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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Mümmelmann - Ein Tierbuch - - -Author: Hermann Löns - - - -Release Date: November 6, 2016 [eBook #53457] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN*** - - -E-text prepared by Sandra Eder and the Online Distributed Proofreading -Team (http://www.pgdp.net) from page images generously made available by -Internet Archive (https://archive.org) - - - -Note: Images of the original pages are available through - Internet Archive. See - https://archive.org/details/Mummelmann_Ein_Tierbuch_ - - -Anmerkungen zur Transkription - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+, in Antiqua - gesetzter Text ist ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - -HERMANN LÖNS - -MÜMMELMANN - - - * * * * * * - -In unserem Verlage sind von - -Hermann Löns - -ferner erschienen: - - -Aus Wald und Heide - -21 Erzählungen für die Jugend, 16.--20. Tausend, Illustr. Kart. M. 1.--. - - -Mein braunes Buch - -21 Erzählungen aus der Heide. 17.--21. Tausend, brosch. M. 3.--, geb. -M. 4.--, Luxusband M. 6.50. - - -Mein blaues Buch - -Balladen und Romanzen, 4. Tausend, brosch. M. 3.--, geb. M. 4.--, -Luxusband M. 6.50. - - -Der letzte Hansbur - -Bauernroman aus der Lüneburger Heide. 9.--10. Tausend, brosch. M. 3.50, -geb. M. 4.--, Luxusband M. 7.--. - - -Dahinten in der Heide - -Niedersächsischer Roman, 13.--15. Tausend, brosch. M. 3.--, geb. -M. 4.--, Luxusband M. 6.50. - - -Kraut und Lot - -Ein Buch für Jäger und Heger, 8.--10. Tausend, geb. M. 4.20, Luxusband -M. 7.--. - - -Der zweckmäßige Meyer - -Ein schnurriges Buch. 20 Humoresken aus dem Naturleben. 8. Tausend, -geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.--. - - -Auf der Wildbahn - -Jagdnovellen, 8. Tausend, geb. M. 4.--, Luxusband M. 6.50. - - -Haidbilder - -Neue Folge von »Mein braunes Buch«, 6. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband -M. 6.--. - - -Mein buntes Buch - -Naturschilderungen, 7. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.--. - - -Goldhals - -Ein Tierbuch für die Jugend, 4.--8. Tausend, geb. M. 1.80. - - -Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H., Hannover. - - * * * * * * - - -HERMANN LÖNS - -MÜMMELMANN - -Ein Tierbuch - -21.--25. Tausend - - Höret: - - Es gibt nichts Totes auf der Welt, - Hat alles sein' Verstand, - Es lebt das öde Felsenriff, - Es lebt der dürre Sand. - - Laß deine Augen offen sein, - Geschlossen deinen Mund - Und wandle still, so werden dir - Geheime Dinge kund. - - Dann weißt du, was der Rabe ruft - Und was die Eule singt, - Aus jedes Wesens Stimme dir - Ein lieber Gruß erklingt. - - - - - - - -Hannover 1915 -Adolf Sponholtz Verlag -G. m. b. H. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - 1. Mümmelmann 5 - - 2. Murkerichs Minnefahrt 13 - - 3. Krähengespräch 21 - - 4. Sein letztes Lied 27 - - 5. Goldhals 34 - - 6. Der letzte seines Stammes 41 - - 7. Achtzacks Ende 49 - - 8. Böbchen 57 - - 9. Der Zaunigel 64 - - 10. Jakob 72 - - 11. Hausfriedensbruch 79 - - 12. Mein Dachs und meine Dackel 86 - - 13. Die Zeit der schweren Not 93 - - 14. Des Rätsels Lösung 99 - - 15. Das Eichhörnchen 105 - - 15. Hasendämmerung 116 - - 17. Der Mörder 123 - - 18. Der Alte vom Berge 134 - - 19. Die Einwanderer 144 - - 20. Ein Hauptschwein 154 - -»Der Zaunigel« und »Das Eichhörnchen« sind mit Erlaubnis des Verlages -beim Prachtwerke »Lebensbilder aus der Tierwelt«, herausgegeben von H. -Meerwarth, Verlag von R. Voigtländer, Leipzig, entnommen. - -[Illustration] - - - - -Mümmelmann. - - -Sie zogen aus, bis an die Zähne bewaffnet, an die dreitausend, an -die dreihundert, an die dreißig, schrecklich anzusehen in ihrem -Kriegsschmucke. - -Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen Hüten. Um ihre -Unterleiber schlotterten oder strammten sich rauhe Jacken, deren -Taschen reichlich mit Nikotinspargeln gespickt waren. An der Seite -hing ein Ränzlein, strotzend von braunen, grünen, roten oder gelben -Hülsen, enthaltend das scharfe Pulver, ferner eine Flasche, bergend -das nicht minder scharfe Visierwasser, und diverse Pakete, worin die -kurzgehackten sterblichen Überreste toter Schweine und Kühe waren. Vor -dem Magen trugen sie Müffchen, um die Handgelenke gestrickte Stulpen, -und auf dem Rücken Donnerrohre aller Konstruktionen und jeglichen -Kalibers. - -Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen, den Perron mit -schallenden Tritten, drei Coupés mit Zigarrendampf und die Schaffner -mit Grausen, denn jeder dritte zog ein erwachsenes Exemplar von -~canis familiaris~ hinter sich her und verlangte Platz dafür -nächst sich. - -Während der Fahrt nickten die einen, die abends vorher allzu lange beim -geisteserfrischenden Männerskat und beim seelenerhebenden Bitterbier -gesessen hatten, noch etwas nach, die edlen, etwas gedunsenen Züge auf -die Mündungen der Flinten stützend; andere hatten des Teufels Gebetbuch -in der Hand, schielten sich in die Karten und nahmen sich das mehr -oder minder redlich erworbene Kleingeld ab. Die dritten sprachen Latein. - -Der Dicke mit den apoplektischen Kulpsaugen erzählte mit einer Stimme, -die die Fensterscheiben zum Klirren brachte, er habe gestern auf -achtzig Schritt einen Krummen geschossen, wie gerädert sei der im Dampf -geblieben, alle Knochen gebrochen. Und dann zeigte er seine Flinte -herum, alle guckten hinein und taten, als glaubten sie es, und jeder -sah sein Gegenüber mit einem Blick an, der da sagte, daß er es durchaus -nicht glaube. - -Sie sprachen eine fremde Sprache, die kein vernünftiger Mensch -verstand, redeten von Rammlern und Satzhasen, Schweiß und Wolle, -Löffeln und Blumen, Läufen und Gescheide, Kesseln und Suchen, Stokeln -und Strecke, meinten aber immer ganz was anderes. So fuhren sie dahin -durch die weiße, morgendliche Winterlandschaft, auf die die aus dem -Bett kriechende Sonne einen schwachen Rosenschimmer warf. - -Dieser Rosenschimmer traf auch in der Feldmark von Knubbendorf die Nase -eines alten Rammlers, der langsam und hochläufig über die Landstraße -hinkte, Haanrich Mümmelmann genannt in seiner Sippe. Er machte einen -Kegel, putzte sich ein Flöckchen Schnee aus dem Schnurrbart mit der -rauhen Bürste seines Vorderlaufes, und überlegte, ob er noch nach der -reichlich geästen Roggensaat etwas Rinde von jungen Apfelbäumen in den -Gärten von Knubbendorf zu sich nehmen solle, oder ob es bekömmlicher -sei, einige vorjährige Brommelbeerblätter zu genießen, denn er fühlte -einen Druck im Magen. - -Da teilte ihm derjenige Teil seines Körpers, mit dem er auf einem -plattgefahrenen goldgelben Apfel saß, der nicht von den Hesperiden, -sondern von dem edlen Rosse stammte, mit, daß ein Wagen sich nähere. -Er drehte sich um, spitzte die schwarztimpigen Löffel und sagte sich -dann in seinem lieben Gemüte, daß das weder die Post sei, die führe -schneller, noch der Molkereiwagen, der führe langsamer, ein Marktwagen -sei es auch nicht, der käme schon bei nachtschlafender Zeit. Item sei -es etwas Ungewohntes, und das Ungewohnte sei stets unbekömmlich. - -Er hoppelte bis an den Graben, setzte trotz seiner drei Läufe über -die hohe Schneewehe und hoppelte den Patt entlang. Auf dem großen -Schlehbusch saß der Neuntöter. Den fragte er, ob er nicht sähe, was da -die Straße entlangkomme, seine Augen hätten nachgelassen. Der Würger -sagte ihm, daß es Jäger und Hunde wären, und flog nach der Dieme, denn -da hatte er eine Maus gesehen. - -Mümmelmann kratzte sich bedenklich hinter den Löffeln und hoppelte -weiter, bis an den großen Stein, der an der Sandkuhle lag. Dort klopfte -er dreimal mit dem linken Hinterlauf. Er hatte nur den einen, den -rechten fraßen nach der vorjährigen Treibjagd die Nebelkrähen. Auf sein -Klopfen tauchten hinter einem dürren Kamillenbusch zwei sauber gekämmte -Löffel auf. Sie gehörten Geesche Wittblaume. - -»'n Dag, Geesche«, knurrte Mümmelmann, »van Dage giff dat Drievjagd. -Eck weit blot noch nich, wenn sei in Holte drieven oder inn'e Feldmark. -Seih deck vör!« - -»Eck rücke to Holte, da kann'n seck lichter bargen,« meinte Geesche. -»Adjüs, Haanrich« und damit hoppelte sie von dannen. - -»Segg et de annern an,« rief Mümmelmann ihr nach, und Geesche machte -einen Kegel, spitzte die Löffel, nickte und hoppelte fort. - -Mümmelmann traf bei Wege noch Trine Geelzahn und Jochen Pielsteert -und sagte ihnen, daß sie gut täten, die Löffel steif zu halten. Und -dann hoppelte er weiter, bis nach einer ganz kahlen, hoch gelegenen -Stelle. Dort lief er eilig hin und her, als habe er etwas verloren, -schlug Haken auf Haken, und schob sich dann in einen Pott, den er sich -scharrte. - -Eine Stunde mochte er in seinem Lager gelegen haben, da vernahm er -ein Geräusch und machte einen Kegel. Da sah er Aadje Slappuhr eilig -daherkommen, Aadje, dessen Löffel keinen Halt hatten, weil ihm im -vorigen November die Schroten die Knorpel zerschlagen hatten. - -»Junge,« sagte Aadje und verpustete sich, »dat ward leege van Dage. De -Driever drücket dat Holt dör und denn schall ekesselt weern.« - -»Dübel,« sagte Mümmelmann, »de vermuckten Schinners war'd von Dag to -Dag heller. Na, will't sehn, wat seck dohn lätt. 'djüs.« Und damit -rückte er sich wieder in seinem Pott zurecht, und Aadje lief weiter. - -Noch eine Stunde lag Mümmelmann da und dachte nach, daß der Mensch doch -das böseste Raubzeug sei, trotz Reinke Rotvoß und Griepto Höhnerdeiw, -dem Habicht, und daß es Zeit wäre, daß man dagegen etwas täte; da hörte -er von weitem einen Ton, als klopfe da ein riesiger Rammler. Und der -wiederholte sich immer wieder. - -Haanrich Mümmelmann machte sich hoch und äugte nach der Gegend hin, -aber seine Lichter trugen so weit nicht. So rückte er wieder zusammen -und wartete. Die Sonne brannte ihm warm auf den billigen Balg, der -Wind hatte sich gelegt, das war alles gut und schön soweit, wenn nur -die Jäger nicht gewesen wären. Na, sein Testament hatte der Olle schon -lange gemacht, er war nun fast zehn Jahre alt, und ewig kann man nicht -leben. So philosophierte er. - -Auf einmal spielohrte er. Er hörte den Mordschrei der Nebelkrähe. Er -machte sich ein ganz klein bißchen höher und seine Seher wurden starr. -Über das Feld kam ein Hase in ungleichen Sätzen, und über ihm strichen -zwei große graue Krähen. Eine stieg immer und strich vorwärts, und -die andere fuhr herab und stieß nach den Lichtern des armen Hasen, und -Arr und Err ging es. Alle Augenblicke wurde der kranke Hase kürzer, -dann fuhren beide Krähen auf ihn los. Und dann rappelte er sich wieder -auf und machte ein paar Sätze, aber nach wenigen Sätzen wurde er -wieder kürzer. Und vom Horizont kam ein schwarzer Punkt und noch einer -und immer wieder einer, lauter Krähen, graue und schwarze, und wie -eine Wolke von Blut und Tod zog es über den Kranken her. Und jetzt, -Mümmelmann schauerte zusammen und legte die Löffel an, denn er wußte, -was jetzt kam, jetzt kam der Graben, und das war das Ende. Und da -scholl es auch zu ihm heran: »O weh, o weh, o weeäh, o weih mir,« und -dann war alles still und nur die Galgenvögel, die sich zankten, hörte -man. - -Nach einem Weilchen vernahm der Alte wieder ein Gepolter und sah die -Krähen abstieben. Er richtete sich ein bißchen hoch, und sah einen -großmächtigen Köter einen kranken Hasen hetzen. Schwer krank, das -sah der Alte, war der andere nicht, aber doch so, daß der flüchtige -Hund ihn bald zu Stande hetzen würde. Das war ein guter Kerl, Natz -Klewersitter vom Uhlenbrink. Dem mußte geholfen werden. - -»Natz,« knurrte Mümmelmann leise, »eck stah upp, sett di dahl!« Der -kranke Waldhase nahm alle Kraft zusammen, fuhr in das warme Lager, und -mit einem Hui, eine Schneewolke hinter sich werfend, fegte der alte -Feldhase aus dem Pott, schlug ein halbes Dutzend Haken, daß der Hund -ganz verbiestert wurde, sauste dann geradeaus, schlug wieder Haken, -machte einen Kegel, nahm wieder das Feld hinter sich, bis dem Hunde die -Zunge aus dem Halse hing und er die Jagd aufgab. Mümmelmann äugte ihm -nach, lachte, hoppelte bis zum nächsten Brink und rodete sich wieder -ein. Seine alten Knochen brauchten Ruhe. - -Lange dauerte es damit aber nicht, da vernahm er ein Dröhnen und -Knirschen. Erst war es nördlich, dann westlich, dann südlich, dann auch -im Osten. Er machte sich hoch und sah rundum lauter schwarze Pfähle. -Und nach einer Weile ging es, »Tara, Tarattata«, und die Pfähle kamen -auf ihn zu. Und dann hörte er es knallen und er sah hier einen aus -seiner Sippe über den Schnee rennen, und da einen von den Waldhasen, -und da stand einer auf dem Kopf und hier rollte einer im Dampf. -»Dübel,« dachte der Alte, »eck sitte in'n Kessel!« - -Die schwarzen Pfähle kamen näher. Überall stob der Schnee, prasselten -die Schrote, flog der Dampf, knallten die Schüsse. Mümmelmann blieb in -seinem Pott und überlegte. Rechts, nein, da ging es nicht, da knallten -wenige Schüsse und immer einzeln, da standen gute Schützen. Links, -da ging es bergab, das war auch schlecht. Aber gerade aus da war ein -Jäger, der schoß immer beinah beide Läufe auf einmal, und sein Nachbar, -der fuchtelte immer erst lange hin und her, ehe er drückte. - -Die Schritte kamen näher. Dicht neben Mümmelmann schlug Kunrad -Flinkfoot ein Rad, sprang noch einige Todessprünge und färbte den -Schnee rot. Weiter rechts machte Dorette Quappbuk ihr Testament, -nicht weit davon Lischen Hopsinskrut. Aber zwischen dem langen -Schnellschießer und dem kurzen Fuchtelmeier passierten eben Jochen -Pielsteert und Fritze Pattlöper heil die Schützenlinie, und da richtete -sich der alte Hase steif auf, hoppelte in gerader Linie voran, gerade -auf die Lücke zwischen den beiden Schützen zu, ganz langsam, bis er -fast in Schußnähe war, witschte dann nach links, schlug einen Haken -nach rechts, einen nach links, einen nach rechts, sah noch eben, wie -zwei Gewehrläufe in der Luft herumfuhren, wie Schwänze von Kühen, um -die die Bremsen sind, und dann gab er her, was er in sich hatte, fuhr -durch die Lücke, schlug sieben Haken, hörte einen Knall, einen Schrei, -einen Fluch, nähte aus, bis er nichts mehr hörte, und dann machte er -ein Männchen und äugte zurück. - -Das Jagdhorn erklang. Die Schüsse hörten auf. Die Jäger liefen nach -einem Fleck, hoben etwas auf und gingen nach dem Dorfe. Und es war -doch erst Mittag. Als sie alle weg waren, hoppelte Mümmelmann nach -dem Kessel. Da lag Schweiß, hier wenig, Hasenschweiß, und da viel. -Menschenschweiß, und dem alten Hasen schwoll sein kleines Herz von -befriedigter Rachsucht; nun wollte er gern sterben, er hatte sein Volk -gerächt. - -Nachts um zwölf Uhr, als der Vollmond klar am Himmel stand, kamen die -Knubbendorfer Hasen auf dem Felde, wo der letzte Kessel gewesen war, -zusammen. Mümmelmann rief sie alle der Reihe nach auf. Zweiundsechzig -antworteten nicht, zwanzig waren entschuldigt, sie heilten ihre Wunden -im Lager, sechzehn humpelten, sie waren leicht angekratzt. Und als sie -alle zusammen waren, da hielt Natz Klewersitter eine Rede und sagte -allen, wie Haanrich Mümmelmann ihm das Leben gerettet hatte, und alle -zweihundert klopften dem guten Kameraden Beifall und rieben ihre Nase -an seiner. Und dann machte Jochen Pielsteert ein Männchen und erzählte, -daß der Alte vom großen Stein sie alle gerettet habe. Er, Jochen, habe -gesehen, daß Mümmelmann durch seine Taktik den einen Jäger so dötsch -gemacht habe, daß er seinen Nachbar schwer angeflickt habe. »Kommt mit, -eck will ju dat wiesen!« so schloß er seine Rede. - -Reinke Rotvoß, der oben an der Straße unter dem Winde herangeschnürt -kam, blieb plötzlich stehen und seine Nüstern schnupperten wohlig, denn -die Witterung von zweihundert Hasen kitzelte sie. Aber dann setzte er -sich plötzlich, denn eine wimmelnde, krimmelnde Masse kam über das -mondlichte Schneefeld, Hase bei Hase, und jetzt hielten sie an. - -So etwas hatte Reineke noch nicht erlebt, und er hatte viel mitgemacht. -Als aber die zweihundert Hasen anfingen, mit den Hinterläufen zu -klopfen und gespenstisch im Kreise herum zu tanzen, da kriegte er -es mit der Angst, er machte kehrt und gab Fersengeld, daß ihm die -Standarte nur so flog. Als am anderen Tage der Jagdaufseher Nachsuche -hielt, da fand er um den roten Fleck, wo der Assessor den Baurat -laufkrank schoß, einen Kreis, festgestampft wie eine Tenne. Und er sah, -daß das die Hasen gemacht hatten, und er schüttelte den Kopf und machte -ein ganz verstörtes Gesicht. - -Das war die Stelle, wo vorige Nacht die Knubbendorfer Hasensippe -Mümmelmann, den Heldenhasen, nach Hasenweise geehrt hatte. - - - - -Murkerichs Minnefahrt. - - -Auf der Spitze der großen Pyramide stand ein Mann. Der Abend hatte die -gelbe Wüste in braune und blaue Farben getaucht, hatte die Palmen und -Kuppeln der fernen Stadt mit Gold und Purpur umwebt. - -Der Mann auf der Plattform des Riesenbaues sah die zauberhaften -Farben, die märchenhaften Töne nicht. Er war das ganze Ägypten satt, -die eleganten Reisenden, das schmierige Volk, den Spielsaal und die -Blumengärten. Traumverloren sah er nach Norden hin. - -Da zuckte er zusammen und sah sich um. Nicht der Ruf der Eule war es -gewesen, der ihn aus seinem Sinnen geweckt hatte, nicht das von weitem -heranschallende Geschrei der Kameltreiber, nein, ein ganz anderer -Laut, der ihm die gelben Troddeln der Haselbüsche im dämmernden Wald, -Drosselschlag und Ammernsang vor die Seele rief. - -Er rieb sich die Augen und lächelte: »Ich habe geträumt,« dachte -er. Aber da war er wieder, der seltsame, tiefe, quarrende Ton, das -»Quoark, quoark, quoark«, und da kam es auch schon herangestrichen, -ein schwarzes Ding, eulenhaft die Fittige bewegend, zwischen denen ein -langer, senkrechter schwarzer Strich sich abhob, und verschwand in der -Dämmerung. - -Das war Murkerich. Auch dem war dieses Ägypten langweilig geworden -mit seinen Palmen, seinem Nilschlick, seinen fetten Fliegenmaden und -Kamelsmistkäfern. Nach weißschimmernden Birkenwäldern sehnte er sich, -nach braunem Fallaub zwischen goldenen Schlüsselblumen, jungen Fichten -und breiten Weißdornbüschen und einem ordentlichen, deutschen Regenwurm. - -Er moarkte verdrießlich, als ihm eine große Fledermaus mit einem -blattähnlichen Gewächs auf der Nase etwas zuzwitscherte, das er -nicht verstand, strich weiter, den Nil hinauf, und pfuitzte schnell -sein »Pssewitt« in den Abend hinein. Antwort erhielt er wohl, aber -Begleitung bekam er nicht. »Noch zu kalt da oben«, pfuitzte Kulpsauge. -»Noch keine Würmer draußen«, quarrte Silbersteert. »Noch Frost im -Boden«, wispelte Stecherine. Da reiste Murkerich allein. - -Im Garten des Augustinerkellers in München ging ein Mann. Er ließ sich -die Abendluft um die Stirn ziehen, denn arg viele Maße Bier hatte er -binnen. Plötzlich blieb er stehen und sah nach dem Himmel, wo ein -einziger, kleiner, blasser Stern blinzelte. »Herrgottsaxen«, brummte -er vor sich hin, »hoab i oan Rausch. Alleweil hoab i meint, daß i die -Schnepfen hör'!« - -Einen Rausch hatte er, aber richtig gehört hatte er doch. Murkerich -hatte Afrika hinter sich, das Mittelmeer und den Balkan, Tirols weiße -Gipfel und Bayerns dunkle Berge. Viele Gefahren zu Wasser und zu Lande -hatte er erlebt, Seesturm und Meeresgewitter, Lawinengepolter und -Telegraphendrahtsurren; am Gardasee stellte eine verwitwete Schnepfin -seinem Herzen Garn und Schlinge und wollte ihn bewegen, dort zu -bleiben. Er pfuitzte ihr etwas und strich weiter. - -Über dem Dorfe Sievershausen im Solling stand ein Mann. Rotkehlchen und -Amseln sangen, Waldwühlmäuse pfiffen im Fallaub, unten im Dorf rief der -Totenvogel und im hohen Ort lachte der Kauz. Stillzufrieden lauschte -der Mann den Stimmen des Vorfrühlings. - -Auf einmal durchfuhr ihn ein Ruck. Er riß das Gewehr von der Schulter, -spannte und packte an, sah sich wild um und ließ die Waffe wieder -sinken. Er schüttelte den Kopf und lachte in sich hinein: »Ich dachte, -ich hörte schon die Erste. Aber wir haben ja noch nicht einmal -Reminiscere!« - -Er hatte doch richtig gehört, und wenn der Kauz gerade nicht solchen -großen Schnabel gehabt hätte, dann hätte Murkerichs Minnefahrt schon -hier ein Ende gehabt. Aber Glück muß ein junger Schnepfenhahn haben. -Schon im Taunus waren ihm die Schrote um den Stecher gepfiffen und in -seinem linken Fittig fehlte die Spitze der Malfeder. »Die kann ich -missen,« hatte Murkerich gedacht; »die ist ja doch bloß zum Staat da«, -und war weiter gestrichen. Und diese Nacht strich er noch weiter, bis -er seine engere Heimat erreichte, den Ahltener Wald bei Hannover. Da -strich er laut pfuitzend in der Frühdämmerung die Gestelle auf und ab, -fiel, als die erste Drossel pfiff, todmüde unter einer Schirmfichte ein -und schlief wie tot. - -Ein Rascheln im Laube weckte ihn. Eine Waldmaus wäre ihm fast auf den -Kopf gesprungen. Als er sich spreizte, fuhr sie zitternd in ihr Loch. -Die Sonne stand schon hoch und behaglich genoß Murkerich, Flügel und -Ständer von sich streckend und das Halsgefieder aufrichtend, ihre -Wärme. Dann richtete er sich auf, gähnte gefährlich, trippelte einige -Schritte vorwärts, bis er an dem kleinen Ellernbruch anlangte, wo die -ersten Blätter und Blüten sich über dem pechschwarzen, nassen Boden -zeigten. - -Dort stellte er den Stecher senkrecht, fuhr damit über die goldenen -Blüten des Milzkrautes, die fetten Blätter des Aaronstabes, die blauen -und weißen von Leberblume und Windröschen, bohrte den Stecher in den -Boden, vollführte mit den Ständern ein seltsames Getrampel, wobei er ab -und zu leise schnurrte, und holte alle Augenblicke einen krampfhaft -sich windenden Regenwurm oder eine langgeschwänzte Sumpffliegenlarve -heraus, die er sich dann mit kurzem Ruck einverleibte. Dann trippelte -er wieder unter seine Schirmfichte und schlief weiter. - -Als die Dämmerung die Bäume zusammenschmolz und der Kauz sein hohles -Lied sang, wachte Murkerich auf. Der Abend war lau und die Luft dumpf, -so recht geschaffen für ein zärtliches Flugspiel über den Wipfeln der -Birken. Aber ihm lag noch die lange Luftreise in den Knochen, und so -beschloß er, weiter zu schlafen, da erstens morgen auch noch ein Tag -und zweitens eine Balz auf eigene Faust eine ziemlich öde Beschäftigung -sei. Da vernahm er ein brünstiges »Pssewitt«, und er schwang sich auf -und folgte dem lockenden Rufe. - -Auf der großen Rodung holte er die Dame ein. Quarrline war es, eine -Schnepfenmadam reiferen Alters, die im Frühling vor einem Jahre hier -Witwe geworden war. Sie hatte damals gelobt, unvermählt zu bleiben, -aber, die Liebe, das ist eine sonderbare Sache, und wenn eine alte -Scheune ins Brennen kommt, dann helfen alle guten Vorsätze nicht. Und -als sie Murkerichs flehendes Morken vernahm, da tat sie zwar erst -etwas verschämt, quarrte etwas von Aufdringlichkeit und Belästigung -alleinstehender Damen, aber die kokette Art und Weise, wie sie ihn über -den Rücken anschielte, gab Kunde davon, wie heiß ihr Herz dem eleganten -jungen Mann entgegenschlug. Ja, wer kann auch für die Gefühle bei -solcher lauen Luft! - -Und so ging es denn mit Pssewitt und Mork-mork über die Gräben und -Tümpel, Schläge und Dickungen, bald neben-, bald hinter-, bald -übereinander, jetzt langsam und leise, dann laut und schnell, -in gerader Richtung ein Gestell entlang, im Zickzack durch den -Lichtschlag, wo Quarrline ihrem Galan in dem Stockausschlag der Birken -verschwand. Aber er fand sie bald, denn es war bei ihr nur Ziererei, -und als er ihr erzählte, daß er in guten Verhältnissen lebte und ein -Grundstück hätte, das sich selbst im dürrsten Sommer reichlich mit -Regenwürmern verzinste, da gab sie bald ihre Sprödigkeit auf und wurde -aus einer älteren Witwe schnell eine junge Braut. - -Als Murkerich sich am anderen Tage die Sache überlegte, fand er, daß -er etwas voreilig gewesen war. Seine Quarrline paßte doch nicht so -ganz zu ihm. Sie war ein bißchen zu sehr in die Breite gegangen, ihr -Gefieder war stark ergraut, kurz und gut, eine Schönheit war sie gerade -nicht. Und dieses ewige Gequarre von ihrem Seligen, das war nicht zum -Aushalten. Wenn sie so schon als Braut war, wie würde sie erst später -werden, dachte der glückliche Bräutigam und hörte mißmutig ihrem -Gequarre zu, mit dem sie ihn sogar jetzt, mittags, wenn jede richtige -Schnepfe schläft, anödete. - -So vernahm sie vor lauter Schwatzen das leise Rauschen nicht, das -hinter ihr im dürren Grase daher kam. Faul und breit lag sie da und -erzählte von ihrem Seligen. Da fuhr ein rotes Ding rauschend und -rasselnd durch das Gras, Murkerich strich schreiend ab und konnte eben -noch eräugen, daß Reineke Rotvoß mit Quarrline im Fang davonschnürte. -Unter einem gewaltigen Weißdornbusch fiel Murkerich ein. Der -entsetzliche Vorfall bekümmerte ihn tief, aber bei ruhigerer Überlegung -fand er, daß es so am besten für sie beide war; glücklich wären sie -zusammen doch nicht geworden. Über diesen Betrachtungen schlief er ein. - -Das Gezeter der Amsel weckte ihn. Die saß auf dem Dornbusch und -machte einen Mordskrach, weil zwei Männer das Grenzgestell entlang -gingen. Im großen Windbruch rief der Kauz, von der breiten Wiese -erklang das Schreien der Kiebitze, Kraniche trompeteten über den Forst -hin, Goldammern und Rotkehlchen sangen ihre Abendlieder. Da vernahm -Murkerich über sich ein tiefes, dumpfes Quarren und ein ängstliches -Pfuitzen. Ein alter Schnepfenhahn machte in grober Weise einer -schlanken Schnepfin den Hof. Klack, klack, machten Murkerichs Flügel, -und schon war er neben dem Pärchen. Der alte Hahn machte ein höchst -erbostes Gesicht, als er den jungen Mann erblickte, und versuchte, ihm -eins zu stechen, aber Murkerich war gewandter, er wich ihm aus, stieg -und stach ihn derartig in die Seite, daß der alte Herr wutquietschend -in das Quergestell einschwenkte. Murkerich wollte ihm folgen, da fuhr -ein langer, roter Strahl empor, der alte Hahn fiel wie ein fauler Ast -zu Boden, ein Donnerschlag ertönte, Stinkrauch stieg auf, und Murkerich -und das kleine Fräulein schwenkten schleunigst ab. - -»Glück muß ein junger Mann haben«, dachte Murkerich, als er mit -der Kleinen durch das Birkenbruch zickzackte. Die hatte sich so -erschrocken, daß sie froh war, einen Mann bei sich zu haben. Pfuitzing -hieß sie und war noch nicht ein Jahr alt. Murkerichs Herz brannte. »So -ein niedliches Ding«, dachte er, »so schlank und adrett, das ist doch -etwas anderes, als die alte Dame von gestern.« Und zärtlich morkend, -sagte er ihr die schönsten Sachen über ihre wunderschönen dunklen -Seher, über die blitzenden Silberspitzen ihres Stoßes, und die Kleine -legte geschmeichelt den Stecher an die Brust und dachte bei sich: -»Ein reizender junger Mann, viel netter, als der alte Murrkopf von -vorhin.« Und in niedlicher Koketterie ließ sie ihres Stoßes silbernes -Spitzenwerk leuchten, und wenn sie auch so tat, als wollte sie sich -ihres Anbeters Schmeicheleien entziehen und hastig fortstreichen, sie -tat nur so. - -Es war ein herrlicher Abend. Die Luft war weich und warm, in den -Sinken braute der Fuchs, der Mond stand über den hohen Eichen. In -seliger Minnefahrt strich das Pärchen über die Schläge, zickzackte -um die Überhälter, ruderte durch das Bruch, und fiel ab und zu zu -kurzem Gekose an einem silbern blitzenden Graben ein, um bald wieder -in langsamem Fluge über die Gestelle zu streichen, er in männlichem -Bariton schmeichelnd und sie im hellen Diskant kichernd, wenn er ihr -erzählte, welch ein herrliches Leben sie hier im schönen Ahltener Walde -führen wollten, wo der Boden so tief und locker und würmerreich ist und -wo Dornbusch an Dornbusch steht, die beste Wehr gegen Reinekes Tücke -und Griepto Heuhnerdeiws, des Habichts, Roheit. - -Und als sie so schwärmten und träumten, da blitzte und krachte und -rauchte es, und Pfuitzing stieß einen Schrei aus, stürzte, nahm sich -wieder auf und flatterte in das Unterholz. Murkerich war sofort bei -ihr und trieb sie zur Eile an, denn er vernahm eine laute Stimme, und -hörte einen Hund durch die Pfützen patschen. Da flatterte das arme Ding -mit Aufwand aller Kraft ein Endchen weiter und fiel erschöpft in den -gewaltigen, undurchdringlichen Windbruch. Noch ein Weilchen hörten sie -den Hund hechelnd im Unterholz herumstöbern, dann ertönte ein Pfiff, -und alles war ruhig. - -Pfuitzing lag auf der Seite und wimmerte ganz leise. Ihr linker Lauf -war von einem Hagelkorn getroffen und gebrochen. Sie zog ihn fest an -den Leib und ließ sich von Murkerich trösten. Den ganzen Tag blieb -sie so liegen und humpelte erst abends ein bißchen hin und her, um zu -wurmen, und Murkerich blieb immer bei ihr. Nach acht Tagen war der Lauf -fast heil; die weichen Bauchfederchen hatten einen festen Verband darum -gebildet, so daß die Kleine schon wieder ganz gut auftreten und sich -auch wieder aufschwingen konnte. - -Es war wieder ein wundervoller Abend, so lau, so weich, so milde, -aber dem Pärchen war alle Lust am Strich vergangen. »Weißt Du was, -Pfuitzing,« quarrte Murkerich, »ich glaube, wir ziehen weiter. Wenn -man immer geradeaus gegen Mitternacht streicht, dann kommt man hinter -dem Meer in Länder, da gibt es kaum einen Menschen, und die da sind, -die kümmern sich nicht um uns. Hier muß man ja immer wie eine Maus im -Verborgenen leben und hat nichts vom Leben. Wollen wir weiter?« - -Pfuitzing war es zufrieden, und als der Mond sich hinter den Wolken -versteckte, da stiegen beide ganz hoch in die Luft, kreisten dreimal -und strichen dann geradeaus, nach dem Lande, wo es noch nette Menschen -gibt. Und da leben sie heute noch. - - - - -Krähengespräch. - - -Jeden Nachmittag um 3 Uhr achtundfünfzig Minuten, wenn der -Barsinghausener Zug über die große Bult bei Hannover keucht, kommt -ein alter Herr mit einem alten Hunde den Fußweg entlang, der sich am -Rande der Eilenriede nach der Bult hin zwischen dem Döhrener Turm und -Bischofshol hinzieht. Auf der Höhe der Rüsterburg bleibt der alte Herr -stehen, nimmt eine Prise, sieht gegen den hellen Abendhimmel und niest, -und meistens niest sein Hund zur Gesellschaft mit. Dann gehen beide -weiter. - -Genau um diese Zeit kommt eine große graue Krähe angeflogen, die bei -der Korndieme auf Mäuse lauerte, läßt sich auf einer der höchsten -Eichen am Rande des Waldes zwischen dem Eisenbahndamm und der -Rüsterburg nieder, schüttelt ihr Gefieder glatt und ruft dreimal laut: -»Arrr!« - -Wenn dann der Deister in dicken, rotgesäumten Abendwolken -verschwimmt, wenn in dem Bultkrankenhause, im Heiligengeiststift -und im Schwesternhause die ersten Lichter aufblitzen und die Sonne -mit unheimlicher Behendigkeit an dem Schornstein der städtischen -Bierbrauerei hinunterklettert, dann kommt von den Komposthaufen -eine zweite, aber schwarze Krähe her, nimmt neben der grauen Platz, -schüttelt ihr Gefieder und ruft ebenfalls dreimal, aber in schwächerem -Ton: »Aerr!« - -Dann dauert es gar nicht mehr lange, und während der Wald zu -einem violetten Gemussel zerfließt, aus dem nur das rote Laub -der Buchenjugenden hervorleuchtet, um die Zeit, wenn die heimlich -Verlobten, die da spazieren gehen, anfangen, sich unterzuhaken, dann -kommen von allen Seiten einzelne Krähen angeflogen, graue Nebelkrähen, -schwarze Rabenkrähen und manchmal auch einige stahlblaue Saatkrähen. - -Im ganzen sind es so fünfzehn bis fünfundzwanzig, die um die -Schlummerstunde auf der hohen Eiche zusammenkommen; einige davon -sind ausgebrütete Hannoveraner, zwei sogar Stadthannoveraner, da sie -in der Eilenriede groß wurden, die andern stammen aus Brandenburg, -Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Posen und Ostpreußen. Die -Ostelbier sind alle grau mit schwarzen Köpfen, Flügeln und Schwänzen, -die andern schwarz. Die Ostelbier sind nur im Winter hier, wenn sie zu -Hause nichts haben. - -Den Tag über treiben sie sich auf der großen Bult herum, die eine bei -der Tierärztlichen Hochschule, die andere vor dem Schlachthause, wieder -andere in den Ländereien der Stadtgärtnerei, oder in den Stiftsgärten, -auf den Fußballspielplätzen, bei den Bahnwärterhäusern, der Dieme und -den Komposthaufen. Dort stochern sie ruhig und besonnen, ob sie nicht -einen Wurm, einen vor Kälte lahmbeinigen Käfer, einen Knochen mit noch -einem Bißchen daran, eine Wurstschläue, ein Stück Brot oder dergleichen -finden oder eine Maus oder einen Maulwurf übertölpeln. - -Die Graue, die zuerst kommt, ist eine Ostpreußin. »Känigsbarg« ist ihr -drittes Wort. Die Schwarze, die immer gleich nach ihr kommt, stammt -aus der Eilenriede; die beiden kennen sich seit drei Wintern: »Guten -Aabend, mei Herzche«, schnorrt die Graue; »was haben Sie heit gemacht -de ganze Tag? War's Assen gut?« Die Schwarze macht vergnügte Augen: »'n -Aeöbend, das will ich maanen; ich waaß doch hier Beschaad. Ich häöb 'n -angeschossenen Häösen gefunden. Delikäöt, säöge ich Ihnen.« - -»Einen Hasen«, plärrt da eine graue Sächsin, die eben ankommt, »ach -nee, was Se sagen? Hären Se mal, meine Kuteste, den genn' Se mir mal -zeigen. Ich hab' Se nämlich noch nie 'n doten Hasen kesehen, wissen Se. -Wo liegt er denn, der Hase, wenn ich so frei sein darf?« Die Schwarze -meint: »Da is jetzt nich mehr viel anne«, was die Ostpreußin, die die -Sächsin nicht leiden kann, veranlaßt, laut aufzulachen: »Hulla, hulla, -hullahahaha, salba assan macht fatt; nicht wahr, mei Härzche?« - -Eine schwarze Kalenbergerin erscheint und mit ihr eine graue Polin. -Der steht der Schnabel lose: »Gutten Abbend, Frau Schwarrzhals, gutten -Abbend, Frau Dickkopf, gutten Abbend, Frau Blänkeersteert, habben Se -sich Guttes gefunden zu essen heite? Habe ich mich gefunden Knochen -großiges mit Fleeisch vielliges drran, serre guttes Fleisch, gar nicht -stinkiges, von Schaff hammliges.« - -Die Kalenbergerin sieht sie von der Seite an: »Da süht Sei ook gerade -nach ut! Man mächtig lökrig is Jue Bunk! Awer eck, eck hebbe 'ne ganße -Wost estohlen von 'n Schlachterkerl ut de Molle. Das freut meck noch -drei Dage nah minen Dode. Watt hebbe eck meck ehöget. Un wat hett de -Kärel eßchimpet. Höhöhö!« - -»Is sich serre selten«, fällt ihr die Polin in die Rede, »hierr zu -finden Wurst schweinerrne. Is sich vill besserr bei uns zu Hause in -Wongrowitz, wo man findett serr oft Wurrst odder Knochenn. Sind sich -Pollen nicht so ängstlich mit Eingrabben von alles Abfall, wie Leite -hannovversches.« - -»Ohle Döllmer«, krächzt sie die Kalenbergerin an, »worümme blivst -De denn nich to Huse? Tatternvolk! Erst hier rümmetobetteln un denn -ßchimpen! Dat is de rechte Art von so'n Volk. Wat meinst' Nahwersche?« -fragt sie dann die Eilenriedekrähe. - -»Hast recht, hast recht«, antwortet die, und fährt dann leiser fort, -»äöber das stimmt schon, anstellen tun sie sich heute, die Leute, -da ist das Ende von weege. Alles einkuhlen und des-, na, wie heißt -das olle vermuckte Wort doch, so, desinfezinieren, das wird immer -dummerhaftiger. Und mit der Raanlichkeit häöben Se sich! Raanlichkeit -muß sein, äöber was zu viel ist, ist zu viel. Auf 'm Schlachthofe, -glauben Sie, daß sie däö ein Priepelchen Fleisch liegen lassen? I -bewäöhre, jeden Fetzen fäöhren Se raus und roden ihn bei.« - -»Sa'n Se mal«, fällt eine Berlinerin ein, »ob dett woll wahr is, wat -ick heite jeheert habe, dat de Rennbahn hier uff de jroße Bult kommen -dhun soll! Na, dett wär 'ne scheene Pleite für uns. Ick pfeife uff den -janzen Sport: Rasse is Mumpitz, 'ne Abdeckerei is mich ville lieber. -Det wird iberhaupt immer dammlicher uff de Welt!« - -»Besser wird es überhaupt nicht«, meint die aus der Eilenriede. »Wenn -ich noch daran denke, vor zehn Jäöhren, als die hohen Fuhren noch -vor der Seelhorst standen! Was wäör däö wintertags für ein Leben; an -die Tausend von uns schliefen däö. Aber die Leute, die Leute! Erst -schmissen sie Giftbrocken hin, und als wir die nicht mehr näöhmen, da -trieben sie das Holz ab. Ich häöbe denn bis vor zwei Jäöhren immer -in dem Holze vor Misburg geschläöfen, äöber da käömen die Jäger und -schossen nach uns. Und seitdem gehe ich nach dem Aäöhltener Holze. Es -ist däö jäö 'n bißchen gemischt, zu viel Sääötkrähen und sogäör Dohlen, -äöber was soll 'n machen? Hier in der Eilenriede ist an einen ruhigen -Schläöf doch nicht mehr zu denken. Noch bei nachtschläöfender Zeit -läuft das Volk in 'n Holze herum und überall sind Laternen. Die Welt -wird immer dümmer!« - -»Da haben Sie wieder recht, mein Süßing«, schnarrt die dicke graue -Pommerin, »auch bei uns wird es immer schlechter«, und die Ostpreußin -stimmt bei: »Bei uns da oben bei Känigsbarg ist es noch nicht so -schlimm; aber weiter hinauf, auf der Nahrung, bei Rossitten, da assen -die Manschen Krähenfleisch, und jetzt sitzt da ein Kärlche, Thienemann -heißt er, der fängt die Krähen und macht ihnen Ringe um die Beine mit -dem Datum darauf und bittet, daß man überall Krähen totschieße und ihm -die Füße einschicke, der Wissenschaft wagen. Nu' bitt' ich Sie, was hat -die Wissenschaft mit unsern Beinen zu tun. Der Mensch kommt jeden Tag -auf neue Dummheiten.« - -»Is sich serr rrichtig«, meint die Polin, »setzen sich bei uns in -Pollen feeine Herren in Errdheiser, machen sich Uhu grroßes auf Pfahl; -kommen sich Krrähen an auf zu beißen Uhu dickköpfiges, schießen sich -Herren feine dann mit Gewehrre auf Krrähen, Hundsblutt gemeines -niddertrrächtiges!« - -»Dat dauet se hiertolanne ook«, meint die Kalenbergerin, »up de -Vahrenwohler Heide und hier dichte bi-e, in der Seelhorst, da kümmt -ook jümmerst so'n Vogelutstopper ut de Slägerstraate, Wiegand heit -dat Lork, de kruppt in'n Busch, sett da so'ne olle utstoppte Kattuhle -henne, und wenn 'n denn antofliggen kümmt und will de Uhle einen -wischen, pardautz, denn ballert de Kerl los. Awer eck falle up den -Swindel nicht mehr rin.« - -»Wat eck awer noch seggen wullt: dat mit de Rennbahn hier up de Grote -Bult, dat drafft wi üsch nich gefallen laaten. Wenn eck man nich min -Haus bi Degersen hätte, denn wüßt eck schon, wat eck dohn deihte. Laat -se man koomen met öhre smächtrigen Päre! Eck wollt' se all ball up den -Drab bringen. Mit den Snabel den Pären gegen die Oogen, wenn se öwer de -Hürden wullt, dat se dat Gnick bräken! Ja! Dat wör dat Richtige! Dann -schallt se hier woll wegblieb'n. Laat se doch wo anners herümmejöckeln. -Meint Sei nich ook so?« - -Die Eilenriedekrähe, an die sie sich wandte, nickt; sie weiß, daß -gegen die Menschen nicht viel auszurichten ist. Und dann antwortet -sie einer guten Bekannten, die aus hoher Luft ihr einen rauhen Gruß -herunterschreit, macht die Flügel auseinander, läßt sich drei Fuß von -ihrem Sitz fallen, steigt in die Luft und fliegt krächzend fort. - -Und die andern alle, die Schwarzen wie die Grauen, krächzen und -folgen ihr, über die Bahn, über Bischofshol, den Kirchröder Turm, den -Nackenberg, die breite Wiese, Misburg bis zum Ahltener Holze, wo jeden -Abend vom November bis zum März Tausende von Krähen schlafen. - - - - -Sein letztes Lied. - - -Ehe der Frühling den Bergwald bezwang, hatte es lange, sehr lange -gedauert. Unten im Auwalde hatte er längst schon den Winter zum Kuckuck -gejagt; da blühten Windröschen, Schlüsselblumen und Milzkraut schon, da -flog Fuchs und Zitronenfalter, da saß die Amsel auf dem vollen Gelege. - -Aber auf der Höhe lag noch der Schnee. Da, wo die Sonne gut hin konnte, -verschwand er schließlich; die Heidelbeere schwellte ihre Knospen, -das Wallgras schob seine Kätzchen, die Kriechweide schmückte sich mit -Gold, Fliegen und Bienen und Käfer summten und brummten, laichende -Frösche knurrten in den Moorsümpfen, Molche ruderten in den Tümpeln -über den klaren Granitgrus und auf den leuchtenden Moospolstern grauer -Steinblöcke sonnte sich die Bergeidechse und schnappte die Fliegen vom -blühenden Sauerklee fort. - -Hier, wo bisher nur der Kreuzschnabel lockte, Meisen pfiffen und -das Goldhähnchen piepste, sang jetzt die Märzdrossel ihr Jubellied, -schwebte der Baumpieper mit frohem Geschmetter hernieder, zwitscherte -die Braunelle, schlug der Fink, wippte die Bergbachstelze von Stein zu -Stein, und hier stellte sich auch alles wieder ein, was vor dem herben -Winter zu Tale geflohen war, der edle Hirsch und das schüchterne Reh, -Reineke, der Schleicher, Lampe, der friedliche Mann, und des Gebirges -stolzestes Geflügel, der Urhahn. - -Ein alter Haupthahn war es, der zuerst die tieferen Lagen verließ und -sausenden Fluges die Talschlucht entlang strich, berganwärts, dahin, wo -selten der Förster hinkam und fast nie ein fahrender Stadtmensch. Dort, -wo Moor an Moor den Kopf des Berges umlagert, wo nie die Axt kracht, -wo die Fichten wachsen und fallen, wie sie wollen, hat er seit Jahren -seinen Stand, lebte er sein heimliches Leben zwischen Felsblöcken und -Baumtrümmern schon manches Jahr, sicher vor Kraut und Lot. - -Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß, hatte sich -zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche einen Platz ertrotzt. -Leicht war es ihr nicht geworden, und sie hatte sich viel winden -und biegen müssen, ehe sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer -Riesenschlange ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben -Flechten gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs wagerecht fünf Fuß über -den Abgrund und dann schoß der knorrige Stamm gerade empor. Jahr -für Jahr versuchte der Sturm ihn zu morden, wie er ringsumher die -Fichten zerbrach, wenn der Rauhreif sie umsponnen hielt, aber der alte -Ebereschenbaum wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine -Wurzeln in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde und -Holz gehärtet. - -Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze der alte -Hahn sein minnigliches Lied, wenn der Nebel wie eine Mauer in den -Fichten stand. Jeden Morgen klang seine Strophe in das große Schweigen -des Berges hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob -und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne grüßte und -unten das Land sich entschleierte. Pfiff der Frühwind auch scharf und -hart, den alten Hahn focht das nicht an; sein Herz war heiß, seine -Kraft zu groß, der Kälte, dem Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz -sang er sein seltsames, wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum -herab. - -Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und Pieper schmetterten, -Zaunkönig und Laubvogel jubelten, dann verschwieg der stolze Vogel, -als schämte er sich, daß er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk -zeigen müsse, daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd -strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen den -mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und Knospen und -Samenkörner auflasen, und er holte sich bei ihnen was sein gutes Recht -war als ihr Herr Gemahl, und das ihm kein anderer Hahn länger als eine -Viertelstunde streitig machte, um zerzaust und geschunden dorthin zu -streichen, wo kein so krimmer Kämpe, wie der Hahn vom rauhen Hang -seinen Harem schirmte. - -Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß das Moos wie Gold -und die Sauerkleeblumen wie Silber leuchteten, wenn aus allen Fliegen -Diamanten und aus allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte -es geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise und das -Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig ganz etwas Absonderliches -zu sehen bekamen; denn nachdem der Hahn eine lange Weile schläfrig -dagestanden hatte, schritt er gemessen den Hennen näher, schwang -sich auf einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder -von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen, fächerte -den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich, so wunderbar, so -rührend, daß eine Henne nach der anderen die Käfersuche aufgab und -ergriffen seinem Liede lauschte. Und es konnte auch vorkommen, daß -der Hahn in seiner Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom -Wintersturme mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten einfiel -und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret zu kümmern, das -er aus dem Bette gescheucht hatte, von hier aus auf das ernsthafteste -die Sonnenbalze betrieb. Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er -noch abends, wenn tief unten im Tale die Sonne von dem Lande Abschied -nahm und die Misteldrossel ihr Nachtlied sang, der Hahn, wenn er sich -auf seinem Schlafbaume eingeschwungen hatte, noch nicht gleich den Kopf -versteckte, sondern noch einmal seine uralte Weise in die dämmernde -Einsamkeit hinaussang. - -Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte die Gehöre -und schlich weiter; er wußte, das war nichts für ihn. Eine Urhenne -hatte er wohl schon einmal auf dem Neste gerissen, auch einst ein -ganzes Gesperre vertilgt, aber an den alten Hahn war er noch nie -herangekommen. Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn -am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt und -waren mit hellen Warnrufen davongepoltert, und hinter ihnen her ritt -der Hahn ab und der Fuchs hatte von seinem ganzen Weidwerken weiter -nichts, als daß er die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der -Hahn gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So schlich er -denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob er tiefer unten nichts -Besseres fände, als nur Rüsselkäfer und weiter nichts, als Rüsselkäfer, -und wenn das Glück es wollte, eine magere Maus. - -Aber es war jemand da, der das Balzen des Hahnes vernommen hatte. -In aller Herrgottsfrühe war es im Tale entlang geschlichen, immer -die Rehwechsel entlang, und da war der Teckel des Försters auf -seine Witterung gekommen und hatte es mit hellem Halse durch die -Trümmerwildnis des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als es sich -in einer einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen -es verscheucht, und wieder war es bergan geflüchtet, bis er über -den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem Tale. Bis in den -Spätnachmittag hatte er in einer Spalte geschlafen, aber dann hatte ihn -der Hunger hinaus getrieben, und auf Sammetsohlen war er, bald eilig, -bald langsam, durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang -zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten her, über -die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne mehr zu erwischen, als -eine einzige Spitzmaus, vor deren Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß -er sie liegen ließ. Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel -gestoßen, aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und -es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper oder eine -Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp schützte die -Schläfer zu gut. - -So war der Kater dann oben über den rauhen Hang gekommen und hatte mit -hungerig leuchtenden Sehern dem Hasen nachgeäugt, den das Edelwild -fortgetreten hatte. Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben -sich leichter lebt, als im harten Berge. Dort unten wimmelte es im -Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu erwischen, eine Forelle -zu angeln; aber leider gibt es dort auch Förster, die Eisen stellen, -und Teckel, die hetzen. Immerhin ist es dort noch besser, als hier, -wo es keine Grünröcke und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen -gibt, wo der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder Weise -pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug und das große Geflügel, das -hier seinen Stand hat, mehr als alte Witterung hat der Kater davon -nicht gehabt heute abend auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er -von der Klippe in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder -gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn fort, und -dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche, fällt es polternd auf. - -Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden. Stand er -bisher hoch aufgerichtet auf der Kante der Klippe, so ist er jetzt -völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein langer, flacher, grauer Stein -liegt er da. Die Seher sind bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, -die Schulterblätter ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken -heben sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende der -Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt er und äugt nach -dem Hahne hin. Der äugt rund um sich her, reckt den Kragen, senkt ihn -wieder, schüttelt sein Gefieder, ordnet es, wirft seine Losung ab, -daß sie lautklatschend auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt -einigemale leise, ordnet hier und dann noch eine Feder, wird mit einem -Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein Spiel ein -wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst schüchtern, dann kräftiger -zu balzen. - -Zweimal hat es den Kater schon durchzuckt, zweimal hat er sich -bezwungen. Doch jetzt, wo der Hahn den Hauptschlag und das Schleifen -beginnt, fliegt, wie von stählerner Feder getrieben, der Kater durch -die Luft. Haarscharf hat er den Sprung bemessen, so scharf, daß seine -Hinterpranten an dem Stamme der Eberesche noch Halt fanden, während -er die Vorderpranten um den Kragen des Hahnes schlug. Mit heiserem -Angstlaut will der Hahn abreiten, aber zu fest hält der böse Feind, zu -scharf sind seine Krallen, so spitz die Fänge; wild mit den Fittichen -schlagend, rasselt der Hahn, den Kater am Halse, durch das Geäst des -Baumes den Hang hinab, daß das Edelwild, das sich dort unten an den -jungen Sprossen äste, entsetzt von dannen flüchtet und mit langen -Hälsen aus sicherer Entfernung vernimmt, wie das Rascheln und Rauschen, -Brechen und Knistern nach und nach schwächer wird und schließlich ganz -aufhört. - -Im Nebel verschwindet der rauhe Hang; die Lichter im Tale erlöschen, -der Abendwind pustet hohler, ein Reh schreckt irgendwo, ein -aufgestörter Pieper klagt ängstlich. Schneewasser kluckst zwischen -Gestein, in schneller Folge schlägt Tropfenfall auf eine Klippe, wie -ein Uhrwerk tickend, weit, weit weg johlt im Tale die Bahn. Es wird -Nacht im Berge. - -Es wird wieder Tag werden. Hinter dem Hornfelskegel wird es rosig -schimmern; von der Wetterfichte an der kahlen Wand wird die -Misteldrossel singen, unter der hohen Klippe wird ihr die Zippe -antworten, Fink und Pieper werden wieder schlagen, Zaunkönig und -Braunelle werden singen, aber niemals wieder wird von der alten -Eberesche am rauhen Hange sein ritterlich Minnelied in den grauen -Morgen erschallen lassen, der es seit sieben Jahren hier sang. - - - - -Goldhals. - - -Die Sonne verschwindet hinter dem Kamme des Berges, die Krähen -rudern hastig am roten Himmel hin, die Misteldrossel beendet ihr -Abendlied und das Rotkehlchen schnurrt von dem dürren Zacken in sein -Schlummerversteck. - -Den lauten, lustigen Wesen des Tages folgen der Nacht heimliche, stille -Geschöpfe. Aus dem faulen Laube schiebt sich der Salamander hervor, die -Rötelmaus rutscht durch das Geknäk, die Spitzmaus schrillt im Krautwerk -und die Fledermaus zickzackt zwischen den Stämmen her. - -Wie der Kauz dreimal ruft, vernimmt der Wanderfalke, der auf der Platte -der hohen, grauen Klippe schläft, ein leises Kratzen unter sich. Er -hält den Kopf schief, aber was er vernimmt, das ist ihm bekannt, und so -zieht er den Kopf wieder ein, schließt die Augen und kümmert sich nicht -um das, was unter ihm geschieht. - -Fünf Ellen unter dem Falkenhorste läuft ein schmales Felsband an -der Klippe entlang. Darauf huscht ein schwarzes Ding hin und her. -Es ist lang und schmal wie ein Aal und schnell wie eine Natter. Es -huscht lautlos nach rechts, macht einen spielenden Sprung, dreht eine -Schleife, huscht nach links, tut wieder einen Sprung gegen die Wand -und treibt dieses Spiel wohl eine Viertelstunde lang. - -Dann wird aus der schwarzen Schlange ein dunkler Knäuel, der sich einen -Augenblick ruhig verhält, dann zu einem schwarzen Pfahl emporwächst, -der sich in seltsamer Weise dreht und krümmt, windet und biegt, so -daß die beiden grünlichen Punkte bald rechts oder links, bald oben -oder unten schimmern, und wird wieder zu einer schwarzen Schlange, die -bald kriechend, jetzt kletternd, nun hüpfend von Zacke zu Zacke, von -Vorsprung zu Vorsprung eilt und endlich oben auf der Platte der Klippe -auftaucht. - -Da sitzt er im Lichte des halben Mondes, er, Goldhals, der stärkste -Edelmarder des Berges, der Schleicher und Schweifer, der Meister aller -Künste, der Schrecken der Friedfertigen und Frommen, sitzt da in seiner -ganzen braunseidenen Schönheit zwischen den blauen Glocken der Akelei -und den weißen Sternen der Lichtnelke und tut, was er hier immer tut, -er löst sich. - -Dann keckert er höhnisch, denn er weiß, Schnapp Krähentot, der -Wanderfalke, ärgert sich blau und blaß, wenn er morgens auf seinem -Luginsland die frische Losung findet. Goldhals beschnuppert die Reste -einer Krähe, die neben den Blumen liegen, dreht sie hin und her und -stößt sie schließlich über den Rand der Klippe, daß sie rauschend in -das Fallaub fallen. Dann überspringt er den tiefen Spalt zwischen der -Zwillingsklippe, erreicht mit einem mächtigen Satze den tiefen Ast der -Krüppellinde, holzt in ihr weiter bis zu der ersten Buche und fährt an -ihrem Stamme herab. - -Tapp, tapp, tapp geht es dann den Dohnenstieg entlang. Bei jeder Dohne -macht er halt, aber jedesmal schnürt er mißmutig weiter. Endlich fällt -ihm ein, wie gestern und vorgestern auch, daß um die Zeit, wenn der -Bärenlauch stinkt, weder rote Beeren noch bunte Vögel in den Dohnen -wachsen, er verläßt den Dohnenstieg und schlägt den Pürschpfad -ein. Raschelt es da nicht? Goldhals wird zum Pfahl. Richtig, dort, -halblinks. Ein Satz, ein Quietschen, und eine fette Rötelmaus ist -geliefert. - -»Spaß muß sein,« denkt Goldhals, und läßt sie los, faßt aber sofort zu, -ehe sie in ihr Loch kann. Siebenmal läßt er sie springen, siebenmal -packt er sie wieder, beim achten Male quiekt sie nicht mehr. »Is doch -was, sagte Schnabel, und brät sich 'ne Mücke«, meint Goldhals, als er -die Maus binnen hat, und schleicht den Pürschsteig weiter. Da raschelt -es wieder. Hops, er hat es, aber »pfui Spinne!«, ein Salamander. Er -niest und prustet und reibt den Fang im taunassen Moose, denn das ist -ja noch schlimmer, als das Stück gepfefferte Wurst, das er im Januar -vor Heißhunger herunterwürgen mußte. Schnell einen Maikäfer hinterher, -dessen öliger Geschmack nimmt das Beißen fort! - -Da ist die Köte, die wird aus alter Gewohnheit erst abgesucht. Aber nur -deswegen, denn im Mai, da mag Goldhals keine trockene Wurstpelle und -harte Käserinde. Ein kleines Andenken mitten auf den Tisch, das wird -den Förster ebenso freuen, wie den Wanderfalken. Halt, da ist ja schon -jemand! Goldhals macht von der Pritsche aus einen langen Hals. Ach so, -Sie sind es! Ein kleines graues Geschöpf sitzt dort und knabbert an -einem Brotrest, den es in den Pfötchen hält. Schon hat der Marder es -am Wickel. Einmal noch quietscht der Bilch und zuckt mit der buschigen -Rute, dann läßt er alle Viere hängen. - -»Ein bißchen wenig daran,« denkt Goldhals, als er den armen -Siebenschläfer verspeist, »im Oktober sind sie fetter.« Dreiviertel -davon läßt er auf dem Tische liegen und legt seine Visitenkarte -daneben, dann verschwindet er in dem Pflanzgarten. Dort ist nichts, -nicht einmal eine Maus, nur eine Kröte, die ihn mit entzündeten Augen -boshaft ansieht. Goldhals schüttelt sich vor Ekel und huscht weiter, -den Holzweg entlang, den Hang herab, an dem Born vorbei, in dessen -Staubecken die Unken läuten, in den Schälwald hinein und hinaus, -bis an den Bach. Dort gibt es immer etwas: junge Wasseramseln oder -Bergbachstelzen, einmal sogar sechs junge Eisvögel auf einmal, fett -wie Schnecken; ein anderes Mal erwischte er eine zweipfündige Forelle, -die nach einem Maikäfer aufging, auch fette Reitmäuse lebten dort, und -wintertags gab es dort Schlehen und Hagebutten. Heute gab es gar nichts -als Unannehmlichkeiten. Der Waldkauz wurde unverschämt. Er hatte seine -drei quappenfetten flüggen Jungen in der Eiche sitzen und stieß in -einem fort knappend und fauchend nach ihm, bis er geärgert in den Wald -zurückkehrte. - -»Gibt es unten nichts, gibt es oben vielleicht etwas,« dachte Goldhals -und huschte an einer Eiche empor. Dort saßen drei Eichkatzenkobel. Im -ersten war nichts, im zweiten dasselbe und im dritten ebensoviel. »Wenn -es so beibleibt,« dachte Goldhals, »dann kann ich Maikäfer fangen«, und -wütend holzte er von einer Eiche zur andern. Halt, da riecht es ja nach -Specht! Hinein mit der Nase in das Loch. Autsch, da hat er eins darauf. -Mutter Spechten versteht keinen Spaß. Als er sich verdutzt die Nase -reibt, saust sie an ihm vorbei. Hops, jawohl, das ging daneben. Aber -die Jungen! Ach ja, der Specht ist auch nicht so dumm, er macht das -Loch nicht so groß, daß ein Marder hinein kann. - -»Wenn nicht, denn nicht,« faucht der und holzt weiter. Sitzt da nicht -ein Taubennest? Ja, da sitzt ein Taubennest! Taubeneier schmecken -fein, junge Tauben noch viel feiner; natürlich nur, wenn man sie hat. -Das ist diesesmal nicht der Fall. Klapp, klapp, da geht die Taube ab -mitsamt den Eiern, die sie erst legen will. »Na, dann ein ander Mal!« -tröstet sich Goldhals, aber davon wird er auch nicht satter. Aber -da fällt ihm etwas ein. Richtig, daß er daran nicht früher gedacht -hat. In der alten Wetterfichte am Bullerborn schlafen ja immer die -hagestolzen Ringeltäuber. Mehr wie einmal hat er sich einen von ihnen -dort gelangt. Darum schnell den Stamm herab, in die Klippen hinein, die -Schlucht hinab und hinauf, am Steinbruch vorbei, in dem das Käuzchen -sitzt und gräßliche Gesichter schneidet, weil das Maikäfergewölle, -das es herausgewürgt, ihm heftig im Halse kratzt, den Pürschweg -unter dem Hange entlang, rechts ab nach dem Erdfall hin, in dem -Murrjahn Grämlich, der Dachs, nach Untermast sticht, am Steinkreuz -vorüber, wo man den Förster erschossen fand, zum zweiten Erdfall, in -dem die Geburtshelferkröten ihr Glockenspiel rühren, vorüber an der -Schutzhütte, an den beiden Grenzsteinen, am Wegweiser, auf dem die -Ohreule sitzt und so kläglich unkt, als habe sie Leibweh, und dann ist -er da. - -Da steht sie, die von allen vier Winden zerzauste alte Fichte, und -läßt ihre zerrupften Zweige hängen. Goldhals schnüffelt um ihren Stamm -herum: Taubenfedern mit frischer Witterung, frisches Gestüber, die -Sache ist richtig! Aber nun Vorsicht, daß die schlafenden Bauchredner -nicht aufwachen! Langsam erklimmt er den Stamm, springt von Aststumpf -zu Aststumpf mit sicherem Satz, holzt den ersten Ast entlang, vermeidet -geschickt das dürre Gezweig, gewinnt den zweiten Ast, den dritten, -vierten, fünften, hält inne, zieht sich auf den nächsten Zweig, faßt -den folgenden, schleicht darauf entlang und hängt sich an den Stamm. - -Der Fall muß überlegt werden. Da sind sie; der Mondschein macht sie -kenntlich. Aber rund herum spreizt sich dürres Gezweig. Goldhals -überlegt; heranschleichen geht nicht, denn einige sind schon erwacht; -er hört, wie sie sich schütteln, und einer hat sich eben überstellt. -Da bleibt nichts weiter übrig, als fest darauf zugehen; also den -Rücken krumm, die Schultern hoch, ein Satz, das Dürrholz bricht, noch -einer, Rindenschuppen prasseln, und jetzt der letzte Sprung, und da -poltern die Täuber ab und Goldhals sitzt da, starrt ihnen mit den -grünschimmernden Sehern nach und hört ihrer Fittiche klingenden Schlag -verhallen. Der halbe Mond aber grinst spöttisch auf ihn herab. - -Goldhals rutscht in einer Schraubenlinie den Stamm hinab. Wütend ist er -nicht mehr, aber geknickt. Er schleicht zum Kleestück, aber die Mäuse -sind seit dem Märzregen selten geworden. Er sucht die Raine entlang, -aber Ammer und Lerche haben dort nicht gebaut. Überall riecht es nach -Has und Huhn, aber antreffen tut er nichts. So würgt er mißmutig einen -Maikäfer nach dem anderen herab und hofft, daß ihm der Morgen besseres -bringe. - -Schon flötet die erste Drossel im Berg, schon steigt die erste Lerche. -Der Kauz hört auf zu rufen, die Unken stellen ihr Läuten ein, und immer -noch sucht Goldhals im taufeuchten Felde, die Wasserfurchen entlang -schleichend, die Koppelwege hinauf- und hinabhuschend; aber kein -Hummelnest findet er, keinen bewohnten Hamsterbau, kein Hühnergelege, -kein Junghäschen. Und wenn ihm der Magen auch schief hängt, es wird -Zeit, an den Heimweg zu denken. »Der Tag ist keines Marders Freund«, -das hat die Mutter ihn gelehrt. - -Dreihundert Schritte vor dem Walde stutzt er und richtet sich auf: -Der graue Pfahl dort vor ihm bewegte sich doch? Und daneben, die zwei -braunen Dinger, erst recht! Und jetzt trägt der Wind ihm die bösen -Witterungen zu, die die Mutter ihn meiden hieß, die Witterung von -Mensch und Hund. - -Mit einem Riesensatz ist er im nassen Klee. Höchste Zeit, denn da -hört er es zischen, flüstern: »Hu faß!« und hinter ihm her keucht es. -Schnell in den Brombeerbusch, wo er am dicksten ist. Aber die Hunde -achten der Dornen nicht. Heraus und in den Wasserdurchlaß! Aber auch -dahinein folgen ihm die Teckel. Und über der Erde poltert es. Schnell -aus dem anderen Ende heraus, aber das geht nicht, ein schwarzes, nach -Hund riechendes Ding steckt darin. - -Da fährt Goldhals herum und will den Hund überrollen! der aber faßt -zu, jault auf, denn scharfe Fänge griffen um seine Lefzen, aber jetzt -fühlt Goldhals sich vom andern Teckel am goldenen Halsfleck gepackt -und heraus geht die Balgerei aus dem Durchlaß, draußen greift der -erste Dackel ihn am Hinterteil und so wird Goldhals lang gezerrt; zwei -auf einen, das ist auch zuviel, und nun weiß er, daß es aus ist mit -Freijagd in Berg und Busch und Minnefahrt über Stock und Stein. Noch -einmal, ehe sein Bewußtsein erlischt, fällt der Mutter Warnung ihm ein: -»Der Tag ist keines Marders Freund, die Nacht ist gut und lieb.