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-The Project Gutenberg eBook, Mümmelmann, by Hermann Löns
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-Title: Mümmelmann
- Ein Tierbuch
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-
-Author: Hermann Löns
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-Release Date: November 6, 2016 [eBook #53457]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
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-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN***
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-
-E-text prepared by Sandra Eder and the Online Distributed Proofreading
-Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by
-Internet Archive (https://archive.org)
-
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-
-Note: Images of the original pages are available through
- Internet Archive. See
- https://archive.org/details/Mummelmann_Ein_Tierbuch_
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-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+, in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-HERMANN LÖNS
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-MÜMMELMANN
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- * * * * * *
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-In unserem Verlage sind von
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-Hermann Löns
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-ferner erschienen:
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-Aus Wald und Heide
-
-21 Erzählungen für die Jugend, 16.--20. Tausend, Illustr. Kart. M. 1.--.
-
-
-Mein braunes Buch
-
-21 Erzählungen aus der Heide. 17.--21. Tausend, brosch. M. 3.--, geb.
-M. 4.--, Luxusband M. 6.50.
-
-
-Mein blaues Buch
-
-Balladen und Romanzen, 4. Tausend, brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--,
-Luxusband M. 6.50.
-
-
-Der letzte Hansbur
-
-Bauernroman aus der Lüneburger Heide. 9.--10. Tausend, brosch. M. 3.50,
-geb. M. 4.--, Luxusband M. 7.--.
-
-
-Dahinten in der Heide
-
-Niedersächsischer Roman, 13.--15. Tausend, brosch. M. 3.--, geb.
-M. 4.--, Luxusband M. 6.50.
-
-
-Kraut und Lot
-
-Ein Buch für Jäger und Heger, 8.--10. Tausend, geb. M. 4.20, Luxusband
-M. 7.--.
-
-
-Der zweckmäßige Meyer
-
-Ein schnurriges Buch. 20 Humoresken aus dem Naturleben. 8. Tausend,
-geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.--.
-
-
-Auf der Wildbahn
-
-Jagdnovellen, 8. Tausend, geb. M. 4.--, Luxusband M. 6.50.
-
-
-Haidbilder
-
-Neue Folge von »Mein braunes Buch«, 6. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband
-M. 6.--.
-
-
-Mein buntes Buch
-
-Naturschilderungen, 7. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.--.
-
-
-Goldhals
-
-Ein Tierbuch für die Jugend, 4.--8. Tausend, geb. M. 1.80.
-
-
-Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H., Hannover.
-
- * * * * * *
-
-
-HERMANN LÖNS
-
-MÜMMELMANN
-
-Ein Tierbuch
-
-21.--25. Tausend
-
- Höret:
-
- Es gibt nichts Totes auf der Welt,
- Hat alles sein' Verstand,
- Es lebt das öde Felsenriff,
- Es lebt der dürre Sand.
-
- Laß deine Augen offen sein,
- Geschlossen deinen Mund
- Und wandle still, so werden dir
- Geheime Dinge kund.
-
- Dann weißt du, was der Rabe ruft
- Und was die Eule singt,
- Aus jedes Wesens Stimme dir
- Ein lieber Gruß erklingt.
-
-
-
-
-
-
-
-Hannover 1915
-Adolf Sponholtz Verlag
-G. m. b. H.
-
-
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-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- 1. Mümmelmann 5
-
- 2. Murkerichs Minnefahrt 13
-
- 3. Krähengespräch 21
-
- 4. Sein letztes Lied 27
-
- 5. Goldhals 34
-
- 6. Der letzte seines Stammes 41
-
- 7. Achtzacks Ende 49
-
- 8. Böbchen 57
-
- 9. Der Zaunigel 64
-
- 10. Jakob 72
-
- 11. Hausfriedensbruch 79
-
- 12. Mein Dachs und meine Dackel 86
-
- 13. Die Zeit der schweren Not 93
-
- 14. Des Rätsels Lösung 99
-
- 15. Das Eichhörnchen 105
-
- 15. Hasendämmerung 116
-
- 17. Der Mörder 123
-
- 18. Der Alte vom Berge 134
-
- 19. Die Einwanderer 144
-
- 20. Ein Hauptschwein 154
-
-»Der Zaunigel« und »Das Eichhörnchen« sind mit Erlaubnis des Verlages
-beim Prachtwerke »Lebensbilder aus der Tierwelt«, herausgegeben von H.
-Meerwarth, Verlag von R. Voigtländer, Leipzig, entnommen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Mümmelmann.
-
-
-Sie zogen aus, bis an die Zähne bewaffnet, an die dreitausend, an
-die dreihundert, an die dreißig, schrecklich anzusehen in ihrem
-Kriegsschmucke.
-
-Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen Hüten. Um ihre
-Unterleiber schlotterten oder strammten sich rauhe Jacken, deren
-Taschen reichlich mit Nikotinspargeln gespickt waren. An der Seite
-hing ein Ränzlein, strotzend von braunen, grünen, roten oder gelben
-Hülsen, enthaltend das scharfe Pulver, ferner eine Flasche, bergend
-das nicht minder scharfe Visierwasser, und diverse Pakete, worin die
-kurzgehackten sterblichen Überreste toter Schweine und Kühe waren. Vor
-dem Magen trugen sie Müffchen, um die Handgelenke gestrickte Stulpen,
-und auf dem Rücken Donnerrohre aller Konstruktionen und jeglichen
-Kalibers.
-
-Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen, den Perron mit
-schallenden Tritten, drei Coupés mit Zigarrendampf und die Schaffner
-mit Grausen, denn jeder dritte zog ein erwachsenes Exemplar von
-~canis familiaris~ hinter sich her und verlangte Platz dafür
-nächst sich.
-
-Während der Fahrt nickten die einen, die abends vorher allzu lange beim
-geisteserfrischenden Männerskat und beim seelenerhebenden Bitterbier
-gesessen hatten, noch etwas nach, die edlen, etwas gedunsenen Züge auf
-die Mündungen der Flinten stützend; andere hatten des Teufels Gebetbuch
-in der Hand, schielten sich in die Karten und nahmen sich das mehr
-oder minder redlich erworbene Kleingeld ab. Die dritten sprachen Latein.
-
-Der Dicke mit den apoplektischen Kulpsaugen erzählte mit einer Stimme,
-die die Fensterscheiben zum Klirren brachte, er habe gestern auf
-achtzig Schritt einen Krummen geschossen, wie gerädert sei der im Dampf
-geblieben, alle Knochen gebrochen. Und dann zeigte er seine Flinte
-herum, alle guckten hinein und taten, als glaubten sie es, und jeder
-sah sein Gegenüber mit einem Blick an, der da sagte, daß er es durchaus
-nicht glaube.
-
-Sie sprachen eine fremde Sprache, die kein vernünftiger Mensch
-verstand, redeten von Rammlern und Satzhasen, Schweiß und Wolle,
-Löffeln und Blumen, Läufen und Gescheide, Kesseln und Suchen, Stokeln
-und Strecke, meinten aber immer ganz was anderes. So fuhren sie dahin
-durch die weiße, morgendliche Winterlandschaft, auf die die aus dem
-Bett kriechende Sonne einen schwachen Rosenschimmer warf.
-
-Dieser Rosenschimmer traf auch in der Feldmark von Knubbendorf die Nase
-eines alten Rammlers, der langsam und hochläufig über die Landstraße
-hinkte, Haanrich Mümmelmann genannt in seiner Sippe. Er machte einen
-Kegel, putzte sich ein Flöckchen Schnee aus dem Schnurrbart mit der
-rauhen Bürste seines Vorderlaufes, und überlegte, ob er noch nach der
-reichlich geästen Roggensaat etwas Rinde von jungen Apfelbäumen in den
-Gärten von Knubbendorf zu sich nehmen solle, oder ob es bekömmlicher
-sei, einige vorjährige Brommelbeerblätter zu genießen, denn er fühlte
-einen Druck im Magen.
-
-Da teilte ihm derjenige Teil seines Körpers, mit dem er auf einem
-plattgefahrenen goldgelben Apfel saß, der nicht von den Hesperiden,
-sondern von dem edlen Rosse stammte, mit, daß ein Wagen sich nähere.
-Er drehte sich um, spitzte die schwarztimpigen Löffel und sagte sich
-dann in seinem lieben Gemüte, daß das weder die Post sei, die führe
-schneller, noch der Molkereiwagen, der führe langsamer, ein Marktwagen
-sei es auch nicht, der käme schon bei nachtschlafender Zeit. Item sei
-es etwas Ungewohntes, und das Ungewohnte sei stets unbekömmlich.
-
-Er hoppelte bis an den Graben, setzte trotz seiner drei Läufe über
-die hohe Schneewehe und hoppelte den Patt entlang. Auf dem großen
-Schlehbusch saß der Neuntöter. Den fragte er, ob er nicht sähe, was da
-die Straße entlangkomme, seine Augen hätten nachgelassen. Der Würger
-sagte ihm, daß es Jäger und Hunde wären, und flog nach der Dieme, denn
-da hatte er eine Maus gesehen.
-
-Mümmelmann kratzte sich bedenklich hinter den Löffeln und hoppelte
-weiter, bis an den großen Stein, der an der Sandkuhle lag. Dort klopfte
-er dreimal mit dem linken Hinterlauf. Er hatte nur den einen, den
-rechten fraßen nach der vorjährigen Treibjagd die Nebelkrähen. Auf sein
-Klopfen tauchten hinter einem dürren Kamillenbusch zwei sauber gekämmte
-Löffel auf. Sie gehörten Geesche Wittblaume.
-
-»'n Dag, Geesche«, knurrte Mümmelmann, »van Dage giff dat Drievjagd.
-Eck weit blot noch nich, wenn sei in Holte drieven oder inn'e Feldmark.
-Seih deck vör!«
-
-»Eck rücke to Holte, da kann'n seck lichter bargen,« meinte Geesche.
-»Adjüs, Haanrich« und damit hoppelte sie von dannen.
-
-»Segg et de annern an,« rief Mümmelmann ihr nach, und Geesche machte
-einen Kegel, spitzte die Löffel, nickte und hoppelte fort.
-
-Mümmelmann traf bei Wege noch Trine Geelzahn und Jochen Pielsteert
-und sagte ihnen, daß sie gut täten, die Löffel steif zu halten. Und
-dann hoppelte er weiter, bis nach einer ganz kahlen, hoch gelegenen
-Stelle. Dort lief er eilig hin und her, als habe er etwas verloren,
-schlug Haken auf Haken, und schob sich dann in einen Pott, den er sich
-scharrte.
-
-Eine Stunde mochte er in seinem Lager gelegen haben, da vernahm er
-ein Geräusch und machte einen Kegel. Da sah er Aadje Slappuhr eilig
-daherkommen, Aadje, dessen Löffel keinen Halt hatten, weil ihm im
-vorigen November die Schroten die Knorpel zerschlagen hatten.
-
-»Junge,« sagte Aadje und verpustete sich, »dat ward leege van Dage. De
-Driever drücket dat Holt dör und denn schall ekesselt weern.«
-
-»Dübel,« sagte Mümmelmann, »de vermuckten Schinners war'd von Dag to
-Dag heller. Na, will't sehn, wat seck dohn lätt. 'djüs.« Und damit
-rückte er sich wieder in seinem Pott zurecht, und Aadje lief weiter.
-
-Noch eine Stunde lag Mümmelmann da und dachte nach, daß der Mensch doch
-das böseste Raubzeug sei, trotz Reinke Rotvoß und Griepto Höhnerdeiw,
-dem Habicht, und daß es Zeit wäre, daß man dagegen etwas täte; da hörte
-er von weitem einen Ton, als klopfe da ein riesiger Rammler. Und der
-wiederholte sich immer wieder.
-
-Haanrich Mümmelmann machte sich hoch und äugte nach der Gegend hin,
-aber seine Lichter trugen so weit nicht. So rückte er wieder zusammen
-und wartete. Die Sonne brannte ihm warm auf den billigen Balg, der
-Wind hatte sich gelegt, das war alles gut und schön soweit, wenn nur
-die Jäger nicht gewesen wären. Na, sein Testament hatte der Olle schon
-lange gemacht, er war nun fast zehn Jahre alt, und ewig kann man nicht
-leben. So philosophierte er.
-
-Auf einmal spielohrte er. Er hörte den Mordschrei der Nebelkrähe. Er
-machte sich ein ganz klein bißchen höher und seine Seher wurden starr.
-Über das Feld kam ein Hase in ungleichen Sätzen, und über ihm strichen
-zwei große graue Krähen. Eine stieg immer und strich vorwärts, und
-die andere fuhr herab und stieß nach den Lichtern des armen Hasen, und
-Arr und Err ging es. Alle Augenblicke wurde der kranke Hase kürzer,
-dann fuhren beide Krähen auf ihn los. Und dann rappelte er sich wieder
-auf und machte ein paar Sätze, aber nach wenigen Sätzen wurde er
-wieder kürzer. Und vom Horizont kam ein schwarzer Punkt und noch einer
-und immer wieder einer, lauter Krähen, graue und schwarze, und wie
-eine Wolke von Blut und Tod zog es über den Kranken her. Und jetzt,
-Mümmelmann schauerte zusammen und legte die Löffel an, denn er wußte,
-was jetzt kam, jetzt kam der Graben, und das war das Ende. Und da
-scholl es auch zu ihm heran: »O weh, o weh, o weeäh, o weih mir,« und
-dann war alles still und nur die Galgenvögel, die sich zankten, hörte
-man.
-
-Nach einem Weilchen vernahm der Alte wieder ein Gepolter und sah die
-Krähen abstieben. Er richtete sich ein bißchen hoch, und sah einen
-großmächtigen Köter einen kranken Hasen hetzen. Schwer krank, das
-sah der Alte, war der andere nicht, aber doch so, daß der flüchtige
-Hund ihn bald zu Stande hetzen würde. Das war ein guter Kerl, Natz
-Klewersitter vom Uhlenbrink. Dem mußte geholfen werden.
-
-»Natz,« knurrte Mümmelmann leise, »eck stah upp, sett di dahl!« Der
-kranke Waldhase nahm alle Kraft zusammen, fuhr in das warme Lager, und
-mit einem Hui, eine Schneewolke hinter sich werfend, fegte der alte
-Feldhase aus dem Pott, schlug ein halbes Dutzend Haken, daß der Hund
-ganz verbiestert wurde, sauste dann geradeaus, schlug wieder Haken,
-machte einen Kegel, nahm wieder das Feld hinter sich, bis dem Hunde die
-Zunge aus dem Halse hing und er die Jagd aufgab. Mümmelmann äugte ihm
-nach, lachte, hoppelte bis zum nächsten Brink und rodete sich wieder
-ein. Seine alten Knochen brauchten Ruhe.
-
-Lange dauerte es damit aber nicht, da vernahm er ein Dröhnen und
-Knirschen. Erst war es nördlich, dann westlich, dann südlich, dann auch
-im Osten. Er machte sich hoch und sah rundum lauter schwarze Pfähle.
-Und nach einer Weile ging es, »Tara, Tarattata«, und die Pfähle kamen
-auf ihn zu. Und dann hörte er es knallen und er sah hier einen aus
-seiner Sippe über den Schnee rennen, und da einen von den Waldhasen,
-und da stand einer auf dem Kopf und hier rollte einer im Dampf.
-»Dübel,« dachte der Alte, »eck sitte in'n Kessel!«
-
-Die schwarzen Pfähle kamen näher. Überall stob der Schnee, prasselten
-die Schrote, flog der Dampf, knallten die Schüsse. Mümmelmann blieb in
-seinem Pott und überlegte. Rechts, nein, da ging es nicht, da knallten
-wenige Schüsse und immer einzeln, da standen gute Schützen. Links,
-da ging es bergab, das war auch schlecht. Aber gerade aus da war ein
-Jäger, der schoß immer beinah beide Läufe auf einmal, und sein Nachbar,
-der fuchtelte immer erst lange hin und her, ehe er drückte.
-
-Die Schritte kamen näher. Dicht neben Mümmelmann schlug Kunrad
-Flinkfoot ein Rad, sprang noch einige Todessprünge und färbte den
-Schnee rot. Weiter rechts machte Dorette Quappbuk ihr Testament,
-nicht weit davon Lischen Hopsinskrut. Aber zwischen dem langen
-Schnellschießer und dem kurzen Fuchtelmeier passierten eben Jochen
-Pielsteert und Fritze Pattlöper heil die Schützenlinie, und da richtete
-sich der alte Hase steif auf, hoppelte in gerader Linie voran, gerade
-auf die Lücke zwischen den beiden Schützen zu, ganz langsam, bis er
-fast in Schußnähe war, witschte dann nach links, schlug einen Haken
-nach rechts, einen nach links, einen nach rechts, sah noch eben, wie
-zwei Gewehrläufe in der Luft herumfuhren, wie Schwänze von Kühen, um
-die die Bremsen sind, und dann gab er her, was er in sich hatte, fuhr
-durch die Lücke, schlug sieben Haken, hörte einen Knall, einen Schrei,
-einen Fluch, nähte aus, bis er nichts mehr hörte, und dann machte er
-ein Männchen und äugte zurück.
-
-Das Jagdhorn erklang. Die Schüsse hörten auf. Die Jäger liefen nach
-einem Fleck, hoben etwas auf und gingen nach dem Dorfe. Und es war
-doch erst Mittag. Als sie alle weg waren, hoppelte Mümmelmann nach
-dem Kessel. Da lag Schweiß, hier wenig, Hasenschweiß, und da viel.
-Menschenschweiß, und dem alten Hasen schwoll sein kleines Herz von
-befriedigter Rachsucht; nun wollte er gern sterben, er hatte sein Volk
-gerächt.
-
-Nachts um zwölf Uhr, als der Vollmond klar am Himmel stand, kamen die
-Knubbendorfer Hasen auf dem Felde, wo der letzte Kessel gewesen war,
-zusammen. Mümmelmann rief sie alle der Reihe nach auf. Zweiundsechzig
-antworteten nicht, zwanzig waren entschuldigt, sie heilten ihre Wunden
-im Lager, sechzehn humpelten, sie waren leicht angekratzt. Und als sie
-alle zusammen waren, da hielt Natz Klewersitter eine Rede und sagte
-allen, wie Haanrich Mümmelmann ihm das Leben gerettet hatte, und alle
-zweihundert klopften dem guten Kameraden Beifall und rieben ihre Nase
-an seiner. Und dann machte Jochen Pielsteert ein Männchen und erzählte,
-daß der Alte vom großen Stein sie alle gerettet habe. Er, Jochen, habe
-gesehen, daß Mümmelmann durch seine Taktik den einen Jäger so dötsch
-gemacht habe, daß er seinen Nachbar schwer angeflickt habe. »Kommt mit,
-eck will ju dat wiesen!« so schloß er seine Rede.
-
-Reinke Rotvoß, der oben an der Straße unter dem Winde herangeschnürt
-kam, blieb plötzlich stehen und seine Nüstern schnupperten wohlig, denn
-die Witterung von zweihundert Hasen kitzelte sie. Aber dann setzte er
-sich plötzlich, denn eine wimmelnde, krimmelnde Masse kam über das
-mondlichte Schneefeld, Hase bei Hase, und jetzt hielten sie an.
-
-So etwas hatte Reineke noch nicht erlebt, und er hatte viel mitgemacht.
-Als aber die zweihundert Hasen anfingen, mit den Hinterläufen zu
-klopfen und gespenstisch im Kreise herum zu tanzen, da kriegte er
-es mit der Angst, er machte kehrt und gab Fersengeld, daß ihm die
-Standarte nur so flog. Als am anderen Tage der Jagdaufseher Nachsuche
-hielt, da fand er um den roten Fleck, wo der Assessor den Baurat
-laufkrank schoß, einen Kreis, festgestampft wie eine Tenne. Und er sah,
-daß das die Hasen gemacht hatten, und er schüttelte den Kopf und machte
-ein ganz verstörtes Gesicht.
-
-Das war die Stelle, wo vorige Nacht die Knubbendorfer Hasensippe
-Mümmelmann, den Heldenhasen, nach Hasenweise geehrt hatte.
-
-
-
-
-Murkerichs Minnefahrt.
-
-
-Auf der Spitze der großen Pyramide stand ein Mann. Der Abend hatte die
-gelbe Wüste in braune und blaue Farben getaucht, hatte die Palmen und
-Kuppeln der fernen Stadt mit Gold und Purpur umwebt.
-
-Der Mann auf der Plattform des Riesenbaues sah die zauberhaften
-Farben, die märchenhaften Töne nicht. Er war das ganze Ägypten satt,
-die eleganten Reisenden, das schmierige Volk, den Spielsaal und die
-Blumengärten. Traumverloren sah er nach Norden hin.
-
-Da zuckte er zusammen und sah sich um. Nicht der Ruf der Eule war es
-gewesen, der ihn aus seinem Sinnen geweckt hatte, nicht das von weitem
-heranschallende Geschrei der Kameltreiber, nein, ein ganz anderer
-Laut, der ihm die gelben Troddeln der Haselbüsche im dämmernden Wald,
-Drosselschlag und Ammernsang vor die Seele rief.
-
-Er rieb sich die Augen und lächelte: »Ich habe geträumt,« dachte
-er. Aber da war er wieder, der seltsame, tiefe, quarrende Ton, das
-»Quoark, quoark, quoark«, und da kam es auch schon herangestrichen,
-ein schwarzes Ding, eulenhaft die Fittige bewegend, zwischen denen ein
-langer, senkrechter schwarzer Strich sich abhob, und verschwand in der
-Dämmerung.
-
-Das war Murkerich. Auch dem war dieses Ägypten langweilig geworden
-mit seinen Palmen, seinem Nilschlick, seinen fetten Fliegenmaden und
-Kamelsmistkäfern. Nach weißschimmernden Birkenwäldern sehnte er sich,
-nach braunem Fallaub zwischen goldenen Schlüsselblumen, jungen Fichten
-und breiten Weißdornbüschen und einem ordentlichen, deutschen Regenwurm.
-
-Er moarkte verdrießlich, als ihm eine große Fledermaus mit einem
-blattähnlichen Gewächs auf der Nase etwas zuzwitscherte, das er
-nicht verstand, strich weiter, den Nil hinauf, und pfuitzte schnell
-sein »Pssewitt« in den Abend hinein. Antwort erhielt er wohl, aber
-Begleitung bekam er nicht. »Noch zu kalt da oben«, pfuitzte Kulpsauge.
-»Noch keine Würmer draußen«, quarrte Silbersteert. »Noch Frost im
-Boden«, wispelte Stecherine. Da reiste Murkerich allein.
-
-Im Garten des Augustinerkellers in München ging ein Mann. Er ließ sich
-die Abendluft um die Stirn ziehen, denn arg viele Maße Bier hatte er
-binnen. Plötzlich blieb er stehen und sah nach dem Himmel, wo ein
-einziger, kleiner, blasser Stern blinzelte. »Herrgottsaxen«, brummte
-er vor sich hin, »hoab i oan Rausch. Alleweil hoab i meint, daß i die
-Schnepfen hör'!«
-
-Einen Rausch hatte er, aber richtig gehört hatte er doch. Murkerich
-hatte Afrika hinter sich, das Mittelmeer und den Balkan, Tirols weiße
-Gipfel und Bayerns dunkle Berge. Viele Gefahren zu Wasser und zu Lande
-hatte er erlebt, Seesturm und Meeresgewitter, Lawinengepolter und
-Telegraphendrahtsurren; am Gardasee stellte eine verwitwete Schnepfin
-seinem Herzen Garn und Schlinge und wollte ihn bewegen, dort zu
-bleiben. Er pfuitzte ihr etwas und strich weiter.
-
-Über dem Dorfe Sievershausen im Solling stand ein Mann. Rotkehlchen und
-Amseln sangen, Waldwühlmäuse pfiffen im Fallaub, unten im Dorf rief der
-Totenvogel und im hohen Ort lachte der Kauz. Stillzufrieden lauschte
-der Mann den Stimmen des Vorfrühlings.
-
-Auf einmal durchfuhr ihn ein Ruck. Er riß das Gewehr von der Schulter,
-spannte und packte an, sah sich wild um und ließ die Waffe wieder
-sinken. Er schüttelte den Kopf und lachte in sich hinein: »Ich dachte,
-ich hörte schon die Erste. Aber wir haben ja noch nicht einmal
-Reminiscere!«
-
-Er hatte doch richtig gehört, und wenn der Kauz gerade nicht solchen
-großen Schnabel gehabt hätte, dann hätte Murkerichs Minnefahrt schon
-hier ein Ende gehabt. Aber Glück muß ein junger Schnepfenhahn haben.
-Schon im Taunus waren ihm die Schrote um den Stecher gepfiffen und in
-seinem linken Fittig fehlte die Spitze der Malfeder. »Die kann ich
-missen,« hatte Murkerich gedacht; »die ist ja doch bloß zum Staat da«,
-und war weiter gestrichen. Und diese Nacht strich er noch weiter, bis
-er seine engere Heimat erreichte, den Ahltener Wald bei Hannover. Da
-strich er laut pfuitzend in der Frühdämmerung die Gestelle auf und ab,
-fiel, als die erste Drossel pfiff, todmüde unter einer Schirmfichte ein
-und schlief wie tot.
-
-Ein Rascheln im Laube weckte ihn. Eine Waldmaus wäre ihm fast auf den
-Kopf gesprungen. Als er sich spreizte, fuhr sie zitternd in ihr Loch.
-Die Sonne stand schon hoch und behaglich genoß Murkerich, Flügel und
-Ständer von sich streckend und das Halsgefieder aufrichtend, ihre
-Wärme. Dann richtete er sich auf, gähnte gefährlich, trippelte einige
-Schritte vorwärts, bis er an dem kleinen Ellernbruch anlangte, wo die
-ersten Blätter und Blüten sich über dem pechschwarzen, nassen Boden
-zeigten.
-
-Dort stellte er den Stecher senkrecht, fuhr damit über die goldenen
-Blüten des Milzkrautes, die fetten Blätter des Aaronstabes, die blauen
-und weißen von Leberblume und Windröschen, bohrte den Stecher in den
-Boden, vollführte mit den Ständern ein seltsames Getrampel, wobei er ab
-und zu leise schnurrte, und holte alle Augenblicke einen krampfhaft
-sich windenden Regenwurm oder eine langgeschwänzte Sumpffliegenlarve
-heraus, die er sich dann mit kurzem Ruck einverleibte. Dann trippelte
-er wieder unter seine Schirmfichte und schlief weiter.
-
-Als die Dämmerung die Bäume zusammenschmolz und der Kauz sein hohles
-Lied sang, wachte Murkerich auf. Der Abend war lau und die Luft dumpf,
-so recht geschaffen für ein zärtliches Flugspiel über den Wipfeln der
-Birken. Aber ihm lag noch die lange Luftreise in den Knochen, und so
-beschloß er, weiter zu schlafen, da erstens morgen auch noch ein Tag
-und zweitens eine Balz auf eigene Faust eine ziemlich öde Beschäftigung
-sei. Da vernahm er ein brünstiges »Pssewitt«, und er schwang sich auf
-und folgte dem lockenden Rufe.
-
-Auf der großen Rodung holte er die Dame ein. Quarrline war es, eine
-Schnepfenmadam reiferen Alters, die im Frühling vor einem Jahre hier
-Witwe geworden war. Sie hatte damals gelobt, unvermählt zu bleiben,
-aber, die Liebe, das ist eine sonderbare Sache, und wenn eine alte
-Scheune ins Brennen kommt, dann helfen alle guten Vorsätze nicht. Und
-als sie Murkerichs flehendes Morken vernahm, da tat sie zwar erst
-etwas verschämt, quarrte etwas von Aufdringlichkeit und Belästigung
-alleinstehender Damen, aber die kokette Art und Weise, wie sie ihn über
-den Rücken anschielte, gab Kunde davon, wie heiß ihr Herz dem eleganten
-jungen Mann entgegenschlug. Ja, wer kann auch für die Gefühle bei
-solcher lauen Luft!
-
-Und so ging es denn mit Pssewitt und Mork-mork über die Gräben und
-Tümpel, Schläge und Dickungen, bald neben-, bald hinter-, bald
-übereinander, jetzt langsam und leise, dann laut und schnell,
-in gerader Richtung ein Gestell entlang, im Zickzack durch den
-Lichtschlag, wo Quarrline ihrem Galan in dem Stockausschlag der Birken
-verschwand. Aber er fand sie bald, denn es war bei ihr nur Ziererei,
-und als er ihr erzählte, daß er in guten Verhältnissen lebte und ein
-Grundstück hätte, das sich selbst im dürrsten Sommer reichlich mit
-Regenwürmern verzinste, da gab sie bald ihre Sprödigkeit auf und wurde
-aus einer älteren Witwe schnell eine junge Braut.
-
-Als Murkerich sich am anderen Tage die Sache überlegte, fand er, daß
-er etwas voreilig gewesen war. Seine Quarrline paßte doch nicht so
-ganz zu ihm. Sie war ein bißchen zu sehr in die Breite gegangen, ihr
-Gefieder war stark ergraut, kurz und gut, eine Schönheit war sie gerade
-nicht. Und dieses ewige Gequarre von ihrem Seligen, das war nicht zum
-Aushalten. Wenn sie so schon als Braut war, wie würde sie erst später
-werden, dachte der glückliche Bräutigam und hörte mißmutig ihrem
-Gequarre zu, mit dem sie ihn sogar jetzt, mittags, wenn jede richtige
-Schnepfe schläft, anödete.
-
-So vernahm sie vor lauter Schwatzen das leise Rauschen nicht, das
-hinter ihr im dürren Grase daher kam. Faul und breit lag sie da und
-erzählte von ihrem Seligen. Da fuhr ein rotes Ding rauschend und
-rasselnd durch das Gras, Murkerich strich schreiend ab und konnte eben
-noch eräugen, daß Reineke Rotvoß mit Quarrline im Fang davonschnürte.
-Unter einem gewaltigen Weißdornbusch fiel Murkerich ein. Der
-entsetzliche Vorfall bekümmerte ihn tief, aber bei ruhigerer Überlegung
-fand er, daß es so am besten für sie beide war; glücklich wären sie
-zusammen doch nicht geworden. Über diesen Betrachtungen schlief er ein.
-
-Das Gezeter der Amsel weckte ihn. Die saß auf dem Dornbusch und
-machte einen Mordskrach, weil zwei Männer das Grenzgestell entlang
-gingen. Im großen Windbruch rief der Kauz, von der breiten Wiese
-erklang das Schreien der Kiebitze, Kraniche trompeteten über den Forst
-hin, Goldammern und Rotkehlchen sangen ihre Abendlieder. Da vernahm
-Murkerich über sich ein tiefes, dumpfes Quarren und ein ängstliches
-Pfuitzen. Ein alter Schnepfenhahn machte in grober Weise einer
-schlanken Schnepfin den Hof. Klack, klack, machten Murkerichs Flügel,
-und schon war er neben dem Pärchen. Der alte Hahn machte ein höchst
-erbostes Gesicht, als er den jungen Mann erblickte, und versuchte, ihm
-eins zu stechen, aber Murkerich war gewandter, er wich ihm aus, stieg
-und stach ihn derartig in die Seite, daß der alte Herr wutquietschend
-in das Quergestell einschwenkte. Murkerich wollte ihm folgen, da fuhr
-ein langer, roter Strahl empor, der alte Hahn fiel wie ein fauler Ast
-zu Boden, ein Donnerschlag ertönte, Stinkrauch stieg auf, und Murkerich
-und das kleine Fräulein schwenkten schleunigst ab.
-
-»Glück muß ein junger Mann haben«, dachte Murkerich, als er mit
-der Kleinen durch das Birkenbruch zickzackte. Die hatte sich so
-erschrocken, daß sie froh war, einen Mann bei sich zu haben. Pfuitzing
-hieß sie und war noch nicht ein Jahr alt. Murkerichs Herz brannte. »So
-ein niedliches Ding«, dachte er, »so schlank und adrett, das ist doch
-etwas anderes, als die alte Dame von gestern.« Und zärtlich morkend,
-sagte er ihr die schönsten Sachen über ihre wunderschönen dunklen
-Seher, über die blitzenden Silberspitzen ihres Stoßes, und die Kleine
-legte geschmeichelt den Stecher an die Brust und dachte bei sich:
-»Ein reizender junger Mann, viel netter, als der alte Murrkopf von
-vorhin.« Und in niedlicher Koketterie ließ sie ihres Stoßes silbernes
-Spitzenwerk leuchten, und wenn sie auch so tat, als wollte sie sich
-ihres Anbeters Schmeicheleien entziehen und hastig fortstreichen, sie
-tat nur so.
-
-Es war ein herrlicher Abend. Die Luft war weich und warm, in den
-Sinken braute der Fuchs, der Mond stand über den hohen Eichen. In
-seliger Minnefahrt strich das Pärchen über die Schläge, zickzackte
-um die Überhälter, ruderte durch das Bruch, und fiel ab und zu zu
-kurzem Gekose an einem silbern blitzenden Graben ein, um bald wieder
-in langsamem Fluge über die Gestelle zu streichen, er in männlichem
-Bariton schmeichelnd und sie im hellen Diskant kichernd, wenn er ihr
-erzählte, welch ein herrliches Leben sie hier im schönen Ahltener Walde
-führen wollten, wo der Boden so tief und locker und würmerreich ist und
-wo Dornbusch an Dornbusch steht, die beste Wehr gegen Reinekes Tücke
-und Griepto Heuhnerdeiws, des Habichts, Roheit.
-
-Und als sie so schwärmten und träumten, da blitzte und krachte und
-rauchte es, und Pfuitzing stieß einen Schrei aus, stürzte, nahm sich
-wieder auf und flatterte in das Unterholz. Murkerich war sofort bei
-ihr und trieb sie zur Eile an, denn er vernahm eine laute Stimme, und
-hörte einen Hund durch die Pfützen patschen. Da flatterte das arme Ding
-mit Aufwand aller Kraft ein Endchen weiter und fiel erschöpft in den
-gewaltigen, undurchdringlichen Windbruch. Noch ein Weilchen hörten sie
-den Hund hechelnd im Unterholz herumstöbern, dann ertönte ein Pfiff,
-und alles war ruhig.
-
-Pfuitzing lag auf der Seite und wimmerte ganz leise. Ihr linker Lauf
-war von einem Hagelkorn getroffen und gebrochen. Sie zog ihn fest an
-den Leib und ließ sich von Murkerich trösten. Den ganzen Tag blieb
-sie so liegen und humpelte erst abends ein bißchen hin und her, um zu
-wurmen, und Murkerich blieb immer bei ihr. Nach acht Tagen war der Lauf
-fast heil; die weichen Bauchfederchen hatten einen festen Verband darum
-gebildet, so daß die Kleine schon wieder ganz gut auftreten und sich
-auch wieder aufschwingen konnte.
-
-Es war wieder ein wundervoller Abend, so lau, so weich, so milde,
-aber dem Pärchen war alle Lust am Strich vergangen. »Weißt Du was,
-Pfuitzing,« quarrte Murkerich, »ich glaube, wir ziehen weiter. Wenn
-man immer geradeaus gegen Mitternacht streicht, dann kommt man hinter
-dem Meer in Länder, da gibt es kaum einen Menschen, und die da sind,
-die kümmern sich nicht um uns. Hier muß man ja immer wie eine Maus im
-Verborgenen leben und hat nichts vom Leben. Wollen wir weiter?«
-
-Pfuitzing war es zufrieden, und als der Mond sich hinter den Wolken
-versteckte, da stiegen beide ganz hoch in die Luft, kreisten dreimal
-und strichen dann geradeaus, nach dem Lande, wo es noch nette Menschen
-gibt. Und da leben sie heute noch.
-
-
-
-
-Krähengespräch.
-
-
-Jeden Nachmittag um 3 Uhr achtundfünfzig Minuten, wenn der
-Barsinghausener Zug über die große Bult bei Hannover keucht, kommt
-ein alter Herr mit einem alten Hunde den Fußweg entlang, der sich am
-Rande der Eilenriede nach der Bult hin zwischen dem Döhrener Turm und
-Bischofshol hinzieht. Auf der Höhe der Rüsterburg bleibt der alte Herr
-stehen, nimmt eine Prise, sieht gegen den hellen Abendhimmel und niest,
-und meistens niest sein Hund zur Gesellschaft mit. Dann gehen beide
-weiter.
-
-Genau um diese Zeit kommt eine große graue Krähe angeflogen, die bei
-der Korndieme auf Mäuse lauerte, läßt sich auf einer der höchsten
-Eichen am Rande des Waldes zwischen dem Eisenbahndamm und der
-Rüsterburg nieder, schüttelt ihr Gefieder glatt und ruft dreimal laut:
-»Arrr!«
-
-Wenn dann der Deister in dicken, rotgesäumten Abendwolken
-verschwimmt, wenn in dem Bultkrankenhause, im Heiligengeiststift
-und im Schwesternhause die ersten Lichter aufblitzen und die Sonne
-mit unheimlicher Behendigkeit an dem Schornstein der städtischen
-Bierbrauerei hinunterklettert, dann kommt von den Komposthaufen
-eine zweite, aber schwarze Krähe her, nimmt neben der grauen Platz,
-schüttelt ihr Gefieder und ruft ebenfalls dreimal, aber in schwächerem
-Ton: »Aerr!«
-
-Dann dauert es gar nicht mehr lange, und während der Wald zu
-einem violetten Gemussel zerfließt, aus dem nur das rote Laub
-der Buchenjugenden hervorleuchtet, um die Zeit, wenn die heimlich
-Verlobten, die da spazieren gehen, anfangen, sich unterzuhaken, dann
-kommen von allen Seiten einzelne Krähen angeflogen, graue Nebelkrähen,
-schwarze Rabenkrähen und manchmal auch einige stahlblaue Saatkrähen.
-
-Im ganzen sind es so fünfzehn bis fünfundzwanzig, die um die
-Schlummerstunde auf der hohen Eiche zusammenkommen; einige davon
-sind ausgebrütete Hannoveraner, zwei sogar Stadthannoveraner, da sie
-in der Eilenriede groß wurden, die andern stammen aus Brandenburg,
-Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Posen und Ostpreußen. Die
-Ostelbier sind alle grau mit schwarzen Köpfen, Flügeln und Schwänzen,
-die andern schwarz. Die Ostelbier sind nur im Winter hier, wenn sie zu
-Hause nichts haben.
-
-Den Tag über treiben sie sich auf der großen Bult herum, die eine bei
-der Tierärztlichen Hochschule, die andere vor dem Schlachthause, wieder
-andere in den Ländereien der Stadtgärtnerei, oder in den Stiftsgärten,
-auf den Fußballspielplätzen, bei den Bahnwärterhäusern, der Dieme und
-den Komposthaufen. Dort stochern sie ruhig und besonnen, ob sie nicht
-einen Wurm, einen vor Kälte lahmbeinigen Käfer, einen Knochen mit noch
-einem Bißchen daran, eine Wurstschläue, ein Stück Brot oder dergleichen
-finden oder eine Maus oder einen Maulwurf übertölpeln.
-
-Die Graue, die zuerst kommt, ist eine Ostpreußin. »Känigsbarg« ist ihr
-drittes Wort. Die Schwarze, die immer gleich nach ihr kommt, stammt
-aus der Eilenriede; die beiden kennen sich seit drei Wintern: »Guten
-Aabend, mei Herzche«, schnorrt die Graue; »was haben Sie heit gemacht
-de ganze Tag? War's Assen gut?« Die Schwarze macht vergnügte Augen: »'n
-Aeöbend, das will ich maanen; ich waaß doch hier Beschaad. Ich häöb 'n
-angeschossenen Häösen gefunden. Delikäöt, säöge ich Ihnen.«
-
-»Einen Hasen«, plärrt da eine graue Sächsin, die eben ankommt, »ach
-nee, was Se sagen? Hären Se mal, meine Kuteste, den genn' Se mir mal
-zeigen. Ich hab' Se nämlich noch nie 'n doten Hasen kesehen, wissen Se.
