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-The Project Gutenberg eBook, Mümmelmann, by Hermann Löns
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-
-Title: Mümmelmann
- Ein Tierbuch
-
-
-Author: Hermann Löns
-
-
-
-Release Date: November 6, 2016 [eBook #53457]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN***
-
-
-E-text prepared by Sandra Eder and the Online Distributed Proofreading
-Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by
-Internet Archive (https://archive.org)
-
-
-
-Note: Images of the original pages are available through
- Internet Archive. See
- https://archive.org/details/Mummelmann_Ein_Tierbuch_
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+, in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
-HERMANN LÖNS
-
-MÜMMELMANN
-
-
- * * * * * *
-
-In unserem Verlage sind von
-
-Hermann Löns
-
-ferner erschienen:
-
-
-Aus Wald und Heide
-
-21 Erzählungen für die Jugend, 16.--20. Tausend, Illustr. Kart. M. 1.--.
-
-
-Mein braunes Buch
-
-21 Erzählungen aus der Heide. 17.--21. Tausend, brosch. M. 3.--, geb.
-M. 4.--, Luxusband M. 6.50.
-
-
-Mein blaues Buch
-
-Balladen und Romanzen, 4. Tausend, brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--,
-Luxusband M. 6.50.
-
-
-Der letzte Hansbur
-
-Bauernroman aus der Lüneburger Heide. 9.--10. Tausend, brosch. M. 3.50,
-geb. M. 4.--, Luxusband M. 7.--.
-
-
-Dahinten in der Heide
-
-Niedersächsischer Roman, 13.--15. Tausend, brosch. M. 3.--, geb.
-M. 4.--, Luxusband M. 6.50.
-
-
-Kraut und Lot
-
-Ein Buch für Jäger und Heger, 8.--10. Tausend, geb. M. 4.20, Luxusband
-M. 7.--.
-
-
-Der zweckmäßige Meyer
-
-Ein schnurriges Buch. 20 Humoresken aus dem Naturleben. 8. Tausend,
-geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.--.
-
-
-Auf der Wildbahn
-
-Jagdnovellen, 8. Tausend, geb. M. 4.--, Luxusband M. 6.50.
-
-
-Haidbilder
-
-Neue Folge von »Mein braunes Buch«, 6. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband
-M. 6.--.
-
-
-Mein buntes Buch
-
-Naturschilderungen, 7. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.--.
-
-
-Goldhals
-
-Ein Tierbuch für die Jugend, 4.--8. Tausend, geb. M. 1.80.
-
-
-Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H., Hannover.
-
- * * * * * *
-
-
-HERMANN LÖNS
-
-MÜMMELMANN
-
-Ein Tierbuch
-
-21.--25. Tausend
-
- Höret:
-
- Es gibt nichts Totes auf der Welt,
- Hat alles sein' Verstand,
- Es lebt das öde Felsenriff,
- Es lebt der dürre Sand.
-
- Laß deine Augen offen sein,
- Geschlossen deinen Mund
- Und wandle still, so werden dir
- Geheime Dinge kund.
-
- Dann weißt du, was der Rabe ruft
- Und was die Eule singt,
- Aus jedes Wesens Stimme dir
- Ein lieber Gruß erklingt.
-
-
-
-
-
-
-
-Hannover 1915
-Adolf Sponholtz Verlag
-G. m. b. H.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- 1. Mümmelmann 5
-
- 2. Murkerichs Minnefahrt 13
-
- 3. Krähengespräch 21
-
- 4. Sein letztes Lied 27
-
- 5. Goldhals 34
-
- 6. Der letzte seines Stammes 41
-
- 7. Achtzacks Ende 49
-
- 8. Böbchen 57
-
- 9. Der Zaunigel 64
-
- 10. Jakob 72
-
- 11. Hausfriedensbruch 79
-
- 12. Mein Dachs und meine Dackel 86
-
- 13. Die Zeit der schweren Not 93
-
- 14. Des Rätsels Lösung 99
-
- 15. Das Eichhörnchen 105
-
- 15. Hasendämmerung 116
-
- 17. Der Mörder 123
-
- 18. Der Alte vom Berge 134
-
- 19. Die Einwanderer 144
-
- 20. Ein Hauptschwein 154
-
-»Der Zaunigel« und »Das Eichhörnchen« sind mit Erlaubnis des Verlages
-beim Prachtwerke »Lebensbilder aus der Tierwelt«, herausgegeben von H.
-Meerwarth, Verlag von R. Voigtländer, Leipzig, entnommen.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Mümmelmann.
-
-
-Sie zogen aus, bis an die Zähne bewaffnet, an die dreitausend, an
-die dreihundert, an die dreißig, schrecklich anzusehen in ihrem
-Kriegsschmucke.
-
-Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen Hüten. Um ihre
-Unterleiber schlotterten oder strammten sich rauhe Jacken, deren
-Taschen reichlich mit Nikotinspargeln gespickt waren. An der Seite
-hing ein Ränzlein, strotzend von braunen, grünen, roten oder gelben
-Hülsen, enthaltend das scharfe Pulver, ferner eine Flasche, bergend
-das nicht minder scharfe Visierwasser, und diverse Pakete, worin die
-kurzgehackten sterblichen Überreste toter Schweine und Kühe waren. Vor
-dem Magen trugen sie Müffchen, um die Handgelenke gestrickte Stulpen,
-und auf dem Rücken Donnerrohre aller Konstruktionen und jeglichen
-Kalibers.
-
-Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen, den Perron mit
-schallenden Tritten, drei Coupés mit Zigarrendampf und die Schaffner
-mit Grausen, denn jeder dritte zog ein erwachsenes Exemplar von
-~canis familiaris~ hinter sich her und verlangte Platz dafür
-nächst sich.
-
-Während der Fahrt nickten die einen, die abends vorher allzu lange beim
-geisteserfrischenden Männerskat und beim seelenerhebenden Bitterbier
-gesessen hatten, noch etwas nach, die edlen, etwas gedunsenen Züge auf
-die Mündungen der Flinten stützend; andere hatten des Teufels Gebetbuch
-in der Hand, schielten sich in die Karten und nahmen sich das mehr
-oder minder redlich erworbene Kleingeld ab. Die dritten sprachen Latein.
-
-Der Dicke mit den apoplektischen Kulpsaugen erzählte mit einer Stimme,
-die die Fensterscheiben zum Klirren brachte, er habe gestern auf
-achtzig Schritt einen Krummen geschossen, wie gerädert sei der im Dampf
-geblieben, alle Knochen gebrochen. Und dann zeigte er seine Flinte
-herum, alle guckten hinein und taten, als glaubten sie es, und jeder
-sah sein Gegenüber mit einem Blick an, der da sagte, daß er es durchaus
-nicht glaube.
-
-Sie sprachen eine fremde Sprache, die kein vernünftiger Mensch
-verstand, redeten von Rammlern und Satzhasen, Schweiß und Wolle,
-Löffeln und Blumen, Läufen und Gescheide, Kesseln und Suchen, Stokeln
-und Strecke, meinten aber immer ganz was anderes. So fuhren sie dahin
-durch die weiße, morgendliche Winterlandschaft, auf die die aus dem
-Bett kriechende Sonne einen schwachen Rosenschimmer warf.
-
-Dieser Rosenschimmer traf auch in der Feldmark von Knubbendorf die Nase
-eines alten Rammlers, der langsam und hochläufig über die Landstraße
-hinkte, Haanrich Mümmelmann genannt in seiner Sippe. Er machte einen
-Kegel, putzte sich ein Flöckchen Schnee aus dem Schnurrbart mit der
-rauhen Bürste seines Vorderlaufes, und überlegte, ob er noch nach der
-reichlich geästen Roggensaat etwas Rinde von jungen Apfelbäumen in den
-Gärten von Knubbendorf zu sich nehmen solle, oder ob es bekömmlicher
-sei, einige vorjährige Brommelbeerblätter zu genießen, denn er fühlte
-einen Druck im Magen.
-
-Da teilte ihm derjenige Teil seines Körpers, mit dem er auf einem
-plattgefahrenen goldgelben Apfel saß, der nicht von den Hesperiden,
-sondern von dem edlen Rosse stammte, mit, daß ein Wagen sich nähere.
-Er drehte sich um, spitzte die schwarztimpigen Löffel und sagte sich
-dann in seinem lieben Gemüte, daß das weder die Post sei, die führe
-schneller, noch der Molkereiwagen, der führe langsamer, ein Marktwagen
-sei es auch nicht, der käme schon bei nachtschlafender Zeit. Item sei
-es etwas Ungewohntes, und das Ungewohnte sei stets unbekömmlich.
-
-Er hoppelte bis an den Graben, setzte trotz seiner drei Läufe über
-die hohe Schneewehe und hoppelte den Patt entlang. Auf dem großen
-Schlehbusch saß der Neuntöter. Den fragte er, ob er nicht sähe, was da
-die Straße entlangkomme, seine Augen hätten nachgelassen. Der Würger
-sagte ihm, daß es Jäger und Hunde wären, und flog nach der Dieme, denn
-da hatte er eine Maus gesehen.
-
-Mümmelmann kratzte sich bedenklich hinter den Löffeln und hoppelte
-weiter, bis an den großen Stein, der an der Sandkuhle lag. Dort klopfte
-er dreimal mit dem linken Hinterlauf. Er hatte nur den einen, den
-rechten fraßen nach der vorjährigen Treibjagd die Nebelkrähen. Auf sein
-Klopfen tauchten hinter einem dürren Kamillenbusch zwei sauber gekämmte
-Löffel auf. Sie gehörten Geesche Wittblaume.
-
-»'n Dag, Geesche«, knurrte Mümmelmann, »van Dage giff dat Drievjagd.
-Eck weit blot noch nich, wenn sei in Holte drieven oder inn'e Feldmark.
-Seih deck vör!«
-
-»Eck rücke to Holte, da kann'n seck lichter bargen,« meinte Geesche.
-»Adjüs, Haanrich« und damit hoppelte sie von dannen.
-
-»Segg et de annern an,« rief Mümmelmann ihr nach, und Geesche machte
-einen Kegel, spitzte die Löffel, nickte und hoppelte fort.
-
-Mümmelmann traf bei Wege noch Trine Geelzahn und Jochen Pielsteert
-und sagte ihnen, daß sie gut täten, die Löffel steif zu halten. Und
-dann hoppelte er weiter, bis nach einer ganz kahlen, hoch gelegenen
-Stelle. Dort lief er eilig hin und her, als habe er etwas verloren,
-schlug Haken auf Haken, und schob sich dann in einen Pott, den er sich
-scharrte.
-
-Eine Stunde mochte er in seinem Lager gelegen haben, da vernahm er
-ein Geräusch und machte einen Kegel. Da sah er Aadje Slappuhr eilig
-daherkommen, Aadje, dessen Löffel keinen Halt hatten, weil ihm im
-vorigen November die Schroten die Knorpel zerschlagen hatten.
-
-»Junge,« sagte Aadje und verpustete sich, »dat ward leege van Dage. De
-Driever drücket dat Holt dör und denn schall ekesselt weern.«
-
-»Dübel,« sagte Mümmelmann, »de vermuckten Schinners war'd von Dag to
-Dag heller. Na, will't sehn, wat seck dohn lätt. 'djüs.« Und damit
-rückte er sich wieder in seinem Pott zurecht, und Aadje lief weiter.
-
-Noch eine Stunde lag Mümmelmann da und dachte nach, daß der Mensch doch
-das böseste Raubzeug sei, trotz Reinke Rotvoß und Griepto Höhnerdeiw,
-dem Habicht, und daß es Zeit wäre, daß man dagegen etwas täte; da hörte
-er von weitem einen Ton, als klopfe da ein riesiger Rammler. Und der
-wiederholte sich immer wieder.
-
-Haanrich Mümmelmann machte sich hoch und äugte nach der Gegend hin,
-aber seine Lichter trugen so weit nicht. So rückte er wieder zusammen
-und wartete. Die Sonne brannte ihm warm auf den billigen Balg, der
-Wind hatte sich gelegt, das war alles gut und schön soweit, wenn nur
-die Jäger nicht gewesen wären. Na, sein Testament hatte der Olle schon
-lange gemacht, er war nun fast zehn Jahre alt, und ewig kann man nicht
-leben. So philosophierte er.
-
-Auf einmal spielohrte er. Er hörte den Mordschrei der Nebelkrähe. Er
-machte sich ein ganz klein bißchen höher und seine Seher wurden starr.
-Über das Feld kam ein Hase in ungleichen Sätzen, und über ihm strichen
-zwei große graue Krähen. Eine stieg immer und strich vorwärts, und
-die andere fuhr herab und stieß nach den Lichtern des armen Hasen, und
-Arr und Err ging es. Alle Augenblicke wurde der kranke Hase kürzer,
-dann fuhren beide Krähen auf ihn los. Und dann rappelte er sich wieder
-auf und machte ein paar Sätze, aber nach wenigen Sätzen wurde er
-wieder kürzer. Und vom Horizont kam ein schwarzer Punkt und noch einer
-und immer wieder einer, lauter Krähen, graue und schwarze, und wie
-eine Wolke von Blut und Tod zog es über den Kranken her. Und jetzt,
-Mümmelmann schauerte zusammen und legte die Löffel an, denn er wußte,
-was jetzt kam, jetzt kam der Graben, und das war das Ende. Und da
-scholl es auch zu ihm heran: »O weh, o weh, o weeäh, o weih mir,« und
-dann war alles still und nur die Galgenvögel, die sich zankten, hörte
-man.
-
-Nach einem Weilchen vernahm der Alte wieder ein Gepolter und sah die
-Krähen abstieben. Er richtete sich ein bißchen hoch, und sah einen
-großmächtigen Köter einen kranken Hasen hetzen. Schwer krank, das
-sah der Alte, war der andere nicht, aber doch so, daß der flüchtige
-Hund ihn bald zu Stande hetzen würde. Das war ein guter Kerl, Natz
-Klewersitter vom Uhlenbrink. Dem mußte geholfen werden.
-
-»Natz,« knurrte Mümmelmann leise, »eck stah upp, sett di dahl!« Der
-kranke Waldhase nahm alle Kraft zusammen, fuhr in das warme Lager, und
-mit einem Hui, eine Schneewolke hinter sich werfend, fegte der alte
-Feldhase aus dem Pott, schlug ein halbes Dutzend Haken, daß der Hund
-ganz verbiestert wurde, sauste dann geradeaus, schlug wieder Haken,
-machte einen Kegel, nahm wieder das Feld hinter sich, bis dem Hunde die
-Zunge aus dem Halse hing und er die Jagd aufgab. Mümmelmann äugte ihm
-nach, lachte, hoppelte bis zum nächsten Brink und rodete sich wieder
-ein. Seine alten Knochen brauchten Ruhe.
-
-Lange dauerte es damit aber nicht, da vernahm er ein Dröhnen und
-Knirschen. Erst war es nördlich, dann westlich, dann südlich, dann auch
-im Osten. Er machte sich hoch und sah rundum lauter schwarze Pfähle.
-Und nach einer Weile ging es, »Tara, Tarattata«, und die Pfähle kamen
-auf ihn zu. Und dann hörte er es knallen und er sah hier einen aus
-seiner Sippe über den Schnee rennen, und da einen von den Waldhasen,
-und da stand einer auf dem Kopf und hier rollte einer im Dampf.
-»Dübel,« dachte der Alte, »eck sitte in'n Kessel!«
-
-Die schwarzen Pfähle kamen näher. Überall stob der Schnee, prasselten
-die Schrote, flog der Dampf, knallten die Schüsse. Mümmelmann blieb in
-seinem Pott und überlegte. Rechts, nein, da ging es nicht, da knallten
-wenige Schüsse und immer einzeln, da standen gute Schützen. Links,
-da ging es bergab, das war auch schlecht. Aber gerade aus da war ein
-Jäger, der schoß immer beinah beide Läufe auf einmal, und sein Nachbar,
-der fuchtelte immer erst lange hin und her, ehe er drückte.
-
-Die Schritte kamen näher. Dicht neben Mümmelmann schlug Kunrad
-Flinkfoot ein Rad, sprang noch einige Todessprünge und färbte den
-Schnee rot. Weiter rechts machte Dorette Quappbuk ihr Testament,
-nicht weit davon Lischen Hopsinskrut. Aber zwischen dem langen
-Schnellschießer und dem kurzen Fuchtelmeier passierten eben Jochen
-Pielsteert und Fritze Pattlöper heil die Schützenlinie, und da richtete
-sich der alte Hase steif auf, hoppelte in gerader Linie voran, gerade
-auf die Lücke zwischen den beiden Schützen zu, ganz langsam, bis er
-fast in Schußnähe war, witschte dann nach links, schlug einen Haken
-nach rechts, einen nach links, einen nach rechts, sah noch eben, wie
-zwei Gewehrläufe in der Luft herumfuhren, wie Schwänze von Kühen, um
-die die Bremsen sind, und dann gab er her, was er in sich hatte, fuhr
-durch die Lücke, schlug sieben Haken, hörte einen Knall, einen Schrei,
-einen Fluch, nähte aus, bis er nichts mehr hörte, und dann machte er
-ein Männchen und äugte zurück.
-
-Das Jagdhorn erklang. Die Schüsse hörten auf. Die Jäger liefen nach
-einem Fleck, hoben etwas auf und gingen nach dem Dorfe. Und es war
-doch erst Mittag. Als sie alle weg waren, hoppelte Mümmelmann nach
-dem Kessel. Da lag Schweiß, hier wenig, Hasenschweiß, und da viel.
-Menschenschweiß, und dem alten Hasen schwoll sein kleines Herz von
-befriedigter Rachsucht; nun wollte er gern sterben, er hatte sein Volk
-gerächt.
-
-Nachts um zwölf Uhr, als der Vollmond klar am Himmel stand, kamen die
-Knubbendorfer Hasen auf dem Felde, wo der letzte Kessel gewesen war,
-zusammen. Mümmelmann rief sie alle der Reihe nach auf. Zweiundsechzig
-antworteten nicht, zwanzig waren entschuldigt, sie heilten ihre Wunden
-im Lager, sechzehn humpelten, sie waren leicht angekratzt. Und als sie
-alle zusammen waren, da hielt Natz Klewersitter eine Rede und sagte
-allen, wie Haanrich Mümmelmann ihm das Leben gerettet hatte, und alle
-zweihundert klopften dem guten Kameraden Beifall und rieben ihre Nase
-an seiner. Und dann machte Jochen Pielsteert ein Männchen und erzählte,
-daß der Alte vom großen Stein sie alle gerettet habe. Er, Jochen, habe
-gesehen, daß Mümmelmann durch seine Taktik den einen Jäger so dötsch
-gemacht habe, daß er seinen Nachbar schwer angeflickt habe. »Kommt mit,
-eck will ju dat wiesen!« so schloß er seine Rede.
-
-Reinke Rotvoß, der oben an der Straße unter dem Winde herangeschnürt
-kam, blieb plötzlich stehen und seine Nüstern schnupperten wohlig, denn
-die Witterung von zweihundert Hasen kitzelte sie. Aber dann setzte er
-sich plötzlich, denn eine wimmelnde, krimmelnde Masse kam über das
-mondlichte Schneefeld, Hase bei Hase, und jetzt hielten sie an.
-
-So etwas hatte Reineke noch nicht erlebt, und er hatte viel mitgemacht.
-Als aber die zweihundert Hasen anfingen, mit den Hinterläufen zu
-klopfen und gespenstisch im Kreise herum zu tanzen, da kriegte er
-es mit der Angst, er machte kehrt und gab Fersengeld, daß ihm die
-Standarte nur so flog. Als am anderen Tage der Jagdaufseher Nachsuche
-hielt, da fand er um den roten Fleck, wo der Assessor den Baurat
-laufkrank schoß, einen Kreis, festgestampft wie eine Tenne. Und er sah,
-daß das die Hasen gemacht hatten, und er schüttelte den Kopf und machte
-ein ganz verstörtes Gesicht.
-
-Das war die Stelle, wo vorige Nacht die Knubbendorfer Hasensippe
-Mümmelmann, den Heldenhasen, nach Hasenweise geehrt hatte.
-
-
-
-
-Murkerichs Minnefahrt.
-
-
-Auf der Spitze der großen Pyramide stand ein Mann. Der Abend hatte die
-gelbe Wüste in braune und blaue Farben getaucht, hatte die Palmen und
-Kuppeln der fernen Stadt mit Gold und Purpur umwebt.
-
-Der Mann auf der Plattform des Riesenbaues sah die zauberhaften
-Farben, die märchenhaften Töne nicht. Er war das ganze Ägypten satt,
-die eleganten Reisenden, das schmierige Volk, den Spielsaal und die
-Blumengärten. Traumverloren sah er nach Norden hin.
-
-Da zuckte er zusammen und sah sich um. Nicht der Ruf der Eule war es
-gewesen, der ihn aus seinem Sinnen geweckt hatte, nicht das von weitem
-heranschallende Geschrei der Kameltreiber, nein, ein ganz anderer
-Laut, der ihm die gelben Troddeln der Haselbüsche im dämmernden Wald,
-Drosselschlag und Ammernsang vor die Seele rief.
-
-Er rieb sich die Augen und lächelte: »Ich habe geträumt,« dachte
-er. Aber da war er wieder, der seltsame, tiefe, quarrende Ton, das
-»Quoark, quoark, quoark«, und da kam es auch schon herangestrichen,
-ein schwarzes Ding, eulenhaft die Fittige bewegend, zwischen denen ein
-langer, senkrechter schwarzer Strich sich abhob, und verschwand in der
-Dämmerung.
-
-Das war Murkerich. Auch dem war dieses Ägypten langweilig geworden
-mit seinen Palmen, seinem Nilschlick, seinen fetten Fliegenmaden und
-Kamelsmistkäfern. Nach weißschimmernden Birkenwäldern sehnte er sich,
-nach braunem Fallaub zwischen goldenen Schlüsselblumen, jungen Fichten
-und breiten Weißdornbüschen und einem ordentlichen, deutschen Regenwurm.
-
-Er moarkte verdrießlich, als ihm eine große Fledermaus mit einem
-blattähnlichen Gewächs auf der Nase etwas zuzwitscherte, das er
-nicht verstand, strich weiter, den Nil hinauf, und pfuitzte schnell
-sein »Pssewitt« in den Abend hinein. Antwort erhielt er wohl, aber
-Begleitung bekam er nicht. »Noch zu kalt da oben«, pfuitzte Kulpsauge.
-»Noch keine Würmer draußen«, quarrte Silbersteert. »Noch Frost im
-Boden«, wispelte Stecherine. Da reiste Murkerich allein.
-
-Im Garten des Augustinerkellers in München ging ein Mann. Er ließ sich
-die Abendluft um die Stirn ziehen, denn arg viele Maße Bier hatte er
-binnen. Plötzlich blieb er stehen und sah nach dem Himmel, wo ein
-einziger, kleiner, blasser Stern blinzelte. »Herrgottsaxen«, brummte
-er vor sich hin, »hoab i oan Rausch. Alleweil hoab i meint, daß i die
-Schnepfen hör'!«
-
-Einen Rausch hatte er, aber richtig gehört hatte er doch. Murkerich
-hatte Afrika hinter sich, das Mittelmeer und den Balkan, Tirols weiße
-Gipfel und Bayerns dunkle Berge. Viele Gefahren zu Wasser und zu Lande
-hatte er erlebt, Seesturm und Meeresgewitter, Lawinengepolter und
-Telegraphendrahtsurren; am Gardasee stellte eine verwitwete Schnepfin
-seinem Herzen Garn und Schlinge und wollte ihn bewegen, dort zu
-bleiben. Er pfuitzte ihr etwas und strich weiter.
-
-Über dem Dorfe Sievershausen im Solling stand ein Mann. Rotkehlchen und
-Amseln sangen, Waldwühlmäuse pfiffen im Fallaub, unten im Dorf rief der
-Totenvogel und im hohen Ort lachte der Kauz. Stillzufrieden lauschte
-der Mann den Stimmen des Vorfrühlings.
-
-Auf einmal durchfuhr ihn ein Ruck. Er riß das Gewehr von der Schulter,
-spannte und packte an, sah sich wild um und ließ die Waffe wieder
-sinken. Er schüttelte den Kopf und lachte in sich hinein: »Ich dachte,
-ich hörte schon die Erste. Aber wir haben ja noch nicht einmal
-Reminiscere!«
-
-Er hatte doch richtig gehört, und wenn der Kauz gerade nicht solchen
-großen Schnabel gehabt hätte, dann hätte Murkerichs Minnefahrt schon
-hier ein Ende gehabt. Aber Glück muß ein junger Schnepfenhahn haben.
-Schon im Taunus waren ihm die Schrote um den Stecher gepfiffen und in
-seinem linken Fittig fehlte die Spitze der Malfeder. »Die kann ich
-missen,« hatte Murkerich gedacht; »die ist ja doch bloß zum Staat da«,
-und war weiter gestrichen. Und diese Nacht strich er noch weiter, bis
-er seine engere Heimat erreichte, den Ahltener Wald bei Hannover. Da
-strich er laut pfuitzend in der Frühdämmerung die Gestelle auf und ab,
-fiel, als die erste Drossel pfiff, todmüde unter einer Schirmfichte ein
-und schlief wie tot.
-
-Ein Rascheln im Laube weckte ihn. Eine Waldmaus wäre ihm fast auf den
-Kopf gesprungen. Als er sich spreizte, fuhr sie zitternd in ihr Loch.
-Die Sonne stand schon hoch und behaglich genoß Murkerich, Flügel und
-Ständer von sich streckend und das Halsgefieder aufrichtend, ihre
-Wärme. Dann richtete er sich auf, gähnte gefährlich, trippelte einige
-Schritte vorwärts, bis er an dem kleinen Ellernbruch anlangte, wo die
-ersten Blätter und Blüten sich über dem pechschwarzen, nassen Boden
-zeigten.
-
-Dort stellte er den Stecher senkrecht, fuhr damit über die goldenen
-Blüten des Milzkrautes, die fetten Blätter des Aaronstabes, die blauen
-und weißen von Leberblume und Windröschen, bohrte den Stecher in den
-Boden, vollführte mit den Ständern ein seltsames Getrampel, wobei er ab
-und zu leise schnurrte, und holte alle Augenblicke einen krampfhaft
-sich windenden Regenwurm oder eine langgeschwänzte Sumpffliegenlarve
-heraus, die er sich dann mit kurzem Ruck einverleibte. Dann trippelte
-er wieder unter seine Schirmfichte und schlief weiter.
-
-Als die Dämmerung die Bäume zusammenschmolz und der Kauz sein hohles
-Lied sang, wachte Murkerich auf. Der Abend war lau und die Luft dumpf,
-so recht geschaffen für ein zärtliches Flugspiel über den Wipfeln der
-Birken. Aber ihm lag noch die lange Luftreise in den Knochen, und so
-beschloß er, weiter zu schlafen, da erstens morgen auch noch ein Tag
-und zweitens eine Balz auf eigene Faust eine ziemlich öde Beschäftigung
-sei. Da vernahm er ein brünstiges »Pssewitt«, und er schwang sich auf
-und folgte dem lockenden Rufe.
-
-Auf der großen Rodung holte er die Dame ein. Quarrline war es, eine
-Schnepfenmadam reiferen Alters, die im Frühling vor einem Jahre hier
-Witwe geworden war. Sie hatte damals gelobt, unvermählt zu bleiben,
-aber, die Liebe, das ist eine sonderbare Sache, und wenn eine alte
-Scheune ins Brennen kommt, dann helfen alle guten Vorsätze nicht. Und
-als sie Murkerichs flehendes Morken vernahm, da tat sie zwar erst
-etwas verschämt, quarrte etwas von Aufdringlichkeit und Belästigung
-alleinstehender Damen, aber die kokette Art und Weise, wie sie ihn über
-den Rücken anschielte, gab Kunde davon, wie heiß ihr Herz dem eleganten
-jungen Mann entgegenschlug. Ja, wer kann auch für die Gefühle bei
-solcher lauen Luft!
-
-Und so ging es denn mit Pssewitt und Mork-mork über die Gräben und
-Tümpel, Schläge und Dickungen, bald neben-, bald hinter-, bald
-übereinander, jetzt langsam und leise, dann laut und schnell,
-in gerader Richtung ein Gestell entlang, im Zickzack durch den
-Lichtschlag, wo Quarrline ihrem Galan in dem Stockausschlag der Birken
-verschwand. Aber er fand sie bald, denn es war bei ihr nur Ziererei,
-und als er ihr erzählte, daß er in guten Verhältnissen lebte und ein
-Grundstück hätte, das sich selbst im dürrsten Sommer reichlich mit
-Regenwürmern verzinste, da gab sie bald ihre Sprödigkeit auf und wurde
-aus einer älteren Witwe schnell eine junge Braut.
-
-Als Murkerich sich am anderen Tage die Sache überlegte, fand er, daß
-er etwas voreilig gewesen war. Seine Quarrline paßte doch nicht so
-ganz zu ihm. Sie war ein bißchen zu sehr in die Breite gegangen, ihr
-Gefieder war stark ergraut, kurz und gut, eine Schönheit war sie gerade
-nicht. Und dieses ewige Gequarre von ihrem Seligen, das war nicht zum
-Aushalten. Wenn sie so schon als Braut war, wie würde sie erst später
-werden, dachte der glückliche Bräutigam und hörte mißmutig ihrem
-Gequarre zu, mit dem sie ihn sogar jetzt, mittags, wenn jede richtige
-Schnepfe schläft, anödete.
-
-So vernahm sie vor lauter Schwatzen das leise Rauschen nicht, das
-hinter ihr im dürren Grase daher kam. Faul und breit lag sie da und
-erzählte von ihrem Seligen. Da fuhr ein rotes Ding rauschend und
-rasselnd durch das Gras, Murkerich strich schreiend ab und konnte eben
-noch eräugen, daß Reineke Rotvoß mit Quarrline im Fang davonschnürte.
-Unter einem gewaltigen Weißdornbusch fiel Murkerich ein. Der
-entsetzliche Vorfall bekümmerte ihn tief, aber bei ruhigerer Überlegung
-fand er, daß es so am besten für sie beide war; glücklich wären sie
-zusammen doch nicht geworden. Über diesen Betrachtungen schlief er ein.
-
-Das Gezeter der Amsel weckte ihn. Die saß auf dem Dornbusch und
-machte einen Mordskrach, weil zwei Männer das Grenzgestell entlang
-gingen. Im großen Windbruch rief der Kauz, von der breiten Wiese
-erklang das Schreien der Kiebitze, Kraniche trompeteten über den Forst
-hin, Goldammern und Rotkehlchen sangen ihre Abendlieder. Da vernahm
-Murkerich über sich ein tiefes, dumpfes Quarren und ein ängstliches
-Pfuitzen. Ein alter Schnepfenhahn machte in grober Weise einer
-schlanken Schnepfin den Hof. Klack, klack, machten Murkerichs Flügel,
-und schon war er neben dem Pärchen. Der alte Hahn machte ein höchst
-erbostes Gesicht, als er den jungen Mann erblickte, und versuchte, ihm
-eins zu stechen, aber Murkerich war gewandter, er wich ihm aus, stieg
-und stach ihn derartig in die Seite, daß der alte Herr wutquietschend
-in das Quergestell einschwenkte. Murkerich wollte ihm folgen, da fuhr
-ein langer, roter Strahl empor, der alte Hahn fiel wie ein fauler Ast
-zu Boden, ein Donnerschlag ertönte, Stinkrauch stieg auf, und Murkerich
-und das kleine Fräulein schwenkten schleunigst ab.
-
-»Glück muß ein junger Mann haben«, dachte Murkerich, als er mit
-der Kleinen durch das Birkenbruch zickzackte. Die hatte sich so
-erschrocken, daß sie froh war, einen Mann bei sich zu haben. Pfuitzing
-hieß sie und war noch nicht ein Jahr alt. Murkerichs Herz brannte. »So
-ein niedliches Ding«, dachte er, »so schlank und adrett, das ist doch
-etwas anderes, als die alte Dame von gestern.« Und zärtlich morkend,
-sagte er ihr die schönsten Sachen über ihre wunderschönen dunklen
-Seher, über die blitzenden Silberspitzen ihres Stoßes, und die Kleine
-legte geschmeichelt den Stecher an die Brust und dachte bei sich:
-»Ein reizender junger Mann, viel netter, als der alte Murrkopf von
-vorhin.« Und in niedlicher Koketterie ließ sie ihres Stoßes silbernes
-Spitzenwerk leuchten, und wenn sie auch so tat, als wollte sie sich
-ihres Anbeters Schmeicheleien entziehen und hastig fortstreichen, sie
-tat nur so.
-
-Es war ein herrlicher Abend. Die Luft war weich und warm, in den
-Sinken braute der Fuchs, der Mond stand über den hohen Eichen. In
-seliger Minnefahrt strich das Pärchen über die Schläge, zickzackte
-um die Überhälter, ruderte durch das Bruch, und fiel ab und zu zu
-kurzem Gekose an einem silbern blitzenden Graben ein, um bald wieder
-in langsamem Fluge über die Gestelle zu streichen, er in männlichem
-Bariton schmeichelnd und sie im hellen Diskant kichernd, wenn er ihr
-erzählte, welch ein herrliches Leben sie hier im schönen Ahltener Walde
-führen wollten, wo der Boden so tief und locker und würmerreich ist und
-wo Dornbusch an Dornbusch steht, die beste Wehr gegen Reinekes Tücke
-und Griepto Heuhnerdeiws, des Habichts, Roheit.
-
-Und als sie so schwärmten und träumten, da blitzte und krachte und
-rauchte es, und Pfuitzing stieß einen Schrei aus, stürzte, nahm sich
-wieder auf und flatterte in das Unterholz. Murkerich war sofort bei
-ihr und trieb sie zur Eile an, denn er vernahm eine laute Stimme, und
-hörte einen Hund durch die Pfützen patschen. Da flatterte das arme Ding
-mit Aufwand aller Kraft ein Endchen weiter und fiel erschöpft in den
-gewaltigen, undurchdringlichen Windbruch. Noch ein Weilchen hörten sie
-den Hund hechelnd im Unterholz herumstöbern, dann ertönte ein Pfiff,
-und alles war ruhig.
-
-Pfuitzing lag auf der Seite und wimmerte ganz leise. Ihr linker Lauf
-war von einem Hagelkorn getroffen und gebrochen. Sie zog ihn fest an
-den Leib und ließ sich von Murkerich trösten. Den ganzen Tag blieb
-sie so liegen und humpelte erst abends ein bißchen hin und her, um zu
-wurmen, und Murkerich blieb immer bei ihr. Nach acht Tagen war der Lauf
-fast heil; die weichen Bauchfederchen hatten einen festen Verband darum
-gebildet, so daß die Kleine schon wieder ganz gut auftreten und sich
-auch wieder aufschwingen konnte.
-
-Es war wieder ein wundervoller Abend, so lau, so weich, so milde,
-aber dem Pärchen war alle Lust am Strich vergangen. »Weißt Du was,
-Pfuitzing,« quarrte Murkerich, »ich glaube, wir ziehen weiter. Wenn
-man immer geradeaus gegen Mitternacht streicht, dann kommt man hinter
-dem Meer in Länder, da gibt es kaum einen Menschen, und die da sind,
-die kümmern sich nicht um uns. Hier muß man ja immer wie eine Maus im
-Verborgenen leben und hat nichts vom Leben. Wollen wir weiter?«
-
-Pfuitzing war es zufrieden, und als der Mond sich hinter den Wolken
-versteckte, da stiegen beide ganz hoch in die Luft, kreisten dreimal
-und strichen dann geradeaus, nach dem Lande, wo es noch nette Menschen
-gibt. Und da leben sie heute noch.
-
-
-
-
-Krähengespräch.
-
-
-Jeden Nachmittag um 3 Uhr achtundfünfzig Minuten, wenn der
-Barsinghausener Zug über die große Bult bei Hannover keucht, kommt
-ein alter Herr mit einem alten Hunde den Fußweg entlang, der sich am
-Rande der Eilenriede nach der Bult hin zwischen dem Döhrener Turm und
-Bischofshol hinzieht. Auf der Höhe der Rüsterburg bleibt der alte Herr
-stehen, nimmt eine Prise, sieht gegen den hellen Abendhimmel und niest,
-und meistens niest sein Hund zur Gesellschaft mit. Dann gehen beide
-weiter.
-
-Genau um diese Zeit kommt eine große graue Krähe angeflogen, die bei
-der Korndieme auf Mäuse lauerte, läßt sich auf einer der höchsten
-Eichen am Rande des Waldes zwischen dem Eisenbahndamm und der
-Rüsterburg nieder, schüttelt ihr Gefieder glatt und ruft dreimal laut:
-»Arrr!«
-
-Wenn dann der Deister in dicken, rotgesäumten Abendwolken
-verschwimmt, wenn in dem Bultkrankenhause, im Heiligengeiststift
-und im Schwesternhause die ersten Lichter aufblitzen und die Sonne
-mit unheimlicher Behendigkeit an dem Schornstein der städtischen
-Bierbrauerei hinunterklettert, dann kommt von den Komposthaufen
-eine zweite, aber schwarze Krähe her, nimmt neben der grauen Platz,
-schüttelt ihr Gefieder und ruft ebenfalls dreimal, aber in schwächerem
-Ton: »Aerr!«
-
-Dann dauert es gar nicht mehr lange, und während der Wald zu
-einem violetten Gemussel zerfließt, aus dem nur das rote Laub
-der Buchenjugenden hervorleuchtet, um die Zeit, wenn die heimlich
-Verlobten, die da spazieren gehen, anfangen, sich unterzuhaken, dann
-kommen von allen Seiten einzelne Krähen angeflogen, graue Nebelkrähen,
-schwarze Rabenkrähen und manchmal auch einige stahlblaue Saatkrähen.
-
-Im ganzen sind es so fünfzehn bis fünfundzwanzig, die um die
-Schlummerstunde auf der hohen Eiche zusammenkommen; einige davon
-sind ausgebrütete Hannoveraner, zwei sogar Stadthannoveraner, da sie
-in der Eilenriede groß wurden, die andern stammen aus Brandenburg,
-Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Posen und Ostpreußen. Die
-Ostelbier sind alle grau mit schwarzen Köpfen, Flügeln und Schwänzen,
-die andern schwarz. Die Ostelbier sind nur im Winter hier, wenn sie zu
-Hause nichts haben.
-
-Den Tag über treiben sie sich auf der großen Bult herum, die eine bei
-der Tierärztlichen Hochschule, die andere vor dem Schlachthause, wieder
-andere in den Ländereien der Stadtgärtnerei, oder in den Stiftsgärten,
-auf den Fußballspielplätzen, bei den Bahnwärterhäusern, der Dieme und
-den Komposthaufen. Dort stochern sie ruhig und besonnen, ob sie nicht
-einen Wurm, einen vor Kälte lahmbeinigen Käfer, einen Knochen mit noch
-einem Bißchen daran, eine Wurstschläue, ein Stück Brot oder dergleichen
-finden oder eine Maus oder einen Maulwurf übertölpeln.
-
-Die Graue, die zuerst kommt, ist eine Ostpreußin. »Känigsbarg« ist ihr
-drittes Wort. Die Schwarze, die immer gleich nach ihr kommt, stammt
-aus der Eilenriede; die beiden kennen sich seit drei Wintern: »Guten
-Aabend, mei Herzche«, schnorrt die Graue; »was haben Sie heit gemacht
-de ganze Tag? War's Assen gut?« Die Schwarze macht vergnügte Augen: »'n
-Aeöbend, das will ich maanen; ich waaß doch hier Beschaad. Ich häöb 'n
-angeschossenen Häösen gefunden. Delikäöt, säöge ich Ihnen.«
-
-»Einen Hasen«, plärrt da eine graue Sächsin, die eben ankommt, »ach
-nee, was Se sagen? Hären Se mal, meine Kuteste, den genn' Se mir mal
-zeigen. Ich hab' Se nämlich noch nie 'n doten Hasen kesehen, wissen Se.
-Wo liegt er denn, der Hase, wenn ich so frei sein darf?« Die Schwarze
-meint: »Da is jetzt nich mehr viel anne«, was die Ostpreußin, die die
-Sächsin nicht leiden kann, veranlaßt, laut aufzulachen: »Hulla, hulla,
-hullahahaha, salba assan macht fatt; nicht wahr, mei Härzche?«
-
-Eine schwarze Kalenbergerin erscheint und mit ihr eine graue Polin.
-Der steht der Schnabel lose: »Gutten Abbend, Frau Schwarrzhals, gutten
-Abbend, Frau Dickkopf, gutten Abbend, Frau Blänkeersteert, habben Se
-sich Guttes gefunden zu essen heite? Habe ich mich gefunden Knochen
-großiges mit Fleeisch vielliges drran, serre guttes Fleisch, gar nicht
-stinkiges, von Schaff hammliges.«
-
-Die Kalenbergerin sieht sie von der Seite an: »Da süht Sei ook gerade
-nach ut! Man mächtig lökrig is Jue Bunk! Awer eck, eck hebbe 'ne ganße
-Wost estohlen von 'n Schlachterkerl ut de Molle. Das freut meck noch
-drei Dage nah minen Dode. Watt hebbe eck meck ehöget. Un wat hett de
-Kärel eßchimpet. Höhöhö!«
-
-»Is sich serre selten«, fällt ihr die Polin in die Rede, »hierr zu
-finden Wurst schweinerrne. Is sich vill besserr bei uns zu Hause in
-Wongrowitz, wo man findett serr oft Wurrst odder Knochenn. Sind sich
-Pollen nicht so ängstlich mit Eingrabben von alles Abfall, wie Leite
-hannovversches.«
-
-»Ohle Döllmer«, krächzt sie die Kalenbergerin an, »worümme blivst
-De denn nich to Huse? Tatternvolk! Erst hier rümmetobetteln un denn
-ßchimpen! Dat is de rechte Art von so'n Volk. Wat meinst' Nahwersche?«
-fragt sie dann die Eilenriedekrähe.
-
-»Hast recht, hast recht«, antwortet die, und fährt dann leiser fort,
-»äöber das stimmt schon, anstellen tun sie sich heute, die Leute,
-da ist das Ende von weege. Alles einkuhlen und des-, na, wie heißt
-das olle vermuckte Wort doch, so, desinfezinieren, das wird immer
-dummerhaftiger. Und mit der Raanlichkeit häöben Se sich! Raanlichkeit
-muß sein, äöber was zu viel ist, ist zu viel. Auf 'm Schlachthofe,
-glauben Sie, daß sie däö ein Priepelchen Fleisch liegen lassen? I
-bewäöhre, jeden Fetzen fäöhren Se raus und roden ihn bei.«
-
-»Sa'n Se mal«, fällt eine Berlinerin ein, »ob dett woll wahr is, wat
-ick heite jeheert habe, dat de Rennbahn hier uff de jroße Bult kommen
-dhun soll! Na, dett wär 'ne scheene Pleite für uns. Ick pfeife uff den
-janzen Sport: Rasse is Mumpitz, 'ne Abdeckerei is mich ville lieber.
-Det wird iberhaupt immer dammlicher uff de Welt!«
-
-»Besser wird es überhaupt nicht«, meint die aus der Eilenriede. »Wenn
-ich noch daran denke, vor zehn Jäöhren, als die hohen Fuhren noch
-vor der Seelhorst standen! Was wäör däö wintertags für ein Leben; an
-die Tausend von uns schliefen däö. Aber die Leute, die Leute! Erst
-schmissen sie Giftbrocken hin, und als wir die nicht mehr näöhmen, da
-trieben sie das Holz ab. Ich häöbe denn bis vor zwei Jäöhren immer
-in dem Holze vor Misburg geschläöfen, äöber da käömen die Jäger und
-schossen nach uns. Und seitdem gehe ich nach dem Aäöhltener Holze. Es
-ist däö jäö 'n bißchen gemischt, zu viel Sääötkrähen und sogäör Dohlen,
-äöber was soll 'n machen? Hier in der Eilenriede ist an einen ruhigen
-Schläöf doch nicht mehr zu denken. Noch bei nachtschläöfender Zeit
-läuft das Volk in 'n Holze herum und überall sind Laternen. Die Welt
-wird immer dümmer!«
-
-»Da haben Sie wieder recht, mein Süßing«, schnarrt die dicke graue
-Pommerin, »auch bei uns wird es immer schlechter«, und die Ostpreußin
-stimmt bei: »Bei uns da oben bei Känigsbarg ist es noch nicht so
-schlimm; aber weiter hinauf, auf der Nahrung, bei Rossitten, da assen
-die Manschen Krähenfleisch, und jetzt sitzt da ein Kärlche, Thienemann
-heißt er, der fängt die Krähen und macht ihnen Ringe um die Beine mit
-dem Datum darauf und bittet, daß man überall Krähen totschieße und ihm
-die Füße einschicke, der Wissenschaft wagen. Nu' bitt' ich Sie, was hat
-die Wissenschaft mit unsern Beinen zu tun. Der Mensch kommt jeden Tag
-auf neue Dummheiten.«
-
-»Is sich serr rrichtig«, meint die Polin, »setzen sich bei uns in
-Pollen feeine Herren in Errdheiser, machen sich Uhu grroßes auf Pfahl;
-kommen sich Krrähen an auf zu beißen Uhu dickköpfiges, schießen sich
-Herren feine dann mit Gewehrre auf Krrähen, Hundsblutt gemeines
-niddertrrächtiges!«
-
-»Dat dauet se hiertolanne ook«, meint die Kalenbergerin, »up de
-Vahrenwohler Heide und hier dichte bi-e, in der Seelhorst, da kümmt
-ook jümmerst so'n Vogelutstopper ut de Slägerstraate, Wiegand heit
-dat Lork, de kruppt in'n Busch, sett da so'ne olle utstoppte Kattuhle
-henne, und wenn 'n denn antofliggen kümmt und will de Uhle einen
-wischen, pardautz, denn ballert de Kerl los. Awer eck falle up den
-Swindel nicht mehr rin.«
-
-»Wat eck awer noch seggen wullt: dat mit de Rennbahn hier up de Grote
-Bult, dat drafft wi üsch nich gefallen laaten. Wenn eck man nich min
-Haus bi Degersen hätte, denn wüßt eck schon, wat eck dohn deihte. Laat
-se man koomen met öhre smächtrigen Päre! Eck wollt' se all ball up den
-Drab bringen. Mit den Snabel den Pären gegen die Oogen, wenn se öwer de
-Hürden wullt, dat se dat Gnick bräken! Ja! Dat wör dat Richtige! Dann
-schallt se hier woll wegblieb'n. Laat se doch wo anners herümmejöckeln.
-Meint Sei nich ook so?«
-
-Die Eilenriedekrähe, an die sie sich wandte, nickt; sie weiß, daß
-gegen die Menschen nicht viel auszurichten ist. Und dann antwortet
-sie einer guten Bekannten, die aus hoher Luft ihr einen rauhen Gruß
-herunterschreit, macht die Flügel auseinander, läßt sich drei Fuß von
-ihrem Sitz fallen, steigt in die Luft und fliegt krächzend fort.
-
-Und die andern alle, die Schwarzen wie die Grauen, krächzen und
-folgen ihr, über die Bahn, über Bischofshol, den Kirchröder Turm, den
-Nackenberg, die breite Wiese, Misburg bis zum Ahltener Holze, wo jeden
-Abend vom November bis zum März Tausende von Krähen schlafen.
-
-
-
-
-Sein letztes Lied.
-
-
-Ehe der Frühling den Bergwald bezwang, hatte es lange, sehr lange
-gedauert. Unten im Auwalde hatte er längst schon den Winter zum Kuckuck
-gejagt; da blühten Windröschen, Schlüsselblumen und Milzkraut schon, da
-flog Fuchs und Zitronenfalter, da saß die Amsel auf dem vollen Gelege.
-
-Aber auf der Höhe lag noch der Schnee. Da, wo die Sonne gut hin konnte,
-verschwand er schließlich; die Heidelbeere schwellte ihre Knospen,
-das Wallgras schob seine Kätzchen, die Kriechweide schmückte sich mit
-Gold, Fliegen und Bienen und Käfer summten und brummten, laichende
-Frösche knurrten in den Moorsümpfen, Molche ruderten in den Tümpeln
-über den klaren Granitgrus und auf den leuchtenden Moospolstern grauer
-Steinblöcke sonnte sich die Bergeidechse und schnappte die Fliegen vom
-blühenden Sauerklee fort.
-
-Hier, wo bisher nur der Kreuzschnabel lockte, Meisen pfiffen und
-das Goldhähnchen piepste, sang jetzt die Märzdrossel ihr Jubellied,
-schwebte der Baumpieper mit frohem Geschmetter hernieder, zwitscherte
-die Braunelle, schlug der Fink, wippte die Bergbachstelze von Stein zu
-Stein, und hier stellte sich auch alles wieder ein, was vor dem herben
-Winter zu Tale geflohen war, der edle Hirsch und das schüchterne Reh,
-Reineke, der Schleicher, Lampe, der friedliche Mann, und des Gebirges
-stolzestes Geflügel, der Urhahn.
-
-Ein alter Haupthahn war es, der zuerst die tieferen Lagen verließ und
-sausenden Fluges die Talschlucht entlang strich, berganwärts, dahin, wo
-selten der Förster hinkam und fast nie ein fahrender Stadtmensch. Dort,
-wo Moor an Moor den Kopf des Berges umlagert, wo nie die Axt kracht,
-wo die Fichten wachsen und fallen, wie sie wollen, hat er seit Jahren
-seinen Stand, lebte er sein heimliches Leben zwischen Felsblöcken und
-Baumtrümmern schon manches Jahr, sicher vor Kraut und Lot.
-
-Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß, hatte sich
-zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche einen Platz ertrotzt.
-Leicht war es ihr nicht geworden, und sie hatte sich viel winden
-und biegen müssen, ehe sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer
-Riesenschlange ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben
-Flechten gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs wagerecht fünf Fuß über
-den Abgrund und dann schoß der knorrige Stamm gerade empor. Jahr
-für Jahr versuchte der Sturm ihn zu morden, wie er ringsumher die
-Fichten zerbrach, wenn der Rauhreif sie umsponnen hielt, aber der alte
-Ebereschenbaum wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine
-Wurzeln in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde und
-Holz gehärtet.
-
-Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze der alte
-Hahn sein minnigliches Lied, wenn der Nebel wie eine Mauer in den
-Fichten stand. Jeden Morgen klang seine Strophe in das große Schweigen
-des Berges hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob
-und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne grüßte und
-unten das Land sich entschleierte. Pfiff der Frühwind auch scharf und
-hart, den alten Hahn focht das nicht an; sein Herz war heiß, seine
-Kraft zu groß, der Kälte, dem Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz
-sang er sein seltsames, wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum
-herab.
-
-Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und Pieper schmetterten,
-Zaunkönig und Laubvogel jubelten, dann verschwieg der stolze Vogel,
-als schämte er sich, daß er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk
-zeigen müsse, daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd
-strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen den
-mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und Knospen und
-Samenkörner auflasen, und er holte sich bei ihnen was sein gutes Recht
-war als ihr Herr Gemahl, und das ihm kein anderer Hahn länger als eine
-Viertelstunde streitig machte, um zerzaust und geschunden dorthin zu
-streichen, wo kein so krimmer Kämpe, wie der Hahn vom rauhen Hang
-seinen Harem schirmte.
-
-Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß das Moos wie Gold
-und die Sauerkleeblumen wie Silber leuchteten, wenn aus allen Fliegen
-Diamanten und aus allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte
-es geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise und das
-Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig ganz etwas Absonderliches
-zu sehen bekamen; denn nachdem der Hahn eine lange Weile schläfrig
-dagestanden hatte, schritt er gemessen den Hennen näher, schwang
-sich auf einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder
-von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen, fächerte
-den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich, so wunderbar, so
-rührend, daß eine Henne nach der anderen die Käfersuche aufgab und
-ergriffen seinem Liede lauschte. Und es konnte auch vorkommen, daß
-der Hahn in seiner Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom
-Wintersturme mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten einfiel
-und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret zu kümmern, das
-er aus dem Bette gescheucht hatte, von hier aus auf das ernsthafteste
-die Sonnenbalze betrieb. Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er
-noch abends, wenn tief unten im Tale die Sonne von dem Lande Abschied
-nahm und die Misteldrossel ihr Nachtlied sang, der Hahn, wenn er sich
-auf seinem Schlafbaume eingeschwungen hatte, noch nicht gleich den Kopf
-versteckte, sondern noch einmal seine uralte Weise in die dämmernde
-Einsamkeit hinaussang.
-
-Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte die Gehöre
-und schlich weiter; er wußte, das war nichts für ihn. Eine Urhenne
-hatte er wohl schon einmal auf dem Neste gerissen, auch einst ein
-ganzes Gesperre vertilgt, aber an den alten Hahn war er noch nie
-herangekommen. Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn
-am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt und
-waren mit hellen Warnrufen davongepoltert, und hinter ihnen her ritt
-der Hahn ab und der Fuchs hatte von seinem ganzen Weidwerken weiter
-nichts, als daß er die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der
-Hahn gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So schlich er
-denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob er tiefer unten nichts
-Besseres fände, als nur Rüsselkäfer und weiter nichts, als Rüsselkäfer,
-und wenn das Glück es wollte, eine magere Maus.
-
-Aber es war jemand da, der das Balzen des Hahnes vernommen hatte.
-In aller Herrgottsfrühe war es im Tale entlang geschlichen, immer
-die Rehwechsel entlang, und da war der Teckel des Försters auf
-seine Witterung gekommen und hatte es mit hellem Halse durch die
-Trümmerwildnis des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als es sich
-in einer einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen
-es verscheucht, und wieder war es bergan geflüchtet, bis er über
-den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem Tale. Bis in den
-Spätnachmittag hatte er in einer Spalte geschlafen, aber dann hatte ihn
-der Hunger hinaus getrieben, und auf Sammetsohlen war er, bald eilig,
-bald langsam, durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang
-zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten her, über
-die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne mehr zu erwischen, als
-eine einzige Spitzmaus, vor deren Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß
-er sie liegen ließ. Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel
-gestoßen, aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und
-es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper oder eine
-Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp schützte die
-Schläfer zu gut.
-
-So war der Kater dann oben über den rauhen Hang gekommen und hatte mit
-hungerig leuchtenden Sehern dem Hasen nachgeäugt, den das Edelwild
-fortgetreten hatte. Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben
-sich leichter lebt, als im harten Berge. Dort unten wimmelte es im
-Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu erwischen, eine Forelle
-zu angeln; aber leider gibt es dort auch Förster, die Eisen stellen,
-und Teckel, die hetzen. Immerhin ist es dort noch besser, als hier,
-wo es keine Grünröcke und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen
-gibt, wo der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder Weise
-pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug und das große Geflügel, das
-hier seinen Stand hat, mehr als alte Witterung hat der Kater davon
-nicht gehabt heute abend auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er
-von der Klippe in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder
-gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn fort, und
-dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche, fällt es polternd auf.
-
-Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden. Stand er
-bisher hoch aufgerichtet auf der Kante der Klippe, so ist er jetzt
-völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein langer, flacher, grauer Stein
-liegt er da. Die Seher sind bis auf einen schmalen Spalt geschlossen,
-die Schulterblätter ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken
-heben sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende der
-Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt er und äugt nach
-dem Hahne hin. Der äugt rund um sich her, reckt den Kragen, senkt ihn
-wieder, schüttelt sein Gefieder, ordnet es, wirft seine Losung ab,
-daß sie lautklatschend auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt
-einigemale leise, ordnet hier und dann noch eine Feder, wird mit einem
-Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein Spiel ein
-wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst schüchtern, dann kräftiger
-zu balzen.
-
-Zweimal hat es den Kater schon durchzuckt, zweimal hat er sich
-bezwungen. Doch jetzt, wo der Hahn den Hauptschlag und das Schleifen
-beginnt, fliegt, wie von stählerner Feder getrieben, der Kater durch
-die Luft. Haarscharf hat er den Sprung bemessen, so scharf, daß seine
-Hinterpranten an dem Stamme der Eberesche noch Halt fanden, während
-er die Vorderpranten um den Kragen des Hahnes schlug. Mit heiserem
-Angstlaut will der Hahn abreiten, aber zu fest hält der böse Feind, zu
-scharf sind seine Krallen, so spitz die Fänge; wild mit den Fittichen
-schlagend, rasselt der Hahn, den Kater am Halse, durch das Geäst des
-Baumes den Hang hinab, daß das Edelwild, das sich dort unten an den
-jungen Sprossen äste, entsetzt von dannen flüchtet und mit langen
-Hälsen aus sicherer Entfernung vernimmt, wie das Rascheln und Rauschen,
-Brechen und Knistern nach und nach schwächer wird und schließlich ganz
-aufhört.
-
-Im Nebel verschwindet der rauhe Hang; die Lichter im Tale erlöschen,
-der Abendwind pustet hohler, ein Reh schreckt irgendwo, ein
-aufgestörter Pieper klagt ängstlich. Schneewasser kluckst zwischen
-Gestein, in schneller Folge schlägt Tropfenfall auf eine Klippe, wie
-ein Uhrwerk tickend, weit, weit weg johlt im Tale die Bahn. Es wird
-Nacht im Berge.
-
-Es wird wieder Tag werden. Hinter dem Hornfelskegel wird es rosig
-schimmern; von der Wetterfichte an der kahlen Wand wird die
-Misteldrossel singen, unter der hohen Klippe wird ihr die Zippe
-antworten, Fink und Pieper werden wieder schlagen, Zaunkönig und
-Braunelle werden singen, aber niemals wieder wird von der alten
-Eberesche am rauhen Hange sein ritterlich Minnelied in den grauen
-Morgen erschallen lassen, der es seit sieben Jahren hier sang.
-
-
-
-
-Goldhals.
-
-
-Die Sonne verschwindet hinter dem Kamme des Berges, die Krähen
-rudern hastig am roten Himmel hin, die Misteldrossel beendet ihr
-Abendlied und das Rotkehlchen schnurrt von dem dürren Zacken in sein
-Schlummerversteck.
-
-Den lauten, lustigen Wesen des Tages folgen der Nacht heimliche, stille
-Geschöpfe. Aus dem faulen Laube schiebt sich der Salamander hervor, die
-Rötelmaus rutscht durch das Geknäk, die Spitzmaus schrillt im Krautwerk
-und die Fledermaus zickzackt zwischen den Stämmen her.
-
-Wie der Kauz dreimal ruft, vernimmt der Wanderfalke, der auf der Platte
-der hohen, grauen Klippe schläft, ein leises Kratzen unter sich. Er
-hält den Kopf schief, aber was er vernimmt, das ist ihm bekannt, und so
-zieht er den Kopf wieder ein, schließt die Augen und kümmert sich nicht
-um das, was unter ihm geschieht.
-
-Fünf Ellen unter dem Falkenhorste läuft ein schmales Felsband an
-der Klippe entlang. Darauf huscht ein schwarzes Ding hin und her.
-Es ist lang und schmal wie ein Aal und schnell wie eine Natter. Es
-huscht lautlos nach rechts, macht einen spielenden Sprung, dreht eine
-Schleife, huscht nach links, tut wieder einen Sprung gegen die Wand
-und treibt dieses Spiel wohl eine Viertelstunde lang.
-
-Dann wird aus der schwarzen Schlange ein dunkler Knäuel, der sich einen
-Augenblick ruhig verhält, dann zu einem schwarzen Pfahl emporwächst,
-der sich in seltsamer Weise dreht und krümmt, windet und biegt, so
-daß die beiden grünlichen Punkte bald rechts oder links, bald oben
-oder unten schimmern, und wird wieder zu einer schwarzen Schlange, die
-bald kriechend, jetzt kletternd, nun hüpfend von Zacke zu Zacke, von
-Vorsprung zu Vorsprung eilt und endlich oben auf der Platte der Klippe
-auftaucht.
-
-Da sitzt er im Lichte des halben Mondes, er, Goldhals, der stärkste
-Edelmarder des Berges, der Schleicher und Schweifer, der Meister aller
-Künste, der Schrecken der Friedfertigen und Frommen, sitzt da in seiner
-ganzen braunseidenen Schönheit zwischen den blauen Glocken der Akelei
-und den weißen Sternen der Lichtnelke und tut, was er hier immer tut,
-er löst sich.
-
-Dann keckert er höhnisch, denn er weiß, Schnapp Krähentot, der
-Wanderfalke, ärgert sich blau und blaß, wenn er morgens auf seinem
-Luginsland die frische Losung findet. Goldhals beschnuppert die Reste
-einer Krähe, die neben den Blumen liegen, dreht sie hin und her und
-stößt sie schließlich über den Rand der Klippe, daß sie rauschend in
-das Fallaub fallen. Dann überspringt er den tiefen Spalt zwischen der
-Zwillingsklippe, erreicht mit einem mächtigen Satze den tiefen Ast der
-Krüppellinde, holzt in ihr weiter bis zu der ersten Buche und fährt an
-ihrem Stamme herab.
-
-Tapp, tapp, tapp geht es dann den Dohnenstieg entlang. Bei jeder Dohne
-macht er halt, aber jedesmal schnürt er mißmutig weiter. Endlich fällt
-ihm ein, wie gestern und vorgestern auch, daß um die Zeit, wenn der
-Bärenlauch stinkt, weder rote Beeren noch bunte Vögel in den Dohnen
-wachsen, er verläßt den Dohnenstieg und schlägt den Pürschpfad
-ein. Raschelt es da nicht? Goldhals wird zum Pfahl. Richtig, dort,
-halblinks. Ein Satz, ein Quietschen, und eine fette Rötelmaus ist
-geliefert.
-
-»Spaß muß sein,« denkt Goldhals, und läßt sie los, faßt aber sofort zu,
-ehe sie in ihr Loch kann. Siebenmal läßt er sie springen, siebenmal
-packt er sie wieder, beim achten Male quiekt sie nicht mehr. »Is doch
-was, sagte Schnabel, und brät sich 'ne Mücke«, meint Goldhals, als er
-die Maus binnen hat, und schleicht den Pürschsteig weiter. Da raschelt
-es wieder. Hops, er hat es, aber »pfui Spinne!«, ein Salamander. Er
-niest und prustet und reibt den Fang im taunassen Moose, denn das ist
-ja noch schlimmer, als das Stück gepfefferte Wurst, das er im Januar
-vor Heißhunger herunterwürgen mußte. Schnell einen Maikäfer hinterher,
-dessen öliger Geschmack nimmt das Beißen fort!
-
-Da ist die Köte, die wird aus alter Gewohnheit erst abgesucht. Aber nur
-deswegen, denn im Mai, da mag Goldhals keine trockene Wurstpelle und
-harte Käserinde. Ein kleines Andenken mitten auf den Tisch, das wird
-den Förster ebenso freuen, wie den Wanderfalken. Halt, da ist ja schon
-jemand! Goldhals macht von der Pritsche aus einen langen Hals. Ach so,
-Sie sind es! Ein kleines graues Geschöpf sitzt dort und knabbert an
-einem Brotrest, den es in den Pfötchen hält. Schon hat der Marder es
-am Wickel. Einmal noch quietscht der Bilch und zuckt mit der buschigen
-Rute, dann läßt er alle Viere hängen.
-
-»Ein bißchen wenig daran,« denkt Goldhals, als er den armen
-Siebenschläfer verspeist, »im Oktober sind sie fetter.« Dreiviertel
-davon läßt er auf dem Tische liegen und legt seine Visitenkarte
-daneben, dann verschwindet er in dem Pflanzgarten. Dort ist nichts,
-nicht einmal eine Maus, nur eine Kröte, die ihn mit entzündeten Augen
-boshaft ansieht. Goldhals schüttelt sich vor Ekel und huscht weiter,
-den Holzweg entlang, den Hang herab, an dem Born vorbei, in dessen
-Staubecken die Unken läuten, in den Schälwald hinein und hinaus,
-bis an den Bach. Dort gibt es immer etwas: junge Wasseramseln oder
-Bergbachstelzen, einmal sogar sechs junge Eisvögel auf einmal, fett
-wie Schnecken; ein anderes Mal erwischte er eine zweipfündige Forelle,
-die nach einem Maikäfer aufging, auch fette Reitmäuse lebten dort, und
-wintertags gab es dort Schlehen und Hagebutten. Heute gab es gar nichts
-als Unannehmlichkeiten. Der Waldkauz wurde unverschämt. Er hatte seine
-drei quappenfetten flüggen Jungen in der Eiche sitzen und stieß in
-einem fort knappend und fauchend nach ihm, bis er geärgert in den Wald
-zurückkehrte.
-
-»Gibt es unten nichts, gibt es oben vielleicht etwas,« dachte Goldhals
-und huschte an einer Eiche empor. Dort saßen drei Eichkatzenkobel. Im
-ersten war nichts, im zweiten dasselbe und im dritten ebensoviel. »Wenn
-es so beibleibt,« dachte Goldhals, »dann kann ich Maikäfer fangen«, und
-wütend holzte er von einer Eiche zur andern. Halt, da riecht es ja nach
-Specht! Hinein mit der Nase in das Loch. Autsch, da hat er eins darauf.
-Mutter Spechten versteht keinen Spaß. Als er sich verdutzt die Nase
-reibt, saust sie an ihm vorbei. Hops, jawohl, das ging daneben. Aber
-die Jungen! Ach ja, der Specht ist auch nicht so dumm, er macht das
-Loch nicht so groß, daß ein Marder hinein kann.
-
-»Wenn nicht, denn nicht,« faucht der und holzt weiter. Sitzt da nicht
-ein Taubennest? Ja, da sitzt ein Taubennest! Taubeneier schmecken
-fein, junge Tauben noch viel feiner; natürlich nur, wenn man sie hat.
-Das ist diesesmal nicht der Fall. Klapp, klapp, da geht die Taube ab
-mitsamt den Eiern, die sie erst legen will. »Na, dann ein ander Mal!«
-tröstet sich Goldhals, aber davon wird er auch nicht satter. Aber
-da fällt ihm etwas ein. Richtig, daß er daran nicht früher gedacht
-hat. In der alten Wetterfichte am Bullerborn schlafen ja immer die
-hagestolzen Ringeltäuber. Mehr wie einmal hat er sich einen von ihnen
-dort gelangt. Darum schnell den Stamm herab, in die Klippen hinein, die
-Schlucht hinab und hinauf, am Steinbruch vorbei, in dem das Käuzchen
-sitzt und gräßliche Gesichter schneidet, weil das Maikäfergewölle,
-das es herausgewürgt, ihm heftig im Halse kratzt, den Pürschweg
-unter dem Hange entlang, rechts ab nach dem Erdfall hin, in dem
-Murrjahn Grämlich, der Dachs, nach Untermast sticht, am Steinkreuz
-vorüber, wo man den Förster erschossen fand, zum zweiten Erdfall, in
-dem die Geburtshelferkröten ihr Glockenspiel rühren, vorüber an der
-Schutzhütte, an den beiden Grenzsteinen, am Wegweiser, auf dem die
-Ohreule sitzt und so kläglich unkt, als habe sie Leibweh, und dann ist
-er da.
-
-Da steht sie, die von allen vier Winden zerzauste alte Fichte, und
-läßt ihre zerrupften Zweige hängen. Goldhals schnüffelt um ihren Stamm
-herum: Taubenfedern mit frischer Witterung, frisches Gestüber, die
-Sache ist richtig! Aber nun Vorsicht, daß die schlafenden Bauchredner
-nicht aufwachen! Langsam erklimmt er den Stamm, springt von Aststumpf
-zu Aststumpf mit sicherem Satz, holzt den ersten Ast entlang, vermeidet
-geschickt das dürre Gezweig, gewinnt den zweiten Ast, den dritten,
-vierten, fünften, hält inne, zieht sich auf den nächsten Zweig, faßt
-den folgenden, schleicht darauf entlang und hängt sich an den Stamm.
-
-Der Fall muß überlegt werden. Da sind sie; der Mondschein macht sie
-kenntlich. Aber rund herum spreizt sich dürres Gezweig. Goldhals
-überlegt; heranschleichen geht nicht, denn einige sind schon erwacht;
-er hört, wie sie sich schütteln, und einer hat sich eben überstellt.
-Da bleibt nichts weiter übrig, als fest darauf zugehen; also den
-Rücken krumm, die Schultern hoch, ein Satz, das Dürrholz bricht, noch
-einer, Rindenschuppen prasseln, und jetzt der letzte Sprung, und da
-poltern die Täuber ab und Goldhals sitzt da, starrt ihnen mit den
-grünschimmernden Sehern nach und hört ihrer Fittiche klingenden Schlag
-verhallen. Der halbe Mond aber grinst spöttisch auf ihn herab.
-
-Goldhals rutscht in einer Schraubenlinie den Stamm hinab. Wütend ist er
-nicht mehr, aber geknickt. Er schleicht zum Kleestück, aber die Mäuse
-sind seit dem Märzregen selten geworden. Er sucht die Raine entlang,
-aber Ammer und Lerche haben dort nicht gebaut. Überall riecht es nach
-Has und Huhn, aber antreffen tut er nichts. So würgt er mißmutig einen
-Maikäfer nach dem anderen herab und hofft, daß ihm der Morgen besseres
-bringe.
-
-Schon flötet die erste Drossel im Berg, schon steigt die erste Lerche.
-Der Kauz hört auf zu rufen, die Unken stellen ihr Läuten ein, und immer
-noch sucht Goldhals im taufeuchten Felde, die Wasserfurchen entlang
-schleichend, die Koppelwege hinauf- und hinabhuschend; aber kein
-Hummelnest findet er, keinen bewohnten Hamsterbau, kein Hühnergelege,
-kein Junghäschen. Und wenn ihm der Magen auch schief hängt, es wird
-Zeit, an den Heimweg zu denken. »Der Tag ist keines Marders Freund«,
-das hat die Mutter ihn gelehrt.
-
-Dreihundert Schritte vor dem Walde stutzt er und richtet sich auf:
-Der graue Pfahl dort vor ihm bewegte sich doch? Und daneben, die zwei
-braunen Dinger, erst recht! Und jetzt trägt der Wind ihm die bösen
-Witterungen zu, die die Mutter ihn meiden hieß, die Witterung von
-Mensch und Hund.
-
-Mit einem Riesensatz ist er im nassen Klee. Höchste Zeit, denn da
-hört er es zischen, flüstern: »Hu faß!« und hinter ihm her keucht es.
-Schnell in den Brombeerbusch, wo er am dicksten ist. Aber die Hunde
-achten der Dornen nicht. Heraus und in den Wasserdurchlaß! Aber auch
-dahinein folgen ihm die Teckel. Und über der Erde poltert es. Schnell
-aus dem anderen Ende heraus, aber das geht nicht, ein schwarzes, nach
-Hund riechendes Ding steckt darin.
-
-Da fährt Goldhals herum und will den Hund überrollen! der aber faßt
-zu, jault auf, denn scharfe Fänge griffen um seine Lefzen, aber jetzt
-fühlt Goldhals sich vom andern Teckel am goldenen Halsfleck gepackt
-und heraus geht die Balgerei aus dem Durchlaß, draußen greift der
-erste Dackel ihn am Hinterteil und so wird Goldhals lang gezerrt; zwei
-auf einen, das ist auch zuviel, und nun weiß er, daß es aus ist mit
-Freijagd in Berg und Busch und Minnefahrt über Stock und Stein. Noch
-einmal, ehe sein Bewußtsein erlischt, fällt der Mutter Warnung ihm ein:
-»Der Tag ist keines Marders Freund, die Nacht ist gut und lieb.«
-
-
-
-
-Der letzte seines Stammes.
-
-
-Mitten in dem einsamen Bergwalde liegt ein tiefer Erdfall. Jäh stürzen
-die grauweißen, zerborstenen Gipsfelsen an seinen Steilwänden ab. Eine
-Fichtendickung, ein schwarzer, verfilzter Klumpen, umringt ihn zur
-Hälfte. Ihr gegenüber am anderen Rande ragt aus weichem, leuchtendem
-Moose eine steinerne Säule empor, ein grober, ungeschlachter Block.
-Die Inschrift, die das Denkmal trug, ist nicht mehr zu deuten. Schwach
-hebt sich aus der grauen Flechtenkruste ein kunstloses Kreuz ab, roh in
-den Stein gemeißelt, und ebenso grob hineingehauen ist das gestielte
-Dreieck daneben. Es soll ein Beil vorstellen.
-
-Kein Mensch weiß, zu wessen Gedenken der Blutstein gesetzt wurde. Aber
-er machte den Wald unheimlich. Kein Bauer, kein Holzarbeiter geht gern
-allein hier vorbei. Es geht da um. Man hört es rascheln und sieht
-nicht, was da geht. Man hört es schreien, und weiß nicht, von wem. In
-der Dämmerung tanzen grüne Lichter um den Stein. Der alte Waldwart hat
-sie oft gesehen.
-
-Auch heute, an diesem hellen Maienmorgen, sieht er unhold aus, der
-graue Block. Unheimlich sind die Blumen, die um seinen Sockel blühen:
-blasser, gedunsener Aaronsstab, menschenhautfarbiger Schuppenwurz,
-der Vogelnestwurz, wachsgelbe Blütengespenster, der Nachtviole
-leichenfarbene Blumen. Das Reh, das am Rande des Erdloches entlang
-zieht, verhofft jäh, äugt nach dem Mordsteine, windet, tritt hin und
-her und flüchtet laut schreckend von dannen. Eine Märzdrossel, die
-mit einer bunten Schnecke im Schnabel auf einem Felsbrocken einfällt,
-läßt ihre Beute fallen und stiebt mit Gezeter ab. Der Rotspecht,
-der vorüberschnurrt, hebt sich höher und schreit entsetzt auf. Der
-Holzschreier wendet jäh seinen Flug und kreischt voller Angst. Auch das
-Rotkehlchen flattert mit Furchtgeschrille davon.
-
-Der graue Felsblock am Sockel des Mordsteines, schwarz gestreift von
-den Schlagschatten der Eschenzweige, gelb gefleckt von einfallendem
-Lichte, hat Leben bekommen. Er reckt sich, streckt sich, läßt eine grau
-und schwarz geringelte Schlange sich winden und drehen, rundet sich,
-dehnt sich und bläht sich, wird lang und dünn und kurz und dick, läßt
-zwei grüngelbe Lichter aufblitzen, eine rote Flamme aufleuchten, duckt
-sich, schnellt sich empor und bildet plötzlich eine seltsame Bekrönung
-des unheimlichen Steins.
-
-Sie haben alle recht, die da sagen, bei dem Warloche gehe es um, da
-schleiche unhörbar ein Gespenst, da schreie ein unsichtbarer Kobold,
-da blitzten grüne Augen. Has und Reh, Eichhorn und Haselmaus, Drossel
-und Rotbrüstchen, sie kennen es allzugut, das graue Gespenst, das leise
-heranschleicht und lautlos zufaßt mit unfehlbarem Griffe und sicherem
-Biß. Die letzte Wildkatze des Tales ist es, die im alten Mutterbau
-auf dem Grunde des Warloches haust, ein Kuder, so stark wie ein alter
-Fuchsrüde.
-
-Oben auf dem Denkmale bleibt er eine Weile sitzen, den Sonnenstrahl
-genießend, der durch das Eschenlaub auf seinen Rücken fällt. Dann
-stellt er sich aufrecht, reckt die Lunte steif empor, rundet den
-Rücken, macht ihn lang, reckt sich und gähnt, setzt sich, wäscht und
-putzt sich und ist im Nu wieder am Boden, wo der alte Holunderbusch
-den schiefen Stamm über das Erdloch schiebt. Der Kuder reibt, wohlig
-schnurrend, den Rücken an dem rauhen Stamm, dann fährt er zurück,
-springt vor, versetzt der Rinde einen Prankenhieb, zieht die Krallen
-durch die Rinde, ganz schnell viele Male und dann wieder ganz sacht,
-bis die Rinde wund ist und stechender, dumpfer Duft ihr entströmt. Und
-da wirft sich der Wildkater schnurrend und murrend und knurrend gegen
-sie, streichelt sie zärtlich, drückt die Nüstern an sie, versetzt ihr
-grausame Krallenhiebe, reißt Bastfetzen herunter, wirft sich auf den
-Rücken und zerfetzt das starkriechende Laub mit langsamen Griffen und
-schnellt plötzlich auf alle vier Läufe, zu Stein erstarrt, die Gehöre
-steil aufgerichtet, und lautlos gleitet er an der Gipswand hinab.
-
-Es knickte ein dürrer Stengel, es knitterte ein trockenes Blatt, leise,
-ganz leise, aber doch nicht so leise, daß des Katers scharfes Gehör das
-Geräusch nicht richtig deutete. Das war nicht Reh und war nicht Has',
-und war nicht Vogel und war nicht Maus, das war nicht Bauer und war
-nicht Magd, das war die seltsam riechende Sohle, die seit dem letzten
-Vollmond den Wald durchschleicht.
-
-Tief unter der Erde, hinter der steilen Gipswand, da liegt der Kater in
-sicherer Ruh. Kein Grabscheit stört ihn dort, kein Rauch erreicht ihn
-da, kein Hund kann zu ihm heran. Da sind Gänge, die der Dachs grub, den
-der Fuchs vertrieb, der die Fluchtröhren scharrte. Da sind jähe Spalten
-und steile Kanten, und hinter ihnen verrotten die Gerippe der Teckel,
-die an Dachs und Fuchs und Katze jagten und niemals wieder zu Tage
-kamen. Dort ist so weich der Mulm und so trocken der Lößboden, warm ist
-es da zur Winterszeit und sommertags so kühl. Dort ist der heimliche
-Jäger in guter Hut und kann den Tag verschlafen und träumen, soviel er
-mag.
-
-Er schläft und träumt. Die Rutenspitze zuckt, die Krallen schlüpfen aus
-dem Sammet der Pranken heraus, greifen in die Luft und verkriechen sich
-wieder. Alte Bilder brachte der Traum. Von jener Zeit, als der Kater
-noch ein Kätzchen war, das mit seiner Mutter buschiger Lunte spielte
-als das erste der drei Geschwister, das den Wert der Krallen erkannte.
-Er hatte als erster die Maus an sich gerissen, die die Kätzin zu Baue
-trug, zuerst den Siebenschläfer geknickt, die flügge Drossel gewürgt,
-den Junghasen totgequält, ehe die Geschwister es sich trauten. Und als
-erster hatte er geweidwerkt, sich an das Eichkätzchen herangebirscht,
-als es Pfifferlinge suchte, es im Sprunge gerissen und stolz zum
-Warloche geschleppt.
-
-Er erwacht, blinzelt um sich, reckt sich und steigt bedachtsam über die
-Kanten und Spalten. Mitten in der kleinen Lichtung der Fichtendichtung
-mündet das Notrohr, das der Fuchs sich scharrte. Kein Jäger findet es;
-ein breitverzweigter Fichtenast spreizt sich darüber hin. Immer ist
-es dort überwindig und trocken und es kommt Sonne genug dahin. Und
-so weich ist das rote Nadelwerk und das seidene Moos. Da träumt es
-sich noch besser als unter Tage, von heimlichen Birschgängen in lauen
-Sommernächten, von Fischweid im Februar am Klippenufer des Baches, wenn
-die Forelle laichdumm ist und sich so bequem auf das Ufer angeln läßt.
-
-Über Minnefahrten läßt sich dort nachsinnen. Weit weg führten sie,
-in rauher Berge schwarze Fichtenwälder, denn ringsumher lebte keiner
-mehr vom Geschlechte der freien Katzen. Als die alte Kätzin todwund zu
-Bau gefahren kam mit zersplitterten Knochen, als sie kalt war und die
-Witterung verlor, da hatten sich die drei Geschwister zerstreut. Sie
-fanden sich nicht wieder zusammen trotz des Ältesten allnächtlichen
-Sehnsuchtsrufes einen ganzen Hornung hindurch. Da war er fortgezogen,
-hatte tagsüber in Felslöchern und Dachsbauen geschlafen, zwei Zehen in
-einem Eisen gelassen, sich mit einem schnellen Hunde gebalgt, Schrote
-hatten seine Keulen geschrammt und eine Kugel ihm Felssplitter um den
-Kopf gesprengt. Da zog es ihn wieder in das heimatliche Tal zurück.
-
-Im Februar aber trieb es ihn, wenn er in Busch und Klippe Nacht
-für Nacht umhergestrichen war, kläglich nach Minnelohn jammernd,
-hinaus in die Fremde, über kahle Felder, in unbekannte Wälder, wo er
-seinesgleichen antraf. Grimmige Gefechte hatte er bestehen müssen mit
-freien Katern, zerrissen war oft sein Balg und rot seine Pranken,
-aber immer hatte er obgesiegt und seine Lust büßen dürfen. Aber allzu
-gefahrvoll wurden ihm die Minnefahrten und so strich er nachts an dem
-Dorfe entlang, trieb die unfreien Kater vor sich her und jagte ihnen
-ihre Bräute ab, und die Bauern fanden es verwunderlich, daß die jungen
-Katzen in ihren Ställen von Jahr zu Jahr grauer wurden und dickere
-Köpfe, rauheres Haar und kürzere Schwänze bekamen. Als aber der Jäger,
-der jeden Juli hier auf den roten Bock weidwerkte, ihnen sagte, in
-den Katzen stecke wildes Blut, da lachten sie und sagten, die letzten
-beiden Wildkatzen in der Gegend hätte der Förster vor sechs Jahren im
-Eisen gefangen und an die Schule in der Kreisstadt gegeben.
