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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Hôtel Buchholz - Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz - -Author: Julius Stinde - -Release Date: October 24, 2016 [EBook #53359] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HÔTEL BUCHHOLZ *** - - - - -Produced by Matthias Grammel and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was -produced from scanned images of public domain material -from the Google Books project.) - - - - - - - - - - Hôtel Buchholz. - - Ausstellungs-Erlebnisse - der - Frau Wilhelmine Buchholz. - - Herausgegeben - - von - - Julius Stinde. - - Berlin, 1897. - ^Verlag von Freund & Jeckel.^ - (Carl Freund.) - - - - -Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten. - - - - -Herrn August Scherl - -zugeeignet. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Große Erwartungen 1 - - Sommeraussichten 9 - - Angriffspläne 18 - - Ein Damen-Ausflug 25 - - Der Hausbesuch regt sich 35 - - Ein Blick über das Ganze 46 - - Das erste Lichtfest 54 - - Bei den Maschinen 63 - - Ueber Architektur und einiges Andere 72 - - Ein freier Tag 82 - - Kindervergnügen 92 - - Verwickelungen 102 - - Meine Einquartierung 110 - - Täuschungen 119 - - Eingeregnet 130 - - Nebenbuhlerei 139 - - In den Kunstalpen 148 - - Auswärtige und innere Angelegenheiten 157 - - Provinz-Erlebnisse 165 - - Es kommt zum Klappen 176 - - Alt-Berlin 188 - - Spree-Afrika 200 - - Glückliche Leute 210 - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Große Erwartungen. - - -[Illustration: Berliner Bär] - -Ich ging lange mit mir zu Rath. Sollte ich oder sollte ich nicht? -Aber es war zu verlockend, der Antrag, für die offiziellen -Ausstellungsnachrichten auf mittlere Familien berechnete Berichte aus -meiner Feder abzulassen über das große Unternehmen im Osten Berlins, -die Gewerbeausstellung. Endlich, um sicher zu gehen, überlegte ich dies -Anerbieten mit meinem Mann, der ging auch nun längere Weile mit sich zu -Rath und sagte: - -»Wilhelmine, ich fürchte, die Arbeit wird zu anstrengend für Dich, Du -mußt doch Studien machen, und wenn's regnet...« - -»Dann gehe ich in die Baulichkeiten. Karl, es ist ja eine ganze -Stadt im Treptower Park entstanden, so daß die Ausstellung in -Inneres und Aeußeres, sowie in Altes, Neuestes und Fremdländisches -zerfällt. Und daran hängend der Vergnügungstheil und zwischendurch -Erfrischungsanstalten. Wo ist da Arbeit?« - -»Das Betrachten und genaue Ansehen greift an.« - -»In einem weg besehen, darin gebe ich Dir Beifall. -- Aber es ist -von einer wissenschaftlichen Commission genau abgezirkelt, wohin -immer Getränkunternehmen zu legen waren, den Nerven Beruhigungspunkte -zu bieten, und die sind auf den Zentimeter genau von beeidigten -Landmessern ausgerechnet.« - -»Wer hat Dir das erzählt, Wilhelmine?« - -»Karl, nichts beleidigt mehr als unangebrachter Unglaube. Wenn die -Krausen Dir etwas beschwört, ist es allerdings Deine Pflicht, mit dem -Gegentheil zu dividiren, und was dann herauskommt, damit sei auch noch -vorsichtig, es weiter zu verbreiten. Uebrigens brauchst Du ja nur -hinauszugehen und nachzumessen.« - -»Wilhelmine, ich bitte Dich, schreibe nicht,« bat mein Karl mit -Nachdruck. »Wenn Du treuherzig bringst, was Hinz und Kunz Dir -aufbinden, fällst Du mit Glanz hinein.« - -»Karl,« entgegnete ich, »Du redest wie das blinde Huhn von Anilin. Herr -Kriehberg ist nicht Hinz und Kunz.« - -»Was ist das für 'n Fremdling?« - -»Er ist ein höchst talentbegabter Architekt, dessen Bekanntschaft ich -auf dem Ausstellungsgelände machte, als ich mir das Ganze vorläufig -darauf ansah, ob es sich zum Ausschlachten für mich eignete. Gerade -so wie draußen in Treptow denke ich mir die Schöpfung beim Beginn: -noch keine Wege, keine Schutzleute zu fragen, wo's lang geht, kein -gedruckter Führer, Alles wüst durcheinander, so zu sagen: erst in der -sich gestaltenden Idee.« - -»Hübscher Ausdruck, sich gestaltende Idee,« sagte mein Karl mit -verdächtiger Anerkennung. »Hast Du den aus Dir selbst?« - -»Nein, von Herrn Kriehberg. Der war nämlich so liebenswürdig, als ich -mich verlaufen hatte, sich meiner anzunehmen und mir nützliche Winke -zu geben, weil man sich mit dem bloßen Augenmaße zurechtfinden mußte -und dabei immer in die entgegengesetzten Anlagen gerieth. Er wußte von -Allem Bescheid, was er als geaichter Architekt ja auch muß, und später, -wenn ich über die Baulichkeiten schreibe, hat er mir versprochen, das -Technische von den Stilarten zu liefern.« - -»Das kann ja recht heiter werden.« - -»Karl, er ist ein hochbedeutender junger Mann. Wenn es nach ihm -gegangen wäre, hätte die Ausstellung eine ganz andere Physiognomie -gewonnen, mehr an das zwanzigste Jahrhundert tippend. Aber sie hörten -nicht auf ihn und deshalb hat Manches nicht seine unbedingte Billigung. -Es ist ihm schon oft so ergangen. Weißt Du, es giebt Menschen, die -ausgezeichnete Pläne entwerfen und hoch erfinderisch sind, bei der -Konkurrenz nachher aber haben sie jedesmal die falsche Katze beim -Schwanz.« - -»Hm. Und was stellt er jetzt vor?« - -»Er ist Inspectorist.« - -»Was inspectorirt er denn?« - -»So beim Kalchlöschen und was sonst beim Bauen verknippert ist. Ohne -ihn würde das Meiste falsch ausfallen oder doch sehr aus dem Loth.« - -»Auch nicht bitter. Wilhelmine, wenn Du besser nicht schriebest...« - -Ich warf meinem Karl einen Blick zu von der Sorte, bei der man auf -Nachbestellung verzichtet. - -»... ich meine nicht über Architektur.« - -»Die gehört wesentlich dazu. Und sieh', Karl, selbst, wenn ich wollte --- ich kann nicht mehr zurück. Ich habe schon drei Toiletten für die -Ausstellung in die Mache gegeben, die ich Dir nicht zuwälze. Nein, mein -Karl, die schreibe ich mir zusammen, namentlich die eine mattstrohgelbe -mit geklöppeltem Fichu, traumhaft gediegen, der Hut mit gelblichem -Kräuselwerk und weiße Handschuhe mit schwarzen Raupen. Du sollst sehen, -es wird verblüffend.« - -Er war besiegt, der gute Karl, besiegt durch die unumstößliche Gewalt -der Thatsachen, ohne Widerspruch und Ränke, wie so viele Frauen -anwenden, um ihren Willen durchzusetzen. Meine Seele war sauber wie ein -Dutzend unangebrochener Taschentücher direct aus dem Laden. - -Gebäude sind allerdings nicht leicht zu knacken, jedoch mit Kriehberg -überwinde ich sie. Er hat allerdings über Vieles ein geradezu -vernichtendes Urtheil und merkwürdiger Weise meistens über das, was -mir so gut gefällt, wogegen er furchtbar lobt, was meine Anschauung -unberührt läßt. Aber ich nehme wie aus zwei Kochrezepten von uns beiden -das Beste. Männer allein sind stets einseitig. - -Mit Onkel Fritz hatte ich leichten Kampf. - -»Schreib, Minchen,« sagte er. -- Darauf sollte ich »Nein« antworten, -aber ich that ihm den Gefallen nicht. Haben wir Frauen erst mal -Prinzipien, sind wir auch nicht wieder herunter zu bringen, und mein -Prinzip lautet: Widerspruch giebts nicht mehr. Das heißt nur, wenn er -nöthig ist. Dann aber feste! - -Nun hat Onkel Fritz es an sich, seine Nebenmenschen mit -Spitzfindigkeiten so lange zu triezen, bis er Recht kriegt, immer mit -Vergnügtheit, aber mit Absicht. Um dies Spielwerk von vorne herein aus -dem Gang zu bringen, sagte ich: »Ihr habt ja ausgestellt, Du und mein -Karl, und ich -- ich schreibe. Aber was ich von Euren Gegenständen in -die Blätter setze, hängt von Eurem Betragen gegen mich ab.« - -»Das ist Erpressung,« rief Onkel Fritz. - -»Nothwehr!« entgegnete ich. »Du kannst mir dreist Zucker versprechen, -ehe meine Entschlüsse wanken. Schlecht machen werde ich Euch nicht...« - -»Das könnte Dir eklig in die Blusen regnen,« warf Onkel Fritz ein, -jedoch nicht mit gewohnter Sicherheit. Er wurde schon klein. - -»Weiß ich,« fuhr ich unbeirrt fort. »Wer sich Geschäftsschädigung -zu Schulden kommen läßt, kann mit mehr oder weniger Erfolg in -Anklagezustand erhoben werden. Aber was viel schlimmer ist und wogegen -keine Abhilfe möglich: ich kann Euch todtschweigen.« - -»Hu,« rief Onkel Fritz, aber es war ein ziemlich benautes Hu, ohne -jegliche komische Wirkung. Er fühlte, daß die Druckerschwärze mir -Gewalt über ihn gab. Kein Zeugnißzwang vermag auch nur eine einzige -anerkennende Zeile aus mir herauszupressen oder selbst nur den bloßen -Namen. Und das weiß sowohl Fritz wie mein Mann. Und genannt wollen -sie sein. Es ist freilich viel Einbildung dabei, denn was nützt -das Genanntwerden, wenn das Publikum kurz von Gedächtniß ist, aber -ich ließ sie dabei. Es puckerte ordentlich in mir, wie ich so das -Herrschergefühl verspürte und Onkel Fritz an der Strippe hatte. - -Natürlich werde ich mich nie zu solcher Gewaltthätigkeit entschließen. -Eine wie die Maria Stuart'sche Elisabeth unterhaut Todesurtheile in der -eigenen Familie; in unserem Jahrhundert grassirt dagegen die Humanität. -Nein, ich werde meines Karls Sachen gehörig herausstreichen und ebenso -Onkel Fritzens, wenn auch erst gegen Schluß der Ausstellung, damit sie -nicht zu früh wieder üppig werden. Drohen kostet nichts. Allerdings -hält es auch nicht vor. - -Mein Schwiegersohn, der Sanitätsrath, ist Feuer und Flamme für die -Ausstellung, soweit er brennbar ist. Er spitzt unbändig auf die -elektrischen Verkehrsverbindemittel zwischen Berlin und Treptow, -wohin er jedes Jahr einmal mit seinen medicinischen Vereinsbrüdern -zum Krebsbundes-Essen reist: auf dem Schiff hin und in einem eigens -bestellten Nachtkremser zurück. Sie sind immer in vorwurfsfreiem -Zustande wieder in Berlin abgeliefert, weil der Weg so lang ist, -daß sie sich ausheitern, bevor sie versuchen, ob die Hausschlüssel -passen. Ob die raschere elektrische Beförderung mehr von ihrer -Vereinsthätigkeit verrathen wird, bleibt dahingestellt; aber da sie -diesmal ihr Krebsgelage auf der Ausstellung feiern wollen, wird -hoffentlich mehr Licht in die Sache kommen. - -Er ist noch nie elektrisch gefahren und verspricht sich besonderen -Genuß davon, worauf ich mir zu bemerken erlaubte: »Wagen ist Wagen, -Herr Schwiegersohn.« - -»Damit ist nichts gesagt,« erwiderte er. - -»O doch. Es ist mit den elektrischen Wagen wie mit den Klößen aus -Mahlmühlen-Mehl oder aus Dampfmehl: mehr als glitschen können -sie nicht.« -- Er lachte beifällig, worüber ich stutzte und die -nachfolgende Erläuterung erwartete, die jedoch nicht von ihm ausging, -sondern von seiner Gattin. - -»Mama,« fing Emmi verlegen an, »Mama, Franz meint, namentlich sei es -überaus angenehm, daß wir die elektrische Bahn nahe vor der Thür haben -und deshalb öfter hinausfahren können.« - -»So ist es recht,« pflichtete ich bei. »Die Ausstellung ist eine -Veranstaltung des Gemeinwesens, die man durch persönliches Erscheinen -nicht genug unterstützen kann. Wer Bürgersinn hat, lege ihn hier klar; -die Gelegenheit ist günstig.« - -»Ja, Mama, das ist auch unsere Ueberzeugung. Aber siehste, da Du -Berichte schreibst, mußt Du doch die Hände voll Freibillete haben, die -Du nicht allein absitzen kannst...« - -»Ih, seht einmal,« rief ich. »Aus diesem Perspectiv kuckt ihr? Nein, -mein Schatz, was Ihr Euch ausgedacht habt, ist nicht. Erstens giebt -es keine Freibillets, denn die Ausstellung ist kein klassisches -Theaterunternehmen, und zweitens, mit welcher Nothlage wollt Ihr Eure -Bedürftigkeit nachweisen? Nee, Kinder, für Nichts ist Nichts. Die -Ausstellung liegt in Treptow und nicht in Nassau.« - -Dieser kalte Strahl verschnupfte. Emmi zog einen Flunsch, und bei ihm, -wo er sich schon als Persona gratis geschmeichelt hatte, wurde die -Heiterkeit so alle, als wäre sie auf einem elektrischen Extrawagen -abgeblitzt. - -»Mama«, sagte Emmi patzig, »Du hast oft genug gepredigt, Kinder legten -Eltern Sparsamkeit auf, damit sie nicht als junge Armuthsraben in das -Leben flattern und nun wir für unsere Kleinen nach Deinen Worten thun, -willst Du's nicht wahr haben.« - -»An Euch sollt Ihr schinden, aber nicht an mir. Außerdem ist die -Ausstellung ein Bildungsmittel und wer seine Bildung vernachlässigt, -schädigt sich selbst.« - -»Vergnügen ist wohl nicht draußen?« fragte er maliziös. - -»Gewiß, zur Belohnung für die Bemühungen, die industrielle Entwicklung -der Kultur zu erfassen. Bewundert, was Menschenhände geschaffen haben -und dann dürft Ihr Euch stärken. Wissenschaft als solche ist trocken. -Das sieht man an dem Flüssigkeitsverbrauch der Studenten. Und deshalb -ist für Alles gesorgt. Kinder, bloß allein die lebensgroßen Schiffe in -voller Natürlichkeit und eins inwendig trinkfähig. Und ein chemischer -Palast und ein Gebäude für Erziehung und Unterricht, für Eure Knaben -wie geboren. Man weiß nicht, wo anfangen und wo aufhören?« - -»Ich denke bei Siechen,« sagte der Rath. - -Aus diesem Scherz merkte ich, daß seine Mucksigkeit nur äußerlich war -und er es auf etliche Märker nicht ankommen lassen wird. »Schön,« -sagte ich, »und damit Ihr seht, daß ich nicht so bin, lade ich Euch -sämmtlich zu einer Sitzung in dem Siechen-Ausschank ein mit Anblick der -Spree und Blasorchester. Ueberhaupt werden wir gemeinsame Wallfahrten -unternehmen, davon verspreche ich mir etwas.« - -Ich behielt jedoch bei mir, was ich im Sinn habe. Ich denke mir -nämlich, wenn wir ein größerer Anhang zusammen sind, die Krausen mit -bei und Andere aus der Bekanntschaft und wir gehen so herum, dann -deichsle ich die Fortbewegung unmerklich, daß wir ungeahnt an dem -Pavillon des Lokal-Anzeigers vorbeikommen, der sie wegen seiner -Vornehmheit anhält. Während sie ihn betrachten, löse ich mich von -ihnen ab und gehe die Treppe hinauf. Sie fragen dann: »Herrjeh, Frau -Buchholz, wo wollen Sie hin?« - -Ich wende mich zu ihnen und sage: »Entschuldigen Sie mich einen Momang, -ich habe Geschäftliches: ich bin Presse.« - -Ich verweile einen Augenblick auf der Treppe, schneide ihnen eine -gnädige Verbeugung zu und verschwinde redactionell. - -Das Gesicht von der Krausen will ich sehen, wenn ich so dastehe -gewissermaßen als Schwiegermutter der siebenten Großmacht -- denn das -ist und bleibt die Presse -- in meinem Strohgelben oder falls der -Wetterbericht es räth, in meinem neuen Marineblauen mit Crême. Sie soll -merken, daß man Gewicht hat, trotz ihres naslöcherigen Betragens, weil -ihr Mann Studirter ist und sie sich in jeder Gesellschaft das Meiste -dünkt. Wenn ich wieder erscheine, thu ich ganz wie gewöhnlich mit -Schlichtheit und Selbstverständlichkeit. Und sie hat den Aerger intus. -Den hat sie reichlich an mir verdient mit früheren Pikanterien und -Ueberhebung, sogar über meinen Mann, der doch ganz anders einzubrocken -hat als ihr Mann mit den dicken griechischen Büchern und dem dünnen -Gehalt. - -So verspreche ich mir viel Interessantes und Erhebendes von der -Ausstellung schon jetzt, wo sie aus dem Gröbsten heraus den letzten -Schmuck angelegt kriegt. Wie viel tausend Hände sich regen, das muß man -sehen, und Alle von dem einen Gedanken beseelt, ^daß es schön wird^. - -Solcher Anblick erfreut, wo so viel Zerstören in der Welt ist, so viel -Hader und Häßliches. Hier soll es schön werden. Und das wird's auch. - -Allein blos die Natur. Der Berliner ist ja schon vergnügt, wenn er -einen Baum sieht. Desto grüner er ist, desto besser, daß er ihm -gefällt, und nun im Park die massenhaften Anlagen mit Bäumen und -Gebüschen, Teichen, Kanälen, Rasenflächen und Beeten, wie wird ihm dies -Alles zu Herzen sprechen. - -Und in dem Waldartigen die verschlungenen Pfade und die einzelnen -Fachgebäude, freundlich und lustig, bunt bemalt und fröhlich geziert, -so im Grünen darin, als hätte der Osterhase sie versteckt. Welche -Ueberraschung, wenn man immer wieder Neues entdeckt, wenn man beinahe -vorbeigetrabt wäre und nach und nach inne wird, wie groß und bedeutend -die Ausstellung wirklich ist, und wie riesig mannigfaltig. Man müßte -schon vier Beine haben und ein Dutzend Augen. - -Bald fängt es an zu blühen, der große Park wird zu einem Garten, -zu einem Paradies des Fleißes und der Arbeit. Die Springbrunnen -plätschern, die Maschinen wirbeln, Fahnen flattern, Blumen duften, -auf dem Gewässer wiegen sich Gondeln, die Wilden lagern in Kairo, -Alt-Berlin wird lebendig. Musik erschallt, die Thore öffnen sich und -jubelnd ziehen wir ein, wir Alle miteinander aus Nah und Fern. - -Und die Vögel sitzen auf den Zweigen und singen dazu. - -Mein Karl fing aber noch einmal an: »Wilhelmine, es werden -Sachverständige über die Ausstellung schreiben -- wo bleibst Du?« - -»Darüber beunruhige Dich nicht, viel eher fürchte zu viel Sachkenntniß. -Du willst wissen wie und weshalb? Das bleibt vorläufig mein Geheimnis. -Ich nenne Dir nur den einen Namen: Ottilie.« - -Er sah mich ganz perplex an der gute Karl. - -»Du wirst es schon erfahren!« - -[Illustration: Park] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Sommer-Aussichten. - - -[Illustration: Bellachinis Hut] - -Das merkwürdigste von allen Organen des Menschen ist sein Gedächtniß. -Ich habe bis vor Kurzem keinen rechten Begriff davon gehabt, aber ich -stelle mir es vor wie früher Bellachini's Hut -- Nichts ist darin und -ohne daß man daraus klug wird, kommt die erstaunungswürdigste Füllung -zum Vorschein: Laternen, Bälle, Becher und zuletzt ein Wickelkind, das -einen Heiterkeitserfolg erntet. Oeffentliche Wickelkinder sind immer -von durchschlagender Wirkung. - -Ich muß mich an diesen Vergleich halten, um mir zu erklären, wieso mein -Karl und ich mit einem Male in dem Kopfe so sehr Vieler auftauchten, -die sich erinnern, daß wir sie gebeten haben, uns zu besuchen, wenn der -Weg sie nach Berlin führte, und mit unserem Fremdenstübchen vorlieb zu -nehmen. - -Da sind Verwandte von meinem Karl, die mit ihm blos durch höchst -zweifelhafte Urgroßmütter zusammenhängen und es vor Gott und der Welt -unverantwortlich finden, intimere Beziehungen so lange vernachlässigt -zu haben und ihre Saumseligkeit nur dadurch tilgen können, daß -sie während der Ausstellung einige Tage bei uns weilen. Ablehnung -meinerseits ist nicht angebracht, denn keine Behandlung schmerzt den -Mann mehr, als wenn die Gattin seinen Angehörigen und Freunden das Haus -zum Eiskeller macht, und außerdem bin ich durch meine Seitenlinien in -gleiche Lage gedrängt. Als damals die Tante in Bützow starb, habe ich -mitgeerbt, und Erben legt Verpflichtungen auf. Sollen die Leute sagen: -»den Draht schluckt die Buchholz, aber trotzdem sind die Familienbande -zerrissen.« -- Nein! - -Und dann die Geschäftsfreunde, theils mit, theils ohne Hälften, die -sich bei unserer Silberhochzeit förmlich fürstlich angestrengt haben --- die eine Servante ist geradezu ein Schützentempel werthvollster -Metallgaben -- und Jeder, der sich darin verewigte, ist zum -Ehrenmitgliede unseres Hauses ernannt, und die Ruppigkeit, die einmal -zuerkannte Ehre hinterher zu verweigern, haben wir nicht, selbst, wenn -sich Einiges auch blos als plattirt herausstellt. Beim Putzen schimmert -der Verdacht an den Kanten manchmal durch. - -Bei jedem neuen Briefe mit dem Wunsche des Wiedersehens und der jetzt -erst möglichen Annahme der überaus liebenswürdigen Einladung vom so -und sovielten, Anno so und so, sagen wir »Sehr schätzbar, aber wo -unterbringen«? Denn das Fremdenzimmer habe ich ursprünglich für Ottilie -bestimmt, die mit mir die Ausstellung studiren wird und ihr ungeheures -Wissen hineinträufelt, wo ich eine Zuthat nothwendig erachte. - -Sie ist die Tochter einer Halbcousine von mir und geprüfte Lehrerin, -womit sie sich ziemlich sorgenfrei ernährt, soweit das Leibliche in -Betracht kommt. Mit dem Geistigen und den Nerven aber hat sie ihre -Molesten. Wer versteht sie in dem Nest? Vielleicht Einige, aber mit -denen geht sie unglücklicher Weise nicht um. Seit Jahren hat sie -unbändige Gelehrtheit in sich aufgespeichert, von der sie nicht -erleichtert wird, da sie nur in den Anfangsgründen unterrichtet, -weshalb die Nerven unter fortwährendem, wissenschaftlichem Druck -leiden. Sie schrieb mir, Berlin wäre der einzige Ort, mit seinen -Kapazitäten ihren Nerven aufzuhelfen, sie ginge zu Grunde in der -geistigen Einsamkeit und so kam ich auf den Gedanken, sie als -Ausstellungsvertraute heranzuziehen. - -Mein Karl sagte: »Es ist mir lieb, Dich draußen nicht allein zu wissen, -denn ich kann Dich nicht so oft begleiten, als Du wegen Deiner Berichte -Dich abstrappeziren mußt. -- Aber wenn Ottilie das Fremdenzimmer -bezieht, wo bleiben wir mit den anderen Gästen?« - -»Karl,« sagte ich, »Ottilie schläft bei mir.« - -»Und ich?« unterbrach er mich. - -»Du wirst in der Fabrik eingerichtet.« - -»Danke!« -- -- - -»Danke nicht eher, als bis Du siehst, wie gemächlich Du es dort haben -wirst. Fabrik und Haus sind durch den Zwischengang ein und dasselbe. -Wollen wir die Kundschaft vor den Kopf stoßen? Herr Ungermann hat -sich angemeldet, einer Deiner besten Abnehmer -- er widmete die große -silberne Fruchtschale -- durch und durch echt -- und seine Frau -kommt mit. Und alle die Anderen! Wir müssen noch die gute Stube als -Logirzimmer hergeben. Wenn das Mädchen auf dem Boden bivuakirt, läßt -sich ein einzelnes Wesen in ihrer Kammer beherbergen, wie zum Beispiel -Tante Lina. Kleinstädter sind anspruchslos.« - -»Das kann ja reizend werden.« - -»Karl, es muß sein.« - -»Aber bedenke die Menge!« - -»Es gehen viele Sardinen in eine Dose, wenn das Oel nur gut ist, ich -meine nämlich die Behandlung. Die Hôtels sind bis unter das Dach -übervölkert, also muß die Privatmildthätigkeit eingreifen. Freilich die -Krausen vermiethet für Geld, ich glaube, sie nächtigt mit ihrem Mann in -seinem Schreibsecretair oder sonst, wo es unpassend ist, blos um Beute -zu machen. Kein Laster dünkt mich empörender, als diese Art von Wucher, -wo er doch die Jünglingsjahre ihr geopfert hat und in seinen alten -Tagen Bequemlichkeit beanspruchen darf.« - -»Mit mir wird auch nicht viel anders umgegangen.« - -»Nicht, daß ich wüßte.« - -»Kommandirst Du mich nicht aus meiner gewohnten Behaglichkeit in die -Fabrik?« - -Ich lächelte. »Karl, wie kannst Du Dich mit Krause in eine Kompanie -reihen? Der Versuch allein schon ist verwerflich. Was wir thun, -geschieht aus Humanität für unsere Kunden, und nicht aus Mammonsgier. -Und das werden sie bei den Herbstbestellungen beherzigen und nicht -drücken, bis kaum noch das Maschinenfett verdient wird. Du sollst -sehen, wie die Ausstellung die Industrie hebt.« - -Mein Karl legte ein Fremdenbesuchs-Conto an, worin jeder Angemeldete -seinen Termin bekam, um Platzzwistigkeiten vorzubeugen. Dies war vom -theoretischen Standpunkte so glänzend einfach, daß wir hoffnungsfreudig -in die Zukunft blickten, aber vom praktischen wollten sie so ziemlich -sämmtlich Ende Mai eintreffen. Für die folgenden Monate hatten sie -Badeaufenthalt oder sonstige hygienische Abstecher vor. - -Nun ging es an ein Umlegen und Aendern und Hin- und Herschreiben, wobei -Einige sogar mit Bemerkungen antworteten, als fühlten sie sich in die -Ecke gesetzt. Einer schrieb, er hätte geplant, das Geschäftliche mit -dem Ausstellungsaufenthalt zu verbinden, schwerlich sei ihm dies im -August möglich. Er ließ mit vieler Noth bis Mitte Juli herunter, aber -dadurch klemmte es sich mit meines Mannes Verwandten, dem Amtsrichter. -Und Gerichtspersonen sind leicht verletzt. - -Mein Karl sah dies ein, aber er hatte die Hände mit seinem Aufbau in -der Ausstellung voll -- geradezu überwältigend mit einem Reichsadler -aus schwarzen Socken nach dem Grundriß eines akademisch vorgebildeten -Künstlers -- und schob mir den Besuchsschlachtenplan zu. Ich saß und -bebrütete ihn mit stundenlangem Nachdenken, ohne daß jedoch eine -rettende Idee ausschlüpfte; immer uns stets war der Amtsrichter im Wege. - -Da wurde mir ganz unerwartet Hilfe in der Noth, obgleich sie -nicht so aussah, denn wenn die Bergfeldten, oder jetzt nach ihrer -Wiedervermählung Frau Butsch, auf der Bildfläche erscheint, taucht -irgend etwas Erbauliches im Hintergrunde auf, woran sie weniger Schuld -hat, als das ihr im Kalender des Lebens angestrichene Pech. Sie ging -zweckmäßig gekleidet, wie es einer Weißbierwirthin vom Kietz geziemt, -wo Schleppen wegen der übergeschwappten Bodenfeuchtigkeit nicht -lokalgemäß sind. Sie arbeitet tüchtig in Küche und Haushalt und da sie -merken, daß sie etwas vor sich bringen, fassen sie Beide unverdrossen -an. Er zieht das Bier alleine ab mit inclusive Flaschenspülen, wobei -er manchmal zwei Zentimeter äußere Rundung verliert. Weil das gesund -ist, freuen sie sich Beide so darüber, daß sie ihm ein deutsches -Belohnungs-Beefsteak von Suppentellerumfang brät und er sich eine -Selbstanerkennungs-Weiße gönnt oder auch mehrere -- genau weiß sie es -nicht -- worauf die alte Dickdität überhaupt nicht weg gewesen zu sein -scheint. - -»Butschen,« sagte ich, als sie mir dies erzählte, »mästen Sie Ihren -Mann nur nicht auf den Schragen.« -- »Es schmeckt ihm immer so schön, -da kann ich doch nicht davor? Mein Seliger gab zuletzt das Essen auf -und da war's alle. Nee, Buchholzen, Hungerkuren sind ja hochmodern, -aber sie endigen ebenso tödtlich wie andere Millezin.« - -Dies verdroß mich. Es ist anmaßend für beschränktere Intelligenz, in -Familien mit einem Sanitätsraths-Schwiegersohn, herabsetzend über -arzeneiliche Sachen zu sprechen. »Liebe Butschen,« entgegnete ich daher -klarstellend, »wenn jemand an einer Behandlung stirbt, so liegt es -stets an dem Patienten. Oder haben Sie vielleicht bei Virchow gehabt, -daß Sie es besser wissen?« - -»Nee,« erwiderte sie verlegen. »Hab' ich mich vielleicht mit 'ner -Ansicht vergallopirt? Wissen Sie, nehmen Sie's man nicht übel, ich -krieg die Zeitungen immer erst zwei Tage später nach der Küche zu -lesen, da bleib ich denn wohl ein Bisken in der Bildung zurück. Und -eben deshalb komm ich zu Ihnen, Frau Buchholz, weil Butsch auch keine -Zeit für die Anzeigen hat, -- wir haben nämlich ein Ausstellungszimmer -zu vermiethen --, vielleicht, daß Sie mal was erfahren und uns -rekommandiren?..« - -»Butschen,« rief ich, »alleweil sind Sie auf Ihrem Terrain; Medicin -ist dagegen für Sie eine verrannte Sackgasse. Zimmer? Zu Mitte Juli -ganz sicher. Wie sind die Preise?« -- »Zwei Mark mit Frühstück« -- »Ist -das nicht etwas zu lindenhaft für die Schulzendorferstraße?« -- »Wir -haben Alles machen lassen, ich sage Ihnen, einzig. Die Stühle sind im -empirischen Stil, der jetzt mächtig aufkommt, wie der Möbelfritze sagt.« - -»Sind die Möbel bezahlt?« - -Die Butschen jetzt; über das ganze Gesicht griente sie. »Ja,« sagte -sie. »Wir haben's sauer verdient,... groschenweis.« -- Sie seufzte -tief auf. War es ein Freudenseufzer oder mehr ein Aufstoßen alter -Zeiten, wo sie doch, wenn sie irgendwo hintraten, ausschließlich in -Dalles und Rechnungen nicht anders kannten als schmerzhafte Papiere in -unquittirtem Zustande. Um mich zu überführen, fragte ich: »Und Ihnen -bekommt die Arbeit? Appetit gut? Schlaf gut? Augen gut? Gedächtniß -gut?« -- »Nee,« sagte sie und seufzte noch einmal, »das Gedächtniß -ist schlecht, es erinnert mich immer an so Vieles, was ich am besten -vergessen möchte. Aber ich will nicht klagen. Sie wissen ja selber, wie -ich mehr Schatten vom Leben gehabt habe, als Sonne.« - -Ihr darzulegen, daß bei dieser Art Beleuchtung sehr viel davon -abhängt, welche Seite man der Menschheit zuwendet, wäre nicht -angebracht gewesen, denn einmal hatte sie sich mit dem Zimmer von -einer wohlthuenden Seite gezeigt und hat zweitens im Laufe der Jahre -viel Bloßstellendes abgelegt. Die Krausen hingegen bleibt konstant -unverändert, obgleich in der Zoologie sich selbst Schlangen häuten. - -Der bekannte Stein, der schon so vielen vom Herzen gefallen ist, -obgleich ihn noch niemand gesehen hat, war herunter. Was sich auch -ereignete, wenn auch Zwei zusammenstießen: bei Butsch war für den Einen -Unterkommen. Ich klingelte der Dorette, um ihr dies mitzutheilen. - -Ein wahres Glück, sagte ich zur Butschen, daß ich ein so zuverlässiges -Mädchen habe. Freilich, gleich nach der Ausstellung macht sie Hochzeit. -Ihr Bräutigam setzt sich als selbstständiger Tapezier, und die -Trinkgelder, die es inzwischen giebt, bringt sie mit in die Ehe. - -»Baar Geld kann man nie genug haben, zumal wenn es Einem fehlt,« -bemerkte die Butschen. - -Ich wollte ihr sagen, daß sie soeben ziemlichen Kaff geredet hätte, -wenigstens in der feineren Gedankenfügung, als die Dorette endlich -antrat, aber nicht wie gewöhnt rasch und adrett, sondern langsam in -Trauergefolgeschritt mit rothgeweinten Augen und zusammengewrungenem -Thränentuch in der Hand. - -»Dorette?« rief ich. »Was giebt's denn? Was ist los?« - -Keine Antwort. - -»Ist Ihnen was Nahes gestorben?« - -»Uh!« - -»Wer denn, Dorette?« - -Sie schüttelte verneinend mit dem Kopfe. - -»Was ist Ihnen denn?« - -»So reden Sie doch.« - -»Det -- kann ick -- Ihn'n -- man blos -- janz alleene sagen,« -schluchzte Dorette und drückte das Taschentuch ins Gesicht. - -Mit einem Takt, den sie früher nie hatte, stand die Butschen auf und -verabschiedete sich. »Sie können das Zimmer jederzeit haben, wenn wir's -nur vorher wissen. Uebrigens hat Butsch seine Telephonnummer.« - -Ich zurück zur Dorette. Was hat sie? Was soll ich ohne sie anfangen -mit dem Haus voller Gäste und ich selber halb auf der Ausstellung und -halb am Schreibtisch, nie voll und ganz für den Hausstand? Eine neue -Philippine anbändigen, Berichte schreiben und dabei tadellose Wirthin -spielen -- das übersteigt meine Fähigkeit. Mehr als seine gewisse -Anzahl Pferdekräfte hat der Mensch nicht. - -Ich also mir schleunig die Philippine vorgebunden und reinen Wein -verlangt. Sie aber immer gedruckst und mit Wortnoth behaftet, daß ich -schon dicht daran war, fuchtig zu werden, als mein Karl kam, der im -Gegensatz zu ihrer Zurückhaltung sich in einer Lebhaftigkeit erging, -die mich erschreckte. - - -So hatte ich ihn noch nie schimpfen gehört. - -Als ich nach und nach erfuhr, worum es sich handelte, glaub' ich, -hab' ich auch einige unsanfte Aeußerungen dazu geliefert. War es denn -erhört? Jetzt, wo die Ausstellung eröffnet werden sollte, jeder Tag -ausgenutzt werden mußte, jetzt warfen die Tapeziere die Arbeit nieder, -gerade jetzt, wo sie die letzte Hand anzulegen hatten, damit alles die -Vollendungsfalten und Fransen kriegte und den rothen Callicot um die -Tische und was sonst zu bekleben, zu benageln und zu betroddeln war. - -Die Philippine weinte bei dieser Auseinandersetzung ganz schrecklich. - -»Ja, plärren Sie nur,« schnauzte mein Karl sie an. »Ihr Bräutigam, der -mir sein Wort gab, meinen Stand rechtzeitig fertig zu stellen, ist auch -mit ausgerückt. Ist das der Dank, daß ich ihm versprach, ihm bei seiner -Etablirung behilflich zu sein? Jetzt läßt er mich sitzen.« - -»Mir ooch,« jammerte Dorette. »Er sagte, hier könnte er sich von wejen -Undank nich wieder blicken lassen.« - -»Kann er auch nicht,« gab ich drauf. - -»Und mit Heirathen is et nischt. Er setzt Alles bei den Strike zu, ooch -wat ick ihm erspart habe.« - -»Warum begeht er denn solche Gemeinheit und verloddert sein Glück, Ihr -Glück?« - -»Er wollte ja ooch nich, ihn hat das Herz jeblut't, aber er mußte ja. -Wat kann er alleene jejen die Uebermacht? Er jinge für den Herrn und -die Frau durch den dicksten Kleister, aber er derf nich.« - -»Wer macht mir nun den Adler für meinen Aufbau?« - -»Was?« rief ich, »der ist noch nicht da? Die Hauptkrone der ganzen -Ausstellung?« - -»Vorläufig nur im Grundriß.« - -»Karl, her damit. Ich hole den Eiserkasten. Den bringen wir selbst auch -wohl noch zu Stande, der akademische Plan ist ja vorhanden und die -Socken dito.« - -»Halt, Wilhelmine, nicht übereilt. Es sind Tapeziere von auswärts -verschrieben, die werden kommen. Was am Eröffnungstage nicht fertig -ist, wird's vierzehn Tage später sein.« - -»Das werde ich besonders in meinen Berichten hervorheben, mein Karl. Du -sollst nicht wegen des Streikes zu kurz kommen. O nein. Ich werde öfter -lobend auf Dich hinweisen, und wenn er erst an seinem Platze prangt, -auch auf den Sockenadler. -- Haben Sie sich man nicht so, Dorette, Sie -sehen, es geht auch ohne.« - -»Ach, Madame, et is schon nich mehr scheen. Ick weeß nich, wie't werden -soll.« - -»Dorette,« nahm ich strenge das Wort, »wir haben diesen Sommer -doppelte, ja dreifache Arbeit, dabei müssen Sie durchaus auf dem Posten -sein.« - -»Det kann ick nich versprechen.« - -»Dann gehen Sie besser.« - -»Det wollt' ick ooch nich.« - -»Was wollen Sie denn, Dorette?« - -»Blos en Bisken Nachsicht mit meine traurije Lage.« - -»Das werde ich mir erst noch mal überlegen. Gehen Sie an Ihre Arbeit.« - -Sie ging. - -»Karl,« sagte ich: »die Ausstellung, ein Mädchen, auf das kein Verlaß, -die Berichte, oder gar ein unerfahrenes neues, das Haus voller Fremden, -weißt Du, das sind Sommer-Aussichten, die ich mir doch etwas anders -gedacht hatte.« »So denkt man immer,« sagte mein Karl. - -[Illustration: Frau] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Angriffspläne. - - -Die Ausstellung war kaum eröffnet, als der Herr Redakteur energisch -die versprochenen Berichte verlangte; es wäre doch reichlich Stoff -vorhanden. - -Als ob ich das bestritten hätte? So weit mir bewußt, niemals. Also -weshalb Vorwürfe? Womit soll ich anfangen und an welchem Ende, da -gerade, was sich zum Beginnen eignet, noch nicht fertig ist? Liegt die -Schuld etwa an mir? - -Soll ich das Unterrichtswesen zuerst vornehmen? Was sagen dann die -Damen, die das Seidenkleiderige vorziehen oder die Juwelenabtheilung? --- Oder das chemische Gebäude? Ich habe mir ein Buch mit bunten -Ausstellungs-Ansichten gekauft, darin steht: »Das Dach dieses Gebäudes -hat eine eigenthümlich gewellte Form: ein Rundbogen verläuft in einen -scharfen Kamm, als Andeutung gleichsam, daß der Bau der Wissenschaften, -deren Pflege sich hier zeigt, immer höher und höher steigen werde.« -- -Wenn man dies nicht wüßte, würde man dem Dache garnicht ansehen, was -für ein schlaues Dach es ist. Manche sagen, sie sähen es auch schon, -ich aber sehe mir es noch nicht darin, obgleich ich wiederholt das -Opernglas zu Hilfe nahm. - -Ich holte Herrn Kriehberg darüber aus. Er meinte, »die Wissenschaft -als Rundbogen gedacht, wäre sehr geistreich.« -- »Dann rummelt ja -die ganze Stadtbahn über Wissenschaft weg,« entgegnete ich, »blos, -daß in den Stadtbahnbögen, soweit mir bekannt, mehr die Gurgel als -der Geist genährt wird.« -- »Sie laufen auch nicht in scharfe Kämme -aus,« bemerkte er, »darin liegt es. Der Kamm ist das Individuelle. -Hätte man mich gefragt, ich hätte ihn dreifach so scharf konstruirt, -wenn nicht noch schärfer, um die eminente Höhe der Wissenschaft durch -architektonische Lineamente auf das Allerschärfste zum Ausdruck zu -bringen.« - -»Schade, daß Sie es nicht waren, Herr Kriehberg,« sagte ich, »Sie -hätten es gewiß für Jedermann aus dem Volke faßbar hingemauert.« -- -»Das versteht sich,« versicherte er, und man sah ihm an, er hätte es. - -Wenn nun ein Gebäude schon in seinem Aeußeren so viel Unverständliches -birgt, wie wird es dann erst drinnen sein, wo sie die gesammte -Wissenschaft losgelassen haben? Ich fürchte, mit Frauen-Emancipation -allein bewältigt man die innere Bedeutung nicht, wenigstens nicht in -einigen Stippvisiten, und darum halte ich die Chemie mit den daran -hängenden Gruppen als Erstes nicht recht angrifflich. Vielleicht -wimmele ich in meine späteren Berichte hin und wieder einen Atzen -Chemisches, aber zum Ausspiel ist es mir zu riskant. Auch hoffe ich -Beistand von Ottilie, denn die ist auf Sauerstoff, Spectralismus, -Galvanistik und alle anderen neueren Bildungsmittel examinirt worden. -Nur Muth. - -Wenn Ottilie blos erst käme. Beschreibe ich Sachen ohne sie, will sie -natürlich hinterher sich auch daran belehren, und ich versäume die -Zeit, neue Eindrücke aufzusaugen während der Wiederholung des bereits -durch die Tinte Gezogenen. Aber sie kann noch nicht, ihre Schneiderin -hat sie auf das Sündhafteste vernachlässigt, indem sie zwischendurch -ein Brautkleid zurecht prünte. Hatte das denn solche Eile? Ich kenne -die Leute nicht und will auch keine Steine schleudern, aber den Vorwurf -der Rücksichtslosigkeit kann ich ihnen nicht ersparen; ihretwegen muß -ich mich vorläufig mit Ottiliens Photographie behelfen. - -Sie sieht in Cabinetgröße recht jugendlich aus, aber wie ist sie -frühmorgens ohne Retouche? Wenn es keine schwarze Tusche gäbe, wie -Viele da wohl ohne Augenbrauen in den Albümern stächen? - -Mein Karl fand sie passabel. -- »Mehr nicht, Karl?« -- »Eher weniger« --- »Karl, sie gehört zu meiner Verwandschaft.« -- »Sie ist Dir aber -nicht im Geringsten ähnlich.« -- »Das wollt' ich mir auch ausgebeten -haben. Nein, Karl, solche spitze Züge habe ich nie besessen, selbst -nicht in den Heranwachsjahren; und die Augen reißt sie etwas gewaltsam -groß.« -- »Dafür zieht sie den Mund um so kleiner.« -- »Ich vermuthe, -sie kommt bedeutend unähnlicher an, als sie aussieht.« -- »Bezweifle -ich keinen Augenblick.« -- »Karl, Gelehrte sind nie bildschön, also -Gelehrtinnen erst recht nicht; das heißt ihre Figur ist nicht übel.« --- »Zeig' noch mal her das Bild.« -- »Nein, Du hast genug gesehen, -Ihr Männer gebt viel zu viel auf den Wuchs und bedenkt nie, wie viel -Fischbein dabei ist. In dieser Beziehung kann ich Professor Röntgen -nicht hoch genug preisen; der dreht Euch endlich ein durchschauendes -Licht auf, und er nennt es auch sehr richtig X-Strahlen, weil alle -X-Beine dadurch ersichtlich werden.« -- »Hat sie welche?« -- »Wer?« --- »Die Ottilie.« -- »Karl, selbst als Scherz betrübt diese Frage -mich tief. Ich habe über Ottilien zu wachen, wie eine Mutter über -dem Hühnchen aus dem Ei...« -- »Schon mehr Henne,« lachte mein Karl -dazwischen. -- »Wer?« fuhr ich auf, »wer ist die Henne?« -- »Nun, die -Ottilie,« lachte er weiter, »sie hat wirklich etwas hühnerhaftes in -ihrer Physiognomie.« -- »Photographieen treffen manchmal daneben,« wies -ich ihn ab. Ueber meine Verwandtschaft spectakeln erlaube ich nicht. - -Wäre Ottilie, was man unter schön versteht, hätte ich sie bei den -lieben Ihrigen gelassen oder nur auf flüchtigen Besuch gebeten. Meine -beiden Töchter würden es krumm nehmen, obgleich sie längst ihre Männer -haben, wenn plötzlich eine entfernte Cousine Aufmerksamkeit in den -Kreisen auf sich lenkt, die sie bis zum Jetztpunkt beherrschten, und -wenn die Männer auch ehelich gut gezogen sind, wie leicht wird ein -Wort, eine nuttige Höflichkeit oder eine unbedachte Aufmerksamkeit -albern ausgedeutet und die Feuerwehr kann geholt werden. Ich sage -deshalb: Unschönheit hat so ihre Vortheile. - -Und wenn eine gelehrt dazu gilt und studirt habend, vor der rücken -die Jünglinge aus, zumal solche, die das ihrige schon vergaßen, -eh' sie es lernten. Dagegen ernste Männer werfen sich heran und es -sprießen Gespräche auf, die den Geist erheben, ohne daß man Bange -vor leichtsinnigen Anknüpfungen zu haben braucht und kann Worte von -höherem Fluge fallen lassen, oder unbesorgt Musike hören, oder einen -kleinen Nick machen, je nach den nächtlichen Wärmegraden und den -Anstrengungen des Tages. - -Die Abende draußen versprechen überirdische Befriedigung. Nun werde -ich sie mit Ottilien genießen. Wäre sie blendend, käme es umgekehrt; -sie bildete dann die elektrische Lampe, von Dämmerungs-Verehrern -umschwärmt, und ich den Laternenpfahl dazu. Dafür dankt Wilhelmine -jedoch ergebenst. - -Wenn ich nun auch noch nicht genau weiß, welchen Zipfel der Ausstellung -ich für meine Berichte anschneide, so weiß ich doch bereits, wohin ich -die mir überantworteten Fremden geleite und zunächst Erika, um ihr das -Schönste zu zeigen, das ich bis jetzt entdeckt habe und zwar, wie bei -allen Forschungsreisen Mode ist, durch den Zufall. - -Wie es im Leben überhaupt ohne Zufall aussähe, durch den noch jedesmal -das Weltbewegenste erfunden wurde, wie z. B. der Theekessel, auf den -sich die ganze Dampfmaschinenkraft stützt, oder der Telegraph durch -Froschkeulen, obgleich mir dies nicht recht klar ist, weil man doch im -Allgemeinen mit Padde das Niedrige der Schöpfung bezeichnet. Auch steht -nie dabei, wie es gemacht wurde und wie der eigentliche Kniff ist. Dies -muß Ottilie glatt legen; sie bringt ihre Bücher mit. - -Mein Zufall äußerte sich einfach, indem ich dem Baumeister Herrn Bauer -begegne und ihn frage »Herrjeh! Sie hier?«, obgleich seine Anwesenheit -auf dem Treptower Gelände eine Sache von größter Natürlichkeit war. -Aber Gespräche und Kegelpartieen werden meistens mit Pudeln eröffnet. -Um den Schnitzer zu übertünchen, frage ich weiter: »Mit welchem Stil -werden Sie uns überraschen? Es ist ja Vieles da, vor dem man Kopf -stehen möchte... wie Onkel Fritz sagt.« - -»Als wenn ich ihn reden hörte,« lächelte er, indem er mich betrachtete, -wie ich mich wohl in dieser Stellung ausnehmen würde. »Interessirt Sie -mein Bau, treten Sie bitte näher.« - -Bei diesen Worten wies er auf das große Kaiserschiff. - -»Nanu?« entgegnete ich, »seit wann legen Sie sich auf -Marine-Architektur?« -- »In Berlin machen wir Alles. Freilich ist -dies Schiff nur ein Modell, aber jedes Stück ist so gearbeitet, daß es -nach der Ausstellung direct einem im Bau begriffenen Oceandampfer des -Norddeutschen Lloyd eingefügt werden kann. In den Größenverhältnissen -und seiner Einrichtung ist es im Inneren wie Aeußeren die getreue -Wiedergabe der prachtvollen Riesendampfer Bremens und Hamburgs, auf -denen die Engländer und Amerikaner lieber fahren als auf ihren eigenen.« - -»Ich bin ungemein für Schiffe,« erwiderte ich. »Auf meiner Fahrt -nach dem Orient hab' ich sie kennen gelernt, englische, französische -und auch die Dampfer des Oesterreichischen Lloyds, an die ich nicht -mit Wohlgefallen zurückdenke, denn sie sind das undeutscheste, was -Oesterreich liefert. In Port Said lag der Bremer Dampfer >Baiern<, -den wir besuchten. Sehen Sie, Herr Baumeister, der schlug die anderen -Schwimmanstalten gewaltig, auf denen ich das Mittelmeer durchlavirt -hatte, und wenn mich einmal überseeisch gelüstet, dann nur auf unsern -norddeutschen Fahrzeugen. Ich hab' doch lieber deutsche Bretter unter -meinen Füßen und die deutsche Flagge über meinem Haupte, als für mein -Geld geduldet zwischen Fremden mit fremder Sprache, die nicht nöthig -haben mir zu antworten, wenn sie mich nicht verstehen wollen. Diese Art -nationaler Dicknäsigkeit hab' ich kennen gelernt. Ich bin für eigene -Schiffe. Und das Geld bleibt im Lande.« - -So sprechend traten wir ein. - -Der Kaiserdampfer ist nur die Hälfte eines Oceandampfers, aber welch' -ein Kasten! Hier bekommt man den Begriff von einem schwimmenden Hause -oder richtiger von einem Wasser-Hôtel. - -Der vordere Theil ist als nautische Sammlung ausgestattet, mehr für -Admirale und Capitaine und seefahrende Fachleute, die daran stoßende -Küche wendet sich dagegen an das Allgemeinverständniß. Denn essen -wollen sie Alle, selbst die Gelehrtesten, die mitunter kiesätiger sind, -als man ihnen zutraut. Ich kenne solche. - -Die Propertät in der Küche sucht ihres Gleichen und dazu die listigen -Vorkehrungen, daß nichts überläuft, wenn das Schiff auf hoher See -schaukelt. Nachher liegen die Setzeier in der Asche und es riecht -verbrannt in den Salons, wo die Möbel eine Pracht entfalten, daß -die Herrschaften immer erst um Entschuldigung bitten, ehe sie sich -niederlassen. - -Die Treppen sind mit Läufern, das Holzgetäfel ist auf das Zarteste -geschnitzt und weiß lackirt, die blanken Messinggeländer sind -bildgießerisch höchst kostbar, aber doch nichts im Vergleich mit den -Kaiserlichen Gemächern, die nicht blos so heißen, sondern es wirklich -sind. - -Wenn der Kaiser die Ausstellung besucht, ist das Bremer Schiff sein -Absteigequartier, wo ein Speisesaal, ein Besprechungszimmer und ein -Rauchgemach bereit stehen und für die Kaiserin Zimmer und Salons, deren -Deckengemälde von so lieblicher Schönheit sind, daß sie eine Weide für -die verwöhntesten Augen bilden. - -Wenn die Majestäten abwesend sind, kann man diese Herrlichkeiten -betrachten, ebenso die vollkommen eingerichteten Kabinen erster und -zweiter Klasse, die Damen-, Speise- und Rauchzimmer, Capitainskabine, -Arztwohnung mit Apotheke, Lazareth, Badestuben und weiß dann, wie ein -Personendampfer aussieht. - -Klettert man höher auf das Promenadendeck und noch höher, wo der -Capitain steht, auf die Commandobrücke, dann ist das Schönste erreicht, -was ich Erika zeigen will. - -Das Schiff ist so hoch wie ein vierstöckiges Haus und liegt auf dem -Lande, wenn auch mit der Spitze in die Spree hineingebaut. Von hier -oben nun hat man eine Aussicht, die nicht zu beschreiben ist. Nach -Westen zu das große, weite Berlin mit unzähligen Fabrikschornsteinen, -die qualmen und rahmen, und wenn die Sonne scheint, blitzt es ab und -zu goldigglänzend von einer Kuppel oder der Siegessäule oder was sonst -auf blank gearbeitet ist. Nach Rechts, nach der Eierhäuschengegend -und Sadowa, ist grünes Gefilde mit Waldbegrenzung, eine echte -Spreelandschaft, bildschön für Einheimische, und für Ausheimische eine -freundliche Bitte, die Berliner Umgegend nicht blos zu lesen und zu -höhnen, sondern zu betrachten und der Wahrheit die Ehre zu geben. - -Und nun erst die Spree. Die Südsee ist breiter, das gebe ich zu, -und die Elbe auch und, wie klein die Schiffe sind, das mißt man -sofort durch Vergleiche mit dem Kaiserschiff ab, aber dies Leben, -dies Gondeln, diese Rührigkeit zur Ausstellungszeit, das Alles ist -die Märchenhaftigkeit der Wirklichkeit. Wenn die Blätter von den -Bäumen fallen, schwindet auch dies lebendiges Bild aus dem Leben der -Großstadt. Und kommt nie wieder. - -Deshalb soll und muß Erika hinauf auf die Commandobrücke des -Kaiserschiffes und ich will nichts weiter betrachten als ihre lieben -blauen Augen, die All dies Schöne auftrinken und leuchten wie -Kinderaugen am Weihnachtsfest. Sie spricht dann nicht viel, weil -ihre Seele sammelt, aber im Winter, nach Jahr und Tag, bei rechter -Gelegenheit, fängt sie davon an und hilft unserm Erinnern auf, bis wir -wieder vor uns sehen, was uns Freude machte. Sie erzählt keine längere -Feuilletons, o nein. Ein kleiner Satz, oft nur ein Wort und fertig ist -die Laube, als säße man darin und hörte die Nachtigall singen. Die -kleine Wilhelmine muß natürlich mit. Heut zu Tage kann die früheste -Jugend nicht genug anschauen; es ist mehr Wissen vorhanden, als das -Leben lang ist. - -Onkel Fritz dagegen darf unter keinen Umständen mit hinauf. Wenn der -dort oben steht und hat die Gegend ausgekundschaftet, er dann gerufen: -»Herrjeh, ist das gegenüber nicht Stralau? Und das links... das ist ja -Tübbecke!« Und dann die Hände als Sprachrohr an den Mund und geschrieen: - -»Kellneer, einmal grünen Aal!« -- Nein, er bleibt irgendwo an einem -näßlichen Orte; es giebt ja vorzügliche Weißen draußen. Außerdem hänge -ich ihm Ottilie an die Rockschöße. - -Wie freue ich mich auf die kommende Zeit. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Ein Damen-Ausflug. - - -Ich hatte der Bergfeldten -- merkwürdig, daß ich sie immer wieder nach -ihrem ersten Manne nenne, den sie doch eine Reihe von Jahren hinter -sich hat -- also richtiger der Frau Butsch versprochen, sie baldigst -nach der Eröffnung mit nach der Ausstellung zu nehmen und ihr durch -meine allmählich erworbene Platz-Plankenntniß in kürzester Zeit einen -Ueberblick beizubringen, daß sie zu Hause Rechenschaft ablegen kann. -Denn dies ist die Hauptsache. Alle Kunden fragen in der Weißbierstube, -wie es sich mit der Ausstellung verhält und Herr Butsch hat nichts -gesehen und sie noch weniger und die Gäste betrachten das Lokal -nachgerade als ein Nebengeschäft der Idioten-Anstalt. Wer nichts von -der Ausstellung zu sagen weiß, gilt allmählich für unbetheiligt an der -Civilisation. - -Weil sie nun mir so freundlich mit dem Zimmer aushelfen will, bin ich -ihr auch gern wieder gefällig und schrieb ihr auf einer Fahrrad-Karte, -daß ich sie zu einem gemüthlichen Nachmittag erwarte. - -Sie hat sich in der letzten Zeit bedeutend gebessert. Verhältnisse -ändern zum Guten oder zum Schlimmen, je nachdem der Mensch -hineingesetzt wird. Herr Butsch läßt sich wenig gefallen. Wenn man -so seine Statur betrachtet, da muß sie klein beigeben, wogegen Herr -Bergfeldt weder die Beamtenluft vertragen konnte noch die häuslichen -Zustände. Den tödteten die Sorgen, ehe er starb. - -Wenn man mit Leuten im Leben Freud und Leid durchgemacht hat, Erzürnen -und Vertragen und, was die Zeiten so brachten, steht man sich -näher, als man oberflächlich zugiebt. Das jüngere Geschlecht wächst -heran, dem Zukunftslichte zu und läßt uns Aelteren in dem Schatten -der Vergangenheit. Aber wir sehen auch hinaus in das Helle, blos mit -dem Unterschied, daß wir einen ganzen Kasten voll Erfahrungen haben: -Früchte des Lebens, die wir öfter anbieten, als sie von der klügeren -Jugend abgenommen werden. Aber man knabbert selbst daran und freut sich -der Zeiten, als man sie sammelte. - -So dachte ich mit der Butschen den Ausstellungsnachmittag zu -verbringen: das Neuere und Neueste bestaunen, Meinungen darüber -austauschen, obgleich immer nur zwei Ansichten sein können, meine oder -die verkehrte, zwischendurch den Gastwirthen etwas zu verdienen geben -und während des Ausruhens vergangene Erlebnisse aufwärmen und in aller -Behaglichkeit vieräugig Plaudern, mit einem Worte von seinem Dasein -etwas haben. Aber in der Butschen waltet immer noch die Bergfeldten. - -Konnte sie denn nicht alleine kommen? Was mußte sie die Fräulein -Pohlenz mitbringen, die ich stets freiwillig übersehe, sobald sie mir -begegnet, da ich sie drei Schritt vom Leibe am liebsten habe. Und wenn -sie sich an die Butschen anklettet, muß die soviel Mumm haben, daß sie -sagt: Fräulein Pohlenz, ich glaube nicht, daß Sie heute angebrachter -Maaßen sind oder wie sie sonst abwinkt. Gegen gute Freunde kann man ja -deutlicher sein, als gegen Fremde. - -Ich durfte deshalb mein Mißfallen nicht in passende Worte kleiden, -sondern mußte die Pohlenz mit übernehmen, wie sie da war: aus dem -ersten Jugendtraume längst erwacht, aber immer noch sich gehabt, wie -eben aus der Wiege. Und das kann ich nicht ausstehen. Wer dumm geboren -ist, den entschuldigt man mit der Vorsehung, die wohl ihre Gründe -gehabt haben mag, aber wer sich dumm stellt, der hält Andere für noch -dümmer, und das ist eine Beleidigung. - -»Sie hat so'n Gieper auf die Ausstellung,« sagte die Butsch, »daß -ich sie endlich mitnahm. Und als einzelnes Mädchen allein unter die -Menschenmenge lassen, das kann man auch nicht gut verantworten.