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-The Project Gutenberg EBook of Hôtel Buchholz, by Julius Stinde
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Hôtel Buchholz
- Ausstellungs-Erlebnisse der Frau Wilhelmine Buchholz
-
-Author: Julius Stinde
-
-Release Date: October 24, 2016 [EBook #53359]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HÔTEL BUCHHOLZ ***
-
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-
-Produced by Matthias Grammel and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
-produced from scanned images of public domain material
-from the Google Books project.)
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- Hôtel Buchholz.
-
- Ausstellungs-Erlebnisse
- der
- Frau Wilhelmine Buchholz.
-
- Herausgegeben
-
- von
-
- Julius Stinde.
-
- Berlin, 1897.
- ^Verlag von Freund & Jeckel.^
- (Carl Freund.)
-
-
-
-
-Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.
-
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-
-
-Herrn August Scherl
-
-zugeeignet.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Große Erwartungen 1
-
- Sommeraussichten 9
-
- Angriffspläne 18
-
- Ein Damen-Ausflug 25
-
- Der Hausbesuch regt sich 35
-
- Ein Blick über das Ganze 46
-
- Das erste Lichtfest 54
-
- Bei den Maschinen 63
-
- Ueber Architektur und einiges Andere 72
-
- Ein freier Tag 82
-
- Kindervergnügen 92
-
- Verwickelungen 102
-
- Meine Einquartierung 110
-
- Täuschungen 119
-
- Eingeregnet 130
-
- Nebenbuhlerei 139
-
- In den Kunstalpen 148
-
- Auswärtige und innere Angelegenheiten 157
-
- Provinz-Erlebnisse 165
-
- Es kommt zum Klappen 176
-
- Alt-Berlin 188
-
- Spree-Afrika 200
-
- Glückliche Leute 210
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Große Erwartungen.
-
-
-[Illustration: Berliner Bär]
-
-Ich ging lange mit mir zu Rath. Sollte ich oder sollte ich nicht?
-Aber es war zu verlockend, der Antrag, für die offiziellen
-Ausstellungsnachrichten auf mittlere Familien berechnete Berichte aus
-meiner Feder abzulassen über das große Unternehmen im Osten Berlins,
-die Gewerbeausstellung. Endlich, um sicher zu gehen, überlegte ich dies
-Anerbieten mit meinem Mann, der ging auch nun längere Weile mit sich zu
-Rath und sagte:
-
-»Wilhelmine, ich fürchte, die Arbeit wird zu anstrengend für Dich, Du
-mußt doch Studien machen, und wenn's regnet...«
-
-»Dann gehe ich in die Baulichkeiten. Karl, es ist ja eine ganze
-Stadt im Treptower Park entstanden, so daß die Ausstellung in
-Inneres und Aeußeres, sowie in Altes, Neuestes und Fremdländisches
-zerfällt. Und daran hängend der Vergnügungstheil und zwischendurch
-Erfrischungsanstalten. Wo ist da Arbeit?«
-
-»Das Betrachten und genaue Ansehen greift an.«
-
-»In einem weg besehen, darin gebe ich Dir Beifall. -- Aber es ist
-von einer wissenschaftlichen Commission genau abgezirkelt, wohin
-immer Getränkunternehmen zu legen waren, den Nerven Beruhigungspunkte
-zu bieten, und die sind auf den Zentimeter genau von beeidigten
-Landmessern ausgerechnet.«
-
-»Wer hat Dir das erzählt, Wilhelmine?«
-
-»Karl, nichts beleidigt mehr als unangebrachter Unglaube. Wenn die
-Krausen Dir etwas beschwört, ist es allerdings Deine Pflicht, mit dem
-Gegentheil zu dividiren, und was dann herauskommt, damit sei auch noch
-vorsichtig, es weiter zu verbreiten. Uebrigens brauchst Du ja nur
-hinauszugehen und nachzumessen.«
-
-»Wilhelmine, ich bitte Dich, schreibe nicht,« bat mein Karl mit
-Nachdruck. »Wenn Du treuherzig bringst, was Hinz und Kunz Dir
-aufbinden, fällst Du mit Glanz hinein.«
-
-»Karl,« entgegnete ich, »Du redest wie das blinde Huhn von Anilin. Herr
-Kriehberg ist nicht Hinz und Kunz.«
-
-»Was ist das für 'n Fremdling?«
-
-»Er ist ein höchst talentbegabter Architekt, dessen Bekanntschaft ich
-auf dem Ausstellungsgelände machte, als ich mir das Ganze vorläufig
-darauf ansah, ob es sich zum Ausschlachten für mich eignete. Gerade
-so wie draußen in Treptow denke ich mir die Schöpfung beim Beginn:
-noch keine Wege, keine Schutzleute zu fragen, wo's lang geht, kein
-gedruckter Führer, Alles wüst durcheinander, so zu sagen: erst in der
-sich gestaltenden Idee.«
-
-»Hübscher Ausdruck, sich gestaltende Idee,« sagte mein Karl mit
-verdächtiger Anerkennung. »Hast Du den aus Dir selbst?«
-
-»Nein, von Herrn Kriehberg. Der war nämlich so liebenswürdig, als ich
-mich verlaufen hatte, sich meiner anzunehmen und mir nützliche Winke
-zu geben, weil man sich mit dem bloßen Augenmaße zurechtfinden mußte
-und dabei immer in die entgegengesetzten Anlagen gerieth. Er wußte von
-Allem Bescheid, was er als geaichter Architekt ja auch muß, und später,
-wenn ich über die Baulichkeiten schreibe, hat er mir versprochen, das
-Technische von den Stilarten zu liefern.«
-
-»Das kann ja recht heiter werden.«
-
-»Karl, er ist ein hochbedeutender junger Mann. Wenn es nach ihm
-gegangen wäre, hätte die Ausstellung eine ganz andere Physiognomie
-gewonnen, mehr an das zwanzigste Jahrhundert tippend. Aber sie hörten
-nicht auf ihn und deshalb hat Manches nicht seine unbedingte Billigung.
-Es ist ihm schon oft so ergangen. Weißt Du, es giebt Menschen, die
-ausgezeichnete Pläne entwerfen und hoch erfinderisch sind, bei der
-Konkurrenz nachher aber haben sie jedesmal die falsche Katze beim
-Schwanz.«
-
-»Hm. Und was stellt er jetzt vor?«
-
-»Er ist Inspectorist.«
-
-»Was inspectorirt er denn?«
-
-»So beim Kalchlöschen und was sonst beim Bauen verknippert ist. Ohne
-ihn würde das Meiste falsch ausfallen oder doch sehr aus dem Loth.«
-
-»Auch nicht bitter. Wilhelmine, wenn Du besser nicht schriebest...«
-
-Ich warf meinem Karl einen Blick zu von der Sorte, bei der man auf
-Nachbestellung verzichtet.
-
-»... ich meine nicht über Architektur.«
-
-»Die gehört wesentlich dazu. Und sieh', Karl, selbst, wenn ich wollte
--- ich kann nicht mehr zurück. Ich habe schon drei Toiletten für die
-Ausstellung in die Mache gegeben, die ich Dir nicht zuwälze. Nein, mein
-Karl, die schreibe ich mir zusammen, namentlich die eine mattstrohgelbe
-mit geklöppeltem Fichu, traumhaft gediegen, der Hut mit gelblichem
-Kräuselwerk und weiße Handschuhe mit schwarzen Raupen. Du sollst sehen,
-es wird verblüffend.«
-
-Er war besiegt, der gute Karl, besiegt durch die unumstößliche Gewalt
-der Thatsachen, ohne Widerspruch und Ränke, wie so viele Frauen
-anwenden, um ihren Willen durchzusetzen. Meine Seele war sauber wie ein
-Dutzend unangebrochener Taschentücher direct aus dem Laden.
-
-Gebäude sind allerdings nicht leicht zu knacken, jedoch mit Kriehberg
-überwinde ich sie. Er hat allerdings über Vieles ein geradezu
-vernichtendes Urtheil und merkwürdiger Weise meistens über das, was
-mir so gut gefällt, wogegen er furchtbar lobt, was meine Anschauung
-unberührt läßt. Aber ich nehme wie aus zwei Kochrezepten von uns beiden
-das Beste. Männer allein sind stets einseitig.
-
-Mit Onkel Fritz hatte ich leichten Kampf.
-
-»Schreib, Minchen,« sagte er. -- Darauf sollte ich »Nein« antworten,
-aber ich that ihm den Gefallen nicht. Haben wir Frauen erst mal
-Prinzipien, sind wir auch nicht wieder herunter zu bringen, und mein
-Prinzip lautet: Widerspruch giebts nicht mehr. Das heißt nur, wenn er
-nöthig ist. Dann aber feste!
-
-Nun hat Onkel Fritz es an sich, seine Nebenmenschen mit
-Spitzfindigkeiten so lange zu triezen, bis er Recht kriegt, immer mit
-Vergnügtheit, aber mit Absicht. Um dies Spielwerk von vorne herein aus
-dem Gang zu bringen, sagte ich: »Ihr habt ja ausgestellt, Du und mein
-Karl, und ich -- ich schreibe. Aber was ich von Euren Gegenständen in
-die Blätter setze, hängt von Eurem Betragen gegen mich ab.«
-
-»Das ist Erpressung,« rief Onkel Fritz.
-
-»Nothwehr!« entgegnete ich. »Du kannst mir dreist Zucker versprechen,
-ehe meine Entschlüsse wanken. Schlecht machen werde ich Euch nicht...«
-
-»Das könnte Dir eklig in die Blusen regnen,« warf Onkel Fritz ein,
-jedoch nicht mit gewohnter Sicherheit. Er wurde schon klein.
-
-»Weiß ich,« fuhr ich unbeirrt fort. »Wer sich Geschäftsschädigung
-zu Schulden kommen läßt, kann mit mehr oder weniger Erfolg in
-Anklagezustand erhoben werden. Aber was viel schlimmer ist und wogegen
-keine Abhilfe möglich: ich kann Euch todtschweigen.«
-
-»Hu,« rief Onkel Fritz, aber es war ein ziemlich benautes Hu, ohne
-jegliche komische Wirkung. Er fühlte, daß die Druckerschwärze mir
-Gewalt über ihn gab. Kein Zeugnißzwang vermag auch nur eine einzige
-anerkennende Zeile aus mir herauszupressen oder selbst nur den bloßen
-Namen. Und das weiß sowohl Fritz wie mein Mann. Und genannt wollen
-sie sein. Es ist freilich viel Einbildung dabei, denn was nützt
-das Genanntwerden, wenn das Publikum kurz von Gedächtniß ist, aber
-ich ließ sie dabei. Es puckerte ordentlich in mir, wie ich so das
-Herrschergefühl verspürte und Onkel Fritz an der Strippe hatte.
-
-Natürlich werde ich mich nie zu solcher Gewaltthätigkeit entschließen.
-Eine wie die Maria Stuart'sche Elisabeth unterhaut Todesurtheile in der
-eigenen Familie; in unserem Jahrhundert grassirt dagegen die Humanität.
-Nein, ich werde meines Karls Sachen gehörig herausstreichen und ebenso
-Onkel Fritzens, wenn auch erst gegen Schluß der Ausstellung, damit sie
-nicht zu früh wieder üppig werden. Drohen kostet nichts. Allerdings
-hält es auch nicht vor.
-
-Mein Schwiegersohn, der Sanitätsrath, ist Feuer und Flamme für die
-Ausstellung, soweit er brennbar ist. Er spitzt unbändig auf die
-elektrischen Verkehrsverbindemittel zwischen Berlin und Treptow,
-wohin er jedes Jahr einmal mit seinen medicinischen Vereinsbrüdern
-zum Krebsbundes-Essen reist: auf dem Schiff hin und in einem eigens
-bestellten Nachtkremser zurück. Sie sind immer in vorwurfsfreiem
-Zustande wieder in Berlin abgeliefert, weil der Weg so lang ist,
-daß sie sich ausheitern, bevor sie versuchen, ob die Hausschlüssel
-passen. Ob die raschere elektrische Beförderung mehr von ihrer
-Vereinsthätigkeit verrathen wird, bleibt dahingestellt; aber da sie
-diesmal ihr Krebsgelage auf der Ausstellung feiern wollen, wird
-hoffentlich mehr Licht in die Sache kommen.
-
-Er ist noch nie elektrisch gefahren und verspricht sich besonderen
-Genuß davon, worauf ich mir zu bemerken erlaubte: »Wagen ist Wagen,
-Herr Schwiegersohn.«
-
-»Damit ist nichts gesagt,« erwiderte er.
-
-»O doch. Es ist mit den elektrischen Wagen wie mit den Klößen aus
-Mahlmühlen-Mehl oder aus Dampfmehl: mehr als glitschen können
-sie nicht.« -- Er lachte beifällig, worüber ich stutzte und die
-nachfolgende Erläuterung erwartete, die jedoch nicht von ihm ausging,
-sondern von seiner Gattin.
-
-»Mama,« fing Emmi verlegen an, »Mama, Franz meint, namentlich sei es
-überaus angenehm, daß wir die elektrische Bahn nahe vor der Thür haben
-und deshalb öfter hinausfahren können.«
-
-»So ist es recht,« pflichtete ich bei. »Die Ausstellung ist eine
-Veranstaltung des Gemeinwesens, die man durch persönliches Erscheinen
-nicht genug unterstützen kann. Wer Bürgersinn hat, lege ihn hier klar;
-die Gelegenheit ist günstig.«
-
-»Ja, Mama, das ist auch unsere Ueberzeugung. Aber siehste, da Du
-Berichte schreibst, mußt Du doch die Hände voll Freibillete haben, die
-Du nicht allein absitzen kannst...«
-
-»Ih, seht einmal,« rief ich. »Aus diesem Perspectiv kuckt ihr? Nein,
-mein Schatz, was Ihr Euch ausgedacht habt, ist nicht. Erstens giebt
-es keine Freibillets, denn die Ausstellung ist kein klassisches
-Theaterunternehmen, und zweitens, mit welcher Nothlage wollt Ihr Eure
-Bedürftigkeit nachweisen? Nee, Kinder, für Nichts ist Nichts. Die
-Ausstellung liegt in Treptow und nicht in Nassau.«
-
-Dieser kalte Strahl verschnupfte. Emmi zog einen Flunsch, und bei ihm,
-wo er sich schon als Persona gratis geschmeichelt hatte, wurde die
-Heiterkeit so alle, als wäre sie auf einem elektrischen Extrawagen
-abgeblitzt.
-
-»Mama«, sagte Emmi patzig, »Du hast oft genug gepredigt, Kinder legten
-Eltern Sparsamkeit auf, damit sie nicht als junge Armuthsraben in das
-Leben flattern und nun wir für unsere Kleinen nach Deinen Worten thun,
-willst Du's nicht wahr haben.«
-
-»An Euch sollt Ihr schinden, aber nicht an mir. Außerdem ist die
-Ausstellung ein Bildungsmittel und wer seine Bildung vernachlässigt,
-schädigt sich selbst.«
-
-»Vergnügen ist wohl nicht draußen?« fragte er maliziös.
-
-»Gewiß, zur Belohnung für die Bemühungen, die industrielle Entwicklung
-der Kultur zu erfassen. Bewundert, was Menschenhände geschaffen haben
-und dann dürft Ihr Euch stärken. Wissenschaft als solche ist trocken.
-Das sieht man an dem Flüssigkeitsverbrauch der Studenten. Und deshalb
-ist für Alles gesorgt. Kinder, bloß allein die lebensgroßen Schiffe in
-voller Natürlichkeit und eins inwendig trinkfähig. Und ein chemischer
-Palast und ein Gebäude für Erziehung und Unterricht, für Eure Knaben
-wie geboren. Man weiß nicht, wo anfangen und wo aufhören?«
-
-»Ich denke bei Siechen,« sagte der Rath.
-
-Aus diesem Scherz merkte ich, daß seine Mucksigkeit nur äußerlich war
-und er es auf etliche Märker nicht ankommen lassen wird. »Schön,«
-sagte ich, »und damit Ihr seht, daß ich nicht so bin, lade ich Euch
-sämmtlich zu einer Sitzung in dem Siechen-Ausschank ein mit Anblick der
-Spree und Blasorchester. Ueberhaupt werden wir gemeinsame Wallfahrten
-unternehmen, davon verspreche ich mir etwas.«
-
-Ich behielt jedoch bei mir, was ich im Sinn habe. Ich denke mir
-nämlich, wenn wir ein größerer Anhang zusammen sind, die Krausen mit
-bei und Andere aus der Bekanntschaft und wir gehen so herum, dann
-deichsle ich die Fortbewegung unmerklich, daß wir ungeahnt an dem
-Pavillon des Lokal-Anzeigers vorbeikommen, der sie wegen seiner
-Vornehmheit anhält. Während sie ihn betrachten, löse ich mich von
-ihnen ab und gehe die Treppe hinauf. Sie fragen dann: »Herrjeh, Frau
-Buchholz, wo wollen Sie hin?«
-
-Ich wende mich zu ihnen und sage: »Entschuldigen Sie mich einen Momang,
-ich habe Geschäftliches: ich bin Presse.«
-
-Ich verweile einen Augenblick auf der Treppe, schneide ihnen eine
-gnädige Verbeugung zu und verschwinde redactionell.