-
-Der Jäger aber spürte nach jedem Regen alle Wege ab und er sah sich
-jeden alten, geschundenen Holunderbusch an und strich um jeden Bau und
-lauerte an allen Uferstellen, wo er die Reste von Forellen fand und
-saß stundenlang vom Abend bis tief in die Nacht auf dem Hochsitz, bei
-unsicherem Mondenlicht in den Wald spähend, und ließ sich auslachen
-von dem Förster und von den Holzarbeitern, weil es ihm dieses Jahr mit
-den Böcken nicht glücken wollte, denn er hatte sich gelobt, nicht eher
-wieder den Finger auf einen Bock krumm zu machen, bis daß das Kitz
-gerächt sei, das er im Busche fand, mit den Krallennarben an der Kehle
-und dem säuberlich benagten Blatt. Denn daß das der Fuchs nicht gewesen
-war, das stand für ihn fest.
-
-Und so hatte er vorgestern und gestern, wie die Tage vorher, vor Tau
-und Tag die Krone der alten Samenbuche erstiegen, die oberhalb des
-Warloches an dem Zwangspasse zwischen den grauen Klippen steht, sich im
-Frühwind vor Frost geschüttelt, in der Mittagsglut vor Hitze geseufzt
-und sich nicht gerührt und geregt und immer nur auf die Sohle des
-Erdfalles nach dem schwarzen Flecke an der Wand der grauen Gipswand
-gestarrt. Und einmal, als ihm der Schlaf Sand in die Augen warf, und
-er fester in den Riemen hineinsank, mit dem er sich an den Stamm
-geschnürt hatte, da hatte er geträumt, die Wildkatze stände unter ihm
-und war wach geworden. Und als er sich die Augen rieb, da stand sie auf
-dem Blutsteine und verschwand, ehe er den Dreilauf von dem Astzacken
-nehmen, scharf machen und anbacken konnte, wie ein Schemen, wie ein
-Traumgesicht.
-
-Wie er dann, müde und verärgert, jeden Fleck um die Fichtendickung
-abspürte, da fand er die starke Katzenspur, und jeden Raum zwischen
-den Jungfichten absuchend, stieß er auf das Notrohr und überlegte
-nicht lange und verwitterte es nach Jägerart in gröblicher Weise, um
-den Kater zu zwingen, dort aufzutauchen, wo er ihm sichtig kommen
-mußte. Und jeden Tag verwitterte er das Notrohr von neuem, und alle
-dicken schwarzen Käfer und alle fetten blauen Fliegen wußten das bald
-und brummten und summten nach der Dickung hin, und nun auch an diesem
-Spätnachmittage war dort ein großes Gebrummse und Gesummse.
-
-Der alte Kater will dort den Abend erwarten. Langsam schiebt er sich
-in dem Notrohr entlang. Schon von weitem vernimmt er das Summen und
-Brummen, und die üble Witterung fällt ihm ziemlich auf die Nerven.
-Er reckt sich, schiebt sich vor und starrt nach der Lichtung. Dann
-fährt er zurück und schleicht über die Felszacken, springt über die
-Spalten und bleibt lange nachdenklich auf seinem Schlafplatze sitzen.
-Endlich schiebt er sich voran, Zoll um Zoll, bis er sich der Mündung
-des Hauptrohres nähert. Da verhofft er lange Zeit, windet und äugt,
-bis Mausepfiff und Jungvogelgepiepe seinem Magen heftiger zusetzt.
-Da steckt er den dicken Kopf aus dem schwarzen Loche und äugt an den
-Gipswänden entlang.
-
-Kein Blatt rührt sich, es regt sich kein Halm. Fern pfeifen die jungen
-Käuze, im Stangenorte ruft ein Kitz nach der Ricke, Mäuse schrillen,
-die Fledermaus zwitschert, Rotkehlchen singt sein letztes Lied. Lautlos
-schleicht der Kater an der Schattenseite des Felskessels entlang,
-unhörbar schnürt er an der Wand empor, unter dem Holunderbusch verharrt
-er lange regungslos, den Kopf hin und her wendend, jedes Abendfalters
-Schwingenschlag, jedes Käfers Gekrabbel vernehmend. Und nun steht er
-auf dem Mordsteine, setzt sich und äugt ringsumher.
-
-Ein ganz leises Kratzen in der alten Buche reißt seinen Kopf herum.
-Aber oben aus den Kronen der Bäume kam noch nie ein falscher Laut, eine
-gefährliche Witterung. Lange starren seine grünen Seher in den breiten
-Wipfel. Es lebt und webt da etwas. Vielleicht der Siebenschläfer, oder
-eine Taube, die sich im Schlafe rührt, ein Häher, oder die Eule.
-
-Ein roter Blitz zerreißt die Dämmerung, ein Hagelgeprassel
-zerschmettert den Holunderbusch, ein Donner fällt in die Ruhe des
-Waldes, Stinknebel tanzt blau um den Silberstamm der Buche; die Taube
-prasselt durch das Laubwerk, der Hase rauscht durch das Gekräut, der
-Berg wirft den Donner zurück und trägt der Rehe Schrecken heran.
-
-In der alten Buche raschelt und knistert es. Etwas Großes, Graues
-klettert in ihrem Astwerk, steigt langsam herab, fällt dumpf zu
-Boden. Ein Lichtchen brennt auf, fährt hinter ein Glas, eine Flamme
-leuchtet, tanzt nach dem Blutsteine und schwebt um ihn herum, den Stein
-beleuchtend und ein braunes Mannesgesicht rot färbend.
-
-Die Augen des Jägers leuchten auf. Rote Flecken findet er auf dem
-grauen Steine und ein graues Büschel an einem roten, nassen Fetzen,
-der zwischen den zerschossenen Flechten hängt. Und weiter nichts, gar
-nichts. Auch nicht an den Wänden des schwarzen Schlundes, auch nicht
-auf dem Schotter der Sohle des Erdfalles, auch nicht in der Mündung
-des Baues. Er führt einen belaubten Zweig hinein und zieht ihn heraus,
-jedes Blatt ableuchtend. Nichts! Doch, hier ein winziges Fleckchen
-Schweiß.
-
-Der Jäger wirft sich lang hin, schiebt sich vor den Bau, legt das
-Ohr vor das Rohr, hält den Atem an und lauscht. Schwach, als wäre es
-unendlich weit, ertönt ein einziger dünner, kläglicher Laut, einmal nur
-und dann nicht mehr.
-
-Der Holunderbusch wird keinen Krallenhieb mehr spüren, kein Kitz klagt
-mehr unter dem Prankengriff, keine Forelle fliegt mehr im Bogen auf den
-Uferschotter.
-
-Der letzte von der Sippe der freien Katzen weit und breit ist nicht
-mehr.
-
-
-
-
-Achtzacks Ende.
-
-
-Im Walde ging es um. Was es war, wußte niemand; aber etwas Gutes war es
-nicht. Es haßte den Frieden und liebte die Zerstörung.
-
-Alle Böcke diesseits des Fuchsbaches hatten das erfahren. Dem Gabelbock
-vom Schälwalde war die linke Keule aufgeschlitzt. Dem Sechser vom
-Jagen drei fehlte ein Licht und die rechte Stange. Der Bock aus dem
-Kinderbruch lahmte vorne rechts. Dem vierjährigen Spießbock vom
-Birkenschlag war ein großer Hautlappen auf dem Ziemer abhanden gekommen.
-
-Keiner von ihnen wußte wie es zugegangen war. Friedlich hatten sie
-mit ihren Schmalrehen geäst. Da hatte es in der Dickung gebrochen,
-etwas Großes, Braunes war herausgepoltert, hatte sie über den Haufen
-gerannt, die Schmalrehe vor sich hergetrieben und war in der Dickung
-verschwunden.
-
-Ihre Wunden hätten die Böcke wohl vergessen, ihre Bräute vergaßen sie
-nicht.
-
-Der Vierjährige mit den langen Dolchen hielt es nicht mehr aus.
-Nichts schmeckte ihm mehr, nichts wollte ihm munden, weder Klee noch
-Brombeerblätter, weder Gras noch Johannestrieb. Tag und Nacht zog er
-umher und dachte an sie.
-
-Eines Morgens, als nach kurzem Donnerschlage ein feiner, warmer Regen
-fiel, faßte er sich ein Herz. An dem Weidenbusche vor dem Holze wetzte
-er seine Dolche, daß Bast und Blätter flogen, und plätzte, daß Moos und
-Mulen nur so sausten. Dann trat er in den Bestand.
-
-Er zog vorsichtig und zaghaft dahin. Der Hase, den er aus dem Lager
-jagte, erschreckte ihn, die Taube, die er von der Salzlacke scheuchte,
-ließ sein Herz klopfen. Aber dann warf er wieder mutig den Kopf auf,
-schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß das Fallaub stob, und fegte
-mit den Stangen den Bast von einem Eschenbäumchen.
-
-Auf einmal vergaß er Angst und Vorsicht. Aus dem Stangenorte klang
-ein Ton, der ihm in das Herz fuhr, ein Laut der Sehnsucht, des
-Verlangens, der Zärtlichkeit. Das war sie, die er so lange nicht
-gesehen, sein kleines, hübsches Schmalreh. Und was ihm da vom Boden aus
-entgegenduftete, das war ihrer Fährte Witterung.
-
-Mit weitgeöffneten Nüstern zog er auf der Fährte fort, durch das
-Altholz, durch den Stangenort, nach dem Ellernbruch am Fuchsbach.
-Und da sah er auch schon ihre schlanke Gestalt hellrot auf grünem
-Himbeerblättergrund.
-
-Spornstreichs trollte er auf sie zu. Aber als er dicht bei ihr war,
-bewegte sich rechts der braune Ellernstumpf, und dort stand ein alter,
-hoher, schwerer, dunkelbrauner Bock mit fast weißem Gesicht, über dem
-acht weiße, scharfe, lange Enden im einfallenden Sonnenlichte blitzten.
-Das war Achtzack, der Raufbold, der jedes Jahr am Ende des Juli hier
-erschien und Mitte August wieder verschwand. Einen Augenblick lief es
-dem Vierjährigen kalt und heiß über den Ziemer. Dann warf er trotzig
-den Kopf auf, verdrehte die Lichter, daß die weiße Bindehaut teuflisch
-leuchtete, senkte den Kopf, daß die langen, weißendigen Dolche
-gefährlich funkelten, schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß Laub
-und Moos nur so wirbelten, stieß ein tiefes, böses Keuchen aus und zog,
-die Läufe im spanischen Tritt setzend, dem Nebenbuhler entgegen.
-
-Achtzack war zuerst ganz starr. So etwas von Frechheit war ihm doch
-noch nicht vorgekommen. Ein Vierjähriger, der ihm Trotz bot? Ein
-zurückgesetzter Bock, der noch nicht einmal sechs Enden hatte, hielt
-ihm stand? Zu lächerlich! Sorglos zog er dem Frechling entgegen, ein
-höhnisches Grinsen um den kohlschwarzen Windfang. Gleichgültig senkte
-er den Kopf; mit einem einzigen Stoß wollte er ihn abtun, den Dummkopf.
-Der aber war auf seiner Hut. Als die acht Dolche dicht vor ihm waren,
-wich er zur Seite und forkelte blitzschnell von unten nach oben. Es
-klirrte hell und klang hohl und als beide voneinander abließen und sich
-gegenüberstanden, keuchend und jappend, da hing Achtzacks linkes Licht
-als feuerroter, häßlicher Klumpen aus der Augenhöhle heraus.
-
-Im nächsten Augenblick strich der Pirol, der in den Zweigen über den
-beiden Kämpen sich im Flöten geübt hatte, entsetzt ab. Denn unter ihm
-war mit einem Male ein Wirbel von Laub und Moos, Kraut und Reisig.
-Ein Kreischen erscholl, laut und schrecklich, und dann klang es, als
-schlüge der Specht gegen einen hohlen Baum, und schließlich kam ein
-Röcheln.
-
-Endlich hörte der Blätterwirbel auf und Achtzack tauchte daraus hervor.
-Seine Dünnungen bebten, seine Lungen pfiffen, aus der Brust kam ein
-tiefes Keuchen. Fortwährend schüttelte er den Kopf, an dessen linker
-Seite es rot herunterlief. Aber seine acht Enden waren rot.
-
-Das Schmalreh war abgesprungen, als der Zweikampf begann. Achtzack zog
-ihm auf der Fährte nach, sprengte es, als es vor ihm flüchtig wurde,
-schlug es noch in die Rippen und trieb es in die Tannen.
-
-Gleich darauf huschte ein grüner Schatten durch den Wald, tauchte
-hinter einem Stamme auf, verschwand hinter einem andern, kam wieder
-hervor und war wieder verschwunden. Laut schimpfte die Amsel über
-das Waldgespenst, und der Kauz in der Eiche machte große Augen und
-schüttelte den dicken Kopf, denn lautlos zu jagen, hatte er gedacht,
-könnte außer ihm niemand.
-
-Dieses grüne Gespenst war ein Mensch, ein langer, junger, blonder,
-blauäugiger Mann mit braunen Backen und Händen, der Förster. Er
-war wütend. Er hatte eben festgestellt, daß die zwölf achtjährigen
-Weißtannen, die zwischen den vielen Rottannen standen, und die zehn
-Edelebereschen zu schanden gefegt waren von einem Bocke.
-
-Außerdem war er falsch, weil er keinen Bock gesehen hatte. Er sollte
-einen auf das Schloß liefern. Vor Tau und Tag war er zu Holze gezogen,
-jetzt war es neun Uhr und nichts hatte er gesehen, außer einer alten
-Ricke. Wenn da nur nicht wieder Achtzack die Schuld war. Seit drei
-Jahren machte ihm der das Holz von Böcken blank. Lahm hatte er sich
-gepürscht und krumm gesessen, aber nie konnte er ihn fassen. Fünfzig
-Nächte hatte er sich um die Ohren geschlagen, hunderte Abende auf ihn
-gelauert, aber alles war für die Katz' gewesen.
-
-Hastig sog er an seiner Pfeife, daß der Dampf durch das Holz zog, lang
-und breit, wie ein Pferdeschwanz. Da blieben seine Augen am Boden
-hängen. Zwei Fährten standen auf die Dickung zu, die zierliche eines
-Schmalrehs, die grobe eines ganz alten Stückes.
-
-Ganz tief bückte er sein Gesicht zum Boden. Seine großen Augen
-glänzten, als er sah, daß an der Fährte des rechten Vorderlaufes eine
-Lücke war.
-
-Gerade, als er sich aufrichtete, hörte er es zu seiner Linken
-rascheln. Das Rascheln wiederholte sich und mischte sich mit einem
-Geröchel. Der Förster trat einen Schritt vor, noch einen, wie eine
-Katze dahinschleichend, aber im nächsten Augenblicke kniete er nieder,
-faßte den geforkelten Bock um die langen Spießer, fuhr mit der rechten
-Hand nach der Hosennaht, kam mit etwas Blitzendem zurück, eine schnelle
-Handbewegung nach der Brust des Bockes, und der streckte sich und ließ
-den Kopf schlaff in das grüne, rotbetaute Moos fallen.
-
-Sorgfältig untersuchte der junge Mann den Bock. »Dieser Schinder«,
-murmelte er als er den Kopf umdrehte und sah, wie das zerrissene
-Gescheide fußlang aus den aufgeschlitzten Dünnungen hing, »eins, zwei,
-drei, sechs, acht, zehn, vierzehn mal hat er ihn geforkelt. Nun aber
-ist Schluß mein Lieber! Heute mußt du stürzen oder ich will die Kunst
-nicht verstehen!«
-
-Er lud den Bock auf, ging auf das Feld, brach ihn auf, rodete den
-Aufbruch ein und hing den Bock in eine Fichte. Dann ging er in weitem
-Bogen nach dem Fuchsbach zurück.
-
-Vor einer großen Samenbuche machte er sich seinen Stand zurecht,
-scharrte leise alles Fallaub beiseite und entfernte jeden dürren
-Ast. Dann suchte er ein halbes Dutzend gleichmäßig gewachsener
-Buchenblätter, schnitt sie zurecht und legte sie vor sich auf den
-Rucksack. Zuletzt schnitt er leise einen langen, verästelten Zweig ab
-und steckte ihn vor seinem Stande in den Boden.
-
-Es war ganz still im Walde. Kein Blättchen regte sich. Man hörte die
-Ameisen krabbeln und die Flügel der großen Wasserjungfer knistern,
-die raubend über dem Bach hin- und herstrich. Einmal ruckste fern ein
-Ringeltäuber, ein Bussard rief hoch über den Kronen der Buchen, eine
-Maus raschelte im Fallaube.
-
-Der junge Förster rauchte langsam seine Pfeife zu Ende, spannte
-lautlos die Büchsflinte, zog die Knie hoch und legte die Waffe quer
-über seinen Schoß. Dann nahm er eins von den Buchenblättern und hielt
-es gegen die Lippen.
-
-Ein weicher, leiser, zärtlicher Ton erscholl, das sehnsüchtige
-verlangende Fiepen des Schmahlrehs, einmal, zweimal, dreimal.
-
-Drüben in der Dickung saß der alte Bock im Bett, neben ihm das
-Schmalreh. Als der dünne, feine Ton erscholl, spielten die Lauscher
-Achtzacks.
-
-Wohl eine Viertelstunde verging, da erklangen noch einmal die lockenden
-Laute. Achtzack stand auf. Aber zu oft hatte er in seinem Leben die
-Erfahrung gemacht, daß hinter dem zärtlichen Locken das tödliche
-Blei wartete, so manche Kugel war in seinen grünen Jahren an ihm
-vorbeigepfiffen, wenn er liebeshungrig aus der Dickung gestürmt war;
-mehr wie einmal hatte ihn das Blei gestreift. Gern hätte er sich das
-geliebte Ding aus der Nähe angesehen, das da fiepte, denn unbekannt
-klang ihm die Stimme. Aber es würde ja auch wohl noch da sein, wenn es
-dunkel wäre, und wenn nicht, die Kleine neben ihm war ja auch hübsch
-und jung.
-
-Auf einmal aber kam Leben in ihn, denn nun erklang der von Scham und
-Angst erfüllte Klageruf des Rehjüngferchens. Was, wagte es wieder
-einer, ihm ins Gehege zu kommen? In seinem Wald, in dem alles ihm
-gehörte, was hübsch und fein war!
-
-Langsam schob er sich durch die Tannen. Alle paar Gänge blieb er stehen
-und sicherte. Aber als das Angstgeschrei lauter erscholl, als er
-deutlich des Nebenbuhlers Stürmen und Poltern vernahm, da trat er ganz
-aus der Dickung heraus.
-
-Der Förster, der wie verrückt mit seinem Hute zwischen die dürren
-Zweige am Boden geschlagen hatte, hielt inne, als er von den Tannen
-her ein ganz feines Geräusch vernahm. Ein leises Lächeln ging um seinen
-Mund. Er hielt den Atem an und schloß die Augen bis auf einen Spalt.
-
-Lange blieb es drüben still; dann klang das Brechen wieder. Aber dieses
-Mal lauter, näher. Dem Förster schlug das Herz und die Büchse zitterte
-in seinen Händen. Er schloß die Augen ganz und atmete tief und langsam.
-
-Als er die Augen wieder öffnete, sah er in der Dickung einen grauen
-Fleck. Und darüber, über den schwarzgesäumten Lauschern, das schwere,
-weitausgelegte Gehörn mit den roten Enden.
-
-Eine Ewigkeit dünkte ihm die Spanne Zeit, bis daß Leben in den grauen
-Fleck kam, eine Ewigkeit, die ihm das Blut wild durch die Adern jagte
-und den Schweiß aus allen Poren trieb. Als aber der graue Fleck sich
-vorschob und ein brauner ihm folgte, da zog er ganz langsam die Büchse
-an die Backe und machte den Finger krumm.
-
-Nach dem Schuß stand er auf und lauschte. Ein paarmal brach es noch
-in den Tannen, dann war alles still. Er trat leise an die Dickung,
-bückte sich, nickte befriedigt, als er hellrote Blasen auf den blauen,
-zerdrückten Glockenblumen sah, und ging fort.
-
-Das Schmalreh war erstaunt aus seinem Bette aufgestanden, als sein
-grober Bräutigam es verließ. Das war sonst seine Art nicht, bei
-hellichtem Tage in den raumen Bestand zu ziehen. Und er hatte nicht
-einmal von ihm verlangt, daß es mit sollte.
-
-Als es dann so laut donnerte, hatte Schmalrehchen eine Flucht gemacht.
-Aber nur eine, denn zu viel Angst hatte es vor seinem rohen Gebieter.
-Es wußte, er suchte doch auf der Fährte, und dann setzte es Hiebe,
-hageldicht.
-
-Da vernahm es ihn auch schon. Laut brachen die dürren Zweige. Da war
-er! Aber was ihm nur fehlte? Er taumelte, schwankte, stürzte, richtete
-sich mühsam wieder auf, zog drei Schritte voran, brach wieder zusammen
-und blieb liegen.
-
-Verschüchtert zog die Kleine an ihn heran. Sie machte ihr
-liebenswürdigstes Gesicht, denn es war ein launenhafter, roher Kerl,
-der Alte, viel unzarter, viel weniger liebenswürdig als ihr erster
-Liebster.
-
-Matt hob er den Kopf, als sie bei ihm war, und ließ ihn wieder fallen.
-Zärtlich beschnupperte sie ihn, prallte aber zurück, denn er hatte eine
-so seltsame, unheimliche Witterung jetzt an sich.
-
-Aber sie blieb bei ihm, eine ganze Stunde lang. Ab und zu versuchte er,
-aufzustehen, aber immer wieder brach er röchelnd zusammen, und jedesmal
-quoll es rot aus seinen Blättern.
-
-Dann überlief ihn ein Zittern, er röchelte noch einmal schrecklich,
-machte sich lang, und von da ab rührte er keinen Lauf mehr.
-
-Dann brach es wieder in der Dickung. Das Schmalreh stand auf.
-Menschenworte erklangen: »Zur Fährt, mein Hund, so recht, mein Hund!
-Such verwundt, mein Hund!«
-
-Das Brechen kam näher. Lautes Gehechel eines Hundes tönte heran. Das
-Schmalreh sprang ab, von Entsetzen gepackt.
-
-Hinten in den Birken verhoffte es. Der dumpfe Hals des Hundes erklang,
-dann des Waldhorns heller, froher Ruf: »Bock tot!«
-
-Neben dem Bock kniete der Förster. Freudig betrachtete er den
-Kopfschmuck, dessen scharfe Enden noch rot waren von dem Mord.
-
-Schmalrehchen aber zog im Wald umher. Es fühlte sich einsam. Laut
-rief es nach einem fühlenden Herzen. Das fand sich bald. Es war ein
-dreijähriger stattlicher Bock. Und er war viel liebenswürdiger und nie
-so grob, wie der alte Achtzack.
-
-
-
-
-Böbchen.
-
-
-Unser Bob war das, was man so im Volke unter einem Terrier versteht,
-denn er war kurzhaarig, von weißer Farbe mit schwarzen Flecken, zu
-kurz koupiert und äußerst frech, mithin ein Terrier. Er hatte auch
-Terrierblut in sich, ganz entschieden und er war auch ein hübscher
-Hund, das sagte jeder, und wer langen Fang, hartes Haar usw. von ihm
-verlangte, dem wurde bedeutet, daß Böbchen kein Schablonenterrier
-sei, sondern eine Individualität und mehr auf persönliche, denn auf
-generelle Rasse Wert legte. Seine Mutter hatte übrigens blauestes
-Terrierblut, aber entschieden die Tendenz nach unten gehabt, denn Bobs
-Vater war unbekannt und blieb es, denn: ~la recherche de la paternité
-est interdite~. Hatte Bob also nur einen halben Stammbaum, so
-besaß er dafür eine doppelte Portion von Temperament. Leider hatte er
-verhältnismäßig wenig Verwendung dafür, sintemal er ein Damenhund war.
-Er gehörte nämlich meiner Schwiegermutter und spielte sich als einziges
-männliches Wesen in der Familie vollkommen als Hausherr auf.
-
-Über ein Jahr dauerte es, ehe die Frage halbwegs entschieden war,
-wer nun Herr im Hause sein sollte, Bob oder ich. Bob benahm sich,
-als ob ich nichts zu sagen hätte. Das durfte ich mir nicht gefallen
-lassen und trat ihm kühn entgegen. Von seiner Seite wurde der
-Kampf mit stundenlangem Kläffen oder Piepen, Kratzen an den Türen
-und heiserem Wutgebell geführt, von mir mit der Zwille und Schrot
-Nr. 6. Die raffinierte Technik siegte; Bob erkannte meine physische
-Überlegenheit in gewisser Hinsicht an, besonders wenn es ihm gerade
-paßte, und gehorchte mir, aber nie ohne sein historisches Recht dadurch
-zu betonen, daß er »bö« sagte. Im übrigen liebte er mich trotz der
-Zwille und ungeachtet einer seiner Ansicht nach völlig unzweckmäßigen
-gelegentlichen Verwendung meines rechten Absatzes. Er liebte mich
-allerdings mehr mit dem Verstande, mehr aus praktischen Gründen, denn
-aus innerer Neigung; er liebte mich, weil ich mit ihm spazieren ging,
-sehr weit spazieren ging ohne ihn anzuleinen, weil ich ihn Emailletöpfe
-apportieren ließ, ihn Steine aus dem Wasser tauchen ließ und die
-Stellen kannte, wo es Feldmäuse, Hamster und Zaunigel gab. Er war von
-Natur ein Mäusefänger. Lief eine Maus durch die Waschküche, dann stand
-er regungslos und wartete, bis die Maus wieder kam, und ruhig und
-besonnen faßte er zu. Dann ging er zu einer von den Damen des Hauses,
-legte die Maus auf ihre Schuhspitze und machte hübsch; das hieß: »Ich
-bitte um ein Stück Zucker zum Lohne!«
-
-Aber wilde, richtige wilde Mäuse auf der Stoppel zu jagen, das war doch
-etwas anderes, das war noch schöner, als Emailletöpfe zu trudeln und
-Seife und Ätherflaschen zu bekämpfen. Jawohl! Seife beißt, Äther auch,
-also sind es wilde Tiere und wilde Tiere gehören totgebissen, meinte
-Bob. Und so verbellte er die Seife, als wäre sie ein Igel, und biß
-hinein und schimpfte und fluchte, daß ihm der Schaum vor der koddrigen
-Schnauze stand. Genau so machte er es mit brennenden Zigarrenstümpfen.
-»Sterben mußt du«, dachte er, »und wenn du noch so beißt«, und
-schließlich kriegte er sie tot. Aber so ein richtiger dicker Zaunigel,
-das war doch noch schöner, und das beste war ein Hamster, ein ganz
-dicker und fetter, der sich gehörig wehren konnte, denn ein Hamster,
-der ist doch reeller als die infamigen Schweinskatzen, die das unfaire
-Aufdiebäumegeklettre nicht lassen können, dachte Böbchen. Aber wehe
-der, die er erwischte; sie mußte hin werden, vorausgesetzt, daß es eine
-alte war; denn jungen Katzen tat er nichts, weil er zu kinderlieb und
-zu sehr Kavalier war.
-
-Letzteres ging daraus hervor, daß er liebendgern Sekt trank, nur mußte
-er sich etwas beruhigt haben, und dann aß er Spargelköpfe für sein
-Leben gern. Leider brach das väterliche Erbteil immer wieder bei ihm
-durch. So war er in seinem weiblichen Umgange gar nicht wählerisch und
-verkehrte mit den proletischsten Hündinnen, was ihm den Haß des ganzen
-Stadtviertels einbrachte. Wenn ihn die Hunde des Kohlenfuhrmanns nur
-von weitem sahen, dann murrten sie dumpf und das sollte heißen: »Den
-ganzen Tag nischt tun, als bloß fein fressen, und wir können nachher
-die Alimente bezahlen, wo wir doch Tag für Tag mit dem Kohlenwagen
-gehen und aufpassen müssen!« Aber Bob feixte sie frech an und knurrte
-ihnen zu: »Seht euch bloß vor, ich habe eine Zwille.« Und das glaubten
-ihm die Schafköpfe wirklich. Einmal aber hatten sie ihn doch zu fassen
-bekommen und er kam als Beefsteak ~à la Tartare~ nach Hause.
-Gerade hat der Tierarzt ihn zurechtgeflickt und ich hielt ihn, während
-ich mich von dem Arzte verabschiedete, in der Haustüre auf dem Arme. Da
-ging der eine Kohlenhund vorbei und machte eine höhnische Bemerkung.
-Im Hui war Bob von meinem Arme herunter und stürzte auf drei Beinen
-auf ihn los, und da Bob halb in weiße Leinwand genäht war, kratzte der
-andere Hund entsetzt aus.
-
-Merkwürdig war es, daß ihm bei seinen nächtlichen Debauchen nie
-etwas zustieß. Er konnte wochenlang den anständigen jungen Mann von
-Erziehung markieren, aber mit einem Male blieb er über Nacht aus.
-So um vier oder fünf Uhr in der Frühe piepte er vor der Haustüre;
-machte man dann nicht sofort auf, so schlug er einen Riesen- oder
-Abgottskrach. Außerdem machte er es so wie manche Männer, er beugte vor
-und schnauzte, sobald er in das Haus kam, damit er nicht angeschnauzt
-wurde. War er dann im Hause, so ging er nicht in die obere Etage zu
-meiner Schwiegermutter, sondern in das Erdgeschoß in unsre Küche, wo er
-sich unter den Herd legte. Da blieb er den ganzen Tag liegen, roch nach
-Bier und gemeinen Zigarren, aß nichts und soff abscheulich viel Wasser,
-solchen Brand hatte er, und duftete übel. Anfangs wußten wir nie, wo er
-gewesen war; später bekamen wir heraus, daß er in einer Destille in der
-Nachbarschaft verkehrte, wo es einen tadellosen Harzkäse gab. Außerdem
-mußte er noch anderswo verkehren, denn als er einmal wieder einen
-ausschweifenden Lebenswandel geführt hatte und ohne Halsband, aber mit
-einem Bombenjammer, sehr dreckig und voll von Flöhen heimgekehrt war,
-kam ein Herr, gab sein Halsband ab und sagte, Bob pflege öfter bei
-ihm zu schlafen; er ginge durch das Gitter, hüpfe auf die Veranda und
-von da in das Eßzimmer, wo er auf dem Sofa schlafe. Als wir Bob nach
-Details fragten, wurde er grob, wie immer in solchen Fällen, denn das
-fand er taktlos.
-
-Er war in jeder Beziehung merkwürdig. Er trank nur aus einem Glase.
-Wenn man ihn fragte, er solle zusehen, ob oben jemand zu Hause wäre,
-lief er die Treppe hinauf, hängte sich an den Klingelzug und läutete,
-daß das Haus bebte. Wenn er ganz fest schlief und man flüsterte:
-»Brauner Kuchen!« so hörte er das sofort, obschon er manchmal tat, als
-wenn er stocktaub wäre. Wenn es draußen nichts anderes gab, bog ich
-ihm einen Ast herunter und dann hängte er sich daran, schwebte frei in
-der Luft und zerrte knurrend eine halbe Stunde lang darum. Er litt an
-Zahnschmerzen, und war dann oft sehr verdrossen, denn er hatte sich an
-Steinen und Emailletöpfen alle Zähne kaputgebissen; aber als er schon
-zehn Jahre alt war, brauchte man nur an einen zentnerschweren Stein
-oder an einen Straßenbahnmasten zu klopfen und zu sagen: »Schönes
-Steinchen!« und dann versuchte er mit furchtbarem Getöse, das Ding vor
-sich herzutrudeln, wie er es vor dem Tore stundenlang mit Emailletöpfen
-und Blecheimern zum Vergnügen der Einwohner machte. Niemals aber
-brachte er so ein Möbel mit nach Hause; sobald wir in die Nähe der
-Stadt kamen, stellte er den Pott in den ersten besten Hausflur. Als ich
-jedoch mit ihm einmal verreiste und in eine kleine Stadt kam, wo ihn
-niemand kannte, trudelte er seinen Pott durch das ganze Nest und nahm
-ihn in das Gasthaus mit. Außerdem fraß er sehr gern Zwetschen, deren
-Steine er mit hörbarem Avec aus der linken Maulecke spuckte.
-
-Als ich ihn kennen lernte, war er ein Augentier; seine Nase brauchte
-er höchstens, um sich von der Beschaffenheit der Atmosphärilien, die
-dem Erdgeschoß entströmten, wo die Küche lag, zu überzeugen. Er kannte
-jeden Freund des Hauses von weitem; wenn er vom Fenster plötzlich zur
-Erde sprang und piepend nach der Türe lief, dann wußten wir, daß es
-Besuch gab; nie benahm er sich so, wenn der Briefträger kam. Als dann
-Muk, der blondgelockte Teckel, einzog, brachte der ihm bei, daß der
-Hauptsinn des Hundes die Nase sei, und Bob, den jede Hasenspur und
-alle Rehfährten bis dahin völlig kühl gelassen hatten, fand allmählich
-Gefallen am Jagen auf der frischen Fährte, trotzdem er damals schon
-zehn Jahre alt war. Aber so recht kam er nicht dahinter, fiel jede
-neue Fährte an, die die andere kreuzte, bis es ihm zu dumm wurde und
-er reuevoll zu seinem Blechtopfe zurückkehrte. Wenn er sich auch
-manchmal etwas formlos gab, in einer Beziehung hielt er streng auf die
-hergebrachte Sitte.
-
-Ich hatte später einen Teckel namens Putt Battermann, einen lieben
-Hund; ich würde den König und den Kronprinzen von Serbien, Castro,
-und andere entbehrliche Gegenstände mit Wonne hergeben, könnte ich
-Battermann damit wieder lebendig machen. Dieser Hund hatte eine
-eigentümliche Angewohnheit, oder vielmehr, er hatte sie nicht, denn
-wenn er ein größeres Geschäft erledigt hatte, machte er nie die
-üblichen drei Kratzfüße hinterher. Als Bob das sah, war er starr, ganz
-schnell lief er hin und scharrte, um dem dummen jungen Hunde zu zeigen,
-was sich gehöre. Aber Battermann erklärte ihm, das habe erstens auf dem
-Asphalt keinen Zweck und sei zweitens überhaupt nicht mehr Mode. Was
-sollte Bob machen? Gekratzt mußte werden, also kratzte er jedesmal,
-wenn Battermann das unterließ, wenn er sich auch nicht mehr bis zu der
-betreffenden Stelle hinbemühte. Aber er kratzte.
-
-Wenn Bob jagdlich gearbeitet wäre, hätte er sich mit Ruhm bedeckt, und
-wäre er ein Mensch gewesen, hätte der Erdball unter ihm so gedröhnt,
-wie unter dem ersten Napoleon, denn was Furcht war, das kannte er
-nicht. In aller Lerchenfrühe nahm ich ihn einmal in den Zoologischen
-Garten mit, aber auch nur einmal, denn hätte ich ihn nicht an der Leine
-gehabt, so hätte ich einen neuen Löwen kaufen können. Ohne sich zu
-besinnen fiel er eine eselsgroße Dogge an, und Bullen auf Weidekämpen
-zu hetzen, das dünkte ihm ein harmloses Spiel. Und doch bekam er es
-einmal, ich will nicht sagen mit der Angst, aber mit jenem Gefühl der
-Hilflosigkeit, das den Menschen befällt, wenn er bergab radelt, die
-Pedale verliert und merkt, daß die Bremse versagt. Das war in einer
-Gastwirtschaft; da sah er ein großes weißes Tier, das ganz sonderbar
-roch. Er wollte es totbeißen, aber es nahm ihn auf die Hörner und warf
-ihn in den Busch, daß ihm die Rippen krachten. Mit einem furchtbaren
-Fluche rappelte er sich zusammen und fiel das Ungetüm wieder an,
-aber alle Mühe, die er sich gab, es von hinten zu erwischen, war
-vergebens; mit Schaum vor dem Maul und Scham in der Brust schob er ab,
-ging in tiefe Grübelei versunken neben mir nach Hause, beachtete die
-schönsten Blechpötte nicht und aß nichts zu Abend, denn allzusehr war
-sein Selbstbewußtsein zerknittert. Und noch etwas gab es, das ihn mit
-Hilflosigkeit erfüllte, ein Floh auf dem Rücken. Dann fühlte er sich
-wie Lazarus. Ganz unglücklich war er, piepte jammervoll und schüttelte
-sich unter den Ecksofas, bis eine Franse nach der andern den Weg aller
-Wolle ging. Sonst kannte er keine Furcht; ein Stock versetzte ihn in
-Ärger, die Hundepeitsche in Zorn und die Zwille in schäumende Wut. Aber
-Angst? Keine Spur! Dreizehn Jahre wurde er alt und blieb wie er war,
-immer lustig, immer frech, immer ein Verehrer der Weiblichkeit. Ganz
-plötzlich bekam er Krämpfe und ein Schuß gab ihm ein schnelles Ende.
-
-Er hat mich viel geärgert und oft in Wut gebracht, wenn er mich durch
-Piepen und Kratzen bei der Arbeit störte. Aber viel Freude habe ich
-doch an ihm gehabt, und immer denken wir gern zurück an unser Böbchen.
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-Der Zaunigel.
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-Außerhalb des Dorfes nach der Heide zu liegt an dem Moorbache ein
-Eichenhain. Ein halbes hundert grauer Bauwerke erhebt sich dort,
-halb versteckt von dem breiten Astwerke der alten Eichen. Es sind
-die Schafställe und Scheunen der Bauern, kunstlose, strohgedeckte
-Fachwerkbauten, deren Wände graues Flechtenwerk und gelber Lehmbewurf
-bildet und deren Grundbalken auf dicken Findlingsblöcken liegen.
-
-Dort wohnt auch der Schäfer. Eine mächtige Mauer aus Ortsteinblöcken,
-von Moos übersponnen und von Engelsüß und Glockenblumen und Efeu
-überwuchert, hinter der sich ein gewaltiger, von Wacholder, Holunder,
-Stechpalmen und Schlehen bewachsener Hagen erhebt, grenzt das
-Wohnwesen gegen die Stallungen ab. Allerlei Getier haust hier; in
-den Strohdächern brüten Rotschwanz und Ackermännchen, auch ein paar
-Schleiereulen und ein paar Käuzchen hausen dort, unter den Scheunen
-haben es Spitzmaus und Waldmaus gut, Kröte und Ringelnatter, und nicht
-minder Wiesel und Iltis. Auch Igel sind hier immer anzutreffen.
-
-Der Schäfer läßt sie gewähren. Sie mögen ihm wohl ab und zu ein Ei oder
-ein Kücken fortnehmen, dafür halten sie aber auch die Mäuse kurz. So
-treiben sie denn ungescheut schon am späten Nachmittage im Garten oder
-auf dem Hofe oder unter den Eichen ihr Wesen, und Wasser und Lord,
-die beiden alten Hunde des Schafmeisters, kümmern sich nicht mehr um
-sie; nur Widu, der junge Hund, ist noch etwas albern und quält sich
-dann und wann ein Viertelstündchen mit einem Igel ab, um schließlich
-mit zerstochener Nase das Spiel aufzugeben. Auch heute hat er das so
-getrieben und hat sich endlich ärgerlich und müde vor den Herd gelegt,
-wo er schläft und im Traume das Stacheltier weiter verbellt.
-
-Der Igel hat noch eine volle Viertelstunde zusammengekugelt dagelegen,
-dann hat er sich aufgerollt und ist in das Gestrüpp des Hagens
-gekrochen. Er hatte vor, im Garten Schnecken zu suchen, aber der dumme
-Hund brachte ihn davon ab. Und nun krabbelt er in dem alten Laube
-herum, scharrt in dem Mulm und verzehrt laut schmatzend bald einen
-Regenwurm, bald eine Schnecke, dann eine Assel und nun eine dicke
-Spinne. Und jetzt geht es wie ein Ruck durch ihn; er hat junge Mäuse
-pfeifen gehört. Ein Weilchen noch verharrt er in seiner aufmerksamen
-Haltung, dann schleicht er vorwärts, macht einen kleinen Satz und stößt
-seine Nase in einen Knäuel fahlen Grases, der zwischen den Ortsteinen
-der Hofmauer steckt. Sechsmal stößt er zu, und jedesmal erklingt ein
-dünner, schriller Todesschrei. Dann langt er sich die jungen Mäuschen
-heraus und schmatzt sie hastig auf.
-
-Ein Weilchen schnüffelt er noch an dem Mauseneste herum, dann trippelt
-er weiter, ab und zu fauchend oder stehen bleibend und sich mit Krallen
-oder Zähnen heftig da juckend, wo die Flöhe und Holzböcke ihn am
-meisten zwicken. Bald langsam, bald eilig begibt er sich nach dem
-Eichenhain. Dort gibt es immer allerlei im Grase, ein Taufröschchen
-oder eine fette Raupe, ein Mäuschen oder auch einmal einen jungen
-Vogel, der aus dem Neste fiel. Brrr, macht es laut, und ein dickes,
-braunes Dings stößt mit hartem Anprall an die blutende Eiche. Es ist
-ein Hirschkäfer. Er hat gefunden, was er suchte. Gierig steckt er die
-goldgelbe Pinselzunge in den gärenden Saft. Da raschelt es hinter ihm.
-Wütend dreht er sich um und spreizt die scharfbewehrten Zangen. Aber
-schon hat der Igel ihn gefaßt, ihm den Leib abgerissen, und während der
-Kopf des Käfers im Grase liegt und mechanisch die Zangen öffnet und
-schließt, knabbert der Igel den dicken Hinterleib vollends auf. Dann
-jagt er unter den Schafställen weiter und sucht einen nach dem andern
-ab.
-
-Viel ist heute da nicht zu finden. Einige Spinnen, etliche Käfer,
-auch ein gutgenährter Regenwurm, das ist alles. Es ist zu trocken
-gewesen den Tag über, die Junisonne hatte es reichlich gut gemeint,
-und der Wind ging scharf; das gibt schlechte Jagd. So schiebt denn der
-Stachelrock nach dem Bache zu; vielleicht daß sich dort die Jagd besser
-lohnt. Unterwegs dreht er jedes Blatt um und scharrt jeden Grasbusch
-auseinander, immer prüfend und schnaufend und seine Nase in das Moos
-und in die Blätter bohrend und ab und zu sitzend bleibend, um irgend
-ein kleines Tier zu verzehren. Einmal bleibt er lange sitzen; er hat
-eine alte Maus pfeifen gehört, und vorsichtig pürscht er sich näher.
-Jetzt hört er sie dicht bei sich vorüberhuschen. Gleich wird sie wieder
-zurückkommen und dann hat er sie. Aber gerade wie er zufahren will,
-löst sich ein grauer Schatten von der Wagenleiter, die Maus quiekt auf
-und das Käuzchen streicht, sie in den dolchbewehrten Fängen haltend,
-auf die hölzernen Pferdeköpfe des Stalles, und der Igel hat das
-Nachsehen.
-
-Mürrisch begibt er sich weiter. Ein Kieferschwärmer, der am Nachmittage
-die Puppe verlassen hatte und sich, nachdem er seine Schwingen fertig
-gereckt hat, nun zum ersten Fluge rüstet, verschwindet unter den
-spitzen Zähnen. Ihm folgt eine Ackerschnecke; von der dicken schwarzen
-Schnecke, auf die der Igel stößt, wendet er sich aber mit Ekel ab. Sie
-riecht abscheulich und schmeckt scheußlich. Aber das laute, rollende
-Flöten da in dem anmoorigen Sande am Bachufer, das lockt ihn. Ein
-schnelles Getrippel, ein fester Stoß, und schon ist die Maulwurfsgrille
-erledigt. Weiter geht es am Bachufer entlang. Halt, hier hebt sich die
-Erde. Etwa ein Maulwurf? Das wäre kein schlechter Fang. Oder gar eine
-Wühlmaus? Das wäre noch besser. Ganz vorsichtig schiebt er sich voran.
-Lange muß er lauern, ehe die Erde sich wieder rührt, aber schließlich
-kann er zufahren. Er stieß zu kurz. Mit jähem Ruck wirft sich die
-schwarze Erdwühlerin in den Bach, daß es plumpst, und nach einer langen
-Besinnungspause wendet sich der Igel wieder den Eichen zu.
-
-Hier ein Mistkäfer, da eine Raupe, dort ein Brachkäfer und daneben ein
-Regenwurm, das wird so nebenbei alles mitgenommen. Aber was ist das da,
-was sich da im Grase fortschiebt? Der Igel sträubt die Kopfstacheln,
-steckt die Nase vor, rollt sich halb auf und trippelt so auf die Beute
-los. Jetzt ist er bei ihr. Zß, geht es, und einmal, zweimal, dreimal
-fährt die halbwüchsige Kreuzotter gegen seinen Stachelpanzer. Ein
-viertes Mal noch, dann aber nicht mehr. Er hat sie überrannt, hat sie
-mit den Kopfstacheln an den Boden gequetscht, hat mit den Zähnen ihren
-Hinterkopf gefaßt, und während sich ihr Leib in wilden Kreisen dreht,
-zerkaut er erst den Kopf und schmatzt ihn hinunter und läßt den Leib
-hinterdrein wandern. Nach einem Viertelstündchen verschwindet auch die
-äußerste Schwanzspitze, die sich immer noch windet, in seinem Rachen.
-
-Vorläufig ist er nun satt. Spaßeshalber faßt er noch einen großen
-Taufrosch, der ihm dicht vor die Nase hüpft an das Hinterbein, aber
-gerade als der arme Frosch seinen schrillen Todesschrei hören läßt,
-gibt ihn sein Bezwinger frei und der Frosch springt in gewaltigen,
-ungeschickten Sätzen ab. Ganz furchtbar eilig trippelt der Igel
-nach dem Weißdornbusch hin, der sich neben einem der Schafställe
-spreizt. Der leise Luftzug weht ihm von da eine Kunde zu, die ihn
-ungestüm vorwärts treibt. Ohne eine Pause zu machen, trippelt er in
-schnurgerader Richtung weiter, und gerade als die Dorfuhr ausholt um
-die zehnte Stunde zu verkündigen, gerade als des Nachtwächters Horn
-hohl an zu heulen fängt, langt der Igel vor dem Busche an.
-
-Da ist noch ein Igel, ein dicker, großer Igel, der eben einen langen,
-dicken Tauwurm hübsch langsam aus seiner Erdröhre herauszieht. Wie
-besessen stürzt der erste Igel auf ihn zu. Blitzschnell wendet der
-andere sich um und beißt nach ihm. Verdutzt bleibt der erste sitzen,
-dann nähert er sich wieder dem anderen. Wieder setzt es einen Hieb,
-wieder gibt es eine Verlegenheitspause, und so zehnmal und noch
-zehnmal. Und dann schlägt der erste Igel eine andere Taktik ein.
-Schnaufend und fauchend trippelt er um den anderen und versucht,
-sich ihm von hinten zu nähern, dieser aber dreht sich schnaufend und
-fauchend fortwährend im Kreise herum und wehrt jeden Annäherungsversuch
-mit einem blitzschnellen Bisse ab. Schließlich sitzen sie sich beide
-gegenüber, daß ihre Schnauzen sich fast berühren, und verschnaufen,
-der Igel überlegend, wie er sich wohl beliebt machen könne, die Igelin
-immer zur Abwehr bereit.
-
-Bisher war der Igel immer von rechts nach links um seine Auserkorene
-herumgetrippelt; jetzt versuchte er es in der umgekehrten Richtung. So
-muß auch die Igelin von links nach rechts sich im Kreise drehen. Wenn
-er sie zehn- oder zwölfmal umkreist hat, wird er plump vertraulich.
-Dann setzt es von ihr aus einen Schmiß. Verdutzt bleibt er dann
-sitzen und überlegt den Fall, und sie bleibt auch sitzen. Sie sehen
-sich mit ihren kleinen schwarzen Augen an, Nase an Nase, bis er wieder
-Mut bekommt und von neuem um sie herumtrippelt, jetzt von links nach
-rechts, nach dem nächsten Hiebe von rechts nach links, dann wieder
-umgekehrt und so weiter.
-
-Elf Uhr schlägt die Turmuhr; elfmal heult des Wächters Horn. Immer noch
-murksen und fauchen die beiden stachligen Liebesleute umeinander herum.
-Es wird Mitternacht; das sonderbare Karussel ist noch immer im Gange.
-Es schlägt ein Uhr; er ist noch immer nicht müde, sie zu umwerben, und
-ihre Sprödigkeit hält immer noch an. Es schlägt zwei Uhr; noch immer
-trippelt er fauchend und pustend um sie herum, bald von rechts, bald
-von links, und nach jedem Hiebe, den sie ihm versetzt, hält er inne
-und überlegt, ob es nicht besser sei, ihr von der andren Seite zu
-nahen. Eine halbe Stunde bleibt der Jagdaufseher bei dem Paare stehen
-und lacht und schüttelt den Kopf, bis die Helligkeit im Osten ihm
-sagt, daß es Zeit für ihn werde, nach dem Moore zu gehen. Schon singt
-der Rotschwanz von dem Dachfirst, die Schleiereule sucht ihr Loch am
-Giebel, der Igel und die Igelin tanzen immer noch ihren sonderbaren
-Reigen; erst als die Amsel zeternd zur Regenwurmsuche ausfliegt,
-verschwindet sie unter dem Stalle und er folgt ihr nach. Als der
-Schäfer die Schafe ausläßt, hört er unter dem Estrich das Gefauche und
-Geschnaube und ruft dem jungen Hunde zu: »Widu, bring sie zur Ruhe!«
-Aber Widu mag nicht; er hat von gestern genug.
-
-Der Juni geht hin und der Juli auch. Als die Frau des Schäfers den
-Komposthaufen auseinander stößt, findet sie in einem Haufen welken
-Grases fünf kleine, rosige, weißstacheliche Dingerchen neben der alten
-Igelin liegen. Nachmittags will sie sie ihrem Manne zeigen, aber sie
-sind nicht mehr zu finden. Die Igelin hat ihre Jungen verschleppt.
-Unter dem alten Schlehbusche hat sie ihnen ein neues Nest gekratzt und
-sie warm zugedeckt. Da säugt sie sie tagsüber, aber nachts treibt sie
-sich im Garten umher und frißt sich an Schnecken und Würmern dick,
-scharrt Mäusenester aus und fängt junge Frösche, schont auch die
-junge Brut der Rotkehlchen, trotz des Gezeters der Alten, nicht und
-nimmt auch die junge Amsel mit, die ihr in den Weg tolpatscht, wie
-sie denn auch mit den nackten Wieselchen, die sie aufstöbert, nicht
-viel Federlesens macht. Sogar die große Wanderratte, die sich in dem
-Schlageisen gefangen hatte, muß daran glauben; trotz ihres Strampelns
-und Quietschens wird sie totgebissen und bis auf Kopf, Fell und Schwanz
-aufgefressen.
-
-Nach vier Wochen führt die Igelin ihre fünf Kleinen aus. Eines Abends,
-als der Schäfer vor der Türe sitzt und seine Pfeife raucht, raschelt
-es hinter dem Brennholze und da kommt erst schnaubend und prustend
-die Igelin angetrippelt und hinter ihr wackeln die fünf Kleinen. Der
-Schäfer ist ein ernster Mann und lacht selten; heute aber muß er doch
-lachen, denn es sieht zu putzig aus, wie die kleinen Dinger hinter der
-Alten herbummeln, überall kratzen und scharren und ihre Nasen in alle
-Löcher am Boden stecken, oder hastig hineinrennen, wenn die Mutter
-einen tüchtigen Wurm bloßgescharrt hat und ihn sich von den Kleinen
-fortnehmen läßt. Seit der Zeit ist es für den Schäfer und seine Frau
-ein Hauptvergnügen, den Igeln zuzusehen, und damit sie nicht gestört
-werden, wird Widu jeden Abend angelegt. Auch allerlei Eßbares legt
-der Mann den Igeln hin; Butterbrot verschmähten sie, aber frisches
-Fleisch nahmen sie gern, und auch kleine Fische, die der Schäfer für
-die Hechtangeln gefangen hatte. Als der Schäfer sah, daß die Igelin
-sich immer so viel kratze, fing er sie, und als er fand, daß sie voller
-Ungeziefer saß, salbte er sie mit der Schmiere, mit der er seinen
-Schafen das Ungeziefer vertrieb. Seitdem gab sie das Kratzen auf.
-
-Mittlerweile wurden die kleinen Igel immer größer, hielten auch nicht
-mehr zu der Alten, sondern gingen ihre eigenen Wege, und wenn sie der
-Alten begegneten, wurden sie von ihr weggebissen. So wanderten sie denn
-aus; der eine in die Heidberge, der andere in die Eichen, der dritte
-in den Wiesenbusch, noch einer in das Dorf und der letzte nach dem
-Immenzaun, und wenn der Schäfer einen von ihnen antraf, denn er kannte
-sie gleich wieder, weil er ihnen allen, dem einen am Kopfe, den andern
-hier oder da am Rücken, ein Büschelchen Stacheln abgeschoren hatte,
-dann zeigte er sie den Leuten und sagte: »Das ist einer von meinem
-Hofe.« Bis in den Herbst hinein sah er bald hier, bald da einen von
-seinen Igeln, und sogar im Februar, als nach einem leichten Schnee die
-Sonne schön warm schien, traf er die alte Igelin am hellen Nachmittage
-vor der großen Hecke am Immenzaun, und nahm sie mit und setzte sie in
-den Schafstall, und als im März die Sonne die Oberhand bekam, traf er
-fast jeden Abend einen Igel an im Garten, auf dem Hofe oder unter den
-Eichen und hatte sein Vergnügen an ihnen.
-
-Eines Tages aber kam eine Zigeunerbande zugewandert und der Vorsteher
-wies ihnen die Heide bei den Eichen als Lagerstätte an. Während die
-Männer sich überall herumtrieben und die Weibsleute wahrsagen gingen,
-zogen die Jungens auf die Igeljagd. Sie hatten Stöcke, an denen oben
-ein langer, dicker, spitzgefeilter Draht befestigt war, und damit
-stachen sie in alle Laubhaufen, Hecken und unter die Schafställe. Ab
-und zu quietschte es und einer von den Bengeln zog einen aufgespießten
-Igel aus seinem Verstecke, den er dann totschlug.
-
-Abend für Abend saß der Schäfer auf der Bank vor der Tür und wartete
-auf seine Igel. Er sah sie nie wieder.
-
-
-
-
-Jakob.
-
-
-Mitten im Bruche stand eine gewaltige, hochschäftige, breitkronige
-Kiefer, ein Wahrbaum für die ganze Gegend.
-
-In ihr horstete Jahr für Jahr ein Kohlrabenpaar und erfüllte im April
-das Bruch mit seinen rauhen Balzrufen.
-
-Ab und zu versuchten Schreiadler, Wanderfalken oder Habichte den Raben
-den Horstbaum abzutreiben, aber die Raben hatten zu grobe Schnäbel und
-blieben stets siegreich.
-
-An einem schönen Junimorgen kam ein junger Jäger unter dem Wahrbaume
-her und sah einen fast flüggen Raben im Heidekraute sitzen. Er nahm ihn
-mit und verschenkte ihn an Bekannte in der Stadt, die in ihrem Garten
-allerlei Tiere hielten.
-
-Es gab einen großen Aufstand in dem Garten, als Jakob, wie das schwarze
-Ungetüm genannt wurde, auf den Rasen gesetzt wurde. Jaköble, der Häher,
-war ganz entsetzt, als das großmächtige Rabenvieh seinen Riesenrachen
-aufsperrte und ihm auf den Leib rückte; aber schließlich holte er
-Futter und stopfte es ihm in den roten Schlund. Auch Jackelchen, die
-Elster, kam herangehüpft, sah sich das Scheusal an und als das Gegiere
-nicht aufhören wollte, holte sie irgend etwas Eßbares und tat es
-vorsichtig in Jakobs unersättlichen Schnabel.
-
-Jakob war immer hungrig. Was man ihm gab, das war ihm ganz gleich; er
-schlang alles hinab. Und wenn man ihn auch gerade gefüttert hatte,
-und irgend etwas, das Federn hatte, kam ihm in den Weg, ganz gleich,
-ob Jaköble oder Jackelchen oder Adam, der Turmfalke, oder Hans, der
-Waldkauz, oder eins von den Hühnern, es wurde angeplärrt. Ja, als
-einmal das Stubenmädchen aus Versehen den Flederwisch in den Garten
-fallen ließ, hüpfte Jakob sofort heran und schrie nach Futter und
-ein anderes Mal machte er den Versuch, einen Federhut, der auf dem
-Gartenstuhl lag, zu bewegen, ihm den Hals zu stopfen.
-
-Eines Nachmittags war die ganze Familie ausgegangen. Vor einer Stunde
-war in Jakob, die Dranktonne, wie die Mutter ihn auch noch nannte, erst
-soviel hineingestopft, wie nur hineingehen wollte, aber unaufhörlich
-hüpfte das gefräßige Ungetier im Garten umher und stieß seinen
-Heißhungerschrei aus. Da Jaköble und Jackelchen eingesperrt waren,
-damit sie keine Dummheiten machen sollten und Adam, der Turmfalke, in
-der Nachbarschaft Besuche machte, plärrte Jakob solange dem Kauze Hans
-etwas vor, bis es diesem auf die Nerven ging. Er bequemte sich also
-nach seiner Futteranstalt in der Efeuberankung des Aquariumsockels,
-holte ein Stückchen Fleisch hervor und hielt es Jakob vor, damit er es
-ihm fortreiße, wie es die jungen Eulen machen. Aber Jakob kannte die
-Sitten der Eulen nicht und schrie nur noch scheußlicher und da wurde es
-Hans zu dumm und er tat, was noch nie eine Eule getan hatte, er stopfte
-Jakob das Fleisch in den Rachen.
-
-Es dauerte sehr lange, ehe daß der junge Rabe fressen konnte und noch,
-als er schon beflogen war, krächzte er hinter allem, was eine Schürze
-trug oder in Federn gekleidet war, hinterdrein und bettelte um Futter.
-Schließlich bequemte er sich aber doch dazu, selber zu fressen und
-als er das erst verstand, war nichts mehr vor ihm sicher. Jaköble und
-Jackelchen mußten scharf aufpassen, daß sie überhaupt etwas bekamen.
-Nur vor Hans hatte Jakob Achtung, denn der konnte seine großen Augen
-so seltsam auf- und zuklappen und so gefährlich mit dem Schnabel
-klappen. Das merkte sich Jaköble, der Häher bald, und da er mit dem
-Kauz gut Freund war, so stopfte er ihm immer den Rest von seinem Futter
-unter den Flügel, so daß er sicher vor Jakob dem Großen war. Kam
-Jaköble mit einem Fleischbröckchen angehüpft, so lüftete Hans sofort
-den Fittich und Jakob mußte zusehen, wie das Fleisch unter Hansens
-Achsel verschwand. Ab und zu versuchte er wohl, Hans am Schwanze zu
-ziehen, damit er das Fleisch fallen lasse, aber wenn die Eule sich
-dann umdrehte, die großen schwarzen Augen aufriß und mit dem Schnabel
-klappte, dann fuhr Jakob zurück, als wenn, ja, als wenn eine überreife
-Birne neben ihm hingeplatscht wäre. Denn so frech er war, er hatte in
-der großen Stadt Nerven bekommen. Wenn eine Tür zuflog, verjagte er
-sich und schrie: »Kräcks«.
-
-Sonst aber war er frech, wie es eben nur ein Kolkrabe sein kann. Er
-hatte vor niemand Achtung, als vor dem Besen und vor Hans. Wehe dem
-jungen Mädchen, das mit roten Strümpfen in den Garten kam; sie empfing
-einen Hieb in die Wade, daß sie noch lange einen blauen Fleck behielt.
-Blieb ein Buch im Garten liegen, so las Jakob auf seine Art darin und
-die Fetzen flogen überall herum. Erwischte er den Drückschlüssel des
-Hausherrn, so stopfte er das dreieckige Loch ganz fest mit faulen
-Blättern voll und stand ein Stuhl vor der Tür, so machte er es mit dem
-Schlüsselloche genau so. Unglücklich der Hund, der sich im Garten sehen
-ließ. Jakob lauerte in seinem Verstecke, bis der Hund vorbeikam. Wupps,
-wischte er ihm eins und saß sofort auf dem Tisch oder der Stuhllehne
-und der Hund zog mit eingekniffenem Schwanze fort. Katzen kamen nie
-mehr in den Garten. Sowie sich eine sehen ließ, um nach jungen Amseln
-zu fahnden, machte Adam einen schrecklichen Lärm und Jakob brannte ihr
-eins auf das Fell, daß sie wie wahnsinnig über den Zaun fuhr.
-
-Er saß voller Unarten, aber da er so ulkig war, sah man darüber hinweg,
-daß er die Butter aus der Dose hackte oder wenn der Aquariumdeckel
-offen stand, fischte. Dann saß er eine ganze Stunde auf dem Rande des
-Gefäßes und sobald ein Goldfisch emporkam, erhielt er einen tödlichen
-Schnabelhieb und wurde verspeist. Ebenso ging es auch den unglücklichen
-Fröschen, die sich in den Garten verirrten und mehr als einmal
-erwischte Jakob sogar eine Maus und einmal sogar einen Maulwurf, den er
-in die Laube brachte, wo die Familie beim Kaffeetische saß. Jakob legte
-seine Beute in den Weißbrotkorb und sagte: »Quatsch!«
-
-Das war sein Hauptwort. Einmal kam ein Herr und besuchte den Hausherrn.
-Als er sich verabschiedete und sagte: »Hoffentlich haben Sie für
-Ihre Heidfahrt schönes Wetter!« unkte Jakob dazwischen: »Quatsch,
-Quatschquatsch!« Ein anderes Mal kam der Pastor und erzählte, wie
-traurig es mit dem Nachbar stehe, der nicht leben und nicht sterben
-könne. »Quatsch!« rief Jakob und der geistliche Herr erschrak sich
-sehr, denn die Stimme kam unter seinem Stuhle her. Wieder einmal kam
-ein junger Geck zu Besuch und stellte seine Angströhre hinter sich auf
-den Rasen. Als er sie aufsetzte, rieselte ihm Sand daraus über sein
-Pomadenhaar. »Was ist denn das?« lispelte er. »Quatsch!« rief Jakob und
-machte ein Gesicht, als könne er kein Wässerchen trüben.
-
-Immerwege hatte er Dummheiten im Kopfe. Eines Tages ging die Familie
-aus und vergaß ihn einzusperren. Auf dem Rasen lag die Wäsche zum
-Bleichen. Jakob pflückte sich Kirschen, setzte sich damit auf
-die Wäsche und massakrierte die Kirschen, daß der rote Saft nur
-so herumstob. Sechs Hemden und vier Unterröcke mußten noch einmal
-gewaschen werden. Im Frühjahr wurden Maßliebchen gepflanzt, abwechselnd
-rote und weiße. Nach dem Mittagessen gab es ein großes Geschrei: alle
-Maßliebchen waren geköpft und Jakob stand vor zwei Löchern, die er in
-ein Beet gehackt hatte und besah wohlgefällig seine Sammlung; in dem
-einen Loche lagen die weißen, in dem andern die roten Blumen.
-
-Zu seinem Hauptvergnügen gehörte es, sich auf das Eisen der Harke zu
-setzen, wenn die Gartenwege geharkt wurden; dann benahm er sich so
-stolz, wie ein Mann, der sich eine Sonntagsdroschke geleistet hatte.
-Einmal stellte er sich tapprig dabei an und büßte einen Zeh dadurch
-ein. Er plärrte eine halbe Stunde lang und verzichtete fortan auf das
-Fahren auf der Harke. Sehr albern benahm er sich einige Tage später.
-Er flog auf die schlappe Waschleine und konnte das Gleichgewicht nicht
-halten. Ein Vaterunser lang schaukelte er auf der Leine hin und her
-und schrie, als zöge man ihm die Federn einzeln aus. Gräßlich dämlich
-benahm er sich, als ihm ein Besucher eine Küchentüte über den Kopf
-stülpte. Erst saß er ganz begossen da, dann schüttelte er den Kopf wie
-unklug, darauf versuchte er Rad zu schlagen und Kobolz zu schießen,
-schließlich hüpfte er im Kreise und schlug mit den Flügeln, wie eine
-verrückt gewordene Windmühle. Seitdem haßte er alle Tüten.
-
-Am alleralbernsten aber stellte er sich an, als er den ersten Schnee
-seines Lebens sah. Erst machte er ein Gesicht wie eine Kuh, die es
-donnern hört. Dann fraß er ein bißchen von dem weißen Zeug. Darauf
-warf er Stücke davon in die Luft, kratzte darin herum und schließlich
-kollerte er sich darin umher. Plötzlich machte er die Entdeckung, daß
-er eiskalte Füße hatte. Er zog den einen Fuß an, aber der andere blieb
-kalt. Dann zog er den linken an, aber nun wurde wieder der rechte
-kalt. Auf einmal begann er so erbärmlich zu quaken, daß das ganze Haus
-zusammenlief. Seitdem haßte er auch den Schnee und ging nicht mehr auf
-die Wäsche, wenn sie zum Bleichen im Garten lag.
-
-Eines Tages hatte er Durst und fand ein volles Glas Bier stehen. Erst
-schmeckte es ihm nicht, aber der Durst trieb es hinunter. Als der
-Hausherr zurückkam, war das Glas umgeworfen und Jakob war so betrunken,
-wie ein Pole am Zahltage. Erst sprach er so schnell, wie er es noch
-nie getan hatte. »Quaquaquaquaquatsch«, wohl hundert Male, dann
-versuchte er zu krähen, bekam aber den Schlucken. Alsdann versuchte er
-geradeaus zu gehen, taumelte aber, wie ein Anfänger beim Radfahren;
-dann flog er steil in die Luft und kam mit großem Geflatter und noch
-größerem Gekrächze wieder herunter und zwar in einem Rosenbusche, in
-dem er so lange herumkrabbelte, bis der Hausherr, der sich halbtot
-lachen wollte, ihn erlöste. Darauf versank er in Melancholie, zog den
-Kopf ein und stierte eine Weile vor sich hin, um dann wie verrückt
-auf die Waschschüssel loszustürzen und diese, als er sie leer fand,
-mit Schnabelhieben zu bedecken. Er bekam Wasser und trank so viel,
-wie er sonst in einer ganzen Woche nicht trank. Nun überfiel ihn der
-Zerstörungskoller und er riß Gras und Blätter ab und sprang dabei
-herum, wie ein Mensch, der die Hosen voller Ameisen hat. Und dann
-verschwand er und kam erst spät am andern Morgen mit sehr schlechter
-Laune, großem Brand und völliger Freßunlust wieder zum Vorschein.
-
-Als er drei Jahre alt war, war er ein vollendeter Heuchler und ein
-gerissener Dieb und wurde deshalb auf das Land verschenkt. Dort führte
-er sich aber so übel auf, daß man ihn in einen Käfig sperrte. Aber
-selbst das half nichts; wenn die Kücken auf dem Hofe herumliefen,
-lockte Jakob genau so, wie die Klucke und sowie eins der Kücken an
-seinen Käfig kam, schnappte er zu und zog es hinein. Schließlich trieb
-er es so arg, daß man ihn dem Zoologischen Garten schenkte.
-
-Da sitzt er heute noch, läßt sich von den Besuchern füttern und sagt
-zum Dank: »Quatsch!«
-
-
-
-
-Hausfriedensbruch.
-
-
-Er war von jeher dagegen gewesen, aber sie wollte es gern, und so mußte
-er sich fügen; was sollte er machen?
-
-»Sieh mal, Watschelinchen,« hatte er gesagt, »zu was willst Du in
-der Stadt wohnen? Erstens kennst Du niemand dort, zweitens wohnt Dir
-allerlei ruppiges Volk vor dem Schnabel herum, diese Radaumacher
-von Turmschwalben und dieses gemeine Spatzengesindel; und dann die
-Luft! Na, ich sage Dir bloß, Du wirst Dich wundern! Dein schönes
-Changierendes ist da bald hin vor dem Ruß. Und was muß man weit
-fliegen, um satt zu werden! Hier im Walde hast Du die fettsten
-Schnecken und die besten Regenwürmer dicht bei der Wohnung. Und alle
-Nachbarn sind nette Leute: der Pirol, so elegant und stolz er ist, Dir
-singt er gern etwas vor. Und der Trauerfliegenschnäpper besucht Dich,
-wenn Du brütest, Buchfink, Mönch, Schwirrsänger, sie alle sind nett
-zu uns. Und ist Dir diese Wohnung nicht groß und hübsch genug, ein
-freundliches Wort, und Spitzhack, der Specht, baut Dir eine andere.
-Laß uns nur im Walde bleiben.«
-
-Sie ließ ihn ruhig ausreden wie immer, machte nur die Augen halb zu und
-ließ die Flügel herunterhängen; und dann fing sie an:
-
-»Ja, Dickkopp, das ist ja alles ganz gut und schön. Aber das mit den
-Spatzen und Mauerschwalben, das wird nur halb so schlimm sein. Und
-das mit dem Ruß auch. Und überhaupt, mein gutes Zeug ist doch immer
-gleich hin von dem Brüten und Kinderpäppeln. Und Du hast gut reden von
-Unterhaltung hier; was wissen die denn alle hier zu erzählen? Immer
-dasselbe langweilige Zeug: daß es bei Markwarts Krach gegeben hat, daß
-die Taubersche die Eier hat kalt werden lassen, daß die Amsel kleine
-Vogelkinder fressen soll und weiter nichts. Und das ewige Gedudel von
-dem Pirol, das hängt mir schon zum Schnabel heraus; immer dasselbe und
-immer dasselbe und hinterher dieses alte Geknarre; schließlich geht es
-einem auf die Nerven. Du hast natürlich gut reden: Du fliegst hierhin
-und dahin und triffst bald den oder bald die, und da hörst Du immer
-allerlei Neues und erlebst vielleicht auch mal ein Abenteuerchen, nicht
-wahr, Kopp? Ich aber, ich sitze hier in dem engen Loch, brüte mich
-dumm und albern und höre und sehe von der Welt nichts. Höchstens, daß
-Schnurrjahn einmal vorkommt und mich ein bißchen unterhält. Und die
-Wohnung? Ach, Du lieber Himmel! Eng und feucht und voll Ameisen, und
-jedes Frühjahr großes Reinemachen, bis man den Fledermausmist heraus
-hat, na, ich danke. Und dabei stehen in der Stadt die schönsten,
-hellsten, luftigsten Villen frei!«
-
-Dickkopp sagte nichts mehr. Wenn seine Frau »Kopp« zu ihm sagte und
-auf seine kleinen galanten Abenteuer draußen anspielte, dann tat er am
-besten, den Schnabel zu halten. Und daß sie außerdem von Schnurrjahn
-anfing, diesem alten Poussierstengel, der nichts lieber tat, als
-anderer Stare Frauen schön zu tun, das schätzte er nun schon gar nicht.
-So sagte er Ja und Amen, und sie zogen in die Stadt.
-
-Eine Wohnung war bald gefunden. In einem großen Garten lag sie und
-hing in einem Zwetschenbaume. Blumenbeete waren da, ein Springbrunnen
-zum Baden und Trinken, Rasen mit Regenwürmern, Beete mit Schnecken,
-Kirschbäume waren in der Nähe und gar nicht weit davon war am Teiche
-eine ungeheure Pappel, der richtige Versammlungsplatz, wie die Stare
-ihn lieben, und viel Rohr, im Herbst eine gute Schlafstatt. Dickkopp
-war sehr zufrieden und Watschelinchen erst recht.
-
-Die erste Zeit ging es sehr gut. Er saß vor dem Hause, schlug mit den
-Flügeln und sang nach Herzenslust. Sie schlüpfte aus und ein, holte
-Hälmchen und Federchen und richtete die Wohnung ein. Heimlich stöhnte
-sie zwar ein bißchen, denn das große Haus machte doppelte Arbeit, aber
-sie ließ sich nichts merken.
-
-Bald aber stellten sich allerlei Unannehmlichkeiten heraus. Erstens zog
-es in der Wohnung; es war ein richtiger städtischer Schwindelbau; und
-durchregnen tat es manchmal auch. Und alle Naselang steckte ein frecher
-Spatz seinen Kopf herein, machte faule Witze über Watscheline oder
-behauptete gar, sie hätte hier nichts zu suchen. Im Mai, als sie schon
-längst Eier hatte, fand sie, als sie vom Baden zurückkam, eine große,
-weißbunte Katze an ihrem Hause beschäftigt. Watscheline machte solchen
-Lärm, daß der Besitzer des Gartens kam und die Katze herunterschoß;
-darüber war sie froh, aber der Schreck lag ihr noch drei Tage in den
-Gliedern.
-
-Allmählich bekam sie auch Nerven. Erst hatte ihr das städtische Leben
-Spaß gemacht, aber dieser ewige Lärm der Wagen und der Straßenbahn,
-dieses rücksichtslose Schreien und Türenzuschlagen, dieses Ausrufen
-und Peitschenknallen, und vor allem das ewige Geschilpe der Spatzen und
-das Geschrei der Turmschwalben war auf die Dauer nicht auszuhalten. Und
-von allen ihren alten Bekannten sah und hörte sie nichts: noch nicht
-einmal Schnurrjahn kam und erzählte ihr, wie es im Walde aussähe.
-
-Dann gab es noch dieses und das, was nicht schön war. Der Ruß war
-wirklich arg; sie brauchte die doppelte Zeit zum Waschen. Und bis sie
-sich an die Leitungsdrähte gewöhnte, das hatte auch lange gedauert. Und
-niemals konnte sie, wenn sie in den Anlagen Würmer suchte, wissen, ob
-nicht so ein Menschenjunges mit der Schleuder oder mit dem Flitzbogen
-oder dem Pustrohr ihr zu Leibe wollte. Und die Regenwürmer in der
-Stadt waren zäh von dem Schwefelsäuregehalt des Bodens. Und nahm sie
-sich eine Kirsche, dann gab es Unfrieden mit den Besitzern. Manchmal
-wünschte sie, sie wäre in ihrer alten Wohnung im Walde geblieben, aber
-sie wollte ihrem Manne nicht so schnell recht geben, und dann waren ja
-auch die Kleinen da, und als die groß waren, da mußte sie wieder sitzen
-und brüten.
-
-Endlich war auch die zweite Brut flügge und nach einigen Wochen
-selbständig. Watscheline war froh; sie sah zu, daß sie ihr altes Zeug
-los wurde, schaffte sich ein pikfeines, schöngemustertes Reisekleid
-an und machte mit ihrem Alten Ausflüge in die Umgegend. Heute war
-man am Fluß, wo Tausende von Staren im Krummet Käfer suchten, morgen
-besuchte man den Wald und ließ sich vom Spitzhack Specht erzählen, was
-dort unterdessen geschehen sei. Der Pirol war schon fort, die Taube
-hatte zweimal faul gebrütet, die jungen Fliegenschnäpper waren von der
-Eichkatze gefressen, den Häher hatte der Förster totgeschossen.
-
-Als die Bäume schon mehr gelbe Blätter bekamen, meinte Dickkopp, jetzt
-sei es Zeit, zum Süden zu reisen, erst nach der Pfalz, wo jetzt die
-schönen Trauben reif wären, dann nach Italien und Spanien, vielleicht
-auch nach dem Balkan, und bei gutem Wind auf eine Mittelmeerinsel.
-Watscheline war es zufrieden; den letzten Winter, der sehr milde
-gewesen war, waren sie im Lande geblieben, aber sie hatten es bereut,
-denn es regnete viel, und wenn einmal Frost und Schnee einsetzte, dann
-sah es mit der Beköstigung recht mäßig aus. Aber sie meinte, sie müsse
-erst noch einmal nach der Wohnung sehen, und Dickkopp stimmte zu. So
-flogen sie denn zu ihrer Gartenvilla.
-
-Schon von weitem sahen sie ihr Häuschen im halbkahlen Baum zwischen
-den blaubereiften Zwetschen. Als sie aber näher kamen, saß ein dicker,
-frecher, alter Spatz darin und tat so, als ob er immer darin gewesen
-wäre. Dickkopp als diplomatisch veranlagter, besonnener Mann setzte
-sich oben auf das Dach und sah sich den frechen Kerl von diesem höheren
-Standpunkte aus an, überlegend, was da zu machen sei. Watscheline aber
-fuhr wie wild auf den Eindringling los.
-
-»Sie, was soll das heißen? Was fällt Ihnen denn ein? Was machen Sie da?«
-
-»Ich sitze hier, wie Sie sehen,« sagte der Spatz, und seine Augen
-funkelten höhnisch.
-
-»Solche Unverschämtheit,« zeterte Watscheline los, »er sitzt da in
-anderer Leute Wohnung. Machen Sie, daß Sie herauskommen, oder ich
-bringe Ihnen Manieren bei.«
-
-»Sie haben ja selber keine übrig,« ödete der Sperling, »behalten Sie
-das bißchen man alleine; ich will Sie nicht berauben.«
-
-»Mann, Vater,« schrie Watscheline, »hast Du gehört? Das ist doch zu
-frech! So ein Prolet! Schmeiß ihn heraus, Dickkopp!«
-
-»Dickkopp ist gut,« sprach der Spatz, »Dickkopp ist schön, Dickkopp
-kann so bleiben.«
-
-»Lümmel!« dachte Dickkopp, aber da er wußte, daß mit solchem
-Asphaltproleten schlecht anbinden ist, versuchte er es erst mit Güte.
-
-»Entschuldigen Sie, Herr Sperling,« begann er höflich »das ist unser
-Haus.«
-
-»Ihr Haus? So? Ich dachte, es gehörte dem Doktor!« fragte trocken der
-Spatz. »Haben Sie es gemietet oder gekauft? Und gleich bar bezahlt oder
-was?«
-
-»Wir haben es vom Frühjahr an mit Erlaubnis des Besitzers bewohnt und
-darin zweimal gebrütet und haben so ein historisches Recht darauf.«
-
-»Historisches Recht ist gut,« meinte der Spatz. »Das sagte die Katze
-auch, als sie die Maus fraß. Jetzt bewohne ich es mit Erlaubnis des
-Besitzers und beanspruche ebenfalls ein historisches Recht, denn meine
-Frau wollte schon früher darin brüten, und auf einmal waren Sie da.«
-
-»Hätten wir das gewußt, so wären wir zurückgetreten,« meinte Dickkopp
-höflich. »Sie hätten sich nur zu melden brauchen. Aber ich denke, wir
-einigen uns. Wir haben uns nun so an das Haus gewöhnt. Wir verreisen
-jetzt bis zum März, solange können Sie darin wohnen.«
-
-»Danke schön, sehr liebenswürdig, zu viel der Güte,« höhnte der Spatz.
-
-Dickkopp stieg die Wut in die Augen, aber er bezwang sich noch: »Und im
-März treten Sie es uns dann wieder ab, nicht wahr Herr Sperling?«
-
-»Dieses nicht, sondern nein,« meinte der.
-
-»Ja, aber zum Donnerkeil,« schrie Dickkopp, dem die Sache zu dumm
-wurde, »sind Sie denn verrückt?«
-
-»Ich nicht, Sie vielleicht?« tönte es zurück.
-
-»Heraus mit Ihnen, oder ich mache Ihnen Flügel!«
-
-»Danke, habe selber welche!«
-
-»Wollen Sie heraus oder nicht?«
-
-»Ich ziehe das letztere vor!«
-
-Wütend hackte Dickkopp von oben nach dem Frechling, der aber kannte
-das, zog den Kopf zurück, und als Watscheline so unvorsichtig war und
-in das Schlupfloch kroch, faßte er sie beim Hals und kniff sie, daß sie
-schrie.
-
-Rasend vor Wut stürzte Dickkopp vom Dach, kroch in das Haus, fiel über
-den Spatz her und hackte gewaltig auf ihn los. Als der Sperling merkte,
-daß er an den Unrechten gekommen war, schrie er Mord und Brand, und nun
-kamen sie von allen Seiten heran, die Spatzen, und fielen mit Verbal-
-und Realinjurien über das Starenpaar her.
-
-»Solch Prachervolk! Haben im Walde nichts zu fressen und schnurren sich
-in der Stadt satt! Sollen hingehen, wo sie hergekommen sind! Bagage!
-Kirschendiebe! Schneckenfresser! Und krumme Beine haben sie! Und gelbe
-Schnäbel bei ihrem Alter! Kein Wunder, daß sie sich so benehmen! Wartet
-nur, wir wollen es Euch beibringen! Euch die bunten Lappen abreißen!
-Mit uns wolltet Ihr anfangen! Ihr! mit uns! Na, wartet bloß!«
-
-»Komm, Dickkopp,« sagte Watscheline, der es ängstlich zumute
-wurde, »laß uns fortfliegen. Was sollen wir uns mit dem Gesindel
-herumschlagen!«
-
-Sie erhoben ihr Gefieder und stoben ab. Und als sie draußen über der
-Wiese auf dem Telegraphendraht ihre Federn ordneten, rückte die Frau
-an ihren Mann heran und sagte: »Dickkopp, im März bauen wir wieder im
-Walde, nicht wahr?«
-
-»Na, siehst Du, Alte,« meinte er, »hab' ich es nicht gleich gesagt.
-Aber ihr Frauen wollt nur immer nicht hören!«
-
-
-
-
-Mein Dachs und meine Dackel.
-
-
-Im April wurde in meiner Wohnung von unbekannter Seite eine Kiste
-abgegeben, die einen kleinen Dachs enthielt. In seinem Begleitschreiben
-teilte der unbekannte Absender mit, der Dachs sei für meine Hunde
-bestimmt.