« - -»Ich glaube, Sie bilden sich was ein, Fräulein Pohlenz,« bemerkte ich. - -»Ach nein,« sagte die mit niedergeschlagenem Blick »aber draußen im -schlesischen Busch ist doch schon mancherlei passirt....« Weiter kam -sie nicht, sondern hustete den Schluß ihrer Rede. - -»Fräulein Pohlenz,« entgegnete ich, »der schlesische Busch hat mit -der Ausstellung keine Gemeinschaft, alle Penn- und sonstigen Brüder -sind durch Drahtgitter polizeidicht abgesperrt und die vollziehende -Straßengewalt sorgt zu Pferde für strengste Draußenverbleibung -sämmtlicher sogenannter Elemente. Also was kann da groß an Ihnen -verdorben werden?« - -Sie suchte zu erröthen und hustete. - -»Und aus den Schüchternheits-Jahren ist sie,« stand die Butschen -mir bei. »Wenn ihr jedoch ja was geschieht, dann braucht sie blos -ordentlich schreien.« - -»Ganz recht,« bediente ich in derselben Farbe, »die Kraft der Schwachen -liegt im Schreien.« -- »Damit wehr' ich mich auch immer gegen die -Mause,« sagte die Butschen. - -Weil in meiner Absicht lag, den Kaffee draußen zu nehmen, bot ich -den Damen ein Gläschen Maltonsherry, der ihnen derart mundete, daß -sie sich zur zweiten Auflage so gut wie gar nicht nöthigen ließen, -dabei einen Posten von Kokusnußmakronen, selbstgebackene Probe für -den Sommerbesuch. Sie sollen billiger sein als aus Mandeln, aber ich -vermuthe, die Berechnung bezieht sich mehr auf die Breitengrade, wo die -Nüsse umsonst wachsen. Von Geschmack fanden sie Beifall. - -»Ist Ihnen ein Krümel auf das unrechte Stimmband gerathen?« fragte -ich die Pohlenz, die, wie ich wiederholt beobachtete, einen sehr -aufbegehrenden Kehlkopf hatte, »oder haben Sie sich erkältet?« - -»Ein ganz klein wenig,« gab sie zu. - -»Da müssen Sie vorsichtig sein. Vernachlässigte Erkältungen zersetzen -oft die Athmungsorgane.« - -»Meinen Sie?« - -»Ich nicht. Aber die medicinische Wissenschaft. Mein Schwiegersohn, der -Sanitätsrath, sagte vor ein paar Tagen noch, es sei ein gefährliches -Lungenwetter. Wer Symptome weg hätte, bliebe am besten im Zimmer und -hielte sich warm. Wie lange husten Sie schon?« - -Die Pohlenz wurde ängstlich und besann sich. - -»So,« dachte ich, »noch ein paar Rathschläge und sie ist so vernünftig -und zoppt rückwärts nach Hause; dann hätten die Butschen und ich -unseren Nachmittag reizend für uns.« Eben wollt' ich von einer Frau -erzählen, die sich auch nicht warm gehalten und innerhalb dreier Tage -ihren trostlosen Gatten zum Wittwer gemacht hatte, als die Butschen -dazwischen fuhr: »Mir sagten mal der Herr Sanitätsrath, beim Husten nur -ja nicht die frische Luft abgewöhnen.« - -»Bei Ihnen, halb auf dem Lande, trifft das zu,« entgegnete ich, »aber -hier bei uns doch nicht.« - -»Die Pohlenz wohnt ja in unserer Gegend, also muß sie an die Luft.« - -»Dann wollen wir auch nicht länger zögern,« entschied ich und blickte -die Butschen mit tadelndem Kopfschütteln an, das sie natürlich nicht -begriff. Hätte sie sonst gesagt: »Ich halt es auch nicht für schlimm. -Husten reinigt.« - -Wir trabten nach dem Alexanderplatz-Bahnhof, kauften am Schalter mit -dem Fahrschein gleich unsern Ausstellungseinlaßzettel und wegen des -Sonnabends war ganz commodes Mitkommen auf der Stadtbahn. Sonntags wird -es jedoch engbrüstiger zugehen. - -Wir stiegen Bahnhof Treptow aus, gingen die Chaussee lang und näherten -uns dem Haupteingange. Die Pohlenz, naiv wie immer, wollte durch das -Central-Verwaltungsgebäude eindringen, indem sie es für ein Thorhaus -hielt. »Meine Liebe,« belehrte ich sie: »Das Publikum theilt sich -rechts und links und geht durch die Kassen-Kontrole an den Seiten. Auf -dem Rückwege dürfen Sie durch die Mitte, nachdem Sie sich durch die -Drehzähler gequetscht haben, die jedoch ohne Nummerwerk sind.« -- Dies -bewunderte die Pohlenzen sowohl, wie die Butschen, aber mich mit ihnen -auf das statistische Gebiet zu begeben, schien unangebracht. Wo wenig -Verstand ist, muß man ihn für wichtigere Aufgaben schonen. - -Als unsere Eintrittsscheine richtig befunden waren, schlüpften wir auf -das Ausstellungsgelände. Die Pohlenz wollte ihren bis dahin verhaltenen -Ueberraschungsgefühlen Ausdruck verleihen, aber, da es so eingerichtet -ist, daß man anfänglich nichts sieht, machte sie ein Gesicht, wie Eine -die ein bischen mager zu Weihnachten bekommen hat. Die Bergfeldten war -inzwischen in Ablehnungskampf mit einem von den officiellen Jünglingen -gerathen, die das verbriefte Recht haben, die Tagesprogramme feil -zu halten. Da die Pohlenzen sofort in dieselbe Verlegenheit gesetzt -wurde, war ich neugierig, ob sich wohl eine von den Beiden so anständig -zeigte, eins zu kaufen. Aber nein. - -Wenn sie jedoch dachten, ich würde den Groschen in's Allgemeine Beste -werfen, täuschten sie sich gründlich und deshalb winkte ich dito -Schippen. - -Wir gingen nun rechts die künstliche Anhöhe hinauf, die, genau besehen, -eine Brücke über die elektrische Eisenbahn darstellt, und betraten nach -und nach die Hauptbetrachtungswürdigkeit, die Anlagen zwischen dem -Neuen See und dem Industriegebäude. »Meine Damen,« sagte ich, »sehen -Sie sich erst um, wenn ich vernehmlich rufe: Nu! So verfahren gewiefte -Reisende, wenn's wo schön ist.« -- »Ich schiele nicht,« antwortete die -Butschen, »hingegen für die Pohlenzen übernehme ich keine Garantie« --- »Woso?« begehrte die auf -- »Sie kann mit zugemachten Augenlidern -um die Ecke glupen,« setzte die Butschen hinzu, »und sieht mehrstens -gerade stets, was sie nicht sehen soll. Woher weiß sie sonst Alles?« - -Um Zwistigkeit zu verhüten, schritt ich rasch bis zum Bismarckstandbild -und machte Halt. »Schlagen Sie Ihre Sehorgane auf,« befahl ich, -»und begrüßen Sie dieses Bildniß aus Erz. Hier hat Berlin seinem -Ehrenbürger ein Monument gesetzt, das der Ausstellung zum Ruhm -gereicht. Wo der große Mann gewirkt hat, ist noch alles zu Heil und -Segen ausgefallen.« Ich wollte einige fernere Worte hinzufügen, aber -ein Programm verkaufender Jüngling litt es nicht. -- »Danke, wir sind -schon versehen,« verscheuchte die Pohlenz ihn. Wie Eine angesichts -Bismarckens so lügen kann, ist mir unbegreiflich und mindestens das -Zeichen eines sehr fleckigen Charakters. - -Nach etlichen Schritten rief ich: »Nu!« - -Die Wirkung war, wie ich gedacht. - -Die Meeresfläche, im Hintergrunde mit dem weißen Wasserthurm und dem -Hauptrestaurant, vorne die Blumengefilde, die Obelisken und dazu -Musik aus den Pavillons, das war wirklich wunderschön. Und dann -durch einfache Umdrehung des menschlichen Körpers der Blick auf das -Industriegebäude mit der Kuppel und den Thürmen, deren Aluminiumkappen -in der Sonne glänzten wie nagelneue Suppentöpfe und die Orangenbäume -auf dem Dache des Vorbaues, der in zwei Wandelhallen ausläuft, die das -Ganze in übersichtlicher gerader Linie durchschneiden, dies wirkte -verstummend auf die Beiden, die derartiges noch nie in ihrem Leben -gesehen hatten. Die Pohlenz that so überwältigt, daß sie auf einen der -vielen Stühle sank, die einladend an den Ufern des Sees entlang stehen. - -Kaum jedoch war sie gesunken, als flugs ein Knabe nahte, der zehn -Pfennige Stuhlmiethe verlangte. Sie sich gesträubt. Es half ihr aber -nichts und so kaufte sie für einen Nickel Sitzgerechtigkeit, die für -den ganzen Nachmittag gilt. - -Dies war die Strafe dafür, daß sie kein Programm gekauft hatte, worin -zu lesen steht, was per naß ist, und was Auslagen verursacht. - -Als ich nun für angebracht hielt, den Kaffee zu nehmen, wollte die -Pohlenz für ihre zehn Pfennige weiter sitzen. »Wie Ihnen beliebt,« -bemerkte ich, »aber einmal getrennt ist Wiederfinden ein Glückszufall. -Kommen Sie, Butschen, wir gehen in's Café Bauer.« - -Dieses erreichten wir unangefochten und nachdem wir einen Tisch mit -bester Mitten-Aussicht gefunden hatten, bestellten wir dreimal Melange. -Wir nennen es sonst Kaffee mit Milch, aber die Oesterreicher kennen es -nicht anders und den Dreibund-Gebräuchen muß man sich fügen. - -Der Kellner brachte das Verlangte. »Auch Gebäck gefällig?« fragte er -und stellte einen Korb mit feiner Backwaare auf den Tisch. - -»Nee,« rief die Butschen, »nehmen Sie den man wieder mit. Wir haben -selber.« Und ehe ich mich von meinem Schreck erholen konnte, sagte sie -zur Pohlenz: »Nu man heraus mit den Gesangbüchern, ich hab' Hunger.« - -Die Pohlenz denn auch ihre Handtasche aufgemacht und einen Packen -Klappstullen hervorgeholt, als wäre Hungersnoth in Sicht. »Wollen Sie -mit Wurst oder mit Käse?« bot die Pohlenz mir an. -- Ich dankte. -- -»Es ist delinquente Schlackwurst und prachtvoll durcher Ramadour.« -- -»Danke,« lehnte ich nochmals ab, »den hab' ich bereits gerochen.« - -War dies glaublich? In dem feinen Café, wo die Kellner herumlaufen wie -die Ballherren während der Tanzpausen und der Zahlkellner es mit jedem -Bräutigam aus der höchsten Noblesse aufnimmt, entblödeten die beiden -Weiber sich nicht, den Eßkober zu entfalten, als machten sie eine -Landpartie nach der Wuhlheide. Und die spietschen Physiognomieen von -den Wienern. Und meine Angst, daß Bekannte kämen. Ich fürchte doch, die -Butschen wird in der Weißbierstube ihres Mannes nach und nach gemischt. -Von der Pohlenz sage ich nur: Kein Mensch kann über seinen Horizont. - -Ich zahlte ohne Ansehung des Kellners und that, als ob ich die -Bemerkung der Pohlenz über die kleinen Tassen garnicht hörte. Ob sie -Trinkgeld gegeben haben, weiß ich nicht, mir war blos, als ob das »Hab' -die Ehr'!« den Beiklang eines Hinauscompliments hatte. - -Die Butschen wollte hierauf in das Hauptgebäude, was mir jedoch -insofern nicht recht war, als meines Karls Aufbau noch der letzten -Krönung mit dem Adler aus echtschwarzen Socken ermangelte, allein, was -vermochte ich gegen zwei Stimmen, da die Pohlenz auf der Butschen Seite -stand, innig durch die Klappstullen verschwestert? Ich folgte willenlos. - -[Illustration: "Da raucht einer aus zwei Cigarrenspitzen auf einmal."] - -Vor dem Portal blieb die Butschen stehen. »Herrjeh,« rief sie, »das ist -ja eine ganze neue Mode: da raucht Einer aus zwei Cigarrenspitzen auf -einmal.« -- »Wo denn?« -- »Da über dem Thürbogen der Kopp.« - -»Nein,« erwiderte ich, nachdem ich das Bildhauerische ergründet hatte, -»das bezieht sich nicht auf Tabak, das ist der Ruhm, der bläst auf der -sogenannten Fama, wie die Trompeten im Alterthum hießen.« -- »Da gehört -aber eine tüchtige Puste dazu,« sagte die Pohlenz. -- »In früheren -Zeiten waren die Lungen kräftiger,« gab ich ihr zu verstehen, »aber man -schonte sich auch mehr bei Erkältungen und blieb zu Hause.« - -Wir traten ein, in der Vorhalle den Löwenbrunnen zu besichtigen, wobei -wir von einem Blumenmädchen anmuthig unterbrochen wurden. Sie war weiß -gekleidet mit einer Achselschleife in den deutschen Farben, hatte aber -kein Glück mit uns. Auch einer schwarz gekleideten erging es ebenso. -Eine dritte, die dies sah, wagte sich nicht erst heran. Mir war auch -nicht blumenkauferig. - -Mein Karl hält abgeschnittenen Blumenhandel ebenfalls für unnöthig. -Warum? Man ist eben aus den sogenannten Galanteriejahren heraus. - -Die Pohlenzen strebte vorwärts: sie hätte so viel von dem Deckengemälde -in der Kuppelhalle gelesen, das müßte sie betrachten. »Gewiß,« -willigte ich ein, »Gemälde bilden.« -- »Man sagt ja auch, Kinder wie -die Bilder,« setzte die Butschen hinzu. Was sie damit meinte, war mir -unerfindlich und wird wohl für immer räthselhaft bleiben, denn, gerade -als ich nachfragen wollte, stieß die Pohlenz einen Mordsschrei aus und -legte ihre linke Baumwollen-Handschuhhand wie eine Scheuklappe an die -Stirn. - -»Was ist Ihnen?« fragte ich besorgt. -- »Haben Sie sich den Fuß -verknaxt?« fragte die Butschen. -- »Nein, nein,« ächzte die Pohlenz, -»Gott nein. Nein, nein, ich kann das nicht sehen...« -- »Was nicht?« --- »O nein... nein... die Puppen.« -- »Was für...« -- Wir hielten -nun auch einen Rundblick und entdeckten an einer Ecke der Halle ein -paar Museumsriesen in der bekannten klassischen Auffassung, bei der -das Stoffliche vernachlässigt wird, weil doch die Marmorfiguren -aus dem sonnigen Griechenland entspringen und es im Alterthum -keine Confectionsgeschäfte gab. Aber wegen der Größe und der -Fleischfarbigkeit mochte die Pohlenz sie wohl für lebendig gehalten -haben und gedacht, sie thäten ihr was. - -»Es sind ja nur gipserne,« suchte die Butschen sie zu beschwichtigen. --- »Nein, nein,« blieb die Pohlenz bei, »ich kann so was nicht sehen.« --- »Denn kommen Sie man raus,« griff ich ein, »draußen sind die -Blümelein und die rauschenden Gewässer und was sonst unerröthend ist. -Für Kunst sind Sie noch nicht reif, die hat das Unbekleidete einmal so -an sich. Oder wollen Sie nach den Wilden?« - -»Nein... nein. Aber nach den Marineschauspielen will ich, dazu hab' ich -ein Freibillet.« -- -»Wie kommen Sie dabei?« Sie stach sich noch röther -an, und lispelte kaum verstehbar: »Geschenkt.« - -Ich drang nicht weiter in ihre maritimen Verhältnisse, sondern war -froh, daß wir um die aus Strikegründen unvollendete Ausstellung meines -Karls herum kamen, und fragte: »Wann ist denn der Zauber?« -- »Das -weiß ich nicht genau, es steht wohl irgendwo zu lesen.« -- »Freilich -in dem Programm.« -- »Haben Sie eins?« -- »Nein.« -- »Sie auch nicht, -Frau Butschen?« -- »Ih, wo werd' ich!... Aber ich kann ja mal den -Kaffee-Kellner fragen.« - -Sie hin. Der Frackmensch sie mit ziemlicher Obenherabheit betrachtet, -aber doch höflich geantwortet, sie müßte sich wohl irren, von -Marineschauspielen wüßte er nur, daß sie vor längerer Zeit bei Kiel -stattgefunden hätten. Ob sie vielleicht die Fischerei-Ausstellung -meinte, die wäre bitte jenseits am diesseitigen Ufer der Spree gelegen. - -»Wir werden es schon finden,« sagte die Pohlenz. »Mir recht,« -entgegnete ich. -- Bei dem Durchwandeln des Parkes konnte ich -wundervoll feststellen, wie angestrengt in den letzten Tagen gearbeitet -worden war und wie die Ausstellung immer completer und schöner wurde. -Es will eben alles seine Zeit haben, selbst der simpelste Hefenteig. - -Schritt vor Schritt gab es etwas zu betrachten, eine von uns Dreien -blieb immer irgendwo hängen und war nicht mit zu kriegen und, als wir -glücklich bei den Marineschauspielen anlangten, war die Vorstellung -justement vorbei. - -Die Pohlenz, nun beleidigt gethan und vorgeworfen, wir, also die -Butschen und ich, hätten absichtlich gebummelt, damit sie zu spät käme -und so wie ich hätte mich gerühmt, Bescheid zu wissen und das schiene -doch nur sehr plundrig. Grade ihrem Husten hätte die Marine-Seeluft -gut gethan. Aber man gönnte ihr nichts Gutes. In denselben Ton -verfallen war meinerseits nicht, obgleich sie es war, die am meisten -stehen blieb und überall hineinwollte, wo noch garnicht eröffnet -wurde. Hocharistokratisch entgegnete ich daher: »Mein Fräulein, die -Ausstellung ist zu groß, als daß sie auf ein- oder zweimal in den -menschlichen Geist geht. Schuld allein ist die Gnietschigkeit, sich -kein Programm zuzulegen.« -- Das könnten Andere sich nicht minder -zuziehen, schnatterte sie gegen in ihrer sticheligen Manier und bewies -dadurch wieder, wie sehr es ihr zwei Finger hoch über der Nase fehlt. - -Mir fiel sofort plötzlich ein, daß ich meinem Karl versprochen -hatte, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, und, indem ich zur -Butsch sagte: »Sie bleiben wohl noch,« machte ich eine absichtlich -gelenkarme Verbeugung, woran die Pohlenz etwas zum Nachdenken hat, und -verabschiedete mich. Mir war klar geworden, daß es bei Ausstellungen -doch sehr auf die Gesellschaft ankommt, mit der man sie besucht. - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - -Der Hausbesuch regt sich. - - -[Illustration] - -Noch bin ich nicht zu meinen Berichten gekommen. Wie kann ich auch? - -Kaum haben nämlich die Herrschaften auswärts in den Zeitungen -gelesen, daß die Ausstellung angegangen ist, ehe sie fertig war, sie -sich, wie sie gebacken sind, hingesetzt und geschrieben, sie kämen -erst später. Die Antworten darauf und das Umkatern der Anmeldezeit, -der Zimmerbesetzung und gegenseitiges Verständigen, da Ungermann's -jetzt mit Tante Lina zusammenfallen und der Amtsrichter dito mit -ihr zusammenstößt, wenn auch Ungermann's umgelegt werden, das -hinderte. Ungermann's müssen in die gute Stube und Tante Lina läßt -sich allenfalls nach Butsch's abzweigen, andererseits jedoch ist -der Amtsrichter unmöglich mit der Mädchenkammer zufrieden. Das -Fremdenzimmer ist besetzt. Und die Dorette sperrt sich gegen das -Schlafen auf dem Boden. - -Hat man den Kopf voll von Einrichtungen, kann man keine allgemein -einleuchtende Berichte über die Größe der Industrie und das -Bedeutendste der Gesammtleistungen verfassen. Es sind in der That -Leistungen draußen, von denen man, wie Napoleon oder wer es war, nur -sagen kann: es sind welche! Und wie manches, geradezu nicht hoch genug -anzuerkennende ist in einem Seitenflügel angebracht. -- Jawohl, das -ist es! -- Da wird es Pflicht der Berichterstattung, es hervorzuziehen -und laut zu verkündigen: da seht her, was hier gewebt ist, diese -prachtvolle Qualität und dauerhaft im Tragen. Und preiswürdig! Denn bei -den immensen Kosten will doch auch der Aussteller sein Geschäft machen -und das kann er nicht in einem Winkel, an dem das Publikum sinnlos -vorüberrennt und seinen Fleiß, seine Arbeit, seine Tüchtigkeit links -liegen läßt. - -Aber ich will's schon schieben. - -Was Auswärtige nun unter »nicht fertig« denken, das würden sie selbst -mit den schrecklichsten Daumenschrauben nicht gestehen können, da sie -ja garnicht wissen, wie die Ausstellung werden soll, wenn sie fertig -ist. Freilich, desto vollendeter sie ist, desto mehr Totaleindrücke -giebt sie her, aber für Viele thut sich ohne dies schon fast zu -reichlich. Außerdem hat bis jetzt noch keine große Ausstellung ihren -Zeitpunkt innegehalten. Den ^letzten^ Pinselstrich hat wohl noch -Niemand gesehen, wie mein Karl meint. - -Was ihn selbst betrifft... er will nicht in der Fabrik schlafen und -sagt: »er sei nun einmal ein Gewohnheitsthier und werde, so weit in -seiner Macht stände, sich auch nicht ändern.« - -»Karl,« hielt ich ihm vor, »die Aufgabe des menschlichen Geschlechts -liegt neuerdings in der Vervollkommnung. Man muß das Thierische, -das Einem noch von den Vorzeiten anstammt, immer mehr abstreifen, -namentlich Gewohnheiten.« - -»Meine Familie hat sich nie zu der Darwin'schen Religion bekannt,« -sagte er. »Wie Deine es damit gehalten hat, wirst Du selbst am besten -wissen.« - -»Was willst Du damit behaupten? Was kannst Du mir vorwerfen? Oder -willst Du meine Vorfahren verächtlich machen? Karl, die liegen in -ihren Gräbern und können sich nicht vertheidigen und Du schiltst sie -Gorillas?« - -»Mit keiner Silbe!« - -»Wenn einer Darwin sagt, meint er Affe. Und das verbitte ich mir für -meine Ahnen, das waren Musterleute. Was mich selbst betrifft, bin ich -viel zu aufgeklärt, um zu leugnen, daß ich nicht auch meine Fehler -hätte.« - -»Ganz sicher.« - -»So; und welche wären das? Wie? Ich möchte sie wirklich kennen lernen. -Jawohl, das möchte ich. So nenne sie doch.« - -Er besah seine Fingernägel, als wären es Polizeiakten, aber es stand -nichts darauf. - -»Siehst Du, Karl, wie leicht etwas nicht bewiesen wird? Gesetzt den -Fall, ich wäre nicht Deine Dich innig liebende Gattin, sondern Besuch -von Außerhalb und ginge Dich direct verklagen? Bedenke den Blam! Du in -allen Zeitungen, an jedem Biertisch gelesen und straffällig gefunden, -verurtheilt von der öffentlichen Meinung und nie -- nie Kommerzienrath. -Du urtheilst zu rasch, mein Karl, Du bist zuweilen recht unüberlegt; -ich will es nicht gerade tadeln, weil es an Deinem jugendlich -aufwallenden Blut liegt -- Du hast Dich auffallend gut konservirt -- -aber wenn wir Fremde haben und Du läßt Dich hinreißen und schmetterst -in Deinem Leichtsinn gerichtliche Ehrenkränkungen hin wie eben... Karl, -hast Du die Folgen bedacht? Ich meine ^Folgen^, wenn ich Folgen sage...« - -»Wilhelmine, ich weiß nicht, wie Du mir vorkommst.« - -»Bange Blicke in die Zukunft, die Besorgniß um Dich...« - -»Aber Kind...« - -»Karl, es ist das Beste,... Du schläfst in der Fabrik, dann kann so -etwas garnicht passiren.« - -»Nein!« - -»Und wenn's nachher zu spät ist? Wenn es sich erfüllt, wie ich -voraussehe?« - -»Für das, was geschieht, übernehme ich, Karl Buchholz, die -Verantwortung. Bist Du damit zufrieden?« - -»Vollständig. Gewiß, mein Karl. Ich möchte den sehen, der Dir irgendwie -käme... Aber wenn Du in der Fabrik schlafen wolltest...« - -Was er sagte, als er das Lokal jetzt verließ, verstand ich nicht genau. -Ich glaube beinahe, er fluchte. - -Aber er hat nun einmal das Prinzip, nicht in die Fabrik überzusiedeln -und Prinzipien sind um so eigensinniger, je höher sie gehalten werden. - -Und doch... mein Karl muß in die Fabrik. - -Meine Stimmung war eine durchwachsene; es that mir wohl, daß mein -Mann nicht von mir weg wollte, und gleichzeitig verdrossen mich seine -Sperenzken. Um diese beiden Drehpunkte bewegten sich meine Gedanken, -als ich mich nunmehr hinsetzte, der Kliebisch Tag und Woche zu -schreiben, wann wir sie mit Gatten bei uns sehen könnten, und nebenbei -einige Andeutungen über ihren Briefstil zu verabreichen, der mein -Mißfallen erregt hatte. - -Daß die Kliebisch kommen wollte, war mir recht, wenn auch mein Karl -murrte. - -Wir lernten uns in Italien kennen, nicht als gewöhnliche -Eisenbahnabtheils-Bekannte oder _Table d'hôte_-Mitesser, sondern -mancherlei Erlebnisse brachten uns näher, Gefahren und glückliches -Entschlüpfen, wie ich in dem Buche »Buchholzen's in Italien« -wahrheitsgemäß wiedererzählt habe, von dem jedoch die Krausen hinter -meinem Rücken laut behauptet, ich hätte es garnicht geschrieben, -sondern Jemand anders. Ganz derselben Meinung war früher die -Bergfeldten. Welche Mühe hat es mich gekostet, ihr diesen Wahnwitz -auszureden. »Bergfeldten,« fragte ich sie eindringlich, »wie kann man -ein Buch über etwas schreiben, wenn man nicht da war? Wie denken Sie -sich das? So aus heiler Haut? Meinen Sie vielleicht, man setzt sich an -den Schreibtisch und, haste nicht gesehen, Neapel geschildert oder Rom -oder die Bevölkerung und, was sonst malerisch ist, ohne persönliche -Anschauung?« - -Und was antwortete sie darauf? Was? - -»Das Papier ist geduldig.« - -Hierauf wollte ich tödtlich werden, wie es sich auch eigentlich -gehörte, aber da ich kürzlich vorher in der Familienbeilage unseres -Blattes gelesen hatte, daß Langmuth und Unnachgiebigkeit herrlicher -von Erfolg gekrönt werden als Jähzorn mit Handhabungen, wendete ich -Nachsicht an und sagte, sie möchte doch um Alles in der Welt nicht über -Dinge reden, die für sie ewig unaufgegangene Seifensieder blieben, so -lange sie sich absichtlich der Wahrheit verschlösse. - -Da gestand sie denn, daß sie blos sagte, was die Krausen gesagt hätte. -Ich hatte die Krausen damals noch nicht so durchschaut wie später, und -stand einigermaßen ziemlich mit ihr, so daß diese Offenbarung mir durch -und durch ging, weshalb ich rügte: »Man muß sich nie als Sprachrohr -gebrauchen lassen, weil zu viel verdreht herauskommt.« - -Die Kliebisch sowohl wie ihr Gatte sollen nun der Butschen sowohl wie -der Krausen mitten in's Gesicht beeidigen, daß ich mit ihnen zusammen -in Italien war. Lügen müssen wie die Schwaben immerwährend ausgerottet -werden, sonst dauern sie lebenslänglich. - -Was mich in ihrem Schreibebriefe ärgerte, das waren Bemerkungen. -- -»Wir haben hier auch das Abschreckungs-Plakat in dem Dorfkruge hängen,« -schrieb sie, »und hatten in Folge dessen anfangs gar keine Lust zur -Ausstellung. Der sehnige Arm, der aus der Erde sich brutal erhebt und -mit dem Hammer Jeden zu zerschmettern droht, hatte für mich etwas -Widriges, bis mein Hinnerich sagte, das Plakat stelle blos Berliner -Blau vor (weil doch der Hintergrund so blau ist), und der Hammer -bedeute die Landwirthschaft, die bald unter den Hammer käme. Da haben -wir denn herzlich über den Witz gelacht. Mein Mann macht mitunter -ganz brillante Witze und ist auch ringsum dafür bekannt. Unsere Anna -ist konfirmirt und mir eine rechte Stütze im Haushalt. Sie hat den -praktischen Sinn ihres Vaters geerbt und ebenso hellblondes Haar wie -er und dabei seidenweich. Heinrich weiß noch nicht, was er werden -will, wir lassen ihn deshalb die Schule noch ruhig besuchen, bis er -sich entscheidet. Landwirth sieht mein Hinnerich ungern, weil zu wenig -verdient wird und ein junger Mann ohne großes Kapital zu lange bis zur -Selbstständigkeit warten muß. Henriette dagegen, unsere dritte, ist -idealer veranlagt, mit gutem Gehör und einer allerliebsten Stimme. -Adalbert und Friedrich gehen in die Dorfschule, was für den letzteren, -da er von den Masern her immer noch nicht ganz wieder der Alte ist, -seine Bedenken hat. Lene und Male...« - -Die unflügge Nachkommenschaft war für mich wenig von Interesse, da -ich sie nicht kenne, aber ich empfing doch die Ueberzeugung, daß die -Gegend dort zu den fruchtbaren gehört. Auf den Ehesegen ging ich daher -nicht näher ein, wohl aber auf Herrn Kliebisch's Randglossen über das -Ausstellungs-Plakat. Die hatten mich verdrossen. - -»Es freut mich,« schrieb ich, »daß Sie Alle wohl und munter sind und -Ihr Herr Gemahl trotz der agrarischen Lage noch zu Scherzen aufgelegt -ist. Was diese anbetrifft, möchte ich mir nur die Mittheilung erlauben, -daß wir unsere Witze über Berlin gewöhnlich selber zu machen pflegen.« - -»Das Plakat will verstanden sein. Es schließt sich der neueren -Kunstrichtung an, die den sogenannten schönen Schein als unnatürlich -meidet und in erster Linie darauf zielt, daß von dem Kunstwerk -gesprochen wird. Wie? ist Wurst. Und das ist erreicht, sogar bei Ihnen -auf dem Lande. Sie haben sich geängstigt: wollen Sie noch mehr Wirkung? -Liebe Frau Kliebisch, seit wir uns in Italien sahen, hat die Kunst -unermeßliche Fortschritte gemacht, daß die alten Meister, wenn sie aus -ihren Gräbern hochkämen, sämmtlich umlernen müßten. Wie Tag und Nacht -ist der Unterschied. Alles Braune und Dunkele gehört in die Museen und -der Antike an. Alles Mehlige und wie in den Regenbogen Getauchte ist -modern und zulässig für Ausstellungen. Dies muß man sich merken und -Rafael und Rubens und die verstorbenen Malermeister nicht loben, das -nehmen die jüngeren krumm. Wir werden über Manches zu plaudern haben -und Vieles zu besichtigen, denn eine enorme Gemälde-Ausstellung ist -Treptow gegenüber am anderen Ende der Stadt eröffnet. Wir rechnen in -Berlin eben mit größeren Entfernungen als in kleineren Orten und so ist -es auch mit dem Geistigen und den Scherzen. Berliner Blau gehört zu den -überlebten; ich bezweifle, daß Ihr Mann Glück damit machen wird.« - -Als ich über eine stilgerechte Schwenkung in die Kinderstube nachsann, -kam die Dorette, und meldete, vor der Thüre hielte eine Droschke mit -Massen-Gepäck; ob das wohl Besuch für uns wäre? - -Wir Beide aus dem Fenster gesehen. Richtig. Die Droschke beladen wie -ein Möbelwagen zur Umzugszeit, vornehmlich mit einem Reisespinde, -daß der Kutscher völlig unfallversicherungsreif daneben auf dem Bock -pendelte. - -Wer konnte es sein? Nach dem Kontrolirverzeichniß, das ich rasch zu -Rathe zog, Niemand. Aber da öffnete sich die Thür, eine junge Dame flog -auf mich zu mit den Worten: »Ich bin es. Wie ich mich freue.« - -»Ottilie?« fragte ich. - -»Ja, Ottilie.« - -»Warum schrieben oder telegraphirten Sie nicht?« - -»Ich wollte Sie überraschen, das hatte ich mir zu entzückend -ausgedacht. Ach es geht nichts über Ueberraschungen, die sind zu -himmlisch.« - -Sie hatte es gut gemeint und so fügte ich mich denn, obgleich mir -genaue Anmeldung lieber gewesen wäre, weil ich dann meine Anordnungen -getroffen hätte. - -Ich betrachtete sie mir. Sie war viel ansehnlicher, als auf der -Photographie, namentlich das lebhafte Auge verlieh ihr etwas Reizvolles -und, wenn sie sich bewegte, kam ihre schlanke Figur zur Geltung. Nun -ward mir auch mit einem Male klar, warum sie sich nicht glücklich in -ihrer Heimath fühlt und weshalb sie allerlei auszustehen hat. Sie ist -über ihren Stand hübsch. - -Ich hieß sie willkommen und fügte hinzu: »Wir haben ereignißreiche Tage -vor uns, aber mit gutem Willen, verständiger Anordnung und Fleiß werden -wir sie bewältigen.« - -»Ach und recht oft in die Oper,« rief sie, »Oper ist zu himmlisch. -Ich muß die Sucher hören, sie soll als Isolde zu entzückend sein. Und -Zirkus. Ich schwärme für Zirkus!« - -»Ottilie,« unterbrach ich sie, »Zirkus ist eine Wintersache, also -jetzt nicht vorhanden. In die Oper werden wir auch einmal gehen. Die -Hauptsache ist unsere gemeinsame Ausstellungsarbeit. Haben Sie Bücher -mitgebracht?« - -»Gewiß, zwei Kisten voll.« - -»Zwei Kisten?« fragte ich entsetzt. - -Der Droschkenkutscher und Dorette schleppten gerade einen schweren -Kasten die Treppe herauf. »Das Praktische scheint ihr fremd zu sein,« -dachte ich und fragte: »Was sind denn das für Bücher?« - -»Zunächst Meyer,« antwortete sie. - -»Was für'n Meyer? Doch nicht das ganze Conversationslexikon?« - -»Nun ja, darin steht Alles.« - -»Ottilie,« rief ich, »den Meyer habe ich selbst; die Ueberfracht hätten -Sie sparen können. Was sonst noch?« - -»Ein französisches und ein englisches Lexikon, Daniel's großes Handbuch -der Erdkunde, Velhagen und Klasing's Atlas, Brehm's Thierleben, wegen -der Fischerei-Ausstellung, Krüger's Physik...« - -»Das scheint mir das einzig richtige. Haben Sie auch Chemie -mitgebracht?« - -»Chemie? Nein, die hab' ich vergessen.« - -»Aber Ottilie, wo ich Ihnen doch schrieb, welche Sorge mir das -chemische Industriegebäude macht. Was fangen wir nun an? Wir müssen das -Buch schicken lassen.« - -»Das geht nicht. Ich habe die Schlüssel zu meinem Bücherspinde bei mir.« - -Ich seufzte. »Kommen Sie, ich will Sie auf Ihr Zimmer führen. Später -ziehen Sie zu mir.« - -»Ach wie reizend.« - -Der Droschkenmann wurde allmählich befriedigt; die Ladung war nicht -billig. Auch machte er Seitenbemerkungen, als Dorette meinte, das -Heraufbefördern von Gepäck läge mit in der Taxe und sei mit zwei -Groschen hinreichend belohnt. - -»Denn muß das Freilein das nächste mal mit'n Rollwagen fahren,« sagte -er. -- - -Als mein Karl zu Tisch kam und ein drittes Gedeck vorfand, legte er -sich auf's Rathen, für wen es sei, kriegte es aber nicht heraus, weil -das Zunächstliegende stets das Schwierigste ist. Er wurde ärgerlich -und grollte: »Du willst Dich wohl zur Sphinx ausbilden, das ist das -einzige, was auf dem Ausstellungs-Kairo noch fehlt.« - -»Hast Du so genau nachgesehen?« -- »Ja!« -- »Ohne mich?« -- »Du gehst -ja Deine eigenen Studirwege.« -- »Karl!« - -In diesem Ausrufe lag eine ganze Tragödie, und das fühlte er, denn -er fragte »Wo bleibt das Essen?« Wenn Männer ablenken, regt sich ihr -Schuldbewußtsein. - -»Die Araberinnen sollen dort ja zum Theil unverschleiert herumlaufen?« -fragte ich durchbohrend. »Ist das wahr?« - -»Ich bin hungrig, Wilhelmine!« - -»Ich nicht. Mir ist der Appetit vergangen.« -- »Wovon denn?« -- »Was -weiß ich?« -- »Eben warst Du noch guter Dinge.« -- »Eben, ja.« -- »Bin -ich Schuld an Deiner Laune?« -- »Nein.« -- »Wer denn?« -- »Niemand.« --- »Wilhelmine, willst Du mich erzürnen?« -- »Nein; ich bitte Dich, -was soll Ottilie denken, wenn sie gleich am ersten Tage Zeuge tiefsten -Familienzwistes wird.« -- »Uebertreib' nicht, sei so gut. Also für -Ottilie ist gedeckt... Wo bleibt sie aber? Ich möchte essen.« - -»Sie macht Toilette.« - -»Sie soll sich beeilen. Von der Gesellschafterin verlange ich -Pünktlichkeit. Ich werde einen Ton mit ihr reden.« - -»Karl, mir zu Lieb sei freundlich gegen sie. Bedenke, ich muß Wochen -lang mit ihr auskommen. Und Du weißt, sie hat Nerven.« - -»Sie kann sich meinethalben an ihren Nerven aufhängen.« - -Ich klingelte. Mein Karl war bereits in dem Hungerstadium, wo die -Männer borstig werden. »Dorette, schleunigst die Suppe und Fräulein -nochmal zu Tisch ansagen.« Glücklicherweise hatten wir Kerbelsuppe, -die mein Karl schon öfter für sein Leibgericht erklärte, mit Ei und -gebratenem Brot. Er schlemmte ordentlich, so ausverkauft war sein Magen -gewesen und mit jedem Löffel ward er friedlicher. Wäre jetzt Ottilie -nicht gekommen, hätte er deren Antheil mit vertilgt; ein Ei bekam sie -schon weniger. - -Mein Karl war überrascht bei ihrem Anblick, ich noch überraschter. Er -stand auf und verbeugte sich und sie machte einen Quadrillenknix wie -frisch vom Tanzmeister, schon mehr die reine Hoffeierlichkeit. Und was -hatte sie an? Ein marineblaues Kleid von demselben Stück wie meines und -eben solche crêmefarbige Klöppelarbeit und der Schnitt aus demselben -Modenblatt. - -Mein Effect, den ich vorhatte, war hin. Zweie aus dem nämlichen -Laden erregen allerdings Aufsehen, aber nur weil Jede sagt: sie gehen -gleichartig aus Billigkeitsrücksichten, Gott weiß, wo sie den Rest -gekauft haben? Und dazu schafft man doch nichts Neues an. - -Ich hatte Karl zwar gebeten, freundlich zu sein, aber daß er Ottilie -mit unverhohlenem Wohlbehagen ansah, das war nicht ausbedungen. - -Das Gespräch wurde bald recht lebhaft. Ottilie schwärmte schon mächtig -für Berlin. Nach dem Spreewald wollte sie und einen kleinen Abstecher -nach Dresden machen, und recht, recht oft in's Theater. - -[Illustration: Fliegende Otilie] - -»Meine Liebe,« sagte ich, »was wird aber aus Ihren Nerven?« - -»Oh,« erwiderte sie, »die sind facultativ. Ich bedarf der Anregung, die -wird mir Flügel verleihen, Flügel des Geistes, sie wachsen mir jetzt -schon. Ach, Berlin ist zu himmlisch.« Dabei streckte sie Jedem von uns -eine Hand hin und sprach: »Wie lieb Sie sind, mich so glücklich zu -machen.« - -Wir schlugen ein, weil sie so überrumpelnd war und mein Karl, das sah -ich, fand Vergnügen an dem Händedrücken. - -»Ottilie,« bemerkte ich strenge, »so lange Sie hier sind, vertrete ich -Mutterstelle und das sage ich von vorn herein: geflogen wird nicht.« - -Sie hätte nur bildlich gesprochen. -- »Bei uns reden wir deutsch.« - -Nach Beendigung des Mahles schlug ich im Meyer »facultativ« nach. »Dem -eigenen Ermessen freigestellt« stand da. - -Hierauf fragte ich meinen Mann: »Karl, weißt Du, was facultativ besagt, -in Bezug auf Ottiliens Nerven?« - -»O ja,« entgegnete er trocken, »ihr freiert.« - -»Und deshalb ziehst Du in die Fabrik und Ottilie schläft bei mir. -- -Ohne Widerrede, mein Karl.« - -Er redete auch nicht wider. Ottilie ist wirklich zu hübsch und ohne -Erfahrung. Es wird nicht leicht sein, sie zu hüten. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Ein Blick über das Ganze. - - -Als ich Ottilie den Vorschlag machte, einen allgemeinen Ueberblick über -die Ausstellung zu gewinnen, wollte sie gleich mit dem Fesselballon -hoch. - -»Nein,« sagte ich. »Vorläufig warten wir ab, ob er Zwischenfälle -kriegt, und, wenn die dann nach einigen Wochen rasch und leicht -beseitigt sind, steigen wir mit. Auch meine ich mit Ueberblick nicht -ein Häppsken Vogelschau, sondern das fest im Gedächtnis haftende -Terrain der Ausstellung, damit man weiß, was vorhanden ist, wo es -liegt, wie man hinkommt, wie viel Zeit man auf das Einzelne verwenden -kann. Es sind über viertausend Aussteller und nun rechne aus, wenn -auf jeden nur fünf Minuten gründlicher Besichtigung fallen, wieviel -Arbeitstage Du im Ganzen gebrauchst, den Tag zu acht Arbeitsstunden -angenommen?« - -»Kopfrechnen erlauben mir meine Nerven nicht,« antwortete Ottilie nach -einiger Anstrengung, als sie nicht mehr mochte. - -Sie bat mich gleich am ersten Tage um verwandtschaftliche Du-Anrede, -die ich ihr bewilligte, da sie so allein steht und der Anschmiegung -bedürftig ist. - -»Nun,« fragte ich, »hast Du es?« - -»Nein.« - -»Also rund zweiundvierzig Tage. Das sind beinahe anderthalb Monate. -Von Alt-Berlin, Kairo, dem Vergnügungspark, dem Theater, der -Diamantschleiferei, dem Panorama, der Stearinfabrik, Etzetera ist dabei -keine Rede und Du hast weder Naß noch Trocken, noch Ausruhen, noch -Musikgenuß, noch irgend eine nothwendige Pause. Deshalb ist planvolles -Vorgehen geboten. Heute ist Planschwetter, wir können nichts Besseres -beginnen, als uns vorzubereiten.« - -Sie seufzte. »Ich weiß nicht, ob meine Nerven«... fing sie an. -- -»Ich weiß, daß es ihnen gut bekommt,« entschied ich und breitete den -officiellen Plan der Ausstellung auf dem Tische aus. - -»Wie Du siehst,« begann ich, »wird das Gebiet durch die Treptower -Chaussee in zwei gleiche Theile gespalten, wovon der eine reichlich -noch mal so groß ist wie der andere, und dies Röthliche, was wie ein -Stiefelknecht aussieht, ist das Hauptgebäude.« - -»Ich meinte, es wäre so sehr schön.« - -»Dies ist ja nur der Grundriß, dasselbe, was beim Zuschneiden das -Muster.« - -»Ach so.« - -»Hier, gerade vor, das Blaue ist der Neue See mit den echten -Gondolieren aus Venedig.« - -»Wo sind die Gondoliere?« - -»Draußen in Treptow,« erwiderte ich sehr deutlich, denn die Hast, mit -der sie sich mit einem Male den Plan betrachtete, während sie eben -noch ihre Nerven überlegte und nicht die geringste Theilnahme zeigte, -verdroß mich. - -»Singen sie auch das himmlische Lied: >Komm' nach der Piazetta, -Rosetta<?« - -»Für ein Trinkgeld gewiß.« - -»Für Geld? Wie unpoetisch!« - -»Gegenüber liegt das Hauptrestaurant. Die Laubengänge dorthin sind mit -Tausenden von Lämpchen behangen, bei Tage wie die größte Eiersammlung -der Welt, an Erleuchtungsabenden feenhaft wie früher bei Kroll. Ist -das Wetter schön, wirst Du es erleben. Von hier kann man nun durch -das Spreewaldgehöft, durch Chocolade und Thee, bis zur todten Katze -gelangen...« - -»O, pfui!« - -»Nicht Pfui sagen, wenn Dir etwas nicht recht ist, das ist -kleinstädtische Geziertheit.« - -»Aber ich hasse todte Katzen.« - -»Das wird denen ziemlich dasselbe sein. In diesem Falle ist die Katze -das ausgestopfte Motto eines stilvollen Bürgerbräu-Ausschankes in -Bauernmanier, und kletternder Weise am Vorgiebel angebracht, also -durchaus nicht Pfui sondern kennzeichnend für den Volksmund, der stets -mit unerwarteter Sofortigkeit das Besonderliche in Worte formt.« - -Ich konnte nicht umhin, ihr diesen kleinen Erziehungs-Schupps zu -verabreichen, weil sie ihre schiefen Urtheile nie zurückhält und -dadurch zum Stein des Anstoßes wird, ja ich hielt es für Pflicht, -bändigend einzugreifen, wie Goethe so treffend in Mey & Edlich's -letztem Abreißkalender schreibt: »Wenn wir die Menschen nur nehmen wie -sie ^sind^, so machen wir sie ^schlechter^; wenn wir sie behandeln, als -wären sie, was sie ^sein sollten^, so bringen wir sie dahin, wohin sie -zu bringen sind.« -- Unser vorjähriger war mit Speisezetteln versehen, -aber weil die Zuthaten meist in die andere Jahreszeit fallen, haben -sie als Morgenandacht keinen sittlichen Werth, wogegen man Sprüche und -Lebensregeln ohne weitere Vorkehrungen benutzt. Dazu sind ja auch die -Dichter und dergleichen. - -Ottilie schien von ihren Obliegenheiten entweder keine Ahnung zu haben -oder keinen Gebrauch machen zu wollen, es kann auch sein, daß sie -Berlin mehr für eine Amüsirerholung hält als für ein Arbeitsfeld. Oder -hatte sie sich mich scherzhaft gedacht, als sie auf meine Vorschläge -einging, an den Ausstellungsberichten mit all' ihren wissenschaftlichen -Kräften thätig zu sein und dafür angemessen entschädigt zu werden, -nicht nur durch Kost und Unterkommen und rücksichtsvolle Behandlung, -sondern auch durch Honorarantheil an dem schriftstellerischen Erwerbe. -Man nimmt doch keine Waschfrau, um die Arbeit selbst zu thun. - -Von Ottilie verlange ich ja nicht das Gröbste -- das kann ich von -alleine -- sondern das wissenschaftliche und Gondoliere sind nicht -wissenschaftlich. Deshalb regte es sich in mir. - -»Man kann aber auch,« fuhr ich fort, »östlich gehen, leicht abschwenken -und durch echt märkische Sandpfade nach Alt-Berlin gelangen. Hast Du -den Weg?« - -»Wo ist südöstlich?« - -»Die Himmelsgegenden ermittelt man mit dem Compaß.« - -»Geht das?« - -»Nun natürlich. Auf Reisen in Italien und im Orient fand mein Karl die -Wege stets mittels Compaß und Plan; diese Kunst ist ebenso einfach, wie -unfehlbar, wenn man sich nicht irrt, und im Treptower Park durchaus -nothwendig, sobald das Dickicht sich so belaubt, daß selbst das Auge -der Aufseher nicht durchdringt, um Jemand zu entdecken, der heimlich -den Bleistift zieht und notirt, Zeichnungen aufnimmt oder vielleicht -photographirt, worauf so gut wie Todesstrafe steht. Es ist nämlich -jegliches verpachtet und unerlaubt; deshalb Vorsicht, Ottilie, daß Dich -die Wärter nicht anzeigen, von denen, dem Ton nach zu urtheilen, viele -auf der Unteroffizier-Akademie geschliffen wurden.« - -»Ich werde mich in Acht nehmen.« - -»Du kennst doch einen Compaß?« kehrte ich zu unserem Gegenstand zurück. - -»Und wie; sehr genau. Das heißt, im Examen hab' ich ihn gehabt -- -- -- -in der Hand noch nicht. Er wird im Norden vom Nordpol angezogen und im -Süden vom Südpol und war bereits im Jahre 2133 vor unserer Zeitrechnung -den Chinesen bekannt.« - -»Vergiß die Jahreszahl nicht, die gebrauchen wir in unseren Berichten. -Die Leute sollen sich wundern. Selbst nachgezählt hast Du wohl nicht? -Ich meine blos, wenn Einer es noch genauer wüßte und verlästerte uns -nachher öffentlich -- das möchte ich Onkel Fritzens wegen nicht. Der -höhnt gleich. Aber Du bist ja darauf geprüft.« - -»Wenn eine Kanonenkugel mit der Fluggeschwindigkeit von fünfhundert -Meilen in der Stunde sich von der Erde auf den nächsten Fixstern -zu bewegt, erreicht sie denselben erst nach vier Millionen -fünfmalhunderttausend Jahren,« sagte Ottilie rasch und fließend. - -»Hilf daran denken, wenn wir über das Riesenfernrohr schreiben, -obgleich ich für meine Person es für Unsinn halte, nach den Sternen zu -schießen, es sei denn aus rein wissenschaftlichen Zwecken. Da geschieht -ja manches. -- Hier hast Du den Compaß, nun suche zunächst Norden.« - -Die magnetische Nadel machte ihr Spaß, aber sie konnte sich nicht -daraus vernehmen und je mehr ich ihr es auseinandersetzte, um -so weniger faßte sie es, bis ich zuletzt ebenfalls das feinere -Unterscheidungsvermögen verlor. Auf Reisen war es ja auch hauptsächlich -mein Karl, der gleich die Richtung heraus hatte. »Ottilie,« sagte ich -deshalb, »in unseren wissenschaftlichen Abhandlungen gehen wir um das -Magnetische bogenartig ausweichend herum. Im Park kann man am Ende -fragen. Auch stehen an vielen Orten Wegweiser.« - -»Entzückend!« rief Ottilie, und legte den Compaß weit weg. - -»Ferner müssen wir Bedacht nehmen, daß die Berichte umschichtig -gelingen. Erst die Haupthalle, dann Photographie, dann meinetwegen -Unterricht und Erziehung, hierauf Hagenbecks Affenparadies, das sich -an das Kindliche schließt. Gasindustrie kann mit Gärtnerei abwechseln, -dann nehmen wir die vereinigten Destillateure, die Volkswohlfahrt, die -größte Kanne, Fischerei, Stufenbahn, Harzbahn, Volksbrausebad...« - -»Ich kann keine Brause vertragen.« - -»Nur ansehen.« - -»Pfui!« - -»Ottilie, ich habe Dich schon einmal ermahnt, diese Redensart zu -pensioniren. Sollen die Leute fragen, wer mag die junge Dame sein, die -so schwach mit Lebensart ist? Bei solcher Gelegenheit müßte ich Dich -verleugnen und Dich wieder siezen.« - -»Es ist das letzte Mal gewesen, ganz gewiß,« betheuerte sie. - -»Schön. Passirt es noch einmal, kommst Du nicht mit nach Kairo, das sie -so naturgetreu aufgebaut haben, als wäre man leibhaftig in Egypten.« - -»Ach ja, Sie waren ja dort. Wie himmlisch! Wie ich für Kairo schwärme, -kann ich garnicht sagen. Diese Lotosblumen, die Palmen mit beschwingten -Papageien, die Muselmänner in goldgestickter Seide; alles Marmor und -Elfenbein im Glanze des Morgenlandes...« - -»Halt' die Luft an, Ottilie, Du machst Dir eine total umgedrehte -Vorstellung. Die natürliche Echtheit ist das Bezaubernde; das -Zerfallene, die malerische Ungewaschenheit...« - -»O, Pf... pfie, wie schade!« - -»Na ja, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben. Du wirst die -Schönheiten Kairos schon unter meiner Leitung herausfinden und, soweit -ich das Arabische von damals her noch beherrsche, mit den Beduinen und -Fellachen, den Händlern und Eseljungen in Dialog treten. Sie verstehen -uns nämlich bedeutend leichter als wir sie. Mit den Neu-Guinea-Leuten -am Karpfenteich, der halb die Spree und halb den stillen Ozean -vorzustellen hat, stehe ich jedoch in keiner sprachlichen Beziehung.« - -»Gehen die Wilden wirklich wie abgebildet?« - -»Ich glaube je nach der Witterung, weiß es aber nicht genau.« - -»Wollen wir sie nicht lieber auch umgehen?« - -»Sie sind unvermeidlich als unsere Kolonialbrüder. Wir müssen sie -kennen lernen und sie uns, damit ein bürgerliches Gesetzbuch geschaffen -wird, das ebenso für Klein-Popo und Kamerun klappt wie für das große -Berlin.« - -»Die Gesetze werden doch mit den Menschen geboren!« bemerkte Ottilie. - -»Deshalb sind sie auch danach, denn was wird nicht Alles verheirathet? -Er zu lang, sie zu kurz oder umgekehrt, und auch in der Breite -uneinig, jedoch wegen geistiger Vernachlässigung gegenseitig nichts -vorzuwerfen. Talent höchstens zum Absätze krummtreten; Literatur: -Litfaßsäulen; Ideal: Wo's die größten Portionen giebt. Und solche Leute -insultiren die Lehrer, wenn ihre Kinder es nicht weiter bringen als zu -Sitzquartalisten und verlangen vom Staate garantirte Carrière für die -Blasenköpfe. Darum ein völlig frisches Gesetzbuch von der gediegensten -Jurisprudenz verfertigt mit peinlichster Rücksicht auf die herrschenden -Zustände, die manchmal schon keine mehr sind. Wie oft habe ich gehört, -daß das römische Recht, wonach sie sich richten, mit dem deutschen -nicht stimmt, und das kann es unmöglich. Was wußten die alten Römer von -Clavierspielen nach zehn Uhr oder von Maulkörben oder von unlauterem -Wettbewerb? Ueberhaupt, was geht uns Rom an?« - -»Sie waren dort ja auch! Sagen Sie, Frau Buchholz, macht Italien -wirklich den Eindruck eines Stiefels, wenn man darin herunterfährt?« - -»Nicht völlig,« gab ich zur Antwort. Dann sagte ich langsam: »Ottilie, -die Welt und die Bücher sind zweierlei, Du mußt noch viel lernen und -viel vergessen.« - -»Warum noch lernen? -- Ich habe mein Examen gemacht und Zeugnisse, daß -ich genug weiß. Die Quälerei hab' ich hinter mir. -- Aber ich meine, es -ging doch ausgezeichnet mit den vorhandenen Referendaren.« - -»Mit den vorhandenen Gesetzen, wolltest Du sagen. Früher langten sie -vielleicht, aber seitdem wir uns kolonial ausbreiten, steigern sich -die Ansprüche ungeahnt. Bedenke, wie schrecklich, daß unsere wilden -Afrikabrüder bis jetzt die Sonntagsruhe nie ordentlich gehalten haben, -daß das Auswärtige Amt einen Extra-Sonderbefehl hinüber senden mußte, -alle Arbeiten bis auf die dringlichsten an den Sonntagen in Afrika, -so weit wir zu sagen haben, an den Nagel zu hängen. Die Missionare -haben sich beschwert wegen Radau. Nun lernen die Wilden auf der -Ausstellung die Berliner Sonntagsruhe aus eigenster Anschauung, wo sie -den vorüberdrängenden Menschenströmen ihre Tänze vorspringen müssen -und rudern und Matten flechten und fechten und was sie sonst auf der -Walze haben zur Verbreitung anthropologischer Studien. Ob sie solches -des Sonntags dürfen, wenn sie retour gekommen sind, das steht auf einem -anderen Brett. Ich habe schon Herrn Kriehberg empfohlen, sobald seine -Ausstellungsthätigkeit beendet ist, nach Deutsch-Afrika überzusiedeln -und einen stilistischen Ausschank mit Vergnügungsgarten zu eröffnen, -womit er nach Einführung der Sonntagsruhe dort glänzende Geschäfte -machen muß.« - -»Was werden die Missionare aber dazu sagen?« - -»Die sind dem Gesetzbuch unterworfen und haben stille zu sein. Gleiches -Recht für Alle. Geld erwerben am Sonntag ist große Sünde, Ottilie, aber -Geld verthun darfst Du, und wenn Du hinterher am Montag abgespannt -bist, als hättest Du vierundzwanzig Stunden hart geschuftet.« - -»Das verstehe ich nicht.« - -»Gesetze sind eben schwer verständlich für den Mittelstand.« - -»Wer ist Herr Kriehberg, den Sie eben erwähnten?« - -»So zu sagen unser Mitarbeiter in Architektur und Bauwissenschaften.« - -»Wie entzückend! Ist er hübsch?« - -»Ottilie, kennst Du die Jungfrau von Orleans?« - -»Wieso?« - -»Der war verboten, sich um die Herren zu kümmern, damit sie ihre -Aufgabe unentwegt erfüllte. Als sie sich für einen jungen Mann -interessirte und nicht mehr auf dem Posten war, lag sie drin.« - -»Aber ich... « - -»Jawohl. So wie von Sachlichem die Rede ist, sind Dir Deine Gehörnerven -zu kostbar und jetzt, blos da Kriehberg's Name genannt wird, spannst -Du wie eine Elster. Ich warne Dich, Ottilie! Es kann lange dauern, -ehe Kriehberg's Wirthschaft mit Karussel und Schießstand hinter dem -Aequator blüht, und wenn er auch sonst Gaben besitzt, die beste -Eigenschaft eines Mannes ist ein gesichertes Einkommen. Und die fehlt -ihm.« - -Ottilie machte ein langes Gesicht. Sie fühlte sich ertappt. - -Ich brach die Vorstudien ab und gab ihr den Ausstellungs-Katalog zu -lesen. Der überhitzt ihre Phantasie wenigstens nicht. - -Ich selbst aber fürchte. Meine Phantasie malt mir allerlei -Unerfreuliches an die Wand. - -[Illustration: Caféhaus-Szene] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Das erste Lichtfest. - - -Wie theile ich Ottilie ein? - -Dies war die Frage, die mich wie eine Fliege piesackte, von denen -es nach meiner Selbstbeobachtung mehrere Sorten von Banditen giebt, -nämlich solche, die sich auf Eßbares setzen, weshalb die Butschen ihr -Apfelmus stets mit Korinthen bestreut, sie durch die Aehnlichkeit zu -vertuschen, und solche, die sich mehr auf menschliche Verfolgung legen, -bis man die Bestie nach endlosem Vorbeigelingen getroffen hat oder -irgend etwas Zerbrechliches, das in der Ziellinie stand. - -Ottilie kennt Berlin nur aus im zweiten Lebensjahre gewonnenen -Jugendeindrücken und weiß besser in den spanischen Provinzen Bescheid, -als in der Reichshauptstadt nebst Umgebung, was man ihr auch nicht -verdenken kann, da sie in Geographie mit einem Einser siegte und zwar -besonders durch einen fehlerfreien Aufsatz über Madrid, das sie für ihr -Leben gern einmal sehen möchte, um zu vergleichen, ob es wirklich so -ist, wie sie es beschrieben hat. - -Ich sagte: »Ottilie, zwischen uns und Hispanien liegt zu viel -Landkarte. Und wenn auch Sevilla und Granada sehr gepriesen werden, in -diesem Sommer geht nichts über Treptow. Damit Du jedoch nicht zu dem -Glauben verleitet wirst, Berlin bestände bloß aus Vergnügungspartieen -nach der Ausstellung, ergiebt sich für Dich die Nothwendigkeit, erst -die Residenz als solche zu ergründen und natürlich Potsdam dazu und -ein paar Kilometer Charlottenburg oder bis zum Spandauer Berg, -wo man Aussicht auf ungeheuer viel Geld hat, auf den Juliusthurm -nämlich, worin die Millionen des Kriegsschatzes schlummern. Dieser -Anblick in Verbindung mit dem vorzüglichen Bier ist beruhigend für -den Staatsbürger und dessen Gattin, sobald sie über das erforderliche -Verständnis verfügt, denn das schönste Militair nützt nichts ohne das -nöthige Großgeld.