-
-Das Gesicht von der Krausen will ich sehen, wenn ich so dastehe
-gewissermaßen als Schwiegermutter der siebenten Großmacht -- denn das
-ist und bleibt die Presse -- in meinem Strohgelben oder falls der
-Wetterbericht es räth, in meinem neuen Marineblauen mit Crême. Sie soll
-merken, daß man Gewicht hat, trotz ihres naslöcherigen Betragens, weil
-ihr Mann Studirter ist und sie sich in jeder Gesellschaft das Meiste
-dünkt. Wenn ich wieder erscheine, thu ich ganz wie gewöhnlich mit
-Schlichtheit und Selbstverständlichkeit. Und sie hat den Aerger intus.
-Den hat sie reichlich an mir verdient mit früheren Pikanterien und
-Ueberhebung, sogar über meinen Mann, der doch ganz anders einzubrocken
-hat als ihr Mann mit den dicken griechischen Büchern und dem dünnen
-Gehalt.
-
-So verspreche ich mir viel Interessantes und Erhebendes von der
-Ausstellung schon jetzt, wo sie aus dem Gröbsten heraus den letzten
-Schmuck angelegt kriegt. Wie viel tausend Hände sich regen, das muß man
-sehen, und Alle von dem einen Gedanken beseelt, ^daß es schön wird^.
-
-Solcher Anblick erfreut, wo so viel Zerstören in der Welt ist, so viel
-Hader und Häßliches. Hier soll es schön werden. Und das wird's auch.
-
-Allein blos die Natur. Der Berliner ist ja schon vergnügt, wenn er
-einen Baum sieht. Desto grüner er ist, desto besser, daß er ihm
-gefällt, und nun im Park die massenhaften Anlagen mit Bäumen und
-Gebüschen, Teichen, Kanälen, Rasenflächen und Beeten, wie wird ihm dies
-Alles zu Herzen sprechen.
-
-Und in dem Waldartigen die verschlungenen Pfade und die einzelnen
-Fachgebäude, freundlich und lustig, bunt bemalt und fröhlich geziert,
-so im Grünen darin, als hätte der Osterhase sie versteckt. Welche
-Ueberraschung, wenn man immer wieder Neues entdeckt, wenn man beinahe
-vorbeigetrabt wäre und nach und nach inne wird, wie groß und bedeutend
-die Ausstellung wirklich ist, und wie riesig mannigfaltig. Man müßte
-schon vier Beine haben und ein Dutzend Augen.
-
-Bald fängt es an zu blühen, der große Park wird zu einem Garten,
-zu einem Paradies des Fleißes und der Arbeit. Die Springbrunnen
-plätschern, die Maschinen wirbeln, Fahnen flattern, Blumen duften,
-auf dem Gewässer wiegen sich Gondeln, die Wilden lagern in Kairo,
-Alt-Berlin wird lebendig. Musik erschallt, die Thore öffnen sich und
-jubelnd ziehen wir ein, wir Alle miteinander aus Nah und Fern.
-
-Und die Vögel sitzen auf den Zweigen und singen dazu.
-
-Mein Karl fing aber noch einmal an: »Wilhelmine, es werden
-Sachverständige über die Ausstellung schreiben -- wo bleibst Du?«
-
-»Darüber beunruhige Dich nicht, viel eher fürchte zu viel Sachkenntniß.
-Du willst wissen wie und weshalb? Das bleibt vorläufig mein Geheimnis.
-Ich nenne Dir nur den einen Namen: Ottilie.«
-
-Er sah mich ganz perplex an der gute Karl.
-
-»Du wirst es schon erfahren!«
-
-[Illustration: Park]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Sommer-Aussichten.
-
-
-[Illustration: Bellachinis Hut]
-
-Das merkwürdigste von allen Organen des Menschen ist sein Gedächtniß.
-Ich habe bis vor Kurzem keinen rechten Begriff davon gehabt, aber ich
-stelle mir es vor wie früher Bellachini's Hut -- Nichts ist darin und
-ohne daß man daraus klug wird, kommt die erstaunungswürdigste Füllung
-zum Vorschein: Laternen, Bälle, Becher und zuletzt ein Wickelkind, das
-einen Heiterkeitserfolg erntet. Oeffentliche Wickelkinder sind immer
-von durchschlagender Wirkung.
-
-Ich muß mich an diesen Vergleich halten, um mir zu erklären, wieso mein
-Karl und ich mit einem Male in dem Kopfe so sehr Vieler auftauchten,
-die sich erinnern, daß wir sie gebeten haben, uns zu besuchen, wenn der
-Weg sie nach Berlin führte, und mit unserem Fremdenstübchen vorlieb zu
-nehmen.
-
-Da sind Verwandte von meinem Karl, die mit ihm blos durch höchst
-zweifelhafte Urgroßmütter zusammenhängen und es vor Gott und der Welt
-unverantwortlich finden, intimere Beziehungen so lange vernachlässigt
-zu haben und ihre Saumseligkeit nur dadurch tilgen können, daß
-sie während der Ausstellung einige Tage bei uns weilen. Ablehnung
-meinerseits ist nicht angebracht, denn keine Behandlung schmerzt den
-Mann mehr, als wenn die Gattin seinen Angehörigen und Freunden das Haus
-zum Eiskeller macht, und außerdem bin ich durch meine Seitenlinien in
-gleiche Lage gedrängt. Als damals die Tante in Bützow starb, habe ich
-mitgeerbt, und Erben legt Verpflichtungen auf. Sollen die Leute sagen:
-»den Draht schluckt die Buchholz, aber trotzdem sind die Familienbande
-zerrissen.« -- Nein!
-
-Und dann die Geschäftsfreunde, theils mit, theils ohne Hälften, die
-sich bei unserer Silberhochzeit förmlich fürstlich angestrengt haben
--- die eine Servante ist geradezu ein Schützentempel werthvollster
-Metallgaben -- und Jeder, der sich darin verewigte, ist zum
-Ehrenmitgliede unseres Hauses ernannt, und die Ruppigkeit, die einmal
-zuerkannte Ehre hinterher zu verweigern, haben wir nicht, selbst, wenn
-sich Einiges auch blos als plattirt herausstellt. Beim Putzen schimmert
-der Verdacht an den Kanten manchmal durch.
-
-Bei jedem neuen Briefe mit dem Wunsche des Wiedersehens und der jetzt
-erst möglichen Annahme der überaus liebenswürdigen Einladung vom so
-und sovielten, Anno so und so, sagen wir »Sehr schätzbar, aber wo
-unterbringen«? Denn das Fremdenzimmer habe ich ursprünglich für Ottilie
-bestimmt, die mit mir die Ausstellung studiren wird und ihr ungeheures
-Wissen hineinträufelt, wo ich eine Zuthat nothwendig erachte.
-
-Sie ist die Tochter einer Halbcousine von mir und geprüfte Lehrerin,
-womit sie sich ziemlich sorgenfrei ernährt, soweit das Leibliche in
-Betracht kommt. Mit dem Geistigen und den Nerven aber hat sie ihre
-Molesten. Wer versteht sie in dem Nest? Vielleicht Einige, aber mit
-denen geht sie unglücklicher Weise nicht um. Seit Jahren hat sie
-unbändige Gelehrtheit in sich aufgespeichert, von der sie nicht
-erleichtert wird, da sie nur in den Anfangsgründen unterrichtet,
-weshalb die Nerven unter fortwährendem, wissenschaftlichem Druck
-leiden. Sie schrieb mir, Berlin wäre der einzige Ort, mit seinen
-Kapazitäten ihren Nerven aufzuhelfen, sie ginge zu Grunde in der
-geistigen Einsamkeit und so kam ich auf den Gedanken, sie als
-Ausstellungsvertraute heranzuziehen.
-
-Mein Karl sagte: »Es ist mir lieb, Dich draußen nicht allein zu wissen,
-denn ich kann Dich nicht so oft begleiten, als Du wegen Deiner Berichte
-Dich abstrappeziren mußt. -- Aber wenn Ottilie das Fremdenzimmer
-bezieht, wo bleiben wir mit den anderen Gästen?«
-
-»Karl,« sagte ich, »Ottilie schläft bei mir.«
-
-»Und ich?« unterbrach er mich.
-
-»Du wirst in der Fabrik eingerichtet.«
-
-»Danke!« -- --
-
-»Danke nicht eher, als bis Du siehst, wie gemächlich Du es dort haben
-wirst. Fabrik und Haus sind durch den Zwischengang ein und dasselbe.
-Wollen wir die Kundschaft vor den Kopf stoßen? Herr Ungermann hat
-sich angemeldet, einer Deiner besten Abnehmer -- er widmete die große
-silberne Fruchtschale -- durch und durch echt -- und seine Frau
-kommt mit. Und alle die Anderen! Wir müssen noch die gute Stube als
-Logirzimmer hergeben. Wenn das Mädchen auf dem Boden bivuakirt, läßt
-sich ein einzelnes Wesen in ihrer Kammer beherbergen, wie zum Beispiel
-Tante Lina. Kleinstädter sind anspruchslos.«
-
-»Das kann ja reizend werden.«
-
-»Karl, es muß sein.«
-
-»Aber bedenke die Menge!«
-
-»Es gehen viele Sardinen in eine Dose, wenn das Oel nur gut ist, ich
-meine nämlich die Behandlung. Die Hôtels sind bis unter das Dach
-übervölkert, also muß die Privatmildthätigkeit eingreifen. Freilich die
-Krausen vermiethet für Geld, ich glaube, sie nächtigt mit ihrem Mann in
-seinem Schreibsecretair oder sonst, wo es unpassend ist, blos um Beute
-zu machen. Kein Laster dünkt mich empörender, als diese Art von Wucher,
-wo er doch die Jünglingsjahre ihr geopfert hat und in seinen alten
-Tagen Bequemlichkeit beanspruchen darf.«
-
-»Mit mir wird auch nicht viel anders umgegangen.«
-
-»Nicht, daß ich wüßte.«
-
-»Kommandirst Du mich nicht aus meiner gewohnten Behaglichkeit in die
-Fabrik?«
-
-Ich lächelte. »Karl, wie kannst Du Dich mit Krause in eine Kompanie
-reihen? Der Versuch allein schon ist verwerflich. Was wir thun,
-geschieht aus Humanität für unsere Kunden, und nicht aus Mammonsgier.
-Und das werden sie bei den Herbstbestellungen beherzigen und nicht
-drücken, bis kaum noch das Maschinenfett verdient wird. Du sollst
-sehen, wie die Ausstellung die Industrie hebt.«
-
-Mein Karl legte ein Fremdenbesuchs-Conto an, worin jeder Angemeldete
-seinen Termin bekam, um Platzzwistigkeiten vorzubeugen. Dies war vom
-theoretischen Standpunkte so glänzend einfach, daß wir hoffnungsfreudig
-in die Zukunft blickten, aber vom praktischen wollten sie so ziemlich
-sämmtlich Ende Mai eintreffen. Für die folgenden Monate hatten sie
-Badeaufenthalt oder sonstige hygienische Abstecher vor.
-
-Nun ging es an ein Umlegen und Aendern und Hin- und Herschreiben, wobei
-Einige sogar mit Bemerkungen antworteten, als fühlten sie sich in die
-Ecke gesetzt. Einer schrieb, er hätte geplant, das Geschäftliche mit
-dem Ausstellungsaufenthalt zu verbinden, schwerlich sei ihm dies im
-August möglich. Er ließ mit vieler Noth bis Mitte Juli herunter, aber
-dadurch klemmte es sich mit meines Mannes Verwandten, dem Amtsrichter.
-Und Gerichtspersonen sind leicht verletzt.
-
-Mein Karl sah dies ein, aber er hatte die Hände mit seinem Aufbau in
-der Ausstellung voll -- geradezu überwältigend mit einem Reichsadler
-aus schwarzen Socken nach dem Grundriß eines akademisch vorgebildeten
-Künstlers -- und schob mir den Besuchsschlachtenplan zu. Ich saß und
-bebrütete ihn mit stundenlangem Nachdenken, ohne daß jedoch eine
-rettende Idee ausschlüpfte; immer uns stets war der Amtsrichter im Wege.
-
-Da wurde mir ganz unerwartet Hilfe in der Noth, obgleich sie
-nicht so aussah, denn wenn die Bergfeldten, oder jetzt nach ihrer
-Wiedervermählung Frau Butsch, auf der Bildfläche erscheint, taucht
-irgend etwas Erbauliches im Hintergrunde auf, woran sie weniger Schuld
-hat, als das ihr im Kalender des Lebens angestrichene Pech. Sie ging
-zweckmäßig gekleidet, wie es einer Weißbierwirthin vom Kietz geziemt,
-wo Schleppen wegen der übergeschwappten Bodenfeuchtigkeit nicht
-lokalgemäß sind. Sie arbeitet tüchtig in Küche und Haushalt und da sie
-merken, daß sie etwas vor sich bringen, fassen sie Beide unverdrossen
-an. Er zieht das Bier alleine ab mit inclusive Flaschenspülen, wobei
-er manchmal zwei Zentimeter äußere Rundung verliert. Weil das gesund
-ist, freuen sie sich Beide so darüber, daß sie ihm ein deutsches
-Belohnungs-Beefsteak von Suppentellerumfang brät und er sich eine
-Selbstanerkennungs-Weiße gönnt oder auch mehrere -- genau weiß sie es
-nicht -- worauf die alte Dickdität überhaupt nicht weg gewesen zu sein
-scheint.
-
-»Butschen,« sagte ich, als sie mir dies erzählte, »mästen Sie Ihren
-Mann nur nicht auf den Schragen.« -- »Es schmeckt ihm immer so schön,
-da kann ich doch nicht davor? Mein Seliger gab zuletzt das Essen auf
-und da war's alle. Nee, Buchholzen, Hungerkuren sind ja hochmodern,
-aber sie endigen ebenso tödtlich wie andere Millezin.«
-
-Dies verdroß mich. Es ist anmaßend für beschränktere Intelligenz, in
-Familien mit einem Sanitätsraths-Schwiegersohn, herabsetzend über
-arzeneiliche Sachen zu sprechen. »Liebe Butschen,« entgegnete ich daher
-klarstellend, »wenn jemand an einer Behandlung stirbt, so liegt es
-stets an dem Patienten. Oder haben Sie vielleicht bei Virchow gehabt,
-daß Sie es besser wissen?«
-
-»Nee,« erwiderte sie verlegen. »Hab' ich mich vielleicht mit 'ner
-Ansicht vergallopirt? Wissen Sie, nehmen Sie's man nicht übel, ich
-krieg die Zeitungen immer erst zwei Tage später nach der Küche zu
-lesen, da bleib ich denn wohl ein Bisken in der Bildung zurück. Und
-eben deshalb komm ich zu Ihnen, Frau Buchholz, weil Butsch auch keine
-Zeit für die Anzeigen hat, -- wir haben nämlich ein Ausstellungszimmer
-zu vermiethen --, vielleicht, daß Sie mal was erfahren und uns
-rekommandiren?..«
-
-»Butschen,« rief ich, »alleweil sind Sie auf Ihrem Terrain; Medicin
-ist dagegen für Sie eine verrannte Sackgasse. Zimmer? Zu Mitte Juli
-ganz sicher. Wie sind die Preise?« -- »Zwei Mark mit Frühstück« -- »Ist
-das nicht etwas zu lindenhaft für die Schulzendorferstraße?« -- »Wir
-haben Alles machen lassen, ich sage Ihnen, einzig. Die Stühle sind im
-empirischen Stil, der jetzt mächtig aufkommt, wie der Möbelfritze sagt.«
-
-»Sind die Möbel bezahlt?«
-
-Die Butschen jetzt; über das ganze Gesicht griente sie. »Ja,« sagte
-sie. »Wir haben's sauer verdient,... groschenweis.« -- Sie seufzte
-tief auf. War es ein Freudenseufzer oder mehr ein Aufstoßen alter
-Zeiten, wo sie doch, wenn sie irgendwo hintraten, ausschließlich in
-Dalles und Rechnungen nicht anders kannten als schmerzhafte Papiere in
-unquittirtem Zustande. Um mich zu überführen, fragte ich: »Und Ihnen
-bekommt die Arbeit? Appetit gut? Schlaf gut? Augen gut? Gedächtniß
-gut?« -- »Nee,« sagte sie und seufzte noch einmal, »das Gedächtniß
-ist schlecht, es erinnert mich immer an so Vieles, was ich am besten
-vergessen möchte. Aber ich will nicht klagen. Sie wissen ja selber, wie
-ich mehr Schatten vom Leben gehabt habe, als Sonne.«
-
-Ihr darzulegen, daß bei dieser Art Beleuchtung sehr viel davon
-abhängt, welche Seite man der Menschheit zuwendet, wäre nicht
-angebracht gewesen, denn einmal hatte sie sich mit dem Zimmer von
-einer wohlthuenden Seite gezeigt und hat zweitens im Laufe der Jahre
-viel Bloßstellendes abgelegt. Die Krausen hingegen bleibt konstant
-unverändert, obgleich in der Zoologie sich selbst Schlangen häuten.
-
-Der bekannte Stein, der schon so vielen vom Herzen gefallen ist,
-obgleich ihn noch niemand gesehen hat, war herunter. Was sich auch
-ereignete, wenn auch Zwei zusammenstießen: bei Butsch war für den Einen
-Unterkommen. Ich klingelte der Dorette, um ihr dies mitzutheilen.
-
-Ein wahres Glück, sagte ich zur Butschen, daß ich ein so zuverlässiges
-Mädchen habe. Freilich, gleich nach der Ausstellung macht sie Hochzeit.
-Ihr Bräutigam setzt sich als selbstständiger Tapezier, und die
-Trinkgelder, die es inzwischen giebt, bringt sie mit in die Ehe.