-Wo liegt er denn, der Hase, wenn ich so frei sein darf?« Die Schwarze
-meint: »Da is jetzt nich mehr viel anne«, was die Ostpreußin, die die
-Sächsin nicht leiden kann, veranlaßt, laut aufzulachen: »Hulla, hulla,
-hullahahaha, salba assan macht fatt; nicht wahr, mei Härzche?«
-
-Eine schwarze Kalenbergerin erscheint und mit ihr eine graue Polin.
-Der steht der Schnabel lose: »Gutten Abbend, Frau Schwarrzhals, gutten
-Abbend, Frau Dickkopf, gutten Abbend, Frau Blänkeersteert, habben Se
-sich Guttes gefunden zu essen heite? Habe ich mich gefunden Knochen
-großiges mit Fleeisch vielliges drran, serre guttes Fleisch, gar nicht
-stinkiges, von Schaff hammliges.«
-
-Die Kalenbergerin sieht sie von der Seite an: »Da süht Sei ook gerade
-nach ut! Man mächtig lökrig is Jue Bunk! Awer eck, eck hebbe 'ne ganße
-Wost estohlen von 'n Schlachterkerl ut de Molle. Das freut meck noch
-drei Dage nah minen Dode. Watt hebbe eck meck ehöget. Un wat hett de
-Kärel eßchimpet. Höhöhö!«
-
-»Is sich serre selten«, fällt ihr die Polin in die Rede, »hierr zu
-finden Wurst schweinerrne. Is sich vill besserr bei uns zu Hause in
-Wongrowitz, wo man findett serr oft Wurrst odder Knochenn. Sind sich
-Pollen nicht so ängstlich mit Eingrabben von alles Abfall, wie Leite
-hannovversches.«
-
-»Ohle Döllmer«, krächzt sie die Kalenbergerin an, »worümme blivst
-De denn nich to Huse? Tatternvolk! Erst hier rümmetobetteln un denn
-ßchimpen! Dat is de rechte Art von so'n Volk. Wat meinst' Nahwersche?«
-fragt sie dann die Eilenriedekrähe.
-
-»Hast recht, hast recht«, antwortet die, und fährt dann leiser fort,
-»äöber das stimmt schon, anstellen tun sie sich heute, die Leute,
-da ist das Ende von weege. Alles einkuhlen und des-, na, wie heißt
-das olle vermuckte Wort doch, so, desinfezinieren, das wird immer
-dummerhaftiger. Und mit der Raanlichkeit häöben Se sich! Raanlichkeit
-muß sein, äöber was zu viel ist, ist zu viel. Auf 'm Schlachthofe,
-glauben Sie, daß sie däö ein Priepelchen Fleisch liegen lassen? I
-bewäöhre, jeden Fetzen fäöhren Se raus und roden ihn bei.«
-
-»Sa'n Se mal«, fällt eine Berlinerin ein, »ob dett woll wahr is, wat
-ick heite jeheert habe, dat de Rennbahn hier uff de jroße Bult kommen
-dhun soll! Na, dett wär 'ne scheene Pleite für uns. Ick pfeife uff den
-janzen Sport: Rasse is Mumpitz, 'ne Abdeckerei is mich ville lieber.
-Det wird iberhaupt immer dammlicher uff de Welt!«
-
-»Besser wird es überhaupt nicht«, meint die aus der Eilenriede. »Wenn
-ich noch daran denke, vor zehn Jäöhren, als die hohen Fuhren noch
-vor der Seelhorst standen! Was wäör däö wintertags für ein Leben; an
-die Tausend von uns schliefen däö. Aber die Leute, die Leute! Erst
-schmissen sie Giftbrocken hin, und als wir die nicht mehr näöhmen, da
-trieben sie das Holz ab. Ich häöbe denn bis vor zwei Jäöhren immer
-in dem Holze vor Misburg geschläöfen, äöber da käömen die Jäger und
-schossen nach uns. Und seitdem gehe ich nach dem Aäöhltener Holze. Es
-ist däö jäö 'n bißchen gemischt, zu viel Sääötkrähen und sogäör Dohlen,
-äöber was soll 'n machen? Hier in der Eilenriede ist an einen ruhigen
-Schläöf doch nicht mehr zu denken. Noch bei nachtschläöfender Zeit
-läuft das Volk in 'n Holze herum und überall sind Laternen. Die Welt
-wird immer dümmer!«
-
-»Da haben Sie wieder recht, mein Süßing«, schnarrt die dicke graue
-Pommerin, »auch bei uns wird es immer schlechter«, und die Ostpreußin
-stimmt bei: »Bei uns da oben bei Känigsbarg ist es noch nicht so
-schlimm; aber weiter hinauf, auf der Nahrung, bei Rossitten, da assen
-die Manschen Krähenfleisch, und jetzt sitzt da ein Kärlche, Thienemann
-heißt er, der fängt die Krähen und macht ihnen Ringe um die Beine mit
-dem Datum darauf und bittet, daß man überall Krähen totschieße und ihm
-die Füße einschicke, der Wissenschaft wagen. Nu' bitt' ich Sie, was hat
-die Wissenschaft mit unsern Beinen zu tun. Der Mensch kommt jeden Tag
-auf neue Dummheiten.«
-
-»Is sich serr rrichtig«, meint die Polin, »setzen sich bei uns in
-Pollen feeine Herren in Errdheiser, machen sich Uhu grroßes auf Pfahl;
-kommen sich Krrähen an auf zu beißen Uhu dickköpfiges, schießen sich
-Herren feine dann mit Gewehrre auf Krrähen, Hundsblutt gemeines
-niddertrrächtiges!«
-
-»Dat dauet se hiertolanne ook«, meint die Kalenbergerin, »up de
-Vahrenwohler Heide und hier dichte bi-e, in der Seelhorst, da kümmt
-ook jümmerst so'n Vogelutstopper ut de Slägerstraate, Wiegand heit
-dat Lork, de kruppt in'n Busch, sett da so'ne olle utstoppte Kattuhle
-henne, und wenn 'n denn antofliggen kümmt und will de Uhle einen
-wischen, pardautz, denn ballert de Kerl los. Awer eck falle up den
-Swindel nicht mehr rin.«
-
-»Wat eck awer noch seggen wullt: dat mit de Rennbahn hier up de Grote
-Bult, dat drafft wi üsch nich gefallen laaten. Wenn eck man nich min
-Haus bi Degersen hätte, denn wüßt eck schon, wat eck dohn deihte. Laat
-se man koomen met öhre smächtrigen Päre! Eck wollt' se all ball up den
-Drab bringen. Mit den Snabel den Pären gegen die Oogen, wenn se öwer de
-Hürden wullt, dat se dat Gnick bräken! Ja! Dat wör dat Richtige! Dann
-schallt se hier woll wegblieb'n. Laat se doch wo anners herümmejöckeln.
-Meint Sei nich ook so?«
-
-Die Eilenriedekrähe, an die sie sich wandte, nickt; sie weiß, daß
-gegen die Menschen nicht viel auszurichten ist. Und dann antwortet
-sie einer guten Bekannten, die aus hoher Luft ihr einen rauhen Gruß
-herunterschreit, macht die Flügel auseinander, läßt sich drei Fuß von
-ihrem Sitz fallen, steigt in die Luft und fliegt krächzend fort.
-
-Und die andern alle, die Schwarzen wie die Grauen, krächzen und
-folgen ihr, über die Bahn, über Bischofshol, den Kirchröder Turm, den
-Nackenberg, die breite Wiese, Misburg bis zum Ahltener Holze, wo jeden
-Abend vom November bis zum März Tausende von Krähen schlafen.
-
-
-
-
-Sein letztes Lied.
-
-
-Ehe der Frühling den Bergwald bezwang, hatte es lange, sehr lange
-gedauert. Unten im Auwalde hatte er längst schon den Winter zum Kuckuck
-gejagt; da blühten Windröschen, Schlüsselblumen und Milzkraut schon, da
-flog Fuchs und Zitronenfalter, da saß die Amsel auf dem vollen Gelege.
-
-Aber auf der Höhe lag noch der Schnee. Da, wo die Sonne gut hin konnte,
-verschwand er schließlich; die Heidelbeere schwellte ihre Knospen,
-das Wallgras schob seine Kätzchen, die Kriechweide schmückte sich mit
-Gold, Fliegen und Bienen und Käfer summten und brummten, laichende
-Frösche knurrten in den Moorsümpfen, Molche ruderten in den Tümpeln
-über den klaren Granitgrus und auf den leuchtenden Moospolstern grauer
-Steinblöcke sonnte sich die Bergeidechse und schnappte die Fliegen vom
-blühenden Sauerklee fort.
-
-Hier, wo bisher nur der Kreuzschnabel lockte, Meisen pfiffen und
-das Goldhähnchen piepste, sang jetzt die Märzdrossel ihr Jubellied,
-schwebte der Baumpieper mit frohem Geschmetter hernieder, zwitscherte
-die Braunelle, schlug der Fink, wippte die Bergbachstelze von Stein zu
-Stein, und hier stellte sich auch alles wieder ein, was vor dem herben
-Winter zu Tale geflohen war, der edle Hirsch und das schüchterne Reh,
-Reineke, der Schleicher, Lampe, der friedliche Mann, und des Gebirges
-stolzestes Geflügel, der Urhahn.
-
-Ein alter Haupthahn war es, der zuerst die tieferen Lagen verließ und
-sausenden Fluges die Talschlucht entlang strich, berganwärts, dahin, wo
-selten der Förster hinkam und fast nie ein fahrender Stadtmensch. Dort,
-wo Moor an Moor den Kopf des Berges umlagert, wo nie die Axt kracht,
-wo die Fichten wachsen und fallen, wie sie wollen, hat er seit Jahren
-seinen Stand, lebte er sein heimliches Leben zwischen Felsblöcken und
-Baumtrümmern schon manches Jahr, sicher vor Kraut und Lot.
-
-Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß, hatte sich
-zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche einen Platz ertrotzt.
-Leicht war es ihr nicht geworden, und sie hatte sich viel winden
-und biegen müssen, ehe sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer
-Riesenschlange ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben
-Flechten gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs wagerecht fünf Fuß über
-den Abgrund und dann schoß der knorrige Stamm gerade empor. Jahr
-für Jahr versuchte der Sturm ihn zu morden, wie er ringsumher die
-Fichten zerbrach, wenn der Rauhreif sie umsponnen hielt, aber der alte
-Ebereschenbaum wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine
-Wurzeln in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde und
-Holz gehärtet.
-
-Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze der alte
-Hahn sein minnigliches Lied, wenn der Nebel wie eine Mauer in den
-Fichten stand. Jeden Morgen klang seine Strophe in das große Schweigen
-des Berges hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob
-und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne grüßte und
-unten das Land sich entschleierte. Pfiff der Frühwind auch scharf und
-hart, den alten Hahn focht das nicht an; sein Herz war heiß, seine
-Kraft zu groß, der Kälte, dem Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz
-sang er sein seltsames, wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum
-herab.
-
-Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und Pieper schmetterten,
-Zaunkönig und Laubvogel jubelten, dann verschwieg der stolze Vogel,
-als schämte er sich, daß er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk
-zeigen müsse, daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd
-strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen den
-mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und Knospen und
-Samenkörner auflasen, und er holte sich bei ihnen was sein gutes Recht
-war als ihr Herr Gemahl, und das ihm kein anderer Hahn länger als eine
-Viertelstunde streitig machte, um zerzaust und geschunden dorthin zu
-streichen, wo kein so krimmer Kämpe, wie der Hahn vom rauhen Hang
-seinen Harem schirmte.
-
-Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß das Moos wie Gold
-und die Sauerkleeblumen wie Silber leuchteten, wenn aus allen Fliegen
-Diamanten und aus allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte
-es geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise und das
-Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig ganz etwas Absonderliches
-zu sehen bekamen; denn nachdem der Hahn eine lange Weile schläfrig
-dagestanden hatte, schritt er gemessen den Hennen näher, schwang
-sich auf einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder
-von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen, fächerte
-den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich, so wunderbar, so
-rührend, daß eine Henne nach der anderen die Käfersuche aufgab und
-ergriffen seinem Liede lauschte. Und es konnte auch vorkommen, daß
-der Hahn in seiner Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom
-Wintersturme mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten einfiel
-und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret zu kümmern, das
-er aus dem Bette gescheucht hatte, von hier aus auf das ernsthafteste
-die Sonnenbalze betrieb. Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er
-noch abends, wenn tief unten im Tale die Sonne von dem Lande Abschied
-nahm und die Misteldrossel ihr Nachtlied sang, der Hahn, wenn er sich
-auf seinem Schlafbaume eingeschwungen hatte, noch nicht gleich den Kopf
-versteckte, sondern noch einmal seine uralte Weise in die dämmernde
-Einsamkeit hinaussang.
-
-Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte die Gehöre
-und schlich weiter; er wußte, das war nichts für ihn. Eine Urhenne
-hatte er wohl schon einmal auf dem Neste gerissen, auch einst ein
-ganzes Gesperre vertilgt, aber an den alten Hahn war er noch nie
-herangekommen. Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn
-am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt und
-waren mit hellen Warnrufen davongepoltert, und hinter ihnen her ritt
-der Hahn ab und der Fuchs hatte von seinem ganzen Weidwerken weiter
-nichts, als daß er die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der
-Hahn gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So schlich er
-denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob er tiefer unten nichts
-Besseres fände, als nur Rüsselkäfer und weiter nichts, als Rüsselkäfer,
-und wenn das Glück es wollte, eine magere Maus.
-
-Aber es war jemand da, der das Balzen des Hahnes vernommen hatte.
-In aller Herrgottsfrühe war es im Tale entlang geschlichen, immer
-die Rehwechsel entlang, und da war der Teckel des Försters auf
-seine Witterung gekommen und hatte es mit hellem Halse durch die
-Trümmerwildnis des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als es sich
-in einer einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen
-es verscheucht, und wieder war es bergan geflüchtet, bis er über
-den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem Tale. Bis in den
-Spätnachmittag hatte er in einer Spalte geschlafen, aber dann hatte ihn
-der Hunger hinaus getrieben, und auf Sammetsohlen war er, bald eilig,
-bald langsam, durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang
-zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten her, über
-die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne mehr zu erwischen, als
-eine einzige Spitzmaus, vor deren Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß
-er sie liegen ließ. Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel
-gestoßen, aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und
-es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper oder eine
-Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp schützte die
-Schläfer zu gut.
-
-So war der Kater dann oben über den rauhen Hang gekommen und hatte mit
-hungerig leuchtenden Sehern dem Hasen nachgeäugt, den das Edelwild
-fortgetreten hatte. Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben
-sich leichter lebt, als im harten Berge. Dort unten wimmelte es im
-Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu erwischen, eine Forelle
-zu angeln; aber leider gibt es dort auch Förster, die Eisen stellen,
-und Teckel, die hetzen. Immerhin ist es dort noch besser, als hier,
-wo es keine Grünröcke und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen
-gibt, wo der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder Weise
-pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug und das große Geflügel, das
-hier seinen Stand hat, mehr als alte Witterung hat der Kater davon
-nicht gehabt heute abend auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er
-von der Klippe in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder
-gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn fort, und
-dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche, fällt es polternd auf.
-
-Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden. Stand er
-bisher hoch aufgerichtet auf der Kante der Klippe, so ist er jetzt
-völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein langer, flacher, grauer Stein
-liegt er da. Die Seher sind bis auf einen schmalen Spalt geschlossen,
-die Schulterblätter ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken
-heben sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende der
-Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt er und äugt nach
-dem Hahne hin. Der äugt rund um sich her, reckt den Kragen, senkt ihn
-wieder, schüttelt sein Gefieder, ordnet es, wirft seine Losung ab,
-daß sie lautklatschend auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt
-einigemale leise, ordnet hier und dann noch eine Feder, wird mit einem
-Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein Spiel ein
-wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst schüchtern, dann kräftiger
-zu balzen.
-
-Zweimal hat es den Kater schon durchzuckt, zweimal hat er sich
-bezwungen. Doch jetzt, wo der Hahn den Hauptschlag und das Schleifen
-beginnt, fliegt, wie von stählerner Feder getrieben, der Kater durch
-die Luft. Haarscharf hat er den Sprung bemessen, so scharf, daß seine
-Hinterpranten an dem Stamme der Eberesche noch Halt fanden, während
-er die Vorderpranten um den Kragen des Hahnes schlug. Mit heiserem
-Angstlaut will der Hahn abreiten, aber zu fest hält der böse Feind, zu
-scharf sind seine Krallen, so spitz die Fänge; wild mit den Fittichen
-schlagend, rasselt der Hahn, den Kater am Halse, durch das Geäst des
-Baumes den Hang hinab, daß das Edelwild, das sich dort unten an den
-jungen Sprossen äste, entsetzt von dannen flüchtet und mit langen
-Hälsen aus sicherer Entfernung vernimmt, wie das Rascheln und Rauschen,
-Brechen und Knistern nach und nach schwächer wird und schließlich ganz
-aufhört.
-
-Im Nebel verschwindet der rauhe Hang; die Lichter im Tale erlöschen,
-der Abendwind pustet hohler, ein Reh schreckt irgendwo, ein
-aufgestörter Pieper klagt ängstlich. Schneewasser kluckst zwischen
-Gestein, in schneller Folge schlägt Tropfenfall auf eine Klippe, wie
-ein Uhrwerk tickend, weit, weit weg johlt im Tale die Bahn. Es wird
-Nacht im Berge.
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-Es wird wieder Tag werden. Hinter dem Hornfelskegel wird es rosig
-schimmern; von der Wetterfichte an der kahlen Wand wird die
-Misteldrossel singen, unter der hohen Klippe wird ihr die Zippe
-antworten, Fink und Pieper werden wieder schlagen, Zaunkönig und
-Braunelle werden singen, aber niemals wieder wird von der alten
-Eberesche am rauhen Hange sein ritterlich Minnelied in den grauen
-Morgen erschallen lassen, der es seit sieben Jahren hier sang.
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-Goldhals.
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-Die Sonne verschwindet hinter dem Kamme des Berges, die Krähen
-rudern hastig am roten Himmel hin, die Misteldrossel beendet ihr
-Abendlied und das Rotkehlchen schnurrt von dem dürren Zacken in sein
-Schlummerversteck.
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-Den lauten, lustigen Wesen des Tages folgen der Nacht heimliche, stille
-Geschöpfe. Aus dem faulen Laube schiebt sich der Salamander hervor, die
-Rötelmaus rutscht durch das Geknäk, die Spitzmaus schrillt im Krautwerk
-und die Fledermaus zickzackt zwischen den Stämmen her.
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-Wie der Kauz dreimal ruft, vernimmt der Wanderfalke, der auf der Platte
-der hohen, grauen Klippe schläft, ein leises Kratzen unter sich. Er
-hält den Kopf schief, aber was er vernimmt, das ist ihm bekannt, und so
-zieht er den Kopf wieder ein, schließt die Augen und kümmert sich nicht
-um das, was unter ihm geschieht.
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-Fünf Ellen unter dem Falkenhorste läuft ein schmales Felsband an
-der Klippe entlang. Darauf huscht ein schwarzes Ding hin und her.
-Es ist lang und schmal wie ein Aal und schnell wie eine Natter. Es
-huscht lautlos nach rechts, macht einen spielenden Sprung, dreht eine
-Schleife, huscht nach links, tut wieder einen Sprung gegen die Wand
-und treibt dieses Spiel wohl eine Viertelstunde lang.
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-Dann wird aus der schwarzen Schlange ein dunkler Knäuel, der sich einen
-Augenblick ruhig verhält, dann zu einem schwarzen Pfahl emporwächst,
-der sich in seltsamer Weise dreht und krümmt, windet und biegt, so
-daß die beiden grünlichen Punkte bald rechts oder links, bald oben
-oder unten schimmern, und wird wieder zu einer schwarzen Schlange, die
-bald kriechend, jetzt kletternd, nun hüpfend von Zacke zu Zacke, von
-Vorsprung zu Vorsprung eilt und endlich oben auf der Platte der Klippe
-auftaucht.
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-Da sitzt er im Lichte des halben Mondes, er, Goldhals, der stärkste
-Edelmarder des Berges, der Schleicher und Schweifer, der Meister aller
-Künste, der Schrecken der Friedfertigen und Frommen, sitzt da in seiner
-ganzen braunseidenen Schönheit zwischen den blauen Glocken der Akelei
-und den weißen Sternen der Lichtnelke und tut, was er hier immer tut,
-er löst sich.
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-Dann keckert er höhnisch, denn er weiß, Schnapp Krähentot, der
-Wanderfalke, ärgert sich blau und blaß, wenn er morgens auf seinem
-Luginsland die frische Losung findet. Goldhals beschnuppert die Reste
-einer Krähe, die neben den Blumen liegen, dreht sie hin und her und
-stößt sie schließlich über den Rand der Klippe, daß sie rauschend in
-das Fallaub fallen. Dann überspringt er den tiefen Spalt zwischen der
-Zwillingsklippe, erreicht mit einem mächtigen Satze den tiefen Ast der
-Krüppellinde, holzt in ihr weiter bis zu der ersten Buche und fährt an
-ihrem Stamme herab.
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-Tapp, tapp, tapp geht es dann den Dohnenstieg entlang. Bei jeder Dohne
-macht er halt, aber jedesmal schnürt er mißmutig weiter. Endlich fällt
-ihm ein, wie gestern und vorgestern auch, daß um die Zeit, wenn der
-Bärenlauch stinkt, weder rote Beeren noch bunte Vögel in den Dohnen
-wachsen, er verläßt den Dohnenstieg und schlägt den Pürschpfad
-ein. Raschelt es da nicht? Goldhals wird zum Pfahl. Richtig, dort,
-halblinks. Ein Satz, ein Quietschen, und eine fette Rötelmaus ist
-geliefert.
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-»Spaß muß sein,« denkt Goldhals, und läßt sie los, faßt aber sofort zu,
-ehe sie in ihr Loch kann. Siebenmal läßt er sie springen, siebenmal
-packt er sie wieder, beim achten Male quiekt sie nicht mehr. »Is doch
-was, sagte Schnabel, und brät sich 'ne Mücke«, meint Goldhals, als er
-die Maus binnen hat, und schleicht den Pürschsteig weiter. Da raschelt
-es wieder. Hops, er hat es, aber »pfui Spinne!«, ein Salamander. Er
-niest und prustet und reibt den Fang im taunassen Moose, denn das ist
-ja noch schlimmer, als das Stück gepfefferte Wurst, das er im Januar
-vor Heißhunger herunterwürgen mußte. Schnell einen Maikäfer hinterher,
-dessen öliger Geschmack nimmt das Beißen fort!
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-Da ist die Köte, die wird aus alter Gewohnheit erst abgesucht. Aber nur
-deswegen, denn im Mai, da mag Goldhals keine trockene Wurstpelle und
-harte Käserinde. Ein kleines Andenken mitten auf den Tisch, das wird
-den Förster ebenso freuen, wie den Wanderfalken. Halt, da ist ja schon
-jemand! Goldhals macht von der Pritsche aus einen langen Hals. Ach so,
-Sie sind es! Ein kleines graues Geschöpf sitzt dort und knabbert an
-einem Brotrest, den es in den Pfötchen hält. Schon hat der Marder es
-am Wickel. Einmal noch quietscht der Bilch und zuckt mit der buschigen
-Rute, dann läßt er alle Viere hängen.
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-»Ein bißchen wenig daran,« denkt Goldhals, als er den armen
-Siebenschläfer verspeist, »im Oktober sind sie fetter.« Dreiviertel
-davon läßt er auf dem Tische liegen und legt seine Visitenkarte
-daneben, dann verschwindet er in dem Pflanzgarten. Dort ist nichts,
-nicht einmal eine Maus, nur eine Kröte, die ihn mit entzündeten Augen
-boshaft ansieht. Goldhals schüttelt sich vor Ekel und huscht weiter,
-den Holzweg entlang, den Hang herab, an dem Born vorbei, in dessen
-Staubecken die Unken läuten, in den Schälwald hinein und hinaus,
-bis an den Bach. Dort gibt es immer etwas: junge Wasseramseln oder
-Bergbachstelzen, einmal sogar sechs junge Eisvögel auf einmal, fett
-wie Schnecken; ein anderes Mal erwischte er eine zweipfündige Forelle,
-die nach einem Maikäfer aufging, auch fette Reitmäuse lebten dort, und
-wintertags gab es dort Schlehen und Hagebutten. Heute gab es gar nichts
-als Unannehmlichkeiten. Der Waldkauz wurde unverschämt. Er hatte seine
-drei quappenfetten flüggen Jungen in der Eiche sitzen und stieß in
-einem fort knappend und fauchend nach ihm, bis er geärgert in den Wald
-zurückkehrte.
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-»Gibt es unten nichts, gibt es oben vielleicht etwas,« dachte Goldhals
-und huschte an einer Eiche empor. Dort saßen drei Eichkatzenkobel. Im
-ersten war nichts, im zweiten dasselbe und im dritten ebensoviel. »Wenn
-es so beibleibt,« dachte Goldhals, »dann kann ich Maikäfer fangen«, und
-wütend holzte er von einer Eiche zur andern. Halt, da riecht es ja nach
-Specht! Hinein mit der Nase in das Loch. Autsch, da hat er eins darauf.
-Mutter Spechten versteht keinen Spaß. Als er sich verdutzt die Nase
-reibt, saust sie an ihm vorbei. Hops, jawohl, das ging daneben. Aber
-die Jungen! Ach ja, der Specht ist auch nicht so dumm, er macht das
-Loch nicht so groß, daß ein Marder hinein kann.
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-»Wenn nicht, denn nicht,« faucht der und holzt weiter. Sitzt da nicht
-ein Taubennest? Ja, da sitzt ein Taubennest! Taubeneier schmecken
-fein, junge Tauben noch viel feiner; natürlich nur, wenn man sie hat.
-Das ist diesesmal nicht der Fall. Klapp, klapp, da geht die Taube ab
-mitsamt den Eiern, die sie erst legen will. »Na, dann ein ander Mal!«
-tröstet sich Goldhals, aber davon wird er auch nicht satter. Aber
-da fällt ihm etwas ein. Richtig, daß er daran nicht früher gedacht
-hat. In der alten Wetterfichte am Bullerborn schlafen ja immer die
-hagestolzen Ringeltäuber. Mehr wie einmal hat er sich einen von ihnen
-dort gelangt. Darum schnell den Stamm herab, in die Klippen hinein, die
-Schlucht hinab und hinauf, am Steinbruch vorbei, in dem das Käuzchen
-sitzt und gräßliche Gesichter schneidet, weil das Maikäfergewölle,
-das es herausgewürgt, ihm heftig im Halse kratzt, den Pürschweg
-unter dem Hange entlang, rechts ab nach dem Erdfall hin, in dem
-Murrjahn Grämlich, der Dachs, nach Untermast sticht, am Steinkreuz
-vorüber, wo man den Förster erschossen fand, zum zweiten Erdfall, in
-dem die Geburtshelferkröten ihr Glockenspiel rühren, vorüber an der
-Schutzhütte, an den beiden Grenzsteinen, am Wegweiser, auf dem die
-Ohreule sitzt und so kläglich unkt, als habe sie Leibweh, und dann ist
-er da.
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-Da steht sie, die von allen vier Winden zerzauste alte Fichte, und
-läßt ihre zerrupften Zweige hängen. Goldhals schnüffelt um ihren Stamm
-herum: Taubenfedern mit frischer Witterung, frisches Gestüber, die
-Sache ist richtig! Aber nun Vorsicht, daß die schlafenden Bauchredner
-nicht aufwachen! Langsam erklimmt er den Stamm, springt von Aststumpf
-zu Aststumpf mit sicherem Satz, holzt den ersten Ast entlang, vermeidet
-geschickt das dürre Gezweig, gewinnt den zweiten Ast, den dritten,
-vierten, fünften, hält inne, zieht sich auf den nächsten Zweig, faßt
-den folgenden, schleicht darauf entlang und hängt sich an den Stamm.
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-Der Fall muß überlegt werden. Da sind sie; der Mondschein macht sie
-kenntlich. Aber rund herum spreizt sich dürres Gezweig. Goldhals
-überlegt; heranschleichen geht nicht, denn einige sind schon erwacht;
-er hört, wie sie sich schütteln, und einer hat sich eben überstellt.
-Da bleibt nichts weiter übrig, als fest darauf zugehen; also den
-Rücken krumm, die Schultern hoch, ein Satz, das Dürrholz bricht, noch
-einer, Rindenschuppen prasseln, und jetzt der letzte Sprung, und da
-poltern die Täuber ab und Goldhals sitzt da, starrt ihnen mit den
-grünschimmernden Sehern nach und hört ihrer Fittiche klingenden Schlag
-verhallen. Der halbe Mond aber grinst spöttisch auf ihn herab.
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-Goldhals rutscht in einer Schraubenlinie den Stamm hinab. Wütend ist er
-nicht mehr, aber geknickt. Er schleicht zum Kleestück, aber die Mäuse
-sind seit dem Märzregen selten geworden. Er sucht die Raine entlang,
-aber Ammer und Lerche haben dort nicht gebaut. Überall riecht es nach
-Has und Huhn, aber antreffen tut er nichts. So würgt er mißmutig einen
-Maikäfer nach dem anderen herab und hofft, daß ihm der Morgen besseres
-bringe.
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-Schon flötet die erste Drossel im Berg, schon steigt die erste Lerche.
-Der Kauz hört auf zu rufen, die Unken stellen ihr Läuten ein, und immer
-noch sucht Goldhals im taufeuchten Felde, die Wasserfurchen entlang
-schleichend, die Koppelwege hinauf- und hinabhuschend; aber kein
-Hummelnest findet er, keinen bewohnten Hamsterbau, kein Hühnergelege,
-kein Junghäschen. Und wenn ihm der Magen auch schief hängt, es wird
-Zeit, an den Heimweg zu denken. »Der Tag ist keines Marders Freund«,
-das hat die Mutter ihn gelehrt.
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-Dreihundert Schritte vor dem Walde stutzt er und richtet sich auf:
-Der graue Pfahl dort vor ihm bewegte sich doch? Und daneben, die zwei
-braunen Dinger, erst recht! Und jetzt trägt der Wind ihm die bösen
-Witterungen zu, die die Mutter ihn meiden hieß, die Witterung von
-Mensch und Hund.
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-Mit einem Riesensatz ist er im nassen Klee. Höchste Zeit, denn da
-hört er es zischen, flüstern: »Hu faß!« und hinter ihm her keucht es.
-Schnell in den Brombeerbusch, wo er am dicksten ist. Aber die Hunde
-achten der Dornen nicht. Heraus und in den Wasserdurchlaß! Aber auch
-dahinein folgen ihm die Teckel. Und über der Erde poltert es. Schnell
-aus dem anderen Ende heraus, aber das geht nicht, ein schwarzes, nach
-Hund riechendes Ding steckt darin.
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-Da fährt Goldhals herum und will den Hund überrollen! der aber faßt
-zu, jault auf, denn scharfe Fänge griffen um seine Lefzen, aber jetzt
-fühlt Goldhals sich vom andern Teckel am goldenen Halsfleck gepackt
-und heraus geht die Balgerei aus dem Durchlaß, draußen greift der
-erste Dackel ihn am Hinterteil und so wird Goldhals lang gezerrt; zwei
-auf einen, das ist auch zuviel, und nun weiß er, daß es aus ist mit
-Freijagd in Berg und Busch und Minnefahrt über Stock und Stein. Noch
-einmal, ehe sein Bewußtsein erlischt, fällt der Mutter Warnung ihm ein:
-»Der Tag ist keines Marders Freund, die Nacht ist gut und lieb.«
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-Der letzte seines Stammes.
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-Mitten in dem einsamen Bergwalde liegt ein tiefer Erdfall. Jäh stürzen
-die grauweißen, zerborstenen Gipsfelsen an seinen Steilwänden ab. Eine
-Fichtendickung, ein schwarzer, verfilzter Klumpen, umringt ihn zur
-Hälfte. Ihr gegenüber am anderen Rande ragt aus weichem, leuchtendem
-Moose eine steinerne Säule empor, ein grober, ungeschlachter Block.
-Die Inschrift, die das Denkmal trug, ist nicht mehr zu deuten. Schwach
-hebt sich aus der grauen Flechtenkruste ein kunstloses Kreuz ab, roh in
-den Stein gemeißelt, und ebenso grob hineingehauen ist das gestielte
-Dreieck daneben. Es soll ein Beil vorstellen.
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-Kein Mensch weiß, zu wessen Gedenken der Blutstein gesetzt wurde. Aber
-er machte den Wald unheimlich. Kein Bauer, kein Holzarbeiter geht gern
-allein hier vorbei. Es geht da um. Man hört es rascheln und sieht
-nicht, was da geht. Man hört es schreien, und weiß nicht, von wem. In
-der Dämmerung tanzen grüne Lichter um den Stein. Der alte Waldwart hat
-sie oft gesehen.
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-Auch heute, an diesem hellen Maienmorgen, sieht er unhold aus, der
-graue Block. Unheimlich sind die Blumen, die um seinen Sockel blühen:
-blasser, gedunsener Aaronsstab, menschenhautfarbiger Schuppenwurz,
-der Vogelnestwurz, wachsgelbe Blütengespenster, der Nachtviole
-leichenfarbene Blumen. Das Reh, das am Rande des Erdloches entlang
-zieht, verhofft jäh, äugt nach dem Mordsteine, windet, tritt hin und
-her und flüchtet laut schreckend von dannen. Eine Märzdrossel, die
-mit einer bunten Schnecke im Schnabel auf einem Felsbrocken einfällt,
-läßt ihre Beute fallen und stiebt mit Gezeter ab. Der Rotspecht,
-der vorüberschnurrt, hebt sich höher und schreit entsetzt auf. Der
-Holzschreier wendet jäh seinen Flug und kreischt voller Angst. Auch das
-Rotkehlchen flattert mit Furchtgeschrille davon.
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-Der graue Felsblock am Sockel des Mordsteines, schwarz gestreift von
-den Schlagschatten der Eschenzweige, gelb gefleckt von einfallendem
-Lichte, hat Leben bekommen. Er reckt sich, streckt sich, läßt eine grau
-und schwarz geringelte Schlange sich winden und drehen, rundet sich,
-dehnt sich und bläht sich, wird lang und dünn und kurz und dick, läßt
-zwei grüngelbe Lichter aufblitzen, eine rote Flamme aufleuchten, duckt
-sich, schnellt sich empor und bildet plötzlich eine seltsame Bekrönung
-des unheimlichen Steins.
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-Sie haben alle recht, die da sagen, bei dem Warloche gehe es um, da
-schleiche unhörbar ein Gespenst, da schreie ein unsichtbarer Kobold,
-da blitzten grüne Augen. Has und Reh, Eichhorn und Haselmaus, Drossel
-und Rotbrüstchen, sie kennen es allzugut, das graue Gespenst, das leise
-heranschleicht und lautlos zufaßt mit unfehlbarem Griffe und sicherem
-Biß. Die letzte Wildkatze des Tales ist es, die im alten Mutterbau
-auf dem Grunde des Warloches haust, ein Kuder, so stark wie ein alter
-Fuchsrüde.
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-Oben auf dem Denkmale bleibt er eine Weile sitzen, den Sonnenstrahl
-genießend, der durch das Eschenlaub auf seinen Rücken fällt. Dann
-stellt er sich aufrecht, reckt die Lunte steif empor, rundet den
-Rücken, macht ihn lang, reckt sich und gähnt, setzt sich, wäscht und
-putzt sich und ist im Nu wieder am Boden, wo der alte Holunderbusch
-den schiefen Stamm über das Erdloch schiebt. Der Kuder reibt, wohlig
-schnurrend, den Rücken an dem rauhen Stamm, dann fährt er zurück,
-springt vor, versetzt der Rinde einen Prankenhieb, zieht die Krallen
-durch die Rinde, ganz schnell viele Male und dann wieder ganz sacht,
-bis die Rinde wund ist und stechender, dumpfer Duft ihr entströmt. Und
-da wirft sich der Wildkater schnurrend und murrend und knurrend gegen
-sie, streichelt sie zärtlich, drückt die Nüstern an sie, versetzt ihr
-grausame Krallenhiebe, reißt Bastfetzen herunter, wirft sich auf den
-Rücken und zerfetzt das starkriechende Laub mit langsamen Griffen und
-schnellt plötzlich auf alle vier Läufe, zu Stein erstarrt, die Gehöre
-steil aufgerichtet, und lautlos gleitet er an der Gipswand hinab.
-
-Es knickte ein dürrer Stengel, es knitterte ein trockenes Blatt, leise,
-ganz leise, aber doch nicht so leise, daß des Katers scharfes Gehör das
-Geräusch nicht richtig deutete. Das war nicht Reh und war nicht Has',
-und war nicht Vogel und war nicht Maus, das war nicht Bauer und war
-nicht Magd, das war die seltsam riechende Sohle, die seit dem letzten
-Vollmond den Wald durchschleicht.
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-Tief unter der Erde, hinter der steilen Gipswand, da liegt der Kater in
-sicherer Ruh. Kein Grabscheit stört ihn dort, kein Rauch erreicht ihn
-da, kein Hund kann zu ihm heran. Da sind Gänge, die der Dachs grub, den
-der Fuchs vertrieb, der die Fluchtröhren scharrte. Da sind jähe Spalten
-und steile Kanten, und hinter ihnen verrotten die Gerippe der Teckel,
-die an Dachs und Fuchs und Katze jagten und niemals wieder zu Tage
-kamen. Dort ist so weich der Mulm und so trocken der Lößboden, warm ist
-es da zur Winterszeit und sommertags so kühl. Dort ist der heimliche
-Jäger in guter Hut und kann den Tag verschlafen und träumen, soviel er
-mag.
-
-Er schläft und träumt. Die Rutenspitze zuckt, die Krallen schlüpfen aus
-dem Sammet der Pranken heraus, greifen in die Luft und verkriechen sich
-wieder. Alte Bilder brachte der Traum. Von jener Zeit, als der Kater
-noch ein Kätzchen war, das mit seiner Mutter buschiger Lunte spielte
-als das erste der drei Geschwister, das den Wert der Krallen erkannte.
-Er hatte als erster die Maus an sich gerissen, die die Kätzin zu Baue
-trug, zuerst den Siebenschläfer geknickt, die flügge Drossel gewürgt,
-den Junghasen totgequält, ehe die Geschwister es sich trauten. Und als
-erster hatte er geweidwerkt, sich an das Eichkätzchen herangebirscht,
-als es Pfifferlinge suchte, es im Sprunge gerissen und stolz zum
-Warloche geschleppt.
-
-Er erwacht, blinzelt um sich, reckt sich und steigt bedachtsam über die
-Kanten und Spalten. Mitten in der kleinen Lichtung der Fichtendichtung
-mündet das Notrohr, das der Fuchs sich scharrte. Kein Jäger findet es;
-ein breitverzweigter Fichtenast spreizt sich darüber hin. Immer ist
-es dort überwindig und trocken und es kommt Sonne genug dahin. Und
-so weich ist das rote Nadelwerk und das seidene Moos. Da träumt es
-sich noch besser als unter Tage, von heimlichen Birschgängen in lauen
-Sommernächten, von Fischweid im Februar am Klippenufer des Baches, wenn
-die Forelle laichdumm ist und sich so bequem auf das Ufer angeln läßt.
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-Über Minnefahrten läßt sich dort nachsinnen. Weit weg führten sie,
-in rauher Berge schwarze Fichtenwälder, denn ringsumher lebte keiner
-mehr vom Geschlechte der freien Katzen. Als die alte Kätzin todwund zu
-Bau gefahren kam mit zersplitterten Knochen, als sie kalt war und die
-Witterung verlor, da hatten sich die drei Geschwister zerstreut. Sie
-fanden sich nicht wieder zusammen trotz des Ältesten allnächtlichen
-Sehnsuchtsrufes einen ganzen Hornung hindurch. Da war er fortgezogen,
-hatte tagsüber in Felslöchern und Dachsbauen geschlafen, zwei Zehen in
-einem Eisen gelassen, sich mit einem schnellen Hunde gebalgt, Schrote
-hatten seine Keulen geschrammt und eine Kugel ihm Felssplitter um den
-Kopf gesprengt. Da zog es ihn wieder in das heimatliche Tal zurück.