« - - - - -Der letzte seines Stammes. - - -Mitten in dem einsamen Bergwalde liegt ein tiefer Erdfall. Jäh stürzen -die grauweißen, zerborstenen Gipsfelsen an seinen Steilwänden ab. Eine -Fichtendickung, ein schwarzer, verfilzter Klumpen, umringt ihn zur -Hälfte. Ihr gegenüber am anderen Rande ragt aus weichem, leuchtendem -Moose eine steinerne Säule empor, ein grober, ungeschlachter Block. -Die Inschrift, die das Denkmal trug, ist nicht mehr zu deuten. Schwach -hebt sich aus der grauen Flechtenkruste ein kunstloses Kreuz ab, roh in -den Stein gemeißelt, und ebenso grob hineingehauen ist das gestielte -Dreieck daneben. Es soll ein Beil vorstellen. - -Kein Mensch weiß, zu wessen Gedenken der Blutstein gesetzt wurde. Aber -er machte den Wald unheimlich. Kein Bauer, kein Holzarbeiter geht gern -allein hier vorbei. Es geht da um. Man hört es rascheln und sieht -nicht, was da geht. Man hört es schreien, und weiß nicht, von wem. In -der Dämmerung tanzen grüne Lichter um den Stein. Der alte Waldwart hat -sie oft gesehen. - -Auch heute, an diesem hellen Maienmorgen, sieht er unhold aus, der -graue Block. Unheimlich sind die Blumen, die um seinen Sockel blühen: -blasser, gedunsener Aaronsstab, menschenhautfarbiger Schuppenwurz, -der Vogelnestwurz, wachsgelbe Blütengespenster, der Nachtviole -leichenfarbene Blumen. Das Reh, das am Rande des Erdloches entlang -zieht, verhofft jäh, äugt nach dem Mordsteine, windet, tritt hin und -her und flüchtet laut schreckend von dannen. Eine Märzdrossel, die -mit einer bunten Schnecke im Schnabel auf einem Felsbrocken einfällt, -läßt ihre Beute fallen und stiebt mit Gezeter ab. Der Rotspecht, -der vorüberschnurrt, hebt sich höher und schreit entsetzt auf. Der -Holzschreier wendet jäh seinen Flug und kreischt voller Angst. Auch das -Rotkehlchen flattert mit Furchtgeschrille davon. - -Der graue Felsblock am Sockel des Mordsteines, schwarz gestreift von -den Schlagschatten der Eschenzweige, gelb gefleckt von einfallendem -Lichte, hat Leben bekommen. Er reckt sich, streckt sich, läßt eine grau -und schwarz geringelte Schlange sich winden und drehen, rundet sich, -dehnt sich und bläht sich, wird lang und dünn und kurz und dick, läßt -zwei grüngelbe Lichter aufblitzen, eine rote Flamme aufleuchten, duckt -sich, schnellt sich empor und bildet plötzlich eine seltsame Bekrönung -des unheimlichen Steins. - -Sie haben alle recht, die da sagen, bei dem Warloche gehe es um, da -schleiche unhörbar ein Gespenst, da schreie ein unsichtbarer Kobold, -da blitzten grüne Augen. Has und Reh, Eichhorn und Haselmaus, Drossel -und Rotbrüstchen, sie kennen es allzugut, das graue Gespenst, das leise -heranschleicht und lautlos zufaßt mit unfehlbarem Griffe und sicherem -Biß. Die letzte Wildkatze des Tales ist es, die im alten Mutterbau -auf dem Grunde des Warloches haust, ein Kuder, so stark wie ein alter -Fuchsrüde. - -Oben auf dem Denkmale bleibt er eine Weile sitzen, den Sonnenstrahl -genießend, der durch das Eschenlaub auf seinen Rücken fällt. Dann -stellt er sich aufrecht, reckt die Lunte steif empor, rundet den -Rücken, macht ihn lang, reckt sich und gähnt, setzt sich, wäscht und -putzt sich und ist im Nu wieder am Boden, wo der alte Holunderbusch -den schiefen Stamm über das Erdloch schiebt. Der Kuder reibt, wohlig -schnurrend, den Rücken an dem rauhen Stamm, dann fährt er zurück, -springt vor, versetzt der Rinde einen Prankenhieb, zieht die Krallen -durch die Rinde, ganz schnell viele Male und dann wieder ganz sacht, -bis die Rinde wund ist und stechender, dumpfer Duft ihr entströmt. Und -da wirft sich der Wildkater schnurrend und murrend und knurrend gegen -sie, streichelt sie zärtlich, drückt die Nüstern an sie, versetzt ihr -grausame Krallenhiebe, reißt Bastfetzen herunter, wirft sich auf den -Rücken und zerfetzt das starkriechende Laub mit langsamen Griffen und -schnellt plötzlich auf alle vier Läufe, zu Stein erstarrt, die Gehöre -steil aufgerichtet, und lautlos gleitet er an der Gipswand hinab. - -Es knickte ein dürrer Stengel, es knitterte ein trockenes Blatt, leise, -ganz leise, aber doch nicht so leise, daß des Katers scharfes Gehör das -Geräusch nicht richtig deutete. Das war nicht Reh und war nicht Has', -und war nicht Vogel und war nicht Maus, das war nicht Bauer und war -nicht Magd, das war die seltsam riechende Sohle, die seit dem letzten -Vollmond den Wald durchschleicht. - -Tief unter der Erde, hinter der steilen Gipswand, da liegt der Kater in -sicherer Ruh. Kein Grabscheit stört ihn dort, kein Rauch erreicht ihn -da, kein Hund kann zu ihm heran. Da sind Gänge, die der Dachs grub, den -der Fuchs vertrieb, der die Fluchtröhren scharrte. Da sind jähe Spalten -und steile Kanten, und hinter ihnen verrotten die Gerippe der Teckel, -die an Dachs und Fuchs und Katze jagten und niemals wieder zu Tage -kamen. Dort ist so weich der Mulm und so trocken der Lößboden, warm ist -es da zur Winterszeit und sommertags so kühl. Dort ist der heimliche -Jäger in guter Hut und kann den Tag verschlafen und träumen, soviel er -mag. - -Er schläft und träumt. Die Rutenspitze zuckt, die Krallen schlüpfen aus -dem Sammet der Pranken heraus, greifen in die Luft und verkriechen sich -wieder. Alte Bilder brachte der Traum. Von jener Zeit, als der Kater -noch ein Kätzchen war, das mit seiner Mutter buschiger Lunte spielte -als das erste der drei Geschwister, das den Wert der Krallen erkannte. -Er hatte als erster die Maus an sich gerissen, die die Kätzin zu Baue -trug, zuerst den Siebenschläfer geknickt, die flügge Drossel gewürgt, -den Junghasen totgequält, ehe die Geschwister es sich trauten. Und als -erster hatte er geweidwerkt, sich an das Eichkätzchen herangebirscht, -als es Pfifferlinge suchte, es im Sprunge gerissen und stolz zum -Warloche geschleppt. - -Er erwacht, blinzelt um sich, reckt sich und steigt bedachtsam über die -Kanten und Spalten. Mitten in der kleinen Lichtung der Fichtendichtung -mündet das Notrohr, das der Fuchs sich scharrte. Kein Jäger findet es; -ein breitverzweigter Fichtenast spreizt sich darüber hin. Immer ist -es dort überwindig und trocken und es kommt Sonne genug dahin. Und -so weich ist das rote Nadelwerk und das seidene Moos. Da träumt es -sich noch besser als unter Tage, von heimlichen Birschgängen in lauen -Sommernächten, von Fischweid im Februar am Klippenufer des Baches, wenn -die Forelle laichdumm ist und sich so bequem auf das Ufer angeln läßt. - -Über Minnefahrten läßt sich dort nachsinnen. Weit weg führten sie, -in rauher Berge schwarze Fichtenwälder, denn ringsumher lebte keiner -mehr vom Geschlechte der freien Katzen. Als die alte Kätzin todwund zu -Bau gefahren kam mit zersplitterten Knochen, als sie kalt war und die -Witterung verlor, da hatten sich die drei Geschwister zerstreut. Sie -fanden sich nicht wieder zusammen trotz des Ältesten allnächtlichen -Sehnsuchtsrufes einen ganzen Hornung hindurch. Da war er fortgezogen, -hatte tagsüber in Felslöchern und Dachsbauen geschlafen, zwei Zehen in -einem Eisen gelassen, sich mit einem schnellen Hunde gebalgt, Schrote -hatten seine Keulen geschrammt und eine Kugel ihm Felssplitter um den -Kopf gesprengt. Da zog es ihn wieder in das heimatliche Tal zurück. - -Im Februar aber trieb es ihn, wenn er in Busch und Klippe Nacht -für Nacht umhergestrichen war, kläglich nach Minnelohn jammernd, -hinaus in die Fremde, über kahle Felder, in unbekannte Wälder, wo er -seinesgleichen antraf. Grimmige Gefechte hatte er bestehen müssen mit -freien Katern, zerrissen war oft sein Balg und rot seine Pranken, -aber immer hatte er obgesiegt und seine Lust büßen dürfen. Aber allzu -gefahrvoll wurden ihm die Minnefahrten und so strich er nachts an dem -Dorfe entlang, trieb die unfreien Kater vor sich her und jagte ihnen -ihre Bräute ab, und die Bauern fanden es verwunderlich, daß die jungen -Katzen in ihren Ställen von Jahr zu Jahr grauer wurden und dickere -Köpfe, rauheres Haar und kürzere Schwänze bekamen. Als aber der Jäger, -der jeden Juli hier auf den roten Bock weidwerkte, ihnen sagte, in -den Katzen stecke wildes Blut, da lachten sie und sagten, die letzten -beiden Wildkatzen in der Gegend hätte der Förster vor sechs Jahren im -Eisen gefangen und an die Schule in der Kreisstadt gegeben. - -Der Jäger aber spürte nach jedem Regen alle Wege ab und er sah sich -jeden alten, geschundenen Holunderbusch an und strich um jeden Bau und -lauerte an allen Uferstellen, wo er die Reste von Forellen fand und -saß stundenlang vom Abend bis tief in die Nacht auf dem Hochsitz, bei -unsicherem Mondenlicht in den Wald spähend, und ließ sich auslachen -von dem Förster und von den Holzarbeitern, weil es ihm dieses Jahr mit -den Böcken nicht glücken wollte, denn er hatte sich gelobt, nicht eher -wieder den Finger auf einen Bock krumm zu machen, bis daß das Kitz -gerächt sei, das er im Busche fand, mit den Krallennarben an der Kehle -und dem säuberlich benagten Blatt. Denn daß das der Fuchs nicht gewesen -war, das stand für ihn fest. - -Und so hatte er vorgestern und gestern, wie die Tage vorher, vor Tau -und Tag die Krone der alten Samenbuche erstiegen, die oberhalb des -Warloches an dem Zwangspasse zwischen den grauen Klippen steht, sich im -Frühwind vor Frost geschüttelt, in der Mittagsglut vor Hitze geseufzt -und sich nicht gerührt und geregt und immer nur auf die Sohle des -Erdfalles nach dem schwarzen Flecke an der Wand der grauen Gipswand -gestarrt. Und einmal, als ihm der Schlaf Sand in die Augen warf, und -er fester in den Riemen hineinsank, mit dem er sich an den Stamm -geschnürt hatte, da hatte er geträumt, die Wildkatze stände unter ihm -und war wach geworden. Und als er sich die Augen rieb, da stand sie auf -dem Blutsteine und verschwand, ehe er den Dreilauf von dem Astzacken -nehmen, scharf machen und anbacken konnte, wie ein Schemen, wie ein -Traumgesicht. - -Wie er dann, müde und verärgert, jeden Fleck um die Fichtendickung -abspürte, da fand er die starke Katzenspur, und jeden Raum zwischen -den Jungfichten absuchend, stieß er auf das Notrohr und überlegte -nicht lange und verwitterte es nach Jägerart in gröblicher Weise, um -den Kater zu zwingen, dort aufzutauchen, wo er ihm sichtig kommen -mußte. Und jeden Tag verwitterte er das Notrohr von neuem, und alle -dicken schwarzen Käfer und alle fetten blauen Fliegen wußten das bald -und brummten und summten nach der Dickung hin, und nun auch an diesem -Spätnachmittage war dort ein großes Gebrummse und Gesummse. - -Der alte Kater will dort den Abend erwarten. Langsam schiebt er sich -in dem Notrohr entlang. Schon von weitem vernimmt er das Summen und -Brummen, und die üble Witterung fällt ihm ziemlich auf die Nerven. -Er reckt sich, schiebt sich vor und starrt nach der Lichtung. Dann -fährt er zurück und schleicht über die Felszacken, springt über die -Spalten und bleibt lange nachdenklich auf seinem Schlafplatze sitzen. -Endlich schiebt er sich voran, Zoll um Zoll, bis er sich der Mündung -des Hauptrohres nähert. Da verhofft er lange Zeit, windet und äugt, -bis Mausepfiff und Jungvogelgepiepe seinem Magen heftiger zusetzt. -Da steckt er den dicken Kopf aus dem schwarzen Loche und äugt an den -Gipswänden entlang. - -Kein Blatt rührt sich, es regt sich kein Halm. Fern pfeifen die jungen -Käuze, im Stangenorte ruft ein Kitz nach der Ricke, Mäuse schrillen, -die Fledermaus zwitschert, Rotkehlchen singt sein letztes Lied. Lautlos -schleicht der Kater an der Schattenseite des Felskessels entlang, -unhörbar schnürt er an der Wand empor, unter dem Holunderbusch verharrt -er lange regungslos, den Kopf hin und her wendend, jedes Abendfalters -Schwingenschlag, jedes Käfers Gekrabbel vernehmend. Und nun steht er -auf dem Mordsteine, setzt sich und äugt ringsumher. - -Ein ganz leises Kratzen in der alten Buche reißt seinen Kopf herum. -Aber oben aus den Kronen der Bäume kam noch nie ein falscher Laut, eine -gefährliche Witterung. Lange starren seine grünen Seher in den breiten -Wipfel. Es lebt und webt da etwas. Vielleicht der Siebenschläfer, oder -eine Taube, die sich im Schlafe rührt, ein Häher, oder die Eule. - -Ein roter Blitz zerreißt die Dämmerung, ein Hagelgeprassel -zerschmettert den Holunderbusch, ein Donner fällt in die Ruhe des -Waldes, Stinknebel tanzt blau um den Silberstamm der Buche; die Taube -prasselt durch das Laubwerk, der Hase rauscht durch das Gekräut, der -Berg wirft den Donner zurück und trägt der Rehe Schrecken heran. - -In der alten Buche raschelt und knistert es. Etwas Großes, Graues -klettert in ihrem Astwerk, steigt langsam herab, fällt dumpf zu -Boden. Ein Lichtchen brennt auf, fährt hinter ein Glas, eine Flamme -leuchtet, tanzt nach dem Blutsteine und schwebt um ihn herum, den Stein -beleuchtend und ein braunes Mannesgesicht rot färbend. - -Die Augen des Jägers leuchten auf. Rote Flecken findet er auf dem -grauen Steine und ein graues Büschel an einem roten, nassen Fetzen, -der zwischen den zerschossenen Flechten hängt. Und weiter nichts, gar -nichts. Auch nicht an den Wänden des schwarzen Schlundes, auch nicht -auf dem Schotter der Sohle des Erdfalles, auch nicht in der Mündung -des Baues. Er führt einen belaubten Zweig hinein und zieht ihn heraus, -jedes Blatt ableuchtend. Nichts! Doch, hier ein winziges Fleckchen -Schweiß. - -Der Jäger wirft sich lang hin, schiebt sich vor den Bau, legt das -Ohr vor das Rohr, hält den Atem an und lauscht. Schwach, als wäre es -unendlich weit, ertönt ein einziger dünner, kläglicher Laut, einmal nur -und dann nicht mehr. - -Der Holunderbusch wird keinen Krallenhieb mehr spüren, kein Kitz klagt -mehr unter dem Prankengriff, keine Forelle fliegt mehr im Bogen auf den -Uferschotter. - -Der letzte von der Sippe der freien Katzen weit und breit ist nicht -mehr. - - - - -Achtzacks Ende. - - -Im Walde ging es um. Was es war, wußte niemand; aber etwas Gutes war es -nicht. Es haßte den Frieden und liebte die Zerstörung. - -Alle Böcke diesseits des Fuchsbaches hatten das erfahren. Dem Gabelbock -vom Schälwalde war die linke Keule aufgeschlitzt. Dem Sechser vom -Jagen drei fehlte ein Licht und die rechte Stange. Der Bock aus dem -Kinderbruch lahmte vorne rechts. Dem vierjährigen Spießbock vom -Birkenschlag war ein großer Hautlappen auf dem Ziemer abhanden gekommen. - -Keiner von ihnen wußte wie es zugegangen war. Friedlich hatten sie -mit ihren Schmalrehen geäst. Da hatte es in der Dickung gebrochen, -etwas Großes, Braunes war herausgepoltert, hatte sie über den Haufen -gerannt, die Schmalrehe vor sich hergetrieben und war in der Dickung -verschwunden. - -Ihre Wunden hätten die Böcke wohl vergessen, ihre Bräute vergaßen sie -nicht. - -Der Vierjährige mit den langen Dolchen hielt es nicht mehr aus. -Nichts schmeckte ihm mehr, nichts wollte ihm munden, weder Klee noch -Brombeerblätter, weder Gras noch Johannestrieb. Tag und Nacht zog er -umher und dachte an sie. - -Eines Morgens, als nach kurzem Donnerschlage ein feiner, warmer Regen -fiel, faßte er sich ein Herz. An dem Weidenbusche vor dem Holze wetzte -er seine Dolche, daß Bast und Blätter flogen, und plätzte, daß Moos und -Mulen nur so sausten. Dann trat er in den Bestand. - -Er zog vorsichtig und zaghaft dahin. Der Hase, den er aus dem Lager -jagte, erschreckte ihn, die Taube, die er von der Salzlacke scheuchte, -ließ sein Herz klopfen. Aber dann warf er wieder mutig den Kopf auf, -schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß das Fallaub stob, und fegte -mit den Stangen den Bast von einem Eschenbäumchen. - -Auf einmal vergaß er Angst und Vorsicht. Aus dem Stangenorte klang -ein Ton, der ihm in das Herz fuhr, ein Laut der Sehnsucht, des -Verlangens, der Zärtlichkeit. Das war sie, die er so lange nicht -gesehen, sein kleines, hübsches Schmalreh. Und was ihm da vom Boden aus -entgegenduftete, das war ihrer Fährte Witterung. - -Mit weitgeöffneten Nüstern zog er auf der Fährte fort, durch das -Altholz, durch den Stangenort, nach dem Ellernbruch am Fuchsbach. -Und da sah er auch schon ihre schlanke Gestalt hellrot auf grünem -Himbeerblättergrund. - -Spornstreichs trollte er auf sie zu. Aber als er dicht bei ihr war, -bewegte sich rechts der braune Ellernstumpf, und dort stand ein alter, -hoher, schwerer, dunkelbrauner Bock mit fast weißem Gesicht, über dem -acht weiße, scharfe, lange Enden im einfallenden Sonnenlichte blitzten. -Das war Achtzack, der Raufbold, der jedes Jahr am Ende des Juli hier -erschien und Mitte August wieder verschwand. Einen Augenblick lief es -dem Vierjährigen kalt und heiß über den Ziemer. Dann warf er trotzig -den Kopf auf, verdrehte die Lichter, daß die weiße Bindehaut teuflisch -leuchtete, senkte den Kopf, daß die langen, weißendigen Dolche -gefährlich funkelten, schlug mit den Vorderläufen den Boden, daß Laub -und Moos nur so wirbelten, stieß ein tiefes, böses Keuchen aus und zog, -die Läufe im spanischen Tritt setzend, dem Nebenbuhler entgegen. - -Achtzack war zuerst ganz starr. So etwas von Frechheit war ihm doch -noch nicht vorgekommen. Ein Vierjähriger, der ihm Trotz bot? Ein -zurückgesetzter Bock, der noch nicht einmal sechs Enden hatte, hielt -ihm stand? Zu lächerlich! Sorglos zog er dem Frechling entgegen, ein -höhnisches Grinsen um den kohlschwarzen Windfang. Gleichgültig senkte -er den Kopf; mit einem einzigen Stoß wollte er ihn abtun, den Dummkopf. -Der aber war auf seiner Hut. Als die acht Dolche dicht vor ihm waren, -wich er zur Seite und forkelte blitzschnell von unten nach oben. Es -klirrte hell und klang hohl und als beide voneinander abließen und sich -gegenüberstanden, keuchend und jappend, da hing Achtzacks linkes Licht -als feuerroter, häßlicher Klumpen aus der Augenhöhle heraus. - -Im nächsten Augenblick strich der Pirol, der in den Zweigen über den -beiden Kämpen sich im Flöten geübt hatte, entsetzt ab. Denn unter ihm -war mit einem Male ein Wirbel von Laub und Moos, Kraut und Reisig. -Ein Kreischen erscholl, laut und schrecklich, und dann klang es, als -schlüge der Specht gegen einen hohlen Baum, und schließlich kam ein -Röcheln. - -Endlich hörte der Blätterwirbel auf und Achtzack tauchte daraus hervor. -Seine Dünnungen bebten, seine Lungen pfiffen, aus der Brust kam ein -tiefes Keuchen. Fortwährend schüttelte er den Kopf, an dessen linker -Seite es rot herunterlief. Aber seine acht Enden waren rot. - -Das Schmalreh war abgesprungen, als der Zweikampf begann. Achtzack zog -ihm auf der Fährte nach, sprengte es, als es vor ihm flüchtig wurde, -schlug es noch in die Rippen und trieb es in die Tannen. - -Gleich darauf huschte ein grüner Schatten durch den Wald, tauchte -hinter einem Stamme auf, verschwand hinter einem andern, kam wieder -hervor und war wieder verschwunden. Laut schimpfte die Amsel über -das Waldgespenst, und der Kauz in der Eiche machte große Augen und -schüttelte den dicken Kopf, denn lautlos zu jagen, hatte er gedacht, -könnte außer ihm niemand. - -Dieses grüne Gespenst war ein Mensch, ein langer, junger, blonder, -blauäugiger Mann mit braunen Backen und Händen, der Förster. Er -war wütend. Er hatte eben festgestellt, daß die zwölf achtjährigen -Weißtannen, die zwischen den vielen Rottannen standen, und die zehn -Edelebereschen zu schanden gefegt waren von einem Bocke. - -Außerdem war er falsch, weil er keinen Bock gesehen hatte. Er sollte -einen auf das Schloß liefern. Vor Tau und Tag war er zu Holze gezogen, -jetzt war es neun Uhr und nichts hatte er gesehen, außer einer alten -Ricke. Wenn da nur nicht wieder Achtzack die Schuld war. Seit drei -Jahren machte ihm der das Holz von Böcken blank. Lahm hatte er sich -gepürscht und krumm gesessen, aber nie konnte er ihn fassen. Fünfzig -Nächte hatte er sich um die Ohren geschlagen, hunderte Abende auf ihn -gelauert, aber alles war für die Katz' gewesen. - -Hastig sog er an seiner Pfeife, daß der Dampf durch das Holz zog, lang -und breit, wie ein Pferdeschwanz. Da blieben seine Augen am Boden -hängen. Zwei Fährten standen auf die Dickung zu, die zierliche eines -Schmalrehs, die grobe eines ganz alten Stückes. - -Ganz tief bückte er sein Gesicht zum Boden. Seine großen Augen -glänzten, als er sah, daß an der Fährte des rechten Vorderlaufes eine -Lücke war. - -Gerade, als er sich aufrichtete, hörte er es zu seiner Linken -rascheln. Das Rascheln wiederholte sich und mischte sich mit einem -Geröchel. Der Förster trat einen Schritt vor, noch einen, wie eine -Katze dahinschleichend, aber im nächsten Augenblicke kniete er nieder, -faßte den geforkelten Bock um die langen Spießer, fuhr mit der rechten -Hand nach der Hosennaht, kam mit etwas Blitzendem zurück, eine schnelle -Handbewegung nach der Brust des Bockes, und der streckte sich und ließ -den Kopf schlaff in das grüne, rotbetaute Moos fallen. - -Sorgfältig untersuchte der junge Mann den Bock. »Dieser Schinder«, -murmelte er als er den Kopf umdrehte und sah, wie das zerrissene -Gescheide fußlang aus den aufgeschlitzten Dünnungen hing, »eins, zwei, -drei, sechs, acht, zehn, vierzehn mal hat er ihn geforkelt. Nun aber -ist Schluß mein Lieber! Heute mußt du stürzen oder ich will die Kunst -nicht verstehen!« - -Er lud den Bock auf, ging auf das Feld, brach ihn auf, rodete den -Aufbruch ein und hing den Bock in eine Fichte. Dann ging er in weitem -Bogen nach dem Fuchsbach zurück. - -Vor einer großen Samenbuche machte er sich seinen Stand zurecht, -scharrte leise alles Fallaub beiseite und entfernte jeden dürren -Ast. Dann suchte er ein halbes Dutzend gleichmäßig gewachsener -Buchenblätter, schnitt sie zurecht und legte sie vor sich auf den -Rucksack. Zuletzt schnitt er leise einen langen, verästelten Zweig ab -und steckte ihn vor seinem Stande in den Boden. - -Es war ganz still im Walde. Kein Blättchen regte sich. Man hörte die -Ameisen krabbeln und die Flügel der großen Wasserjungfer knistern, -die raubend über dem Bach hin- und herstrich. Einmal ruckste fern ein -Ringeltäuber, ein Bussard rief hoch über den Kronen der Buchen, eine -Maus raschelte im Fallaube. - -Der junge Förster rauchte langsam seine Pfeife zu Ende, spannte -lautlos die Büchsflinte, zog die Knie hoch und legte die Waffe quer -über seinen Schoß. Dann nahm er eins von den Buchenblättern und hielt -es gegen die Lippen. - -Ein weicher, leiser, zärtlicher Ton erscholl, das sehnsüchtige -verlangende Fiepen des Schmahlrehs, einmal, zweimal, dreimal. - -Drüben in der Dickung saß der alte Bock im Bett, neben ihm das -Schmalreh. Als der dünne, feine Ton erscholl, spielten die Lauscher -Achtzacks. - -Wohl eine Viertelstunde verging, da erklangen noch einmal die lockenden -Laute. Achtzack stand auf. Aber zu oft hatte er in seinem Leben die -Erfahrung gemacht, daß hinter dem zärtlichen Locken das tödliche -Blei wartete, so manche Kugel war in seinen grünen Jahren an ihm -vorbeigepfiffen, wenn er liebeshungrig aus der Dickung gestürmt war; -mehr wie einmal hatte ihn das Blei gestreift. Gern hätte er sich das -geliebte Ding aus der Nähe angesehen, das da fiepte, denn unbekannt -klang ihm die Stimme. Aber es würde ja auch wohl noch da sein, wenn es -dunkel wäre, und wenn nicht, die Kleine neben ihm war ja auch hübsch -und jung. - -Auf einmal aber kam Leben in ihn, denn nun erklang der von Scham und -Angst erfüllte Klageruf des Rehjüngferchens. Was, wagte es wieder -einer, ihm ins Gehege zu kommen? In seinem Wald, in dem alles ihm -gehörte, was hübsch und fein war! - -Langsam schob er sich durch die Tannen. Alle paar Gänge blieb er stehen -und sicherte. Aber als das Angstgeschrei lauter erscholl, als er -deutlich des Nebenbuhlers Stürmen und Poltern vernahm, da trat er ganz -aus der Dickung heraus. - -Der Förster, der wie verrückt mit seinem Hute zwischen die dürren -Zweige am Boden geschlagen hatte, hielt inne, als er von den Tannen -her ein ganz feines Geräusch vernahm. Ein leises Lächeln ging um seinen -Mund. Er hielt den Atem an und schloß die Augen bis auf einen Spalt. - -Lange blieb es drüben still; dann klang das Brechen wieder. Aber dieses -Mal lauter, näher. Dem Förster schlug das Herz und die Büchse zitterte -in seinen Händen. Er schloß die Augen ganz und atmete tief und langsam. - -Als er die Augen wieder öffnete, sah er in der Dickung einen grauen -Fleck. Und darüber, über den schwarzgesäumten Lauschern, das schwere, -weitausgelegte Gehörn mit den roten Enden. - -Eine Ewigkeit dünkte ihm die Spanne Zeit, bis daß Leben in den grauen -Fleck kam, eine Ewigkeit, die ihm das Blut wild durch die Adern jagte -und den Schweiß aus allen Poren trieb. Als aber der graue Fleck sich -vorschob und ein brauner ihm folgte, da zog er ganz langsam die Büchse -an die Backe und machte den Finger krumm. - -Nach dem Schuß stand er auf und lauschte. Ein paarmal brach es noch -in den Tannen, dann war alles still. Er trat leise an die Dickung, -bückte sich, nickte befriedigt, als er hellrote Blasen auf den blauen, -zerdrückten Glockenblumen sah, und ging fort. - -Das Schmalreh war erstaunt aus seinem Bette aufgestanden, als sein -grober Bräutigam es verließ. Das war sonst seine Art nicht, bei -hellichtem Tage in den raumen Bestand zu ziehen. Und er hatte nicht -einmal von ihm verlangt, daß es mit sollte. - -Als es dann so laut donnerte, hatte Schmalrehchen eine Flucht gemacht. -Aber nur eine, denn zu viel Angst hatte es vor seinem rohen Gebieter. -Es wußte, er suchte doch auf der Fährte, und dann setzte es Hiebe, -hageldicht. - -Da vernahm es ihn auch schon. Laut brachen die dürren Zweige. Da war -er! Aber was ihm nur fehlte? Er taumelte, schwankte, stürzte, richtete -sich mühsam wieder auf, zog drei Schritte voran, brach wieder zusammen -und blieb liegen. - -Verschüchtert zog die Kleine an ihn heran. Sie machte ihr -liebenswürdigstes Gesicht, denn es war ein launenhafter, roher Kerl, -der Alte, viel unzarter, viel weniger liebenswürdig als ihr erster -Liebster. - -Matt hob er den Kopf, als sie bei ihm war, und ließ ihn wieder fallen. -Zärtlich beschnupperte sie ihn, prallte aber zurück, denn er hatte eine -so seltsame, unheimliche Witterung jetzt an sich. - -Aber sie blieb bei ihm, eine ganze Stunde lang. Ab und zu versuchte er, -aufzustehen, aber immer wieder brach er röchelnd zusammen, und jedesmal -quoll es rot aus seinen Blättern. - -Dann überlief ihn ein Zittern, er röchelte noch einmal schrecklich, -machte sich lang, und von da ab rührte er keinen Lauf mehr. - -Dann brach es wieder in der Dickung. Das Schmalreh stand auf. -Menschenworte erklangen: »Zur Fährt, mein Hund, so recht, mein Hund! -Such verwundt, mein Hund!« - -Das Brechen kam näher. Lautes Gehechel eines Hundes tönte heran. Das -Schmalreh sprang ab, von Entsetzen gepackt. - -Hinten in den Birken verhoffte es. Der dumpfe Hals des Hundes erklang, -dann des Waldhorns heller, froher Ruf: »Bock tot!« - -Neben dem Bock kniete der Förster. Freudig betrachtete er den -Kopfschmuck, dessen scharfe Enden noch rot waren von dem Mord. - -Schmalrehchen aber zog im Wald umher. Es fühlte sich einsam. Laut -rief es nach einem fühlenden Herzen. Das fand sich bald. Es war ein -dreijähriger stattlicher Bock. Und er war viel liebenswürdiger und nie -so grob, wie der alte Achtzack. - - - - -Böbchen. - - -Unser Bob war das, was man so im Volke unter einem Terrier versteht, -denn er war kurzhaarig, von weißer Farbe mit schwarzen Flecken, zu -kurz koupiert und äußerst frech, mithin ein Terrier. Er hatte auch -Terrierblut in sich, ganz entschieden und er war auch ein hübscher -Hund, das sagte jeder, und wer langen Fang, hartes Haar usw. von ihm -verlangte, dem wurde bedeutet, daß Böbchen kein Schablonenterrier -sei, sondern eine Individualität und mehr auf persönliche, denn auf -generelle Rasse Wert legte. Seine Mutter hatte übrigens blauestes -Terrierblut, aber entschieden die Tendenz nach unten gehabt, denn Bobs -Vater war unbekannt und blieb es, denn: ~la recherche de la paternité -est interdite~. Hatte Bob also nur einen halben Stammbaum, so -besaß er dafür eine doppelte Portion von Temperament. Leider hatte er -verhältnismäßig wenig Verwendung dafür, sintemal er ein Damenhund war. -Er gehörte nämlich meiner Schwiegermutter und spielte sich als einziges -männliches Wesen in der Familie vollkommen als Hausherr auf. - -Über ein Jahr dauerte es, ehe die Frage halbwegs entschieden war, -wer nun Herr im Hause sein sollte, Bob oder ich. Bob benahm sich, -als ob ich nichts zu sagen hätte. Das durfte ich mir nicht gefallen -lassen und trat ihm kühn entgegen. Von seiner Seite wurde der -Kampf mit stundenlangem Kläffen oder Piepen, Kratzen an den Türen -und heiserem Wutgebell geführt, von mir mit der Zwille und Schrot -Nr. 6. Die raffinierte Technik siegte; Bob erkannte meine physische -Überlegenheit in gewisser Hinsicht an, besonders wenn es ihm gerade -paßte, und gehorchte mir, aber nie ohne sein historisches Recht dadurch -zu betonen, daß er »bö« sagte. Im übrigen liebte er mich trotz der -Zwille und ungeachtet einer seiner Ansicht nach völlig unzweckmäßigen -gelegentlichen Verwendung meines rechten Absatzes. Er liebte mich -allerdings mehr mit dem Verstande, mehr aus praktischen Gründen, denn -aus innerer Neigung; er liebte mich, weil ich mit ihm spazieren ging, -sehr weit spazieren ging ohne ihn anzuleinen, weil ich ihn Emailletöpfe -apportieren ließ, ihn Steine aus dem Wasser tauchen ließ und die -Stellen kannte, wo es Feldmäuse, Hamster und Zaunigel gab. Er war von -Natur ein Mäusefänger. Lief eine Maus durch die Waschküche, dann stand -er regungslos und wartete, bis die Maus wieder kam, und ruhig und -besonnen faßte er zu. Dann ging er zu einer von den Damen des Hauses, -legte die Maus auf ihre Schuhspitze und machte hübsch; das hieß: »Ich -bitte um ein Stück Zucker zum Lohne!« - -Aber wilde, richtige wilde Mäuse auf der Stoppel zu jagen, das war doch -etwas anderes, das war noch schöner, als Emailletöpfe zu trudeln und -Seife und Ätherflaschen zu bekämpfen. Jawohl! Seife beißt, Äther auch, -also sind es wilde Tiere und wilde Tiere gehören totgebissen, meinte -Bob. Und so verbellte er die Seife, als wäre sie ein Igel, und biß -hinein und schimpfte und fluchte, daß ihm der Schaum vor der koddrigen -Schnauze stand. Genau so machte er es mit brennenden Zigarrenstümpfen. -»Sterben mußt du«, dachte er, »und wenn du noch so beißt«, und -schließlich kriegte er sie tot. Aber so ein richtiger dicker Zaunigel, -das war doch noch schöner, und das beste war ein Hamster, ein ganz -dicker und fetter, der sich gehörig wehren konnte, denn ein Hamster, -der ist doch reeller als die infamigen Schweinskatzen, die das unfaire -Aufdiebäumegeklettre nicht lassen können, dachte Böbchen. Aber wehe -der, die er erwischte; sie mußte hin werden, vorausgesetzt, daß es eine -alte war; denn jungen Katzen tat er nichts, weil er zu kinderlieb und -zu sehr Kavalier war. - -Letzteres ging daraus hervor, daß er liebendgern Sekt trank, nur mußte -er sich etwas beruhigt haben, und dann aß er Spargelköpfe für sein -Leben gern. Leider brach das väterliche Erbteil immer wieder bei ihm -durch. So war er in seinem weiblichen Umgange gar nicht wählerisch und -verkehrte mit den proletischsten Hündinnen, was ihm den Haß des ganzen -Stadtviertels einbrachte. Wenn ihn die Hunde des Kohlenfuhrmanns nur -von weitem sahen, dann murrten sie dumpf und das sollte heißen: »Den -ganzen Tag nischt tun, als bloß fein fressen, und wir können nachher -die Alimente bezahlen, wo wir doch Tag für Tag mit dem Kohlenwagen -gehen und aufpassen müssen!« Aber Bob feixte sie frech an und knurrte -ihnen zu: »Seht euch bloß vor, ich habe eine Zwille.« Und das glaubten -ihm die Schafköpfe wirklich. Einmal aber hatten sie ihn doch zu fassen -bekommen und er kam als Beefsteak ~à la Tartare~ nach Hause. -Gerade hat der Tierarzt ihn zurechtgeflickt und ich hielt ihn, während -ich mich von dem Arzte verabschiedete, in der Haustüre auf dem Arme. Da -ging der eine Kohlenhund vorbei und machte eine höhnische Bemerkung. -Im Hui war Bob von meinem Arme herunter und stürzte auf drei Beinen -auf ihn los, und da Bob halb in weiße Leinwand genäht war, kratzte der -andere Hund entsetzt aus. - -Merkwürdig war es, daß ihm bei seinen nächtlichen Debauchen nie -etwas zustieß. Er konnte wochenlang den anständigen jungen Mann von -Erziehung markieren, aber mit einem Male blieb er über Nacht aus. -So um vier oder fünf Uhr in der Frühe piepte er vor der Haustüre; -machte man dann nicht sofort auf, so schlug er einen Riesen- oder -Abgottskrach. Außerdem machte er es so wie manche Männer, er beugte vor -und schnauzte, sobald er in das Haus kam, damit er nicht angeschnauzt -wurde. War er dann im Hause, so ging er nicht in die obere Etage zu -meiner Schwiegermutter, sondern in das Erdgeschoß in unsre Küche, wo er -sich unter den Herd legte. Da blieb er den ganzen Tag liegen, roch nach -Bier und gemeinen Zigarren, aß nichts und soff abscheulich viel Wasser, -solchen Brand hatte er, und duftete übel. Anfangs wußten wir nie, wo er -gewesen war; später bekamen wir heraus, daß er in einer Destille in der -Nachbarschaft verkehrte, wo es einen tadellosen Harzkäse gab. Außerdem -mußte er noch anderswo verkehren, denn als er einmal wieder einen -ausschweifenden Lebenswandel geführt hatte und ohne Halsband, aber mit -einem Bombenjammer, sehr dreckig und voll von Flöhen heimgekehrt war, -kam ein Herr, gab sein Halsband ab und sagte, Bob pflege öfter bei -ihm zu schlafen; er ginge durch das Gitter, hüpfe auf die Veranda und -von da in das Eßzimmer, wo er auf dem Sofa schlafe. Als wir Bob nach -Details fragten, wurde er grob, wie immer in solchen Fällen, denn das -fand er taktlos. - -Er war in jeder Beziehung merkwürdig. Er trank nur aus einem Glase. -Wenn man ihn fragte, er solle zusehen, ob oben jemand zu Hause wäre, -lief er die Treppe hinauf, hängte sich an den Klingelzug und läutete, -daß das Haus bebte. Wenn er ganz fest schlief und man flüsterte: -»Brauner Kuchen!« so hörte er das sofort, obschon er manchmal tat, als -wenn er stocktaub wäre. Wenn es draußen nichts anderes gab, bog ich -ihm einen Ast herunter und dann hängte er sich daran, schwebte frei in -der Luft und zerrte knurrend eine halbe Stunde lang darum. Er litt an -Zahnschmerzen, und war dann oft sehr verdrossen, denn er hatte sich an -Steinen und Emailletöpfen alle Zähne kaputgebissen; aber als er schon -zehn Jahre alt war, brauchte man nur an einen zentnerschweren Stein -oder an einen Straßenbahnmasten zu klopfen und zu sagen: »Schönes -Steinchen!« und dann versuchte er mit furchtbarem Getöse, das Ding vor -sich herzutrudeln, wie er es vor dem Tore stundenlang mit Emailletöpfen -und Blecheimern zum Vergnügen der Einwohner machte. Niemals aber -brachte er so ein Möbel mit nach Hause; sobald wir in die Nähe der -Stadt kamen, stellte er den Pott in den ersten besten Hausflur. Als ich -jedoch mit ihm einmal verreiste und in eine kleine Stadt kam, wo ihn -niemand kannte, trudelte er seinen Pott durch das ganze Nest und nahm -ihn in das Gasthaus mit. Außerdem fraß er sehr gern Zwetschen, deren -Steine er mit hörbarem Avec aus der linken Maulecke spuckte. - -Als ich ihn kennen lernte, war er ein Augentier; seine Nase brauchte -er höchstens, um sich von der Beschaffenheit der Atmosphärilien, die -dem Erdgeschoß entströmten, wo die Küche lag, zu überzeugen. Er kannte -jeden Freund des Hauses von weitem; wenn er vom Fenster plötzlich zur -Erde sprang und piepend nach der Türe lief, dann wußten wir, daß es -Besuch gab; nie benahm er sich so, wenn der Briefträger kam. Als dann -Muk, der blondgelockte Teckel, einzog, brachte der ihm bei, daß der -Hauptsinn des Hundes die Nase sei, und Bob, den jede Hasenspur und -alle Rehfährten bis dahin völlig kühl gelassen hatten, fand allmählich -Gefallen am Jagen auf der frischen Fährte, trotzdem er damals schon -zehn Jahre alt war. Aber so recht kam er nicht dahinter, fiel jede -neue Fährte an, die die andere kreuzte, bis es ihm zu dumm wurde und -er reuevoll zu seinem Blechtopfe zurückkehrte. Wenn er sich auch -manchmal etwas formlos gab, in einer Beziehung hielt er streng auf die -hergebrachte Sitte. - -Ich hatte später einen Teckel namens Putt Battermann, einen lieben -Hund; ich würde den König und den Kronprinzen von Serbien, Castro, -und andere entbehrliche Gegenstände mit Wonne hergeben, könnte ich -Battermann damit wieder lebendig machen. Dieser Hund hatte eine -eigentümliche Angewohnheit, oder vielmehr, er hatte sie nicht, denn -wenn er ein größeres Geschäft erledigt hatte, machte er nie die -üblichen drei Kratzfüße hinterher. Als Bob das sah, war er starr, ganz -schnell lief er hin und scharrte, um dem dummen jungen Hunde zu zeigen, -was sich gehöre. Aber Battermann erklärte ihm, das habe erstens auf dem -Asphalt keinen Zweck und sei zweitens überhaupt nicht mehr Mode. Was -sollte Bob machen? Gekratzt mußte werden, also kratzte er jedesmal, -wenn Battermann das unterließ, wenn er sich auch nicht mehr bis zu der -betreffenden Stelle hinbemühte. Aber er kratzte. - -Wenn Bob jagdlich gearbeitet wäre, hätte er sich mit Ruhm bedeckt, und -wäre er ein Mensch gewesen, hätte der Erdball unter ihm so gedröhnt, -wie unter dem ersten Napoleon, denn was Furcht war, das kannte er -nicht. In aller Lerchenfrühe nahm ich ihn einmal in den Zoologischen -Garten mit, aber auch nur einmal, denn hätte ich ihn nicht an der Leine -gehabt, so hätte ich einen neuen Löwen kaufen können. Ohne sich zu -besinnen fiel er eine eselsgroße Dogge an, und Bullen auf Weidekämpen -zu hetzen, das dünkte ihm ein harmloses Spiel. Und doch bekam er es -einmal, ich will nicht sagen mit der Angst, aber mit jenem Gefühl der -Hilflosigkeit, das den Menschen befällt, wenn er bergab radelt, die -Pedale verliert und merkt, daß die Bremse versagt. Das war in einer -Gastwirtschaft; da sah er ein großes weißes Tier, das ganz sonderbar -roch. Er wollte es totbeißen, aber es nahm ihn auf die Hörner und warf -ihn in den Busch, daß ihm die Rippen krachten. Mit einem furchtbaren -Fluche rappelte er sich zusammen und fiel das Ungetüm wieder an, -aber alle Mühe, die er sich gab, es von hinten zu erwischen, war -vergebens; mit Schaum vor dem Maul und Scham in der Brust schob er ab, -ging in tiefe Grübelei versunken neben mir nach Hause, beachtete die -schönsten Blechpötte nicht und aß nichts zu Abend, denn allzusehr war -sein Selbstbewußtsein zerknittert. Und noch etwas gab es, das ihn mit -Hilflosigkeit erfüllte, ein Floh auf dem Rücken. Dann fühlte er sich -wie Lazarus. Ganz unglücklich war er, piepte jammervoll und schüttelte -sich unter den Ecksofas, bis eine Franse nach der andern den Weg aller -Wolle ging. Sonst kannte er keine Furcht; ein Stock versetzte ihn in -Ärger, die Hundepeitsche in Zorn und die Zwille in schäumende Wut. Aber -Angst? Keine Spur! Dreizehn Jahre wurde er alt und blieb wie er war, -immer lustig, immer frech, immer ein Verehrer der Weiblichkeit. Ganz -plötzlich bekam er Krämpfe und ein Schuß gab ihm ein schnelles Ende. - -Er hat mich viel geärgert und oft in Wut gebracht, wenn er mich durch -Piepen und Kratzen bei der Arbeit störte. Aber viel Freude habe ich -doch an ihm gehabt, und immer denken wir gern zurück an unser Böbchen. - - - - -Der Zaunigel. - - -Außerhalb des Dorfes nach der Heide zu liegt an dem Moorbache ein -Eichenhain. Ein halbes hundert grauer Bauwerke erhebt sich dort, -halb versteckt von dem breiten Astwerke der alten Eichen. Es sind -die Schafställe und Scheunen der Bauern, kunstlose, strohgedeckte -Fachwerkbauten, deren Wände graues Flechtenwerk und gelber Lehmbewurf -bildet und deren Grundbalken auf dicken Findlingsblöcken liegen. - -Dort wohnt auch der Schäfer. Eine mächtige Mauer aus Ortsteinblöcken, -von Moos übersponnen und von Engelsüß und Glockenblumen und Efeu -überwuchert, hinter der sich ein gewaltiger, von Wacholder, Holunder, -Stechpalmen und Schlehen bewachsener Hagen erhebt, grenzt das -Wohnwesen gegen die Stallungen ab. Allerlei Getier haust hier; in -den Strohdächern brüten Rotschwanz und Ackermännchen, auch ein paar -Schleiereulen und ein paar Käuzchen hausen dort, unter den Scheunen -haben es Spitzmaus und Waldmaus gut, Kröte und Ringelnatter, und nicht -minder Wiesel und Iltis. Auch Igel sind hier immer anzutreffen. - -Der Schäfer läßt sie gewähren. Sie mögen ihm wohl ab und zu ein Ei oder -ein Kücken fortnehmen, dafür halten sie aber auch die Mäuse kurz. So -treiben sie denn ungescheut schon am späten Nachmittage im Garten oder -auf dem Hofe oder unter den Eichen ihr Wesen, und Wasser und Lord, -die beiden alten Hunde des Schafmeisters, kümmern sich nicht mehr um -sie; nur Widu, der junge Hund, ist noch etwas albern und quält sich -dann und wann ein Viertelstündchen mit einem Igel ab, um schließlich -mit zerstochener Nase das Spiel aufzugeben. Auch heute hat er das so -getrieben und hat sich endlich ärgerlich und müde vor den Herd gelegt, -wo er schläft und im Traume das Stacheltier weiter verbellt. - -Der Igel hat noch eine volle Viertelstunde zusammengekugelt dagelegen, -dann hat er sich aufgerollt und ist in das Gestrüpp des Hagens -gekrochen. Er hatte vor, im Garten Schnecken zu suchen, aber der dumme -Hund brachte ihn davon ab. Und nun krabbelt er in dem alten Laube -herum, scharrt in dem Mulm und verzehrt laut schmatzend bald einen -Regenwurm, bald eine Schnecke, dann eine Assel und nun eine dicke -Spinne. Und jetzt geht es wie ein Ruck durch ihn; er hat junge Mäuse -pfeifen gehört. Ein Weilchen noch verharrt er in seiner aufmerksamen -Haltung, dann schleicht er vorwärts, macht einen kleinen Satz und stößt -seine Nase in einen Knäuel fahlen Grases, der zwischen den Ortsteinen -der Hofmauer steckt. Sechsmal stößt er zu, und jedesmal erklingt ein -dünner, schriller Todesschrei. Dann langt er sich die jungen Mäuschen -heraus und schmatzt sie hastig auf. - -Ein Weilchen schnüffelt er noch an dem Mauseneste herum, dann trippelt -er weiter, ab und zu fauchend oder stehen bleibend und sich mit Krallen -oder Zähnen heftig da juckend, wo die Flöhe und Holzböcke ihn am -meisten zwicken. Bald langsam, bald eilig begibt er sich nach dem -Eichenhain. Dort gibt es immer allerlei im Grase, ein Taufröschchen -oder eine fette Raupe, ein Mäuschen oder auch einmal einen jungen -Vogel, der aus dem Neste fiel. Brrr, macht es laut, und ein dickes, -braunes Dings stößt mit hartem Anprall an die blutende Eiche. Es ist -ein Hirschkäfer. Er hat gefunden, was er suchte. Gierig steckt er die -goldgelbe Pinselzunge in den gärenden Saft. Da raschelt es hinter ihm. -Wütend dreht er sich um und spreizt die scharfbewehrten Zangen. Aber -schon hat der Igel ihn gefaßt, ihm den Leib abgerissen, und während der -Kopf des Käfers im Grase liegt und mechanisch die Zangen öffnet und -schließt, knabbert der Igel den dicken Hinterleib vollends auf. Dann -jagt er unter den Schafställen weiter und sucht einen nach dem andern -ab. - -Viel ist heute da nicht zu finden. Einige Spinnen, etliche Käfer, -auch ein gutgenährter Regenwurm, das ist alles. Es ist zu trocken -gewesen den Tag über, die Junisonne hatte es reichlich gut gemeint, -und der Wind ging scharf; das gibt schlechte Jagd. So schiebt denn der -Stachelrock nach dem Bache zu; vielleicht daß sich dort die Jagd besser -lohnt. Unterwegs dreht er jedes Blatt um und scharrt jeden Grasbusch -auseinander, immer prüfend und schnaufend und seine Nase in das Moos -und in die Blätter bohrend und ab und zu sitzend bleibend, um irgend -ein kleines Tier zu verzehren. Einmal bleibt er lange sitzen; er hat -eine alte Maus pfeifen gehört, und vorsichtig pürscht er sich näher. -Jetzt hört er sie dicht bei sich vorüberhuschen. Gleich wird sie wieder -zurückkommen und dann hat er sie. Aber gerade wie er zufahren will, -löst sich ein grauer Schatten von der Wagenleiter, die Maus quiekt auf -und das Käuzchen streicht, sie in den dolchbewehrten Fängen haltend, -auf die hölzernen Pferdeköpfe des Stalles, und der Igel hat das -Nachsehen. - -Mürrisch begibt er sich weiter. Ein Kieferschwärmer, der am Nachmittage -die Puppe verlassen hatte und sich, nachdem er seine Schwingen fertig -gereckt hat, nun zum ersten Fluge rüstet, verschwindet unter den -spitzen Zähnen. Ihm folgt eine Ackerschnecke; von der dicken schwarzen -Schnecke, auf die der Igel stößt, wendet er sich aber mit Ekel ab. Sie -riecht abscheulich und schmeckt scheußlich. Aber das laute, rollende -Flöten da in dem anmoorigen Sande am Bachufer, das lockt ihn. Ein -schnelles Getrippel, ein fester Stoß, und schon ist die Maulwurfsgrille -erledigt. Weiter geht es am Bachufer entlang. Halt, hier hebt sich die -Erde. Etwa ein Maulwurf? Das wäre kein schlechter Fang. Oder gar eine -Wühlmaus? Das wäre noch besser. Ganz vorsichtig schiebt er sich voran. -Lange muß er lauern, ehe die Erde sich wieder rührt, aber schließlich -kann er zufahren. Er stieß zu kurz. Mit jähem Ruck wirft sich die -schwarze Erdwühlerin in den Bach, daß es plumpst, und nach einer langen -Besinnungspause wendet sich der Igel wieder den Eichen zu. - -Hier ein Mistkäfer, da eine Raupe, dort ein Brachkäfer und daneben ein -Regenwurm, das wird so nebenbei alles mitgenommen. Aber was ist das da, -was sich da im Grase fortschiebt? Der Igel sträubt die Kopfstacheln, -steckt die Nase vor, rollt sich halb auf und trippelt so auf die Beute -los. Jetzt ist er bei ihr. Zß, geht es, und einmal, zweimal, dreimal -fährt die halbwüchsige Kreuzotter gegen seinen Stachelpanzer. Ein -viertes Mal noch, dann aber nicht mehr. Er hat sie überrannt, hat sie -mit den Kopfstacheln an den Boden gequetscht, hat mit den Zähnen ihren -Hinterkopf gefaßt, und während sich ihr Leib in wilden Kreisen dreht, -zerkaut er erst den Kopf und schmatzt ihn hinunter und läßt den Leib -hinterdrein wandern. Nach einem Viertelstündchen verschwindet auch die -äußerste Schwanzspitze, die sich immer noch windet, in seinem Rachen. - -Vorläufig ist er nun satt. Spaßeshalber faßt er noch einen großen -Taufrosch, der ihm dicht vor die Nase hüpft an das Hinterbein, aber -gerade als der arme Frosch seinen schrillen Todesschrei hören läßt, -gibt ihn sein Bezwinger frei und der Frosch springt in gewaltigen, -ungeschickten Sätzen ab. Ganz furchtbar eilig trippelt der Igel -nach dem Weißdornbusch hin, der sich neben einem der Schafställe -spreizt. Der leise Luftzug weht ihm von da eine Kunde zu, die ihn -ungestüm vorwärts treibt. Ohne eine Pause zu machen, trippelt er in -schnurgerader Richtung weiter, und gerade als die Dorfuhr ausholt um -die zehnte Stunde zu verkündigen, gerade als des Nachtwächters Horn -hohl an zu heulen fängt, langt der Igel vor dem Busche an. - -Da ist noch ein Igel, ein dicker, großer Igel, der eben einen langen, -dicken Tauwurm hübsch langsam aus seiner Erdröhre herauszieht. Wie -besessen stürzt der erste Igel auf ihn zu. Blitzschnell wendet der -andere sich um und beißt nach ihm. Verdutzt bleibt der erste sitzen, -dann nähert er sich wieder dem anderen. Wieder setzt es einen Hieb, -wieder gibt es eine Verlegenheitspause, und so zehnmal und noch -zehnmal. Und dann schlägt der erste Igel eine andere Taktik ein. -Schnaufend und fauchend trippelt er um den anderen und versucht, -sich ihm von hinten zu nähern, dieser aber dreht sich schnaufend und -fauchend fortwährend im Kreise herum und wehrt jeden Annäherungsversuch -mit einem blitzschnellen Bisse ab. Schließlich sitzen sie sich beide -gegenüber, daß ihre Schnauzen sich fast berühren, und verschnaufen, -der Igel überlegend, wie er sich wohl beliebt machen könne, die Igelin -immer zur Abwehr bereit. - -Bisher war der Igel immer von rechts nach links um seine Auserkorene -herumgetrippelt; jetzt versuchte er es in der umgekehrten Richtung. So -muß auch die Igelin von links nach rechts sich im Kreise drehen. Wenn -er sie zehn- oder zwölfmal umkreist hat, wird er plump vertraulich. -Dann setzt es von ihr aus einen Schmiß. Verdutzt bleibt er dann -sitzen und überlegt den Fall, und sie bleibt auch sitzen. Sie sehen -sich mit ihren kleinen schwarzen Augen an, Nase an Nase, bis er wieder -Mut bekommt und von neuem um sie herumtrippelt, jetzt von links nach -rechts, nach dem nächsten Hiebe von rechts nach links, dann wieder -umgekehrt und so weiter. - -Elf Uhr schlägt die Turmuhr; elfmal heult des Wächters Horn. Immer noch -murksen und fauchen die beiden stachligen Liebesleute umeinander herum. -Es wird Mitternacht; das sonderbare Karussel ist noch immer im Gange. -Es schlägt ein Uhr; er ist noch immer nicht müde, sie zu umwerben, und -ihre Sprödigkeit hält immer noch an. Es schlägt zwei Uhr; noch immer -trippelt er fauchend und pustend um sie herum, bald von rechts, bald -von links, und nach jedem Hiebe, den sie ihm versetzt, hält er inne -und überlegt, ob es nicht besser sei, ihr von der andren Seite zu -nahen. Eine halbe Stunde bleibt der Jagdaufseher bei dem Paare stehen -und lacht und schüttelt den Kopf, bis die Helligkeit im Osten ihm -sagt, daß es Zeit für ihn werde, nach dem Moore zu gehen. Schon singt -der Rotschwanz von dem Dachfirst, die Schleiereule sucht ihr Loch am -Giebel, der Igel und die Igelin tanzen immer noch ihren sonderbaren -Reigen; erst als die Amsel zeternd zur Regenwurmsuche ausfliegt, -verschwindet sie unter dem Stalle und er folgt ihr nach. Als der -Schäfer die Schafe ausläßt, hört er unter dem Estrich das Gefauche und -Geschnaube und ruft dem jungen Hunde zu: »Widu, bring sie zur Ruhe!« -Aber Widu mag nicht; er hat von gestern genug. - -Der Juni geht hin und der Juli auch. Als die Frau des Schäfers den -Komposthaufen auseinander stößt, findet sie in einem Haufen welken -Grases fünf kleine, rosige, weißstacheliche Dingerchen neben der alten -Igelin liegen. Nachmittags will sie sie ihrem Manne zeigen, aber sie -sind nicht mehr zu finden. Die Igelin hat ihre Jungen verschleppt. -Unter dem alten Schlehbusche hat sie ihnen ein neues Nest gekratzt und -sie warm zugedeckt. Da säugt sie sie tagsüber, aber nachts treibt sie -sich im Garten umher und frißt sich an Schnecken und Würmern dick, -scharrt Mäusenester aus und fängt junge Frösche, schont auch die -junge Brut der Rotkehlchen, trotz des Gezeters der Alten, nicht und -nimmt auch die junge Amsel mit, die ihr in den Weg tolpatscht, wie -sie denn auch mit den nackten Wieselchen, die sie aufstöbert, nicht -viel Federlesens macht. Sogar die große Wanderratte, die sich in dem -Schlageisen gefangen hatte, muß daran glauben; trotz ihres Strampelns -und Quietschens wird sie totgebissen und bis auf Kopf, Fell und Schwanz -aufgefressen. - -Nach vier Wochen führt die Igelin ihre fünf Kleinen aus. Eines Abends, -als der Schäfer vor der Türe sitzt und seine Pfeife raucht, raschelt -es hinter dem Brennholze und da kommt erst schnaubend und prustend -die Igelin angetrippelt und hinter ihr wackeln die fünf Kleinen. Der -Schäfer ist ein ernster Mann und lacht selten; heute aber muß er doch -lachen, denn es sieht zu putzig aus, wie die kleinen Dinger hinter der -Alten herbummeln, überall kratzen und scharren und ihre Nasen in alle -Löcher am Boden stecken, oder hastig hineinrennen, wenn die Mutter -einen tüchtigen Wurm bloßgescharrt hat und ihn sich von den Kleinen -fortnehmen läßt. Seit der Zeit ist es für den Schäfer und seine Frau -ein Hauptvergnügen, den Igeln zuzusehen, und damit sie nicht gestört -werden, wird Widu jeden Abend angelegt. Auch allerlei Eßbares legt -der Mann den Igeln hin; Butterbrot verschmähten sie, aber frisches -Fleisch nahmen sie gern, und auch kleine Fische, die der Schäfer für -die Hechtangeln gefangen hatte. Als der Schäfer sah, daß die Igelin -sich immer so viel kratze, fing er sie, und als er fand, daß sie voller -Ungeziefer saß, salbte er sie mit der Schmiere, mit der er seinen -Schafen das Ungeziefer vertrieb. Seitdem gab sie das Kratzen auf. - -Mittlerweile wurden die kleinen Igel immer größer, hielten auch nicht -mehr zu der Alten, sondern gingen ihre eigenen Wege, und wenn sie der -Alten begegneten, wurden sie von ihr weggebissen. So wanderten sie denn -aus; der eine in die Heidberge, der andere in die Eichen, der dritte -in den Wiesenbusch, noch einer in das Dorf und der letzte nach dem -Immenzaun, und wenn der Schäfer einen von ihnen antraf, denn er kannte -sie gleich wieder, weil er ihnen allen, dem einen am Kopfe, den andern -hier oder da am Rücken, ein Büschelchen Stacheln abgeschoren hatte, -dann zeigte er sie den Leuten und sagte: »Das ist einer von meinem -Hofe.« Bis in den Herbst hinein sah er bald hier, bald da einen von -seinen Igeln, und sogar im Februar, als nach einem leichten Schnee die -Sonne schön warm schien, traf er die alte Igelin am hellen Nachmittage -vor der großen Hecke am Immenzaun, und nahm sie mit und setzte sie in -den Schafstall, und als im März die Sonne die Oberhand bekam, traf er -fast jeden Abend einen Igel an im Garten, auf dem Hofe oder unter den -Eichen und hatte sein Vergnügen an ihnen. - -Eines Tages aber kam eine Zigeunerbande zugewandert und der Vorsteher -wies ihnen die Heide bei den Eichen als Lagerstätte an. Während die -Männer sich überall herumtrieben und die Weibsleute wahrsagen gingen, -zogen die Jungens auf die Igeljagd. Sie hatten Stöcke, an denen oben -ein langer, dicker, spitzgefeilter Draht befestigt war, und damit -stachen sie in alle Laubhaufen, Hecken und unter die Schafställe. Ab -und zu quietschte es und einer von den Bengeln zog einen aufgespießten -Igel aus seinem Verstecke, den er dann totschlug. - -Abend für Abend saß der Schäfer auf der Bank vor der Tür und wartete -auf seine Igel. Er sah sie nie wieder. - - - - -Jakob. - - -Mitten im Bruche stand eine gewaltige, hochschäftige, breitkronige -Kiefer, ein Wahrbaum für die ganze Gegend. - -In ihr horstete Jahr für Jahr ein Kohlrabenpaar und erfüllte im April -das Bruch mit seinen rauhen Balzrufen. - -Ab und zu versuchten Schreiadler, Wanderfalken oder Habichte den Raben -den Horstbaum abzutreiben, aber die Raben hatten zu grobe Schnäbel und -blieben stets siegreich. - -An einem schönen Junimorgen kam ein junger Jäger unter dem Wahrbaume -her und sah einen fast flüggen Raben im Heidekraute sitzen. Er nahm ihn -mit und verschenkte ihn an Bekannte in der Stadt, die in ihrem Garten -allerlei Tiere hielten. - -Es gab einen großen Aufstand in dem Garten, als Jakob, wie das schwarze -Ungetüm genannt wurde, auf den Rasen gesetzt wurde. Jaköble, der Häher, -war ganz entsetzt, als das großmächtige Rabenvieh seinen Riesenrachen -aufsperrte und ihm auf den Leib rückte; aber schließlich holte er -Futter und stopfte es ihm in den roten Schlund. Auch Jackelchen, die -Elster, kam herangehüpft, sah sich das Scheusal an und als das Gegiere -nicht aufhören wollte, holte sie irgend etwas Eßbares und tat es -vorsichtig in Jakobs unersättlichen Schnabel. - -Jakob war immer hungrig. Was man ihm gab, das war ihm ganz gleich; er -schlang alles hinab. Und wenn man ihn auch gerade gefüttert hatte, -und irgend etwas, das Federn hatte, kam ihm in den Weg, ganz gleich, -ob Jaköble oder Jackelchen oder Adam, der Turmfalke, oder Hans, der -Waldkauz, oder eins von den Hühnern, es wurde angeplärrt. Ja, als -einmal das Stubenmädchen aus Versehen den Flederwisch in den Garten -fallen ließ, hüpfte Jakob sofort heran und schrie nach Futter und -ein anderes Mal machte er den Versuch, einen Federhut, der auf dem -Gartenstuhl lag, zu bewegen, ihm den Hals zu stopfen. - -Eines Nachmittags war die ganze Familie ausgegangen. Vor einer Stunde -war in Jakob, die Dranktonne, wie die Mutter ihn auch noch nannte, erst -soviel hineingestopft, wie nur hineingehen wollte, aber unaufhörlich -hüpfte das gefräßige Ungetier im Garten umher und stieß seinen -Heißhungerschrei aus. Da Jaköble und Jackelchen eingesperrt waren, -damit sie keine Dummheiten machen sollten und Adam, der Turmfalke, in -der Nachbarschaft Besuche machte, plärrte Jakob solange dem Kauze Hans -etwas vor, bis es diesem auf die Nerven ging. Er bequemte sich also -nach seiner Futteranstalt in der Efeuberankung des Aquariumsockels, -holte ein Stückchen Fleisch hervor und hielt es Jakob vor, damit er es -ihm fortreiße, wie es die jungen Eulen machen. Aber Jakob kannte die -Sitten der Eulen nicht und schrie nur noch scheußlicher und da wurde es -Hans zu dumm und er tat, was noch nie eine Eule getan hatte, er stopfte -Jakob das Fleisch in den Rachen. - -Es dauerte sehr lange, ehe daß der junge Rabe fressen konnte und noch, -als er schon beflogen war, krächzte er hinter allem, was eine Schürze -trug oder in Federn gekleidet war, hinterdrein und bettelte um Futter. -Schließlich bequemte er sich aber doch dazu, selber zu fressen und -als er das erst verstand, war nichts mehr vor ihm sicher. Jaköble und -Jackelchen mußten scharf aufpassen, daß sie überhaupt etwas bekamen. -Nur vor Hans hatte Jakob Achtung, denn der konnte seine großen Augen -so seltsam auf- und zuklappen und so gefährlich mit dem Schnabel -klappen. Das merkte sich Jaköble, der Häher bald, und da er mit dem -Kauz gut Freund war, so stopfte er ihm immer den Rest von seinem Futter -unter den Flügel, so daß er sicher vor Jakob dem Großen war. Kam -Jaköble mit einem Fleischbröckchen angehüpft, so lüftete Hans sofort -den Fittich und Jakob mußte zusehen, wie das Fleisch unter Hansens -Achsel verschwand. Ab und zu versuchte er wohl, Hans am Schwanze zu -ziehen, damit er das Fleisch fallen lasse, aber wenn die Eule sich -dann umdrehte, die großen schwarzen Augen aufriß und mit dem Schnabel -klappte, dann fuhr Jakob zurück, als wenn, ja, als wenn eine überreife -Birne neben ihm hingeplatscht wäre. Denn so frech er war, er hatte in -der großen Stadt Nerven bekommen. Wenn eine Tür zuflog, verjagte er -sich und schrie: »Kräcks«. - -Sonst aber war er frech, wie es eben nur ein Kolkrabe sein kann. Er -hatte vor niemand Achtung, als vor dem Besen und vor Hans. Wehe dem -jungen Mädchen, das mit roten Strümpfen in den Garten kam; sie empfing -einen Hieb in die Wade, daß sie noch lange einen blauen Fleck behielt. -Blieb ein Buch im Garten liegen, so las Jakob auf seine Art darin und -die Fetzen flogen überall herum. Erwischte er den Drückschlüssel des -Hausherrn, so stopfte er das dreieckige Loch ganz fest mit faulen -Blättern voll und stand ein Stuhl vor der Tür, so machte er es mit dem -Schlüsselloche genau so. Unglücklich der Hund, der sich im Garten sehen -ließ. Jakob lauerte in seinem Verstecke, bis der Hund vorbeikam. Wupps, -wischte er ihm eins und saß sofort auf dem Tisch oder der Stuhllehne -und der Hund zog mit eingekniffenem Schwanze fort. Katzen kamen nie -mehr in den Garten. Sowie sich eine sehen ließ, um nach jungen Amseln -zu fahnden, machte Adam einen schrecklichen Lärm und Jakob brannte ihr -eins auf das Fell, daß sie wie wahnsinnig über den Zaun fuhr. - -Er saß voller Unarten, aber da er so ulkig war, sah man darüber hinweg, -daß er die Butter aus der Dose hackte oder wenn der Aquariumdeckel -offen stand, fischte. Dann saß er eine ganze Stunde auf dem Rande des -Gefäßes und sobald ein Goldfisch emporkam, erhielt er einen tödlichen -Schnabelhieb und wurde verspeist. Ebenso ging es auch den unglücklichen -Fröschen, die sich in den Garten verirrten und mehr als einmal -erwischte Jakob sogar eine Maus und einmal sogar einen Maulwurf, den er -in die Laube brachte, wo die Familie beim Kaffeetische saß. Jakob legte -seine Beute in den Weißbrotkorb und sagte: »Quatsch!« - -Das war sein Hauptwort. Einmal kam ein Herr und besuchte den Hausherrn. -Als er sich verabschiedete und sagte: »Hoffentlich haben Sie für -Ihre Heidfahrt schönes Wetter!« unkte Jakob dazwischen: »Quatsch, -Quatschquatsch!« Ein anderes Mal kam der Pastor und erzählte, wie -traurig es mit dem Nachbar stehe, der nicht leben und nicht sterben -könne. »Quatsch!« rief Jakob und der geistliche Herr erschrak sich -sehr, denn die Stimme kam unter seinem Stuhle her. Wieder einmal kam -ein junger Geck zu Besuch und stellte seine Angströhre hinter sich auf -den Rasen. Als er sie aufsetzte, rieselte ihm Sand daraus über sein -Pomadenhaar. »Was ist denn das?« lispelte er. »Quatsch!« rief Jakob und -machte ein Gesicht, als könne er kein Wässerchen trüben. - -Immerwege hatte er Dummheiten im Kopfe. Eines Tages ging die Familie -aus und vergaß ihn einzusperren. Auf dem Rasen lag die Wäsche zum -Bleichen. Jakob pflückte sich Kirschen, setzte sich damit auf -die Wäsche und massakrierte die Kirschen, daß der rote Saft nur -so herumstob. Sechs Hemden und vier Unterröcke mußten noch einmal -gewaschen werden. Im Frühjahr wurden Maßliebchen gepflanzt, abwechselnd -rote und weiße. Nach dem Mittagessen gab es ein großes Geschrei: alle -Maßliebchen waren geköpft und Jakob stand vor zwei Löchern, die er in -ein Beet gehackt hatte und besah wohlgefällig seine Sammlung; in dem -einen Loche lagen die weißen, in dem andern die roten Blumen. - -Zu seinem Hauptvergnügen gehörte es, sich auf das Eisen der Harke zu -setzen, wenn die Gartenwege geharkt wurden; dann benahm er sich so -stolz, wie ein Mann, der sich eine Sonntagsdroschke geleistet hatte. -Einmal stellte er sich tapprig dabei an und büßte einen Zeh dadurch -ein. Er plärrte eine halbe Stunde lang und verzichtete fortan auf das -Fahren auf der Harke. Sehr albern benahm er sich einige Tage später. -Er flog auf die schlappe Waschleine und konnte das Gleichgewicht nicht -halten. Ein Vaterunser lang schaukelte er auf der Leine hin und her -und schrie, als zöge man ihm die Federn einzeln aus. Gräßlich dämlich -benahm er sich, als ihm ein Besucher eine Küchentüte über den Kopf -stülpte. Erst saß er ganz begossen da, dann schüttelte er den Kopf wie -unklug, darauf versuchte er Rad zu schlagen und Kobolz zu schießen, -schließlich hüpfte er im Kreise und schlug mit den Flügeln, wie eine -verrückt gewordene Windmühle. Seitdem haßte er alle Tüten. - -Am alleralbernsten aber stellte er sich an, als er den ersten Schnee -seines Lebens sah. Erst machte er ein Gesicht wie eine Kuh, die es -donnern hört. Dann fraß er ein bißchen von dem weißen Zeug. Darauf -warf er Stücke davon in die Luft, kratzte darin herum und schließlich -kollerte er sich darin umher. Plötzlich machte er die Entdeckung, daß -er eiskalte Füße hatte. Er zog den einen Fuß an, aber der andere blieb -kalt. Dann zog er den linken an, aber nun wurde wieder der rechte -kalt. Auf einmal begann er so erbärmlich zu quaken, daß das ganze Haus -zusammenlief. Seitdem haßte er auch den Schnee und ging nicht mehr auf -die Wäsche, wenn sie zum Bleichen im Garten lag. - -Eines Tages hatte er Durst und fand ein volles Glas Bier stehen. Erst -schmeckte es ihm nicht, aber der Durst trieb es hinunter. Als der -Hausherr zurückkam, war das Glas umgeworfen und Jakob war so betrunken, -wie ein Pole am Zahltage. Erst sprach er so schnell, wie er es noch -nie getan hatte. »Quaquaquaquaquatsch«, wohl hundert Male, dann -versuchte er zu krähen, bekam aber den Schlucken. Alsdann versuchte er -geradeaus zu gehen, taumelte aber, wie ein Anfänger beim Radfahren; -dann flog er steil in die Luft und kam mit großem Geflatter und noch -größerem Gekrächze wieder herunter und zwar in einem Rosenbusche, in -dem er so lange herumkrabbelte, bis der Hausherr, der sich halbtot -lachen wollte, ihn erlöste. Darauf versank er in Melancholie, zog den -Kopf ein und stierte eine Weile vor sich hin, um dann wie verrückt -auf die Waschschüssel loszustürzen und diese, als er sie leer fand, -mit Schnabelhieben zu bedecken. Er bekam Wasser und trank so viel, -wie er sonst in einer ganzen Woche nicht trank. Nun überfiel ihn der -Zerstörungskoller und er riß Gras und Blätter ab und sprang dabei -herum, wie ein Mensch, der die Hosen voller Ameisen hat. Und dann -verschwand er und kam erst spät am andern Morgen mit sehr schlechter -Laune, großem Brand und völliger Freßunlust wieder zum Vorschein. - -Als er drei Jahre alt war, war er ein vollendeter Heuchler und ein -gerissener Dieb und wurde deshalb auf das Land verschenkt. Dort führte -er sich aber so übel auf, daß man ihn in einen Käfig sperrte. Aber -selbst das half nichts; wenn die Kücken auf dem Hofe herumliefen, -lockte Jakob genau so, wie die Klucke und sowie eins der Kücken an -seinen Käfig kam, schnappte er zu und zog es hinein. Schließlich trieb -er es so arg, daß man ihn dem Zoologischen Garten schenkte. - -Da sitzt er heute noch, läßt sich von den Besuchern füttern und sagt -zum Dank: »Quatsch!« - - - - -Hausfriedensbruch. - - -Er war von jeher dagegen gewesen, aber sie wollte es gern, und so mußte -er sich fügen; was sollte er machen? - -»Sieh mal, Watschelinchen,« hatte er gesagt, »zu was willst Du in -der Stadt wohnen? Erstens kennst Du niemand dort, zweitens wohnt Dir -allerlei ruppiges Volk vor dem Schnabel herum, diese Radaumacher -von Turmschwalben und dieses gemeine Spatzengesindel; und dann die -Luft! Na, ich sage Dir bloß, Du wirst Dich wundern! Dein schönes -Changierendes ist da bald hin vor dem Ruß. Und was muß man weit -fliegen, um satt zu werden! Hier im Walde hast Du die fettsten -Schnecken und die besten Regenwürmer dicht bei der Wohnung. Und alle -Nachbarn sind nette Leute: der Pirol, so elegant und stolz er ist, Dir -singt er gern etwas vor. Und der Trauerfliegenschnäpper besucht Dich, -wenn Du brütest, Buchfink, Mönch, Schwirrsänger, sie alle sind nett -zu uns. Und ist Dir diese Wohnung nicht groß und hübsch genug, ein -freundliches Wort, und Spitzhack, der Specht, baut Dir eine andere. -Laß uns nur im Walde bleiben.« - -Sie ließ ihn ruhig ausreden wie immer, machte nur die Augen halb zu und -ließ die Flügel herunterhängen; und dann fing sie an: - -»Ja, Dickkopp, das ist ja alles ganz gut und schön. Aber das mit den -Spatzen und Mauerschwalben, das wird nur halb so schlimm sein. Und -das mit dem Ruß auch. Und überhaupt, mein gutes Zeug ist doch immer -gleich hin von dem Brüten und Kinderpäppeln. Und Du hast gut reden von -Unterhaltung hier; was wissen die denn alle hier zu erzählen? Immer -dasselbe langweilige Zeug: daß es bei Markwarts Krach gegeben hat, daß -die Taubersche die Eier hat kalt werden lassen, daß die Amsel kleine -Vogelkinder fressen soll und weiter nichts. Und das ewige Gedudel von -dem Pirol, das hängt mir schon zum Schnabel heraus; immer dasselbe und -immer dasselbe und hinterher dieses alte Geknarre; schließlich geht es -einem auf die Nerven. Du hast natürlich gut reden: Du fliegst hierhin -und dahin und triffst bald den oder bald die, und da hörst Du immer -allerlei Neues und erlebst vielleicht auch mal ein Abenteuerchen, nicht -wahr, Kopp? Ich aber, ich sitze hier in dem engen Loch, brüte mich -dumm und albern und höre und sehe von der Welt nichts. Höchstens, daß -Schnurrjahn einmal vorkommt und mich ein bißchen unterhält. Und die -Wohnung? Ach, Du lieber Himmel! Eng und feucht und voll Ameisen, und -jedes Frühjahr großes Reinemachen, bis man den Fledermausmist heraus -hat, na, ich danke. Und dabei stehen in der Stadt die schönsten, -hellsten, luftigsten Villen frei!« - -Dickkopp sagte nichts mehr. Wenn seine Frau »Kopp« zu ihm sagte und -auf seine kleinen galanten Abenteuer draußen anspielte, dann tat er am -besten, den Schnabel zu halten. Und daß sie außerdem von Schnurrjahn -anfing, diesem alten Poussierstengel, der nichts lieber tat, als -anderer Stare Frauen schön zu tun, das schätzte er nun schon gar nicht. -So sagte er Ja und Amen, und sie zogen in die Stadt. - -Eine Wohnung war bald gefunden. In einem großen Garten lag sie und -hing in einem Zwetschenbaume. Blumenbeete waren da, ein Springbrunnen -zum Baden und Trinken, Rasen mit Regenwürmern, Beete mit Schnecken, -Kirschbäume waren in der Nähe und gar nicht weit davon war am Teiche -eine ungeheure Pappel, der richtige Versammlungsplatz, wie die Stare -ihn lieben, und viel Rohr, im Herbst eine gute Schlafstatt. Dickkopp -war sehr zufrieden und Watschelinchen erst recht. - -Die erste Zeit ging es sehr gut. Er saß vor dem Hause, schlug mit den -Flügeln und sang nach Herzenslust. Sie schlüpfte aus und ein, holte -Hälmchen und Federchen und richtete die Wohnung ein. Heimlich stöhnte -sie zwar ein bißchen, denn das große Haus machte doppelte Arbeit, aber -sie ließ sich nichts merken. - -Bald aber stellten sich allerlei Unannehmlichkeiten heraus. Erstens zog -es in der Wohnung; es war ein richtiger städtischer Schwindelbau; und -durchregnen tat es manchmal auch. Und alle Naselang steckte ein frecher -Spatz seinen Kopf herein, machte faule Witze über Watscheline oder -behauptete gar, sie hätte hier nichts zu suchen. Im Mai, als sie schon -längst Eier hatte, fand sie, als sie vom Baden zurückkam, eine große, -weißbunte Katze an ihrem Hause beschäftigt. Watscheline machte solchen -Lärm, daß der Besitzer des Gartens kam und die Katze herunterschoß; -darüber war sie froh, aber der Schreck lag ihr noch drei Tage in den -Gliedern. - -Allmählich bekam sie auch Nerven. Erst hatte ihr das städtische Leben -Spaß gemacht, aber dieser ewige Lärm der Wagen und der Straßenbahn, -dieses rücksichtslose Schreien und Türenzuschlagen, dieses Ausrufen -und Peitschenknallen, und vor allem das ewige Geschilpe der Spatzen und -das Geschrei der Turmschwalben war auf die Dauer nicht auszuhalten. Und -von allen ihren alten Bekannten sah und hörte sie nichts: noch nicht -einmal Schnurrjahn kam und erzählte ihr, wie es im Walde aussähe. - -Dann gab es noch dieses und das, was nicht schön war. Der Ruß war -wirklich arg; sie brauchte die doppelte Zeit zum Waschen. Und bis sie -sich an die Leitungsdrähte gewöhnte, das hatte auch lange gedauert. Und -niemals konnte sie, wenn sie in den Anlagen Würmer suchte, wissen, ob -nicht so ein Menschenjunges mit der Schleuder oder mit dem Flitzbogen -oder dem Pustrohr ihr zu Leibe wollte. Und die Regenwürmer in der -Stadt waren zäh von dem Schwefelsäuregehalt des Bodens. Und nahm sie -sich eine Kirsche, dann gab es Unfrieden mit den Besitzern. Manchmal -wünschte sie, sie wäre in ihrer alten Wohnung im Walde geblieben, aber -sie wollte ihrem Manne nicht so schnell recht geben, und dann waren ja -auch die Kleinen da, und als die groß waren, da mußte sie wieder sitzen -und brüten. - -Endlich war auch die zweite Brut flügge und nach einigen Wochen -selbständig. Watscheline war froh; sie sah zu, daß sie ihr altes Zeug -los wurde, schaffte sich ein pikfeines, schöngemustertes Reisekleid -an und machte mit ihrem Alten Ausflüge in die Umgegend. Heute war -man am Fluß, wo Tausende von Staren im Krummet Käfer suchten, morgen -besuchte man den Wald und ließ sich vom Spitzhack Specht erzählen, was -dort unterdessen geschehen sei. Der Pirol war schon fort, die Taube -hatte zweimal faul gebrütet, die jungen Fliegenschnäpper waren von der -Eichkatze gefressen, den Häher hatte der Förster totgeschossen. - -Als die Bäume schon mehr gelbe Blätter bekamen, meinte Dickkopp, jetzt -sei es Zeit, zum Süden zu reisen, erst nach der Pfalz, wo jetzt die -schönen Trauben reif wären, dann nach Italien und Spanien, vielleicht -auch nach dem Balkan, und bei gutem Wind auf eine Mittelmeerinsel. -Watscheline war es zufrieden; den letzten Winter, der sehr milde -gewesen war, waren sie im Lande geblieben, aber sie hatten es bereut, -denn es regnete viel, und wenn einmal Frost und Schnee einsetzte, dann -sah es mit der Beköstigung recht mäßig aus. Aber sie meinte, sie müsse -erst noch einmal nach der Wohnung sehen, und Dickkopp stimmte zu. So -flogen sie denn zu ihrer Gartenvilla. - -Schon von weitem sahen sie ihr Häuschen im halbkahlen Baum zwischen -den blaubereiften Zwetschen. Als sie aber näher kamen, saß ein dicker, -frecher, alter Spatz darin und tat so, als ob er immer darin gewesen -wäre. Dickkopp als diplomatisch veranlagter, besonnener Mann setzte -sich oben auf das Dach und sah sich den frechen Kerl von diesem höheren -Standpunkte aus an, überlegend, was da zu machen sei. Watscheline aber -fuhr wie wild auf den Eindringling los. - -»Sie, was soll das heißen? Was fällt Ihnen denn ein? Was machen Sie da?« - -»Ich sitze hier, wie Sie sehen,« sagte der Spatz, und seine Augen -funkelten höhnisch. - -»Solche Unverschämtheit,« zeterte Watscheline los, »er sitzt da in -anderer Leute Wohnung. Machen Sie, daß Sie herauskommen, oder ich -bringe Ihnen Manieren bei.« - -»Sie haben ja selber keine übrig,« ödete der Sperling, »behalten Sie -das bißchen man alleine; ich will Sie nicht berauben.« - -»Mann, Vater,« schrie Watscheline, »hast Du gehört? Das ist doch zu -frech! So ein Prolet! Schmeiß ihn heraus, Dickkopp!« - -»Dickkopp ist gut,« sprach der Spatz, »Dickkopp ist schön, Dickkopp -kann so bleiben.« - -»Lümmel!« dachte Dickkopp, aber da er wußte, daß mit solchem -Asphaltproleten schlecht anbinden ist, versuchte er es erst mit Güte. - -»Entschuldigen Sie, Herr Sperling,« begann er höflich »das ist unser -Haus.« - -»Ihr Haus? So? Ich dachte, es gehörte dem Doktor!« fragte trocken der -Spatz. »Haben Sie es gemietet oder gekauft? Und gleich bar bezahlt oder -was?« - -»Wir haben es vom Frühjahr an mit Erlaubnis des Besitzers bewohnt und -darin zweimal gebrütet und haben so ein historisches Recht darauf.« - -»Historisches Recht ist gut,« meinte der Spatz. »Das sagte die Katze -auch, als sie die Maus fraß. Jetzt bewohne ich es mit Erlaubnis des -Besitzers und beanspruche ebenfalls ein historisches Recht, denn meine -Frau wollte schon früher darin brüten, und auf einmal waren Sie da.« - -»Hätten wir das gewußt, so wären wir zurückgetreten,« meinte Dickkopp -höflich. »Sie hätten sich nur zu melden brauchen. Aber ich denke, wir -einigen uns. Wir haben uns nun so an das Haus gewöhnt. Wir verreisen -jetzt bis zum März, solange können Sie darin wohnen.« - -»Danke schön, sehr liebenswürdig, zu viel der Güte,« höhnte der Spatz. - -Dickkopp stieg die Wut in die Augen, aber er bezwang sich noch: »Und im -März treten Sie es uns dann wieder ab, nicht wahr Herr Sperling?« - -»Dieses nicht, sondern nein,« meinte der. - -»Ja, aber zum Donnerkeil,« schrie Dickkopp, dem die Sache zu dumm -wurde, »sind Sie denn verrückt?« - -»Ich nicht, Sie vielleicht?« tönte es zurück. - -»Heraus mit Ihnen, oder ich mache Ihnen Flügel!« - -»Danke, habe selber welche!« - -»Wollen Sie heraus oder nicht?« - -»Ich ziehe das letztere vor!« - -Wütend hackte Dickkopp von oben nach dem Frechling, der aber kannte -das, zog den Kopf zurück, und als Watscheline so unvorsichtig war und -in das Schlupfloch kroch, faßte er sie beim Hals und kniff sie, daß sie -schrie. - -Rasend vor Wut stürzte Dickkopp vom Dach, kroch in das Haus, fiel über -den Spatz her und hackte gewaltig auf ihn los. Als der Sperling merkte, -daß er an den Unrechten gekommen war, schrie er Mord und Brand, und nun -kamen sie von allen Seiten heran, die Spatzen, und fielen mit Verbal- -und Realinjurien über das Starenpaar her. - -»Solch Prachervolk! Haben im Walde nichts zu fressen und schnurren sich -in der Stadt satt! Sollen hingehen, wo sie hergekommen sind! Bagage! -Kirschendiebe! Schneckenfresser! Und krumme Beine haben sie! Und gelbe -Schnäbel bei ihrem Alter! Kein Wunder, daß sie sich so benehmen! Wartet -nur, wir wollen es Euch beibringen! Euch die bunten Lappen abreißen! -Mit uns wolltet Ihr anfangen! Ihr! mit uns! Na, wartet bloß!« - -»Komm, Dickkopp,« sagte Watscheline, der es ängstlich zumute -wurde, »laß uns fortfliegen. Was sollen wir uns mit dem Gesindel -herumschlagen!« - -Sie erhoben ihr Gefieder und stoben ab. Und als sie draußen über der -Wiese auf dem Telegraphendraht ihre Federn ordneten, rückte die Frau -an ihren Mann heran und sagte: »Dickkopp, im März bauen wir wieder im -Walde, nicht wahr?« - -»Na, siehst Du, Alte,« meinte er, »hab' ich es nicht gleich gesagt. -Aber ihr Frauen wollt nur immer nicht hören!« - - - - -Mein Dachs und meine Dackel. - - -Im April wurde in meiner Wohnung von unbekannter Seite eine Kiste -abgegeben, die einen kleinen Dachs enthielt. In seinem Begleitschreiben -teilte der unbekannte Absender mit, der Dachs sei für meine Hunde -bestimmt. - -Daraus wurde nun selbstverständlich nichts. Erstens einmal des -Jagdgesetzes wegen, zweitens, weil es eine Schinderei gewesen wäre, -die Hunde an dem wehrlosen Tierchen zu arbeiten, und drittens war -es auch viel zu niedlich dazu. Meine drei Hunde, nämlich Bob, ein -kleiner, weißer, scharfer Terrierbastard, ferner Patzel, ein schwarzer, -rotgezeichneter, stichelhaariger Teckel, Inhaber erster Preise, -und sein elf Monate alter, roter, glatter Bruder Battermann, waren -allerdings anderer Ansicht. Jaulend, winselnd, bellend und pfeifend -tanzten sie um mich herum und baten: »Laßt uns doch den Stinker, wir -möchten ihn bloß ein ganz klein bißchen langziehen!« - -Da das Dächschen nicht fressen und saufen wollte, so wurde ein -Gummisauger geholt, eine Bierflasche mit lauwarmer Milch gefüllt, und -nachdem er einige Male durch gellendes Keckern sein Mißbehagen über -den ungewohnten Gummigeruch ausgedrückt hatte, lutschte er kräftig und -anhaltend, während auf der Erde den drei Hunden die Mordlust nur so aus -den Augen leuchtete. Vormittags hatte ich ihn bekommen, nachmittags -lief er schon hinter mir her, wenn ich die Pulle hatte. In drei Tagen -war er ganz an mich gewöhnt und hörte sofort mit Keckern auf, sowie -er meine Stimme vernahm. Dann setzte er sich auf meinen rechten Schuh -und lutschte ruhig und besonnen an meinem linken herum, wenn er nicht -plötzlich zusammenzuckte und mit Zähnen und Branten ein furchtbares -Gemetzel unter seinen Inquilinen anrichtete. Er saß nämlich lebendig -voll von langen, dicken Flöhen und noch dickeren Holzböcken, so voll, -daß sein Bauch ganz wund war. Eine gehörige Schmierkur befreite ihn -aber für immer von dieser Plage. - -Als Schlafraum wurde ihm eine mit alten Decken vollgestopfte Kiste im -Keller angewiesen, in der er so lange blieb, wie es ihm paßte. War das -aber nicht der Fall, dann keckerte er gellend und anhaltend und kratzte -wie verrückt an der Kellertür. Sein Keckern war so durchdringend, daß -eines Nachts das ganze Haus davon wach wurde, so daß ich aufstehen und -ihm eine Flasche machen mußte. Schwach war er übrigens auch nicht. Da -er nachts immer im Keller herumtobte, wurde er abends warm eingepackt -und mit einem Eisengitter zugedeckt, auf das zwei dicke Steine gelegt -wurden. Er murkste aber gegen Morgen so lange in seinem Bett herum, -bis er Steine und Gitter herunter hatte. Aber reinlich war er. Seine -Bedürfnisanstalt hatte er in einer bestimmten Kellerecke, vor der ein -Stein lag, und es war höchst lustig anzusehen, wie er sich mit viel -Mühe rückwärts über den Stein schob. Seine Sprache bestand außer dem -gellenden Gekecker, das er ertönen ließ, wenn er Hunger hatte oder -sich langweilte, in einem lauten Schnauben, wenn man ihm plötzlich zu -nahe kam, wobei er seine Haare sträubte, sich aufblähte und sich nach -Möglichkeit den Rücken zu decken suchte, in einem behäbigen Schmatzen, -wenn er die Flasche bekam, und in einem ärgerlichen Schnarchen, wenn -ihm irgend etwas nicht paßte. - -Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich die Hunde an ihn gewöhnte. -Bob, der schon sehr verständige Terrier, ignorierte ihn, nachdem -ich ihm erklärt hatte, daß Dächschen tabu sei. Patzel sah ihn mit -weißfunkelnden Augen an, war aber zu gut erzogen, um sich an ihm zu -vergreifen. Battermann, der Jüngling, aber raste auf ihn los, sowie -er ihn erblickte, und es gab jedesmal ein großes Theater. Als er aber -einsah, daß der Dachs sich unseres Schutzes erfreute, da fing er an zu -mucken. Er guckte uns nur noch von der Seite an und machte ein Gesicht, -als wenn er sagen wollte: »Wenn Ihr mit solchem Stinker verkehrt, dann -brech' ich allen studentischen Verkehr mit Euch ab.