-
-Daraus wurde nun selbstverständlich nichts. Erstens einmal des
-Jagdgesetzes wegen, zweitens, weil es eine Schinderei gewesen wäre,
-die Hunde an dem wehrlosen Tierchen zu arbeiten, und drittens war
-es auch viel zu niedlich dazu. Meine drei Hunde, nämlich Bob, ein
-kleiner, weißer, scharfer Terrierbastard, ferner Patzel, ein schwarzer,
-rotgezeichneter, stichelhaariger Teckel, Inhaber erster Preise,
-und sein elf Monate alter, roter, glatter Bruder Battermann, waren
-allerdings anderer Ansicht. Jaulend, winselnd, bellend und pfeifend
-tanzten sie um mich herum und baten: »Laßt uns doch den Stinker, wir
-möchten ihn bloß ein ganz klein bißchen langziehen!«
-
-Da das Dächschen nicht fressen und saufen wollte, so wurde ein
-Gummisauger geholt, eine Bierflasche mit lauwarmer Milch gefüllt, und
-nachdem er einige Male durch gellendes Keckern sein Mißbehagen über
-den ungewohnten Gummigeruch ausgedrückt hatte, lutschte er kräftig und
-anhaltend, während auf der Erde den drei Hunden die Mordlust nur so aus
-den Augen leuchtete. Vormittags hatte ich ihn bekommen, nachmittags
-lief er schon hinter mir her, wenn ich die Pulle hatte. In drei Tagen
-war er ganz an mich gewöhnt und hörte sofort mit Keckern auf, sowie
-er meine Stimme vernahm. Dann setzte er sich auf meinen rechten Schuh
-und lutschte ruhig und besonnen an meinem linken herum, wenn er nicht
-plötzlich zusammenzuckte und mit Zähnen und Branten ein furchtbares
-Gemetzel unter seinen Inquilinen anrichtete. Er saß nämlich lebendig
-voll von langen, dicken Flöhen und noch dickeren Holzböcken, so voll,
-daß sein Bauch ganz wund war. Eine gehörige Schmierkur befreite ihn
-aber für immer von dieser Plage.
-
-Als Schlafraum wurde ihm eine mit alten Decken vollgestopfte Kiste im
-Keller angewiesen, in der er so lange blieb, wie es ihm paßte. War das
-aber nicht der Fall, dann keckerte er gellend und anhaltend und kratzte
-wie verrückt an der Kellertür. Sein Keckern war so durchdringend, daß
-eines Nachts das ganze Haus davon wach wurde, so daß ich aufstehen und
-ihm eine Flasche machen mußte. Schwach war er übrigens auch nicht. Da
-er nachts immer im Keller herumtobte, wurde er abends warm eingepackt
-und mit einem Eisengitter zugedeckt, auf das zwei dicke Steine gelegt
-wurden. Er murkste aber gegen Morgen so lange in seinem Bett herum,
-bis er Steine und Gitter herunter hatte. Aber reinlich war er. Seine
-Bedürfnisanstalt hatte er in einer bestimmten Kellerecke, vor der ein
-Stein lag, und es war höchst lustig anzusehen, wie er sich mit viel
-Mühe rückwärts über den Stein schob. Seine Sprache bestand außer dem
-gellenden Gekecker, das er ertönen ließ, wenn er Hunger hatte oder
-sich langweilte, in einem lauten Schnauben, wenn man ihm plötzlich zu
-nahe kam, wobei er seine Haare sträubte, sich aufblähte und sich nach
-Möglichkeit den Rücken zu decken suchte, in einem behäbigen Schmatzen,
-wenn er die Flasche bekam, und in einem ärgerlichen Schnarchen, wenn
-ihm irgend etwas nicht paßte.
-
-Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich die Hunde an ihn gewöhnte.
-Bob, der schon sehr verständige Terrier, ignorierte ihn, nachdem
-ich ihm erklärt hatte, daß Dächschen tabu sei. Patzel sah ihn mit
-weißfunkelnden Augen an, war aber zu gut erzogen, um sich an ihm zu
-vergreifen. Battermann, der Jüngling, aber raste auf ihn los, sowie
-er ihn erblickte, und es gab jedesmal ein großes Theater. Als er aber
-einsah, daß der Dachs sich unseres Schutzes erfreute, da fing er an zu
-mucken. Er guckte uns nur noch von der Seite an und machte ein Gesicht,
-als wenn er sagen wollte: »Wenn Ihr mit solchem Stinker verkehrt, dann
-brech' ich allen studentischen Verkehr mit Euch ab.« Nach vierzehn
-Tagen hatten die Hunde sich an Dächschen gewöhnt, und ich konnte sie
-schon, allerdings nur, wenn ich aufpaßte, mit ihm zusammen lassen.
-
-Der Dachs war auch gehörig gewachsen, denn er lutschte täglich einen
-bis anderthalb Liter Milch aus und wußte sich seiner Haut brav zu
-wehren. Nach drei Wochen brauchte ich keine Angst mehr zu haben. Die
-Hunde taten dem Dachs nichts und waren froh, wenn er sie in Ruhe ließ.
-Er hatte nämlich die niederträchtige Gewohnheit, sie fortwährend in die
-Hinterläufe zu beißen, und da sie ihm nichts tun durften, so kniffen
-sie peinlich berührt, vor ihm aus, wenn er sich sehen ließ, oder
-retteten sich auf Stühle und Bänke. Am traurigsten ging es dem Terrier,
-dessen schwarzweiße Kopffarbe mußte den Dachs wohl an seine Mama
-erinnern, denn sowie Bob auf der Bildfläche erschien, sauste Dächschen
-hinter ihm her und versuchte zu saugen, eine Zumutung, die Bob stets
-mit großer Entrüstung und Verlegenheit erfüllte.
-
-Mit der Zeit gewöhnten sich die Hunde so an den kleinen Grimbart, daß
-sie mit ihm spielten, wobei oft Szenen entstanden, daß alle Zuschauer
-Tränen lachen mußten. Am lustigsten sah es aus, wenn die Dackel ihn die
-Treppe hinuntertrudelten und der Terrier Schleuderball mit ihm spielte,
-indem er ihm mit der Nase unter den Leib fuhr und ihn die Treppe
-hinaufbugsierte. Battermann dagegen tat nichts lieber, als den Dachs in
-den Nacken zu packen und viertelstundenlang herumzuschleppen. Gar zu
-gern hätte er ihn gewürgt, aber der Dachs ließ sich nie an die Kehle
-fassen, immer schob er den Nacken vor und steckte die Nase weg, und
-wenn es ihm der Teckel einmal zu toll machte, dann schlug er um sich,
-daß es nur so brummte.
-
-Den Mai über verlebte ich im Harz, wo Battermann Gelegenheit hatte,
-einen Bock zu arbeiten und einen alten Fuchs zu zausen, aber auch die
-Staupe durchmachen mußte und seinen lieben Bruder Patzel durch einen
-unglücklichen Zufall verlor. Als ich zurückkam, war der Dachs beinahe
-stärker als der Teckel und ein ganz unverschämter Brite geworden, der
-sich vor nichts mehr forcht. Nun war es höchst lustig anzusehen, wie
-Battermann sich zu ihm stellte. Er hatte den Dachs zuerst nicht mehr
-in der Erinnerung und fuhr ihm sofort an die Schwarte. Als der sich
-aber gehörig wehrte und wir dem Hunde bedeuteten, daß er ihm nichts tun
-dürfe, ignorierte er ihn vollständig und ging mir sogar aus dem Wege,
-wenn er witterte, daß ich mich mit dem Dachs beschäftigt hatte. Er war
-eifersüchtig und beleidigt.
-
-Eines Nachmittags nun lag ich auf dem Faulbett und las. Da der Dachs
-mich fortwährend störte, stieß ich ihn zurück und sah dabei, wie
-Battermanns Augen leuchteten. Ich lud ihn ein, bei mir Platz zu nehmen,
-eine Gunst, die ich ihm noch nie gewährt hatte. Von diesem Augenblicke
-an änderte der Teckel sein Benehmen gegen den Dachs; er hatte
-eingesehen, daß er doch der Beste war, und spielte von nun an immer mit
-Dächschen. Ihr Hauptspiel war Schliefen. Dächschen schliefte unter das
-Faulbett, und Battermann versuchte hinterher zu schliefen. Dächschen
-schlug tapfer um sich, Battermann lag fest vor und verbellte standhaft,
-bis ihm die Sache zu langweilig wurde und er ihn beim Nacken herauszog,
-worauf dann die wilde Jagd unter allen Stuhl- und Tischbeinen her
-weiter ging.
-
-Bis dahin hatte Dächschen noch keine Miene gemacht, zu fressen oder
-allein zu saufen, sondern interessierte sich nur für die Flasche. Eines
-schönen Tages biß er sich an der Hand eines Bekannten, der ihn neckte,
-den letzten Milchzahn aus. Eine halbe Stunde später stürzte er sich wie
-rasend auf die Hundeschüssel und fraß den baß erstaunten Hunden ihren
-schön geschmälzten, mit Fleischstückchen interessant gemachten Reis
-vor der Nase fort. Von der Zeit an interessierte er sich auch lebhaft
-für den Garten, murkste in allen Ecken herum, stach unter heftigem
-Schnauben und Prusten unter den Efeueinfassungen und im Komposthaufen
-und verzehrte schmatzend die fetten Regenwürmer und Salatschnecken, die
-er zu Tage förderte, obgleich er tags vorher noch gehacktes Fleisch,
-das ich ihm in den Rachen gestopft hatte, mit einer Gebärde tiefsten
-Ekels im hohen Bogen ausgespieen hatte. Jetzt aber schlang er alles
-hinab, was ihm vorkam; am liebsten nahm er Weißbrot mit Milch, aber
-auch kalte Kartoffeln, Fleisch, Brot, Gemüse, rohe Mohrrüben und Obst
-verschmähte er nicht, und die Herren Hunde mußten sich mittags beeilen,
-wenn sie überhaupt etwas kriegen wollten.
-
-Je älter und stärker Dächschen wurde, um so unverschämter wurde er.
-War er bei mir im Zimmer, so erlaubte er es nicht, daß ich ruhig am
-Schreibtisch saß. Immer wollte er, daß man sich mit ihm beschäftigte,
-und tat ich ihm nicht den Willen, so biß er mich empfindlich in die
-Knöchel. War er gar im Keller eingesperrt, so keckerte er über das
-ganze Haus und rappelte derartig an der Kellertür, daß es nicht zum
-Aushalten war. Vor den Hunden hatte er schon längst keine Angst mehr.
-Er jagte sie im Haus und Garten herum und brachte Battermann durch
-sein ewiges Zwicken so in Wut, daß er sich mit einem Wutgeheul auf ihn
-stürzte, und ihn nach allen Regeln der Kunst beutelte.
-
-Schließlich wurde der Dachs so unverschämt, daß nach längerem
-Familienrat beschlossen wurde, ihn dem Zoologischen Garten zu verehren.
-Er war kaum einige Tage da, so erschien ein Freund unseres Hauses und
-teilte uns mit, der Dachs sei mit acht Eskimohunden zusammengesperrt,
-die ihn schmählich mißhandelten. Tiefbetrübt eilte ich zum Zoologischen
-Garten und stürzte nach den Eskimohunden. Da war kein Dachs, und als
-ich den Wärter fragte, lachte der und sagte: »Der? den sollen die Hunde
-mißhandelt haben? Umgekehrt war's! Ich habe ihn herausnehmen müssen, er
-ließ die Hunde nicht ans Futter. Jetzt sitzt er bei den Affen!«
-
-Ach du lieber Himmel! dachte ich, denn wie gemein das Affengesindel
-ist, das wußte ich. Als ich aber an den Rhesuskäfig kam, da spazierte
-Dächschen ruhig und besonnen darin herum, fraß alles, was das liebe
-Publikum durch das Gitter stopfte, und die Affen waren auf die höchsten
-Akazien geklettert, trauten sich nicht herunter und hatten das Zusehen
-gratis und franko. Wagte sich aber einmal einer von ihnen ins Parterre,
-dann sauste Dächschen sofort hinter ihm her und stach ihm ganz gehörig
-einen. Da er durch seine Erziehung an das Tageslicht und an die
-Menschen gewöhnt ist, trieb er sich den ganzen Tag im Käfig herum
-und amüsierte das Publikum durch sein fideles Wesen. Er hatte sogar
-Radschlagen gelernt, von wem, weiß ich nicht. Die Affen gewöhnten sich
-schon etwas an ihn, befolgen aber immer noch den alten Wahlspruch:
-»Vis-a-vis is beeter as dichte bi«. Im Herbst war Dächschen halb
-erwachsen, hatte sein Winterhaar angelegt und sah sehr stattlich aus.
-Aber Dummheiten hatte er immer im Kopf; jeden Morgen, wenn die Affen
-aus dem Schlafkäfig in den Freikäfig gelassen wurden und sich auf das
-Wasserbecken stürzten, um zu trinken, gab Dächschen jedem von ihnen,
-den er erwischte, einen Puff, daß er in das Bassin flog, und wenn die
-nassen Affen herauskrabbelten, dann lachte er.
-
-Diese Beschäftigung genügte aber auf die Dauer seinem ungestümen
-Tatendrange nicht, und er begann, den Asphaltestrich aufzureißen, was
-er so gründlich besorgte, daß er in den Nebenkäfig gesperrt wurde. Dort
-machte er es nicht besser, und so wurde ihm die hochherrschaftliche
-Wohnung im Affenhause gekündigt und er mußte im alten Dachshause
-Unterkunft suchen, was ihm zuerst durchaus nicht behagte, weil er eine
-größere Wohnung gewöhnt war.
-
-Da die Backsteine und das Gitter seinem Zerstörungstriebe widerstanden,
-suchte er sich andere Zerstreuung und die besteht darin, daß er
-jedesmal, wenn einer seiner Nachbarn, der Stachelschweine, sich zu
-sehr seinem Käfig nähert, ihm einen oder mehrere Stacheln mit großer
-Behendigkeit ausrupft, die er dann, hat er gerade nichts Besseres,
-ruhig und besonnen zerkaut.
-
-Heute noch, wo doch schon Jahre darüber hin sind, daß ich ihm die
-Flasche gab, kennt er mich und wenn mein Trillerpfiff erklingt, stürzt
-er aus seiner Höhle und wartet der guten Dinge, die da kommen sollen.
-
-Meine lieben Hunde aber sind alle tot.
-
-
-
-
-Die Zeit der schweren Not.
-
-
-Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem was am Berge lebte,
-mißfiel er, alle, Maus und Eichhorn, Has und Reh, Fuchs und Dachs,
-blies er in ihre Verstecke und Bussard und Krähe, Meise und Häher
-pustete er über den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß es
-knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus, die Rinde der
-Eiche sprang, still stand der Graben und der Bach verschwand.
-
-Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande umher, dann verlor er
-den Atem. Über den Berg stieg eine Wolkenwand, schwarzblau und schwer,
-schob sich über den hellen, hohen Himmel und legte sich tief auf
-das Land, bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den Bauch
-aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag und eine
-Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht, und so noch einmal,
-bis alles zugedeckt war im Lande und auf dem Berge und so sauber
-aussah und so reinlich, daß die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen
-brachte Leben an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die Rehe
-wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren aus ihren Gebäuden,
-das Eichhorn verließ den Kobel und die Maus das Loch, Bussard, Krähe
-und Häher tauchten auf und überall wimmelte es von buntem, lustigem
-Kleinvogelvolke.
-
-Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete Blut und Tod. Der
-tauende Schnee ballte sich und brach Äste und Bäume, er knickte die
-Fichten und krümmte die Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der
-Schnee sich mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der
-Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen den Berg. Da
-kam die Zeit der schweren Not.
-
-Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das Eichhorn behalf sich
-mit Blattknospen und Rinde, der Hase rückte in die Kohlgärten, der
-Dachs verschlief die hungrigen Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten
-ab. Übel daran aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem
-Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit waren die
-Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar die Heide. Buchenknospen
-und dürre Halme, trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was
-der Berg an Äsung bot.
-
-Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen ein Reh trafen, da fiel
-es ab. Der Hals wurde lang, die Dünnungen tief, rauh die Decke und
-immer größer die Lichter.
-
-Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang, aber alle
-Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach dem anderen trat durch die
-Eiskruste des Schnees und zerschabte sich die Läufe. In jedem Wechsel
-zeichneten sich blaßrote Flecke ab.
-
-Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter dem Berge auf,
-schob sich über den hellen Himmel, legte sich über das Land, riß sich
-an den Klippen den Pansen auf und schüttete Schnee auf das Gefilde,
-einen ganzen Tag und eine volle Nacht.
-
-Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln und machte Eis
-aus dem Schnee. Noch langsamer, noch vorsichtiger zogen die Rehe dahin,
-mit Hälsen, so dünn wie Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und
-wo sie zogen, da wurde der Schnee rot.
-
-Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh am ganzen Berge, das nicht
-an den Läufen klagte. Das eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte,
-bis es fiel. Ein anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf.
-Ein drittes stürzte halb verdurstet in die Quellschlucht und erstarrte
-im eisigen Wasser.
-
-Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da. Sein Tisch war gedeckt,
-war reicher beschickt, als zur Maienzeit, wenn alle Mäuse hecken und
-das Feld von Junghasen wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden
-sein und Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten Meisen
-blieb noch Fraß genug übrig, und die Waldmäuse nagten die letzten
-Sehnenfetzen von den Knochen.
-
-Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod seinen Belauf im Berge
-ab. Selbst die Hasen schonte er nicht; mancher von ihnen, der sich am
-gefrorenen Kohl verdarb, füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu
-Tag mehr in die Breite ging.
-
-Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu Baue. Vor der Dickung
-lag ein gefallenes Reh, an dem er sich schon eine Nacht gütlich getan
-hatte. Doch als er die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine
-seltsame Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert
-hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück lag, schnürte er, und
-eine geschlagene Stunde dauerte es, ehe er sich ein Herz faßte und
-heranschlich. Und da stand er und windete und äugte lange Zeit, und
-schließlich schnürte er mit hängender Lunte und angelegten Gehören
-mißmutig ab, denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und
-einige Deckfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, als die
-niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung.
-
-Aber der Tod ging immer noch durch den Wald und er schlug Stück um
-Stück mit harter Hand. Der Fuchs verlor den Mut nicht. Behende trabte
-er von Wechsel zu Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke
-Fährte stand, und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie
-zu halten. Es schneite und schneite und der Wind pfiff böse; er schob
-den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, fegte ihn hier zusammen,
-kehrte ihn dort fort, verdeckte auf weite Strecken die Rotfährte und
-verwischte sie endlich völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs
-ab; er nahm die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und
-er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen Schneewächte
-unterging. Da saß er eine ganze Weile auf den Keulen und dann schnürte
-er weiter, hungrig, müde und verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen
-ab; sie waren leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er
-trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort unten so, wie
-oben.
-
-Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse zu passen. Als er
-dort angelangt war, vergaß er alle Mäuse, denn er fand die kranke
-Fährte wieder. Eilig, aber behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis
-zu dem Fichtenmantel unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn
-immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den Fichten, da fuhr
-er wie besessen heraus und stob in das Feld zurück. Denn in den Fichten
-war es nicht geheuer. Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als
-wenn ein Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft und
-geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen und zu schnarchen
-vermag.
-
-In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der krausen Feldeiche
-und überlegte. Dann holte er sich Wind. In weitem Bogen trabte er
-am Vorberge entlang, verschwand bei der Quellschlucht im Altholze,
-schnürte hoch über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich
-vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, kam der
-Fuchs bei den Fichten an. Da war es still und einsam. Der Fuchs schlich
-näher, den vollen Wind nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam
-schlich er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung
-entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite Witterung, die
-fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die er bei dem gefallenen Stücke
-wahrgenommen hatte, das ihm verloren gegangen war, eine unbekannte,
-verdächtige, absonderliche, geheimnisvolle, niederträchtige Witterung,
-zwar keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich
-und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der Ton! Ein Blasen,
-Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts oft aus den Ställen bei den
-Gehöften kommt. Der Fuchs drehte um und stahl sich davon. Er traute dem
-Frieden nicht.
-
-Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu Bett. Das
-Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es lauter in den Fichten,
-da krachte es im Schnee, brach es in dem Fallholz, und schwarz und grob
-schob es sich aus der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind,
-trat dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee krachend
-zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind und nahm dann den Fraß an.
-
-Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel entlang strich, um
-eine Maus zu schlagen oder einen Vogel aus dem Verstecke zu klatschen,
-rüttelte einen Augenblick neugierig über der kleinen Lichtung, von der
-ein lautes, gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt
-mit dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von Knochen. Dann
-strich die Eule ab; wo es so laut war, gab es für sie nichts zu fangen.
-
-Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages den Tannenmantel
-absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh gelegen hatte, nur noch die
-Schalen, einige zertrümmerte Knochen und etliche Fetzen der Decke in
-dem zerwühlten, niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte
-der von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen.
-
-Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem Fuchs bescherte er
-nicht. Jedes Stück, das Hunger und Hartschnee umwarfen, verschwand im
-Gebräche der Sau, so daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war,
-die Zeit der schweren Not.
-
-
-
-
-Des Rätsels Lösung.
-
-
-Waldmann ist unter die Philosophen gegangen. Etwas Rätselhaftes
-ist in sein Leben getreten, etwas Mystisches, Unbegreifliches,
-Transzendentales.
-
-Was mag das wohl sein, wovon morgens immer der Hof des Forsthauses eine
-so sonderbare Witterung hat? Die Katze ist es nicht, eine Ratte auch
-nicht? Also: »Was ist es?«
-
-Es gibt mehr Dinge zwischen dem Hundehause und der Belaufsgrenze, als
-eine Hundenase verstehen kann. Das ist das Ergebnis der philosophischen
-Betrachtungen Waldmanns, ein Ergebnis, das ihm seine ganze Gemütsruhe
-genommen hat. Es ist ein Tier, aber ein unbekanntes Tier, das eine ganz
-andere Witterung hat, als Fuchs und Dachs und Has' und Reh und Hirsch
-und Sau, und auch eine andere, als Igel und Wühlratte und Wiesel und
-Eichkater.
-
-Es kommt nachts aus dem Schweinestalle und geht in den Torfschuppen.
-Manchmal bleibt es drei Tage aus, aber am vierten ist es wieder
-dagewesen. Einmal war es eine volle Woche fort und Waldmann dachte
-kaum mehr daran. Dann auf einmal roch wieder der Wechsel zwischen
-Schweinestall und Torfhaus so stark danach, daß Waldmann wie toll hin-
-und herlief und winselte und kratzte und kläffte, bis der Hegemeister
-fragte, ob er nicht ganz klug sei.
-
-Wenn Waldmännchen mit seinem Herrn im Revier war, vergaß er die
-unerklärliche Witterung, draußen gab es immer so schrecklich viel zu
-schnüffeln und ab und zu auch etwas zu zausen; heute einen Fuchs,
-der die Kugel zu kurz bekommen hatte, und dann ein geltes Tier, das
-Waldmann arbeiten mußte, weil Hirschmann, der sich den Vorderlauf
-vertreten hatte, zu Hause geblieben war. Das war ein großes Vergnügen,
-am Riemen auf der Rotfährte nachzuhängen, und ein noch größeres,
-das Stück zu Stande zu hetzen, und das größte, es an der Drossel zu
-schütteln, als es im Fangschusse zusammenbrach. Bei solcher hohen
-Arbeit vergaß Waldmann das unheimliche Wesen, das Nacht für Nacht auf
-dem Hofe umging.
-
-Sobald er aber in die Nähe des Hauses kam, schoß ihm der Gedanke
-daran in den Sinn. Und wenn er noch so hungrig war und die Frau
-Hegemeisterin ihn auch noch so gut fütterte, so fuhr er doch zuerst auf
-den Schweinestall los, steckte seine Nase zwischen die Planken, kratzte
-und winselte, schnüffelte sich dann bis zum Torfschuppen hin, benahm
-sich da ebenso, wie beim Schweinestalle und schlich schließlich mit
-nachdenklich gerunzelter Stirn und hängender Rute in das Haus, und der
-Hegemeister lachte und meinte: »Unser Waldmann hat den Rattenkoller.
-Wir wollen Fallen aufstellen!« Und am anderen Morgen schlug sich
-Waldmann in der Waschküche zwei dicke Ratten um die Behänge, und dann
-schoß er wieder auf den Schweinestall los und fing an zu schnüffeln.
-
-Eines Abends, als er auf der Sauschwarte vor dem Sessel saß, fuhr
-er wie wahnsinnig zur Türe, riß beinahe das Mädchen um, das mit dem
-Nachtmahl hereinkam, rannte in den Hof und kläffte und winselte an dem
-Torfschuppen herum, bis der Knecht mit der Laterne kam und ihn in den
-Schuppen hineinließ. Da schoß Waldmann nun hin und her, sprang an den
-Wänden hoch, kletterte über die Törfe, schnaufte in alle Ecken hinein,
-bis er von dem Torfmull einen Husten bekam, und zog schließlich, von
-dem Hegemeister weidlich ausgelacht, vergrämt wieder ab. Mürrisch lag
-er während des Abendessens auf seiner Sauschwarte, und selbst der
-Todesschrei der Wurst, wie der Hegemeister es nannte, wenn er der
-Mettwurst die Haut abriß, lockte ihn nicht an den Tisch.
-
-»Lacht mich nur aus,« dachte er, »wer zuletzt lacht, lacht am besten!
-Ich habe es deutlich vernommen, daß da etwas auf dem Hofe war, und es
-war nicht Müschen, die Katze, und eine Ratte war es auch nicht, und es
-war etwas, das ich nicht kenne, das ich noch nicht gewürgt habe. Wer
-weiß, ob es nicht ein ganz gefährliches Tier ist, ein Tier, das die
-Schweine fressen will oder den Torf. Ich muß aufpassen, daß es kein
-Unglück gibt. Herrchen ist ja der klügste Mensch, den ich kenne, aber
-gegen uns ist er doch ziemlich dumm, und seine Nase ist auch nicht
-besser, als die anderer Menschen, sonst würde er es nicht aushalten,
-das Zeug zu rauchen, das ich für den Tod nicht ausstehen kann, und
-Apfelsinen zu essen und Bier zu trinken, Dinge, die jeder feinen Nase
-entsetzlich sind!«
-
-Als der Hegemeister in das Bett wollte, sah er, daß Waldmann noch
-einmal nach dem Wetter sehen wollte, und er ließ ihn hinaus. Wieder
-ging das Hin- und Hergerenne und das Gewinsel los; und als sich der
-Hegemeister zu dem Hunde hinunterbückte, um zu sehen, was er an dem
-Torfschuppen zu kratzen habe, da sprang Waldmann an ihm empor, pfiff in
-den höchsten Tönen und stellte sich an, als hinge das Wohl und Wehe des
-ganzen Hauses davon ab, daß die Sache ihre Aufklärung erführe. Und der
-Hegemeister ließ ihn in den Schuppen und half ihm oben auf die Törfe;
-da lief Waldmann hin und her und machte einen Lärm, wie eine ganze
-Meute, bis schließlich ein halbes Hundert Törfe ins Rutschen kamen und
-mit dem Hunde dem Hegemeister um die Beine polterten. Und da hieß es
-denn wieder: »Nun komm, Waldmann, und rege dich nicht um die albernen
-Ratten auf!« Als aber mitten in der Nacht Waldmann mit fürchterlichem
-Gekläffe aus seinem Korbe schoß, vom Boden auf den Korbsessel und von
-da gegen das Fenster sprang, da wurde es seinem Herrn denn doch etwas
-zu bunt, Waldmann bekam einen Pantoffel an den Hals und wurde in einer
-Weise angeschnarcht, die ihm durchaus nicht paßte.
-
-Deshalb muckte er denn auch den ganzen folgenden Tag; er ließ seine
-Milch stehen, ging seinem Herrn aus dem Wege und verkniff sich das
-Pfeifen und Wedeln, als er mit in den Wald durfte. Um ihn wieder zu
-versöhnen, schoß ihm sein Herr eine Eichkatze; aber anstatt sie mit
-großem Getöse abzuschütteln und mit Stumpf und Stiel zu verspeisen,
-wie er es sonst tat, beroch er sie kaum und ließ sie liegen, und der
-Hegemeister schüttelte den Kopf, lachte und sagte nachher zu Hause:
-»Der Hund trägt es mir jetzt noch nach, daß ich ihm heute nacht den
-Pantoffel an den Kopf warf.« Aber das hatte Waldmann nicht so übel
-genommen, als das Anschnauzen und vor allem hatte ihn der Ausdruck:
-»Kartoffelkopp« tief gekränkt. So wedelte er beim Abendbrot noch nicht
-einmal, als ihm eine Fetthaut von der Leberwurst hingeworfen wurde, und
-es dauerte fast fünf Minuten, ehe er geruhte, sie zu verspeisen.
-
-Er war auch mehr traurig, als wütend. Ist es denn möglich, daß die
-Menschen essen und trinken und lachen können, während es draußen
-umgeht? Wer weiß, ob nicht schon heute nacht das schreckliche Wesen
-sich in das Haus schleicht und irgend ein Unheil anrichtet! Und deshalb
-schlüpfte Waldmann, als das Mädchen abdeckte, zur Türe hinaus und war
-und blieb verschwunden, ob auch der Hegemeister pfiff und pfiff. Die
-ganze Nacht blieb er draußen, bald auf der Schwelle lauernd, bald am
-Schweinestalle oder am Torfschuppen schnüffelnd, aber er fand nichts,
-und als die Magd in aller Frühe in den Stall ging, schlich Waldmann
-sich beschämt in das Haus, kroch unter den Herd und ließ sich erst
-wieder blicken, als es etwas zu fressen gab. Der Hegemeister war dann
-noch so taktlos, ihn zu fragen, ob er im Dorfe ein Stelldichein gehabt
-habe, eine Äußerung, die nicht geeignet war, Waldmann in bessere
-Stimmung zu versetzen.
-
-Eines Tages aber wurde er glänzend gerechtfertigt. Der Knecht kam
-herein und sagte: »Wir haben nämlich die erste Neue, Herr Hegemeister,
-und ich glaube, der Waldmann der war nämlich klüger als wir alle
-zusammen. Vom Schweinestall bis zum Torfschuppen spürt sich nämlich ein
-Iltis hin und her. Und nun weiß ich nämlich auch, warum das morgens
-auf dem Hofe immer so mulsterig roch und ich glaube nämlich, wir tun
-dem Hunde den Gefallen und machen ordentlich Blechmusik, indem das
-nämlich der Iltis für den Tod nicht vertragen kann. Bei dem vorigten
-Hegemeister wurde das nämlich auch immer so gemacht. Der stellte sich
-nämlich mit der Flinte an und wir ließen die Hunde in die Ställe und
-machten mit Kasserollen und Sensen Lärm und dann sprang er nämlich, der
-Iltis, und entweder wurde er geschossen oder die Hunde kriegten ihn zu
-fassen.«
-
-Der Hegemeister lachte und sagte: »Dann wollen wir das nämlich so
-machen.« Und so ging die Geschichte los. Der Knecht und die Line
-und sogar die Frau Hegemeisterin nahmen Topfdeckel und zogen in den
-Schweinestall, der Hegemeister machte scharf und stellte sich auf dem
-Hofe an und Waldmann wurde in den Stall geschickt. Aber als der Lärm
-los ging, machte er, daß er fortkam und schlüpfte in den Torfschuppen
-und winselte da so lange herum, bis der Knecht ihn hineinließ. Da
-stellte sich Waldmann ganz wild an, so wild, wie er wurde, wenn er
-eine kranke Sau verbellte, und er scharrte und kratzte an dem Torfe
-herum, daß der Hegemeister sagte: »Johann, schmeiß einmal die Törfe
-auseinander.«
-
-Das tat Johann auch und Line mußte derweilen weiter mit den Topfdeckeln
-klappern. Auf einmal schrie sie auf, ließ die Deckel fallen, hielt sich
-die Röcke zusammen, rannte dem Hegemeister vor den Leib, daß dem die
-Pfeife aus dem Munde fiel, und ehe er und der Knecht eigentlich wußten,
-was los sei, fuhr etwas Schwarzes zur Türe hinaus und hinterher sauste
-Waldmann. Und da hörten sie auch, wie die Frau Hegemeisterin schrie:
-»Bravo, Waldmann, bravo! Er hat ihn, er hat ihn! Hu, faß den Stinker,
-so recht, so schön, Waldmann!« Als der Hegemeister und der Knecht und
-Line auf den Hof kamen, war der Fall schon erledigt. Waldmann stieß den
-Iltis, der nur noch ein ganz wenig zuckte, hin und her, schlug ihn sich
-noch einmal um die Behänge, trug ihn dann ins Haus und legte ihn auf
-seine Sauschwarte, wo er ihn von neuem beroch, bis der Hegemeister den
-Iltis aufnahm und dann den Hund abliebelte.
-
-»Bravo, Waldmann!« Na, das ging Waldmann ja ganz glatt hinunter, aber
-er dachte doch bei sich: »Ihr hättet mir viel Ärger und Kummer ersparen
-können, wenn ihr eher auf den Gedanken gekommen wäret, daß ich immer
-recht habe, wenn ich mich aufrege. Aber euch fehlt eben die Nase und so
-kann man euch schließlich nichts übel nehmen.«
-
-
-
-
-Das Eichhörnchen.
-
-
-Es ist noch ganz grau im hohen Holze. Und ganz still ist es. Der
-Nordost, der drei Tage und drei Nächte tobte, hat sich gelegt. Dem
-scharfen Nordwest hat weiche Südwestluft Platz gemacht. Das gefällt den
-Rehen, die langsamer als in den drei letzten Tagen den Dickungen am
-Hange zuwechseln, ab und zu im Schnee nach Obermast plätzend, und dem
-Kauz sagt die laue Luft gleichfalls zu; so laut, als wäre es im April,
-jauchzt er auf und dann streicht er lautlosen Fluges zwischen den
-dunkelen Stämmen der Buchen einher.
-
-In der dicken, schwarzen Kugel, die in der höchsten Zwille der
-langschäftigen Buche schwebt, knistert es leise. Ein halblautes
-Schnalzen ertönt von da. Der Fuchs, der leise den Holzweg
-hinaufschnürt, verhofft und lauscht empor, aber mißmutig trabt er
-weiter. Das ist nichts für ihn. Es hat zwar Haare und keine Federn, es
-hält sich zuzeiten auch auf dem Boden auf, aber wenn man denkt, man hat
-es, macht es einen Riesensprung und rasselt den nächsten Baum in die
-Höhe, wippt mit dem Schwanz und schimpft: »Kwutt kwutt kwuttkwutt,« so
-wie das da oben.
-
-Bei der schwarzen Kugel hoch oben in der Buchenzwille raschelt es
-stärker. Die Eichkatze hat ihr Nest verlassen und putzt sich. Ab und zu
-hebt sie den Kopf und schnuppert in den Wind hinein. Das Wetter gefällt
-ihr. Ein bißchen zu dunkel ist es zwar noch, aber da unten über den
-schwarzen Hügeln wird der Himmel schon rot. Und der Hunger ist groß.
-Drei Tage und drei Nächte vom eigenen Fette zu leben, das hält nicht
-vor. Wer weiß, wie lange das gute Wetter anhält? Dem Februar ist nicht
-zu trauen. Morgen regnet es vielleicht schon wieder Schlackschnee und
-dann heißt es abermals: schlafen und hungern.
-
-Die Eichkatze rückt auf dem Aste hin und her, schnuppert an der Rinde,
-knappert ein paar dünne Knospen ab, und ist mit einem jähen Satze in
-der nächsten Krone. Dünn sind die Zweige und brüchig vom Frost, aber
-ehe sie dazu kommen, abzubrechen, sind sie die Last schon wieder los,
-federn rasselnd empor und die Eichkatze rennt schon über einen Zweig
-in dem folgenden Baume, wirft sich in den vierten, schlüpft einen
-dünnen Ast entlang, daß er sich tief biegt und sie in den fünften Baum
-befördert, und dann noch ein Sprung und noch einer und sie fällt in den
-Wipfel der alten Samenfichte.
-
-Hastig geht es einen langen Ast hinunter, fast bis in die Spitze.
-Schwer beladen war er im Herbste mit langen Zapfen, wenige hängen nur
-noch daran. Einen nach dem anderen holte sich das Eichkätzchen und
-half sich mit der mageren Kost über manchen strengen Wintertag. Der
-ganze Boden unter der Fichte ist besät mit den rostroten Schuppen,
-überall ragen die Zapfenquirle aus der Schneedecke hervor und auf den
-halbverschneiten Felsbrocken liegen in ganzen Haufen die Überreste der
-kärglichen Mahlzeiten. Und zwischen dem Geröll liegen auch allerlei
-Knochen, die die Eichkatze auf den Frühstücksplätzen der Holzhauer
-fand und hierhin schleppte, um die Fleischrestchen abzunagen und die
-knorpligen Enden, und wenn gar nichts Eßbares mehr daran saß, so nagte
-es doch jeden Tag aus Langeweile daran herum.
-
-Der Rehbock, der in Wipfelhöhe der Fichte am Hange hinzieht, macht eine
-jähe Flucht und zieht laut schreckend ab, denn vor ihm rauscht und
-rasselt es ganz gefährlich. Die Eichkatze hat einen Zapfen losgebissen,
-hält ihn im Maule und klettert mit ihm kopfüber den Stamm hinab, ganz
-eilig, aber ab und an innehaltend und nach allen Seiten spähend. Dann
-ein Sprung und sie sitzt auf ihrem Felsblocke, hoch aufgerichtet,
-zur Flucht bereit, falls etwas Verdächtiges nahen sollte. Aber es
-kommt nichts Arges. Da hinten ziehen die Rehe durch den rotlaubigen
-Buchenaufschlag, ein Hase hoppelt langsam bergan, ein Zaunkönig
-schrillt im Geklüft. Schnell dreht die Eichkatze den Zapfen mit den
-Vorderfüßen um, die gelben Nagezähne fassen die Schuppen, beißen sie
-durch, und hastig nehmen die Lippen ein Samenkorn nach dem anderen
-fort. Eben war das Ding noch ein glatter, schöner Tannenzapfen, jetzt
-liegt nur noch der Kern hier und rund herum bedecken die Schuppen den
-grauen Stein.
-
-Es ist ganz hell im Holze geworden. Die grauen Stämme schimmern
-silbern, die Schneedecke des Bodens leuchtet goldig. Zwitschernd und
-pfeifend lärmt ein Flug Zeisige über den Wald hin, der Häher kreischt,
-ein Bussard klagt. Die Eichkatze hüpft rastlos unter den Fichten umher,
-kratzt hier, scharrt da, schnüffelt dort, macht alle Augenblicke ein
-Männchen, heftig mit den langpinseligen Ohren zuckend und die Rute
-schnellend, dann ganz regungslos verharrend, und schließlich wieder
-hastig über den Boden schlüpfend, jetzt einen Zweig der Knospen
-beraubend, dann eine Buchennuß zerknappernd, und nun einen weißfaulen
-Ast zerfasernd, in dem die Puppen von Käfern stecken.
-
-Dann auf einmal rennt sie wie gehetzt zu Tale, ohne auch nur einmal
-Halt zu machen, ohne rechts und links zu äugen, und erst am Rande des
-Holzes hält sie ein. Da recken einige dicke Eichen ihr graues Astwerk
-über dichtem Buschwerk von Schlehe, Weißdorn und Wildrose. Ohne sich
-zu besinnen, fährt das rote Tier in das hohe gelbe Gras, springt
-hierhin, hüpft dahin, kratzt den Schnee fort, scharrt das Laub auf,
-zernagt gierig eine Eichel, verspeist eilig eine Mehlbeere, schält den
-Schlehenstein aus seiner Hülle und knackt ihn auf, schärft die Zähne an
-einer Abwurfstange vom Rehbock, wie so manches Mal schon, tut sich an
-drei Pflaumenkernen gütlich, die im Herbste der Jäger von dem Hochsitze
-warf, findet noch eine dicke Brotrinde, einen Apfelkropf mit vielen
-leckeren Kernen und zuletzt noch zwei Schweinsrippen mit schönen mürben
-Knorpelenden.
-
-Nun, da der Magen ruhig ist, findet die Eichkatze, daß es ganz allein
-ein langweiliges Leben im Walde sei. Die Sonne scheint so schön warm,
-da gelüstet es sie nach einem kleinen Spiele kopfüber, kopfunter,
-stammauf, stammab. Den ganzen Winter hat sie solche Anwandlungen nicht
-gehabt; sie war froh gewesen, wenn ihr keiner von ihrer Sippe in den
-Weg kam, denn ob rot oder grau, braun oder schwarz, Weibchen oder
-Männchen, Hunger hatten sie alle und so ganz viel gibt es wintertags im
-Bergwalde nicht. Aber wenn der Februar auf die Neige geht, dann sehnt
-man sich doch nach Gesellschaft und ist froh, wenn man auf eine frische
-Fährte stößt, in der Sonne eine rote Lunte leuchten sieht oder auf dem
-Geäst das bekannte Gerassel und das liebe Schnalzen und Fauchen hört.
-Und so, ganz Ungeduld und Sehnsucht, hopst das Eichhörnchen an der
-Holzkante entlang, bäumt zur Abwechslung einmal auf, holzt eine Weile
-weiter, geht wieder zu Boden und fährt dort erschreckt zusammen.
-
-Denn von der anderen Seite kommt auch etwas den Pürschsteig entlang in
-schnellen, hastigen Sprüngen. Und jetzt macht es auch Halt. Steif sitzt
-es da, ein kohleschwarzes Männchen mit schneeweißer Brust. Prächtig
-sieht es aus; die grauen Spitzen der Haare geben dem Balge einen blauen
-Schein. Steif sitzen die beiden Eichkatzen sich gegenüber. Ab und an
-zuckt eines mit dem Schwanz. Dann schimmert es hier kupferrot in der
-Sonne und dort stahlblau. Jetzt macht das schwarze Männchen einen
-Satz und sofort schnalzt das rote Weibchen und wendet um. Über den
-hellen Schnee und das rote Laub geht die Jagd, in einem Fichtenhorste
-verschwindet das Weibchen und fährt wieder heraus, und hinterher saust
-der schwarze Verfolger, folgt ihr in die Bachschlucht, rasselt über das
-Lufteis, flitzt über die Felsblöcke, hopst die Klippe hinab und prallt
-auf eine dritte Eichkatze, eine große, braunrote, deren Balg ganz grau
-bereift ist.
-
-Das fuchsrote Weibchen hängt unten an dem Stamme einer Buche und äugt
-regungslos hinter sich. Regungslos sitzen die beiden anderen auf ihren
-Keulen, die Vorderpfoten fast bis zu den Schnurrhaaren erhoben, die
-Ruten in schönem Schwunge fest an den Rücken gelegt. Sie sitzen und
-stieren sich an. Der Specht schilt, der Häher schimpft; sie rühren sich
-nicht. Eine Kohlmeise zetert; noch immer sitzen sie da. Da raschelt es
-hinter ihnen im Laube. Steil richten sich die beiden Männchen auf, das
-Weibchen macht einige Sprünge am Stamme empor, und dann jagen ihm die
-beiden Männchen nach, das schwarze und das rotbraune, und noch eins,
-ein fuchsrotes mit breitem schwarzen Rückenstrich und dunklem Schwanze,
-das der Spur des Weibchens gefolgt ist.
-
-Specht und Häher und Kohlmeise und Spechtmeise und Zaunkönig schimpfen
-mörderlich, denn das ist ihnen denn doch ein bißchen zu viel des Lärms.
-Das ist ja beinahe so schlimm wie gestern, als der Nordwest im Walde
-herumtolpatschte. Das rasselt und prasselt und klirrt und klappert,
-hier fällt ein Zweig, da plumpst ein Ast, jetzt rieseln Tannennadeln
-und nun knistern Flechten hernieder, und bald hier, bald da schnalzt
-und faucht und quietscht es, jetzt wirbelt es durch die alte Fichte,
-nun saust es in der entwurzelten Buche, daß die drei Rehe ganz unruhig
-hin- und hertreten und die Dompfaffen schleunigst machen, daß sie
-weiter kommen, und dann fährt der Hase, der in seinem Lager unter der
-dichtbelaubten Jungbuche am Verdauen war, entsetzt heraus, einen Regen
-von Schnee um sich werfend, denn es fiel plötzlich etwas rasselnd in
-den Busch.
-
-Das war die rote Eichkatze gewesen, der es nachgerade zuviel wurde
-mit der Anbeterei. Keinen Augenblick hatte sie Ruhe gehabt seit einer
-vollen Stunde. Bald war ihr das schwarze Männchen auf den Fersen, bald
-das braune, und wenn die beiden sich balgten, dann hatte sie es mit
-dem schwarzrückigen zu tun. Wurde der von dem braunen abgebissen, dann
-rückte ihr der schwarze auf den Leib, und so ging es in einem fort,
-bis es ihr zu dumm wurde und sie sich, als die drei in einem einzigen
-Klumpen verfilzt von der einen Seite der Fichte in den Schnee kugelten,
-von der anderen Seite in den Buchenbusch fallen ließ. Da sitzt sie
-nun, ein bißchen außer Atem, putzt sich, leckt sich und sieht den drei
-Männchen nach, die nach drei Richtungen hin im Walde verschwinden. Dann
-eilt sie in hastigen Sprüngen auf die Klippenwand zu.
-
-Das ist ihre Hauptspeisekammer im Winter. Dort steht ein krummer
-Lindenbaum, der alle Jahre trägt. Vier alte Nußsträucher spreizen
-sich dort unter zwei sturmzerfetzten Samenfichten, und obgleich dort
-keine Eiche wächst, so sind in den Felsspalten immer Eicheln zu
-finden, die die Häher hierhin vertragen, und die alte Buche wirft
-jedes zweite Jahr reichlich Früchte in die Schlucht, die dort vor
-den Mäusen sicher sind, weil es dort immer nach Fuchs riecht. Auch
-ein Wildapfelbaum schiebt sich aus der Wand, am Ausgange der Schlucht
-stehen Vogelkirschen und an Schlehen, Weißdorn und Rosen mangelt es
-nicht. Ist es mit der Kost im Walde einmal schlecht bestellt, hier
-findet sich immer etwas für den Magen und unter der Felswand gibt es
-das Feinste, was der Wald zu bieten hat, dicke, würzige Trüffeln.
-Nicht weit davon liegt das Forsthaus, und in dem Garten wachsen Äpfel,
-Birnen, Pflaumen, Kirschen und Walnüsse. Ein bißchen lebensgefährlich
-ist es dort freilich, denn seitdem der Förster dahinter gekommen ist,
-wer ihm seine Birnen zernagt und seine Nüsse fortschleppt, paßt er sehr
-auf, doch vor Tau und Tag lebt es sich da herrlich.
-
-Das wissen alle Eichhörnchen am Berge und darum finden sie dort immer
-Gesellschaft, und kaum ist das rote Weibchen dort angelangt, so ist
-auch schon ein braunrotes Männchen bei ihm, das ihm eifrig den Hof
-macht. Anfangs ziert sich das Weibchen und es gibt eine kleine Hetzjagd
-durch Busch und Kraut, über Stock und Stein, aber es ist noch müde von
-vorhin und da das Männchen mit seinen Liebenswürdigkeiten nicht abläßt,
-wird es quer über die Nase gekratzt und tüchtig in die Lippe gebissen
-und zieht schließlich ab. Während der warmen Mittagsstunden turnt das
-Weibchen dann bedächtig an der Wand herum und sucht im Laube nach
-Eicheln und Buchnüssen. Nachmittags aber, als die Sonne hinter Wolken
-verschwindet, sucht es sein nächstes Nest in der gegabelten Fichte auf,
-einen weichen, warmen Kobel, den es stets bezieht, wenn es der Abend
-hier bei den Klippen überrascht.
-
-Die Tage kommen, die Tage gehen. Weiches Wetter tritt ein, und die
-Eichkatze ist den ganzen Tag in Bewegung. So manchen Käfer scharrt sie
-aus dem Laube und findet Raupen und Puppen unter dem Moose. Als sie
-dann noch die Fütterung entdeckt, wo der Förster den Rehen Eicheln
-schüttet, da geht es ihr besser, als bisher, und ohne sich um die Rehe
-zu kümmern, holt sie sich Tag für Tag ihr Teil, schleppt auch manche
-Eichel beiseite und stopft sie unter das Moos oder verbirgt sie in
-Fels- und Baumritzen. Fällt kalter Regen aus den Wolken oder bläst eine
-rauhe Luft, dann verschläft sie einen Tag oder auch zwei, und ist das
-Wetter heiter, dann läßt sie sich auch wohl wieder zu lustiger Balgerei
-und fröhlicher Hetz mit irgend einem netten Männchen herbei, das ihr in
-den Weg läuft.
-
-Schließlich hörte diese Spielerei auf. Die Männchen laufen ihm nicht
-mehr nach und das Weibchen hat andere Sachen im Kopfe. In einer
-ganz langen, hochschäftigen Buche baut es ein ganz großes, festes,
-dickwandiges Nest. Es gibt sich viele Mühe damit. Fortwährend schleppt
-es Moosbüschel, welkes Gras, dürre Würzelchen und trockenes Laub
-herbei, filzt Schicht auf Schicht mit den Vorderpfoten zusammen,
-dreht sich so lange darin herum, bis die Höhlung glatt und eben ist,
-setzt ein dichtes Dach darauf, stopft jede Ritze zu, in die der Wind
-hineinschnauben könnte, und läßt nur im Osten ein Schlupfloch, das aber
-leicht verschlossen werden kann, wenn der Wind von der Morgenseite weht.
-
-Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen. Die rote Eichkatze ist jetzt
-nicht mehr so oft zu sehen. Ganz früh am Morgen sucht sie nach Nahrung
-und in der Abenddämmerung, und gierig fällt sie über alles her, was
-sie vorfindet. Jeder Käfer ist ihr recht, jeder Schmetterling wird
-mitgenommen. Die Morchel im Laube verschwindet unter den schnellen
-Zähnen und die Blütenknospen des Ahorns werden ebensowenig verschmäht,
-wie die keimende Eiche und die treibende Buchecker. Magerer noch als
-der Winter ist die Frühlingszeit und die Eichkatze hat vierfachen
-Hunger, denn in ihrem Neste im Buchenwipfel liegen sechs junge
-Eichkätzchen, und deren sechs Mäulchen müssen gestillt sein. Da heißt
-es denn: fressen, was zu fressen ist, damit die Kleinen satt Milch
-bekommen.
-
-Je größer sie werden, um so gieriger sind sie, und mit der Kost wird
-es nur langsam besser. Maikäfer sind noch nicht da und die Raupen sind
-noch gar zu klein. Eicheln und Bucheckern gibt es nicht mehr und die
-Knospen sind alle aufgesprungen. Die schlimmste Zeit im Jahre ist es
-für die Eichkatze, wenn die Buche ihr Blatt entfaltet. Hunger, Hunger,
-immer Hunger, und so dürftige Kost! Bei der Käfer- und Raupenjagd stößt
-sie auf ein Drosselnest. Die blauen Kugeln sehen so blank aus, wie
-reife Eicheln. Am Ende schmecken sie auch so. Das, was herausquillt,
-ist ein bißchen naß, aber schmeckt nicht schlecht, und es stillt den
-Hunger. Da ist schon wieder ein Nest. Eier sind nicht darin, nur
-nackte Vögel. Sie piepen erbärmlich, und die Alte flattert wild und
-schimpft und zetert, aber es ist doch besser, als Baumrinde oder junge
-Sprossen und die Hauptsache ist, es sättigt mehr, als das sechsbeinige
-Grabbelzeug, das im Moose und Grase herumwimmelt.
-
-Endlich burren die ersten Maikäfer, die Raupen nehmen zu an Länge
-und Dicke und die Grashüpfer werden immer fetter. Nun läßt es sich
-allmählich schon leben im Walde. Außerdem liegt an der Waldstraße
-ein eingegattertes Stück Land, in dem sind Löcher und darin stecken
-Eicheln, die zwar schon stark keimen, aber noch ganz leidlich sind.
-Wie die sechs Jungen die Milchzähne verloren haben und auf eigene
-Gefahr ihre Nahrung suchen, da gibt es schon allerlei bessere Sachen.
-Hier und da findet sich ein leckerer Erdpilz, die Nüsse haben kleine
-milchige Kerne, es wimmelt von Raupen, Puppen und Heuhüpfern und die
-Roggenähren lohnen schon eine Fahrt zu den Feldern am Waldrande; von
-den tiefherabhängenden Hainbuchenzweigen aus lassen sich die Ähren
-leicht pflücken und aushülsen. Das herrlichste aber, was der Wald in
-dieser Zeit zu bieten hat, das ist der säuerliche, schäumende Saft, der
-aus den alten Eichen quillt. Jeden Tag um die elfte Stunde findet sich
-die Eichkatze dort ein, jagt die Schmeißfliegen und Hornissen fort, die
-sich dort laben, und leckt den gärenden Saft ab, bis ihr ganz sonderbar
-im Kopfe wird und sie anfängt, wie unklug hin und her zu springen, zu
-schnalzen und mit dem Schwanze zu schnellen, als wäre es Vorfrühling.
-Alle Vorsicht und Aufmerksamkeit vergißt sie über ihrem Rausch und wenn
-sie sich nicht im letzten Augenblicke in das Gebüsch gestürzt hätte,
-so wäre sie in den Fängen des Habichts geblieben, der wie ein Schatten
-durch das Geäst fuhr.
-
-An Gefahren mangelt es überhaupt im Walde nicht. Vor dem Habicht ist
-die Eichkatze nie sicher. Mitten im fröhlichsten Hetzspiel griff er
-ihren letzten Liebhaber, das kohleschwarze Männchen, und strich damit
-ab. Zwei von den Jungen, die noch recht unbeholfen waren, fing an zwei
-Abenden nacheinander der Kauz. Dreimal mußte sie sich kopfüber aus
-ihrem Neste zu Boden werfen, als der Edelmarder sie fassen wollte, und
-einmal hetzte er sie am hellen Tage über eine halbe Stunde lang von
-Baum zu Baum, bis sie sich aus der Pappel in den Teich fallen ließ und
-sich zitternd im Schilfe versteckte. Aber allmählich ist sie so gewitzt
-geworden, daß sie die Gefahr zu meiden weiß. Gleichwohl ging es ihr
-ab und zu hart am Leben vorbei. Einige hundert Schritte vom Waldrande
-steht ein hoher Birnenbaum im Felde. Der Bauer, dem er gehört, bekommt
-niemals eine Birne davon, denn ehe sie reif sind, hat das Eichhörnchen
-eine nach der andern durchgebissen und die Kerne verzehrt. Eines Tages
-erwischte sie aber der Bauer dabei und schickte seinen Jungen in den
-Baum, während er mit dem Hunde unten wartete. Der Junge stieg ihr bis
-in den obersten Wipfel nach und schüttelte diesen so lange, bis sie im
-Bogen in den Klee flog. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte der Hund
-sie beim Wickel gehabt, aber im letzten Augenblicke schlüpfte sie in
-das enge Entwässerungsrohr und von da in den Schlehbusch und aus diesem
-in den Weizen und kam noch einmal glücklich in den Wald zurück. Seit
-der Zeit unternimmt sie ihre Streifen zum Felde immer nur in der ersten
-Morgenfrühe, denn die halbreifen Roggen-, Hafer- und Weizenkörner
-entbehrt sie nicht gern und am Waldrande finden sich auf dem Raine
-überall die Spreuhäufchen, die Reste ihrer Mahlzeiten.
-
-Die liebste Zeit aber ist ihr der Herbst. Dann ist im ganzen Walde
-Futter für ihre Zähne da. Unter den Ahornbäumen und Hainbuchen liegen
-massenhaft die geflügelten Kerne, in den Eichen schimmern die Eicheln,
-die Haselbüsche tragen schwer und in den Kronen der Buchen reifen die
-fetten Nüsse. Dann wimmelt es im Walde von Eichkatzen, die von weit
-und breit sich hierher zusammenziehen. Überall am Boden hüpft und
-schlüpft es; die fuchsroten Eichhörnchen aus dem Hügellande treffen
-hier mit den schwarzen und braunen aus den Fichtenbeständen von den
-höheren Lagen des Gebirges, wo es jahrein jahraus weiter nichts gibt
-als Fichtensamen. Wenn sie sich dann hier im Mittelbergwalde alle ein
-tüchtiges Ränzlein angemästet und ihr leichtes Sommerkleid mit dem
-dichten, langhaarigen, graubereiften Winterpelze vertauscht haben, dann
-verteilen sie sich wieder und der alte Stamm hat den Wald ganz für
-sich.
-
-
-
-
-Hasendämmerung.
-
-
-Jans Mümmelmann, der alte Heidhase, lag in seinem Lager auf dem blanken
-Heidberg, ließ sich die Mittagssonne auf den billigen Balg scheinen und
-dachte nach über Leben und Tod. Sein Leben war Mühe und Angst gewesen.
-Aber dennoch fand er, daß sein Leben köstlich gewesen war. Auf grünen
-Feldern hatte sich seine Jugendzeit abgespielt; seine Jünglingsjahre
-hatte er im Walde verlebt; die Jahre seiner männlichen Reife verbrachte
-er in der Heide, nachdem ihm Feld und Wald Menschenhaß gelehrt hatten,
-und nur, wenn sein Herz sich nach Zärtlichkeiten sehnte, verließ er die
-Öde.
-
-Da lebte er, ein einsamer Weltweiser. Die Äsung war mager, aber es
-stand nicht wie beim Klee im Felde und bei der üppigen Wiese im Walde,
-die Angst bleichwangig und schlotterbeinig immer neben ihm; in Ruhe und
-Frieden konnte er da leben, sorglos im feinen Flugsande des Heidhügels
-die rheumatischen Glieder baden und dem Gesange der Heidelerchen
-lauschen.
-
-Mümmelmann fand heute aber doch, daß er etwas Abwechslung in seine
-Nahrung bringen müsse. Keine Philosophie der Welt tröstet den Magen
-und keine Weltweisheit befestigte die Appetitlosigkeit. Beim Dorfe
-gab es jetzt schon junge Roggensaat. Auch brauner Kohl war da, ferner
-Apfelbaumrinde, etwas ganz Feines, und der Klee war schon hoch genug,
-an den Gräben wuchs allerlei winterhartes Kraut; Mümmelmann lief das
-Wasser hinter den gelben Zähnen zusammen.
-
-Allerdings, so ohne Gefahr ging ein Diner beim Dorfe nicht ab. Fast
-immer stöberten Wasser oder Lord oder Widu oder Hektor oder ein anderer
-dieser scheußlichen Köter im Felde herum. Der Jagdaufseher hatte im
-Felde überall Tellereisen und Schwanenhälse liegen und der Jagdpächter
-hielt sich immer in der Nähe des Dorfes mit seinem Schießknüppel auf.
-Er war ein bißchen sehr dick und hatte eine trockene Leber, so daß er
-sich nicht gern weit vom Kruge entfernte.
-
-Aber schließlich was kann das schlechte Leben helfen? dachte
-Mümmelmann; +einen+ Tod sterben wir Hasen ja doch nur, und besser
-ist es im Dampfe dem guten Schützen sein Kompliment zu machen, als vor
-Altersschwäche den Schnäbeln der Krähen zum Opfer zu fallen. Und so
-machte er sorgfältig Toilette und rückte erst langsam, dann schneller
-gen Knubbendorf, wo er bei tiefer Dämmerung ankam.
-
-Es war eine gemütliche Nacht. Der Schnee war weich und trocken, die
-Luft windstill, die Kälte nicht zu stark und der Himmel bedeckt,
-so daß Jans und die anderen keine Angst zu haben brauchten vor dem
-alten Krischan, dem Armenhäusler und Besenbinder, der mit seinem
-verrosteten Vorderlader bei hellen Nächten hinter dem Misthaufen auf
-die Hasen lauerte. Es gab ein langes Begrüßen und Erzählen, und so kam
-es, daß Jans völlig die Zeit verpaßte und erst lange nach dem ersten
-Hahnenschrei, als der Tag schon mit rotverschlafenem Gesicht über die
-Geest stieg, nach seiner Heide zurückhoppelte in Begleitung eines
-jungen strammen Moorhasen, Ludjen Flinkfoot, seines im letzten Herbst
-bei dem großen Kesseltreiben im Feuer gebliebenen Freundes Sohn. Den
-hatte er bewogen, mitzukommen; er wollte ihn erziehen und als Erben
-einsetzen.
-
-Als sie aber an den Heiderand kamen, da stutzten sie und machten
-Männchen, denn vor ihnen zappelten im Frühwinde lauter bunte Lappen.
-Voller Angst liefen sie zurück und scharrten sich, nachdem sie erst
-viele Haken geschlagen und Wiedergänge gemacht hatten, in einem
-mächtigen Brombeerbusch bei den Fischteichen ihr Lager.
-
-Inzwischen war im Dorfe großes Leben. Dreißig Männer waren gekommen,
-bis an die Zähne bewaffnet, schrecklich anzusehen in ihrem
-Kriegsschmuck. Sie waren in den Krug gegangen, aßen und tranken, was es
-gab, machten sich mit Pfeifen und Zigarren und auch sonst blauen Dunst
-vor, prügelten ihre Hunde, die sich bissen, kniffen allen weiblichen
-Wesen unter fünfzig Jahren die Arme braun und blau, erzählten sich
-mehr oder minder starke neuaufgewärmte alte Witze und zogen dann los,
-die reine Winterluft mit dem Rauch ihrer Zigarren und die Morgenstille
-mit dem Geknarre ihrer Stimmen erfüllend und sich freuend über den
-klaren windstillen, schönen Tag, der so recht geeignet sei für den
-Hasenmassenmord.
-
-Dicht hinter dem Dorfe wurde der erste Kessel gemacht. Ein Waldhorn
-erklang, Schützen und Treiber setzten sich nach dem Zentrum in
-Bewegung und das Kriegsgeschrei der rauhen Kehlen dröhnte durch den
-Wintermorgen. Da wurden überall graue Flecke im weißen Schnee sichtbar,
-die sich zu Pfählen verlängerten, unschlüssig hin und her hoppelten,
-wie besessen dahinrasten, und dann knallte es hier, blitzte es da,
-rauchte es dort, und ein Hase nach dem anderen rückte zusammen,
-wurde kürzer, immer kürzer, blieb schließlich liegen, sprang noch
-einmal in die Höhe und lag dann ganz still. Andere schlugen im Dampf
-ein Rad, daß der Schnee stäubte, wieder andere liefen wie gesund
-weiter und fielen plötzlich um. Und immer enger wurde der Kessel,
-immer zerfurchter seine Schneedecke von den Spuren des Hasen und den
-eingeschlagenen Schroten, und hellrote Flecke und Streifen, sowie die
-dunklen Patronenpfropfen unterbrachen seine Farblosigkeit.
-
-Ein Leiterwagen nahm die toten Hasen auf, und es ging zum zweiten
-Kessel. Und als der abgetrieben war, kam der dritte an die Reihe,
-und dann ging es zum Jagdhause vor dem Moore, wo der Wirt mit seinen
-Töchtern Bohnensuppe auffüllte und Glühwein einschenkte und Grog. Da
-gab es ein großes Erzählen hin und her, so daß Herr Markwart, der
-Häher, und Frau Eitel, die Elster, entsetzt abstoben und es weit und
-breit herumbrachten, daß die Jäger wieder einmal da wären und schon
-hundertundsiebzig Hasen gemordet hätten.
-
-Mümmelmann hörte aufmerksam zu, als Frau Eitel das Herrn Luthals, dem
-Würger, erzählte und er dachte sich: »Wenn sie schon soviel haben, dann
-werden die Schinder wohl nicht mehr hierher kommen,« und der flüsterte
-Ludjen Flinkfoot zu: »Bleib immer hübsch still liegen, mein Junge, mag
-kommen, was da kommen will; wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen,
-und wer nicht gesehen wird, den trifft kein Blei.«
-
-Es kam aber anders: Wieder klang das Horn. »Schwerenot noch einmal,«
-knurrte Jans unter seinem bereiften Bart her, »noch ein Kessel? Die
-Sonne geht ja schon in ihr Lager. Und ich glaube, die Bande kommt auf
-uns zu.« Ein furchtbares Gebrüll erhob sich von allen Seiten, der Boden
-dröhnte, Schüsse knallten. Ludjen wollte weg, aber der Alte rief: »Bliw
-liggen, du Döskopp,« denn wenn er erregt wurde, sprach er Platt, was
-er sich sonst als unfein abgewöhnt hatte, und dann setzte er hinzu:
-»Man kann nicht wissen, was passiert. Ich habe so eine Ahnung, als ob
-ich die Sonne nicht mehr aufgehen sehen soll. Und nun höre zu: Falle
-ich und du bleibst gesund, so rückst du in die Heide, bis du an den
-Heidberg kommst, wo die großmächtigen Steine aufeinanderliegen. Da
-bist du das ganze Jahr sicher, da kommt niemand hin, als die dämlichen
-Schafe und höchstens einmal Reinke Rotvoß, der alte Schleicher; der
-erzählt ganz gut, aber halte ihn dir drei Schritt vom Leibe. Einem
-Fuchs darf man erst trauen, wenn er kalt und steif ist.«
-
-Näher kam das Getrampel, dichter folgten die Schüsse, hin und her
-flitzten die Hasen, kobolzten von den Dämmen auf das Eis der Teiche und
-blieben da liegen. Auf einmal schwoll das Gebrüll noch weiter an: »De
-Voß, de Voß!« riefen die Treiber und domm, domm, domm, domm krachte es.
-Mümmelmann hörte es in den Brombeeren knistern, etwas Rotes sauste über
-ihn fort, dann etwas Schwarzweißes, und dicht vor ihm schlug sich ein
-großer Hund den Fuchs um den Kopf.
-
-»Meinen Segen hat er,« dachte der alte Hase bei aller Angst; doch im
-nächsten Augenblicke fuhr er aus seinem Lager, denn ein zweiter Hund
-kam an und wollte ihn gerade fassen: »Da löppt noch een!« schrieen die
-Treiber. Aber Jans war nicht umsonst bei seiner Mutter, der erfahrenen
-Gelke Mümmelmann, in die Lehre gegangen. Er schlug einen Haken über den
-anderen und hielt sich immer dicht vor dem Hunde, so daß kein Schütze
-zu schießen wagte. Auf einmal aber krachte ein Schuß, die Schrote
-schlugen pfeifend auf das Eis, der Hund jaulte auf und wütende Stimmen
-erhoben sich.
-
-»Junger Mann, Sie haben meinen Hund totgeschossen!« brüllte ein dicker
-Herr.
-
-»Ja, was kann ich dafür,« rief der dünne Student, »ich habe ihn nicht
-gesehen; was hat der Hund auch im Kessel herumzubiestern?«
-
-Und der Dicke schrie wieder: »Er sollte den Fuchs apportieren. Der Hund
-hat mich dreihundert Mark gekostet.«
-
-Und der Student rief: »Dreihundert Mark? Na, der Ihnen das abgeknüpft
-hat, der wird schön gelacht haben. Ich habe den Hund ja arbeiten sehen;
-hühnerrein war er, straßenrein auch, und Hasen hetzte er famos. Und
-wenn er auch nicht eingetragen war, ein ausgetragenes Biest war er
-doch, und die Rassenmerkmale hatte er innerlich, wie die Ziegen den
-Speck, Dreihundert Mark? Lächerlich, Sie meinen wohl Pfennige?«
-
-So ging es weiter und keiner achtete auf Mümmelmann. Der machte, daß
-er fortkam, denn er haßte Zank und Streit. Ihm tat nur Ludjen leid, um
-den Jungen hatte er Bange. Es dämmerte schon, als er an den Heidrand
-kam und gerade dachte er, er wollte sich um die Lappen nicht kümmern,
-da krachte es, und wie zwanzig Peitschenhiebe auf einmal fühlte er es
-in Rücken und Keulen. Das war der Jagdaufseher gewesen, der die Lappen
-aufrollen wollte.
-
-Jans fühlte, daß es mit ihm aus war. Aber er kam doch noch vom Fleck
-und tauchte in der Dämmerung unter. Ihm war sehr schwach zu Mute,
-obgleich er gar keine Schmerzen hatte; nur das Laufen wurde ihm schwer
-und das Atmen. Er kam noch bis zu dem alten Steingrab auf Heidberg, und
-da wühlte er sich in den weichen Sand, lag ganz still und äugte nach
-dem hellen Sternbilde, das über dem fernen Walde stand und ganz wie ein
-riesenhafter Hase aussah.
-
-Als der Mond über den Wald kam, da hoppelte auch Ludjen Flinkfoot
-heran. Er hatte, so schwer es ihm bei seiner Angst auch wurde, seines
-Oheims Ratschläge befolgt und war gesund davongekommen. Der gute Junge
-war sehr betrübt, daß er ihn todkrank fand; er rückte dicht an ihn
-heran und wärmte den Fiebernden.
-
-Als es vom Dorfe Mitternacht schlug, da wurden Mümmelmanns Seher
-groß und starr; er sah die Zukunft vor sich. »Der Mensch ist auf die
-Erde gekommen,« sprach er, »um den Bären zu töten, den Luchs und
-den Wolf, den Fuchs und das Wiesel, den Adler und den Habicht, den
-Raben und die Krähe. Alle Hasen, die in der Üppigkeit der Felder
-und im Wohlleben der Krautgärten die Leiber pflegen, wird er auch
-vernichten. Nur die Heidhasen, die stillen und genügsamen, wird er
-übersehen, und schließlich wird Mensch gegen Mensch sich kehren und
-sie werden sich alle ermorden. Dann wird Frieden auf Erden sein. Nur
-die Hirsche und Rehe und die kleinen Vögel werden auf ihr leben und
-die Hasen, die Abkömmlinge von mir und meinem Geschlecht. Du, Ludjen,
-mein Schwestersohn, wirst den reinen Schlag fortpflanzen, und dein
-Geschlecht wird herrschen von Aufgang bis Untergang. Der Hase wird Herr
-der Erde sein, denn sein ist die höchste Fruchtbarkeit und das reinste
-Herz.«
-
-Da rief der Kauz im Walde dreimal laut: »Komm mit, komm mit, komm mit
-zur Ruh, zur Ruh, zur Ruhuhuhu!« und Mümmelmann flüsterte: »Ich komme,«
-und seine Seher brachen.
-
-Ludjen hielt die Totenwacht bei seinem Oheim; drei Tage und drei Nächte
-blieb er bei ihm. Als er aber nach der vierten Nacht zurückkam zum
-Hünengrab, da war der Leib seines Ohm verschwunden, und Ludjen meinte,
-die kleinen weißen Hasen wären gekommen und hätten ihn weggeholt zu dem
-Hasenparadiese, wo der große weiße Hase auf dem unendlichen Kleeanger
-sitzt.
-
-Reinke Rotvossens Vetternschaft aber wunderte sich, daß der alte
-dreibeinige, schwanzlose Heidfuchs, der immer so klapperdürr war,
-seit einigen Tagen einen strammen Balg hatte. Er hatte seinen Freund
-Mümmelmann bestattet auf seine Art.
-
-
-
-
-Der Mörder.
-
-
-Die halbe Heide entlang waren alle Förster und Jäger in Aufregung; es
-spürte sich ein fremder Haupthirsch.
-
-Gesehen hatte ihn noch kein Menschenauge. Nach der Uhlenflucht trat er
-zur Äsung aus und vor Tau und Tag zog er wieder in die Dickung.
-
-Der Fährte nach war es ein Hirsch von mehr als dem zehnten Kopfe;
-bequem konnte ein Mann die vier Finger der Hand hineinlegen. Es war
-eine Fährte, die tief und fest in dem Sande stand; danach gab man dem
-Hirsche dreihundert Pfund und darüber. Und weil sie ein ganz anderes
-Bild zeigte, viel mehr Zwang aufwies, als die der Standhirsche, so
-schlossen die Förster, daß der Hirsch von weit her zugewechselt sein
-mußte.
-
-Dreihundert Büchsen die Heide auf, die Heide ab lauerten tagtäglich auf
-ihn; sie lauerten vergebens. Spürte er sich drei Tage in dieser Forst,
-morgen war er verschwunden und die rätselhafte Fährte setzte übermorgen
-zehn Meilen weiter die Jäger in Verwirrung. Drei Nächte nacheinander
-stand der Jäger auf der Schneiße in der wilden Hudewohld und sah das
-Kreuzgestell auf und ab; er bekam nur Wildbret zu Blick. Als er sich
-schon zum Abgang rüstete, da war ihm so, als stände etwas Böses hinter
-ihm. Erschrocken wandte er den Kopf und sah zwei Schritte hinter sich
-ein furchtbares Gesicht. Er erblaßte und griff nach der Büchse, aber
-da schnaufte es und mit Kling und Klang und Knick und Knack stob der
-Hirsch in das Geheimnis des Bruchwaldes hinein.
-
-Der Jäger starrt hinter der Erscheinung her. Ist das ein Hirsch gewesen
-oder ein Gespenst? Er hatte ein Gesicht gesehen über einem schwarzen
-Brunfthalse, schrecklich und böse. Quer um die Lichter war ein breiter,
-weißer Strich gezogen, und darüber leuchteten und funkelten in der
-halben Frühsonne lange, blutrote Spieße. Wie viele es waren, wie viel
-Enden der Hirsch trug, der Mann weiß es nicht. Das Herz ist ihm in den
-Hals gesprungen, Schwäche ist über seine Kniee gekommen, Eis auf seinen
-Rücken, Fieber über seine Stirn und Nebel vor seine Augen.
-
-Die gespannte, gestochene Büchse in der Hand tritt er in den wilden
-Wald. Da steht die Fährte, wie in Erz gegossen, in dem anmoorigen
-Boden; leicht nimmt sie vier Finger auf. Ihr zu folgen ist ein Unding;
-wohl zieht der Wind nach Wunsch, aber sie steht auf das Postbruch zu,
-wo nur Fuchs und Marder lautlos schlüpfen können, wo schon der Bock
-laut brechen muß, so viel Geknäck deckt den Boden, so eng verfilzt sind
-Weiden und Ellern, Birken und Fuhren durch Risch und Post.
-
-Vorsichtig schleicht der Jäger das Gestell entlang und umgeht das
-Bruch; nirgendswo steht die unheimliche Fährte heraus; der Hirsch
-steckt im Bruche. Mit halbem Winde dringt der Jäger auf einem
-verwachsenen Altwege in die modrige muffige, schwüle, enge Wildnis
-hinein, Schweiß auf der Stirn, Herzklopfen in der Kehle, Durst am
-Gaumen, bis er nach einstündigem Schleichen und Kriechen, nach
-manchem voll Zittern und Beben gemachten Sprung, nach manchem Bogen
-und vielen Pausen vor den großen Windbruch inmitten der Wohld tritt.
-Dort tritt so gern das Wild herum, dort schlägt der Hirsch, wie die
-geschundenen Stämme zeigen, dort setzt das Mutterwild, dort horstet
-der Schwarzstorch in der alten Fichte, dort sonnt sich der Giftwurm
-im Grase, dort paßt der Schreiadler auf die Waldmaus. Heute ist die
-Blöße blank und leer. Aus dem grünen Risch leuchten die roten Stämme
-und verlieren sich in den schwarzen Kronen, zwischen denen blaue Fetzen
-Himmel lieb herabsehen.
-
-An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt sich der Mann an und
-harrt mit halbgeschlossenen Augen. Müdigkeit reißt seinen Kopf herab,
-er wirft ihn wieder hoch. Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die
-ihm seine überreizten Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor
-seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, das dort
-hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen Fehlblick gewahr
-wird. Und wieder werden seine Augen groß, denn da unten schwebt der
-Schwarzstorch. Aber es war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn
-in der Luft stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren,
-Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden Ruf
-von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied nahm. Und Wellen
-hört er schlagen gegen das Schiff, das ihn der Blonden entführte.
-
-Aus dem trüben, ernsten, müden Gesichte springen die blauen Augen
-heraus, wie blaue Seen aus nächtlichem Nebel. Vernahm seine Seele mit
-der Erinnerung das Klatschen der Wellen, das Stampfen des Schiffsrades?
-Oder waren es die Ohren, die ihm diese Laute wirklich meldeten? Aber es
-ist so still, nur Meisen zirpen fernweg und Hummeln brummen nahebei.
-Der Tabak bringt den Nerven Festigkeit. Blau steigt der Rauch empor;
-träumende Augen sehen hinterdrein, besinnen sich, rufen sich selbst
-zur Ordnung und wandern gehorsam wieder von Stamm zu Stamm, von Busch
-zu Busch, langsam und stetig, ohne Hast und Unrast, halb von den Lidern
-bedeckt. Sind aber mit einem Rucke voll und groß da, stehen in einem
-Gesicht, in dem Hoffnung und Angst sich zanken, in dem der Mund sich
-öffnet, um mitzuhorchen.
-
-Es war kein Traum aus der Burschenzeit, nicht die Erinnerung spülte
-vergessene Laute an das Ufer der Gegenwart, es klatscht und stampft
-hier in der grünen Wohld. Das klatscht und quatscht und schlappt
-und jappt, stöhnt und dröhnt, knackt und klackt, verstummt und hebt
-von neuem an, und endlich bricht es in der Dickung, steht, wie in
-einem Rahmen, halbrechts, zwischen zwei roten Stämmen unter einem
-verschnörkelten roten Aste, von unten gedeckt durch einen dunklen
-Busch, der Hirsch, schwarz wie der Satan, eben der Suhle entstiegen,
-und äugt aus den weiß umzogenen Lichtern, über denen es blutrot in
-der Sonne leuchtet, den Mann an, starr, wie der böse Feind eine arme
-Seele. Einen Schlag fühlt der Mann auf dem Herzen, denn er sieht, daß
-der Rauch seiner Pfeife stracks dem Hirsch entgegenzieht, aber ehe der
-Kolben an der Backe liegt, ist der Rahmen leer und mit Kling und Klang
-und Knick und Knack ist die Erscheinung verschwunden.
-
-Noch an demselben Abend vernimmt der Förster, der eine Meile weiter vor
-dem Moore die Hirsche verhört, ein hartes, trockenes, heiseres Röhren,
-häßlich anzuhören, und hinterher einen Trenzer, niederträchtig und
-gemein, und einen Schrei, hohl und häßlich. So hat hier noch nie ein
-Hirsch geschrieen. Der Platzhirsch, der oben in der Moorwiese steht,
-wirft auf und zieht langsam vor seinem Rudel her dem Moorwalde zu. Der
-Förster hat das Glas vor den Augen und späht das silberne Gatter ab,
-mit dem die Birken Moor und Forst trennen. Der Platzhirsch schreit
-zornig in den Wald hinein; weiß springt sein Atem vor ihm her. Aus
-der Forst kreischt der harte, häßliche Trenzer heraus, hinter ihm
-her röchelt ein heiserer, höhnischer Ruf, ein trockenes, boshaftes,
-gemeines Röhren, ganz unirdisch klingend, gespenstig, höllisch. Der
-Platzhirsch zieht näher an den Moorrand. In dem Walde ist es still,
-bleibt es stumm. Rund und voll ruft der Zwölfender sein ehrliches Wort
-in das schwarze, mit Silber vergitterte Walddunkel. Es wird ihm keine
-Antwort. Unwillig tritt der edle Hirsch den Grund, wirft die Moorerde
-mit dem stolzen Geweih empor, zerfetzt damit einen Weidenbusch, schreit
-dem Gegner einen verächtlichen Trenzer zu und wendet sich voller
-Abscheu ab. Vor ihm her trollt sein Rudel.
-
-Da fährt etwas aus dem Walde, ein schwarzes, unheimliches Ding, und ehe
-der Zwölfender wenden und dem Gegner die Kampfsprossen weisen kann, ist
-er überrannt, ist er von hinten niedergeforkelt. Über ihm steht der
-schwarze Mörder und stößt auf ihn los. Dumpf klingt es, als schlüge
-ein Stock auf einen Mehlsack. Starr steht das Rudel, die Hälse sind
-lang, die Lauscher steif, die Lichter weit aufgerissen. Ein blutiger
-Fetzen fliegt dem Kopftier an den Hals, noch einer vor die Brust. Es
-schreckt und wendet. Aber im Nu ist der schwarze Hirsch mit der weißen
-Augenbinde und den roten Stangen vor dem Rudel und forkelt es auf einen
-Klumpen zusammen. Dann schreit er in das Abendrot hinein, so häßlich,
-so gemein, so tonlos und trocken, wie hier noch nie ein Hirsch schrie,
-und treibt das Rudel vor sich her in den Nebel hinein.
-
-Starr sieht der Förster ihm nach, dann steigt er von dem Hochstand und
-geht zu dem geforkelten Zwölfender. Der ist im Verenden begriffen. In
-den weit herausgequollenen Lichtern liegt Todesangst. Armslang hängt
-das zerfetzte Gescheide aus den zerrissenen Dünnungen heraus. Der
-Förster gibt ihm den Fang und lüftet ihn. Dann schreitet er, den Kopf
-auf der Brust, heim. Der Oberförster wird Augen machen; am anderen
-Morgen sollte der Prinz den Zwölfender weidwerken.
-
-Der Morgen kommt mit herber Luft; ein Brunftmorgen ist es, wie er nicht
-schöner sein kann. Aber weit und breit meldet kein Hirsch, höchstens
-röhrt hier und da ein Schneider. Die Platzhirsche sind verschwiegen.
-Der Zwölfender tat gestern abend seinen letzten Schrei: er hängt an
-der Wildwinde auf dem Hofe der Oberförsterei. Der kapitale Achtender,
-der schon zwölf Enden aufwies und auf vierzehn gezeigt hat, sitzt im
-Erlenbache und kühlt seine zerschundenen Seiten. Auch ihn überfiel
-der Mordhirsch hinterrücks. Der Zehnender aus dem Brandmoore steht im
-Stangenort und rührt sich nicht. Der Mörder hat ihm eine Stange in das
-Gehirn gerannt und ihm die halbe Besinnung genommen.
