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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Mümmelmann - Ein Tierbuch - - -Author: Hermann Löns - - - -Release Date: November 6, 2016 [eBook #53457] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN*** - - -E-text prepared by Sandra Eder and the Online Distributed Proofreading -Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by -Internet Archive (https://archive.org) - - - -Note: Images of the original pages are available through - Internet Archive. See - https://archive.org/details/Mummelmann_Ein_Tierbuch_ - - -Anmerkungen zur Transkription - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+, in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - -HERMANN LÖNS - -MÜMMELMANN - - - * * * * * * - -In unserem Verlage sind von - -Hermann Löns - -ferner erschienen: - - -Aus Wald und Heide - -21 Erzählungen für die Jugend, 16.--20. Tausend, Illustr. Kart. M. 1.--. - - -Mein braunes Buch - -21 Erzählungen aus der Heide. 17.--21. Tausend, brosch. M. 3.--, geb. -M. 4.--, Luxusband M. 6.50. - - -Mein blaues Buch - -Balladen und Romanzen, 4. Tausend, brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--, -Luxusband M. 6.50. - - -Der letzte Hansbur - -Bauernroman aus der Lüneburger Heide. 9.--10. Tausend, brosch. M. 3.50, -geb. M. 4.--, Luxusband M. 7.--. - - -Dahinten in der Heide - -Niedersächsischer Roman, 13.--15. Tausend, brosch. M. 3.--, geb. -M. 4.--, Luxusband M. 6.50. - - -Kraut und Lot - -Ein Buch für Jäger und Heger, 8.--10. Tausend, geb. M. 4.20, Luxusband -M. 7.--. - - -Der zweckmäßige Meyer - -Ein schnurriges Buch. 20 Humoresken aus dem Naturleben. 8. Tausend, -geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.--. - - -Auf der Wildbahn - -Jagdnovellen, 8. Tausend, geb. M. 4.--, Luxusband M. 6.50. - - -Haidbilder - -Neue Folge von »Mein braunes Buch«, 6. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband -M. 6.--. - - -Mein buntes Buch - -Naturschilderungen, 7. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.--. - - -Goldhals - -Ein Tierbuch für die Jugend, 4.--8. Tausend, geb. M. 1.80. - - -Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H., Hannover. - - * * * * * * - - -HERMANN LÖNS - -MÜMMELMANN - -Ein Tierbuch - -21.--25. Tausend - - Höret: - - Es gibt nichts Totes auf der Welt, - Hat alles sein' Verstand, - Es lebt das öde Felsenriff, - Es lebt der dürre Sand. - - Laß deine Augen offen sein, - Geschlossen deinen Mund - Und wandle still, so werden dir - Geheime Dinge kund. - - Dann weißt du, was der Rabe ruft - Und was die Eule singt, - Aus jedes Wesens Stimme dir - Ein lieber Gruß erklingt. - - - - - - - -Hannover 1915 -Adolf Sponholtz Verlag -G. m. b. H. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - 1. Mümmelmann 5 - - 2. Murkerichs Minnefahrt 13 - - 3. Krähengespräch 21 - - 4. Sein letztes Lied 27 - - 5. Goldhals 34 - - 6. Der letzte seines Stammes 41 - - 7. Achtzacks Ende 49 - - 8. Böbchen 57 - - 9. Der Zaunigel 64 - - 10. Jakob 72 - - 11. Hausfriedensbruch 79 - - 12. Mein Dachs und meine Dackel 86 - - 13. Die Zeit der schweren Not 93 - - 14. Des Rätsels Lösung 99 - - 15. Das Eichhörnchen 105 - - 15. Hasendämmerung 116 - - 17. Der Mörder 123 - - 18. Der Alte vom Berge 134 - - 19. Die Einwanderer 144 - - 20. Ein Hauptschwein 154 - -»Der Zaunigel« und »Das Eichhörnchen« sind mit Erlaubnis des Verlages -beim Prachtwerke »Lebensbilder aus der Tierwelt«, herausgegeben von H. -Meerwarth, Verlag von R. Voigtländer, Leipzig, entnommen. - -[Illustration] - - - - -Mümmelmann. - - -Sie zogen aus, bis an die Zähne bewaffnet, an die dreitausend, an -die dreihundert, an die dreißig, schrecklich anzusehen in ihrem -Kriegsschmucke. - -Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen Hüten. Um ihre -Unterleiber schlotterten oder strammten sich rauhe Jacken, deren -Taschen reichlich mit Nikotinspargeln gespickt waren. An der Seite -hing ein Ränzlein, strotzend von braunen, grünen, roten oder gelben -Hülsen, enthaltend das scharfe Pulver, ferner eine Flasche, bergend -das nicht minder scharfe Visierwasser, und diverse Pakete, worin die -kurzgehackten sterblichen Überreste toter Schweine und Kühe waren. Vor -dem Magen trugen sie Müffchen, um die Handgelenke gestrickte Stulpen, -und auf dem Rücken Donnerrohre aller Konstruktionen und jeglichen -Kalibers. - -Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen, den Perron mit -schallenden Tritten, drei Coupés mit Zigarrendampf und die Schaffner -mit Grausen, denn jeder dritte zog ein erwachsenes Exemplar von -~canis familiaris~ hinter sich her und verlangte Platz dafür -nächst sich. - -Während der Fahrt nickten die einen, die abends vorher allzu lange beim -geisteserfrischenden Männerskat und beim seelenerhebenden Bitterbier -gesessen hatten, noch etwas nach, die edlen, etwas gedunsenen Züge auf -die Mündungen der Flinten stützend; andere hatten des Teufels Gebetbuch -in der Hand, schielten sich in die Karten und nahmen sich das mehr -oder minder redlich erworbene Kleingeld ab. Die dritten sprachen Latein. - -Der Dicke mit den apoplektischen Kulpsaugen erzählte mit einer Stimme, -die die Fensterscheiben zum Klirren brachte, er habe gestern auf -achtzig Schritt einen Krummen geschossen, wie gerädert sei der im Dampf -geblieben, alle Knochen gebrochen. Und dann zeigte er seine Flinte -herum, alle guckten hinein und taten, als glaubten sie es, und jeder -sah sein Gegenüber mit einem Blick an, der da sagte, daß er es durchaus -nicht glaube. - -Sie sprachen eine fremde Sprache, die kein vernünftiger Mensch -verstand, redeten von Rammlern und Satzhasen, Schweiß und Wolle, -Löffeln und Blumen, Läufen und Gescheide, Kesseln und Suchen, Stokeln -und Strecke, meinten aber immer ganz was anderes. So fuhren sie dahin -durch die weiße, morgendliche Winterlandschaft, auf die die aus dem -Bett kriechende Sonne einen schwachen Rosenschimmer warf. - -Dieser Rosenschimmer traf auch in der Feldmark von Knubbendorf die Nase -eines alten Rammlers, der langsam und hochläufig über die Landstraße -hinkte, Haanrich Mümmelmann genannt in seiner Sippe. Er machte einen -Kegel, putzte sich ein Flöckchen Schnee aus dem Schnurrbart mit der -rauhen Bürste seines Vorderlaufes, und überlegte, ob er noch nach der -reichlich geästen Roggensaat etwas Rinde von jungen Apfelbäumen in den -Gärten von Knubbendorf zu sich nehmen solle, oder ob es bekömmlicher -sei, einige vorjährige Brommelbeerblätter zu genießen, denn er fühlte -einen Druck im Magen. - -Da teilte ihm derjenige Teil seines Körpers, mit dem er auf einem -plattgefahrenen goldgelben Apfel saß, der nicht von den Hesperiden, -sondern von dem edlen Rosse stammte, mit, daß ein Wagen sich nähere. -Er drehte sich um, spitzte die schwarztimpigen Löffel und sagte sich -dann in seinem lieben Gemüte, daß das weder die Post sei, die führe -schneller, noch der Molkereiwagen, der führe langsamer, ein Marktwagen -sei es auch nicht, der käme schon bei nachtschlafender Zeit. Item sei -es etwas Ungewohntes, und das Ungewohnte sei stets unbekömmlich. - -Er hoppelte bis an den Graben, setzte trotz seiner drei Läufe über -die hohe Schneewehe und hoppelte den Patt entlang. Auf dem großen -Schlehbusch saß der Neuntöter. Den fragte er, ob er nicht sähe, was da -die Straße entlangkomme, seine Augen hätten nachgelassen. Der Würger -sagte ihm, daß es Jäger und Hunde wären, und flog nach der Dieme, denn -da hatte er eine Maus gesehen. - -Mümmelmann kratzte sich bedenklich hinter den Löffeln und hoppelte -weiter, bis an den großen Stein, der an der Sandkuhle lag. Dort klopfte -er dreimal mit dem linken Hinterlauf. Er hatte nur den einen, den -rechten fraßen nach der vorjährigen Treibjagd die Nebelkrähen. Auf sein -Klopfen tauchten hinter einem dürren Kamillenbusch zwei sauber gekämmte -Löffel auf. Sie gehörten Geesche Wittblaume. - -»'n Dag, Geesche«, knurrte Mümmelmann, »van Dage giff dat Drievjagd. -Eck weit blot noch nich, wenn sei in Holte drieven oder inn'e Feldmark. -Seih deck vör!« - -»Eck rücke to Holte, da kann'n seck lichter bargen,« meinte Geesche. -»Adjüs, Haanrich« und damit hoppelte sie von dannen. - -»Segg et de annern an,« rief Mümmelmann ihr nach, und Geesche machte -einen Kegel, spitzte die Löffel, nickte und hoppelte fort. - -Mümmelmann traf bei Wege noch Trine Geelzahn und Jochen Pielsteert -und sagte ihnen, daß sie gut täten, die Löffel steif zu halten. Und -dann hoppelte er weiter, bis nach einer ganz kahlen, hoch gelegenen -Stelle. Dort lief er eilig hin und her, als habe er etwas verloren, -schlug Haken auf Haken, und schob sich dann in einen Pott, den er sich -scharrte. - -Eine Stunde mochte er in seinem Lager gelegen haben, da vernahm er -ein Geräusch und machte einen Kegel. Da sah er Aadje Slappuhr eilig -daherkommen, Aadje, dessen Löffel keinen Halt hatten, weil ihm im -vorigen November die Schroten die Knorpel zerschlagen hatten. - -»Junge,« sagte Aadje und verpustete sich, »dat ward leege van Dage. De -Driever drücket dat Holt dör und denn schall ekesselt weern.« - -»Dübel,« sagte Mümmelmann, »de vermuckten Schinners war'd von Dag to -Dag heller. Na, will't sehn, wat seck dohn lätt. 'djüs.« Und damit -rückte er sich wieder in seinem Pott zurecht, und Aadje lief weiter. - -Noch eine Stunde lag Mümmelmann da und dachte nach, daß der Mensch doch -das böseste Raubzeug sei, trotz Reinke Rotvoß und Griepto Höhnerdeiw, -dem Habicht, und daß es Zeit wäre, daß man dagegen etwas täte; da hörte -er von weitem einen Ton, als klopfe da ein riesiger Rammler. Und der -wiederholte sich immer wieder. - -Haanrich Mümmelmann machte sich hoch und äugte nach der Gegend hin, -aber seine Lichter trugen so weit nicht. So rückte er wieder zusammen -und wartete. Die Sonne brannte ihm warm auf den billigen Balg, der -Wind hatte sich gelegt, das war alles gut und schön soweit, wenn nur -die Jäger nicht gewesen wären. Na, sein Testament hatte der Olle schon -lange gemacht, er war nun fast zehn Jahre alt, und ewig kann man nicht -leben. So philosophierte er. - -Auf einmal spielohrte er. Er hörte den Mordschrei der Nebelkrähe. Er -machte sich ein ganz klein bißchen höher und seine Seher wurden starr. -Über das Feld kam ein Hase in ungleichen Sätzen, und über ihm strichen -zwei große graue Krähen. Eine stieg immer und strich vorwärts, und -die andere fuhr herab und stieß nach den Lichtern des armen Hasen, und -Arr und Err ging es. Alle Augenblicke wurde der kranke Hase kürzer, -dann fuhren beide Krähen auf ihn los. Und dann rappelte er sich wieder -auf und machte ein paar Sätze, aber nach wenigen Sätzen wurde er -wieder kürzer. Und vom Horizont kam ein schwarzer Punkt und noch einer -und immer wieder einer, lauter Krähen, graue und schwarze, und wie -eine Wolke von Blut und Tod zog es über den Kranken her. Und jetzt, -Mümmelmann schauerte zusammen und legte die Löffel an, denn er wußte, -was jetzt kam, jetzt kam der Graben, und das war das Ende. Und da -scholl es auch zu ihm heran: »O weh, o weh, o weeäh, o weih mir,« und -dann war alles still und nur die Galgenvögel, die sich zankten, hörte -man. - -Nach einem Weilchen vernahm der Alte wieder ein Gepolter und sah die -Krähen abstieben. Er richtete sich ein bißchen hoch, und sah einen -großmächtigen Köter einen kranken Hasen hetzen. Schwer krank, das -sah der Alte, war der andere nicht, aber doch so, daß der flüchtige -Hund ihn bald zu Stande hetzen würde. Das war ein guter Kerl, Natz -Klewersitter vom Uhlenbrink. Dem mußte geholfen werden. - -»Natz,« knurrte Mümmelmann leise, »eck stah upp, sett di dahl!« Der -kranke Waldhase nahm alle Kraft zusammen, fuhr in das warme Lager, und -mit einem Hui, eine Schneewolke hinter sich werfend, fegte der alte -Feldhase aus dem Pott, schlug ein halbes Dutzend Haken, daß der Hund -ganz verbiestert wurde, sauste dann geradeaus, schlug wieder Haken, -machte einen Kegel, nahm wieder das Feld hinter sich, bis dem Hunde die -Zunge aus dem Halse hing und er die Jagd aufgab. Mümmelmann äugte ihm -nach, lachte, hoppelte bis zum nächsten Brink und rodete sich wieder -ein. Seine alten Knochen brauchten Ruhe. - -Lange dauerte es damit aber nicht, da vernahm er ein Dröhnen und -Knirschen. Erst war es nördlich, dann westlich, dann südlich, dann auch -im Osten. Er machte sich hoch und sah rundum lauter schwarze Pfähle. -Und nach einer Weile ging es, »Tara, Tarattata«, und die Pfähle kamen -auf ihn zu. Und dann hörte er es knallen und er sah hier einen aus -seiner Sippe über den Schnee rennen, und da einen von den Waldhasen, -und da stand einer auf dem Kopf und hier rollte einer im Dampf. -»Dübel,« dachte der Alte, »eck sitte in'n Kessel!« - -Die schwarzen Pfähle kamen näher. Überall stob der Schnee, prasselten -die Schrote, flog der Dampf, knallten die Schüsse. Mümmelmann blieb in -seinem Pott und überlegte. Rechts, nein, da ging es nicht, da knallten -wenige Schüsse und immer einzeln, da standen gute Schützen. Links, -da ging es bergab, das war auch schlecht. Aber gerade aus da war ein -Jäger, der schoß immer beinah beide Läufe auf einmal, und sein Nachbar, -der fuchtelte immer erst lange hin und her, ehe er drückte. - -Die Schritte kamen näher. Dicht neben Mümmelmann schlug Kunrad -Flinkfoot ein Rad, sprang noch einige Todessprünge und färbte den -Schnee rot. Weiter rechts machte Dorette Quappbuk ihr Testament, -nicht weit davon Lischen Hopsinskrut. Aber zwischen dem langen -Schnellschießer und dem kurzen Fuchtelmeier passierten eben Jochen -Pielsteert und Fritze Pattlöper heil die Schützenlinie, und da richtete -sich der alte Hase steif auf, hoppelte in gerader Linie voran, gerade -auf die Lücke zwischen den beiden Schützen zu, ganz langsam, bis er -fast in Schußnähe war, witschte dann nach links, schlug einen Haken -nach rechts, einen nach links, einen nach rechts, sah noch eben, wie -zwei Gewehrläufe in der Luft herumfuhren, wie Schwänze von Kühen, um -die die Bremsen sind, und dann gab er her, was er in sich hatte, fuhr -durch die Lücke, schlug sieben Haken, hörte einen Knall, einen Schrei, -einen Fluch, nähte aus, bis er nichts mehr hörte, und dann machte er -ein Männchen und äugte zurück. - -Das Jagdhorn erklang. Die Schüsse hörten auf. Die Jäger liefen nach -einem Fleck, hoben etwas auf und gingen nach dem Dorfe. Und es war -doch erst Mittag. Als sie alle weg waren, hoppelte Mümmelmann nach -dem Kessel. Da lag Schweiß, hier wenig, Hasenschweiß, und da viel. -Menschenschweiß, und dem alten Hasen schwoll sein kleines Herz von -befriedigter Rachsucht; nun wollte er gern sterben, er hatte sein Volk -gerächt. - -Nachts um zwölf Uhr, als der Vollmond klar am Himmel stand, kamen die -Knubbendorfer Hasen auf dem Felde, wo der letzte Kessel gewesen war, -zusammen. Mümmelmann rief sie alle der Reihe nach auf. Zweiundsechzig -antworteten nicht, zwanzig waren entschuldigt, sie heilten ihre Wunden -im Lager, sechzehn humpelten, sie waren leicht angekratzt. Und als sie -alle zusammen waren, da hielt Natz Klewersitter eine Rede und sagte -allen, wie Haanrich Mümmelmann ihm das Leben gerettet hatte, und alle -zweihundert klopften dem guten Kameraden Beifall und rieben ihre Nase -an seiner. Und dann machte Jochen Pielsteert ein Männchen und erzählte, -daß der Alte vom großen Stein sie alle gerettet habe. Er, Jochen, habe -gesehen, daß Mümmelmann durch seine Taktik den einen Jäger so dötsch -gemacht habe, daß er seinen Nachbar schwer angeflickt habe. »Kommt mit, -eck will ju dat wiesen!« so schloß er seine Rede. - -Reinke Rotvoß, der oben an der Straße unter dem Winde herangeschnürt -kam, blieb plötzlich stehen und seine Nüstern schnupperten wohlig, denn -die Witterung von zweihundert Hasen kitzelte sie. Aber dann setzte er -sich plötzlich, denn eine wimmelnde, krimmelnde Masse kam über das -mondlichte Schneefeld, Hase bei Hase, und jetzt hielten sie an. - -So etwas hatte Reineke noch nicht erlebt, und er hatte viel mitgemacht. -Als aber die zweihundert Hasen anfingen, mit den Hinterläufen zu -klopfen und gespenstisch im Kreise herum zu tanzen, da kriegte er -es mit der Angst, er machte kehrt und gab Fersengeld, daß ihm die -Standarte nur so flog. Als am anderen Tage der Jagdaufseher Nachsuche -hielt, da fand er um den roten Fleck, wo der Assessor den Baurat -laufkrank schoß, einen Kreis, festgestampft wie eine Tenne. Und er sah, -daß das die Hasen gemacht hatten, und er schüttelte den Kopf und machte -ein ganz verstörtes Gesicht. - -Das war die Stelle, wo vorige Nacht die Knubbendorfer Hasensippe -Mümmelmann, den Heldenhasen, nach Hasenweise geehrt hatte. - - - - -Murkerichs Minnefahrt. - - -Auf der Spitze der großen Pyramide stand ein Mann. Der Abend hatte die -gelbe Wüste in braune und blaue Farben getaucht, hatte die Palmen und -Kuppeln der fernen Stadt mit Gold und Purpur umwebt. - -Der Mann auf der Plattform des Riesenbaues sah die zauberhaften -Farben, die märchenhaften Töne nicht. Er war das ganze Ägypten satt, -die eleganten Reisenden, das schmierige Volk, den Spielsaal und die -Blumengärten. Traumverloren sah er nach Norden hin. - -Da zuckte er zusammen und sah sich um. Nicht der Ruf der Eule war es -gewesen, der ihn aus seinem Sinnen geweckt hatte, nicht das von weitem -heranschallende Geschrei der Kameltreiber, nein, ein ganz anderer -Laut, der ihm die gelben Troddeln der Haselbüsche im dämmernden Wald, -Drosselschlag und Ammernsang vor die Seele rief. - -Er rieb sich die Augen und lächelte: »Ich habe geträumt,« dachte -er. Aber da war er wieder, der seltsame, tiefe, quarrende Ton, das -»Quoark, quoark, quoark«, und da kam es auch schon herangestrichen, -ein schwarzes Ding, eulenhaft die Fittige bewegend, zwischen denen ein -langer, senkrechter schwarzer Strich sich abhob, und verschwand in der -Dämmerung. - -Das war Murkerich. Auch dem war dieses Ägypten langweilig geworden -mit seinen Palmen, seinem Nilschlick, seinen fetten Fliegenmaden und -Kamelsmistkäfern. Nach weißschimmernden Birkenwäldern sehnte er sich, -nach braunem Fallaub zwischen goldenen Schlüsselblumen, jungen Fichten -und breiten Weißdornbüschen und einem ordentlichen, deutschen Regenwurm. - -Er moarkte verdrießlich, als ihm eine große Fledermaus mit einem -blattähnlichen Gewächs auf der Nase etwas zuzwitscherte, das er -nicht verstand, strich weiter, den Nil hinauf, und pfuitzte schnell -sein »Pssewitt« in den Abend hinein. Antwort erhielt er wohl, aber -Begleitung bekam er nicht. »Noch zu kalt da oben«, pfuitzte Kulpsauge. -»Noch keine Würmer draußen«, quarrte Silbersteert. »Noch Frost im -Boden«, wispelte Stecherine. Da reiste Murkerich allein. - -Im Garten des Augustinerkellers in München ging ein Mann. Er ließ sich -die Abendluft um die Stirn ziehen, denn arg viele Maße Bier hatte er -binnen. Plötzlich blieb er stehen und sah nach dem Himmel, wo ein -einziger, kleiner, blasser Stern blinzelte. »Herrgottsaxen«, brummte -er vor sich hin, »hoab i oan Rausch. Alleweil hoab i meint, daß i die -Schnepfen hör'!« - -Einen Rausch hatte er, aber richtig gehört hatte er doch. Murkerich -hatte Afrika hinter sich, das Mittelmeer und den Balkan, Tirols weiße -Gipfel und Bayerns dunkle Berge. Viele Gefahren zu Wasser und zu Lande -hatte er erlebt, Seesturm und Meeresgewitter, Lawinengepolter und -Telegraphendrahtsurren; am Gardasee stellte eine verwitwete Schnepfin -seinem Herzen Garn und Schlinge und wollte ihn bewegen, dort zu -bleiben. Er pfuitzte ihr etwas und strich weiter. - -Über dem Dorfe Sievershausen im Solling stand ein Mann. Rotkehlchen und -Amseln sangen, Waldwühlmäuse pfiffen im Fallaub, unten im Dorf rief der -Totenvogel und im hohen Ort lachte der Kauz. Stillzufrieden lauschte -der Mann den Stimmen des Vorfrühlings. - -Auf einmal durchfuhr ihn ein Ruck. Er riß das Gewehr von der Schulter, -spannte und packte an, sah sich wild um und ließ die Waffe wieder -sinken. Er schüttelte den Kopf und lachte in sich hinein: »Ich dachte, -ich hörte schon die Erste. Aber wir haben ja noch nicht einmal -Reminiscere!« - -Er hatte doch richtig gehört, und wenn der Kauz gerade nicht solchen -großen Schnabel gehabt hätte, dann hätte Murkerichs Minnefahrt schon -hier ein Ende gehabt. Aber Glück muß ein junger Schnepfenhahn haben. -Schon im Taunus waren ihm die Schrote um den Stecher gepfiffen und in -seinem linken Fittig fehlte die Spitze der Malfeder. »Die kann ich -missen,« hatte Murkerich gedacht; »die ist ja doch bloß zum Staat da«, -und war weiter gestrichen. Und diese Nacht strich er noch weiter, bis -er seine engere Heimat erreichte, den Ahltener Wald bei Hannover. Da -strich er laut pfuitzend in der Frühdämmerung die Gestelle auf und ab, -fiel, als die erste Drossel pfiff, todmüde unter einer Schirmfichte ein -und schlief wie tot. - -Ein Rascheln im Laube weckte ihn. Eine Waldmaus wäre ihm fast auf den -Kopf gesprungen. Als er sich spreizte, fuhr sie zitternd in ihr Loch. -Die Sonne stand schon hoch und behaglich genoß Murkerich, Flügel und -Ständer von sich streckend und das Halsgefieder aufrichtend, ihre -Wärme. Dann richtete er sich auf, gähnte gefährlich, trippelte einige -Schritte vorwärts, bis er an dem kleinen Ellernbruch anlangte, wo die -ersten Blätter und Blüten sich über dem pechschwarzen, nassen Boden -zeigten. - -Dort stellte er den Stecher senkrecht, fuhr damit über die goldenen -Blüten des Milzkrautes, die fetten Blätter des Aaronstabes, die blauen -und weißen von Leberblume und Windröschen, bohrte den Stecher in den -Boden, vollführte mit den Ständern ein seltsames Getrampel, wobei er ab -und zu leise schnurrte, und holte alle Augenblicke einen krampfhaft -sich windenden Regenwurm oder eine langgeschwänzte Sumpffliegenlarve -heraus, die er sich dann mit kurzem Ruck einverleibte. Dann trippelte -er wieder unter seine Schirmfichte und schlief weiter. - -Als die Dämmerung die Bäume zusammenschmolz und der Kauz sein hohles -Lied sang, wachte Murkerich auf. Der Abend war lau und die Luft dumpf, -so recht geschaffen für ein zärtliches Flugspiel über den Wipfeln der -Birken. Aber ihm lag noch die lange Luftreise in den Knochen, und so -beschloß er, weiter zu schlafen, da erstens morgen auch noch ein Tag -und zweitens eine Balz auf eigene Faust eine ziemlich öde Beschäftigung -sei. Da vernahm er ein brünstiges »Pssewitt«, und er schwang sich auf -und folgte dem lockenden Rufe. - -Auf der großen Rodung holte er die Dame ein. Quarrline war es, eine -Schnepfenmadam reiferen Alters, die im Frühling vor einem Jahre hier -Witwe geworden war. Sie hatte damals gelobt, unvermählt zu bleiben, -aber, die Liebe, das ist eine sonderbare Sache, und wenn eine alte -Scheune ins Brennen kommt, dann helfen alle guten Vorsätze nicht. Und -als sie Murkerichs flehendes Morken vernahm, da tat sie zwar erst -etwas verschämt, quarrte etwas von Aufdringlichkeit und Belästigung -alleinstehender Damen, aber die kokette Art und Weise, wie sie ihn über -den Rücken anschielte, gab Kunde davon, wie heiß ihr Herz dem eleganten -jungen Mann entgegenschlug. Ja, wer kann auch für die Gefühle bei -solcher lauen Luft! - -Und so ging es denn mit Pssewitt und Mork-mork über die Gräben und -Tümpel, Schläge und Dickungen, bald neben-, bald hinter-, bald -übereinander, jetzt langsam und leise, dann laut und schnell, -in gerader Richtung ein Gestell entlang, im Zickzack durch den -Lichtschlag, wo Quarrline ihrem Galan in dem Stockausschlag der Birken -verschwand. Aber er fand sie bald, denn es war bei ihr nur Ziererei, -und als er ihr erzählte, daß er in guten Verhältnissen lebte und ein -Grundstück hätte, das sich selbst im dürrsten Sommer reichlich mit -Regenwürmern verzinste, da gab sie bald ihre Sprödigkeit auf und wurde -aus einer älteren Witwe schnell eine junge Braut. - -Als Murkerich sich am anderen Tage die Sache überlegte, fand er, daß -er etwas voreilig gewesen war. Seine Quarrline paßte doch nicht so -ganz zu ihm. Sie war ein bißchen zu sehr in die Breite gegangen, ihr -Gefieder war stark ergraut, kurz und gut, eine Schönheit war sie gerade -nicht. Und dieses ewige Gequarre von ihrem Seligen, das war nicht zum -Aushalten. Wenn sie so schon als Braut war, wie würde sie erst später -werden, dachte der glückliche Bräutigam und hörte mißmutig ihrem -Gequarre zu, mit dem sie ihn sogar jetzt, mittags, wenn jede richtige -Schnepfe schläft, anödete. - -So vernahm sie vor lauter Schwatzen das leise Rauschen nicht, das -hinter ihr im dürren Grase daher kam. Faul und breit lag sie da und -erzählte von ihrem Seligen. Da fuhr ein rotes Ding rauschend und -rasselnd durch das Gras, Murkerich strich schreiend ab und konnte eben -noch eräugen, daß Reineke Rotvoß mit Quarrline im Fang davonschnürte. -Unter einem gewaltigen Weißdornbusch fiel Murkerich ein. Der -entsetzliche Vorfall bekümmerte ihn tief, aber bei ruhigerer Überlegung -fand er, daß es so am besten für sie beide war; glücklich wären sie -zusammen doch nicht geworden. Über diesen Betrachtungen schlief er ein. - -Das Gezeter der Amsel weckte ihn. Die saß auf dem Dornbusch und -machte einen Mordskrach, weil zwei Männer das Grenzgestell entlang -gingen. Im großen Windbruch rief der Kauz, von der breiten Wiese -erklang das Schreien der Kiebitze, Kraniche trompeteten über den Forst -hin, Goldammern und Rotkehlchen sangen ihre Abendlieder. Da vernahm -Murkerich über sich ein tiefes, dumpfes Quarren und ein ängstliches -Pfuitzen. Ein alter Schnepfenhahn machte in grober Weise einer -schlanken Schnepfin den Hof. Klack, klack, machten Murkerichs Flügel, -und schon war er neben dem Pärchen. Der alte Hahn machte ein höchst -erbostes Gesicht, als er den jungen Mann erblickte, und versuchte, ihm -eins zu stechen, aber Murkerich war gewandter, er wich ihm aus, stieg -und stach ihn derartig in die Seite, daß der alte Herr wutquietschend -in das Quergestell einschwenkte. Murkerich wollte ihm folgen, da fuhr -ein langer, roter Strahl empor, der alte Hahn fiel wie ein fauler Ast -zu Boden, ein Donnerschlag ertönte, Stinkrauch stieg auf, und Murkerich -und das kleine Fräulein schwenkten schleunigst ab. - -»Glück muß ein junger Mann haben«, dachte Murkerich, als er mit -der Kleinen durch das Birkenbruch zickzackte. Die hatte sich so -erschrocken, daß sie froh war, einen Mann bei sich zu haben. Pfuitzing -hieß sie und war noch nicht ein Jahr alt. Murkerichs Herz brannte. »So -ein niedliches Ding«, dachte er, »so schlank und adrett, das ist doch -etwas anderes, als die alte Dame von gestern.« Und zärtlich morkend, -sagte er ihr die schönsten Sachen über ihre wunderschönen dunklen -Seher, über die blitzenden Silberspitzen ihres Stoßes, und die Kleine -legte geschmeichelt den Stecher an die Brust und dachte bei sich: -»Ein reizender junger Mann, viel netter, als der alte Murrkopf von -vorhin.« Und in niedlicher Koketterie ließ sie ihres Stoßes silbernes -Spitzenwerk leuchten, und wenn sie auch so tat, als wollte sie sich -ihres Anbeters Schmeicheleien entziehen und hastig fortstreichen, sie -tat nur so. - -Es war ein herrlicher Abend. Die Luft war weich und warm, in den -Sinken braute der Fuchs, der Mond stand über den hohen Eichen. In -seliger Minnefahrt strich das Pärchen über die Schläge, zickzackte -um die Überhälter, ruderte durch das Bruch, und fiel ab und zu zu -kurzem Gekose an einem silbern blitzenden Graben ein, um bald wieder -in langsamem Fluge über die Gestelle zu streichen, er in männlichem -Bariton schmeichelnd und sie im hellen Diskant kichernd, wenn er ihr -erzählte, welch ein herrliches Leben sie hier im schönen Ahltener Walde -führen wollten, wo der Boden so tief und locker und würmerreich ist und -wo Dornbusch an Dornbusch steht, die beste Wehr gegen Reinekes Tücke -und Griepto Heuhnerdeiws, des Habichts, Roheit. - -Und als sie so schwärmten und träumten, da blitzte und krachte und -rauchte es, und Pfuitzing stieß einen Schrei aus, stürzte, nahm sich -wieder auf und flatterte in das Unterholz. Murkerich war sofort bei -ihr und trieb sie zur Eile an, denn er vernahm eine laute Stimme, und -hörte einen Hund durch die Pfützen patschen. Da flatterte das arme Ding -mit Aufwand aller Kraft ein Endchen weiter und fiel erschöpft in den -gewaltigen, undurchdringlichen Windbruch. Noch ein Weilchen hörten sie -den Hund hechelnd im Unterholz herumstöbern, dann ertönte ein Pfiff, -und alles war ruhig. - -Pfuitzing lag auf der Seite und wimmerte ganz leise. Ihr linker Lauf -war von einem Hagelkorn getroffen und gebrochen. Sie zog ihn fest an -den Leib und ließ sich von Murkerich trösten. Den ganzen Tag blieb -sie so liegen und humpelte erst abends ein bißchen hin und her, um zu -wurmen, und Murkerich blieb immer bei ihr. Nach acht Tagen war der Lauf -fast heil; die weichen Bauchfederchen hatten einen festen Verband darum -gebildet, so daß die Kleine schon wieder ganz gut auftreten und sich -auch wieder aufschwingen konnte. - -Es war wieder ein wundervoller Abend, so lau, so weich, so milde, -aber dem Pärchen war alle Lust am Strich vergangen. »Weißt Du was, -Pfuitzing,« quarrte Murkerich, »ich glaube, wir ziehen weiter. Wenn -man immer geradeaus gegen Mitternacht streicht, dann kommt man hinter -dem Meer in Länder, da gibt es kaum einen Menschen, und die da sind, -die kümmern sich nicht um uns. Hier muß man ja immer wie eine Maus im -Verborgenen leben und hat nichts vom Leben. Wollen wir weiter?« - -Pfuitzing war es zufrieden, und als der Mond sich hinter den Wolken -versteckte, da stiegen beide ganz hoch in die Luft, kreisten dreimal -und strichen dann geradeaus, nach dem Lande, wo es noch nette Menschen -gibt. Und da leben sie heute noch. - - - - -Krähengespräch. - - -Jeden Nachmittag um 3 Uhr achtundfünfzig Minuten, wenn der -Barsinghausener Zug über die große Bult bei Hannover keucht, kommt -ein alter Herr mit einem alten Hunde den Fußweg entlang, der sich am -Rande der Eilenriede nach der Bult hin zwischen dem Döhrener Turm und -Bischofshol hinzieht. Auf der Höhe der Rüsterburg bleibt der alte Herr -stehen, nimmt eine Prise, sieht gegen den hellen Abendhimmel und niest, -und meistens niest sein Hund zur Gesellschaft mit. Dann gehen beide -weiter. - -Genau um diese Zeit kommt eine große graue Krähe angeflogen, die bei -der Korndieme auf Mäuse lauerte, läßt sich auf einer der höchsten -Eichen am Rande des Waldes zwischen dem Eisenbahndamm und der -Rüsterburg nieder, schüttelt ihr Gefieder glatt und ruft dreimal laut: -»Arrr!« - -Wenn dann der Deister in dicken, rotgesäumten Abendwolken -verschwimmt, wenn in dem Bultkrankenhause, im Heiligengeiststift -und im Schwesternhause die ersten Lichter aufblitzen und die Sonne -mit unheimlicher Behendigkeit an dem Schornstein der städtischen -Bierbrauerei hinunterklettert, dann kommt von den Komposthaufen -eine zweite, aber schwarze Krähe her, nimmt neben der grauen Platz, -schüttelt ihr Gefieder und ruft ebenfalls dreimal, aber in schwächerem -Ton: »Aerr!« - -Dann dauert es gar nicht mehr lange, und während der Wald zu -einem violetten Gemussel zerfließt, aus dem nur das rote Laub -der Buchenjugenden hervorleuchtet, um die Zeit, wenn die heimlich -Verlobten, die da spazieren gehen, anfangen, sich unterzuhaken, dann -kommen von allen Seiten einzelne Krähen angeflogen, graue Nebelkrähen, -schwarze Rabenkrähen und manchmal auch einige stahlblaue Saatkrähen. - -Im ganzen sind es so fünfzehn bis fünfundzwanzig, die um die -Schlummerstunde auf der hohen Eiche zusammenkommen; einige davon -sind ausgebrütete Hannoveraner, zwei sogar Stadthannoveraner, da sie -in der Eilenriede groß wurden, die andern stammen aus Brandenburg, -Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Posen und Ostpreußen. Die -Ostelbier sind alle grau mit schwarzen Köpfen, Flügeln und Schwänzen, -die andern schwarz. Die Ostelbier sind nur im Winter hier, wenn sie zu -Hause nichts haben. - -Den Tag über treiben sie sich auf der großen Bult herum, die eine bei -der Tierärztlichen Hochschule, die andere vor dem Schlachthause, wieder -andere in den Ländereien der Stadtgärtnerei, oder in den Stiftsgärten, -auf den Fußballspielplätzen, bei den Bahnwärterhäusern, der Dieme und -den Komposthaufen. Dort stochern sie ruhig und besonnen, ob sie nicht -einen Wurm, einen vor Kälte lahmbeinigen Käfer, einen Knochen mit noch -einem Bißchen daran, eine Wurstschläue, ein Stück Brot oder dergleichen -finden oder eine Maus oder einen Maulwurf übertölpeln. - -Die Graue, die zuerst kommt, ist eine Ostpreußin. »Känigsbarg« ist ihr -drittes Wort. Die Schwarze, die immer gleich nach ihr kommt, stammt -aus der Eilenriede; die beiden kennen sich seit drei Wintern: »Guten -Aabend, mei Herzche«, schnorrt die Graue; »was haben Sie heit gemacht -de ganze Tag? War's Assen gut?« Die Schwarze macht vergnügte Augen: »'n -Aeöbend, das will ich maanen; ich waaß doch hier Beschaad. Ich häöb 'n -angeschossenen Häösen gefunden. Delikäöt, säöge ich Ihnen.« - -»Einen Hasen«, plärrt da eine graue Sächsin, die eben ankommt, »ach -nee, was Se sagen? Hären Se mal, meine Kuteste, den genn' Se mir mal -zeigen. Ich hab' Se nämlich noch nie 'n doten Hasen kesehen, wissen Se. -Wo liegt er denn, der Hase, wenn ich so frei sein darf?« Die Schwarze -meint: »Da is jetzt nich mehr viel anne«, was die Ostpreußin, die die -Sächsin nicht leiden kann, veranlaßt, laut aufzulachen: »Hulla, hulla, -hullahahaha, salba assan macht fatt; nicht wahr, mei Härzche?« - -Eine schwarze Kalenbergerin erscheint und mit ihr eine graue Polin. -Der steht der Schnabel lose: »Gutten Abbend, Frau Schwarrzhals, gutten -Abbend, Frau Dickkopf, gutten Abbend, Frau Blänkeersteert, habben Se -sich Guttes gefunden zu essen heite? Habe ich mich gefunden Knochen -großiges mit Fleeisch vielliges drran, serre guttes Fleisch, gar nicht -stinkiges, von Schaff hammliges.« - -Die Kalenbergerin sieht sie von der Seite an: »Da süht Sei ook gerade -nach ut! Man mächtig lökrig is Jue Bunk! Awer eck, eck hebbe 'ne ganße -Wost estohlen von 'n Schlachterkerl ut de Molle. Das freut meck noch -drei Dage nah minen Dode. Watt hebbe eck meck ehöget. Un wat hett de -Kärel eßchimpet. Höhöhö!