« Nach vierzehn -Tagen hatten die Hunde sich an Dächschen gewöhnt, und ich konnte sie -schon, allerdings nur, wenn ich aufpaßte, mit ihm zusammen lassen. - -Der Dachs war auch gehörig gewachsen, denn er lutschte täglich einen -bis anderthalb Liter Milch aus und wußte sich seiner Haut brav zu -wehren. Nach drei Wochen brauchte ich keine Angst mehr zu haben. Die -Hunde taten dem Dachs nichts und waren froh, wenn er sie in Ruhe ließ. -Er hatte nämlich die niederträchtige Gewohnheit, sie fortwährend in die -Hinterläufe zu beißen, und da sie ihm nichts tun durften, so kniffen -sie peinlich berührt, vor ihm aus, wenn er sich sehen ließ, oder -retteten sich auf Stühle und Bänke. Am traurigsten ging es dem Terrier, -dessen schwarzweiße Kopffarbe mußte den Dachs wohl an seine Mama -erinnern, denn sowie Bob auf der Bildfläche erschien, sauste Dächschen -hinter ihm her und versuchte zu saugen, eine Zumutung, die Bob stets -mit großer Entrüstung und Verlegenheit erfüllte. - -Mit der Zeit gewöhnten sich die Hunde so an den kleinen Grimbart, daß -sie mit ihm spielten, wobei oft Szenen entstanden, daß alle Zuschauer -Tränen lachen mußten. Am lustigsten sah es aus, wenn die Dackel ihn die -Treppe hinuntertrudelten und der Terrier Schleuderball mit ihm spielte, -indem er ihm mit der Nase unter den Leib fuhr und ihn die Treppe -hinaufbugsierte. Battermann dagegen tat nichts lieber, als den Dachs in -den Nacken zu packen und viertelstundenlang herumzuschleppen. Gar zu -gern hätte er ihn gewürgt, aber der Dachs ließ sich nie an die Kehle -fassen, immer schob er den Nacken vor und steckte die Nase weg, und -wenn es ihm der Teckel einmal zu toll machte, dann schlug er um sich, -daß es nur so brummte. - -Den Mai über verlebte ich im Harz, wo Battermann Gelegenheit hatte, -einen Bock zu arbeiten und einen alten Fuchs zu zausen, aber auch die -Staupe durchmachen mußte und seinen lieben Bruder Patzel durch einen -unglücklichen Zufall verlor. Als ich zurückkam, war der Dachs beinahe -stärker als der Teckel und ein ganz unverschämter Brite geworden, der -sich vor nichts mehr forcht. Nun war es höchst lustig anzusehen, wie -Battermann sich zu ihm stellte. Er hatte den Dachs zuerst nicht mehr -in der Erinnerung und fuhr ihm sofort an die Schwarte. Als der sich -aber gehörig wehrte und wir dem Hunde bedeuteten, daß er ihm nichts tun -dürfe, ignorierte er ihn vollständig und ging mir sogar aus dem Wege, -wenn er witterte, daß ich mich mit dem Dachs beschäftigt hatte. Er war -eifersüchtig und beleidigt. - -Eines Nachmittags nun lag ich auf dem Faulbett und las. Da der Dachs -mich fortwährend störte, stieß ich ihn zurück und sah dabei, wie -Battermanns Augen leuchteten. Ich lud ihn ein, bei mir Platz zu nehmen, -eine Gunst, die ich ihm noch nie gewährt hatte. Von diesem Augenblicke -an änderte der Teckel sein Benehmen gegen den Dachs; er hatte -eingesehen, daß er doch der Beste war, und spielte von nun an immer mit -Dächschen. Ihr Hauptspiel war Schliefen. Dächschen schliefte unter das -Faulbett, und Battermann versuchte hinterher zu schliefen. Dächschen -schlug tapfer um sich, Battermann lag fest vor und verbellte standhaft, -bis ihm die Sache zu langweilig wurde und er ihn beim Nacken herauszog, -worauf dann die wilde Jagd unter allen Stuhl- und Tischbeinen her -weiter ging. - -Bis dahin hatte Dächschen noch keine Miene gemacht, zu fressen oder -allein zu saufen, sondern interessierte sich nur für die Flasche. Eines -schönen Tages biß er sich an der Hand eines Bekannten, der ihn neckte, -den letzten Milchzahn aus. Eine halbe Stunde später stürzte er sich wie -rasend auf die Hundeschüssel und fraß den baß erstaunten Hunden ihren -schön geschmälzten, mit Fleischstückchen interessant gemachten Reis -vor der Nase fort. Von der Zeit an interessierte er sich auch lebhaft -für den Garten, murkste in allen Ecken herum, stach unter heftigem -Schnauben und Prusten unter den Efeueinfassungen und im Komposthaufen -und verzehrte schmatzend die fetten Regenwürmer und Salatschnecken, die -er zu Tage förderte, obgleich er tags vorher noch gehacktes Fleisch, -das ich ihm in den Rachen gestopft hatte, mit einer Gebärde tiefsten -Ekels im hohen Bogen ausgespieen hatte. Jetzt aber schlang er alles -hinab, was ihm vorkam; am liebsten nahm er Weißbrot mit Milch, aber -auch kalte Kartoffeln, Fleisch, Brot, Gemüse, rohe Mohrrüben und Obst -verschmähte er nicht, und die Herren Hunde mußten sich mittags beeilen, -wenn sie überhaupt etwas kriegen wollten. - -Je älter und stärker Dächschen wurde, um so unverschämter wurde er. -War er bei mir im Zimmer, so erlaubte er es nicht, daß ich ruhig am -Schreibtisch saß. Immer wollte er, daß man sich mit ihm beschäftigte, -und tat ich ihm nicht den Willen, so biß er mich empfindlich in die -Knöchel. War er gar im Keller eingesperrt, so keckerte er über das -ganze Haus und rappelte derartig an der Kellertür, daß es nicht zum -Aushalten war. Vor den Hunden hatte er schon längst keine Angst mehr. -Er jagte sie im Haus und Garten herum und brachte Battermann durch -sein ewiges Zwicken so in Wut, daß er sich mit einem Wutgeheul auf ihn -stürzte, und ihn nach allen Regeln der Kunst beutelte. - -Schließlich wurde der Dachs so unverschämt, daß nach längerem -Familienrat beschlossen wurde, ihn dem Zoologischen Garten zu verehren. -Er war kaum einige Tage da, so erschien ein Freund unseres Hauses und -teilte uns mit, der Dachs sei mit acht Eskimohunden zusammengesperrt, -die ihn schmählich mißhandelten. Tiefbetrübt eilte ich zum Zoologischen -Garten und stürzte nach den Eskimohunden. Da war kein Dachs, und als -ich den Wärter fragte, lachte der und sagte: »Der? den sollen die Hunde -mißhandelt haben? Umgekehrt war's! Ich habe ihn herausnehmen müssen, er -ließ die Hunde nicht ans Futter. Jetzt sitzt er bei den Affen!« - -Ach du lieber Himmel! dachte ich, denn wie gemein das Affengesindel -ist, das wußte ich. Als ich aber an den Rhesuskäfig kam, da spazierte -Dächschen ruhig und besonnen darin herum, fraß alles, was das liebe -Publikum durch das Gitter stopfte, und die Affen waren auf die höchsten -Akazien geklettert, trauten sich nicht herunter und hatten das Zusehen -gratis und franko. Wagte sich aber einmal einer von ihnen ins Parterre, -dann sauste Dächschen sofort hinter ihm her und stach ihm ganz gehörig -einen. Da er durch seine Erziehung an das Tageslicht und an die -Menschen gewöhnt ist, trieb er sich den ganzen Tag im Käfig herum -und amüsierte das Publikum durch sein fideles Wesen. Er hatte sogar -Radschlagen gelernt, von wem, weiß ich nicht. Die Affen gewöhnten sich -schon etwas an ihn, befolgen aber immer noch den alten Wahlspruch: -»Vis-a-vis is beeter as dichte bi«. Im Herbst war Dächschen halb -erwachsen, hatte sein Winterhaar angelegt und sah sehr stattlich aus. -Aber Dummheiten hatte er immer im Kopf; jeden Morgen, wenn die Affen -aus dem Schlafkäfig in den Freikäfig gelassen wurden und sich auf das -Wasserbecken stürzten, um zu trinken, gab Dächschen jedem von ihnen, -den er erwischte, einen Puff, daß er in das Bassin flog, und wenn die -nassen Affen herauskrabbelten, dann lachte er. - -Diese Beschäftigung genügte aber auf die Dauer seinem ungestümen -Tatendrange nicht, und er begann, den Asphaltestrich aufzureißen, was -er so gründlich besorgte, daß er in den Nebenkäfig gesperrt wurde. Dort -machte er es nicht besser, und so wurde ihm die hochherrschaftliche -Wohnung im Affenhause gekündigt und er mußte im alten Dachshause -Unterkunft suchen, was ihm zuerst durchaus nicht behagte, weil er eine -größere Wohnung gewöhnt war. - -Da die Backsteine und das Gitter seinem Zerstörungstriebe widerstanden, -suchte er sich andere Zerstreuung und die besteht darin, daß er -jedesmal, wenn einer seiner Nachbarn, der Stachelschweine, sich zu -sehr seinem Käfig nähert, ihm einen oder mehrere Stacheln mit großer -Behendigkeit ausrupft, die er dann, hat er gerade nichts Besseres, -ruhig und besonnen zerkaut. - -Heute noch, wo doch schon Jahre darüber hin sind, daß ich ihm die -Flasche gab, kennt er mich und wenn mein Trillerpfiff erklingt, stürzt -er aus seiner Höhle und wartet der guten Dinge, die da kommen sollen. - -Meine lieben Hunde aber sind alle tot. - - - - -Die Zeit der schweren Not. - - -Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem was am Berge lebte, -mißfiel er, alle, Maus und Eichhorn, Has und Reh, Fuchs und Dachs, -blies er in ihre Verstecke und Bussard und Krähe, Meise und Häher -pustete er über den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß es -knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus, die Rinde der -Eiche sprang, still stand der Graben und der Bach verschwand. - -Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande umher, dann verlor er -den Atem. Über den Berg stieg eine Wolkenwand, schwarzblau und schwer, -schob sich über den hellen, hohen Himmel und legte sich tief auf -das Land, bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den Bauch -aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag und eine -Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht, und so noch einmal, -bis alles zugedeckt war im Lande und auf dem Berge und so sauber -aussah und so reinlich, daß die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen -brachte Leben an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die Rehe -wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren aus ihren Gebäuden, -das Eichhorn verließ den Kobel und die Maus das Loch, Bussard, Krähe -und Häher tauchten auf und überall wimmelte es von buntem, lustigem -Kleinvogelvolke. - -Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete Blut und Tod. Der -tauende Schnee ballte sich und brach Äste und Bäume, er knickte die -Fichten und krümmte die Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der -Schnee sich mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der -Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen den Berg. Da -kam die Zeit der schweren Not. - -Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das Eichhorn behalf sich -mit Blattknospen und Rinde, der Hase rückte in die Kohlgärten, der -Dachs verschlief die hungrigen Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten -ab. Übel daran aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem -Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit waren die -Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar die Heide. Buchenknospen -und dürre Halme, trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was -der Berg an Äsung bot. - -Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen ein Reh trafen, da fiel -es ab. Der Hals wurde lang, die Dünnungen tief, rauh die Decke und -immer größer die Lichter. - -Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang, aber alle -Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach dem anderen trat durch die -Eiskruste des Schnees und zerschabte sich die Läufe. In jedem Wechsel -zeichneten sich blaßrote Flecke ab. - -Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter dem Berge auf, -schob sich über den hellen Himmel, legte sich über das Land, riß sich -an den Klippen den Pansen auf und schüttete Schnee auf das Gefilde, -einen ganzen Tag und eine volle Nacht. - -Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln und machte Eis -aus dem Schnee. Noch langsamer, noch vorsichtiger zogen die Rehe dahin, -mit Hälsen, so dünn wie Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und -wo sie zogen, da wurde der Schnee rot. - -Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh am ganzen Berge, das nicht -an den Läufen klagte. Das eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte, -bis es fiel. Ein anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf. -Ein drittes stürzte halb verdurstet in die Quellschlucht und erstarrte -im eisigen Wasser. - -Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da. Sein Tisch war gedeckt, -war reicher beschickt, als zur Maienzeit, wenn alle Mäuse hecken und -das Feld von Junghasen wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden -sein und Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten Meisen -blieb noch Fraß genug übrig, und die Waldmäuse nagten die letzten -Sehnenfetzen von den Knochen. - -Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod seinen Belauf im Berge -ab. Selbst die Hasen schonte er nicht; mancher von ihnen, der sich am -gefrorenen Kohl verdarb, füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu -Tag mehr in die Breite ging. - -Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu Baue. Vor der Dickung -lag ein gefallenes Reh, an dem er sich schon eine Nacht gütlich getan -hatte. Doch als er die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine -seltsame Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert -hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück lag, schnürte er, und -eine geschlagene Stunde dauerte es, ehe er sich ein Herz faßte und -heranschlich. Und da stand er und windete und äugte lange Zeit, und -schließlich schnürte er mit hängender Lunte und angelegten Gehören -mißmutig ab, denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und -einige Deckfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, als die -niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung. - -Aber der Tod ging immer noch durch den Wald und er schlug Stück um -Stück mit harter Hand. Der Fuchs verlor den Mut nicht. Behende trabte -er von Wechsel zu Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke -Fährte stand, und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie -zu halten. Es schneite und schneite und der Wind pfiff böse; er schob -den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, fegte ihn hier zusammen, -kehrte ihn dort fort, verdeckte auf weite Strecken die Rotfährte und -verwischte sie endlich völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs -ab; er nahm die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und -er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen Schneewächte -unterging. Da saß er eine ganze Weile auf den Keulen und dann schnürte -er weiter, hungrig, müde und verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen -ab; sie waren leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er -trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort unten so, wie -oben. - -Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse zu passen. Als er -dort angelangt war, vergaß er alle Mäuse, denn er fand die kranke -Fährte wieder. Eilig, aber behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis -zu dem Fichtenmantel unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn -immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den Fichten, da fuhr -er wie besessen heraus und stob in das Feld zurück. Denn in den Fichten -war es nicht geheuer. Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als -wenn ein Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft und -geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen und zu schnarchen -vermag. - -In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der krausen Feldeiche -und überlegte. Dann holte er sich Wind. In weitem Bogen trabte er -am Vorberge entlang, verschwand bei der Quellschlucht im Altholze, -schnürte hoch über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich -vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, kam der -Fuchs bei den Fichten an. Da war es still und einsam. Der Fuchs schlich -näher, den vollen Wind nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam -schlich er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung -entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite Witterung, die -fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die er bei dem gefallenen Stücke -wahrgenommen hatte, das ihm verloren gegangen war, eine unbekannte, -verdächtige, absonderliche, geheimnisvolle, niederträchtige Witterung, -zwar keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich -und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der Ton! Ein Blasen, -Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts oft aus den Ställen bei den -Gehöften kommt. Der Fuchs drehte um und stahl sich davon. Er traute dem -Frieden nicht. - -Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu Bett. Das -Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es lauter in den Fichten, -da krachte es im Schnee, brach es in dem Fallholz, und schwarz und grob -schob es sich aus der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind, -trat dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee krachend -zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind und nahm dann den Fraß an. - -Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel entlang strich, um -eine Maus zu schlagen oder einen Vogel aus dem Verstecke zu klatschen, -rüttelte einen Augenblick neugierig über der kleinen Lichtung, von der -ein lautes, gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt -mit dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von Knochen. Dann -strich die Eule ab; wo es so laut war, gab es für sie nichts zu fangen. - -Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages den Tannenmantel -absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh gelegen hatte, nur noch die -Schalen, einige zertrümmerte Knochen und etliche Fetzen der Decke in -dem zerwühlten, niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte -der von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen. - -Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem Fuchs bescherte er -nicht. Jedes Stück, das Hunger und Hartschnee umwarfen, verschwand im -Gebräche der Sau, so daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war, -die Zeit der schweren Not. - - - - -Des Rätsels Lösung. - - -Waldmann ist unter die Philosophen gegangen. Etwas Rätselhaftes -ist in sein Leben getreten, etwas Mystisches, Unbegreifliches, -Transzendentales. - -Was mag das wohl sein, wovon morgens immer der Hof des Forsthauses eine -so sonderbare Witterung hat? Die Katze ist es nicht, eine Ratte auch -nicht? Also: »Was ist es?« - -Es gibt mehr Dinge zwischen dem Hundehause und der Belaufsgrenze, als -eine Hundenase verstehen kann. Das ist das Ergebnis der philosophischen -Betrachtungen Waldmanns, ein Ergebnis, das ihm seine ganze Gemütsruhe -genommen hat. Es ist ein Tier, aber ein unbekanntes Tier, das eine ganz -andere Witterung hat, als Fuchs und Dachs und Has' und Reh und Hirsch -und Sau, und auch eine andere, als Igel und Wühlratte und Wiesel und -Eichkater. - -Es kommt nachts aus dem Schweinestalle und geht in den Torfschuppen. -Manchmal bleibt es drei Tage aus, aber am vierten ist es wieder -dagewesen. Einmal war es eine volle Woche fort und Waldmann dachte -kaum mehr daran. Dann auf einmal roch wieder der Wechsel zwischen -Schweinestall und Torfhaus so stark danach, daß Waldmann wie toll hin- -und herlief und winselte und kratzte und kläffte, bis der Hegemeister -fragte, ob er nicht ganz klug sei. - -Wenn Waldmännchen mit seinem Herrn im Revier war, vergaß er die -unerklärliche Witterung, draußen gab es immer so schrecklich viel zu -schnüffeln und ab und zu auch etwas zu zausen; heute einen Fuchs, -der die Kugel zu kurz bekommen hatte, und dann ein geltes Tier, das -Waldmann arbeiten mußte, weil Hirschmann, der sich den Vorderlauf -vertreten hatte, zu Hause geblieben war. Das war ein großes Vergnügen, -am Riemen auf der Rotfährte nachzuhängen, und ein noch größeres, -das Stück zu Stande zu hetzen, und das größte, es an der Drossel zu -schütteln, als es im Fangschusse zusammenbrach. Bei solcher hohen -Arbeit vergaß Waldmann das unheimliche Wesen, das Nacht für Nacht auf -dem Hofe umging. - -Sobald er aber in die Nähe des Hauses kam, schoß ihm der Gedanke -daran in den Sinn. Und wenn er noch so hungrig war und die Frau -Hegemeisterin ihn auch noch so gut fütterte, so fuhr er doch zuerst auf -den Schweinestall los, steckte seine Nase zwischen die Planken, kratzte -und winselte, schnüffelte sich dann bis zum Torfschuppen hin, benahm -sich da ebenso, wie beim Schweinestalle und schlich schließlich mit -nachdenklich gerunzelter Stirn und hängender Rute in das Haus, und der -Hegemeister lachte und meinte: »Unser Waldmann hat den Rattenkoller. -Wir wollen Fallen aufstellen!« Und am anderen Morgen schlug sich -Waldmann in der Waschküche zwei dicke Ratten um die Behänge, und dann -schoß er wieder auf den Schweinestall los und fing an zu schnüffeln. - -Eines Abends, als er auf der Sauschwarte vor dem Sessel saß, fuhr -er wie wahnsinnig zur Türe, riß beinahe das Mädchen um, das mit dem -Nachtmahl hereinkam, rannte in den Hof und kläffte und winselte an dem -Torfschuppen herum, bis der Knecht mit der Laterne kam und ihn in den -Schuppen hineinließ. Da schoß Waldmann nun hin und her, sprang an den -Wänden hoch, kletterte über die Törfe, schnaufte in alle Ecken hinein, -bis er von dem Torfmull einen Husten bekam, und zog schließlich, von -dem Hegemeister weidlich ausgelacht, vergrämt wieder ab. Mürrisch lag -er während des Abendessens auf seiner Sauschwarte, und selbst der -Todesschrei der Wurst, wie der Hegemeister es nannte, wenn er der -Mettwurst die Haut abriß, lockte ihn nicht an den Tisch. - -»Lacht mich nur aus,« dachte er, »wer zuletzt lacht, lacht am besten! -Ich habe es deutlich vernommen, daß da etwas auf dem Hofe war, und es -war nicht Müschen, die Katze, und eine Ratte war es auch nicht, und es -war etwas, das ich nicht kenne, das ich noch nicht gewürgt habe. Wer -weiß, ob es nicht ein ganz gefährliches Tier ist, ein Tier, das die -Schweine fressen will oder den Torf. Ich muß aufpassen, daß es kein -Unglück gibt. Herrchen ist ja der klügste Mensch, den ich kenne, aber -gegen uns ist er doch ziemlich dumm, und seine Nase ist auch nicht -besser, als die anderer Menschen, sonst würde er es nicht aushalten, -das Zeug zu rauchen, das ich für den Tod nicht ausstehen kann, und -Apfelsinen zu essen und Bier zu trinken, Dinge, die jeder feinen Nase -entsetzlich sind!« - -Als der Hegemeister in das Bett wollte, sah er, daß Waldmann noch -einmal nach dem Wetter sehen wollte, und er ließ ihn hinaus. Wieder -ging das Hin- und Hergerenne und das Gewinsel los; und als sich der -Hegemeister zu dem Hunde hinunterbückte, um zu sehen, was er an dem -Torfschuppen zu kratzen habe, da sprang Waldmann an ihm empor, pfiff in -den höchsten Tönen und stellte sich an, als hinge das Wohl und Wehe des -ganzen Hauses davon ab, daß die Sache ihre Aufklärung erführe. Und der -Hegemeister ließ ihn in den Schuppen und half ihm oben auf die Törfe; -da lief Waldmann hin und her und machte einen Lärm, wie eine ganze -Meute, bis schließlich ein halbes Hundert Törfe ins Rutschen kamen und -mit dem Hunde dem Hegemeister um die Beine polterten. Und da hieß es -denn wieder: »Nun komm, Waldmann, und rege dich nicht um die albernen -Ratten auf!« Als aber mitten in der Nacht Waldmann mit fürchterlichem -Gekläffe aus seinem Korbe schoß, vom Boden auf den Korbsessel und von -da gegen das Fenster sprang, da wurde es seinem Herrn denn doch etwas -zu bunt, Waldmann bekam einen Pantoffel an den Hals und wurde in einer -Weise angeschnarcht, die ihm durchaus nicht paßte. - -Deshalb muckte er denn auch den ganzen folgenden Tag; er ließ seine -Milch stehen, ging seinem Herrn aus dem Wege und verkniff sich das -Pfeifen und Wedeln, als er mit in den Wald durfte. Um ihn wieder zu -versöhnen, schoß ihm sein Herr eine Eichkatze; aber anstatt sie mit -großem Getöse abzuschütteln und mit Stumpf und Stiel zu verspeisen, -wie er es sonst tat, beroch er sie kaum und ließ sie liegen, und der -Hegemeister schüttelte den Kopf, lachte und sagte nachher zu Hause: -»Der Hund trägt es mir jetzt noch nach, daß ich ihm heute nacht den -Pantoffel an den Kopf warf.« Aber das hatte Waldmann nicht so übel -genommen, als das Anschnauzen und vor allem hatte ihn der Ausdruck: -»Kartoffelkopp« tief gekränkt. So wedelte er beim Abendbrot noch nicht -einmal, als ihm eine Fetthaut von der Leberwurst hingeworfen wurde, und -es dauerte fast fünf Minuten, ehe er geruhte, sie zu verspeisen. - -Er war auch mehr traurig, als wütend. Ist es denn möglich, daß die -Menschen essen und trinken und lachen können, während es draußen -umgeht? Wer weiß, ob nicht schon heute nacht das schreckliche Wesen -sich in das Haus schleicht und irgend ein Unheil anrichtet! Und deshalb -schlüpfte Waldmann, als das Mädchen abdeckte, zur Türe hinaus und war -und blieb verschwunden, ob auch der Hegemeister pfiff und pfiff. Die -ganze Nacht blieb er draußen, bald auf der Schwelle lauernd, bald am -Schweinestalle oder am Torfschuppen schnüffelnd, aber er fand nichts, -und als die Magd in aller Frühe in den Stall ging, schlich Waldmann -sich beschämt in das Haus, kroch unter den Herd und ließ sich erst -wieder blicken, als es etwas zu fressen gab. Der Hegemeister war dann -noch so taktlos, ihn zu fragen, ob er im Dorfe ein Stelldichein gehabt -habe, eine Äußerung, die nicht geeignet war, Waldmann in bessere -Stimmung zu versetzen. - -Eines Tages aber wurde er glänzend gerechtfertigt. Der Knecht kam -herein und sagte: »Wir haben nämlich die erste Neue, Herr Hegemeister, -und ich glaube, der Waldmann der war nämlich klüger als wir alle -zusammen. Vom Schweinestall bis zum Torfschuppen spürt sich nämlich ein -Iltis hin und her. Und nun weiß ich nämlich auch, warum das morgens -auf dem Hofe immer so mulsterig roch und ich glaube nämlich, wir tun -dem Hunde den Gefallen und machen ordentlich Blechmusik, indem das -nämlich der Iltis für den Tod nicht vertragen kann. Bei dem vorigten -Hegemeister wurde das nämlich auch immer so gemacht. Der stellte sich -nämlich mit der Flinte an und wir ließen die Hunde in die Ställe und -machten mit Kasserollen und Sensen Lärm und dann sprang er nämlich, der -Iltis, und entweder wurde er geschossen oder die Hunde kriegten ihn zu -fassen.« - -Der Hegemeister lachte und sagte: »Dann wollen wir das nämlich so -machen.« Und so ging die Geschichte los. Der Knecht und die Line -und sogar die Frau Hegemeisterin nahmen Topfdeckel und zogen in den -Schweinestall, der Hegemeister machte scharf und stellte sich auf dem -Hofe an und Waldmann wurde in den Stall geschickt. Aber als der Lärm -los ging, machte er, daß er fortkam und schlüpfte in den Torfschuppen -und winselte da so lange herum, bis der Knecht ihn hineinließ. Da -stellte sich Waldmann ganz wild an, so wild, wie er wurde, wenn er -eine kranke Sau verbellte, und er scharrte und kratzte an dem Torfe -herum, daß der Hegemeister sagte: »Johann, schmeiß einmal die Törfe -auseinander.« - -Das tat Johann auch und Line mußte derweilen weiter mit den Topfdeckeln -klappern. Auf einmal schrie sie auf, ließ die Deckel fallen, hielt sich -die Röcke zusammen, rannte dem Hegemeister vor den Leib, daß dem die -Pfeife aus dem Munde fiel, und ehe er und der Knecht eigentlich wußten, -was los sei, fuhr etwas Schwarzes zur Türe hinaus und hinterher sauste -Waldmann. Und da hörten sie auch, wie die Frau Hegemeisterin schrie: -»Bravo, Waldmann, bravo! Er hat ihn, er hat ihn! Hu, faß den Stinker, -so recht, so schön, Waldmann!« Als der Hegemeister und der Knecht und -Line auf den Hof kamen, war der Fall schon erledigt. Waldmann stieß den -Iltis, der nur noch ein ganz wenig zuckte, hin und her, schlug ihn sich -noch einmal um die Behänge, trug ihn dann ins Haus und legte ihn auf -seine Sauschwarte, wo er ihn von neuem beroch, bis der Hegemeister den -Iltis aufnahm und dann den Hund abliebelte. - -»Bravo, Waldmann!« Na, das ging Waldmann ja ganz glatt hinunter, aber -er dachte doch bei sich: »Ihr hättet mir viel Ärger und Kummer ersparen -können, wenn ihr eher auf den Gedanken gekommen wäret, daß ich immer -recht habe, wenn ich mich aufrege. Aber euch fehlt eben die Nase und so -kann man euch schließlich nichts übel nehmen.« - - - - -Das Eichhörnchen. - - -Es ist noch ganz grau im hohen Holze. Und ganz still ist es. Der -Nordost, der drei Tage und drei Nächte tobte, hat sich gelegt. Dem -scharfen Nordwest hat weiche Südwestluft Platz gemacht. Das gefällt den -Rehen, die langsamer als in den drei letzten Tagen den Dickungen am -Hange zuwechseln, ab und zu im Schnee nach Obermast plätzend, und dem -Kauz sagt die laue Luft gleichfalls zu; so laut, als wäre es im April, -jauchzt er auf und dann streicht er lautlosen Fluges zwischen den -dunkelen Stämmen der Buchen einher. - -In der dicken, schwarzen Kugel, die in der höchsten Zwille der -langschäftigen Buche schwebt, knistert es leise. Ein halblautes -Schnalzen ertönt von da. Der Fuchs, der leise den Holzweg -hinaufschnürt, verhofft und lauscht empor, aber mißmutig trabt er -weiter. Das ist nichts für ihn. Es hat zwar Haare und keine Federn, es -hält sich zuzeiten auch auf dem Boden auf, aber wenn man denkt, man hat -es, macht es einen Riesensprung und rasselt den nächsten Baum in die -Höhe, wippt mit dem Schwanz und schimpft: »Kwutt kwutt kwuttkwutt,« so -wie das da oben. - -Bei der schwarzen Kugel hoch oben in der Buchenzwille raschelt es -stärker. Die Eichkatze hat ihr Nest verlassen und putzt sich. Ab und zu -hebt sie den Kopf und schnuppert in den Wind hinein. Das Wetter gefällt -ihr. Ein bißchen zu dunkel ist es zwar noch, aber da unten über den -schwarzen Hügeln wird der Himmel schon rot. Und der Hunger ist groß. -Drei Tage und drei Nächte vom eigenen Fette zu leben, das hält nicht -vor. Wer weiß, wie lange das gute Wetter anhält? Dem Februar ist nicht -zu trauen. Morgen regnet es vielleicht schon wieder Schlackschnee und -dann heißt es abermals: schlafen und hungern. - -Die Eichkatze rückt auf dem Aste hin und her, schnuppert an der Rinde, -knappert ein paar dünne Knospen ab, und ist mit einem jähen Satze in -der nächsten Krone. Dünn sind die Zweige und brüchig vom Frost, aber -ehe sie dazu kommen, abzubrechen, sind sie die Last schon wieder los, -federn rasselnd empor und die Eichkatze rennt schon über einen Zweig -in dem folgenden Baume, wirft sich in den vierten, schlüpft einen -dünnen Ast entlang, daß er sich tief biegt und sie in den fünften Baum -befördert, und dann noch ein Sprung und noch einer und sie fällt in den -Wipfel der alten Samenfichte. - -Hastig geht es einen langen Ast hinunter, fast bis in die Spitze. -Schwer beladen war er im Herbste mit langen Zapfen, wenige hängen nur -noch daran. Einen nach dem anderen holte sich das Eichkätzchen und -half sich mit der mageren Kost über manchen strengen Wintertag. Der -ganze Boden unter der Fichte ist besät mit den rostroten Schuppen, -überall ragen die Zapfenquirle aus der Schneedecke hervor und auf den -halbverschneiten Felsbrocken liegen in ganzen Haufen die Überreste der -kärglichen Mahlzeiten. Und zwischen dem Geröll liegen auch allerlei -Knochen, die die Eichkatze auf den Frühstücksplätzen der Holzhauer -fand und hierhin schleppte, um die Fleischrestchen abzunagen und die -knorpligen Enden, und wenn gar nichts Eßbares mehr daran saß, so nagte -es doch jeden Tag aus Langeweile daran herum. - -Der Rehbock, der in Wipfelhöhe der Fichte am Hange hinzieht, macht eine -jähe Flucht und zieht laut schreckend ab, denn vor ihm rauscht und -rasselt es ganz gefährlich. Die Eichkatze hat einen Zapfen losgebissen, -hält ihn im Maule und klettert mit ihm kopfüber den Stamm hinab, ganz -eilig, aber ab und an innehaltend und nach allen Seiten spähend. Dann -ein Sprung und sie sitzt auf ihrem Felsblocke, hoch aufgerichtet, -zur Flucht bereit, falls etwas Verdächtiges nahen sollte. Aber es -kommt nichts Arges. Da hinten ziehen die Rehe durch den rotlaubigen -Buchenaufschlag, ein Hase hoppelt langsam bergan, ein Zaunkönig -schrillt im Geklüft. Schnell dreht die Eichkatze den Zapfen mit den -Vorderfüßen um, die gelben Nagezähne fassen die Schuppen, beißen sie -durch, und hastig nehmen die Lippen ein Samenkorn nach dem anderen -fort. Eben war das Ding noch ein glatter, schöner Tannenzapfen, jetzt -liegt nur noch der Kern hier und rund herum bedecken die Schuppen den -grauen Stein. - -Es ist ganz hell im Holze geworden. Die grauen Stämme schimmern -silbern, die Schneedecke des Bodens leuchtet goldig. Zwitschernd und -pfeifend lärmt ein Flug Zeisige über den Wald hin, der Häher kreischt, -ein Bussard klagt. Die Eichkatze hüpft rastlos unter den Fichten umher, -kratzt hier, scharrt da, schnüffelt dort, macht alle Augenblicke ein -Männchen, heftig mit den langpinseligen Ohren zuckend und die Rute -schnellend, dann ganz regungslos verharrend, und schließlich wieder -hastig über den Boden schlüpfend, jetzt einen Zweig der Knospen -beraubend, dann eine Buchennuß zerknappernd, und nun einen weißfaulen -Ast zerfasernd, in dem die Puppen von Käfern stecken. - -Dann auf einmal rennt sie wie gehetzt zu Tale, ohne auch nur einmal -Halt zu machen, ohne rechts und links zu äugen, und erst am Rande des -Holzes hält sie ein. Da recken einige dicke Eichen ihr graues Astwerk -über dichtem Buschwerk von Schlehe, Weißdorn und Wildrose. Ohne sich -zu besinnen, fährt das rote Tier in das hohe gelbe Gras, springt -hierhin, hüpft dahin, kratzt den Schnee fort, scharrt das Laub auf, -zernagt gierig eine Eichel, verspeist eilig eine Mehlbeere, schält den -Schlehenstein aus seiner Hülle und knackt ihn auf, schärft die Zähne an -einer Abwurfstange vom Rehbock, wie so manches Mal schon, tut sich an -drei Pflaumenkernen gütlich, die im Herbste der Jäger von dem Hochsitze -warf, findet noch eine dicke Brotrinde, einen Apfelkropf mit vielen -leckeren Kernen und zuletzt noch zwei Schweinsrippen mit schönen mürben -Knorpelenden. - -Nun, da der Magen ruhig ist, findet die Eichkatze, daß es ganz allein -ein langweiliges Leben im Walde sei. Die Sonne scheint so schön warm, -da gelüstet es sie nach einem kleinen Spiele kopfüber, kopfunter, -stammauf, stammab. Den ganzen Winter hat sie solche Anwandlungen nicht -gehabt; sie war froh gewesen, wenn ihr keiner von ihrer Sippe in den -Weg kam, denn ob rot oder grau, braun oder schwarz, Weibchen oder -Männchen, Hunger hatten sie alle und so ganz viel gibt es wintertags im -Bergwalde nicht. Aber wenn der Februar auf die Neige geht, dann sehnt -man sich doch nach Gesellschaft und ist froh, wenn man auf eine frische -Fährte stößt, in der Sonne eine rote Lunte leuchten sieht oder auf dem -Geäst das bekannte Gerassel und das liebe Schnalzen und Fauchen hört. -Und so, ganz Ungeduld und Sehnsucht, hopst das Eichhörnchen an der -Holzkante entlang, bäumt zur Abwechslung einmal auf, holzt eine Weile -weiter, geht wieder zu Boden und fährt dort erschreckt zusammen. - -Denn von der anderen Seite kommt auch etwas den Pürschsteig entlang in -schnellen, hastigen Sprüngen. Und jetzt macht es auch Halt. Steif sitzt -es da, ein kohleschwarzes Männchen mit schneeweißer Brust. Prächtig -sieht es aus; die grauen Spitzen der Haare geben dem Balge einen blauen -Schein. Steif sitzen die beiden Eichkatzen sich gegenüber. Ab und an -zuckt eines mit dem Schwanz. Dann schimmert es hier kupferrot in der -Sonne und dort stahlblau. Jetzt macht das schwarze Männchen einen -Satz und sofort schnalzt das rote Weibchen und wendet um. Über den -hellen Schnee und das rote Laub geht die Jagd, in einem Fichtenhorste -verschwindet das Weibchen und fährt wieder heraus, und hinterher saust -der schwarze Verfolger, folgt ihr in die Bachschlucht, rasselt über das -Lufteis, flitzt über die Felsblöcke, hopst die Klippe hinab und prallt -auf eine dritte Eichkatze, eine große, braunrote, deren Balg ganz grau -bereift ist. - -Das fuchsrote Weibchen hängt unten an dem Stamme einer Buche und äugt -regungslos hinter sich. Regungslos sitzen die beiden anderen auf ihren -Keulen, die Vorderpfoten fast bis zu den Schnurrhaaren erhoben, die -Ruten in schönem Schwunge fest an den Rücken gelegt. Sie sitzen und -stieren sich an. Der Specht schilt, der Häher schimpft; sie rühren sich -nicht. Eine Kohlmeise zetert; noch immer sitzen sie da. Da raschelt es -hinter ihnen im Laube. Steil richten sich die beiden Männchen auf, das -Weibchen macht einige Sprünge am Stamme empor, und dann jagen ihm die -beiden Männchen nach, das schwarze und das rotbraune, und noch eins, -ein fuchsrotes mit breitem schwarzen Rückenstrich und dunklem Schwanze, -das der Spur des Weibchens gefolgt ist. - -Specht und Häher und Kohlmeise und Spechtmeise und Zaunkönig schimpfen -mörderlich, denn das ist ihnen denn doch ein bißchen zu viel des Lärms. -Das ist ja beinahe so schlimm wie gestern, als der Nordwest im Walde -herumtolpatschte. Das rasselt und prasselt und klirrt und klappert, -hier fällt ein Zweig, da plumpst ein Ast, jetzt rieseln Tannennadeln -und nun knistern Flechten hernieder, und bald hier, bald da schnalzt -und faucht und quietscht es, jetzt wirbelt es durch die alte Fichte, -nun saust es in der entwurzelten Buche, daß die drei Rehe ganz unruhig -hin- und hertreten und die Dompfaffen schleunigst machen, daß sie -weiter kommen, und dann fährt der Hase, der in seinem Lager unter der -dichtbelaubten Jungbuche am Verdauen war, entsetzt heraus, einen Regen -von Schnee um sich werfend, denn es fiel plötzlich etwas rasselnd in -den Busch. - -Das war die rote Eichkatze gewesen, der es nachgerade zuviel wurde -mit der Anbeterei. Keinen Augenblick hatte sie Ruhe gehabt seit einer -vollen Stunde. Bald war ihr das schwarze Männchen auf den Fersen, bald -das braune, und wenn die beiden sich balgten, dann hatte sie es mit -dem schwarzrückigen zu tun. Wurde der von dem braunen abgebissen, dann -rückte ihr der schwarze auf den Leib, und so ging es in einem fort, -bis es ihr zu dumm wurde und sie sich, als die drei in einem einzigen -Klumpen verfilzt von der einen Seite der Fichte in den Schnee kugelten, -von der anderen Seite in den Buchenbusch fallen ließ. Da sitzt sie -nun, ein bißchen außer Atem, putzt sich, leckt sich und sieht den drei -Männchen nach, die nach drei Richtungen hin im Walde verschwinden. Dann -eilt sie in hastigen Sprüngen auf die Klippenwand zu. - -Das ist ihre Hauptspeisekammer im Winter. Dort steht ein krummer -Lindenbaum, der alle Jahre trägt. Vier alte Nußsträucher spreizen -sich dort unter zwei sturmzerfetzten Samenfichten, und obgleich dort -keine Eiche wächst, so sind in den Felsspalten immer Eicheln zu -finden, die die Häher hierhin vertragen, und die alte Buche wirft -jedes zweite Jahr reichlich Früchte in die Schlucht, die dort vor -den Mäusen sicher sind, weil es dort immer nach Fuchs riecht. Auch -ein Wildapfelbaum schiebt sich aus der Wand, am Ausgange der Schlucht -stehen Vogelkirschen und an Schlehen, Weißdorn und Rosen mangelt es -nicht. Ist es mit der Kost im Walde einmal schlecht bestellt, hier -findet sich immer etwas für den Magen und unter der Felswand gibt es -das Feinste, was der Wald zu bieten hat, dicke, würzige Trüffeln. -Nicht weit davon liegt das Forsthaus, und in dem Garten wachsen Äpfel, -Birnen, Pflaumen, Kirschen und Walnüsse. Ein bißchen lebensgefährlich -ist es dort freilich, denn seitdem der Förster dahinter gekommen ist, -wer ihm seine Birnen zernagt und seine Nüsse fortschleppt, paßt er sehr -auf, doch vor Tau und Tag lebt es sich da herrlich. - -Das wissen alle Eichhörnchen am Berge und darum finden sie dort immer -Gesellschaft, und kaum ist das rote Weibchen dort angelangt, so ist -auch schon ein braunrotes Männchen bei ihm, das ihm eifrig den Hof -macht. Anfangs ziert sich das Weibchen und es gibt eine kleine Hetzjagd -durch Busch und Kraut, über Stock und Stein, aber es ist noch müde von -vorhin und da das Männchen mit seinen Liebenswürdigkeiten nicht abläßt, -wird es quer über die Nase gekratzt und tüchtig in die Lippe gebissen -und zieht schließlich ab. Während der warmen Mittagsstunden turnt das -Weibchen dann bedächtig an der Wand herum und sucht im Laube nach -Eicheln und Buchnüssen. Nachmittags aber, als die Sonne hinter Wolken -verschwindet, sucht es sein nächstes Nest in der gegabelten Fichte auf, -einen weichen, warmen Kobel, den es stets bezieht, wenn es der Abend -hier bei den Klippen überrascht. - -Die Tage kommen, die Tage gehen. Weiches Wetter tritt ein, und die -Eichkatze ist den ganzen Tag in Bewegung. So manchen Käfer scharrt sie -aus dem Laube und findet Raupen und Puppen unter dem Moose. Als sie -dann noch die Fütterung entdeckt, wo der Förster den Rehen Eicheln -schüttet, da geht es ihr besser, als bisher, und ohne sich um die Rehe -zu kümmern, holt sie sich Tag für Tag ihr Teil, schleppt auch manche -Eichel beiseite und stopft sie unter das Moos oder verbirgt sie in -Fels- und Baumritzen. Fällt kalter Regen aus den Wolken oder bläst eine -rauhe Luft, dann verschläft sie einen Tag oder auch zwei, und ist das -Wetter heiter, dann läßt sie sich auch wohl wieder zu lustiger Balgerei -und fröhlicher Hetz mit irgend einem netten Männchen herbei, das ihr in -den Weg läuft. - -Schließlich hörte diese Spielerei auf. Die Männchen laufen ihm nicht -mehr nach und das Weibchen hat andere Sachen im Kopfe. In einer -ganz langen, hochschäftigen Buche baut es ein ganz großes, festes, -dickwandiges Nest. Es gibt sich viele Mühe damit. Fortwährend schleppt -es Moosbüschel, welkes Gras, dürre Würzelchen und trockenes Laub -herbei, filzt Schicht auf Schicht mit den Vorderpfoten zusammen, -dreht sich so lange darin herum, bis die Höhlung glatt und eben ist, -setzt ein dichtes Dach darauf, stopft jede Ritze zu, in die der Wind -hineinschnauben könnte, und läßt nur im Osten ein Schlupfloch, das aber -leicht verschlossen werden kann, wenn der Wind von der Morgenseite weht. - -Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen. Die rote Eichkatze ist jetzt -nicht mehr so oft zu sehen. Ganz früh am Morgen sucht sie nach Nahrung -und in der Abenddämmerung, und gierig fällt sie über alles her, was -sie vorfindet. Jeder Käfer ist ihr recht, jeder Schmetterling wird -mitgenommen. Die Morchel im Laube verschwindet unter den schnellen -Zähnen und die Blütenknospen des Ahorns werden ebensowenig verschmäht, -wie die keimende Eiche und die treibende Buchecker. Magerer noch als -der Winter ist die Frühlingszeit und die Eichkatze hat vierfachen -Hunger, denn in ihrem Neste im Buchenwipfel liegen sechs junge -Eichkätzchen, und deren sechs Mäulchen müssen gestillt sein. Da heißt -es denn: fressen, was zu fressen ist, damit die Kleinen satt Milch -bekommen. - -Je größer sie werden, um so gieriger sind sie, und mit der Kost wird -es nur langsam besser. Maikäfer sind noch nicht da und die Raupen sind -noch gar zu klein. Eicheln und Bucheckern gibt es nicht mehr und die -Knospen sind alle aufgesprungen. Die schlimmste Zeit im Jahre ist es -für die Eichkatze, wenn die Buche ihr Blatt entfaltet. Hunger, Hunger, -immer Hunger, und so dürftige Kost! Bei der Käfer- und Raupenjagd stößt -sie auf ein Drosselnest. Die blauen Kugeln sehen so blank aus, wie -reife Eicheln. Am Ende schmecken sie auch so. Das, was herausquillt, -ist ein bißchen naß, aber schmeckt nicht schlecht, und es stillt den -Hunger. Da ist schon wieder ein Nest. Eier sind nicht darin, nur -nackte Vögel. Sie piepen erbärmlich, und die Alte flattert wild und -schimpft und zetert, aber es ist doch besser, als Baumrinde oder junge -Sprossen und die Hauptsache ist, es sättigt mehr, als das sechsbeinige -Grabbelzeug, das im Moose und Grase herumwimmelt. - -Endlich burren die ersten Maikäfer, die Raupen nehmen zu an Länge -und Dicke und die Grashüpfer werden immer fetter. Nun läßt es sich -allmählich schon leben im Walde. Außerdem liegt an der Waldstraße -ein eingegattertes Stück Land, in dem sind Löcher und darin stecken -Eicheln, die zwar schon stark keimen, aber noch ganz leidlich sind. -Wie die sechs Jungen die Milchzähne verloren haben und auf eigene -Gefahr ihre Nahrung suchen, da gibt es schon allerlei bessere Sachen. -Hier und da findet sich ein leckerer Erdpilz, die Nüsse haben kleine -milchige Kerne, es wimmelt von Raupen, Puppen und Heuhüpfern und die -Roggenähren lohnen schon eine Fahrt zu den Feldern am Waldrande; von -den tiefherabhängenden Hainbuchenzweigen aus lassen sich die Ähren -leicht pflücken und aushülsen. Das herrlichste aber, was der Wald in -dieser Zeit zu bieten hat, das ist der säuerliche, schäumende Saft, der -aus den alten Eichen quillt. Jeden Tag um die elfte Stunde findet sich -die Eichkatze dort ein, jagt die Schmeißfliegen und Hornissen fort, die -sich dort laben, und leckt den gärenden Saft ab, bis ihr ganz sonderbar -im Kopfe wird und sie anfängt, wie unklug hin und her zu springen, zu -schnalzen und mit dem Schwanze zu schnellen, als wäre es Vorfrühling. -Alle Vorsicht und Aufmerksamkeit vergißt sie über ihrem Rausch und wenn -sie sich nicht im letzten Augenblicke in das Gebüsch gestürzt hätte, -so wäre sie in den Fängen des Habichts geblieben, der wie ein Schatten -durch das Geäst fuhr. - -An Gefahren mangelt es überhaupt im Walde nicht. Vor dem Habicht ist -die Eichkatze nie sicher. Mitten im fröhlichsten Hetzspiel griff er -ihren letzten Liebhaber, das kohleschwarze Männchen, und strich damit -ab. Zwei von den Jungen, die noch recht unbeholfen waren, fing an zwei -Abenden nacheinander der Kauz. Dreimal mußte sie sich kopfüber aus -ihrem Neste zu Boden werfen, als der Edelmarder sie fassen wollte, und -einmal hetzte er sie am hellen Tage über eine halbe Stunde lang von -Baum zu Baum, bis sie sich aus der Pappel in den Teich fallen ließ und -sich zitternd im Schilfe versteckte. Aber allmählich ist sie so gewitzt -geworden, daß sie die Gefahr zu meiden weiß. Gleichwohl ging es ihr -ab und zu hart am Leben vorbei. Einige hundert Schritte vom Waldrande -steht ein hoher Birnenbaum im Felde. Der Bauer, dem er gehört, bekommt -niemals eine Birne davon, denn ehe sie reif sind, hat das Eichhörnchen -eine nach der andern durchgebissen und die Kerne verzehrt. Eines Tages -erwischte sie aber der Bauer dabei und schickte seinen Jungen in den -Baum, während er mit dem Hunde unten wartete. Der Junge stieg ihr bis -in den obersten Wipfel nach und schüttelte diesen so lange, bis sie im -Bogen in den Klee flog. Es hätte nicht viel gefehlt, so hätte der Hund -sie beim Wickel gehabt, aber im letzten Augenblicke schlüpfte sie in -das enge Entwässerungsrohr und von da in den Schlehbusch und aus diesem -in den Weizen und kam noch einmal glücklich in den Wald zurück. Seit -der Zeit unternimmt sie ihre Streifen zum Felde immer nur in der ersten -Morgenfrühe, denn die halbreifen Roggen-, Hafer- und Weizenkörner -entbehrt sie nicht gern und am Waldrande finden sich auf dem Raine -überall die Spreuhäufchen, die Reste ihrer Mahlzeiten. - -Die liebste Zeit aber ist ihr der Herbst. Dann ist im ganzen Walde -Futter für ihre Zähne da. Unter den Ahornbäumen und Hainbuchen liegen -massenhaft die geflügelten Kerne, in den Eichen schimmern die Eicheln, -die Haselbüsche tragen schwer und in den Kronen der Buchen reifen die -fetten Nüsse. Dann wimmelt es im Walde von Eichkatzen, die von weit -und breit sich hierher zusammenziehen. Überall am Boden hüpft und -schlüpft es; die fuchsroten Eichhörnchen aus dem Hügellande treffen -hier mit den schwarzen und braunen aus den Fichtenbeständen von den -höheren Lagen des Gebirges, wo es jahrein jahraus weiter nichts gibt -als Fichtensamen. Wenn sie sich dann hier im Mittelbergwalde alle ein -tüchtiges Ränzlein angemästet und ihr leichtes Sommerkleid mit dem -dichten, langhaarigen, graubereiften Winterpelze vertauscht haben, dann -verteilen sie sich wieder und der alte Stamm hat den Wald ganz für -sich. - - - - -Hasendämmerung. - - -Jans Mümmelmann, der alte Heidhase, lag in seinem Lager auf dem blanken -Heidberg, ließ sich die Mittagssonne auf den billigen Balg scheinen und -dachte nach über Leben und Tod. Sein Leben war Mühe und Angst gewesen. -Aber dennoch fand er, daß sein Leben köstlich gewesen war. Auf grünen -Feldern hatte sich seine Jugendzeit abgespielt; seine Jünglingsjahre -hatte er im Walde verlebt; die Jahre seiner männlichen Reife verbrachte -er in der Heide, nachdem ihm Feld und Wald Menschenhaß gelehrt hatten, -und nur, wenn sein Herz sich nach Zärtlichkeiten sehnte, verließ er die -Öde. - -Da lebte er, ein einsamer Weltweiser. Die Äsung war mager, aber es -stand nicht wie beim Klee im Felde und bei der üppigen Wiese im Walde, -die Angst bleichwangig und schlotterbeinig immer neben ihm; in Ruhe und -Frieden konnte er da leben, sorglos im feinen Flugsande des Heidhügels -die rheumatischen Glieder baden und dem Gesange der Heidelerchen -lauschen. - -Mümmelmann fand heute aber doch, daß er etwas Abwechslung in seine -Nahrung bringen müsse. Keine Philosophie der Welt tröstet den Magen -und keine Weltweisheit befestigte die Appetitlosigkeit. Beim Dorfe -gab es jetzt schon junge Roggensaat. Auch brauner Kohl war da, ferner -Apfelbaumrinde, etwas ganz Feines, und der Klee war schon hoch genug, -an den Gräben wuchs allerlei winterhartes Kraut; Mümmelmann lief das -Wasser hinter den gelben Zähnen zusammen. - -Allerdings, so ohne Gefahr ging ein Diner beim Dorfe nicht ab. Fast -immer stöberten Wasser oder Lord oder Widu oder Hektor oder ein anderer -dieser scheußlichen Köter im Felde herum. Der Jagdaufseher hatte im -Felde überall Tellereisen und Schwanenhälse liegen und der Jagdpächter -hielt sich immer in der Nähe des Dorfes mit seinem Schießknüppel auf. -Er war ein bißchen sehr dick und hatte eine trockene Leber, so daß er -sich nicht gern weit vom Kruge entfernte. - -Aber schließlich was kann das schlechte Leben helfen? dachte -Mümmelmann; +einen+ Tod sterben wir Hasen ja doch nur, und besser -ist es im Dampfe dem guten Schützen sein Kompliment zu machen, als vor -Altersschwäche den Schnäbeln der Krähen zum Opfer zu fallen. Und so -machte er sorgfältig Toilette und rückte erst langsam, dann schneller -gen Knubbendorf, wo er bei tiefer Dämmerung ankam. - -Es war eine gemütliche Nacht. Der Schnee war weich und trocken, die -Luft windstill, die Kälte nicht zu stark und der Himmel bedeckt, -so daß Jans und die anderen keine Angst zu haben brauchten vor dem -alten Krischan, dem Armenhäusler und Besenbinder, der mit seinem -verrosteten Vorderlader bei hellen Nächten hinter dem Misthaufen auf -die Hasen lauerte. Es gab ein langes Begrüßen und Erzählen, und so kam -es, daß Jans völlig die Zeit verpaßte und erst lange nach dem ersten -Hahnenschrei, als der Tag schon mit rotverschlafenem Gesicht über die -Geest stieg, nach seiner Heide zurückhoppelte in Begleitung eines -jungen strammen Moorhasen, Ludjen Flinkfoot, seines im letzten Herbst -bei dem großen Kesseltreiben im Feuer gebliebenen Freundes Sohn. Den -hatte er bewogen, mitzukommen; er wollte ihn erziehen und als Erben -einsetzen. - -Als sie aber an den Heiderand kamen, da stutzten sie und machten -Männchen, denn vor ihnen zappelten im Frühwinde lauter bunte Lappen. -Voller Angst liefen sie zurück und scharrten sich, nachdem sie erst -viele Haken geschlagen und Wiedergänge gemacht hatten, in einem -mächtigen Brombeerbusch bei den Fischteichen ihr Lager. - -Inzwischen war im Dorfe großes Leben. Dreißig Männer waren gekommen, -bis an die Zähne bewaffnet, schrecklich anzusehen in ihrem -Kriegsschmuck. Sie waren in den Krug gegangen, aßen und tranken, was es -gab, machten sich mit Pfeifen und Zigarren und auch sonst blauen Dunst -vor, prügelten ihre Hunde, die sich bissen, kniffen allen weiblichen -Wesen unter fünfzig Jahren die Arme braun und blau, erzählten sich -mehr oder minder starke neuaufgewärmte alte Witze und zogen dann los, -die reine Winterluft mit dem Rauch ihrer Zigarren und die Morgenstille -mit dem Geknarre ihrer Stimmen erfüllend und sich freuend über den -klaren windstillen, schönen Tag, der so recht geeignet sei für den -Hasenmassenmord. - -Dicht hinter dem Dorfe wurde der erste Kessel gemacht. Ein Waldhorn -erklang, Schützen und Treiber setzten sich nach dem Zentrum in -Bewegung und das Kriegsgeschrei der rauhen Kehlen dröhnte durch den -Wintermorgen. Da wurden überall graue Flecke im weißen Schnee sichtbar, -die sich zu Pfählen verlängerten, unschlüssig hin und her hoppelten, -wie besessen dahinrasten, und dann knallte es hier, blitzte es da, -rauchte es dort, und ein Hase nach dem anderen rückte zusammen, -wurde kürzer, immer kürzer, blieb schließlich liegen, sprang noch -einmal in die Höhe und lag dann ganz still. Andere schlugen im Dampf -ein Rad, daß der Schnee stäubte, wieder andere liefen wie gesund -weiter und fielen plötzlich um. Und immer enger wurde der Kessel, -immer zerfurchter seine Schneedecke von den Spuren des Hasen und den -eingeschlagenen Schroten, und hellrote Flecke und Streifen, sowie die -dunklen Patronenpfropfen unterbrachen seine Farblosigkeit. - -Ein Leiterwagen nahm die toten Hasen auf, und es ging zum zweiten -Kessel. Und als der abgetrieben war, kam der dritte an die Reihe, -und dann ging es zum Jagdhause vor dem Moore, wo der Wirt mit seinen -Töchtern Bohnensuppe auffüllte und Glühwein einschenkte und Grog. Da -gab es ein großes Erzählen hin und her, so daß Herr Markwart, der -Häher, und Frau Eitel, die Elster, entsetzt abstoben und es weit und -breit herumbrachten, daß die Jäger wieder einmal da wären und schon -hundertundsiebzig Hasen gemordet hätten. - -Mümmelmann hörte aufmerksam zu, als Frau Eitel das Herrn Luthals, dem -Würger, erzählte und er dachte sich: »Wenn sie schon soviel haben, dann -werden die Schinder wohl nicht mehr hierher kommen,« und der flüsterte -Ludjen Flinkfoot zu: »Bleib immer hübsch still liegen, mein Junge, mag -kommen, was da kommen will; wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen, -und wer nicht gesehen wird, den trifft kein Blei.« - -Es kam aber anders: Wieder klang das Horn. »Schwerenot noch einmal,« -knurrte Jans unter seinem bereiften Bart her, »noch ein Kessel? Die -Sonne geht ja schon in ihr Lager. Und ich glaube, die Bande kommt auf -uns zu.« Ein furchtbares Gebrüll erhob sich von allen Seiten, der Boden -dröhnte, Schüsse knallten. Ludjen wollte weg, aber der Alte rief: »Bliw -liggen, du Döskopp,« denn wenn er erregt wurde, sprach er Platt, was -er sich sonst als unfein abgewöhnt hatte, und dann setzte er hinzu: -»Man kann nicht wissen, was passiert. Ich habe so eine Ahnung, als ob -ich die Sonne nicht mehr aufgehen sehen soll. Und nun höre zu: Falle -ich und du bleibst gesund, so rückst du in die Heide, bis du an den -Heidberg kommst, wo die großmächtigen Steine aufeinanderliegen. Da -bist du das ganze Jahr sicher, da kommt niemand hin, als die dämlichen -Schafe und höchstens einmal Reinke Rotvoß, der alte Schleicher; der -erzählt ganz gut, aber halte ihn dir drei Schritt vom Leibe. Einem -Fuchs darf man erst trauen, wenn er kalt und steif ist.« - -Näher kam das Getrampel, dichter folgten die Schüsse, hin und her -flitzten die Hasen, kobolzten von den Dämmen auf das Eis der Teiche und -blieben da liegen. Auf einmal schwoll das Gebrüll noch weiter an: »De -Voß, de Voß!« riefen die Treiber und domm, domm, domm, domm krachte es. -Mümmelmann hörte es in den Brombeeren knistern, etwas Rotes sauste über -ihn fort, dann etwas Schwarzweißes, und dicht vor ihm schlug sich ein -großer Hund den Fuchs um den Kopf. - -»Meinen Segen hat er,« dachte der alte Hase bei aller Angst; doch im -nächsten Augenblicke fuhr er aus seinem Lager, denn ein zweiter Hund -kam an und wollte ihn gerade fassen: »Da löppt noch een!« schrieen die -Treiber. Aber Jans war nicht umsonst bei seiner Mutter, der erfahrenen -Gelke Mümmelmann, in die Lehre gegangen. Er schlug einen Haken über den -anderen und hielt sich immer dicht vor dem Hunde, so daß kein Schütze -zu schießen wagte. Auf einmal aber krachte ein Schuß, die Schrote -schlugen pfeifend auf das Eis, der Hund jaulte auf und wütende Stimmen -erhoben sich. - -»Junger Mann, Sie haben meinen Hund totgeschossen!« brüllte ein dicker -Herr. - -»Ja, was kann ich dafür,« rief der dünne Student, »ich habe ihn nicht -gesehen; was hat der Hund auch im Kessel herumzubiestern?« - -Und der Dicke schrie wieder: »Er sollte den Fuchs apportieren. Der Hund -hat mich dreihundert Mark gekostet.« - -Und der Student rief: »Dreihundert Mark? Na, der Ihnen das abgeknüpft -hat, der wird schön gelacht haben. Ich habe den Hund ja arbeiten sehen; -hühnerrein war er, straßenrein auch, und Hasen hetzte er famos. Und -wenn er auch nicht eingetragen war, ein ausgetragenes Biest war er -doch, und die Rassenmerkmale hatte er innerlich, wie die Ziegen den -Speck, Dreihundert Mark? Lächerlich, Sie meinen wohl Pfennige?« - -So ging es weiter und keiner achtete auf Mümmelmann. Der machte, daß -er fortkam, denn er haßte Zank und Streit. Ihm tat nur Ludjen leid, um -den Jungen hatte er Bange. Es dämmerte schon, als er an den Heidrand -kam und gerade dachte er, er wollte sich um die Lappen nicht kümmern, -da krachte es, und wie zwanzig Peitschenhiebe auf einmal fühlte er es -in Rücken und Keulen. Das war der Jagdaufseher gewesen, der die Lappen -aufrollen wollte. - -Jans fühlte, daß es mit ihm aus war. Aber er kam doch noch vom Fleck -und tauchte in der Dämmerung unter. Ihm war sehr schwach zu Mute, -obgleich er gar keine Schmerzen hatte; nur das Laufen wurde ihm schwer -und das Atmen. Er kam noch bis zu dem alten Steingrab auf Heidberg, und -da wühlte er sich in den weichen Sand, lag ganz still und äugte nach -dem hellen Sternbilde, das über dem fernen Walde stand und ganz wie ein -riesenhafter Hase aussah. - -Als der Mond über den Wald kam, da hoppelte auch Ludjen Flinkfoot -heran. Er hatte, so schwer es ihm bei seiner Angst auch wurde, seines -Oheims Ratschläge befolgt und war gesund davongekommen. Der gute Junge -war sehr betrübt, daß er ihn todkrank fand; er rückte dicht an ihn -heran und wärmte den Fiebernden. - -Als es vom Dorfe Mitternacht schlug, da wurden Mümmelmanns Seher -groß und starr; er sah die Zukunft vor sich. »Der Mensch ist auf die -Erde gekommen,« sprach er, »um den Bären zu töten, den Luchs und -den Wolf, den Fuchs und das Wiesel, den Adler und den Habicht, den -Raben und die Krähe. Alle Hasen, die in der Üppigkeit der Felder -und im Wohlleben der Krautgärten die Leiber pflegen, wird er auch -vernichten. Nur die Heidhasen, die stillen und genügsamen, wird er -übersehen, und schließlich wird Mensch gegen Mensch sich kehren und -sie werden sich alle ermorden. Dann wird Frieden auf Erden sein. Nur -die Hirsche und Rehe und die kleinen Vögel werden auf ihr leben und -die Hasen, die Abkömmlinge von mir und meinem Geschlecht. Du, Ludjen, -mein Schwestersohn, wirst den reinen Schlag fortpflanzen, und dein -Geschlecht wird herrschen von Aufgang bis Untergang. Der Hase wird Herr -der Erde sein, denn sein ist die höchste Fruchtbarkeit und das reinste -Herz.« - -Da rief der Kauz im Walde dreimal laut: »Komm mit, komm mit, komm mit -zur Ruh, zur Ruh, zur Ruhuhuhu!« und Mümmelmann flüsterte: »Ich komme,« -und seine Seher brachen. - -Ludjen hielt die Totenwacht bei seinem Oheim; drei Tage und drei Nächte -blieb er bei ihm. Als er aber nach der vierten Nacht zurückkam zum -Hünengrab, da war der Leib seines Ohm verschwunden, und Ludjen meinte, -die kleinen weißen Hasen wären gekommen und hätten ihn weggeholt zu dem -Hasenparadiese, wo der große weiße Hase auf dem unendlichen Kleeanger -sitzt. - -Reinke Rotvossens Vetternschaft aber wunderte sich, daß der alte -dreibeinige, schwanzlose Heidfuchs, der immer so klapperdürr war, -seit einigen Tagen einen strammen Balg hatte. Er hatte seinen Freund -Mümmelmann bestattet auf seine Art. - - - - -Der Mörder. - - -Die halbe Heide entlang waren alle Förster und Jäger in Aufregung; es -spürte sich ein fremder Haupthirsch. - -Gesehen hatte ihn noch kein Menschenauge. Nach der Uhlenflucht trat er -zur Äsung aus und vor Tau und Tag zog er wieder in die Dickung. - -Der Fährte nach war es ein Hirsch von mehr als dem zehnten Kopfe; -bequem konnte ein Mann die vier Finger der Hand hineinlegen. Es war -eine Fährte, die tief und fest in dem Sande stand; danach gab man dem -Hirsche dreihundert Pfund und darüber. Und weil sie ein ganz anderes -Bild zeigte, viel mehr Zwang aufwies, als die der Standhirsche, so -schlossen die Förster, daß der Hirsch von weit her zugewechselt sein -mußte. - -Dreihundert Büchsen die Heide auf, die Heide ab lauerten tagtäglich auf -ihn; sie lauerten vergebens. Spürte er sich drei Tage in dieser Forst, -morgen war er verschwunden und die rätselhafte Fährte setzte übermorgen -zehn Meilen weiter die Jäger in Verwirrung. Drei Nächte nacheinander -stand der Jäger auf der Schneiße in der wilden Hudewohld und sah das -Kreuzgestell auf und ab; er bekam nur Wildbret zu Blick. Als er sich -schon zum Abgang rüstete, da war ihm so, als stände etwas Böses hinter -ihm. Erschrocken wandte er den Kopf und sah zwei Schritte hinter sich -ein furchtbares Gesicht. Er erblaßte und griff nach der Büchse, aber -da schnaufte es und mit Kling und Klang und Knick und Knack stob der -Hirsch in das Geheimnis des Bruchwaldes hinein. - -Der Jäger starrt hinter der Erscheinung her. Ist das ein Hirsch gewesen -oder ein Gespenst? Er hatte ein Gesicht gesehen über einem schwarzen -Brunfthalse, schrecklich und böse. Quer um die Lichter war ein breiter, -weißer Strich gezogen, und darüber leuchteten und funkelten in der -halben Frühsonne lange, blutrote Spieße. Wie viele es waren, wie viel -Enden der Hirsch trug, der Mann weiß es nicht. Das Herz ist ihm in den -Hals gesprungen, Schwäche ist über seine Kniee gekommen, Eis auf seinen -Rücken, Fieber über seine Stirn und Nebel vor seine Augen. - -Die gespannte, gestochene Büchse in der Hand tritt er in den wilden -Wald. Da steht die Fährte, wie in Erz gegossen, in dem anmoorigen -Boden; leicht nimmt sie vier Finger auf. Ihr zu folgen ist ein Unding; -wohl zieht der Wind nach Wunsch, aber sie steht auf das Postbruch zu, -wo nur Fuchs und Marder lautlos schlüpfen können, wo schon der Bock -laut brechen muß, so viel Geknäck deckt den Boden, so eng verfilzt sind -Weiden und Ellern, Birken und Fuhren durch Risch und Post. - -Vorsichtig schleicht der Jäger das Gestell entlang und umgeht das -Bruch; nirgendswo steht die unheimliche Fährte heraus; der Hirsch -steckt im Bruche. Mit halbem Winde dringt der Jäger auf einem -verwachsenen Altwege in die modrige muffige, schwüle, enge Wildnis -hinein, Schweiß auf der Stirn, Herzklopfen in der Kehle, Durst am -Gaumen, bis er nach einstündigem Schleichen und Kriechen, nach -manchem voll Zittern und Beben gemachten Sprung, nach manchem Bogen -und vielen Pausen vor den großen Windbruch inmitten der Wohld tritt. -Dort tritt so gern das Wild herum, dort schlägt der Hirsch, wie die -geschundenen Stämme zeigen, dort setzt das Mutterwild, dort horstet -der Schwarzstorch in der alten Fichte, dort sonnt sich der Giftwurm -im Grase, dort paßt der Schreiadler auf die Waldmaus. Heute ist die -Blöße blank und leer. Aus dem grünen Risch leuchten die roten Stämme -und verlieren sich in den schwarzen Kronen, zwischen denen blaue Fetzen -Himmel lieb herabsehen. - -An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt sich der Mann an und -harrt mit halbgeschlossenen Augen. Müdigkeit reißt seinen Kopf herab, -er wirft ihn wieder hoch. Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die -ihm seine überreizten Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor -seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, das dort -hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen Fehlblick gewahr -wird. Und wieder werden seine Augen groß, denn da unten schwebt der -Schwarzstorch. Aber es war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn -in der Luft stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren, -Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden Ruf -von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied nahm. Und Wellen -hört er schlagen gegen das Schiff, das ihn der Blonden entführte. - -Aus dem trüben, ernsten, müden Gesichte springen die blauen Augen -heraus, wie blaue Seen aus nächtlichem Nebel. Vernahm seine Seele mit -der Erinnerung das Klatschen der Wellen, das Stampfen des Schiffsrades? -Oder waren es die Ohren, die ihm diese Laute wirklich meldeten? Aber es -ist so still, nur Meisen zirpen fernweg und Hummeln brummen nahebei. -Der Tabak bringt den Nerven Festigkeit. Blau steigt der Rauch empor; -träumende Augen sehen hinterdrein, besinnen sich, rufen sich selbst -zur Ordnung und wandern gehorsam wieder von Stamm zu Stamm, von Busch -zu Busch, langsam und stetig, ohne Hast und Unrast, halb von den Lidern -bedeckt. Sind aber mit einem Rucke voll und groß da, stehen in einem -Gesicht, in dem Hoffnung und Angst sich zanken, in dem der Mund sich -öffnet, um mitzuhorchen. - -Es war kein Traum aus der Burschenzeit, nicht die Erinnerung spülte -vergessene Laute an das Ufer der Gegenwart, es klatscht und stampft -hier in der grünen Wohld. Das klatscht und quatscht und schlappt -und jappt, stöhnt und dröhnt, knackt und klackt, verstummt und hebt -von neuem an, und endlich bricht es in der Dickung, steht, wie in -einem Rahmen, halbrechts, zwischen zwei roten Stämmen unter einem -verschnörkelten roten Aste, von unten gedeckt durch einen dunklen -Busch, der Hirsch, schwarz wie der Satan, eben der Suhle entstiegen, -und äugt aus den weiß umzogenen Lichtern, über denen es blutrot in -der Sonne leuchtet, den Mann an, starr, wie der böse Feind eine arme -Seele. Einen Schlag fühlt der Mann auf dem Herzen, denn er sieht, daß -der Rauch seiner Pfeife stracks dem Hirsch entgegenzieht, aber ehe der -Kolben an der Backe liegt, ist der Rahmen leer und mit Kling und Klang -und Knick und Knack ist die Erscheinung verschwunden. - -Noch an demselben Abend vernimmt der Förster, der eine Meile weiter vor -dem Moore die Hirsche verhört, ein hartes, trockenes, heiseres Röhren, -häßlich anzuhören, und hinterher einen Trenzer, niederträchtig und -gemein, und einen Schrei, hohl und häßlich. So hat hier noch nie ein -Hirsch geschrieen. Der Platzhirsch, der oben in der Moorwiese steht, -wirft auf und zieht langsam vor seinem Rudel her dem Moorwalde zu. Der -Förster hat das Glas vor den Augen und späht das silberne Gatter ab, -mit dem die Birken Moor und Forst trennen. Der Platzhirsch schreit -zornig in den Wald hinein; weiß springt sein Atem vor ihm her. Aus -der Forst kreischt der harte, häßliche Trenzer heraus, hinter ihm -her röchelt ein heiserer, höhnischer Ruf, ein trockenes, boshaftes, -gemeines Röhren, ganz unirdisch klingend, gespenstig, höllisch. Der -Platzhirsch zieht näher an den Moorrand. In dem Walde ist es still, -bleibt es stumm. Rund und voll ruft der Zwölfender sein ehrliches Wort -in das schwarze, mit Silber vergitterte Walddunkel. Es wird ihm keine -Antwort. Unwillig tritt der edle Hirsch den Grund, wirft die Moorerde -mit dem stolzen Geweih empor, zerfetzt damit einen Weidenbusch, schreit -dem Gegner einen verächtlichen Trenzer zu und wendet sich voller -Abscheu ab. Vor ihm her trollt sein Rudel. - -Da fährt etwas aus dem Walde, ein schwarzes, unheimliches Ding, und ehe -der Zwölfender wenden und dem Gegner die Kampfsprossen weisen kann, ist -er überrannt, ist er von hinten niedergeforkelt. Über ihm steht der -schwarze Mörder und stößt auf ihn los. Dumpf klingt es, als schlüge -ein Stock auf einen Mehlsack. Starr steht das Rudel, die Hälse sind -lang, die Lauscher steif, die Lichter weit aufgerissen. Ein blutiger -Fetzen fliegt dem Kopftier an den Hals, noch einer vor die Brust. Es -schreckt und wendet. Aber im Nu ist der schwarze Hirsch mit der weißen -Augenbinde und den roten Stangen vor dem Rudel und forkelt es auf einen -Klumpen zusammen. Dann schreit er in das Abendrot hinein, so häßlich, -so gemein, so tonlos und trocken, wie hier noch nie ein Hirsch schrie, -und treibt das Rudel vor sich her in den Nebel hinein. - -Starr sieht der Förster ihm nach, dann steigt er von dem Hochstand und -geht zu dem geforkelten Zwölfender. Der ist im Verenden begriffen. In -den weit herausgequollenen Lichtern liegt Todesangst. Armslang hängt -das zerfetzte Gescheide aus den zerrissenen Dünnungen heraus. Der -Förster gibt ihm den Fang und lüftet ihn. Dann schreitet er, den Kopf -auf der Brust, heim. Der Oberförster wird Augen machen; am anderen -Morgen sollte der Prinz den Zwölfender weidwerken. - -Der Morgen kommt mit herber Luft; ein Brunftmorgen ist es, wie er nicht -schöner sein kann. Aber weit und breit meldet kein Hirsch, höchstens -röhrt hier und da ein Schneider. Die Platzhirsche sind verschwiegen. -Der Zwölfender tat gestern abend seinen letzten Schrei: er hängt an -der Wildwinde auf dem Hofe der Oberförsterei. Der kapitale Achtender, -der schon zwölf Enden aufwies und auf vierzehn gezeigt hat, sitzt im -Erlenbache und kühlt seine zerschundenen Seiten. Auch ihn überfiel -der Mordhirsch hinterrücks. Der Zehnender aus dem Brandmoore steht im -Stangenort und rührt sich nicht. Der Mörder hat ihm eine Stange in das -Gehirn gerannt und ihm die halbe Besinnung genommen. - -Wäre nicht gerade der Prinz vorbeigefahren, so wäre der Hirsch auch zu -Tode geforkelt worden. Dicht vor den Rotschimmeln sauste der schwarze -Satan über das Gestell, daß die Gäule hochaufgingen. Der Prinz hatte -das Jagen, in dem der Hirsch steckte, umfahren, aber der Mordhirsch war -schneller gewesen und spürte sich schon heraus und in das unwegsame -Bruch hinein. Auf dem Quergestell spürte sich eine frische Rotfährte. -Sie führte zu dem kranken Zehnender. Der stand da stumpfsinnig, an eine -Stange gelehnt, stöhnte und röchelte und schüttelte fortwährend das -Haupt. Über dem rechten Lichte saß ein faustgroßer, rotweißer Klumpen, -die blutige Gehirnmasse, die aus der Forkelstelle herausgequollen war. -Ein Schrotschuß auf den Hals endete die Qualen des Gemeuchelten. - -Acht Tage gingen über das Land. Zehn Meilen umher hatte alles, was den -grünen Rock trug, einen roten Kopf. Aller Jagdneid, jeder Grenzhaß -war vergessen. Der Förster sagte es dem Bauernjäger, der städtische -Jagdpächter dem Förster an, wenn sich der Schadhirsch spürte. Dreimal -hatte man ihn schon hinter den Lappen gehabt, aber nie war er vor die -Schützen gekommen, denn er hielt die Lappen nicht; bevor es hell wurde, -überfloh er sie. Bald hier, bald da erscholl sein heiseres, häßliches -Schreien, aber stets im unwegsamen Bruch oder in der verwachsenen -Dickung, und erst, wenn die Nacht Himmel und Erde verschränkte, trat -er aus und kämpfte auf den Wiesen die Platzhirsche ab. Am hellen -Mittag saßen die Jäger schon auf den Kanzeln, saßen bis in die Nacht -hinein, froren in ihren Pelzen, wenn der Frühwind über das Bruch blies, -sahen wohl schwarze Klumpen, die jäh hin- und herfuhren und im Nebel -verschwanden, hörten den Mörder trenzen und röhren, aber wenn der -Tag kam und die Büsche und Bäume aus dem Nebel zog, dann stand der -Unglückshirsch längst in der sicheren Dickung, oder saß in der Suhle im -wilden Bruche. - -Keine fünfzig Schritte von dem Hochstande, auf dem der Forstmeister die -Nacht verbrachte, forkelte er einen angehenden Zehnender zu Schanden. -Der Forstmeister hörte jeden Laut, konnte den Kampf genau verfolgen, -hatte währenddem die gestochene Büchse unausgesetzt an der Backe, -bereit, trotz des fehlenden Lichtes den Schuß zu wagen. Er hörte das -Brechen der Büsche, das wilde Rauschen im Risch, das Aneinanderprasseln -der Geweihe, das Schnauben und Stöhnen der beiden Kämpen, und er hörte -auch, wie plötzlich hageldicht die Stöße fielen, dumpf dröhnend, wie -Stockschläge auf einen Mehlsack. Dann brach es laut in der Dickung, -dann rief der Schadhirsch seinen trockenen, gemeinen, höhnischen -Jubelruf dem Forstmeister zu, und dann stand die Stille wie eine Mauer -rund um die Wiese. - -Als die Sonne sich durch den Nebel quält, ist die Wiese kahl, wie -eine Mädchenhand; eine einzige alte Ricke äst sich an dem Moorbache -entlang. Unausgesetzt lärmen in der Dickung die Häher. Mit steifen, -kalten Gliedern steigt der Weißbart von der Kanzel. Seine Stirn kraust -sich, wie er auf der zertretenen, zerwühlten, zerrissenen Wiesennarbe -Schweiß findet, dunkelbraunen, trüben Schweiß, Leberschweiß. Die -kranke Fährte führt gerade dahin, wo die Häher zetern und keifen. In -der Lichtung der alten Dickung liegt der Zehnender auf der Seite, die -Läufe weit von sich gestoßen. Der Lecker hängt weit aus dem Geäse, die -Lichter sind gebrochen. Er ist schon seit Stunden verendet. Ein Stoß in -die Leber brachte ihn um. - -Der Forstmeister sendet reitende Boten ab und sein Sekretär steht den -halben Morgen am Fernsprecher. Der Schadhirsch muß sterben. Da alles -Passen und Weidwerken nichts nützte und das Einlappen auch nicht half, -soll der Hirsch bestätigt und vor dem Hunde geschossen werden. Abends -kommen die Schützen an. Dreißig Mann sind es, Förster, Jagdpächter, -Bauern, alles sichere Leute. Sie verteilen sich im Dorfe, denn der -Krugwirt kann sie nicht alle beherbergen. Am andern Morgen meldet der -Fernruf, daß der Hirsch in der hellen Weide fest sei, einem vermoorten, -verwachsenen Birkenwalde. Zu Rad und zu Wagen fahren die Schützen zu -dem Belauf, in dem die helle Weide liegt. Wie die Katzen, so leise, -schleichen sie sich an ihre Stände, und ebenso lautlos treten die -Treiber an. Der Hegemeister legt seinen uralten, lahmen Söllmann zur -Fährte: der einzige Schweißhund weit und breit ist er, der eine gesunde -Fährte arbeitet. Das unterschiedlichste Wild läuft die Schützen an, ein -jagdbarer Hirsch, Wildbret, zwei Sauen, ein guter Bock, der Fuchs; kein -Schuß fällt, denn nur auf den Schadhirsch, den Meuchelmörder, darf der -Finger krumm gemacht werden. Eine Stunde vergeht, da taucht der rote -Hund und hinter ihm das rote Gesicht des Hegemeisters bei den Schützen -auf. Der Hirsch ist nicht vorgekommen. Ein Förster spürt auf dem Rade -die Gestelle rund um das Jagen ab; der Hirsch steckt noch im Treiben. - -Das Jagen wird noch einmal getrieben. Der Hirsch zieht in voller -Deckung am Rande des Treibens entlang. Der Forstmeister läßt das Jagen -noch einmal treiben und geht mit zehn Schützen mit der Treiberwehr. Das -hilft; endlich knallt es. Aber das Horn meldet nicht: »Hirsch tot!