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-Im Februar aber trieb es ihn, wenn er in Busch und Klippe Nacht
-für Nacht umhergestrichen war, kläglich nach Minnelohn jammernd,
-hinaus in die Fremde, über kahle Felder, in unbekannte Wälder, wo er
-seinesgleichen antraf. Grimmige Gefechte hatte er bestehen müssen mit
-freien Katern, zerrissen war oft sein Balg und rot seine Pranken,
-aber immer hatte er obgesiegt und seine Lust büßen dürfen. Aber allzu
-gefahrvoll wurden ihm die Minnefahrten und so strich er nachts an dem
-Dorfe entlang, trieb die unfreien Kater vor sich her und jagte ihnen
-ihre Bräute ab, und die Bauern fanden es verwunderlich, daß die jungen
-Katzen in ihren Ställen von Jahr zu Jahr grauer wurden und dickere
-Köpfe, rauheres Haar und kürzere Schwänze bekamen. Als aber der Jäger,
-der jeden Juli hier auf den roten Bock weidwerkte, ihnen sagte, in
-den Katzen stecke wildes Blut, da lachten sie und sagten, die letzten
-beiden Wildkatzen in der Gegend hätte der Förster vor sechs Jahren im
-Eisen gefangen und an die Schule in der Kreisstadt gegeben.
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-Der Jäger aber spürte nach jedem Regen alle Wege ab und er sah sich
-jeden alten, geschundenen Holunderbusch an und strich um jeden Bau und
-lauerte an allen Uferstellen, wo er die Reste von Forellen fand und
-saß stundenlang vom Abend bis tief in die Nacht auf dem Hochsitz, bei
-unsicherem Mondenlicht in den Wald spähend, und ließ sich auslachen
-von dem Förster und von den Holzarbeitern, weil es ihm dieses Jahr mit
-den Böcken nicht glücken wollte, denn er hatte sich gelobt, nicht eher
-wieder den Finger auf einen Bock krumm zu machen, bis daß das Kitz
-gerächt sei, das er im Busche fand, mit den Krallennarben an der Kehle
-und dem säuberlich benagten Blatt. Denn daß das der Fuchs nicht gewesen
-war, das stand für ihn fest.
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-Und so hatte er vorgestern und gestern, wie die Tage vorher, vor Tau
-und Tag die Krone der alten Samenbuche erstiegen, die oberhalb des
-Warloches an dem Zwangspasse zwischen den grauen Klippen steht, sich im
-Frühwind vor Frost geschüttelt, in der Mittagsglut vor Hitze geseufzt
-und sich nicht gerührt und geregt und immer nur auf die Sohle des
-Erdfalles nach dem schwarzen Flecke an der Wand der grauen Gipswand
-gestarrt. Und einmal, als ihm der Schlaf Sand in die Augen warf, und
-er fester in den Riemen hineinsank, mit dem er sich an den Stamm
-geschnürt hatte, da hatte er geträumt, die Wildkatze stände unter ihm
-und war wach geworden. Und als er sich die Augen rieb, da stand sie auf
-dem Blutsteine und verschwand, ehe er den Dreilauf von dem Astzacken
-nehmen, scharf machen und anbacken konnte, wie ein Schemen, wie ein
-Traumgesicht.
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-Wie er dann, müde und verärgert, jeden Fleck um die Fichtendickung
-abspürte, da fand er die starke Katzenspur, und jeden Raum zwischen
-den Jungfichten absuchend, stieß er auf das Notrohr und überlegte
-nicht lange und verwitterte es nach Jägerart in gröblicher Weise, um
-den Kater zu zwingen, dort aufzutauchen, wo er ihm sichtig kommen
-mußte. Und jeden Tag verwitterte er das Notrohr von neuem, und alle
-dicken schwarzen Käfer und alle fetten blauen Fliegen wußten das bald
-und brummten und summten nach der Dickung hin, und nun auch an diesem
-Spätnachmittage war dort ein großes Gebrummse und Gesummse.
-
-Der alte Kater will dort den Abend erwarten. Langsam schiebt er sich
-in dem Notrohr entlang. Schon von weitem vernimmt er das Summen und
-Brummen, und die üble Witterung fällt ihm ziemlich auf die Nerven.
-Er reckt sich, schiebt sich vor und starrt nach der Lichtung. Dann
-fährt er zurück und schleicht über die Felszacken, springt über die
-Spalten und bleibt lange nachdenklich auf seinem Schlafplatze sitzen.
-Endlich schiebt er sich voran, Zoll um Zoll, bis er sich der Mündung
-des Hauptrohres nähert. Da verhofft er lange Zeit, windet und äugt,
-bis Mausepfiff und Jungvogelgepiepe seinem Magen heftiger zusetzt.
-Da steckt er den dicken Kopf aus dem schwarzen Loche und äugt an den
-Gipswänden entlang.
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-Kein Blatt rührt sich, es regt sich kein Halm. Fern pfeifen die jungen
-Käuze, im Stangenorte ruft ein Kitz nach der Ricke, Mäuse schrillen,
-die Fledermaus zwitschert, Rotkehlchen singt sein letztes Lied. Lautlos
-schleicht der Kater an der Schattenseite des Felskessels entlang,
-unhörbar schnürt er an der Wand empor, unter dem Holunderbusch verharrt
-er lange regungslos, den Kopf hin und her wendend, jedes Abendfalters
-Schwingenschlag, jedes Käfers Gekrabbel vernehmend. Und nun steht er
-auf dem Mordsteine, setzt sich und äugt ringsumher.
-
-Ein ganz leises Kratzen in der alten Buche reißt seinen Kopf herum.
-Aber oben aus den Kronen der Bäume kam noch nie ein falscher Laut, eine
-gefährliche Witterung. Lange starren seine grünen Seher in den breiten
-Wipfel. Es lebt und webt da etwas. Vielleicht der Siebenschläfer, oder
-eine Taube, die sich im Schlafe rührt, ein Häher, oder die Eule.
-
-Ein roter Blitz zerreißt die Dämmerung, ein Hagelgeprassel
-zerschmettert den Holunderbusch, ein Donner fällt in die Ruhe des
-Waldes, Stinknebel tanzt blau um den Silberstamm der Buche; die Taube
-prasselt durch das Laubwerk, der Hase rauscht durch das Gekräut, der
-Berg wirft den Donner zurück und trägt der Rehe Schrecken heran.
-
-In der alten Buche raschelt und knistert es. Etwas Großes, Graues
-klettert in ihrem Astwerk, steigt langsam herab, fällt dumpf zu
-Boden. Ein Lichtchen brennt auf, fährt hinter ein Glas, eine Flamme
-leuchtet, tanzt nach dem Blutsteine und schwebt um ihn herum, den Stein
-beleuchtend und ein braunes Mannesgesicht rot färbend.
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-Die Augen des Jägers leuchten auf. Rote Flecken findet er auf dem
-grauen Steine und ein graues Büschel an einem roten, nassen Fetzen,
-der zwischen den zerschossenen Flechten hängt. Und weiter nichts, gar
-nichts. Auch nicht an den Wänden des schwarzen Schlundes, auch nicht
-auf dem Schotter der Sohle des Erdfalles, auch nicht in der Mündung
-des Baues. Er führt einen belaubten Zweig hinein und zieht ihn heraus,
-jedes Blatt ableuchtend. Nichts! Doch, hier ein winziges Fleckchen
-Schweiß.
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-Der Jäger wirft sich lang hin, schiebt sich vor den Bau, legt das
-Ohr vor das Rohr, hält den Atem an und lauscht. Schwach, als wäre es
-unendlich weit, ertönt ein einziger dünner, kläglicher Laut, einmal nur
-und dann nicht mehr.
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-Der Holunderbusch wird keinen Krallenhieb mehr spüren, kein Kitz klagt
-mehr unter dem Prankengriff, keine Forelle fliegt mehr im Bogen auf den
-Uferschotter.
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-Der letzte von der Sippe der freien Katzen weit und breit ist nicht
-mehr.
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-Achtzacks Ende.
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-Im Walde ging es um. Was es war, wußte niemand; aber etwas Gutes war es
-nicht. Es haßte den Frieden und liebte die Zerstörung.
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-Alle Böcke diesseits des Fuchsbaches hatten das erfahren. Dem Gabelbock
-vom Schälwalde war die linke Keule aufgeschlitzt. Dem Sechser vom
-Jagen drei fehlte ein Licht und die rechte Stange. Der Bock aus dem
-Kinderbruch lahmte vorne rechts. Dem vierjährigen Spießbock vom
-Birkenschlag war ein großer Hautlappen auf dem Ziemer abhanden gekommen.
-
-Keiner von ihnen wußte wie es zugegangen war. Friedlich hatten sie
-mit ihren Schmalrehen geäst. Da hatte es in der Dickung gebrochen,
-etwas Großes, Braunes war herausgepoltert, hatte sie über den Haufen
-gerannt, die Schmalrehe vor sich hergetrieben und war in der Dickung
-verschwunden.
-
-Ihre Wunden hätten die Böcke wohl vergessen, ihre Bräute vergaßen sie
-nicht.
-
-Der Vierjährige mit den langen Dolchen hielt es nicht mehr aus.
-Nichts schmeckte ihm mehr, nichts wollte ihm munden, weder Klee noch
-Brombeerblätter, weder Gras noch Johannestrieb. Tag und Nacht zog er
-umher und dachte an sie.
-
-Eines Morgens, als nach kurzem Donnerschlage ein feiner, warmer Regen
-fiel, faßte er sich ein Herz. An dem Weidenbusche vor dem Holze wetzte
-er seine Dolche, daß Bast und Blätter flogen, und plätzte, daß Moos und
-Mulen nur so sausten. Dann trat er in den Bestand.
-
-Er zog vorsichtig und zaghaft dahin. Der Hase, den er aus dem Lager
-jagte, erschreckte ihn, die Taube, die er von der Salzlacke scheuchte,
-ließ sein Herz klopfen. Aber dann warf er wieder mutig den Kopf auf,
-schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß das Fallaub stob, und fegte
-mit den Stangen den Bast von einem Eschenbäumchen.
-
-Auf einmal vergaß er Angst und Vorsicht. Aus dem Stangenorte klang
-ein Ton, der ihm in das Herz fuhr, ein Laut der Sehnsucht, des
-Verlangens, der Zärtlichkeit. Das war sie, die er so lange nicht
-gesehen, sein kleines, hübsches Schmalreh. Und was ihm da vom Boden aus
-entgegenduftete, das war ihrer Fährte Witterung.
-
-Mit weitgeöffneten Nüstern zog er auf der Fährte fort, durch das
-Altholz, durch den Stangenort, nach dem Ellernbruch am Fuchsbach.
-Und da sah er auch schon ihre schlanke Gestalt hellrot auf grünem
-Himbeerblättergrund.
-
-Spornstreichs trollte er auf sie zu. Aber als er dicht bei ihr war,
-bewegte sich rechts der braune Ellernstumpf, und dort stand ein alter,
-hoher, schwerer, dunkelbrauner Bock mit fast weißem Gesicht, über dem
-acht weiße, scharfe, lange Enden im einfallenden Sonnenlichte blitzten.
-Das war Achtzack, der Raufbold, der jedes Jahr am Ende des Juli hier
-erschien und Mitte August wieder verschwand. Einen Augenblick lief es
-dem Vierjährigen kalt und heiß über den Ziemer. Dann warf er trotzig
-den Kopf auf, verdrehte die Lichter, daß die weiße Bindehaut teuflisch
-leuchtete, senkte den Kopf, daß die langen, weißendigen Dolche
-gefährlich funkelten, schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß Laub
-und Moos nur so wirbelten, stieß ein tiefes, böses Keuchen aus und zog,
-die Läufe im spanischen Tritt setzend, dem Nebenbuhler entgegen.
-
-Achtzack war zuerst ganz starr. So etwas von Frechheit war ihm doch
-noch nicht vorgekommen. Ein Vierjähriger, der ihm Trotz bot? Ein
-zurückgesetzter Bock, der noch nicht einmal sechs Enden hatte, hielt
-ihm stand? Zu lächerlich! Sorglos zog er dem Frechling entgegen, ein
-höhnisches Grinsen um den kohlschwarzen Windfang. Gleichgültig senkte
-er den Kopf; mit einem einzigen Stoß wollte er ihn abtun, den Dummkopf.
-Der aber war auf seiner Hut. Als die acht Dolche dicht vor ihm waren,
-wich er zur Seite und forkelte blitzschnell von unten nach oben. Es
-klirrte hell und klang hohl und als beide voneinander abließen und sich
-gegenüberstanden, keuchend und jappend, da hing Achtzacks linkes Licht
-als feuerroter, häßlicher Klumpen aus der Augenhöhle heraus.
-
-Im nächsten Augenblick strich der Pirol, der in den Zweigen über den
-beiden Kämpen sich im Flöten geübt hatte, entsetzt ab. Denn unter ihm
-war mit einem Male ein Wirbel von Laub und Moos, Kraut und Reisig.
-Ein Kreischen erscholl, laut und schrecklich, und dann klang es, als
-schlüge der Specht gegen einen hohlen Baum, und schließlich kam ein
-Röcheln.
-
-Endlich hörte der Blätterwirbel auf und Achtzack tauchte daraus hervor.
-Seine Dünnungen bebten, seine Lungen pfiffen, aus der Brust kam ein
-tiefes Keuchen. Fortwährend schüttelte er den Kopf, an dessen linker
-Seite es rot herunterlief. Aber seine acht Enden waren rot.
-
-Das Schmalreh war abgesprungen, als der Zweikampf begann. Achtzack zog
-ihm auf der Fährte nach, sprengte es, als es vor ihm flüchtig wurde,
-schlug es noch in die Rippen und trieb es in die Tannen.
-
-Gleich darauf huschte ein grüner Schatten durch den Wald, tauchte
-hinter einem Stamme auf, verschwand hinter einem andern, kam wieder
-hervor und war wieder verschwunden. Laut schimpfte die Amsel über
-das Waldgespenst, und der Kauz in der Eiche machte große Augen und
-schüttelte den dicken Kopf, denn lautlos zu jagen, hatte er gedacht,
-könnte außer ihm niemand.
-
-Dieses grüne Gespenst war ein Mensch, ein langer, junger, blonder,
-blauäugiger Mann mit braunen Backen und Händen, der Förster. Er
-war wütend. Er hatte eben festgestellt, daß die zwölf achtjährigen
-Weißtannen, die zwischen den vielen Rottannen standen, und die zehn
-Edelebereschen zu schanden gefegt waren von einem Bocke.
-
-Außerdem war er falsch, weil er keinen Bock gesehen hatte. Er sollte
-einen auf das Schloß liefern. Vor Tau und Tag war er zu Holze gezogen,
-jetzt war es neun Uhr und nichts hatte er gesehen, außer einer alten
-Ricke. Wenn da nur nicht wieder Achtzack die Schuld war. Seit drei
-Jahren machte ihm der das Holz von Böcken blank. Lahm hatte er sich
-gepürscht und krumm gesessen, aber nie konnte er ihn fassen. Fünfzig
-Nächte hatte er sich um die Ohren geschlagen, hunderte Abende auf ihn
-gelauert, aber alles war für die Katz' gewesen.
-
-Hastig sog er an seiner Pfeife, daß der Dampf durch das Holz zog, lang
-und breit, wie ein Pferdeschwanz. Da blieben seine Augen am Boden
-hängen. Zwei Fährten standen auf die Dickung zu, die zierliche eines
-Schmalrehs, die grobe eines ganz alten Stückes.
-
-Ganz tief bückte er sein Gesicht zum Boden. Seine großen Augen
-glänzten, als er sah, daß an der Fährte des rechten Vorderlaufes eine
-Lücke war.
-
-Gerade, als er sich aufrichtete, hörte er es zu seiner Linken
-rascheln. Das Rascheln wiederholte sich und mischte sich mit einem
-Geröchel. Der Förster trat einen Schritt vor, noch einen, wie eine
-Katze dahinschleichend, aber im nächsten Augenblicke kniete er nieder,
-faßte den geforkelten Bock um die langen Spießer, fuhr mit der rechten
-Hand nach der Hosennaht, kam mit etwas Blitzendem zurück, eine schnelle
-Handbewegung nach der Brust des Bockes, und der streckte sich und ließ
-den Kopf schlaff in das grüne, rotbetaute Moos fallen.
-
-Sorgfältig untersuchte der junge Mann den Bock. »Dieser Schinder«,
-murmelte er als er den Kopf umdrehte und sah, wie das zerrissene
-Gescheide fußlang aus den aufgeschlitzten Dünnungen hing, »eins, zwei,
-drei, sechs, acht, zehn, vierzehn mal hat er ihn geforkelt. Nun aber
-ist Schluß mein Lieber! Heute mußt du stürzen oder ich will die Kunst
-nicht verstehen!«
-
-Er lud den Bock auf, ging auf das Feld, brach ihn auf, rodete den
-Aufbruch ein und hing den Bock in eine Fichte. Dann ging er in weitem
-Bogen nach dem Fuchsbach zurück.
-
-Vor einer großen Samenbuche machte er sich seinen Stand zurecht,
-scharrte leise alles Fallaub beiseite und entfernte jeden dürren
-Ast. Dann suchte er ein halbes Dutzend gleichmäßig gewachsener
-Buchenblätter, schnitt sie zurecht und legte sie vor sich auf den
-Rucksack. Zuletzt schnitt er leise einen langen, verästelten Zweig ab
-und steckte ihn vor seinem Stande in den Boden.
-
-Es war ganz still im Walde. Kein Blättchen regte sich. Man hörte die
-Ameisen krabbeln und die Flügel der großen Wasserjungfer knistern,
-die raubend über dem Bach hin- und herstrich. Einmal ruckste fern ein
-Ringeltäuber, ein Bussard rief hoch über den Kronen der Buchen, eine
-Maus raschelte im Fallaube.
-
-Der junge Förster rauchte langsam seine Pfeife zu Ende, spannte
-lautlos die Büchsflinte, zog die Knie hoch und legte die Waffe quer
-über seinen Schoß. Dann nahm er eins von den Buchenblättern und hielt
-es gegen die Lippen.
-
-Ein weicher, leiser, zärtlicher Ton erscholl, das sehnsüchtige
-verlangende Fiepen des Schmahlrehs, einmal, zweimal, dreimal.
-
-Drüben in der Dickung saß der alte Bock im Bett, neben ihm das
-Schmalreh. Als der dünne, feine Ton erscholl, spielten die Lauscher
-Achtzacks.
-
-Wohl eine Viertelstunde verging, da erklangen noch einmal die lockenden
-Laute. Achtzack stand auf. Aber zu oft hatte er in seinem Leben die
-Erfahrung gemacht, daß hinter dem zärtlichen Locken das tödliche
-Blei wartete, so manche Kugel war in seinen grünen Jahren an ihm
-vorbeigepfiffen, wenn er liebeshungrig aus der Dickung gestürmt war;
-mehr wie einmal hatte ihn das Blei gestreift. Gern hätte er sich das
-geliebte Ding aus der Nähe angesehen, das da fiepte, denn unbekannt
-klang ihm die Stimme. Aber es würde ja auch wohl noch da sein, wenn es
-dunkel wäre, und wenn nicht, die Kleine neben ihm war ja auch hübsch
-und jung.
-
-Auf einmal aber kam Leben in ihn, denn nun erklang der von Scham und
-Angst erfüllte Klageruf des Rehjüngferchens. Was, wagte es wieder
-einer, ihm ins Gehege zu kommen? In seinem Wald, in dem alles ihm
-gehörte, was hübsch und fein war!
-
-Langsam schob er sich durch die Tannen. Alle paar Gänge blieb er stehen
-und sicherte. Aber als das Angstgeschrei lauter erscholl, als er
-deutlich des Nebenbuhlers Stürmen und Poltern vernahm, da trat er ganz
-aus der Dickung heraus.
-
-Der Förster, der wie verrückt mit seinem Hute zwischen die dürren
-Zweige am Boden geschlagen hatte, hielt inne, als er von den Tannen
-her ein ganz feines Geräusch vernahm. Ein leises Lächeln ging um seinen
-Mund. Er hielt den Atem an und schloß die Augen bis auf einen Spalt.
-
-Lange blieb es drüben still; dann klang das Brechen wieder. Aber dieses
-Mal lauter, näher. Dem Förster schlug das Herz und die Büchse zitterte
-in seinen Händen. Er schloß die Augen ganz und atmete tief und langsam.
-
-Als er die Augen wieder öffnete, sah er in der Dickung einen grauen
-Fleck. Und darüber, über den schwarzgesäumten Lauschern, das schwere,
-weitausgelegte Gehörn mit den roten Enden.
-
-Eine Ewigkeit dünkte ihm die Spanne Zeit, bis daß Leben in den grauen
-Fleck kam, eine Ewigkeit, die ihm das Blut wild durch die Adern jagte
-und den Schweiß aus allen Poren trieb. Als aber der graue Fleck sich
-vorschob und ein brauner ihm folgte, da zog er ganz langsam die Büchse
-an die Backe und machte den Finger krumm.
-
-Nach dem Schuß stand er auf und lauschte. Ein paarmal brach es noch
-in den Tannen, dann war alles still. Er trat leise an die Dickung,
-bückte sich, nickte befriedigt, als er hellrote Blasen auf den blauen,
-zerdrückten Glockenblumen sah, und ging fort.
-
-Das Schmalreh war erstaunt aus seinem Bette aufgestanden, als sein
-grober Bräutigam es verließ. Das war sonst seine Art nicht, bei
-hellichtem Tage in den raumen Bestand zu ziehen. Und er hatte nicht
-einmal von ihm verlangt, daß es mit sollte.
-
-Als es dann so laut donnerte, hatte Schmalrehchen eine Flucht gemacht.
-Aber nur eine, denn zu viel Angst hatte es vor seinem rohen Gebieter.
-Es wußte, er suchte doch auf der Fährte, und dann setzte es Hiebe,
-hageldicht.
-
-Da vernahm es ihn auch schon. Laut brachen die dürren Zweige. Da war
-er! Aber was ihm nur fehlte? Er taumelte, schwankte, stürzte, richtete
-sich mühsam wieder auf, zog drei Schritte voran, brach wieder zusammen
-und blieb liegen.
-
-Verschüchtert zog die Kleine an ihn heran. Sie machte ihr
-liebenswürdigstes Gesicht, denn es war ein launenhafter, roher Kerl,
-der Alte, viel unzarter, viel weniger liebenswürdig als ihr erster
-Liebster.
-
-Matt hob er den Kopf, als sie bei ihm war, und ließ ihn wieder fallen.
-Zärtlich beschnupperte sie ihn, prallte aber zurück, denn er hatte eine
-so seltsame, unheimliche Witterung jetzt an sich.
-
-Aber sie blieb bei ihm, eine ganze Stunde lang. Ab und zu versuchte er,
-aufzustehen, aber immer wieder brach er röchelnd zusammen, und jedesmal
-quoll es rot aus seinen Blättern.
-
-Dann überlief ihn ein Zittern, er röchelte noch einmal schrecklich,
-machte sich lang, und von da ab rührte er keinen Lauf mehr.
-
-Dann brach es wieder in der Dickung. Das Schmalreh stand auf.
-Menschenworte erklangen: »Zur Fährt, mein Hund, so recht, mein Hund!
-Such verwundt, mein Hund!«
-
-Das Brechen kam näher. Lautes Gehechel eines Hundes tönte heran. Das
-Schmalreh sprang ab, von Entsetzen gepackt.
-
-Hinten in den Birken verhoffte es. Der dumpfe Hals des Hundes erklang,
-dann des Waldhorns heller, froher Ruf: »Bock tot!«
-
-Neben dem Bock kniete der Förster. Freudig betrachtete er den
-Kopfschmuck, dessen scharfe Enden noch rot waren von dem Mord.
-
-Schmalrehchen aber zog im Wald umher. Es fühlte sich einsam. Laut
-rief es nach einem fühlenden Herzen. Das fand sich bald. Es war ein
-dreijähriger stattlicher Bock. Und er war viel liebenswürdiger und nie
-so grob, wie der alte Achtzack.
-
-
-
-
-Böbchen.
-
-
-Unser Bob war das, was man so im Volke unter einem Terrier versteht,
-denn er war kurzhaarig, von weißer Farbe mit schwarzen Flecken, zu
-kurz koupiert und äußerst frech, mithin ein Terrier. Er hatte auch
-Terrierblut in sich, ganz entschieden und er war auch ein hübscher
-Hund, das sagte jeder, und wer langen Fang, hartes Haar usw. von ihm
-verlangte, dem wurde bedeutet, daß Böbchen kein Schablonenterrier
-sei, sondern eine Individualität und mehr auf persönliche, denn auf
-generelle Rasse Wert legte. Seine Mutter hatte übrigens blauestes
-Terrierblut, aber entschieden die Tendenz nach unten gehabt, denn Bobs
-Vater war unbekannt und blieb es, denn: ~la recherche de la paternité
-est interdite~. Hatte Bob also nur einen halben Stammbaum, so
-besaß er dafür eine doppelte Portion von Temperament. Leider hatte er
-verhältnismäßig wenig Verwendung dafür, sintemal er ein Damenhund war.
-Er gehörte nämlich meiner Schwiegermutter und spielte sich als einziges
-männliches Wesen in der Familie vollkommen als Hausherr auf.
-
-Über ein Jahr dauerte es, ehe die Frage halbwegs entschieden war,
-wer nun Herr im Hause sein sollte, Bob oder ich. Bob benahm sich,
-als ob ich nichts zu sagen hätte. Das durfte ich mir nicht gefallen
-lassen und trat ihm kühn entgegen. Von seiner Seite wurde der
-Kampf mit stundenlangem Kläffen oder Piepen, Kratzen an den Türen
-und heiserem Wutgebell geführt, von mir mit der Zwille und Schrot
-Nr. 6. Die raffinierte Technik siegte; Bob erkannte meine physische
-Überlegenheit in gewisser Hinsicht an, besonders wenn es ihm gerade
-paßte, und gehorchte mir, aber nie ohne sein historisches Recht dadurch
-zu betonen, daß er »bö« sagte. Im übrigen liebte er mich trotz der
-Zwille und ungeachtet einer seiner Ansicht nach völlig unzweckmäßigen
-gelegentlichen Verwendung meines rechten Absatzes. Er liebte mich
-allerdings mehr mit dem Verstande, mehr aus praktischen Gründen, denn
-aus innerer Neigung; er liebte mich, weil ich mit ihm spazieren ging,
-sehr weit spazieren ging ohne ihn anzuleinen, weil ich ihn Emailletöpfe
-apportieren ließ, ihn Steine aus dem Wasser tauchen ließ und die
-Stellen kannte, wo es Feldmäuse, Hamster und Zaunigel gab. Er war von
-Natur ein Mäusefänger. Lief eine Maus durch die Waschküche, dann stand
-er regungslos und wartete, bis die Maus wieder kam, und ruhig und
-besonnen faßte er zu. Dann ging er zu einer von den Damen des Hauses,
-legte die Maus auf ihre Schuhspitze und machte hübsch; das hieß: »Ich
-bitte um ein Stück Zucker zum Lohne!«
-
-Aber wilde, richtige wilde Mäuse auf der Stoppel zu jagen, das war doch
-etwas anderes, das war noch schöner, als Emailletöpfe zu trudeln und
-Seife und Ätherflaschen zu bekämpfen. Jawohl! Seife beißt, Äther auch,
-also sind es wilde Tiere und wilde Tiere gehören totgebissen, meinte
-Bob. Und so verbellte er die Seife, als wäre sie ein Igel, und biß
-hinein und schimpfte und fluchte, daß ihm der Schaum vor der koddrigen
-Schnauze stand. Genau so machte er es mit brennenden Zigarrenstümpfen.
-»Sterben mußt du«, dachte er, »und wenn du noch so beißt«, und
-schließlich kriegte er sie tot. Aber so ein richtiger dicker Zaunigel,
-das war doch noch schöner, und das beste war ein Hamster, ein ganz
-dicker und fetter, der sich gehörig wehren konnte, denn ein Hamster,
-der ist doch reeller als die infamigen Schweinskatzen, die das unfaire
-Aufdiebäumegeklettre nicht lassen können, dachte Böbchen. Aber wehe
-der, die er erwischte; sie mußte hin werden, vorausgesetzt, daß es eine
-alte war; denn jungen Katzen tat er nichts, weil er zu kinderlieb und
-zu sehr Kavalier war.
-
-Letzteres ging daraus hervor, daß er liebendgern Sekt trank, nur mußte
-er sich etwas beruhigt haben, und dann aß er Spargelköpfe für sein
-Leben gern. Leider brach das väterliche Erbteil immer wieder bei ihm
-durch. So war er in seinem weiblichen Umgange gar nicht wählerisch und
-verkehrte mit den proletischsten Hündinnen, was ihm den Haß des ganzen
-Stadtviertels einbrachte. Wenn ihn die Hunde des Kohlenfuhrmanns nur
-von weitem sahen, dann murrten sie dumpf und das sollte heißen: »Den
-ganzen Tag nischt tun, als bloß fein fressen, und wir können nachher
-die Alimente bezahlen, wo wir doch Tag für Tag mit dem Kohlenwagen
-gehen und aufpassen müssen!« Aber Bob feixte sie frech an und knurrte
-ihnen zu: »Seht euch bloß vor, ich habe eine Zwille.« Und das glaubten
-ihm die Schafköpfe wirklich. Einmal aber hatten sie ihn doch zu fassen
-bekommen und er kam als Beefsteak ~à la Tartare~ nach Hause.
-Gerade hat der Tierarzt ihn zurechtgeflickt und ich hielt ihn, während
-ich mich von dem Arzte verabschiedete, in der Haustüre auf dem Arme. Da
-ging der eine Kohlenhund vorbei und machte eine höhnische Bemerkung.
-Im Hui war Bob von meinem Arme herunter und stürzte auf drei Beinen
-auf ihn los, und da Bob halb in weiße Leinwand genäht war, kratzte der
-andere Hund entsetzt aus.
-
-Merkwürdig war es, daß ihm bei seinen nächtlichen Debauchen nie
-etwas zustieß. Er konnte wochenlang den anständigen jungen Mann von
-Erziehung markieren, aber mit einem Male blieb er über Nacht aus.
-So um vier oder fünf Uhr in der Frühe piepte er vor der Haustüre;
-machte man dann nicht sofort auf, so schlug er einen Riesen- oder
-Abgottskrach. Außerdem machte er es so wie manche Männer, er beugte vor
-und schnauzte, sobald er in das Haus kam, damit er nicht angeschnauzt
-wurde. War er dann im Hause, so ging er nicht in die obere Etage zu
-meiner Schwiegermutter, sondern in das Erdgeschoß in unsre Küche, wo er
-sich unter den Herd legte. Da blieb er den ganzen Tag liegen, roch nach
-Bier und gemeinen Zigarren, aß nichts und soff abscheulich viel Wasser,
-solchen Brand hatte er, und duftete übel. Anfangs wußten wir nie, wo er
-gewesen war; später bekamen wir heraus, daß er in einer Destille in der
-Nachbarschaft verkehrte, wo es einen tadellosen Harzkäse gab. Außerdem
-mußte er noch anderswo verkehren, denn als er einmal wieder einen
-ausschweifenden Lebenswandel geführt hatte und ohne Halsband, aber mit
-einem Bombenjammer, sehr dreckig und voll von Flöhen heimgekehrt war,
-kam ein Herr, gab sein Halsband ab und sagte, Bob pflege öfter bei
-ihm zu schlafen; er ginge durch das Gitter, hüpfe auf die Veranda und
-von da in das Eßzimmer, wo er auf dem Sofa schlafe. Als wir Bob nach
-Details fragten, wurde er grob, wie immer in solchen Fällen, denn das
-fand er taktlos.
-
-Er war in jeder Beziehung merkwürdig. Er trank nur aus einem Glase.
-Wenn man ihn fragte, er solle zusehen, ob oben jemand zu Hause wäre,
-lief er die Treppe hinauf, hängte sich an den Klingelzug und läutete,
-daß das Haus bebte. Wenn er ganz fest schlief und man flüsterte:
-»Brauner Kuchen!« so hörte er das sofort, obschon er manchmal tat, als
-wenn er stocktaub wäre. Wenn es draußen nichts anderes gab, bog ich
-ihm einen Ast herunter und dann hängte er sich daran, schwebte frei in
-der Luft und zerrte knurrend eine halbe Stunde lang darum. Er litt an
-Zahnschmerzen, und war dann oft sehr verdrossen, denn er hatte sich an
-Steinen und Emailletöpfen alle Zähne kaputgebissen; aber als er schon
-zehn Jahre alt war, brauchte man nur an einen zentnerschweren Stein
-oder an einen Straßenbahnmasten zu klopfen und zu sagen: »Schönes
-Steinchen!« und dann versuchte er mit furchtbarem Getöse, das Ding vor
-sich herzutrudeln, wie er es vor dem Tore stundenlang mit Emailletöpfen
-und Blecheimern zum Vergnügen der Einwohner machte. Niemals aber
-brachte er so ein Möbel mit nach Hause; sobald wir in die Nähe der
-Stadt kamen, stellte er den Pott in den ersten besten Hausflur. Als ich
-jedoch mit ihm einmal verreiste und in eine kleine Stadt kam, wo ihn
-niemand kannte, trudelte er seinen Pott durch das ganze Nest und nahm
-ihn in das Gasthaus mit. Außerdem fraß er sehr gern Zwetschen, deren
-Steine er mit hörbarem Avec aus der linken Maulecke spuckte.
-
-Als ich ihn kennen lernte, war er ein Augentier; seine Nase brauchte
-er höchstens, um sich von der Beschaffenheit der Atmosphärilien, die
-dem Erdgeschoß entströmten, wo die Küche lag, zu überzeugen. Er kannte
-jeden Freund des Hauses von weitem; wenn er vom Fenster plötzlich zur
-Erde sprang und piepend nach der Türe lief, dann wußten wir, daß es
-Besuch gab; nie benahm er sich so, wenn der Briefträger kam. Als dann
-Muk, der blondgelockte Teckel, einzog, brachte der ihm bei, daß der
-Hauptsinn des Hundes die Nase sei, und Bob, den jede Hasenspur und
-alle Rehfährten bis dahin völlig kühl gelassen hatten, fand allmählich
-Gefallen am Jagen auf der frischen Fährte, trotzdem er damals schon
-zehn Jahre alt war. Aber so recht kam er nicht dahinter, fiel jede
-neue Fährte an, die die andere kreuzte, bis es ihm zu dumm wurde und
-er reuevoll zu seinem Blechtopfe zurückkehrte. Wenn er sich auch
-manchmal etwas formlos gab, in einer Beziehung hielt er streng auf die
-hergebrachte Sitte.
-
-Ich hatte später einen Teckel namens Putt Battermann, einen lieben
-Hund; ich würde den König und den Kronprinzen von Serbien, Castro,
-und andere entbehrliche Gegenstände mit Wonne hergeben, könnte ich
-Battermann damit wieder lebendig machen. Dieser Hund hatte eine
-eigentümliche Angewohnheit, oder vielmehr, er hatte sie nicht, denn
-wenn er ein größeres Geschäft erledigt hatte, machte er nie die
-üblichen drei Kratzfüße hinterher. Als Bob das sah, war er starr, ganz
-schnell lief er hin und scharrte, um dem dummen jungen Hunde zu zeigen,
-was sich gehöre. Aber Battermann erklärte ihm, das habe erstens auf dem
-Asphalt keinen Zweck und sei zweitens überhaupt nicht mehr Mode. Was
-sollte Bob machen? Gekratzt mußte werden, also kratzte er jedesmal,
-wenn Battermann das unterließ, wenn er sich auch nicht mehr bis zu der
-betreffenden Stelle hinbemühte. Aber er kratzte.
-
-Wenn Bob jagdlich gearbeitet wäre, hätte er sich mit Ruhm bedeckt, und
-wäre er ein Mensch gewesen, hätte der Erdball unter ihm so gedröhnt,
-wie unter dem ersten Napoleon, denn was Furcht war, das kannte er
-nicht. In aller Lerchenfrühe nahm ich ihn einmal in den Zoologischen
-Garten mit, aber auch nur einmal, denn hätte ich ihn nicht an der Leine
-gehabt, so hätte ich einen neuen Löwen kaufen können. Ohne sich zu
-besinnen fiel er eine eselsgroße Dogge an, und Bullen auf Weidekämpen
-zu hetzen, das dünkte ihm ein harmloses Spiel. Und doch bekam er es
-einmal, ich will nicht sagen mit der Angst, aber mit jenem Gefühl der
-Hilflosigkeit, das den Menschen befällt, wenn er bergab radelt, die
-Pedale verliert und merkt, daß die Bremse versagt. Das war in einer
-Gastwirtschaft; da sah er ein großes weißes Tier, das ganz sonderbar
-roch. Er wollte es totbeißen, aber es nahm ihn auf die Hörner und warf
-ihn in den Busch, daß ihm die Rippen krachten. Mit einem furchtbaren
-Fluche rappelte er sich zusammen und fiel das Ungetüm wieder an,
-aber alle Mühe, die er sich gab, es von hinten zu erwischen, war
-vergebens; mit Schaum vor dem Maul und Scham in der Brust schob er ab,
-ging in tiefe Grübelei versunken neben mir nach Hause, beachtete die
-schönsten Blechpötte nicht und aß nichts zu Abend, denn allzusehr war
-sein Selbstbewußtsein zerknittert. Und noch etwas gab es, das ihn mit
-Hilflosigkeit erfüllte, ein Floh auf dem Rücken. Dann fühlte er sich
-wie Lazarus. Ganz unglücklich war er, piepte jammervoll und schüttelte
-sich unter den Ecksofas, bis eine Franse nach der andern den Weg aller
-Wolle ging. Sonst kannte er keine Furcht; ein Stock versetzte ihn in
-Ärger, die Hundepeitsche in Zorn und die Zwille in schäumende Wut. Aber
-Angst? Keine Spur! Dreizehn Jahre wurde er alt und blieb wie er war,
-immer lustig, immer frech, immer ein Verehrer der Weiblichkeit. Ganz
-plötzlich bekam er Krämpfe und ein Schuß gab ihm ein schnelles Ende.
-
-Er hat mich viel geärgert und oft in Wut gebracht, wenn er mich durch
-Piepen und Kratzen bei der Arbeit störte. Aber viel Freude habe ich
-doch an ihm gehabt, und immer denken wir gern zurück an unser Böbchen.
-
-
-
-
-Der Zaunigel.
-
-
-Außerhalb des Dorfes nach der Heide zu liegt an dem Moorbache ein
-Eichenhain. Ein halbes hundert grauer Bauwerke erhebt sich dort,
-halb versteckt von dem breiten Astwerke der alten Eichen. Es sind
-die Schafställe und Scheunen der Bauern, kunstlose, strohgedeckte
-Fachwerkbauten, deren Wände graues Flechtenwerk und gelber Lehmbewurf
-bildet und deren Grundbalken auf dicken Findlingsblöcken liegen.
-
-Dort wohnt auch der Schäfer. Eine mächtige Mauer aus Ortsteinblöcken,
-von Moos übersponnen und von Engelsüß und Glockenblumen und Efeu
-überwuchert, hinter der sich ein gewaltiger, von Wacholder, Holunder,
-Stechpalmen und Schlehen bewachsener Hagen erhebt, grenzt das
-Wohnwesen gegen die Stallungen ab. Allerlei Getier haust hier; in
-den Strohdächern brüten Rotschwanz und Ackermännchen, auch ein paar
-Schleiereulen und ein paar Käuzchen hausen dort, unter den Scheunen
-haben es Spitzmaus und Waldmaus gut, Kröte und Ringelnatter, und nicht
-minder Wiesel und Iltis. Auch Igel sind hier immer anzutreffen.