« - -»Is sich serre selten«, fällt ihr die Polin in die Rede, »hierr zu -finden Wurst schweinerrne. Is sich vill besserr bei uns zu Hause in -Wongrowitz, wo man findett serr oft Wurrst odder Knochenn. Sind sich -Pollen nicht so ängstlich mit Eingrabben von alles Abfall, wie Leite -hannovversches.« - -»Ohle Döllmer«, krächzt sie die Kalenbergerin an, »worümme blivst -De denn nich to Huse? Tatternvolk! Erst hier rümmetobetteln un denn -ßchimpen! Dat is de rechte Art von so'n Volk. Wat meinst' Nahwersche?« -fragt sie dann die Eilenriedekrähe. - -»Hast recht, hast recht«, antwortet die, und fährt dann leiser fort, -»äöber das stimmt schon, anstellen tun sie sich heute, die Leute, -da ist das Ende von weege. Alles einkuhlen und des-, na, wie heißt -das olle vermuckte Wort doch, so, desinfezinieren, das wird immer -dummerhaftiger. Und mit der Raanlichkeit häöben Se sich! Raanlichkeit -muß sein, äöber was zu viel ist, ist zu viel. Auf 'm Schlachthofe, -glauben Sie, daß sie däö ein Priepelchen Fleisch liegen lassen? I -bewäöhre, jeden Fetzen fäöhren Se raus und roden ihn bei.« - -»Sa'n Se mal«, fällt eine Berlinerin ein, »ob dett woll wahr is, wat -ick heite jeheert habe, dat de Rennbahn hier uff de jroße Bult kommen -dhun soll! Na, dett wär 'ne scheene Pleite für uns. Ick pfeife uff den -janzen Sport: Rasse is Mumpitz, 'ne Abdeckerei is mich ville lieber. -Det wird iberhaupt immer dammlicher uff de Welt!« - -»Besser wird es überhaupt nicht«, meint die aus der Eilenriede. »Wenn -ich noch daran denke, vor zehn Jäöhren, als die hohen Fuhren noch -vor der Seelhorst standen! Was wäör däö wintertags für ein Leben; an -die Tausend von uns schliefen däö. Aber die Leute, die Leute! Erst -schmissen sie Giftbrocken hin, und als wir die nicht mehr näöhmen, da -trieben sie das Holz ab. Ich häöbe denn bis vor zwei Jäöhren immer -in dem Holze vor Misburg geschläöfen, äöber da käömen die Jäger und -schossen nach uns. Und seitdem gehe ich nach dem Aäöhltener Holze. Es -ist däö jäö 'n bißchen gemischt, zu viel Sääötkrähen und sogäör Dohlen, -äöber was soll 'n machen? Hier in der Eilenriede ist an einen ruhigen -Schläöf doch nicht mehr zu denken. Noch bei nachtschläöfender Zeit -läuft das Volk in 'n Holze herum und überall sind Laternen. Die Welt -wird immer dümmer!« - -»Da haben Sie wieder recht, mein Süßing«, schnarrt die dicke graue -Pommerin, »auch bei uns wird es immer schlechter«, und die Ostpreußin -stimmt bei: »Bei uns da oben bei Känigsbarg ist es noch nicht so -schlimm; aber weiter hinauf, auf der Nahrung, bei Rossitten, da assen -die Manschen Krähenfleisch, und jetzt sitzt da ein Kärlche, Thienemann -heißt er, der fängt die Krähen und macht ihnen Ringe um die Beine mit -dem Datum darauf und bittet, daß man überall Krähen totschieße und ihm -die Füße einschicke, der Wissenschaft wagen. Nu' bitt' ich Sie, was hat -die Wissenschaft mit unsern Beinen zu tun. Der Mensch kommt jeden Tag -auf neue Dummheiten.« - -»Is sich serr rrichtig«, meint die Polin, »setzen sich bei uns in -Pollen feeine Herren in Errdheiser, machen sich Uhu grroßes auf Pfahl; -kommen sich Krrähen an auf zu beißen Uhu dickköpfiges, schießen sich -Herren feine dann mit Gewehrre auf Krrähen, Hundsblutt gemeines -niddertrrächtiges!« - -»Dat dauet se hiertolanne ook«, meint die Kalenbergerin, »up de -Vahrenwohler Heide und hier dichte bi-e, in der Seelhorst, da kümmt -ook jümmerst so'n Vogelutstopper ut de Slägerstraate, Wiegand heit -dat Lork, de kruppt in'n Busch, sett da so'ne olle utstoppte Kattuhle -henne, und wenn 'n denn antofliggen kümmt und will de Uhle einen -wischen, pardautz, denn ballert de Kerl los. Awer eck falle up den -Swindel nicht mehr rin.« - -»Wat eck awer noch seggen wullt: dat mit de Rennbahn hier up de Grote -Bult, dat drafft wi üsch nich gefallen laaten. Wenn eck man nich min -Haus bi Degersen hätte, denn wüßt eck schon, wat eck dohn deihte. Laat -se man koomen met öhre smächtrigen Päre! Eck wollt' se all ball up den -Drab bringen. Mit den Snabel den Pären gegen die Oogen, wenn se öwer de -Hürden wullt, dat se dat Gnick bräken! Ja! Dat wör dat Richtige! Dann -schallt se hier woll wegblieb'n. Laat se doch wo anners herümmejöckeln. -Meint Sei nich ook so?« - -Die Eilenriedekrähe, an die sie sich wandte, nickt; sie weiß, daß -gegen die Menschen nicht viel auszurichten ist. Und dann antwortet -sie einer guten Bekannten, die aus hoher Luft ihr einen rauhen Gruß -herunterschreit, macht die Flügel auseinander, läßt sich drei Fuß von -ihrem Sitz fallen, steigt in die Luft und fliegt krächzend fort. - -Und die andern alle, die Schwarzen wie die Grauen, krächzen und -folgen ihr, über die Bahn, über Bischofshol, den Kirchröder Turm, den -Nackenberg, die breite Wiese, Misburg bis zum Ahltener Holze, wo jeden -Abend vom November bis zum März Tausende von Krähen schlafen. - - - - -Sein letztes Lied. - - -Ehe der Frühling den Bergwald bezwang, hatte es lange, sehr lange -gedauert. Unten im Auwalde hatte er längst schon den Winter zum Kuckuck -gejagt; da blühten Windröschen, Schlüsselblumen und Milzkraut schon, da -flog Fuchs und Zitronenfalter, da saß die Amsel auf dem vollen Gelege. - -Aber auf der Höhe lag noch der Schnee. Da, wo die Sonne gut hin konnte, -verschwand er schließlich; die Heidelbeere schwellte ihre Knospen, -das Wallgras schob seine Kätzchen, die Kriechweide schmückte sich mit -Gold, Fliegen und Bienen und Käfer summten und brummten, laichende -Frösche knurrten in den Moorsümpfen, Molche ruderten in den Tümpeln -über den klaren Granitgrus und auf den leuchtenden Moospolstern grauer -Steinblöcke sonnte sich die Bergeidechse und schnappte die Fliegen vom -blühenden Sauerklee fort. - -Hier, wo bisher nur der Kreuzschnabel lockte, Meisen pfiffen und -das Goldhähnchen piepste, sang jetzt die Märzdrossel ihr Jubellied, -schwebte der Baumpieper mit frohem Geschmetter hernieder, zwitscherte -die Braunelle, schlug der Fink, wippte die Bergbachstelze von Stein zu -Stein, und hier stellte sich auch alles wieder ein, was vor dem herben -Winter zu Tale geflohen war, der edle Hirsch und das schüchterne Reh, -Reineke, der Schleicher, Lampe, der friedliche Mann, und des Gebirges -stolzestes Geflügel, der Urhahn. - -Ein alter Haupthahn war es, der zuerst die tieferen Lagen verließ und -sausenden Fluges die Talschlucht entlang strich, berganwärts, dahin, wo -selten der Förster hinkam und fast nie ein fahrender Stadtmensch. Dort, -wo Moor an Moor den Kopf des Berges umlagert, wo nie die Axt kracht, -wo die Fichten wachsen und fallen, wie sie wollen, hat er seit Jahren -seinen Stand, lebte er sein heimliches Leben zwischen Felsblöcken und -Baumtrümmern schon manches Jahr, sicher vor Kraut und Lot. - -Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß, hatte sich -zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche einen Platz ertrotzt. -Leicht war es ihr nicht geworden, und sie hatte sich viel winden -und biegen müssen, ehe sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer -Riesenschlange ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben -Flechten gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs wagerecht fünf Fuß über -den Abgrund und dann schoß der knorrige Stamm gerade empor. Jahr -für Jahr versuchte der Sturm ihn zu morden, wie er ringsumher die -Fichten zerbrach, wenn der Rauhreif sie umsponnen hielt, aber der alte -Ebereschenbaum wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine -Wurzeln in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde und -Holz gehärtet. - -Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze der alte -Hahn sein minnigliches Lied, wenn der Nebel wie eine Mauer in den -Fichten stand. Jeden Morgen klang seine Strophe in das große Schweigen -des Berges hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob -und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne grüßte und -unten das Land sich entschleierte. Pfiff der Frühwind auch scharf und -hart, den alten Hahn focht das nicht an; sein Herz war heiß, seine -Kraft zu groß, der Kälte, dem Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz -sang er sein seltsames, wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum -herab. - -Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und Pieper schmetterten, -Zaunkönig und Laubvogel jubelten, dann verschwieg der stolze Vogel, -als schämte er sich, daß er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk -zeigen müsse, daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd -strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen den -mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und Knospen und -Samenkörner auflasen, und er holte sich bei ihnen was sein gutes Recht -war als ihr Herr Gemahl, und das ihm kein anderer Hahn länger als eine -Viertelstunde streitig machte, um zerzaust und geschunden dorthin zu -streichen, wo kein so krimmer Kämpe, wie der Hahn vom rauhen Hang -seinen Harem schirmte. - -Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß das Moos wie Gold -und die Sauerkleeblumen wie Silber leuchteten, wenn aus allen Fliegen -Diamanten und aus allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte -es geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise und das -Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig ganz etwas Absonderliches -zu sehen bekamen; denn nachdem der Hahn eine lange Weile schläfrig -dagestanden hatte, schritt er gemessen den Hennen näher, schwang -sich auf einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder -von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen, fächerte -den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich, so wunderbar, so -rührend, daß eine Henne nach der anderen die Käfersuche aufgab und -ergriffen seinem Liede lauschte. Und es konnte auch vorkommen, daß -der Hahn in seiner Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom -Wintersturme mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten einfiel -und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret zu kümmern, das -er aus dem Bette gescheucht hatte, von hier aus auf das ernsthafteste -die Sonnenbalze betrieb. Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er -noch abends, wenn tief unten im Tale die Sonne von dem Lande Abschied -nahm und die Misteldrossel ihr Nachtlied sang, der Hahn, wenn er sich -auf seinem Schlafbaume eingeschwungen hatte, noch nicht gleich den Kopf -versteckte, sondern noch einmal seine uralte Weise in die dämmernde -Einsamkeit hinaussang. - -Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte die Gehöre -und schlich weiter; er wußte, das war nichts für ihn. Eine Urhenne -hatte er wohl schon einmal auf dem Neste gerissen, auch einst ein -ganzes Gesperre vertilgt, aber an den alten Hahn war er noch nie -herangekommen. Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn -am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt und -waren mit hellen Warnrufen davongepoltert, und hinter ihnen her ritt -der Hahn ab und der Fuchs hatte von seinem ganzen Weidwerken weiter -nichts, als daß er die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der -Hahn gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So schlich er -denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob er tiefer unten nichts -Besseres fände, als nur Rüsselkäfer und weiter nichts, als Rüsselkäfer, -und wenn das Glück es wollte, eine magere Maus. - -Aber es war jemand da, der das Balzen des Hahnes vernommen hatte. -In aller Herrgottsfrühe war es im Tale entlang geschlichen, immer -die Rehwechsel entlang, und da war der Teckel des Försters auf -seine Witterung gekommen und hatte es mit hellem Halse durch die -Trümmerwildnis des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als es sich -in einer einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen -es verscheucht, und wieder war es bergan geflüchtet, bis er über -den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem Tale. Bis in den -Spätnachmittag hatte er in einer Spalte geschlafen, aber dann hatte ihn -der Hunger hinaus getrieben, und auf Sammetsohlen war er, bald eilig, -bald langsam, durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang -zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten her, über -die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne mehr zu erwischen, als -eine einzige Spitzmaus, vor deren Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß -er sie liegen ließ. Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel -gestoßen, aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und -es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper oder eine -Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp schützte die -Schläfer zu gut. - -So war der Kater dann oben über den rauhen Hang gekommen und hatte mit -hungerig leuchtenden Sehern dem Hasen nachgeäugt, den das Edelwild -fortgetreten hatte. Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben -sich leichter lebt, als im harten Berge. Dort unten wimmelte es im -Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu erwischen, eine Forelle -zu angeln; aber leider gibt es dort auch Förster, die Eisen stellen, -und Teckel, die hetzen. Immerhin ist es dort noch besser, als hier, -wo es keine Grünröcke und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen -gibt, wo der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder Weise -pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug und das große Geflügel, das -hier seinen Stand hat, mehr als alte Witterung hat der Kater davon -nicht gehabt heute abend auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er -von der Klippe in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder -gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn fort, und -dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche, fällt es polternd auf. - -Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden. Stand er -bisher hoch aufgerichtet auf der Kante der Klippe, so ist er jetzt -völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein langer, flacher, grauer Stein -liegt er da. Die Seher sind bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, -die Schulterblätter ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken -heben sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende der -Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt er und äugt nach -dem Hahne hin. Der äugt rund um sich her, reckt den Kragen, senkt ihn -wieder, schüttelt sein Gefieder, ordnet es, wirft seine Losung ab, -daß sie lautklatschend auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt -einigemale leise, ordnet hier und dann noch eine Feder, wird mit einem -Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein Spiel ein -wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst schüchtern, dann kräftiger -zu balzen. - -Zweimal hat es den Kater schon durchzuckt, zweimal hat er sich -bezwungen. Doch jetzt, wo der Hahn den Hauptschlag und das Schleifen -beginnt, fliegt, wie von stählerner Feder getrieben, der Kater durch -die Luft. Haarscharf hat er den Sprung bemessen, so scharf, daß seine -Hinterpranten an dem Stamme der Eberesche noch Halt fanden, während -er die Vorderpranten um den Kragen des Hahnes schlug. Mit heiserem -Angstlaut will der Hahn abreiten, aber zu fest hält der böse Feind, zu -scharf sind seine Krallen, so spitz die Fänge; wild mit den Fittichen -schlagend, rasselt der Hahn, den Kater am Halse, durch das Geäst des -Baumes den Hang hinab, daß das Edelwild, das sich dort unten an den -jungen Sprossen äste, entsetzt von dannen flüchtet und mit langen -Hälsen aus sicherer Entfernung vernimmt, wie das Rascheln und Rauschen, -Brechen und Knistern nach und nach schwächer wird und schließlich ganz -aufhört. - -Im Nebel verschwindet der rauhe Hang; die Lichter im Tale erlöschen, -der Abendwind pustet hohler, ein Reh schreckt irgendwo, ein -aufgestörter Pieper klagt ängstlich. Schneewasser kluckst zwischen -Gestein, in schneller Folge schlägt Tropfenfall auf eine Klippe, wie -ein Uhrwerk tickend, weit, weit weg johlt im Tale die Bahn. Es wird -Nacht im Berge. - -Es wird wieder Tag werden. Hinter dem Hornfelskegel wird es rosig -schimmern; von der Wetterfichte an der kahlen Wand wird die -Misteldrossel singen, unter der hohen Klippe wird ihr die Zippe -antworten, Fink und Pieper werden wieder schlagen, Zaunkönig und -Braunelle werden singen, aber niemals wieder wird von der alten -Eberesche am rauhen Hange sein ritterlich Minnelied in den grauen -Morgen erschallen lassen, der es seit sieben Jahren hier sang. - - - - -Goldhals. - - -Die Sonne verschwindet hinter dem Kamme des Berges, die Krähen -rudern hastig am roten Himmel hin, die Misteldrossel beendet ihr -Abendlied und das Rotkehlchen schnurrt von dem dürren Zacken in sein -Schlummerversteck. - -Den lauten, lustigen Wesen des Tages folgen der Nacht heimliche, stille -Geschöpfe. Aus dem faulen Laube schiebt sich der Salamander hervor, die -Rötelmaus rutscht durch das Geknäk, die Spitzmaus schrillt im Krautwerk -und die Fledermaus zickzackt zwischen den Stämmen her. - -Wie der Kauz dreimal ruft, vernimmt der Wanderfalke, der auf der Platte -der hohen, grauen Klippe schläft, ein leises Kratzen unter sich. Er -hält den Kopf schief, aber was er vernimmt, das ist ihm bekannt, und so -zieht er den Kopf wieder ein, schließt die Augen und kümmert sich nicht -um das, was unter ihm geschieht. - -Fünf Ellen unter dem Falkenhorste läuft ein schmales Felsband an -der Klippe entlang. Darauf huscht ein schwarzes Ding hin und her. -Es ist lang und schmal wie ein Aal und schnell wie eine Natter. Es -huscht lautlos nach rechts, macht einen spielenden Sprung, dreht eine -Schleife, huscht nach links, tut wieder einen Sprung gegen die Wand -und treibt dieses Spiel wohl eine Viertelstunde lang. - -Dann wird aus der schwarzen Schlange ein dunkler Knäuel, der sich einen -Augenblick ruhig verhält, dann zu einem schwarzen Pfahl emporwächst, -der sich in seltsamer Weise dreht und krümmt, windet und biegt, so -daß die beiden grünlichen Punkte bald rechts oder links, bald oben -oder unten schimmern, und wird wieder zu einer schwarzen Schlange, die -bald kriechend, jetzt kletternd, nun hüpfend von Zacke zu Zacke, von -Vorsprung zu Vorsprung eilt und endlich oben auf der Platte der Klippe -auftaucht. - -Da sitzt er im Lichte des halben Mondes, er, Goldhals, der stärkste -Edelmarder des Berges, der Schleicher und Schweifer, der Meister aller -Künste, der Schrecken der Friedfertigen und Frommen, sitzt da in seiner -ganzen braunseidenen Schönheit zwischen den blauen Glocken der Akelei -und den weißen Sternen der Lichtnelke und tut, was er hier immer tut, -er löst sich. - -Dann keckert er höhnisch, denn er weiß, Schnapp Krähentot, der -Wanderfalke, ärgert sich blau und blaß, wenn er morgens auf seinem -Luginsland die frische Losung findet. Goldhals beschnuppert die Reste -einer Krähe, die neben den Blumen liegen, dreht sie hin und her und -stößt sie schließlich über den Rand der Klippe, daß sie rauschend in -das Fallaub fallen. Dann überspringt er den tiefen Spalt zwischen der -Zwillingsklippe, erreicht mit einem mächtigen Satze den tiefen Ast der -Krüppellinde, holzt in ihr weiter bis zu der ersten Buche und fährt an -ihrem Stamme herab. - -Tapp, tapp, tapp geht es dann den Dohnenstieg entlang. Bei jeder Dohne -macht er halt, aber jedesmal schnürt er mißmutig weiter. Endlich fällt -ihm ein, wie gestern und vorgestern auch, daß um die Zeit, wenn der -Bärenlauch stinkt, weder rote Beeren noch bunte Vögel in den Dohnen -wachsen, er verläßt den Dohnenstieg und schlägt den Pürschpfad -ein. Raschelt es da nicht? Goldhals wird zum Pfahl. Richtig, dort, -halblinks. Ein Satz, ein Quietschen, und eine fette Rötelmaus ist -geliefert. - -»Spaß muß sein,« denkt Goldhals, und läßt sie los, faßt aber sofort zu, -ehe sie in ihr Loch kann. Siebenmal läßt er sie springen, siebenmal -packt er sie wieder, beim achten Male quiekt sie nicht mehr. »Is doch -was, sagte Schnabel, und brät sich 'ne Mücke«, meint Goldhals, als er -die Maus binnen hat, und schleicht den Pürschsteig weiter. Da raschelt -es wieder. Hops, er hat es, aber »pfui Spinne!«, ein Salamander. Er -niest und prustet und reibt den Fang im taunassen Moose, denn das ist -ja noch schlimmer, als das Stück gepfefferte Wurst, das er im Januar -vor Heißhunger herunterwürgen mußte. Schnell einen Maikäfer hinterher, -dessen öliger Geschmack nimmt das Beißen fort! - -Da ist die Köte, die wird aus alter Gewohnheit erst abgesucht. Aber nur -deswegen, denn im Mai, da mag Goldhals keine trockene Wurstpelle und -harte Käserinde. Ein kleines Andenken mitten auf den Tisch, das wird -den Förster ebenso freuen, wie den Wanderfalken. Halt, da ist ja schon -jemand! Goldhals macht von der Pritsche aus einen langen Hals. Ach so, -Sie sind es! Ein kleines graues Geschöpf sitzt dort und knabbert an -einem Brotrest, den es in den Pfötchen hält. Schon hat der Marder es -am Wickel. Einmal noch quietscht der Bilch und zuckt mit der buschigen -Rute, dann läßt er alle Viere hängen. - -»Ein bißchen wenig daran,« denkt Goldhals, als er den armen -Siebenschläfer verspeist, »im Oktober sind sie fetter.« Dreiviertel -davon läßt er auf dem Tische liegen und legt seine Visitenkarte -daneben, dann verschwindet er in dem Pflanzgarten. Dort ist nichts, -nicht einmal eine Maus, nur eine Kröte, die ihn mit entzündeten Augen -boshaft ansieht. Goldhals schüttelt sich vor Ekel und huscht weiter, -den Holzweg entlang, den Hang herab, an dem Born vorbei, in dessen -Staubecken die Unken läuten, in den Schälwald hinein und hinaus, -bis an den Bach. Dort gibt es immer etwas: junge Wasseramseln oder -Bergbachstelzen, einmal sogar sechs junge Eisvögel auf einmal, fett -wie Schnecken; ein anderes Mal erwischte er eine zweipfündige Forelle, -die nach einem Maikäfer aufging, auch fette Reitmäuse lebten dort, und -wintertags gab es dort Schlehen und Hagebutten. Heute gab es gar nichts -als Unannehmlichkeiten. Der Waldkauz wurde unverschämt. Er hatte seine -drei quappenfetten flüggen Jungen in der Eiche sitzen und stieß in -einem fort knappend und fauchend nach ihm, bis er geärgert in den Wald -zurückkehrte. - -»Gibt es unten nichts, gibt es oben vielleicht etwas,« dachte Goldhals -und huschte an einer Eiche empor. Dort saßen drei Eichkatzenkobel. Im -ersten war nichts, im zweiten dasselbe und im dritten ebensoviel. »Wenn -es so beibleibt,« dachte Goldhals, »dann kann ich Maikäfer fangen«, und -wütend holzte er von einer Eiche zur andern. Halt, da riecht es ja nach -Specht! Hinein mit der Nase in das Loch. Autsch, da hat er eins darauf. -Mutter Spechten versteht keinen Spaß. Als er sich verdutzt die Nase -reibt, saust sie an ihm vorbei. Hops, jawohl, das ging daneben. Aber -die Jungen! Ach ja, der Specht ist auch nicht so dumm, er macht das -Loch nicht so groß, daß ein Marder hinein kann. - -»Wenn nicht, denn nicht,« faucht der und holzt weiter. Sitzt da nicht -ein Taubennest? Ja, da sitzt ein Taubennest! Taubeneier schmecken -fein, junge Tauben noch viel feiner; natürlich nur, wenn man sie hat. -Das ist diesesmal nicht der Fall. Klapp, klapp, da geht die Taube ab -mitsamt den Eiern, die sie erst legen will. »Na, dann ein ander Mal!« -tröstet sich Goldhals, aber davon wird er auch nicht satter. Aber -da fällt ihm etwas ein. Richtig, daß er daran nicht früher gedacht -hat. In der alten Wetterfichte am Bullerborn schlafen ja immer die -hagestolzen Ringeltäuber. Mehr wie einmal hat er sich einen von ihnen -dort gelangt. Darum schnell den Stamm herab, in die Klippen hinein, die -Schlucht hinab und hinauf, am Steinbruch vorbei, in dem das Käuzchen -sitzt und gräßliche Gesichter schneidet, weil das Maikäfergewölle, -das es herausgewürgt, ihm heftig im Halse kratzt, den Pürschweg -unter dem Hange entlang, rechts ab nach dem Erdfall hin, in dem -Murrjahn Grämlich, der Dachs, nach Untermast sticht, am Steinkreuz -vorüber, wo man den Förster erschossen fand, zum zweiten Erdfall, in -dem die Geburtshelferkröten ihr Glockenspiel rühren, vorüber an der -Schutzhütte, an den beiden Grenzsteinen, am Wegweiser, auf dem die -Ohreule sitzt und so kläglich unkt, als habe sie Leibweh, und dann ist -er da. - -Da steht sie, die von allen vier Winden zerzauste alte Fichte, und -läßt ihre zerrupften Zweige hängen. Goldhals schnüffelt um ihren Stamm -herum: Taubenfedern mit frischer Witterung, frisches Gestüber, die -Sache ist richtig! Aber nun Vorsicht, daß die schlafenden Bauchredner -nicht aufwachen! Langsam erklimmt er den Stamm, springt von Aststumpf -zu Aststumpf mit sicherem Satz, holzt den ersten Ast entlang, vermeidet -geschickt das dürre Gezweig, gewinnt den zweiten Ast, den dritten, -vierten, fünften, hält inne, zieht sich auf den nächsten Zweig, faßt -den folgenden, schleicht darauf entlang und hängt sich an den Stamm. - -Der Fall muß überlegt werden. Da sind sie; der Mondschein macht sie -kenntlich. Aber rund herum spreizt sich dürres Gezweig. Goldhals -überlegt; heranschleichen geht nicht, denn einige sind schon erwacht; -er hört, wie sie sich schütteln, und einer hat sich eben überstellt. -Da bleibt nichts weiter übrig, als fest darauf zugehen; also den -Rücken krumm, die Schultern hoch, ein Satz, das Dürrholz bricht, noch -einer, Rindenschuppen prasseln, und jetzt der letzte Sprung, und da -poltern die Täuber ab und Goldhals sitzt da, starrt ihnen mit den -grünschimmernden Sehern nach und hört ihrer Fittiche klingenden Schlag -verhallen. Der halbe Mond aber grinst spöttisch auf ihn herab. - -Goldhals rutscht in einer Schraubenlinie den Stamm hinab. Wütend ist er -nicht mehr, aber geknickt. Er schleicht zum Kleestück, aber die Mäuse -sind seit dem Märzregen selten geworden. Er sucht die Raine entlang, -aber Ammer und Lerche haben dort nicht gebaut. Überall riecht es nach -Has und Huhn, aber antreffen tut er nichts. So würgt er mißmutig einen -Maikäfer nach dem anderen herab und hofft, daß ihm der Morgen besseres -bringe. - -Schon flötet die erste Drossel im Berg, schon steigt die erste Lerche. -Der Kauz hört auf zu rufen, die Unken stellen ihr Läuten ein, und immer -noch sucht Goldhals im taufeuchten Felde, die Wasserfurchen entlang -schleichend, die Koppelwege hinauf- und hinabhuschend; aber kein -Hummelnest findet er, keinen bewohnten Hamsterbau, kein Hühnergelege, -kein Junghäschen. Und wenn ihm der Magen auch schief hängt, es wird -Zeit, an den Heimweg zu denken. »Der Tag ist keines Marders Freund«, -das hat die Mutter ihn gelehrt. - -Dreihundert Schritte vor dem Walde stutzt er und richtet sich auf: -Der graue Pfahl dort vor ihm bewegte sich doch? Und daneben, die zwei -braunen Dinger, erst recht! Und jetzt trägt der Wind ihm die bösen -Witterungen zu, die die Mutter ihn meiden hieß, die Witterung von -Mensch und Hund. - -Mit einem Riesensatz ist er im nassen Klee. Höchste Zeit, denn da -hört er es zischen, flüstern: »Hu faß!« und hinter ihm her keucht es. -Schnell in den Brombeerbusch, wo er am dicksten ist. Aber die Hunde -achten der Dornen nicht. Heraus und in den Wasserdurchlaß! Aber auch -dahinein folgen ihm die Teckel. Und über der Erde poltert es. Schnell -aus dem anderen Ende heraus, aber das geht nicht, ein schwarzes, nach -Hund riechendes Ding steckt darin. - -Da fährt Goldhals herum und will den Hund überrollen! der aber faßt -zu, jault auf, denn scharfe Fänge griffen um seine Lefzen, aber jetzt -fühlt Goldhals sich vom andern Teckel am goldenen Halsfleck gepackt -und heraus geht die Balgerei aus dem Durchlaß, draußen greift der -erste Dackel ihn am Hinterteil und so wird Goldhals lang gezerrt; zwei -auf einen, das ist auch zuviel, und nun weiß er, daß es aus ist mit -Freijagd in Berg und Busch und Minnefahrt über Stock und Stein. Noch -einmal, ehe sein Bewußtsein erlischt, fällt der Mutter Warnung ihm ein: -»Der Tag ist keines Marders Freund, die Nacht ist gut und lieb.« - - - - -Der letzte seines Stammes. - - -Mitten in dem einsamen Bergwalde liegt ein tiefer Erdfall. Jäh stürzen -die grauweißen, zerborstenen Gipsfelsen an seinen Steilwänden ab. Eine -Fichtendickung, ein schwarzer, verfilzter Klumpen, umringt ihn zur -Hälfte. Ihr gegenüber am anderen Rande ragt aus weichem, leuchtendem -Moose eine steinerne Säule empor, ein grober, ungeschlachter Block. -Die Inschrift, die das Denkmal trug, ist nicht mehr zu deuten. Schwach -hebt sich aus der grauen Flechtenkruste ein kunstloses Kreuz ab, roh in -den Stein gemeißelt, und ebenso grob hineingehauen ist das gestielte -Dreieck daneben. Es soll ein Beil vorstellen. - -Kein Mensch weiß, zu wessen Gedenken der Blutstein gesetzt wurde. Aber -er machte den Wald unheimlich. Kein Bauer, kein Holzarbeiter geht gern -allein hier vorbei. Es geht da um. Man hört es rascheln und sieht -nicht, was da geht. Man hört es schreien, und weiß nicht, von wem. In -der Dämmerung tanzen grüne Lichter um den Stein. Der alte Waldwart hat -sie oft gesehen. - -Auch heute, an diesem hellen Maienmorgen, sieht er unhold aus, der -graue Block. Unheimlich sind die Blumen, die um seinen Sockel blühen: -blasser, gedunsener Aaronsstab, menschenhautfarbiger Schuppenwurz, -der Vogelnestwurz, wachsgelbe Blütengespenster, der Nachtviole -leichenfarbene Blumen. Das Reh, das am Rande des Erdloches entlang -zieht, verhofft jäh, äugt nach dem Mordsteine, windet, tritt hin und -her und flüchtet laut schreckend von dannen. Eine Märzdrossel, die -mit einer bunten Schnecke im Schnabel auf einem Felsbrocken einfällt, -läßt ihre Beute fallen und stiebt mit Gezeter ab. Der Rotspecht, -der vorüberschnurrt, hebt sich höher und schreit entsetzt auf. Der -Holzschreier wendet jäh seinen Flug und kreischt voller Angst. Auch das -Rotkehlchen flattert mit Furchtgeschrille davon. - -Der graue Felsblock am Sockel des Mordsteines, schwarz gestreift von -den Schlagschatten der Eschenzweige, gelb gefleckt von einfallendem -Lichte, hat Leben bekommen. Er reckt sich, streckt sich, läßt eine grau -und schwarz geringelte Schlange sich winden und drehen, rundet sich, -dehnt sich und bläht sich, wird lang und dünn und kurz und dick, läßt -zwei grüngelbe Lichter aufblitzen, eine rote Flamme aufleuchten, duckt -sich, schnellt sich empor und bildet plötzlich eine seltsame Bekrönung -des unheimlichen Steins. - -Sie haben alle recht, die da sagen, bei dem Warloche gehe es um, da -schleiche unhörbar ein Gespenst, da schreie ein unsichtbarer Kobold, -da blitzten grüne Augen. Has und Reh, Eichhorn und Haselmaus, Drossel -und Rotbrüstchen, sie kennen es allzugut, das graue Gespenst, das leise -heranschleicht und lautlos zufaßt mit unfehlbarem Griffe und sicherem -Biß. Die letzte Wildkatze des Tales ist es, die im alten Mutterbau -auf dem Grunde des Warloches haust, ein Kuder, so stark wie ein alter -Fuchsrüde. - -Oben auf dem Denkmale bleibt er eine Weile sitzen, den Sonnenstrahl -genießend, der durch das Eschenlaub auf seinen Rücken fällt. Dann -stellt er sich aufrecht, reckt die Lunte steif empor, rundet den -Rücken, macht ihn lang, reckt sich und gähnt, setzt sich, wäscht und -putzt sich und ist im Nu wieder am Boden, wo der alte Holunderbusch -den schiefen Stamm über das Erdloch schiebt. Der Kuder reibt, wohlig -schnurrend, den Rücken an dem rauhen Stamm, dann fährt er zurück, -springt vor, versetzt der Rinde einen Prankenhieb, zieht die Krallen -durch die Rinde, ganz schnell viele Male und dann wieder ganz sacht, -bis die Rinde wund ist und stechender, dumpfer Duft ihr entströmt. Und -da wirft sich der Wildkater schnurrend und murrend und knurrend gegen -sie, streichelt sie zärtlich, drückt die Nüstern an sie, versetzt ihr -grausame Krallenhiebe, reißt Bastfetzen herunter, wirft sich auf den -Rücken und zerfetzt das starkriechende Laub mit langsamen Griffen und -schnellt plötzlich auf alle vier Läufe, zu Stein erstarrt, die Gehöre -steil aufgerichtet, und lautlos gleitet er an der Gipswand hinab. - -Es knickte ein dürrer Stengel, es knitterte ein trockenes Blatt, leise, -ganz leise, aber doch nicht so leise, daß des Katers scharfes Gehör das -Geräusch nicht richtig deutete. Das war nicht Reh und war nicht Has', -und war nicht Vogel und war nicht Maus, das war nicht Bauer und war -nicht Magd, das war die seltsam riechende Sohle, die seit dem letzten -Vollmond den Wald durchschleicht. - -Tief unter der Erde, hinter der steilen Gipswand, da liegt der Kater in -sicherer Ruh. Kein Grabscheit stört ihn dort, kein Rauch erreicht ihn -da, kein Hund kann zu ihm heran. Da sind Gänge, die der Dachs grub, den -der Fuchs vertrieb, der die Fluchtröhren scharrte. Da sind jähe Spalten -und steile Kanten, und hinter ihnen verrotten die Gerippe der Teckel, -die an Dachs und Fuchs und Katze jagten und niemals wieder zu Tage -kamen. Dort ist so weich der Mulm und so trocken der Lößboden, warm ist -es da zur Winterszeit und sommertags so kühl. Dort ist der heimliche -Jäger in guter Hut und kann den Tag verschlafen und träumen, soviel er -mag. - -Er schläft und träumt. Die Rutenspitze zuckt, die Krallen schlüpfen aus -dem Sammet der Pranken heraus, greifen in die Luft und verkriechen sich -wieder. Alte Bilder brachte der Traum. Von jener Zeit, als der Kater -noch ein Kätzchen war, das mit seiner Mutter buschiger Lunte spielte -als das erste der drei Geschwister, das den Wert der Krallen erkannte. -Er hatte als erster die Maus an sich gerissen, die die Kätzin zu Baue -trug, zuerst den Siebenschläfer geknickt, die flügge Drossel gewürgt, -den Junghasen totgequält, ehe die Geschwister es sich trauten. Und als -erster hatte er geweidwerkt, sich an das Eichkätzchen herangebirscht, -als es Pfifferlinge suchte, es im Sprunge gerissen und stolz zum -Warloche geschleppt. - -Er erwacht, blinzelt um sich, reckt sich und steigt bedachtsam über die -Kanten und Spalten. Mitten in der kleinen Lichtung der Fichtendichtung -mündet das Notrohr, das der Fuchs sich scharrte. Kein