« -Er ist vorbeigeschossen. Wie eine Katze, so leise, war er bis dicht -vor einen Schützen gezogen und hatte mit jäher Flucht die Brandrute -überfallen. Zwei hastige Kugeln pfiffen taub hin und her. Alle Mühe, -alle Kosten waren vergebens gewesen. Der Hirsch spürte sich bis in das -Stiftsmoor und dort verlor sich die Fährte. Aber das Treiben hatte er -wohl übel genommen. Sein trockener Schrei ward nicht mehr vernommen in -dieser Gegend. Drei Jahre lang erzählten sich die Jäger die Schauermär -von dem Schadhirsch, der in einer einzigen Brunftzeit sieben gute -Hirsche zu Schanden geforkelt hatte. Wie der Dieb in der Nacht war -er gekommen und gegangen, wohin, das wußte keiner. In den Zeitungen -wurde Nachfrage nach ihm gehalten, aber es wurde nicht bekannt, wo er -geblieben war. - -Ein Mann wußte um das Geheimnis des Mordhirsches. Das war der rote -Hein, der Waldbummler und Tagedieb, der in der Kreisstadt am Tage -Beeren und Pilze verkaufte und des Abends Ricken und Hasen, die er -in den Wäldern gestrickt hatte. Er war am Tage nach der Treibjagd -durch das Rauhe Horn geschlichen, um Schwämme zu suchen und nebenher -nachzusehen, ob sich nichts in den Schlingen gefangen hatte, die -Tags vorher seine beiden Jungens auf die Rehwechsel gestellt hatten. -Als er so durch den verwachsenen Moorwald schlich, sein Fuchsgesicht -gewohnheitsmäßig zu einer recht dummen Grimmasse verziehend, ab und zu -einen Pilz losschneidend und über die Schulter in den Tragkorb fallen -lassend, da war er plötzlich ganz in sich zusammengefallen und hatte -sich geduckt, wie ein Fuchs, der die Maus anspringen will. Das rote -Haar auf seiner sommersprossigen Stirn zuckte hin und her und seine -abstehenden Ohren bewegten sich langsam, denn da vorne ging etwas -Seltsames vor sich. Es stöhnte und ankte dort, als läge ein Mensch im -Sterben. Die Kreuzotter kriecht nicht so leise wie Hein Thomann kroch. -Den Tragkorb hakte er ab, setzte die alte Mütze auf und zog sie tief in -die Stirne, ließ die Schuhe bei dem Korbe stehen, und dann glitt er, -den kurzen Totschläger fest in der Faust haltend, schnell, aber lautlos -näher, jeden Zweig vermeidend, der sein verschossenes Zeug streifen -konnte. Vorsichtig bog er den Weidenbusch zur Seite, hinter dem her das -halblaute Stöhnen erklang, und hob den Stock mit dem Bleiknopfe zum -Schlage. Aber dann fuhr er zurück und sein fahles Gesicht wurde weiß, -denn was er da sah, das war gräßlich. - -Hinter dem breiten, tiefen, steilwandigen Entwässerungsgraben hing -zwischen den beiden Stämmen einer Zwillingskiefer eingeklemmt ein -starker Hirsch mit weißumbänderten, weit hervorgequollenen Lichtern -und heraushängendem Lecker. Die ganze Nacht mußte er schon so gehangen -haben, denn von den Hinterläufen war der braune Boden zerkratzt und -zertreten. Schlaff hing der Hals zu Boden und das Geweih mit den -langen, dicken, spitzen, endenlosen Stangen berührte mit den blutrot -gefärbten Kampfsprossen fast die Erde; schrecklich aufgetrieben war -der Leib des Hirsches. Ein ohnmächtiges Zittern erschütterte ab und zu -seine Decke, matt spielten die Lauscher, krampfhaft zuckte ab und an -ein Lauf, und unaufhörlich kam aus dem weißschaumigen Windfange ein -hohles, trocknes, hoffnungsloses Stöhnen. - -Ein Schauder überlief den Schlingensteller. Er nahm die schmutzige -Kappe ab und fuhr mit der goldhaarigen Hand über die nasse Stirn. Er -hatte nie Mitleid empfunden, fand er ein Reh in der Drahtschlinge -zappeln, das brachte das Handwerk mit sich. Aber dieses hier? Eine -ganze Nacht sterben? Ganz langsam, bei lebendigem Leibe? Der Mann -schüttelte sich. Er zog die Schnapsflasche hervor, tat einen kleinen -Schluck, sah scheu hin und her, und schlich näher. Ein dumpfer Schlag, -das Stöhnen brach; ein Blitz aus der Hand, und in gebogenem Strahl -plätscherte der rote Schweiß aus der Schlagader des Hirsches. Hein -Thomann verstand sein Geschäft; nach drei Stunden war der Hirsch -zerwirkt. Die Knochen und das Gescheide verschwanden im weichen -Schmorboden, bis auf einige schöne Stücke hing das ganze Wildbret an -Weidenruten in die Krone einer dichten Fichte, mit Papierfetzen gegen -Marder und Krähe verblendet, und in einer anderen Fichte hing der -Schädel des Mordhirsches mit dem blutroten Geweih. Drei Nächte lang -schleppte Thomann mit seinem hageren, schwarzhaarigen Weibe und seinen -drei hungerigen Taugenichtsen von Jungens Kiepe auf Kiepe nach der -Kreisstadt. Thomann ging zum Biere und hielt seine Freunde frei, seine -Alte hatte ein anständiges Kleid an und seine Jungens neue Stiefel. - -In einer schlechten Wirtschaft in der großen Stadt, wo bemalte Weiber -an weißen Marmortischen auf Raub lauern, hängt an einem Pfeiler -das hohe, weitausgelegte Geweih des Vierenders, des Meuchlers, -des Schadhirsches, der sich selbst richtete und den langsamen, -schrecklichen Tod starb, den Tod des Mörders. - - - - -Der Alte vom Berge. - - -Hell scheint die Sonne gegen den weißen Berg. Die Buchenjungenden -brennen, der Stangenort lodert, der Fichtenhorst steht in Flammenschein. - -Meisen zwitschern, Goldfinken flöten, Häher schwatzen. Das Geschwätz -bricht ab, setzt als Gezeter wieder ein, flaut ab, schwillt an und -endet in einem schneidenden Gekreische. - -An der steilsten Stelle der grauen Wand, auf dem schimmernden -Schneefleck, leuchtet ein roter Fleck auf. Schimpfend und lästernd -fallen die bunten Vögel in der krummen Linde über der Felsplatte ein, -stellen sich entsetzlich giftig an und stieben ärgerlich keifend ab. - -Einen schiefen Blick schickt ihnen der Fuchs nach; dann reckt er sich, -gähnt herzhaft, reckt sich abermals, fährt zusammen und beginnt sich -heftig mit dem Hinterlaufe hinter dem Gehör zu kratzen, wohlig dabei -knurrend, fährt dann mit dem Fange nach der Keule, flöht sich auch dort -ausgiebig, kratzt sich stöhnend und murrend den Nacken und sitzt dann -würdevoll da, ab und zu den Kopf wendend. - -Vom Vorholze tief unter ihm fallen hastige Axtschläge herauf; es stört -ihn nicht. Das eilige Kreischen der Säge ertönt; ihn kümmert es nicht. -Ein knirschender Laut wird hörbar, dem ein Prasseln folgt, das in einem -dröhnenden Poltern endigt; ihm ist es gleich. Der Berg zittert leise, -dann stärker, ein wildes Gebrüll donnert durch die Luft; auch das läßt -ihn kalt. Die Arbeit der Holzfäller ist er seit sieben Jahren gewöhnt, -und die Sprengschüsse der Steinbrucharbeiter erst recht. - -Auch das Piepsen der Goldhähnchen, das Zetern des Zaunkönigs und das -Trillern der Schwarzmeisen bringt ihn nicht aus seiner Ruhe; vor sechs -Jahren reizte es ihn, einen Versuch zu wagen; jetzt weiß er, daß das -keinen Zweck hat. Er gähnt, reckt sich, kratzt sich abermals, rekelt -sich in der Sonne und hockt dann wieder unbeweglich da. - -Eine ganze Weile sitzt er so, bis die Flöhe unter der warmen Decke -gar zu frech in seinem graubereiften Balge werden und er sie wieder -mit Klaue und Zahn zur Ruhe bringen muß. Aber mitten in dieser -Beschäftigung hält er ein; seine bernsteingelben Seher erweitern sich, -seine schwarzen Gehöre stellen sich aufrecht. - -Da, halbrechts unten, sind sie wieder, die beiden Töne, die er vernahm. -Und noch einmal das Brechen, und noch einmal das Husten. Der Fuchs -steckt wieder die sorglose Miene auf. Es ist nichts, wenigstens -nichts Schlimmes. Ein Mensch zwar, aber ein guter Bekannter, der alte -Oberholzhauer, in dessen tranduftender Fährte sich immer etwas Gutes -findet, ein Endchen Wursthaut, ein Stückchen Butterbrotsrinde, ein -Bückingskopf. - -Ach ja, Wursthaut und Bückingskopf! Der Fuchs zieht Geschmacksfäden, -die silbern in der Sonne blitzen, und in seinem Wanst rumpelt und -pumpelt es. Vorgestern Plattfrost und steifer Nordost, gestern -Schlackschnee, das waren zwei magere Tage. Eine verluderte Krähe, ein -scheußlich salziger Heringsschwanz, ein steinharter Knochen mit nichts -daran und zwölf Nachtschmetterlinge, die hinter der losen Rinde eines -Buchenstumpfes überwinterten, das war alles. - -Aber heute wird es mehr geben. Den ganzen Morgen hat es geschneit und -es wird noch mehr schneien, denn die Luft ist still und weich. Aber -brach da unten nicht etwas? Natürlich! Ein Hase ist es, den der alte -Mann aus dem Lager trat. Die dicke Lunte des Fuchses zuckt hin und her, -daß die weiße Blume blitzt. Der Hase hoppelt gerade auf die Steinplatte -zu. Langsam schiebt sich der Fuchs voran. Da bröckelt der Schneerand -der Steinplatte ab, fällt rauschend in das Buchenlaub, der Hase hält -inne, macht einen Kegel und hoppelt im rechten Winkel fort. Also dieses -Mal gelang es nicht, wie meistenteils. - -Aber nun merkt der alte Fuchs recht, wie sehr es ihn hungert. Ganz -elend wird ihm inwendig. Es hat keinen Zweck, hier sitzen zu bleiben. -Sonne auf dem Balge wärmt ja, aber frisches Fleisch im Balge hält -wärmer. Es ist noch heller Tag, aber hier oben am Berge ist die Luft -rein, und wenn ein Bummel durch Busch und Stangenort auch nicht viel -einbringt, etwas kommt immer dabei heraus. - -Fort ist er; ein leises Knirren der langen Grashalme, ab und zu das -Zerstäuben des Schneebehanges zeigt, wo er blieb. Jetzt taucht er in -der alten Holzriese auf, sichert einen Augenblick zum Abhange hin -und ist wieder fort. Der Wanderfalke, der auf der höchsten Zacke des -zopftrocknen Buchenüberhälters hakt, äugt unter sich, denn Reinecke -macht sich dort zu schaffen. Irgend etwas findet er dort immer, auch -heute. Viel ist es ja nicht, nur der Rest einer Krähe. Der Hunger -treibt es hinein. - -Weiter geht es auf dem engen, hochverschneiten Passe zwischen den -Jungbuchen. Ab und zu unterbricht eine Flucht über einen faulen Stamm -oder eine hinderliche Klippe das langsame Schnüren, hin und wieder -verhofft er auch ein wenig. Allzu verlockend schwirrt und schnurrt das -Meisenvolk, nach Frostspannern suchend, über den Schnee hin. Meist -bringt diese Jagd nichts ein, aber einen Augenblick kann man schon -daran wenden; vielleicht glückt es. Aber schon schnürt er weiter. Die -Finkmeise hat ihn spitz; sie schlägt Lärm und schimpfend stiebt der -ganze Trupp in die Kronen. - -Nun aber schnell fort, denn diese Gesellschaft ist lästig. Also -umgedreht, in die Dickung, den Berg hinauf, und von oben her in das -Stangenholz hinein. Langsam, hier riecht es nach Maus, ganz frisch -sogar. Mit schiefem Kopfe steht er vor dem schwarzen Loche in dem -Schnee. Etwas Graubraunes will heraus. Er faßt zu, es quitscht, eine -schnelle Bewegung des Kopfes, ein heftiges Wedeln der Lunte, ein lautes -Schmatzen, und weiter schnürt er. Hier riecht es nach Reh, darum halt! -Auch ganz frisch, darum entlang in der Doppelfährte! Ricke mit Kitz, -aber beide gesund. Dann hat es keinen Zweck! - -Einen Augenblick überlegt er. Hier irgendwo wurde er einmal sehr -satt. Richtig, halblinks, um die grauen hohen Felsen herum, an dem -Fichtenhorst vorbei, unter den losen Steinplatten hindurch in das große -Trümmerloch hinein! Hier hatte er an einem schönen Spätherbstmorgen -gelegen und sich den Balg vom Nachttau getrocknet. Da hatte er es -knallen hören, nicht sehr weit, und nach einem Weilchen brach es über -der Schlucht, Steine polterten, Schutt rieselte und rasselnd fiel es in -Laub und Kraut. - -Er hatte sich schnell in Sicherheit gebracht, aber abends, als die -Eule schrie, war er auf Umwegen an die Schlucht herangeschnürt. Da war -er auf Rehschweiß gestoßen, hatte immer mehr gefunden und hatte die -Rotfährte gehalten bis an die steile Wand, war das Zickzackband der -Wand hinabgeschlichen, und als er im Grunde war, da schlug ihm die -volle Rehwitterung entgegen. Das war ein Fest! Eine Flucht machte der -Bock noch, aber keine zweite mehr, da hatte er ihn an der Drossel, -und lange Zeit zum Klagen ließ er ihm nicht. In der Nacht war er satt -geworden, daß es für zwei Tage hinlangte. Aber alle Tage sind nicht so. -Heute riecht es hier nur nach Schnee und Moos und Mulm. - -Also weiter, die Klippen hinauf, an der Wand entlang in den Hohlweg -hinein, wieder in die Klippen und wieder heraus. Aber die Höhle könnte -man mitnehmen; einmal gab es dort einen angeschweißten Hasen, der sich -da gesteckt hatte, ein anderes Mal einen Jungdachs, der vergeblich -an den Wänden herumfuhr, als Reineke in dem Ausgang erschien, und -einige Siebenschläfer wurden dort auch erbeutet, ja, einmal sogar eine -Eule. Hier ist nichts da, nur Eiszapfen und Schnee. Ein paar dicke -Motten finden sich schließlich noch; die werden mitgenommen. Aber die -Fledermaus bleibt hängen, nichts wie Haut und Knochen, und sie riecht -schlecht. - -Mißmutig überlegt er, wohin er sich nun wenden solle. Da fährt er -zusammen. Über ihm erschallt des Hasen Todesklage. Mit jäher Flucht -nimmt er den Kopf der Klippe und will auf die folgende, von der er -in das helle Holz äugen kann, da verhofft er. Hasenklage verspricht -oft mehr, als sie hält. Es ist schon lange her, aber wer das einmal -durchgemacht hat, der vergißt es nicht. Das war auch so ein weicher, -milder Wintertag nach steifem Nordost und er hatte auch zwei Tage -gehungert oder noch länger. Er war um die Mittagszeit durch das -Stangenholz geschnürt. Es schneite breit und langsam und kein Lüftchen -ging. - -Da erscholl über ihm der jämmerliche Laut. Er kannte ihn gut. So hatte -der Has geklagt, den er acht Tage vorher riß. Ein merkwürdiger Has, -denn er saß mit dem Halse in einer der dünnen, langen Ranken, von denen -oft Stücke an den guten Wursthäuten sind. Und da dachte Reineke, es -säße wieder so ein Häslein fest, und war, ohne erst Wind zu nehmen, -losgetrabt, bis vor den Baum, von woher das Klagen kam. Und da hatte -sich der Baum so merkwürdig schnell bewegt, Reineke fühlte ein Stechen -und Schneiden an der linken Seite, sah es blitzen, hörte es krachen und -kam erst wieder recht zur Besinnung, als er in seinem Feldloche saß und -sich die brennende Seite leckte. Seit der Zeit holt er sich immer erst -Wind. Seher und Gehör trügen, die Nase nie. - -Eine Weile windet er. Dann schleicht er vorsichtig den Hang entlang, -bis er unter dem Winde ist. Und da bleibt er. Noch einmal klagt -der Hase, matter, schwächer, immer gedämpfter klingt es. Der -Fuchs schleicht langsam näher, immer den Kopf hoch, immer mit den -Nasenflügeln heftig schnuppernd und die Seher auf jeden Stamm richtend. -Dort, gerade aus, muß es sein. Aber er gewahrt auf dem Schnee kein -zuckendes, zappelndes Ding. Ringsumher ist es still und stumm und es -riecht nur nach Stein und Holz und Moos und Schnee. - -Die Sache stimmt nicht. Reineke setzt sich auf die Keulen. Er hat ja -viel Hunger, aber er hat auch viel Zeit. War es ein Has, so kriegt er -ihn immer noch, und war es keiner, dann ist es um so besser. Aber jetzt -läßt sich da etwas vernehmen; es war, wie wenn eine Eichkatze am Stamm -kratzt. Aber dann ist wieder alles still. Jetzt hat sich da an dem -Baume etwas bewegt. Reinecke windet wieder. Hier kesselt der Wind. Ganz -leise und langsam schleicht der Fuchs nach rechts, alle Augenblicke -verhoffend, dann wieder weiter schleichend, um abermals zu verhoffen. -Auf einmal fährt er zurück, stößt ein kurzes heiseres Gebell aus, -wendet jäh um und trollt, so schnell er kann, dem dichten Bestand zu, -daß der Schnee stäubt. - -Es war nicht Has, es war Mensch. Reineke ist sehr vorsichtig geworden. -Er traut sich aus den Dickungen nicht heraus und erst, wie der Himmel -alles Rot verloren hat, die Goldhähnchen schon tiefer suchen, die -Zeisige in den Fichten einfallen, im hellen Holze die Eule heult und -die Steinbruchsarbeiter laut singend hinter dem tanzenden Lichte den -Steinweg hinabtrampeln, da bekommt er die alte Sicherheit wieder. Aber -viel länger, als vorhin, holt er sich in jeder Schlucht und auf jedem -Kamme erst Wind. - -Es ist schon recht dunkel, da schnürt er den Holzfahrweg entlang, -findet am Frühstücksplatz eine Wursthaut, an einem Stück Papier etwas -Schmalz, greift am Bach eine Maus, regt sich zwischen Holz und Feld an -den frischen Hasenspuren auf, prüft alle Rehfährten daraufhin, ob sich -nicht Schweißwitterung an einer davon findet, scharrt auf dem Felde aus -dem Mist einen faulen Hühnerkopf, würgt ein stinkendes Darmende hinein, -das er aus einem anderen Misthaufen kratzt, stattet dem Fischteich -einen erfolglosen Besuch ab und schleicht in der späten Dämmerung um -das Gut herum, bis laute Menschenstimmen ihn verjagen. - -So trabt er in großem Bogen zum Dorfe, findet am letzten Hause auf dem -Dungplatz einen Ballen fettiger Schweinehaare vom Schlachtfest, die -er mit Widerstreben hinunterwürgt, gedenkt traurig der Nacht, als er -hier die halbwüchsige Katze erwischte, muß eilig abtrollen, weil ein -kläffender Spitz in den Hof hinausfährt, stellt am Bache fest, daß die -Enten und Gänse wohl da waren, aber nicht mehr dort sind, findet am -Luderplatze nur blanke Pferdeknochen, am Kalkofen überhaupt nichts, bei -der Mühle dasselbe, und macht auf seiner meilenlangen Fahrt durch die -Feldmarken und die sieben Berge hinter ihnen die Erfahrung, daß der Has -viel zu hellhörig ist und daß die Hühner verschwunden zu sein scheinen. -Eine einzige Maus scharrt er mit vieler Mühe noch aus, dann ist die -Nacht hin und er trollt dem Holze wieder zu, in der stillen Hoffnung, -in den Schlehenbüschen noch einen Igel im Winterlager zu finden oder -auf der Luzerne davor einige Mäuse zu greifen. - -Der Igel aber liegt unter schützendem Schnee und Mäuse gibt es auch -nicht. Als er ganz trübselig den Bach entlang schnürt, stößt er auf -frische Rehwitterung. Gewohnheitsmäßig, aber ohne Hoffnung, schnürt er -der Fährte zu und steckt die Nase hinein. Sofort ist er wieder munter, -denn in der Fährte liegt ein Tröpfchen Schweiß. Bei dem Wurfboden einer -Buche findet er wieder Schweiß in der Fährte, einen breiteren Tropfen, -und je näher er an den Buchenaufschlag kommt, um so stärker werden die -Schweißflecken im Schnee, um so frischer sind sie und immer heftiger -weht Reinekes buschige Rute. - -Ganz vorsichtig schleicht er in dem Hauptwechsel entlang, bis er in -dem Buchenaufschlag ist. Da hat er auch dicht vor sich die volle -Rehwitterung. Noch vorsichtiger schleicht er näher, da rauscht es auch -schon über ihm, poltert es, rasselt es, stiebt es, und nun schleicht er -nicht mehr, er schnürt eiliger, immer hastiger, und je schneller es vor -ihm bricht und rauscht, um so flüchtiger wird er, immer unter dem Winde -neben der kranken Fährte, die Nase einen halben Fuß über dem Schnee. - -Das laufkranke Kitz flüchtet bergan, Reineke immer hinter ihm drein. -Es schlägt einen Haken, macht einen Wiedergang, läßt den Fuchs -hinter sich, aber der hält die Fährte, und als es zitternd und -keuchend verhofft, weil bei jeder Flucht die Schalen durch die harte -Schneekruste treten und die Läufe immer mehr schmerzen, da vernimmt es -des Verfolgers lautes Hecheln schon unter sich. Es flüchtet bergauf, -über faule Stöcke, zwischen Klippen hindurch, in die verschneiten -Dickungen hinein, in das Stangenholz, aber Reineke ist immer dicht an -ihm. Immer kürzer wird das Reh, immer länger der Fuchs. Einmal schon -faßt er Haar, aber laut aufklagend reißt es sich los, bricht seitwärts -aus und poltert in der vereisten Holzriese den Hang hinab. - -Ihm nach trabt der Fuchs. Seine Seher glühen, lang hängt die Zunge aus -den schwarzen Lefzen, fest angelegt sind die spitzen Gehöre, die Lunte -flattert wie eine Fahne über seinem Rücken, Schaum spritzt rechts und -links in den Schnee. Jetzt ist er bei dem Reh, es wird noch einmal -hoch, flüchtet durch den verschneiten Aufschlag, aber der Fuchs ist -jetzt immer Seite an Seite mit ihm und springt bei jeder dritten Flucht -an ihm herauf. Jetzt faßt er an, zieht nieder, jämmerlich klingt das -Angstgeschrei durch den Wald, frecher antwortet der Baß eines Altrehes, -ein Schmalreh schmält, und dann ist es still. - -In dem kleinen Erdfalle, neben dem breiten Steinblock unter dem -sparrigen Holunderbusch schlagen des Kitzes Hinterläufe den Schnee von -dem Buchenlaube. An der Kehle zerrt und reißt knurrend und keuchend -der Fuchs, bis es ihm naß und heiß entgegenquillt. Da hält er inne und -leckt und leckt, faßt noch einmal an, reißt noch einmal, stößt seine -Nase zwischen die Lauscher, unter das Vorderblatt, in die Dünnungen, -in den Spiegel des Rehes, zupft erst hinter dem Blatt, reißt heftiger, -verhofft, windet und schneidet an. - -Er ist nicht mehr der saubere Fuchs, dessen eisgrau bereifter Balg wie -geleckt aussieht. Das Gesicht ist rot besudelt, der weiße Brustlatz ist -fort. Er zieht und zerrt, reißt die Öffnung weiter und hält plötzlich -inne. Sein Rückenhaar sträubt sich, heiser faucht, dumpf murrt er, -und giftig keckernd fährt er einem anderen Fuchse entgegen, der seit -einer Stunde der Rotfährte gefolgt ist. Wieder wird es laut im Walde, -so laut, daß die Steinbrucharbeiter, die in dem Hohlweg hintereinander -herstampfen, erstaunt stehen bleiben und eine Weile dem gellenden -Kreischen zuhören, das sich den Berg hinaufzieht, bis es auf dem Kamme -verhallt. - -Der Alte vom Berge hat den Schmarotzer abgebissen. Eilig, aber immer -windend und verhoffend, schnürt er zu seiner Beute zurück und füllt -sich bis zum Platzen. Erst, als es ganz licht ist und die Forstarbeiter -mit Axt und Säge laut werden im hohen Holze, als die Zeisige die -Fichten verlassen, die Krähen über den Berg streichen, Goldfink, Häher -und Zaunkönig sich melden, schiebt er mit der Nase den Schnee von allen -Seiten über das Reh, es für die kommende Nacht aufhebend. - -Faul und dick schnürt er den Steig entlang, bis zu dem Loche, in dem -sich die Quelle sammelt. Da schlappt und schlappt er das eisige Wasser, -bis sein Brand gestillt ist, rollt sich im weichen Schnee und schnürt -dann den Hang hinauf bis vor seine Burg. - -Die Sonne kommt rot und rund an der Flanke des Berges hoch und trifft -eben noch die weiße Spitze von Reinekes Lunte, die gerade in der Spalte -verschwindet, die in seinen Bau führt. - -Da wird der Tag verschlafen und vielleicht die Nacht dazu, und am Ende -noch einen Tag, wenn ihn der Durst nicht hinaustreibt. - - - - -Die Einwanderer. - - -»Eine dumme Geschichte das«, dachten die Kaninchen, »wirklich, eine zu -dumme Geschichte!« - -Nun waren es drei Tage her, daß sie nicht Wald noch Feld gesehen -hatten. Seit drei Tagen waren sie in Kisten und Kasten herumgefahren, -geschüttelt und gerüttelt worden, daß ihnen Hören und Sehen verging. -Jedes Mal, wenn das Rütteln und Schütteln aufhörte, dachten sie, nun -käme die Erlösung, aber es kam weiter nichts, als neues Rütteln und -Schütteln. - -Froh und heiter hatten sie in ihren Sandbergen an der Emse gelebt, sich -an den guten Sachen fett geäst, die auf den Feldern und Wiesen wuchsen, -fleißig an ihren Bauen gearbeitet, ab und zu mit den Hirtenhunden -Kriegen gespielt, mit diesen albernen Hunden, die nicht dahinter kamen, -daß ein Kaninchen schneller ist, als alles auf der Welt, das Haare und -vier Beine hat und daß es sich unsichtbar machen kann, wenn es will. - -Aber eines Tages kamen Männer mit Hunden und jagten die Kaninchen -allesamt aus Busch und Heide zu Baue. Das wäre weiter nicht schlimm -gewesen, denn unter der Erde ist es warm und gemütlich. Aber dann kam -das Schreckliche: ein langes, weißes Tier, was wie ein Iltis roch und -rote Augen hatte, war in die Baue eingeschlieft und da es eine Klingel -um den Hals hatte, entsetzten sich die Kaninchen so arg, daß sie Hals -über Kopf zu Tage fuhren. Das heißt, fahren wollten, denn ehe sie zur -Besinnung kamen, verstrickten sie sich in einem Netze und kugelten -damit im Heidkraute umher. - -Und dann begann das eigentliche Elend. Sie wurden köpflings in einen -Sack gesteckt, in dem sie in Todesangst hin- und herschossen, bis sie -sich so abgestrampelt hatten, daß sie zitternd auf einem Haufen saßen. -Dann wurden sie in dem Sacke weit weggetragen, dann kamen sie in eine -dunkle Kiste. Allerlei Futter fanden sie vor, aber sie rührten es nicht -an und scharrten und knabberten an den Brettern, bis sie müde waren. -Dann fuhr man sie in der Kiste über holprige Heidewege und lud sie -irgendwo ab und dann wurden sie wieder aufgeladen und den halben Tag -gefahren. - -Rumpeldipumpel machte der Wagen und die drei Kaninchen fuhren -übereinander hin. »Prr,« schrie der Jagdaufseher und das Pferd stand. -Der Kastendeckel öffnete sich, eine derbe Faust faßte hinein, erwischte -ein Kaninchen nach dem anderen und dann flogen die drei kopfüber, -kopfunter in das Heidekraut. Einen Augenblick saßen sie da, geblendet -von der Sonne, betäubt von dem Geruche der Kiefern und der Heide, aber -nur einen Augenblick, dann schlug jedes einen Haken und verschwand -in der hohen Heide. Hinter ihnen her erklang das Gelächter des -Jagdaufsehers. - -Da saßen nun die drei unglücklichen Dinger, jedes unter einen Busch -Heidekraut gedrückt und wußten nicht, was sie machen sollten. Still -und stumm war es. Irgendwo schrie ein Häher, Wasserjungfern flirrten -vorüber, die Grillen schwirrten, die Hänflinge und Goldammern sangen -und es roch nach Heide, Kiefern und Birken. Aber es war eine andere -Heide, als die Heimatsheide. Dort führten überall die Pässe der -Kaninchen hin und her, ringsumher lag Kaninchenlosung und die Luft war -voll von Kaninchenwitterung. Hier war von alledem nichts. Nach Hase und -Reh roch es, aber nicht nach Kaninchen. - -So dachte Hopps, der Rammler. Er war von Natur aus sehr vorsichtig, -denn er hatte im Gegensatze zu seinesgleichen einen kohlenschwarzen -Balg mit einer silbernen Blässe mit auf die Welt gebracht und fiel in -Sand und Heide zu sehr auf. Aber als er eine Viertelstunde unter dem -Heidebusche gesessen hatte, machte er einen Kegel und sah sich um. -Alles, was er sah, waren junge Kiefern und Birken, Heide, Sand und -der silbergraue Stumpf einer Kiefer. Darauf hoppelte Hopps zu, denn -da schien ihm besseres Kraut zu wachsen. Er putzte sich, äste einige -Blättchen und dann scharrte er ein Wühlmausloch, das unter den Stumpf -führte, größer, alle Augenblicke halt machend und witternd. Nach einer -Stunde hatte er seinen Notbau fertig. - -Die Arbeit hatte ihn hungrig gemacht. Heide mochte er nicht, Kiefern- -und Birkenrinde noch viel weniger. So setzte er sich denn auf die -Keulen und prüfte ringsum die Luft. Halblinks roch es nach Klee. -Vorsichtig rückte Hopps nach dieser Richtung hin. Wahrhaftig, der gute -Geruch wurde immer stärker und da leuchtete auch schon zwischen den -grauen Kiefern eine saftige Kleewiese auf. »Noch zu hell, viel zu hell -noch,« denkt Hopps und bleibt am Rande der Dickung sitzen. Hinten in -der Wiese bewegt sich etwas Weißes hin und her. »Der Storch«, denkt der -Kaninchenbock. Ein Ruf kommt aus blauer Luft: »Das ist der Bussard.« -Das sind Tiere, vor denen hat er keine Angst. Aber nun kommt von dem -Felde ein heller Laut: »Also Hunde gibt es hier auch; dann ist es Zeit, -sich einen sicheren Bau zu graben.« - -Hopps rückt, nachdem er am Grabenrand sich am Grase geäst hat, wieder -in die Dickung, eilig, aber vorsichtig. »Halt, da riecht es ja nach -Kaninchen!« Hopps schnuppert einen Augenblick. »Das war Flitzchen.« -Zweimal klopft er mit dem Hinterlaufe die Erde. Da taucht ein grauer -Fleck zwischen zwei Heidbüscheln auf. Flitzchen ist es. Steif und -starr sitzt sie da; ebenso steif, ebenso starr sitzt Hopps ihr -gegenüber. Keins rührt sich. Dann spielohrt Hopps und rückt näher. -Flitzchen wendet sich zur Flucht. Hopps macht Halt und klopft wieder. -Da faßt sie Vertrauen. Der Wind küselt und trägt ihr die Witterung -von dem schwarzen Ding vor ihr zu. »Ich glaube, es ist Hoppschen,« -denkt sie. Da ist er auch schon. »Bist Du es?« »Ja, wer sonst?« »Das -ist schön!« »Und wo ist Witschel?« »Keine Ahnung.« »Wollen wir sie -suchen?« »Nachher; jetzt müssen wir einen Bau graben; es sind Hunde in -der Nähe. Ein Rohr habe ich schon fertig.« »Weiß ich!« »Wieso denn?« -»Habe es gefunden und von der anderen Seite noch ein Rohr unter den -Kiefernstumpf nieder gebracht!« »Du bist ein mächtig kluges Mädel! -Aber nun komm', wir wollen jetzt den Kessel buddeln und dann können -uns die Hunde 'was husten!« - -Husch, husch, geht es durch das Heidekraut. Hopps ist ordentlich -übermütig geworden, seitdem er Gesellschaft hat und macht vor lauter -Vergnügen allerlei dumme Sprünge, und Flitzchen wird von seiner -Lustigkeit angesteckt und wagt auch einen frohen Hopser über einen -bunten Stein. Als die beiden aber nach dem alten Stumpf kommen, -bleiben sie starr sitzen, denn da rührt sich etwas. »Warte, ich hole -mir Wind!« meint Hopps und leise schleicht er im Bogen zur Seite, -bis er Wind bekommt. Aber dann klopft er lustig, denn der Wind sagte -ihm, daß dort am Stuken Witschel ist. Da ist sie schon, die gute -Dicke. Hochaufgerichtet steht sie da und läßt die beiden herankommen. -»Was wollt Ihr denn hier?« »Die Rohre mit einem Kessel verbinden.« -»Habe ich schon längst gemacht. Aber wißt Ihr was? Seht mal dahin, -da steht ein dichter Dornbusch. Bis zum Kessel sind es keine sechs -Kaninchenlängen. Wenn wir nun eine Fahrt vom Kessel bis unter den Busch -bringen, dann sind wir fein heraus!« »Fein herein auch.« »Also los!« - -Ein eifriges Gebuddel beginnt. Hopps fängt unter dem Dornbusche an, -Flitzchen arbeitet ihm vom Kessel aus entgegen, und Witschel führt von -dem anderen Rohre eine Verbindungsröhre nach der Dornbuscheinfahrt, -einmal der besseren Durchlüftung wegen, dann aber auch, weil sie weiß, -je mehr Fahrten ein Bau hat, um so leichter ist das Entkommen, verirrt -sich einmal so ein Stinker von Iltis hinein. Es war ein glücklicher -Gedanke von Witschel, der Einfall mit dem Dornbusche, denn kaum, daß -die drei in der Dämmerung am Rande der Kleewiese saßen und sich an den -saftigen Blättern gütlich taten, kam ein Bauer den Weg entlang und -hinter ihm her bummelte ein Spitz. So wie der die Kaninchen in die Nase -bekam, sauste er hinterdrein, und wenn er sie auch nicht bekam, so -hielt er doch die Fährte. Hopps und Flitzchen nahmen den kürzesten Weg -und fuhren über die Heide zu Baue, Witschel aber schlug vor dem Hund -Haken auf Haken, bis ihm ganz dumm und albern zu Mute war. Und deshalb -sah er sich nicht vor und rannte gerade dahin, wo Witschels Blume -verschwand, mitten in den Schlehbusch hinein, und rannte sich einen -dürren Dorn unter die Nase, so daß er heulte, daß es weit über die -Heide klang, und jammervoll winselnd kehrte er zu seinem Herrn zurück. - -Die drei Kaninchen unter der Erde lachten. »Was ist denn da los?« -fragte Hopps. »Ach, ich habe den dämlichen Spitz in die Dornen gelockt -und die haben ihn gekämmt. Ich glaube, den Köter sind wir für eine -Weile los.« »Glaube ich auch,« meinte Flitzchen, »denn er hat nicht -schlecht gepfiffen.« Ein Weilchen warteten sie noch im sicheren Bau, -dann aber schlüpfte Hopps bis in die Dornen, sicherte lange und klopfte -die anderen heraus. Sie ästen sich lange in der Kleewiese und machten -durch ihr Hin- und Herhuschen die zwei Hasen, die seit Jahr und Tag -dort ihre Besuchsstelle hatten, so nervös, daß diese ärgerlich nach -dem anderen Ende der Wiese rückten, und auch der Rehbock, der am Kopfe -der Wiese immer austrat, wurde zu seinem Mißvergnügen die fremden -Gäste gewahr, schimpfte mörderlich, daß es weithin klang und zog -voller Verdruß den Hasen nach. Als es schon ganz dunkel war, bekamen -die Kaninchen einen großen Schreck, denn es brach und knickte in dem -Stangenort über dem Sandwege und etwas gewaltig Großes zog über die -Heide nach den Feldern. Was es war, wußten sie nicht, denn dort, wo sie -hergekommen waren, gab es keine Hirsche. Aber da seine Fährte nicht -nach Mensch, nicht nach Hund und nicht nach Fuchs roch, so rückten sie -bald wieder aus der Dickung heraus. - -In acht Tagen hatten sie sich eingelebt. Außer ihrem Hauptbaue hatten -sie sich noch hier und da ein halbes Dutzend Notrohre gescharrt und -zu dem großen Bau noch vier lange Fahrten mit mehreren Abzweigungen -getrieben, deren Mündungen unter Baumstümpfen und in den dichtesten -Kiefernkusseln endeten. »Jetzt kann kommen, wer da will«, meinte die -gute Witschel, und bei sich dachte sie: »Es ist auch gut, daß wir -uns eingerichtet haben, denn zum Scharren habe ich keine Zeit mehr.« -Von Tag zu Tag hielt sie sich mehr allein und sah immer magerer und -ruppiger aus, und wenn Hopps ihr folgen wollte, ohrfeigte sie ihn, -daß es nur so brummte. Und bald ging es ihm bei Flitzchen nicht -anders; auch diese hielt sich allein und Hopps saß allein in seinem -großmächtigen Bau und dachte über die Launenhaftigkeit der Weiber nach -und sehnte sich nach der Emsheide, wo es nicht bloß ein Flitzchen -und eine Witschel, sondern viele viele hübsche Kaninchenfräulein -und -frauen gab, alte und junge, dicke und schlanke, so daß ein -Kaninchenherr, und besonders ein so schöner, schwarz mit einer -silbernen Blässe, sich nicht Tag und Nacht zu langweilen braucht. - -Eines Tages aber machte er ein ganz dummes Gesicht und dachte: »Nanu, -träume ich oder ist mir der junge Klee in den Kopf gestiegen?« denn an -der Quelle bei dem Dornbusche wimmelte es von kleinen Kaninchen; sieben -waren es, sechs graue und ein schwarzes. »Die wollen wir uns doch -einmal näher besehen«, dachte er, aber da fuhr Witschel, die er gar -nicht gesehen hatte, hinter einem Farrnbusche hervor und benahm sich so -unfreundlich, daß er ihr aus dem Wege ging. Drei Tage später traf er -auf dem grasigen Gestelle vor dem Stangenorte wieder junge Kaninchen -an, zwar nur fünfe, aber zwei schwarze darunter, und als er sich die -Kinder ansehen wollte, bereitete ihm Flitzchen ebenfalls einen üblen -Empfang. Aber schon nach acht Tagen liefen die Kleinen alleine und die -beiden Mütter waren wieder nett zu Hopps. - -Drei Monate gingen in das Land, da sah die Kiefernbesamung anders -aus, als an jenem Apriltage, an dem der Jagdaufseher die Kaninchen -ausgesetzt hatte. Überall war gescharrt, an den Wegen, an der -Feldkante, in den Gräben und überall war Kaninchenlosung. Der -Jagdpächter freute sich, wenn er in der Dämmerung von dem Hochsitze -in der Eiche den Graben in das Glas nahm und überall die Kaninchen -hin- und herflitzten, doch es wunderte ihn, daß der starke Bock, der -sonst immer hier austrat, sich nicht mehr spürte. Aber dem war es in -der Besamung und in dem Stangenorte zu unruhig geworden; Tag und Nacht -ruschelte und raschelte und pochte und kratzte es, und überall roch -es nach den fremden Tieren, und kein Fleck war, wo nicht deren Losung -lag. Deshalb war er in die Nachbarjagd ausgewandert. Auch die beiden -Hasen, die sich sonst jeden Abend vorn in der Kleewiese ästen, waren -verschwunden. Erst hatten sie tiefer in der Wiese geäst, als aber die -Kaninchen auch dort das Gras mit ihren Pässen durchzogen, rückten die -Hasen auch über die Jagdgrenze. - -Reineke Rotvoß, der Schleicher, hatte es bald spitz, daß es in der -Besamung ein neues Wild gab. Er gab sich zwei Monate lang die größte -Mühe, eins von den unbekannten Tieren zu erwischen, aber es gelang ihm -immer vorbei. Und wenn er es noch so schlau anstellte, sie entwischten -ihm jedes Mal und dann stand er vor dem Bau, schnupperte in die Fahrt -hinein, zog Geschmacksfäden, wie ein Hund beim Hochzeitsessen, scharrte -sich lahm und müde und zog schließlich hungrig und ärgerlich ab. -Beinahe hätte er Flitzchen einmal geschnappt, aber da klopfte Hopps -laut auf den Boden und Flitzchen schlug drei Haken und fuhr durch den -Dornbusch zu Bau, der Fuchs schrammte sich heftig an den Dornen und -machte, daß er weiter kam. Auch Griepto Hoihnerdeiw, der Habicht, hatte -kein Glück bei den Kaninchen, und wenn er noch so listig an der Kante -der Besamung entlang strich. Jedes Mal, wenn er sich sagte: »So, nun -mache dein Testament!« dann witschten die grauen oder schwarzen Dinger -in den Busch oder in ein Loch. Einzig und allein Dickkopp, der Kauz, -hatte Weidmannsheil und griff, als er lautlos aus der Eiche abstrich, -ein Jungkaninchen. Die anderen aber retteten ihre Bälge und wuchsen -und gediehen und als ein neuer Frühling in die Heide zog, da machte es -nichts mehr aus, riß der Fuchs auch einmal ein Stück oder griffen sich -Kauz und Habicht eins, denn es waren ihrer schon viel zu viele und alle -vier Wochen wurden es mehr. - -Schon bald fingen die Bauern an, lange Gesichter und runde Augen zu -machen, wenn sie die Gänge im Getreide sahen und einer klagte dem -anderen seine Not über das neue Unzeug. Als es von Monat zu Monat -schlimmer wurde, rückten sie dem Jagdaufseher auf den Leib, aber der -tat, als wüßte er nichts und ebenso machte es der Jagdpächter, denn -er sagte, ihm seien die Kaninchen selbst lästig, weil sie die Hasen -und die Rehe vertrieben. So war es auch; seitdem Hopps, Witschel und -Flitzchen und ihre Nachkommenschaft und die Nachkommenschaft davon und -deren Nachkommen und so weiter in den Heidbergen waren, hatten sich -die Hasen nach und nach verzogen und die Rehe waren in die Nachbarjagd -hinübergewechselt, die aus Bruch und Moorwald bestand und in der die -Kaninchen nicht leben konnten. - -Als es ganz schlimm wurde, veranstaltete der Jagdpächter Treibjagden -allein auf Kaninchen und wenn auch den ganzen Tag über geknallt wurde, -auf zehn Schuß kam meist noch nicht ein Viertel Kaninchen, denn, wie -der Jagdpächter sagte: »Vorn ist das Deuwelszeug zu schnell und hinten -zu kurz.« Der Jagdaufseher kaufte Frettchen und Garne und ging ihnen -damit zu Balge, aber in der dichten Besamung und bei den verzweigten -Bauen, die alle keinen Anfang und kein Ende hatten, lohnte das auch -nicht. Er stellte Tellereisen in die Röhren und an die Kratzstellen, -aber die Kaninchen hatten den Schwindel bald heraus und fielen nicht -mehr darauf hinein, und als der Jagdaufseher Schwefelkohlenstoffbomben -in die Baue warf, hatte er erst recht keinen Erfolg, weil die Baue -zu viel Ausfahrten hatten. Und daß er sich hinsetzte und sie auf dem -Anstand abschoß, das brachte ihm nicht Schußgeld genug. - -So lebten denn Hopps, Witschel und Flitzchen lustig weiter und von -Jahr zu Jahr nimmt ihre Sippe zu. Längst haben sie die Gemeindegrenze -überschritten, rund herum finden sich neue Siedlungen und alles, was -Land oder Garten hat, flucht ihnen. - -Es schadet ihnen aber nicht im mindesten. »Der Mensch ist stark und -schlau,« sagt Hopps, der alte, »aber gegen uns kann er nicht ankommen. -Witschel hat voriges Jahr achtmal geworfen, meist sechs Stück, einmal -weniger, das andere Mal mehr, im Durchschnitt aber sechs. Sechs mal -acht sind achtundvierzig.« - -»Und ich habe im letzten Jahre vierunddreißig gehabt«, meint Flitzchen. - -»Na also«, spricht Hopps. - - - - -Ein Hauptschwein. - - -Im Helmetale war der Teufel los. Die Frühkartoffeln waren ausgewühlt, -die Erbsenfelder zertrampelt, die Saatkämpe umgebrochen, die -Haferfelder mit Wechseln durchzogen. - -Von irgendwoher war ein Hauptschwein zugewechselt; überall spürte es -sich. Im Helmetal gab es keine Sauen; also war es kein Wunder, daß die -Aufregung groß war. Alles, was auf die Jagd ging, saß auf den Keiler -an, aber alle Mühe war vergebens. - -So dumm war der Basse nicht, daß er immer in derselben Ecke blieb. -Er kannte die Welt; er hatte seine Erfahrungen hinter sich, sogar -mehr, als ihm lieb war. Ein Dutzend Jahre war er alt, hatte manche -Kugel pfeifen, Schrote genug klappern hören und auch sonst allerlei -durchgemacht. - -Keine drei Wochen war er alt gewesen, da hatte ihn die Fuchshetze beim -Wickel gehabt, und hätte er nicht so hellaut geklagt und wäre die Bache -nicht ganz in der Nähe gewesen, so war es damals aus mit ihm; aber -seine Mutter rannte die Füchsin über den Haufen und richtete sie so -zu, daß sie mit knapper Not ihr Leben barg. - -An dem Tage, da er seinen letzten Milchzahn verlor und zum ersten Male -nach Würmern und Wurzeln brach und vor Eifer zu weit hinter seiner -Mutter zurückblieb, hatten ihn zwei Hunde halbtot gehetzt, und er wäre -verloren gewesen, wenn die Bache nicht noch im letzten Augenblicke -herbeipolterte und die Köter beiseite brachte. - -In seinem ersten Winter war er dreimal eingekreist gewesen, hatte mehr -als eine Kugel pfeifen hören, und das eine Mal hatten ihm die Paläster -ganz gehörig die linke Keule gekämmt. - -Hinterher hatte er noch mehr erlebt. Daß er den rechten Hinterlauf -schonte, kam daher, weil ihn dort eine Kugel gefaßt hatte; viel hätte -nicht gefehlt, so wäre es damals mit ihm zu Ende gewesen, denn drei -Hunde hatten ihn gestellt. Er stritt sie aber tapfer ab, schlug den -einen zuschanden und rettete seine Schwarte. - -Die sah bunt genug aus; das rechte Schild war mit Röllern gespickt, -die ein Bauer ihm da hineingepfeffert hatte, als er ihm die Erdäpfel -umpflügte. Die linke war halb kahl, denn die hatte ihm ein Streifschuß -zerfetzt. Die langen Federn auf dem Rücken zeigten eine breite Lücke, -denn dort hatte ihn eine Kugel gefaßt; das hatte scheußlich weh getan, -und er war erst wieder zur Besinnung gekommen, als ein Hund ihn hinten -und einer vorne zerrte; beide blieben mit aufgeschlagenen Rippen am -Platze. - -Auch sein wehrhaft Gewaff hatte Schaden genommen; ein Schuß in das -Gebräch hatte den rechten Haderer der Schneide beraubt und einen Stumpf -daraus gemacht. Und der Pürzel, sogar der hatte daran glauben müssen; -er hatte einen Knick in der Mitte von einem Postenschusse. - -Der eine Seher war blind; ein Hagelkorn hatte ihn durchschlagen, und -beide Gehöre waren aufgeschlitzt von Hundezähnen. Außerdem wies die -Schwarte überall Schmisse auf, die er sich bei den Kämpfen in der -Rauschzeit geholt hatte. Kurzum: er hatte allerlei erlebt, kannte die -Welt und benahm sich dementsprechend. - -Darum ließ er es erst Nacht werden, ehe er die Dickung verließ, und er -trat da aus, wo er den Wind gegen sich hatte, und auch dann erst, als -er eine Viertelstunde gesichert hatte. Dann aber legte er sich auch -keinen Zwang auf und vergnügte sich damit, die morschen Fichtenstümpfe -auf dem verwachsenen Kahlschlage kurz und klein zu brechen, denn sie -saßen voll von Käfern, Puppen, Larven und Schnecken. - -Darauf jagte er eine Fasanenhenne von ihrem Gelege, fraß die -Eier sämtlich auf, ließ eine Menge Mäusebrut und einen Junghasen -hinterdreinwandern, vergaß auch nicht, das Haferstück um und um -zu pflügen, denn es saß voll von Engerlingen, nahm mit, was er an -Fröschen, Blindschleichen und Vogelbrut antraf, scheuerte sich lange -und ausgiebig an einer harzigen Fichte, machte aus einem Kartoffelfelde -einen Sturzacker, verhunzte einen Saatkamp gänzlich und schlief um -die Zeit, als der Bauer und der Förster an der Stätte seiner Untaten -standen und den Zorn Gottes auf ihn herabwünschten, eine halbe Meile -weiter in einem verwachsenen Erdfalle, der im tiefsten Forste lag. - -Selbstverständlich wurde die Fichtendickung, in die er sich den Tag -vorher versteckt hatte, getrieben, weil seine Fährte hinein- und -herausstand, aber natürlich bekam man ihn nicht, weil er eben nicht -mehr da war. - -So trieb er es den ganzen Sommer über; bald war er hier, bald war er -dort, aber nie da, wo man ihn suchte. Heulen und Wehklagen gab es, -wo er erschien; hier waren die Frühkartoffeln ausgewühlt, dort die -Mohrrüben vernichtet, da die jungen Erbsen zuschanden getrampelt, und -im Getreide waren Gänge über Gänge. Aber man sah immer nur, daß er da -gewesen war; wo er war, das wußte man nicht. - -Einige Leute behaupteten, es wäre gar kein wildes Schwein, sondern eine -Art von bösem Geist oder Gespenst, denn anders müßte man seiner doch -einmal ansichtig werden, denn alle Jäger weit und breit dachten an -nichts anderes, als an den Keiler und saßen die ganzen Nächte auf ihn -an. - -Zu Blick bekommen hatte ihn aber nur einer, und der behielt das für -sich, denn als er in seinem Loche vor dem Felde saß, hatte der Basse, -wie aus der Erde gewachsen, plötzlich dicht vor ihm gestanden und so -schrecklich ausgesehen, daß dem Manne das Herz bis in den Flintenlauf -hineinschlug und er den Keiler gründlich vorbeischoß und dann lief, -was er nur laufen konnte, und dachte gar nicht daran, daß er Rucksack -und Jagdglas liegen gelassen hatte. Als er am andern Morgen die Sachen -holen wollte, waren sie verschwunden. - -Endlich hieß es: »Wir haben ihn fest!« Ein Mann, der vor Tau und -Tag zum Arzte wollte, hatte gesehen, daß der Keiler eine mächtige -Weidenpflanzung, die im Felde lag, annahm. Nun wurde alles -zusammengeholt, was den Finger krumm machen konnte; man umstellte die -Weiden und schickte die Hunde hinein. Sie gaben Standlaut, aber als -sich endlich drei Mann zu ihnen trauten, hatten sie einen Zaunigel vor. - -Das gab nun ein großes Hallo, und als sie alle auf einem Haufen -standen und lachten und schimpften, da plauschte es in den Weiden, -schnaufte es, brach es, und weg war er, der Keiler, und in den großen -Weizenschlag gewechselt. Als man den aber abspürte, stellte es sich -heraus, daß er in den Roggen hinein war, und da spürte man das -Roggenfeld ab und fand, daß er schon in den Viehbohnen war, und da war -er auch schon wieder heraus und in das Holz hinein. - -Man hielt Kriegsrat ab, beschloß, das Holz zu treiben, machte drei -Triebe, aber wer sich nicht blicken ließ, das war der Basse, denn der -steckte schon längst in dem großen Haferschlage. - -Der Sommer ging, der Herbst kam; der Keiler war noch immer im Helmetal, -aber das Helmetal war lang und breit. Da es mit Gewalt nicht ging, -versuchte man es mit List, körnte ihn an, streute ihm Mais, Hafer, -Rüben, Wurzeln. Er nahm sie manchmal auch an, aber nur dann nicht, wenn -irgendwo ein Jäger auf ihn ansaß, oder wenn schon, dann erst, wenn -Himmel und Erde eins waren und man das Ende vom Gewehre nicht mehr -sehen konnte. - -Kinder, die Beeren pflückten, und Frauen, die Dürrholz lasen, lief er -am hellichten Tage an, nur keinen Mann, der einen grünen Rock anhatte, -bis auf den alten Forstmeister, der ihn am blanken Mittage aus der -Suhle steigen sah und sich beinahe seinen ehrwürdigen Bart ausriß, denn -als er die Büchsflinte von der Schulter und den Hahn übergezogen hatte, -da hatte ihn die Sau auch schon spitz und ging flüchtig ab, und die -Kugel traf sie ebensowenig, wie die unchristliche Redensart, die der -Weißbart ihr nachrief. - -Schließlich kam er einem ganz jungen Förster, aber der führte Weichblei -und der Eingänger stand halbspitz von vorne; er bekam die Kugel zwar -gut Blatt, aber bei so einem alten Panzerschweine, dessen Schild -hart und dick wie die Haut des Nilpferdes ist und eine fingerdicke -Harzkruste trägt, ist gut Blatt von vorne der schlechteste Schuß und -schlecht Blatt von hinten die einzig wahre Stelle, und so schnaufte die -Sau bloß, machte kurz Kehrt und der Förster stand da und benahm sich -wenig geziemend. - -Am übelsten aber ging es einem Gutsverwalter. Dem hatte der Eingänger -ein Kartoffelstück, das in einer Waldecke lag, so zugerichtet, daß der -Spaß dabei aufhörte. Nun war dieser Gutsverwalter ein ganz gerissener -Mann. Er ließ den Knecht anspannen und eine Leiter aufladen. Dann mußte -der Knecht unter eine Eiche fahren, die vor den Kartoffeln stand, und -vom Wagen aus, damit keine Fährten den Bassen vergrämten, wurde die -Leiter in den Baum gestellt und darüber ein Hochsitz gemacht, und den -nahm der Verwalter ein und der Knecht fuhr weiter. - -Das war um fünf Uhr nachmittags. Um zehn Uhr abends meinte der -Verwalter, daß es allmählich Zeit für den Keiler wäre. Der wartete -aber, bis der Mond hinter den Wolken war und dann machte er sich in -aller Seelenruhe über die Kartoffeln her, schmatzte, daß es eine Freude -war, zu hören, wie es ihm schmeckte, aber als der Mond wieder die -Wolken beiseite schob, hielt der Keiler es doch für besser, sich zu -empfehlen. Zuvor aber schubbelte er sich noch solange an der Eiche, -auf der der Verwalter saß und sich bald den Hals abdrehte, bis daß er -glücklich die Leiter umwarf und erschrocken abtrollte. - -Der Verwalter aber mußte die ganze Nacht im Baume sitzen und war, -als morgens der Knecht kam, um zu sehen, ob er noch lebte, vor -Kälte so steif, wie eine überjährige Mettwurst, so daß er kaum die -Leiter hinuntersteigen konnte. Der Keiler aber kam nicht wieder; die -Geschichte mit der Leiter hatte er übelgenommen. - -Der Herbst ging und der Winter kam; der Keiler war noch immer da, aber -er schätzte die Abwechslung zu sehr und so kam er nicht zu Schusse. -War er gestern im Buchenaltholze gewesen und hatte sich an den süßen -Bucheckern gütlich getan, heute war er ganz gewiß nicht da, sondern -eine halbe Meile weiter, wenn nicht eine ganze, denn die Nächte waren -lang. - -Unverschämt, wie er war, kam es ihm gar nicht darauf an, eingemietete -Kartoffeln oder Rüben auszuwühlen oder in den Pflanzgärten Unfug -anzustiften, und einmal, als er spät abends quer über die Landstraße -schoß, warf er den Briefträger um, der ohne Licht dahergeradelt kam; an -dem Rade waren drei Speichen und an dem Briefträger drei Rippen aus -der Reihe gekommen. - -Das Schlimmste war, keiner wollte glauben, daß der böse Keiler das -gemacht hätte, sondern alle sagten, es würde wohl das gute Bier gewesen -sein. Aber es war wirklich der Keiler gewesen und ihm hatte der Vorfall -ebensowenig gepaßt, wie dem Briefträger und der Postbehörde, die, bis -der Briefträger wieder aus dem Bette war, was drei Wochen dauerte, -Vertretung stellen mußte. - -Schließlich hieß es: »Wenn wir nur erst Spürschnee haben!« Der ließ -aber bis Weihnachten auf sich warten, und dann war es wieder verkehrt, -denn nun schneite es in einem Ende und schneite die Fährten, die der -Keiler machte, alle wieder zu, und dann gab es Tauwetter und Plattfrost -und Regen und wieder Plattfrost, und es war nichts zu wollen. - -So wurde es Ende Januar, bis daß der Basse bestätigt wurde. Boten -liefen und ritten, Fernsprecher klingelten, Butterbröte wurden -gestrichen, Schnapsflaschen gefüllt, und um zehn Uhr hielten acht Wagen -bei der Oberförsterei. - -Der Forstmeister hielt in Anbetracht der Schwere des Falles eine -Rede, teilte mit, daß ein Fehlschuß mit einem Taler zu Gunsten -der Hinterbliebenen im Dienste erschossener Forstleute bestraft -werde, empfahl Vorsicht, denn angeschweißte Sauen wären von großer -Rücksichtslosigkeit und kümmerten sich den Teufel weder um das -Strafgesetzbuch noch um die Haftpflicht, wären außerdem nervös und -hätten am liebsten ihre Ruhe, weswegen man sich völlig lautlos, -womöglich noch leiser, zu seinem Stande zu verfügen habe, auch sei -Niesen und Husten bis zum Abblasen zu verschieben. - -Es war ein bildschöner Tag. Der Himmel war hoch und die Luft war still, -die Fichten hatten Schneemützen auf und die Jungbuchen weiße Hemden -an, die Krähen stachen sich in der Luft und die Meisen piepten in -den Zweigen. Es dauerte eine Stunde, bis daß die Schützen angestellt -waren, und mancher von ihnen fand, daß eine Saujagd auf die Dauer ein -fußkaltes Vergnügen wäre. Aber dann wurde angeblasen und warm lief es -ihnen zwischen Hemd und Haut über den Rücken. - -Erst kam eine halbe Stunde gar nichts; dann dem einen ein Fuchs und -dem anderen ein Hase, aber darauf zu schießen, war bei Todesstrafe, ja -sogar bei zehn Mark Geldbuße verboten, und dann kam eine ganze Weile -wieder nichts, und dann ein Treiber und noch einer. - -Schon seufzten die gesitteten Jäger, und die ungesitteten murrten -dumpf, da gab ein Hund Laut, und noch einer, und der dritte, und es -war ein Lärm, wie auf einer internationalen Hundeausstellung, und dann -pfiff ein Hund in den höchsten Tönen; die andern aber gaben Standlaut. - -Und dann fiel ein Schuß, und dann schrie jemand: »Hülfe, Hüülfee!« -und die einen sahen sich nach anständigen Bäumen um und fanden es -rücksichtslos, daß ringsumher nur junge Bestände waren, die höchstens -eine Eichkatze, aber keinen ausgewachsenen Mann tragen konnten, andere -aber rannten, so schnell sie ihre langen Stiefeln tragen wollten, -dahin, wo der Lärm war, und da sahen sie ein Bild, schrecklich schön -und doch zum Lachen. - -Da war nämlich ein Heringssalat von einem Keiler, sechs Hunden und vier -menschlichen Gliedmaßen, von denen zwei in langen Stiefeln steckten und -ganz erbärmlich zuckten, während ihr Besitzer andauernd um Hilfe schrie -und mit dem Büchsenkolben bald den Keiler, bald die Hunde abwehrte. - -Es war ein solches Gekrabbel und Durcheinander, daß keiner wußte, was -ist nun Schütze, was Sau, was Hund, und so mochte niemand dem Keiler -den Fangschuß geben, noch ihm mit der kalten Waffe auf die Schwarte -rücken. - -Da sprang der jüngste Schütz, ein dünner Forstlehrling mit einem -Milchgesicht und noch ganz glatt unter der Nase, mit drei Sprüngen -hinzu, setzte sich rittlings auf den Keiler, faßte ihn am Gehöre, zog -vom Leder und ehe die ausgewachsenen Männer noch recht wußten, wie es -zugegangen war, stand er neben dem Keiler, steckte die rottriefende -Wehr in die Scheide, trat die Hunde ab und riß den verunglückten -Schützen unter der Sau fort. - -Nun schrie alles »Bravo!« und dann sah man sich den Mann an, der fünf -Minuten lang unter der Sau gelegen hatte. Er sah böse aus, denn die -Hunde hatten ihm in ihrer Wut die Hosen in ganz erheblichem Maßstabe -geflickt und ihm andauernd im Gesicht herumgestanden. Das war aber auch -alles; die Knochen hatte er noch alle zusammen und einen Fleischschmiß -auch nicht abbekommen. - -Man gab ihm einen Schnaps und nun sollte er erzählen. Ja, was war da -zu erzählen? Er hatte gehört, wie dicht vor ihm die Hunde den Keiler -verbellten, hatte sich herangebirscht und geschossen. Von da ab -erinnerte er sich der Reihenfolge der Tatsachen nicht mehr ganz genau. -Er wußte nur, daß er auf einmal unter dem Keiler und zwischen einer -unglaublichen Masse von Hundebeinen lag, daß ihm bald der Schnee, bald -der Geifer der Sau in Mund und Augen flog und dann wäre es ihm heiß und -naß über das Gesicht gelaufen und dann hätte er gar nichts mehr sehen -können. - -Er möchte bloß wissen, wo seine goldene Uhr und seine silberne -Zigarrettendose sei und ob drei Büchsenmacher wohl wieder seine -funkelnagelneue Doppelbüchse, Wert vierhundert Mark, halbwegs gesund -bekämen. Aber schließlich: die Hauptsache sei doch, daß er Jagdkönig -sei. Es sei die erste Sau, die er geschossen habe. Daraufhin trank er -noch einen Schnaps. - -Der Keiler wurde auf die Brandrute gezogen und dann suchte man den -Anschuß. Es war keiner da. Rundumher Hohngelächter der Hölle; das -Gesicht des glücklichen Schützen wurde noch einmal so lang, das des -Forstlehrlings nahm eine vollmondartige Form an. Man drehte die Sau -um und um, besah sie von vorn und hinten, es war und war kein Anschuß -zu finden. Der Schütze mußte zeigen, wo er gestanden und wohin er -geschossen hatte, und da fand man den Anschuß; eine Jungfichte war -mitten durchgeschossen. Neues Hohngelächter! Drei Mark für den Verein -Waldheil fällig wegen Fehlschusses! Drittes Hohngelächter! - -»Malhör über Malhör!« sprach der Forstmeister, brach einen Bruch, -zog ihn durch den roten Schweiß und reichte ihn auf seinem Hute dem -Forstlehrling. »Sau tot!« blies das Horn. Heim ging es. Fast alle -ließen die Köpfe etwas hängen. Und leise sprach der Forstmeister: -»Pech ist Pech! Das größte Pech hat der Bengel da; fängt ein gesundes -Hauptschwein mit der kalten Waffe ab. Wenn der nicht Größenwahn kriegt, -weiß ich es nicht!« - -Am anderen Tage kam der Trichinenbeschauer, machte seine Proben und -sprach mit strahlendem Gesichte: »Trichinen hat er ooch!« - -»Auch das noch!« sprach der Forstmeister und trank einen Schnaps. - - - - - * * * * * * - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - -Unterschiedliche Schreibweisen von Namen wurden beibehalten. - -Korrekturen: - -Titelseite: leivt → lebt - Es {lebt} der dürre Sand - -S. 65: sind → sich - kümmern {sich} nicht mehr um sie - -S. 129: hömschen → höhnischen - trockenen, gemeinen, {höhnischen} Jubelruf - -S. 134: bastige → hastige - tief unter ihm fallen {hastige} Axtschläge - -S. 163: Malöhr → Malhör - {Malhör} über Malhör! - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN*** - - -******* This file should be named 53457-0.txt or 53457-0.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/3/4/5/53457 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it -under the terms of the Project Gutenberg License included with this -eBook or online at <a -href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook.</p> -<p>Title: Mümmelmann</p> -<p> Ein Tierbuch</p> -<p>Author: Hermann Löns</p> -<p>Release Date: November 6, 2016 [eBook #53457]</p> -<p>Language: German</p> -<p>Character set encoding: UTF-8</p> -<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN***</p> -<p> </p> -<h4>E-text prepared by Sandra Eder<br /> - and the Online Distributed Proofreading Team<br /> - (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br /> - from page images generously made available by<br /> - Internet Archive<br /> - (<a href="https://archive.org">https://archive.org</a>)</h4> -<p> </p> -<table border="0" style="background-color: #E6E6FA;margin: 0 auto;" cellpadding="10"> - <tr> - <td valign="top"> - Note: - </td> - <td> - Images of the original pages are available through - Internet Archive. See - <a href="https://archive.org/details/Mummelmann_Ein_Tierbuch_"> - https://archive.org/details/Mummelmann_Ein_Tierbuch_</a> - </td> - </tr> -</table> -<p> </p> -<p> </p> -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>, in Antiqua gesetzter -Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am -<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> -<hr class="full" /> -<p> </p> -<p> </p> -<p> </p> - -<p class="h2">Hermann Löns<br /> -<span class="larger">Mümmelmann</span></p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="noind">In unserem Verlage sind von</p> - -<p class="h2">Hermann Löns</p> - -<p class="center">ferner erschienen:</p> -</div> - -<p class="large">Aus Wald und Heide</p> -<div class="adv"> -<p>21 Erzählungen für die Jugend, 16.–20. Tausend, -Illustr. Kart. M. 1.–.</p> -</div> - -<p class="large">Mein braunes Buch</p> -<div class="adv"> -<p>21 Erzählungen aus der Heide. 17.–21. Tausend, -brosch. M. 3.–, geb. M. 4.–, Luxusband M. 6.50.</p> -</div> - -<p class="large">Mein blaues Buch</p> -<div class="adv"> -<p>Balladen und Romanzen, 4. Tausend, brosch. -M. 3.–, geb. M. 4.–, Luxusband M. 6.50.</p> -</div> - -<p class="large">Der letzte Hansbur</p> -<div class="adv"> -<p>Bauernroman aus der Lüneburger Heide. 9.–10. -Tausend, brosch. M. 3.50, geb. M. 4.–, Luxusband -M. 7.–.</p> -</div> - -<p class="large">Dahinten in der Heide</p> -<div class="adv"> -<p>Niedersächsischer Roman, 13.–15. Tausend, brosch. -M. 3.–, geb. M. 4.–, Luxusband M. 6.50.</p> -</div> - -<p class="large">Kraut und Lot</p> -<div class="adv"> -<p>Ein Buch für Jäger und Heger, 8.–10. Tausend, -geb. M. 4.20, Luxusband M. 7.–.</p> -</div> - -<p class="large">Der zweckmäßige Meyer</p> -<div class="adv"> -<p>Ein schnurriges Buch. 20 Humoresken aus dem -Naturleben. 8. Tausend, geb. M. 3.50, Luxusband -M. 6.–.</p> -</div> - -<p class="large">Auf der Wildbahn</p> -<div class="adv"> -<p>Jagdnovellen, 8. Tausend, geb. M. 4.–, Luxusband -M. 6.50.</p> -</div> - -<p class="large">Haidbilder</p> -<div class="adv"> -<p>Neue Folge von »Mein braunes Buch«, 6. Tausend, -geb. M. 3.50, Luxusband M. 6.–.</p> -</div> - -<p class="large">Mein buntes Buch</p> -<div class="adv"> -<p>Naturschilderungen, 7. Tausend, geb. M. 3.50, -Luxusband M. 6.–.</p> -</div> - -<p class="large">Goldhals</p> -<div class="adv"> -<p>Ein Tierbuch für die Jugend, 4.–8. Tausend, -geb. M. 1.80.</p> -</div> - -<p class="center p2">Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H.,<br /> -Hannover.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Hermann Löns</p> - -<h1>Mümmelmann</h1> - -<p class="h2">Ein Tierbuch</p> - -<p class="center">21.–25. Tausend</p> - -<p class="titcapt">Höret:</p> - -<p class="titpoem">Es gibt nichts Totes auf der Welt,<br /> -Hat alles sein' Verstand,<br /> -Es lebt das öde Felsenriff,<br /> -Es <span id="corrtit">lebt</span> der dürre Sand.</p> - -<p class="titpoem">Laß deine Augen offen sein,<br /> -Geschlossen deinen Mund<br /> -Und wandle still, so werden dir<br /> -Geheime Dinge kund.</p> - -<p class="titpoem">Dann weißt du, was der Rabe ruft<br /> -Und was die Eule singt,<br /> -Aus jedes Wesens Stimme dir<br /> -Ein lieber Gruß erklingt.</p> - -<p class="center p2">Hannover 1915<br /> -Adolf Sponholtz Verlag<br /> -G. m. b. H.</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Inhalt">Inhalt.</h2> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">1.</td><td>Mümmelmann</td> - <td class="tdr"><a href="#Muemmelmann">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">2.</td><td>Murkerichs Minnefahrt</td> - <td class="tdr"><a href="#Murkerichs_Minnefahrt">13</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">3.</td><td>Krähengespräch</td> - <td class="tdr"><a href="#Kraehengespraech">21</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">4.</td><td>Sein letztes Lied</td> - <td class="tdr"><a href="#Sein_letztes_Lied">27</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">5.</td><td>Goldhals</td> - <td class="tdr"><a href="#Goldhals">34</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">6.</td><td>Der letzte seines Stammes</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_letzte_seines_Stammes">41</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">7.</td><td>Achtzacks Ende</td> - <td class="tdr"><a href="#Achtzacks_Ende">49</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">8.</td><td>Böbchen</td> - <td class="tdr"><a href="#Boebchen">57</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">9.</td><td>Der Zaunigel</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Zaunigel">64</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">10.</td><td>Jakob</td> - <td class="tdr"><a href="#Jakob">72</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">11.</td><td>Hausfriedensbruch</td> - <td class="tdr"><a href="#Hausfriedensbruch">79</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">12.</td><td>Mein Dachs und meine Dackel</td> - <td class="tdr"><a href="#Mein_Dachs_und_meine_Dackel">86</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">13.</td><td>Die Zeit der schweren Not</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Zeit_der_schweren_Not">93</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">14.</td><td>Des Rätsels Lösung</td> - <td class="tdr"><a href="#Des_Raetsels_Loesung">99</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">15.</td><td>Das Eichhörnchen</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_Eichhoernchen">105</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">15.</td><td>Hasendämmerung</td> - <td class="tdr"><a href="#Hasendaemmerung">116</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">17.</td><td>Der Mörder</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Moerder">123</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">18.</td><td>Der Alte vom Berge</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Alte_vom_Berge">134</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">19.</td><td>Die Einwanderer</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Einwanderer">144</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">20.</td><td>Ein Hauptschwein</td> - <td class="tdr"><a href="#Ein_Hauptschwein">154</a></td> -</tr> -</table> - -<p class="p2">»Der Zaunigel« und »Das Eichhörnchen« sind mit Erlaubnis des -Verlages beim Prachtwerke »Lebensbilder aus der Tierwelt«, herausgegeben -von H. Meerwarth, Verlag von R. Voigtländer, Leipzig, -entnommen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/dekoanfang.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<h2 id="Muemmelmann">Mümmelmann.</h2> -</div> - -<p>Sie zogen aus, bis an die Zähne bewaffnet, an die -dreitausend, an die dreihundert, an die dreißig, schrecklich anzusehen -in ihrem Kriegsschmucke.</p> - -<p>Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen -Hüten. Um ihre Unterleiber schlotterten oder strammten -sich rauhe Jacken, deren Taschen reichlich mit Nikotinspargeln -gespickt waren. An der Seite hing ein Ränzlein, strotzend -von braunen, grünen, roten oder gelben Hülsen, enthaltend -das scharfe Pulver, ferner eine Flasche, bergend das nicht -minder scharfe Visierwasser, und diverse Pakete, worin die -kurzgehackten sterblichen Überreste toter Schweine und Kühe -waren. Vor dem Magen trugen sie Müffchen, um die -Handgelenke gestrickte Stulpen, und auf dem Rücken Donnerrohre -aller Konstruktionen und jeglichen Kalibers.</p> - -<p>Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen, -den Perron mit schallenden Tritten, drei Coupés mit Zigarrendampf -und die Schaffner mit Grausen, denn jeder dritte zog -ein erwachsenes Exemplar von <em class="antiqua">canis familiaris</em> hinter sich her -und verlangte Platz dafür nächst sich.