-
-Der Schäfer läßt sie gewähren. Sie mögen ihm wohl ab und zu ein Ei oder
-ein Kücken fortnehmen, dafür halten sie aber auch die Mäuse kurz. So
-treiben sie denn ungescheut schon am späten Nachmittage im Garten oder
-auf dem Hofe oder unter den Eichen ihr Wesen, und Wasser und Lord,
-die beiden alten Hunde des Schafmeisters, kümmern sich nicht mehr um
-sie; nur Widu, der junge Hund, ist noch etwas albern und quält sich
-dann und wann ein Viertelstündchen mit einem Igel ab, um schließlich
-mit zerstochener Nase das Spiel aufzugeben. Auch heute hat er das so
-getrieben und hat sich endlich ärgerlich und müde vor den Herd gelegt,
-wo er schläft und im Traume das Stacheltier weiter verbellt.
-
-Der Igel hat noch eine volle Viertelstunde zusammengekugelt dagelegen,
-dann hat er sich aufgerollt und ist in das Gestrüpp des Hagens
-gekrochen. Er hatte vor, im Garten Schnecken zu suchen, aber der dumme
-Hund brachte ihn davon ab. Und nun krabbelt er in dem alten Laube
-herum, scharrt in dem Mulm und verzehrt laut schmatzend bald einen
-Regenwurm, bald eine Schnecke, dann eine Assel und nun eine dicke
-Spinne. Und jetzt geht es wie ein Ruck durch ihn; er hat junge Mäuse
-pfeifen gehört. Ein Weilchen noch verharrt er in seiner aufmerksamen
-Haltung, dann schleicht er vorwärts, macht einen kleinen Satz und stößt
-seine Nase in einen Knäuel fahlen Grases, der zwischen den Ortsteinen
-der Hofmauer steckt. Sechsmal stößt er zu, und jedesmal erklingt ein
-dünner, schriller Todesschrei. Dann langt er sich die jungen Mäuschen
-heraus und schmatzt sie hastig auf.
-
-Ein Weilchen schnüffelt er noch an dem Mauseneste herum, dann trippelt
-er weiter, ab und zu fauchend oder stehen bleibend und sich mit Krallen
-oder Zähnen heftig da juckend, wo die Flöhe und Holzböcke ihn am
-meisten zwicken. Bald langsam, bald eilig begibt er sich nach dem
-Eichenhain. Dort gibt es immer allerlei im Grase, ein Taufröschchen
-oder eine fette Raupe, ein Mäuschen oder auch einmal einen jungen
-Vogel, der aus dem Neste fiel. Brrr, macht es laut, und ein dickes,
-braunes Dings stößt mit hartem Anprall an die blutende Eiche. Es ist
-ein Hirschkäfer. Er hat gefunden, was er suchte. Gierig steckt er die
-goldgelbe Pinselzunge in den gärenden Saft. Da raschelt es hinter ihm.
-Wütend dreht er sich um und spreizt die scharfbewehrten Zangen. Aber
-schon hat der Igel ihn gefaßt, ihm den Leib abgerissen, und während der
-Kopf des Käfers im Grase liegt und mechanisch die Zangen öffnet und
-schließt, knabbert der Igel den dicken Hinterleib vollends auf. Dann
-jagt er unter den Schafställen weiter und sucht einen nach dem andern
-ab.
-
-Viel ist heute da nicht zu finden. Einige Spinnen, etliche Käfer,
-auch ein gutgenährter Regenwurm, das ist alles. Es ist zu trocken
-gewesen den Tag über, die Junisonne hatte es reichlich gut gemeint,
-und der Wind ging scharf; das gibt schlechte Jagd. So schiebt denn der
-Stachelrock nach dem Bache zu; vielleicht daß sich dort die Jagd besser
-lohnt. Unterwegs dreht er jedes Blatt um und scharrt jeden Grasbusch
-auseinander, immer prüfend und schnaufend und seine Nase in das Moos
-und in die Blätter bohrend und ab und zu sitzend bleibend, um irgend
-ein kleines Tier zu verzehren. Einmal bleibt er lange sitzen; er hat
-eine alte Maus pfeifen gehört, und vorsichtig pürscht er sich näher.
-Jetzt hört er sie dicht bei sich vorüberhuschen. Gleich wird sie wieder
-zurückkommen und dann hat er sie. Aber gerade wie er zufahren will,
-löst sich ein grauer Schatten von der Wagenleiter, die Maus quiekt auf
-und das Käuzchen streicht, sie in den dolchbewehrten Fängen haltend,
-auf die hölzernen Pferdeköpfe des Stalles, und der Igel hat das
-Nachsehen.
-
-Mürrisch begibt er sich weiter. Ein Kieferschwärmer, der am Nachmittage
-die Puppe verlassen hatte und sich, nachdem er seine Schwingen fertig
-gereckt hat, nun zum ersten Fluge rüstet, verschwindet unter den
-spitzen Zähnen. Ihm folgt eine Ackerschnecke; von der dicken schwarzen
-Schnecke, auf die der Igel stößt, wendet er sich aber mit Ekel ab. Sie
-riecht abscheulich und schmeckt scheußlich. Aber das laute, rollende
-Flöten da in dem anmoorigen Sande am Bachufer, das lockt ihn. Ein
-schnelles Getrippel, ein fester Stoß, und schon ist die Maulwurfsgrille
-erledigt. Weiter geht es am Bachufer entlang. Halt, hier hebt sich die
-Erde. Etwa ein Maulwurf? Das wäre kein schlechter Fang. Oder gar eine
-Wühlmaus? Das wäre noch besser. Ganz vorsichtig schiebt er sich voran.
-Lange muß er lauern, ehe die Erde sich wieder rührt, aber schließlich
-kann er zufahren. Er stieß zu kurz. Mit jähem Ruck wirft sich die
-schwarze Erdwühlerin in den Bach, daß es plumpst, und nach einer langen
-Besinnungspause wendet sich der Igel wieder den Eichen zu.
-
-Hier ein Mistkäfer, da eine Raupe, dort ein Brachkäfer und daneben ein
-Regenwurm, das wird so nebenbei alles mitgenommen. Aber was ist das da,
-was sich da im Grase fortschiebt? Der Igel sträubt die Kopfstacheln,
-steckt die Nase vor, rollt sich halb auf und trippelt so auf die Beute
-los. Jetzt ist er bei ihr. Zß, geht es, und einmal, zweimal, dreimal
-fährt die halbwüchsige Kreuzotter gegen seinen Stachelpanzer. Ein
-viertes Mal noch, dann aber nicht mehr. Er hat sie überrannt, hat sie
-mit den Kopfstacheln an den Boden gequetscht, hat mit den Zähnen ihren
-Hinterkopf gefaßt, und während sich ihr Leib in wilden Kreisen dreht,
-zerkaut er erst den Kopf und schmatzt ihn hinunter und läßt den Leib
-hinterdrein wandern. Nach einem Viertelstündchen verschwindet auch die
-äußerste Schwanzspitze, die sich immer noch windet, in seinem Rachen.
-
-Vorläufig ist er nun satt. Spaßeshalber faßt er noch einen großen
-Taufrosch, der ihm dicht vor die Nase hüpft an das Hinterbein, aber
-gerade als der arme Frosch seinen schrillen Todesschrei hören läßt,
-gibt ihn sein Bezwinger frei und der Frosch springt in gewaltigen,
-ungeschickten Sätzen ab. Ganz furchtbar eilig trippelt der Igel
-nach dem Weißdornbusch hin, der sich neben einem der Schafställe
-spreizt. Der leise Luftzug weht ihm von da eine Kunde zu, die ihn
-ungestüm vorwärts treibt. Ohne eine Pause zu machen, trippelt er in
-schnurgerader Richtung weiter, und gerade als die Dorfuhr ausholt um
-die zehnte Stunde zu verkündigen, gerade als des Nachtwächters Horn
-hohl an zu heulen fängt, langt der Igel vor dem Busche an.
-
-Da ist noch ein Igel, ein dicker, großer Igel, der eben einen langen,
-dicken Tauwurm hübsch langsam aus seiner Erdröhre herauszieht. Wie
-besessen stürzt der erste Igel auf ihn zu. Blitzschnell wendet der
-andere sich um und beißt nach ihm. Verdutzt bleibt der erste sitzen,
-dann nähert er sich wieder dem anderen. Wieder setzt es einen Hieb,
-wieder gibt es eine Verlegenheitspause, und so zehnmal und noch
-zehnmal. Und dann schlägt der erste Igel eine andere Taktik ein.
-Schnaufend und fauchend trippelt er um den anderen und versucht,
-sich ihm von hinten zu nähern, dieser aber dreht sich schnaufend und
-fauchend fortwährend im Kreise herum und wehrt jeden Annäherungsversuch
-mit einem blitzschnellen Bisse ab. Schließlich sitzen sie sich beide
-gegenüber, daß ihre Schnauzen sich fast berühren, und verschnaufen,
-der Igel überlegend, wie er sich wohl beliebt machen könne, die Igelin
-immer zur Abwehr bereit.
-
-Bisher war der Igel immer von rechts nach links um seine Auserkorene
-herumgetrippelt; jetzt versuchte er es in der umgekehrten Richtung. So
-muß auch die Igelin von links nach rechts sich im Kreise drehen. Wenn
-er sie zehn- oder zwölfmal umkreist hat, wird er plump vertraulich.
-Dann setzt es von ihr aus einen Schmiß. Verdutzt bleibt er dann
-sitzen und überlegt den Fall, und sie bleibt auch sitzen. Sie sehen
-sich mit ihren kleinen schwarzen Augen an, Nase an Nase, bis er wieder
-Mut bekommt und von neuem um sie herumtrippelt, jetzt von links nach
-rechts, nach dem nächsten Hiebe von rechts nach links, dann wieder
-umgekehrt und so weiter.
-
-Elf Uhr schlägt die Turmuhr; elfmal heult des Wächters Horn. Immer noch
-murksen und fauchen die beiden stachligen Liebesleute umeinander herum.
-Es wird Mitternacht; das sonderbare Karussel ist noch immer im Gange.
-Es schlägt ein Uhr; er ist noch immer nicht müde, sie zu umwerben, und
-ihre Sprödigkeit hält immer noch an. Es schlägt zwei Uhr; noch immer
-trippelt er fauchend und pustend um sie herum, bald von rechts, bald
-von links, und nach jedem Hiebe, den sie ihm versetzt, hält er inne
-und überlegt, ob es nicht besser sei, ihr von der andren Seite zu
-nahen. Eine halbe Stunde bleibt der Jagdaufseher bei dem Paare stehen
-und lacht und schüttelt den Kopf, bis die Helligkeit im Osten ihm
-sagt, daß es Zeit für ihn werde, nach dem Moore zu gehen. Schon singt
-der Rotschwanz von dem Dachfirst, die Schleiereule sucht ihr Loch am
-Giebel, der Igel und die Igelin tanzen immer noch ihren sonderbaren
-Reigen; erst als die Amsel zeternd zur Regenwurmsuche ausfliegt,
-verschwindet sie unter dem Stalle und er folgt ihr nach. Als der
-Schäfer die Schafe ausläßt, hört er unter dem Estrich das Gefauche und
-Geschnaube und ruft dem jungen Hunde zu: »Widu, bring sie zur Ruhe!«
-Aber Widu mag nicht; er hat von gestern genug.
-
-Der Juni geht hin und der Juli auch. Als die Frau des Schäfers den
-Komposthaufen auseinander stößt, findet sie in einem Haufen welken
-Grases fünf kleine, rosige, weißstacheliche Dingerchen neben der alten
-Igelin liegen. Nachmittags will sie sie ihrem Manne zeigen, aber sie
-sind nicht mehr zu finden. Die Igelin hat ihre Jungen verschleppt.
-Unter dem alten Schlehbusche hat sie ihnen ein neues Nest gekratzt und
-sie warm zugedeckt. Da säugt sie sie tagsüber, aber nachts treibt sie
-sich im Garten umher und frißt sich an Schnecken und Würmern dick,
-scharrt Mäusenester aus und fängt junge Frösche, schont auch die
-junge Brut der Rotkehlchen, trotz des Gezeters der Alten, nicht und
-nimmt auch die junge Amsel mit, die ihr in den Weg tolpatscht, wie
-sie denn auch mit den nackten Wieselchen, die sie aufstöbert, nicht
-viel Federlesens macht. Sogar die große Wanderratte, die sich in dem
-Schlageisen gefangen hatte, muß daran glauben; trotz ihres Strampelns
-und Quietschens wird sie totgebissen und bis auf Kopf, Fell und Schwanz
-aufgefressen.
-
-Nach vier Wochen führt die Igelin ihre fünf Kleinen aus. Eines Abends,
-als der Schäfer vor der Türe sitzt und seine Pfeife raucht, raschelt
-es hinter dem Brennholze und da kommt erst schnaubend und prustend
-die Igelin angetrippelt und hinter ihr wackeln die fünf Kleinen. Der
-Schäfer ist ein ernster Mann und lacht selten; heute aber muß er doch
-lachen, denn es sieht zu putzig aus, wie die kleinen Dinger hinter der
-Alten herbummeln, überall kratzen und scharren und ihre Nasen in alle
-Löcher am Boden stecken, oder hastig hineinrennen, wenn die Mutter
-einen tüchtigen Wurm bloßgescharrt hat und ihn sich von den Kleinen
-fortnehmen läßt. Seit der Zeit ist es für den Schäfer und seine Frau
-ein Hauptvergnügen, den Igeln zuzusehen, und damit sie nicht gestört
-werden, wird Widu jeden Abend angelegt. Auch allerlei Eßbares legt
-der Mann den Igeln hin; Butterbrot verschmähten sie, aber frisches
-Fleisch nahmen sie gern, und auch kleine Fische, die der Schäfer für
-die Hechtangeln gefangen hatte. Als der Schäfer sah, daß die Igelin
-sich immer so viel kratze, fing er sie, und als er fand, daß sie voller
-Ungeziefer saß, salbte er sie mit der Schmiere, mit der er seinen
-Schafen das Ungeziefer vertrieb. Seitdem gab sie das Kratzen auf.
-
-Mittlerweile wurden die kleinen Igel immer größer, hielten auch nicht
-mehr zu der Alten, sondern gingen ihre eigenen Wege, und wenn sie der
-Alten begegneten, wurden sie von ihr weggebissen. So wanderten sie denn
-aus; der eine in die Heidberge, der andere in die Eichen, der dritte
-in den Wiesenbusch, noch einer in das Dorf und der letzte nach dem
-Immenzaun, und wenn der Schäfer einen von ihnen antraf, denn er kannte
-sie gleich wieder, weil er ihnen allen, dem einen am Kopfe, den andern
-hier oder da am Rücken, ein Büschelchen Stacheln abgeschoren hatte,
-dann zeigte er sie den Leuten und sagte: »Das ist einer von meinem
-Hofe.« Bis in den Herbst hinein sah er bald hier, bald da einen von
-seinen Igeln, und sogar im Februar, als nach einem leichten Schnee die
-Sonne schön warm schien, traf er die alte Igelin am hellen Nachmittage
-vor der großen Hecke am Immenzaun, und nahm sie mit und setzte sie in
-den Schafstall, und als im März die Sonne die Oberhand bekam, traf er
-fast jeden Abend einen Igel an im Garten, auf dem Hofe oder unter den
-Eichen und hatte sein Vergnügen an ihnen.
-
-Eines Tages aber kam eine Zigeunerbande zugewandert und der Vorsteher
-wies ihnen die Heide bei den Eichen als Lagerstätte an. Während die
-Männer sich überall herumtrieben und die Weibsleute wahrsagen gingen,
-zogen die Jungens auf die Igeljagd. Sie hatten Stöcke, an denen oben
-ein langer, dicker, spitzgefeilter Draht befestigt war, und damit
-stachen sie in alle Laubhaufen, Hecken und unter die Schafställe. Ab
-und zu quietschte es und einer von den Bengeln zog einen aufgespießten
-Igel aus seinem Verstecke, den er dann totschlug.
-
-Abend für Abend saß der Schäfer auf der Bank vor der Tür und wartete
-auf seine Igel. Er sah sie nie wieder.
-
-
-
-
-Jakob.
-
-
-Mitten im Bruche stand eine gewaltige, hochschäftige, breitkronige
-Kiefer, ein Wahrbaum für die ganze Gegend.
-
-In ihr horstete Jahr für Jahr ein Kohlrabenpaar und erfüllte im April
-das Bruch mit seinen rauhen Balzrufen.
-
-Ab und zu versuchten Schreiadler, Wanderfalken oder Habichte den Raben
-den Horstbaum abzutreiben, aber die Raben hatten zu grobe Schnäbel und
-blieben stets siegreich.
-
-An einem schönen Junimorgen kam ein junger Jäger unter dem Wahrbaume
-her und sah einen fast flüggen Raben im Heidekraute sitzen. Er nahm ihn
-mit und verschenkte ihn an Bekannte in der Stadt, die in ihrem Garten
-allerlei Tiere hielten.
-
-Es gab einen großen Aufstand in dem Garten, als Jakob, wie das schwarze
-Ungetüm genannt wurde, auf den Rasen gesetzt wurde. Jaköble, der Häher,
-war ganz entsetzt, als das großmächtige Rabenvieh seinen Riesenrachen
-aufsperrte und ihm auf den Leib rückte; aber schließlich holte er
-Futter und stopfte es ihm in den roten Schlund. Auch Jackelchen, die
-Elster, kam herangehüpft, sah sich das Scheusal an und als das Gegiere
-nicht aufhören wollte, holte sie irgend etwas Eßbares und tat es
-vorsichtig in Jakobs unersättlichen Schnabel.
-
-Jakob war immer hungrig. Was man ihm gab, das war ihm ganz gleich; er
-schlang alles hinab. Und wenn man ihn auch gerade gefüttert hatte,
-und irgend etwas, das Federn hatte, kam ihm in den Weg, ganz gleich,
-ob Jaköble oder Jackelchen oder Adam, der Turmfalke, oder Hans, der
-Waldkauz, oder eins von den Hühnern, es wurde angeplärrt. Ja, als
-einmal das Stubenmädchen aus Versehen den Flederwisch in den Garten
-fallen ließ, hüpfte Jakob sofort heran und schrie nach Futter und
-ein anderes Mal machte er den Versuch, einen Federhut, der auf dem
-Gartenstuhl lag, zu bewegen, ihm den Hals zu stopfen.
-
-Eines Nachmittags war die ganze Familie ausgegangen. Vor einer Stunde
-war in Jakob, die Dranktonne, wie die Mutter ihn auch noch nannte, erst
-soviel hineingestopft, wie nur hineingehen wollte, aber unaufhörlich
-hüpfte das gefräßige Ungetier im Garten umher und stieß seinen
-Heißhungerschrei aus. Da Jaköble und Jackelchen eingesperrt waren,
-damit sie keine Dummheiten machen sollten und Adam, der Turmfalke, in
-der Nachbarschaft Besuche machte, plärrte Jakob solange dem Kauze Hans
-etwas vor, bis es diesem auf die Nerven ging. Er bequemte sich also
-nach seiner Futteranstalt in der Efeuberankung des Aquariumsockels,
-holte ein Stückchen Fleisch hervor und hielt es Jakob vor, damit er es
-ihm fortreiße, wie es die jungen Eulen machen. Aber Jakob kannte die
-Sitten der Eulen nicht und schrie nur noch scheußlicher und da wurde es
-Hans zu dumm und er tat, was noch nie eine Eule getan hatte, er stopfte
-Jakob das Fleisch in den Rachen.
-
-Es dauerte sehr lange, ehe daß der junge Rabe fressen konnte und noch,
-als er schon beflogen war, krächzte er hinter allem, was eine Schürze
-trug oder in Federn gekleidet war, hinterdrein und bettelte um Futter.
-Schließlich bequemte er sich aber doch dazu, selber zu fressen und
-als er das erst verstand, war nichts mehr vor ihm sicher. Jaköble und
-Jackelchen mußten scharf aufpassen, daß sie überhaupt etwas bekamen.
-Nur vor Hans hatte Jakob Achtung, denn der konnte seine großen Augen
-so seltsam auf- und zuklappen und so gefährlich mit dem Schnabel
-klappen. Das merkte sich Jaköble, der Häher bald, und da er mit dem
-Kauz gut Freund war, so stopfte er ihm immer den Rest von seinem Futter
-unter den Flügel, so daß er sicher vor Jakob dem Großen war. Kam
-Jaköble mit einem Fleischbröckchen angehüpft, so lüftete Hans sofort
-den Fittich und Jakob mußte zusehen, wie das Fleisch unter Hansens
-Achsel verschwand. Ab und zu versuchte er wohl, Hans am Schwanze zu
-ziehen, damit er das Fleisch fallen lasse, aber wenn die Eule sich
-dann umdrehte, die großen schwarzen Augen aufriß und mit dem Schnabel
-klappte, dann fuhr Jakob zurück, als wenn, ja, als wenn eine überreife
-Birne neben ihm hingeplatscht wäre. Denn so frech er war, er hatte in
-der großen Stadt Nerven bekommen. Wenn eine Tür zuflog, verjagte er
-sich und schrie: »Kräcks«.
-
-Sonst aber war er frech, wie es eben nur ein Kolkrabe sein kann. Er
-hatte vor niemand Achtung, als vor dem Besen und vor Hans. Wehe dem
-jungen Mädchen, das mit roten Strümpfen in den Garten kam; sie empfing
-einen Hieb in die Wade, daß sie noch lange einen blauen Fleck behielt.
-Blieb ein Buch im Garten liegen, so las Jakob auf seine Art darin und
-die Fetzen flogen überall herum. Erwischte er den Drückschlüssel des
-Hausherrn, so stopfte er das dreieckige Loch ganz fest mit faulen
-Blättern voll und stand ein Stuhl vor der Tür, so machte er es mit dem
-Schlüsselloche genau so. Unglücklich der Hund, der sich im Garten sehen
-ließ. Jakob lauerte in seinem Verstecke, bis der Hund vorbeikam. Wupps,
-wischte er ihm eins und saß sofort auf dem Tisch oder der Stuhllehne
-und der Hund zog mit eingekniffenem Schwanze fort. Katzen kamen nie
-mehr in den Garten. Sowie sich eine sehen ließ, um nach jungen Amseln
-zu fahnden, machte Adam einen schrecklichen Lärm und Jakob brannte ihr
-eins auf das Fell, daß sie wie wahnsinnig über den Zaun fuhr.
-
-Er saß voller Unarten, aber da er so ulkig war, sah man darüber hinweg,
-daß er die Butter aus der Dose hackte oder wenn der Aquariumdeckel
-offen stand, fischte. Dann saß er eine ganze Stunde auf dem Rande des
-Gefäßes und sobald ein Goldfisch emporkam, erhielt er einen tödlichen
-Schnabelhieb und wurde verspeist. Ebenso ging es auch den unglücklichen
-Fröschen, die sich in den Garten verirrten und mehr als einmal
-erwischte Jakob sogar eine Maus und einmal sogar einen Maulwurf, den er
-in die Laube brachte, wo die Familie beim Kaffeetische saß. Jakob legte
-seine Beute in den Weißbrotkorb und sagte: »Quatsch!«
-
-Das war sein Hauptwort. Einmal kam ein Herr und besuchte den Hausherrn.
-Als er sich verabschiedete und sagte: »Hoffentlich haben Sie für
-Ihre Heidfahrt schönes Wetter!« unkte Jakob dazwischen: »Quatsch,
-Quatschquatsch!« Ein anderes Mal kam der Pastor und erzählte, wie
-traurig es mit dem Nachbar stehe, der nicht leben und nicht sterben
-könne. »Quatsch!« rief Jakob und der geistliche Herr erschrak sich
-sehr, denn die Stimme kam unter seinem Stuhle her. Wieder einmal kam
-ein junger Geck zu Besuch und stellte seine Angströhre hinter sich auf
-den Rasen. Als er sie aufsetzte, rieselte ihm Sand daraus über sein
-Pomadenhaar. »Was ist denn das?« lispelte er. »Quatsch!« rief Jakob und
-machte ein Gesicht, als könne er kein Wässerchen trüben.
-
-Immerwege hatte er Dummheiten im Kopfe. Eines Tages ging die Familie
-aus und vergaß ihn einzusperren. Auf dem Rasen lag die Wäsche zum
-Bleichen. Jakob pflückte sich Kirschen, setzte sich damit auf
-die Wäsche und massakrierte die Kirschen, daß der rote Saft nur
-so herumstob. Sechs Hemden und vier Unterröcke mußten noch einmal
-gewaschen werden. Im Frühjahr wurden Maßliebchen gepflanzt, abwechselnd
-rote und weiße. Nach dem Mittagessen gab es ein großes Geschrei: alle
-Maßliebchen waren geköpft und Jakob stand vor zwei Löchern, die er in
-ein Beet gehackt hatte und besah wohlgefällig seine Sammlung; in dem
-einen Loche lagen die weißen, in dem andern die roten Blumen.
-
-Zu seinem Hauptvergnügen gehörte es, sich auf das Eisen der Harke zu
-setzen, wenn die Gartenwege geharkt wurden; dann benahm er sich so
-stolz, wie ein Mann, der sich eine Sonntagsdroschke geleistet hatte.
-Einmal stellte er sich tapprig dabei an und büßte einen Zeh dadurch
-ein. Er plärrte eine halbe Stunde lang und verzichtete fortan auf das
-Fahren auf der Harke. Sehr albern benahm er sich einige Tage später.
-Er flog auf die schlappe Waschleine und konnte das Gleichgewicht nicht
-halten. Ein Vaterunser lang schaukelte er auf der Leine hin und her
-und schrie, als zöge man ihm die Federn einzeln aus. Gräßlich dämlich
-benahm er sich, als ihm ein Besucher eine Küchentüte über den Kopf
-stülpte. Erst saß er ganz begossen da, dann schüttelte er den Kopf wie
-unklug, darauf versuchte er Rad zu schlagen und Kobolz zu schießen,
-schließlich hüpfte er im Kreise und schlug mit den Flügeln, wie eine
-verrückt gewordene Windmühle. Seitdem haßte er alle Tüten.
-
-Am alleralbernsten aber stellte er sich an, als er den ersten Schnee
-seines Lebens sah. Erst machte er ein Gesicht wie eine Kuh, die es
-donnern hört. Dann fraß er ein bißchen von dem weißen Zeug. Darauf
-warf er Stücke davon in die Luft, kratzte darin herum und schließlich
-kollerte er sich darin umher. Plötzlich machte er die Entdeckung, daß
-er eiskalte Füße hatte. Er zog den einen Fuß an, aber der andere blieb
-kalt. Dann zog er den linken an, aber nun wurde wieder der rechte
-kalt. Auf einmal begann er so erbärmlich zu quaken, daß das ganze Haus
-zusammenlief. Seitdem haßte er auch den Schnee und ging nicht mehr auf
-die Wäsche, wenn sie zum Bleichen im Garten lag.
-
-Eines Tages hatte er Durst und fand ein volles Glas Bier stehen. Erst
-schmeckte es ihm nicht, aber der Durst trieb es hinunter. Als der
-Hausherr zurückkam, war das Glas umgeworfen und Jakob war so betrunken,
-wie ein Pole am Zahltage. Erst sprach er so schnell, wie er es noch
-nie getan hatte. »Quaquaquaquaquatsch«, wohl hundert Male, dann
-versuchte er zu krähen, bekam aber den Schlucken. Alsdann versuchte er
-geradeaus zu gehen, taumelte aber, wie ein Anfänger beim Radfahren;
-dann flog er steil in die Luft und kam mit großem Geflatter und noch
-größerem Gekrächze wieder herunter und zwar in einem Rosenbusche, in
-dem er so lange herumkrabbelte, bis der Hausherr, der sich halbtot
-lachen wollte, ihn erlöste. Darauf versank er in Melancholie, zog den
-Kopf ein und stierte eine Weile vor sich hin, um dann wie verrückt
-auf die Waschschüssel loszustürzen und diese, als er sie leer fand,
-mit Schnabelhieben zu bedecken. Er bekam Wasser und trank so viel,
-wie er sonst in einer ganzen Woche nicht trank. Nun überfiel ihn der
-Zerstörungskoller und er riß Gras und Blätter ab und sprang dabei
-herum, wie ein Mensch, der die Hosen voller Ameisen hat. Und dann
-verschwand er und kam erst spät am andern Morgen mit sehr schlechter
-Laune, großem Brand und völliger Freßunlust wieder zum Vorschein.
-
-Als er drei Jahre alt war, war er ein vollendeter Heuchler und ein
-gerissener Dieb und wurde deshalb auf das Land verschenkt. Dort führte
-er sich aber so übel auf, daß man ihn in einen Käfig sperrte. Aber
-selbst das half nichts; wenn die Kücken auf dem Hofe herumliefen,
-lockte Jakob genau so, wie die Klucke und sowie eins der Kücken an
-seinen Käfig kam, schnappte er zu und zog es hinein. Schließlich trieb
-er es so arg, daß man ihn dem Zoologischen Garten schenkte.
-
-Da sitzt er heute noch, läßt sich von den Besuchern füttern und sagt
-zum Dank: »Quatsch!«
-
-
-
-
-Hausfriedensbruch.
-
-
-Er war von jeher dagegen gewesen, aber sie wollte es gern, und so mußte
-er sich fügen; was sollte er machen?
-
-»Sieh mal, Watschelinchen,« hatte er gesagt, »zu was willst Du in
-der Stadt wohnen? Erstens kennst Du niemand dort, zweitens wohnt Dir
-allerlei ruppiges Volk vor dem Schnabel herum, diese Radaumacher
-von Turmschwalben und dieses gemeine Spatzengesindel; und dann die
-Luft! Na, ich sage Dir bloß, Du wirst Dich wundern! Dein schönes
-Changierendes ist da bald hin vor dem Ruß. Und was muß man weit
-fliegen, um satt zu werden! Hier im Walde hast Du die fettsten
-Schnecken und die besten Regenwürmer dicht bei der Wohnung. Und alle
-Nachbarn sind nette Leute: der Pirol, so elegant und stolz er ist, Dir
-singt er gern etwas vor. Und der Trauerfliegenschnäpper besucht Dich,
-wenn Du brütest, Buchfink, Mönch, Schwirrsänger, sie alle sind nett
-zu uns. Und ist Dir diese Wohnung nicht groß und hübsch genug, ein
-freundliches Wort, und Spitzhack, der Specht, baut Dir eine andere.
-Laß uns nur im Walde bleiben.«
-
-Sie ließ ihn ruhig ausreden wie immer, machte nur die Augen halb zu und
-ließ die Flügel herunterhängen; und dann fing sie an:
-
-»Ja, Dickkopp, das ist ja alles ganz gut und schön. Aber das mit den
-Spatzen und Mauerschwalben, das wird nur halb so schlimm sein. Und
-das mit dem Ruß auch. Und überhaupt, mein gutes Zeug ist doch immer
-gleich hin von dem Brüten und Kinderpäppeln. Und Du hast gut reden von
-Unterhaltung hier; was wissen die denn alle hier zu erzählen? Immer
-dasselbe langweilige Zeug: daß es bei Markwarts Krach gegeben hat, daß
-die Taubersche die Eier hat kalt werden lassen, daß die Amsel kleine
-Vogelkinder fressen soll und weiter nichts. Und das ewige Gedudel von
-dem Pirol, das hängt mir schon zum Schnabel heraus; immer dasselbe und
-immer dasselbe und hinterher dieses alte Geknarre; schließlich geht es
-einem auf die Nerven. Du hast natürlich gut reden: Du fliegst hierhin
-und dahin und triffst bald den oder bald die, und da hörst Du immer
-allerlei Neues und erlebst vielleicht auch mal ein Abenteuerchen, nicht
-wahr, Kopp? Ich aber, ich sitze hier in dem engen Loch, brüte mich
-dumm und albern und höre und sehe von der Welt nichts. Höchstens, daß
-Schnurrjahn einmal vorkommt und mich ein bißchen unterhält. Und die
-Wohnung? Ach, Du lieber Himmel! Eng und feucht und voll Ameisen, und
-jedes Frühjahr großes Reinemachen, bis man den Fledermausmist heraus
-hat, na, ich danke. Und dabei stehen in der Stadt die schönsten,
-hellsten, luftigsten Villen frei!«
-
-Dickkopp sagte nichts mehr. Wenn seine Frau »Kopp« zu ihm sagte und
-auf seine kleinen galanten Abenteuer draußen anspielte, dann tat er am
-besten, den Schnabel zu halten. Und daß sie außerdem von Schnurrjahn
-anfing, diesem alten Poussierstengel, der nichts lieber tat, als
-anderer Stare Frauen schön zu tun, das schätzte er nun schon gar nicht.
-So sagte er Ja und Amen, und sie zogen in die Stadt.
-
-Eine Wohnung war bald gefunden. In einem großen Garten lag sie und
-hing in einem Zwetschenbaume. Blumenbeete waren da, ein Springbrunnen
-zum Baden und Trinken, Rasen mit Regenwürmern, Beete mit Schnecken,
-Kirschbäume waren in der Nähe und gar nicht weit davon war am Teiche
-eine ungeheure Pappel, der richtige Versammlungsplatz, wie die Stare
-ihn lieben, und viel Rohr, im Herbst eine gute Schlafstatt. Dickkopp
-war sehr zufrieden und Watschelinchen erst recht.
-
-Die erste Zeit ging es sehr gut. Er saß vor dem Hause, schlug mit den
-Flügeln und sang nach Herzenslust. Sie schlüpfte aus und ein, holte
-Hälmchen und Federchen und richtete die Wohnung ein. Heimlich stöhnte
-sie zwar ein bißchen, denn das große Haus machte doppelte Arbeit, aber
-sie ließ sich nichts merken.
-
-Bald aber stellten sich allerlei Unannehmlichkeiten heraus. Erstens zog
-es in der Wohnung; es war ein richtiger städtischer Schwindelbau; und
-durchregnen tat es manchmal auch. Und alle Naselang steckte ein frecher
-Spatz seinen Kopf herein, machte faule Witze über Watscheline oder
-behauptete gar, sie hätte hier nichts zu suchen. Im Mai, als sie schon
-längst Eier hatte, fand sie, als sie vom Baden zurückkam, eine große,
-weißbunte Katze an ihrem Hause beschäftigt. Watscheline machte solchen
-Lärm, daß der Besitzer des Gartens kam und die Katze herunterschoß;
-darüber war sie froh, aber der Schreck lag ihr noch drei Tage in den
-Gliedern.
-
-Allmählich bekam sie auch Nerven. Erst hatte ihr das städtische Leben
-Spaß gemacht, aber dieser ewige Lärm der Wagen und der Straßenbahn,
-dieses rücksichtslose Schreien und Türenzuschlagen, dieses Ausrufen
-und Peitschenknallen, und vor allem das ewige Geschilpe der Spatzen und
-das Geschrei der Turmschwalben war auf die Dauer nicht auszuhalten. Und
-von allen ihren alten Bekannten sah und hörte sie nichts: noch nicht
-einmal Schnurrjahn kam und erzählte ihr, wie es im Walde aussähe.
-
-Dann gab es noch dieses und das, was nicht schön war. Der Ruß war
-wirklich arg; sie brauchte die doppelte Zeit zum Waschen. Und bis sie
-sich an die Leitungsdrähte gewöhnte, das hatte auch lange gedauert. Und
-niemals konnte sie, wenn sie in den Anlagen Würmer suchte, wissen, ob
-nicht so ein Menschenjunges mit der Schleuder oder mit dem Flitzbogen
-oder dem Pustrohr ihr zu Leibe wollte. Und die Regenwürmer in der
-Stadt waren zäh von dem Schwefelsäuregehalt des Bodens. Und nahm sie
-sich eine Kirsche, dann gab es Unfrieden mit den Besitzern. Manchmal
-wünschte sie, sie wäre in ihrer alten Wohnung im Walde geblieben, aber
-sie wollte ihrem Manne nicht so schnell recht geben, und dann waren ja
-auch die Kleinen da, und als die groß waren, da mußte sie wieder sitzen
-und brüten.
-
-Endlich war auch die zweite Brut flügge und nach einigen Wochen
-selbständig. Watscheline war froh; sie sah zu, daß sie ihr altes Zeug
-los wurde, schaffte sich ein pikfeines, schöngemustertes Reisekleid
-an und machte mit ihrem Alten Ausflüge in die Umgegend. Heute war
-man am Fluß, wo Tausende von Staren im Krummet Käfer suchten, morgen
-besuchte man den Wald und ließ sich vom Spitzhack Specht erzählen, was
-dort unterdessen geschehen sei. Der Pirol war schon fort, die Taube
-hatte zweimal faul gebrütet, die jungen Fliegenschnäpper waren von der
-Eichkatze gefressen, den Häher hatte der Förster totgeschossen.
-
-Als die Bäume schon mehr gelbe Blätter bekamen, meinte Dickkopp, jetzt
-sei es Zeit, zum Süden zu reisen, erst nach der Pfalz, wo jetzt die
-schönen Trauben reif wären, dann nach Italien und Spanien, vielleicht
-auch nach dem Balkan, und bei gutem Wind auf eine Mittelmeerinsel.
-Watscheline war es zufrieden; den letzten Winter, der sehr milde
-gewesen war, waren sie im Lande geblieben, aber sie hatten es bereut,
-denn es regnete viel, und wenn einmal Frost und Schnee einsetzte, dann
-sah es mit der Beköstigung recht mäßig aus. Aber sie meinte, sie müsse
-erst noch einmal nach der Wohnung sehen, und Dickkopp stimmte zu. So
-flogen sie denn zu ihrer Gartenvilla.
-
-Schon von weitem sahen sie ihr Häuschen im halbkahlen Baum zwischen
-den blaubereiften Zwetschen. Als sie aber näher kamen, saß ein dicker,
-frecher, alter Spatz darin und tat so, als ob er immer darin gewesen
-wäre. Dickkopp als diplomatisch veranlagter, besonnener Mann setzte
-sich oben auf das Dach und sah sich den frechen Kerl von diesem höheren
-Standpunkte aus an, überlegend, was da zu machen sei. Watscheline aber
-fuhr wie wild auf den Eindringling los.
-
-»Sie, was soll das heißen? Was fällt Ihnen denn ein? Was machen Sie da?«
-
-»Ich sitze hier, wie Sie sehen,« sagte der Spatz, und seine Augen
-funkelten höhnisch.
-
-»Solche Unverschämtheit,« zeterte Watscheline los, »er sitzt da in
-anderer Leute Wohnung. Machen Sie, daß Sie herauskommen, oder ich
-bringe Ihnen Manieren bei.«
-
-»Sie haben ja selber keine übrig,« ödete der Sperling, »behalten Sie
-das bißchen man alleine; ich will Sie nicht berauben.«
-
-»Mann, Vater,« schrie Watscheline, »hast Du gehört? Das ist doch zu
-frech! So ein Prolet! Schmeiß ihn heraus, Dickkopp!«
-
-»Dickkopp ist gut,« sprach der Spatz, »Dickkopp ist schön, Dickkopp
-kann so bleiben.«
-
-»Lümmel!« dachte Dickkopp, aber da er wußte, daß mit solchem
-Asphaltproleten schlecht anbinden ist, versuchte er es erst mit Güte.
