetzt <em class="gesperrt">wollte</em> sie sich nichts merken lassen.</p> - -<p>Doris Rinkhaus beteuerte: als das große Tor vor -Tante Veronika aufgegangen wäre, hätte sie sie schon -erkannt. Sie hatte im Liegestuhl unter den Bäumen eine -Geschichte von Fridolin Hartwig gelesen – die sie überdies -nicht im mindesten berührt hatte –, da war das alte -Fräulein an der Treppe des Herrenhauses vorübergeschritten, -und der Gedanke war ihr voraufgelaufen: -dort hinten, wo die Bäume das flitternde Gold herniederschütteten, -dort müßte es sein! Da flatterte ihr das blaue -Kleid schon entgegen … »Ich werde Sie doch kennen – -sind Sie denn nicht jeden Tag einmal mitten unter uns?«</p> - -<p>Aber Tante Veronika wartete mit allem ein bißchen, -was sie sagte.</p> - -<p>Doris Rinkhaus dachte: »So machen es die alten -Damen alle.« Und Jockele meinte: er müßte wohl einen -Schritt zurücktreten und sie einmal ordentlich ins Auge -fassen; denn Tante Veronika schien ihm nicht mehr ganz -richtig zu gehen.</p> - -<p>Vor dem Hause blieb das blaue Kleid stehen und sagte: -»Es ist nicht sehr wohnlich in der Werkstatt Jockeles – -bitte, treten Sie bei mir ein, wenn Sie sich ausruhen -wollen; ich werde indes an eine Erfrischung denken.« Und<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -als sie dann durch das Häuschen gingen, lächerte es Fräulein -Sinsheimer ein wenig – »Ich wußte schon seit -Deinem ersten Brief alles auswendig,« sagte sie; »ich -wußte auch, daß diese Studien unten an den Wänden -liegen und daß etliche so herumhängen.« Da gestand er -ihr, daß ihm die Hobelbank aus der Gartenhütte fehle, -und daß er manchmal eine heiße Sehnsucht nach dem -›Laboratorium‹ habe. Tante Veronika sagte: »Wenn -Du nach allem noch länger hier bleiben willst, läßt sich -das ja wohl auch machen …«</p> - -<p>Es guckte aus diesen Worten schon wieder das Warten; -sie sah ihm dabei ins Herz, aber sie fand keinen Schatten. -Da fing sie in Gedanken gleich an einzurichten – hier -könnte ein Tisch stehen, da die Hobelbank doch besser im -Gartenhause bliebe, und hier ein Schrank und ein Regal; -dazu nähmen sie vielleicht das aus der oberen Giebelstube. -… Die ganze Freude, die in der Sorge um den Jungen -das späte Glück ihres Lebens geworden war, hatte wieder -ihre himmelseligen Schwingen bekommen. Dann faßte -sie Jockele unter, wählte noch drei Studien aus, die sie -sehen sollte, und führte sie hinüber zu Fräulein Rinkhaus. -Vor der Türe wurde ihre Stimme noch einmal vorsichtig: -»Kann man denn vor dem Fräulein alles reden, was Dich -angeht?«</p> - -<p>»Alles!« lachte Jockele aus seinem sommerhellen Gewissen -heraus. Und als Tante Veronika in der sicheren -Sofaecke die Lippen mit einem Himbeerwasser angefeuchtet -hatte, ritt sie geradeaus zur Attacke.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p> - -<p>»Es ist gar nichts in Dir in Unordnung geraten?« -fragte sie. Da sah sie in zwei Paar erstaunte junge -Augen. »Und Du hast auch keinen Boten zu mir gesandt, -der mir etwas ausrichten sollte?«</p> - -<p>»Boten? Ich? Nein! Womit denn?«</p> - -<p>»Nun, eben mit jener Nachricht, daß man über ein -paar Verschiebungen leicht wieder ins Gleichgewicht kommen -könnte – mehr als hundert Mark seien dazu nicht -nötig …«</p> - -<p>»Ja, aber liebe Tante Veronika!! Du redest da immer -an etwas herum – siehst Du denn nicht, daß Du uns -beide peinigst?«</p> - -<p>»Verstehen <em class="gesperrt">Sie</em> mich, Fräulein Rinkhaus?«</p> - -<p>»Auch ich nicht!« sagte Doris, und ihre Augen richteten -sich starr und weit offen auf die alte Dame.</p> - -<p>»Mein guter Junge,« sagte die und geriet ganz nahe -ans Lachen, »es scheint, die alte Tante Veronika ist wieder -einmal sehr klug gewesen!« Sie begann, die crèmefarbenen -Glacéhandschuhe abzustreifen. – »Ich sehe, Sie -haben alle beide keine Ahnung! So lassen Sie mich also -erzählen – doch halt: noch eine Frage: Hast Du mich für -heute nicht erwartet?«</p> - -<p>»Nicht einmal im Traum wäre mir das eingefallen!«</p> - -<p>Tante Veronika war nun mitten darin in ihrer -lachenden Genugtuung: »Und ich dachte, das Fräulein -Rinkhaus hätte mich da vorn in Empfang genommen, -weil meinem Jungen am Gerichtstag das Herz ein wenig -ins Rutschen gekommen wäre! Nun, es wird ja gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -Tag werden! Es ist da vorgestern ein Herr in Ibenheim -erschienen, mit blondem Vollbart und goldener Brille; -er schickte seine Karte herein, und ich habe eine Stunde -mit ihm geplaudert, die noch netter gewesen wäre, wenn -er nicht zuletzt mit der Nachricht aufgewartet hätte, es -wäre Dir mit Deinem Geld ein kleines Malheur passiert -… ein paar Schulden …«</p> - -<p>So erzählte sie. Und dann hatte sich der Herr angeboten, -den jungen Mann zu rangieren, und Tante -Veronika solle ihm nur gleich die hundert Mark mitgeben -… Das hatte sie ihm aber verweigert und war -nun selbst gekommen, zu sehen, wie es um ihren Jungen -stand.</p> - -<p>So hatte sich Fridolin Hartwig einen Weg gesucht, -den Zehrpfennig für eine letzte Sommerfahrt zu erlangen, -die ihn bis an die Pforte des Vergessens führen sollte! -Er hatte das Vertrauen der alten Dame zu dem Jungen -als Spieleinsatz darangewagt, und hatte sich nicht gescheut, -sich diesen sträflichen Abgang aus dem Leben zu sichern, -mit dem er niemals fertig geworden war; denn am Tage -darauf, während Veronika schon längst wieder in ihrem -Waldhäuslein saß, stürmte Doris Rinkhaus auf die Malwiese -Jockeles und stieß einen Indianerschrei aus – Herr -Fridolin Hartwig wäre verschwunden und hätte seiner -Frau einen Brief zurückgelassen, darin stand:</p> - -<p>»Ich bin des aussichtslosen Kampfes mit der Welt -müde – in der Stille eines Klosters hoffe ich Rast und -Sühne zu finden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p> - -<p>Jockele besann sich in seiner Bestürzung auf kein Wort, -das er ihr sagen sollte. Er legte sein Malzeug ins Gras -und ging in das kleine Haus, das noch ganz voll war von -dem hellen Scheine, den Tante Veronika gestern hindurchgeschienen -hatte. Er setzte sich auf den Stuhl wie ein -Reiter in den Sattel, kreuzte die Arme über der Lehne -und legte das Kinn darauf. Er machte sich schwere Bedenken -über die Menschen, mit denen er in diesen Monaten -zusammengetroffen war. Darüber wurde es ganz -finster in ihm, und in der Finsternis standen zwei sehr -helle Sterne, die hießen Veronika und Doris; und es -glimmten noch zwei kleinere in weiter Ferne herauf: das -Zinzilein und Matthias Prinz.</p> - -<p>Zum ersten Male kam ihm der Gedanke, der heimliche -Friede des Frühlingshauses könnte daran schuld sein, und -sein Leben wäre zu weit abgerückt gewesen von dem der -anderen. Er saß eine Stunde und sann sich brunnentief -in den Gedanken: er wäre wohl ein Mensch, der nicht zu -anderen paßte; denn in Doris Rinkhaus war über der -wilden Geschichte mit Hartwig nicht eine einzige Kerze -verlöscht von den vielen, die in ihr leuchteten. Und in -ihm sah es aus, als wäre er in ein Burgverließ gestoßen -worden.</p> - -<p>Da ging er wieder hinaus und nahm sein Malzeug -auf und setzte einen Farbenfleck neben den andern. -Aber es kam nichts zustande; denn seine Gedanken -flogen umher wie Tauben, die sich nicht mehr zu -ihrem Schlage finden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p> - -<p>Doris Rinkhaus kam, und er sagte zu ihr: »Es ist -eine verrückte Sache, und ich bin darüber ganz von mir -selber gekommen. Haben Sie Lust? Ich möchte mit -Ihnen in die Welt laufen – vielleicht entdecke ich da den -Jockele Sinsheimer in irgendeinem Waldwinkel; denn -der jetzt mit Ihnen redet, heißt etwa Emil Meyer.«</p> - -<p>Da machten sie sich fertig und gingen durch die Pforte -im Zaun über die Raine und kamen in den Kastanienwald, -der an der Viehleite nach Oberweimar liegt.</p> - -<p>»Warum sind wir eigentlich noch nie so miteinander -gegangen?« fragte er. »Es sind doch Ferien, und es ist -Sommer in der Welt.«</p> - -<p>»Weil Sie immer fleißig gewesen sind und auch gar -keine Wünsche hatten.«</p> - -<p>»Es ist richtig – ich habe kaum gemerkt, daß ich bis -zum Rande voll Glück war. Aber durch die mancherlei -Erlebnisse ist darüber vieles in den Sand geronnen.«</p> - -<p>»Oder Sie waren von unnahbarer Unzufriedenheit; -dann haben Sie menschenfresserische Gelüste. Aber die -soll man Ihnen gern lassen; denn auch damit hat es bei -Ihnen seine Richtigkeit!« neckte Doris Rinkhaus.</p> - -<p>So stiegen sie hinein in späte Aehrenfelder und -Sommerlicht, und dieser Tag ward ein Meilenstein am -Weg ihres Lebens, und sie wußten es nicht. Doris Rinkhaus -hatte gedacht: »Ich will ihm alle Schatten hinweglachen,« -aber nun, da sie erkannte, daß er in eifriger -Arbeit an sich selber war, blieb sie bei ihm, wie er sie haben -wollte. Einmal schritten sie zwischen hohem Hafer; es<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -war ganz still, nur der Sang einer Sommerlerche war -noch da und sehr viel Sonne. Da lachte Doris Rinkhaus -und sagte: »Ich dachte daran, daß junge Männer in der -Regel neben jungen Mädchen herlaufen wie Hunde, die -ihnen die Zeit vertreiben; es sieht aus, als wollten sie -immer etwas apportieren, was ihnen die Laune auf den -Weg wirft; dann werden sie müde aneinander und langweilen -sich heimwärts.« Sie wanderten danach ein Stück -durch das Wäldchen, das das Webicht heißt – »Hoffmann -von Fallersleben hat in den Erinnerungen aus seinem -Leben manches hübsche dichterische Bild aus diesem Walde -aufbewahrt,« sagte sie, »es müssen zu jener Zeit hier noch -Schneeglöckchen gewachsen sein; denn er sagt einmal: -›Diese sprossenden Frühlingskinder strecken im Webicht -dem besiegten Winter schon die Zünglein heraus.‹ Und -Musäus hat auf seinen Gängen hier Märchen blühen -sehen …«</p> - -<p>»Das wissen Sie alles?«</p> - -<p>»Hm,« sagte sie, »ich bin in diesen zwei Jahren ja fast -stets allein mit mir selber gewesen, da hab' ich mir dann -immer einen Dichter zur Begleitung gebeten.«</p> - -<p>»Und wollen Sie nun alle diese Schätze für mich -aufbauen?«</p> - -<p>»Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so oft und so viel -Sie wollen.«</p> - -<p>Sie kamen nach Tiefurt und gingen durch das alte -Schloß, das einst ein Bauernhaus gewesen ist, und gelangten -in schauerndem Erleben hinein in die Tage, da<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -sich in diesen Räumen der Teekreis mit Goethe, Herder -und Wieland, mit Anna Amalia, der Göchhausen und -Corona Schröter bildete, der zu einem Zauberringe -geworden ist, in dem Lust, Genie und Freundschaft -vermoderter Zeiten neu werden jedem sehenden Auge -und sich hinüberleben aus einem Jahrhundert in das -andere.</p> - -<p>Es war um diese Mittagszeit niemand auf den Wegen -des Parks, auf denen sonst die Allzuvielen dahinwandeln -in der Ahnungslosigkeit ihres Schauens und meinen, was -sie mit ihren Augen sehen, das wäre es. Aber Weimar – -das Unsichtbare – ist tiefe, tiefe Ewigkeit, und Ewigkeit -ist lebendig, und darum ist Weimar die Seele Deutschlands. -Vielleicht ist es die Seele der Welt.</p> - -<p>»Ich bin einmal durchgelaufen, wie die Neugier hier -durchläuft,« sagte Jakobus, »und ich habe damals einige -Scherze Goethes gesehen, wie sie die Neugier sich ansieht.«</p> - -<p>»Dachten Sie dabei nicht, was es wäre, das selbst -diese Scherze auf die Schwelle der Unsterblichkeit versetzt -hat?« fragte sie.</p> - -<p>»Nein,« sagte er, »ich hatte damals noch nicht gelernt, -vor dem Ewigen zu erschauern; denn ich dachte, es gäbe -keine Rede, die nicht mit den Ohren zu hören wäre. Aber -vorhin, als ich Sie ganz vergessen hatte, wie wir so -zwischen dem kleinen Gartentempel der Anna Amalia und -dem Ufer der Ilm dahinschritten – vorhin hab' ich einer -Aufführung der ›Fischerin‹ beigewohnt – ich danke Ihnen -viele tausend Mal, Fräulein Rinkhaus!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p> - -<p>Da machte sie wieder ihre Siegeraugen und sagte: -»Kommen Sie, jetzt müssen wir zu Tisch.« Sie waren -auch da allein und so voll freudiger Weihe, daß Doris -Rinkhaus den Platz mit ihm wechselte. »Sie müssen in -den Gutshof gucken,« sagte sie, »sonst kommen Sie mir -abhanden. – So haben Sie heute also doch noch den -Namen Goethes leuchten sehen, den der Genius an jenem -Abend in die Wolken schrieb und um den Minerva ihre -Kränze flocht – ob man damals ahnte, daß er für Deutschland -ein Flammenzeichen würde? Es war ein Spiel und -hieß ›Minervens Geburt, Leben und Taten‹. – Seckendorff -hatte Reime und Musik geschrieben und Karl August -stellte den Vulkan dar.« Doris Rinkhaus sprach das alles -von der Pforte der Unsterblichkeit herüber, das Herz -leuchtete ihr dabei in die Augen. Aber so oft sie merkte, -daß sie über ihn hinwegwuchs, pflanzte sie ein Wort -fröhlichen Mutwillens daneben … »Hätschelhans!« sagte -sie jetzt – »so hat die Herzogin Anna Amalia in einem -Brief an seine Mutter Goethen genannt, als sie ihr berichtete, -daß das Tiefurter Journal immer noch in Blüte -stehe. Vielleicht ist ihr der Gedanke, es zu gründen, an -dieser Stelle eingefallen … Jawohl, Hätschelhans – -ich bin Ihnen nicht einmal diesen Schnipp mit Daumen -und Zeigefinger schuldig, und tue doch gerade, als wär' -ich dazu auf die Welt gekommen, Sie weise zu machen. -Was gehen Sie mich eigentlich an? … Hätschelhans ist -eine feine Bezeichnung für Sie … Erst das Fräulein -Sinsheimer, dann das Zinzilein, dann die Doris Rinkhaus,<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -dann … und dann … na, und dann … Die Gurke ist -einfach erhaben die müssen Sie probieren!« Dabei schaute -sie sich aber schon wieder in ihr Herz: »Vielleicht bin ich -Ihnen doch etwas schuldig geworden,« und legte gleich -einen neuen Pfeil auf, den wollte sie verschießen, wenn -er sich einfallen ließ, zu fragen, was das heißen solle. -Aber er fragte nicht, sondern sagte: »Wohin gehen wir -morgen?« – »Auf die Entdeckung Weimars!« lachte sie. -Und weil sie nun lustig waren, sagte er: »Mit Ihnen wag' -ich mich auch nach Ibenheim.«</p> - -<p>Abends saß er allein auf der Wildenbruchbank, die am -Ende des Walles vom alten Schießstande steht, und sah -den Tag über dem Silberblick in sein blutrotes Sterben -sinken und erkannte, daß er das nun ganz anders sah als -damals, da er mit seiner neuentdeckten Seele aus dem -›Laboratorium‹ in die Gefilde Walhalls flog. Da wuchtete, -meermäßig, aber unverstürmt, eine korpulente Dame den -Wall daher, den Panama romantisch aufgestülpt … -»Die sieht stets aus, als regnete es,« dachte er und lachte -so in sich hinein; denn es fiel ihm ein, daß er sich bei ihrem -Anblick immer auf dem gleichen Gedanken ertappte. Er -kannte sie nicht. Sie redete mit ihm, und ihre Stimme -und ihre Worte waren auf einem behaglichen Selbstbewußtsein -erbaut … »Was wissen Sie von Wildenbruch?« -fragte sie im Laufe der Unterhaltung. Diese -Frage fiel ihn ein bißchen an, aber er hatte eine Erleuchtung -und sagte: »Daß er dem deutschen Volke zwanzig -Jahre zu früh gestorben ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span></p> - -<p>Diesen langen Sommertag hindurch hatte das Leben -an ihm herumgefragt – zuerst: Was wissen Sie von den -Menschen? Was wissen Sie von Goethe, Herder, Wieland, -was von Weimar und was von Wildenbruch? Er ging -noch einmal unter den Fenstern des Gartenhauses vorüber, -zu sehen, ob Do noch in der Weinlaube säße. Da rief -sie von oben: »Was treiben Sie denn da, Jo?« – »Ich -ästimiere mein Gehirn für die Wüste Sahara,« sagte er. -– »Da suchen Sie gleich mal nach einer Oase!« – »Die -einzige, die da ist, hab' ich schon gefunden,« sagte er aus -unverhohlener Bitternis, »sie ist voll von Versteinerungen, -Kräutern, Moosen und Schmetterlingen, wie sie in Ibenheim -im Thüringer Walde wachsen. Aber lassen Sie mir -doch eine Kerze und ein Stück Wildenbruch an einem -Faden herunter – ich will mich bilden!«</p> - -<p>Nicht lange danach pendelte ein Pack durch die sammetweiche -Dunkelheit, und Do's Augen leuchteten ihr Vergnügen -darauf hernieder. »Es sind die Gedichte, und es -ist die ›Rabensteinerin‹,« sagte sie. »Sie sollen nicht gleich -in die Königsdramen springen, und die Romane dürfen -Sie sich ganz schenken.« Weil der Faden nicht lang genug -war und der Pack vor der Mitte des Fensters in neckische -Schwingungen geriet, mußte Jockele ein paarmal danach -springen. Da scherzte Doris Rinkhaus: »Sehen Sie, jetzt -malen Sie nicht und haben doch eine Illustration geliefert: -›Jakobus Sinsheimer und die deutsche Dichtung‹.«</p> - -<p>Sie hatten über dem Mittagsmahle von Tiefurt beschlossen, -sich der Kürze halber Do und Jo zu nennen.<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -Das Fenster ging wieder zu. Fräulein Rinkhaus ließ sich -nie auf abendliche Gartengespräche mit ihm ein, und auf -geflüstertes Fensterln nun mal gar nicht. Seit sie allein -war, rückte sie mit Eintritt der Dämmerung für Jakobus -in befremdende Fernen.</p> - -<p>Aber nun setzte er sich doch in Dos Weinlaube, träufelte -Stearin auf die Tischplatte, stellt die Kerze hinein -und las sich über der ›Rabensteinerin‹ ein fliegendes Herz. -Manchmal stolperte er und rückte mit dem Schnitt des -Buches ganz dicht unter das Licht … »Es liegen Feldsteine -in dieser Sprache,« dachte er und wunderte sich -über diese holprige Absichtlichkeit und konnte sie sich nicht -erklären. Als er das Buch zugeklappt hatte, griff er nach -den Gedichten – es war nur noch ein winziger Stumpf -Stearin da – und fand das ›Hexenlied‹ und ließ die -heißen leuchtenden Verse über sich kommen wie ein Gewitter, -das auf dürstende Sommerwiesen fällt. Und wie -ein Gebet. Er fühlte das Blut schäumen in seinen Adern -und hielt den Band in den Händen, daß er in den Heften -knarrte, und seine Sinne gerieten darüber in eine heilige -Not. Er atmete über die Seiten wie heiße Nacht und -las laut in die dunkelblaue Einsamkeit und wußte es nicht. -Da fiel der Docht in den flüssigen Talg, und er ließ sich -von der Benzinflamme seiner Feuermaschine leuchten.</p> - -<p>Doris Rinkhaus, die schon im Bett gewesen war, öffnete -droben ganz leise das Fenster und hörte, daß er mit sich -allein sprach. Dann versickerte auch das kleine Licht, da -lief er in das Gras unter den Bäumen und wunderte sich,<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -daß nun doch gar kein Sturm in den Kronen flog. Die -Sterne hingen darin, und aus dem Herrenhause zog weich -und sehnsüchtig das Spiel einer Geige. Er wußte von Do: -es war eine Frauenhand, die diese Fülle klarer Schönheit -aus den Saiten strich, und die silberne Exzellenz saß am -Flügel und begleitete. Verspätete Leuchtkäfer zogen -zwischen den klingenden Bändern der Geige ihre goldene -Bahn.</p> - -<p>Als alles in dunkelblaue Finsternis versickert war, -dachte er: »Ich weiß auch von Klavier und Geige nicht -mehr, als daß sie da sind. Sahara! Sie sagen: die -Zigeuner geigen sich aus dem Mutterleib hinein in ihr -Leben, und ihr Herz ist ein Saitenspiel, das zu klingen -beginnt, wenn man es in Wind oder Sonne stellt … -Warum hab ich nicht solch ein Herz? … Oha,« lachte er -ingrimmig – »wenn das Mädchen Mali in der Sandkuhle -zu singen anhub, da war es, als probiere sie einen Kieselstein -auf einem Reibeisen, und das nannte sie dann Musik. -Darüber ist alles, was in mir klingen konnte, zuschanden -gesungen worden.«</p> - -<p>Auf einmal stand im Fenster des Gartenhauses ein -Licht und war, als ob es ihn riefe.</p> - -<p>Da ging er hin. Aber der blaue Vorhang war fest -geschlossen, es war der Schein einer Laterne, der sich durch -die Hecke und das weite Dunkel des Gartens gefunden -hatte und sich nun im Fenster brach.</p> - -<p>Es war aber ein wilder Wille in ihm, Doris Rinkhaus -in dieser Stunde bei sich zu haben – wenn sie jetzt da<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -wäre, würde er ihr alle Türen seines Herzens aufreißen, -und es müßten brausende Ströme von Gold über sie -schießen … Morgen früh? Ach, morgen früh ist das -schöne wilde Feuer darnieder!</p> - -<p>Da lief er an den Schuppen, nahm die Leiter herab, -und lehnte sie an die Mauer unter Dos Fenster und stieg -empor. Das Feuerzeug raffte sich noch auf zu einem -halbverlorenen Flämmlein – er schrieb auf ein Stück -Papier:</p> - -<p>»Do – wenn Sie wüßten, wie ich brenne, Sie könnten -nicht schlafen! Ich bin voll Licht wie blühende Kastanien -im Frühling – nein: ich bin voller Sterne wie die -Sommernacht, der der Mond aus den Händen gefallen -ist.«</p> - -<p>Dann steckte er den Zettel mit zwei Nadeln an den -Rahmen, damit sie ihn lesen mußte, wenn sie morgens den -Vorhang aufzog. Er kletterte die Leiter wieder hinab und -wunderte sich, daß er nicht sprang.</p> - -<p>Früh war er aber doch noch voll nachzitternder Erinnerungen -und kam sich nicht entfernt vor wie eine -Brandstätte.</p> - -<p>Er hatte vor dem Gange mit Doris Rinkhaus noch ein -paar Besorgungen in der Stadt machen wollen, und weil -es ein Markttag war, war die Luft in der Nähe der Sternbrücke -auch schon voll von Umgegend, und das andere -Leben plätscherte bis über die Ilm. Als er die Straße -Am Horn herabkam, sah er an der Quelle, die in sanftem<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -Wall den Spiegel des flachen Beckens zerbricht, den -Musikstudierenden Erich Meyer. Er hatte ihn gleich in -den ersten Wochen seines Weimarer Aufenthaltes kennen -gelernt; er war der ärmste aller Akademiker, ein vorgeschrittenes -Semester und von durchschnittlichem Talente. -Von diesen dreien sind Armut und mäßiges Alter hinwegzusingen -oder zu vergeigen, aber das Teufelsgeschenk -einer Durchschnittsbegabung kann es fertigbringen, den -Betroffenen um Leben, Ehr' und Seligkeit zu betrügen. -Zu allem besaß Erich Meyer noch ein Herz von Gold in -kaum je dagewesener Echtheit. So war seine Begabung -auch nach der rein menschlichen Seite hin fast lebensgefährlich.</p> - -<p>Als Jakobus Sinsheimer ihn da unten in sinnender -Betrachtung entdeckt hatte, sprang er gleich den Hang -hinab und setzte über die Leutra und erfuhr, daß Erich -Meyer in dieser Zeit aus irgendeinem Weltwinkel ein -bescheidenes Stipendium erhalten hatte – dreihundert -Mark, die ihm von einer mitleidigen Fürsprache unter -dreifachem Hinweis auf seine Entsagungs- und Gemütskraft -ausgewirkt worden waren. Nun stand Erich Meyer -mit dem goldenen Herzen zwischen Sphinx und Brunnen, -und Jockele sagte zu ihm: »Sie sehen aus, als setzten Sie -flackerndes Sonnenlicht im Spiele mit den Wassern in -Töne um!«</p> - -<p>»Fällt mir ja gar nicht ein,« lachte der blonde Erich, -»sondern ich freute mich gerade darüber, daß ich über jene -dreihundert Mark mit einer Genialität verfügt habe, die<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -mir die Frage nahelegt, ob ich nicht doch noch umsattele -und mich dem Bankfache widme.«</p> - -<p>»Es wäre zu erwägen,« sagte Jockele mit komischem -Ernst.</p> - -<p>Darüber spähten sie nach dem Wege aus, den sie -nehmen wollten, und kamen ins Wippen. Der lange -Meyer wandelte mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße -Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und -während diese Partie seines Menschen sich für den Pendelschlag -von vorn nach hinten entschieden hatte, schwangen -die langen, stracken, blonden Haare über dem Rockkragen -von links und rechts. Meyer hatte einmal eine unmöblierte -Stube bei Hartwig innegehabt und besaß außer -einem Bett und dem, was er auf dem Leibe trug, kaum -etwas. Eine leere Kiste, von der er behauptete, er brauche -sie zu Umzügen, benutzte er als Tisch, und einen Stuhl -hatte er nicht. Sie gingen an der Ilm entlang und über -die Kegelbrücke zur Stadt. In dem Brückenhäuschen, um -das immerwährendes Rauschen des Wassers und der -Bäume ist, hatte er eine Stube ermietet, und die fünf hellhaarigen -Mädel des Brückenmannes waren seine treuen -Gesellen durch die Mühsal seiner Tage, von der er aber -keine richtige Ahnung hatte. Die älteste bereitete er für -die Musikschule vor, natürlich umsonst, und war nun in -eine Gesprächigkeit verfallen, die seinem Wesen ganz -fremd war. Er sagte, er hätte in diesen Tagen alle seine -Rechnungen beglichen, auch die des Schneiders, und das -Mittagessen hatte er sogar auf sechs Wochen im voraus<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -bezahlt. Das war die Hauptursache seines hochgehenden -Glücks. »Und jetzt hab' ich noch zehn Mark und gehe, -einen Stuhl zu erstehen! So wird meine Einrichtung -allmählich komplett, und es wird ganz unbeschreiblich -wohnlich werden. Kommen Sie, helfen Sie mir beim -Einkauf!«</p> - -<p>Als sie aus der Vorwerksgasse auf den Herderplatz -schritten, kreuzte eine Frau mit versorgtem Gesicht ihren -Weg. Es war Therese Hartwig. Niedergegangenes -Weinen hatte Gräben um ihren Mund gewaschen, und -was in diesem Gesicht vor Jahren in Blüte gestanden, war -von den Gewittern des Lebens zerschlagen. Es war alles -hausmachen an ihr. Sie fing gleich an, ihr Klagelied zu -singen; denn sie hatte sich Erich Meyer schon in besseren -Tagen anvertraut, und sein Herz geriet darüber in mitleidvolles -Schwingen. Als sie durch die Rittergasse auf -den stillen Zeughof gekommen waren, läutete es so feierlich, -daß er in die rechte Westentasche griff und darin etwas -losmachte. »Es fällt mir eben ein,« sagte er – »Fridolin -Hartwig hat mir vor langer Zeit zehn Mark geliehen. Ich -konnte ihm das Geld nicht zurückgeben. So nehmen Sie -es als seine Hinterlassenschaft.« Als sie wieder allein -waren, sagte Meyer: »Alle diese Leute haben kein Geschick -zum Glücklichsein. Erst ist sie die Frau eines anderen gewesen -und hat Kinder gehabt. Dann ist sie jenem mit -Fridolin Hartwig davongelaufen – und nun hat ihr der -Mann auch diese Kinder genommen und hat sie sitzen -lassen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<p>Jockele aber sagte: »Ich denke, Sie haben weiter gar -nichts besessen als diese zehn Mark?«</p> - -<p>»Natürlich nicht.«</p> - -<p>»Und am Ende sind sie jenem Hartwig gar nichts -schuldig geworden?«</p> - -<p>»Ach Unsinn! Niemals einen Pfennig! Aber die -Frau ist damals doch immer so freundlich zu mir gewesen, -und solch eine tiefe Not kann ich nicht mitansehen.«</p> - -<p>»Den Plan mit dem Finanzminister geben Sie mal -auf,« sagte Jockele, »ich glaube, Sie passen nicht recht für -einen solchen Posten. Was soll denn nun mit Ihnen -werden?«</p> - -<p>»Ach, der liebe Gott und meine fünf Brückenmädel -lassen mich nicht verderben.«</p> - -<p>Vor dem Theater gingen sie auseinander, und als -Jakobus einige Tuben Farben erstanden, eilte er nach -Hause. Doris Rinkhaus sah ihn den hohen Wall des -Schießstands daherkommen –</p> - -<p>»Sie haben die Augen schon wieder voll Erlebnisse!« -sagte sie.</p> - -<p>»Mir begegnet auf allen Wegen ein Wunder! Dieser -Erich Meyer ist ein Genie des Herzens … Hören Sie!« -Und als sie gehört hatte, sagte sie: »Genie des Herzens! -Er liegt unter den Rädern des Lebens und macht aus -seinem Dasein ein Fastnachtsspiel! Aber ein Mann muß -Stahl im Herzen haben.«</p> - -<p>Dann gingen sie um die Stadt herum und wanderten -nach dem Ettersberg. Erich Meyers gigantische Gemütskraft<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -in ihrem Verhältnis zum Dasein wurde erörtert und -schlug heftige Reden aus ihnen.</p> - -<p>Jockele hatte das heilige Feuer der vorigen Nacht darüber -fast vergessen. Auf einmal waren sie im Walde, und -das sachte Rauschen der hohen Fichten lag um sie wie -schwarzer Samt.</p> - -<p>»Was hatte das Hexenlied in der Nacht für eine Verwirrung -in Ihnen angerichtet?« fragte Do.</p> - -<p>Es schoß eine heiße, heiße Welle Blutes in seine Stirn, -aber er jauchzte sich darüber hinweg und breitete die Arme -weit aus:</p> - -<p>»Ich bin zu einem neuen Lande gefahren – warum -waren Sie nicht bei mir?«</p> - -<p>Sie hatte sich vorgenommen, dies neue Land auszukundschaften, -und zog alle Segel hoch –</p> - -<p>»Nun, und wenn ich dagewesen wäre?«</p> - -<p>»Dann – – ich glaube, es wäre für Sie sehr gefährlich -geworden!«</p> - -<p>»Donnerwetter!« lachte sie, »das heißt, Sie hätten mir -eine Vorlesung über Wildenbruch gehalten?«</p> - -<p>»Nein, nein – ich hatte eine Sehnsucht … Es war -alles wild geworden in mir, ich dachte, ich müßte die -Zähne in blühende Frühlingsgaben schlagen!«</p> - -<p>»Das klingt allerdings genau wie der Zettel,« sagte -sie ein bißchen verächtlich und merkte, daß sie den Ton -getroffen hatte, nach dem sie suchen gegangen war.</p> - -<p>»Sagen Sie mir die Worte – sagen Sie sie mir!« bat -er und stand schon wieder in hohem Feuer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p> - -<p>»Ich weiß sie nicht mehr, und den Zettel hab' ich in -den Ofen gesteckt. So kleine Entgleisungen muß eine -Freundschaft vergessen können.«</p> - -<p>Das klang sehr wohltemperiert.</p> - -<p>»Ach,« jubilierte er, »nennen Sie es tausendmal eine -Entgleisung – es war doch fein, und ich war voll purpurnem -Lichte wie der Abendhimmel!«</p> - -<p>»So etwas ist wahrscheinlich immer am feinsten allein,« -sagte sie unwissend.</p> - -<p>Aber er fragte fürwitzig: »Ist es Ihnen auch schon so -ergangen?«</p> - -<p>Da wäre sie am liebsten davongeflogen wie ein kleiner -roter Luftballon. Sie strich sich mit beiden Händen über -das Gesicht und sagte, die Sonne hätte sie verbrannt … -»Sie hören wohl nicht gut?« schalt sie, weil sie sich so in -Not sah. »Ich sagte, wahrscheinlich!«</p> - -<p>Da zwang er sie, in die dunklen Brunnen seiner Augen -zu schauen und sie merkte: es standen Sterne darin, die -vorher nicht dagewesen waren. Und sie versuchte ihre -Siegeraugen; es war mühevoll und kam nicht weit über -den Vorsatz hinaus. Aber sie war froh, daß ihm das -Leben aufging, und daß sie nun auf einer Wacht sein -mußte, die sie die Zeit her lächelnd für unnötig gehalten -hatte. Frauen spielen gern mit Feuer und fangen an -zu blasen, wenn sie eine Glut vermuten. Und als Doris -Rinkhaus fühlte, daß ihre Bedrängnis fort war, blies sie -ein bißchen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p> - -<p>Sie schritten nun auf dem Ettersberge an dem schönen -Waldsaum nach dem Bismarck-Denkmale dahin. Rings -lag die Erde in breiten, bunten Erntefarben, die im Tale -zwischen den Häusern mit den funkelnden Fenstern versickerten.</p> - -<p>Auf einmal stand ein gelbes Kleid im Walde hinter -einer Staffelei, und obendarauf war ein breiter Sonnenhut -mit einem Kranz aus wilden Rosen. Wilde Rosen -waren auch über das Kleid gestreut.</p> - -<p>»Jakobus Sinsheimer,« sagte Do und ging im Hinschauen -unter, »das ist Gwendolin Vogelgesang, eine -Böhmin, und sehr jung! Kennen Sie die?«</p> - -<p>»Nein,« sagte er, »aber sie scheint so lang zu sein wie -ihr Name.«</p> - -<p>»Die Männer finden sie hübsch, und sie kann etwas.«</p> - -<p>»Einstweilen sieht man noch gar nicht, was unter dem -Wildrosenhute steckt!«</p> - -<p>»Kommen Sie, die führ' ich Ihnen vor!«</p> - -<p>Sie hatte da ein Waldinneres mit breitem Pinsel etwas -pastos auf die Leinwand gestrichen und ihm eine ganz -wundervolle Durchleuchtung gegeben. Während sie mit -Doris Rinkhaus redete, sah sich Jakobus an dem Bild in -ein Sonnenglück hinein, das er gleich in lautem Lob über -sie ausschüttete. Da hörte er, daß sie solches Malen förmlich -mit auf die Welt gebracht hätte, daß sie aber am liebsten -mit der kalten Nadel arbeitete und derlei Leinwanden -nur zum Verkaufe bemalte. Sie hatte in Frankfurt und -München Kunsthändler, die ihr diese Sachen bescheiden<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -bezahlten, aber sie verkaufte und brachte sich mit dem Ertrage -gut durchs Leben.</p> - -<p>Sie stellten das Malzeug im Dorfe ein, streiften bis -Abends im Walde herum und fanden nicht, daß der -Spruch: ›<em class="antiqua">Two is company, three is none</em>‹ in allen -Fällen wahr wäre. Einmal lagerten sie sich auf einem -Anger, der ganz voll hoher Spätsommerblumen war, -darüber schwammen die Schmetterlinge in breiten Flügen, -und Jockele dachte, er möchte mit diesem langen, leuchtenden -Mädchen auch in der Folge zusammensein. Darum -sagte er:</p> - -<p>»Gwendolin, wir wollen den Anger malen – beide das -gleiche Bild.«</p> - -<p>»Warum?« fragte sie.</p> - -<p>»Ich will sehen, wie viel weniger ich kann als Sie,« -sagte er sehr ernsthaft, und Doris Rinkhaus saß dabei und -bekam weite und kalte Augen.</p> - -<p>Am anderen Tag, als Jockele daheim auszog, lief ihm -das blaue Morgenkleid über den Weg zur Schlüpfe im -Zaun – Do ertappte sich auf dem mädchenhaften Gedanken, -er hätte sie doch wenigstens auffordern können, -mitzugehen. Aber es war morgendlich um ihn, und er -sagte: »Ich werde mir heute eine Niederlage holen.« Da -nahm sie ein herbes Wort in den Mund, ließ es aber -nicht fliegen und sagte ohne Bitterkeit und ohne Teilnahme: -»Es ist wahrscheinlich. Mag es nun so oder so -kommen – das Spiel wird nicht ohne Gewinn für Sie -sein.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p> - -<p>Er hatte die Gedichte Wildenbruchs in der Tasche, und -über dem weiten Wanderwege wurde ihm das Malzeug -lästig. Da dachte er: »Ich hätte Do sagen können, daß ich -heute vielleicht in Ettersburg schlafe …« Mit diesem Gedanken -lief er seine Straße, und es blühten um ihn -noch andere blutrote heiße Blumen: Gwendolin hatte all -die Tage her schon in Ettersburg gewohnt; er wollte ihr -das Hexenlied vorlesen, wenn die Schatten auf den Anger -traten wie die äugenden Rehe. Das mußte schön sein, -so im Lichte der Blumen, die ihre schmeichelnden Seelen -in den müden Tag strömten.</p> - -<p>Ob Gwendolin auch wie Do nach Hause drängen würde, -wenn die sachten Netze der Nacht fielen? Und ob ihre -Augen auch Sterne würden, die immer als die ersten in -der Nacht stünden wie die Augen Dos? Und ob ihre -Stimme dann weicher würde und so sehnsüchtig, wie Dos -Stimme einmal gewesen war, nur ein einziges Mal? Und -ob sie wieder das Kleid mit den winden Rosen trüge? Auf -einmal summte er das Heideröslein grausam unmusikalisch -vor sich hin und kam auf den Anger und war enttäuscht, -weil sie noch nicht da war.</p> - -<p>Natürlich war sie noch nicht da; denn die Hälfte der -Blumenwiese lag noch im Schatten. Ein paar Samenfahnen -der ersten Weidenröschen schwebten als weiße, -stille Flugzeuge vorüber.</p> - -<p>Er stellte seine Staffelei aber nicht auf; denn er wollte -Gwendolin ihren Platz zuerst wählen lassen. Da setzte -er sich an den Waldgrund und las in den Gedichten. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -geriet wieder an das Hexenlied, und sein Herz blühte daran -auf wie in der anderen Nacht.</p> - -<p>Gwendolin kam mit den Schmetterlingen; sie hatte das -Wildrosenkleid an und trug den Sonnenhut von gestern, -und sah gerade so brünett und heiß aus wie gestern – -so an der Sonnenseite gewachsen. Aber sie redete genau -so morgenkühl wie Do und fragte, ob er sich etwas zu -essen mitgebracht hätte.</p> - -<p>»Nein. Ich dachte, wir äßen gemeinsam im Dorfe.«</p> - -<p>»Wahrscheinlich kommen wir vor drei Uhr nicht dazu -– es ist um Mittag so köstlich und leuchtend hier, daß -einem das Ultramarin von der Palette läuft. Aber jetzt -los!