</p> - -<p>Während der Fahrt nickten die einen, die abends vorher -allzu lange beim geisteserfrischenden Männerskat und beim -seelenerhebenden Bitterbier gesessen hatten, noch etwas nach, -die edlen, etwas gedunsenen Züge auf die Mündungen der -Flinten stützend; andere hatten des Teufels Gebetbuch in<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -der Hand, schielten sich in die Karten und nahmen sich das -mehr oder minder redlich erworbene Kleingeld ab. Die -dritten sprachen Latein.</p> - -<p>Der Dicke mit den apoplektischen Kulpsaugen erzählte -mit einer Stimme, die die Fensterscheiben zum Klirren -brachte, er habe gestern auf achtzig Schritt einen Krummen -geschossen, wie gerädert sei der im Dampf geblieben, alle -Knochen gebrochen. Und dann zeigte er seine Flinte herum, -alle guckten hinein und taten, als glaubten sie es, und jeder -sah sein Gegenüber mit einem Blick an, der da sagte, daß er -es durchaus nicht glaube.</p> - -<p>Sie sprachen eine fremde Sprache, die kein vernünftiger -Mensch verstand, redeten von Rammlern und Satzhasen, -Schweiß und Wolle, Löffeln und Blumen, Läufen und Gescheide, -Kesseln und Suchen, Stokeln und Strecke, meinten -aber immer ganz was anderes. So fuhren sie dahin durch -die weiße, morgendliche Winterlandschaft, auf die die aus -dem Bett kriechende Sonne einen schwachen Rosenschimmer -warf.</p> - -<p>Dieser Rosenschimmer traf auch in der Feldmark von -Knubbendorf die Nase eines alten Rammlers, der langsam -und hochläufig über die Landstraße hinkte, Haanrich Mümmelmann -genannt in seiner Sippe. Er machte einen Kegel, putzte -sich ein Flöckchen Schnee aus dem Schnurrbart mit der -rauhen Bürste seines Vorderlaufes, und überlegte, ob er -noch nach der reichlich geästen Roggensaat etwas Rinde von -jungen Apfelbäumen in den Gärten von Knubbendorf zu -sich nehmen solle, oder ob es bekömmlicher sei, einige vorjährige -Brommelbeerblätter zu genießen, denn er fühlte einen -Druck im Magen.</p> - -<p>Da teilte ihm derjenige Teil seines Körpers, mit dem -er auf einem plattgefahrenen goldgelben Apfel saß, der nicht -von den Hesperiden, sondern von dem edlen Rosse stammte, -mit, daß ein Wagen sich nähere. Er drehte sich um, spitzte<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -die schwarztimpigen Löffel und sagte sich dann in seinem -lieben Gemüte, daß das weder die Post sei, die führe -schneller, noch der Molkereiwagen, der führe langsamer, ein -Marktwagen sei es auch nicht, der käme schon bei nachtschlafender -Zeit. Item sei es etwas Ungewohntes, und das -Ungewohnte sei stets unbekömmlich.</p> - -<p>Er hoppelte bis an den Graben, setzte trotz seiner drei -Läufe über die hohe Schneewehe und hoppelte den Patt -entlang. Auf dem großen Schlehbusch saß der Neuntöter. -Den fragte er, ob er nicht sähe, was da die Straße entlangkomme, -seine Augen hätten nachgelassen. Der Würger -sagte ihm, daß es Jäger und Hunde wären, und flog nach -der Dieme, denn da hatte er eine Maus gesehen.</p> - -<p>Mümmelmann kratzte sich bedenklich hinter den Löffeln -und hoppelte weiter, bis an den großen Stein, der an der -Sandkuhle lag. Dort klopfte er dreimal mit dem linken -Hinterlauf. Er hatte nur den einen, den rechten fraßen -nach der vorjährigen Treibjagd die Nebelkrähen. Auf sein -Klopfen tauchten hinter einem dürren Kamillenbusch zwei -sauber gekämmte Löffel auf. Sie gehörten Geesche Wittblaume.</p> - -<p>»'n Dag, Geesche«, knurrte Mümmelmann, »van Dage -giff dat Drievjagd. Eck weit blot noch nich, wenn sei in -Holte drieven oder inn'e Feldmark. Seih deck vör!«</p> - -<p>»Eck rücke to Holte, da kann'n seck lichter bargen,« -meinte Geesche. »Adjüs, Haanrich« und damit hoppelte sie -von dannen.</p> - -<p>»Segg et de annern an,« rief Mümmelmann ihr nach, -und Geesche machte einen Kegel, spitzte die Löffel, nickte und -hoppelte fort.</p> - -<p>Mümmelmann traf bei Wege noch Trine Geelzahn und -Jochen Pielsteert und sagte ihnen, daß sie gut täten, die -Löffel steif zu halten. Und dann hoppelte er weiter, bis -nach einer ganz kahlen, hoch gelegenen Stelle. Dort lief er<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -eilig hin und her, als habe er etwas verloren, schlug Haken -auf Haken, und schob sich dann in einen Pott, den er sich -scharrte.</p> - -<p>Eine Stunde mochte er in seinem Lager gelegen haben, -da vernahm er ein Geräusch und machte einen Kegel. Da -sah er Aadje Slappuhr eilig daherkommen, Aadje, dessen -Löffel keinen Halt hatten, weil ihm im vorigen November -die Schroten die Knorpel zerschlagen hatten.</p> - -<p>»Junge,« sagte Aadje und verpustete sich, »dat ward -leege van Dage. De Driever drücket dat Holt dör und -denn schall ekesselt weern.«</p> - -<p>»Dübel,« sagte Mümmelmann, »de vermuckten Schinners -war'd von Dag to Dag heller. Na, will't sehn, wat seck -dohn lätt. 'djüs.« Und damit rückte er sich wieder in seinem -Pott zurecht, und Aadje lief weiter.</p> - -<p>Noch eine Stunde lag Mümmelmann da und dachte nach, -daß der Mensch doch das böseste Raubzeug sei, trotz Reinke -Rotvoß und Griepto Höhnerdeiw, dem Habicht, und daß es -Zeit wäre, daß man dagegen etwas täte; da hörte er von -weitem einen Ton, als klopfe da ein riesiger Rammler. Und -der wiederholte sich immer wieder.</p> - -<p>Haanrich Mümmelmann machte sich hoch und äugte -nach der Gegend hin, aber seine Lichter trugen so weit nicht. -So rückte er wieder zusammen und wartete. Die Sonne -brannte ihm warm auf den billigen Balg, der Wind hatte -sich gelegt, das war alles gut und schön soweit, wenn nur -die Jäger nicht gewesen wären. Na, sein Testament hatte -der Olle schon lange gemacht, er war nun fast zehn -Jahre alt, und ewig kann man nicht leben. So philosophierte -er.</p> - -<p>Auf einmal spielohrte er. Er hörte den Mordschrei der -Nebelkrähe. Er machte sich ein ganz klein bißchen höher -und seine Seher wurden starr. Über das Feld kam ein -Hase in ungleichen Sätzen, und über ihm strichen zwei große<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -graue Krähen. Eine stieg immer und strich vorwärts, und -die andere fuhr herab und stieß nach den Lichtern des armen -Hasen, und Arr und Err ging es. Alle Augenblicke wurde -der kranke Hase kürzer, dann fuhren beide Krähen auf ihn -los. Und dann rappelte er sich wieder auf und machte ein -paar Sätze, aber nach wenigen Sätzen wurde er wieder -kürzer. Und vom Horizont kam ein schwarzer Punkt und -noch einer und immer wieder einer, lauter Krähen, graue -und schwarze, und wie eine Wolke von Blut und Tod zog -es über den Kranken her. Und jetzt, Mümmelmann schauerte -zusammen und legte die Löffel an, denn er wußte, was jetzt -kam, jetzt kam der Graben, und das war das Ende. Und -da scholl es auch zu ihm heran: »O weh, o weh, o weeäh, -o weih mir,« und dann war alles still und nur die Galgenvögel, -die sich zankten, hörte man.</p> - -<p>Nach einem Weilchen vernahm der Alte wieder ein -Gepolter und sah die Krähen abstieben. Er richtete sich -ein bißchen hoch, und sah einen großmächtigen Köter einen -kranken Hasen hetzen. Schwer krank, das sah der Alte, war -der andere nicht, aber doch so, daß der flüchtige Hund ihn -bald zu Stande hetzen würde. Das war ein guter Kerl, -Natz Klewersitter vom Uhlenbrink. Dem mußte geholfen -werden.</p> - -<p>»Natz,« knurrte Mümmelmann leise, »eck stah upp, sett -di dahl!« Der kranke Waldhase nahm alle Kraft zusammen, -fuhr in das warme Lager, und mit einem Hui, -eine Schneewolke hinter sich werfend, fegte der alte Feldhase -aus dem Pott, schlug ein halbes Dutzend Haken, daß -der Hund ganz verbiestert wurde, sauste dann geradeaus, -schlug wieder Haken, machte einen Kegel, nahm wieder das -Feld hinter sich, bis dem Hunde die Zunge aus dem Halse -hing und er die Jagd aufgab. Mümmelmann äugte ihm -nach, lachte, hoppelte bis zum nächsten Brink und rodete -sich wieder ein. Seine alten Knochen brauchten Ruhe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p> - -<p>Lange dauerte es damit aber nicht, da vernahm er ein -Dröhnen und Knirschen. Erst war es nördlich, dann westlich, -dann südlich, dann auch im Osten. Er machte sich hoch -und sah rundum lauter schwarze Pfähle. Und nach einer -Weile ging es, »Tara, Tarattata«, und die Pfähle kamen -auf ihn zu. Und dann hörte er es knallen und er sah hier -einen aus seiner Sippe über den Schnee rennen, und da -einen von den Waldhasen, und da stand einer auf dem -Kopf und hier rollte einer im Dampf. »Dübel,« dachte -der Alte, »eck sitte in'n Kessel!«</p> - -<p>Die schwarzen Pfähle kamen näher. Überall stob der -Schnee, prasselten die Schrote, flog der Dampf, knallten die -Schüsse. Mümmelmann blieb in seinem Pott und überlegte. -Rechts, nein, da ging es nicht, da knallten wenige -Schüsse und immer einzeln, da standen gute Schützen. Links, -da ging es bergab, das war auch schlecht. Aber gerade -aus da war ein Jäger, der schoß immer beinah beide Läufe -auf einmal, und sein Nachbar, der fuchtelte immer erst -lange hin und her, ehe er drückte.</p> - -<p>Die Schritte kamen näher. Dicht neben Mümmelmann -schlug Kunrad Flinkfoot ein Rad, sprang noch einige -Todessprünge und färbte den Schnee rot. Weiter rechts -machte Dorette Quappbuk ihr Testament, nicht weit davon -Lischen Hopsinskrut. Aber zwischen dem langen Schnellschießer -und dem kurzen Fuchtelmeier passierten eben Jochen -Pielsteert und Fritze Pattlöper heil die Schützenlinie, und -da richtete sich der alte Hase steif auf, hoppelte in gerader -Linie voran, gerade auf die Lücke zwischen den beiden -Schützen zu, ganz langsam, bis er fast in Schußnähe war, -witschte dann nach links, schlug einen Haken nach rechts, -einen nach links, einen nach rechts, sah noch eben, wie zwei -Gewehrläufe in der Luft herumfuhren, wie Schwänze von -Kühen, um die die Bremsen sind, und dann gab er her, -was er in sich hatte, fuhr durch die Lücke, schlug sieben<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -Haken, hörte einen Knall, einen Schrei, einen Fluch, nähte -aus, bis er nichts mehr hörte, und dann machte er ein -Männchen und äugte zurück.</p> - -<p>Das Jagdhorn erklang. Die Schüsse hörten auf. Die -Jäger liefen nach einem Fleck, hoben etwas auf und gingen -nach dem Dorfe. Und es war doch erst Mittag. Als sie -alle weg waren, hoppelte Mümmelmann nach dem Kessel. -Da lag Schweiß, hier wenig, Hasenschweiß, und da viel. -Menschenschweiß, und dem alten Hasen schwoll sein kleines -Herz von befriedigter Rachsucht; nun wollte er gern sterben, -er hatte sein Volk gerächt.</p> - -<p>Nachts um zwölf Uhr, als der Vollmond klar am -Himmel stand, kamen die Knubbendorfer Hasen auf dem -Felde, wo der letzte Kessel gewesen war, zusammen. Mümmelmann -rief sie alle der Reihe nach auf. Zweiundsechzig -antworteten nicht, zwanzig waren entschuldigt, sie heilten -ihre Wunden im Lager, sechzehn humpelten, sie waren leicht -angekratzt. Und als sie alle zusammen waren, da hielt Natz -Klewersitter eine Rede und sagte allen, wie Haanrich Mümmelmann -ihm das Leben gerettet hatte, und alle zweihundert -klopften dem guten Kameraden Beifall und rieben ihre -Nase an seiner. Und dann machte Jochen Pielsteert ein -Männchen und erzählte, daß der Alte vom großen Stein -sie alle gerettet habe. Er, Jochen, habe gesehen, daß Mümmelmann -durch seine Taktik den einen Jäger so dötsch gemacht -habe, daß er seinen Nachbar schwer angeflickt habe. -»Kommt mit, eck will ju dat wiesen!« so schloß er seine -Rede.</p> - -<p>Reinke Rotvoß, der oben an der Straße unter dem -Winde herangeschnürt kam, blieb plötzlich stehen und seine -Nüstern schnupperten wohlig, denn die Witterung von zweihundert -Hasen kitzelte sie. Aber dann setzte er sich plötzlich, -denn eine wimmelnde, krimmelnde Masse kam über das -mondlichte Schneefeld, Hase bei Hase, und jetzt hielten sie an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span></p> - -<p>So etwas hatte Reineke noch nicht erlebt, und er hatte -viel mitgemacht. Als aber die zweihundert Hasen anfingen, -mit den Hinterläufen zu klopfen und gespenstisch im -Kreise herum zu tanzen, da kriegte er es mit der Angst, er -machte kehrt und gab Fersengeld, daß ihm die Standarte -nur so flog. Als am anderen Tage der Jagdaufseher Nachsuche -hielt, da fand er um den roten Fleck, wo der Assessor -den Baurat laufkrank schoß, einen Kreis, festgestampft wie -eine Tenne. Und er sah, daß das die Hasen gemacht hatten, -und er schüttelte den Kopf und machte ein ganz verstörtes -Gesicht.</p> - -<p>Das war die Stelle, wo vorige Nacht die Knubbendorfer -Hasensippe Mümmelmann, den Heldenhasen, nach -Hasenweise geehrt hatte.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span></p> - -<h2 id="Murkerichs_Minnefahrt">Murkerichs Minnefahrt.</h2> -</div> - -<p>Auf der Spitze der großen Pyramide stand ein Mann. -Der Abend hatte die gelbe Wüste in braune und blaue -Farben getaucht, hatte die Palmen und Kuppeln der fernen -Stadt mit Gold und Purpur umwebt.</p> - -<p>Der Mann auf der Plattform des Riesenbaues sah -die zauberhaften Farben, die märchenhaften Töne nicht. Er -war das ganze Ägypten satt, die eleganten Reisenden, das -schmierige Volk, den Spielsaal und die Blumengärten. -Traumverloren sah er nach Norden hin.</p> - -<p>Da zuckte er zusammen und sah sich um. Nicht der -Ruf der Eule war es gewesen, der ihn aus seinem Sinnen -geweckt hatte, nicht das von weitem heranschallende Geschrei -der Kameltreiber, nein, ein ganz anderer Laut, der ihm die -gelben Troddeln der Haselbüsche im dämmernden Wald, -Drosselschlag und Ammernsang vor die Seele rief.</p> - -<p>Er rieb sich die Augen und lächelte: »Ich habe geträumt,« -dachte er. Aber da war er wieder, der seltsame, -tiefe, quarrende Ton, das »Quoark, quoark, quoark«, und -da kam es auch schon herangestrichen, ein schwarzes Ding, -eulenhaft die Fittige bewegend, zwischen denen ein langer, -senkrechter schwarzer Strich sich abhob, und verschwand in -der Dämmerung.</p> - -<p>Das war Murkerich. Auch dem war dieses Ägypten -langweilig geworden mit seinen Palmen, seinem Nilschlick, -seinen fetten Fliegenmaden und Kamelsmistkäfern. Nach<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -weißschimmernden Birkenwäldern sehnte er sich, nach braunem -Fallaub zwischen goldenen Schlüsselblumen, jungen Fichten -und breiten Weißdornbüschen und einem ordentlichen, deutschen -Regenwurm.</p> - -<p>Er moarkte verdrießlich, als ihm eine große Fledermaus -mit einem blattähnlichen Gewächs auf der Nase etwas zuzwitscherte, -das er nicht verstand, strich weiter, den Nil -hinauf, und pfuitzte schnell sein »Pssewitt« in den Abend -hinein. Antwort erhielt er wohl, aber Begleitung bekam er -nicht. »Noch zu kalt da oben«, pfuitzte Kulpsauge. »Noch -keine Würmer draußen«, quarrte Silbersteert. »Noch -Frost im Boden«, wispelte Stecherine. Da reiste Murkerich -allein.</p> - -<p>Im Garten des Augustinerkellers in München ging ein -Mann. Er ließ sich die Abendluft um die Stirn ziehen, -denn arg viele Maße Bier hatte er binnen. Plötzlich blieb -er stehen und sah nach dem Himmel, wo ein einziger, kleiner, -blasser Stern blinzelte. »Herrgottsaxen«, brummte er vor -sich hin, »hoab i oan Rausch. Alleweil hoab i meint, daß -i die Schnepfen hör'!«</p> - -<p>Einen Rausch hatte er, aber richtig gehört hatte er doch. -Murkerich hatte Afrika hinter sich, das Mittelmeer und den -Balkan, Tirols weiße Gipfel und Bayerns dunkle Berge. -Viele Gefahren zu Wasser und zu Lande hatte er erlebt, -Seesturm und Meeresgewitter, Lawinengepolter und Telegraphendrahtsurren; -am Gardasee stellte eine verwitwete -Schnepfin seinem Herzen Garn und Schlinge und wollte -ihn bewegen, dort zu bleiben. Er pfuitzte ihr etwas und -strich weiter.</p> - -<p>Über dem Dorfe Sievershausen im Solling stand ein -Mann. Rotkehlchen und Amseln sangen, Waldwühlmäuse -pfiffen im Fallaub, unten im Dorf rief der Totenvogel und -im hohen Ort lachte der Kauz. Stillzufrieden lauschte der -Mann den Stimmen des Vorfrühlings.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p> - -<p>Auf einmal durchfuhr ihn ein Ruck. Er riß das Gewehr -von der Schulter, spannte und packte an, sah sich wild -um und ließ die Waffe wieder sinken. Er schüttelte den -Kopf und lachte in sich hinein: »Ich dachte, ich hörte schon -die Erste. Aber wir haben ja noch nicht einmal Reminiscere!«</p> - -<p>Er hatte doch richtig gehört, und wenn der Kauz gerade -nicht solchen großen Schnabel gehabt hätte, dann hätte -Murkerichs Minnefahrt schon hier ein Ende gehabt. Aber -Glück muß ein junger Schnepfenhahn haben. Schon im -Taunus waren ihm die Schrote um den Stecher gepfiffen -und in seinem linken Fittig fehlte die Spitze der Malfeder. -»Die kann ich missen,« hatte Murkerich gedacht; »die ist ja -doch bloß zum Staat da«, und war weiter gestrichen. Und -diese Nacht strich er noch weiter, bis er seine engere Heimat -erreichte, den Ahltener Wald bei Hannover. Da strich er -laut pfuitzend in der Frühdämmerung die Gestelle auf und -ab, fiel, als die erste Drossel pfiff, todmüde unter einer -Schirmfichte ein und schlief wie tot.</p> - -<p>Ein Rascheln im Laube weckte ihn. Eine Waldmaus -wäre ihm fast auf den Kopf gesprungen. Als er sich spreizte, -fuhr sie zitternd in ihr Loch. Die Sonne stand schon hoch -und behaglich genoß Murkerich, Flügel und Ständer von -sich streckend und das Halsgefieder aufrichtend, ihre Wärme. -Dann richtete er sich auf, gähnte gefährlich, trippelte einige -Schritte vorwärts, bis er an dem kleinen Ellernbruch anlangte, -wo die ersten Blätter und Blüten sich über dem pechschwarzen, -nassen Boden zeigten.</p> - -<p>Dort stellte er den Stecher senkrecht, fuhr damit über -die goldenen Blüten des Milzkrautes, die fetten Blätter -des Aaronstabes, die blauen und weißen von Leberblume -und Windröschen, bohrte den Stecher in den Boden, vollführte -mit den Ständern ein seltsames Getrampel, wobei er -ab und zu leise schnurrte, und holte alle Augenblicke einen<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -krampfhaft sich windenden Regenwurm oder eine langgeschwänzte -Sumpffliegenlarve heraus, die er sich dann mit -kurzem Ruck einverleibte. Dann trippelte er wieder unter -seine Schirmfichte und schlief weiter.</p> - -<p>Als die Dämmerung die Bäume zusammenschmolz und -der Kauz sein hohles Lied sang, wachte Murkerich auf. Der -Abend war lau und die Luft dumpf, so recht geschaffen für -ein zärtliches Flugspiel über den Wipfeln der Birken. Aber -ihm lag noch die lange Luftreise in den Knochen, und so -beschloß er, weiter zu schlafen, da erstens morgen auch noch -ein Tag und zweitens eine Balz auf eigene Faust eine -ziemlich öde Beschäftigung sei. Da vernahm er ein brünstiges -»Pssewitt«, und er schwang sich auf und folgte dem -lockenden Rufe.</p> - -<p>Auf der großen Rodung holte er die Dame ein. -Quarrline war es, eine Schnepfenmadam reiferen Alters, -die im Frühling vor einem Jahre hier Witwe geworden -war. Sie hatte damals gelobt, unvermählt zu bleiben, aber, -die Liebe, das ist eine sonderbare Sache, und wenn eine -alte Scheune ins Brennen kommt, dann helfen alle guten -Vorsätze nicht. Und als sie Murkerichs flehendes Morken -vernahm, da tat sie zwar erst etwas verschämt, quarrte etwas -von Aufdringlichkeit und Belästigung alleinstehender Damen, -aber die kokette Art und Weise, wie sie ihn über den Rücken -anschielte, gab Kunde davon, wie heiß ihr Herz dem eleganten -jungen Mann entgegenschlug. Ja, wer kann auch -für die Gefühle bei solcher lauen Luft!</p> - -<p>Und so ging es denn mit Pssewitt und Mork-mork -über die Gräben und Tümpel, Schläge und Dickungen, bald -neben-, bald hinter-, bald übereinander, jetzt langsam und -leise, dann laut und schnell, in gerader Richtung ein Gestell -entlang, im Zickzack durch den Lichtschlag, wo Quarrline -ihrem Galan in dem Stockausschlag der Birken verschwand. -Aber er fand sie bald, denn es war bei ihr nur Ziererei,<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -und als er ihr erzählte, daß er in guten Verhältnissen lebte -und ein Grundstück hätte, das sich selbst im dürrsten Sommer -reichlich mit Regenwürmern verzinste, da gab sie bald ihre -Sprödigkeit auf und wurde aus einer älteren Witwe schnell -eine junge Braut.</p> - -<p>Als Murkerich sich am anderen Tage die Sache überlegte, -fand er, daß er etwas voreilig gewesen war. Seine -Quarrline paßte doch nicht so ganz zu ihm. Sie war ein -bißchen zu sehr in die Breite gegangen, ihr Gefieder war -stark ergraut, kurz und gut, eine Schönheit war sie gerade -nicht. Und dieses ewige Gequarre von ihrem Seligen, das -war nicht zum Aushalten. Wenn sie so schon als Braut -war, wie würde sie erst später werden, dachte der glückliche -Bräutigam und hörte mißmutig ihrem Gequarre zu, mit dem -sie ihn sogar jetzt, mittags, wenn jede richtige Schnepfe -schläft, anödete.</p> - -<p>So vernahm sie vor lauter Schwatzen das leise Rauschen -nicht, das hinter ihr im dürren Grase daher kam. Faul und -breit lag sie da und erzählte von ihrem Seligen. Da fuhr -ein rotes Ding rauschend und rasselnd durch das Gras, -Murkerich strich schreiend ab und konnte eben noch eräugen, -daß Reineke Rotvoß mit Quarrline im Fang davonschnürte. -Unter einem gewaltigen Weißdornbusch fiel Murkerich ein. -Der entsetzliche Vorfall bekümmerte ihn tief, aber bei ruhigerer -Überlegung fand er, daß es so am besten für sie beide war; -glücklich wären sie zusammen doch nicht geworden. Über -diesen Betrachtungen schlief er ein.</p> - -<p>Das Gezeter der Amsel weckte ihn. Die saß auf dem -Dornbusch und machte einen Mordskrach, weil zwei Männer -das Grenzgestell entlang gingen. Im großen Windbruch -rief der Kauz, von der breiten Wiese erklang das Schreien -der Kiebitze, Kraniche trompeteten über den Forst hin, Goldammern -und Rotkehlchen sangen ihre Abendlieder. Da vernahm -Murkerich über sich ein tiefes, dumpfes Quarren und<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -ein ängstliches Pfuitzen. Ein alter Schnepfenhahn machte -in grober Weise einer schlanken Schnepfin den Hof. Klack, -klack, machten Murkerichs Flügel, und schon war er neben -dem Pärchen. Der alte Hahn machte ein höchst erbostes -Gesicht, als er den jungen Mann erblickte, und versuchte, -ihm eins zu stechen, aber Murkerich war gewandter, er wich -ihm aus, stieg und stach ihn derartig in die Seite, daß der -alte Herr wutquietschend in das Quergestell einschwenkte. -Murkerich wollte ihm folgen, da fuhr ein langer, roter -Strahl empor, der alte Hahn fiel wie ein fauler Ast zu -Boden, ein Donnerschlag ertönte, Stinkrauch stieg auf, -und Murkerich und das kleine Fräulein schwenkten schleunigst -ab.</p> - -<p>»Glück muß ein junger Mann haben«, dachte Murkerich, -als er mit der Kleinen durch das Birkenbruch zickzackte. Die -hatte sich so erschrocken, daß sie froh war, einen Mann bei -sich zu haben. Pfuitzing hieß sie und war noch nicht ein -Jahr alt. Murkerichs Herz brannte. »So ein niedliches -Ding«, dachte er, »so schlank und adrett, das ist doch etwas -anderes, als die alte Dame von gestern.« Und zärtlich morkend, -sagte er ihr die schönsten Sachen über ihre wunderschönen -dunklen Seher, über die blitzenden Silberspitzen ihres -Stoßes, und die Kleine legte geschmeichelt den Stecher an -die Brust und dachte bei sich: »Ein reizender junger Mann, -viel netter, als der alte Murrkopf von vorhin.« Und in -niedlicher Koketterie ließ sie ihres Stoßes silbernes Spitzenwerk -leuchten, und wenn sie auch so tat, als wollte sie sich -ihres Anbeters Schmeicheleien entziehen und hastig fortstreichen, -sie tat nur so.</p> - -<p>Es war ein herrlicher Abend. Die Luft war weich und -warm, in den Sinken braute der Fuchs, der Mond stand -über den hohen Eichen. In seliger Minnefahrt strich das -Pärchen über die Schläge, zickzackte um die Überhälter, ruderte -durch das Bruch, und fiel ab und zu zu kurzem Gekose<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -an einem silbern blitzenden Graben ein, um bald wieder in -langsamem Fluge über die Gestelle zu streichen, er in männlichem -Bariton schmeichelnd und sie im hellen Diskant -kichernd, wenn er ihr erzählte, welch ein herrliches Leben sie -hier im schönen Ahltener Walde führen wollten, wo der -Boden so tief und locker und würmerreich ist und wo -Dornbusch an Dornbusch steht, die beste Wehr gegen -Reinekes Tücke und Griepto Heuhnerdeiws, des Habichts, -Roheit.</p> - -<p>Und als sie so schwärmten und träumten, da blitzte und -krachte und rauchte es, und Pfuitzing stieß einen Schrei aus, -stürzte, nahm sich wieder auf und flatterte in das Unterholz. -Murkerich war sofort bei ihr und trieb sie zur Eile an, -denn er vernahm eine laute Stimme, und hörte einen Hund -durch die Pfützen patschen. Da flatterte das arme Ding -mit Aufwand aller Kraft ein Endchen weiter und fiel erschöpft -in den gewaltigen, undurchdringlichen Windbruch. -Noch ein Weilchen hörten sie den Hund hechelnd im -Unterholz herumstöbern, dann ertönte ein Pfiff, und alles -war ruhig.</p> - -<p>Pfuitzing lag auf der Seite und wimmerte ganz leise. -Ihr linker Lauf war von einem Hagelkorn getroffen und -gebrochen. Sie zog ihn fest an den Leib und ließ sich von -Murkerich trösten. Den ganzen Tag blieb sie so liegen und -humpelte erst abends ein bißchen hin und her, um zu wurmen, -und Murkerich blieb immer bei ihr. Nach acht Tagen war -der Lauf fast heil; die weichen Bauchfederchen hatten einen -festen Verband darum gebildet, so daß die Kleine schon -wieder ganz gut auftreten und sich auch wieder aufschwingen -konnte.</p> - -<p>Es war wieder ein wundervoller Abend, so lau, so -weich, so milde, aber dem Pärchen war alle Lust am Strich -vergangen. »Weißt Du was, Pfuitzing,« quarrte Murkerich, -»ich glaube, wir ziehen weiter. Wenn man immer geradeaus<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -gegen Mitternacht streicht, dann kommt man hinter dem -Meer in Länder, da gibt es kaum einen Menschen, und die -da sind, die kümmern sich nicht um uns. Hier muß man ja -immer wie eine Maus im Verborgenen leben und hat nichts -vom Leben. Wollen wir weiter?«</p> - -<p>Pfuitzing war es zufrieden, und als der Mond sich -hinter den Wolken versteckte, da stiegen beide ganz hoch in -die Luft, kreisten dreimal und strichen dann geradeaus, nach -dem Lande, wo es noch nette Menschen gibt. Und da leben -sie heute noch.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<h2 id="Kraehengespraech">Krähengespräch.</h2> -</div> - -<p>Jeden Nachmittag um 3 Uhr achtundfünfzig Minuten, -wenn der Barsinghausener Zug über die große Bult bei -Hannover keucht, kommt ein alter Herr mit einem alten -Hunde den Fußweg entlang, der sich am Rande der Eilenriede -nach der Bult hin zwischen dem Döhrener Turm und -Bischofshol hinzieht. Auf der Höhe der Rüsterburg bleibt -der alte Herr stehen, nimmt eine Prise, sieht gegen den hellen -Abendhimmel und niest, und meistens niest sein Hund zur -Gesellschaft mit. Dann gehen beide weiter.</p> - -<p>Genau um diese Zeit kommt eine große graue Krähe -angeflogen, die bei der Korndieme auf Mäuse lauerte, läßt -sich auf einer der höchsten Eichen am Rande des Waldes -zwischen dem Eisenbahndamm und der Rüsterburg nieder, -schüttelt ihr Gefieder glatt und ruft dreimal laut: »Arrr!«</p> - -<p>Wenn dann der Deister in dicken, rotgesäumten Abendwolken -verschwimmt, wenn in dem Bultkrankenhause, im -Heiligengeiststift und im Schwesternhause die ersten Lichter -aufblitzen und die Sonne mit unheimlicher Behendigkeit an -dem Schornstein der städtischen Bierbrauerei hinunterklettert, -dann kommt von den Komposthaufen eine zweite, aber -schwarze Krähe her, nimmt neben der grauen Platz, schüttelt -ihr Gefieder und ruft ebenfalls dreimal, aber in schwächerem -Ton: »Aerr!«</p> - -<p>Dann dauert es gar nicht mehr lange, und während -der Wald zu einem violetten Gemussel zerfließt, aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -nur das rote Laub der Buchenjugenden hervorleuchtet, um -die Zeit, wenn die heimlich Verlobten, die da spazieren -gehen, anfangen, sich unterzuhaken, dann kommen von allen -Seiten einzelne Krähen angeflogen, graue Nebelkrähen, -schwarze Rabenkrähen und manchmal auch einige stahlblaue -Saatkrähen.</p> - -<p>Im ganzen sind es so fünfzehn bis fünfundzwanzig, die -um die Schlummerstunde auf der hohen Eiche zusammenkommen; -einige davon sind ausgebrütete Hannoveraner, zwei -sogar Stadthannoveraner, da sie in der Eilenriede groß -wurden, die andern stammen aus Brandenburg, Mecklenburg, -Schleswig-Holstein, Sachsen, Posen und Ostpreußen. Die Ostelbier -sind alle grau mit schwarzen Köpfen, Flügeln und -Schwänzen, die andern schwarz. Die Ostelbier sind nur im -Winter hier, wenn sie zu Hause nichts haben.</p> - -<p>Den Tag über treiben sie sich auf der großen Bult -herum, die eine bei der Tierärztlichen Hochschule, die andere -vor dem Schlachthause, wieder andere in den Ländereien der -Stadtgärtnerei, oder in den Stiftsgärten, auf den Fußballspielplätzen, -bei den Bahnwärterhäusern, der Dieme und den -Komposthaufen. Dort stochern sie ruhig und besonnen, ob -sie nicht einen Wurm, einen vor Kälte lahmbeinigen Käfer, -einen Knochen mit noch einem Bißchen daran, eine Wurstschläue, -ein Stück Brot oder dergleichen finden oder eine -Maus oder einen Maulwurf übertölpeln.</p> - -<p>Die Graue, die zuerst kommt, ist eine Ostpreußin. -»Känigsbarg« ist ihr drittes Wort. Die Schwarze, die -immer gleich nach ihr kommt, stammt aus der Eilenriede; -die beiden kennen sich seit drei Wintern: »Guten Aabend, -mei Herzche«, schnorrt die Graue; »was haben Sie heit -gemacht de ganze Tag? War's Assen gut?« Die Schwarze -macht vergnügte Augen: »'n Aeöbend, das will ich maanen; -ich waaß doch hier Beschaad. Ich häöb 'n angeschossenen -Häösen gefunden. Delikäöt, säöge ich Ihnen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p> - -<p>»Einen Hasen«, plärrt da eine graue Sächsin, die eben -ankommt, »ach nee, was Se sagen? Hären Se mal, meine -Kuteste, den genn' Se mir mal zeigen. Ich hab' Se nämlich -noch nie 'n doten Hasen kesehen, wissen Se. Wo liegt -er denn, der Hase, wenn ich so frei sein darf?« Die Schwarze -meint: »Da is jetzt nich mehr viel anne«, was die Ostpreußin, -die die Sächsin nicht leiden kann, veranlaßt, laut aufzulachen: -»Hulla, hulla, hullahahaha, salba assan macht fatt; nicht -wahr, mei Härzche?«</p> - -<p>Eine schwarze Kalenbergerin erscheint und mit ihr eine -graue Polin. Der steht der Schnabel lose: »Gutten Abbend, -Frau Schwarrzhals, gutten Abbend, Frau Dickkopf, gutten -Abbend, Frau Blänkeersteert, habben Se sich Guttes gefunden -zu essen heite? Habe ich mich gefunden Knochen -großiges mit Fleeisch vielliges drran, serre guttes Fleisch, -gar nicht stinkiges, von Schaff hammliges.«</p> - -<p>Die Kalenbergerin sieht sie von der Seite an: »Da -süht Sei ook gerade nach ut! Man mächtig lökrig is Jue -Bunk! Awer eck, eck hebbe 'ne ganße Wost estohlen von -'n Schlachterkerl ut de Molle. Das freut meck noch drei Dage -nah minen Dode. Watt hebbe eck meck ehöget. Un wat -hett de Kärel eßchimpet. Höhöhö!«</p> - -<p>»Is sich serre selten«, fällt ihr die Polin in die Rede, -»hierr zu finden Wurst schweinerrne. Is sich vill besserr -bei uns zu Hause in Wongrowitz, wo man findett serr oft -Wurrst odder Knochenn. Sind sich Pollen nicht so ängstlich -mit Eingrabben von alles Abfall, wie Leite hannovversches.«</p> - -<p>»Ohle Döllmer«, krächzt sie die Kalenbergerin an, »worümme -blivst De denn nich to Huse? Tatternvolk! Erst -hier rümmetobetteln un denn ßchimpen! Dat is de rechte -Art von so'n Volk. Wat meinst' Nahwersche?« fragt sie -dann die Eilenriedekrähe.</p> - -<p>»Hast recht, hast recht«, antwortet die, und fährt dann<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -leiser fort, »äöber das stimmt schon, anstellen tun sie sich -heute, die Leute, da ist das Ende von weege. Alles einkuhlen -und des-, na, wie heißt das olle vermuckte Wort doch, so, -desinfezinieren, das wird immer dummerhaftiger. Und mit -der Raanlichkeit häöben Se sich! Raanlichkeit muß sein, -äöber was zu viel ist, ist zu viel. Auf 'm Schlachthofe, -glauben Sie, daß sie däö ein Priepelchen Fleisch liegen -lassen? I bewäöhre, jeden Fetzen fäöhren Se raus und -roden ihn bei.«</p> - -<p>»Sa'n Se mal«, fällt eine Berlinerin ein, »ob dett woll -wahr is, wat ick heite jeheert habe, dat de Rennbahn hier -uff de jroße Bult kommen dhun soll! Na, dett wär 'ne -scheene Pleite für uns. Ick pfeife uff den janzen Sport: -Rasse is Mumpitz, 'ne Abdeckerei is mich ville lieber. Det -wird iberhaupt immer dammlicher uff de Welt!«</p> - -<p>»Besser wird es überhaupt nicht«, meint die aus der -Eilenriede. »Wenn ich noch daran denke, vor zehn Jäöhren, -als die hohen Fuhren noch vor der Seelhorst standen! Was -wäör däö wintertags für ein Leben; an die Tausend von -uns schliefen däö. Aber die Leute, die Leute! Erst schmissen -sie Giftbrocken hin, und als wir die nicht mehr näöhmen, -da trieben sie das Holz ab. Ich häöbe denn bis vor zwei -Jäöhren immer in dem Holze vor Misburg geschläöfen, -äöber da käömen die Jäger und schossen nach uns. Und -seitdem gehe ich nach dem Aäöhltener Holze. Es ist däö -jäö 'n bißchen gemischt, zu viel Sääötkrähen und sogäör -Dohlen, äöber was soll 'n machen? Hier in der Eilenriede -ist an einen ruhigen Schläöf doch nicht mehr zu denken. -Noch bei nachtschläöfender Zeit läuft das Volk in 'n Holze -herum und überall sind Laternen. Die Welt wird immer -dümmer!«</p> - -<p>»Da haben Sie wieder recht, mein Süßing«, schnarrt -die dicke graue Pommerin, »auch bei uns wird es immer -schlechter«, und die Ostpreußin stimmt bei: »Bei uns da<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -oben bei Känigsbarg ist es noch nicht so schlimm; aber -weiter hinauf, auf der Nahrung, bei Rossitten, da assen die -Manschen Krähenfleisch, und jetzt sitzt da ein Kärlche, -Thienemann heißt er, der fängt die Krähen und macht ihnen -Ringe um die Beine mit dem Datum darauf und bittet, -daß man überall Krähen totschieße und ihm die Füße einschicke, -der Wissenschaft wagen. Nu' bitt' ich Sie, was hat -die Wissenschaft mit unsern Beinen zu tun. Der Mensch -kommt jeden Tag auf neue Dummheiten.«</p> - -<p>»Is sich serr rrichtig«, meint die Polin, »setzen sich bei -uns in Pollen feeine Herren in Errdheiser, machen sich Uhu -grroßes auf Pfahl; kommen sich Krrähen an auf zu beißen -Uhu dickköpfiges, schießen sich Herren feine dann mit Gewehrre -auf Krrähen, Hundsblutt gemeines niddertrrächtiges!«</p> - -<p>»Dat dauet se hiertolanne ook«, meint die Kalenbergerin, -»up de Vahrenwohler Heide und hier dichte bi-e, in der -Seelhorst, da kümmt ook jümmerst so'n Vogelutstopper ut -de Slägerstraate, Wiegand heit dat Lork, de kruppt in'n -Busch, sett da so'ne olle utstoppte Kattuhle henne, und -wenn 'n denn antofliggen kümmt und will de Uhle einen -wischen, pardautz, denn ballert de Kerl los. Awer eck falle -up den Swindel nicht mehr rin.«</p> - -<p>»Wat eck awer noch seggen wullt: dat mit de Rennbahn -hier up de Grote Bult, dat drafft wi üsch nich gefallen -laaten. Wenn eck man nich min Haus bi Degersen -hätte, denn wüßt eck schon, wat eck dohn deihte. Laat se -man koomen met öhre smächtrigen Päre! Eck wollt' se all -ball up den Drab bringen. Mit den Snabel den Pären -gegen die Oogen, wenn se öwer de Hürden wullt, dat se -dat Gnick bräken! Ja! Dat wör dat Richtige! Dann -schallt se hier woll wegblieb'n. Laat se doch wo anners -herümmejöckeln. Meint Sei nich ook so?«</p> - -<p>Die Eilenriedekrähe, an die sie sich wandte, nickt; sie -weiß, daß gegen die Menschen nicht viel auszurichten ist.<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -Und dann antwortet sie einer guten Bekannten, die aus -hoher Luft ihr einen rauhen Gruß herunterschreit, macht die -Flügel auseinander, läßt sich drei Fuß von ihrem Sitz fallen, -steigt in die Luft und fliegt krächzend fort.</p> - -<p>Und die andern alle, die Schwarzen wie die Grauen, -krächzen und folgen ihr, über die Bahn, über Bischofshol, -den Kirchröder Turm, den Nackenberg, die breite Wiese, -Misburg bis zum Ahltener Holze, wo jeden Abend vom -November bis zum März Tausende von Krähen schlafen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<h2 id="Sein_letztes_Lied">Sein letztes Lied.</h2> -</div> - -<p>Ehe der Frühling den Bergwald bezwang, hatte es lange, -sehr lange gedauert. Unten im Auwalde hatte er längst -schon den Winter zum Kuckuck gejagt; da blühten Windröschen, -Schlüsselblumen und Milzkraut schon, da flog Fuchs -und Zitronenfalter, da saß die Amsel auf dem vollen Gelege.</p> - -<p>Aber auf der Höhe lag noch der Schnee. Da, wo die -Sonne gut hin konnte, verschwand er schließlich; die Heidelbeere -schwellte ihre Knospen, das Wallgras schob seine -Kätzchen, die Kriechweide schmückte sich mit Gold, Fliegen -und Bienen und Käfer summten und brummten, laichende -Frösche knurrten in den Moorsümpfen, Molche ruderten in -den Tümpeln über den klaren Granitgrus und auf den -leuchtenden Moospolstern grauer Steinblöcke sonnte sich die -Bergeidechse und schnappte die Fliegen vom blühenden -Sauerklee fort.</p> - -<p>Hier, wo bisher nur der Kreuzschnabel lockte, Meisen -pfiffen und das Goldhähnchen piepste, sang jetzt die Märzdrossel -ihr Jubellied, schwebte der Baumpieper mit frohem -Geschmetter hernieder, zwitscherte die Braunelle, schlug der -Fink, wippte die Bergbachstelze von Stein zu Stein, und -hier stellte sich auch alles wieder ein, was vor dem herben -Winter zu Tale geflohen war, der edle Hirsch und das -schüchterne Reh, Reineke, der Schleicher, Lampe, der friedliche -Mann, und des Gebirges stolzestes Geflügel, der -Urhahn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p> - -<p>Ein alter Haupthahn war es, der zuerst die tieferen -Lagen verließ und sausenden Fluges die Talschlucht entlang -strich, berganwärts, dahin, wo selten der Förster hinkam und -fast nie ein fahrender Stadtmensch. Dort, wo Moor an -Moor den Kopf des Berges umlagert, wo nie die Axt kracht, -wo die Fichten wachsen und fallen, wie sie wollen, hat er -seit Jahren seinen Stand, lebte er sein heimliches Leben -zwischen Felsblöcken und Baumtrümmern schon manches -Jahr, sicher vor Kraut und Lot.</p> - -<p>Aus einer wilden Trümmerhalde, die jäh zum Tal abschoß, -hatte sich zwischen den gewaltigen Blöcken eine Eberesche -einen Platz ertrotzt. Leicht war es ihr nicht geworden, -und sie hatte sich viel winden und biegen müssen, ehe -sie sich durchkämpfte. Wie der Leib einer Riesenschlange -ringelte sie sich aus den grauen, von knallgelben Flechten -gesprenkelten Blöcken hervor, wuchs wagerecht fünf Fuß -über den Abgrund und dann schoß der knorrige Stamm -gerade empor. Jahr für Jahr versuchte der Sturm ihn zu -morden, wie er ringsumher die Fichten zerbrach, wenn der -Rauhreif sie umsponnen hielt, aber der alte Ebereschenbaum -wich und wankte nicht, denn allzu tief reichten seine Wurzeln -in die Spalten, zu sehr hatten Frost und Sturm ihm Rinde -und Holz gehärtet.</p> - -<p>Von hier aus sang Jahr für Jahr während der Schneeschmelze -der alte Hahn sein minnigliches Lied, wenn der -Nebel wie eine Mauer in den Fichten stand. Jeden Morgen -klang seine Strophe in das große Schweigen des Berges -hinein, bis der Tag sich langsam aus dem Nebelbette erhob -und drüben von der fernen Wand die Misteldrossel die Sonne -grüßte und unten das Land sich entschleierte. Pfiff der -Frühwind auch scharf und hart, den alten Hahn focht das nicht -an; sein Herz war heiß, seine Kraft zu groß, der Kälte, dem -Tauschnee und dem Eiswasser zum Trotz sang er sein seltsames, -wunderliches Lied von dem alten Ebereschenbaum herab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p> - -<p>Wenn aber Braunelle und Drossel schlugen, Fink und -Pieper schmetterten, Zaunkönig und Laubvogel jubelten, -dann verschwieg der stolze Vogel, als schämte er sich, daß -er, der ernste Kämpe, wie das geringe Volk zeigen müsse, -daß auch ihm nicht anders um das Herz sei. Polternd -strich er dann ab und fiel dort ein, wo die Hennen zwischen -den mächtigen Steinblöcken nach kleinem Getier suchten und -Knospen und Samenkörner auflasen, und er holte sich bei -ihnen was sein gutes Recht war als ihr Herr Gemahl, -und das ihm kein anderer Hahn länger als eine Viertelstunde -streitig machte, um zerzaust und geschunden dorthin -zu streichen, wo kein so krimmer Kämpe, wie der Hahn -vom rauhen Hang seinen Harem schirmte.</p> - -<p>Wenn dann die Frühsonne so recht warm schien, daß -das Moos wie Gold und die Sauerkleeblumen wie Silber -leuchteten, wenn aus allen Fliegen Diamanten und aus -allen Heidelbeerblüten Rubinen wurden, dann konnte es -geschehen, daß hier in dieser Einsamkeit die Tannenmeise -und das Goldhähnchen, der Laubvogel und der Zaunkönig -ganz etwas Absonderliches zu sehen bekamen; denn nachdem -der Hahn eine lange Weile schläfrig dagestanden hatte, -schritt er gemessen den Hennen näher, schwang sich auf -einen bunten Steinblock, daß die Sonne sein adelig Gefieder -von allen Seiten bestrahlen konnte, spreizte die Schwingen, -fächerte den Stoß, blies die Kehle auf und sang so herrlich, -so wunderbar, so rührend, daß eine Henne nach der anderen -die Käfersuche aufgab und ergriffen seinem Liede lauschte. -Und es konnte auch vorkommen, daß der Hahn in seiner -Verliebtheit polternd auf die Spitze einer der vom Wintersturme -mißhandelten, vom Rauhreife zernagten Fichten -einfiel und, ohne sich um den Hirsch oder das Stück Wildbret -zu kümmern, das er aus dem Bette gescheucht hatte, -von hier aus auf das ernsthafteste die Sonnenbalze betrieb. -Ja, oft quälte ihn sein Herz so arg, daß er noch abends,<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -wenn tief unten im Tale die Sonne von dem Lande Abschied -nahm und die Misteldrossel ihr Nachtlied sang, der -Hahn, wenn er sich auf seinem Schlafbaume eingeschwungen -hatte, noch nicht gleich den Kopf versteckte, sondern noch -einmal seine uralte Weise in die dämmernde Einsamkeit -hinaussang.</p> - -<p>Der Fuchs, der unter den Klippen herschnürte, spitzte -die Gehöre und schlich weiter; er wußte, das war nichts -für ihn. Eine Urhenne hatte er wohl schon einmal auf -dem Neste gerissen, auch einst ein ganzes Gesperre vertilgt, -aber an den alten Hahn war er noch nie herangekommen. -Ein einziges Mal wäre es ihm fast geglückt, als der Hahn -am Boden balzte, aber die Hennen hatten den Schleicher gewahrt -und waren mit hellen Warnrufen davongepoltert, -und hinter ihnen her ritt der Hahn ab und der Fuchs hatte -von seinem ganzen Weidwerken weiter nichts, als daß er -die Witterung von der Stelle nehmen konnte, wo der Hahn -gebalzt hatte; und daraus machte er sich nicht viel. So -schlich er denn an dem Hang entlang, um zu versuchen, ob -er tiefer unten nichts Besseres fände, als nur Rüsselkäfer -und weiter nichts, als Rüsselkäfer, und wenn das Glück es -wollte, eine magere Maus.</p> - -<p>Aber es war jemand da, der das Balzen des Hahnes -vernommen hatte. In aller Herrgottsfrühe war es im Tale -entlang geschlichen, immer die Rehwechsel entlang, und da -war der Teckel des Försters auf seine Witterung gekommen -und hatte es mit hellem Halse durch die Trümmerwildnis -des riesigen Wildbruches gehetzt. Und als es sich in einer -einsamen Klippe gesteckt hatte, hatten Menschenstimmen es -verscheucht, und wieder war es bergan geflüchtet, bis er -über den rauhen Hang gelangte, der alte Kuder aus dem -Tale. Bis in den Spätnachmittag hatte er in einer Spalte -geschlafen, aber dann hatte ihn der Hunger hinaus getrieben, -und auf Sammetsohlen war er, bald eilig, bald langsam,<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -durch die Wildnis geschlichen, an den Mooren entlang -zwischen den Klippen hindurch, unter den gestürzten Fichten -her, über die Blöcke, Rinnsale und Spalten hinweg, ohne -mehr zu erwischen, als eine einzige Spitzmaus, vor deren -Moschusgeruch es ihn so ekelte, daß er sie liegen ließ. -Wohl war er auf die Witterung von Auergeflügel gestoßen, -aber soviel er auch suchte, er fand kein einziges Stück, und -es gelang ihm noch nicht einmal, einen armseligen Pieper -oder eine Braunelle zu greifen, denn das dichte Heidelbeergestrüpp -schützte die Schläfer zu gut.</p> - -<p>So war der Kater dann oben über den rauhen Hang -gekommen und hatte mit hungerig leuchtenden Sehern dem -Hasen nachgeäugt, den das Edelwild fortgetreten hatte. -Mit aller Macht zog es ihn zu Tale, wo das Leben sich -leichter lebt, als im harten Berge. Dort unten wimmelte -es im Niederwald von Mäusen, da ist ein Feldhuhn zu -erwischen, eine Forelle zu angeln; aber leider gibt es dort -auch Förster, die Eisen stellen, und Teckel, die hetzen. -Immerhin ist es dort noch besser, als hier, wo es keine Grünröcke -und keine Hunde, aber auch nichts zu reißen gibt, wo -der Nebel jeden Halm biegt und der Wind in schnöder -Weise pustet. Kleinvögel sind hier wenig genug und das -große Geflügel, das hier seinen Stand hat, mehr als alte -Witterung hat der Kater davon nicht gehabt heute abend -auf seinem Birschgange. Mißmutig äugt er von der Klippe -in das Tal hinab und will gerade umdrehen, um wieder -gesegneteren Gegenden zuzuwechseln, da saust es über ihn -fort, und dicht vor ihm, in der alten, krummen Eberesche, -fällt es polternd auf.</p> - -<p>Ehe der Hahn um sich geäugt hat, ist der Kater verschwunden. -Stand er bisher hoch aufgerichtet auf der Kante -der Klippe, so ist er jetzt völlig mit ihr verschmolzen. Wie ein -langer, flacher, grauer Stein liegt er da. Die Seher sind -bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, die Schulterblätter<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -ein ganz klein wenig hochgezogen, die Flanken heben -sich beim Luftholen kaum, und nur das alleräußerste Ende -der Rute zuckt ab und zu ein ganz klein wenig. So liegt -er und äugt nach dem Hahne hin. Der äugt rund um sich -her, reckt den Kragen, senkt ihn wieder, schüttelt sein Gefieder, -ordnet es, wirft seine Losung ab, daß sie lautklatschend -auf die Klippe fällt, überstellt sich, wörgt einigemale -leise, ordnet hier und dann noch eine Feder, wird mit einem -Ruck lang und schmal, läßt die Flügel fallen, entfaltet sein -Spiel ein wenig, sträubt den Kragen und beginnt erst -schüchtern, dann kräftiger zu balzen.</p> - -<p>Zweimal hat es den Kater schon durchzuckt, zweimal -hat er sich bezwungen. Doch jetzt, wo der Hahn den -Hauptschlag und das Schleifen beginnt, fliegt, wie von -stählerner Feder getrieben, der Kater durch die Luft. Haarscharf -hat er den Sprung bemessen, so scharf, daß seine Hinterpranten -an dem Stamme der Eberesche noch Halt fanden, während -er die Vorderpranten um den Kragen des Hahnes schlug. -Mit heiserem Angstlaut will der Hahn abreiten, aber zu -fest hält der böse Feind, zu scharf sind seine Krallen, so -spitz die Fänge; wild mit den Fittichen schlagend, rasselt -der Hahn, den Kater am Halse, durch das Geäst des -Baumes den Hang hinab, daß das Edelwild, das sich dort -unten an den jungen Sprossen äste, entsetzt von dannen -flüchtet und mit langen Hälsen aus sicherer Entfernung vernimmt, -wie das Rascheln und Rauschen, Brechen und Knistern -nach und nach schwächer wird und schließlich ganz aufhört.</p> - -<p>Im Nebel verschwindet der rauhe Hang; die Lichter -im Tale erlöschen, der Abendwind pustet hohler, ein Reh -schreckt irgendwo, ein aufgestörter Pieper klagt ängstlich. -Schneewasser kluckst zwischen Gestein, in schneller Folge -schlägt Tropfenfall auf eine Klippe, wie ein Uhrwerk tickend, -weit, weit weg johlt im Tale die Bahn. Es wird Nacht -im Berge.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span></p> - -<p>Es wird wieder Tag werden. Hinter dem Hornfelskegel -wird es rosig schimmern; von der Wetterfichte an der -kahlen Wand wird die Misteldrossel singen, unter der hohen -Klippe wird ihr die Zippe antworten, Fink und Pieper -werden wieder schlagen, Zaunkönig und Braunelle werden -singen, aber niemals wieder wird von der alten Eberesche -am rauhen Hange sein ritterlich Minnelied in den grauen -Morgen erschallen lassen, der es seit sieben Jahren hier -sang.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span></p> - -<h2 id="Goldhals">Goldhals.</h2> -</div> - -<p>Die Sonne verschwindet hinter dem Kamme des Berges, -die Krähen rudern hastig am roten Himmel hin, die -Misteldrossel beendet ihr Abendlied und das Rotkehlchen -schnurrt von dem dürren Zacken in sein Schlummerversteck.</p> - -<p>Den lauten, lustigen Wesen des Tages folgen der -Nacht heimliche, stille Geschöpfe. Aus dem faulen Laube -schiebt sich der Salamander hervor, die Rötelmaus rutscht -durch das Geknäk, die Spitzmaus schrillt im Krautwerk und -die Fledermaus zickzackt zwischen den Stämmen her.</p> - -<p>Wie der Kauz dreimal ruft, vernimmt der Wanderfalke, -der auf der Platte der hohen, grauen Klippe schläft, -ein leises Kratzen unter sich. Er hält den Kopf schief, aber -was er vernimmt, das ist ihm bekannt, und so zieht er den -Kopf wieder ein, schließt die Augen und kümmert sich nicht -um das, was unter ihm geschieht.</p> - -<p>Fünf Ellen unter dem Falkenhorste läuft ein schmales -Felsband an der Klippe entlang. Darauf huscht ein -schwarzes Ding hin und her. Es ist lang und schmal wie -ein Aal und schnell wie eine Natter. Es huscht lautlos -nach rechts, macht einen spielenden Sprung, dreht eine -Schleife, huscht nach links, tut wieder einen Sprung gegen<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -die Wand und treibt dieses Spiel wohl eine Viertelstunde -lang.</p> - -<p>Dann wird aus der schwarzen Schlange ein dunkler -Knäuel, der sich einen Augenblick ruhig verhält, dann zu -einem schwarzen Pfahl emporwächst, der sich in seltsamer -Weise dreht und krümmt, windet und biegt, so daß die beiden -grünlichen Punkte bald rechts oder links, bald oben oder unten -schimmern, und wird wieder zu einer schwarzen Schlange, -die bald kriechend, jetzt kletternd, nun hüpfend von Zacke zu -Zacke, von Vorsprung zu Vorsprung eilt und endlich oben -auf der Platte der Klippe auftaucht.</p> - -<p>Da sitzt er im Lichte des halben Mondes, er, Goldhals, -der stärkste Edelmarder des Berges, der Schleicher und -Schweifer, der Meister aller Künste, der Schrecken der -Friedfertigen und Frommen, sitzt da in seiner ganzen braunseidenen -Schönheit zwischen den blauen Glocken der Akelei -und den weißen Sternen der Lichtnelke und tut, was er hier -immer tut, er löst sich.</p> - -<p>Dann keckert er höhnisch, denn er weiß, Schnapp Krähentot, -der Wanderfalke, ärgert sich blau und blaß, wenn er -morgens auf seinem Luginsland die frische Losung findet. -Goldhals beschnuppert die Reste einer Krähe, die neben den -Blumen liegen, dreht sie hin und her und stößt sie schließlich -über den Rand der Klippe, daß sie rauschend in das Fallaub -fallen. Dann überspringt er den tiefen Spalt zwischen der -Zwillingsklippe, erreicht mit einem mächtigen Satze den tiefen -Ast der Krüppellinde, holzt in ihr weiter bis zu der ersten -Buche und fährt an ihrem Stamme herab.</p> - -<p>Tapp, tapp, tapp geht es dann den Dohnenstieg entlang. -Bei jeder Dohne macht er halt, aber jedesmal schnürt er -mißmutig weiter. Endlich fällt ihm ein, wie gestern und -vorgestern auch, daß um die Zeit, wenn der Bärenlauch -stinkt, weder rote Beeren noch bunte Vögel in den Dohnen -wachsen, er verläßt den Dohnenstieg und schlägt den Pürschpfad<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -ein. Raschelt es da nicht? Goldhals wird zum Pfahl. -Richtig, dort, halblinks. Ein Satz, ein Quietschen, und eine -fette Rötelmaus ist geliefert.</p> - -<p>»Spaß muß sein,« denkt Goldhals, und läßt sie los, -faßt aber sofort zu, ehe sie in ihr Loch kann. Siebenmal -läßt er sie springen, siebenmal packt er sie wieder, beim achten -Male quiekt sie nicht mehr. »Is doch was, sagte Schnabel, -und brät sich 'ne Mücke«, meint Goldhals, als er die Maus -binnen hat, und schleicht den Pürschsteig weiter. Da raschelt -es wieder. Hops, er hat es, aber »pfui Spinne!«, ein -Salamander. Er niest und prustet und reibt den Fang im -taunassen Moose, denn das ist ja noch schlimmer, als das -Stück gepfefferte Wurst, das er im Januar vor Heißhunger -herunterwürgen mußte. Schnell einen Maikäfer hinterher, -dessen öliger Geschmack nimmt das Beißen fort!</p> - -<p>Da ist die Köte, die wird aus alter Gewohnheit erst -abgesucht. Aber nur deswegen, denn im Mai, da mag -Goldhals keine trockene Wurstpelle und harte Käserinde. Ein -kleines Andenken mitten auf den Tisch, das wird den Förster -ebenso freuen, wie den Wanderfalken. Halt, da ist ja schon -jemand! Goldhals macht von der Pritsche aus einen langen -Hals. Ach so, Sie sind es! Ein kleines graues Geschöpf -sitzt dort und knabbert an einem Brotrest, den es in den -Pfötchen hält. Schon hat der Marder es am Wickel. Einmal -noch quietscht der Bilch und zuckt mit der buschigen -Rute, dann läßt er alle Viere hängen.</p> - -<p>»Ein bißchen wenig daran,« denkt Goldhals, als er den -armen Siebenschläfer verspeist, »im Oktober sind sie fetter.« -Dreiviertel davon läßt er auf dem Tische liegen und legt -seine Visitenkarte daneben, dann verschwindet er in dem -Pflanzgarten. Dort ist nichts, nicht einmal eine Maus, nur -eine Kröte, die ihn mit entzündeten Augen boshaft ansieht. -Goldhals schüttelt sich vor Ekel und huscht weiter, den Holzweg -entlang, den Hang herab, an dem Born vorbei, in<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -dessen Staubecken die Unken läuten, in den Schälwald hinein -und hinaus, bis an den Bach. Dort gibt es immer -etwas: junge Wasseramseln oder Bergbachstelzen, einmal -sogar sechs junge Eisvögel auf einmal, fett wie Schnecken; -ein anderes Mal erwischte er eine zweipfündige Forelle, die -nach einem Maikäfer aufging, auch fette Reitmäuse lebten -dort, und wintertags gab es dort Schlehen und Hagebutten. -Heute gab es gar nichts als Unannehmlichkeiten. Der Waldkauz -wurde unverschämt. Er hatte seine drei quappenfetten -flüggen Jungen in der Eiche sitzen und stieß in einem fort -knappend und fauchend nach ihm, bis er geärgert in den -Wald zurückkehrte.</p> - -<p>»Gibt es unten nichts, gibt es oben vielleicht etwas,« -dachte Goldhals und huschte an einer Eiche empor. Dort -saßen drei Eichkatzenkobel. Im ersten war nichts, im zweiten -dasselbe und im dritten ebensoviel. »Wenn es so beibleibt,« -dachte Goldhals, »dann kann ich Maikäfer fangen«, und -wütend holzte er von einer Eiche zur andern. Halt, da -riecht es ja nach Specht! Hinein mit der Nase in das Loch. -Autsch, da hat er eins darauf. Mutter Spechten versteht -keinen Spaß. Als er sich verdutzt die Nase reibt, saust sie -an ihm vorbei. Hops, jawohl, das ging daneben. Aber -die Jungen! Ach ja, der Specht ist auch nicht so dumm, -er macht das Loch nicht so groß, daß ein Marder hinein -kann.</p> - -<p>»Wenn nicht, denn nicht,« faucht der und holzt weiter. -Sitzt da nicht ein Taubennest? Ja, da sitzt ein Taubennest! -Taubeneier schmecken fein, junge Tauben noch viel feiner; -natürlich nur, wenn man sie hat. Das ist diesesmal nicht der -Fall. Klapp, klapp, da geht die Taube ab mitsamt den -Eiern, die sie erst legen will. »Na, dann ein ander Mal!« -tröstet sich Goldhals, aber davon wird er auch nicht satter. -Aber da fällt ihm etwas ein. Richtig, daß er daran nicht -früher gedacht hat. In der alten Wetterfichte am Bullerborn<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -schlafen ja immer die hagestolzen Ringeltäuber. Mehr -wie einmal hat er sich einen von ihnen dort gelangt. Darum -schnell den Stamm herab, in die Klippen hinein, die Schlucht -hinab und hinauf, am Steinbruch vorbei, in dem das Käuzchen -sitzt und gräßliche Gesichter schneidet, weil das Maikäfergewölle, -das es herausgewürgt, ihm heftig im Halse -kratzt, den Pürschweg unter dem Hange entlang, rechts ab -nach dem Erdfall hin, in dem Murrjahn Grämlich, der -Dachs, nach Untermast sticht, am Steinkreuz vorüber, wo -man den Förster erschossen fand, zum zweiten Erdfall, in -dem die Geburtshelferkröten ihr Glockenspiel rühren, vorüber -an der Schutzhütte, an den beiden Grenzsteinen, am Wegweiser, -auf dem die Ohreule sitzt und so kläglich unkt, als -habe sie Leibweh, und dann ist er da.</p> - -<p>Da steht sie, die von allen vier Winden zerzauste alte -Fichte, und läßt ihre zerrupften Zweige hängen. Goldhals -schnüffelt um ihren Stamm herum: Taubenfedern mit frischer -Witterung, frisches Gestüber, die Sache ist richtig! Aber -nun Vorsicht, daß die schlafenden Bauchredner nicht aufwachen! -Langsam erklimmt er den Stamm, springt von Aststumpf -zu Aststumpf mit sicherem Satz, holzt den ersten Ast -entlang, vermeidet geschickt das dürre Gezweig, gewinnt den -zweiten Ast, den dritten, vierten, fünften, hält inne, zieht -sich auf den nächsten Zweig, faßt den folgenden, schleicht -darauf entlang und hängt sich an den Stamm.</p> - -<p>Der Fall muß überlegt werden. Da sind sie; der -Mondschein macht sie kenntlich. Aber rund herum spreizt -sich dürres Gezweig. Goldhals überlegt; heranschleichen -geht nicht, denn einige sind schon erwacht; er hört, wie sie -sich schütteln, und einer hat sich eben überstellt. Da bleibt -nichts weiter übrig, als fest darauf zugehen; also den Rücken -krumm, die Schultern hoch, ein Satz, das Dürrholz bricht, -noch einer, Rindenschuppen prasseln, und jetzt der letzte -Sprung, und da poltern die Täuber ab und Goldhals sitzt<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -da, starrt ihnen mit den grünschimmernden Sehern nach und -hört ihrer Fittiche klingenden Schlag verhallen. Der halbe -Mond aber grinst spöttisch auf ihn herab.</p> - -<p>Goldhals rutscht in einer Schraubenlinie den Stamm -hinab. Wütend ist er nicht mehr, aber geknickt. Er schleicht -zum Kleestück, aber die Mäuse sind seit dem Märzregen -selten geworden. Er sucht die Raine entlang, aber Ammer -und Lerche haben dort nicht gebaut. Überall riecht es nach -Has und Huhn, aber antreffen tut er nichts. So würgt er -mißmutig einen Maikäfer nach dem anderen herab und hofft, -daß ihm der Morgen besseres bringe.</p> - -<p>Schon flötet die erste Drossel im Berg, schon steigt die -erste Lerche. Der Kauz hört auf zu rufen, die Unken stellen -ihr Läuten ein, und immer noch sucht Goldhals im taufeuchten -Felde, die Wasserfurchen entlang schleichend, die -Koppelwege hinauf- und hinabhuschend; aber kein Hummelnest -findet er, keinen bewohnten Hamsterbau, kein Hühnergelege, -kein Junghäschen. Und wenn ihm der Magen auch -schief hängt, es wird Zeit, an den Heimweg zu denken. -»Der Tag ist keines Marders Freund«, das hat die Mutter -ihn gelehrt.</p> - -<p>Dreihundert Schritte vor dem Walde stutzt er und richtet -sich auf: Der graue Pfahl dort vor ihm bewegte sich doch? -Und daneben, die zwei braunen Dinger, erst recht! Und -jetzt trägt der Wind ihm die bösen Witterungen zu, die -die Mutter ihn meiden hieß, die Witterung von Mensch -und Hund.</p> - -<p>Mit einem Riesensatz ist er im nassen Klee. Höchste -Zeit, denn da hört er es zischen, flüstern: »Hu faß!« und -hinter ihm her keucht es. Schnell in den Brombeerbusch, -wo er am dicksten ist. Aber die Hunde achten der Dornen -nicht. Heraus und in den Wasserdurchlaß! Aber auch dahinein -folgen ihm die Teckel. Und über der Erde poltert -es. Schnell aus dem anderen Ende heraus, aber das<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -geht nicht, ein schwarzes, nach Hund riechendes Ding steckt -darin.</p> - -<p>Da fährt Goldhals herum und will den Hund überrollen! -der aber faßt zu, jault auf, denn scharfe Fänge -griffen um seine Lefzen, aber jetzt fühlt Goldhals sich vom -andern Teckel am goldenen Halsfleck gepackt und heraus geht -die Balgerei aus dem Durchlaß, draußen greift der erste -Dackel ihn am Hinterteil und so wird Goldhals lang gezerrt; -zwei auf einen, das ist auch zuviel, und nun weiß er, -daß es aus ist mit Freijagd in Berg und Busch und -Minnefahrt über Stock und Stein. Noch einmal, ehe sein -Bewußtsein erlischt, fällt der Mutter Warnung ihm ein: -»Der Tag ist keines Marders Freund, die Nacht ist gut -und lieb.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p> - -<h2 id="Der_letzte_seines_Stammes">Der letzte seines Stammes.</h2> -</div> - -<p>Mitten in dem einsamen Bergwalde liegt ein tiefer -Erdfall. Jäh stürzen die grauweißen, zerborstenen Gipsfelsen -an seinen Steilwänden ab. Eine Fichtendickung, ein -schwarzer, verfilzter Klumpen, umringt ihn zur Hälfte. Ihr -gegenüber am anderen Rande ragt aus weichem, leuchtendem -Moose eine steinerne Säule empor, ein grober, ungeschlachter -Block. Die Inschrift, die das Denkmal trug, ist nicht mehr -zu deuten. Schwach hebt sich aus der grauen Flechtenkruste -ein kunstloses Kreuz ab, roh in den Stein gemeißelt, und -ebenso grob hineingehauen ist das gestielte Dreieck daneben. -Es soll ein Beil vorstellen.</p> - -<p>Kein Mensch weiß, zu wessen Gedenken der Blutstein -gesetzt wurde. Aber er machte den Wald unheimlich. Kein -Bauer, kein Holzarbeiter geht gern allein hier vorbei. Es -geht da um. Man hört es rascheln und sieht nicht, was -da geht. Man hört es schreien, und weiß nicht, von wem. -In der Dämmerung tanzen grüne Lichter um den Stein. -Der alte Waldwart hat sie oft gesehen.</p> - -<p>Auch heute, an diesem hellen Maienmorgen, sieht er -unhold aus, der graue Block. Unheimlich sind die Blumen,<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -die um seinen Sockel blühen: blasser, gedunsener Aaronsstab, -menschenhautfarbiger Schuppenwurz, der Vogelnestwurz, -wachsgelbe Blütengespenster, der Nachtviole leichenfarbene -Blumen. Das Reh, das am Rande des Erdloches entlang -zieht, verhofft jäh, äugt nach dem Mordsteine, windet, tritt -hin und her und flüchtet laut schreckend von dannen. Eine -Märzdrossel, die mit einer bunten Schnecke im Schnabel auf -einem Felsbrocken einfällt, läßt ihre Beute fallen und stiebt -mit Gezeter ab. Der Rotspecht, der vorüberschnurrt, hebt -sich höher und schreit entsetzt auf. Der Holzschreier wendet -jäh seinen Flug und kreischt voller Angst. Auch das Rotkehlchen -flattert mit Furchtgeschrille davon.</p> - -<p>Der graue Felsblock am Sockel des Mordsteines, schwarz -gestreift von den Schlagschatten der Eschenzweige, gelb gefleckt -von einfallendem Lichte, hat Leben bekommen. Er -reckt sich, streckt sich, läßt eine grau und schwarz geringelte -Schlange sich winden und drehen, rundet sich, dehnt sich und -bläht sich, wird lang und dünn und kurz und dick, läßt zwei -grüngelbe Lichter aufblitzen, eine rote Flamme aufleuchten, -duckt sich, schnellt sich empor und bildet plötzlich eine seltsame -Bekrönung des unheimlichen Steins.</p> - -<p>Sie haben alle recht, die da sagen, bei dem Warloche -gehe es um, da schleiche unhörbar ein Gespenst, da schreie -ein unsichtbarer Kobold, da blitzten grüne Augen. Has und -Reh, Eichhorn und Haselmaus, Drossel und Rotbrüstchen, -sie kennen es allzugut, das graue Gespenst, das leise heranschleicht -und lautlos zufaßt mit unfehlbarem Griffe und -sicherem Biß. Die letzte Wildkatze des Tales ist es, die im -alten Mutterbau auf dem Grunde des Warloches haust, ein -Kuder, so stark wie ein alter Fuchsrüde.</p> - -<p>Oben auf dem Denkmale bleibt er eine Weile sitzen, -den Sonnenstrahl genießend, der durch das Eschenlaub auf -seinen Rücken fällt. Dann stellt er sich aufrecht, reckt die -Lunte steif empor, rundet den Rücken, macht ihn lang, reckt<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -sich und gähnt, setzt sich, wäscht und putzt sich und ist im -Nu wieder am Boden, wo der alte Holunderbusch den -schiefen Stamm über das Erdloch schiebt. Der Kuder reibt, -wohlig schnurrend, den Rücken an dem rauhen Stamm, dann -fährt er zurück, springt vor, versetzt der Rinde einen Prankenhieb, -zieht die Krallen durch die Rinde, ganz schnell viele -Male und dann wieder ganz sacht, bis die Rinde wund ist -und stechender, dumpfer Duft ihr entströmt. Und da wirft -sich der Wildkater schnurrend und murrend und knurrend -gegen sie, streichelt sie zärtlich, drückt die Nüstern an sie, -versetzt ihr grausame Krallenhiebe, reißt Bastfetzen herunter, -wirft sich auf den Rücken und zerfetzt das starkriechende -Laub mit langsamen Griffen und schnellt plötzlich auf alle -vier Läufe, zu Stein erstarrt, die Gehöre steil aufgerichtet, -und lautlos gleitet er an der Gipswand hinab.</p> - -<p>Es knickte ein dürrer Stengel, es knitterte ein trockenes -Blatt, leise, ganz leise, aber doch nicht so leise, daß des -Katers scharfes Gehör das Geräusch nicht richtig deutete. -Das war nicht Reh und war nicht Has', und war nicht -Vogel und war nicht Maus, das war nicht Bauer und war -nicht Magd, das war die seltsam riechende Sohle, die seit -dem letzten Vollmond den Wald durchschleicht.</p> - -<p>Tief unter der Erde, hinter der steilen Gipswand, da -liegt der Kater in sicherer Ruh. Kein Grabscheit stört ihn -dort, kein Rauch erreicht ihn da, kein Hund kann zu ihm -heran. Da sind Gänge, die der Dachs grub, den der Fuchs -vertrieb, der die Fluchtröhren scharrte. Da sind jähe -Spalten und steile Kanten, und hinter ihnen verrotten die -Gerippe der Teckel, die an Dachs und Fuchs und Katze -jagten und niemals wieder zu Tage kamen. Dort ist so weich -der Mulm und so trocken der Lößboden, warm ist es da zur -Winterszeit und sommertags so kühl. Dort ist der heimliche -Jäger in guter Hut und kann den Tag verschlafen und -träumen, soviel er mag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p> - -<p>Er schläft und träumt. Die Rutenspitze zuckt, die -Krallen schlüpfen aus dem Sammet der Pranken heraus, -greifen in die Luft und verkriechen sich wieder. Alte Bilder -brachte der Traum. Von jener Zeit, als der Kater noch ein -Kätzchen war, das mit seiner Mutter buschiger Lunte spielte -als das erste der drei Geschwister, das den Wert der Krallen -erkannte. Er hatte als erster die Maus an sich gerissen, die -die Kätzin zu Baue trug, zuerst den Siebenschläfer geknickt, -die flügge Drossel gewürgt, den Junghasen totgequält, ehe -die Geschwister es sich trauten. Und als erster hatte er geweidwerkt, -sich an das Eichkätzchen herangebirscht, als es -Pfifferlinge suchte, es im Sprunge gerissen und stolz zum -Warloche geschleppt.</p> - -<p>Er erwacht, blinzelt um sich, reckt sich und steigt bedachtsam -über die Kanten und Spalten. Mitten in der kleinen -Lichtung der Fichtendichtung mündet das Notrohr, das der -Fuchs sich scharrte. Kein Jäger findet es; ein breitverzweigter -Fichtenast spreizt sich darüber hin. Immer ist es -dort überwindig und trocken und es kommt Sonne genug -dahin. Und so weich ist das rote Nadelwerk und das seidene -Moos. Da träumt es sich noch besser als unter Tage, von -heimlichen Birschgängen in lauen Sommernächten, von Fischweid -im Februar am Klippenufer des Baches, wenn die -Forelle laichdumm ist und sich so bequem auf das Ufer angeln -läßt.</p> - -<p>Über Minnefahrten läßt sich dort nachsinnen. Weit -weg führten sie, in rauher Berge schwarze Fichtenwälder, -denn ringsumher lebte keiner mehr vom Geschlechte der -freien Katzen. Als die alte Kätzin todwund zu Bau gefahren -kam mit zersplitterten Knochen, als sie kalt war und -die Witterung verlor, da hatten sich die drei Geschwister zerstreut. -Sie fanden sich nicht wieder zusammen trotz des -Ältesten allnächtlichen Sehnsuchtsrufes einen ganzen Hornung -hindurch. Da war er fortgezogen, hatte tagsüber in<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -Felslöchern und Dachsbauen geschlafen, zwei Zehen in einem -Eisen gelassen, sich mit einem schnellen Hunde gebalgt, -Schrote hatten seine Keulen geschrammt und eine Kugel ihm -Felssplitter um den Kopf gesprengt. Da zog es ihn wieder -in das heimatliche Tal zurück.</p> - -<p>Im Februar aber trieb es ihn, wenn er in Busch und -Klippe Nacht für Nacht umhergestrichen war, kläglich nach -Minnelohn jammernd, hinaus in die Fremde, über kahle -Felder, in unbekannte Wälder, wo er seinesgleichen antraf. -Grimmige Gefechte hatte er bestehen müssen mit freien Katern, -zerrissen war oft sein Balg und rot seine Pranken, -aber immer hatte er obgesiegt und seine Lust büßen dürfen. -Aber allzu gefahrvoll wurden ihm die Minnefahrten und -so strich er nachts an dem Dorfe entlang, trieb die unfreien -Kater vor sich her und jagte ihnen ihre Bräute ab, und die -Bauern fanden es verwunderlich, daß die jungen Katzen in -ihren Ställen von Jahr zu Jahr grauer wurden und dickere -Köpfe, rauheres Haar und kürzere Schwänze bekamen. Als -aber der Jäger, der jeden Juli hier auf den roten Bock -weidwerkte, ihnen sagte, in den Katzen stecke wildes Blut, -da lachten sie und sagten, die letzten beiden Wildkatzen in -der Gegend hätte der Förster vor sechs Jahren im Eisen -gefangen und an die Schule in der Kreisstadt gegeben.</p> - -<p>Der Jäger aber spürte nach jedem Regen alle Wege -ab und er sah sich jeden alten, geschundenen Holunderbusch -an und strich um jeden Bau und lauerte an allen Uferstellen, -wo er die Reste von Forellen fand und saß stundenlang vom -Abend bis tief in die Nacht auf dem Hochsitz, bei unsicherem -Mondenlicht in den Wald spähend, und ließ sich auslachen -von dem Förster und von den Holzarbeitern, weil es ihm -dieses Jahr mit den Böcken nicht glücken wollte, denn er -hatte sich gelobt, nicht eher wieder den Finger auf einen -Bock krumm zu machen, bis daß das Kitz gerächt sei, das -er im Busche fand, mit den Krallennarben an der Kehle<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -und dem säuberlich benagten Blatt. Denn daß das der -Fuchs nicht gewesen war, das stand für ihn fest.</p> - -<p>Und so hatte er vorgestern und gestern, wie die Tage -vorher, vor Tau und Tag die Krone der alten Samenbuche -erstiegen, die oberhalb des Warloches an dem Zwangspasse -zwischen den grauen Klippen steht, sich im Frühwind vor -Frost geschüttelt, in der Mittagsglut vor Hitze geseufzt und -sich nicht gerührt und geregt und immer nur auf die Sohle -des Erdfalles nach dem schwarzen Flecke an der Wand der -grauen Gipswand gestarrt. Und einmal, als ihm der Schlaf -Sand in die Augen warf, und er fester in den Riemen hineinsank, -mit dem er sich an den Stamm geschnürt hatte, da -hatte er geträumt, die Wildkatze stände unter ihm und war -wach geworden. Und als er sich die Augen rieb, da stand -sie auf dem Blutsteine und verschwand, ehe er den Dreilauf -von dem Astzacken nehmen, scharf machen und anbacken -konnte, wie ein Schemen, wie ein Traumgesicht.