-
-»Entschuldigen Sie, Herr Sperling,« begann er höflich »das ist unser
-Haus.«
-
-»Ihr Haus? So? Ich dachte, es gehörte dem Doktor!« fragte trocken der
-Spatz. »Haben Sie es gemietet oder gekauft? Und gleich bar bezahlt oder
-was?«
-
-»Wir haben es vom Frühjahr an mit Erlaubnis des Besitzers bewohnt und
-darin zweimal gebrütet und haben so ein historisches Recht darauf.«
-
-»Historisches Recht ist gut,« meinte der Spatz. »Das sagte die Katze
-auch, als sie die Maus fraß. Jetzt bewohne ich es mit Erlaubnis des
-Besitzers und beanspruche ebenfalls ein historisches Recht, denn meine
-Frau wollte schon früher darin brüten, und auf einmal waren Sie da.«
-
-»Hätten wir das gewußt, so wären wir zurückgetreten,« meinte Dickkopp
-höflich. »Sie hätten sich nur zu melden brauchen. Aber ich denke, wir
-einigen uns. Wir haben uns nun so an das Haus gewöhnt. Wir verreisen
-jetzt bis zum März, solange können Sie darin wohnen.«
-
-»Danke schön, sehr liebenswürdig, zu viel der Güte,« höhnte der Spatz.
-
-Dickkopp stieg die Wut in die Augen, aber er bezwang sich noch: »Und im
-März treten Sie es uns dann wieder ab, nicht wahr Herr Sperling?«
-
-»Dieses nicht, sondern nein,« meinte der.
-
-»Ja, aber zum Donnerkeil,« schrie Dickkopp, dem die Sache zu dumm
-wurde, »sind Sie denn verrückt?«
-
-»Ich nicht, Sie vielleicht?« tönte es zurück.
-
-»Heraus mit Ihnen, oder ich mache Ihnen Flügel!«
-
-»Danke, habe selber welche!«
-
-»Wollen Sie heraus oder nicht?«
-
-»Ich ziehe das letztere vor!«
-
-Wütend hackte Dickkopp von oben nach dem Frechling, der aber kannte
-das, zog den Kopf zurück, und als Watscheline so unvorsichtig war und
-in das Schlupfloch kroch, faßte er sie beim Hals und kniff sie, daß sie
-schrie.
-
-Rasend vor Wut stürzte Dickkopp vom Dach, kroch in das Haus, fiel über
-den Spatz her und hackte gewaltig auf ihn los. Als der Sperling merkte,
-daß er an den Unrechten gekommen war, schrie er Mord und Brand, und nun
-kamen sie von allen Seiten heran, die Spatzen, und fielen mit Verbal-
-und Realinjurien über das Starenpaar her.
-
-»Solch Prachervolk! Haben im Walde nichts zu fressen und schnurren sich
-in der Stadt satt! Sollen hingehen, wo sie hergekommen sind! Bagage!
-Kirschendiebe! Schneckenfresser! Und krumme Beine haben sie! Und gelbe
-Schnäbel bei ihrem Alter! Kein Wunder, daß sie sich so benehmen! Wartet
-nur, wir wollen es Euch beibringen! Euch die bunten Lappen abreißen!
-Mit uns wolltet Ihr anfangen! Ihr! mit uns! Na, wartet bloß!«
-
-»Komm, Dickkopp,« sagte Watscheline, der es ängstlich zumute
-wurde, »laß uns fortfliegen. Was sollen wir uns mit dem Gesindel
-herumschlagen!«
-
-Sie erhoben ihr Gefieder und stoben ab. Und als sie draußen über der
-Wiese auf dem Telegraphendraht ihre Federn ordneten, rückte die Frau
-an ihren Mann heran und sagte: »Dickkopp, im März bauen wir wieder im
-Walde, nicht wahr?«
-
-»Na, siehst Du, Alte,« meinte er, »hab' ich es nicht gleich gesagt.
-Aber ihr Frauen wollt nur immer nicht hören!«
-
-
-
-
-Mein Dachs und meine Dackel.
-
-
-Im April wurde in meiner Wohnung von unbekannter Seite eine Kiste
-abgegeben, die einen kleinen Dachs enthielt. In seinem Begleitschreiben
-teilte der unbekannte Absender mit, der Dachs sei für meine Hunde
-bestimmt.
-
-Daraus wurde nun selbstverständlich nichts. Erstens einmal des
-Jagdgesetzes wegen, zweitens, weil es eine Schinderei gewesen wäre,
-die Hunde an dem wehrlosen Tierchen zu arbeiten, und drittens war
-es auch viel zu niedlich dazu. Meine drei Hunde, nämlich Bob, ein
-kleiner, weißer, scharfer Terrierbastard, ferner Patzel, ein schwarzer,
-rotgezeichneter, stichelhaariger Teckel, Inhaber erster Preise,
-und sein elf Monate alter, roter, glatter Bruder Battermann, waren
-allerdings anderer Ansicht. Jaulend, winselnd, bellend und pfeifend
-tanzten sie um mich herum und baten: »Laßt uns doch den Stinker, wir
-möchten ihn bloß ein ganz klein bißchen langziehen!«
-
-Da das Dächschen nicht fressen und saufen wollte, so wurde ein
-Gummisauger geholt, eine Bierflasche mit lauwarmer Milch gefüllt, und
-nachdem er einige Male durch gellendes Keckern sein Mißbehagen über
-den ungewohnten Gummigeruch ausgedrückt hatte, lutschte er kräftig und
-anhaltend, während auf der Erde den drei Hunden die Mordlust nur so aus
-den Augen leuchtete. Vormittags hatte ich ihn bekommen, nachmittags
-lief er schon hinter mir her, wenn ich die Pulle hatte. In drei Tagen
-war er ganz an mich gewöhnt und hörte sofort mit Keckern auf, sowie
-er meine Stimme vernahm. Dann setzte er sich auf meinen rechten Schuh
-und lutschte ruhig und besonnen an meinem linken herum, wenn er nicht
-plötzlich zusammenzuckte und mit Zähnen und Branten ein furchtbares
-Gemetzel unter seinen Inquilinen anrichtete. Er saß nämlich lebendig
-voll von langen, dicken Flöhen und noch dickeren Holzböcken, so voll,
-daß sein Bauch ganz wund war. Eine gehörige Schmierkur befreite ihn
-aber für immer von dieser Plage.
-
-Als Schlafraum wurde ihm eine mit alten Decken vollgestopfte Kiste im
-Keller angewiesen, in der er so lange blieb, wie es ihm paßte. War das
-aber nicht der Fall, dann keckerte er gellend und anhaltend und kratzte
-wie verrückt an der Kellertür. Sein Keckern war so durchdringend, daß
-eines Nachts das ganze Haus davon wach wurde, so daß ich aufstehen und
-ihm eine Flasche machen mußte. Schwach war er übrigens auch nicht. Da
-er nachts immer im Keller herumtobte, wurde er abends warm eingepackt
-und mit einem Eisengitter zugedeckt, auf das zwei dicke Steine gelegt
-wurden. Er murkste aber gegen Morgen so lange in seinem Bett herum,
-bis er Steine und Gitter herunter hatte. Aber reinlich war er. Seine
-Bedürfnisanstalt hatte er in einer bestimmten Kellerecke, vor der ein
-Stein lag, und es war höchst lustig anzusehen, wie er sich mit viel
-Mühe rückwärts über den Stein schob. Seine Sprache bestand außer dem
-gellenden Gekecker, das er ertönen ließ, wenn er Hunger hatte oder
-sich langweilte, in einem lauten Schnauben, wenn man ihm plötzlich zu
-nahe kam, wobei er seine Haare sträubte, sich aufblähte und sich nach
-Möglichkeit den Rücken zu decken suchte, in einem behäbigen Schmatzen,
-wenn er die Flasche bekam, und in einem ärgerlichen Schnarchen, wenn
-ihm irgend etwas nicht paßte.
-
-Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich die Hunde an ihn gewöhnte.
-Bob, der schon sehr verständige Terrier, ignorierte ihn, nachdem
-ich ihm erklärt hatte, daß Dächschen tabu sei. Patzel sah ihn mit
-weißfunkelnden Augen an, war aber zu gut erzogen, um sich an ihm zu
-vergreifen. Battermann, der Jüngling, aber raste auf ihn los, sowie
-er ihn erblickte, und es gab jedesmal ein großes Theater. Als er aber
-einsah, daß der Dachs sich unseres Schutzes erfreute, da fing er an zu
-mucken. Er guckte uns nur noch von der Seite an und machte ein Gesicht,
-als wenn er sagen wollte: »Wenn Ihr mit solchem Stinker verkehrt, dann
-brech' ich allen studentischen Verkehr mit Euch ab.« Nach vierzehn
-Tagen hatten die Hunde sich an Dächschen gewöhnt, und ich konnte sie
-schon, allerdings nur, wenn ich aufpaßte, mit ihm zusammen lassen.
-
-Der Dachs war auch gehörig gewachsen, denn er lutschte täglich einen
-bis anderthalb Liter Milch aus und wußte sich seiner Haut brav zu
-wehren. Nach drei Wochen brauchte ich keine Angst mehr zu haben. Die
-Hunde taten dem Dachs nichts und waren froh, wenn er sie in Ruhe ließ.
-Er hatte nämlich die niederträchtige Gewohnheit, sie fortwährend in die
-Hinterläufe zu beißen, und da sie ihm nichts tun durften, so kniffen
-sie peinlich berührt, vor ihm aus, wenn er sich sehen ließ, oder
-retteten sich auf Stühle und Bänke. Am traurigsten ging es dem Terrier,
-dessen schwarzweiße Kopffarbe mußte den Dachs wohl an seine Mama
-erinnern, denn sowie Bob auf der Bildfläche erschien, sauste Dächschen
-hinter ihm her und versuchte zu saugen, eine Zumutung, die Bob stets
-mit großer Entrüstung und Verlegenheit erfüllte.
-
-Mit der Zeit gewöhnten sich die Hunde so an den kleinen Grimbart, daß
-sie mit ihm spielten, wobei oft Szenen entstanden, daß alle Zuschauer
-Tränen lachen mußten. Am lustigsten sah es aus, wenn die Dackel ihn die
-Treppe hinuntertrudelten und der Terrier Schleuderball mit ihm spielte,
-indem er ihm mit der Nase unter den Leib fuhr und ihn die Treppe
-hinaufbugsierte. Battermann dagegen tat nichts lieber, als den Dachs in
-den Nacken zu packen und viertelstundenlang herumzuschleppen. Gar zu
-gern hätte er ihn gewürgt, aber der Dachs ließ sich nie an die Kehle
-fassen, immer schob er den Nacken vor und steckte die Nase weg, und
-wenn es ihm der Teckel einmal zu toll machte, dann schlug er um sich,
-daß es nur so brummte.
-
-Den Mai über verlebte ich im Harz, wo Battermann Gelegenheit hatte,
-einen Bock zu arbeiten und einen alten Fuchs zu zausen, aber auch die
-Staupe durchmachen mußte und seinen lieben Bruder Patzel durch einen
-unglücklichen Zufall verlor. Als ich zurückkam, war der Dachs beinahe
-stärker als der Teckel und ein ganz unverschämter Brite geworden, der
-sich vor nichts mehr forcht. Nun war es höchst lustig anzusehen, wie
-Battermann sich zu ihm stellte. Er hatte den Dachs zuerst nicht mehr
-in der Erinnerung und fuhr ihm sofort an die Schwarte. Als der sich
-aber gehörig wehrte und wir dem Hunde bedeuteten, daß er ihm nichts tun
-dürfe, ignorierte er ihn vollständig und ging mir sogar aus dem Wege,
-wenn er witterte, daß ich mich mit dem Dachs beschäftigt hatte. Er war
-eifersüchtig und beleidigt.
-
-Eines Nachmittags nun lag ich auf dem Faulbett und las. Da der Dachs
-mich fortwährend störte, stieß ich ihn zurück und sah dabei, wie
-Battermanns Augen leuchteten. Ich lud ihn ein, bei mir Platz zu nehmen,
-eine Gunst, die ich ihm noch nie gewährt hatte. Von diesem Augenblicke
-an änderte der Teckel sein Benehmen gegen den Dachs; er hatte
-eingesehen, daß er doch der Beste war, und spielte von nun an immer mit
-Dächschen. Ihr Hauptspiel war Schliefen. Dächschen schliefte unter das
-Faulbett, und Battermann versuchte hinterher zu schliefen. Dächschen
-schlug tapfer um sich, Battermann lag fest vor und verbellte standhaft,
-bis ihm die Sache zu langweilig wurde und er ihn beim Nacken herauszog,
-worauf dann die wilde Jagd unter allen Stuhl- und Tischbeinen her
-weiter ging.
-
-Bis dahin hatte Dächschen noch keine Miene gemacht, zu fressen oder
-allein zu saufen, sondern interessierte sich nur für die Flasche. Eines
-schönen Tages biß er sich an der Hand eines Bekannten, der ihn neckte,
-den letzten Milchzahn aus. Eine halbe Stunde später stürzte er sich wie
-rasend auf die Hundeschüssel und fraß den baß erstaunten Hunden ihren
-schön geschmälzten, mit Fleischstückchen interessant gemachten Reis
-vor der Nase fort. Von der Zeit an interessierte er sich auch lebhaft
-für den Garten, murkste in allen Ecken herum, stach unter heftigem
-Schnauben und Prusten unter den Efeueinfassungen und im Komposthaufen
-und verzehrte schmatzend die fetten Regenwürmer und Salatschnecken, die
-er zu Tage förderte, obgleich er tags vorher noch gehacktes Fleisch,
-das ich ihm in den Rachen gestopft hatte, mit einer Gebärde tiefsten
-Ekels im hohen Bogen ausgespieen hatte. Jetzt aber schlang er alles
-hinab, was ihm vorkam; am liebsten nahm er Weißbrot mit Milch, aber
-auch kalte Kartoffeln, Fleisch, Brot, Gemüse, rohe Mohrrüben und Obst
-verschmähte er nicht, und die Herren Hunde mußten sich mittags beeilen,
-wenn sie überhaupt etwas kriegen wollten.
-
-Je älter und stärker Dächschen wurde, um so unverschämter wurde er.
-War er bei mir im Zimmer, so erlaubte er es nicht, daß ich ruhig am
-Schreibtisch saß. Immer wollte er, daß man sich mit ihm beschäftigte,
-und tat ich ihm nicht den Willen, so biß er mich empfindlich in die
-Knöchel. War er gar im Keller eingesperrt, so keckerte er über das
-ganze Haus und rappelte derartig an der Kellertür, daß es nicht zum
-Aushalten war. Vor den Hunden hatte er schon längst keine Angst mehr.
-Er jagte sie im Haus und Garten herum und brachte Battermann durch
-sein ewiges Zwicken so in Wut, daß er sich mit einem Wutgeheul auf ihn
-stürzte, und ihn nach allen Regeln der Kunst beutelte.
-
-Schließlich wurde der Dachs so unverschämt, daß nach längerem
-Familienrat beschlossen wurde, ihn dem Zoologischen Garten zu verehren.
-Er war kaum einige Tage da, so erschien ein Freund unseres Hauses und
-teilte uns mit, der Dachs sei mit acht Eskimohunden zusammengesperrt,
-die ihn schmählich mißhandelten. Tiefbetrübt eilte ich zum Zoologischen
-Garten und stürzte nach den Eskimohunden. Da war kein Dachs, und als
-ich den Wärter fragte, lachte der und sagte: »Der? den sollen die Hunde
-mißhandelt haben? Umgekehrt war's! Ich habe ihn herausnehmen müssen, er
-ließ die Hunde nicht ans Futter. Jetzt sitzt er bei den Affen!«
-
-Ach du lieber Himmel! dachte ich, denn wie gemein das Affengesindel
-ist, das wußte ich. Als ich aber an den Rhesuskäfig kam, da spazierte
-Dächschen ruhig und besonnen darin herum, fraß alles, was das liebe
-Publikum durch das Gitter stopfte, und die Affen waren auf die höchsten
-Akazien geklettert, trauten sich nicht herunter und hatten das Zusehen
-gratis und franko. Wagte sich aber einmal einer von ihnen ins Parterre,
-dann sauste Dächschen sofort hinter ihm her und stach ihm ganz gehörig
-einen. Da er durch seine Erziehung an das Tageslicht und an die
-Menschen gewöhnt ist, trieb er sich den ganzen Tag im Käfig herum
-und amüsierte das Publikum durch sein fideles Wesen. Er hatte sogar
-Radschlagen gelernt, von wem, weiß ich nicht. Die Affen gewöhnten sich
-schon etwas an ihn, befolgen aber immer noch den alten Wahlspruch:
-»Vis-a-vis is beeter as dichte bi«. Im Herbst war Dächschen halb
-erwachsen, hatte sein Winterhaar angelegt und sah sehr stattlich aus.
-Aber Dummheiten hatte er immer im Kopf; jeden Morgen, wenn die Affen
-aus dem Schlafkäfig in den Freikäfig gelassen wurden und sich auf das
-Wasserbecken stürzten, um zu trinken, gab Dächschen jedem von ihnen,
-den er erwischte, einen Puff, daß er in das Bassin flog, und wenn die
-nassen Affen herauskrabbelten, dann lachte er.
-
-Diese Beschäftigung genügte aber auf die Dauer seinem ungestümen
-Tatendrange nicht, und er begann, den Asphaltestrich aufzureißen, was
-er so gründlich besorgte, daß er in den Nebenkäfig gesperrt wurde. Dort
-machte er es nicht besser, und so wurde ihm die hochherrschaftliche
-Wohnung im Affenhause gekündigt und er mußte im alten Dachshause
-Unterkunft suchen, was ihm zuerst durchaus nicht behagte, weil er eine
-größere Wohnung gewöhnt war.
-
-Da die Backsteine und das Gitter seinem Zerstörungstriebe widerstanden,
-suchte er sich andere Zerstreuung und die besteht darin, daß er
-jedesmal, wenn einer seiner Nachbarn, der Stachelschweine, sich zu
-sehr seinem Käfig nähert, ihm einen oder mehrere Stacheln mit großer
-Behendigkeit ausrupft, die er dann, hat er gerade nichts Besseres,
-ruhig und besonnen zerkaut.
-
-Heute noch, wo doch schon Jahre darüber hin sind, daß ich ihm die
-Flasche gab, kennt er mich und wenn mein Trillerpfiff erklingt, stürzt
-er aus seiner Höhle und wartet der guten Dinge, die da kommen sollen.
-
-Meine lieben Hunde aber sind alle tot.
-
-
-
-
-Die Zeit der schweren Not.
-
-
-Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem was am Berge lebte,
-mißfiel er, alle, Maus und Eichhorn, Has und Reh, Fuchs und Dachs,
-blies er in ihre Verstecke und Bussard und Krähe, Meise und Häher
-pustete er über den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß es
-knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus, die Rinde der
-Eiche sprang, still stand der Graben und der Bach verschwand.
-
-Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande umher, dann verlor er
-den Atem. Über den Berg stieg eine Wolkenwand, schwarzblau und schwer,
-schob sich über den hellen, hohen Himmel und legte sich tief auf
-das Land, bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den Bauch
-aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag und eine
-Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht, und so noch einmal,
-bis alles zugedeckt war im Lande und auf dem Berge und so sauber
-aussah und so reinlich, daß die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen
-brachte Leben an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die Rehe
-wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren aus ihren Gebäuden,
-das Eichhorn verließ den Kobel und die Maus das Loch, Bussard, Krähe
-und Häher tauchten auf und überall wimmelte es von buntem, lustigem
-Kleinvogelvolke.
-
-Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete Blut und Tod. Der
-tauende Schnee ballte sich und brach Äste und Bäume, er knickte die
-Fichten und krümmte die Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der
-Schnee sich mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der
-Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen den Berg. Da
-kam die Zeit der schweren Not.
-
-Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das Eichhorn behalf sich
-mit Blattknospen und Rinde, der Hase rückte in die Kohlgärten, der
-Dachs verschlief die hungrigen Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten
-ab. Übel daran aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem
-Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit waren die
-Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar die Heide. Buchenknospen
-und dürre Halme, trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was
-der Berg an Äsung bot.
-
-Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen ein Reh trafen, da fiel
-es ab. Der Hals wurde lang, die Dünnungen tief, rauh die Decke und
-immer größer die Lichter.
-
-Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang, aber alle
-Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach dem anderen trat durch die
-Eiskruste des Schnees und zerschabte sich die Läufe. In jedem Wechsel
-zeichneten sich blaßrote Flecke ab.
-
-Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter dem Berge auf,
-schob sich über den hellen Himmel, legte sich über das Land, riß sich
-an den Klippen den Pansen auf und schüttete Schnee auf das Gefilde,
-einen ganzen Tag und eine volle Nacht.
-
-Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln und machte Eis
-aus dem Schnee. Noch langsamer, noch vorsichtiger zogen die Rehe dahin,
-mit Hälsen, so dünn wie Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und
-wo sie zogen, da wurde der Schnee rot.
-
-Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh am ganzen Berge, das nicht
-an den Läufen klagte. Das eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte,
-bis es fiel. Ein anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf.
-Ein drittes stürzte halb verdurstet in die Quellschlucht und erstarrte
-im eisigen Wasser.
-
-Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da. Sein Tisch war gedeckt,
-war reicher beschickt, als zur Maienzeit, wenn alle Mäuse hecken und
-das Feld von Junghasen wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden
-sein und Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten Meisen
-blieb noch Fraß genug übrig, und die Waldmäuse nagten die letzten
-Sehnenfetzen von den Knochen.
-
-Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod seinen Belauf im Berge
-ab. Selbst die Hasen schonte er nicht; mancher von ihnen, der sich am
-gefrorenen Kohl verdarb, füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu
-Tag mehr in die Breite ging.
-
-Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu Baue. Vor der Dickung
-lag ein gefallenes Reh, an dem er sich schon eine Nacht gütlich getan
-hatte. Doch als er die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine
-seltsame Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert
-hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück lag, schnürte er, und
-eine geschlagene Stunde dauerte es, ehe er sich ein Herz faßte und
-heranschlich. Und da stand er und windete und äugte lange Zeit, und
-schließlich schnürte er mit hängender Lunte und angelegten Gehören
-mißmutig ab, denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und
-einige Deckfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, als die
-niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung.
-
-Aber der Tod ging immer noch durch den Wald und er schlug Stück um
-Stück mit harter Hand. Der Fuchs verlor den Mut nicht. Behende trabte
-er von Wechsel zu Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke
-Fährte stand, und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie
-zu halten. Es schneite und schneite und der Wind pfiff böse; er schob
-den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, fegte ihn hier zusammen,
-kehrte ihn dort fort, verdeckte auf weite Strecken die Rotfährte und
-verwischte sie endlich völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs
-ab; er nahm die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und
-er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen Schneewächte
-unterging. Da saß er eine ganze Weile auf den Keulen und dann schnürte
-er weiter, hungrig, müde und verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen
-ab; sie waren leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er
-trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort unten so, wie
-oben.
-
-Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse zu passen. Als er
-dort angelangt war, vergaß er alle Mäuse, denn er fand die kranke
-Fährte wieder. Eilig, aber behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis
-zu dem Fichtenmantel unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn
-immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den Fichten, da fuhr
-er wie besessen heraus und stob in das Feld zurück. Denn in den Fichten
-war es nicht geheuer. Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als
-wenn ein Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft und
-geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen und zu schnarchen
-vermag.
-
-In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der krausen Feldeiche
-und überlegte. Dann holte er sich Wind. In weitem Bogen trabte er
-am Vorberge entlang, verschwand bei der Quellschlucht im Altholze,
-schnürte hoch über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich
-vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, kam der
-Fuchs bei den Fichten an. Da war es still und einsam. Der Fuchs schlich
-näher, den vollen Wind nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam
-schlich er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung
-entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite Witterung, die
-fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die er bei dem gefallenen Stücke
-wahrgenommen hatte, das ihm verloren gegangen war, eine unbekannte,
-verdächtige, absonderliche, geheimnisvolle, niederträchtige Witterung,
-zwar keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich
-und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der Ton! Ein Blasen,
-Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts oft aus den Ställen bei den
-Gehöften kommt. Der Fuchs drehte um und stahl sich davon. Er traute dem
-Frieden nicht.
-
-Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu Bett. Das
-Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es lauter in den Fichten,
-da krachte es im Schnee, brach es in dem Fallholz, und schwarz und grob
-schob es sich aus der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind,
-trat dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee krachend
-zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind und nahm dann den Fraß an.
-
-Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel entlang strich, um
-eine Maus zu schlagen oder einen Vogel aus dem Verstecke zu klatschen,
-rüttelte einen Augenblick neugierig über der kleinen Lichtung, von der
-ein lautes, gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt
-mit dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von Knochen. Dann
-strich die Eule ab; wo es so laut war, gab es für sie nichts zu fangen.
-
-Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages den Tannenmantel
-absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh gelegen hatte, nur noch die
-Schalen, einige zertrümmerte Knochen und etliche Fetzen der Decke in
-dem zerwühlten, niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte
-der von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen.
-
-Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem Fuchs bescherte er
-nicht. Jedes Stück, das Hunger und Hartschnee umwarfen, verschwand im
-Gebräche der Sau, so daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war,
-die Zeit der schweren Not.
-
-
-
-
-Des Rätsels Lösung.
-
-
-Waldmann ist unter die Philosophen gegangen. Etwas Rätselhaftes
-ist in sein Leben getreten, etwas Mystisches, Unbegreifliches,
-Transzendentales.
-
-Was mag das wohl sein, wovon morgens immer der Hof des Forsthauses eine
-so sonderbare Witterung hat? Die Katze ist es nicht, eine Ratte auch
-nicht? Also: »Was ist es?«
-
-Es gibt mehr Dinge zwischen dem Hundehause und der Belaufsgrenze, als
-eine Hundenase verstehen kann. Das ist das Ergebnis der philosophischen
-Betrachtungen Waldmanns, ein Ergebnis, das ihm seine ganze Gemütsruhe
-genommen hat. Es ist ein Tier, aber ein unbekanntes Tier, das eine ganz
-andere Witterung hat, als Fuchs und Dachs und Has' und Reh und Hirsch
-und Sau, und auch eine andere, als Igel und Wühlratte und Wiesel und
-Eichkater.
-
-Es kommt nachts aus dem Schweinestalle und geht in den Torfschuppen.
-Manchmal bleibt es drei Tage aus, aber am vierten ist es wieder
-dagewesen. Einmal war es eine volle Woche fort und Waldmann dachte
-kaum mehr daran. Dann auf einmal roch wieder der Wechsel zwischen
-Schweinestall und Torfhaus so stark danach, daß Waldmann wie toll hin-
-und herlief und winselte und kratzte und kläffte, bis der Hegemeister
-fragte, ob er nicht ganz klug sei.
-
-Wenn Waldmännchen mit seinem Herrn im Revier war, vergaß er die
-unerklärliche Witterung, draußen gab es immer so schrecklich viel zu
-schnüffeln und ab und zu auch etwas zu zausen; heute einen Fuchs,
-der die Kugel zu kurz bekommen hatte, und dann ein geltes Tier, das
-Waldmann arbeiten mußte, weil Hirschmann, der sich den Vorderlauf
-vertreten hatte, zu Hause geblieben war. Das war ein großes Vergnügen,
-am Riemen auf der Rotfährte nachzuhängen, und ein noch größeres,
-das Stück zu Stande zu hetzen, und das größte, es an der Drossel zu
-schütteln, als es im Fangschusse zusammenbrach. Bei solcher hohen
-Arbeit vergaß Waldmann das unheimliche Wesen, das Nacht für Nacht auf
-dem Hofe umging.
-
-Sobald er aber in die Nähe des Hauses kam, schoß ihm der Gedanke
-daran in den Sinn. Und wenn er noch so hungrig war und die Frau
-Hegemeisterin ihn auch noch so gut fütterte, so fuhr er doch zuerst auf
-den Schweinestall los, steckte seine Nase zwischen die Planken, kratzte
-und winselte, schnüffelte sich dann bis zum Torfschuppen hin, benahm
-sich da ebenso, wie beim Schweinestalle und schlich schließlich mit
-nachdenklich gerunzelter Stirn und hängender Rute in das Haus, und der
-Hegemeister lachte und meinte: »Unser Waldmann hat den Rattenkoller.
-Wir wollen Fallen aufstellen!« Und am anderen Morgen schlug sich
-Waldmann in der Waschküche zwei dicke Ratten um die Behänge, und dann
-schoß er wieder auf den Schweinestall los und fing an zu schnüffeln.
-
-Eines Abends, als er auf der Sauschwarte vor dem Sessel saß, fuhr
-er wie wahnsinnig zur Türe, riß beinahe das Mädchen um, das mit dem
-Nachtmahl hereinkam, rannte in den Hof und kläffte und winselte an dem
-Torfschuppen herum, bis der Knecht mit der Laterne kam und ihn in den
-Schuppen hineinließ. Da schoß Waldmann nun hin und her, sprang an den
-Wänden hoch, kletterte über die Törfe, schnaufte in alle Ecken hinein,
-bis er von dem Torfmull einen Husten bekam, und zog schließlich, von
-dem Hegemeister weidlich ausgelacht, vergrämt wieder ab. Mürrisch lag
-er während des Abendessens auf seiner Sauschwarte, und selbst der
-Todesschrei der Wurst, wie der Hegemeister es nannte, wenn er der
-Mettwurst die Haut abriß, lockte ihn nicht an den Tisch.
-
-»Lacht mich nur aus,« dachte er, »wer zuletzt lacht, lacht am besten!
-Ich habe es deutlich vernommen, daß da etwas auf dem Hofe war, und es
-war nicht Müschen, die Katze, und eine Ratte war es auch nicht, und es
-war etwas, das ich nicht kenne, das ich noch nicht gewürgt habe. Wer
-weiß, ob es nicht ein ganz gefährliches Tier ist, ein Tier, das die
-Schweine fressen will oder den Torf. Ich muß aufpassen, daß es kein
-Unglück gibt. Herrchen ist ja der klügste Mensch, den ich kenne, aber
-gegen uns ist er doch ziemlich dumm, und seine Nase ist auch nicht
-besser, als die anderer Menschen, sonst würde er es nicht aushalten,
-das Zeug zu rauchen, das ich für den Tod nicht ausstehen kann, und
-Apfelsinen zu essen und Bier zu trinken, Dinge, die jeder feinen Nase
-entsetzlich sind!«
-
-Als der Hegemeister in das Bett wollte, sah er, daß Waldmann noch
-einmal nach dem Wetter sehen wollte, und er ließ ihn hinaus. Wieder
-ging das Hin- und Hergerenne und das Gewinsel los; und als sich der
-Hegemeister zu dem Hunde hinunterbückte, um zu sehen, was er an dem
-Torfschuppen zu kratzen habe, da sprang Waldmann an ihm empor, pfiff in
-den höchsten Tönen und stellte sich an, als hinge das Wohl und Wehe des
-ganzen Hauses davon ab, daß die Sache ihre Aufklärung erführe. Und der
-Hegemeister ließ ihn in den Schuppen und half ihm oben auf die Törfe;
-da lief Waldmann hin und her und machte einen Lärm, wie eine ganze
-Meute, bis schließlich ein halbes Hundert Törfe ins Rutschen kamen und
-mit dem Hunde dem Hegemeister um die Beine polterten. Und da hieß es
-denn wieder: »Nun komm, Waldmann, und rege dich nicht um die albernen
-Ratten auf!« Als aber mitten in der Nacht Waldmann mit fürchterlichem
-Gekläffe aus seinem Korbe schoß, vom Boden auf den Korbsessel und von
-da gegen das Fenster sprang, da wurde es seinem Herrn denn doch etwas
-zu bunt, Waldmann bekam einen Pantoffel an den Hals und wurde in einer
-Weise angeschnarcht, die ihm durchaus nicht paßte.
-
-Deshalb muckte er denn auch den ganzen folgenden Tag; er ließ seine
-Milch stehen, ging seinem Herrn aus dem Wege und verkniff sich das
-Pfeifen und Wedeln, als er mit in den Wald durfte. Um ihn wieder zu
-versöhnen, schoß ihm sein Herr eine Eichkatze; aber anstatt sie mit
-großem Getöse abzuschütteln und mit Stumpf und Stiel zu verspeisen,
-wie er es sonst tat, beroch er sie kaum und ließ sie liegen, und der
-Hegemeister schüttelte den Kopf, lachte und sagte nachher zu Hause:
-»Der Hund trägt es mir jetzt noch nach, daß ich ihm heute nacht den
-Pantoffel an den Kopf warf.« Aber das hatte Waldmann nicht so übel
-genommen, als das Anschnauzen und vor allem hatte ihn der Ausdruck:
-»Kartoffelkopp« tief gekränkt. So wedelte er beim Abendbrot noch nicht
-einmal, als ihm eine Fetthaut von der Leberwurst hingeworfen wurde, und
-es dauerte fast fünf Minuten, ehe er geruhte, sie zu verspeisen.
-
-Er war auch mehr traurig, als wütend. Ist es denn möglich, daß die
-Menschen essen und trinken und lachen können, während es draußen
-umgeht? Wer weiß, ob nicht schon heute nacht das schreckliche Wesen
-sich in das Haus schleicht und irgend ein Unheil anrichtet! Und deshalb
-schlüpfte Waldmann, als das Mädchen abdeckte, zur Türe hinaus und war
-und blieb verschwunden, ob auch der Hegemeister pfiff und pfiff. Die
-ganze Nacht blieb er draußen, bald auf der Schwelle lauernd, bald am
-Schweinestalle oder am Torfschuppen schnüffelnd, aber er fand nichts,
-und als die Magd in aller Frühe in den Stall ging, schlich Waldmann
-sich beschämt in das Haus, kroch unter den Herd und ließ sich erst
-wieder blicken, als es etwas zu fressen gab. Der Hegemeister war dann
-noch so taktlos, ihn zu fragen, ob er im Dorfe ein Stelldichein gehabt
-habe, eine Äußerung, die nicht geeignet war, Waldmann in bessere
-Stimmung zu versetzen.
-
-Eines Tages aber wurde er glänzend gerechtfertigt. Der Knecht kam
-herein und sagte: »Wir haben nämlich die erste Neue, Herr Hegemeister,
-und ich glaube, der Waldmann der war nämlich klüger als wir alle
-zusammen. Vom Schweinestall bis zum Torfschuppen spürt sich nämlich ein
-Iltis hin und her. Und nun weiß ich nämlich auch, warum das morgens
-auf dem Hofe immer so mulsterig roch und ich glaube nämlich, wir tun
-dem Hunde den Gefallen und machen ordentlich Blechmusik, indem das
-nämlich der Iltis für den Tod nicht vertragen kann. Bei dem vorigten
-Hegemeister wurde das nämlich auch immer so gemacht. Der stellte sich
-nämlich mit der Flinte an und wir ließen die Hunde in die Ställe und
-machten mit Kasserollen und Sensen Lärm und dann sprang er nämlich, der
-Iltis, und entweder wurde er geschossen oder die Hunde kriegten ihn zu
-fassen.«
-
-Der Hegemeister lachte und sagte: »Dann wollen wir das nämlich so
-machen.« Und so ging die Geschichte los. Der Knecht und die Line
-und sogar die Frau Hegemeisterin nahmen Topfdeckel und zogen in den
-Schweinestall, der Hegemeister machte scharf und stellte sich auf dem
-Hofe an und Waldmann wurde in den Stall geschickt. Aber als der Lärm
-los ging, machte er, daß er fortkam und schlüpfte in den Torfschuppen
-und winselte da so lange herum, bis der Knecht ihn hineinließ. Da
-stellte sich Waldmann ganz wild an, so wild, wie er wurde, wenn er
-eine kranke Sau verbellte, und er scharrte und kratzte an dem Torfe
-herum, daß der Hegemeister sagte: »Johann, schmeiß einmal die Törfe
-auseinander.«
-
-Das tat Johann auch und Line mußte derweilen weiter mit den Topfdeckeln
-klappern. Auf einmal schrie sie auf, ließ die Deckel fallen, hielt sich
-die Röcke zusammen, rannte dem Hegemeister vor den Leib, daß dem die
-Pfeife aus dem Munde fiel, und ehe er und der Knecht eigentlich wußten,
-was los sei, fuhr etwas Schwarzes zur Türe hinaus und hinterher sauste
-Waldmann. Und da hörten sie auch, wie die Frau Hegemeisterin schrie:
-»Bravo, Waldmann, bravo! Er hat ihn, er hat ihn! Hu, faß den Stinker,
-so recht, so schön, Waldmann!« Als der Hegemeister und der Knecht und
-Line auf den Hof kamen, war der Fall schon erledigt. Waldmann stieß den
-Iltis, der nur noch ein ganz wenig zuckte, hin und her, schlug ihn sich
-noch einmal um die Behänge, trug ihn dann ins Haus und legte ihn auf
-seine Sauschwarte, wo er ihn von neuem beroch, bis der Hegemeister den
-Iltis aufnahm und dann den Hund abliebelte.
-
-»Bravo, Waldmann!« Na, das ging Waldmann ja ganz glatt hinunter, aber
-er dachte doch bei sich: »Ihr hättet mir viel Ärger und Kummer ersparen
-können, wenn ihr eher auf den Gedanken gekommen wäret, daß ich immer
-recht habe, wenn ich mich aufrege. Aber euch fehlt eben die Nase und so
-kann man euch schließlich nichts übel nehmen.«
-
-
-
-
-Das Eichhörnchen.
-
-
-Es ist noch ganz grau im hohen Holze. Und ganz still ist es. Der
-Nordost, der drei Tage und drei Nächte tobte, hat sich gelegt. Dem
-scharfen Nordwest hat weiche Südwestluft Platz gemacht. Das gefällt den
-Rehen, die langsamer als in den drei letzten Tagen den Dickungen am
-Hange zuwechseln, ab und zu im Schnee nach Obermast plätzend, und dem
-Kauz sagt die laue Luft gleichfalls zu; so laut, als wäre es im April,
-jauchzt er auf und dann streicht er lautlosen Fluges zwischen den
-dunkelen Stämmen der Buchen einher.
-
-In der dicken, schwarzen Kugel, die in der höchsten Zwille der
-langschäftigen Buche schwebt, knistert es leise. Ein halblautes
-Schnalzen ertönt von da. Der Fuchs, der leise den Holzweg
-hinaufschnürt, verhofft und lauscht empor, aber mißmutig trabt er
-weiter. Das ist nichts für ihn. Es hat zwar Haare und keine Federn, es
-hält sich zuzeiten auch auf dem Boden auf, aber wenn man denkt, man hat
-es, macht es einen Riesensprung und rasselt den nächsten Baum in die
-Höhe, wippt mit dem Schwanz und schimpft: »Kwutt kwutt kwuttkwutt,« so
-wie das da oben.
-
-Bei der schwarzen Kugel hoch oben in der Buchenzwille raschelt es
-stärker. Die Eichkatze hat ihr Nest verlassen und putzt sich. Ab und zu
-hebt sie den Kopf und schnuppert in den Wind hinein. Das Wetter gefällt
-ihr. Ein bißchen zu dunkel ist es zwar noch, aber da unten über den
-schwarzen Hügeln wird der Himmel schon rot. Und der Hunger ist groß.
-Drei Tage und drei Nächte vom eigenen Fette zu leben, das hält nicht
-vor. Wer weiß, wie lange das gute Wetter anhält? Dem Februar ist nicht
-zu trauen. Morgen regnet es vielleicht schon wieder Schlackschnee und
-dann heißt es abermals: schlafen und hungern.
-
-Die Eichkatze rückt auf dem Aste hin und her, schnuppert an der Rinde,
-knappert ein paar dünne Knospen ab, und ist mit einem jähen Satze in
-der nächsten Krone. Dünn sind die Zweige und brüchig vom Frost, aber
-ehe sie dazu kommen, abzubrechen, sind sie die Last schon wieder los,
-federn rasselnd empor und die Eichkatze rennt schon über einen Zweig
-in dem folgenden Baume, wirft sich in den vierten, schlüpft einen
-dünnen Ast entlang, daß er sich tief biegt und sie in den fünften Baum
-befördert, und dann noch ein Sprung und noch einer und sie fällt in den
-Wipfel der alten Samenfichte.
-
-Hastig geht es einen langen Ast hinunter, fast bis in die Spitze.