-
-»Baar Geld kann man nie genug haben, zumal wenn es Einem fehlt,«
-bemerkte die Butschen.
-
-Ich wollte ihr sagen, daß sie soeben ziemlichen Kaff geredet hätte,
-wenigstens in der feineren Gedankenfügung, als die Dorette endlich
-antrat, aber nicht wie gewöhnt rasch und adrett, sondern langsam in
-Trauergefolgeschritt mit rothgeweinten Augen und zusammengewrungenem
-Thränentuch in der Hand.
-
-»Dorette?« rief ich. »Was giebt's denn? Was ist los?«
-
-Keine Antwort.
-
-»Ist Ihnen was Nahes gestorben?«
-
-»Uh!«
-
-»Wer denn, Dorette?«
-
-Sie schüttelte verneinend mit dem Kopfe.
-
-»Was ist Ihnen denn?«
-
-»So reden Sie doch.«
-
-»Det -- kann ick -- Ihn'n -- man blos -- janz alleene sagen,«
-schluchzte Dorette und drückte das Taschentuch ins Gesicht.
-
-Mit einem Takt, den sie früher nie hatte, stand die Butschen auf und
-verabschiedete sich. »Sie können das Zimmer jederzeit haben, wenn wir's
-nur vorher wissen. Uebrigens hat Butsch seine Telephonnummer.«
-
-Ich zurück zur Dorette. Was hat sie? Was soll ich ohne sie anfangen
-mit dem Haus voller Gäste und ich selber halb auf der Ausstellung und
-halb am Schreibtisch, nie voll und ganz für den Hausstand? Eine neue
-Philippine anbändigen, Berichte schreiben und dabei tadellose Wirthin
-spielen -- das übersteigt meine Fähigkeit. Mehr als seine gewisse
-Anzahl Pferdekräfte hat der Mensch nicht.
-
-Ich also mir schleunig die Philippine vorgebunden und reinen Wein
-verlangt. Sie aber immer gedruckst und mit Wortnoth behaftet, daß ich
-schon dicht daran war, fuchtig zu werden, als mein Karl kam, der im
-Gegensatz zu ihrer Zurückhaltung sich in einer Lebhaftigkeit erging,
-die mich erschreckte.
-
-
-So hatte ich ihn noch nie schimpfen gehört.
-
-Als ich nach und nach erfuhr, worum es sich handelte, glaub' ich,
-hab' ich auch einige unsanfte Aeußerungen dazu geliefert. War es denn
-erhört? Jetzt, wo die Ausstellung eröffnet werden sollte, jeder Tag
-ausgenutzt werden mußte, jetzt warfen die Tapeziere die Arbeit nieder,
-gerade jetzt, wo sie die letzte Hand anzulegen hatten, damit alles die
-Vollendungsfalten und Fransen kriegte und den rothen Callicot um die
-Tische und was sonst zu bekleben, zu benageln und zu betroddeln war.
-
-Die Philippine weinte bei dieser Auseinandersetzung ganz schrecklich.
-
-»Ja, plärren Sie nur,« schnauzte mein Karl sie an. »Ihr Bräutigam, der
-mir sein Wort gab, meinen Stand rechtzeitig fertig zu stellen, ist auch
-mit ausgerückt. Ist das der Dank, daß ich ihm versprach, ihm bei seiner
-Etablirung behilflich zu sein? Jetzt läßt er mich sitzen.«
-
-»Mir ooch,« jammerte Dorette. »Er sagte, hier könnte er sich von wejen
-Undank nich wieder blicken lassen.«
-
-»Kann er auch nicht,« gab ich drauf.
-
-»Und mit Heirathen is et nischt. Er setzt Alles bei den Strike zu, ooch
-wat ick ihm erspart habe.«
-
-»Warum begeht er denn solche Gemeinheit und verloddert sein Glück, Ihr
-Glück?«
-
-»Er wollte ja ooch nich, ihn hat das Herz jeblut't, aber er mußte ja.
-Wat kann er alleene jejen die Uebermacht? Er jinge für den Herrn und
-die Frau durch den dicksten Kleister, aber er derf nich.«
-
-»Wer macht mir nun den Adler für meinen Aufbau?«
-
-»Was?« rief ich, »der ist noch nicht da? Die Hauptkrone der ganzen
-Ausstellung?«
-
-»Vorläufig nur im Grundriß.«
-
-»Karl, her damit. Ich hole den Eiserkasten. Den bringen wir selbst auch
-wohl noch zu Stande, der akademische Plan ist ja vorhanden und die
-Socken dito.«
-
-»Halt, Wilhelmine, nicht übereilt. Es sind Tapeziere von auswärts
-verschrieben, die werden kommen. Was am Eröffnungstage nicht fertig
-ist, wird's vierzehn Tage später sein.«
-
-»Das werde ich besonders in meinen Berichten hervorheben, mein Karl. Du
-sollst nicht wegen des Streikes zu kurz kommen. O nein. Ich werde öfter
-lobend auf Dich hinweisen, und wenn er erst an seinem Platze prangt,
-auch auf den Sockenadler. -- Haben Sie sich man nicht so, Dorette, Sie
-sehen, es geht auch ohne.«
-
-»Ach, Madame, et is schon nich mehr scheen. Ick weeß nich, wie't werden
-soll.«
-
-»Dorette,« nahm ich strenge das Wort, »wir haben diesen Sommer
-doppelte, ja dreifache Arbeit, dabei müssen Sie durchaus auf dem Posten
-sein.«
-
-»Det kann ick nich versprechen.«
-
-»Dann gehen Sie besser.«
-
-»Det wollt' ick ooch nich.«
-
-»Was wollen Sie denn, Dorette?«
-
-»Blos en Bisken Nachsicht mit meine traurije Lage.«
-
-»Das werde ich mir erst noch mal überlegen. Gehen Sie an Ihre Arbeit.«
-
-Sie ging.
-
-»Karl,« sagte ich: »die Ausstellung, ein Mädchen, auf das kein Verlaß,
-die Berichte, oder gar ein unerfahrenes neues, das Haus voller Fremden,
-weißt Du, das sind Sommer-Aussichten, die ich mir doch etwas anders
-gedacht hatte.« »So denkt man immer,« sagte mein Karl.
-
-[Illustration: Frau]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Angriffspläne.
-
-
-Die Ausstellung war kaum eröffnet, als der Herr Redakteur energisch
-die versprochenen Berichte verlangte; es wäre doch reichlich Stoff
-vorhanden.
-
-Als ob ich das bestritten hätte? So weit mir bewußt, niemals. Also
-weshalb Vorwürfe? Womit soll ich anfangen und an welchem Ende, da
-gerade, was sich zum Beginnen eignet, noch nicht fertig ist? Liegt die
-Schuld etwa an mir?
-
-Soll ich das Unterrichtswesen zuerst vornehmen? Was sagen dann die
-Damen, die das Seidenkleiderige vorziehen oder die Juwelenabtheilung?
--- Oder das chemische Gebäude? Ich habe mir ein Buch mit bunten
-Ausstellungs-Ansichten gekauft, darin steht: »Das Dach dieses Gebäudes
-hat eine eigenthümlich gewellte Form: ein Rundbogen verläuft in einen
-scharfen Kamm, als Andeutung gleichsam, daß der Bau der Wissenschaften,
-deren Pflege sich hier zeigt, immer höher und höher steigen werde.« --
-Wenn man dies nicht wüßte, würde man dem Dache garnicht ansehen, was
-für ein schlaues Dach es ist. Manche sagen, sie sähen es auch schon,
-ich aber sehe mir es noch nicht darin, obgleich ich wiederholt das
-Opernglas zu Hilfe nahm.
-
-Ich holte Herrn Kriehberg darüber aus. Er meinte, »die Wissenschaft
-als Rundbogen gedacht, wäre sehr geistreich.« -- »Dann rummelt ja
-die ganze Stadtbahn über Wissenschaft weg,« entgegnete ich, »blos,
-daß in den Stadtbahnbögen, soweit mir bekannt, mehr die Gurgel als
-der Geist genährt wird.« -- »Sie laufen auch nicht in scharfe Kämme
-aus,« bemerkte er, »darin liegt es. Der Kamm ist das Individuelle.
-Hätte man mich gefragt, ich hätte ihn dreifach so scharf konstruirt,
-wenn nicht noch schärfer, um die eminente Höhe der Wissenschaft durch
-architektonische Lineamente auf das Allerschärfste zum Ausdruck zu
-bringen.«
-
-»Schade, daß Sie es nicht waren, Herr Kriehberg,« sagte ich, »Sie
-hätten es gewiß für Jedermann aus dem Volke faßbar hingemauert.« --
-»Das versteht sich,« versicherte er, und man sah ihm an, er hätte es.
-
-Wenn nun ein Gebäude schon in seinem Aeußeren so viel Unverständliches
-birgt, wie wird es dann erst drinnen sein, wo sie die gesammte
-Wissenschaft losgelassen haben? Ich fürchte, mit Frauen-Emancipation
-allein bewältigt man die innere Bedeutung nicht, wenigstens nicht in
-einigen Stippvisiten, und darum halte ich die Chemie mit den daran
-hängenden Gruppen als Erstes nicht recht angrifflich. Vielleicht
-wimmele ich in meine späteren Berichte hin und wieder einen Atzen
-Chemisches, aber zum Ausspiel ist es mir zu riskant. Auch hoffe ich
-Beistand von Ottilie, denn die ist auf Sauerstoff, Spectralismus,
-Galvanistik und alle anderen neueren Bildungsmittel examinirt worden.
-Nur Muth.
-
-Wenn Ottilie blos erst käme. Beschreibe ich Sachen ohne sie, will sie
-natürlich hinterher sich auch daran belehren, und ich versäume die
-Zeit, neue Eindrücke aufzusaugen während der Wiederholung des bereits
-durch die Tinte Gezogenen. Aber sie kann noch nicht, ihre Schneiderin
-hat sie auf das Sündhafteste vernachlässigt, indem sie zwischendurch
-ein Brautkleid zurecht prünte. Hatte das denn solche Eile? Ich kenne
-die Leute nicht und will auch keine Steine schleudern, aber den Vorwurf
-der Rücksichtslosigkeit kann ich ihnen nicht ersparen; ihretwegen muß
-ich mich vorläufig mit Ottiliens Photographie behelfen.
-
-Sie sieht in Cabinetgröße recht jugendlich aus, aber wie ist sie
-frühmorgens ohne Retouche? Wenn es keine schwarze Tusche gäbe, wie
-Viele da wohl ohne Augenbrauen in den Albümern stächen?
-
-Mein Karl fand sie passabel. -- »Mehr nicht, Karl?« -- »Eher weniger«
--- »Karl, sie gehört zu meiner Verwandschaft.« -- »Sie ist Dir aber
-nicht im Geringsten ähnlich.« -- »Das wollt' ich mir auch ausgebeten
-haben. Nein, Karl, solche spitze Züge habe ich nie besessen, selbst
-nicht in den Heranwachsjahren; und die Augen reißt sie etwas gewaltsam
-groß.« -- »Dafür zieht sie den Mund um so kleiner.« -- »Ich vermuthe,
-sie kommt bedeutend unähnlicher an, als sie aussieht.« -- »Bezweifle
-ich keinen Augenblick.« -- »Karl, Gelehrte sind nie bildschön, also
-Gelehrtinnen erst recht nicht; das heißt ihre Figur ist nicht übel.«
--- »Zeig' noch mal her das Bild.« -- »Nein, Du hast genug gesehen,
-Ihr Männer gebt viel zu viel auf den Wuchs und bedenkt nie, wie viel
-Fischbein dabei ist. In dieser Beziehung kann ich Professor Röntgen
-nicht hoch genug preisen; der dreht Euch endlich ein durchschauendes
-Licht auf, und er nennt es auch sehr richtig X-Strahlen, weil alle
-X-Beine dadurch ersichtlich werden.« -- »Hat sie welche?« -- »Wer?«
--- »Die Ottilie.« -- »Karl, selbst als Scherz betrübt diese Frage
-mich tief. Ich habe über Ottilien zu wachen, wie eine Mutter über
-dem Hühnchen aus dem Ei...« -- »Schon mehr Henne,« lachte mein Karl
-dazwischen. -- »Wer?« fuhr ich auf, »wer ist die Henne?« -- »Nun, die
-Ottilie,« lachte er weiter, »sie hat wirklich etwas hühnerhaftes in
-ihrer Physiognomie.« -- »Photographieen treffen manchmal daneben,« wies
-ich ihn ab. Ueber meine Verwandtschaft spectakeln erlaube ich nicht.
-
-Wäre Ottilie, was man unter schön versteht, hätte ich sie bei den
-lieben Ihrigen gelassen oder nur auf flüchtigen Besuch gebeten. Meine
-beiden Töchter würden es krumm nehmen, obgleich sie längst ihre Männer
-haben, wenn plötzlich eine entfernte Cousine Aufmerksamkeit in den
-Kreisen auf sich lenkt, die sie bis zum Jetztpunkt beherrschten, und
-wenn die Männer auch ehelich gut gezogen sind, wie leicht wird ein
-Wort, eine nuttige Höflichkeit oder eine unbedachte Aufmerksamkeit
-albern ausgedeutet und die Feuerwehr kann geholt werden. Ich sage
-deshalb: Unschönheit hat so ihre Vortheile.
-
-Und wenn eine gelehrt dazu gilt und studirt habend, vor der rücken
-die Jünglinge aus, zumal solche, die das ihrige schon vergaßen,
-eh' sie es lernten. Dagegen ernste Männer werfen sich heran und es
-sprießen Gespräche auf, die den Geist erheben, ohne daß man Bange
-vor leichtsinnigen Anknüpfungen zu haben braucht und kann Worte von
-höherem Fluge fallen lassen, oder unbesorgt Musike hören, oder einen
-kleinen Nick machen, je nach den nächtlichen Wärmegraden und den
-Anstrengungen des Tages.
-
-Die Abende draußen versprechen überirdische Befriedigung. Nun werde
-ich sie mit Ottilien genießen. Wäre sie blendend, käme es umgekehrt;
-sie bildete dann die elektrische Lampe, von Dämmerungs-Verehrern
-umschwärmt, und ich den Laternenpfahl dazu. Dafür dankt Wilhelmine
-jedoch ergebenst.
-
-Wenn ich nun auch noch nicht genau weiß, welchen Zipfel der Ausstellung
-ich für meine Berichte anschneide, so weiß ich doch bereits, wohin ich
-die mir überantworteten Fremden geleite und zunächst Erika, um ihr das
-Schönste zu zeigen, das ich bis jetzt entdeckt habe und zwar, wie bei
-allen Forschungsreisen Mode ist, durch den Zufall.
-
-Wie es im Leben überhaupt ohne Zufall aussähe, durch den noch jedesmal
-das Weltbewegenste erfunden wurde, wie z. B. der Theekessel, auf den
-sich die ganze Dampfmaschinenkraft stützt, oder der Telegraph durch
-Froschkeulen, obgleich mir dies nicht recht klar ist, weil man doch im
-Allgemeinen mit Padde das Niedrige der Schöpfung bezeichnet. Auch steht
-nie dabei, wie es gemacht wurde und wie der eigentliche Kniff ist. Dies
-muß Ottilie glatt legen; sie bringt ihre Bücher mit.
-
-Mein Zufall äußerte sich einfach, indem ich dem Baumeister Herrn Bauer
-begegne und ihn frage »Herrjeh! Sie hier?«, obgleich seine Anwesenheit
-auf dem Treptower Gelände eine Sache von größter Natürlichkeit war.
-Aber Gespräche und Kegelpartieen werden meistens mit Pudeln eröffnet.
-Um den Schnitzer zu übertünchen, frage ich weiter: »Mit welchem Stil
-werden Sie uns überraschen? Es ist ja Vieles da, vor dem man Kopf
-stehen möchte... wie Onkel Fritz sagt.«
-
-»Als wenn ich ihn reden hörte,« lächelte er, indem er mich betrachtete,
-wie ich mich wohl in dieser Stellung ausnehmen würde. »Interessirt Sie
-mein Bau, treten Sie bitte näher.«
-
-Bei diesen Worten wies er auf das große Kaiserschiff.
-
-»Nanu?« entgegnete ich, »seit wann legen Sie sich auf
-Marine-Architektur?« -- »In Berlin machen wir Alles. Freilich ist
-dies Schiff nur ein Modell, aber jedes Stück ist so gearbeitet, daß es
-nach der Ausstellung direct einem im Bau begriffenen Oceandampfer des
-Norddeutschen Lloyd eingefügt werden kann. In den Größenverhältnissen
-und seiner Einrichtung ist es im Inneren wie Aeußeren die getreue
-Wiedergabe der prachtvollen Riesendampfer Bremens und Hamburgs, auf
-denen die Engländer und Amerikaner lieber fahren als auf ihren eigenen.«
-
-»Ich bin ungemein für Schiffe,« erwiderte ich. »Auf meiner Fahrt
-nach dem Orient hab' ich sie kennen gelernt, englische, französische
-und auch die Dampfer des Oesterreichischen Lloyds, an die ich nicht
-mit Wohlgefallen zurückdenke, denn sie sind das undeutscheste, was
-Oesterreich liefert. In Port Said lag der Bremer Dampfer >Baiern<,
-den wir besuchten. Sehen Sie, Herr Baumeister, der schlug die anderen
-Schwimmanstalten gewaltig, auf denen ich das Mittelmeer durchlavirt
-hatte, und wenn mich einmal überseeisch gelüstet, dann nur auf unsern
-norddeutschen Fahrzeugen. Ich hab' doch lieber deutsche Bretter unter
-meinen Füßen und die deutsche Flagge über meinem Haupte, als für mein
-Geld geduldet zwischen Fremden mit fremder Sprache, die nicht nöthig
-haben mir zu antworten, wenn sie mich nicht verstehen wollen. Diese Art
-nationaler Dicknäsigkeit hab' ich kennen gelernt. Ich bin für eigene
-Schiffe. Und das Geld bleibt im Lande.«
-
-So sprechend traten wir ein.