« sagte sie. Da ging es ans Malen. Es hing eine -Waldstille ringsum, daß man die Pinsel streichen hörte, -und der Himmel war über die Wipfel gestülpt wie eine -Glocke aus blauem Glas, durch die die Welt von draußen -hereinschauen mochte, wenn sie Lust hatte.</p> - -<p>Da vergaßen sie, daß sie zwei junge Menschen waren, -die sich beim ersten Sehen gefallen hatten, und schwiegen -sich in eine tiefe Farbenfreude hinein und sagten sich bei -drei Stunden kein Wort und hatten kaum einmal einen Blick. -Anfangs dachte Jakobus: »Ich spiele da ein gefährliches -Spiel mit mir selber. Es ist sehr ungeschickt gewesen, daß -ich mich einem Vergleiche ausgesetzt habe, dem ich doch -nicht standhalten kann.« Dann vergaß er auch das und -vergaß, daß er in klingenden Farben alles so breit und -voll hinstreichen wollte, wie er es gestern bei ihr gesehen -hatte. Er malte, wie es ihm die Stunde gab, aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -strahlenden Beschwingtheit seiner Seele heraus, die dunkelrot -vom Scheine des Feuers aus dem Hexenlied überglüht -war. Sie hatten sich alle Neugier verbeten, hörten die -Mittagsglocke aus dem Dorfe läuten, sahen, wie die Luft -flimmrig wurde, als tropfe flüssiges Silber hindurch, und -schwiegen.</p> - -<p>Einmal legte Gwendolin die Palette in den Kasten -und warf den Deckel zu und trat mit einem Pack raschelnder -Papiere in den Schatten des Waldes. Als ihr Jakobus -nachging, sagte sie: »Wenn sie nicht essen <em class="gesperrt">müssen</em>, so -arbeiten Sie. Ich lasse für Sie genug übrig. Natürlich -habe ich gewußt, daß Sie auf alles vergessen, was der -Mensch außer Pinsel und Farben nötig hat!« Dieses ›auf -alles vergessen‹ klang österreichisch lustig in ihn hinein; -es war viel Sonne in ihrer Stimme. Und er sagte: »Ich -freue mich auf die Stunde, in der wir fertig sind; dann -will ich Sie immer reden hören.«</p> - -<p>»Ich bin fertig,« lachte sie. Da sprang er auf und lief -zu ihrer Staffelei … »Es ist ein grausames Bild,« sagte -er; »es ist herrisch, und es kann dagegen kein anderes aufkommen. -Aber es ist doch königlich.«</p> - -<p>»Nun ja, es ist königlich. Sie mögen es immer so -nennen. Wenn Sie mich einmal nicht leiden mögen, -sagen Sie: es ist Theater! Dieses Wort hat mir die -Freude an den Farben verdorben. Aber was kann ich -dafür, daß sie mir so in die Augen stürzen, wohin ich sehe?«</p> - -<p>»Es kommt auf das Herz an,« sagte er. »Sie streichen -das in einer wilden Lichtlust daraus hervor, und jedes<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -Ding stellt sich dagegen, wie sich die Wolken stellen gegen -die Feuerfanfaren, die der Himmel über das Sterben des -Tages bläst. Mir ist bange gewesen vor Ihnen, aber ich -schäme mich nun nicht – wenn Sie Wasser sehen, malen -Sie Perlen, und wenn Sie Licht sehen, malen Sie -Jauchzen. Ein Feld voll Blumen wird auf dem Wege -durch Ihr Herz zu einem taumelnden Märchen oder zu -einem himmlischen Farbenrausche. Aber ich male die -Erde …« So redete er sich in Flammen.</p> - -<p>Gwendolin sagte: »Meine Bilder sind Lügen für jeden, -der die Wirklichkeit nimmt und damit ein zentimetermäßiges -Messen an ihnen beginnt. Aber für mich ist es -Wahrhaftigkeit; denn es ist künstlerisches Erleben.«</p> - -<p>Dann traten sie zur Staffelei Jockeles. Es stand ein -Idyll darauf, das versickerte – letzte Blütenfreude des -Sommers – in dunkelgrüne kühle Waldestiefe.</p> - -<p>»Ich kann das nicht,« sagte sie – »Sie suchen die Seele -einer Handvoll Welt, und ich blase eine hinein, die mir -gerade paßt.«</p> - -<p>Da nahmen sie ihr Malzeug auf und trugen es ins -Dorf, saßen in dem Baumgarten des Gasthofs und aßen -Pflaumenkuchen.</p> - -<p>»Wann gehen Sie?« fragte sie.</p> - -<p>»Heute nicht,« sagte er und bestellte ein Zimmer für -die Nacht.</p> - -<p>»Das ist fein. Da machen wir eine Waldstreife. Also los!«</p> - -<p>Den Band Gedichte nahm er mit. Im Ettersburger -Schloßgarten fiel das Blühen über sie. »Ich kann mir<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -denken, daß Ihre Lichtfreude hier wohnen muß, Gwendolin!« -sagte er voll Innigkeit. Ueber die blaue Weltenwiese -jauchzt die Sonne im goldenen Sechsergespann, aber -im Garten von Ettersburg geht sie spazieren; draußen ist -sie das große Licht, hier ist sie sanftes Leuchten; draußen -ist sie Sieg, hier ist sie Liebe; und die Menschen werden -leise auf diesen Wegen. Die Tage liegen darauf wie -Falter mit breiten Schwingen – der Schloßgarten von -Ettersburg ist ein ewiges Ostern der Herzen … Darüber -gerieten Gwendolin und Jakobus immer tiefer in sich -hinein.</p> - -<p>Es war, als wären sie allein auf der Welt.</p> - -<p>Sie gingen nun unter den hohen Buchen, die sich so -sachte mit Himmel zudecken lassen. Aber unter den -Wurzeln heraus atmete die Erde den berauschenden -Herbstodem, der voll Traum heißer Auferstehungsfeste ist, -und sie bekamen Augen wie der Hochwald, voll heimlicher -Dämmerungen. Augen wie junge Menschen, die herumirren -in den Rätseln ihres Frühlings. Augen wie junge -Menschen, die über und über in Blüte stehen und die -Seligkeit ihrer Seelen dahinströmen wie die Blumen und -ihre klingende Helligkeit ineinandergießen wie die Quellen, -wenn die Erde birst unter dem Jauchzen des Himmels.</p> - -<p>An einem Hange, an dem die Sonne gelegen hatte, -umarmte sie die heiße Dämmerung. Da sanken sie hinein, -und das Moos war voll vom Dufte später Veilchen.</p> - -<p>Gwendolin saß neben ihm.</p> - -<p>»So war es schon einmal,« sagte er – »damals mit<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -Maria Reh! Da war ich ein kleiner Junge und hatte -Sehnsucht nach ihren Händen.«</p> - -<p>Da setzte sie den Hut ab und legte ihn über den Band -Gedichte.</p> - -<p>»Wie war das mit Maria Reh?« fragte sie und -stemmte ihre Ellenbogen auf seine Brust.</p> - -<p>»Rosenrot!« sagte er. Und ihre Augen waren einander -nahe und kamen sich immer näher –</p> - -<p>»Und jetzt?« fragte sie.</p> - -<p>»Dunkelblau mit Sternen!« sagte er. »Aber was ist -das für ein verrücktes Reden! Komm doch!«</p> - -<p>»Komm doch!« lockte sie.</p> - -<p>Da faßte er in ihr lose geschlungenes Haar und ergriff -ihren roten, roten Mund mit den Zähnen – der Vorhang -im Tempel zerriß, und sie fanden sich mit geschlossenen -Augen in das Allerheiligste des Lebens.</p> - -<p>Dann fing sie an, den pressenden Armen zu trotzen, -und wand sich über ihm und bekam ihre Lippen los aus -der schmerzenden heißen Verheißung seines Mundes. »Du -bist zu wild!« sagte sie.</p> - -<p>»Ich habe zu lange gedürstet! Warum bist Du so -heiß und schön geworden – nun mußt Du das leiden.«</p> - -<p>Da litt sie es. Sie küßten sich drei Meilen tief hinein -in die kobaltblaue Spätsommernacht, und als einmal die -Dorfuhr über die Sternenstraße rief, war den Glocken anzumerken, -daß sie noch ganz allein wach wären. Im -Walde lag eine schwere Finsternis. Da tasteten sie sich -hindurch, und als sie vor dem kleinen Hause standen,<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -in dem Gwendolin wohnte, wartete die Frau des Arbeiters -drinnen bei dem Licht. Gwendolin fing an, sich -das Haar noch einmal zu stecken, aber weil sie in der -mitternächtigen Dunkelheit unter Küssen und Zwetschenbäumen -doch nicht damit zurechtkam, sagte sie: »Es ist -mir ganz egal! Doch morgen mußt Du warten, bis ich -komme und Dich hole.«</p> - -<p>Der Hausknecht ließ ihn ein, und er fiel gleich in -einen abgrundtiefen Schlaf. Aber früh ärgerte er sich, -daß er nicht mehr an Gwendolin gedacht hatte, und die -Nüchternheit des fremden Zimmers verstimmte ihn. -Gwendolin kam, als er drunten im Garten beim Morgenkaffee -saß; ein Fink war auf seinen Tisch geflogen und -pickte die Krumen auf.</p> - -<p>Am vierten Tage malten sie wieder, und am vierten -Tage kam Doris Rinkhaus. Sie hatte vormittags den -Wald nach ihnen durchsucht, sagte das aber nicht, sondern -spazierte zur Essenszeit wie von ungefähr durch den Garten -des Gasthofs und setzte sich zu ihnen. Sie merkte den -großen Wandel an Jakobus, aber sie war unbefangen -und klug und klar wie der Tag. Deshalb ging er am -Spätnachmittag mit ihr heim, aber das Malzeug ließ er -bei Gwendolin. Sie machten einen weiten Umweg über -das Rödchen und gelangten auf abgeernteten Feldern zu -der großen Eiche, die im Webicht, nahe dem Goethe-Schiller-Archiv, -steht. Es war schon Abend geworden. -Doris hatte es auf dem langen Gange vermieden, an -sein Verhältnis zu Gwendolin zu rühren. Sie hatten von<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -der Sendung der Tante Veronika zu reden gehabt, die -inzwischen für Jockele eingetroffen war – »Die freundliche -alte Dame überschüttet Sie in der Tat mit einer -ganz unverdienten Güte –« sagte sie … und da war -der Stein durch das sorglich gehütete Fenster geflogen!</p> - -<p>Er faßte ihre Worte gleich fest an: »Wenn Sie damit -auf Gwendolin zielen, so finde ich das unbeschreiblich -komisch: erst haben Sie mich auf sie losgelassen, und -jetzt drohen Sie mir gouvernantenhaft mit dem Finger -und spielen würdig die Mama gegen mich aus! Do, Do, -fühlen Sie wirklich nicht, daß Sie da nach einer Rolle -gegriffen haben, die Ihnen ganz und gar nicht auf den -Leib geschrieben ist?«</p> - -<p>Jawohl, sie fühlte das und pries ihre Klugheit, die sie -damit hatte warten lassen, bis die Nacht um sie hing. -Das Buschwerk zu beiden Seiten des Weges von der -großen Eiche herauf half bei der gütigen Finsternis.</p> - -<p>Darüber fand sie den gewohnten Ton wieder – »So -ist das gar nicht gemeint gewesen. Ich hätte wohl besser -gesagt: Sie sind sehr keck geworden in diesen vier Tagen.« -Sie suchte nach einer Schlüpfe, durch die sie in ihn hinein -kommen konnte; der lange Weg, den sie berechnend gewählt, -hatte ihn zu keinem Verrat an sich selbst geführt. -Wollte er Gwendolin schonen? War er wieder in eine -rosenrote Anbetung versunken wie damals vor Maria -Reh, die noch heute lustig davon berichtete? … Sie fing -also an zu klopfen. – »Ich meine, Sie gehen so aufgeblüht -daher! So jungmänniglich, tapfer und weltumarmend!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p> - -<p>Nun schlug er alle Türen weit auf und trat heraus -und sagte: »Es war fein! Gwendolin ist ein süßes, heißes -Mädel.« Er wollte mit vollem Atem das Lied vom ersten -Liebesrausche blasen, aber die Worte lagen neben dem -Erleben wie welke Blüten. Da sagte er: »Ich will -Gwendolin heiraten!« und hatte damit einen Heiterkeitserfolg. -Es war schrecklich – bei dem dramatischen Höhepunkte, -bei der Stelle, die er mit wahrer Heldengröße -herausgeschleudert hatte, bekam Doris Rinkhaus das ungeheure -Lachen! Und der Vorhang mußte heruntergehen. -Sie lachte sich auch durch die Pforte im Zaun und sagte: -»Sie sind heute abend zu ulkig! Sie dürfen deshalb -ausnahmsweise noch eine Stunde zu mir herüberkommen. -Ich muß Ihnen eine Kerze geben; denn es sieht in Ihrer -Wohnung aus wie in einem Lagerhause.«</p> - -<p>Sie bereitete in der Küche das Nachtmahl; Jockele entzog -ihr seine Mitarbeit und dachte in der dunklen Stube -darüber nach, wie sich das Spiel für ihn gewinnen ließe.</p> - -<p>Als sie gegessen hatten und der Samowar summte, -setzte sie sich wieder in den vorigen Gang. »Haben Sie -schon Bestimmungen über die Hochzeit getroffen?«</p> - -<p>Da schwieg er sie gekränkt an; sie aber nahm noch -mehr überhand. »Mein lieber Junge Jo, wenn Sie nicht -so grausam lächerlich aus diesen ersten verliebten Stunden -hervorgegangen wären, würde ich sagen: Mein werter -Herr Jakobus Sinsheimer – es senkt sich zwar schon -der sachte Schatten eines Bartes auf Ihren verräterischen -roten Mund, aber mit dem Gewaffen holder siebzehn<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -Sommer läßt sich ein leidlich befestigtes Mädchen nicht -fürs Leben erobern! Sind Sie denn wirklich so einfältig, -zu meinen, eine Kette angereihter Küsse hielte über ein -paar Meilen Zeit? Und glauben Sie, Sie wären der -erste, der Gwendolin Vogelgesang hübsch findet? Und -das ›süße heiße Mädel‹ hätten Sie entdeckt? Meinetwegen -küssen Sie sie ab, soviel sie es verdient – aber geraten -Sie darüber nicht in Unordnung und reden Sie nicht ein -tragisches Pathos übers Land.«</p> - -<p>Er kreuzte die Arme vor der Brust, und auf seiner -Stirne stand kalter Schweiß. »Was geht Sie denn das -alles an, daß Sie so in Harnisch geraten?«</p> - -<p>»Es täte mir leid, wenn Sie vor sich selbst lächerlich -würden,« sagte sie. »Sehen Sie, wie Sie neulich aus dem -wildgewordenen Herzen mit feurigen Buchstaben etwas -von ihrem Frühlingssturm auf ein Stück Papier schrieben -und es mir vors Fenster hingen, das war jung und gesund. -Und jung und gesund ist es auch, wenn Sie mal über -die lange Gwendolin kommen – aber daß Sie jede -Seifenblase für eine Weltkugel halten und den Eroberer -spielen, das ist Ihr hartnäckiges Mißgeschick.« Sie steckte -eine Kerze an und gab sie ihm in die Hand: »So, und -nun leuchten Sie sich mal nach Hause.«</p> - -<p>Da sagte er: »Wenn ich Sie nicht bis zu dieser Stunde -für einen Ausbund von Klugheit gehalten und nicht -allerlei Ursache zur Dankbarkeit gegen Sie hätte, würden -wir uns morgen kaum noch kennen, Fräulein -Rinkhaus!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p> - -<p>»Sie, das ist ein famoser Einfall,« lachte sie – »betrachten -wir diese Stunde als Mobilmachung zu einem -achtwöchigen Kriege! Am ersten November wird Friede -geschlossen.«</p> - -<p>»Und wenn ich dann noch Krieg will?«</p> - -<p>»Mir auch recht!« lachte Do.</p> - -<p>»Ich gebe mein erlösendes Einverständnis. Gute -Nacht.«</p> - -<p>Sie drehte den Schlüssel schon feindlich im Schloß -herum.</p> - -<p>»Do hat ihre giftiggelbe Eifersucht vor mir verbergen -wollen, und damit ich es nicht merkte, hat sie Esel zu -mir gesagt,« dachte er. Aber nun, da er durch das Stück -dunkelblaue Spätsommernacht stieg und die Linke vor das -kärgliche Fünkchen Licht hielt, kam er sich wirklich sehr -komisch vor – diese Rolle mit der Hand vor dem bißchen -Flamme hatte er den ganzen Abend gespielt. Und gestern -– vorgestern sicherlich! – hatte er geglaubt, es wäre so -etwas wie der große Brand in ihm, den der Sommer des -Abends vor den Toren der Welt für Himmel und Erde -aufführt.</p> - -<p>Er leuchtete sich in einen mäßigen Schmerz hinein, -der sich über dem Haufen mit Latten verschlagener Möbelstücke -zu einer tiefen Verstimmung auswuchs. Die Liebe, -mit welcher Tante Veronika und Mali diese Dinge ausgewählt -und verpackt hatten, wollte sich heimlich an sein -Herz schmeicheln, aber sie war ihm peinlich: die treuen -alten Mädchen hatten das im Frühlingshause mit der<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -Sonne ihres Vertrauens für ihn umschienen – vielleicht -in der gleichen Stunde, in der er sich draußen am Waldrande -gewälzt hatte wie ein jähriger Hirsch …</p> - -<p>Er fuhr in ein Land tiefen Nebels hinein und verbiesterte -sich …</p> - -<p>»Was ist das wieder mal für eine Sache, die Du -da aufgemacht hast, Jakobus Sinsheimer! Es ist der -niederträchtigste Vertrauensbruch, der einem Menschen -je Scham auf die Stirn getrieben hat. Du kommst -Deiner Tage zu nichts – gib's auf, Jakobus Sinsheimer, -Du bist ein Zigeuner. Wie ein Zigeuner hast Du den -Wald zum Nachtquartier gemacht …«</p> - -<p>Er nahm wieder einmal Seifenblasen für Weltkugeln! -Da schlug er mit der flachen Hand auf das Zünglein Licht -und warf sich aufs Bett und wühlte sich in eine wilde -Selbstverachtung hinein. Auf einmal hüpfte Gwendolin -aus dem zähen Nebel und war vergnügt wie der Frühling. -Das Wildrosenkleid war längst ausgeplättet, ihr -Mund blühte wie roter Mohn, und die ganze Nacht wurde -zu tausend feuerroten Blumen. Er lag mitten darin und -schlief ein.</p> - -<p>Am Morgen, als er sich in den Kleidern auf dem Bette -fand, fiel ihn der Jammer an. Aber er raffte sich zusammen, -zog andere Wäsche und Kleider an und begann -auszupacken.</p> - -<p>Tante Veronika und Mali, manchmal auch das Zinzilein, -waren dabei immer um ihn, und er werkte sich in -eine vergessende Freude.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span></p> - -<p>Als er allen Unrat hinausgetragen hatte in den -Schuppen, schloß er die Schubfächer des Schrankes auf -und fand darin Vorhänge für drei Fenster, und in dem -Kleiderschrank die drei Leisten dazu – es war auch ein -Kästchen mit Stecknadeln darangebunden; als er das -erkannte, schauerte ihm die ferne sorgende Liebe durchs -Herz, daß ihm ganz bange wurde.</p> - -<p>Er wäre nun am liebsten zu Do geflogen und hätte -mit allen Glocken Frieden geläutet – nein, diesmal sollte -sie gewiß nicht triumphieren! Wenn sie ihm jetzt ihre -Siegeraugen gemacht hätte, jetzt hätte er sie gerne ertragen; -aber am Ende sagte sie: »Lassen Sie sich das nur -von Gwendolin machen.«</p> - -<p>Da überlegte er sich, wie Mali dabei zu Werke gegangen -war, damals, als er ihr die Stecknadeln gereicht -hatte.</p> - -<p>Er drehte eine der Leisten ein paarmal in den Händen -und gewahrte die Bänder, die da angenagelt waren. Dann -pfiff er seine Entdeckerfreude sachte vor sich hin und kam -auch mit den Vorhängen zustande.</p> - -<p>So ordnete sich jedes Ding an seinen Platz. Es war -alles durch viele Jahre in einer schönen Sonne gewesen -– das ganze kleine Haus schien sich nun daran heimlich -voll Gold bis zum Rande. Tante Veronika hatte ihm -auch eine Erhöhung des Monatsgehalts von zehn Mark -gewährt, dafür sollte er eine Frau bezahlen, die ihm die -Wohnung säuberte. Ueber allem hatte er sich wieder zu -sich selber gefunden, und weil er den Ueberschuß an Seligkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -merkte, packte er ihn in einen Brief und schickte ihn -nach Ibenheim.</p> - -<p>Da war der erste Tag nach der Mobilmachung herum, -und als sein Verglimmen durch die neuen Vorhänge -sickerte, gab er sich der Wohligkeit des Daheimseins hin. -Es war, als legte die sorgte alte Tante Veronika ihre -reinen Hände an seine Wangen und sagte wie einst: »Mein -braver, lieber Junge.« Er saß zum ersten Mal bei der -abendlichen Lampe in dem kleinen Haus; die warf die -goldenen Fächer ihres Lichts über die bunte Tischdecke, -und aus dem Bücherschranke blinzelten ihn die Aufschriften -der Bücherrücken so traulich an wie in der anderen Zeit. -Veronika hatte ihm alles geschickt, was sie an gedruckter -Weisheit besaß – die zweihundert Bände umfaßten die -Welt; und es lag in der Uebergabe dieses Schatzes eine -rührende Erklärung der Liebe …</p> - -<p>Wie ihm Fridolin Hartwig in den Weg gelaufen war, -und wie dessen großsprecherische Schwächlichkeit strandete -an einer Insel der Weltflucht, hatte er dies als ein Erlebnis -erkannt; die Nacht im Jägerhaus am Hörselberg -stand in seiner Jugend als eine bunte Lichtkugel, nach -der er gern einmal zurückschaute, denn sie leuchtete noch -immer; das Glück von Ettersburg war ein kristallener -Becher, von dem er meinte, er wäre reich genug, sein -ganzes Leben mit Glanz zu erfüllen … So standen viele -Tage in der vergangenen Zeit, von denen er sagte: ich -werde sie immer sehen. Aber dies Heute, in dem ein -Stück seiner waldherrlichen Knabenzeit sich wieder zu ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -gefunden hatte – dies Heute erkannte er nicht. Es war -für ihn eine liebe freundliche Begegnung von jener -lächelnden Innigkeit, die ihn über dem Kommen Tante -Veronikas berührte, als der gelbe Krückstock neben dem -blauen Morgenkleide den breiten Gartenweg daherspaziert -war. Und doch war dieser Tag eine Weiche, über die das -Leben Jakobus Sinsheimers auf das Geleise lief, das er -sich selbst in Spiel und Ernst seiner Frühlingsjahre gelegt -hatte. Und er wußte es nicht; denn die Sinne der Jugend -sind vorwitzig: sie sehen den Schaum als Trank, sie fühlen -den Rausch als Glück, sie schmecken die Erde als Himmel, -sie halten Dasein für Ewigkeit.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Am nächsten Morgen spazierte er sehr früh nach -Ettersburg, äußerlich angetan wie ein junger Kavalier. -Er wollte an diesem Tage nicht malen, aber er wollte sich -auch gegen zigeunermäßiges Waldstreifen verwahren. -Zudem war es am Anfange des Monats, und hundert -Mark im Portemonnaie geben einem jungen Menschen -Haltung.</p> -</div> - -<p>Am Häuschen Gwendolins erfuhr er, sie habe Besuch, -und die Herrschaften seien wahrscheinlich im Baumgarten -des Gasthofs beim Frühstück.</p> - -<p>Da fragte er sich ein wenig an der Frau zurecht, aber -er wandelte noch auf Wegen aus Himmelblau seinen -heißen Wünschen nach.</p> - -<p>Als er das Wildrosenkleid und den blühenden Sonnenhut -sah, ward er beschwingter Sommerwind und flog ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -entgegen. Der Herr, der mit Gwendolin an dem übersonnten -Tische saß, nestelte ihr aus einem schäkernden -Besitzrecht heraus an dem goldenen Halskettlein. Und -als der lustige Sommerwind dazwischenflog, blies ihn -eine morgenkühle Gleichgültigkeit an. Gwendolin tat sehr -überrascht, den Herrn Sinsheimer zu sehen, und stellte -ihn vor als einen Malschüler, mit dem sie gelegentlich -eine Stunde da oben am Waldrande zusammen eine -Farbenskizze gemacht habe.</p> - -<p>»Und Sie wollen Ihre Staffelei holen?« fragte sie.</p> - -<p>»Eigentlich nicht,« antwortete er und setzte sich steil in -eine Art von Fassung.</p> - -<p>Da kam der Kellner und meldete, der Wagen sei da.</p> - -<p>»Wir fahren nach Belvedere,« sagte Gwendolin. -»Wenn Sie Ihr Malzeug heute mitnehmen wollen – -meine Mietsfrau kennt Sie ja und wird Ihnen willig -alles einhändigen. Adieu, Herr Sinsheimer.«</p> - -<p>Sie legte die Spitzen ihrer Finger in seine Hand, -und nach einer förmlichen Verbeugung ihres Begleiters -hüpften die beiden durch den Sonnenschatten der -Zwetschenbäume in klingender Unbekümmertheit dahin.</p> - -<p>Der Kellner klemmte seine Serviette unter den Arm, -und während der Kavalier Jockele sich erhob und zu -einem entfernten Tische schritt, starrten sie einander an – -Jockele als Hypnotiseur, der Kellner als zweifelndes -Medium zwischen Lächeln und sachtem Verkommen des -Bewußtseins. Am Gefrierpunkte der Sinne bäumte er -sich auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span></p> - -<p>»Ich dachte immer, Fräulein Vogelgesang wäre -Ihre Braut …«</p> - -<p>»Das dachte ich auch,« sagte Jakobus; »aber nun -bringen Sie mir mal schnell drei Zigaretten und eine -Tasse Kaffee.«</p> - -<p>»Sehr wohl, drei Zigaretten und 'ne Selters.«</p> - -<p>»Kaffee!« brüllte Jockele. – »Halt, kommen Sie mal -her. Sie sind ein unverschämter Mensch! Da – zwanzig -Pfennig für die Beleidigung! Adieu!«</p> - -<p>Er zog das Etui aus der Tasche, brannte sich eine -Zigarette an und wirbelte sich hinter seinem zwischen den -Fingern drehenden Spazierstock aus dem Gesichtskreise.</p> - -<p>Die Sonne roch nach dem Staube, der unter dem -enteilenden Wagen hervorbrach; der goldene Septemberwind -machte sich ein billiges Vergnügen daraus, mit dem -Geräusche rollender Räder und klapperndem Hufschlag -die Dorfstraße entlangzuschlendern und Jockele zu fragen, -ob er das hübsch finde; und der Himmel stand über dieser -Erde, durchsichtig vor leuchtender Ahnungslosigkeit, und -ein paar Engel guckten zum Fenster heraus und flatterten -mit den Flügeln.</p> - -<p>Jockele verfiel in ein stürmisches Dahinschreiten. Er -dachte, er müsse mit erhobenen Armen und einem ungeheueren -fanfarenden Schreien das Licht zerreißen. Aber -es schoben sich da und dort Frauenköpfe mit neugierigen -Augen durch niedere Fenster; es standen -schwätzende Weiber hinter den Zäunen und sahen ihm -nach; und wie die Gattertür vor der Auffahrt zum Schloßgarten<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -hinter ihm zuschlug und Falterstille, mit großen -stummen Augen auf den Schwingen, um ihn schwebte, -schlug sich der Drang zu dem ungeheueren himmelzerreißenden -Schrei nieder in Bitternis und Schweigen.</p> - -<p>Er hatte den Rausch der vier Tage in windigen -Kniehosen und in einer Gürteljoppe bestanden und hatte -ausgesehen wie Samstag. Nun schmiegte sich freudiger -Sommerstoff um ihn. Er hatte eine blaue Krawatte -umgetan, die an Daseinslust mit der Seide des Himmels -wetteiferte, und seine Augen liefen an der gepflegten -Bügelfalte hinab, die in den Aufschlag der Hose versickerte; -dazu hatte er chamoisfarbene Gamaschen über die gelben -Schule gestreift – – die sehr frühe Stunde fiel ihm ein, -in der er den langen Menschen Jakobus mit beseligter -Hingabe für Gwendolin Vogelgesang bereitet hatte …</p> - -<p>Er suchte nach dem Winkel in seinem Herzen, in dem -eine annähernd höllische Teufelei aufgehen könnte, und -fand ihn nicht.</p> - -<p>Oder war das Benehmen Gwendolins von der Verzweiflung -des Augenblicks geboren? War es Verwirrung -gewesen, die der Ueberfall angerichtet hatte? Oder war -es die mädchenhafte Scheu, sich zu verraten?</p> - -<p>Vielleicht, wenn er ihr morgen entgegenlief, breitete -sie die Arme weit aus wie ein Sommertag, wenn er die -Sonne kommen sieht!</p> - -<p>Ueber diesem Gedanken stieß er alle Türen und Fenster -seines Herzens weit auf – aber der liebe glockenklare -Morgenwind lief nicht hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<p>Da hatte er nun diese Lippen hingenommen wie der -Frühling eine erwachende Blume! Und als Do ihren -wissenden Finger erhob, der da fragte: »Sie denken -wohl …?« hatte er seine Empörung gegen diesen Finger -geblasen.</p> - -<p>Nun waren die Küsse der vier Tage, die ihm auf dem -morgendlichen Waldgange erdbeerfrisch noch auf dem -Munde gelegen hatten, am Wegrande gewachsen!</p> - -<p>Er wischte sie mit dem Taschentuche fort und dachte: -ein Mädchenmund voll so staubiger Süßigkeiten müßte -von Rechts wegen gekennzeichnet sein – und nörgelte -eine Stunde lang an der Weltordnung herum.</p> - -<p>Es tauchten da und dort morgenlichte Kleider auf, und -es blühten da und dort auf umschatteten Wegen junge -Stimmen. Da setzte er sich auf eine Bank und saß bis -an den Mittag und warf seine Blicke auf jeden Frauenmund -– ob er sich an ihm vorüberlachte in der Freude -am Licht, ob er voll sehnsüchtigem oder besinnlichem oder -dankbarem Traum am Glück sei, oder ob er blühe wie -ein Mohnfeld, lichterloh und in seelenzehrendem Brand …</p> - -<p>Es war ein qualvolles Studium, und der Teufel half -ihm die Küsse zählen, die verschwenderisch auf diese roten -Blumen hingedrückt worden, und rieb sich die Hände.</p> - -<p>So ließ er an dem Grab, an dem er stand, ›die -Schmerzen in Betrachtung übergehn‹ … Er wußte nicht, -daß er damit heimlich in die Gärten Goethes getreten -war, der also dichtend überwand, was Bitternis auf seine -Sonnenwege schattete. Aber nur ein paar Schritte weiter<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -am Wege durch den Schloßgarten wartete ein Erlebnis -auf ihn.</p> - -<p>Der Traum des Mittags war aufgestanden und -wandelte mit erhobenen Händen, unter denen es sonnenstill -wird. Die goldenen Netze der Luft fielen über das -Atmen der Blumen; helle Menschensinne begegnen in -dieser Stunde den Seelen der Bäume …</p> - -<p>Als die Dame, mit der Jakobus an diesem Tag in -ein Gespräch kam, solche Worte aus einer seherischen Erschütterung -ihres Herzens zu ihm redete, wunderte er sich; -denn es war eine fremde Art. Die Frauen, die seither -um ihn gewesen waren, begriffen die Welt in heiterer -Sinnlichkeit – vor allem Gwendolin die Sonnenseitige. -Und Doris Rinkhaus war oktoberklar, oder sie war voll -Märzenlicht … Er lächelte sich in ein heimliches Vergleichen -hinein und merkte, daß Do ihm ihre Siegeraugen -machte. Aber sie lachte nicht das Lachen, in dem die -Engel Feste feierten und grüne Gläser mit sachte -spritzendem Moselwein aneinanderklangen, sondern sie -sagte: »Na, Herr Jakobus Sinsheimer?« Damit verbriefte -sie ihm ihr Recht, wenn er ihr einmal unter die -Füße gekommen war. Aber er dachte, jener unter die -Füße zu kommen wäre besser, als der Gwendolin unter -die Lippen – zwar …</p> - -<p>Dies Zwar war eine Schwelle. Seine Gedanken -stolperten darüber und stolperten zu einem gelben Buch, -das auf der Bank unter der Hängebuche lag. Es lag auf -der Nase und Jockele setzte sich daneben und las so von<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -oben herunter: ›Reclams Klassikerausgaben. Gedichte von -Wolfgang von Goethe.‹</p> - -<p>Er ließ die Seiten durch seine Finger laufen – der -ganze zwanzig Bogen umfassende Band, von der -›Zueignung‹ bis zu den Noten am Schluß, war Zeile -für Zeile grüblerisch durchgearbeitet. Unbeirrbare Sehnsucht, -alles zu wissen, war hier am Werke gewesen. Schon -hinter der ersten Ueberschrift »Zueignung« stand geschrieben: -›August 1784 auf einer Reise nach Braunschweig, -ursprüngl. f. d. Geheimnisse‹. Die zweite Strophe -des Gedichts beginnt: »Und wie ich stieg, zog von dem -Fluß der Wiesen ein Nebel sich in Streifen sacht hervor,« -daneben in Blei und emsig schülerhaft: ›Goethe interessierte -sich sehr für Wolken.‹ Vor allem waren die Beziehungen -zu Faust zweiter Teil mit beharrlichem Bemühen -gesucht und vermerkt – gleich zu Anfang der -dritten Strophe der Zueignung: »Auf einmal schien die -Sonne durchzudringen, im Nebel ließ sich eine Klarheit -sehn …,« war notiert: ›Faust II, 1: Im Dämmerschein -liegt schon die Welt erschlossen.‹</p> - -<p>War das ein Philologe, der so nach Dichterschätzen grub?</p> - -<p>Wieder hörte er die graue Frage: »Was wissen Sie -von Goethe, Herr Jo?« hinter der damals im Tiefurter -Park seine Jugend in so beängstigender Finsternis gestanden -hatte. Es war ihm, als wäre von unsichtbaren -Händen ein Tor angelweit aufgeschlagen worden – und -nun sollte er nicht eintreten dürfen in dies Licht, das -über ihn fiel? Ein unersetzbarer Schatz!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span></p> - -<p>Er schaute um sich … rings waren die schirmenden -Aeste der Buche … vielleicht hatte einer den Band zum -Finden dahingelegt … ›Zigeuner!‹ sagte er laut und -bitter.</p> - -<p>Aber fortgehen konnte er nicht. Er ergriff es abermals, -las sich das Herz heiß und dachte: »Ich will es dem -Kastellan bringen und will mein Besitzrecht geltend -machen für den Fall, daß sich der Verlierer nicht meldet. -Oder – ich will mir die gleiche Ausgabe kaufen und will -jeden Tag herausgehen und diese Anmerkungen abschreiben -…« Er dachte sich ganz wirbelig, und dann -schritt er den Gartenweg entlang.</p> - -<p>Da begegnete ihm eine Dame –</p> - -<p>»Verzeihung,« sagte sie, »Sie haben meinen Band -Goethe auf der Bank unter jener Buche gefunden …«</p> - -<p>»Jawohl,« sagte er verbindlich und hielt den Hut -dabei in der Hand, »ich wollte ihn dem Kastellan übergeben; -denn ich sah, daß der Eigentümer den Verlust -sehr schmerzlich empfinden würde.«</p> - -<p>»Ich danke Ihnen tausendmal,« sagte das ältliche -Fräulein mit jenem norddeutschen Ausdrucke, den er selbst -von Tante Veronika angenommen hatte. Da faßte -er Mut –</p> - -<p>»Darf ich mir als Finderlohn die Erlaubnis ausbitten, -alle Anmerkungen in einen eigenen Band zu übertragen?«</p> - -<p>»Gerne, wenn wir einen Weg dazu finden,« antwortete -sie. »Ich komme von weit her – ich bin eine -Sucherin nach herrlichen Schätzen, mein Herr – eine<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -Schatzgräberin in des Wortes ursprünglichster Bedeutung: -ich werde den Faust finden, von dem Goethe in seinen -Tagebüchern redet als von dem ›Hauptgeschäft‹. Diese -letzte Fassung ist der Welt noch vorenthalten; er selbst -redet von einem Schelmenstück, das er damit beabsichtigte -– bis ins Jahr 1775 zurück läßt sich das Vorhaben verfolgen, -dies Werk den Augen der Menschen zu entziehen – -und er ist hingegangen in den Garten Am Horn zu -Weimar und hat während der letzten Jahre seines Lebens -die Vorbereitungen getroffen. In jenem Garten, in den -er seinen ewigen Tempel baute, hat er am 16. August -1831 die Handschrift vergraben.«</p> - -<p>Das alles kam aus einem lodenen Fräulein und unter -einem Jägerhütchen hervor und stürmte auf ihn ein mit -kühn vorgehaltenem Fahnenschafte.</p> - -<p>»Ah,« sagte er, »und wenn ich recht verstanden habe, -so wollen Sie diese endgültige Fassung des ›Faust‹ im -Garten des kleinen Hauses entdecken?«</p> - -<p>»Ich <em class="gesperrt">werde</em> sie entdecken!«</p> - -<p>»Dann – dann müßten Sie aber wohl den ganzen -Garten umwühlen?«</p> - -<p>»Oh, ich werde die Stellen zu bezeichnen wissen!«</p> - -<p>»Das ist ja ein Fund, der die Welt erschüttern wird!« -stammelte Jakobus. »Ich fange an, die Hand einer gütigen -Vorsehung zu erkennen,« sagte er, schon mit allen Sinnen -hineingebettet in den schwärmerischen Ton des Fräuleins -Erika Flucht – »mein Weg führt mich täglich an jenem -Garten Goethes vorüber … Haben Sie ihn vorhin nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -den ewigen Tempel genannt? Auch ich wohne in einem -Gartenhäuschen am Horn.«</p> - -<p>»So seien Sie mir gegrüßt!« rief sie, reichte ihm die -Hand und versprach, ihm noch an diesem Abend die Bezeichnung -›der ewige Tempel‹ zu erläutern. Dann erhob -sie ihre Stimme und sprach, mit einer großen Geste nach -Weimar:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Gab die liebende Natur,<br /></span> -<span class="i0">Gab der Geist Euch Flügel,<br /></span> -<span class="i0">Folget meiner leichten Spur –<br /></span> -<span class="i0">Auf, zum Rosenhügel!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Jakobus Sinsheimer ahnte eine Aufforderung zu -sofortigem Aufbruche, und weil seine Augen dies Ahnen -spiegelten, fragte sie: »Sie wissen wohl nicht, daß der -Hang, an dem Goethes Gartenhaus liegt, der Rosenberg -heißt?«</p> - -<p>»Nein,« gestand er, »mir kommt es überhaupt vor, als -wüßte ich gar nichts.«</p> - -<p>»Sehen Sie – und die Stelle, die ich Ihnen soeben -vorsprach – ist sie nicht ein Ruf des Meisters: ›Ihr, -denen der Geist Flügel schenkte, folgt mir … unter dem -von Geisterstimmen umraunten Rasen des Rosenhügels -findet Ihr des Rätsels Lösung!‹ Aber seine Dichtungen -sind <em class="gesperrt">voll</em> von solchen Rufen und Lockungen nach dem -Geheimnisse, das er schelmisch dort der Mutter Erde vertraute. -Kommen Sie, sehen Sie mit Ihren Augen die -Zauberkreise, die Goethes heitere Größe um das königliche -Vermächtnis schlug!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p> - -<p>Es kam aus dieser seherischen Seele über ihn – noch -zitterte der Rausch durch seine aufgewühlten Sinne, den -die Frühlingsgaben Gwendolins hindurchgejauchzt hatten, -nun ruderte er schon wieder mit schwunghafter Leichtherzigkeit -hinein ins Himmelblau ohne Grenzen und fühlte: -die fruchtatmende Erde geriet ins Wogen.</p> - -<p>Als sie an dem Hause Gwendolins vorübergingen, rief -er der Frau hinein, er werde das Malzeug in den nächsten -Tagen holen lassen.</p> - -<p>Dann fanden sie sich im Zwetschengarten des Gasthofs -über einem verspäteten Mahle zueinander: das -Glück, aus gerütteltem Ueberflusse Weisheit zu spenden, -führte Erika Flucht – die Frage Dos: Was -wissen Sie von Goethe? drängte ihn zu ihr … -Aber er selbst war viel zu sehr bedrängt vom Erleben. -Er hörte mit Atemlosigkeit des Herzens zu und kam sich -vor wie das Kind, das den himmelblauen Frühlingswind -fangen wollte; da rettete der sich vor den tappenden -Händen in einen blühenden Kirschbaum und wirbelte -einen Haufen Silberzindel herab – und der lange Mensch -Jakobus stand mitten darin und ließ es schneien. Auch -der gewärmte Kalbsbraten forderte ein Stück liebevolle -Teilnahme.