-Schwer beladen war er im Herbste mit langen Zapfen, wenige hängen nur
-noch daran. Einen nach dem anderen holte sich das Eichkätzchen und
-half sich mit der mageren Kost über manchen strengen Wintertag. Der
-ganze Boden unter der Fichte ist besät mit den rostroten Schuppen,
-überall ragen die Zapfenquirle aus der Schneedecke hervor und auf den
-halbverschneiten Felsbrocken liegen in ganzen Haufen die Überreste der
-kärglichen Mahlzeiten. Und zwischen dem Geröll liegen auch allerlei
-Knochen, die die Eichkatze auf den Frühstücksplätzen der Holzhauer
-fand und hierhin schleppte, um die Fleischrestchen abzunagen und die
-knorpligen Enden, und wenn gar nichts Eßbares mehr daran saß, so nagte
-es doch jeden Tag aus Langeweile daran herum.
-
-Der Rehbock, der in Wipfelhöhe der Fichte am Hange hinzieht, macht eine
-jähe Flucht und zieht laut schreckend ab, denn vor ihm rauscht und
-rasselt es ganz gefährlich. Die Eichkatze hat einen Zapfen losgebissen,
-hält ihn im Maule und klettert mit ihm kopfüber den Stamm hinab, ganz
-eilig, aber ab und an innehaltend und nach allen Seiten spähend. Dann
-ein Sprung und sie sitzt auf ihrem Felsblocke, hoch aufgerichtet,
-zur Flucht bereit, falls etwas Verdächtiges nahen sollte. Aber es
-kommt nichts Arges. Da hinten ziehen die Rehe durch den rotlaubigen
-Buchenaufschlag, ein Hase hoppelt langsam bergan, ein Zaunkönig
-schrillt im Geklüft. Schnell dreht die Eichkatze den Zapfen mit den
-Vorderfüßen um, die gelben Nagezähne fassen die Schuppen, beißen sie
-durch, und hastig nehmen die Lippen ein Samenkorn nach dem anderen
-fort. Eben war das Ding noch ein glatter, schöner Tannenzapfen, jetzt
-liegt nur noch der Kern hier und rund herum bedecken die Schuppen den
-grauen Stein.
-
-Es ist ganz hell im Holze geworden. Die grauen Stämme schimmern
-silbern, die Schneedecke des Bodens leuchtet goldig. Zwitschernd und
-pfeifend lärmt ein Flug Zeisige über den Wald hin, der Häher kreischt,
-ein Bussard klagt. Die Eichkatze hüpft rastlos unter den Fichten umher,
-kratzt hier, scharrt da, schnüffelt dort, macht alle Augenblicke ein
-Männchen, heftig mit den langpinseligen Ohren zuckend und die Rute
-schnellend, dann ganz regungslos verharrend, und schließlich wieder
-hastig über den Boden schlüpfend, jetzt einen Zweig der Knospen
-beraubend, dann eine Buchennuß zerknappernd, und nun einen weißfaulen
-Ast zerfasernd, in dem die Puppen von Käfern stecken.
-
-Dann auf einmal rennt sie wie gehetzt zu Tale, ohne auch nur einmal
-Halt zu machen, ohne rechts und links zu äugen, und erst am Rande des
-Holzes hält sie ein. Da recken einige dicke Eichen ihr graues Astwerk
-über dichtem Buschwerk von Schlehe, Weißdorn und Wildrose. Ohne sich
-zu besinnen, fährt das rote Tier in das hohe gelbe Gras, springt
-hierhin, hüpft dahin, kratzt den Schnee fort, scharrt das Laub auf,
-zernagt gierig eine Eichel, verspeist eilig eine Mehlbeere, schält den
-Schlehenstein aus seiner Hülle und knackt ihn auf, schärft die Zähne an
-einer Abwurfstange vom Rehbock, wie so manches Mal schon, tut sich an
-drei Pflaumenkernen gütlich, die im Herbste der Jäger von dem Hochsitze
-warf, findet noch eine dicke Brotrinde, einen Apfelkropf mit vielen
-leckeren Kernen und zuletzt noch zwei Schweinsrippen mit schönen mürben
-Knorpelenden.
-
-Nun, da der Magen ruhig ist, findet die Eichkatze, daß es ganz allein
-ein langweiliges Leben im Walde sei. Die Sonne scheint so schön warm,
-da gelüstet es sie nach einem kleinen Spiele kopfüber, kopfunter,
-stammauf, stammab. Den ganzen Winter hat sie solche Anwandlungen nicht
-gehabt; sie war froh gewesen, wenn ihr keiner von ihrer Sippe in den
-Weg kam, denn ob rot oder grau, braun oder schwarz, Weibchen oder
-Männchen, Hunger hatten sie alle und so ganz viel gibt es wintertags im
-Bergwalde nicht. Aber wenn der Februar auf die Neige geht, dann sehnt
-man sich doch nach Gesellschaft und ist froh, wenn man auf eine frische
-Fährte stößt, in der Sonne eine rote Lunte leuchten sieht oder auf dem
-Geäst das bekannte Gerassel und das liebe Schnalzen und Fauchen hört.
-Und so, ganz Ungeduld und Sehnsucht, hopst das Eichhörnchen an der
-Holzkante entlang, bäumt zur Abwechslung einmal auf, holzt eine Weile
-weiter, geht wieder zu Boden und fährt dort erschreckt zusammen.
-
-Denn von der anderen Seite kommt auch etwas den Pürschsteig entlang in
-schnellen, hastigen Sprüngen. Und jetzt macht es auch Halt. Steif sitzt
-es da, ein kohleschwarzes Männchen mit schneeweißer Brust. Prächtig
-sieht es aus; die grauen Spitzen der Haare geben dem Balge einen blauen
-Schein. Steif sitzen die beiden Eichkatzen sich gegenüber. Ab und an
-zuckt eines mit dem Schwanz. Dann schimmert es hier kupferrot in der
-Sonne und dort stahlblau. Jetzt macht das schwarze Männchen einen
-Satz und sofort schnalzt das rote Weibchen und wendet um. Über den
-hellen Schnee und das rote Laub geht die Jagd, in einem Fichtenhorste
-verschwindet das Weibchen und fährt wieder heraus, und hinterher saust
-der schwarze Verfolger, folgt ihr in die Bachschlucht, rasselt über das
-Lufteis, flitzt über die Felsblöcke, hopst die Klippe hinab und prallt
-auf eine dritte Eichkatze, eine große, braunrote, deren Balg ganz grau
-bereift ist.
-
-Das fuchsrote Weibchen hängt unten an dem Stamme einer Buche und äugt
-regungslos hinter sich. Regungslos sitzen die beiden anderen auf ihren
-Keulen, die Vorderpfoten fast bis zu den Schnurrhaaren erhoben, die
-Ruten in schönem Schwunge fest an den Rücken gelegt. Sie sitzen und
-stieren sich an. Der Specht schilt, der Häher schimpft; sie rühren sich
-nicht. Eine Kohlmeise zetert; noch immer sitzen sie da. Da raschelt es
-hinter ihnen im Laube. Steil richten sich die beiden Männchen auf, das
-Weibchen macht einige Sprünge am Stamme empor, und dann jagen ihm die
-beiden Männchen nach, das schwarze und das rotbraune, und noch eins,
-ein fuchsrotes mit breitem schwarzen Rückenstrich und dunklem Schwanze,
-das der Spur des Weibchens gefolgt ist.
-
-Specht und Häher und Kohlmeise und Spechtmeise und Zaunkönig schimpfen
-mörderlich, denn das ist ihnen denn doch ein bißchen zu viel des Lärms.
-Das ist ja beinahe so schlimm wie gestern, als der Nordwest im Walde
-herumtolpatschte. Das rasselt und prasselt und klirrt und klappert,
-hier fällt ein Zweig, da plumpst ein Ast, jetzt rieseln Tannennadeln
-und nun knistern Flechten hernieder, und bald hier, bald da schnalzt
-und faucht und quietscht es, jetzt wirbelt es durch die alte Fichte,
-nun saust es in der entwurzelten Buche, daß die drei Rehe ganz unruhig
-hin- und hertreten und die Dompfaffen schleunigst machen, daß sie
-weiter kommen, und dann fährt der Hase, der in seinem Lager unter der
-dichtbelaubten Jungbuche am Verdauen war, entsetzt heraus, einen Regen
-von Schnee um sich werfend, denn es fiel plötzlich etwas rasselnd in
-den Busch.
-
-Das war die rote Eichkatze gewesen, der es nachgerade zuviel wurde
-mit der Anbeterei. Keinen Augenblick hatte sie Ruhe gehabt seit einer
-vollen Stunde. Bald war ihr das schwarze Männchen auf den Fersen, bald
-das braune, und wenn die beiden sich balgten, dann hatte sie es mit
-dem schwarzrückigen zu tun. Wurde der von dem braunen abgebissen, dann
-rückte ihr der schwarze auf den Leib, und so ging es in einem fort,
-bis es ihr zu dumm wurde und sie sich, als die drei in einem einzigen
-Klumpen verfilzt von der einen Seite der Fichte in den Schnee kugelten,
-von der anderen Seite in den Buchenbusch fallen ließ. Da sitzt sie
-nun, ein bißchen außer Atem, putzt sich, leckt sich und sieht den drei
-Männchen nach, die nach drei Richtungen hin im Walde verschwinden. Dann
-eilt sie in hastigen Sprüngen auf die Klippenwand zu.
-
-Das ist ihre Hauptspeisekammer im Winter. Dort steht ein krummer
-Lindenbaum, der alle Jahre trägt. Vier alte Nußsträucher spreizen
-sich dort unter zwei sturmzerfetzten Samenfichten, und obgleich dort
-keine Eiche wächst, so sind in den Felsspalten immer Eicheln zu
-finden, die die Häher hierhin vertragen, und die alte Buche wirft
-jedes zweite Jahr reichlich Früchte in die Schlucht, die dort vor
-den Mäusen sicher sind, weil es dort immer nach Fuchs riecht. Auch
-ein Wildapfelbaum schiebt sich aus der Wand, am Ausgange der Schlucht
-stehen Vogelkirschen und an Schlehen, Weißdorn und Rosen mangelt es
-nicht. Ist es mit der Kost im Walde einmal schlecht bestellt, hier
-findet sich immer etwas für den Magen und unter der Felswand gibt es
-das Feinste, was der Wald zu bieten hat, dicke, würzige Trüffeln.
-Nicht weit davon liegt das Forsthaus, und in dem Garten wachsen Äpfel,
-Birnen, Pflaumen, Kirschen und Walnüsse. Ein bißchen lebensgefährlich
-ist es dort freilich, denn seitdem der Förster dahinter gekommen ist,
-wer ihm seine Birnen zernagt und seine Nüsse fortschleppt, paßt er sehr
-auf, doch vor Tau und Tag lebt es sich da herrlich.
-
-Das wissen alle Eichhörnchen am Berge und darum finden sie dort immer
-Gesellschaft, und kaum ist das rote Weibchen dort angelangt, so ist
-auch schon ein braunrotes Männchen bei ihm, das ihm eifrig den Hof
-macht. Anfangs ziert sich das Weibchen und es gibt eine kleine Hetzjagd
-durch Busch und Kraut, über Stock und Stein, aber es ist noch müde von
-vorhin und da das Männchen mit seinen Liebenswürdigkeiten nicht abläßt,
-wird es quer über die Nase gekratzt und tüchtig in die Lippe gebissen
-und zieht schließlich ab. Während der warmen Mittagsstunden turnt das
-Weibchen dann bedächtig an der Wand herum und sucht im Laube nach
-Eicheln und Buchnüssen. Nachmittags aber, als die Sonne hinter Wolken
-verschwindet, sucht es sein nächstes Nest in der gegabelten Fichte auf,
-einen weichen, warmen Kobel, den es stets bezieht, wenn es der Abend
-hier bei den Klippen überrascht.
-
-Die Tage kommen, die Tage gehen. Weiches Wetter tritt ein, und die
-Eichkatze ist den ganzen Tag in Bewegung. So manchen Käfer scharrt sie
-aus dem Laube und findet Raupen und Puppen unter dem Moose. Als sie
-dann noch die Fütterung entdeckt, wo der Förster den Rehen Eicheln
-schüttet, da geht es ihr besser, als bisher, und ohne sich um die Rehe
-zu kümmern, holt sie sich Tag für Tag ihr Teil, schleppt auch manche
-Eichel beiseite und stopft sie unter das Moos oder verbirgt sie in
-Fels- und Baumritzen. Fällt kalter Regen aus den Wolken oder bläst eine
-rauhe Luft, dann verschläft sie einen Tag oder auch zwei, und ist das
-Wetter heiter, dann läßt sie sich auch wohl wieder zu lustiger Balgerei
-und fröhlicher Hetz mit irgend einem netten Männchen herbei, das ihr in
-den Weg läuft.
-
-Schließlich hörte diese Spielerei auf. Die Männchen laufen ihm nicht
-mehr nach und das Weibchen hat andere Sachen im Kopfe. In einer
-ganz langen, hochschäftigen Buche baut es ein ganz großes, festes,
-dickwandiges Nest. Es gibt sich viele Mühe damit. Fortwährend schleppt
-es Moosbüschel, welkes Gras, dürre Würzelchen und trockenes Laub
-herbei, filzt Schicht auf Schicht mit den Vorderpfoten zusammen,
-dreht sich so lange darin herum, bis die Höhlung glatt und eben ist,
-setzt ein dichtes Dach darauf, stopft jede Ritze zu, in die der Wind
-hineinschnauben könnte, und läßt nur im Osten ein Schlupfloch, das aber
-leicht verschlossen werden kann, wenn der Wind von der Morgenseite weht.
-
-Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen. Die rote Eichkatze ist jetzt
-nicht mehr so oft zu sehen. Ganz früh am Morgen sucht sie nach Nahrung
-und in der Abenddämmerung, und gierig fällt sie über alles her, was
-sie vorfindet. Jeder Käfer ist ihr recht, jeder Schmetterling wird
-mitgenommen. Die Morchel im Laube verschwindet unter den schnellen
-Zähnen und die Blütenknospen des Ahorns werden ebensowenig verschmäht,
-wie die keimende Eiche und die treibende Buchecker. Magerer noch als
-der Winter ist die Frühlingszeit und die Eichkatze hat vierfachen
-Hunger, denn in ihrem Neste im Buchenwipfel liegen sechs junge
-Eichkätzchen, und deren sechs Mäulchen müssen gestillt sein. Da heißt
-es denn: fressen, was zu fressen ist, damit die Kleinen satt Milch
-bekommen.
-
-Je größer sie werden, um so gieriger sind sie, und mit der Kost wird
-es nur langsam besser. Maikäfer sind noch nicht da und die Raupen sind
-noch gar zu klein. Eicheln und Bucheckern gibt es nicht mehr und die
-Knospen sind alle aufgesprungen. Die schlimmste Zeit im Jahre ist es
-für die Eichkatze, wenn die Buche ihr Blatt entfaltet. Hunger, Hunger,
-immer Hunger, und so dürftige Kost! Bei der Käfer- und Raupenjagd stößt
-sie auf ein Drosselnest. Die blauen Kugeln sehen so blank aus, wie
-reife Eicheln. Am Ende schmecken sie auch so. Das, was herausquillt,
-ist ein bißchen naß, aber schmeckt nicht schlecht, und es stillt den
-Hunger. Da ist schon wieder ein Nest. Eier sind nicht darin, nur
-nackte Vögel. Sie piepen erbärmlich, und die Alte flattert wild und
-schimpft und zetert, aber es ist doch besser, als Baumrinde oder junge
-Sprossen und die Hauptsache ist, es sättigt mehr, als das sechsbeinige
-Grabbelzeug, das im Moose und Grase herumwimmelt.
-
-Endlich burren die ersten Maikäfer, die Raupen nehmen zu an Länge
-und Dicke und die Grashüpfer werden immer fetter. Nun läßt es sich
-allmählich schon leben im Walde. Außerdem liegt an der Waldstraße
-ein eingegattertes Stück Land, in dem sind Löcher und darin stecken
-Eicheln, die zwar schon stark keimen, aber noch ganz leidlich sind.
-Wie die sechs Jungen die Milchzähne verloren haben und auf eigene
-Gefahr ihre Nahrung suchen, da gibt es schon allerlei bessere Sachen.
-Hier und da findet sich ein leckerer Erdpilz, die Nüsse haben kleine
-milchige Kerne, es wimmelt von Raupen, Puppen und Heuhüpfern und die
-Roggenähren lohnen schon eine Fahrt zu den Feldern am Waldrande; von
-den tiefherabhängenden Hainbuchenzweigen aus lassen sich die Ähren
-leicht pflücken und aushülsen. Das herrlichste aber, was der Wald in
-dieser Zeit zu bieten hat, das ist der säuerliche, schäumende Saft, der
-aus den alten Eichen quillt. Jeden Tag um die elfte Stunde findet sich
-die Eichkatze dort ein, jagt die Schmeißfliegen und Hornissen fort, die
-sich dort laben, und leckt den gärenden Saft ab, bis ihr ganz sonderbar
-im Kopfe wird und sie anfängt, wie unklug hin und her zu springen, zu
-schnalzen und mit dem Schwanze zu schnellen, als wäre es Vorfrühling.
-Alle Vorsicht und Aufmerksamkeit vergißt sie über ihrem Rausch und wenn
-sie sich nicht im letzten Augenblicke in das Gebüsch gestürzt hätte,
-so wäre sie in den Fängen des Habichts geblieben, der wie ein Schatten
-durch das Geäst fuhr.
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-An Gefahren mangelt es überhaupt im Walde nicht. Vor dem Habicht ist
-die Eichkatze nie sicher. Mitten im fröhlichsten Hetzspiel griff er
-ihren letzten Liebhaber, das kohleschwarze Männchen, und strich damit
-ab. Zwei von den Jungen, die noch recht unbeholfen waren, fing an zwei
-Abenden nacheinander der Kauz. Dreimal mußte sie sich kopfüber aus
-ihrem Neste zu Boden werfen, als der Edelmarder sie fassen wollte, und
-einmal hetzte er sie am hellen Tage über eine halbe Stunde lang von
-Baum zu Baum, bis sie sich aus der Pappel in den Teich fallen ließ und
-sich zitternd im Schilfe versteckte. Aber allmählich ist sie so gewitzt
-geworden, daß sie die Gefahr zu meiden weiß. Gleichwohl ging es ihr
-ab und zu hart am Leben vorbei. Einige hundert Schritte vom Waldrande
-steht ein hoher Birnenbaum im Felde. Der Bauer, dem er gehört, bekommt
-niemals eine Birne davon, denn ehe sie reif sind, hat das Eichhörnchen
-eine nach der andern durchgebissen und die Kerne verzehrt. Eines Tages
-erwischte sie aber der Bauer dabei und schickte seinen Jungen in den
-Baum, während er mit dem Hunde unten wartete. Der Junge stieg ihr bis
-in den obersten Wipfel nach und schüttelte diesen so lange, bis sie im
-Bogen in den Klee flog. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte der Hund
-sie beim Wickel gehabt, aber im letzten Augenblicke schlüpfte sie in
-das enge Entwässerungsrohr und von da in den Schlehbusch und aus diesem
-in den Weizen und kam noch einmal glücklich in den Wald zurück. Seit
-der Zeit unternimmt sie ihre Streifen zum Felde immer nur in der ersten
-Morgenfrühe, denn die halbreifen Roggen-, Hafer- und Weizenkörner
-entbehrt sie nicht gern und am Waldrande finden sich auf dem Raine
-überall die Spreuhäufchen, die Reste ihrer Mahlzeiten.
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-Die liebste Zeit aber ist ihr der Herbst. Dann ist im ganzen Walde
-Futter für ihre Zähne da. Unter den Ahornbäumen und Hainbuchen liegen
-massenhaft die geflügelten Kerne, in den Eichen schimmern die Eicheln,
-die Haselbüsche tragen schwer und in den Kronen der Buchen reifen die
-fetten Nüsse. Dann wimmelt es im Walde von Eichkatzen, die von weit
-und breit sich hierher zusammenziehen. Überall am Boden hüpft und
-schlüpft es; die fuchsroten Eichhörnchen aus dem Hügellande treffen
-hier mit den schwarzen und braunen aus den Fichtenbeständen von den
-höheren Lagen des Gebirges, wo es jahrein jahraus weiter nichts gibt
-als Fichtensamen. Wenn sie sich dann hier im Mittelbergwalde alle ein
-tüchtiges Ränzlein angemästet und ihr leichtes Sommerkleid mit dem
-dichten, langhaarigen, graubereiften Winterpelze vertauscht haben, dann
-verteilen sie sich wieder und der alte Stamm hat den Wald ganz für
-sich.
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-Hasendämmerung.
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-Jans Mümmelmann, der alte Heidhase, lag in seinem Lager auf dem blanken
-Heidberg, ließ sich die Mittagssonne auf den billigen Balg scheinen und
-dachte nach über Leben und Tod. Sein Leben war Mühe und Angst gewesen.
-Aber dennoch fand er, daß sein Leben köstlich gewesen war. Auf grünen
-Feldern hatte sich seine Jugendzeit abgespielt; seine Jünglingsjahre
-hatte er im Walde verlebt; die Jahre seiner männlichen Reife verbrachte
-er in der Heide, nachdem ihm Feld und Wald Menschenhaß gelehrt hatten,
-und nur, wenn sein Herz sich nach Zärtlichkeiten sehnte, verließ er die
-Öde.
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-Da lebte er, ein einsamer Weltweiser. Die Äsung war mager, aber es
-stand nicht wie beim Klee im Felde und bei der üppigen Wiese im Walde,
-die Angst bleichwangig und schlotterbeinig immer neben ihm; in Ruhe und
-Frieden konnte er da leben, sorglos im feinen Flugsande des Heidhügels
-die rheumatischen Glieder baden und dem Gesange der Heidelerchen
-lauschen.
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-Mümmelmann fand heute aber doch, daß er etwas Abwechslung in seine
-Nahrung bringen müsse. Keine Philosophie der Welt tröstet den Magen
-und keine Weltweisheit befestigte die Appetitlosigkeit. Beim Dorfe
-gab es jetzt schon junge Roggensaat. Auch brauner Kohl war da, ferner
-Apfelbaumrinde, etwas ganz Feines, und der Klee war schon hoch genug,
-an den Gräben wuchs allerlei winterhartes Kraut; Mümmelmann lief das
-Wasser hinter den gelben Zähnen zusammen.
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-Allerdings, so ohne Gefahr ging ein Diner beim Dorfe nicht ab. Fast
-immer stöberten Wasser oder Lord oder Widu oder Hektor oder ein anderer
-dieser scheußlichen Köter im Felde herum. Der Jagdaufseher hatte im
-Felde überall Tellereisen und Schwanenhälse liegen und der Jagdpächter
-hielt sich immer in der Nähe des Dorfes mit seinem Schießknüppel auf.
-Er war ein bißchen sehr dick und hatte eine trockene Leber, so daß er
-sich nicht gern weit vom Kruge entfernte.
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-Aber schließlich was kann das schlechte Leben helfen? dachte
-Mümmelmann; +einen+ Tod sterben wir Hasen ja doch nur, und besser
-ist es im Dampfe dem guten Schützen sein Kompliment zu machen, als vor
-Altersschwäche den Schnäbeln der Krähen zum Opfer zu fallen. Und so
-machte er sorgfältig Toilette und rückte erst langsam, dann schneller
-gen Knubbendorf, wo er bei tiefer Dämmerung ankam.
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-Es war eine gemütliche Nacht. Der Schnee war weich und trocken, die
-Luft windstill, die Kälte nicht zu stark und der Himmel bedeckt,
-so daß Jans und die anderen keine Angst zu haben brauchten vor dem
-alten Krischan, dem Armenhäusler und Besenbinder, der mit seinem
-verrosteten Vorderlader bei hellen Nächten hinter dem Misthaufen auf
-die Hasen lauerte. Es gab ein langes Begrüßen und Erzählen, und so kam
-es, daß Jans völlig die Zeit verpaßte und erst lange nach dem ersten
-Hahnenschrei, als der Tag schon mit rotverschlafenem Gesicht über die
-Geest stieg, nach seiner Heide zurückhoppelte in Begleitung eines
-jungen strammen Moorhasen, Ludjen Flinkfoot, seines im letzten Herbst
-bei dem großen Kesseltreiben im Feuer gebliebenen Freundes Sohn. Den
-hatte er bewogen, mitzukommen; er wollte ihn erziehen und als Erben
-einsetzen.
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-Als sie aber an den Heiderand kamen, da stutzten sie und machten
-Männchen, denn vor ihnen zappelten im Frühwinde lauter bunte Lappen.
-Voller Angst liefen sie zurück und scharrten sich, nachdem sie erst
-viele Haken geschlagen und Wiedergänge gemacht hatten, in einem
-mächtigen Brombeerbusch bei den Fischteichen ihr Lager.
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-Inzwischen war im Dorfe großes Leben. Dreißig Männer waren gekommen,
-bis an die Zähne bewaffnet, schrecklich anzusehen in ihrem
-Kriegsschmuck. Sie waren in den Krug gegangen, aßen und tranken, was es
-gab, machten sich mit Pfeifen und Zigarren und auch sonst blauen Dunst
-vor, prügelten ihre Hunde, die sich bissen, kniffen allen weiblichen
-Wesen unter fünfzig Jahren die Arme braun und blau, erzählten sich
-mehr oder minder starke neuaufgewärmte alte Witze und zogen dann los,
-die reine Winterluft mit dem Rauch ihrer Zigarren und die Morgenstille
-mit dem Geknarre ihrer Stimmen erfüllend und sich freuend über den
-klaren windstillen, schönen Tag, der so recht geeignet sei für den
-Hasenmassenmord.
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-Dicht hinter dem Dorfe wurde der erste Kessel gemacht. Ein Waldhorn
-erklang, Schützen und Treiber setzten sich nach dem Zentrum in
-Bewegung und das Kriegsgeschrei der rauhen Kehlen dröhnte durch den
-Wintermorgen. Da wurden überall graue Flecke im weißen Schnee sichtbar,
-die sich zu Pfählen verlängerten, unschlüssig hin und her hoppelten,
-wie besessen dahinrasten, und dann knallte es hier, blitzte es da,
-rauchte es dort, und ein Hase nach dem anderen rückte zusammen,
-wurde kürzer, immer kürzer, blieb schließlich liegen, sprang noch
-einmal in die Höhe und lag dann ganz still. Andere schlugen im Dampf
-ein Rad, daß der Schnee stäubte, wieder andere liefen wie gesund
-weiter und fielen plötzlich um. Und immer enger wurde der Kessel,
-immer zerfurchter seine Schneedecke von den Spuren des Hasen und den
-eingeschlagenen Schroten, und hellrote Flecke und Streifen, sowie die
-dunklen Patronenpfropfen unterbrachen seine Farblosigkeit.
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-Ein Leiterwagen nahm die toten Hasen auf, und es ging zum zweiten
-Kessel. Und als der abgetrieben war, kam der dritte an die Reihe,
-und dann ging es zum Jagdhause vor dem Moore, wo der Wirt mit seinen
-Töchtern Bohnensuppe auffüllte und Glühwein einschenkte und Grog. Da
-gab es ein großes Erzählen hin und her, so daß Herr Markwart, der
-Häher, und Frau Eitel, die Elster, entsetzt abstoben und es weit und
-breit herumbrachten, daß die Jäger wieder einmal da wären und schon
-hundertundsiebzig Hasen gemordet hätten.
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-Mümmelmann hörte aufmerksam zu, als Frau Eitel das Herrn Luthals, dem
-Würger, erzählte und er dachte sich: »Wenn sie schon soviel haben, dann
-werden die Schinder wohl nicht mehr hierher kommen,« und der flüsterte
-Ludjen Flinkfoot zu: »Bleib immer hübsch still liegen, mein Junge, mag
-kommen, was da kommen will; wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen,
-und wer nicht gesehen wird, den trifft kein Blei.«
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-Es kam aber anders: Wieder klang das Horn. »Schwerenot noch einmal,«
-knurrte Jans unter seinem bereiften Bart her, »noch ein Kessel? Die
-Sonne geht ja schon in ihr Lager. Und ich glaube, die Bande kommt auf
-uns zu.« Ein furchtbares Gebrüll erhob sich von allen Seiten, der Boden
-dröhnte, Schüsse knallten. Ludjen wollte weg, aber der Alte rief: »Bliw
-liggen, du Döskopp,« denn wenn er erregt wurde, sprach er Platt, was
-er sich sonst als unfein abgewöhnt hatte, und dann setzte er hinzu:
-»Man kann nicht wissen, was passiert. Ich habe so eine Ahnung, als ob
-ich die Sonne nicht mehr aufgehen sehen soll. Und nun höre zu: Falle
-ich und du bleibst gesund, so rückst du in die Heide, bis du an den
-Heidberg kommst, wo die großmächtigen Steine aufeinanderliegen. Da
-bist du das ganze Jahr sicher, da kommt niemand hin, als die dämlichen
-Schafe und höchstens einmal Reinke Rotvoß, der alte Schleicher; der
-erzählt ganz gut, aber halte ihn dir drei Schritt vom Leibe. Einem
-Fuchs darf man erst trauen, wenn er kalt und steif ist.«
-
-Näher kam das Getrampel, dichter folgten die Schüsse, hin und her
-flitzten die Hasen, kobolzten von den Dämmen auf das Eis der Teiche und
-blieben da liegen. Auf einmal schwoll das Gebrüll noch weiter an: »De
-Voß, de Voß!« riefen die Treiber und domm, domm, domm, domm krachte es.
-Mümmelmann hörte es in den Brombeeren knistern, etwas Rotes sauste über
-ihn fort, dann etwas Schwarzweißes, und dicht vor ihm schlug sich ein
-großer Hund den Fuchs um den Kopf.
-
-»Meinen Segen hat er,« dachte der alte Hase bei aller Angst; doch im
-nächsten Augenblicke fuhr er aus seinem Lager, denn ein zweiter Hund
-kam an und wollte ihn gerade fassen: »Da löppt noch een!« schrieen die
-Treiber. Aber Jans war nicht umsonst bei seiner Mutter, der erfahrenen
-Gelke Mümmelmann, in die Lehre gegangen. Er schlug einen Haken über den
-anderen und hielt sich immer dicht vor dem Hunde, so daß kein Schütze
-zu schießen wagte. Auf einmal aber krachte ein Schuß, die Schrote
-schlugen pfeifend auf das Eis, der Hund jaulte auf und wütende Stimmen
-erhoben sich.
-
-»Junger Mann, Sie haben meinen Hund totgeschossen!« brüllte ein dicker
-Herr.
-
-»Ja, was kann ich dafür,« rief der dünne Student, »ich habe ihn nicht
-gesehen; was hat der Hund auch im Kessel herumzubiestern?«
-
-Und der Dicke schrie wieder: »Er sollte den Fuchs apportieren. Der Hund
-hat mich dreihundert Mark gekostet.«
-
-Und der Student rief: »Dreihundert Mark? Na, der Ihnen das abgeknüpft
-hat, der wird schön gelacht haben. Ich habe den Hund ja arbeiten sehen;
-hühnerrein war er, straßenrein auch, und Hasen hetzte er famos. Und
-wenn er auch nicht eingetragen war, ein ausgetragenes Biest war er
-doch, und die Rassenmerkmale hatte er innerlich, wie die Ziegen den
-Speck, Dreihundert Mark? Lächerlich, Sie meinen wohl Pfennige?«
-
-So ging es weiter und keiner achtete auf Mümmelmann. Der machte, daß
-er fortkam, denn er haßte Zank und Streit. Ihm tat nur Ludjen leid, um
-den Jungen hatte er Bange. Es dämmerte schon, als er an den Heidrand
-kam und gerade dachte er, er wollte sich um die Lappen nicht kümmern,
-da krachte es, und wie zwanzig Peitschenhiebe auf einmal fühlte er es
-in Rücken und Keulen. Das war der Jagdaufseher gewesen, der die Lappen
-aufrollen wollte.
-
-Jans fühlte, daß es mit ihm aus war. Aber er kam doch noch vom Fleck
-und tauchte in der Dämmerung unter. Ihm war sehr schwach zu Mute,
-obgleich er gar keine Schmerzen hatte; nur das Laufen wurde ihm schwer
-und das Atmen. Er kam noch bis zu dem alten Steingrab auf Heidberg, und
-da wühlte er sich in den weichen Sand, lag ganz still und äugte nach
-dem hellen Sternbilde, das über dem fernen Walde stand und ganz wie ein
-riesenhafter Hase aussah.
-
-Als der Mond über den Wald kam, da hoppelte auch Ludjen Flinkfoot
-heran. Er hatte, so schwer es ihm bei seiner Angst auch wurde, seines
-Oheims Ratschläge befolgt und war gesund davongekommen. Der gute Junge
-war sehr betrübt, daß er ihn todkrank fand; er rückte dicht an ihn
-heran und wärmte den Fiebernden.
-
-Als es vom Dorfe Mitternacht schlug, da wurden Mümmelmanns Seher
-groß und starr; er sah die Zukunft vor sich. »Der Mensch ist auf die
-Erde gekommen,« sprach er, »um den Bären zu töten, den Luchs und
-den Wolf, den Fuchs und das Wiesel, den Adler und den Habicht, den
-Raben und die Krähe. Alle Hasen, die in der Üppigkeit der Felder
-und im Wohlleben der Krautgärten die Leiber pflegen, wird er auch
-vernichten. Nur die Heidhasen, die stillen und genügsamen, wird er
-übersehen, und schließlich wird Mensch gegen Mensch sich kehren und
-sie werden sich alle ermorden. Dann wird Frieden auf Erden sein. Nur
-die Hirsche und Rehe und die kleinen Vögel werden auf ihr leben und
-die Hasen, die Abkömmlinge von mir und meinem Geschlecht. Du, Ludjen,
-mein Schwestersohn, wirst den reinen Schlag fortpflanzen, und dein
-Geschlecht wird herrschen von Aufgang bis Untergang. Der Hase wird Herr
-der Erde sein, denn sein ist die höchste Fruchtbarkeit und das reinste
-Herz.«
-
-Da rief der Kauz im Walde dreimal laut: »Komm mit, komm mit, komm mit
-zur Ruh, zur Ruh, zur Ruhuhuhu!« und Mümmelmann flüsterte: »Ich komme,«
-und seine Seher brachen.
-
-Ludjen hielt die Totenwacht bei seinem Oheim; drei Tage und drei Nächte
-blieb er bei ihm. Als er aber nach der vierten Nacht zurückkam zum
-Hünengrab, da war der Leib seines Ohm verschwunden, und Ludjen meinte,
-die kleinen weißen Hasen wären gekommen und hätten ihn weggeholt zu dem
-Hasenparadiese, wo der große weiße Hase auf dem unendlichen Kleeanger
-sitzt.
-
-Reinke Rotvossens Vetternschaft aber wunderte sich, daß der alte
-dreibeinige, schwanzlose Heidfuchs, der immer so klapperdürr war,
-seit einigen Tagen einen strammen Balg hatte. Er hatte seinen Freund
-Mümmelmann bestattet auf seine Art.
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-Der Mörder.
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-Die halbe Heide entlang waren alle Förster und Jäger in Aufregung; es
-spürte sich ein fremder Haupthirsch.
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-Gesehen hatte ihn noch kein Menschenauge. Nach der Uhlenflucht trat er
-zur Äsung aus und vor Tau und Tag zog er wieder in die Dickung.
-
-Der Fährte nach war es ein Hirsch von mehr als dem zehnten Kopfe;
-bequem konnte ein Mann die vier Finger der Hand hineinlegen. Es war
-eine Fährte, die tief und fest in dem Sande stand; danach gab man dem
-Hirsche dreihundert Pfund und darüber. Und weil sie ein ganz anderes
-Bild zeigte, viel mehr Zwang aufwies, als die der Standhirsche, so
-schlossen die Förster, daß der Hirsch von weit her zugewechselt sein
-mußte.
-
-Dreihundert Büchsen die Heide auf, die Heide ab lauerten tagtäglich auf
-ihn; sie lauerten vergebens. Spürte er sich drei Tage in dieser Forst,
-morgen war er verschwunden und die rätselhafte Fährte setzte übermorgen
-zehn Meilen weiter die Jäger in Verwirrung. Drei Nächte nacheinander
-stand der Jäger auf der Schneiße in der wilden Hudewohld und sah das
-Kreuzgestell auf und ab; er bekam nur Wildbret zu Blick. Als er sich
-schon zum Abgang rüstete, da war ihm so, als stände etwas Böses hinter
-ihm. Erschrocken wandte er den Kopf und sah zwei Schritte hinter sich
-ein furchtbares Gesicht. Er erblaßte und griff nach der Büchse, aber
-da schnaufte es und mit Kling und Klang und Knick und Knack stob der
-Hirsch in das Geheimnis des Bruchwaldes hinein.
-
-Der Jäger starrt hinter der Erscheinung her. Ist das ein Hirsch gewesen
-oder ein Gespenst? Er hatte ein Gesicht gesehen über einem schwarzen
-Brunfthalse, schrecklich und böse. Quer um die Lichter war ein breiter,
-weißer Strich gezogen, und darüber leuchteten und funkelten in der
-halben Frühsonne lange, blutrote Spieße. Wie viele es waren, wie viel
-Enden der Hirsch trug, der Mann weiß es nicht. Das Herz ist ihm in den
-Hals gesprungen, Schwäche ist über seine Kniee gekommen, Eis auf seinen
-Rücken, Fieber über seine Stirn und Nebel vor seine Augen.
-
-Die gespannte, gestochene Büchse in der Hand tritt er in den wilden
-Wald. Da steht die Fährte, wie in Erz gegossen, in dem anmoorigen
-Boden; leicht nimmt sie vier Finger auf. Ihr zu folgen ist ein Unding;
-wohl zieht der Wind nach Wunsch, aber sie steht auf das Postbruch zu,
-wo nur Fuchs und Marder lautlos schlüpfen können, wo schon der Bock
-laut brechen muß, so viel Geknäck deckt den Boden, so eng verfilzt sind
-Weiden und Ellern, Birken und Fuhren durch Risch und Post.
-
-Vorsichtig schleicht der Jäger das Gestell entlang und umgeht das
-Bruch; nirgendswo steht die unheimliche Fährte heraus; der Hirsch
-steckt im Bruche. Mit halbem Winde dringt der Jäger auf einem
-verwachsenen Altwege in die modrige muffige, schwüle, enge Wildnis
-hinein, Schweiß auf der Stirn, Herzklopfen in der Kehle, Durst am
-Gaumen, bis er nach einstündigem Schleichen und Kriechen, nach
-manchem voll Zittern und Beben gemachten Sprung, nach manchem Bogen
-und vielen Pausen vor den großen Windbruch inmitten der Wohld tritt.
-Dort tritt so gern das Wild herum, dort schlägt der Hirsch, wie die
-geschundenen Stämme zeigen, dort setzt das Mutterwild, dort horstet
-der Schwarzstorch in der alten Fichte, dort sonnt sich der Giftwurm
-im Grase, dort paßt der Schreiadler auf die Waldmaus. Heute ist die
-Blöße blank und leer. Aus dem grünen Risch leuchten die roten Stämme
-und verlieren sich in den schwarzen Kronen, zwischen denen blaue Fetzen
-Himmel lieb herabsehen.
-
-An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt sich der Mann an und
-harrt mit halbgeschlossenen Augen. Müdigkeit reißt seinen Kopf herab,
-er wirft ihn wieder hoch. Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die
-ihm seine überreizten Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor
-seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, das dort
-hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen Fehlblick gewahr
-wird. Und wieder werden seine Augen groß, denn da unten schwebt der
-Schwarzstorch. Aber es war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn
-in der Luft stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren,
-Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden Ruf
-von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied nahm. Und Wellen
-hört er schlagen gegen das Schiff, das ihn der Blonden entführte.