-
-Wäre nicht gerade der Prinz vorbeigefahren, so wäre der Hirsch auch zu
-Tode geforkelt worden. Dicht vor den Rotschimmeln sauste der schwarze
-Satan über das Gestell, daß die Gäule hochaufgingen. Der Prinz hatte
-das Jagen, in dem der Hirsch steckte, umfahren, aber der Mordhirsch war
-schneller gewesen und spürte sich schon heraus und in das unwegsame
-Bruch hinein. Auf dem Quergestell spürte sich eine frische Rotfährte.
-Sie führte zu dem kranken Zehnender. Der stand da stumpfsinnig, an eine
-Stange gelehnt, stöhnte und röchelte und schüttelte fortwährend das
-Haupt. Über dem rechten Lichte saß ein faustgroßer, rotweißer Klumpen,
-die blutige Gehirnmasse, die aus der Forkelstelle herausgequollen war.
-Ein Schrotschuß auf den Hals endete die Qualen des Gemeuchelten.
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-Acht Tage gingen über das Land. Zehn Meilen umher hatte alles, was den
-grünen Rock trug, einen roten Kopf. Aller Jagdneid, jeder Grenzhaß
-war vergessen. Der Förster sagte es dem Bauernjäger, der städtische
-Jagdpächter dem Förster an, wenn sich der Schadhirsch spürte. Dreimal
-hatte man ihn schon hinter den Lappen gehabt, aber nie war er vor die
-Schützen gekommen, denn er hielt die Lappen nicht; bevor es hell wurde,
-überfloh er sie. Bald hier, bald da erscholl sein heiseres, häßliches
-Schreien, aber stets im unwegsamen Bruch oder in der verwachsenen
-Dickung, und erst, wenn die Nacht Himmel und Erde verschränkte, trat
-er aus und kämpfte auf den Wiesen die Platzhirsche ab. Am hellen
-Mittag saßen die Jäger schon auf den Kanzeln, saßen bis in die Nacht
-hinein, froren in ihren Pelzen, wenn der Frühwind über das Bruch blies,
-sahen wohl schwarze Klumpen, die jäh hin- und herfuhren und im Nebel
-verschwanden, hörten den Mörder trenzen und röhren, aber wenn der
-Tag kam und die Büsche und Bäume aus dem Nebel zog, dann stand der
-Unglückshirsch längst in der sicheren Dickung, oder saß in der Suhle im
-wilden Bruche.
-
-Keine fünfzig Schritte von dem Hochstande, auf dem der Forstmeister die
-Nacht verbrachte, forkelte er einen angehenden Zehnender zu Schanden.
-Der Forstmeister hörte jeden Laut, konnte den Kampf genau verfolgen,
-hatte währenddem die gestochene Büchse unausgesetzt an der Backe,
-bereit, trotz des fehlenden Lichtes den Schuß zu wagen. Er hörte das
-Brechen der Büsche, das wilde Rauschen im Risch, das Aneinanderprasseln
-der Geweihe, das Schnauben und Stöhnen der beiden Kämpen, und er hörte
-auch, wie plötzlich hageldicht die Stöße fielen, dumpf dröhnend, wie
-Stockschläge auf einen Mehlsack. Dann brach es laut in der Dickung,
-dann rief der Schadhirsch seinen trockenen, gemeinen, höhnischen
-Jubelruf dem Forstmeister zu, und dann stand die Stille wie eine Mauer
-rund um die Wiese.
-
-Als die Sonne sich durch den Nebel quält, ist die Wiese kahl, wie
-eine Mädchenhand; eine einzige alte Ricke äst sich an dem Moorbache
-entlang. Unausgesetzt lärmen in der Dickung die Häher. Mit steifen,
-kalten Gliedern steigt der Weißbart von der Kanzel. Seine Stirn kraust
-sich, wie er auf der zertretenen, zerwühlten, zerrissenen Wiesennarbe
-Schweiß findet, dunkelbraunen, trüben Schweiß, Leberschweiß. Die
-kranke Fährte führt gerade dahin, wo die Häher zetern und keifen. In
-der Lichtung der alten Dickung liegt der Zehnender auf der Seite, die
-Läufe weit von sich gestoßen. Der Lecker hängt weit aus dem Geäse, die
-Lichter sind gebrochen. Er ist schon seit Stunden verendet. Ein Stoß in
-die Leber brachte ihn um.
-
-Der Forstmeister sendet reitende Boten ab und sein Sekretär steht den
-halben Morgen am Fernsprecher. Der Schadhirsch muß sterben. Da alles
-Passen und Weidwerken nichts nützte und das Einlappen auch nicht half,
-soll der Hirsch bestätigt und vor dem Hunde geschossen werden. Abends
-kommen die Schützen an. Dreißig Mann sind es, Förster, Jagdpächter,
-Bauern, alles sichere Leute. Sie verteilen sich im Dorfe, denn der
-Krugwirt kann sie nicht alle beherbergen. Am andern Morgen meldet der
-Fernruf, daß der Hirsch in der hellen Weide fest sei, einem vermoorten,
-verwachsenen Birkenwalde. Zu Rad und zu Wagen fahren die Schützen zu
-dem Belauf, in dem die helle Weide liegt. Wie die Katzen, so leise,
-schleichen sie sich an ihre Stände, und ebenso lautlos treten die
-Treiber an. Der Hegemeister legt seinen uralten, lahmen Söllmann zur
-Fährte: der einzige Schweißhund weit und breit ist er, der eine gesunde
-Fährte arbeitet. Das unterschiedlichste Wild läuft die Schützen an, ein
-jagdbarer Hirsch, Wildbret, zwei Sauen, ein guter Bock, der Fuchs; kein
-Schuß fällt, denn nur auf den Schadhirsch, den Meuchelmörder, darf der
-Finger krumm gemacht werden. Eine Stunde vergeht, da taucht der rote
-Hund und hinter ihm das rote Gesicht des Hegemeisters bei den Schützen
-auf. Der Hirsch ist nicht vorgekommen. Ein Förster spürt auf dem Rade
-die Gestelle rund um das Jagen ab; der Hirsch steckt noch im Treiben.
-
-Das Jagen wird noch einmal getrieben. Der Hirsch zieht in voller
-Deckung am Rande des Treibens entlang. Der Forstmeister läßt das Jagen
-noch einmal treiben und geht mit zehn Schützen mit der Treiberwehr. Das
-hilft; endlich knallt es. Aber das Horn meldet nicht: »Hirsch tot!«
-Er ist vorbeigeschossen. Wie eine Katze, so leise, war er bis dicht
-vor einen Schützen gezogen und hatte mit jäher Flucht die Brandrute
-überfallen. Zwei hastige Kugeln pfiffen taub hin und her. Alle Mühe,
-alle Kosten waren vergebens gewesen. Der Hirsch spürte sich bis in das
-Stiftsmoor und dort verlor sich die Fährte. Aber das Treiben hatte er
-wohl übel genommen. Sein trockener Schrei ward nicht mehr vernommen in
-dieser Gegend. Drei Jahre lang erzählten sich die Jäger die Schauermär
-von dem Schadhirsch, der in einer einzigen Brunftzeit sieben gute
-Hirsche zu Schanden geforkelt hatte. Wie der Dieb in der Nacht war
-er gekommen und gegangen, wohin, das wußte keiner. In den Zeitungen
-wurde Nachfrage nach ihm gehalten, aber es wurde nicht bekannt, wo er
-geblieben war.
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-Ein Mann wußte um das Geheimnis des Mordhirsches. Das war der rote
-Hein, der Waldbummler und Tagedieb, der in der Kreisstadt am Tage
-Beeren und Pilze verkaufte und des Abends Ricken und Hasen, die er
-in den Wäldern gestrickt hatte. Er war am Tage nach der Treibjagd
-durch das Rauhe Horn geschlichen, um Schwämme zu suchen und nebenher
-nachzusehen, ob sich nichts in den Schlingen gefangen hatte, die
-Tags vorher seine beiden Jungens auf die Rehwechsel gestellt hatten.
-Als er so durch den verwachsenen Moorwald schlich, sein Fuchsgesicht
-gewohnheitsmäßig zu einer recht dummen Grimmasse verziehend, ab und zu
-einen Pilz losschneidend und über die Schulter in den Tragkorb fallen
-lassend, da war er plötzlich ganz in sich zusammengefallen und hatte
-sich geduckt, wie ein Fuchs, der die Maus anspringen will. Das rote
-Haar auf seiner sommersprossigen Stirn zuckte hin und her und seine
-abstehenden Ohren bewegten sich langsam, denn da vorne ging etwas
-Seltsames vor sich. Es stöhnte und ankte dort, als läge ein Mensch im
-Sterben. Die Kreuzotter kriecht nicht so leise wie Hein Thomann kroch.
-Den Tragkorb hakte er ab, setzte die alte Mütze auf und zog sie tief in
-die Stirne, ließ die Schuhe bei dem Korbe stehen, und dann glitt er,
-den kurzen Totschläger fest in der Faust haltend, schnell, aber lautlos
-näher, jeden Zweig vermeidend, der sein verschossenes Zeug streifen
-konnte. Vorsichtig bog er den Weidenbusch zur Seite, hinter dem her das
-halblaute Stöhnen erklang, und hob den Stock mit dem Bleiknopfe zum
-Schlage. Aber dann fuhr er zurück und sein fahles Gesicht wurde weiß,
-denn was er da sah, das war gräßlich.
-
-Hinter dem breiten, tiefen, steilwandigen Entwässerungsgraben hing
-zwischen den beiden Stämmen einer Zwillingskiefer eingeklemmt ein
-starker Hirsch mit weißumbänderten, weit hervorgequollenen Lichtern
-und heraushängendem Lecker. Die ganze Nacht mußte er schon so gehangen
-haben, denn von den Hinterläufen war der braune Boden zerkratzt und
-zertreten. Schlaff hing der Hals zu Boden und das Geweih mit den
-langen, dicken, spitzen, endenlosen Stangen berührte mit den blutrot
-gefärbten Kampfsprossen fast die Erde; schrecklich aufgetrieben war
-der Leib des Hirsches. Ein ohnmächtiges Zittern erschütterte ab und zu
-seine Decke, matt spielten die Lauscher, krampfhaft zuckte ab und an
-ein Lauf, und unaufhörlich kam aus dem weißschaumigen Windfange ein
-hohles, trocknes, hoffnungsloses Stöhnen.
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-Ein Schauder überlief den Schlingensteller. Er nahm die schmutzige
-Kappe ab und fuhr mit der goldhaarigen Hand über die nasse Stirn. Er
-hatte nie Mitleid empfunden, fand er ein Reh in der Drahtschlinge
-zappeln, das brachte das Handwerk mit sich. Aber dieses hier? Eine
-ganze Nacht sterben? Ganz langsam, bei lebendigem Leibe? Der Mann
-schüttelte sich. Er zog die Schnapsflasche hervor, tat einen kleinen
-Schluck, sah scheu hin und her, und schlich näher. Ein dumpfer Schlag,
-das Stöhnen brach; ein Blitz aus der Hand, und in gebogenem Strahl
-plätscherte der rote Schweiß aus der Schlagader des Hirsches. Hein
-Thomann verstand sein Geschäft; nach drei Stunden war der Hirsch
-zerwirkt. Die Knochen und das Gescheide verschwanden im weichen
-Schmorboden, bis auf einige schöne Stücke hing das ganze Wildbret an
-Weidenruten in die Krone einer dichten Fichte, mit Papierfetzen gegen
-Marder und Krähe verblendet, und in einer anderen Fichte hing der
-Schädel des Mordhirsches mit dem blutroten Geweih. Drei Nächte lang
-schleppte Thomann mit seinem hageren, schwarzhaarigen Weibe und seinen
-drei hungerigen Taugenichtsen von Jungens Kiepe auf Kiepe nach der
-Kreisstadt. Thomann ging zum Biere und hielt seine Freunde frei, seine
-Alte hatte ein anständiges Kleid an und seine Jungens neue Stiefel.
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-In einer schlechten Wirtschaft in der großen Stadt, wo bemalte Weiber
-an weißen Marmortischen auf Raub lauern, hängt an einem Pfeiler
-das hohe, weitausgelegte Geweih des Vierenders, des Meuchlers,
-des Schadhirsches, der sich selbst richtete und den langsamen,
-schrecklichen Tod starb, den Tod des Mörders.
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-Der Alte vom Berge.
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-Hell scheint die Sonne gegen den weißen Berg. Die Buchenjungenden
-brennen, der Stangenort lodert, der Fichtenhorst steht in Flammenschein.
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-Meisen zwitschern, Goldfinken flöten, Häher schwatzen. Das Geschwätz
-bricht ab, setzt als Gezeter wieder ein, flaut ab, schwillt an und
-endet in einem schneidenden Gekreische.
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-An der steilsten Stelle der grauen Wand, auf dem schimmernden
-Schneefleck, leuchtet ein roter Fleck auf. Schimpfend und lästernd
-fallen die bunten Vögel in der krummen Linde über der Felsplatte ein,
-stellen sich entsetzlich giftig an und stieben ärgerlich keifend ab.
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-Einen schiefen Blick schickt ihnen der Fuchs nach; dann reckt er sich,
-gähnt herzhaft, reckt sich abermals, fährt zusammen und beginnt sich
-heftig mit dem Hinterlaufe hinter dem Gehör zu kratzen, wohlig dabei
-knurrend, fährt dann mit dem Fange nach der Keule, flöht sich auch dort
-ausgiebig, kratzt sich stöhnend und murrend den Nacken und sitzt dann
-würdevoll da, ab und zu den Kopf wendend.
-
-Vom Vorholze tief unter ihm fallen hastige Axtschläge herauf; es stört
-ihn nicht. Das eilige Kreischen der Säge ertönt; ihn kümmert es nicht.
-Ein knirschender Laut wird hörbar, dem ein Prasseln folgt, das in einem
-dröhnenden Poltern endigt; ihm ist es gleich. Der Berg zittert leise,
-dann stärker, ein wildes Gebrüll donnert durch die Luft; auch das läßt
-ihn kalt. Die Arbeit der Holzfäller ist er seit sieben Jahren gewöhnt,
-und die Sprengschüsse der Steinbrucharbeiter erst recht.
-
-Auch das Piepsen der Goldhähnchen, das Zetern des Zaunkönigs und das
-Trillern der Schwarzmeisen bringt ihn nicht aus seiner Ruhe; vor sechs
-Jahren reizte es ihn, einen Versuch zu wagen; jetzt weiß er, daß das
-keinen Zweck hat. Er gähnt, reckt sich, kratzt sich abermals, rekelt
-sich in der Sonne und hockt dann wieder unbeweglich da.
-
-Eine ganze Weile sitzt er so, bis die Flöhe unter der warmen Decke
-gar zu frech in seinem graubereiften Balge werden und er sie wieder
-mit Klaue und Zahn zur Ruhe bringen muß. Aber mitten in dieser
-Beschäftigung hält er ein; seine bernsteingelben Seher erweitern sich,
-seine schwarzen Gehöre stellen sich aufrecht.
-
-Da, halbrechts unten, sind sie wieder, die beiden Töne, die er vernahm.
-Und noch einmal das Brechen, und noch einmal das Husten. Der Fuchs
-steckt wieder die sorglose Miene auf. Es ist nichts, wenigstens
-nichts Schlimmes. Ein Mensch zwar, aber ein guter Bekannter, der alte
-Oberholzhauer, in dessen tranduftender Fährte sich immer etwas Gutes
-findet, ein Endchen Wursthaut, ein Stückchen Butterbrotsrinde, ein
-Bückingskopf.
-
-Ach ja, Wursthaut und Bückingskopf! Der Fuchs zieht Geschmacksfäden,
-die silbern in der Sonne blitzen, und in seinem Wanst rumpelt und
-pumpelt es. Vorgestern Plattfrost und steifer Nordost, gestern
-Schlackschnee, das waren zwei magere Tage. Eine verluderte Krähe, ein
-scheußlich salziger Heringsschwanz, ein steinharter Knochen mit nichts
-daran und zwölf Nachtschmetterlinge, die hinter der losen Rinde eines
-Buchenstumpfes überwinterten, das war alles.
-
-Aber heute wird es mehr geben. Den ganzen Morgen hat es geschneit und
-es wird noch mehr schneien, denn die Luft ist still und weich. Aber
-brach da unten nicht etwas? Natürlich! Ein Hase ist es, den der alte
-Mann aus dem Lager trat. Die dicke Lunte des Fuchses zuckt hin und her,
-daß die weiße Blume blitzt. Der Hase hoppelt gerade auf die Steinplatte
-zu. Langsam schiebt sich der Fuchs voran. Da bröckelt der Schneerand
-der Steinplatte ab, fällt rauschend in das Buchenlaub, der Hase hält
-inne, macht einen Kegel und hoppelt im rechten Winkel fort. Also dieses
-Mal gelang es nicht, wie meistenteils.
-
-Aber nun merkt der alte Fuchs recht, wie sehr es ihn hungert. Ganz
-elend wird ihm inwendig. Es hat keinen Zweck, hier sitzen zu bleiben.
-Sonne auf dem Balge wärmt ja, aber frisches Fleisch im Balge hält
-wärmer. Es ist noch heller Tag, aber hier oben am Berge ist die Luft
-rein, und wenn ein Bummel durch Busch und Stangenort auch nicht viel
-einbringt, etwas kommt immer dabei heraus.
-
-Fort ist er; ein leises Knirren der langen Grashalme, ab und zu das
-Zerstäuben des Schneebehanges zeigt, wo er blieb. Jetzt taucht er in
-der alten Holzriese auf, sichert einen Augenblick zum Abhange hin
-und ist wieder fort. Der Wanderfalke, der auf der höchsten Zacke des
-zopftrocknen Buchenüberhälters hakt, äugt unter sich, denn Reinecke
-macht sich dort zu schaffen. Irgend etwas findet er dort immer, auch
-heute. Viel ist es ja nicht, nur der Rest einer Krähe. Der Hunger
-treibt es hinein.
-
-Weiter geht es auf dem engen, hochverschneiten Passe zwischen den
-Jungbuchen. Ab und zu unterbricht eine Flucht über einen faulen Stamm
-oder eine hinderliche Klippe das langsame Schnüren, hin und wieder
-verhofft er auch ein wenig. Allzu verlockend schwirrt und schnurrt das
-Meisenvolk, nach Frostspannern suchend, über den Schnee hin. Meist
-bringt diese Jagd nichts ein, aber einen Augenblick kann man schon
-daran wenden; vielleicht glückt es. Aber schon schnürt er weiter. Die
-Finkmeise hat ihn spitz; sie schlägt Lärm und schimpfend stiebt der
-ganze Trupp in die Kronen.
-
-Nun aber schnell fort, denn diese Gesellschaft ist lästig. Also
-umgedreht, in die Dickung, den Berg hinauf, und von oben her in das
-Stangenholz hinein. Langsam, hier riecht es nach Maus, ganz frisch
-sogar. Mit schiefem Kopfe steht er vor dem schwarzen Loche in dem
-Schnee. Etwas Graubraunes will heraus. Er faßt zu, es quitscht, eine
-schnelle Bewegung des Kopfes, ein heftiges Wedeln der Lunte, ein lautes
-Schmatzen, und weiter schnürt er. Hier riecht es nach Reh, darum halt!
-Auch ganz frisch, darum entlang in der Doppelfährte! Ricke mit Kitz,
-aber beide gesund. Dann hat es keinen Zweck!
-
-Einen Augenblick überlegt er. Hier irgendwo wurde er einmal sehr
-satt. Richtig, halblinks, um die grauen hohen Felsen herum, an dem
-Fichtenhorst vorbei, unter den losen Steinplatten hindurch in das große
-Trümmerloch hinein! Hier hatte er an einem schönen Spätherbstmorgen
-gelegen und sich den Balg vom Nachttau getrocknet. Da hatte er es
-knallen hören, nicht sehr weit, und nach einem Weilchen brach es über
-der Schlucht, Steine polterten, Schutt rieselte und rasselnd fiel es in
-Laub und Kraut.
-
-Er hatte sich schnell in Sicherheit gebracht, aber abends, als die
-Eule schrie, war er auf Umwegen an die Schlucht herangeschnürt. Da war
-er auf Rehschweiß gestoßen, hatte immer mehr gefunden und hatte die
-Rotfährte gehalten bis an die steile Wand, war das Zickzackband der
-Wand hinabgeschlichen, und als er im Grunde war, da schlug ihm die
-volle Rehwitterung entgegen. Das war ein Fest! Eine Flucht machte der
-Bock noch, aber keine zweite mehr, da hatte er ihn an der Drossel,
-und lange Zeit zum Klagen ließ er ihm nicht. In der Nacht war er satt
-geworden, daß es für zwei Tage hinlangte. Aber alle Tage sind nicht so.
-Heute riecht es hier nur nach Schnee und Moos und Mulm.
-
-Also weiter, die Klippen hinauf, an der Wand entlang in den Hohlweg
-hinein, wieder in die Klippen und wieder heraus. Aber die Höhle könnte
-man mitnehmen; einmal gab es dort einen angeschweißten Hasen, der sich
-da gesteckt hatte, ein anderes Mal einen Jungdachs, der vergeblich
-an den Wänden herumfuhr, als Reineke in dem Ausgang erschien, und
-einige Siebenschläfer wurden dort auch erbeutet, ja, einmal sogar eine
-Eule. Hier ist nichts da, nur Eiszapfen und Schnee. Ein paar dicke
-Motten finden sich schließlich noch; die werden mitgenommen. Aber die
-Fledermaus bleibt hängen, nichts wie Haut und Knochen, und sie riecht
-schlecht.
-
-Mißmutig überlegt er, wohin er sich nun wenden solle. Da fährt er
-zusammen. Über ihm erschallt des Hasen Todesklage. Mit jäher Flucht
-nimmt er den Kopf der Klippe und will auf die folgende, von der er
-in das helle Holz äugen kann, da verhofft er. Hasenklage verspricht
-oft mehr, als sie hält. Es ist schon lange her, aber wer das einmal
-durchgemacht hat, der vergißt es nicht. Das war auch so ein weicher,
-milder Wintertag nach steifem Nordost und er hatte auch zwei Tage
-gehungert oder noch länger. Er war um die Mittagszeit durch das
-Stangenholz geschnürt. Es schneite breit und langsam und kein Lüftchen
-ging.
-
-Da erscholl über ihm der jämmerliche Laut. Er kannte ihn gut. So hatte
-der Has geklagt, den er acht Tage vorher riß. Ein merkwürdiger Has,
-denn er saß mit dem Halse in einer der dünnen, langen Ranken, von denen
-oft Stücke an den guten Wursthäuten sind. Und da dachte Reineke, es
-säße wieder so ein Häslein fest, und war, ohne erst Wind zu nehmen,
-losgetrabt, bis vor den Baum, von woher das Klagen kam. Und da hatte
-sich der Baum so merkwürdig schnell bewegt, Reineke fühlte ein Stechen
-und Schneiden an der linken Seite, sah es blitzen, hörte es krachen und
-kam erst wieder recht zur Besinnung, als er in seinem Feldloche saß und
-sich die brennende Seite leckte. Seit der Zeit holt er sich immer erst
-Wind. Seher und Gehör trügen, die Nase nie.
-
-Eine Weile windet er. Dann schleicht er vorsichtig den Hang entlang,
-bis er unter dem Winde ist. Und da bleibt er. Noch einmal klagt
-der Hase, matter, schwächer, immer gedämpfter klingt es. Der
-Fuchs schleicht langsam näher, immer den Kopf hoch, immer mit den
-Nasenflügeln heftig schnuppernd und die Seher auf jeden Stamm richtend.
-Dort, gerade aus, muß es sein. Aber er gewahrt auf dem Schnee kein
-zuckendes, zappelndes Ding. Ringsumher ist es still und stumm und es
-riecht nur nach Stein und Holz und Moos und Schnee.
-
-Die Sache stimmt nicht. Reineke setzt sich auf die Keulen. Er hat ja
-viel Hunger, aber er hat auch viel Zeit. War es ein Has, so kriegt er
-ihn immer noch, und war es keiner, dann ist es um so besser. Aber jetzt
-läßt sich da etwas vernehmen; es war, wie wenn eine Eichkatze am Stamm
-kratzt. Aber dann ist wieder alles still. Jetzt hat sich da an dem
-Baume etwas bewegt. Reinecke windet wieder. Hier kesselt der Wind. Ganz
-leise und langsam schleicht der Fuchs nach rechts, alle Augenblicke
-verhoffend, dann wieder weiter schleichend, um abermals zu verhoffen.
-Auf einmal fährt er zurück, stößt ein kurzes heiseres Gebell aus,
-wendet jäh um und trollt, so schnell er kann, dem dichten Bestand zu,
-daß der Schnee stäubt.
-
-Es war nicht Has, es war Mensch. Reineke ist sehr vorsichtig geworden.
-Er traut sich aus den Dickungen nicht heraus und erst, wie der Himmel
-alles Rot verloren hat, die Goldhähnchen schon tiefer suchen, die
-Zeisige in den Fichten einfallen, im hellen Holze die Eule heult und
-die Steinbruchsarbeiter laut singend hinter dem tanzenden Lichte den
-Steinweg hinabtrampeln, da bekommt er die alte Sicherheit wieder. Aber
-viel länger, als vorhin, holt er sich in jeder Schlucht und auf jedem
-Kamme erst Wind.
-
-Es ist schon recht dunkel, da schnürt er den Holzfahrweg entlang,
-findet am Frühstücksplatz eine Wursthaut, an einem Stück Papier etwas
-Schmalz, greift am Bach eine Maus, regt sich zwischen Holz und Feld an
-den frischen Hasenspuren auf, prüft alle Rehfährten daraufhin, ob sich
-nicht Schweißwitterung an einer davon findet, scharrt auf dem Felde aus
-dem Mist einen faulen Hühnerkopf, würgt ein stinkendes Darmende hinein,
-das er aus einem anderen Misthaufen kratzt, stattet dem Fischteich
-einen erfolglosen Besuch ab und schleicht in der späten Dämmerung um
-das Gut herum, bis laute Menschenstimmen ihn verjagen.
-
-So trabt er in großem Bogen zum Dorfe, findet am letzten Hause auf dem
-Dungplatz einen Ballen fettiger Schweinehaare vom Schlachtfest, die
-er mit Widerstreben hinunterwürgt, gedenkt traurig der Nacht, als er
-hier die halbwüchsige Katze erwischte, muß eilig abtrollen, weil ein
-kläffender Spitz in den Hof hinausfährt, stellt am Bache fest, daß die
-Enten und Gänse wohl da waren, aber nicht mehr dort sind, findet am
-Luderplatze nur blanke Pferdeknochen, am Kalkofen überhaupt nichts, bei
-der Mühle dasselbe, und macht auf seiner meilenlangen Fahrt durch die
-Feldmarken und die sieben Berge hinter ihnen die Erfahrung, daß der Has
-viel zu hellhörig ist und daß die Hühner verschwunden zu sein scheinen.
-Eine einzige Maus scharrt er mit vieler Mühe noch aus, dann ist die
-Nacht hin und er trollt dem Holze wieder zu, in der stillen Hoffnung,
-in den Schlehenbüschen noch einen Igel im Winterlager zu finden oder
-auf der Luzerne davor einige Mäuse zu greifen.
-
-Der Igel aber liegt unter schützendem Schnee und Mäuse gibt es auch
-nicht. Als er ganz trübselig den Bach entlang schnürt, stößt er auf
-frische Rehwitterung. Gewohnheitsmäßig, aber ohne Hoffnung, schnürt er
-der Fährte zu und steckt die Nase hinein. Sofort ist er wieder munter,
-denn in der Fährte liegt ein Tröpfchen Schweiß. Bei dem Wurfboden einer
-Buche findet er wieder Schweiß in der Fährte, einen breiteren Tropfen,
-und je näher er an den Buchenaufschlag kommt, um so stärker werden die
-Schweißflecken im Schnee, um so frischer sind sie und immer heftiger
-weht Reinekes buschige Rute.
-
-Ganz vorsichtig schleicht er in dem Hauptwechsel entlang, bis er in
-dem Buchenaufschlag ist. Da hat er auch dicht vor sich die volle
-Rehwitterung. Noch vorsichtiger schleicht er näher, da rauscht es auch
-schon über ihm, poltert es, rasselt es, stiebt es, und nun schleicht er
-nicht mehr, er schnürt eiliger, immer hastiger, und je schneller es vor
-ihm bricht und rauscht, um so flüchtiger wird er, immer unter dem Winde
-neben der kranken Fährte, die Nase einen halben Fuß über dem Schnee.
-
-Das laufkranke Kitz flüchtet bergan, Reineke immer hinter ihm drein.
-Es schlägt einen Haken, macht einen Wiedergang, läßt den Fuchs
-hinter sich, aber der hält die Fährte, und als es zitternd und
-keuchend verhofft, weil bei jeder Flucht die Schalen durch die harte
-Schneekruste treten und die Läufe immer mehr schmerzen, da vernimmt es
-des Verfolgers lautes Hecheln schon unter sich. Es flüchtet bergauf,
-über faule Stöcke, zwischen Klippen hindurch, in die verschneiten
-Dickungen hinein, in das Stangenholz, aber Reineke ist immer dicht an
-ihm. Immer kürzer wird das Reh, immer länger der Fuchs. Einmal schon
-faßt er Haar, aber laut aufklagend reißt es sich los, bricht seitwärts
-aus und poltert in der vereisten Holzriese den Hang hinab.
-
-Ihm nach trabt der Fuchs. Seine Seher glühen, lang hängt die Zunge aus
-den schwarzen Lefzen, fest angelegt sind die spitzen Gehöre, die Lunte
-flattert wie eine Fahne über seinem Rücken, Schaum spritzt rechts und
-links in den Schnee. Jetzt ist er bei dem Reh, es wird noch einmal
-hoch, flüchtet durch den verschneiten Aufschlag, aber der Fuchs ist
-jetzt immer Seite an Seite mit ihm und springt bei jeder dritten Flucht
-an ihm herauf. Jetzt faßt er an, zieht nieder, jämmerlich klingt das
-Angstgeschrei durch den Wald, frecher antwortet der Baß eines Altrehes,
-ein Schmalreh schmält, und dann ist es still.
-
-In dem kleinen Erdfalle, neben dem breiten Steinblock unter dem
-sparrigen Holunderbusch schlagen des Kitzes Hinterläufe den Schnee von
-dem Buchenlaube. An der Kehle zerrt und reißt knurrend und keuchend
-der Fuchs, bis es ihm naß und heiß entgegenquillt. Da hält er inne und
-leckt und leckt, faßt noch einmal an, reißt noch einmal, stößt seine
-Nase zwischen die Lauscher, unter das Vorderblatt, in die Dünnungen,
-in den Spiegel des Rehes, zupft erst hinter dem Blatt, reißt heftiger,
-verhofft, windet und schneidet an.
-
-Er ist nicht mehr der saubere Fuchs, dessen eisgrau bereifter Balg wie
-geleckt aussieht. Das Gesicht ist rot besudelt, der weiße Brustlatz ist
-fort. Er zieht und zerrt, reißt die Öffnung weiter und hält plötzlich
-inne. Sein Rückenhaar sträubt sich, heiser faucht, dumpf murrt er,
-und giftig keckernd fährt er einem anderen Fuchse entgegen, der seit
-einer Stunde der Rotfährte gefolgt ist. Wieder wird es laut im Walde,
-so laut, daß die Steinbrucharbeiter, die in dem Hohlweg hintereinander
-herstampfen, erstaunt stehen bleiben und eine Weile dem gellenden
-Kreischen zuhören, das sich den Berg hinaufzieht, bis es auf dem Kamme
-verhallt.
-
-Der Alte vom Berge hat den Schmarotzer abgebissen. Eilig, aber immer
-windend und verhoffend, schnürt er zu seiner Beute zurück und füllt
-sich bis zum Platzen. Erst, als es ganz licht ist und die Forstarbeiter
-mit Axt und Säge laut werden im hohen Holze, als die Zeisige die
-Fichten verlassen, die Krähen über den Berg streichen, Goldfink, Häher
-und Zaunkönig sich melden, schiebt er mit der Nase den Schnee von allen
-Seiten über das Reh, es für die kommende Nacht aufhebend.
-
-Faul und dick schnürt er den Steig entlang, bis zu dem Loche, in dem
-sich die Quelle sammelt. Da schlappt und schlappt er das eisige Wasser,
-bis sein Brand gestillt ist, rollt sich im weichen Schnee und schnürt
-dann den Hang hinauf bis vor seine Burg.
-
-Die Sonne kommt rot und rund an der Flanke des Berges hoch und trifft
-eben noch die weiße Spitze von Reinekes Lunte, die gerade in der Spalte
-verschwindet, die in seinen Bau führt.
-
-Da wird der Tag verschlafen und vielleicht die Nacht dazu, und am Ende
-noch einen Tag, wenn ihn der Durst nicht hinaustreibt.
-
-
-
-
-Die Einwanderer.
-
-
-»Eine dumme Geschichte das«, dachten die Kaninchen, »wirklich, eine zu
-dumme Geschichte!«
-
-Nun waren es drei Tage her, daß sie nicht Wald noch Feld gesehen
-hatten. Seit drei Tagen waren sie in Kisten und Kasten herumgefahren,
-geschüttelt und gerüttelt worden, daß ihnen Hören und Sehen verging.
-Jedes Mal, wenn das Rütteln und Schütteln aufhörte, dachten sie, nun
-käme die Erlösung, aber es kam weiter nichts, als neues Rütteln und
-Schütteln.
-
-Froh und heiter hatten sie in ihren Sandbergen an der Emse gelebt, sich
-an den guten Sachen fett geäst, die auf den Feldern und Wiesen wuchsen,
-fleißig an ihren Bauen gearbeitet, ab und zu mit den Hirtenhunden
-Kriegen gespielt, mit diesen albernen Hunden, die nicht dahinter kamen,
-daß ein Kaninchen schneller ist, als alles auf der Welt, das Haare und
-vier Beine hat und daß es sich unsichtbar machen kann, wenn es will.
-
-Aber eines Tages kamen Männer mit Hunden und jagten die Kaninchen
-allesamt aus Busch und Heide zu Baue. Das wäre weiter nicht schlimm
-gewesen, denn unter der Erde ist es warm und gemütlich. Aber dann kam
-das Schreckliche: ein langes, weißes Tier, was wie ein Iltis roch und
-rote Augen hatte, war in die Baue eingeschlieft und da es eine Klingel
-um den Hals hatte, entsetzten sich die Kaninchen so arg, daß sie Hals
-über Kopf zu Tage fuhren. Das heißt, fahren wollten, denn ehe sie zur
-Besinnung kamen, verstrickten sie sich in einem Netze und kugelten
-damit im Heidkraute umher.
-
-Und dann begann das eigentliche Elend. Sie wurden köpflings in einen
-Sack gesteckt, in dem sie in Todesangst hin- und herschossen, bis sie
-sich so abgestrampelt hatten, daß sie zitternd auf einem Haufen saßen.
-Dann wurden sie in dem Sacke weit weggetragen, dann kamen sie in eine
-dunkle Kiste. Allerlei Futter fanden sie vor, aber sie rührten es nicht
-an und scharrten und knabberten an den Brettern, bis sie müde waren.
-Dann fuhr man sie in der Kiste über holprige Heidewege und lud sie
-irgendwo ab und dann wurden sie wieder aufgeladen und den halben Tag
-gefahren.
-
-Rumpeldipumpel machte der Wagen und die drei Kaninchen fuhren
-übereinander hin. »Prr,« schrie der Jagdaufseher und das Pferd stand.
-Der Kastendeckel öffnete sich, eine derbe Faust faßte hinein, erwischte
-ein Kaninchen nach dem anderen und dann flogen die drei kopfüber,
-kopfunter in das Heidekraut. Einen Augenblick saßen sie da, geblendet
-von der Sonne, betäubt von dem Geruche der Kiefern und der Heide, aber
-nur einen Augenblick, dann schlug jedes einen Haken und verschwand
-in der hohen Heide. Hinter ihnen her erklang das Gelächter des
-Jagdaufsehers.
-
-Da saßen nun die drei unglücklichen Dinger, jedes unter einen Busch
-Heidekraut gedrückt und wußten nicht, was sie machen sollten. Still
-und stumm war es. Irgendwo schrie ein Häher, Wasserjungfern flirrten
-vorüber, die Grillen schwirrten, die Hänflinge und Goldammern sangen
-und es roch nach Heide, Kiefern und Birken. Aber es war eine andere
-Heide, als die Heimatsheide. Dort führten überall die Pässe der
-Kaninchen hin und her, ringsumher lag Kaninchenlosung und die Luft war
-voll von Kaninchenwitterung. Hier war von alledem nichts. Nach Hase und
-Reh roch es, aber nicht nach Kaninchen.
-
-So dachte Hopps, der Rammler. Er war von Natur aus sehr vorsichtig,
-denn er hatte im Gegensatze zu seinesgleichen einen kohlenschwarzen
-Balg mit einer silbernen Blässe mit auf die Welt gebracht und fiel in
-Sand und Heide zu sehr auf. Aber als er eine Viertelstunde unter dem
-Heidebusche gesessen hatte, machte er einen Kegel und sah sich um.
-Alles, was er sah, waren junge Kiefern und Birken, Heide, Sand und
-der silbergraue Stumpf einer Kiefer. Darauf hoppelte Hopps zu, denn
-da schien ihm besseres Kraut zu wachsen. Er putzte sich, äste einige
-Blättchen und dann scharrte er ein Wühlmausloch, das unter den Stumpf
-führte, größer, alle Augenblicke halt machend und witternd. Nach einer
-Stunde hatte er seinen Notbau fertig.
-
-Die Arbeit hatte ihn hungrig gemacht. Heide mochte er nicht, Kiefern-
-und Birkenrinde noch viel weniger. So setzte er sich denn auf die
-Keulen und prüfte ringsum die Luft. Halblinks roch es nach Klee.
-Vorsichtig rückte Hopps nach dieser Richtung hin. Wahrhaftig, der gute
-Geruch wurde immer stärker und da leuchtete auch schon zwischen den
-grauen Kiefern eine saftige Kleewiese auf. »Noch zu hell, viel zu hell
-noch,« denkt Hopps und bleibt am Rande der Dickung sitzen. Hinten in
-der Wiese bewegt sich etwas Weißes hin und her. »Der Storch«, denkt der
-Kaninchenbock. Ein Ruf kommt aus blauer Luft: »Das ist der Bussard.«
-Das sind Tiere, vor denen hat er keine Angst. Aber nun kommt von dem
-Felde ein heller Laut: »Also Hunde gibt es hier auch; dann ist es Zeit,
-sich einen sicheren Bau zu graben.«
-
-Hopps rückt, nachdem er am Grabenrand sich am Grase geäst hat, wieder
-in die Dickung, eilig, aber vorsichtig. »Halt, da riecht es ja nach
-Kaninchen!« Hopps schnuppert einen Augenblick. »Das war Flitzchen.«
-Zweimal klopft er mit dem Hinterlaufe die Erde. Da taucht ein grauer
-Fleck zwischen zwei Heidbüscheln auf. Flitzchen ist es. Steif und
-starr sitzt sie da; ebenso steif, ebenso starr sitzt Hopps ihr
-gegenüber. Keins rührt sich. Dann spielohrt Hopps und rückt näher.
-Flitzchen wendet sich zur Flucht. Hopps macht Halt und klopft wieder.
-Da faßt sie Vertrauen. Der Wind küselt und trägt ihr die Witterung
-von dem schwarzen Ding vor ihr zu. »Ich glaube, es ist Hoppschen,«
-denkt sie. Da ist er auch schon. »Bist Du es?« »Ja, wer sonst?« »Das
-ist schön!« »Und wo ist Witschel?« »Keine Ahnung.« »Wollen wir sie
-suchen?« »Nachher; jetzt müssen wir einen Bau graben; es sind Hunde in
-der Nähe. Ein Rohr habe ich schon fertig.« »Weiß ich!« »Wieso denn?«
-»Habe es gefunden und von der anderen Seite noch ein Rohr unter den
-Kiefernstumpf nieder gebracht!« »Du bist ein mächtig kluges Mädel!
-Aber nun komm', wir wollen jetzt den Kessel buddeln und dann können
-uns die Hunde 'was husten!«
-
-Husch, husch, geht es durch das Heidekraut. Hopps ist ordentlich
-übermütig geworden, seitdem er Gesellschaft hat und macht vor lauter
-Vergnügen allerlei dumme Sprünge, und Flitzchen wird von seiner
-Lustigkeit angesteckt und wagt auch einen frohen Hopser über einen
-bunten Stein. Als die beiden aber nach dem alten Stumpf kommen,
-bleiben sie starr sitzen, denn da rührt sich etwas. »Warte, ich hole
-mir Wind!« meint Hopps und leise schleicht er im Bogen zur Seite,
-bis er Wind bekommt. Aber dann klopft er lustig, denn der Wind sagte
-ihm, daß dort am Stuken Witschel ist. Da ist sie schon, die gute
-Dicke. Hochaufgerichtet steht sie da und läßt die beiden herankommen.
-»Was wollt Ihr denn hier?« »Die Rohre mit einem Kessel verbinden.«
-»Habe ich schon längst gemacht. Aber wißt Ihr was? Seht mal dahin,
-da steht ein dichter Dornbusch. Bis zum Kessel sind es keine sechs
-Kaninchenlängen. Wenn wir nun eine Fahrt vom Kessel bis unter den Busch
-bringen, dann sind wir fein heraus!« »Fein herein auch.« »Also los!«
-
-Ein eifriges Gebuddel beginnt. Hopps fängt unter dem Dornbusche an,
-Flitzchen arbeitet ihm vom Kessel aus entgegen, und Witschel führt von
-dem anderen Rohre eine Verbindungsröhre nach der Dornbuscheinfahrt,
-einmal der besseren Durchlüftung wegen, dann aber auch, weil sie weiß,
-je mehr Fahrten ein Bau hat, um so leichter ist das Entkommen, verirrt
-sich einmal so ein Stinker von Iltis hinein. Es war ein glücklicher
-Gedanke von Witschel, der Einfall mit dem Dornbusche, denn kaum, daß
-die drei in der Dämmerung am Rande der Kleewiese saßen und sich an den
-saftigen Blättern gütlich taten, kam ein Bauer den Weg entlang und
-hinter ihm her bummelte ein Spitz. So wie der die Kaninchen in die Nase
-bekam, sauste er hinterdrein, und wenn er sie auch nicht bekam, so
-hielt er doch die Fährte. Hopps und Flitzchen nahmen den kürzesten Weg
-und fuhren über die Heide zu Baue, Witschel aber schlug vor dem Hund
-Haken auf Haken, bis ihm ganz dumm und albern zu Mute war. Und deshalb
-sah er sich nicht vor und rannte gerade dahin, wo Witschels Blume
-verschwand, mitten in den Schlehbusch hinein, und rannte sich einen
-dürren Dorn unter die Nase, so daß er heulte, daß es weit über die
-Heide klang, und jammervoll winselnd kehrte er zu seinem Herrn zurück.
-
-Die drei Kaninchen unter der Erde lachten. »Was ist denn da los?«
-fragte Hopps. »Ach, ich habe den dämlichen Spitz in die Dornen gelockt
-und die haben ihn gekämmt. Ich glaube, den Köter sind wir für eine
-Weile los.« »Glaube ich auch,« meinte Flitzchen, »denn er hat nicht
-schlecht gepfiffen.« Ein Weilchen warteten sie noch im sicheren Bau,
-dann aber schlüpfte Hopps bis in die Dornen, sicherte lange und klopfte
-die anderen heraus. Sie ästen sich lange in der Kleewiese und machten
-durch ihr Hin- und Herhuschen die zwei Hasen, die seit Jahr und Tag
-dort ihre Besuchsstelle hatten, so nervös, daß diese ärgerlich nach
-dem anderen Ende der Wiese rückten, und auch der Rehbock, der am Kopfe
-der Wiese immer austrat, wurde zu seinem Mißvergnügen die fremden
-Gäste gewahr, schimpfte mörderlich, daß es weithin klang und zog
-voller Verdruß den Hasen nach. Als es schon ganz dunkel war, bekamen
-die Kaninchen einen großen Schreck, denn es brach und knickte in dem
-Stangenort über dem Sandwege und etwas gewaltig Großes zog über die
-Heide nach den Feldern. Was es war, wußten sie nicht, denn dort, wo sie
-hergekommen waren, gab es keine Hirsche. Aber da seine Fährte nicht
-nach Mensch, nicht nach Hund und nicht nach Fuchs roch, so rückten sie
-bald wieder aus der Dickung heraus.
-
-In acht Tagen hatten sie sich eingelebt. Außer ihrem Hauptbaue hatten
-sie sich noch hier und da ein halbes Dutzend Notrohre gescharrt und
-zu dem großen Bau noch vier lange Fahrten mit mehreren Abzweigungen
-getrieben, deren Mündungen unter Baumstümpfen und in den dichtesten
-Kiefernkusseln endeten. »Jetzt kann kommen, wer da will«, meinte die
-gute Witschel, und bei sich dachte sie: »Es ist auch gut, daß wir
-uns eingerichtet haben, denn zum Scharren habe ich keine Zeit mehr.«
-Von Tag zu Tag hielt sie sich mehr allein und sah immer magerer und
-ruppiger aus, und wenn Hopps ihr folgen wollte, ohrfeigte sie ihn,
-daß es nur so brummte. Und bald ging es ihm bei Flitzchen nicht
-anders; auch diese hielt sich allein und Hopps saß allein in seinem
-großmächtigen Bau und dachte über die Launenhaftigkeit der Weiber nach
-und sehnte sich nach der Emsheide, wo es nicht bloß ein Flitzchen
-und eine Witschel, sondern viele viele hübsche Kaninchenfräulein
-und -frauen gab, alte und junge, dicke und schlanke, so daß ein
-Kaninchenherr, und besonders ein so schöner, schwarz mit einer
-silbernen Blässe, sich nicht Tag und Nacht zu langweilen braucht.
-
-Eines Tages aber machte er ein ganz dummes Gesicht und dachte: »Nanu,
-träume ich oder ist mir der junge Klee in den Kopf gestiegen?« denn an
-der Quelle bei dem Dornbusche wimmelte es von kleinen Kaninchen; sieben
-waren es, sechs graue und ein schwarzes. »Die wollen wir uns doch
-einmal näher besehen«, dachte er, aber da fuhr Witschel, die er gar
-nicht gesehen hatte, hinter einem Farrnbusche hervor und benahm sich so
-unfreundlich, daß er ihr aus dem Wege ging. Drei Tage später traf er
-auf dem grasigen Gestelle vor dem Stangenorte wieder junge Kaninchen
-an, zwar nur fünfe, aber zwei schwarze darunter, und als er sich die
-Kinder ansehen wollte, bereitete ihm Flitzchen ebenfalls einen üblen
-Empfang. Aber schon nach acht Tagen liefen die Kleinen alleine und die
-beiden Mütter waren wieder nett zu Hopps.
-
-Drei Monate gingen in das Land, da sah die Kiefernbesamung anders
-aus, als an jenem Apriltage, an dem der Jagdaufseher die Kaninchen
-ausgesetzt hatte. Überall war gescharrt, an den Wegen, an der
-Feldkante, in den Gräben und überall war Kaninchenlosung. Der
-Jagdpächter freute sich, wenn er in der Dämmerung von dem Hochsitze
-in der Eiche den Graben in das Glas nahm und überall die Kaninchen
-hin- und herflitzten, doch es wunderte ihn, daß der starke Bock, der
-sonst immer hier austrat, sich nicht mehr spürte. Aber dem war es in
-der Besamung und in dem Stangenorte zu unruhig geworden; Tag und Nacht
-ruschelte und raschelte und pochte und kratzte es, und überall roch
-es nach den fremden Tieren, und kein Fleck war, wo nicht deren Losung
-lag. Deshalb war er in die Nachbarjagd ausgewandert. Auch die beiden
-Hasen, die sich sonst jeden Abend vorn in der Kleewiese ästen, waren
-verschwunden. Erst hatten sie tiefer in der Wiese geäst, als aber die
-Kaninchen auch dort das Gras mit ihren Pässen durchzogen, rückten die
-Hasen auch über die Jagdgrenze.
-
-Reineke Rotvoß, der Schleicher, hatte es bald spitz, daß es in der
-Besamung ein neues Wild gab. Er gab sich zwei Monate lang die größte
-Mühe, eins von den unbekannten Tieren zu erwischen, aber es gelang ihm
-immer vorbei. Und wenn er es noch so schlau anstellte, sie entwischten
-ihm jedes Mal und dann stand er vor dem Bau, schnupperte in die Fahrt
-hinein, zog Geschmacksfäden, wie ein Hund beim Hochzeitsessen, scharrte
-sich lahm und müde und zog schließlich hungrig und ärgerlich ab.
-Beinahe hätte er Flitzchen einmal geschnappt, aber da klopfte Hopps
-laut auf den Boden und Flitzchen schlug drei Haken und fuhr durch den
-Dornbusch zu Bau, der Fuchs schrammte sich heftig an den Dornen und
-machte, daß er weiter kam. Auch Griepto Hoihnerdeiw, der Habicht, hatte
-kein Glück bei den Kaninchen, und wenn er noch so listig an der Kante
-der Besamung entlang strich. Jedes Mal, wenn er sich sagte: »So, nun
-mache dein Testament!« dann witschten die grauen oder schwarzen Dinger
-in den Busch oder in ein Loch. Einzig und allein Dickkopp, der Kauz,
-hatte Weidmannsheil und griff, als er lautlos aus der Eiche abstrich,
-ein Jungkaninchen. Die anderen aber retteten ihre Bälge und wuchsen
-und gediehen und als ein neuer Frühling in die Heide zog, da machte es
-nichts mehr aus, riß der Fuchs auch einmal ein Stück oder griffen sich
-Kauz und Habicht eins, denn es waren ihrer schon viel zu viele und alle
-vier Wochen wurden es mehr.
-
-Schon bald fingen die Bauern an, lange Gesichter und runde Augen zu
-machen, wenn sie die Gänge im Getreide sahen und einer klagte dem
-anderen seine Not über das neue Unzeug. Als es von Monat zu Monat
-schlimmer wurde, rückten sie dem Jagdaufseher auf den Leib, aber der
-tat, als wüßte er nichts und ebenso machte es der Jagdpächter, denn
-er sagte, ihm seien die Kaninchen selbst lästig, weil sie die Hasen
-und die Rehe vertrieben. So war es auch; seitdem Hopps, Witschel und
-Flitzchen und ihre Nachkommenschaft und die Nachkommenschaft davon und
-deren Nachkommen und so weiter in den Heidbergen waren, hatten sich
-die Hasen nach und nach verzogen und die Rehe waren in die Nachbarjagd
-hinübergewechselt, die aus Bruch und Moorwald bestand und in der die
-Kaninchen nicht leben konnten.
-
-Als es ganz schlimm wurde, veranstaltete der Jagdpächter Treibjagden
-allein auf Kaninchen und wenn auch den ganzen Tag über geknallt wurde,
-auf zehn Schuß kam meist noch nicht ein Viertel Kaninchen, denn, wie
-der Jagdpächter sagte: »Vorn ist das Deuwelszeug zu schnell und hinten
-zu kurz.« Der Jagdaufseher kaufte Frettchen und Garne und ging ihnen
-damit zu Balge, aber in der dichten Besamung und bei den verzweigten
-Bauen, die alle keinen Anfang und kein Ende hatten, lohnte das auch
-nicht. Er stellte Tellereisen in die Röhren und an die Kratzstellen,
-aber die Kaninchen hatten den Schwindel bald heraus und fielen nicht
-mehr darauf hinein, und als der Jagdaufseher Schwefelkohlenstoffbomben
-in die Baue warf, hatte er erst recht keinen Erfolg, weil die Baue
-zu viel Ausfahrten hatten. Und daß er sich hinsetzte und sie auf dem
-Anstand abschoß, das brachte ihm nicht Schußgeld genug.
-
-So lebten denn Hopps, Witschel und Flitzchen lustig weiter und von
-Jahr zu Jahr nimmt ihre Sippe zu. Längst haben sie die Gemeindegrenze
-überschritten, rund herum finden sich neue Siedlungen und alles, was
-Land oder Garten hat, flucht ihnen.
-
-Es schadet ihnen aber nicht im mindesten. »Der Mensch ist stark und
-schlau,« sagt Hopps, der alte, »aber gegen uns kann er nicht ankommen.
-Witschel hat voriges Jahr achtmal geworfen, meist sechs Stück, einmal
-weniger, das andere Mal mehr, im Durchschnitt aber sechs. Sechs mal
-acht sind achtundvierzig.«
-
-»Und ich habe im letzten Jahre vierunddreißig gehabt«, meint Flitzchen.
-
-»Na also«, spricht Hopps.
-
-
-
-
-Ein Hauptschwein.
-
-
-Im Helmetale war der Teufel los. Die Frühkartoffeln waren ausgewühlt,
-die Erbsenfelder zertrampelt, die Saatkämpe umgebrochen, die
-Haferfelder mit Wechseln durchzogen.
-
-Von irgendwoher war ein Hauptschwein zugewechselt; überall spürte es
-sich. Im Helmetal gab es keine Sauen; also war es kein Wunder, daß die
-Aufregung groß war. Alles, was auf die Jagd ging, saß auf den Keiler
-an, aber alle Mühe war vergebens.
-
-So dumm war der Basse nicht, daß er immer in derselben Ecke blieb.
-Er kannte die Welt; er hatte seine Erfahrungen hinter sich, sogar
-mehr, als ihm lieb war. Ein Dutzend Jahre war er alt, hatte manche
-Kugel pfeifen, Schrote genug klappern hören und auch sonst allerlei
-durchgemacht.
-
-Keine drei Wochen war er alt gewesen, da hatte ihn die Fuchshetze beim
-Wickel gehabt, und hätte er nicht so hellaut geklagt und wäre die Bache
-nicht ganz in der Nähe gewesen, so war es damals aus mit ihm; aber
-seine Mutter rannte die Füchsin über den Haufen und richtete sie so
-zu, daß sie mit knapper Not ihr Leben barg.
-
-An dem Tage, da er seinen letzten Milchzahn verlor und zum ersten Male
-nach Würmern und Wurzeln brach und vor Eifer zu weit hinter seiner
-Mutter zurückblieb, hatten ihn zwei Hunde halbtot gehetzt, und er wäre
-verloren gewesen, wenn die Bache nicht noch im letzten Augenblicke
-herbeipolterte und die Köter beiseite brachte.
-
-In seinem ersten Winter war er dreimal eingekreist gewesen, hatte mehr
-als eine Kugel pfeifen hören, und das eine Mal hatten ihm die Paläster
-ganz gehörig die linke Keule gekämmt.
-
-Hinterher hatte er noch mehr erlebt. Daß er den rechten Hinterlauf
-schonte, kam daher, weil ihn dort eine Kugel gefaßt hatte; viel hätte
-nicht gefehlt, so wäre es damals mit ihm zu Ende gewesen, denn drei
-Hunde hatten ihn gestellt. Er stritt sie aber tapfer ab, schlug den
-einen zuschanden und rettete seine Schwarte.
-
-Die sah bunt genug aus; das rechte Schild war mit Röllern gespickt,
-die ein Bauer ihm da hineingepfeffert hatte, als er ihm die Erdäpfel
-umpflügte. Die linke war halb kahl, denn die hatte ihm ein Streifschuß
-zerfetzt. Die langen Federn auf dem Rücken zeigten eine breite Lücke,
-denn dort hatte ihn eine Kugel gefaßt; das hatte scheußlich weh getan,
-und er war erst wieder zur Besinnung gekommen, als ein Hund ihn hinten
-und einer vorne zerrte; beide blieben mit aufgeschlagenen Rippen am
-Platze.
-
-Auch sein wehrhaft Gewaff hatte Schaden genommen; ein Schuß in das
-Gebräch hatte den rechten Haderer der Schneide beraubt und einen Stumpf
-daraus gemacht. Und der Pürzel, sogar der hatte daran glauben müssen;
-er hatte einen Knick in der Mitte von einem Postenschusse.
-
-Der eine Seher war blind; ein Hagelkorn hatte ihn durchschlagen, und
-beide Gehöre waren aufgeschlitzt von Hundezähnen. Außerdem wies die
-Schwarte überall Schmisse auf, die er sich bei den Kämpfen in der
-Rauschzeit geholt hatte. Kurzum: er hatte allerlei erlebt, kannte die
-Welt und benahm sich dementsprechend.
-
-Darum ließ er es erst Nacht werden, ehe er die Dickung verließ, und er
-trat da aus, wo er den Wind gegen sich hatte, und auch dann erst, als
-er eine Viertelstunde gesichert hatte. Dann aber legte er sich auch
-keinen Zwang auf und vergnügte sich damit, die morschen Fichtenstümpfe
-auf dem verwachsenen Kahlschlage kurz und klein zu brechen, denn sie
-saßen voll von Käfern, Puppen, Larven und Schnecken.
-
-Darauf jagte er eine Fasanenhenne von ihrem Gelege, fraß die
-Eier sämtlich auf, ließ eine Menge Mäusebrut und einen Junghasen
-hinterdreinwandern, vergaß auch nicht, das Haferstück um und um
-zu pflügen, denn es saß voll von Engerlingen, nahm mit, was er an
-Fröschen, Blindschleichen und Vogelbrut antraf, scheuerte sich lange
-und ausgiebig an einer harzigen Fichte, machte aus einem Kartoffelfelde
-einen Sturzacker, verhunzte einen Saatkamp gänzlich und schlief um
-die Zeit, als der Bauer und der Förster an der Stätte seiner Untaten
-standen und den Zorn Gottes auf ihn herabwünschten, eine halbe Meile
-weiter in einem verwachsenen Erdfalle, der im tiefsten Forste lag.
-
-Selbstverständlich wurde die Fichtendickung, in die er sich den Tag
-vorher versteckt hatte, getrieben, weil seine Fährte hinein- und
-herausstand, aber natürlich bekam man ihn nicht, weil er eben nicht
-mehr da war.
-
-So trieb er es den ganzen Sommer über; bald war er hier, bald war er
-dort, aber nie da, wo man ihn suchte. Heulen und Wehklagen gab es,
-wo er erschien; hier waren die Frühkartoffeln ausgewühlt, dort die
-Mohrrüben vernichtet, da die jungen Erbsen zuschanden getrampelt, und
-im Getreide waren Gänge über Gänge. Aber man sah immer nur, daß er da
-gewesen war; wo er war, das wußte man nicht.
-
-Einige Leute behaupteten, es wäre gar kein wildes Schwein, sondern eine
-Art von bösem Geist oder Gespenst, denn anders müßte man seiner doch
-einmal ansichtig werden, denn alle Jäger weit und breit dachten an
-nichts anderes, als an den Keiler und saßen die ganzen Nächte auf ihn
-an.
-
-Zu Blick bekommen hatte ihn aber nur einer, und der behielt das für
-sich, denn als er in seinem Loche vor dem Felde saß, hatte der Basse,
-wie aus der Erde gewachsen, plötzlich dicht vor ihm gestanden und so
-schrecklich ausgesehen, daß dem Manne das Herz bis in den Flintenlauf
-hineinschlug und er den Keiler gründlich vorbeischoß und dann lief,
-was er nur laufen konnte, und dachte gar nicht daran, daß er Rucksack
-und Jagdglas liegen gelassen hatte. Als er am andern Morgen die Sachen
-holen wollte, waren sie verschwunden.
-
-Endlich hieß es: »Wir haben ihn fest!« Ein Mann, der vor Tau und
-Tag zum Arzte wollte, hatte gesehen, daß der Keiler eine mächtige
-Weidenpflanzung, die im Felde lag, annahm. Nun wurde alles
-zusammengeholt, was den Finger krumm machen konnte; man umstellte die
-Weiden und schickte die Hunde hinein. Sie gaben Standlaut, aber als
-sich endlich drei Mann zu ihnen trauten, hatten sie einen Zaunigel vor.
-
-Das gab nun ein großes Hallo, und als sie alle auf einem Haufen
-standen und lachten und schimpften, da plauschte es in den Weiden,
-schnaufte es, brach es, und weg war er, der Keiler, und in den großen
-Weizenschlag gewechselt. Als man den aber abspürte, stellte es sich
-heraus, daß er in den Roggen hinein war, und da spürte man das
-Roggenfeld ab und fand, daß er schon in den Viehbohnen war, und da war
-er auch schon wieder heraus und in das Holz hinein.
-
-Man hielt Kriegsrat ab, beschloß, das Holz zu treiben, machte drei
-Triebe, aber wer sich nicht blicken ließ, das war der Basse, denn der
-steckte schon längst in dem großen Haferschlage.
-
-Der Sommer ging, der Herbst kam; der Keiler war noch immer im Helmetal,
-aber das Helmetal war lang und breit. Da es mit Gewalt nicht ging,
-versuchte man es mit List, körnte ihn an, streute ihm Mais, Hafer,
-Rüben, Wurzeln. Er nahm sie manchmal auch an, aber nur dann nicht, wenn
-irgendwo ein Jäger auf ihn ansaß, oder wenn schon, dann erst, wenn
-Himmel und Erde eins waren und man das Ende vom Gewehre nicht mehr
-sehen konnte.
-
-Kinder, die Beeren pflückten, und Frauen, die Dürrholz lasen, lief er
-am hellichten Tage an, nur keinen Mann, der einen grünen Rock anhatte,
-bis auf den alten Forstmeister, der ihn am blanken Mittage aus der
-Suhle steigen sah und sich beinahe seinen ehrwürdigen Bart ausriß, denn
-als er die Büchsflinte von der Schulter und den Hahn übergezogen hatte,
-da hatte ihn die Sau auch schon spitz und ging flüchtig ab, und die
-Kugel traf sie ebensowenig, wie die unchristliche Redensart, die der
-Weißbart ihr nachrief.
-
-Schließlich kam er einem ganz jungen Förster, aber der führte Weichblei
-und der Eingänger stand halbspitz von vorne; er bekam die Kugel zwar
-gut Blatt, aber bei so einem alten Panzerschweine, dessen Schild
-hart und dick wie die Haut des Nilpferdes ist und eine fingerdicke
-Harzkruste trägt, ist gut Blatt von vorne der schlechteste Schuß und
-schlecht Blatt von hinten die einzig wahre Stelle, und so schnaufte die
-Sau bloß, machte kurz Kehrt und der Förster stand da und benahm sich
-wenig geziemend.
-
-Am übelsten aber ging es einem Gutsverwalter. Dem hatte der Eingänger
-ein Kartoffelstück, das in einer Waldecke lag, so zugerichtet, daß der
-Spaß dabei aufhörte. Nun war dieser Gutsverwalter ein ganz gerissener
-Mann. Er ließ den Knecht anspannen und eine Leiter aufladen. Dann mußte
-der Knecht unter eine Eiche fahren, die vor den Kartoffeln stand, und
-vom Wagen aus, damit keine Fährten den Bassen vergrämten, wurde die
-Leiter in den Baum gestellt und darüber ein Hochsitz gemacht, und den
-nahm der Verwalter ein und der Knecht fuhr weiter.
-
-Das war um fünf Uhr nachmittags. Um zehn Uhr abends meinte der
-Verwalter, daß es allmählich Zeit für den Keiler wäre. Der wartete
-aber, bis der Mond hinter den Wolken war und dann machte er sich in
-aller Seelenruhe über die Kartoffeln her, schmatzte, daß es eine Freude
-war, zu hören, wie es ihm schmeckte, aber als der Mond wieder die
-Wolken beiseite schob, hielt der Keiler es doch für besser, sich zu
-empfehlen. Zuvor aber schubbelte er sich noch solange an der Eiche,
-auf der der Verwalter saß und sich bald den Hals abdrehte, bis daß er
-glücklich die Leiter umwarf und erschrocken abtrollte.
-
-Der Verwalter aber mußte die ganze Nacht im Baume sitzen und war,
-als morgens der Knecht kam, um zu sehen, ob er noch lebte, vor
-Kälte so steif, wie eine überjährige Mettwurst, so daß er kaum die
-Leiter hinuntersteigen konnte. Der Keiler aber kam nicht wieder; die
-Geschichte mit der Leiter hatte er übelgenommen.
-
-Der Herbst ging und der Winter kam; der Keiler war noch immer da, aber
-er schätzte die Abwechslung zu sehr und so kam er nicht zu Schusse.
-War er gestern im Buchenaltholze gewesen und hatte sich an den süßen
-Bucheckern gütlich getan, heute war er ganz gewiß nicht da, sondern
-eine halbe Meile weiter, wenn nicht eine ganze, denn die Nächte waren
-lang.
-
-Unverschämt, wie er war, kam es ihm gar nicht darauf an, eingemietete
-Kartoffeln oder Rüben auszuwühlen oder in den Pflanzgärten Unfug
-anzustiften, und einmal, als er spät abends quer über die Landstraße
-schoß, warf er den Briefträger um, der ohne Licht dahergeradelt kam; an
-dem Rade waren drei Speichen und an dem Briefträger drei Rippen aus
-der Reihe gekommen.
-
-Das Schlimmste war, keiner wollte glauben, daß der böse Keiler das
-gemacht hätte, sondern alle sagten, es würde wohl das gute Bier gewesen
-sein. Aber es war wirklich der Keiler gewesen und ihm hatte der Vorfall
-ebensowenig gepaßt, wie dem Briefträger und der Postbehörde, die, bis
-der Briefträger wieder aus dem Bette war, was drei Wochen dauerte,
-Vertretung stellen mußte.
-
-Schließlich hieß es: »Wenn wir nur erst Spürschnee haben!« Der ließ
-aber bis Weihnachten auf sich warten, und dann war es wieder verkehrt,
-denn nun schneite es in einem Ende und schneite die Fährten, die der
-Keiler machte, alle wieder zu, und dann gab es Tauwetter und Plattfrost
-und Regen und wieder Plattfrost, und es war nichts zu wollen.
-
-So wurde es Ende Januar, bis daß der Basse bestätigt wurde. Boten
-liefen und ritten, Fernsprecher klingelten, Butterbröte wurden
-gestrichen, Schnapsflaschen gefüllt, und um zehn Uhr hielten acht Wagen
-bei der Oberförsterei.
-
-Der Forstmeister hielt in Anbetracht der Schwere des Falles eine
-Rede, teilte mit, daß ein Fehlschuß mit einem Taler zu Gunsten
-der Hinterbliebenen im Dienste erschossener Forstleute bestraft
-werde, empfahl Vorsicht, denn angeschweißte Sauen wären von großer
-Rücksichtslosigkeit und kümmerten sich den Teufel weder um das
-Strafgesetzbuch noch um die Haftpflicht, wären außerdem nervös und
-hätten am liebsten ihre Ruhe, weswegen man sich völlig lautlos,
-womöglich noch leiser, zu seinem Stande zu verfügen habe, auch sei
-Niesen und Husten bis zum Abblasen zu verschieben.
-
-Es war ein bildschöner Tag. Der Himmel war hoch und die Luft war still,
-die Fichten hatten Schneemützen auf und die Jungbuchen weiße Hemden
-an, die Krähen stachen sich in der Luft und die Meisen piepten in
-den Zweigen. Es dauerte eine Stunde, bis daß die Schützen angestellt
-waren, und mancher von ihnen fand, daß eine Saujagd auf die Dauer ein
-fußkaltes Vergnügen wäre. Aber dann wurde angeblasen und warm lief es
-ihnen zwischen Hemd und Haut über den Rücken.
-
-Erst kam eine halbe Stunde gar nichts; dann dem einen ein Fuchs und
-dem anderen ein Hase, aber darauf zu schießen, war bei Todesstrafe, ja
-sogar bei zehn Mark Geldbuße verboten, und dann kam eine ganze Weile
-wieder nichts, und dann ein Treiber und noch einer.
-
-Schon seufzten die gesitteten Jäger, und die ungesitteten murrten
-dumpf, da gab ein Hund Laut, und noch einer, und der dritte, und es
-war ein Lärm, wie auf einer internationalen Hundeausstellung, und dann
-pfiff ein Hund in den höchsten Tönen; die andern aber gaben Standlaut.
-
-Und dann fiel ein Schuß, und dann schrie jemand: »Hülfe, Hüülfee!«
-und die einen sahen sich nach anständigen Bäumen um und fanden es
-rücksichtslos, daß ringsumher nur junge Bestände waren, die höchstens
-eine Eichkatze, aber keinen ausgewachsenen Mann tragen konnten, andere
-aber rannten, so schnell sie ihre langen Stiefeln tragen wollten,
-dahin, wo der Lärm war, und da sahen sie ein Bild, schrecklich schön
-und doch zum Lachen.
-
-Da war nämlich ein Heringssalat von einem Keiler, sechs Hunden und vier
-menschlichen Gliedmaßen, von denen zwei in langen Stiefeln steckten und
-ganz erbärmlich zuckten, während ihr Besitzer andauernd um Hilfe schrie
-und mit dem Büchsenkolben bald den Keiler, bald die Hunde abwehrte.
-
-Es war ein solches Gekrabbel und Durcheinander, daß keiner wußte, was
-ist nun Schütze, was Sau, was Hund, und so mochte niemand dem Keiler
-den Fangschuß geben, noch ihm mit der kalten Waffe auf die Schwarte
-rücken.
-
-Da sprang der jüngste Schütz, ein dünner Forstlehrling mit einem
-Milchgesicht und noch ganz glatt unter der Nase, mit drei Sprüngen
-hinzu, setzte sich rittlings auf den Keiler, faßte ihn am Gehöre, zog
-vom Leder und ehe die ausgewachsenen Männer noch recht wußten, wie es
-zugegangen war, stand er neben dem Keiler, steckte die rottriefende
-Wehr in die Scheide, trat die Hunde ab und riß den verunglückten
-Schützen unter der Sau fort.
-
-Nun schrie alles »Bravo!« und dann sah man sich den Mann an, der fünf
-Minuten lang unter der Sau gelegen hatte. Er sah böse aus, denn die
-Hunde hatten ihm in ihrer Wut die Hosen in ganz erheblichem Maßstabe
-geflickt und ihm andauernd im Gesicht herumgestanden. Das war aber auch
-alles; die Knochen hatte er noch alle zusammen und einen Fleischschmiß
-auch nicht abbekommen.
-
-Man gab ihm einen Schnaps und nun sollte er erzählen. Ja, was war da
-zu erzählen? Er hatte gehört, wie dicht vor ihm die Hunde den Keiler
-verbellten, hatte sich herangebirscht und geschossen. Von da ab
-erinnerte er sich der Reihenfolge der Tatsachen nicht mehr ganz genau.
-Er wußte nur, daß er auf einmal unter dem Keiler und zwischen einer
-unglaublichen Masse von Hundebeinen lag, daß ihm bald der Schnee, bald
-der Geifer der Sau in Mund und Augen flog und dann wäre es ihm heiß und
-naß über das Gesicht gelaufen und dann hätte er gar nichts mehr sehen
-können.
-
-Er möchte bloß wissen, wo seine goldene Uhr und seine silberne
-Zigarrettendose sei und ob drei Büchsenmacher wohl wieder seine
-funkelnagelneue Doppelbüchse, Wert vierhundert Mark, halbwegs gesund
-bekämen. Aber schließlich: die Hauptsache sei doch, daß er Jagdkönig
-sei. Es sei die erste Sau, die er geschossen habe. Daraufhin trank er
-noch einen Schnaps.
-
-Der Keiler wurde auf die Brandrute gezogen und dann suchte man den
-Anschuß. Es war keiner da. Rundumher Hohngelächter der Hölle; das
-Gesicht des glücklichen Schützen wurde noch einmal so lang, das des
-Forstlehrlings nahm eine vollmondartige Form an. Man drehte die Sau
-um und um, besah sie von vorn und hinten, es war und war kein Anschuß
-zu finden. Der Schütze mußte zeigen, wo er gestanden und wohin er
-geschossen hatte, und da fand man den Anschuß; eine Jungfichte war
-mitten durchgeschossen. Neues Hohngelächter! Drei Mark für den Verein
-Waldheil fällig wegen Fehlschusses! Drittes Hohngelächter!
-
-»Malhör über Malhör!« sprach der Forstmeister, brach einen Bruch,
-zog ihn durch den roten Schweiß und reichte ihn auf seinem Hute dem
-Forstlehrling. »Sau tot!« blies das Horn. Heim ging es. Fast alle
-ließen die Köpfe etwas hängen. Und leise sprach der Forstmeister:
-»Pech ist Pech! Das größte Pech hat der Bengel da; fängt ein gesundes
-Hauptschwein mit der kalten Waffe ab. Wenn der nicht Größenwahn kriegt,
-weiß ich es nicht!«
-
-Am anderen Tage kam der Trichinenbeschauer, machte seine Proben und
-sprach mit strahlendem Gesichte: »Trichinen hat er ooch!«
-
-»Auch das noch!« sprach der Forstmeister und trank einen Schnaps.
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-Unterschiedliche Schreibweisen von Namen wurden beibehalten.
-
-Korrekturen:
-
-Titelseite: leivt → lebt
- Es {lebt} der dürre Sand
-
-S. 65: sind → sich
- kümmern {sich} nicht mehr um sie
-
-S. 129: hömschen → höhnischen
- trockenen, gemeinen, {höhnischen} Jubelruf
-
-S. 134: bastige → hastige
- tief unter ihm fallen {hastige} Axtschläge
-
-S. 163: Malöhr → Malhör
- {Malhör} über Malhör!
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN***
-
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-</head>
-<body>
-<h1>The Project Gutenberg eBook, Mümmelmann, by Hermann Löns</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
-and most other parts of the world at no cost and with almost no
-restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not
-located in the United States, you'll have to check the laws of the
-country where you are located before using this ebook.</p>
-<p>Title: Mümmelmann</p>
-<p> Ein Tierbuch</p>
-<p>Author: Hermann Löns</p>
-<p>Release Date: November 6, 2016 [eBook #53457]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: UTF-8</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN***</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<h4>E-text prepared by Sandra Eder<br />
- and the Online Distributed Proofreading Team<br />
- (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br />
- from page images generously made available by<br />
- Internet Archive<br />
- (<a href="https://archive.org">https://archive.org</a>)</h4>
-<p>&nbsp;</p>
-<table border="0" style="background-color: #E6E6FA;margin: 0 auto;" cellpadding="10">
- <tr>
- <td valign="top">
- Note:
- </td>
- <td>
- Images of the original pages are available through
- Internet Archive. See
- <a href="https://archive.org/details/Mummelmann_Ein_Tierbuch_">
- https://archive.org/details/Mummelmann_Ein_Tierbuch_</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>, in Antiqua gesetzter
-Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-<hr class="full" />
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-
-<p class="h2">Hermann Löns<br />
-<span class="larger">Mümmelmann</span></p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="noind">In unserem Verlage sind von</p>
-
-<p class="h2">Hermann Löns</p>
-
-<p class="center">ferner erschienen:</p>
-</div>
-
-<p class="large">Aus Wald und Heide</p>
-<div class="adv">
-<p>21 Erzählungen für die Jugend, 16.&ndash;20. Tausend,
-Illustr. Kart. M.&nbsp;1.&ndash;.</p>
-</div>
-
-<p class="large">Mein braunes Buch</p>
-<div class="adv">
-<p>21 Erzählungen aus der Heide. 17.&ndash;21. Tausend,
-brosch. M.&nbsp;3.&ndash;, geb. M.&nbsp;4.&ndash;, Luxusband M.&nbsp;6.50.</p>
-</div>
-
-<p class="large">Mein blaues Buch</p>
-<div class="adv">
-<p>Balladen und Romanzen, 4. Tausend, brosch.
-M.&nbsp;3.&ndash;, geb. M.&nbsp;4.&ndash;, Luxusband M.&nbsp;6.50.</p>
-</div>
-
-<p class="large">Der letzte Hansbur</p>
-<div class="adv">
-<p>Bauernroman aus der Lüneburger Heide. 9.&ndash;10.
-Tausend, brosch. M.&nbsp;3.50, geb. M.&nbsp;4.&ndash;, Luxusband
-M.&nbsp;7.&ndash;.</p>
-</div>
-
-<p class="large">Dahinten in der Heide</p>
-<div class="adv">
-<p>Niedersächsischer Roman, 13.&ndash;15. Tausend, brosch.
-M.&nbsp;3.&ndash;, geb. M.&nbsp;4.&ndash;, Luxusband M.&nbsp;6.50.</p>
-</div>
-
-<p class="large">Kraut und Lot</p>
-<div class="adv">
-<p>Ein Buch für Jäger und Heger, 8.&ndash;10. Tausend,
-geb. M.&nbsp;4.20, Luxusband M.&nbsp;7.&ndash;.</p>
-</div>
-
-<p class="large">Der zweckmäßige Meyer</p>
-<div class="adv">
-<p>Ein schnurriges Buch. 20 Humoresken aus dem
-Naturleben. 8. Tausend, geb. M.&nbsp;3.50, Luxusband
-M.&nbsp;6.&ndash;.</p>
-</div>
-
-<p class="large">Auf der Wildbahn</p>
-<div class="adv">
-<p>Jagdnovellen, 8. Tausend, geb. M.&nbsp;4.&ndash;, Luxusband
-M.&nbsp;6.50.</p>
-</div>
-
-<p class="large">Haidbilder</p>
-<div class="adv">
-<p>Neue Folge von »Mein braunes Buch«, 6. Tausend,
-geb. M.&nbsp;3.50, Luxusband M.&nbsp;6.&ndash;.</p>
-</div>
-
-<p class="large">Mein buntes Buch</p>
-<div class="adv">
-<p>Naturschilderungen, 7. Tausend, geb. M.&nbsp;3.50,
-Luxusband M.&nbsp;6.&ndash;.</p>
-</div>
-
-<p class="large">Goldhals</p>
-<div class="adv">
-<p>Ein Tierbuch für die Jugend, 4.&ndash;8. Tausend,
-geb. M.&nbsp;1.80.</p>
-</div>
-
-<p class="center p2">Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H.,<br />
-Hannover.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Hermann Löns</p>
-
-<h1>Mümmelmann</h1>
-
-<p class="h2">Ein Tierbuch</p>
-
-<p class="center">21.&ndash;25. Tausend</p>
-
-<p class="titcapt">Höret:</p>
-
-<p class="titpoem">Es gibt nichts Totes auf der Welt,<br />
-Hat alles sein' Verstand,<br />
-Es lebt das öde Felsenriff,<br />
-Es <span id="corrtit">lebt</span> der dürre Sand.</p>
-
-<p class="titpoem">Laß deine Augen offen sein,<br />
-Geschlossen deinen Mund<br />
-Und wandle still, so werden dir<br />
-Geheime Dinge kund.</p>
-
-<p class="titpoem">Dann weißt du, was der Rabe ruft<br />
-Und was die Eule singt,<br />
-Aus jedes Wesens Stimme dir<br />
-Ein lieber Gruß erklingt.</p>
-
-<p class="center p2">Hannover 1915<br />
-Adolf Sponholtz Verlag<br />
-G. m. b. H.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">1.</td><td>Mümmelmann</td>
- <td class="tdr"><a href="#Muemmelmann">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">2.</td><td>Murkerichs Minnefahrt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Murkerichs_Minnefahrt">13</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">3.</td><td>Krähengespräch</td>
- <td class="tdr"><a href="#Kraehengespraech">21</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">4.</td><td>Sein letztes Lied</td>
- <td class="tdr"><a href="#Sein_letztes_Lied">27</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">5.</td><td>Goldhals</td>
- <td class="tdr"><a href="#Goldhals">34</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">6.</td><td>Der letzte seines Stammes</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_letzte_seines_Stammes">41</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">7.</td><td>Achtzacks Ende</td>
- <td class="tdr"><a href="#Achtzacks_Ende">49</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">8.</td><td>Böbchen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Boebchen">57</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">9.</td><td>Der Zaunigel</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Zaunigel">64</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">10.</td><td>Jakob</td>
- <td class="tdr"><a href="#Jakob">72</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">11.</td><td>Hausfriedensbruch</td>
- <td class="tdr"><a href="#Hausfriedensbruch">79</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">12.</td><td>Mein Dachs und meine Dackel</td>
- <td class="tdr"><a href="#Mein_Dachs_und_meine_Dackel">86</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">13.</td><td>Die Zeit der schweren Not</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Zeit_der_schweren_Not">93</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">14.</td><td>Des Rätsels Lösung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Des_Raetsels_Loesung">99</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">15.</td><td>Das Eichhörnchen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_Eichhoernchen">105</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">15.</td><td>Hasendämmerung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Hasendaemmerung">116</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">17.</td><td>Der Mörder</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Moerder">123</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">18.</td><td>Der Alte vom Berge</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Alte_vom_Berge">134</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">19.</td><td>Die Einwanderer</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Einwanderer">144</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">20.</td><td>Ein Hauptschwein</td>
- <td class="tdr"><a href="#Ein_Hauptschwein">154</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<p class="p2">»Der Zaunigel« und »Das Eichhörnchen« sind mit Erlaubnis des
-Verlages beim Prachtwerke »Lebensbilder aus der Tierwelt«, herausgegeben
-von H. Meerwarth, Verlag von R. Voigtländer, Leipzig,
-entnommen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/dekoanfang.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<h2 id="Muemmelmann">Mümmelmann.</h2>
-</div>
-
-<p>Sie zogen aus, bis an die Zähne bewaffnet, an die
-dreitausend, an die dreihundert, an die dreißig, schrecklich anzusehen
-in ihrem Kriegsschmucke.</p>
-
-<p>Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen
-Hüten. Um ihre Unterleiber schlotterten oder strammten
-sich rauhe Jacken, deren Taschen reichlich mit Nikotinspargeln
-gespickt waren. An der Seite hing ein Ränzlein, strotzend
-von braunen, grünen, roten oder gelben Hülsen, enthaltend
-das scharfe Pulver, ferner eine Flasche, bergend das nicht
-minder scharfe Visierwasser, und diverse Pakete, worin die
-kurzgehackten sterblichen Überreste toter Schweine und Kühe
-waren. Vor dem Magen trugen sie Müffchen, um die
-Handgelenke gestrickte Stulpen, und auf dem Rücken Donnerrohre
-aller Konstruktionen und jeglichen Kalibers.</p>
-
-<p>Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen,
-den Perron mit schallenden Tritten, drei Coupés mit Zigarrendampf
-und die Schaffner mit Grausen, denn jeder dritte zog
-ein erwachsenes Exemplar von <em class="antiqua">canis familiaris</em> hinter sich her
-und verlangte Platz dafür nächst sich.</p>
-
-<p>Während der Fahrt nickten die einen, die abends vorher
-allzu lange beim geisteserfrischenden Männerskat und beim
-seelenerhebenden Bitterbier gesessen hatten, noch etwas nach,
-die edlen, etwas gedunsenen Züge auf die Mündungen der
-Flinten stützend; andere hatten des Teufels Gebetbuch in<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-der Hand, schielten sich in die Karten und nahmen sich das
-mehr oder minder redlich erworbene Kleingeld ab. Die
-dritten sprachen Latein.</p>
-
-<p>Der Dicke mit den apoplektischen Kulpsaugen erzählte
-mit einer Stimme, die die Fensterscheiben zum Klirren
-brachte, er habe gestern auf achtzig Schritt einen Krummen
-geschossen, wie gerädert sei der im Dampf geblieben, alle
-Knochen gebrochen. Und dann zeigte er seine Flinte herum,
-alle guckten hinein und taten, als glaubten sie es, und jeder
-sah sein Gegenüber mit einem Blick an, der da sagte, daß er
-es durchaus nicht glaube.</p>
-
-<p>Sie sprachen eine fremde Sprache, die kein vernünftiger
-Mensch verstand, redeten von Rammlern und Satzhasen,
-Schweiß und Wolle, Löffeln und Blumen, Läufen und Gescheide,
-Kesseln und Suchen, Stokeln und Strecke, meinten
-aber immer ganz was anderes. So fuhren sie dahin durch
-die weiße, morgendliche Winterlandschaft, auf die die aus
-dem Bett kriechende Sonne einen schwachen Rosenschimmer
-warf.</p>
-
-<p>Dieser Rosenschimmer traf auch in der Feldmark von
-Knubbendorf die Nase eines alten Rammlers, der langsam
-und hochläufig über die Landstraße hinkte, Haanrich Mümmelmann
-genannt in seiner Sippe. Er machte einen Kegel, putzte
-sich ein Flöckchen Schnee aus dem Schnurrbart mit der
-rauhen Bürste seines Vorderlaufes, und überlegte, ob er
-noch nach der reichlich geästen Roggensaat etwas Rinde von
-jungen Apfelbäumen in den Gärten von Knubbendorf zu
-sich nehmen solle, oder ob es bekömmlicher sei, einige vorjährige
-Brommelbeerblätter zu genießen, denn er fühlte einen
-Druck im Magen.</p>
-
-<p>Da teilte ihm derjenige Teil seines Körpers, mit dem
-er auf einem plattgefahrenen goldgelben Apfel saß, der nicht
-von den Hesperiden, sondern von dem edlen Rosse stammte,
-mit, daß ein Wagen sich nähere. Er drehte sich um, spitzte<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-die schwarztimpigen Löffel und sagte sich dann in seinem
-lieben Gemüte, daß das weder die Post sei, die führe
-schneller, noch der Molkereiwagen, der führe langsamer, ein
-Marktwagen sei es auch nicht, der käme schon bei nachtschlafender
-Zeit. Item sei es etwas Ungewohntes, und das
-Ungewohnte sei stets unbekömmlich.</p>
-
-<p>Er hoppelte bis an den Graben, setzte trotz seiner drei
-Läufe über die hohe Schneewehe und hoppelte den Patt
-entlang. Auf dem großen Schlehbusch saß der Neuntöter.