-
-Der Kaiserdampfer ist nur die Hälfte eines Oceandampfers, aber welch'
-ein Kasten! Hier bekommt man den Begriff von einem schwimmenden Hause
-oder richtiger von einem Wasser-Hôtel.
-
-Der vordere Theil ist als nautische Sammlung ausgestattet, mehr für
-Admirale und Capitaine und seefahrende Fachleute, die daran stoßende
-Küche wendet sich dagegen an das Allgemeinverständniß. Denn essen
-wollen sie Alle, selbst die Gelehrtesten, die mitunter kiesätiger sind,
-als man ihnen zutraut. Ich kenne solche.
-
-Die Propertät in der Küche sucht ihres Gleichen und dazu die listigen
-Vorkehrungen, daß nichts überläuft, wenn das Schiff auf hoher See
-schaukelt. Nachher liegen die Setzeier in der Asche und es riecht
-verbrannt in den Salons, wo die Möbel eine Pracht entfalten, daß
-die Herrschaften immer erst um Entschuldigung bitten, ehe sie sich
-niederlassen.
-
-Die Treppen sind mit Läufern, das Holzgetäfel ist auf das Zarteste
-geschnitzt und weiß lackirt, die blanken Messinggeländer sind
-bildgießerisch höchst kostbar, aber doch nichts im Vergleich mit den
-Kaiserlichen Gemächern, die nicht blos so heißen, sondern es wirklich
-sind.
-
-Wenn der Kaiser die Ausstellung besucht, ist das Bremer Schiff sein
-Absteigequartier, wo ein Speisesaal, ein Besprechungszimmer und ein
-Rauchgemach bereit stehen und für die Kaiserin Zimmer und Salons, deren
-Deckengemälde von so lieblicher Schönheit sind, daß sie eine Weide für
-die verwöhntesten Augen bilden.
-
-Wenn die Majestäten abwesend sind, kann man diese Herrlichkeiten
-betrachten, ebenso die vollkommen eingerichteten Kabinen erster und
-zweiter Klasse, die Damen-, Speise- und Rauchzimmer, Capitainskabine,
-Arztwohnung mit Apotheke, Lazareth, Badestuben und weiß dann, wie ein
-Personendampfer aussieht.
-
-Klettert man höher auf das Promenadendeck und noch höher, wo der
-Capitain steht, auf die Commandobrücke, dann ist das Schönste erreicht,
-was ich Erika zeigen will.
-
-Das Schiff ist so hoch wie ein vierstöckiges Haus und liegt auf dem
-Lande, wenn auch mit der Spitze in die Spree hineingebaut. Von hier
-oben nun hat man eine Aussicht, die nicht zu beschreiben ist. Nach
-Westen zu das große, weite Berlin mit unzähligen Fabrikschornsteinen,
-die qualmen und rahmen, und wenn die Sonne scheint, blitzt es ab und
-zu goldigglänzend von einer Kuppel oder der Siegessäule oder was sonst
-auf blank gearbeitet ist. Nach Rechts, nach der Eierhäuschengegend
-und Sadowa, ist grünes Gefilde mit Waldbegrenzung, eine echte
-Spreelandschaft, bildschön für Einheimische, und für Ausheimische eine
-freundliche Bitte, die Berliner Umgegend nicht blos zu lesen und zu
-höhnen, sondern zu betrachten und der Wahrheit die Ehre zu geben.
-
-Und nun erst die Spree. Die Südsee ist breiter, das gebe ich zu,
-und die Elbe auch und, wie klein die Schiffe sind, das mißt man
-sofort durch Vergleiche mit dem Kaiserschiff ab, aber dies Leben,
-dies Gondeln, diese Rührigkeit zur Ausstellungszeit, das Alles ist
-die Märchenhaftigkeit der Wirklichkeit. Wenn die Blätter von den
-Bäumen fallen, schwindet auch dies lebendiges Bild aus dem Leben der
-Großstadt. Und kommt nie wieder.
-
-Deshalb soll und muß Erika hinauf auf die Commandobrücke des
-Kaiserschiffes und ich will nichts weiter betrachten als ihre lieben
-blauen Augen, die All dies Schöne auftrinken und leuchten wie
-Kinderaugen am Weihnachtsfest. Sie spricht dann nicht viel, weil
-ihre Seele sammelt, aber im Winter, nach Jahr und Tag, bei rechter
-Gelegenheit, fängt sie davon an und hilft unserm Erinnern auf, bis wir
-wieder vor uns sehen, was uns Freude machte. Sie erzählt keine längere
-Feuilletons, o nein. Ein kleiner Satz, oft nur ein Wort und fertig ist
-die Laube, als säße man darin und hörte die Nachtigall singen. Die
-kleine Wilhelmine muß natürlich mit. Heut zu Tage kann die früheste
-Jugend nicht genug anschauen; es ist mehr Wissen vorhanden, als das
-Leben lang ist.
-
-Onkel Fritz dagegen darf unter keinen Umständen mit hinauf. Wenn der
-dort oben steht und hat die Gegend ausgekundschaftet, er dann gerufen:
-»Herrjeh, ist das gegenüber nicht Stralau? Und das links... das ist ja
-Tübbecke!« Und dann die Hände als Sprachrohr an den Mund und geschrieen:
-
-»Kellneer, einmal grünen Aal!« -- Nein, er bleibt irgendwo an einem
-näßlichen Orte; es giebt ja vorzügliche Weißen draußen. Außerdem hänge
-ich ihm Ottilie an die Rockschöße.
-
-Wie freue ich mich auf die kommende Zeit.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Ein Damen-Ausflug.
-
-
-Ich hatte der Bergfeldten -- merkwürdig, daß ich sie immer wieder nach
-ihrem ersten Manne nenne, den sie doch eine Reihe von Jahren hinter
-sich hat -- also richtiger der Frau Butsch versprochen, sie baldigst
-nach der Eröffnung mit nach der Ausstellung zu nehmen und ihr durch
-meine allmählich erworbene Platz-Plankenntniß in kürzester Zeit einen
-Ueberblick beizubringen, daß sie zu Hause Rechenschaft ablegen kann.
-Denn dies ist die Hauptsache. Alle Kunden fragen in der Weißbierstube,
-wie es sich mit der Ausstellung verhält und Herr Butsch hat nichts
-gesehen und sie noch weniger und die Gäste betrachten das Lokal
-nachgerade als ein Nebengeschäft der Idioten-Anstalt. Wer nichts von
-der Ausstellung zu sagen weiß, gilt allmählich für unbetheiligt an der
-Civilisation.
-
-Weil sie nun mir so freundlich mit dem Zimmer aushelfen will, bin ich
-ihr auch gern wieder gefällig und schrieb ihr auf einer Fahrrad-Karte,
-daß ich sie zu einem gemüthlichen Nachmittag erwarte.
-
-Sie hat sich in der letzten Zeit bedeutend gebessert. Verhältnisse
-ändern zum Guten oder zum Schlimmen, je nachdem der Mensch
-hineingesetzt wird. Herr Butsch läßt sich wenig gefallen. Wenn man
-so seine Statur betrachtet, da muß sie klein beigeben, wogegen Herr
-Bergfeldt weder die Beamtenluft vertragen konnte noch die häuslichen
-Zustände. Den tödteten die Sorgen, ehe er starb.
-
-Wenn man mit Leuten im Leben Freud und Leid durchgemacht hat, Erzürnen
-und Vertragen und, was die Zeiten so brachten, steht man sich
-näher, als man oberflächlich zugiebt. Das jüngere Geschlecht wächst
-heran, dem Zukunftslichte zu und läßt uns Aelteren in dem Schatten
-der Vergangenheit. Aber wir sehen auch hinaus in das Helle, blos mit
-dem Unterschied, daß wir einen ganzen Kasten voll Erfahrungen haben:
-Früchte des Lebens, die wir öfter anbieten, als sie von der klügeren
-Jugend abgenommen werden. Aber man knabbert selbst daran und freut sich
-der Zeiten, als man sie sammelte.
-
-So dachte ich mit der Butschen den Ausstellungsnachmittag zu
-verbringen: das Neuere und Neueste bestaunen, Meinungen darüber
-austauschen, obgleich immer nur zwei Ansichten sein können, meine oder
-die verkehrte, zwischendurch den Gastwirthen etwas zu verdienen geben
-und während des Ausruhens vergangene Erlebnisse aufwärmen und in aller
-Behaglichkeit vieräugig Plaudern, mit einem Worte von seinem Dasein
-etwas haben. Aber in der Butschen waltet immer noch die Bergfeldten.
-
-Konnte sie denn nicht alleine kommen? Was mußte sie die Fräulein
-Pohlenz mitbringen, die ich stets freiwillig übersehe, sobald sie mir
-begegnet, da ich sie drei Schritt vom Leibe am liebsten habe. Und wenn
-sie sich an die Butschen anklettet, muß die soviel Mumm haben, daß sie
-sagt: Fräulein Pohlenz, ich glaube nicht, daß Sie heute angebrachter
-Maaßen sind oder wie sie sonst abwinkt. Gegen gute Freunde kann man ja
-deutlicher sein, als gegen Fremde.
-
-Ich durfte deshalb mein Mißfallen nicht in passende Worte kleiden,
-sondern mußte die Pohlenz mit übernehmen, wie sie da war: aus dem
-ersten Jugendtraume längst erwacht, aber immer noch sich gehabt, wie
-eben aus der Wiege. Und das kann ich nicht ausstehen. Wer dumm geboren
-ist, den entschuldigt man mit der Vorsehung, die wohl ihre Gründe
-gehabt haben mag, aber wer sich dumm stellt, der hält Andere für noch
-dümmer, und das ist eine Beleidigung.
-
-»Sie hat so'n Gieper auf die Ausstellung,« sagte die Butsch, »daß
-ich sie endlich mitnahm. Und als einzelnes Mädchen allein unter die
-Menschenmenge lassen, das kann man auch nicht gut verantworten.«
-
-»Ich glaube, Sie bilden sich was ein, Fräulein Pohlenz,« bemerkte ich.
-
-»Ach nein,« sagte die mit niedergeschlagenem Blick »aber draußen im
-schlesischen Busch ist doch schon mancherlei passirt....« Weiter kam
-sie nicht, sondern hustete den Schluß ihrer Rede.
-
-»Fräulein Pohlenz,« entgegnete ich, »der schlesische Busch hat mit
-der Ausstellung keine Gemeinschaft, alle Penn- und sonstigen Brüder
-sind durch Drahtgitter polizeidicht abgesperrt und die vollziehende
-Straßengewalt sorgt zu Pferde für strengste Draußenverbleibung
-sämmtlicher sogenannter Elemente. Also was kann da groß an Ihnen
-verdorben werden?«
-
-Sie suchte zu erröthen und hustete.
-
-»Und aus den Schüchternheits-Jahren ist sie,« stand die Butschen
-mir bei. »Wenn ihr jedoch ja was geschieht, dann braucht sie blos
-ordentlich schreien.«
-
-»Ganz recht,« bediente ich in derselben Farbe, »die Kraft der Schwachen
-liegt im Schreien.« -- »Damit wehr' ich mich auch immer gegen die
-Mause,« sagte die Butschen.
-
-Weil in meiner Absicht lag, den Kaffee draußen zu nehmen, bot ich
-den Damen ein Gläschen Maltonsherry, der ihnen derart mundete, daß
-sie sich zur zweiten Auflage so gut wie gar nicht nöthigen ließen,
-dabei einen Posten von Kokusnußmakronen, selbstgebackene Probe für
-den Sommerbesuch. Sie sollen billiger sein als aus Mandeln, aber ich
-vermuthe, die Berechnung bezieht sich mehr auf die Breitengrade, wo die
-Nüsse umsonst wachsen. Von Geschmack fanden sie Beifall.
-
-»Ist Ihnen ein Krümel auf das unrechte Stimmband gerathen?« fragte
-ich die Pohlenz, die, wie ich wiederholt beobachtete, einen sehr
-aufbegehrenden Kehlkopf hatte, »oder haben Sie sich erkältet?«
-
-»Ein ganz klein wenig,« gab sie zu.
-
-»Da müssen Sie vorsichtig sein. Vernachlässigte Erkältungen zersetzen
-oft die Athmungsorgane.«
-
-»Meinen Sie?«
-
-»Ich nicht. Aber die medicinische Wissenschaft. Mein Schwiegersohn, der
-Sanitätsrath, sagte vor ein paar Tagen noch, es sei ein gefährliches
-Lungenwetter. Wer Symptome weg hätte, bliebe am besten im Zimmer und
-hielte sich warm. Wie lange husten Sie schon?«
-
-Die Pohlenz wurde ängstlich und besann sich.
-
-»So,« dachte ich, »noch ein paar Rathschläge und sie ist so vernünftig
-und zoppt rückwärts nach Hause; dann hätten die Butschen und ich
-unseren Nachmittag reizend für uns.« Eben wollt' ich von einer Frau
-erzählen, die sich auch nicht warm gehalten und innerhalb dreier Tage
-ihren trostlosen Gatten zum Wittwer gemacht hatte, als die Butschen
-dazwischen fuhr: »Mir sagten mal der Herr Sanitätsrath, beim Husten nur
-ja nicht die frische Luft abgewöhnen.«
-
-»Bei Ihnen, halb auf dem Lande, trifft das zu,« entgegnete ich, »aber
-hier bei uns doch nicht.«
-
-»Die Pohlenz wohnt ja in unserer Gegend, also muß sie an die Luft.«
-
-»Dann wollen wir auch nicht länger zögern,« entschied ich und blickte
-die Butschen mit tadelndem Kopfschütteln an, das sie natürlich nicht
-begriff. Hätte sie sonst gesagt: »Ich halt es auch nicht für schlimm.
-Husten reinigt.«
-
-Wir trabten nach dem Alexanderplatz-Bahnhof, kauften am Schalter mit
-dem Fahrschein gleich unsern Ausstellungseinlaßzettel und wegen des
-Sonnabends war ganz commodes Mitkommen auf der Stadtbahn. Sonntags wird
-es jedoch engbrüstiger zugehen.
-
-Wir stiegen Bahnhof Treptow aus, gingen die Chaussee lang und näherten
-uns dem Haupteingange. Die Pohlenz, naiv wie immer, wollte durch das
-Central-Verwaltungsgebäude eindringen, indem sie es für ein Thorhaus
-hielt. »Meine Liebe,« belehrte ich sie: »Das Publikum theilt sich
-rechts und links und geht durch die Kassen-Kontrole an den Seiten. Auf
-dem Rückwege dürfen Sie durch die Mitte, nachdem Sie sich durch die
-Drehzähler gequetscht haben, die jedoch ohne Nummerwerk sind.« -- Dies
-bewunderte die Pohlenzen sowohl, wie die Butschen, aber mich mit ihnen
-auf das statistische Gebiet zu begeben, schien unangebracht. Wo wenig
-Verstand ist, muß man ihn für wichtigere Aufgaben schonen.
-
-Als unsere Eintrittsscheine richtig befunden waren, schlüpften wir auf
-das Ausstellungsgelände. Die Pohlenz wollte ihren bis dahin verhaltenen
-Ueberraschungsgefühlen Ausdruck verleihen, aber, da es so eingerichtet
-ist, daß man anfänglich nichts sieht, machte sie ein Gesicht, wie Eine
-die ein bischen mager zu Weihnachten bekommen hat. Die Bergfeldten war
-inzwischen in Ablehnungskampf mit einem von den officiellen Jünglingen
-gerathen, die das verbriefte Recht haben, die Tagesprogramme feil
-zu halten. Da die Pohlenzen sofort in dieselbe Verlegenheit gesetzt
-wurde, war ich neugierig, ob sich wohl eine von den Beiden so anständig
-zeigte, eins zu kaufen. Aber nein.
-
-Wenn sie jedoch dachten, ich würde den Groschen in's Allgemeine Beste
-werfen, täuschten sie sich gründlich und deshalb winkte ich dito
-Schippen.
-
-Wir gingen nun rechts die künstliche Anhöhe hinauf, die, genau besehen,
-eine Brücke über die elektrische Eisenbahn darstellt, und betraten nach
-und nach die Hauptbetrachtungswürdigkeit, die Anlagen zwischen dem
-Neuen See und dem Industriegebäude. »Meine Damen,« sagte ich, »sehen
-Sie sich erst um, wenn ich vernehmlich rufe: Nu! So verfahren gewiefte
-Reisende, wenn's wo schön ist.« -- »Ich schiele nicht,« antwortete die
-Butschen, »hingegen für die Pohlenzen übernehme ich keine Garantie«
--- »Woso?« begehrte die auf -- »Sie kann mit zugemachten Augenlidern
-um die Ecke glupen,« setzte die Butschen hinzu, »und sieht mehrstens
-gerade stets, was sie nicht sehen soll. Woher weiß sie sonst Alles?«
-
-Um Zwistigkeit zu verhüten, schritt ich rasch bis zum Bismarckstandbild
-und machte Halt. »Schlagen Sie Ihre Sehorgane auf,« befahl ich,
-»und begrüßen Sie dieses Bildniß aus Erz. Hier hat Berlin seinem
-Ehrenbürger ein Monument gesetzt, das der Ausstellung zum Ruhm
-gereicht. Wo der große Mann gewirkt hat, ist noch alles zu Heil und
-Segen ausgefallen.« Ich wollte einige fernere Worte hinzufügen, aber
-ein Programm verkaufender Jüngling litt es nicht. -- »Danke, wir sind
-schon versehen,« verscheuchte die Pohlenz ihn. Wie Eine angesichts
-Bismarckens so lügen kann, ist mir unbegreiflich und mindestens das
-Zeichen eines sehr fleckigen Charakters.