</p> - -<p>Einmal hob er das Glas zum Trunke, aber es mußte -auf halbem Wege warten; denn zwischen Lipp' und -Kelchesrand warf Erika Fluchts stürmende Begeisterung -den Peneios, den Olymp, Persephoneien und Orpheus -und die ganze klassische Walpurgisnacht hindurch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p> - -<p>Das geschah an dem gleichen Tische, um den die -Scherben der vor vier Stunden jäh zerbrochenen Liebe -lagen.</p> - -<p>Sollte er ihr gestehen, daß wenigstem Peneios und -Persephoneia unentdeckte Welten für ihn waren? …</p> - -<p>Nachdem der Kellner abgetragen hatte, legte Jockele -die Arme um die Kante des Tisches, als wären auf der -Platte tausend surrende Firlchen losgelassen – Knöpfe, -die auf dem durchgesteckten Holze tanzen – und gebärdete -sich, als dürfe von dem närrischen Schwarme keines -hinabschnorren in den Sand. Aber das war ein eitles -Beginnen. Darum sann er auf Rettung und sagte: »Verehrtes -Fräulein, bitte, nehmen Sie eine Zigarette.«</p> - -<p>Er hatte gerechnet: sie ist von ganz anderer Art als -Gwendolin Vogelgesang, die oft sogar beim Malen -rauchte, und gedachte nun Feuer mit Feuer zu dämpfen; -auch Maria Reh hatte sich vom Rauchen so hinnehmen -lassen als von einem mühseligen Geschäft – und mild -lächelnd senkte sich die Ruhe über sie.</p> - -<p>Als der rote Bronnen der Weisheit gestopft war, -lenkte er das Gespräch nicht ungeschickt auf ein Nebengeleis -– »Durch die Kronen der Bäume wehen Duftwogen -aus der blütenbunten Stille des Schloßgartens,« -sagte er, der Würde der Stunde entsprechend. Aber -Erika Flucht warf sich gleich in diese Wogen hinein und -sprach, als läse sie ihm vor: »In Ettersburg vollendete -Stiller ›Maria Stuart‹, und hier wurde Goethes -›Iphigenie‹ zum erstenmal in geschlossenem Raum aufgeführt.<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -Goethe spielte den Orest, und – wenn ich nicht -irre – Karl August den Pylades.«</p> - -<p>»So, so,« sagte Jockele aus seiner tiefen Zerschmetterung -heraus und rang mit sich, ob er ihr erklären -sollte, daß er für die nächste Stunde nicht mehr aufnahmefähig -sei – wegen des Erlebnisses vom Vormittag, oder -weil das Feld seines Geistes, auf dem sie mit beglücktem -Fleiße baute, noch zu wenig vorbereitet wäre?</p> - -<p>Er entschied sich für das letztere und erzählte ihr den -Roman seines Lebens. Darüber traten sie die Wanderung -nach Weimar an, und der Bericht war auf eine Meile -verteilt.</p> - -<p>Als es dämmerig wurde, traten sie unter dem Gewölbe -der Sternbrücke heraus in den weimarischen Park. Ein -später Nebel spann aus dem abendruhigen Spiegel der -Ilm, ganz dünn und zauberisch und von leisem Glanz: -er hatte an den Kahn des Mondes gestreift, der auf dem -Wasser lag.</p> - -<p>Sie gingen an der Sphinx vorüber, und Erika Flucht -sprach unter dem Silberschleier hervor, der sich auf ihre -Seele gelegt hatte, sprach ein paar Verse Goethes – »auch -aus diesen Versen von der Sphinx ruft das Geheimnis -von dem nahe verborgenen Schatze,« erläuterte sie.</p> - -<p>Der Abend im Park war voll heimlicher Verheißungen. -Und Jockele war gefaßt.</p> - -<p>Auf dem Weg über den Stern nach Goethes Gartenhause -fragte er: »Sie redeten von dem ewigen Tempel – -wo ist er?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>»Später, später!« sagte sie. »Jetzt von der klassischen -Walpurgisnacht – dies ist die Landschaft! Rechts die -Ilm, die Goethe den Peneios nennt; links der Rosenberg -oder das Horn, der ihm zum Olymp geworden. Und -daß dies Reich in den ›Sand‹ versickert, ist ebenfalls dem -Ilmtal entnommen; denn der Platz, in den dies Tal vor -Oberweimar hinübermündet, hieß ›der Sand‹ und war -ein Exerzierplatz. Sehen Sie – so führt der Dichter selbst -alle jene, denen der Geist Flügel gab, zu dem Schatze -seines letzten, des wahren Faust! Jetzt verstehen Sie -die Landschaft und Sie verstehen die Mahnung:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">In des Olympus hohlem Fuß<br /></span> -<span class="i0">Lauscht sie (Persephoneia) geheim verbotenem Gruß;<br /></span> -<span class="i0">Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt;<br /></span> -<span class="i0">Benutz' es besser, frisch! beherzt!<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Kann ein Dichter, der der Nachwelt ein Rätsel aufgeben -wollte, unverschleierter andeuten, daß er die Handschrift, -von der er als von dem ›Hauptgeschäfte‹ redet, in den -Fuß dieses Hanges vergrub? Kann er klarer den Weg -dazu weisen?«</p> - -<p>Jakobus empfand ihre Worte wie liebevolle Umarmungen. -Aber der Gedanke an den Reif, den der -Herbstmorgen heut über die allzufreudige Hingabe seines -Herzens gesprüht hatte, ließ seine Sinne steil und sein -Herz lauschend werden, und er fragte aus leisem Zweifel -heraus:</p> - -<p>»Hat man diese letzte Niederschrift des Faust von -Goethes Hand in der Tat nie gesehen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p> - -<p>»Nie! Und doch ist sie beinahe in jeder Anmerkung -seines Tagebuchs aus der Zeit kurz vor seinem Tode erwähnt.« -Erika Flucht zitierte aus einem sicheren Gedächtnis -alle Stellen dieses Tagebuchs mit den Daten. -Sie hatte jede Zeile Goethes geprüft auf das Rätsel, dem -sie in ahnender Erleuchtung nachzog.</p> - -<p>Da waren sie an die untere Pforte des Gartens -gelangt.</p> - -<p>Erika Flucht öffnete sie und sagte: »Man hat mir den -Schlüssel übergeben, damit ich des Traumes Deutung -nachspüre, so oft mich der Geist ergreift. Sieben Stufen -führen empor – eine geheiligte Zahl!« Das silberne -Dämmerlicht sickerte um die hohen Säulen der Bäume. –</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Blick auf, hier steht bedeutend nah<br /></span> -<span class="i0">Im Mondenschein der ewige Tempel da!<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">Wir schreiten in diesem Augenblicke hinein! Und niemand -erriet, was mir die Seele dieses Ortes offenbarte! Zuerst -fand ich unter Moos dies Mosaik, und eingelegt in das -Gestein das Zeichen des Pentagrammas. Goethe setzte -dies Ausrufezeichen an die Schwelle des Tempels – aber -die Menschen bedachten es nicht und schritten darüber …«</p> - -<p>»Und warum nennen Sie diesen Teil des Gartens -immer ›Tempel‹, Fräulein Flucht?«</p> - -<p>»Meine Entdeckung, Herr Sinsheimer! Die Gartenanlage -trägt die Grundform eines altchristlichen Heiligtums -– dieser Weg nach Osten stellt das Hauptschiff dar, -jener das Querschiff –, dort in der Verlängerung des -Mittelschiffs sehen Sie den muschelförmigen Abschluß,<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -Chor und Apsis, den Goethe durch die im Bogen gepflanzten -Linden andeutete, und an der gleichen Stelle -wie in der Basilika, der Hochaltar: das Allerheiligste mit -dem Tisch aus Stein, um den Sie den welligen Saum -des Altartuchs gemeißelt finden, und darüber das Altarbild, -die Tafel mit den Versen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Hier in Stille gedachte der liebende seiner Geliebten;<br /></span> -<span class="i0">Heiter sprach er zu mir: werde mir Zeuge, Du Stein!«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Und der Faust?« fragte er erschüttert.</p> - -<p>»Dieser wunderbare Naturtempel kann nichts anderes -sein als die Folie zu dem tiefen, ernsten Vermächtnis – -›blick auf, er steht bedeutend nah!‹ ruft der Dichter der -Menschheit ins Herz – aber sie versteht seine Mahnung -nicht … Hier, mein Herr, hat Goethe die Urschrift zu -seinem Faust vergraben.«</p> - -<p>Erika hatte alles zusammengetragen an Daten und -Veränderungen, die in dem unteren Garten während der -letzten Lebensjahre Goethes vorgenommen worden -waren. Sie ließ in den folgenden Tagen an Stellen des -umrauschten Hanges graben, von denen sie vermutete, -daß sie des Rätsels Lösung brächten – vergebens!</p> - -<p>In Jakobus klang jedes ihrer Worte nach, als sie -abgereist war.</p> - -<p>Den Band Goethe ließ sie ihm zur Abschrift der Anmerkungen -und sagte, wenn sie wiederkäme, würde sie der -Enthüllung des Vermächtnisses, das ›in den Fuß des -Olympus eingeschwärzt‹ sei, ein gut Stück näher sein. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p> - -<p>Seine Tage – die letzten im lichten Scheinen des -Jahres, die es im Scheiden abbrennt als ein königliches -Feuerwerk, zogen dahin in tapferer Feindschaft gegen -Doris Rinkhaus. Das hatte Gwendolin Vogelgesang -getan! Do und Jo gingen aneinander grußlos vorüber, -wenn es einmal kam, daß sie nicht ausweichen konnten.</p> - -<p>Da hing oft mitternächtige Finsternis um ihn, und er -rief sich den Geist Dos wie einer Abgeschiedenen und sagte -zu ihm: »Wie denken Sie über die vergrabene Handschrift -zum Faust?« Es war komisch – er nannte das Bild mit -den hellen Augen und der klaren Sichtigkeit des Märztages -immer ›Sie‹. Und Do lehnte sich mit vor der Brust -gekreuzten Armen rückwärts gegen das Fensterbrett, wie -es ihre Gewohnheit war, wenn sie einen Angriff plante -oder sich eine Stellung zu erfolgreicher Verteidigung -eroberte –</p> - -<p>»Hm,« sagte sie, »es wäre eine Roheit, diese wunderliche -Idee vor der Welt ins Lächerliche zu ziehen. Da -die Handschrift in der Tat fehlt und die Tagebuchaufzeichnungen -Goethes den Schluß auf eine zurzeit verlorene -Fassung des Dramas zulassen, so muß man wohl auch -jeden Versuch, ihrer habhaft zu werden, achten. Aber -ich halte die Kette der Schlüsse jenes Fräuleins doch für -eine sehr phantastische Anreihung und glaube nicht, daß -sie im Besitz der Wunderlampe ist, die zu dem Schatze -leuchtet.«</p> - -<p>Aber Jockele, der Dos Geist nun auf dies heimliche -Zwiegespräch gefordert hatte, beschied sich damit nicht –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span></p> - -<p>»Und warum sind Sie dieser Ansicht?«</p> - -<p>»Ich sagte Ihnen ja schon, daß mir die Beweisführung -zu phantastisch erscheint – vor allem aber: es gehört doch -eine merkwürdige Auffassung von der Psyche eines -ernsten und bedeutenden Mannes dazu, ihr ein derartiges -Versteckspiel anzudichten, das ohne Zweifel kindsköpfisch -aussieht.«</p> - -<p>»Sie kennen die Beweisführung nicht in allen -Stücken, Do!«</p> - -<p>»Aber das Fundament ist für mich Luft! Es gehört -der unbegreifliche Mut einer Frau dazu, darauf ein -Gebäude zu errichten.«</p> - -<p>Draußen ging ein langer spinnwebfeiner Septemberregen -nieder.</p> - -<p>Da wühlte sich Jakobus in dem sanft durchwärmten -Gartenhäuschen tiefer in Goethe und die Gedankengänge -Erika Fluchts hinein – bis zu selbstvergessender -Forscherfreude. Der zweite Teil des Faust -wurde auch für ihn ein mächtiger Bund von Schlüsseln. -Er probierte jeden an den vielen Türen, die der Dichter -vor dem ›großen Schelmenstück‹ seines Lebens aufgerichtet -hatte. Zu dem dunklen Gange, der den Schatz bewahrte -und zu Persephoneien führte, sah er Wegzeichen –: -›Von der Erde muß das Heil uns kommen!‹ stand da -geschrieben, und er fand die Verse, die Goethe mit Bezug -auf den Hügel seines Gartens gedichtet haben mußte, -wenn in der griechischen Landschaft des Peneios das -Ilmtal dargestellt war:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,<br /></span> -<span class="i0">Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,<br /></span> -<span class="i0">Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen –<br /></span> -<span class="i0">Das wäre hier für sie ein würdig Ziel!<br /></span> -</div></div> - -<p>Bei der Papiergeldszene, von der ihm Erika Flucht -mit geheimnisreicher Inbrunst ihre Deutung gegeben, -verweilte er lange. Ihre Fragen klangen ihm in den -Ohren – Glocken, die am längsten läuten: »Was soll -diese Szene, wenn sie nicht ein Hinweis auf die vergrabene -Handschrift wäre?«</p> - -<p>Er las:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;<br /></span> -<span class="i0">Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen.<br /></span> -<span class="i0">In Berges Adern, Mauergründen<br /></span> -<span class="i0">Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden;<br /></span> -<span class="i0">Und fragt Ihr mich, wer es zutage schafft?<br /></span> -<span class="i0">Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.<br /></span> -</div></div> - -<p>Und daneben stellte Goethe die anderen Worte des -Mephistopheles:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.<br /></span> -<span class="i0">Es liegt schon da, doch um es zu erlangen,<br /></span> -<span class="i0">Das ist die Kunst; wer weiß es anzufangen?<br /></span> -<span class="i0">Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften,<br /></span> -<span class="i0">Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften,<br /></span> -<span class="i0">Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte,<br /></span> -<span class="i0">Sein Liebstes da- und dortwohin versteckte …<br /></span> -</div></div> - -<p>Aber durch jedes Fenster, das er aufschlug, um Licht -durch die zähe Dämmerung fluten zu lassen, steckte Doris<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -Rinkhaus den Kopf mit den unbarmherzig hellen Augen -und sagte: »Ich höre doppelt, was er spricht – und dennoch -überzeugt's mich nicht!«</p> - -<p>Jockele hieß die Gelegenheit willkommen, mit dem -›Lichte von drüben‹ sich über den Fall auseinanderzusetzen -– es war kurzweiliger, als immerfort Erika Flucht im -Geiste reden zu hören, die die ganze Papiergeldgeschichte -auswendig wußte. –</p> - -<p>»Es steht hier ja mit nahezu unheimlicher Deutlichkeit, -wie die Entdeckung des Schatzes vor sich gehen wird,« sagte -er und pochte mit den Fingern auf die bedruckten Seiten, -als gälte es, den Geist Dos, den stets verneinenden, für -diesen Himmel zu gewinnen –</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Doch kann ich nicht genug verkünden,<br /></span> -<span class="i0">Was überall besitzlos harrend liegt.<br /></span> -<span class="i0">Der Bauer, der die Furche pflügt,<br /></span> -<span class="i0">Hebt einen Goldtopf mit der Scholle,<br /></span> -<span class="i0">Salpeter hofft er von der Leimenwand<br /></span> -<span class="i0">Und findet golden-goldne Rolle,<br /></span> -<span class="i0">Erschreckt, erfreut, in kümmerlicher Hand …<br /></span> -<span class="i0">Nimm Hack' und Spaten, grabe selber,<br /></span> -<span class="i0">Die Bauernarbeit macht Dich groß,<br /></span> -<span class="i0">Und eine Herde goldner Kälber,<br /></span> -<span class="i0">Sie reißen sich vom Boden los.<br /></span> -</div></div> - -<p>Er las in unablässigem Wandelgange so laut, daß Do -hätte aufhorchen müssen, wenn sie im Garten gewesen -wäre. Aber der Nebel kroch draußen über das Gras, zog<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -seine Netze von Stamm zu Stamm und fing darin schlafmüde -Blätter.</p> - -<p>So oft Jo sich Doris Rinkhaus in den Lehnstuhl am -wärmelnden Ofen dachte, hatte sie immer die gleichen -mitleidlosen Augen.</p> - -<p>Dann kam ein Tag, da schritt er ohne Buch durch die -trauliche niedere Stube und wußte die Szene auswendig -wie Erika Flucht. Aber die Freudigkeit der Gefolgschaft -hatte er verloren.</p> - -<p>An diesem Tage schrieb er an die ferne Erika Flucht: -»Manchmal fällt himmelfrohes Leuchten in mich und ich -grüße Sie in Ihr beseligtes Suchen. Aber zuletzt steht -doch stets der Zweifel – ich kann Ihnen nicht mehr helfen, -verehrte Freundin; denn ich finde keinen Vers, der sich -nicht viel müheloser anders deuten ließe als im Sinne -Ihres wertvollen und interessanten Bemühens. Und doch: -ich habe meinen Schatz gefunden, indem ich hinter dem -Lichte wanderte, das Sie vor mir hertrugen – sehen Sie -zu, daß auch Ihnen Ihre Sehnsucht Erfüllung werde!«</p> - -<p>Zwei Jahre später erhielt er ein Buch, das sie über -diese Dinge geschrieben hatte. Es trug den Titel: »Das -Vermächtnis« und er erkannte daraus, daß sie ihres -Traumes Deutung nicht näher gekommen war.</p> - -<p>Ihr Name wurde später noch oft von Do und ihm -genannt, aber sie lächelten doch zuletzt über ihn hin – -›im Finstern sind Mysterien zu Haus‹.</p> - -<p>Leibhaftig gesehen hatte er Do nicht in diesen Tagen, -die so schläfrig im Nebel herumliefen. Aber nun ging er<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -des Mittags immer den breiten Gartenweg, und nicht -mehr durch die Schlüpfe, und richtete seine Blicke bei jeder -Heimkehr aus der Stadt gegen ihre Fenster.</p> - -<p>Es lag immer die gleiche undurchdringliche Ruhe dort.</p> - -<p>Da befiel ihn die Sorge, es könnte Do etwas zugestoßen -sein. Er suchte vor der Tür in dem aufgeweichten -Wege nach der Spur ihrer Füße und fand sie nicht. Er -ging an einem Abend viermal hinaus und sah, ob Licht -hinter den Fenstern ihres Zimmers wäre – das Haus -war gestorben. Er riß an dem Klingelstrange, daß die -Glocke drinnen jäh aus ihrem Schlafe schreckte und Sturm -läutete – »Wenn sie jetzt kommt,« dachte er, »so sag' ich: -›ich wollte sie nur noch mehr ärgern, als dies schon geschehen -ist‹ – und dann frier' ich zu bis auf den Grund.«</p> - -<p>Aber sie kam nicht. Da lief er gegen seine Gewohnheit -in die Stadt, um eine ihrer Bekannten zu treffen. -Vor jedem Menschen hatte er die Frage auf den Lippen: -»Kennen Sie Doris Rinkhaus? Wo ist sie hingekommen?«</p> - -<p>Als er beim Kaisercafé um die Ecke in die Schillerstraße -einbog, war der Bummel der Weimaraner schon im -Einschlafen. Die Rathausuhr schlug acht. Die Laternen -spannten gelbe Brücken auf die glitschigen Steige, und -was da in Regenzeug mit hochgeschlagenen Rockkragen -dahinstapfte, waren »die nach Ladenschluß«. Nur aus dem -Fauserschen Blumengeschäft bei dem Gänsemännchen -brach noch ein verspäteter Strom Licht in den Nebel – -Gwendolin stand drinnen in Blüten und steckte sich gerade -drei rote Nelken in den Gürtel!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span></p> - -<p>Er hatte all die Zeit her nicht das leiseste Verlangen -gespürt, sie über ihr Verhalten in Ettersburg zur Rede -zu stellen. Nun, da nur die blanke Scheibe zwischen ihm -und ihr war, prallte er zurück – aber: »Träf' ich Dich nicht -heute, träf' ich Dich ein andermal,« dachte er, sprang die -Stufe empor und stieß hart gegen die Glastür; sie war -geschlossen.</p> - -<p>Da öffnete ihm Gwendolin –</p> - -<p>»Wissen Sie, wo Doris Rinkhaus hingekommen ist?« -fragte er.</p> - -<p>»Aber ja,« sagte sie, »sie ist in Ibenheim! Und Sie -wissen das nicht?«</p> - -<p>»Nein. Was soll denn das heißen? – Nun ja, wir -haben doch noch vier Wochen Krieg miteinander.«</p> - -<p>»Geschieht Ihnen recht. Halt, halt! Warten Sie, ich -gehe mit Ihnen!«</p> - -<p>Das war Gwendolin – sie hatte ihn schon wieder in -beiden Händen.</p> - -<p>»Ich gehe nach Hause,« sagte er.</p> - -<p>»Ich gehe mit,« sagte sie. »Warum haben Sie sich in -diesen vier Wochen eigentlich nicht sehen lassen?«</p> - -<p>»Vor Ihnen?«</p> - -<p>»Natürlich vor mir! Aber diese Sache machen wir -daheim ab. Los!« kommandierte sie.</p> - -<p>Sie gingen über den Markt und gingen über die -Sternbrücke. Als sie in den dunklen Fußweg nach dem -Horn einbogen, sprengte ihr ein Lachen den Mund –<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -diesen Mund, der über seine rauchenden Sinne geblüht -war wie die rote Seide des Feldmohns, wenn sie sich -voll Sonne getrunken hat! Und Doris Rinkhaus in Ibenheim! -Krieg auf Kündigung! Dazu Erika Flucht, die -den Olympus durchwühlte, in den Goethe sein Vermächtnis -eingeschwärzt hat … Und das alles auf einem -kleinen Zirkel Zeit und Erde! … Jakobus Sinsheimer -stand in der Mitte dieser verrückt gewordenen Drehscheibe, -wirbelte sich um seine eigene Achse und bekam das wüste -Sehen.</p> - -<p>»Du,« sagte sie, »willst Du den ganzen Abend so zugenagelt -sein? Rede!«</p> - -<p>»Frage nur weiter,« sagte er – »vielleicht rat' ich mich -dann aus meinem Staunen heraus.«</p> - -<p>Sie lachte, daß ihm das Herz klang.</p> - -<p>»Verrückte Geschichte!« sagte er. »Und nun kommt -das auch noch, sagt ›Du‹ zu mir und stattet mir einen -mitternächtigen Besuch ab. Nimm Dich in acht vor mir!«</p> - -<p>»Fällt mir ja gar nicht ein!«</p> - -<p>Teufel, wie das lachen konnte! … Jakobus Sinsheimer -fing an, nachsichtig gegen sich selbst zu werden und -dachte an vollkommene Verzeihung – »das heißt,« erläuterte -er laut, als ob sie seine Gedanken gehört hätte – -»ich selbst will mir verzeihen. Du bist hoffentlich vernünftig -genug und verzichtest für Dich!«</p> - -<p>Es knisterte und tropfte im Laubdache der Kastanien, -und auf dem breiten Gartenwege lag mitternächtige -Finsternis.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p> - -<p>»Es ist schaurig einsam hier,« sagte Gwendolin und -legte ihren Arm um den seinen; da fühlte sie, daß der von -Holz war und ohne Bedürfnis, sich anzuschmiegen.</p> - -<p>In der Türe des Hauses ließ er sie stehen und brannte -die Lampe an, und Licht und Wärme nahmen ihr das -Regencape ab –</p> - -<p>»Ah,« sagte sie voll Rührung, »wie lieb hier alles ist! -Und dahinein hast Du mich nicht ein einziges Mal gerufen?«</p> - -<p>»Nein,« sagte er – »der Name Gwendolin Vogelgesang -ringelt sich aus dem Mund als eine Schlange und -zischt, ehe er noch ganz hervorgekrochen ist! … Ich weiß -das leider erst seit diesem Augenblick.«</p> - -<p>Sie setzte auch den braunen Hut ab, um den ein -schmales Band aus schwarzem Glanztuch geschnallt war, -und rückte sich den Lehnstuhl an den Tisch.</p> - -<p>»Du, mach' eine Tasse Tee!« lockte sie.</p> - -<p>Da holte er den Spirituskocher von dem Fensterbrett -in der Kammer. Sie hörte, wie er draußen Wasser in -einen Blechtopf goß, dann stellte er den ganzen Betrieb -auf die Diele vor den Ofen und zündete an.</p> - -<p>»Pfui, wie männermäßig und stimmungslos! Ich -werde Dir morgen einen Samowar schicken, der kommt -auf den Tisch, und Du läßt Dir des Abends etwas von -ihm vorsingen, wenn ich nicht da bin.«</p> - -<p>»Das klingt ja gerade, als wolltest Du wiederkommen?«</p> - -<p>»Du lieber dummer Junge – selbstverständlich will -ich wiederkommen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p> - -<p>Da legte er das Kinn auf die gelbgemusterte Tischdecke -und sagte: »Gwendolin Vogelgesang! Gwendolin -Vogelgesang! So – jetzt kriechen zwei Schlangen auf dem -Tische herum … Ich wollte, Du entsetztest Dich davor – -vor Dir und Deinem Namen und vor Deiner bittersüßen -Seele und vor Deinen Tollkirschenaugen.«</p> - -<p>»Ich habe gar nicht gewußt, welch eine komplizierte -Einrichtung ich bin,« sagte sie.</p> - -<p>»Hm. Ich habe mir die Lippen abgewischt neulich in -Ettersburg, weil ich auf dem Wege zu Dir Deine Küsse -darauf gefühlt hatte.«</p> - -<p>»Den Samowar kriegst Du aber doch; denn … Sie -sind einfach süß in Ihrer Dummheit, Herr Sinsheimer!«</p> - -<p>Aber sie lachte nun nicht mehr, und es wurde ihr -schwer, ihn anzusehen; sein Mund, der so wild und süßschmerzlich -küssen konnte, verzog sich in gallebitterem -Widerwillen. Sie hatte in ihrer sonnenseitigen Art über -den Graben hinwegsetzen wollen, den sie gerissen – nun -war er breiter, als sie ahnen konnte, und Jockele stand -drüben und reichte ihr keine helfende Hand.</p> - -<p>Die kleine Uhr mit den Alabastersäulchen und dem -gewölbten Glas über dem Zifferblatt rief mit heller -Stimme neun – es war die gleiche Glocke, die schon in -Tante Veronikas Jungmädchenträume geklungen hatte … -Die mußten aus kleinen Rosen gewoben gewesen sein, -aber die Gwendolins waren aus violettem Nachtschatten, -der in jeder Dämmerung ein schwüles Leuchten anhebt -und Perlen aus Granatrot und Gift trägt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span></p> - -<p>Jakobus nahm eine Tasse aus dem Schrank, füllte die -kleine Meißener Kanne mit Tee und goß für Gwendolin -ein. Da ging sie an den Schrank, nahm für ihn eine Tasse -heraus und bediente ihn in der gleichen Weise.</p> - -<p>»Heute gefällst Du mir,« lächelte sie so über ihn hin, -»Du bist nicht nur dumm, Du bist auch tapfer.« Während -sie die Teekanne abstellte, streifte sie ihm mit der Hand -über das Haar – »Du,« sagte sie, »warum rauchst Du -nicht auf – ich habe Dich nun schon dreimal dumm -genannt!«</p> - -<p>»Weil Du recht hast. Wär' ich sonst auf Dich hineingefallen?«</p> - -<p>Auf dem Tische stand ein Strauß von Herbstgräsern. -Den hatte die Aufwärterin zusammengetragen, und Gwendolin -hatte ihre Nelken dazugefügt. Aus diesem Strauße -zog er einen Halm Zittergras und tupfte ihr damit an die -Lippen: »Walderdbeeren, die im Straßengraben wachsen,« -sagte er.</p> - -<p>Da wurde das hohe sonnige Mädchen leise, es gingen -vier Lichter aus an dem siebenarmigen Leuchter ihrer Zuversicht. -»Jockele,« sagte sie, »denkst Du, ich hätte Dir -diesen Mund gegeben, wenn Du nicht voll Sehnsucht nach -ihm gewesen wärst?« Sie zog mit dem Löffel das Muster -der Decke nach und glitt sich sachte aus den Händen.</p> - -<p>Er sprang auf und ging mit harten Schritten durch -das Zimmer – »Du hättest mich nicht so stumpfherzig verleugnen -sollen – dann wärest Du nicht so tief untergegangen -für mich, Gwendolin,« sagte er; »denn Du bist<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -nicht so arm, daß Du Dich selbst einem Bräutigam gegenüber -nicht verteidigen könntest.«</p> - -<p>Er ließ seine Augen nicht von ihr, denn sie war für -ihn Komödie geworden. Aber sie schaute nicht auf. Dann -sagte sie mit gesprungener Stimme: »Ich habe gedacht, es -könnte Dir daran gelegen sein …«</p> - -<p>»Daß Du mich vor einem Kellner zu einem Narren -machst?«</p> - -<p>Da erschrak sie und stand auf und legte ihre Arme um -ihn. Er wehrte sie ab –</p> - -<p>»Jetzt hast Du mir mitten aufs Herz getreten,« -knirschte sie und setzte sich voll Bitternis in den Stuhl. »Ich -habe Dich für jünger gehalten, als Du bist.«</p> - -<p>Da lachte er gell auf – »Wär' ich älter, so hätt' ich Dich -zur Dirne gemacht!« schrie er. »Aus! – Und nun sage -mir: was weißt Du von Doris Rinkhaus? Ich werde von -ihr das Leben erlernen müssen. Macht es Dich nicht nachdenklich, -daß ich mich nicht an ihren Mund wagen würde? -An diese hellen, kühlen, sauberen Lippen! Doris Rinkhaus -hat einmal gesagt: Wer den Glauben an die Menschen -nicht verlieren will, muß den Verkehr mit ihnen nach -Möglichkeit einschränken. Warum denke ich nun daran, -da ich Dich vor mir habe? Was weißt Du von ihr?«</p> - -<p>»Daß sie nach Ibenheim gereist ist und in dem Hause -wohnen wollte, in dem einst Maria Reh gewohnt hat. -Sie wollte wohl auch wissen, wo Du daheim wärst, und -wollte mit Tante Veronika zusammensein, die sie sehr -schätzt.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span></p> - -<p>Das war so ohne Verhehlungen hingesagt, daß er ganz -ruhig daran wurde. – Doris Rinkhaus hatte es sonst nicht -leicht mit den Menschen, sie war hellsichtiger als alle ihres -Alters, sie war fertig und selbstbewußt, und was ihr noch -zu erleben blieb, nahm sie hin in der klaren Bewußtheit, -mit der sie sich zu leben gewöhnt hatte. Sie machte sich -ihre Tage selber.</p> - -<p>Menschen solcher Art wachsen wenige und stehen fremd -inmitten der zehntausend Schablonen, die um sie herumlaufen, -und sie haben viele Feinde.</p> - -<p>Gwendolin sagte: »Doris Rinkhaus ist eine kaltherzige -Egoistin.«</p> - -<p>»Nein,« sagte Jakobus, »sie ist blank und klar wie der -volle Mond, der in der Hochnacht hängt.«</p> - -<p>»Er wärmt nicht.«</p> - -<p>»Das Bild war auch nicht klug gewählt,« sagte er – -»manchmal kann ich mir denken, daß sie über ein dürres -Feld schreitet, und es fängt um ihre Schuhe an zu blühen. -Aber es ist richtig: sie redet oft mit Menschen und ist doch -weit weg von ihnen. Alle Mädchen müßten so sein wie sie, -so königlich und klar. Sie ist ein Quell voll Erfrischung. -Ihr andern habt nur Kleider und Sinne, aber sie hat eine -Krone. Oh, wenn Ihr wüßtet, wie Ihr Euch erniedrigt -mit Eurer dürftigen Rechnung auf das andere Geschlecht!«</p> - -<p>Gedanken, die Do auf ernsten Wanderungen in ihn -geworfen hatte, wollten sich in Helligkeit ringen, aber sie -fanden den Weg nicht; denn Gwendolins Augen stellten -sich vor ihn hin und fragten: »Was verstehst Du von diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span> -Dingen?« Und ihre schwüle Art, ihn anzusehen, machte -ihn wieder unsicher an sich selbst.</p> - -<p>»Du wirst nach Hause gehen müssen,« sagte er – und -sie: »Es ist schade, daß Du nicht zehn Jahre älter bist. Ich -glaube, ich könnte Dich dann richtig lieb haben.«</p> - -<p>Sie machte sich fertig, und er führte sie die Kastanienallee -entlang und ging noch ein paar Schritte mit ihr -draußen vor der Hecke.</p> - -<p>»Du bist nun doch anders als andere, und ich hätte -gegen Dich nicht so freigebig sein dürfen,« sagte sie. »Aber -Du darfst mich deswegen nicht steinigen und meinen, ich -allein trüge die Schuld. Vor solch einem feuerroten Aufblühen -will ich mich aber in Zukunft hüten.«</p> - -<p>Vom Tor aus sah er ihr noch einmal nach – die Nebel -schlugen über ihrem Schatten zusammen.</p> - -<p>Er trat hochaufgerichtet in sein Haus und dachte, sie -wäre nach seiner Aufforderung ohne Säumen gegangen, -weil er von Do zu ihr geredet hatte, und wie die so schön -und hoheitsvoll sei; gegangen aber auch deshalb, weil sie -seine ehrliche Bitternis gefühlt hatte.</p> - -<p>Dann holte er die Gedichte Goethes mit den Anmerkungen -der Erika Flucht vom Regale. Da fiel ihm ein, -daß es viele Mädchen leicht hätten, neben den suchenden -Sinnen der jungen Männer dahinzuleben – die heidegraue -Norddeutsche mit dem Faustfimmel hatte keiner -schön gefunden!</p> - -<p>Es waren Gedanken, die er nie zuvor gehabt hatte; -darüber ward sein Herz noch versöhnlicher gestimmt, und<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -er fragte sich, ob er Gwendolin nicht unrecht getan hätte. -»Nein – nur quitt sind wir geworden,« sagte er. Und -am anderen Tage konnte er sich über den Samowar in -helle Glückseligkeit freuen.</p> - -<p>Sie hatte den Kessel ganz mit Blumen überdeckt, aber -sie hatte kein Wort dazu geschrieben.</p> - -<p>Da suchte er sie während der folgenden Tage in der -Stadt zu treffen. Wie er sie sah, traten sie sich ernst und -freundschaftlich gegenüber, und ehe sie auseinandergingen, -sagte er:</p> - -<p>»Ich glaube, wir sind gar nicht von so unterschiedlicher -Art der Herzen. Ich weiß jetzt: die meisten jungen -Männer und jungen Mädchen vertändeln sich aneinander -– aber so zwei wie wir müssen darüber hinwegkommen. -– Wann besuchst Du mich?«</p> - -<p>»Morgen abend – wenn Du willst,« sagte sie.</p> - -<p>Er hatte sich und sie besiegt.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Den Menschen in Weimar ist das Glücklichsein leichter -gemacht als denen anderswo – nicht, als ob sich die -Steuerlokalkommission weniger anmaßend gebärdete – -o nein, sie hat genau so das Bewußtsein, daß sie zuletzt -immer die Gefoppte sein könnte, und ist deshalb zur Vergeltung -geneigt; genau so wie anderswo hat sie das Recht -zum Pessimismus. Und nicht, als ob die Weimarer -Bürger und Dichter, die den Hauptteil der Bevölkerung -bilden, trockenen Fußes über die Straßen gehen dürften, -wenn es schon seit zwei Wochen aufgehört hat zu regnen<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span> -– o nein, o siebenmal nein! Für diese Fälle hat sich ein -ebenso eigenartiges als lustiges Verfahren herausgebildet. -Regnet es, und es beabsichtigt trotzdem jemand aus einer -der grünen stillen Vorstadtstraßen einen Ausgang, so -wendet er sich zuvor an den Gemeindevorstand mit einer -Eingabe und fordert die Beschotterung des Weges. -Darauf erläßt der Stadtbaumeister ein Rundschreiben an -alle Anlieger der Straße, ob sie für die Kosten der Instandsetzung -aufzukommen gedächten. Wenn diese zurückgeschrieben -haben, daß sie zu wenig Humor besäßen, um -ein so vergnügtes Ansinnen auch nur zu erwägen, dann -ist seit mehreren Wochen so trockenes Wetter, daß die Entnahme -von Wasser aus der städtischen Leitung bei Strafe -verboten wird, der beabsichtigte Gang in die Stadt kann -ohne Lebensgefahr vorgenommen werden, und über die -Eingabe, die bis auf weiteres inaktuell ist, wird zur Tagesordnung -übergegangen.</p> -</div> - -<p>Trotz alledem – das Glücklichsein ist den Menschen in -Weimar leichter als denen draußen; denn jeder treibt sich -an dem andern rasch und fremd vorüber und fraget nicht -nach seinem Schmerz. Es gibt keine aufdringlichen Nachbarn, -und wer Neigung dazu verspürt, läßt sich leicht zu -grußloser Begegnung bekehren. Man sieht sich in Weimar, -aber man kennt sich nicht; und das ist ein Stück des Geheimnisses -der Glückseligkeit. Man wohnt vergnügt wie -in Ibenheim am Walde; denn Weimar ist die Stadt mit -der unsterblichen Seele, und nicht nur, wenn der Mond -Busch und Tal still mit Nebelglanz füllt, hält diese Seele<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -ihre geheimnisreichen Umgänge und schauert um Herzen -und Wege das Scheinen der Ewigkeit.</p> - -<p>»Das Vermögen, in Einsamkeit glücklich zu sein, steht -in geradem Verhältnisse zum inneren Reichtum eines -Menschen,« hatte Doris Rinkhaus einmal zu Jockele gesagt. -Das war zu einer Zeit gewesen, in der er noch nicht -wußte, daß er zu denen gehörte, die Schmerz und Lust in -Betrachtung übergehen lassen. Aber er hatte gefühlt: es -war die Wegstelle, an der Tante Veronika und Do einander -trafen.</p> - -<p>Und nun war er längst zu der Erkenntnis gelangt, daß -das Glück von Weimar sich ihm um so inniger ans Herz -legte, je heimlicher er sich in die Stille dieser beseelten Gärten -hineinlebte. Er war daheim wie in den himmelumdrängten -Waldsäumen hinter dem Frühlingshause. Die -Namen der Großen von Weimar blühten für ihn von allen -Fenstersteinen, und er sah klingende Ewigkeit ranken um -alle Giebel.</p> - -<p>Er schaltete die Steinbrüche der Städte nicht einfach -in das Dasein als Verirrungen verkümmerter Herzen und -Geister, die das Bedürfnis haben, sich das Firmament der -Sterne zu vermauern – wie er einmal von einem Dichter -hatte sagen hören – aber er dachte: wie kann man seine -Augen so der Sonne entwöhnen und seine Seele so dem -jubilierenden Hochgesang der Erde! Wie kann man Gott -absetzen und den Göttern der Gassen und Gossen dienen, -solange noch Wälder ihre Arme lichtselig gen Himmel -dehnen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span></p> - -<p>Ueber diese Erde ritt der Oktober in silbernem Rüstzeug -mit goldenen Sporen. Er trug eine blaue Aster am -Helm, und die Sonnenrosen lehnten sich über die Zäune -und mußten seinen Weg bescheinen.</p> - -<p>Doris Rinkhaus war wiedergekommen aus den bunten -Wäldern der Berge und sah aus wie die Braut des silbernen -Reiters: kriegsfroh und sieghaft – sah aus, als -liefe sie unter dem Schellenbaume der Militärmusik. Sie -machte keine abwesenden Augen mehr, wenn sie aneinander -vorübergingen – sie wartete auf die rote Fahne, -die Jockele aufzog, sobald sie in Sicht kam, und freute sich, -wenn er als Feuersäule an ihr vorbeiloderte.