-Den fragte er, ob er nicht sähe, was da die Straße entlangkomme,
-seine Augen hätten nachgelassen. Der Würger
-sagte ihm, daß es Jäger und Hunde wären, und flog nach
-der Dieme, denn da hatte er eine Maus gesehen.</p>
-
-<p>Mümmelmann kratzte sich bedenklich hinter den Löffeln
-und hoppelte weiter, bis an den großen Stein, der an der
-Sandkuhle lag. Dort klopfte er dreimal mit dem linken
-Hinterlauf. Er hatte nur den einen, den rechten fraßen
-nach der vorjährigen Treibjagd die Nebelkrähen. Auf sein
-Klopfen tauchten hinter einem dürren Kamillenbusch zwei
-sauber gekämmte Löffel auf. Sie gehörten Geesche Wittblaume.</p>
-
-<p>»'n Dag, Geesche«, knurrte Mümmelmann, »van Dage
-giff dat Drievjagd. Eck weit blot noch nich, wenn sei in
-Holte drieven oder inn'e Feldmark. Seih deck vör!«</p>
-
-<p>»Eck rücke to Holte, da kann'n seck lichter bargen,«
-meinte Geesche. »Adjüs, Haanrich« und damit hoppelte sie
-von dannen.</p>
-
-<p>»Segg et de annern an,« rief Mümmelmann ihr nach,
-und Geesche machte einen Kegel, spitzte die Löffel, nickte und
-hoppelte fort.</p>
-
-<p>Mümmelmann traf bei Wege noch Trine Geelzahn und
-Jochen Pielsteert und sagte ihnen, daß sie gut täten, die
-Löffel steif zu halten. Und dann hoppelte er weiter, bis
-nach einer ganz kahlen, hoch gelegenen Stelle. Dort lief er<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-eilig hin und her, als habe er etwas verloren, schlug Haken
-auf Haken, und schob sich dann in einen Pott, den er sich
-scharrte.</p>
-
-<p>Eine Stunde mochte er in seinem Lager gelegen haben,
-da vernahm er ein Geräusch und machte einen Kegel. Da
-sah er Aadje Slappuhr eilig daherkommen, Aadje, dessen
-Löffel keinen Halt hatten, weil ihm im vorigen November
-die Schroten die Knorpel zerschlagen hatten.</p>
-
-<p>»Junge,« sagte Aadje und verpustete sich, »dat ward
-leege van Dage. De Driever drücket dat Holt dör und
-denn schall ekesselt weern.«</p>
-
-<p>»Dübel,« sagte Mümmelmann, »de vermuckten Schinners
-war'd von Dag to Dag heller. Na, will't sehn, wat seck
-dohn lätt. 'djüs.« Und damit rückte er sich wieder in seinem
-Pott zurecht, und Aadje lief weiter.</p>
-
-<p>Noch eine Stunde lag Mümmelmann da und dachte nach,
-daß der Mensch doch das böseste Raubzeug sei, trotz Reinke
-Rotvoß und Griepto Höhnerdeiw, dem Habicht, und daß es
-Zeit wäre, daß man dagegen etwas täte; da hörte er von
-weitem einen Ton, als klopfe da ein riesiger Rammler. Und
-der wiederholte sich immer wieder.</p>
-
-<p>Haanrich Mümmelmann machte sich hoch und äugte
-nach der Gegend hin, aber seine Lichter trugen so weit nicht.
-So rückte er wieder zusammen und wartete. Die Sonne
-brannte ihm warm auf den billigen Balg, der Wind hatte
-sich gelegt, das war alles gut und schön soweit, wenn nur
-die Jäger nicht gewesen wären. Na, sein Testament hatte
-der Olle schon lange gemacht, er war nun fast zehn
-Jahre alt, und ewig kann man nicht leben. So philosophierte
-er.</p>
-
-<p>Auf einmal spielohrte er. Er hörte den Mordschrei der
-Nebelkrähe. Er machte sich ein ganz klein bißchen höher
-und seine Seher wurden starr. Über das Feld kam ein
-Hase in ungleichen Sätzen, und über ihm strichen zwei große<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-graue Krähen. Eine stieg immer und strich vorwärts, und
-die andere fuhr herab und stieß nach den Lichtern des armen
-Hasen, und Arr und Err ging es. Alle Augenblicke wurde
-der kranke Hase kürzer, dann fuhren beide Krähen auf ihn
-los. Und dann rappelte er sich wieder auf und machte ein
-paar Sätze, aber nach wenigen Sätzen wurde er wieder
-kürzer. Und vom Horizont kam ein schwarzer Punkt und
-noch einer und immer wieder einer, lauter Krähen, graue
-und schwarze, und wie eine Wolke von Blut und Tod zog
-es über den Kranken her. Und jetzt, Mümmelmann schauerte
-zusammen und legte die Löffel an, denn er wußte, was jetzt
-kam, jetzt kam der Graben, und das war das Ende. Und
-da scholl es auch zu ihm heran: »O weh, o weh, o weeäh,
-o weih mir,« und dann war alles still und nur die Galgenvögel,
-die sich zankten, hörte man.</p>
-
-<p>Nach einem Weilchen vernahm der Alte wieder ein
-Gepolter und sah die Krähen abstieben. Er richtete sich
-ein bißchen hoch, und sah einen großmächtigen Köter einen
-kranken Hasen hetzen. Schwer krank, das sah der Alte, war
-der andere nicht, aber doch so, daß der flüchtige Hund ihn
-bald zu Stande hetzen würde. Das war ein guter Kerl,
-Natz Klewersitter vom Uhlenbrink. Dem mußte geholfen
-werden.</p>
-
-<p>»Natz,« knurrte Mümmelmann leise, »eck stah upp, sett
-di dahl!« Der kranke Waldhase nahm alle Kraft zusammen,
-fuhr in das warme Lager, und mit einem Hui,
-eine Schneewolke hinter sich werfend, fegte der alte Feldhase
-aus dem Pott, schlug ein halbes Dutzend Haken, daß
-der Hund ganz verbiestert wurde, sauste dann geradeaus,
-schlug wieder Haken, machte einen Kegel, nahm wieder das
-Feld hinter sich, bis dem Hunde die Zunge aus dem Halse
-hing und er die Jagd aufgab. Mümmelmann äugte ihm
-nach, lachte, hoppelte bis zum nächsten Brink und rodete
-sich wieder ein. Seine alten Knochen brauchten Ruhe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p>
-
-<p>Lange dauerte es damit aber nicht, da vernahm er ein
-Dröhnen und Knirschen. Erst war es nördlich, dann westlich,
-dann südlich, dann auch im Osten. Er machte sich hoch
-und sah rundum lauter schwarze Pfähle. Und nach einer
-Weile ging es, »Tara, Tarattata«, und die Pfähle kamen
-auf ihn zu. Und dann hörte er es knallen und er sah hier
-einen aus seiner Sippe über den Schnee rennen, und da
-einen von den Waldhasen, und da stand einer auf dem
-Kopf und hier rollte einer im Dampf. »Dübel,« dachte
-der Alte, »eck sitte in'n Kessel!«</p>
-
-<p>Die schwarzen Pfähle kamen näher. Überall stob der
-Schnee, prasselten die Schrote, flog der Dampf, knallten die
-Schüsse. Mümmelmann blieb in seinem Pott und überlegte.
-Rechts, nein, da ging es nicht, da knallten wenige
-Schüsse und immer einzeln, da standen gute Schützen. Links,
-da ging es bergab, das war auch schlecht. Aber gerade
-aus da war ein Jäger, der schoß immer beinah beide Läufe
-auf einmal, und sein Nachbar, der fuchtelte immer erst
-lange hin und her, ehe er drückte.</p>
-
-<p>Die Schritte kamen näher. Dicht neben Mümmelmann
-schlug Kunrad Flinkfoot ein Rad, sprang noch einige
-Todessprünge und färbte den Schnee rot. Weiter rechts
-machte Dorette Quappbuk ihr Testament, nicht weit davon
-Lischen Hopsinskrut. Aber zwischen dem langen Schnellschießer
-und dem kurzen Fuchtelmeier passierten eben Jochen
-Pielsteert und Fritze Pattlöper heil die Schützenlinie, und
-da richtete sich der alte Hase steif auf, hoppelte in gerader
-Linie voran, gerade auf die Lücke zwischen den beiden
-Schützen zu, ganz langsam, bis er fast in Schußnähe war,
-witschte dann nach links, schlug einen Haken nach rechts,
-einen nach links, einen nach rechts, sah noch eben, wie zwei
-Gewehrläufe in der Luft herumfuhren, wie Schwänze von
-Kühen, um die die Bremsen sind, und dann gab er her,
-was er in sich hatte, fuhr durch die Lücke, schlug sieben<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-Haken, hörte einen Knall, einen Schrei, einen Fluch, nähte
-aus, bis er nichts mehr hörte, und dann machte er ein
-Männchen und äugte zurück.</p>
-
-<p>Das Jagdhorn erklang. Die Schüsse hörten auf. Die
-Jäger liefen nach einem Fleck, hoben etwas auf und gingen
-nach dem Dorfe. Und es war doch erst Mittag. Als sie
-alle weg waren, hoppelte Mümmelmann nach dem Kessel.
-Da lag Schweiß, hier wenig, Hasenschweiß, und da viel.
-Menschenschweiß, und dem alten Hasen schwoll sein kleines
-Herz von befriedigter Rachsucht; nun wollte er gern sterben,
-er hatte sein Volk gerächt.</p>
-
-<p>Nachts um zwölf Uhr, als der Vollmond klar am
-Himmel stand, kamen die Knubbendorfer Hasen auf dem
-Felde, wo der letzte Kessel gewesen war, zusammen. Mümmelmann
-rief sie alle der Reihe nach auf. Zweiundsechzig
-antworteten nicht, zwanzig waren entschuldigt, sie heilten
-ihre Wunden im Lager, sechzehn humpelten, sie waren leicht
-angekratzt. Und als sie alle zusammen waren, da hielt Natz
-Klewersitter eine Rede und sagte allen, wie Haanrich Mümmelmann
-ihm das Leben gerettet hatte, und alle zweihundert
-klopften dem guten Kameraden Beifall und rieben ihre
-Nase an seiner. Und dann machte Jochen Pielsteert ein
-Männchen und erzählte, daß der Alte vom großen Stein
-sie alle gerettet habe. Er, Jochen, habe gesehen, daß Mümmelmann
-durch seine Taktik den einen Jäger so dötsch gemacht
-habe, daß er seinen Nachbar schwer angeflickt habe.
-»Kommt mit, eck will ju dat wiesen!« so schloß er seine
-Rede.</p>
-
-<p>Reinke Rotvoß, der oben an der Straße unter dem
-Winde herangeschnürt kam, blieb plötzlich stehen und seine
-Nüstern schnupperten wohlig, denn die Witterung von zweihundert
-Hasen kitzelte sie. Aber dann setzte er sich plötzlich,
-denn eine wimmelnde, krimmelnde Masse kam über das
-mondlichte Schneefeld, Hase bei Hase, und jetzt hielten sie an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span></p>
-
-<p>So etwas hatte Reineke noch nicht erlebt, und er hatte
-viel mitgemacht. Als aber die zweihundert Hasen anfingen,
-mit den Hinterläufen zu klopfen und gespenstisch im
-Kreise herum zu tanzen, da kriegte er es mit der Angst, er
-machte kehrt und gab Fersengeld, daß ihm die Standarte
-nur so flog. Als am anderen Tage der Jagdaufseher Nachsuche
-hielt, da fand er um den roten Fleck, wo der Assessor
-den Baurat laufkrank schoß, einen Kreis, festgestampft wie
-eine Tenne. Und er sah, daß das die Hasen gemacht hatten,
-und er schüttelte den Kopf und machte ein ganz verstörtes
-Gesicht.</p>
-
-<p>Das war die Stelle, wo vorige Nacht die Knubbendorfer
-Hasensippe Mümmelmann, den Heldenhasen, nach
-Hasenweise geehrt hatte.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p>
-
-<h2 id="Murkerichs_Minnefahrt">Murkerichs Minnefahrt.</h2>
-</div>
-
-<p>Auf der Spitze der großen Pyramide stand ein Mann.
-Der Abend hatte die gelbe Wüste in braune und blaue
-Farben getaucht, hatte die Palmen und Kuppeln der fernen
-Stadt mit Gold und Purpur umwebt.</p>
-
-<p>Der Mann auf der Plattform des Riesenbaues sah
-die zauberhaften Farben, die märchenhaften Töne nicht. Er
-war das ganze Ägypten satt, die eleganten Reisenden, das
-schmierige Volk, den Spielsaal und die Blumengärten.
-Traumverloren sah er nach Norden hin.</p>
-
-<p>Da zuckte er zusammen und sah sich um. Nicht der
-Ruf der Eule war es gewesen, der ihn aus seinem Sinnen
-geweckt hatte, nicht das von weitem heranschallende Geschrei
-der Kameltreiber, nein, ein ganz anderer Laut, der ihm die
-gelben Troddeln der Haselbüsche im dämmernden Wald,
-Drosselschlag und Ammernsang vor die Seele rief.</p>
-
-<p>Er rieb sich die Augen und lächelte: »Ich habe geträumt,«
-dachte er. Aber da war er wieder, der seltsame,
-tiefe, quarrende Ton, das »Quoark, quoark, quoark«, und
-da kam es auch schon herangestrichen, ein schwarzes Ding,
-eulenhaft die Fittige bewegend, zwischen denen ein langer,
-senkrechter schwarzer Strich sich abhob, und verschwand in
-der Dämmerung.</p>
-
-<p>Das war Murkerich. Auch dem war dieses Ägypten
-langweilig geworden mit seinen Palmen, seinem Nilschlick,
-seinen fetten Fliegenmaden und Kamelsmistkäfern. Nach<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-weißschimmernden Birkenwäldern sehnte er sich, nach braunem
-Fallaub zwischen goldenen Schlüsselblumen, jungen Fichten
-und breiten Weißdornbüschen und einem ordentlichen, deutschen
-Regenwurm.</p>
-
-<p>Er moarkte verdrießlich, als ihm eine große Fledermaus
-mit einem blattähnlichen Gewächs auf der Nase etwas zuzwitscherte,
-das er nicht verstand, strich weiter, den Nil
-hinauf, und pfuitzte schnell sein »Pssewitt« in den Abend
-hinein. Antwort erhielt er wohl, aber Begleitung bekam er
-nicht. »Noch zu kalt da oben«, pfuitzte Kulpsauge. »Noch
-keine Würmer draußen«, quarrte Silbersteert. »Noch
-Frost im Boden«, wispelte Stecherine. Da reiste Murkerich
-allein.</p>
-
-<p>Im Garten des Augustinerkellers in München ging ein
-Mann. Er ließ sich die Abendluft um die Stirn ziehen,
-denn arg viele Maße Bier hatte er binnen. Plötzlich blieb
-er stehen und sah nach dem Himmel, wo ein einziger, kleiner,
-blasser Stern blinzelte. »Herrgottsaxen«, brummte er vor
-sich hin, »hoab i oan Rausch. Alleweil hoab i meint, daß
-i die Schnepfen hör'!«</p>
-
-<p>Einen Rausch hatte er, aber richtig gehört hatte er doch.
-Murkerich hatte Afrika hinter sich, das Mittelmeer und den
-Balkan, Tirols weiße Gipfel und Bayerns dunkle Berge.
-Viele Gefahren zu Wasser und zu Lande hatte er erlebt,
-Seesturm und Meeresgewitter, Lawinengepolter und Telegraphendrahtsurren;
-am Gardasee stellte eine verwitwete
-Schnepfin seinem Herzen Garn und Schlinge und wollte
-ihn bewegen, dort zu bleiben. Er pfuitzte ihr etwas und
-strich weiter.</p>
-
-<p>Über dem Dorfe Sievershausen im Solling stand ein
-Mann. Rotkehlchen und Amseln sangen, Waldwühlmäuse
-pfiffen im Fallaub, unten im Dorf rief der Totenvogel und
-im hohen Ort lachte der Kauz. Stillzufrieden lauschte der
-Mann den Stimmen des Vorfrühlings.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>Auf einmal durchfuhr ihn ein Ruck. Er riß das Gewehr
-von der Schulter, spannte und packte an, sah sich wild
-um und ließ die Waffe wieder sinken. Er schüttelte den
-Kopf und lachte in sich hinein: »Ich dachte, ich hörte schon
-die Erste. Aber wir haben ja noch nicht einmal Reminiscere!«</p>
-
-<p>Er hatte doch richtig gehört, und wenn der Kauz gerade
-nicht solchen großen Schnabel gehabt hätte, dann hätte
-Murkerichs Minnefahrt schon hier ein Ende gehabt. Aber
-Glück muß ein junger Schnepfenhahn haben. Schon im
-Taunus waren ihm die Schrote um den Stecher gepfiffen
-und in seinem linken Fittig fehlte die Spitze der Malfeder.
-»Die kann ich missen,« hatte Murkerich gedacht; »die ist ja
-doch bloß zum Staat da«, und war weiter gestrichen. Und
-diese Nacht strich er noch weiter, bis er seine engere Heimat
-erreichte, den Ahltener Wald bei Hannover. Da strich er
-laut pfuitzend in der Frühdämmerung die Gestelle auf und
-ab, fiel, als die erste Drossel pfiff, todmüde unter einer
-Schirmfichte ein und schlief wie tot.</p>
-
-<p>Ein Rascheln im Laube weckte ihn. Eine Waldmaus
-wäre ihm fast auf den Kopf gesprungen. Als er sich spreizte,
-fuhr sie zitternd in ihr Loch. Die Sonne stand schon hoch
-und behaglich genoß Murkerich, Flügel und Ständer von
-sich streckend und das Halsgefieder aufrichtend, ihre Wärme.
-Dann richtete er sich auf, gähnte gefährlich, trippelte einige
-Schritte vorwärts, bis er an dem kleinen Ellernbruch anlangte,
-wo die ersten Blätter und Blüten sich über dem pechschwarzen,
-nassen Boden zeigten.</p>
-
-<p>Dort stellte er den Stecher senkrecht, fuhr damit über
-die goldenen Blüten des Milzkrautes, die fetten Blätter
-des Aaronstabes, die blauen und weißen von Leberblume
-und Windröschen, bohrte den Stecher in den Boden, vollführte
-mit den Ständern ein seltsames Getrampel, wobei er
-ab und zu leise schnurrte, und holte alle Augenblicke einen<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-krampfhaft sich windenden Regenwurm oder eine langgeschwänzte
-Sumpffliegenlarve heraus, die er sich dann mit
-kurzem Ruck einverleibte. Dann trippelte er wieder unter
-seine Schirmfichte und schlief weiter.</p>
-
-<p>Als die Dämmerung die Bäume zusammenschmolz und
-der Kauz sein hohles Lied sang, wachte Murkerich auf. Der
-Abend war lau und die Luft dumpf, so recht geschaffen für
-ein zärtliches Flugspiel über den Wipfeln der Birken. Aber
-ihm lag noch die lange Luftreise in den Knochen, und so
-beschloß er, weiter zu schlafen, da erstens morgen auch noch
-ein Tag und zweitens eine Balz auf eigene Faust eine
-ziemlich öde Beschäftigung sei. Da vernahm er ein brünstiges
-»Pssewitt«, und er schwang sich auf und folgte dem
-lockenden Rufe.</p>
-
-<p>Auf der großen Rodung holte er die Dame ein.
-Quarrline war es, eine Schnepfenmadam reiferen Alters,
-die im Frühling vor einem Jahre hier Witwe geworden
-war. Sie hatte damals gelobt, unvermählt zu bleiben, aber,
-die Liebe, das ist eine sonderbare Sache, und wenn eine
-alte Scheune ins Brennen kommt, dann helfen alle guten
-Vorsätze nicht. Und als sie Murkerichs flehendes Morken
-vernahm, da tat sie zwar erst etwas verschämt, quarrte etwas
-von Aufdringlichkeit und Belästigung alleinstehender Damen,
-aber die kokette Art und Weise, wie sie ihn über den Rücken
-anschielte, gab Kunde davon, wie heiß ihr Herz dem eleganten
-jungen Mann entgegenschlug. Ja, wer kann auch
-für die Gefühle bei solcher lauen Luft!</p>
-
-<p>Und so ging es denn mit Pssewitt und Mork-mork
-über die Gräben und Tümpel, Schläge und Dickungen, bald
-neben-, bald hinter-, bald übereinander, jetzt langsam und
-leise, dann laut und schnell, in gerader Richtung ein Gestell
-entlang, im Zickzack durch den Lichtschlag, wo Quarrline
-ihrem Galan in dem Stockausschlag der Birken verschwand.
-Aber er fand sie bald, denn es war bei ihr nur Ziererei,<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-und als er ihr erzählte, daß er in guten Verhältnissen lebte
-und ein Grundstück hätte, das sich selbst im dürrsten Sommer
-reichlich mit Regenwürmern verzinste, da gab sie bald ihre
-Sprödigkeit auf und wurde aus einer älteren Witwe schnell
-eine junge Braut.</p>
-
-<p>Als Murkerich sich am anderen Tage die Sache überlegte,
-fand er, daß er etwas voreilig gewesen war. Seine
-Quarrline paßte doch nicht so ganz zu ihm. Sie war ein
-bißchen zu sehr in die Breite gegangen, ihr Gefieder war
-stark ergraut, kurz und gut, eine Schönheit war sie gerade
-nicht. Und dieses ewige Gequarre von ihrem Seligen, das
-war nicht zum Aushalten. Wenn sie so schon als Braut
-war, wie würde sie erst später werden, dachte der glückliche
-Bräutigam und hörte mißmutig ihrem Gequarre zu, mit dem
-sie ihn sogar jetzt, mittags, wenn jede richtige Schnepfe
-schläft, anödete.</p>
-
-<p>So vernahm sie vor lauter Schwatzen das leise Rauschen
-nicht, das hinter ihr im dürren Grase daher kam. Faul und
-breit lag sie da und erzählte von ihrem Seligen. Da fuhr
-ein rotes Ding rauschend und rasselnd durch das Gras,
-Murkerich strich schreiend ab und konnte eben noch eräugen,
-daß Reineke Rotvoß mit Quarrline im Fang davonschnürte.
-Unter einem gewaltigen Weißdornbusch fiel Murkerich ein.
-Der entsetzliche Vorfall bekümmerte ihn tief, aber bei ruhigerer
-Überlegung fand er, daß es so am besten für sie beide war;
-glücklich wären sie zusammen doch nicht geworden. Über
-diesen Betrachtungen schlief er ein.</p>
-
-<p>Das Gezeter der Amsel weckte ihn. Die saß auf dem
-Dornbusch und machte einen Mordskrach, weil zwei Männer
-das Grenzgestell entlang gingen. Im großen Windbruch
-rief der Kauz, von der breiten Wiese erklang das Schreien
-der Kiebitze, Kraniche trompeteten über den Forst hin, Goldammern
-und Rotkehlchen sangen ihre Abendlieder. Da vernahm
-Murkerich über sich ein tiefes, dumpfes Quarren und<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-ein ängstliches Pfuitzen. Ein alter Schnepfenhahn machte
-in grober Weise einer schlanken Schnepfin den Hof. Klack,
-klack, machten Murkerichs Flügel, und schon war er neben
-dem Pärchen. Der alte Hahn machte ein höchst erbostes
-Gesicht, als er den jungen Mann erblickte, und versuchte,
-ihm eins zu stechen, aber Murkerich war gewandter, er wich
-ihm aus, stieg und stach ihn derartig in die Seite, daß der
-alte Herr wutquietschend in das Quergestell einschwenkte.
-Murkerich wollte ihm folgen, da fuhr ein langer, roter
-Strahl empor, der alte Hahn fiel wie ein fauler Ast zu
-Boden, ein Donnerschlag ertönte, Stinkrauch stieg auf,
-und Murkerich und das kleine Fräulein schwenkten schleunigst
-ab.</p>
-
-<p>»Glück muß ein junger Mann haben«, dachte Murkerich,
-als er mit der Kleinen durch das Birkenbruch zickzackte. Die
-hatte sich so erschrocken, daß sie froh war, einen Mann bei
-sich zu haben. Pfuitzing hieß sie und war noch nicht ein
-Jahr alt. Murkerichs Herz brannte. »So ein niedliches
-Ding«, dachte er, »so schlank und adrett, das ist doch etwas
-anderes, als die alte Dame von gestern.« Und zärtlich morkend,
-sagte er ihr die schönsten Sachen über ihre wunderschönen
-dunklen Seher, über die blitzenden Silberspitzen ihres
-Stoßes, und die Kleine legte geschmeichelt den Stecher an
-die Brust und dachte bei sich: »Ein reizender junger Mann,
-viel netter, als der alte Murrkopf von vorhin.« Und in
-niedlicher Koketterie ließ sie ihres Stoßes silbernes Spitzenwerk
-leuchten, und wenn sie auch so tat, als wollte sie sich
-ihres Anbeters Schmeicheleien entziehen und hastig fortstreichen,
-sie tat nur so.</p>
-
-<p>Es war ein herrlicher Abend. Die Luft war weich und
-warm, in den Sinken braute der Fuchs, der Mond stand
-über den hohen Eichen. In seliger Minnefahrt strich das
-Pärchen über die Schläge, zickzackte um die Überhälter, ruderte
-durch das Bruch, und fiel ab und zu zu kurzem Gekose<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-an einem silbern blitzenden Graben ein, um bald wieder in
-langsamem Fluge über die Gestelle zu streichen, er in männlichem
-Bariton schmeichelnd und sie im hellen Diskant
-kichernd, wenn er ihr erzählte, welch ein herrliches Leben sie
-hier im schönen Ahltener Walde führen wollten, wo der
-Boden so tief und locker und würmerreich ist und wo
-Dornbusch an Dornbusch steht, die beste Wehr gegen
-Reinekes Tücke und Griepto Heuhnerdeiws, des Habichts,
-Roheit.</p>
-
-<p>Und als sie so schwärmten und träumten, da blitzte und
-krachte und rauchte es, und Pfuitzing stieß einen Schrei aus,
-stürzte, nahm sich wieder auf und flatterte in das Unterholz.
-Murkerich war sofort bei ihr und trieb sie zur Eile an,
-denn er vernahm eine laute Stimme, und hörte einen Hund
-durch die Pfützen patschen. Da flatterte das arme Ding
-mit Aufwand aller Kraft ein Endchen weiter und fiel erschöpft
-in den gewaltigen, undurchdringlichen Windbruch.
-Noch ein Weilchen hörten sie den Hund hechelnd im
-Unterholz herumstöbern, dann ertönte ein Pfiff, und alles
-war ruhig.</p>
-
-<p>Pfuitzing lag auf der Seite und wimmerte ganz leise.
-Ihr linker Lauf war von einem Hagelkorn getroffen und
-gebrochen. Sie zog ihn fest an den Leib und ließ sich von
-Murkerich trösten. Den ganzen Tag blieb sie so liegen und
-humpelte erst abends ein bißchen hin und her, um zu wurmen,
-und Murkerich blieb immer bei ihr. Nach acht Tagen war
-der Lauf fast heil; die weichen Bauchfederchen hatten einen
-festen Verband darum gebildet, so daß die Kleine schon
-wieder ganz gut auftreten und sich auch wieder aufschwingen
-konnte.</p>
-
-<p>Es war wieder ein wundervoller Abend, so lau, so
-weich, so milde, aber dem Pärchen war alle Lust am Strich
-vergangen. »Weißt Du was, Pfuitzing,« quarrte Murkerich,
-»ich glaube, wir ziehen weiter. Wenn man immer geradeaus<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-gegen Mitternacht streicht, dann kommt man hinter dem
-Meer in Länder, da gibt es kaum einen Menschen, und die
-da sind, die kümmern sich nicht um uns. Hier muß man ja
-immer wie eine Maus im Verborgenen leben und hat nichts
-vom Leben. Wollen wir weiter?«</p>
-
-<p>Pfuitzing war es zufrieden, und als der Mond sich
-hinter den Wolken versteckte, da stiegen beide ganz hoch in
-die Luft, kreisten dreimal und strichen dann geradeaus, nach
-dem Lande, wo es noch nette Menschen gibt. Und da leben
-sie heute noch.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<h2 id="Kraehengespraech">Krähengespräch.</h2>
-</div>
-
-<p>Jeden Nachmittag um 3 Uhr achtundfünfzig Minuten,
-wenn der Barsinghausener Zug über die große Bult bei
-Hannover keucht, kommt ein alter Herr mit einem alten
-Hunde den Fußweg entlang, der sich am Rande der Eilenriede
-nach der Bult hin zwischen dem Döhrener Turm und
-Bischofshol hinzieht. Auf der Höhe der Rüsterburg bleibt
-der alte Herr stehen, nimmt eine Prise, sieht gegen den hellen
-Abendhimmel und niest, und meistens niest sein Hund zur
-Gesellschaft mit. Dann gehen beide weiter.</p>
-
-<p>Genau um diese Zeit kommt eine große graue Krähe
-angeflogen, die bei der Korndieme auf Mäuse lauerte, läßt
-sich auf einer der höchsten Eichen am Rande des Waldes
-zwischen dem Eisenbahndamm und der Rüsterburg nieder,
-schüttelt ihr Gefieder glatt und ruft dreimal laut: »Arrr!«</p>
-
-<p>Wenn dann der Deister in dicken, rotgesäumten Abendwolken
-verschwimmt, wenn in dem Bultkrankenhause, im
-Heiligengeiststift und im Schwesternhause die ersten Lichter
-aufblitzen und die Sonne mit unheimlicher Behendigkeit an
-dem Schornstein der städtischen Bierbrauerei hinunterklettert,
-dann kommt von den Komposthaufen eine zweite, aber
-schwarze Krähe her, nimmt neben der grauen Platz, schüttelt
-ihr Gefieder und ruft ebenfalls dreimal, aber in schwächerem
-Ton: »Aerr!«</p>
-
-<p>Dann dauert es gar nicht mehr lange, und während
-der Wald zu einem violetten Gemussel zerfließt, aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-nur das rote Laub der Buchenjugenden hervorleuchtet, um
-die Zeit, wenn die heimlich Verlobten, die da spazieren
-gehen, anfangen, sich unterzuhaken, dann kommen von allen
-Seiten einzelne Krähen angeflogen, graue Nebelkrähen,
-schwarze Rabenkrähen und manchmal auch einige stahlblaue
-Saatkrähen.</p>
-
-<p>Im ganzen sind es so fünfzehn bis fünfundzwanzig, die
-um die Schlummerstunde auf der hohen Eiche zusammenkommen;
-einige davon sind ausgebrütete Hannoveraner, zwei
-sogar Stadthannoveraner, da sie in der Eilenriede groß
-wurden, die andern stammen aus Brandenburg, Mecklenburg,
-Schleswig-Holstein, Sachsen, Posen und Ostpreußen. Die Ostelbier
-sind alle grau mit schwarzen Köpfen, Flügeln und
-Schwänzen, die andern schwarz. Die Ostelbier sind nur im
-Winter hier, wenn sie zu Hause nichts haben.</p>
-
-<p>Den Tag über treiben sie sich auf der großen Bult
-herum, die eine bei der Tierärztlichen Hochschule, die andere
-vor dem Schlachthause, wieder andere in den Ländereien der
-Stadtgärtnerei, oder in den Stiftsgärten, auf den Fußballspielplätzen,
-bei den Bahnwärterhäusern, der Dieme und den
-Komposthaufen. Dort stochern sie ruhig und besonnen, ob
-sie nicht einen Wurm, einen vor Kälte lahmbeinigen Käfer,
-einen Knochen mit noch einem Bißchen daran, eine Wurstschläue,
-ein Stück Brot oder dergleichen finden oder eine
-Maus oder einen Maulwurf übertölpeln.</p>
-
-<p>Die Graue, die zuerst kommt, ist eine Ostpreußin.
-»Känigsbarg« ist ihr drittes Wort. Die Schwarze, die
-immer gleich nach ihr kommt, stammt aus der Eilenriede;
-die beiden kennen sich seit drei Wintern: »Guten Aabend,
-mei Herzche«, schnorrt die Graue; »was haben Sie heit
-gemacht de ganze Tag? War's Assen gut?« Die Schwarze
-macht vergnügte Augen: »'n Aeöbend, das will ich maanen;
-ich waaß doch hier Beschaad. Ich häöb 'n angeschossenen
-Häösen gefunden. Delikäöt, säöge ich Ihnen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p>
-
-<p>»Einen Hasen«, plärrt da eine graue Sächsin, die eben
-ankommt, »ach nee, was Se sagen? Hären Se mal, meine
-Kuteste, den genn' Se mir mal zeigen. Ich hab' Se nämlich
-noch nie 'n doten Hasen kesehen, wissen Se. Wo liegt
-er denn, der Hase, wenn ich so frei sein darf?« Die Schwarze
-meint: »Da is jetzt nich mehr viel anne«, was die Ostpreußin,
-die die Sächsin nicht leiden kann, veranlaßt, laut aufzulachen:
-»Hulla, hulla, hullahahaha, salba assan macht fatt; nicht
-wahr, mei Härzche?«</p>
-
-<p>Eine schwarze Kalenbergerin erscheint und mit ihr eine
-graue Polin. Der steht der Schnabel lose: »Gutten Abbend,
-Frau Schwarrzhals, gutten Abbend, Frau Dickkopf, gutten
-Abbend, Frau Blänkeersteert, habben Se sich Guttes gefunden
-zu essen heite? Habe ich mich gefunden Knochen
-großiges mit Fleeisch vielliges drran, serre guttes Fleisch,
-gar nicht stinkiges, von Schaff hammliges.«</p>
-
-<p>Die Kalenbergerin sieht sie von der Seite an: »Da
-süht Sei ook gerade nach ut! Man mächtig lökrig is Jue
-Bunk! Awer eck, eck hebbe 'ne ganße Wost estohlen von
-'n Schlachterkerl ut de Molle. Das freut meck noch drei Dage
-nah minen Dode. Watt hebbe eck meck ehöget. Un wat
-hett de Kärel eßchimpet. Höhöhö!«</p>
-
-<p>»Is sich serre selten«, fällt ihr die Polin in die Rede,
-»hierr zu finden Wurst schweinerrne. Is sich vill besserr
-bei uns zu Hause in Wongrowitz, wo man findett serr oft
-Wurrst odder Knochenn. Sind sich Pollen nicht so ängstlich
-mit Eingrabben von alles Abfall, wie Leite hannovversches.«</p>
-
-<p>»Ohle Döllmer«, krächzt sie die Kalenbergerin an, »worümme
-blivst De denn nich to Huse? Tatternvolk! Erst
-hier rümmetobetteln un denn ßchimpen! Dat is de rechte
-Art von so'n Volk. Wat meinst' Nahwersche?« fragt sie
-dann die Eilenriedekrähe.</p>
-
-<p>»Hast recht, hast recht«, antwortet die, und fährt dann<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-leiser fort, »äöber das stimmt schon, anstellen tun sie sich
-heute, die Leute, da ist das Ende von weege. Alles einkuhlen
-und des-, na, wie heißt das olle vermuckte Wort doch, so,
-desinfezinieren, das wird immer dummerhaftiger. Und mit
-der Raanlichkeit häöben Se sich! Raanlichkeit muß sein,
-äöber was zu viel ist, ist zu viel. Auf 'm Schlachthofe,
-glauben Sie, daß sie däö ein Priepelchen Fleisch liegen
-lassen? I bewäöhre, jeden Fetzen fäöhren Se raus und
-roden ihn bei.«</p>
-
-<p>»Sa'n Se mal«, fällt eine Berlinerin ein, »ob dett woll
-wahr is, wat ick heite jeheert habe, dat de Rennbahn hier
-uff de jroße Bult kommen dhun soll! Na, dett wär 'ne
-scheene Pleite für uns. Ick pfeife uff den janzen Sport:
-Rasse is Mumpitz, 'ne Abdeckerei is mich ville lieber. Det
-wird iberhaupt immer dammlicher uff de Welt!«</p>
-
-<p>»Besser wird es überhaupt nicht«, meint die aus der
-Eilenriede. »Wenn ich noch daran denke, vor zehn Jäöhren,
-als die hohen Fuhren noch vor der Seelhorst standen! Was
-wäör däö wintertags für ein Leben; an die Tausend von
-uns schliefen däö. Aber die Leute, die Leute! Erst schmissen
-sie Giftbrocken hin, und als wir die nicht mehr näöhmen,
-da trieben sie das Holz ab. Ich häöbe denn bis vor zwei
-Jäöhren immer in dem Holze vor Misburg geschläöfen,
-äöber da käömen die Jäger und schossen nach uns. Und
-seitdem gehe ich nach dem Aäöhltener Holze. Es ist däö
-jäö 'n bißchen gemischt, zu viel Sääötkrähen und sogäör
-Dohlen, äöber was soll 'n machen? Hier in der Eilenriede
-ist an einen ruhigen Schläöf doch nicht mehr zu denken.
-Noch bei nachtschläöfender Zeit läuft das Volk in 'n Holze
-herum und überall sind Laternen. Die Welt wird immer
-dümmer!«</p>
-
-<p>»Da haben Sie wieder recht, mein Süßing«, schnarrt
-die dicke graue Pommerin, »auch bei uns wird es immer
-schlechter«, und die Ostpreußin stimmt bei: »Bei uns da<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-oben bei Känigsbarg ist es noch nicht so schlimm; aber
-weiter hinauf, auf der Nahrung, bei Rossitten, da assen die
-Manschen Krähenfleisch, und jetzt sitzt da ein Kärlche,
-Thienemann heißt er, der fängt die Krähen und macht ihnen
-Ringe um die Beine mit dem Datum darauf und bittet,
-daß man überall Krähen totschieße und ihm die Füße einschicke,
-der Wissenschaft wagen. Nu' bitt' ich Sie, was hat
-die Wissenschaft mit unsern Beinen zu tun. Der Mensch
-kommt jeden Tag auf neue Dummheiten.«</p>
-
-<p>»Is sich serr rrichtig«, meint die Polin, »setzen sich bei
-uns in Pollen feeine Herren in Errdheiser, machen sich Uhu
-grroßes auf Pfahl; kommen sich Krrähen an auf zu beißen
-Uhu dickköpfiges, schießen sich Herren feine dann mit Gewehrre
-auf Krrähen, Hundsblutt gemeines niddertrrächtiges!«</p>
-
-<p>»Dat dauet se hiertolanne ook«, meint die Kalenbergerin,
-»up de Vahrenwohler Heide und hier dichte bi-e, in der
-Seelhorst, da kümmt ook jümmerst so'n Vogelutstopper ut
-de Slägerstraate, Wiegand heit dat Lork, de kruppt in'n
-Busch, sett da so'ne olle utstoppte Kattuhle henne, und
-wenn 'n denn antofliggen kümmt und will de Uhle einen
-wischen, pardautz, denn ballert de Kerl los. Awer eck falle
-up den Swindel nicht mehr rin.«</p>
-
-<p>»Wat eck awer noch seggen wullt: dat mit de Rennbahn
-hier up de Grote Bult, dat drafft wi üsch nich gefallen
-laaten. Wenn eck man nich min Haus bi Degersen
-hätte, denn wüßt eck schon, wat eck dohn deihte. Laat se
-man koomen met öhre smächtrigen Päre! Eck wollt' se all
-ball up den Drab bringen. Mit den Snabel den Pären
-gegen die Oogen, wenn se öwer de Hürden wullt, dat se
-dat Gnick bräken! Ja! Dat wör dat Richtige! Dann
-schallt se hier woll wegblieb'n. Laat se doch wo anners
-herümmejöckeln. Meint Sei nich ook so?«</p>
-
-<p>Die Eilenriedekrähe, an die sie sich wandte, nickt; sie
-weiß, daß gegen die Menschen nicht viel auszurichten ist.<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-Und dann antwortet sie einer guten Bekannten, die aus
-hoher Luft ihr einen rauhen Gruß herunterschreit, macht die
-Flügel auseinander, läßt sich drei Fuß von ihrem Sitz fallen,
-steigt in die Luft und fliegt krächzend fort.</p>
-
-<p>Und die andern alle, die Schwarzen wie die Grauen,
-krächzen und folgen ihr, über die Bahn, über Bischofshol,
-den Kirchröder Turm, den Nackenberg, die breite Wiese,
-Misburg bis zum Ahltener Holze, wo jeden Abend vom
-November bis zum März Tausende von Krähen schlafen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<h2 id="Sein_letztes_Lied">Sein letztes Lied.</h2>
-</div>
-
-<p>Ehe der Frühling den Bergwald bezwang, hatte es lange,
-sehr lange gedauert. Unten im Auwalde hatte er längst
-schon den Winter zum Kuckuck gejagt; da blühten Windröschen,
-Schlüsselblumen und Milzkraut schon, da flog Fuchs
-und Zitronenfalter, da saß die Amsel auf dem vollen Gelege.</p>
-
-<p>Aber auf der Höhe lag noch der Schnee. Da, wo die
-Sonne gut hin konnte, verschwand er schließlich; die Heidelbeere
-schwellte ihre Knospen, das Wallgras schob seine
-Kätzchen, die Kriechweide schmückte sich mit Gold, Fliegen
-und Bienen und Käfer summten und brummten, laichende
-Frösche knurrten in den Moorsümpfen, Molche ruderten in
-den Tümpeln über den klaren Granitgrus und auf den
-leuchtenden Moospolstern grauer Steinblöcke sonnte sich die
-Bergeidechse und schnappte die Fliegen vom blühenden
-Sauerklee fort.</p>
-
-<p>Hier, wo bisher nur der Kreuzschnabel lockte, Meisen
-pfiffen und das Goldhähnchen piepste, sang jetzt die Märzdrossel
-ihr Jubellied, schwebte der Baumpieper mit frohem
-Geschmetter hernieder, zwitscherte die Braunelle, schlug der
-Fink, wippte die Bergbachstelze von Stein zu Stein, und
-hier stellte sich auch alles wieder ein, was vor dem herben
-Winter zu Tale geflohen war, der edle Hirsch und das
-schüchterne Reh, Reineke, der Schleicher, Lampe, der friedliche
-Mann, und des Gebirges stolzestes Geflügel, der
-Urhahn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>Ein alter Haupthahn war es, der zuerst die tieferen
-Lagen verließ und sausenden Fluges die Talschlucht entlang
-strich, berganwärts, dahin, wo selten der Förster hinkam und
-fast nie ein fahrender Stadtmensch. Dort, wo Moor an
-Moor den Kopf des Berges umlagert, wo nie die Axt kracht,
-wo die Fichten wachsen und fallen, wie sie wollen, hat er
-seit Jahren seinen Stand, lebte er sein heimliches Leben
-zwischen Felsblöcken und Baumtrümmern schon manches
-Jahr, sicher vor Kraut und Lot.</p>
-
-<p>Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß,
-hatte sich zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche
-einen Platz ertrotzt. Leicht war es ihr nicht geworden,
-und sie hatte sich viel winden und biegen müssen, ehe
-sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer Riesenschlange
-ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben Flechten
-gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs wagerecht fünf Fuß
-über den Abgrund und dann schoß der knorrige Stamm
-gerade empor. Jahr für Jahr versuchte der Sturm ihn zu
-morden, wie er ringsumher die Fichten zerbrach, wenn der
-Rauhreif sie umsponnen hielt, aber der alte Ebereschenbaum
-wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine Wurzeln
-in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde
-und Holz gehärtet.</p>
-
-<p>Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze
-der alte Hahn sein minnigliches Lied, wenn der
-Nebel wie eine Mauer in den Fichten stand. Jeden Morgen
-klang seine Strophe in das große Schweigen des Berges
-hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob
-und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne
-grüßte und unten das Land sich entschleierte. Pfiff der
-Frühwind auch scharf und hart, den alten Hahn focht das nicht
-an; sein Herz war heiß, seine Kraft zu groß, der Kälte, dem
-Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz sang er sein seltsames,
-wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum herab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p>
-
-<p>Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und
-Pieper schmetterten, Zaunkönig und Laubvogel jubelten,
-dann verschwieg der stolze Vogel, als schämte er sich, daß
-er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk zeigen müsse,
-daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd
-strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen
-den mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und
-Knospen und Samenkörner auflasen, und er holte sich bei
-ihnen was sein gutes Recht war als ihr Herr Gemahl,
-und das ihm kein anderer Hahn länger als eine Viertelstunde
-streitig machte, um zerzaust und geschunden dorthin
-zu streichen, wo kein so krimmer Kämpe, wie der Hahn
-vom rauhen Hang seinen Harem schirmte.</p>
-
-<p>Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß
-das Moos wie Gold und die Sauerkleeblumen wie Silber
-leuchteten, wenn aus allen Fliegen Diamanten und aus
-allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte es
-geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise
-und das Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig
-ganz etwas Absonderliches zu sehen bekamen; denn nachdem
-der Hahn eine lange Weile schläfrig dagestanden hatte,
-schritt er gemessen den Hennen näher, schwang sich auf
-einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder
-von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen,
-fächerte den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich,
-so wunderbar, so rührend, daß eine Henne nach der anderen
-die Käfersuche aufgab und ergriffen seinem Liede lauschte.
-Und es konnte auch vorkommen, daß der Hahn in seiner
-Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom Wintersturme
-mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten
-einfiel und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret
-zu kümmern, das er aus dem Bette gescheucht hatte,
-von hier aus auf das ernsthafteste die Sonnenbalze betrieb.
-Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er noch abends,<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-wenn tief unten im Tale die Sonne von dem Lande Abschied
-nahm und die Misteldrossel ihr Nachtlied sang, der
-Hahn, wenn er sich auf seinem Schlafbaume eingeschwungen
-hatte, noch nicht gleich den Kopf versteckte, sondern noch
-einmal seine uralte Weise in die dämmernde Einsamkeit
-hinaussang.</p>
-
-<p>Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte
-die Gehöre und schlich weiter; er wußte, das war nichts
-für ihn. Eine Urhenne hatte er wohl schon einmal auf
-dem Neste gerissen, auch einst ein ganzes Gesperre vertilgt,
-aber an den alten Hahn war er noch nie herangekommen.
-Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn
-am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt
-und waren mit hellen Warnrufen davongepoltert,
-und hinter ihnen her ritt der Hahn ab und der Fuchs hatte
-von seinem ganzen Weidwerken weiter nichts, als daß er
-die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der Hahn
-gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So
-schlich er denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob
-er tiefer unten nichts Besseres fände, als nur Rüsselkäfer
-und weiter nichts, als Rüsselkäfer, und wenn das Glück es
-wollte, eine magere Maus.</p>
-
-<p>Aber es war jemand da, der das Balzen des Hahnes
-vernommen hatte. In aller Herrgottsfrühe war es im Tale
-entlang geschlichen, immer die Rehwechsel entlang, und da
-war der Teckel des Försters auf seine Witterung gekommen
-und hatte es mit hellem Halse durch die Trümmerwildnis
-des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als es sich in einer
-einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen es
-verscheucht, und wieder war es bergan geflüchtet, bis er
-über den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem
-Tale. Bis in den Spätnachmittag hatte er in einer Spalte
-geschlafen, aber dann hatte ihn der Hunger hinaus getrieben,
-und auf Sammetsohlen war er, bald eilig, bald langsam,<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang
-zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten
-her, über die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne
-mehr zu erwischen, als eine einzige Spitzmaus, vor deren
-Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß er sie liegen ließ.
-Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel gestoßen,
-aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und
-es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper
-oder eine Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp
-schützte die Schläfer zu gut.</p>
-
-<p>So war der Kater dann oben über den rauhen Hang
-gekommen und hatte mit hungerig leuchtenden Sehern dem
-Hasen nachgeäugt, den das Edelwild fortgetreten hatte.
-Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben sich
-leichter lebt, als im harten Berge. Dort unten wimmelte
-es im Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu
-erwischen, eine Forelle zu angeln; aber leider gibt es dort
-auch Förster, die Eisen stellen, und Teckel, die hetzen.
-Immerhin ist es dort noch besser, als hier, wo es keine Grünröcke
-und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen gibt, wo
-der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder
-Weise pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug und das
-große Geflügel, das hier seinen Stand hat, mehr als alte
-Witterung hat der Kater davon nicht gehabt heute abend
-auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er von der Klippe
-in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder
-gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn
-fort, und dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche,
-fällt es polternd auf.</p>
-
-<p>Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden.
-Stand er bisher hoch aufgerichtet auf der Kante
-der Klippe, so ist er jetzt völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein
-langer, flacher, grauer Stein liegt er da. Die Seher sind
-bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, die Schulterblätter<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken heben
-sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende
-der Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt
-er und äugt nach dem Hahne hin. Der äugt rund um sich
-her, reckt den Kragen, senkt ihn wieder, schüttelt sein Gefieder,
-ordnet es, wirft seine Losung ab, daß sie lautklatschend
-auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt einigemale
-leise, ordnet hier und dann noch eine Feder, wird mit einem
-Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein
-Spiel ein wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst
-schüchtern, dann kräftiger zu balzen.</p>
-
-<p>Zweimal hat es den Kater schon durchzuckt, zweimal
-hat er sich bezwungen. Doch jetzt, wo der Hahn den
-Hauptschlag und das Schleifen beginnt, fliegt, wie von
-stählerner Feder getrieben, der Kater durch die Luft. Haarscharf
-hat er den Sprung bemessen, so scharf, daß seine Hinterpranten
-an dem Stamme der Eberesche noch Halt fanden, während
-er die Vorderpranten um den Kragen des Hahnes schlug.
-Mit heiserem Angstlaut will der Hahn abreiten, aber zu
-fest hält der böse Feind, zu scharf sind seine Krallen, so
-spitz die Fänge; wild mit den Fittichen schlagend, rasselt
-der Hahn, den Kater am Halse, durch das Geäst des
-Baumes den Hang hinab, daß das Edelwild, das sich dort
-unten an den jungen Sprossen äste, entsetzt von dannen
-flüchtet und mit langen Hälsen aus sicherer Entfernung vernimmt,
-wie das Rascheln und Rauschen, Brechen und Knistern
-nach und nach schwächer wird und schließlich ganz aufhört.</p>
-
-<p>Im Nebel verschwindet der rauhe Hang; die Lichter
-im Tale erlöschen, der Abendwind pustet hohler, ein Reh
-schreckt irgendwo, ein aufgestörter Pieper klagt ängstlich.
-Schneewasser kluckst zwischen Gestein, in schneller Folge
-schlägt Tropfenfall auf eine Klippe, wie ein Uhrwerk tickend,
-weit, weit weg johlt im Tale die Bahn. Es wird Nacht
-im Berge.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span></p>
-
-<p>Es wird wieder Tag werden. Hinter dem Hornfelskegel
-wird es rosig schimmern; von der Wetterfichte an der
-kahlen Wand wird die Misteldrossel singen, unter der hohen
-Klippe wird ihr die Zippe antworten, Fink und Pieper
-werden wieder schlagen, Zaunkönig und Braunelle werden
-singen, aber niemals wieder wird von der alten Eberesche
-am rauhen Hange sein ritterlich Minnelied in den grauen
-Morgen erschallen lassen, der es seit sieben Jahren hier
-sang.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p>
-
-<h2 id="Goldhals">Goldhals.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Sonne verschwindet hinter dem Kamme des Berges,
-die Krähen rudern hastig am roten Himmel hin, die
-Misteldrossel beendet ihr Abendlied und das Rotkehlchen
-schnurrt von dem dürren Zacken in sein Schlummerversteck.</p>
-
-<p>Den lauten, lustigen Wesen des Tages folgen der
-Nacht heimliche, stille Geschöpfe. Aus dem faulen Laube
-schiebt sich der Salamander hervor, die Rötelmaus rutscht
-durch das Geknäk, die Spitzmaus schrillt im Krautwerk und
-die Fledermaus zickzackt zwischen den Stämmen her.</p>
-
-<p>Wie der Kauz dreimal ruft, vernimmt der Wanderfalke,
-der auf der Platte der hohen, grauen Klippe schläft,
-ein leises Kratzen unter sich. Er hält den Kopf schief, aber
-was er vernimmt, das ist ihm bekannt, und so zieht er den
-Kopf wieder ein, schließt die Augen und kümmert sich nicht
-um das, was unter ihm geschieht.</p>
-
-<p>Fünf Ellen unter dem Falkenhorste läuft ein schmales
-Felsband an der Klippe entlang. Darauf huscht ein
-schwarzes Ding hin und her. Es ist lang und schmal wie
-ein Aal und schnell wie eine Natter. Es huscht lautlos
-nach rechts, macht einen spielenden Sprung, dreht eine
-Schleife, huscht nach links, tut wieder einen Sprung gegen<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-die Wand und treibt dieses Spiel wohl eine Viertelstunde
-lang.</p>
-
-<p>Dann wird aus der schwarzen Schlange ein dunkler
-Knäuel, der sich einen Augenblick ruhig verhält, dann zu
-einem schwarzen Pfahl emporwächst, der sich in seltsamer
-Weise dreht und krümmt, windet und biegt, so daß die beiden
-grünlichen Punkte bald rechts oder links, bald oben oder unten
-schimmern, und wird wieder zu einer schwarzen Schlange,
-die bald kriechend, jetzt kletternd, nun hüpfend von Zacke zu
-Zacke, von Vorsprung zu Vorsprung eilt und endlich oben
-auf der Platte der Klippe auftaucht.</p>
-
-<p>Da sitzt er im Lichte des halben Mondes, er, Goldhals,
-der stärkste Edelmarder des Berges, der Schleicher und
-Schweifer, der Meister aller Künste, der Schrecken der
-Friedfertigen und Frommen, sitzt da in seiner ganzen braunseidenen
-Schönheit zwischen den blauen Glocken der Akelei
-und den weißen Sternen der Lichtnelke und tut, was er hier
-immer tut, er löst sich.</p>
-
-<p>Dann keckert er höhnisch, denn er weiß, Schnapp Krähentot,
-der Wanderfalke, ärgert sich blau und blaß, wenn er
-morgens auf seinem Luginsland die frische Losung findet.
-Goldhals beschnuppert die Reste einer Krähe, die neben den
-Blumen liegen, dreht sie hin und her und stößt sie schließlich
-über den Rand der Klippe, daß sie rauschend in das Fallaub
-fallen. Dann überspringt er den tiefen Spalt zwischen der
-Zwillingsklippe, erreicht mit einem mächtigen Satze den tiefen
-Ast der Krüppellinde, holzt in ihr weiter bis zu der ersten
-Buche und fährt an ihrem Stamme herab.</p>
-
-<p>Tapp, tapp, tapp geht es dann den Dohnenstieg entlang.
-Bei jeder Dohne macht er halt, aber jedesmal schnürt er
-mißmutig weiter. Endlich fällt ihm ein, wie gestern und
-vorgestern auch, daß um die Zeit, wenn der Bärenlauch
-stinkt, weder rote Beeren noch bunte Vögel in den Dohnen
-wachsen, er verläßt den Dohnenstieg und schlägt den Pürschpfad<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-ein. Raschelt es da nicht? Goldhals wird zum Pfahl.
-Richtig, dort, halblinks. Ein Satz, ein Quietschen, und eine
-fette Rötelmaus ist geliefert.</p>
-
-<p>»Spaß muß sein,« denkt Goldhals, und läßt sie los,
-faßt aber sofort zu, ehe sie in ihr Loch kann. Siebenmal
-läßt er sie springen, siebenmal packt er sie wieder, beim achten
-Male quiekt sie nicht mehr. »Is doch was, sagte Schnabel,
-und brät sich 'ne Mücke«, meint Goldhals, als er die Maus
-binnen hat, und schleicht den Pürschsteig weiter. Da raschelt
-es wieder. Hops, er hat es, aber »pfui Spinne!«, ein
-Salamander. Er niest und prustet und reibt den Fang im
-taunassen Moose, denn das ist ja noch schlimmer, als das
-Stück gepfefferte Wurst, das er im Januar vor Heißhunger
-herunterwürgen mußte. Schnell einen Maikäfer hinterher,
-dessen öliger Geschmack nimmt das Beißen fort!</p>
-
-<p>Da ist die Köte, die wird aus alter Gewohnheit erst
-abgesucht. Aber nur deswegen, denn im Mai, da mag
-Goldhals keine trockene Wurstpelle und harte Käserinde. Ein
-kleines Andenken mitten auf den Tisch, das wird den Förster
-ebenso freuen, wie den Wanderfalken. Halt, da ist ja schon
-jemand! Goldhals macht von der Pritsche aus einen langen
-Hals. Ach so, Sie sind es! Ein kleines graues Geschöpf
-sitzt dort und knabbert an einem Brotrest, den es in den
-Pfötchen hält. Schon hat der Marder es am Wickel. Einmal
-noch quietscht der Bilch und zuckt mit der buschigen
-Rute, dann läßt er alle Viere hängen.</p>
-
-<p>»Ein bißchen wenig daran,« denkt Goldhals, als er den
-armen Siebenschläfer verspeist, »im Oktober sind sie fetter.«
-Dreiviertel davon läßt er auf dem Tische liegen und legt
-seine Visitenkarte daneben, dann verschwindet er in dem
-Pflanzgarten. Dort ist nichts, nicht einmal eine Maus, nur
-eine Kröte, die ihn mit entzündeten Augen boshaft ansieht.
-Goldhals schüttelt sich vor Ekel und huscht weiter, den Holzweg
-entlang, den Hang herab, an dem Born vorbei, in<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-dessen Staubecken die Unken läuten, in den Schälwald hinein
-und hinaus, bis an den Bach. Dort gibt es immer
-etwas: junge Wasseramseln oder Bergbachstelzen, einmal
-sogar sechs junge Eisvögel auf einmal, fett wie Schnecken;
-ein anderes Mal erwischte er eine zweipfündige Forelle, die
-nach einem Maikäfer aufging, auch fette Reitmäuse lebten
-dort, und wintertags gab es dort Schlehen und Hagebutten.
-Heute gab es gar nichts als Unannehmlichkeiten. Der Waldkauz
-wurde unverschämt. Er hatte seine drei quappenfetten
-flüggen Jungen in der Eiche sitzen und stieß in einem fort
-knappend und fauchend nach ihm, bis er geärgert in den
-Wald zurückkehrte.</p>
-
-<p>»Gibt es unten nichts, gibt es oben vielleicht etwas,«
-dachte Goldhals und huschte an einer Eiche empor. Dort
-saßen drei Eichkatzenkobel. Im ersten war nichts, im zweiten
-dasselbe und im dritten ebensoviel. »Wenn es so beibleibt,«
-dachte Goldhals, »dann kann ich Maikäfer fangen«, und
-wütend holzte er von einer Eiche zur andern. Halt, da
-riecht es ja nach Specht! Hinein mit der Nase in das Loch.
-Autsch, da hat er eins darauf. Mutter Spechten versteht
-keinen Spaß. Als er sich verdutzt die Nase reibt, saust sie
-an ihm vorbei. Hops, jawohl, das ging daneben. Aber
-die Jungen! Ach ja, der Specht ist auch nicht so dumm,
-er macht das Loch nicht so groß, daß ein Marder hinein
-kann.</p>
-
-<p>»Wenn nicht, denn nicht,« faucht der und holzt weiter.
-Sitzt da nicht ein Taubennest? Ja, da sitzt ein Taubennest!
-Taubeneier schmecken fein, junge Tauben noch viel feiner;
-natürlich nur, wenn man sie hat. Das ist diesesmal nicht der
-Fall. Klapp, klapp, da geht die Taube ab mitsamt den
-Eiern, die sie erst legen will. »Na, dann ein ander Mal!«
-tröstet sich Goldhals, aber davon wird er auch nicht satter.
-Aber da fällt ihm etwas ein. Richtig, daß er daran nicht
-früher gedacht hat. In der alten Wetterfichte am Bullerborn<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-schlafen ja immer die hagestolzen Ringeltäuber. Mehr
-wie einmal hat er sich einen von ihnen dort gelangt. Darum
-schnell den Stamm herab, in die Klippen hinein, die Schlucht
-hinab und hinauf, am Steinbruch vorbei, in dem das Käuzchen
-sitzt und gräßliche Gesichter schneidet, weil das Maikäfergewölle,
-das es herausgewürgt, ihm heftig im Halse
-kratzt, den Pürschweg unter dem Hange entlang, rechts ab
-nach dem Erdfall hin, in dem Murrjahn Grämlich, der
-Dachs, nach Untermast sticht, am Steinkreuz vorüber, wo
-man den Förster erschossen fand, zum zweiten Erdfall, in
-dem die Geburtshelferkröten ihr Glockenspiel rühren, vorüber
-an der Schutzhütte, an den beiden Grenzsteinen, am Wegweiser,
-auf dem die Ohreule sitzt und so kläglich unkt, als
-habe sie Leibweh, und dann ist er da.</p>
-
-<p>Da steht sie, die von allen vier Winden zerzauste alte
-Fichte, und läßt ihre zerrupften Zweige hängen. Goldhals
-schnüffelt um ihren Stamm herum: Taubenfedern mit frischer
-Witterung, frisches Gestüber, die Sache ist richtig! Aber
-nun Vorsicht, daß die schlafenden Bauchredner nicht aufwachen!
-Langsam erklimmt er den Stamm, springt von Aststumpf
-zu Aststumpf mit sicherem Satz, holzt den ersten Ast
-entlang, vermeidet geschickt das dürre Gezweig, gewinnt den
-zweiten Ast, den dritten, vierten, fünften, hält inne, zieht
-sich auf den nächsten Zweig, faßt den folgenden, schleicht
-darauf entlang und hängt sich an den Stamm.</p>
-
-<p>Der Fall muß überlegt werden. Da sind sie; der
-Mondschein macht sie kenntlich. Aber rund herum spreizt
-sich dürres Gezweig. Goldhals überlegt; heranschleichen
-geht nicht, denn einige sind schon erwacht; er hört, wie sie
-sich schütteln, und einer hat sich eben überstellt. Da bleibt
-nichts weiter übrig, als fest darauf zugehen; also den Rücken
-krumm, die Schultern hoch, ein Satz, das Dürrholz bricht,
-noch einer, Rindenschuppen prasseln, und jetzt der letzte
-Sprung, und da poltern die Täuber ab und Goldhals sitzt<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-da, starrt ihnen mit den grünschimmernden Sehern nach und
-hört ihrer Fittiche klingenden Schlag verhallen. Der halbe
-Mond aber grinst spöttisch auf ihn herab.</p>
-
-<p>Goldhals rutscht in einer Schraubenlinie den Stamm
-hinab. Wütend ist er nicht mehr, aber geknickt. Er schleicht
-zum Kleestück, aber die Mäuse sind seit dem Märzregen
-selten geworden. Er sucht die Raine entlang, aber Ammer
-und Lerche haben dort nicht gebaut. Überall riecht es nach
-Has und Huhn, aber antreffen tut er nichts. So würgt er
-mißmutig einen Maikäfer nach dem anderen herab und hofft,
-daß ihm der Morgen besseres bringe.</p>
-
-<p>Schon flötet die erste Drossel im Berg, schon steigt die
-erste Lerche. Der Kauz hört auf zu rufen, die Unken stellen
-ihr Läuten ein, und immer noch sucht Goldhals im taufeuchten
-Felde, die Wasserfurchen entlang schleichend, die
-Koppelwege hinauf- und hinabhuschend; aber kein Hummelnest
-findet er, keinen bewohnten Hamsterbau, kein Hühnergelege,
-kein Junghäschen. Und wenn ihm der Magen auch
-schief hängt, es wird Zeit, an den Heimweg zu denken.
-»Der Tag ist keines Marders Freund«, das hat die Mutter
-ihn gelehrt.</p>
-
-<p>Dreihundert Schritte vor dem Walde stutzt er und richtet
-sich auf: Der graue Pfahl dort vor ihm bewegte sich doch?
-Und daneben, die zwei braunen Dinger, erst recht! Und
-jetzt trägt der Wind ihm die bösen Witterungen zu, die
-die Mutter ihn meiden hieß, die Witterung von Mensch
-und Hund.</p>
-
-<p>Mit einem Riesensatz ist er im nassen Klee. Höchste
-Zeit, denn da hört er es zischen, flüstern: »Hu faß!« und
-hinter ihm her keucht es. Schnell in den Brombeerbusch,
-wo er am dicksten ist. Aber die Hunde achten der Dornen
-nicht. Heraus und in den Wasserdurchlaß! Aber auch dahinein
-folgen ihm die Teckel. Und über der Erde poltert
-es. Schnell aus dem anderen Ende heraus, aber das<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-geht nicht, ein schwarzes, nach Hund riechendes Ding steckt
-darin.</p>
-
-<p>Da fährt Goldhals herum und will den Hund überrollen!
-der aber faßt zu, jault auf, denn scharfe Fänge
-griffen um seine Lefzen, aber jetzt fühlt Goldhals sich vom
-andern Teckel am goldenen Halsfleck gepackt und heraus geht
-die Balgerei aus dem Durchlaß, draußen greift der erste
-Dackel ihn am Hinterteil und so wird Goldhals lang gezerrt;
-zwei auf einen, das ist auch zuviel, und nun weiß er,
-daß es aus ist mit Freijagd in Berg und Busch und
-Minnefahrt über Stock und Stein. Noch einmal, ehe sein
-Bewußtsein erlischt, fällt der Mutter Warnung ihm ein:
-»Der Tag ist keines Marders Freund, die Nacht ist gut
-und lieb.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_letzte_seines_Stammes">Der letzte seines Stammes.</h2>
-</div>
-
-<p>Mitten in dem einsamen Bergwalde liegt ein tiefer
-Erdfall. Jäh stürzen die grauweißen, zerborstenen Gipsfelsen
-an seinen Steilwänden ab. Eine Fichtendickung, ein
-schwarzer, verfilzter Klumpen, umringt ihn zur Hälfte. Ihr
-gegenüber am anderen Rande ragt aus weichem, leuchtendem
-Moose eine steinerne Säule empor, ein grober, ungeschlachter
-Block. Die Inschrift, die das Denkmal trug, ist nicht mehr
-zu deuten. Schwach hebt sich aus der grauen Flechtenkruste
-ein kunstloses Kreuz ab, roh in den Stein gemeißelt, und
-ebenso grob hineingehauen ist das gestielte Dreieck daneben.
-Es soll ein Beil vorstellen.</p>
-
-<p>Kein Mensch weiß, zu wessen Gedenken der Blutstein
-gesetzt wurde. Aber er machte den Wald unheimlich. Kein
-Bauer, kein Holzarbeiter geht gern allein hier vorbei. Es
-geht da um. Man hört es rascheln und sieht nicht, was
-da geht. Man hört es schreien, und weiß nicht, von wem.
-In der Dämmerung tanzen grüne Lichter um den Stein.
-Der alte Waldwart hat sie oft gesehen.</p>
-
-<p>Auch heute, an diesem hellen Maienmorgen, sieht er
-unhold aus, der graue Block. Unheimlich sind die Blumen,<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-die um seinen Sockel blühen: blasser, gedunsener Aaronsstab,
-menschenhautfarbiger Schuppenwurz, der Vogelnestwurz,
-wachsgelbe Blütengespenster, der Nachtviole leichenfarbene
-Blumen. Das Reh, das am Rande des Erdloches entlang
-zieht, verhofft jäh, äugt nach dem Mordsteine, windet, tritt
-hin und her und flüchtet laut schreckend von dannen. Eine
-Märzdrossel, die mit einer bunten Schnecke im Schnabel auf
-einem Felsbrocken einfällt, läßt ihre Beute fallen und stiebt
-mit Gezeter ab. Der Rotspecht, der vorüberschnurrt, hebt
-sich höher und schreit entsetzt auf. Der Holzschreier wendet
-jäh seinen Flug und kreischt voller Angst. Auch das Rotkehlchen
-flattert mit Furchtgeschrille davon.</p>
-
-<p>Der graue Felsblock am Sockel des Mordsteines, schwarz
-gestreift von den Schlagschatten der Eschenzweige, gelb gefleckt
-von einfallendem Lichte, hat Leben bekommen. Er
-reckt sich, streckt sich, läßt eine grau und schwarz geringelte
-Schlange sich winden und drehen, rundet sich, dehnt sich und
-bläht sich, wird lang und dünn und kurz und dick, läßt zwei
-grüngelbe Lichter aufblitzen, eine rote Flamme aufleuchten,
-duckt sich, schnellt sich empor und bildet plötzlich eine seltsame
-Bekrönung des unheimlichen Steins.</p>
-
-<p>Sie haben alle recht, die da sagen, bei dem Warloche
-gehe es um, da schleiche unhörbar ein Gespenst, da schreie
-ein unsichtbarer Kobold, da blitzten grüne Augen. Has und
-Reh, Eichhorn und Haselmaus, Drossel und Rotbrüstchen,
-sie kennen es allzugut, das graue Gespenst, das leise heranschleicht
-und lautlos zufaßt mit unfehlbarem Griffe und
-sicherem Biß. Die letzte Wildkatze des Tales ist es, die im
-alten Mutterbau auf dem Grunde des Warloches haust, ein
-Kuder, so stark wie ein alter Fuchsrüde.</p>
-
-<p>Oben auf dem Denkmale bleibt er eine Weile sitzen,
-den Sonnenstrahl genießend, der durch das Eschenlaub auf
-seinen Rücken fällt. Dann stellt er sich aufrecht, reckt die
-Lunte steif empor, rundet den Rücken, macht ihn lang, reckt<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-sich und gähnt, setzt sich, wäscht und putzt sich und ist im
-Nu wieder am Boden, wo der alte Holunderbusch den
-schiefen Stamm über das Erdloch schiebt. Der Kuder reibt,
-wohlig schnurrend, den Rücken an dem rauhen Stamm, dann
-fährt er zurück, springt vor, versetzt der Rinde einen Prankenhieb,
-zieht die Krallen durch die Rinde, ganz schnell viele
-Male und dann wieder ganz sacht, bis die Rinde wund ist
-und stechender, dumpfer Duft ihr entströmt. Und da wirft
-sich der Wildkater schnurrend und murrend und knurrend
-gegen sie, streichelt sie zärtlich, drückt die Nüstern an sie,
-versetzt ihr grausame Krallenhiebe, reißt Bastfetzen herunter,
-wirft sich auf den Rücken und zerfetzt das starkriechende
-Laub mit langsamen Griffen und schnellt plötzlich auf alle
-vier Läufe, zu Stein erstarrt, die Gehöre steil aufgerichtet,
-und lautlos gleitet er an der Gipswand hinab.</p>
-
-<p>Es knickte ein dürrer Stengel, es knitterte ein trockenes
-Blatt, leise, ganz leise, aber doch nicht so leise, daß des
-Katers scharfes Gehör das Geräusch nicht richtig deutete.
-Das war nicht Reh und war nicht Has', und war nicht
-Vogel und war nicht Maus, das war nicht Bauer und war
-nicht Magd, das war die seltsam riechende Sohle, die seit
-dem letzten Vollmond den Wald durchschleicht.</p>
-
-<p>Tief unter der Erde, hinter der steilen Gipswand, da
-liegt der Kater in sicherer Ruh. Kein Grabscheit stört ihn
-dort, kein Rauch erreicht ihn da, kein Hund kann zu ihm
-heran. Da sind Gänge, die der Dachs grub, den der Fuchs
-vertrieb, der die Fluchtröhren scharrte. Da sind jähe
-Spalten und steile Kanten, und hinter ihnen verrotten die
-Gerippe der Teckel, die an Dachs und Fuchs und Katze
-jagten und niemals wieder zu Tage kamen. Dort ist so weich
-der Mulm und so trocken der Lößboden, warm ist es da zur
-Winterszeit und sommertags so kühl. Dort ist der heimliche
-Jäger in guter Hut und kann den Tag verschlafen und
-träumen, soviel er mag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p>
-
-<p>Er schläft und träumt. Die Rutenspitze zuckt, die
-Krallen schlüpfen aus dem Sammet der Pranken heraus,
-greifen in die Luft und verkriechen sich wieder. Alte Bilder
-brachte der Traum. Von jener Zeit, als der Kater noch ein
-Kätzchen war, das mit seiner Mutter buschiger Lunte spielte
-als das erste der drei Geschwister, das den Wert der Krallen
-erkannte. Er hatte als erster die Maus an sich gerissen, die
-die Kätzin zu Baue trug, zuerst den Siebenschläfer geknickt,
-die flügge Drossel gewürgt, den Junghasen totgequält, ehe
-die Geschwister es sich trauten. Und als erster hatte er geweidwerkt,
-sich an das Eichkätzchen herangebirscht, als es
-Pfifferlinge suchte, es im Sprunge gerissen und stolz zum
-Warloche geschleppt.</p>
-
-<p>Er erwacht, blinzelt um sich, reckt sich und steigt bedachtsam
-über die Kanten und Spalten. Mitten in der kleinen
-Lichtung der Fichtendichtung mündet das Notrohr, das der
-Fuchs sich scharrte. Kein Jäger findet es; ein breitverzweigter
-Fichtenast spreizt sich darüber hin. Immer ist es
-dort überwindig und trocken und es kommt Sonne genug
-dahin. Und so weich ist das rote Nadelwerk und das seidene
-Moos. Da träumt es sich noch besser als unter Tage, von
-heimlichen Birschgängen in lauen Sommernächten, von Fischweid
-im Februar am Klippenufer des Baches, wenn die
-Forelle laichdumm ist und sich so bequem auf das Ufer angeln
-läßt.</p>
-
-<p>Über Minnefahrten läßt sich dort nachsinnen. Weit
-weg führten sie, in rauher Berge schwarze Fichtenwälder,
-denn ringsumher lebte keiner mehr vom Geschlechte der
-freien Katzen. Als die alte Kätzin todwund zu Bau gefahren
-kam mit zersplitterten Knochen, als sie kalt war und
-die Witterung verlor, da hatten sich die drei Geschwister zerstreut.
-Sie fanden sich nicht wieder zusammen trotz des
-Ältesten allnächtlichen Sehnsuchtsrufes einen ganzen Hornung
-hindurch. Da war er fortgezogen, hatte tagsüber in<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-Felslöchern und Dachsbauen geschlafen, zwei Zehen in einem
-Eisen gelassen, sich mit einem schnellen Hunde gebalgt,
-Schrote hatten seine Keulen geschrammt und eine Kugel ihm
-Felssplitter um den Kopf gesprengt. Da zog es ihn wieder
-in das heimatliche Tal zurück.</p>
-
-<p>Im Februar aber trieb es ihn, wenn er in Busch und
-Klippe Nacht für Nacht umhergestrichen war, kläglich nach
-Minnelohn jammernd, hinaus in die Fremde, über kahle
-Felder, in unbekannte Wälder, wo er seinesgleichen antraf.
-Grimmige Gefechte hatte er bestehen müssen mit freien Katern,
-zerrissen war oft sein Balg und rot seine Pranken,
-aber immer hatte er obgesiegt und seine Lust büßen dürfen.
-Aber allzu gefahrvoll wurden ihm die Minnefahrten und
-so strich er nachts an dem Dorfe entlang, trieb die unfreien
-Kater vor sich her und jagte ihnen ihre Bräute ab, und die
-Bauern fanden es verwunderlich, daß die jungen Katzen in
-ihren Ställen von Jahr zu Jahr grauer wurden und dickere
-Köpfe, rauheres Haar und kürzere Schwänze bekamen. Als
-aber der Jäger, der jeden Juli hier auf den roten Bock
-weidwerkte, ihnen sagte, in den Katzen stecke wildes Blut,
-da lachten sie und sagten, die letzten beiden Wildkatzen in
-der Gegend hätte der Förster vor sechs Jahren im Eisen
-gefangen und an die Schule in der Kreisstadt gegeben.</p>
-
-<p>Der Jäger aber spürte nach jedem Regen alle Wege
-ab und er sah sich jeden alten, geschundenen Holunderbusch
-an und strich um jeden Bau und lauerte an allen Uferstellen,
-wo er die Reste von Forellen fand und saß stundenlang vom
-Abend bis tief in die Nacht auf dem Hochsitz, bei unsicherem
-Mondenlicht in den Wald spähend, und ließ sich auslachen
-von dem Förster und von den Holzarbeitern, weil es ihm
-dieses Jahr mit den Böcken nicht glücken wollte, denn er
-hatte sich gelobt, nicht eher wieder den Finger auf einen
-Bock krumm zu machen, bis daß das Kitz gerächt sei, das
-er im Busche fand, mit den Krallennarben an der Kehle<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-und dem säuberlich benagten Blatt. Denn daß das der
-Fuchs nicht gewesen war, das stand für ihn fest.</p>
-
-<p>Und so hatte er vorgestern und gestern, wie die Tage
-vorher, vor Tau und Tag die Krone der alten Samenbuche
-erstiegen, die oberhalb des Warloches an dem Zwangspasse
-zwischen den grauen Klippen steht, sich im Frühwind vor
-Frost geschüttelt, in der Mittagsglut vor Hitze geseufzt und
-sich nicht gerührt und geregt und immer nur auf die Sohle
-des Erdfalles nach dem schwarzen Flecke an der Wand der
-grauen Gipswand gestarrt. Und einmal, als ihm der Schlaf
-Sand in die Augen warf, und er fester in den Riemen hineinsank,
-mit dem er sich an den Stamm geschnürt hatte, da
-hatte er geträumt, die Wildkatze stände unter ihm und war
-wach geworden. Und als er sich die Augen rieb, da stand
-sie auf dem Blutsteine und verschwand, ehe er den Dreilauf
-von dem Astzacken nehmen, scharf machen und anbacken
-konnte, wie ein Schemen, wie ein Traumgesicht.</p>
-
-<p>Wie er dann, müde und verärgert, jeden Fleck um die
-Fichtendickung abspürte, da fand er die starke Katzenspur,
-und jeden Raum zwischen den Jungfichten absuchend, stieß
-er auf das Notrohr und überlegte nicht lange und verwitterte
-es nach Jägerart in gröblicher Weise, um den Kater
-zu zwingen, dort aufzutauchen, wo er ihm sichtig kommen
-mußte. Und jeden Tag verwitterte er das Notrohr von
-neuem, und alle dicken schwarzen Käfer und alle fetten blauen
-Fliegen wußten das bald und brummten und summten nach
-der Dickung hin, und nun auch an diesem Spätnachmittage
-war dort ein großes Gebrummse und Gesummse.</p>
-
-<p>Der alte Kater will dort den Abend erwarten. Langsam
-schiebt er sich in dem Notrohr entlang. Schon von
-weitem vernimmt er das Summen und Brummen, und die
-üble Witterung fällt ihm ziemlich auf die Nerven. Er reckt
-sich, schiebt sich vor und starrt nach der Lichtung. Dann
-fährt er zurück und schleicht über die Felszacken, springt über<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-die Spalten und bleibt lange nachdenklich auf seinem Schlafplatze
-sitzen. Endlich schiebt er sich voran, Zoll um Zoll,
-bis er sich der Mündung des Hauptrohres nähert. Da verhofft
-er lange Zeit, windet und äugt, bis Mausepfiff und
-Jungvogelgepiepe seinem Magen heftiger zusetzt. Da steckt
-er den dicken Kopf aus dem schwarzen Loche und äugt an
-den Gipswänden entlang.</p>
-
-<p>Kein Blatt rührt sich, es regt sich kein Halm. Fern
-pfeifen die jungen Käuze, im Stangenorte ruft ein Kitz nach
-der Ricke, Mäuse schrillen, die Fledermaus zwitschert, Rotkehlchen
-singt sein letztes Lied. Lautlos schleicht der Kater
-an der Schattenseite des Felskessels entlang, unhörbar
-schnürt er an der Wand empor, unter dem Holunderbusch
-verharrt er lange regungslos, den Kopf hin und her
-wendend, jedes Abendfalters Schwingenschlag, jedes Käfers
-Gekrabbel vernehmend. Und nun steht er auf dem Mordsteine,
-setzt sich und äugt ringsumher.</p>
-
-<p>Ein ganz leises Kratzen in der alten Buche reißt seinen
-Kopf herum. Aber oben aus den Kronen der Bäume kam
-noch nie ein falscher Laut, eine gefährliche Witterung.