-
-Nach etlichen Schritten rief ich: »Nu!«
-
-Die Wirkung war, wie ich gedacht.
-
-Die Meeresfläche, im Hintergrunde mit dem weißen Wasserthurm und dem
-Hauptrestaurant, vorne die Blumengefilde, die Obelisken und dazu
-Musik aus den Pavillons, das war wirklich wunderschön. Und dann
-durch einfache Umdrehung des menschlichen Körpers der Blick auf das
-Industriegebäude mit der Kuppel und den Thürmen, deren Aluminiumkappen
-in der Sonne glänzten wie nagelneue Suppentöpfe und die Orangenbäume
-auf dem Dache des Vorbaues, der in zwei Wandelhallen ausläuft, die das
-Ganze in übersichtlicher gerader Linie durchschneiden, dies wirkte
-verstummend auf die Beiden, die derartiges noch nie in ihrem Leben
-gesehen hatten. Die Pohlenz that so überwältigt, daß sie auf einen der
-vielen Stühle sank, die einladend an den Ufern des Sees entlang stehen.
-
-Kaum jedoch war sie gesunken, als flugs ein Knabe nahte, der zehn
-Pfennige Stuhlmiethe verlangte. Sie sich gesträubt. Es half ihr aber
-nichts und so kaufte sie für einen Nickel Sitzgerechtigkeit, die für
-den ganzen Nachmittag gilt.
-
-Dies war die Strafe dafür, daß sie kein Programm gekauft hatte, worin
-zu lesen steht, was per naß ist, und was Auslagen verursacht.
-
-Als ich nun für angebracht hielt, den Kaffee zu nehmen, wollte die
-Pohlenz für ihre zehn Pfennige weiter sitzen. »Wie Ihnen beliebt,«
-bemerkte ich, »aber einmal getrennt ist Wiederfinden ein Glückszufall.
-Kommen Sie, Butschen, wir gehen in's Café Bauer.«
-
-Dieses erreichten wir unangefochten und nachdem wir einen Tisch mit
-bester Mitten-Aussicht gefunden hatten, bestellten wir dreimal Melange.
-Wir nennen es sonst Kaffee mit Milch, aber die Oesterreicher kennen es
-nicht anders und den Dreibund-Gebräuchen muß man sich fügen.
-
-Der Kellner brachte das Verlangte. »Auch Gebäck gefällig?« fragte er
-und stellte einen Korb mit feiner Backwaare auf den Tisch.
-
-»Nee,« rief die Butschen, »nehmen Sie den man wieder mit. Wir haben
-selber.« Und ehe ich mich von meinem Schreck erholen konnte, sagte sie
-zur Pohlenz: »Nu man heraus mit den Gesangbüchern, ich hab' Hunger.«
-
-Die Pohlenz denn auch ihre Handtasche aufgemacht und einen Packen
-Klappstullen hervorgeholt, als wäre Hungersnoth in Sicht. »Wollen Sie
-mit Wurst oder mit Käse?« bot die Pohlenz mir an. -- Ich dankte. --
-»Es ist delinquente Schlackwurst und prachtvoll durcher Ramadour.« --
-»Danke,« lehnte ich nochmals ab, »den hab' ich bereits gerochen.«
-
-War dies glaublich? In dem feinen Café, wo die Kellner herumlaufen wie
-die Ballherren während der Tanzpausen und der Zahlkellner es mit jedem
-Bräutigam aus der höchsten Noblesse aufnimmt, entblödeten die beiden
-Weiber sich nicht, den Eßkober zu entfalten, als machten sie eine
-Landpartie nach der Wuhlheide. Und die spietschen Physiognomieen von
-den Wienern. Und meine Angst, daß Bekannte kämen. Ich fürchte doch, die
-Butschen wird in der Weißbierstube ihres Mannes nach und nach gemischt.
-Von der Pohlenz sage ich nur: Kein Mensch kann über seinen Horizont.
-
-Ich zahlte ohne Ansehung des Kellners und that, als ob ich die
-Bemerkung der Pohlenz über die kleinen Tassen garnicht hörte. Ob sie
-Trinkgeld gegeben haben, weiß ich nicht, mir war blos, als ob das »Hab'
-die Ehr'!« den Beiklang eines Hinauscompliments hatte.
-
-Die Butschen wollte hierauf in das Hauptgebäude, was mir jedoch
-insofern nicht recht war, als meines Karls Aufbau noch der letzten
-Krönung mit dem Adler aus echtschwarzen Socken ermangelte, allein, was
-vermochte ich gegen zwei Stimmen, da die Pohlenz auf der Butschen Seite
-stand, innig durch die Klappstullen verschwestert? Ich folgte willenlos.
-
-[Illustration: "Da raucht einer aus zwei Cigarrenspitzen auf einmal."]
-
-Vor dem Portal blieb die Butschen stehen. »Herrjeh,« rief sie, »das ist
-ja eine ganze neue Mode: da raucht Einer aus zwei Cigarrenspitzen auf
-einmal.« -- »Wo denn?« -- »Da über dem Thürbogen der Kopp.«
-
-»Nein,« erwiderte ich, nachdem ich das Bildhauerische ergründet hatte,
-»das bezieht sich nicht auf Tabak, das ist der Ruhm, der bläst auf der
-sogenannten Fama, wie die Trompeten im Alterthum hießen.« -- »Da gehört
-aber eine tüchtige Puste dazu,« sagte die Pohlenz. -- »In früheren
-Zeiten waren die Lungen kräftiger,« gab ich ihr zu verstehen, »aber man
-schonte sich auch mehr bei Erkältungen und blieb zu Hause.«
-
-Wir traten ein, in der Vorhalle den Löwenbrunnen zu besichtigen, wobei
-wir von einem Blumenmädchen anmuthig unterbrochen wurden. Sie war weiß
-gekleidet mit einer Achselschleife in den deutschen Farben, hatte aber
-kein Glück mit uns. Auch einer schwarz gekleideten erging es ebenso.
-Eine dritte, die dies sah, wagte sich nicht erst heran. Mir war auch
-nicht blumenkauferig.
-
-Mein Karl hält abgeschnittenen Blumenhandel ebenfalls für unnöthig.
-Warum? Man ist eben aus den sogenannten Galanteriejahren heraus.
-
-Die Pohlenzen strebte vorwärts: sie hätte so viel von dem Deckengemälde
-in der Kuppelhalle gelesen, das müßte sie betrachten. »Gewiß,«
-willigte ich ein, »Gemälde bilden.« -- »Man sagt ja auch, Kinder wie
-die Bilder,« setzte die Butschen hinzu. Was sie damit meinte, war mir
-unerfindlich und wird wohl für immer räthselhaft bleiben, denn, gerade
-als ich nachfragen wollte, stieß die Pohlenz einen Mordsschrei aus und
-legte ihre linke Baumwollen-Handschuhhand wie eine Scheuklappe an die
-Stirn.
-
-»Was ist Ihnen?« fragte ich besorgt. -- »Haben Sie sich den Fuß
-verknaxt?« fragte die Butschen. -- »Nein, nein,« ächzte die Pohlenz,
-»Gott nein. Nein, nein, ich kann das nicht sehen...« -- »Was nicht?«
--- »O nein... nein... die Puppen.« -- »Was für...« -- Wir hielten
-nun auch einen Rundblick und entdeckten an einer Ecke der Halle ein
-paar Museumsriesen in der bekannten klassischen Auffassung, bei der
-das Stoffliche vernachlässigt wird, weil doch die Marmorfiguren
-aus dem sonnigen Griechenland entspringen und es im Alterthum
-keine Confectionsgeschäfte gab. Aber wegen der Größe und der
-Fleischfarbigkeit mochte die Pohlenz sie wohl für lebendig gehalten
-haben und gedacht, sie thäten ihr was.
-
-»Es sind ja nur gipserne,« suchte die Butschen sie zu beschwichtigen.
--- »Nein, nein,« blieb die Pohlenz bei, »ich kann so was nicht sehen.«
--- »Denn kommen Sie man raus,« griff ich ein, »draußen sind die
-Blümelein und die rauschenden Gewässer und was sonst unerröthend ist.
-Für Kunst sind Sie noch nicht reif, die hat das Unbekleidete einmal so
-an sich. Oder wollen Sie nach den Wilden?«
-
-»Nein... nein. Aber nach den Marineschauspielen will ich, dazu hab' ich
-ein Freibillet.« -- -»Wie kommen Sie dabei?« Sie stach sich noch röther
-an, und lispelte kaum verstehbar: »Geschenkt.«
-
-Ich drang nicht weiter in ihre maritimen Verhältnisse, sondern war
-froh, daß wir um die aus Strikegründen unvollendete Ausstellung meines
-Karls herum kamen, und fragte: »Wann ist denn der Zauber?« -- »Das
-weiß ich nicht genau, es steht wohl irgendwo zu lesen.« -- »Freilich
-in dem Programm.« -- »Haben Sie eins?« -- »Nein.« -- »Sie auch nicht,
-Frau Butschen?« -- »Ih, wo werd' ich!... Aber ich kann ja mal den
-Kaffee-Kellner fragen.«
-
-Sie hin. Der Frackmensch sie mit ziemlicher Obenherabheit betrachtet,
-aber doch höflich geantwortet, sie müßte sich wohl irren, von
-Marineschauspielen wüßte er nur, daß sie vor längerer Zeit bei Kiel
-stattgefunden hätten. Ob sie vielleicht die Fischerei-Ausstellung
-meinte, die wäre bitte jenseits am diesseitigen Ufer der Spree gelegen.
-
-»Wir werden es schon finden,« sagte die Pohlenz. »Mir recht,«
-entgegnete ich. -- Bei dem Durchwandeln des Parkes konnte ich
-wundervoll feststellen, wie angestrengt in den letzten Tagen gearbeitet
-worden war und wie die Ausstellung immer completer und schöner wurde.
-Es will eben alles seine Zeit haben, selbst der simpelste Hefenteig.
-
-Schritt vor Schritt gab es etwas zu betrachten, eine von uns Dreien
-blieb immer irgendwo hängen und war nicht mit zu kriegen und, als wir
-glücklich bei den Marineschauspielen anlangten, war die Vorstellung
-justement vorbei.
-
-Die Pohlenz, nun beleidigt gethan und vorgeworfen, wir, also die
-Butschen und ich, hätten absichtlich gebummelt, damit sie zu spät käme
-und so wie ich hätte mich gerühmt, Bescheid zu wissen und das schiene
-doch nur sehr plundrig. Grade ihrem Husten hätte die Marine-Seeluft
-gut gethan. Aber man gönnte ihr nichts Gutes. In denselben Ton
-verfallen war meinerseits nicht, obgleich sie es war, die am meisten
-stehen blieb und überall hineinwollte, wo noch garnicht eröffnet
-wurde. Hocharistokratisch entgegnete ich daher: »Mein Fräulein, die
-Ausstellung ist zu groß, als daß sie auf ein- oder zweimal in den
-menschlichen Geist geht. Schuld allein ist die Gnietschigkeit, sich
-kein Programm zuzulegen.« -- Das könnten Andere sich nicht minder
-zuziehen, schnatterte sie gegen in ihrer sticheligen Manier und bewies
-dadurch wieder, wie sehr es ihr zwei Finger hoch über der Nase fehlt.
-
-Mir fiel sofort plötzlich ein, daß ich meinem Karl versprochen
-hatte, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, und, indem ich zur
-Butsch sagte: »Sie bleiben wohl noch,« machte ich eine absichtlich
-gelenkarme Verbeugung, woran die Pohlenz etwas zum Nachdenken hat, und
-verabschiedete mich. Mir war klar geworden, daß es bei Ausstellungen
-doch sehr auf die Gesellschaft ankommt, mit der man sie besucht.
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-Der Hausbesuch regt sich.
-
-
-[Illustration]
-
-Noch bin ich nicht zu meinen Berichten gekommen. Wie kann ich auch?
-
-Kaum haben nämlich die Herrschaften auswärts in den Zeitungen
-gelesen, daß die Ausstellung angegangen ist, ehe sie fertig war, sie
-sich, wie sie gebacken sind, hingesetzt und geschrieben, sie kämen
-erst später. Die Antworten darauf und das Umkatern der Anmeldezeit,
-der Zimmerbesetzung und gegenseitiges Verständigen, da Ungermann's
-jetzt mit Tante Lina zusammenfallen und der Amtsrichter dito mit
-ihr zusammenstößt, wenn auch Ungermann's umgelegt werden, das
-hinderte. Ungermann's müssen in die gute Stube und Tante Lina läßt
-sich allenfalls nach Butsch's abzweigen, andererseits jedoch ist
-der Amtsrichter unmöglich mit der Mädchenkammer zufrieden. Das
-Fremdenzimmer ist besetzt. Und die Dorette sperrt sich gegen das
-Schlafen auf dem Boden.
-
-Hat man den Kopf voll von Einrichtungen, kann man keine allgemein
-einleuchtende Berichte über die Größe der Industrie und das
-Bedeutendste der Gesammtleistungen verfassen. Es sind in der That
-Leistungen draußen, von denen man, wie Napoleon oder wer es war, nur
-sagen kann: es sind welche! Und wie manches, geradezu nicht hoch genug
-anzuerkennende ist in einem Seitenflügel angebracht. -- Jawohl, das
-ist es! -- Da wird es Pflicht der Berichterstattung, es hervorzuziehen
-und laut zu verkündigen: da seht her, was hier gewebt ist, diese
-prachtvolle Qualität und dauerhaft im Tragen. Und preiswürdig! Denn bei
-den immensen Kosten will doch auch der Aussteller sein Geschäft machen
-und das kann er nicht in einem Winkel, an dem das Publikum sinnlos
-vorüberrennt und seinen Fleiß, seine Arbeit, seine Tüchtigkeit links
-liegen läßt.
-
-Aber ich will's schon schieben.
-
-Was Auswärtige nun unter »nicht fertig« denken, das würden sie selbst
-mit den schrecklichsten Daumenschrauben nicht gestehen können, da sie
-ja garnicht wissen, wie die Ausstellung werden soll, wenn sie fertig
-ist. Freilich, desto vollendeter sie ist, desto mehr Totaleindrücke
-giebt sie her, aber für Viele thut sich ohne dies schon fast zu
-reichlich. Außerdem hat bis jetzt noch keine große Ausstellung ihren
-Zeitpunkt innegehalten. Den ^letzten^ Pinselstrich hat wohl noch
-Niemand gesehen, wie mein Karl meint.
-
-Was ihn selbst betrifft... er will nicht in der Fabrik schlafen und
-sagt: »er sei nun einmal ein Gewohnheitsthier und werde, so weit in
-seiner Macht stände, sich auch nicht ändern.«
-
-»Karl,« hielt ich ihm vor, »die Aufgabe des menschlichen Geschlechts
-liegt neuerdings in der Vervollkommnung. Man muß das Thierische,
-das Einem noch von den Vorzeiten anstammt, immer mehr abstreifen,
-namentlich Gewohnheiten.«
-
-»Meine Familie hat sich nie zu der Darwin'schen Religion bekannt,«
-sagte er. »Wie Deine es damit gehalten hat, wirst Du selbst am besten
-wissen.«
-
-»Was willst Du damit behaupten? Was kannst Du mir vorwerfen? Oder
-willst Du meine Vorfahren verächtlich machen? Karl, die liegen in
-ihren Gräbern und können sich nicht vertheidigen und Du schiltst sie
-Gorillas?«
-
-»Mit keiner Silbe!«
-
-»Wenn einer Darwin sagt, meint er Affe. Und das verbitte ich mir für
-meine Ahnen, das waren Musterleute. Was mich selbst betrifft, bin ich
-viel zu aufgeklärt, um zu leugnen, daß ich nicht auch meine Fehler
-hätte.«
-
-»Ganz sicher.«
-
-»So; und welche wären das? Wie? Ich möchte sie wirklich kennen lernen.
-Jawohl, das möchte ich. So nenne sie doch.«
-
-Er besah seine Fingernägel, als wären es Polizeiakten, aber es stand
-nichts darauf.
-
-»Siehst Du, Karl, wie leicht etwas nicht bewiesen wird? Gesetzt den
-Fall, ich wäre nicht Deine Dich innig liebende Gattin, sondern Besuch
-von Außerhalb und ginge Dich direct verklagen? Bedenke den Blam! Du in
-allen Zeitungen, an jedem Biertisch gelesen und straffällig gefunden,
-verurtheilt von der öffentlichen Meinung und nie -- nie Kommerzienrath.