</p> - -<p>Er hatte nicht an Tante Veronika geschrieben, während -Do in Ibenheim war. Und diese Tante war auch darin -eine Ausnahme, daß sie von ihrem Jungen nicht einen -Wochenbericht mit Speisenkarte und Wetteranzeige verlangte.</p> - -<p>Am letzten Oktober abends war der Sturm in die spärlich -belaubten Wipfel gestiegen und blies den Frieden über -den Garten. Gwendolin war da, und während sie beim -Tee saßen, brachte Maria Reh – noch im Reisekleide – -die Einladung zum nächsten Morgenkaffee herüber aus -dem Gartenhaus. Es war sehr lustig; denn Maria Reh -hatte von den Dingen, die sich über Sommer zugetragen -hatten, keine Ahnung. Und es wäre noch lustiger gewesen, -wenn sie nicht den jungen Malschüler hätte begrüßen -wollen, der für sie noch immer mitten in der Erinnerung -des Waldspazierganges zum Berge der Frau Venus lebte<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -– nun war aus ihm ein junger Mann geworden, der seine -Erlebnisse hatte, und der auf dem Wege zu einer Weltanschauung -war.</p> - -<p>Aus dem anderen Morgen wurde ein Vormittag und -aus dem Kaffee ein Mittagsmahl. Die Aufwärterin -Jockeles wurde in die Küche gestellt; denn die Damen -konnten nicht abkommen. Es hatte sich ein halbes Leben -während dieses Krieges im Frieden durch ihn hindurch -gelebt, und er stand schon wieder hoch darüber auf einer -heiteren Höhe, von der er sich die Welt unter ihm mit -Humor betrachtete.</p> - -<p>Do hatte, als die Kriegserklärung erfolgte, noch die -erste Nacht von Ettersburg auf seinen Lippen leuchten -sehen – auf dem gleichen Munde, der sich zu dem begeisterungsvollen -Ausspruche von der bevorstehenden Eheschließung -mit Gwendolin hinreißen ließ.</p> - -<p>Aber Doris Rinkhaus hatte keinen Verrat an ihm begangen, -weder gegen die bunten Wälder von Ibenheim -noch gegen Maria Reh; und auch er spielte nicht den Verräter; -denn Gwendolin hatte sich Do an jenem Sonntag -in Ettersburg nicht verborgen. Deshalb durfte er alle -seine Erlebnisse berichten und schonte sich nicht.</p> - -<p>Dieser erste November leitete Jakobus Sinsheimers -wildes Jahr ein.</p> - -<p>Zuerst verlor er Gwendolin. Sie kam noch ein paarmal, -dann stürzte er sich in ein ausgelassenes Malen. An -einem verschneiten Tage betraf ihn Maria Reh dabei, wie -er Stöße bemalter Leinewand in den Schuppen hinter dem<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -Hause trug – um die Holzdieme im Zwetschengarten -hatten sich Sturm und Winter gejagt, und die Schuppentüre -lag hinter einer Schneelast. Da wühlte er sich Bahn -und warf alle Landschaften der anderen Zeit zu Staub -und Moder. Dann verfiel er in einen unwirschen Fleiß -und verlernte darüber zu lachen und zu reden. Er sah -die Freundinnen aus dem Gartenhause tagelang nicht, -wußte nicht, was sie trieben, und es kümmerte ihn nicht, -ob sie daheim oder verreist waren. Er verbrachte Wochen -in der Akademie, er verbrachte lange Tage in der Büchereinsamkeit -seines Hauses. Es gingen alte und junge -männliche Modelle darin ein und aus, und es kam auch -ein ganz junges blondes Mädchen der Armut mit einem -Madonnengesichte. Die hatte ihm die Aufwärterin zugeführt.</p> - -<p>Danach entließ er die Frau und hatte die jungen sechzehn -Jahre der Husch um sich; die behauptete, sie wäre auf -diesen Namen getauft.</p> - -<p>Er gebot über ihre junge unterwürfige Jugend wie er -wollte. An ihrer sanften Schönheit sannen sich seine -Augen in Träume wie vor dem Bilde des Mondes; und -die Kümmernis ihrer Jugend erbarmte ihn. Sie lebte -sich in ihn und das kleine Haus hinein als in ein fremdes -schönes Glück und litt an der Ahnung, der Märchenglanz -werde vergehen, wenn der Schatten von Menschen -darüberfiele.</p> - -<p>Da geriet sie in eine eifersüchtige Wachsamkeit und -haßte Doris Rinkhaus, daß sie zitterte, wenn ihr Name<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -von ihm genannt wurde, und daß sie in Tränen ausbrach, -wenn Jakobus drüben im Gartenhause war.</p> - -<p>Einmal hatte er mit Do verabredet, Husch sollte für die -Damen und ihn in der Küche drüben die Mahlzeiten bereiten, -aber sie war nicht dazu zu bringen – »Fordere, -daß ich in den Winternächten an der Erde vor Deinem -Bette schlafe oder draußen beim Holz,« flehte sie, »aber -beschütze Dich und mich vor jener!«</p> - -<p>Da machte sie aus dem kleinen Schuppen eine armselige -Küche und wirtschaftete darin und aß dort, wenn er -nicht daheim war. Des Abends ging sie über den Wall -nach Hause, sie bewohnte mit ihrer Mutter eine Mansarde -in der Musäusstraße, und war früh vor Tag wieder -da und wartete, daß er über sie befahl. Sie waltete in -dem Häuschen mit blumenhafter <span id="corr175">Stille</span> und Hingabe an die -Sonne, die darin für sie schien, und dachte: »Wenn diese -Sonne untergeht, muß ich sterben.«</p> - -<p>Einmal hatte sie ein Märchen von einer Fee gelesen, -die in eine Blume verzaubert war. Aus dieser Blume -durfte sie um die Mitternacht herausschreiten. Da schlief -der Mann, der die Blume in einen Scherben gepflanzt -hatte, nebenan in dem Kämmerchen, die Fee aber fegte -die Stube und wischte den Staub und trug Wasser herzu -und war so leise wie der Sonnenschein, der über die Diele -schreitet. Dann zündete sie Feuer unter dem Herde und -setzte das Essen daran, daß es sich bis zum Morgen koche; -denn sie mußte wieder zur Blume werden, ehe der erste -Sonnenstrahl kam – sonst war es um sie geschehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p> - -<p>Dies Märchen erzählte Husch eines Tages dem Jakobus -und ward traurig und sagte:</p> - -<p>»Dieser erste Sonnenstrahl – ich muß dabei an etwas -ganz anderes denken … davor fürchte ich mich!«</p> - -<p>Er fragte sie, was es wäre, aber sie schüttelte mit -dem Kopfe und schwieg. Dann sagte sie:</p> - -<p>»Ich werde es Dir nie verraten. Aber wissen wirst -Du es doch, wenn dieser Sonnenstrahl gekommen ist; -denn dann ist es um mich geschehen.«</p> - -<p>In der ersten Zeit war ihr sehr bange, sie könnte nicht -alle Dinge in der Stube wieder an den richtigen Platz und -in die Stellung bringen, die sie zuvor gehabt hatten, weil -ihre Hände und Augen nicht dazu geschickt wären. –</p> - -<p>Ihre Mutter hatte sie am Rande eines wilden und -schönen Mädchentages aufgelesen und wohnte noch immer -in dem gleichen Dachstübchen, in dem ihrem Schoße die -weiße Rose entblüht war. Das Fenster lag nach Norden, -und man konnte die Sonne von dort aus nur sehen, wenn -sie in fremden Gärten und in den Stuben der anderen -Leute lag.</p> - -<p>Das Schauen nach fremder Sonne hatte einen Zug -tiefer Schmerzen in das junge Gesicht getragen. Eines -Tages saß sie am Fenster – es war ein frostheller -Januartag, und der Ostwind klirrte durch das Geäst. Sie -dachte an die Zeit, in der das liebe Licht dieses kleinen -Hauses nicht mehr um sie wäre, und blickte empor zu den -kahlen Zweigen, die vom Winde geschlagen wurden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p> - -<p>Da wandte sich Jakobus ihr zu und sah ihr schmerzvolles -Gesicht. Aber sie merkte es nicht. Es schien ihm, -als wandele sie in einem tiefen, öden Felsentale, das auf -allen Seiten verschlossen war, und sie ging dahin und sah -die Abendsonne ihren Königspurpur um die hohen Zinnen -legen.</p> - -<p>Du hieß er sie ihre Kleider ausziehen und ihr langes, -blondes Haar lösen, wie sie das schon oft vor ihm getan.</p> - -<p>Er hatte sie dann gezeichnet als ein schönes, schlankes -Kind, das in erdenfernen Gärten schritt – einmal auch als -die Fee in dem Märchen, die sich aus der Blume befreite -– da wob sie sich aus sanften Linien, die zuvor Blütenodem -gewesen waren, zu einer holdseligen Frauengestalt. -Oder sie wandelte über Stufen des Himmels den Engeln -entgegen, die dort auf den lieben Gott warteten.</p> - -<p>Aber an diesem Tage wurde sie ihm zum ersten Male -zu dem schmerzensvollen Erdenmädchen.</p> - -<p>Er hatte eine Eingebung gehabt, sie so in ein großes -Bild zu stellen, das er ›Gruppe aus dem Tartarus‹ nennen -wollte. Wenn die hohen Bäume wieder Frühling über -sich warfen und nur verirrtes Licht durch die Wogen der -Wipfel brach, sollte es draußen vollendet werden.</p> - -<p>Zuerst hatten sich seine Sinne an dem scheuen Frühling -dieses Mädchenleibes in einen blutroten Taumel gesungen, -und er hatte ihr die Augen verbinden müssen.</p> - -<p>Nun gab sie sich ihm längst ohne Scheu, es war, als -durchleuchtete die Seligkeit ihrer Seele den jungen Leib, -so oft er sie rief. An diesem Tage sagte er ihr, daß sie mit<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -dem vorigen Gedanken sehnsüchtigen Schmerzes dastehen -müßte und mit erhobenen Armen, die den beglückenden -Traum der Sonne nur ein einziges Mal fühlen möchten …</p> - -<p>Sie war ohne Grenzen in ihrer Demut, und sie war -ohne Grenzen in ihrer Kraft, wenn er ihr gesagt hatte: -»Du sollst …«</p> - -<p>Er wußte nicht, woher dieser zarten Schlankheit solche -Kraft kam. Sie wurzelte in den Stein, der unter ihren -Füßen war, wenn er es ihr gebot; und sie litt Qualen -einer Zeit, vor der sie bangte als vor dem namenlosen -Jammer, an dem sie sich in das Grab siechen mußte – sie -litt es; denn er hatte es gefordert. Und sie dehnte die -Arme – nicht nach der Sonne, sie dehnte sie nach dem -Saume der Berge, über die sie ihn schreiten sah, und mit -jedem Schritte zog er weiter von ihr fort …</p> - -<p>Da rief sie seinen Namen aus den Tiefen ihres -Schmerzes herauf und brach in die Knie und verbarg ihr -Gesicht in den Händen.</p> - -<p>Und weil sie schluchzte und nicht fühlte, daß er seine -Hand auf ihr Haar legte, und nicht hörte, daß er da war -und mit ihr redete, nahm er sie auf die Arme und trug -sie auf sein Bett. –</p> - -<p>Jakobus Sinsheimer war keine Einsiedlernatur, aber -Abstammung und Erziehung hatten es ihm zur beglückenden -Gewohnheit werden lassen, sich nicht in die Märkte -und Gassen hineinzudrängen, auf denen die Menschen ihre -Jahrmarktsherzen und sich selbst als Kleiderstöcke ausstellen. -Wer der Ansicht ist, daß ausschließlich solche Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -vorhanden wären, der ist gar sehr im Irrtum; denn -es ist zu schätzen, daß es an nahezu fünf Prozent aller neuzeitlichen -Kulturstätten annähernd ein Prozent immer noch -ganz vernünftige Leute geben mag.</p> - -<p>In Weimar sind deren mehr, was schon daraus zu ersehen -ist, daß dort sehr viele Dichter leben.</p> - -<p>Nein, Einsiedlerneigungen hatte Jakobus Sinsheimer -keineswegs, aber er legte um das Bild jeden Tages einen -Rahmen von Sonne und Grün. Und wenn beides nicht -zu haben war, weil die Sonne in den Gärten der -Engel und das Grün in den Bettlein der Elfen zu tun -hatten, so nahm er mit freiem Weltenlicht und mit Himmel -vorlieb.</p> - -<p>Es setzte ihn auch schon lange nicht mehr allzuviel in -Erstaunen. Nur darüber – dachte er – würde er sich -bis in die goldene Ewigkeit hinein wundern, daß die Menschen -mit dem Himmel fast gar nichts mehr anzufangen -wüßten.</p> - -<p>So gewöhnte er sich, davon immer ein Stück in den -Händen zu halten. Und das war gut; denn damit findet -sich der Mensch durch Nacht und Licht und findet sich auf -die Sonnenraine, die auch mitten durch die lautesten -Märkte des Lebens führen, und auf denen immerfort ein -bißchen Glück blüht.</p> - -<p>Uebrigens erfüllte ihn das neue robuste Schaffen dieses -Vorstadtwinters mit einer ungekannten Freude.</p> - -<p>Er wußte, daß der Wandel, der seine Vorliebe für -landschaftliche Motive verdrängt hatte, ihm aus dem Eifer<span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span> -gediehen war, mit dem er sich den Dichtern gewidmet – -auf einmal waren seine Gedanken bei Doris Rinkhaus. -Von allen Menschen, die ihm nahegetreten waren, hatte er -an Do den geringsten Anteil gehabt. Aber sie redete doch -immer dazwischen. Sie erklärte ihm den Krieg und -guckte ihm über die Achsel in jedes Buch; sie verreiste und -blieb doch bei ihm. Sie stand in ihm als eine brennende -Kerze, und er nannte sie, wenn er sich über sie ärgert, die -ewige Lampe.</p> - -<p>Aber in dieser Zeit begann er sich gegen sie zu wehren -– es war das wilde Jahr!</p> - -<p>In diesem Jahre halten junge Männer ihre Väter -gemeinhin für altmodische Tröpfe und ihre Mütter für -abgestandene Frauen, die aus ihrem späten Leben in das -Land der Jugend und neuen Zeit herüberreden möchten -und sich darin nicht zurechtfinden. In diesem Jahre reckt -sich eine Kraft, die für den, der sie spürt, aussieht wie der -Riese Goliath, und für den, der daneben steht, wie ein -Embryo, an dem schon alles da ist, aber das Maul ist aus -seiner Natur heraus am größten. In diesem Jahre hält -der junge Mann von Begabung die Mädchen und die -Ellbogen für die vornehmsten Einrichtungen und hat -niederreißende Gelüste. Wenn man ihn gewähren ließe, -würde er auf den Thron Gottes steigen und der Welt -zeigen, was Allwissenheit ist. Und so weiter.</p> - -<p>Das kommt daher, daß sich über der reckenden Kraft -alle Gesichtswinkel verschieben – auf einmal sieht die -Welt aus wie vor den Toren im November: vor den<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -Toren sind die Schrebergärten mit den tausend Lauben, -die Begeisterung und Ungeschick gezimmert haben; beides -wird im abgeblühten Jahr offenbarer.</p> - -<p>Und über diese Welt stürmt die Kraft des wilden -Jahres dahin, gerät in Sand und Nebel und wird besinnlich -und gibt dem lieben Gott eine Gnadenfrist … -Das Sinnbild des wilden Jahres sind die Hörner. –</p> - -<p>Daran dachte Jockele aber nicht, als er im Lehnstuhl -am Ofen saß. Er hatte die Tür zu dem Kämmerchen nur -angelehnt und horchte manchmal hinaus, was es mit -Husch wäre.</p> - -<p>»Ich habe ein mächtiges Unheil in ihr angerichtet,« -dachte er.</p> - -<p>Do und Maria Reh sollten nichts davon erfahren. Er -kannte die Reden der beiden zur Genüge: Maria Reh -sagte, so etwas wäre ›überhaupt‹ nichts, und ließ sich auf -Erklärungen ihres himmel- und erdenumfassenden ›Ueberhaupt‹ -nicht ein. Und Doris Rinkhaus war in solchen -Fällen von einer Kälte, die ihm unter die Nägel kam.</p> - -<p>Er legte das Ohr an den Türspalt und hörte an ihrem -regelmäßiggehenden Atem, daß sie eingeschlafen war.</p> - -<p>Dann hatte er mancherlei Einfälle; der einer in nahe -Zeit gerückten Eheschließung war diesmal nicht dabei, -aber auch nicht die Absicht einer sanften Entwöhnung. -Vielleicht würde es besser mit ihr, wenn der Frühling in -diesem kühlen Baumwinkel über sie kam! Dann sollte sie -draußen um ihn sein, wenn er die ›Gruppe aus dem -Tartarus‹ schuf …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span></p> - -<p>Natürlich lief er gleich hinaus, zu sehen, wie diese große -Sache am besten zu machen wäre. Gegen den Zaun kam -die Leinwand, der er beiläufig zehn Geviertmeter Fläche -gab – und er mußte das von der Leiter aus malen. -Der Gedanke hatte etwas Berauschendes … so hoch da -droben mit dem Pinsel: Prometheus, der der Erde das -Feuer bringt!</p> - -<p>Da blinkte eine Flocke Weiß aus dem grauen Grase -hervor – wahrhaftig, in den vergangenen drei Tagen, -in denen ein Weststurm den Schnee zusammengekehrt -hatte, war schon das Wecken in die Erde geklungen, und -ein Schneeglöckchen hatte sich aus der Scholle gedrängt, -und hing doch noch tiefe Winternacht ringsum. So war -dies Fünklein Licht aus dem Frühling herübergeweht, -und Jakobus, der gleich alle Engel im Himmel die -silbernen Glocken suchen sah, kriegte das Laufen, stülpte -den Hut auf und eilte in die Stadt. Er brauchte noch -drei Modelle: einen Mann auf der Höhe des Lebens -und einen, der ganz voll war von dem Klange der -Erlösung, die sich aus dem dumpfen Schalle der Hufe -trinken läßt, wenn der Tod über die letzte Brücke reitet. -Und ein Weib.</p> - -<p>Da ging er zu Huschs Mutter und fand sie in dem -Vorderstübchen. Sie stickte und hatte die Füße auf einem -Backstein, den sie so oft gegen den anderen auf dem -eisernen Oeflein auswechselte, als er kalt wurde. Der -Ostwind spielte draußen auf den Dachziegeln ein gefrorenes -Lied.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p> - -<p>Jakobus erzählte ihr, wie es mit Husch gegangen wäre, -und daß sie nun in seinem Bette läge und schliefe.</p> - -<p>Da sagte die Frau: »Oh, schicken Sie sie nicht fort! Sie -ist schon viel freudiger geworden, seit sie um Sie sein -darf. Es ist schlimm mit einem so wunderlichen Mädchen -in solcher Zeit – die Husch hat eine grausame Lust, leiden -zu können. Aber es muß aus dem Glück zu einem anderen -Menschen geschehen, dann wird sie gesünder und weiß -es nicht. Sie ist über einer ewigen Selbstopferung, und -Leiden ist ihr Freude. Aber wenn sie hier unter dem -Dache kümmern muß, fällt sie mir aus und stirbt.«</p> - -<p>Da dachte Jockele an das Kind der Bauersleute, das -dem aussätzigen Ritter Heinrich sein Herzblut opfern will. -Er hatte in dem Gedichte des Hartmann von der Aue am -Morgen gelesen, wie der Arzt von Salern zu ihr sagt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich muß Dich ausziehn nackt und bloß;<br /></span> -<span class="i0">Ist das nicht Not genug, so groß,<br /></span> -<span class="i0">Daß Du mit Recht vor Scham vergehst,<br /></span> -<span class="i0">Wenn Du so nackend vor mir stehst?<br /></span> -<span class="i0">An Beinen bind' ich Dich und Armen;<br /></span> -<span class="i0">Fühlst Du mit Deinem Leib Erbarmen,<br /></span> -<span class="i0">Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen!<br /></span> -<span class="i0">Ich schneide Dich bis tief zum Herzen<br /></span> -<span class="i0">Und brech' es, wenn Du lebst, aus Dir …<br /></span> -</div></div> - -<p>Nun schenkte ihm die Stunde eine Reihe von Bildern, -die gleich in seinem Geiste standen als leuchtende Erfüllung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p> - -<p>Er gab sich dem Reichtum des Augenblicks in gesegnetem -Vergessen hin. Das sah die Frau, und weil sie -es sich nicht anders deuten konnte, sagte sie: »Sie sind -nun doch gekommen, um mir zu sagen, daß ich Husch nicht -mehr schicken soll!«</p> - -<p>»Oh, ich brauche sie – ich brauche sie vielleicht den -ganzen Sommer über!« rief er und sah, wie froh die -bleiche Stickerin an seinen Worten wurde.</p> - -<p>Dann schickte er sie zu Husch und sagte ihr, wo der -Schlüssel wäre, und ging in einem wilden Glücke davon.</p> - -<p>Auf dem Wege den Kasernenberg hinab über die -Sternbrücke in die Wagnergasse, wo er das Modell zum -Armen Heinrich wußte, dachte er an Husch und wie er -ihr Leben richten sollte. Man wartete auf ihn, und er -war in dieser Stunde zu Sein oder Nichtsein für zwei -Frauen geworden, die auf den Dächern lebten und sich -nicht herabfanden auf die Erde. Er war ein Mann und -eine beglückende Hoffnung! Da brauste Frühlingssturm -in ihm.</p> - -<p>Als er in der Dämmerung nach Hause kam, war Husch -aufgestanden.</p> - -<p>Er fragte sie, warum sie nicht mit ihrer Mutter nach -Hause gegangen wäre.</p> - -<p>Sie lachte, aber sie sagte ihm nicht, daß sie noch alles -hätte um ihn bereiten wollen, was ihre Pflicht wäre. Sie -ließ sich auch nicht heimschicken und wurde ganz ängstlich, -weil sie fühlte, daß er sie schonen wollte. Da litt er es, -aber er sagte: »Du machst mir damit große Sorge, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -Du mir mehr geben willst, als in Deiner Kraft ist. Wenn -ich mich und Dich über dem Malen vergesse wie heute, -so mußt Du es mir sagen.«</p> - -<p>»Ich bin ganz allein daran schuld gewesen,« sprach -sie – »ich habe Dich so weit fortgehen sehen …«</p> - -<p>Im Gartenhause nebenan bildete diese Sache den -Gegenstand einer Auseinandersetzung zwischen Maria Reh -und Do. Maria hatte mit Huschs Mutter gesprochen und -von ihr erfahren, warum sie da war und nun forderte -Maria, sie müßten diesem Zusammenleben der beiden -ein Ende machen.</p> - -<p>Sie stellte sich dabei auf den Standpunkt einer Fürsorge, -der Doris Rinkhaus aufs höchste befremdete.</p> - -<p>»Es ist eine Modellgeschichte,« sagte Do, »und was -geht sie uns an?«</p> - -<p>»Es ist eine Herzensgeschichte, die für beide ein Unglück -werden kann,« sagte Maria – »und überhaupt, wie läßt -sich so etwas billigen?«</p> - -<p>»Billigen oder nicht – darauf kommt es gar nicht an! -An irgend einem Mädchen muß ein Junge zum Manne -werden! Möchtest Du Dich vielleicht dazu hergeben? -Das läßt sich dann nicht immer über den Spießerleisten -schlagen, und ich finde es sehr sonderbar, daß gerade Du -Dir dabei eine Rettungsmedaille verdienen willst.«</p> - -<p>»Weißt Du denn, wie sich Tante Veronika dazu stellen -würde?« fragte Maria Reh.</p> - -<p>»Das ist nicht Deine Sache! Aber so viel weiß ich, -sie hat Vertrauen zu Jo. Und ich habe es auch. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -denke: sie würde nicht die Dritte im Bunde sein wollen; -aber wenn ihr das Frühlingshaus als der richtige Platz -für ihn erschienen wäre, so hätte sie ihn ja wohl daheim -behalten. Es ist am besten, wir sehen und hören nichts -von allem. Jedenfalls taugt Dein Schürzenschutz nichts -für ihn, und wenn ich Jo wäre, so würde ich jeden sehr -unsanft hinauskomplimentieren, der mir in meine Tage -reden wollte. Basta! Du darfst nicht vergessen, daß die -meisten jungen Männer auf dem gesicherten Geleise einer -Familientradition hineinfahren ins Leben – Jo aber ist -auf eine Schwelle gesetzt und steht noch heute darauf. Ich -kann nicht sehen, daß er töricht ist oder mit blinden Augen -dahintappt.«</p> - -<p>Draußen schloß um diese Zeit Husch die Schlüpfe im -Gartenzaun hinter sich zu.</p> - -<p>Jockele saß noch eine Stunde bei der Lampe und -blätterte in Goethes Gedichten mit den Anmerkungen. -Aber die Bilder dieses Tages drängten sich zu laut um -ihn. Er dachte: er wollte Husch dreißig Mark Monatsgeld -geben und sechzig Mark für den Haushalt – darüber -verfiel er in ein mühsames Rechnen und erkannte, so -ging das nicht. Aber Tante Veronika wollte er nicht -helfen lassen. Er hatte den Plan mit Husch ohne sie erwogen, -so sollte er auch ohne sie <span id="corr186">ausgeführt</span> werden! -Er mußte in den Bildern zum Armen Heinrich etwas -Ordentliches schaffen, etwas, das sich zu Gelde machen -ließ! Zum ersten Male erhellte ihn der Gedanke, und -Gwendolin tauchte wieder auf, die geschäftskundige.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p> - -<p>Da ging er ins Kaisercafé und saß mit einigen Kunstschülern -an einem Tische, die voller Pläne für einen großen -Faschingszug waren, der im nächsten Monate abgebrannt -werden sollte. »Prinz Karneval vermählt sich mit der -Muse Weimars« hieß die Idee, auf der sich die Sache -aufbaute; und Jockele mußte dabei helfen.</p> - -<p>Da wurden die Zahlen, die er vor einer halben Stunde -im winterlichen Baumgarten am Horn aufgeschrieben, -riesenwüchsig – die Dreier und Zweier wurden zu -Schlangen und die Einser und Vierer zu Keulen und -rückten gegen ihn an zu einem wüsten Kampfe.</p> - -<p>Aber seit jenem langen Frühlingsmonate, in dem er -zwanzig Tage niederschmetternde Gastfreundschaft bei Do -genossen, war er ein gut Stück in die Lebenskunst gewachsen. -Nun saß er in einem Kreise junger Leute, bei -denen das Exempel in der Regel <em class="gesperrt">nach</em> dem Vergnügen -ausgerechnet wurde – da brachte auch er den Armen -Heinrich, die Gruppe aus dem Tartarus, die männliche -Fürsorge für Husch und den Prinzen Karneval zusammen, -und gelobte, den Faschingszug als Spitzenreiter mitzumachen.</p> - -<p>Am anderen Tage griff er sich Gwendolin vor der -Kunstschule und verwickelte die Ueberraschte in ein besinnliches -Gespräch.</p> - -<p>Wie ihn Gwendolin so reden hörte, sagte sie: »Immer -hast Du Dir einen neuen Turm aufgesetzt, wenn man Dich -mal acht Tage nicht gesehen hat,« und sie legte einen -Respekt in ihre Worte, den er von ihr nicht gewöhnt war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span></p> - -<p>Als er ihr von Husch erzähle und wie es mit ihr geworden -wäre, sagte sie: »Du faßt alle kleinen Dinge gleich -mit beiden Händen und mit dem Herzen an und stellst Dich -zu jedem, als müßtest Du Dich mit ihm verheiraten. Wenn -Du das Dein ganzes Leben hindurch so machen willst, -kommst Du aus der Grundsuppe gar nicht heraus.«</p> - -<p>»Es liegt das wohl so in meiner Art,« sagte Jockele.</p> - -<p>»Ja, aber ich halte diese Art für schwerblütig und -gefährlich.«</p> - -<p>Auf dem Heimwege blieb die Rede Gwendolins um -ihn, aber er vergrübelte sich daran nicht in Hoffnungsödigkeit, -wie ihm das vordem geschehen war, sondern -dachte: »Wenn ich mit dieser Art nicht mehr weiterkomme, -muß ich ihr aufkündigen. Gwendolin hat mit ihrer -anderen frühzeitig auf eigenen Füßen gestanden, aber sie -bleibt auch immer dieselbe. Bei einem Mann ist das eine -ganz andere Sache.«</p> - -<p>Er hatte sich das genialische Treiben seiner Bekannten -zu genau besehen und wußte, daß er nicht mit ihnen gehen -konnte. Aber er wußte nicht, was er Do in diesem Jahre -schuldig geworden war, die ihn mit ihrer sichtigen Klugheit -auf klare Wege geleitet hatte. Nun hielt ihn das eigene -und ein gut Teil eigenwillige Wesen fest, und er pendelte -nicht zwischen Moden und Manieren, die sich als Schimmel -oder als wildes Rankenwerk über eine jugendliche Kraft -legen und sie ersticken. –</p> - -<p>Husch hatte das Häufen so mit ihrem heimlichen -Glücke durchleuchtet, daß er gleich alles bereitete, um an<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span> -dem Armen Heinrich zu beginnen. Er erzählte ihr die -Fabel der Dichtung, und sie lebte sich in das seelenverwandte -Mädchen mit der grenzenlosen Innigkeit -hinein, deren sie fähig war. Das sentimentalste und rühmlichste -Preislied der Jungfrauenliebe, das die Erde kennt, -gewann da zum anderen Male Gestalt.</p> - -<p>Sie sah in dem Kleide der alten Zeit und dem zierlichen -Kopfputze sehr lieblich aus, und er versank in das -süße Weh ihrer Augen. Sie saß auf einem Fußschemel -und hob das Gesicht voller Hingabe zu dem empor, der -nicht da war, und verfiel ganz in den Traum ihres seligen -Schmerzes.</p> - -<p>Jakobus hatte ihr gesagt: »Du mußt jetzt denken, -daß er Dir Ringe für Deine Hände und goldene -Bänder für Dein Haar geschenkt hat, und nun sitzt er Dir -gegenüber und erzählt, daß er nicht von seinem qualvollen -Leiden erlöst werden könnte, weil nur das in Liebe -geopferte Herzblut eines schuldlosen Mädchens dies Wunder -vollbrächte …« Da trat der große Schmerz vor sie -hin und legte ihr die Hände auf die Lider. Und sie schlief -einen wachen Schlaf und ward zu atmendem Marmor.</p> - -<p>Als er mit der Zeichnung zufrieden war, nahm er -Farben und eine Tafel, machte mit Kohle eine rasche -Skizze und begann zu malen.</p> - -<p>Sie erwachte nicht und saß bis in den Nachmittag. -Das Licht wurde müde, aber Husch ahnte es nicht. Da hob -er sie auf und streifte ihr das fremde Kleid ab und legte -sie zu einem langen Schlafe auf sein Bett.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span></p> - -<p>Diese Erscheinung hatte für ihn nun schon wesentlich an -Tragik verloren. Wenn es auch ein Rausch des Schmerzes -war, so war es doch ein Rausch, und der mußte verschlafen -werden. Mochte der Trank für Husch süß oder bitter sein, -ganz rein war er jedenfalls nicht. Aber die Sache fing -an, ihm peinlich zu werden, und er fühlte wieder die Scheu -vor der Klatschsucht der Menschen; denn seine Jugend -hatte über aller Klatschsucht noch nicht Zeit gehabt zu der -Erkenntnis, daß der Sieg über sich selbst auch den Sieg -über jedes unerlaubte Maul bedeutet.</p> - -<p>Deshalb ließ er das Modell für den Armen Heinrich -zu einer Zeit kommen, in der er Husch zu einer Besorgung -in die Stadt geschickt hatte, oder in der sie in ihrem -ekstatischen Schlummer lag.</p> - -<p>Das zweite Bild stellte die Szene dar, in der das -Mädchen ihren Eltern offenbart, sie wolle für Herrn -Heinrich sterben; das dritte die Unterredung mit dem Arzte -von Salerno, der sie nicht wankend machen kann in ihrem -Entschlusse. Das wurde das beste von allen; denn der -verzückte Opfermut durchschauerte ihre Seele als ein -unirdisches Licht, und sie versank in das qualvolle Glück -des Martyriums. –</p> - -<p>Zuletzt stellte er sie dar, wie sie vor Heinrich -kniete, als der die Heilung durch die Gnade Gottes -empfangen. Aber dazu gebrach ihr die Kraft des Einfühlens, -es fehlte ihr der Glaube an die hohe Sonne. -Was sie beseligen konnte, lag in Bitternis und -Dämmerung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span></p> - -<p>An diesem Stück saß er vier Tage, und all sein Wille -reichte nicht aus, sie zu bekehren, und weder sein Stift -noch sein Pinsel fand, was blühender Traum in ihm -gewesen war.</p> - -<p>Husch lag schlafen. Da ergriff er in der Freude am -Gelingen die Zeichnungen und Tafeln und lief mit -Erobererschritten zu Do und Maria. Sie waren beide -überrascht bis zur Betroffenheit. Maria Reh lobte nach -Frauenart im Ueberfluß, Do war froh und kritisch und -sagte: »Es ist alles famos, Jo! Aber nun kommen Sie -mal her und lassen Sie sich angucken.« Sie rückte ihn -ins Licht. – »Na ja! Warum machen Sie sich so gewaltsam -krank, Sie waldgesunder Zigeuner?«</p> - -<p>Maria Reh trat dazwischen und sagte: »Sie sieht in -den Künstler hinein, was er seinem Stoff entnahm! Sie -gedachte es böse mit Ihnen zu machen und lobt Sie!«</p> - -<p>Da bliesen sie zu einem lustigen Kriege, und Maria -Reh jubelte:</p> - -<p>»Verehrungswürdiger Jo, ich möchte wieder Ihren -Kopf zwischen diese Hände nehmen und in den schwarzen -Ringeln Ihrer Haare wühlen – aber es geht nicht mehr. -Donnerwetter, wie erwachsen sind Sie!«</p> - -<p>Von der andren Seite ritt Do zur Attacke: »Lassen -Sie sich nicht von ihr in einen gefährlichen Uebermut -hineinloben! Ich klatsche Ihnen von Herzen Beifall, aber -Ihre gesunden Sinne sind nicht frei dabei gewesen – -haben Sie die Luft Ihres Hauses mit Heliotrop geschwängert, -wie Sie das malten?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span></p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Haben Sie dabei eine Toga aus Zindel getragen -und sich Sandalen aus Rauschgold unter die Füße -gebunden?«</p> - -<p>»Unsinn! Meine Kniehosen hab' ich angehabt und -die Bergsteigstiefel!«</p> - -<p>»Natürlich,« sagte Do, »aber ich schwöre Ihnen: in -vier Wochen sind Sie hysterisch, wenn Sie diese Husch -als Modell behalten.«</p> - -<p>»Nein, in vier Wochen reit' ich im Faschingszug,« -sagte Jockele. Aber er strich sich über Stirn und Augen, -als läge da das leise Gewebe einer Müdigkeit. Er reckte -sich empor, daß seine Gelenke knackten, und er hätte in -diesem Augenblick den Schleier des fremden Wesens -vielleicht auch zerstoßen, wenn Maria Reh in Schweigen -geblieben wäre. Aber sie erfaßte die Gelegenheit und -führte neben Dos blankes Reiten drei spießig gesattelte -›Ueberhaupt‹. Die sahen aus wie Esel und malten die -Wirkung des schneidigen Angriffs zuschanden.</p> - -<p>Darüber ward Jakobus Sinsheimer rebellisch und -forderte Sachlichkeit; denn nach der Erlaubnis, sich dieses -oder jenes Modell wählen zu dürfen, hatte er nicht gefragt.</p> - -<p>Do machte der Maria ihr Siegergesicht, und Jockele -nahm sein Werk unter den Arm und empfahl sich höflich -und aufrecht. Abends lernte er reiten.</p> - -<p>Gwendolin, die er am nächsten Tage besuchte, fragte -nicht nach Krankheit oder Gesundheit – sie fragte: »Kann -das einem Menschen gefallen und kann man es zu Gelde<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span> -machen?« Sie lief vor und zurück und lief hin und her, -verfiel in ein leises Pfeifen und sagte: »Machen wir!« -Sie lobte mit keinem Worte, aber sie war entschlossen. -Da schickte sie Jakobus Sinsheimers ›Armen Heinrich‹ -nach München zu ihrem Kunsthändler. Und er ging nach -Hause und stieg in den Tartarus. –</p> - -<p>Als im Februar die Sonne schon auf der frischblauen -Himmelswiese spazierte und die kleinen Engel um sie -herum in Scharen Purzelbäume schossen, wurde die Leinwand -zu der ›Gruppe‹ am Zaun im Baumwinkel aufgestellt. -Es wurde auch eine Vorrichtung getroffen, daß -sie des Nachts an der rückwärtigen Hauswand lehnen -konnte, ohne den Unbilden des ungeschickten Vorjahres -ausgesetzt zu sein, das noch nicht mit der Sonne umzugehen -weiß.</p> - -<p>Und das Schicksal nahm seinen Gang.</p> - -<p>Alle Studien zu der Gruppe aus dem Tartarus waren -gemacht. Es sollten fünf Figuren in dem Bilde stehen: -Husch und ihre Mutter, ein nackter Jüngling, ein Mann -und ein Greis. Husch lehnte dem Alten zu Füßen; ein -schwarzer Schleier fiel vom Scheitel über sie, der ließ ihr -nach unten gerichtetes Gesicht sehen und den verleuchtenden -Frühling ihrer Glieder ahnen. Die anderen starrten oder -schrien oder hoben ihre sehnenden Arme nach dem Lichte -des Himmels, das über tote Felsen herniederbrach.</p> - -<p>Um diese Zeit redete Jockele zu Do und Maria von -der Gruppe nur noch als von seinem ›Monumentalgemälde‹ -oder von dem ›Galeriestück‹, oder in sonstigen<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -Vollwörtern, die sich mit gewaltigen Armen um die Vorstellung -warfen, welche er damit verband.</p> - -<p>Als er zum erstenmal im wehenden Malerkittel auf -der Leiter stand und die Figuren mit Kohle umriß, verbat -er sich von den beiden Freundinnen alles kritische Dreinreden -– er sicherte ihnen dazu drei Sommertage.</p> - -<p>Da lugte von draußen schon das Leben in Gestalt -eines maienhaften kleinen Mädchens durch die Zinzeln -des Zaunes, stocherte mit einem blühenden Mandelzweig -hindurch und lachte darüber hinweg, daß es wie gemünztes -Gold in das lichtahnende Gras fiel … Aber Jockele hörte -es nicht.</p> - -<p>Dann kam der Fastnachtsdienstag, und er war Spitzenreiter -vorm Faschingszug.</p> - -<p>Es war eine feine Sache. Er trug blanke hohe Stiefel -und enganliegende weiße Lederhosen, einen feuerroten -Reitrock, Perücke und Dreimaster. Und die schwarze -Stute unter ihm spiegelte den hellen Tag und war voll -Verständnis für ihre Sendung, aber ohne Humor.</p> - -<p>Faschingszüge sehen einander ähnlich, selbst dann, -wenn junge Leute ihren Witz auf die verblüffte Menge -loslassen, die ihren künftigen Ruhm verbrieft in der Rocktasche -tragen. Aber ein weimarisches Narrenfest hat seine -geistigen Besonderheiten; denn nicht nur was irdisch und -schier allzu sterblich ist, sondern auch die ewige Seele der -Stadt schmunzelte ihr wärmendes Lächeln darüber, wie -Froriep in violettem Professorentalar mit einer Miene, -die der Würde der Sache entsprach, das Problem des<span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span> -Schillerschädels aufrollte. Natürlich redete er nicht, damit -er den Spaß nicht verderbe. Und Goethe, Schiller, Liszt, -Cranach traten aus den Pforten der historischen Häuser, -begrüßten mit Humor und Behagen das närrische Treiben -ihrer Stadt und reihten sich fahrend in den Zug ein. Der -Genius fehlte bei keinem; er postierte sich hinter jeden auf -den Wagen.</p> - -<p>Gleich beim ersten Halten, dort, wo die Belvedereallee -in die Marienstraße mündet und um das Liszthaus der -weiche, grüne Traum weht, der zu klingen anhebt für -den, der mit der Seele hinhorcht – gleich beim ersten -Halten guckte das Schicksal für Jockele dort aus dem -Fenster.