</p> - -<p>Wie er dann, müde und verärgert, jeden Fleck um die -Fichtendickung abspürte, da fand er die starke Katzenspur, -und jeden Raum zwischen den Jungfichten absuchend, stieß -er auf das Notrohr und überlegte nicht lange und verwitterte -es nach Jägerart in gröblicher Weise, um den Kater -zu zwingen, dort aufzutauchen, wo er ihm sichtig kommen -mußte. Und jeden Tag verwitterte er das Notrohr von -neuem, und alle dicken schwarzen Käfer und alle fetten blauen -Fliegen wußten das bald und brummten und summten nach -der Dickung hin, und nun auch an diesem Spätnachmittage -war dort ein großes Gebrummse und Gesummse.</p> - -<p>Der alte Kater will dort den Abend erwarten. Langsam -schiebt er sich in dem Notrohr entlang. Schon von -weitem vernimmt er das Summen und Brummen, und die -üble Witterung fällt ihm ziemlich auf die Nerven. Er reckt -sich, schiebt sich vor und starrt nach der Lichtung. Dann -fährt er zurück und schleicht über die Felszacken, springt über<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -die Spalten und bleibt lange nachdenklich auf seinem Schlafplatze -sitzen. Endlich schiebt er sich voran, Zoll um Zoll, -bis er sich der Mündung des Hauptrohres nähert. Da verhofft -er lange Zeit, windet und äugt, bis Mausepfiff und -Jungvogelgepiepe seinem Magen heftiger zusetzt. Da steckt -er den dicken Kopf aus dem schwarzen Loche und äugt an -den Gipswänden entlang.</p> - -<p>Kein Blatt rührt sich, es regt sich kein Halm. Fern -pfeifen die jungen Käuze, im Stangenorte ruft ein Kitz nach -der Ricke, Mäuse schrillen, die Fledermaus zwitschert, Rotkehlchen -singt sein letztes Lied. Lautlos schleicht der Kater -an der Schattenseite des Felskessels entlang, unhörbar -schnürt er an der Wand empor, unter dem Holunderbusch -verharrt er lange regungslos, den Kopf hin und her -wendend, jedes Abendfalters Schwingenschlag, jedes Käfers -Gekrabbel vernehmend. Und nun steht er auf dem Mordsteine, -setzt sich und äugt ringsumher.</p> - -<p>Ein ganz leises Kratzen in der alten Buche reißt seinen -Kopf herum. Aber oben aus den Kronen der Bäume kam -noch nie ein falscher Laut, eine gefährliche Witterung. -Lange starren seine grünen Seher in den breiten Wipfel. -Es lebt und webt da etwas. Vielleicht der Siebenschläfer, -oder eine Taube, die sich im Schlafe rührt, ein Häher, -oder die Eule.</p> - -<p>Ein roter Blitz zerreißt die Dämmerung, ein Hagelgeprassel -zerschmettert den Holunderbusch, ein Donner fällt -in die Ruhe des Waldes, Stinknebel tanzt blau um den -Silberstamm der Buche; die Taube prasselt durch das -Laubwerk, der Hase rauscht durch das Gekräut, der Berg -wirft den Donner zurück und trägt der Rehe Schrecken -heran.</p> - -<p>In der alten Buche raschelt und knistert es. Etwas -Großes, Graues klettert in ihrem Astwerk, steigt langsam -herab, fällt dumpf zu Boden. Ein Lichtchen brennt auf,<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -fährt hinter ein Glas, eine Flamme leuchtet, tanzt nach -dem Blutsteine und schwebt um ihn herum, den Stein beleuchtend -und ein braunes Mannesgesicht rot färbend.</p> - -<p>Die Augen des Jägers leuchten auf. Rote Flecken -findet er auf dem grauen Steine und ein graues Büschel -an einem roten, nassen Fetzen, der zwischen den zerschossenen -Flechten hängt. Und weiter nichts, gar nichts. Auch nicht -an den Wänden des schwarzen Schlundes, auch nicht auf -dem Schotter der Sohle des Erdfalles, auch nicht in der -Mündung des Baues. Er führt einen belaubten Zweig -hinein und zieht ihn heraus, jedes Blatt ableuchtend. -Nichts! Doch, hier ein winziges Fleckchen Schweiß.</p> - -<p>Der Jäger wirft sich lang hin, schiebt sich vor den -Bau, legt das Ohr vor das Rohr, hält den Atem an und -lauscht. Schwach, als wäre es unendlich weit, ertönt ein -einziger dünner, kläglicher Laut, einmal nur und dann nicht -mehr.</p> - -<p>Der Holunderbusch wird keinen Krallenhieb mehr spüren, -kein Kitz klagt mehr unter dem Prankengriff, keine Forelle -fliegt mehr im Bogen auf den Uferschotter.</p> - -<p>Der letzte von der Sippe der freien Katzen weit und -breit ist nicht mehr.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span></p> - -<h2 id="Achtzacks_Ende">Achtzacks Ende.</h2> -</div> - -<p>Im Walde ging es um. Was es war, wußte niemand; -aber etwas Gutes war es nicht. Es haßte den -Frieden und liebte die Zerstörung.</p> - -<p>Alle Böcke diesseits des Fuchsbaches hatten das erfahren. -Dem Gabelbock vom Schälwalde war die linke -Keule aufgeschlitzt. Dem Sechser vom Jagen drei fehlte -ein Licht und die rechte Stange. Der Bock aus dem -Kinderbruch lahmte vorne rechts. Dem vierjährigen Spießbock -vom Birkenschlag war ein großer Hautlappen auf dem -Ziemer abhanden gekommen.</p> - -<p>Keiner von ihnen wußte wie es zugegangen war. Friedlich -hatten sie mit ihren Schmalrehen geäst. Da hatte es -in der Dickung gebrochen, etwas Großes, Braunes war -herausgepoltert, hatte sie über den Haufen gerannt, die -Schmalrehe vor sich hergetrieben und war in der Dickung -verschwunden.</p> - -<p>Ihre Wunden hätten die Böcke wohl vergessen, ihre -Bräute vergaßen sie nicht.</p> - -<p>Der Vierjährige mit den langen Dolchen hielt es nicht -mehr aus. Nichts schmeckte ihm mehr, nichts wollte ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -munden, weder Klee noch Brombeerblätter, weder Gras -noch Johannestrieb. Tag und Nacht zog er umher und -dachte an sie.</p> - -<p>Eines Morgens, als nach kurzem Donnerschlage ein -feiner, warmer Regen fiel, faßte er sich ein Herz. An dem -Weidenbusche vor dem Holze wetzte er seine Dolche, daß -Bast und Blätter flogen, und plätzte, daß Moos und -Mulen nur so sausten. Dann trat er in den Bestand.</p> - -<p>Er zog vorsichtig und zaghaft dahin. Der Hase, den -er aus dem Lager jagte, erschreckte ihn, die Taube, die er -von der Salzlacke scheuchte, ließ sein Herz klopfen. Aber -dann warf er wieder mutig den Kopf auf, schlug mit den -Vorderläufen den Boden, daß das Fallaub stob, und fegte -mit den Stangen den Bast von einem Eschenbäumchen.</p> - -<p>Auf einmal vergaß er Angst und Vorsicht. Aus dem -Stangenorte klang ein Ton, der ihm in das Herz fuhr, ein -Laut der Sehnsucht, des Verlangens, der Zärtlichkeit. Das -war sie, die er so lange nicht gesehen, sein kleines, hübsches -Schmalreh. Und was ihm da vom Boden aus entgegenduftete, -das war ihrer Fährte Witterung.</p> - -<p>Mit weitgeöffneten Nüstern zog er auf der Fährte -fort, durch das Altholz, durch den Stangenort, nach dem -Ellernbruch am Fuchsbach. Und da sah er auch schon -ihre schlanke Gestalt hellrot auf grünem Himbeerblättergrund.</p> - -<p>Spornstreichs trollte er auf sie zu. Aber als er dicht -bei ihr war, bewegte sich rechts der braune Ellernstumpf, -und dort stand ein alter, hoher, schwerer, dunkelbrauner Bock -mit fast weißem Gesicht, über dem acht weiße, scharfe, lange -Enden im einfallenden Sonnenlichte blitzten. Das war -Achtzack, der Raufbold, der jedes Jahr am Ende des Juli -hier erschien und Mitte August wieder verschwand. Einen -Augenblick lief es dem Vierjährigen kalt und heiß über den -Ziemer. Dann warf er trotzig den Kopf auf, verdrehte -die Lichter, daß die weiße Bindehaut teuflisch leuchtete,<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -senkte den Kopf, daß die langen, weißendigen Dolche gefährlich -funkelten, schlug mit den Vorderläufen den Boden, -daß Laub und Moos nur so wirbelten, stieß ein tiefes, -böses Keuchen aus und zog, die Läufe im spanischen Tritt -setzend, dem Nebenbuhler entgegen.</p> - -<p>Achtzack war zuerst ganz starr. So etwas von Frechheit -war ihm doch noch nicht vorgekommen. Ein Vierjähriger, -der ihm Trotz bot? Ein zurückgesetzter Bock, der -noch nicht einmal sechs Enden hatte, hielt ihm stand? Zu -lächerlich! Sorglos zog er dem Frechling entgegen, ein -höhnisches Grinsen um den kohlschwarzen Windfang. Gleichgültig -senkte er den Kopf; mit einem einzigen Stoß wollte -er ihn abtun, den Dummkopf. Der aber war auf seiner -Hut. Als die acht Dolche dicht vor ihm waren, wich er -zur Seite und forkelte blitzschnell von unten nach oben. Es -klirrte hell und klang hohl und als beide voneinander abließen -und sich gegenüberstanden, keuchend und jappend, da -hing Achtzacks linkes Licht als feuerroter, häßlicher Klumpen -aus der Augenhöhle heraus.</p> - -<p>Im nächsten Augenblick strich der Pirol, der in den -Zweigen über den beiden Kämpen sich im Flöten geübt -hatte, entsetzt ab. Denn unter ihm war mit einem Male -ein Wirbel von Laub und Moos, Kraut und Reisig. Ein -Kreischen erscholl, laut und schrecklich, und dann klang es, -als schlüge der Specht gegen einen hohlen Baum, und -schließlich kam ein Röcheln.</p> - -<p>Endlich hörte der Blätterwirbel auf und Achtzack -tauchte daraus hervor. Seine Dünnungen bebten, seine -Lungen pfiffen, aus der Brust kam ein tiefes Keuchen. -Fortwährend schüttelte er den Kopf, an dessen linker Seite -es rot herunterlief. Aber seine acht Enden waren rot.</p> - -<p>Das Schmalreh war abgesprungen, als der Zweikampf -begann. Achtzack zog ihm auf der Fährte nach, sprengte<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -es, als es vor ihm flüchtig wurde, schlug es noch in die -Rippen und trieb es in die Tannen.</p> - -<p>Gleich darauf huschte ein grüner Schatten durch den -Wald, tauchte hinter einem Stamme auf, verschwand hinter -einem andern, kam wieder hervor und war wieder verschwunden. -Laut schimpfte die Amsel über das Waldgespenst, -und der Kauz in der Eiche machte große Augen -und schüttelte den dicken Kopf, denn lautlos zu jagen, hatte -er gedacht, könnte außer ihm niemand.</p> - -<p>Dieses grüne Gespenst war ein Mensch, ein langer, -junger, blonder, blauäugiger Mann mit braunen Backen und -Händen, der Förster. Er war wütend. Er hatte eben festgestellt, -daß die zwölf achtjährigen Weißtannen, die zwischen -den vielen Rottannen standen, und die zehn Edelebereschen -zu schanden gefegt waren von einem Bocke.</p> - -<p>Außerdem war er falsch, weil er keinen Bock gesehen -hatte. Er sollte einen auf das Schloß liefern. Vor Tau -und Tag war er zu Holze gezogen, jetzt war es neun Uhr -und nichts hatte er gesehen, außer einer alten Ricke. Wenn -da nur nicht wieder Achtzack die Schuld war. Seit drei -Jahren machte ihm der das Holz von Böcken blank. Lahm -hatte er sich gepürscht und krumm gesessen, aber nie konnte -er ihn fassen. Fünfzig Nächte hatte er sich um die Ohren -geschlagen, hunderte Abende auf ihn gelauert, aber alles -war für die Katz' gewesen.</p> - -<p>Hastig sog er an seiner Pfeife, daß der Dampf durch -das Holz zog, lang und breit, wie ein Pferdeschwanz. Da -blieben seine Augen am Boden hängen. Zwei Fährten -standen auf die Dickung zu, die zierliche eines Schmalrehs, -die grobe eines ganz alten Stückes.</p> - -<p>Ganz tief bückte er sein Gesicht zum Boden. Seine -großen Augen glänzten, als er sah, daß an der Fährte des -rechten Vorderlaufes eine Lücke war.</p> - -<p>Gerade, als er sich aufrichtete, hörte er es zu seiner<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -Linken rascheln. Das Rascheln wiederholte sich und mischte -sich mit einem Geröchel. Der Förster trat einen Schritt -vor, noch einen, wie eine Katze dahinschleichend, aber im -nächsten Augenblicke kniete er nieder, faßte den geforkelten -Bock um die langen Spießer, fuhr mit der rechten Hand -nach der Hosennaht, kam mit etwas Blitzendem zurück, eine -schnelle Handbewegung nach der Brust des Bockes, und der -streckte sich und ließ den Kopf schlaff in das grüne, rotbetaute -Moos fallen.</p> - -<p>Sorgfältig untersuchte der junge Mann den Bock. -»Dieser Schinder«, murmelte er als er den Kopf umdrehte -und sah, wie das zerrissene Gescheide fußlang aus den aufgeschlitzten -Dünnungen hing, »eins, zwei, drei, sechs, acht, -zehn, vierzehn mal hat er ihn geforkelt. Nun aber ist -Schluß mein Lieber! Heute mußt du stürzen oder ich will -die Kunst nicht verstehen!«</p> - -<p>Er lud den Bock auf, ging auf das Feld, brach ihn -auf, rodete den Aufbruch ein und hing den Bock in eine -Fichte. Dann ging er in weitem Bogen nach dem Fuchsbach -zurück.</p> - -<p>Vor einer großen Samenbuche machte er sich seinen -Stand zurecht, scharrte leise alles Fallaub beiseite und entfernte -jeden dürren Ast. Dann suchte er ein halbes Dutzend -gleichmäßig gewachsener Buchenblätter, schnitt sie zurecht -und legte sie vor sich auf den Rucksack. Zuletzt schnitt er -leise einen langen, verästelten Zweig ab und steckte ihn vor -seinem Stande in den Boden.</p> - -<p>Es war ganz still im Walde. Kein Blättchen regte -sich. Man hörte die Ameisen krabbeln und die Flügel der -großen Wasserjungfer knistern, die raubend über dem Bach -hin- und herstrich. Einmal ruckste fern ein Ringeltäuber, -ein Bussard rief hoch über den Kronen der Buchen, eine -Maus raschelte im Fallaube.</p> - -<p>Der junge Förster rauchte langsam seine Pfeife zu<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -Ende, spannte lautlos die Büchsflinte, zog die Knie hoch -und legte die Waffe quer über seinen Schoß. Dann nahm -er eins von den Buchenblättern und hielt es gegen die -Lippen.</p> - -<p>Ein weicher, leiser, zärtlicher Ton erscholl, das sehnsüchtige -verlangende Fiepen des Schmahlrehs, einmal, zweimal, -dreimal.</p> - -<p>Drüben in der Dickung saß der alte Bock im Bett, -neben ihm das Schmalreh. Als der dünne, feine Ton erscholl, -spielten die Lauscher Achtzacks.</p> - -<p>Wohl eine Viertelstunde verging, da erklangen noch -einmal die lockenden Laute. Achtzack stand auf. Aber zu -oft hatte er in seinem Leben die Erfahrung gemacht, daß -hinter dem zärtlichen Locken das tödliche Blei wartete, so -manche Kugel war in seinen grünen Jahren an ihm vorbeigepfiffen, -wenn er liebeshungrig aus der Dickung gestürmt -war; mehr wie einmal hatte ihn das Blei gestreift. Gern -hätte er sich das geliebte Ding aus der Nähe angesehen, -das da fiepte, denn unbekannt klang ihm die Stimme. Aber -es würde ja auch wohl noch da sein, wenn es dunkel wäre, -und wenn nicht, die Kleine neben ihm war ja auch hübsch -und jung.</p> - -<p>Auf einmal aber kam Leben in ihn, denn nun erklang -der von Scham und Angst erfüllte Klageruf des Rehjüngferchens. -Was, wagte es wieder einer, ihm ins Gehege -zu kommen? In seinem Wald, in dem alles ihm gehörte, -was hübsch und fein war!</p> - -<p>Langsam schob er sich durch die Tannen. Alle paar -Gänge blieb er stehen und sicherte. Aber als das Angstgeschrei -lauter erscholl, als er deutlich des Nebenbuhlers -Stürmen und Poltern vernahm, da trat er ganz aus der -Dickung heraus.</p> - -<p>Der Förster, der wie verrückt mit seinem Hute zwischen -die dürren Zweige am Boden geschlagen hatte, hielt inne,<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -als er von den Tannen her ein ganz feines Geräusch vernahm. -Ein leises Lächeln ging um seinen Mund. Er -hielt den Atem an und schloß die Augen bis auf einen -Spalt.</p> - -<p>Lange blieb es drüben still; dann klang das Brechen -wieder. Aber dieses Mal lauter, näher. Dem Förster -schlug das Herz und die Büchse zitterte in seinen Händen. -Er schloß die Augen ganz und atmete tief und -langsam.</p> - -<p>Als er die Augen wieder öffnete, sah er in der Dickung -einen grauen Fleck. Und darüber, über den schwarzgesäumten -Lauschern, das schwere, weitausgelegte Gehörn mit den -roten Enden.</p> - -<p>Eine Ewigkeit dünkte ihm die Spanne Zeit, bis daß -Leben in den grauen Fleck kam, eine Ewigkeit, die ihm das -Blut wild durch die Adern jagte und den Schweiß aus allen -Poren trieb. Als aber der graue Fleck sich vorschob und -ein brauner ihm folgte, da zog er ganz langsam die Büchse -an die Backe und machte den Finger krumm.</p> - -<p>Nach dem Schuß stand er auf und lauschte. Ein paarmal -brach es noch in den Tannen, dann war alles still. Er -trat leise an die Dickung, bückte sich, nickte befriedigt, als er -hellrote Blasen auf den blauen, zerdrückten Glockenblumen -sah, und ging fort.</p> - -<p>Das Schmalreh war erstaunt aus seinem Bette aufgestanden, -als sein grober Bräutigam es verließ. Das war -sonst seine Art nicht, bei hellichtem Tage in den raumen Bestand -zu ziehen. Und er hatte nicht einmal von ihm verlangt, -daß es mit sollte.</p> - -<p>Als es dann so laut donnerte, hatte Schmalrehchen eine -Flucht gemacht. Aber nur eine, denn zu viel Angst hatte -es vor seinem rohen Gebieter. Es wußte, er suchte doch auf -der Fährte, und dann setzte es Hiebe, hageldicht.</p> - -<p>Da vernahm es ihn auch schon. Laut brachen die<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -dürren Zweige. Da war er! Aber was ihm nur fehlte? -Er taumelte, schwankte, stürzte, richtete sich mühsam wieder -auf, zog drei Schritte voran, brach wieder zusammen und -blieb liegen.</p> - -<p>Verschüchtert zog die Kleine an ihn heran. Sie machte -ihr liebenswürdigstes Gesicht, denn es war ein launenhafter, -roher Kerl, der Alte, viel unzarter, viel weniger liebenswürdig -als ihr erster Liebster.</p> - -<p>Matt hob er den Kopf, als sie bei ihm war, und ließ -ihn wieder fallen. Zärtlich beschnupperte sie ihn, prallte -aber zurück, denn er hatte eine so seltsame, unheimliche -Witterung jetzt an sich.</p> - -<p>Aber sie blieb bei ihm, eine ganze Stunde lang. Ab und -zu versuchte er, aufzustehen, aber immer wieder brach er röchelnd -zusammen, und jedesmal quoll es rot aus seinen Blättern.</p> - -<p>Dann überlief ihn ein Zittern, er röchelte noch einmal -schrecklich, machte sich lang, und von da ab rührte er keinen -Lauf mehr.</p> - -<p>Dann brach es wieder in der Dickung. Das Schmalreh -stand auf. Menschenworte erklangen: »Zur Fährt, mein -Hund, so recht, mein Hund! Such verwundt, mein Hund!«</p> - -<p>Das Brechen kam näher. Lautes Gehechel eines Hundes -tönte heran. Das Schmalreh sprang ab, von Entsetzen gepackt.</p> - -<p>Hinten in den Birken verhoffte es. Der dumpfe Hals -des Hundes erklang, dann des Waldhorns heller, froher -Ruf: »Bock tot!«</p> - -<p>Neben dem Bock kniete der Förster. Freudig betrachtete -er den Kopfschmuck, dessen scharfe Enden noch rot waren -von dem Mord.</p> - -<p>Schmalrehchen aber zog im Wald umher. Es fühlte -sich einsam. Laut rief es nach einem fühlenden Herzen. -Das fand sich bald. Es war ein dreijähriger stattlicher Bock. -Und er war viel liebenswürdiger und nie so grob, wie der -alte Achtzack.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<h2 id="Boebchen">Böbchen.</h2> -</div> - -<p>Unser Bob war das, was man so im Volke unter -einem Terrier versteht, denn er war kurzhaarig, von weißer -Farbe mit schwarzen Flecken, zu kurz koupiert und äußerst -frech, mithin ein Terrier. Er hatte auch Terrierblut in -sich, ganz entschieden und er war auch ein hübscher Hund, -das sagte jeder, und wer langen Fang, hartes Haar usw. -von ihm verlangte, dem wurde bedeutet, daß Böbchen kein -Schablonenterrier sei, sondern eine Individualität und mehr -auf persönliche, denn auf generelle Rasse Wert legte. Seine -Mutter hatte übrigens blauestes Terrierblut, aber entschieden -die Tendenz nach unten gehabt, denn Bobs Vater war -unbekannt und blieb es, denn: <em class="antiqua">la recherche de la paternité -est interdite</em>. Hatte Bob also nur einen halben Stammbaum, -so besaß er dafür eine doppelte Portion von Temperament. -Leider hatte er verhältnismäßig wenig Verwendung dafür, -sintemal er ein Damenhund war. Er gehörte nämlich -meiner Schwiegermutter und spielte sich als einziges männliches -Wesen in der Familie vollkommen als Hausherr auf.</p> - -<p>Über ein Jahr dauerte es, ehe die Frage halbwegs entschieden -war, wer nun Herr im Hause sein sollte, Bob -oder ich. Bob benahm sich, als ob ich nichts zu sagen -hätte. Das durfte ich mir nicht gefallen lassen und trat<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -ihm kühn entgegen. Von seiner Seite wurde der Kampf -mit stundenlangem Kläffen oder Piepen, Kratzen an den -Türen und heiserem Wutgebell geführt, von mir mit der -Zwille und Schrot Nr. 6. Die raffinierte Technik siegte; -Bob erkannte meine physische Überlegenheit in gewisser Hinsicht -an, besonders wenn es ihm gerade paßte, und gehorchte -mir, aber nie ohne sein historisches Recht dadurch zu betonen, -daß er »bö« sagte. Im übrigen liebte er mich trotz -der Zwille und ungeachtet einer seiner Ansicht nach völlig -unzweckmäßigen gelegentlichen Verwendung meines rechten -Absatzes. Er liebte mich allerdings mehr mit dem Verstande, -mehr aus praktischen Gründen, denn aus innerer -Neigung; er liebte mich, weil ich mit ihm spazieren ging, -sehr weit spazieren ging ohne ihn anzuleinen, weil ich ihn -Emailletöpfe apportieren ließ, ihn Steine aus dem Wasser -tauchen ließ und die Stellen kannte, wo es Feldmäuse, -Hamster und Zaunigel gab. Er war von Natur ein Mäusefänger. -Lief eine Maus durch die Waschküche, dann stand -er regungslos und wartete, bis die Maus wieder kam, und -ruhig und besonnen faßte er zu. Dann ging er zu einer -von den Damen des Hauses, legte die Maus auf ihre Schuhspitze -und machte hübsch; das hieß: »Ich bitte um ein Stück -Zucker zum Lohne!«</p> - -<p>Aber wilde, richtige wilde Mäuse auf der Stoppel zu -jagen, das war doch etwas anderes, das war noch schöner, -als Emailletöpfe zu trudeln und Seife und Ätherflaschen zu -bekämpfen. Jawohl! Seife beißt, Äther auch, also sind es -wilde Tiere und wilde Tiere gehören totgebissen, meinte -Bob. Und so verbellte er die Seife, als wäre sie ein Igel, -und biß hinein und schimpfte und fluchte, daß ihm der -Schaum vor der koddrigen Schnauze stand. Genau so -machte er es mit brennenden Zigarrenstümpfen. »Sterben -mußt du«, dachte er, »und wenn du noch so beißt«, und -schließlich kriegte er sie tot. Aber so ein richtiger dicker<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -Zaunigel, das war doch noch schöner, und das beste war -ein Hamster, ein ganz dicker und fetter, der sich gehörig -wehren konnte, denn ein Hamster, der ist doch reeller als -die infamigen Schweinskatzen, die das unfaire Aufdiebäumegeklettre -nicht lassen können, dachte Böbchen. Aber wehe -der, die er erwischte; sie mußte hin werden, vorausgesetzt, -daß es eine alte war; denn jungen Katzen tat er nichts, -weil er zu kinderlieb und zu sehr Kavalier war.</p> - -<p>Letzteres ging daraus hervor, daß er liebendgern Sekt -trank, nur mußte er sich etwas beruhigt haben, und dann -aß er Spargelköpfe für sein Leben gern. Leider brach das -väterliche Erbteil immer wieder bei ihm durch. So war er -in seinem weiblichen Umgange gar nicht wählerisch und verkehrte -mit den proletischsten Hündinnen, was ihm den Haß -des ganzen Stadtviertels einbrachte. Wenn ihn die Hunde -des Kohlenfuhrmanns nur von weitem sahen, dann murrten -sie dumpf und das sollte heißen: »Den ganzen Tag nischt -tun, als bloß fein fressen, und wir können nachher die Alimente -bezahlen, wo wir doch Tag für Tag mit dem Kohlenwagen -gehen und aufpassen müssen!« Aber Bob feixte sie -frech an und knurrte ihnen zu: »Seht euch bloß vor, ich -habe eine Zwille.« Und das glaubten ihm die Schafköpfe -wirklich. Einmal aber hatten sie ihn doch zu fassen bekommen -und er kam als Beefsteak <em class="antiqua">à la Tartare</em> nach Hause. -Gerade hat der Tierarzt ihn zurechtgeflickt und ich hielt ihn, -während ich mich von dem Arzte verabschiedete, in der -Haustüre auf dem Arme. Da ging der eine Kohlenhund -vorbei und machte eine höhnische Bemerkung. Im Hui -war Bob von meinem Arme herunter und stürzte auf -drei Beinen auf ihn los, und da Bob halb in weiße -Leinwand genäht war, kratzte der andere Hund entsetzt -aus.</p> - -<p>Merkwürdig war es, daß ihm bei seinen nächtlichen -Debauchen nie etwas zustieß. Er konnte wochenlang den<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -anständigen jungen Mann von Erziehung markieren, aber -mit einem Male blieb er über Nacht aus. So um vier -oder fünf Uhr in der Frühe piepte er vor der Haustüre; -machte man dann nicht sofort auf, so schlug er einen Riesen- -oder Abgottskrach. Außerdem machte er es so wie manche -Männer, er beugte vor und schnauzte, sobald er in das -Haus kam, damit er nicht angeschnauzt wurde. War er -dann im Hause, so ging er nicht in die obere Etage zu -meiner Schwiegermutter, sondern in das Erdgeschoß in unsre -Küche, wo er sich unter den Herd legte. Da blieb er den -ganzen Tag liegen, roch nach Bier und gemeinen Zigarren, -aß nichts und soff abscheulich viel Wasser, solchen Brand -hatte er, und duftete übel. Anfangs wußten wir nie, wo -er gewesen war; später bekamen wir heraus, daß er in -einer Destille in der Nachbarschaft verkehrte, wo es einen -tadellosen Harzkäse gab. Außerdem mußte er noch anderswo -verkehren, denn als er einmal wieder einen ausschweifenden -Lebenswandel geführt hatte und ohne Halsband, aber mit -einem Bombenjammer, sehr dreckig und voll von Flöhen -heimgekehrt war, kam ein Herr, gab sein Halsband ab und -sagte, Bob pflege öfter bei ihm zu schlafen; er ginge durch -das Gitter, hüpfe auf die Veranda und von da in das Eßzimmer, -wo er auf dem Sofa schlafe. Als wir Bob nach -Details fragten, wurde er grob, wie immer in solchen Fällen, -denn das fand er taktlos.</p> - -<p>Er war in jeder Beziehung merkwürdig. Er trank nur -aus einem Glase. Wenn man ihn fragte, er solle zusehen, ob -oben jemand zu Hause wäre, lief er die Treppe hinauf, -hängte sich an den Klingelzug und läutete, daß das Haus -bebte. Wenn er ganz fest schlief und man flüsterte: -»Brauner Kuchen!« so hörte er das sofort, obschon er -manchmal tat, als wenn er stocktaub wäre. Wenn es -draußen nichts anderes gab, bog ich ihm einen Ast herunter -und dann hängte er sich daran, schwebte frei in der<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -Luft und zerrte knurrend eine halbe Stunde lang darum. -Er litt an Zahnschmerzen, und war dann oft sehr verdrossen, -denn er hatte sich an Steinen und Emailletöpfen -alle Zähne kaputgebissen; aber als er schon zehn Jahre alt war, -brauchte man nur an einen zentnerschweren Stein oder an -einen Straßenbahnmasten zu klopfen und zu sagen: -»Schönes Steinchen!« und dann versuchte er mit furchtbarem -Getöse, das Ding vor sich herzutrudeln, wie er es -vor dem Tore stundenlang mit Emailletöpfen und Blecheimern -zum Vergnügen der Einwohner machte. Niemals -aber brachte er so ein Möbel mit nach Hause; sobald wir -in die Nähe der Stadt kamen, stellte er den Pott in den -ersten besten Hausflur. Als ich jedoch mit ihm einmal -verreiste und in eine kleine Stadt kam, wo ihn niemand -kannte, trudelte er seinen Pott durch das ganze Nest und -nahm ihn in das Gasthaus mit. Außerdem fraß er sehr -gern Zwetschen, deren Steine er mit hörbarem Avec aus -der linken Maulecke spuckte.</p> - -<p>Als ich ihn kennen lernte, war er ein Augentier; seine -Nase brauchte er höchstens, um sich von der Beschaffenheit -der Atmosphärilien, die dem Erdgeschoß entströmten, wo -die Küche lag, zu überzeugen. Er kannte jeden Freund des -Hauses von weitem; wenn er vom Fenster plötzlich zur -Erde sprang und piepend nach der Türe lief, dann wußten -wir, daß es Besuch gab; nie benahm er sich so, wenn der -Briefträger kam. Als dann Muk, der blondgelockte Teckel, -einzog, brachte der ihm bei, daß der Hauptsinn des Hundes -die Nase sei, und Bob, den jede Hasenspur und alle Rehfährten -bis dahin völlig kühl gelassen hatten, fand allmählich -Gefallen am Jagen auf der frischen Fährte, trotzdem er -damals schon zehn Jahre alt war. Aber so recht kam er -nicht dahinter, fiel jede neue Fährte an, die die andere -kreuzte, bis es ihm zu dumm wurde und er reuevoll zu -seinem Blechtopfe zurückkehrte. Wenn er sich auch manchmal<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -etwas formlos gab, in einer Beziehung hielt er streng -auf die hergebrachte Sitte.</p> - -<p>Ich hatte später einen Teckel namens Putt Battermann, -einen lieben Hund; ich würde den König und den -Kronprinzen von Serbien, Castro, und andere entbehrliche -Gegenstände mit Wonne hergeben, könnte ich Battermann -damit wieder lebendig machen. Dieser Hund hatte eine -eigentümliche Angewohnheit, oder vielmehr, er hatte sie nicht, -denn wenn er ein größeres Geschäft erledigt hatte, machte -er nie die üblichen drei Kratzfüße hinterher. Als Bob das -sah, war er starr, ganz schnell lief er hin und scharrte, um -dem dummen jungen Hunde zu zeigen, was sich gehöre. -Aber Battermann erklärte ihm, das habe erstens auf dem -Asphalt keinen Zweck und sei zweitens überhaupt nicht mehr -Mode. Was sollte Bob machen? Gekratzt mußte werden, -also kratzte er jedesmal, wenn Battermann das unterließ, -wenn er sich auch nicht mehr bis zu der betreffenden Stelle -hinbemühte. Aber er kratzte.</p> - -<p>Wenn Bob jagdlich gearbeitet wäre, hätte er sich mit -Ruhm bedeckt, und wäre er ein Mensch gewesen, hätte der -Erdball unter ihm so gedröhnt, wie unter dem ersten Napoleon, -denn was Furcht war, das kannte er nicht. In aller -Lerchenfrühe nahm ich ihn einmal in den Zoologischen Garten -mit, aber auch nur einmal, denn hätte ich ihn nicht an -der Leine gehabt, so hätte ich einen neuen Löwen kaufen -können. Ohne sich zu besinnen fiel er eine eselsgroße Dogge -an, und Bullen auf Weidekämpen zu hetzen, das dünkte -ihm ein harmloses Spiel. Und doch bekam er es einmal, -ich will nicht sagen mit der Angst, aber mit jenem Gefühl -der Hilflosigkeit, das den Menschen befällt, wenn er bergab -radelt, die Pedale verliert und merkt, daß die Bremse versagt. -Das war in einer Gastwirtschaft; da sah er ein -großes weißes Tier, das ganz sonderbar roch. Er wollte -es totbeißen, aber es nahm ihn auf die Hörner und warf<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -ihn in den Busch, daß ihm die Rippen krachten. Mit -einem furchtbaren Fluche rappelte er sich zusammen und fiel -das Ungetüm wieder an, aber alle Mühe, die er sich gab, -es von hinten zu erwischen, war vergebens; mit Schaum -vor dem Maul und Scham in der Brust schob er ab, ging -in tiefe Grübelei versunken neben mir nach Hause, beachtete -die schönsten Blechpötte nicht und aß nichts zu Abend, -denn allzusehr war sein Selbstbewußtsein zerknittert. Und -noch etwas gab es, das ihn mit Hilflosigkeit erfüllte, ein -Floh auf dem Rücken. Dann fühlte er sich wie Lazarus. -Ganz unglücklich war er, piepte jammervoll und schüttelte -sich unter den Ecksofas, bis eine Franse nach der andern -den Weg aller Wolle ging. Sonst kannte er keine Furcht; -ein Stock versetzte ihn in Ärger, die Hundepeitsche in Zorn -und die Zwille in schäumende Wut. Aber Angst? Keine -Spur! Dreizehn Jahre wurde er alt und blieb wie er war, -immer lustig, immer frech, immer ein Verehrer der Weiblichkeit. -Ganz plötzlich bekam er Krämpfe und ein Schuß -gab ihm ein schnelles Ende.</p> - -<p>Er hat mich viel geärgert und oft in Wut gebracht, -wenn er mich durch Piepen und Kratzen bei der Arbeit -störte. Aber viel Freude habe ich doch an ihm gehabt, und -immer denken wir gern zurück an unser Böbchen.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Zaunigel">Der Zaunigel.</h2> -</div> - -<p>Außerhalb des Dorfes nach der Heide zu liegt an dem -Moorbache ein Eichenhain. Ein halbes hundert grauer -Bauwerke erhebt sich dort, halb versteckt von dem breiten -Astwerke der alten Eichen. Es sind die Schafställe und -Scheunen der Bauern, kunstlose, strohgedeckte Fachwerkbauten, -deren Wände graues Flechtenwerk und gelber Lehmbewurf -bildet und deren Grundbalken auf dicken Findlingsblöcken -liegen.</p> - -<p>Dort wohnt auch der Schäfer. Eine mächtige Mauer -aus Ortsteinblöcken, von Moos übersponnen und von Engelsüß -und Glockenblumen und Efeu überwuchert, hinter der -sich ein gewaltiger, von Wacholder, Holunder, Stechpalmen -und Schlehen bewachsener Hagen erhebt, grenzt das Wohnwesen -gegen die Stallungen ab. Allerlei Getier haust hier; -in den Strohdächern brüten Rotschwanz und Ackermännchen, -auch ein paar Schleiereulen und ein paar Käuzchen -hausen dort, unter den Scheunen haben es Spitzmaus und -Waldmaus gut, Kröte und Ringelnatter, und nicht minder<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -Wiesel und Iltis. Auch Igel sind hier immer anzutreffen.</p> - -<p>Der Schäfer läßt sie gewähren. Sie mögen ihm wohl -ab und zu ein Ei oder ein Kücken fortnehmen, dafür halten -sie aber auch die Mäuse kurz. So treiben sie denn ungescheut -schon am späten Nachmittage im Garten oder auf -dem Hofe oder unter den Eichen ihr Wesen, und Wasser und -Lord, die beiden alten Hunde des Schafmeisters, kümmern -<span id="corr065">sich</span> nicht mehr um sie; nur Widu, der junge Hund, ist noch -etwas albern und quält sich dann und wann ein Viertelstündchen -mit einem Igel ab, um schließlich mit zerstochener -Nase das Spiel aufzugeben. Auch heute hat er das so getrieben -und hat sich endlich ärgerlich und müde vor den -Herd gelegt, wo er schläft und im Traume das Stacheltier -weiter verbellt.</p> - -<p>Der Igel hat noch eine volle Viertelstunde zusammengekugelt -dagelegen, dann hat er sich aufgerollt und ist in das -Gestrüpp des Hagens gekrochen. Er hatte vor, im Garten -Schnecken zu suchen, aber der dumme Hund brachte ihn davon -ab. Und nun krabbelt er in dem alten Laube herum, -scharrt in dem Mulm und verzehrt laut schmatzend bald -einen Regenwurm, bald eine Schnecke, dann eine Assel und -nun eine dicke Spinne. Und jetzt geht es wie ein Ruck durch -ihn; er hat junge Mäuse pfeifen gehört. Ein Weilchen -noch verharrt er in seiner aufmerksamen Haltung, dann -schleicht er vorwärts, macht einen kleinen Satz und stößt -seine Nase in einen Knäuel fahlen Grases, der zwischen den -Ortsteinen der Hofmauer steckt. Sechsmal stößt er zu, und -jedesmal erklingt ein dünner, schriller Todesschrei. Dann -langt er sich die jungen Mäuschen heraus und schmatzt sie -hastig auf.</p> - -<p>Ein Weilchen schnüffelt er noch an dem Mauseneste -herum, dann trippelt er weiter, ab und zu fauchend oder -stehen bleibend und sich mit Krallen oder Zähnen heftig da<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -juckend, wo die Flöhe und Holzböcke ihn am meisten zwicken. -Bald langsam, bald eilig begibt er sich nach dem Eichenhain. -Dort gibt es immer allerlei im Grase, ein Taufröschchen -oder eine fette Raupe, ein Mäuschen oder auch einmal einen -jungen Vogel, der aus dem Neste fiel. Brrr, macht es -laut, und ein dickes, braunes Dings stößt mit hartem Anprall -an die blutende Eiche. Es ist ein Hirschkäfer. Er -hat gefunden, was er suchte. Gierig steckt er die goldgelbe -Pinselzunge in den gärenden Saft. Da raschelt es hinter -ihm. Wütend dreht er sich um und spreizt die scharfbewehrten -Zangen. Aber schon hat der Igel ihn gefaßt, ihm -den Leib abgerissen, und während der Kopf des Käfers im -Grase liegt und mechanisch die Zangen öffnet und schließt, -knabbert der Igel den dicken Hinterleib vollends auf. Dann -jagt er unter den Schafställen weiter und sucht einen nach -dem andern ab.</p> - -<p>Viel ist heute da nicht zu finden. Einige Spinnen, -etliche Käfer, auch ein gutgenährter Regenwurm, das ist -alles. Es ist zu trocken gewesen den Tag über, die Junisonne -hatte es reichlich gut gemeint, und der Wind ging -scharf; das gibt schlechte Jagd. So schiebt denn der Stachelrock -nach dem Bache zu; vielleicht daß sich dort die Jagd -besser lohnt. Unterwegs dreht er jedes Blatt um und scharrt -jeden Grasbusch auseinander, immer prüfend und schnaufend -und seine Nase in das Moos und in die Blätter bohrend -und ab und zu sitzend bleibend, um irgend ein kleines Tier -zu verzehren. Einmal bleibt er lange sitzen; er hat eine alte -Maus pfeifen gehört, und vorsichtig pürscht er sich näher. -Jetzt hört er sie dicht bei sich vorüberhuschen. Gleich wird -sie wieder zurückkommen und dann hat er sie. Aber gerade -wie er zufahren will, löst sich ein grauer Schatten von der -Wagenleiter, die Maus quiekt auf und das Käuzchen streicht, -sie in den dolchbewehrten Fängen haltend, auf die hölzernen -Pferdeköpfe des Stalles, und der Igel hat das Nachsehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>Mürrisch begibt er sich weiter. Ein Kieferschwärmer, -der am Nachmittage die Puppe verlassen hatte und sich, -nachdem er seine Schwingen fertig gereckt hat, nun zum -ersten Fluge rüstet, verschwindet unter den spitzen Zähnen. -Ihm folgt eine Ackerschnecke; von der dicken schwarzen -Schnecke, auf die der Igel stößt, wendet er sich aber mit -Ekel ab. Sie riecht abscheulich und schmeckt scheußlich. Aber -das laute, rollende Flöten da in dem anmoorigen Sande am -Bachufer, das lockt ihn. Ein schnelles Getrippel, ein fester -Stoß, und schon ist die Maulwurfsgrille erledigt. Weiter -geht es am Bachufer entlang. Halt, hier hebt sich die Erde. -Etwa ein Maulwurf? Das wäre kein schlechter Fang. Oder -gar eine Wühlmaus? Das wäre noch besser. Ganz vorsichtig -schiebt er sich voran. Lange muß er lauern, ehe die -Erde sich wieder rührt, aber schließlich kann er zufahren. Er -stieß zu kurz. Mit jähem Ruck wirft sich die schwarze Erdwühlerin -in den Bach, daß es plumpst, und nach einer -langen Besinnungspause wendet sich der Igel wieder den -Eichen zu.</p> - -<p>Hier ein Mistkäfer, da eine Raupe, dort ein Brachkäfer -und daneben ein Regenwurm, das wird so nebenbei -alles mitgenommen. Aber was ist das da, was sich da im -Grase fortschiebt? Der Igel sträubt die Kopfstacheln, steckt -die Nase vor, rollt sich halb auf und trippelt so auf die Beute -los. Jetzt ist er bei ihr. Zß, geht es, und einmal, zweimal, -dreimal fährt die halbwüchsige Kreuzotter gegen seinen -Stachelpanzer. Ein viertes Mal noch, dann aber nicht mehr. -Er hat sie überrannt, hat sie mit den Kopfstacheln an den -Boden gequetscht, hat mit den Zähnen ihren Hinterkopf gefaßt, -und während sich ihr Leib in wilden Kreisen dreht, -zerkaut er erst den Kopf und schmatzt ihn hinunter und läßt -den Leib hinterdrein wandern. Nach einem Viertelstündchen -verschwindet auch die äußerste Schwanzspitze, die sich immer -noch windet, in seinem Rachen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p> - -<p>Vorläufig ist er nun satt. Spaßeshalber faßt er noch -einen großen Taufrosch, der ihm dicht vor die Nase hüpft -an das Hinterbein, aber gerade als der arme Frosch seinen -schrillen Todesschrei hören läßt, gibt ihn sein Bezwinger -frei und der Frosch springt in gewaltigen, ungeschickten -Sätzen ab. Ganz furchtbar eilig trippelt der Igel nach dem -Weißdornbusch hin, der sich neben einem der Schafställe -spreizt. Der leise Luftzug weht ihm von da eine Kunde zu, -die ihn ungestüm vorwärts treibt. Ohne eine Pause zu -machen, trippelt er in schnurgerader Richtung weiter, und -gerade als die Dorfuhr ausholt um die zehnte Stunde zu -verkündigen, gerade als des Nachtwächters Horn hohl an zu -heulen fängt, langt der Igel vor dem Busche an.</p> - -<p>Da ist noch ein Igel, ein dicker, großer Igel, der eben -einen langen, dicken Tauwurm hübsch langsam aus seiner -Erdröhre herauszieht. Wie besessen stürzt der erste Igel -auf ihn zu. Blitzschnell wendet der andere sich um und -beißt nach ihm. Verdutzt bleibt der erste sitzen, dann nähert -er sich wieder dem anderen. Wieder setzt es einen Hieb, -wieder gibt es eine Verlegenheitspause, und so zehnmal und -noch zehnmal. Und dann schlägt der erste Igel eine andere -Taktik ein. Schnaufend und fauchend trippelt er um den -anderen und versucht, sich ihm von hinten zu nähern, dieser -aber dreht sich schnaufend und fauchend fortwährend im -Kreise herum und wehrt jeden Annäherungsversuch mit einem -blitzschnellen Bisse ab. Schließlich sitzen sie sich beide gegenüber, -daß ihre Schnauzen sich fast berühren, und verschnaufen, -der Igel überlegend, wie er sich wohl beliebt machen könne, -die Igelin immer zur Abwehr bereit.</p> - -<p>Bisher war der Igel immer von rechts nach links um -seine Auserkorene herumgetrippelt; jetzt versuchte er es in der -umgekehrten Richtung. So muß auch die Igelin von links -nach rechts sich im Kreise drehen. Wenn er sie zehn- oder -zwölfmal umkreist hat, wird er plump vertraulich. Dann setzt<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -es von ihr aus einen Schmiß. Verdutzt bleibt er dann -sitzen und überlegt den Fall, und sie bleibt auch sitzen. Sie -sehen sich mit ihren kleinen schwarzen Augen an, Nase an -Nase, bis er wieder Mut bekommt und von neuem um sie -herumtrippelt, jetzt von links nach rechts, nach dem nächsten -Hiebe von rechts nach links, dann wieder umgekehrt und so -weiter.</p> - -<p>Elf Uhr schlägt die Turmuhr; elfmal heult des Wächters -Horn. Immer noch murksen und fauchen die beiden stachligen -Liebesleute umeinander herum. Es wird Mitternacht; -das sonderbare Karussel ist noch immer im Gange. Es -schlägt ein Uhr; er ist noch immer nicht müde, sie zu umwerben, -und ihre Sprödigkeit hält immer noch an. Es -schlägt zwei Uhr; noch immer trippelt er fauchend und pustend -um sie herum, bald von rechts, bald von links, und -nach jedem Hiebe, den sie ihm versetzt, hält er inne und -überlegt, ob es nicht besser sei, ihr von der andren Seite zu -nahen. Eine halbe Stunde bleibt der Jagdaufseher bei dem -Paare stehen und lacht und schüttelt den Kopf, bis die -Helligkeit im Osten ihm sagt, daß es Zeit für ihn werde, -nach dem Moore zu gehen. Schon singt der Rotschwanz von -dem Dachfirst, die Schleiereule sucht ihr Loch am Giebel, -der Igel und die Igelin tanzen immer noch ihren sonderbaren -Reigen; erst als die Amsel zeternd zur Regenwurmsuche -ausfliegt, verschwindet sie unter dem Stalle und er folgt ihr -nach. Als der Schäfer die Schafe ausläßt, hört er unter -dem Estrich das Gefauche und Geschnaube und ruft dem -jungen Hunde zu: »Widu, bring sie zur Ruhe!« Aber -Widu mag nicht; er hat von gestern genug.</p> - -<p>Der Juni geht hin und der Juli auch. Als die Frau -des Schäfers den Komposthaufen auseinander stößt, findet sie -in einem Haufen welken Grases fünf kleine, rosige, weißstacheliche -Dingerchen neben der alten Igelin liegen. Nachmittags -will sie sie ihrem Manne zeigen, aber sie sind nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -mehr zu finden. Die Igelin hat ihre Jungen verschleppt. -Unter dem alten Schlehbusche hat sie ihnen ein neues Nest -gekratzt und sie warm zugedeckt. Da säugt sie sie tagsüber, -aber nachts treibt sie sich im Garten umher und frißt sich -an Schnecken und Würmern dick, scharrt Mäusenester aus -und fängt junge Frösche, schont auch die junge Brut der -Rotkehlchen, trotz des Gezeters der Alten, nicht und nimmt -auch die junge Amsel mit, die ihr in den Weg tolpatscht, -wie sie denn auch mit den nackten Wieselchen, die sie aufstöbert, -nicht viel Federlesens macht. Sogar die große -Wanderratte, die sich in dem Schlageisen gefangen hatte, -muß daran glauben; trotz ihres Strampelns und Quietschens -wird sie totgebissen und bis auf Kopf, Fell und Schwanz -aufgefressen.</p> - -<p>Nach vier Wochen führt die Igelin ihre fünf Kleinen -aus. Eines Abends, als der Schäfer vor der Türe sitzt -und seine Pfeife raucht, raschelt es hinter dem Brennholze -und da kommt erst schnaubend und prustend die Igelin angetrippelt -und hinter ihr wackeln die fünf Kleinen. Der -Schäfer ist ein ernster Mann und lacht selten; heute aber -muß er doch lachen, denn es sieht zu putzig aus, wie die -kleinen Dinger hinter der Alten herbummeln, überall kratzen -und scharren und ihre Nasen in alle Löcher am Boden -stecken, oder hastig hineinrennen, wenn die Mutter einen -tüchtigen Wurm bloßgescharrt hat und ihn sich von den -Kleinen fortnehmen läßt. Seit der Zeit ist es für den -Schäfer und seine Frau ein Hauptvergnügen, den Igeln -zuzusehen, und damit sie nicht gestört werden, wird Widu -jeden Abend angelegt. Auch allerlei Eßbares legt der -Mann den Igeln hin; Butterbrot verschmähten sie, aber -frisches Fleisch nahmen sie gern, und auch kleine Fische, die -der Schäfer für die Hechtangeln gefangen hatte. Als der -Schäfer sah, daß die Igelin sich immer so viel kratze, fing -er sie, und als er fand, daß sie voller Ungeziefer saß, salbte<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -er sie mit der Schmiere, mit der er seinen Schafen das Ungeziefer -vertrieb. Seitdem gab sie das Kratzen auf.</p> - -<p>Mittlerweile wurden die kleinen Igel immer größer, -hielten auch nicht mehr zu der Alten, sondern gingen ihre -eigenen Wege, und wenn sie der Alten begegneten, wurden -sie von ihr weggebissen. So wanderten sie denn aus; der -eine in die Heidberge, der andere in die Eichen, der dritte -in den Wiesenbusch, noch einer in das Dorf und der letzte -nach dem Immenzaun, und wenn der Schäfer einen von -ihnen antraf, denn er kannte sie gleich wieder, weil er ihnen -allen, dem einen am Kopfe, den andern hier oder da am -Rücken, ein Büschelchen Stacheln abgeschoren hatte, dann -zeigte er sie den Leuten und sagte: »Das ist einer von -meinem Hofe.« Bis in den Herbst hinein sah er bald hier, -bald da einen von seinen Igeln, und sogar im Februar, -als nach einem leichten Schnee die Sonne schön warm -schien, traf er die alte Igelin am hellen Nachmittage vor -der großen Hecke am Immenzaun, und nahm sie mit und -setzte sie in den Schafstall, und als im März die Sonne -die Oberhand bekam, traf er fast jeden Abend einen Igel -an im Garten, auf dem Hofe oder unter den Eichen und -hatte sein Vergnügen an ihnen.</p> - -<p>Eines Tages aber kam eine Zigeunerbande zugewandert -und der Vorsteher wies ihnen die Heide bei den Eichen als -Lagerstätte an. Während die Männer sich überall herumtrieben -und die Weibsleute wahrsagen gingen, zogen die -Jungens auf die Igeljagd. Sie hatten Stöcke, an denen -oben ein langer, dicker, spitzgefeilter Draht befestigt war, -und damit stachen sie in alle Laubhaufen, Hecken und unter -die Schafställe. Ab und zu quietschte es und einer von den -Bengeln zog einen aufgespießten Igel aus seinem Verstecke, -den er dann totschlug.</p> - -<p>Abend für Abend saß der Schäfer auf der Bank vor -der Tür und wartete auf seine Igel. Er sah sie nie wieder.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span></p> - -<h2 id="Jakob">Jakob.</h2> -</div> - -<p>Mitten im Bruche stand eine gewaltige, hochschäftige, -breitkronige Kiefer, ein Wahrbaum für die ganze Gegend.</p> - -<p>In ihr horstete Jahr für Jahr ein Kohlrabenpaar und -erfüllte im April das Bruch mit seinen rauhen Balzrufen.</p> - -<p>Ab und zu versuchten Schreiadler, Wanderfalken oder -Habichte den Raben den Horstbaum abzutreiben, aber die -Raben hatten zu grobe Schnäbel und blieben stets siegreich.</p> - -<p>An einem schönen Junimorgen kam ein junger Jäger -unter dem Wahrbaume her und sah einen fast flüggen -Raben im Heidekraute sitzen. Er nahm ihn mit und verschenkte -ihn an Bekannte in der Stadt, die in ihrem Garten -allerlei Tiere hielten.</p> - -<p>Es gab einen großen Aufstand in dem Garten, als -Jakob, wie das schwarze Ungetüm genannt wurde, auf den -Rasen gesetzt wurde. Jaköble, der Häher, war ganz entsetzt, -als das großmächtige Rabenvieh seinen Riesenrachen -aufsperrte und ihm auf den Leib rückte; aber schließlich holte -er Futter und stopfte es ihm in den roten Schlund. Auch -Jackelchen, die Elster, kam herangehüpft, sah sich das<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -Scheusal an und als das Gegiere nicht aufhören wollte, holte -sie irgend etwas Eßbares und tat es vorsichtig in Jakobs -unersättlichen Schnabel.</p> - -<p>Jakob war immer hungrig. Was man ihm gab, das -war ihm ganz gleich; er schlang alles hinab. Und wenn -man ihn auch gerade gefüttert hatte, und irgend etwas, -das Federn hatte, kam ihm in den Weg, ganz gleich, ob -Jaköble oder Jackelchen oder Adam, der Turmfalke, oder -Hans, der Waldkauz, oder eins von den Hühnern, es -wurde angeplärrt. Ja, als einmal das Stubenmädchen aus -Versehen den Flederwisch in den Garten fallen ließ, hüpfte -Jakob sofort heran und schrie nach Futter und ein anderes -Mal machte er den Versuch, einen Federhut, der auf dem -Gartenstuhl lag, zu bewegen, ihm den Hals zu stopfen.</p> - -<p>Eines Nachmittags war die ganze Familie ausgegangen. -Vor einer Stunde war in Jakob, die Dranktonne, wie die -Mutter ihn auch noch nannte, erst soviel hineingestopft, wie -nur hineingehen wollte, aber unaufhörlich hüpfte das gefräßige -Ungetier im Garten umher und stieß seinen Heißhungerschrei -aus. Da Jaköble und Jackelchen eingesperrt -waren, damit sie keine Dummheiten machen sollten und -Adam, der Turmfalke, in der Nachbarschaft Besuche machte, -plärrte Jakob solange dem Kauze Hans etwas vor, bis es -diesem auf die Nerven ging. Er bequemte sich also nach -seiner Futteranstalt in der Efeuberankung des Aquariumsockels, -holte ein Stückchen Fleisch hervor und hielt es -Jakob vor, damit er es ihm fortreiße, wie es die jungen -Eulen machen. Aber Jakob kannte die Sitten der Eulen -nicht und schrie nur noch scheußlicher und da wurde es -Hans zu dumm und er tat, was noch nie eine Eule getan -hatte, er stopfte Jakob das Fleisch in den Rachen.</p> - -<p>Es dauerte sehr lange, ehe daß der junge Rabe fressen -konnte und noch, als er schon beflogen war, krächzte er -hinter allem, was eine Schürze trug oder in Federn gekleidet<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -war, hinterdrein und bettelte um Futter. Schließlich -bequemte er sich aber doch dazu, selber zu fressen und als -er das erst verstand, war nichts mehr vor ihm sicher. -Jaköble und Jackelchen mußten scharf aufpassen, daß sie -überhaupt etwas bekamen. Nur vor Hans hatte Jakob -Achtung, denn der konnte seine großen Augen so seltsam -auf- und zuklappen und so gefährlich mit dem Schnabel -klappen. Das merkte sich Jaköble, der Häher bald, und da -er mit dem Kauz gut Freund war, so stopfte er ihm immer -den Rest von seinem Futter unter den Flügel, so daß er -sicher vor Jakob dem Großen war. Kam Jaköble mit -einem Fleischbröckchen angehüpft, so lüftete Hans sofort den -Fittich und Jakob mußte zusehen, wie das Fleisch unter -Hansens Achsel verschwand. Ab und zu versuchte er wohl, -Hans am Schwanze zu ziehen, damit er das Fleisch fallen -lasse, aber wenn die Eule sich dann umdrehte, die großen -schwarzen Augen aufriß und mit dem Schnabel klappte, -dann fuhr Jakob zurück, als wenn, ja, als wenn eine überreife -Birne neben ihm hingeplatscht wäre. Denn so frech -er war, er hatte in der großen Stadt Nerven bekommen. -Wenn eine Tür zuflog, verjagte er sich und schrie: »Kräcks«.</p> - -<p>Sonst aber war er frech, wie es eben nur ein Kolkrabe -sein kann. Er hatte vor niemand Achtung, als vor dem -Besen und vor Hans. Wehe dem jungen Mädchen, das -mit roten Strümpfen in den Garten kam; sie empfing einen -Hieb in die Wade, daß sie noch lange einen blauen Fleck -behielt. Blieb ein Buch im Garten liegen, so las Jakob -auf seine Art darin und die Fetzen flogen überall herum. -Erwischte er den Drückschlüssel des Hausherrn, so stopfte er -das dreieckige Loch ganz fest mit faulen Blättern voll und -stand ein Stuhl vor der Tür, so machte er es mit dem -Schlüsselloche genau so. Unglücklich der Hund, der sich im -Garten sehen ließ. Jakob lauerte in seinem Verstecke, bis -der Hund vorbeikam. Wupps, wischte er ihm eins und saß<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -sofort auf dem Tisch oder der Stuhllehne und der Hund -zog mit eingekniffenem Schwanze fort. Katzen kamen nie -mehr in den Garten. Sowie sich eine sehen ließ, um nach -jungen Amseln zu fahnden, machte Adam einen schrecklichen -Lärm und Jakob brannte ihr eins auf das Fell, daß sie wie -wahnsinnig über den Zaun fuhr.</p> - -<p>Er saß voller Unarten, aber da er so ulkig war, sah -man darüber hinweg, daß er die Butter aus der Dose -hackte oder wenn der Aquariumdeckel offen stand, fischte. -Dann saß er eine ganze Stunde auf dem Rande des Gefäßes -und sobald ein Goldfisch emporkam, erhielt er einen -tödlichen Schnabelhieb und wurde verspeist. Ebenso ging -es auch den unglücklichen Fröschen, die sich in den Garten -verirrten und mehr als einmal erwischte Jakob sogar eine -Maus und einmal sogar einen Maulwurf, den er in die -Laube brachte, wo die Familie beim Kaffeetische saß. Jakob -legte seine Beute in den Weißbrotkorb und sagte: »Quatsch!«</p> - -<p>Das war sein Hauptwort. Einmal kam ein Herr und -besuchte den Hausherrn. Als er sich verabschiedete und -sagte: »Hoffentlich haben Sie für Ihre Heidfahrt schönes -Wetter!« unkte Jakob dazwischen: »Quatsch, Quatschquatsch!« -Ein anderes Mal kam der Pastor und erzählte, wie traurig -es mit dem Nachbar stehe, der nicht leben und nicht sterben -könne. »Quatsch!« rief Jakob und der geistliche Herr erschrak -sich sehr, denn die Stimme kam unter seinem Stuhle -her. Wieder einmal kam ein junger Geck zu Besuch und -stellte seine Angströhre hinter sich auf den Rasen. Als er -sie aufsetzte, rieselte ihm Sand daraus über sein Pomadenhaar. -»Was ist denn das?« lispelte er. »Quatsch!« rief -Jakob und machte ein Gesicht, als könne er kein Wässerchen -trüben.</p> - -<p>Immerwege hatte er Dummheiten im Kopfe. Eines -Tages ging die Familie aus und vergaß ihn einzusperren. -Auf dem Rasen lag die Wäsche zum Bleichen. Jakob<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -pflückte sich Kirschen, setzte sich damit auf die Wäsche und -massakrierte die Kirschen, daß der rote Saft nur so herumstob. -Sechs Hemden und vier Unterröcke mußten noch einmal -gewaschen werden. Im Frühjahr wurden Maßliebchen -gepflanzt, abwechselnd rote und weiße. Nach dem Mittagessen -gab es ein großes Geschrei: alle Maßliebchen waren -geköpft und Jakob stand vor zwei Löchern, die er in ein -Beet gehackt hatte und besah wohlgefällig seine Sammlung; -in dem einen Loche lagen die weißen, in dem andern die -roten Blumen.</p> - -<p>Zu seinem Hauptvergnügen gehörte es, sich auf das -Eisen der Harke zu setzen, wenn die Gartenwege geharkt -wurden; dann benahm er sich so stolz, wie ein Mann, der -sich eine Sonntagsdroschke geleistet hatte. Einmal stellte er -sich tapprig dabei an und büßte einen Zeh dadurch ein. Er -plärrte eine halbe Stunde lang und verzichtete fortan auf -das Fahren auf der Harke. Sehr albern benahm er sich -einige Tage später. Er flog auf die schlappe Waschleine -und konnte das Gleichgewicht nicht halten. Ein Vaterunser -lang schaukelte er auf der Leine hin und her und schrie, als -zöge man ihm die Federn einzeln aus. Gräßlich dämlich benahm -er sich, als ihm ein Besucher eine Küchentüte über -den Kopf stülpte. Erst saß er ganz begossen da, dann -schüttelte er den Kopf wie unklug, darauf versuchte er Rad -zu schlagen und Kobolz zu schießen, schließlich hüpfte er im -Kreise und schlug mit den Flügeln, wie eine verrückt gewordene -Windmühle. Seitdem haßte er alle Tüten.</p> - -<p>Am alleralbernsten aber stellte er sich an, als er den -ersten Schnee seines Lebens sah. Erst machte er ein Gesicht -wie eine Kuh, die es donnern hört. Dann fraß er ein -bißchen von dem weißen Zeug. Darauf warf er Stücke -davon in die Luft, kratzte darin herum und schließlich kollerte -er sich darin umher. Plötzlich machte er die Entdeckung, -daß er eiskalte Füße hatte. Er zog den einen Fuß an,<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -aber der andere blieb kalt. Dann zog er den linken an, -aber nun wurde wieder der rechte kalt. Auf einmal begann -er so erbärmlich zu quaken, daß das ganze Haus -zusammenlief. Seitdem haßte er auch den Schnee und -ging nicht mehr auf die Wäsche, wenn sie zum Bleichen im -Garten lag.</p> - -<p>Eines Tages hatte er Durst und fand ein volles Glas -Bier stehen. Erst schmeckte es ihm nicht, aber der Durst -trieb es hinunter. Als der Hausherr zurückkam, war das -Glas umgeworfen und Jakob war so betrunken, wie ein -Pole am Zahltage. Erst sprach er so schnell, wie er es -noch nie getan hatte. »Quaquaquaquaquatsch«, wohl hundert -Male, dann versuchte er zu krähen, bekam aber den -Schlucken. Alsdann versuchte er geradeaus zu gehen, -taumelte aber, wie ein Anfänger beim Radfahren; dann flog -er steil in die Luft und kam mit großem Geflatter und noch -größerem Gekrächze wieder herunter und zwar in einem -Rosenbusche, in dem er so lange herumkrabbelte, bis der -Hausherr, der sich halbtot lachen wollte, ihn erlöste. -Darauf versank er in Melancholie, zog den Kopf ein und -stierte eine Weile vor sich hin, um dann wie verrückt auf die -Waschschüssel loszustürzen und diese, als er sie leer fand, -mit Schnabelhieben zu bedecken. Er bekam Wasser und -trank so viel, wie er sonst in einer ganzen Woche nicht -trank. Nun überfiel ihn der Zerstörungskoller und er riß -Gras und Blätter ab und sprang dabei herum, wie ein -Mensch, der die Hosen voller Ameisen hat. Und dann verschwand -er und kam erst spät am andern Morgen mit sehr -schlechter Laune, großem Brand und völliger Freßunlust -wieder zum Vorschein.</p> - -<p>Als er drei Jahre alt war, war er ein vollendeter -Heuchler und ein gerissener Dieb und wurde deshalb auf -das Land verschenkt. Dort führte er sich aber so übel auf, -daß man ihn in einen Käfig sperrte. Aber selbst das half<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -nichts; wenn die Kücken auf dem Hofe herumliefen, lockte -Jakob genau so, wie die Klucke und sowie eins der Kücken -an seinen Käfig kam, schnappte er zu und zog es hinein. -Schließlich trieb er es so arg, daß man ihn dem Zoologischen -Garten schenkte.</p> - -<p>Da sitzt er heute noch, läßt sich von den Besuchern -füttern und sagt zum Dank: »Quatsch!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p> - -<h2 id="Hausfriedensbruch">Hausfriedensbruch.</h2> -</div> - -<p>Er war von jeher dagegen gewesen, aber sie wollte -es gern, und so mußte er sich fügen; was sollte er -machen?</p> - -<p>»Sieh mal, Watschelinchen,« hatte er gesagt, »zu was -willst Du in der Stadt wohnen? Erstens kennst Du -niemand dort, zweitens wohnt Dir allerlei ruppiges Volk -vor dem Schnabel herum, diese Radaumacher von Turmschwalben -und dieses gemeine Spatzengesindel; und dann die -Luft! Na, ich sage Dir bloß, Du wirst Dich wundern! -Dein schönes Changierendes ist da bald hin vor dem Ruß. -Und was muß man weit fliegen, um satt zu werden! Hier -im Walde hast Du die fettsten Schnecken und die besten -Regenwürmer dicht bei der Wohnung. Und alle Nachbarn -sind nette Leute: der Pirol, so elegant und stolz er ist, Dir -singt er gern etwas vor. Und der Trauerfliegenschnäpper -besucht Dich, wenn Du brütest, Buchfink, Mönch, Schwirrsänger, -sie alle sind nett zu uns. Und ist Dir diese Wohnung -nicht groß und hübsch genug, ein freundliches Wort,<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -und Spitzhack, der Specht, baut Dir eine andere. Laß uns -nur im Walde bleiben.«</p> - -<p>Sie ließ ihn ruhig ausreden wie immer, machte nur die -Augen halb zu und ließ die Flügel herunterhängen; und -dann fing sie an:</p> - -<p>»Ja, Dickkopp, das ist ja alles ganz gut und schön. -Aber das mit den Spatzen und Mauerschwalben, das wird -nur halb so schlimm sein. Und das mit dem Ruß auch. -Und überhaupt, mein gutes Zeug ist doch immer gleich hin -von dem Brüten und Kinderpäppeln. Und Du hast gut -reden von Unterhaltung hier; was wissen die denn alle hier -zu erzählen? Immer dasselbe langweilige Zeug: daß es bei -Markwarts Krach gegeben hat, daß die Taubersche die Eier -hat kalt werden lassen, daß die Amsel kleine Vogelkinder -fressen soll und weiter nichts. Und das ewige Gedudel von -dem Pirol, das hängt mir schon zum Schnabel heraus; immer -dasselbe und immer dasselbe und hinterher dieses alte Geknarre; -schließlich geht es einem auf die Nerven. Du hast -natürlich gut reden: Du fliegst hierhin und dahin und triffst -bald den oder bald die, und da hörst Du immer allerlei -Neues und erlebst vielleicht auch mal ein Abenteuerchen, -nicht wahr, Kopp? Ich aber, ich sitze hier in dem engen -Loch, brüte mich dumm und albern und höre und sehe von -der Welt nichts. Höchstens, daß Schnurrjahn einmal vorkommt -und mich ein bißchen unterhält. Und die Wohnung? -Ach, Du lieber Himmel! Eng und feucht und voll Ameisen, -und jedes Frühjahr großes Reinemachen, bis man den -Fledermausmist heraus hat, na, ich danke. Und dabei -stehen in der Stadt die schönsten, hellsten, luftigsten Villen -frei!«</p> - -<p>Dickkopp sagte nichts mehr. Wenn seine Frau »Kopp« -zu ihm sagte und auf seine kleinen galanten Abenteuer -draußen anspielte, dann tat er am besten, den Schnabel zu -halten. Und daß sie außerdem von Schnurrjahn anfing,<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -diesem alten Poussierstengel, der nichts lieber tat, als anderer -Stare Frauen schön zu tun, das schätzte er nun schon -gar nicht. So sagte er Ja und Amen, und sie zogen in die -Stadt.</p> - -<p>Eine Wohnung war bald gefunden. In einem großen -Garten lag sie und hing in einem Zwetschenbaume. Blumenbeete -waren da, ein Springbrunnen zum Baden und Trinken, -Rasen mit Regenwürmern, Beete mit Schnecken, Kirschbäume -waren in der Nähe und gar nicht weit davon war -am Teiche eine ungeheure Pappel, der richtige Versammlungsplatz, -wie die Stare ihn lieben, und viel Rohr, im -Herbst eine gute Schlafstatt. Dickkopp war sehr zufrieden -und Watschelinchen erst recht.</p> - -<p>Die erste Zeit ging es sehr gut. Er saß vor dem Hause, -schlug mit den Flügeln und sang nach Herzenslust. Sie -schlüpfte aus und ein, holte Hälmchen und Federchen und -richtete die Wohnung ein. Heimlich stöhnte sie zwar ein bißchen, -denn das große Haus machte doppelte Arbeit, aber sie ließ -sich nichts merken.</p> - -<p>Bald aber stellten sich allerlei Unannehmlichkeiten heraus. -Erstens zog es in der Wohnung; es war ein richtiger -städtischer Schwindelbau; und durchregnen tat es manchmal -auch. Und alle Naselang steckte ein frecher Spatz seinen -Kopf herein, machte faule Witze über Watscheline oder behauptete -gar, sie hätte hier nichts zu suchen. Im Mai, als -sie schon längst Eier hatte, fand sie, als sie vom Baden zurückkam, -eine große, weißbunte Katze an ihrem Hause beschäftigt. -Watscheline machte solchen Lärm, daß der Besitzer -des Gartens kam und die Katze herunterschoß; darüber war -sie froh, aber der Schreck lag ihr noch drei Tage in den -Gliedern.</p> - -<p>Allmählich bekam sie auch Nerven. Erst hatte ihr das -städtische Leben Spaß gemacht, aber dieser ewige Lärm der -Wagen und der Straßenbahn, dieses rücksichtslose Schreien<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -und Türenzuschlagen, dieses Ausrufen und Peitschenknallen, -und vor allem das ewige Geschilpe der Spatzen und das Geschrei -der Turmschwalben war auf die Dauer nicht auszuhalten. -Und von allen ihren alten Bekannten sah und hörte -sie nichts: noch nicht einmal Schnurrjahn kam und erzählte -ihr, wie es im Walde aussähe.</p> - -<p>Dann gab es noch dieses und das, was nicht schön war. -Der Ruß war wirklich arg; sie brauchte die doppelte Zeit -zum Waschen. Und bis sie sich an die Leitungsdrähte gewöhnte, -das hatte auch lange gedauert. Und niemals konnte -sie, wenn sie in den Anlagen Würmer suchte, wissen, ob -nicht so ein Menschenjunges mit der Schleuder oder mit -dem Flitzbogen oder dem Pustrohr ihr zu Leibe wollte. -Und die Regenwürmer in der Stadt waren zäh von dem -Schwefelsäuregehalt des Bodens. Und nahm sie sich eine -Kirsche, dann gab es Unfrieden mit den Besitzern. Manchmal -wünschte sie, sie wäre in ihrer alten Wohnung im -Walde geblieben, aber sie wollte ihrem Manne nicht so -schnell recht geben, und dann waren ja auch die Kleinen da, -und als die groß waren, da mußte sie wieder sitzen und -brüten.</p> - -<p>Endlich war auch die zweite Brut flügge und nach einigen -Wochen selbständig. Watscheline war froh; sie sah zu, daß -sie ihr altes Zeug los wurde, schaffte sich ein pikfeines, -schöngemustertes Reisekleid an und machte mit ihrem Alten -Ausflüge in die Umgegend. Heute war man am Fluß, wo -Tausende von Staren im Krummet Käfer suchten, morgen -besuchte man den Wald und ließ sich vom Spitzhack Specht -erzählen, was dort unterdessen geschehen sei. Der Pirol -war schon fort, die Taube hatte zweimal faul gebrütet, die -jungen Fliegenschnäpper waren von der Eichkatze gefressen, -den Häher hatte der Förster totgeschossen.</p> - -<p>Als die Bäume schon mehr gelbe Blätter bekamen, -meinte Dickkopp, jetzt sei es Zeit, zum Süden zu reisen, erst<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -nach der Pfalz, wo jetzt die schönen Trauben reif wären, -dann nach Italien und Spanien, vielleicht auch nach dem -Balkan, und bei gutem Wind auf eine Mittelmeerinsel. -Watscheline war es zufrieden; den letzten Winter, der sehr -milde gewesen war, waren sie im Lande geblieben, aber sie -hatten es bereut, denn es regnete viel, und wenn einmal -Frost und Schnee einsetzte, dann sah es mit der Beköstigung -recht mäßig aus. Aber sie meinte, sie müsse erst noch einmal -nach der Wohnung sehen, und Dickkopp stimmte zu. -So flogen sie denn zu ihrer Gartenvilla.</p> - -<p>Schon von weitem sahen sie ihr Häuschen im halbkahlen -Baum zwischen den blaubereiften Zwetschen. Als -sie aber näher kamen, saß ein dicker, frecher, alter Spatz -darin und tat so, als ob er immer darin gewesen wäre. -Dickkopp als diplomatisch veranlagter, besonnener Mann -setzte sich oben auf das Dach und sah sich den frechen Kerl -von diesem höheren Standpunkte aus an, überlegend, was -da zu machen sei. Watscheline aber fuhr wie wild auf den -Eindringling los.</p> - -<p>»Sie, was soll das heißen? Was fällt Ihnen denn ein? -Was machen Sie da?«</p> - -<p>»Ich sitze hier, wie Sie sehen,« sagte der Spatz, und -seine Augen funkelten höhnisch.</p> - -<p>»Solche Unverschämtheit,« zeterte Watscheline los, »er -sitzt da in anderer Leute Wohnung. Machen Sie, daß -Sie herauskommen, oder ich bringe Ihnen Manieren bei.«</p> - -<p>»Sie haben ja selber keine übrig,« ödete der Sperling, -»behalten Sie das bißchen man alleine; ich will Sie nicht -berauben.«</p> - -<p>»Mann, Vater,« schrie Watscheline, »hast Du gehört? -Das ist doch zu frech! So ein Prolet! Schmeiß ihn heraus, -Dickkopp!«</p> - -<p>»Dickkopp ist gut,« sprach der Spatz, »Dickkopp ist schön, -Dickkopp kann so bleiben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p> - -<p>»Lümmel!« dachte Dickkopp, aber da er wußte, daß mit -solchem Asphaltproleten schlecht anbinden ist, versuchte er es -erst mit Güte.</p> - -<p>»Entschuldigen Sie, Herr Sperling,« begann er höflich -»das ist unser Haus.«</p> - -<p>»Ihr Haus? So? Ich dachte, es gehörte dem Doktor!« -fragte trocken der Spatz. »Haben Sie es gemietet oder gekauft? -Und gleich bar bezahlt oder was?«</p> - -<p>»Wir haben es vom Frühjahr an mit Erlaubnis des -Besitzers bewohnt und darin zweimal gebrütet und haben so -ein historisches Recht darauf.«</p> - -<p>»Historisches Recht ist gut,« meinte der Spatz. »Das -sagte die Katze auch, als sie die Maus fraß. Jetzt bewohne -ich es mit Erlaubnis des Besitzers und beanspruche ebenfalls -ein historisches Recht, denn meine Frau wollte schon früher -darin brüten, und auf einmal waren Sie da.«</p> - -<p>»Hätten wir das gewußt, so wären wir zurückgetreten,« -meinte Dickkopp höflich. »Sie hätten sich nur zu melden -brauchen. Aber ich denke, wir einigen uns. Wir haben uns -nun so an das Haus gewöhnt. Wir verreisen jetzt bis zum -März, solange können Sie darin wohnen.«</p> - -<p>»Danke schön, sehr liebenswürdig, zu viel der Güte,« -höhnte der Spatz.</p> - -<p>Dickkopp stieg die Wut in die Augen, aber er bezwang -sich noch: »Und im März treten Sie es uns dann wieder -ab, nicht wahr Herr Sperling?«</p> - -<p>»Dieses nicht, sondern nein,« meinte der.</p> - -<p>»Ja, aber zum Donnerkeil,« schrie Dickkopp, dem die -Sache zu dumm wurde, »sind Sie denn verrückt?«</p> - -<p>»Ich nicht, Sie vielleicht?« tönte es zurück.</p> - -<p>»Heraus mit Ihnen, oder ich mache Ihnen Flügel!«</p> - -<p>»Danke, habe selber welche!«</p> - -<p>»Wollen Sie heraus oder nicht?«</p> - -<p>»Ich ziehe das letztere vor!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p> - -<p>Wütend hackte Dickkopp von oben nach dem Frechling, -der aber kannte das, zog den Kopf zurück, und als Watscheline -so unvorsichtig war und in das Schlupfloch kroch, faßte -er sie beim Hals und kniff sie, daß sie schrie.</p> - -<p>Rasend vor Wut stürzte Dickkopp vom Dach, kroch in -das Haus, fiel über den Spatz her und hackte gewaltig auf -ihn los. Als der Sperling merkte, daß er an den Unrechten -gekommen war, schrie er Mord und Brand, und nun kamen -sie von allen Seiten heran, die Spatzen, und fielen mit -Verbal- und Realinjurien über das Starenpaar her.</p> - -<p>»Solch Prachervolk! Haben im Walde nichts zu fressen -und schnurren sich in der Stadt satt! Sollen hingehen, wo -sie hergekommen sind! Bagage! Kirschendiebe! Schneckenfresser! -Und krumme Beine haben sie! Und gelbe Schnäbel -bei ihrem Alter! Kein Wunder, daß sie sich so benehmen! -Wartet nur, wir wollen es Euch beibringen! Euch die bunten -Lappen abreißen! Mit uns wolltet Ihr anfangen! Ihr! -mit uns! Na, wartet bloß!«</p> - -<p>»Komm, Dickkopp,« sagte Watscheline, der es ängstlich -zumute wurde, »laß uns fortfliegen. Was sollen wir uns -mit dem Gesindel herumschlagen!«</p> - -<p>Sie erhoben ihr Gefieder und stoben ab. Und als sie -draußen über der Wiese auf dem Telegraphendraht ihre -Federn ordneten, rückte die Frau an ihren Mann heran und -sagte: »Dickkopp, im März bauen wir wieder im Walde, -nicht wahr?«</p> - -<p>»Na, siehst Du, Alte,« meinte er, »hab' ich es nicht -gleich gesagt. Aber ihr Frauen wollt nur immer nicht -hören!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p> - -<h2 id="Mein_Dachs_und_meine_Dackel">Mein Dachs und meine Dackel.</h2> -</div> - -<p>Im April wurde in meiner Wohnung von unbekannter -Seite eine Kiste abgegeben, die einen kleinen Dachs enthielt. -In seinem Begleitschreiben teilte der unbekannte Absender -mit, der Dachs sei für meine Hunde bestimmt.</p> - -<p>Daraus wurde nun selbstverständlich nichts. Erstens -einmal des Jagdgesetzes wegen, zweitens, weil es eine -Schinderei gewesen wäre, die Hunde an dem wehrlosen -Tierchen zu arbeiten, und drittens war es auch viel zu niedlich -dazu. Meine drei Hunde, nämlich Bob, ein kleiner, -weißer, scharfer Terrierbastard, ferner Patzel, ein schwarzer, -rotgezeichneter, stichelhaariger Teckel, Inhaber erster Preise, -und sein elf Monate alter, roter, glatter Bruder Battermann, -waren allerdings anderer Ansicht. Jaulend, winselnd, -bellend und pfeifend tanzten sie um mich herum und baten: -»Laßt uns doch den Stinker, wir möchten ihn bloß ein ganz -klein bißchen langziehen!