« - -»Gerade die Entzückendsten machen reiche Heirathen des Geldes wegen. -Aber sie werden schrecklich unglücklich ohne Liebe.« - -»Wen meinst Du?« - -»Die Offiziere.« - -»Ach so. -- Ottilie, nimm Dir zur unbeugsamen Richtschnur: was in -Romanen steht, ist so gut, als hätte die Krausen es Dir erzählt, die -von der Wahrheit nur Gebrauch macht, um die Gefühle ihrer Nebenmenschen -zu verletzen. Ich empfehle Dir daher, des Morgens mit Dorette in die -Markthalle einholen gehen, damit Du Berlin vom Haushälterischen wie -vom Statistischen beurtheilen lernst. Es sind enorme Zahlen, die dort -umgesetzt werden, ohne was nicht umgesetzt wird, sondern nebenbei von -auswärts kommt und sich der Kontrolle entzieht, weil es nichts taugt -oder gesundheitsschädlich ist. Hier greift die Polizei in die Margarine -ein oder verschüttet die Milch und beschlagnahmt lungensüchtiges -Fleisch und erweist sich hochgradig nützlich, denn siehst Du, heut zu -Tage geschieht Alles der Gesundheit wegen.« - -[Illustration: Offizier] - -»Wir leben in dem Jahrhundert der humanitatairen Bestrebungen,« -verrieth sie ihre Kenntnisse auf diesem Gebiete. - -»Sehr richtig, und es wird noch tatärer mit der Zeit, wovon die -Ausstellung eine unvergeßliche Probe liefert. Wohin Dein Auge sich -richtet, trifft es auf die Empfehlung von der Unfallstation. An den -Brückengeländern ist sie als Beruhigung festgenagelt: wenn Du Dir das -Bein zerstolperst, haben sie Syndektion, es wieder zu leimen. In den -Schänken, in den Kaffeehallen, in den Weinstuben, überall ermahnt -Dich die Unfallstation, wie unsicher das menschliche Dasein ist, und -gewissermaßen schwebt die Carbolflasche am seidenen Fädchen über -Dir, und es riecht auch danach, wo man essen und trinken will aus -sanitätlichen Rücksichten hingegossen, daß man lieber gleich wieder -geht. Wo die Hygiene aufdringlich wird, erregt sie Uebelkeit.« - -»Dies würde meine Nerven schrecklich angreifen.« - -»Stärke sie, Ottilie, stärke sie, Du wirst es nöthig haben, denn selbst -meine hatten verschiedene Anprälle zu überwinden. Denke Dir blos das -Leichenbrennhaus...« - -»Ich hasse Leichen.« - -»Ottilie, Du hast mitunter Ausdrücke an Dir, unter denen die deutsche -Sprache leidet. Du darfst sagen, sie erschüttern Dich oder Du bebst -zurück oder Du träumst davon, aber doch nicht hassen. Wie bald werden -die Todten vergessen; gönne ihnen doch die Liebe, die ihnen bis zum -Grabe folgt und auch nicht unsterblich ist, so ewig sie sich gebärdet.« - -»Wie ist es mit dem Leichenbrennhaus?« lüsterte Ottilie. »Ist es -schrecklich zu sehen?« - -»O nein, wie so 'ne Kapelle im Grünen, und unterscheidet sich von -den übrigen Ausstellungsunternehmungen dadurch, daß kein Ausschank -damit verbunden ist. Auch inwendig ist sie gediegen, mit kirchlichem -Fußgetäfel und Fenstergemälden und Sargkränzen.« - -»Werden welche verbrannt?« - -»Es sind nur Probeöfchen vorhanden, und an den Wänden Abbildungen -von Verwesenden und was dazu gehört, um das Begraben zu -verekeln und für das Einäschern zu gewinnen. Auch sieht man in -Silberstangen-Nachbildung, was das Todtbleiben an verschiedenen Orten -der Erde kostet, so daß Jeder sich sagt, das Sterben ist zu theuer, es -muß billiger werden. Und dann steht da in einem Glashafen die Asche -eines neunzehnjährigen jungen Mädchens.« - -»Wie furchtbar!« - -»Und von einem dreiundsechzigjährigen alten Manne.« - -»Pfui!« - -»Ottilie! Was kann der alte Mann dafür, daß seine Asche keine Ruhe -findet, indem die Besucher sie in die Hand nehmen und schütteln? -Vielleicht verdient er es, denn seine Asche ist schwärzlich, wogegen -die des jüngeren, unschuldigen Mädchens beinahe Schneeweiße erreicht. -Man sagt ja auch zuweilen: Einer taugt nicht bis in die Knochen. -- Und -Schwarz ist nun einmal verdächtig.« - -»Haben Sie die Asche auch in der Hand gehabt?« - -»Nun ja, ich hob den Glastopf, worin sie ist, und habe den alten Mann -auch 'mal geschüttelt. Aber nachher hat es mich gereut.« - -»Wieso das? Die leblose Asche ist doch aus dem Kreislauf des Seins -geschieden und ohne Nervenketten, die das Geistige auf animalischem -Wege vermitteln.« - -»Es war nachher, als ich im Hauptgebäude die trauernde Familie sah.« - -»Wie interessant! Die Angehörigen des Verbrannten?« - -»Wenigstens eine Familie in Schwarz und Schmerz, hinter Glas, -naturgetreu ausgestopft und der Herr Prediger lebenswahr in Wachs -photographirt, wie er sie erbaut und auf die Firma hinweist, wo -die Costüme für tiefste Trauer bis zum lila'nen Uebergang am -vortheilhaftesten bezogen werden. Mir gefiel besonders der eine Umhang -mit echt Jet; auch bemerkte ich, daß die überlebensgroßen Aermel nicht -mehr hochmodern sind. Gieb Acht, es wird wieder ganz eng und glatt -gegangen.« - -»An Stoff wird man sparen.« - -»Wer weiß jedoch, welche Art Plissé sie aufbringen, wozu dann -ebensoviel dazu gehört, wenn nicht mehr.« - -»Und die Aenderungen kosten.« - -»Deshalb muß man sich nie zu viel machen lassen. Dein marineblaues -Kleid ist mindestens überflüssig, es läßt Dich auch nicht ersten -Ranges; ich an Deiner Stelle würde es in Berlin nicht tragen.« - -»Meinen Sie? Ach, ich hatte mich so schrecklich darauf gefreut. Alle -fanden, es stände mir entzückend.« - -Das Wasser trat ihr in die Augen, und sie wurde mit einem Male -kopfhängerisch, daß ich erschrak und mich auf einen sofortigen -Nervenausbruch gefaßt machte. Sie that aber nichts dergleichen, sondern -blieb still und traurig. - -Das bedrückte mich. Stilles Leid ist wehestes Leid, wie etwas Todtes, -das kein Beklagen und kein Getröste wieder in's Leben zurückruft. -Und wer hatte ihre Freude erschlagen, ihre Herzenslust an dem blauen -Kleide, wo sie so selten zu etwas Außergewöhnlichem kommt, und es sich -erdarbte und in ihrer Gedankenwelt damit spielte wie ein Kind mit der -Puppe? Wer hatte diese Greusäligkeit begangen? - -Es war genau Diejenige-welche, -- die kurz vorher sich über die giftige -Wahrheitsliebe der Krausen aufgehalten hatte und die nun selbst mit -ihrer Rede schmerzlich verwundete und das mit Erdichtung obendrein, -blos weil sie durch Verbreitung der Modenzeitung und der Stoffe ganz -dasselbe Kleid hatte und mit Ottilie nicht aus einem Topf auf der -Bildfläche erscheinen wollte. - -Es war keine Nothlüge, sondern eine Eitelkeitsunwahrheit, der nun eine -Beruhigungsflunkerei folgen mußte. Wer lügt, steigt in einen verkehrten -Zug und muß vorwärts und schließlich Strafe zahlen und hat zum Schaden -den Aerger. - -»Ottilie,« begann ich daher langsam, nach Ausflüchten angelnd, »was ich -eben sagte, trifft wohl nicht eigentlich buchstäblich zu. Es war auch -mehr als Turnübung für Deine Nerven. Jawohl, nur deshalb. Wenn Du es so -mächtig gern hast, zieh es an. Ich lege mir ein Aehnliches zu, so gut -gefällt es mir. Du siehst doch ein, daß Deine Nerven von Zeit zu Zeit -geknufft werden müssen, das ist Massage für sie, heilkräftig, stärkend -und aufmunternd. Nicht wahr, Du fühlst förmlich, wie gut es thut, daß -ich eben über das Blaue scherzte?« - -Es war jedoch nichts mit der Beruhigung. Sie mochte wohl merken, daß -ich selbst nicht glaubte, was ich sagte. Kinder und Kranke haben feine -Fühlhörner an ihrer Seele. - -»Ottilie, Deine Augen verlieren ihre Blänke, wenn Du so weinst. Das -wäre doch zu schade.« - -Auch dies half nicht, die Nerven wurden facultativ. - -»Ottilie, bist Du leidend? Geh' lieber in's Bett.« - -»Ich, ich will nach Hause; ich mag nicht mehr in Berlin sein. Ich haß -es.« - -»Stuß! Wenn Du retour kommst und hast die Ausstellung nicht gesehen, -was wird man sagen?« - -»Ach, da schmäht man nicht den ganzen Tag und mäkelt und häckelt nicht --- in einemfort -- immerzu.« - -»Wer thut denn das?« - -»Ich will weg. Zu Hause fanden Alle mein Blaues ideal.« - -»Ist es ja auch.« - -»Nein. -- Sie mögen es nicht -- und nun -- mag ich -- es auch nicht -mehr.« - -»Ottilie, so mußt Du nicht mit den Thränen aasen; das sind die ganzen -Lappen nicht werth,« nahm ich strenge das Wort, weil sie sich immer -tiefer in ihren Kummer versenkte, der, bei richtiger Beleuchtung -besehen, eigentlich keiner war. Ist sie denn derartig vollkommen, -daß unsereins bewundernd still sein soll wie 'ne dodige Plötze? O -nein. Die Wahrheit muß heraus... das heißt, man muß sie vorher doch -einigermaßen prüfen, ob sie auch vertragen wird. Manche trinken -eine Flasche Bitterwasser und Andere haben von einem Weinglase -vollauf Beschäftigung, weil eben die menschliche Kreatur auf das -Verschiedenartigste beschaffen ist. Was jeffen sie sich im Reichstage -gegenseitig für vernichtende Grobheiten über und ihnen fehlt nicht die -Bohne danach. Ich werde Ottilie auf die Tribüne schicken, damit sie -ihre Zimperlichkeit einsieht und sich die Härtigkeit der Landboten zum -Muster nimmt. Daraus wird jedoch nichts, falls es zum Bruch kommt und -sie abreist, nachdem sie kaum angelangte. Was hilft alles Kochen, wenn -das Ei hart ist? Es wird nicht wieder weich. - -Es galt einen Entschluß fassen und obgleich mir durchaus nicht -ausstellerig zu Muthe war, sagte ich: - -»Ottilie, wenn Du vorziehst, Trübsal zu blasen, bleiben wir in der -Stadt und gehen heute nicht nach Treptow, wo die erste Illumination -stattfindet.« - -»Wir wollten doch erst morgen hin,« entgegnete sie mißtrauisch mit -langsamer Eindämmung der Thränenbäche. - -»Zur wissenschaftlichen Durchforschung bei Tage, ganz recht«, -antwortete ich mit einer neuen Verschiebung der Thatsachen, denn meine -Absicht war, die Beleuchtung erst in der Zeitung zu lesen, ob sie -glanzvoll gelungen oder mit welchem unverzeihlichen Fehler das Comité -sich beladen und zu erfahren, ob man die Mark Entree mit hinterheriger -Befriedigung verschwenden darf, um die nächste Wiederholung mit unserer -Gegenwart zu beleben. Hieraus mir einen Vorwurf zu machen, wäre -unrecht, denn eine Sache findet bei uns doch nur erst dann begeisterte -Aufnahme, wenn sie bald nicht mehr wahr ist oder die Spatzen sie von -den Dächern ausschreien. Aus eigenem Antriebe einen Nickel riskiren -ist nicht Sitte, so sehr auch Unternehmungslust dadurch gelähmt -wird. Deshalb entschließt mein Karl sich nur nach längerem Zögern zu -sogenannten hautes Nouveautés. - -»Zieh' Dein Blaues an, Ottilie; wir gehen. Das Wetter hält sich; ich -habe tüchtig gegen die Barometerscheibe geklopft.« - -»Hilft das?« - -»Wo doch. Blos um zu sehen, wohin der Zeiger sich rührt. Er schnippte -einen halben Strohhalm breit nach Schön.« - -»Wie entzückend!« - -Und munter war sie; aufgesprungen und ab, um sich zu schmücken. Der -Mensch ist doch eine ziemliche Wetterfahne. - -Ich war zufrieden mit dieser Wendung zum Trocknen, und nahm mir -vor, gut zu machen, was ich Ottilien möglicherweise Leides gethan -haben konnte, indem ich ihren Erziehungsgang nicht hinreichend -berücksichtigte und unbewußt schroff wurde, wie sie es nicht gewohnt -ist. Sie weinte zu sehr, das arme Ding. Es ist aber auch zu dumm, daß -sie das nämliche Kleid hat. Vielleicht laß ich meins schwarz besetzen -oder dunkelrothbraun, was auch nicht übel zusammenschattirt. - -Wir fuhren mit der Stadtbahn hinaus und da Ottilie keine Ahnung von -der Anlage des Ganzen hat, zog ich sie mit mir nach der Spreeseite -in die große grüne Branntweinskirche, wo alle Verzehrungsgegenstände -in ästhetischer Zusammenstellung aufgethürmt sind. Solche Mengen und -Abarten von Bonbons hatte Ottilie noch nie gesehen, und auch ich konnte -nicht umhin, zu bemerken: »Die Kinder wissen jetzt garnicht, wie -genußreicher die Welt gegen uns geworden ist. Wir hatten Zuckerkante -und Huststangen und Rothe und Weiße oder auch von den Dunkelbraunen, -jedoch nicht an die Neuerungen im Bonbonwesen zu denken von allen -Formen und Farben wie im Tuschkasten.« -- Der Essig, die Liköre, -Fruchtweine und Riesenwürste fesselten sie weniger. - -Von hier begaben wir uns in's nasse Viereck und nahmen einen -Kaffee. Die Lampen brannten und Ottilie hielt diese Ecke für die -völlige Ausstellung und schwärmte für die vom Musikcorps des Kaiser -Alexander-Garde-Grenadier-Regiments No. 1 erzeugten Töne. So stromweise -»himmlisch« und »entzückend«, wie sie hier verzapfte, wurden mir schier -zu viel. Ich ließ jedoch gewähren. Nur nicht kränken, nur nicht weh -thun. Sie hat wirklich Nerven. - -Je mehr es dunkelte, um so bescheerungsaufgeregter ward ich. Hatte -Ottilie mich mit ihrer Ankunft überrascht, wollte ich Revanche nehmen -und sie wieder überraschen. Ein Kanonenschuß krachte von der anderen -Seite her und neugierig, wie ich selbst war, sagte ich: »Komm!« - -»Ach, noch nicht gehen,« bat sie. - -Durch die dämmerigen Laubwege schritt ich mit ihr. Durch die -Lücken schimmerte hin und wieder farbige Gluth. »Aha,« dachte ich, -»gerade recht, die Illumination brennt schon.« Und dann über die -flammeneingefaßte Brücke und grade, als die Musik auf's Neue begann, -standen wir vor dem See und rund um uns und vor uns und wohin das Auge -blickte Licht, Licht und Licht, Flammen und Flämmchen, weiß und roth -und grün und auf dem See schwimmende Lichtboote und die Rasen mit -farbig leuchtenden Blumen und die weißen Gebäude in rother Feuergluth. -Ottilie klammerte sich an mich. Sie fürchtete sich, so fest hielt sie -sich. - -»Ist Dir was, Kind?« fragte ich. - -»Wo bin ich?« flüsterte sie. »Wache ich oder ist es Traum? O wie schön, -wie schön.« - -Wir wandelten in die Lichtalleen hinein, in die Laubengänge und -schritten mit Tausenden zugleich unter den Lichtbögen um den See. -Rubinrothe Flammengehänge säumten ihn ein. Die hingen von grün -brennenden Weihnachtspergamiten herab und spiegelten sich im Wasser. - -Und in all diesen Feuerzauber hinein sang eine Nachtigall. - -Die Wandelnden blieben stehen und schaarten sich zu Hunderten um den -kleinen Sänger. - -»Die haben wir auch zu Hause,« sagte Ottilie. »Nachtigall ist doch das -Allerschönste.« - -»Das ist die Natur stets,« entgegnete ich. »Und darum ist die Kunst so -schwierig. Bedenke, was dazu gehört, mit der Nachtigall zu konkurriren?« - -»Ach bitte, bitte, nicht denken heut Abend. Nur genießen will ich all -das Schöne: das Lichterfest, die Musik, den singenden Vogel, die vielen -vielen frohen Menschen. Wie schön, wie schön. Ach, Frau Buchholz, wie -hab' ich Sie lieb.« - -Nun war mir der Abend auch froh und lichthelle. Ganz froh. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Bei den Maschinen. - - -Es kommt mir mitunter der Gedanke, als wenn zum Berichten über -die Ausstellung die menschliche Veranlagung doch vielleicht zu -kurz sei. Das Enorme, was dort aufgestapelt wurde, erdrosselt das -Einprägungsvermögen und wer ist mit so viel sachlicher Erkenntniß -beglückt, daß er über das ihm Unverständliche ein richtiges Urtheil -abgiebt? Und ich bin doch im Grunde genommen keine Fachfrau. - -Wollte ich meinem Karl klagen, wie mir dies allmählich aufgeht, sagt -der, ohne daß ich fragen brauche: »Wer sich mehr aufpuckelt, als er -tragen kann, stöhnt.« Darum schütte ich ihm meine Sorgen nicht aus. - -Nun könnte ich es mir leicht machen und über den Vergnügungspark -schreiben und das Industrielle verabsäumen, aber dagegen sträubt sich -mein Berlinisches Empfinden. - -Allerdings: Kein Fest ohne Vergnügen. Ist jedoch die Ausstellung blos -zur Erheiterung der Mitbürger in die Welt gesetzt? Nein, sie will -zeigen, was Berlin als einzelne Stadt und zwar als die Hauptstadt -des Reiches in Gewerbe und Industrie zu leisten vermag. Sie legt -gewissermaßen eine öffentliche Prüfung ab, damit sie zur Einsicht -kommt, wo sie mit Glanz besteht und wo es noch nicht genau genug ist. -Wenn Einer fühlt, daß er was kann, wächst ihm der Muth, noch mehr zu -können und es giebt Traute. Und wer sich überzeugt, daß zugelernt -werden muß, findet auch den Lehrmeister. Mancher kümmert sich in Folge -dessen vielleicht weniger um Politik und Partei und gewinnt mehr Zeit -für Vervollkommnung in seinem Fach. - -In diesem Nachdenken störte mich Onkel Fritz mit einer Zeitung aus -London, worin zu lesen war: der Patriotismus des Deutschen bestände in -der Vorliebe für die Länder anderer Völker und sähen diese noch so sehr -auf ihn herab. - -»Was soll ich damit?« fragte ich. - -»Dir's zu Gemüthe führen.« - -»Fritz, sie booßen sich, daß Deutschland in Handel und Industrie so -bedeutend und selbstständig geworden ist, daß sie's spüren. Wem aber -der schimpfliche Tadel paßt, mag ihn sich anziehen und sehen, wie ihm -die Hausknechtsjacke sitzt. Es giebt ja leider Fremdlandslakaien.« - -»Ich dachte, Du würdest einen großen Transch machen.« - -»Bitte, bleibe bedeckt. Was verschlägt das? Sie hören's ja nicht. -Aber weißt Du, von Treptow aus weht ein frischer Wind in Deutschlands -Segel: paß acht, wie flotten Kurs es nehmen wird. Dann haben sie die -gebührende Antwort.« - -»Und doch hat sich nicht die gesammte Industrie Berlins betheiligt, es -fehlen viele große Nummern.« - -»Das nächste Mal machen Alle mit; das ganze Reich macht mit; die ganze -Welt macht mit.« - -»Wenn Du meinst?« - -»Jawohl, meine ich. Und Redensarten will ich mir verbeten haben.« - -»Hab' ich was gesagt..?« - -»Ei ja doch! Gerade wenn Du manchmal Nichts sagst, bist Du am -deutlichsten. Aber was weißt ^Du^ von den mit der Ausstellung -verbundenen Schwierigkeiten, da Du auf Mäkelbrüder und Nörgelmeier -hörst, die natürlich reden, wie sie's nicht verstehen.« - -»Sei milde, Wilhelmine. Nimm mich unter Deine Flüchtel und gängle -mich mit Deiner Weisheit. Wie denkst Du über eine Bierreise im nassen -Viereck? Ich habe gerade Zeit und Lust.« - -»Bedaure. Ich habe die Maschinen vor und für Getränke keine Zeit.« - -»Das ist dumm; für Maschinen bin ich nicht anschläg'sch. Hingegen das -Moabiter Marinebräu, das ist was für meinen Vater seinen Sohn, ganz so -wie Faust sagt: zum Verweilen schön!« - -Es war nichts mit ihm anzufangen. Wenn er schon die Klassiker -verhohnackelt -- wozu der Faust Gottlob immer noch gehört -- hat er vor -unsereins erst recht keine Ehrfurcht. Aus den einfachsten Aeußerungen -macht er Männerken, daß man an der eigenen Klarheit zweifelt. Und das -ist doch kein Genuß. -- - -Ich verabschiedete ihn und stadtbahnte mit Ottilie hinaus, die mir das -Elektrische verdeutschen sollte. - -Wir nahmen unsern Eingang gleich unmittelbar bei dem riesigen -Kesselhause, das so zu sagen das Treibende vom Ganzen ist und, wie -Ottilie sagte, auf Oxydirung beruht. Die Kohle verbindet sich mit dem -Sauerstoff, der in Waldgegenden von bester Güte ist, so daß schon aus -diesem Grunde Treptow als glückliche, wenn auch etwas entlegene Wahl -gut geheißen werden darf. Hieraus entsteht wissenschaftlich Licht- und -Wärme-Erscheinung. - -»Wir nannten es sonst, glaube ich, Feuer,« bemerkte ich. - -»Das gilt nicht im Examen. Feuer ist ja auch nichts Wirkliches, sondern -sieht nur so aus. Man kann es nicht wägen oder messen, weil es keine -Schwere hat. Es ist nicht greifbar.« - -»Weil man sich daran verbrennt.« - -»Weil es kein Körper ist.« - -»Ottilie, die Wissenschaft in Ehren, aber wenn es eine bloße -Erscheinung wäre, wie könnte man darauf kochen? Und es ist bewiesen, -daß alle Erscheinungen Einbildung sind, wie Gespenster oder Spiritismus -oder sonstige Augentäuschungen. Nein, ich bleibe dabei: Feuer ist -Feuer, nur daß Coaks mehr Plätt-Hitze geben und Kien zum Beispiel wenig -austhut und sich besser zum Anmachen eignet. Und das ist ferner klar, -ohne Feuer kriegst Du keinen Dampf, und ohne Dampf geht keine Maschine.« - -Wir traten in die Halle. - -Wenn man Maschinen sieht, entflieht Einem unwillkürlich der Vers: »Da -hab' ich Respekt vor dem menschlichen Geist,« namentlich mit großen -Schwungrädern und in hampelnder Bewegung. Stillstehendes dagegen -macht keinen Eindruck, weil man von allem Drehbaren erwartet, daß es -schnurrt, und unbefriedigt vorüberschreitet, wenn es sich nicht rührt. -Das ist, als wenn man um Auskunft ersucht und wird keiner Antwort -gewürdigt. - -Manches steht da unscheinbar, aber wenn es arbeitet, ist es von -höchster Schläue, zumal mit Erläuterung vom Erbauer. Da fabriciren -zum Beispiel die Pappenfritzen eine billige Pappe mit so viel Stroh -und Sandstaub mang, daß sie dem Buchbinder beim Biegen in der Hand -zerbricht. Was thut nun der Maschinenmensch? Der denkt so lange, bis -ihm ein Geräth einfällt, worin die brüchige Pappe sich krümmt wie ein -Regenwurm und zur Verwunderung der gesammten Buchbinderei ganz bleibt, -die hierauf schleunigst die Maschine anschafft. - -Aber auch der Pappmann sieht die Maschine. »Aha,« sagt er sich, »noch -mehr Sand mang und noch mehr Stroh« und der Buchbinder ist wieder -aufgeschmissen, denn wenn er noch billigere Pappe haben kann, wird er -nicht so thöricht sein und bessere, theuere nehmen. -- Nun muß der -Maschinenmann wieder erfinden. Und so umzüchig weiter, bis die Waare -sogar für einen Fünfzig-Pfennig-Bazar zu lekrig geräth. Und dann ist -das Geschäft aus. - -Ottilie meinte, es müßte bei Jedem dabei geschrieben stehen, was es -vorstellte, allein das wäre zu viel verlangt. Zum Beispiel Röhren. -Der Röhrenmacher weiß unmöglich, wozu diese oder jene Röhre verwendet -wird, was hindurch laufen soll, und ob sie sich verstopft oder birst -und kann nicht für jede Einzelne Lied und Beschreibung herausgeben, und -andererseits bedarf man z. B. bei Wring-Maschinen keiner Abhandlung. -Und doch sind vielleicht Neuerungen daran, die den Herrschaften zur -Geldausgabe und den Philippinen zur Erleichterung der Arbeit verhelfen. -Von den sogenannten technischen Verbesserungen des Hausgeräthes hat -die Hausfrau das Wenigste, und ob die Küchendonnas Einem Dank wissen, -ist sehr die Frage. Sie sträuben sich gegen Neuerungen. Blos mit dem -Bräutigam sind sie willfähriger. - -Meine Dorette auch. Seitdem ihr Tapezier durch sinnlosen Streit seine -Arbeit verloren und ihre Spargroschen verthan hat, ist's mit ihm aus. -Ihr Kummer war heftig, aber vergänglich, und um ihrem Ehemaligen die -Rückkehr in das Küchenparadies für ewig abzuschneiden, hat sie sich mit -einem Schutzmann verlobt, der dem Tapezier mit dem Schwert auf die -Finger klopft, wenn er herein will. Er ist ein großer, ansehnlicher -Mensch mit rothblondem Schnurrbart und grauen Augen, und wie Dorette -sagt, durchaus nicht stolz, obgleich er schon drei Einbrecher gefaßt -hat, und wenn es ihm glückt, einen Mörder zu packen, sprungweise -avancirt. Nach meinen Speisekammer-Wahrnehmungen ißt er Alles. Der -Tapezier ward zuletzt schon so kiesätig, daß Dorette unterschiedliche -Gerichte nur gezwungen auf den Tisch brachte. - -Fleckweise ein Schutzmann im Hause ist rathsam. Er verbreitet für -die Schlechten das Gefühl der Furcht, für die Guten das Gefühl der -Sicherheit, und Dorette ist wieder brauchbar. Soviel Geschirr hat sie -zuvor nie geliefert, als in den Wochen des zerbrochenen Verlöbnisses. - -Genug, ich bin mit dem Tausch zufrieden und rechne die Kalbsbratenreste -als stillschweigendes Gehalt. -- - -Die Braupfannen, die Bierfilter, die Wasserreinigung regten uns -ungemein an und nicht minder die Nähmaschinen, die auf das Niedlichste -sticken und das junge Mädchen von früher vollkommen ersetzen, von -dem man Fertigkeit in jeder feineren Handarbeit verlangte. Auch eine -Handschuh-Nähmaschine sahen wir, die überwendlich naht. Wohin soll das -führen? Die Fähigkeiten der Frau werden verschoben, sie begiebt sich -auf das geistige Gebiet, wo sie die Männer verdrängt. Der Mann macht -Maschinen, die Frau wird immer unabhängiger, bis der Mann schließlich -nur noch den Dampfkessel zum Gesammt-Hausstandsbetriebe heizt, und -die Frau die Welt regiert. Dies werde ich, im Gegensatz zu der Pappe -und der Biegemaschine, die aufsteigende Linie nennen. Sind wir erst -mit Damen-Universitäten und Mädchen-Polytechniken ausgerüstet, ist es -Kleinigkeit, einen Standpunkt zu erreichen, von dem aus die Frau das -Ganze beherrscht, und ich glaube nicht, daß dann noch viele Männer bis -Mitternacht und darüber in den Kneipen sitzen dürfen. Die elektrische -Gasuhr wird einfach abgestellt und es giebt nichts mehr. - -»Unausstehlich, die Drehbänke,« murrte Ottilie, als wir vorwärts -wandelten und Vieles Kurbelige nicht im Gange war. - -»Ottilie,« antwortete ich besonnen, »das Nothwendige kann wohl den -Eindruck des Unausstehlichen machen, ist es aber nicht. Die Bedürfnisse -der Menschen weichen eben stark ab. Was wolltest Du in der Sahara -mit Schlittschuhen und in Grönland mit einem Eisspinde, wogegen eine -Drehbank Dir vielleicht dringend fehlte.« - -Ich war ihr diesen kleinen Vortrag schuldig, weil sie doch vorhin -gewaltig mit Eindruck und Erscheinung um sich geworfen hatte. Hängt sie -Bilder heraus, ich hab auch 'ne Galerie. - -Allmählich gelangten wir an die Badezimmer mit Wasch- und -Reinlichkeitsvorkehrungen und zu den Kesseln und Oefen zum Desinficiren. - -Was wußte man vor einigen Jahren davon? -- Nichts. - -Da erfand die Wissenschaft die Bacillen und das Karbol und haste -nicht gesehen: wohin der Mensch sich begiebt, überall Bacillen und -Sanitätsgestank. Denn den können die Menschen kaum vertragen, viel -weniger die Mikroskobien, indem sie sich nicht zu entfernen vermögen -und in dem Dunst elendiglich krepiren. - -[Illustration: Carbol] - -»Wie merkwürdig,« sagte ich zu Ottilien, »daß solche kleine -Thiere Veranlassung zu so großen Apparaten geben. Welches Geld -muß jetzt ihretwegen versalicylt werden, das die Nationen vor -ihrer Errungenschaft sparten oder in Dömen anlegten oder sonstigen -Kunstdenkmälern aus dem Mittelalter als Reiseziele für die Fremden.« - -»Es ist die Addition des Kleinen, wie ja das ganze Universum aus der -Multiplication der Atome mit den Kräften besteht und somit auf das -Gebiet der höheren Mathematik übergeht.« - -»Das Mathematische nimmt allerdings einen geachteteren Stand ein,« -setzte ich hinzu, um Ottilien bei ihrem Gedankengange zu erhalten. -»Früher erzählte man sich meistens Lächerliches von den Professoren, -wie sie statt des Hutes mit einem Topfdeckel unter dem Arm ins Colleg -gingen und thatsächlich den in Gedanken stehengebliebenen Regenschirm -geschaffen haben.« - -Mir schien nämlich, als ob ein junger Mann absichtlich an denselben -Gegenständen Antheil nahm, die wir betrachteten und besprachen, wodurch -ihm Aufklärung ward, die er bei den Saalwärtern schwerlich fand. Folgte -er aus Wissensbedürfniß ... gut. Hatte er jedoch ein Auge auf Ottilie -geworfen, sollte er inne werden, daß eine höhere Kulturschranke sie -umgiebt, die jeden Annäherungsversuch abschlägt. In Ausstellungen gilt -zwar das Drängelrecht, aber es giebt auch geistige Ellenbogen. - -Bei den Telephonanlagen hielten wir uns nicht auf, da wir selbst eins -haben, mit dem wir recht zufrieden sind und dessen Anschluß selten -versagt. Dagegen mußte ich mit Ottilien in verschiedene »himmlisch« und -»entzückend« ausbrechen, als wir den elektrischen Theaterschmuck in -Thätigkeit sahen. Da waren Diademe, Halsperlen, Kronen, Blumenkränze, -Gürtel in einem Spinde, die in allen Farben erglühten, sobald sie durch -einen Druck mit der Leitung verbunden wurden. Besonders ein Strauß -aus Gräsern und Feldblüthen war geradezu elfenhaft. Wie Aschenbrödel -stand er zwischen Silber und Gold und Edelgestein, mit einem Male aber -entzündeten sich die Mohnrosen und Gänseblümchen und die Käfer und -Schmetterlinge roth und blau und grün und sonnenstrahlig, schöner als -ringsum alle kalte Pracht, eine wahre Gabe des Märchenlandes, in Berlin -angefertigt. - -»An Deinem Polterabend kleide ich mich als Fee aus und gaukle mit -solchem Zauberstrauß,« rief ich hingerissen von dem Anblick, ohne -weiter etwas dabei zu denken. - -Ottilie erröthete und der junge Mann schlängelte davon. - -»Aha!« ward mir klar, »nun der verliebte Hecht von Polterabend gehört -hat, glaubt er Ottilien in festen Händen und macht sich dünne.« - -Ottilie seufzte. - -»Das Rasseln der Maschinen fällt mir auf die Nerven,« begann sie nach -einer Weile, »ich möchte ein wenig Ruhe.« - -»Gewiß, Kind. Meine Fußnerven sengern auch schon. Ich denke, wir nehmen -ein Gläschen Bier dort in der Brauerei, die zur Rast einladet. Unser -Fleiß verträgt nachgerade eine Belohnung.« - -Ottilie seufzte noch einmal und schaute sich nach dem Adonis um, der -jedoch nicht zu erblicken war. Nirgends kann man besser Versteck -spielen, als hinter den Ausstellungsaufbauten. Ein Schritt um die Ecke -und weg ist man. - -Wenn ich Adonis sagen wollte, so war dies eine Nachwirkung der -Glühschmuckpoesie. Ich denke mir die Adonisse moderner in Zeug, und mit -sauberster Wäsche und nicht mit Schirmmütze und mit ohne Manschetten, -wie es bei dem Menschen zutraf, der, wer weiß wie, in die Ausstellung -gerieth, da ja mit den Eintrittskarten enorm geschmuggelt worden ist, -selbst bei solchen oberen Zehntausenden, die es nicht nöthig haben. - -Kaum saßen wir an einem Tischchen und sahen dem Springbrunnen vor dem -Kesselhause zu und nippten an unserem Biere, als der junge Mann an -unseren Tisch trat, fragte, ob der freie Stuhl besetzt sei, und auf -Ottiliens »Nein« sich unverfroren hinplatzte. - -Ottilien war dies ersichtlich wonnevoll. Wenn Eine noch so dumm ist, -den Anbeter wittert sie auf der Stelle. Und Ottilie ist gescheidt. - -»Schönes Wetter!« warf der junge Mann hin. - -Ehe Ottilie ein »entzückend« abfeuern konnte, sagte ich: »Wegen -der Witterung sind wir nicht hier, sondern wegen Gruppe dreizehn: -Maschinenbau, Schiffbau und Transportwesen, sowie namentlich -Elektrotechnische Gruppe vierzehn.« - -Adonis machte ein mehr als begriffstutziges Gesicht. - -»Wissen Sie, was Elektricität ist?« fragte ich ihn. - -»Nein.« - -»Ach, Ottilie, Du wolltest es mir ja erklären. Nicht wahr, das -Kesselhaus ist das Treibende?« - -»Die Verbrennung,« verbesserte sie, »durch diese entsteht die -Dampfkraft mit unglaublich rascher Rotation mehrere Hundert Mal in der -Sekunde.« - -»Daß eine Maschine das so kann,« schaltete ich ein, um Ottilien über -eine Nachdenkpause wegzuhelfen. -- »Und dadurch entsteht der Strom,« -fuhr sie fort, »den sieht man nicht, weil er unsichtbar ist. Leitet -man ihn durch einen Draht, verwandelt der sich an dem anderen Ende in -elektrisches Licht.« - -»Einfacher, als man annehmen sollte,« lobte ich sie. »Wirklich sehr -einfach.« -- Dann wandte ich mich herablassend an den jungen Mann, der -ganz verwundert dasaß: - -»Haben Sie das verstanden?« - -»Nein,« lächelte er. »Nein... ich bin nämlich Elektrotechniker.« - -Er löschte den Rest seines Durstes sehr rasch, stand auf, verbeugte -sich und schlug sich seitwärts ins Lokal. - -»Es war ein Schwindler,« belehrte ich Ottilie. - -»Aber so hübsch!« - -»Er gestand selbst, daß er nicht wüßte, was Elektricität sei, also. -Vielleicht ist er Ritzenschieber bei der elektrischen Bahn und rechnet -sich auf diese Weise verwandt mit Siemens und Halske.« - -»O nein; er hatte so intelligente Hände und einen Diamantring am -kleinen Finger.« - -»Wird wohl Simili gewesen sein. Ottilie, was gehen Dich die Hände der -Mannsbilder an? Traue keinem. Du hast jetzt ein Exempel, wie falsch sie -sind. Aber sei ruhig: dieser ist entlarvt; der wagt sich nicht wieder -heran.« - -Sie seufzte. - -»Komm, Ottilie. Die Maschinen und die Elektricität sind erledigt, nun -wollen wir Musike hören. Deine Kenntnisse haben Dich vor einem Reinfall -bewahrt; danke Deinem Schöpfer, daß Du so gründlich studirt hast.« - -Sie seufzte noch einmal und nur langsam folgte sie mir. - -Aber ich werde ihr schon Menschenkenntniß beibringen. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Ueber Architektur und einiges Andere. - - -Nun ist Tante Lina auch da. - -Aber ihre Handtasche nicht. Die reist ohne Fahrschein weiter und hat -sich bei der EisenbahnfundstelIe noch nicht angemeldet. Einer ist immer -unterwegs nach der Koppenstraße, entweder mein Karl oder Jemand aus dem -Geschäft oder Dorette oder ich mit Ottilie und Tante Lina in eigener -Person. - -Tante Lina kann den Verlust nicht überwinden, ihr Gedankengang führt -sie immer und immer wieder auf die Tasche. Dies ist ihr Morgen-, Abend- -und Tischgebet. - -»Waren denn Werthpapiere drin?« fragte ich. - -»Nein.« - -»Oder Goldsachen?« - -»Meine Uhr habe ich zu Hause gelassen und meine Ohrringe auch. Die -werden den Leuten in Berlin ja auf offener Straße ausgerissen.« - -»Mir neu!« - -»Bäcker Lorenz hat es erzählt. Den haben sie in Berlin rein -ausgeplündert; in den Blättern stand es auch.« - -»Liebe Tante, es ist wohl mit Kindern vorgekommen, aber mit erwachsenen -Bäckermeistern noch nicht.« - -»Die betäuben sie. Wenn mir einer was zu riechen giebt, ich rieche -nicht.« - -»Sehr vernünftig!« - -»Ich hatte mein Eau de Cologne in meiner Tasche.« - -»Wir kaufen frisches.« - -»Nein, nein, ich bekomme meins zu Neujahr von Apotheker Bahnsen, der -setzt es selbst an. Es ist viel besser als das echte, viel kräftiger. -Er hat sich jetzt wieder verheirathet, die erste Frau starb, mit -Erlaubniß zu sagen, im Wochenbett. Nun saß der Mann da mit den drei -Kindern. Sie sagten, er würde wohl die Schwester nehmen, aber die war -ja so gut wie versprochen mit dem Steuereinnehmer Möller, das ging -doch nicht und da nahm er dann die Aelteste von Kaufmann Milberg am -Markt. Ob sie in das Gewese hineinpaßt, darüber sind die Ansichten -verschieden, ich will aber nichts gesagt haben, nicht das Leiseste, sie -kann sich ja noch gewaltig ändern. Und das wollen wir hoffen. Und wer -weiß, ob es ein Glück für Möller ist. Und Bäcker Lorenz...« - -[Illustration: Männer beim Kartenspiel] - -»Liebe Tante, ich habe ein Fläschchen, unangebrochen, darf ich es Ihnen -anbieten?« - -»Ach nein, das kann ich ja gar nicht verlangen, und das ist ja auch -nicht nöthig, wenn ich meine Tasche wieder habe.« - -»Vielleicht hat sie Jemand mitgenommen, der sie gebrauchen kann.« - -»Oh, oh! das kann doch nicht angehn? ^Meine^ Tasche? Er wird doch -nicht, mit Erlaubniß zu sagen, meine Zahnbürste gebrauchen?« - -»Wir kaufen eine neue.« - -»Nein, nein. Meine ist von Viedt in der Kuhstraße, ich bin nun mal an -Viedt seine gewöhnt, schon beim alten Viedt. Der junge Viedt arbeitet -ebenso solide wie der alte Viedt. Der alte Viedt war gediegen, aber -der junge Viedt ist es auch. Das muß man ihm nachsagen. Ueberhaupt die -Viedt's: ich sage immer, solche Bürsten wie Viedt's ihre findet man -nirgends in der Welt; sie halten Jahre. Was sage ich, Jahre? Jahrende.« - -»Wenn die Tasche aber weg ist?« - -»Sie findet sich wohl wieder an. Wir müssen blos das Nachfragen nicht -vergessen. Ist Jemand hin?« -- - -Meinem Karl machte weder die Taschenjagd Vergnügen, noch hatte er Sinn -für Tante Linas chronisches Gedächtniß. Sie wußte von allen Verwandten -und Bekannten, wen sie geheirathet, wann sie geheirathet, wann und was -für Kinder geboren, wann und wen die geheirathet und wer gestorben und -wann und wo, und ob etwas hinterlassen wurde oder Schulden, und von den -Cousinen kannte sie wieder die Cousinen und wen die geheirathet und -wann und mit wie viel. - -»Karl,« sagte ich, als er brummte, »jedenfalls ist die Behälterigkeit -der alten Dame anzuerkennen.« - -»Wie so? Sie thut ja nichts, als sich mit Familienmuff vermüffeln.« - -»Lohengrin und sein Schwan kommen nicht in ihre Gegend, also was bleibt -ihr? Und außerdem hat sie Moneten. Und in ihren Briefen schrieb sie, -sie wollte Berlin gerne sehen, ehe sie ihr Testament machte. Das ist -ein Wink, Karl. Wenn man sie richtig nimmt, vermacht sie ihr Vermögen -den Enkeln, die doch studiren müssen.« - -»Ich schleiche nich erb,« lehnte er kurz ab. »Die Tante mag sich bei -uns wohl fühlen, das wünsche ich, aber ihr Schwägerschaftsgeklöne -auszuhalten, habe ich nicht kontraktlich. Und ödet sie mich noch einmal -mit Lieferanten aus der Kuh- und Kälberstraße, werde ich auch öde.« - -»Wenn Viedt aber doch die besten Bürsten macht?« - -»Kommst Du mir auch schon mit dem? Ich verbitte mir Viedt ein für alle -Mal.« - -»Wer fängt von Viedt an? Du fängst von Viedt an. Und was geht mich -Viedt an? Warum fährst Du nicht mit Tante Lina nach Treptow, ihr -Welteindrücke beizubringen?« - -»Nein, mein Kind. In einem Coupee mit Tante Lina und Viedt und -Kompagnie und nicht herauskönnen... ich würde rasend.« - -»Du rasest nie, mein Karl. Du bullerst selten genug auf. Ein Mann muß -geeignet dazwischen fahren, die Umgebung auf den Trab zu bringen. -Dorette wird obstinat, mein Karl, wegen Tante Linas Eigenheiten.« - -»Ich meinte, sie wäre anspruchslos.« - -»Aeußerlich. Sie sträubt sich allerdings mit vielem Gerede gegen -Umständemachen, aber wenn nicht jegliches auf den Tippel nach ihrem -Kopf geht, nimmt sie's übel.« - -»Laß sie knurren.« - -»Sie bleibt immer gleichmäßig zurückhaltend und duldsam und zwirnt Dir -blos eine bezügliche Geschichte aus der Gevatterschaft vor, ganz lang -und ganz langsam mit Spitzen darin, ein Schleppkleid zu garniren. Du -hast Deine Pillen weg und weißt nicht wie, und die alte Dame verzichtet -lächelnd auf Dank.« - -»Das erträgst Du kaltblütig?« - -»Ich leide für die Enkel, besonders für Fritz, der schon jetzt -Anzeichen von Rechtsbewußtsein äußert, indem er sich nichts nehmen -läßt. Und wer kann heutzutage Assessor studiren, ohne eine Erbtante in -der Hinterhand?« - -»Warum kein Geschäft ergreifen? Du siehst doch auf der Ausstellung, daß -außer den Studirten auch noch Leute leben. Und wie hoch steht der Mann -da, der aus eigener Kraft der Stadt und dem Staate zur Ehre gereicht!« - -»Der Jurist steht höher. In Moabit trifft sich zuletzt Alles. Die -Seelenseligkeit kriegst Du nur durch den Geistlichen und Dein Recht -nur durch den Juristen. Der Geistliche kriegt keinen Juristen in den -Himmel, aber der Jurist bringt den Geistlichen in's Loch, je wie die -Verhältnisse liegen. Nein, Fritz studirt Rechtsgelehrtheit, dann ist er -allen Ständen über. Der Junge ist ja so süß.« - -»Er macht den Eltern mehr Verdruß als Franz.« - -»Weil sie den Knaben nicht verstehen. Wer sich Zwillinge leistet, darf -keinen von Beiden vorziehen. Gleiche Wäsche und gleiche Liebe. Also was -haut Er Fritz?« - -»Weil der Bengel sagte, ein Hund hätte ihm die Hosen zerrissen, worauf -der Vater nach Bißwunden sucht und findet, daß Fritzchen gesohlt hat. -Warum log er?« - -»Um von Jemand Strafe abzuwenden.« - -»Von wem denn?« - -»Nun von sich selbst. Ihm war das Malheurchen beim -Treppengeländerrutschen passirt, was sie ja eigentlich nicht sollen. -Aber anstatt sich über das Talent des Kindes zum Advocaten zu freuen, -drauf losgedroschen, wie auf kalt Eisen. Und ich sage Dir, ehe Tante -Lina Berlin verläßt, hat sie Fritzchen in ihr Herz und ihr Vermächtniß -geschlossen.« - -»Deine großmütterliche Verblendung geht zu weit. Warte doch ab, was die -Zeit bringt.« - -»Die Zeit läßt sich zu viel Zeit. Die Karre geht nur, wenn sie -geschoben wird. Nächstens machen wir eine große Kinderpartie nach -der Ausstellung, Tante Lina als Mittelpunkt, damit sie Gelegenheit -hat, Fritzchen lieb zu gewinnen. Uebrigens frage doch wieder nach der -Tasche. Wie wäre es, wenn der Knabe sie der Tante überreichte?« - -»Mit einem Prolog? Wilhelmine, ich kenne Dich kaum noch. Was hast Du?« - -»Karl, viele Freuden des Daseins machen erst dann Freude, wenn sie -glücklich überstanden sind. Die Ausstellung dauert noch bis zum -Oktober.« -- »Adje,« sagt er. - -Ein Glück, daß er in der Fabrik schläft. Tante Lina steht schon um Vier -auf und Dorette muß heraus und ich muß heraus. Ottilie liegt wegen -ihrer Nerven durch bis sieben. Natürlich zweimal Kaffee trichtern. -Tante Lina ißt bei sich zu Hause um zwölf Mittag, wir essen um -dreien. Sie geht früh spazieren, traut sich aber nicht allein auf die -Straße. Ich muß mit nach dem Friedrichshain. Mein Mann trinkt den -Kaffee mit Ottilie. Er findet ihre Augen hübsch. Und dabei soll man -Ausstellungsberichte schreiben. - -Aber wozu ist Kriehberg? - -Ihn allein mit Ottilien durch die Gefilde Treptows streifen zu lassen, -das geht nicht, bewacht jedoch Tante Lina sie als Schutzgeist, kann ich -ruhig sein. Sie hat so runde betriebsame Augen, und hört auch gut für -ihre Jahre, die an den Fältchen im Gesichte kenntlich sind, namentlich -auf der Stirn. Auch marschiren kann sie rüstig. Das regelmäßige Leben -in der Abgeschiedenheit macht alt und dauerhaft. -- - -Herr Kriehberg hat mir Beschreibungen von den Baulichkeiten der -Ausstellung gesandt, sogar mit Entwürfen, sauber ausgeführt auf -Glanzleinewand, metergroß, wofür ich ihm die Auslagen erstatte, -obgleich sie so nicht zu verwenden sind, es sei denn als -Hochzeitsgeschenk für einen Baubeflissenen. - -Anfangs tadelte Kriehberg sehr, jetzt ist er zu der Einsicht gelangt, -daß die Bedingungen der freien Entfaltung Hemmschuh anlegten und selbst -er unter solchen Umständen die schwierige Aufgabe nicht glücklicher -gelöst haben würde. Wo war auch wohl je auf einer Ausstellung ein -Gebäude, durch das mitten hindurch eine garnicht mal nothwendige -elektrische Eisenbahn fährt, wie durch den Riesenbau für Unterricht und -Erziehungswesen, Gesundheitspflege und Wohlfahrtseinrichtungen und es -so zerschneidet, daß man vom Vorderen zum Rückwärtigen über eine Treppe -hinauf und hinab steigen muß? Hier wird gezeigt, wie elektrische Bahnen -angelegt werden können: immer durch die Häuser, wo welche im Wege -stehen und nicht erst Tunnels unter der Straße buddeln oder Hochbahnen -an den Etagen vorüber, daß jeder sich scheniren muß, halb angezogen -ein Vorderzimmer zu betreten, wenn der Draht versagt und die Fahrgäste -plötzlich vor den Fenstern halten und das Privatleben bekritteln. - -Leicht faßlich war Kriehbergs Arbeit nicht, zumal er mit verschiedenen -Standpunkten kommt und massiv im Ausdruck wird. Was ihm unschön -erscheint, das fällt Tausenden nicht auf und warum Kunstblinde sehend -machen, da sie sich in ihrem Zustande wohlig fühlen? Wird nicht an -allen Ecken und Kanten hinreichend zur Unzufriedenheit aufgestachelt? -Dies ist nicht mehr gut genug und das taugt nicht mehr, dieses ist -veraltet, jenes unzeitgemäß, darum weg damit, als der Menschheit -unwürdig. Nun kommen die Gewaltsbeglücker mit ihren Plänen, die passen -wie ein Paar sechsfach patentirter Schuhe aus ausgesuchtestem Leder, -blos mit dem einen Fehler, daß sie nicht nach Maaß gearbeitet sind. -Wer darin vorwärts will, den kneifen sie und statt der versprochenen -goldenen Berge hat er eine Hühneraugenzucht. -- - -Die Spreu vom Weizen zu sondern braucht' ich Ruhe und Sammlung. - -Tante Lina und Ottilie mußten für einige Stunden unschädlich gemacht -werden. - -Sie gingen auf meinen Vorschlag ein, die Residenz in Augenschein zu -nehmen, die Denkmäler, die Palais, die neuen Stadttheile und was sonst -für Fremde in den Führern aufgezeichnet ist, vom Abgeordnetenhaus an -bis zum Zellengefängniß. Ich verfrachtete sie in einen distinguirten -Taxameter und erklärte ihnen den Sprechanismus. Es gefiel Tante Lina -ungemein, daß man keinen Nickel mehr zahlen braucht, als der Apparat -beziffert. »Als ich in die Nähschule ging,« sagte sie, »bei Madame -Werner, die konnte so fein spinnen wie Seide, da hatten wir einen -Haspel, woran man sehen konnte, wann fünfzig Touren herum waren beim -Garnwinden. Wenn man nicht aufpaßte, gab es doppelte Strähnen und -dann schalt sie. Dies ist wohl auf die nämliche Art von dem nämlichen -Drechsler?« - -Der Kutscher versprach mir, die Damen auf das Sehenswerthe aufmerksam -zu machen und fuhr mit ihnen ab, zunächst nach der Koppenstraße wegen -der Tasche. - -Ich athmete auf. Endlich Ungestörtheit, den Bericht über -Ausstellungsarchitektur zu erledigen, wenn ich auch einsah, daß -ich wenig von Kriehberg benutzen konnte, höchstens wo er sich in -Renaissance oder frühe und späte Gothik versenkt und von Risaliten -spricht und Fialenwerk, Profilirung, Friesen, Motiven, Originalität, -Rabitzwänden, Stabilität, Blenden, Dachreitern, Krabben u. s. w. Was er -in gewöhnlichem Deutsch schreibt, darüber läßt sich streiten und ich -will mich hüten, hinterher für seine Ansichten verantwortlich gemacht -zu werden. Etwas muß ich von seiner Arbeit verwenden, denn es geht -ihm nicht besonders, da er nach Vollendung der Ausstellung mit einem -Viertelsposten vorlieb nehmen muß. So baronisirt er wenigstens nicht -gänzlich. - -Ich war Willens, den Bericht mit sachlichem Ernst zu beginnen, aber du -lieber Gott, sonne Architektur! Man hat wohl Tinte in der Feder, schöne -schwarze Tinte und stippt nochmal ein und nochmal, aber Bauliches -fließt nicht heraus. Man sinnt und stippt wieder ein. Allein schon -die Ueberschrift. Eine gute Ueberschrift ist der halbe Aufsatz. Soll -man sagen: »Ueber Gebäude« oder »Architektonische Wanderungen« oder -»Sommerwohnungen des Gewerbes« oder »Vom Palast zum Wigwam«, um die -Wilden mit hineinzunehmen und gleich das Mächtige des Hauptrestaurants -anzudeuten? Nicht schlecht schien mir: »Die Wunder des Gipses.« - -Nach langer Ueberlegung entschied ich mich für »Das Häusliche auf der -Ausstellung«, weil mit Haus alles bezeichnet werden kann, sowohl die -Moschee wie der Katalog-Kiosk und wollte grade losorgeln, als Tante -Lina und Ottilie zurückkehrten. - -»Schon?« fragte ich. - -»Ueber eine Stunde ist genug,« antwortete Tante Lina. »Blos Geld -verfahren, dazu hat man es nicht.« - -»Und wie gefällt Ihnen das neue Berlin?« - -»Berlin?« fragte sie nach. »Man sieht ja nichts von Berlin. Nein, ich -kann nicht sagen, daß ich was von Berlin gesehen hätte.« - -»Hat der Kutscher sie denn um die Stadt herum gefahren?« - -»Das glaube ich nicht.« - -»Und Du, Ottilie, Du freutest Dich doch so ungemein auf die Fahrt. War -sie denn nicht entzückend?« - -»O ja,« antwortete sie, als wäre das Ja eine Gummistrippe. - -»Hat der Kutscher nicht beim alten Fritzen gehalten und bei Wrangeln -und den übrigen Plastizitäten?« - -»Die Uhr ging ja auch weiter, wenn er hielt,« sagte Tante Lina spitz. -»Es ist Alles Betrug. Für's Halten kann man doch nicht bezahlen?« - -»Welche Uhr?« - -»Das runde Dings am Kutscherbock. Wir haben genau Acht gegeben, nicht -wahr, Ottilie?« - -»In einem fort.« - -»Bis es mir zu theuer wurde, da mußte er umwenden.« - -»Also blos auf die Uhr haben Sie gesehen?« fragte ich erregt. »Blos auf -den Fahrpreisanzeiger und nicht rechts und nicht links? Da haben Sie ja -völlig nutzlos im Wagen gesessen!« Für mich fügte ich hinzu: »Was sagt -Berlin zu solchen Kunden?« - -»Immer wurden es zehn Pfennige mehr,« warf Tante Lina mir vor. »Wie -sich das ansummt.« - -»Man wendet kein Auge von dem Zeiger,« suchte Ottilie sich zu -entschuldigen, die meine Entrüstung merkte, »ob man will oder nicht. -Wie magnetisirt.« - -[Illustration: Blick auf den Fahrpreisanzeiger] - -»Gewiß,« sagte ich, »dazu sind die Zähldroschken extra erfunden. Das -nächste Mal nehmt Ihr keinen Weißlackirten, sondern einen einfach -Schwarzen.« - -»Und dann fahren Sie mit,« sagte Tante Lina, »und zeigen uns Alles, -damit ich zu Hause erzählen kann, wie Berlin eigentlich aussieht. -Die Zwei Mark vierzig heute sind rein weggeschmissen. Gut, daß -Oberlehrer Kranz das nicht erfährt, der behauptet immer, Frauen -können nicht rechnen. Seine Frau versteht es allerdings nicht, sie -giebt viel zu Unnöthiges aus; ihr Vater machte bankerott; das Geld -lag in der Ofenröhre, und wer was brauchte, nahm welches, das konnte -nicht bestehen. Und mehr als knappe Aussteuer brachte sie nicht mit. -Kranz giebt ihr nie über drei Mark, aber die Leute sagen, sie läßt -anschreiben. Er hätte sich besser mit Viedt's Tochter gestanden, -Viedt's stehen sich breit...« - -»Bitte, entschuldigen Sie mich; ich muß in die Küche.« -- Halb -verzweifelt flüchtete ich ins Kontor. - -»Was ist? Was giebt's?« fragte mein Karl bestürzt, als ich, dem Weinen -nahe, auf das Kanapee sank. - -»Viedt,« stöhnte ich. - -»Armes Weib.« - -»Karl, eine Postkarte! Ich schreibe der Redaction: auf Architektur -müßte sie Umstände halber verzichten. Aber spotte nicht. Ich bin so -mürbe, so mürbe.« - -»Minchen, weißt Du 'was? Wir Beide ganz allein machen hinaus -nach Treptow. Ich habe im Weinhäus'l einen vorzüglichen Tropfen -ausbaldowert. Wir ganz allein, Minchen.« - -»Ja, mein Karl. Sicherer wäre am Ende nach dem Grunewald. Aber wie Du -willst.« - -Es giebt doch keinen heilenderen Balsam als ein liebendes Wort. Das -empfand ich so recht einmal wieder. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Ein freier Tag. - - -Wenn es gewittert, fürchtet Tante Lina sich. Dann kriecht sie ins Bett. - -[Illustration: Tante Lina kriecht ins Bett] - -Ottilie sagt, der Strauß macht es ebenso. Ich weiß nicht, ob der sich -auch das Kopfkissen über die Ohren zieht, um den Donner nicht zu hören -und bei jedem Blitz aufjucht wie Tante Lina, würde es ihm jedoch -nicht übel nehmen, wenn er es thäte, weil er als Wüstenvogel für die -neueren Erfindungen kein Verständnis hat, wie man von Mitgliedern des -neunzehnten Jahrhunderts verlangen kann. - -Tante Lina lebt und liest in der Jetztzeit und müßte daher wissen, daß -Gewitter auch im Kleinen mittels Elektrisirmaschinen hergestellt werden -können, wie Ottilie ihr beruhigungs- und aufklärungshalber aus Krüger's -Lehrbuch der Physik vorgelesen hat, worin ein Papphäuschen abgebildet -ist, das durch den positiven Funken auseinanderklappt. - -Bei dem geringsten Gewitterverdacht bleibt sie daheim und bei dem -ersten fernen Grollen des Horizonts flüchtet sie in die Federn. - -Mein Karl findet das altfränkisch; Ottilie meint, es wäre Idiosynkrasie -gegen elektrische Spannungsverhältnisse, obgleich im Meyer unter diesem -Worte mancherlei steht, was ich von Tante Lina unmöglich annehmen -kann und sich auch mehr in Widerwillen gegen Speisen äußert, der -mir bis dato bei ihr nicht aufgefallen ist. Dorette beschwert sich -über das mehrfache Bettenmachen, zumal wenn mehrere Gewitter am Tage -sind, und schilt Monologe. Ich für meine Person behaupte, es ist das -Alleinstehende, das sie ins Bett treibt. - -Wenn es so recht graulich wird, beinahe Nacht am Tage, und ein Blitz -fängt an, den anderen zu überbieten und das Rollen wird zum Knattern, -dann gehe ich zu meinem Karl, oder er kommt zu mir, und ich fühle mich -geborgen, denn ohne etwas Bänglichkeit ist man doch nicht, wenn Blitz -und Schlag eins sind und man sich sagen muß: es steht gerade über uns, -mit den dunklen Wolken, den Schwingen des Todes. Gottlob, wenn sie -verschweben und der Himmel lichtet sich wieder. - -Warum Tante Lina sich unvermählte, danach frage ich sie nicht. -Vielleicht, daß Solche warben, die weniger sie, als ihr Vermögen -begehrten, vielleicht, daß sie sich zu lange jugendlich dünkte, -und als sie sich besann, mit Schrecken bemerkte, daß sie bereits -zu den Kaltgestellten zählte. Und dann ist das Assortiment der -Heiraths-Candidaten in kleinen Städten meist nur gering kompletirt, und -ist keiner darunter, für den das Herz schlägt: warum den Prediger zu -einer Traurede verleiten, die zum Höllensegen wird anstatt zur Segnung -irdischen Glücks? - -Und darum geht Tante Lina ins Bett, wenn es donnert. - -Man darf die Schwächen seiner Nebenmenschen eigentlich nicht ausnutzen, -aber wozu sind sie da, wenn sie nicht verwendet werden sollen? Als es -wieder heiß und schwül war und Tante Lina ihre Zuflucht zur Baba nahm, -weil sie das Gerummel eines Bierwagens in Kinderüberfahrgeschwindigkeit -für die Stimme der erzürnten Vorsehung gehalten hatte, sagte ich zu -meinem Manne: »Karl, sie liegt fest, ich habe frei. Was meinst Du, -wenn wir zwei Beide alleine gingen? Ottilie sucht die Tante Lina mit -dem Physikbuch zu bekehren und hat auch noch Briefe zu schreiben. In -den nächsten Tagen kommen Ungermann's und dann Kliebisch's ... Die -Gelegenheit ist heute günstig.« - -»Ich muß so wie so hinaus und nachsehen, ob der letzte Regen meiner -Ausstellung Schaden zugefügt hat. Der Reichsadler aus den schwarzen -Socken auf weißem Grunde reicht dicht bis an das Glasdach.« - -»Und die Blauholz-Brühe läuft in Strähnen herunter?« - -»Nicht doch, die Strümpfe sind goldecht gefärbt.« - -»Wie Dein Herz, mein Karl. Nein, Du stellst nichts Unredliches aus, -selbst nicht in der dekorativen Verzierung. Dir müßte die Stadt eine -Statue setzen.« - -»Unter einer halben Million thäte die es schwerlich. Und noch leb' ich -ja, und heute wollen wir vergnügt sein.« - -»Nicht so laut, Karl! Du scheuchst Tante Lina auf. Seit einer -Viertelstunde bullert kein Wagen, der sie niederhielte. Aber weißt Du -was...?« - -Ich hinaus nach der Küche und die Blechplatte geholt worauf ich -familiäre Konditorwaare backe, und die zum Gewittermachen gebraucht -wurde, wenn die Kinder Puppen-Theater spielten, wie Onkel Fritz ihnen -gezeigt hatte. - -»Karl, faß' es an den Ecken oben an und schüttle es; erst langsam, dann -mit zunehmender Gewalt und dann ganz balbarisch.« - -Er übte einige Male bei verschlossener Thür, und als er es konnte, -brachte er auf dem Gange einen so natürlichen Donner heraus, daß ein -staatlich angestellter Metereologe nicht im Stande gewesen wäre, ihn -von einem echten zu unterscheiden. - -Sogar Dorette eilte herbei und fragte, ob es eingeschlagen hätte. - -Ich reichte ihr das Blech und sagte, der Herr hätte ein neues -Rostschutzmittel probirt, weil sie das Geschirr nach dem Aufwaschen -nie ordentlich austrocknete, worauf sie mit länglicher Gesichtsbildung -abzog. - -Wir haben aber gelacht, mein Karl und ich. Nein, wie haben wir gelacht! -Immer wieder, und uns Tante Lina ausgemalt, wie sie sich ins Bett -eingräbt und die Ohren verpanzert. Und lachenden Sinnes verließen wir -das Haus wie die großen Kinder. - -Wir hatten ja einen freien Tag. - -Uns lächelte das Glück. An meines Karls Aufbau war der Regen -vorbeigeglitten, um einen Konkurrenten einzunässen; der Adler prangte -siegreich in seiner ganzen künstlerischen Schönheit. Wir betrachteten -die Sündfluth nebenan, denn kein Mensch ist so hartherzig, daß ihn das -Mißgeschick seines Nächsten nicht zur Begutachtung einlüde und als wir -den Schaden verhältnißmäßig gering fanden, waren wir zufrieden. Es -hätte uns ja das Nämliche blühen können. - -In dem Hauptgebäude naschten wir hier und da im Vorübergehen an den -gewerblichen Leistungen und strebten dem Freien zu. Im Grünen sitzen, -das schöne Konzert der badischen Leibgrenadiere aus Karlsruhe anhören, -das war unser Plan. Sie spielen ausgezeichnet, auch ältere Stücke aus -altmodischen Zeiten, die mir besser gefallen, als welche die Jüngeren -machen. Die fangen an, die Musik windet und krümmt sich, und wenn man -meint, nun kommt da 'was, ist die Geschichte aus. - -Der Blick auf das weiße Eß- und Trinkschloß mit dem Wasserthurm ist -bei Nachmittagsbeleuchtung einzig. Von der Sonne angeglüht, hebt -es sich italienhaft von dem blauen Himmel ab, und spiegelt sich -in dem See, den Gondeln und Barken beleben. Auch die in den Park -hereingeleitete Spree muß verdienen helfen, und das thut sie, indem -Hunderte sich für einige Nickel nach dem Karpfenteich hin und zurück -wricken lassen. Da ich ebenfalls Gelüste äußerte -- Wasserfahrt mit -Walkürenritt-Orchesterbegleitung ist eben zu ideal -- willigte mein -Karl ein, aber gerade, als er die Schwimmscheine für uns lösen wollte, -redete ihn ein Herr an. - -»Endlich erwische ich Sie,« sagte der.... »Kommen Sie man gleich mit. -Sie haben mir versprochen, unseren Pavillon zu besuchen; jetzt hilft -kein Sträuben.« - -Mein Karl stellte ihn vor: »Herr Schulz, städtischer Beamter, Freund -vom Stammtisch.« - -Dieser Zusatz wirkte vergällend, denn alle Erfahrungen die ich bis -dato mit diesem Möbel gemacht habe, sind unerfreulich. Ich halte -den Stammtisch für eine Art Magnet, der nichts Gutes an sich zieht, -wodurch die Besseren verdorben werden und sollte thun als wenn ich mich -geschmeichelt fühlte. Diesem zu entgehen sagte ich: »Wir wollten gerade -ein wenig gondeln.« - -»Das ist bei Abend viel schöner,« entgegnete Herr Schulz, »und wir -machen um Achten zu. Gehen wir gefälligst.« - -Sich mit städtischen Beamten anlegen, halte ich für riskant; ich fügte -mich daher, als hätte das Gesetz gesprochen. Auch kam mir unwillkürlich -der Gedanke: sollte dieser Schulz wohl gar die Strafe für den Unfug -sein, den wir mit Tante Lina getrieben? - -Es giebt eine Nemesis, nur daß der Eine früher hineinrennt, der Andere -später. Aber gerannt wird. - -Herr Schulz hakte meinen Mann unter und zog ihn wie einen Arrestanten -vorwärts. Ich folgte, bis vor einer Einbuddelung mit Mauerarbeit -gehalten wurde. - -»Nur heran,« sagte Herr Schulz. »Nur heran, Madamchen. Hier können Sie -sich mit dem Haupt-Kanalisationsrohr der Stadt Berlin anfreunden und -Ihre geehrten Vorurtheile gegen die Rieselfelder ablegen. Oder gehören -Sie schon zu denjenigen, welche eine höhere Stufe erklommen haben und -nichts gegen den Kohl einwenden, den wir bauen?« - -»O nein,« erwiderte ich mit einiger Anstrengung zu lächeln. - -»Schönecken. Womit die Stadt am meisten zu kämpfen hat, das ist der -Unverstand. Sehen Sie dieses Rohr aus besten Klinkersteinen -- bitte -treten Sie ein -- stellt die unterirdische Leitung dar, durch das die -Abwässer entfernt werden. Hier an der Seite die Hausanschlüsse. In der -Mitte der Einsteigeschacht.« - -Wir also hinein in das Rohr. Es war trocken und propper, worauf es beim -Gebrauch allerdings keinen Anspruch macht, aber trotzdem war ich froh, -als wir es nach Herrn Schulz Meinung hinreichend kennen gelernt hatten. -Wir waren doch gekommen, um uns zu vergnügen. Und Kanalisation ist kein -Vergnügen. - -Hierauf mußten wir uns die Filteranlage gefallen lassen, woran der -Fachmann sieht, wie das Trinkwasser für Berlin gereinigt wird. -Für die Stadt und ihre Bewohner ist dies von größter Wichtigkeit, -Epidemien hängen davon ab und Armenpflege. Aber wenn man Lust hat, -fein zu speisen, schwindet das Interesse an den unterirdischen -Wohlfahrtseinrichtungen. - -Mein Karl und Herr Schulz lagen bei der Besichtigung bald in -Meinungsverschiedenheiten und fochten, wie mir schien, alte -Stammtischscharmützel über die Stadtverwaltung aus. - -Zuletzt legte ich mich ins Mittel und fragte, ob die Herren keinen -Durst verspürten? - -»Erst das Geschäft,« entgegnete Herr Schulz, »und dann die Weiße. Sehn -Sie, Buchholz vertritt die Abfuhr an unserem Tisch...« - -»Karl,« nahm ich strenge das Wort, um Herrn Schulz darauf zu stoßen, -daß er Rücksicht auf meine weibliche Anwesenheit nähme, »Karl, was geht -Dich die Politik an? Du geräthst noch so tief hinein, daß wir von dem -schönen Abend nichts mehr haben. Verzeihen Sie, Herr Schulz, unsere -Absicht war, uns zu amüsiren.« - -»Sollen Sie auch. Kommen Sie man mit. Buchholz macht uns jedesmal -Opposition im Bezirksverein, das muß ihm ausgetrieben werden.« - -Ich war empört. Aber ein städtischer Beamter...! - -Der Pavillon der Stadt Berlin gefiel mir. Außen ansehnlich und inwendig -luftig und sinnvoll gemalt, gestattet er dem Steuerzahler einen -Einblick in die Mühewaltung der Oberleitung für das Gedeihen und die -Entwickelung der Residenz. - -»Sind dies Telephondrähte?« fragte ich bei einem Plan, in den Stäbe -gestochen waren, von denen feine Fäden nach einzelnen Punkten gingen, -kurze und längere. - -»Sehen Sie's man gründlicher an,« forderte Herr Schulz auf. »Das sind -nämlich die Schulwege, wieweit die Kinder zu laufen haben, bis sie an -die für sie bestimmte Bildungskrippe gelangen.« - -»Da haben manche eine gehörige Ecke.« - -»Irgendwo wohnt man in der großen Stadt immer weit ab,« sagte Herr -Schulz. »Aber Sie sehn, wie durch solche Pläne Licht in die Sache -dringt und darauf hin, wie es nur geht, Aenderung geschaffen wird. -Jedoch wird trotzdem auf die Verwaltung geschumpfen.« - -»Fällt mir gar nicht ein,« erwiderte mein Karl. »Ich behaupte ja blos: -vom national-ökonomischen Standpunkt ist Abfuhr einbringlicher...« - -»Karl, bist Du parlamentarisches Fractionsmitglied, daß Du denselben -Ekel immer wieder aufrührst? Also Schluß. -- Und was ist dieses?« - -»Handarbeiten der Blinden, aus der städtischen Anstalt.« - -Ich betrachtete die Sachen. Wie sauber das Geflochtene und Gehäkelte -und die Pantinen und was sie Alles herstellen! In ewiger Nacht mit dem -Tastsinn gearbeitet! Und viele, viele, die ihr Augenlicht haben, sind -faul und ungeschickt. Führt sie her, daß sie sich schämen. - -Aus den verschiedenen Fortbildungsschulen sind Fachleistungen -ausgestellt. An die Stellen der Handwerksmeister sind Schulen getreten. -Wie die Zeiten sich ändern. Ich hatte keine Ahnung davon, wie die Stadt -in diesem Sinne sorgt und strebt. Gut, daß man es hier gewahr wird, -wenn auch, wie es ja nicht anders durchführbar, blos in Proben. - -»Herr Schulz,« sagte ich, »wenn ich eben solchen Hut trüge, wie mein -Mann, würde ich ihn hochachtungsvoll abnehmen.« -- Mein Karl lüftete -pflichtschuldigst seinen spiegelblanken Cylinder, neu aufgebügelt, -ohne die kleinste Krampfader darin, den er zur Erhöhung der Festfreude -aufgesetzt hatte. - -»Lassen Sie den Tintenproppen man sitzen, Buchholz,« entgegnete Herr -Schulz. »Besser reden Sie am Stammtisch weniger Unsinn.« - -»Wenn Jemand Unsinn redet, liegt es am Hörer,« fuhr ich auf. - -»Stimmt! Es giebt Horchlappen, die auf Vernunftgründe nicht reagiren,« -sagte Herr Schulz. - -»Wie die geehrten Ihrigen,« wischte mein Karl ihm aus. - -Ich wollte auch noch einen Satz hinzufügen, aber die Beiden sahen -sich an und lachten. Es war nur eine kleine Neckerei gewesen, ein -sogenanntes Wortgefecht ohne tödtliche Beleidigung, wie sie, hieraus -zu schließen, unter sich gewohnt sind. - -Herr Schulz erklärte uns das Rieselfeldmodell, die einzelnen -Ackerflächen, wo Getreide gebaut wird und wo Gemüse und wie das -Pumpstationswasser durchsickert, daß es klar und rein wird und selbst -Goldfischen zum Aufenthalt dient, ohne daß sie an Typhus zu Grunde -gehen, wie zwei lebende Beispiele kund thaten. Fischen ist bekanntlich -in Gedichten und kleineren Erzählungen immer wohl, allein wer sagt, -ob sie in Wirklichkeit nicht doch schon Leibschneiden oder Kollern -haben, da sie in eins weg blos Glupaugen machen? Ich kenne nichts -Melancholischeres als Goldfische. - -»Muntere Thierchen, nicht wahr?« sagte Herr Schulz, als er sie wieder -wegthat. - -»Schon mehr Schlummerköpfe mit Flossen!« wollte ich antworten, aber -ich nahm eine andere Wendung. So darf man städtischen Beamten doch -wohl nicht kommen? »Was ist dieses inmitten der Rüben und Radieschen?« -fragte ich, »dies Rothe und Weiße?« - -»Wenn ich Ihnen das sage, das glauben Sie ja doch nicht.« - -»Versuchen Sie's!« - -»Das sind nämlich Rosen, Damascener Rosen und daraus wird hier in -Berlin in der >Rothen Apotheke< Rosenöl destillirt.« - -»Was Sie sagen!« - -»Sehen Sie, wie ich schon wußte, kein Deibel will's glauben. Und doch -ist es so. In Sachsen fingen sie mit den Rosenpflanzungen an und wir -versuchen es jetzt auch mit Erfolg. Denn das deutsche Rosenöl wird in -Paris um die Hälfte theurer bezahlt als das beste türkische, weil es -mehr hergiebt, feiner ist und garantirt unverfälscht. Was sagen Sie -nun?« - -Ich war stumm. Dann rief ich verwundert aus: »Karl, was wir so nach -Osdorf rieseln, wird Rosenöl! Das übersteigt die kühnste Phantasie.« - -»Einfache Ausnutzung der Naturkräfte durch Stadtverordnete, weiter -nichts,« sagte Herr Schulz mit bescheidenem Stolz, der hier auch am -Platze war, wenn man bedenkt, daß die Behörde aus Abscheu köstlichen -Rosenduft gewinnt, während die jüngste Dichterrichtung das Leben aller -Kränze entkleidet und die Menschheit mit Sielschlamm begießt. - -Die Riesen-Riesel-Kartoffeln, Kohlrabi, Salat, Hafer, Roggen- und -Weizenstauden fesselten uns ebenso sehr wie die goldverzierten -Fläschchen mit der Rosenessenz und, eh' wir es uns versahen, war Schluß -des Pavillons. Wir dankten Herrn Schulz, der darauf bestand, uns zu -einer Weißen einzuladen, die wir ihm als städtischem Beamten nicht -abschlagen durften. - -Mein Karl hatte eine kleine Verschwendung bei Dressel und Adlon nach -der Gondelung vorgehabt, die fiel jetzt in Weißbier mit Sülzcotelette -und Bratkartoffeln, was durstlöschend und sättigend war, wenn auch ohne -die immense Vornehmheit, die wir uns dort unter den Spitzen Berlins -angethan hätten. - -Wir bauten daher bald ab. Herr Schulz erläuterte uns noch die -Straßenpflasterung und kam dabei wieder unter die Erde auf die -Rohrlegung, und die Kabbelei von vorhin stand vor erneutem Ausbruch. -Der Vernünftige aber zieht rechtzeitig vor dem Streit Leine. Ich sagte: -»Wir gehen!« Auf dem Heimwege fragte ich: »Was Tante Lina wohl macht? -Das Wetter hat sich wundervoll gehalten.« - -»Hoffentlich hat sie nichts gemerkt,« sagte mein Karl. - -Als wir zu Hause anlangten, war weder Tante Lina vorhanden noch -Ottilie. »Dorette,« rief ich, »Dorette, wo sind die Damen?« - -»Mit einen jungen Herrn ausjefahren. Was die Tante is, meinte, mit den -einen dollen Schlag wäre das Gewitter wohl alle jewesen.« - -»Wer war der junge Herr?« - -»Kennen duh ick'n nich, aber die Freilein Ottilie, die schien als -wenn't en intimer Freind von sie sein dähte.« - -»Es ist gut, Dorette, Sie können gehn.« - -Ob es der junge Mann von neulich war? Oder ein anderer? Tante Lina und -Ottilie haben sich auf ihren gemeinschaftlichen Gängen sehr aneinander -geschlossen. Man hätte sie nicht ohne Aufsicht lassen sollen. - -»Karl,« rief ich. »Da haben wir uns was Schönes zusammengedonnert.« - -»Deine Idee, Minchen.« - -»Du thust sonst doch nie, was man Dir sagt. Warum denn gerade heute den -Unsinn?« - -»Gute Nacht, Minchen. Weißt Du, das Schlafen in der Fabrik hat doch -etwas für sich.« - -Er ging. Ich wartete auf den rückständigen Hausbesuch. Als sie endlich -kamen, that ich, als sei ich nicht im Geringsten neugierig. Ottilie -erzählt mir von selbst bei Gelegenheit haarklein, was war. Und -verschweigt sie den jungen Mann, zwick ich ihn aus Tante Lina. Was zwei -Weiber wissen, ist so gut, als hätte die Dritte es schriftlich. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Kindervergnügen. - - -Als Großmutter ist man den Enkeln schuldig, ihre jungen Seelen mit -Geistessämereien fürs Leben zu bestellen und, da ich ihnen von den -Löwen und Elephanten und den Eisbären erzählt hatte, die, wenn sie auch -weniger ins Gewerbliche, so doch ins Verdienliche schlagen und deshalb -ausstellungsberechtigt sind, ließen die lieben süßen Wesen keine Ruhe, -bis der Vater schalt: »Hat sie Euch den Kopf voll geschwatzt, scheert -Euch zu ihr, ich gebe bei den schlechten Zeiten kein Geld für Allotria -her.« - -Dies vernahm ich unbemerkt im Nebenzimmer sitzend, auf meine Tochter -wartend, die zu ihrer Schneiderin geeilt war, um bei der verabredeten -Kinderpartie ihren Stand tadellos zu vertreten. Und beispiellos billig: -einfach ein älteres Schwarzes aufgedoktert, mit einem maigrünseidenen -goldgestickten Schultereinsatz durchaus nicht auffallend knallig, -sondern hochdezent, nebst schwarzgarnirtem Hut, aus dessen Federn und -aufgerichteten Schleifen schmale, ebenfalls maigrüne, mit Goldlitze -eingefaßte Sammetbändchen hervorlugen, so daß durch die Mitwirkung -ihres rosigen Teints meine Tochter in dieser Zusammenstellung sich als -sogenannte Farbensymphonie sehen lassen kann. - -Und dies Vergnügen wollte der eigene Gatte stören, weil ihm die Löwen -zu theuer waren. Freilich kannte er das Kostüm noch nicht, da sie -ihm wohlweislich nie mit der Kleiderfrage kommt, bevor sie drin -sitzt und er sein Wohlgefallen äußert. Er mag es, wenn seine Frau -liebreizend aussieht, und, wenn sie ihm vorrechnet, wie sparsam sie -sich verschönert hat, giebt er ihr einen Kuß extra. - -Ich wollte mein Maisgelbes anziehen, Betti hatte sich für helles -verwaschenes Blumenmuster entschieden, Ottilie, wie immer, in ihrem -Blauen, und Tante Lina Grünbräunlich-Changeant. Die Kinder waren -sämmtlich in Weiß gedacht, die Knaben mit Marinekragen, weil, wenn man -zufällig jemand aus maßgebenden Sphären anrennt, dieser sagt: »Sieh -da, eine Familie, die die steigende Bedeutung des Seewesens erfaßt -hat. Wer mag das sein? -- Und man kann nicht wissen, ob solcher Zufall -dem Fortkommen der Enkel nicht von Vortheil ist? In den Schicksalen -berühmter Männer liest man stets, wie ähnliche Nebenthatsachen die -Wandlung zur Größe verursachten.« - -Und dann hatte ich Frau Butsch mit den beiden Stief-Kinderchen -eingeladen. Sie möchte ihnen gern mehr gewähren, als Herr Butsch -gestattet wegen ihrer Groschensiebe von Händen und da dachte ich: nimm -sie auf Dein Konto, Wilhelmine, sie übertragen es auf die Stiefmutter, -und in das Wurachen um den Erwerb scheint ein Tag der Liebe hinein, an -dem die Herzen einander zublühen, wie Erika sagte, als ich ihr meine -Ansicht mittheilte und sie fragte, ob sie und klein Wilhelmine sich -anschlössen? - -Sie hatte Lust, aber Onkel Fritz war verweigernder Meinung. - -»Mein Töchterchen ist noch zu harmlos, die Verdienste des -Arbeits-Ausschusses zu würdigen.« - -»Wird auch nicht verlangt, für sie sind die übrigen Schaustellungen.« - -»Zu zart.« - -»Die wilden Thiere.« - -»Zu ängstlich.« - -»Aber die Aeffchen im Affenparadies?« - -»Die Affen überläßt sie ihrem Vater.« - -»Also Du willst nicht?« - -»Nein!« - -»Warum nicht?« - -»Beantworte mir: Was bleibt dem Erwachsenen, wenn er als Kind schon -alle Reizmittel durchkostet, die zum Todtschlagen der Zeit geboten -werden? -- Uebersättigung. Man badet einen Säugling in der Wanne und -hält ihn nicht unter den Rheinfall.« - -»Seit wann bist Du so weise.« - -»Seit ich Vater bin.« - -Er sprach das mit einem Ausdruck tiefinnerer Glücklichkeit, der alles -weitere Anpurren hinfällig machte. Seine Liebe ist es, die über dem -Kinde schützend die starken Arme ausstreckt. Und wenn Liebe übertreibt, -wer möchte sie darum schelten? - -Erika heißt stillschweigend gut, was er bestimmt oder vielmehr, er -vollführt, was ihr Denken und Sinnen ist, und das Töchterchen gedeiht -dabei; ein wahres Herzeken. -- - -Mein Grundsatz ist, wenn Kinder mitgenommen werden, sie erst tüchtig -satt zu machen und am weitesten langt man mit Napfkuchen. Der ist -nahrhaft, stopft und hält vor. - -Es war ein liebliches Bild, als das halbe Dutzend Jugend um den -Tisch saß und den Kuchenteller meuchelte: Fritz und Franz, Betti's -Karla und Willi und Butschen's Peter und Edmund, alle in Weiß. Wir -Aelteren tranken Kaffee, ebenfalls mit Napfkuchen, von dem Tante -Lina sich sogar das Rezept ausbat. Daß sie sich in gehobener Laune -befand, betrachtete ich als eine Mahnung aus öberen Regionen und als -Gutheißung meiner Absicht mit der verlorenen Tasche, die sich endlich -reumüthig angefunden hatte. Die Zahnbürste und das Gläschen Kölnisches -Apothekerwasser hatten zum Besitzausweis genügt. - -Tante Lina ahnte nicht, daß ihr sehnlich vermißtes Handgepäck im -Nebenzimmer auf das Wiedersehen harrte und erst als abgegessen und -ausgetrunken war, nahm ich Fritzchen nebenan, gab ihm die Tasche und -sprach: »Wenn ich Dich rufe, kommst Du und überreichst sie Tante Lina -mit einem höflichen Diener und sagst: >Liebe Tante<.« - -»Ich hab' ihr garnicht lieb.« - -»Doch, mein Fritzchen. Tante Lina wird großmüthig an Dir handeln.« - -»Wir wollen bei die Löwen.« - -»Erst giebst Du Tante Lina das Täschchen und sagst: >Liebe Tante, dies -hab' ich gefunden, nimm es freundlich hin.< Dann umarmt sie Dich und -küßt Dich.« - -»Will ich nicht.« - -»Doch, Fritzchen. Nun sei artig; gleich rufe ich Dich.« - -Tante Lina erzählte der Butschen gerade eine Geschichte von Viedt's. -»Viedt's haben die schönen Ländereien und könnten viel mehr daraus -machen, aber sie sind mit Erlaubniß zu sagen für reichlichern Dung und -nicht für das Auspowern der Aecker und sind so thätig im Geschäft, -indem sie jede Kleinigkeit mitnehmen und dadurch das Ihrige erreichten. -Sie sagen nicht, wie viel sie haben, aber man weiß es doch so ziemlich.« - -»Rechnen Sie gern in Anderleuten Portemonnaie herum?« fragte die -Butschen. - -Tante Lina wurde spitznäsig und dann glimmt es in ihr. Es war höchste -Zeit, den Vesuv auszutreten und deshalb sagte ich rasch: »Liebe Tante, -bevor wir aufbrechen, wünscht Fritzchen Ihnen einen kleinen Beweis -seiner Verehrung darzubringen.« Es war dies zwar nicht ganz zutreffend, -aber in der Eile entwegen die Sätze leicht. »Komm, Fritzchen.« - -Er kam nicht. Die Kröte tückscht, dachte ich und öffnete die Thür. »So -komm doch, Fritzchen!« - -Da kam er. Aber wie! - -Ihm war wohl die Zeit lang geworden und neugierig, wie Kinder sind, -hatte er in Tante Lina's Tasche gekramt. Ihre Korkzieherlocken hatte er -sich über die Ohren gehängt und ihr neues Gebiß trug er in der flachen -Hand wie ein Vogelnest, die geöffnete Tasche über dem Arm. Und so schob -er seelenvergnügt auf Tante Lina zu. - -»Meine Tasche!« rief sie und aufgesprungen und die Schönheitsbeihülfen -an sich gerissen und weggestochen. Sie flog vor Aufregung und pustete. -Mir war der Vorfall mehr als peinlich. »Liebe Tante!« begann ich. - -»Schon gut! Schon gut!« stieß sie hervor. »Das war ein starkes Stück. -Sie haben wohl nichts dagegen, wenn ich noch heute abreise?« - -»Aber nein...« - -»Aber ja, und dabei bleibt's.« Und mir einen furchtbaren Blick -zuwerfend, fügte sie hinzu: »Wir sind für ewig geschieden -- Mein -bischen Hab und Gut vermach' ich dem Waisenhause, da sind artige -Knaben drin und, mit Erlaubniß zu sagen, keine ungezogene Rangen.« - -Emmi wollte Petroleum ins Feuer gießen, weil sie doch die Range -nicht auf Fritzen sitzen lassen konnte, aber ich rief: »Wenn Jemand -Schuld hat, bin ich es,« und entfernte mich mit Tante Lina. Es half -jedoch kein Bitten und Beten, sie war zu aufgebracht und ließ keine -Entschuldigung gelten. - -Auf ihren Wunsch blieb Ottilie bei ihr, packen zu helfen, und wir -karawanten nach Treptow. - -Unterwegs machten mir Emmi und Betti Beide Vorwürfe: Was der -Sanitätsrath sagen würde, wo ich doch hätte wissen müssen, daß die -Tante den Knaben unbedingt etwas ausgesetzt hätte und sie deshalb -ganz anders zu behandeln gewesen wäre. Die Butschen meinte, selbst -im Schauspielhause fielen Stücke durch, ich hätte mir es wohl anders -gedacht, wie es hinterher kam. - -»Sie verstehen mich, Frau Butsch,« entgegnete ich. »Meine Absichten -waren lauter und rein.« - -»Wieviel hat die Olle denn?« fragte sie. - -Ich war zu zerklüftet, um sie zurechtzustoßen. - -»Mama,« sagte Emmi, »denke Dir, ich habe meine Börse vergessen. Du bist -wohl so gut und legst aus?« - -»Ich bezahle Alles!« erwiderte ich ergebungsvoll. -- Durch diese -Versicherung wurden sie heiterer und dachten nicht mehr so nagend und -anhaftend an Tante Linas Testament. Und war es so bombensicher, daß -sie die Enkel hineingenommen hätte, auch wenn nichts passirt wäre? -Denn erstens ist die Verwandtschaft nur weitmaschig und zweitens: wenn -irgend ein Viedt Wittwer wird... sie ist im Stande, in den heiligen -Ehestand hineinzuschliddern. - -Betti und Emmi wollten erst nach dem Damenheim, wo die neuesten Moden -alle acht Tage wechseln, und dann mit den Kindern nach den wilden -Thieren; die Butschen hatte ihren Beiden versprochen, den Walfischkopf -in der Fischerei zu zeigen, worüber Uneinigkeit auszubrechen drohte. - -Unter lebhaftem Für und Wider langten wir an. Ich löste die -Eintrittszettel. In Summa fünf Mark. - -Oben von der Ueberbrückung aus gewahrten die Kinder sogleich den -Riesen-Elephanten, der als bewohnbares Symbol des Gregory'schen -Exportbieres dasteht, das in Hunderttausenden von Flaschen in die -heißen Länder versandt wird, wie die Inschrift besagt. - -»Merkwürdig,« sagte die Butsch, »daß der Durst allerwärts derselbige -ist. Oder kriegen sie ihn erst, wenn das Bier hinkommt?« - -Es freute mich, hieran wahrzunehmen, daß sie anfängt, sich auf -überseeische Kulturfragen zu werfen, was sie früher nie fertig -gebracht hätte. Wegen der Kinder war jedoch eine gründliche Erörterung -unstatthaft. Denn was ist, genau genommen, Durst? Wo fängt er an und wo -wird er sträflich? - -»Gehen wir jetzt ins Damenheim?« fragte Betti in einem Tone, als wenn -wir uns nach ihr richten müßten. Ich verstand sie natürlich nicht und -sagte: »Was meint Ihr zu einer Nordpolfahrt? Seht doch diese Gletscher -und Eishöhlen, täuschend aus Gips geklackst, belehrend für jedermann, -der keine Aussicht hat, je in seinem Leben den wirklichen Nordpol zu -erreichen.« - -»Ich habe mir erzählen lassen,« bemerkte die Butschen, »der Nordpol -wäre blos, daß einer sich berühmen kann, dagewesen zu sein, und Butsch -sagte, wenn man hinkommt, ist er es gar nicht! Ob sie dort auch wohl -solche Sitzbänke haben, die von selbst in'n Gang gehen?« - -Ich hatte mittlerweile für Fahrscheine eine Mark vierzig abgeladen, -wir selbst luden uns auf die fahrbaren Bänke und sausten in den Gips -hinein mit der sich steigernden Besorgniß: »Wo ist die Umstürzecke?« -Wir hatten mehr Glück als Vergnügen, indem wir unzerbrochen landeten -und waren herzlich froh, diese Belustigung hinter uns zu haben. - -Betti beantragte nunmehr die elektrische Rundbahn. Wir rasch zur -Haltestelle, für eine Mark Nickel zusammengesucht, den Automaten -gefuttert, durch das Drehkreuz gezwängt und am Halteplatz waren wir. -Die Bahn kam; zwei Wagen voll. Wir sahen ihr mit gemischten Gefühlen -nach, als sie schnöde davon fuhr. - -»Wir benutzen den nächsten Wagen.« - -Der war noch völler. - -Dann kamen wieder zwei mit Platz, aber schlecht gemessen für uns alle. - -Der folgende Solowagen war auch zu klein. - -»Wir lassen uns unser Geld wieder geben,« sagte Emmi ärgerlich. - -»Von wem denn? Von dem Automaten? Der ist, wie die Steuer, nicht auf -Herausrücken eingerichtet.« - -»Wir müssen suchen, einzelnt mitzukommen und treffen uns bei den wilden -Thieren,« schlug die Butsch vor. - -Und so geschah es, wenn auch nicht gleichmäßig hintereinander, sondern -je nach der Ueberfüllung in mehrfachen Abständen. Schließlich war -ich allein die letzte, die eine Stehgelegenheit auf der elektrischen -Ortsveränderung heranlauerte. - -Die Fahrt war beharrlich genug, um an Tante Lina zu denken. So in -Bitterniß scheiden.... das wurmte mich und gar zu gerne hätte ich sie -wieder gut gehabt. Nicht wegen ihrer Groschen -- nein. Aber wer weiß, -ob wir je wieder zusammenkommen und wir haben den Groll nicht begraben, -bis es zu spät ist. Ich hätte doch wohl bei ihr bleiben müssen? Aber -ich hatte den Kindern doch auch den Nachmittag versprochen. - -[Illustration: Seehund, der eine Pfeife raucht] - -Die kleinen Lämmer -- sie waren in ihren weißen Anzügen ganz wie Lämmer --- freuten sich, als ich endlich anlangte. -- »Wo bleibst Du, Mama?« -schalt Emmi. »Wir stehen hier wie die Narren.« -- »Kind,« entgegnete -ich, »warum verdrießlich über so kleines Ungemach? Es giebt Schwereres, -als ein bischen warten in schöner, freier Natur. Aber kommt.« - -Der Hagenbeck'sche Thiercirkus war justement zu einer neuen Vorstellung -geöffnet. Für drei Mark fünfzig bekamen wir Plätze, von denen der große -runde Käfig gut zu sehen war. Die Kinder saßen vor uns und planschten -in Erwartungswonne. Und als es los ging, als drei Seehunde gebracht -wurden, die Pfeife rauchten, eine Wiege schaukelten und Pistolen -abschossen, brach heller Jubel bei ihnen aus. - -»Rauchen die Seehunde immer?« fragte Franz. - -»Nur wenn sie müssen,« sagte Emmi. »Sie sind abgerichtet.« - -»Ist Papa auch abgerichtet?« - -»Dummes Zeug. Papa raucht zum Vergnügen.« - -Die beiden Jungen warfen sich Blicke zu, aus denen ich entnahm: -Nächstens spielen sie Papa oder Seehund, je nachdem ihnen der Tabak -bekommt. - -Vier Elephanten machten darauf ihre Kunststücke bewunderungswürdig. -Ich bin überzeugt, es giebt Menschen, die nie lernen, auf Weinflaschen -spazieren zu gehen, wie diese unvernünftigen Creaturen, oder es liegt -am Erziehungswesen, daß sie hoffnungslos bleiben. Der Elephant kann -solche Kunst in seiner Heimath allerdings nicht verwerthen, aber man -sieht doch, was ihm beizubringen ist. Und wie viel muß der junge -Mann sich einrammen, ehe er einjährig dienen darf. Und doch sollen -zuweilen Professoren sich anmaßen, mehr wissen zu wollen als ein -Einjährig-Freiwilliger. - -Nun kam die Glanznummer. Hunde, schöne deutsche Doggen, sprangen -herein. Drei Löwen folgten, zwei Tiger, zwei Jaguare, zwei Bären, -ein Eisbär. Die setzten sich in der Runde, jeder auf sein Brett -und der Bändiger ging mitten unter sie und ließ sie arbeiten. Ein -ausgewachsener Königstiger fuhr Zweirad, ein anderer lief auf einer -Kugel, ein Bär tanzte aufrecht gehend Seil, kaum wiedererzählbar -unwahrscheinlich und doch ohne Augenverblendung. Ein Löwe fuhr auf -einem Wagen, mit Krone und Purpurmantel angethan, von zwei Tigern -gezogen und zuletzt bildeten alle Thiere, auf Säulen vertheilt, eine -malerische Gruppe, worin der Eisbär oben lag, der vorher nie ruhig auf -seinem Platz blieb, sondern die anderen wohlerzogenen Mitwirkenden -störte und anschnauzte und von ihrer Pflicht abzulenken suchte. - -Ich dachte mir mein Theil. Starker Wille und Unbeugsamkeit mit Güte und -richtiger Erkenntniß zwingen selbst wilde Raubthiere zu friedlichem -Zusammenleben. -- Aber ohne einen Stänker geht es auch hier nicht ab. - -Wir waren alle hochbefriedigt, nur die Kinder wünschten noch mehr -Löwen und Tiger, gaben sich jedoch, als es hieß, nun gehen wir zu den -Aeffchen. - -Neben dem Thier-Cirkus ist das Hagenbeck'sche Affenparadies. -Zweihundert Affen in einem Käfig, wo sie Holzpferde haben, russische -Schaukeln und Klettergerüste, die Glieder geschmeidig zu halten. Und -nur eine Mark vierzig für uns alle. Man athmete ordentlich über die -Billigkeit auf, denn zuletzt kommt man sich auf der Ausstellung vor wie -in Umlauf gesetzte Scheidemünze. - -Die Kinder waren glücklich, und es läßt sich nicht leugnen, der Affe -ist possierlich. An dieser alten Wahrheit rüttelt selbst der Ernst der -Zeit vergebens. Aber er ist auch boshaft. Ein kleines Aeffchen war, wie -man so sagt, drunter durch, wohin es kam, spielten die anderen Affen -ihm übel mit, daß es gellend schrie und sich flüchtete. An die Stäbe -des Gitters floh es, als wenn es weit, weit hinweg möchte und bewegte -die Lippen und quäkte und schalt und zog Falten vor der Stirn und die -blanken Augen flogen hin und her. - -Da riefen die Kinder: »Das ist Tante Lina! Das ist Tante Lina!« Und -lachten und riefen: »Tante Lina!« - -Ich verbot ihnen die Unart. Es half nichts. »Wer das noch einmal -sagt, kriegt 'ne Abrundung,« drohte Emmi mit einer entsprechenden -Handbewegung. Das steuerte etwas. Aber sie lachten innerlich »Tante -Lina.« - -Ich dankte meinem Schöpfer, daß die Tante nicht zugegen war. Kinder -wissen ja nicht, wie grausam sie in ihrer Einfalt sind. Ich nahm Betti -abseits, gab ihr ein noch zum Versausen bestimmtes Zehnmarkstück und -sagte: »Bleibt Ihr hier und amüsirt Euch, ich muß nach Hause.« - -»Wegen Tante Lina?« - -»Ja. Sie ist gekränkt, wenn auch das Donnern mehr Scherz war....« - -»Welches Donnern?« - -»Nichts! Nichts! Ich habe Eile! Geht mit den Kindern in die Milchhalle, -wenn sie hungrig werden, und habt gut acht auf sie!« -- Ich eilte heim. - -Ich nahm den hinkömmlichsten Omnibus so besetzt er auch war. »Bitte,« -sagte der Schaffner, »möchten die Herren sich nicht auf das Blumenbrett -bemühen,« worauf die Stehgäste eine Etage höher stiegen. Ich blickte -den Fahrdirektor fragend an. -- »Wenn ich >Deck< sage,« antwortete -der, »geht Keiner rauf, aber auf's >Blumenbrett< gehen sie, indem sie -sich dann hübscher vorkommen. Und nächstens werden die Decksitze auch -für die Damen freigegeben. Blos daß die Treppen noch die öffentliche -Sittlichkeit scheniren. Da muß was 'rum.« - -Da durchzuckte mich die Lösung der Gleichberechtigung. »Einfach -Uniform,« hallte es in mir. Wenn die Frau erst Reservelieutnant wird, -hat sie das Ziel erreicht. Und wie Mancher würde das zweierlei Tuch -bezaubernd stehen. Blos auf Damen im Majorsalter wäre Rücksicht zu -nehmen und ich für meine Person, ich glaube, ich bleibe doch lieber -unten. - -Tante Lina war nicht abgereist. Gottlob! Ottilie hatte ihr zugeredet. -Das werde ich ihr gedenken. - -»Mir war, mit Erlaubniß zu sagen, die Galle hochgekommen,« erklärte -Tante Lina ihren Zorn, »und ehe ich reise, möchte ich, daß etwas -Gewisses in die Reihe kommt.« Sie sah mich scharf an und fragte: -»Finden Sie nicht auch, daß Herr Kriehberg ein sehr netter Mann ist?« -- - -»Kriehberg? Nein.« - -»O doch, er erinnert mich etwas an Johannes Viedt. Und Ottilie ist ihm -geneigt.« - -»Ottilie,« rief ich, »hinter meinem Rücken, wo ich Dich so gewarnt -habe?« - -»Da ist nun nicht viel mehr bei zu machen«, sagte Tante Lina scharf. -»Hätten Sie mehr Zeit bei uns übrig gehabt, hätte Herr Kriehberg uns -nicht herumzuführen gebraucht. Wenn junge Leute sich lieben, so soll -man ihr Glück nicht hintertreiben. Einmal verjagt, kommt es nimmer -wieder. Niemals. Nie.« - -Sie zog viele kleine Stirnfalten und auch ihre Augen glänzten bald mich -an, bald Ottilie. - -Ein Glück, daß die Kinder nicht da waren. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Verwickelungen. - - -Wo man nicht direct selbst dabei ist, werden Verkehrtheiten vollführt, -auf die man nach mehrtägiger Ueberlegung nicht gekommen wäre. So auch -dieses Mal. - -Bei meinem Schwiegersohn, dem Sanitätsrath, hat es nämlich einen Krach -gegeben. Und worüber? -- Ueber mich! - -Betti hat mir es wiedererzählt. Die hat es von ihrer Schwester, der -Frau Sanitätsräthin, und hätte auch wohl damit hinter dem Berge -gehalten, wenn wir nicht in einen Kampf wegen vier Mark fünfzig -gerathen wären, die sie als Auslagen für die Kinder-Expedition nach -Treptow heraushaben wollte. - -»Betti,« sagte ich, »nachdem ich Unsummen für Eintritte in's Ganze -und Sonderspecialitäten und ein freiwilliges Zusatz-Zehnmarkstück -gespendet, verthut Ihr noch volle vier Mark und fünfzig auf mein Konto? -Das finde ich heftig. Und ein für alle Mal -- ich zahle nicht. Für -Gewaltsachen habe ich kein Gemüth. Womit habt Ihr denn das viele Geld -verprezelt?« - -»Die Kinder mußten doch das Eismeerpanorama sehen!« - -»Was war denn da los?« - -»Denke Dir, Mama, eine riesige Eiskute.« - -»Reelles Eis?« - -»Warum nicht gar Vanille-Eis? Gott bewahre, aus Farbe, wie so Panoramen -überhaupt. Vorne Gewässer mit Seehunden und Möven und im Hintergrunde -mit mindestens elf Stück lebendigen Eisbären.« - -»Betti, die Kinder hatten im Thiercirkus Bären genug gesehen und -Kunstgletscher vorher. Das war unnöthig, weil verschwenderisch.« - -»Und zwei Eskimos und eine Eskimofrau.« - -»Was hatte die an?« - -»Pelzjacke und Pelzhosen, gerade so wie die Männer.« - -»So weit sind sie schon da oben in der Aufklärung?« - -»Und denke Dir, die Eisbären nahmen der Frau Fische aus dem Munde, ganz -zahm. Und kriegten was mit dem Stock auf den Rüssel und rissen aus wie -die Hämmel.« - -»Betti, sag' selbst, ist das noch Naturgeschichte? Wenn der Lehrer -den Kindern erzählt, der Eisbär ist das gefährlichste und grimmigste -Raubthier des Nordens, -- Ottilie hat den Brehm mitgebracht, da steht -es drin -- das den Menschen auf dem Lande und in Schiffen angreift -und nach blutiger Gegenwehr auffrißt, lachen sie ihn ohne Frage aus, -weil sie den Gegenbeweis erlebt haben. Die Folge ist Nachbleiben, -Strafarbeit, schlechtes Zeugnis und elterliche Senge. Und dazu gebe ich -kein Geld her.« - -Betti murmelte etwas. - -»Wie meinst Du?« - -»Du hattest uns doch eingeladen.« - -»Du sagtest eingeladen?« -- Ich verstand Blaak oder so ähnliches. -»Mit den zehn Mark konntet Ihr übrigens gut rund kommen. Freilich -Extravaganzen hatte ich nicht vorgesehen!« - -»Sollten wir mit den Kindern verhungern und verdursten?« - -»Ich rieth Euch ja die Milchhalle an.« - -»Aber ehe wir dahin fanden bei der Hitze! Die Butsch entdeckte eine -Weißbier-Niederlassung und wir waren alle so erschöpft, daß wir ihr -folgten und ihren Falkenblick lobten.« - -»Nun ja, Weißbiergläser kennt sie nachgerade auch von Weitem; aber es -kostet doch enorme Anstrengung, zehn Mark in Weißen zu verprassen, -selbst mit hinzugerechneten Stullen!« - -»Wer that denn das?« brauste Betti auf. »Und dann wurde Karussell -gefahren.« - -»Das kann man Kindern nicht verweigern. Die sechs Groschen sind -bewilligt.« - -»Die langen nicht. Wir fuhren doch alle.« - -»Die Butschen auch?« - -»Sie kriesch nur immer so furchtbar, weil die Sitze sich wieder um sich -selbst drehen wie ein Triesel. Mama, Du mußt nächstens mal mitmachen.« - -»Damit mein Gehirn verschoben wird? Nein. Jedoch ist es mancher -vielleicht heilsam, indem, was an der falschen Stelle saß, an den -richtigen Platz hinkreist. Möglich, daß die Butsch sich aus unbewußtem -Instinct in diese Drehkur begab.« - -»Sie war so karmoisinvergnügt mit den kleinen Butschens.« - -»Schön, dann nehme ich das Karussell auf mich. Es bleibt aber immer -noch ein ansehnlicher Rest.« - -»Der schmolz in der Milchhalle ein.« - -»Was?« rief ich entsetzt. »Milch? Ihr habt Milch getrunken?« - -»Wie Du uns anbefohlen hattest.« - -»Kalte Milch auf das Weißbier und Karussell fahren? War nicht noch -Gurkensalat bei der Hand, um die Speisefolge zu vervollständigen?« - -Betti schwieg verlegen. »Der war nicht mehr nöthig,« sagte sie dann -etwas bedrippt. - -»Sind die Kinder noch am Leben?« - -»Meine ja. Emmis auch. Von den Butschens haben wir keine Nachricht,« -antwortete Betti lächelnd. - -»Die haben abgehärtete Mägen, wenigstens wenn die Butschen noch so -kocht, wie sie es früher nicht gelernt hatte.« - -»Gerade die fingen zuerst an. Sie hatten vorher auch am meisten -Napfkuchen vertilgt.« - -»Mein Napfkuchen hat noch nie einen Menschen compromittirt, weil er von -Hause aus mit Citronat ist, das ich weglasse, weil es schwer liegt und -zweitens billiger kommt. Den können Sterbende essen, ohne daß er ihnen -schadet. Na, also, Ihr mußtet nach Hause. Wo blieb der Saldo von dem -Gelde?« - -»Wärst Du bei uns gewesen, würdest Du es wissen.« - -»Wieso?« - -»Mama, es muß ja für alles draußen bezahlt werden.« - -»Ja, ja! Kinder machen Sorge und Kosten, besonders bei ungesunder -Verpflegung; das merke Dir für die Zukunft. Aber Fritz und Franz hatten -doch keine weitere Anfechtung?« - -»Ich möchte fast annehmen, daß Du Fritz übermäßig Napfkuchen zugesteckt -hattest...« - -»Betti, was hast Du gegen Fritzchen? Was hat denn das Kind gegessen? -Knapp so viel als in einen hohlen Zahn geht.« - -»Wenn Du Elephantenzahn meinst...« - -»Betti, ich verbitte mir solche Scherze, selbst wenn wir allein sind. -Ich will wissen, ob der Knabe ernstlich in Gefahr schwebte?« - -»Der Vater hat ihm Medicin verordnet und nicht schlecht gescholten.« - -»Sein gutes Recht.« - -»Er hat gesagt...« - -»Was hat er gesagt? Heraus damit. Warum stockst Du? Also was?« - -»O, nichts.« - -»Ich kann mir's schon denken -- über mich hat er raisonnirt -- hat er? -Sag', hat er? Nicht wahr -- er hat?« - -»Nun ja. Aber sehr. Und dabei weiß er noch nicht einmal, wie Du die -Kinder um Tante Lina's Erbschaft gebracht hast. Wenn er das erfährt, -gerathet Ihr mindestens ein halbes Jahr auseinander.« - -»Siehst Du, Betti, das hat man davon. Man opfert sich auf, man sucht -alles zum besten zu wenden und, wenn man das Resultat besieht, hat man -in Modder gegriffen. Ich geh' gleich und sehe, was der Junge macht.« - -»Das würde ich nicht thun.« - -»Nicht den süßen Engel auf seinem Schmerzenslager besuchen?« - -»Der ist längst wieder kreuzfidel. Aber der Rath möchte noch grollen.« - -»Den lad' ich auf Krebse ein. Ausgesucht, lauter Hengste und er kriegt -die größten. Da wird er fromm. Und Du willst noch vier Mark fünfzig -heraus haben?« - -»Ja, Mama. Soll ich Dir jeden Posten einzeln vorreiten?« - -»Nein, nein, laß nur. Aber merke Dir eins: Weißbier und kalte Milch -vertragen wetterfeste Landbewohner kaum, viel weniger gebildete -Stadtkinder.« - -Ich gab ihr die Groschen, die sie schmunzelnd in ihr Portemonnaie -knippste, wobei ich sofort ahnte, daß sie mich um eine heimliche -Provision überlistet hatte. Aber was hilft die richtigste Rechnung, -wenn sie nicht bezahlt wird? Ich lag drin, jedoch es blieb in der -Familie. -- - -Mit diesem Kummer hatte ich mich abgefunden, nicht aber mit dem -Verdruß, den Ottilie mir durch ihre Neigung zu Kriehberg bereitet. -Nie wäre es dahin gelangt, wenn ich sie straff unter meiner Aufsicht -gehalten hätte, anstatt sie während meiner Abwesenheit Tante Lina -anzuvertrauen, von der ich alles erwartet hätte, nur nicht die -Begünstigung eines Liebesverhältnisses, das, wenn auch nicht direct ins -Armenhaus, so doch nicht weit davon führt. - -Denn die Sache liegt so. - -Kriehberg hatte noch eine kleine, mit dem Bauwesen verknüpfte Stellung, -Ausbesserungen zu leiten, wenn die Bedachung undicht geworden und was -es sonst gab, denn wenn auch alles ein Ende nimmt, die Reparaturen -an einem Neubau hören nie auf. Und die ganze Ausstellung ist ein -Riesengesammtneubau. - -Man sagte mir, weil das richtigste bei einem vor der Verlobung -Stehenden ist, seine Verhältnisse zu erkunden, er wäre nicht ohne -Fähigkeiten, aber die Häuser, die er entwürfe, ständen schon irgendwo. -Mit der bloßen Verlegung von Fenstern und Thüren, daß nachher die -Treppe nicht hineinpaßte oder ganz dunkle Räume erzielt würden, sei -selbstständiges Fortkommen unmöglich. Man würde ihn seines Fleißes -wegen in zweiter und dritter Linie beschäftigen, wenn er nicht die -Manier hätte, sobald er sich warm fühlte, alles besser wissen zu -wollen. Das könnte er ja auch, aber er müßte seine Weisheit bei sich -behalten. - -Was thut jedoch mein Kriehberg? Er nicht auf den Bureau-Maulkorb -geachtet und eigene Meinung gehabt und den Vorgesetzten und -beleidigende Scharaden gekommen. - -Was hat er über das Thorhaus zu quesen und zu sagen, es wäre nicht viel -dahinter? Und wie sie ihn fragen, wie er sich erdreisten könne, einen -gothisch-romanisch-altdeutsch-renaissancenen Bau so zu despectiren, -hat er geantwortet, es wäre auch nicht viel dahinter, nämlich blos ein -Stück Treptower Chaussee. - -Da ließ sich freilich wenig drauf antworten, weil die Eingangsfluren -zur Ausstellung einen überraschend nuttigen Eindruck machen, gegen den -das rechts und links verstreute Bedeutende stark zu kämpfen hat, um die -erste Enttäuschung allmählich zu verwischen. - -Und auch was er über die Drahtgeflechtthür beim Hauptportal geäußert -hat, ist nicht ohne Berechtigung. Er sagt: für einen Hühnerhof eignete -sie sich einigermaßen, für eine Ausstellung, die der Welt zeigen -sollte, was Berlin vermöchte, sei sie belemmert. Diese Kritik haben sie -ihm besonders verargt. - -Und dabei stehen in der großen Halle im Schatten, als vertrügen sie -weder Sonne noch Regen, die schönsten Thore, die man sich denken kann, -der Stolz der Berliner Kunstschmiede, deren Arbeiten es nicht nur -siegreich mit jeder Concurrenz des Auslandes aufnehmen, sondern auch -mit dem berühmtesten Mittelalter. »Wie man sich so im Lichte stehen -kann!« hat Kriehberg gesagt. Und da gaben sie ihm Feierabend. - -[Illustration] - -Und was sagte er da? - -»Es ist das Unglück der Comités, daß sie die Wahrheit nicht hören -wollen.« - -Draußen war er. - -Auf solche Aussichten hin ihm Ottilie zu geben, wäre eine -Unverantwortlichkeit, gegen die Alpdrücken liebliches Gekose ist. -- -Und wenn sie sich auch noch so lieben. Von Butter allein kann man nicht -leben, es gehört das tägliche Brot dazu... - -Ich band mir Ottilie vor, sie müßte Kriehberg abgeloben. - -Sie hätte ihn nicht ermuthigt, erwiderte sie, hoch vom Thurme herab, -als geschehe ihr wer weiß welche Bezichtigung. - -»Hast Du nie in seiner Gegenwart mit den Augen geklappert?« - -»Ich verstehe Sie nicht.« - -»Ottilie, es giebt verschiedene Sprachen, und eine davon ist die -Augensprache, die ist in allen Dialekten die nämliche. Ein Blick sagt -mehr als ein dickbändiger Briefsteller. Ich frage Dich, ob Du auf die -Art etwa zu viel geredet hast?« - -»O Nein. Ich beschäftige mich mit dem gewaltigen Pulsschlag des -Residenzlebens, der täglich Neues und Großes bringt und der geistigen -Förderung durch die entzückenden Darbietungen des Gewerbes und der -Industrie.« - -»Doch wohl nicht ausschließlich. Reichliche Zeit verbringst Du, Dich zu -bewundern.« - -»Wer sagt das?« - -»Betrachte Dir den Teppich vor dem Spiegel, wie er leidet und stets und -immer mit frischen Fußspuren. Das ist auch eine Sprache: Teppichsprache -nämlich.« - -Sie that schnippisch. - -»Du bist jung, Ottilie, Du weißt noch nicht, ein wie theurer Lehrer die -Erfahrung ist. Nimm meinen Rath an und verkriehberge Dich nicht.« - -»Aber Tante Lina meinte, er müsse gut sein, gerade so gut wie Johannes -Viedt, an den er sie erinnere, der nach Amerika gegangen ist, weil er -Eine nicht unglücklich machen wollte, die er liebte, und ohne den Fluch -der Eltern nicht die Seine nennen durfte.« - -»Ob sie das selber gewesen ist?« - -»Ich glaube fast.« - -»Die Alten haben keinen Bürstenbinder als Schwiegersohn gemocht; -natürlich, so liegt der Roman. Ottilie,« fuhr ich warnend fort, »und -Kriehberg ist nicht mal Bürstenbinder ... er ist augenblicklich -garnichts.« - -»Er hofft.« - -»Ich auch. Ich hoffe, daß er einsehen wird, wie es keine größere -Selbstsucht giebt, als wegen kurz verküßter Flittervierzehntage ein -leichtgläubiges Mädchen mit sich in endloses Elend zu ziehen. Das Leben -ist lang, Ottilie, und die Feuerung theuer. Mit Liebe allein kannst Du -nicht einheizen. Der Winter kommt, Kind, der Winter des Lebens. Liebst -Du Kriehberg wirklich? Möchtest Du um seinetwillen blos in Kattun gehen -und nie nach der Mode, immer denselben alten Mantel?« - -»Das würde er doch nicht verlangen?« - -»Er nicht; aber die Noth und die ist unerbittlich. Man kann sie -miteinander tragen, wenn sie hereinbricht, ohne eigene Schuld und -fest und innig verbunden den Kampf mit dem Schicksal aufnehmen. Aber -Uebereilung ist eigene Schuld.« - -So redete ich und sie hörte zu, aber mich dünkte, sie war klüger -als ich. Wenn jemand eine Unterhaltung nicht behagt, besieht er die -Zimmereinrichtung und Ottilie ließ ihre Blicke wandern, als wären alle -Stuhllehnen und Tischkanten ihr noch nie vorgestellt. - -Mir bleibt nur noch ein Ausweg. Mein Karl muß Kriehberg aufs Dach -steigen und ich -- ich nehme Tante Lina in die Beichte. - -Dies muß geschehen, ehe Ungermann's eintreffen, denen ich mich zu -widmen habe. Ungermann ist, wie es in der Geschäftssprache heißt, ein -großartiger Kunde. Der muß warm gehalten werden. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Meine Einquartierung. - - -[Illustration: Hausflur] - -Ungermann's wohnen in der guten Stube, Tante Lina rastet immer noch im -Fremdenzimmer, Ottilie theilt mein Schlafgemach mit mir, mein Karl ist -in die Fabrik verdrängt ... wo bleibe ich mit Kliebisch's? - -Es ginge, wenn ich ebenfalls in die Fabrik ziehe, Ottilie in die -Mädchenkammer verfügt wird und Dorette auf dem Boden schläft. Das -will sie aber nicht, und da sie vermehrte Arbeit hat, kann ich ihr -schlaflose Nächte nicht zumuthen. Sie sagt, es wäre auf dem Boden -nicht richtig, mit schleichenden Schritten im Dunkeln, daß sie -kein Auge zukriegte und lieber ginge, als sich krank graulte. Auf -Schudderigkeiten hätte sie sich nicht vermiethet. - -»Dorette,« sagte ich, »Spuk ist überwunden. In unserer aufgeklärten -Zeit kommt er nicht mehr vor, er ist wie weggeblasen durch den -Fortschritt, durch Telegraph und elektrisches Licht.