-
-Aus dem trüben, ernsten, müden Gesichte springen die blauen Augen
-heraus, wie blaue Seen aus nächtlichem Nebel. Vernahm seine Seele mit
-der Erinnerung das Klatschen der Wellen, das Stampfen des Schiffsrades?
-Oder waren es die Ohren, die ihm diese Laute wirklich meldeten? Aber es
-ist so still, nur Meisen zirpen fernweg und Hummeln brummen nahebei.
-Der Tabak bringt den Nerven Festigkeit. Blau steigt der Rauch empor;
-träumende Augen sehen hinterdrein, besinnen sich, rufen sich selbst
-zur Ordnung und wandern gehorsam wieder von Stamm zu Stamm, von Busch
-zu Busch, langsam und stetig, ohne Hast und Unrast, halb von den Lidern
-bedeckt. Sind aber mit einem Rucke voll und groß da, stehen in einem
-Gesicht, in dem Hoffnung und Angst sich zanken, in dem der Mund sich
-öffnet, um mitzuhorchen.
-
-Es war kein Traum aus der Burschenzeit, nicht die Erinnerung spülte
-vergessene Laute an das Ufer der Gegenwart, es klatscht und stampft
-hier in der grünen Wohld. Das klatscht und quatscht und schlappt
-und jappt, stöhnt und dröhnt, knackt und klackt, verstummt und hebt
-von neuem an, und endlich bricht es in der Dickung, steht, wie in
-einem Rahmen, halbrechts, zwischen zwei roten Stämmen unter einem
-verschnörkelten roten Aste, von unten gedeckt durch einen dunklen
-Busch, der Hirsch, schwarz wie der Satan, eben der Suhle entstiegen,
-und äugt aus den weiß umzogenen Lichtern, über denen es blutrot in
-der Sonne leuchtet, den Mann an, starr, wie der böse Feind eine arme
-Seele. Einen Schlag fühlt der Mann auf dem Herzen, denn er sieht, daß
-der Rauch seiner Pfeife stracks dem Hirsch entgegenzieht, aber ehe der
-Kolben an der Backe liegt, ist der Rahmen leer und mit Kling und Klang
-und Knick und Knack ist die Erscheinung verschwunden.
-
-Noch an demselben Abend vernimmt der Förster, der eine Meile weiter vor
-dem Moore die Hirsche verhört, ein hartes, trockenes, heiseres Röhren,
-häßlich anzuhören, und hinterher einen Trenzer, niederträchtig und
-gemein, und einen Schrei, hohl und häßlich. So hat hier noch nie ein
-Hirsch geschrieen. Der Platzhirsch, der oben in der Moorwiese steht,
-wirft auf und zieht langsam vor seinem Rudel her dem Moorwalde zu. Der
-Förster hat das Glas vor den Augen und späht das silberne Gatter ab,
-mit dem die Birken Moor und Forst trennen. Der Platzhirsch schreit
-zornig in den Wald hinein; weiß springt sein Atem vor ihm her. Aus
-der Forst kreischt der harte, häßliche Trenzer heraus, hinter ihm
-her röchelt ein heiserer, höhnischer Ruf, ein trockenes, boshaftes,
-gemeines Röhren, ganz unirdisch klingend, gespenstig, höllisch. Der
-Platzhirsch zieht näher an den Moorrand. In dem Walde ist es still,
-bleibt es stumm. Rund und voll ruft der Zwölfender sein ehrliches Wort
-in das schwarze, mit Silber vergitterte Walddunkel. Es wird ihm keine
-Antwort. Unwillig tritt der edle Hirsch den Grund, wirft die Moorerde
-mit dem stolzen Geweih empor, zerfetzt damit einen Weidenbusch, schreit
-dem Gegner einen verächtlichen Trenzer zu und wendet sich voller
-Abscheu ab. Vor ihm her trollt sein Rudel.
-
-Da fährt etwas aus dem Walde, ein schwarzes, unheimliches Ding, und ehe
-der Zwölfender wenden und dem Gegner die Kampfsprossen weisen kann, ist
-er überrannt, ist er von hinten niedergeforkelt. Über ihm steht der
-schwarze Mörder und stößt auf ihn los. Dumpf klingt es, als schlüge
-ein Stock auf einen Mehlsack. Starr steht das Rudel, die Hälse sind
-lang, die Lauscher steif, die Lichter weit aufgerissen. Ein blutiger
-Fetzen fliegt dem Kopftier an den Hals, noch einer vor die Brust. Es
-schreckt und wendet. Aber im Nu ist der schwarze Hirsch mit der weißen
-Augenbinde und den roten Stangen vor dem Rudel und forkelt es auf einen
-Klumpen zusammen. Dann schreit er in das Abendrot hinein, so häßlich,
-so gemein, so tonlos und trocken, wie hier noch nie ein Hirsch schrie,
-und treibt das Rudel vor sich her in den Nebel hinein.
-
-Starr sieht der Förster ihm nach, dann steigt er von dem Hochstand und
-geht zu dem geforkelten Zwölfender. Der ist im Verenden begriffen. In
-den weit herausgequollenen Lichtern liegt Todesangst. Armslang hängt
-das zerfetzte Gescheide aus den zerrissenen Dünnungen heraus. Der
-Förster gibt ihm den Fang und lüftet ihn. Dann schreitet er, den Kopf
-auf der Brust, heim. Der Oberförster wird Augen machen; am anderen
-Morgen sollte der Prinz den Zwölfender weidwerken.
-
-Der Morgen kommt mit herber Luft; ein Brunftmorgen ist es, wie er nicht
-schöner sein kann. Aber weit und breit meldet kein Hirsch, höchstens
-röhrt hier und da ein Schneider. Die Platzhirsche sind verschwiegen.
-Der Zwölfender tat gestern abend seinen letzten Schrei: er hängt an
-der Wildwinde auf dem Hofe der Oberförsterei. Der kapitale Achtender,
-der schon zwölf Enden aufwies und auf vierzehn gezeigt hat, sitzt im
-Erlenbache und kühlt seine zerschundenen Seiten. Auch ihn überfiel
-der Mordhirsch hinterrücks. Der Zehnender aus dem Brandmoore steht im
-Stangenort und rührt sich nicht. Der Mörder hat ihm eine Stange in das
-Gehirn gerannt und ihm die halbe Besinnung genommen.
-
-Wäre nicht gerade der Prinz vorbeigefahren, so wäre der Hirsch auch zu
-Tode geforkelt worden. Dicht vor den Rotschimmeln sauste der schwarze
-Satan über das Gestell, daß die Gäule hochaufgingen. Der Prinz hatte
-das Jagen, in dem der Hirsch steckte, umfahren, aber der Mordhirsch war
-schneller gewesen und spürte sich schon heraus und in das unwegsame
-Bruch hinein. Auf dem Quergestell spürte sich eine frische Rotfährte.
-Sie führte zu dem kranken Zehnender. Der stand da stumpfsinnig, an eine
-Stange gelehnt, stöhnte und röchelte und schüttelte fortwährend das
-Haupt. Über dem rechten Lichte saß ein faustgroßer, rotweißer Klumpen,
-die blutige Gehirnmasse, die aus der Forkelstelle herausgequollen war.
-Ein Schrotschuß auf den Hals endete die Qualen des Gemeuchelten.
-
-Acht Tage gingen über das Land. Zehn Meilen umher hatte alles, was den
-grünen Rock trug, einen roten Kopf. Aller Jagdneid, jeder Grenzhaß
-war vergessen. Der Förster sagte es dem Bauernjäger, der städtische
-Jagdpächter dem Förster an, wenn sich der Schadhirsch spürte. Dreimal
-hatte man ihn schon hinter den Lappen gehabt, aber nie war er vor die
-Schützen gekommen, denn er hielt die Lappen nicht; bevor es hell wurde,
-überfloh er sie. Bald hier, bald da erscholl sein heiseres, häßliches
-Schreien, aber stets im unwegsamen Bruch oder in der verwachsenen
-Dickung, und erst, wenn die Nacht Himmel und Erde verschränkte, trat
-er aus und kämpfte auf den Wiesen die Platzhirsche ab. Am hellen
-Mittag saßen die Jäger schon auf den Kanzeln, saßen bis in die Nacht
-hinein, froren in ihren Pelzen, wenn der Frühwind über das Bruch blies,
-sahen wohl schwarze Klumpen, die jäh hin- und herfuhren und im Nebel
-verschwanden, hörten den Mörder trenzen und röhren, aber wenn der
-Tag kam und die Büsche und Bäume aus dem Nebel zog, dann stand der
-Unglückshirsch längst in der sicheren Dickung, oder saß in der Suhle im
-wilden Bruche.
-
-Keine fünfzig Schritte von dem Hochstande, auf dem der Forstmeister die
-Nacht verbrachte, forkelte er einen angehenden Zehnender zu Schanden.
-Der Forstmeister hörte jeden Laut, konnte den Kampf genau verfolgen,
-hatte währenddem die gestochene Büchse unausgesetzt an der Backe,
-bereit, trotz des fehlenden Lichtes den Schuß zu wagen. Er hörte das
-Brechen der Büsche, das wilde Rauschen im Risch, das Aneinanderprasseln
-der Geweihe, das Schnauben und Stöhnen der beiden Kämpen, und er hörte
-auch, wie plötzlich hageldicht die Stöße fielen, dumpf dröhnend, wie
-Stockschläge auf einen Mehlsack. Dann brach es laut in der Dickung,
-dann rief der Schadhirsch seinen trockenen, gemeinen, höhnischen
-Jubelruf dem Forstmeister zu, und dann stand die Stille wie eine Mauer
-rund um die Wiese.
-
-Als die Sonne sich durch den Nebel quält, ist die Wiese kahl, wie
-eine Mädchenhand; eine einzige alte Ricke äst sich an dem Moorbache
-entlang. Unausgesetzt lärmen in der Dickung die Häher. Mit steifen,
-kalten Gliedern steigt der Weißbart von der Kanzel. Seine Stirn kraust
-sich, wie er auf der zertretenen, zerwühlten, zerrissenen Wiesennarbe
-Schweiß findet, dunkelbraunen, trüben Schweiß, Leberschweiß. Die
-kranke Fährte führt gerade dahin, wo die Häher zetern und keifen. In
-der Lichtung der alten Dickung liegt der Zehnender auf der Seite, die
-Läufe weit von sich gestoßen. Der Lecker hängt weit aus dem Geäse, die
-Lichter sind gebrochen. Er ist schon seit Stunden verendet. Ein Stoß in
-die Leber brachte ihn um.
-
-Der Forstmeister sendet reitende Boten ab und sein Sekretär steht den
-halben Morgen am Fernsprecher. Der Schadhirsch muß sterben. Da alles
-Passen und Weidwerken nichts nützte und das Einlappen auch nicht half,
-soll der Hirsch bestätigt und vor dem Hunde geschossen werden. Abends
-kommen die Schützen an. Dreißig Mann sind es, Förster, Jagdpächter,
-Bauern, alles sichere Leute. Sie verteilen sich im Dorfe, denn der
-Krugwirt kann sie nicht alle beherbergen. Am andern Morgen meldet der
-Fernruf, daß der Hirsch in der hellen Weide fest sei, einem vermoorten,
-verwachsenen Birkenwalde. Zu Rad und zu Wagen fahren die Schützen zu
-dem Belauf, in dem die helle Weide liegt. Wie die Katzen, so leise,
-schleichen sie sich an ihre Stände, und ebenso lautlos treten die
-Treiber an. Der Hegemeister legt seinen uralten, lahmen Söllmann zur
-Fährte: der einzige Schweißhund weit und breit ist er, der eine gesunde
-Fährte arbeitet. Das unterschiedlichste Wild läuft die Schützen an, ein
-jagdbarer Hirsch, Wildbret, zwei Sauen, ein guter Bock, der Fuchs; kein
-Schuß fällt, denn nur auf den Schadhirsch, den Meuchelmörder, darf der
-Finger krumm gemacht werden. Eine Stunde vergeht, da taucht der rote
-Hund und hinter ihm das rote Gesicht des Hegemeisters bei den Schützen
-auf. Der Hirsch ist nicht vorgekommen. Ein Förster spürt auf dem Rade
-die Gestelle rund um das Jagen ab; der Hirsch steckt noch im Treiben.
-
-Das Jagen wird noch einmal getrieben. Der Hirsch zieht in voller
-Deckung am Rande des Treibens entlang. Der Forstmeister läßt das Jagen
-noch einmal treiben und geht mit zehn Schützen mit der Treiberwehr. Das
-hilft; endlich knallt es. Aber das Horn meldet nicht: »Hirsch tot!«
-Er ist vorbeigeschossen. Wie eine Katze, so leise, war er bis dicht
-vor einen Schützen gezogen und hatte mit jäher Flucht die Brandrute
-überfallen. Zwei hastige Kugeln pfiffen taub hin und her. Alle Mühe,
-alle Kosten waren vergebens gewesen. Der Hirsch spürte sich bis in das
-Stiftsmoor und dort verlor sich die Fährte. Aber das Treiben hatte er
-wohl übel genommen. Sein trockener Schrei ward nicht mehr vernommen in
-dieser Gegend. Drei Jahre lang erzählten sich die Jäger die Schauermär
-von dem Schadhirsch, der in einer einzigen Brunftzeit sieben gute
-Hirsche zu Schanden geforkelt hatte. Wie der Dieb in der Nacht war
-er gekommen und gegangen, wohin, das wußte keiner. In den Zeitungen
-wurde Nachfrage nach ihm gehalten, aber es wurde nicht bekannt, wo er
-geblieben war.
-
-Ein Mann wußte um das Geheimnis des Mordhirsches. Das war der rote
-Hein, der Waldbummler und Tagedieb, der in der Kreisstadt am Tage
-Beeren und Pilze verkaufte und des Abends Ricken und Hasen, die er
-in den Wäldern gestrickt hatte. Er war am Tage nach der Treibjagd
-durch das Rauhe Horn geschlichen, um Schwämme zu suchen und nebenher
-nachzusehen, ob sich nichts in den Schlingen gefangen hatte, die
-Tags vorher seine beiden Jungens auf die Rehwechsel gestellt hatten.
-Als er so durch den verwachsenen Moorwald schlich, sein Fuchsgesicht
-gewohnheitsmäßig zu einer recht dummen Grimmasse verziehend, ab und zu
-einen Pilz losschneidend und über die Schulter in den Tragkorb fallen
-lassend, da war er plötzlich ganz in sich zusammengefallen und hatte
-sich geduckt, wie ein Fuchs, der die Maus anspringen will. Das rote
-Haar auf seiner sommersprossigen Stirn zuckte hin und her und seine
-abstehenden Ohren bewegten sich langsam, denn da vorne ging etwas
-Seltsames vor sich. Es stöhnte und ankte dort, als läge ein Mensch im
-Sterben. Die Kreuzotter kriecht nicht so leise wie Hein Thomann kroch.
-Den Tragkorb hakte er ab, setzte die alte Mütze auf und zog sie tief in
-die Stirne, ließ die Schuhe bei dem Korbe stehen, und dann glitt er,
-den kurzen Totschläger fest in der Faust haltend, schnell, aber lautlos
-näher, jeden Zweig vermeidend, der sein verschossenes Zeug streifen
-konnte. Vorsichtig bog er den Weidenbusch zur Seite, hinter dem her das
-halblaute Stöhnen erklang, und hob den Stock mit dem Bleiknopfe zum
-Schlage. Aber dann fuhr er zurück und sein fahles Gesicht wurde weiß,
-denn was er da sah, das war gräßlich.
-
-Hinter dem breiten, tiefen, steilwandigen Entwässerungsgraben hing
-zwischen den beiden Stämmen einer Zwillingskiefer eingeklemmt ein
-starker Hirsch mit weißumbänderten, weit hervorgequollenen Lichtern
-und heraushängendem Lecker. Die ganze Nacht mußte er schon so gehangen
-haben, denn von den Hinterläufen war der braune Boden zerkratzt und
-zertreten. Schlaff hing der Hals zu Boden und das Geweih mit den
-langen, dicken, spitzen, endenlosen Stangen berührte mit den blutrot
-gefärbten Kampfsprossen fast die Erde; schrecklich aufgetrieben war
-der Leib des Hirsches. Ein ohnmächtiges Zittern erschütterte ab und zu
-seine Decke, matt spielten die Lauscher, krampfhaft zuckte ab und an
-ein Lauf, und unaufhörlich kam aus dem weißschaumigen Windfange ein
-hohles, trocknes, hoffnungsloses Stöhnen.
-
-Ein Schauder überlief den Schlingensteller. Er nahm die schmutzige
-Kappe ab und fuhr mit der goldhaarigen Hand über die nasse Stirn. Er
-hatte nie Mitleid empfunden, fand er ein Reh in der Drahtschlinge
-zappeln, das brachte das Handwerk mit sich. Aber dieses hier? Eine
-ganze Nacht sterben? Ganz langsam, bei lebendigem Leibe? Der Mann
-schüttelte sich. Er zog die Schnapsflasche hervor, tat einen kleinen
-Schluck, sah scheu hin und her, und schlich näher. Ein dumpfer Schlag,
-das Stöhnen brach; ein Blitz aus der Hand, und in gebogenem Strahl
-plätscherte der rote Schweiß aus der Schlagader des Hirsches. Hein
-Thomann verstand sein Geschäft; nach drei Stunden war der Hirsch
-zerwirkt. Die Knochen und das Gescheide verschwanden im weichen
-Schmorboden, bis auf einige schöne Stücke hing das ganze Wildbret an
-Weidenruten in die Krone einer dichten Fichte, mit Papierfetzen gegen
-Marder und Krähe verblendet, und in einer anderen Fichte hing der
-Schädel des Mordhirsches mit dem blutroten Geweih. Drei Nächte lang
-schleppte Thomann mit seinem hageren, schwarzhaarigen Weibe und seinen
-drei hungerigen Taugenichtsen von Jungens Kiepe auf Kiepe nach der
-Kreisstadt. Thomann ging zum Biere und hielt seine Freunde frei, seine
-Alte hatte ein anständiges Kleid an und seine Jungens neue Stiefel.
-
-In einer schlechten Wirtschaft in der großen Stadt, wo bemalte Weiber
-an weißen Marmortischen auf Raub lauern, hängt an einem Pfeiler
-das hohe, weitausgelegte Geweih des Vierenders, des Meuchlers,
-des Schadhirsches, der sich selbst richtete und den langsamen,
-schrecklichen Tod starb, den Tod des Mörders.
-
-
-
-
-Der Alte vom Berge.
-
-
-Hell scheint die Sonne gegen den weißen Berg. Die Buchenjungenden
-brennen, der Stangenort lodert, der Fichtenhorst steht in Flammenschein.
-
-Meisen zwitschern, Goldfinken flöten, Häher schwatzen. Das Geschwätz
-bricht ab, setzt als Gezeter wieder ein, flaut ab, schwillt an und
-endet in einem schneidenden Gekreische.
-
-An der steilsten Stelle der grauen Wand, auf dem schimmernden
-Schneefleck, leuchtet ein roter Fleck auf. Schimpfend und lästernd
-fallen die bunten Vögel in der krummen Linde über der Felsplatte ein,
-stellen sich entsetzlich giftig an und stieben ärgerlich keifend ab.
-
-Einen schiefen Blick schickt ihnen der Fuchs nach; dann reckt er sich,
-gähnt herzhaft, reckt sich abermals, fährt zusammen und beginnt sich
-heftig mit dem Hinterlaufe hinter dem Gehör zu kratzen, wohlig dabei
-knurrend, fährt dann mit dem Fange nach der Keule, flöht sich auch dort
-ausgiebig, kratzt sich stöhnend und murrend den Nacken und sitzt dann
-würdevoll da, ab und zu den Kopf wendend.
-
-Vom Vorholze tief unter ihm fallen hastige Axtschläge herauf; es stört
-ihn nicht. Das eilige Kreischen der Säge ertönt; ihn kümmert es nicht.
-Ein knirschender Laut wird hörbar, dem ein Prasseln folgt, das in einem
-dröhnenden Poltern endigt; ihm ist es gleich. Der Berg zittert leise,
-dann stärker, ein wildes Gebrüll donnert durch die Luft; auch das läßt
-ihn kalt. Die Arbeit der Holzfäller ist er seit sieben Jahren gewöhnt,
-und die Sprengschüsse der Steinbrucharbeiter erst recht.
-
-Auch das Piepsen der Goldhähnchen, das Zetern des Zaunkönigs und das
-Trillern der Schwarzmeisen bringt ihn nicht aus seiner Ruhe; vor sechs
-Jahren reizte es ihn, einen Versuch zu wagen; jetzt weiß er, daß das
-keinen Zweck hat. Er gähnt, reckt sich, kratzt sich abermals, rekelt
-sich in der Sonne und hockt dann wieder unbeweglich da.
-
-Eine ganze Weile sitzt er so, bis die Flöhe unter der warmen Decke
-gar zu frech in seinem graubereiften Balge werden und er sie wieder
-mit Klaue und Zahn zur Ruhe bringen muß. Aber mitten in dieser
-Beschäftigung hält er ein; seine bernsteingelben Seher erweitern sich,
-seine schwarzen Gehöre stellen sich aufrecht.
-
-Da, halbrechts unten, sind sie wieder, die beiden Töne, die er vernahm.
-Und noch einmal das Brechen, und noch einmal das Husten. Der Fuchs
-steckt wieder die sorglose Miene auf. Es ist nichts, wenigstens
-nichts Schlimmes. Ein Mensch zwar, aber ein guter Bekannter, der alte
-Oberholzhauer, in dessen tranduftender Fährte sich immer etwas Gutes
-findet, ein Endchen Wursthaut, ein Stückchen Butterbrotsrinde, ein
-Bückingskopf.
-
-Ach ja, Wursthaut und Bückingskopf! Der Fuchs zieht Geschmacksfäden,
-die silbern in der Sonne blitzen, und in seinem Wanst rumpelt und
-pumpelt es. Vorgestern Plattfrost und steifer Nordost, gestern
-Schlackschnee, das waren zwei magere Tage. Eine verluderte Krähe, ein
-scheußlich salziger Heringsschwanz, ein steinharter Knochen mit nichts
-daran und zwölf Nachtschmetterlinge, die hinter der losen Rinde eines
-Buchenstumpfes überwinterten, das war alles.
-
-Aber heute wird es mehr geben. Den ganzen Morgen hat es geschneit und
-es wird noch mehr schneien, denn die Luft ist still und weich. Aber
-brach da unten nicht etwas? Natürlich! Ein Hase ist es, den der alte
-Mann aus dem Lager trat. Die dicke Lunte des Fuchses zuckt hin und her,
-daß die weiße Blume blitzt. Der Hase hoppelt gerade auf die Steinplatte
-zu. Langsam schiebt sich der Fuchs voran. Da bröckelt der Schneerand
-der Steinplatte ab, fällt rauschend in das Buchenlaub, der Hase hält
-inne, macht einen Kegel und hoppelt im rechten Winkel fort. Also dieses
-Mal gelang es nicht, wie meistenteils.
-
-Aber nun merkt der alte Fuchs recht, wie sehr es ihn hungert. Ganz
-elend wird ihm inwendig. Es hat keinen Zweck, hier sitzen zu bleiben.
-Sonne auf dem Balge wärmt ja, aber frisches Fleisch im Balge hält
-wärmer. Es ist noch heller Tag, aber hier oben am Berge ist die Luft
-rein, und wenn ein Bummel durch Busch und Stangenort auch nicht viel
-einbringt, etwas kommt immer dabei heraus.
-
-Fort ist er; ein leises Knirren der langen Grashalme, ab und zu das
-Zerstäuben des Schneebehanges zeigt, wo er blieb. Jetzt taucht er in
-der alten Holzriese auf, sichert einen Augenblick zum Abhange hin
-und ist wieder fort. Der Wanderfalke, der auf der höchsten Zacke des
-zopftrocknen Buchenüberhälters hakt, äugt unter sich, denn Reinecke
-macht sich dort zu schaffen. Irgend etwas findet er dort immer, auch
-heute. Viel ist es ja nicht, nur der Rest einer Krähe. Der Hunger
-treibt es hinein.
-
-Weiter geht es auf dem engen, hochverschneiten Passe zwischen den
-Jungbuchen. Ab und zu unterbricht eine Flucht über einen faulen Stamm
-oder eine hinderliche Klippe das langsame Schnüren, hin und wieder
-verhofft er auch ein wenig. Allzu verlockend schwirrt und schnurrt das
-Meisenvolk, nach Frostspannern suchend, über den Schnee hin. Meist
-bringt diese Jagd nichts ein, aber einen Augenblick kann man schon
-daran wenden; vielleicht glückt es. Aber schon schnürt er weiter. Die
-Finkmeise hat ihn spitz; sie schlägt Lärm und schimpfend stiebt der
-ganze Trupp in die Kronen.
-
-Nun aber schnell fort, denn diese Gesellschaft ist lästig. Also
-umgedreht, in die Dickung, den Berg hinauf, und von oben her in das
-Stangenholz hinein. Langsam, hier riecht es nach Maus, ganz frisch
-sogar. Mit schiefem Kopfe steht er vor dem schwarzen Loche in dem
-Schnee. Etwas Graubraunes will heraus. Er faßt zu, es quitscht, eine
-schnelle Bewegung des Kopfes, ein heftiges Wedeln der Lunte, ein lautes
-Schmatzen, und weiter schnürt er. Hier riecht es nach Reh, darum halt!
-Auch ganz frisch, darum entlang in der Doppelfährte! Ricke mit Kitz,
-aber beide gesund. Dann hat es keinen Zweck!
-
-Einen Augenblick überlegt er. Hier irgendwo wurde er einmal sehr
-satt. Richtig, halblinks, um die grauen hohen Felsen herum, an dem
-Fichtenhorst vorbei, unter den losen Steinplatten hindurch in das große
-Trümmerloch hinein! Hier hatte er an einem schönen Spätherbstmorgen
-gelegen und sich den Balg vom Nachttau getrocknet. Da hatte er es
-knallen hören, nicht sehr weit, und nach einem Weilchen brach es über
-der Schlucht, Steine polterten, Schutt rieselte und rasselnd fiel es in
-Laub und Kraut.
-
-Er hatte sich schnell in Sicherheit gebracht, aber abends, als die
-Eule schrie, war er auf Umwegen an die Schlucht herangeschnürt. Da war
-er auf Rehschweiß gestoßen, hatte immer mehr gefunden und hatte die
-Rotfährte gehalten bis an die steile Wand, war das Zickzackband der
-Wand hinabgeschlichen, und als er im Grunde war, da schlug ihm die
-volle Rehwitterung entgegen. Das war ein Fest! Eine Flucht machte der
-Bock noch, aber keine zweite mehr, da hatte er ihn an der Drossel,
-und lange Zeit zum Klagen ließ er ihm nicht. In der Nacht war er satt
-geworden, daß es für zwei Tage hinlangte. Aber alle Tage sind nicht so.
-Heute riecht es hier nur nach Schnee und Moos und Mulm.
-
-Also weiter, die Klippen hinauf, an der Wand entlang in den Hohlweg
-hinein, wieder in die Klippen und wieder heraus. Aber die Höhle könnte
-man mitnehmen; einmal gab es dort einen angeschweißten Hasen, der sich
-da gesteckt hatte, ein anderes Mal einen Jungdachs, der vergeblich
-an den Wänden herumfuhr, als Reineke in dem Ausgang erschien, und
-einige Siebenschläfer wurden dort auch erbeutet, ja, einmal sogar eine
-Eule. Hier ist nichts da, nur Eiszapfen und Schnee. Ein paar dicke
-Motten finden sich schließlich noch; die werden mitgenommen. Aber die
-Fledermaus bleibt hängen, nichts wie Haut und Knochen, und sie riecht
-schlecht.
-
-Mißmutig überlegt er, wohin er sich nun wenden solle. Da fährt er
-zusammen. Über ihm erschallt des Hasen Todesklage. Mit jäher Flucht
-nimmt er den Kopf der Klippe und will auf die folgende, von der er
-in das helle Holz äugen kann, da verhofft er. Hasenklage verspricht
-oft mehr, als sie hält. Es ist schon lange her, aber wer das einmal
-durchgemacht hat, der vergißt es nicht. Das war auch so ein weicher,
-milder Wintertag nach steifem Nordost und er hatte auch zwei Tage
-gehungert oder noch länger. Er war um die Mittagszeit durch das
-Stangenholz geschnürt. Es schneite breit und langsam und kein Lüftchen
-ging.
-
-Da erscholl über ihm der jämmerliche Laut. Er kannte ihn gut. So hatte
-der Has geklagt, den er acht Tage vorher riß. Ein merkwürdiger Has,
-denn er saß mit dem Halse in einer der dünnen, langen Ranken, von denen
-oft Stücke an den guten Wursthäuten sind. Und da dachte Reineke, es
-säße wieder so ein Häslein fest, und war, ohne erst Wind zu nehmen,
-losgetrabt, bis vor den Baum, von woher das Klagen kam. Und da hatte
-sich der Baum so merkwürdig schnell bewegt, Reineke fühlte ein Stechen
-und Schneiden an der linken Seite, sah es blitzen, hörte es krachen und
-kam erst wieder recht zur Besinnung, als er in seinem Feldloche saß und
-sich die brennende Seite leckte. Seit der Zeit holt er sich immer erst
-Wind. Seher und Gehör trügen, die Nase nie.
-
-Eine Weile windet er. Dann schleicht er vorsichtig den Hang entlang,
-bis er unter dem Winde ist. Und da bleibt er. Noch einmal klagt
-der Hase, matter, schwächer, immer gedämpfter klingt es. Der
-Fuchs schleicht langsam näher, immer den Kopf hoch, immer mit den
-Nasenflügeln heftig schnuppernd und die Seher auf jeden Stamm richtend.
-Dort, gerade aus, muß es sein. Aber er gewahrt auf dem Schnee kein
-zuckendes, zappelndes Ding. Ringsumher ist es still und stumm und es
-riecht nur nach Stein und Holz und Moos und Schnee.
-
-Die Sache stimmt nicht. Reineke setzt sich auf die Keulen. Er hat ja
-viel Hunger, aber er hat auch viel Zeit. War es ein Has, so kriegt er
-ihn immer noch, und war es keiner, dann ist es um so besser. Aber jetzt
-läßt sich da etwas vernehmen; es war, wie wenn eine Eichkatze am Stamm
-kratzt. Aber dann ist wieder alles still. Jetzt hat sich da an dem
-Baume etwas bewegt. Reinecke windet wieder. Hier kesselt der Wind. Ganz
-leise und langsam schleicht der Fuchs nach rechts, alle Augenblicke
-verhoffend, dann wieder weiter schleichend, um abermals zu verhoffen.
-Auf einmal fährt er zurück, stößt ein kurzes heiseres Gebell aus,
-wendet jäh um und trollt, so schnell er kann, dem dichten Bestand zu,
-daß der Schnee stäubt.
-
-Es war nicht Has, es war Mensch. Reineke ist sehr vorsichtig geworden.
-Er traut sich aus den Dickungen nicht heraus und erst, wie der Himmel
-alles Rot verloren hat, die Goldhähnchen schon tiefer suchen, die
-Zeisige in den Fichten einfallen, im hellen Holze die Eule heult und
-die Steinbruchsarbeiter laut singend hinter dem tanzenden Lichte den
-Steinweg hinabtrampeln, da bekommt er die alte Sicherheit wieder. Aber
-viel länger, als vorhin, holt er sich in jeder Schlucht und auf jedem
-Kamme erst Wind.
-
-Es ist schon recht dunkel, da schnürt er den Holzfahrweg entlang,
-findet am Frühstücksplatz eine Wursthaut, an einem Stück Papier etwas
-Schmalz, greift am Bach eine Maus, regt sich zwischen Holz und Feld an
-den frischen Hasenspuren auf, prüft alle Rehfährten daraufhin, ob sich
-nicht Schweißwitterung an einer davon findet, scharrt auf dem Felde aus
-dem Mist einen faulen Hühnerkopf, würgt ein stinkendes Darmende hinein,
-das er aus einem anderen Misthaufen kratzt, stattet dem Fischteich
-einen erfolglosen Besuch ab und schleicht in der späten Dämmerung um
-das Gut herum, bis laute Menschenstimmen ihn verjagen.
-
-So trabt er in großem Bogen zum Dorfe, findet am letzten Hause auf dem
-Dungplatz einen Ballen fettiger Schweinehaare vom Schlachtfest, die
-er mit Widerstreben hinunterwürgt, gedenkt traurig der Nacht, als er
-hier die halbwüchsige Katze erwischte, muß eilig abtrollen, weil ein
-kläffender Spitz in den Hof hinausfährt, stellt am Bache fest, daß die
-Enten und Gänse wohl da waren, aber nicht mehr dort sind, findet am
-Luderplatze nur blanke Pferdeknochen, am Kalkofen überhaupt nichts, bei
-der Mühle dasselbe, und macht auf seiner meilenlangen Fahrt durch die
-Feldmarken und die sieben Berge hinter ihnen die Erfahrung, daß der Has
-viel zu hellhörig ist und daß die Hühner verschwunden zu sein scheinen.
-Eine einzige Maus scharrt er mit vieler Mühe noch aus, dann ist die
-Nacht hin und er trollt dem Holze wieder zu, in der stillen Hoffnung,
-in den Schlehenbüschen noch einen Igel im Winterlager zu finden oder
-auf der Luzerne davor einige Mäuse zu greifen.
-
-Der Igel aber liegt unter schützendem Schnee und Mäuse gibt es auch
-nicht. Als er ganz trübselig den Bach entlang schnürt, stößt er auf
-frische Rehwitterung. Gewohnheitsmäßig, aber ohne Hoffnung, schnürt er
-der Fährte zu und steckt die Nase hinein. Sofort ist er wieder munter,
-denn in der Fährte liegt ein Tröpfchen Schweiß. Bei dem Wurfboden einer
-Buche findet er wieder Schweiß in der Fährte, einen breiteren Tropfen,
-und je näher er an den Buchenaufschlag kommt, um so stärker werden die
-Schweißflecken im Schnee, um so frischer sind sie und immer heftiger
-weht Reinekes buschige Rute.
-
-Ganz vorsichtig schleicht er in dem Hauptwechsel entlang, bis er in
-dem Buchenaufschlag ist. Da hat er auch dicht vor sich die volle
-Rehwitterung. Noch vorsichtiger schleicht er näher, da rauscht es auch
-schon über ihm, poltert es, rasselt es, stiebt es, und nun schleicht er
-nicht mehr, er schnürt eiliger, immer hastiger, und je schneller es vor
-ihm bricht und rauscht, um so flüchtiger wird er, immer unter dem Winde
-neben der kranken Fährte, die Nase einen halben Fuß über dem Schnee.
-
-Das laufkranke Kitz flüchtet bergan, Reineke immer hinter ihm drein.
-Es schlägt einen Haken, macht einen Wiedergang, läßt den Fuchs
-hinter sich, aber der hält die Fährte, und als es zitternd und
-keuchend verhofft, weil bei jeder Flucht die Schalen durch die harte
-Schneekruste treten und die Läufe immer mehr schmerzen, da vernimmt es
-des Verfolgers lautes Hecheln schon unter sich. Es flüchtet bergauf,
-über faule Stöcke, zwischen Klippen hindurch, in die verschneiten
-Dickungen hinein, in das Stangenholz, aber Reineke ist immer dicht an
-ihm. Immer kürzer wird das Reh, immer länger der Fuchs. Einmal schon
-faßt er Haar, aber laut aufklagend reißt es sich los, bricht seitwärts
-aus und poltert in der vereisten Holzriese den Hang hinab.
-
-Ihm nach trabt der Fuchs. Seine Seher glühen, lang hängt die Zunge aus
-den schwarzen Lefzen, fest angelegt sind die spitzen Gehöre, die Lunte
-flattert wie eine Fahne über seinem Rücken, Schaum spritzt rechts und
-links in den Schnee. Jetzt ist er bei dem Reh, es wird noch einmal
-hoch, flüchtet durch den verschneiten Aufschlag, aber der Fuchs ist
-jetzt immer Seite an Seite mit ihm und springt bei jeder dritten Flucht
-an ihm herauf. Jetzt faßt er an, zieht nieder, jämmerlich klingt das
-Angstgeschrei durch den Wald, frecher antwortet der Baß eines Altrehes,
-ein Schmalreh schmält, und dann ist es still.
-
-In dem kleinen Erdfalle, neben dem breiten Steinblock unter dem
-sparrigen Holunderbusch schlagen des Kitzes Hinterläufe den Schnee von
-dem Buchenlaube. An der Kehle zerrt und reißt knurrend und keuchend
-der Fuchs, bis es ihm naß und heiß entgegenquillt. Da hält er inne und
-leckt und leckt, faßt noch einmal an, reißt noch einmal, stößt seine
-Nase zwischen die Lauscher, unter das Vorderblatt, in die Dünnungen,
-in den Spiegel des Rehes, zupft erst hinter dem Blatt, reißt heftiger,
-verhofft, windet und schneidet an.
-
-Er ist nicht mehr der saubere Fuchs, dessen eisgrau bereifter Balg wie
-geleckt aussieht. Das Gesicht ist rot besudelt, der weiße Brustlatz ist
-fort. Er zieht und zerrt, reißt die Öffnung weiter und hält plötzlich
-inne. Sein Rückenhaar sträubt sich, heiser faucht, dumpf murrt er,
-und giftig keckernd fährt er einem anderen Fuchse entgegen, der seit
-einer Stunde der Rotfährte gefolgt ist. Wieder wird es laut im Walde,
-so laut, daß die Steinbrucharbeiter, die in dem Hohlweg hintereinander
-herstampfen, erstaunt stehen bleiben und eine Weile dem gellenden
-Kreischen zuhören, das sich den Berg hinaufzieht, bis es auf dem Kamme
-verhallt.
-
-Der Alte vom Berge hat den Schmarotzer abgebissen. Eilig, aber immer
-windend und verhoffend, schnürt er zu seiner Beute zurück und füllt
-sich bis zum Platzen. Erst, als es ganz licht ist und die Forstarbeiter
-mit Axt und Säge laut werden im hohen Holze, als die Zeisige die
-Fichten verlassen, die Krähen über den Berg streichen, Goldfink, Häher
-und Zaunkönig sich melden, schiebt er mit der Nase den Schnee von allen
-Seiten über das Reh, es für die kommende Nacht aufhebend.
-
-Faul und dick schnürt er den Steig entlang, bis zu dem Loche, in dem
-sich die Quelle sammelt. Da schlappt und schlappt er das eisige Wasser,
-bis sein Brand gestillt ist, rollt sich im weichen Schnee und schnürt
-dann den Hang hinauf bis vor seine Burg.
-
-Die Sonne kommt rot und rund an der Flanke des Berges hoch und trifft
-eben noch die weiße Spitze von Reinekes Lunte, die gerade in der Spalte
-verschwindet, die in seinen Bau führt.
-
-Da wird der Tag verschlafen und vielleicht die Nacht dazu, und am Ende
-noch einen Tag, wenn ihn der Durst nicht hinaustreibt.
-
-
-
-
-Die Einwanderer.
-
-
-»Eine dumme Geschichte das«, dachten die Kaninchen, »wirklich, eine zu
-dumme Geschichte!«
-
-Nun waren es drei Tage her, daß sie nicht Wald noch Feld gesehen
-hatten. Seit drei Tagen waren sie in Kisten und Kasten herumgefahren,
-geschüttelt und gerüttelt worden, daß ihnen Hören und Sehen verging.
-Jedes Mal, wenn das Rütteln und Schütteln aufhörte, dachten sie, nun
-käme die Erlösung, aber es kam weiter nichts, als neues Rütteln und
-Schütteln.