Jäger findet es; -ein breitverzweigter Fichtenast spreizt sich darüber hin. Immer ist -es dort überwindig und trocken und es kommt Sonne genug dahin. Und -so weich ist das rote Nadelwerk und das seidene Moos. Da träumt es -sich noch besser als unter Tage, von heimlichen Birschgängen in lauen -Sommernächten, von Fischweid im Februar am Klippenufer des Baches, wenn -die Forelle laichdumm ist und sich so bequem auf das Ufer angeln läßt. - -Über Minnefahrten läßt sich dort nachsinnen. Weit weg führten sie, -in rauher Berge schwarze Fichtenwälder, denn ringsumher lebte keiner -mehr vom Geschlechte der freien Katzen. Als die alte Kätzin todwund zu -Bau gefahren kam mit zersplitterten Knochen, als sie kalt war und die -Witterung verlor, da hatten sich die drei Geschwister zerstreut. Sie -fanden sich nicht wieder zusammen trotz des Ältesten allnächtlichen -Sehnsuchtsrufes einen ganzen Hornung hindurch. Da war er fortgezogen, -hatte tagsüber in Felslöchern und Dachsbauen geschlafen, zwei Zehen in -einem Eisen gelassen, sich mit einem schnellen Hunde gebalgt, Schrote -hatten seine Keulen geschrammt und eine Kugel ihm Felssplitter um den -Kopf gesprengt. Da zog es ihn wieder in das heimatliche Tal zurück. - -Im Februar aber trieb es ihn, wenn er in Busch und Klippe Nacht -für Nacht umhergestrichen war, kläglich nach Minnelohn jammernd, -hinaus in die Fremde, über kahle Felder, in unbekannte Wälder, wo er -seinesgleichen antraf. Grimmige Gefechte hatte er bestehen müssen mit -freien Katern, zerrissen war oft sein Balg und rot seine Pranken, -aber immer hatte er obgesiegt und seine Lust büßen dürfen. Aber allzu -gefahrvoll wurden ihm die Minnefahrten und so strich er nachts an dem -Dorfe entlang, trieb die unfreien Kater vor sich her und jagte ihnen -ihre Bräute ab, und die Bauern fanden es verwunderlich, daß die jungen -Katzen in ihren Ställen von Jahr zu Jahr grauer wurden und dickere -Köpfe, rauheres Haar und kürzere Schwänze bekamen. Als aber der Jäger, -der jeden Juli hier auf den roten Bock weidwerkte, ihnen sagte, in -den Katzen stecke wildes Blut, da lachten sie und sagten, die letzten -beiden Wildkatzen in der Gegend hätte der Förster vor sechs Jahren im -Eisen gefangen und an die Schule in der Kreisstadt gegeben. - -Der Jäger aber spürte nach jedem Regen alle Wege ab und er sah sich -jeden alten, geschundenen Holunderbusch an und strich um jeden Bau und -lauerte an allen Uferstellen, wo er die Reste von Forellen fand und -saß stundenlang vom Abend bis tief in die Nacht auf dem Hochsitz, bei -unsicherem Mondenlicht in den Wald spähend, und ließ sich auslachen -von dem Förster und von den Holzarbeitern, weil es ihm dieses Jahr mit -den Böcken nicht glücken wollte, denn er hatte sich gelobt, nicht eher -wieder den Finger auf einen Bock krumm zu machen, bis daß das Kitz -gerächt sei, das er im Busche fand, mit den Krallennarben an der Kehle -und dem säuberlich benagten Blatt. Denn daß das der Fuchs nicht gewesen -war, das stand für ihn fest. - -Und so hatte er vorgestern und gestern, wie die Tage vorher, vor Tau -und Tag die Krone der alten Samenbuche erstiegen, die oberhalb des -Warloches an dem Zwangspasse zwischen den grauen Klippen steht, sich im -Frühwind vor Frost geschüttelt, in der Mittagsglut vor Hitze geseufzt -und sich nicht gerührt und geregt und immer nur auf die Sohle des -Erdfalles nach dem schwarzen Flecke an der Wand der grauen Gipswand -gestarrt. Und einmal, als ihm der Schlaf Sand in die Augen warf, und -er fester in den Riemen hineinsank, mit dem er sich an den Stamm -geschnürt hatte, da hatte er geträumt, die Wildkatze stände unter ihm -und war wach geworden. Und als er sich die Augen rieb, da stand sie auf -dem Blutsteine und verschwand, ehe er den Dreilauf von dem Astzacken -nehmen, scharf machen und anbacken konnte, wie ein Schemen, wie ein -Traumgesicht. - -Wie er dann, müde und verärgert, jeden Fleck um die Fichtendickung -abspürte, da fand er die starke Katzenspur, und jeden Raum zwischen -den Jungfichten absuchend, stieß er auf das Notrohr und überlegte -nicht lange und verwitterte es nach Jägerart in gröblicher Weise, um -den Kater zu zwingen, dort aufzutauchen, wo er ihm sichtig kommen -mußte. Und jeden Tag verwitterte er das Notrohr von neuem, und alle -dicken schwarzen Käfer und alle fetten blauen Fliegen wußten das bald -und brummten und summten nach der Dickung hin, und nun auch an diesem -Spätnachmittage war dort ein großes Gebrummse und Gesummse. - -Der alte Kater will dort den Abend erwarten. Langsam schiebt er sich -in dem Notrohr entlang. Schon von weitem vernimmt er das Summen und -Brummen, und die üble Witterung fällt ihm ziemlich auf die Nerven. -Er reckt sich, schiebt sich vor und starrt nach der Lichtung. Dann -fährt er zurück und schleicht über die Felszacken, springt über die -Spalten und bleibt lange nachdenklich auf seinem Schlafplatze sitzen. -Endlich schiebt er sich voran, Zoll um Zoll, bis er sich der Mündung -des Hauptrohres nähert. Da verhofft er lange Zeit, windet und äugt, -bis Mausepfiff und Jungvogelgepiepe seinem Magen heftiger zusetzt. -Da steckt er den dicken Kopf aus dem schwarzen Loche und äugt an den -Gipswänden entlang. - -Kein Blatt rührt sich, es regt sich kein Halm. Fern pfeifen die jungen -Käuze, im Stangenorte ruft ein Kitz nach der Ricke, Mäuse schrillen, -die Fledermaus zwitschert, Rotkehlchen singt sein letztes Lied. Lautlos -schleicht der Kater an der Schattenseite des Felskessels entlang, -unhörbar schnürt er an der Wand empor, unter dem Holunderbusch verharrt -er lange regungslos, den Kopf hin und her wendend, jedes Abendfalters -Schwingenschlag, jedes Käfers Gekrabbel vernehmend. Und nun steht er -auf dem Mordsteine, setzt sich und äugt ringsumher. - -Ein ganz leises Kratzen in der alten Buche reißt seinen Kopf herum. -Aber oben aus den Kronen der Bäume kam noch nie ein falscher Laut, eine -gefährliche Witterung. Lange starren seine grünen Seher in den breiten -Wipfel. Es lebt und webt da etwas. Vielleicht der Siebenschläfer, oder -eine Taube, die sich im Schlafe rührt, ein Häher, oder die Eule. - -Ein roter Blitz zerreißt die Dämmerung, ein Hagelgeprassel -zerschmettert den Holunderbusch, ein Donner fällt in die Ruhe des -Waldes, Stinknebel tanzt blau um den Silberstamm der Buche; die Taube -prasselt durch das Laubwerk, der Hase rauscht durch das Gekräut, der -Berg wirft den Donner zurück und trägt der Rehe Schrecken heran. - -In der alten Buche raschelt und knistert es. Etwas Großes, Graues -klettert in ihrem Astwerk, steigt langsam herab, fällt dumpf zu -Boden. Ein Lichtchen brennt auf, fährt hinter ein Glas, eine Flamme -leuchtet, tanzt nach dem Blutsteine und schwebt um ihn herum, den Stein -beleuchtend und ein braunes Mannesgesicht rot färbend. - -Die Augen des Jägers leuchten auf. Rote Flecken findet er auf dem -grauen Steine und ein graues Büschel an einem roten, nassen Fetzen, -der zwischen den zerschossenen Flechten hängt. Und weiter nichts, gar -nichts. Auch nicht an den Wänden des schwarzen Schlundes, auch nicht -auf dem Schotter der Sohle des Erdfalles, auch nicht in der Mündung -des Baues. Er führt einen belaubten Zweig hinein und zieht ihn heraus, -jedes Blatt ableuchtend. Nichts! Doch, hier ein winziges Fleckchen -Schweiß. - -Der Jäger wirft sich lang hin, schiebt sich vor den Bau, legt das -Ohr vor das Rohr, hält den Atem an und lauscht. Schwach, als wäre es -unendlich weit, ertönt ein einziger dünner, kläglicher Laut, einmal nur -und dann nicht mehr. - -Der Holunderbusch wird keinen Krallenhieb mehr spüren, kein Kitz klagt -mehr unter dem Prankengriff, keine Forelle fliegt mehr im Bogen auf den -Uferschotter. - -Der letzte von der Sippe der freien Katzen weit und breit ist nicht -mehr. - - - - -Achtzacks Ende. - - -Im Walde ging es um. Was es war, wußte niemand; aber etwas Gutes war es -nicht. Es haßte den Frieden und liebte die Zerstörung. - -Alle Böcke diesseits des Fuchsbaches hatten das erfahren. Dem Gabelbock -vom Schälwalde war die linke Keule aufgeschlitzt. Dem Sechser vom -Jagen drei fehlte ein Licht und die rechte Stange. Der Bock aus dem -Kinderbruch lahmte vorne rechts. Dem vierjährigen Spießbock vom -Birkenschlag war ein großer Hautlappen auf dem Ziemer abhanden gekommen. - -Keiner von ihnen wußte wie es zugegangen war. Friedlich hatten sie -mit ihren Schmalrehen geäst. Da hatte es in der Dickung gebrochen, -etwas Großes, Braunes war herausgepoltert, hatte sie über den Haufen -gerannt, die Schmalrehe vor sich hergetrieben und war in der Dickung -verschwunden. - -Ihre Wunden hätten die Böcke wohl vergessen, ihre Bräute vergaßen sie -nicht. - -Der Vierjährige mit den langen Dolchen hielt es nicht mehr aus. -Nichts schmeckte ihm mehr, nichts wollte ihm munden, weder Klee noch -Brombeerblätter, weder Gras noch Johannestrieb. Tag und Nacht zog er -umher und dachte an sie. - -Eines Morgens, als nach kurzem Donnerschlage ein feiner, warmer Regen -fiel, faßte er sich ein Herz. An dem Weidenbusche vor dem Holze wetzte -er seine Dolche, daß Bast und Blätter flogen, und plätzte, daß Moos und -Mulen nur so sausten. Dann trat er in den Bestand. - -Er zog vorsichtig und zaghaft dahin. Der Hase, den er aus dem Lager -jagte, erschreckte ihn, die Taube, die er von der Salzlacke scheuchte, -ließ sein Herz klopfen. Aber dann warf er wieder mutig den Kopf auf, -schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß das Fallaub stob, und fegte -mit den Stangen den Bast von einem Eschenbäumchen. - -Auf einmal vergaß er Angst und Vorsicht. Aus dem Stangenorte klang -ein Ton, der ihm in das Herz fuhr, ein Laut der Sehnsucht, des -Verlangens, der Zärtlichkeit. Das war sie, die er so lange nicht -gesehen, sein kleines, hübsches Schmalreh. Und was ihm da vom Boden aus -entgegenduftete, das war ihrer Fährte Witterung. - -Mit weitgeöffneten Nüstern zog er auf der Fährte fort, durch das -Altholz, durch den Stangenort, nach dem Ellernbruch am Fuchsbach. -Und da sah er auch schon ihre schlanke Gestalt hellrot auf grünem -Himbeerblättergrund. - -Spornstreichs trollte er auf sie zu. Aber als er dicht bei ihr war, -bewegte sich rechts der braune Ellernstumpf, und dort stand ein alter, -hoher, schwerer, dunkelbrauner Bock mit fast weißem Gesicht, über dem -acht weiße, scharfe, lange Enden im einfallenden Sonnenlichte blitzten. -Das war Achtzack, der Raufbold, der jedes Jahr am Ende des Juli hier -erschien und Mitte August wieder verschwand. Einen Augenblick lief es -dem Vierjährigen kalt und heiß über den Ziemer. Dann warf er trotzig -den Kopf auf, verdrehte die Lichter, daß die weiße Bindehaut teuflisch -leuchtete, senkte den Kopf, daß die langen, weißendigen Dolche -gefährlich funkelten, schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß Laub -und Moos nur so wirbelten, stieß ein tiefes, böses Keuchen aus und zog, -die Läufe im spanischen Tritt setzend, dem Nebenbuhler entgegen. - -Achtzack war zuerst ganz starr. So etwas von Frechheit war ihm doch -noch nicht vorgekommen. Ein Vierjähriger, der ihm Trotz bot? Ein -zurückgesetzter Bock, der noch nicht einmal sechs Enden hatte, hielt -ihm stand? Zu lächerlich! Sorglos zog er dem Frechling entgegen, ein -höhnisches Grinsen um den kohlschwarzen Windfang. Gleichgültig senkte -er den Kopf; mit einem einzigen Stoß wollte er ihn abtun, den Dummkopf. -Der aber war auf seiner Hut. Als die acht Dolche dicht vor ihm waren, -wich er zur Seite und forkelte blitzschnell von unten nach oben. Es -klirrte hell und klang hohl und als beide voneinander abließen und sich -gegenüberstanden, keuchend und jappend, da hing Achtzacks linkes Licht -als feuerroter, häßlicher Klumpen aus der Augenhöhle heraus. - -Im nächsten Augenblick strich der Pirol, der in den Zweigen über den -beiden Kämpen sich im Flöten geübt hatte, entsetzt ab. Denn unter ihm -war mit einem Male ein Wirbel von Laub und Moos, Kraut und Reisig. -Ein Kreischen erscholl, laut und schrecklich, und dann klang es, als -schlüge der Specht gegen einen hohlen Baum, und schließlich kam ein -Röcheln. - -Endlich hörte der Blätterwirbel auf und Achtzack tauchte daraus hervor. -Seine Dünnungen bebten, seine Lungen pfiffen, aus der Brust kam ein -tiefes Keuchen. Fortwährend schüttelte er den Kopf, an dessen linker -Seite es rot herunterlief. Aber seine acht Enden waren rot. - -Das Schmalreh war abgesprungen, als der Zweikampf begann. Achtzack zog -ihm auf der Fährte nach, sprengte es, als es vor ihm flüchtig wurde, -schlug es noch in die Rippen und trieb es in die Tannen. - -Gleich darauf huschte ein grüner Schatten durch den Wald, tauchte -hinter einem Stamme auf, verschwand hinter einem andern, kam wieder -hervor und war wieder verschwunden. Laut schimpfte die Amsel über -das Waldgespenst, und der Kauz in der Eiche machte große Augen und -schüttelte den dicken Kopf, denn lautlos zu jagen, hatte er gedacht, -könnte außer ihm niemand. - -Dieses grüne Gespenst war ein Mensch, ein langer, junger, blonder, -blauäugiger Mann mit braunen Backen und Händen, der Förster. Er -war wütend. Er hatte eben festgestellt, daß die zwölf achtjährigen -Weißtannen, die zwischen den vielen Rottannen standen, und die zehn -Edelebereschen zu schanden gefegt waren von einem Bocke. - -Außerdem war er falsch, weil er keinen Bock gesehen hatte. Er sollte -einen auf das Schloß liefern. Vor Tau und Tag war er zu Holze gezogen, -jetzt war es neun Uhr und nichts hatte er gesehen, außer einer alten -Ricke. Wenn da nur nicht wieder Achtzack die Schuld war. Seit drei -Jahren machte ihm der das Holz von Böcken blank. Lahm hatte er sich -gepürscht und krumm gesessen, aber nie konnte er ihn fassen. Fünfzig -Nächte hatte er sich um die Ohren geschlagen, hunderte Abende auf ihn -gelauert, aber alles war für die Katz' gewesen. - -Hastig sog er an seiner Pfeife, daß der Dampf durch das Holz zog, lang -und breit, wie ein Pferdeschwanz. Da blieben seine Augen am Boden -hängen. Zwei Fährten standen auf die Dickung zu, die zierliche eines -Schmalrehs, die grobe eines ganz alten Stückes. - -Ganz tief bückte er sein Gesicht zum Boden. Seine großen Augen -glänzten, als er sah, daß an der Fährte des rechten Vorderlaufes eine -Lücke war. - -Gerade, als er sich aufrichtete, hörte er es zu seiner Linken -rascheln. Das Rascheln wiederholte sich und mischte sich mit einem -Geröchel. Der Förster trat einen Schritt vor, noch einen, wie eine -Katze dahinschleichend, aber im nächsten Augenblicke kniete er nieder, -faßte den geforkelten Bock um die langen Spießer, fuhr mit der rechten -Hand nach der Hosennaht, kam mit etwas Blitzendem zurück, eine schnelle -Handbewegung nach der Brust des Bockes, und der streckte sich und ließ -den Kopf schlaff in das grüne, rotbetaute Moos fallen. - -Sorgfältig untersuchte der junge Mann den Bock. »Dieser Schinder«, -murmelte er als er den Kopf umdrehte und sah, wie das zerrissene -Gescheide fußlang aus den aufgeschlitzten Dünnungen hing, »eins, zwei, -drei, sechs, acht, zehn, vierzehn mal hat er ihn geforkelt. Nun aber -ist Schluß mein Lieber! Heute mußt du stürzen oder ich will die Kunst -nicht verstehen!« - -Er lud den Bock auf, ging auf das Feld, brach ihn auf, rodete den -Aufbruch ein und hing den Bock in eine Fichte. Dann ging er in weitem -Bogen nach dem Fuchsbach zurück. - -Vor einer großen Samenbuche machte er sich seinen Stand zurecht, -scharrte leise alles Fallaub beiseite und entfernte jeden dürren -Ast. Dann suchte er ein halbes Dutzend gleichmäßig gewachsener -Buchenblätter, schnitt sie zurecht und legte sie vor sich auf den -Rucksack. Zuletzt schnitt er leise einen langen, verästelten Zweig ab -und steckte ihn vor seinem Stande in den Boden. - -Es war ganz still im Walde. Kein Blättchen regte sich. Man hörte die -Ameisen krabbeln und die Flügel der großen Wasserjungfer knistern, -die raubend über dem Bach hin- und herstrich. Einmal ruckste fern ein -Ringeltäuber, ein Bussard rief hoch über den Kronen der Buchen, eine -Maus raschelte im Fallaube. - -Der junge Förster rauchte langsam seine Pfeife zu Ende, spannte -lautlos die Büchsflinte, zog die Knie hoch und legte die Waffe quer -über seinen Schoß. Dann nahm er eins von den Buchenblättern und hielt -es gegen die Lippen. - -Ein weicher, leiser, zärtlicher Ton erscholl, das sehnsüchtige -verlangende Fiepen des Schmahlrehs, einmal, zweimal, dreimal. - -Drüben in der Dickung saß der alte Bock im Bett, neben ihm das -Schmalreh. Als der dünne, feine Ton erscholl, spielten die Lauscher -Achtzacks. - -Wohl eine Viertelstunde verging, da erklangen noch einmal die lockenden -Laute. Achtzack stand auf. Aber zu oft hatte er in seinem Leben die -Erfahrung gemacht, daß hinter dem zärtlichen Locken das tödliche -Blei wartete, so manche Kugel war in seinen grünen Jahren an ihm -vorbeigepfiffen, wenn er liebeshungrig aus der Dickung gestürmt war; -mehr wie einmal hatte ihn das Blei gestreift. Gern hätte er sich das -geliebte Ding aus der Nähe angesehen, das da fiepte, denn unbekannt -klang ihm die Stimme. Aber es würde ja auch wohl noch da sein, wenn es -dunkel wäre, und wenn nicht, die Kleine neben ihm war ja auch hübsch -und jung. - -Auf einmal aber kam Leben in ihn, denn nun erklang der von Scham und -Angst erfüllte Klageruf des Rehjüngferchens. Was, wagte es wieder -einer, ihm ins Gehege zu kommen? In seinem Wald, in dem alles ihm -gehörte, was hübsch und fein war! - -Langsam schob er sich durch die Tannen. Alle paar Gänge blieb er stehen -und sicherte. Aber als das Angstgeschrei lauter erscholl, als er -deutlich des Nebenbuhlers Stürmen und Poltern vernahm, da trat er ganz -aus der Dickung heraus. - -Der Förster, der wie verrückt mit seinem Hute zwischen die dürren -Zweige am Boden geschlagen hatte, hielt inne, als er von den Tannen -her ein ganz feines Geräusch vernahm. Ein leises Lächeln ging um seinen -Mund. Er hielt den Atem an und schloß die Augen bis auf einen Spalt. - -Lange blieb es drüben still; dann klang das Brechen wieder. Aber dieses -Mal lauter, näher. Dem Förster schlug das Herz und die Büchse zitterte -in seinen Händen. Er schloß die Augen ganz und atmete tief und langsam. - -Als er die Augen wieder öffnete, sah er in der Dickung einen grauen -Fleck. Und darüber, über den schwarzgesäumten Lauschern, das schwere, -weitausgelegte Gehörn mit den roten Enden. - -Eine Ewigkeit dünkte ihm die Spanne Zeit, bis daß Leben in den grauen -Fleck kam, eine Ewigkeit, die ihm das Blut wild durch die Adern jagte -und den Schweiß aus allen Poren trieb. Als aber der graue Fleck sich -vorschob und ein brauner ihm folgte, da zog er ganz langsam die Büchse -an die Backe und machte den Finger krumm. - -Nach dem Schuß stand er auf und lauschte. Ein paarmal brach es noch -in den Tannen, dann war alles still. Er trat leise an die Dickung, -bückte sich, nickte befriedigt, als er hellrote Blasen auf den blauen, -zerdrückten Glockenblumen sah, und ging fort. - -Das Schmalreh war erstaunt aus seinem Bette aufgestanden, als sein -grober Bräutigam es verließ. Das war sonst seine Art nicht, bei -hellichtem Tage in den raumen Bestand zu ziehen. Und er hatte nicht -einmal von ihm verlangt, daß es mit sollte. - -Als es dann so laut donnerte, hatte Schmalrehchen eine Flucht gemacht. -Aber nur eine, denn zu viel Angst hatte es vor seinem rohen Gebieter. -Es wußte, er suchte doch auf der Fährte, und dann setzte es Hiebe, -hageldicht. - -Da vernahm es ihn auch schon. Laut brachen die dürren Zweige. Da war -er! Aber was ihm nur fehlte? Er taumelte, schwankte, stürzte, richtete -sich mühsam wieder auf, zog drei Schritte voran, brach wieder zusammen -und blieb liegen. - -Verschüchtert zog die Kleine an ihn heran. Sie machte ihr -liebenswürdigstes Gesicht, denn es war ein launenhafter, roher Kerl, -der Alte, viel unzarter, viel weniger liebenswürdig als ihr erster -Liebster. - -Matt hob er den Kopf, als sie bei ihm war, und ließ ihn wieder fallen. -Zärtlich beschnupperte sie ihn, prallte aber zurück, denn er hatte eine -so seltsame, unheimliche Witterung jetzt an sich. - -Aber sie blieb bei ihm, eine ganze Stunde lang. Ab und zu versuchte er, -aufzustehen, aber immer wieder brach er röchelnd zusammen, und jedesmal -quoll es rot aus seinen Blättern. - -Dann überlief ihn ein Zittern, er röchelte noch einmal schrecklich, -machte sich lang, und von da ab rührte er keinen Lauf mehr. - -Dann brach es wieder in der Dickung. Das Schmalreh stand auf. -Menschenworte erklangen: »Zur Fährt, mein Hund, so recht, mein Hund! -Such verwundt, mein Hund!« - -Das Brechen kam näher. Lautes Gehechel eines Hundes tönte heran. Das -Schmalreh sprang ab, von Entsetzen gepackt. - -Hinten in den Birken verhoffte es. Der dumpfe Hals des Hundes erklang, -dann des Waldhorns heller, froher Ruf: »Bock tot!« - -Neben dem Bock kniete der Förster. Freudig betrachtete er den -Kopfschmuck, dessen scharfe Enden noch rot waren von dem Mord. - -Schmalrehchen aber zog im Wald umher. Es fühlte sich einsam. Laut -rief es nach einem fühlenden Herzen. Das fand sich bald. Es war ein -dreijähriger stattlicher Bock. Und er war viel liebenswürdiger und nie -so grob, wie der alte Achtzack. - - - - -Böbchen. - - -Unser Bob war das, was man so im Volke unter einem Terrier versteht, -denn er war kurzhaarig, von weißer Farbe mit schwarzen Flecken, zu -kurz koupiert und äußerst frech, mithin ein Terrier. Er hatte auch -Terrierblut in sich, ganz entschieden und er war auch ein hübscher -Hund, das sagte jeder, und wer langen Fang, hartes Haar usw. von ihm -verlangte, dem wurde bedeutet, daß Böbchen kein Schablonenterrier -sei, sondern eine Individualität und mehr auf persönliche, denn auf -generelle Rasse Wert legte. Seine Mutter hatte übrigens blauestes -Terrierblut, aber entschieden die Tendenz nach unten gehabt, denn Bobs -Vater war unbekannt und blieb es, denn: ~la recherche de la paternité -est interdite~. Hatte Bob also nur einen halben Stammbaum, so -besaß er dafür eine doppelte Portion von Temperament. Leider hatte er -verhältnismäßig wenig Verwendung dafür, sintemal er ein Damenhund war. -Er gehörte nämlich meiner Schwiegermutter und spielte sich als einziges -männliches Wesen in der Familie vollkommen als Hausherr auf. - -Über ein Jahr dauerte es, ehe die Frage halbwegs entschieden war, -wer nun Herr im Hause sein sollte, Bob oder ich. Bob benahm sich, -als ob ich nichts zu sagen hätte. Das durfte ich mir nicht gefallen -lassen und trat ihm kühn entgegen. Von seiner Seite wurde der -Kampf mit stundenlangem Kläffen oder Piepen, Kratzen an den Türen -und heiserem Wutgebell geführt, von mir mit der Zwille und Schrot -Nr. 6. Die raffinierte Technik siegte; Bob erkannte meine physische -Überlegenheit in gewisser Hinsicht an, besonders wenn es ihm gerade -paßte, und gehorchte mir, aber nie ohne sein historisches Recht dadurch -zu betonen, daß er »bö« sagte. Im übrigen liebte er mich trotz der -Zwille und ungeachtet einer seiner Ansicht nach völlig unzweckmäßigen -gelegentlichen Verwendung meines rechten Absatzes. Er liebte mich -allerdings mehr mit dem Verstande, mehr aus praktischen Gründen, denn -aus innerer Neigung; er liebte mich, weil ich mit ihm spazieren ging, -sehr weit spazieren ging ohne ihn anzuleinen, weil ich ihn Emailletöpfe -apportieren ließ, ihn Steine aus dem Wasser tauchen ließ und die -Stellen kannte, wo es Feldmäuse, Hamster und Zaunigel gab. Er war von -Natur ein Mäusefänger. Lief eine Maus durch die Waschküche, dann stand -er regungslos und wartete, bis die Maus wieder kam, und ruhig und -besonnen faßte er zu. Dann ging er zu einer von den Damen des Hauses, -legte die Maus auf ihre Schuhspitze und machte hübsch; das hieß: »Ich -bitte um ein Stück Zucker zum Lohne!« - -Aber wilde, richtige wilde Mäuse auf der Stoppel zu jagen, das war doch -etwas anderes, das war noch schöner, als Emailletöpfe zu trudeln und -Seife und Ätherflaschen zu bekämpfen. Jawohl! Seife beißt, Äther auch, -also sind es wilde Tiere und wilde Tiere gehören totgebissen, meinte -Bob. Und so verbellte er die Seife, als wäre sie ein Igel, und biß -hinein und schimpfte und fluchte, daß ihm der Schaum vor der koddrigen -Schnauze stand. Genau so machte er es mit brennenden Zigarrenstümpfen. -»Sterben mußt du«, dachte er, »und wenn du noch so beißt«, und -schließlich kriegte er sie tot. Aber so ein richtiger dicker Zaunigel, -das war doch noch schöner, und das beste war ein Hamster, ein ganz -dicker und fetter, der sich gehörig wehren konnte, denn ein Hamster, -der ist doch reeller als die infamigen Schweinskatzen, die das unfaire -Aufdiebäumegeklettre nicht lassen können, dachte Böbchen. Aber wehe -der, die er erwischte; sie mußte hin werden, vorausgesetzt, daß es eine -alte war; denn jungen Katzen tat er nichts, weil er zu kinderlieb und -zu sehr Kavalier war. - -Letzteres ging daraus hervor, daß er liebendgern Sekt trank, nur mußte -er sich etwas beruhigt haben, und dann aß er Spargelköpfe für sein -Leben gern. Leider brach das väterliche Erbteil immer wieder bei ihm -durch. So war er in seinem weiblichen Umgange gar nicht wählerisch und -verkehrte mit den proletischsten Hündinnen, was ihm den Haß des ganzen -Stadtviertels einbrachte. Wenn ihn die Hunde des Kohlenfuhrmanns nur -von weitem sahen, dann murrten sie dumpf und das sollte heißen: »Den -ganzen Tag nischt tun, als bloß fein fressen, und wir können nachher -die Alimente bezahlen, wo wir doch Tag für Tag mit dem Kohlenwagen -gehen und aufpassen müssen!« Aber Bob feixte sie frech an und knurrte -ihnen zu: »Seht euch bloß vor, ich habe eine Zwille.« Und das glaubten -ihm die Schafköpfe wirklich. Einmal aber hatten sie ihn doch zu fassen -bekommen und er kam als Beefsteak ~à la Tartare~ nach Hause. -Gerade hat der Tierarzt ihn zurechtgeflickt und ich hielt ihn, während -ich mich von dem Arzte verabschiedete, in der Haustüre auf dem Arme. Da -ging der eine Kohlenhund vorbei und machte eine höhnische Bemerkung. -Im Hui war Bob von meinem Arme herunter und stürzte auf drei Beinen -auf ihn los, und da Bob halb in weiße Leinwand genäht war, kratzte der -andere Hund entsetzt aus. - -Merkwürdig war es, daß ihm bei seinen nächtlichen Debauchen nie -etwas zustieß. Er konnte wochenlang den anständigen jungen Mann von -Erziehung markieren, aber mit einem Male blieb er über Nacht aus. -So um vier oder fünf Uhr in der Frühe piepte er vor der Haustüre; -machte man dann nicht sofort auf, so schlug er einen Riesen- oder -Abgottskrach. Außerdem machte er es so wie manche Männer, er beugte vor -und schnauzte, sobald er in das Haus kam, damit er nicht angeschnauzt -wurde. War er dann im Hause, so ging er nicht in die obere Etage zu -meiner Schwiegermutter, sondern in das Erdgeschoß in unsre Küche, wo er -sich unter den Herd legte. Da blieb er den ganzen Tag liegen, roch nach -Bier und gemeinen Zigarren, aß nichts und soff abscheulich viel Wasser, -solchen Brand hatte er, und duftete übel. Anfangs wußten wir nie, wo er -gewesen war; später bekamen wir heraus, daß er in einer Destille in der -Nachbarschaft verkehrte, wo es einen tadellosen Harzkäse gab. Außerdem -mußte er noch anderswo verkehren, denn als er einmal wieder einen -ausschweifenden Lebenswandel geführt hatte und ohne Halsband, aber mit -einem Bombenjammer, sehr dreckig und voll von Flöhen heimgekehrt war, -kam ein Herr, gab sein Halsband ab und sagte, Bob pflege öfter bei -ihm zu schlafen; er ginge durch das Gitter, hüpfe auf die Veranda und -von da in das Eßzimmer, wo er auf dem Sofa schlafe. Als wir Bob nach -Details fragten, wurde er grob, wie immer in solchen Fällen, denn das -fand er taktlos. - -Er war in jeder Beziehung merkwürdig. Er trank nur aus einem Glase. -Wenn man ihn fragte, er solle zusehen, ob oben jemand zu Hause wäre, -lief er die Treppe hinauf, hängte sich an den Klingelzug und läutete, -daß das Haus bebte. Wenn er ganz fest schlief und man flüsterte: -»Brauner Kuchen!« so hörte er das sofort, obschon er manchmal tat, als -wenn er stocktaub wäre. Wenn es draußen nichts anderes gab, bog ich -ihm einen Ast herunter und dann hängte er sich daran, schwebte frei in -der Luft und zerrte knurrend eine halbe Stunde lang darum. Er litt an -Zahnschmerzen, und war dann oft sehr verdrossen, denn er hatte sich an -Steinen und Emailletöpfen alle Zähne kaputgebissen; aber als er schon -zehn Jahre alt war, brauchte man nur an einen zentnerschweren Stein -oder an einen Straßenbahnmasten zu klopfen und zu sagen: »Schönes -Steinchen!« und dann versuchte er mit furchtbarem Getöse, das Ding vor -sich herzutrudeln, wie er es vor dem Tore stundenlang mit Emailletöpfen -und Blecheimern zum Vergnügen der Einwohner machte. Niemals aber -brachte er so ein Möbel mit nach Hause; sobald wir in die Nähe der -Stadt kamen, stellte er den Pott in den ersten besten Hausflur. Als ich -jedoch mit ihm einmal verreiste und in eine kleine Stadt kam, wo ihn -niemand kannte, trudelte er seinen Pott durch das ganze Nest und nahm -ihn in das Gasthaus mit. Außerdem fraß er sehr gern Zwetschen, deren -Steine er mit hörbarem Avec aus der linken Maulecke spuckte. - -Als ich ihn kennen lernte, war er ein Augentier; seine Nase brauchte -er höchstens, um sich von der Beschaffenheit der Atmosphärilien, die -dem Erdgeschoß entströmten, wo die Küche lag, zu überzeugen. Er kannte -jeden Freund des Hauses von weitem; wenn er vom Fenster plötzlich zur -Erde sprang und piepend nach der Türe lief, dann wußten wir, daß es -Besuch gab; nie benahm er sich so, wenn der Briefträger kam. Als dann -Muk, der blondgelockte Teckel, einzog, brachte der ihm bei, daß der -Hauptsinn des Hundes die Nase sei, und Bob, den jede Hasenspur und -alle Rehfährten bis dahin völlig kühl gelassen hatten, fand allmählich -Gefallen am Jagen auf der frischen Fährte, trotzdem er damals schon -zehn Jahre alt war. Aber so recht kam er nicht dahinter, fiel jede -neue Fährte an, die die andere kreuzte, bis es ihm zu dumm wurde und -er reuevoll zu seinem Blechtopfe zurückkehrte. Wenn er sich auch -manchmal etwas formlos gab, in einer Beziehung hielt er streng auf die -hergebrachte Sitte. - -Ich hatte später einen Teckel namens Putt Battermann, einen lieben -Hund; ich würde den König und den Kronprinzen von Serbien, Castro, -und andere entbehrliche Gegenstände mit Wonne hergeben, könnte ich -Battermann damit wieder lebendig machen. Dieser Hund hatte eine -eigentümliche Angewohnheit, oder vielmehr, er hatte sie nicht, denn -wenn er ein größeres Geschäft erledigt hatte, machte er nie die -üblichen drei Kratzfüße hinterher. Als Bob das sah, war er starr, ganz -schnell lief er hin und scharrte, um dem dummen jungen Hunde zu zeigen, -was sich gehöre. Aber Battermann erklärte ihm, das habe erstens auf dem -Asphalt keinen Zweck und sei zweitens überhaupt nicht mehr Mode. Was -sollte Bob machen? Gekratzt mußte werden, also kratzte er jedesmal, -wenn Battermann das unterließ, wenn er sich auch nicht mehr bis zu der -betreffenden Stelle hinbemühte. Aber er kratzte. - -Wenn Bob jagdlich gearbeitet wäre, hätte er sich mit Ruhm bedeckt, und -wäre er ein Mensch gewesen, hätte der Erdball unter ihm so gedröhnt, -wie unter dem ersten Napoleon, denn was Furcht war, das kannte er -nicht. In aller Lerchenfrühe nahm ich ihn einmal in den Zoologischen -Garten mit, aber auch nur einmal, denn hätte ich ihn nicht an der Leine -gehabt, so hätte ich einen neuen Löwen kaufen können. Ohne sich zu -besinnen fiel er eine eselsgroße Dogge an, und Bullen auf Weidekämpen -zu hetzen, das dünkte ihm ein harmloses Spiel. Und doch bekam er es -einmal, ich will nicht sagen mit der Angst, aber mit jenem Gefühl der -Hilflosigkeit, das den Menschen befällt, wenn er bergab radelt, die -Pedale verliert und merkt, daß die Bremse versagt. Das war in einer -Gastwirtschaft; da sah er ein großes weißes Tier, das ganz sonderbar -roch. Er wollte es totbeißen, aber es nahm ihn auf die Hörner und warf -ihn in den Busch, daß ihm die Rippen krachten. Mit einem furchtbaren -Fluche rappelte er sich zusammen und fiel das Ungetüm wieder an, -aber alle Mühe, die er sich gab, es von hinten zu erwischen, war -vergebens; mit Schaum vor dem Maul und Scham in der Brust schob er ab, -ging in tiefe Grübelei versunken neben mir nach Hause, beachtete die -schönsten Blechpötte nicht und aß nichts zu Abend, denn allzusehr war -sein Selbstbewußtsein zerknittert. Und noch etwas gab es, das ihn mit -Hilflosigkeit erfüllte, ein Floh auf dem Rücken. Dann fühlte er sich -wie Lazarus. Ganz unglücklich war er, piepte jammervoll und schüttelte -sich unter den Ecksofas, bis eine Franse nach der andern den Weg aller -Wolle ging. Sonst kannte er keine Furcht; ein Stock versetzte ihn in -Ärger, die Hundepeitsche in Zorn und die Zwille in schäumende Wut. Aber -Angst? Keine Spur! Dreizehn Jahre wurde er alt und blieb wie er war, -immer lustig, immer frech, immer ein Verehrer der Weiblichkeit. Ganz -plötzlich bekam er Krämpfe und ein Schuß gab ihm ein schnelles Ende. - -Er hat mich viel geärgert und oft in Wut gebracht, wenn er mich durch -Piepen und Kratzen bei der Arbeit störte. Aber viel Freude habe ich -doch an ihm gehabt, und immer denken wir gern zurück an unser Böbchen. - - - - -Der Zaunigel. - - -Außerhalb des Dorfes nach der Heide zu liegt an dem Moorbache ein -Eichenhain. Ein halbes hundert grauer Bauwerke erhebt sich dort, -halb versteckt von dem breiten Astwerke der alten Eichen. Es sind -die Schafställe und Scheunen der Bauern, kunstlose, strohgedeckte -Fachwerkbauten, deren Wände graues Flechtenwerk und gelber Lehmbewurf -bildet und deren Grundbalken auf dicken Findlingsblöcken liegen. - -Dort wohnt auch der Schäfer. Eine mächtige Mauer aus Ortsteinblöcken, -von Moos übersponnen und von Engelsüß und Glockenblumen und Efeu -überwuchert, hinter der sich ein gewaltiger, von Wacholder, Holunder, -Stechpalmen und Schlehen bewachsener Hagen erhebt, grenzt das -Wohnwesen gegen die Stallungen ab. Allerlei Getier haust hier; in -den Strohdächern brüten Rotschwanz und Ackermännchen, auch ein paar -Schleiereulen und ein paar Käuzchen