</p> - -<p>Liszt schritt durch das eiserne Pförtchen seines Gartens -– das lange Totsein hatte ihm nicht geschadet, -und just so, wie er durch das Gedächtnis der Nachwelt -wandelt, stand er leibhaftig in ihr und grüßte die Menge -mit der Feierlichkeit eines frühen Sonntagsmorgens, der -voll ist von den waldfernen Fanfaren eines Kaisermarsches.</p> - -<p>Aber solche Dinge sind vorbereitet, und wer nicht zu -der staunenden Masse gehört, darf einmal daran vorüberschauen.</p> - -<p>In überlegenem Stolze faßt Jugend solcherlei Gelegenheit -beim Schopfe; denn wer hat eine Ahnung, wie -putzig und liebenswert die Welt aussieht, wenn sie betrachtet -wird in rotem Reitrock und Stulpenstiefeln und -von einer tänzelnden Rappstute herab, die hin und wieder<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span> -durch die Nüstern bläst und ins Zaumzeug knirscht, als -wäre sie eins der blanken Sonnenpferde?</p> - -<p>Der rote Spitzenreiter hielt just vor dem Fenster, aus -dem des Herrn Franz Liszt »dreißigjährige« Schaffnerin -Pauline herausschaute und ihr Glück über das Volk -lächelte, das draußen ihrem großen Herrn wieder einmal -Palmen streute. Da ließ sie sich in dankbarer Rührung -gleich selbst ein bißchen huldigen, und es schien, als sähe -sie in Augen, die ihr ein helles Hurra von den Steigen -emporriefen; denn dieser Franz Liszt von heute war bei -aller Aehnlichkeit und Würde, die ihm ein trefflicher Darsteller -lieh, doch nur ein Spiel – sie aber war noch die -echte, die ihm mit ihren Händen die Nadel in die Krawatte -gesteckt und die Krücken der Spazierstöcke mit dem seidenen -Tuche gewischt hatte (wiewohl er keinen je in Gebrauch -nahm), während er im Vorplatz den Glanzhut auf -dem Aermel bürstete für den Ausgang …</p> - -<p>Wo hat aus einem Blumentopf voll Erde die Sonne -so strahlende Menschenblüten hervorgelockt wie in -Weimar?</p> - -<p>Wo bescheint die Seele des Himmels die Welt, wie -in diesen warmen Winkeln zwischen den bemoosten -Dächern und kleinen Fenstern?</p> - -<p>Und wo sonst ist Ewigkeit in so fühlbarem Fluge, daß -sie sich um die Stirnen schmiegt wie atmender Duft des -Hochwalds? – – – – – –</p> - -<p>Aber des Herrn Franz Liszt treues Schlüsselfräulein -war es nicht, für das Jockele die Raketen seiner Blicke<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span> -abbrannte. Das Feuerwerk galt dem jungen Mädchen, -das der Frühling daneben ins Fenster gestellt hatte. Er -hatte sich da etwas ausgesucht, das im zeitigen Jahre -schon über und über in Blüte stand, und wollte zeigen, -daß er auch schon um die Mitte des Hornung, wenn er -gerade die Stare losgelassen, etwas Rechtschaffenes zuwege -brächte.</p> - -<p>Dieses Dokument seiner königlichen Herrlichkeit hatte -die Haare voll Sonnenschein auf den Ohren zu goldenen -Schnecken gedreht. Das ganze Röckchen und die rosa -Crêpe-de-chine-Bluse steckte voll Frühling. Das silberne -Glöckchen, das sie an einem Kettlein auf dem Halsausschnitt -trug, läutete mit inbrünstiger Heftigkeit.</p> - -<p>Ohren, Augen und Herzen der tausend Menschen -ringsum hatten alle Hände voll zu tun, um von dem eben -begonnenen Ereignisse kein Korn bunten Glücks fallen zu -lassen. Da wurde aus den Köpfen und Leibern und -Schellen und Farben und Fahnen und Trompeten ein -brandendes Meer, das wogte um den Frühling neben -Paulinen und um Jockele auf der Rappstute als wohlige -Einsamkeit. Und die zwei Paar blauen Augen fingen -an, sich über das Meer hinweg zu unterhalten und verstanden -jedes Wort. Die unter dem Dreimaster standen -hoch und hell im Tage und taten, als müßten sie zwei -Löcher in die rosa Bluse brennen. Sie sagten:</p> - -<p>»Was bist Du für eine märchensüße, kleine Frühlingsprinzessin! -Warum hab' ich Dich zuvor nie in Weimar -gesehen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p> - -<p>Da sagten die Augen hinter den blühenden Mandeln: -»Oh, ich kenn' Dich! Du bist der Maler aus dem Baumwinkel -am Horn. Was bist Du für ein ranker, feiner -Junge! Ich habe Dich schon durch die Zaunzinzeln gesehen -und habe Dich ausgelacht, wie Du auf der Jakobsleiter -standest. Aber Du nahmst Dich so wichtig, als müßtest Du -den lieben Gott malen, und sahst mich nicht.«</p> - -<p>Weil sie Miene machte, ihm den Mandelbuschen herüberzuwerfen, -ließ er die Stute ein wenig seitlich treten, -und er fing den Strauß …</p> - -<p>Drüben aus einem Fenster der Kunstschule guckte -Gwendolin und sah das und sagte zu ihrer Nachbarin: -»Jakobus Sinsheimer ist dabei, sich wieder zu verheiraten.«</p> - -<p>Hinter ihm hatte Liszt indes sein Volk begrüßt, und es -begann, vorwärtszudrängen. Da legte Jockele die Hand -an den Hut – natürlich für den Frühling, und der Frühling -wedelte mit Herz und Händen. Und Jockele stieß den -rechten Zeigefinger gegen die Brust und dann dreimal -deutend halb nach unten gegen das Fenster, und malte mit -den Augen ein mächtiges Fragezeichen in die Luft.</p> - -<p>Der Frühling mit den goldenen Schnecken verstand das -und geriet in ein beifälliges Nicken: »Ich warte, bis Du -kommst, und wär' es bis übermorgen!« Und vorn der -Jockele dachte, er wäre Kapellmeister geworden, und schlug -mit dem Mandelblütenbusche der Narrenmusik einen flotteren -Takt in das Blaszeug; denn sein Herz wollte mit -der Musik Schritt halten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span></p> - -<p>So wurde die Sache, die eben noch feierlich gewesen -war, lustig. Von oben herab zischten die Papierschlangen, -wirbelten die zitternden Konfetti, und Weimars Ewigkeit -schwang sich ein bißchen darüber hinaus aus dem Staube -und flog an den hohen stillen Fenstern dahin.</p> - -<p>Aber schließlich hat ja auch ein Fastnachtszug sein Ziel. -Es war kurzweilig, die Welt in so feuerroter äußerer und -innerer Aufmachung zu durchschreiten, aber manchmal -stahl Jockele sich doch eine Minute aus den vielen, vielen, -die da an bunten Papierstreifen herumhingen, und drückte -sie in seiner sattelhohen Einsamkeit voll Inbrunst ans -Herz, damit sie ganz ihm gehöre.</p> - -<p>Darüber fiel ihm ein, welchen Namen die Kleine im -Liszthause wohl hätte?</p> - -<p>Er nannte alle Mädchennamen, aber es wollte keiner -passen. Er verfaßte in träumendem Reiten durch dies -Chaos der Lust eine ganze Spalte Familiennachrichten -und stellte darin Vermutungen auf: himmelblaue über -Vater, Mutter und Geschwister; gelbe über die Frage, ob -so etwas Morgenblütiges und voll von Ostertau noch ohne -Bräutigam wäre; sehr grüne über ihre allgemeinen -Fähigkeiten zu lieben und über ihre besonderen, ihm die -Treue zu halten …</p> - -<p>Diese peinigten ihn ein wenig, und als er die Läden -über die Augen schlug, um klarer sehen zu können, stand -sie noch immer im Fenster des dunkelgelben Eckhauses am -Park, aber sie hatte nun auch den anderen Buschen Mandelblüten -verschenkt und hatte in jeder Hand einen langen<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -Stengel Diclytra, die sie in Weimar fliegende Herzen -nennen, und die vielen, vielen Herzen baumelten über den -Köpfen der jungen Männer, die unter dem Fenster vorübergingen, -und jeder konnte eines haben, wenn er gut -danach hüpfen konnte.</p> - -<p>Seit Gwendolin war er dem Gedanken nicht mehr -nachgegangen, daß ein Frauenherz eine Einrichtung mit -beliebig auswechselbarer Liebe und Treue sei, und der Sitz -in dem behaglich knirschenden Sattel wurde ihm unbequem.</p> - -<p>Manchmal war es ihm, das Hurrarufen wäre tief, tief -unter ihm, und die Leute stünden alle auf dem Kopfe und -schrien ihre Begeisterung über das Straßenpflaster. Zuletzt -aber setzte sich das ganze Ringsum in ein wohliges -Schaukeln, und er trieb segelsachte darüberhin in eine pfirsichrote -Crêpe-de-chine-Beleuchtung.</p> - -<p>Als ihm eine schöne Hand am Schillerhause einen -Becher Sekt in den Sattel reichte, und Schiller unter die -Menge trat und eine erstaunte Rede hielt, die mit den -denkwürdig-pathetischen Worten begann: »Was rennt das -Volk, was wälzt sich hier vom Kaisercafé bis zu mir?« -tat Jockele, als grüße er mit dem Schaumwein die -lächelnde Spenderin. Aber er beging damit einen schändlichen -Verrat und trank auf den Frühling im Liszthause. -Und darüber kam ihm die Erlösung: der Name Frühling, -der sich ihm gar nicht so recht an die Lippen legen -wollte, ward auf einmal zu Minchen Herzlieb, und -»Hurra Minchen Herzlieb« tirilierte sein Herz, und er<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -brach in göttlicher Gebelaune einen Zweig aus den -rosa Blüten Minchen Herzliebs und reichte ihn mit dem -silbernen Becher hinab.</p> - -<p>Friedrich von Schiller hatte mittlerweile eine Salve -knatternder Jamben auf das Volk abgefeuert – Jockele -wollte wetten, es wäre ein Akrostichon auf Minchen Herzlieb -gewesen. Die Sache nahm ihren Lauf: seitdem das -Mädel einen Namen hatte, kuschte es sich ihm ins Herz -wie ein Vöglein in sein Nest. Und das Herz war aus -Mandelblüten.</p> - -<p>Während er so dahinritt und immer dachte, es müßte -nun alle sein, sang er leis und laut in die Musik. Das -Lied setzte sich nur aus den zwei Worten Minchen und -Herzlieb zusammen, und es war doch alles darin, was ein -junger Mann zu einem gewissen Wohlbefinden braucht, -über das sich die himmlischen Englein wundern müßten, -wenn sie so etwas schmecken könnten.</p> - -<p>Wie er den Zug doch endlich vor den Armbrustsaal in -der Schützengasse geleitet hatte und den Knecht sah, der dort -auf die Rappstute wartete, glitt er aus dem Sattel, warf -dem Jungen die Zügel zu und versickerte in die jubelnde -Unendlichkeit. Als er drüben wieder herauskam, warf -er sich in ein Auto, und am Fenster des Liszthauses stand -Minchen Herzlieb als süße Treuhalterin, hatte die langen -Stengel mit den vielen, vielen Herzen gar nicht in den -Händen, sondern biß sich ein wenig leuchtende Verlegenheit -in die Lippe und dachte: »Teufel, da hab' ich wieder -mal was angerichtet!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span></p> - -<p>Sein Herz schlug wie ein Triangulum, weil er sie noch -an der gleichen Stelle fand, und er läutete sich gleich mit -allen Glocken in sie hinein –</p> - -<p>»Erstens habe ich Dich auf dem drei Stunden langen -Ritte siebentausendmal ›Du‹ genannt,« jubilierte er, »und -zweitens ist Fasching, das ist das große Verbrüderungsfest -der Menschheit – guten Tag, Minchen Herzlieb!«</p> - -<p>Da schlug sie beide Hände vor das Gesicht, und das -Tirilieren kam auch über sie –</p> - -<p>»Ich heiße ja gar nicht Minchen Herzlieb, ich heiße ja -Sibylle Bach!«</p> - -<p>»Auch ganz schön,« sagte er – »Sibylle Bach … -das geht in den Mund wie Knickebein, aber Minchen Herzlieb -läuft ins Herz wie der blühende Frühling! Guten -Tag, Minchen Herzlieb! Und nun mach' die Tür auf und -laß mich hinein!«</p> - -<p>Frau Pauline stand zu einem Ausgange gerüstet. Sie -hatte es aus ihrem ahnungsvollen Frauenherzen heraus -so eingerichtet und stattete damit einem Manne, der schon -längst seine ehrsame Mansarde im Himmel bezogen hatte, -eine liebe Dankesschuld ab.</p> - -<p>Dieser Mann war der Großvater Minchen Herzliebs -und hatte sechzig Jahre zuvor eine blutjunge Geschichte -mit Paulinen erlebt; das wirkte nun über Zeit und -Leben hinaus und verschaffte Minchen das Recht, zu festlichen -Gelegenheiten aus dem Fenster des Liszthauses -jungen Männern die Köpfe zu verdrehen. Aber es muß -zu Minchens Ehre gesagt werden, daß sie auch zu anderen<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span> -Zeiten und Gelegenheiten dieser kurzweiligen Beschäftigung -nachging.</p> - -<p>So oft sie in Paulinens blankes Stübchen trat, in dem -die weißen Fensterbehänge mit den roten Geranien Feste -feierten, verfiel die alte Dame zuerst in ein hingebungsvolles -Schweigen. Minchen Herzlieb verhielt sich dann -abwartend, bis Tante Pauline mit den Fingern auf der -Kante des Nähtisches zu trommeln begann. Dieser sanfte -Wirbel, auf dem ein Dämpfer von sechzig Jahren saß, lief -immer den gleichen Worten voraus – »Ja ja, Dein Großvater -hat mich einmal heiraten wollen, Sibyllchen, aber -es ist hernach nichts daraus geworden …«</p> - -<p>Es ist wahr: die guten Taten der Väter werden an -den Kindern heimgesucht durch viele Glieder. Jockele -widmete dem alten Herrn im Himmel ein paar rührende -Worte des Dankes. Daraus erkannte die greise Schließerin, -daß der junge Mann, der vorhin so schön zu Roß gesessen, -auch ein sehr guter Mensch wäre, und sie machte -sich voll gütigen Verständnisses auf den Weg.</p> - -<p>Es war ein so liebes Scheinen in dieser Stube wie in -den Räumen des Hauses am Buchenwalde zu Ibenheim; -aus allen Winkeln atmete die alte Zeit, und draußen auf -der Straße spielte ein sachter Wind Fasching und tanzte -mit den bunten Konfetti einen altmodischen Walzer.</p> - -<p>Minchen Herzlieb fragte Jockele gleich, ob er Tango -könnte.</p> - -<p>»Nein,« sagte er. Aber es fiel ihm ein, daß ein junger -Mann mit vielen Mädchenbekanntschaften universale<span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span> -Kenntnisse besitzen müsse – was wissen Sie von Goethe, -von Wieland, von Wildenbruch, von dem ›Hauptgeschäft‹, -vom Peneios, von Persephoneia, von Hysterie, von Tango? -– Die einzige, die nichts weiter von ihm hatte wissen -wollen als das Küssen, war Gwendolin. Er hatte ihr längst -verziehen, daß sie so übel mit ihm verfahren war, und -manchmal in diesen Winternächten im Baumwinkel waren -ihm die Lippen im Feuer der Sehnsucht nach ihren verzehrenden -Küssen heiß geworden.</p> - -<p>Viel, viel später dachte er einmal: Es wäre gescheit, -wenn die jungen Männer auf die ersten Fragen warteten, -die ihnen von einem Mädchen vorgelegt würden. Diese -ersten Fragen lassen sie ausfliegen, damit sie ihnen Botschaft -bringen, wie es in der Welt aussieht, an deren -Strand sie segeln. Und wer hinhorcht, der weiß, wonach -diese Tauben vor allem Ausschau halten.</p> - -<p>Jetzt aber hatte er zu derlei Betrachtungen keine Zeit. -Es war ihm schon zur belustigenden Gewißheit geworden, -daß Minchen Herzlieb gar nicht ahnte, daß er sie -zur Trägerin eines berühmten Namens gemacht hatte. -Sie nahm die Herzensgeschichten vergangener Herren nicht -entfernt so wichtig wie ihre eigenen. Darum sagte er ihr, -daß sie furchtbar nett aussähe, hütete sich vor dichterischen -Vergleichen und hielt sich an das Greifbare. Das Sofa -mit dem Kirschbaumrahmen, durch den sich zierliche Einlagen -schlängelten, sagte zwar ein verwundertes ›Na!‹; -denn es war von Tante Pauline her an ruhevollere Behandlung -gewöhnt, aber es dauerte nicht lange, so war<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -doch wieder nur der kleine fixe Schlag der Pendule -hörbar, und die Geranien am Fenster waren die -Fackelträger.</p> - -<p>An Gwendolin dachte Jockele nicht, wiewohl sich Minchen -Herzlieb viel weicher und ergebungsvoller benahm. Die -Liebesstunden mit Gwendolin waren ein Flammentanz, -ein Taumel durch alle Brände der Hölle, ein Vergehen in -feuerroter Seligkeit, waren ein ungeheueres Verschwenden -gewesen.</p> - -<p>Minchen Herzlieb dagegen blieb bei sich selber und verabscheute -die Tiefen. Sie fiel in ihre Sinne wie die Lerche -in die jungen Halme, voll Lütütü und hellgrünem -Pfingsten. Aber in Gwendolin Vogelgesang entluden sich -alle Mächte <span id="corr205">des Himmels</span> und der Erde. Gwendolin sprang -in eine Liebesstunde vom Turme – Minchen Herzlieb -dachte daran, ob er hernach wohl mit ihr zum Faschingsball -gehen werde. Wenn er diesen famosen Einfall hatte, -durfte sie keine Knitter bekommen; denn sie wollte für die -ganze Welt immer frisch aufgeblüht erscheinen. Dem Gedanken, -nur <em class="gesperrt">einem</em> zu gefallen, stand sie mit lachendem -Unverstande gegenüber, aber es war doch eine schauerliche -Süßigkeit, mit der er über sie kam. Und als er die Perücke -ganz nebenher in Sicherheit bringen wollte, weil er dachte, -Minchen Herzlieb wäre so hoch im Himmel, daß sie davon -nichts merkte, brachte sie durch ihr Lachen die Stimmung -in ein gefährliches Schwanken.</p> - -<p>Dann fielen ein paar Fäden Dämmerung durch die -Fenster, und draußen in der blauen Küche bekam Frau<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -Pauline Apel einen diskreten Husten und läutete mit zwei -Tellern Feierabend.</p> - -<p>Da machten sie sich fertig und gingen in die Armbrust -zum Faschingsball, und seit diesem Balle hieß sie in der -ganzen Stadt Minchen Herzlieb.</p> - -<p>Sie blühte auch da unter aller Buntheit hindurch und -schwamm in Weltfeiertagsfröhlichkeit, aber wenn Jockele -die vorige Stunde in ihren Augen suchte, stand sie doch -noch darin. Gwendolin dagegen konnte zwischen zwei -Minuten eine sternenweite Vergessenheit aufrichten – die -Augen, die in der einen gesagt hatten: »Du trinkst mir -mit Deinen Küssen die Seele aus,« schwuren in der -nächsten: »Ich kenne diesen Menschen nicht.«</p> - -<p>Wenn er mit Minchen Herzlieb tanzte, fiel alle Erdenschwere -von ihm ab samt Armem Heinrich und Tartarus -und Huschs Anfällen; denn das Mädchen lag ihm im -Arme wie eine hineingewehte Blüte; und so führte er sie -in einer Nachmitternachtsstunde nach Hause. Sie gewährte -ihm noch eine kleine Nachfeier in der Gartenlaube. -Der Wind, der durch die Windmühlenstraße am Silberblick -hinauf in die Felder lief, tat die vorjährigen Blätter der -Clematis auseinander und wollte ein bißchen gucken, -konnte aber nichts sehen.</p> - -<p>Da vereinbarten sie einen Katerbummel, der so lang -und leichtsinnig sein sollte wie das schöne Wetter. Er -dauerte drei Vormittage. Der erste Morgen in den Stadtratstannen -und Buchfart war ein wenig müde, und Jockele -war zu Betrachtungen geneigt; der zweite war voll Ueberstrom<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -an Licht und Liebe, und als sie vor der kleinen -Brunnengruppe des Herkules und Antäos in Belvedere -standen – in jenem Gartenteile, in dem der alte Kaiser -Wilhelm als Prinz von Preußen die Eiche gepflanzt – -nahm er sie auf den Arm und trug sie in klingender Siegerfreude -den Parkweg entlang bis hinab an den Fichtensaum -im Tale.</p> - -<p>Dort lag die Sonne in zehntausend Anemonen und -Veilchen und hatte sich den Frühling hinbestellt. Da -spielten sie zu Vieren Küssen.</p> - -<p>Nach einiger Zeit erklangen junge Stimmen auf dem -Grashange gegenüber, und wie die vier himmelfreudigen -Spieler die Zweige der Jungfichte auseinanderbogen, sahen -sie die kleine Prinzessin Sophie und den noch kleineren -Erbgroßherzog Wilhelm Ernst. Die Kleine kauerte vor -einer Röhre, die unter dem Parkwege hindurchführte, und -hatte das Tirilieren wie Minchen Herzlieb; denn Flipp, der -stichelhaarige Dackel, war von seinem Forschertriebe in die -Röhre getrieben worden und suchte da nach Wundern. -Und das Kleine wollte ihn am Schwanze herausziehen. -Wilhelm Ernst der Jüngere aber hatte sich von einer Parkfrau -den Rechen geben lassen, der älter war als er selber, -und versuchte sich damit am Ernste des Lebens.</p> - -<p>Da lief die Sonne hin und faßte das Vorfrühlingsidyll -mit den Fürstenkindern und Flipp dem Dackel in einen -goldenen Rahmen. –</p> - -<p>Am dritten Tage waren sie in der Fasanerie im -Webicht. Es waren da schon viele Lichter ausgelöscht in<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span> -der Welt, und was sich an verfrühten Blumengesichtern -aus dem vorjährigen Laube hob, hatte die Augen zu, und -der Wald trauerte um den leuchtenden Irrtum der letzten -zwei Tage.</p> - -<p>Es war wieder Februar geworden.</p> - -<p>In der niederen Stube der Fasanerie waren sie allein, -um sie ein bißchen verblichene Weidmannsfreude des abseitigen -Jägerhauses an den Wänden – auf einmal war -Jockele im Forsthaus an der Hörsel, und das Zinzilein -stand in der Stube und schaukelte ein kleines Mädchen auf -dem Arme …</p> - -<p>Gott, das Zinzilein! Wo war es gewesen all die -Zeit her!</p> - -<p>Es hatte genau solche goldenen Haare und solche Maifestaugen -wie Minchen Herzlieb. Aber es war kaum der -Schule entlaufen, da hatte es schon ausgesehen wie ein -durchsonntes stilles Waldwasser, aus dem die weißen -Sterne des Hahnenfußes aufgehen und die silbernen -Kronen der Teichrosen. Es blühte an ihm alles so von -innen heraus; wo es seine Augen hatte, ward's hell, -und wo seine liebe Stimme erklang, ward's warm … -Nun war ein schlankes, junges Mütterchen aus ihr -geworden!</p> - -<p>Die Sehnsucht faßte Jockele an – heißer, träumerischer -Hochsommermittag, in dem alle Düfte Farben bekommen -und Säulen von Gold in den thüringischen Buchenwäldern -stehen. Und seine Seele schwamm darin mit -breiten Schwingen …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span></p> - -<p>»Du bist heute langweilig,« sagte Minchen Herzlieb -und riß ihm einen seiner schönen bunten Flügel aus … -»Ich gefalle Dir nicht in Blau, gelt?«</p> - -<p>»Himmel, es gibt doch auch noch wichtigere Dinge auf -der Welt als Frauenkleider!«</p> - -<p>»Wichtigere Dinge? Wie meinst Du das?« fragte sie -und wurde steil.</p> - -<p>Da sprang draußen eine Stimme auf die Haustürschwelle, -die packte die Frage Minchens und schnickte sie -unter den Tisch.</p> - -<p>Dann ging die Tür auf –</p> - -<p>»Da haben wir ihn! Kommen Sie, Husch! … Sie, -Jakobus Sinsheimer, ich hab' Ihren ›Armen Heinrich‹ -verkauft! Und Sie sitzen mit einer Ihrer zahllosen Bräute -beim Frühschoppen, den Sie aus einer Ewigkeit in die -andere verlängern! Reden Sie nicht, ich weiß alles! Diese -Dame heißt Minchen Herzlieb, und Sie haben sich mit ihr -im Sattel vor dem Liszthause verheiratet.«</p> - -<p>Einen Schwung hatte Gwendolin, einen Schwung -voller Erlösung und seelenerstürmenden Jubels – Jockele -dachte gar nicht mehr an den abgerissenen Flügel, er -breitete seine Arme weit aus und riß das lange Mädel -an sein Herz. In sie wurden weder Knitter, noch ging -daran etwas in Stücke –</p> - -<p>»Gwendolin, Krone der Weiber, Königin des Himmels -und der Erde! Gwendolin, Du ungeheures Licht, Du -Zauberin!« Und dann geriet er über ihre Lippen, und -die beiden ranken jungen Menschen schossen durcheinander<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span> -wie zwei Waldbäume und verflochten sich mit Wurzeln -und Aesten.</p> - -<p>Seine dröhnenden Worte hatten in der Küche eingeschlagen. -Die Wirtin sprang hinein und wollte retten, -was zu retten wäre. Aber schon in der Türe kriegte sie -die Verklärung, schrieb unter das Bild in Lebensgröße: -»Ein Wiedersehen nach langen Jahren« und versank in -Rührung.</p> - -<p>Minchen Herzlieb saß auf einem weißglühenden Stuhle -und dachte: »Scheidungsgrund!«</p> - -<p>Husch war an einen abseitigen Tisch gesunken – es -glitt ihr nichts aus den Händen; denn sie hatte sich gehütet, -etwas zu halten; darum setzte sie sich nun neben das Leben -und wartete, ob für sie etwas am Rande liegen bliebe.</p> - -<p>»So – nun laß mich los! Mensch, Du bist ja immer -noch – waldwild wie damals – und tollwüchsig – und -– – Hilfe!! Es sind bloß dreihundert Mark – Du küßt -ja für fünfhundert!«</p> - -<p>Da wurde Jockele barmherzig, aber er schwur, daß es -erst hätte angehen sollen.</p> - -<p>»Geschenkt! Geschenkt!« keuchte sie.</p> - -<p>Da ließ er sie los, und Minchen Herzlieb quittierte ihren -Aerger und sagte zu Gwendolin: »Ich kenne das!«</p> - -<p>»Ach nein? Wirklich?« sagte Gwendolin, aber sie -tröpfelte ein bißchen Gift darauf. Da merkte das Kleine, -daß es renommiert hätte, und Gwendolin führte Husch an -den Tisch, warf ein paar Hände voll Frohmut über sie -und ließ sich das Hütchen mit der Spielhahnfeder zurechtschieben,<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -das ihr obenauf saß wie ein hingeschmettertes -Juchtrala.</p> - -<p>Minchen Herzlieb konnte inzwischen den Gedanken -nicht loswerden, die Sache mit dem Armen Heinrich wäre -nur eine Finte, und die lange Gwendolin hätte den Hieb -geschlagen, um ihr – dem Minchen – eine blutige Abfuhr -zu bereiten. Darum fragte sie, wo denn das Geld -wäre, und es entstand eine elektrische Schwüle, die der -armen Husch auf die Nerven fiel.</p> - -<p>Aber Jockele rettete die Situation mit einer Flasche -Sekt und einem Frühstück. – Ein Münchener Verleger -hatte die Zeichnungen für eine neue Uebertragung des -Gedichts vom Armen Heinrich erstanden, und der Kunsthändler -hatte dafür – natürlich samt den vier Tafeln in -Oel – den Betrag geboten; die Verhandlungen waren -zwischen ihm und Gwendolin durch den Draht gepflogen -worden.</p> - -<p>So war alles sternenwunderbar und märchenhaft, und -ein gewöhnlicher Mensch konnte darüber den Verstand -verlieren. Jockele aber ging nur über die Baumwipfel -nach Hause, und Gwendolin scherzte: »Ich wußte, daß ich -einen schweren Gang tat, darum hab' ich mir die Husch -mitgenommen.«</p> - -<p>Sie spazierten über die Felder und Gleise hinter dem -Luftbad und setzten Husch an der Schlüpfe im Zaun ab; -dann ging Gwendolin, die in der Kurthstraße wohnte, -und die allen Bitten Jockeles, den Umweg über den -Silberblick zu machen, kein Gehör gab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p> - -<p>So lieferte sie ihn Minchen Herzliebs Zorn aus, und -die knatterte auch gleich los, als hätte es kein Verbrüderungsfest -auf dem Sofa Paulinens und kein Vorfrühlingsglück -im Park zu Belvedere gegeben –</p> - -<p>Er wäre wohl mit allen Mädchen auf Du und Du in -Weimar? Und ob er sich einbilde, daß sie gerade auf ihn -gewartet hätte? Und was das für ein unsauberes Küssen -gewesen wäre mit dieser Gwendolin Vogelgesang – pfui -tausend! Und warum er ihr verschwiegen hätte, daß die -Husch sogar bei ihm im Hause wohne – oh!</p> - -<p>Sie ging mit ihm die Windmühlenstraße hin bis in das -Wäldchen um Hases Ruhe und hatte sich in eine rauchende, -allgemein menschliche Entrüstung hineingeredet. Darüber -konnte er noch lange nicht zu Worte kommen. Zuletzt -wartete sie mit einem Platzregen von Tränen auf.</p> - -<p>Aber Jockele hätte nicht an einer Wegscheide stehen -dürfen – wiewohl er sie längst noch nicht klar zu sehen -vermochte – und er hätte nicht das schöne fremde Scheinen -des blauen Geldes ums Herz tragen müssen! Die Rede -ging Minchen Herzlieb aus dem Munde wie Gift und Oel -und war voll weiheloser Empörung, aber sie trat keine -Türen ein.</p> - -<p>Sie schritten hundertmal den kleinen Weg durch das -ausgeholzte Wäldchen, grauer Alltag stand ringsherum, -und dem Jockele gefror das Herz vor dieser Millionenschablone -bis auf den Grund.</p> - -<p>»Minchen Herzlieb, Du warst eine Faschingsdummheit!« -sagte er.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p> - -<p>Darüber verlor sie die schöne Sicherheit, mit der sie -ihm den Tisch voll bittere Mandeln getragen hatte, und -die Sache bekam eine neue Wendung; denn Minchen befand -sich nicht zum ersten Male in solcher Lage, aber vordem -hatte so etwas wenigstens drei Wochen gedauert, nun -war es gar auf drei Tage zusammengeschrumpft.</p> - -<p>Und sie verfiel in eine grausame Selbstquälerei … -»Warum bist Du erst gekommen, wenn Du mich nicht liebgehabt -hast?«</p> - -<p>»Natürlich hab ich Dich liebgehabt.«</p> - -<p>»Gehabt!«</p> - -<p>Er zog die Achseln und redete wie aus tausendjähriger -Erfahrung: »Es steht schlimm um die meisten Mädchen – -entweder können sie das Feuer nicht anblasen, oder sie -können es nicht unterhalten.«</p> - -<p>»Anblasen …,« sagte sie schokiert.</p> - -<p>»Oh, anblasen kannst Du, aber es fehlt das Oel auf der -Lampe. Ihr habt die pudelnärrische Ansicht, ein Mann sei -ein Ding wie ein Spiegel, der Ja sagt, so oft ihr hineinguckt. -Der Spiegel gehorcht sieben Jahre, der Mann ist -des Schauspiels am siebenten Tage müde …«</p> - -<p>Sie bekam das Zittern ins Herz und schwur sich, sie -wollte zuhören bis zum Abend. Das ›Oel auf der Lampe‹ -quälte sie – – wenn man einen Mund hat so voller -Blühen und den besten Willen zum Küssen und siebzehn -Blusen und vier Kostüme und drei Kästen bunte -Schleifen … ist das kein Oel? Aber sie sagte das nicht, -sondern wartete, was er meinte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p> - -<p>Die Stunden in diesem Wäldchen vor dem Südtore -der Stadt gehörten zu denen, die in seinem Leben stehenblieben -– nicht, weil er da zwei Tage einer Liebe begrub, -die vormärzlich und sonnenfieberisch gewesen war, und die -ihn betrogen hatte, sondern weil er in diesen Stunden in -die Tiefen des wilden Jahres schritt, in denen ihn das -Leben jählings zerriß.</p> - -<p>Die stille und klare Feierlichkeit des Hauses am Buchenwalde -schien aus Fernen in sein Herz, die er verloren gab. -Aber das Licht von den ersten Blumensteigen des Daseins -leuchtet bis auf die andere Seite, und kein Leben kommt -darüber hinweg.</p> - -<p>Nun erfüllte das leidsüchtige Wesen der Husch sein -Schaffen …</p> - -<p>Doris Rinkhaus hatte den Finger gehoben – er verstand -ihn nicht. Und nun hatte er sein Herz an ein -junges Gesicht vertrödelt, weil es lustig lachen konnte! -Dies Herz hatte Sehnsucht nach einer kindhaften Fröhlichkeit -gehabt, wie sie das Zinzilein ausgestrahlt hatte. Aber -nach drei Tagen war der perlende Trunk abgestanden, und -Huschs Veilchenstille, die an dem bißchen Schimmer blühte, -der in die Winkel fiel – ach nein, die lockte ihn nicht, aber -er war ihr dankbar.</p> - -<p>So vergrübelte er sich und lief seiner Sehnsucht nach, -und Minchen Herzlieb war ihm ganz aus den Gedanken -gekommen. Da fing sie ihn sich wieder –</p> - -<p>»Ach ja,« sagte er, »ich glaube, die meisten von Euch -halten die Männer für Narren.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span></p> - -<p>»Vielleicht haben wir ein Recht dazu,« sagte sie -schnippisch.</p> - -<p>»Ihr macht Euch zu Blumen fürs Knopfloch. Es fehlt -das eine, das nottut.«</p> - -<p>Damit hatte er einen großen Stein vor sich auf den -Weg gewälzt und mühte sich eine lange Rede hindurch -damit herum. Er sprach von breiter, schöner Menschlichkeit, -in die ein Mädchen schon hineinwachsen müßte, während -der junge Mann auf dem Bauplatze für seinen künftigen -Beruf Kärrnerarbeit verrichtet. Er redete von früherwachender -Sinnlichkeit, die in Putzsucht geriete und zu -der jämmerlichen Frauenhalbheit führe, die ebenso arrogant -wie unfruchtbar wäre. Aber der Stein im Wege -wollte nicht weichen, und der Herr Jakobus Sinsheimer, -der sich so männlich-kraftvoll gebärdete, schritt doch immer -nur mit einer mehr oder weniger höflichen Verbeugung -um ihn herum.</p> - -<p>Das merkte Minchen Herzlieb natürlich und sagte: »Du -hast da eine wirre Sache auf mich losgelassen, mit der Du -selbst nichts anzufangen weißt! Wenn Du mich wieder -einmal sehen willst, so wirst Du mich ja wohl finden. Jetzt -geh ich nach Hause; denn ich habe Hunger.«</p> - -<p>Und das war eine ganz vernünftige Lösung. Der -Glaube an ihre brauchbare Art war ihr nicht erschüttert -worden – warum auch?</p> - -<p>Sie ahnte, daß es in einem jungen Künstlerherzen so -aussehen könnte. Es war das etwas anderes als bei -einem Menschen, der mit dem Reisekoffer hineinfährt ins<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -Leben, den ihm die Alten daheim gepackt haben. Aber -die Verwirrung, die Jockele angerichtet hatte, blieb auch -für sie undurchsichtig. Es kam ihr vor, als hätte sie sich an -den Rand eines Abgrunds gewagt, an dem nicht spazieren -zu gehen war nach der Mädchenweise:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Hüpft's Herz hinterm Mieder,<br /></span> -<span class="i0">Wird's inwendig heiß.<br /></span> -<span class="i0">Und Küsse sind Lieder,<br /></span> -<span class="i0">Die man auswendig weiß.<br /></span> -</div></div> - -<p>Schon der Wanderweg durch das Webicht und das -Wäldchen um Hases Ruhe war eine Strapaze gewesen, -wie jene Viertelstunde auf dem Pferde, auf dem sie einmal -im Zuckeltrab über einen Acker geritten war. Aber -für solche Reisen ins Land der Liebe dankte sie ein- für -allemal – dieser Jockele hatte zuletzt Dinge geredet, die -genau so aussahen, als mute er seinem Mädchen zu, daß -es ihm im Kampfe gegen das Leben beistehen sollte … -Dabei packte er dies Leben an ganz anderen Zipfeln an -und tat, als ob es sich nach der zufriedenen und hergebrachten -Art nicht anständig leben ließe. Er hatte seine -Augen immer in Gegenden, in denen die netten Kleider -und die tausend interessanten Dinge, die in der Stadt -passieren, gar keiner Rede wert waren.</p> - -<p>So dachte sie sich in eine lustig-wehmütige Befreiung -hinein und daß sie nachmittags zur Anprobe bestellt wäre.</p> - -<p>Für Jockele war sie Vergangenheit geworden. In -tiefer Dankbarkeit gegen diesen Tag ging er hin und kaufte -einen silbernen Armring. Den brachte er Husch mit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span></p> - -<p>Es war ein unbändiger Drang zur Klarheit in ihm. -Er hatte mit Husch nie ein Wort von Liebe gesprochen, -nie ein Wort über Gwendolin und Minchen Herzlieb. Das -Gefühl, daß er ihr wunderlich ergebungsvolles Herz -schonen müßte, hatte ihn gegen seine Art verschwiegen gemacht. -Aber nun waren die Mädchen zu dritt um ihn -gewesen, und die Freundschaft hatte die Liebe in der -Narrenkappe aus dem Lande gejagt.</p> - -<p>An diesem Tag schloß er Husch alle Türen und Fenster -seines Herzens auf. Wenn einmal die Unordnung über -ihn hereinbrach, daß er aus dem Hause floh – Huschs -Hände vermochten Wunder zu tun; und so oft er heimkam, -umarmte ihn wieder die liebe Stille und sonnige -Sauberkeit. Sie sollte ihm auch über sein ungeratenes -Herz hinweghelfen.</p> - -<p>Es war ihm nicht katerjämmerlich zumute, aber er -fühlte, daß er sich eine moralische Schlappe beigebracht -hatte, und litt wieder einmal an sich selbst. Doch ging er -aufrecht in der Kraft, die im Haus am Walde von Tante -Veronikas Treue in heiliger Bewußtheit in ihn gepflanzt -war, und sagte: »Wie kann sich ein so langer und tapferer -Mensch so verplempern!«</p> - -<p>Er ließ Wind und Feldfrische durch sein Herz laufen, -atmete über dem großen Lüftungsfeste auf und sagte: »Es -ist nicht zu glauben, wie einem ein so kleines, blankes -Mädel das Haus verstauben kann!«</p> - -<p>Darüber mußte auch Husch lachen. Sie teilte sich ihr bißchen -laute Freude ein und lachte in jedem Monat einmal.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p> - -<p>Erst hatte sie gedacht, dem Minchen wäre die alleswissende -Gwendolin im Wege gewesen, und es hätte deshalb -ein Zerwürfnis gegeben, das sie schon auf dem Heimgang -ahnte, und sie war froh, daß sie nicht dabei zu sein -brauchte. Nun erkannte sie aber: das war es nicht, und -wunderte sich über die Maßen, daß er des frischen -Mädchens mit den trällernden Augen so bald überdrüssig -geworden war.</p> - -<p>Er wunderte sich darüber eigentlich auch und deutete -vor Husch immer wieder in grausamer Selbstentblößung -auf den ›langen und tapferen Menschen‹, der so eigenwillig -in seinem Schaffen und seinen Tagen stand und -doch immer so auf das erste beste hinliebte, was ihm den -Weg kreuzte.