-
-Froh und heiter hatten sie in ihren Sandbergen an der Emse gelebt, sich
-an den guten Sachen fett geäst, die auf den Feldern und Wiesen wuchsen,
-fleißig an ihren Bauen gearbeitet, ab und zu mit den Hirtenhunden
-Kriegen gespielt, mit diesen albernen Hunden, die nicht dahinter kamen,
-daß ein Kaninchen schneller ist, als alles auf der Welt, das Haare und
-vier Beine hat und daß es sich unsichtbar machen kann, wenn es will.
-
-Aber eines Tages kamen Männer mit Hunden und jagten die Kaninchen
-allesamt aus Busch und Heide zu Baue. Das wäre weiter nicht schlimm
-gewesen, denn unter der Erde ist es warm und gemütlich. Aber dann kam
-das Schreckliche: ein langes, weißes Tier, was wie ein Iltis roch und
-rote Augen hatte, war in die Baue eingeschlieft und da es eine Klingel
-um den Hals hatte, entsetzten sich die Kaninchen so arg, daß sie Hals
-über Kopf zu Tage fuhren. Das heißt, fahren wollten, denn ehe sie zur
-Besinnung kamen, verstrickten sie sich in einem Netze und kugelten
-damit im Heidkraute umher.
-
-Und dann begann das eigentliche Elend. Sie wurden köpflings in einen
-Sack gesteckt, in dem sie in Todesangst hin- und herschossen, bis sie
-sich so abgestrampelt hatten, daß sie zitternd auf einem Haufen saßen.
-Dann wurden sie in dem Sacke weit weggetragen, dann kamen sie in eine
-dunkle Kiste. Allerlei Futter fanden sie vor, aber sie rührten es nicht
-an und scharrten und knabberten an den Brettern, bis sie müde waren.
-Dann fuhr man sie in der Kiste über holprige Heidewege und lud sie
-irgendwo ab und dann wurden sie wieder aufgeladen und den halben Tag
-gefahren.
-
-Rumpeldipumpel machte der Wagen und die drei Kaninchen fuhren
-übereinander hin. »Prr,« schrie der Jagdaufseher und das Pferd stand.
-Der Kastendeckel öffnete sich, eine derbe Faust faßte hinein, erwischte
-ein Kaninchen nach dem anderen und dann flogen die drei kopfüber,
-kopfunter in das Heidekraut. Einen Augenblick saßen sie da, geblendet
-von der Sonne, betäubt von dem Geruche der Kiefern und der Heide, aber
-nur einen Augenblick, dann schlug jedes einen Haken und verschwand
-in der hohen Heide. Hinter ihnen her erklang das Gelächter des
-Jagdaufsehers.
-
-Da saßen nun die drei unglücklichen Dinger, jedes unter einen Busch
-Heidekraut gedrückt und wußten nicht, was sie machen sollten. Still
-und stumm war es. Irgendwo schrie ein Häher, Wasserjungfern flirrten
-vorüber, die Grillen schwirrten, die Hänflinge und Goldammern sangen
-und es roch nach Heide, Kiefern und Birken. Aber es war eine andere
-Heide, als die Heimatsheide. Dort führten überall die Pässe der
-Kaninchen hin und her, ringsumher lag Kaninchenlosung und die Luft war
-voll von Kaninchenwitterung. Hier war von alledem nichts. Nach Hase und
-Reh roch es, aber nicht nach Kaninchen.
-
-So dachte Hopps, der Rammler. Er war von Natur aus sehr vorsichtig,
-denn er hatte im Gegensatze zu seinesgleichen einen kohlenschwarzen
-Balg mit einer silbernen Blässe mit auf die Welt gebracht und fiel in
-Sand und Heide zu sehr auf. Aber als er eine Viertelstunde unter dem
-Heidebusche gesessen hatte, machte er einen Kegel und sah sich um.
-Alles, was er sah, waren junge Kiefern und Birken, Heide, Sand und
-der silbergraue Stumpf einer Kiefer. Darauf hoppelte Hopps zu, denn
-da schien ihm besseres Kraut zu wachsen. Er putzte sich, äste einige
-Blättchen und dann scharrte er ein Wühlmausloch, das unter den Stumpf
-führte, größer, alle Augenblicke halt machend und witternd. Nach einer
-Stunde hatte er seinen Notbau fertig.
-
-Die Arbeit hatte ihn hungrig gemacht. Heide mochte er nicht, Kiefern-
-und Birkenrinde noch viel weniger. So setzte er sich denn auf die
-Keulen und prüfte ringsum die Luft. Halblinks roch es nach Klee.
-Vorsichtig rückte Hopps nach dieser Richtung hin. Wahrhaftig, der gute
-Geruch wurde immer stärker und da leuchtete auch schon zwischen den
-grauen Kiefern eine saftige Kleewiese auf. »Noch zu hell, viel zu hell
-noch,« denkt Hopps und bleibt am Rande der Dickung sitzen. Hinten in
-der Wiese bewegt sich etwas Weißes hin und her. »Der Storch«, denkt der
-Kaninchenbock. Ein Ruf kommt aus blauer Luft: »Das ist der Bussard.«
-Das sind Tiere, vor denen hat er keine Angst. Aber nun kommt von dem
-Felde ein heller Laut: »Also Hunde gibt es hier auch; dann ist es Zeit,
-sich einen sicheren Bau zu graben.«
-
-Hopps rückt, nachdem er am Grabenrand sich am Grase geäst hat, wieder
-in die Dickung, eilig, aber vorsichtig. »Halt, da riecht es ja nach
-Kaninchen!« Hopps schnuppert einen Augenblick. »Das war Flitzchen.«
-Zweimal klopft er mit dem Hinterlaufe die Erde. Da taucht ein grauer
-Fleck zwischen zwei Heidbüscheln auf. Flitzchen ist es. Steif und
-starr sitzt sie da; ebenso steif, ebenso starr sitzt Hopps ihr
-gegenüber. Keins rührt sich. Dann spielohrt Hopps und rückt näher.
-Flitzchen wendet sich zur Flucht. Hopps macht Halt und klopft wieder.
-Da faßt sie Vertrauen. Der Wind küselt und trägt ihr die Witterung
-von dem schwarzen Ding vor ihr zu. »Ich glaube, es ist Hoppschen,«
-denkt sie. Da ist er auch schon. »Bist Du es?« »Ja, wer sonst?« »Das
-ist schön!« »Und wo ist Witschel?« »Keine Ahnung.« »Wollen wir sie
-suchen?« »Nachher; jetzt müssen wir einen Bau graben; es sind Hunde in
-der Nähe. Ein Rohr habe ich schon fertig.« »Weiß ich!« »Wieso denn?«
-»Habe es gefunden und von der anderen Seite noch ein Rohr unter den
-Kiefernstumpf nieder gebracht!« »Du bist ein mächtig kluges Mädel!
-Aber nun komm', wir wollen jetzt den Kessel buddeln und dann können
-uns die Hunde 'was husten!«
-
-Husch, husch, geht es durch das Heidekraut. Hopps ist ordentlich
-übermütig geworden, seitdem er Gesellschaft hat und macht vor lauter
-Vergnügen allerlei dumme Sprünge, und Flitzchen wird von seiner
-Lustigkeit angesteckt und wagt auch einen frohen Hopser über einen
-bunten Stein. Als die beiden aber nach dem alten Stumpf kommen,
-bleiben sie starr sitzen, denn da rührt sich etwas. »Warte, ich hole
-mir Wind!« meint Hopps und leise schleicht er im Bogen zur Seite,
-bis er Wind bekommt. Aber dann klopft er lustig, denn der Wind sagte
-ihm, daß dort am Stuken Witschel ist. Da ist sie schon, die gute
-Dicke. Hochaufgerichtet steht sie da und läßt die beiden herankommen.
-»Was wollt Ihr denn hier?« »Die Rohre mit einem Kessel verbinden.«
-»Habe ich schon längst gemacht. Aber wißt Ihr was? Seht mal dahin,
-da steht ein dichter Dornbusch. Bis zum Kessel sind es keine sechs
-Kaninchenlängen. Wenn wir nun eine Fahrt vom Kessel bis unter den Busch
-bringen, dann sind wir fein heraus!« »Fein herein auch.« »Also los!«
-
-Ein eifriges Gebuddel beginnt. Hopps fängt unter dem Dornbusche an,
-Flitzchen arbeitet ihm vom Kessel aus entgegen, und Witschel führt von
-dem anderen Rohre eine Verbindungsröhre nach der Dornbuscheinfahrt,
-einmal der besseren Durchlüftung wegen, dann aber auch, weil sie weiß,
-je mehr Fahrten ein Bau hat, um so leichter ist das Entkommen, verirrt
-sich einmal so ein Stinker von Iltis hinein. Es war ein glücklicher
-Gedanke von Witschel, der Einfall mit dem Dornbusche, denn kaum, daß
-die drei in der Dämmerung am Rande der Kleewiese saßen und sich an den
-saftigen Blättern gütlich taten, kam ein Bauer den Weg entlang und
-hinter ihm her bummelte ein Spitz. So wie der die Kaninchen in die Nase
-bekam, sauste er hinterdrein, und wenn er sie auch nicht bekam, so
-hielt er doch die Fährte. Hopps und Flitzchen nahmen den kürzesten Weg
-und fuhren über die Heide zu Baue, Witschel aber schlug vor dem Hund
-Haken auf Haken, bis ihm ganz dumm und albern zu Mute war. Und deshalb
-sah er sich nicht vor und rannte gerade dahin, wo Witschels Blume
-verschwand, mitten in den Schlehbusch hinein, und rannte sich einen
-dürren Dorn unter die Nase, so daß er heulte, daß es weit über die
-Heide klang, und jammervoll winselnd kehrte er zu seinem Herrn zurück.
-
-Die drei Kaninchen unter der Erde lachten. »Was ist denn da los?«
-fragte Hopps. »Ach, ich habe den dämlichen Spitz in die Dornen gelockt
-und die haben ihn gekämmt. Ich glaube, den Köter sind wir für eine
-Weile los.« »Glaube ich auch,« meinte Flitzchen, »denn er hat nicht
-schlecht gepfiffen.« Ein Weilchen warteten sie noch im sicheren Bau,
-dann aber schlüpfte Hopps bis in die Dornen, sicherte lange und klopfte
-die anderen heraus. Sie ästen sich lange in der Kleewiese und machten
-durch ihr Hin- und Herhuschen die zwei Hasen, die seit Jahr und Tag
-dort ihre Besuchsstelle hatten, so nervös, daß diese ärgerlich nach
-dem anderen Ende der Wiese rückten, und auch der Rehbock, der am Kopfe
-der Wiese immer austrat, wurde zu seinem Mißvergnügen die fremden
-Gäste gewahr, schimpfte mörderlich, daß es weithin klang und zog
-voller Verdruß den Hasen nach. Als es schon ganz dunkel war, bekamen
-die Kaninchen einen großen Schreck, denn es brach und knickte in dem
-Stangenort über dem Sandwege und etwas gewaltig Großes zog über die
-Heide nach den Feldern. Was es war, wußten sie nicht, denn dort, wo sie
-hergekommen waren, gab es keine Hirsche. Aber da seine Fährte nicht
-nach Mensch, nicht nach Hund und nicht nach Fuchs roch, so rückten sie
-bald wieder aus der Dickung heraus.
-
-In acht Tagen hatten sie sich eingelebt. Außer ihrem Hauptbaue hatten
-sie sich noch hier und da ein halbes Dutzend Notrohre gescharrt und
-zu dem großen Bau noch vier lange Fahrten mit mehreren Abzweigungen
-getrieben, deren Mündungen unter Baumstümpfen und in den dichtesten
-Kiefernkusseln endeten. »Jetzt kann kommen, wer da will«, meinte die
-gute Witschel, und bei sich dachte sie: »Es ist auch gut, daß wir
-uns eingerichtet haben, denn zum Scharren habe ich keine Zeit mehr.«
-Von Tag zu Tag hielt sie sich mehr allein und sah immer magerer und
-ruppiger aus, und wenn Hopps ihr folgen wollte, ohrfeigte sie ihn,
-daß es nur so brummte. Und bald ging es ihm bei Flitzchen nicht
-anders; auch diese hielt sich allein und Hopps saß allein in seinem
-großmächtigen Bau und dachte über die Launenhaftigkeit der Weiber nach
-und sehnte sich nach der Emsheide, wo es nicht bloß ein Flitzchen
-und eine Witschel, sondern viele viele hübsche Kaninchenfräulein
-und -frauen gab, alte und junge, dicke und schlanke, so daß ein
-Kaninchenherr, und besonders ein so schöner, schwarz mit einer
-silbernen Blässe, sich nicht Tag und Nacht zu langweilen braucht.
-
-Eines Tages aber machte er ein ganz dummes Gesicht und dachte: »Nanu,
-träume ich oder ist mir der junge Klee in den Kopf gestiegen?« denn an
-der Quelle bei dem Dornbusche wimmelte es von kleinen Kaninchen; sieben
-waren es, sechs graue und ein schwarzes. »Die wollen wir uns doch
-einmal näher besehen«, dachte er, aber da fuhr Witschel, die er gar
-nicht gesehen hatte, hinter einem Farrnbusche hervor und benahm sich so
-unfreundlich, daß er ihr aus dem Wege ging. Drei Tage später traf er
-auf dem grasigen Gestelle vor dem Stangenorte wieder junge Kaninchen
-an, zwar nur fünfe, aber zwei schwarze darunter, und als er sich die
-Kinder ansehen wollte, bereitete ihm Flitzchen ebenfalls einen üblen
-Empfang. Aber schon nach acht Tagen liefen die Kleinen alleine und die
-beiden Mütter waren wieder nett zu Hopps.
-
-Drei Monate gingen in das Land, da sah die Kiefernbesamung anders
-aus, als an jenem Apriltage, an dem der Jagdaufseher die Kaninchen
-ausgesetzt hatte. Überall war gescharrt, an den Wegen, an der
-Feldkante, in den Gräben und überall war Kaninchenlosung. Der
-Jagdpächter freute sich, wenn er in der Dämmerung von dem Hochsitze
-in der Eiche den Graben in das Glas nahm und überall die Kaninchen
-hin- und herflitzten, doch es wunderte ihn, daß der starke Bock, der
-sonst immer hier austrat, sich nicht mehr spürte. Aber dem war es in
-der Besamung und in dem Stangenorte zu unruhig geworden; Tag und Nacht
-ruschelte und raschelte und pochte und kratzte es, und überall roch
-es nach den fremden Tieren, und kein Fleck war, wo nicht deren Losung
-lag. Deshalb war er in die Nachbarjagd ausgewandert. Auch die beiden
-Hasen, die sich sonst jeden Abend vorn in der Kleewiese ästen, waren
-verschwunden. Erst hatten sie tiefer in der Wiese geäst, als aber die
-Kaninchen auch dort das Gras mit ihren Pässen durchzogen, rückten die
-Hasen auch über die Jagdgrenze.
-
-Reineke Rotvoß, der Schleicher, hatte es bald spitz, daß es in der
-Besamung ein neues Wild gab. Er gab sich zwei Monate lang die größte
-Mühe, eins von den unbekannten Tieren zu erwischen, aber es gelang ihm
-immer vorbei. Und wenn er es noch so schlau anstellte, sie entwischten
-ihm jedes Mal und dann stand er vor dem Bau, schnupperte in die Fahrt
-hinein, zog Geschmacksfäden, wie ein Hund beim Hochzeitsessen, scharrte
-sich lahm und müde und zog schließlich hungrig und ärgerlich ab.
-Beinahe hätte er Flitzchen einmal geschnappt, aber da klopfte Hopps
-laut auf den Boden und Flitzchen schlug drei Haken und fuhr durch den
-Dornbusch zu Bau, der Fuchs schrammte sich heftig an den Dornen und
-machte, daß er weiter kam. Auch Griepto Hoihnerdeiw, der Habicht, hatte
-kein Glück bei den Kaninchen, und wenn er noch so listig an der Kante
-der Besamung entlang strich. Jedes Mal, wenn er sich sagte: »So, nun
-mache dein Testament!« dann witschten die grauen oder schwarzen Dinger
-in den Busch oder in ein Loch. Einzig und allein Dickkopp, der Kauz,
-hatte Weidmannsheil und griff, als er lautlos aus der Eiche abstrich,
-ein Jungkaninchen. Die anderen aber retteten ihre Bälge und wuchsen
-und gediehen und als ein neuer Frühling in die Heide zog, da machte es
-nichts mehr aus, riß der Fuchs auch einmal ein Stück oder griffen sich
-Kauz und Habicht eins, denn es waren ihrer schon viel zu viele und alle
-vier Wochen wurden es mehr.
-
-Schon bald fingen die Bauern an, lange Gesichter und runde Augen zu
-machen, wenn sie die Gänge im Getreide sahen und einer klagte dem
-anderen seine Not über das neue Unzeug. Als es von Monat zu Monat
-schlimmer wurde, rückten sie dem Jagdaufseher auf den Leib, aber der
-tat, als wüßte er nichts und ebenso machte es der Jagdpächter, denn
-er sagte, ihm seien die Kaninchen selbst lästig, weil sie die Hasen
-und die Rehe vertrieben. So war es auch; seitdem Hopps, Witschel und
-Flitzchen und ihre Nachkommenschaft und die Nachkommenschaft davon und
-deren Nachkommen und so weiter in den Heidbergen waren, hatten sich
-die Hasen nach und nach verzogen und die Rehe waren in die Nachbarjagd
-hinübergewechselt, die aus Bruch und Moorwald bestand und in der die
-Kaninchen nicht leben konnten.
-
-Als es ganz schlimm wurde, veranstaltete der Jagdpächter Treibjagden
-allein auf Kaninchen und wenn auch den ganzen Tag über geknallt wurde,
-auf zehn Schuß kam meist noch nicht ein Viertel Kaninchen, denn, wie
-der Jagdpächter sagte: »Vorn ist das Deuwelszeug zu schnell und hinten
-zu kurz.« Der Jagdaufseher kaufte Frettchen und Garne und ging ihnen
-damit zu Balge, aber in der dichten Besamung und bei den verzweigten
-Bauen, die alle keinen Anfang und kein Ende hatten, lohnte das auch
-nicht. Er stellte Tellereisen in die Röhren und an die Kratzstellen,
-aber die Kaninchen hatten den Schwindel bald heraus und fielen nicht
-mehr darauf hinein, und als der Jagdaufseher Schwefelkohlenstoffbomben
-in die Baue warf, hatte er erst recht keinen Erfolg, weil die Baue
-zu viel Ausfahrten hatten. Und daß er sich hinsetzte und sie auf dem
-Anstand abschoß, das brachte ihm nicht Schußgeld genug.
-
-So lebten denn Hopps, Witschel und Flitzchen lustig weiter und von
-Jahr zu Jahr nimmt ihre Sippe zu. Längst haben sie die Gemeindegrenze
-überschritten, rund herum finden sich neue Siedlungen und alles, was
-Land oder Garten hat, flucht ihnen.
-
-Es schadet ihnen aber nicht im mindesten. »Der Mensch ist stark und
-schlau,« sagt Hopps, der alte, »aber gegen uns kann er nicht ankommen.
-Witschel hat voriges Jahr achtmal geworfen, meist sechs Stück, einmal
-weniger, das andere Mal mehr, im Durchschnitt aber sechs. Sechs mal
-acht sind achtundvierzig.«
-
-»Und ich habe im letzten Jahre vierunddreißig gehabt«, meint Flitzchen.
-
-»Na also«, spricht Hopps.
-
-
-
-
-Ein Hauptschwein.
-
-
-Im Helmetale war der Teufel los. Die Frühkartoffeln waren ausgewühlt,
-die Erbsenfelder zertrampelt, die Saatkämpe umgebrochen, die
-Haferfelder mit Wechseln durchzogen.
-
-Von irgendwoher war ein Hauptschwein zugewechselt; überall spürte es
-sich. Im Helmetal gab es keine Sauen; also war es kein Wunder, daß die
-Aufregung groß war. Alles, was auf die Jagd ging, saß auf den Keiler
-an, aber alle Mühe war vergebens.
-
-So dumm war der Basse nicht, daß er immer in derselben Ecke blieb.
-Er kannte die Welt; er hatte seine Erfahrungen hinter sich, sogar
-mehr, als ihm lieb war. Ein Dutzend Jahre war er alt, hatte manche
-Kugel pfeifen, Schrote genug klappern hören und auch sonst allerlei
-durchgemacht.
-
-Keine drei Wochen war er alt gewesen, da hatte ihn die Fuchshetze beim
-Wickel gehabt, und hätte er nicht so hellaut geklagt und wäre die Bache
-nicht ganz in der Nähe gewesen, so war es damals aus mit ihm; aber
-seine Mutter rannte die Füchsin über den Haufen und richtete sie so
-zu, daß sie mit knapper Not ihr Leben barg.
-
-An dem Tage, da er seinen letzten Milchzahn verlor und zum ersten Male
-nach Würmern und Wurzeln brach und vor Eifer zu weit hinter seiner
-Mutter zurückblieb, hatten ihn zwei Hunde halbtot gehetzt, und er wäre
-verloren gewesen, wenn die Bache nicht noch im letzten Augenblicke
-herbeipolterte und die Köter beiseite brachte.
-
-In seinem ersten Winter war er dreimal eingekreist gewesen, hatte mehr
-als eine Kugel pfeifen hören, und das eine Mal hatten ihm die Paläster
-ganz gehörig die linke Keule gekämmt.
-
-Hinterher hatte er noch mehr erlebt. Daß er den rechten Hinterlauf
-schonte, kam daher, weil ihn dort eine Kugel gefaßt hatte; viel hätte
-nicht gefehlt, so wäre es damals mit ihm zu Ende gewesen, denn drei
-Hunde hatten ihn gestellt. Er stritt sie aber tapfer ab, schlug den
-einen zuschanden und rettete seine Schwarte.
-
-Die sah bunt genug aus; das rechte Schild war mit Röllern gespickt,
-die ein Bauer ihm da hineingepfeffert hatte, als er ihm die Erdäpfel
-umpflügte. Die linke war halb kahl, denn die hatte ihm ein Streifschuß
-zerfetzt. Die langen Federn auf dem Rücken zeigten eine breite Lücke,
-denn dort hatte ihn eine Kugel gefaßt; das hatte scheußlich weh getan,
-und er war erst wieder zur Besinnung gekommen, als ein Hund ihn hinten
-und einer vorne zerrte; beide blieben mit aufgeschlagenen Rippen am
-Platze.
-
-Auch sein wehrhaft Gewaff hatte Schaden genommen; ein Schuß in das
-Gebräch hatte den rechten Haderer der Schneide beraubt und einen Stumpf
-daraus gemacht. Und der Pürzel, sogar der hatte daran glauben müssen;
-er hatte einen Knick in der Mitte von einem Postenschusse.
-
-Der eine Seher war blind; ein Hagelkorn hatte ihn durchschlagen, und
-beide Gehöre waren aufgeschlitzt von Hundezähnen. Außerdem wies die
-Schwarte überall Schmisse auf, die er sich bei den Kämpfen in der
-Rauschzeit geholt hatte. Kurzum: er hatte allerlei erlebt, kannte die
-Welt und benahm sich dementsprechend.
-
-Darum ließ er es erst Nacht werden, ehe er die Dickung verließ, und er
-trat da aus, wo er den Wind gegen sich hatte, und auch dann erst, als
-er eine Viertelstunde gesichert hatte. Dann aber legte er sich auch
-keinen Zwang auf und vergnügte sich damit, die morschen Fichtenstümpfe
-auf dem verwachsenen Kahlschlage kurz und klein zu brechen, denn sie
-saßen voll von Käfern, Puppen, Larven und Schnecken.
-
-Darauf jagte er eine Fasanenhenne von ihrem Gelege, fraß die
-Eier sämtlich auf, ließ eine Menge Mäusebrut und einen Junghasen
-hinterdreinwandern, vergaß auch nicht, das Haferstück um und um
-zu pflügen, denn es saß voll von Engerlingen, nahm mit, was er an
-Fröschen, Blindschleichen und Vogelbrut antraf, scheuerte sich lange
-und ausgiebig an einer harzigen Fichte, machte aus einem Kartoffelfelde
-einen Sturzacker, verhunzte einen Saatkamp gänzlich und schlief um
-die Zeit, als der Bauer und der Förster an der Stätte seiner Untaten
-standen und den Zorn Gottes auf ihn herabwünschten, eine halbe Meile
-weiter in einem verwachsenen Erdfalle, der im tiefsten Forste lag.
-
-Selbstverständlich wurde die Fichtendickung, in die er sich den Tag
-vorher versteckt hatte, getrieben, weil seine Fährte hinein- und
-herausstand, aber natürlich bekam man ihn nicht, weil er eben nicht
-mehr da war.
-
-So trieb er es den ganzen Sommer über; bald war er hier, bald war er
-dort, aber nie da, wo man ihn suchte. Heulen und Wehklagen gab es,
-wo er erschien; hier waren die Frühkartoffeln ausgewühlt, dort die
-Mohrrüben vernichtet, da die jungen Erbsen zuschanden getrampelt, und
-im Getreide waren Gänge über Gänge. Aber man sah immer nur, daß er da
-gewesen war; wo er war, das wußte man nicht.
-
-Einige Leute behaupteten, es wäre gar kein wildes Schwein, sondern eine
-Art von bösem Geist oder Gespenst, denn anders müßte man seiner doch
-einmal ansichtig werden, denn alle Jäger weit und breit dachten an
-nichts anderes, als an den Keiler und saßen die ganzen Nächte auf ihn
-an.
-
-Zu Blick bekommen hatte ihn aber nur einer, und der behielt das für
-sich, denn als er in seinem Loche vor dem Felde saß, hatte der Basse,
-wie aus der Erde gewachsen, plötzlich dicht vor ihm gestanden und so
-schrecklich ausgesehen, daß dem Manne das Herz bis in den Flintenlauf
-hineinschlug und er den Keiler gründlich vorbeischoß und dann lief,
-was er nur laufen konnte, und dachte gar nicht daran, daß er Rucksack
-und Jagdglas liegen gelassen hatte. Als er am andern Morgen die Sachen
-holen wollte, waren sie verschwunden.
-
-Endlich hieß es: »Wir haben ihn fest!« Ein Mann, der vor Tau und
-Tag zum Arzte wollte, hatte gesehen, daß der Keiler eine mächtige
-Weidenpflanzung, die im Felde lag, annahm. Nun wurde alles
-zusammengeholt, was den Finger krumm machen konnte; man umstellte die
-Weiden und schickte die Hunde hinein. Sie gaben Standlaut, aber als
-sich endlich drei Mann zu ihnen trauten, hatten sie einen Zaunigel vor.
-
-Das gab nun ein großes Hallo, und als sie alle auf einem Haufen
-standen und lachten und schimpften, da plauschte es in den Weiden,
-schnaufte es, brach es, und weg war er, der Keiler, und in den großen
-Weizenschlag gewechselt. Als man den aber abspürte, stellte es sich
-heraus, daß er in den Roggen hinein war, und da spürte man das
-Roggenfeld ab und fand, daß er schon in den Viehbohnen war, und da war
-er auch schon wieder heraus und in das Holz hinein.
-
-Man hielt Kriegsrat ab, beschloß, das Holz zu treiben, machte drei
-Triebe, aber wer sich nicht blicken ließ, das war der Basse, denn der
-steckte schon längst in dem großen Haferschlage.
-
-Der Sommer ging, der Herbst kam; der Keiler war noch immer im Helmetal,
-aber das Helmetal war lang und breit. Da es mit Gewalt nicht ging,
-versuchte man es mit List, körnte ihn an, streute ihm Mais, Hafer,
-Rüben, Wurzeln. Er nahm sie manchmal auch an, aber nur dann nicht, wenn
-irgendwo ein Jäger auf ihn ansaß, oder wenn schon, dann erst, wenn
-Himmel und Erde eins waren und man das Ende vom Gewehre nicht mehr
-sehen konnte.
-
-Kinder, die Beeren pflückten, und Frauen, die Dürrholz lasen, lief er
-am hellichten Tage an, nur keinen Mann, der einen grünen Rock anhatte,
-bis auf den alten Forstmeister, der ihn am blanken Mittage aus der
-Suhle steigen sah und sich beinahe seinen ehrwürdigen Bart ausriß, denn
-als er die Büchsflinte von der Schulter und den Hahn übergezogen hatte,
-da hatte ihn die Sau auch schon spitz und ging flüchtig ab, und die
-Kugel traf sie ebensowenig, wie die unchristliche Redensart, die der
-Weißbart ihr nachrief.
-
-Schließlich kam er einem ganz jungen Förster, aber der führte Weichblei
-und der Eingänger stand halbspitz von vorne; er bekam die Kugel zwar
-gut Blatt, aber bei so einem alten Panzerschweine, dessen Schild
-hart und dick wie die Haut des Nilpferdes ist und eine fingerdicke
-Harzkruste trägt, ist gut Blatt von vorne der schlechteste Schuß und
-schlecht Blatt von hinten die einzig wahre Stelle, und so schnaufte die
-Sau bloß, machte kurz Kehrt und der Förster stand da und benahm sich
-wenig geziemend.
-
-Am übelsten aber ging es einem Gutsverwalter. Dem hatte der Eingänger
-ein Kartoffelstück, das in einer Waldecke lag, so zugerichtet, daß der
-Spaß dabei aufhörte. Nun war dieser Gutsverwalter ein ganz gerissener
-Mann. Er ließ den Knecht anspannen und eine Leiter aufladen. Dann mußte
-der Knecht unter eine Eiche fahren, die vor den Kartoffeln stand, und
-vom Wagen aus, damit keine Fährten den Bassen vergrämten, wurde die
-Leiter in den Baum gestellt und darüber ein Hochsitz gemacht, und den
-nahm der Verwalter ein und der Knecht fuhr weiter.
-
-Das war um fünf Uhr nachmittags. Um zehn Uhr abends meinte der
-Verwalter, daß es allmählich Zeit für den Keiler wäre. Der wartete
-aber, bis der Mond hinter den Wolken war und dann machte er sich in
-aller Seelenruhe über die Kartoffeln her, schmatzte, daß es eine Freude
-war, zu hören, wie es ihm schmeckte, aber als der Mond wieder die
-Wolken beiseite schob, hielt der Keiler es doch für besser, sich zu
-empfehlen. Zuvor aber schubbelte er sich noch solange an der Eiche,
-auf der der Verwalter saß und sich bald den Hals abdrehte, bis daß er
-glücklich die Leiter umwarf und erschrocken abtrollte.
-
-Der Verwalter aber mußte die ganze Nacht im Baume sitzen und war,
-als morgens der Knecht kam, um zu sehen, ob er noch lebte, vor
-Kälte so steif, wie eine überjährige Mettwurst, so daß er kaum die
-Leiter hinuntersteigen konnte. Der Keiler aber kam nicht wieder; die
-Geschichte mit der Leiter hatte er übelgenommen.
-
-Der Herbst ging und der Winter kam; der Keiler war noch immer da, aber
-er schätzte die Abwechslung zu sehr und so kam er nicht zu Schusse.
-War er gestern im Buchenaltholze gewesen und hatte sich an den süßen
-Bucheckern gütlich getan, heute war er ganz gewiß nicht da, sondern
-eine halbe Meile weiter, wenn nicht eine ganze, denn die Nächte waren
-lang.
-
-Unverschämt, wie er war, kam es ihm gar nicht darauf an, eingemietete
-Kartoffeln oder Rüben auszuwühlen oder in den Pflanzgärten Unfug
-anzustiften, und einmal, als er spät abends quer über die Landstraße
-schoß, warf er den Briefträger um, der ohne Licht dahergeradelt kam; an
-dem Rade waren drei Speichen und an dem Briefträger drei Rippen aus
-der Reihe gekommen.
-
-Das Schlimmste war, keiner wollte glauben, daß der böse Keiler das
-gemacht hätte, sondern alle sagten, es würde wohl das gute Bier gewesen
-sein. Aber es war wirklich der Keiler gewesen und ihm hatte der Vorfall
-ebensowenig gepaßt, wie dem Briefträger und der Postbehörde, die, bis
-der Briefträger wieder aus dem Bette war, was drei Wochen dauerte,
-Vertretung stellen mußte.
-
-Schließlich hieß es: »Wenn wir nur erst Spürschnee haben!« Der ließ
-aber bis Weihnachten auf sich warten, und dann war es wieder verkehrt,
-denn nun schneite es in einem Ende und schneite die Fährten, die der
-Keiler machte, alle wieder zu, und dann gab es Tauwetter und Plattfrost
-und Regen und wieder Plattfrost, und es war nichts zu wollen.
-
-So wurde es Ende Januar, bis daß der Basse bestätigt wurde. Boten
-liefen und ritten, Fernsprecher klingelten, Butterbröte wurden
-gestrichen, Schnapsflaschen gefüllt, und um zehn Uhr hielten acht Wagen
-bei der Oberförsterei.
-
-Der Forstmeister hielt in Anbetracht der Schwere des Falles eine
-Rede, teilte mit, daß ein Fehlschuß mit einem Taler zu Gunsten
-der Hinterbliebenen im Dienste erschossener Forstleute bestraft
-werde, empfahl Vorsicht, denn angeschweißte Sauen wären von großer
-Rücksichtslosigkeit und kümmerten sich den Teufel weder um das
-Strafgesetzbuch noch um die Haftpflicht, wären außerdem nervös und
-hätten am liebsten ihre Ruhe, weswegen man sich völlig lautlos,
-womöglich noch leiser, zu seinem Stande zu verfügen habe, auch sei
-Niesen und Husten bis zum Abblasen zu verschieben.
-
-Es war ein bildschöner Tag. Der Himmel war hoch und die Luft war still,
-die Fichten hatten Schneemützen auf und die Jungbuchen weiße Hemden
-an, die Krähen stachen sich in der Luft und die Meisen piepten in
-den Zweigen. Es dauerte eine Stunde, bis daß die Schützen angestellt
-waren, und mancher von ihnen fand, daß eine Saujagd auf die Dauer ein
-fußkaltes Vergnügen wäre. Aber dann wurde angeblasen und warm lief es
-ihnen zwischen Hemd und Haut über den Rücken.
-
-Erst kam eine halbe Stunde gar nichts; dann dem einen ein Fuchs und
-dem anderen ein Hase, aber darauf zu schießen, war bei Todesstrafe, ja
-sogar bei zehn Mark Geldbuße verboten, und dann kam eine ganze Weile
-wieder nichts, und dann ein Treiber und noch einer.
-
-Schon seufzten die gesitteten Jäger, und die ungesitteten murrten
-dumpf, da gab ein Hund Laut, und noch einer, und der dritte, und es
-war ein Lärm, wie auf einer internationalen Hundeausstellung, und dann
-pfiff ein Hund in den höchsten Tönen; die andern aber gaben Standlaut.
-
-Und dann fiel ein Schuß, und dann schrie jemand: »Hülfe, Hüülfee!«
-und die einen sahen sich nach anständigen Bäumen um und fanden es
-rücksichtslos, daß ringsumher nur junge Bestände waren, die höchstens
-eine Eichkatze, aber keinen ausgewachsenen Mann tragen konnten, andere
-aber rannten, so schnell sie ihre langen Stiefeln tragen wollten,
-dahin, wo der Lärm war, und da sahen sie ein Bild, schrecklich schön
-und doch zum Lachen.
-
-Da war nämlich ein Heringssalat von einem Keiler, sechs Hunden und vier
-menschlichen Gliedmaßen, von denen zwei in langen Stiefeln steckten und
-ganz erbärmlich zuckten, während ihr Besitzer andauernd um Hilfe schrie
-und mit dem Büchsenkolben bald den Keiler, bald die Hunde abwehrte.
-
-Es war ein solches Gekrabbel und Durcheinander, daß keiner wußte, was
-ist nun Schütze, was Sau, was Hund, und so mochte niemand dem Keiler
-den Fangschuß geben, noch ihm mit der kalten Waffe auf die Schwarte
-rücken.
-
-Da sprang der jüngste Schütz, ein dünner Forstlehrling mit einem
-Milchgesicht und noch ganz glatt unter der Nase, mit drei Sprüngen
-hinzu, setzte sich rittlings auf den Keiler, faßte ihn am Gehöre, zog
-vom Leder und ehe die ausgewachsenen Männer noch recht wußten, wie es
-zugegangen war, stand er neben dem Keiler, steckte die rottriefende
-Wehr in die Scheide, trat die Hunde ab und riß den verunglückten
-Schützen unter der Sau fort.
-
-Nun schrie alles »Bravo!« und dann sah man sich den Mann an, der fünf
-Minuten lang unter der Sau gelegen hatte. Er sah böse aus, denn die
-Hunde hatten ihm in ihrer Wut die Hosen in ganz erheblichem Maßstabe
-geflickt und ihm andauernd im Gesicht herumgestanden. Das war aber auch
-alles; die Knochen hatte er noch alle zusammen und einen Fleischschmiß
-auch nicht abbekommen.
-
-Man gab ihm einen Schnaps und nun sollte er erzählen. Ja, was war da
-zu erzählen? Er hatte gehört, wie dicht vor ihm die Hunde den Keiler
-verbellten, hatte sich herangebirscht und geschossen. Von da ab
-erinnerte er sich der Reihenfolge der Tatsachen nicht mehr ganz genau.
-Er wußte nur, daß er auf einmal unter dem Keiler und zwischen einer
-unglaublichen Masse von Hundebeinen lag, daß ihm bald der Schnee, bald
-der Geifer der Sau in Mund und Augen flog und dann wäre es ihm heiß und
-naß über das Gesicht gelaufen und dann hätte er gar nichts mehr sehen
-können.
-
-Er möchte bloß wissen, wo seine goldene Uhr und seine silberne
-Zigarrettendose sei und ob drei Büchsenmacher wohl wieder seine
-funkelnagelneue Doppelbüchse, Wert vierhundert Mark, halbwegs gesund
-bekämen. Aber schließlich: die Hauptsache sei doch, daß er Jagdkönig
-sei. Es sei die erste Sau, die er geschossen habe. Daraufhin trank er
-noch einen Schnaps.
-
-Der Keiler wurde auf die Brandrute gezogen und dann suchte man den
-Anschuß. Es war keiner da. Rundumher Hohngelächter der Hölle; das
-Gesicht des glücklichen Schützen wurde noch einmal so lang, das des
-Forstlehrlings nahm eine vollmondartige Form an. Man drehte die Sau
-um und um, besah sie von vorn und hinten, es war und war kein Anschuß
-zu finden. Der Schütze mußte zeigen, wo er gestanden und wohin er
-geschossen hatte, und da fand man den Anschuß; eine Jungfichte war
-mitten durchgeschossen. Neues Hohngelächter! Drei Mark für den Verein
-Waldheil fällig wegen Fehlschusses! Drittes Hohngelächter!
-
-»Malhör über Malhör!« sprach der Forstmeister, brach einen Bruch,
-zog ihn durch den roten Schweiß und reichte ihn auf seinem Hute dem
-Forstlehrling. »Sau tot!« blies das Horn. Heim ging es. Fast alle
-ließen die Köpfe etwas hängen. Und leise sprach der Forstmeister:
-»Pech ist Pech! Das größte Pech hat der Bengel da; fängt ein gesundes
-Hauptschwein mit der kalten Waffe ab. Wenn der nicht Größenwahn kriegt,
-weiß ich es nicht!«
-
-Am anderen Tage kam der Trichinenbeschauer, machte seine Proben und
-sprach mit strahlendem Gesichte: »Trichinen hat er ooch!«
-
-»Auch das noch!« sprach der Forstmeister und trank einen Schnaps.
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-Unterschiedliche Schreibweisen von Namen wurden beibehalten.
-
-Korrekturen:
-
-Titelseite: leivt → lebt
- Es {lebt} der dürre Sand
-
-S. 65: sind → sich
- kümmern {sich} nicht mehr um sie
-
-S. 129: hömschen → höhnischen
- trockenen, gemeinen, {höhnischen} Jubelruf
-
-S. 134: bastige → hastige
- tief unter ihm fallen {hastige} Axtschläge
-
-S. 163: Malöhr → Malhör
- {Malhör} über Malhör!
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN***
-
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