hausen dort, unter den Scheunen -haben es Spitzmaus und Waldmaus gut, Kröte und Ringelnatter, und nicht -minder Wiesel und Iltis. Auch Igel sind hier immer anzutreffen. - -Der Schäfer läßt sie gewähren. Sie mögen ihm wohl ab und zu ein Ei oder -ein Kücken fortnehmen, dafür halten sie aber auch die Mäuse kurz. So -treiben sie denn ungescheut schon am späten Nachmittage im Garten oder -auf dem Hofe oder unter den Eichen ihr Wesen, und Wasser und Lord, -die beiden alten Hunde des Schafmeisters, kümmern sich nicht mehr um -sie; nur Widu, der junge Hund, ist noch etwas albern und quält sich -dann und wann ein Viertelstündchen mit einem Igel ab, um schließlich -mit zerstochener Nase das Spiel aufzugeben. Auch heute hat er das so -getrieben und hat sich endlich ärgerlich und müde vor den Herd gelegt, -wo er schläft und im Traume das Stacheltier weiter verbellt. - -Der Igel hat noch eine volle Viertelstunde zusammengekugelt dagelegen, -dann hat er sich aufgerollt und ist in das Gestrüpp des Hagens -gekrochen. Er hatte vor, im Garten Schnecken zu suchen, aber der dumme -Hund brachte ihn davon ab. Und nun krabbelt er in dem alten Laube -herum, scharrt in dem Mulm und verzehrt laut schmatzend bald einen -Regenwurm, bald eine Schnecke, dann eine Assel und nun eine dicke -Spinne. Und jetzt geht es wie ein Ruck durch ihn; er hat junge Mäuse -pfeifen gehört. Ein Weilchen noch verharrt er in seiner aufmerksamen -Haltung, dann schleicht er vorwärts, macht einen kleinen Satz und stößt -seine Nase in einen Knäuel fahlen Grases, der zwischen den Ortsteinen -der Hofmauer steckt. Sechsmal stößt er zu, und jedesmal erklingt ein -dünner, schriller Todesschrei. Dann langt er sich die jungen Mäuschen -heraus und schmatzt sie hastig auf. - -Ein Weilchen schnüffelt er noch an dem Mauseneste herum, dann trippelt -er weiter, ab und zu fauchend oder stehen bleibend und sich mit Krallen -oder Zähnen heftig da juckend, wo die Flöhe und Holzböcke ihn am -meisten zwicken. Bald langsam, bald eilig begibt er sich nach dem -Eichenhain. Dort gibt es immer allerlei im Grase, ein Taufröschchen -oder eine fette Raupe, ein Mäuschen oder auch einmal einen jungen -Vogel, der aus dem Neste fiel. Brrr, macht es laut, und ein dickes, -braunes Dings stößt mit hartem Anprall an die blutende Eiche. Es ist -ein Hirschkäfer. Er hat gefunden, was er suchte. Gierig steckt er die -goldgelbe Pinselzunge in den gärenden Saft. Da raschelt es hinter ihm. -Wütend dreht er sich um und spreizt die scharfbewehrten Zangen. Aber -schon hat der Igel ihn gefaßt, ihm den Leib abgerissen, und während der -Kopf des Käfers im Grase liegt und mechanisch die Zangen öffnet und -schließt, knabbert der Igel den dicken Hinterleib vollends auf. Dann -jagt er unter den Schafställen weiter und sucht einen nach dem andern -ab. - -Viel ist heute da nicht zu finden. Einige Spinnen, etliche Käfer, -auch ein gutgenährter Regenwurm, das ist alles. Es ist zu trocken -gewesen den Tag über, die Junisonne hatte es reichlich gut gemeint, -und der Wind ging scharf; das gibt schlechte Jagd. So schiebt denn der -Stachelrock nach dem Bache zu; vielleicht daß sich dort die Jagd besser -lohnt. Unterwegs dreht er jedes Blatt um und scharrt jeden Grasbusch -auseinander, immer prüfend und schnaufend und seine Nase in das Moos -und in die Blätter bohrend und ab und zu sitzend bleibend, um irgend -ein kleines Tier zu verzehren. Einmal bleibt er lange sitzen; er hat -eine alte Maus pfeifen gehört, und vorsichtig pürscht er sich näher. -Jetzt hört er sie dicht bei sich vorüberhuschen. Gleich wird sie wieder -zurückkommen und dann hat er sie. Aber gerade wie er zufahren will, -löst sich ein grauer Schatten von der Wagenleiter, die Maus quiekt auf -und das Käuzchen streicht, sie in den dolchbewehrten Fängen haltend, -auf die hölzernen Pferdeköpfe des Stalles, und der Igel hat das -Nachsehen. - -Mürrisch begibt er sich weiter. Ein Kieferschwärmer, der am Nachmittage -die Puppe verlassen hatte und sich, nachdem er seine Schwingen fertig -gereckt hat, nun zum ersten Fluge rüstet, verschwindet unter den -spitzen Zähnen. Ihm folgt eine Ackerschnecke; von der dicken schwarzen -Schnecke, auf die der Igel stößt, wendet er sich aber mit Ekel ab. Sie -riecht abscheulich und schmeckt scheußlich. Aber das laute, rollende -Flöten da in dem anmoorigen Sande am Bachufer, das lockt ihn. Ein -schnelles Getrippel, ein fester Stoß, und schon ist die Maulwurfsgrille -erledigt. Weiter geht es am Bachufer entlang. Halt, hier hebt sich die -Erde. Etwa ein Maulwurf? Das wäre kein schlechter Fang. Oder gar eine -Wühlmaus? Das wäre noch besser. Ganz vorsichtig schiebt er sich voran. -Lange muß er lauern, ehe die Erde sich wieder rührt, aber schließlich -kann er zufahren. Er stieß zu kurz. Mit jähem Ruck wirft sich die -schwarze Erdwühlerin in den Bach, daß es plumpst, und nach einer langen -Besinnungspause wendet sich der Igel wieder den Eichen zu. - -Hier ein Mistkäfer, da eine Raupe, dort ein Brachkäfer und daneben ein -Regenwurm, das wird so nebenbei alles mitgenommen. Aber was ist das da, -was sich da im Grase fortschiebt? Der Igel sträubt die Kopfstacheln, -steckt die Nase vor, rollt sich halb auf und trippelt so auf die Beute -los. Jetzt ist er bei ihr. Zß, geht es, und einmal, zweimal, dreimal -fährt die halbwüchsige Kreuzotter gegen seinen Stachelpanzer. Ein -viertes Mal noch, dann aber nicht mehr. Er hat sie überrannt, hat sie -mit den Kopfstacheln an den Boden gequetscht, hat mit den Zähnen ihren -Hinterkopf gefaßt, und während sich ihr Leib in wilden Kreisen dreht, -zerkaut er erst den Kopf und schmatzt ihn hinunter und läßt den Leib -hinterdrein wandern. Nach einem Viertelstündchen verschwindet auch die -äußerste Schwanzspitze, die sich immer noch windet, in seinem Rachen. - -Vorläufig ist er nun satt. Spaßeshalber faßt er noch einen großen -Taufrosch, der ihm dicht vor die Nase hüpft an das Hinterbein, aber -gerade als der arme Frosch seinen schrillen Todesschrei hören läßt, -gibt ihn sein Bezwinger frei und der Frosch springt in gewaltigen, -ungeschickten Sätzen ab. Ganz furchtbar eilig trippelt der Igel -nach dem Weißdornbusch hin, der sich neben einem der Schafställe -spreizt. Der leise Luftzug weht ihm von da eine Kunde zu, die ihn -ungestüm vorwärts treibt. Ohne eine Pause zu machen, trippelt er in -schnurgerader Richtung weiter, und gerade als die Dorfuhr ausholt um -die zehnte Stunde zu verkündigen, gerade als des Nachtwächters Horn -hohl an zu heulen fängt, langt der Igel vor dem Busche an. - -Da ist noch ein Igel, ein dicker, großer Igel, der eben einen langen, -dicken Tauwurm hübsch langsam aus seiner Erdröhre herauszieht. Wie -besessen stürzt der erste Igel auf ihn zu. Blitzschnell wendet der -andere sich um und beißt nach ihm. Verdutzt bleibt der erste sitzen, -dann nähert er sich wieder dem anderen. Wieder setzt es einen Hieb, -wieder gibt es eine Verlegenheitspause, und so zehnmal und noch -zehnmal. Und dann schlägt der erste Igel eine andere Taktik ein. -Schnaufend und fauchend trippelt er um den anderen und versucht, -sich ihm von hinten zu nähern, dieser aber dreht sich schnaufend und -fauchend fortwährend im Kreise herum und wehrt jeden Annäherungsversuch -mit einem blitzschnellen Bisse ab. Schließlich sitzen sie sich beide -gegenüber, daß ihre Schnauzen sich fast berühren, und verschnaufen, -der Igel überlegend, wie er sich wohl beliebt machen könne, die Igelin -immer zur Abwehr bereit. - -Bisher war der Igel immer von rechts nach links um seine Auserkorene -herumgetrippelt; jetzt versuchte er es in der umgekehrten Richtung. So -muß auch die Igelin von links nach rechts sich im Kreise drehen. Wenn -er sie zehn- oder zwölfmal umkreist hat, wird er plump vertraulich. -Dann setzt es von ihr aus einen Schmiß. Verdutzt bleibt er dann -sitzen und überlegt den Fall, und sie bleibt auch sitzen. Sie sehen -sich mit ihren kleinen schwarzen Augen an, Nase an Nase, bis er wieder -Mut bekommt und von neuem um sie herumtrippelt, jetzt von links nach -rechts, nach dem nächsten Hiebe von rechts nach links, dann wieder -umgekehrt und so weiter. - -Elf Uhr schlägt die Turmuhr; elfmal heult des Wächters Horn. Immer noch -murksen und fauchen die beiden stachligen Liebesleute umeinander herum. -Es wird Mitternacht; das sonderbare Karussel ist noch immer im Gange. -Es schlägt ein Uhr; er ist noch immer nicht müde, sie zu umwerben, und -ihre Sprödigkeit hält immer noch an. Es schlägt zwei Uhr; noch immer -trippelt er fauchend und pustend um sie herum, bald von rechts, bald -von links, und nach jedem Hiebe, den sie ihm versetzt, hält er inne -und überlegt, ob es nicht besser sei, ihr von der andren Seite zu -nahen. Eine halbe Stunde bleibt der Jagdaufseher bei dem Paare stehen -und lacht und schüttelt den Kopf, bis die Helligkeit im Osten ihm -sagt, daß es Zeit für ihn werde, nach dem Moore zu gehen. Schon singt -der Rotschwanz von dem Dachfirst, die Schleiereule sucht ihr Loch am -Giebel, der Igel und die Igelin tanzen immer noch ihren sonderbaren -Reigen; erst als die Amsel zeternd zur Regenwurmsuche ausfliegt, -verschwindet sie unter dem Stalle und er folgt ihr nach. Als der -Schäfer die Schafe ausläßt, hört er unter dem Estrich das Gefauche und -Geschnaube und ruft dem jungen Hunde zu: »Widu, bring sie zur Ruhe!« -Aber Widu mag nicht; er hat von gestern genug. - -Der Juni geht hin und der Juli auch. Als die Frau des Schäfers den -Komposthaufen auseinander stößt, findet sie in einem Haufen welken -Grases fünf kleine, rosige, weißstacheliche Dingerchen neben der alten -Igelin liegen. Nachmittags will sie sie ihrem Manne zeigen, aber sie -sind nicht mehr zu finden. Die Igelin hat ihre Jungen verschleppt. -Unter dem alten Schlehbusche hat sie ihnen ein neues Nest gekratzt und -sie warm zugedeckt. Da säugt sie sie tagsüber, aber nachts treibt sie -sich im Garten umher und frißt sich an Schnecken und Würmern dick, -scharrt Mäusenester aus und fängt junge Frösche, schont auch die -junge Brut der Rotkehlchen, trotz des Gezeters der Alten, nicht und -nimmt auch die junge Amsel mit, die ihr in den Weg tolpatscht, wie -sie denn auch mit den nackten Wieselchen, die sie aufstöbert, nicht -viel Federlesens macht. Sogar die große Wanderratte, die sich in dem -Schlageisen gefangen hatte, muß daran glauben; trotz ihres Strampelns -und Quietschens wird sie totgebissen und bis auf Kopf, Fell und Schwanz -aufgefressen. - -Nach vier Wochen führt die Igelin ihre fünf Kleinen aus. Eines Abends, -als der Schäfer vor der Türe sitzt und seine Pfeife raucht, raschelt -es hinter dem Brennholze und da kommt erst schnaubend und prustend -die Igelin angetrippelt und hinter ihr wackeln die fünf Kleinen. Der -Schäfer ist ein ernster Mann und lacht selten; heute aber muß er doch -lachen, denn es sieht zu putzig aus, wie die kleinen Dinger hinter der -Alten herbummeln, überall kratzen und scharren und ihre Nasen in alle -Löcher am Boden stecken, oder hastig hineinrennen, wenn die Mutter -einen tüchtigen Wurm bloßgescharrt hat und ihn sich von den Kleinen -fortnehmen läßt. Seit der Zeit ist es für den Schäfer und seine Frau -ein Hauptvergnügen, den Igeln zuzusehen, und damit sie nicht gestört -werden, wird Widu jeden Abend angelegt. Auch allerlei Eßbares legt -der Mann den Igeln hin; Butterbrot verschmähten sie, aber frisches -Fleisch nahmen sie gern, und auch kleine Fische, die der Schäfer für -die Hechtangeln gefangen hatte. Als der Schäfer sah, daß die Igelin -sich immer so viel kratze, fing er sie, und als er fand, daß sie voller -Ungeziefer saß, salbte er sie mit der Schmiere, mit der er seinen -Schafen das Ungeziefer vertrieb. Seitdem gab sie das Kratzen auf. - -Mittlerweile wurden die kleinen Igel immer größer, hielten auch nicht -mehr zu der Alten, sondern gingen ihre eigenen Wege, und wenn sie der -Alten begegneten, wurden sie von ihr weggebissen. So wanderten sie denn -aus; der eine in die Heidberge, der andere in die Eichen, der dritte -in den Wiesenbusch, noch einer in das Dorf und der letzte nach dem -Immenzaun, und wenn der Schäfer einen von ihnen antraf, denn er kannte -sie gleich wieder, weil er ihnen allen, dem einen am Kopfe, den andern -hier oder da am Rücken, ein Büschelchen Stacheln abgeschoren hatte, -dann zeigte er sie den Leuten und sagte: »Das ist einer von meinem -Hofe.« Bis in den Herbst hinein sah er bald hier, bald da einen von -seinen Igeln, und sogar im Februar, als nach einem leichten Schnee die -Sonne schön warm schien, traf er die alte Igelin am hellen Nachmittage -vor der großen Hecke am Immenzaun, und nahm sie mit und setzte sie in -den Schafstall, und als im März die Sonne die Oberhand bekam, traf er -fast jeden Abend einen Igel an im Garten, auf dem Hofe oder unter den -Eichen und hatte sein Vergnügen an ihnen. - -Eines Tages aber kam eine Zigeunerbande zugewandert und der Vorsteher -wies ihnen die Heide bei den Eichen als Lagerstätte an. Während die -Männer sich überall herumtrieben und die Weibsleute wahrsagen gingen, -zogen die Jungens auf die Igeljagd. Sie hatten Stöcke, an denen oben -ein langer, dicker, spitzgefeilter Draht befestigt war, und damit -stachen sie in alle Laubhaufen, Hecken und unter die Schafställe. Ab -und zu quietschte es und einer von den Bengeln zog einen aufgespießten -Igel aus seinem Verstecke, den er dann totschlug. - -Abend für Abend saß der Schäfer auf der Bank vor der Tür und wartete -auf seine Igel. Er sah sie nie wieder. - - - - -Jakob. - - -Mitten im Bruche stand eine gewaltige, hochschäftige, breitkronige -Kiefer, ein Wahrbaum für die ganze Gegend. - -In ihr horstete Jahr für Jahr ein Kohlrabenpaar und erfüllte im April -das Bruch mit seinen rauhen Balzrufen. - -Ab und zu versuchten Schreiadler, Wanderfalken oder Habichte den Raben -den Horstbaum abzutreiben, aber die Raben hatten zu grobe Schnäbel und -blieben stets siegreich. - -An einem schönen Junimorgen kam ein junger Jäger unter dem Wahrbaume -her und sah einen fast flüggen Raben im Heidekraute sitzen. Er nahm ihn -mit und verschenkte ihn an Bekannte in der Stadt, die in ihrem Garten -allerlei Tiere hielten. - -Es gab einen großen Aufstand in dem Garten, als Jakob, wie das schwarze -Ungetüm genannt wurde, auf den Rasen gesetzt wurde. Jaköble, der Häher, -war ganz entsetzt, als das großmächtige Rabenvieh seinen Riesenrachen -aufsperrte und ihm auf den Leib rückte; aber schließlich holte er -Futter und stopfte es ihm in den roten Schlund. Auch Jackelchen, die -Elster, kam herangehüpft, sah sich das Scheusal an und als das Gegiere -nicht aufhören wollte, holte sie irgend etwas Eßbares und tat es -vorsichtig in Jakobs unersättlichen Schnabel. - -Jakob war immer hungrig. Was man ihm gab, das war ihm ganz gleich; er -schlang alles hinab. Und wenn man ihn auch gerade gefüttert hatte, -und irgend etwas, das Federn hatte, kam ihm in den Weg, ganz gleich, -ob Jaköble oder Jackelchen oder Adam, der Turmfalke, oder Hans, der -Waldkauz, oder eins von den Hühnern, es wurde angeplärrt. Ja, als -einmal das Stubenmädchen aus Versehen den Flederwisch in den Garten -fallen ließ, hüpfte Jakob sofort heran und schrie nach Futter und -ein anderes Mal machte er den Versuch, einen Federhut, der auf dem -Gartenstuhl lag, zu bewegen, ihm den Hals zu stopfen. - -Eines Nachmittags war die ganze Familie ausgegangen. Vor einer Stunde -war in Jakob, die Dranktonne, wie die Mutter ihn auch noch nannte, erst -soviel hineingestopft, wie nur hineingehen wollte, aber unaufhörlich -hüpfte das gefräßige Ungetier im Garten umher und stieß seinen -Heißhungerschrei aus. Da Jaköble und Jackelchen eingesperrt waren, -damit sie keine Dummheiten machen sollten und Adam, der Turmfalke, in -der Nachbarschaft Besuche machte, plärrte Jakob solange dem Kauze Hans -etwas vor, bis es diesem auf die Nerven ging. Er bequemte sich also -nach seiner Futteranstalt in der Efeuberankung des Aquariumsockels, -holte ein Stückchen Fleisch hervor und hielt es Jakob vor, damit er es -ihm fortreiße, wie es die jungen Eulen machen. Aber Jakob kannte die -Sitten der Eulen nicht und schrie nur noch scheußlicher und da wurde es -Hans zu dumm und er tat, was noch nie eine Eule getan hatte, er stopfte -Jakob das Fleisch in den Rachen. - -Es dauerte sehr lange, ehe daß der junge Rabe fressen konnte und noch, -als er schon beflogen war, krächzte er hinter allem, was eine Schürze -trug oder in Federn gekleidet war, hinterdrein und bettelte um Futter. -Schließlich bequemte er sich aber doch dazu, selber zu fressen und -als er das erst verstand, war nichts mehr vor ihm sicher. Jaköble und -Jackelchen mußten scharf aufpassen, daß sie überhaupt etwas bekamen. -Nur vor Hans hatte Jakob Achtung, denn der konnte seine großen Augen -so seltsam auf- und zuklappen und so gefährlich mit dem Schnabel -klappen. Das merkte sich Jaköble, der Häher bald, und da er mit dem -Kauz gut Freund war, so stopfte er ihm immer den Rest von seinem Futter -unter den Flügel, so daß er sicher vor Jakob dem Großen war. Kam -Jaköble mit einem Fleischbröckchen angehüpft, so lüftete Hans sofort -den Fittich und Jakob mußte zusehen, wie das Fleisch unter Hansens -Achsel verschwand. Ab und zu versuchte er wohl, Hans am Schwanze zu -ziehen, damit er das Fleisch fallen lasse, aber wenn die Eule sich -dann umdrehte, die großen schwarzen Augen aufriß und mit dem Schnabel -klappte, dann fuhr Jakob zurück, als wenn, ja, als wenn eine überreife -Birne neben ihm hingeplatscht wäre. Denn so frech er war, er hatte in -der großen Stadt Nerven bekommen. Wenn eine Tür zuflog, verjagte er -sich und schrie: »Kräcks«. - -Sonst aber war er frech, wie es eben nur ein Kolkrabe sein kann. Er -hatte vor niemand Achtung, als vor dem Besen und vor Hans. Wehe dem -jungen Mädchen, das mit roten Strümpfen in den Garten kam; sie empfing -einen Hieb in die Wade, daß sie noch lange einen blauen Fleck behielt. -Blieb ein Buch im Garten liegen, so las Jakob auf seine Art darin und -die Fetzen flogen überall herum. Erwischte er den Drückschlüssel des -Hausherrn, so stopfte er das dreieckige Loch ganz fest mit faulen -Blättern voll und stand ein Stuhl vor der Tür, so machte er es mit dem -Schlüsselloche genau so. Unglücklich der Hund, der sich im Garten sehen -ließ. Jakob lauerte in seinem Verstecke, bis der Hund vorbeikam. Wupps, -wischte er ihm eins und saß sofort auf dem Tisch oder der Stuhllehne -und der Hund zog mit eingekniffenem Schwanze fort. Katzen kamen nie -mehr in den Garten. Sowie sich eine sehen ließ, um nach jungen Amseln -zu fahnden, machte Adam einen schrecklichen Lärm und Jakob brannte ihr -eins auf das Fell, daß sie wie wahnsinnig über den Zaun fuhr. - -Er saß voller Unarten, aber da er so ulkig war, sah man darüber hinweg, -daß er die Butter aus der Dose hackte oder wenn der Aquariumdeckel -offen stand, fischte. Dann saß er eine ganze Stunde auf dem Rande des -Gefäßes und sobald ein Goldfisch emporkam, erhielt er einen tödlichen -Schnabelhieb und wurde verspeist. Ebenso ging es auch den unglücklichen -Fröschen, die sich in den Garten verirrten und mehr als einmal -erwischte Jakob sogar eine Maus und einmal sogar einen Maulwurf, den er -in die Laube brachte, wo die Familie beim Kaffeetische saß. Jakob legte -seine Beute in den Weißbrotkorb und sagte: »Quatsch!« - -Das war sein Hauptwort. Einmal kam ein Herr und besuchte den Hausherrn. -Als er sich verabschiedete und sagte: »Hoffentlich haben Sie für -Ihre Heidfahrt schönes Wetter!« unkte Jakob dazwischen: »Quatsch, -Quatschquatsch!« Ein anderes Mal kam der Pastor und erzählte, wie -traurig es mit dem Nachbar stehe, der nicht leben und nicht sterben -könne. »Quatsch!« rief Jakob und der geistliche Herr erschrak sich -sehr, denn die Stimme kam unter seinem Stuhle her. Wieder einmal kam -ein junger Geck zu Besuch und stellte seine Angströhre hinter sich auf -den Rasen. Als er sie aufsetzte, rieselte ihm Sand daraus über sein -Pomadenhaar. »Was ist denn das?« lispelte er. »Quatsch!« rief Jakob und -machte ein Gesicht, als könne er kein Wässerchen trüben. - -Immerwege hatte er Dummheiten im Kopfe. Eines Tages ging die Familie -aus und vergaß ihn einzusperren. Auf dem Rasen lag die Wäsche zum -Bleichen. Jakob pflückte sich Kirschen, setzte sich damit auf -die Wäsche und massakrierte die Kirschen, daß der rote Saft nur -so herumstob. Sechs Hemden und vier Unterröcke mußten noch einmal -gewaschen werden. Im Frühjahr wurden Maßliebchen gepflanzt, abwechselnd -rote und weiße. Nach dem Mittagessen gab es ein großes Geschrei: alle -Maßliebchen waren geköpft und Jakob stand vor zwei Löchern, die er in -ein Beet gehackt hatte und besah wohlgefällig seine Sammlung; in dem -einen Loche lagen die weißen, in dem andern die roten Blumen. - -Zu seinem Hauptvergnügen gehörte es, sich auf das Eisen der Harke zu -setzen, wenn die Gartenwege geharkt wurden; dann benahm er sich so -stolz, wie ein Mann, der sich eine Sonntagsdroschke geleistet hatte. -Einmal stellte er sich tapprig dabei an und büßte einen Zeh dadurch -ein. Er plärrte eine halbe Stunde lang und verzichtete fortan auf das -Fahren auf der Harke. Sehr albern benahm er sich einige Tage später. -Er flog auf die schlappe Waschleine und konnte das Gleichgewicht nicht -halten. Ein Vaterunser lang schaukelte er auf der Leine hin und her -und schrie, als zöge man ihm die Federn einzeln aus. Gräßlich dämlich -benahm er sich, als ihm ein Besucher eine Küchentüte über den Kopf -stülpte. Erst saß er ganz begossen da, dann schüttelte er den Kopf wie -unklug, darauf versuchte er Rad zu schlagen und Kobolz zu schießen, -schließlich hüpfte er im Kreise und schlug mit den Flügeln, wie eine -verrückt gewordene Windmühle. Seitdem haßte er alle Tüten. - -Am alleralbernsten aber stellte er sich an, als er den ersten Schnee -seines Lebens sah. Erst machte er ein Gesicht wie eine Kuh, die es -donnern hört. Dann fraß er ein bißchen von dem weißen Zeug. Darauf -warf er Stücke davon in die Luft, kratzte darin herum und schließlich -kollerte er sich darin umher. Plötzlich machte er die Entdeckung, daß -er eiskalte Füße hatte. Er zog den einen Fuß an, aber der andere blieb -kalt. Dann zog er den linken an, aber nun wurde wieder der rechte -kalt. Auf einmal begann er so erbärmlich zu quaken, daß das ganze Haus -zusammenlief. Seitdem haßte er auch den Schnee und ging nicht mehr auf -die Wäsche, wenn sie zum Bleichen im Garten lag. - -Eines Tages hatte er Durst und fand ein volles Glas Bier stehen. Erst -schmeckte es ihm nicht, aber der Durst trieb es hinunter. Als der -Hausherr zurückkam, war das Glas umgeworfen und Jakob war so betrunken, -wie ein Pole am Zahltage. Erst sprach er so schnell, wie er es noch -nie getan hatte. »Quaquaquaquaquatsch«, wohl hundert Male, dann -versuchte er zu krähen, bekam aber den Schlucken. Alsdann versuchte er -geradeaus zu gehen, taumelte aber, wie ein Anfänger beim Radfahren; -dann flog er steil in die Luft und kam mit großem Geflatter und noch -größerem Gekrächze wieder herunter und zwar in einem Rosenbusche, in -dem er so lange herumkrabbelte, bis der Hausherr, der sich halbtot -lachen wollte, ihn erlöste. Darauf versank er in Melancholie, zog den -Kopf ein und stierte eine Weile vor sich hin, um dann wie verrückt -auf die Waschschüssel loszustürzen und diese, als er sie leer fand, -mit Schnabelhieben zu bedecken. Er bekam Wasser und trank so viel, -wie er sonst in einer ganzen Woche nicht trank. Nun überfiel ihn der -Zerstörungskoller und er riß Gras und Blätter ab und sprang dabei -herum, wie ein Mensch, der die Hosen voller Ameisen hat. Und dann -verschwand er und kam erst spät am andern Morgen mit sehr schlechter -Laune, großem Brand und völliger Freßunlust wieder zum Vorschein. - -Als er drei Jahre alt war, war er ein vollendeter Heuchler und ein -gerissener Dieb und wurde deshalb auf das Land verschenkt. Dort führte -er sich aber so übel auf, daß man ihn in einen Käfig sperrte. Aber -selbst das half nichts; wenn die Kücken auf dem Hofe herumliefen, -lockte Jakob genau so, wie die Klucke und sowie eins der Kücken an -seinen Käfig kam, schnappte er zu und zog es hinein. Schließlich trieb -er es so arg, daß man ihn dem Zoologischen Garten schenkte. - -Da sitzt er heute noch, läßt sich von den Besuchern füttern und sagt -zum Dank: »Quatsch!« - - - - -Hausfriedensbruch. - - -Er war von jeher dagegen gewesen, aber sie wollte es gern, und so mußte -er sich fügen; was sollte er machen? - -»Sieh mal, Watschelinchen,« hatte er gesagt, »zu was willst Du in -der Stadt wohnen? Erstens kennst Du niemand dort, zweitens wohnt Dir -allerlei ruppiges Volk vor dem Schnabel herum, diese Radaumacher -von Turmschwalben und dieses gemeine Spatzengesindel; und dann die -Luft! Na, ich sage Dir bloß, Du wirst Dich wundern! Dein schönes -Changierendes ist da bald hin vor dem Ruß. Und was muß man weit -fliegen, um satt zu werden! Hier im Walde hast Du die fettsten -Schnecken und die besten Regenwürmer dicht bei der Wohnung. Und alle -Nachbarn sind nette Leute: der Pirol, so elegant und stolz er ist, Dir -singt er gern etwas vor. Und der Trauerfliegenschnäpper besucht Dich, -wenn Du brütest, Buchfink, Mönch, Schwirrsänger, sie alle sind nett -zu uns. Und ist Dir diese Wohnung nicht groß und hübsch genug, ein -freundliches Wort, und Spitzhack, der Specht, baut Dir eine andere. -Laß uns nur im Walde bleiben.« - -Sie ließ ihn ruhig ausreden wie immer, machte nur die Augen halb zu und -ließ die Flügel herunterhängen; und dann fing sie an: - -»Ja, Dickkopp, das ist ja alles ganz gut und schön. Aber das mit den -Spatzen und Mauerschwalben, das wird nur halb so schlimm sein. Und -das mit dem Ruß auch. Und überhaupt, mein gutes Zeug ist doch immer -gleich hin von dem Brüten und Kinderpäppeln. Und Du hast gut reden von -Unterhaltung hier; was wissen die denn alle hier zu erzählen? Immer -dasselbe langweilige Zeug: daß es bei Markwarts Krach gegeben hat, daß -die Taubersche die Eier hat kalt werden lassen, daß die Amsel kleine -Vogelkinder fressen soll und weiter nichts. Und das ewige Gedudel von -dem Pirol, das hängt mir schon zum Schnabel heraus; immer dasselbe und -immer dasselbe und hinterher dieses alte Geknarre; schließlich geht es -einem auf die Nerven. Du hast natürlich gut reden: Du fliegst hierhin -und dahin und triffst bald den oder bald die, und da hörst Du immer -allerlei Neues und erlebst vielleicht auch mal ein Abenteuerchen, nicht -wahr, Kopp? Ich aber, ich sitze hier in dem engen Loch, brüte mich -dumm und albern und höre und sehe von der Welt nichts. Höchstens, daß -Schnurrjahn einmal vorkommt und mich ein bißchen unterhält. Und die -Wohnung? Ach, Du lieber Himmel! Eng und feucht und voll Ameisen, und -jedes Frühjahr großes Reinemachen, bis man den Fledermausmist heraus -hat, na, ich danke. Und dabei stehen in der Stadt die schönsten, -hellsten, luftigsten Villen frei!« - -Dickkopp sagte nichts mehr. Wenn seine Frau »Kopp« zu ihm sagte und -auf seine kleinen galanten Abenteuer draußen anspielte, dann tat er am -besten, den Schnabel zu halten. Und daß sie außerdem von Schnurrjahn -anfing, diesem alten Poussierstengel, der nichts lieber tat, als -anderer Stare Frauen schön zu tun, das schätzte er nun schon gar nicht. -So sagte er Ja und Amen, und sie zogen in die Stadt. - -Eine Wohnung war bald gefunden. In einem großen Garten lag sie und -hing in einem Zwetschenbaume. Blumenbeete waren da, ein Springbrunnen -zum Baden und Trinken, Rasen mit Regenwürmern, Beete mit Schnecken, -Kirschbäume waren in der Nähe und gar nicht weit davon war am Teiche -eine ungeheure Pappel, der richtige Versammlungsplatz, wie die Stare -ihn lieben, und viel Rohr, im Herbst eine gute Schlafstatt. Dickkopp -war sehr zufrieden und Watschelinchen erst recht. - -Die erste Zeit ging es sehr gut. Er saß vor dem Hause, schlug mit den -Flügeln und sang nach Herzenslust. Sie schlüpfte aus und ein, holte -Hälmchen und Federchen und richtete die Wohnung ein. Heimlich stöhnte -sie zwar ein bißchen, denn das große Haus machte doppelte Arbeit, aber -sie ließ sich nichts merken. - -Bald aber stellten sich allerlei Unannehmlichkeiten heraus. Erstens zog -es in der Wohnung; es war ein richtiger städtischer Schwindelbau; und -durchregnen tat es manchmal auch. Und alle Naselang steckte ein frecher -Spatz seinen Kopf herein, machte faule Witze über Watscheline oder -behauptete gar, sie hätte hier nichts zu suchen. Im Mai, als sie schon -längst Eier hatte, fand sie, als sie vom Baden zurückkam, eine große, -weißbunte Katze an ihrem Hause beschäftigt. Watscheline machte solchen -Lärm, daß der Besitzer des Gartens kam und die Katze herunterschoß; -darüber war sie froh, aber der Schreck lag ihr noch drei Tage in den -Gliedern. - -Allmählich bekam sie auch Nerven. Erst hatte ihr das städtische Leben -Spaß gemacht, aber dieser ewige Lärm der Wagen und der Straßenbahn, -dieses rücksichtslose Schreien und Türenzuschlagen, dieses Ausrufen -und Peitschenknallen, und vor allem das ewige Geschilpe der Spatzen und -das Geschrei der Turmschwalben war auf die Dauer nicht auszuhalten. Und -von allen ihren alten Bekannten sah und hörte sie nichts: noch nicht -einmal Schnurrjahn kam und erzählte ihr, wie es im Walde aussähe. - -Dann gab es noch dieses und das, was nicht schön war. Der Ruß war -wirklich arg; sie brauchte die doppelte Zeit zum Waschen. Und bis sie -sich an die Leitungsdrähte gewöhnte, das hatte auch lange gedauert. Und -niemals konnte sie, wenn sie in den Anlagen Würmer suchte, wissen, ob -nicht so ein Menschenjunges mit der Schleuder oder mit dem Flitzbogen -oder dem Pustrohr ihr zu Leibe wollte. Und die Regenwürmer in der -Stadt waren zäh von dem Schwefelsäuregehalt des Bodens. Und nahm sie -sich eine Kirsche, dann gab es Unfrieden mit den Besitzern. Manchmal -wünschte sie, sie wäre in ihrer alten Wohnung im Walde geblieben, aber -sie wollte ihrem Manne nicht so schnell recht geben, und dann waren ja -auch die Kleinen da, und als die groß waren, da mußte sie wieder sitzen -und brüten. - -Endlich war auch die zweite Brut flügge und nach einigen Wochen -selbständig. Watscheline war froh; sie sah zu, daß sie ihr altes Zeug -los wurde, schaffte sich ein pikfeines, schöngemustertes Reisekleid -an und machte mit ihrem Alten Ausflüge in die Umgegend. Heute war -man am Fluß, wo Tausende von Staren im Krummet Käfer suchten, morgen -besuchte man den Wald und ließ sich vom Spitzhack Specht erzählen, was -dort unterdessen geschehen sei. Der Pirol war schon fort, die Taube -hatte zweimal faul gebrütet, die jungen Fliegenschnäpper waren von der -Eichkatze gefressen, den Häher hatte der Förster totgeschossen. - -Als die Bäume schon mehr gelbe Blätter bekamen, meinte Dickkopp, jetzt -sei es Zeit, zum Süden zu reisen, erst nach der Pfalz, wo jetzt die -schönen Trauben reif wären, dann nach Italien und Spanien, vielleicht -auch nach dem Balkan, und bei gutem Wind auf eine Mittelmeerinsel. -Watscheline war es zufrieden; den letzten Winter, der sehr milde -gewesen war, waren sie im Lande geblieben, aber sie hatten es bereut, -denn es regnete viel, und wenn einmal Frost und Schnee einsetzte, dann -sah es mit der Beköstigung recht mäßig aus. Aber sie meinte, sie müsse -erst noch einmal nach der Wohnung sehen, und Dickkopp stimmte zu. So -flogen sie denn zu ihrer Gartenvilla. - -Schon von weitem sahen sie ihr Häuschen im halbkahlen Baum zwischen -den blaubereiften Zwetschen. Als sie aber näher kamen, saß ein dicker, -frecher, alter Spatz darin und tat so, als ob er immer darin gewesen -wäre. Dickkopp als diplomatisch veranlagter, besonnener Mann setzte -sich oben auf das Dach und sah sich den frechen Kerl von diesem höheren -Standpunkte aus an, überlegend, was da zu machen sei. Watscheline aber -fuhr wie wild auf den Eindringling los. - -»Sie, was soll das heißen? Was fällt Ihnen denn ein? Was machen Sie da?« - -»Ich sitze hier, wie Sie sehen,« sagte der Spatz, und seine Augen -funkelten höhnisch. - -»Solche Unverschämtheit,« zeterte Watscheline los, »er sitzt da in -anderer Leute Wohnung. Machen Sie, daß Sie herauskommen, oder ich -bringe Ihnen Manieren bei.« - -»Sie haben ja selber keine übrig,« ödete der Sperling, »behalten Sie -das bißchen man alleine; ich will Sie nicht berauben.« - -»Mann, Vater,« schrie Watscheline, »hast Du gehört? Das ist doch zu -frech! So ein Prolet! Schmeiß ihn heraus, Dickkopp!« - -»Dickkopp ist gut,« sprach der Spatz, »Dickkopp ist schön, Dickkopp -kann so bleiben.« - -»Lümmel!« dachte Dickkopp, aber da er wußte, daß mit solchem -Asphaltproleten schlecht anbinden ist, versuchte er es erst mit Güte. - -»Entschuldigen Sie, Herr Sperling,« begann er höflich »das ist unser -Haus.« - -»Ihr Haus? So? Ich dachte, es gehörte dem Doktor!« fragte trocken der -Spatz. »Haben Sie es gemietet oder gekauft? Und gleich bar bezahlt oder -was?« - -»Wir haben es vom Frühjahr an mit Erlaubnis des Besitzers bewohnt und -darin zweimal gebrütet und haben so ein historisches Recht darauf.« - -»Historisches Recht ist gut,« meinte der Spatz. »Das sagte die Katze -auch, als sie die Maus fraß. Jetzt bewohne ich es mit Erlaubnis des -Besitzers und beanspruche ebenfalls ein historisches Recht, denn meine -Frau wollte schon früher darin brüten, und auf einmal waren Sie da.« - -»Hätten wir das gewußt, so wären wir zurückgetreten,« meinte Dickkopp -höflich. »Sie hätten sich nur zu melden brauchen. Aber ich denke, wir -einigen uns. Wir haben uns nun so an das Haus gewöhnt. Wir verreisen -jetzt bis zum März, solange können Sie darin wohnen.« - -»Danke schön, sehr liebenswürdig, zu viel der Güte,« höhnte der Spatz. - -Dickkopp stieg die Wut in die Augen, aber er bezwang sich noch: »Und im -März treten Sie es uns dann wieder ab, nicht wahr Herr Sperling?« - -»Dieses nicht, sondern nein,« meinte der. - -»Ja, aber zum Donnerkeil,« schrie Dickkopp, dem die Sache zu dumm -wurde, »sind Sie denn verrückt?« - -»Ich nicht, Sie vielleicht?« tönte es zurück. - -»Heraus mit Ihnen, oder ich mache Ihnen Flügel!