-Du urtheilst zu rasch, mein Karl, Du bist zuweilen recht unüberlegt;
-ich will es nicht gerade tadeln, weil es an Deinem jugendlich
-aufwallenden Blut liegt -- Du hast Dich auffallend gut konservirt --
-aber wenn wir Fremde haben und Du läßt Dich hinreißen und schmetterst
-in Deinem Leichtsinn gerichtliche Ehrenkränkungen hin wie eben... Karl,
-hast Du die Folgen bedacht? Ich meine ^Folgen^, wenn ich Folgen sage...«
-
-»Wilhelmine, ich weiß nicht, wie Du mir vorkommst.«
-
-»Bange Blicke in die Zukunft, die Besorgniß um Dich...«
-
-»Aber Kind...«
-
-»Karl, es ist das Beste,... Du schläfst in der Fabrik, dann kann so
-etwas garnicht passiren.«
-
-»Nein!«
-
-»Und wenn's nachher zu spät ist? Wenn es sich erfüllt, wie ich
-voraussehe?«
-
-»Für das, was geschieht, übernehme ich, Karl Buchholz, die
-Verantwortung. Bist Du damit zufrieden?«
-
-»Vollständig. Gewiß, mein Karl. Ich möchte den sehen, der Dir irgendwie
-käme... Aber wenn Du in der Fabrik schlafen wolltest...«
-
-Was er sagte, als er das Lokal jetzt verließ, verstand ich nicht genau.
-Ich glaube beinahe, er fluchte.
-
-Aber er hat nun einmal das Prinzip, nicht in die Fabrik überzusiedeln
-und Prinzipien sind um so eigensinniger, je höher sie gehalten werden.
-
-Und doch... mein Karl muß in die Fabrik.
-
-Meine Stimmung war eine durchwachsene; es that mir wohl, daß mein
-Mann nicht von mir weg wollte, und gleichzeitig verdrossen mich seine
-Sperenzken. Um diese beiden Drehpunkte bewegten sich meine Gedanken,
-als ich mich nunmehr hinsetzte, der Kliebisch Tag und Woche zu
-schreiben, wann wir sie mit Gatten bei uns sehen könnten, und nebenbei
-einige Andeutungen über ihren Briefstil zu verabreichen, der mein
-Mißfallen erregt hatte.
-
-Daß die Kliebisch kommen wollte, war mir recht, wenn auch mein Karl
-murrte.
-
-Wir lernten uns in Italien kennen, nicht als gewöhnliche
-Eisenbahnabtheils-Bekannte oder _Table d'hôte_-Mitesser, sondern
-mancherlei Erlebnisse brachten uns näher, Gefahren und glückliches
-Entschlüpfen, wie ich in dem Buche »Buchholzen's in Italien«
-wahrheitsgemäß wiedererzählt habe, von dem jedoch die Krausen hinter
-meinem Rücken laut behauptet, ich hätte es garnicht geschrieben,
-sondern Jemand anders. Ganz derselben Meinung war früher die
-Bergfeldten. Welche Mühe hat es mich gekostet, ihr diesen Wahnwitz
-auszureden. »Bergfeldten,« fragte ich sie eindringlich, »wie kann man
-ein Buch über etwas schreiben, wenn man nicht da war? Wie denken Sie
-sich das? So aus heiler Haut? Meinen Sie vielleicht, man setzt sich an
-den Schreibtisch und, haste nicht gesehen, Neapel geschildert oder Rom
-oder die Bevölkerung und, was sonst malerisch ist, ohne persönliche
-Anschauung?«
-
-Und was antwortete sie darauf? Was?
-
-»Das Papier ist geduldig.«
-
-Hierauf wollte ich tödtlich werden, wie es sich auch eigentlich
-gehörte, aber da ich kürzlich vorher in der Familienbeilage unseres
-Blattes gelesen hatte, daß Langmuth und Unnachgiebigkeit herrlicher
-von Erfolg gekrönt werden als Jähzorn mit Handhabungen, wendete ich
-Nachsicht an und sagte, sie möchte doch um Alles in der Welt nicht über
-Dinge reden, die für sie ewig unaufgegangene Seifensieder blieben, so
-lange sie sich absichtlich der Wahrheit verschlösse.
-
-Da gestand sie denn, daß sie blos sagte, was die Krausen gesagt hätte.
-Ich hatte die Krausen damals noch nicht so durchschaut wie später, und
-stand einigermaßen ziemlich mit ihr, so daß diese Offenbarung mir durch
-und durch ging, weshalb ich rügte: »Man muß sich nie als Sprachrohr
-gebrauchen lassen, weil zu viel verdreht herauskommt.«
-
-Die Kliebisch sowohl wie ihr Gatte sollen nun der Butschen sowohl wie
-der Krausen mitten in's Gesicht beeidigen, daß ich mit ihnen zusammen
-in Italien war. Lügen müssen wie die Schwaben immerwährend ausgerottet
-werden, sonst dauern sie lebenslänglich.
-
-Was mich in ihrem Schreibebriefe ärgerte, das waren Bemerkungen. --
-»Wir haben hier auch das Abschreckungs-Plakat in dem Dorfkruge hängen,«
-schrieb sie, »und hatten in Folge dessen anfangs gar keine Lust zur
-Ausstellung. Der sehnige Arm, der aus der Erde sich brutal erhebt und
-mit dem Hammer Jeden zu zerschmettern droht, hatte für mich etwas
-Widriges, bis mein Hinnerich sagte, das Plakat stelle blos Berliner
-Blau vor (weil doch der Hintergrund so blau ist), und der Hammer
-bedeute die Landwirthschaft, die bald unter den Hammer käme. Da haben
-wir denn herzlich über den Witz gelacht. Mein Mann macht mitunter
-ganz brillante Witze und ist auch ringsum dafür bekannt. Unsere Anna
-ist konfirmirt und mir eine rechte Stütze im Haushalt. Sie hat den
-praktischen Sinn ihres Vaters geerbt und ebenso hellblondes Haar wie
-er und dabei seidenweich. Heinrich weiß noch nicht, was er werden
-will, wir lassen ihn deshalb die Schule noch ruhig besuchen, bis er
-sich entscheidet. Landwirth sieht mein Hinnerich ungern, weil zu wenig
-verdient wird und ein junger Mann ohne großes Kapital zu lange bis zur
-Selbstständigkeit warten muß. Henriette dagegen, unsere dritte, ist
-idealer veranlagt, mit gutem Gehör und einer allerliebsten Stimme.
-Adalbert und Friedrich gehen in die Dorfschule, was für den letzteren,
-da er von den Masern her immer noch nicht ganz wieder der Alte ist,
-seine Bedenken hat. Lene und Male...«
-
-Die unflügge Nachkommenschaft war für mich wenig von Interesse, da
-ich sie nicht kenne, aber ich empfing doch die Ueberzeugung, daß die
-Gegend dort zu den fruchtbaren gehört. Auf den Ehesegen ging ich daher
-nicht näher ein, wohl aber auf Herrn Kliebisch's Randglossen über das
-Ausstellungs-Plakat. Die hatten mich verdrossen.
-
-»Es freut mich,« schrieb ich, »daß Sie Alle wohl und munter sind und
-Ihr Herr Gemahl trotz der agrarischen Lage noch zu Scherzen aufgelegt
-ist. Was diese anbetrifft, möchte ich mir nur die Mittheilung erlauben,
-daß wir unsere Witze über Berlin gewöhnlich selber zu machen pflegen.«
-
-»Das Plakat will verstanden sein. Es schließt sich der neueren
-Kunstrichtung an, die den sogenannten schönen Schein als unnatürlich
-meidet und in erster Linie darauf zielt, daß von dem Kunstwerk
-gesprochen wird. Wie? ist Wurst. Und das ist erreicht, sogar bei Ihnen
-auf dem Lande. Sie haben sich geängstigt: wollen Sie noch mehr Wirkung?
-Liebe Frau Kliebisch, seit wir uns in Italien sahen, hat die Kunst
-unermeßliche Fortschritte gemacht, daß die alten Meister, wenn sie aus
-ihren Gräbern hochkämen, sämmtlich umlernen müßten. Wie Tag und Nacht
-ist der Unterschied. Alles Braune und Dunkele gehört in die Museen und
-der Antike an. Alles Mehlige und wie in den Regenbogen Getauchte ist
-modern und zulässig für Ausstellungen. Dies muß man sich merken und
-Rafael und Rubens und die verstorbenen Malermeister nicht loben, das
-nehmen die jüngeren krumm. Wir werden über Manches zu plaudern haben
-und Vieles zu besichtigen, denn eine enorme Gemälde-Ausstellung ist
-Treptow gegenüber am anderen Ende der Stadt eröffnet. Wir rechnen in
-Berlin eben mit größeren Entfernungen als in kleineren Orten und so ist
-es auch mit dem Geistigen und den Scherzen. Berliner Blau gehört zu den
-überlebten; ich bezweifle, daß Ihr Mann Glück damit machen wird.«
-
-Als ich über eine stilgerechte Schwenkung in die Kinderstube nachsann,
-kam die Dorette, und meldete, vor der Thüre hielte eine Droschke mit
-Massen-Gepäck; ob das wohl Besuch für uns wäre?
-
-Wir Beide aus dem Fenster gesehen. Richtig. Die Droschke beladen wie
-ein Möbelwagen zur Umzugszeit, vornehmlich mit einem Reisespinde,
-daß der Kutscher völlig unfallversicherungsreif daneben auf dem Bock
-pendelte.
-
-Wer konnte es sein? Nach dem Kontrolirverzeichniß, das ich rasch zu
-Rathe zog, Niemand. Aber da öffnete sich die Thür, eine junge Dame flog
-auf mich zu mit den Worten: »Ich bin es. Wie ich mich freue.«
-
-»Ottilie?« fragte ich.
-
-»Ja, Ottilie.«
-
-»Warum schrieben oder telegraphirten Sie nicht?«
-
-»Ich wollte Sie überraschen, das hatte ich mir zu entzückend
-ausgedacht. Ach es geht nichts über Ueberraschungen, die sind zu
-himmlisch.«
-
-Sie hatte es gut gemeint und so fügte ich mich denn, obgleich mir
-genaue Anmeldung lieber gewesen wäre, weil ich dann meine Anordnungen
-getroffen hätte.
-
-Ich betrachtete sie mir. Sie war viel ansehnlicher, als auf der
-Photographie, namentlich das lebhafte Auge verlieh ihr etwas Reizvolles
-und, wenn sie sich bewegte, kam ihre schlanke Figur zur Geltung. Nun
-ward mir auch mit einem Male klar, warum sie sich nicht glücklich in
-ihrer Heimath fühlt und weshalb sie allerlei auszustehen hat. Sie ist
-über ihren Stand hübsch.
-
-Ich hieß sie willkommen und fügte hinzu: »Wir haben ereignißreiche Tage
-vor uns, aber mit gutem Willen, verständiger Anordnung und Fleiß werden
-wir sie bewältigen.«
-
-»Ach und recht oft in die Oper,« rief sie, »Oper ist zu himmlisch.
-Ich muß die Sucher hören, sie soll als Isolde zu entzückend sein. Und
-Zirkus. Ich schwärme für Zirkus!«
-
-»Ottilie,« unterbrach ich sie, »Zirkus ist eine Wintersache, also
-jetzt nicht vorhanden. In die Oper werden wir auch einmal gehen. Die
-Hauptsache ist unsere gemeinsame Ausstellungsarbeit. Haben Sie Bücher
-mitgebracht?«
-
-»Gewiß, zwei Kisten voll.«
-
-»Zwei Kisten?« fragte ich entsetzt.
-
-Der Droschkenkutscher und Dorette schleppten gerade einen schweren
-Kasten die Treppe herauf. »Das Praktische scheint ihr fremd zu sein,«
-dachte ich und fragte: »Was sind denn das für Bücher?«
-
-»Zunächst Meyer,« antwortete sie.
-
-»Was für'n Meyer? Doch nicht das ganze Conversationslexikon?«
-
-»Nun ja, darin steht Alles.«
-
-»Ottilie,« rief ich, »den Meyer habe ich selbst; die Ueberfracht hätten
-Sie sparen können. Was sonst noch?«
-
-»Ein französisches und ein englisches Lexikon, Daniel's großes Handbuch
-der Erdkunde, Velhagen und Klasing's Atlas, Brehm's Thierleben, wegen
-der Fischerei-Ausstellung, Krüger's Physik...«
-
-»Das scheint mir das einzig richtige. Haben Sie auch Chemie
-mitgebracht?«
-
-»Chemie? Nein, die hab' ich vergessen.«
-
-»Aber Ottilie, wo ich Ihnen doch schrieb, welche Sorge mir das
-chemische Industriegebäude macht. Was fangen wir nun an? Wir müssen das
-Buch schicken lassen.«
-
-»Das geht nicht. Ich habe die Schlüssel zu meinem Bücherspinde bei mir.«
-
-Ich seufzte. »Kommen Sie, ich will Sie auf Ihr Zimmer führen. Später
-ziehen Sie zu mir.«
-
-»Ach wie reizend.«
-
-Der Droschkenmann wurde allmählich befriedigt; die Ladung war nicht
-billig. Auch machte er Seitenbemerkungen, als Dorette meinte, das
-Heraufbefördern von Gepäck läge mit in der Taxe und sei mit zwei
-Groschen hinreichend belohnt.
-
-»Denn muß das Freilein das nächste mal mit'n Rollwagen fahren,« sagte
-er. --
-
-Als mein Karl zu Tisch kam und ein drittes Gedeck vorfand, legte er
-sich auf's Rathen, für wen es sei, kriegte es aber nicht heraus, weil
-das Zunächstliegende stets das Schwierigste ist. Er wurde ärgerlich
-und grollte: »Du willst Dich wohl zur Sphinx ausbilden, das ist das
-einzige, was auf dem Ausstellungs-Kairo noch fehlt.«
-
-»Hast Du so genau nachgesehen?« -- »Ja!« -- »Ohne mich?« -- »Du gehst
-ja Deine eigenen Studirwege.« -- »Karl!«
-
-In diesem Ausrufe lag eine ganze Tragödie, und das fühlte er, denn
-er fragte »Wo bleibt das Essen?« Wenn Männer ablenken, regt sich ihr
-Schuldbewußtsein.
-
-»Die Araberinnen sollen dort ja zum Theil unverschleiert herumlaufen?«
-fragte ich durchbohrend. »Ist das wahr?«
-
-»Ich bin hungrig, Wilhelmine!«
-
-»Ich nicht. Mir ist der Appetit vergangen.« -- »Wovon denn?« -- »Was
-weiß ich?« -- »Eben warst Du noch guter Dinge.« -- »Eben, ja.« -- »Bin
-ich Schuld an Deiner Laune?« -- »Nein.« -- »Wer denn?« -- »Niemand.«
--- »Wilhelmine, willst Du mich erzürnen?« -- »Nein; ich bitte Dich,
-was soll Ottilie denken, wenn sie gleich am ersten Tage Zeuge tiefsten
-Familienzwistes wird.« -- »Uebertreib' nicht, sei so gut. Also für
-Ottilie ist gedeckt... Wo bleibt sie aber? Ich möchte essen.«
-
-»Sie macht Toilette.«
-
-»Sie soll sich beeilen. Von der Gesellschafterin verlange ich
-Pünktlichkeit. Ich werde einen Ton mit ihr reden.«
-
-»Karl, mir zu Lieb sei freundlich gegen sie. Bedenke, ich muß Wochen
-lang mit ihr auskommen. Und Du weißt, sie hat Nerven.«
-
-»Sie kann sich meinethalben an ihren Nerven aufhängen.«
-
-Ich klingelte. Mein Karl war bereits in dem Hungerstadium, wo die
-Männer borstig werden. »Dorette, schleunigst die Suppe und Fräulein
-nochmal zu Tisch ansagen.« Glücklicherweise hatten wir Kerbelsuppe,
-die mein Karl schon öfter für sein Leibgericht erklärte, mit Ei und
-gebratenem Brot. Er schlemmte ordentlich, so ausverkauft war sein Magen
-gewesen und mit jedem Löffel ward er friedlicher. Wäre jetzt Ottilie
-nicht gekommen, hätte er deren Antheil mit vertilgt; ein Ei bekam sie
-schon weniger.
-
-Mein Karl war überrascht bei ihrem Anblick, ich noch überraschter. Er
-stand auf und verbeugte sich und sie machte einen Quadrillenknix wie
-frisch vom Tanzmeister, schon mehr die reine Hoffeierlichkeit. Und was
-hatte sie an? Ein marineblaues Kleid von demselben Stück wie meines und
-eben solche crêmefarbige Klöppelarbeit und der Schnitt aus demselben
-Modenblatt.
-
-Mein Effect, den ich vorhatte, war hin. Zweie aus dem nämlichen
-Laden erregen allerdings Aufsehen, aber nur weil Jede sagt: sie gehen
-gleichartig aus Billigkeitsrücksichten, Gott weiß, wo sie den Rest
-gekauft haben? Und dazu schafft man doch nichts Neues an.
-
-Ich hatte Karl zwar gebeten, freundlich zu sein, aber daß er Ottilie
-mit unverhohlenem Wohlbehagen ansah, das war nicht ausbedungen.
-
-Das Gespräch wurde bald recht lebhaft. Ottilie schwärmte schon mächtig
-für Berlin. Nach dem Spreewald wollte sie und einen kleinen Abstecher
-nach Dresden machen, und recht, recht oft in's Theater.
-
-[Illustration: Fliegende Otilie]
-
-»Meine Liebe,« sagte ich, »was wird aber aus Ihren Nerven?«
-
-»Oh,« erwiderte sie, »die sind facultativ. Ich bedarf der Anregung, die
-wird mir Flügel verleihen, Flügel des Geistes, sie wachsen mir jetzt
-schon. Ach, Berlin ist zu himmlisch.« Dabei streckte sie Jedem von uns
-eine Hand hin und sprach: »Wie lieb Sie sind, mich so glücklich zu
-machen.«
-
-Wir schlugen ein, weil sie so überrumpelnd war und mein Karl, das sah
-ich, fand Vergnügen an dem Händedrücken.