</p> - -<p>Gleich Maria Reh, die eine kleine Ewigkeit älter war -als er, war keine glückliche Wahl gewesen. Und so -weiter. Aber zuletzt erteilte er seinem irrenden Herzen -in Husch's Beisein eine lustige Generalabsolution und fand -für jeden Irrtum eine Entschuldigung: Maria Reh war -schon damals voll schöner Sommerreife gewesen, die -nun in Ausdehnungen und Behaglichkeit hineinwuchs; -Gwendolin hatte Stunden, in denen sie den lieben Gott -besiegen konnte, aber sie litt an kurzem Gedächtnis; vor -Erika Flucht war er nur bis zu einer dankerfüllten Verehrung -gelangt – sie suchte nach Blumen auf späteren -Feldern und liebte bis auf weiteres über das Zeitliche -dahin. Aber sie hatte ihn doch ein großes Stück Weges -geführt …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p> - -<p>So stellte er jede, die zu dem Kapitel ›Jockele und die -Mädchen‹ gehörte, an diesem Nachmittag in dem kleinen -Haus im Pflaumenwinkel auf. – Doris Rinkhaus kam -zuletzt und weitab von den anderen. Er sagte außer -ihrem Namen kein Wort von ihr; denn er wußte: er hätte -Husch an das Geranienfenster Paulinens im Liszthaus -setzen können, während er mit Minchen Herzlieb das -Verbrüderungsfest feierte – Husch hätte ihn deshalb nicht -scheel angesehen; aber sie geriet an die Qualen des -höllischen Feuers, wenn das Bild der blonden Doris in -die Zweieinsamkeit ihres Hauses trat, und sie gönnte ihren -Augen nicht, daß sie eine Studie Jockeles betrachtete. -Darum: als die Reihe an Doris Rinkhaus kam, entwischte -Husch mit ihm in die ferne, ferne Zeit und leitete ihn zu -klugen und besinnlichen Reden über die Mädchen des -Frühlingshauses.</p> - -<p>Dabei merkte er, daß Tante Veronika über alle hinwegschien -– heller, als er den lieben Glanz empfunden -hatte, wie er noch mitten darin stand. Und sie wurden -lustig an dem Mädchen Mali, die es fertig gebracht -hatte, mit ihrem Singen alles in ewigkeitstiefe Abgründe -zu schlagen, was ihm an Klängen in sein jauchzendes -Zigeunerherz hineingeboren war.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Doris Rinkhaus war er seit Tagen ganz aus den Händen -gefallen. Er hatte sie nicht mehr gesehen seit jener -Stunde, in der sie ihn fragte: »Wo haben Sie Ihre waldwüchsige -Zigeunergesundheit hingebracht?«</p> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p> - -<p>Aber das war schon immer so gewesen. Sie drängte -sich nicht in seine Angelegenheiten und war immer ganz -unsichtbar, wenn er sein Herz auf Abenteuer schickte. Es -war, als hätten sie drüben im Gartenhaus ein Barometer, -das den Druck der Atmosphäre auf dies Herz mit verräterischer -Genauigkeit anzeigte. Doris Rinkhaus schloß -beide Augen, wenn sie merkte, daß er wieder einmal in -eine blutjunge Geschichte hineinsegelte, aus der er sich doch -alsbald rettete.</p> - -<p>So behütete sie ihn, daß er vor ihr rot werden mußte. -Auch den Faschingsritt hatte sie mit einem lachenden und -einem trauernden Auge betrachtet – solche Dinge lagen -ihr nun einmal nicht.</p> - -<p>Im Sommer, wenn sie beide von der gleichen Stille -der Baumwinkel eingesponnen wurden, hingen sie an den -goldgeschmiedeten Lichtketten, die im Schattengarten -umherlagen. Aber nun plätscherte ein langweiliger -Februarregen in die Welt, und Maria Reh hatte aus -der Stadt mitgebracht: Jakobus Sinsheimer wäre von -der kleinen Person am Silberblick festgenommen worden.</p> - -<p>Er selbst saß drüben in schöner Ahnungslosigkeit und -dachte: es wäre fein, daß von dieser dreitägigen Haft -nichts ruchbar geworden.</p> - -<p>»Ich begreife Dich nicht,« sagte Maria Reh zu Do – -»wie kannst Du darüber so vergnügt sein?«</p> - -<p>»Du tust ja, als wärest Du mit ihm verheiratet!« -lachte Do. »So hol' ihn herüber und laß ihn die Mädchen -abschwören für alle Zeiten! Warum willst Du nun gerade<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -diesen hübschen, langen Bengel zu einem Mönch machen? -Na, und daß er nicht mehr in Dich versunken ist wie im -Ibenheimer Waldmärchen – das sollte Dich doch nicht zur -Beschließerin seines Herzens machen!«</p> - -<p>Maria Reh kannte diese Reden. Sie waren die Vorläufer -langer und schweigender Stunden, über die sie sich -oft recht mühsam wieder zueinander fanden: »Du bist -es dem Vertrauen der alten Dame schuldig, daß Du mal -zu einem kleinen Familienrat reisest.«</p> - -<p>Aber damit war sie gründlich abgefallen, und seitdem -bekam sie verzweifelte Augen von diesem Liberalismus -artigen Frauentums und knurrte sich in ein rebellisches -Kopfschütteln über verrückte Erziehung hinein.</p> - -<p>Einmal um diese Zeit griff sie sich Gwendolin und -hatte eine lange, eindringliche Parkwanderung mit ihr. -Der Regen war fort, ein kalter Nebel reifte durch die -Bäume und strickte Netze aus Silber. Die Ilm rauchte, -und die Baumläufer eilten geschäftig pochend über die -alten Stämme und hatten ihre liebe Not, daß der Frühling -unter dem weißen Glanze nicht wieder einschliefe.</p> - -<p>Auf der Schunkelbrücke bei der Pappfabrik, als die -Mädchen zur Belvederer Allee hinübersteuerten, wurde -Gwendolin von ausgelassener Lustigkeit an Maria Rehs -komischer Sorge – die Geschichte mit Minchen Herzlieb -wäre ja nur eine kurze Novelle gewesen mit dem Titel -›Zwei glückliche Tage‹, und die Sache hätte mit dem Lustspiel -eine verblüffende Aehnlichkeit: der erste Tag glücklich, -weil er sie hatte, der zweite, weil er sie los wurde! Es<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span> -wäre ein Lustspiel, das diese Sorte Mädchen in jedem -Monat einmal als Heldinnen durchlebte!</p> - -<p>Da geriet Maria Reh in harte Bedrängnis, rettete -sich hinter Tante Veronika und tat, als wäre sie von ihr -als Agentin der Sittenpolizei eingesetzt.</p> - -<p>Aber Gwendolin ließ dafür ein verständnisloses und -erschütterndes Lachen auf sie los.</p> - -<p>Auf dem Heimweg ging Maria den Philosophenweg -entlang durch die Kiefern nach dem Walle des alten -Schießstandes und kämpfte dabei einen harten Kampf -ums Recht. Weil sie erkannte, daß sie in dieser Gefahr -für Jockele ganz allein sehende Augen behalten hätte und -am Ausgange der Dinge triumphieren wollte, beschloß -sie ein Tagebuch. Darin wollte sie sich alle Bitternis über -den leichtsinnigen Verkehr Jockeles und die noch viel -leichtsinnigere Beurteilung durch Doris Rinkhaus vom -Herzen schreiben. Sie machte sich auch gleich einen Plan. -Es sollte ausgiebig von Erziehung und Vererbung darin -die Rede sein und von den Gefahren, die mütterliche -Nachsicht über einen Menschen bringen könne. Und zuletzt -– zuletzt würden die denkwürdigen Worte stehen: »Das -war das Ende: es ist gekommen, wie ich vorausgesehen -habe! Ein leuchtendes Talent ist zerbrochen am Zigeunertume -des Herzens.«</p> - -<p>So war Maria Reh durch eine närrische Rechthaberei -viel zu früh auf den Distelrain der Altjüngferlichkeit gedrängt -worden. Sie verfiel von Stund an in eine selbstquälerische -Wachsamkeit. Und weil sie sich vor Doris<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -Rinkhaus nicht verbergen konnte und doch vor Fragen -verschont bleiben wollte, sagte sie ihr, was sie vorhätte. -Aber sie stellte es so dar, als ob es sich um die Niederschrift -von Erinnerungen aus dem Baumgarten handelte, -die sie zur leidlich nutzbringenden Anwendung der langen -Abende ersonnen habe.</p> - -<p>So oft Doris Rinkhaus die emsige Feder über das -Papier knirschen hörte, saß sie ohne die leiseste Anwandlung -von Neugier über ihren Büchern. Sie dachte -sich eine Darstellung der kleinen Ereignisse durch Maria -Reh nicht sehr interessant; denn es fehlte der Scheinwerfer -einer rotblütigen Lebensauffassung und rassiger Freude -am Dasein.</p> - -<p>Sie kamen darüber aber doch nicht selten ins -Scherzen –</p> - -<p>»Wo stehst Du jetzt?« fragte Do.</p> - -<p>»Immer noch beim Sommer in Ibenheim!«</p> - -<p>»Du bist ausführlich, Maria! Vergiß die Geschichte -mit dem Druckknopf nicht – sie ist lehrreich.«</p> - -<p>»Wie meinst Du das?«</p> - -<p>»Nun, wenn Du mal Großtante geworden bist, so läßt -sich dann durch Deinen verblühten Mund eine weise Nutzanwendung -machen, etwa mit der Ueberschrift ›von der -Niedertracht der leblosen Dinge‹.«</p> - -<p>Aber sie war noch gar nicht bei dem Sommer in Ibenheim -– die Zigeunergeschichte und das romantische -Sterben von Jockeles Mutter, die Gartenhütte mit der -aufgehängten Weltkugel, das Zinzilein, das gemalte<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -Schmetterlingsbuch, Tante Veronika – – sie schätzte den -Umfang auf drei dicke Bände. Und es war mühevoll, sich -in die Seele eines Jungen hineinzudenken. Ueber die -erste Schwärmerei, in der sie selbst doch mittendrein gestanden -hatte, schrieb sie sich ein lästerliches Kopfweh. –</p> - -<p>Nach dem Fasching, als Jockele dachte, er stünde längst -wieder in schöner Sicherheit auf sich selbst, war er in -erhöhtem Grade der Gegenstand des Interesses aller Malmädchen -geworden. Es war, als hätten sie ihn über dem -heimlichen Gelöbnis belauscht, das er sich auf einsamer -Wanderung durch die märzlichen Felder gegeben: auf -Dreitagemädchen sein Herz nicht mehr hinfliegen zu lassen.</p> - -<p>Das kam daher, daß Jockele die wahre Größe seines -Ruhms nicht ahnte – – Spitzenreiter! Es war kein -Mädchen in Weimar, das nicht mindestens eine Handvoll -verliebter Konfetti oder zwei Augen voll Wohlgefallen -über ihn gewirbelt hatte! Dazu Husch, das hysterische -Modell. Es ging die Sage, der Arme Heinrich sei dem -Jockele auf dem Hainturm eingefallen, und zur selbigen -Stunde hätte die Husch im Gartenhaus am Horn schon -einen verzückten Leidrausch bekommen …</p> - -<p>Die Phantasie ist das letzte Wunder, das der liebe -Gott den Menschen gelassen hat, damit sie nicht voll Mißvergnügen -an seiner Schöpfung werden. Wo sie ahnen, -weil sie nicht wissen können, geben sie sich damit eine -Zaubervorstellung.</p> - -<p>Auch waren auf dem Wege durch die Menschen aus -den dreihundert Mark für den Armen Heinrich dreitausend<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span> -geworden. »Dreihundert, dreihundert!« riefen die Besonnenen, -aber sie erschauerten dennoch bis ins Herz -hinein vor dem großen Lichte, das an dem Künstlerhimmel -im Aufgehen war.</p> - -<p>Während sich die anderen noch schülermäßig in der -Aktklasse mühten, warf er in der Einsamkeit seines -Gartenhauses einen unerhörten Glanz in sein Modell -und tat Wunder. Er hatte Minchen Herzlieb an -der Straße stehen gelassen wie ein Gänseblümchen – -aber was wollte dies alles besagen gegen das siebenfache -Mirakel: die schöne, klare Doris Rinkhaus liebte ihn! Die -Millionenerbin den Zigeunerjungen! Und sein wildes, -geniales, strahlendes Wesen stürmte über sie hinweg und -sah sie nicht! – So redeten die Leute in Weimar von -ihm, und was zwischen diese leuchtenden Fäden hineingesponnen -wurde, war nicht minder bunt und unterhaltsam. -Und alles fand seine Bestätigung darin, daß just in -dieser wundertätigen Zeit Jockele weniger denn je unter -die Menschen ging. Er schwebte im Baumwinkel auf der -Leiter und steckte bis über die Ohren im Tartarus. Wer -neugierig war und auf dem hohen Wall des alten Schießstandes -dahinwandelte, konnte ihn sehen.</p> - -<p>Einmal kam Maria Reh aus der Akademie, warf die -Lippen und erzählte Do: die Leute wüßten, daß sie an -einer himmlischen Liebe zu Jo litte, die sich aber gar sehr -nach Erde sehne …</p> - -<p>Maria Reh spazierte also emsig vorwärts auf dem -Distelraine, nahm zu an ofenhafter Ausdehnung und<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -hatte sich schon in eine rechtschaffene Verbitterung hineingeschrieben.</p> - -<p>»Eigentlich müßtest Du vor Vergnügen über diesen -Klatsch wieder das springseilhüpfende Jungsein kriegen,« -lachte Do, und sie lachte so lange, bis sie auch Maria Reh -von der angenommenen Entrüstung geholfen hatte. –</p> - -<p>Weimar hing nun ganz von Maienseligkeit – jawohl, -auch der Frühling ist in Weimar voll inbrünstigerem -Glück als anderswo; denn es rauschen die hellen Ewigkeiten -darin um die klingenden Tore der Stadt.</p> - -<p>Jockele wurde von Grün und Blühen in seliger Vergessenheit -gefangen. Die Blüten fielen, und die große -Gruppe aus dem Tartarus ward fertig.</p> - -<p>Do, die oft einmal in den Baumwinkel gekommen war, -wurde immer schweigsamer, und auch Maria Reh war -nur mäßig beglückt.</p> - -<p>»Er hat sich da an eine Sache gewagt, die noch über -seine Kraft geht,« sagte sie eines Tages zu Doris Rinkhaus.</p> - -<p>»Das wird ihm noch oft passieren,« sagte Do. Es klang -hart und mitleidlos; und gleich darauf kam Jo selber und -setzte sich zu den Mädchen an den Gartentisch. Er war -versonnen und ließ seine Augen über die hohen Kastanienwipfel -gehen – er hatte sich den Tag, an dem er die letzten -Farbentupfen in das Bild setzte, anders gedacht. Maria -Reh hatte sich fertig gemacht zu einem Ausgang –</p> - -<p>»Kommen Sie mit – wir wollen Jakobus Sinsheimer -suchen!« lachte sie.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p> - -<p>Da lehnten sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gegen -die Hauswand und gingen zu dritt in die Felder und -redeten immerfort von dem Bilde. Do sagte:</p> - -<p>»Es ist äußerlich geblieben im Empfinden. Sie sind -über das hysterische Mädchen dazu gekommen; aber Ihre -gesunde Art hat sich zuletzt nicht unterkriegen lassen – -das ist es!«</p> - -<p>Genau so hatte Do über den Armen Heinrich geurteilt, -der ihm seinen ersten Ruhm eingetragen. Aber nun stand -er doch mit gebrochenen Flügeln vor Do, und Marias -scheue Zugeknöpftheit quälte ihn. Langsam fing er wieder -an zu leuchten, und abends brachten sie ihn frohmütiger -und mit neuen Plänen heim: er wollte die Tiefen und -Schründe übermalen, die Figuren mit strahlendem Himmel -umhängen und sie auf die Spitze eines Berges stellen, -der im letzten Scheine des Abends lag. Dann sollte das -Bild ›Schmerz‹ heißen.</p> - -<p>Do hatte ihre Einwände; aber er ließ sie nicht an sich -kommen, und die nächsten Tage fanden ihn wieder im -Baumwinkel. Er legte Himmel über die Felsen; die -Figuren blieben in ihrer Stellung, aber er verlieh den -Gesichtern die stille Erhabenheit des Leides, das in die -Nachbarschaft Gottes führt. Aus treibenden Wolken stieg -ein umglühter Bergkegel hervor, wo zuerst die Abgründe -des Tartarus gegähnt hatten.</p> - -<p>Aber das selige Leuchten, das er in seinen Träumen -gehabt, verlor sich dennoch über allem und ward -Finsternis.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span></p> - -<p>Als er am vierten Abende mit Do und Maria vor -dem Bilde stand, die in diesen Tagen nicht gekommen -waren, weil er sie darum gebeten hatte, legte sich ein -schweres Schweigen auf ihn und die Mädchen. Das zerriß -er mit einem gellen Auflachen; dann rannte er in den -Schuppen und stürzte mit einem hocherhobenen Grabscheit -heraus und schlug blindwütig auf die Leinwand ein, bis -sie in bunten Fetzen herumlag, und der Rahmen krachend -zusammensank.</p> - -<p>Husch hörte im Hause das wilde Schlagen und Knattern -des Holzes.</p> - -<p>Sie stürzte heraus und warf sich über die Trümmer -und achtete des niedersausenden Spatens nicht.</p> - -<p>Darüber kam er zu sich, und er sah sie vor dem Haufen -Fetzen knien, wie sie Doris Rinkhaus anstarrte.</p> - -<p>Da schleuderte er das Grabscheit fort und lief in -das Haus.</p> - -<p>Husch aber schritt auf Do zu, die vor Maria stand, und -streckte ihre Arme aus und war anzusehen, als käme sie -aus dem Grabe.</p> - -<p>»Sie sind es gewesen!« schrie sie Do ins Gesicht – -»Sie haben ihn so von sich gebracht! Nun ist er wahnsinnig -geworden.«</p> - -<p>»Nein – <em class="gesperrt">Sie</em> sind es gewesen!« sagte Do, und ihre -Stimme zitterte zum ersten Male. Sie wandte sich ab -und wollte zu Jakobus gehen und mit ihm reden. Aber -Husch kam ihr zuvor und warf sich mit heiserem Schrei auf -die Schwelle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span></p> - -<p>Da trat Jakobus heraus und gebot ihr, stille zu sein, -und trug sie auf seinen Armen hinein. Er hatte Do und -Maria einen Wink gegeben, daß sie in ihr Haus gehen -sollten, er wollte später hinüberkommen.</p> - -<p>Wie er Husch zu Bette gelegt hatte, schlug ein grimmiges -Lachen aus ihm – zwanzigmal hatte er sie nun -so auf sein Lager geschleppt und war voll Erbarmen mit -ihr gewesen … nun dachte er, er hätte sich von ihrer -krankhaften Art niedertreten lassen und hätte diese Wochen -jauchzenden Mühens verloren wegen ihr. Und hätte sich -selbst verloren.</p> - -<p>Da warf er den Malkittel ab und ging hinüber in das -Gartenhaus. Er hatte sich wieder fest in den Händen. -Maria Reh war in das Nebenzimmer geflohen, als sie -ihn kommen hörte.</p> - -<p>»Es ist gut,« sagte er, »ich bin froh, daß ich so rasch -gewesen bin!«</p> - -<p>»Ich auch!« sagte Do. »Es war eine wilde Geschichte, -aber es war ein kurzes Leid. Sie müssen nun zusehen, -daß Sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ auch in Ihrem -Kopfe zerschlagen können! Reisen Sie mit mir nach -Ibenheim – mit mir ganz allein?«</p> - -<p>»Wann?«</p> - -<p>»Morgen?«</p> - -<p>»Heut abend wäre es noch besser.«</p> - -<p>»So reisen wir heute abend. Wie steht es mit Husch?«</p> - -<p>»Sie schläft,« sagte Jo. »Aber diesmal ist es zu Ende -zwischen mir und ihr! Wo ist Fräulein Reh?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span></p> - -<p>Da rief Do Maria herein –</p> - -<p>»Bitte, gehen Sie zu Husch's Mutter,« sagte er, »und -bringen Sie ihr diese fünfzig Mark. Ich kann das Mädchen -nicht mehr um mich haben – ich kann nicht! Sie wissen, -was Sie der Frau sagen werden. Und wenn Sie mehr -Geld braucht, so soll sie später zu mir kommen, ich will -ihr geben, was mir möglich ist; denn Husch ist leidender -geworden durch mich, viel leidender. Ich hätte sie mehr -schonen sollen.«</p> - -<p>»Noch mehr?« fragte Do. »Sie hätten sie nach dem -Armen Heinrich abschaffen müssen.«</p> - -<p>In Maria Reh aber ging eine ungeheure Fülle von -Lichtern an – es waren ihrer so viele, daß sie geblendet -dazwischen umhertappte.</p> - -<p>Zuerst wollte sie erkennen, daß Do nun doch an der -himmlischen Liebe litte, die sie als einfältige Dichtung -der Menschen belacht hatte. War Do in gut gespielter -Gefrorenheit all die Zeit her nur zur Seite gestanden voll -Erwartung, daß die Stunde ja kommen müßte, in der -ihr diese ringende Jugend in die Hände fiel? Hatte man -sie mit der Sendung zu Husch's Mutter betraut, damit -die beiden schon bei den Vorbereitungen zur Reise unbeobachtet -wären?</p> - -<p>Es schoß Licht in rasenden Pfeilen um sie her und -wurde doch nur langsam Tag.</p> - -<p>Aber zuletzt ärgerte sie sich über ihr verwinkeltes Herz -und begriff die Stunde als einen Sieg ihrer längst gehegten -Ueberzeugungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span></p> - -<p>Jockele ging hinüber, um sich zu der schnellen Abfahrt -zu bereiten. Er traf Husch in den Tiefen ihres krankhaften -Schlafes. Und als er so alle Dinge zusammenwarf, die -er mitnehmen wollte, ward ihm doch bange vor der Zeit, in -der ihre ordnenden Hände und ihre sorgende Stille nicht -mehr um ihn wären. Einmal hatte sie gesagt, sie würde -sich in den Tod hinüberschlafen, wenn er sie fortschickte …</p> - -<p>Daran dachte er nun und sah immer einmal zu der -Türe nach dem Kämmerchen; denn es war ihm, als müßte -sie mit entgeisterten Augen und halb erstarrten Gliedern -hereintreten und ihn fragen: »Was willst Du mit mir -und Dir beginnen?«</p> - -<p>Aber sie kam nicht, und er ging zu Maria Reh und -sagte ihr, ob es nicht besser wäre, man ließe sie noch ein -paar Tage kommen. Dann würde sie fragen, wo er hingegangen -sei und was überhaupt geschehen wäre, und -Maria Reh sollte in Ruhe mit ihr reden. Da wehrten -die Mädchen beide ab und wunderten sich über die Macht, -die dies krankhafte Wesen bis zuletzt über seine Kraft und -Jugend behalten hatte.</p> - -<p>Gegen Abend reisten sie ab.</p> - -<p>Maria Reh schickte nach einem Arzte und besprach das -ganze wunderliche Erleben mit ihm.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Zweimal hatte der Frühling um Ibenheim am Walde -geblüht und hatte Jakobus vergeblich gesucht.</p> -</div> - -<p>Nun stürzte der dem grünen Bergsommer mit ausgebreiteten -Armen ans Herz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span></p> - -<p>Was war das für ein überschäumendes Jauchzen! Und -was war das für ein Finden der alten Steige und durchsonnten -Waldwinkel, die alle auf ihn gewartet hatten! -Die Erde erschauerte, wo sein Fuß über sie schritt, und -die blaue Seide der Lüfte flatterte, wenn sie an seine -Stirne streifte. Der Sandbruch, um dessen Säume der -Wind und die Herbstblätter gelaufen waren, und die -gelben Wände, über die Regen und Sonne gegangen, aber -kein Menschenfuß – das alles lag da als eine schlummernde -Welt von Wundern. Und was die jubilierende, -sinnende, träumende Jungenseele in Jahren hineingedichtet -hatte, wurde wach und wandelte, wie es den -Klang seiner Stimme hörte.</p> - -<p>O Menschen, die Ihr in den Steinbrüchen der Städte -jung gewesen seid, was ahnt Ihr von den atmenden Geheimnissen -der Erde! Was wißt Ihr vom Glück! Und -was wißt Ihr vom Himmel!</p> - -<p>Und dann schlug die Gartenhütte ihre Augen auf. Da -pendelte noch die geschwärzte Weltkugel, die einmal ein -Behälter für Schokoladenpfennige gewesen war, und geriet -in ein stürmische Schwingen. Da hingen die Kästen -mit den Schmetterlingen, da war … es war alles da, -was ein wundertätiges Jungenherz in Verstand und -Unverstand als nötig zur Seligkeit erkannt hatte. Auch -die Trümmer der Flugmaschine. Davor wurde Jockele -besinnlich und sagte: »Die Trümmer eines Flugzeugs -liegen auch in dem kleinen Haus am Horn – aber sie -liegen wohl in allen Häusern!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Ob Tante Veronika mit der schönen, blonden Doris -Rinkhaus jemals oder gar schon an jenem Tag ihres -ersten Zusammentreffens im Baumgarten am Horn einen -Zweibund geschlossen – aus dem Gefühl einer Interessengemeinschaft -an Jockele – ist nicht bekannt geworden. -Es ist aber nicht anzunehmen; denn das Vertrauen der -alten Dame zu ihrem Pflegesohne war unbegrenzt von -Anbeginn und wollte so bleiben bis zu dem Augenblick, -in dem es für Jockele ein so gleichgültiges Ding geworden -wäre, daß er es zerbrach und ihr vor die Füße warf. Sie -war mit klingendem Spiel in das Herz, in das tapfere, -eigenwillige Herz Dos eingezogen, als sie in der Kriegszeit -zu ihr sagte:</p> -</div> - -<p>»Ich habe die Erziehung meines Jungen auf dies -unbegrenzte Vertrauen gestellt, weil ich meine, es ist keine -Grundlage sicherer, Eltern und Kinder in alles überwindender -Zuneigung aneinanderzufesseln; denn die Bande -des Bluts vermögen das nicht.«</p> - -<p>Dies Wort war zu einer Offenbarung für Doris Rinkhaus -geworden: man hatte in dem reichen Haus am -Rhein über sie Beschlüsse gefaßt, für die sie mit List oder -elterlicher Gewalt gewonnen werden sollte. Und sie war -aufwieglerisch geworden. Die Bande des Bluts waren -nicht zerrissen, aber die des Vertrauens wollte sie sich -erkämpfen; darüber hatte sie das elterliche Haus verlassen, -eine längst Mündige. Und sie wollte heimkehren, wenn -ihr die Mündigkeit auch von Rechts und Gesetzes wegen -zugesprochen sein würde. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span></p> - -<p>In ihrem Verhalten zu Jakobus war mancherlei -Wandel eingetreten. Zuerst hatte sie ihn gesehen mit den -Augen Maria Rehs: als den dunklen, blauäugigen -Jungen, mit dem das Schicksal von der Schwelle des -Lebens ab ein leuchtendes Spiel getrieben, und der aus -seiner umblühten Waldjugend rein und schön und -schwärmerisch vor das süßeste Geheimnis des Lebens -geraten war. Er fragte nicht vorwitzig nach Dingen, die -ihm nicht geziemten, sondern ließ die Sonne geahnter -Wunder heimlich in sein Herz fallen, wie der Frühling -fällt in das Herz des Waldes. Und erschauerte in Ahnung -harrender Herrlichkeiten.</p> - -<p>Danach tat er ihr selbst die Türen auf, und sie erkannte -die Fülle und Leere der jungen Jahre in ihm. Das Haus -am Walde ward offen für sie – von Stund an wußte Do, -daß Maria Reh die Kunst der feinen Hände, die die Uhr -seines Lebens geregelt, nicht erkannt hatte.</p> - -<p>Tante Veronika meinte dies helle Jungenleben ganz -anders als Maria Reh; denn Maria Reh war mit fünfundzwanzig -Jahren eine Distelbauerin, Tante Veronika -aber hielt mit fünfundsechzig das Uhrwerk ihrer kleinen -Welt unter einer Glocke aus Himmel und sorgte, daß kein -Staub in das blanke Getriebe fiel. Dabei war sie aber -immer lächelnd bereit, es auch einmal putzen zu müssen.</p> - -<p>Wenn Do darüber nachdachte, was sie an Himmel -und Erde zumeist bewunderte, so stand die freundliche -Greisin mit den Scheiteln aus Silber ganz vorn. Und -wenn sie sie fragte, wen sie unter allen Menschen zumeist<span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span> -liebe, so schritt Tante Veronika mit dem sanft wiegenden -Spitzenumhang und dem Kapotthütchen mit den violetten -Bändern, dem gelben Krückstock und dem ganzen sauberen -Drum und Dran unter den Kastanien des durchsonnten -Baumgartens daher und sagte: »Ist dies wohl das kleine -Haus, in dem der Kunstschüler Jakobus Sinsheimer -wohnt?«</p> - -<p>Do ließ Fräulein Veronika an jenem Sommertage -auf diese Frage hin auch gleich in ihr Herz spazieren; -denn der Jakobus Sinsheimer hatte ja auch dort sein -Kämmerchen gemietet.</p> - -<p>Wie dann Gwendolin mit den dürstenden Sinnen -über Jockele kam, ward ihm nicht gekündigt … aber es -hockte sich doch eine frauenhafte, wachsame Eifersucht vor -alle Türen dieses Herzens und hatte den Finger immerfort -auf dem Schellenknopf.</p> - -<p>Darüber ärgerte sich Doris Rinkhaus, sandte Jockele -eine Kriegserklärung und führte einen Kampf mit sich -selber. Und weil sie auch in ihren Schlummer läuten -hörte, reiste sie vor die bunten Tore des Bergwalds und -wurde an Tante Veronika zu einer lächelnden Königin -über sich selbst.</p> - -<p>Maria Reh fuhr gleich das schwere Geschütz der -Sittlichkeit auf, als Jockele in Huschs Nebelnetze fiel. -Doris Rinkhaus ließ sich von ihr die ›leichtsinnige Lebensauffassung‹ -vorwerfen und sagte: »Husch ist ein Irrtum, -aber sie ist nur eine Gefahr für den Maler und nicht für -den Menschen.« Und dann fand sie das leuchtende Wort,<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -das für Maria Reh zu einem Stachel wurde: »Möchtest -Du etwa die sein, an der er seine Jungmännlichkeit -schleift?«</p> - -<p>Maria Reh fand sich nicht in die Fernen des anderen -Geschlechts, die so nahe sind, daß sie sich mit den Händen -greifen lassen, aber ihre Rätsel doch nicht enthüllen; sie -sticken den Himmel der Nächte mit Sternen und müssen -ihn schön und ahnungsvoll erhalten in Ewigkeit.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Am zweiten Tage gingen Do und Jo miteinander auf -den Steigen der Jugend. Da sagte Do zu ihm: »Sie -müssen Tante Veronika verraten, daß Sie die ›Gruppe -aus dem Tartarus‹ zu einer Art ›Berg der Seligkeiten‹ -gemacht haben, und daß Sie dann einen Glauben bekamen, -der auch diesen Berg zu versetzen vermochte.«</p> -</div> - -<p>»Ja. Aber es ist grausam,« sagte er. »Ich habe ihr -rauschende Briefe geschrieben und habe ihr gesagt, der -›Arme Heinrich‹ wäre nur ein sanftes, sentimentale Lied -auf zwei Saiten; die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ dagegen -würde eine wilde Sinfonie des Schmerzes auf neuen, -unerhörten Instrumenten sein.«</p> - -<p>»Sie haben da kaum ein Wort zu viel gesagt,« scherzte -Do, »denn sogar ein Grabscheit hat mitgespielt.«</p> - -<p>»Mir ist heute, als würde ich nie wieder einen Pinsel -anfassen! Wäre es nicht am besten gewesen, wenn ich -auch die Farbentruhe mit zertrümmert hätte?«</p> - -<p>Da horchte Do auf in den Tiefen ihres Herzens; denn -in diesen geheimen Kammern lagen heiße und freudige<span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span> -Wünsche, vor denen sie selbst erschrak, wenn sie merkte, -daß sie anfingen, sie zu bedrängen.</p> - -<p>Damals, als sie ihn am Ufer der Ilm in Tiefurt fragte: -»Was wissen Sie von Goethe?« damals hätte sie diese -Pläne jubelnd und stürmisch vor ihm ausgebreitet.</p> - -<p>Nun schritt einer neben ihr, vor dem sich ihr erblühtes -Frauentum noch immer nicht zu wehren brauchte – diese -ungeschlossene Kraft reichte nicht an sie heran – und vor -dem es sich nicht beugen konnte … aber es schritten da -ein Wille und eine Art, die das andere Geschlecht hatten, -und die sie sich nicht zusammenzupacken getraute wie die -des langen Jungen, der ihr vor Jahr und Tag aus dem -Bergwald heraus in die Arme gelaufen war.</p> - -<p>Wenn Maria Reh die letzten Worte Jockeles gehört -hätte, wäre sie kampfwütig gegen Do geworden; denn -es war ihr Stolz, daß sie dies Talent im Walde gefunden -hatte, und so oft sie davon sprach, fing sie an, mit Rührung -Goethe zu zitieren: von jenem Blümlein, das sie mit -allen Wurzeln ausgegraben und in den Garten beim -kleinen Haus gepflanzt habe. – Daß zuletzt doch der -weiße Tod seine Hand im Spiele hatte und den Jungen -jählings hinauswarf in die Welt, konnte sie nicht ganz -in Abrede stellen, aber sie ließ sich ihren Entdeckerruhm -darüber nicht schmälern.</p> - -<p>Das gelang ihr um so leichter, als Jockele zwar seinen -künstlerischen Eigensinn und seine technischen Unbeholfenheiten -hatte – wer aber wollte die Keckheit besitzen und -ihm sagen, daß er einer der vielzuvielen wäre, die einem<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -Irrlicht ihres Herzens nachstürmten, das sie für die Fackel -des Genius hielten? –</p> - -<p>Nun, da das erste Wort von Jakobus selbst gesprochen -worden, nun ward Do auf einmal bange, einem Quell -nachzugraben, der am ersten heißen Tage wieder versiechen -konnte.</p> - -<p>Sie erschrak und sagte: »Bilden Sie sich denn ein, die -Sterne lassen sich so vom Himmel holen, ohne daß Sie -sich auf dem Wege über die blauem Berge einmal die Knie -zerschürften? Oder wie haben Sie sich dies Pflücken der -fernen Lichter gedacht?«</p> - -<p>Er sagte: »Gedacht! Was denkt sich ein Junge unter -dem Kampf um Glück und Ruhm eines Künstlers? Was -denken sich die Menschen dabei? Und was selbst der -Künstler? Man weiß, daß es ein Kampf war, wenn er -Sieg wurde, und dann sagt man: dieser Kampf war -Glück! Aber wenn er nie zum Siege führt, dann heißt -er Künstlerelend, und sein Symbol ist der Schmachtriemen. -– Ich bin nicht Narr genug gewesen, in diesem ersten -fröhlichen Anlaufe rechts und links neben die Straße zu -schauen; denn das sag' ich Ihnen: hätt' ich mich darüber -ertappt – ich hätte mich dieser guten, sorglichen Mutter -nicht einen Tag lang verborgen! Es hätte sich dann wohl -auch ein anderer Weg gefunden; denn unter den Drängen -meiner Thüringerwaldjahre stand der zur Malerei doch -erst an zweiter Stelle, und vor Maria Reh kannte ich -Tante Veronika und ihre Bücherei, kannte ich das -Zinzilein und den Herrn Matthias Prinz und mich selber.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span></p> - -<p>Do kam ins Wundern – »Davon haben Sie mir nie -ein Wort gesagt.«</p> - -<p>»Ich hatte es wohl selbst vergessen,« sagte Jockele. -»Was hat man überhaupt mit siebzehn Jahren für Augen! -Aber nun, da ich mit dem Grabscheit auf mich losgehauen -habe …,« er blieb stehen und sah ihr lange und tief ins -Herz … »warum haben mir Zorn und Zufall ein Ding -in die Hände gespielt, mit dem man in die Erde wühlt, -was tot ist? … Kommen Sie,« rief er und faßte sie an -der Hand, »wir wollen jenen glückseligen grünen Waldjahren -ein Opfer bringen – wir wollen pflanzenhaft und -erdenselig sein, wie ich es damals gewesen bin mit -Maria Reh!«</p> - -<p>Da liefen sie in kindhafter Fröhlichkeit über den Waldgrund, -der ganz warm war von dem Lichte, das den junglaubigen -Bäumen aus den Händen fiel, und sie warfen -sich an einen Mooshang. Der war mit einem dünnen -Schattennetze überstrickt; die hohen Stauden des Fingerhutes -standen umher und hauchten aus den ersten offenen -Blüten süßes Gift.</p> - -<p>Do hatte diesen roten Zauber im Walde nie zuvor -gesehen. Hinter ihnen reckte sich ein schlanker Buchenbestand -mit glänzenden Stämmen, der hatte ein goldenes -Dach. Vor ihnen trällerte ein fußbreites Bergwasser an -einer Kiefernschonung dahin, und der frühe Sommer hatte -ihm die Ränder zu bunten Wundern gesäumt.</p> - -<p>Jockele stapfte in dem blühenden Glück der Heimaterde -herum und brach einen Armvoll davon. Dann setzte er<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span> -sich neben Do in das gebrochene Licht und suchte aus -seinem Herzen hervor, was er dort in der ersten heißen -Freude an der Welt zusammengetragen hatte. Da merkte -er, daß die ganze Naturwissenschaft noch in feierlichster -Ordnung war – selbst das Linnésche System; aber er -warf in seiner Freude tiefe und schöne Gedanken über das -trockene Rüstzeug der anderen Jahre. Da wurde ein -lustiger Tempel aus lebendigen Blumen daraus. Er -blätterte weiter in dem Buche des Glücks, das nun längst -ganz oben auf dem Regale seiner Erinnerungen gestanden -hatte – »Erde, heilige Erde!« rief er und drückte seine -Lippen hin ins Moos. Und »Erde, heilige Erde!« rief -er und schüttete alle Blüten über Do aus …</p> - -<p>»Wann war das doch, wissen Sie – wie ich mit dem -Grabscheit den Berg der Seligkeiten zerschlug?«</p> - -<p>»Das ist schon sehr lange her,« sagte sie. –</p> - -<p>Aber nun ging es doch wunderlich mit Doris -Rinkhaus.</p> - -<p>Wenn ihr jemand das Wort Schicksal zuwarf, so fing -sie es mit hellem Lachen und spielte damit als mit einem -goldenen Balle; dann ließ sie es fallen und sagte: »Ach -was! Es gibt kein Schicksal!«</p> - -<p>Wer das aus ihrem Munde hörte, stellte sich ihr entgegen -und dachte: »Wie kann ein so kluges, klares -Mädchen solch eine Lächerlichkeit reden!«</p> - -<p>»Ich habe noch nie ein Schicksal gehabt,« sagte sie -dann; »denn ich habe mein Leben immer nach meinem -Willen gelenkt. Es waren Irrtümer da, und es lag<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -Gelingen und Freude daneben – aber Schicksal? Nein -und tausendmal nein! Wenn man wach ist, und wenn -man stark ist, gibt es kein Schicksal. Aber jeder Tag wird -dazu, der mit Händen voll Gaben an Dich herantritt, und -Du fragst ihn nicht: was will das werden?«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Allein – es kommen Stunden mit geschlossenen Händen -und ahnungsreichen Augen. Die sehen aus wie -Sommerhimmel oder wie eine Nacht voll Sterne. Und -der Mensch fällt diesen Stunden in die Arme und läßt sich -tragen in Seligkeit und absetzen an einer Wegstelle – -dünke sie ihn nun ein Paradies oder eine Wüste. Die -Menschen sagen dann: »Ich bin an diese Stelle verschlagen -worden – es ist das Schicksal.« Do sagte: »Das ist ein -Irrtum; denn Ihr habt nichts getan, was Euch vor diesem -Verschlagen behütet hätte. Ihr schlieft, oder Ihr ließet -Euch tragen mit geschlossenen Augen, weil Ihr Euch einer -frohen Hoffnung hingabt. Wo sind die Tage, die man -nicht anders hätte leben können, wenn man gewollt hätte?«</p> - -<p>Sie hatte einmal im Kampf um ihre Ueberzeugung -gegen einen Jenenser Universitätsprofessor gestanden, der -dem jungen Viktor von Scheffel sehr ähnlich war, und den -sie gut leiden mochte. Zu ihm sagte sie: »Das Schicksal -eines Menschen wächst im Quadrate der Abnahme seines -Willens.