« - -»Danke, habe selber welche!« - -»Wollen Sie heraus oder nicht?« - -»Ich ziehe das letztere vor!« - -Wütend hackte Dickkopp von oben nach dem Frechling, der aber kannte -das, zog den Kopf zurück, und als Watscheline so unvorsichtig war und -in das Schlupfloch kroch, faßte er sie beim Hals und kniff sie, daß sie -schrie. - -Rasend vor Wut stürzte Dickkopp vom Dach, kroch in das Haus, fiel über -den Spatz her und hackte gewaltig auf ihn los. Als der Sperling merkte, -daß er an den Unrechten gekommen war, schrie er Mord und Brand, und nun -kamen sie von allen Seiten heran, die Spatzen, und fielen mit Verbal- -und Realinjurien über das Starenpaar her. - -»Solch Prachervolk! Haben im Walde nichts zu fressen und schnurren sich -in der Stadt satt! Sollen hingehen, wo sie hergekommen sind! Bagage! -Kirschendiebe! Schneckenfresser! Und krumme Beine haben sie! Und gelbe -Schnäbel bei ihrem Alter! Kein Wunder, daß sie sich so benehmen! Wartet -nur, wir wollen es Euch beibringen! Euch die bunten Lappen abreißen! -Mit uns wolltet Ihr anfangen! Ihr! mit uns! Na, wartet bloß!« - -»Komm, Dickkopp,« sagte Watscheline, der es ängstlich zumute -wurde, »laß uns fortfliegen. Was sollen wir uns mit dem Gesindel -herumschlagen!« - -Sie erhoben ihr Gefieder und stoben ab. Und als sie draußen über der -Wiese auf dem Telegraphendraht ihre Federn ordneten, rückte die Frau -an ihren Mann heran und sagte: »Dickkopp, im März bauen wir wieder im -Walde, nicht wahr?« - -»Na, siehst Du, Alte,« meinte er, »hab' ich es nicht gleich gesagt. -Aber ihr Frauen wollt nur immer nicht hören!« - - - - -Mein Dachs und meine Dackel. - - -Im April wurde in meiner Wohnung von unbekannter Seite eine Kiste -abgegeben, die einen kleinen Dachs enthielt. In seinem Begleitschreiben -teilte der unbekannte Absender mit, der Dachs sei für meine Hunde -bestimmt. - -Daraus wurde nun selbstverständlich nichts. Erstens einmal des -Jagdgesetzes wegen, zweitens, weil es eine Schinderei gewesen wäre, -die Hunde an dem wehrlosen Tierchen zu arbeiten, und drittens war -es auch viel zu niedlich dazu. Meine drei Hunde, nämlich Bob, ein -kleiner, weißer, scharfer Terrierbastard, ferner Patzel, ein schwarzer, -rotgezeichneter, stichelhaariger Teckel, Inhaber erster Preise, -und sein elf Monate alter, roter, glatter Bruder Battermann, waren -allerdings anderer Ansicht. Jaulend, winselnd, bellend und pfeifend -tanzten sie um mich herum und baten: »Laßt uns doch den Stinker, wir -möchten ihn bloß ein ganz klein bißchen langziehen!« - -Da das Dächschen nicht fressen und saufen wollte, so wurde ein -Gummisauger geholt, eine Bierflasche mit lauwarmer Milch gefüllt, und -nachdem er einige Male durch gellendes Keckern sein Mißbehagen über -den ungewohnten Gummigeruch ausgedrückt hatte, lutschte er kräftig und -anhaltend, während auf der Erde den drei Hunden die Mordlust nur so aus -den Augen leuchtete. Vormittags hatte ich ihn bekommen, nachmittags -lief er schon hinter mir her, wenn ich die Pulle hatte. In drei Tagen -war er ganz an mich gewöhnt und hörte sofort mit Keckern auf, sowie -er meine Stimme vernahm. Dann setzte er sich auf meinen rechten Schuh -und lutschte ruhig und besonnen an meinem linken herum, wenn er nicht -plötzlich zusammenzuckte und mit Zähnen und Branten ein furchtbares -Gemetzel unter seinen Inquilinen anrichtete. Er saß nämlich lebendig -voll von langen, dicken Flöhen und noch dickeren Holzböcken, so voll, -daß sein Bauch ganz wund war. Eine gehörige Schmierkur befreite ihn -aber für immer von dieser Plage. - -Als Schlafraum wurde ihm eine mit alten Decken vollgestopfte Kiste im -Keller angewiesen, in der er so lange blieb, wie es ihm paßte. War das -aber nicht der Fall, dann keckerte er gellend und anhaltend und kratzte -wie verrückt an der Kellertür. Sein Keckern war so durchdringend, daß -eines Nachts das ganze Haus davon wach wurde, so daß ich aufstehen und -ihm eine Flasche machen mußte. Schwach war er übrigens auch nicht. Da -er nachts immer im Keller herumtobte, wurde er abends warm eingepackt -und mit einem Eisengitter zugedeckt, auf das zwei dicke Steine gelegt -wurden. Er murkste aber gegen Morgen so lange in seinem Bett herum, -bis er Steine und Gitter herunter hatte. Aber reinlich war er. Seine -Bedürfnisanstalt hatte er in einer bestimmten Kellerecke, vor der ein -Stein lag, und es war höchst lustig anzusehen, wie er sich mit viel -Mühe rückwärts über den Stein schob. Seine Sprache bestand außer dem -gellenden Gekecker, das er ertönen ließ, wenn er Hunger hatte oder -sich langweilte, in einem lauten Schnauben, wenn man ihm plötzlich zu -nahe kam, wobei er seine Haare sträubte, sich aufblähte und sich nach -Möglichkeit den Rücken zu decken suchte, in einem behäbigen Schmatzen, -wenn er die Flasche bekam, und in einem ärgerlichen Schnarchen, wenn -ihm irgend etwas nicht paßte. - -Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich die Hunde an ihn gewöhnte. -Bob, der schon sehr verständige Terrier, ignorierte ihn, nachdem -ich ihm erklärt hatte, daß Dächschen tabu sei. Patzel sah ihn mit -weißfunkelnden Augen an, war aber zu gut erzogen, um sich an ihm zu -vergreifen. Battermann, der Jüngling, aber raste auf ihn los, sowie -er ihn erblickte, und es gab jedesmal ein großes Theater. Als er aber -einsah, daß der Dachs sich unseres Schutzes erfreute, da fing er an zu -mucken. Er guckte uns nur noch von der Seite an und machte ein Gesicht, -als wenn er sagen wollte: »Wenn Ihr mit solchem Stinker verkehrt, dann -brech' ich allen studentischen Verkehr mit Euch ab.« Nach vierzehn -Tagen hatten die Hunde sich an Dächschen gewöhnt, und ich konnte sie -schon, allerdings nur, wenn ich aufpaßte, mit ihm zusammen lassen. - -Der Dachs war auch gehörig gewachsen, denn er lutschte täglich einen -bis anderthalb Liter Milch aus und wußte sich seiner Haut brav zu -wehren. Nach drei Wochen brauchte ich keine Angst mehr zu haben. Die -Hunde taten dem Dachs nichts und waren froh, wenn er sie in Ruhe ließ. -Er hatte nämlich die niederträchtige Gewohnheit, sie fortwährend in die -Hinterläufe zu beißen, und da sie ihm nichts tun durften, so kniffen -sie peinlich berührt, vor ihm aus, wenn er sich sehen ließ, oder -retteten sich auf Stühle und Bänke. Am traurigsten ging es dem Terrier, -dessen schwarzweiße Kopffarbe mußte den Dachs wohl an seine Mama -erinnern, denn sowie Bob auf der Bildfläche erschien, sauste Dächschen -hinter ihm her und versuchte zu saugen, eine Zumutung, die Bob stets -mit großer Entrüstung und Verlegenheit erfüllte. - -Mit der Zeit gewöhnten sich die Hunde so an den kleinen Grimbart, daß -sie mit ihm spielten, wobei oft Szenen entstanden, daß alle Zuschauer -Tränen lachen mußten. Am lustigsten sah es aus, wenn die Dackel ihn die -Treppe hinuntertrudelten und der Terrier Schleuderball mit ihm spielte, -indem er ihm mit der Nase unter den Leib fuhr und ihn die Treppe -hinaufbugsierte. Battermann dagegen tat nichts lieber, als den Dachs in -den Nacken zu packen und viertelstundenlang herumzuschleppen. Gar zu -gern hätte er ihn gewürgt, aber der Dachs ließ sich nie an die Kehle -fassen, immer schob er den Nacken vor und steckte die Nase weg, und -wenn es ihm der Teckel einmal zu toll machte, dann schlug er um sich, -daß es nur so brummte. - -Den Mai über verlebte ich im Harz, wo Battermann Gelegenheit hatte, -einen Bock zu arbeiten und einen alten Fuchs zu zausen, aber auch die -Staupe durchmachen mußte und seinen lieben Bruder Patzel durch einen -unglücklichen Zufall verlor. Als ich zurückkam, war der Dachs beinahe -stärker als der Teckel und ein ganz unverschämter Brite geworden, der -sich vor nichts mehr forcht. Nun war es höchst lustig anzusehen, wie -Battermann sich zu ihm stellte. Er hatte den Dachs zuerst nicht mehr -in der Erinnerung und fuhr ihm sofort an die Schwarte. Als der sich -aber gehörig wehrte und wir dem Hunde bedeuteten, daß er ihm nichts tun -dürfe, ignorierte er ihn vollständig und ging mir sogar aus dem Wege, -wenn er witterte, daß ich mich mit dem Dachs beschäftigt hatte. Er war -eifersüchtig und beleidigt. - -Eines Nachmittags nun lag ich auf dem Faulbett und las. Da der Dachs -mich fortwährend störte, stieß ich ihn zurück und sah dabei, wie -Battermanns Augen leuchteten. Ich lud ihn ein, bei mir Platz zu nehmen, -eine Gunst, die ich ihm noch nie gewährt hatte. Von diesem Augenblicke -an änderte der Teckel sein Benehmen gegen den Dachs; er hatte -eingesehen, daß er doch der Beste war, und spielte von nun an immer mit -Dächschen. Ihr Hauptspiel war Schliefen. Dächschen schliefte unter das -Faulbett, und Battermann versuchte hinterher zu schliefen. Dächschen -schlug tapfer um sich, Battermann lag fest vor und verbellte standhaft, -bis ihm die Sache zu langweilig wurde und er ihn beim Nacken herauszog, -worauf dann die wilde Jagd unter allen Stuhl- und Tischbeinen her -weiter ging. - -Bis dahin hatte Dächschen noch keine Miene gemacht, zu fressen oder -allein zu saufen, sondern interessierte sich nur für die Flasche. Eines -schönen Tages biß er sich an der Hand eines Bekannten, der ihn neckte, -den letzten Milchzahn aus. Eine halbe Stunde später stürzte er sich wie -rasend auf die Hundeschüssel und fraß den baß erstaunten Hunden ihren -schön geschmälzten, mit Fleischstückchen interessant gemachten Reis -vor der Nase fort. Von der Zeit an interessierte er sich auch lebhaft -für den Garten, murkste in allen Ecken herum, stach unter heftigem -Schnauben und Prusten unter den Efeueinfassungen und im Komposthaufen -und verzehrte schmatzend die fetten Regenwürmer und Salatschnecken, die -er zu Tage förderte, obgleich er tags vorher noch gehacktes Fleisch, -das ich ihm in den Rachen gestopft hatte, mit einer Gebärde tiefsten -Ekels im hohen Bogen ausgespieen hatte. Jetzt aber schlang er alles -hinab, was ihm vorkam; am liebsten nahm er Weißbrot mit Milch, aber -auch kalte Kartoffeln, Fleisch, Brot, Gemüse, rohe Mohrrüben und Obst -verschmähte er nicht, und die Herren Hunde mußten sich mittags beeilen, -wenn sie überhaupt etwas kriegen wollten. - -Je älter und stärker Dächschen wurde, um so unverschämter wurde er. -War er bei mir im Zimmer, so erlaubte er es nicht, daß ich ruhig am -Schreibtisch saß. Immer wollte er, daß man sich mit ihm beschäftigte, -und tat ich ihm nicht den Willen, so biß er mich empfindlich in die -Knöchel. War er gar im Keller eingesperrt, so keckerte er über das -ganze Haus und rappelte derartig an der Kellertür, daß es nicht zum -Aushalten war. Vor den Hunden hatte er schon längst keine Angst mehr. -Er jagte sie im Haus und Garten herum und brachte Battermann durch -sein ewiges Zwicken so in Wut, daß er sich mit einem Wutgeheul auf ihn -stürzte, und ihn nach allen Regeln der Kunst beutelte. - -Schließlich wurde der Dachs so unverschämt, daß nach längerem -Familienrat beschlossen wurde, ihn dem Zoologischen Garten zu verehren. -Er war kaum einige Tage da, so erschien ein Freund unseres Hauses und -teilte uns mit, der Dachs sei mit acht Eskimohunden zusammengesperrt, -die ihn schmählich mißhandelten. Tiefbetrübt eilte ich zum Zoologischen -Garten und stürzte nach den Eskimohunden. Da war kein Dachs, und als -ich den Wärter fragte, lachte der und sagte: »Der? den sollen die Hunde -mißhandelt haben? Umgekehrt war's! Ich habe ihn herausnehmen müssen, er -ließ die Hunde nicht ans Futter. Jetzt sitzt er bei den Affen!« - -Ach du lieber Himmel! dachte ich, denn wie gemein das Affengesindel -ist, das wußte ich. Als ich aber an den Rhesuskäfig kam, da spazierte -Dächschen ruhig und besonnen darin herum, fraß alles, was das liebe -Publikum durch das Gitter stopfte, und die Affen waren auf die höchsten -Akazien geklettert, trauten sich nicht herunter und hatten das Zusehen -gratis und franko. Wagte sich aber einmal einer von ihnen ins Parterre, -dann sauste Dächschen sofort hinter ihm her und stach ihm ganz gehörig -einen. Da er durch seine Erziehung an das Tageslicht und an die -Menschen gewöhnt ist, trieb er sich den ganzen Tag im Käfig herum -und amüsierte das Publikum durch sein fideles Wesen. Er hatte sogar -Radschlagen gelernt, von wem, weiß ich nicht. Die Affen gewöhnten sich -schon etwas an ihn, befolgen aber immer noch den alten Wahlspruch: -»Vis-a-vis is beeter as dichte bi«. Im Herbst war Dächschen halb -erwachsen, hatte sein Winterhaar angelegt und sah sehr stattlich aus. -Aber Dummheiten hatte er immer im Kopf; jeden Morgen, wenn die Affen -aus dem Schlafkäfig in den Freikäfig gelassen wurden und sich auf das -Wasserbecken stürzten, um zu trinken, gab Dächschen jedem von ihnen, -den er erwischte, einen Puff, daß er in das Bassin flog, und wenn die -nassen Affen herauskrabbelten, dann lachte er. - -Diese Beschäftigung genügte aber auf die Dauer seinem ungestümen -Tatendrange nicht, und er begann, den Asphaltestrich aufzureißen, was -er so gründlich besorgte, daß er in den Nebenkäfig gesperrt wurde. Dort -machte er es nicht besser, und so wurde ihm die hochherrschaftliche -Wohnung im Affenhause gekündigt und er mußte im alten Dachshause -Unterkunft suchen, was ihm zuerst durchaus nicht behagte, weil er eine -größere Wohnung gewöhnt war. - -Da die Backsteine und das Gitter seinem Zerstörungstriebe widerstanden, -suchte er sich andere Zerstreuung und die besteht darin, daß er -jedesmal, wenn einer seiner Nachbarn, der Stachelschweine, sich zu -sehr seinem Käfig nähert, ihm einen oder mehrere Stacheln mit großer -Behendigkeit ausrupft, die er dann, hat er gerade nichts Besseres, -ruhig und besonnen zerkaut. - -Heute noch, wo doch schon Jahre darüber hin sind, daß ich ihm die -Flasche gab, kennt er mich und wenn mein Trillerpfiff erklingt, stürzt -er aus seiner Höhle und wartet der guten Dinge, die da kommen sollen. - -Meine lieben Hunde aber sind alle tot. - - - - -Die Zeit der schweren Not. - - -Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem was am Berge lebte, -mißfiel er, alle, Maus und Eichhorn, Has und Reh, Fuchs und Dachs, -blies er in ihre Verstecke und Bussard und Krähe, Meise und Häher -pustete er über den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß es -knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus, die Rinde der -Eiche sprang, still stand der Graben und der Bach verschwand. - -Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande umher, dann verlor er -den Atem. Über den Berg stieg eine Wolkenwand, schwarzblau und schwer, -schob sich über den hellen, hohen Himmel und legte sich tief auf -das Land, bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den Bauch -aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag und eine -Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht, und so noch einmal, -bis alles zugedeckt war im Lande und auf dem Berge und so sauber -aussah und so reinlich, daß die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen -brachte Leben an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die Rehe -wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren aus ihren Gebäuden, -das Eichhorn verließ den Kobel und die Maus das Loch, Bussard, Krähe -und Häher tauchten auf und überall wimmelte es von buntem, lustigem -Kleinvogelvolke. - -Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete Blut und Tod. Der -tauende Schnee ballte sich und brach Äste und Bäume, er knickte die -Fichten und krümmte die Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der -Schnee sich mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der -Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen den Berg. Da -kam die Zeit der schweren Not. - -Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das Eichhorn behalf sich -mit Blattknospen und Rinde, der Hase rückte in die Kohlgärten, der -Dachs verschlief die hungrigen Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten -ab. Übel daran aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem -Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit waren die -Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar die Heide. Buchenknospen -und dürre Halme, trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was -der Berg an Äsung bot. - -Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen ein Reh trafen, da fiel -es ab. Der Hals wurde lang, die Dünnungen tief, rauh die Decke und -immer größer die Lichter. - -Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang, aber alle -Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach dem anderen trat durch die -Eiskruste des Schnees und zerschabte sich die Läufe. In jedem Wechsel -zeichneten sich blaßrote Flecke ab. - -Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter dem Berge auf, -schob sich über den hellen Himmel, legte sich über das Land, riß sich -an den Klippen den Pansen auf und schüttete Schnee auf das Gefilde, -einen ganzen Tag und eine volle Nacht. - -Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln und machte Eis -aus dem Schnee. Noch langsamer, noch vorsichtiger zogen die Rehe dahin, -mit Hälsen, so dünn wie Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und -wo sie zogen, da wurde der Schnee rot. - -Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh am ganzen Berge, das nicht -an den Läufen klagte. Das eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte, -bis es fiel. Ein anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf. -Ein drittes stürzte halb verdurstet in die Quellschlucht und erstarrte -im eisigen Wasser. - -Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da. Sein Tisch war gedeckt, -war reicher beschickt, als zur Maienzeit, wenn alle Mäuse hecken und -das Feld von Junghasen wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden -sein und Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten Meisen -blieb noch Fraß genug übrig, und die Waldmäuse nagten die letzten -Sehnenfetzen von den Knochen. - -Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod seinen Belauf im Berge -ab. Selbst die Hasen schonte er nicht; mancher von ihnen, der sich am -gefrorenen Kohl verdarb, füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu -Tag mehr in die Breite ging. - -Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu Baue. Vor der Dickung -lag ein gefallenes Reh, an dem er sich schon eine Nacht gütlich getan -hatte. Doch als er die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine -seltsame Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert -hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück lag, schnürte er, und -eine geschlagene Stunde dauerte es, ehe er sich ein Herz faßte und -heranschlich. Und da stand er und windete und äugte lange Zeit, und -schließlich schnürte er mit hängender Lunte und angelegten Gehören -mißmutig ab, denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und -einige Deckfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, als die -niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung. - -Aber der Tod ging immer noch durch den Wald und er schlug Stück um -Stück mit harter Hand. Der Fuchs verlor den Mut nicht. Behende trabte -er von Wechsel zu Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke -Fährte stand, und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie -zu halten. Es schneite und schneite und der Wind pfiff böse; er schob -den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, fegte ihn hier zusammen, -kehrte ihn dort fort, verdeckte auf weite Strecken die Rotfährte und -verwischte sie endlich völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs -ab; er nahm die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und -er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen Schneewächte -unterging. Da saß er eine ganze Weile auf den Keulen und dann schnürte -er weiter, hungrig, müde und verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen -ab; sie waren leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er -trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort unten so, wie -oben. - -Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse zu passen. Als er -dort angelangt war, vergaß er alle Mäuse, denn er fand die kranke -Fährte wieder. Eilig, aber behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis -zu dem Fichtenmantel unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn -immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den Fichten, da fuhr -er wie besessen heraus und stob in das Feld zurück. Denn in den Fichten -war es nicht geheuer. Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als -wenn ein Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft und -geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen und zu schnarchen -vermag. - -In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der krausen Feldeiche -und überlegte. Dann holte er sich Wind. In weitem Bogen trabte er -am Vorberge entlang, verschwand bei der Quellschlucht im Altholze, -schnürte hoch über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich -vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, kam der -Fuchs bei den Fichten an. Da war es still und einsam. Der Fuchs schlich -näher, den vollen Wind nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam -schlich er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung -entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite Witterung, die -fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die er bei dem gefallenen Stücke -wahrgenommen hatte, das ihm verloren gegangen war, eine unbekannte, -verdächtige, absonderliche, geheimnisvolle, niederträchtige Witterung, -zwar keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich -und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der Ton! Ein Blasen, -Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts oft aus den Ställen bei den -Gehöften kommt. Der Fuchs drehte um und stahl sich davon. Er traute dem -Frieden nicht. - -Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu Bett. Das -Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es lauter in den Fichten, -da krachte es im Schnee, brach es in dem Fallholz, und schwarz und grob -schob es sich aus der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind, -trat dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee krachend -zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind und nahm dann den Fraß an. - -Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel entlang strich, um -eine Maus zu schlagen oder einen Vogel aus dem Verstecke zu klatschen, -rüttelte einen Augenblick neugierig über der kleinen Lichtung, von der -ein lautes, gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt -mit dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von Knochen. Dann -strich die Eule ab; wo es so laut war, gab es für sie nichts zu fangen. - -Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages den Tannenmantel -absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh gelegen hatte, nur noch die -Schalen, einige zertrümmerte Knochen und etliche Fetzen der Decke in -dem zerwühlten, niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte -der von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen. - -Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem Fuchs bescherte er -nicht. Jedes Stück, das Hunger und Hartschnee umwarfen, verschwand im -Gebräche der Sau, so daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war, -die Zeit der schweren Not. - - - - -Des Rätsels Lösung. - - -Waldmann ist unter die Philosophen gegangen. Etwas Rätselhaftes -ist in sein Leben getreten, etwas Mystisches, Unbegreifliches, -Transzendentales. - -Was mag das wohl sein, wovon morgens immer der Hof des Forsthauses eine -so sonderbare Witterung hat? Die Katze ist es nicht, eine Ratte auch -nicht? Also: »Was ist es?« - -Es gibt mehr Dinge zwischen dem Hundehause und der Belaufsgrenze, als -eine Hundenase verstehen kann. Das ist das Ergebnis der philosophischen -Betrachtungen Waldmanns, ein Ergebnis, das ihm seine ganze Gemütsruhe -genommen hat. Es ist ein Tier, aber ein unbekanntes Tier, das eine ganz -andere Witterung hat, als Fuchs und Dachs und Has' und Reh und Hirsch -und Sau, und auch eine andere, als Igel und Wühlratte und Wiesel und -Eichkater. - -Es kommt nachts aus dem Schweinestalle und geht in den Torfschuppen. -Manchmal bleibt es drei Tage aus, aber am vierten ist es wieder -dagewesen. Einmal war es eine volle Woche fort und Waldmann dachte -kaum mehr daran. Dann auf einmal roch wieder der Wechsel zwischen -Schweinestall und Torfhaus so stark danach, daß Waldmann wie toll hin- -und herlief und winselte und kratzte und kläffte, bis der Hegemeister -fragte, ob er nicht ganz klug sei. - -Wenn Waldmännchen mit seinem Herrn im Revier war, vergaß er die -unerklärliche Witterung, draußen gab es immer so schrecklich viel zu -schnüffeln und ab und zu auch etwas zu zausen; heute einen Fuchs, -der die Kugel zu kurz bekommen hatte, und dann ein geltes Tier, das -Waldmann arbeiten mußte, weil Hirschmann, der sich den Vorderlauf -vertreten hatte, zu Hause geblieben war. Das war ein großes Vergnügen, -am Riemen auf der Rotfährte nachzuhängen, und ein noch größeres, -das Stück zu Stande zu hetzen, und das größte, es an der Drossel zu -schütteln, als es im Fangschusse zusammenbrach. Bei solcher hohen -Arbeit vergaß Waldmann das unheimliche Wesen, das Nacht für Nacht auf -dem Hofe umging. - -Sobald er aber in die Nähe des Hauses kam, schoß ihm der Gedanke -daran in den Sinn. Und wenn er noch so hungrig war und die Frau -Hegemeisterin ihn auch noch so gut fütterte, so fuhr er doch zuerst auf -den Schweinestall los, steckte seine Nase zwischen die Planken, kratzte -und winselte, schnüffelte sich dann bis zum Torfschuppen hin, benahm -sich da ebenso, wie beim Schweinestalle und schlich schließlich mit -nachdenklich gerunzelter Stirn und hängender Rute in das Haus, und der -Hegemeister lachte und meinte: »Unser Waldmann hat den Rattenkoller. -Wir wollen Fallen aufstellen!« Und am anderen Morgen schlug sich -Waldmann in der Waschküche zwei dicke Ratten um die Behänge, und dann -schoß er wieder auf den Schweinestall los und fing an zu schnüffeln. - -Eines Abends, als er auf der Sauschwarte vor dem Sessel saß, fuhr -er wie wahnsinnig zur Türe, riß beinahe das Mädchen um, das mit dem -Nachtmahl hereinkam, rannte in den Hof und kläffte und winselte an dem -Torfschuppen herum, bis der Knecht mit der Laterne kam und ihn in den -Schuppen hineinließ. Da schoß Waldmann nun hin und her, sprang an den -Wänden hoch, kletterte über die Törfe, schnaufte in alle Ecken hinein, -bis er von dem Torfmull einen Husten bekam, und zog schließlich, von -dem Hegemeister weidlich ausgelacht, vergrämt wieder ab. Mürrisch lag -er während des Abendessens auf seiner Sauschwarte, und selbst der -Todesschrei der Wurst, wie der Hegemeister es nannte, wenn er der -Mettwurst die Haut abriß, lockte ihn nicht an den Tisch. - -»Lacht mich nur aus,« dachte er, »wer zuletzt lacht, lacht am besten! -Ich habe es deutlich vernommen, daß da etwas auf dem Hofe war, und es -war nicht Müschen, die Katze, und eine Ratte war es auch nicht, und es -war etwas, das ich nicht kenne, das ich noch nicht gewürgt habe. Wer -weiß, ob es nicht ein ganz gefährliches Tier ist, ein Tier, das die -Schweine fressen will oder den Torf. Ich muß aufpassen, daß es kein -Unglück gibt. Herrchen ist ja der klügste Mensch, den ich kenne, aber -gegen uns ist er doch ziemlich dumm, und seine Nase ist auch nicht -besser, als die anderer Menschen, sonst würde er es nicht aushalten, -das Zeug zu rauchen, das ich für den Tod nicht ausstehen kann, und -Apfelsinen zu essen und Bier zu trinken, Dinge, die jeder feinen Nase -entsetzlich sind!« - -Als der Hegemeister in das Bett wollte, sah er, daß Waldmann noch -einmal nach dem Wetter sehen wollte, und er ließ ihn hinaus. Wieder -ging das Hin- und Hergerenne und das Gewinsel los; und als sich der -Hegemeister zu dem Hunde hinunterbückte, um zu sehen, was er an dem -Torfschuppen zu kratzen habe, da sprang Waldmann an ihm empor, pfiff in -den höchsten Tönen und stellte sich an, als hinge das Wohl und Wehe des -ganzen Hauses davon ab, daß die Sache ihre Aufklärung erführe. Und der -Hegemeister ließ ihn in den Schuppen und half ihm oben auf die Törfe; -da lief Waldmann hin und her und machte einen Lärm, wie eine ganze -Meute, bis schließlich ein halbes Hundert Törfe ins Rutschen kamen und -mit dem Hunde dem Hegemeister um die Beine polterten. Und da hieß es -denn wieder: »Nun komm, Waldmann, und rege dich nicht um die albernen -Ratten auf!« Als aber mitten in der Nacht Waldmann mit fürchterlichem -Gekläffe aus seinem Korbe schoß, vom Boden auf den Korbsessel und von -da gegen das Fenster sprang, da wurde es seinem Herrn denn doch etwas -zu bunt, Waldmann bekam einen Pantoffel an den Hals und wurde in einer -Weise angeschnarcht, die ihm durchaus nicht paßte. - -Deshalb muckte er denn auch den ganzen folgenden Tag; er ließ seine -Milch stehen, ging seinem Herrn aus dem Wege und verkniff sich das -Pfeifen und Wedeln, als er mit in den Wald durfte. Um ihn wieder zu -versöhnen, schoß ihm sein Herr eine Eichkatze; aber anstatt sie mit -großem Getöse abzuschütteln und mit Stumpf und Stiel zu verspeisen, -wie er es sonst tat, beroch er sie kaum und ließ sie liegen, und der -Hegemeister schüttelte den Kopf, lachte und sagte nachher zu Hause: -»Der Hund trägt es mir jetzt noch nach, daß ich ihm heute nacht den -Pantoffel an den Kopf warf.« Aber das hatte Waldmann nicht so übel -genommen, als das Anschnauzen und vor allem hatte ihn der Ausdruck: -»Kartoffelkopp« tief gekränkt. So wedelte er beim Abendbrot noch nicht -einmal, als ihm eine Fetthaut von der Leberwurst hingeworfen wurde, und -es dauerte fast fünf Minuten, ehe er geruhte, sie zu verspeisen. - -Er war auch mehr traurig, als wütend. Ist es denn möglich, daß die -Menschen essen und trinken und lachen können, während es draußen -umgeht? Wer weiß, ob nicht schon heute nacht das schreckliche Wesen -sich in das Haus schleicht und irgend ein Unheil anrichtet! Und deshalb -schlüpfte Waldmann, als das Mädchen abdeckte, zur Türe hinaus und war -und blieb verschwunden, ob auch der Hegemeister pfiff und pfiff. Die -ganze Nacht blieb er draußen, bald auf der Schwelle lauernd, bald am -Schweinestalle oder am Torfschuppen schnüffelnd, aber er fand nichts, -und als die Magd in aller Frühe in den Stall ging, schlich Waldmann -sich beschämt in das Haus, kroch unter den Herd und ließ sich erst -wieder blicken, als es etwas zu fressen gab. Der Hegemeister war dann -noch so taktlos, ihn zu fragen, ob er im Dorfe ein Stelldichein gehabt -habe, eine Äußerung, die nicht geeignet war, Waldmann in bessere -Stimmung zu versetzen. - -Eines Tages aber wurde er glänzend gerechtfertigt. Der Knecht kam -herein und sagte: »Wir haben nämlich die erste Neue, Herr Hegemeister, -und ich glaube, der Waldmann der war nämlich klüger als wir alle -zusammen. Vom Schweinestall bis zum Torfschuppen spürt sich nämlich ein -Iltis hin und her. Und nun weiß ich nämlich auch, warum das morgens -auf dem Hofe immer so mulsterig roch und ich glaube nämlich, wir tun -dem Hunde den Gefallen und machen ordentlich Blechmusik, indem das -nämlich der Iltis für den Tod nicht vertragen kann. Bei dem vorigten -Hegemeister wurde das nämlich auch immer so gemacht. Der stellte sich -nämlich mit der Flinte an und wir ließen die Hunde in die Ställe und -machten mit Kasserollen und Sensen Lärm und dann sprang er nämlich, der -Iltis, und entweder wurde er geschossen oder die Hunde kriegten ihn zu -fassen.« - -Der Hegemeister lachte und sagte: »Dann wollen wir das nämlich so -machen.« Und so ging die Geschichte los. Der Knecht und die Line -und sogar die Frau Hegemeisterin nahmen Topfdeckel und zogen in den -Schweinestall, der Hegemeister machte scharf und stellte sich auf dem -Hofe an und Waldmann wurde in den Stall geschickt. Aber als der Lärm -los ging, machte er, daß er fortkam und schlüpfte in den Torfschuppen -und winselte da so lange herum, bis der Knecht ihn hineinließ. Da -stellte sich Waldmann ganz wild an, so wild, wie er wurde, wenn er -eine kranke Sau verbellte, und er scharrte und kratzte an dem Torfe -herum, daß der Hegemeister sagte: »Johann, schmeiß einmal die Törfe -auseinander.« - -Das tat Johann auch und Line mußte derweilen weiter mit den Topfdeckeln -klappern. Auf einmal schrie sie auf, ließ die Deckel fallen, hielt sich -die Röcke zusammen, rannte dem Hegemeister vor den Leib, daß dem die -Pfeife aus dem Munde fiel, und ehe er und der Knecht eigentlich wußten, -was los sei, fuhr etwas Schwarzes zur Türe hinaus und hinterher sauste -Waldmann. Und da hörten sie auch, wie die Frau Hegemeisterin schrie: -»Bravo, Waldmann, bravo! Er hat ihn, er hat ihn! Hu, faß den Stinker, -so recht, so schön, Waldmann!« Als der Hegemeister und der Knecht und -Line auf den Hof kamen, war der Fall schon erledigt. Waldmann stieß den -Iltis, der nur noch ein ganz wenig zuckte, hin und her, schlug ihn sich -noch einmal um die Behänge, trug ihn dann ins Haus und legte ihn auf -seine Sauschwarte, wo er ihn von neuem beroch, bis der Hegemeister den -Iltis aufnahm und dann den Hund abliebelte. - -»Bravo, Waldmann!« Na, das ging Waldmann ja ganz glatt hinunter, aber -er dachte doch bei sich: »Ihr hättet mir viel Ärger und Kummer ersparen -können, wenn ihr eher auf den Gedanken gekommen wäret, daß ich immer -recht habe, wenn ich mich aufrege. Aber euch fehlt eben die Nase und so -kann man euch schließlich nichts übel nehmen.