«</p> - -<p>Da das Dächschen nicht fressen und saufen wollte, so -wurde ein Gummisauger geholt, eine Bierflasche mit lauwarmer -Milch gefüllt, und nachdem er einige Male durch<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -gellendes Keckern sein Mißbehagen über den ungewohnten -Gummigeruch ausgedrückt hatte, lutschte er kräftig und anhaltend, -während auf der Erde den drei Hunden die Mordlust -nur so aus den Augen leuchtete. Vormittags hatte ich -ihn bekommen, nachmittags lief er schon hinter mir her, -wenn ich die Pulle hatte. In drei Tagen war er ganz an -mich gewöhnt und hörte sofort mit Keckern auf, sowie er -meine Stimme vernahm. Dann setzte er sich auf meinen -rechten Schuh und lutschte ruhig und besonnen an meinem -linken herum, wenn er nicht plötzlich zusammenzuckte und mit -Zähnen und Branten ein furchtbares Gemetzel unter seinen -Inquilinen anrichtete. Er saß nämlich lebendig voll von -langen, dicken Flöhen und noch dickeren Holzböcken, so voll, -daß sein Bauch ganz wund war. Eine gehörige Schmierkur -befreite ihn aber für immer von dieser Plage.</p> - -<p>Als Schlafraum wurde ihm eine mit alten Decken vollgestopfte -Kiste im Keller angewiesen, in der er so lange -blieb, wie es ihm paßte. War das aber nicht der Fall, -dann keckerte er gellend und anhaltend und kratzte wie verrückt -an der Kellertür. Sein Keckern war so durchdringend, -daß eines Nachts das ganze Haus davon wach wurde, so -daß ich aufstehen und ihm eine Flasche machen mußte. -Schwach war er übrigens auch nicht. Da er nachts immer -im Keller herumtobte, wurde er abends warm eingepackt und -mit einem Eisengitter zugedeckt, auf das zwei dicke Steine -gelegt wurden. Er murkste aber gegen Morgen so lange in -seinem Bett herum, bis er Steine und Gitter herunter hatte. -Aber reinlich war er. Seine Bedürfnisanstalt hatte er in -einer bestimmten Kellerecke, vor der ein Stein lag, und es -war höchst lustig anzusehen, wie er sich mit viel Mühe rückwärts -über den Stein schob. Seine Sprache bestand außer -dem gellenden Gekecker, das er ertönen ließ, wenn er Hunger -hatte oder sich langweilte, in einem lauten Schnauben, wenn -man ihm plötzlich zu nahe kam, wobei er seine Haare<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -sträubte, sich aufblähte und sich nach Möglichkeit den Rücken -zu decken suchte, in einem behäbigen Schmatzen, wenn er die -Flasche bekam, und in einem ärgerlichen Schnarchen, wenn -ihm irgend etwas nicht paßte.</p> - -<p>Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich die Hunde an ihn -gewöhnte. Bob, der schon sehr verständige Terrier, ignorierte -ihn, nachdem ich ihm erklärt hatte, daß Dächschen -tabu sei. Patzel sah ihn mit weißfunkelnden Augen an, -war aber zu gut erzogen, um sich an ihm zu vergreifen. -Battermann, der Jüngling, aber raste auf ihn los, sowie er -ihn erblickte, und es gab jedesmal ein großes Theater. Als -er aber einsah, daß der Dachs sich unseres Schutzes erfreute, -da fing er an zu mucken. Er guckte uns nur noch von der -Seite an und machte ein Gesicht, als wenn er sagen wollte: -»Wenn Ihr mit solchem Stinker verkehrt, dann brech' ich -allen studentischen Verkehr mit Euch ab.« Nach vierzehn -Tagen hatten die Hunde sich an Dächschen gewöhnt, und -ich konnte sie schon, allerdings nur, wenn ich aufpaßte, mit -ihm zusammen lassen.</p> - -<p>Der Dachs war auch gehörig gewachsen, denn er -lutschte täglich einen bis anderthalb Liter Milch aus und -wußte sich seiner Haut brav zu wehren. Nach drei Wochen -brauchte ich keine Angst mehr zu haben. Die Hunde taten -dem Dachs nichts und waren froh, wenn er sie in Ruhe -ließ. Er hatte nämlich die niederträchtige Gewohnheit, sie -fortwährend in die Hinterläufe zu beißen, und da sie ihm -nichts tun durften, so kniffen sie peinlich berührt, vor ihm -aus, wenn er sich sehen ließ, oder retteten sich auf Stühle -und Bänke. Am traurigsten ging es dem Terrier, dessen -schwarzweiße Kopffarbe mußte den Dachs wohl an seine -Mama erinnern, denn sowie Bob auf der Bildfläche erschien, -sauste Dächschen hinter ihm her und versuchte zu saugen, -eine Zumutung, die Bob stets mit großer Entrüstung und -Verlegenheit erfüllte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p> - -<p>Mit der Zeit gewöhnten sich die Hunde so an den -kleinen Grimbart, daß sie mit ihm spielten, wobei oft Szenen -entstanden, daß alle Zuschauer Tränen lachen mußten. Am -lustigsten sah es aus, wenn die Dackel ihn die Treppe hinuntertrudelten -und der Terrier Schleuderball mit ihm spielte, -indem er ihm mit der Nase unter den Leib fuhr und ihn -die Treppe hinaufbugsierte. Battermann dagegen tat nichts -lieber, als den Dachs in den Nacken zu packen und viertelstundenlang -herumzuschleppen. Gar zu gern hätte er ihn -gewürgt, aber der Dachs ließ sich nie an die Kehle fassen, -immer schob er den Nacken vor und steckte die Nase weg, -und wenn es ihm der Teckel einmal zu toll machte, dann -schlug er um sich, daß es nur so brummte.</p> - -<p>Den Mai über verlebte ich im Harz, wo Battermann -Gelegenheit hatte, einen Bock zu arbeiten und einen alten -Fuchs zu zausen, aber auch die Staupe durchmachen mußte -und seinen lieben Bruder Patzel durch einen unglücklichen -Zufall verlor. Als ich zurückkam, war der Dachs beinahe -stärker als der Teckel und ein ganz unverschämter Brite geworden, -der sich vor nichts mehr forcht. Nun war es höchst -lustig anzusehen, wie Battermann sich zu ihm stellte. Er -hatte den Dachs zuerst nicht mehr in der Erinnerung und -fuhr ihm sofort an die Schwarte. Als der sich aber gehörig -wehrte und wir dem Hunde bedeuteten, daß er ihm -nichts tun dürfe, ignorierte er ihn vollständig und ging mir -sogar aus dem Wege, wenn er witterte, daß ich mich mit -dem Dachs beschäftigt hatte. Er war eifersüchtig und beleidigt.</p> - -<p>Eines Nachmittags nun lag ich auf dem Faulbett und -las. Da der Dachs mich fortwährend störte, stieß ich ihn -zurück und sah dabei, wie Battermanns Augen leuchteten. -Ich lud ihn ein, bei mir Platz zu nehmen, eine Gunst, die -ich ihm noch nie gewährt hatte. Von diesem Augenblicke -an änderte der Teckel sein Benehmen gegen den Dachs; er<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -hatte eingesehen, daß er doch der Beste war, und spielte -von nun an immer mit Dächschen. Ihr Hauptspiel war -Schliefen. Dächschen schliefte unter das Faulbett, und -Battermann versuchte hinterher zu schliefen. Dächschen -schlug tapfer um sich, Battermann lag fest vor und verbellte -standhaft, bis ihm die Sache zu langweilig wurde und er -ihn beim Nacken herauszog, worauf dann die wilde Jagd -unter allen Stuhl- und Tischbeinen her weiter ging.</p> - -<p>Bis dahin hatte Dächschen noch keine Miene gemacht, -zu fressen oder allein zu saufen, sondern interessierte sich nur -für die Flasche. Eines schönen Tages biß er sich an der -Hand eines Bekannten, der ihn neckte, den letzten Milchzahn -aus. Eine halbe Stunde später stürzte er sich wie rasend -auf die Hundeschüssel und fraß den baß erstaunten Hunden -ihren schön geschmälzten, mit Fleischstückchen interessant gemachten -Reis vor der Nase fort. Von der Zeit an interessierte -er sich auch lebhaft für den Garten, murkste in allen -Ecken herum, stach unter heftigem Schnauben und Prusten -unter den Efeueinfassungen und im Komposthaufen und verzehrte -schmatzend die fetten Regenwürmer und Salatschnecken, -die er zu Tage förderte, obgleich er tags vorher noch gehacktes -Fleisch, das ich ihm in den Rachen gestopft hatte, -mit einer Gebärde tiefsten Ekels im hohen Bogen ausgespieen -hatte. Jetzt aber schlang er alles hinab, was ihm -vorkam; am liebsten nahm er Weißbrot mit Milch, aber -auch kalte Kartoffeln, Fleisch, Brot, Gemüse, rohe Mohrrüben -und Obst verschmähte er nicht, und die Herren Hunde -mußten sich mittags beeilen, wenn sie überhaupt etwas kriegen -wollten.</p> - -<p>Je älter und stärker Dächschen wurde, um so unverschämter -wurde er. War er bei mir im Zimmer, so erlaubte -er es nicht, daß ich ruhig am Schreibtisch saß. Immer -wollte er, daß man sich mit ihm beschäftigte, und tat ich -ihm nicht den Willen, so biß er mich empfindlich in die<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -Knöchel. War er gar im Keller eingesperrt, so keckerte er -über das ganze Haus und rappelte derartig an der Kellertür, -daß es nicht zum Aushalten war. Vor den Hunden -hatte er schon längst keine Angst mehr. Er jagte sie im -Haus und Garten herum und brachte Battermann durch -sein ewiges Zwicken so in Wut, daß er sich mit einem Wutgeheul -auf ihn stürzte, und ihn nach allen Regeln der Kunst -beutelte.</p> - -<p>Schließlich wurde der Dachs so unverschämt, daß nach -längerem Familienrat beschlossen wurde, ihn dem Zoologischen -Garten zu verehren. Er war kaum einige Tage da, -so erschien ein Freund unseres Hauses und teilte uns mit, -der Dachs sei mit acht Eskimohunden zusammengesperrt, die -ihn schmählich mißhandelten. Tiefbetrübt eilte ich zum Zoologischen -Garten und stürzte nach den Eskimohunden. Da -war kein Dachs, und als ich den Wärter fragte, lachte der -und sagte: »Der? den sollen die Hunde mißhandelt haben? -Umgekehrt war's! Ich habe ihn herausnehmen müssen, -er ließ die Hunde nicht ans Futter. Jetzt sitzt er bei den -Affen!«</p> - -<p>Ach du lieber Himmel! dachte ich, denn wie gemein -das Affengesindel ist, das wußte ich. Als ich aber an den -Rhesuskäfig kam, da spazierte Dächschen ruhig und besonnen -darin herum, fraß alles, was das liebe Publikum durch das -Gitter stopfte, und die Affen waren auf die höchsten Akazien -geklettert, trauten sich nicht herunter und hatten das -Zusehen gratis und franko. Wagte sich aber einmal einer -von ihnen ins Parterre, dann sauste Dächschen sofort hinter -ihm her und stach ihm ganz gehörig einen. Da er durch -seine Erziehung an das Tageslicht und an die Menschen -gewöhnt ist, trieb er sich den ganzen Tag im Käfig herum -und amüsierte das Publikum durch sein fideles Wesen. Er -hatte sogar Radschlagen gelernt, von wem, weiß ich nicht. -Die Affen gewöhnten sich schon etwas an ihn, befolgen aber<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -immer noch den alten Wahlspruch: »Vis-a-vis is beeter as -dichte bi«. Im Herbst war Dächschen halb erwachsen, hatte -sein Winterhaar angelegt und sah sehr stattlich aus. Aber -Dummheiten hatte er immer im Kopf; jeden Morgen, wenn -die Affen aus dem Schlafkäfig in den Freikäfig gelassen -wurden und sich auf das Wasserbecken stürzten, um zu -trinken, gab Dächschen jedem von ihnen, den er erwischte, -einen Puff, daß er in das Bassin flog, und wenn die nassen -Affen herauskrabbelten, dann lachte er.</p> - -<p>Diese Beschäftigung genügte aber auf die Dauer seinem -ungestümen Tatendrange nicht, und er begann, den Asphaltestrich -aufzureißen, was er so gründlich besorgte, daß er in -den Nebenkäfig gesperrt wurde. Dort machte er es nicht -besser, und so wurde ihm die hochherrschaftliche Wohnung -im Affenhause gekündigt und er mußte im alten Dachshause -Unterkunft suchen, was ihm zuerst durchaus nicht behagte, -weil er eine größere Wohnung gewöhnt war.</p> - -<p>Da die Backsteine und das Gitter seinem Zerstörungstriebe -widerstanden, suchte er sich andere Zerstreuung und die -besteht darin, daß er jedesmal, wenn einer seiner Nachbarn, -der Stachelschweine, sich zu sehr seinem Käfig nähert, ihm -einen oder mehrere Stacheln mit großer Behendigkeit ausrupft, -die er dann, hat er gerade nichts Besseres, ruhig und -besonnen zerkaut.</p> - -<p>Heute noch, wo doch schon Jahre darüber hin sind, daß -ich ihm die Flasche gab, kennt er mich und wenn mein -Trillerpfiff erklingt, stürzt er aus seiner Höhle und wartet -der guten Dinge, die da kommen sollen.</p> - -<p>Meine lieben Hunde aber sind alle tot.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Zeit_der_schweren_Not">Die Zeit der schweren Not.</h2> -</div> - -<p>Der Wind pfiff halb von Nord, halb von Ost. Allem -was am Berge lebte, mißfiel er, alle, Maus und Eichhorn, -Has und Reh, Fuchs und Dachs, blies er in ihre Verstecke -und Bussard und Krähe, Meise und Häher pustete er über -den Kamm des Berges an den Westhang. Es fror, daß -es knackte. Die Weizensaat unter dem Walde winterte aus, -die Rinde der Eiche sprang, still stand der Graben und der -Bach verschwand.</p> - -<p>Sieben Tage schnob der bitterböse Wind im Lande -umher, dann verlor er den Atem. Über den Berg stieg -eine Wolkenwand, schwarzblau und schwer, schob sich über -den hellen, hohen Himmel und legte sich tief auf das Land, -bis sie sich an den scharfen Klippen des Berges den Bauch -aufschlitzte. Da quoll es heraus, weiß und weich, einen Tag -und eine Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht, -und so noch einmal, bis alles zugedeckt war im Lande und -auf dem Berge und so sauber aussah und so reinlich, daß -die Sonne vor Freuden lachte. Ihr Lachen brachte Leben -an den Osthang des Berges. Mit einem Male waren die<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -Rehe wieder da und die Hasen, Fuchs und Dachs fuhren -aus ihren Gebäuden, das Eichhorn verließ den Kobel und -die Maus das Loch, Bussard, Krähe und Häher tauchten -auf und überall wimmelte es von buntem, lustigem Kleinvogelvolke.</p> - -<p>Das Lachen der Sonne war falscher Art, es kündete -Blut und Tod. Der tauende Schnee ballte sich und brach -Äste und Bäume, er knickte die Fichten und krümmte die -Jungbuchen, und auf dem Boden überzog der Schnee sich -mit einer Kruste, hart wie Eis und scharf wie Glas. Der -Ostwind hatte ausgeschlafen und blies auf das Neue gegen -den Berg. Da kam die Zeit der schweren Not.</p> - -<p>Die Maus hatte ihren Gang unter dem Schnee, das -Eichhorn behalf sich mit Blattknospen und Rinde, der Hase -rückte in die Kohlgärten, der Dachs verschlief die hungrigen -Nächte, der Fuchs suchte die Dungstätten ab. Übel daran -aber war das Reh. Die Saat war begraben in steinhartem -Schnee. Die Obermast im Holze war verschwunden. Verschneit -waren die Himbeeren, verweht die Brombeeren, unsichtbar -die Heide. Buchenknospen und dürre Halme, -trockene Blätter und harte Stengel, das war alles, was der -Berg an Äsung bot.</p> - -<p>Der Hunger ging durch den Wald. Wo seine Augen -ein Reh trafen, da fiel es ab. Der Hals wurde lang, die -Dünnungen tief, rauh die Decke und immer größer die -Lichter.</p> - -<p>Langsam und vorsichtig zogen die Rehe am Hange entlang, -aber alle Behutsamkeit half ihnen nichts; eins nach -dem anderen trat durch die Eiskruste des Schnees und zerschabte -sich die Läufe. In jedem Wechsel zeichneten sich -blaßrote Flecke ab.</p> - -<p>Und wieder baute sich eine schwarzblaue Wand hinter -dem Berge auf, schob sich über den hellen Himmel, legte -sich über das Land, riß sich an den Klippen den Pansen<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -auf und schüttete Schnee auf das Gefilde, einen ganzen -Tag und eine volle Nacht.</p> - -<p>Und wieder lächelte die Sonne ihr hinterlistiges Lächeln -und machte Eis aus dem Schnee. Noch langsamer, noch -vorsichtiger zogen die Rehe dahin, mit Hälsen, so dünn wie -Heister, schwarze Löcher in den Dünnungen. Und wo sie -zogen, da wurde der Schnee rot.</p> - -<p>Der Tod ging durch den Wald. Da war kein Reh -am ganzen Berge, das nicht an den Läufen klagte. Das -eine blieb stehen, wo es stand, und zitterte, bis es fiel. Ein -anderes tat sich nieder und stand nicht wieder auf. Ein -drittes stürzte halb verdurstet in die Quellschlucht und erstarrte -im eisigen Wasser.</p> - -<p>Noch niemals ging es dem Fuchs so gut, wie da. -Sein Tisch war gedeckt, war reicher beschickt, als zur Maienzeit, -wenn alle Mäuse hecken und das Feld von Junghasen -wimmelt. Auch der Marder konnte zufrieden sein -und Bussard und Krähe nicht minder; sogar für die bunten -Meisen blieb noch Fraß genug übrig, und die Waldmäuse -nagten die letzten Sehnenfetzen von den Knochen.</p> - -<p>Kein Ende der Not kam; jeden Tag ging der Tod -seinen Belauf im Berge ab. Selbst die Hasen schonte er -nicht; mancher von ihnen, der sich am gefrorenen Kohl verdarb, -füllte den Pansen des Fuchses, der von Tag zu Tag -mehr in die Breite ging.</p> - -<p>Eines Morgens aber fuhr er mit ledigem Leibe zu -Baue. Vor der Dickung lag ein gefallenes Reh, an dem -er sich schon eine Nacht gütlich getan hatte. Doch als er -die zweite Nacht heranschnürte, da schlug ihm eine seltsame -Witterung entgegen, ein Geruch, den er nur einmal gewittert -hatte. Rund um den Fleck, wo das gefallene Stück -lag, schnürte er, und eine geschlagene Stunde dauerte es, -ehe er sich ein Herz faßte und heranschlich. Und da stand -er und windete und äugte lange Zeit, und schließlich schnürte<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -er mit hängender Lunte und angelegten Gehören mißmutig -ab, denn sein Reh war fort, war bis auf die Schalen und -einige Deckfetzen verschwunden, und weiter war nichts da, -als die niederträchtige und dabei doch verlockende Witterung.</p> - -<p>Aber der Tod ging immer noch durch den Wald und -er schlug Stück um Stück mit harter Hand. Der Fuchs -verlor den Mut nicht. Behende trabte er von Wechsel zu -Wechsel, bis er einen fand, in dem eine kranke Fährte stand, -und der hing er nach. So ganz leicht war es nicht, sie zu -halten. Es schneite und schneite und der Wind pfiff böse; -er schob den Schnee von den Blößen vor die Dickungen, -fegte ihn hier zusammen, kehrte ihn dort fort, verdeckte auf -weite Strecken die Rotfährte und verwischte sie endlich -völlig. Das ganze helle Holz suchte der Fuchs ab; er nahm -die Fährte wieder auf, wo er sie zuerst gefunden hatte, und -er hing ihr nach bis zu der Stelle, wo sie in der großen -Schneewächte unterging. Da saß er eine ganze Weile auf -den Keulen und dann schnürte er weiter, hungrig, müde und -verdrießlich. Er suchte alle Rehdickungen ab; sie waren -leer. Er schlich durch den Stangenort; da war es tot. Er -trabte den Bach entlang bis zum Vorholze; es war dort -unten so, wie oben.</p> - -<p>Da schnürte er zu Felde, um an der Dieme auf Mäuse -zu passen. Als er dort angelangt war, vergaß er alle -Mäuse, denn er fand die kranke Fährte wieder. Eilig, aber -behutsam, nahm er sie auf und hielt sie bis zu dem Fichtenmantel -unter dem Altholze. Immer länger wurde er, denn -immer wärmer wurde die Fährte, und schon war er in den -Fichten, da fuhr er wie besessen heraus und stob in das -Feld zurück. Denn in den Fichten war es nicht geheuer. -Es hatte da gebrochen, so laut und so grob, als wenn ein -Mensch da gegangen wäre, und es hatte dort geschnauft -und geschnarcht, wie kein Tier des Waldes zu schnaufen -und zu schnarchen vermag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p> - -<p>In guter Sicherheit stand der Fuchs im Schatten der -krausen Feldeiche und überlegte. Dann holte er sich Wind. -In weitem Bogen trabte er am Vorberge entlang, verschwand -bei der Quellschlucht im Altholze, schnürte hoch -über dem Fichtenmantel durch die Räumdungen und schlich -vorsichtig näher. Gerade, als der Mond die Wolken fortschob, -kam der Fuchs bei den Fichten an. Da war es still -und einsam. Der Fuchs schlich näher, den vollen Wind -nehmend. Rehwitterung zog ihm entgegen. Langsam schlich -er näher, verhoffte, schlich wieder näher, der guten Witterung -entgegen; da fuhr er zurück. Denn da war eine zweite -Witterung, die fremde Witterung von vorhin, dieselbe, die -er bei dem gefallenen Stücke wahrgenommen hatte, das ihm -verloren gegangen war, eine unbekannte, verdächtige, absonderliche, -geheimnisvolle, niederträchtige Witterung, zwar -keine von Mensch oder Hund, aber immerhin nicht ungefährlich -und auf keinen Fall vertrauenswert. Und jetzt der -Ton! Ein Blasen, Schnaufen, Schnarchen, wie es nachts -oft aus den Ställen bei den Gehöften kommt. Der Fuchs -drehte um und stahl sich davon. Er traute dem Frieden -nicht.</p> - -<p>Eine gelbgesäumte Wolke brachte den Mond wieder zu -Bett. Das Schneetreiben setzte abermals ein. Da blies es -lauter in den Fichten, da krachte es im Schnee, brach es -in dem Fallholz, und schwarz und grob schob es sich aus -der Dickung, verhoffte, nahm laut schnaubend Wind, trat -dichter an das gefallene Stück, daß der harte Schnee -krachend zerbrach, prüfte noch einmal blasend den Wind -und nahm dann den Fraß an.</p> - -<p>Der Waldkauz, der allabendlich an dem Tannenmantel -entlang strich, um eine Maus zu schlagen oder einen Vogel -aus dem Verstecke zu klatschen, rüttelte einen Augenblick -neugierig über der kleinen Lichtung, von der ein lautes, -gieriges Schmatzen und Schlabbern erscholl, untermischt mit<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -dem Knirschen der Schneekruste und dem Krachen von -Knochen. Dann strich die Eule ab; wo es so laut war, -gab es für sie nichts zu fangen.</p> - -<p>Als der Fuchs am Spätnachmittage des anderen Tages -den Tannenmantel absuchte, fand er dort, wo das Schmalreh -gelegen hatte, nur noch die Schalen, einige zertrümmerte -Knochen und etliche Fetzen der Decke in dem zerwühlten, -niedergetretenen, besudelten Schnee. Alles andere hatte der -von weither zugewechselte, versprengte Schwarzkittel verschlungen.</p> - -<p>Der Tod ging immer noch durch den Wald, aber dem -Fuchs bescherte er nicht. Jedes Stück, das Hunger und -Hartschnee umwarfen, verschwand im Gebräche der Sau, so -daß auch Reineke empfand, daß sie gekommen war, die Zeit -der schweren Not.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p> - -<h2 id="Des_Raetsels_Loesung">Des Rätsels Lösung.</h2> -</div> - -<p>Waldmann ist unter die Philosophen gegangen. Etwas -Rätselhaftes ist in sein Leben getreten, etwas Mystisches, -Unbegreifliches, Transzendentales.</p> - -<p>Was mag das wohl sein, wovon morgens immer der -Hof des Forsthauses eine so sonderbare Witterung hat? -Die Katze ist es nicht, eine Ratte auch nicht? Also: »Was -ist es?«</p> - -<p>Es gibt mehr Dinge zwischen dem Hundehause und -der Belaufsgrenze, als eine Hundenase verstehen kann. Das -ist das Ergebnis der philosophischen Betrachtungen Waldmanns, -ein Ergebnis, das ihm seine ganze Gemütsruhe genommen -hat. Es ist ein Tier, aber ein unbekanntes Tier, -das eine ganz andere Witterung hat, als Fuchs und Dachs -und Has' und Reh und Hirsch und Sau, und auch eine -andere, als Igel und Wühlratte und Wiesel und Eichkater.</p> - -<p>Es kommt nachts aus dem Schweinestalle und geht in -den Torfschuppen. Manchmal bleibt es drei Tage aus, -aber am vierten ist es wieder dagewesen. Einmal war es -eine volle Woche fort und Waldmann dachte kaum mehr -daran. Dann auf einmal roch wieder der Wechsel zwischen<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -Schweinestall und Torfhaus so stark danach, daß Waldmann -wie toll hin- und herlief und winselte und kratzte und kläffte, -bis der Hegemeister fragte, ob er nicht ganz klug sei.</p> - -<p>Wenn Waldmännchen mit seinem Herrn im Revier -war, vergaß er die unerklärliche Witterung, draußen gab es -immer so schrecklich viel zu schnüffeln und ab und zu auch -etwas zu zausen; heute einen Fuchs, der die Kugel zu kurz -bekommen hatte, und dann ein geltes Tier, das Waldmann -arbeiten mußte, weil Hirschmann, der sich den Vorderlauf -vertreten hatte, zu Hause geblieben war. Das war ein -großes Vergnügen, am Riemen auf der Rotfährte nachzuhängen, -und ein noch größeres, das Stück zu Stande zu -hetzen, und das größte, es an der Drossel zu schütteln, als -es im Fangschusse zusammenbrach. Bei solcher hohen Arbeit -vergaß Waldmann das unheimliche Wesen, das Nacht für -Nacht auf dem Hofe umging.</p> - -<p>Sobald er aber in die Nähe des Hauses kam, schoß -ihm der Gedanke daran in den Sinn. Und wenn er noch -so hungrig war und die Frau Hegemeisterin ihn auch noch -so gut fütterte, so fuhr er doch zuerst auf den Schweinestall -los, steckte seine Nase zwischen die Planken, kratzte und -winselte, schnüffelte sich dann bis zum Torfschuppen hin, benahm -sich da ebenso, wie beim Schweinestalle und schlich -schließlich mit nachdenklich gerunzelter Stirn und hängender -Rute in das Haus, und der Hegemeister lachte und meinte: -»Unser Waldmann hat den Rattenkoller. Wir wollen -Fallen aufstellen!« Und am anderen Morgen schlug sich -Waldmann in der Waschküche zwei dicke Ratten um die -Behänge, und dann schoß er wieder auf den Schweinestall -los und fing an zu schnüffeln.</p> - -<p>Eines Abends, als er auf der Sauschwarte vor dem -Sessel saß, fuhr er wie wahnsinnig zur Türe, riß beinahe -das Mädchen um, das mit dem Nachtmahl hereinkam, rannte -in den Hof und kläffte und winselte an dem Torfschuppen<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -herum, bis der Knecht mit der Laterne kam und ihn in den -Schuppen hineinließ. Da schoß Waldmann nun hin und -her, sprang an den Wänden hoch, kletterte über die Törfe, -schnaufte in alle Ecken hinein, bis er von dem Torfmull -einen Husten bekam, und zog schließlich, von dem Hegemeister -weidlich ausgelacht, vergrämt wieder ab. Mürrisch lag er -während des Abendessens auf seiner Sauschwarte, und selbst -der Todesschrei der Wurst, wie der Hegemeister es nannte, -wenn er der Mettwurst die Haut abriß, lockte ihn nicht an -den Tisch.</p> - -<p>»Lacht mich nur aus,« dachte er, »wer zuletzt lacht, lacht -am besten! Ich habe es deutlich vernommen, daß da etwas -auf dem Hofe war, und es war nicht Müschen, die Katze, -und eine Ratte war es auch nicht, und es war etwas, das -ich nicht kenne, das ich noch nicht gewürgt habe. Wer -weiß, ob es nicht ein ganz gefährliches Tier ist, ein Tier, -das die Schweine fressen will oder den Torf. Ich muß -aufpassen, daß es kein Unglück gibt. Herrchen ist ja der -klügste Mensch, den ich kenne, aber gegen uns ist er doch -ziemlich dumm, und seine Nase ist auch nicht besser, als die -anderer Menschen, sonst würde er es nicht aushalten, das -Zeug zu rauchen, das ich für den Tod nicht ausstehen kann, -und Apfelsinen zu essen und Bier zu trinken, Dinge, die -jeder feinen Nase entsetzlich sind!«</p> - -<p>Als der Hegemeister in das Bett wollte, sah er, daß -Waldmann noch einmal nach dem Wetter sehen wollte, und -er ließ ihn hinaus. Wieder ging das Hin- und Hergerenne -und das Gewinsel los; und als sich der Hegemeister zu dem -Hunde hinunterbückte, um zu sehen, was er an dem Torfschuppen -zu kratzen habe, da sprang Waldmann an ihm -empor, pfiff in den höchsten Tönen und stellte sich an, als -hinge das Wohl und Wehe des ganzen Hauses davon ab, -daß die Sache ihre Aufklärung erführe. Und der Hegemeister -ließ ihn in den Schuppen und half ihm oben auf die<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -Törfe; da lief Waldmann hin und her und machte einen -Lärm, wie eine ganze Meute, bis schließlich ein halbes -Hundert Törfe ins Rutschen kamen und mit dem Hunde -dem Hegemeister um die Beine polterten. Und da hieß es -denn wieder: »Nun komm, Waldmann, und rege dich nicht -um die albernen Ratten auf!« Als aber mitten in der -Nacht Waldmann mit fürchterlichem Gekläffe aus seinem -Korbe schoß, vom Boden auf den Korbsessel und von da -gegen das Fenster sprang, da wurde es seinem Herrn denn -doch etwas zu bunt, Waldmann bekam einen Pantoffel an -den Hals und wurde in einer Weise angeschnarcht, die ihm -durchaus nicht paßte.</p> - -<p>Deshalb muckte er denn auch den ganzen folgenden Tag; -er ließ seine Milch stehen, ging seinem Herrn aus dem -Wege und verkniff sich das Pfeifen und Wedeln, als er -mit in den Wald durfte. Um ihn wieder zu versöhnen, -schoß ihm sein Herr eine Eichkatze; aber anstatt sie mit -großem Getöse abzuschütteln und mit Stumpf und Stiel zu -verspeisen, wie er es sonst tat, beroch er sie kaum und ließ -sie liegen, und der Hegemeister schüttelte den Kopf, lachte -und sagte nachher zu Hause: »Der Hund trägt es mir jetzt -noch nach, daß ich ihm heute nacht den Pantoffel an den -Kopf warf.« Aber das hatte Waldmann nicht so übel genommen, -als das Anschnauzen und vor allem hatte ihn der -Ausdruck: »Kartoffelkopp« tief gekränkt. So wedelte er -beim Abendbrot noch nicht einmal, als ihm eine Fetthaut -von der Leberwurst hingeworfen wurde, und es dauerte fast -fünf Minuten, ehe er geruhte, sie zu verspeisen.</p> - -<p>Er war auch mehr traurig, als wütend. Ist es denn -möglich, daß die Menschen essen und trinken und lachen -können, während es draußen umgeht? Wer weiß, ob nicht -schon heute nacht das schreckliche Wesen sich in das Haus -schleicht und irgend ein Unheil anrichtet! Und deshalb -schlüpfte Waldmann, als das Mädchen abdeckte, zur Türe<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -hinaus und war und blieb verschwunden, ob auch der Hegemeister -pfiff und pfiff. Die ganze Nacht blieb er draußen, -bald auf der Schwelle lauernd, bald am Schweinestalle oder -am Torfschuppen schnüffelnd, aber er fand nichts, und als -die Magd in aller Frühe in den Stall ging, schlich Waldmann -sich beschämt in das Haus, kroch unter den Herd und -ließ sich erst wieder blicken, als es etwas zu fressen gab. -Der Hegemeister war dann noch so taktlos, ihn zu fragen, -ob er im Dorfe ein Stelldichein gehabt habe, eine Äußerung, -die nicht geeignet war, Waldmann in bessere Stimmung zu -versetzen.</p> - -<p>Eines Tages aber wurde er glänzend gerechtfertigt. -Der Knecht kam herein und sagte: »Wir haben nämlich die -erste Neue, Herr Hegemeister, und ich glaube, der Waldmann -der war nämlich klüger als wir alle zusammen. Vom -Schweinestall bis zum Torfschuppen spürt sich nämlich ein -Iltis hin und her. Und nun weiß ich nämlich auch, warum -das morgens auf dem Hofe immer so mulsterig roch und ich -glaube nämlich, wir tun dem Hunde den Gefallen und -machen ordentlich Blechmusik, indem das nämlich der Iltis -für den Tod nicht vertragen kann. Bei dem vorigten Hegemeister -wurde das nämlich auch immer so gemacht. Der -stellte sich nämlich mit der Flinte an und wir ließen die -Hunde in die Ställe und machten mit Kasserollen und -Sensen Lärm und dann sprang er nämlich, der Iltis, und -entweder wurde er geschossen oder die Hunde kriegten ihn zu -fassen.«</p> - -<p>Der Hegemeister lachte und sagte: »Dann wollen wir -das nämlich so machen.« Und so ging die Geschichte los. -Der Knecht und die Line und sogar die Frau Hegemeisterin -nahmen Topfdeckel und zogen in den Schweinestall, der -Hegemeister machte scharf und stellte sich auf dem Hofe an -und Waldmann wurde in den Stall geschickt. Aber als der -Lärm los ging, machte er, daß er fortkam und schlüpfte in<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -den Torfschuppen und winselte da so lange herum, bis der -Knecht ihn hineinließ. Da stellte sich Waldmann ganz wild -an, so wild, wie er wurde, wenn er eine kranke Sau verbellte, -und er scharrte und kratzte an dem Torfe herum, daß -der Hegemeister sagte: »Johann, schmeiß einmal die Törfe -auseinander.«</p> - -<p>Das tat Johann auch und Line mußte derweilen weiter -mit den Topfdeckeln klappern. Auf einmal schrie sie auf, -ließ die Deckel fallen, hielt sich die Röcke zusammen, rannte -dem Hegemeister vor den Leib, daß dem die Pfeife aus dem -Munde fiel, und ehe er und der Knecht eigentlich wußten, -was los sei, fuhr etwas Schwarzes zur Türe hinaus und -hinterher sauste Waldmann. Und da hörten sie auch, wie -die Frau Hegemeisterin schrie: »Bravo, Waldmann, bravo! -Er hat ihn, er hat ihn! Hu, faß den Stinker, so recht, so -schön, Waldmann!« Als der Hegemeister und der Knecht -und Line auf den Hof kamen, war der Fall schon erledigt. -Waldmann stieß den Iltis, der nur noch ein ganz wenig -zuckte, hin und her, schlug ihn sich noch einmal um die Behänge, -trug ihn dann ins Haus und legte ihn auf seine -Sauschwarte, wo er ihn von neuem beroch, bis der Hegemeister -den Iltis aufnahm und dann den Hund abliebelte.</p> - -<p>»Bravo, Waldmann!« Na, das ging Waldmann ja -ganz glatt hinunter, aber er dachte doch bei sich: »Ihr hättet -mir viel Ärger und Kummer ersparen können, wenn ihr eher -auf den Gedanken gekommen wäret, daß ich immer recht -habe, wenn ich mich aufrege. Aber euch fehlt eben die -Nase und so kann man euch schließlich nichts übel nehmen.«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p> - -<h2 id="Das_Eichhoernchen">Das Eichhörnchen.</h2> -</div> - -<p>Es ist noch ganz grau im hohen Holze. Und ganz still -ist es. Der Nordost, der drei Tage und drei Nächte tobte, -hat sich gelegt. Dem scharfen Nordwest hat weiche Südwestluft -Platz gemacht. Das gefällt den Rehen, die langsamer -als in den drei letzten Tagen den Dickungen am -Hange zuwechseln, ab und zu im Schnee nach Obermast -plätzend, und dem Kauz sagt die laue Luft gleichfalls zu; -so laut, als wäre es im April, jauchzt er auf und dann -streicht er lautlosen Fluges zwischen den dunkelen Stämmen -der Buchen einher.</p> - -<p>In der dicken, schwarzen Kugel, die in der höchsten -Zwille der langschäftigen Buche schwebt, knistert es leise. -Ein halblautes Schnalzen ertönt von da. Der Fuchs, der -leise den Holzweg hinaufschnürt, verhofft und lauscht empor, -aber mißmutig trabt er weiter. Das ist nichts für ihn. Es -hat zwar Haare und keine Federn, es hält sich zuzeiten auch -auf dem Boden auf, aber wenn man denkt, man hat es, -macht es einen Riesensprung und rasselt den nächsten Baum<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -in die Höhe, wippt mit dem Schwanz und schimpft: »Kwutt -kwutt kwuttkwutt,« so wie das da oben.</p> - -<p>Bei der schwarzen Kugel hoch oben in der Buchenzwille -raschelt es stärker. Die Eichkatze hat ihr Nest verlassen -und putzt sich. Ab und zu hebt sie den Kopf und -schnuppert in den Wind hinein. Das Wetter gefällt ihr. -Ein bißchen zu dunkel ist es zwar noch, aber da unten über -den schwarzen Hügeln wird der Himmel schon rot. Und der -Hunger ist groß. Drei Tage und drei Nächte vom eigenen -Fette zu leben, das hält nicht vor. Wer weiß, wie lange -das gute Wetter anhält? Dem Februar ist nicht zu trauen. -Morgen regnet es vielleicht schon wieder Schlackschnee und -dann heißt es abermals: schlafen und hungern.</p> - -<p>Die Eichkatze rückt auf dem Aste hin und her, schnuppert -an der Rinde, knappert ein paar dünne Knospen ab, und ist -mit einem jähen Satze in der nächsten Krone. Dünn sind -die Zweige und brüchig vom Frost, aber ehe sie dazu kommen, -abzubrechen, sind sie die Last schon wieder los, federn rasselnd -empor und die Eichkatze rennt schon über einen Zweig in -dem folgenden Baume, wirft sich in den vierten, schlüpft -einen dünnen Ast entlang, daß er sich tief biegt und sie in den -fünften Baum befördert, und dann noch ein Sprung und -noch einer und sie fällt in den Wipfel der alten Samenfichte.</p> - -<p>Hastig geht es einen langen Ast hinunter, fast bis in -die Spitze. Schwer beladen war er im Herbste mit langen -Zapfen, wenige hängen nur noch daran. Einen nach dem -anderen holte sich das Eichkätzchen und half sich mit der -mageren Kost über manchen strengen Wintertag. Der ganze -Boden unter der Fichte ist besät mit den rostroten Schuppen, -überall ragen die Zapfenquirle aus der Schneedecke hervor -und auf den halbverschneiten Felsbrocken liegen in ganzen -Haufen die Überreste der kärglichen Mahlzeiten. Und -zwischen dem Geröll liegen auch allerlei Knochen, die die<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -Eichkatze auf den Frühstücksplätzen der Holzhauer fand und -hierhin schleppte, um die Fleischrestchen abzunagen und die -knorpligen Enden, und wenn gar nichts Eßbares mehr daran -saß, so nagte es doch jeden Tag aus Langeweile daran -herum.</p> - -<p>Der Rehbock, der in Wipfelhöhe der Fichte am Hange -hinzieht, macht eine jähe Flucht und zieht laut schreckend -ab, denn vor ihm rauscht und rasselt es ganz gefährlich. -Die Eichkatze hat einen Zapfen losgebissen, hält ihn im -Maule und klettert mit ihm kopfüber den Stamm hinab, -ganz eilig, aber ab und an innehaltend und nach allen Seiten -spähend. Dann ein Sprung und sie sitzt auf ihrem Felsblocke, -hoch aufgerichtet, zur Flucht bereit, falls etwas Verdächtiges -nahen sollte. Aber es kommt nichts Arges. Da -hinten ziehen die Rehe durch den rotlaubigen Buchenaufschlag, -ein Hase hoppelt langsam bergan, ein Zaunkönig -schrillt im Geklüft. Schnell dreht die Eichkatze den Zapfen -mit den Vorderfüßen um, die gelben Nagezähne fassen die -Schuppen, beißen sie durch, und hastig nehmen die Lippen -ein Samenkorn nach dem anderen fort. Eben war das Ding -noch ein glatter, schöner Tannenzapfen, jetzt liegt nur noch -der Kern hier und rund herum bedecken die Schuppen den -grauen Stein.</p> - -<p>Es ist ganz hell im Holze geworden. Die grauen -Stämme schimmern silbern, die Schneedecke des Bodens -leuchtet goldig. Zwitschernd und pfeifend lärmt ein Flug -Zeisige über den Wald hin, der Häher kreischt, ein Bussard -klagt. Die Eichkatze hüpft rastlos unter den Fichten umher, -kratzt hier, scharrt da, schnüffelt dort, macht alle Augenblicke -ein Männchen, heftig mit den langpinseligen Ohren zuckend -und die Rute schnellend, dann ganz regungslos verharrend, -und schließlich wieder hastig über den Boden schlüpfend, jetzt -einen Zweig der Knospen beraubend, dann eine Buchennuß<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -zerknappernd, und nun einen weißfaulen Ast zerfasernd, in -dem die Puppen von Käfern stecken.</p> - -<p>Dann auf einmal rennt sie wie gehetzt zu Tale, ohne -auch nur einmal Halt zu machen, ohne rechts und links zu -äugen, und erst am Rande des Holzes hält sie ein. Da -recken einige dicke Eichen ihr graues Astwerk über dichtem -Buschwerk von Schlehe, Weißdorn und Wildrose. Ohne -sich zu besinnen, fährt das rote Tier in das hohe gelbe -Gras, springt hierhin, hüpft dahin, kratzt den Schnee fort, -scharrt das Laub auf, zernagt gierig eine Eichel, verspeist -eilig eine Mehlbeere, schält den Schlehenstein aus seiner -Hülle und knackt ihn auf, schärft die Zähne an einer Abwurfstange -vom Rehbock, wie so manches Mal schon, tut -sich an drei Pflaumenkernen gütlich, die im Herbste der -Jäger von dem Hochsitze warf, findet noch eine dicke Brotrinde, -einen Apfelkropf mit vielen leckeren Kernen und zuletzt -noch zwei Schweinsrippen mit schönen mürben Knorpelenden.</p> - -<p>Nun, da der Magen ruhig ist, findet die Eichkatze, daß -es ganz allein ein langweiliges Leben im Walde sei. Die -Sonne scheint so schön warm, da gelüstet es sie nach einem -kleinen Spiele kopfüber, kopfunter, stammauf, stammab. Den -ganzen Winter hat sie solche Anwandlungen nicht gehabt; -sie war froh gewesen, wenn ihr keiner von ihrer Sippe in -den Weg kam, denn ob rot oder grau, braun oder schwarz, -Weibchen oder Männchen, Hunger hatten sie alle und so -ganz viel gibt es wintertags im Bergwalde nicht. Aber -wenn der Februar auf die Neige geht, dann sehnt man sich -doch nach Gesellschaft und ist froh, wenn man auf eine -frische Fährte stößt, in der Sonne eine rote Lunte leuchten -sieht oder auf dem Geäst das bekannte Gerassel und das -liebe Schnalzen und Fauchen hört. Und so, ganz Ungeduld -und Sehnsucht, hopst das Eichhörnchen an der Holzkante -entlang, bäumt zur Abwechslung einmal auf, holzt eine<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -Weile weiter, geht wieder zu Boden und fährt dort erschreckt -zusammen.</p> - -<p>Denn von der anderen Seite kommt auch etwas den -Pürschsteig entlang in schnellen, hastigen Sprüngen. Und -jetzt macht es auch Halt. Steif sitzt es da, ein kohleschwarzes -Männchen mit schneeweißer Brust. Prächtig sieht es aus; -die grauen Spitzen der Haare geben dem Balge einen blauen -Schein. Steif sitzen die beiden Eichkatzen sich gegenüber. Ab -und an zuckt eines mit dem Schwanz. Dann schimmert es -hier kupferrot in der Sonne und dort stahlblau. Jetzt macht -das schwarze Männchen einen Satz und sofort schnalzt das -rote Weibchen und wendet um. Über den hellen Schnee und -das rote Laub geht die Jagd, in einem Fichtenhorste verschwindet -das Weibchen und fährt wieder heraus, und hinterher -saust der schwarze Verfolger, folgt ihr in die Bachschlucht, -rasselt über das Lufteis, flitzt über die Felsblöcke, -hopst die Klippe hinab und prallt auf eine dritte Eichkatze, -eine große, braunrote, deren Balg ganz grau bereift ist.</p> - -<p>Das fuchsrote Weibchen hängt unten an dem Stamme -einer Buche und äugt regungslos hinter sich. Regungslos -sitzen die beiden anderen auf ihren Keulen, die Vorderpfoten -fast bis zu den Schnurrhaaren erhoben, die Ruten in schönem -Schwunge fest an den Rücken gelegt. Sie sitzen und stieren -sich an. Der Specht schilt, der Häher schimpft; sie rühren -sich nicht. Eine Kohlmeise zetert; noch immer sitzen sie da. -Da raschelt es hinter ihnen im Laube. Steil richten sich die -beiden Männchen auf, das Weibchen macht einige Sprünge -am Stamme empor, und dann jagen ihm die beiden Männchen -nach, das schwarze und das rotbraune, und noch eins, -ein fuchsrotes mit breitem schwarzen Rückenstrich und dunklem -Schwanze, das der Spur des Weibchens gefolgt ist.</p> - -<p>Specht und Häher und Kohlmeise und Spechtmeise und -Zaunkönig schimpfen mörderlich, denn das ist ihnen denn -doch ein bißchen zu viel des Lärms. Das ist ja beinahe so<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -schlimm wie gestern, als der Nordwest im Walde herumtolpatschte. -Das rasselt und prasselt und klirrt und klappert, -hier fällt ein Zweig, da plumpst ein Ast, jetzt rieseln Tannennadeln -und nun knistern Flechten hernieder, und bald hier, -bald da schnalzt und faucht und quietscht es, jetzt wirbelt es -durch die alte Fichte, nun saust es in der entwurzelten -Buche, daß die drei Rehe ganz unruhig hin- und hertreten -und die Dompfaffen schleunigst machen, daß sie weiter -kommen, und dann fährt der Hase, der in seinem Lager -unter der dichtbelaubten Jungbuche am Verdauen war, entsetzt -heraus, einen Regen von Schnee um sich werfend, denn -es fiel plötzlich etwas rasselnd in den Busch.</p> - -<p>Das war die rote Eichkatze gewesen, der es nachgerade -zuviel wurde mit der Anbeterei. Keinen Augenblick hatte sie -Ruhe gehabt seit einer vollen Stunde. Bald war ihr das -schwarze Männchen auf den Fersen, bald das braune, und -wenn die beiden sich balgten, dann hatte sie es mit dem -schwarzrückigen zu tun. Wurde der von dem braunen abgebissen, -dann rückte ihr der schwarze auf den Leib, und so -ging es in einem fort, bis es ihr zu dumm wurde und sie -sich, als die drei in einem einzigen Klumpen verfilzt von der -einen Seite der Fichte in den Schnee kugelten, von der anderen -Seite in den Buchenbusch fallen ließ. Da sitzt sie -nun, ein bißchen außer Atem, putzt sich, leckt sich und sieht -den drei Männchen nach, die nach drei Richtungen hin im -Walde verschwinden. Dann eilt sie in hastigen Sprüngen -auf die Klippenwand zu.</p> - -<p>Das ist ihre Hauptspeisekammer im Winter. Dort -steht ein krummer Lindenbaum, der alle Jahre trägt. Vier -alte Nußsträucher spreizen sich dort unter zwei sturmzerfetzten -Samenfichten, und obgleich dort keine Eiche wächst, -so sind in den Felsspalten immer Eicheln zu finden, die die -Häher hierhin vertragen, und die alte Buche wirft jedes -zweite Jahr reichlich Früchte in die Schlucht, die dort vor<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -den Mäusen sicher sind, weil es dort immer nach Fuchs -riecht. Auch ein Wildapfelbaum schiebt sich aus der Wand, -am Ausgange der Schlucht stehen Vogelkirschen und an -Schlehen, Weißdorn und Rosen mangelt es nicht. Ist es -mit der Kost im Walde einmal schlecht bestellt, hier findet -sich immer etwas für den Magen und unter der Felswand -gibt es das Feinste, was der Wald zu bieten hat, dicke, -würzige Trüffeln. Nicht weit davon liegt das Forsthaus, -und in dem Garten wachsen Äpfel, Birnen, Pflaumen, -Kirschen und Walnüsse. Ein bißchen lebensgefährlich ist es -dort freilich, denn seitdem der Förster dahinter gekommen -ist, wer ihm seine Birnen zernagt und seine Nüsse fortschleppt, -paßt er sehr auf, doch vor Tau und Tag lebt es -sich da herrlich.</p> - -<p>Das wissen alle Eichhörnchen am Berge und darum -finden sie dort immer Gesellschaft, und kaum ist das rote -Weibchen dort angelangt, so ist auch schon ein braunrotes -Männchen bei ihm, das ihm eifrig den Hof macht. Anfangs -ziert sich das Weibchen und es gibt eine kleine Hetzjagd -durch Busch und Kraut, über Stock und Stein, aber es ist -noch müde von vorhin und da das Männchen mit seinen -Liebenswürdigkeiten nicht abläßt, wird es quer über die Nase -gekratzt und tüchtig in die Lippe gebissen und zieht schließlich -ab. Während der warmen Mittagsstunden turnt das Weibchen -dann bedächtig an der Wand herum und sucht im -Laube nach Eicheln und Buchnüssen. Nachmittags aber, -als die Sonne hinter Wolken verschwindet, sucht es sein -nächstes Nest in der gegabelten Fichte auf, einen weichen, -warmen Kobel, den es stets bezieht, wenn es der Abend hier -bei den Klippen überrascht.</p> - -<p>Die Tage kommen, die Tage gehen. Weiches Wetter -tritt ein, und die Eichkatze ist den ganzen Tag in Bewegung. -So manchen Käfer scharrt sie aus dem Laube und findet -Raupen und Puppen unter dem Moose. Als sie dann noch<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -die Fütterung entdeckt, wo der Förster den Rehen Eicheln -schüttet, da geht es ihr besser, als bisher, und ohne sich um -die Rehe zu kümmern, holt sie sich Tag für Tag ihr Teil, -schleppt auch manche Eichel beiseite und stopft sie unter das -Moos oder verbirgt sie in Fels- und Baumritzen. Fällt -kalter Regen aus den Wolken oder bläst eine rauhe Luft, -dann verschläft sie einen Tag oder auch zwei, und ist das -Wetter heiter, dann läßt sie sich auch wohl wieder zu lustiger -Balgerei und fröhlicher Hetz mit irgend einem netten -Männchen herbei, das ihr in den Weg läuft.</p> - -<p>Schließlich hörte diese Spielerei auf. Die Männchen -laufen ihm nicht mehr nach und das Weibchen hat andere -Sachen im Kopfe. In einer ganz langen, hochschäftigen -Buche baut es ein ganz großes, festes, dickwandiges Nest. -Es gibt sich viele Mühe damit. Fortwährend schleppt es -Moosbüschel, welkes Gras, dürre Würzelchen und trockenes -Laub herbei, filzt Schicht auf Schicht mit den Vorderpfoten -zusammen, dreht sich so lange darin herum, bis -die Höhlung glatt und eben ist, setzt ein dichtes Dach darauf, -stopft jede Ritze zu, in die der Wind hineinschnauben -könnte, und läßt nur im Osten ein Schlupfloch, das aber -leicht verschlossen werden kann, wenn der Wind von der -Morgenseite weht.</p> - -<p>Die Finken schlagen, die Drosseln pfeifen. Die rote -Eichkatze ist jetzt nicht mehr so oft zu sehen. Ganz früh -am Morgen sucht sie nach Nahrung und in der Abenddämmerung, -und gierig fällt sie über alles her, was sie vorfindet. -Jeder Käfer ist ihr recht, jeder Schmetterling wird -mitgenommen. Die Morchel im Laube verschwindet unter -den schnellen Zähnen und die Blütenknospen des Ahorns -werden ebensowenig verschmäht, wie die keimende Eiche und -die treibende Buchecker. Magerer noch als der Winter ist -die Frühlingszeit und die Eichkatze hat vierfachen Hunger, -denn in ihrem Neste im Buchenwipfel liegen sechs junge<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -Eichkätzchen, und deren sechs Mäulchen müssen gestillt sein. -Da heißt es denn: fressen, was zu fressen ist, damit die -Kleinen satt Milch bekommen.</p> - -<p>Je größer sie werden, um so gieriger sind sie, und mit -der Kost wird es nur langsam besser. Maikäfer sind noch -nicht da und die Raupen sind noch gar zu klein. Eicheln -und Bucheckern gibt es nicht mehr und die Knospen sind -alle aufgesprungen. Die schlimmste Zeit im Jahre ist es -für die Eichkatze, wenn die Buche ihr Blatt entfaltet. -Hunger, Hunger, immer Hunger, und so dürftige Kost! Bei -der Käfer- und Raupenjagd stößt sie auf ein Drosselnest. -Die blauen Kugeln sehen so blank aus, wie reife Eicheln. -Am Ende schmecken sie auch so. Das, was herausquillt, ist -ein bißchen naß, aber schmeckt nicht schlecht, und es stillt -den Hunger. Da ist schon wieder ein Nest. Eier sind nicht -darin, nur nackte Vögel. Sie piepen erbärmlich, und die -Alte flattert wild und schimpft und zetert, aber es ist doch -besser, als Baumrinde oder junge Sprossen und die Hauptsache -ist, es sättigt mehr, als das sechsbeinige Grabbelzeug, -das im Moose und Grase herumwimmelt.</p> - -<p>Endlich burren die ersten Maikäfer, die Raupen nehmen -zu an Länge und Dicke und die Grashüpfer werden immer -fetter. Nun läßt es sich allmählich schon leben im Walde. -Außerdem liegt an der Waldstraße ein eingegattertes Stück -Land, in dem sind Löcher und darin stecken Eicheln, die zwar -schon stark keimen, aber noch ganz leidlich sind. Wie die -sechs Jungen die Milchzähne verloren haben und auf eigene -Gefahr ihre Nahrung suchen, da gibt es schon allerlei -bessere Sachen. Hier und da findet sich ein leckerer Erdpilz, -die Nüsse haben kleine milchige Kerne, es wimmelt von -Raupen, Puppen und Heuhüpfern und die Roggenähren -lohnen schon eine Fahrt zu den Feldern am Waldrande; -von den tiefherabhängenden Hainbuchenzweigen aus lassen -sich die Ähren leicht pflücken und aushülsen. Das herrlichste<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -aber, was der Wald in dieser Zeit zu bieten hat, das ist -der säuerliche, schäumende Saft, der aus den alten Eichen -quillt. Jeden Tag um die elfte Stunde findet sich die Eichkatze -dort ein, jagt die Schmeißfliegen und Hornissen fort, -die sich dort laben, und leckt den gärenden Saft ab, bis -ihr ganz sonderbar im Kopfe wird und sie anfängt, wie -unklug hin und her zu springen, zu schnalzen und mit dem -Schwanze zu schnellen, als wäre es Vorfrühling. Alle -Vorsicht und Aufmerksamkeit vergißt sie über ihrem Rausch -und wenn sie sich nicht im letzten Augenblicke in das Gebüsch -gestürzt hätte, so wäre sie in den Fängen des Habichts -geblieben, der wie ein Schatten durch das Geäst fuhr.</p> - -<p>An Gefahren mangelt es überhaupt im Walde nicht. -Vor dem Habicht ist die Eichkatze nie sicher. Mitten im -fröhlichsten Hetzspiel griff er ihren letzten Liebhaber, das -kohleschwarze Männchen, und strich damit ab. Zwei von -den Jungen, die noch recht unbeholfen waren, fing an zwei -Abenden nacheinander der Kauz. Dreimal mußte sie sich -kopfüber aus ihrem Neste zu Boden werfen, als der Edelmarder -sie fassen wollte, und einmal hetzte er sie am hellen -Tage über eine halbe Stunde lang von Baum zu Baum, -bis sie sich aus der Pappel in den Teich fallen ließ und -sich zitternd im Schilfe versteckte. Aber allmählich ist sie so -gewitzt geworden, daß sie die Gefahr zu meiden weiß. Gleichwohl -ging es ihr ab und zu hart am Leben vorbei. Einige -hundert Schritte vom Waldrande steht ein hoher Birnenbaum -im Felde. Der Bauer, dem er gehört, bekommt niemals -eine Birne davon, denn ehe sie reif sind, hat das -Eichhörnchen eine nach der andern durchgebissen und die -Kerne verzehrt. Eines Tages erwischte sie aber der Bauer -dabei und schickte seinen Jungen in den Baum, während er -mit dem Hunde unten wartete. Der Junge stieg ihr bis -in den obersten Wipfel nach und schüttelte diesen so lange, -bis sie im Bogen in den Klee flog. Es hätte nicht viel<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -gefehlt, so hätte der Hund sie beim Wickel gehabt, aber im -letzten Augenblicke schlüpfte sie in das enge Entwässerungsrohr -und von da in den Schlehbusch und aus diesem in den -Weizen und kam noch einmal glücklich in den Wald zurück. -Seit der Zeit unternimmt sie ihre Streifen zum Felde -immer nur in der ersten Morgenfrühe, denn die halbreifen -Roggen-, Hafer- und Weizenkörner entbehrt sie nicht gern -und am Waldrande finden sich auf dem Raine überall die -Spreuhäufchen, die Reste ihrer Mahlzeiten.</p> - -<p>Die liebste Zeit aber ist ihr der Herbst. Dann ist im -ganzen Walde Futter für ihre Zähne da. Unter den Ahornbäumen -und Hainbuchen liegen massenhaft die geflügelten -Kerne, in den Eichen schimmern die Eicheln, die Haselbüsche -tragen schwer und in den Kronen der Buchen reifen die -fetten Nüsse. Dann wimmelt es im Walde von Eichkatzen, -die von weit und breit sich hierher zusammenziehen. Überall -am Boden hüpft und schlüpft es; die fuchsroten Eichhörnchen -aus dem Hügellande treffen hier mit den schwarzen -und braunen aus den Fichtenbeständen von den höheren -Lagen des Gebirges, wo es jahrein jahraus weiter nichts -gibt als Fichtensamen. Wenn sie sich dann hier im Mittelbergwalde -alle ein tüchtiges Ränzlein angemästet und ihr -leichtes Sommerkleid mit dem dichten, langhaarigen, graubereiften -Winterpelze vertauscht haben, dann verteilen sie -sich wieder und der alte Stamm hat den Wald ganz -für sich.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p> - -<h2 id="Hasendaemmerung">Hasendämmerung.</h2> -</div> - -<p>Jans Mümmelmann, der alte Heidhase, lag in seinem -Lager auf dem blanken Heidberg, ließ sich die Mittagssonne -auf den billigen Balg scheinen und dachte nach über -Leben und Tod. Sein Leben war Mühe und Angst gewesen. -Aber dennoch fand er, daß sein Leben köstlich gewesen -war. Auf grünen Feldern hatte sich seine Jugendzeit -abgespielt; seine Jünglingsjahre hatte er im Walde verlebt; -die Jahre seiner männlichen Reife verbrachte er in -der Heide, nachdem ihm Feld und Wald Menschenhaß gelehrt -hatten, und nur, wenn sein Herz sich nach Zärtlichkeiten -sehnte, verließ er die Öde.</p> - -<p>Da lebte er, ein einsamer Weltweiser. Die Äsung -war mager, aber es stand nicht wie beim Klee im Felde -und bei der üppigen Wiese im Walde, die Angst bleichwangig -und schlotterbeinig immer neben ihm; in Ruhe und -Frieden konnte er da leben, sorglos im feinen Flugsande -des Heidhügels die rheumatischen Glieder baden und dem -Gesange der Heidelerchen lauschen.</p> - -<p>Mümmelmann fand heute aber doch, daß er etwas<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -Abwechslung in seine Nahrung bringen müsse. Keine -Philosophie der Welt tröstet den Magen und keine Weltweisheit -befestigte die Appetitlosigkeit. Beim Dorfe gab -es jetzt schon junge Roggensaat. Auch brauner Kohl war -da, ferner Apfelbaumrinde, etwas ganz Feines, und der -Klee war schon hoch genug, an den Gräben wuchs allerlei -winterhartes Kraut; Mümmelmann lief das Wasser hinter -den gelben Zähnen zusammen.</p> - -<p>Allerdings, so ohne Gefahr ging ein Diner beim Dorfe -nicht ab. Fast immer stöberten Wasser oder Lord oder -Widu oder Hektor oder ein anderer dieser scheußlichen -Köter im Felde herum. Der Jagdaufseher hatte im Felde -überall Tellereisen und Schwanenhälse liegen und der Jagdpächter -hielt sich immer in der Nähe des Dorfes mit -seinem Schießknüppel auf. Er war ein bißchen sehr dick -und hatte eine trockene Leber, so daß er sich nicht gern weit -vom Kruge entfernte.</p> - -<p>Aber schließlich was kann das schlechte Leben helfen? -dachte Mümmelmann; <em class="gesperrt">einen</em> Tod sterben wir Hasen ja -doch nur, und besser ist es im Dampfe dem guten Schützen -sein Kompliment zu machen, als vor Altersschwäche den -Schnäbeln der Krähen zum Opfer zu fallen. Und so machte -er sorgfältig Toilette und rückte erst langsam, dann schneller -gen Knubbendorf, wo er bei tiefer Dämmerung ankam.</p> - -<p>Es war eine gemütliche Nacht. Der Schnee war -weich und trocken, die Luft windstill, die Kälte nicht zu -stark und der Himmel bedeckt, so daß Jans und die anderen -keine Angst zu haben brauchten vor dem alten Krischan, -dem Armenhäusler und Besenbinder, der mit seinem verrosteten -Vorderlader bei hellen Nächten hinter dem Misthaufen -auf die Hasen lauerte. Es gab ein langes Begrüßen -und Erzählen, und so kam es, daß Jans völlig die -Zeit verpaßte und erst lange nach dem ersten Hahnenschrei, als der -Tag schon mit rotverschlafenem Gesicht über die Geest stieg, nach<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -seiner Heide zurückhoppelte in Begleitung eines jungen -strammen Moorhasen, Ludjen Flinkfoot, seines im letzten -Herbst bei dem großen Kesseltreiben im Feuer gebliebenen -Freundes Sohn. Den hatte er bewogen, mitzukommen; er -wollte ihn erziehen und als Erben einsetzen.</p> - -<p>Als sie aber an den Heiderand kamen, da stutzten sie -und machten Männchen, denn vor ihnen zappelten im Frühwinde -lauter bunte Lappen. Voller Angst liefen sie zurück -und scharrten sich, nachdem sie erst viele Haken geschlagen -und Wiedergänge gemacht hatten, in einem mächtigen Brombeerbusch -bei den Fischteichen ihr Lager.</p> - -<p>Inzwischen war im Dorfe großes Leben. Dreißig -Männer waren gekommen, bis an die Zähne bewaffnet, -schrecklich anzusehen in ihrem Kriegsschmuck. Sie waren in -den Krug gegangen, aßen und tranken, was es gab, machten -sich mit Pfeifen und Zigarren und auch sonst blauen Dunst -vor, prügelten ihre Hunde, die sich bissen, kniffen allen weiblichen -Wesen unter fünfzig Jahren die Arme braun und -blau, erzählten sich mehr oder minder starke neuaufgewärmte -alte Witze und zogen dann los, die reine Winterluft mit -dem Rauch ihrer Zigarren und die Morgenstille mit dem -Geknarre ihrer Stimmen erfüllend und sich freuend über den -klaren windstillen, schönen Tag, der so recht geeignet sei für -den Hasenmassenmord.</p> - -<p>Dicht hinter dem Dorfe wurde der erste Kessel gemacht. -Ein Waldhorn erklang, Schützen und Treiber setzten sich -nach dem Zentrum in Bewegung und das Kriegsgeschrei der -rauhen Kehlen dröhnte durch den Wintermorgen. Da -wurden überall graue Flecke im weißen Schnee sichtbar, die -sich zu Pfählen verlängerten, unschlüssig hin und her hoppelten, -wie besessen dahinrasten, und dann knallte es hier, blitzte -es da, rauchte es dort, und ein Hase nach dem anderen -rückte zusammen, wurde kürzer, immer kürzer, blieb schließlich -liegen, sprang noch einmal in die Höhe und lag dann ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -still. Andere schlugen im Dampf ein Rad, daß der Schnee -stäubte, wieder andere liefen wie gesund weiter und fielen -plötzlich um. Und immer enger wurde der Kessel, immer -zerfurchter seine Schneedecke von den Spuren des Hasen und -den eingeschlagenen Schroten, und hellrote Flecke und Streifen, -sowie die dunklen Patronenpfropfen unterbrachen seine -Farblosigkeit.</p> - -<p>Ein Leiterwagen nahm die toten Hasen auf, und es -ging zum zweiten Kessel. Und als der abgetrieben war, kam -der dritte an die Reihe, und dann ging es zum Jagdhause -vor dem Moore, wo der Wirt mit seinen Töchtern Bohnensuppe -auffüllte und Glühwein einschenkte und Grog. Da -gab es ein großes Erzählen hin und her, so daß Herr -Markwart, der Häher, und Frau Eitel, die Elster, entsetzt -abstoben und es weit und breit herumbrachten, daß die Jäger -wieder einmal da wären und schon hundertundsiebzig Hasen -gemordet hätten.</p> - -<p>Mümmelmann hörte aufmerksam zu, als Frau Eitel -das Herrn Luthals, dem Würger, erzählte und er dachte -sich: »Wenn sie schon soviel haben, dann werden die Schinder -wohl nicht mehr hierher kommen,« und der flüsterte Ludjen -Flinkfoot zu: »Bleib immer hübsch still liegen, mein Junge, -mag kommen, was da kommen will; wer sich nicht zeigt, -wird nicht gesehen, und wer nicht gesehen wird, den trifft -kein Blei.«</p> - -<p>Es kam aber anders: Wieder klang das Horn. »Schwerenot -noch einmal,« knurrte Jans unter seinem bereiften Bart -her, »noch ein Kessel? Die Sonne geht ja schon in ihr -Lager. Und ich glaube, die Bande kommt auf uns zu.« Ein -furchtbares Gebrüll erhob sich von allen Seiten, der Boden -dröhnte, Schüsse knallten. Ludjen wollte weg, aber der Alte -rief: »Bliw liggen, du Döskopp,« denn wenn er erregt -wurde, sprach er Platt, was er sich sonst als unfein abgewöhnt -hatte, und dann setzte er hinzu: »Man kann nicht wissen,<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -was passiert. Ich habe so eine Ahnung, als ob ich die -Sonne nicht mehr aufgehen sehen soll. Und nun höre zu: -Falle ich und du bleibst gesund, so rückst du in die Heide, -bis du an den Heidberg kommst, wo die großmächtigen -Steine aufeinanderliegen. Da bist du das ganze Jahr sicher, -da kommt niemand hin, als die dämlichen Schafe und höchstens -einmal Reinke Rotvoß, der alte Schleicher; der erzählt -ganz gut, aber halte ihn dir drei Schritt vom Leibe. -Einem Fuchs darf man erst trauen, wenn er kalt und steif ist.«</p> - -<p>Näher kam das Getrampel, dichter folgten die Schüsse, -hin und her flitzten die Hasen, kobolzten von den Dämmen -auf das Eis der Teiche und blieben da liegen. Auf einmal -schwoll das Gebrüll noch weiter an: »De Voß, de Voß!« -riefen die Treiber und domm, domm, domm, domm krachte -es. Mümmelmann hörte es in den Brombeeren knistern, -etwas Rotes sauste über ihn fort, dann etwas Schwarzweißes, -und dicht vor ihm schlug sich ein großer Hund den -Fuchs um den Kopf.</p> - -<p>»Meinen Segen hat er,« dachte der alte Hase bei aller -Angst; doch im nächsten Augenblicke fuhr er aus seinem -Lager, denn ein zweiter Hund kam an und wollte ihn gerade -fassen: »Da löppt noch een!« schrieen die Treiber. Aber -Jans war nicht umsonst bei seiner Mutter, der erfahrenen -Gelke Mümmelmann, in die Lehre gegangen. Er schlug -einen Haken über den anderen und hielt sich immer dicht vor -dem Hunde, so daß kein Schütze zu schießen wagte. Auf -einmal aber krachte ein Schuß, die Schrote schlugen pfeifend -auf das Eis, der Hund jaulte auf und wütende Stimmen -erhoben sich.</p> - -<p>»Junger Mann, Sie haben meinen Hund totgeschossen!« -brüllte ein dicker Herr.</p> - -<p>»Ja, was kann ich dafür,« rief der dünne Student, »ich -habe ihn nicht gesehen; was hat der Hund auch im Kessel -herumzubiestern?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p> - -<p>Und der Dicke schrie wieder: »Er sollte den Fuchs -apportieren. Der Hund hat mich dreihundert Mark gekostet.«</p> - -<p>Und der Student rief: »Dreihundert Mark? Na, der -Ihnen das abgeknüpft hat, der wird schön gelacht haben. -Ich habe den Hund ja arbeiten sehen; hühnerrein war er, -straßenrein auch, und Hasen hetzte er famos. Und wenn er -auch nicht eingetragen war, ein ausgetragenes Biest war er -doch, und die Rassenmerkmale hatte er innerlich, wie die -Ziegen den Speck, Dreihundert Mark? Lächerlich, Sie -meinen wohl Pfennige?«</p> - -<p>So ging es weiter und keiner achtete auf Mümmelmann. -Der machte, daß er fortkam, denn er haßte Zank -und Streit. Ihm tat nur Ludjen leid, um den Jungen -hatte er Bange. Es dämmerte schon, als er an den Heidrand -kam und gerade dachte er, er wollte sich um die Lappen -nicht kümmern, da krachte es, und wie zwanzig Peitschenhiebe -auf einmal fühlte er es in Rücken und Keulen. Das -war der Jagdaufseher gewesen, der die Lappen aufrollen -wollte.</p> - -<p>Jans fühlte, daß es mit ihm aus war. Aber er kam -doch noch vom Fleck und tauchte in der Dämmerung unter. -Ihm war sehr schwach zu Mute, obgleich er gar keine -Schmerzen hatte; nur das Laufen wurde ihm schwer und -das Atmen. Er kam noch bis zu dem alten Steingrab auf -Heidberg, und da wühlte er sich in den weichen Sand, -lag ganz still und äugte nach dem hellen Sternbilde, das über -dem fernen Walde stand und ganz wie ein riesenhafter Hase -aussah.</p> - -<p>Als der Mond über den Wald kam, da hoppelte auch -Ludjen Flinkfoot heran. Er hatte, so schwer es ihm bei -seiner Angst auch wurde, seines Oheims Ratschläge befolgt -und war gesund davongekommen. Der gute Junge war sehr -betrübt, daß er ihn todkrank fand; er rückte dicht an ihn -heran und wärmte den Fiebernden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span></p> - -<p>Als es vom Dorfe Mitternacht schlug, da wurden Mümmelmanns -Seher groß und starr; er sah die Zukunft vor sich. -»Der Mensch ist auf die Erde gekommen,« sprach er, »um -den Bären zu töten, den Luchs und den Wolf, den Fuchs -und das Wiesel, den Adler und den Habicht, den Raben -und die Krähe. Alle Hasen, die in der Üppigkeit der Felder -und im Wohlleben der Krautgärten die Leiber pflegen, wird -er auch vernichten. Nur die Heidhasen, die stillen und genügsamen, -wird er übersehen, und schließlich wird Mensch -gegen Mensch sich kehren und sie werden sich alle ermorden. -Dann wird Frieden auf Erden sein. Nur die Hirsche und -Rehe und die kleinen Vögel werden auf ihr leben und die -Hasen, die Abkömmlinge von mir und meinem Geschlecht. -Du, Ludjen, mein Schwestersohn, wirst den reinen Schlag -fortpflanzen, und dein Geschlecht wird herrschen von Aufgang -bis Untergang. Der Hase wird Herr der Erde sein, -denn sein ist die höchste Fruchtbarkeit und das reinste Herz.«</p> - -<p>Da rief der Kauz im Walde dreimal laut: »Komm mit, -komm mit, komm mit zur Ruh, zur Ruh, zur Ruhuhuhu!« -und Mümmelmann flüsterte: »Ich komme,« und seine Seher -brachen.</p> - -<p>Ludjen hielt die Totenwacht bei seinem Oheim; drei -Tage und drei Nächte blieb er bei ihm. Als er aber nach -der vierten Nacht zurückkam zum Hünengrab, da war der -Leib seines Ohm verschwunden, und Ludjen meinte, die -kleinen weißen Hasen wären gekommen und hätten ihn weggeholt -zu dem Hasenparadiese, wo der große weiße Hase auf -dem unendlichen Kleeanger sitzt.</p> - -<p>Reinke Rotvossens Vetternschaft aber wunderte sich, -daß der alte dreibeinige, schwanzlose Heidfuchs, der immer -so klapperdürr war, seit einigen Tagen einen strammen Balg -hatte. Er hatte seinen Freund Mümmelmann bestattet auf -seine Art.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Moerder">Der Mörder.</h2> -</div> - -<p>Die halbe Heide entlang waren alle Förster und Jäger -in Aufregung; es spürte sich ein fremder Haupthirsch.</p> - -<p>Gesehen hatte ihn noch kein Menschenauge. Nach der -Uhlenflucht trat er zur Äsung aus und vor Tau und Tag -zog er wieder in die Dickung.</p> - -<p>Der Fährte nach war es ein Hirsch von mehr als dem -zehnten Kopfe; bequem konnte ein Mann die vier Finger -der Hand hineinlegen. Es war eine Fährte, die tief und -fest in dem Sande stand; danach gab man dem Hirsche dreihundert -Pfund und darüber. Und weil sie ein ganz anderes -Bild zeigte, viel mehr Zwang aufwies, als die der Standhirsche, -so schlossen die Förster, daß der Hirsch von weit her -zugewechselt sein mußte.</p> - -<p>Dreihundert Büchsen die Heide auf, die Heide ab -lauerten tagtäglich auf ihn; sie lauerten vergebens. Spürte -er sich drei Tage in dieser Forst, morgen war er verschwunden -und die rätselhafte Fährte setzte übermorgen zehn Meilen -weiter die Jäger in Verwirrung. Drei Nächte nacheinander -stand der Jäger auf der Schneiße in der wilden Hudewohld<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -und sah das Kreuzgestell auf und ab; er bekam nur Wildbret -zu Blick. Als er sich schon zum Abgang rüstete, da -war ihm so, als stände etwas Böses hinter ihm. Erschrocken -wandte er den Kopf und sah zwei Schritte hinter sich ein -furchtbares Gesicht. Er erblaßte und griff nach der Büchse, -aber da schnaufte es und mit Kling und Klang und Knick -und Knack stob der Hirsch in das Geheimnis des Bruchwaldes -hinein.</p> - -<p>Der Jäger starrt hinter der Erscheinung her. Ist das -ein Hirsch gewesen oder ein Gespenst? Er hatte ein Gesicht -gesehen über einem schwarzen Brunfthalse, schrecklich und -böse. Quer um die Lichter war ein breiter, weißer Strich -gezogen, und darüber leuchteten und funkelten in der halben -Frühsonne lange, blutrote Spieße. Wie viele es waren, wie -viel Enden der Hirsch trug, der Mann weiß es nicht. Das -Herz ist ihm in den Hals gesprungen, Schwäche ist über -seine Kniee gekommen, Eis auf seinen Rücken, Fieber über -seine Stirn und Nebel vor seine Augen.</p> - -<p>Die gespannte, gestochene Büchse in der Hand tritt er -in den wilden Wald. Da steht die Fährte, wie in Erz gegossen, -in dem anmoorigen Boden; leicht nimmt sie vier -Finger auf. Ihr zu folgen ist ein Unding; wohl zieht der -Wind nach Wunsch, aber sie steht auf das Postbruch zu, -wo nur Fuchs und Marder lautlos schlüpfen können, wo -schon der Bock laut brechen muß, so viel Geknäck deckt den -Boden, so eng verfilzt sind Weiden und Ellern, Birken und -Fuhren durch Risch und Post.</p> - -<p>Vorsichtig schleicht der Jäger das Gestell entlang und -umgeht das Bruch; nirgendswo steht die unheimliche Fährte -heraus; der Hirsch steckt im Bruche. Mit halbem Winde -dringt der Jäger auf einem verwachsenen Altwege in die -modrige muffige, schwüle, enge Wildnis hinein, Schweiß -auf der Stirn, Herzklopfen in der Kehle, Durst am Gaumen, -bis er nach einstündigem Schleichen und Kriechen, nach<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -manchem voll Zittern und Beben gemachten Sprung, nach -manchem Bogen und vielen Pausen vor den großen Windbruch -inmitten der Wohld tritt. Dort tritt so gern das -Wild herum, dort schlägt der Hirsch, wie die geschundenen -Stämme zeigen, dort setzt das Mutterwild, dort horstet der -Schwarzstorch in der alten Fichte, dort sonnt sich der Giftwurm -im Grase, dort paßt der Schreiadler auf die Waldmaus. -Heute ist die Blöße blank und leer. Aus dem -grünen Risch leuchten die roten Stämme und verlieren sich -in den schwarzen Kronen, zwischen denen blaue Fetzen -Himmel lieb herabsehen.</p> - -<p>An den modernden Wurfboden einer Fichte schmiegt -sich der Mann an und harrt mit halbgeschlossenen Augen. -Müdigkeit reißt seinen Kopf herab, er wirft ihn wieder hoch. -Seltsame Bilder tauchen vor ihm auf, die ihm seine überreizten -Nerven vormalen. Die rote Spinne, die dicht vor -seinen Augen hängt, erscheint ihm als ein rotes Stück Wild, -das dort hinten auf der Lichtung steht, bis er lächelnd seinen -Fehlblick gewahr wird. Und wieder werden seine Augen -groß, denn da unten schwebt der Schwarzstorch. Aber es -war nur eine Schwebfliege, die vor seiner Stirn in der Luft -stand. Dann hört er Lieder aus dem Gebrumme der Fuhren, -Lieder aus seiner Burschenzeit, und dazwischen einen schluchzenden -Ruf von einer, die einst von ihm unter Tränen Abschied -nahm. Und Wellen hört er schlagen gegen das Schiff, -das ihn der Blonden entführte.</p> - -<p>Aus dem trüben, ernsten, müden Gesichte springen die -blauen Augen heraus, wie blaue Seen aus nächtlichem Nebel. -Vernahm seine Seele mit der Erinnerung das Klatschen der -Wellen, das Stampfen des Schiffsrades? Oder waren es -die Ohren, die ihm diese Laute wirklich meldeten? Aber es -ist so still, nur Meisen zirpen fernweg und Hummeln -brummen nahebei. Der Tabak bringt den Nerven Festigkeit. -Blau steigt der Rauch empor; träumende Augen sehen<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -hinterdrein, besinnen sich, rufen sich selbst zur Ordnung und -wandern gehorsam wieder von Stamm zu Stamm, von Busch -zu Busch, langsam und stetig, ohne Hast und Unrast, halb -von den Lidern bedeckt. Sind aber mit einem Rucke voll -und groß da, stehen in einem Gesicht, in dem Hoffnung und -Angst sich zanken, in dem der Mund sich öffnet, um mitzuhorchen.