-
-»Ottilie,« bemerkte ich strenge, »so lange Sie hier sind, vertrete ich
-Mutterstelle und das sage ich von vorn herein: geflogen wird nicht.«
-
-Sie hätte nur bildlich gesprochen. -- »Bei uns reden wir deutsch.«
-
-Nach Beendigung des Mahles schlug ich im Meyer »facultativ« nach. »Dem
-eigenen Ermessen freigestellt« stand da.
-
-Hierauf fragte ich meinen Mann: »Karl, weißt Du, was facultativ besagt,
-in Bezug auf Ottiliens Nerven?«
-
-»O ja,« entgegnete er trocken, »ihr freiert.«
-
-»Und deshalb ziehst Du in die Fabrik und Ottilie schläft bei mir. --
-Ohne Widerrede, mein Karl.«
-
-Er redete auch nicht wider. Ottilie ist wirklich zu hübsch und ohne
-Erfahrung. Es wird nicht leicht sein, sie zu hüten.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Ein Blick über das Ganze.
-
-
-Als ich Ottilie den Vorschlag machte, einen allgemeinen Ueberblick über
-die Ausstellung zu gewinnen, wollte sie gleich mit dem Fesselballon
-hoch.
-
-»Nein,« sagte ich. »Vorläufig warten wir ab, ob er Zwischenfälle
-kriegt, und, wenn die dann nach einigen Wochen rasch und leicht
-beseitigt sind, steigen wir mit. Auch meine ich mit Ueberblick nicht
-ein Häppsken Vogelschau, sondern das fest im Gedächtnis haftende
-Terrain der Ausstellung, damit man weiß, was vorhanden ist, wo es
-liegt, wie man hinkommt, wie viel Zeit man auf das Einzelne verwenden
-kann. Es sind über viertausend Aussteller und nun rechne aus, wenn
-auf jeden nur fünf Minuten gründlicher Besichtigung fallen, wieviel
-Arbeitstage Du im Ganzen gebrauchst, den Tag zu acht Arbeitsstunden
-angenommen?«
-
-»Kopfrechnen erlauben mir meine Nerven nicht,« antwortete Ottilie nach
-einiger Anstrengung, als sie nicht mehr mochte.
-
-Sie bat mich gleich am ersten Tage um verwandtschaftliche Du-Anrede,
-die ich ihr bewilligte, da sie so allein steht und der Anschmiegung
-bedürftig ist.
-
-»Nun,« fragte ich, »hast Du es?«
-
-»Nein.«
-
-»Also rund zweiundvierzig Tage. Das sind beinahe anderthalb Monate.
-Von Alt-Berlin, Kairo, dem Vergnügungspark, dem Theater, der
-Diamantschleiferei, dem Panorama, der Stearinfabrik, Etzetera ist dabei
-keine Rede und Du hast weder Naß noch Trocken, noch Ausruhen, noch
-Musikgenuß, noch irgend eine nothwendige Pause. Deshalb ist planvolles
-Vorgehen geboten. Heute ist Planschwetter, wir können nichts Besseres
-beginnen, als uns vorzubereiten.«
-
-Sie seufzte. »Ich weiß nicht, ob meine Nerven«... fing sie an. --
-»Ich weiß, daß es ihnen gut bekommt,« entschied ich und breitete den
-officiellen Plan der Ausstellung auf dem Tische aus.
-
-»Wie Du siehst,« begann ich, »wird das Gebiet durch die Treptower
-Chaussee in zwei gleiche Theile gespalten, wovon der eine reichlich
-noch mal so groß ist wie der andere, und dies Röthliche, was wie ein
-Stiefelknecht aussieht, ist das Hauptgebäude.«
-
-»Ich meinte, es wäre so sehr schön.«
-
-»Dies ist ja nur der Grundriß, dasselbe, was beim Zuschneiden das
-Muster.«
-
-»Ach so.«
-
-»Hier, gerade vor, das Blaue ist der Neue See mit den echten
-Gondolieren aus Venedig.«
-
-»Wo sind die Gondoliere?«
-
-»Draußen in Treptow,« erwiderte ich sehr deutlich, denn die Hast, mit
-der sie sich mit einem Male den Plan betrachtete, während sie eben
-noch ihre Nerven überlegte und nicht die geringste Theilnahme zeigte,
-verdroß mich.
-
-»Singen sie auch das himmlische Lied: >Komm' nach der Piazetta,
-Rosetta<?«
-
-»Für ein Trinkgeld gewiß.«
-
-»Für Geld? Wie unpoetisch!«
-
-»Gegenüber liegt das Hauptrestaurant. Die Laubengänge dorthin sind mit
-Tausenden von Lämpchen behangen, bei Tage wie die größte Eiersammlung
-der Welt, an Erleuchtungsabenden feenhaft wie früher bei Kroll. Ist
-das Wetter schön, wirst Du es erleben. Von hier kann man nun durch
-das Spreewaldgehöft, durch Chocolade und Thee, bis zur todten Katze
-gelangen...«
-
-»O, pfui!«
-
-»Nicht Pfui sagen, wenn Dir etwas nicht recht ist, das ist
-kleinstädtische Geziertheit.«
-
-»Aber ich hasse todte Katzen.«
-
-»Das wird denen ziemlich dasselbe sein. In diesem Falle ist die Katze
-das ausgestopfte Motto eines stilvollen Bürgerbräu-Ausschankes in
-Bauernmanier, und kletternder Weise am Vorgiebel angebracht, also
-durchaus nicht Pfui sondern kennzeichnend für den Volksmund, der stets
-mit unerwarteter Sofortigkeit das Besonderliche in Worte formt.«
-
-Ich konnte nicht umhin, ihr diesen kleinen Erziehungs-Schupps zu
-verabreichen, weil sie ihre schiefen Urtheile nie zurückhält und
-dadurch zum Stein des Anstoßes wird, ja ich hielt es für Pflicht,
-bändigend einzugreifen, wie Goethe so treffend in Mey & Edlich's
-letztem Abreißkalender schreibt: »Wenn wir die Menschen nur nehmen wie
-sie ^sind^, so machen wir sie ^schlechter^; wenn wir sie behandeln, als
-wären sie, was sie ^sein sollten^, so bringen wir sie dahin, wohin sie
-zu bringen sind.« -- Unser vorjähriger war mit Speisezetteln versehen,
-aber weil die Zuthaten meist in die andere Jahreszeit fallen, haben
-sie als Morgenandacht keinen sittlichen Werth, wogegen man Sprüche und
-Lebensregeln ohne weitere Vorkehrungen benutzt. Dazu sind ja auch die
-Dichter und dergleichen.
-
-Ottilie schien von ihren Obliegenheiten entweder keine Ahnung zu haben
-oder keinen Gebrauch machen zu wollen, es kann auch sein, daß sie
-Berlin mehr für eine Amüsirerholung hält als für ein Arbeitsfeld. Oder
-hatte sie sich mich scherzhaft gedacht, als sie auf meine Vorschläge
-einging, an den Ausstellungsberichten mit all' ihren wissenschaftlichen
-Kräften thätig zu sein und dafür angemessen entschädigt zu werden,
-nicht nur durch Kost und Unterkommen und rücksichtsvolle Behandlung,
-sondern auch durch Honorarantheil an dem schriftstellerischen Erwerbe.
-Man nimmt doch keine Waschfrau, um die Arbeit selbst zu thun.
-
-Von Ottilie verlange ich ja nicht das Gröbste -- das kann ich von
-alleine -- sondern das wissenschaftliche und Gondoliere sind nicht
-wissenschaftlich. Deshalb regte es sich in mir.
-
-»Man kann aber auch,« fuhr ich fort, »östlich gehen, leicht abschwenken
-und durch echt märkische Sandpfade nach Alt-Berlin gelangen. Hast Du
-den Weg?«
-
-»Wo ist südöstlich?«
-
-»Die Himmelsgegenden ermittelt man mit dem Compaß.«
-
-»Geht das?«
-
-»Nun natürlich. Auf Reisen in Italien und im Orient fand mein Karl die
-Wege stets mittels Compaß und Plan; diese Kunst ist ebenso einfach, wie
-unfehlbar, wenn man sich nicht irrt, und im Treptower Park durchaus
-nothwendig, sobald das Dickicht sich so belaubt, daß selbst das Auge
-der Aufseher nicht durchdringt, um Jemand zu entdecken, der heimlich
-den Bleistift zieht und notirt, Zeichnungen aufnimmt oder vielleicht
-photographirt, worauf so gut wie Todesstrafe steht. Es ist nämlich
-jegliches verpachtet und unerlaubt; deshalb Vorsicht, Ottilie, daß Dich
-die Wärter nicht anzeigen, von denen, dem Ton nach zu urtheilen, viele
-auf der Unteroffizier-Akademie geschliffen wurden.«
-
-»Ich werde mich in Acht nehmen.«
-
-»Du kennst doch einen Compaß?« kehrte ich zu unserem Gegenstand zurück.
-
-»Und wie; sehr genau. Das heißt, im Examen hab' ich ihn gehabt -- -- --
-in der Hand noch nicht. Er wird im Norden vom Nordpol angezogen und im
-Süden vom Südpol und war bereits im Jahre 2133 vor unserer Zeitrechnung
-den Chinesen bekannt.«
-
-»Vergiß die Jahreszahl nicht, die gebrauchen wir in unseren Berichten.
-Die Leute sollen sich wundern. Selbst nachgezählt hast Du wohl nicht?
-Ich meine blos, wenn Einer es noch genauer wüßte und verlästerte uns
-nachher öffentlich -- das möchte ich Onkel Fritzens wegen nicht. Der
-höhnt gleich. Aber Du bist ja darauf geprüft.«
-
-»Wenn eine Kanonenkugel mit der Fluggeschwindigkeit von fünfhundert
-Meilen in der Stunde sich von der Erde auf den nächsten Fixstern
-zu bewegt, erreicht sie denselben erst nach vier Millionen
-fünfmalhunderttausend Jahren,« sagte Ottilie rasch und fließend.
-
-»Hilf daran denken, wenn wir über das Riesenfernrohr schreiben,
-obgleich ich für meine Person es für Unsinn halte, nach den Sternen zu
-schießen, es sei denn aus rein wissenschaftlichen Zwecken. Da geschieht
-ja manches. -- Hier hast Du den Compaß, nun suche zunächst Norden.«
-
-Die magnetische Nadel machte ihr Spaß, aber sie konnte sich nicht
-daraus vernehmen und je mehr ich ihr es auseinandersetzte, um
-so weniger faßte sie es, bis ich zuletzt ebenfalls das feinere
-Unterscheidungsvermögen verlor. Auf Reisen war es ja auch hauptsächlich
-mein Karl, der gleich die Richtung heraus hatte. »Ottilie,« sagte ich
-deshalb, »in unseren wissenschaftlichen Abhandlungen gehen wir um das
-Magnetische bogenartig ausweichend herum. Im Park kann man am Ende
-fragen. Auch stehen an vielen Orten Wegweiser.«
-
-»Entzückend!« rief Ottilie, und legte den Compaß weit weg.
-
-»Ferner müssen wir Bedacht nehmen, daß die Berichte umschichtig
-gelingen. Erst die Haupthalle, dann Photographie, dann meinetwegen
-Unterricht und Erziehung, hierauf Hagenbecks Affenparadies, das sich
-an das Kindliche schließt. Gasindustrie kann mit Gärtnerei abwechseln,
-dann nehmen wir die vereinigten Destillateure, die Volkswohlfahrt, die
-größte Kanne, Fischerei, Stufenbahn, Harzbahn, Volksbrausebad...«
-
-»Ich kann keine Brause vertragen.«
-
-»Nur ansehen.«
-
-»Pfui!«
-
-»Ottilie, ich habe Dich schon einmal ermahnt, diese Redensart zu
-pensioniren. Sollen die Leute fragen, wer mag die junge Dame sein, die
-so schwach mit Lebensart ist? Bei solcher Gelegenheit müßte ich Dich
-verleugnen und Dich wieder siezen.«
-
-»Es ist das letzte Mal gewesen, ganz gewiß,« betheuerte sie.
-
-»Schön. Passirt es noch einmal, kommst Du nicht mit nach Kairo, das sie
-so naturgetreu aufgebaut haben, als wäre man leibhaftig in Egypten.«
-
-»Ach ja, Sie waren ja dort. Wie himmlisch! Wie ich für Kairo schwärme,
-kann ich garnicht sagen. Diese Lotosblumen, die Palmen mit beschwingten
-Papageien, die Muselmänner in goldgestickter Seide; alles Marmor und
-Elfenbein im Glanze des Morgenlandes...«
-
-»Halt' die Luft an, Ottilie, Du machst Dir eine total umgedrehte
-Vorstellung. Die natürliche Echtheit ist das Bezaubernde; das
-Zerfallene, die malerische Ungewaschenheit...«
-
-»O, Pf... pfie, wie schade!«
-
-»Na ja, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben. Du wirst die
-Schönheiten Kairos schon unter meiner Leitung herausfinden und, soweit
-ich das Arabische von damals her noch beherrsche, mit den Beduinen und
-Fellachen, den Händlern und Eseljungen in Dialog treten. Sie verstehen
-uns nämlich bedeutend leichter als wir sie. Mit den Neu-Guinea-Leuten
-am Karpfenteich, der halb die Spree und halb den stillen Ozean
-vorzustellen hat, stehe ich jedoch in keiner sprachlichen Beziehung.«
-
-»Gehen die Wilden wirklich wie abgebildet?«
-
-»Ich glaube je nach der Witterung, weiß es aber nicht genau.«
-
-»Wollen wir sie nicht lieber auch umgehen?«
-
-»Sie sind unvermeidlich als unsere Kolonialbrüder. Wir müssen sie
-kennen lernen und sie uns, damit ein bürgerliches Gesetzbuch geschaffen
-wird, das ebenso für Klein-Popo und Kamerun klappt wie für das große
-Berlin.«
-
-»Die Gesetze werden doch mit den Menschen geboren!« bemerkte Ottilie.
-
-»Deshalb sind sie auch danach, denn was wird nicht Alles verheirathet?
-Er zu lang, sie zu kurz oder umgekehrt, und auch in der Breite
-uneinig, jedoch wegen geistiger Vernachlässigung gegenseitig nichts
-vorzuwerfen. Talent höchstens zum Absätze krummtreten; Literatur:
-Litfaßsäulen; Ideal: Wo's die größten Portionen giebt. Und solche Leute
-insultiren die Lehrer, wenn ihre Kinder es nicht weiter bringen als zu
-Sitzquartalisten und verlangen vom Staate garantirte Carrière für die
-Blasenköpfe. Darum ein völlig frisches Gesetzbuch von der gediegensten
-Jurisprudenz verfertigt mit peinlichster Rücksicht auf die herrschenden
-Zustände, die manchmal schon keine mehr sind. Wie oft habe ich gehört,
-daß das römische Recht, wonach sie sich richten, mit dem deutschen
-nicht stimmt, und das kann es unmöglich. Was wußten die alten Römer von
-Clavierspielen nach zehn Uhr oder von Maulkörben oder von unlauterem
-Wettbewerb? Ueberhaupt, was geht uns Rom an?«
-
-»Sie waren dort ja auch! Sagen Sie, Frau Buchholz, macht Italien
-wirklich den Eindruck eines Stiefels, wenn man darin herunterfährt?«
-
-»Nicht völlig,« gab ich zur Antwort. Dann sagte ich langsam: »Ottilie,
-die Welt und die Bücher sind zweierlei, Du mußt noch viel lernen und
-viel vergessen.«
-
-»Warum noch lernen? -- Ich habe mein Examen gemacht und Zeugnisse, daß
-ich genug weiß. Die Quälerei hab' ich hinter mir. -- Aber ich meine, es
-ging doch ausgezeichnet mit den vorhandenen Referendaren.«
-
-»Mit den vorhandenen Gesetzen, wolltest Du sagen. Früher langten sie
-vielleicht, aber seitdem wir uns kolonial ausbreiten, steigern sich
-die Ansprüche ungeahnt. Bedenke, wie schrecklich, daß unsere wilden
-Afrikabrüder bis jetzt die Sonntagsruhe nie ordentlich gehalten haben,
-daß das Auswärtige Amt einen Extra-Sonderbefehl hinüber senden mußte,
-alle Arbeiten bis auf die dringlichsten an den Sonntagen in Afrika,
-so weit wir zu sagen haben, an den Nagel zu hängen. Die Missionare
-haben sich beschwert wegen Radau. Nun lernen die Wilden auf der
-Ausstellung die Berliner Sonntagsruhe aus eigenster Anschauung, wo sie
-den vorüberdrängenden Menschenströmen ihre Tänze vorspringen müssen
-und rudern und Matten flechten und fechten und was sie sonst auf der
-Walze haben zur Verbreitung anthropologischer Studien. Ob sie solches
-des Sonntags dürfen, wenn sie retour gekommen sind, das steht auf einem
-anderen Brett. Ich habe schon Herrn Kriehberg empfohlen, sobald seine
-Ausstellungsthätigkeit beendet ist, nach Deutsch-Afrika überzusiedeln
-und einen stilistischen Ausschank mit Vergnügungsgarten zu eröffnen,
-womit er nach Einführung der Sonntagsruhe dort glänzende Geschäfte
-machen muß.«
-
-»Was werden die Missionare aber dazu sagen?«
-
-»Die sind dem Gesetzbuch unterworfen und haben stille zu sein. Gleiches
-Recht für Alle. Geld erwerben am Sonntag ist große Sünde, Ottilie, aber
-Geld verthun darfst Du, und wenn Du hinterher am Montag abgespannt
-bist, als hättest Du vierundzwanzig Stunden hart geschuftet.«
-
-»Das verstehe ich nicht.«
-
-»Gesetze sind eben schwer verständlich für den Mittelstand.«
-
-»Wer ist Herr Kriehberg, den Sie eben erwähnten?«
-
-»So zu sagen unser Mitarbeiter in Architektur und Bauwissenschaften.«
-
-»Wie entzückend! Ist er hübsch?«
-
-»Ottilie, kennst Du die Jungfrau von Orleans?«
-
-»Wieso?«
-
-»Der war verboten, sich um die Herren zu kümmern, damit sie ihre
-Aufgabe unentwegt erfüllte. Als sie sich für einen jungen Mann
-interessirte und nicht mehr auf dem Posten war, lag sie drin.«
-
-»Aber ich... «
-
-»Jawohl. So wie von Sachlichem die Rede ist, sind Dir Deine Gehörnerven
-zu kostbar und jetzt, blos da Kriehberg's Name genannt wird, spannst
-Du wie eine Elster. Ich warne Dich, Ottilie! Es kann lange dauern,
-ehe Kriehberg's Wirthschaft mit Karussel und Schießstand hinter dem
-Aequator blüht, und wenn er auch sonst Gaben besitzt, die beste
-Eigenschaft eines Mannes ist ein gesichertes Einkommen. Und die fehlt
-ihm.«
-
-Ottilie machte ein langes Gesicht. Sie fühlte sich ertappt.