« Und weil dieser Herr jung und Jurist war, -debattierte er mit lachender Losgelassenheit auf sie hin. -Er sagte: »Ich sollte Offizier werden und trat in die -Armee und hatte blöde Augen. Da mußte ich aus einer<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span> -gesicherten Ueberlieferung meines Geschlechts heraus zur -Wissenschaft. Schicksal! Nicht ich, nicht mein Wille – -meine Augen waren daran schuld, daß ich den Krieg gegen -Rußland und Frankreich nicht als Kommandeur des dreizehnten -Armeekorps mitmachte.«</p> - -<p>Es war eine Stunde gewaltiger Heiterkeit für Do; -denn der gescheiterte General bewies ihr ihr Recht – »Sie -haben sich einer bunten Hoffnung an die Schürze gehängt«, -lachte sie, »und haben Ihre Tauglichkeit zum Offizier -schlecht erwogen – das nennen Sie nun Schicksal! Aber -ich will Ihnen helfen; Sie hätten sich das wirklich leichter -machen können: ein Granatsplitter, der die Tücke des -Feindes zertrümmern sollte, zertrümmerte den Himmel -Ihres Auges – das kann Schicksal sein. Es muß nicht; -denn nicht alles, das nicht in Ihrem Willen liegt, darf in -diesen Kasten gebracht werden.«</p> - -<p>Auch brünstig atmender Waldgrund, berauschend -küssende Sonne, jubilierende Blumen und trällernde Bäche, -und was alles über eine himmelgesegnete Hochwaldstunde -hinwegblüht als Ahnung, Wunsch und Sinnenseligkeit, -kann Schicksal werden.</p> - -<p>Es lauert an allen Ecken und wird nicht erkannt. Es -vermag sich im Raum einer Stunde zehntausendmal zu -verwandeln.</p> - -<p>Jo lief wieder auf eine Entdeckungsreise.</p> - -<p>Doris Rinkhaus versank in das warme Moos und -flatterte ihren Wünschen nach. Sie dachte: »Soll ich mit -dem Schicksal ein bißchen Verstecken spielen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p> - -<p>Ihr Herz hatte auf einmal ganz wunderliche Meinungen -und Anschläge und redete mit ihr: »Die Gwendolin -hat er geküßt, und die Husch hat er geküßt – was ist das -für ein bleiches nebelhaftes Wesen! Wegen Minchen Herzlieb -ist er sogar in ein fremdes Haus gedrungen, und mit -der behäbigen Maria Reh hat er seine rosenrote Himmelfahrt -gehabt. Am Rhein sind die jungen Studenten in -Schwärmen um mich geflogen – weil sie wußten, daß ich -reich bin? Die Gwendolin hat einen Mund wie Feldmohn -und hat lodernde Sinne … Minchen Herzlieb hat tirilierende -Augen und hat die Seidenbluse und das Röckchen -voll Frühling … Husch – na, Husch hat vielleicht die -Seele einer Lilie, die sich als singende Sehnsucht über das -närrische Herz eines Mannes tastet … und Maria Reh -lag als das Rätsel Weib in betörender Sonne und in den -lustigen Halmen des Wachtelweizens – vielleicht hat sie -auch ein bißchen gelockt: ›Junge, lieber Junge, komm und -rat' mich!‹«</p> - -<p>So hatte Do ihre Gedanken in das Blühen und Singen -des Frühsommermorgens hineingelassen und sah ihnen -nach – »Vor mich aber hat er noch nicht einmal seine -Augen hingestellt, damit sie sagten: Do, Du bist auch -hübsch, und Du gefällst mir doch eigentlich sehr.« … Die -Mädchen prickelten um seine vollen Sinne wie Sekt in -einem neugefüllten Glase. »Warum prickelt er nicht um -mich? Und wenn er gar einmal schäumte wie vor Gwendolin -– man würde sich ja wohl helfen können … Und -wenn nicht? – Na …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span></p> - -<p>Sie legte sich lang ins Moos und fühlte die warmen -Hände der Sonne über ihre schlanken Glieder streichen. -Es war süß und wohltätig. Sie bedeckte ihr Gesicht mit -dem Sommerhute, der einen Kranz von kleinen, bunten, -sehr lustigen Blumen hatte, aber gar nicht lärmend war, -und schloß die Augen.</p> - -<p>So hörte sie Jakobus zurückkommen und ganz leise -gehen.</p> - -<p>Er setzte sich neben sie, und sie wußte genau, daß er -nicht dachte, sie wäre eingeschlafen. Warum ließ er sie so -ruhig weiterspinnen an dem langen Faden ihrer Erwartung -– warum prickelte er nicht?</p> - -<p>Die Augen unter dem Hute taten sich auf, und sie hatte -sich über eine lange, schöne Strecke Lebens hingedacht – – -Jakobus war da immer neben ihr gewesen und lächelte -zurück auf die ferne Zeit seines jugendlichen Irrtums, in -der er auf der Leiter geschwebt und die ›Gruppe aus dem -Tartarus‹ gemalt hatte; denn danach hatte er in Jena die -Naturwissenschaften studiert und hatte sich durch ein keckes -gelehrtes Kunststück den <em class="antiqua">Dr. phil.</em> erworben.</p> - -<p>Nun war ihr, als müßte sie ihm den wachen Traum -erzählen. Sollte sie ein bißchen Schicksal spielen, das in -Gestalt eines Traumes durch ihren Schlummer gezogen -sei? Konnte sie nicht wirklich eingeschlafen sein unter dem -trauten Schirme des Hutes und unter den Zärtlichkeiten -der Sonne?</p> - -<p>Aber das war ein plumpes Wagnis; denn lustig und -schön war der Traum doch nur deswegen, weil er sie so<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span> -heiß, heiß lieb hatte und weil sie geholfen, ihm den Weg zu -bahnen zur Hochschule und darüber hinaus.</p> - -<p>Doris Rinkhaus war keine von denen, die einem schimmernden -Wunsche nachlaufen und mitten im Jauchzen -den Boden unter den Füßen verlieren und um Hilfe rufen. -Wenn sie sich jetzt aufrichtete und ihm den Traum erzählte -– mochte er nun im Wachen oder im Schlummer -zu ihr gekommen sein – dann geschah es ihr wohl, daß -sie in ein Paar sehr blaue, sehr schöne und sehr wehmütige -Augen sah, und daß Jockele die Achseln zog und sagte: -»Der Gedanke ist hell wie ein Märztag und wie Doris -Rinkhaus selber. Aber wenn ich den Willen hätte und -die Kraft, nachzuholen, was ich zu diesem Ziele brauche – -wo wäre das Geld?« Dann könnte sie lächeln und sagen: -»Na, Sie guter, ahnungsloser Junge, reden Sie doch keine -Dummheiten! Wenn ich Sie auf den Weg gesetzt habe, -werde ich natürlich auch für das bißchen Geld sorgen …«</p> - -<p>Es fiel nun wirklich eine tiefe Finsternis um sie, in -der auch die klaren Sonnenbrünnlein, die durch das Flechtwerk -des Hutes sickerten, ganz versiegt waren. Alles -heimliche Glück war fort. Sie dachte den Traum zu Ende -– aber nach dem Worte Geld erschütterte sie ein Herzbeben. -Sie preßte den Hut fest auf ihr Gesicht und dachte: -»Dann würde er vielleicht seine jubelnden Arme um mich -werfen, oder er würde die wilde Art kriegen, in der er mit -dem Grabscheit auf sich losschlug, und würde sagen: ›Wissen -Sie, daß Sie sich damit den Jakobus Sinsheimer kaufen?‹« -Seine jubelnden Arme oder dies kecke Wort – beides war<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -in diesem Falle gleich gräßlich. Dieser letzte Gedanke -schlug wild und häßlich durch sie hindurch. Sie richtete sich -mit einem wilden Ruck empor –</p> - -<p>»Was haben Sie da wieder zusammengetragen? Und -warum rufen Sie mich nicht?«</p> - -<p>»Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er erstaunt.</p> - -<p>»Ach, Unsinn,« sagte sie.</p> - -<p>»Warum machen Sie solch ein verlorenes Gesicht?«</p> - -<p>»Ich hatte mich in einen Gedanken verfitzt. Er war -dumm und kindisch.«</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Es lag nichts gefestigter in dem Wesen Dos als der -Wille, sich das königliche Recht der Selbstbestimmung -in allen Stücken zu wahren, zumeist in den Angelegenheiten -des Herzens. Der Gedanke, daß sie sich verschachern -könnte, hetzte ein ganzes Heer von Gespenstern -auf sie.</p> -</div> - -<p>Und es lag nicht minder in ihrer eigenwilligen Art, -die nach keiner Seite hin eigensinnig oder gar verstockt -war, sich den Platz an der Seite eines Mannes zu erkämpfen.</p> - -<p>Sie wollte nicht ›genommen‹ sein, wie man ein Stück -aus dem Schaufenster des Krämers ersteht. Sie haßte -lärmende Kleider und Hüte. Sie haßte die im Schwunge -stehende Ausstellung, der die Mädchen gemeinhin huldigen, -und konnte bitter und verächtlich von ihrem Geschlechte -reden, wenn sie in den Zeitungen das verzweifelte -Lockmittel der Mitgift ausgestreut fand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span></p> - -<p>Ihre Empfindlichkeit in diesen Dingen wurde von -niemandem verstanden. Am wenigsten von Maria Reh. -Man kannte diese Empfindlichkeit auch in der Stadt. Es -gingen da Gerüchte von ihrem überschwänglichen Reichtume, -aber man wußte, daß sie sich jedem mädchenhaften -Flirt gegenüber ablehnend verhielt. Daraus wuchs dann -die Sage von der himmlischen Liebe zu Jakobus – Maria -Reh war daran nicht schuldlos; denn Do war durchsichtig – -wie denn starke Seelen alles Versteckspiel verschmähen – -und sie hatte der Freundin nicht verborgen, daß sie den -Gedanken als einen lieben Genossen träumerischer Stunden -hätschelte: einen Mann durch sie zu einem Sieger des -Lebens werden zu sehen.</p> - -<p>Als Jakobus die lodernde Stunde hatte und das Feuer -seines Zornes über sich und sein Werk dahinrasen ließ, -weil er nicht hatte einlösen können, was ihm der Rausch -eines schaffenden Glücks versprochen, da stand sie daneben -und fiel ihm nicht in die Arme; denn ihr Herz bewunderte -ihn und jauchzte ihm zu.</p> - -<p>Und sie fühlte, daß sie unter den drei Mädchen, die um -ihn gewesen waren, die einzige sei, die Seite an Seite mit -ihm stand. Maria Reh lähmte dieser heilige Brand – -sie sah Wut und Enttäuschung. Husch sah ein Unglück und -ging unter in Mitleid. Aber Doris Rinkhaus erkannte -den Sieger.</p> - -<p>In jenem Augenblicke verschwieg sie sich Maria Reh; -da hatten die Gedanken der Freundin freies Spiel, und -sie erinnerte sich an Huschs krankhafte Furcht vor Do und<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span> -sagte zu sich: »Dieses Mädchen sieht mit ihren wunderlichen -Ahnungen in Fernen, die unseren hellen Augen verschlossen -sind.« –</p> - -<p>Nun streifte Do mit Jakobus durch die heimatlichen -Wälder. Sie fühlte, wie ihm das Herz aufging in Frohsinn, -aber sie quälte sich mit einem Glück, vor dem ihr -bange ward. Darüber verlor sie ihre Durchsichtigkeit -für Jo.</p> - -<p>Sie kam in dem Kampfe mit sich selbst nicht zurecht; -und vor dem einen – vor dem, was die zehntausend -anderen für die einsamste Lösung gehalten hätten, prallte -sie zurück.</p> - -<p>»Ueberlaß es der Zeit!« beriet sie sich und ward eine -Stunde lang ganz frei und sorglos. Dann ärgerte sie sich -darüber und sagte: »Er hat davongelaufene Jahre einzuholen -– ich werde zu einer Feindin an ihm, wenn ich -nicht rede!«</p> - -<p>Sie war nicht mit ihm gegangen, weil sie in den -Wäldern von Ibenheim von ihm hören wollte: »Ich werde -keinen Pinsel wieder anfassen!« Aber nun, da er es -gesagt hatte, war sie ihren heimlichen Plänen näher -denn je.</p> - -<p>Sie wußte auch nicht, daß es zuletzt doch nur ihr überlegenes -Alter und ihr geschlosseneres Menschentum waren, -was ihm seine sanfte Scheu auferlegte. Er kam nicht zu -dem Gefühle, daß er ihre Klugheit und klare Art beherrschte, -wie es der Mann in ihm forderte – die anderen -Mädchen hatten ihm gegeben, was er wollte, er hatte sie<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -gleich in die Hände bekommen, wie er sie in den Sinnen -hatte. Und Husch war gar in ihm untergegangen. Doris -Rinkhaus aber hatte für ihn immer den Königsmantel -um, auch wenn sie im Moose lag und die Zärtlichkeiten -des Sommers empfand, als kämen sie ihr von seinen -Händen und seinen Lippen. –</p> - -<p>Sie hatten Sehnsucht nacheinander, wenn weiter nichts -zwischen ihnen war als ein Streifen Sonne und Waldrauschen.</p> - -<p>Diese Sehnsucht war für ihn fremd und schön und sah -genau so aus wie jene, mit welcher er den Prinzessinnen -der Märchen nachgeträumt hatte, die sich von vier Schimmeln -mit blauen Federstützen auf den Köpfen in einem -goldenen Wagen durch den Wald kutschieren ließen.</p> - -<p>Und diese Sehnsucht war für sie ein ganz mädchenhaftes -Wünschen nach junger Kraft und einem jubelnden -Sieg über sie selbst.</p> - -<p>Aber so oft sie dachte, daß ihre Lippen verräterisch rot -aufblühen könnten, ward sie noch wachsamer; denn sie -sagte sich:</p> - -<p>»Wenn ich in diesem Kampf unterliege, komm' ich -heim und habe seit zwei Jahren ein albernes Spiel mit -mir und den Meinen getrieben …«</p> - -<p>Die Schablone des Durchschnitts konnte an diese beiden -jungen Menschen gelegt werden so oder so – sie paßte -nicht.</p> - -<p>Sie waren voll von den Drängen der Frühlingserde, -aber sie streiften mit den Spitzen ihrer Finger die Säume<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -eines Himmels, den sie über sich gewölbt hatten in ihrer -reichen und glaubensvollen Jugend. – Und zuletzt hatte -sich Doris Rinkhaus doch in einen edlen Trotz des Herzens -hineingelebt, der für Jakobus eine fremde, unnahbare -Herrlichkeit war – er hatte für ihn um kein Mädchenherz -gelegen. –</p> - -<p>So führten sie ihre Sehnsüchte spazieren im sommerstillen -Bergwalde. Eins lief dem Herzen des anderen -nach, und sie kamen sich doch nicht näher.</p> - -<p>Sie wanderten den weiten Weg zum Forsthaus an der -Hörsel und fanden Matthias Prinz und das Zinzilein und -das Kleine, dem der Kopf von hellgelben Haarringlein -umweht war. Es hieß Maria und konnte sein junges -Lachen schlagen wie ein Buchfink.</p> - -<p>Sie kehrten zurück in das Haus vorm Walde und hatten -die Herzen voll Frohmut. Das Zinzilein war eine schlanke, -junge Jägersfrau, war voll Waldfrische wie einst und suchte -nach Geheimnissen an diesen beiden, wie sie nach Geheimnissen -an Jockele gesucht hatte, als seine Augen voll -erster heißer und seliger Ahnungen waren. Die Herzen im -Jagdhause jubilierten hinter dem Zaun ihres Glücks, aber -das war ein anderes Glück, als es die hochgemuten Träume -suchen, die ausziehen, zu erobern.</p> - -<p>An diesem Abende rettete sich Do zu Tante Veronika.</p> - -<p>Jakobus war bei dem Pastor, mit dem er die Leiden -und Freuden des zweiten lateinischen Uebersetzungsbuches, -der Musterstücke aus lateinischen Klassikern und des Gallischen -Krieges, durchlebt hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p> - -<p>Tante Veronika hatte gefaßt den Bericht von der -wilden Stunde im Baumwinkel angehört, dazu die lange -Geschichte, die vom Tartarus bis zum Berge der Seligkeiten -reichte; und sie wäre noch gefaßter gewesen, wenn -ihr das Reich der Kunst, in dem Jockele ein Bürger sein -wollte, nicht nur aus ferner genießender Betrachtung -bekannt geworden wäre.</p> - -<p>Nun, als sie hinter der blauen Sommernacht und den -sachte wehenden Vorhängen saßen, brachte Veronika -wieder die Rede darauf. Es lag ihr daran, den Jungen -glücklich zu sehen. Und Doris Rinkhaus ward ganz freudig -in ihrem Bekenntnisse von dem Eifer, mit dem Jakobus -in seinen Tagen gestanden hatte –</p> - -<p>»Er ist weiter gekommen als alle, die gleichalterig mit -ihm sind,« sagte sie, »aber ich halte es doch nicht für richtig, -ihm nicht wenigstens einen anderen Weg zu <em class="gesperrt">zeigen</em>. -Dieser Weg ist nicht leichter und nicht schwerer, und doch -scheint mir, als würde er durch die Wissenschaft, durch die -Tore einer Universität hindurch zu reinerer Befriedigung -gelangen, als sie ihm die Malerei jemals gewähren wird. -Er hat ja darin gestanden, und er kann sich an jedem Tage -zu ihr zurückfinden, wenn er zu der Erkenntnis kommt, -daß es so am besten für ihn wäre.«</p> - -<p>Doris Rinkhaus ging da auf einem Pfade, an dessen -Seiten sie alles Gestrüpp längst fortgeräumt hatte, und -schritt ganz in Klarheit und Freude.</p> - -<p>»Er sollte die Naturwissenschaften studieren,« sagte sie, -»und könnte damit vielleicht nach einem Jahre der Vorbereitung<span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span> -anfangen. Läßt er dies Jahr jetzt verstreichen -oder eine noch längere Zeit, so verschlägt er sich alle -anderen Straßen ins Leben.«</p> - -<p>Sie erinnerte Tante Veronika an die äußeren Vorgänge, -die ihn in die Akademie geführt hatten. Sie -kannten auch beide seine Neigungen viel zu gut, als daß -sie einander nicht mit gesteigerter Hellhörigkeit in die -Herzen gelauscht hätten. Doris Rinkhaus ward leuchtend -und umschien Tante Veronika als ein warmer Sommerhimmel.</p> - -<p>Auf einmal schob sie den blauen Vorhang der Nacht -zurück, kniete der alten Dame zu Füßen und legte ihr die -Hände in den Schoß –</p> - -<p>»Liebste Tante Veronika,« sagte sie, »schwören Sie -mir, daß Sie ihm nichts von allem verraten, was ich -Ihnen nun sage! Sie brauchen mir meinen Wunsch ja -nicht zu erfüllen, aber schweigen müssen Sie; denn ich -erbitte nichts für mich von Ihnen und von ihm!«</p> - -<p>Da gelobte ihr Fräulein Sinsheimer, daß sie ihre -Worte als unverbrüchliches Geheimnis bewahren wollte.</p> - -<p>Und Do sagte: »Heißen Sie ihn diesen Weg gehen, -und lassen Sie mich alle Kosten bestreiten! … Das ist -es, wovon er nichts erfahren darf, bis ich es ihm selber -sage – – Himmel, was ist mir dies Wort so schwer geworden!« -sagte sie und atmete tief, »denn ich weiß, ich -dränge mich damit in Sie hinein – Sie könnten auch -meinen: ich dränge mich zwischen Sie und ihn. Aber nun, -da es gesprochen ist, nun kann ich mir das Herz freireden!<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -… Ich glaube, Jockele würde nicht glücklich werden -als Maler. Ich habe ihn viel froher, ja ich habe ihn ganz -verwandelt gesehen vor der Natur und in dem Eifer, der -in diesen Tagen aus der andern Zeit über ihn gekommen -ist. Ich denke mir die Sache so: schalten wir drei Jahre -der Studien in sein junges Leben, so bereichern wir ihn, -und er wird dieser Jahre gedenken als einer stolzen Zeit, -auch wenn er zu der Erkenntnis käme, daß er im Reiche -der Kunst ein König hätte werden können. Dann mag er -alles wieder aufnehmen, was einst sein war; denn von -dem einmal eroberten Felde verliert er keinen Fußbreit -Erde; aber das neue Land müßte für ihn versinken, wenn -Sie ihn nicht jetzt auf die Wege in dies Land leiten.«</p> - -<p>»Haben Sie schon mit ihm darüber geredet?« fragte -Veronika.</p> - -<p>»Nein,« sagte sie, »ich habe aber alles mit mir erwogen -seit jener Stunde, in der ich ihn im Baumwinkel die große -Leinwand begeistert aufrichten sah.«</p> - -<p>»Sie wußten also, daß es damit nichts werden würde?«</p> - -<p>»Nein – ich fürchtete es nur. Es hat nichts zu bedeuten. -Enttäuschungen, wie sie am Wege wachsen und -wie sie auf eine stürmische talentvolle Jugend an allen -Enden warten! Es hat sicherlich nichts zu bedeuten,« beruhigte -sie.</p> - -<p>»Warum wollen Sie ihm das nicht alles selber so schön -und glücklich sagen?« forschte Veronika.</p> - -<p>Da senkte Do ihre Stirn auf die Knie der alten Frau -und sagte: »Ich kann es ja nicht! Er würde mich auch an<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span> -Sie weisen, weil ich ihm nicht verraten darf, daß ich ihm -die Mittel dazu anbiete. Oder er würde sich vorkommen -als ein Ding, mit dem ich Versuche machen will, weil ich -es mir so in mein närrisches, eigenwilliges Herz gesetzt -habe; und er könnte aufwieglerisch werden und sagen: -Probieren Sie das mit einem anderen oder mit sich selbst!« -Da merkte sie, daß sie um die Sache klug und eindringlich -herumredete … »Ach Gott,« sagte sie, »ich müßte Ihnen -da wohl noch etwas erzählen, aber Sie wollen es nicht -wissen; denn Sie fühlen, daß ich dafür keine Worte finde!« -Dann richtete sie sich auf und trat wieder hinter den blauen -Vorhang der Nacht: »Denken Sie so: was ich selbst bei -meinen Eltern niemals durchzusetzen vermochte, und was -ich auch nicht mehr wollte, als ich älter geworden war, das -möchte ich nun an Ihrem Sohne zur Tat werden sehen! -Ich hoffe, es wird ein großes Glück – hätte ich sonst zu -Ihnen davon geredet?«</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">In den nächsten Tagen war sie oft mit Veronika allein. -Veronika sagte:</p> -</div> - -<p>»Ich bin über die Jahre hinaus, in denen man sich in -rauchende Begeisterung sinnt, und ich liebe ein klares -und richtiges Sehen. Ich will mit Jakobus sprechen – -nein, wir beide wollen mit ihm sprechen; denn Sie sollen -sehen, wie er den Gedanken erfaßt. Aber das kann ich -Ihnen schon sagen: ich gehe in großer Freude mit Ihnen; -denn ich habe mich oft gefragt, ob ich in allen Stücken -richtig mit dieser Jungenjugend verfahren bin.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span></p> - -<p>So wurden sie sich über alles einig. Und am vierten -Tage danach, zur Teestunde, baute Tante Veronika sicher -und umsichtig den Plan vor ihm auf. Es konnte natürlich -kein Geheimnis daraus gemacht werden, von welcher -Seite er kam.</p> - -<p>Da jubelte Jockele nicht, und er war nicht betrübt, sondern -blieb in allerschönster Ordnung und fragte besinnlich: -wie es denn mit dem Gelde wäre?</p> - -<p>»Sie würde dafür sorgen,« sagte Tante Veronika.</p> - -<p>Da sagte er: »Es ist ein sehr weiter Weg, aber er ist -verlockend, und Du hast ein großes Vertrauen zu mir.«</p> - -<p>Dann ging er hinüber in die Gartenhütte und blieb -dort allein bis zur Stunde des Nachtmahls.</p> - -<p>Was sollte das heißen? Das kleine blühende Waldmädel -hatte zuerst zu ihm gesagt: »Du mußt ein Naturforscher -werden.« Und nun wachte dies Wort eines Kindes -noch in dem alten, lieben Haus und durchlief als Echo -alle Winkel und Herzen. Und Doris Rinkhaus, die ihr -Leben so fest in den Händen hielt, fing den silbernen Ball -und warf ihn ihm zu. Wollte sie damit sagen: »Jakobus -Sinsheimer, haben Sie denn an der ›Gruppe aus dem -Tartarus‹ nicht erkannt, daß Ihre Kunst bankrott ist?« -Wollte man ihm die Einsicht Dos verheimlichen und ihn -schonen? Oder dachten sie, daß er durch sein wurzelgründiges -Verfahren im Baumwinkel diesen Bankrott selbst -angesagt hätte und nun nicht mehr wüßte, wohin er sich -wenden sollte? … Wenn er wirklich einmal zu der Erkenntnis -käme, daß er damals Maria Reh in einen Irrtum<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span> -hinein gefolgt sei, in den ihn der Jammer jenes -fremden Sterbens im Winterwalde gedrängt hatte – -was dann?</p> - -<p>Nun, dann mußte er doch noch von neuem zu lernen -anfangen, um sich eine Stellung im Leben zu erkämpfen, -vielleicht einen mühseligen, armen Posten.</p> - -<p>Es war zum zweiten Male, daß er so ans Rechnen -geriet. Einst, wenn Tante Veronika die Augen schloß, -mußte er sie beerben. Er hatte sich nie um ihre Vermögensverhältnisse -gekümmert, Wenn sie ihren kleinen -Schatz seinetwegen in diesen letzten Jahren ihres Lebens -verringerte, wenn sie in jedem Monate davon nahm, um -ihm zu geben – konnte sie ihn nicht eines Tages rufen -und zu ihm sagen: »Jakobus, Du mußt nun auf Dir selbst -stehen; denn alle Güte und Liebe einer Greisin kann die -kleine Truhe nicht mehr mit Gold füllen. Ich habe Dir -alles gegeben, was ich hatte, bis auf den kargen Rest, an -dem ich mich ins Grab leben muß.«</p> - -<p>Was dann?</p> - -<p>Sie hatte ihm gesagt, für fünf oder sechs Jahre, und – -wenn er mit dem auskommen könnte, was sie für ihn bestimmt -hatte – wohl auch noch für länger, wollte sie mit -dankbarer Freude für ihn sorgen.</p> - -<p>Aber was dann?</p> - -<p>Mit dieser Frage in den Augen erschien er beim Nachtmahle.</p> - -<p>… »Ich habe wohl ein bißchen in den Tag hinein -gelebt,« sagte er; »ich weiß nicht, ob nach der Art der vielen<span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span> -oder nach meiner eigenen. Es schadet nicht, wenn ich besinnlicher -werde.«</p> - -<p>Er redete das aus einer Versonnenheit des Herzens -heraus, in die er in der Gartenhütte geraten war, und es -klang, als hätte er ganz vergessen, daß die Frauen mit ihm -zu Tische saßen.</p> - -<p>»Es ist aber ein wunderlicher Kram, wenn einer sich -schieben läßt aus der einen Sache in die andere. Das -darf nicht sein, wenn er nahe an die Zwanzig gerückt und -ein so langer, gesunder Mensch ist, der schon einmal ein -Galeriestück, ein Monumentalgemälde verpatzt hat …«</p> - -<p>Darüber wachte er auf und lachte.</p> - -<p>»Du sollst gar nicht geschoben werden,« sagte Tante -Veronika.</p> - -<p>»Ich habe das auch nicht so gemeint,« sagte er und hatte -seine hellen Augen wieder. »Ich reise morgen früh nach -Weimar und will zusehen, wie man so etwas eigentlich -macht. Es ist eine feine Sache, meine Damen,« scherzte -er, »aber sie ist für den, der sie angreifen möchte, doch -etwas ganz Ungeheuerliches. Heute früh sagte ich noch: -ich habe einen solchen Haufen Naturwissenschaft im Kopfe, -daß ich mich wundere, wohin das alles über dem Armen -Heinrich und dem Tartarus und den Stößen von Akten -und Landschaften gekommen war. Ich habe auch gedacht, -es ließen sich drei dicke Bände damit füllen – aber nun, -da ich nicht mehr damit spielen soll, ist auf einmal nichts -Gescheites mehr vorhanden …« Er verfiel wieder in das -Alleinsein – »Jakobus Sinsheimer, Du sollst Student<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span> -werden! Du Waldjunge, Du Schmetterlingsjäger, Du -Stein- und Pflanzensammler, Du Zigeunerfindling sollst -an die Türen der Hochschule klopfen und Einlaß fordern! … -Es sitzt da einer an seinem Tische und fragt: -Auf welchem Gymnasium waren Sie?«</p> - -<p>»Auf keinem.«</p> - -<p>»Wo haben Sie Ihre Zeugnisse?«</p> - -<p>»Es sind keine da.«</p> - -<p>»Na, zum Teufel, was haben Sie denn überhaupt für -eine Vorbildung?«</p> - -<p>»Ich habe meinen Armen Heinrich verkauft. Ich habe -eine Gruppe aus dem Tartarus zerhauen. Ich kann die -Klassen des Linnéschen Systems seit vier Jahren vor- und -rückwärts aufsagen. Ich weiß etwas von den Wundern -des Radiolarienschlammes und von den vier Klassen der -Grundformen bei den Organismen. Ich weiß …«</p> - -<p>Und der Mann an dem Tische sagte: »Damit können -Sie sich allenfalls ein paar Kollegs – nicht ohne Nutzen -für sich selbst – schinden, wenn Sie sehr viel Zeit haben. -Aber keine noch so verliebte Thüringerwaldfreude ersetzt -Ihnen die mangelnde Matura, junger Mann …«</p> - -<p>Doris Rinkhaus und Tante Veronika aßen in frohem -Zuhören darauf los. Auch Jockele kam über seinem neunzehnjährigen -Appetit nicht dazu, dieses Selbstgespräch als -prasselndes Feuerwerk steigen zu lassen. Er redete mit -langen Unterbrechungen.</p> - -<p>Seit seinem achtzehnten Auffindungstage nannte er -sich mit Stolz neunzehnjährig, und er hatte sich seit seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span> -Hiersein oft von Tante Veronikas großem Schrankspiegel -bestätigen lassen, daß sein hoher, geschlossener Aufbau mit -gutem Recht Ansprüche auf Dreiundzwanzig geltend -machen könnte. Er hatte sich auf dem Gang in den Tartarus -ein Rasiermesser angeschafft, dem der Schnurrbart -zwar noch bis auf weiteres zum Opfer fiel. Aber vor -den Ohren hatte er sich kecke Kotelettchen stehen lassen, die -ihm seine Mannhaftigkeit hinreichend bezeugten.</p> - -<p>Dem jungen Zigeunertume, das immer ein bißchen -ungewaschen daherschreitet, und das den Robespierrekragen -und den in der Hand getragenen Hut sowie ein -durch mancherlei Aeußerlichkeiten betontes Wesen als zur -›richtigen Genialität‹ gehörig betrachtete, war er geschmackvoll -aus dem Wege gegangen.</p> - -<p>Er huldigte von Tante Veronika her dem lästerlich zur -Schau getragenen Glauben, daß ein zweimaliges Vollbad -in der Woche dem Menschen genau so nötig wäre wie -jedem Tage ein noch so bescheidenes warmes Essen.</p> - -<p>Einmal hatte er sich in einem Ringe junger Maler zu -der rauchenden Auflehnung verstiegen: es wäre eine -brüchige Weisheit geworden: ›Sage mir, mit wem Du umgehst, -so will ich Dir sagen, wer Du bist‹ – es müßte -heißen: ›Sage mir, wie oft Du badest, so will ich Dir sagen, -was Du wirst‹. – Er hatte wenig Verständnis mit dieser -unerhört rebellischen Anschauung gefunden.</p> - -<p>Als er alle großen Steine mit Sorgfalt auf den Weg -gefahren, erklärte ihm Do: sie hätte mit Tante Veronika -vereinbart, den Sommer über im Frühlingshause zu<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span> -wohnen; denn es liefen so viele und so glänzende Fäden -aus dem älteren Herzen in das junge, daß sie eine sehr -schöne und reiche Zeit vor den Toren des Waldes genießen -wollte.</p> - -<p>»Sie scheinen diesen Tag mit Neuigkeiten angefüllt zu -haben bis zum Rande,« sagte Jockele und sah sie lange an.</p> - -<p>»Den Winter über reise ich vielleicht nach Bonn, oder -ich bleibe in Weimar – ich weiß das noch nicht. Ich will -aber meine Wohnung im Gartenhaus am Horn nicht aufgeben.«</p> - -<p>»So!« sagte Jockele und setzte das kleine Wort hin wie -ein Siegel. Er war horchend geworden – »Ist das etwa, -weil ich gedacht habe, ein so langer und so alter Mensch -dürfe sich nicht aus einer Sache in die andere schieben -lassen?«</p> - -<p>»Nein,« sagte sie.</p> - -<p>»Dann werde ich sehr einsam sein.«</p> - -<p>»Wissen Sie, daß wir uns im Baumgarten oft wochenlang -kaum gesehen haben?«</p> - -<p>»Es ist wahr,« sagte er – »in Zeiten, in denen ich -sehr fleißig gewesen bin.«</p> - -<p>Am andern Morgen reiste er nach Weimar. Als er -unter den Kastanien durch den Garten schritt, sah ihn -Maria Reh kommen und lief ihm entgegen.</p> - -<p>»Wie steht es mit Husch?« fragte er.</p> - -<p>»Der Arzt hat sie in eine Nervenheilanstalt geschickt,« -sagte sie; »er erklärte für ausgeschlossen, daß sie je wieder -in Ihre Dienste träte. Sie haben einen ganz wilden Einfluß<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span> -auf dies Mädchen gehabt und haben Sie physisch und -seelisch zerbrochen.«</p> - -<p>»Ich habe gar nichts dazu getan,« sagte er; »aber vielleicht -wäre ich ihr Schicksal geworden.«</p> - -<p>»Das ist die selbstsüchtige, harte Männerart – ›ich habe -gar nichts dazu getan!‹ Hätten Sie sie früher fortgeschickt! -Nun müssen Sie doch auch ohne das arme Geschöpf auskommen.«</p> - -<p>»Nun! Nun ist das ganz etwas anderes.«</p> - -<p>Er ging mit ihr durch sein kleines Haus – »Husch -ist wirklich nicht mehr darin!« sagte er, »das haben nicht -ihre Hände getan!«</p> - -<p>»Nein, ich selbst habe ein bißchen Ordnung geschafft.«</p> - -<p>Dann ging er mit ihr durch den Garten und setzte -sich an den Tisch mit der machtvollen Bank, die am Südzaune -steht, und erzählte ihr, wie es mit Do und mit -ihm wäre.</p> - -<p>Maria Reh fand das unerhört. Sie faßte den Plan -als einen ganz persönlichen Kampf Dos gegen sie auf, so, -als ob sich Do ärgerte, weil Maria Reh Jakobus aus dem -Bergwald in die Akademie gebracht hatte … »Nun will -sie mich übertrumpfen und will Sie in die Universität -führen!«</p> - -<p>Sie sagte das, als hätte sie einen Stengel Wolfsmilch -zwischen den Zähnen.</p> - -<p>»Die Sache sieht also genau so aus, als würde ich zum -drittenmal in die Schule gebracht,« lachte Jockele, »zuerst -von Tante Veronika, dann von Maria Reh, zuletzt von<span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span> -Doris Rinkhaus … Aber dies dritte Mal findet Jakobus -Sinsheimer seinen Weg allein.«</p> - -<p>»Sie denken überhaupt daran, ihn zu gehen?«</p> - -<p>Er zog die Achseln – »Es läßt sich doch nicht so ohne -weiteres von der Hand weisen. Einstweilen: auf gute -Nachbarschaft, liebe Maria!«</p> - -<p>Sie schlug herzhaft in die dargebotene Rechte; und wie -er sich abwandte, rief sie ihm nach: »Auf gute Nachbarschaft -– bis Sie sich selbst untreu werden!«</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">In die Akademie kam er in den folgenden Tagen nicht. -Er war wieder einmal innerlich zerrissen. Sein Häuschen -war bis unter das Dach voll von der anderen Zeit. -Im Schuppen lag der zertrümmerte Berg der Seligkeiten -– es waren Leinwandfetzen voll blutrotem Leuchten -dabei, das er damals mit erschauernder Hand aus dem -innersten Herzen Gottes heraus gemalt hatte.</p> -</div> - -<p>Er wollte mit Gwendolin reden. Aber er suchte sie -dann doch nicht. Warum auch? Daheim hatte er so selbstbewußte -Worte gehabt, nun fastete er seine Seele durch -eine verlorene Stille und wußte nicht, was das werden -sollte.</p> - -<p>Aber eines Tages saß er im Zuge nach Jena – es -jährte sich nun, daß ihn Gwendolin so hart auf den Rand -des Lebens aufgeklopft hatte – und eine Stunde später -stand er im Zimmer Ernst Haeckels.</p> - -<p>Es war die Stunde, von der er später nicht wußte, woher -er den Mut genommen hatte, sie zu erleben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span></p> - -<p>Der greise Professor war nicht mehr im Amte. Er -saß in seinem Lehnstuhl und schaute ihn aus seinen gütigen, -hellen Augen an und ließ sich erzählen, wie es um diesen -Jockele stand. Dann wurde ein Gespräch geführt, welches -jenem nicht unähnlich war, das sich über dem Nachtmahl -am Tische zu Ibenheim ereignet hatte.</p> - -<p>Er sagte dem alten Herrn manches kluge und gute -Wort – es muß verraten werden, daß er in diesen Tagen -Goethes naturwissenschaftliche Schriften gelesen hatte und -an Haeckels ›Kunstformen der Natur‹ betriebsam herangetreten -war, damit er die Fahrt in das neue Land wohl -ausgerüstet anträte.</p> - -<p>Eine Stunde mit einem bedeutenden Menschen verbracht, -bleibt lebendig bis an die Pforten des Todes. Eine -Stunde, die das Licht eines großen Mannes durchstrahlt, -wandelt sich für sehnsüchtige Hände zu einer Wunderlampe -– Türen der Finsternis springen vor ihr auf und -werden Glanz, Schlacken werden Brand und Steine -fangen vor ihr an zu blühen …</p> - -<p>Als er wieder auf der Straße stand, fand er den Erobererschritt -aus der Gegend des Tartarus. Er fühlte -Flügel, wo er die Arme trug, und es war wieder eine -Fackel in seiner Hand – just wie damals, als er der Welt -das neue Licht zu bringen hatte.</p> - -<p>An diesem Abende saß er nicht über den Naturwissenschaften. -Er schrieb einen Brief nach Ibenheim, der war -stolz und mutig, aber er hütete sich doch vor Flügen, die -ihm – so nahe dem Baumwinkel und den Trümmern des<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span> -Berges der Seligkeiten – ihre Gefahren hatten. Doris -Rinkhaus mit den sichtigen Augen würde diesen Brief -auch lesen, und sie war Zeuge seines jammervollen Absturzes -gewesen.</p> - -<p>Darum wog er jedes Wort und setzte es hin, als verschriebe -er dem anderen seine Seele: »Ich will nun doch -nicht mit beiden Füßen in das tiefe Meer springen, das -sich vor mir aufgetan hat. Ich sehe unter den Rändern -des fernen Himmels einen Saum, der vielleicht nur eine -Spiegelung der Luft ist, aber es kann auch eine neue Welt -sein. Ich will ruhig meines Weges fahren … Es muß -nicht die Matura sein, es geht auch mit dem Einjährigenzeugnis -der Kunstschule, es geht zwar nur bis zur kleinen -Matrikel – aber wenn dann der Maler den Studierenden -der Naturwissenschaften nicht aus dem Felde geschlagen -hat, wird es ja wohl auch weiter gehen. Im -Oktober hol' ich mir die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen -Militärdienst …«</p> - -<p>Es war ein langer und klarer Brief, klar bis zur -Schwunglosigkeit. Er verbarg das Glück an dem gefundenen -Wege nicht, aber der Tartarus war zu nahe, und -die vielen Pinsel in der alten Blumenvase mahnten zu -einer höchst gemäßigten Begeisterung. –</p> - -<p>Ein Mensch von tüchtiger Art gerät in Irrtümer und -kann darüber mit sich und der Welt zerfallen; einem -Windhund passiert das nicht; denn sein ganzes Leben ist -ein Irrtum.</p> - -<p>Es könnte einer sagen: dieser junge, gesunde und kluge<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span> -Mensch – warum setzt er sich nicht ein Jahr hinter die -Bücher und läßt sich testieren, was er gelernt hat? Es -warten Tausende von jungen Leuten in der Welt auf ein -Glück, wie es ihm in den Schoß fällt; aber er steht halb unentschlossen -davor – es fehlt ihm der Trieb, und er ist -zuletzt doch nur ein Blender.