-Lange starren seine grünen Seher in den breiten Wipfel.
-Es lebt und webt da etwas. Vielleicht der Siebenschläfer,
-oder eine Taube, die sich im Schlafe rührt, ein Häher,
-oder die Eule.</p>
-
-<p>Ein roter Blitz zerreißt die Dämmerung, ein Hagelgeprassel
-zerschmettert den Holunderbusch, ein Donner fällt
-in die Ruhe des Waldes, Stinknebel tanzt blau um den
-Silberstamm der Buche; die Taube prasselt durch das
-Laubwerk, der Hase rauscht durch das Gekräut, der Berg
-wirft den Donner zurück und trägt der Rehe Schrecken
-heran.</p>
-
-<p>In der alten Buche raschelt und knistert es. Etwas
-Großes, Graues klettert in ihrem Astwerk, steigt langsam
-herab, fällt dumpf zu Boden. Ein Lichtchen brennt auf,<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-fährt hinter ein Glas, eine Flamme leuchtet, tanzt nach
-dem Blutsteine und schwebt um ihn herum, den Stein beleuchtend
-und ein braunes Mannesgesicht rot färbend.</p>
-
-<p>Die Augen des Jägers leuchten auf. Rote Flecken
-findet er auf dem grauen Steine und ein graues Büschel
-an einem roten, nassen Fetzen, der zwischen den zerschossenen
-Flechten hängt. Und weiter nichts, gar nichts. Auch nicht
-an den Wänden des schwarzen Schlundes, auch nicht auf
-dem Schotter der Sohle des Erdfalles, auch nicht in der
-Mündung des Baues. Er führt einen belaubten Zweig
-hinein und zieht ihn heraus, jedes Blatt ableuchtend.
-Nichts! Doch, hier ein winziges Fleckchen Schweiß.</p>
-
-<p>Der Jäger wirft sich lang hin, schiebt sich vor den
-Bau, legt das Ohr vor das Rohr, hält den Atem an und
-lauscht. Schwach, als wäre es unendlich weit, ertönt ein
-einziger dünner, kläglicher Laut, einmal nur und dann nicht
-mehr.</p>
-
-<p>Der Holunderbusch wird keinen Krallenhieb mehr spüren,
-kein Kitz klagt mehr unter dem Prankengriff, keine Forelle
-fliegt mehr im Bogen auf den Uferschotter.</p>
-
-<p>Der letzte von der Sippe der freien Katzen weit und
-breit ist nicht mehr.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p>
-
-<h2 id="Achtzacks_Ende">Achtzacks Ende.</h2>
-</div>
-
-<p>Im Walde ging es um. Was es war, wußte niemand;
-aber etwas Gutes war es nicht. Es haßte den
-Frieden und liebte die Zerstörung.</p>
-
-<p>Alle Böcke diesseits des Fuchsbaches hatten das erfahren.
-Dem Gabelbock vom Schälwalde war die linke
-Keule aufgeschlitzt. Dem Sechser vom Jagen drei fehlte
-ein Licht und die rechte Stange. Der Bock aus dem
-Kinderbruch lahmte vorne rechts. Dem vierjährigen Spießbock
-vom Birkenschlag war ein großer Hautlappen auf dem
-Ziemer abhanden gekommen.</p>
-
-<p>Keiner von ihnen wußte wie es zugegangen war. Friedlich
-hatten sie mit ihren Schmalrehen geäst. Da hatte es
-in der Dickung gebrochen, etwas Großes, Braunes war
-herausgepoltert, hatte sie über den Haufen gerannt, die
-Schmalrehe vor sich hergetrieben und war in der Dickung
-verschwunden.</p>
-
-<p>Ihre Wunden hätten die Böcke wohl vergessen, ihre
-Bräute vergaßen sie nicht.</p>
-
-<p>Der Vierjährige mit den langen Dolchen hielt es nicht
-mehr aus. Nichts schmeckte ihm mehr, nichts wollte ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-munden, weder Klee noch Brombeerblätter, weder Gras
-noch Johannestrieb. Tag und Nacht zog er umher und
-dachte an sie.</p>
-
-<p>Eines Morgens, als nach kurzem Donnerschlage ein
-feiner, warmer Regen fiel, faßte er sich ein Herz. An dem
-Weidenbusche vor dem Holze wetzte er seine Dolche, daß
-Bast und Blätter flogen, und plätzte, daß Moos und
-Mulen nur so sausten. Dann trat er in den Bestand.</p>
-
-<p>Er zog vorsichtig und zaghaft dahin. Der Hase, den
-er aus dem Lager jagte, erschreckte ihn, die Taube, die er
-von der Salzlacke scheuchte, ließ sein Herz klopfen. Aber
-dann warf er wieder mutig den Kopf auf, schlug mit den
-Vorderläufen den Boden, daß das Fallaub stob, und fegte
-mit den Stangen den Bast von einem Eschenbäumchen.</p>
-
-<p>Auf einmal vergaß er Angst und Vorsicht. Aus dem
-Stangenorte klang ein Ton, der ihm in das Herz fuhr, ein
-Laut der Sehnsucht, des Verlangens, der Zärtlichkeit. Das
-war sie, die er so lange nicht gesehen, sein kleines, hübsches
-Schmalreh. Und was ihm da vom Boden aus entgegenduftete,
-das war ihrer Fährte Witterung.</p>
-
-<p>Mit weitgeöffneten Nüstern zog er auf der Fährte
-fort, durch das Altholz, durch den Stangenort, nach dem
-Ellernbruch am Fuchsbach. Und da sah er auch schon
-ihre schlanke Gestalt hellrot auf grünem Himbeerblättergrund.</p>
-
-<p>Spornstreichs trollte er auf sie zu. Aber als er dicht
-bei ihr war, bewegte sich rechts der braune Ellernstumpf,
-und dort stand ein alter, hoher, schwerer, dunkelbrauner Bock
-mit fast weißem Gesicht, über dem acht weiße, scharfe, lange
-Enden im einfallenden Sonnenlichte blitzten. Das war
-Achtzack, der Raufbold, der jedes Jahr am Ende des Juli
-hier erschien und Mitte August wieder verschwand. Einen
-Augenblick lief es dem Vierjährigen kalt und heiß über den
-Ziemer. Dann warf er trotzig den Kopf auf, verdrehte
-die Lichter, daß die weiße Bindehaut teuflisch leuchtete,<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-senkte den Kopf, daß die langen, weißendigen Dolche gefährlich
-funkelten, schlug mit den Vorderläufen den Boden,
-daß Laub und Moos nur so wirbelten, stieß ein tiefes,
-böses Keuchen aus und zog, die Läufe im spanischen Tritt
-setzend, dem Nebenbuhler entgegen.</p>
-
-<p>Achtzack war zuerst ganz starr. So etwas von Frechheit
-war ihm doch noch nicht vorgekommen. Ein Vierjähriger,
-der ihm Trotz bot? Ein zurückgesetzter Bock, der
-noch nicht einmal sechs Enden hatte, hielt ihm stand? Zu
-lächerlich! Sorglos zog er dem Frechling entgegen, ein
-höhnisches Grinsen um den kohlschwarzen Windfang. Gleichgültig
-senkte er den Kopf; mit einem einzigen Stoß wollte
-er ihn abtun, den Dummkopf. Der aber war auf seiner
-Hut. Als die acht Dolche dicht vor ihm waren, wich er
-zur Seite und forkelte blitzschnell von unten nach oben. Es
-klirrte hell und klang hohl und als beide voneinander abließen
-und sich gegenüberstanden, keuchend und jappend, da
-hing Achtzacks linkes Licht als feuerroter, häßlicher Klumpen
-aus der Augenhöhle heraus.</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblick strich der Pirol, der in den
-Zweigen über den beiden Kämpen sich im Flöten geübt
-hatte, entsetzt ab. Denn unter ihm war mit einem Male
-ein Wirbel von Laub und Moos, Kraut und Reisig. Ein
-Kreischen erscholl, laut und schrecklich, und dann klang es,
-als schlüge der Specht gegen einen hohlen Baum, und
-schließlich kam ein Röcheln.</p>
-
-<p>Endlich hörte der Blätterwirbel auf und Achtzack
-tauchte daraus hervor. Seine Dünnungen bebten, seine
-Lungen pfiffen, aus der Brust kam ein tiefes Keuchen.
-Fortwährend schüttelte er den Kopf, an dessen linker Seite
-es rot herunterlief. Aber seine acht Enden waren rot.</p>
-
-<p>Das Schmalreh war abgesprungen, als der Zweikampf
-begann. Achtzack zog ihm auf der Fährte nach, sprengte<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-es, als es vor ihm flüchtig wurde, schlug es noch in die
-Rippen und trieb es in die Tannen.</p>
-
-<p>Gleich darauf huschte ein grüner Schatten durch den
-Wald, tauchte hinter einem Stamme auf, verschwand hinter
-einem andern, kam wieder hervor und war wieder verschwunden.
-Laut schimpfte die Amsel über das Waldgespenst,
-und der Kauz in der Eiche machte große Augen
-und schüttelte den dicken Kopf, denn lautlos zu jagen, hatte
-er gedacht, könnte außer ihm niemand.</p>
-
-<p>Dieses grüne Gespenst war ein Mensch, ein langer,
-junger, blonder, blauäugiger Mann mit braunen Backen und
-Händen, der Förster. Er war wütend. Er hatte eben festgestellt,
-daß die zwölf achtjährigen Weißtannen, die zwischen
-den vielen Rottannen standen, und die zehn Edelebereschen
-zu schanden gefegt waren von einem Bocke.</p>
-
-<p>Außerdem war er falsch, weil er keinen Bock gesehen
-hatte. Er sollte einen auf das Schloß liefern. Vor Tau
-und Tag war er zu Holze gezogen, jetzt war es neun Uhr
-und nichts hatte er gesehen, außer einer alten Ricke. Wenn
-da nur nicht wieder Achtzack die Schuld war. Seit drei
-Jahren machte ihm der das Holz von Böcken blank. Lahm
-hatte er sich gepürscht und krumm gesessen, aber nie konnte
-er ihn fassen. Fünfzig Nächte hatte er sich um die Ohren
-geschlagen, hunderte Abende auf ihn gelauert, aber alles
-war für die Katz' gewesen.</p>
-
-<p>Hastig sog er an seiner Pfeife, daß der Dampf durch
-das Holz zog, lang und breit, wie ein Pferdeschwanz. Da
-blieben seine Augen am Boden hängen. Zwei Fährten
-standen auf die Dickung zu, die zierliche eines Schmalrehs,
-die grobe eines ganz alten Stückes.</p>
-
-<p>Ganz tief bückte er sein Gesicht zum Boden. Seine
-großen Augen glänzten, als er sah, daß an der Fährte des
-rechten Vorderlaufes eine Lücke war.</p>
-
-<p>Gerade, als er sich aufrichtete, hörte er es zu seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-Linken rascheln. Das Rascheln wiederholte sich und mischte
-sich mit einem Geröchel. Der Förster trat einen Schritt
-vor, noch einen, wie eine Katze dahinschleichend, aber im
-nächsten Augenblicke kniete er nieder, faßte den geforkelten
-Bock um die langen Spießer, fuhr mit der rechten Hand
-nach der Hosennaht, kam mit etwas Blitzendem zurück, eine
-schnelle Handbewegung nach der Brust des Bockes, und der
-streckte sich und ließ den Kopf schlaff in das grüne, rotbetaute
-Moos fallen.</p>
-
-<p>Sorgfältig untersuchte der junge Mann den Bock.
-»Dieser Schinder«, murmelte er als er den Kopf umdrehte
-und sah, wie das zerrissene Gescheide fußlang aus den aufgeschlitzten
-Dünnungen hing, »eins, zwei, drei, sechs, acht,
-zehn, vierzehn mal hat er ihn geforkelt. Nun aber ist
-Schluß mein Lieber! Heute mußt du stürzen oder ich will
-die Kunst nicht verstehen!«</p>
-
-<p>Er lud den Bock auf, ging auf das Feld, brach ihn
-auf, rodete den Aufbruch ein und hing den Bock in eine
-Fichte. Dann ging er in weitem Bogen nach dem Fuchsbach
-zurück.</p>
-
-<p>Vor einer großen Samenbuche machte er sich seinen
-Stand zurecht, scharrte leise alles Fallaub beiseite und entfernte
-jeden dürren Ast. Dann suchte er ein halbes Dutzend
-gleichmäßig gewachsener Buchenblätter, schnitt sie zurecht
-und legte sie vor sich auf den Rucksack. Zuletzt schnitt er
-leise einen langen, verästelten Zweig ab und steckte ihn vor
-seinem Stande in den Boden.</p>
-
-<p>Es war ganz still im Walde. Kein Blättchen regte
-sich. Man hörte die Ameisen krabbeln und die Flügel der
-großen Wasserjungfer knistern, die raubend über dem Bach
-hin- und herstrich. Einmal ruckste fern ein Ringeltäuber,
-ein Bussard rief hoch über den Kronen der Buchen, eine
-Maus raschelte im Fallaube.</p>
-
-<p>Der junge Förster rauchte langsam seine Pfeife zu<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-Ende, spannte lautlos die Büchsflinte, zog die Knie hoch
-und legte die Waffe quer über seinen Schoß. Dann nahm
-er eins von den Buchenblättern und hielt es gegen die
-Lippen.</p>
-
-<p>Ein weicher, leiser, zärtlicher Ton erscholl, das sehnsüchtige
-verlangende Fiepen des Schmahlrehs, einmal, zweimal,
-dreimal.</p>
-
-<p>Drüben in der Dickung saß der alte Bock im Bett,
-neben ihm das Schmalreh. Als der dünne, feine Ton erscholl,
-spielten die Lauscher Achtzacks.</p>
-
-<p>Wohl eine Viertelstunde verging, da erklangen noch
-einmal die lockenden Laute. Achtzack stand auf. Aber zu
-oft hatte er in seinem Leben die Erfahrung gemacht, daß
-hinter dem zärtlichen Locken das tödliche Blei wartete, so
-manche Kugel war in seinen grünen Jahren an ihm vorbeigepfiffen,
-wenn er liebeshungrig aus der Dickung gestürmt
-war; mehr wie einmal hatte ihn das Blei gestreift. Gern
-hätte er sich das geliebte Ding aus der Nähe angesehen,
-das da fiepte, denn unbekannt klang ihm die Stimme. Aber
-es würde ja auch wohl noch da sein, wenn es dunkel wäre,
-und wenn nicht, die Kleine neben ihm war ja auch hübsch
-und jung.</p>
-
-<p>Auf einmal aber kam Leben in ihn, denn nun erklang
-der von Scham und Angst erfüllte Klageruf des Rehjüngferchens.
-Was, wagte es wieder einer, ihm ins Gehege
-zu kommen? In seinem Wald, in dem alles ihm gehörte,
-was hübsch und fein war!</p>
-
-<p>Langsam schob er sich durch die Tannen. Alle paar
-Gänge blieb er stehen und sicherte. Aber als das Angstgeschrei
-lauter erscholl, als er deutlich des Nebenbuhlers
-Stürmen und Poltern vernahm, da trat er ganz aus der
-Dickung heraus.</p>
-
-<p>Der Förster, der wie verrückt mit seinem Hute zwischen
-die dürren Zweige am Boden geschlagen hatte, hielt inne,<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-als er von den Tannen her ein ganz feines Geräusch vernahm.
-Ein leises Lächeln ging um seinen Mund. Er
-hielt den Atem an und schloß die Augen bis auf einen
-Spalt.</p>
-
-<p>Lange blieb es drüben still; dann klang das Brechen
-wieder. Aber dieses Mal lauter, näher. Dem Förster
-schlug das Herz und die Büchse zitterte in seinen Händen.
-Er schloß die Augen ganz und atmete tief und
-langsam.</p>
-
-<p>Als er die Augen wieder öffnete, sah er in der Dickung
-einen grauen Fleck. Und darüber, über den schwarzgesäumten
-Lauschern, das schwere, weitausgelegte Gehörn mit den
-roten Enden.</p>
-
-<p>Eine Ewigkeit dünkte ihm die Spanne Zeit, bis daß
-Leben in den grauen Fleck kam, eine Ewigkeit, die ihm das
-Blut wild durch die Adern jagte und den Schweiß aus allen
-Poren trieb. Als aber der graue Fleck sich vorschob und
-ein brauner ihm folgte, da zog er ganz langsam die Büchse
-an die Backe und machte den Finger krumm.</p>
-
-<p>Nach dem Schuß stand er auf und lauschte. Ein paarmal
-brach es noch in den Tannen, dann war alles still. Er
-trat leise an die Dickung, bückte sich, nickte befriedigt, als er
-hellrote Blasen auf den blauen, zerdrückten Glockenblumen
-sah, und ging fort.</p>
-
-<p>Das Schmalreh war erstaunt aus seinem Bette aufgestanden,
-als sein grober Bräutigam es verließ. Das war
-sonst seine Art nicht, bei hellichtem Tage in den raumen Bestand
-zu ziehen. Und er hatte nicht einmal von ihm verlangt,
-daß es mit sollte.</p>
-
-<p>Als es dann so laut donnerte, hatte Schmalrehchen eine
-Flucht gemacht. Aber nur eine, denn zu viel Angst hatte
-es vor seinem rohen Gebieter. Es wußte, er suchte doch auf
-der Fährte, und dann setzte es Hiebe, hageldicht.</p>
-
-<p>Da vernahm es ihn auch schon. Laut brachen die<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-dürren Zweige. Da war er! Aber was ihm nur fehlte?
-Er taumelte, schwankte, stürzte, richtete sich mühsam wieder
-auf, zog drei Schritte voran, brach wieder zusammen und
-blieb liegen.</p>
-
-<p>Verschüchtert zog die Kleine an ihn heran. Sie machte
-ihr liebenswürdigstes Gesicht, denn es war ein launenhafter,
-roher Kerl, der Alte, viel unzarter, viel weniger liebenswürdig
-als ihr erster Liebster.</p>
-
-<p>Matt hob er den Kopf, als sie bei ihm war, und ließ
-ihn wieder fallen. Zärtlich beschnupperte sie ihn, prallte
-aber zurück, denn er hatte eine so seltsame, unheimliche
-Witterung jetzt an sich.</p>
-
-<p>Aber sie blieb bei ihm, eine ganze Stunde lang. Ab und
-zu versuchte er, aufzustehen, aber immer wieder brach er röchelnd
-zusammen, und jedesmal quoll es rot aus seinen Blättern.</p>
-
-<p>Dann überlief ihn ein Zittern, er röchelte noch einmal
-schrecklich, machte sich lang, und von da ab rührte er keinen
-Lauf mehr.</p>
-
-<p>Dann brach es wieder in der Dickung. Das Schmalreh
-stand auf. Menschenworte erklangen: »Zur Fährt, mein
-Hund, so recht, mein Hund! Such verwundt, mein Hund!«</p>
-
-<p>Das Brechen kam näher. Lautes Gehechel eines Hundes
-tönte heran. Das Schmalreh sprang ab, von Entsetzen gepackt.</p>
-
-<p>Hinten in den Birken verhoffte es. Der dumpfe Hals
-des Hundes erklang, dann des Waldhorns heller, froher
-Ruf: »Bock tot!«</p>
-
-<p>Neben dem Bock kniete der Förster. Freudig betrachtete
-er den Kopfschmuck, dessen scharfe Enden noch rot waren
-von dem Mord.</p>
-
-<p>Schmalrehchen aber zog im Wald umher. Es fühlte
-sich einsam. Laut rief es nach einem fühlenden Herzen.
-Das fand sich bald. Es war ein dreijähriger stattlicher Bock.
-Und er war viel liebenswürdiger und nie so grob, wie der
-alte Achtzack.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<h2 id="Boebchen">Böbchen.</h2>
-</div>
-
-<p>Unser Bob war das, was man so im Volke unter
-einem Terrier versteht, denn er war kurzhaarig, von weißer
-Farbe mit schwarzen Flecken, zu kurz koupiert und äußerst
-frech, mithin ein Terrier. Er hatte auch Terrierblut in
-sich, ganz entschieden und er war auch ein hübscher Hund,
-das sagte jeder, und wer langen Fang, hartes Haar usw.
-von ihm verlangte, dem wurde bedeutet, daß Böbchen kein
-Schablonenterrier sei, sondern eine Individualität und mehr
-auf persönliche, denn auf generelle Rasse Wert legte. Seine
-Mutter hatte übrigens blauestes Terrierblut, aber entschieden
-die Tendenz nach unten gehabt, denn Bobs Vater war
-unbekannt und blieb es, denn: <em class="antiqua">la recherche de la paternité
-est interdite</em>. Hatte Bob also nur einen halben Stammbaum,
-so besaß er dafür eine doppelte Portion von Temperament.
-Leider hatte er verhältnismäßig wenig Verwendung dafür,
-sintemal er ein Damenhund war. Er gehörte nämlich
-meiner Schwiegermutter und spielte sich als einziges männliches
-Wesen in der Familie vollkommen als Hausherr auf.</p>
-
-<p>Über ein Jahr dauerte es, ehe die Frage halbwegs entschieden
-war, wer nun Herr im Hause sein sollte, Bob
-oder ich. Bob benahm sich, als ob ich nichts zu sagen
-hätte. Das durfte ich mir nicht gefallen lassen und trat<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-ihm kühn entgegen. Von seiner Seite wurde der Kampf
-mit stundenlangem Kläffen oder Piepen, Kratzen an den
-Türen und heiserem Wutgebell geführt, von mir mit der
-Zwille und Schrot Nr. 6. Die raffinierte Technik siegte;
-Bob erkannte meine physische Überlegenheit in gewisser Hinsicht
-an, besonders wenn es ihm gerade paßte, und gehorchte
-mir, aber nie ohne sein historisches Recht dadurch zu betonen,
-daß er »bö« sagte. Im übrigen liebte er mich trotz
-der Zwille und ungeachtet einer seiner Ansicht nach völlig
-unzweckmäßigen gelegentlichen Verwendung meines rechten
-Absatzes. Er liebte mich allerdings mehr mit dem Verstande,
-mehr aus praktischen Gründen, denn aus innerer
-Neigung; er liebte mich, weil ich mit ihm spazieren ging,
-sehr weit spazieren ging ohne ihn anzuleinen, weil ich ihn
-Emailletöpfe apportieren ließ, ihn Steine aus dem Wasser
-tauchen ließ und die Stellen kannte, wo es Feldmäuse,
-Hamster und Zaunigel gab. Er war von Natur ein Mäusefänger.
-Lief eine Maus durch die Waschküche, dann stand
-er regungslos und wartete, bis die Maus wieder kam, und
-ruhig und besonnen faßte er zu. Dann ging er zu einer
-von den Damen des Hauses, legte die Maus auf ihre Schuhspitze
-und machte hübsch; das hieß: »Ich bitte um ein Stück
-Zucker zum Lohne!«</p>
-
-<p>Aber wilde, richtige wilde Mäuse auf der Stoppel zu
-jagen, das war doch etwas anderes, das war noch schöner,
-als Emailletöpfe zu trudeln und Seife und Ätherflaschen zu
-bekämpfen. Jawohl! Seife beißt, Äther auch, also sind es
-wilde Tiere und wilde Tiere gehören totgebissen, meinte
-Bob. Und so verbellte er die Seife, als wäre sie ein Igel,
-und biß hinein und schimpfte und fluchte, daß ihm der
-Schaum vor der koddrigen Schnauze stand. Genau so
-machte er es mit brennenden Zigarrenstümpfen. »Sterben
-mußt du«, dachte er, »und wenn du noch so beißt«, und
-schließlich kriegte er sie tot. Aber so ein richtiger dicker<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-Zaunigel, das war doch noch schöner, und das beste war
-ein Hamster, ein ganz dicker und fetter, der sich gehörig
-wehren konnte, denn ein Hamster, der ist doch reeller als
-die infamigen Schweinskatzen, die das unfaire Aufdiebäumegeklettre
-nicht lassen können, dachte Böbchen. Aber wehe
-der, die er erwischte; sie mußte hin werden, vorausgesetzt,
-daß es eine alte war; denn jungen Katzen tat er nichts,
-weil er zu kinderlieb und zu sehr Kavalier war.</p>
-
-<p>Letzteres ging daraus hervor, daß er liebendgern Sekt
-trank, nur mußte er sich etwas beruhigt haben, und dann
-aß er Spargelköpfe für sein Leben gern. Leider brach das
-väterliche Erbteil immer wieder bei ihm durch. So war er
-in seinem weiblichen Umgange gar nicht wählerisch und verkehrte
-mit den proletischsten Hündinnen, was ihm den Haß
-des ganzen Stadtviertels einbrachte. Wenn ihn die Hunde
-des Kohlenfuhrmanns nur von weitem sahen, dann murrten
-sie dumpf und das sollte heißen: »Den ganzen Tag nischt
-tun, als bloß fein fressen, und wir können nachher die Alimente
-bezahlen, wo wir doch Tag für Tag mit dem Kohlenwagen
-gehen und aufpassen müssen!« Aber Bob feixte sie
-frech an und knurrte ihnen zu: »Seht euch bloß vor, ich
-habe eine Zwille.« Und das glaubten ihm die Schafköpfe
-wirklich. Einmal aber hatten sie ihn doch zu fassen bekommen
-und er kam als Beefsteak <em class="antiqua">à la Tartare</em> nach Hause.
-Gerade hat der Tierarzt ihn zurechtgeflickt und ich hielt ihn,
-während ich mich von dem Arzte verabschiedete, in der
-Haustüre auf dem Arme. Da ging der eine Kohlenhund
-vorbei und machte eine höhnische Bemerkung. Im Hui
-war Bob von meinem Arme herunter und stürzte auf
-drei Beinen auf ihn los, und da Bob halb in weiße
-Leinwand genäht war, kratzte der andere Hund entsetzt
-aus.</p>
-
-<p>Merkwürdig war es, daß ihm bei seinen nächtlichen
-Debauchen nie etwas zustieß. Er konnte wochenlang den<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-anständigen jungen Mann von Erziehung markieren, aber
-mit einem Male blieb er über Nacht aus. So um vier
-oder fünf Uhr in der Frühe piepte er vor der Haustüre;
-machte man dann nicht sofort auf, so schlug er einen Riesen-
-oder Abgottskrach. Außerdem machte er es so wie manche
-Männer, er beugte vor und schnauzte, sobald er in das
-Haus kam, damit er nicht angeschnauzt wurde. War er
-dann im Hause, so ging er nicht in die obere Etage zu
-meiner Schwiegermutter, sondern in das Erdgeschoß in unsre
-Küche, wo er sich unter den Herd legte. Da blieb er den
-ganzen Tag liegen, roch nach Bier und gemeinen Zigarren,
-aß nichts und soff abscheulich viel Wasser, solchen Brand
-hatte er, und duftete übel. Anfangs wußten wir nie, wo
-er gewesen war; später bekamen wir heraus, daß er in
-einer Destille in der Nachbarschaft verkehrte, wo es einen
-tadellosen Harzkäse gab. Außerdem mußte er noch anderswo
-verkehren, denn als er einmal wieder einen ausschweifenden
-Lebenswandel geführt hatte und ohne Halsband, aber mit
-einem Bombenjammer, sehr dreckig und voll von Flöhen
-heimgekehrt war, kam ein Herr, gab sein Halsband ab und
-sagte, Bob pflege öfter bei ihm zu schlafen; er ginge durch
-das Gitter, hüpfe auf die Veranda und von da in das Eßzimmer,
-wo er auf dem Sofa schlafe. Als wir Bob nach
-Details fragten, wurde er grob, wie immer in solchen Fällen,
-denn das fand er taktlos.</p>
-
-<p>Er war in jeder Beziehung merkwürdig. Er trank nur
-aus einem Glase. Wenn man ihn fragte, er solle zusehen, ob
-oben jemand zu Hause wäre, lief er die Treppe hinauf,
-hängte sich an den Klingelzug und läutete, daß das Haus
-bebte. Wenn er ganz fest schlief und man flüsterte:
-»Brauner Kuchen!« so hörte er das sofort, obschon er
-manchmal tat, als wenn er stocktaub wäre. Wenn es
-draußen nichts anderes gab, bog ich ihm einen Ast herunter
-und dann hängte er sich daran, schwebte frei in der<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-Luft und zerrte knurrend eine halbe Stunde lang darum.
-Er litt an Zahnschmerzen, und war dann oft sehr verdrossen,
-denn er hatte sich an Steinen und Emailletöpfen
-alle Zähne kaputgebissen; aber als er schon zehn Jahre alt war,
-brauchte man nur an einen zentnerschweren Stein oder an
-einen Straßenbahnmasten zu klopfen und zu sagen:
-»Schönes Steinchen!« und dann versuchte er mit furchtbarem
-Getöse, das Ding vor sich herzutrudeln, wie er es
-vor dem Tore stundenlang mit Emailletöpfen und Blecheimern
-zum Vergnügen der Einwohner machte. Niemals
-aber brachte er so ein Möbel mit nach Hause; sobald wir
-in die Nähe der Stadt kamen, stellte er den Pott in den
-ersten besten Hausflur. Als ich jedoch mit ihm einmal
-verreiste und in eine kleine Stadt kam, wo ihn niemand
-kannte, trudelte er seinen Pott durch das ganze Nest und
-nahm ihn in das Gasthaus mit. Außerdem fraß er sehr
-gern Zwetschen, deren Steine er mit hörbarem Avec aus
-der linken Maulecke spuckte.</p>
-
-<p>Als ich ihn kennen lernte, war er ein Augentier; seine
-Nase brauchte er höchstens, um sich von der Beschaffenheit
-der Atmosphärilien, die dem Erdgeschoß entströmten, wo
-die Küche lag, zu überzeugen. Er kannte jeden Freund des
-Hauses von weitem; wenn er vom Fenster plötzlich zur
-Erde sprang und piepend nach der Türe lief, dann wußten
-wir, daß es Besuch gab; nie benahm er sich so, wenn der
-Briefträger kam. Als dann Muk, der blondgelockte Teckel,
-einzog, brachte der ihm bei, daß der Hauptsinn des Hundes
-die Nase sei, und Bob, den jede Hasenspur und alle Rehfährten
-bis dahin völlig kühl gelassen hatten, fand allmählich
-Gefallen am Jagen auf der frischen Fährte, trotzdem er
-damals schon zehn Jahre alt war. Aber so recht kam er
-nicht dahinter, fiel jede neue Fährte an, die die andere
-kreuzte, bis es ihm zu dumm wurde und er reuevoll zu
-seinem Blechtopfe zurückkehrte. Wenn er sich auch manchmal<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-etwas formlos gab, in einer Beziehung hielt er streng
-auf die hergebrachte Sitte.</p>
-
-<p>Ich hatte später einen Teckel namens Putt Battermann,
-einen lieben Hund; ich würde den König und den
-Kronprinzen von Serbien, Castro, und andere entbehrliche
-Gegenstände mit Wonne hergeben, könnte ich Battermann
-damit wieder lebendig machen. Dieser Hund hatte eine
-eigentümliche Angewohnheit, oder vielmehr, er hatte sie nicht,
-denn wenn er ein größeres Geschäft erledigt hatte, machte
-er nie die üblichen drei Kratzfüße hinterher. Als Bob das
-sah, war er starr, ganz schnell lief er hin und scharrte, um
-dem dummen jungen Hunde zu zeigen, was sich gehöre.
-Aber Battermann erklärte ihm, das habe erstens auf dem
-Asphalt keinen Zweck und sei zweitens überhaupt nicht mehr
-Mode. Was sollte Bob machen? Gekratzt mußte werden,
-also kratzte er jedesmal, wenn Battermann das unterließ,
-wenn er sich auch nicht mehr bis zu der betreffenden Stelle
-hinbemühte. Aber er kratzte.</p>
-
-<p>Wenn Bob jagdlich gearbeitet wäre, hätte er sich mit
-Ruhm bedeckt, und wäre er ein Mensch gewesen, hätte der
-Erdball unter ihm so gedröhnt, wie unter dem ersten Napoleon,
-denn was Furcht war, das kannte er nicht. In aller
-Lerchenfrühe nahm ich ihn einmal in den Zoologischen Garten
-mit, aber auch nur einmal, denn hätte ich ihn nicht an
-der Leine gehabt, so hätte ich einen neuen Löwen kaufen
-können. Ohne sich zu besinnen fiel er eine eselsgroße Dogge
-an, und Bullen auf Weidekämpen zu hetzen, das dünkte
-ihm ein harmloses Spiel. Und doch bekam er es einmal,
-ich will nicht sagen mit der Angst, aber mit jenem Gefühl
-der Hilflosigkeit, das den Menschen befällt, wenn er bergab
-radelt, die Pedale verliert und merkt, daß die Bremse versagt.
-Das war in einer Gastwirtschaft; da sah er ein
-großes weißes Tier, das ganz sonderbar roch. Er wollte
-es totbeißen, aber es nahm ihn auf die Hörner und warf<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-ihn in den Busch, daß ihm die Rippen krachten. Mit
-einem furchtbaren Fluche rappelte er sich zusammen und fiel
-das Ungetüm wieder an, aber alle Mühe, die er sich gab,
-es von hinten zu erwischen, war vergebens; mit Schaum
-vor dem Maul und Scham in der Brust schob er ab, ging
-in tiefe Grübelei versunken neben mir nach Hause, beachtete
-die schönsten Blechpötte nicht und aß nichts zu Abend,
-denn allzusehr war sein Selbstbewußtsein zerknittert. Und
-noch etwas gab es, das ihn mit Hilflosigkeit erfüllte, ein
-Floh auf dem Rücken. Dann fühlte er sich wie Lazarus.
-Ganz unglücklich war er, piepte jammervoll und schüttelte
-sich unter den Ecksofas, bis eine Franse nach der andern
-den Weg aller Wolle ging. Sonst kannte er keine Furcht;
-ein Stock versetzte ihn in Ärger, die Hundepeitsche in Zorn
-und die Zwille in schäumende Wut. Aber Angst? Keine
-Spur! Dreizehn Jahre wurde er alt und blieb wie er war,
-immer lustig, immer frech, immer ein Verehrer der Weiblichkeit.
-Ganz plötzlich bekam er Krämpfe und ein Schuß
-gab ihm ein schnelles Ende.</p>
-
-<p>Er hat mich viel geärgert und oft in Wut gebracht,
-wenn er mich durch Piepen und Kratzen bei der Arbeit
-störte. Aber viel Freude habe ich doch an ihm gehabt, und
-immer denken wir gern zurück an unser Böbchen.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Zaunigel">Der Zaunigel.</h2>
-</div>
-
-<p>Außerhalb des Dorfes nach der Heide zu liegt an dem
-Moorbache ein Eichenhain. Ein halbes hundert grauer
-Bauwerke erhebt sich dort, halb versteckt von dem breiten
-Astwerke der alten Eichen. Es sind die Schafställe und
-Scheunen der Bauern, kunstlose, strohgedeckte Fachwerkbauten,
-deren Wände graues Flechtenwerk und gelber Lehmbewurf
-bildet und deren Grundbalken auf dicken Findlingsblöcken
-liegen.</p>
-
-<p>Dort wohnt auch der Schäfer. Eine mächtige Mauer
-aus Ortsteinblöcken, von Moos übersponnen und von Engelsüß
-und Glockenblumen und Efeu überwuchert, hinter der
-sich ein gewaltiger, von Wacholder, Holunder, Stechpalmen
-und Schlehen bewachsener Hagen erhebt, grenzt das Wohnwesen
-gegen die Stallungen ab. Allerlei Getier haust hier;
-in den Strohdächern brüten Rotschwanz und Ackermännchen,
-auch ein paar Schleiereulen und ein paar Käuzchen
-hausen dort, unter den Scheunen haben es Spitzmaus und
-Waldmaus gut, Kröte und Ringelnatter, und nicht minder<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-Wiesel und Iltis. Auch Igel sind hier immer anzutreffen.</p>
-
-<p>Der Schäfer läßt sie gewähren. Sie mögen ihm wohl
-ab und zu ein Ei oder ein Kücken fortnehmen, dafür halten
-sie aber auch die Mäuse kurz. So treiben sie denn ungescheut
-schon am späten Nachmittage im Garten oder auf
-dem Hofe oder unter den Eichen ihr Wesen, und Wasser und
-Lord, die beiden alten Hunde des Schafmeisters, kümmern
-<span id="corr065">sich</span> nicht mehr um sie; nur Widu, der junge Hund, ist noch
-etwas albern und quält sich dann und wann ein Viertelstündchen
-mit einem Igel ab, um schließlich mit zerstochener
-Nase das Spiel aufzugeben. Auch heute hat er das so getrieben
-und hat sich endlich ärgerlich und müde vor den
-Herd gelegt, wo er schläft und im Traume das Stacheltier
-weiter verbellt.</p>
-
-<p>Der Igel hat noch eine volle Viertelstunde zusammengekugelt
-dagelegen, dann hat er sich aufgerollt und ist in das
-Gestrüpp des Hagens gekrochen. Er hatte vor, im Garten
-Schnecken zu suchen, aber der dumme Hund brachte ihn davon
-ab. Und nun krabbelt er in dem alten Laube herum,
-scharrt in dem Mulm und verzehrt laut schmatzend bald
-einen Regenwurm, bald eine Schnecke, dann eine Assel und
-nun eine dicke Spinne. Und jetzt geht es wie ein Ruck durch
-ihn; er hat junge Mäuse pfeifen gehört. Ein Weilchen
-noch verharrt er in seiner aufmerksamen Haltung, dann
-schleicht er vorwärts, macht einen kleinen Satz und stößt
-seine Nase in einen Knäuel fahlen Grases, der zwischen den
-Ortsteinen der Hofmauer steckt. Sechsmal stößt er zu, und
-jedesmal erklingt ein dünner, schriller Todesschrei. Dann
-langt er sich die jungen Mäuschen heraus und schmatzt sie
-hastig auf.</p>
-
-<p>Ein Weilchen schnüffelt er noch an dem Mauseneste
-herum, dann trippelt er weiter, ab und zu fauchend oder
-stehen bleibend und sich mit Krallen oder Zähnen heftig da<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-juckend, wo die Flöhe und Holzböcke ihn am meisten zwicken.
-Bald langsam, bald eilig begibt er sich nach dem Eichenhain.
-Dort gibt es immer allerlei im Grase, ein Taufröschchen
-oder eine fette Raupe, ein Mäuschen oder auch einmal einen
-jungen Vogel, der aus dem Neste fiel. Brrr, macht es
-laut, und ein dickes, braunes Dings stößt mit hartem Anprall
-an die blutende Eiche. Es ist ein Hirschkäfer. Er
-hat gefunden, was er suchte. Gierig steckt er die goldgelbe
-Pinselzunge in den gärenden Saft. Da raschelt es hinter
-ihm. Wütend dreht er sich um und spreizt die scharfbewehrten
-Zangen. Aber schon hat der Igel ihn gefaßt, ihm
-den Leib abgerissen, und während der Kopf des Käfers im
-Grase liegt und mechanisch die Zangen öffnet und schließt,
-knabbert der Igel den dicken Hinterleib vollends auf. Dann
-jagt er unter den Schafställen weiter und sucht einen nach
-dem andern ab.</p>
-
-<p>Viel ist heute da nicht zu finden. Einige Spinnen,
-etliche Käfer, auch ein gutgenährter Regenwurm, das ist
-alles. Es ist zu trocken gewesen den Tag über, die Junisonne
-hatte es reichlich gut gemeint, und der Wind ging
-scharf; das gibt schlechte Jagd. So schiebt denn der Stachelrock
-nach dem Bache zu; vielleicht daß sich dort die Jagd
-besser lohnt. Unterwegs dreht er jedes Blatt um und scharrt
-jeden Grasbusch auseinander, immer prüfend und schnaufend
-und seine Nase in das Moos und in die Blätter bohrend
-und ab und zu sitzend bleibend, um irgend ein kleines Tier
-zu verzehren. Einmal bleibt er lange sitzen; er hat eine alte
-Maus pfeifen gehört, und vorsichtig pürscht er sich näher.
-Jetzt hört er sie dicht bei sich vorüberhuschen. Gleich wird
-sie wieder zurückkommen und dann hat er sie. Aber gerade
-wie er zufahren will, löst sich ein grauer Schatten von der
-Wagenleiter, die Maus quiekt auf und das Käuzchen streicht,
-sie in den dolchbewehrten Fängen haltend, auf die hölzernen
-Pferdeköpfe des Stalles, und der Igel hat das Nachsehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>Mürrisch begibt er sich weiter. Ein Kieferschwärmer,
-der am Nachmittage die Puppe verlassen hatte und sich,
-nachdem er seine Schwingen fertig gereckt hat, nun zum
-ersten Fluge rüstet, verschwindet unter den spitzen Zähnen.
-Ihm folgt eine Ackerschnecke; von der dicken schwarzen
-Schnecke, auf die der Igel stößt, wendet er sich aber mit
-Ekel ab. Sie riecht abscheulich und schmeckt scheußlich. Aber
-das laute, rollende Flöten da in dem anmoorigen Sande am
-Bachufer, das lockt ihn. Ein schnelles Getrippel, ein fester
-Stoß, und schon ist die Maulwurfsgrille erledigt. Weiter
-geht es am Bachufer entlang. Halt, hier hebt sich die Erde.
-Etwa ein Maulwurf? Das wäre kein schlechter Fang. Oder
-gar eine Wühlmaus? Das wäre noch besser. Ganz vorsichtig
-schiebt er sich voran. Lange muß er lauern, ehe die
-Erde sich wieder rührt, aber schließlich kann er zufahren. Er
-stieß zu kurz. Mit jähem Ruck wirft sich die schwarze Erdwühlerin
-in den Bach, daß es plumpst, und nach einer
-langen Besinnungspause wendet sich der Igel wieder den
-Eichen zu.</p>
-
-<p>Hier ein Mistkäfer, da eine Raupe, dort ein Brachkäfer
-und daneben ein Regenwurm, das wird so nebenbei
-alles mitgenommen. Aber was ist das da, was sich da im
-Grase fortschiebt? Der Igel sträubt die Kopfstacheln, steckt
-die Nase vor, rollt sich halb auf und trippelt so auf die Beute
-los. Jetzt ist er bei ihr. Zß, geht es, und einmal, zweimal,
-dreimal fährt die halbwüchsige Kreuzotter gegen seinen
-Stachelpanzer. Ein viertes Mal noch, dann aber nicht mehr.
-Er hat sie überrannt, hat sie mit den Kopfstacheln an den
-Boden gequetscht, hat mit den Zähnen ihren Hinterkopf gefaßt,
-und während sich ihr Leib in wilden Kreisen dreht,
-zerkaut er erst den Kopf und schmatzt ihn hinunter und läßt
-den Leib hinterdrein wandern. Nach einem Viertelstündchen
-verschwindet auch die äußerste Schwanzspitze, die sich immer
-noch windet, in seinem Rachen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p>
-
-<p>Vorläufig ist er nun satt. Spaßeshalber faßt er noch
-einen großen Taufrosch, der ihm dicht vor die Nase hüpft
-an das Hinterbein, aber gerade als der arme Frosch seinen
-schrillen Todesschrei hören läßt, gibt ihn sein Bezwinger
-frei und der Frosch springt in gewaltigen, ungeschickten
-Sätzen ab. Ganz furchtbar eilig trippelt der Igel nach dem
-Weißdornbusch hin, der sich neben einem der Schafställe
-spreizt. Der leise Luftzug weht ihm von da eine Kunde zu,
-die ihn ungestüm vorwärts treibt. Ohne eine Pause zu
-machen, trippelt er in schnurgerader Richtung weiter, und
-gerade als die Dorfuhr ausholt um die zehnte Stunde zu
-verkündigen, gerade als des Nachtwächters Horn hohl an zu
-heulen fängt, langt der Igel vor dem Busche an.</p>
-
-<p>Da ist noch ein Igel, ein dicker, großer Igel, der eben
-einen langen, dicken Tauwurm hübsch langsam aus seiner
-Erdröhre herauszieht. Wie besessen stürzt der erste Igel
-auf ihn zu. Blitzschnell wendet der andere sich um und
-beißt nach ihm. Verdutzt bleibt der erste sitzen, dann nähert
-er sich wieder dem anderen. Wieder setzt es einen Hieb,
-wieder gibt es eine Verlegenheitspause, und so zehnmal und
-noch zehnmal. Und dann schlägt der erste Igel eine andere
-Taktik ein. Schnaufend und fauchend trippelt er um den
-anderen und versucht, sich ihm von hinten zu nähern, dieser
-aber dreht sich schnaufend und fauchend fortwährend im
-Kreise herum und wehrt jeden Annäherungsversuch mit einem
-blitzschnellen Bisse ab. Schließlich sitzen sie sich beide gegenüber,
-daß ihre Schnauzen sich fast berühren, und verschnaufen,
-der Igel überlegend, wie er sich wohl beliebt machen könne,
-die Igelin immer zur Abwehr bereit.</p>
-
-<p>Bisher war der Igel immer von rechts nach links um
-seine Auserkorene herumgetrippelt; jetzt versuchte er es in der
-umgekehrten Richtung. So muß auch die Igelin von links
-nach rechts sich im Kreise drehen. Wenn er sie zehn- oder
-zwölfmal umkreist hat, wird er plump vertraulich. Dann setzt<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-es von ihr aus einen Schmiß. Verdutzt bleibt er dann
-sitzen und überlegt den Fall, und sie bleibt auch sitzen. Sie
-sehen sich mit ihren kleinen schwarzen Augen an, Nase an
-Nase, bis er wieder Mut bekommt und von neuem um sie
-herumtrippelt, jetzt von links nach rechts, nach dem nächsten
-Hiebe von rechts nach links, dann wieder umgekehrt und so
-weiter.</p>
-
-<p>Elf Uhr schlägt die Turmuhr; elfmal heult des Wächters
-Horn. Immer noch murksen und fauchen die beiden stachligen
-Liebesleute umeinander herum. Es wird Mitternacht;
-das sonderbare Karussel ist noch immer im Gange. Es
-schlägt ein Uhr; er ist noch immer nicht müde, sie zu umwerben,
-und ihre Sprödigkeit hält immer noch an. Es
-schlägt zwei Uhr; noch immer trippelt er fauchend und pustend
-um sie herum, bald von rechts, bald von links, und
-nach jedem Hiebe, den sie ihm versetzt, hält er inne und
-überlegt, ob es nicht besser sei, ihr von der andren Seite zu
-nahen. Eine halbe Stunde bleibt der Jagdaufseher bei dem
-Paare stehen und lacht und schüttelt den Kopf, bis die
-Helligkeit im Osten ihm sagt, daß es Zeit für ihn werde,
-nach dem Moore zu gehen. Schon singt der Rotschwanz von
-dem Dachfirst, die Schleiereule sucht ihr Loch am Giebel,
-der Igel und die Igelin tanzen immer noch ihren sonderbaren
-Reigen; erst als die Amsel zeternd zur Regenwurmsuche
-ausfliegt, verschwindet sie unter dem Stalle und er folgt ihr
-nach. Als der Schäfer die Schafe ausläßt, hört er unter
-dem Estrich das Gefauche und Geschnaube und ruft dem
-jungen Hunde zu: »Widu, bring sie zur Ruhe!« Aber
-Widu mag nicht; er hat von gestern genug.</p>
-
-<p>Der Juni geht hin und der Juli auch. Als die Frau
-des Schäfers den Komposthaufen auseinander stößt, findet sie
-in einem Haufen welken Grases fünf kleine, rosige, weißstacheliche
-Dingerchen neben der alten Igelin liegen. Nachmittags
-will sie sie ihrem Manne zeigen, aber sie sind nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-mehr zu finden. Die Igelin hat ihre Jungen verschleppt.
-Unter dem alten Schlehbusche hat sie ihnen ein neues Nest
-gekratzt und sie warm zugedeckt. Da säugt sie sie tagsüber,
-aber nachts treibt sie sich im Garten umher und frißt sich
-an Schnecken und Würmern dick, scharrt Mäusenester aus
-und fängt junge Frösche, schont auch die junge Brut der
-Rotkehlchen, trotz des Gezeters der Alten, nicht und nimmt
-auch die junge Amsel mit, die ihr in den Weg tolpatscht,
-wie sie denn auch mit den nackten Wieselchen, die sie aufstöbert,
-nicht viel Federlesens macht. Sogar die große
-Wanderratte, die sich in dem Schlageisen gefangen hatte,
-muß daran glauben; trotz ihres Strampelns und Quietschens
-wird sie totgebissen und bis auf Kopf, Fell und Schwanz
-aufgefressen.</p>
-
-<p>Nach vier Wochen führt die Igelin ihre fünf Kleinen
-aus. Eines Abends, als der Schäfer vor der Türe sitzt
-und seine Pfeife raucht, raschelt es hinter dem Brennholze
-und da kommt erst schnaubend und prustend die Igelin angetrippelt
-und hinter ihr wackeln die fünf Kleinen. Der
-Schäfer ist ein ernster Mann und lacht selten; heute aber
-muß er doch lachen, denn es sieht zu putzig aus, wie die
-kleinen Dinger hinter der Alten herbummeln, überall kratzen
-und scharren und ihre Nasen in alle Löcher am Boden
-stecken, oder hastig hineinrennen, wenn die Mutter einen
-tüchtigen Wurm bloßgescharrt hat und ihn sich von den
-Kleinen fortnehmen läßt. Seit der Zeit ist es für den
-Schäfer und seine Frau ein Hauptvergnügen, den Igeln
-zuzusehen, und damit sie nicht gestört werden, wird Widu
-jeden Abend angelegt. Auch allerlei Eßbares legt der
-Mann den Igeln hin; Butterbrot verschmähten sie, aber
-frisches Fleisch nahmen sie gern, und auch kleine Fische, die
-der Schäfer für die Hechtangeln gefangen hatte. Als der
-Schäfer sah, daß die Igelin sich immer so viel kratze, fing
-er sie, und als er fand, daß sie voller Ungeziefer saß, salbte<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-er sie mit der Schmiere, mit der er seinen Schafen das Ungeziefer
-vertrieb. Seitdem gab sie das Kratzen auf.</p>
-
-<p>Mittlerweile wurden die kleinen Igel immer größer,
-hielten auch nicht mehr zu der Alten, sondern gingen ihre
-eigenen Wege, und wenn sie der Alten begegneten, wurden
-sie von ihr weggebissen. So wanderten sie denn aus; der
-eine in die Heidberge, der andere in die Eichen, der dritte
-in den Wiesenbusch, noch einer in das Dorf und der letzte
-nach dem Immenzaun, und wenn der Schäfer einen von
-ihnen antraf, denn er kannte sie gleich wieder, weil er ihnen
-allen, dem einen am Kopfe, den andern hier oder da am
-Rücken, ein Büschelchen Stacheln abgeschoren hatte, dann
-zeigte er sie den Leuten und sagte: »Das ist einer von
-meinem Hofe.« Bis in den Herbst hinein sah er bald hier,
-bald da einen von seinen Igeln, und sogar im Februar,
-als nach einem leichten Schnee die Sonne schön warm
-schien, traf er die alte Igelin am hellen Nachmittage vor
-der großen Hecke am Immenzaun, und nahm sie mit und
-setzte sie in den Schafstall, und als im März die Sonne
-die Oberhand bekam, traf er fast jeden Abend einen Igel
-an im Garten, auf dem Hofe oder unter den Eichen und
-hatte sein Vergnügen an ihnen.</p>
-
-<p>Eines Tages aber kam eine Zigeunerbande zugewandert
-und der Vorsteher wies ihnen die Heide bei den Eichen als
-Lagerstätte an. Während die Männer sich überall herumtrieben
-und die Weibsleute wahrsagen gingen, zogen die
-Jungens auf die Igeljagd. Sie hatten Stöcke, an denen
-oben ein langer, dicker, spitzgefeilter Draht befestigt war,
-und damit stachen sie in alle Laubhaufen, Hecken und unter
-die Schafställe. Ab und zu quietschte es und einer von den
-Bengeln zog einen aufgespießten Igel aus seinem Verstecke,
-den er dann totschlug.</p>
-
-<p>Abend für Abend saß der Schäfer auf der Bank vor
-der Tür und wartete auf seine Igel. Er sah sie nie wieder.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span></p>
-
-<h2 id="Jakob">Jakob.</h2>
-</div>
-
-<p>Mitten im Bruche stand eine gewaltige, hochschäftige,
-breitkronige Kiefer, ein Wahrbaum für die ganze Gegend.</p>
-
-<p>In ihr horstete Jahr für Jahr ein Kohlrabenpaar und
-erfüllte im April das Bruch mit seinen rauhen Balzrufen.</p>
-
-<p>Ab und zu versuchten Schreiadler, Wanderfalken oder
-Habichte den Raben den Horstbaum abzutreiben, aber die
-Raben hatten zu grobe Schnäbel und blieben stets siegreich.</p>
-
-<p>An einem schönen Junimorgen kam ein junger Jäger
-unter dem Wahrbaume her und sah einen fast flüggen
-Raben im Heidekraute sitzen. Er nahm ihn mit und verschenkte
-ihn an Bekannte in der Stadt, die in ihrem Garten
-allerlei Tiere hielten.</p>
-
-<p>Es gab einen großen Aufstand in dem Garten, als
-Jakob, wie das schwarze Ungetüm genannt wurde, auf den
-Rasen gesetzt wurde. Jaköble, der Häher, war ganz entsetzt,
-als das großmächtige Rabenvieh seinen Riesenrachen
-aufsperrte und ihm auf den Leib rückte; aber schließlich holte
-er Futter und stopfte es ihm in den roten Schlund. Auch
-Jackelchen, die Elster, kam herangehüpft, sah sich das<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-Scheusal an und als das Gegiere nicht aufhören wollte, holte
-sie irgend etwas Eßbares und tat es vorsichtig in Jakobs
-unersättlichen Schnabel.</p>
-
-<p>Jakob war immer hungrig. Was man ihm gab, das
-war ihm ganz gleich; er schlang alles hinab. Und wenn
-man ihn auch gerade gefüttert hatte, und irgend etwas,
-das Federn hatte, kam ihm in den Weg, ganz gleich, ob
-Jaköble oder Jackelchen oder Adam, der Turmfalke, oder
-Hans, der Waldkauz, oder eins von den Hühnern, es
-wurde angeplärrt. Ja, als einmal das Stubenmädchen aus
-Versehen den Flederwisch in den Garten fallen ließ, hüpfte
-Jakob sofort heran und schrie nach Futter und ein anderes
-Mal machte er den Versuch, einen Federhut, der auf dem
-Gartenstuhl lag, zu bewegen, ihm den Hals zu stopfen.</p>
-
-<p>Eines Nachmittags war die ganze Familie ausgegangen.
-Vor einer Stunde war in Jakob, die Dranktonne, wie die
-Mutter ihn auch noch nannte, erst soviel hineingestopft, wie
-nur hineingehen wollte, aber unaufhörlich hüpfte das gefräßige
-Ungetier im Garten umher und stieß seinen Heißhungerschrei
-aus. Da Jaköble und Jackelchen eingesperrt
-waren, damit sie keine Dummheiten machen sollten und
-Adam, der Turmfalke, in der Nachbarschaft Besuche machte,
-plärrte Jakob solange dem Kauze Hans etwas vor, bis es
-diesem auf die Nerven ging. Er bequemte sich also nach
-seiner Futteranstalt in der Efeuberankung des Aquariumsockels,
-holte ein Stückchen Fleisch hervor und hielt es
-Jakob vor, damit er es ihm fortreiße, wie es die jungen
-Eulen machen. Aber Jakob kannte die Sitten der Eulen
-nicht und schrie nur noch scheußlicher und da wurde es
-Hans zu dumm und er tat, was noch nie eine Eule getan
-hatte, er stopfte Jakob das Fleisch in den Rachen.</p>
-
-<p>Es dauerte sehr lange, ehe daß der junge Rabe fressen
-konnte und noch, als er schon beflogen war, krächzte er
-hinter allem, was eine Schürze trug oder in Federn gekleidet<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-war, hinterdrein und bettelte um Futter. Schließlich
-bequemte er sich aber doch dazu, selber zu fressen und als
-er das erst verstand, war nichts mehr vor ihm sicher.
-Jaköble und Jackelchen mußten scharf aufpassen, daß sie
-überhaupt etwas bekamen. Nur vor Hans hatte Jakob
-Achtung, denn der konnte seine großen Augen so seltsam
-auf- und zuklappen und so gefährlich mit dem Schnabel
-klappen. Das merkte sich Jaköble, der Häher bald, und da
-er mit dem Kauz gut Freund war, so stopfte er ihm immer
-den Rest von seinem Futter unter den Flügel, so daß er
-sicher vor Jakob dem Großen war. Kam Jaköble mit
-einem Fleischbröckchen angehüpft, so lüftete Hans sofort den
-Fittich und Jakob mußte zusehen, wie das Fleisch unter
-Hansens Achsel verschwand. Ab und zu versuchte er wohl,
-Hans am Schwanze zu ziehen, damit er das Fleisch fallen
-lasse, aber wenn die Eule sich dann umdrehte, die großen
-schwarzen Augen aufriß und mit dem Schnabel klappte,
-dann fuhr Jakob zurück, als wenn, ja, als wenn eine überreife
-Birne neben ihm hingeplatscht wäre. Denn so frech
-er war, er hatte in der großen Stadt Nerven bekommen.
-Wenn eine Tür zuflog, verjagte er sich und schrie: »Kräcks«.</p>
-
-<p>Sonst aber war er frech, wie es eben nur ein Kolkrabe
-sein kann. Er hatte vor niemand Achtung, als vor dem
-Besen und vor Hans. Wehe dem jungen Mädchen, das
-mit roten Strümpfen in den Garten kam; sie empfing einen
-Hieb in die Wade, daß sie noch lange einen blauen Fleck
-behielt. Blieb ein Buch im Garten liegen, so las Jakob
-auf seine Art darin und die Fetzen flogen überall herum.
-Erwischte er den Drückschlüssel des Hausherrn, so stopfte er
-das dreieckige Loch ganz fest mit faulen Blättern voll und
-stand ein Stuhl vor der Tür, so machte er es mit dem
-Schlüsselloche genau so. Unglücklich der Hund, der sich im
-Garten sehen ließ. Jakob lauerte in seinem Verstecke, bis
-der Hund vorbeikam. Wupps, wischte er ihm eins und saß<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-sofort auf dem Tisch oder der Stuhllehne und der Hund
-zog mit eingekniffenem Schwanze fort. Katzen kamen nie
-mehr in den Garten. Sowie sich eine sehen ließ, um nach
-jungen Amseln zu fahnden, machte Adam einen schrecklichen
-Lärm und Jakob brannte ihr eins auf das Fell, daß sie wie
-wahnsinnig über den Zaun fuhr.</p>
-
-<p>Er saß voller Unarten, aber da er so ulkig war, sah
-man darüber hinweg, daß er die Butter aus der Dose
-hackte oder wenn der Aquariumdeckel offen stand, fischte.
-Dann saß er eine ganze Stunde auf dem Rande des Gefäßes
-und sobald ein Goldfisch emporkam, erhielt er einen
-tödlichen Schnabelhieb und wurde verspeist. Ebenso ging
-es auch den unglücklichen Fröschen, die sich in den Garten
-verirrten und mehr als einmal erwischte Jakob sogar eine
-Maus und einmal sogar einen Maulwurf, den er in die
-Laube brachte, wo die Familie beim Kaffeetische saß. Jakob
-legte seine Beute in den Weißbrotkorb und sagte: »Quatsch!«</p>
-
-<p>Das war sein Hauptwort. Einmal kam ein Herr und
-besuchte den Hausherrn. Als er sich verabschiedete und
-sagte: »Hoffentlich haben Sie für Ihre Heidfahrt schönes
-Wetter!« unkte Jakob dazwischen: »Quatsch, Quatschquatsch!«
-Ein anderes Mal kam der Pastor und erzählte, wie traurig
-es mit dem Nachbar stehe, der nicht leben und nicht sterben
-könne. »Quatsch!« rief Jakob und der geistliche Herr erschrak
-sich sehr, denn die Stimme kam unter seinem Stuhle
-her. Wieder einmal kam ein junger Geck zu Besuch und
-stellte seine Angströhre hinter sich auf den Rasen. Als er
-sie aufsetzte, rieselte ihm Sand daraus über sein Pomadenhaar.
-»Was ist denn das?« lispelte er. »Quatsch!« rief
-Jakob und machte ein Gesicht, als könne er kein Wässerchen
-trüben.</p>
-
-<p>Immerwege hatte er Dummheiten im Kopfe. Eines
-Tages ging die Familie aus und vergaß ihn einzusperren.
-Auf dem Rasen lag die Wäsche zum Bleichen. Jakob<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-pflückte sich Kirschen, setzte sich damit auf die Wäsche und
-massakrierte die Kirschen, daß der rote Saft nur so herumstob.
-Sechs Hemden und vier Unterröcke mußten noch einmal
-gewaschen werden. Im Frühjahr wurden Maßliebchen
-gepflanzt, abwechselnd rote und weiße. Nach dem Mittagessen
-gab es ein großes Geschrei: alle Maßliebchen waren
-geköpft und Jakob stand vor zwei Löchern, die er in ein
-Beet gehackt hatte und besah wohlgefällig seine Sammlung;
-in dem einen Loche lagen die weißen, in dem andern die
-roten Blumen.</p>
-
-<p>Zu seinem Hauptvergnügen gehörte es, sich auf das
-Eisen der Harke zu setzen, wenn die Gartenwege geharkt
-wurden; dann benahm er sich so stolz, wie ein Mann, der
-sich eine Sonntagsdroschke geleistet hatte. Einmal stellte er
-sich tapprig dabei an und büßte einen Zeh dadurch ein. Er
-plärrte eine halbe Stunde lang und verzichtete fortan auf
-das Fahren auf der Harke. Sehr albern benahm er sich
-einige Tage später. Er flog auf die schlappe Waschleine
-und konnte das Gleichgewicht nicht halten. Ein Vaterunser
-lang schaukelte er auf der Leine hin und her und schrie, als
-zöge man ihm die Federn einzeln aus. Gräßlich dämlich benahm
-er sich, als ihm ein Besucher eine Küchentüte über
-den Kopf stülpte. Erst saß er ganz begossen da, dann
-schüttelte er den Kopf wie unklug, darauf versuchte er Rad
-zu schlagen und Kobolz zu schießen, schließlich hüpfte er im
-Kreise und schlug mit den Flügeln, wie eine verrückt gewordene
-Windmühle. Seitdem haßte er alle Tüten.</p>
-
-<p>Am alleralbernsten aber stellte er sich an, als er den
-ersten Schnee seines Lebens sah. Erst machte er ein Gesicht
-wie eine Kuh, die es donnern hört. Dann fraß er ein
-bißchen von dem weißen Zeug. Darauf warf er Stücke
-davon in die Luft, kratzte darin herum und schließlich kollerte
-er sich darin umher. Plötzlich machte er die Entdeckung,
-daß er eiskalte Füße hatte. Er zog den einen Fuß an,<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-aber der andere blieb kalt. Dann zog er den linken an,
-aber nun wurde wieder der rechte kalt. Auf einmal begann
-er so erbärmlich zu quaken, daß das ganze Haus
-zusammenlief. Seitdem haßte er auch den Schnee und
-ging nicht mehr auf die Wäsche, wenn sie zum Bleichen im
-Garten lag.</p>
-
-<p>Eines Tages hatte er Durst und fand ein volles Glas
-Bier stehen. Erst schmeckte es ihm nicht, aber der Durst
-trieb es hinunter. Als der Hausherr zurückkam, war das
-Glas umgeworfen und Jakob war so betrunken, wie ein
-Pole am Zahltage. Erst sprach er so schnell, wie er es
-noch nie getan hatte. »Quaquaquaquaquatsch«, wohl hundert
-Male, dann versuchte er zu krähen, bekam aber den
-Schlucken. Alsdann versuchte er geradeaus zu gehen,
-taumelte aber, wie ein Anfänger beim Radfahren; dann flog
-er steil in die Luft und kam mit großem Geflatter und noch
-größerem Gekrächze wieder herunter und zwar in einem
-Rosenbusche, in dem er so lange herumkrabbelte, bis der
-Hausherr, der sich halbtot lachen wollte, ihn erlöste.
-Darauf versank er in Melancholie, zog den Kopf ein und
-stierte eine Weile vor sich hin, um dann wie verrückt auf die
-Waschschüssel loszustürzen und diese, als er sie leer fand,
-mit Schnabelhieben zu bedecken. Er bekam Wasser und
-trank so viel, wie er sonst in einer ganzen Woche nicht
-trank. Nun überfiel ihn der Zerstörungskoller und er riß
-Gras und Blätter ab und sprang dabei herum, wie ein
-Mensch, der die Hosen voller Ameisen hat. Und dann verschwand
-er und kam erst spät am andern Morgen mit sehr
-schlechter Laune, großem Brand und völliger Freßunlust
-wieder zum Vorschein.</p>
-
-<p>Als er drei Jahre alt war, war er ein vollendeter
-Heuchler und ein gerissener Dieb und wurde deshalb auf
-das Land verschenkt. Dort führte er sich aber so übel auf,
-daß man ihn in einen Käfig sperrte. Aber selbst das half<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-nichts; wenn die Kücken auf dem Hofe herumliefen, lockte
-Jakob genau so, wie die Klucke und sowie eins der Kücken
-an seinen Käfig kam, schnappte er zu und zog es hinein.
-Schließlich trieb er es so arg, daß man ihn dem Zoologischen
-Garten schenkte.</p>
-
-<p>Da sitzt er heute noch, läßt sich von den Besuchern
-füttern und sagt zum Dank: »Quatsch!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p>
-
-<h2 id="Hausfriedensbruch">Hausfriedensbruch.</h2>
-</div>
-
-<p>Er war von jeher dagegen gewesen, aber sie wollte
-es gern, und so mußte er sich fügen; was sollte er
-machen?</p>
-
-<p>»Sieh mal, Watschelinchen,« hatte er gesagt, »zu was
-willst Du in der Stadt wohnen? Erstens kennst Du
-niemand dort, zweitens wohnt Dir allerlei ruppiges Volk
-vor dem Schnabel herum, diese Radaumacher von Turmschwalben
-und dieses gemeine Spatzengesindel; und dann die
-Luft! Na, ich sage Dir bloß, Du wirst Dich wundern!
-Dein schönes Changierendes ist da bald hin vor dem Ruß.
-Und was muß man weit fliegen, um satt zu werden! Hier
-im Walde hast Du die fettsten Schnecken und die besten
-Regenwürmer dicht bei der Wohnung. Und alle Nachbarn
-sind nette Leute: der Pirol, so elegant und stolz er ist, Dir
-singt er gern etwas vor. Und der Trauerfliegenschnäpper
-besucht Dich, wenn Du brütest, Buchfink, Mönch, Schwirrsänger,
-sie alle sind nett zu uns. Und ist Dir diese Wohnung
-nicht groß und hübsch genug, ein freundliches Wort,<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-und Spitzhack, der Specht, baut Dir eine andere. Laß uns
-nur im Walde bleiben.«</p>
-
-<p>Sie ließ ihn ruhig ausreden wie immer, machte nur die
-Augen halb zu und ließ die Flügel herunterhängen; und
-dann fing sie an:</p>
-
-<p>»Ja, Dickkopp, das ist ja alles ganz gut und schön.
-Aber das mit den Spatzen und Mauerschwalben, das wird
-nur halb so schlimm sein. Und das mit dem Ruß auch.
-Und überhaupt, mein gutes Zeug ist doch immer gleich hin
-von dem Brüten und Kinderpäppeln. Und Du hast gut
-reden von Unterhaltung hier; was wissen die denn alle hier
-zu erzählen? Immer dasselbe langweilige Zeug: daß es bei
-Markwarts Krach gegeben hat, daß die Taubersche die Eier
-hat kalt werden lassen, daß die Amsel kleine Vogelkinder
-fressen soll und weiter nichts. Und das ewige Gedudel von
-dem Pirol, das hängt mir schon zum Schnabel heraus; immer
-dasselbe und immer dasselbe und hinterher dieses alte Geknarre;
-schließlich geht es einem auf die Nerven. Du hast
-natürlich gut reden: Du fliegst hierhin und dahin und triffst
-bald den oder bald die, und da hörst Du immer allerlei
-Neues und erlebst vielleicht auch mal ein Abenteuerchen,
-nicht wahr, Kopp? Ich aber, ich sitze hier in dem engen
-Loch, brüte mich dumm und albern und höre und sehe von
-der Welt nichts. Höchstens, daß Schnurrjahn einmal vorkommt
-und mich ein bißchen unterhält. Und die Wohnung?
-Ach, Du lieber Himmel! Eng und feucht und voll Ameisen,
-und jedes Frühjahr großes Reinemachen, bis man den
-Fledermausmist heraus hat, na, ich danke. Und dabei
-stehen in der Stadt die schönsten, hellsten, luftigsten Villen
-frei!«</p>
-
-<p>Dickkopp sagte nichts mehr. Wenn seine Frau »Kopp«
-zu ihm sagte und auf seine kleinen galanten Abenteuer
-draußen anspielte, dann tat er am besten, den Schnabel zu
-halten. Und daß sie außerdem von Schnurrjahn anfing,<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-diesem alten Poussierstengel, der nichts lieber tat, als anderer
-Stare Frauen schön zu tun, das schätzte er nun schon
-gar nicht. So sagte er Ja und Amen, und sie zogen in die
-Stadt.</p>
-
-<p>Eine Wohnung war bald gefunden. In einem großen
-Garten lag sie und hing in einem Zwetschenbaume. Blumenbeete
-waren da, ein Springbrunnen zum Baden und Trinken,
-Rasen mit Regenwürmern, Beete mit Schnecken, Kirschbäume
-waren in der Nähe und gar nicht weit davon war
-am Teiche eine ungeheure Pappel, der richtige Versammlungsplatz,
-wie die Stare ihn lieben, und viel Rohr, im
-Herbst eine gute Schlafstatt. Dickkopp war sehr zufrieden
-und Watschelinchen erst recht.</p>
-
-<p>Die erste Zeit ging es sehr gut. Er saß vor dem Hause,
-schlug mit den Flügeln und sang nach Herzenslust. Sie
-schlüpfte aus und ein, holte Hälmchen und Federchen und
-richtete die Wohnung ein. Heimlich stöhnte sie zwar ein bißchen,
-denn das große Haus machte doppelte Arbeit, aber sie ließ
-sich nichts merken.</p>
-
-<p>Bald aber stellten sich allerlei Unannehmlichkeiten heraus.
-Erstens zog es in der Wohnung; es war ein richtiger
-städtischer Schwindelbau; und durchregnen tat es manchmal
-auch. Und alle Naselang steckte ein frecher Spatz seinen
-Kopf herein, machte faule Witze über Watscheline oder behauptete
-gar, sie hätte hier nichts zu suchen. Im Mai, als
-sie schon längst Eier hatte, fand sie, als sie vom Baden zurückkam,
-eine große, weißbunte Katze an ihrem Hause beschäftigt.
-Watscheline machte solchen Lärm, daß der Besitzer
-des Gartens kam und die Katze herunterschoß; darüber war
-sie froh, aber der Schreck lag ihr noch drei Tage in den
-Gliedern.</p>
-
-<p>Allmählich bekam sie auch Nerven. Erst hatte ihr das
-städtische Leben Spaß gemacht, aber dieser ewige Lärm der
-Wagen und der Straßenbahn, dieses rücksichtslose Schreien<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-und Türenzuschlagen, dieses Ausrufen und Peitschenknallen,
-und vor allem das ewige Geschilpe der Spatzen und das Geschrei
-der Turmschwalben war auf die Dauer nicht auszuhalten.
-Und von allen ihren alten Bekannten sah und hörte
-sie nichts: noch nicht einmal Schnurrjahn kam und erzählte
-ihr, wie es im Walde aussähe.</p>
-
-<p>Dann gab es noch dieses und das, was nicht schön war.
-Der Ruß war wirklich arg; sie brauchte die doppelte Zeit
-zum Waschen. Und bis sie sich an die Leitungsdrähte gewöhnte,
-das hatte auch lange gedauert. Und niemals konnte
-sie, wenn sie in den Anlagen Würmer suchte, wissen, ob
-nicht so ein Menschenjunges mit der Schleuder oder mit
-dem Flitzbogen oder dem Pustrohr ihr zu Leibe wollte.
-Und die Regenwürmer in der Stadt waren zäh von dem
-Schwefelsäuregehalt des Bodens. Und nahm sie sich eine
-Kirsche, dann gab es Unfrieden mit den Besitzern. Manchmal
-wünschte sie, sie wäre in ihrer alten Wohnung im
-Walde geblieben, aber sie wollte ihrem Manne nicht so
-schnell recht geben, und dann waren ja auch die Kleinen da,
-und als die groß waren, da mußte sie wieder sitzen und
-brüten.</p>
-
-<p>Endlich war auch die zweite Brut flügge und nach einigen
-Wochen selbständig. Watscheline war froh; sie sah zu, daß
-sie ihr altes Zeug los wurde, schaffte sich ein pikfeines,
-schöngemustertes Reisekleid an und machte mit ihrem Alten
-Ausflüge in die Umgegend. Heute war man am Fluß, wo
-Tausende von Staren im Krummet Käfer suchten, morgen
-besuchte man den Wald und ließ sich vom Spitzhack Specht
-erzählen, was dort unterdessen geschehen sei. Der Pirol
-war schon fort, die Taube hatte zweimal faul gebrütet, die
-jungen Fliegenschnäpper waren von der Eichkatze gefressen,
-den Häher hatte der Förster totgeschossen.</p>
-
-<p>Als die Bäume schon mehr gelbe Blätter bekamen,
-meinte Dickkopp, jetzt sei es Zeit, zum Süden zu reisen, erst<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-nach der Pfalz, wo jetzt die schönen Trauben reif wären,
-dann nach Italien und Spanien, vielleicht auch nach dem
-Balkan, und bei gutem Wind auf eine Mittelmeerinsel.
-Watscheline war es zufrieden; den letzten Winter, der sehr
-milde gewesen war, waren sie im Lande geblieben, aber sie
-hatten es bereut, denn es regnete viel, und wenn einmal
-Frost und Schnee einsetzte, dann sah es mit der Beköstigung
-recht mäßig aus. Aber sie meinte, sie müsse erst noch einmal
-nach der Wohnung sehen, und Dickkopp stimmte zu.
-So flogen sie denn zu ihrer Gartenvilla.</p>
-
-<p>Schon von weitem sahen sie ihr Häuschen im halbkahlen
-Baum zwischen den blaubereiften Zwetschen. Als
-sie aber näher kamen, saß ein dicker, frecher, alter Spatz
-darin und tat so, als ob er immer darin gewesen wäre.
-Dickkopp als diplomatisch veranlagter, besonnener Mann
-setzte sich oben auf das Dach und sah sich den frechen Kerl
-von diesem höheren Standpunkte aus an, überlegend, was
-da zu machen sei. Watscheline aber fuhr wie wild auf den
-Eindringling los.</p>
-
-<p>»Sie, was soll das heißen? Was fällt Ihnen denn ein?
-Was machen Sie da?«</p>
-
-<p>»Ich sitze hier, wie Sie sehen,« sagte der Spatz, und
-seine Augen funkelten höhnisch.</p>
-
-<p>»Solche Unverschämtheit,« zeterte Watscheline los, »er
-sitzt da in anderer Leute Wohnung. Machen Sie, daß
-Sie herauskommen, oder ich bringe Ihnen Manieren bei.«</p>
-
-<p>»Sie haben ja selber keine übrig,« ödete der Sperling,
-»behalten Sie das bißchen man alleine; ich will Sie nicht
-berauben.«</p>
-
-<p>»Mann, Vater,« schrie Watscheline, »hast Du gehört?
-Das ist doch zu frech! So ein Prolet! Schmeiß ihn heraus,
-Dickkopp!«</p>
-
-<p>»Dickkopp ist gut,« sprach der Spatz, »Dickkopp ist schön,
-Dickkopp kann so bleiben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>»Lümmel!« dachte Dickkopp, aber da er wußte, daß mit
-solchem Asphaltproleten schlecht anbinden ist, versuchte er es
-erst mit Güte.</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie, Herr Sperling,« begann er höflich
-»das ist unser Haus.«</p>
-
-<p>»Ihr Haus? So? Ich dachte, es gehörte dem Doktor!«
-fragte trocken der Spatz. »Haben Sie es gemietet oder gekauft?
-Und gleich bar bezahlt oder was?«</p>
-
-<p>»Wir haben es vom Frühjahr an mit Erlaubnis des
-Besitzers bewohnt und darin zweimal gebrütet und haben so
-ein historisches Recht darauf.«</p>
-
-<p>»Historisches Recht ist gut,« meinte der Spatz. »Das
-sagte die Katze auch, als sie die Maus fraß. Jetzt bewohne
-ich es mit Erlaubnis des Besitzers und beanspruche ebenfalls
-ein historisches Recht, denn meine Frau wollte schon früher
-darin brüten, und auf einmal waren Sie da.«</p>
-
-<p>»Hätten wir das gewußt, so wären wir zurückgetreten,«
-meinte Dickkopp höflich. »Sie hätten sich nur zu melden
-brauchen. Aber ich denke, wir einigen uns. Wir haben uns
-nun so an das Haus gewöhnt. Wir verreisen jetzt bis zum
-März, solange können Sie darin wohnen.«</p>
-
-<p>»Danke schön, sehr liebenswürdig, zu viel der Güte,«
-höhnte der Spatz.</p>
-
-<p>Dickkopp stieg die Wut in die Augen, aber er bezwang
-sich noch: »Und im März treten Sie es uns dann wieder
-ab, nicht wahr Herr Sperling?«</p>
-
-<p>»Dieses nicht, sondern nein,« meinte der.</p>
-
-<p>»Ja, aber zum Donnerkeil,« schrie Dickkopp, dem die
-Sache zu dumm wurde, »sind Sie denn verrückt?«</p>
-
-<p>»Ich nicht, Sie vielleicht?« tönte es zurück.</p>
-
-<p>»Heraus mit Ihnen, oder ich mache Ihnen Flügel!«</p>
-
-<p>»Danke, habe selber welche!«</p>
-
-<p>»Wollen Sie heraus oder nicht?«</p>
-
-<p>»Ich ziehe das letztere vor!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p>
-
-<p>Wütend hackte Dickkopp von oben nach dem Frechling,
-der aber kannte das, zog den Kopf zurück, und als Watscheline
-so unvorsichtig war und in das Schlupfloch kroch, faßte
-er sie beim Hals und kniff sie, daß sie schrie.</p>
-
-<p>Rasend vor Wut stürzte Dickkopp vom Dach, kroch in
-das Haus, fiel über den Spatz her und hackte gewaltig auf
-ihn los. Als der Sperling merkte, daß er an den Unrechten
-gekommen war, schrie er Mord und Brand, und nun kamen
-sie von allen Seiten heran, die Spatzen, und fielen mit
-Verbal- und Realinjurien über das Starenpaar her.</p>
-
-<p>»Solch Prachervolk! Haben im Walde nichts zu fressen
-und schnurren sich in der Stadt satt! Sollen hingehen, wo
-sie hergekommen sind! Bagage! Kirschendiebe! Schneckenfresser!
-Und krumme Beine haben sie! Und gelbe Schnäbel
-bei ihrem Alter! Kein Wunder, daß sie sich so benehmen!