« - -»Uf'n Boden is et duster,« entgegnete sie. - -Nun kann ich Kliebisch's doch nicht schreiben, die schwarzen Pocken -wären bei uns ausgebrochen, oder was sonst Mieths-Contracte aufhebt, -und sie nebenan bei Betti einquartieren, das scheitert sowohl an ihr, -wie an ihrem Manne. Sie hilft mit Lagerstätten aus und was drauf und -drunter gehört, aber über ihre Schwelle steigt kein Fremdling. - -»Ich bin nicht so blödsinnig, ein Hotel aufzumachen,« sagte sie -theilnehmend. - -Damit hatte sie das Rechte getroffen. Wir sind Hotel! Aber doch nur -aus Geschäfts- und Freundschafts-Rücksichten mit Hinblick auf das -Allgemeine. Jeder Einzelne ist für die Ausstellung verantwortlich, und -für den Besuch kann nicht genug gethan werden, theils daß er heran-, -theils daß das Unternehmen herauskommt. Berlin kann doch nicht alle -Eisbären und Rutschbahnen alleine bezahlen. - -Ungermann's sind, soweit ich beurtheilen kann, zufrieden. Am ersten -Morgen sagte sie: »Mein lieber Mann ist noch ein Kopfkissen mehr -gewohnt,« und er sagte, »meine liebe Frau frühstückt Cacao, wenn es -Ihnen keine Mühe macht,« und so einen kleinen Wunsch nach dem anderen, -bis sie es hatten, wie sie wollten. Mich rührte diese Zärtlichkeit, -denn sie sind Beide keine Jünglinge mehr, namentlich vermuthe ich sie -ihm im Taufschein bedeutend über, dagegen ist er würdevoller, als -Männer in seinen Jahren zu sein pflegen. Er betrachtet die Welt vom -ernsten Standpunkt, hat sich aber vorgenommen, Berlin zu durchforschen, -selbst wenn er Elemente nicht vermeiden könnte, deren Berührung zu -falschen Schlüssen Anlaß gäbe. Die sociale Frage zu studiren, sei die -Aufgabe eines jeden, der das Wohl des Staates im Herzen trüge. - -Wir kennen einen Polizeilieutenant a. D., sagte ich, »der wird Ihnen -angeben, wo Sie Bauernfänger an der Quelle beobachten können, und das -Asyl für Obdachlose und Plötzensee und die Armenpflege und was sonst -gefällig ist.« - -»Ich danke Ihnen sehr. Das ist, was ich will. Ja, ja, das ist es. Unser -Bürgermeister ist noch jung. Sehr jung. Wir Stadträthe müssen gut -unterrichtet sein, damit wir die Bürgerschaft vor Mißgriffen schützen.« - -»Sehr edel gedacht, Herr Stadtrath,« erwiderte ich. - -»Wenn mein lieber Mann nicht wäre, es ginge drunter und drüber,« nahm -Frau Ungermann das Wort. »Aber wir bilden uns nichts darauf ein und -überlassen Anderen den Vortritt, wenn das Einkommen auch nicht so groß -ist. Man weiß ja doch, was man ist.« - -»Ganz meine Meinung, Frau Stadträthin.« - -»Die Frau Bürgermeisterin käme ja sehr gern nach Berlin, aber es wird -den Leuten zu kostspielig. Sie müssen im Winter repräsentiren und da -bleibt für den Sommer höchstens ein billiger Landaufenthalt. Ja, ja, -jeder Stand hat seine Last.« -- - -Herr Ungermann besuchte die Ausstellung fleißig, aber immer nur das -Gewerbliche; das Vergnügliche verurtheilte er stark. Sie, die Frau, -hatte weder Sinn für das Eine noch das Andere. Es ist ihr zu weitläufig -draußen und zu mühsam. - -Endlich und endlich kam sie jedoch mit ihren Anliegenheiten heraus, -wozu sie mich ausersehen hatte. - -Ich ließ sie sich ruhig aussalmen, und als sie mich fragend anblickte, -sagte ich: »Meine verehrte Frau Stadträthin, das geht nicht. Eine -Schneiderin ins Haus nehmen, ist schon längst nicht mehr an der -Tagesordnung.« - -»Aber man kann selber mithelfen, und es kommt wesentlich billiger.« - -»Es fehlt mir an Platz.« - -»Das große Eßzimmer ist doch da.« - -»Im Berliner Zimmer wird _table d'hôte_ gehalten, wie Sie selbst -wissen.« - -»Es ist ja bald wieder aufgeräumt.« - -»Dazu hat das Mädchen keine Zeit. Nein, wollen Sie sich ausstaffiren, -sehen Sie sich in der Ausstellung die über alle Begriffe schöne Gruppe ->Bekleidungs-Industrie< an, wo Sie die herrlichsten Sachen finden, vom -einfachsten Hauskleide bis zur Galarobe im Preise von achtzehntausend -Mark.« - -»Ich möchte nicht in Toiletten erscheinen, die Parade gestanden -haben und aller Welt bekannt sind. Außerdem habe ich meinen eigenen -Geschmack.« - -Den hat sie allerdings, aber er ist auch danach. Was sie anzieht, -sieht alles so versonntäglicht aus, so besuchsmäßig, und sitzt -dabei doch nicht ordentlich zu Maß. Aus ihrem Gespräch entnahm ich -indes so viel, daß sie wohl fühlt, nicht auf der Höhe zu stehen, -und die Frau Bürgermeisterin keineswegs aussticht, wie sie möchte. -Die geht vielleicht ganz simpel, aber schick, und was sie anhat, -läßt sie reizend, und das verdrießt die Ungermann, die die erste -Toiletten-Violine spielen will. Wie manches Kostüm ist im Schaufenster -eine stille Pracht, aber so bald eine sich hineinbegiebt, verlieren -Beide, das Kleid sowohl als der innewohnende Rumpf. Sich wirklich -»kleiden« ist eine Begabung. Nachdem ich genügend überlegt hatte, sagte -ich: »Kaufen Sie fertig, da wissen Sie, was Sie haben.« - -»Nimmermehr. Nein, meine Figur opfere ich nicht der Schablone.« - -Ich sah mir ihren Umriß an. Wie ein solches Gestell sich noch lange mit -Figur betituliren mag, finde ich kühn. Und ist es hübsch, sich neu zu -behängen, um Aergerniß zu verbreiten? Und war es rücksichtsvoll, mir -eine fremde Person zuzumuthen, wo ich nicht aus noch ein weiß? So viel -ward mir klar: die Ungermann bleibt vier Winter. - -»Meine Liebe,« begann ich daher trocken, »das Fertige sitzt am besten. -Wollen Sie jedoch nicht das Hochmodernste, werden Sie in einem großen -Geschäft nach ihren eigenen Angaben immer rascher bedient, als im -Hause. Besehen Sie mit Ottilie die Leistungen auf der Ausstellung, das -regt die Phantasie an, und Sie können sich nach den vorhandenen Motiven -etwas bauen lassen, daß die Frau Bürgermeisterin platt hinfällt.« - -»Sie mißverstehen mich,« sagte sie süßlächelnd. »Die Dame ist viel zu -erhaben, als daß ich nur daran dächte, ihr zu imponiren. Ach nein. Aber -mein lieber Mann wünscht, daß, wenn ich doch einmal in Berlin bin, -ich meine Toilette wahrnehme. Und warum auch nicht? Wir können es ja. -Für wen sollen wir sparen? Wenn wir mal todt sind, mein lieber Mann -und ich, fällt unser Bischen einem Neffen zu, der es gar nicht einmal -gebraucht. Der übernimmt die Fabrik meines Bruders.« - -»Was kommt es denn auf die paar Möpse mehr an? Ich empfehle Ihnen -Gerson.« - -Es verdroß sie sichtbar, daß ich mich nicht erweichen ließ, aber -als Hotelverwaltung muß man sich einen Marmorbusen zulegen. Saueren -Herzens schwamm sie mit Ottilie und Tante Lina ab, zu Dritt sich in die -Confection zu stürzen. - -Aus Tante Lina ward ich in den letzten Tagen nicht mehr klug. Sie war -rein versessen auf die Ausstellung, und war schon draußen, wo die -Morgenstunde vor zehn eine Mark im Munde hat, wahrscheinlich um das -Frühaufstehen mit erhöhtem Eintritt zu bestrafen. Was wollte sie dort -und warum war sie so ausgewechselt, daß sie mehr schwieg als erzählte -und träumend da saß? Und dann wieder war sie ganz aufgeregt. Und einen -Stoß Zeitungen hatte sie bei sich zu liegen, die sie in allschlafender -Nacht durchbuchstabirte. Sie hatte sich heimlich Kerzen gekauft, damit -wir es nicht merken sollten, aber Dorette kam gleich dahinter und -fragte, ob wir nicht einen Eimer Wasser vor Tante Linas Thür stellen -wollten, sie läse am Ende das Bett noch in Brand. - -Und zum Abreisen nicht die schwächste Anstalt. - -Ich verhörte Ottilie. Die sagte, sie wären mit Herrn Kriehberg in -Kairo gewesen und als Tante Lina das Kairo-Kleine-Journal, worin die -Musiknummern stehen, durchgesehen hätte, wäre sie mit einem Male blaß -geworden und wie ohnmächtig. Und seit dem Abend hätte sie es. Am -liebsten säße sie auf einer Bank im Wandelgang und rührte sich nicht -vom Fleck, immer nur die Vorübergehenden anstarrend, ganz wie Leonore, -die um's Morgenroth fährt, wie Kriehberg sich geäußert hätte. - -»Sehr unpassend,« schalt ich. »Wer das Alter nicht schont, ist auch -anderer Unmoralitäten fähig. Wie stehst Du mit ihm?« - -Sie schwieg. - -»Genickt hast Du, aber hoffentlich nicht Ja gesagt. Ottilie, Kriehberg -paddelt noch; hängst Du Dich an ihn, geht er unter in dem Strome des -Lebens. Warte wenigstens, bis er auf dem Trocknen ist. Binde nicht -Dich, binde nicht ihn. Und wenn er geht, was bist Du für ihn gewesen? -Eine Sommerliebe, die um's Morgenroth flattern kann.« - -»Nein, nein. So schändlich kann er nicht sein.« - -»Schändlich nicht, aber leichtsinnig. Er hält ja nirgends aus, also -auch nicht bei Dir. Und Tante Lina hat ihn auch erkannt; er hat sie -nämlich gräßlich angelogen.« - -»Nein, nein!« - -»Das hat sie mir selbst gesagt.« - -»Wie ungerecht. Ich war ja dabei.« - -»Na also.« - -»Das kam so. Er erzählte uns, wie kolossal der Betrieb im -Hauptrestaurant sei. Da sind fünfundvierzig Köche und fünfzig -Spülfrauen und gegen zwanzig Messer- und Silberputzer und über -vierundvierzigtausend Tischtücher und Mundtücher und, denken Sie sich, -achttausend tiefe, neunzigtausend flache Teller und achtzehntausend -Beitellerchen und zwölftausend Messer und Gabeln. Und das wollte Tante -Lina nicht glauben. Durchaus nicht.« - -»Sie hätte sich ja blos überzeugen brauchen.« - -»Sie sagte, so viel Geschirr gäbe es überhaupt nicht und das nahm er -selbstverständlich übel.« - -»Wann war das?« - -»An demselben Abend.« - -»Jetzt verstehe ich. Sie hat auf ihn gehalten und glaubt, sich in -ihm getäuscht zu haben und bereut, daß sie seine Annäherung an Dich -begünstigte. Sehr einfach.« - -»Aber Kriehberg hat nicht gelogen.« - -»Wenn Du eine kleine Stadt ausschüttelst, fallen nicht so viel -Teller heraus, als im Hauptrestaurant täglich gebraucht werden, das -ist klar. Und deshalb hält Tante Lina solche Porzellan-Anhäufungen -für kalten Aufschnitt. Es giebt eben Wahrheiten, die manchmal keine -sind. Kriehberg fehlt es an Welterfahrung und das ist bei einem Manne -schlimm. Am Schlimmsten aber für die Frau, denn Dämlichkeit des Gatten -ist kein Scheidungsgrund.« - -Doch: »Rathet mir gut, aber rathet mir nicht ab« sagt die Braut im -Sprichwort. Ich verkündete darum gewissermaßen prophetisch: »Ja, es ist -wahr, die Liebe ist blind, aber sie merkt es erst, wenn sie hinterher -den Schaden besieht.« -- - -Mein Karl sucht eine auswärtige Stellung für Kriehberg, ihn aus Berlin -weg zu unterstützen. Das wäre für ihn gut und noch guter für mich. -Ottilie stelle ich die Wahl zwischen ihm und einem billigen, aber -geschmackvollen Lodenanzug des Vereins Berliner Damenmode. Ich denke, -sie nimmt den Anzug. -- - -Und deshalb machte ich mich auf, den Dreien nach, die in -Costümbetrachtungen schwelgten. Wenn die Ungermann sagt: »Solches würde -ich mir machen lassen und jenes und das noch dazu und das und das -und das, erwacht in Ottilie gleiches Begehren und sie läßt mit sich -handeln. Ich kenne das. Was die eine hat, will die andere auch haben. -Geht man in ein Geschäft und der junge Mann versichert, dies wird viel -genommen... schwapp hat man's.« - -Es ist mit Bräutigämmen ganz dasselbe. Hat eine einen, ruht die andere -nicht, bis sie ebenfalls einen Verlobten unterärmelt, und wenn sie sich -blos einbilden muß, ihn zu mögen. -- - -Ich traf sie in der Moden-Abtheilung. Ottilie und die Ungermann, die -an allem, was sie sah, zu tadeln fand. Gefiel ihr der Stoff, verwarf -sie den Schnitt, was gelb war, sollte roth sein und was mit Besatz -war, wollte sie gesteppt haben. In mir siedeten bereits Bemerkungen, -die ich nur unterdrückte, weil sie bei uns hotelisirt. Wäre sie die -Butschen gewesen oder gar die Pohlenz... ich hätte einen Ton geredet, -wie das Nebelhorn an der Spree, bei dem ältere Leute einknicken, wenn -es unangemeldet lostutet. - -»Wo ist denn Tante Lina?« fragte ich, da ich sie nicht gewahrte. - -»Die wird wohl draußen auf ihrer Bank in der Wandelhalle sitzen.« - -»Dann helfe ich ihr spazieren sehen,« entgegnete ich, drehte mich kurz -um und dampfte ab. Ich kann viel vertragen, nur keine Besserwisserei -aus Dünkel. - -Tante Lina saß richtig auf der Bank. Ich beobachtete sie aus einiger -Entfernung eine ganze Weile. - -Sie saß und sah. So merkwürdig selbstvergessen saß sie da, wie todt -und jeden Vorübergehenden schaute sie forschend an, mit den Augen, die -allein lebend waren, scharf und fragend und hell. - -Ich setzte mich zu ihr. Sie merkte es nicht. - -»Tante Lina,« sagte ich. - -Sie schrak ein wenig zusammen. »Ach Sie sind es,« sagte sie und sah -wieder wie abwesend in die vorüberwogende Menge. - -Auf einmal überkam sie heftiges Zittern, ihr Athem ging rasch und -hörbar. »Was ist Ihnen?« rief ich besorgt und war schon auf dem Sprung, -die Sanitätswache zu alarmiren. - -Ein Herr ging daher, ihm zur Seite in einem Zähluhrfahrstuhl eine Dame. -Sie sprach zu ihm, er neigte sich und antwortete freundlich auf ihre -Fragen. Es war abendkühl. Er legte ihr seinen feinen, seidengefütterten -Paletot über die Füße. - -Sie lächelte ihm Dank zu. Eine recht nette Frau und ein stattlicher -Mann, schon etwas weißlich an den Schläfen, aber das kleidete ihn gut. - -Als das Paar in unserer Nähe war, rief Tante Lina: »Johannes. -- -Johannes!« - -Der Herr wandte sich um. Hatte ihm der Ruf gegolten, der so weh klang -und erstickt, als hätte ein verlassenes Kind nach der Mutter geweint? - -Er blickte mich an, er blickte Tante Lina an. Dann schüttelte er leicht -sein Haupt und schritt weiter. - -Tante Lina war zusammengesunken; die Kunstlocken hingen vornüber und -beschatteten ihre Augen. Es durchzuckte sie ruckweise, wie große Qual -den Menschen durchbebt. - -»Tante Lina, um Gotteswillen, was ist Ihnen?« - -»Er war es,« flüsterte sie. »Er.« - -»Wer denn, Tante Lina?« - -»Johannes. Johannes Viedt. Es war wohl seine Frau, die neben ihm? -- Es -war seine Frau.« - -»Sie müssen sich geirrt haben, wo soll denn der herkommen?« - -»Er ist es. Ich las seinen Namen unter den Besuchern des Tempels, die -sich einschreiben, ganz deutlich: Johannes Viedt aus St. Louis. Ich -hab' in allen Zeitungen die Fremdenlisten nachgesehen, sein Hotel -herauszubringen, ich fand ihn nicht. Da habe ich auf dieser Bank -gewartet, jeden Tag. Ich wußte, er würde kommen.« - -»Und das that er auch.« - -»Er sah mich und ich sah ihm in die Augen, wie damals, als er ging. Er -hat mich nicht wieder erkannt. Nicht wieder.« - -Sie weinte. Stille Thränen, schwere Thränen. - -»Tante Lina, wollen wir nach Hause?« - -»Ja. Und morgen reise ich. Ich habe Alles in Ordnung: mein Sterbekleid -liegt im Schubkasten unten im großen Spinde. Und Tischler Grawert weiß -Bescheid, blos ein einfacher Sarg, ganz einfach. Alles in Ordnung.« - -»Nicht doch, Tante Lina. Ich lasse Sie nicht eher, als bis Sie wieder -froh und heiter sind. Weg mit so trüben Gedanken. Sehen Sie, wie schön -und golden die Sonne auf die Kuppeln und Thürme scheint.« - -»So?« fragte sie theilnahmslos. »Ich hatte eine Sonne, hier drinnen, -die ist untergegangen. -- Ob er wohl glücklich ist mit seiner Frau? -- -Ob wohl Kinder da sind? -- Viedt's haben mir nie gesagt, daß er sich -verheirathet hat. Sie wollten mir's wohl verheimlichen. Ja, Viedt's -sind gut und Johannes ist der Beste.« - -Sie erhob sich müde und wankend. - -»Liebe Buchholz,« sagte sie sanft. »Haben Sie Dank, daß ich bei Ihnen -sein konnte, daß ich ihn noch einmal sah. Ihm geht es gut; ich bin -zufrieden.« - -Wir verließen die Ausstellung und nahmen eine Droschke. Das Gewühl auf -der Eisenbahn war nichts für Tante Lina. - -Sie sprach unterwegs kein Wort. Ich glaube, sie begrub die -Vergangenheit. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Täuschungen. - - -Was dem Menschen im Buche des Schicksals angekreidet steht, das wird -ihm besorgt. Für mich stand eine Nähmamsell drinn und ich habe sie. -Hinter meinem Rücken hat die Ungermann sie gedungen und in Thätigkeit -gesetzt, als ich pflichtgemäß außer Hause war. Und wer hat ihr dabei -geholfen? Die Krausen. - -Hätte ich die Beiden doch nur nicht miteinander bekannt gemacht. Aber -es mußte so kommen. - -Die Ungermann beschwabbelte mich, mit ihr noch einmal die Costüme zu -begutachten und ich ging darauf ein, weil ich später selbst darüber -sachgemäß berichten muß, obgleich ich nicht kapabel bin, mich in die -confectionelle Schreibweise hineinzuzwängen, wodurch die Modeberichte -immer ihre Pompösität kriegen. Ich weiß nämlich nicht, wo ich die -Fremdworte alle aufgabeln soll, die kunstvoll in die Sätze vernäht -werden, damit sie etwas hergeben. - -Und schließlich: was ist Mode? -- Es ist dasjenige, weswegen man -ausgelacht wird, wenn man es nicht mitmacht, und das man auslacht, wenn -es nicht mehr mitgemacht wird. So denke ich darüber. - -Man sieht es ja. Kaum nehmen die Damen bei dem Trachten-Panoptikum -von Moritz Bacher Aufstellung: heiter werden sie und schmunzeln und -kichern und machen sich lustig über ein Jahrhundert Mode und halten -es für unmöglich, daß verständige Menschen sich jemals so zu Schauten -machten, außer auf Maskenbällen. Das Ungreiflichste ist ihnen die -Krinoline, aber damals, als sie aufkam, hielt es jeder für heiligste -Pflicht, das Birnenhafte den Franzosen nachzuäffen und in allem Ernste -schön zu finden. - -[Illustration: Mode] - -Wie wohl nach hundert Jahren über unsere Mode gespottet wird? Aber es -geht nun einmal nicht anders. Anhaben muß der Mensch etwas. Barfuß bis -unter die Arme, wie die alten Griechen, ist nur Statuen erlaubt. - -»Da sieht man, auf was für Fahnen die Damen verfielen, um ihre -Nebenbuhlerinnen zu ärgern,« sagte ich zur Ungermann, die diesen Stich -nothwendig versetzt haben mußte, weil sie doch nichts weiter sinnt, -als sich mit ihrer Kleedage beneiden zu lassen. Ob sie Glück haben -wird? Kaum. Grün mit erdbeercremefarbigem Besatz erregt meiner Ansicht -nach höchstens Bedauern. Und das nennt sie eigenen Geschmack. Sie -aber gethan, als hätte sie nicht verstanden. »Gottlob, daß wir nicht -in so ordinärer Vergangenheit leben,« sagte sie, »wir schreiten eben -vorwärts; auch die weißen Röcke kommen ab. Haben Sie den Unterrock von -gelb und blau chinirter Seide gesehen? Solchen schaffe ich mir an, er -ist wie ein Gedicht.« - -»Aus der goldenen Hundertzehn,« ergänzte ich ihre Schwärmerei und -dachte, ob sie wohl vorhat, den Leuten das Nähmaschinengedicht auf dem -Thurmseil vorzudeclamiren, worüber ich in lächelnde Stimmung gerieth, -in der ich den Antrag auf Verweilung im Freien stellte, mit einem -Täßchen Eis-Schocolade bei Hildebrand. -- Wurde angenommen. - -Wie wir nun unterwegs das große Becken betrachten, worin der -Lichtspringbrunnen emporlodern soll, stößt Ottilie mich an und -flüstert: »Da ist er.« - -»Wer?« - -Ich hingesehen und richtig, da steht der Adonis von neulich in -Lebensgröße und giebt einem Arbeiter Anweisungen aus einem Taschenbuch. -Er wird uns gewahr, zielt scharf herüber und eilt auf uns zu. - -»Herrjeh, Tante Ungermann,« ruft er, »Du in Berlin? Also täuschte ich -mich nicht, als ich Onkel kürzlich im Olympia-Theater zu sehen glaubte.« - -Tante und Neffe begrüßten sich und sie stellte ihn vor. - -»Rudolph Brauns, mein Schwestersohn.« - -Ich verneigte mich gemessen. Ottilie erröthet. - -»Wo kommst Du denn her?« fragte die Ungermann. - -»Ich bin als Elektrotechniker engagirt,« antwortete er. »Papa meinte, -ich sollte es annehmen: bei den kolossalen Anlagen hier könnt' ich mich -nur vervollkommnen.« - -»Elektrotechniker?« redete ich ihn mißtrauisch an. »Als wir vor -einiger Zeit, wie der Zufall es so fügte, an ein und demselben Tisch -in Unterhaltung geriethen, sagten Sie doch selbst, Sie wüßten nicht -einmal, was Elektricität sei.« - -»Das weiß auch noch Niemand!« entgegnete er unbefangen. »Kein Gelehrter -kann bis heute sagen, was sie ist. Wir kennen ihre Erscheinungsformen. -Alles andere ist Theorie.« -- Ich dachte ihn zu überführen, aber wenn -die Sache liegt, wie er sagt, dann war unmöglich richtig, was Ottilie -über das Wesen der Elektricität vortrug. Mir dämmerte so etwas wie -Blamirung auf. - -Ottilie war ganz roth geworden, stark lippenpomadenroth. - -Tante und Neffe erkundigten sich gegenseitig nach ihren Erlebnissen -seit dem letzten Zusammensein; Ottilie und ich gingen voran zur -Schocolade, die jedoch mit Hindernissen verbarrikadirt war, und zwar -in Gestalt von Herrn und Frau Krause und Butsch und Gattin, die auf uns -zu stießen. - -Die Krausen hochelegant. Mein erster Gedanke war, »wie kommt sie -dabei?« und ehe ich einen zweiten fassen konnte, sie mir vortriumphirt, -daß sie alles vermiethet hätte mit Verpflegung und fabelhaft verdiente. -Ich zog natürlich gleich die Hälfte ab. - -»Feine Leute,« schwaddronirte sie, »und so zufrieden mit allem, Geld -spielt gar keine Rolle. Nun sie merken ja auch gleich, daß sie es mit -Bildung zu thun haben. -- Sie sind doch auch so schlau, zu vermiethen? -Oder haben Sie noch Zimmer leer?« - -»Alles besetzt,« gab ich zur Antwort. »Mein Mann schläft sogar in -der Fabrik.« -- Und das war der Wahrheit gemäß. -- »Wir persönlich -schränken uns auch ein,« fuhr sie fort. - -»Das sieht man Herrn Krause an,« warf ich ihr vor. »Ich, an Ihrer -Stelle, würde den Fremden nicht alle die kräftigste Bouillon allein -geben oder lieber ein halbes Pfündecken Fleisch mehr nehmen, damit der -Mann auch was hat.« - -Auf diese Enthüllung aus heiterem Himmel war sie nicht vorbereitet, -vergebens fischte ihr Geist nach Wiedervergeltung. Aber ich hatte -polizeilich beglaubigte Bestätigung ihrer Mierigkeit, indem Doretten's -jetziger Bräutigam eine Cousine bei Krauses zu dienen hatte. -Schaudervoll geht es her. Von einem halben Pfund Beilage, dreitägige -Brühe gekocht und den Zampel mit Rosinensauce aufgetischt, daß der Mann -seine eigene Haut als Ueberzieher brauchen könnte, wenn sie zu knöpfen -ginge und deshalb gab der Schutzmann das Familienverhältniß auf. Wo die -Herrschaft selber Ammi spielt und die Knochen abgnabbelt, hält kein -Geliebter aus, da wird die Küche bald zum Kloster mit der Krausen als -Aebtissin, worauf das Mädchen sofort kündigt. Warum hat sie sonst alle -halbe Jahre eine neue? - -Dies hat mir Dorette hinterbracht, die es von ihrem Verlobten weiß, und -Schutzleute lügen nie. Als ich fragte, ob die Krause'sche Philippine -auch eine wirkliche Cousine von ihm gewesen sei, wurde sie patzig -und sagte, er hätte seinen Diensteid darauf gegeben, daß es keine -Stiefliebste war: ob ich Lust hätte, mich in Unannehmlichkeiten zu -stürzen? Worauf ich nicht weiter auf den Fall einging. - -Die Butschen hatte meinen Sieg über die Krausen nicht bemerkt. Sie -schwamm am Arm ihres Mannes in Festtagslust. Er sah auch gentil aus mit -der ihm angeborenen und mit Weißbier weiter gepflegten Stattlichkeit -und schwarzblank neu in Kleidung, wozu Herr Bergfeldt sich nie -aufschwingen konnte, weil immer nur mit Ach und Krach ersetzt wurde, -worauf längst Ventilationsklappen gehört hätten, womit sie ihn nicht -gut gehen lassen konnte. - -»Butsch wollte erst gar nicht,« erzählte sie, »um damit daß nichts -im Geschäft passirt, wenn er weg ist und irgend so'n Besoffsky Radau -macht, denn gerade in der Abwesenheit erlebt man gewöhnlich den -mehrsten Verdruß...« - -»Aber meine Olle mir keine Ruhe gelassen,« nahm Herr Butsch das Wort, -»bis ich mich bewogen fühlte, zu sagen, wenn es so brüllend schön -ist, wie Deine Beschreibung unbegreiflich, denn man hin. Und ich muß -gestehen, blos um das Ausgefallenste zu betrachtigen gehören minimumst -Zweie.« - -»Nicht wahr?« freute sich die Butsch. »Und so raffinant. Das -Industriegebäude und die Hauptrestauration ganz natürlich wie sonne -Pendants.« - -Ungermann's merkten bereits auf und damit die Butschen als meine -Bekanntin nicht auf grenzenlosester Kunstunwissenheit ertappt würde, -sagte ich: »Beides in italienischer Phantasie stilisirt. Gehen wir.« - -Die Krausen aber spitzlistig gefragt: »Was verstehen Sie unter -Pendants, meine Beste?« - -Die Butschen wies erst auf den weißen Wasserthurm und dann auf die -blanke Kuppel und sagte grundehrlich: »Na, auf der einen Seite ein -Thermometer und auf der anderen ein Barometer, wie es unsere gute Stube -auch in der Mode hat.« - -»Kein übler Gedanke,« rief der junge Herr Brauns, »damit ließe sich -in der Metall- und Galanteriewaarenbranche vielleicht ein Geschäft -machen. Wollen Sie mir die Idee überlassen? Wir theilen den Gewinn. -Ich übernehme die Musterschutzkosten und die Abmachungen mit den -Fabrikanten. Ein paar tausend Märkelchen können dabei herausschauen, -Notabene wenn wir Glück haben.« - -»Meine Frau willigt ein,« sagte Herr Butsch. »Olle, Olle, bist Du -helle!« rief er und küßte sie inmitten der Menschheit und sie stand -ganz verlegen und glücklich. So glücklich. - -»Und wenn's nur ein paar hundert Mark werden,« fuhr Herr Busch fort, -»es wäre auch schon schön. Kathinka, es kommt in die Sparkaste und -bleibt Deine. Ich habe ja immer gesagt, wer meine Frau für dumm kauft, -der schmeißt sein Geld weg.« - -[Illustration: Türme] - -Die Krausen zipperte mit den Eßwinkeln. Die Butschen, die sie -verdunkeln wollte, strahlte in Glorie. Das verdroß sie schmählich. - -In diesem Zustande war Eis-Schocolade für sie wie von der Vorsehung -angerührt. Herr Butsch ließ sich nicht nehmen, die ganze Runde auf die -Erfindung seiner Frau hin zu erledigen. Herr Brauns gab eine zweite -dagegen. - -»Ich finde es abscheulich, daß der junge Mann die Butschen so zum -Besten hat,« raunte die Krausen mir zu. »So ihre Bornirtheit zu -verspotten.« - -»Erlauben Sie, es war sein voller Ernst.« - -»Das glauben Sie selber nicht. Außerdem halte ich an die -Oeffentlichkeit treten für unweiblich.« - -»Man muß es nur können.« - -»Aber wie wenige vermögen das? Und dann ist es auch nur Zufall, wenn -mal etwas gelingt. Wirklich Denkende, wie mein Mann, halten es mit der -Würde ihres Standes unvereinbar, ihre Geistesschätze auf dem Markt zu -profaniren. Gelehrsamkeit ist eben keine Kuh, die Einen mit Milch und -Butter versorgt.« - -»Er kriegt wohl blos amerikanisches Schmalz,« entgegnete ich. Das mußte -ich ihr einreiben, erstens wegen ihres Dünkels und zweitens, weil sie -mich meinte. Und um ihren Hochmuth ein für alle mal zu dämpfen und -neben der Butschen, die doch meine langhergebrachte Freundin ist, -nicht wie die Krausen als Nachtschatten betrachtet zu werden, sondern -ebenfalls als lebende Magnesiafackel, sagte ich: »Jetzt wird gerade -gedruckt; wir sehen uns das Innere des Lokalanzeigers an, wo die -Ausstellungsnachrichten entstehen. Da kommen die höchsten Herrschaften -und Minister und Excellenzen und alles, was von Bedeutung ist, wie -heute unsere liebe Butschen, die einen gewaltigen Schritt in das -Erfinderische gethan hat.« - -»Müssen wir,« pflichtete Herr Butsch bei. »Willst Du auch einen Cognac -auf das kalte Zeug, Kathinka?« - -»Nee, nee,« dankte sie. »Mir ist so heiß, ich weiß nicht wie.« - -Die Setzmaschinen in der Druckerei und wie sie das Geschriebene -in runde Metallplatten verwandeln, das ist direkt räthselhaft und -die Pressen sind so gerieben ausgedacht, daß wir sie nur so lange -verstanden, als Herr Brauns sie uns erklärte. Das Papier an sich ist -doch ganz vernunftlos, aber in der Presse wird es lebendig und geht -seine Wege, wie auf dem Exercierplatz kommandirt und kommt unten als -Zeitung heraus. Immer klapp, klapp, klapp ist eine Nummer nicht nur -lesbar, sondern auch gefaltet. Dies fesselt stets auf's neue, so oft -man es auch anstaunt. - -Und nun führte ich meinen Plan aus, gerade jetzt durch die Krausen -gereizt. - -»Meine Herrschaften,« sagte ich so verständlich in dem -Maschinen-Geräusch wie möglich: »Sie verweilen wohl einen Augenblick, -ich bin gleich wieder zurück.« - -Sie nickten Einverständniß. - -»Ich habe nämlich auf der Redaction zu thun.« - -»So?« - -Weiter nichts als gleichgiltiges So. Die Krausen that, als wollte sie -in die Walzen hineinkriechen. Das war Neid. Sie wollte nicht hören. Sie -ahnte etwas. - -»Ich muß mir nämlich die Correcturen von meinem Bericht holen.« - -»Dann eilen Sie sich man,« sagte die Butschen. - -Konnte sie nicht loswundern und einen Strahl über mich als Presse -reden? Ih Gott bewahre. Der Effect war vorbei gegangen und die Krausen -beleidigend gleichgültig gethan. Aber ihre Blicke hohnlachten. - -Ich verabsentirte mich. Der Redacteur war bereits sich erholen oder -Beobachtungen machen gegangen, was man nie genau unterscheiden kann, -aber ein Umschlag mit den Abzügen, an mich gerichtet, lag zum Absenden -da, den ich an mich nahm. Ich behielt ihn in der Hand. Sehen mußten die -Anderen ihn. Noch war die Bataille nicht verloren. - -Auf die Frage, wo Abendbrot genießen, empfahl Herr Brauns die Brauerei -von Berliner hinter der Maschinenhalle und wie manches so hintrifft, -kamen wir an denselben Tisch, an dem Ottilie und ich Herrn Brauns -erste Bekanntschaft machten. Es wurde angebaut und da gute Prepelung -aufheitert, wurden wir bald recht fidel. - -Herr Butsch war der Vergnügteste und hielt die Kellnerkräfte in -Bewegung. »Kathinka, trink,« forderte er sie auf. »Trockene Freude ist -halber Schmerz. Trink, Kathinka. Ich geb' noch einen aus. Kellnär!« - -»Aber Butsch, bedenke, was Du schon losgeworden bist.« - -»Wenn't nich Geld genug gekostet hat, gehn wir noch mal wieder her,« -lachte er. »Was kann das schlechte Leben helfen, n't Vermögen ist doch -bald alle. Kellner, zwei Cognac, aber ohne Fußbad.« - -Ich hatte den Schreibebrief auf den Tisch gelegt, dicht vor Herrn -Krause, aber er sah nicht hin. Er aß und trank und es schmeckte ihm. Es -war ja auch eine stärkende Unterbrechung der Suppenfleischklopse, an -denen er langsam vermickert. Aber es soll thatsächlich Naturen geben, -die sich an Vergiftung gewöhnen. - -Sie, die Krausen, brannte auf den Brief. Sie faßte ihn ganz -unabsichtlich an, tändelte damit und warf ihn wieder hin. Aber sie -konnte und konnte nicht davon bleiben. - -»Was ist darin?« fragte sie endlich. - -»Correcturen von meinem nächsten Bericht. Es hat so leicht Keiner eine -Ahnung, wie mühsam die sind.« - -»Das kann ich mir garnicht denken. Wenn Sie es fertig bringen, ist es -doch unmöglich so schwer?« - -»Versuchen Sie. Da ist ein Bleistift. Zeichnen Sie einmal einige Fehler -an.« - -»Ich werde doch nicht das Ganze durchstreichen,« sagte sie und -meckerte. Das sollte ein Witz sein. - -Rasch hatte sie den Umschlag aufgerissen. Da waren die -Correcturstreifen. Sie las. Ihre Züge verklärten sich, als sie -weiter schnüffelte. »Ah,« dachte ich, »sie wird bezwungen von Deiner -Schreibung, Wilhelmine. Sie ist doch am Ende nicht so schlecht und -aller höheren Empfindung bar, wie man leider manchmal angenommen hat.« --- Gerade dieser Bericht war mit besonderer Hingabe abgefaßt, sozusagen -mit Begeisterung und doch wieder mit dem sachlichen Pflichtgefühl des -hohen Berufes der Presse. - -»Darf ich vorlesen?« fragte die Krausen. - -»Vorlesen!« lechzten die Anderen förmlich. »Vorlesen!« - -»Wenn es Ihnen Vergnügen macht,« gestattete ich bescheiden und sah auf -das Tischmuster. Vorgelesen werden sollen ist ähnlich wie in einer -Schaukel, nicht schön und doch wieder sehr schön. - -Die Krausen räusperte sich und las laut: »Der Glanzpunkt der gesammten -Ausstellung, wie noch niemals da war und die Augen der Nationen auf -sich lenken wird, befindet sich links im Hauptgebäude. Es ist dies -ein aus diamantschwarzen Strümpfen auf weißem Grunde künstlerisch -hergestellter Reichsadler, unter Garantie absolut farb- und waschecht -mit verstärkten Spitzen und verstärkten Fersen, ein großer Theil der -Qualitäten außerdem mit verstärkten Sohlen eine Musterleistung des -Hauses Buchholz und Sohn.« - -Die Krausen hielt inne. »Darf ich weiter lesen?« fragte sie. »Ist es -Ihnen auch recht?« - -»Gewiß!« erlaubte ich ihr, da alle mit gespannter Aufmerksamkeit -lauschten. Sie lächelte mir teuflisch zu und las mit erhobener Stimme. - -»Die Güte der Waare fechten wir keineswegs an, aber Glanzpunkt ist -zu viel gesagt, in Anbetracht hervorragenderer Objecte, und über das -Künstlerische des Adlers ließe sich diskutiren, mehr als wir Raum in -unserem Blatte für Erwiderungen zur Verfügung haben. Wir ersuchen Sie, -einen anderen Eingang zu schreiben. Ganz ergebenst die Redaction. -- -Das steht hier mit Tinte am Rande. Ihr Glanzpunkt aus Strümpfen ist -dick blau ausgestrichen. Sehen Sie, meine Damen.« - -Wie ich da saß, war mir wie weit weg im Nebel. Was ich sagte, war wie -hohles Echo. Ich hatte es so gut mit meinem Karl gemeint, und seine -Ausstellung ist auch der Glanzpunkt. Und der Adler ist von einem -früheren jungen Akademiker entworfen, also künstlerisch. Kann man sich -denn nicht mehr auf die Akademie verlassen? - -»Die größten Schriftsteller haben ihre ersten Entwürfe oft genug -umgearbeitet,« sagte Herr Brauns, »und in unserem Fach ist der erste -Plan meist nur ein Anhalt. Wir alle müssen corrigiren.« - -»Pah!« sagte die Krausen, »ich möchte um nichts in der Welt ein Genius -sein. In meine Sachen redet mir kein Zweiter hinein, das ist mein -Ehrgeiz.« - -»Der Anfang war auch nicht gut,« sagte ich, mich aufraffend. »Mir -fehlte es an Zeit und Ruhe. Der, den ich jetzt schreibe, wird besser. -Und das wissen Sie alle: über künstlerisch und unkünstlerisch gehen -augenblicklich die Ansichten quer auseinander. Der Adler ist mehr -nach der alten Schule, und der Redacteur gehört wahrscheinlich zu -den Modernen. Wer von den Beiden den Vorsitz hat, kugelt den anderen -hinaus. Somit werden meine Ansichten durchaus nicht berührt.« - -Herr Brauns gab dem Gespräch eine andere Wendung, mehr nach launigen -kleinen Geschichten hin, bis Herr Butsch durch das viele Freudenbier zu -aufgeräumt wurde. - -Als wir aufbrachen, versicherte die Krausen, sie hätte lange keinen -gemüthlicheren Abend verlebt, als den heutigen; wann wir uns wieder -treffen wollten? - -»Nächstens«, entgegnete ich, »aber lassen Sie's mich vorher wissen.« - -An dem schadenfrohen Lächeln ihrer Larve sah ich, daß sie erkannte, wie -ich es meinte, nämlich nicht in die _la main_. Nun war sie zufrieden, -nun sie wußte, daß ich durch ihre Spinnenumgarnung hineingelegt worden -war, und machte sich an die Ungermann, mit der sie ein Herz und eine -Seele wurde. Da hat sie ihr, mir zum Schabernack, auch noch die -Nähmamsell nachgewiesen. Meine Zuversicht ist: der liebe Gott sieht -durch die Finger, aber nicht ewig. - -Zu Hause angelangt, fragte ich Ottilie, warum sie so gänsehaft -dagesessen und nicht ihre wissenschaftliche Unterhaltungsgabe in die -Bresche geworfen hätte, der Krausen den Giftschnabel zu stopfen? - -»Ach,« seufzte sie, »Herr Brauns ist zum Verzweifeln schön.« - -»Der geht Dich nichts an, Du hast Dich ja schon für Kriehberg -entschieden. Troll Dich, Du bist müde. Dir fallen ja schon die Sehluken -zu. Ich habe noch stundenlang zu arbeiten.« - -Sie verduftete seufzend und ich setzte mich vor das Papier, aber es -wollte mir nicht gelingen, den vorherigen Schwung zu erreichen. Ins -Wasser gefallen ist der stolzeste Adler, ebenso klatrig, wie ein -nasser Spatz. Ich marterte mein Gehirn umsonst. Und dazu die letzten -Erlebnisse. Es kribbelte nur so in mir. - -Mein Mann kam. »Wilhelmine, willst Du Dich ganz aufreiben? Es ist -nachtschlafene Zeit. Sei vernünftig, Kind, und leg' Dich.« - -»Bette mich in Daunen vom Zephyr, was die Krausen mir angethan hat, -hält mich wach wie Distel und Dorn, selbst im Grabe. Die Person ist -noch mein Tod.« - -»Mir ist sie auch eine gräuliche Prise, aber laß sie laufen. Denke -vornehmer als sie, Wilhelmine.« -- »Das thu' ich lange.« -- »Beweis -es mit der That und ärgere Dich nicht.« -- »Ueber so Eine nicht im -Geringsten.« -- »Das ist recht. Ein edles Gemüth vergiebt.« - -»Gut, ich will vergeben, aber Du, Karl, Du vergiß es nicht. Man kann -nie wissen, wie es kommt.« - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Eingeregnet. - - -»Verliere Deine Geduld nicht, es hebt sie Niemand auf,« sagte mein Karl. - -Ich versuchte freundlich zu sein. Allein mehr als wie beim Photographen -kam nicht heraus und auch nicht länger. Irgendwo las ich einmal -etwas von Lachgas. Das wäre die einzige Stärkung für mich gewesen, -aber Dorette kam mit leerem Fläschchen wieder und sagte, in der -Drogenhandlung hätten sie es nicht, ob ich nicht Nelkenöl nehmen -wollte, das wäre auch gut gegen Zahnschmerzen. - -Zahnschmerzen! Wenn man ihre Nothwendigkeit auch nicht einsieht, sind -sie doch zu bewältigen; wo aber wohnen Aerzte, die Einem den Kummer -ausziehen und Aerger und Verdruß? - -Ich hatte mich recht auf Kliebisch's Eintreffen gefreut und, da Tante -Lina sich in ihre Heimath versammelt hatte, -- sie war beim Abschied -wehmüthig wie an einem Begräbnißtage -- stand das Fremdenzimmer wieder -frei, den Amtsrichter Buchholz zu beherbergen, der, als zu meines Karls -Linie gehörig, doch auch Anrecht auf verwandtschaftliche Unterkunft -hat, zumal das ihm bei Butschen's ausgemachte Logis drei Herren zum -Massenquartier dient. Kliebisch's brachten jedoch ihr Töchterchen Anna -mit, die Aelteste, und meinten, eine Sophaecke für das Kind fände sich -wohl an. Im Uebrigen würde sie mir zur Hand gehen, da sie für häusliche -Arbeit außergewöhnlich veranlagt sei. - -Was war zu thun? Herr Kliebisch bekam das Fremdenzimmer, sie die -Kliebischen mit Tochter übernahm das Vorderzimmer neben Ungermann's, -die sich mit der guten Stube behelfen. Im Berliner Zimmer wird -geschneidert. Ich bin machtlos. Mein Karl sitzt voller Aufträge, daß -die Fabrik nicht ausreicht, und unser Schwiegersohn und Compagnon -Schmidt auf Reisen gehen mußte, um mit Lieferanten abzuschließen; er -kann sich dem Besuch nicht widmen. Und das wäre auch nichts für seine -Gesundheit, zu so unmöglichen Tageszeiten kommen die Herren nach Hause. -Auf meine Bemerkung, daß der Schlaf vor Mitternacht der heilsamste sei, -entgegnete Herr Ungermann, er wäre aufgeblieben, um die Brodträger am -frühen Morgen statistisch zu kontrolliren, da von der Umgestaltung des -Bäckereigewerbes die sociale Verbesserung aller Stände erwartet würde. -Herr Kliebisch lachte kurz auf, als wenn er zweifelte. Ich hielt es mit -Kliebisch. - -Dorette hat mir nämlich erzählt, daß wenn Ungermann's unter sich sind, -die Frau ihren Mann blos mit Brummsuppe regalirt und ihn sogar mit -Liederjahn traktirt. - -»Dorette,« beschönigte ich, »sie wird wohl Biedermann gesagt haben, wo -er sie doch stets mit >meine liebe Frau< belegt und sie ihm nie anders -als mit >mein lieber Mann< entgegentritt.« - -»Det is man so duhn,« bestand Dorette. »Wat er der Ungermann is, er is -'n richtijer oller Schlieker, und wat sie vorstellt, sie is 'n oller -Satan.« - -»Dorette, unterstehen Sie sich nicht, in solchem Tone über meinen -Hausbesuch zu schandiren. Geschieht das noch einmal, wissen Sie, wo die -Luft am frischesten ist.« - -»Ick jeh lieber jleich, indem ick't bis zum Ersten schwerlich aushalte. -Is denn det ne Zucht, dettse bei den jetzigen Sauwetter de janze Straße -in die jute Stube tritt, viel wenijer, dettse Morjens eigenhändig den -Klatthammel abrubbelt un de Plüschmöbeln in Erdreich verjraben sind? Un -denn mir vorjeworfen von jründlich Reinemachen? Nee, et is hier schon -nich mehr scheen.« - -»Dorette, wenn es regnet, wird leicht etwas Schmutz ins Haus getragen, -das ist naturgesetzlich.« - -»Sonne Jesetzer ästimir ick nich. Wat boddert se mit de Schleppe in'n -dicksten Lehm? Und sind de Flicken und de Fusseln in't Berliner Zimmer -ooch Jesetz? Nee, da is de Schneiderei dran Schuld und ick hab' de -Arbeet von. Ent- oder weder, die Ungermann zieht oder ick.« - -»Dorette, ich lege Ihnen zu. Ueberdies haben Sie ja jetzt Hilfe an -Fräulein Kliebisch.« - -Dorette lachte. »Komm die Frau 'mal mit,« sagte sie vertraulich und -führte mich in Herrn Kliebisch's Zimmer. »Det hat se von alleene -besorgt. Seh een Mensch blos det Bett an. Und da soll der eijene Vater -drin jeschlummert werden. Det is ja Umjehung von's vierte Jebot, >auf -daß es Deine Eltern wohljehe und se lange leben uf Erden.<« - -Es war in der That nicht ersten Ranges, was das Kind vollführt -hatte. Das Bett glich einem Gebirge mit Thälern und Schluchten, die -Morgenschuhe standen auf der Kommode, den Vorleger hatte sie unter das -Spinde gefegt. - -»Un ausjejossen hat se jar nischt,« höhnte Dorette. »Un det nennt det -Wurm en fertijet Schlafzimmer.« - -»Sie ist noch jung,« nahm ich der Abwesenden Partei, »und das sind wir -Alle gewesen.« - -»Aber man nich in solchen Jrade. Will des Fräulein Thuverkehrt mir -dajejen in der Küche helfen, bin ick nich abjeneigt, ihr Anleitung -zur Vervollkommnung in's Kartoffelschälen zu jewähren. Seit wir die -Kliebischen's in Kost haben, sind mir die Hände schon en Endecken -kürzer jeworden.« - -Sie hatte nicht Unrecht, Kliebisch's alle Drei leisten Bedeutendes in -Erdfrüchten. Ob es davon kommt oder woher sonst, weiß ich nicht, aber -die Kliebischen ist bequem geworden, wie sie früher nicht war. Und -alleweil verzagt. - -»Wie wird es werden? Die Zeiten sind so schlecht und die Kinder wachsen -heran,« klagt sie, aber rühren ist nicht und thätig eingreifen und -Töchterchen zurechtstoßen auf Geschicklichkeit und Brauchbarkeit, wie -ich meine Beiden nie versäumt habe. Wo die Tage gleichmäßig auf- und -untergehen, wird der Mensch zuletzt auch flachweg und fett und sitzt, -wo er sitzt. Mich wundert, daß sie sich aufraffte, ihren Schwerpunkt -nach Berlin zu verschieben. - -Den großen geräucherten Schinken, den sie mitbrachte, und den Korb Eier -und das Geflügel nahm ich als ländliche Zartsinnigkeit von ihr dankend -entgegen. Ein Sack Kartoffeln, der als Handgepäck zu umständlich war, -ist als Angebinde seinerseits noch unterwegs. Dorette behandelt -Kliebisch's daher mit mittlerem Wohlwollen. Was sie über Ungermann's -sagt, mag zutreffen, obgleich sie weiß, daß ich das Thürenhorchen nicht -haben will. Indes kann ich der Nätherin, wenn sie mit Dorette zusammen -ist, nicht den Mund verbieten. Die hat gesagt, die Ungermann müßte viel -Geld haben, so viel Watte wäre an ihr; wegen ihrer Figur hätte sie -knapp einen Mann gekriegt oder er hätte sie schleunigst wieder retour -gegeben. Und so eitel! Alles sollte sitzen, als wäre sie im Loth wie -eine Probiermamsell Nummer Gelbstern. - -Nun war mir erklärlich, warum das Anpassen immer abgeriegelt geschieht -und ohne meinen Rath. - -Ob der Mann solche vertrauliche Ausputzer wirklich verdient? Halb -Liebe und halb Geld giebt eine gute Ehestandsbowle, wenn ein bischen -Schönheit als Zucker nicht fehlt. Aber blos Geld und keine Liebe und -nicht eine Spur Süßigkeit, da ist das Fest mit der Hochzeit aus. - -Spielt sie Komödie, hat er es von ihr gelernt. Sie giert, in der -Gesellschaft zu prunken, er strebt, in der Stadtleitung hervorzuragen. -Hätten sie ein Kind gehabt, würden sich ihre Küsse auf dem -Engelsmündchen begegnet haben und das kleine Bündel Liebe wäre zum -Talisman gegen die bösen Geister des Hauses geworden. Es war aber keins -da. - -Mein Karl theilt meine Ansichten nicht. »Laß' sie sich haken,« sagte -er, »das kommt in den besten Familien vor.« - -»Doch nicht bei uns?« - -»Dazu gehören zwei. Ich passe.« - -»Also ich? Mich mit meiner geradezu unerlaubten Sanftmuth ästimirst Du -als Zanktippe? Karl, Du verwilderst, seit Du in der Fabrik schläfst. -Aber warte, die alte Ordnung kehrt wieder.« - -Er lachte: »Ich sehne mich nach ihr. Alles nimmt ein Ende, blos -Ungermann's können das ihre nicht finden.« - -»Hat er denn schon bestellt?« - -»Noch nicht. Die Waare gefällt ihm, bis auf die Preise. Er versucht -abzuhandeln.« - -»Das darf er nicht. Die gute Stube muß neu gemacht werden, sagt -Dorette, und dazu die Näherei, und mess' mal Deinen Weinkeller nach. -Nein, drücken darf er nicht. Das wäre unanständig. Er muß mindestens -doppelt so viel nehmen als sonst. Und Du schlägst auf. Verstehst Du?« - -Mit dem Weinkeller sah es trübe aus. Je mehr Wasser vom Himmel stürzte, -um so weniger wurde der Wein; der Regen zwang zur Häuslichkeit und -geselligem Beisammensein und mein Karl ist nobel. - -Ungermann hatte gleich die beste Sorte heraus, seine Zunge merkte das -Unabgelagerte sofort, als ich unsern Tischwein in die Lafitte-Flaschen -umgegossen hatte. Kliebisch versteht sich nicht in gleichem Maaße -auf Jahrgänge, ihm schmeckt der Billige wie der Theure, so lange -eingeschenkt wird. - -Ich gönne es ihm. Wenn er einen Kleinen sitzen hat und man bringt ihn -nicht darauf, vergißt er die agrarischen Kalamitäten und es ist ihm -einerlei, ob die Margarine blau oder grün gefärbt werden soll oder -garnicht. Dann ist der Ausstellungs-Musterstall sein Trost, den er mit -Vorliebe beschreibt als das Erfreulichste für den Landwirth. - -»Da liegt Poesie darin,« sagte er. »Ein Pferd bleibt doch immer ein -Pferd. Oder haben Sie schon einmal ein Vollblut-Fahrrad gesehen? Kann -denn ein Cavalier sich auf solches mit einer Leberwurst beschlagenes -Spinnrad klemmen, ohne sich und seinem Stand etwas zu vergeben?« - -»Die Industrie denkt anders,« entgegnete Herr Ungermann. »Der durch das -Fahrrad hervorgerufene Umsatz ist ein gewaltiger und wird sich immer -mehr steigern, trotz der Spöttelei der Feudalen.« - -»Ich gehöre nicht zu den Feudalen,« wehrte Kliebisch ab. - -»O doch, Hinnerich,« sagte die Kliebisch. »Hattest Du nicht auch einen -Karbunkel im vorigen Jahre, gerade als der Landrath einen hatte, nur -daß von seinem mehr geredet wurde, weil er gefährlicher war als Deiner?« - -»Und das Radfahren soll sehr gesund sein,« bemerkte die Ungermann. - -»Das Reiten ist noch gesunder.« - -»Das Rad ist das Roß des armen Mannes,« begann Herr Ungermann wieder. -»Auch der Minderbemittelte vermag sich eins zusammenzusparen und -braucht kein Geld für Heu und Hafer auszugeben.« - -»Und das befürworten Sie?« brauste Kliebisch auf. »Wovon soll denn die -Landwirthschaft leben, wenn die verwünschten Maschinen die Pferde -verdrängen? Gerade am Hafer wird verdient. Hört das auch noch auf -- -gute Nacht Ackerbau. Weizen kommt mehr als zuviel aus Argentinien -und Indien. Ist die Eisenbahn erst fertig, ersäuft uns Sibirien mit -Getreide. Und das Heu? Es laufen allerdings Ochsen genug herum, aber -die fressen es nicht.« - -[Illustration: Radfahrer und Reiter] - -Was sich nun ausbreitete, war Verlegenheit. -- Der Regen klatschte -gegen das Fenster. -- Die Herren rauchten. - -»Ich möchte Rad fahren,« sagte Ottilie. - -»Ich halte es für ungeeignet,« nahm ich das Wort. »Ist es eine Dame -oder ein Herr, was an einem vorüberstrampelt? Man unterscheidet es -kaum. Und manche Radlerin sieht nach der Tour täuschend aus, wie in -acht Tagen nicht rasirt. Dagegen zu Pferde gräfinnenhaft und elegant.« - -»Prost! Frau Buchholz,« rief Kliebisch und leerte ein volles Glas auf -mein Wohl. »Welch ein Staat, die prachtvolle ungarische Radautzstute im -Musterstall; das ist ein Damenpferd; schlank, feiner Kopf, elastische -Fesseln, vorzüglich gepflegtes schwarzes Haar. Darauf möchte ich -Sie sehen, mein Fräulein, und nicht auf der Chausseestaubmühle mit -verbogener Figur in Pluderhosen...« - -»Wollen wir den Gegenstand nicht lieber fallen lassen?« unterbrach ihn -die Ungermann mit verletztem Anstandsgefühl. - -»Immerzu fallen lassen. Ein Schauspiel für Götter,« lachte Kliebisch, -dem im Eifer der Wein zu Kopf stieg. »Ich riskir' ein Auge daran.« - -»Aber Mann!« rief seine Frau ihn zur Ordnung. - -»Ach was; wie eine sich vorreitet, wird sie taxirt. Wenn sie sich auf -dem Stahlhengst tummelt, mag es sie befriedigen, aber schön sieht -anders aus. Möglich ist jedoch, daß die Schenkel sich mehr ausbilden, -wenn eine keine hat...« - -»Hinnerich, Du bist hier nicht im Kruge,« fuhr die Kliebisch dazwischen. - -Der Ungermann ward dies Gespräch sichtlich fatal. Sie mit ihren Gräten -hat natürlich gegen Sport, bei dem es auf einigermaßen Plastik ankommt, -solche Abgeneigtheit, daß sie nicht mal darüber reden hören mag. - -»Man muß bedenken, daß für Radfahrer neue Trachten geschaffen werden; -schon jetzt beginnt ein gewisser Luxus in besseren und besten langen -Strümpfen sich bemerkbar zu machen,« sagte Herr Ungermann. - -»Karl, hast Du gehört?« rief ich. »In besserer Waare. Nein, wenn die -Industrie dadurch gehoben wird, bin ich sehr für die Maschinenreiterei. -Könnte die Regierung nicht gesetzlich befehlen, daß alle -Reichsangehörige radfahren müssen und in einem Nebenparagraphen unsere -Wollsachen amtlich verordnen? Würde das den socialen Frieden nicht -gewaltig schüren?« - -»Jawohl,« schrie Kliebisch. »Da haben wir wieder den Krämergeist. Die -Industrie muß unterstützt und gefördert werden; die Landwirthschaft -darf verhungern, das ist ihr angestammtes Recht. Aber wer soll den -Herren Industriellen ihre Erzeugnisse abkaufen, wenn der Landmann kein -Geld hat? Nur so weiter. Die Pferdezucht auch noch ruinirt und über -das verarmte Land rollt die alleinseligmachende Industrie auf einem -gottverdammten Unglücksrad in ihr eigenes Verderben. Zum Kuckuck mit -den Dingern. Verboten müssen sie werden.« - -»Wie Sie auch schelten,« wandte sich Herr Ungermann an Kliebisch, -»das Rad ist dennoch von großer volkserziehlicher, sogar ethischer -Bedeutung. Der Radfahrer muß sich auf seinen Ausflügen der größten -Nüchternheit befleißigen; beherrschen ihn die Geister des Weines, ist -er nicht im Stande, sein Fahrzeug zu beherrschen und wird sich selbst -und anderen gefährlich.« - -»Das ist er schon ohne Kümmel,« höhnte Kliebisch ausfallend. - -»Ich bleibe dabei, das Fahrrad steht im Dienste der Mäßigkeit, gegen -die leider zu oft gesündigt wird.« - -Das mochte Kliebisch sich wohl als persönliche Bemerkung zugezogen -haben oder sonst wie, genug, er blickte Ungermann spöttisch an und -sagte: »Tugendpredigen und den Weg der Tugend wandeln ist zweierlei. -Mir ist der Musterstall zehntausendmal lieber als hundert Musterknaben -und wenn auch blos Gäule drinn sind und keine Stadtväter. Wer auf die -Landwirthschaft schimpft, dem dien' ich.« - -Mein Karl erhob sich, ging an die Uhr und wand sie auf. Wir wissen -althergebracht, daß dies der Wink zum Aufbruch ist, den die Gäste jetzt -auch ziemlich plötzlich begriffen. - -Ottilie holte die verschiedenen Leuchter, die Kerzen wurden angebrannt -und unter mehr und minder wohlgemeinten angenehmen Ruhewünschen -vertheilte sich die Einquartierung in ihre respectiven Gemächer. - -Ich räumte zusammen, der Dorette die Morgenarbeit zu vereinfachen. - -»Was hat Kliebisch gegen Ungermann?« fragte mein Karl. - -»Ich weiß es nicht. Seine Frau hat mir auch nichts gesagt.« - -»Der Streit und namentlich der hanebüchene Ton haben mich verdrossen, -ich kann noch nicht schlafen. Mir ist nichts zuwiderer als solcher -Zank.« - -»Und Kliebisch's Wörterbuch! Aber das bauert auf dem Lande so hin -und wird etwas sehr gerade aus. Du hättest ihm nicht immer wieder -einschenken müssen. Herrn Ungermann lobe ich, der rührte den Wein kaum -an und Du mit gutem Beispiel an der Spitze desgleichen, mein Karl.« - -»Die letzte Flasche schmeckte nach dem Kork.« - -»Und das hat Kliebisch nicht gemerkt?« - -»Er war zu sehr in Rage über die Räder und über Ungermann's -salbungsvolles Geschwätz.