« - - - - -Das Eichhörnchen. - - -Es ist noch ganz grau im hohen Holze. Und ganz still ist es. Der -Nordost, der drei Tage und drei Nächte tobte, hat sich gelegt. Dem -scharfen Nordwest hat weiche Südwestluft Platz gemacht. Das gefällt den -Rehen, die langsamer als in den drei letzten Tagen den Dickungen am -Hange zuwechseln, ab und zu im Schnee nach Obermast plätzend, und dem -Kauz sagt die laue Luft gleichfalls zu; so laut, als wäre es im April, -jauchzt er auf und dann streicht er lautlosen Fluges zwischen den -dunkelen Stämmen der Buchen einher. - -In der dicken, schwarzen Kugel, die in der höchsten Zwille der -langschäftigen Buche schwebt, knistert es leise. Ein halblautes -Schnalzen ertönt von da. Der Fuchs, der leise den Holzweg -hinaufschnürt, verhofft und lauscht empor, aber mißmutig trabt er -weiter. Das ist nichts für ihn. Es hat zwar Haare und keine Federn, es -hält sich zuzeiten auch auf dem Boden auf, aber wenn man denkt, man hat -es, macht es einen Riesensprung und rasselt den nächsten Baum in die -Höhe, wippt mit dem Schwanz und schimpft: »Kwutt kwutt kwuttkwutt,« so -wie das da oben. - -Bei der schwarzen Kugel hoch oben in der Buchenzwille raschelt es -stärker. Die Eichkatze hat ihr Nest verlassen und putzt sich. Ab und zu -hebt sie den Kopf und schnuppert in den Wind hinein. Das Wetter gefällt -ihr. Ein bißchen zu dunkel ist es zwar noch, aber da unten über den -schwarzen Hügeln wird der Himmel schon rot. Und der Hunger ist groß. -Drei Tage und drei Nächte vom eigenen Fette zu leben, das hält nicht -vor. Wer weiß, wie lange das gute Wetter anhält? Dem Februar ist nicht -zu trauen. Morgen regnet es vielleicht schon wieder Schlackschnee und -dann heißt es abermals: schlafen und hungern. - -Die Eichkatze rückt auf dem Aste hin und her, schnuppert an der Rinde, -knappert ein paar dünne Knospen ab, und ist mit einem jähen Satze in -der nächsten Krone. Dünn sind die Zweige und brüchig vom Frost, aber -ehe sie dazu kommen, abzubrechen, sind sie die Last schon wieder los, -federn rasselnd empor und die Eichkatze rennt schon über einen Zweig -in dem folgenden Baume, wirft sich in den vierten, schlüpft einen -dünnen Ast entlang, daß er sich tief biegt und sie in den fünften Baum -befördert, und dann noch ein Sprung und noch einer und sie fällt in den -Wipfel der alten Samenfichte. - -Hastig geht es einen langen Ast hinunter, fast bis in die Spitze. -Schwer beladen war er im Herbste mit langen Zapfen, wenige hängen nur -noch daran. Einen nach dem anderen holte sich das Eichkätzchen und -half sich mit der mageren Kost über manchen strengen Wintertag. Der -ganze Boden unter der Fichte ist besät mit den rostroten Schuppen, -überall ragen die Zapfenquirle aus der Schneedecke hervor und auf den -halbverschneiten Felsbrocken liegen in ganzen Haufen die Überreste der -kärglichen Mahlzeiten. Und zwischen dem Geröll liegen auch allerlei -Knochen, die die Eichkatze auf den Frühstücksplätzen der Holzhauer -fand und hierhin schleppte, um die Fleischrestchen abzunagen und die -knorpligen Enden, und wenn gar nichts Eßbares mehr daran saß, so nagte -es doch jeden Tag aus Langeweile daran herum. - -Der Rehbock, der in Wipfelhöhe der Fichte am Hange hinzieht, macht eine -jähe Flucht und zieht laut schreckend ab, denn vor ihm rauscht und -rasselt es ganz gefährlich. Die Eichkatze hat einen Zapfen losgebissen, -hält ihn im Maule und klettert mit ihm kopfüber den Stamm hinab, ganz -eilig, aber ab und an innehaltend und nach allen Seiten spähend. Dann -ein Sprung und sie sitzt auf ihrem Felsblocke, hoch aufgerichtet, -zur Flucht bereit, falls etwas Verdächtiges nahen sollte. Aber es -kommt nichts Arges. Da hinten ziehen die Rehe durch den rotlaubigen -Buchenaufschlag, ein Hase hoppelt langsam bergan, ein Zaunkönig -schrillt im Geklüft. Schnell dreht die Eichkatze den Zapfen mit den -Vorderfüßen um, die gelben Nagezähne fassen die Schuppen, beißen sie -durch, und hastig nehmen die Lippen ein Samenkorn nach dem anderen -fort. Eben war das Ding noch ein glatter, schöner Tannenzapfen, jetzt -liegt nur noch der Kern hier und rund herum bedecken die Schuppen den -grauen Stein. - -Es ist ganz hell im Holze geworden. Die grauen Stämme schimmern -silbern, die Schneedecke des Bodens leuchtet goldig. Zwitschernd und -pfeifend lärmt ein Flug Zeisige über den Wald hin, der Häher kreischt, -ein Bussard klagt. Die Eichkatze hüpft rastlos unter den Fichten umher, -kratzt hier, scharrt da, schnüffelt dort, macht alle Augenblicke ein -Männchen, heftig mit den langpinseligen Ohren zuckend und die Rute -schnellend, dann ganz regungslos verharrend, und schließlich wieder -hastig über den Boden schlüpfend, jetzt einen Zweig der Knospen -beraubend, dann eine Buchennuß zerknappernd, und nun einen weißfaulen -Ast zerfasernd, in dem die Puppen von Käfern stecken. - -Dann auf einmal rennt sie wie gehetzt zu Tale, ohne auch nur einmal -Halt zu machen, ohne rechts und links zu äugen, und erst am Rande des -Holzes hält sie ein. Da recken einige dicke Eichen ihr graues Astwerk -über dichtem Buschwerk von Schlehe, Weißdorn und Wildrose. Ohne sich -zu besinnen, fährt das rote Tier in das hohe gelbe Gras, springt -hierhin, hüpft dahin, kratzt den Schnee fort, scharrt das Laub auf, -zernagt gierig eine Eichel, verspeist eilig eine Mehlbeere, schält den -Schlehenstein aus seiner Hülle und knackt ihn auf, schärft die Zähne an -einer Abwurfstange vom Rehbock, wie so manches Mal schon, tut sich an -drei Pflaumenkernen gütlich, die im Herbste der Jäger von dem Hochsitze -warf, findet noch eine dicke Brotrinde, einen Apfelkropf mit vielen -leckeren Kernen und zuletzt noch zwei Schweinsrippen mit schönen mürben -Knorpelenden. - -Nun, da der Magen ruhig ist, findet die Eichkatze, daß es ganz allein -ein langweiliges Leben im Walde sei. Die Sonne scheint so schön warm, -da gelüstet es sie nach einem kleinen Spiele kopfüber, kopfunter, -stammauf, stammab. Den ganzen Winter hat sie solche Anwandlungen nicht -gehabt; sie war froh gewesen, wenn ihr keiner von ihrer Sippe in den -Weg kam, denn ob rot oder grau, braun oder schwarz, Weibchen oder -Männchen, Hunger hatten sie alle und so ganz viel gibt es wintertags im -Bergwalde nicht. Aber wenn der Februar auf die Neige geht, dann sehnt -man sich doch nach Gesellschaft und ist froh, wenn man auf eine frische -Fährte stößt, in der Sonne eine rote Lunte leuchten sieht oder auf dem -Geäst das bekannte Gerassel und das liebe Schnalzen und Fauchen hört. -Und so, ganz Ungeduld und Sehnsucht, hopst das Eichhörnchen an der -Holzkante entlang, bäumt zur Abwechslung einmal auf, holzt eine Weile -weiter, geht wieder zu Boden und fährt dort erschreckt zusammen. - -Denn von der anderen Seite kommt auch etwas den Pürschsteig entlang in -schnellen, hastigen Sprüngen. Und jetzt macht es auch Halt. Steif sitzt -es da, ein kohleschwarzes Männchen mit schneeweißer Brust. Prächtig -sieht es aus; die grauen Spitzen der Haare geben dem Balge einen blauen -Schein. Steif sitzen die beiden Eichkatzen sich gegenüber. Ab und an -zuckt eines mit dem Schwanz. Dann schimmert es hier kupferrot in der -Sonne und dort stahlblau. Jetzt macht das schwarze Männchen einen -Satz und sofort schnalzt das rote Weibchen und wendet um. Über den -hellen Schnee und das rote Laub geht die Jagd, in einem Fichtenhorste -verschwindet das Weibchen und fährt wieder heraus, und hinterher saust -der schwarze Verfolger, folgt ihr in die Bachschlucht, rasselt über das -Lufteis, flitzt über die Felsblöcke, hopst die Klippe hinab und prallt -auf eine dritte Eichkatze, eine große, braunrote, deren Balg ganz grau -bereift ist. - -Das fuchsrote Weibchen hängt unten an dem Stamme einer Buche und äugt -regungslos hinter sich. Regungslos sitzen die beiden anderen auf ihren -Keulen, die Vorderpfoten fast bis zu den Schnurrhaaren erhoben, die -Ruten in schönem Schwunge fest an den Rücken gelegt. Sie sitzen und -stieren sich an. Der Specht schilt, der Häher schimpft; sie rühren sich -nicht. Eine Kohlmeise zetert; noch immer sitzen sie da. Da raschelt es -hinter ihnen im Laube. Steil richten sich die beiden Männchen auf, das -Weibchen macht einige Sprünge am Stamme empor, und dann jagen ihm die -beiden Männchen nach, das schwarze und das rotbraune, und noch eins, -ein fuchsrotes mit breitem schwarzen Rückenstrich und dunklem Schwanze, -das der Spur des Weibchens gefolgt ist. - -Specht und Häher und Kohlmeise und Spechtmeise und Zaunkönig schimpfen -mörderlich, denn das ist ihnen denn doch ein bißchen zu viel des Lärms. -Das ist ja beinahe so schlimm wie gestern, als der Nordwest im Walde -herumtolpatschte. Das rasselt und prasselt und klirrt und klappert, -hier fällt ein Zweig, da plumpst ein Ast, jetzt rieseln Tannennadeln -und nun knistern Flechten hernieder, und bald hier, bald da schnalzt -und faucht und quietscht es, jetzt wirbelt es durch die alte Fichte, -nun saust es in der entwurzelten Buche, daß die drei Rehe ganz unruhig -hin- und hertreten und die Dompfaffen schleunigst machen, daß sie -weiter kommen, und dann fährt der Hase, der in seinem Lager unter der -dichtbelaubten Jungbuche am Verdauen war, entsetzt heraus, einen Regen -von Schnee um sich werfend, denn es fiel plötzlich etwas rasselnd in -den Busch. - -Das war die rote Eichkatze gewesen, der es nachgerade zuviel wurde -mit der Anbeterei. Keinen Augenblick hatte sie Ruhe gehabt seit einer -vollen Stunde. Bald war ihr das schwarze Männchen auf den Fersen, bald -das braune, und wenn die beiden sich balgten, dann hatte sie es mit -dem schwarzrückigen zu tun. Wurde der von dem braunen abgebissen, dann -rückte ihr der schwarze auf den Leib, und so ging es in einem fort, -bis es ihr zu dumm wurde und sie sich, als die drei in einem einzigen -Klumpen verfilzt von der einen Seite der Fichte in den Schnee kugelten, -von der anderen Seite in den Buchenbusch fallen ließ. Da sitzt sie -nun, ein bißchen außer Atem, putzt sich, leckt sich und sieht den drei -Männchen nach, die nach drei Richtungen hin im Walde verschwinden. Dann -eilt sie in hastigen Sprüngen auf die Klippenwand zu. - -Das ist ihre Hauptspeisekammer im Winter. Dort steht ein krummer -Lindenbaum, der alle Jahre trägt. Vier alte Nußsträucher spreizen -sich dort unter zwei sturmzerfetzten Samenfichten, und obgleich dort -keine Eiche wächst, so sind in den Felsspalten immer Eicheln zu -finden, die die Häher hierhin vertragen, und die alte Buche wirft -jedes zweite Jahr reichlich Früchte in die Schlucht, die dort vor -den Mäusen sicher sind, weil es dort immer nach Fuchs riecht. Auch -ein Wildapfelbaum schiebt sich aus der Wand, am Ausgange der Schlucht -stehen Vogelkirschen und an Schlehen, Weißdorn und Rosen mangelt es -nicht. Ist es mit der Kost im Walde einmal schlecht bestellt, hier -findet sich immer etwas für den Magen und unter der Felswand gibt es -das Feinste, was der Wald zu bieten hat, dicke, würzige Trüffeln. -Nicht weit davon liegt das Forsthaus, und in dem Garten wachsen Äpfel, -Birnen, Pflaumen, Kirschen und Walnüsse. Ein bißchen lebensgefährlich -ist es dort freilich, denn seitdem der Förster dahinter gekommen ist, -wer ihm seine Birnen zernagt und seine Nüsse fortschleppt, paßt er sehr -auf, doch vor Tau und Tag lebt es sich da herrlich. - -Das wissen alle Eichhörnchen am Berge und darum finden sie dort immer -Gesellschaft, und kaum ist das rote Weibchen dort angelangt, so ist -auch schon ein braunrotes Männchen bei ihm, das ihm eifrig den Hof -macht. Anfangs ziert sich das Weibchen und es gibt eine kleine Hetzjagd -durch Busch und Kraut, über Stock und Stein, aber es ist noch müde von -vorhin und da das Männchen mit seinen Liebenswürdigkeiten nicht abläßt, -wird es quer über die Nase gekratzt und tüchtig in die Lippe gebissen -und zieht schließlich ab. Während der warmen Mittagsstunden turnt das -Weibchen dann bedächtig an der Wand herum und sucht im Laube nach -Eicheln und Buchnüssen. Nachmittags aber, als die Sonne hinter Wolken -verschwindet, sucht es sein nächstes Nest in der gegabelten Fichte auf, -einen weichen, warmen Kobel, den es stets bezieht, wenn es der Abend -hier bei den Klippen überrascht. - -Die Tage kommen, die Tage gehen. Weiches Wetter tritt ein, und die -Eichkatze ist den ganzen Tag in Bewegung. So manchen Käfer scharrt sie -aus dem Laube und findet Raupen und Puppen unter dem Moose. Als sie -dann noch die Fütterung entdeckt, wo der Förster den Rehen Eicheln -schüttet, da geht es ihr besser, als bisher, und ohne sich um die Rehe -zu kümmern, holt sie sich Tag für Tag ihr Teil, schleppt auch manche -Eichel beiseite und stopft sie unter das Moos oder verbirgt sie in -Fels- und Baumritzen. Fällt kalter Regen aus den Wolken oder bläst eine -rauhe Luft, dann verschläft sie einen Tag oder auch zwei, und ist das -Wetter heiter, dann läßt sie sich auch wohl wieder zu lustiger Balgerei -und fröhlicher Hetz mit irgend einem netten Männchen herbei, das ihr in -den Weg läuft. - -Schließlich hörte diese Spielerei auf. Die Männchen laufen ihm nicht -mehr nach und das Weibchen hat andere Sachen im Kopfe. In einer -ganz langen, hochschäftigen Buche baut es ein ganz großes, festes, -dickwandiges Nest. Es gibt sich viele Mühe damit. Fortwährend schleppt -es Moosbüschel, welkes Gras, dürre Würzelchen und trockenes Laub -herbei, filzt Schicht auf Schicht mit den Vorderpfoten zusammen, -dreht sich so lange darin herum, bis die Höhlung glatt und eben ist, -setzt ein dichtes Dach darauf, stopft jede Ritze zu, in die der Wind -hineinschnauben könnte, und läßt nur im Osten ein Schlupfloch, das aber -leicht verschlossen werden kann, wenn der Wind von der Morgenseite weht. - -Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen. Die rote Eichkatze ist jetzt -nicht mehr so oft zu sehen. Ganz früh am Morgen sucht sie nach Nahrung -und in der Abenddämmerung, und gierig fällt sie über alles her, was -sie vorfindet. Jeder Käfer ist ihr recht, jeder Schmetterling wird -mitgenommen. Die Morchel im Laube verschwindet unter den schnellen -Zähnen und die Blütenknospen des Ahorns werden ebensowenig verschmäht, -wie die keimende Eiche und die treibende Buchecker. Magerer noch als -der Winter ist die Frühlingszeit und die Eichkatze hat vierfachen -Hunger, denn in ihrem Neste im Buchenwipfel liegen sechs junge -Eichkätzchen, und deren sechs Mäulchen müssen gestillt sein. Da heißt -es denn: fressen, was zu fressen ist, damit die Kleinen satt Milch -bekommen. - -Je größer sie werden, um so gieriger sind sie, und mit der Kost wird -es nur langsam besser. Maikäfer sind noch nicht da und die Raupen sind -noch gar zu klein. Eicheln und Bucheckern gibt es nicht mehr und die -Knospen sind alle aufgesprungen. Die schlimmste Zeit im Jahre ist es -für die Eichkatze, wenn die Buche ihr Blatt entfaltet. Hunger, Hunger, -immer Hunger, und so dürftige Kost! Bei der Käfer- und Raupenjagd stößt -sie auf ein Drosselnest. Die blauen Kugeln sehen so blank aus, wie -reife Eicheln. Am Ende schmecken sie auch so. Das, was herausquillt, -ist ein bißchen naß, aber schmeckt nicht schlecht, und es stillt den -Hunger. Da ist schon wieder ein Nest. Eier sind nicht darin, nur -nackte Vögel. Sie piepen erbärmlich, und die Alte flattert wild und -schimpft und zetert, aber es ist doch besser, als Baumrinde oder junge -Sprossen und die Hauptsache ist, es sättigt mehr, als das sechsbeinige -Grabbelzeug, das im Moose und Grase herumwimmelt. - -Endlich burren die ersten Maikäfer, die Raupen nehmen zu an Länge -und Dicke und die Grashüpfer werden immer fetter. Nun läßt es sich -allmählich schon leben im Walde. Außerdem liegt an der Waldstraße -ein eingegattertes Stück Land, in dem sind Löcher und darin stecken -Eicheln, die zwar schon stark keimen, aber noch ganz leidlich sind. -Wie die sechs Jungen die Milchzähne verloren haben und auf eigene -Gefahr ihre Nahrung suchen, da gibt es schon allerlei bessere Sachen. -Hier und da findet sich ein leckerer Erdpilz, die Nüsse haben kleine -milchige Kerne, es wimmelt von Raupen, Puppen und Heuhüpfern und die -Roggenähren lohnen schon eine Fahrt zu den Feldern am Waldrande; von -den tiefherabhängenden Hainbuchenzweigen aus lassen sich die Ähren -leicht pflücken und aushülsen. Das herrlichste aber, was der Wald in -dieser Zeit zu bieten hat, das ist der säuerliche, schäumende Saft, der -aus den alten Eichen quillt. Jeden Tag um die elfte Stunde findet sich -die Eichkatze dort ein, jagt die Schmeißfliegen und Hornissen fort, die -sich dort laben, und leckt den gärenden Saft ab, bis ihr ganz sonderbar -im Kopfe wird und sie anfängt, wie unklug hin und her zu springen, zu -schnalzen und mit dem Schwanze zu schnellen, als wäre es Vorfrühling. -Alle Vorsicht und Aufmerksamkeit vergißt sie über ihrem Rausch und wenn -sie sich nicht im letzten Augenblicke in das Gebüsch gestürzt hätte, -so wäre sie in den Fängen des Habichts geblieben, der wie ein Schatten -durch das Geäst fuhr. - -An Gefahren mangelt es überhaupt im Walde nicht. Vor dem Habicht ist -die Eichkatze nie sicher. Mitten im fröhlichsten Hetzspiel griff er -ihren letzten Liebhaber, das kohleschwarze Männchen, und strich damit -ab. Zwei von den Jungen, die noch recht unbeholfen waren, fing an zwei -Abenden nacheinander der Kauz. Dreimal mußte sie sich kopfüber aus -ihrem Neste zu Boden werfen, als der Edelmarder sie fassen wollte, und -einmal hetzte er sie am hellen Tage über eine halbe Stunde lang von -Baum zu Baum, bis sie sich aus der Pappel in den Teich fallen ließ und -sich zitternd im Schilfe versteckte. Aber allmählich ist sie so gewitzt -geworden, daß sie die Gefahr zu meiden weiß. Gleichwohl ging es ihr -ab und zu hart am Leben vorbei. Einige hundert Schritte vom Waldrande -steht ein hoher Birnenbaum im Felde. Der Bauer, dem er gehört, bekommt -niemals eine Birne davon, denn ehe sie reif sind, hat das Eichhörnchen -eine nach der andern durchgebissen und die Kerne verzehrt. Eines Tages -erwischte sie aber der Bauer dabei und schickte seinen Jungen in den -Baum, während er mit dem Hunde unten wartete. Der Junge stieg ihr bis -in den obersten Wipfel nach und schüttelte diesen so lange, bis sie im -Bogen in den Klee flog. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte der Hund -sie beim Wickel gehabt, aber im letzten Augenblicke schlüpfte sie in -das enge Entwässerungsrohr und von da in den Schlehbusch und aus diesem -in den Weizen und kam noch einmal glücklich in den Wald zurück. Seit -der Zeit unternimmt sie ihre Streifen zum Felde immer nur in der ersten -Morgenfrühe, denn die halbreifen Roggen-, Hafer- und Weizenkörner -entbehrt sie nicht gern und am Waldrande finden sich auf dem Raine -überall die Spreuhäufchen, die Reste ihrer Mahlzeiten. - -Die liebste Zeit aber ist ihr der Herbst. Dann ist im ganzen Walde -Futter für ihre Zähne da. Unter den Ahornbäumen und Hainbuchen liegen -massenhaft die geflügelten Kerne, in den Eichen schimmern die Eicheln, -die Haselbüsche tragen schwer und in den Kronen der Buchen reifen die -fetten Nüsse. Dann wimmelt es im Walde von Eichkatzen, die von weit -und breit sich hierher zusammenziehen. Überall am Boden hüpft und -schlüpft es; die fuchsroten Eichhörnchen aus dem Hügellande treffen -hier mit den schwarzen und braunen aus den Fichtenbeständen von den -höheren Lagen des Gebirges, wo es jahrein jahraus weiter nichts gibt -als Fichtensamen. Wenn sie sich dann hier im Mittelbergwalde alle ein -tüchtiges Ränzlein angemästet und ihr leichtes Sommerkleid mit dem -dichten, langhaarigen, graubereiften Winterpelze vertauscht haben, dann -verteilen sie sich wieder und der alte Stamm hat den Wald ganz für -sich. - - - - -Hasendämmerung. - - -Jans Mümmelmann, der alte Heidhase, lag in seinem Lager auf dem blanken -Heidberg, ließ sich die Mittagssonne auf den billigen Balg scheinen und -dachte nach über Leben und Tod. Sein Leben war Mühe und Angst gewesen. -Aber dennoch fand er, daß sein Leben köstlich gewesen war. Auf grünen -Feldern hatte sich seine Jugendzeit abgespielt; seine Jünglingsjahre -hatte er im Walde verlebt; die Jahre seiner männlichen Reife verbrachte -er in der Heide, nachdem ihm Feld und Wald Menschenhaß gelehrt hatten, -und nur, wenn sein Herz sich nach Zärtlichkeiten sehnte, verließ er die -Öde. - -Da lebte er, ein einsamer Weltweiser. Die Äsung war mager, aber es -stand nicht wie beim Klee im Felde und bei der üppigen Wiese im Walde, -die Angst bleichwangig und schlotterbeinig immer neben ihm; in Ruhe und -Frieden konnte er da leben, sorglos im feinen Flugsande des Heidhügels -die rheumatischen Glieder baden und dem Gesange der Heidelerchen -lauschen. - -Mümmelmann fand heute aber doch, daß er etwas Abwechslung in seine -Nahrung bringen müsse. Keine Philosophie der Welt tröstet den Magen -und keine Weltweisheit befestigte die Appetitlosigkeit. Beim Dorfe -gab es jetzt schon junge Roggensaat. Auch brauner Kohl war da, ferner -Apfelbaumrinde, etwas ganz Feines, und der Klee war schon hoch genug, -an den Gräben wuchs allerlei winterhartes Kraut; Mümmelmann lief das -Wasser hinter den gelben Zähnen zusammen. - -Allerdings, so ohne Gefahr ging ein Diner beim Dorfe nicht ab. Fast -immer stöberten Wasser oder Lord oder Widu oder Hektor oder ein anderer -dieser scheußlichen Köter im Felde herum. Der Jagdaufseher hatte im -Felde überall Tellereisen und Schwanenhälse liegen und der Jagdpächter -hielt sich immer in der Nähe des Dorfes mit seinem Schießknüppel auf. -Er war ein bißchen sehr dick und hatte eine trockene Leber, so daß er -sich nicht gern weit vom Kruge entfernte. - -Aber schließlich was kann das schlechte Leben helfen? dachte -Mümmelmann; +einen+ Tod sterben wir Hasen ja doch nur, und besser -ist es im Dampfe dem guten Schützen sein Kompliment zu machen, als vor -Altersschwäche den Schnäbeln der Krähen zum Opfer zu fallen. Und so -machte er sorgfältig Toilette und rückte erst langsam, dann schneller -gen Knubbendorf, wo er bei tiefer Dämmerung ankam. - -Es war eine gemütliche Nacht. Der Schnee war weich und trocken, die -Luft windstill, die Kälte nicht zu stark und der Himmel bedeckt, -so daß Jans und die anderen keine Angst zu haben brauchten vor dem -alten Krischan, dem Armenhäusler und Besenbinder, der mit seinem -verrosteten Vorderlader bei hellen Nächten hinter dem Misthaufen auf -die Hasen lauerte. Es gab ein langes Begrüßen und Erzählen, und so kam -es, daß Jans völlig die Zeit verpaßte und erst lange nach dem ersten -Hahnenschrei, als der Tag schon mit rotverschlafenem Gesicht über die -Geest stieg, nach seiner Heide zurückhoppelte in Begleitung eines -jungen strammen Moorhasen, Ludjen Flinkfoot, seines im letzten Herbst -bei dem großen Kesseltreiben im Feuer gebliebenen Freundes Sohn. Den -hatte er bewogen, mitzukommen; er wollte ihn erziehen und als Erben -einsetzen. - -Als sie aber an den Heiderand kamen, da stutzten sie und machten -Männchen, denn vor ihnen zappelten im Frühwinde lauter bunte Lappen. -Voller Angst liefen sie zurück und scharrten sich, nachdem sie erst -viele Haken geschlagen und Wiedergänge gemacht hatten, in einem -mächtigen Brombeerbusch bei den Fischteichen ihr Lager. - -Inzwischen war im Dorfe großes Leben. Dreißig Männer waren gekommen, -bis an die Zähne bewaffnet, schrecklich anzusehen in ihrem -Kriegsschmuck. Sie waren in den Krug gegangen, aßen und tranken, was es -gab, machten sich mit Pfeifen und Zigarren und auch sonst blauen Dunst -vor, prügelten ihre Hunde, die sich bissen, kniffen allen weiblichen -Wesen unter fünfzig Jahren die Arme braun und blau, erzählten sich -mehr oder minder starke neuaufgewärmte alte Witze und zogen dann los, -die reine Winterluft mit dem Rauch ihrer Zigarren und die Morgenstille -mit dem Geknarre ihrer Stimmen erfüllend und sich freuend über den -klaren windstillen, schönen Tag, der so recht geeignet sei für den -Hasenmassenmord. - -Dicht hinter dem Dorfe wurde der erste Kessel gemacht. Ein Waldhorn -erklang, Schützen und Treiber setzten sich nach dem Zentrum in -Bewegung und das Kriegsgeschrei der rauhen Kehlen dröhnte durch den -Wintermorgen. Da wurden überall graue Flecke im weißen Schnee sichtbar, -die sich zu Pfählen verlängerten, unschlüssig hin und her hoppelten, -wie besessen dahinrasten, und dann knallte es hier, blitzte es da, -rauchte es dort, und ein Hase nach dem anderen rückte zusammen, -wurde kürzer, immer kürzer, blieb schließlich liegen, sprang noch -einmal in die Höhe und lag dann ganz still. Andere schlugen im Dampf -ein Rad, daß der Schnee stäubte, wieder andere liefen wie gesund -weiter und fielen plötzlich um. Und immer enger wurde der Kessel, -immer zerfurchter seine Schneedecke von den Spuren des Hasen und den -eingeschlagenen Schroten, und hellrote Flecke und Streifen, sowie die -dunklen Patronenpfropfen unterbrachen seine Farblosigkeit. - -Ein Leiterwagen nahm die toten Hasen auf, und es ging zum zweiten -Kessel. Und als der abgetrieben war, kam der dritte an die Reihe, -und dann ging es zum Jagdhause vor dem Moore, wo der Wirt mit seinen -Töchtern Bohnensuppe auffüllte und Glühwein einschenkte und Grog. Da -gab es ein großes Erzählen hin und her, so daß Herr Markwart, der -Häher, und Frau Eitel, die Elster, entsetzt abstoben und es weit und -breit herumbrachten, daß die Jäger wieder einmal da wären und schon -hundertundsiebzig Hasen gemordet hätten. - -Mümmelmann hörte aufmerksam zu, als Frau Eitel das Herrn Luthals, dem -Würger, erzählte und er dachte sich: »Wenn sie schon soviel haben, dann -werden die Schinder wohl nicht mehr hierher kommen,« und der flüsterte -Ludjen Flinkfoot zu: »Bleib immer hübsch still liegen, mein Junge, mag -kommen, was da kommen will; wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen, -und wer nicht gesehen wird, den trifft kein Blei.« - -Es kam aber anders: Wieder klang das Horn. »Schwerenot noch einmal,« -knurrte Jans unter seinem bereiften Bart her, »noch ein Kessel? Die -Sonne geht ja schon in ihr Lager. Und ich glaube, die Bande kommt auf -uns zu.« Ein furchtbares Gebrüll erhob sich von allen Seiten, der Boden -dröhnte, Schüsse knallten. Ludjen wollte weg, aber der Alte rief: »Bliw -liggen, du Döskopp,« denn wenn er erregt wurde, sprach er Platt, was -er sich sonst als unfein abgewöhnt hatte, und dann setzte er hinzu: -»Man kann nicht wissen, was passiert. Ich habe so eine Ahnung, als ob -ich die Sonne nicht mehr aufgehen sehen soll. Und nun höre zu: Falle -ich und du bleibst gesund, so rückst du in die Heide, bis du an den -Heidberg kommst, wo die großmächtigen Steine aufeinanderliegen. Da -bist du das ganze Jahr sicher, da kommt niemand hin, als die dämlichen -Schafe und höchstens einmal Reinke Rotvoß, der alte Schleicher; der -erzählt ganz gut, aber halte ihn dir drei Schritt vom Leibe. Einem -Fuchs darf man erst trauen, wenn er kalt und steif ist.« - -Näher kam das Getrampel, dichter folgten die Schüsse, hin und her -flitzten die Hasen, kobolzten von den Dämmen auf das Eis der Teiche und -blieben da liegen. Auf einmal schwoll das Gebrüll noch weiter an: »De -Voß, de Voß!« riefen die Treiber und domm, domm, domm, domm krachte es. -Mümmelmann hörte es in den Brombeeren knistern, etwas Rotes sauste über -ihn fort, dann etwas Schwarzweißes, und dicht vor ihm schlug sich ein -großer Hund den Fuchs um den Kopf. - -»Meinen Segen hat er,« dachte der alte Hase bei aller Angst; doch im -nächsten Augenblicke fuhr er aus seinem Lager, denn ein zweiter Hund -kam an und wollte ihn gerade fassen: »Da löppt noch een!« schrieen die -Treiber. Aber Jans war nicht umsonst bei seiner Mutter, der erfahrenen -Gelke Mümmelmann, in die Lehre gegangen. Er schlug einen Haken über den -anderen und hielt sich immer dicht vor dem Hunde, so daß kein Schütze -zu schießen wagte. Auf einmal aber krachte ein Schuß, die Schrote -schlugen pfeifend auf das Eis, der Hund jaulte auf und wütende Stimmen -erhoben sich. - -»Junger Mann, Sie haben meinen Hund totgeschossen!« brüllte ein dicker -Herr. - -»Ja, was kann ich dafür,« rief der dünne Student, »ich habe ihn nicht -gesehen; was hat der Hund auch im Kessel herumzubiestern?« - -Und der Dicke schrie wieder: »Er sollte den Fuchs apportieren. Der Hund -hat mich dreihundert Mark gekostet.« - -Und der Student rief: »Dreihundert Mark? Na, der Ihnen das abgeknüpft -hat, der wird schön gelacht haben. Ich habe den Hund ja arbeiten sehen; -hühnerrein war er, straßenrein auch, und Hasen hetzte er famos. Und -wenn er auch nicht eingetragen war, ein ausgetragenes Biest war er -doch, und die Rassenmerkmale hatte er innerlich, wie die Ziegen den -Speck, Dreihundert Mark? Lächerlich, Sie meinen wohl Pfennige?« - -So ging es weiter und keiner achtete auf Mümmelmann. Der machte, daß -er fortkam, denn er haßte Zank und Streit. Ihm tat nur Ludjen leid, um -den Jungen hatte er Bange. Es dämmerte schon, als er an den Heidrand -kam und gerade dachte er, er wollte sich um die Lappen nicht kümmern, -da krachte es, und wie zwanzig Peitschenhiebe auf einmal fühlte er es -in Rücken und Keulen. Das war der Jagdaufseher gewesen, der die Lappen -aufrollen wollte. - -Jans fühlte, daß es mit ihm aus war. Aber er kam doch noch vom Fleck -und tauchte in der Dämmerung unter. Ihm war sehr schwach zu Mute, -obgleich er gar keine Schmerzen hatte; nur das Laufen wurde ihm schwer -und das Atmen. Er kam noch bis zu dem alten Steingrab auf Heidberg, und -da wühlte er sich in den weichen Sand, lag ganz still und äugte nach -dem hellen Sternbilde, das über dem fernen Walde stand und ganz wie ein -riesenhafter Hase aussah. - -Als der Mond über den Wald kam, da hoppelte auch Ludjen Flinkfoot -heran. Er hatte, so schwer es ihm bei seiner Angst auch wurde, seines -Oheims Ratschläge befolgt und war gesund davongekommen. Der gute Junge -war sehr betrübt, daß er ihn todkrank fand; er rückte dicht an ihn -heran und wärmte den Fiebernden. - -Als es vom Dorfe Mitternacht schlug, da wurden Mümmelmanns Seher -groß und starr; er sah die Zukunft vor sich. »Der Mensch ist auf die -Erde gekommen,« sprach er, »um den Bären zu töten, den Luchs und -den Wolf, den Fuchs und das Wiesel, den Adler und den Habicht, den -Raben und die Krähe. Alle Hasen, die in der Üppigkeit der Felder -und im Wohlleben der Krautgärten die Leiber pflegen, wird er auch -vernichten. Nur die Heidhasen, die stillen und genügsamen, wird er -übersehen, und schließlich wird Mensch gegen Mensch sich kehren und -sie werden sich alle ermorden. Dann wird Frieden auf Erden sein. Nur -die Hirsche und Rehe und die kleinen Vögel werden auf ihr leben und -die Hasen, die Abkömmlinge von mir und meinem Geschlecht. Du, Ludjen, -mein Schwestersohn, wirst den reinen Schlag fortpflanzen, und dein -Geschlecht wird herrschen von Aufgang bis Untergang. Der Hase wird Herr -der Erde sein, denn sein ist die höchste Fruchtbarkeit und das reinste -Herz.« - -Da rief der Kauz im Walde dreimal laut: »Komm mit, komm mit, komm mit -zur Ruh, zur Ruh, zur Ruhuhuhu!« und Mümmelmann flüsterte: »Ich komme,« -und seine Seher brachen. - -Ludjen hielt die Totenwacht bei seinem Oheim; drei Tage und drei Nächte -blieb er bei ihm. Als er aber nach der vierten Nacht zurückkam zum -Hünengrab, da war der Leib seines Ohm verschwunden, und Ludjen meinte, -die kleinen weißen Hasen wären gekommen und hätten ihn weggeholt zu dem -Hasenparadiese, wo der große weiße Hase auf dem unendlichen Kleeanger -sitzt. - -Reinke Rotvossens Vetternschaft aber wunderte sich, daß der alte -dreibeinige, schwanzlose Heidfuchs, der immer so klapperdürr war, -seit einigen Tagen einen strammen Balg hatte. Er hatte seinen Freund -Mümmelmann bestattet auf seine Art. - - - - -Der Mörder. - - -Die halbe Heide entlang waren alle Förster und Jäger in Aufregung; es -spürte sich ein fremder Haupthirsch. - -Gesehen hatte ihn noch kein Menschenauge. Nach der Uhlenflucht trat er -zur Äsung aus und vor Tau und Tag zog er wieder in die Dickung. - -Der Fährte nach war es ein Hirsch von mehr als dem zehnten Kopfe; -bequem konnte ein Mann die vier Finger der Hand hineinlegen. Es war -eine Fährte, die tief und fest in dem Sande stand; danach gab man dem -Hirsche dreihundert Pfund und darüber. Und weil sie ein ganz anderes -Bild zeigte, viel mehr Zwang aufwies, als die der Standhirsche, so -schlossen die Förster, daß der Hirsch von weit her zugewechselt sein -mußte. - -Dreihundert Büchsen die Heide auf, die Heide ab lauerten tagtäglich auf -ihn; sie lauerten vergebens. Spürte er sich drei Tage in dieser Forst, -morgen war er verschwunden und die rätselhafte Fährte setzte übermorgen -zehn Meilen weiter die Jäger in Verwirrung. Drei Nächte nacheinander -stand der Jäger auf der Schneiße in der wilden Hudewohld und sah das -Kreuzgestell auf und ab; er bekam nur Wildbret zu Blick. Als er sich -schon zum Abgang rüstete, da war ihm so, als stände etwas Böses hinter -ihm. Erschrocken wandte er den Kopf und sah zwei Schritte hinter sich -ein furchtbares Gesicht. Er erblaßte und griff nach der Büchse, aber -da schnaufte es und mit Kling und Klang und Knick und Knack stob der -Hirsch in das Geheimnis des Bruchwaldes hinein. - -Der Jäger starrt hinter der Erscheinung her. Ist das ein Hirsch gewesen -oder ein Gespenst? Er hatte ein Gesicht gesehen über einem schwarzen -Brunfthalse, schrecklich und böse. Quer um die Lichter war ein breiter, -weißer Strich gezogen, und darüber leuchteten und funkelten in der -halben Frühsonne lange, blutrote Spieße. Wie viele es waren, wie viel -Enden der Hirsch trug, der Mann weiß es nicht. Das Herz ist ihm in den -Hals gesprungen, Schwäche ist über seine Kniee gekommen, Eis auf seinen -Rücken, Fieber über seine Stirn und Nebel vor seine Augen. - -Die gespannte, gestochene Büchse in der Hand tritt er in den wilden -Wald. Da steht die Fährte, wie in Erz gegossen, in dem anmoorigen -Boden; leicht nimmt sie vier Finger auf. Ihr zu folgen ist ein Unding; -wohl zieht der Wind nach Wunsch, aber sie steht auf das Postbruch zu, -wo nur Fuchs und Marder lautlos schlüpfen können, wo schon der Bock -laut brechen muß, so viel Geknäck deckt den Boden, so eng verfilzt sind -Weiden und Ellern, Birken und Fuhren durch Risch und Post. - -Vorsichtig schleicht der Jäger das Gestell entlang und umgeht das -Bruch; nirgendswo steht die unheimliche Fährte heraus; der Hirsch -steckt im Bruche. Mit halbem Winde dringt der Jäger auf einem -verwachsenen Altwege in die modrige muffige, schwüle, enge Wildnis -hinein, Schweiß auf der Stirn, Herzklopfen in der Kehle, Durst am -Gaumen, bis er nach einstündigem Schleichen und Kriechen, nach -manchem voll Zittern und Beben gemachten Sprung, nach manchem Bogen -und vielen Pausen vor den großen Windbruch inmitten der Wohld tritt. -Dort tritt so gern das Wild herum, dort schlägt der Hirsch, wie die -geschundenen Stämme zeigen, dort setzt das Mutterwild, dort horstet -der Schwarzstorch in der alten Fichte, dort sonnt sich der Giftwurm -im Grase, dort paßt der Schreiadler auf die Waldmaus. Heute ist die -Blöße blank und leer. Aus dem grünen Risch leuchten die roten Stämme -und verlieren sich in den schwarzen Kronen, zwischen denen blaue Fetzen -Himmel lieb herabsehen. - -An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt sich der Mann an und -harrt mit halbgeschlossenen Augen. Müdigkeit reißt seinen Kopf herab, -er wirft ihn wieder hoch. Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die -ihm seine überreizten Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor -seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, das dort -hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen Fehlblick gewahr -wird. Und wieder werden seine Augen groß, denn da unten schwebt der -Schwarzstorch. Aber es war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn -in der Luft stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren, -Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden Ruf -von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied nahm. Und Wellen -hört er schlagen gegen das Schiff, das ihn der Blonden entführte. - -Aus dem trüben, ernsten, müden Gesichte springen die blauen Augen -heraus, wie blaue Seen aus nächtlichem Nebel. Vernahm seine Seele mit -der Erinnerung das Klatschen der Wellen, das Stampfen des Schiffsrades? -Oder waren es die Ohren, die ihm diese Laute wirklich meldeten? Aber es -ist so still, nur Meisen zirpen fernweg und Hummeln brummen nahebei. -Der Tabak bringt den Nerven Festigkeit. Blau steigt der Rauch empor; -träumende Augen sehen hinterdrein, besinnen sich, rufen sich selbst -zur Ordnung und wandern gehorsam wieder von Stamm zu Stamm, von Busch -zu Busch, langsam und stetig, ohne Hast und Unrast, halb von den Lidern -bedeckt. Sind aber mit einem Rucke voll und groß da, stehen in einem -Gesicht, in dem Hoffnung und Angst sich zanken, in dem der Mund sich -öffnet, um mitzuhorchen. - -Es war kein Traum aus der Burschenzeit, nicht die Erinnerung spülte -vergessene Laute an das Ufer der Gegenwart, es klatscht und stampft -hier in der grünen Wohld. Das klatscht und quatscht und schlappt -und jappt, stöhnt und dröhnt, knackt und klackt, verstummt und hebt -von neuem an, und endlich bricht es in der Dickung, steht, wie in -einem Rahmen, halbrechts, zwischen zwei roten Stämmen unter einem -verschnörkelten roten Aste, von unten gedeckt durch einen dunklen -Busch, der Hirsch, schwarz wie der Satan, eben der Suhle entstiegen, -und äugt aus den weiß umzogenen Lichtern, über denen es blutrot in -der Sonne leuchtet, den Mann an, starr, wie der böse Feind eine arme -Seele. Einen Schlag fühlt der Mann auf dem Herzen, denn er sieht, daß -der Rauch seiner Pfeife stracks dem Hirsch entgegenzieht, aber ehe der -Kolben an der Backe liegt, ist der Rahmen leer und mit Kling und Klang -und Knick und Knack ist die Erscheinung verschwunden. - -Noch an demselben Abend vernimmt der Förster, der eine Meile weiter vor -dem Moore die Hirsche verhört, ein hartes, trockenes, heiseres Röhren, -häßlich anzuhören, und hinterher einen Trenzer, niederträchtig und -gemein, und einen Schrei, hohl und häßlich. So hat hier noch nie ein -Hirsch geschrieen. Der Platzhirsch, der oben in der Moorwiese steht, -wirft auf und zieht langsam vor seinem Rudel her dem Moorwalde zu. Der -Förster hat das Glas vor den Augen und späht das silberne Gatter ab, -mit dem die Birken Moor und Forst trennen. Der Platzhirsch schreit -zornig in den Wald hinein; weiß springt sein Atem vor ihm her. Aus -der Forst kreischt der harte, häßliche Trenzer heraus, hinter ihm -her röchelt ein heiserer, höhnischer Ruf, ein trockenes, boshaftes, -gemeines Röhren, ganz unirdisch klingend, gespenstig, höllisch. Der -Platzhirsch zieht näher an den Moorrand. In dem Walde ist es still, -bleibt es stumm. Rund und voll ruft der Zwölfender sein ehrliches Wort -in das schwarze, mit Silber vergitterte Walddunkel. Es wird ihm keine -Antwort. Unwillig tritt der edle Hirsch den Grund, wirft die Moorerde -mit dem stolzen Geweih empor, zerfetzt damit einen Weidenbusch, schreit -dem Gegner einen verächtlichen Trenzer zu und wendet sich voller -Abscheu ab. Vor ihm her trollt sein Rudel. - -Da fährt etwas aus dem Walde, ein schwarzes, unheimliches Ding, und ehe -der Zwölfender wenden und dem Gegner die Kampfsprossen weisen kann, ist -er überrannt, ist er von hinten niedergeforkelt. Über ihm steht der -schwarze Mörder und stößt auf ihn los. Dumpf klingt es, als schlüge -ein Stock auf einen Mehlsack. Starr steht das Rudel, die Hälse sind -lang, die Lauscher steif, die Lichter weit aufgerissen. Ein blutiger -Fetzen fliegt dem Kopftier an den Hals, noch einer vor die Brust. Es -schreckt und wendet. Aber im Nu ist der schwarze Hirsch mit der weißen -Augenbinde und den roten Stangen vor dem Rudel und forkelt es auf einen -Klumpen zusammen. Dann schreit er in das Abendrot hinein, so häßlich, -so gemein, so tonlos und trocken, wie hier noch nie ein Hirsch schrie, -und treibt das Rudel vor sich her in den Nebel hinein. - -Starr sieht der Förster ihm nach, dann steigt er von dem Hochstand und -geht zu dem geforkelten Zwölfender. Der ist im Verenden begriffen. In -den weit herausgequollenen Lichtern liegt Todesangst. Armslang hängt -das zerfetzte Gescheide aus den zerrissenen Dünnungen heraus. Der -Förster gibt ihm den Fang und lüftet ihn. Dann schreitet er, den Kopf -auf der Brust, heim. Der Oberförster wird Augen machen; am anderen -Morgen sollte der Prinz den Zwölfender weidwerken. - -Der Morgen kommt mit herber Luft; ein Brunftmorgen ist es, wie er nicht -schöner sein kann. Aber weit und breit meldet kein Hirsch, höchstens -röhrt hier und da ein Schneider. Die Platzhirsche sind verschwiegen. -Der Zwölfender tat gestern abend seinen letzten Schrei: er hängt an -der Wildwinde auf dem Hofe der Oberförsterei. Der kapitale Achtender, -der schon zwölf Enden aufwies und auf vierzehn gezeigt hat, sitzt im -Erlenbache und kühlt seine zerschundenen Seiten. Auch ihn überfiel -der Mordhirsch hinterrücks. Der Zehnender aus dem Brandmoore steht im -Stangenort und rührt sich nicht. Der Mörder hat ihm eine Stange in das -Gehirn gerannt und ihm die halbe Besinnung genommen. - -Wäre nicht gerade der Prinz vorbeigefahren, so wäre der Hirsch auch zu -Tode geforkelt worden. Dicht vor den Rotschimmeln sauste der schwarze -Satan über das Gestell, daß die Gäule hochaufgingen. Der Prinz hatte -das Jagen, in dem der Hirsch steckte, umfahren, aber der Mordhirsch war -schneller gewesen und spürte sich schon heraus und in das unwegsame -Bruch hinein. Auf dem Quergestell spürte sich eine frische Rotfährte. -Sie führte zu dem kranken Zehnender. Der stand da stumpfsinnig, an eine -Stange gelehnt, stöhnte und röchelte und schüttelte fortwährend das -Haupt. Über dem rechten Lichte saß ein faustgroßer, rotweißer Klumpen, -die blutige Gehirnmasse, die aus der Forkelstelle herausgequollen war. -Ein Schrotschuß auf den Hals endete die Qualen des Gemeuchelten. - -Acht Tage gingen über das Land. Zehn Meilen umher hatte alles, was den -grünen Rock trug, einen roten Kopf. Aller Jagdneid, jeder Grenzhaß -war vergessen. Der Förster sagte es dem Bauernjäger, der städtische -Jagdpächter dem Förster an, wenn sich der Schadhirsch spürte. Dreimal -hatte man ihn schon hinter den Lappen gehabt, aber nie war er vor die -Schützen gekommen, denn er hielt die Lappen nicht; bevor es hell wurde, -überfloh er sie. Bald hier, bald da erscholl sein heiseres, häßliches -Schreien, aber stets im unwegsamen Bruch oder in der verwachsenen -Dickung, und erst, wenn die Nacht Himmel und Erde verschränkte, trat -er aus und kämpfte auf den Wiesen die Platzhirsche ab. Am hellen -Mittag saßen die Jäger schon auf den Kanzeln, saßen bis in die Nacht -hinein, froren in ihren Pelzen, wenn der Frühwind über das Bruch blies, -sahen wohl schwarze Klumpen, die jäh hin- und herfuhren und im Nebel -verschwanden, hörten den Mörder trenzen und röhren, aber wenn der -Tag kam und die Büsche und Bäume aus dem Nebel zog, dann stand der -Unglückshirsch längst in der sicheren Dickung, oder saß in der Suhle im -wilden Bruche. - -Keine fünfzig Schritte von dem Hochstande, auf dem der Forstmeister die -Nacht verbrachte, forkelte er einen angehenden Zehnender zu Schanden. -Der Forstmeister hörte jeden Laut, konnte den Kampf genau verfolgen, -hatte währenddem die gestochene Büchse unausgesetzt an der Backe, -bereit, trotz des fehlenden Lichtes den Schuß zu wagen. Er hörte das -Brechen der Büsche, das wilde Rauschen im Risch, das Aneinanderprasseln -der Geweihe, das Schnauben und Stöhnen der beiden Kämpen, und er hörte -auch, wie plötzlich hageldicht die Stöße fielen, dumpf dröhnend, wie -Stockschläge auf einen Mehlsack. Dann brach es laut in der Dickung, -dann rief der Schadhirsch seinen trockenen, gemeinen, höhnischen -Jubelruf dem Forstmeister zu, und dann stand die Stille wie eine Mauer -rund um die Wiese. - -Als die Sonne sich durch den Nebel quält, ist die Wiese kahl, wie -eine Mädchenhand; eine einzige alte Ricke äst sich an dem Moorbache -entlang. Unausgesetzt lärmen in der Dickung die Häher. Mit steifen, -kalten Gliedern steigt der Weißbart von der Kanzel. Seine Stirn kraust -sich, wie er auf der zertretenen, zerwühlten, zerrissenen Wiesennarbe -Schweiß findet, dunkelbraunen, trüben Schweiß, Leberschweiß. Die -kranke Fährte führt gerade dahin, wo die Häher zetern und keifen. In -der Lichtung der alten Dickung liegt der Zehnender auf der Seite, die -Läufe weit von sich gestoßen. Der Lecker hängt weit aus dem Geäse, die -Lichter sind gebrochen. Er ist schon seit Stunden verendet. Ein Stoß in -die Leber brachte ihn um. - -Der Forstmeister sendet reitende Boten ab und sein Sekretär steht den -halben Morgen am Fernsprecher. Der Schadhirsch muß sterben. Da alles -Passen und Weidwerken nichts nützte und das Einlappen auch nicht half, -soll der Hirsch bestätigt und vor dem Hunde geschossen werden. Abends -kommen die Schützen an. Dreißig Mann sind es, Förster, Jagdpächter, -Bauern, alles sichere Leute. Sie verteilen sich im Dorfe, denn der -Krugwirt kann sie nicht alle beherbergen. Am andern Morgen meldet der -Fernruf, daß der Hirsch in der hellen Weide fest sei, einem vermoorten, -verwachsenen Birkenwalde. Zu Rad und zu Wagen fahren die Schützen zu -dem Belauf, in dem die helle Weide liegt. Wie die Katzen, so leise, -schleichen sie sich an ihre Stände, und ebenso lautlos treten die -Treiber an. Der Hegemeister legt seinen uralten, lahmen Söllmann zur -Fährte: der einzige Schweißhund weit und breit ist er, der eine gesunde -Fährte arbeitet. Das unterschiedlichste Wild läuft die Schützen an, ein -jagdbarer Hirsch, Wildbret, zwei Sauen, ein guter Bock, der Fuchs; kein -Schuß fällt, denn nur auf den Schadhirsch, den Meuchelmörder, darf der -Finger krumm gemacht werden. Eine Stunde vergeht, da taucht der rote -Hund und hinter ihm das rote Gesicht des Hegemeisters bei den Schützen -auf. Der Hirsch ist nicht vorgekommen. Ein Förster spürt auf dem Rade -die Gestelle rund um das Jagen ab; der Hirsch steckt noch im Treiben. - -Das Jagen wird noch einmal getrieben. Der Hirsch zieht in voller -Deckung am Rande des Treibens entlang. Der Forstmeister läßt das Jagen -noch einmal treiben und geht mit zehn Schützen mit der Treiberwehr. Das -hilft; endlich knallt es. Aber das Horn meldet nicht: »Hirsch tot!« -Er ist vorbeigeschossen. Wie eine Katze, so leise, war er bis dicht -vor einen Schützen gezogen und hatte mit jäher Flucht die Brandrute -überfallen. Zwei hastige Kugeln pfiffen taub hin und her. Alle Mühe, -alle Kosten waren vergebens gewesen. Der Hirsch spürte sich bis in das -Stiftsmoor und dort verlor sich die Fährte. Aber das Treiben hatte er -wohl übel genommen. Sein trockener Schrei ward nicht mehr vernommen in -dieser Gegend. Drei Jahre lang erzählten sich die Jäger die Schauermär -von dem Schadhirsch, der in einer einzigen Brunftzeit sieben gute -Hirsche zu Schanden geforkelt hatte. Wie der Dieb in der Nacht war -er gekommen und gegangen, wohin, das wußte keiner. In den Zeitungen -wurde Nachfrage nach ihm gehalten, aber es wurde nicht bekannt, wo er -geblieben war. - -Ein Mann wußte um das Geheimnis des Mordhirsches. Das war der rote -Hein, der Waldbummler und Tagedieb, der in der Kreisstadt am Tage -Beeren und Pilze verkaufte und des Abends Ricken und Hasen, die er -in den Wäldern gestrickt hatte. Er war am Tage nach der Treibjagd -durch das Rauhe Horn geschlichen, um Schwämme zu suchen und nebenher -nachzusehen, ob sich nichts in den Schlingen gefangen hatte, die -Tags vorher seine beiden Jungens auf die Rehwechsel gestellt hatten. -Als er so durch den verwachsenen Moorwald schlich, sein Fuchsgesicht -gewohnheitsmäßig zu einer recht dummen Grimmasse verziehend, ab und zu -einen Pilz losschneidend und über die Schulter in den Tragkorb fallen -lassend, da war er plötzlich ganz in sich zusammengefallen und hatte -sich geduckt, wie ein Fuchs, der die Maus anspringen will. Das rote -Haar auf seiner sommersprossigen Stirn zuckte hin und her und seine -abstehenden Ohren bewegten sich langsam, denn da vorne ging etwas -Seltsames vor sich. Es stöhnte und ankte dort, als läge ein Mensch im -Sterben. Die Kreuzotter kriecht nicht so leise wie Hein Thomann kroch. -Den Tragkorb hakte er ab, setzte die alte Mütze auf und zog sie tief in -die Stirne, ließ die Schuhe bei dem Korbe stehen, und dann glitt er, -den kurzen Totschläger fest in der Faust haltend, schnell, aber lautlos -näher, jeden Zweig vermeidend, der sein verschossenes Zeug streifen -konnte. Vorsichtig bog er den Weidenbusch zur Seite, hinter dem her das -halblaute Stöhnen erklang, und hob den Stock mit dem Bleiknopfe zum -Schlage. Aber dann fuhr er zurück und sein fahles Gesicht wurde weiß, -denn was er da sah, das war gräßlich. - -Hinter dem breiten, tiefen, steilwandigen Entwässerungsgraben hing -zwischen den beiden Stämmen einer Zwillingskiefer eingeklemmt ein -starker Hirsch mit weißumbänderten, weit hervorgequollenen Lichtern -und heraushängendem Lecker. Die ganze Nacht mußte er schon so gehangen -haben, denn von den Hinterläufen war der braune Boden zerkratzt und -zertreten. Schlaff hing der Hals zu Boden und das Geweih mit den -langen, dicken, spitzen, endenlosen Stangen berührte mit den blutrot -gefärbten Kampfsprossen fast die Erde; schrecklich aufgetrieben war -der Leib des Hirsches. Ein ohnmächtiges Zittern erschütterte ab und zu -seine Decke, matt spielten die Lauscher, krampfhaft zuckte ab und an -ein Lauf, und unaufhörlich kam aus dem weißschaumigen Windfange ein -hohles, trocknes, hoffnungsloses Stöhnen. - -Ein Schauder überlief den Schlingensteller. Er nahm die schmutzige -Kappe ab und fuhr mit der goldhaarigen Hand über die nasse Stirn. Er -hatte nie Mitleid empfunden, fand er ein Reh in der Drahtschlinge -zappeln, das brachte das Handwerk mit sich. Aber dieses hier? Eine -ganze Nacht sterben? Ganz langsam, bei lebendigem Leibe? Der Mann -schüttelte sich. Er zog die Schnapsflasche hervor, tat einen kleinen -Schluck, sah scheu hin und her, und schlich näher. Ein dumpfer Schlag, -das Stöhnen brach; ein Blitz aus der Hand, und in gebogenem Strahl -plätscherte der rote Schweiß aus der Schlagader des Hirsches. Hein -Thomann verstand sein Geschäft; nach drei Stunden war der Hirsch -zerwirkt. Die Knochen und das Gescheide verschwanden im weichen -Schmorboden, bis auf einige schöne Stücke hing das ganze Wildbret an -Weidenruten in die Krone einer dichten Fichte, mit Papierfetzen gegen -Marder und Krähe verblendet, und in einer anderen Fichte hing der -Schädel des Mordhirsches mit dem blutroten Geweih. Drei Nächte lang -schleppte Thomann mit seinem hageren, schwarzhaarigen Weibe und seinen -drei hungerigen Taugenichtsen von Jungens Kiepe auf Kiepe nach der -Kreisstadt. Thomann ging zum Biere und hielt seine Freunde frei, seine -Alte hatte ein anständiges Kleid an und seine Jungens neue Stiefel. - -In einer schlechten Wirtschaft in der großen Stadt, wo bemalte Weiber -an weißen Marmortischen auf Raub lauern, hängt an einem Pfeiler -das hohe, weitausgelegte Geweih des Vierenders, des Meuchlers, -des Schadhirsches, der sich selbst richtete und den langsamen, -schrecklichen Tod starb, den Tod des Mörders. - - - - -Der Alte vom Berge. - - -Hell scheint die Sonne gegen den weißen Berg. Die Buchenjungenden -brennen, der Stangenort lodert, der Fichtenhorst steht in Flammenschein. - -Meisen zwitschern, Goldfinken flöten, Häher schwatzen. Das Geschwätz -bricht ab, setzt als Gezeter wieder ein, flaut ab, schwillt an und -endet in einem schneidenden Gekreische. - -An der steilsten Stelle der grauen Wand, auf dem schimmernden -Schneefleck, leuchtet ein roter Fleck auf. Schimpfend und lästernd -fallen die bunten Vögel in der krummen Linde über der Felsplatte ein, -stellen sich entsetzlich giftig an und stieben ärgerlich keifend ab. - -Einen schiefen Blick schickt ihnen der Fuchs nach; dann reckt er sich, -gähnt herzhaft, reckt sich abermals, fährt zusammen und beginnt sich -heftig mit dem Hinterlaufe hinter dem Gehör zu kratzen, wohlig dabei -knurrend, fährt dann mit dem Fange nach der Keule, flöht sich auch dort -ausgiebig, kratzt sich stöhnend und murrend den Nacken und sitzt dann -würdevoll da, ab und zu den Kopf wendend. - -Vom Vorholze tief unter ihm fallen hastige Axtschläge herauf; es stört -ihn nicht. Das eilige Kreischen der Säge ertönt; ihn kümmert es nicht. -Ein knirschender Laut wird hörbar, dem ein Prasseln folgt, das in einem -dröhnenden Poltern endigt; ihm ist es gleich. Der Berg zittert leise, -dann stärker, ein wildes Gebrüll donnert durch die Luft; auch das läßt -ihn kalt. Die Arbeit der Holzfäller ist er seit sieben Jahren gewöhnt, -und die Sprengschüsse der Steinbrucharbeiter erst recht. - -Auch das Piepsen der Goldhähnchen, das Zetern des Zaunkönigs und das -Trillern der Schwarzmeisen bringt ihn nicht aus seiner Ruhe; vor sechs -Jahren reizte es ihn, einen Versuch zu wagen; jetzt weiß er, daß das -keinen Zweck hat. Er gähnt, reckt sich, kratzt sich abermals, rekelt -sich in der Sonne und hockt dann wieder unbeweglich da. - -Eine ganze Weile sitzt er so, bis die Flöhe unter der warmen Decke -gar zu frech in seinem graubereiften Balge werden und er sie wieder -mit Klaue und Zahn zur Ruhe bringen muß. Aber mitten in dieser -Beschäftigung hält er ein; seine bernsteingelben Seher erweitern sich, -seine schwarzen Gehöre stellen sich aufrecht. - -Da, halbrechts unten, sind sie wieder, die beiden Töne, die er vernahm. -Und noch einmal das Brechen, und noch einmal das Husten. Der Fuchs -steckt wieder die sorglose Miene auf. Es ist nichts, wenigstens -nichts Schlimmes. Ein Mensch zwar, aber ein guter Bekannter, der alte -Oberholzhauer, in dessen tranduftender Fährte sich immer etwas Gutes -findet, ein Endchen Wursthaut, ein Stückchen Butterbrotsrinde, ein -Bückingskopf. - -Ach ja, Wursthaut und Bückingskopf! Der Fuchs zieht Geschmacksfäden, -die silbern in der Sonne blitzen, und in seinem Wanst rumpelt und -pumpelt es. Vorgestern Plattfrost und steifer Nordost, gestern -Schlackschnee, das waren zwei magere Tage. Eine verluderte Krähe, ein -scheußlich salziger Heringsschwanz, ein steinharter Knochen mit nichts -daran und zwölf Nachtschmetterlinge, die hinter der losen Rinde eines -Buchenstumpfes überwinterten, das war alles. - -Aber heute wird es mehr geben. Den ganzen Morgen hat es geschneit und -es wird noch mehr schneien, denn die Luft ist still und weich. Aber -brach da unten nicht etwas? Natürlich! Ein Hase ist es, den der alte -Mann aus dem Lager trat. Die dicke Lunte des Fuchses zuckt hin und her, -daß die weiße Blume blitzt. Der Hase hoppelt gerade auf die Steinplatte -zu. Langsam schiebt sich der Fuchs voran. Da bröckelt der Schneerand -der Steinplatte ab, fällt rauschend in das Buchenlaub, der Hase hält -inne, macht einen Kegel und hoppelt im rechten Winkel fort. Also dieses -Mal gelang es nicht, wie meistenteils. - -Aber nun merkt der alte Fuchs recht, wie sehr es ihn hungert. Ganz -elend wird ihm inwendig. Es hat keinen Zweck, hier sitzen zu bleiben. -Sonne auf dem Balge wärmt ja, aber frisches Fleisch im Balge hält -wärmer. Es ist noch heller Tag, aber hier oben am Berge ist die Luft -rein, und wenn ein Bummel durch Busch und Stangenort auch nicht viel -einbringt, etwas kommt immer dabei heraus. - -Fort ist er; ein leises Knirren der langen Grashalme, ab und zu das -Zerstäuben des Schneebehanges zeigt, wo er blieb. Jetzt taucht er in -der alten Holzriese auf, sichert einen Augenblick zum Abhange hin -und ist wieder fort. Der Wanderfalke, der auf der höchsten Zacke des -zopftrocknen Buchenüberhälters hakt, äugt unter sich, denn Reinecke -macht sich dort zu schaffen. Irgend etwas findet er dort immer, auch -heute. Viel ist es ja nicht, nur der Rest einer Krähe. Der Hunger -treibt es hinein. - -Weiter geht es auf dem engen, hochverschneiten Passe zwischen den -Jungbuchen. Ab und zu unterbricht eine Flucht über einen faulen Stamm -oder eine hinderliche Klippe das langsame Schnüren, hin und wieder -verhofft er auch ein wenig. Allzu verlockend schwirrt und schnurrt das -Meisenvolk, nach Frostspannern suchend, über den Schnee hin. Meist -bringt diese Jagd nichts ein, aber einen Augenblick kann man schon -daran wenden; vielleicht glückt es. Aber schon schnürt er weiter. Die -Finkmeise hat ihn spitz; sie schlägt Lärm und schimpfend stiebt der -ganze Trupp in die Kronen. - -Nun aber schnell fort, denn diese Gesellschaft ist lästig. Also -umgedreht, in die Dickung, den Berg hinauf, und von oben her in das -Stangenholz hinein. Langsam, hier riecht es nach Maus, ganz frisch -sogar. Mit schiefem Kopfe steht er vor dem schwarzen Loche in dem -Schnee. Etwas Graubraunes will heraus. Er faßt zu, es quitscht, eine -schnelle Bewegung des Kopfes, ein heftiges Wedeln der Lunte, ein lautes -Schmatzen, und weiter schnürt er. Hier riecht es nach Reh, darum halt! -Auch ganz frisch, darum entlang in der Doppelfährte! Ricke mit Kitz, -aber beide gesund. Dann hat es keinen Zweck! - -Einen Augenblick überlegt er. Hier irgendwo wurde er einmal sehr -satt. Richtig, halblinks, um die grauen hohen Felsen herum, an dem -Fichtenhorst vorbei, unter den losen Steinplatten hindurch in das große -Trümmerloch hinein! Hier hatte er an einem schönen Spätherbstmorgen -gelegen und sich den Balg vom Nachttau getrocknet. Da hatte er es -knallen hören, nicht sehr weit, und nach einem Weilchen brach es über -der Schlucht, Steine polterten, Schutt rieselte und rasselnd fiel es in -Laub und Kraut. - -Er hatte sich schnell in Sicherheit gebracht, aber abends, als die -Eule schrie, war er auf Umwegen an die Schlucht herangeschnürt. Da war -er auf Rehschweiß gestoßen, hatte immer mehr gefunden und hatte die -Rotfährte gehalten bis an die steile Wand, war das Zickzackband der -Wand hinabgeschlichen, und als er im Grunde war, da schlug ihm die -volle Rehwitterung entgegen. Das war ein Fest! Eine Flucht machte der -Bock noch, aber keine zweite mehr, da hatte er ihn an der Drossel, -und lange Zeit zum Klagen ließ er ihm nicht. In der Nacht war er satt -geworden, daß es für zwei Tage hinlangte. Aber alle Tage sind nicht so. -Heute riecht es hier nur nach Schnee und Moos und Mulm. - -Also weiter, die Klippen hinauf, an der Wand entlang in den Hohlweg -hinein, wieder in die Klippen und wieder heraus. Aber die Höhle könnte -man mitnehmen; einmal gab es dort einen angeschweißten Hasen, der sich -da gesteckt hatte, ein anderes Mal einen Jungdachs, der vergeblich -an den Wänden herumfuhr, als Reineke in dem Ausgang erschien, und -einige Siebenschläfer wurden dort auch erbeutet, ja, einmal sogar eine -Eule. Hier ist nichts da, nur Eiszapfen und Schnee. Ein paar dicke -Motten finden sich schließlich noch; die werden mitgenommen. Aber die -Fledermaus bleibt hängen, nichts wie Haut und Knochen, und sie riecht -schlecht. - -Mißmutig überlegt er, wohin er sich nun wenden solle. Da fährt er -zusammen. Über ihm erschallt des Hasen Todesklage. Mit jäher Flucht -nimmt er den Kopf der Klippe und will auf die folgende, von der er -in das helle Holz äugen kann, da verhofft er. Hasenklage verspricht -oft mehr, als sie hält. Es ist schon lange her, aber wer das einmal -durchgemacht hat, der vergißt es nicht. Das war auch so ein weicher, -milder Wintertag nach steifem Nordost und er hatte auch zwei Tage -gehungert oder noch länger. Er war um die Mittagszeit durch das -Stangenholz geschnürt. Es schneite breit und langsam und kein Lüftchen -ging. - -Da erscholl über ihm der jämmerliche Laut. Er kannte ihn gut. So hatte -der Has geklagt, den er acht Tage vorher riß. Ein merkwürdiger Has, -denn er saß mit dem Halse in einer der dünnen, langen Ranken, von denen -oft Stücke an den guten Wursthäuten sind. Und da dachte Reineke, es -säße wieder so ein Häslein fest, und war, ohne erst Wind zu nehmen, -losgetrabt, bis vor den Baum, von woher das Klagen kam. Und da hatte -sich der Baum so merkwürdig schnell bewegt, Reineke fühlte ein Stechen -und Schneiden an der linken Seite, sah es blitzen, hörte es krachen und -kam erst wieder recht zur Besinnung, als er in seinem Feldloche saß und -sich die brennende Seite leckte. Seit der Zeit holt er sich immer erst -Wind. Seher und Gehör trügen, die Nase nie. - -Eine Weile windet er. Dann schleicht er vorsichtig den Hang entlang, -bis er unter dem Winde ist. Und da bleibt er. Noch einmal klagt -der Hase, matter, schwächer, immer gedämpfter klingt es. Der -Fuchs schleicht langsam näher, immer den Kopf hoch, immer mit den -Nasenflügeln heftig schnuppernd und die Seher auf jeden Stamm richtend. -Dort, gerade aus, muß es sein. Aber er gewahrt auf dem Schnee kein -zuckendes, zappelndes Ding. Ringsumher ist es still und stumm und es -riecht nur nach Stein und Holz und Moos und Schnee. - -Die Sache stimmt nicht. Reineke setzt sich auf die Keulen. Er hat ja -viel Hunger, aber er hat auch viel Zeit. War es ein Has, so kriegt er -ihn immer noch, und war es keiner, dann ist es um so besser. Aber jetzt -läßt sich da etwas vernehmen; es war, wie wenn eine Eichkatze am Stamm -kratzt. Aber dann ist wieder alles still. Jetzt hat sich da an dem -Baume etwas bewegt. Reinecke windet wieder. Hier kesselt der Wind. Ganz -leise und langsam schleicht der Fuchs nach rechts, alle Augenblicke -verhoffend, dann wieder weiter schleichend, um abermals zu verhoffen. -Auf einmal fährt er zurück, stößt ein kurzes heiseres Gebell aus, -wendet jäh um und trollt, so schnell er kann, dem dichten Bestand zu, -daß der Schnee stäubt. - -Es war nicht Has, es war Mensch. Reineke ist sehr vorsichtig geworden. -Er traut sich aus den Dickungen nicht heraus und erst, wie der Himmel -alles Rot verloren hat, die Goldhähnchen schon tiefer suchen, die -Zeisige in den Fichten einfallen, im hellen Holze die Eule heult und -die Steinbruchsarbeiter laut singend hinter dem tanzenden Lichte den -Steinweg hinabtrampeln, da bekommt er die alte Sicherheit wieder. Aber -viel länger, als vorhin, holt er sich in jeder Schlucht und auf jedem -Kamme erst Wind. - -Es ist schon recht dunkel, da schnürt er den Holzfahrweg entlang, -findet am Frühstücksplatz eine Wursthaut, an einem Stück Papier etwas -Schmalz, greift am Bach eine Maus, regt sich zwischen Holz und Feld an -den frischen Hasenspuren auf, prüft alle Rehfährten daraufhin, ob sich -nicht Schweißwitterung an einer davon findet, scharrt auf dem Felde aus -dem Mist einen faulen Hühnerkopf, würgt ein stinkendes Darmende hinein, -das er aus einem anderen Misthaufen kratzt, stattet dem Fischteich -einen erfolglosen Besuch ab und schleicht in der späten Dämmerung um -das Gut herum, bis laute Menschenstimmen ihn verjagen. - -So trabt er in großem Bogen zum Dorfe, findet am letzten Hause auf dem -Dungplatz einen Ballen fettiger Schweinehaare vom Schlachtfest, die -er mit Widerstreben hinunterwürgt, gedenkt traurig der Nacht, als er -hier die halbwüchsige Katze erwischte, muß eilig abtrollen, weil ein -kläffender Spitz in den Hof hinausfährt, stellt am Bache fest, daß die -Enten und Gänse wohl da waren, aber nicht mehr dort sind, findet am -Luderplatze nur blanke Pferdeknochen, am Kalkofen überhaupt nichts, bei -der Mühle dasselbe, und macht auf seiner meilenlangen Fahrt durch die -Feldmarken und die sieben Berge hinter ihnen die Erfahrung, daß der Has -viel zu hellhörig ist und daß die Hühner verschwunden zu sein scheinen. -Eine einzige Maus scharrt er mit vieler Mühe noch aus, dann ist die -Nacht hin und er trollt dem Holze wieder zu, in der stillen Hoffnung, -in den Schlehenbüschen noch einen Igel im Winterlager zu finden oder -auf der Luzerne davor einige Mäuse zu greifen. - -Der Igel aber liegt unter schützendem Schnee und Mäuse gibt es auch -nicht. Als er ganz trübselig den Bach entlang schnürt, stößt er auf -frische Rehwitterung. Gewohnheitsmäßig, aber ohne Hoffnung, schnürt er -der Fährte zu und steckt die Nase hinein. Sofort ist er wieder munter, -denn in der Fährte liegt ein Tröpfchen Schweiß. Bei dem Wurfboden einer -Buche findet er wieder Schweiß in der Fährte, einen breiteren Tropfen, -und je näher er an den Buchenaufschlag kommt, um so stärker werden die -Schweißflecken im Schnee, um so frischer sind sie und immer heftiger -weht Reinekes buschige Rute. - -Ganz vorsichtig schleicht er in dem Hauptwechsel entlang, bis er in -dem Buchenaufschlag ist. Da hat er auch dicht vor sich die volle -Rehwitterung. Noch vorsichtiger schleicht er näher, da rauscht es auch -schon über ihm, poltert es, rasselt es, stiebt es, und nun schleicht er -nicht mehr, er schnürt eiliger, immer hastiger, und je schneller es vor -ihm bricht und rauscht, um so flüchtiger wird er, immer unter dem Winde -neben der kranken Fährte, die Nase einen halben Fuß über dem Schnee. - -Das laufkranke Kitz flüchtet bergan, Reineke immer hinter ihm drein. -Es schlägt einen Haken, macht einen Wiedergang, läßt den Fuchs -hinter sich, aber der hält die Fährte, und als es zitternd und -keuchend verhofft, weil bei jeder Flucht die Schalen durch die harte -Schneekruste treten und die Läufe immer mehr schmerzen, da vernimmt es -des Verfolgers lautes Hecheln schon unter sich. Es flüchtet bergauf, -über faule Stöcke, zwischen Klippen hindurch, in die verschneiten -Dickungen hinein, in das Stangenholz, aber Reineke ist immer dicht an -ihm. Immer kürzer wird das Reh, immer länger der Fuchs. Einmal schon -faßt er Haar, aber laut aufklagend reißt es sich los, bricht seitwärts -aus und poltert in der vereisten Holzriese den Hang hinab. - -Ihm nach trabt der Fuchs. Seine Seher glühen, lang hängt die Zunge aus -den schwarzen Lefzen, fest angelegt sind die spitzen Gehöre, die Lunte -flattert wie eine Fahne über seinem Rücken, Schaum spritzt rechts und -links in den Schnee. Jetzt ist er bei dem Reh, es wird noch einmal -hoch, flüchtet durch den verschneiten Aufschlag, aber der Fuchs ist -jetzt immer Seite an Seite mit ihm und springt bei jeder dritten Flucht -an ihm herauf. Jetzt faßt er an, zieht nieder, jämmerlich klingt das -Angstgeschrei durch den Wald, frecher antwortet der Baß eines Altrehes, -ein Schmalreh schmält, und dann ist es still. - -In dem kleinen Erdfalle, neben dem breiten Steinblock unter dem -sparrigen Holunderbusch schlagen des Kitzes Hinterläufe den Schnee von -dem Buchenlaube. An der Kehle zerrt und reißt knurrend und keuchend -der Fuchs, bis es ihm naß und heiß entgegenquillt. Da hält er inne und -leckt und leckt, faßt noch einmal an, reißt noch einmal, stößt seine -Nase zwischen die Lauscher, unter das Vorderblatt, in die Dünnungen, -in den Spiegel des Rehes, zupft erst hinter dem Blatt, reißt heftiger, -verhofft, windet und schneidet an. - -Er ist nicht mehr der saubere Fuchs, dessen eisgrau bereifter Balg wie -geleckt aussieht. Das Gesicht ist rot besudelt, der weiße Brustlatz ist -fort. Er zieht und zerrt, reißt die Öffnung weiter und hält plötzlich -inne. Sein Rückenhaar sträubt sich, heiser faucht, dumpf murrt er, -und giftig keckernd fährt er einem anderen Fuchse entgegen, der seit -einer Stunde der Rotfährte gefolgt ist. Wieder wird es laut im Walde, -so laut, daß die Steinbrucharbeiter, die in dem Hohlweg hintereinander -herstampfen, erstaunt stehen bleiben und eine Weile dem gellenden -Kreischen zuhören, das sich den Berg hinaufzieht, bis es auf dem Kamme -verhallt. - -Der Alte vom Berge hat den Schmarotzer abgebissen. Eilig, aber immer -windend und verhoffend, schnürt er zu seiner Beute zurück und füllt -sich bis zum Platzen. Erst, als es ganz licht ist und die Forstarbeiter -mit Axt und Säge laut werden im hohen Holze, als die Zeisige die -Fichten verlassen, die Krähen über den Berg streichen, Goldfink, Häher -und Zaunkönig sich melden, schiebt er mit der Nase den Schnee von allen -Seiten über das Reh, es für die kommende Nacht aufhebend. - -Faul und dick schnürt er den Steig entlang, bis zu dem Loche, in dem -sich die Quelle sammelt. Da schlappt und schlappt er das eisige Wasser, -bis sein Brand gestillt ist, rollt sich im weichen Schnee und schnürt -dann den Hang hinauf bis vor seine Burg. - -Die Sonne kommt rot und rund an der Flanke des Berges hoch und trifft -eben noch die weiße Spitze von Reinekes Lunte, die gerade in der Spalte -verschwindet, die in seinen Bau führt. - -Da wird der Tag verschlafen und vielleicht die Nacht dazu, und am Ende -noch einen Tag, wenn ihn der Durst nicht hinaustreibt. - - - - -Die Einwanderer. - - -»Eine dumme Geschichte das«, dachten die Kaninchen, »wirklich, eine zu -dumme Geschichte!