</p> - -<p>Aber Jockele durchlebte in diesem Sommer einen -wilden und bitteren Kampf mit sich selbst; denn es ward -herrschend, was die Erziehung in sorgsam gehüteten -Jungenjahren an ihm getan hatte. Nun zeigte man ihm -ein neues Land der Verheißung und sagte: »Dies alles -will ich Dir geben, wenn …« Und auf der anderen Seite -stand Maria Reh, die ihn damals zu sich selbst geführt -hatte, und kämpfte um ihn. Sie war verärgert und hatte -der kunstbeflissenen Jugend erzählt, daß man ihn schiffbrüchig -machen wollte.</p> - -<p>So rissen die Tage an ihm herum, und er war froh, -als die langen Sommerferien Ruhe brachten.</p> - -<p>Er saß da ganz einsam im Baumwinkel am Horn, aber -die Naturwissenschaften standen hoch oben auf dem Bücherregale; -denn danach fragte man ihn in der Oktoberprüfung -nicht. Es klangen auch die Worte Ernst Haeckels in ihm -nach: er wisse so viel wie ein Student im dritten Semester. -Das hatte er im Spiel mit Wald und Quell, mit Stein und -Wiese gelernt. Er wußte nun auch, daß es im Grunde die -Naturwissenschaften gewesen waren, die ihn zur Kunst -geführt hatten. Seine Freude an Farben, Formen und -Licht war eine Gegengabe der Natur, die er als Künstlerin<span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span> -belauscht hatte, und deren Kunsttrieben er in heimlicher -Entdeckerlust nachgegangen war.</p> - -<p>Doris Rinkhaus hatte ihm nicht geschrieben. Sie -bedrängte Tante Veronika nicht, aber sie quälte sich doch -an dem ruhevollen Zuwarten der alten Freundin, und -die Frage trat groß und voll Rätsel vor sie hin: warum -diese Begeisterungslosigkeit bei solch einem jungen Menschen, -der mit Augen voll Wundern durch seinen Bergwald -zog?</p> - -<p>Es wurde so karg zwischen ihnen, daß erst um die -Mitte des Septembers ein Brief kam, der von der -Oktoberprüfung redete, und wie er wohlgerüstet hineinschritte. -Er hätte auch viele Tage gemalt, und die Sorge -um das Lernen, die zu Anfang groß gewesen, wäre ihm -zuletzt ganz aus dem Sinne gekommen …</p> - -<p>Gwendolin hatte Weimar im September für immer -verlassen. Ehe sie ging, hatte sie ihn noch mit Felidora -Ritter bekannt gemacht. Das war etwas ganz Neues, -Schlankes und Schwärmerisches. Sie sah aus wie ein -reifes Kornfeld mit Mohn und Cyanen und war Kunstgewerblerin. -Sie war eine von jenen, welche die Männer -– wenn sie brünett und sehr jung sind – schon über dem -Begegnen in gehobene Stimmung versetzen. Dazu kam -für Jockele, daß sein Herz einen Sommer lang verwaist -gewesen war wie nie im Leben. Da zog er alle Wimpel -und Segel hoch und fuhr der ährenblonden Felidora -entgegen.</p> - -<p>Es war eine lumpige Zeit. Sein Herz hing wie die<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span> -Weltkugel aus Blech an einem dünnen Faden und pendelte, -wohin er es stieß.</p> - -<p>Manchmal fiel ihm ein, daß die Prüfung nahe wäre. -Er hatte da einen Stapel Bücher auf dem Tisch und schlug -hin und her eins auf: dürftiger Kram, den er kannte, und -der neben ihm lag. Und davor hatte ihm auch nur eine -Stunde gebangt? – Es sah in ihm aus wie in seinem -Häuschen, das er den Sommer über selbst in Ordnung -gehalten hatte. Das Gartenhaus Dos stand nun seit zwei -Monaten mit geschlossenen Augen …</p> - -<p>Darüber bekam die tiefe Schattenstille und grüngoldene -Einsamkeit Stimme und sagte: »Jakobus Sinsheimer, was -ist das mit Dir? Da sitzt die blonde Felidora in dem -Stübchen Gwendolins – warum nimmst Du sie Dir nicht? -Es ist ein feines, hohes und sommerliches Mädchen …«</p> - -<p>Er ließ sein Herz reden, bis es durstig wurde. Dann -lief er mit begehrlichem Munde zu ihr. Und als er sie -fand, führte er sie auf dem alten Wall unter den hohen -Kastanien durch die Schlüpfe im Zaun.</p> - -<p>»Eigentlich fürchte ich mich vor Ihnen,« sagte sie. »Auf -diesem Weg ist Gwendolin und Husch und Minchen Herzlieb -gegangen und Maria Reh und Doris Rinkhaus. Alle -in zwei Sommern. Es ist ja ein ganzes Heer …«</p> - -<p>»Und Felidora, meine große Sehnsucht,« setzte er -hinzu. »Die anderen sind alle von selber gekommen, aber -Felidora hab' ich gesucht – schon seit einer Woche.«</p> - -<p>Da ging sie mit in den Baumgarten.</p> - -<p>Sie hatte ein buntes und freudiges Kleid an, und in<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span> -ihrer Stimme war ein Klang aus sommerlichen Feldbreiten, -voll von zitterndem Glanze.</p> - -<p>Jockele dachte: »Man möchte sich an Dich hinschmiegen -wie in die Aehren, die über den Sommerrainen wehen.«</p> - -<p>Dabei sah er sie an, und sie sagte: »Jawohl, ich fürchte -mich doch vor Ihnen.«</p> - -<p>»Das ist fein,« sagte er und faßte sie so sachte unter -und schritt mit ihr über die blanken Netze, die auf der -Baumwiese lagen. Da verfingen sich ihre Füße in den -Maschen von Gold, und sie sanken in das Gras.</p> - -<p>Die Grillen sangen, als ob es Zeit der ersten Mahd -wäre. Aus den Feldern zog noch der Duft von gebackenem -Brot, aber die Felder waren längst abgeerntet. Und hin -und wieder sprang ein reifer Apfel ins Gras. Das war -unter dem Regen und der Sonne des Septembers noch -einmal so wogehoch und blumig geworden, daß die Hasen -darin Pfingsten feiern konnten.</p> - -<p>In diesem Grase küßte er sie, und sie wollte sich mit -ihren Händen schützen.</p> - -<p>»Es tut nicht weh!« sagte er.</p> - -<p>»Nein?« fragte sie.</p> - -<p>»Guck an, wie fein Du küssen kannst!«</p> - -<p>»Es ist mir ja gar nicht eingefallen, Sie zu küssen.«</p> - -<p>»Du brauchst auch gar nicht! Aber leiden mußt Du es.«</p> - -<p>So schäkerten sie sich ganz hinein in das goldene Netz. -Den Hut und die Handschuhe und die Tasche Felidoras -hatten sie noch rasch daneben hingelegt. Und auf dem -hohen Walle saß der Sommer und warf einmal eine<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span> -grüne Schale vom Kastanienbaum, da sprangen die braunen, -reifen Früchte heraus.</p> - -<p>Das Gebüsch des Baumwinkels hielt alle Hände über -sie, und Jockele rauschte wie das Meer, wenn sich die -Morgensonne hineinstürzt.</p> - -<p>»So – nun laß Dir mal noch was für morgen,« sagte -sie ernsthaft. »Du bringst mich ja um mich selber! Jetzt -gehen wir hinein, oder wir gehen hinaus ins Feld, und -Du liest mir das Hexenlied vor.«</p> - -<p>Da bekam er weite Augen und suchte nach dem Faden, -an dem der Tag mit diesem Gedichte aufgereiht war.</p> - -<p>Sie merkte das und rettete sich rasch in die Höhe und -sagte: »Denkst Du denn, man kennt in Weimar nur Deine -irdischen Lieben?«</p> - -<p>Er besann sich, wie er an dem Hexenliede wild geworden -und in pathetischem Rausch auf die Leiter vor Dos -Fenster gestiegen war. Der mädchenhafte Schwatz, den -nur Maria Reh betrieben haben konnte, fiel ihn jäh an.</p> - -<p>In diesem Augenblick schlug er sich auf und riß das -Kapitel Maria Reh heraus und warf es in den Winkel -zu dem Fastnachtsspiele Minchen Herzlieb.</p> - -<p>»Wie solch eine große und füllige Person ihren Nachbarn -das Leben verleidet!« sagte er. »Sie ist wie der -Papagei, der nebenan auf der Mauer steht und alle -Sonnenruhe in Fetzen reißt. Sie braucht immer ein -Tamtam und haut an alle Herzen. Sie ist eine Gehässigkeit -oder eine Geschmacklosigkeit – und dies alles, weil -sie keiner geheiratet hat!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span></p> - -<p>»Einst war Maria Reh aber Deine himmlische Liebe.«</p> - -<p>»Na ja!« – Er schütterte sich lachend wieder hinein in -die frühere Helligkeit; die blühte in roten Küssen wie Mohn -im Sommerkorn.</p> - -<p>»Wir müssen doch hineingehen,« sagte er; »denn ich -berausche mich über dem lauten Lesen an meiner Männlichkeit.«</p> - -<p>»Da auch?« neckte sie.</p> - -<p>»Es ist aber nicht mehr so schön und still bei mir und -von so sehnsüchtig-schmerzlicher Hingebung umrankt wie -einst, als ich … als ich noch Maler war … Setz Dich -so,« sagte er, »mit dem Rücken nach mir!«</p> - -<p>Er drehte ihr den Lehnstuhl herum, daß sie nun den -kleinen Ofen ansehen mußte.</p> - -<p>Er hatte auf einmal ein ganz feierliches Herz und eine -feierliche Stimme, und dann las er und schaute manchmal -auf, ob sie sich nach ihm umwende.</p> - -<p>Weil sie andächtig war, als hörte sie mit geschlossenen -Augen zu, schwelgte er sich in ein blutrotes Martyrium -hinein. In ein tiefes Erleben wollüstiger Schmerzen. Es -rollte Donner aus der Klosterzelle des Mönchs Medardus, -es jauchzte das wilde, verbotene Lieben, es klagte der -Jammer, es jubelte der Sieg. Und als er geendigt hatte, -wandte sich Felidora nicht um. Er lehnte am Fenster -und fühlte, wie der Schweiß an seinen Schläfen herniedersickerte. -Sie blieben noch lange so.</p> - -<p>Da krähte Tante Veronikas kleine Standuhr keck über -das verebbende Meer, das da aufgewühlt war, und Felidora<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span> -sprang empor und warf ihre Arme um ihn und -sagte: »Das war schön und groß! Und solch ein Mensch -setzt sich in solch einen Winkel und rät an sich herum, was -er werden soll? Werde Schauspieler, Jakobus!«</p> - -<p>Sie jubelte das heraus, wie die Pendule ihren silbernen -Schlag. Sie jubelte das mitten in die Stunde hinein, in -der er das Kapitel Maria Reh aus seinem Leben gerissen -hatte; und Doris Rinkhaus war weit, weit von ihm. Husch -allein war nahe und fastete sich so durch ihre weißen -Tage, an denen er selbst sacht und karg geworden war. -Das Pathos des Berges der Seligkeiten fiel noch mit -schönem, purpurnem Leuchten über ihn … Und nun -standen Felidoras blaue Schwärmeraugen vor ihm und -warfen ein fremdes, nie gesehenes Licht in seine Seele.</p> - -<p>Aber es zuckte ein Wetterleuchten an dem dämmerigen -Himmel seines Herzens. – »Wenn sie das sagt,« dachte er, -»so bin ich nichts weiter als ein Tag in ihrem Leben! Sie will -nichts von mir; sie hält keine Rechnung in den Händen wie -Minchen Herzlieb und sagt nicht: das und das bist Du mir -schuldig geworden. Ich bin ihr wieder einmal zu jung, -und sie wollte nur sehen, wie so etwas gemacht wird.«</p> - -<p>Die Gedanken flogen in ihm auf wie verstürmte Vögel.</p> - -<p>»Ich hüpfe immerfort auf Schwellen,« sagte er, »seit -drei Monaten immer so in keuchendem Schwunge … -Naturforscher, Maler, Bräutigam, Schauspieler, <em class="antiqua">Primo -amoroso</em>, Spitzenreiter, Zerstörer des Berges der Seligkeiten, -Zigeuner, Hypnotiseur – hast Du die Stirn, zu -sagen, ich hätte es mit achtzehn Jahren zu nichts gebracht?<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span> -Komm!« rief er und langte den Hut vom Nagel am Türpfosten -herab und drückte sich ihn keck aufs Ohr.</p> - -<p>»Wohin?«</p> - -<p>»Eine Laute will ich mir kaufen und Schellen an den -Hut – so, weißt Du, so!«</p> - -<p>Er wogte in komischen Sprüngen vor ihr hoch und -nieder und hatte die Augen voll Hexenlied und Juchhei. -Dann warf er den Hut auf den Stuhl und tobte in Anderthalbmeterschritten -durch die Stube.</p> - -<p>Da ließ sie ihn toben und setzte sich mit ihrer lichten -Sommerhelligkeit auf den Stuhl und sagte: »Du, ich -glaube, Du bist ein richtiges Genie.«</p> - -<p>»Ja, ja, Genie!« sagte er. »Genie, das hab' ich in der -langen Reihe der Gipfelhöhen meines ruhmreichen Daseins -vorhin vergessen!«</p> - -<p>»Ach, komm doch zu Dir! Solch ein tragikomisches Gesicht -paßt nicht für Dich und bringt mich wieder zum Fürchten.«</p> - -<p>Da zog er ihr das Kleid zurecht, und sie ließ sich von -ihm fertigmachen zum Ausgang.</p> - -<p>»Heut abend gehen wir ins Theater. Was ist heute?«</p> - -<p>»Die Räuber. Und morgen Pygmalion.«</p> - -<p>»Wir gehen an beiden Abenden hin. Schade, daß nicht -auch solch ein halbverblödeter Wedekind dabei ist – ich -meine, man könnte sich da gleich ein paar nette Rollen aussuchen,« -lachte er bitter. Aber draußen unter den Bäumen, -durch die eine nachmittägliche Drossel silberne Fäden zog, -fand er sich und ward wieder ein brauchbarer Mensch.</p> - -<p>Sie sagte, an den Tagen, an denen sie ins Theater<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span> -gingen, wollte sie nicht kommen. – Er war froh, als diese -Tage vorbei waren; denn danach trieben sie ihre junge -Liebe wild und königlich in die Blüte.</p> - -<p>Er hatte sich eine Frau verschafft, die das Häuschen -festlich machen sollte zu Felidoras Geburtstag; er war am -fünften Oktober, sie wurde da einundzwanzig.</p> - -<p>Man sah vom Wall aus in die Gärtnereien hüben und -drüben, über die der Herbst alle Brunnen seiner Kraft -ausgoß an Astern und Dahlien. Es war eine ausgelassene -Farbenlust, und die Kastanien taten ihre goldenen Königsmäntel -dazu um. Auf den Feldern loderten die Kartoffelfeuer -– es waren die Tage, in der sich Frühling, Sommer -und Herbst zum Ringelreihen finden und noch einmal -alle Vogel- und Menschenherzen abschießen.</p> - -<p>Jockele hatte das kleine Haus für Felidora von allen -drei Jahreszeiten rüsten lassen; denn seine Seele feierte -schon seit einer Woche Hochzeit.</p> - -<p>Am fünften Oktober, der wieder voll Sonne war, daß sie -über die Fensterstöcke hereinquoll und über die Sündflut -seiner Sinnenfreude klingend dahinströmte, entlockte ihm -Felidora das Gelöbnis: er sollte zu dem Regisseur gehen -und ihm das Hexenlied vorsprechen. Er konnte auch sagen -»Ich zählte zwanzig Jahre, Königin,« oder den Melchthal – -er hatte in den Stunden, in denen Felidora nicht bei ihm -war, ein bißchen in den Klassikern herumgelernt. Aber er -ahnte das wartende Gelöbnis da noch nicht, sondern nur -das Verlöbnis, in das er sich in seiner Art wieder einmal -mit aller Frische und Vergessenheit hineinschwang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span></p> - -<p>Es war noch ein Hundertmarkschein vom Armen Heinrich -her dagewesen, den er in der kleinen Standuhr verborgen -hatte. Aber die Theaterfreude Felidoras war nun -auch über den gekommen, und in diesen fünften Oktober -rollten die letzten beiden Zwanzigmarkstücke, rollte sein -Herz in purpurrotem Leichtsinn, rollte die Warnung -Gwendolins, sich nicht immer gleich zu verheiraten, rollten -Gott und Teufel in ihm …</p> - -<p>Am anderen Morgen, als die Blüten alle angewelkt -waren und ein Herbstregen in grauer Unerbittlichkeit an -die Fenster klapperte, gellte das wachsame Uehrlein in -seinen späten Schlaf. Es hatte schon die Sechs und die -Sieben ärgerlich gerufen, aber die Acht schrie es unheimlich -und angstvoll.</p> - -<p>»Du, ich glaube, die Frau ist draußen und will ins Haus.«</p> - -<p>»Sie ist immer auf morgens zehn Uhr bestellt,« sagte er -und fand sich aus der Nacht und dem anderen Tage herüber.</p> - -<p>Auf einmal – –</p> - -<p>»Ja, was trommelt denn die draußen so wild an das -Fenster?«</p> - -<p>»Herr Sinsheimer! Herr Sins–hei–mer!«</p> - -<p>»Unerhört!«</p> - -<p>»Herr Sins–hei–mer!«</p> - -<p>Herr Sinsheimer stürzte ans Fenster und riß es auf –</p> - -<p>»Zum Teufel, Frau, sind Sie denn um den Verstand -gekommen?«</p> - -<p>»Ach Gott, Herr Sinsheimer, Sie haben mich doch heute -so früh bestellt! Es ist doch heute der sechste Oktober! Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span> -warte schon seit einer geschlagenen Stunde – Sie haben doch -gesagt, am Sechsten hätten Sie die Einjährigenprüfung.«</p> - -<p>Jawohl. Um acht Uhr hatte die Sache begonnen. -Und fünf Minuten nach acht Uhr stand der Herr Sinsheimer -im Nachthemd am Fenster des kleinen Hauses am -Horn Nr. 35 und stemmte den Himmel mit seinen langen -Armen über sich, der auf ihn herniederbrach – grauenhaft -und mitleidlos, wie nur ein Himmel einfallen kann.</p> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Der Roman ›Jockele und die Mädchen‹ ist zu Ende; -denn was nun kommt, ist eine sehr verständige und -sehr symmetrische Geschichte, die mit einem Examen anfängt, -mit einem Examen fortfährt und mit einem Examen -endigt. Jockele bestand die Prüfungen alle drei – und -was hernach kommt, heißt ›Jockele und seine Frau‹, darf -aber nicht beschrieben werden …</p> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="drop">Weil der Himmel einfiel und kein Halten war, stürzte -Jakobus Sinsheimer im Nachthemd in die Hosen. -Was aus dem Nachthemd herausschaute, überschüttete er -mit kaltem Wasser. Die Aufwartefrau erkannte inzwischen -den Zweck des Blumenfestes; sie vergaß, den schwarzen -Schulterkragen abzulegen und drängte dem Jockele das -Handtuch und die Zahnbürste auf. Felidora war ein -wenig kärglicher gekleidet und hob ihn in Weste und -Joppe. Er ergriff die Mappe mit dem Schreibpapier, -stülpte sich den Hut auf wie damals, als er die Laute der -Verzweiflung erstehen wollte, die Krawatte schwang er<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span> -in der Rechten, daß sie hinter ihm zur Tür hinausflatterte -– er knüpfte sie unter den triefenden Kastanienbäumen. -So stürmte er dahin. Die Stufen vom Horn hinab in -den Park. Ueber die Naturbrücke. Ins Fürstenhaus. -In den Prüfungssaal …</p> -</div> - -<p>Da wunderte sich der Herr Professor Redslob ein bißchen; -denn das Thema zum deutschen Aufsatz hatte er -längst gegeben, und viele Federn knirschten schon eifrig -übers Papier. Aber er lächelte seine duldsame Freundlichkeit -über Jockele dahin, auch ohne das Erlebnis ganz -zu durchschauen – denn das wird ihm erst in diesen Zeilen -verraten – aber Jockele hatte seinen Lokalruhm. Deshalb -kam ihm der Professor entgegen und sagte: »Na, Sie -werden wohl eine überzeugende Abhaltung gehabt haben -– Witterungsverhältnisse oder so,« und er nannte ihm -das Thema in Geduld noch einmal. Dann rückte sich -Jockele in den Unbequemlichkeiten des für die obwaltenden -Umstände viel zu geräumigen Nachthemds zurecht, -überzeugte sich, daß er auch wirklich da wäre, und fing an, -sich die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst -zu erwerben. Nach acht Tagen hatte er auch ›das -Mündliche‹ bestanden.</p> - -<p>In dieser Woche, die zwischen Anfang und Ende der -Prüfung lag, ereigneten sich zwei Dinge für ihn.</p> - -<p>Zuerst bekam er einen Brief aus Ibenheim. Der verkündigte -ihm, daß Doris Rinkhaus mit Tante Veronika -eine frohe Fahrt über die Alpen angetreten hatte – sie -wollten in Sestri-Levante und Nervi den Winter verbringen.<span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span> -Do schrieb, daß sie erfahren hätte, wie Tante -Veronika, seit sie Jockele aus dem Walde gezogen, in Enthaltsamkeit -und selbstvergessener Sorge für den Jungen, -außer der raschen Fahrt nach Weimar, Ibenheim nicht -verlassen habe; darum hätte sie die alte Dame aufgeladen -und sei mit ihr in den Frühling an das Südmeer gezogen.</p> - -<p>Darüber kam Jockele zum drittenmal ans Rechnen, -und er hatte feierliche Gedanken und sagte: »Was hat -diese Tante Veronika für ein opferfreudiges und großes -Herz! Und was ist diese Doris Rinkhaus für ein tapferes -und königliches Mädchen!«</p> - -<p>Er hatte überhaupt gute Vorsätze in dieser Woche; denn -gute Vorsätze haben ihren Platz zwischen den Schwellen -und sind einundeinhalb Meter lang. Deshalb reichen sie -noch einen Schritt weit über jede Schwelle hinweg. –</p> - -<p>Das andere Erlebnis betraf Felidora.</p> - -<p>Sie hatte am sechsten Oktober gegen Abend die delikate -Annäherung eines jungen Bankbeamten gehabt, den ihre -Sommeraugen und ihre ährengelbe Feldstille ernsthaft sehnsüchtig -nach ihr machten. Da erteilte sie sich einen Generalpardon -und zog schuldlos und schön dem neuen Glücke nach.</p> - -<p>Das gestand sie Jockele, und er stieß ein teilnahmsvolles -»Oh!« hervor; er sagte ihr auch, daß er nicht verständnislos -für ihre Wünsche sei, und daß sie gute Freundschaft -halten wollten – er selbst ginge mit Semesterbeginn -nach Jena studieren.</p> - -<p>Da quittierte sie ihm über das seelenvolle »Oh!« mit -einem bedauernden »Ach?« Und er erfaßte ihre beiden<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span> -Hände und sagte: »Du schönes, hohes Mädel! Und nun -mußt Du mir mein Wort zurückgeben; die verrückte -Stunde, in der Du mich zum Komödianten machen wolltest -– wo ist sie geblieben?«</p> - -<p>Es schienen danach noch sonnige Oktobertage um das -kleine Haus im Baumwinkel.</p> - -<p>Da bereitete sich Jockele zum Auszuge. Er kramte viele -welke Zeichen des Erinnerns unter den mancherlei Dingen -hervor, die er mit hinübernehmen wollte in das neue Leben.</p> - -<p>Als er seine Wohnung aufkündigte, erfuhr er, daß -auch Maria Reh nicht mehr in das Gartenhaus zurückkehre. -Nun hatte Doris Rinkhaus die weiße Stille oder -grüne Einsamkeit ganz allein, so oft sie darin leben wollte.</p> - -<p>In diesen letzten Tagen stand Jockele einmal gegen -den Zaun gelehnt, an dem er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ -gemalt hatte, und ließ die vielen Bilder lieben Zusammenlebens -der beiden Jahre durch seine Seele gehen. -Da merkte er: Doris Rinkhaus leuchtete über alle hinweg -und stand als ein großer, schöner Stern an dem Himmel, -an dem nun die Nacht des Vergessens heraufziehen sollte.</p> - -<p>Da wurde ihm, als wäre alles Licht von ihr gekommen, -und als hätte sein Herz keiner andern gehören können, -weil sie es fest in ihren Händen hielt. Warum hatte er -ihr dies nie sagen können? Es drängte ihn, ihr die -Stunde, diese letzte Stunde im Baumwinkel, zu beschreiben -und ihr zu sagen, wie er seine Arme nach ihr ausgebreitet -hätte. Aber ihr blondes Königinnentum verbat -sich das. Und er – – so zwischen den Schwellen! –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span></p> - -<p>Es wachsen in dem Winkel, in dem der Zaun des Tartarus -gegen den Grenzzaun nach dem Wall stößt, drei -Kastanienstämme aus einer Wurzel.</p> - -<p>Zu dem einen trat er hin und schnitt mit dem Messer -ihren Namen in die Rinde: Do – groß und tief. Und -durch das D grub er ein J. Wer nicht wußte, was diese -Zeichen bedeuteten, der mochte lesen »Dio« – es waren -ihre Namen, beide in einem.</p> - -<p>Wenn Doris Rinkhaus wieder einmal auf der Schwelle -zu dem Gartenhause stand und ihre Augen wandern ließ -über die Stellen frohen Beisammensein aus den glücklichen -Jahren, dann mußte sie die Zeichen im Stamm -entdecken. Sie allein unter allen Menschen, die hierher -kommen würden, verstand sie.</p> - -<p>Das war der Brief, den er ihr schrieb – es war der -erste, und sie sollte ihn finden, wenn sie je zurückkehrte. –</p> - -<p>Danach zog er aus. Er übergab der Dienstfrau den -Schlüssel und sagte: »Wenn ich wiederkäme, dann käm' -ich wohl, um von neuem Maler zu werden.«</p> - -<p>In Jena ging er zu Ernst Haeckel und ließ sich von ihm -beraten, welche Vorlesungen er belegen sollte, und wurde -Student. Er dachte nicht an die Matura – erst wollte -er ein Stückchen hineinlaufen in die Wissenschaft.</p> - -<p>Er mietete sich ein in einem nüchternen Hause der -Stadt, aber er fand sich da nicht zu sich selber. Und um -die Novembermitte, als er vier Wochen in Unbehagen in -der steinernen Straße unter vermauertem Himmel gelebt -hatte, jubilierte er in Flockentreiben und brüllendem Weststurm<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span> -den Wall des alten Schießstands in Weimar entlang. -Er konnte nicht durch die verschlossenen Schlüpfe im -Zaun – da stieg er über und sprang hinein in den alten, -einsamen Winkel, in dem noch die Dieme gespaltenen Holzes -stand, der so wintertraurig und so voll von Leben war.</p> - -<p>»Zigeuner!« jauchzte er und schlang seine Arme um -den Stamm der Kastanie, in die er die Namen geschnitten. -Er war Maler gewesen und war Student geworden, aber -er hatte nicht leben gelernt in den steinernen Gassen; nun -lief er ins Herrenhaus und jubelte die silberne Exzellenz -an: »Lassen Sie mir mein Haus im Winkel wieder – ich -kann nicht daheim werden unter fremden Menschen, nicht -daheim werden in der anderen Stadt, nicht daheim werden -in mir selber. Ich will an jedem Tage nach Jena -reisen – was verficht's, ob ich dort wohne oder hier?«</p> - -<p>Dann lebte er wieder an der alten Stätte und arbeitete -sich in eine tiefe, ungeheure Freudigkeit hinein.</p> - -<p>Es trat kein Mensch seine Stapfen in den Schnee und -in die Einsamkeit, die um ihn waren.</p> - -<p>Er wartete auf Doris Rinkhaus, aber sie kam nicht. -Es wurde Frühling und Sommer.</p> - -<p>In Stunden, in denen er die Naturwissenschaften vergessen -durfte, suchte er Farben und Pinsel hervor und -den grauen Malerkittel und malte den Garten von allen -Ecken aus, er malte die Häuser – er malte sich Schätze -der Erinnerung für die Zeit, in der dies sonnendurchschauerte -Idyll doch endlich ein Märchen für ihn werden -müßte. Er dachte an Do, für die er dies Bild bestimmte<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span> -und jenes – und ob sie wohl einmal sagen würde, wenn -sie seinen Namen darunter las: »Jakobus Sinsheimer – -den hab' ich einst gekannt; wir waren damals beide jung!«</p> - -<p>Doris Rinkhaus war den Frühling über in Bonn.</p> - -<p>In den langen Sommerferien reiste er nach Ibenheim.</p> - -<p>Tante Veronika tat freudig geheimnisvoll, und eines -Tages ging sie mit ihm zur Haltestelle der Bahn – so -ganz von ungefähr, und war stolz auf ihren glücklichen, -langen Studenten, der voll von grausam gelehrter Weltbetrachtung -war.</p> - -<p>Da lief der Zug ein, und Doris Rinkhaus stieg heraus -und stürzte der alten gütigen Frau ans Herz.</p> - -<p>Und weil Jakobus zur Salzsäule geworden war, da -er auf das leuchtende Wunder hinschaute, sagte sie: »Na, -Jockele?«</p> - -<p>Da zersprang er – »Do! Do!«</p> - -<p>Die Welt ging unter, und er hatte gerade noch Zeit, -Doris Rinkhaus zu retten, und trug sie auf seinen glückseligen -Armen über den Bahnsteig und in seinem Herzen, -in seinen Augen hinauf auf den Berg ins Frühlingshaus.</p> - -<p>Da hatte er sein zweites Examen bestanden – -<em class="antiqua">summa cum laude</em>. Es dauerte viele Tage, aber das -Zeugnis bekam er schon am ersten.</p> - -<p>Wie Do und Jo ›Du‹ zueinander sagten, und er längst -keine Scheu mehr vor ihrem Königinnentum hatte, ließ -sich auch Tante Veronika das Gelöbnis der Verschwiegenheit -zurückgeben. Es war eine schöne und helle Stunde, -in der sie ihm ihr Herz aufschloß – diese Stunde sah aus<span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span> -wie Doris Rinkhaus. Aber Do war hinausgegangen; denn -Jockele war in allen Stücken gewachsen, seit er mit Gwendolin -das lebende Bild in der Fasanerie gestellt hatte. Sie -ahnte, was käme, und wollte dazu ganz allein mit ihm sein.</p> - -<p>Danach fing er an, Hochzeit zu feiern, und sagte: das -Gartenhaus am Horn riefe nach ihr, und er malte es -ihr mit Worten von Herrlichkeit und Sehnsucht. Aber -Doris Rinkhaus sagte: »Ich werde auch wieder einmal -in dem Gartenhause wohnen – da nehm' ich Tante -Veronika mit, und es wird sehr fein.«</p> - -<p>Wieder verging ein Jahr, wieder hatten Do und Tante -Veronika den Winter im Frühling des Südens verbracht, -und wieder saßen Do und Jo in den Sommerferien vor -dem thüringischen Buchenwalde. Da erzählte ihr Jockele -viel von der ›Entwicklung der Organismen aus eigener -Kraft durch die physikalische und chemische Energie der -lebendigen Substanz‹, viel von ›plastischem Distanzgefühl‹ -und wie die Natur die wundervollsten Kunstgebilde schaffe. -Er erzählte ihr, daß er diesen Kunstgebilden nachginge, -und just wie einst male er, was er sehe; und er schreibe -dazu, was er erkannt hätte. Und daß dies eine Förderung -der Wissenschaft bedeutete. Noch ein Jahr wollte er -daran arbeiten, dann wollte er das Werk einreichen und -damit zum Doktor promovieren. Es wurde fertig und -hieß ›Der Kunsttrieb der Natur‹.</p> - -<p>Von dem ›Schmetterlingsbuche mit Illustrationen‹, das -der Dorfjunge in der Gartenhütte von Ibenheim verfaßt -hatte, bis zu diesem war ein weiter Weg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span></p> - -<p>Sein väterlicher Freund Haeckel las es, und er klopfte -ihm auf die Schulter und sagte: »Ein rechter Kerl geht -nicht unter – auch ohne Matura; deutsche Hochschulprofessoren -sind keine Philister, und aus einem Zigeuner -wird durch die kluge Sorge seiner alten Tante ein gelehrter -Doktor.«</p> - -<p>Da bestand er sein drittes Examen – diesmal <em class="antiqua">cum -laude</em>.</p> - -<p>Danach reisten sie nach Bonn – Do und der Doktor -und Tante Veronika und das Mädchen Mali; denn Veronikas -neunundsechzig Jahre mochten die Hilfe der alten -Dienerin auch auf der Reise nicht mehr entbehren.</p> - -<p>Damit ist die symmetrische Geschichte mit den drei -Prüfungen zu Ende.</p> - -<p>Die Gartenhäuser am Horn in Weimar liegen wieder -einsam. Aber unter den Sommerbäumen schreiten schöne, -lichte Gestalten, gaukeln liebe und bunte Träume. Und -wer am Kastanienstamm beim Zaun die eingeschnittenen -Namen betrachtet, für den erwachen die Träume zum -Dasein; denn um Sieger leben die Vergangenheiten.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Von <em class="gesperrt">Max Geißler</em> sind im Verlage von -L. Staackmann in Leipzig erschienen:</p> -</div> - -<p class="center"> -<span class="larger">Das Tristanlied.</span> Epos<br /> -<span class="larger">Die Rose von Schottland.</span> Epos<br /> -<span class="larger">Gedichte.</span> Volksausgabe<br /> -<span class="larger">Die neuen Gedichte.</span> Volksausgabe<br /> -<span class="larger">Die Bernsteinhexe.</span> Schauspiel<br /> -<span class="larger">Die Herrgottswiege.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Das hohe Licht.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Am Sonnenwirbel.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Das Heidejahr.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Das Moordorf.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Das sechste Gebot.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Der Erlkönig.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Die Glocken von Robbensiel.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Nach Rußland wollen wir reiten!</span> Roman<br /> -<span class="larger">Die Musikantenstadt.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Hütten im Hochland.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Inseln im Winde.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Die goldenen Türme.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Die Wacht in Polen.</span> Roman<br /> -<span class="larger">Briefe an meine Frau</span> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="h2">Ullstein-Bücher</p> - -<p class="center">Neue Bände:</p> - -<p class="h2">Vom Müller-Hannes</p> - -<p class="center">von Clara Viebig</p> - -<p class="noind smaller">Der Hintergrund dieses Romans von Clara Viebig ist das Eifelland -mit seinen vulkanischen Bergkuppen, seinen Schluchten und -Heiden, seinen weltabgeschiedenen Dörfern. Bauerntrotz und -Bauernhochmut bereiten dem Müller-Hannes sein Schicksal. Mit -staunenswerter Kraft macht die Dichterin diesen Charakter lebendig. -Stimmungsschwere Romantik und meisterlicher Realismus -vermählen sich in ihrem Werk, das unter den deutschen -Volksromanen unserer Zeit einer der echtesten und stärksten ist.</p> - -<p class="h2">Die schwere Not</p> - -<p class="center">von Richard Skowronnek</p> - -<p class="noind smaller">»Die schwere Not« ist der dritte von Richard Skowronneks Ostpreußen-Romanen, -die mit den »Sturmzeichen«, der Voraussage -des großen Krieges, begannen und zu dem Roman »Das große -Feuer« überführten. Mit herber Wucht stellt »Die schwere Not« -die ersten Begebnisse nach der Kriegserklärung dar, den Aufmarsch -der ostpreußischen Truppen gegen das in riesenhaften -Feldlagern versammelte russische Millionenheer und den Einbruch -der Kosakenhorden. In starker persönlicher Ausgestaltung -gibt der Dichter wieder, was nachher kam: die opfermütige -Abwehr und die Zeit der russischen Herrschaft in Masuren.</p> - -<p class="h2">Kriegsgetraut</p> - -<p class="center">von Otto von Gottberg</p> - -<p class="noind smaller">Otto von Gottbergs Erzählung, die in die Stimmungen des -deutschen Seekriegs einen echt und warm empfundenen Liebesroman -stellt, schildert hell und farbig die Junitage an der -Kieler Regatta. Sie malt die Ausfahrt des deutschen Hochseegeschwaders, -die Heimkehr der lichtweißen, von vier Kreuzern -gefolgten »Hohenzollern«, ein schweres Seegefecht, den kühnen -Flug eines Marinefliegers. Dem Heldentum der deutschen -Flotte hat Otto von Gottberg dieses kleine Werk geweiht.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="h2">Ullstein-Kriegsbücher</p> - -<p class="center">Bisher erschienen</p> - -<p class="center p2">Paul Oskar Höcker:</p> - -<p class="center gesperrt">An der Spitze meiner Kompagnie</p> - -<p class="center p2">Fedor von Zobeltitz:</p> - -<p class="center gesperrt">Kriegsfahrten eines Johanniters</p> - -<p class="center p2">Kurt Aram:</p> - -<p class="center gesperrt">Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen</p> - -<p class="center p2">Ludwig Ganghofer:</p> - -<p class="center gesperrt">Reise zur deutschen Front 1915 / Die -stählerne Mauer / Die Front im Osten / -Der russische Niederbruch</p> - -<p class="center p2">Ernst Freiherr von Wolzogen:</p> - -<p class="center gesperrt">Landsturm im Feuer</p> - -<p class="center p2">Otto von Gottberg:</p> - -<p class="center gesperrt">Kreuzerfahrten und U-Bootstaten / -Die Helden von Tsingtau</p> - -<p class="center p2">Emil Zimmermann:</p> - -<p class="center gesperrt">Meine Kriegsfahrt von Kamerun zur Heimat</p> - -<p class="center p2">Heinz Tovote:</p> - -<p class="center gesperrt">Aus einer deutschen Festung im Kriege</p> - -<p class="center p2">Rudolf Hans Bartsch:</p> - -<p class="center gesperrt">Das deutsche Volk in schwerer Zeit</p> - -<p class="center p2">Paul Grabein:</p> - -<p class="center gesperrt">Im Auto durch Feindesland</p> - -<p class="center p2">Kapitänleutnant Freiherr von Forstner:</p> - -<p class="center gesperrt">Als U-Boots-Kommandant gegen England</p> - -<p class="center p2">Ernesto Freiherr Gedult von Jungenfeld:</p> - -<p class="center gesperrt">Aus den Urwäldern Paraguays zur Fahne</p> - -<p class="center p2 larger">Jeder Band 1 Mark</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center"> -Ullstein & Co<br /> -Berlin SW 68 -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Der Schmutztitel wurde entfernt. -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der -Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 175: Stile → Stille<br /> -dem Häuschen mit blumenhafter <a href="#corr175">Stille</a> und Hingabe</p> -<p> -S. 186: hinausgeführt → ausgeführt<br /> -so sollte er auch ohne sie <a href="#corr186">ausgeführt</a> werden</p> -<p> -S. 205: Himmels → des Himmels<br /> -alle Mächte <a href="#corr205">des Himmels</a> und der Erde</p> -</div></div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Jockele und die Mädchen, by Max Geißler - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JOCKELE UND DIE MÄDCHEN *** - -***** This file should be named 53661-h.htm or 53661-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/6/6/53661/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> |