« - -»Geht da nicht die Thür von der guten Stube?« - -Wir lauschten. - -Auch die Hausthür wurde vorsichtig geöffnet und geschlossen. - -»Ungermann,« flüsterten wir Beide wie aus einem Munde. - -[Illustration: Braut und Bräutigam] - -»Er hat wohl noch Durst,« sagte mein Karl. - -»Nach halbzwei, wo die Lokale zu sind?« - -»Nicht alle. Wenn er nur die Hausthür nicht offen läßt.« - -»Sei unbesorgt, Dorettens Schutzmann paßt auf unser Haus. Sie nimmt -sich neuerdings viel heraus, weil sie ihre Unentbehrlichkeit entdeckt -hat, aber ich übe Nachsicht, allein schon wegen der Sicherheit. Ist es -nicht romantisch, wie in der Ritterzeit, daß der Bräutigam die Burg -bewacht, die seine Braut als theuersten Schatz birgt?« - -»Vollständig ebenso. Nur die Zugbrücke fehlt. Und das ist ein Glück für -Ungermann. Oder würdest Du sie herablassen, wenn er in aller Nacht Luft -schöpfen wollte?« - -»In dem Regen? Es gießt ja mit Mollen. Weißt Du Karl... ich trau ihm -nicht mehr recht.« - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Nebenbuhlerei. - - -[Illustration: "Otilie ist eine gebrochene Lilie."] - -Wie viel Wahres im Reimen liegt, das habe ich so recht an einem -eigengemachten Verse erfahren, der folgendermaßen geht: - - Ottilie - Ist eine gebrochen Lilie. - -Für »gebrochen« hätte ich gern ein hinziehenderes Wort, da sie noch -zusammenhält. Entblättert wäre insofern treffender, als sie die Kräfte -ihres Geistes unter den Tisch fallen läßt und die Perlen des Wissens -nicht mehr in die Unterhaltung rollen. - -Sonst, wenn jemand blos Telegraph sagte, sie gleich: »Wenn alle -Linien aneinandergeknüpft würden, umgürtelten sie die Erde -siebenunddreißigmal« und keiner widersprach. Denn woher hatte sie es? -Und ebenso mit den Gestirnen und entlegendster Geographie und was -Professoren so aushecken. Das ist ja das Schöne bei Wissenschaft: Wer -kann sie bestreiten? Wer wickelt den Draht um den Erdball? Wer streut -den Kometen Salz auf den Schwanz? Einen Braten wiegt man nach. Obst ist -schon schwieriger. Geflügel geht nach Gutdünken, aber Wissenschaft ist -gänzlich Vertrauenssache. - -Der junge Herr Brauns, der hat Ottiliens Zuversichtlichkeit ins Wanken -gebracht. Wir waren zusammen in dem Chemie- und Instrumentengebäude. -Herr Brauns führte uns. Es war schrecklich. Ich meine nicht das Gebäude -und nicht, was drin ist. Nein, aber das Licht, das uns aufging. - -Herr Brauns machte seine Aufwartung und wurde als Ungermann's Neffe -freundlich empfangen. Wirklich ein lieber Mensch, man meint nach einer -Viertelstunde, man hätte sich seit Jahren gekannt, so offen und frisch -und klar ist sein Wesen. Und so hübsch. Jung und breitschultrig, ein -Körper, der sich gegen Arbeit stemmt und sie meistert und es mit dem -Tag aufnimmt, was er auch bietet. Dabei leicht in der Bewegung und -deshalb steht ihm die Höflichkeit so gut, so ungezwungen. - -Ich gehe hauptsächlich nach den Augen. Blicke ich forschend hinein -und sie antworten mit sonnigem Lächeln, weiß ich, da drinnen steht -das Paradies der Kindheit noch in Blüthe. Sind die Augensterne -verschleiert, weichen sie aus und senken sich die Lider, dann ist der -Garten des Herzens nicht gut gehalten, dann ist Unkraut drin, auch wohl -Schierling. - -Eine ältere Frau darf einem jungen Mann in die Augen schauen, jungen -Mädchen ist es nicht erlaubt. Sie thun es aber doch -- gerade so wie -Ottilie -- und wenn sie einen Blick in den Rosengarten gethan haben, -vergessen sie ihn nie wieder und träumen davon bei Tag und bei Nacht -und versäumen alles andere, die Wissenschaft und das Häusliche und -sind ein lebendiger Wunsch geworden, in jenem Garten unter den Rosen -hinzuknieen in anbetender Seligkeit. - -Und er, der junge Mann, er war bereit, ihr das Schlüsselchen zu dem -Thore seines Herzens zu schenken. Man sah es ihm an. Er wurde noch -einmal so hübsch in Ottiliens Nähe, die Wangen rötheten sich tiefer, -die Augen strahlten und lächelndes Glück öffnete die Lippen, daß sie -auch ohne Worte redeten. - -»Ein Paar wie gemalt,« mußte ich mir eingestehen, wenn ich sie -nebeneinander sah, »und ein goldener Rahmen dazu,« denn er kann ihr -eine glänzende Zukunft bieten. Und nun darf sie ihm nicht sagen, wie -sie ihn liebt und muß ihn abweisend behandeln und darf den Schlüssel -nicht nehmen, der die Pforte zu den Rosen erschließt, weil es dem -unglückseligen Kriehberg erging wie dem vielgenannten Cäsar: -- sie kam --- er sah und wurde gefangen Und nun hackt er. - -Er hat sich zu fest an sie geklammert, aber doch nur, weil sie auf mich -nicht hören wollte und Tante Lina so lange ehestiftete, bis die Kiste -vernagelt war. - -Briefe haben sie sich geschrieben und Kriehberg rückt ihre nicht -heraus. Seit er Herrn Brauns zuweilen mit uns sieht, plagt ihn die -Eifersucht und er drängt auf Verlobungskarten. - -»Ich beauftrage sie nicht,« sagte ich. »Sie können doch unmöglich als ->Stellesuchender< darauf prangen?« - -»Als Architekt.« - -»Was besagt so'n Fremdwort? Und Baumeister sind Sie nicht. Also -- -fragen Sie nach mehreren Jahren mal wieder vor.« - -»Damit ein Anderer sie mir raubt? O nein. Ich weiche Keinem. Er stelle -sich mir gegenüber, drei Schritt Barriere und Kugelwechsel, bis einer -liegt.« - -»Herr Kriehberg, einen solchen blutwürstigen Dietrich hätte ich nie in -Ihnen gesucht, und er paßt Ihnen auch nicht. Zu komisch.« - -Ich lachte. Er wurde fürchterlich vergrätzt aussehend. - -»Ich dulde keinen Hohn,« rief er. »Keinen, und von Niemand.« - -»Wollen Sie mich am Ende fordern?« - -»Sie nicht, aber Ihren Gatten.« - -»Der hat so seine Ansichten über das Duell, mit dem werden Sie wohl -kein Glück haben.« - -»Ein Gewisser aber, ein gewisser Jemand entgeht mir nicht. Der Gigerl, -der sich an Ottilie heranpirscht, der Laffe, der Schafskopf...« - -»Erlauben Sie, Herr Brauns ist durchaus kein Gigerl!« - -»Also Brauns heißt die Canaille? Der soll mir vor's Messer. Ich danke -Ihnen für die Adresse!« - -»Herr Kriehberg, trinken Sie ein Glas Selters, Sie sind aufgeregt.« - -»Mein Blut ist kalt.« - -»Dann giebt es keine Entschuldigung für Sie. Und nun ist unsere -Zwiesprache zu Ende; es kommen Leute.« - -Diese Unterredung fand in der Ausstellung des Buchgewerbes statt, -wo bei schönem Wetter die einsamste Einsamkeit herrscht, da die -Literaturhelden des deutschen Vaterlandes Einem blos den schimmernden -Rücken zeigen und ahnungslos dahin verschlagenes Publikum merkwürdig -rasch es ebenso macht. - -»Also Sie weisen mich ab?« knirschte er. - -»Nehmen Sie Vernunft an, dann sprechen wir weiter.« - -»Was reden wir noch lange? Sie haben mir meine Ausarbeitungen bezahlt; -gut. Von der Verstümmelung meiner Geisteskinder schweige ich, sie war -haarsträubend. Ich war in Noth... Sie beuteten mich aus...« - -»Nehmen Sie die Backen man nicht zu voll. Ich wende Ihnen zu, was -mir die Zeitung bezahlt, und Sie werfen mir Wucher vor? Und was Sie -aufgesetzt hatten, war Quatsch, dreimal destillirter Quatsch. So, nun -wissen Sie's.« - -»Wer hat das gesagt? Hat er das gesagt? der _p. p._ Brauns? Ei warte, -mein Junge!« - -»Nein, das sage ich. Denn was man nicht verstehen kann, ist Quatsch. -Warum schreiben Sie kein reguläres Deutsch? Und Ihre Pläne können Sie -wieder abholen lassen, die waren überflüssig und sind überflüssig und -werden ewig überflüssig bleiben. Für Ihre weiteren Klamottenberichte -danke ich. Und nun denke ich, sind wir miteinander fertig.« - -Er antwortete nicht. - -»Mütterlich hab' ich es mit Ihnen gemeint, weil sie so allein standen -und mit Ihnen herumgestoßen wurde, woran Ihre Ueberzogenheit Schuld -ist und Durchdrungenheit am verkehrten Platz. Aber ausbeuten?... Pfui, -schämen Sie sich.« - -Dies ging rasch und hastig und halblaut, weil schon Volks uns -einkreiste, sich an Skandal zu weiden, anstatt Goethen und Schillern -und den andern Prachtwerken näher zu treten. - -Kriehberg preßte die Kiefer aufeinander. Dann brachte er mühsam heraus: -»Ich glaube,... Ihnen... Ihnen habe ich Unrecht gethan. Ich weiß es -nicht. Ich... ich kann und kann den Andern nicht ausstehen; ich hasse -ihn; ich kenne mich nicht mehr. Ich darf nicht an Ottilie denken: ich -sehe ihn neben ihr, er spricht mit ihr, er ist hübscher als ich, ich -muß es ihm lassen. Ich werde rasend. Für uns Beide ist die Erde zu -klein, viel zu klein.« Er war nach und nach so schreiig geworden, daß -immer mehr Gaffgesichter sich ansammelten. - -»Mit uns ist es aus und damit Basta,« rief ich und bahnte mich durch -die Menge. - -»Wat sagte sie von'n Paster?« hörte ich ein Weib. - -»Natürlich Scheidung,« sagte eine andere. »Et nimmt selten en -fröhlichet Ende, wenn ne Olle sich'n Konfirmanden heranheirathet.« - -»Jeschieht ihr janz Recht.« - -Ich floh an den Möbelkojen vorbei, als hätte ich einen Eßtisch -gestohlen oder einen Kronleuchter in die Tasche gesteckt, so -unglaublich kam ich mir vor. - -Ich bin auch wohl mal eifersüchtig gewesen in grundloser Dummheit -unerfahrener erster Ehestandsjahre, aber mit Weinen und Abbitte und -in wachsender Liebe zu meinem Karl, nie nicht mit Rachgierigkeit -und Mordgelüst. Meinen Mann fordern! Lachhaft! Wenn er kommt, mein -Karl ihm eine Backpfeife verabreicht, daß sie in Stücke fliegt. Aber -Herr Brauns, der kann sich in Acht nehmen. Kriehberg ist ja toll, -so verrückt, daß sie ihn in Dalldorf garnicht einlassen. Und mich -für wahnwitzig halten... ich Kriehberg's Gattin. Giebt es keinen -Schandpfahl für Weiber, die einem solche Verleumdungen nachschleudern? -Freilich, man ist weiß wie der Schwan, der blos untertauchen braucht, -wenn Gemeinheit ihn mit Stiefelwichse bewarf. Wo aber ist die -reinigende Fluth für den mit Unwahrheit bekleckerten Menschen? Wo -tauche ich unter, die Beschimpfung abzuspülen? - -Wasser that es nicht. Doch ich weiß einen stillen See, der nimmt alle -Kränkung, allen Unglimpf hinweg und ist nicht größer, als daß er mich -gerade umfängt. Meines Karls Brust ist es, an die flüchte ich und er -schließt mich in seine Arme und ich tauche in seine Liebe. Dann kann -ich ihm alles sagen und, wenn ich Federn hätte: um neben mir nicht -abzufallen, müßte mancher Schwan nach Spindler. - -Ich eilte mich und kam gerade rechtzeitig, Frau Kliebisch und Ottilie -in dem Stelldichein-Zelt zu treffen. Und wer war bei ihnen in -schlichtem hechtgrauem Anzug wie angegossen mit blendender Wäsche, -weißem Schlips, worin ein vornehmer Brillant, und grauem Hütchen, -das die braunen Augen und den schwarzen Schnurrbart noch eine Nummer -dunkler abstachen? Herr Rudolph. Was beginnen? Ihm von Kriehbergs -Nebenbuhlerkoller sagen, ihm Ottilien's Verplemperung mittheilen und -den Keim vernichten, worin das Glück zweier schöner Menschenkinder -dem Lichte zustrebt? Nein. Wenn aber Kriehberg angefaucht käme? Die -Schießröhren sind ja billig und überall feil, daß schon Klippschüler -sie zur Vertheidigung ihrer Ehre aus dem Maikäberverdienst anschaffen. -Also hat Kriehberg sicher Pulver und Blei in der Westentasche. - -[Illustration: Duell] - -Die geistige Volksküche im Chemiegebäude, wo ich letzt mit Ottilie -einem Vortrage über die Entwickelung des Klavierbaues beiwohnte, ist -ein trefflicher Platz, jemand zu vermeiden, aber nur von Sechs bis -Sieben. Der Klavierbau war sehr interessant. Ich fragte Ottilie, ob -sie spielen könnte? Sie sagte nein, aber sie thäte es doch manchmal. -»Das machen Viele so,« erwiderte ich, aber jetzt, da sie zum Drehen -eingerichtet worden, sind Klaviere nicht mehr die Qual der Kinder und -die Plage der Nachbarschaft. Alles Ueben ist schrecklich, nur nicht das -Ueben der Tugend. -- Ich gebe ihr zeitweilig solche Inschriften zum -Einmerzen ins Gedächtnis, aber seit Rudolph Brauns sind sie bei ihr -weggeworfen. - -Herr Brauns lud uns zu einer Fahrt im Motorboot ein. Ich schützte -sofortige Seekrankheit vor. - -»Das war doch in Italien nicht? Wissen Sie noch in Venedig?« sagte die -Kliebisch. - -»Auf Salzwasser kann ichs ab,« flunkerte ich in meiner Angst. - -Und Rudolph, der feinfühlige, verstand im Nu, daß ich eine Absicht -hatte und schlug die für den Ackerbau hoch wichtigen metereologischen -Apparate vor. -- »Pfeif' ich drauf,« sagte Kliebisch. »Mein großer -Schafbock ist der beste Wetterprophet. Greif ich ihm in die Wolle und -sie ist klammweich, wird's regnen, ist sie hingegen trocken, kann -ich einfahren. Ich denke, wir besichtigen die landwirthschaftlichen -Maschinen.« - -Das ging nicht. Kriehberg schnob ja Wuth im Hauptgebäude, wo die Milch- -und Butterfässer sich langweilten. - -Deshalb rief ich: »Ottilie, Du hast doch so unendliche Neigung für -Physikalisches.« - -Rudolph Ottilien den Arm geboten und ab. Ich ärmelte seine andere Seite -unter und hielt meinen Sonnenschirm als Barrikade gegen den Todfeind -vor sein Gesicht. Befreiungsversuche waren erfolglos, bis wir im -Chemiegebäude aufathmen durften. - -Was hat er uns Alles erklärt! Er weiß was und noch ein Ende mehr. Und -bei manchem sagte er trotzdem, daß jahrelanges Studium dazu gehörte, -um es voll zu verstehen und zu würdigen. Wo bleiben wir Frauen, -wenn ein Mann wie Brauns offen bekennt, ohne Mühe und Arbeit in -verschiedene Gebiete nicht eindringen zu können? Was Ottilie gelernt -hat, verschwindet gegen sein Wissen, wie ein Talglicht gegen den -Scheinwerfer. Und nun ich gar, die ich noch aus der examenlosen Zeit -stamme. Wie konnte ich so vermessen sein, Berichte zu übernehmen und -von Sachen schreiben zu wollen, die mir viel zu klug sind? Freilich -sollte Ottilie helfen, aber sie langt nicht, indem, was sie weiß, -keinen rechten Zusammenhang hat, sondern mehr auswendig gelernt und -blos so hergesagt. Und in Kriehberg täuschte ich mich gründlichst. Der -hat sich zu einem netten Alligator ausgewachsen. - -Herr Brauns machte uns auf den berühmten Spektralapparat aufmerksam, -durch den die Gelehrten wahrnehmen, was auf anderen Weltkörpern -gekocht wird und zwar merkwürdigerweise mit Gas, wenn ich ihn recht -verstand. Mir waren ja noch sämmtliche Pulse in Aufruhr. Und zu den -Sternphotographieen führte er uns. Millionen weiße Tippel, aber in -Wirklichkeit viel größer als die Erde. - -»Sind die alle bewohnt?« fragte ich. - -»Wenn nicht alle, so doch gewiß viele.« - -»Von Wesen, so wie wir? Giebt es da auch Rauhbeine, die auf Mord und -Todschlag sinnen?« - -»Aber Tante!« rief Ottilie. »Wie schrecklich!« - -»Glücklich, wer frei von Schuld ist,« sagte ich beziehungsvoll, »und -sich nicht auf einen entfernten Himmelsglobus zu wünschen braucht, wenn -es los geht.« - -[Illustration: Chemiker] - -Ottilie zuckte die Achseln; Herr Brauns trat an den nächsten Schrank. -»Sehen Sie diese Wage,« sagte er, »darauf kann man den zehnten Theil -eines Flohbeines wiegen.« - -»Wird denn so was in Ausschnitt verkauft?« fragte ich. - -Er lächelte. »Ich wollte Ihnen nur andeuten, wie empfindlich solche -Wagen sind, mit denen die Chemiker ihre Analysen machen. Und sehen Sie -hier dieses Jenaer Glas, eines der ruhmvollsten Resultate deutscher -Wissenschaft und Technik.« - -»Ich sehe nichts daran. Wodurch ist es so hervorragend?« - -»Jede Sorte hat ihre vorherberechnete Brechung.« - -»Die hängt doch von den Philippinen ab; manche zerbrechen viel, manche -gehen schonender mit den feinen Gläsern um. Sehr gerissen, das Alles -vorher zu berechnen.« - -»Unter Brechung verstehen wir die Dispersion des Lichts, und da -eben diese Glassorten verschiedene Brechungscoëfficienten besitzen, -lassen sich achromatische Linsen von erstaunlicher Leistungsfähigkeit -schleifen. Früher war Deutschland in optischen Apparaten von Frankreich -und England abhängig, jetzt sind sie unsere Kunden. Und nicht wahr, das -freut Sie doch auch?« - -»Als wenn Sie meine Gedanken gelesen hätten,« gab ich zurück. - -Und einen solchen Prachtmenschen will Kriehberg umbringen. - -Mir war der Boden heiß, auf dem ich wandelte. Mein einziges Trachten -war: weg, sobald als möglich weg! - -Auf mein dringendes Befürworten fuhren wir mit dem nächsten -Schiffe stadtwärts, ich und Ottilie und er. Ich hielt unter diesen -Verhältnissen die Spreedampfer für weniger lebensgefährlich als das -Ausstellungsgebiet mit Kriehberg als Kain und Herrn Brauns als Abel, -weil sie so schön leer waren. - -Ich sah ihm an, daß er nur eine Gelegenheit abwartete, eine Frage an -Ottilie zu richten und sah ihr an, daß sie die Frage fürchtete. Und so -kam es zu keiner Näherung. Sie war einsilbig bis zur Unart und mußte so -sein. - -Deshalb ist Ottilie eine gebrochene Lilie. Und dabei verhehle ich ihr -das Schlimmste, nämlich Kriehberg's Verrücktheiten. - -Wenn ich nicht vorsichtig die höchste Schläue aufböte und die Pfade der -Unvernunft sperrte, ich glaube, wir lägen schon alle miteinander auf -dem Kirchhof. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -In den Kunstalpen. - - -Warum ich immer noch nicht in das Hochgebirgspanorama, das -am grünen Strand der Spree seine Schneegipfel in die von -Maschinenhaus-Schornsteinen erzeugten Rauchgewitterwolken streckt und -von innen Tausend Fuß höher sein soll als von außen, gelangte, das ist -einfach zu sagen: Ich hatte zu viel Verdruß und trübe Aussicht in die -Zukunft, war für die Alpen daher ungeeignet. - -Und nun kam ich doch dazu. Morgens beim Kaffee fallen meine Blicke -nämlich auf eine Anzeige: »Gesucht ein Architekt, guter Zeichner, mit -praktischen Erfahrungen für N 44 Köpenickerstraße Nr. so und so.« - -Mein sofortiger Gedanke lautete Kriehberg. Seine Baupläne waren -noch gegenwärtig. Ich sie eingepackt und mit einem Schreiben durch -einen Dreiraddienstmann an Ort und Stelle gesandt. Ein wundervolles -Schreiben, worin ich ihn so dringend empfahl, daß er genommen werden -mußte, falls der N 44 nur ein paar Millimeter menschliches Rühren sein -eigen nannte. Er mußte, es war nicht anders denkbar. - -Und an Kriehberg ebenfalls einen Eilbrief gerichtet mit dem Schlußwort: -»Melden Sie sich; wer wartet, an dem rennt das Glück vorbei, man muß -ihm, wie bei der Pferdebahn, entgegengehen. Auf der Haltestelle ist der -Andrang zu groß. Vertrödeln Sie die Wendung Ihres Lebens nicht. Ich -wünsche Ihnen das beste Fortkommen.« - -Ob ich es wünschte! -- Wär' er nur erst weg. - -Was man so recht von Herzen hofft, kommt Einem vor, als wäre es schon -geschehen. Ich sah Kriehberg bereits in seiner neuen Thätigkeit, -von Arbeit derart breitgedrückt, daß er an Ottilie zu denken selbst -Sonntags keine Zeit mehr hatte, von seinem Brotherrn alsbald anerkannt. -Der hat natürlich eine Tochter, die ihn anfangs übersieht, schließlich -aber durch den Vater auf Kriehberg's Tüchtigkeit hingewiesen, ihn -von Fabrikwegen heirathet. Er schickt mir die Verlobungsanzeige, ich -schreibe ihm einen noch wundervolleren Brief mit dem Motto: »Arbeit ist -die beste Lotterie, die ihn in den ersehnten Glückshafen gelotst hat« -und führe zwischen den Zeilen aus: welcher Esel er gewesen wäre, wenn -er Ottilie gezwungen hätte, mit ihm die schmale Leiter der Karrière zu -besteigen, auf der er alleine schon die Sprossen durchtrat. Zum Schluß -dann, schöne, gediegene Segenswünsche mit dem scherzhaften Hinweis auf -Gevatterstehen bei dem ersten Kriehberg jun., der fröhlich heranwachsen -möge, seinen Eltern zur Freude und der Menschheit zum Zierrath. - -Aber man muß sich keine Tischrede eher ausdenken, als man zu Gast -gebeten ist. Vorläufig hatte Kriehberg noch nicht einmal die -Stellung und ich wollte schon taufen. Ich mußte ja mit Kriehberg's -Charakter rechnen, der im entscheidenden Augenblicke auf gesunden -Menschenverstand verzichtet. Mir kam deshalb der Gedanke, persönlich -selbst den Y 44 mit diplomatischen Reden zu bearbeiten, bis er froh -würde, eine Kraft wie Kriehberg zu gewinnen. Mein Karl war jedoch -uneinverstanden. - -»Du hast mit Deinem Empfehlungsbrief des Guten schon zu viel -gethan,« sagte er. »Richtiger wäre gewesen, ich hätte ihm ein Attest -ausgestellt. Zeugnisse schreiben ist Männersache.« - -»Das wäre Schablone geworden. Ihr fangt immer an: >Ein Sohn frommer -aber ehrlicher Eltern, ohne einen Groschen in der Tasche geboren, -hat der Betreffende durch Fleiß und Ausdauer sich Kenntnisse in -seinem Fache erworben, die ihn befähigen, einen Posten selbstständig -auszufüllen u. s. w.< So was läßt kalt. Ich hingegen habe den alten -Ypsilon angewärmt, sag' ich Dir, wie es nur eine Frau im Stande ist, -die etwas durchsetzen will. Noch ein paar mündliche Angriffe und er ist -erlegt.« - -»Und wenn Kriehberg sich nachher unzulänglich erweist, wer trägt die -Verantwortung?« - -»Das geht mich im Geringsten gar nichts an. Der Mann muß wissen, wen er -sich aufladet. Uebrigens glaube ich, daß Kriehberg sich zusammen nimmt -und der würdige Fabrikherr gewinnt ihn lieb wie einen Sohn. Im Grunde -ist Kriehberg nicht schlecht.« - -»Das Wenigste, was von einem anständigen Menschen verlangt wird. Nicht -schlecht ist lahmes Lob und heißt in Wahrheit >taugt nichts.<« - -»Da irrst Du Dich, mein Karl. Es giebt aber verschiedernerlei Güte, wie -beim Beefsteak. Wo kriegst Du auf Reisen wohl gutes? Und wie preist Du -Dich glücklich, wenn es wirklich nicht schlecht ist? Kriehberg ist noch -jung und er hat seine guten Seiten.« - -»Hat er? Und die wären? Bitte heraus damit.« - -»In diesem Augenblick und so mit Gewalt kann ich mich nicht darauf -besinnen.« - -»Wäre es nicht besser, ich redete einen Ton mit ihm?« - -»Nein, nein, Du nicht. Gereizt wird er gefährlich. Bedenke, wenn er -Dich zum Zweikampf forderte.« - -»Das würde mir riesigen Spaß machen.« - -»Karl,« rief ich entsetzt. »Weißt Du denn nicht, wie ungesund das Duell -ist? Der eine kommt todt und der andere auf die Festung. Ist da Sinn -drinn?« - -»Nein, Unsinn. Uebrigens, was willst Du mit dem Zweikampf besagen? Ist -er eine bloße Idee von Dir oder steckt etwas dahinter?« - -»Dahinter? Wieso? Gott bewahre. Ich dachte nur, weil sich so viele -abknallen; man liest ja täglich, daß der, der keine Schuld hat, -immer der ist, der fällt, wodurch die Ehre des Beleidigers völlig -wiederhergestellt wird, und da junge Leute wild darauf los rempeln, -sei es wegen einer Dame oder daß die Getränke zu stark waren, -- je -betrunkener, um so reizbarer ist das Ehrgefühl -- oder daß einer -nicht falsch gespielt haben will... und wie Ehrensachen meistens so -Unehrensachen sind...« - -»Wilhelmine, Du quasselst. Und das ist kein Wunder. Du strengst Geist -und Körper zu sehr an. Das Beste für Dich wäre eine Erholungsreise.« - -»Was wird aus unserm Hotel, wenn ich feige fliehe? Wer verhütet Mord -und Todtschlag, wenn ich nicht als Schutzgeist zwischen den Parteien -walte?« - -»Du phantasierst.« - -»Du giebst mir Dein dreimal heiliges Ehrenwort, Dich unter keinen -Umständen zu schießen?« - -»Mit wem?« - -»Zum Beispiel mit Kriehberg.« - -»Dem haue ich eine herunter, daß ihm vier Wochen der Hut nicht paßt.« - -»So habe ich mir es auch ausgemalt, ganz ähnlich gerade so. Das -beruhigt mich. Und wie erquickend wird der Winter, wenn der -Ausstellungsrummel vorbei ist und wir uns selbst wieder angehören. Viel -wollen wir nicht mitmachen, aber auf das Fest des Alpenvereins gehen -wir. Hast Du Dich schon etwas im Bayerischen vervollkommnet, mein Karl? -Auf der Ausstellung bietet sich die schönste Gelegenheit dazu.« - -Es ist wagenladungsweise Bayerisches vorhanden, sowohl Getränk, wie -Nationalspeisen und -Trachten, die theils von Kellnerinnen getragen -werden, theils von Natursängern, theils vom Wurzelsepp, der am -unverfälschtesten umhergeht und jeden mit dem im Höhenklima zuhausenen -Du anredet, worauf der als Steifmeier verschrieene Norddeutsche sofort -zeigt, daß er süddeutsche Gemüthlichkeit nicht nur dem Namen nach -kennt, sondern, da sie hauptsächlich in der herzlichen Sprache liegt, -sie auch auszuüben versteht und womöglich gleich losjodelt. - -Auf dem Alpenvereinsfeste kommen Berliner vor, die von gelernten -Tirolern nicht zu unterscheiden sind: die Damen ganz Oberammergau'sch -und die Herren mit bloßeren Knieen, als mitten im Winter gesund ist, -nur das Tirolerische radebrechen sie, daß die Gemsen abstürzen, -wenn sie's hören. Warum hat noch niemand ein Büchlein verfaßt: -»Oberbayerisch in vierundzwanzig Stunden zu beherrschen,« das viel -Segen stiften würde und zur Ausstellung fertig hätte daliegen müssen, -die Risse zwischen Süden und Norden zu verleimen? Das Trinken der guten -Bräue allein versöhnt nicht, das gegenseitige Verständniß, das einigt -und mein Karl hat die Erlaubniß, mit den Münchener Kellnerinnen sich -für den nächsten Alpenball im Plauschen zu vervollkommnen, denn es -sind armforsche ältere Jahrgänge, fleißig und eifrig im Bedienen, daß -es mit dem Anbandeln nichts ist. - -[Illustration] - -»Karl,« sagte ich, »wenn Du überall in Deine Reden, das heißt mit -Auswahl, ein freundliches a hineinsetzt, gelingt das Bayerische -bildschön und anheimelnd. Lieber Bube heißt zum Exempel liabr Bua. -Danach mußt Du Dich richten und statt grüßen sagst Du grüaß'n und -Landsbergastraß'n und Mauastraß'n und Zimmastraß'n, hingegen wiederum -Jagastraß'n, die geht unregelmäßig. Und dann sagst Du zwischendurch ->schau< und >guat< und was niedlich ist, kriegt ein rl hintendran, -wie >Klimbimberl<, wenn man a Ulkerl macht, wodurch Härten gemildert -werden, wie Potsdamerl oder Stieferl und nicht gleich duellirt werden -braucht.« - -»Schon juat, Schatzerl,« unterbrach er mich. - -»Schau, Karl, eben hast Du ein Fehlerl g'macht. Das g wird nicht -Rosenthalerthorisch betont, sondern härtlich, wie im Schillertheater. -Janserl wäre z. B. total verkehrt. Ganserl mußt Du sagen und immer -gemüthlich, sehr gemüthlich, so mit dem Brustton der Gemüthlichkeit.« - -»Ich werde mir Mühe mit dem Hofbräuhausdialekt geben, aba wundra die -net, wann i öfta mit an Rauscherl ham komma.« - -»Punktum!« - -»Woso?« - -»Auf Dein Komma gehört ein Punktum. Schau, ham komma thu, hätte es -heißen müssen.« - -»I dank schön für Kalaua«, rief er. »Alte, Du hast a Klapserl.« -- - -»Das war der richtige Akzang. Karl, besorge die Karten zum -Alpenfest rechtzeitig, sie werden zu rasch alle. Mit Deinen unteren -Tanzbein-Muskeln nimmst Du jeden wattirten Wettbewerb auf, kommt die -sprachliche Echtheit dazu, erregst Du Bewunderung.« - -»Und als was willst Du gehen? Weißt Du, wir sehen uns die Bayerischen -Madln in der Ausstellung an und was Dir am besten gefällt, das -läßt Du Dir schneidern. Komm, Alte, wir machen eine Bergfahrt ins -Alpenpanorama, die ist gut gegen Deine Grillen. Und die Gedanken an das -Fest im Winter zerstreuen Dich.« - -Ich überlegte. Von dem vor meinen geistigen Augen sich ausbreitenden -Blutfelde in die gemalten Berge zu entweichen schien mir befreiend und -aufheiternd. »Mir recht,« willigte ich ein. -- - -Das Alpenpanorama hatte ich mir aufgehoben, da aus Erfahrung Panoramen -länger bestehen als Theater, selbst mit eigens bestellten Dichtungen -der Vergangenheit in Versen und Patriotismus, aus Gipsbüsten, -Rothfeuer- und Jubelmarschfanfaren der nicht auf das Herz sondern auf -die Groschen zielt. Da dürfen sich die Unternehmer nicht wundern, -wenn keine das Haar abschneidet oder den Trauring versetzt, ihre -Vaterlandsliebe an solchen Kunstaltären zu bethätigen und der -Pleitegeier sich auf dem Dache des Musentempels einnistet. - -Sehr seltsam ist die Bergfahrt. Anstatt in die Weite hinaus, fährt man -ins Enge, ordentlich auf Aussichtswagen. Erst quert man in einen Tunnel -hinein und wenn man aus ihm herausquert, sieht man in Thäler hinab, auf -Ortschaften, Fluren, Flüsse, Wälder und ferne Gebirge, als wäre man -wirklich im Zillerthal, daß man nicht weiß, ob es Natur oder Kunst ist, -woran die Bergbahn vorüberfährt. Und der Führer im Wagen erklärt Alles -und die Reisenden sind entzückt und rufen Oh und Ah und Herrlich und -Großartig und, wer persönlich in den Gegenden gewesen ist, erzählt, es -wäre wirklich so, wie es aussähe und zeigt die Gipfel, die er erklommen -und wo er gejodelt hat und wo er zu Nacht gegessen und was und wie gut -und wie billig er es gehabt hat, ganz wie richtig unterwegs im Kupeh, -wodurch die Täuschung ins Fabelhafte gesteigert wird. - -Für die Schönheit, die Meister Rummelspacher gemalt hat, ist die -Fahrt schier zu kurz, man möchte mehr und mehr haben. Aber schon ist -der elektrische Aufzug erreicht. Hinein in die Kabuse. Der Führer -lockert die Stange und die Maschinerie zieht an. Mit unheimlicher -Geschwindigkeit geht es hoch. Am Fenster sieht man Felsen und Klüfte -und wie man an ihnen vorbeirast. - -»Karl,« sagte ich, »wenn der Strick reißt, schmettern wir in den -Abgrund. Mir scheint die Sache brenzlich.« - -»Keinen Zoll bewegen wir uns,« lachte er. »Die gemalten Berge am -Fenster rollen herab, wir dagegen halten. Der ganze elektrische Aufzug -ist eine optische Täuschung.« - -»So'n Schwindel!« rief ich empört. - -»Nicht doch. Panoramen sind auf schönen Schein berechnet. Danken wir -den Künstlern für ihre Geschicklichkeit, uns mit ihrer Kunst ins -Hochgebirge zu versetzen, als wären wir da. Wie viele, die nie nach -Tirol hinkommen, schauen es hier und behalten seine Herrlichkeit im -Gedächtniß! So, und nun sind wir oben.« - -Der Führer öffnete die Thür an der anderen Seite, wir querten hinaus, --- queren ist jetzt sehr beliebt in Reisebeschreibungen -- querten -durch einen Felsengang und standen nun auf der Aussichtswarte des -Ochsners. - -Vor uns das Thal und der Schwarzensteingletscher, die Firne und Höhen, -hoch wie die Wolken. Wie groß, wie erhaben! Dazu rauschende Wasserfälle -und Tannen und Gestrüpp; ein Rundblick über Nahes in die Ferne, in die -Alpenwelt, daß man alle Sorgen vergißt. - -Während wir in dem Hinblick der Alpen schwelgten, erzählte ein -Mann, daß ein Verein im Werden begriffen sei, der sich als -Rettungsgesellschaft in den Bergen niederlassen wolle, den -Abgestürzten erste Hilfe zu bringen. In den Schutzhütten sollen -Tragbahren, Verbandkästen, Arm- und Beinschienen, Universalpflaster, -Doctorschriften und alles was nöthig ist, Verunglückte einigermaßen -wieder einzurenken, gelagert werden, daß die Kletterer mit größerer -Beruhigung auf die unzugänglichsten Gipfel fexen können. Wenn sie -fallen, fallen sie der Medicin in die Hände. - -Mir grauste, als ich dies hörte. Warum muß der Mensch sich unnöthig in -Lebensgefahr begeben? Wegen der Ruhmredigkeit, auf einem Zacken der -Erdoberfläche gesessen zu haben, auf dem ein anderer nie zuvor gehockt -hat? Mit Halsbrechgefahr über eine Eisspalte zu turnen, über die -überhaupt kein Weg geht, blos um zu sagen, ich that es? Ist denn das -eine Ehre, mit dem Tode zu spielen um ein Nichts? - -[Illustration: Absturz im Gebirge] - -»Wie beim Duell -- um ein Nichts,« schoß es mir durch. So schön -die Welt, wie thöricht, eines Wahnes willen, auf ewig die Augen zu -schließen und nichts mehr zu schauen, nichts. Keine Sonne, kein -Alpenglühen, keinen Baum, keinen Strauch, nie mehr das Rauschen der -Wasserfälle hören, keinen Vogelsang, keinen Glockenklang. Nur noch -in den Zeitungen gemeldet und nicht einmal bedauert, sondern der -Vergessenheit mit der Grabrede übergeben: »Er hat selber schuld.« -- -Nicht schön das. - -Wir verließen die gemalten Alpen. Man wird feierlich und ernst -gestimmt. Mir war ernster als ernst zu Muthe. - -Beim Ausgange erwartete uns jemand, froh und freudestrahlend und -begrüßte uns herzlich in lieber Freundschaft. Es war Rudolf Brauns. Er -stand im hellen Sonnenlichte, ein Bild des Lebens und der Jugend, mit -rothen Lippen und gesunden Wangen und glänzenden Augen. - -»Ich sah Sie abfahren, leider war der Zug besetzt,« sagte er, »aber -hier mußte ich Sie treffen. Ich wollte Ihnen nur mittheilen, ein wie -großes Vergnügen es mir macht, Ihnen gefällig sein zu können. Ihr -Schützling wird angenommen, wenn seine Ansprüche nicht allzuweit gehen.« - -»Mein Schützling?« fragte ich. »Wen meinen Sie damit?« - -»Nun den Architekten, den Sie mir so warm empfohlen haben.« - -»Ich Ihnen einen Architekten? Ihnen? Nicht daß ich wüßte.« - -»Nun ja doch. Auf meine Anzeige sandten Sie mir eine Rolle Zeichnungen -mit einem Begleitschreiben...« - -»Sie sind doch nicht Ypsilon 44?« - -»Ypsilon 44. Ich suche einen Zeichner für unsere Fabrik...« - -»Allmächtige Güte!« rief ich. »Nun geht der Ballon den verkehrten Weg. -Nein, nein.« - -»Aber mit Vergnügen. Heut Abend stellt er sich mir vor.« - -»Weiß er, daß Sie es sind?« - -»Nein.« - -Mir ward graublau vor den Augen. Ich sah Herrn Brauns als erschossene -Leiche liegen und Kriehberg mit blutigem Revolver daneben. Was war zu -thun. So verbiestert wie jetzt, hatte ich mich noch nie. - -»Heute nicht,« stotterte ich. »Heute empfangen Sie ihn nicht. Denn... -denn... heute bleiben Sie bei uns... zum Abendbrot. Nicht wahr... -Morgen ist es auch noch Zeit?« - -»Ich bin für Pünktlichkeit... was ich einmal versprochen habe, halte -ich.« - -»Sie kommen mit.« Dann wandte ich mich an meinen Mann: »Karl, wollte -Ottilie nicht übermorgen abreisen?« - -»Mir hat sie nichts gesagt.« - -»Nicht wahr, Herr Brauns, Sie geben uns keinen Korb. Ich glaube, Ihre -Tante würde sich sehr freuen?« - -»Wenn man einer Tante eine Freude machen kann, darf man nicht nein -sagen,« lachte er. - -Mein Karl sah mich an, als gefiele ihm mein geistiger Zustand nicht. -Ich mußte schweigen. Nur Zeit wollte ich gewinnen. Brauns und sein -Todfeind dürfen sich nicht begegnen. Wo aber ist ein Ausweg? - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Auswärtige und innere Angelegenheiten. - - -Wenn dem Chinesen heiß ist, wedelt er sich Kühlung mit dem Fächer -zu, spürt der Deutsche Hitze, trinkt er kaltes Bier, und wegen -solcher-Unterschiede findet der Eine den Anderen uncultivirt. Wir sehen -auf die Chinesen herab, weil sie einen Zopf tragen, und die Chinesen -dünken sich hoch über uns, weil wir keinen hängen haben. Wo liegt nun -die Wahrheit? Der Eine ist, wie mit dem Fächer äußerlich, der Andere, -wie mit dem Bier auf Eis, innerlich: das Endziel, die Abkühlung ist, -das nämliche. - -Dies sind nicht meine, sondern Onkel Fritzens Gedanken über Asien -und Europa. Er hält es nämlich mit dem Zopf, natürlich blos, um mir -zu widersprechen. Wir haben schon in der Schule über die Chinesen -gelacht, wenn der Herr Lehrer uns eintrichterte, wie verdreht sie Alles -machen und Pudelbraten mit Ricinusöl essen und nicht 'mal das Alphabet -können, sondern für jedes Wort ein Zeichen hinpinseln. Und keinen -Achtstundentag kennen sie und keinen Achtuhrladenschluß und keine -Sonntagsruhe. Wie schaudervoll: in dem großen himmlischen Reiche kann -jeder arbeiten, wann und wo es ihm paßt, und seine Steuern erwerben -und kein heimlicher Schnüffler petzt und kein Streber zeigt ihn an -und kein Richter verknackt ihn. Welch' gräßlicher Anblick, solche -Verlodderung der Volkswohlfahrt nebst Müßigschlendern der Straf-Organe. - -Und vor ihren Mandarinen rutschen sie Bauch. Das ist erstens -kriecherisch und zweitens ruinirt es das Zeug. - -»Ich bin sehr froh, nicht in China zu leben,« sagte ich. - -»Ich dito« stimmte Onkel Fritz mir ausnahmsweise zu. »Denke Dir, -Wilhelmine, wenn sie Dir kleine Klumpfüßchen anerzogen hätten, daß Du -nur eben watscheln könntest.« - -[Illustration: Mandarin und Untergebene] - -»Gehört hab' ich davon, aber warum sie das thun, ist mir nie kund -geworden.« - -»Damit die Frau ihrem Gatten nicht wegläuft.« - -»Wie grausam!« - -»Nicht wahr? Der arme Mann wird sie nie los.« - -»Viel schlimmer ist, wenn man einen Mann nicht los werden kann. Fritz, -ich bin sehr, sehr unglücklich!« - -»Was giebt's? Bist Du Deines Mannes überdrüssig? Hast Du zuviel neue -Richtung gelesen und willst mitmachen?« - -»Scherz bei Seite, Fritz, ich weiß nicht aus noch ein!« Und nun -erzählte ich ihm meine Noth mit Kriehberg und Ottilie und Herrn Brauns. - -»Was geht denn das Dich an?« fragte Onkel Fritz. »Laß doch die jungen -Leute ihre Angelegenheiten unter sich schlichten.« - -»Ich kann kein Blut sehen.« - -»Klumpatsch! Du hast natürlich nicht bedacht, daß Menschen keine -Dominosteine sind, die Du schieben kannst, wie sie nicht wollen. Was -sagt denn Dein Mann dazu?« - -»Das Schlimmste weiß er nicht?« - -»Dann muß die Sache sehr mulmig sein.« - -»Ist sie auch, Menschenglück und Menschenleben hängen davon ab, wie sie -endigt.« - -»Zunächst deshalb weg mit der Ottilie. Aus den Augen, aus dem Sinn.« - -»Sie stirbt daheim an Gram und Kummer, wie Tante Lina. Du sollst sehen, -nun, da sie nichts mehr zu hoffen hat, schwindet sie bald dahin.« - -»Wer? Ottilie?« - -»Nein, Tante Lina. Hoffnung ist der Zehrpfennig der Seele. Ist der -verloren, schließen sich alle Thüren, bis auf die Pforte des Todes, die -öffnet sich umsonst.« - -»Wilhelmine, werde nicht sentimental. Tanten sind zähe und Verlobungen -gehen täglich zurück.« - -»Blos Kriehberg nicht. Er hat Briefe von Ottilie. Er thut Einspruch.« - -»Dann laß sie ihn heirathen.« - -»Sie liebt aber den anderen.« - -»Und Du meinst, Tante Lina, die alte Schraube, hat die Beiden -zusammengekobert?« - -»Wenigstens stark nachgeholfen.« - -»Dann wäre es ihre Pflicht wieder auszufädeln, was sie eingefädelt hat. -Schatz, ich hab's! Setze Dich auf die Eisenbahn, oder womit Du sonst -hinruckelst, fahre zu Tante Lina, polk ihr die Sachlage klar, damit sie -so lange brieflich auf Kriehberg einwirkt, bis er Vernunft annimmt. Sie -weiß ja am besten, wodurch und wie sie gekuppelt hat.« - -»Geschehen muß etwas. Uebermorgen reise ich. Doch eins, Fritz, sprich -mit Niemand ein Sterbenswort. Was aber wird mit meinem Hotel, wenn ich -abwesend bin?« - -»Das läuft nicht weg. Und verbohrter, wie es zugeht mit Dir, geht es -ohne Dich schwerlich.« -- »Fritz!« - -»So heiße ich! Ohne Umstände mache Schluß, so bald wie möglich. Du -siehst schon ganz spack aus.« - -»Meine Talje wird mir zu weit.« - -»Sparst Du vier Wochen Krodobrunnen in Harzburg mit Bergklettern. Ich -an Deiner Stelle karriolte morgen ab.« - -»Kann ich nicht. Es ist das große Fest zu Ehren Li-hung-Schangs, -des chinesischen Vice-Königs. Das muß ich beschreiben. Es wird -einzig. Alles mit Theekisten-Inschriften, und auf dem Neuen See eine -mit rothem und gelbem Kattun überzogene Barke und eine Pagode mit -echten Porzellanvasen von Rex und die Lämpchen blau und gelb in der -chinesischen Wappenkulör.« - -»Wenn das den braven Schang nicht zu Thränen rührt, ist er das Entree -nicht werth. Es wird doch auf eine Mark erhöht?« - -»Versteht sich. Die Kosten müssen gedeckt werden.« - -»Glaubst Du, weil Schang von uns mit Schokolade begossen wird, daß -China deutsche Industrie und deutsche Leute begünstigt? Ich nicht. Ich -kenne die Onkels durch mein Exportgeschäft. Es sind Gemüthsathleten sag -ich Dir. Erst kommen sie und dann die andern -- noch lange nicht.« - -»Oho! Man erwartet, daß er ein Dutzend Panzerschiffe bestellt...« - -»Das dreizehnte oben aufs Packet gebunden.« - -»Und Rieseneinkäufe macht. Außerdem soll er ein hervorragender -Politiker sein.« - -»Weißt Du, was Politik ist? Anders sagen als thun. Besser wäre, die -Deutschen schlössen feste Freundschaft unter sich, als daß sie in der -Fremde falsche Freunde suchten. Wilhelm, das Nachlaufen, das verfluchte -Nachlaufen, das ist unser Elend. Wir beleuchten in allen möglichen -Landesfarben, aber kein Land illuminirt in den deutschen Farben.« - -»Warum nicht, da wir doch andere Völker mit Oellampen ehren?« - -»Weil es kein schwarzes Licht giebt, und Weiß und Roth nicht langt. -Sonst thäten sie es aus lauter Hochachtung. Wenn sie könnten, fräßen -sie uns auf -- vor Liebe. Sie haben oft genug versucht, Deutschland zu -zerreißen und zu verschlingen, aber ehe sie es todtschlugen, ward es -lebendig und umgekehrt ein Schuh daraus.« - -»War es denn halbtodt?« - -»Es träumt zuviel und beim Träumen hält es die Augen nicht offen. -Augenblicklich träumt es chinesisch.« -- - -Am Feste regnete es, daß die gelben und blauen Lampen sich in -Vogelnäpfe verwandelten und Schang sich mit der Ankündigung der -Illumination in den Zeitungen begnügen mußte, die laut posaunten, daß -er für fünfzigtausend Brillanten auf der Ausstellung gekauft hätte. - -Alle hinausgeströmte Welt ergoß sich in die Gold- und Silberabtheilung, -wo es während des Regens trocken war, und betrachtete mit erhobenem -Nationalgefühl die köstlichen Leistungen der Berliner Goldschmiede und -Juweliere und den Platz, wo solcher Einkauf stattgefunden hatte, wenn -auch nirgend wo daran stand »für China erworben.« Einige sagten, es -wären fünfmalhunderttausend Mark gewesen, was nur scherzend bezweifelt -wurde, da der Chinese furchtbar reich ist. Wenn er will, kann er jede -Minute ein Zwanzig-Markstück hinunterschlucken, ohne daß er was merkt. -So erzählte man und beglückwünschte die Juweliere zu dem »großartigen« -Geschäft und pries den Arbeits-Ausschuß als Häupter vom Ganzen und die -Ausstellung und Berlin und das Deutsche Reich, daß Handel und Wandel -so aufblühten und der Goldregen von Osten noch dichter pladdern würde, -als der Strippenregen vom Himmel. Wer nicht drinnen war, quurkste -draußen in den Regenwegen und mancher guter Anzug kriegte seinen Rest, -um dem Stern des himmlischen Reiches zu huldigen, der die Geburt -goldener Zeiten verkündete; liegt doch im Verdienen heute das Heil der -Menschheit. Es war ein großer Tag, nur bekam Niemand Schang recht zu -sehen. Es triefte zu sehr. -- - -Einige Abende darauf wurde die Beleuchtung wiederholt, wenn auch -mit ohne Schang. Es soll sehr schön gewesen sein, allerdings mit -herabgesetzter Freudenempfindung, denn im ganzen hatte Schang für -nuttige dreitausend Mark Brillanten eingehandelt und war nach England -und Frankreich gereist, Kanonen und Panzer anzusehen und ähnliche -Einkäufe zu machen. Konkurrenz schrinkt. Doch steht zu erwarten, daß er -sie ebenso einseift. Und das lindert den Schmerz wieder. - -Fast möchte ich glauben, unser Schulmeister hat die Chinesen nicht so -gekannt, wie sie uns kennen, und daß Onkel Fritz Bescheid weiß. Man -irrt sich in nichts leichter als in ausländischen Völkern. - -Seinen Rath, Tante Lina zu besuchen, nahm ich an. Ich mußte. - -Denn dieser Kriehberg -- man sollte es nicht für denkbar halten -- -wurde herausfordernder als je. Er hätte Aussicht auf feste und dauernde -Stellung, schrieb er mir, und kein Grund läge vor, ihm Ottilie länger -zu verweigern. - -Herr Brauns brachte jenen Abend bei uns zu, an dem Kriehberg fällig war -und vor verschlossenen Thüren antrat. Eine sofortige Pustkarte, daß -N 44 verreist sei und ihm nach seiner Rückkehr Bescheid geben würde, -sandte ich schleunigst im Geheimen an Kriehberg ab. Und darauf hin -pocht er auf Aussichten. Unglaublich. - -Ottilie war mit der Ungermann und Kliebisch's in ein Theater gegangen, -so daß Herr Brauns, mein Karl und ich allein beim Abendbrod saßen. Ihm -fehlte Ottilie; mir nicht. - -Wir unterhielten uns über viele, verschiedene Dinge; das Gespräch kam -nicht in Fluß. Wie wäre es auch möglich, auf die Dauer Theilnahme für -Gleichgiltiges zu heucheln, wenn sich die Gedanken mit Lebensfragen -beschäftigen? Und zuletzt hielt er es nicht mehr aus, er konnte sich -nicht länger bezwingen. - -Und wie er erst zögernd begann und erröthete und sagte, wie er auf uns -zählte, namentlich auf meine Aufrichtigkeit -- er wußte ja nichts von -meiner so eben abgelassenen Rohrpostlüge -- und dann immer lebhafter -wurde, je mehr er den Eindruck schilderte, den Ottilie auf ihn gemacht -hatte, gleich beim ersten Anblick und nachher wieder, so oft er sie -gesehen, das klang so gewinnend und innig, daß ich ihm freundlich -zunickte. Und da sagte er, sie müßte die Seine werden, so liebe er sie. - -Nun war es heraus, und ich sollte Ja und Amen dazu sagen. - -»Sie kennen sich gegenseitig noch viel zu wenig,« wandte ich ein. »Sie -müssen erst vertrauter werden.« - -»Dazu bietet uns das ganze lange Leben Gelegenheit.« - -»Und Sie wissen so viel, da kommt Ottilie nicht gegen.« - -»Ich will Liebe, nicht Gelehrsamkeit.« - -»Sie ist arm.« - -»Ich habe mehr als genug. Unsere Fabrik wächst von Jahr zu Jahr, -unser Betrieb dehnt sich aus. Was mein Vater begründete, führen wir -gemeinschaftlich weiter, ich bin nicht nur sein einziger Sohn, sondern -sein geschäftlicher Mitarbeiter. Meine Eltern wollen mein Glück und -mein Glück ist Ottilie; meine Lebensfreude, sie mit Allem zu umgeben, -was ihr Wünschen begehrt.« - -»Wenn die Eltern mit der Wahl einverstanden sind,« sagte mein Karl, -»sehe ich nicht ein...« - -»Karl!« rief ich, »nicht zu hastig. Hast Du Verständniß von einem -Mädchenherzen? Ottilie muß doch erst gefragt werden!« - -»Das ist Herrn Braun's Sache. Wenn die jungen Leute einig sind, sehe -ich nicht ein...« - -»Karl, versetze Du Dich in Ottiliens Lage, ebenso schüchtern und -gewissermaßen vom Lande, und Herr Brauns kommt mit der Thür in's Haus -gefallen und will Dich heirathen, natürlich schreist Du und läufst -weg oder Du giebst in Verwirrung Dein Wort und sitzest hernach da und -weinst aus Voreiligkeit, und sie schleifen Dich in die Kirche und ein -Jahr darauf liegst Du mit gebrochenem Herzen in weiß Atlas im Sarg.« - -»Gott soll mich schützen,« lachte mein Karl und sah mich verwundert an, -und fragte mit seinen Blicken: »Alte, was hast Du?« - -Herr Brauns lachte nicht. Der war blaß geworden und schwieg ernst, -furchtbar ernst. Ihm mochte wohl aufdämmern, daß etwas nicht in Ordnung -sei und sein Glück wie Edelweiß an einem Abgrund blühte, und ich sollte -der Führer sein und weigerte mich aus Sachgründen. - -Er brach auch bald auf. -- Wie that er mir leid. - -Er reichte uns die Hand beim Abschied, sie zitterte leicht. So mächtig -war der Aufruhr in ihm, daß er seiner kaum Herr ward, er, der Eisen und -Stahl brach, wenn er wollte. - -Ich begleitete ihn hinaus. Meinen Karl winkte ich mit dem Ellbogen und -der rechten Fußsohle, zurückzubleiben. - -»Gewähren Sie mir drei Tage,« sagte ich. »Ich muß verreisen; wenn ich -wiederkomme, dann... dann sind wir... älter.« -- »Aber Ottilie geht?« - -»Vorläufig nicht; ich sagte nur so.« - -Ein Freudenschimmer überflog seine Züge. - -»Versprechen Sie mir, keine Thorheit zu begehen?« - -»Thorheit?« lächelte er, »Thorheit? Nein.« - -»So ist's recht. Sehen Sie, Herr Brauns, wenn ein junges Mädchen heiß -und verzehrend liebt, dann fürchtet es sich vor der Entscheidung. Es -ist, als sollte sie in Gluth und Feuer springen und schließt die Augen -und beträgt sich wie blind.« - -»Verstehe ich Sie recht?« -- »Adieu, Herr Brauns.« -- - -Mein Karl wollte Auskunft haben; ich bat ihn, mir die Angelegenheit zu -überlassen. Heirathen sei Frauenaufgabe. -- Darin ergab er sich. - -Ungermanns und Ottilie kamen spät nach Hause. - -Mein Karl fragte: »Ottilie, würden Sie Herrn Brauns Ihre Hand geben, -wenn er sie verlangte?« - -Sie sah ihn starr an, dann mich -- Ungermanns hatten sich gottlob -zurückgezogen -- als hätte sie nicht recht gehört. - -»Er will Sie zur Frau.« - -»Karl!« rief ich. - -Es war zu spät. Ottilie lag ohnmächtig auf dem Teppich. Die Wahrheit -war ihr zu viel gewesen. - -»Karl, wie konntest Du?« - -»Einmal muß Euren Heimlichkeiten ein Ende gemacht werden. Ich will -nicht, daß Du mir draufgehst.« - -»Wie egoistisch, Karl.« - -Ottilie kam wieder zu sich. Ich half ihr, sich zur Ruhe zu legen und -wärterte an ihrem Bette, bis sie schlief. -- - -In der Nacht hörte ich sie weinen. - -»Ottilie,« sprach ich, »es kann ja noch Alles gut werden.« - -»Ich wollte, ich wäre todt,« schluchzte sie. - -Da beschloß ich mit Onkel Fritz zu sprechen, wie es geschah. Und seinen -Rath, Tante Lina vor das Messer zu nehmen, befolge ich. - -Wenn Jemand Schuld an dem Jammer hat, ist es Tante Lina. Nichts ist -verderblicher, als das Heirathstiften, zumal von älteren Jungfern, die -nur in der Theorie Bescheid wissen. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Provinz-Erlebnisse. - - -Geschäftsreisen sind keine Vergnügungs-Ausflüge. Freilich kann eine -Geschäftsreise sich zur Quelle reinster Freuden gestalten, wenn -der Absatz fluscht, neue Kunden anbeißen und die alten die Waare -auftraggebender Weise loben. Anerkennung in Worten klingt sehr schön -und befriedigt Dichter und Künstler, zumal in gedrucktem Zustande, aber -mit Aufblähung ist dem einfach civilen Bürger nicht gedient; der hat -Wechsel einzulösen, Fabrikanten zu zahlen, Rohstoffe anzuschaffen und -Arbeiter zu lohnen, der muß umsetzen; denn was auch aufkommen mag, Geld -bleibt egal Mode. In keiner Konfession sind die Menschen orthodoxer, -als in der Anbetung des Geldes. - -Unser Felix Schmidt konnte auf das Ergebniß seiner letzten Tour stolz -sein, als er zurückkehrte. Er war vergnügt und mein Karl war so -vergnügt, daß er mich mit in das Geschäftliche hineinzog, was er nur -selten thut, wie ich ihm ja auch nicht mit jeder zerbrochenen Schüssel -ins Gesicht springe und nur dann und wann erfreue, wenn ich wirklich -Billiges, lächerlich unter dem Einkaufspreis erworben habe. Gewöhnlich -berechnet er nach, daß er trotzdem viel zu hoch kam. Neulich kaufte -ich auch etwas. Es sah aus wie eine Kneifzange und war patentirt und -von zwei Mark auf fünfzig Pfennige herabgesetzt, blos es ließ sich -nirgend wozu gebrauchen. Mein Karl drohte, das nächste Mal käme ich -unter Kuratel. Ich entgegnete: »Wer eine Mark fünfzig sparen kann und -es nicht thut, versündigt sich; übrigens die Frau soll noch geboren -werden, die einem Ausverkauf widersteht. Also was brummst Du?