</p> - -<p>Es war kein Traum aus der Burschenzeit, nicht die -Erinnerung spülte vergessene Laute an das Ufer der Gegenwart, -es klatscht und stampft hier in der grünen Wohld. -Das klatscht und quatscht und schlappt und jappt, stöhnt und -dröhnt, knackt und klackt, verstummt und hebt von neuem an, -und endlich bricht es in der Dickung, steht, wie in einem -Rahmen, halbrechts, zwischen zwei roten Stämmen unter -einem verschnörkelten roten Aste, von unten gedeckt durch -einen dunklen Busch, der Hirsch, schwarz wie der Satan, -eben der Suhle entstiegen, und äugt aus den weiß umzogenen -Lichtern, über denen es blutrot in der Sonne leuchtet, -den Mann an, starr, wie der böse Feind eine arme Seele. -Einen Schlag fühlt der Mann auf dem Herzen, denn er -sieht, daß der Rauch seiner Pfeife stracks dem Hirsch entgegenzieht, -aber ehe der Kolben an der Backe liegt, ist der -Rahmen leer und mit Kling und Klang und Knick und -Knack ist die Erscheinung verschwunden.</p> - -<p>Noch an demselben Abend vernimmt der Förster, der -eine Meile weiter vor dem Moore die Hirsche verhört, ein -hartes, trockenes, heiseres Röhren, häßlich anzuhören, und -hinterher einen Trenzer, niederträchtig und gemein, und einen -Schrei, hohl und häßlich. So hat hier noch nie ein Hirsch -geschrieen. Der Platzhirsch, der oben in der Moorwiese -steht, wirft auf und zieht langsam vor seinem Rudel her -dem Moorwalde zu. Der Förster hat das Glas vor den -Augen und späht das silberne Gatter ab, mit dem die Birken -Moor und Forst trennen. Der Platzhirsch schreit zornig in<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -den Wald hinein; weiß springt sein Atem vor ihm her. Aus -der Forst kreischt der harte, häßliche Trenzer heraus, hinter -ihm her röchelt ein heiserer, höhnischer Ruf, ein trockenes, -boshaftes, gemeines Röhren, ganz unirdisch klingend, gespenstig, -höllisch. Der Platzhirsch zieht näher an den Moorrand. -In dem Walde ist es still, bleibt es stumm. Rund -und voll ruft der Zwölfender sein ehrliches Wort in das -schwarze, mit Silber vergitterte Walddunkel. Es wird ihm -keine Antwort. Unwillig tritt der edle Hirsch den Grund, -wirft die Moorerde mit dem stolzen Geweih empor, zerfetzt -damit einen Weidenbusch, schreit dem Gegner einen verächtlichen -Trenzer zu und wendet sich voller Abscheu ab. Vor -ihm her trollt sein Rudel.</p> - -<p>Da fährt etwas aus dem Walde, ein schwarzes, unheimliches -Ding, und ehe der Zwölfender wenden und dem -Gegner die Kampfsprossen weisen kann, ist er überrannt, ist -er von hinten niedergeforkelt. Über ihm steht der schwarze -Mörder und stößt auf ihn los. Dumpf klingt es, als schlüge -ein Stock auf einen Mehlsack. Starr steht das Rudel, die -Hälse sind lang, die Lauscher steif, die Lichter weit aufgerissen. -Ein blutiger Fetzen fliegt dem Kopftier an den Hals, -noch einer vor die Brust. Es schreckt und wendet. Aber -im Nu ist der schwarze Hirsch mit der weißen Augenbinde -und den roten Stangen vor dem Rudel und forkelt es auf -einen Klumpen zusammen. Dann schreit er in das Abendrot -hinein, so häßlich, so gemein, so tonlos und trocken, wie -hier noch nie ein Hirsch schrie, und treibt das Rudel vor sich -her in den Nebel hinein.</p> - -<p>Starr sieht der Förster ihm nach, dann steigt er von -dem Hochstand und geht zu dem geforkelten Zwölfender. -Der ist im Verenden begriffen. In den weit herausgequollenen -Lichtern liegt Todesangst. Armslang hängt das -zerfetzte Gescheide aus den zerrissenen Dünnungen heraus. -Der Förster gibt ihm den Fang und lüftet ihn. Dann<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -schreitet er, den Kopf auf der Brust, heim. Der Oberförster -wird Augen machen; am anderen Morgen sollte der -Prinz den Zwölfender weidwerken.</p> - -<p>Der Morgen kommt mit herber Luft; ein Brunftmorgen -ist es, wie er nicht schöner sein kann. Aber weit und breit -meldet kein Hirsch, höchstens röhrt hier und da ein Schneider. -Die Platzhirsche sind verschwiegen. Der Zwölfender tat -gestern abend seinen letzten Schrei: er hängt an der Wildwinde -auf dem Hofe der Oberförsterei. Der kapitale Achtender, -der schon zwölf Enden aufwies und auf vierzehn gezeigt -hat, sitzt im Erlenbache und kühlt seine zerschundenen -Seiten. Auch ihn überfiel der Mordhirsch hinterrücks. Der -Zehnender aus dem Brandmoore steht im Stangenort und -rührt sich nicht. Der Mörder hat ihm eine Stange in das -Gehirn gerannt und ihm die halbe Besinnung genommen.</p> - -<p>Wäre nicht gerade der Prinz vorbeigefahren, so wäre -der Hirsch auch zu Tode geforkelt worden. Dicht vor den -Rotschimmeln sauste der schwarze Satan über das Gestell, -daß die Gäule hochaufgingen. Der Prinz hatte das Jagen, -in dem der Hirsch steckte, umfahren, aber der Mordhirsch -war schneller gewesen und spürte sich schon heraus und in -das unwegsame Bruch hinein. Auf dem Quergestell spürte -sich eine frische Rotfährte. Sie führte zu dem kranken Zehnender. -Der stand da stumpfsinnig, an eine Stange gelehnt, -stöhnte und röchelte und schüttelte fortwährend das Haupt. -Über dem rechten Lichte saß ein faustgroßer, rotweißer -Klumpen, die blutige Gehirnmasse, die aus der Forkelstelle -herausgequollen war. Ein Schrotschuß auf den Hals endete -die Qualen des Gemeuchelten.</p> - -<p>Acht Tage gingen über das Land. Zehn Meilen umher -hatte alles, was den grünen Rock trug, einen roten Kopf. -Aller Jagdneid, jeder Grenzhaß war vergessen. Der Förster -sagte es dem Bauernjäger, der städtische Jagdpächter dem -Förster an, wenn sich der Schadhirsch spürte. Dreimal hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -man ihn schon hinter den Lappen gehabt, aber nie war er -vor die Schützen gekommen, denn er hielt die Lappen nicht; -bevor es hell wurde, überfloh er sie. Bald hier, bald da erscholl -sein heiseres, häßliches Schreien, aber stets im unwegsamen -Bruch oder in der verwachsenen Dickung, und erst, -wenn die Nacht Himmel und Erde verschränkte, trat er aus -und kämpfte auf den Wiesen die Platzhirsche ab. Am hellen -Mittag saßen die Jäger schon auf den Kanzeln, saßen bis -in die Nacht hinein, froren in ihren Pelzen, wenn der Frühwind -über das Bruch blies, sahen wohl schwarze Klumpen, -die jäh hin- und herfuhren und im Nebel verschwanden, -hörten den Mörder trenzen und röhren, aber wenn der Tag -kam und die Büsche und Bäume aus dem Nebel zog, dann -stand der Unglückshirsch längst in der sicheren Dickung, oder -saß in der Suhle im wilden Bruche.</p> - -<p>Keine fünfzig Schritte von dem Hochstande, auf dem -der Forstmeister die Nacht verbrachte, forkelte er einen angehenden -Zehnender zu Schanden. Der Forstmeister hörte -jeden Laut, konnte den Kampf genau verfolgen, hatte -währenddem die gestochene Büchse unausgesetzt an der Backe, -bereit, trotz des fehlenden Lichtes den Schuß zu wagen. Er -hörte das Brechen der Büsche, das wilde Rauschen im -Risch, das Aneinanderprasseln der Geweihe, das Schnauben -und Stöhnen der beiden Kämpen, und er hörte auch, wie -plötzlich hageldicht die Stöße fielen, dumpf dröhnend, wie -Stockschläge auf einen Mehlsack. Dann brach es laut in -der Dickung, dann rief der Schadhirsch seinen trockenen, gemeinen, -<span id="corr129">höhnischen</span> Jubelruf dem Forstmeister zu, und dann -stand die Stille wie eine Mauer rund um die Wiese.</p> - -<p>Als die Sonne sich durch den Nebel quält, ist die Wiese -kahl, wie eine Mädchenhand; eine einzige alte Ricke äst sich -an dem Moorbache entlang. Unausgesetzt lärmen in der -Dickung die Häher. Mit steifen, kalten Gliedern steigt der -Weißbart von der Kanzel. Seine Stirn kraust sich, wie er<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -auf der zertretenen, zerwühlten, zerrissenen Wiesennarbe -Schweiß findet, dunkelbraunen, trüben Schweiß, Leberschweiß. -Die kranke Fährte führt gerade dahin, wo die Häher zetern -und keifen. In der Lichtung der alten Dickung liegt der -Zehnender auf der Seite, die Läufe weit von sich gestoßen. -Der Lecker hängt weit aus dem Geäse, die Lichter sind gebrochen. -Er ist schon seit Stunden verendet. Ein Stoß in -die Leber brachte ihn um.</p> - -<p>Der Forstmeister sendet reitende Boten ab und sein -Sekretär steht den halben Morgen am Fernsprecher. Der -Schadhirsch muß sterben. Da alles Passen und Weidwerken -nichts nützte und das Einlappen auch nicht half, soll der -Hirsch bestätigt und vor dem Hunde geschossen werden. -Abends kommen die Schützen an. Dreißig Mann sind es, -Förster, Jagdpächter, Bauern, alles sichere Leute. Sie verteilen -sich im Dorfe, denn der Krugwirt kann sie nicht alle -beherbergen. Am andern Morgen meldet der Fernruf, daß -der Hirsch in der hellen Weide fest sei, einem vermoorten, -verwachsenen Birkenwalde. Zu Rad und zu Wagen fahren -die Schützen zu dem Belauf, in dem die helle Weide liegt. -Wie die Katzen, so leise, schleichen sie sich an ihre Stände, -und ebenso lautlos treten die Treiber an. Der Hegemeister -legt seinen uralten, lahmen Söllmann zur Fährte: der einzige -Schweißhund weit und breit ist er, der eine gesunde Fährte -arbeitet. Das unterschiedlichste Wild läuft die Schützen an, -ein jagdbarer Hirsch, Wildbret, zwei Sauen, ein guter Bock, -der Fuchs; kein Schuß fällt, denn nur auf den Schadhirsch, -den Meuchelmörder, darf der Finger krumm gemacht werden. -Eine Stunde vergeht, da taucht der rote Hund und hinter -ihm das rote Gesicht des Hegemeisters bei den Schützen auf. -Der Hirsch ist nicht vorgekommen. Ein Förster spürt auf -dem Rade die Gestelle rund um das Jagen ab; der Hirsch -steckt noch im Treiben.</p> - -<p>Das Jagen wird noch einmal getrieben. Der Hirsch<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -zieht in voller Deckung am Rande des Treibens entlang. -Der Forstmeister läßt das Jagen noch einmal treiben und -geht mit zehn Schützen mit der Treiberwehr. Das hilft; -endlich knallt es. Aber das Horn meldet nicht: »Hirsch tot!« -Er ist vorbeigeschossen. Wie eine Katze, so leise, war er -bis dicht vor einen Schützen gezogen und hatte mit jäher -Flucht die Brandrute überfallen. Zwei hastige Kugeln -pfiffen taub hin und her. Alle Mühe, alle Kosten waren -vergebens gewesen. Der Hirsch spürte sich bis in das Stiftsmoor -und dort verlor sich die Fährte. Aber das Treiben -hatte er wohl übel genommen. Sein trockener Schrei ward -nicht mehr vernommen in dieser Gegend. Drei Jahre lang -erzählten sich die Jäger die Schauermär von dem Schadhirsch, -der in einer einzigen Brunftzeit sieben gute Hirsche zu -Schanden geforkelt hatte. Wie der Dieb in der Nacht war -er gekommen und gegangen, wohin, das wußte keiner. In -den Zeitungen wurde Nachfrage nach ihm gehalten, aber es -wurde nicht bekannt, wo er geblieben war.</p> - -<p>Ein Mann wußte um das Geheimnis des Mordhirsches. -Das war der rote Hein, der Waldbummler und Tagedieb, -der in der Kreisstadt am Tage Beeren und Pilze verkaufte -und des Abends Ricken und Hasen, die er in den Wäldern -gestrickt hatte. Er war am Tage nach der Treibjagd durch -das Rauhe Horn geschlichen, um Schwämme zu suchen und -nebenher nachzusehen, ob sich nichts in den Schlingen gefangen -hatte, die Tags vorher seine beiden Jungens auf die -Rehwechsel gestellt hatten. Als er so durch den verwachsenen -Moorwald schlich, sein Fuchsgesicht gewohnheitsmäßig zu -einer recht dummen Grimmasse verziehend, ab und zu einen -Pilz losschneidend und über die Schulter in den Tragkorb -fallen lassend, da war er plötzlich ganz in sich zusammengefallen -und hatte sich geduckt, wie ein Fuchs, der die Maus -anspringen will. Das rote Haar auf seiner sommersprossigen -Stirn zuckte hin und her und seine abstehenden Ohren bewegten<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -sich langsam, denn da vorne ging etwas Seltsames -vor sich. Es stöhnte und ankte dort, als läge ein Mensch -im Sterben. Die Kreuzotter kriecht nicht so leise wie Hein -Thomann kroch. Den Tragkorb hakte er ab, setzte die alte -Mütze auf und zog sie tief in die Stirne, ließ die Schuhe -bei dem Korbe stehen, und dann glitt er, den kurzen Totschläger -fest in der Faust haltend, schnell, aber lautlos näher, -jeden Zweig vermeidend, der sein verschossenes Zeug streifen -konnte. Vorsichtig bog er den Weidenbusch zur Seite, hinter -dem her das halblaute Stöhnen erklang, und hob den Stock -mit dem Bleiknopfe zum Schlage. Aber dann fuhr er zurück -und sein fahles Gesicht wurde weiß, denn was er da sah, -das war gräßlich.</p> - -<p>Hinter dem breiten, tiefen, steilwandigen Entwässerungsgraben -hing zwischen den beiden Stämmen einer Zwillingskiefer -eingeklemmt ein starker Hirsch mit weißumbänderten, -weit hervorgequollenen Lichtern und heraushängendem Lecker. -Die ganze Nacht mußte er schon so gehangen haben, denn -von den Hinterläufen war der braune Boden zerkratzt und -zertreten. Schlaff hing der Hals zu Boden und das Geweih -mit den langen, dicken, spitzen, endenlosen Stangen berührte -mit den blutrot gefärbten Kampfsprossen fast die Erde; -schrecklich aufgetrieben war der Leib des Hirsches. Ein ohnmächtiges -Zittern erschütterte ab und zu seine Decke, matt -spielten die Lauscher, krampfhaft zuckte ab und an ein Lauf, -und unaufhörlich kam aus dem weißschaumigen Windfange -ein hohles, trocknes, hoffnungsloses Stöhnen.</p> - -<p>Ein Schauder überlief den Schlingensteller. Er nahm -die schmutzige Kappe ab und fuhr mit der goldhaarigen Hand -über die nasse Stirn. Er hatte nie Mitleid empfunden, -fand er ein Reh in der Drahtschlinge zappeln, das brachte -das Handwerk mit sich. Aber dieses hier? Eine ganze -Nacht sterben? Ganz langsam, bei lebendigem Leibe? Der -Mann schüttelte sich. Er zog die Schnapsflasche hervor, tat<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -einen kleinen Schluck, sah scheu hin und her, und schlich -näher. Ein dumpfer Schlag, das Stöhnen brach; ein Blitz -aus der Hand, und in gebogenem Strahl plätscherte der rote -Schweiß aus der Schlagader des Hirsches. Hein Thomann -verstand sein Geschäft; nach drei Stunden war der Hirsch -zerwirkt. Die Knochen und das Gescheide verschwanden im -weichen Schmorboden, bis auf einige schöne Stücke hing das -ganze Wildbret an Weidenruten in die Krone einer dichten -Fichte, mit Papierfetzen gegen Marder und Krähe verblendet, -und in einer anderen Fichte hing der Schädel des Mordhirsches -mit dem blutroten Geweih. Drei Nächte lang -schleppte Thomann mit seinem hageren, schwarzhaarigen -Weibe und seinen drei hungerigen Taugenichtsen von Jungens -Kiepe auf Kiepe nach der Kreisstadt. Thomann ging zum -Biere und hielt seine Freunde frei, seine Alte hatte ein anständiges -Kleid an und seine Jungens neue Stiefel.</p> - -<p>In einer schlechten Wirtschaft in der großen Stadt, wo -bemalte Weiber an weißen Marmortischen auf Raub lauern, -hängt an einem Pfeiler das hohe, weitausgelegte Geweih -des Vierenders, des Meuchlers, des Schadhirsches, der sich -selbst richtete und den langsamen, schrecklichen Tod starb, den -Tod des Mörders.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Alte_vom_Berge">Der Alte vom Berge.</h2> -</div> - -<p>Hell scheint die Sonne gegen den weißen Berg. Die -Buchenjungenden brennen, der Stangenort lodert, der Fichtenhorst -steht in Flammenschein.</p> - -<p>Meisen zwitschern, Goldfinken flöten, Häher schwatzen. -Das Geschwätz bricht ab, setzt als Gezeter wieder ein, flaut -ab, schwillt an und endet in einem schneidenden Gekreische.</p> - -<p>An der steilsten Stelle der grauen Wand, auf dem -schimmernden Schneefleck, leuchtet ein roter Fleck auf. -Schimpfend und lästernd fallen die bunten Vögel in der -krummen Linde über der Felsplatte ein, stellen sich entsetzlich -giftig an und stieben ärgerlich keifend ab.</p> - -<p>Einen schiefen Blick schickt ihnen der Fuchs nach; dann -reckt er sich, gähnt herzhaft, reckt sich abermals, fährt zusammen -und beginnt sich heftig mit dem Hinterlaufe hinter -dem Gehör zu kratzen, wohlig dabei knurrend, fährt dann -mit dem Fange nach der Keule, flöht sich auch dort ausgiebig, -kratzt sich stöhnend und murrend den Nacken und sitzt -dann würdevoll da, ab und zu den Kopf wendend.</p> - -<p>Vom Vorholze tief unter ihm fallen <span id="corr134">hastige</span> Axtschläge<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -herauf; es stört ihn nicht. Das eilige Kreischen der Säge -ertönt; ihn kümmert es nicht. Ein knirschender Laut wird -hörbar, dem ein Prasseln folgt, das in einem dröhnenden -Poltern endigt; ihm ist es gleich. Der Berg zittert leise, -dann stärker, ein wildes Gebrüll donnert durch die Luft; auch -das läßt ihn kalt. Die Arbeit der Holzfäller ist er seit -sieben Jahren gewöhnt, und die Sprengschüsse der Steinbrucharbeiter -erst recht.</p> - -<p>Auch das Piepsen der Goldhähnchen, das Zetern des -Zaunkönigs und das Trillern der Schwarzmeisen bringt ihn -nicht aus seiner Ruhe; vor sechs Jahren reizte es ihn, einen -Versuch zu wagen; jetzt weiß er, daß das keinen Zweck hat. -Er gähnt, reckt sich, kratzt sich abermals, rekelt sich in der -Sonne und hockt dann wieder unbeweglich da.</p> - -<p>Eine ganze Weile sitzt er so, bis die Flöhe unter der -warmen Decke gar zu frech in seinem graubereiften Balge -werden und er sie wieder mit Klaue und Zahn zur Ruhe -bringen muß. Aber mitten in dieser Beschäftigung hält er -ein; seine bernsteingelben Seher erweitern sich, seine schwarzen -Gehöre stellen sich aufrecht.</p> - -<p>Da, halbrechts unten, sind sie wieder, die beiden Töne, -die er vernahm. Und noch einmal das Brechen, und noch -einmal das Husten. Der Fuchs steckt wieder die sorglose -Miene auf. Es ist nichts, wenigstens nichts Schlimmes. -Ein Mensch zwar, aber ein guter Bekannter, der alte Oberholzhauer, -in dessen tranduftender Fährte sich immer etwas -Gutes findet, ein Endchen Wursthaut, ein Stückchen Butterbrotsrinde, -ein Bückingskopf.</p> - -<p>Ach ja, Wursthaut und Bückingskopf! Der Fuchs zieht -Geschmacksfäden, die silbern in der Sonne blitzen, und in -seinem Wanst rumpelt und pumpelt es. Vorgestern Plattfrost -und steifer Nordost, gestern Schlackschnee, das waren -zwei magere Tage. Eine verluderte Krähe, ein scheußlich -salziger Heringsschwanz, ein steinharter Knochen mit nichts<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -daran und zwölf Nachtschmetterlinge, die hinter der losen Rinde -eines Buchenstumpfes überwinterten, das war alles.</p> - -<p>Aber heute wird es mehr geben. Den ganzen Morgen -hat es geschneit und es wird noch mehr schneien, denn die -Luft ist still und weich. Aber brach da unten nicht etwas? -Natürlich! Ein Hase ist es, den der alte Mann aus dem -Lager trat. Die dicke Lunte des Fuchses zuckt hin und her, -daß die weiße Blume blitzt. Der Hase hoppelt gerade auf -die Steinplatte zu. Langsam schiebt sich der Fuchs voran. -Da bröckelt der Schneerand der Steinplatte ab, fällt rauschend -in das Buchenlaub, der Hase hält inne, macht einen Kegel -und hoppelt im rechten Winkel fort. Also dieses Mal gelang -es nicht, wie meistenteils.</p> - -<p>Aber nun merkt der alte Fuchs recht, wie sehr es ihn -hungert. Ganz elend wird ihm inwendig. Es hat keinen -Zweck, hier sitzen zu bleiben. Sonne auf dem Balge wärmt -ja, aber frisches Fleisch im Balge hält wärmer. Es ist noch -heller Tag, aber hier oben am Berge ist die Luft rein, und -wenn ein Bummel durch Busch und Stangenort auch nicht -viel einbringt, etwas kommt immer dabei heraus.</p> - -<p>Fort ist er; ein leises Knirren der langen Grashalme, -ab und zu das Zerstäuben des Schneebehanges zeigt, wo er -blieb. Jetzt taucht er in der alten Holzriese auf, sichert einen -Augenblick zum Abhange hin und ist wieder fort. Der Wanderfalke, -der auf der höchsten Zacke des zopftrocknen Buchenüberhälters -hakt, äugt unter sich, denn Reinecke macht sich -dort zu schaffen. Irgend etwas findet er dort immer, auch -heute. Viel ist es ja nicht, nur der Rest einer Krähe. Der -Hunger treibt es hinein.</p> - -<p>Weiter geht es auf dem engen, hochverschneiten Passe -zwischen den Jungbuchen. Ab und zu unterbricht eine Flucht -über einen faulen Stamm oder eine hinderliche Klippe das -langsame Schnüren, hin und wieder verhofft er auch ein -wenig. Allzu verlockend schwirrt und schnurrt das Meisenvolk,<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -nach Frostspannern suchend, über den Schnee hin. -Meist bringt diese Jagd nichts ein, aber einen Augenblick -kann man schon daran wenden; vielleicht glückt es. Aber -schon schnürt er weiter. Die Finkmeise hat ihn spitz; sie -schlägt Lärm und schimpfend stiebt der ganze Trupp in die -Kronen.</p> - -<p>Nun aber schnell fort, denn diese Gesellschaft ist lästig. -Also umgedreht, in die Dickung, den Berg hinauf, und von -oben her in das Stangenholz hinein. Langsam, hier riecht es -nach Maus, ganz frisch sogar. Mit schiefem Kopfe steht er -vor dem schwarzen Loche in dem Schnee. Etwas Graubraunes -will heraus. Er faßt zu, es quitscht, eine schnelle -Bewegung des Kopfes, ein heftiges Wedeln der Lunte, ein -lautes Schmatzen, und weiter schnürt er. Hier riecht es nach -Reh, darum halt! Auch ganz frisch, darum entlang in der -Doppelfährte! Ricke mit Kitz, aber beide gesund. Dann hat -es keinen Zweck!</p> - -<p>Einen Augenblick überlegt er. Hier irgendwo wurde er -einmal sehr satt. Richtig, halblinks, um die grauen hohen -Felsen herum, an dem Fichtenhorst vorbei, unter den losen -Steinplatten hindurch in das große Trümmerloch hinein! -Hier hatte er an einem schönen Spätherbstmorgen gelegen -und sich den Balg vom Nachttau getrocknet. Da hatte er -es knallen hören, nicht sehr weit, und nach einem Weilchen -brach es über der Schlucht, Steine polterten, Schutt rieselte -und rasselnd fiel es in Laub und Kraut.</p> - -<p>Er hatte sich schnell in Sicherheit gebracht, aber abends, -als die Eule schrie, war er auf Umwegen an die Schlucht -herangeschnürt. Da war er auf Rehschweiß gestoßen, hatte -immer mehr gefunden und hatte die Rotfährte gehalten bis -an die steile Wand, war das Zickzackband der Wand hinabgeschlichen, -und als er im Grunde war, da schlug ihm die -volle Rehwitterung entgegen. Das war ein Fest! Eine -Flucht machte der Bock noch, aber keine zweite mehr, da<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -hatte er ihn an der Drossel, und lange Zeit zum Klagen -ließ er ihm nicht. In der Nacht war er satt geworden, daß -es für zwei Tage hinlangte. Aber alle Tage sind nicht so. -Heute riecht es hier nur nach Schnee und Moos und -Mulm.</p> - -<p>Also weiter, die Klippen hinauf, an der Wand entlang -in den Hohlweg hinein, wieder in die Klippen und wieder -heraus. Aber die Höhle könnte man mitnehmen; einmal -gab es dort einen angeschweißten Hasen, der sich da gesteckt -hatte, ein anderes Mal einen Jungdachs, der vergeblich an -den Wänden herumfuhr, als Reineke in dem Ausgang erschien, -und einige Siebenschläfer wurden dort auch erbeutet, -ja, einmal sogar eine Eule. Hier ist nichts da, nur Eiszapfen -und Schnee. Ein paar dicke Motten finden sich -schließlich noch; die werden mitgenommen. Aber die Fledermaus -bleibt hängen, nichts wie Haut und Knochen, und sie -riecht schlecht.</p> - -<p>Mißmutig überlegt er, wohin er sich nun wenden solle. -Da fährt er zusammen. Über ihm erschallt des Hasen -Todesklage. Mit jäher Flucht nimmt er den Kopf der -Klippe und will auf die folgende, von der er in das helle -Holz äugen kann, da verhofft er. Hasenklage verspricht -oft mehr, als sie hält. Es ist schon lange her, aber wer -das einmal durchgemacht hat, der vergißt es nicht. Das -war auch so ein weicher, milder Wintertag nach steifem -Nordost und er hatte auch zwei Tage gehungert oder noch -länger. Er war um die Mittagszeit durch das Stangenholz -geschnürt. Es schneite breit und langsam und kein Lüftchen -ging.</p> - -<p>Da erscholl über ihm der jämmerliche Laut. Er kannte -ihn gut. So hatte der Has geklagt, den er acht Tage vorher -riß. Ein merkwürdiger Has, denn er saß mit dem -Halse in einer der dünnen, langen Ranken, von denen oft -Stücke an den guten Wursthäuten sind. Und da dachte<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -Reineke, es säße wieder so ein Häslein fest, und war, ohne -erst Wind zu nehmen, losgetrabt, bis vor den Baum, von -woher das Klagen kam. Und da hatte sich der Baum so -merkwürdig schnell bewegt, Reineke fühlte ein Stechen und -Schneiden an der linken Seite, sah es blitzen, hörte es krachen -und kam erst wieder recht zur Besinnung, als er in seinem -Feldloche saß und sich die brennende Seite leckte. Seit der -Zeit holt er sich immer erst Wind. Seher und Gehör -trügen, die Nase nie.</p> - -<p>Eine Weile windet er. Dann schleicht er vorsichtig den -Hang entlang, bis er unter dem Winde ist. Und da bleibt -er. Noch einmal klagt der Hase, matter, schwächer, immer -gedämpfter klingt es. Der Fuchs schleicht langsam näher, -immer den Kopf hoch, immer mit den Nasenflügeln heftig -schnuppernd und die Seher auf jeden Stamm richtend. Dort, -gerade aus, muß es sein. Aber er gewahrt auf dem Schnee -kein zuckendes, zappelndes Ding. Ringsumher ist es still -und stumm und es riecht nur nach Stein und Holz und -Moos und Schnee.</p> - -<p>Die Sache stimmt nicht. Reineke setzt sich auf die -Keulen. Er hat ja viel Hunger, aber er hat auch viel Zeit. -War es ein Has, so kriegt er ihn immer noch, und war es -keiner, dann ist es um so besser. Aber jetzt läßt sich da -etwas vernehmen; es war, wie wenn eine Eichkatze am -Stamm kratzt. Aber dann ist wieder alles still. Jetzt hat -sich da an dem Baume etwas bewegt. Reinecke windet -wieder. Hier kesselt der Wind. Ganz leise und langsam schleicht -der Fuchs nach rechts, alle Augenblicke verhoffend, dann -wieder weiter schleichend, um abermals zu verhoffen. Auf -einmal fährt er zurück, stößt ein kurzes heiseres Gebell aus, -wendet jäh um und trollt, so schnell er kann, dem dichten -Bestand zu, daß der Schnee stäubt.</p> - -<p>Es war nicht Has, es war Mensch. Reineke ist sehr -vorsichtig geworden. Er traut sich aus den Dickungen nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -heraus und erst, wie der Himmel alles Rot verloren hat, -die Goldhähnchen schon tiefer suchen, die Zeisige in den -Fichten einfallen, im hellen Holze die Eule heult und die -Steinbruchsarbeiter laut singend hinter dem tanzenden Lichte -den Steinweg hinabtrampeln, da bekommt er die alte Sicherheit -wieder. Aber viel länger, als vorhin, holt er sich in -jeder Schlucht und auf jedem Kamme erst Wind.</p> - -<p>Es ist schon recht dunkel, da schnürt er den Holzfahrweg -entlang, findet am Frühstücksplatz eine Wursthaut, an -einem Stück Papier etwas Schmalz, greift am Bach eine -Maus, regt sich zwischen Holz und Feld an den frischen -Hasenspuren auf, prüft alle Rehfährten daraufhin, ob sich -nicht Schweißwitterung an einer davon findet, scharrt auf -dem Felde aus dem Mist einen faulen Hühnerkopf, würgt -ein stinkendes Darmende hinein, das er aus einem anderen -Misthaufen kratzt, stattet dem Fischteich einen erfolglosen -Besuch ab und schleicht in der späten Dämmerung um das -Gut herum, bis laute Menschenstimmen ihn verjagen.</p> - -<p>So trabt er in großem Bogen zum Dorfe, findet am -letzten Hause auf dem Dungplatz einen Ballen fettiger -Schweinehaare vom Schlachtfest, die er mit Widerstreben -hinunterwürgt, gedenkt traurig der Nacht, als er hier die -halbwüchsige Katze erwischte, muß eilig abtrollen, weil ein -kläffender Spitz in den Hof hinausfährt, stellt am Bache -fest, daß die Enten und Gänse wohl da waren, aber nicht -mehr dort sind, findet am Luderplatze nur blanke Pferdeknochen, -am Kalkofen überhaupt nichts, bei der Mühle dasselbe, -und macht auf seiner meilenlangen Fahrt durch die -Feldmarken und die sieben Berge hinter ihnen die Erfahrung, -daß der Has viel zu hellhörig ist und daß die Hühner -verschwunden zu sein scheinen. Eine einzige Maus scharrt -er mit vieler Mühe noch aus, dann ist die Nacht hin und -er trollt dem Holze wieder zu, in der stillen Hoffnung, in -den Schlehenbüschen noch einen Igel im Winterlager zu<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -finden oder auf der Luzerne davor einige Mäuse zu -greifen.</p> - -<p>Der Igel aber liegt unter schützendem Schnee und -Mäuse gibt es auch nicht. Als er ganz trübselig den Bach -entlang schnürt, stößt er auf frische Rehwitterung. Gewohnheitsmäßig, -aber ohne Hoffnung, schnürt er der Fährte zu -und steckt die Nase hinein. Sofort ist er wieder munter, -denn in der Fährte liegt ein Tröpfchen Schweiß. Bei dem -Wurfboden einer Buche findet er wieder Schweiß in der -Fährte, einen breiteren Tropfen, und je näher er an den -Buchenaufschlag kommt, um so stärker werden die Schweißflecken -im Schnee, um so frischer sind sie und immer heftiger -weht Reinekes buschige Rute.</p> - -<p>Ganz vorsichtig schleicht er in dem Hauptwechsel entlang, -bis er in dem Buchenaufschlag ist. Da hat er auch -dicht vor sich die volle Rehwitterung. Noch vorsichtiger -schleicht er näher, da rauscht es auch schon über ihm, poltert -es, rasselt es, stiebt es, und nun schleicht er nicht mehr, er -schnürt eiliger, immer hastiger, und je schneller es vor ihm -bricht und rauscht, um so flüchtiger wird er, immer unter -dem Winde neben der kranken Fährte, die Nase einen halben -Fuß über dem Schnee.</p> - -<p>Das laufkranke Kitz flüchtet bergan, Reineke immer -hinter ihm drein. Es schlägt einen Haken, macht einen -Wiedergang, läßt den Fuchs hinter sich, aber der hält die -Fährte, und als es zitternd und keuchend verhofft, weil bei -jeder Flucht die Schalen durch die harte Schneekruste treten -und die Läufe immer mehr schmerzen, da vernimmt es des -Verfolgers lautes Hecheln schon unter sich. Es flüchtet bergauf, -über faule Stöcke, zwischen Klippen hindurch, in die -verschneiten Dickungen hinein, in das Stangenholz, aber -Reineke ist immer dicht an ihm. Immer kürzer wird das -Reh, immer länger der Fuchs. Einmal schon faßt er Haar,<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -aber laut aufklagend reißt es sich los, bricht seitwärts aus -und poltert in der vereisten Holzriese den Hang hinab.</p> - -<p>Ihm nach trabt der Fuchs. Seine Seher glühen, lang -hängt die Zunge aus den schwarzen Lefzen, fest angelegt -sind die spitzen Gehöre, die Lunte flattert wie eine Fahne -über seinem Rücken, Schaum spritzt rechts und links in den -Schnee. Jetzt ist er bei dem Reh, es wird noch einmal hoch, -flüchtet durch den verschneiten Aufschlag, aber der Fuchs ist -jetzt immer Seite an Seite mit ihm und springt bei jeder -dritten Flucht an ihm herauf. Jetzt faßt er an, zieht nieder, -jämmerlich klingt das Angstgeschrei durch den Wald, frecher -antwortet der Baß eines Altrehes, ein Schmalreh schmält, -und dann ist es still.</p> - -<p>In dem kleinen Erdfalle, neben dem breiten Steinblock -unter dem sparrigen Holunderbusch schlagen des Kitzes -Hinterläufe den Schnee von dem Buchenlaube. An der -Kehle zerrt und reißt knurrend und keuchend der Fuchs, bis -es ihm naß und heiß entgegenquillt. Da hält er inne und -leckt und leckt, faßt noch einmal an, reißt noch einmal, stößt -seine Nase zwischen die Lauscher, unter das Vorderblatt, in -die Dünnungen, in den Spiegel des Rehes, zupft erst hinter -dem Blatt, reißt heftiger, verhofft, windet und schneidet an.</p> - -<p>Er ist nicht mehr der saubere Fuchs, dessen eisgrau -bereifter Balg wie geleckt aussieht. Das Gesicht ist rot -besudelt, der weiße Brustlatz ist fort. Er zieht und zerrt, -reißt die Öffnung weiter und hält plötzlich inne. Sein -Rückenhaar sträubt sich, heiser faucht, dumpf murrt er, und -giftig keckernd fährt er einem anderen Fuchse entgegen, der -seit einer Stunde der Rotfährte gefolgt ist. Wieder wird -es laut im Walde, so laut, daß die Steinbrucharbeiter, die -in dem Hohlweg hintereinander herstampfen, erstaunt stehen -bleiben und eine Weile dem gellenden Kreischen zuhören, -das sich den Berg hinaufzieht, bis es auf dem Kamme -verhallt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<p>Der Alte vom Berge hat den Schmarotzer abgebissen. -Eilig, aber immer windend und verhoffend, schnürt er zu -seiner Beute zurück und füllt sich bis zum Platzen. Erst, -als es ganz licht ist und die Forstarbeiter mit Axt und Säge -laut werden im hohen Holze, als die Zeisige die Fichten -verlassen, die Krähen über den Berg streichen, Goldfink, -Häher und Zaunkönig sich melden, schiebt er mit der Nase -den Schnee von allen Seiten über das Reh, es für die -kommende Nacht aufhebend.</p> - -<p>Faul und dick schnürt er den Steig entlang, bis zu dem -Loche, in dem sich die Quelle sammelt. Da schlappt und -schlappt er das eisige Wasser, bis sein Brand gestillt ist, -rollt sich im weichen Schnee und schnürt dann den Hang -hinauf bis vor seine Burg.</p> - -<p>Die Sonne kommt rot und rund an der Flanke des -Berges hoch und trifft eben noch die weiße Spitze von -Reinekes Lunte, die gerade in der Spalte verschwindet, die -in seinen Bau führt.</p> - -<p>Da wird der Tag verschlafen und vielleicht die Nacht -dazu, und am Ende noch einen Tag, wenn ihn der Durst -nicht hinaustreibt.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Einwanderer">Die Einwanderer.</h2> -</div> - -<p>»Eine dumme Geschichte das«, dachten die Kaninchen, -»wirklich, eine zu dumme Geschichte!«</p> - -<p>Nun waren es drei Tage her, daß sie nicht Wald noch -Feld gesehen hatten. Seit drei Tagen waren sie in Kisten -und Kasten herumgefahren, geschüttelt und gerüttelt worden, -daß ihnen Hören und Sehen verging. Jedes Mal, wenn -das Rütteln und Schütteln aufhörte, dachten sie, nun käme -die Erlösung, aber es kam weiter nichts, als neues Rütteln -und Schütteln.</p> - -<p>Froh und heiter hatten sie in ihren Sandbergen an der -Emse gelebt, sich an den guten Sachen fett geäst, die auf -den Feldern und Wiesen wuchsen, fleißig an ihren Bauen -gearbeitet, ab und zu mit den Hirtenhunden Kriegen gespielt, -mit diesen albernen Hunden, die nicht dahinter kamen, daß -ein Kaninchen schneller ist, als alles auf der Welt, das -Haare und vier Beine hat und daß es sich unsichtbar machen -kann, wenn es will.</p> - -<p>Aber eines Tages kamen Männer mit Hunden und -jagten die Kaninchen allesamt aus Busch und Heide zu<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -Baue. Das wäre weiter nicht schlimm gewesen, denn unter -der Erde ist es warm und gemütlich. Aber dann kam das -Schreckliche: ein langes, weißes Tier, was wie ein Iltis roch -und rote Augen hatte, war in die Baue eingeschlieft und da -es eine Klingel um den Hals hatte, entsetzten sich die Kaninchen -so arg, daß sie Hals über Kopf zu Tage fuhren. -Das heißt, fahren wollten, denn ehe sie zur Besinnung -kamen, verstrickten sie sich in einem Netze und kugelten damit -im Heidkraute umher.</p> - -<p>Und dann begann das eigentliche Elend. Sie wurden -köpflings in einen Sack gesteckt, in dem sie in Todesangst -hin- und herschossen, bis sie sich so abgestrampelt hatten, daß -sie zitternd auf einem Haufen saßen. Dann wurden sie in -dem Sacke weit weggetragen, dann kamen sie in eine dunkle -Kiste. Allerlei Futter fanden sie vor, aber sie rührten es -nicht an und scharrten und knabberten an den Brettern, bis -sie müde waren. Dann fuhr man sie in der Kiste über -holprige Heidewege und lud sie irgendwo ab und dann wurden -sie wieder aufgeladen und den halben Tag gefahren.</p> - -<p>Rumpeldipumpel machte der Wagen und die drei Kaninchen -fuhren übereinander hin. »Prr,« schrie der Jagdaufseher -und das Pferd stand. Der Kastendeckel öffnete sich, -eine derbe Faust faßte hinein, erwischte ein Kaninchen nach -dem anderen und dann flogen die drei kopfüber, kopfunter -in das Heidekraut. Einen Augenblick saßen sie da, geblendet -von der Sonne, betäubt von dem Geruche der Kiefern und -der Heide, aber nur einen Augenblick, dann schlug jedes einen -Haken und verschwand in der hohen Heide. Hinter ihnen -her erklang das Gelächter des Jagdaufsehers.</p> - -<p>Da saßen nun die drei unglücklichen Dinger, jedes unter -einen Busch Heidekraut gedrückt und wußten nicht, was sie -machen sollten. Still und stumm war es. Irgendwo schrie -ein Häher, Wasserjungfern flirrten vorüber, die Grillen -schwirrten, die Hänflinge und Goldammern sangen und es<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -roch nach Heide, Kiefern und Birken. Aber es war eine -andere Heide, als die Heimatsheide. Dort führten überall -die Pässe der Kaninchen hin und her, ringsumher lag Kaninchenlosung -und die Luft war voll von Kaninchenwitterung. -Hier war von alledem nichts. Nach Hase und Reh roch -es, aber nicht nach Kaninchen.</p> - -<p>So dachte Hopps, der Rammler. Er war von Natur -aus sehr vorsichtig, denn er hatte im Gegensatze zu seinesgleichen -einen kohlenschwarzen Balg mit einer silbernen -Blässe mit auf die Welt gebracht und fiel in Sand und -Heide zu sehr auf. Aber als er eine Viertelstunde unter -dem Heidebusche gesessen hatte, machte er einen Kegel und -sah sich um. Alles, was er sah, waren junge Kiefern und -Birken, Heide, Sand und der silbergraue Stumpf einer -Kiefer. Darauf hoppelte Hopps zu, denn da schien ihm -besseres Kraut zu wachsen. Er putzte sich, äste einige Blättchen -und dann scharrte er ein Wühlmausloch, das unter den -Stumpf führte, größer, alle Augenblicke halt machend und -witternd. Nach einer Stunde hatte er seinen Notbau fertig.</p> - -<p>Die Arbeit hatte ihn hungrig gemacht. Heide mochte -er nicht, Kiefern- und Birkenrinde noch viel weniger. So -setzte er sich denn auf die Keulen und prüfte ringsum die -Luft. Halblinks roch es nach Klee. Vorsichtig rückte Hopps -nach dieser Richtung hin. Wahrhaftig, der gute Geruch -wurde immer stärker und da leuchtete auch schon zwischen -den grauen Kiefern eine saftige Kleewiese auf. »Noch zu -hell, viel zu hell noch,« denkt Hopps und bleibt am Rande -der Dickung sitzen. Hinten in der Wiese bewegt sich etwas -Weißes hin und her. »Der Storch«, denkt der Kaninchenbock. -Ein Ruf kommt aus blauer Luft: »Das ist der -Bussard.« Das sind Tiere, vor denen hat er keine Angst. -Aber nun kommt von dem Felde ein heller Laut: »Also -Hunde gibt es hier auch; dann ist es Zeit, sich einen sicheren -Bau zu graben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p> - -<p>Hopps rückt, nachdem er am Grabenrand sich am Grase -geäst hat, wieder in die Dickung, eilig, aber vorsichtig. -»Halt, da riecht es ja nach Kaninchen!« Hopps schnuppert -einen Augenblick. »Das war Flitzchen.« Zweimal klopft er -mit dem Hinterlaufe die Erde. Da taucht ein grauer Fleck -zwischen zwei Heidbüscheln auf. Flitzchen ist es. Steif und -starr sitzt sie da; ebenso steif, ebenso starr sitzt Hopps ihr -gegenüber. Keins rührt sich. Dann spielohrt Hopps und -rückt näher. Flitzchen wendet sich zur Flucht. Hopps macht -Halt und klopft wieder. Da faßt sie Vertrauen. Der Wind -küselt und trägt ihr die Witterung von dem schwarzen Ding -vor ihr zu. »Ich glaube, es ist Hoppschen,« denkt sie. Da -ist er auch schon. »Bist Du es?« »Ja, wer sonst?« -»Das ist schön!« »Und wo ist Witschel?« »Keine Ahnung.« -»Wollen wir sie suchen?« »Nachher; jetzt müssen wir -einen Bau graben; es sind Hunde in der Nähe. Ein Rohr -habe ich schon fertig.« »Weiß ich!« »Wieso denn?« -»Habe es gefunden und von der anderen Seite noch ein -Rohr unter den Kiefernstumpf nieder gebracht!« »Du bist -ein mächtig kluges Mädel! Aber nun komm', wir wollen -jetzt den Kessel buddeln und dann können uns die Hunde -'was husten!«</p> - -<p>Husch, husch, geht es durch das Heidekraut. Hopps ist -ordentlich übermütig geworden, seitdem er Gesellschaft hat -und macht vor lauter Vergnügen allerlei dumme Sprünge, -und Flitzchen wird von seiner Lustigkeit angesteckt und wagt -auch einen frohen Hopser über einen bunten Stein. Als -die beiden aber nach dem alten Stumpf kommen, bleiben sie -starr sitzen, denn da rührt sich etwas. »Warte, ich hole mir -Wind!« meint Hopps und leise schleicht er im Bogen zur -Seite, bis er Wind bekommt. Aber dann klopft er lustig, -denn der Wind sagte ihm, daß dort am Stuken Witschel ist. -Da ist sie schon, die gute Dicke. Hochaufgerichtet steht sie -da und läßt die beiden herankommen. »Was wollt Ihr<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -denn hier?« »Die Rohre mit einem Kessel verbinden.« -»Habe ich schon längst gemacht. Aber wißt Ihr was? Seht -mal dahin, da steht ein dichter Dornbusch. Bis zum Kessel -sind es keine sechs Kaninchenlängen. Wenn wir nun eine -Fahrt vom Kessel bis unter den Busch bringen, dann sind -wir fein heraus!« »Fein herein auch.« »Also los!«</p> - -<p>Ein eifriges Gebuddel beginnt. Hopps fängt unter dem -Dornbusche an, Flitzchen arbeitet ihm vom Kessel aus entgegen, -und Witschel führt von dem anderen Rohre eine -Verbindungsröhre nach der Dornbuscheinfahrt, einmal der -besseren Durchlüftung wegen, dann aber auch, weil sie weiß, -je mehr Fahrten ein Bau hat, um so leichter ist das Entkommen, -verirrt sich einmal so ein Stinker von Iltis hinein. -Es war ein glücklicher Gedanke von Witschel, der Einfall -mit dem Dornbusche, denn kaum, daß die drei in der Dämmerung -am Rande der Kleewiese saßen und sich an den saftigen -Blättern gütlich taten, kam ein Bauer den Weg entlang -und hinter ihm her bummelte ein Spitz. So wie der -die Kaninchen in die Nase bekam, sauste er hinterdrein, und -wenn er sie auch nicht bekam, so hielt er doch die Fährte. -Hopps und Flitzchen nahmen den kürzesten Weg und fuhren -über die Heide zu Baue, Witschel aber schlug vor dem Hund -Haken auf Haken, bis ihm ganz dumm und albern zu Mute -war. Und deshalb sah er sich nicht vor und rannte gerade -dahin, wo Witschels Blume verschwand, mitten in den Schlehbusch -hinein, und rannte sich einen dürren Dorn unter die -Nase, so daß er heulte, daß es weit über die Heide klang, -und jammervoll winselnd kehrte er zu seinem Herrn zurück.</p> - -<p>Die drei Kaninchen unter der Erde lachten. »Was ist -denn da los?« fragte Hopps. »Ach, ich habe den dämlichen -Spitz in die Dornen gelockt und die haben ihn gekämmt. -Ich glaube, den Köter sind wir für eine Weile los.« -»Glaube ich auch,« meinte Flitzchen, »denn er hat nicht -schlecht gepfiffen.« Ein Weilchen warteten sie noch im<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -sicheren Bau, dann aber schlüpfte Hopps bis in die Dornen, -sicherte lange und klopfte die anderen heraus. Sie ästen sich -lange in der Kleewiese und machten durch ihr Hin- und Herhuschen -die zwei Hasen, die seit Jahr und Tag dort ihre -Besuchsstelle hatten, so nervös, daß diese ärgerlich nach dem -anderen Ende der Wiese rückten, und auch der Rehbock, der am -Kopfe der Wiese immer austrat, wurde zu seinem Mißvergnügen -die fremden Gäste gewahr, schimpfte mörderlich, daß -es weithin klang und zog voller Verdruß den Hasen nach. -Als es schon ganz dunkel war, bekamen die Kaninchen einen -großen Schreck, denn es brach und knickte in dem Stangenort -über dem Sandwege und etwas gewaltig Großes zog -über die Heide nach den Feldern. Was es war, wußten -sie nicht, denn dort, wo sie hergekommen waren, gab es keine -Hirsche. Aber da seine Fährte nicht nach Mensch, nicht -nach Hund und nicht nach Fuchs roch, so rückten sie bald -wieder aus der Dickung heraus.</p> - -<p>In acht Tagen hatten sie sich eingelebt. Außer ihrem -Hauptbaue hatten sie sich noch hier und da ein halbes -Dutzend Notrohre gescharrt und zu dem großen Bau noch -vier lange Fahrten mit mehreren Abzweigungen getrieben, -deren Mündungen unter Baumstümpfen und in den dichtesten -Kiefernkusseln endeten. »Jetzt kann kommen, wer da -will«, meinte die gute Witschel, und bei sich dachte sie: »Es -ist auch gut, daß wir uns eingerichtet haben, denn zum -Scharren habe ich keine Zeit mehr.« Von Tag zu Tag hielt -sie sich mehr allein und sah immer magerer und ruppiger aus, und -wenn Hopps ihr folgen wollte, ohrfeigte sie ihn, daß es nur -so brummte. Und bald ging es ihm bei Flitzchen nicht anders; -auch diese hielt sich allein und Hopps saß allein in seinem -großmächtigen Bau und dachte über die Launenhaftigkeit der -Weiber nach und sehnte sich nach der Emsheide, wo es nicht -bloß ein Flitzchen und eine Witschel, sondern viele viele -hübsche Kaninchenfräulein und -frauen gab, alte und junge,<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -dicke und schlanke, so daß ein Kaninchenherr, und besonders -ein so schöner, schwarz mit einer silbernen Blässe, sich nicht -Tag und Nacht zu langweilen braucht.</p> - -<p>Eines Tages aber machte er ein ganz dummes Gesicht -und dachte: »Nanu, träume ich oder ist mir der junge Klee -in den Kopf gestiegen?« denn an der Quelle bei dem Dornbusche -wimmelte es von kleinen Kaninchen; sieben waren es, -sechs graue und ein schwarzes. »Die wollen wir uns doch -einmal näher besehen«, dachte er, aber da fuhr Witschel, die -er gar nicht gesehen hatte, hinter einem Farrnbusche hervor -und benahm sich so unfreundlich, daß er ihr aus dem Wege -ging. Drei Tage später traf er auf dem grasigen Gestelle -vor dem Stangenorte wieder junge Kaninchen an, zwar nur -fünfe, aber zwei schwarze darunter, und als er sich die Kinder -ansehen wollte, bereitete ihm Flitzchen ebenfalls einen üblen -Empfang. Aber schon nach acht Tagen liefen die Kleinen -alleine und die beiden Mütter waren wieder nett zu Hopps.</p> - -<p>Drei Monate gingen in das Land, da sah die -Kiefernbesamung anders aus, als an jenem Apriltage, an -dem der Jagdaufseher die Kaninchen ausgesetzt hatte. Überall -war gescharrt, an den Wegen, an der Feldkante, in den -Gräben und überall war Kaninchenlosung. Der Jagdpächter -freute sich, wenn er in der Dämmerung von dem Hochsitze -in der Eiche den Graben in das Glas nahm und überall -die Kaninchen hin- und herflitzten, doch es wunderte ihn, daß -der starke Bock, der sonst immer hier austrat, sich nicht mehr -spürte. Aber dem war es in der Besamung und in dem -Stangenorte zu unruhig geworden; Tag und Nacht ruschelte -und raschelte und pochte und kratzte es, und überall roch es -nach den fremden Tieren, und kein Fleck war, wo nicht deren -Losung lag. Deshalb war er in die Nachbarjagd ausgewandert. -Auch die beiden Hasen, die sich sonst jeden Abend -vorn in der Kleewiese ästen, waren verschwunden. Erst -hatten sie tiefer in der Wiese geäst, als aber die Kaninchen<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -auch dort das Gras mit ihren Pässen durchzogen, rückten -die Hasen auch über die Jagdgrenze.</p> - -<p>Reineke Rotvoß, der Schleicher, hatte es bald spitz, -daß es in der Besamung ein neues Wild gab. Er gab sich -zwei Monate lang die größte Mühe, eins von den unbekannten -Tieren zu erwischen, aber es gelang ihm immer -vorbei. Und wenn er es noch so schlau anstellte, sie entwischten -ihm jedes Mal und dann stand er vor dem Bau, -schnupperte in die Fahrt hinein, zog Geschmacksfäden, wie -ein Hund beim Hochzeitsessen, scharrte sich lahm und müde -und zog schließlich hungrig und ärgerlich ab. Beinahe hätte -er Flitzchen einmal geschnappt, aber da klopfte Hopps laut -auf den Boden und Flitzchen schlug drei Haken und fuhr -durch den Dornbusch zu Bau, der Fuchs schrammte sich -heftig an den Dornen und machte, daß er weiter kam. Auch -Griepto Hoihnerdeiw, der Habicht, hatte kein Glück bei den -Kaninchen, und wenn er noch so listig an der Kante der -Besamung entlang strich. Jedes Mal, wenn er sich sagte: -»So, nun mache dein Testament!« dann witschten die grauen -oder schwarzen Dinger in den Busch oder in ein Loch. -Einzig und allein Dickkopp, der Kauz, hatte Weidmannsheil -und griff, als er lautlos aus der Eiche abstrich, ein Jungkaninchen. -Die anderen aber retteten ihre Bälge und wuchsen -und gediehen und als ein neuer Frühling in die Heide -zog, da machte es nichts mehr aus, riß der Fuchs auch einmal -ein Stück oder griffen sich Kauz und Habicht eins, -denn es waren ihrer schon viel zu viele und alle vier -Wochen wurden es mehr.</p> - -<p>Schon bald fingen die Bauern an, lange Gesichter und -runde Augen zu machen, wenn sie die Gänge im Getreide -sahen und einer klagte dem anderen seine Not über das -neue Unzeug. Als es von Monat zu Monat schlimmer -wurde, rückten sie dem Jagdaufseher auf den Leib, aber der -tat, als wüßte er nichts und ebenso machte es der Jagdpächter,<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -denn er sagte, ihm seien die Kaninchen selbst lästig, -weil sie die Hasen und die Rehe vertrieben. So war es -auch; seitdem Hopps, Witschel und Flitzchen und ihre -Nachkommenschaft und die Nachkommenschaft davon und -deren Nachkommen und so weiter in den Heidbergen waren, -hatten sich die Hasen nach und nach verzogen und die Rehe -waren in die Nachbarjagd hinübergewechselt, die aus Bruch -und Moorwald bestand und in der die Kaninchen nicht -leben konnten.</p> - -<p>Als es ganz schlimm wurde, veranstaltete der Jagdpächter -Treibjagden allein auf Kaninchen und wenn auch -den ganzen Tag über geknallt wurde, auf zehn Schuß kam -meist noch nicht ein Viertel Kaninchen, denn, wie der Jagdpächter -sagte: »Vorn ist das Deuwelszeug zu schnell und -hinten zu kurz.« Der Jagdaufseher kaufte Frettchen und -Garne und ging ihnen damit zu Balge, aber in der dichten -Besamung und bei den verzweigten Bauen, die alle keinen -Anfang und kein Ende hatten, lohnte das auch nicht. Er -stellte Tellereisen in die Röhren und an die Kratzstellen, -aber die Kaninchen hatten den Schwindel bald heraus und -fielen nicht mehr darauf hinein, und als der Jagdaufseher -Schwefelkohlenstoffbomben in die Baue warf, hatte er erst -recht keinen Erfolg, weil die Baue zu viel Ausfahrten hatten. -Und daß er sich hinsetzte und sie auf dem Anstand -abschoß, das brachte ihm nicht Schußgeld genug.</p> - -<p>So lebten denn Hopps, Witschel und Flitzchen lustig -weiter und von Jahr zu Jahr nimmt ihre Sippe zu. Längst -haben sie die Gemeindegrenze überschritten, rund herum -finden sich neue Siedlungen und alles, was Land oder Garten -hat, flucht ihnen.</p> - -<p>Es schadet ihnen aber nicht im mindesten. »Der Mensch -ist stark und schlau,« sagt Hopps, der alte, »aber gegen uns -kann er nicht ankommen. Witschel hat voriges Jahr achtmal -geworfen, meist sechs Stück, einmal weniger, das<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -andere Mal mehr, im Durchschnitt aber sechs. Sechs mal -acht sind achtundvierzig.«</p> - -<p>»Und ich habe im letzten Jahre vierunddreißig gehabt«, -meint Flitzchen.</p> - -<p>»Na also«, spricht Hopps.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/kapende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p> - -<h2 id="Ein_Hauptschwein">Ein Hauptschwein.</h2> -</div> - -<p>Im Helmetale war der Teufel los. Die Frühkartoffeln -waren ausgewühlt, die Erbsenfelder zertrampelt, die Saatkämpe -umgebrochen, die Haferfelder mit Wechseln durchzogen.</p> - -<p>Von irgendwoher war ein Hauptschwein zugewechselt; -überall spürte es sich. Im Helmetal gab es keine Sauen; -also war es kein Wunder, daß die Aufregung groß war. -Alles, was auf die Jagd ging, saß auf den Keiler an, aber -alle Mühe war vergebens.</p> - -<p>So dumm war der Basse nicht, daß er immer in derselben -Ecke blieb. Er kannte die Welt; er hatte seine Erfahrungen -hinter sich, sogar mehr, als ihm lieb war. Ein -Dutzend Jahre war er alt, hatte manche Kugel pfeifen, -Schrote genug klappern hören und auch sonst allerlei durchgemacht.</p> - -<p>Keine drei Wochen war er alt gewesen, da hatte ihn -die Fuchshetze beim Wickel gehabt, und hätte er nicht so -hellaut geklagt und wäre die Bache nicht ganz in der Nähe -gewesen, so war es damals aus mit ihm; aber seine Mutter<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -rannte die Füchsin über den Haufen und richtete sie so zu, -daß sie mit knapper Not ihr Leben barg.</p> - -<p>An dem Tage, da er seinen letzten Milchzahn verlor -und zum ersten Male nach Würmern und Wurzeln brach -und vor Eifer zu weit hinter seiner Mutter zurückblieb, -hatten ihn zwei Hunde halbtot gehetzt, und er wäre verloren -gewesen, wenn die Bache nicht noch im letzten Augenblicke -herbeipolterte und die Köter beiseite brachte.</p> - -<p>In seinem ersten Winter war er dreimal eingekreist gewesen, -hatte mehr als eine Kugel pfeifen hören, und das -eine Mal hatten ihm die Paläster ganz gehörig die linke -Keule gekämmt.</p> - -<p>Hinterher hatte er noch mehr erlebt. Daß er den rechten -Hinterlauf schonte, kam daher, weil ihn dort eine Kugel gefaßt -hatte; viel hätte nicht gefehlt, so wäre es damals mit -ihm zu Ende gewesen, denn drei Hunde hatten ihn gestellt. -Er stritt sie aber tapfer ab, schlug den einen zuschanden und -rettete seine Schwarte.</p> - -<p>Die sah bunt genug aus; das rechte Schild war mit -Röllern gespickt, die ein Bauer ihm da hineingepfeffert hatte, -als er ihm die Erdäpfel umpflügte. Die linke war halb -kahl, denn die hatte ihm ein Streifschuß zerfetzt. Die langen -Federn auf dem Rücken zeigten eine breite Lücke, denn dort -hatte ihn eine Kugel gefaßt; das hatte scheußlich weh getan, -und er war erst wieder zur Besinnung gekommen, als -ein Hund ihn hinten und einer vorne zerrte; beide blieben -mit aufgeschlagenen Rippen am Platze.</p> - -<p>Auch sein wehrhaft Gewaff hatte Schaden genommen; -ein Schuß in das Gebräch hatte den rechten Haderer der -Schneide beraubt und einen Stumpf daraus gemacht. Und -der Pürzel, sogar der hatte daran glauben müssen; er hatte -einen Knick in der Mitte von einem Postenschusse.</p> - -<p>Der eine Seher war blind; ein Hagelkorn hatte ihn -durchschlagen, und beide Gehöre waren aufgeschlitzt von<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -Hundezähnen. Außerdem wies die Schwarte überall Schmisse -auf, die er sich bei den Kämpfen in der Rauschzeit geholt -hatte. Kurzum: er hatte allerlei erlebt, kannte die Welt und -benahm sich dementsprechend.</p> - -<p>Darum ließ er es erst Nacht werden, ehe er die Dickung -verließ, und er trat da aus, wo er den Wind gegen sich -hatte, und auch dann erst, als er eine Viertelstunde gesichert -hatte. Dann aber legte er sich auch keinen Zwang auf und -vergnügte sich damit, die morschen Fichtenstümpfe auf dem -verwachsenen Kahlschlage kurz und klein zu brechen, denn sie -saßen voll von Käfern, Puppen, Larven und Schnecken.</p> - -<p>Darauf jagte er eine Fasanenhenne von ihrem Gelege, -fraß die Eier sämtlich auf, ließ eine Menge Mäusebrut und -einen Junghasen hinterdreinwandern, vergaß auch nicht, das -Haferstück um und um zu pflügen, denn es saß voll von -Engerlingen, nahm mit, was er an Fröschen, Blindschleichen -und Vogelbrut antraf, scheuerte sich lange und ausgiebig an -einer harzigen Fichte, machte aus einem Kartoffelfelde einen -Sturzacker, verhunzte einen Saatkamp gänzlich und schlief -um die Zeit, als der Bauer und der Förster an der Stätte -seiner Untaten standen und den Zorn Gottes auf ihn herabwünschten, -eine halbe Meile weiter in einem verwachsenen -Erdfalle, der im tiefsten Forste lag.</p> - -<p>Selbstverständlich wurde die Fichtendickung, in die er sich -den Tag vorher versteckt hatte, getrieben, weil seine Fährte -hinein- und herausstand, aber natürlich bekam man ihn nicht, -weil er eben nicht mehr da war.</p> - -<p>So trieb er es den ganzen Sommer über; bald war er -hier, bald war er dort, aber nie da, wo man ihn suchte. -Heulen und Wehklagen gab es, wo er erschien; hier waren -die Frühkartoffeln ausgewühlt, dort die Mohrrüben vernichtet, -da die jungen Erbsen zuschanden getrampelt, und im -Getreide waren Gänge über Gänge. Aber man sah immer -nur, daß er da gewesen war; wo er war, das wußte man nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<p>Einige Leute behaupteten, es wäre gar kein wildes -Schwein, sondern eine Art von bösem Geist oder Gespenst, -denn anders müßte man seiner doch einmal ansichtig werden, -denn alle Jäger weit und breit dachten an nichts anderes, -als an den Keiler und saßen die ganzen Nächte auf ihn an.</p> - -<p>Zu Blick bekommen hatte ihn aber nur einer, und der -behielt das für sich, denn als er in seinem Loche vor dem -Felde saß, hatte der Basse, wie aus der Erde gewachsen, -plötzlich dicht vor ihm gestanden und so schrecklich ausgesehen, -daß dem Manne das Herz bis in den Flintenlauf -hineinschlug und er den Keiler gründlich vorbeischoß und -dann lief, was er nur laufen konnte, und dachte gar nicht -daran, daß er Rucksack und Jagdglas liegen gelassen hatte. -Als er am andern Morgen die Sachen holen wollte, waren -sie verschwunden.</p> - -<p>Endlich hieß es: »Wir haben ihn fest!« Ein Mann, -der vor Tau und Tag zum Arzte wollte, hatte gesehen, daß -der Keiler eine mächtige Weidenpflanzung, die im Felde lag, -annahm. Nun wurde alles zusammengeholt, was den Finger -krumm machen konnte; man umstellte die Weiden und -schickte die Hunde hinein. Sie gaben Standlaut, aber als -sich endlich drei Mann zu ihnen trauten, hatten sie einen -Zaunigel vor.</p> - -<p>Das gab nun ein großes Hallo, und als sie alle auf -einem Haufen standen und lachten und schimpften, da -plauschte es in den Weiden, schnaufte es, brach es, und -weg war er, der Keiler, und in den großen Weizenschlag -gewechselt. Als man den aber abspürte, stellte es sich heraus, -daß er in den Roggen hinein war, und da spürte man -das Roggenfeld ab und fand, daß er schon in den Viehbohnen -war, und da war er auch schon wieder heraus und -in das Holz hinein.</p> - -<p>Man hielt Kriegsrat ab, beschloß, das Holz zu treiben, -machte drei Triebe, aber wer sich nicht blicken ließ, das war<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -der Basse, denn der steckte schon längst in dem großen -Haferschlage.</p> - -<p>Der Sommer ging, der Herbst kam; der Keiler war -noch immer im Helmetal, aber das Helmetal war lang und -breit. Da es mit Gewalt nicht ging, versuchte man es mit -List, körnte ihn an, streute ihm Mais, Hafer, Rüben, Wurzeln. -Er nahm sie manchmal auch an, aber nur dann nicht, -wenn irgendwo ein Jäger auf ihn ansaß, oder wenn schon, -dann erst, wenn Himmel und Erde eins waren und man das -Ende vom Gewehre nicht mehr sehen konnte.</p> - -<p>Kinder, die Beeren pflückten, und Frauen, die Dürrholz -lasen, lief er am hellichten Tage an, nur keinen Mann, -der einen grünen Rock anhatte, bis auf den alten Forstmeister, -der ihn am blanken Mittage aus der Suhle steigen -sah und sich beinahe seinen ehrwürdigen Bart ausriß, denn -als er die Büchsflinte von der Schulter und den Hahn -übergezogen hatte, da hatte ihn die Sau auch schon spitz und -ging flüchtig ab, und die Kugel traf sie ebensowenig, wie -die unchristliche Redensart, die der Weißbart ihr nachrief.</p> - -<p>Schließlich kam er einem ganz jungen Förster, aber der -führte Weichblei und der Eingänger stand halbspitz von -vorne; er bekam die Kugel zwar gut Blatt, aber bei so -einem alten Panzerschweine, dessen Schild hart und dick wie -die Haut des Nilpferdes ist und eine fingerdicke Harzkruste -trägt, ist gut Blatt von vorne der schlechteste Schuß und -schlecht Blatt von hinten die einzig wahre Stelle, und so -schnaufte die Sau bloß, machte kurz Kehrt und der Förster -stand da und benahm sich wenig geziemend.</p> - -<p>Am übelsten aber ging es einem Gutsverwalter. Dem -hatte der Eingänger ein Kartoffelstück, das in einer Waldecke -lag, so zugerichtet, daß der Spaß dabei aufhörte. Nun -war dieser Gutsverwalter ein ganz gerissener Mann. Er -ließ den Knecht anspannen und eine Leiter aufladen. Dann -mußte der Knecht unter eine Eiche fahren, die vor den<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -Kartoffeln stand, und vom Wagen aus, damit keine Fährten -den Bassen vergrämten, wurde die Leiter in den Baum gestellt -und darüber ein Hochsitz gemacht, und den nahm der -Verwalter ein und der Knecht fuhr weiter.</p> - -<p>Das war um fünf Uhr nachmittags. Um zehn Uhr -abends meinte der Verwalter, daß es allmählich Zeit für -den Keiler wäre. Der wartete aber, bis der Mond hinter -den Wolken war und dann machte er sich in aller Seelenruhe -über die Kartoffeln her, schmatzte, daß es eine Freude -war, zu hören, wie es ihm schmeckte, aber als der Mond -wieder die Wolken beiseite schob, hielt der Keiler es doch -für besser, sich zu empfehlen. Zuvor aber schubbelte er sich -noch solange an der Eiche, auf der der Verwalter saß und -sich bald den Hals abdrehte, bis daß er glücklich die Leiter -umwarf und erschrocken abtrollte.</p> - -<p>Der Verwalter aber mußte die ganze Nacht im Baume -sitzen und war, als morgens der Knecht kam, um zu sehen, -ob er noch lebte, vor Kälte so steif, wie eine überjährige -Mettwurst, so daß er kaum die Leiter hinuntersteigen konnte. -Der Keiler aber kam nicht wieder; die Geschichte mit der -Leiter hatte er übelgenommen.</p> - -<p>Der Herbst ging und der Winter kam; der Keiler war -noch immer da, aber er schätzte die Abwechslung zu sehr und -so kam er nicht zu Schusse. War er gestern im Buchenaltholze -gewesen und hatte sich an den süßen Bucheckern -gütlich getan, heute war er ganz gewiß nicht da, sondern -eine halbe Meile weiter, wenn nicht eine ganze, denn die -Nächte waren lang.</p> - -<p>Unverschämt, wie er war, kam es ihm gar nicht darauf -an, eingemietete Kartoffeln oder Rüben auszuwühlen oder in -den Pflanzgärten Unfug anzustiften, und einmal, als er spät -abends quer über die Landstraße schoß, warf er den Briefträger -um, der ohne Licht dahergeradelt kam; an dem Rade<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -waren drei Speichen und an dem Briefträger drei Rippen -aus der Reihe gekommen.</p> - -<p>Das Schlimmste war, keiner wollte glauben, daß der -böse Keiler das gemacht hätte, sondern alle sagten, es würde -wohl das gute Bier gewesen sein. Aber es war wirklich -der Keiler gewesen und ihm hatte der Vorfall ebensowenig -gepaßt, wie dem Briefträger und der Postbehörde, die, bis -der Briefträger wieder aus dem Bette war, was drei Wochen -dauerte, Vertretung stellen mußte.</p> - -<p>Schließlich hieß es: »Wenn wir nur erst Spürschnee -haben!« Der ließ aber bis Weihnachten auf sich warten, -und dann war es wieder verkehrt, denn nun schneite es in -einem Ende und schneite die Fährten, die der Keiler machte, -alle wieder zu, und dann gab es Tauwetter und Plattfrost -und Regen und wieder Plattfrost, und es war nichts zu -wollen.</p> - -<p>So wurde es Ende Januar, bis daß der Basse bestätigt -wurde. Boten liefen und ritten, Fernsprecher klingelten, -Butterbröte wurden gestrichen, Schnapsflaschen gefüllt, und -um zehn Uhr hielten acht Wagen bei der Oberförsterei.</p> - -<p>Der Forstmeister hielt in Anbetracht der Schwere des -Falles eine Rede, teilte mit, daß ein Fehlschuß mit einem -Taler zu Gunsten der Hinterbliebenen im Dienste erschossener -Forstleute bestraft werde, empfahl Vorsicht, denn angeschweißte -Sauen wären von großer Rücksichtslosigkeit und -kümmerten sich den Teufel weder um das Strafgesetzbuch -noch um die Haftpflicht, wären außerdem nervös und hätten -am liebsten ihre Ruhe, weswegen man sich völlig lautlos, -womöglich noch leiser, zu seinem Stande zu verfügen habe, -auch sei Niesen und Husten bis zum Abblasen zu verschieben.</p> - -<p>Es war ein bildschöner Tag. Der Himmel war hoch -und die Luft war still, die Fichten hatten Schneemützen auf -und die Jungbuchen weiße Hemden an, die Krähen stachen<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -sich in der Luft und die Meisen piepten in den Zweigen. -Es dauerte eine Stunde, bis daß die Schützen angestellt -waren, und mancher von ihnen fand, daß eine Saujagd auf -die Dauer ein fußkaltes Vergnügen wäre. Aber dann wurde -angeblasen und warm lief es ihnen zwischen Hemd und -Haut über den Rücken.</p> - -<p>Erst kam eine halbe Stunde gar nichts; dann dem einen -ein Fuchs und dem anderen ein Hase, aber darauf zu -schießen, war bei Todesstrafe, ja sogar bei zehn Mark Geldbuße -verboten, und dann kam eine ganze Weile wieder nichts, -und dann ein Treiber und noch einer.</p> - -<p>Schon seufzten die gesitteten Jäger, und die ungesitteten -murrten dumpf, da gab ein Hund Laut, und noch einer, -und der dritte, und es war ein Lärm, wie auf einer internationalen -Hundeausstellung, und dann pfiff ein Hund in -den höchsten Tönen; die andern aber gaben Standlaut.</p> - -<p>Und dann fiel ein Schuß, und dann schrie jemand: -»Hülfe, Hüülfee!« und die einen sahen sich nach anständigen -Bäumen um und fanden es rücksichtslos, daß ringsumher -nur junge Bestände waren, die höchstens eine Eichkatze, aber -keinen ausgewachsenen Mann tragen konnten, andere aber -rannten, so schnell sie ihre langen Stiefeln tragen wollten, -dahin, wo der Lärm war, und da sahen sie ein Bild, schrecklich -schön und doch zum Lachen.</p> - -<p>Da war nämlich ein Heringssalat von einem Keiler, -sechs Hunden und vier menschlichen Gliedmaßen, von denen -zwei in langen Stiefeln steckten und ganz erbärmlich zuckten, -während ihr Besitzer andauernd um Hilfe schrie und mit -dem Büchsenkolben bald den Keiler, bald die Hunde abwehrte.</p> - -<p>Es war ein solches Gekrabbel und Durcheinander, daß -keiner wußte, was ist nun Schütze, was Sau, was Hund, -und so mochte niemand dem Keiler den Fangschuß geben, -noch ihm mit der kalten Waffe auf die Schwarte rücken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p> - -<p>Da sprang der jüngste Schütz, ein dünner Forstlehrling -mit einem Milchgesicht und noch ganz glatt unter der Nase, -mit drei Sprüngen hinzu, setzte sich rittlings auf den Keiler, -faßte ihn am Gehöre, zog vom Leder und ehe die ausgewachsenen -Männer noch recht wußten, wie es zugegangen -war, stand er neben dem Keiler, steckte die rottriefende Wehr -in die Scheide, trat die Hunde ab und riß den verunglückten -Schützen unter der Sau fort.</p> - -<p>Nun schrie alles »Bravo!« und dann sah man sich den -Mann an, der fünf Minuten lang unter der Sau gelegen -hatte. Er sah böse aus, denn die Hunde hatten ihm in -ihrer Wut die Hosen in ganz erheblichem Maßstabe geflickt -und ihm andauernd im Gesicht herumgestanden. Das war -aber auch alles; die Knochen hatte er noch alle zusammen -und einen Fleischschmiß auch nicht abbekommen.</p> - -<p>Man gab ihm einen Schnaps und nun sollte er erzählen. -Ja, was war da zu erzählen? Er hatte gehört, -wie dicht vor ihm die Hunde den Keiler verbellten, hatte -sich herangebirscht und geschossen. Von da ab erinnerte er -sich der Reihenfolge der Tatsachen nicht mehr ganz genau. -Er wußte nur, daß er auf einmal unter dem Keiler und -zwischen einer unglaublichen Masse von Hundebeinen lag, -daß ihm bald der Schnee, bald der Geifer der Sau in -Mund und Augen flog und dann wäre es ihm heiß und -naß über das Gesicht gelaufen und dann hätte er gar nichts -mehr sehen können.</p> - -<p>Er möchte bloß wissen, wo seine goldene Uhr und seine -silberne Zigarrettendose sei und ob drei Büchsenmacher wohl -wieder seine funkelnagelneue Doppelbüchse, Wert vierhundert -Mark, halbwegs gesund bekämen. Aber schließlich: die -Hauptsache sei doch, daß er Jagdkönig sei. Es sei die erste -Sau, die er geschossen habe. Daraufhin trank er noch einen -Schnaps.</p> - -<p>Der Keiler wurde auf die Brandrute gezogen und dann<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -suchte man den Anschuß. Es war keiner da. Rundumher -Hohngelächter der Hölle; das Gesicht des glücklichen Schützen -wurde noch einmal so lang, das des Forstlehrlings nahm -eine vollmondartige Form an. Man drehte die Sau um -und um, besah sie von vorn und hinten, es war und war -kein Anschuß zu finden. Der Schütze mußte zeigen, wo er -gestanden und wohin er geschossen hatte, und da fand man -den Anschuß; eine Jungfichte war mitten durchgeschossen. -Neues Hohngelächter! Drei Mark für den Verein Waldheil -fällig wegen Fehlschusses! Drittes Hohngelächter!</p> - -<p>»<span id="corr163">Malhör</span> über Malhör!« sprach der Forstmeister, brach -einen Bruch, zog ihn durch den roten Schweiß und reichte -ihn auf seinem Hute dem Forstlehrling. »Sau tot!« blies -das Horn. Heim ging es. Fast alle ließen die Köpfe etwas -hängen. Und leise sprach der Forstmeister: »Pech ist Pech! -Das größte Pech hat der Bengel da; fängt ein gesundes -Hauptschwein mit der kalten Waffe ab. Wenn der nicht -Größenwahn kriegt, weiß ich es nicht!«</p> - -<p>Am anderen Tage kam der Trichinenbeschauer, machte -seine Proben und sprach mit strahlendem Gesichte: »Trichinen -hat er ooch!«</p> - -<p>»Auch das noch!« sprach der Forstmeister und trank -einen Schnaps.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/dekoende.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> -<p> </p> -<p> </p> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p class="noind">Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p> - -<p class="noind"> Unterschiedliche Schreibweisen von Namen wurden beibehalten.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -Titelseite: leivt → lebt<br /> -Es <a href="#corrtit">lebt</a> der dürre Sand</p> -<p> -S. 65: sind → sich<br /> -kümmern <a href="#corr065">sich</a> nicht mehr um sie</p> -<p> -S. 129: hömschen → höhnischen<br /> -trockenen, gemeinen, <a href="#corr129">höhnischen</a> Jubelruf</p> -<p> -S. 134: bastige → hastige<br /> -tief unter ihm fallen <a href="#corr134">hastige</a> Axtschläge</p> -<p> -S. 163: Malöhr → Malhör<br /> -<a href="#corr163">Malhör</a> über Malhör!</p> -</div></div> - -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MüMMELMANN***</p> -<p>******* This file should be named 53457-h.htm or 53457-h.zip *******</p> -<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> -<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/3/4/5/53457">http://www.gutenberg.org/5/3/4/5/53457</a></p> -<p> -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed.</p> - -<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. </p> - -<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life.</p> - -<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org.</p> - -<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws.</p> - -<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact</p> - -<p>For additional contact information:</p> - -<p> Dr. Gregory B. Newby<br /> - Chief Executive and Director<br /> - gbnewby@pglaf.org</p> - -<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS.</p> - -<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p> - -<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate.</p> - -<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p> - -<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. 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