« - -Nun waren es drei Tage her, daß sie nicht Wald noch Feld gesehen -hatten. Seit drei Tagen waren sie in Kisten und Kasten herumgefahren, -geschüttelt und gerüttelt worden, daß ihnen Hören und Sehen verging. -Jedes Mal, wenn das Rütteln und Schütteln aufhörte, dachten sie, nun -käme die Erlösung, aber es kam weiter nichts, als neues Rütteln und -Schütteln. - -Froh und heiter hatten sie in ihren Sandbergen an der Emse gelebt, sich -an den guten Sachen fett geäst, die auf den Feldern und Wiesen wuchsen, -fleißig an ihren Bauen gearbeitet, ab und zu mit den Hirtenhunden -Kriegen gespielt, mit diesen albernen Hunden, die nicht dahinter kamen, -daß ein Kaninchen schneller ist, als alles auf der Welt, das Haare und -vier Beine hat und daß es sich unsichtbar machen kann, wenn es will. - -Aber eines Tages kamen Männer mit Hunden und jagten die Kaninchen -allesamt aus Busch und Heide zu Baue. Das wäre weiter nicht schlimm -gewesen, denn unter der Erde ist es warm und gemütlich. Aber dann kam -das Schreckliche: ein langes, weißes Tier, was wie ein Iltis roch und -rote Augen hatte, war in die Baue eingeschlieft und da es eine Klingel -um den Hals hatte, entsetzten sich die Kaninchen so arg, daß sie Hals -über Kopf zu Tage fuhren. Das heißt, fahren wollten, denn ehe sie zur -Besinnung kamen, verstrickten sie sich in einem Netze und kugelten -damit im Heidkraute umher. - -Und dann begann das eigentliche Elend. Sie wurden köpflings in einen -Sack gesteckt, in dem sie in Todesangst hin- und herschossen, bis sie -sich so abgestrampelt hatten, daß sie zitternd auf einem Haufen saßen. -Dann wurden sie in dem Sacke weit weggetragen, dann kamen sie in eine -dunkle Kiste. Allerlei Futter fanden sie vor, aber sie rührten es nicht -an und scharrten und knabberten an den Brettern, bis sie müde waren. -Dann fuhr man sie in der Kiste über holprige Heidewege und lud sie -irgendwo ab und dann wurden sie wieder aufgeladen und den halben Tag -gefahren. - -Rumpeldipumpel machte der Wagen und die drei Kaninchen fuhren -übereinander hin. »Prr,« schrie der Jagdaufseher und das Pferd stand. -Der Kastendeckel öffnete sich, eine derbe Faust faßte hinein, erwischte -ein Kaninchen nach dem anderen und dann flogen die drei kopfüber, -kopfunter in das Heidekraut. Einen Augenblick saßen sie da, geblendet -von der Sonne, betäubt von dem Geruche der Kiefern und der Heide, aber -nur einen Augenblick, dann schlug jedes einen Haken und verschwand -in der hohen Heide. Hinter ihnen her erklang das Gelächter des -Jagdaufsehers. - -Da saßen nun die drei unglücklichen Dinger, jedes unter einen Busch -Heidekraut gedrückt und wußten nicht, was sie machen sollten. Still -und stumm war es. Irgendwo schrie ein Häher, Wasserjungfern flirrten -vorüber, die Grillen schwirrten, die Hänflinge und Goldammern sangen -und es roch nach Heide, Kiefern und Birken. Aber es war eine andere -Heide, als die Heimatsheide. Dort führten überall die Pässe der -Kaninchen hin und her, ringsumher lag Kaninchenlosung und die Luft war -voll von Kaninchenwitterung. Hier war von alledem nichts. Nach Hase und -Reh roch es, aber nicht nach Kaninchen. - -So dachte Hopps, der Rammler. Er war von Natur aus sehr vorsichtig, -denn er hatte im Gegensatze zu seinesgleichen einen kohlenschwarzen -Balg mit einer silbernen Blässe mit auf die Welt gebracht und fiel in -Sand und Heide zu sehr auf. Aber als er eine Viertelstunde unter dem -Heidebusche gesessen hatte, machte er einen Kegel und sah sich um. -Alles, was er sah, waren junge Kiefern und Birken, Heide, Sand und -der silbergraue Stumpf einer Kiefer. Darauf hoppelte Hopps zu, denn -da schien ihm besseres Kraut zu wachsen. Er putzte sich, äste einige -Blättchen und dann scharrte er ein Wühlmausloch, das unter den Stumpf -führte, größer, alle Augenblicke halt machend und witternd. Nach einer -Stunde hatte er seinen Notbau fertig. - -Die Arbeit hatte ihn hungrig gemacht. Heide mochte er nicht, Kiefern- -und Birkenrinde noch viel weniger. So setzte er sich denn auf die -Keulen und prüfte ringsum die Luft. Halblinks roch es nach Klee. -Vorsichtig rückte Hopps nach dieser Richtung hin. Wahrhaftig, der gute -Geruch wurde immer stärker und da leuchtete auch schon zwischen den -grauen Kiefern eine saftige Kleewiese auf. »Noch zu hell, viel zu hell -noch,« denkt Hopps und bleibt am Rande der Dickung sitzen. Hinten in -der Wiese bewegt sich etwas Weißes hin und her. »Der Storch«, denkt der -Kaninchenbock. Ein Ruf kommt aus blauer Luft: »Das ist der Bussard.« -Das sind Tiere, vor denen hat er keine Angst. Aber nun kommt von dem -Felde ein heller Laut: »Also Hunde gibt es hier auch; dann ist es Zeit, -sich einen sicheren Bau zu graben.« - -Hopps rückt, nachdem er am Grabenrand sich am Grase geäst hat, wieder -in die Dickung, eilig, aber vorsichtig. »Halt, da riecht es ja nach -Kaninchen!« Hopps schnuppert einen Augenblick. »Das war Flitzchen.« -Zweimal klopft er mit dem Hinterlaufe die Erde. Da taucht ein grauer -Fleck zwischen zwei Heidbüscheln auf. Flitzchen ist es. Steif und -starr sitzt sie da; ebenso steif, ebenso starr sitzt Hopps ihr -gegenüber. Keins rührt sich. Dann spielohrt Hopps und rückt näher. -Flitzchen wendet sich zur Flucht. Hopps macht Halt und klopft wieder. -Da faßt sie Vertrauen. Der Wind küselt und trägt ihr die Witterung -von dem schwarzen Ding vor ihr zu. »Ich glaube, es ist Hoppschen,« -denkt sie. Da ist er auch schon. »Bist Du es?« »Ja, wer sonst?« »Das -ist schön!« »Und wo ist Witschel?« »Keine Ahnung.« »Wollen wir sie -suchen?« »Nachher; jetzt müssen wir einen Bau graben; es sind Hunde in -der Nähe. Ein Rohr habe ich schon fertig.« »Weiß ich!« »Wieso denn?« -»Habe es gefunden und von der anderen Seite noch ein Rohr unter den -Kiefernstumpf nieder gebracht!« »Du bist ein mächtig kluges Mädel! -Aber nun komm', wir wollen jetzt den Kessel buddeln und dann können -uns die Hunde 'was husten!« - -Husch, husch, geht es durch das Heidekraut. Hopps ist ordentlich -übermütig geworden, seitdem er Gesellschaft hat und macht vor lauter -Vergnügen allerlei dumme Sprünge, und Flitzchen wird von seiner -Lustigkeit angesteckt und wagt auch einen frohen Hopser über einen -bunten Stein. Als die beiden aber nach dem alten Stumpf kommen, -bleiben sie starr sitzen, denn da rührt sich etwas. »Warte, ich hole -mir Wind!« meint Hopps und leise schleicht er im Bogen zur Seite, -bis er Wind bekommt. Aber dann klopft er lustig, denn der Wind sagte -ihm, daß dort am Stuken Witschel ist. Da ist sie schon, die gute -Dicke. Hochaufgerichtet steht sie da und läßt die beiden herankommen. -»Was wollt Ihr denn hier?« »Die Rohre mit einem Kessel verbinden.« -»Habe ich schon längst gemacht. Aber wißt Ihr was? Seht mal dahin, -da steht ein dichter Dornbusch. Bis zum Kessel sind es keine sechs -Kaninchenlängen. Wenn wir nun eine Fahrt vom Kessel bis unter den Busch -bringen, dann sind wir fein heraus!« »Fein herein auch.« »Also los!« - -Ein eifriges Gebuddel beginnt. Hopps fängt unter dem Dornbusche an, -Flitzchen arbeitet ihm vom Kessel aus entgegen, und Witschel führt von -dem anderen Rohre eine Verbindungsröhre nach der Dornbuscheinfahrt, -einmal der besseren Durchlüftung wegen, dann aber auch, weil sie weiß, -je mehr Fahrten ein Bau hat, um so leichter ist das Entkommen, verirrt -sich einmal so ein Stinker von Iltis hinein. Es war ein glücklicher -Gedanke von Witschel, der Einfall mit dem Dornbusche, denn kaum, daß -die drei in der Dämmerung am Rande der Kleewiese saßen und sich an den -saftigen Blättern gütlich taten, kam ein Bauer den Weg entlang und -hinter ihm her bummelte ein Spitz. So wie der die Kaninchen in die Nase -bekam, sauste er hinterdrein, und wenn er sie auch nicht bekam, so -hielt er doch die Fährte. Hopps und Flitzchen nahmen den kürzesten Weg -und fuhren über die Heide zu Baue, Witschel aber schlug vor dem Hund -Haken auf Haken, bis ihm ganz dumm und albern zu Mute war. Und deshalb -sah er sich nicht vor und rannte gerade dahin, wo Witschels Blume -verschwand, mitten in den Schlehbusch hinein, und rannte sich einen -dürren Dorn unter die Nase, so daß er heulte, daß es weit über die -Heide klang, und jammervoll winselnd kehrte er zu seinem Herrn zurück. - -Die drei Kaninchen unter der Erde lachten. »Was ist denn da los?« -fragte Hopps. »Ach, ich habe den dämlichen Spitz in die Dornen gelockt -und die haben ihn gekämmt. Ich glaube, den Köter sind wir für eine -Weile los.« »Glaube ich auch,« meinte Flitzchen, »denn er hat nicht -schlecht gepfiffen.« Ein Weilchen warteten sie noch im sicheren Bau, -dann aber schlüpfte Hopps bis in die Dornen, sicherte lange und klopfte -die anderen heraus. Sie ästen sich lange in der Kleewiese und machten -durch ihr Hin- und Herhuschen die zwei Hasen, die seit Jahr und Tag -dort ihre Besuchsstelle hatten, so nervös, daß diese ärgerlich nach -dem anderen Ende der Wiese rückten, und auch der Rehbock, der am Kopfe -der Wiese immer austrat, wurde zu seinem Mißvergnügen die fremden -Gäste gewahr, schimpfte mörderlich, daß es weithin klang und zog -voller Verdruß den Hasen nach. Als es schon ganz dunkel war, bekamen -die Kaninchen einen großen Schreck, denn es brach und knickte in dem -Stangenort über dem Sandwege und etwas gewaltig Großes zog über die -Heide nach den Feldern. Was es war, wußten sie nicht, denn dort, wo sie -hergekommen waren, gab es keine Hirsche. Aber da seine Fährte nicht -nach Mensch, nicht nach Hund und nicht nach Fuchs roch, so rückten sie -bald wieder aus der Dickung heraus. - -In acht Tagen hatten sie sich eingelebt. Außer ihrem Hauptbaue hatten -sie sich noch hier und da ein halbes Dutzend Notrohre gescharrt und -zu dem großen Bau noch vier lange Fahrten mit mehreren Abzweigungen -getrieben, deren Mündungen unter Baumstümpfen und in den dichtesten -Kiefernkusseln endeten. »Jetzt kann kommen, wer da will«, meinte die -gute Witschel, und bei sich dachte sie: »Es ist auch gut, daß wir -uns eingerichtet haben, denn zum Scharren habe ich keine Zeit mehr.« -Von Tag zu Tag hielt sie sich mehr allein und sah immer magerer und -ruppiger aus, und wenn Hopps ihr folgen wollte, ohrfeigte sie ihn, -daß es nur so brummte. Und bald ging es ihm bei Flitzchen nicht -anders; auch diese hielt sich allein und Hopps saß allein in seinem -großmächtigen Bau und dachte über die Launenhaftigkeit der Weiber nach -und sehnte sich nach der Emsheide, wo es nicht bloß ein Flitzchen -und eine Witschel, sondern viele viele hübsche Kaninchenfräulein -und -frauen gab, alte und junge, dicke und schlanke, so daß ein -Kaninchenherr, und besonders ein so schöner, schwarz mit einer -silbernen Blässe, sich nicht Tag und Nacht zu langweilen braucht. - -Eines Tages aber machte er ein ganz dummes Gesicht und dachte: »Nanu, -träume ich oder ist mir der junge Klee in den Kopf gestiegen?« denn an -der Quelle bei dem Dornbusche wimmelte es von kleinen Kaninchen; sieben -waren es, sechs graue und ein schwarzes. »Die wollen wir uns doch -einmal näher besehen«, dachte er, aber da fuhr Witschel, die er gar -nicht gesehen hatte, hinter einem Farrnbusche hervor und benahm sich so -unfreundlich, daß er ihr aus dem Wege ging. Drei Tage später traf er -auf dem grasigen Gestelle vor dem Stangenorte wieder junge Kaninchen -an, zwar nur fünfe, aber zwei schwarze darunter, und als er sich die -Kinder ansehen wollte, bereitete ihm Flitzchen ebenfalls einen üblen -Empfang. Aber schon nach acht Tagen liefen die Kleinen alleine und die -beiden Mütter waren wieder nett zu Hopps. - -Drei Monate gingen in das Land, da sah die Kiefernbesamung anders -aus, als an jenem Apriltage, an dem der Jagdaufseher die Kaninchen -ausgesetzt hatte. Überall war gescharrt, an den Wegen, an der -Feldkante, in den Gräben und überall war Kaninchenlosung. Der -Jagdpächter freute sich, wenn er in der Dämmerung von dem Hochsitze -in der Eiche den Graben in das Glas nahm und überall die Kaninchen -hin- und herflitzten, doch es wunderte ihn, daß der starke Bock, der -sonst immer hier austrat, sich nicht mehr spürte. Aber dem war es in -der Besamung und in dem Stangenorte zu unruhig geworden; Tag und Nacht -ruschelte und raschelte und pochte und kratzte es, und überall roch -es nach den fremden Tieren, und kein Fleck war, wo nicht deren Losung -lag. Deshalb war er in die Nachbarjagd ausgewandert. Auch die beiden -Hasen, die sich sonst jeden Abend vorn in der Kleewiese ästen, waren -verschwunden. Erst hatten sie tiefer in der Wiese geäst, als aber die -Kaninchen auch dort das Gras mit ihren Pässen durchzogen, rückten die -Hasen auch über die Jagdgrenze. - -Reineke Rotvoß, der Schleicher, hatte es bald spitz, daß es in der -Besamung ein neues Wild gab. Er gab sich zwei Monate lang die größte -Mühe, eins von den unbekannten Tieren zu erwischen, aber es gelang ihm -immer vorbei. Und wenn er es noch so schlau anstellte, sie entwischten -ihm jedes Mal und dann stand er vor dem Bau, schnupperte in die Fahrt -hinein, zog Geschmacksfäden, wie ein Hund beim Hochzeitsessen, scharrte -sich lahm und müde und zog schließlich hungrig und ärgerlich ab. -Beinahe hätte er Flitzchen einmal geschnappt, aber da klopfte Hopps -laut auf den Boden und Flitzchen schlug drei Haken und fuhr durch den -Dornbusch zu Bau, der Fuchs schrammte sich heftig an den Dornen und -machte, daß er weiter kam. Auch Griepto Hoihnerdeiw, der Habicht, hatte -kein Glück bei den Kaninchen, und wenn er noch so listig an der Kante -der Besamung entlang strich. Jedes Mal, wenn er sich sagte: »So, nun -mache dein Testament!« dann witschten die grauen oder schwarzen Dinger -in den Busch oder in ein Loch. Einzig und allein Dickkopp, der Kauz, -hatte Weidmannsheil und griff, als er lautlos aus der Eiche abstrich, -ein Jungkaninchen. Die anderen aber retteten ihre Bälge und wuchsen -und gediehen und als ein neuer Frühling in die Heide zog, da machte es -nichts mehr aus, riß der Fuchs auch einmal ein Stück oder griffen sich -Kauz und Habicht eins, denn es waren ihrer schon viel zu viele und alle -vier Wochen wurden es mehr. - -Schon bald fingen die Bauern an, lange Gesichter und runde Augen zu -machen, wenn sie die Gänge im Getreide sahen und einer klagte dem -anderen seine Not über das neue Unzeug. Als es von Monat zu Monat -schlimmer wurde, rückten sie dem Jagdaufseher auf den Leib, aber der -tat, als wüßte er nichts und ebenso machte es der Jagdpächter, denn -er sagte, ihm seien die Kaninchen selbst lästig, weil sie die Hasen -und die Rehe vertrieben. So war es auch; seitdem Hopps, Witschel und -Flitzchen und ihre Nachkommenschaft und die Nachkommenschaft davon und -deren Nachkommen und so weiter in den Heidbergen waren, hatten sich -die Hasen nach und nach verzogen und die Rehe waren in die Nachbarjagd -hinübergewechselt, die aus Bruch und Moorwald bestand und in der die -Kaninchen nicht leben konnten. - -Als es ganz schlimm wurde, veranstaltete der Jagdpächter Treibjagden -allein auf Kaninchen und wenn auch den ganzen Tag über geknallt wurde, -auf zehn Schuß kam meist noch nicht ein Viertel Kaninchen, denn, wie -der Jagdpächter sagte: »Vorn ist das Deuwelszeug zu schnell und hinten -zu kurz.« Der Jagdaufseher kaufte Frettchen und Garne und ging ihnen -damit zu Balge, aber in der dichten Besamung und bei den verzweigten -Bauen, die alle keinen Anfang und kein Ende hatten, lohnte das auch -nicht. Er stellte Tellereisen in die Röhren und an die Kratzstellen, -aber die Kaninchen hatten den Schwindel bald heraus und fielen nicht -mehr darauf hinein, und als der Jagdaufseher Schwefelkohlenstoffbomben -in die Baue warf, hatte er erst recht keinen Erfolg, weil die Baue -zu viel Ausfahrten hatten. Und daß er sich hinsetzte und sie auf dem -Anstand abschoß, das brachte ihm nicht Schußgeld genug. - -So lebten denn Hopps, Witschel und Flitzchen lustig weiter und von -Jahr zu Jahr nimmt ihre Sippe zu. Längst haben sie die Gemeindegrenze -überschritten, rund herum finden sich neue Siedlungen und alles, was -Land oder Garten hat, flucht ihnen. - -Es schadet ihnen aber nicht im mindesten. »Der Mensch ist stark und -schlau,« sagt Hopps, der alte, »aber gegen uns kann er nicht ankommen. -Witschel hat voriges Jahr achtmal geworfen, meist sechs Stück, einmal -weniger, das andere Mal mehr, im Durchschnitt aber sechs. Sechs mal -acht sind achtundvierzig.« - -»Und ich habe im letzten Jahre vierunddreißig gehabt«, meint Flitzchen. - -»Na also«, spricht Hopps. - - - - -Ein Hauptschwein. - - -Im Helmetale war der Teufel los. Die Frühkartoffeln waren ausgewühlt, -die Erbsenfelder zertrampelt, die Saatkämpe umgebrochen, die -Haferfelder mit Wechseln durchzogen. - -Von irgendwoher war ein Hauptschwein zugewechselt; überall spürte es -sich. Im Helmetal gab es keine Sauen; also war es kein Wunder, daß die -Aufregung groß war. Alles, was auf die Jagd ging, saß auf den Keiler -an, aber alle Mühe war vergebens. - -So dumm war der Basse nicht, daß er immer in derselben Ecke blieb. -Er kannte die Welt; er hatte seine Erfahrungen hinter sich, sogar -mehr, als ihm lieb war. Ein Dutzend Jahre war er alt, hatte manche -Kugel pfeifen, Schrote genug klappern hören und auch sonst allerlei -durchgemacht. - -Keine drei Wochen war er alt gewesen, da hatte ihn die Fuchshetze beim -Wickel gehabt, und hätte er nicht so hellaut geklagt und wäre die Bache -nicht ganz in der Nähe gewesen, so war es damals aus mit ihm; aber -seine Mutter rannte die Füchsin über den Haufen und richtete sie so -zu, daß sie mit knapper Not ihr Leben barg. - -An dem Tage, da er seinen letzten Milchzahn verlor und zum ersten Male -nach Würmern und Wurzeln brach und vor Eifer zu weit hinter seiner -Mutter zurückblieb, hatten ihn zwei Hunde halbtot gehetzt, und er wäre -verloren gewesen, wenn die Bache nicht noch im letzten Augenblicke -herbeipolterte und die Köter beiseite brachte. - -In seinem ersten Winter war er dreimal eingekreist gewesen, hatte mehr -als eine Kugel pfeifen hören, und das eine Mal hatten ihm die Paläster -ganz gehörig die linke Keule gekämmt. - -Hinterher hatte er noch mehr erlebt. Daß er den rechten Hinterlauf -schonte, kam daher, weil ihn dort eine Kugel gefaßt hatte; viel hätte -nicht gefehlt, so wäre es damals mit ihm zu Ende gewesen, denn drei -Hunde hatten ihn gestellt. Er stritt sie aber tapfer ab, schlug den -einen zuschanden und rettete seine Schwarte. - -Die sah bunt genug aus; das rechte Schild war mit Röllern gespickt, -die ein Bauer ihm da hineingepfeffert hatte, als er ihm die Erdäpfel -umpflügte. Die linke war halb kahl, denn die hatte ihm ein Streifschuß -zerfetzt. Die langen Federn auf dem Rücken zeigten eine breite Lücke, -denn dort hatte ihn eine Kugel gefaßt; das hatte scheußlich weh getan, -und er war erst wieder zur Besinnung gekommen, als ein Hund ihn hinten -und einer vorne zerrte; beide blieben mit aufgeschlagenen Rippen am -Platze. - -Auch sein wehrhaft Gewaff hatte Schaden genommen; ein Schuß in das -Gebräch hatte den rechten Haderer der Schneide beraubt und einen Stumpf -daraus gemacht. Und der Pürzel, sogar der hatte daran glauben müssen; -er hatte einen Knick in der Mitte von einem Postenschusse. - -Der eine Seher war blind; ein Hagelkorn hatte ihn durchschlagen, und -beide Gehöre waren aufgeschlitzt von Hundezähnen. Außerdem wies die -Schwarte überall Schmisse auf, die er sich bei den Kämpfen in der -Rauschzeit geholt hatte. Kurzum: er hatte allerlei erlebt, kannte die -Welt und benahm sich dementsprechend. - -Darum ließ er es erst Nacht werden, ehe er die Dickung verließ, und er -trat da aus, wo er den Wind gegen sich hatte, und auch dann erst, als -er eine Viertelstunde gesichert hatte. Dann aber legte er sich auch -keinen Zwang auf und vergnügte sich damit, die morschen Fichtenstümpfe -auf dem verwachsenen Kahlschlage kurz und klein zu brechen, denn sie -saßen voll von Käfern, Puppen, Larven und Schnecken. - -Darauf jagte er eine Fasanenhenne von ihrem Gelege, fraß die -Eier sämtlich auf, ließ eine Menge Mäusebrut und einen Junghasen -hinterdreinwandern, vergaß auch nicht, das Haferstück um und um -zu pflügen, denn es saß voll von Engerlingen, nahm mit, was er an -Fröschen, Blindschleichen und Vogelbrut antraf, scheuerte sich lange -und ausgiebig an einer harzigen Fichte, machte aus einem Kartoffelfelde -einen Sturzacker, verhunzte einen Saatkamp gänzlich und schlief um -die Zeit, als der Bauer und der Förster an der Stätte seiner Untaten -standen und den Zorn Gottes auf ihn herabwünschten, eine halbe Meile -weiter in einem verwachsenen Erdfalle, der im tiefsten Forste lag. - -Selbstverständlich wurde die Fichtendickung, in die er sich den Tag -vorher versteckt hatte, getrieben, weil seine Fährte hinein- und -herausstand, aber natürlich bekam man ihn nicht, weil er eben nicht -mehr da war. - -So trieb er es den ganzen Sommer über; bald war er hier, bald war er -dort, aber nie da, wo man ihn suchte. Heulen und Wehklagen gab es, -wo er erschien; hier waren die Frühkartoffeln ausgewühlt, dort die -Mohrrüben vernichtet, da die jungen Erbsen zuschanden getrampelt, und -im Getreide waren Gänge über Gänge. Aber man sah immer nur, daß er da -gewesen war; wo er war, das wußte man nicht. - -Einige Leute behaupteten, es wäre gar kein wildes Schwein, sondern eine -Art von bösem Geist oder Gespenst, denn anders müßte man seiner doch -einmal ansichtig werden, denn alle Jäger weit und breit dachten an -nichts anderes, als an den Keiler und saßen die ganzen Nächte auf ihn -an. - -Zu Blick bekommen hatte ihn aber nur einer, und der behielt das für -sich, denn als er in seinem Loche vor dem Felde saß, hatte der Basse, -wie aus der Erde gewachsen, plötzlich dicht vor ihm gestanden und so -schrecklich ausgesehen, daß dem Manne das Herz bis in den Flintenlauf -hineinschlug und er den Keiler gründlich vorbeischoß und dann lief, -was er nur laufen konnte, und dachte gar nicht daran, daß er Rucksack -und Jagdglas liegen gelassen hatte. Als er am andern Morgen die Sachen -holen wollte, waren sie verschwunden. - -Endlich hieß es: »Wir haben ihn fest!« Ein Mann, der vor Tau und -Tag zum Arzte wollte, hatte gesehen, daß der Keiler eine mächtige -Weidenpflanzung, die im Felde lag, annahm. Nun wurde alles -zusammengeholt, was den Finger krumm machen konnte; man umstellte die -Weiden und schickte die Hunde hinein. Sie gaben Standlaut, aber als -sich endlich drei Mann zu ihnen trauten, hatten sie einen Zaunigel vor. - -Das gab nun ein großes Hallo, und als sie alle auf einem Haufen -standen und lachten und schimpften, da plauschte es in den Weiden, -schnaufte es, brach es, und weg war er, der Keiler, und in den großen -Weizenschlag gewechselt. Als man den aber abspürte, stellte es sich -heraus, daß er in den Roggen hinein war, und da spürte man das -Roggenfeld ab und fand, daß er schon in den Viehbohnen war, und da war -er auch schon wieder heraus und in das Holz hinein. - -Man hielt Kriegsrat ab, beschloß, das Holz zu treiben, machte drei -Triebe, aber wer sich nicht blicken ließ, das war der Basse, denn der -steckte schon längst in dem großen Haferschlage. - -Der Sommer ging, der Herbst kam; der Keiler war noch immer im Helmetal, -aber das Helmetal war lang und breit. Da es mit Gewalt nicht ging, -versuchte man es mit List, körnte ihn an, streute ihm Mais, Hafer, -Rüben, Wurzeln. Er nahm sie manchmal auch an, aber nur dann nicht, wenn -irgendwo ein Jäger auf ihn ansaß, oder wenn schon, dann erst, wenn -Himmel und Erde eins waren und man das Ende vom Gewehre nicht mehr -sehen konnte. - -Kinder, die Beeren pflückten, und Frauen, die Dürrholz lasen, lief er -am hellichten Tage an, nur keinen Mann, der einen grünen Rock anhatte, -bis auf den alten Forstmeister, der ihn am blanken Mittage aus der -Suhle steigen sah und sich beinahe seinen ehrwürdigen Bart ausriß, denn -als er die Büchsflinte von der Schulter und den Hahn übergezogen hatte, -da hatte ihn die Sau auch schon spitz und ging flüchtig ab, und die -Kugel traf sie ebensowenig, wie die unchristliche Redensart, die der -Weißbart ihr nachrief. - -Schließlich kam er einem ganz jungen Förster, aber der führte Weichblei -und der Eingänger stand halbspitz von vorne; er bekam die Kugel zwar -gut Blatt, aber bei so einem alten Panzerschweine, dessen Schild -hart und dick wie die Haut des Nilpferdes ist und eine fingerdicke -Harzkruste trägt, ist gut Blatt von vorne der schlechteste Schuß und -schlecht Blatt von hinten die einzig wahre Stelle, und so schnaufte die -Sau bloß, machte kurz Kehrt und der Förster stand da und benahm sich -wenig geziemend. - -Am übelsten aber ging es einem Gutsverwalter. Dem hatte der Eingänger -ein Kartoffelstück, das in einer Waldecke lag, so zugerichtet, daß der -Spaß dabei aufhörte. Nun war dieser Gutsverwalter ein ganz gerissener -Mann. Er ließ den Knecht anspannen und eine Leiter aufladen. Dann mußte -der Knecht unter eine Eiche fahren, die vor den Kartoffeln stand, und -vom Wagen aus, damit keine Fährten den Bassen vergrämten, wurde die -Leiter in den Baum gestellt und darüber ein Hochsitz gemacht, und den -nahm der Verwalter ein und der Knecht fuhr weiter. - -Das war um fünf Uhr nachmittags. Um zehn Uhr abends meinte der -Verwalter, daß es allmählich Zeit für den Keiler wäre. Der wartete -aber, bis der Mond hinter den Wolken war und dann machte er sich in -aller Seelenruhe über die Kartoffeln her, schmatzte, daß es eine Freude -war, zu hören, wie es ihm schmeckte, aber als der Mond wieder die -Wolken beiseite schob, hielt der Keiler es doch für besser, sich zu -empfehlen. Zuvor aber schubbelte er sich noch solange an der Eiche, -auf der der Verwalter saß und sich bald den Hals abdrehte, bis daß er -glücklich die Leiter umwarf und erschrocken abtrollte. - -Der Verwalter aber mußte die ganze Nacht im Baume sitzen und war, -als morgens der Knecht kam, um zu sehen, ob er noch lebte, vor -Kälte so steif, wie eine überjährige Mettwurst, so daß er kaum die -Leiter hinuntersteigen konnte. Der Keiler aber kam nicht wieder; die -Geschichte mit der Leiter hatte er übelgenommen. - -Der Herbst ging und der Winter kam; der Keiler war noch immer da, aber -er schätzte die Abwechslung zu sehr und so kam er nicht zu Schusse. -War er gestern im Buchenaltholze gewesen und hatte sich an den süßen -Bucheckern gütlich getan, heute war er ganz gewiß nicht da, sondern -eine halbe Meile weiter, wenn nicht eine ganze, denn die Nächte waren -lang. - -Unverschämt, wie er war, kam es ihm gar nicht darauf an, eingemietete -Kartoffeln oder Rüben auszuwühlen oder in den Pflanzgärten Unfug -anzustiften, und einmal, als er spät abends quer über die Landstraße -schoß, warf er den Briefträger um, der ohne Licht dahergeradelt kam; an -dem Rade waren drei Speichen und an dem Briefträger drei Rippen aus -der Reihe gekommen. - -Das Schlimmste war, keiner wollte glauben, daß der böse Keiler das -gemacht hätte, sondern alle sagten, es würde wohl das gute Bier gewesen -sein. Aber es war wirklich der Keiler gewesen und ihm hatte der Vorfall -ebensowenig gepaßt, wie dem Briefträger und der Postbehörde, die, bis -der Briefträger wieder aus dem Bette war, was drei Wochen dauerte, -Vertretung stellen mußte. - -Schließlich hieß es: »Wenn wir nur erst Spürschnee haben!« Der ließ -aber bis Weihnachten auf sich warten, und dann war es wieder verkehrt, -denn nun schneite es in einem Ende und schneite die Fährten, die der -Keiler machte, alle wieder zu, und dann gab es Tauwetter und Plattfrost -und Regen und wieder Plattfrost, und es war nichts zu wollen. - -So wurde es Ende Januar, bis daß der Basse bestätigt wurde. Boten -liefen und ritten, Fernsprecher klingelten, Butterbröte wurden -gestrichen, Schnapsflaschen gefüllt, und um zehn Uhr hielten acht Wagen -bei der Oberförsterei. - -Der Forstmeister hielt in Anbetracht der Schwere des Falles eine -Rede, teilte mit, daß ein Fehlschuß mit einem Taler zu Gunsten -der Hinterbliebenen im Dienste erschossener Forstleute bestraft -werde, empfahl Vorsicht, denn angeschweißte Sauen wären von großer -Rücksichtslosigkeit und kümmerten sich den Teufel weder um das -Strafgesetzbuch noch um die Haftpflicht, wären außerdem nervös und -hätten am liebsten ihre Ruhe, weswegen man sich völlig lautlos, -womöglich noch leiser, zu seinem Stande zu verfügen habe, auch sei -Niesen und Husten bis zum Abblasen zu verschieben. - -Es war ein bildschöner Tag. Der Himmel war hoch und die Luft war still, -die Fichten hatten Schneemützen auf und die Jungbuchen weiße Hemden -an, die Krähen stachen sich in der Luft und die Meisen piepten in -den Zweigen. Es dauerte eine Stunde, bis daß die Schützen angestellt -waren, und mancher von ihnen fand, daß eine Saujagd auf die Dauer ein -fußkaltes Vergnügen wäre. Aber dann wurde angeblasen und warm lief es -ihnen zwischen Hemd und Haut über den Rücken. - -Erst kam eine halbe Stunde gar nichts; dann dem einen ein Fuchs und -dem anderen ein Hase, aber darauf zu schießen, war bei Todesstrafe, ja -sogar bei zehn Mark Geldbuße verboten, und dann kam eine ganze Weile -wieder nichts, und dann ein Treiber und noch einer. - -Schon seufzten die gesitteten Jäger, und die ungesitteten murrten -dumpf, da gab ein Hund Laut, und noch einer, und der dritte, und es -war ein Lärm, wie auf einer internationalen Hundeausstellung, und dann -pfiff ein Hund in den höchsten Tönen; die andern aber gaben Standlaut. - -Und dann fiel ein Schuß, und dann schrie jemand: »Hülfe, Hüülfee!« -und die einen sahen sich nach anständigen Bäumen um und fanden es -rücksichtslos, daß ringsumher nur junge Bestände waren, die höchstens -eine Eichkatze, aber keinen ausgewachsenen Mann tragen konnten, andere -aber rannten, so schnell sie ihre langen Stiefeln tragen wollten, -dahin, wo der Lärm war, und da sahen sie ein Bild, schrecklich schön -und doch zum Lachen. - -Da war nämlich ein Heringssalat von einem Keiler, sechs Hunden und vier -menschlichen Gliedmaßen, von denen zwei in langen Stiefeln steckten und -ganz erbärmlich zuckten, während ihr Besitzer andauernd um Hilfe schrie -und mit dem Büchsenkolben bald den Keiler, bald die Hunde abwehrte. - -Es war ein solches Gekrabbel und Durcheinander, daß keiner wußte, was -ist nun Schütze, was Sau, was Hund, und so mochte niemand dem Keiler -den Fangschuß geben, noch ihm mit der kalten Waffe auf die Schwarte -rücken. - -Da sprang der jüngste Schütz, ein dünner Forstlehrling mit einem -Milchgesicht und noch ganz glatt unter der Nase, mit drei Sprüngen -hinzu, setzte sich rittlings auf den Keiler, faßte ihn am Gehöre, zog -vom Leder und ehe die ausgewachsenen Männer noch recht wußten, wie es -zugegangen war, stand er neben dem Keiler, steckte die rottriefende -Wehr in die Scheide, trat die Hunde ab und riß den verunglückten -Schützen unter der Sau fort. - -Nun schrie alles »Bravo!« und dann sah man sich den Mann an, der fünf -Minuten lang unter der Sau gelegen hatte. Er sah böse aus, denn die -Hunde hatten ihm in ihrer Wut die Hosen in ganz erheblichem Maßstabe -geflickt und ihm andauernd im Gesicht herumgestanden. Das war aber auch -alles; die Knochen hatte er noch alle zusammen und einen Fleischschmiß -auch nicht abbekommen. - -Man gab ihm einen Schnaps und nun sollte er erzählen. Ja, was war da -zu erzählen? Er hatte gehört, wie dicht vor ihm die Hunde den Keiler -verbellten, hatte sich herangebirscht und geschossen. Von da ab -erinnerte er sich der Reihenfolge der Tatsachen nicht mehr ganz genau. -Er wußte nur, daß er auf einmal unter dem Keiler und zwischen einer -unglaublichen Masse von Hundebeinen lag, daß ihm bald der Schnee, bald -der Geifer der Sau in Mund und Augen flog und dann wäre es ihm heiß und -naß über das Gesicht gelaufen und dann hätte er gar nichts mehr sehen -können. - -Er möchte bloß wissen, wo seine goldene Uhr und seine silberne -Zigarrettendose sei und ob drei Büchsenmacher wohl wieder seine -funkelnagelneue Doppelbüchse, Wert vierhundert Mark, halbwegs gesund -bekämen. Aber schließlich: die Hauptsache sei doch, daß er Jagdkönig -sei. Es sei die erste Sau, die er geschossen habe. Daraufhin trank er -noch einen Schnaps. - -Der Keiler wurde auf die Brandrute gezogen und dann suchte man den -Anschuß. Es war keiner da. Rundumher Hohngelächter der Hölle; das -Gesicht des glücklichen Schützen wurde noch einmal so lang, das des -Forstlehrlings nahm eine vollmondartige Form an. Man drehte die Sau -um und um, besah sie von vorn und hinten, es war und war kein Anschuß -zu finden. Der Schütze mußte zeigen, wo er gestanden und wohin er -geschossen hatte, und da fand man den Anschuß; eine Jungfichte war -mitten durchgeschossen. Neues Hohngelächter! Drei Mark für den Verein -Waldheil fällig wegen Fehlschusses! Drittes Hohngelächter! - -»Malhör über Malhör!« sprach der Forstmeister, brach einen Bruch, -zog ihn durch den roten Schweiß und reichte ihn auf seinem Hute dem -Forstlehrling. »Sau tot!« blies das Horn. Heim ging es. Fast alle -ließen die Köpfe etwas hängen. Und leise sprach der Forstmeister: -»Pech ist Pech! Das größte Pech hat der Bengel da; fängt ein gesundes -Hauptschwein mit der kalten Waffe ab. Wenn der nicht Größenwahn kriegt, -weiß ich es nicht!« - -Am anderen Tage kam der Trichinenbeschauer, machte seine Proben und -sprach mit strahlendem Gesichte: »Trichinen hat er ooch!« - -»Auch das noch!« sprach der Forstmeister und trank einen Schnaps. - - - - - * * * * * * - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - -Unterschiedliche Schreibweisen von Namen wurden beibehalten. - -Korrekturen: - -Titelseite: leivt → lebt - Es {lebt} der dürre Sand - -S. 65: sind → sich - kümmern {sich} nicht mehr um sie - -S. 129: hömschen → höhnischen - trockenen, gemeinen, {höhnischen} Jubelruf - -S. 134: bastige → hastige - tief unter ihm fallen {hastige} Axtschläge - -S. 163: Malöhr → Malhör - {Malhör} über Malhör! - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN*** - - -******* This file should be named 53457-0.txt or 53457-0.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/3/4/5/53457 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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