« - -Jetzt hatte ich Verwendung für den Gegenstand, indem ich ihn nebst -anderen Niedlichkeiten als Aufmerksamkeit für Tante Lina mitnahm. Kann -sie auch nichts damit anfangen, so freut sie sich doch über den guten -Willen, der bei Geschenken das Werthvollste ist. Und den hatte ich. - -Ob ich auf einer Geschäftsreise war, als ich in der Eisenbahn saß und -nach Tante Lina fuhr, das vermochte ich nicht bestimmt zu beantworten, -eine Vergnügungspartie war es jedoch nicht. Würde ich meinen Zweck -erreichen? Vielleicht. Blieben meine Bemühungen fruchtlos, waren -Fahrkarte, Zeit und Spesen der Katze geweiht. Aus der Füllung des -Abtheils machte ich mir nichts, die Stadtbahn-Straffahrten nach Treptow -hatten mich abgehärtet, und schon längst hatte ich den Unterschied -zwischen Häringen und Berlinern herausgefunden. Die Häringe werden -nämlich mit Salz gepökelt und die Berliner mit amtlichen Zumuthungen. -Die Verpackung ist dieselbe. - -Bei der herrschenden Sommerwärme zog ich die dritte Klasse der -gepolsterten zweiten vor, und das hatten sämmtliche Mitleidensgenossen -aus demselben Grunde gethan, wie sie sagten, als das allgemeine -Gespräch mit Bahnbeschwerden eröffnet wurde. So mächtig wird stets -über die Leitung des Ganzen geurtheilt, daß sie aus dem Ohrenklingen -gar nicht herauskommen, und deshalb natürlich keinen vernünftigen -Verbesserungs-Gedanken fassen kann. Hinterrückisches Zähneknirschen hat -gar keinen Einfluß, ebenso wenig wie das Anblaffen der unschuldigen -Schaffner etwas an den Bahngesetzen ändert. Man gebe der Verwaltung -mehr Ferien unter der Bedingung, sie abzureisen. Das würde ihr gut thun. - -So und ähnlich äußerten die Herrschaften sich, und nachdem die -Eisenbahn ihre Wischer weghatte, kam Berlin daran. - -Ich gab mich nicht zu erkennen, um die freien Aeußerungen nicht zu -hemmen. - -Es bildeten sich bald zwei Parteien. Die eine ließ an Berlin kein -gutes Haar, die andere war der Anerkennung voll, wenn man jedoch genau -hinhörte, gingen die meisten Klagen aus dem Geldbeutel hervor. Die, -die Alles hatten sehen und genießen wollen, ohne daß es etwas kosten -sollte, waren böse, die Anderen, die sich gesagt hatten, daß, wer -Vieles in kurzer Zeit abmachen will, an einem Tage mehr ausgiebt, als -zu Hause in einer bis verschiedenen Wochen, waren zufrieden. Kann -Berlin etwas dafür, daß die Straßen so lang sind? - -Die Droschken waren ihnen zu theuer. - -Warum sie nicht Pferdebahn gefahren wären oder Omnibus? - -Wer wußte denn, wo man damit hinkäme? - -Man brauchte nur zu fragen. - -Um sich Grobheiten auszusetzen? - -Wo das der Fall gewesen wäre? Der Berliner gäbe gern und willig -Auskunft. - -Damit liefe man den Bauernfängern in die Arme. - -»Jawohl,« rief ich dazwischen, »wenn man nämlich ein Bauer ist.« - -»Sie sind wohl aus Berlin und wissen Alles besser?« entgegnete der -Mann. »Wie ist es einem Herrn gegangen, den ich zufällig kennen gelernt -hatte? Er machte nämlich die Bekanntschaft von einem Grafen und der -Graf führt ihn in höhere Zirkel ein und es ist auch sehr nett da, blos -daß die Gesellschaften immer so spät in der Nacht stattfanden. Doch -dies fiel ihm nicht weiter auf, indem er sich amüsirte mit ungarischen -Gräfinnen und Comtessinnen aus Polen, in die er ganz weg war; hochfein. -Und da er sich nicht knauserig zeigen durfte, wenn mal gespielt wurde, -haben sie ihm nicht blos sein Geld abgenommen, sondern auch die Uhr; -und wie er sie am nächsten Abend einlösen will, hat die Polizei die -ganze noble Gesellschaft ausgehoben.« - -»Hat er seine Uhr wieder?« fragte Jemand. - -»Nicht doch. Wenn er sich meldet, muß er als Zeuge aussagen und das -paßt ihm nicht wegen seiner Stellung. Wenn sein Name in der Zeitung -steht und wie die Frauenzimmer ihn hineingelegt haben und daß der Graf -ein entlassener Heilgehilfe mit Vorstrafen war: die Blamage ist zu -enorm.« - -»Was man nicht Alles mit guten Freunden erlebt,« bemerkte ich. Die -übrigen lachten und tuschelten und einer rief: »Der gute Freund sind -Sie doch nicht am Ende selber?« - -»Würd' ich die Geschichte dann erzählt haben?« - -»Na, na!« zweifelte ein Herr. »Es mag nett zugehen, wo Sie her sind!« - -»Ich bin es weiß Gott nicht,« suchte er sich herauszureden. »Sie können -es mir glauben.« - -»Wer glaubt, wird selig.« - -»Auf Ehrenwort, ich bin es nicht. Ich kann Ihnen auch den Namen nennen, -es war ein gewisser Ungermann.« - -»Ein kleiner untersetzter Herr mit durchgewachsenem Schädel?« fragte -ich erstaunt. - -[Illustration: Herr Ungermann] - -»Ganz derselbige. Kennen Sie ihn?« - -»Nur so von Ansehen. Ich kann mich auch irren.« - -»Vielleicht wissen Sie mehr von den ungarischen Gräfinnen als wir?« -argwöhnte der Herr und fixirte mich. - -Ich wurde verlegen. - -»Und wo die Uhr geblieben ist?« - -»Mein Herr!« fuhr ich auf. - -»Ich kenne Berlin,« höhnte er. - -»Berlin bei Nacht,« gab ich ihm zurück, »gerade so wie Ungermann. -Jawohl! Den hat die gerechte Strafe für seine Aushäusigkeit und -Duckmäuserei ereilt. Hoffentlich sind seine Genossen nicht leer -ausgegangen. Sagten Sie nicht, er wäre ein guter Freund von Ihnen?« - -»Ich verbitte mir jede Anspielung.« - -»Ich mir dito!« - -»Uebrigens wenn Sie es interessirt, wurde ich in Alt-Berlin mit dem -Herrn bekannt. Die Ausstellung ist doch für Fremdenverkehr, da treffen -sich eben die Fremden.« - -Dagegen sagte keiner etwas. Voller Aufregung suchte ich nach -meinem Riechsalz, wobei die merkwürdige Zange herausfiel, die mein -Schräg-_à-vis_ aufhob und prüfend betrachtete, anstatt sie mir -höflichst zu überreichen. - -»Erlauben Sie, was ist das für ein Instrument?« fragte er. - -»Das weiß ich nicht.« - -»Merkwürdig!« - -»Wieso?« - -»Man führt doch keine Brechzangen bei sich, ohne zu wissen, wozu sie -gebraucht werden?« - -»Ach so? Eine Brechzange ist es,« erwiderte ich. »Mir sehr angenehm, -das zu erfahren.« - -»Was denn sonst? Man schiebt das Ding zwischen die Thür, knack, und auf -springt sie.« - -Alle blickten mit neugieriger Abscheu erst auf das Instrument und dann -auf mich. Die neben mir saßen, rückten zur Seite, so gut es ging. - -Ich lachte und wandte mich an den Herrn, der mir die Zange noch nicht -wiedergegeben hatte: »Darf ich mir mein Eigenthum gefälligst ausbitten?« - -Er sah mich an, mit so unverkennbaren Criminalaugen, daß ich eine -Gerichtsperson auf Ausstellungsurlaub in ihm witterte und von -plötzlicher Angst erfaßt, zurückfuhr. Darauf sah er mich noch -durchbohrender an und sagte: »Dieses verfängliche Geräth muß der -Polizei eingeliefert werden.« - -»Meinethalben, für mich hat es keinen Werth.« - -»Und doch kann es Ihnen theuer zu stehen kommen.« - -»Wollen Sie mir jetzt mein Besitzthum wiedergeben? Oder soll ich -klagbar werden?« - -Er zögerte. - -Nun ich fühlte, daß ich Oberwasser kriegte, gewann ich Muth: »Besehen -Sie sich es genau, wenn Sie lesen können. Da steht D. R.-P. darauf, -Deutsches Reichs-Patent. Glaubt denn ein vernünftiger Mensch, das -Deutsche Reich patentire Einbrechzangen und Diebgeräth?« - -»Warum nicht? Patentirt wird vieles.« - -»Die Frau scheint mir Recht zu haben,« rief ein jüngerer Mann aus einer -Ecke. - -»Hab' ich immer!« stimmte ich ihm bei. - -»Und ich finde es nicht schön, sofort gleich zu verdächtigen, wo -garnichts vorliegt. Hat die Frau denn schon eingebrochen? Und wenn sie -einbrechen will, seit wann ist die Absicht strafbar? Außerdem fragt -sich, ob das Ding wirklich zum Einbrechen taugt? Mir scheint es für -diesen Zweck viel zu schwach gearbeitet. Ein Geldspinde bringt sie -nicht damit auf. Das ist meine Meinung.« - -»Aber wozu dient das Instrument denn?« - -»Mir scheint es ein Briefbeschwerer,« sagte eine Dame. - -»Das sieht man doch im Dunkeln,« klammerte ich mich an diesen -Rettungsstrohhalm. »Giebt es etwas unnatürlicheres als Briefbeschwerer? -Dazu nimmt man alte Schuhe, Hufeisen, Beile, Aepfel und Birnen, Töpfe -aus Metall und Stein und worauf das Kunstgewerbe sonst verfällt.« - -»Das ist wahr,« bestätigte mein Nachbar zur Linken. - -»Wer die Ausstellung betrachtete, der hat auch Briefbeschwerer -gesehen,« sagte ich. »Aber wer blos nach Berlin ging, um zu schwiemeln, -weiß von nichts. Geben Sie mir meinen Kunstgegenstand. -- Danke!« - -Während ich das Unglücksgeschirr wegstopfte, begann der Herr, der -sich als Ungermann's Freund verrathen hatte, auf die Ausstellung zu -raisonniren: »Wer kann Alles sehen? Die Vergnügungen erdrücken die -Industrie.« -- Und was der nicht wußte, ergänzten Andere. - -Als sie es jedoch zu schlimm machten, bildete sich Gegnerschaft, -die immer mehr in's Loben kam und gut fand, was vorher getadelt und -herabsetzte, was in den Himmel gehoben war. - -Ich verhielt mich zuhörend; ich war zu zerknittert, einzugreifen. -Hingegen war mir klar: Allen recht zu machen, ist selbst -Kommerzienräthen unmöglich. - -Mit wahrer Aufathmung begrüßte ich meinen Aussteige-Haltepunkt, -verließ die Gesellschaft mit deutlicher Nichtbeachtung und suchte -den Postwagen auf, der mich weiter befördern sollte. Im Wartesaal -nahm ich einen kleinen Trosttropfen; nur einen. Dem genossenen Aerger -nach hätte ich Grund gehabt, mich dem Alkohol gründlichst zu ergeben -und begriff, wie fortgesetzter Verdruß einen Menschen schließlich -ins Delirium treiben kann. Welche Charakterfestigkeit gehört dazu, -Ausstellungscomité zu sein, das täglich aufgemöbelt kriegt und doch nie -molum gesehen wurde! - -In solchem gelben Stephans-Kasten war ich noch nicht gefahren; er ist -ja auch im Absterben und deshalb waren die englischen Mehlkutschen, die -weiter nichts sind als eine Kreuzung von Omnibus und Post, in Berlin, -wenn es hoch kam, nur mit einer Person bevölkert. Wir haben unsere -billigeren flinken Droschken erster Güte, was sollten wir mit den -Noah-Archen auf Rädern? Sie hier unübertrefflich halten, weil sie von -England kamen? Ueber solchen Mumpitz sind wir längst hinweg. - -[Illustration: Unterwegs mit dem Wagen] - -Ich war allein in dem Wagen auf der langsamen Straße mit Feldern -auf beiden Seiten, Dörfern in der Ferne und Gehöften, an denen man -vorüberfuhr in ländlicher Stille. Wie viele Menschen doch außerhalb -Berlins glücklich sind. Und doch meinen die Meisten, das Glück sei -nur in der großen Stadt zu Hause. Aber was ist Glück? Das einzige, -was der Mensch sucht, wenn er es gefunden hat. Denn es giebt keinen -Zufriedenen. - -Wie glücklich hätte ich jetzt sein können, wenn ich mich weder mit -Kriehberg noch Ottilien beschwert hätte. Waren denn Ruhe und Frieden -und meine Häuslichkeit nicht Glück genug? Was hatte ich Noth, mich in -die Schreibtinte zu begeben? Nun saß ich drinn. Ohne die Beiden wäre -ich nicht auf der Spritztour nach Tante Lina, die sehr verhängnißvoll -hätte werden können. Der Mann, der mich möglicherweise für das -Ehrenmitglied einer Einbrecherbande hielt, war nahe daran, mich der -Obrigkeit zu überantworten. Man weiß ja nie, mit wem man fährt, welch' -unbewußtes großes Thier er ist und was er einem anthun kann? - -Und dieser Ungermann! So ein Nachtbruder. Und bei Tage wie neugeborne -Unschuld. Den werd' ich abmalen! - -Mit dieser Absicht drusselte ich ein und erwachte erst, als der -Postillon sein Stückchen blies. Ich träumte gerade, Ungermann winselte -um Gnade, so klang das Geblase. - -Wir rumpelten über holperiges Pflaster durch ein thurmartiges Thor und -waren in der Stadt. Tante Lina wohnte nicht weit von der Post, sie -aufzufinden ging ohne Adreßkalender. - -Sie freute sich nur mittelmäßig, als ich bei ihr eintrat mit den -Worten: »So, da bin ich. Sie können sich wohl denken, daß ich wegen -wichtiger Angelegenheiten komme. Wie geht es Ihnen, Tante Lina?« - -»Ganz gut,« erwiderte sie. »Recht gut. Viel besser, als sonst. Bitte, -setzen Sie sich. Ich nehme jeden Abend vor dem Schlafengehen, mit -Erlaubniß zu sagen, drei Stücken Rhabarber. Apotheker Bahnsen rieth -es mir und es hilft auch, weil ich die Berliner Kost nicht vertragen -konnte und wenn nichts gethan wurde, es leicht schlimm geworden wäre. -Im vorigen Jahre hatte Maler Brandt's Frau es ebenso, aber weil sie -nichts brauchte, schlug, mit Erlaubniß zu sagen, innerliche Gedärmgicht -dazu und in fünf Tagen war sie todt. Sie hat so geschrieen, daß sie es -drei Häuser weit gehört haben.« - -»Wer lange Rhabarber ißt, kann alt werden,« sagte ich, nur um etwas zu -sagen, da ich den rechten Dreh noch nicht hatte. - -»Will ich auch,« entgegnete sie. »Ich will noch vom Leben haben, was es -mir bieten kann. Und wozu auch nicht? Das Essen und Trinken schmeckt -mir und zu sorgen hab' ich für Niemand mehr, für Niemand. Der, auf den -ich wartete, der braucht nicht, was ich zusammenhielt, der ist reich; -darum hab' ich Alles auf Leibrente gegeben.« - -»Aber Tante Lina!« - -»Ja, nun erbt Keiner was. Keiner. Viedt's haben auch genug. Und Sie -brauchen es auch nicht. Und Kriehberg ist noch jung, der kann arbeiten. -Das hat Johannes auch gemußt.« - -»Sie können über das Ihrige verfügen, wie Ihnen gut dünkt, Tante Lina, -aber sagen Sie mir das eine: Haben Sie Kriehberg etwas versprochen?« - -»Nicht gerade versprochen. Aber da er und Ottilie sich so sehr lieben, -sagte ich, sie sollten heirathen, ehr etwas dazwischen käme. Warum -dürfen die jungen Leute nicht glücklich werden?« - -»Wovon sollen sie existiren?« - -»Sie sind ja noch jung. Es verheirathen sich so viele und sind -glücklich.« - -»Doch blos nicht in Berlin! Was kostet ein Haushalt in Berlin? Allein -die Miethe. Und er hat nichts.« - -»Oh, so viel wird er wohl haben.« - -»Aber nein. Nicht so viel, die bescheidenste Wohnung zu nehmen mit -Küche, eben groß genug, eine Karmenade auf einmal zu braten. Tante -Lina, da haben Sie nicht gut gerathen.« - -»Sie lieben sich.« - -»Wissen Sie das so genau? Ich bin anderer Ansicht. Er allerdings will -Ottilie...« - -»Und sie ihn. Und ich gab ihnen meinen Segen und sprach, werdet -glücklicher als ich und da verlobten sie sich mit Liebe und Treue für -alle Ewigkeit.« - -»Welcher Leichtsinn. Arme Ottilie. Tante Lina, haben Sie ihnen wirklich -nichts versprochen? Garnichts? Reinigen Sie Ihr Gewissen, von Ihnen -wird einst Rechenschaft gefordert, wenn die Beiden in Elend zu Grunde -gehen.« - -Sie mimmelte mit den Lippen. »Nun ja,« begann sie zögernd, »ich warf so -hin, daß, wenn sie sich brav hielten, ich Ottilie in meinem Testamente -bedenken würde, und das will ich auch.« - -»Nun Sie ihr Vermögen für immer weggegeben haben?« - -»Meine Sachen sind wie neu, blos in der einen Kommode ist der Wurm.« - -»Aber Kriehberg rechnet entschieden auf Geld.« - -»Wie sie alle; alle miteinander.« Sie blickte mich an, als wenn sie -sagen wollte »und Du auch!« - -Ich besann mich kurz. »Ich will Ihnen die Beiden schicken; sie können -sich hier verheirathen und bei Ihnen wohnen, damit Sie das von Ihnen -eingerührte Glück aus erster Hand mit verzehren. Ich habe für so etwas -keinen Platz.« - -»Ich auch nicht. Was würden die Leute dazu sagen?« - -»Was Leute immer sagen, wenn Zweie zusammengeredet worden sind und -hinterher ihre Ohren abreißen möchten, mit denen sie nach all den -schönen Worten hingehorcht haben.« - -»Und was sagen die Leute immer?« - -»Gut, wer damit nichts zu thun hat. Das sagen sie!« - -»Was kann ich aber dabei machen?« - -»Viel, sehr viel. Nur einige Zeilen an mich, daß weder Ottilie noch -Kriehberg Baares von Ihnen zu erwarten hat.« - -»Nein.« - -»Ja! Und zwar eine Bescheinigung von Ihrem Renteninstitut. Es muß sein.« - -»Muß?« - -»Tante Lina, ein Leben mit unerfüllter Liebe ist großes Weh -- Sie -wissen es. Doch, ohne Liebe mit Wort und Schwur gebunden sein, das ist -gebranntes Leid. Nur wenn Kriehberg sein Wort zurückgiebt, wird Ottilie -frei. Und sie liebt einen anderen. Dies Ihnen zu sagen, bin ich hier. -Das Glück zweier Menschen liegt in Ihrer Hand. Können Sie noch zaudern?« - -Sie schwieg geraume Zeit. »Wie ist das gekommen?« fragte sie. - -Ich erzählte ihr Alles und sie gab genau Acht; dann sagte sie: »Ich -will ihn bitten, ihn, Johannes, daß er sich Kriehberg's annimmt. -Vielleicht daß er drüben sein Fortkommen besser findet, als hier. -Johannes wird es mir nicht abschlagen. Er ist ja glücklich. Aber -Verantwortung habe ich keine. Nein. Nein!« - -Wir blieben zusammen, bis am Spätnachmittage die Post wieder abging. -Ihr Rechtsanwalt schrieb den Schein, worin er beglaubigte, daß sie ihr -Capital auf Leibrente gegeben hätte und nachdem diese Angelegenheit -erledigt war, spendete ich das Mitgebrachte. Eine Tasse mit der -Berolina darauf war ihr genehm, desgleichen eine Medaille zur -Erinnerung an die Ausstellung; der Briefbeschwerer fand dagegen weniger -ihren Beifall, obgleich sie nichts sagte. - -»Es ist das Neueste in Nippsachen,« pries ich ihn an. - -»O nein!« wehrte sie ab. »Viedt's haben gerade solchen in ihrem Laden -und können ihn nicht los werden; von ihrem Lieferanten in Berlin, zur -Probe. Es ist, mit Erlaubniß zu sagen, ein Reise-Taschenstiefelknecht.« - -Zum Glück kam das Mädchen und meldete, die Post ginge gleich. Tante -Lina hatte das Geschenk sichtlich übel genommen und wer weiß, ob ich -sie herumgekriegt hätte, wäre ich ihr gleich zu Anfang mit den Spenden -gekommen. - -Guter Wille zieht nur dann, wenn er mit guter Laune zusammentrifft. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Es kommt zum Klappen. - - -Es war mir eine wahre Wohlthat, von Tante Lina ab, wieder nach -Berlin hin zu streben, obgleich ich mich auf den nächsten Tag gefaßt -gemacht und das Erforderliche mitgenommen hatte. An einem so wenig -bleibwürdigen Platze sich länger als gezwungen aufzuhalten, rechne ich -zu den Vergeltungen der Vorsehung, die man für bereits grasbewachsene -Thaten aufgebrummt kriegt, -- vielleicht daß man mal zu heftig gewesen -ist oder Nebenmenschen es besorgt hat -- mit Ausnahme der Krausen --- oder was sonst nicht mehr zu ändern war, aber doch noch zu Buch -steht. Gut, daß ich nichts auf dem Kerbholz hatte und mit der Post den -Anschluß erreichte. Und Kriehberg sollen die Heirathsgedanken schon -vergehen, wenn der Weg zum Traualtar nicht mit Markstücken gepflastert -ist, wie er sich einbildet. Liebt er Ottilie wirklich und will er sie -aufrichtig glücklich machen, giebt er ihr das Jawort zurück. - -Und wie nette Reisegefährten traf ich in der Bahn. Das waren Leute, -die sich auf den Besuch der Ausstellung freuten, weil sie schöne und -bildende Beschreibungen darüber gelesen hatten, nicht die übliche -Schlechtmacherei von Schreibmenschen, die nur herunterreißen, weil das -Aufbauen so seine Mucken hat. Wer nie backt und braut, dem mißräth -allerdings auch nichts. Und Fehler -- wo ist völlig Vollkommenes? Man -muß das Mangelhafte von dem Gelungenen absubtrahiren und das Gute -gehörig zusammenaddiren und dabei berücksichtigen, daß Jeder seinen -Privatgeschmack hat, dann ergiebt sich das richtige Exempel. - -Sie fragten mehr, als ich beantworten konnte und ob es nicht doch zu -stark ins Geld ginge, wenn man Alles mitnehmen wollte. - -Ich sagte: »Berechnen Sie die Summen, wenn Sie nach Kamerun reisen -müßten, um Wilde und ihre Dörfer zu beaugenscheinigen, oder nach Kairo -oder nach Spitzbergen, wo die Eisbären sich Gutenacht sagen, oder nach -dem Zillerthal, und wo giebt es Rundreisebillets in die Vergangenheit, -da doch Alt-Berlin aufgebaut wurde, wie es nach dem dreißigjährigen -Kriege erbärmlich war und noch keine Ahnung hatte, wie es nach -Einundsiebzig anschwellen würde. - -Da flögen so viele blaue Scheine als jetzt Pfennige. Und die ganze -große Gewerbe-Ausstellung haben Sie als Beilage, nebst Musik und -Beleuchtungseffekten, Gartenanlagen und Dod und Deibel.« - -So verursachte ein Wort das andere und auch wegen der Verköstigung -fragten sie, und ob in der Fischhalle an einem Sonntag wirklich über -hundert Zentner Seefische vermöbelt worden wären? - -»Gewogen hab' ich sie nicht,« war meine Antwort, »aber es wird schon so -sein, es stand ja in den Zeitungen an der Stelle, wo sie das Glaubhafte -hindrucken. Ueberhaupt, versäumen Sie die Fischerei nicht, da schwimmen -Regenbogenforellen und die seltensten Fische, vom einfachen Steckerling -bis zum Caviar lebendig herum und Hummer in unreifem Zustande, noch -ganz blaugrün und junge Fische werden ausgebrütet und als Gegensatz zur -Kinderbrutanstalt ist eine Krebswochenstube da, an der man nichts sieht -als Drainröhren, die aber höchst naturhistorisch ist, wenn gerade einer -von den Amphibienräthen Zeit hat und die Erklärung dazu leistet. Und -wenn man sich satt gesehen hat, kann man sich an Fischen satt essen, -die große Portion dreißig Pfennige ohne Kellnerschmuhgroschen; mit: -vierzig.« - -»Da gehen wir hin,« hieß es. »Ich lasse mir zweimal geben,« sagte ein -langer Magerer, »das ist ja enorm billig.« - -»In der Volksernährung kriegt man es noch umsonster,« unterstützte ich -seine guten Absichten, »und in der vegetarischen Eßanstalt bekommen Sie -für zwanzig Pfennige ein Gericht saure Linsen, daß sie Ihnen schon aus -den Ohren heraustrudeln, ehe Sie den letzten Löffel voll hinter haben.« - -Dies erheiterte sie und warum soll man sich nicht scherzhaft geben in -aufthauender Gesellschaft, obgleich die Vornehmheit verlangt, sich im -Coupé wie eine beschäftigungslose Padde zu verhalten? - -Mit Wohnung waren sie schon versorgt, indem sie sich an Stangen gewandt -hatten, der Zimmer massenweise an der Hand hat. »Viele schlüpfen bei -Bekanntschaften unter,« sagte ich. -- »Das würde doch wohl lästig,« -meinte eine Dame. -- Ich seufzte. - -»Haben Sie Erfahrungen darin?« fragte die Dame weiter. »Die kommen -noch,« entgegnete ich und dachte an das Huhn, das ich mit Ungermann zu -pflücken hatte. Was sage ich Huhn? Mindestens einen Auerhahn. Und für -sie, die Ungermann, setzt es auch was; zunächst um ihren neuen Hut. Wie -ein Schlittenpferd. Es werden schon Federn fliegen. - -Je mehr wir in nächtliche Dunkelheit geriethen, um so dämmeriger wurde -auch die Unterhaltung, die sich zuletzt darauf beschränkte, daß die -Herren uns ihre Zigarren vorrauchten. Was es für Unkraut war, kann ich -nicht sagen, aber sie selbst öffneten von Zeit zu Zeit die Fenster, um -nicht zu ersticken. Ich schätzte es auf eine Art von Mottentod. - -Dank der Unermüdlichkeit der Lokomotive kamen wir Berlin immer näher -und als sie noch lange nicht pfiff, holte jeder sein Handgepäck -heran und belästigte sich und die Nachbarn. Aber das ist einmal so -in dem Verlangen begründet, rascher anzukommen, wie man ja auch -lebensgefährlich dicht an den Schienen dem Zug entgegensieht, damit er -sich eilt, wenn man mit will. - -Wir wünschten uns gegenseitig viel Vergnügen und waren auseinander, als -die Thür kaum offen stand. Ich sah weiter kein Vergnügen vor mir, als -meinen Karl zu überraschen, da ich erst Morgen erwartet wurde. - -Ich hinein in eine Droschke und los. Es war bereits gegen Mitternacht, -aber in der Lindengegend und in den Hauptstraßen noch ein Treiben wie -bei Tage, die Cafés und Bierpaläste im hellsten Lichte und auch noch -Läden geöffnet. In der Provinz liegen sie schon zum zweiten Male auf -der rechten Seite, dachte ich, und stärken sich mit gesundem Schlaf -und drehen sich bald zum dritten Male im Bewußtsein höherer Solidität. -Aber wer bildet das nächtliche Publikum in Berlin? Die Fremden. Und wo -sind die her? Aus der Provinz. Wenn sie zu Hause so schwudderten? Ei -weih! - -Na, Ungermann wird sich über sein Abgangszeugniß aus der Residenz -freuen. - -Der Kutscher schien mich für außerhalbsch zu halten, indem er mit -seinem Zossen auf Zeitfahrt losbummelte, bis ich ihm zurief: »Geben Sie -dem ollen Asphaltschoner mal'n bisken langen Haber, er tritt sich ja -auf die eigenen Hacken.« - -Der Droschkenlenker hielt an und wandte sich um. »Det Ferd,« sagte -er und deutete mit der Peitsche auf das Fell voll Knochen, »det war -früher Rennpferd, der braucht keenen Dreschflegel. Im übrigen is er nu -jlücklich so weit umdressirt, det er allens dhut, wat er will.« - -[Illustration: Droschkenpferd] - -»Na, wat will er denn?« erwiderte ich im Volkstone. - -»Nach'n Stall will er.« - -»Also dalli!« - -»Nee, nu nich, weil et seine contrair entjejenjesetzte Richtung is. -Se sollten blos nach'n Wedding jewollt haben, da hätten Se'n kennen -jelernt; uff'n Nachhauseweg schlägt er jeden elektrischen Strom um -mehrere Nasenlängen. Hü! Schimmel.« - -Obgleich der jetzt folgende Galopp nicht rascher ging als der bisherige -Schritt, erhob es mich sehr, wie die modernen Kulturerrungenschaften -allmählich in der Bevölkerungsdenkweise Wurzel schlagen, während doch -feststeht, daß die Griechen Elektricität und Telephon und Photographie -und Hygiene nicht einmal dem Namen nach hatten. So frißt die Bildung -sich immer weiter in die Massen und greift die Aufklärung um sich, -wozu Ausstellungen schichtenweise beitragen, je nachdem Volks- oder -Elite-Tage sind. Elite ist theurer, sonst ganz dasselbe. Ein großes -Jahrhundert, worin wir leben. - -Als wir die Landsbergerstraße gewonnen hatten, war das Haus duster. -»Alle in der Bucht,« sagte ich mit innerlicher Zufriedenheit, gab dem -Droschkong einen Uebernickel für das Roß und gedachte durch die Fabrik -oben zu gehen, meinen Karl zu interwieven ohne zu stören, und mein -Gemach aufzusuchen, wo Ottilie wahrscheinlich nach Schlaf schmachtete. -Ich konnte ihr Beruhigung bringen, die gesünder hilft als Morphium oder -sonst was, wonach man noch kränker wird. - -Aber mein Schreck, als ich das Hausthor unverschlossen fand. -»Ungermann,« war mein erster Gedanke, mein zweiter »wo ist der -Schutzmann als Sicherheitswächter?« Ich sah die Straße lang, kein Helm -zu entdecken, nichts als die langsam abzuckelnde Klapperkiste mit dem -verkehrsmüden Wettklepper a. D. - -Ob ich mich hineinwagte? Wenn ein Mörder auf der Treppe lauerte? -Oder blos ein Pennbruder, auf den ich im Dunkeln trat? Das ist schon -schauderhaft. Ob ich schrie? - -Nein. Listig vorwärts, ganz leise. Dann über den Hof. Der Hausschlüssel -paßt zur Fabrik. Hinauf getastet bis an meines Karls Thür. Ich horchte. -Keinerlei Schnarchung. - -»Schläfst Du, mein Karl!« rief ich halblaut. »Erschrecke nicht, ich bin -es, Deine Wilhelmine, Deine treue Gattin. Tante Lina läßt grüßen.« - -Keine Antwort. Ich klopfte an. »Es brennt nicht,« rief ich, »es ist -auch nicht eingebrochen. Mach' auf, mein Karl.« - -Er rührte sich nicht. - -»Karl, mach' auf!« - -Ich klopfte stärker. »Karl, wenn Du nicht aufmachst, werde ich böse. -Sehr böse; verstehst Du mich?« - -Ich holte mein Schlüsselbund hervor, aber erst der letzte ging hinein. -Und der schloß nicht. Nach einigen vergeblichen Versuchen brach er ab. -Da mein Karl nicht von dem Geräusch aufwachte, mußte er abwesend sein. -Aber wo? Natürlich im Berliner Zimmer. - -Auf dem dunklen Gange nach der Wohnung stieß ich gegen Weiches, daß -mir das Blut in den Adern stockte. Es krabbelte jedoch nicht in die -Höhe, sondern fühlte sich als Waarenballen heraus. Aha, Ungermann's -Bestellung. Ganz hübscher Posten, aber es könnte mehr sein. Die -Zwischenthür war eingeklinkt und in der Küche noch Licht; die oberen -matten Scheiben waren hell. Ich und eintreten war eins. - -[Illustration: Dorette und Schutzmann] - -Die Dorette kriesch auf; ich sagte blos »Ha!«. Der Schutzmann aber -strammte sich kerzengerade hin und salutirte. Dorette suchte die -Lampe auszublasen, unsere Tischlampe, jedoch zu spät, ich hatte genug -gesehen. Aufgedeckt war, mit Brot und Butter und kaltem Braten und -Wein von dem Sonntags-Lafitte und Käse und ein Hafen Kompott und die -Cognacflasche und was sonst gut und genießbar war. - -»Wo ist der Herr?« fragte ich strenge. - -»Aus.« - -»Und das Hausthor steht offen? Nennen Sie das Bewachung, Schutzmann?« - -»Ick habe heute keenen Dienst!« entgegnete er. - -»Er ist ja mein Breitijam,« sagte Dorette, »un als solcher hat er doch -seine Pflichten. Warum ooch kommt die Frau so unprezise retour?« - -»Um zu sehen, was während meiner Abwesenheit vorgeht. Wir reden morgen -weiter. Und der Bräutigam ist hoffentlich satt und kann gehen.« - -Er schnallte sein Seitengewehr um. »Leuchten Sie ihm, Dorette, und -schließen Sie das Haus.« Ich nahm die Lampe und den Cognac an mich. Es -hatte tüchtig geschafft. - -Weinend ging Dorette voran. Sie fühlte sich schuldbeladen. Angemessene -Verpflegung war ihr gestattet, aber keine Orgien. Und mit Lafitte -fangen Orgien an! - -Also mein Karl war aus. Recht heiter! - -Nun zu Ottilien. - -»Sei froh, Kind,« rief ich beim Eintritt, »auf Regen folgt -Sonnenschein, ich bring' ihn mit für Dich.« - -Keine Antwort. Ich leuchte hin: Ottiliens Bett war unberührt. Sie wird -sich wohl alleine geängstigt haben und nächtigt bei der Kliebisch. -- -Ich hin nach dem Vorderzimmer und klopfe an. Kein Ton. - -Dies war mir sonderbar. Alle miteinander aus? Nein, auf dem Sopha lag -Anna Kliebisch und sägte schaudervoll. Das ist wahr, schlafen hat sie -heraus. Selbst bei Tage, wenn sie so dasitzt, möchte man ihr immer -zurufen: »Gute Nacht, Anna.« Doch ein bischen zu sehre Drömlade, das -Kind. - -Nach verschiedenen Mißerfolgen rüttelte ich sie endlich lebendig; sie -plierte mich glasäugig an, sagte nichts und schlief wieder ein. - -Dies war mir zu dumm. Ich sie gehörig geschüttelt, bis sie endlich -wieder zu sich kommt. Aber nicht viel mehr als vorhin. - -»Wo ist Mama?« fragte ich. - -»Wo Mama ist?« wiederholte sie traumig und nickte wieder ein. - -»Anna, werde doch munter. Wo Mama ist?« frage ich. - -»Im Bett.« - -»Unsinn, da ist sie nicht. Wo ist sie? Und wo ist Ottilie?« - -»Im Bett.« - -»O Du Demel,« brach ich aus. »Du bist doch'n lieben Gott sein größtes -Bähschaf. Dussele weiter und vergiß morgen blos das Aufwachen nicht.« - -Mir blieb als letzter Anker der Vernunft nur noch die Ungermann. Die -war aber auch nicht vorhanden, im Gegentheil komplet abwesend mitsammt -Schloßkorb und Schachteln. Ab nach Kassel. Ihre Sachen standen noch da. - -Ich war wie erschossen. Knieewankend setzte ich mich. Was war -geschehen? Kein Mensch im Hause als das unzurechnungsfähige Schlafkind -und Dorette. Da kam sie gerade wieder herauf. - -»Dorette,« rief ich, »hier herein ins Berliner Zimmer und nun nicht -länger gewimmert, sondern ohne Mogeln erzählt, was vorgefallen ist. -Erstens die Ungermann?« - -»Die hat sich verzogen mit'n Mittagszug. Un Trinkjeld hat se nich -jejeben. Det haak ihr jleich anjeahnt, als se kam. Det war eene von de -Billijen.« - -»Gut. Und zweitens die Frau Kliebisch?« - -»Die kommt bis spätestens übermorjen retour.« - -»Von wo?« - -»Det hat se nich jesagt. Et war ja jroßer Ufstand, wie der junge Herr -heut Nachmittag kam un er sagte: Ottilie, ick lasse Dir nich, un sie -sagte nein, nein, ick derf nich, ick wollte, ick wäre bejraben oder so. -Jenau konnt ick't nich verstehn...« - -»Also wieder an der Thür gehorcht. Und was sagte Herr Kriehberg?« - -»Der? Der sagte jarnischt.« - -»Der mußte doch wieder antworten.« - -»Nee, det konnt er nich. Der war ja jarnich da.« - -»Der nicht? Welcher junge Herr dann?« - -»Jotte doch, der mit die braunen Plüschoogen. Ach hat der 'n Blick -an'n Leibe! Wenn ick nich so derbe verlobt wäre, in den könnt ick mir -verkieken.« - -»Dorette, bleiben Sie sachlich. Also Herr Brauns war hier und sich -Ottilien erklärt und sie ihn abgewiesen...« - -»Se hat schrecklich jebarmt.« - -»Und er weggerannt?« - -»Na ja, wat man so langsam wegrennen nennt. Aber doch erst später, un -wat die Kliebischen is, mit ihn.« - -»Unsinn! Und Ottilie blieb zurück?« - -»Die war janz verdreht. Se lachte und dann weente se, un mir fiel se um -den Hals un küßte mir un sagte, Dorette sagte se, es kann nich sind un -es ist doch; so oder so ähnlich. Wat Verrückte sagen, det is schwer zu -behalten.« - -»Und was that mein Mann... was that der Herr dabei?« - -»Die Herren waren schon vor Mittag nach Treptow rausjemacht. Un ick -alleene blos mit die Anna; die hab' ick Abendbrot jejeben un da ward -se müde. Un wenn mein Breitijam nicht antrat, ick hätte mir zu Tode -jeforchten. Nee, hier in'n Hause is et nich mehr scheen.« - -»Darüber habe ich zu urtheilen, ich ganz allein. Verstanden? Und wenn -Ottilie sich ein Leid angethan hat, kommen Sie vor den Richter.« - -»Och Jotte nee!« - -»Nicht heulen. Dazu ist Zeit, wenn Sie im Loch sitzen. Geben Sie Acht, -was Ihnen blüht. Warum haben Sie nicht aufgepaßt?« - -»Se war ja nachher janz vernünftig, blos mit eenmal weg un nich zu -finden!« - -»Und Sie suchen nicht? Und Ihr Schutzmann läuft nicht hinterher und -setzt die Polizei in Bewegung? Und schwemmen ihn mit Lafitte an? Den -zieh ich Ihnen vom Lohn ab.« - -»Et war ja keen Anderer da.« - -»Wozu ist denn die Wasserleitung?« - -»Da jeht keen Schutzmann ran.« - -Ich sprang auf. »Kommen Sie, wir wollen suchen, ob Ottilie nichts -Schriftliches hinterlassen hat, keinen Abschiedszettel oder irgend ein -Zeichen.« - -So viel wir auch stöberten. Nichts. Nichts und nirgends. - -»Am Ende hat sie die Anna Kliebischen wat anvertraut, ick jloobe sojar, -se sagte, vergiß es nich oder Vergißmeinnich oder so, wie man so bei's -letzte Lebewohl sagt.« - -»Die weiß von sich selber nichts, viel weniger von Ottilie.« - -»Det kann wohl sind. Se saß da so misepeterig und da sagte mein -Breitijam, en Grogh würd' ihr wohl nich schaden, da kriegte se de -richtige Bettschwere nach un wäre unter de Füsse aus.« - -»Und Sie folgten dem bodenlosen Vorschlag und machten dem Kinde einen -Grogh?« - -»Zwee.« - -»Von Cognac? Aber Dorette, waren Sie denn gänzlich...?« - -»Ick sage ja, et is hier nich mehr scheen in'n Hause.« - -Was nützte es? Aus dem Kinde war nichts herauszubringen, das hatte -ich eben vergebens versucht und was Dorette erzählte, war so klar -verwickelt, daß ich klug blieb wie zuvor. Wenn nur Ottilie nicht zu -Wasser gegangen war? Das wäre grauenvoll. Aber was ging die Kliebisch -mit Herrn Brauns von dannen? Und Ottilie hatte ihr Handköfferchen -mitgenommen. Man ertränkt sich doch nicht mit Gepäck? Wohin konnte sie -geflohen sein und warum? - -Wir sahen nochmal nach. Auch ihre Brennscheere war weg und ihr -Morgenanzug und ihr Regenmantel. Nein, nasse Absichten hatte sie nicht -gehabt. - -»Dorette,« sagte ich, »selbst wenn Alles gut abläuft, einen anderen -Dienst werden Sie sich suchen. Das sehen Sie hoffentlich selber ein?« - -»Bis zu'n Frühjahr. Dann wollten wir Hochzeit machen, et kann sind, -ooch ehr. Warum soll ick mir vorher verändern? Det wird die Frau mir -doch nich anmuthen sind bei die ville Arbeed mit 'n Besuch? Die Frau is -ja so jut.« - -Sie weinte so reuevoll, daß ich sagte: »Es hängt von Ihrem ferneren -Betragen ab. Gehn Sie zu Bett, Dorette.« - -Ich setzte mich wartend in's Berliner Zimmer im Reiseanzug, innerlich -und auswendig aufgelöst. Waren das Zustände. Kaum wendet man den Rücken -und die Welt geht unter. - -Und mein Karl, gerade da er nothwendig nicht weichen durfte, macht -blau. Ob ich hinüber ging nach Betti, ihr mein Herz auszuschütten? -Ich kannte ihr Mitgefühl im Voraus: »Mama, warum hast Du das Hotel -eingerichtet?« - -Endlich kam etwas die Treppe heraufgepoltert und in die Wohnung herein. -Ich richtete meine Blicke fest auf die Thür. - -Sie lachten draußen. »Wir heben noch Einen,« sagte jemand, »Ihr Cognac -ist gut.« -- Das war Kliebisch's Stimme. - -»Mir recht.« Das war mein Karl. - -»Nur um mich nicht auszuschließen,« sagte der Dritte. Das war Ungermann. - -Und herein kamen sie. Und mein Mann, meine Unschuld von Mann schwankend -zwischen Kliebisch und Ungermann. - -Ich erhob mich. »Meine Herren!« sagte ich. Weiter nichts. Aber der -Schreck. - -»Du hier, Wilhelmine?« - -»Wie Du siehst! Ich will nicht fragen, wo Du warst, ich will es nicht -wissen. Dein Zustand verräth genug. Ich danke Ihnen, meine Herren, -namentlich Ihnen, Herr Ungermann, daß Sie als künftiger Stadtvater -so väterlich für meinen Mann gesorgt Und ihn auf Ihre Studienfahrten -mitgenommen haben, während ich weg war.« - -Ungermann verfärbte sich. »Wir waren ein bischen vergnügt, zum -Schluß... weil ich morgen abreise,« stammelte er. - -»Dummes Zeug, Du bleibst,« sagte mein Karl. - -»Herr Ungermann reist,« entschied ich, »Du hörst, er will es. Und Sie, -Herr Kliebisch, Sie als mehrfacher Familienvater, helfen meinen Mann -verführen? Das hätte ich nicht erwartet. Und zu trinken giebt es nichts -mehr.« Ich nahm die Flasche und schloß sie ein. - -»Aber Mienchen, es war so schön auf der Ausstellung.« - -»Die ist längst aus.« - -»Ich habe mit Ungermann Brüderschaft getrunken und wir wollen noch -fidel sein. Komm, Mienchen, sei mit lustig.« - -»Wie könnte ich das? Ottilie liegt vermuthlich tief in der Spree, und -Frau Kliebisch ist mit dem jungen Brauns durchgegangen.« - -»Was ist das?« - -Ein Sturzbad konnte nicht eisiger wirken als meine Worte, und als ich -ihnen tropfenweise mitgetheilt hatte, was ich für sie geeignet hielt, -war ihre Antäubung so gut wie verflogen. - -»Vorläufig läßt sich nichts beginnen,« sagte ich, »die Einzige, die -etwas weiß, die Anna, ist nicht vernehmungsfähig.« - -»Der Schmerz über die Mutter,« stöhnte Kliebisch. - -»Sie muß ihn erst ausschlafen,« versetzte ich ihm. »Und nun gute Nacht, -meine Herren. Komm, Karl, Du gehst mit mir, ich habe Dir noch sehr viel -mitzutheilen.« - -»Ich schlafe doch in der Fabrik.« - -»Heute nicht, Du kannst nicht in Dein Zimmer, der Schlüssel ist -abgedreht. Komm nur.« - -Ein zerknirschteres zu Bett schleichen habe ich noch nie erlebt. Aber -in dem Taumelbecher der Freude ist der Rest Bärme. Das mögen die Herren -bedenken, wenn sie nicht nach Hause finden können. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Alt-Berlin. - - -Als ich zum ersten Male Alt-Berlin betrat, wurde mir ganz -nachtwandlerisch. Das war vor der Baumblüthe zur Bauzeit mit der -Gestattung, die werdenden Herrlichkeiten im Voraus zu besichtigen. Die -Stadt stand schon. Eine ganze Stadt mit Straßen und Plätzen, einer -Kirche, einem Rathhause, mit Festungswällen, Thürmen und Thoren, -Brücken, Gäßchen, Ecken und Winkeln, eine Stadt aus vergangener Zeit. -Berlin vor dreihundert Jahren, ebenso klein, armselig und gering. - -Photographieen von damals sind nicht vorhanden, weil sie noch kein -Collodium hatten und Zeichnungen und Gemälde wegen Mangels illustrirter -Zeitungen ebenfalls nicht, so daß die Phantasie aufbauen mußte, was -die Zeit langsam und die Menschen gewaltsam zerstörten. Aber alle -sagen sie, gerade so hätte Berlin um's Jahr 1650 ausgesehen, und wenn -Kliebisch meint, es wäre mehr ein Abguß von Kottbus und Angermünde, -muß er erst beweisen, was er sagt. -- Für mich ist es Berlin, schon -allein, weil richtige vorzeitliche Thran-Latichten an den Tauen über -den Straßen hängen. - -Als ich im Maien-Sonnenschein durch die Stadt schritt -- ganz allein --- vergaß ich völlig, wo ich war. So still die Straßen, daß ich mich -besinnen mußte, ob wirklich schon Pferdebahnen erfunden seien und ob -die Stadtbahn, auf der ich vor kaum einer halben Stunde nach Treptow -toste, nicht ein Spiel meiner Einbildung gewesen wäre. Wohin waren -die Menschen verschwunden, die hier wohnten? Ausgewandert? Verjagt? -Verstorben? - -Dies war Vergangenheit, ich konnte sie mit der Hand berühren: das alte -Gemäuer, die Balken und Pfosten und durch grüne Scheiben hineinsehen in -niedrige Stuben, und Käfterchen. Die standen alle leer. - -In solchen Räumen hatte einst Glück gewohnt und über solche Schwellen -war einst Unglück geschritten, daß aus dem fröhlichen Heute ein -trauriges Morgen wurde, bis es wieder weichen mußte in ruhelosem -Wechsel. Denn in den Häusern lebten Menschen. - -An den Schildern ließ sich erkennen, welcherlei Gewerbe getrieben -wurden. Es muß eine recht unsolide liederliche Stadt gewesen sein, das -alte Berlin, so viel Schänken, Wirthshäuser und Trinkstätten entdeckte -ich. Selbst das Rathhaus war ausschließlich auf Getränk eingerichtet. -Die Mittagssonne schien lustig auf die Weinhauskränze und in die -Biergärten, in denen jedoch Niemand saß. Es war spukhaft am hellen -Tage. Und doch so traulich und wehmüthig, wie eine vergessene Schachtel -Spielzeug aus den Kindertagen. - -Ich schritt langsam durch die Straßen: überall die gleiche -Verlassenheit. »Du träumst, Wilhelmine,« sagte ich zu mir. »Gleich -fällst Du irgendwie und wachst auf.« - -Endlich gewahrte ich einen Menschen. Es war ein junger Mann auf einer -Leiter mit Pinseln und Farbtöpfen; der malte an einem alten Dache. - -»Sie!« rief ich, »ach sind Sie doch so gut und sagen Sie mir, wo bin -ich eigentlich?« - -»In der Bolings-Gasse,« antwortete er. - -»Hab' ich nie von gehört! 'Ne neue Straße?« - -»Nee, uralt. Schon längst vom Erdboden verwischt.« Er kam herunter in -seinem langen Leinenkittel und musterte das Dach aus der Entfernung. - -»Es hat wohl durchgeregnet?« fragte ich. - -»Nee, vorläufig nicht. Wie finden Sie das Moos?« - -»Welches Moos?« - -»Na, das ich da eben hingemalt habe. Wirklich eminent echt, was? Feines -Grün? Wie?« - -»Ach so. Danke Ihnen. Nun weiß ich wieder Bescheid. Ich meinte aber -wirklich, ich wäre in vergangenen Jahrhunderten.« - -»Machen wir; blos mit Farbe. Das Uebrige ist Holz, Leinewand und Gips. -Wenn Sie's interessirt, zeig ich's Ihnen.« - -Er führte mich zu Halbfertigem, wo die Papp-Neubauten aussahen, als -wenn sie kaum den Sommer über halten würden. So wie aber Farbe darauf -sitzt, schwört man, sie hätten vom Großen Kurfürsten an gestanden. -Darüber sprach ich meine Verwunderung aus. - -»Machen wir,« sagte er. »Ich habe einen diebischen Spaß daran, Alles zu -fingern, als wäre es leibhaftig. Man lebt sich ordentlich hinein.« - -»Sie sind wirklich ein Künstler!« - -Er lächelte, aber es war ein bitteres Lächeln. »Das sagen Sie,« sprach -er, »meine Kollegen denken anders.« - -»Haben denn die das Moos gesehen?« - -»Mehr als das. Ich habe fleißig studirt, bin auf der Akademie mit -Preisen ausgezeichnet, ich habe Bilder gemalt...« - -»Und jetzt streichen Sie Häuser an?« - -»Was bleibt mir? In der Kunst-Ausstellung hat man für meine Arbeiten -keinen Platz. Da hängen sie allen möglichen Schmierkram aus Frankreich -und Belgien, Holland und wer weiß sonst noch von wo her an die Wände, -bis das Lokal vollgestopft ist und sagen zum Deutschen: Du kommst bei -internationalen Bestrebungen an den Katzentisch oder bleibst besser -ganz zurück. Ja, wenn die Ausländer blos Meisterwerke schickten, gut, -dann hat die Kunst den Oberbefehl. Aber wenn sie ihren Abhub mit -einpacken, begreift man nicht, warum unsereins verzichten muß, dem -Publikum seine Leistungen vor Augen zu führen, die es mit den Fremden -dreimal aufnehmen. Und wo ist sonst Gelegenheit, an das Urtheil des -Publikums zu appelliren als auf den großen Ausstellungen? Die Akademie -wird vom Staate erhalten, hat man sie durchgemacht und will vorwärts, -heißt es, die staatlich begünstigte Ausstellung bedauert, keine Ecke -für Dich zu haben, nicht die kleinste. Dagegen nehmen sie Schinken, die -ein verrückter Norweger sudelt, auf, weil... weil so was international -ist. Darum male ich jetzt Dachpfannen und Moos und quaste Mauern an und -verdiene damit. Ich geh' überhaupt zum Handwerk; von Kunstgenossen, -die nicht mehr können, als ich, mich bevormunden zu lassen, bin ich zu -stolz.« - -Ich sagte: »Jeder muß wissen, was er thut; und das ist wahr, an -tüchtigen Professionisten fehlt es. Wenn Sie sich gesetzt haben, -schicken Sie mir Ihre Geschäftskarte, unsere Malerarbeit bekommen Sie.« - -»Nein,« rief er, »so meine ich es nicht. Ich widme mich dem -Kunsthandwerk. Früher ersann jeder Handwerker sich seine Muster selbst. -Heute ahmen sie nach, was vorhanden ist. Ich will Neues schaffen. Und -ich kann es, habe ich doch im Geiste der alten Zeit ohne Muster jetzt -gearbeitet und meine Schaffenskraft erkannt. Im Geiste der Neuzeit -ersinne und zeichne ich weiter. Machen wir.« - -Darauf zeigte er mir Verzierungen und Geranke, Beschläge und vielerlei, -was er erfunden und gemalt. »Es lebe Alt-Berlin,« rief er, als er sah, -wie ich mich daran ergötzte, »von ihm aus geht mein Lebensweg.« - -»Vom Fischerdorf zur Kaiserstadt,« fiel ich ein, »nur Muth und -Selbstvertrauen.« - -»Und Arbeit und Gelegenheit zur Entfaltung des Könnens. Das Handwerk -ist heute freier als die Kunst, die sich in Mode und Klickenwesen -enge Zunftschranken zieht. Und verhungern, weil einige Leithämmel zur -Veränderung sich auf dürre Haide verrannt haben? Danke. Ich will leben -und verdienen. Und das machen wir.« - -»Sehr vernünftig,« sagte ich. »Gut, wenn junge Leute zur Einsicht -kommen; alten nützt sie meist nichts mehr.« - -Er erklärte mir noch manches Alterthümliche, wie das Rathhaus und die -Gerichtslaube mit dem Block und dem Halseisen. Da mußten die Verbrecher -zu ihrer eigenen Schande stehen und wurden von den anständigen Bürgern -ausgenetscht und mit faulen Eiern beworfen. Wenn Weiber sich gescholten -und gehauen hatten, hing der Büttel ihnen einen Stein um den Hals -und band sie aneinander und jede bekam einen Stock, in den vorne ein -spitzer Nagel eingeschlagen war. Damit mußten sie sich gegenseitig -prickeln, was umso besser ging, als sie blos ein Hemd anhatten. Bei -besonderen Fällen wurde Hornmusik dazu geblasen. Das muß ein Spaß zumal -für die Kinderwelt gewesen sein, die sich in ihrer Unschuld selbst an -Schrecklichem freut. Gottlob, daß solche Strafen abgeschafft worden -sind, obgleich es einige giebt, den das Prickeln nicht schadete. Wenn -zum Beispiel die Krausen und die Ungermann in damaliger Zeit gelebt -hätten, welche der andern wohl mit dem Nagel über gewesen wäre? Der -Zunge nach zu rechnen, die Krausen. Aber sehen möchte ich es doch -nicht. Lieber wäre mir ein Hochzeitstag auf der Straße. Der Maler -sagte, später würden Alt-Berliner in ihren Trachten die Stadt bevölkern. - -Nach und nach kamen Bauleute, Maurer, Zimmerer und mancherlei -Arbeiter, denn die Mittagszeit war um. Ich bedankte mich bei dem -Dachpfannen-Rafael, der weiter auf alt malte, und schritt durch das -Spandauer Thor und über die Brücke in den Ausstellungspark. - -Wie traumhaft war die Stunde in Alt-Berlin gewesen. Die bleibt der -Erinnerung. -- - -Und nun hatten wir einen Familienabend nach Alt-Berlin verabredet, -nämlich mein Karl und ich und der Amtsrichter Buchholz, der mit -Verlegung seines Urlaubs unser lieber Gast war, nachdem Ungermann's -sich verduftet und Kliebisch's sich auf ihre Klietsche zurückgezogen -hatten. - -Ungermann's Abgang war höchstes Gebot. Mein Karl kennt wohl -Kopfschmerzen aus früherer Zeit, aber solche wie am Morgen nach dem -Brüderschaftpicheln mit Ungermann hatte er in seinem Leben nicht -erlebt. Ihm saßen die Augen noch am Nachmittag schief und sein Appetit -war einzig auf Selterwasser gerichtet. Dabei Neigung zu horizontaler -Lagerung. O Karl, warst Du krank! - -Kliebisch war auch vollgesogen genug, jedoch die Unruhe wegen seiner -Gattin störte ihn verhältnißmäßig rechtzeitig auf. »Noch keine -Nachricht von meiner Frau?« fragte er bekümmert. -- »Nein,« entgegnete -ich, »und ein Glück, daß sie weg ist. Betrachten Sie blos Ihr -Spiegelbild, Herr Kliebisch, und sagen Sie, ob eine Frau Wohlgefallen -an solchem Portrait finden würde? Wo in aller Welt sind Sie gewesen?« - -»Ausstellung,« brachte er hervor. »Dressel... Alt-Berlin.« -- - -»Sonst nirgends?« -- Er seufzte leidend. -- Ich schenkte ihm Kaffee -ein. Den trank er. Brötchen interessirten ihn nicht. Dann fragte und -klagte er wieder nach seiner Frau. - -»Ich denke, Ihre Tochter wird ihre sieben Sinne allmählich so weit -beisammen haben, daß sie Auskunft geben kann,« sagte ich. »Heute Nacht -war sie übermüde. -- Die Mutter wird ihr Kind doch nicht ohne Abschied -verlassen haben?« - -»Eine Mutter, die durchgeht, nimmt keine Rücksichten. Keine!« rief er -bitter. »Berlin ist ein schrecklicher Ort, überall Verführung.« - -»Das müssen Sie selbst am besten wissen,« warf ich ihm kühl vor. -»Meinen Mann so zuzurichten. Schämen Sie sich.« - -»Oho! Buchholz war der Fidelste; nicht nach Hause zu kriegen. Wenn ein -Mann einmal seine langentbehrte Freiheit genießen kann...« - -»Was? Sie wollen meinen Mann herabsetzen, Unfrieden stiften, Eheglück -ruiniren? Glauben Sie, das mit einem Sack Kartoffeln gut machen zu -können? Doch bei mir nicht?« - -Die Anlappung verschüchterte ihn. -- »Hätte er eine Ahnung gehabt, daß -er lästig fiele, wäre er garnicht gekommen,« sagte er mucksch, »und das -Beste wäre wohl, er ginge gleich.« - -Ich entgegnete, ich allein könnte nicht ab- noch zureden, in unserem -Hause hätte mein Mann die Oberleitung, der wäre vollkommen frei in -seinem Willen, augenblicklich jedoch zu unwohl, um gefragt zu werden. - -»Gut,« sagte er, »ich gehe mit meinem Kinde.« -- Ich schwieg. - -Er hin und Anna'chen geweckt und es gehetzt, sich reisefertig -anzuziehen. Jedoch dies Packen konnte ich nicht mit ansehen, das war -purer Kuddelmuddel, weshalb ich helfend eingriff. Die Kleine war noch -schlafhaft. »Anna,« fragte ich, »hat Mama Dir nichts gesagt, als sie -ging?« -- »Nein.« »Auch Ottilie nicht?« -- »Nein.« -- »Besinne Dich -doch.« -- »Ja, einen Brief gab sie mir.« -- »Wohin hast Du den gelegt? -Auf den Tisch?« -- Das wußte sie nicht. -- »Unter's Kopfkissen?« -- -»Ich glaube.« - -Wir suchten. Kein Brief zu finden. »Hat Mama Dir wirklich nichts an -mich aufgetragen?« -- »Mama meinte, Ottilie würde Alles schreiben, ich -behielte es wohl nicht richtig.« - -»Sie kennt Dich, scheint's. Kind, einen Rath geb' ich Dir: geh' nie -allein aus die Straße, ^Du^ kommst unter'n Leichenwagen.« - -Darüber entsetzte sie sich und fing an zu flennen. Nun war nichts mehr -herauszubringen. Zum Verzagen. - -Um Elfen verabschiedete sich Ungermann sehr höflich und gemessen -mit dem Wunsche, daß die Beziehungen der beiden Häuser die -altbewährten bleiben möchten. »Ihre Kundschaft wird meinem Manne stets -schätzenswerth sein,« sagte ich, »und ich hoffe, daß Sie mit dem -zufrieden waren, was wir bieten konnten. Ungarische Gräfinnen verkehren -leider nicht bei uns, dafür sind Uhr und Kette sicher.« - -Er versuchte zu lächeln, es war aber danach. »Ich verlasse Berlin -mit den Erfahrungen, die ich zu sammeln vorgenommen,« erwiderte -er. »Man wird meine Bemühungen an rechter Stelle anerkennen, auf -Mißverständnisse rechnete ich von vornherein und wie ich sehe, sie sind -nicht ausgeblieben.« - -Nun lächelte ich. Daran erkannte er, wie ich dachte. So ein Leisetreter. - -Um Zwölfen gondelten Kliebisch und Tochter ab. Ich hielt es für meine -Pflicht, das Kind sicher in die Eisenbahn zu befördern, und fuhr bis -zum Alexanderplatz mit. Kliebisch gab die Koffer auf, während ich -die Anna an der Hand hielt, um sie nicht im letzten Augenblick zu -verlieren. Sie weinte, der jählingse Luftwechsel war ja auch so seltsam -für sie. - -Dann stiegen sie ein. »Anna,« fragte ich noch einmal, »Kind, kannst Du -Dich gar nicht besinnen, wo Du den Brief hast?« -- »Ich glaube in der -Tasche« -- »Dann her damit.« -- Sie fuhr in ihr Gewand und grabbelte. --- Kein Brief. -- »Er ist in dem anderen Kleide.« -- »In welchem?« -- -»Das ist unten im Koffer.