-Wartet nur, wir wollen es Euch beibringen! Euch die bunten
-Lappen abreißen! Mit uns wolltet Ihr anfangen! Ihr!
-mit uns! Na, wartet bloß!«</p>
-
-<p>»Komm, Dickkopp,« sagte Watscheline, der es ängstlich
-zumute wurde, »laß uns fortfliegen. Was sollen wir uns
-mit dem Gesindel herumschlagen!«</p>
-
-<p>Sie erhoben ihr Gefieder und stoben ab. Und als sie
-draußen über der Wiese auf dem Telegraphendraht ihre
-Federn ordneten, rückte die Frau an ihren Mann heran und
-sagte: »Dickkopp, im März bauen wir wieder im Walde,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Na, siehst Du, Alte,« meinte er, »hab' ich es nicht
-gleich gesagt. Aber ihr Frauen wollt nur immer nicht
-hören!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p>
-
-<h2 id="Mein_Dachs_und_meine_Dackel">Mein Dachs und meine Dackel.</h2>
-</div>
-
-<p>Im April wurde in meiner Wohnung von unbekannter
-Seite eine Kiste abgegeben, die einen kleinen Dachs enthielt.
-In seinem Begleitschreiben teilte der unbekannte Absender
-mit, der Dachs sei für meine Hunde bestimmt.</p>
-
-<p>Daraus wurde nun selbstverständlich nichts. Erstens
-einmal des Jagdgesetzes wegen, zweitens, weil es eine
-Schinderei gewesen wäre, die Hunde an dem wehrlosen
-Tierchen zu arbeiten, und drittens war es auch viel zu niedlich
-dazu. Meine drei Hunde, nämlich Bob, ein kleiner,
-weißer, scharfer Terrierbastard, ferner Patzel, ein schwarzer,
-rotgezeichneter, stichelhaariger Teckel, Inhaber erster Preise,
-und sein elf Monate alter, roter, glatter Bruder Battermann,
-waren allerdings anderer Ansicht. Jaulend, winselnd,
-bellend und pfeifend tanzten sie um mich herum und baten:
-»Laßt uns doch den Stinker, wir möchten ihn bloß ein ganz
-klein bißchen langziehen!«</p>
-
-<p>Da das Dächschen nicht fressen und saufen wollte, so
-wurde ein Gummisauger geholt, eine Bierflasche mit lauwarmer
-Milch gefüllt, und nachdem er einige Male durch<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-gellendes Keckern sein Mißbehagen über den ungewohnten
-Gummigeruch ausgedrückt hatte, lutschte er kräftig und anhaltend,
-während auf der Erde den drei Hunden die Mordlust
-nur so aus den Augen leuchtete. Vormittags hatte ich
-ihn bekommen, nachmittags lief er schon hinter mir her,
-wenn ich die Pulle hatte. In drei Tagen war er ganz an
-mich gewöhnt und hörte sofort mit Keckern auf, sowie er
-meine Stimme vernahm. Dann setzte er sich auf meinen
-rechten Schuh und lutschte ruhig und besonnen an meinem
-linken herum, wenn er nicht plötzlich zusammenzuckte und mit
-Zähnen und Branten ein furchtbares Gemetzel unter seinen
-Inquilinen anrichtete. Er saß nämlich lebendig voll von
-langen, dicken Flöhen und noch dickeren Holzböcken, so voll,
-daß sein Bauch ganz wund war. Eine gehörige Schmierkur
-befreite ihn aber für immer von dieser Plage.</p>
-
-<p>Als Schlafraum wurde ihm eine mit alten Decken vollgestopfte
-Kiste im Keller angewiesen, in der er so lange
-blieb, wie es ihm paßte. War das aber nicht der Fall,
-dann keckerte er gellend und anhaltend und kratzte wie verrückt
-an der Kellertür. Sein Keckern war so durchdringend,
-daß eines Nachts das ganze Haus davon wach wurde, so
-daß ich aufstehen und ihm eine Flasche machen mußte.
-Schwach war er übrigens auch nicht. Da er nachts immer
-im Keller herumtobte, wurde er abends warm eingepackt und
-mit einem Eisengitter zugedeckt, auf das zwei dicke Steine
-gelegt wurden. Er murkste aber gegen Morgen so lange in
-seinem Bett herum, bis er Steine und Gitter herunter hatte.
-Aber reinlich war er. Seine Bedürfnisanstalt hatte er in
-einer bestimmten Kellerecke, vor der ein Stein lag, und es
-war höchst lustig anzusehen, wie er sich mit viel Mühe rückwärts
-über den Stein schob. Seine Sprache bestand außer
-dem gellenden Gekecker, das er ertönen ließ, wenn er Hunger
-hatte oder sich langweilte, in einem lauten Schnauben, wenn
-man ihm plötzlich zu nahe kam, wobei er seine Haare<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-sträubte, sich aufblähte und sich nach Möglichkeit den Rücken
-zu decken suchte, in einem behäbigen Schmatzen, wenn er die
-Flasche bekam, und in einem ärgerlichen Schnarchen, wenn
-ihm irgend etwas nicht paßte.</p>
-
-<p>Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich die Hunde an ihn
-gewöhnte. Bob, der schon sehr verständige Terrier, ignorierte
-ihn, nachdem ich ihm erklärt hatte, daß Dächschen
-tabu sei. Patzel sah ihn mit weißfunkelnden Augen an,
-war aber zu gut erzogen, um sich an ihm zu vergreifen.
-Battermann, der Jüngling, aber raste auf ihn los, sowie er
-ihn erblickte, und es gab jedesmal ein großes Theater. Als
-er aber einsah, daß der Dachs sich unseres Schutzes erfreute,
-da fing er an zu mucken. Er guckte uns nur noch von der
-Seite an und machte ein Gesicht, als wenn er sagen wollte:
-»Wenn Ihr mit solchem Stinker verkehrt, dann brech' ich
-allen studentischen Verkehr mit Euch ab.« Nach vierzehn
-Tagen hatten die Hunde sich an Dächschen gewöhnt, und
-ich konnte sie schon, allerdings nur, wenn ich aufpaßte, mit
-ihm zusammen lassen.</p>
-
-<p>Der Dachs war auch gehörig gewachsen, denn er
-lutschte täglich einen bis anderthalb Liter Milch aus und
-wußte sich seiner Haut brav zu wehren. Nach drei Wochen
-brauchte ich keine Angst mehr zu haben. Die Hunde taten
-dem Dachs nichts und waren froh, wenn er sie in Ruhe
-ließ. Er hatte nämlich die niederträchtige Gewohnheit, sie
-fortwährend in die Hinterläufe zu beißen, und da sie ihm
-nichts tun durften, so kniffen sie peinlich berührt, vor ihm
-aus, wenn er sich sehen ließ, oder retteten sich auf Stühle
-und Bänke. Am traurigsten ging es dem Terrier, dessen
-schwarzweiße Kopffarbe mußte den Dachs wohl an seine
-Mama erinnern, denn sowie Bob auf der Bildfläche erschien,
-sauste Dächschen hinter ihm her und versuchte zu saugen,
-eine Zumutung, die Bob stets mit großer Entrüstung und
-Verlegenheit erfüllte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p>
-
-<p>Mit der Zeit gewöhnten sich die Hunde so an den
-kleinen Grimbart, daß sie mit ihm spielten, wobei oft Szenen
-entstanden, daß alle Zuschauer Tränen lachen mußten. Am
-lustigsten sah es aus, wenn die Dackel ihn die Treppe hinuntertrudelten
-und der Terrier Schleuderball mit ihm spielte,
-indem er ihm mit der Nase unter den Leib fuhr und ihn
-die Treppe hinaufbugsierte. Battermann dagegen tat nichts
-lieber, als den Dachs in den Nacken zu packen und viertelstundenlang
-herumzuschleppen. Gar zu gern hätte er ihn
-gewürgt, aber der Dachs ließ sich nie an die Kehle fassen,
-immer schob er den Nacken vor und steckte die Nase weg,
-und wenn es ihm der Teckel einmal zu toll machte, dann
-schlug er um sich, daß es nur so brummte.</p>
-
-<p>Den Mai über verlebte ich im Harz, wo Battermann
-Gelegenheit hatte, einen Bock zu arbeiten und einen alten
-Fuchs zu zausen, aber auch die Staupe durchmachen mußte
-und seinen lieben Bruder Patzel durch einen unglücklichen
-Zufall verlor. Als ich zurückkam, war der Dachs beinahe
-stärker als der Teckel und ein ganz unverschämter Brite geworden,
-der sich vor nichts mehr forcht. Nun war es höchst
-lustig anzusehen, wie Battermann sich zu ihm stellte. Er
-hatte den Dachs zuerst nicht mehr in der Erinnerung und
-fuhr ihm sofort an die Schwarte. Als der sich aber gehörig
-wehrte und wir dem Hunde bedeuteten, daß er ihm
-nichts tun dürfe, ignorierte er ihn vollständig und ging mir
-sogar aus dem Wege, wenn er witterte, daß ich mich mit
-dem Dachs beschäftigt hatte. Er war eifersüchtig und beleidigt.</p>
-
-<p>Eines Nachmittags nun lag ich auf dem Faulbett und
-las. Da der Dachs mich fortwährend störte, stieß ich ihn
-zurück und sah dabei, wie Battermanns Augen leuchteten.
-Ich lud ihn ein, bei mir Platz zu nehmen, eine Gunst, die
-ich ihm noch nie gewährt hatte. Von diesem Augenblicke
-an änderte der Teckel sein Benehmen gegen den Dachs; er<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-hatte eingesehen, daß er doch der Beste war, und spielte
-von nun an immer mit Dächschen. Ihr Hauptspiel war
-Schliefen. Dächschen schliefte unter das Faulbett, und
-Battermann versuchte hinterher zu schliefen. Dächschen
-schlug tapfer um sich, Battermann lag fest vor und verbellte
-standhaft, bis ihm die Sache zu langweilig wurde und er
-ihn beim Nacken herauszog, worauf dann die wilde Jagd
-unter allen Stuhl- und Tischbeinen her weiter ging.</p>
-
-<p>Bis dahin hatte Dächschen noch keine Miene gemacht,
-zu fressen oder allein zu saufen, sondern interessierte sich nur
-für die Flasche. Eines schönen Tages biß er sich an der
-Hand eines Bekannten, der ihn neckte, den letzten Milchzahn
-aus. Eine halbe Stunde später stürzte er sich wie rasend
-auf die Hundeschüssel und fraß den baß erstaunten Hunden
-ihren schön geschmälzten, mit Fleischstückchen interessant gemachten
-Reis vor der Nase fort. Von der Zeit an interessierte
-er sich auch lebhaft für den Garten, murkste in allen
-Ecken herum, stach unter heftigem Schnauben und Prusten
-unter den Efeueinfassungen und im Komposthaufen und verzehrte
-schmatzend die fetten Regenwürmer und Salatschnecken,
-die er zu Tage förderte, obgleich er tags vorher noch gehacktes
-Fleisch, das ich ihm in den Rachen gestopft hatte,
-mit einer Gebärde tiefsten Ekels im hohen Bogen ausgespieen
-hatte. Jetzt aber schlang er alles hinab, was ihm
-vorkam; am liebsten nahm er Weißbrot mit Milch, aber
-auch kalte Kartoffeln, Fleisch, Brot, Gemüse, rohe Mohrrüben
-und Obst verschmähte er nicht, und die Herren Hunde
-mußten sich mittags beeilen, wenn sie überhaupt etwas kriegen
-wollten.</p>
-
-<p>Je älter und stärker Dächschen wurde, um so unverschämter
-wurde er. War er bei mir im Zimmer, so erlaubte
-er es nicht, daß ich ruhig am Schreibtisch saß. Immer
-wollte er, daß man sich mit ihm beschäftigte, und tat ich
-ihm nicht den Willen, so biß er mich empfindlich in die<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-Knöchel. War er gar im Keller eingesperrt, so keckerte er
-über das ganze Haus und rappelte derartig an der Kellertür,
-daß es nicht zum Aushalten war. Vor den Hunden
-hatte er schon längst keine Angst mehr. Er jagte sie im
-Haus und Garten herum und brachte Battermann durch
-sein ewiges Zwicken so in Wut, daß er sich mit einem Wutgeheul
-auf ihn stürzte, und ihn nach allen Regeln der Kunst
-beutelte.</p>
-
-<p>Schließlich wurde der Dachs so unverschämt, daß nach
-längerem Familienrat beschlossen wurde, ihn dem Zoologischen
-Garten zu verehren. Er war kaum einige Tage da,
-so erschien ein Freund unseres Hauses und teilte uns mit,
-der Dachs sei mit acht Eskimohunden zusammengesperrt, die
-ihn schmählich mißhandelten. Tiefbetrübt eilte ich zum Zoologischen
-Garten und stürzte nach den Eskimohunden. Da
-war kein Dachs, und als ich den Wärter fragte, lachte der
-und sagte: »Der? den sollen die Hunde mißhandelt haben?
-Umgekehrt war's! Ich habe ihn herausnehmen müssen,
-er ließ die Hunde nicht ans Futter. Jetzt sitzt er bei den
-Affen!«</p>
-
-<p>Ach du lieber Himmel! dachte ich, denn wie gemein
-das Affengesindel ist, das wußte ich. Als ich aber an den
-Rhesuskäfig kam, da spazierte Dächschen ruhig und besonnen
-darin herum, fraß alles, was das liebe Publikum durch das
-Gitter stopfte, und die Affen waren auf die höchsten Akazien
-geklettert, trauten sich nicht herunter und hatten das
-Zusehen gratis und franko. Wagte sich aber einmal einer
-von ihnen ins Parterre, dann sauste Dächschen sofort hinter
-ihm her und stach ihm ganz gehörig einen. Da er durch
-seine Erziehung an das Tageslicht und an die Menschen
-gewöhnt ist, trieb er sich den ganzen Tag im Käfig herum
-und amüsierte das Publikum durch sein fideles Wesen. Er
-hatte sogar Radschlagen gelernt, von wem, weiß ich nicht.
-Die Affen gewöhnten sich schon etwas an ihn, befolgen aber<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-immer noch den alten Wahlspruch: »Vis-a-vis is beeter as
-dichte bi«. Im Herbst war Dächschen halb erwachsen, hatte
-sein Winterhaar angelegt und sah sehr stattlich aus. Aber
-Dummheiten hatte er immer im Kopf; jeden Morgen, wenn
-die Affen aus dem Schlafkäfig in den Freikäfig gelassen
-wurden und sich auf das Wasserbecken stürzten, um zu
-trinken, gab Dächschen jedem von ihnen, den er erwischte,
-einen Puff, daß er in das Bassin flog, und wenn die nassen
-Affen herauskrabbelten, dann lachte er.</p>
-
-<p>Diese Beschäftigung genügte aber auf die Dauer seinem
-ungestümen Tatendrange nicht, und er begann, den Asphaltestrich
-aufzureißen, was er so gründlich besorgte, daß er in
-den Nebenkäfig gesperrt wurde. Dort machte er es nicht
-besser, und so wurde ihm die hochherrschaftliche Wohnung
-im Affenhause gekündigt und er mußte im alten Dachshause
-Unterkunft suchen, was ihm zuerst durchaus nicht behagte,
-weil er eine größere Wohnung gewöhnt war.</p>
-
-<p>Da die Backsteine und das Gitter seinem Zerstörungstriebe
-widerstanden, suchte er sich andere Zerstreuung und die
-besteht darin, daß er jedesmal, wenn einer seiner Nachbarn,
-der Stachelschweine, sich zu sehr seinem Käfig nähert, ihm
-einen oder mehrere Stacheln mit großer Behendigkeit ausrupft,
-die er dann, hat er gerade nichts Besseres, ruhig und
-besonnen zerkaut.</p>
-
-<p>Heute noch, wo doch schon Jahre darüber hin sind, daß
-ich ihm die Flasche gab, kennt er mich und wenn mein
-Trillerpfiff erklingt, stürzt er aus seiner Höhle und wartet
-der guten Dinge, die da kommen sollen.</p>
-
-<p>Meine lieben Hunde aber sind alle tot.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Zeit_der_schweren_Not">Die Zeit der schweren Not.</h2>
-</div>
-
-<p>Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem
-was am Berge lebte, mißfiel er, alle, Maus und Eichhorn,
-Has und Reh, Fuchs und Dachs, blies er in ihre Verstecke
-und Bussard und Krähe, Meise und Häher pustete er über
-den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß
-es knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus,
-die Rinde der Eiche sprang, still stand der Graben und der
-Bach verschwand.</p>
-
-<p>Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande
-umher, dann verlor er den Atem. Über den Berg stieg
-eine Wolkenwand, schwarzblau und schwer, schob sich über
-den hellen, hohen Himmel und legte sich tief auf das Land,
-bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den Bauch
-aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag
-und eine Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht,
-und so noch einmal, bis alles zugedeckt war im Lande und
-auf dem Berge und so sauber aussah und so reinlich, daß
-die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen brachte Leben
-an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-Rehe wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren
-aus ihren Gebäuden, das Eichhorn verließ den Kobel und
-die Maus das Loch, Bussard, Krähe und Häher tauchten
-auf und überall wimmelte es von buntem, lustigem Kleinvogelvolke.</p>
-
-<p>Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete
-Blut und Tod. Der tauende Schnee ballte sich und brach
-Äste und Bäume, er knickte die Fichten und krümmte die
-Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der Schnee sich
-mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der
-Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen
-den Berg. Da kam die Zeit der schweren Not.</p>
-
-<p>Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das
-Eichhorn behalf sich mit Blattknospen und Rinde, der Hase
-rückte in die Kohlgärten, der Dachs verschlief die hungrigen
-Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten ab. Übel daran
-aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem
-Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit
-waren die Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar
-die Heide. Buchenknospen und dürre Halme,
-trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was der
-Berg an Äsung bot.</p>
-
-<p>Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen
-ein Reh trafen, da fiel es ab. Der Hals wurde lang, die
-Dünnungen tief, rauh die Decke und immer größer die
-Lichter.</p>
-
-<p>Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang,
-aber alle Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach
-dem anderen trat durch die Eiskruste des Schnees und zerschabte
-sich die Läufe. In jedem Wechsel zeichneten sich
-blaßrote Flecke ab.</p>
-
-<p>Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter
-dem Berge auf, schob sich über den hellen Himmel, legte
-sich über das Land, riß sich an den Klippen den Pansen<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-auf und schüttete Schnee auf das Gefilde, einen ganzen
-Tag und eine volle Nacht.</p>
-
-<p>Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln
-und machte Eis aus dem Schnee. Noch langsamer, noch
-vorsichtiger zogen die Rehe dahin, mit Hälsen, so dünn wie
-Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und wo sie
-zogen, da wurde der Schnee rot.</p>
-
-<p>Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh
-am ganzen Berge, das nicht an den Läufen klagte. Das
-eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte, bis es fiel. Ein
-anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf. Ein
-drittes stürzte halb verdurstet in die Quellschlucht und erstarrte
-im eisigen Wasser.</p>
-
-<p>Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da.
-Sein Tisch war gedeckt, war reicher beschickt, als zur Maienzeit,
-wenn alle Mäuse hecken und das Feld von Junghasen
-wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden sein
-und Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten
-Meisen blieb noch Fraß genug übrig, und die Waldmäuse
-nagten die letzten Sehnenfetzen von den Knochen.</p>
-
-<p>Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod
-seinen Belauf im Berge ab. Selbst die Hasen schonte er
-nicht; mancher von ihnen, der sich am gefrorenen Kohl verdarb,
-füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu Tag
-mehr in die Breite ging.</p>
-
-<p>Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu
-Baue. Vor der Dickung lag ein gefallenes Reh, an dem
-er sich schon eine Nacht gütlich getan hatte. Doch als er
-die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine seltsame
-Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert
-hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück
-lag, schnürte er, und eine geschlagene Stunde dauerte es,
-ehe er sich ein Herz faßte und heranschlich. Und da stand
-er und windete und äugte lange Zeit, und schließlich schnürte<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-er mit hängender Lunte und angelegten Gehören mißmutig
-ab, denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und
-einige Deckfetzen verschwunden, und weiter war nichts da,
-als die niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung.</p>
-
-<p>Aber der Tod ging immer noch durch den Wald und
-er schlug Stück um Stück mit harter Hand. Der Fuchs
-verlor den Mut nicht. Behende trabte er von Wechsel zu
-Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke Fährte stand,
-und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie zu
-halten. Es schneite und schneite und der Wind pfiff böse;
-er schob den Schnee von den Blößen vor die Dickungen,
-fegte ihn hier zusammen, kehrte ihn dort fort, verdeckte auf
-weite Strecken die Rotfährte und verwischte sie endlich
-völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs ab; er nahm
-die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und
-er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen
-Schneewächte unterging. Da saß er eine ganze Weile auf
-den Keulen und dann schnürte er weiter, hungrig, müde und
-verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen ab; sie waren
-leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er
-trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort
-unten so, wie oben.</p>
-
-<p>Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse
-zu passen. Als er dort angelangt war, vergaß er alle
-Mäuse, denn er fand die kranke Fährte wieder. Eilig, aber
-behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis zu dem Fichtenmantel
-unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn
-immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den
-Fichten, da fuhr er wie besessen heraus und stob in das
-Feld zurück. Denn in den Fichten war es nicht geheuer.
-Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als wenn ein
-Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft
-und geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen
-und zu schnarchen vermag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p>
-
-<p>In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der
-krausen Feldeiche und überlegte. Dann holte er sich Wind.
-In weitem Bogen trabte er am Vorberge entlang, verschwand
-bei der Quellschlucht im Altholze, schnürte hoch
-über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich
-vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob,
-kam der Fuchs bei den Fichten an. Da war es still
-und einsam. Der Fuchs schlich näher, den vollen Wind
-nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam schlich
-er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung
-entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite
-Witterung, die fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die
-er bei dem gefallenen Stücke wahrgenommen hatte, das ihm
-verloren gegangen war, eine unbekannte, verdächtige, absonderliche,
-geheimnisvolle, niederträchtige Witterung, zwar
-keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich
-und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der
-Ton! Ein Blasen, Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts
-oft aus den Ställen bei den Gehöften kommt. Der Fuchs
-drehte um und stahl sich davon. Er traute dem Frieden
-nicht.</p>
-
-<p>Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu
-Bett. Das Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es
-lauter in den Fichten, da krachte es im Schnee, brach es
-in dem Fallholz, und schwarz und grob schob es sich aus
-der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind, trat
-dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee
-krachend zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind
-und nahm dann den Fraß an.</p>
-
-<p>Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel
-entlang strich, um eine Maus zu schlagen oder einen Vogel
-aus dem Verstecke zu klatschen, rüttelte einen Augenblick
-neugierig über der kleinen Lichtung, von der ein lautes,
-gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt mit<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von
-Knochen. Dann strich die Eule ab; wo es so laut war,
-gab es für sie nichts zu fangen.</p>
-
-<p>Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages
-den Tannenmantel absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh
-gelegen hatte, nur noch die Schalen, einige zertrümmerte
-Knochen und etliche Fetzen der Decke in dem zerwühlten,
-niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte der
-von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen.</p>
-
-<p>Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem
-Fuchs bescherte er nicht. Jedes Stück, das Hunger und
-Hartschnee umwarfen, verschwand im Gebräche der Sau, so
-daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war, die Zeit
-der schweren Not.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p>
-
-<h2 id="Des_Raetsels_Loesung">Des Rätsels Lösung.</h2>
-</div>
-
-<p>Waldmann ist unter die Philosophen gegangen. Etwas
-Rätselhaftes ist in sein Leben getreten, etwas Mystisches,
-Unbegreifliches, Transzendentales.</p>
-
-<p>Was mag das wohl sein, wovon morgens immer der
-Hof des Forsthauses eine so sonderbare Witterung hat?
-Die Katze ist es nicht, eine Ratte auch nicht? Also: »Was
-ist es?«</p>
-
-<p>Es gibt mehr Dinge zwischen dem Hundehause und
-der Belaufsgrenze, als eine Hundenase verstehen kann. Das
-ist das Ergebnis der philosophischen Betrachtungen Waldmanns,
-ein Ergebnis, das ihm seine ganze Gemütsruhe genommen
-hat. Es ist ein Tier, aber ein unbekanntes Tier,
-das eine ganz andere Witterung hat, als Fuchs und Dachs
-und Has' und Reh und Hirsch und Sau, und auch eine
-andere, als Igel und Wühlratte und Wiesel und Eichkater.</p>
-
-<p>Es kommt nachts aus dem Schweinestalle und geht in
-den Torfschuppen. Manchmal bleibt es drei Tage aus,
-aber am vierten ist es wieder dagewesen. Einmal war es
-eine volle Woche fort und Waldmann dachte kaum mehr
-daran. Dann auf einmal roch wieder der Wechsel zwischen<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-Schweinestall und Torfhaus so stark danach, daß Waldmann
-wie toll hin- und herlief und winselte und kratzte und kläffte,
-bis der Hegemeister fragte, ob er nicht ganz klug sei.</p>
-
-<p>Wenn Waldmännchen mit seinem Herrn im Revier
-war, vergaß er die unerklärliche Witterung, draußen gab es
-immer so schrecklich viel zu schnüffeln und ab und zu auch
-etwas zu zausen; heute einen Fuchs, der die Kugel zu kurz
-bekommen hatte, und dann ein geltes Tier, das Waldmann
-arbeiten mußte, weil Hirschmann, der sich den Vorderlauf
-vertreten hatte, zu Hause geblieben war. Das war ein
-großes Vergnügen, am Riemen auf der Rotfährte nachzuhängen,
-und ein noch größeres, das Stück zu Stande zu
-hetzen, und das größte, es an der Drossel zu schütteln, als
-es im Fangschusse zusammenbrach. Bei solcher hohen Arbeit
-vergaß Waldmann das unheimliche Wesen, das Nacht für
-Nacht auf dem Hofe umging.</p>
-
-<p>Sobald er aber in die Nähe des Hauses kam, schoß
-ihm der Gedanke daran in den Sinn. Und wenn er noch
-so hungrig war und die Frau Hegemeisterin ihn auch noch
-so gut fütterte, so fuhr er doch zuerst auf den Schweinestall
-los, steckte seine Nase zwischen die Planken, kratzte und
-winselte, schnüffelte sich dann bis zum Torfschuppen hin, benahm
-sich da ebenso, wie beim Schweinestalle und schlich
-schließlich mit nachdenklich gerunzelter Stirn und hängender
-Rute in das Haus, und der Hegemeister lachte und meinte:
-»Unser Waldmann hat den Rattenkoller. Wir wollen
-Fallen aufstellen!« Und am anderen Morgen schlug sich
-Waldmann in der Waschküche zwei dicke Ratten um die
-Behänge, und dann schoß er wieder auf den Schweinestall
-los und fing an zu schnüffeln.</p>
-
-<p>Eines Abends, als er auf der Sauschwarte vor dem
-Sessel saß, fuhr er wie wahnsinnig zur Türe, riß beinahe
-das Mädchen um, das mit dem Nachtmahl hereinkam, rannte
-in den Hof und kläffte und winselte an dem Torfschuppen<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-herum, bis der Knecht mit der Laterne kam und ihn in den
-Schuppen hineinließ. Da schoß Waldmann nun hin und
-her, sprang an den Wänden hoch, kletterte über die Törfe,
-schnaufte in alle Ecken hinein, bis er von dem Torfmull
-einen Husten bekam, und zog schließlich, von dem Hegemeister
-weidlich ausgelacht, vergrämt wieder ab. Mürrisch lag er
-während des Abendessens auf seiner Sauschwarte, und selbst
-der Todesschrei der Wurst, wie der Hegemeister es nannte,
-wenn er der Mettwurst die Haut abriß, lockte ihn nicht an
-den Tisch.</p>
-
-<p>»Lacht mich nur aus,« dachte er, »wer zuletzt lacht, lacht
-am besten! Ich habe es deutlich vernommen, daß da etwas
-auf dem Hofe war, und es war nicht Müschen, die Katze,
-und eine Ratte war es auch nicht, und es war etwas, das
-ich nicht kenne, das ich noch nicht gewürgt habe. Wer
-weiß, ob es nicht ein ganz gefährliches Tier ist, ein Tier,
-das die Schweine fressen will oder den Torf. Ich muß
-aufpassen, daß es kein Unglück gibt. Herrchen ist ja der
-klügste Mensch, den ich kenne, aber gegen uns ist er doch
-ziemlich dumm, und seine Nase ist auch nicht besser, als die
-anderer Menschen, sonst würde er es nicht aushalten, das
-Zeug zu rauchen, das ich für den Tod nicht ausstehen kann,
-und Apfelsinen zu essen und Bier zu trinken, Dinge, die
-jeder feinen Nase entsetzlich sind!«</p>
-
-<p>Als der Hegemeister in das Bett wollte, sah er, daß
-Waldmann noch einmal nach dem Wetter sehen wollte, und
-er ließ ihn hinaus. Wieder ging das Hin- und Hergerenne
-und das Gewinsel los; und als sich der Hegemeister zu dem
-Hunde hinunterbückte, um zu sehen, was er an dem Torfschuppen
-zu kratzen habe, da sprang Waldmann an ihm
-empor, pfiff in den höchsten Tönen und stellte sich an, als
-hinge das Wohl und Wehe des ganzen Hauses davon ab,
-daß die Sache ihre Aufklärung erführe. Und der Hegemeister
-ließ ihn in den Schuppen und half ihm oben auf die<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-Törfe; da lief Waldmann hin und her und machte einen
-Lärm, wie eine ganze Meute, bis schließlich ein halbes
-Hundert Törfe ins Rutschen kamen und mit dem Hunde
-dem Hegemeister um die Beine polterten. Und da hieß es
-denn wieder: »Nun komm, Waldmann, und rege dich nicht
-um die albernen Ratten auf!« Als aber mitten in der
-Nacht Waldmann mit fürchterlichem Gekläffe aus seinem
-Korbe schoß, vom Boden auf den Korbsessel und von da
-gegen das Fenster sprang, da wurde es seinem Herrn denn
-doch etwas zu bunt, Waldmann bekam einen Pantoffel an
-den Hals und wurde in einer Weise angeschnarcht, die ihm
-durchaus nicht paßte.</p>
-
-<p>Deshalb muckte er denn auch den ganzen folgenden Tag;
-er ließ seine Milch stehen, ging seinem Herrn aus dem
-Wege und verkniff sich das Pfeifen und Wedeln, als er
-mit in den Wald durfte. Um ihn wieder zu versöhnen,
-schoß ihm sein Herr eine Eichkatze; aber anstatt sie mit
-großem Getöse abzuschütteln und mit Stumpf und Stiel zu
-verspeisen, wie er es sonst tat, beroch er sie kaum und ließ
-sie liegen, und der Hegemeister schüttelte den Kopf, lachte
-und sagte nachher zu Hause: »Der Hund trägt es mir jetzt
-noch nach, daß ich ihm heute nacht den Pantoffel an den
-Kopf warf.« Aber das hatte Waldmann nicht so übel genommen,
-als das Anschnauzen und vor allem hatte ihn der
-Ausdruck: »Kartoffelkopp« tief gekränkt. So wedelte er
-beim Abendbrot noch nicht einmal, als ihm eine Fetthaut
-von der Leberwurst hingeworfen wurde, und es dauerte fast
-fünf Minuten, ehe er geruhte, sie zu verspeisen.</p>
-
-<p>Er war auch mehr traurig, als wütend. Ist es denn
-möglich, daß die Menschen essen und trinken und lachen
-können, während es draußen umgeht? Wer weiß, ob nicht
-schon heute nacht das schreckliche Wesen sich in das Haus
-schleicht und irgend ein Unheil anrichtet! Und deshalb
-schlüpfte Waldmann, als das Mädchen abdeckte, zur Türe<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-hinaus und war und blieb verschwunden, ob auch der Hegemeister
-pfiff und pfiff. Die ganze Nacht blieb er draußen,
-bald auf der Schwelle lauernd, bald am Schweinestalle oder
-am Torfschuppen schnüffelnd, aber er fand nichts, und als
-die Magd in aller Frühe in den Stall ging, schlich Waldmann
-sich beschämt in das Haus, kroch unter den Herd und
-ließ sich erst wieder blicken, als es etwas zu fressen gab.
-Der Hegemeister war dann noch so taktlos, ihn zu fragen,
-ob er im Dorfe ein Stelldichein gehabt habe, eine Äußerung,
-die nicht geeignet war, Waldmann in bessere Stimmung zu
-versetzen.</p>
-
-<p>Eines Tages aber wurde er glänzend gerechtfertigt.
-Der Knecht kam herein und sagte: »Wir haben nämlich die
-erste Neue, Herr Hegemeister, und ich glaube, der Waldmann
-der war nämlich klüger als wir alle zusammen. Vom
-Schweinestall bis zum Torfschuppen spürt sich nämlich ein
-Iltis hin und her. Und nun weiß ich nämlich auch, warum
-das morgens auf dem Hofe immer so mulsterig roch und ich
-glaube nämlich, wir tun dem Hunde den Gefallen und
-machen ordentlich Blechmusik, indem das nämlich der Iltis
-für den Tod nicht vertragen kann. Bei dem vorigten Hegemeister
-wurde das nämlich auch immer so gemacht. Der
-stellte sich nämlich mit der Flinte an und wir ließen die
-Hunde in die Ställe und machten mit Kasserollen und
-Sensen Lärm und dann sprang er nämlich, der Iltis, und
-entweder wurde er geschossen oder die Hunde kriegten ihn zu
-fassen.«</p>
-
-<p>Der Hegemeister lachte und sagte: »Dann wollen wir
-das nämlich so machen.« Und so ging die Geschichte los.
-Der Knecht und die Line und sogar die Frau Hegemeisterin
-nahmen Topfdeckel und zogen in den Schweinestall, der
-Hegemeister machte scharf und stellte sich auf dem Hofe an
-und Waldmann wurde in den Stall geschickt. Aber als der
-Lärm los ging, machte er, daß er fortkam und schlüpfte in<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-den Torfschuppen und winselte da so lange herum, bis der
-Knecht ihn hineinließ. Da stellte sich Waldmann ganz wild
-an, so wild, wie er wurde, wenn er eine kranke Sau verbellte,
-und er scharrte und kratzte an dem Torfe herum, daß
-der Hegemeister sagte: »Johann, schmeiß einmal die Törfe
-auseinander.«</p>
-
-<p>Das tat Johann auch und Line mußte derweilen weiter
-mit den Topfdeckeln klappern. Auf einmal schrie sie auf,
-ließ die Deckel fallen, hielt sich die Röcke zusammen, rannte
-dem Hegemeister vor den Leib, daß dem die Pfeife aus dem
-Munde fiel, und ehe er und der Knecht eigentlich wußten,
-was los sei, fuhr etwas Schwarzes zur Türe hinaus und
-hinterher sauste Waldmann. Und da hörten sie auch, wie
-die Frau Hegemeisterin schrie: »Bravo, Waldmann, bravo!
-Er hat ihn, er hat ihn! Hu, faß den Stinker, so recht, so
-schön, Waldmann!« Als der Hegemeister und der Knecht
-und Line auf den Hof kamen, war der Fall schon erledigt.
-Waldmann stieß den Iltis, der nur noch ein ganz wenig
-zuckte, hin und her, schlug ihn sich noch einmal um die Behänge,
-trug ihn dann ins Haus und legte ihn auf seine
-Sauschwarte, wo er ihn von neuem beroch, bis der Hegemeister
-den Iltis aufnahm und dann den Hund abliebelte.</p>
-
-<p>»Bravo, Waldmann!« Na, das ging Waldmann ja
-ganz glatt hinunter, aber er dachte doch bei sich: »Ihr hättet
-mir viel Ärger und Kummer ersparen können, wenn ihr eher
-auf den Gedanken gekommen wäret, daß ich immer recht
-habe, wenn ich mich aufrege. Aber euch fehlt eben die
-Nase und so kann man euch schließlich nichts übel nehmen.«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_Eichhoernchen">Das Eichhörnchen.</h2>
-</div>
-
-<p>Es ist noch ganz grau im hohen Holze. Und ganz still
-ist es. Der Nordost, der drei Tage und drei Nächte tobte,
-hat sich gelegt. Dem scharfen Nordwest hat weiche Südwestluft
-Platz gemacht. Das gefällt den Rehen, die langsamer
-als in den drei letzten Tagen den Dickungen am
-Hange zuwechseln, ab und zu im Schnee nach Obermast
-plätzend, und dem Kauz sagt die laue Luft gleichfalls zu;
-so laut, als wäre es im April, jauchzt er auf und dann
-streicht er lautlosen Fluges zwischen den dunkelen Stämmen
-der Buchen einher.</p>
-
-<p>In der dicken, schwarzen Kugel, die in der höchsten
-Zwille der langschäftigen Buche schwebt, knistert es leise.
-Ein halblautes Schnalzen ertönt von da. Der Fuchs, der
-leise den Holzweg hinaufschnürt, verhofft und lauscht empor,
-aber mißmutig trabt er weiter. Das ist nichts für ihn. Es
-hat zwar Haare und keine Federn, es hält sich zuzeiten auch
-auf dem Boden auf, aber wenn man denkt, man hat es,
-macht es einen Riesensprung und rasselt den nächsten Baum<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-in die Höhe, wippt mit dem Schwanz und schimpft: »Kwutt
-kwutt kwuttkwutt,« so wie das da oben.</p>
-
-<p>Bei der schwarzen Kugel hoch oben in der Buchenzwille
-raschelt es stärker. Die Eichkatze hat ihr Nest verlassen
-und putzt sich. Ab und zu hebt sie den Kopf und
-schnuppert in den Wind hinein. Das Wetter gefällt ihr.
-Ein bißchen zu dunkel ist es zwar noch, aber da unten über
-den schwarzen Hügeln wird der Himmel schon rot. Und der
-Hunger ist groß. Drei Tage und drei Nächte vom eigenen
-Fette zu leben, das hält nicht vor. Wer weiß, wie lange
-das gute Wetter anhält? Dem Februar ist nicht zu trauen.
-Morgen regnet es vielleicht schon wieder Schlackschnee und
-dann heißt es abermals: schlafen und hungern.</p>
-
-<p>Die Eichkatze rückt auf dem Aste hin und her, schnuppert
-an der Rinde, knappert ein paar dünne Knospen ab, und ist
-mit einem jähen Satze in der nächsten Krone. Dünn sind
-die Zweige und brüchig vom Frost, aber ehe sie dazu kommen,
-abzubrechen, sind sie die Last schon wieder los, federn rasselnd
-empor und die Eichkatze rennt schon über einen Zweig in
-dem folgenden Baume, wirft sich in den vierten, schlüpft
-einen dünnen Ast entlang, daß er sich tief biegt und sie in den
-fünften Baum befördert, und dann noch ein Sprung und
-noch einer und sie fällt in den Wipfel der alten Samenfichte.</p>
-
-<p>Hastig geht es einen langen Ast hinunter, fast bis in
-die Spitze. Schwer beladen war er im Herbste mit langen
-Zapfen, wenige hängen nur noch daran. Einen nach dem
-anderen holte sich das Eichkätzchen und half sich mit der
-mageren Kost über manchen strengen Wintertag. Der ganze
-Boden unter der Fichte ist besät mit den rostroten Schuppen,
-überall ragen die Zapfenquirle aus der Schneedecke hervor
-und auf den halbverschneiten Felsbrocken liegen in ganzen
-Haufen die Überreste der kärglichen Mahlzeiten. Und
-zwischen dem Geröll liegen auch allerlei Knochen, die die<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-Eichkatze auf den Frühstücksplätzen der Holzhauer fand und
-hierhin schleppte, um die Fleischrestchen abzunagen und die
-knorpligen Enden, und wenn gar nichts Eßbares mehr daran
-saß, so nagte es doch jeden Tag aus Langeweile daran
-herum.</p>
-
-<p>Der Rehbock, der in Wipfelhöhe der Fichte am Hange
-hinzieht, macht eine jähe Flucht und zieht laut schreckend
-ab, denn vor ihm rauscht und rasselt es ganz gefährlich.
-Die Eichkatze hat einen Zapfen losgebissen, hält ihn im
-Maule und klettert mit ihm kopfüber den Stamm hinab,
-ganz eilig, aber ab und an innehaltend und nach allen Seiten
-spähend. Dann ein Sprung und sie sitzt auf ihrem Felsblocke,
-hoch aufgerichtet, zur Flucht bereit, falls etwas Verdächtiges
-nahen sollte. Aber es kommt nichts Arges. Da
-hinten ziehen die Rehe durch den rotlaubigen Buchenaufschlag,
-ein Hase hoppelt langsam bergan, ein Zaunkönig
-schrillt im Geklüft. Schnell dreht die Eichkatze den Zapfen
-mit den Vorderfüßen um, die gelben Nagezähne fassen die
-Schuppen, beißen sie durch, und hastig nehmen die Lippen
-ein Samenkorn nach dem anderen fort. Eben war das Ding
-noch ein glatter, schöner Tannenzapfen, jetzt liegt nur noch
-der Kern hier und rund herum bedecken die Schuppen den
-grauen Stein.</p>
-
-<p>Es ist ganz hell im Holze geworden. Die grauen
-Stämme schimmern silbern, die Schneedecke des Bodens
-leuchtet goldig. Zwitschernd und pfeifend lärmt ein Flug
-Zeisige über den Wald hin, der Häher kreischt, ein Bussard
-klagt. Die Eichkatze hüpft rastlos unter den Fichten umher,
-kratzt hier, scharrt da, schnüffelt dort, macht alle Augenblicke
-ein Männchen, heftig mit den langpinseligen Ohren zuckend
-und die Rute schnellend, dann ganz regungslos verharrend,
-und schließlich wieder hastig über den Boden schlüpfend, jetzt
-einen Zweig der Knospen beraubend, dann eine Buchennuß<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-zerknappernd, und nun einen weißfaulen Ast zerfasernd, in
-dem die Puppen von Käfern stecken.</p>
-
-<p>Dann auf einmal rennt sie wie gehetzt zu Tale, ohne
-auch nur einmal Halt zu machen, ohne rechts und links zu
-äugen, und erst am Rande des Holzes hält sie ein. Da
-recken einige dicke Eichen ihr graues Astwerk über dichtem
-Buschwerk von Schlehe, Weißdorn und Wildrose. Ohne
-sich zu besinnen, fährt das rote Tier in das hohe gelbe
-Gras, springt hierhin, hüpft dahin, kratzt den Schnee fort,
-scharrt das Laub auf, zernagt gierig eine Eichel, verspeist
-eilig eine Mehlbeere, schält den Schlehenstein aus seiner
-Hülle und knackt ihn auf, schärft die Zähne an einer Abwurfstange
-vom Rehbock, wie so manches Mal schon, tut
-sich an drei Pflaumenkernen gütlich, die im Herbste der
-Jäger von dem Hochsitze warf, findet noch eine dicke Brotrinde,
-einen Apfelkropf mit vielen leckeren Kernen und zuletzt
-noch zwei Schweinsrippen mit schönen mürben Knorpelenden.</p>
-
-<p>Nun, da der Magen ruhig ist, findet die Eichkatze, daß
-es ganz allein ein langweiliges Leben im Walde sei. Die
-Sonne scheint so schön warm, da gelüstet es sie nach einem
-kleinen Spiele kopfüber, kopfunter, stammauf, stammab. Den
-ganzen Winter hat sie solche Anwandlungen nicht gehabt;
-sie war froh gewesen, wenn ihr keiner von ihrer Sippe in
-den Weg kam, denn ob rot oder grau, braun oder schwarz,
-Weibchen oder Männchen, Hunger hatten sie alle und so
-ganz viel gibt es wintertags im Bergwalde nicht. Aber
-wenn der Februar auf die Neige geht, dann sehnt man sich
-doch nach Gesellschaft und ist froh, wenn man auf eine
-frische Fährte stößt, in der Sonne eine rote Lunte leuchten
-sieht oder auf dem Geäst das bekannte Gerassel und das
-liebe Schnalzen und Fauchen hört. Und so, ganz Ungeduld
-und Sehnsucht, hopst das Eichhörnchen an der Holzkante
-entlang, bäumt zur Abwechslung einmal auf, holzt eine<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-Weile weiter, geht wieder zu Boden und fährt dort erschreckt
-zusammen.</p>
-
-<p>Denn von der anderen Seite kommt auch etwas den
-Pürschsteig entlang in schnellen, hastigen Sprüngen. Und
-jetzt macht es auch Halt. Steif sitzt es da, ein kohleschwarzes
-Männchen mit schneeweißer Brust. Prächtig sieht es aus;
-die grauen Spitzen der Haare geben dem Balge einen blauen
-Schein. Steif sitzen die beiden Eichkatzen sich gegenüber. Ab
-und an zuckt eines mit dem Schwanz. Dann schimmert es
-hier kupferrot in der Sonne und dort stahlblau. Jetzt macht
-das schwarze Männchen einen Satz und sofort schnalzt das
-rote Weibchen und wendet um. Über den hellen Schnee und
-das rote Laub geht die Jagd, in einem Fichtenhorste verschwindet
-das Weibchen und fährt wieder heraus, und hinterher
-saust der schwarze Verfolger, folgt ihr in die Bachschlucht,
-rasselt über das Lufteis, flitzt über die Felsblöcke,
-hopst die Klippe hinab und prallt auf eine dritte Eichkatze,
-eine große, braunrote, deren Balg ganz grau bereift ist.</p>
-
-<p>Das fuchsrote Weibchen hängt unten an dem Stamme
-einer Buche und äugt regungslos hinter sich. Regungslos
-sitzen die beiden anderen auf ihren Keulen, die Vorderpfoten
-fast bis zu den Schnurrhaaren erhoben, die Ruten in schönem
-Schwunge fest an den Rücken gelegt. Sie sitzen und stieren
-sich an. Der Specht schilt, der Häher schimpft; sie rühren
-sich nicht. Eine Kohlmeise zetert; noch immer sitzen sie da.
-Da raschelt es hinter ihnen im Laube. Steil richten sich die
-beiden Männchen auf, das Weibchen macht einige Sprünge
-am Stamme empor, und dann jagen ihm die beiden Männchen
-nach, das schwarze und das rotbraune, und noch eins,
-ein fuchsrotes mit breitem schwarzen Rückenstrich und dunklem
-Schwanze, das der Spur des Weibchens gefolgt ist.</p>
-
-<p>Specht und Häher und Kohlmeise und Spechtmeise und
-Zaunkönig schimpfen mörderlich, denn das ist ihnen denn
-doch ein bißchen zu viel des Lärms. Das ist ja beinahe so<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-schlimm wie gestern, als der Nordwest im Walde herumtolpatschte.
-Das rasselt und prasselt und klirrt und klappert,
-hier fällt ein Zweig, da plumpst ein Ast, jetzt rieseln Tannennadeln
-und nun knistern Flechten hernieder, und bald hier,
-bald da schnalzt und faucht und quietscht es, jetzt wirbelt es
-durch die alte Fichte, nun saust es in der entwurzelten
-Buche, daß die drei Rehe ganz unruhig hin- und hertreten
-und die Dompfaffen schleunigst machen, daß sie weiter
-kommen, und dann fährt der Hase, der in seinem Lager
-unter der dichtbelaubten Jungbuche am Verdauen war, entsetzt
-heraus, einen Regen von Schnee um sich werfend, denn
-es fiel plötzlich etwas rasselnd in den Busch.</p>
-
-<p>Das war die rote Eichkatze gewesen, der es nachgerade
-zuviel wurde mit der Anbeterei. Keinen Augenblick hatte sie
-Ruhe gehabt seit einer vollen Stunde. Bald war ihr das
-schwarze Männchen auf den Fersen, bald das braune, und
-wenn die beiden sich balgten, dann hatte sie es mit dem
-schwarzrückigen zu tun. Wurde der von dem braunen abgebissen,
-dann rückte ihr der schwarze auf den Leib, und so
-ging es in einem fort, bis es ihr zu dumm wurde und sie
-sich, als die drei in einem einzigen Klumpen verfilzt von der
-einen Seite der Fichte in den Schnee kugelten, von der anderen
-Seite in den Buchenbusch fallen ließ. Da sitzt sie
-nun, ein bißchen außer Atem, putzt sich, leckt sich und sieht
-den drei Männchen nach, die nach drei Richtungen hin im
-Walde verschwinden. Dann eilt sie in hastigen Sprüngen
-auf die Klippenwand zu.</p>
-
-<p>Das ist ihre Hauptspeisekammer im Winter. Dort
-steht ein krummer Lindenbaum, der alle Jahre trägt. Vier
-alte Nußsträucher spreizen sich dort unter zwei sturmzerfetzten
-Samenfichten, und obgleich dort keine Eiche wächst,
-so sind in den Felsspalten immer Eicheln zu finden, die die
-Häher hierhin vertragen, und die alte Buche wirft jedes
-zweite Jahr reichlich Früchte in die Schlucht, die dort vor<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-den Mäusen sicher sind, weil es dort immer nach Fuchs
-riecht. Auch ein Wildapfelbaum schiebt sich aus der Wand,
-am Ausgange der Schlucht stehen Vogelkirschen und an
-Schlehen, Weißdorn und Rosen mangelt es nicht. Ist es
-mit der Kost im Walde einmal schlecht bestellt, hier findet
-sich immer etwas für den Magen und unter der Felswand
-gibt es das Feinste, was der Wald zu bieten hat, dicke,
-würzige Trüffeln. Nicht weit davon liegt das Forsthaus,
-und in dem Garten wachsen Äpfel, Birnen, Pflaumen,
-Kirschen und Walnüsse. Ein bißchen lebensgefährlich ist es
-dort freilich, denn seitdem der Förster dahinter gekommen
-ist, wer ihm seine Birnen zernagt und seine Nüsse fortschleppt,
-paßt er sehr auf, doch vor Tau und Tag lebt es
-sich da herrlich.</p>
-
-<p>Das wissen alle Eichhörnchen am Berge und darum
-finden sie dort immer Gesellschaft, und kaum ist das rote
-Weibchen dort angelangt, so ist auch schon ein braunrotes
-Männchen bei ihm, das ihm eifrig den Hof macht. Anfangs
-ziert sich das Weibchen und es gibt eine kleine Hetzjagd
-durch Busch und Kraut, über Stock und Stein, aber es ist
-noch müde von vorhin und da das Männchen mit seinen
-Liebenswürdigkeiten nicht abläßt, wird es quer über die Nase
-gekratzt und tüchtig in die Lippe gebissen und zieht schließlich
-ab. Während der warmen Mittagsstunden turnt das Weibchen
-dann bedächtig an der Wand herum und sucht im
-Laube nach Eicheln und Buchnüssen. Nachmittags aber,
-als die Sonne hinter Wolken verschwindet, sucht es sein
-nächstes Nest in der gegabelten Fichte auf, einen weichen,
-warmen Kobel, den es stets bezieht, wenn es der Abend hier
-bei den Klippen überrascht.</p>
-
-<p>Die Tage kommen, die Tage gehen. Weiches Wetter
-tritt ein, und die Eichkatze ist den ganzen Tag in Bewegung.
-So manchen Käfer scharrt sie aus dem Laube und findet
-Raupen und Puppen unter dem Moose. Als sie dann noch<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-die Fütterung entdeckt, wo der Förster den Rehen Eicheln
-schüttet, da geht es ihr besser, als bisher, und ohne sich um
-die Rehe zu kümmern, holt sie sich Tag für Tag ihr Teil,
-schleppt auch manche Eichel beiseite und stopft sie unter das
-Moos oder verbirgt sie in Fels- und Baumritzen. Fällt
-kalter Regen aus den Wolken oder bläst eine rauhe Luft,
-dann verschläft sie einen Tag oder auch zwei, und ist das
-Wetter heiter, dann läßt sie sich auch wohl wieder zu lustiger
-Balgerei und fröhlicher Hetz mit irgend einem netten
-Männchen herbei, das ihr in den Weg läuft.</p>
-
-<p>Schließlich hörte diese Spielerei auf. Die Männchen
-laufen ihm nicht mehr nach und das Weibchen hat andere
-Sachen im Kopfe. In einer ganz langen, hochschäftigen
-Buche baut es ein ganz großes, festes, dickwandiges Nest.
-Es gibt sich viele Mühe damit. Fortwährend schleppt es
-Moosbüschel, welkes Gras, dürre Würzelchen und trockenes
-Laub herbei, filzt Schicht auf Schicht mit den Vorderpfoten
-zusammen, dreht sich so lange darin herum, bis
-die Höhlung glatt und eben ist, setzt ein dichtes Dach darauf,
-stopft jede Ritze zu, in die der Wind hineinschnauben
-könnte, und läßt nur im Osten ein Schlupfloch, das aber
-leicht verschlossen werden kann, wenn der Wind von der
-Morgenseite weht.</p>
-
-<p>Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen. Die rote
-Eichkatze ist jetzt nicht mehr so oft zu sehen. Ganz früh
-am Morgen sucht sie nach Nahrung und in der Abenddämmerung,
-und gierig fällt sie über alles her, was sie vorfindet.
-Jeder Käfer ist ihr recht, jeder Schmetterling wird
-mitgenommen. Die Morchel im Laube verschwindet unter
-den schnellen Zähnen und die Blütenknospen des Ahorns
-werden ebensowenig verschmäht, wie die keimende Eiche und
-die treibende Buchecker. Magerer noch als der Winter ist
-die Frühlingszeit und die Eichkatze hat vierfachen Hunger,
-denn in ihrem Neste im Buchenwipfel liegen sechs junge<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-Eichkätzchen, und deren sechs Mäulchen müssen gestillt sein.
-Da heißt es denn: fressen, was zu fressen ist, damit die
-Kleinen satt Milch bekommen.</p>
-
-<p>Je größer sie werden, um so gieriger sind sie, und mit
-der Kost wird es nur langsam besser. Maikäfer sind noch
-nicht da und die Raupen sind noch gar zu klein. Eicheln
-und Bucheckern gibt es nicht mehr und die Knospen sind
-alle aufgesprungen. Die schlimmste Zeit im Jahre ist es
-für die Eichkatze, wenn die Buche ihr Blatt entfaltet.
-Hunger, Hunger, immer Hunger, und so dürftige Kost! Bei
-der Käfer- und Raupenjagd stößt sie auf ein Drosselnest.
-Die blauen Kugeln sehen so blank aus, wie reife Eicheln.
-Am Ende schmecken sie auch so. Das, was herausquillt, ist
-ein bißchen naß, aber schmeckt nicht schlecht, und es stillt
-den Hunger. Da ist schon wieder ein Nest. Eier sind nicht
-darin, nur nackte Vögel. Sie piepen erbärmlich, und die
-Alte flattert wild und schimpft und zetert, aber es ist doch
-besser, als Baumrinde oder junge Sprossen und die Hauptsache
-ist, es sättigt mehr, als das sechsbeinige Grabbelzeug,
-das im Moose und Grase herumwimmelt.</p>
-
-<p>Endlich burren die ersten Maikäfer, die Raupen nehmen
-zu an Länge und Dicke und die Grashüpfer werden immer
-fetter. Nun läßt es sich allmählich schon leben im Walde.
-Außerdem liegt an der Waldstraße ein eingegattertes Stück
-Land, in dem sind Löcher und darin stecken Eicheln, die zwar
-schon stark keimen, aber noch ganz leidlich sind. Wie die
-sechs Jungen die Milchzähne verloren haben und auf eigene
-Gefahr ihre Nahrung suchen, da gibt es schon allerlei
-bessere Sachen. Hier und da findet sich ein leckerer Erdpilz,
-die Nüsse haben kleine milchige Kerne, es wimmelt von
-Raupen, Puppen und Heuhüpfern und die Roggenähren
-lohnen schon eine Fahrt zu den Feldern am Waldrande;
-von den tiefherabhängenden Hainbuchenzweigen aus lassen
-sich die Ähren leicht pflücken und aushülsen. Das herrlichste<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-aber, was der Wald in dieser Zeit zu bieten hat, das ist
-der säuerliche, schäumende Saft, der aus den alten Eichen
-quillt. Jeden Tag um die elfte Stunde findet sich die Eichkatze
-dort ein, jagt die Schmeißfliegen und Hornissen fort,
-die sich dort laben, und leckt den gärenden Saft ab, bis
-ihr ganz sonderbar im Kopfe wird und sie anfängt, wie
-unklug hin und her zu springen, zu schnalzen und mit dem
-Schwanze zu schnellen, als wäre es Vorfrühling. Alle
-Vorsicht und Aufmerksamkeit vergißt sie über ihrem Rausch
-und wenn sie sich nicht im letzten Augenblicke in das Gebüsch
-gestürzt hätte, so wäre sie in den Fängen des Habichts
-geblieben, der wie ein Schatten durch das Geäst fuhr.</p>
-
-<p>An Gefahren mangelt es überhaupt im Walde nicht.
-Vor dem Habicht ist die Eichkatze nie sicher. Mitten im
-fröhlichsten Hetzspiel griff er ihren letzten Liebhaber, das
-kohleschwarze Männchen, und strich damit ab. Zwei von
-den Jungen, die noch recht unbeholfen waren, fing an zwei
-Abenden nacheinander der Kauz. Dreimal mußte sie sich
-kopfüber aus ihrem Neste zu Boden werfen, als der Edelmarder
-sie fassen wollte, und einmal hetzte er sie am hellen
-Tage über eine halbe Stunde lang von Baum zu Baum,
-bis sie sich aus der Pappel in den Teich fallen ließ und
-sich zitternd im Schilfe versteckte. Aber allmählich ist sie so
-gewitzt geworden, daß sie die Gefahr zu meiden weiß. Gleichwohl
-ging es ihr ab und zu hart am Leben vorbei. Einige
-hundert Schritte vom Waldrande steht ein hoher Birnenbaum
-im Felde. Der Bauer, dem er gehört, bekommt niemals
-eine Birne davon, denn ehe sie reif sind, hat das
-Eichhörnchen eine nach der andern durchgebissen und die
-Kerne verzehrt. Eines Tages erwischte sie aber der Bauer
-dabei und schickte seinen Jungen in den Baum, während er
-mit dem Hunde unten wartete. Der Junge stieg ihr bis
-in den obersten Wipfel nach und schüttelte diesen so lange,
-bis sie im Bogen in den Klee flog. Es hätte nicht viel<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-gefehlt, so hätte der Hund sie beim Wickel gehabt, aber im
-letzten Augenblicke schlüpfte sie in das enge Entwässerungsrohr
-und von da in den Schlehbusch und aus diesem in den
-Weizen und kam noch einmal glücklich in den Wald zurück.
-Seit der Zeit unternimmt sie ihre Streifen zum Felde
-immer nur in der ersten Morgenfrühe, denn die halbreifen
-Roggen-, Hafer- und Weizenkörner entbehrt sie nicht gern
-und am Waldrande finden sich auf dem Raine überall die
-Spreuhäufchen, die Reste ihrer Mahlzeiten.</p>
-
-<p>Die liebste Zeit aber ist ihr der Herbst. Dann ist im
-ganzen Walde Futter für ihre Zähne da. Unter den Ahornbäumen
-und Hainbuchen liegen massenhaft die geflügelten
-Kerne, in den Eichen schimmern die Eicheln, die Haselbüsche
-tragen schwer und in den Kronen der Buchen reifen die
-fetten Nüsse. Dann wimmelt es im Walde von Eichkatzen,
-die von weit und breit sich hierher zusammenziehen. Überall
-am Boden hüpft und schlüpft es; die fuchsroten Eichhörnchen
-aus dem Hügellande treffen hier mit den schwarzen
-und braunen aus den Fichtenbeständen von den höheren
-Lagen des Gebirges, wo es jahrein jahraus weiter nichts
-gibt als Fichtensamen. Wenn sie sich dann hier im Mittelbergwalde
-alle ein tüchtiges Ränzlein angemästet und ihr
-leichtes Sommerkleid mit dem dichten, langhaarigen, graubereiften
-Winterpelze vertauscht haben, dann verteilen sie
-sich wieder und der alte Stamm hat den Wald ganz
-für sich.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p>
-
-<h2 id="Hasendaemmerung">Hasendämmerung.</h2>
-</div>
-
-<p>Jans Mümmelmann, der alte Heidhase, lag in seinem
-Lager auf dem blanken Heidberg, ließ sich die Mittagssonne
-auf den billigen Balg scheinen und dachte nach über
-Leben und Tod. Sein Leben war Mühe und Angst gewesen.
-Aber dennoch fand er, daß sein Leben köstlich gewesen
-war. Auf grünen Feldern hatte sich seine Jugendzeit
-abgespielt; seine Jünglingsjahre hatte er im Walde verlebt;
-die Jahre seiner männlichen Reife verbrachte er in
-der Heide, nachdem ihm Feld und Wald Menschenhaß gelehrt
-hatten, und nur, wenn sein Herz sich nach Zärtlichkeiten
-sehnte, verließ er die Öde.</p>
-
-<p>Da lebte er, ein einsamer Weltweiser. Die Äsung
-war mager, aber es stand nicht wie beim Klee im Felde
-und bei der üppigen Wiese im Walde, die Angst bleichwangig
-und schlotterbeinig immer neben ihm; in Ruhe und
-Frieden konnte er da leben, sorglos im feinen Flugsande
-des Heidhügels die rheumatischen Glieder baden und dem
-Gesange der Heidelerchen lauschen.</p>
-
-<p>Mümmelmann fand heute aber doch, daß er etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-Abwechslung in seine Nahrung bringen müsse. Keine
-Philosophie der Welt tröstet den Magen und keine Weltweisheit
-befestigte die Appetitlosigkeit. Beim Dorfe gab
-es jetzt schon junge Roggensaat. Auch brauner Kohl war
-da, ferner Apfelbaumrinde, etwas ganz Feines, und der
-Klee war schon hoch genug, an den Gräben wuchs allerlei
-winterhartes Kraut; Mümmelmann lief das Wasser hinter
-den gelben Zähnen zusammen.</p>
-
-<p>Allerdings, so ohne Gefahr ging ein Diner beim Dorfe
-nicht ab. Fast immer stöberten Wasser oder Lord oder
-Widu oder Hektor oder ein anderer dieser scheußlichen
-Köter im Felde herum. Der Jagdaufseher hatte im Felde
-überall Tellereisen und Schwanenhälse liegen und der Jagdpächter
-hielt sich immer in der Nähe des Dorfes mit
-seinem Schießknüppel auf. Er war ein bißchen sehr dick
-und hatte eine trockene Leber, so daß er sich nicht gern weit
-vom Kruge entfernte.</p>
-
-<p>Aber schließlich was kann das schlechte Leben helfen?
-dachte Mümmelmann; <em class="gesperrt">einen</em> Tod sterben wir Hasen ja
-doch nur, und besser ist es im Dampfe dem guten Schützen
-sein Kompliment zu machen, als vor Altersschwäche den
-Schnäbeln der Krähen zum Opfer zu fallen. Und so machte
-er sorgfältig Toilette und rückte erst langsam, dann schneller
-gen Knubbendorf, wo er bei tiefer Dämmerung ankam.</p>
-
-<p>Es war eine gemütliche Nacht. Der Schnee war
-weich und trocken, die Luft windstill, die Kälte nicht zu
-stark und der Himmel bedeckt, so daß Jans und die anderen
-keine Angst zu haben brauchten vor dem alten Krischan,
-dem Armenhäusler und Besenbinder, der mit seinem verrosteten
-Vorderlader bei hellen Nächten hinter dem Misthaufen
-auf die Hasen lauerte. Es gab ein langes Begrüßen
-und Erzählen, und so kam es, daß Jans völlig die
-Zeit verpaßte und erst lange nach dem ersten Hahnenschrei, als der
-Tag schon mit rotverschlafenem Gesicht über die Geest stieg, nach<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-seiner Heide zurückhoppelte in Begleitung eines jungen
-strammen Moorhasen, Ludjen Flinkfoot, seines im letzten
-Herbst bei dem großen Kesseltreiben im Feuer gebliebenen
-Freundes Sohn. Den hatte er bewogen, mitzukommen; er
-wollte ihn erziehen und als Erben einsetzen.</p>
-
-<p>Als sie aber an den Heiderand kamen, da stutzten sie
-und machten Männchen, denn vor ihnen zappelten im Frühwinde
-lauter bunte Lappen. Voller Angst liefen sie zurück
-und scharrten sich, nachdem sie erst viele Haken geschlagen
-und Wiedergänge gemacht hatten, in einem mächtigen Brombeerbusch
-bei den Fischteichen ihr Lager.</p>
-
-<p>Inzwischen war im Dorfe großes Leben. Dreißig
-Männer waren gekommen, bis an die Zähne bewaffnet,
-schrecklich anzusehen in ihrem Kriegsschmuck. Sie waren in
-den Krug gegangen, aßen und tranken, was es gab, machten
-sich mit Pfeifen und Zigarren und auch sonst blauen Dunst
-vor, prügelten ihre Hunde, die sich bissen, kniffen allen weiblichen
-Wesen unter fünfzig Jahren die Arme braun und
-blau, erzählten sich mehr oder minder starke neuaufgewärmte
-alte Witze und zogen dann los, die reine Winterluft mit
-dem Rauch ihrer Zigarren und die Morgenstille mit dem
-Geknarre ihrer Stimmen erfüllend und sich freuend über den
-klaren windstillen, schönen Tag, der so recht geeignet sei für
-den Hasenmassenmord.</p>
-
-<p>Dicht hinter dem Dorfe wurde der erste Kessel gemacht.
-Ein Waldhorn erklang, Schützen und Treiber setzten sich
-nach dem Zentrum in Bewegung und das Kriegsgeschrei der
-rauhen Kehlen dröhnte durch den Wintermorgen. Da
-wurden überall graue Flecke im weißen Schnee sichtbar, die
-sich zu Pfählen verlängerten, unschlüssig hin und her hoppelten,
-wie besessen dahinrasten, und dann knallte es hier, blitzte
-es da, rauchte es dort, und ein Hase nach dem anderen
-rückte zusammen, wurde kürzer, immer kürzer, blieb schließlich
-liegen, sprang noch einmal in die Höhe und lag dann ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-still. Andere schlugen im Dampf ein Rad, daß der Schnee
-stäubte, wieder andere liefen wie gesund weiter und fielen
-plötzlich um. Und immer enger wurde der Kessel, immer
-zerfurchter seine Schneedecke von den Spuren des Hasen und
-den eingeschlagenen Schroten, und hellrote Flecke und Streifen,
-sowie die dunklen Patronenpfropfen unterbrachen seine
-Farblosigkeit.</p>
-
-<p>Ein Leiterwagen nahm die toten Hasen auf, und es
-ging zum zweiten Kessel. Und als der abgetrieben war, kam
-der dritte an die Reihe, und dann ging es zum Jagdhause
-vor dem Moore, wo der Wirt mit seinen Töchtern Bohnensuppe
-auffüllte und Glühwein einschenkte und Grog. Da
-gab es ein großes Erzählen hin und her, so daß Herr
-Markwart, der Häher, und Frau Eitel, die Elster, entsetzt
-abstoben und es weit und breit herumbrachten, daß die Jäger
-wieder einmal da wären und schon hundertundsiebzig Hasen
-gemordet hätten.</p>
-
-<p>Mümmelmann hörte aufmerksam zu, als Frau Eitel
-das Herrn Luthals, dem Würger, erzählte und er dachte
-sich: »Wenn sie schon soviel haben, dann werden die Schinder
-wohl nicht mehr hierher kommen,« und der flüsterte Ludjen
-Flinkfoot zu: »Bleib immer hübsch still liegen, mein Junge,
-mag kommen, was da kommen will; wer sich nicht zeigt,
-wird nicht gesehen, und wer nicht gesehen wird, den trifft
-kein Blei.«</p>
-
-<p>Es kam aber anders: Wieder klang das Horn. »Schwerenot
-noch einmal,« knurrte Jans unter seinem bereiften Bart
-her, »noch ein Kessel? Die Sonne geht ja schon in ihr
-Lager. Und ich glaube, die Bande kommt auf uns zu.« Ein
-furchtbares Gebrüll erhob sich von allen Seiten, der Boden
-dröhnte, Schüsse knallten. Ludjen wollte weg, aber der Alte
-rief: »Bliw liggen, du Döskopp,« denn wenn er erregt
-wurde, sprach er Platt, was er sich sonst als unfein abgewöhnt
-hatte, und dann setzte er hinzu: »Man kann nicht wissen,<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-was passiert. Ich habe so eine Ahnung, als ob ich die
-Sonne nicht mehr aufgehen sehen soll. Und nun höre zu:
-Falle ich und du bleibst gesund, so rückst du in die Heide,
-bis du an den Heidberg kommst, wo die großmächtigen
-Steine aufeinanderliegen. Da bist du das ganze Jahr sicher,
-da kommt niemand hin, als die dämlichen Schafe und höchstens
-einmal Reinke Rotvoß, der alte Schleicher; der erzählt
-ganz gut, aber halte ihn dir drei Schritt vom Leibe.
-Einem Fuchs darf man erst trauen, wenn er kalt und steif ist.«</p>
-
-<p>Näher kam das Getrampel, dichter folgten die Schüsse,
-hin und her flitzten die Hasen, kobolzten von den Dämmen
-auf das Eis der Teiche und blieben da liegen. Auf einmal
-schwoll das Gebrüll noch weiter an: »De Voß, de Voß!«
-riefen die Treiber und domm, domm, domm, domm krachte
-es. Mümmelmann hörte es in den Brombeeren knistern,
-etwas Rotes sauste über ihn fort, dann etwas Schwarzweißes,
-und dicht vor ihm schlug sich ein großer Hund den
-Fuchs um den Kopf.</p>
-
-<p>»Meinen Segen hat er,« dachte der alte Hase bei aller
-Angst; doch im nächsten Augenblicke fuhr er aus seinem
-Lager, denn ein zweiter Hund kam an und wollte ihn gerade
-fassen: »Da löppt noch een!« schrieen die Treiber. Aber
-Jans war nicht umsonst bei seiner Mutter, der erfahrenen
-Gelke Mümmelmann, in die Lehre gegangen. Er schlug
-einen Haken über den anderen und hielt sich immer dicht vor
-dem Hunde, so daß kein Schütze zu schießen wagte. Auf
-einmal aber krachte ein Schuß, die Schrote schlugen pfeifend
-auf das Eis, der Hund jaulte auf und wütende Stimmen
-erhoben sich.</p>
-
-<p>»Junger Mann, Sie haben meinen Hund totgeschossen!«
-brüllte ein dicker Herr.</p>
-
-<p>»Ja, was kann ich dafür,« rief der dünne Student, »ich
-habe ihn nicht gesehen; was hat der Hund auch im Kessel
-herumzubiestern?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p>
-
-<p>Und der Dicke schrie wieder: »Er sollte den Fuchs
-apportieren. Der Hund hat mich dreihundert Mark gekostet.«</p>
-
-<p>Und der Student rief: »Dreihundert Mark? Na, der
-Ihnen das abgeknüpft hat, der wird schön gelacht haben.
-Ich habe den Hund ja arbeiten sehen; hühnerrein war er,
-straßenrein auch, und Hasen hetzte er famos. Und wenn er
-auch nicht eingetragen war, ein ausgetragenes Biest war er
-doch, und die Rassenmerkmale hatte er innerlich, wie die
-Ziegen den Speck, Dreihundert Mark? Lächerlich, Sie
-meinen wohl Pfennige?«</p>
-
-<p>So ging es weiter und keiner achtete auf Mümmelmann.
-Der machte, daß er fortkam, denn er haßte Zank
-und Streit. Ihm tat nur Ludjen leid, um den Jungen
-hatte er Bange. Es dämmerte schon, als er an den Heidrand
-kam und gerade dachte er, er wollte sich um die Lappen
-nicht kümmern, da krachte es, und wie zwanzig Peitschenhiebe
-auf einmal fühlte er es in Rücken und Keulen. Das
-war der Jagdaufseher gewesen, der die Lappen aufrollen
-wollte.</p>
-
-<p>Jans fühlte, daß es mit ihm aus war. Aber er kam
-doch noch vom Fleck und tauchte in der Dämmerung unter.
-Ihm war sehr schwach zu Mute, obgleich er gar keine
-Schmerzen hatte; nur das Laufen wurde ihm schwer und
-das Atmen. Er kam noch bis zu dem alten Steingrab auf
-Heidberg, und da wühlte er sich in den weichen Sand,
-lag ganz still und äugte nach dem hellen Sternbilde, das über
-dem fernen Walde stand und ganz wie ein riesenhafter Hase
-aussah.</p>
-
-<p>Als der Mond über den Wald kam, da hoppelte auch
-Ludjen Flinkfoot heran. Er hatte, so schwer es ihm bei
-seiner Angst auch wurde, seines Oheims Ratschläge befolgt
-und war gesund davongekommen. Der gute Junge war sehr
-betrübt, daß er ihn todkrank fand; er rückte dicht an ihn
-heran und wärmte den Fiebernden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p>
-
-<p>Als es vom Dorfe Mitternacht schlug, da wurden Mümmelmanns
-Seher groß und starr; er sah die Zukunft vor sich.
-»Der Mensch ist auf die Erde gekommen,« sprach er, »um
-den Bären zu töten, den Luchs und den Wolf, den Fuchs
-und das Wiesel, den Adler und den Habicht, den Raben
-und die Krähe. Alle Hasen, die in der Üppigkeit der Felder
-und im Wohlleben der Krautgärten die Leiber pflegen, wird
-er auch vernichten. Nur die Heidhasen, die stillen und genügsamen,
-wird er übersehen, und schließlich wird Mensch
-gegen Mensch sich kehren und sie werden sich alle ermorden.
-Dann wird Frieden auf Erden sein. Nur die Hirsche und
-Rehe und die kleinen Vögel werden auf ihr leben und die
-Hasen, die Abkömmlinge von mir und meinem Geschlecht.
-Du, Ludjen, mein Schwestersohn, wirst den reinen Schlag
-fortpflanzen, und dein Geschlecht wird herrschen von Aufgang
-bis Untergang. Der Hase wird Herr der Erde sein,
-denn sein ist die höchste Fruchtbarkeit und das reinste Herz.«</p>
-
-<p>Da rief der Kauz im Walde dreimal laut: »Komm mit,
-komm mit, komm mit zur Ruh, zur Ruh, zur Ruhuhuhu!«
-und Mümmelmann flüsterte: »Ich komme,« und seine Seher
-brachen.</p>
-
-<p>Ludjen hielt die Totenwacht bei seinem Oheim; drei
-Tage und drei Nächte blieb er bei ihm. Als er aber nach
-der vierten Nacht zurückkam zum Hünengrab, da war der
-Leib seines Ohm verschwunden, und Ludjen meinte, die
-kleinen weißen Hasen wären gekommen und hätten ihn weggeholt
-zu dem Hasenparadiese, wo der große weiße Hase auf
-dem unendlichen Kleeanger sitzt.</p>
-
-<p>Reinke Rotvossens Vetternschaft aber wunderte sich,
-daß der alte dreibeinige, schwanzlose Heidfuchs, der immer
-so klapperdürr war, seit einigen Tagen einen strammen Balg
-hatte. Er hatte seinen Freund Mümmelmann bestattet auf
-seine Art.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Moerder">Der Mörder.</h2>
-</div>
-
-<p>Die halbe Heide entlang waren alle Förster und Jäger
-in Aufregung; es spürte sich ein fremder Haupthirsch.</p>
-
-<p>Gesehen hatte ihn noch kein Menschenauge. Nach der
-Uhlenflucht trat er zur Äsung aus und vor Tau und Tag
-zog er wieder in die Dickung.</p>
-
-<p>Der Fährte nach war es ein Hirsch von mehr als dem
-zehnten Kopfe; bequem konnte ein Mann die vier Finger
-der Hand hineinlegen. Es war eine Fährte, die tief und
-fest in dem Sande stand; danach gab man dem Hirsche dreihundert
-Pfund und darüber. Und weil sie ein ganz anderes
-Bild zeigte, viel mehr Zwang aufwies, als die der Standhirsche,
-so schlossen die Förster, daß der Hirsch von weit her
-zugewechselt sein mußte.</p>
-
-<p>Dreihundert Büchsen die Heide auf, die Heide ab
-lauerten tagtäglich auf ihn; sie lauerten vergebens. Spürte
-er sich drei Tage in dieser Forst, morgen war er verschwunden
-und die rätselhafte Fährte setzte übermorgen zehn Meilen
-weiter die Jäger in Verwirrung. Drei Nächte nacheinander
-stand der Jäger auf der Schneiße in der wilden Hudewohld<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-und sah das Kreuzgestell auf und ab; er bekam nur Wildbret
-zu Blick. Als er sich schon zum Abgang rüstete, da
-war ihm so, als stände etwas Böses hinter ihm. Erschrocken
-wandte er den Kopf und sah zwei Schritte hinter sich ein
-furchtbares Gesicht. Er erblaßte und griff nach der Büchse,
-aber da schnaufte es und mit Kling und Klang und Knick
-und Knack stob der Hirsch in das Geheimnis des Bruchwaldes
-hinein.</p>
-
-<p>Der Jäger starrt hinter der Erscheinung her. Ist das
-ein Hirsch gewesen oder ein Gespenst? Er hatte ein Gesicht
-gesehen über einem schwarzen Brunfthalse, schrecklich und
-böse. Quer um die Lichter war ein breiter, weißer Strich
-gezogen, und darüber leuchteten und funkelten in der halben
-Frühsonne lange, blutrote Spieße. Wie viele es waren, wie
-viel Enden der Hirsch trug, der Mann weiß es nicht. Das
-Herz ist ihm in den Hals gesprungen, Schwäche ist über
-seine Kniee gekommen, Eis auf seinen Rücken, Fieber über
-seine Stirn und Nebel vor seine Augen.</p>
-
-<p>Die gespannte, gestochene Büchse in der Hand tritt er
-in den wilden Wald. Da steht die Fährte, wie in Erz gegossen,
-in dem anmoorigen Boden; leicht nimmt sie vier
-Finger auf. Ihr zu folgen ist ein Unding; wohl zieht der
-Wind nach Wunsch, aber sie steht auf das Postbruch zu,
-wo nur Fuchs und Marder lautlos schlüpfen können, wo
-schon der Bock laut brechen muß, so viel Geknäck deckt den
-Boden, so eng verfilzt sind Weiden und Ellern, Birken und
-Fuhren durch Risch und Post.</p>
-
-<p>Vorsichtig schleicht der Jäger das Gestell entlang und
-umgeht das Bruch; nirgendswo steht die unheimliche Fährte
-heraus; der Hirsch steckt im Bruche. Mit halbem Winde
-dringt der Jäger auf einem verwachsenen Altwege in die
-modrige muffige, schwüle, enge Wildnis hinein, Schweiß
-auf der Stirn, Herzklopfen in der Kehle, Durst am Gaumen,
-bis er nach einstündigem Schleichen und Kriechen, nach<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-manchem voll Zittern und Beben gemachten Sprung, nach
-manchem Bogen und vielen Pausen vor den großen Windbruch
-inmitten der Wohld tritt. Dort tritt so gern das
-Wild herum, dort schlägt der Hirsch, wie die geschundenen
-Stämme zeigen, dort setzt das Mutterwild, dort horstet der
-Schwarzstorch in der alten Fichte, dort sonnt sich der Giftwurm
-im Grase, dort paßt der Schreiadler auf die Waldmaus.
-Heute ist die Blöße blank und leer. Aus dem
-grünen Risch leuchten die roten Stämme und verlieren sich
-in den schwarzen Kronen, zwischen denen blaue Fetzen
-Himmel lieb herabsehen.</p>
-
-<p>An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt
-sich der Mann an und harrt mit halbgeschlossenen Augen.
-Müdigkeit reißt seinen Kopf herab, er wirft ihn wieder hoch.
-Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die ihm seine überreizten
-Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor
-seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild,
-das dort hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen
-Fehlblick gewahr wird. Und wieder werden seine Augen
-groß, denn da unten schwebt der Schwarzstorch. Aber es
-war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn in der Luft
-stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren,
-Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden
-Ruf von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied
-nahm. Und Wellen hört er schlagen gegen das Schiff,
-das ihn der Blonden entführte.</p>
-
-<p>Aus dem trüben, ernsten, müden Gesichte springen die
-blauen Augen heraus, wie blaue Seen aus nächtlichem Nebel.
-Vernahm seine Seele mit der Erinnerung das Klatschen der
-Wellen, das Stampfen des Schiffsrades? Oder waren es
-die Ohren, die ihm diese Laute wirklich meldeten? Aber es
-ist so still, nur Meisen zirpen fernweg und Hummeln
-brummen nahebei. Der Tabak bringt den Nerven Festigkeit.
-Blau steigt der Rauch empor; träumende Augen sehen<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-hinterdrein, besinnen sich, rufen sich selbst zur Ordnung und
-wandern gehorsam wieder von Stamm zu Stamm, von Busch
-zu Busch, langsam und stetig, ohne Hast und Unrast, halb
-von den Lidern bedeckt. Sind aber mit einem Rucke voll
-und groß da, stehen in einem Gesicht, in dem Hoffnung und
-Angst sich zanken, in dem der Mund sich öffnet, um mitzuhorchen.</p>
-
-<p>Es war kein Traum aus der Burschenzeit, nicht die
-Erinnerung spülte vergessene Laute an das Ufer der Gegenwart,
-es klatscht und stampft hier in der grünen Wohld.
-Das klatscht und quatscht und schlappt und jappt, stöhnt und
-dröhnt, knackt und klackt, verstummt und hebt von neuem an,
-und endlich bricht es in der Dickung, steht, wie in einem
-Rahmen, halbrechts, zwischen zwei roten Stämmen unter
-einem verschnörkelten roten Aste, von unten gedeckt durch
-einen dunklen Busch, der Hirsch, schwarz wie der Satan,
-eben der Suhle entstiegen, und äugt aus den weiß umzogenen
-Lichtern, über denen es blutrot in der Sonne leuchtet,
-den Mann an, starr, wie der böse Feind eine arme Seele.
-Einen Schlag fühlt der Mann auf dem Herzen, denn er
-sieht, daß der Rauch seiner Pfeife stracks dem Hirsch entgegenzieht,
-aber ehe der Kolben an der Backe liegt, ist der
-Rahmen leer und mit Kling und Klang und Knick und
-Knack ist die Erscheinung verschwunden.</p>
-
-<p>Noch an demselben Abend vernimmt der Förster, der
-eine Meile weiter vor dem Moore die Hirsche verhört, ein
-hartes, trockenes, heiseres Röhren, häßlich anzuhören, und
-hinterher einen Trenzer, niederträchtig und gemein, und einen
-Schrei, hohl und häßlich. So hat hier noch nie ein Hirsch
-geschrieen. Der Platzhirsch, der oben in der Moorwiese
-steht, wirft auf und zieht langsam vor seinem Rudel her
-dem Moorwalde zu. Der Förster hat das Glas vor den
-Augen und späht das silberne Gatter ab, mit dem die Birken
-Moor und Forst trennen. Der Platzhirsch schreit zornig in<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-den Wald hinein; weiß springt sein Atem vor ihm her. Aus
-der Forst kreischt der harte, häßliche Trenzer heraus, hinter
-ihm her röchelt ein heiserer, höhnischer Ruf, ein trockenes,
-boshaftes, gemeines Röhren, ganz unirdisch klingend, gespenstig,
-höllisch. Der Platzhirsch zieht näher an den Moorrand.
-In dem Walde ist es still, bleibt es stumm. Rund
-und voll ruft der Zwölfender sein ehrliches Wort in das
-schwarze, mit Silber vergitterte Walddunkel. Es wird ihm
-keine Antwort. Unwillig tritt der edle Hirsch den Grund,
-wirft die Moorerde mit dem stolzen Geweih empor, zerfetzt
-damit einen Weidenbusch, schreit dem Gegner einen verächtlichen
-Trenzer zu und wendet sich voller Abscheu ab. Vor
-ihm her trollt sein Rudel.</p>
-
-<p>Da fährt etwas aus dem Walde, ein schwarzes, unheimliches
-Ding, und ehe der Zwölfender wenden und dem
-Gegner die Kampfsprossen weisen kann, ist er überrannt, ist
-er von hinten niedergeforkelt. Über ihm steht der schwarze
-Mörder und stößt auf ihn los. Dumpf klingt es, als schlüge
-ein Stock auf einen Mehlsack. Starr steht das Rudel, die
-Hälse sind lang, die Lauscher steif, die Lichter weit aufgerissen.
-Ein blutiger Fetzen fliegt dem Kopftier an den Hals,
-noch einer vor die Brust. Es schreckt und wendet. Aber
-im Nu ist der schwarze Hirsch mit der weißen Augenbinde
-und den roten Stangen vor dem Rudel und forkelt es auf
-einen Klumpen zusammen. Dann schreit er in das Abendrot
-hinein, so häßlich, so gemein, so tonlos und trocken, wie
-hier noch nie ein Hirsch schrie, und treibt das Rudel vor sich
-her in den Nebel hinein.</p>
-
-<p>Starr sieht der Förster ihm nach, dann steigt er von
-dem Hochstand und geht zu dem geforkelten Zwölfender.
-Der ist im Verenden begriffen. In den weit herausgequollenen
-Lichtern liegt Todesangst. Armslang hängt das
-zerfetzte Gescheide aus den zerrissenen Dünnungen heraus.
-Der Förster gibt ihm den Fang und lüftet ihn. Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-schreitet er, den Kopf auf der Brust, heim. Der Oberförster
-wird Augen machen; am anderen Morgen sollte der
-Prinz den Zwölfender weidwerken.</p>
-
-<p>Der Morgen kommt mit herber Luft; ein Brunftmorgen
-ist es, wie er nicht schöner sein kann. Aber weit und breit
-meldet kein Hirsch, höchstens röhrt hier und da ein Schneider.
-Die Platzhirsche sind verschwiegen. Der Zwölfender tat
-gestern abend seinen letzten Schrei: er hängt an der Wildwinde
-auf dem Hofe der Oberförsterei. Der kapitale Achtender,
-der schon zwölf Enden aufwies und auf vierzehn gezeigt
-hat, sitzt im Erlenbache und kühlt seine zerschundenen
-Seiten. Auch ihn überfiel der Mordhirsch hinterrücks. Der
-Zehnender aus dem Brandmoore steht im Stangenort und
-rührt sich nicht. Der Mörder hat ihm eine Stange in das
-Gehirn gerannt und ihm die halbe Besinnung genommen.</p>
-
-<p>Wäre nicht gerade der Prinz vorbeigefahren, so wäre
-der Hirsch auch zu Tode geforkelt worden. Dicht vor den
-Rotschimmeln sauste der schwarze Satan über das Gestell,
-daß die Gäule hochaufgingen. Der Prinz hatte das Jagen,
-in dem der Hirsch steckte, umfahren, aber der Mordhirsch
-war schneller gewesen und spürte sich schon heraus und in
-das unwegsame Bruch hinein. Auf dem Quergestell spürte
-sich eine frische Rotfährte. Sie führte zu dem kranken Zehnender.
-Der stand da stumpfsinnig, an eine Stange gelehnt,
-stöhnte und röchelte und schüttelte fortwährend das Haupt.
-Über dem rechten Lichte saß ein faustgroßer, rotweißer
-Klumpen, die blutige Gehirnmasse, die aus der Forkelstelle
-herausgequollen war. Ein Schrotschuß auf den Hals endete
-die Qualen des Gemeuchelten.</p>
-
-<p>Acht Tage gingen über das Land. Zehn Meilen umher
-hatte alles, was den grünen Rock trug, einen roten Kopf.
-Aller Jagdneid, jeder Grenzhaß war vergessen. Der Förster
-sagte es dem Bauernjäger, der städtische Jagdpächter dem
-Förster an, wenn sich der Schadhirsch spürte. Dreimal hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-man ihn schon hinter den Lappen gehabt, aber nie war er
-vor die Schützen gekommen, denn er hielt die Lappen nicht;
-bevor es hell wurde, überfloh er sie. Bald hier, bald da erscholl
-sein heiseres, häßliches Schreien, aber stets im unwegsamen
-Bruch oder in der verwachsenen Dickung, und erst,
-wenn die Nacht Himmel und Erde verschränkte, trat er aus
-und kämpfte auf den Wiesen die Platzhirsche ab. Am hellen
-Mittag saßen die Jäger schon auf den Kanzeln, saßen bis
-in die Nacht hinein, froren in ihren Pelzen, wenn der Frühwind
-über das Bruch blies, sahen wohl schwarze Klumpen,
-die jäh hin- und herfuhren und im Nebel verschwanden,
-hörten den Mörder trenzen und röhren, aber wenn der Tag
-kam und die Büsche und Bäume aus dem Nebel zog, dann
-stand der Unglückshirsch längst in der sicheren Dickung, oder
-saß in der Suhle im wilden Bruche.</p>
-
-<p>Keine fünfzig Schritte von dem Hochstande, auf dem
-der Forstmeister die Nacht verbrachte, forkelte er einen angehenden
-Zehnender zu Schanden. Der Forstmeister hörte
-jeden Laut, konnte den Kampf genau verfolgen, hatte
-währenddem die gestochene Büchse unausgesetzt an der Backe,
-bereit, trotz des fehlenden Lichtes den Schuß zu wagen. Er
-hörte das Brechen der Büsche, das wilde Rauschen im
-Risch, das Aneinanderprasseln der Geweihe, das Schnauben
-und Stöhnen der beiden Kämpen, und er hörte auch, wie
-plötzlich hageldicht die Stöße fielen, dumpf dröhnend, wie
-Stockschläge auf einen Mehlsack. Dann brach es laut in
-der Dickung, dann rief der Schadhirsch seinen trockenen, gemeinen,
-<span id="corr129">höhnischen</span> Jubelruf dem Forstmeister zu, und dann
-stand die Stille wie eine Mauer rund um die Wiese.</p>
-
-<p>Als die Sonne sich durch den Nebel quält, ist die Wiese
-kahl, wie eine Mädchenhand; eine einzige alte Ricke äst sich
-an dem Moorbache entlang. Unausgesetzt lärmen in der
-Dickung die Häher. Mit steifen, kalten Gliedern steigt der
-Weißbart von der Kanzel. Seine Stirn kraust sich, wie er<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-auf der zertretenen, zerwühlten, zerrissenen Wiesennarbe
-Schweiß findet, dunkelbraunen, trüben Schweiß, Leberschweiß.
-Die kranke Fährte führt gerade dahin, wo die Häher zetern
-und keifen. In der Lichtung der alten Dickung liegt der
-Zehnender auf der Seite, die Läufe weit von sich gestoßen.
-Der Lecker hängt weit aus dem Geäse, die Lichter sind gebrochen.
-Er ist schon seit Stunden verendet. Ein Stoß in
-die Leber brachte ihn um.</p>
-
-<p>Der Forstmeister sendet reitende Boten ab und sein
-Sekretär steht den halben Morgen am Fernsprecher. Der
-Schadhirsch muß sterben. Da alles Passen und Weidwerken
-nichts nützte und das Einlappen auch nicht half, soll der
-Hirsch bestätigt und vor dem Hunde geschossen werden.
-Abends kommen die Schützen an. Dreißig Mann sind es,
-Förster, Jagdpächter, Bauern, alles sichere Leute. Sie verteilen
-sich im Dorfe, denn der Krugwirt kann sie nicht alle
-beherbergen. Am andern Morgen meldet der Fernruf, daß
-der Hirsch in der hellen Weide fest sei, einem vermoorten,
-verwachsenen Birkenwalde. Zu Rad und zu Wagen fahren
-die Schützen zu dem Belauf, in dem die helle Weide liegt.
-Wie die Katzen, so leise, schleichen sie sich an ihre Stände,
-und ebenso lautlos treten die Treiber an. Der Hegemeister
-legt seinen uralten, lahmen Söllmann zur Fährte: der einzige
-Schweißhund weit und breit ist er, der eine gesunde Fährte
-arbeitet. Das unterschiedlichste Wild läuft die Schützen an,
-ein jagdbarer Hirsch, Wildbret, zwei Sauen, ein guter Bock,
-der Fuchs; kein Schuß fällt, denn nur auf den Schadhirsch,
-den Meuchelmörder, darf der Finger krumm gemacht werden.
-Eine Stunde vergeht, da taucht der rote Hund und hinter
-ihm das rote Gesicht des Hegemeisters bei den Schützen auf.
-Der Hirsch ist nicht vorgekommen. Ein Förster spürt auf
-dem Rade die Gestelle rund um das Jagen ab; der Hirsch
-steckt noch im Treiben.</p>
-
-<p>Das Jagen wird noch einmal getrieben. Der Hirsch<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-zieht in voller Deckung am Rande des Treibens entlang.
-Der Forstmeister läßt das Jagen noch einmal treiben und
-geht mit zehn Schützen mit der Treiberwehr. Das hilft;
-endlich knallt es. Aber das Horn meldet nicht: »Hirsch tot!«
-Er ist vorbeigeschossen. Wie eine Katze, so leise, war er
-bis dicht vor einen Schützen gezogen und hatte mit jäher
-Flucht die Brandrute überfallen. Zwei hastige Kugeln
-pfiffen taub hin und her. Alle Mühe, alle Kosten waren
-vergebens gewesen. Der Hirsch spürte sich bis in das Stiftsmoor
-und dort verlor sich die Fährte. Aber das Treiben
-hatte er wohl übel genommen. Sein trockener Schrei ward
-nicht mehr vernommen in dieser Gegend. Drei Jahre lang
-erzählten sich die Jäger die Schauermär von dem Schadhirsch,
-der in einer einzigen Brunftzeit sieben gute Hirsche zu
-Schanden geforkelt hatte. Wie der Dieb in der Nacht war
-er gekommen und gegangen, wohin, das wußte keiner. In
-den Zeitungen wurde Nachfrage nach ihm gehalten, aber es
-wurde nicht bekannt, wo er geblieben war.</p>
-
-<p>Ein Mann wußte um das Geheimnis des Mordhirsches.
-Das war der rote Hein, der Waldbummler und Tagedieb,
-der in der Kreisstadt am Tage Beeren und Pilze verkaufte
-und des Abends Ricken und Hasen, die er in den Wäldern
-gestrickt hatte. Er war am Tage nach der Treibjagd durch
-das Rauhe Horn geschlichen, um Schwämme zu suchen und
-nebenher nachzusehen, ob sich nichts in den Schlingen gefangen
-hatte, die Tags vorher seine beiden Jungens auf die
-Rehwechsel gestellt hatten. Als er so durch den verwachsenen
-Moorwald schlich, sein Fuchsgesicht gewohnheitsmäßig zu
-einer recht dummen Grimmasse verziehend, ab und zu einen
-Pilz losschneidend und über die Schulter in den Tragkorb
-fallen lassend, da war er plötzlich ganz in sich zusammengefallen
-und hatte sich geduckt, wie ein Fuchs, der die Maus
-anspringen will. Das rote Haar auf seiner sommersprossigen
-Stirn zuckte hin und her und seine abstehenden Ohren bewegten<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-sich langsam, denn da vorne ging etwas Seltsames
-vor sich. Es stöhnte und ankte dort, als läge ein Mensch
-im Sterben. Die Kreuzotter kriecht nicht so leise wie Hein
-Thomann kroch. Den Tragkorb hakte er ab, setzte die alte
-Mütze auf und zog sie tief in die Stirne, ließ die Schuhe
-bei dem Korbe stehen, und dann glitt er, den kurzen Totschläger
-fest in der Faust haltend, schnell, aber lautlos näher,
-jeden Zweig vermeidend, der sein verschossenes Zeug streifen
-konnte. Vorsichtig bog er den Weidenbusch zur Seite, hinter
-dem her das halblaute Stöhnen erklang, und hob den Stock
-mit dem Bleiknopfe zum Schlage. Aber dann fuhr er zurück
-und sein fahles Gesicht wurde weiß, denn was er da sah,
-das war gräßlich.</p>
-
-<p>Hinter dem breiten, tiefen, steilwandigen Entwässerungsgraben
-hing zwischen den beiden Stämmen einer Zwillingskiefer
-eingeklemmt ein starker Hirsch mit weißumbänderten,
-weit hervorgequollenen Lichtern und heraushängendem Lecker.
-Die ganze Nacht mußte er schon so gehangen haben, denn
-von den Hinterläufen war der braune Boden zerkratzt und
-zertreten. Schlaff hing der Hals zu Boden und das Geweih
-mit den langen, dicken, spitzen, endenlosen Stangen berührte
-mit den blutrot gefärbten Kampfsprossen fast die Erde;
-schrecklich aufgetrieben war der Leib des Hirsches. Ein ohnmächtiges
-Zittern erschütterte ab und zu seine Decke, matt
-spielten die Lauscher, krampfhaft zuckte ab und an ein Lauf,
-und unaufhörlich kam aus dem weißschaumigen Windfange
-ein hohles, trocknes, hoffnungsloses Stöhnen.</p>
-
-<p>Ein Schauder überlief den Schlingensteller. Er nahm
-die schmutzige Kappe ab und fuhr mit der goldhaarigen Hand
-über die nasse Stirn. Er hatte nie Mitleid empfunden,
-fand er ein Reh in der Drahtschlinge zappeln, das brachte
-das Handwerk mit sich. Aber dieses hier? Eine ganze
-Nacht sterben? Ganz langsam, bei lebendigem Leibe? Der
-Mann schüttelte sich. Er zog die Schnapsflasche hervor, tat<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-einen kleinen Schluck, sah scheu hin und her, und schlich
-näher. Ein dumpfer Schlag, das Stöhnen brach; ein Blitz
-aus der Hand, und in gebogenem Strahl plätscherte der rote
-Schweiß aus der Schlagader des Hirsches. Hein Thomann
-verstand sein Geschäft; nach drei Stunden war der Hirsch
-zerwirkt. Die Knochen und das Gescheide verschwanden im
-weichen Schmorboden, bis auf einige schöne Stücke hing das
-ganze Wildbret an Weidenruten in die Krone einer dichten
-Fichte, mit Papierfetzen gegen Marder und Krähe verblendet,
-und in einer anderen Fichte hing der Schädel des Mordhirsches
-mit dem blutroten Geweih. Drei Nächte lang
-schleppte Thomann mit seinem hageren, schwarzhaarigen
-Weibe und seinen drei hungerigen Taugenichtsen von Jungens
-Kiepe auf Kiepe nach der Kreisstadt. Thomann ging zum
-Biere und hielt seine Freunde frei, seine Alte hatte ein anständiges
-Kleid an und seine Jungens neue Stiefel.</p>
-
-<p>In einer schlechten Wirtschaft in der großen Stadt, wo
-bemalte Weiber an weißen Marmortischen auf Raub lauern,
-hängt an einem Pfeiler das hohe, weitausgelegte Geweih
-des Vierenders, des Meuchlers, des Schadhirsches, der sich
-selbst richtete und den langsamen, schrecklichen Tod starb, den
-Tod des Mörders.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Alte_vom_Berge">Der Alte vom Berge.</h2>
-</div>
-
-<p>Hell scheint die Sonne gegen den weißen Berg. Die
-Buchenjungenden brennen, der Stangenort lodert, der Fichtenhorst
-steht in Flammenschein.</p>
-
-<p>Meisen zwitschern, Goldfinken flöten, Häher schwatzen.
-Das Geschwätz bricht ab, setzt als Gezeter wieder ein, flaut
-ab, schwillt an und endet in einem schneidenden Gekreische.</p>
-
-<p>An der steilsten Stelle der grauen Wand, auf dem
-schimmernden Schneefleck, leuchtet ein roter Fleck auf.
-Schimpfend und lästernd fallen die bunten Vögel in der
-krummen Linde über der Felsplatte ein, stellen sich entsetzlich
-giftig an und stieben ärgerlich keifend ab.</p>
-
-<p>Einen schiefen Blick schickt ihnen der Fuchs nach; dann
-reckt er sich, gähnt herzhaft, reckt sich abermals, fährt zusammen
-und beginnt sich heftig mit dem Hinterlaufe hinter
-dem Gehör zu kratzen, wohlig dabei knurrend, fährt dann
-mit dem Fange nach der Keule, flöht sich auch dort ausgiebig,
-kratzt sich stöhnend und murrend den Nacken und sitzt
-dann würdevoll da, ab und zu den Kopf wendend.</p>
-
-<p>Vom Vorholze tief unter ihm fallen <span id="corr134">hastige</span> Axtschläge<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-herauf; es stört ihn nicht. Das eilige Kreischen der Säge
-ertönt; ihn kümmert es nicht. Ein knirschender Laut wird
-hörbar, dem ein Prasseln folgt, das in einem dröhnenden
-Poltern endigt; ihm ist es gleich. Der Berg zittert leise,
-dann stärker, ein wildes Gebrüll donnert durch die Luft; auch
-das läßt ihn kalt. Die Arbeit der Holzfäller ist er seit
-sieben Jahren gewöhnt, und die Sprengschüsse der Steinbrucharbeiter
-erst recht.</p>
-
-<p>Auch das Piepsen der Goldhähnchen, das Zetern des
-Zaunkönigs und das Trillern der Schwarzmeisen bringt ihn
-nicht aus seiner Ruhe; vor sechs Jahren reizte es ihn, einen
-Versuch zu wagen; jetzt weiß er, daß das keinen Zweck hat.
-Er gähnt, reckt sich, kratzt sich abermals, rekelt sich in der
-Sonne und hockt dann wieder unbeweglich da.</p>
-
-<p>Eine ganze Weile sitzt er so, bis die Flöhe unter der
-warmen Decke gar zu frech in seinem graubereiften Balge
-werden und er sie wieder mit Klaue und Zahn zur Ruhe
-bringen muß. Aber mitten in dieser Beschäftigung hält er
-ein; seine bernsteingelben Seher erweitern sich, seine schwarzen
-Gehöre stellen sich aufrecht.</p>
-
-<p>Da, halbrechts unten, sind sie wieder, die beiden Töne,
-die er vernahm. Und noch einmal das Brechen, und noch
-einmal das Husten. Der Fuchs steckt wieder die sorglose
-Miene auf. Es ist nichts, wenigstens nichts Schlimmes.
-Ein Mensch zwar, aber ein guter Bekannter, der alte Oberholzhauer,
-in dessen tranduftender Fährte sich immer etwas
-Gutes findet, ein Endchen Wursthaut, ein Stückchen Butterbrotsrinde,
-ein Bückingskopf.</p>
-
-<p>Ach ja, Wursthaut und Bückingskopf! Der Fuchs zieht
-Geschmacksfäden, die silbern in der Sonne blitzen, und in
-seinem Wanst rumpelt und pumpelt es. Vorgestern Plattfrost
-und steifer Nordost, gestern Schlackschnee, das waren
-zwei magere Tage. Eine verluderte Krähe, ein scheußlich
-salziger Heringsschwanz, ein steinharter Knochen mit nichts<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-daran und zwölf Nachtschmetterlinge, die hinter der losen Rinde
-eines Buchenstumpfes überwinterten, das war alles.</p>
-
-<p>Aber heute wird es mehr geben. Den ganzen Morgen
-hat es geschneit und es wird noch mehr schneien, denn die
-Luft ist still und weich. Aber brach da unten nicht etwas?
-Natürlich! Ein Hase ist es, den der alte Mann aus dem
-Lager trat. Die dicke Lunte des Fuchses zuckt hin und her,
-daß die weiße Blume blitzt. Der Hase hoppelt gerade auf
-die Steinplatte zu. Langsam schiebt sich der Fuchs voran.
-Da bröckelt der Schneerand der Steinplatte ab, fällt rauschend
-in das Buchenlaub, der Hase hält inne, macht einen Kegel
-und hoppelt im rechten Winkel fort. Also dieses Mal gelang
-es nicht, wie meistenteils.</p>
-
-<p>Aber nun merkt der alte Fuchs recht, wie sehr es ihn
-hungert. Ganz elend wird ihm inwendig. Es hat keinen
-Zweck, hier sitzen zu bleiben. Sonne auf dem Balge wärmt
-ja, aber frisches Fleisch im Balge hält wärmer. Es ist noch
-heller Tag, aber hier oben am Berge ist die Luft rein, und
-wenn ein Bummel durch Busch und Stangenort auch nicht
-viel einbringt, etwas kommt immer dabei heraus.</p>
-
-<p>Fort ist er; ein leises Knirren der langen Grashalme,
-ab und zu das Zerstäuben des Schneebehanges zeigt, wo er
-blieb. Jetzt taucht er in der alten Holzriese auf, sichert einen
-Augenblick zum Abhange hin und ist wieder fort. Der Wanderfalke,
-der auf der höchsten Zacke des zopftrocknen Buchenüberhälters
-hakt, äugt unter sich, denn Reinecke macht sich
-dort zu schaffen. Irgend etwas findet er dort immer, auch
-heute. Viel ist es ja nicht, nur der Rest einer Krähe. Der
-Hunger treibt es hinein.</p>
-
-<p>Weiter geht es auf dem engen, hochverschneiten Passe
-zwischen den Jungbuchen. Ab und zu unterbricht eine Flucht
-über einen faulen Stamm oder eine hinderliche Klippe das
-langsame Schnüren, hin und wieder verhofft er auch ein
-wenig. Allzu verlockend schwirrt und schnurrt das Meisenvolk,<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-nach Frostspannern suchend, über den Schnee hin.
-Meist bringt diese Jagd nichts ein, aber einen Augenblick
-kann man schon daran wenden; vielleicht glückt es. Aber
-schon schnürt er weiter. Die Finkmeise hat ihn spitz; sie
-schlägt Lärm und schimpfend stiebt der ganze Trupp in die
-Kronen.</p>
-
-<p>Nun aber schnell fort, denn diese Gesellschaft ist lästig.
-Also umgedreht, in die Dickung, den Berg hinauf, und von
-oben her in das Stangenholz hinein. Langsam, hier riecht es
-nach Maus, ganz frisch sogar. Mit schiefem Kopfe steht er
-vor dem schwarzen Loche in dem Schnee. Etwas Graubraunes
-will heraus. Er faßt zu, es quitscht, eine schnelle
-Bewegung des Kopfes, ein heftiges Wedeln der Lunte, ein
-lautes Schmatzen, und weiter schnürt er. Hier riecht es nach
-Reh, darum halt! Auch ganz frisch, darum entlang in der
-Doppelfährte! Ricke mit Kitz, aber beide gesund. Dann hat
-es keinen Zweck!</p>
-
-<p>Einen Augenblick überlegt er. Hier irgendwo wurde er
-einmal sehr satt. Richtig, halblinks, um die grauen hohen
-Felsen herum, an dem Fichtenhorst vorbei, unter den losen
-Steinplatten hindurch in das große Trümmerloch hinein!
-Hier hatte er an einem schönen Spätherbstmorgen gelegen
-und sich den Balg vom Nachttau getrocknet. Da hatte er
-es knallen hören, nicht sehr weit, und nach einem Weilchen
-brach es über der Schlucht, Steine polterten, Schutt rieselte
-und rasselnd fiel es in Laub und Kraut.</p>
-
-<p>Er hatte sich schnell in Sicherheit gebracht, aber abends,
-als die Eule schrie, war er auf Umwegen an die Schlucht
-herangeschnürt. Da war er auf Rehschweiß gestoßen, hatte
-immer mehr gefunden und hatte die Rotfährte gehalten bis
-an die steile Wand, war das Zickzackband der Wand hinabgeschlichen,
-und als er im Grunde war, da schlug ihm die
-volle Rehwitterung entgegen. Das war ein Fest! Eine
-Flucht machte der Bock noch, aber keine zweite mehr, da<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-hatte er ihn an der Drossel, und lange Zeit zum Klagen
-ließ er ihm nicht. In der Nacht war er satt geworden, daß
-es für zwei Tage hinlangte. Aber alle Tage sind nicht so.
-Heute riecht es hier nur nach Schnee und Moos und
-Mulm.</p>
-
-<p>Also weiter, die Klippen hinauf, an der Wand entlang
-in den Hohlweg hinein, wieder in die Klippen und wieder
-heraus. Aber die Höhle könnte man mitnehmen; einmal
-gab es dort einen angeschweißten Hasen, der sich da gesteckt
-hatte, ein anderes Mal einen Jungdachs, der vergeblich an
-den Wänden herumfuhr, als Reineke in dem Ausgang erschien,
-und einige Siebenschläfer wurden dort auch erbeutet,
-ja, einmal sogar eine Eule. Hier ist nichts da, nur Eiszapfen
-und Schnee. Ein paar dicke Motten finden sich
-schließlich noch; die werden mitgenommen. Aber die Fledermaus
-bleibt hängen, nichts wie Haut und Knochen, und sie
-riecht schlecht.</p>
-
-<p>Mißmutig überlegt er, wohin er sich nun wenden solle.
-Da fährt er zusammen. Über ihm erschallt des Hasen
-Todesklage. Mit jäher Flucht nimmt er den Kopf der
-Klippe und will auf die folgende, von der er in das helle
-Holz äugen kann, da verhofft er. Hasenklage verspricht
-oft mehr, als sie hält. Es ist schon lange her, aber wer
-das einmal durchgemacht hat, der vergißt es nicht. Das
-war auch so ein weicher, milder Wintertag nach steifem
-Nordost und er hatte auch zwei Tage gehungert oder noch
-länger. Er war um die Mittagszeit durch das Stangenholz
-geschnürt. Es schneite breit und langsam und kein Lüftchen
-ging.</p>
-
-<p>Da erscholl über ihm der jämmerliche Laut. Er kannte
-ihn gut. So hatte der Has geklagt, den er acht Tage vorher
-riß. Ein merkwürdiger Has, denn er saß mit dem
-Halse in einer der dünnen, langen Ranken, von denen oft
-Stücke an den guten Wursthäuten sind. Und da dachte<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-Reineke, es säße wieder so ein Häslein fest, und war, ohne
-erst Wind zu nehmen, losgetrabt, bis vor den Baum, von
-woher das Klagen kam. Und da hatte sich der Baum so
-merkwürdig schnell bewegt, Reineke fühlte ein Stechen und
-Schneiden an der linken Seite, sah es blitzen, hörte es krachen
-und kam erst wieder recht zur Besinnung, als er in seinem
-Feldloche saß und sich die brennende Seite leckte. Seit der
-Zeit holt er sich immer erst Wind. Seher und Gehör
-trügen, die Nase nie.</p>
-
-<p>Eine Weile windet er. Dann schleicht er vorsichtig den
-Hang entlang, bis er unter dem Winde ist. Und da bleibt
-er. Noch einmal klagt der Hase, matter, schwächer, immer
-gedämpfter klingt es. Der Fuchs schleicht langsam näher,
-immer den Kopf hoch, immer mit den Nasenflügeln heftig
-schnuppernd und die Seher auf jeden Stamm richtend. Dort,
-gerade aus, muß es sein. Aber er gewahrt auf dem Schnee
-kein zuckendes, zappelndes Ding. Ringsumher ist es still
-und stumm und es riecht nur nach Stein und Holz und
-Moos und Schnee.</p>
-
-<p>Die Sache stimmt nicht. Reineke setzt sich auf die
-Keulen. Er hat ja viel Hunger, aber er hat auch viel Zeit.
-War es ein Has, so kriegt er ihn immer noch, und war es
-keiner, dann ist es um so besser. Aber jetzt läßt sich da
-etwas vernehmen; es war, wie wenn eine Eichkatze am
-Stamm kratzt. Aber dann ist wieder alles still. Jetzt hat
-sich da an dem Baume etwas bewegt. Reinecke windet
-wieder. Hier kesselt der Wind. Ganz leise und langsam schleicht
-der Fuchs nach rechts, alle Augenblicke verhoffend, dann
-wieder weiter schleichend, um abermals zu verhoffen. Auf
-einmal fährt er zurück, stößt ein kurzes heiseres Gebell aus,
-wendet jäh um und trollt, so schnell er kann, dem dichten
-Bestand zu, daß der Schnee stäubt.</p>
-
-<p>Es war nicht Has, es war Mensch. Reineke ist sehr
-vorsichtig geworden. Er traut sich aus den Dickungen nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-heraus und erst, wie der Himmel alles Rot verloren hat,
-die Goldhähnchen schon tiefer suchen, die Zeisige in den
-Fichten einfallen, im hellen Holze die Eule heult und die
-Steinbruchsarbeiter laut singend hinter dem tanzenden Lichte
-den Steinweg hinabtrampeln, da bekommt er die alte Sicherheit
-wieder. Aber viel länger, als vorhin, holt er sich in
-jeder Schlucht und auf jedem Kamme erst Wind.</p>
-
-<p>Es ist schon recht dunkel, da schnürt er den Holzfahrweg
-entlang, findet am Frühstücksplatz eine Wursthaut, an
-einem Stück Papier etwas Schmalz, greift am Bach eine
-Maus, regt sich zwischen Holz und Feld an den frischen
-Hasenspuren auf, prüft alle Rehfährten daraufhin, ob sich
-nicht Schweißwitterung an einer davon findet, scharrt auf
-dem Felde aus dem Mist einen faulen Hühnerkopf, würgt
-ein stinkendes Darmende hinein, das er aus einem anderen
-Misthaufen kratzt, stattet dem Fischteich einen erfolglosen
-Besuch ab und schleicht in der späten Dämmerung um das
-Gut herum, bis laute Menschenstimmen ihn verjagen.</p>
-
-<p>So trabt er in großem Bogen zum Dorfe, findet am
-letzten Hause auf dem Dungplatz einen Ballen fettiger
-Schweinehaare vom Schlachtfest, die er mit Widerstreben
-hinunterwürgt, gedenkt traurig der Nacht, als er hier die
-halbwüchsige Katze erwischte, muß eilig abtrollen, weil ein
-kläffender Spitz in den Hof hinausfährt, stellt am Bache
-fest, daß die Enten und Gänse wohl da waren, aber nicht
-mehr dort sind, findet am Luderplatze nur blanke Pferdeknochen,
-am Kalkofen überhaupt nichts, bei der Mühle dasselbe,
-und macht auf seiner meilenlangen Fahrt durch die
-Feldmarken und die sieben Berge hinter ihnen die Erfahrung,
-daß der Has viel zu hellhörig ist und daß die Hühner
-verschwunden zu sein scheinen. Eine einzige Maus scharrt
-er mit vieler Mühe noch aus, dann ist die Nacht hin und
-er trollt dem Holze wieder zu, in der stillen Hoffnung, in
-den Schlehenbüschen noch einen Igel im Winterlager zu<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-finden oder auf der Luzerne davor einige Mäuse zu
-greifen.</p>
-
-<p>Der Igel aber liegt unter schützendem Schnee und
-Mäuse gibt es auch nicht. Als er ganz trübselig den Bach
-entlang schnürt, stößt er auf frische Rehwitterung. Gewohnheitsmäßig,
-aber ohne Hoffnung, schnürt er der Fährte zu
-und steckt die Nase hinein. Sofort ist er wieder munter,
-denn in der Fährte liegt ein Tröpfchen Schweiß. Bei dem
-Wurfboden einer Buche findet er wieder Schweiß in der
-Fährte, einen breiteren Tropfen, und je näher er an den
-Buchenaufschlag kommt, um so stärker werden die Schweißflecken
-im Schnee, um so frischer sind sie und immer heftiger
-weht Reinekes buschige Rute.</p>
-
-<p>Ganz vorsichtig schleicht er in dem Hauptwechsel entlang,
-bis er in dem Buchenaufschlag ist. Da hat er auch
-dicht vor sich die volle Rehwitterung. Noch vorsichtiger
-schleicht er näher, da rauscht es auch schon über ihm, poltert
-es, rasselt es, stiebt es, und nun schleicht er nicht mehr, er
-schnürt eiliger, immer hastiger, und je schneller es vor ihm
-bricht und rauscht, um so flüchtiger wird er, immer unter
-dem Winde neben der kranken Fährte, die Nase einen halben
-Fuß über dem Schnee.</p>
-
-<p>Das laufkranke Kitz flüchtet bergan, Reineke immer
-hinter ihm drein. Es schlägt einen Haken, macht einen
-Wiedergang, läßt den Fuchs hinter sich, aber der hält die
-Fährte, und als es zitternd und keuchend verhofft, weil bei
-jeder Flucht die Schalen durch die harte Schneekruste treten
-und die Läufe immer mehr schmerzen, da vernimmt es des
-Verfolgers lautes Hecheln schon unter sich. Es flüchtet bergauf,
-über faule Stöcke, zwischen Klippen hindurch, in die
-verschneiten Dickungen hinein, in das Stangenholz, aber
-Reineke ist immer dicht an ihm. Immer kürzer wird das
-Reh, immer länger der Fuchs. Einmal schon faßt er Haar,<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-aber laut aufklagend reißt es sich los, bricht seitwärts aus
-und poltert in der vereisten Holzriese den Hang hinab.</p>
-
-<p>Ihm nach trabt der Fuchs. Seine Seher glühen, lang
-hängt die Zunge aus den schwarzen Lefzen, fest angelegt
-sind die spitzen Gehöre, die Lunte flattert wie eine Fahne
-über seinem Rücken, Schaum spritzt rechts und links in den
-Schnee. Jetzt ist er bei dem Reh, es wird noch einmal hoch,
-flüchtet durch den verschneiten Aufschlag, aber der Fuchs ist
-jetzt immer Seite an Seite mit ihm und springt bei jeder
-dritten Flucht an ihm herauf. Jetzt faßt er an, zieht nieder,
-jämmerlich klingt das Angstgeschrei durch den Wald, frecher
-antwortet der Baß eines Altrehes, ein Schmalreh schmält,
-und dann ist es still.</p>
-
-<p>In dem kleinen Erdfalle, neben dem breiten Steinblock
-unter dem sparrigen Holunderbusch schlagen des Kitzes
-Hinterläufe den Schnee von dem Buchenlaube. An der
-Kehle zerrt und reißt knurrend und keuchend der Fuchs, bis
-es ihm naß und heiß entgegenquillt. Da hält er inne und
-leckt und leckt, faßt noch einmal an, reißt noch einmal, stößt
-seine Nase zwischen die Lauscher, unter das Vorderblatt, in
-die Dünnungen, in den Spiegel des Rehes, zupft erst hinter
-dem Blatt, reißt heftiger, verhofft, windet und schneidet an.</p>
-
-<p>Er ist nicht mehr der saubere Fuchs, dessen eisgrau
-bereifter Balg wie geleckt aussieht. Das Gesicht ist rot
-besudelt, der weiße Brustlatz ist fort. Er zieht und zerrt,
-reißt die Öffnung weiter und hält plötzlich inne. Sein
-Rückenhaar sträubt sich, heiser faucht, dumpf murrt er, und
-giftig keckernd fährt er einem anderen Fuchse entgegen, der
-seit einer Stunde der Rotfährte gefolgt ist. Wieder wird
-es laut im Walde, so laut, daß die Steinbrucharbeiter, die
-in dem Hohlweg hintereinander herstampfen, erstaunt stehen
-bleiben und eine Weile dem gellenden Kreischen zuhören,
-das sich den Berg hinaufzieht, bis es auf dem Kamme
-verhallt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<p>Der Alte vom Berge hat den Schmarotzer abgebissen.
-Eilig, aber immer windend und verhoffend, schnürt er zu
-seiner Beute zurück und füllt sich bis zum Platzen. Erst,
-als es ganz licht ist und die Forstarbeiter mit Axt und Säge
-laut werden im hohen Holze, als die Zeisige die Fichten
-verlassen, die Krähen über den Berg streichen, Goldfink,
-Häher und Zaunkönig sich melden, schiebt er mit der Nase
-den Schnee von allen Seiten über das Reh, es für die
-kommende Nacht aufhebend.</p>
-
-<p>Faul und dick schnürt er den Steig entlang, bis zu dem
-Loche, in dem sich die Quelle sammelt. Da schlappt und
-schlappt er das eisige Wasser, bis sein Brand gestillt ist,
-rollt sich im weichen Schnee und schnürt dann den Hang
-hinauf bis vor seine Burg.</p>
-
-<p>Die Sonne kommt rot und rund an der Flanke des
-Berges hoch und trifft eben noch die weiße Spitze von
-Reinekes Lunte, die gerade in der Spalte verschwindet, die
-in seinen Bau führt.</p>
-
-<p>Da wird der Tag verschlafen und vielleicht die Nacht
-dazu, und am Ende noch einen Tag, wenn ihn der Durst
-nicht hinaustreibt.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Einwanderer">Die Einwanderer.</h2>
-</div>
-
-<p>»Eine dumme Geschichte das«, dachten die Kaninchen,
-»wirklich, eine zu dumme Geschichte!«</p>
-
-<p>Nun waren es drei Tage her, daß sie nicht Wald noch
-Feld gesehen hatten. Seit drei Tagen waren sie in Kisten
-und Kasten herumgefahren, geschüttelt und gerüttelt worden,
-daß ihnen Hören und Sehen verging. Jedes Mal, wenn
-das Rütteln und Schütteln aufhörte, dachten sie, nun käme
-die Erlösung, aber es kam weiter nichts, als neues Rütteln
-und Schütteln.</p>
-
-<p>Froh und heiter hatten sie in ihren Sandbergen an der
-Emse gelebt, sich an den guten Sachen fett geäst, die auf
-den Feldern und Wiesen wuchsen, fleißig an ihren Bauen
-gearbeitet, ab und zu mit den Hirtenhunden Kriegen gespielt,
-mit diesen albernen Hunden, die nicht dahinter kamen, daß
-ein Kaninchen schneller ist, als alles auf der Welt, das
-Haare und vier Beine hat und daß es sich unsichtbar machen
-kann, wenn es will.</p>
-
-<p>Aber eines Tages kamen Männer mit Hunden und
-jagten die Kaninchen allesamt aus Busch und Heide zu<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-Baue. Das wäre weiter nicht schlimm gewesen, denn unter
-der Erde ist es warm und gemütlich. Aber dann kam das
-Schreckliche: ein langes, weißes Tier, was wie ein Iltis roch
-und rote Augen hatte, war in die Baue eingeschlieft und da
-es eine Klingel um den Hals hatte, entsetzten sich die Kaninchen
-so arg, daß sie Hals über Kopf zu Tage fuhren.
-Das heißt, fahren wollten, denn ehe sie zur Besinnung
-kamen, verstrickten sie sich in einem Netze und kugelten damit
-im Heidkraute umher.</p>
-
-<p>Und dann begann das eigentliche Elend. Sie wurden
-köpflings in einen Sack gesteckt, in dem sie in Todesangst
-hin- und herschossen, bis sie sich so abgestrampelt hatten, daß
-sie zitternd auf einem Haufen saßen. Dann wurden sie in
-dem Sacke weit weggetragen, dann kamen sie in eine dunkle
-Kiste. Allerlei Futter fanden sie vor, aber sie rührten es
-nicht an und scharrten und knabberten an den Brettern, bis
-sie müde waren. Dann fuhr man sie in der Kiste über
-holprige Heidewege und lud sie irgendwo ab und dann wurden
-sie wieder aufgeladen und den halben Tag gefahren.</p>
-
-<p>Rumpeldipumpel machte der Wagen und die drei Kaninchen
-fuhren übereinander hin. »Prr,« schrie der Jagdaufseher
-und das Pferd stand. Der Kastendeckel öffnete sich,
-eine derbe Faust faßte hinein, erwischte ein Kaninchen nach
-dem anderen und dann flogen die drei kopfüber, kopfunter
-in das Heidekraut. Einen Augenblick saßen sie da, geblendet
-von der Sonne, betäubt von dem Geruche der Kiefern und
-der Heide, aber nur einen Augenblick, dann schlug jedes einen
-Haken und verschwand in der hohen Heide. Hinter ihnen
-her erklang das Gelächter des Jagdaufsehers.</p>
-
-<p>Da saßen nun die drei unglücklichen Dinger, jedes unter
-einen Busch Heidekraut gedrückt und wußten nicht, was sie
-machen sollten. Still und stumm war es. Irgendwo schrie
-ein Häher, Wasserjungfern flirrten vorüber, die Grillen
-schwirrten, die Hänflinge und Goldammern sangen und es<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-roch nach Heide, Kiefern und Birken. Aber es war eine
-andere Heide, als die Heimatsheide. Dort führten überall
-die Pässe der Kaninchen hin und her, ringsumher lag Kaninchenlosung
-und die Luft war voll von Kaninchenwitterung.
-Hier war von alledem nichts. Nach Hase und Reh roch
-es, aber nicht nach Kaninchen.</p>
-
-<p>So dachte Hopps, der Rammler. Er war von Natur
-aus sehr vorsichtig, denn er hatte im Gegensatze zu seinesgleichen
-einen kohlenschwarzen Balg mit einer silbernen
-Blässe mit auf die Welt gebracht und fiel in Sand und
-Heide zu sehr auf. Aber als er eine Viertelstunde unter
-dem Heidebusche gesessen hatte, machte er einen Kegel und
-sah sich um. Alles, was er sah, waren junge Kiefern und
-Birken, Heide, Sand und der silbergraue Stumpf einer
-Kiefer. Darauf hoppelte Hopps zu, denn da schien ihm
-besseres Kraut zu wachsen. Er putzte sich, äste einige Blättchen
-und dann scharrte er ein Wühlmausloch, das unter den
-Stumpf führte, größer, alle Augenblicke halt machend und
-witternd. Nach einer Stunde hatte er seinen Notbau fertig.</p>
-
-<p>Die Arbeit hatte ihn hungrig gemacht. Heide mochte
-er nicht, Kiefern- und Birkenrinde noch viel weniger. So
-setzte er sich denn auf die Keulen und prüfte ringsum die
-Luft. Halblinks roch es nach Klee. Vorsichtig rückte Hopps
-nach dieser Richtung hin. Wahrhaftig, der gute Geruch
-wurde immer stärker und da leuchtete auch schon zwischen
-den grauen Kiefern eine saftige Kleewiese auf. »Noch zu
-hell, viel zu hell noch,« denkt Hopps und bleibt am Rande
-der Dickung sitzen. Hinten in der Wiese bewegt sich etwas
-Weißes hin und her. »Der Storch«, denkt der Kaninchenbock.
-Ein Ruf kommt aus blauer Luft: »Das ist der
-Bussard.« Das sind Tiere, vor denen hat er keine Angst.
-Aber nun kommt von dem Felde ein heller Laut: »Also
-Hunde gibt es hier auch; dann ist es Zeit, sich einen sicheren
-Bau zu graben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p>
-
-<p>Hopps rückt, nachdem er am Grabenrand sich am Grase
-geäst hat, wieder in die Dickung, eilig, aber vorsichtig.
-»Halt, da riecht es ja nach Kaninchen!« Hopps schnuppert
-einen Augenblick. »Das war Flitzchen.« Zweimal klopft er
-mit dem Hinterlaufe die Erde. Da taucht ein grauer Fleck
-zwischen zwei Heidbüscheln auf. Flitzchen ist es. Steif und
-starr sitzt sie da; ebenso steif, ebenso starr sitzt Hopps ihr
-gegenüber. Keins rührt sich. Dann spielohrt Hopps und
-rückt näher. Flitzchen wendet sich zur Flucht. Hopps macht
-Halt und klopft wieder. Da faßt sie Vertrauen. Der Wind
-küselt und trägt ihr die Witterung von dem schwarzen Ding
-vor ihr zu. »Ich glaube, es ist Hoppschen,« denkt sie. Da
-ist er auch schon. »Bist Du es?« »Ja, wer sonst?«
-»Das ist schön!« »Und wo ist Witschel?« »Keine Ahnung.«
-»Wollen wir sie suchen?« »Nachher; jetzt müssen wir
-einen Bau graben; es sind Hunde in der Nähe. Ein Rohr
-habe ich schon fertig.« »Weiß ich!« »Wieso denn?«
-»Habe es gefunden und von der anderen Seite noch ein
-Rohr unter den Kiefernstumpf nieder gebracht!« »Du bist
-ein mächtig kluges Mädel! Aber nun komm', wir wollen
-jetzt den Kessel buddeln und dann können uns die Hunde
-'was husten!«</p>
-
-<p>Husch, husch, geht es durch das Heidekraut. Hopps ist
-ordentlich übermütig geworden, seitdem er Gesellschaft hat
-und macht vor lauter Vergnügen allerlei dumme Sprünge,
-und Flitzchen wird von seiner Lustigkeit angesteckt und wagt
-auch einen frohen Hopser über einen bunten Stein. Als
-die beiden aber nach dem alten Stumpf kommen, bleiben sie
-starr sitzen, denn da rührt sich etwas. »Warte, ich hole mir
-Wind!« meint Hopps und leise schleicht er im Bogen zur
-Seite, bis er Wind bekommt. Aber dann klopft er lustig,
-denn der Wind sagte ihm, daß dort am Stuken Witschel ist.
-Da ist sie schon, die gute Dicke. Hochaufgerichtet steht sie
-da und läßt die beiden herankommen. »Was wollt Ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-denn hier?« »Die Rohre mit einem Kessel verbinden.«
-»Habe ich schon längst gemacht. Aber wißt Ihr was? Seht
-mal dahin, da steht ein dichter Dornbusch. Bis zum Kessel
-sind es keine sechs Kaninchenlängen. Wenn wir nun eine
-Fahrt vom Kessel bis unter den Busch bringen, dann sind
-wir fein heraus!« »Fein herein auch.« »Also los!«</p>
-
-<p>Ein eifriges Gebuddel beginnt. Hopps fängt unter dem
-Dornbusche an, Flitzchen arbeitet ihm vom Kessel aus entgegen,
-und Witschel führt von dem anderen Rohre eine
-Verbindungsröhre nach der Dornbuscheinfahrt, einmal der
-besseren Durchlüftung wegen, dann aber auch, weil sie weiß,
-je mehr Fahrten ein Bau hat, um so leichter ist das Entkommen,
-verirrt sich einmal so ein Stinker von Iltis hinein.
-Es war ein glücklicher Gedanke von Witschel, der Einfall
-mit dem Dornbusche, denn kaum, daß die drei in der Dämmerung
-am Rande der Kleewiese saßen und sich an den saftigen
-Blättern gütlich taten, kam ein Bauer den Weg entlang
-und hinter ihm her bummelte ein Spitz. So wie der
-die Kaninchen in die Nase bekam, sauste er hinterdrein, und
-wenn er sie auch nicht bekam, so hielt er doch die Fährte.
-Hopps und Flitzchen nahmen den kürzesten Weg und fuhren
-über die Heide zu Baue, Witschel aber schlug vor dem Hund
-Haken auf Haken, bis ihm ganz dumm und albern zu Mute
-war. Und deshalb sah er sich nicht vor und rannte gerade
-dahin, wo Witschels Blume verschwand, mitten in den Schlehbusch
-hinein, und rannte sich einen dürren Dorn unter die
-Nase, so daß er heulte, daß es weit über die Heide klang,
-und jammervoll winselnd kehrte er zu seinem Herrn zurück.</p>
-
-<p>Die drei Kaninchen unter der Erde lachten. »Was ist
-denn da los?« fragte Hopps. »Ach, ich habe den dämlichen
-Spitz in die Dornen gelockt und die haben ihn gekämmt.
-Ich glaube, den Köter sind wir für eine Weile los.«
-»Glaube ich auch,« meinte Flitzchen, »denn er hat nicht
-schlecht gepfiffen.« Ein Weilchen warteten sie noch im<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-sicheren Bau, dann aber schlüpfte Hopps bis in die Dornen,
-sicherte lange und klopfte die anderen heraus. Sie ästen sich
-lange in der Kleewiese und machten durch ihr Hin- und Herhuschen
-die zwei Hasen, die seit Jahr und Tag dort ihre
-Besuchsstelle hatten, so nervös, daß diese ärgerlich nach dem
-anderen Ende der Wiese rückten, und auch der Rehbock, der am
-Kopfe der Wiese immer austrat, wurde zu seinem Mißvergnügen
-die fremden Gäste gewahr, schimpfte mörderlich, daß
-es weithin klang und zog voller Verdruß den Hasen nach.
-Als es schon ganz dunkel war, bekamen die Kaninchen einen
-großen Schreck, denn es brach und knickte in dem Stangenort
-über dem Sandwege und etwas gewaltig Großes zog
-über die Heide nach den Feldern. Was es war, wußten
-sie nicht, denn dort, wo sie hergekommen waren, gab es keine
-Hirsche. Aber da seine Fährte nicht nach Mensch, nicht
-nach Hund und nicht nach Fuchs roch, so rückten sie bald
-wieder aus der Dickung heraus.</p>
-
-<p>In acht Tagen hatten sie sich eingelebt. Außer ihrem
-Hauptbaue hatten sie sich noch hier und da ein halbes
-Dutzend Notrohre gescharrt und zu dem großen Bau noch
-vier lange Fahrten mit mehreren Abzweigungen getrieben,
-deren Mündungen unter Baumstümpfen und in den dichtesten
-Kiefernkusseln endeten. »Jetzt kann kommen, wer da
-will«, meinte die gute Witschel, und bei sich dachte sie: »Es
-ist auch gut, daß wir uns eingerichtet haben, denn zum
-Scharren habe ich keine Zeit mehr.« Von Tag zu Tag hielt
-sie sich mehr allein und sah immer magerer und ruppiger aus, und
-wenn Hopps ihr folgen wollte, ohrfeigte sie ihn, daß es nur
-so brummte. Und bald ging es ihm bei Flitzchen nicht anders;
-auch diese hielt sich allein und Hopps saß allein in seinem
-großmächtigen Bau und dachte über die Launenhaftigkeit der
-Weiber nach und sehnte sich nach der Emsheide, wo es nicht
-bloß ein Flitzchen und eine Witschel, sondern viele viele
-hübsche Kaninchenfräulein und -frauen gab, alte und junge,<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-dicke und schlanke, so daß ein Kaninchenherr, und besonders
-ein so schöner, schwarz mit einer silbernen Blässe, sich nicht
-Tag und Nacht zu langweilen braucht.</p>
-
-<p>Eines Tages aber machte er ein ganz dummes Gesicht
-und dachte: »Nanu, träume ich oder ist mir der junge Klee
-in den Kopf gestiegen?« denn an der Quelle bei dem Dornbusche
-wimmelte es von kleinen Kaninchen; sieben waren es,
-sechs graue und ein schwarzes. »Die wollen wir uns doch
-einmal näher besehen«, dachte er, aber da fuhr Witschel, die
-er gar nicht gesehen hatte, hinter einem Farrnbusche hervor
-und benahm sich so unfreundlich, daß er ihr aus dem Wege
-ging. Drei Tage später traf er auf dem grasigen Gestelle
-vor dem Stangenorte wieder junge Kaninchen an, zwar nur
-fünfe, aber zwei schwarze darunter, und als er sich die Kinder
-ansehen wollte, bereitete ihm Flitzchen ebenfalls einen üblen
-Empfang. Aber schon nach acht Tagen liefen die Kleinen
-alleine und die beiden Mütter waren wieder nett zu Hopps.</p>
-
-<p>Drei Monate gingen in das Land, da sah die
-Kiefernbesamung anders aus, als an jenem Apriltage, an
-dem der Jagdaufseher die Kaninchen ausgesetzt hatte. Überall
-war gescharrt, an den Wegen, an der Feldkante, in den
-Gräben und überall war Kaninchenlosung. Der Jagdpächter
-freute sich, wenn er in der Dämmerung von dem Hochsitze
-in der Eiche den Graben in das Glas nahm und überall
-die Kaninchen hin- und herflitzten, doch es wunderte ihn, daß
-der starke Bock, der sonst immer hier austrat, sich nicht mehr
-spürte. Aber dem war es in der Besamung und in dem
-Stangenorte zu unruhig geworden; Tag und Nacht ruschelte
-und raschelte und pochte und kratzte es, und überall roch es
-nach den fremden Tieren, und kein Fleck war, wo nicht deren
-Losung lag. Deshalb war er in die Nachbarjagd ausgewandert.
-Auch die beiden Hasen, die sich sonst jeden Abend
-vorn in der Kleewiese ästen, waren verschwunden. Erst
-hatten sie tiefer in der Wiese geäst, als aber die Kaninchen<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-auch dort das Gras mit ihren Pässen durchzogen, rückten
-die Hasen auch über die Jagdgrenze.</p>
-
-<p>Reineke Rotvoß, der Schleicher, hatte es bald spitz,
-daß es in der Besamung ein neues Wild gab. Er gab sich
-zwei Monate lang die größte Mühe, eins von den unbekannten
-Tieren zu erwischen, aber es gelang ihm immer
-vorbei. Und wenn er es noch so schlau anstellte, sie entwischten
-ihm jedes Mal und dann stand er vor dem Bau,
-schnupperte in die Fahrt hinein, zog Geschmacksfäden, wie
-ein Hund beim Hochzeitsessen, scharrte sich lahm und müde
-und zog schließlich hungrig und ärgerlich ab. Beinahe hätte
-er Flitzchen einmal geschnappt, aber da klopfte Hopps laut
-auf den Boden und Flitzchen schlug drei Haken und fuhr
-durch den Dornbusch zu Bau, der Fuchs schrammte sich
-heftig an den Dornen und machte, daß er weiter kam. Auch
-Griepto Hoihnerdeiw, der Habicht, hatte kein Glück bei den
-Kaninchen, und wenn er noch so listig an der Kante der
-Besamung entlang strich. Jedes Mal, wenn er sich sagte:
-»So, nun mache dein Testament!« dann witschten die grauen
-oder schwarzen Dinger in den Busch oder in ein Loch.
-Einzig und allein Dickkopp, der Kauz, hatte Weidmannsheil
-und griff, als er lautlos aus der Eiche abstrich, ein Jungkaninchen.
-Die anderen aber retteten ihre Bälge und wuchsen
-und gediehen und als ein neuer Frühling in die Heide
-zog, da machte es nichts mehr aus, riß der Fuchs auch einmal
-ein Stück oder griffen sich Kauz und Habicht eins,
-denn es waren ihrer schon viel zu viele und alle vier
-Wochen wurden es mehr.</p>
-
-<p>Schon bald fingen die Bauern an, lange Gesichter und
-runde Augen zu machen, wenn sie die Gänge im Getreide
-sahen und einer klagte dem anderen seine Not über das
-neue Unzeug. Als es von Monat zu Monat schlimmer
-wurde, rückten sie dem Jagdaufseher auf den Leib, aber der
-tat, als wüßte er nichts und ebenso machte es der Jagdpächter,<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-denn er sagte, ihm seien die Kaninchen selbst lästig,
-weil sie die Hasen und die Rehe vertrieben. So war es
-auch; seitdem Hopps, Witschel und Flitzchen und ihre
-Nachkommenschaft und die Nachkommenschaft davon und
-deren Nachkommen und so weiter in den Heidbergen waren,
-hatten sich die Hasen nach und nach verzogen und die Rehe
-waren in die Nachbarjagd hinübergewechselt, die aus Bruch
-und Moorwald bestand und in der die Kaninchen nicht
-leben konnten.</p>
-
-<p>Als es ganz schlimm wurde, veranstaltete der Jagdpächter
-Treibjagden allein auf Kaninchen und wenn auch
-den ganzen Tag über geknallt wurde, auf zehn Schuß kam
-meist noch nicht ein Viertel Kaninchen, denn, wie der Jagdpächter
-sagte: »Vorn ist das Deuwelszeug zu schnell und
-hinten zu kurz.« Der Jagdaufseher kaufte Frettchen und
-Garne und ging ihnen damit zu Balge, aber in der dichten
-Besamung und bei den verzweigten Bauen, die alle keinen
-Anfang und kein Ende hatten, lohnte das auch nicht. Er
-stellte Tellereisen in die Röhren und an die Kratzstellen,
-aber die Kaninchen hatten den Schwindel bald heraus und
-fielen nicht mehr darauf hinein, und als der Jagdaufseher
-Schwefelkohlenstoffbomben in die Baue warf, hatte er erst
-recht keinen Erfolg, weil die Baue zu viel Ausfahrten hatten.
-Und daß er sich hinsetzte und sie auf dem Anstand
-abschoß, das brachte ihm nicht Schußgeld genug.</p>
-
-<p>So lebten denn Hopps, Witschel und Flitzchen lustig
-weiter und von Jahr zu Jahr nimmt ihre Sippe zu. Längst
-haben sie die Gemeindegrenze überschritten, rund herum
-finden sich neue Siedlungen und alles, was Land oder Garten
-hat, flucht ihnen.</p>
-
-<p>Es schadet ihnen aber nicht im mindesten. »Der Mensch
-ist stark und schlau,« sagt Hopps, der alte, »aber gegen uns
-kann er nicht ankommen. Witschel hat voriges Jahr achtmal
-geworfen, meist sechs Stück, einmal weniger, das<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-andere Mal mehr, im Durchschnitt aber sechs. Sechs mal
-acht sind achtundvierzig.«</p>
-
-<p>»Und ich habe im letzten Jahre vierunddreißig gehabt«,
-meint Flitzchen.</p>
-
-<p>»Na also«, spricht Hopps.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/kapende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p>
-
-<h2 id="Ein_Hauptschwein">Ein Hauptschwein.</h2>
-</div>
-
-<p>Im Helmetale war der Teufel los. Die Frühkartoffeln
-waren ausgewühlt, die Erbsenfelder zertrampelt, die Saatkämpe
-umgebrochen, die Haferfelder mit Wechseln durchzogen.</p>
-
-<p>Von irgendwoher war ein Hauptschwein zugewechselt;
-überall spürte es sich. Im Helmetal gab es keine Sauen;
-also war es kein Wunder, daß die Aufregung groß war.
-Alles, was auf die Jagd ging, saß auf den Keiler an, aber
-alle Mühe war vergebens.</p>
-
-<p>So dumm war der Basse nicht, daß er immer in derselben
-Ecke blieb. Er kannte die Welt; er hatte seine Erfahrungen
-hinter sich, sogar mehr, als ihm lieb war. Ein
-Dutzend Jahre war er alt, hatte manche Kugel pfeifen,
-Schrote genug klappern hören und auch sonst allerlei durchgemacht.</p>
-
-<p>Keine drei Wochen war er alt gewesen, da hatte ihn
-die Fuchshetze beim Wickel gehabt, und hätte er nicht so
-hellaut geklagt und wäre die Bache nicht ganz in der Nähe
-gewesen, so war es damals aus mit ihm; aber seine Mutter<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-rannte die Füchsin über den Haufen und richtete sie so zu,
-daß sie mit knapper Not ihr Leben barg.</p>
-
-<p>An dem Tage, da er seinen letzten Milchzahn verlor
-und zum ersten Male nach Würmern und Wurzeln brach
-und vor Eifer zu weit hinter seiner Mutter zurückblieb,
-hatten ihn zwei Hunde halbtot gehetzt, und er wäre verloren
-gewesen, wenn die Bache nicht noch im letzten Augenblicke
-herbeipolterte und die Köter beiseite brachte.</p>
-
-<p>In seinem ersten Winter war er dreimal eingekreist gewesen,
-hatte mehr als eine Kugel pfeifen hören, und das
-eine Mal hatten ihm die Paläster ganz gehörig die linke
-Keule gekämmt.</p>
-
-<p>Hinterher hatte er noch mehr erlebt. Daß er den rechten
-Hinterlauf schonte, kam daher, weil ihn dort eine Kugel gefaßt
-hatte; viel hätte nicht gefehlt, so wäre es damals mit
-ihm zu Ende gewesen, denn drei Hunde hatten ihn gestellt.
-Er stritt sie aber tapfer ab, schlug den einen zuschanden und
-rettete seine Schwarte.</p>
-
-<p>Die sah bunt genug aus; das rechte Schild war mit
-Röllern gespickt, die ein Bauer ihm da hineingepfeffert hatte,
-als er ihm die Erdäpfel umpflügte. Die linke war halb
-kahl, denn die hatte ihm ein Streifschuß zerfetzt. Die langen
-Federn auf dem Rücken zeigten eine breite Lücke, denn dort
-hatte ihn eine Kugel gefaßt; das hatte scheußlich weh getan,
-und er war erst wieder zur Besinnung gekommen, als
-ein Hund ihn hinten und einer vorne zerrte; beide blieben
-mit aufgeschlagenen Rippen am Platze.</p>
-
-<p>Auch sein wehrhaft Gewaff hatte Schaden genommen;
-ein Schuß in das Gebräch hatte den rechten Haderer der
-Schneide beraubt und einen Stumpf daraus gemacht. Und
-der Pürzel, sogar der hatte daran glauben müssen; er hatte
-einen Knick in der Mitte von einem Postenschusse.</p>
-
-<p>Der eine Seher war blind; ein Hagelkorn hatte ihn
-durchschlagen, und beide Gehöre waren aufgeschlitzt von<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-Hundezähnen. Außerdem wies die Schwarte überall Schmisse
-auf, die er sich bei den Kämpfen in der Rauschzeit geholt
-hatte. Kurzum: er hatte allerlei erlebt, kannte die Welt und
-benahm sich dementsprechend.</p>
-
-<p>Darum ließ er es erst Nacht werden, ehe er die Dickung
-verließ, und er trat da aus, wo er den Wind gegen sich
-hatte, und auch dann erst, als er eine Viertelstunde gesichert
-hatte. Dann aber legte er sich auch keinen Zwang auf und
-vergnügte sich damit, die morschen Fichtenstümpfe auf dem
-verwachsenen Kahlschlage kurz und klein zu brechen, denn sie
-saßen voll von Käfern, Puppen, Larven und Schnecken.</p>
-
-<p>Darauf jagte er eine Fasanenhenne von ihrem Gelege,
-fraß die Eier sämtlich auf, ließ eine Menge Mäusebrut und
-einen Junghasen hinterdreinwandern, vergaß auch nicht, das
-Haferstück um und um zu pflügen, denn es saß voll von
-Engerlingen, nahm mit, was er an Fröschen, Blindschleichen
-und Vogelbrut antraf, scheuerte sich lange und ausgiebig an
-einer harzigen Fichte, machte aus einem Kartoffelfelde einen
-Sturzacker, verhunzte einen Saatkamp gänzlich und schlief
-um die Zeit, als der Bauer und der Förster an der Stätte
-seiner Untaten standen und den Zorn Gottes auf ihn herabwünschten,
-eine halbe Meile weiter in einem verwachsenen
-Erdfalle, der im tiefsten Forste lag.</p>
-
-<p>Selbstverständlich wurde die Fichtendickung, in die er sich
-den Tag vorher versteckt hatte, getrieben, weil seine Fährte
-hinein- und herausstand, aber natürlich bekam man ihn nicht,
-weil er eben nicht mehr da war.</p>
-
-<p>So trieb er es den ganzen Sommer über; bald war er
-hier, bald war er dort, aber nie da, wo man ihn suchte.
-Heulen und Wehklagen gab es, wo er erschien; hier waren
-die Frühkartoffeln ausgewühlt, dort die Mohrrüben vernichtet,
-da die jungen Erbsen zuschanden getrampelt, und im
-Getreide waren Gänge über Gänge. Aber man sah immer
-nur, daß er da gewesen war; wo er war, das wußte man nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>Einige Leute behaupteten, es wäre gar kein wildes
-Schwein, sondern eine Art von bösem Geist oder Gespenst,
-denn anders müßte man seiner doch einmal ansichtig werden,
-denn alle Jäger weit und breit dachten an nichts anderes,
-als an den Keiler und saßen die ganzen Nächte auf ihn an.</p>
-
-<p>Zu Blick bekommen hatte ihn aber nur einer, und der
-behielt das für sich, denn als er in seinem Loche vor dem
-Felde saß, hatte der Basse, wie aus der Erde gewachsen,
-plötzlich dicht vor ihm gestanden und so schrecklich ausgesehen,
-daß dem Manne das Herz bis in den Flintenlauf
-hineinschlug und er den Keiler gründlich vorbeischoß und
-dann lief, was er nur laufen konnte, und dachte gar nicht
-daran, daß er Rucksack und Jagdglas liegen gelassen hatte.
-Als er am andern Morgen die Sachen holen wollte, waren
-sie verschwunden.</p>
-
-<p>Endlich hieß es: »Wir haben ihn fest!« Ein Mann,
-der vor Tau und Tag zum Arzte wollte, hatte gesehen, daß
-der Keiler eine mächtige Weidenpflanzung, die im Felde lag,
-annahm. Nun wurde alles zusammengeholt, was den Finger
-krumm machen konnte; man umstellte die Weiden und
-schickte die Hunde hinein. Sie gaben Standlaut, aber als
-sich endlich drei Mann zu ihnen trauten, hatten sie einen
-Zaunigel vor.</p>
-
-<p>Das gab nun ein großes Hallo, und als sie alle auf
-einem Haufen standen und lachten und schimpften, da
-plauschte es in den Weiden, schnaufte es, brach es, und
-weg war er, der Keiler, und in den großen Weizenschlag
-gewechselt. Als man den aber abspürte, stellte es sich heraus,
-daß er in den Roggen hinein war, und da spürte man
-das Roggenfeld ab und fand, daß er schon in den Viehbohnen
-war, und da war er auch schon wieder heraus und
-in das Holz hinein.</p>
-
-<p>Man hielt Kriegsrat ab, beschloß, das Holz zu treiben,
-machte drei Triebe, aber wer sich nicht blicken ließ, das war<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-der Basse, denn der steckte schon längst in dem großen
-Haferschlage.</p>
-
-<p>Der Sommer ging, der Herbst kam; der Keiler war
-noch immer im Helmetal, aber das Helmetal war lang und
-breit. Da es mit Gewalt nicht ging, versuchte man es mit
-List, körnte ihn an, streute ihm Mais, Hafer, Rüben, Wurzeln.
-Er nahm sie manchmal auch an, aber nur dann nicht,
-wenn irgendwo ein Jäger auf ihn ansaß, oder wenn schon,
-dann erst, wenn Himmel und Erde eins waren und man das
-Ende vom Gewehre nicht mehr sehen konnte.</p>
-
-<p>Kinder, die Beeren pflückten, und Frauen, die Dürrholz
-lasen, lief er am hellichten Tage an, nur keinen Mann,
-der einen grünen Rock anhatte, bis auf den alten Forstmeister,
-der ihn am blanken Mittage aus der Suhle steigen
-sah und sich beinahe seinen ehrwürdigen Bart ausriß, denn
-als er die Büchsflinte von der Schulter und den Hahn
-übergezogen hatte, da hatte ihn die Sau auch schon spitz und
-ging flüchtig ab, und die Kugel traf sie ebensowenig, wie
-die unchristliche Redensart, die der Weißbart ihr nachrief.</p>
-
-<p>Schließlich kam er einem ganz jungen Förster, aber der
-führte Weichblei und der Eingänger stand halbspitz von
-vorne; er bekam die Kugel zwar gut Blatt, aber bei so
-einem alten Panzerschweine, dessen Schild hart und dick wie
-die Haut des Nilpferdes ist und eine fingerdicke Harzkruste
-trägt, ist gut Blatt von vorne der schlechteste Schuß und
-schlecht Blatt von hinten die einzig wahre Stelle, und so
-schnaufte die Sau bloß, machte kurz Kehrt und der Förster
-stand da und benahm sich wenig geziemend.</p>
-
-<p>Am übelsten aber ging es einem Gutsverwalter. Dem
-hatte der Eingänger ein Kartoffelstück, das in einer Waldecke
-lag, so zugerichtet, daß der Spaß dabei aufhörte. Nun
-war dieser Gutsverwalter ein ganz gerissener Mann. Er
-ließ den Knecht anspannen und eine Leiter aufladen. Dann
-mußte der Knecht unter eine Eiche fahren, die vor den<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-Kartoffeln stand, und vom Wagen aus, damit keine Fährten
-den Bassen vergrämten, wurde die Leiter in den Baum gestellt
-und darüber ein Hochsitz gemacht, und den nahm der
-Verwalter ein und der Knecht fuhr weiter.</p>
-
-<p>Das war um fünf Uhr nachmittags. Um zehn Uhr
-abends meinte der Verwalter, daß es allmählich Zeit für
-den Keiler wäre. Der wartete aber, bis der Mond hinter
-den Wolken war und dann machte er sich in aller Seelenruhe
-über die Kartoffeln her, schmatzte, daß es eine Freude
-war, zu hören, wie es ihm schmeckte, aber als der Mond
-wieder die Wolken beiseite schob, hielt der Keiler es doch
-für besser, sich zu empfehlen. Zuvor aber schubbelte er sich
-noch solange an der Eiche, auf der der Verwalter saß und
-sich bald den Hals abdrehte, bis daß er glücklich die Leiter
-umwarf und erschrocken abtrollte.</p>
-
-<p>Der Verwalter aber mußte die ganze Nacht im Baume
-sitzen und war, als morgens der Knecht kam, um zu sehen,
-ob er noch lebte, vor Kälte so steif, wie eine überjährige
-Mettwurst, so daß er kaum die Leiter hinuntersteigen konnte.
-Der Keiler aber kam nicht wieder; die Geschichte mit der
-Leiter hatte er übelgenommen.</p>
-
-<p>Der Herbst ging und der Winter kam; der Keiler war
-noch immer da, aber er schätzte die Abwechslung zu sehr und
-so kam er nicht zu Schusse. War er gestern im Buchenaltholze
-gewesen und hatte sich an den süßen Bucheckern
-gütlich getan, heute war er ganz gewiß nicht da, sondern
-eine halbe Meile weiter, wenn nicht eine ganze, denn die
-Nächte waren lang.</p>
-
-<p>Unverschämt, wie er war, kam es ihm gar nicht darauf
-an, eingemietete Kartoffeln oder Rüben auszuwühlen oder in
-den Pflanzgärten Unfug anzustiften, und einmal, als er spät
-abends quer über die Landstraße schoß, warf er den Briefträger
-um, der ohne Licht dahergeradelt kam; an dem Rade<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-waren drei Speichen und an dem Briefträger drei Rippen
-aus der Reihe gekommen.</p>
-
-<p>Das Schlimmste war, keiner wollte glauben, daß der
-böse Keiler das gemacht hätte, sondern alle sagten, es würde
-wohl das gute Bier gewesen sein. Aber es war wirklich
-der Keiler gewesen und ihm hatte der Vorfall ebensowenig
-gepaßt, wie dem Briefträger und der Postbehörde, die, bis
-der Briefträger wieder aus dem Bette war, was drei Wochen
-dauerte, Vertretung stellen mußte.</p>
-
-<p>Schließlich hieß es: »Wenn wir nur erst Spürschnee
-haben!« Der ließ aber bis Weihnachten auf sich warten,
-und dann war es wieder verkehrt, denn nun schneite es in
-einem Ende und schneite die Fährten, die der Keiler machte,
-alle wieder zu, und dann gab es Tauwetter und Plattfrost
-und Regen und wieder Plattfrost, und es war nichts zu
-wollen.</p>
-
-<p>So wurde es Ende Januar, bis daß der Basse bestätigt
-wurde. Boten liefen und ritten, Fernsprecher klingelten,
-Butterbröte wurden gestrichen, Schnapsflaschen gefüllt, und
-um zehn Uhr hielten acht Wagen bei der Oberförsterei.</p>
-
-<p>Der Forstmeister hielt in Anbetracht der Schwere des
-Falles eine Rede, teilte mit, daß ein Fehlschuß mit einem
-Taler zu Gunsten der Hinterbliebenen im Dienste erschossener
-Forstleute bestraft werde, empfahl Vorsicht, denn angeschweißte
-Sauen wären von großer Rücksichtslosigkeit und
-kümmerten sich den Teufel weder um das Strafgesetzbuch
-noch um die Haftpflicht, wären außerdem nervös und hätten
-am liebsten ihre Ruhe, weswegen man sich völlig lautlos,
-womöglich noch leiser, zu seinem Stande zu verfügen habe,
-auch sei Niesen und Husten bis zum Abblasen zu verschieben.</p>
-
-<p>Es war ein bildschöner Tag. Der Himmel war hoch
-und die Luft war still, die Fichten hatten Schneemützen auf
-und die Jungbuchen weiße Hemden an, die Krähen stachen<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-sich in der Luft und die Meisen piepten in den Zweigen.
-Es dauerte eine Stunde, bis daß die Schützen angestellt
-waren, und mancher von ihnen fand, daß eine Saujagd auf
-die Dauer ein fußkaltes Vergnügen wäre. Aber dann wurde
-angeblasen und warm lief es ihnen zwischen Hemd und
-Haut über den Rücken.</p>
-
-<p>Erst kam eine halbe Stunde gar nichts; dann dem einen
-ein Fuchs und dem anderen ein Hase, aber darauf zu
-schießen, war bei Todesstrafe, ja sogar bei zehn Mark Geldbuße
-verboten, und dann kam eine ganze Weile wieder nichts,
-und dann ein Treiber und noch einer.</p>
-
-<p>Schon seufzten die gesitteten Jäger, und die ungesitteten
-murrten dumpf, da gab ein Hund Laut, und noch einer,
-und der dritte, und es war ein Lärm, wie auf einer internationalen
-Hundeausstellung, und dann pfiff ein Hund in
-den höchsten Tönen; die andern aber gaben Standlaut.</p>
-
-<p>Und dann fiel ein Schuß, und dann schrie jemand:
-»Hülfe, Hüülfee!« und die einen sahen sich nach anständigen
-Bäumen um und fanden es rücksichtslos, daß ringsumher
-nur junge Bestände waren, die höchstens eine Eichkatze, aber
-keinen ausgewachsenen Mann tragen konnten, andere aber
-rannten, so schnell sie ihre langen Stiefeln tragen wollten,
-dahin, wo der Lärm war, und da sahen sie ein Bild, schrecklich
-schön und doch zum Lachen.</p>
-
-<p>Da war nämlich ein Heringssalat von einem Keiler,
-sechs Hunden und vier menschlichen Gliedmaßen, von denen
-zwei in langen Stiefeln steckten und ganz erbärmlich zuckten,
-während ihr Besitzer andauernd um Hilfe schrie und mit
-dem Büchsenkolben bald den Keiler, bald die Hunde abwehrte.</p>
-
-<p>Es war ein solches Gekrabbel und Durcheinander, daß
-keiner wußte, was ist nun Schütze, was Sau, was Hund,
-und so mochte niemand dem Keiler den Fangschuß geben,
-noch ihm mit der kalten Waffe auf die Schwarte rücken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p>
-
-<p>Da sprang der jüngste Schütz, ein dünner Forstlehrling
-mit einem Milchgesicht und noch ganz glatt unter der Nase,
-mit drei Sprüngen hinzu, setzte sich rittlings auf den Keiler,
-faßte ihn am Gehöre, zog vom Leder und ehe die ausgewachsenen
-Männer noch recht wußten, wie es zugegangen
-war, stand er neben dem Keiler, steckte die rottriefende Wehr
-in die Scheide, trat die Hunde ab und riß den verunglückten
-Schützen unter der Sau fort.</p>
-
-<p>Nun schrie alles »Bravo!« und dann sah man sich den
-Mann an, der fünf Minuten lang unter der Sau gelegen
-hatte. Er sah böse aus, denn die Hunde hatten ihm in
-ihrer Wut die Hosen in ganz erheblichem Maßstabe geflickt
-und ihm andauernd im Gesicht herumgestanden. Das war
-aber auch alles; die Knochen hatte er noch alle zusammen
-und einen Fleischschmiß auch nicht abbekommen.</p>
-
-<p>Man gab ihm einen Schnaps und nun sollte er erzählen.
-Ja, was war da zu erzählen? Er hatte gehört,
-wie dicht vor ihm die Hunde den Keiler verbellten, hatte
-sich herangebirscht und geschossen. Von da ab erinnerte er
-sich der Reihenfolge der Tatsachen nicht mehr ganz genau.
-Er wußte nur, daß er auf einmal unter dem Keiler und
-zwischen einer unglaublichen Masse von Hundebeinen lag,
-daß ihm bald der Schnee, bald der Geifer der Sau in
-Mund und Augen flog und dann wäre es ihm heiß und
-naß über das Gesicht gelaufen und dann hätte er gar nichts
-mehr sehen können.</p>
-
-<p>Er möchte bloß wissen, wo seine goldene Uhr und seine
-silberne Zigarrettendose sei und ob drei Büchsenmacher wohl
-wieder seine funkelnagelneue Doppelbüchse, Wert vierhundert
-Mark, halbwegs gesund bekämen. Aber schließlich: die
-Hauptsache sei doch, daß er Jagdkönig sei. Es sei die erste
-Sau, die er geschossen habe. Daraufhin trank er noch einen
-Schnaps.</p>
-
-<p>Der Keiler wurde auf die Brandrute gezogen und dann<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-suchte man den Anschuß. Es war keiner da. Rundumher
-Hohngelächter der Hölle; das Gesicht des glücklichen Schützen
-wurde noch einmal so lang, das des Forstlehrlings nahm
-eine vollmondartige Form an. Man drehte die Sau um
-und um, besah sie von vorn und hinten, es war und war
-kein Anschuß zu finden. Der Schütze mußte zeigen, wo er
-gestanden und wohin er geschossen hatte, und da fand man
-den Anschuß; eine Jungfichte war mitten durchgeschossen.
-Neues Hohngelächter! Drei Mark für den Verein Waldheil
-fällig wegen Fehlschusses! Drittes Hohngelächter!</p>
-
-<p>»<span id="corr163">Malhör</span> über Malhör!« sprach der Forstmeister, brach
-einen Bruch, zog ihn durch den roten Schweiß und reichte
-ihn auf seinem Hute dem Forstlehrling. »Sau tot!« blies
-das Horn. Heim ging es. Fast alle ließen die Köpfe etwas
-hängen. Und leise sprach der Forstmeister: »Pech ist Pech!
-Das größte Pech hat der Bengel da; fängt ein gesundes
-Hauptschwein mit der kalten Waffe ab. Wenn der nicht
-Größenwahn kriegt, weiß ich es nicht!«</p>
-
-<p>Am anderen Tage kam der Trichinenbeschauer, machte
-seine Proben und sprach mit strahlendem Gesichte: »Trichinen
-hat er ooch!«</p>
-
-<p>»Auch das noch!« sprach der Forstmeister und trank
-einen Schnaps.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/dekoende.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p class="noind">Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p class="noind"> Unterschiedliche Schreibweisen von Namen wurden beibehalten.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-Titelseite: leivt → lebt<br />
-Es <a href="#corrtit">lebt</a> der dürre Sand</p>
-<p>
-S. 65: sind → sich<br />
-kümmern <a href="#corr065">sich</a> nicht mehr um sie</p>
-<p>
-S. 129: hömschen → höhnischen<br />
-trockenen, gemeinen, <a href="#corr129">höhnischen</a> Jubelruf</p>
-<p>
-S. 134: bastige → hastige<br />
-tief unter ihm fallen <a href="#corr134">hastige</a> Axtschläge</p>
-<p>
-S. 163: Malöhr → Malhör<br />
-<a href="#corr163">Malhör</a> über Malhör!</p>
-</div></div>
-
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN***</p>
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-<p>
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-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
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-electronic work, or any part of this electronic work, without
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-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
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-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
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-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
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-provided that</p>
-
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-<li>You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."</li>
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- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.</li>
-
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- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.</li>
-
-<li>You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.</li>
-</ul>
-
-<p>1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.</p>
-
-<p>1.F.</p>
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-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
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-DAMAGE.</p>
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-received the work on a physical medium, you must return the medium
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-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
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-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.</p>
-
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-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.</p>
-
-<p>1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.</p>
-
-<p>1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause. </p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org.</p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact</p>
-
-<p>For additional contact information:</p>
-
-<p> Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org</p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
-</body>
-</html>
-
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