« - -Die Lokomotive pfiff, der Zug setzte sich mitsammt den Koffern, -dem Kleide und dem Brief in Bewegung. Herr Kliebisch sah sehr -unglücklich aus, entweder wegen des beschleunigten Abschieds, oder -aus alkoholischen Gründen von gestern, oder wegen der Zukunft seiner -Aeltesten. Denn was soll aus dem Wurm werden? Schließlich heirathet -es einen Canditaten der Viehlologie mit gleichgesinnten Anlagen und -nachher wundert so was sich, wenn die Landwirthschaft einen Aufschwung -nach rückwärts nimmt. In dieser Weise sah ich wahrsagend voraus; -hingegen die letzte Vergangenheit war mir unklar, da Niemand sagte, was -sich ereignet hatte, und noch nicht offenbarte was mir blühte. Gerade -in diese Unruhe fiel der Amtsrichter. - -Der Mann war jedoch gleich so gemüthlich, daß ich Stab und Stütze -in ihm hatte. »Der Vetter hat die Bier-Influenza,« sagte er, meines -Karls Zustand verständig durchschauend, »und wenn ich Ihnen, verehrte -Cousine, ungelegen komme, nur keine Schüchternheit. Ich ziehe sofort -nach der Putsch oder wie sie heißt.« - -»Nein, die Butschen hat voll besetzt, immer solche Fremde, die das -Nachtgewand in Packpapier mitbringen. Sie bleiben bei mir.« - -Um die Weitläufigkeit der Verwandtschaft abzukürzen, betitelten wir uns -vetterschaftlich und der Amtsrichter machte von seinem Familienrechte -gleich Gebrauch, indem er meinem Karl eine bengalische Auster anrührte, -aus einem Eigelb, einem Theelöffel Salz, ebenso viel Pfeffer und -Mostrich mit einem Cognac gemildert. Er giebt sie seinen Assessoren und -Referendaren, denen das Recept immer hilft, wenn sie Montags leidend -sind. Auch meinem Karl nützte es; er schwor, nie wieder mit Ungermann -auszugehen, als er noch an dem Nachgeschmack würgte. - -Während mein Mann sich langsam auf sich selbst besann und der Herr -Vetter sich häuslich einrichtete, kam die Kliebisch angesegelt. Aber -der Aufstand, als sie Gatten und Töchterchen abgereist vorfand. Und -keine Erklärung angenommen, sondern mich verantwortlich gemacht. Zum -Glück hatten wir in der Person des Vetters ein lebendes Tribunal im -Hause, so daß die Hauptinjurien mehr innerlich gedacht als äußerlich -angebracht wurden. Justiz erfordert Vorsicht. - -Wegen Ottilie mußte der Amtsrichter eine richtige Sitzung abhalten mit -Belastung und Entlastung und Dorette als Zeugin. Als ich verlangte, -mein Mann müßte sein gestriges Alibi nachweisen, wodurch ich erfahren -hätte, wo die Drei gewesen, bemerkte der Vorsitzende: »Zeuge hat -nicht nöthig, Nachtheiliges gegen sich auszusagen.« Mein Karl athmete -erleichtert auf. Was sie wohl betrieben haben? Und mir schien, als wenn -der Amtsrichter sich das Lachen verbiß. - -Die Kliebisch kam nach und nach so weit, daß sie nicht mehr ganz -vorbei antwortete und sagte, es müsse Alles in dem Briefe stehen, den -Ottilie geschrieben hatte, während sie mit Herrn Brauns gegangen war, -Verlobungsringe zu besorgen und eine kostbare Brosche und was Ottilien -sonst noch fehlte, bei Herrn Brauns Eltern einigermaaßen nicht als -Bettelprinzessin erscheinen und was sie im Zorn redete. Sie hätte den -Anstand des Hauses gewahrt und Ottilie zu Herrn Brauns Eltern begleitet -und der Dank dafür sei die Vertreibung ihres Mannes und Kindes. Ob -ich es verantwortet hätte, Herrn Brauns und Ottilie allein reisen zu -lassen? Er wäre ja wie ein Wahnsinniger aus Liebe, da hätte sie nach -Feuer und Licht sehen müssen. - -Also Rudolph hatte sein Mädchen entführt. - -»Sehr recht,« sagte mein Karl. »Er ist nicht der Mann, lange zu -zappeln. Ich hätte es eben so gemacht.« - -»Karl, aus Dir redet die bengalische Auster. Schweige und bereue Dein -gestriges Betragen.« - -Der Amtsrichter stiftete friedlichen Vergleich und ich war froh, -endlich zu wissen, wie Haase gelaufen war. Meine Verantwortung hörte -auf, die jungen Leute hatten ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. -Schließlich dankte ich der Kliebisch noch, daß sie mit Rudolph und -Ottilie als Ehrenwache gegangen war. Die Eltern hatten die künftige -Schwiegertochter wohlwollend empfangen. Das war ein Lichtblick nach so -vieler Finsterniß. -- - -Und nun waren wir ein Trifolium, wie der Amtsrichter betonte, und zwar -ein vergnügtes. Mit ihm die Ausstellung durchpilgern, war reizend. -Erstens hatte er Verständniß und zweitens Durst immer zur rechten Zeit, -nicht wie Kliebisch, der an den Zapfstätten schwer vorbei zu bringen -war. Der Familienabend in Alt-Berlin war sein Vorschlag. Theil nahmen -außer uns Dreien noch Betti und ihr Mann und der Sanitätsrath und Frau. - -Wie anders war Alt-Berlin jetzt, als damals in der Mittagseinsamkeit. -Wie von einem Jahrmarkt überschwemmt ließen die Gassen; Verkaufstisch -an Tisch und Waaren darauf: der ganze Quark, Stück 'ne Mark. Das war -nicht gerade mittelalterlich, trotz der Maskentrachten der Mamsellen -und der Landsknechte. Und in den Häusern Kneipe an Kneipe mit und ohne -Musik, und Kostümtrompeter auf den Plätzen, daß eine heftige Art von -Lustigkeit herauskam. - -Wir versuchten in die wegen ihrer Grobheit beliebte Bauernschänke zu -dringen, konnten jedoch nicht ganz hinein, so voll war sie. »Machen Se -man, dett Se wieder raus kommen,« schrie der Wirth uns an, »Se sehen -doch, dett hier anständige Leute sitzen.« -- »Hierbleiben!« schrieen -die Gäste. -- »Rin mit der Schwiegermutter,« rief der Wirth, »die fehlt -noch in meinem Museum.« Da gröhlten sie Alle: »Wir brauchen keine -Schwiegermama -- ma.« Mit dieser Probe vollkommen befriedigt, wandten -wir uns zum Gehen und es war auch Zeit, daß wir die Thür frei machten, -da uns ein Herr nachgeworfen wurde, der wohl lange genug drinnen -gesessen hatte. Brüllendes Gelächter belohnte den handgreiflichen -Scherz. -- Ob es wohl in der großen Kurfürstenzeit ähnlich so herging? -Ich will hoffen, daß dieser Ton sich aus Alt-Berlin nicht auf Berlin -verbreitet. Das wäre eine üble Ausstellungserbschaft. - -Doch nun kam das belebende Element durch die Gassen daher, der -historische Festzug. Es waren Männer und Frauen, wie vom Theater ins -Freie verirrt, bunt angezogen, mit falschen Bärten und Perrücken -und was Helden und Knappen und Ruinenfräuleins und ihre Zofen so um -Fastnacht tragen. Bei Licht, aus Opernglasferne, vielleicht ganz -annehmbar, in der Nähe und bei Tage jedoch zu ungediegen. - -»Entweder ganz echt oder gar nicht,« meinte der Amtsrichter. -- »Oder -wenigstens komisch,« erwiderte ich. »Die Ritter z. B. mit Ofenröhren -und Theekesseln, daß man lachen könnte.« - -»Hier scheint etwas zum Lachen zu sein,« sagte er. »Gehen wir hinein in -die Singspielhalle?« - -»Ich fürchte, es ist zu rauchig drin für die Damen,« weigerte sich mein -Karl. Das fiel mir auf. Wir hinein. Ich voraus. - -[Illustration: Ritter] - -Ein großer Raum, am Ende eine Bühne. Auf der Bühne vergoldete Stühle -und auf den Stühlen ein gutes Dutzend Sängerinnen. Alle in kurzen -Kleidern, wenn man, was sie anhatten, noch ein Kleid nennen will. »Dies -ist ja ein Tingeltangel,« sagte der Sanitätsrath, »gehen wir.« -- »Den -hab' ich längst einmal sehen wollen,« entschied ich, »bleiben wir.« - -Nun sang eine nach der anderen. Immer von Liebe mit Zubehör. Stimme -meist nicht vorhanden. Dafür um so mehr Mimik. Mir wurde siedeheiß, wie -sie sich betrugen. Aber die Herren in den Vorderreihen johlten Beifall -und die Frauenzimmer lachten ihnen zu und machten Augen. Und was für -welche! Nun wußte ich, wieso Ungermann seine multerigen Bekanntschaften -in Alt-Berlin gemacht hatte, dies war sein Stammlokal gewesen und -meinen Karl hatte er auch hingelockt. Warum wollte der sonst sich -drücken? - -Unsere Herren waren verlegen, daß wir Damen einmal sahen, wie ein -Tingeltangel beschaffen ist, bis auf den Amtsrichter, der sich -amüsirte. Der durfte, der war unverheirathet. - -»Was sagst Du dazu?« fragte ich Betti. Sie antwortete nicht. Sie war -bleich und saß kerzengerade, wie früher immer, wenn sie in tiefer Seele -litt. Ihre Blicke ruhten fest auf ihrem Mann, als suchte sie auf seinem -Antlitz zu lesen. Er war ja auch einst flott gewesen, wie die jungen -Leute da vorne, die den Sängerinnen Champagner auf die Bühne reichten. -Gedachte sie vergangener Zeiten? - -»Komm,« sagte ich. Sie stand auf und nahm meinen Arm. Ohne rechts und -links zu sehen, zog sie mich auf die Gasse, durch die Menschenmenge zum -Georgenthore hinaus in die grünen Buschwege des Parkes. - -»Was hast Du, Betti?« -- Sie athmete schwer auf. »Es war ein böser -Traum,« sagte sie mühsam. »Ich will nie wieder an ihn denken. Nie -wieder nach Alt-Berlin.« - -»Kind, Alt-Berlin ist so schön.« - -»Aber die Menschen darin! Mama, wo ist mein Felix?« - -Er kam mit den Anderen. - -Unrecht hatte Betti nicht. Was die Künstler schaffen, verdirbt der -Ungeschmack. Aber es soll doch nur Geld verdient werden. - -[Illustration: Dekoration] - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Spree-Afrika. - - -Ein zu allerliebster Mann, der Amtsrichter. Wenn ich nur erst eine -Frau für ihn hätte. Ich habe freilich meinem Mann geloben müssen, nie -wieder Menschen in ihr Glück zu stürzen, aber um den Amtsrichter wäre -es ewig schade, wenn er als Junggeselle verbraucht werden sollte, und -mit zarten Blumenstengeln auf die Annehmlichkeiten einer liebevollen -Häuslichkeit hinweisen, liegt in dem Gelöbniß doch wohl nicht mit darin. - -Und ich hoffe, er bekehrt sich noch, allein schon wegen der -Gaskochmaschinen, mit denen es eine wahre Lust sein muß, einen -Hausstand zu begründen. Von der elektrischen Küche will ich gar nicht -reden: man stellt die Pfanne auf einen beliebigen Tisch, dreht die -Schraube und der Eierkuchen ist fertig. Es ist erstaunlich, wie weit -die Verfeinerung der Menschheit jetzt reicht. Vergleicht man hiermit -die Wilden, glaubt man kaum in demselben Jahrhundert mit ihnen zu leben. - -Für nur dreißig Pfennige Thoreinlaß treten wir in unsere Kolonieen, am -Karpfenteich zwischen den Gebüschen malerisch gelegen, und können eine -Vorstellung von unseren Erwerbungen in Afrika gewinnen. - -Viele sind gegen Kolonialbesitz, viele dafür. Mein Karl war bisher -der Meinung, er koste nur und brächte nichts ein. Onkel Fritz -behauptet, wir müßten ihn haben, weil in absehbarer Zeit Deutschland so -übervölkert würde, daß kein Platz mehr wäre. »Fritz,« sagte ich, »sie -nehmen das Tempelhofer Feld zu.« -- »Worauf sollen dann die Paraden -abgehalten werden?« entgegnete er. Daran hatte ich nicht gedacht. -Kolonialpolitik hat doch so ihre Eier. - -Die Hütten der auswärtigen Eingeborenen sind für das -Stralau-Rummelsburger Klima nicht geeignet, dagegen nach der -afrikanischen Bauordnung einwandsfrei. Wie die Schwarzen froh sein -werden, wenn sie sich wieder an der heimathlichen Sonne wärmen können -und ihre Kultur-Sendung in Treptow erfüllt haben, und verwilderter -zurückkehren als sie kamen. - -Für mich ist es schier unmöglich, die einzelnen Stämme auseinander -zu halten, welche die Suaheli sind und welche die Massai oder Dualla -oder Papuas oder wie sie sonst geschrieben werden, zumal wenn sie -sich mit rother Farbe geschminkt haben und wie anglühende eiserne -Oefen aussehen. Seitdem ich obendrein weiß, daß die Papuas arg nach -Menschenfleisch sind, geh' ich nicht dichte ran. Nächstenliebe mit -Einbeißen ist nicht mein Fall. - -Der Amtsrichter ist dem Kolonialischen geneigt und hat sich eingehend -damit beschäftigt, schon allein, weil mit der Zunahme der Verbrecher -doch vielleicht die Einrichtung von Strafprovinzen nothwendig wird. - -»Herr Vetter,« fragte ich, »angenommen den Fall, Sie verdammen einen -unverbesserlichen Rufti, dessen Geschäft in Messerstechen und ähnlichem -Frevel besteht, nach Papuanien und die dunklen Reichsbrüder essen ihn -auf, wäre das nicht eine verschmitzte Art Hinrichtung mit Umgehung des -Gesetzbuches und zöge Ihnen Anklage zu?« - -»Vorläufig noch nicht,« entgegnete er. »Aber es kann so kommen; dem -grünen Tisch ist Alles möglich.« - -»Warum wird er nicht anders bezogen? Wenn die alte Kulör nicht taugt, -her mit einer frischen.« - -»Das Grün frißt sich doch immer wieder durch,« sagte er. »Es ist der -Grünspan des Staates, alt und ehrwürdig.« - -»Aber giftig.« - -Er lächelte. »Ein gesunder Organismus überwindet ihn.« -- »Aber er -spuckt.« -- »Das Recht hat er.« -- »Hat er doch etwas.« -- »Was das -Volk kneift, thut dem werdenden Geheimrath nicht weh,« sagte Onkel -Fritz. - -Unter diesen Gesprächen gelangten wir zu der Festung Qui-kuru qua Siki. -Das ist ein heimtückisches Werk von außen und noch heimtückischer von -innen. Die Wälle, dick und fest aus Palissaden und Lehm, sind mit -hohen Stangen besteckt und obendrauf weißgebleichte Todtenschädel, die -grinsen: Kommt nur heran, auf diese Manier wird hier frisirt. -- Geht -man durch das enge Thor und sieht die Gräben und Gänge, wie in einem -Irrgarten, hat man nur einen Gedanken: hier wird abgemurkst! Entrinnen -ist nicht. Immer tiefer flüchtet man in die Mausefalle hinein und -findet den Ausweg nicht wieder. Und nun fangen sie an zu schießen. Bums -hier, bums da aus den kleinen Löchern in den Wänden und schleichen -hervor mit Beilen und Lanzen und massacriren die Eindringenden. Höchst -schaudervoll. - -[Illustration: Explosion] - -Obgleich diese Festung nur ein Stück Nachbildung der echten ist, -kann man begreifen, daß solche Verschanzung für die Eingeborenen -unüberwindlich war und selbst unseren Truppen nicht beim ersten -Anrennen erlag. Aber wir kriegten sie und als sie sich nicht mehr -halten konnte -- Krupp vertrug sie nicht -- da gab es einen Mordsknall. -Der Häuptling Sike, ein unangenehmer Herr, der sich unseren humanen -Sklavereiaufhebungsbestrebungen widersetzte und nebenbei Branntwein -trank, hatte sich mit seiner Familie und seinen Schätzen auf ein -Pulverfaß gesetzt und in die Luft gesprengt. Vier Tage hat die -Festung gebrannt, mit Erdöl getränkt. Der Sieg war unser und die -Kriegsentschädigung wurde in Elfenbein ausgezahlt. Aus dem Elfenbein -werden Klaviertasten gesägt und die Klaviere gehen wieder nach Afrika -zur Verbreitung der Kultur, die erst ihren Gipfelpunkt erreicht, wenn -die Töchter der Wilden ebenso auf dem Piano herumrudern können, wie -unsere. - -Doch das hat noch gute Wege, denn von erhöhter Bildungsarbeit haben -sie keinen Dunst. Ihre Hauptbeschäftigung ist herumlaatschen und sich -die Zeit mit Langweile vertreiben. Man liest ja auch, daß verschiedene -Stämme unter Tänzen und Freuden dahinleben, ohne die Sorge des Lebens -zu kennen. Und das ist wahr, viel Sorgen machen die Weiber sich nicht. -Wenn sie kochen, besteht ihre Maschine aus ungehobelten Feldsteinen und -um ihr Geschirr zu scheuern, greifen sie beliebig in den neben ihren -Füßen befindlichen Erdboden, nehmen eine Handvoll und klarren Pfannen -und Kessel damit aus. Wenn das nicht sorglos ist, weiß ich nicht, -was sonst! Vielleicht ihre Kleidung? Was die Kinder anbetrifft, die -haben blos Natur an. Sonst sind sie süß. Es muß an den Augen liegen. -Kinderaugen sind doch wohl auf der ganzen Welt dieselben. - -Es war eine Mutter vor einer Hütte. Sie saß im Grase und spielte -Pitsche-Patsche mit ihren Kleinen. Die jauchzten vor Lust und das junge -Weib strahlte vor Glück. Ihre Augen leuchteten, ihre Lippen lächelten -und die weißen Zähne schimmerten beneidenswerth. Ich glaube, die Liebe -ist auch dieselbe, so weit die Erde rund ist. - -Wir gebildeten Europäer standen an dem Gehege und sahen zu. Manche -riefen Redensarten, die sie gottlob nicht verstanden, aber mir schien, -als wenn die Frau unter ihrer Wangenschwärze erröthete, wenn den -Schnodderigkeiten wieherndes Gelächter folgte. Sie erhob sich und -blickte die Weißen an. Was sie wohl dachte? Dann nahm sie ihre Kinder -an der Hand und verzog sich in die Hütte. Und wir verzogen uns auch. - -»Die wären richtig weggegrault,« sagte Onkel Fritz. »Haben sie Dir -gefallen, Erika?« -- Seine Frau schwieg. Nach einer Weile sprach sie: -»Die Frau that mir so leid.« - -Von großem Interesse waren uns die Zauberhütte und die Götzenbilder, -weil Niemand Gewisses darüber weiß. Gerade das Geheimnißvolle reizt. -Selbst der Amtsrichter konnte keine Auskunft geben. Dagegen erklärte -er uns das Versammlungshaus der Papuas. Kein Weib darf die Baracke -betreten und vor allen Dingen nicht die große Trommel erblicken, auf -der sie das erzeugen, was als Heidenlärm bekannt ist. Solche Furcht -haben sie vor ihr, daß sie erschreckt fliehen, sobald darauf gebummert -wird. Ja, sie glauben, sie müßten sterben, wenn sie die Trommel blos -sähen. Solchen Aberglauben haben die Männer ersonnen, damit sie -ungestört ihre Feste und Schmausereien feiern können und keine Frau sie -von den Gelagen heimholt. - -»Ganz wie bei uns mit Herren-Abenden,« sagte ich. »Aber die Vergeltung -rührt sich schon. Wie denken Sie über Frauenemancipation, Herr Vetter?« - -»Ich bin für die Freiheit der Frauen,« entgegnete er höflich. - -»Siehst Du,« stieß ich Onkel Fritz an. -- »Eben deshalb heirathet er -nicht,« sagte der. - -Ich überhörte diese Unziemlichkeit, um uns nicht aufzuhalten. Denn -noch lag die Kolonial-Ausstellung vor, die als eine Darstellung von -Sansibar aufzufassen ist, in einer Mischung von afrikanischen Gebäuden -und Berliner Erfrischungshallen. Eine bedeutende Sache. »Wir müssen -festhalten, was wir haben,« sagte der Vetter, »ich freue mich, einen -Einblick in die Wichtigkeit unserer Kolonieen zu erlangen. Hätte die -Berliner Ausstellung nichts weiter gebracht, als diese Abtheilung, es -wäre genug, ihr zu danken. Aber das genaue Studium erfordert Tage.« - -Darin hat er recht. Allein schon das Tropenhaus giebt ein Bild von der -Production, dem Handel, dem Verkehr und der Lebensweise des Europäers -in unsern Schutzgebieten, vom Auswärtigen Amte hingebaut. Und sollte -man denken, die eisernen Pfeiler, auf denen es ruht, sind unten mit -ölgefüllten Becken umgeben, damit die Ameisen nicht hochkriegen und -Alles zernagen, was sie vorfinden. Und unten hat die Luft freien -Durchzug, die Fieberdünste wegzuwehen. - -Drinnen die Möbel sind zum Theil aus dem schönen Neuguineaholz, -ungeleimt, der Feuchtigkeit wegen und mit Messingschrauben -zusammengehalten; ebenso sind Schlösser und Schlüssel aus Messing wegen -des Rostens. Jegliches ist für das Klima ausgetiftelt und zwar in -Berlin. Die Gesammteinrichtung gefiel uns, besonders das Speisezimmer -mit gedecktem Tisch, worauf in Wachs geformt die köstlichen Früchte -lagen, die zur Speise dienen, und oben an der Decke die Punkah, ein -Riesenfächer, den an der Tafel Sitzenden Kühlung zuzuwehen. An den -Wänden die Gemälde schilderten die Gegenden, die Jagden und die -Schlachten mit den Feinden und was sonst sich malerisch in Oelfarbe -ausdrücken läßt, wie z. B. unsere Schutztruppe in graugerippten Sammt -und Naturlederzeug mit Gamaschen und Tropenhut; kolossal schneidig. -Auch das Schlafzimmer des Gouverneurs war besichtigungshaft. Einer -selbst war nicht drinn, wohl aber sein Bett mit Fliegenschleier, Nachts -die Mosquitos abzuwehren. Ich warf hin: »Wen das Gewissen nicht sticht, -der schlummert auch ohne Gazevorhänge. Gegen Wilde sei man milde.« - -»Du sollst in der letzten Zeit mächtig unruhig liegen,« sagte Onkel -Fritz mir leise. -- »Ich wüßte nicht, wann ich Dir etwas vorgeschlafen -hätte?« gab ich zurück. -- »Auch nicht nöthig, ich seh Dir doch an, -daß Du nicht in Deiner gewohnten Gemüthsverfassung bist. Ist Kriehberg -endlich beseitigt?« - -»Nicht eher, als bis die Papuas ihn am Spieß braten. Er wankt nicht. Er -behauptet, wir lögen ihm vor, daß Tante Lina ihr Geld fest verankert -hätte und will auf Entschädigung klagen, wegen des Aufwandes, den er -machen mußte, um standesgemäß mit Tante Lina und Ottilie aufzutreten.« - -»Laß ihn klagen.« -- - -»Fritz, Alles -- nur nicht vor die Schranken. Siehst Du, Richter -können zu reizend sein, wie der Vetter, aber hängt ihnen den Talar um -und sie sind unsicher. Paß acht, Kriehberg kriegt Recht. Er geht ans -Reichsgericht. Das spricht ihm Ottilie zu und mir die Kosten. Wie das -noch endet, weiß ich nicht. Mir steht der Verstand still.« - -»Das merke ich. Warum legst Du dem Vetter den Fall nicht vor?« - -»Der hat Ferien und will sich amüsiren.« -- - -»Wer sagt denn, daß er sich nicht darüber amüsirt?« -- - -Es kam mir eine Erleuchtung. Die Vorsehung will es, warum hat sie uns -sonst einen Amtsrichter in die Verwandtschaft gebracht? Auch sind -Ferien ohne jegliche Thätigkeit ungesund. - -Mir wurde licht und froh im Sinn, gerade so als wenn man sich in -fremder Umgebung verlaufen hat und sieht plötzlich ein Wirthshaus. Wir -eilten den Anderen nach, die die Hospital-Einrichtung des Tropenhauses -in Augenschein nahmen. - -Bei all dem Obst und den Fieberlüften, den Ameisen und Gewürmen und -Kämpfen können Krankheiten nicht ausbleiben und da ist denn der -»Deutsche Frauen-Verein für Krankenpflege in den Kolonieen«, der in -hilfreichster Weise für die Siechen in dem fernen Land sorgt, wo -nichts zu haben ist, was Leidende benöthigen. Wie es in den Kolonieen -zugeht und wie die Frauen hier nun thätig sind, das erfährt man aus -der Vereinsschrift »Unter dem Rothen Kreuz«, die ich sofort bestelle. -O, wie viel können wir da wirken für unsere Landsleute und für die -Schwarzen. Güte bindet fester als Gewalt. - -Auf dem Liebesgaben-Tische hatte Erika einen mit Kerzen geschmückten -Tannenbaum entdeckt. Er stand groß und breit zwischen den anderen -Sachen, aber er war uns nicht aufgefallen, da wir ihn für putzende -Grünigkeit hielten. Der Baum war ein künstlicher aus Gedrath und grünen -Stoffnadelzweigen, täuschend wie eine Tanne aus dem Walde. Es war ein -zweiter solcher Baum vorhanden, eng in eine Blechbüchse verpackt, nicht -größer als ein einigermaßener Regenschirm, daß er sicher verlöthet, -bis mitten in Afrika hinein versandt werden und überall um die -Weihnachtszeit fast zwei Meter hoch aufgebaut werden kann, wo Deutsche -weilen, die sich vergebens nach der Tanne sehnen, weil sie dort nicht -wächst. Und ein Fläschchen ist dabei mit Tannenduft. Der wird auf den -Baum gesprengt. Die Lichter brennen, Goldfrüchte hängen daran und -in der Spitze schwebt der Engel mit dem Stern. Dann ist Weihnacht, -deutsche Weihnacht. Die Fremden und die Wilden sehen das und fragen, -was es bedeutet? »Deutsche Sitte,« wird ihnen gesagt. »Kommt und feiert -mit uns das Fest der Liebe.« - -Wenn wir Erika nicht bei uns gehabt hätten, wir wären achtlos -vorübergegangen. Sie aber sah und fragte und uns wurde Bescheid. Onkel -Fritz schrieb sich die Verfertiger auf, sie hießen C. Nicolai Söhne -und wohnen in Hamburg. Er will überseeischen Geschäftsfreunden solche -Tannenbäume verehren. Er weiß, was er thut. - -Wir erlebten darauf im Freien den Aufzug der Afrikaleute. Es muß wohl -so sein und sie sind wohl auch derselben Meinung. Männer, Weiber, -Kinder schritten daher und machten ihre Musike, die mir klang wie -orientalische Musik überhaupt. Die ist, als wenn Teppiche geklopft -werden und Einer lernt Clarinette dazu. - -»Nun, Schwager?« fragte Onkel Fritz. »Wie gefallen Dir die -Kolonialbrüder und Schwestern?« -- »Gar nicht,« sagte mein Karl, »was -haben wir von ihnen?« - -[Illustration: Raucher] - -»Sieh doch nur genau hin, mich dünkt, die Strümpfe, die ihnen an -den Stellen herunterhängen, wo sonst die Waden sitzen, könnten aus -Deiner Fabrik stammen.« -- Mein Karl prüfte. »Es sind von meinen -halbwollenen,« sagte er, »die rothblaue Borde ist ein Versuch, der -nicht recht einschlug.« -- »Das ist eben der Segen der Kolonieen, -wie ich Dir vor Jahren bereits gesagt habe: Die Wilden sind hundert -Meilen hinter dem Leipzigerstraßengeschmack zurück.« -- »Ganz zu -verwerfen sind Kolonieen doch am Ende nicht,« erwiderte mein Mann. --- »Karl,« sagte ich und wies auf einen besonders schlampigen Neger, -»wenn alle so mit den Wollwaaren umgehen, wie der lange Lulei, kann -der Absatz riesenhaft werden. Der hat schon mindestens vierzehn Zehen -durchgestochen.« - -Seit dieser Beobachtung ist mein Karl für Afrika etwas geneigter. -- - -Von Sansibar begaben wir uns nach Kairo. Als mein Karl und ich es -zum ersten Male besuchten, genossen wir reine Wiedersehenswonnen und -ein über das andere Mal riefen wir: sind wir denn wirklich nicht im -Pharaonenlande, wo wir unvergeßliche Wochen zubrachten? So getreu -ist das Kairo an der Coepenicker Chaussee hingestellt, mit Arabern, -Beduinen, Fellachen, Eseln und Eseljungen besiedelt. Wir schwelgten -über jedes, das wir als lieb Bekanntes begrüßen konnten. Es war mein -einziger Wunsch, noch einmal hin nach Kairo, aber ich hatte ihn -aufgegeben. Und nun wurde er so dichte bei erfüllt. - -Wir trafen Leute, denen war unsere Begeisterung lachhaft. Die hatten -sich unter Kairo ganz etwas Anderes vorgestellt: Flitterprunk, ungefähr -als wenn im Opernhaus großes Galla-Ballet neu ist. Sie wußten nicht, -daß der Orient allmählich untergeht, zerbröckelt und zerfällt, und -ahnen nicht, daß die Gluthsonne des Morgenlands dazu gehört, ihn zu -vergolden. Ich sagte: »Lesen Sie, Buchholzens im Orient, da steht's -drin.« Was soll ich mir Quesen in den Mund reden, gegen vorgefaßte -irrige Meinungen? Und wenn ein arabischer Stiefelputzer -- es ist -ja Horde die Bande, aber komisch und unverwüstlich -- seine rasch -gelernten deutschen Brocken redete, was sagten sie dann? - -»Ackerstraße,« sagten sie, als wenn Berliner Schusterjungen gefärbt -wären. - -Es wird eben so viel gefälscht, daß die Leute bald an nichts Echtes -mehr glauben. - -So etwas verdrießt. Und gar zu viel Handel und Unfug treiben sie. Nicht -die Egypter, nein die wirklich aus der Ackerstraße mit einem Tarbusch -auf dem Kopfe und Pantinen im Benehmen. - -Der Vetter verstand, das Echte vom Unechten zu scheiden, und Erika war -wie in der Welt der Phantasie, die nahm das Ganze, wie es sich bot. Mit -den Beiden die Bazargassen zu durchwandern, das war ein Vergnügen. Ich -zeigte ihnen die vergitterten Haremsfenster. -- »Arme Frauen,« sagte -Erika. - -Und in der Arena, die Beduinen auf ihren arabischen Pferden, wie sie -daherstürmten und aus ihren langen Flinten schossen. Selbst Onkel -Fritz meinte: »Hier könnte Renz auf die hohe Schule gehen.« Und der -Hochzeitszug mit Kameelen und Sänften und dem farbigen Egyptervolk. Wer -das sah, kann sagen, er hat ein Stück Orient gesehen. - -Und alles das, die ganze Stadt doch nur ein Sommertagtraum. Wo jetzt -die Moscheen stehn und die krummen Straßen Kairo sich hinziehen, -grünen im nächsten Frühjahr die Kornfelder und wo der Muezzin zum Gebet -rief, singt die Lerche. Kein Edfu-Tempel, keine Pyramide mehr, dahin, -dahin. Und der Wind, der die Palmen nicht mehr findet, eilt weiter -über die märkische Ebene, wie er gewohnt ist von jeher. Dann sind die -Egypter bei den ihrigen und erzählen von Berlin Kebir, dem großen -gewaltigen Berlin, und wir erzählen uns von der Märchenstadt am Nil, -die zu Besuch war an der Spree. - -[Illustration: Schießender Araber] - -Die Pyramiden sind ein Weltwunder des Alterthums. Daß sie mit Sack und -Pack auf Reisen gehen, das ist ein Weltwunder unserer Zeit. Was unsere -Nachkommen wohl anstellen, um die Vergangenheit zu überbieten? Denn -mehr als Radschlagen kann der Mensch nicht. - - - - -[Illustration: Titel-Dekoration] - - - - -Glückliche Leute. - - -[Illustration] - -Noch einige Tage und mein Hotel steht leer. Der letzte Gast, der -Vetter Amtsrichter, muß wieder in Dienst. Daß ein so liebenswürdiger, -hochgebildeter Mann von Verbrechen leben muß! Aber andererseits, wenn -blos Edles auf Erden begangen würde, wären die gesammte Jurisprudenz -brodlos, und es sähe für reich betöchterte Familien noch flauer aus -als jetzt, wo zum Aufziehen gebildeter Weiblichkeit die Gelegenheiten -immer massenhafter, die zum Versorgen jedoch immer zählbarer werden. Da -steckt es. - -Wir sehen ihn ungern scheiden und hoffen von nun an in regerem Verkehr -zu bleiben, wenigstens einmal im Jahre, und dann auf längere Wochen. -Die Uhren ticken freilich ihren gleichen Schritt, aber die Zeit wird -eilsamer im Alter, und Wochen fliehen wie Tage und die Tage wie kurze -Stunden. Kaum hatten wir uns über das erste Grün gefreut, und nun -fielen schon gelbe Blätter hier und da. Und doch war der Sommer nicht -eigentlich heiß gewesen, ausgenommen für mich. Mir war nicht schlecht -eingekachelt worden. - -Doch das war vorbei. - -Ottilie schrieb mir reumüthige Briefe. Es war ja auch nicht 'was, -durchzubrennen, während ich mich in ihren Angelegenheiten Reisegefahren -aussetzte, aber indem sie um Verzeihung flehte und schriftlich über -sich nachzudenken gezwungen war, kam sie zu der Erkenntniß ihrer -Unvollkommenheiten, und den Gewinn schlage ich als ihre beste Mitgift -an. Auch Musjeh Urian, ihr Verlobter, gestand seitenlang seinen Frevel -ein und bat um mein ferneres Wohlwollen. Kann man ihm denn böse sein? - -Verliebte sind unzurechnungsfähig, und Rudolph mußte man lassen, daß -er verhältnißmäßig vernünftig gehandelt hatte, wenn man sich es recht -benahm. Denn wie verliebt war er trotz Ottiliens Fehlerhaftigkeiten. -Schöne Gestalt hat große Gewalt. - -Das hatte Kriehberg auch an sich erlebt, obgleich nicht so wie Rudolph, -sondern mehr mit Geldnebengedanken. - -Ich fragte den Vetter Amtsrichter: »Wenn Einer von Einer schriftliche -Indizien verwahrt und derselbe beabsichtigt, wenn diejenige demjenigen, -der dieselben besitzt, denjenigen vorzieht, welchen dieselbe später -kennen lernte, mit denselben zu schikaniren und derselbe sich nicht -entblödet in das Ja vor dem Geistlichen hineinzufahren. Darf derselbe -das?« - -Der Vetter entgegnete: »Ich habe Sie nicht ganz verstanden, verehrte -Cousine.« - -»Das wundert mich, ich gab mir doch Mühe, Amtsstil zu reden.« - -»Der ist bisweilen selbst ergrauten Actenlesern zu viereckig, als daß -sie daraus klug würden. Aber wenn Sie die Güte haben, mir den Fall in -der gewöhnlichen Umgangssprache mitzutheilen, hoffe ich, Ihnen Auskunft -geben zu können. Und wenn ich bitten darf, ohne Voreingenommenheit und -ohne Beschönigung.« - -»Zu beschönigen ist nichts, Kriehberg ist, wie er ist, ein Subject.« - -»Erlauben Sie, das scheint mir parteilich.« - -»Wo denn? Wenn ich Partei nehme, doch für Rudolphen, und von dem hab' -ich kein Sterbens-Atom erwähnt.« - -»Ahem!« sagte der Vetter. »Liebe Cousine, so kommen wir nicht weiter. -Also zunächst der genannte Kriehberg. In welchem Verhältnis stehen Sie -zu ihm?« - -»Herr Vetter, solche Fragen muß ich mir dringend verbitten. Ueberhaupt -Kriehberg! Ich kenne keinen Menschen, mit dem ich quaranzetter stände, -als mit ihm.« - -»Ich verstehe. Waren Sie von Anfang an derselben Meinung?« - -»Herr Vetter, wie jemand sich entwickelt, solchen Verlauf nimmt die -Freundschaft!« Und nun erzählte ich ihm von den Berichten und von -Kriehberg und Ottilie als Hilfs-Assistenten und von Tante Lina in -ihrer Eigenschaft als Erbvorspieglerin und von Rudolph und Ottilien, -als wirkliche Liebe, und von Kriehberg's Eifersucht und von Ottiliens -Entführung und Kriehberg's Herausforderungsgelüsten, die sich sogar bis -auf mein Lamm von Mann erstreckten. »Warum ist es nicht möglich, das -Duell mit Stumpf und Stiel auszurotten?« fragte ich. - -»Weil die Ehre, Gott sei Dank, noch lebt, die höher steht als das -Leben. Ihr Hort gegen Vergewaltigung und Heimtücke ist der Zweikampf. -Wer sich an die Ehre wagt, wisse, daß er sein Leben auf's Spiel setzt.« - -»Ganz recht, auf den Zufall! Der entscheidet.« - -»Wie im Kriege um die Ehre des Vaterlandes, der Sieg oft Werk des -Zufalls ist. Wer die Ehre nahm, mag auch das entwerthete Leben nehmen -oder das seinige lassen als Sühne. Wie es sich fügt.« - -Die Antwort hätte ich mir denken können; die Schmisse des Herrn Vetter --- sie stehen ihm nicht übel zu Gesicht -- sagen ja offenkundig, daß er -schon als Jüngling mannhaft für sich eintrat. - -Und Rudolph hat auch so einen Kratzer auf der Stirn, von der -technischen Studentenzeit und dem Farbentragen. Der geht los. Deshalb -fragte ich: »Es existiren doch Festungen. Ist keine frei für Kriehberg, -ehe er beleidigt und zwar mit lebenslänglicher Beköstigung?« - -»Nein,« sagte der Vetter, »die Freiheit eines Menschen einzuschränken -ist nicht gestattet.« - -»Aber wenn man doch weiß, daß er Unheil anrichten wird?« - -»Auch dann nicht.« - -»Warum leben wir nicht mehr in Alt-Berlin, Herr Vetter? Damals saß die -Senge loser als heute.« - -»Sie machen sich unnöthige Sorge. Wenn das Fräulein die Verlobung -rückgängig machen will, werden wir ausreichende Gründe finden. Er -vermag ihr keinen Unterhalt zu bieten, sein exaltirtes Wesen deutet -auf geistige Störung. Ist ihm irgend ein verschrobener Verwandter -nachzuweisen, liefern wir ihn den Psychiatern aus.« - -»Ist das sehr etwas Schlimmes?« - -»Bei einem Anhänger Lombroso's ist er so gut wie verloren, dem genügt -schon eine dämliche Kinderfrau zur erblichen Belastung bis ins vierte -Glied.« - -»Das ist Alles recht schön; aber wer hindert ihn, das Glück der Beiden -durch seine Unvernunft zu stören? Und da Ottilie nicht frei von Schuld -ist, welch' ein Brautstand wird das, welch' eine Ehe? Das ist meine -Behauptung. Und solche Verbrechen an Glück und Freude sind straflos?« - -Dies sah der Vetter ein. Glück muß rein sein, sonst ist es kein Glück. - -Er ließ sich Kriehberg's Adresse von mir geben, von ihm selbst zu -erfahren, ob er aus Liebe handele oder aus Eigennutz. -- »Von jedem -etwas,« sagte ich »halb sauer und halb mit Essig.« -- - -Als der Vetter wiederkam, waren wir einen Tippel klüger, aber auch -nicht mehr. Kriehberg wollte gegen eine Abstandssumme zurücktreten und -Ottiliens Briefe herabrücken. - -Es waren man blos 5000 Mark, mehr nicht. Und die sollte ich berappen. -Wer sonst? - -Ottilie verfügte nicht über so viel. Und Rudolph konnte doch unmöglich -seine Braut kaufen? Blieb ich allein vor dem Rest sitzen. - -Oder Tante Lina. - -Aber die konnte ja nicht an das Ihrige heran. - -Machte ich mir wirklich ungelegte Eier, wie der Vetter meinte: »Genau -genommen, geht Sie die ganze Angelegenheit gar nichts an.« - -Wie oft hatte ich mir das einzureden versucht, und Onkel Fritz sagte -es auch. Es half jedoch nicht. Mir war Ottiliens und Rudolphs Zukunft -zur Herzensfreude geworden. Daran lag es, daß ich Unheil von ihnen zu -wenden suchte, was jedoch erschwert wurde durch Ottiliens Rückkehr. - -Rudolphs Eltern wollte sie zu mir bringen, meinen Karl und mich kennen -zu lernen, und die Verlobung sollte gefeiert werden. - -Und wenn wir rufen: »Hoch lebe das Brautpaar!« und Kriehberg stürzt -herein und vollführt Aufruhr? Oder schießt gar? Und keiner mag an -die Stunde zurückdenken, die sonst wie eine Sonne aus der Erinnerung -in's Leben hineinstrahlt, wenn trübe Tage kommen. Weder Rudolph noch -Ottilie. Und können sie auch nicht vergessen. - -Ich setzte mich hin und weinte. - -Dorette meldete Besuch. - -»Ich kann Niemanden empfangen, ich habe Migräne.« - -»Det paßt jrade. Der Herr is ooch wat Feines.« - -»Mein Mann ist im Kontor.« - -»Nee, er will bei Madame,« sagte Dorette und hielt mir die Karte hin. - -Dorette hatte die Thür halb aufgelassen. »Verzeihen Sie, wenn ich -ungelegen komme, aber meine Zeit ist gemessen.« - -»Ich blickte hin, der Herr war mir fremd... und doch bekannt. Wo hatte -ich ihn gesehen? Richtig, auf der Ausstellung. Er war es, Johannes -Viedt.« - -»Sie kommen von Tante Lina?« fragte ich, ohne die -Vorstellungsförmlichkeiten zu erledigen. - -»Ich bringe Grüße von ihr. Und um kurz zu sein, sie hat mich gebeten, -einem jungen Manne in seinem Fortkommen drüben behilflich zu sein, -einem Architekten...« - -»Ja, ja,« unterbrach ich ihn. »Kriehberg heißt er, eine -außerordentliche Kraft...« - -»Freut mich zu hören. Für einen tüchtigen Baumeister ist bei uns ein -lohnendes Feld. Ich selbst habe große Unternehmungen vor in St. Louis. -Sein Weg ist gemacht, wenn er sein Fach versteht.« - -»Besser als die anderen, er baut Ihnen Alles.« - -»Sonderbar, und doch kämpft er mit Schwierigkeiten?« - -»Wo soll er hier seine Kräfte entfalten? Aber drüben in dem freien -Lande wird er Bedeutendes leisten.« - -»Freut mich. Die Dame nimmt innigsten Antheil an ihm... wie eine -Mutter.« - -»Das fiel mir nie auf. Aber wer weiß?« - -Er schwieg. - -»Sie spricht nicht über ihre Vergangenheit,« fing ich an. »Und doch -spürt man aus Allem, daß sie ein verlorenes Leben betrauert. Deshalb -ist sie mitunter so verbittert, und wiederum weich zu anderer Zeit. Ist -es ihr Wunsch, dem jungen Mann fortzuhelfen... ich würde ihn erfüllen, -wenn es an mir läge... so bald wie möglich... vielleicht ist es die -einzige Freude, die sie noch hat. Sie glauben nicht, wie ich ihr dies -nachfühle.« - -»Das macht Ihrem Herzen Ehre,« sagte Herr Johannes Viedt. - -»O, bitte.« -- Wie er sich wohl meine Erröthung deutete? - -»Wo ist der junge Mann? Von Ihnen würde ich Auskunft erhalten...« - -»Sagte Tante Lina? Ja, das habe ich ihr versprochen. Ich werde Ihnen -Herrn Kriehberg senden.« - -»Kaiserhof, Zimmer fünfundvierzig.« - -»Soll geschehen.« - -»Ich danke Ihnen.« - -Er ging. Ich mit fliegender Hast auf und davon nach Kriehberg. -Glücklicherweise traf ich ihn, wenn auch nicht in rosenfarbner Laune. -Er sollte Miethe abladen und es fehlten ihm die Groschen. - -»So weit sind Sie herunter und doch noch zu Pferde?« rüffelte ich ihn -an. »Noch immer keine Einsicht? Und nun schleunigst mit Ihnen nach -dem Kaiserhof, da ist einer von den amerikanischen Naböbbern, Sie -mitzunehmen zum Cementanrühren und was Sie sonst vom Bau los haben. -Aber so können Sie nicht antreten....« - -»Ich kann doch meine Pfandscheine nicht anziehen?« - -»Nee,« sagte ich, »aber wir können sie einlösen.« - -»Würden Sie das?« - -»Gewiß, aber erst her mit Ottiliens Briefen.« - -»Sie legen mir eine Falle!« - -»Junger Mann, die Vorsehung reicht Ihnen die Hand. Hier das -erbärmlichste Elend -- dort eine Zukunft, um die Sie Hunderte beneiden. -Und sie zögern auch nur eine Minute? Ich zähle bis drei. -- Mit drei -ist unwiderruflicher Schluß. Also: Eins!« - -Er rührte sich nicht. Ich ging einen Schritt auf die Thür zu. - -»Zwei! -- Freie Ueberfahrt nach den Goldbergen. Sogleich in -Thätigkeit!« -- Ich faßte den Thürgriff. - -»Zwei ein halb. Adje Herr Kriehberg. Eins und zwei und...« - -»Halt!« - -»Na, sehen Sie!« - -Er holte die Briefe hervor und die Versatzamts-Dokumente. Auch die -Miethe wurde erledigt. - -Und was sagte er, als ich ihm noch Taschengeld ließ aus der Wechselei -mit seinen Hausleuten? - -»Sie schreiben mir es wohl auf meine Arbeiten gut« -- Ob das -Bramsigkeit war den Leuten gegenüber oder Unverfrorenheit, daß er sich -solche Worte herausnahm, soll unentschieden bleiben, ich ließ ihn ohne -Antwort stehen. Mit dem war ich fertig. - -[Illustration: Briefe] - -»Aber er war noch lange nicht über das Wasser. Wenn Herr Viedt ihn -nicht mitnahm?« - -Ich hatte wenigstens die Briefe, damit konnte er nichts mehr anstiften. - -Ich las sie zu Hause durch. Unverantwortlich überschwänglich mit -himmlisch und entzückend, mit Liebe und Daseinswonne und Seligkeiten -und doch kein Satz aus dem Herzen, sondern aus Büchern, ebenso wie -ihre Wissenschaften eine bloße Behaltssache mit dem Kopfe; nichts -Innerliches. Solchen Brast hatte ich oft genug gelesen; wahrscheinlich -in denselben Romanen, woraus Ottilie sich mit Liebesweisheit -belernte. Nein, geliebt hat sie Kriehberg nie. Es war die reine -Gymnasialpoussade, nicht mehr und nicht dauerhafter, ohne einen Fleck -zu hinterlassen, obgleich man nie vorsichtig genug sein kann! Umgang -färbt ab. - -Und doch der Schreck, als Kriehberg am Spätnachmittage erschien... -Natürlich Herrn Viedt vor den Kopf gestoßen und der Tanz beginnt von -Neuem, war meine feste Ueberzeugung. - -Aber gottlob nein. Der Himmel hatte ein Einsehen gehabt mit meinen -Leiden. Er war angenommen, am folgenden Tage ging es nach Hamburg und -von da in die neue Welt, neuem Leben entgegen. Nun wollte er mir danken. - -»Herr Kriehberg,« sagte ich, »daß Sie glauben, mir Dank schuldig zu -sein, nehme ich als ein Zeichen Ihrer Reue an, im Uebrigen will ich -Ihren Dank nicht. Was ich für Sie ausgelegt habe, steht zu Buch. Sie -werden mir es wiedererstatten, wenn Sie in Dollars wühlen. Wir haben -blos geschäftlich miteinander zu thun. In meiner Zuneigung haben Sie -weder Sitz noch Stimme.« - -»Wenn Sie wüßten, wie die Gesellschaft mich behandelt hat, diese -selbstsüchtige, verlogene Brut, die mir feindlich gesonnen ist von -jeher, die mich nie verstanden hat...« - -»Ach was, Gesellschaft! An Ihnen liegt es, daß Sie überall gegen -rennen. Sie wollen mehr für Ihr Bischen Können haben, als es werth -ist, das ist Ihr Zorn. Verstehen Sie die Welt, dann werden Sie wieder -verstanden werden.« - -Das mochte er nicht hören, er empfahl sich mit einer kurzen Verbeugung -und verschwand. -- - -Ich athmete auf, die Luft war rein. Aber ganz frei fühlte ich mich -erst, nachdem ich dem Vetter die Unterhaltung mit Kriehberg erzählt -hatte. »Wenn jetzt nichts aus ihm wird, trifft mich keine Schuld,« -schloß ich, »an ihm ist gethan, was gethan werden konnte.« - -Der Vetter lächelte. »Keine mächtigere Gunst als Frauengunst,« sagte -er. »Nach meinem Urtheil ist Kriehberg ein Mensch, der immer wieder -angebracht werden muß, da er selbst sich meistens unmöglich macht. So -einer ist auf Protection angewiesen und findet sie auch, so bald es ihm -gelingt, mit doppeltem Boden als vielversprechendes Talent zu imponiren -und als verkanntes Genie Mitleid zu erwecken. Und hat er einmal die -Gönnerschaft eines weiblichen Herzens gewonnen, bleibt sie ihm und -hilft ihm vorwärts, auch wenn er sie nicht mehr verdient!« - -»Sehr richtig, Herr Vetter, als wenn ich Tante Lina leibhaftig vor mir -sähe; meine Gunst dagegen hatte Kriehberg längst verscherzt. Aber sagen -Sie selbst, hätten Sie es über sich gebracht, ihn in seiner Laufbahn zu -behindern? Schließlich dauert er Einen doch und er kann sich ja auch -ändern.« - -»Vielleicht findet er eine liebende Gattin, die ihn erzieht.« - -»Für seine Zukünftige wäre das Beste, er bliebe unverheirathet. Oder -auch er kriegte seinen Lohn durch sie. Die Vorsehung wird schon wissen, -wie sie's anfängt« -- - -Mein Karl mußte noch einmal in seine Fabrikwohnung ziehen, da ich -Ottilie bei mir hatte. - -Es war ein wunderliches Wiedersehen, als sie kam und nicht wußte, ob -es Schelte gäbe oder gute Worte und er dabei war, ihr Bräutigam. In -seiner Gegenwart mich einer Kanzelrede für fähig zu halten, traute sie -mir nicht wohl zu, aber wäre inhaltlose Höflichkeit nicht eben so hart -gewesen, wie ein Ausputzer mit Amen und Sela? Genug, sie fürchtete, ob -ich doch nicht... - -Nein. Als sie zögernd dastand und ihre Blicke schüchtern baten, -breitete ich die Arme aus und sie umhalste mich schluchzend und bebend. - -»Kind, Kind, es ist Alles gut,« sagte ich und flüsterte ganz leise: -»Alles, Alles.« - -Sie mußte verstanden haben, was ich meinte. Nun ließ sie mich erst -recht nicht los. - -»Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben,« wandte ich mich an Rudolph. -»Sie sind mir der Rechte. Sie versprechen mir, keine Thorheiten zu -begehen -- ja, das haben Sie -- und kaum bin ich aus der Sehatmosphäre, -entführen Sie Ottilie.« - -»Das war doch keine Thorheit.« - -Als er das sagte, lachte er über das ganze Gesicht. Und ich... ich -lachte mit. -- - -Herrn Braun's Eltern waren im Hôtel de Rome abgestiegen, mein -Pfuschhôtel konnte ich ihnen nicht gut anbieten; sie sind es vornehm -gewohnt, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, sie einmal in richtiger -Berliner Manier bei uns zu sehen, mit warmem Abendbrot, einfach und -gediegen und dafür lieber etwas reichlich. Die Leute sind wirklich -nette Leute. Obgleich so reich, mußte ihr Sohn von der Pike auf dienen, -arbeiten und schlossern und schmieden und zeichnen und rechnen, als -hätte er nichts zu erwarten. Und deshalb hatte er auch die Freiheit -nach seinem Herzen zu wählen. Er konnte etwas und stand auf eigenen -Füßen. - -[Illustration: Bären] - -Und dabei die Ungermann, des älteren Herrn Brauns' Schwester. -Familienäpfel fallen doch manchmal sehr weit vom Stamm. Oder aber -Ungermann hat sie schädlich angewöhnt. Der ist nach keiner Richtung -empfehlenswerth. Denn anstatt von meinem Karl einen größeren Posten zu -kaufen, hat er eine Lappalie bestellt und unserem Konkurrenten alle -verregnete Waare billig abgenommen und sonst noch viel dazu. So etwas -gehört sich nicht. -- - -Braun's besuchten die Ausstellung nicht des Vergnügens wegen, -sondern in wichtigster Absicht. Es galt, dem Sohn ein eigenes Heim -einzurichten, und wo konnte das Zubehör besser ergründet und beschafft -werden, als da, wo das Beste und Schönste nahe bei einander war? - -Das höchste Ziel des heutigen Menschen ist eine eigene Villa. Ottilie -hatte es erreicht. Die Pläne waren bereits entworfen, die Ausstattung -stand fertig in den Hallen der Ausstellung. Wir brauchten blos -aussuchen. Brauns _senior_ bezahlte. - -Wie ganz anders doch die einzelnen Gegenstände erscheinen, wenn sie -erworben werden sollen und nicht als gewerbliche Anstauungsleistungen -ermüden. Und Möbel haben wir gewählt: propper! Die Villa wird kostbar. --- - -Auch die Hochzeitsreise ist bereits geographisch abgesteckt, mit Madrid -als Endpunkt. Nun kommt Ottilie dahin, und kann die spanische Residenz -mit ihrer Examensarbeit vergleichen. Rudolph sucht eben jeden ihrer -Wünsche zu erfüllen, selbst den weitesten. Wenn sie nur nicht verwöhnt -wird. Aber Mama Brauns ist eine kluge Frau. Und Ottilie ordnet sich ihr -unter aus freien Stücken. Sie hat ja eine Mutter in ihr wieder. - -Als ich mit Ottilie allein war, am ersten Abend nach ihrer Rückkehr -sagte ich: »Reich mir mal die Schweden und mach die Ofenthür auf.« - -Nachdem sie dies gethan, hielt ich ihr ein Päckchen Papiere hin und -fragte: »Kennst Du diese?« - -»Meine Briefe!« rief sie verlegen. - -»Deine Jugend-Dummheit. Von ihr soll nichts bleiben, als Staub und -Asche. Weg und aus!« - -Wie der Ofen voller Flammen prasselte, sagte ich: »Schade, daß wir -Deine Wissenschaften nicht mit eins verbrennen können, oder ergiebst Du -Dich ihnen auch noch ferner?« - -»Nein, nein!« erwiderte sie rasch. - -»Du hast noch manches nachzuholen, wobei Dir die Wissenschaft im -Wege ist. Du mußt Hausstand studiren und Nahrungsmittel lernen und -Dienstmädchen regieren und...« - -»Meinen Rudolph glücklich machen.« - -»Kind, das ist das einfachste von der Welt: Liebe ihn mehr als Dich.« - -Sie faltete unwillkürlich die Hände und senkte schweigend das Haupt. -Ich küßte sie. - -Wenn ein Engel durch das Gemach flog, weiß ich wohin er ging mit dem -stillen Gebet um Liebe. -- - -Die Verlobungsfeier fand in dem runden Thurmgemach im Hauptrestaurant -statt. Auf der Ausstellung hatten die jungen Leute sich gefunden, -dort wollte Rudolph uns alle an seinem Bräutigamsglück theilnehmen -lassen. Wir kamen auch sämmtlich -- Sanitätsraths hatten eigens nur -dürftig zu Mittag gegessen -- und Butsch und Frau hatte er gebeten, -war sie doch sein Compagnon. Daß heißt Antheil wollte er nicht, das war -Scherz gewesen, dagegen die Barometer-Idee der Butschen hatte er beim -Patentamt gehißt. Zweitausend und hundertundfünfzig Mark hatte sie nach -Abzug der Musterschutz-Auslagen bekommen und für später waren Procente -in Aussicht. - -Sie, die Butschen, strahlte, als ich ihr zu dem Erfolge gratulirte. -»Wer hätte das für möglich gedacht?« sagte sie, »aber es ist so. Butsch -will, daß ich noch ein Mädchen halte und blos noch sitze und erfinde.« - -»Haben Sie denn schon wieder etwas?« - -»Ach nee und wenn ich noch so blödsinnig nachdenke. Und Butsch thut es -auch nicht gut. Der wird schon en ganzer Simulante.« - -»Wie so?« - -»Na ja, er simulirt in eins weg Barometer. Aber er bringt sie nicht zum -Hacken.« - -»Daß er nur sein Geschäft nicht darüber versäumt. Am Vorbei-Erfinden -ist schon mancher zu Grunde gegangen.« - -»Ach nee, da paßt er auf. Seine Weiße ist die Beste überall in der -Gegend. Es kommt auch kein Tropfen Wasser mehr mang, als muß. Er will -nicht an Ausstellungsfremden verdienen, wie viele thun. Butsch weiß, -was er der Ehre Berlins schuldig ist.« - -»Ja, ja,« sagte ich. »Es hat so jeder seine Ehre.« - -»Wie meinen Sie das?« - -»Liebe Butschen, so ausgezeichnet Sie auch im Erfinden sind, die -Fragen der socialen Gesellschaft zu lösen muthe ich Ihnen nicht zu und -wenn Sie noch drei Mädchen nähmen. Auch ist hier nicht der Ort für -dergleichen. Kommen Sie, es geht zu Tisch. Wir werden vergnügt sein, so -recht von Herzen vergnügt.« - -»Buchholzen! Sie treffen doch immer die Gefühle Anderer mitten auf den -Kopf. Wenn Eine vor Lust krieschen möchte, bin ich es. Blos ich habe -Bange, daß Butsch zu viel kriegt. Dann singt er. Passen Sie auf, er -singt.« - -Wir aßen und tranken und waren froh. Es war zu hübsch. Und so schön -auch Gemach und Tafel waren, mit Blumen und kostbarem Gedeck, das -schönste war doch das Brautpaar. Und wir Alle freuten uns an ihrem -Glück. - -Als es dunkelte, begann draußen die Illumination. Wir traten an -die Fenster und blickten auf den lichtumrankten See, auf den -Flammen-Springbrunnen und das Hauptgebäude, das wie ein Riesenschloß in -feurigen Umrissen gegen den Nachthimmel stand. Und die Töne der Musik -drangen herauf in jubelnden Weisen. - -»Ein Fest der Arbeit ist die Ausstellung,« sagte der alte Herr Brauns. -»Möge allzeit Segen ruhen auf redlicher Arbeit, sie ist die Kraft des -Vaterlandes.« - -Rudolph winkte. Die Lohndiener brachten frisch gefüllte Gläser mit -Dressel's bestem Rheinwein. - -»Der Deutschen Arbeit in Deutschem Wein!« rief er, »Ihr gilt dieses -Glas.« Und dann noch eins: - -»Auf das, was wir lieben!« - -Und Herr Butsch stimmte an: - -»Hoch soll'n sie leben. Dreimal hoch!« - -[Illustration: Zum Wohl!] - - -Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a/S. - - - - -Notizen des Bearbeiters: - - Gesperrter Text wird markiert durch ^...^ - - Antiqua-Text wird markiert durch _..._ - - Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten. - - Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend - geändert. - - Bildbechreibungen wurden vom Bearbeiter eingefügt. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Hôtel Buchholz, by Julius Stinde - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HÔTEL BUCHHOLZ *** - -***** This file should be named 53359-8.txt or 53359-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/3/5/53359/ - -Produced by Matthias Grammel and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was -produced from scanned images of public domain material -from the Google Books project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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