-
-Ich brach die Vorstudien ab und gab ihr den Ausstellungs-Katalog zu
-lesen. Der überhitzt ihre Phantasie wenigstens nicht.
-
-Ich selbst aber fürchte. Meine Phantasie malt mir allerlei
-Unerfreuliches an die Wand.
-
-[Illustration: Caféhaus-Szene]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Das erste Lichtfest.
-
-
-Wie theile ich Ottilie ein?
-
-Dies war die Frage, die mich wie eine Fliege piesackte, von denen
-es nach meiner Selbstbeobachtung mehrere Sorten von Banditen giebt,
-nämlich solche, die sich auf Eßbares setzen, weshalb die Butschen ihr
-Apfelmus stets mit Korinthen bestreut, sie durch die Aehnlichkeit zu
-vertuschen, und solche, die sich mehr auf menschliche Verfolgung legen,
-bis man die Bestie nach endlosem Vorbeigelingen getroffen hat oder
-irgend etwas Zerbrechliches, das in der Ziellinie stand.
-
-Ottilie kennt Berlin nur aus im zweiten Lebensjahre gewonnenen
-Jugendeindrücken und weiß besser in den spanischen Provinzen Bescheid,
-als in der Reichshauptstadt nebst Umgebung, was man ihr auch nicht
-verdenken kann, da sie in Geographie mit einem Einser siegte und zwar
-besonders durch einen fehlerfreien Aufsatz über Madrid, das sie für ihr
-Leben gern einmal sehen möchte, um zu vergleichen, ob es wirklich so
-ist, wie sie es beschrieben hat.
-
-Ich sagte: »Ottilie, zwischen uns und Hispanien liegt zu viel
-Landkarte. Und wenn auch Sevilla und Granada sehr gepriesen werden, in
-diesem Sommer geht nichts über Treptow. Damit Du jedoch nicht zu dem
-Glauben verleitet wirst, Berlin bestände bloß aus Vergnügungspartieen
-nach der Ausstellung, ergiebt sich für Dich die Nothwendigkeit, erst
-die Residenz als solche zu ergründen und natürlich Potsdam dazu und
-ein paar Kilometer Charlottenburg oder bis zum Spandauer Berg,
-wo man Aussicht auf ungeheuer viel Geld hat, auf den Juliusthurm
-nämlich, worin die Millionen des Kriegsschatzes schlummern. Dieser
-Anblick in Verbindung mit dem vorzüglichen Bier ist beruhigend für
-den Staatsbürger und dessen Gattin, sobald sie über das erforderliche
-Verständnis verfügt, denn das schönste Militair nützt nichts ohne das
-nöthige Großgeld.«
-
-»Gerade die Entzückendsten machen reiche Heirathen des Geldes wegen.
-Aber sie werden schrecklich unglücklich ohne Liebe.«
-
-»Wen meinst Du?«
-
-»Die Offiziere.«
-
-»Ach so. -- Ottilie, nimm Dir zur unbeugsamen Richtschnur: was in
-Romanen steht, ist so gut, als hätte die Krausen es Dir erzählt, die
-von der Wahrheit nur Gebrauch macht, um die Gefühle ihrer Nebenmenschen
-zu verletzen. Ich empfehle Dir daher, des Morgens mit Dorette in die
-Markthalle einholen gehen, damit Du Berlin vom Haushälterischen wie
-vom Statistischen beurtheilen lernst. Es sind enorme Zahlen, die dort
-umgesetzt werden, ohne was nicht umgesetzt wird, sondern nebenbei von
-auswärts kommt und sich der Kontrolle entzieht, weil es nichts taugt
-oder gesundheitsschädlich ist. Hier greift die Polizei in die Margarine
-ein oder verschüttet die Milch und beschlagnahmt lungensüchtiges
-Fleisch und erweist sich hochgradig nützlich, denn siehst Du, heut zu
-Tage geschieht Alles der Gesundheit wegen.«
-
-[Illustration: Offizier]
-
-»Wir leben in dem Jahrhundert der humanitatairen Bestrebungen,«
-verrieth sie ihre Kenntnisse auf diesem Gebiete.
-
-»Sehr richtig, und es wird noch tatärer mit der Zeit, wovon die
-Ausstellung eine unvergeßliche Probe liefert. Wohin Dein Auge sich
-richtet, trifft es auf die Empfehlung von der Unfallstation. An den
-Brückengeländern ist sie als Beruhigung festgenagelt: wenn Du Dir das
-Bein zerstolperst, haben sie Syndektion, es wieder zu leimen. In den
-Schänken, in den Kaffeehallen, in den Weinstuben, überall ermahnt
-Dich die Unfallstation, wie unsicher das menschliche Dasein ist, und
-gewissermaßen schwebt die Carbolflasche am seidenen Fädchen über
-Dir, und es riecht auch danach, wo man essen und trinken will aus
-sanitätlichen Rücksichten hingegossen, daß man lieber gleich wieder
-geht. Wo die Hygiene aufdringlich wird, erregt sie Uebelkeit.«
-
-»Dies würde meine Nerven schrecklich angreifen.«
-
-»Stärke sie, Ottilie, stärke sie, Du wirst es nöthig haben, denn selbst
-meine hatten verschiedene Anprälle zu überwinden. Denke Dir blos das
-Leichenbrennhaus...«
-
-»Ich hasse Leichen.«
-
-»Ottilie, Du hast mitunter Ausdrücke an Dir, unter denen die deutsche
-Sprache leidet. Du darfst sagen, sie erschüttern Dich oder Du bebst
-zurück oder Du träumst davon, aber doch nicht hassen. Wie bald werden
-die Todten vergessen; gönne ihnen doch die Liebe, die ihnen bis zum
-Grabe folgt und auch nicht unsterblich ist, so ewig sie sich gebärdet.«
-
-»Wie ist es mit dem Leichenbrennhaus?« lüsterte Ottilie. »Ist es
-schrecklich zu sehen?«
-
-»O nein, wie so 'ne Kapelle im Grünen, und unterscheidet sich von
-den übrigen Ausstellungsunternehmungen dadurch, daß kein Ausschank
-damit verbunden ist. Auch inwendig ist sie gediegen, mit kirchlichem
-Fußgetäfel und Fenstergemälden und Sargkränzen.«
-
-»Werden welche verbrannt?«
-
-»Es sind nur Probeöfchen vorhanden, und an den Wänden Abbildungen
-von Verwesenden und was dazu gehört, um das Begraben zu
-verekeln und für das Einäschern zu gewinnen. Auch sieht man in
-Silberstangen-Nachbildung, was das Todtbleiben an verschiedenen Orten
-der Erde kostet, so daß Jeder sich sagt, das Sterben ist zu theuer, es
-muß billiger werden. Und dann steht da in einem Glashafen die Asche
-eines neunzehnjährigen jungen Mädchens.«
-
-»Wie furchtbar!«
-
-»Und von einem dreiundsechzigjährigen alten Manne.«
-
-»Pfui!«
-
-»Ottilie! Was kann der alte Mann dafür, daß seine Asche keine Ruhe
-findet, indem die Besucher sie in die Hand nehmen und schütteln?
-Vielleicht verdient er es, denn seine Asche ist schwärzlich, wogegen
-die des jüngeren, unschuldigen Mädchens beinahe Schneeweiße erreicht.
-Man sagt ja auch zuweilen: Einer taugt nicht bis in die Knochen. -- Und
-Schwarz ist nun einmal verdächtig.«
-
-»Haben Sie die Asche auch in der Hand gehabt?«
-
-»Nun ja, ich hob den Glastopf, worin sie ist, und habe den alten Mann
-auch 'mal geschüttelt. Aber nachher hat es mich gereut.«
-
-»Wieso das? Die leblose Asche ist doch aus dem Kreislauf des Seins
-geschieden und ohne Nervenketten, die das Geistige auf animalischem
-Wege vermitteln.«
-
-»Es war nachher, als ich im Hauptgebäude die trauernde Familie sah.«
-
-»Wie interessant! Die Angehörigen des Verbrannten?«
-
-»Wenigstens eine Familie in Schwarz und Schmerz, hinter Glas,
-naturgetreu ausgestopft und der Herr Prediger lebenswahr in Wachs
-photographirt, wie er sie erbaut und auf die Firma hinweist, wo
-die Costüme für tiefste Trauer bis zum lila'nen Uebergang am
-vortheilhaftesten bezogen werden. Mir gefiel besonders der eine Umhang
-mit echt Jet; auch bemerkte ich, daß die überlebensgroßen Aermel nicht
-mehr hochmodern sind. Gieb Acht, es wird wieder ganz eng und glatt
-gegangen.«
-
-»An Stoff wird man sparen.«
-
-»Wer weiß jedoch, welche Art Plissé sie aufbringen, wozu dann
-ebensoviel dazu gehört, wenn nicht mehr.«
-
-»Und die Aenderungen kosten.«
-
-»Deshalb muß man sich nie zu viel machen lassen. Dein marineblaues
-Kleid ist mindestens überflüssig, es läßt Dich auch nicht ersten
-Ranges; ich an Deiner Stelle würde es in Berlin nicht tragen.«
-
-»Meinen Sie? Ach, ich hatte mich so schrecklich darauf gefreut. Alle
-fanden, es stände mir entzückend.«
-
-Das Wasser trat ihr in die Augen, und sie wurde mit einem Male
-kopfhängerisch, daß ich erschrak und mich auf einen sofortigen
-Nervenausbruch gefaßt machte. Sie that aber nichts dergleichen, sondern
-blieb still und traurig.
-
-Das bedrückte mich. Stilles Leid ist wehestes Leid, wie etwas Todtes,
-das kein Beklagen und kein Getröste wieder in's Leben zurückruft.
-Und wer hatte ihre Freude erschlagen, ihre Herzenslust an dem blauen
-Kleide, wo sie so selten zu etwas Außergewöhnlichem kommt, und es sich
-erdarbte und in ihrer Gedankenwelt damit spielte wie ein Kind mit der
-Puppe? Wer hatte diese Greusäligkeit begangen?
-
-Es war genau Diejenige-welche, -- die kurz vorher sich über die giftige
-Wahrheitsliebe der Krausen aufgehalten hatte und die nun selbst mit
-ihrer Rede schmerzlich verwundete und das mit Erdichtung obendrein,
-blos weil sie durch Verbreitung der Modenzeitung und der Stoffe ganz
-dasselbe Kleid hatte und mit Ottilie nicht aus einem Topf auf der
-Bildfläche erscheinen wollte.
-
-Es war keine Nothlüge, sondern eine Eitelkeitsunwahrheit, der nun eine
-Beruhigungsflunkerei folgen mußte. Wer lügt, steigt in einen verkehrten
-Zug und muß vorwärts und schließlich Strafe zahlen und hat zum Schaden
-den Aerger.
-
-»Ottilie,« begann ich daher langsam, nach Ausflüchten angelnd, »was ich
-eben sagte, trifft wohl nicht eigentlich buchstäblich zu. Es war auch
-mehr als Turnübung für Deine Nerven. Jawohl, nur deshalb. Wenn Du es so
-mächtig gern hast, zieh es an. Ich lege mir ein Aehnliches zu, so gut
-gefällt es mir. Du siehst doch ein, daß Deine Nerven von Zeit zu Zeit
-geknufft werden müssen, das ist Massage für sie, heilkräftig, stärkend
-und aufmunternd. Nicht wahr, Du fühlst förmlich, wie gut es thut, daß
-ich eben über das Blaue scherzte?«
-
-Es war jedoch nichts mit der Beruhigung. Sie mochte wohl merken, daß
-ich selbst nicht glaubte, was ich sagte. Kinder und Kranke haben feine
-Fühlhörner an ihrer Seele.
-
-»Ottilie, Deine Augen verlieren ihre Blänke, wenn Du so weinst. Das
-wäre doch zu schade.«
-
-Auch dies half nicht, die Nerven wurden facultativ.
-
-»Ottilie, bist Du leidend? Geh' lieber in's Bett.«
-
-»Ich, ich will nach Hause; ich mag nicht mehr in Berlin sein. Ich haß
-es.«
-
-»Stuß! Wenn Du retour kommst und hast die Ausstellung nicht gesehen,
-was wird man sagen?«
-
-»Ach, da schmäht man nicht den ganzen Tag und mäkelt und häckelt nicht
--- in einemfort -- immerzu.«
-
-»Wer thut denn das?«
-
-»Ich will weg. Zu Hause fanden Alle mein Blaues ideal.«
-
-»Ist es ja auch.«
-
-»Nein. -- Sie mögen es nicht -- und nun -- mag ich -- es auch nicht
-mehr.«
-
-»Ottilie, so mußt Du nicht mit den Thränen aasen; das sind die ganzen
-Lappen nicht werth,« nahm ich strenge das Wort, weil sie sich immer
-tiefer in ihren Kummer versenkte, der, bei richtiger Beleuchtung
-besehen, eigentlich keiner war. Ist sie denn derartig vollkommen,
-daß unsereins bewundernd still sein soll wie 'ne dodige Plötze? O
-nein. Die Wahrheit muß heraus... das heißt, man muß sie vorher doch
-einigermaßen prüfen, ob sie auch vertragen wird. Manche trinken
-eine Flasche Bitterwasser und Andere haben von einem Weinglase
-vollauf Beschäftigung, weil eben die menschliche Kreatur auf das
-Verschiedenartigste beschaffen ist. Was jeffen sie sich im Reichstage
-gegenseitig für vernichtende Grobheiten über und ihnen fehlt nicht die
-Bohne danach. Ich werde Ottilie auf die Tribüne schicken, damit sie
-ihre Zimperlichkeit einsieht und sich die Härtigkeit der Landboten zum
-Muster nimmt. Daraus wird jedoch nichts, falls es zum Bruch kommt und
-sie abreist, nachdem sie kaum angelangte. Was hilft alles Kochen, wenn
-das Ei hart ist? Es wird nicht wieder weich.
-
-Es galt einen Entschluß fassen und obgleich mir durchaus nicht
-ausstellerig zu Muthe war, sagte ich:
-
-»Ottilie, wenn Du vorziehst, Trübsal zu blasen, bleiben wir in der
-Stadt und gehen heute nicht nach Treptow, wo die erste Illumination
-stattfindet.«
-
-»Wir wollten doch erst morgen hin,« entgegnete sie mißtrauisch mit
-langsamer Eindämmung der Thränenbäche.
-
-»Zur wissenschaftlichen Durchforschung bei Tage, ganz recht«,
-antwortete ich mit einer neuen Verschiebung der Thatsachen, denn meine
-Absicht war, die Beleuchtung erst in der Zeitung zu lesen, ob sie
-glanzvoll gelungen oder mit welchem unverzeihlichen Fehler das Comité
-sich beladen und zu erfahren, ob man die Mark Entree mit hinterheriger
-Befriedigung verschwenden darf, um die nächste Wiederholung mit unserer
-Gegenwart zu beleben. Hieraus mir einen Vorwurf zu machen, wäre
-unrecht, denn eine Sache findet bei uns doch nur erst dann begeisterte
-Aufnahme, wenn sie bald nicht mehr wahr ist oder die Spatzen sie von
-den Dächern ausschreien. Aus eigenem Antriebe einen Nickel riskiren
-ist nicht Sitte, so sehr auch Unternehmungslust dadurch gelähmt
-wird. Deshalb entschließt mein Karl sich nur nach längerem Zögern zu
-sogenannten hautes Nouveautés.
-
-»Zieh' Dein Blaues an, Ottilie; wir gehen. Das Wetter hält sich; ich
-habe tüchtig gegen die Barometerscheibe geklopft.«
-
-»Hilft das?«
-
-»Wo doch. Blos um zu sehen, wohin der Zeiger sich rührt. Er schnippte
-einen halben Strohhalm breit nach Schön.«
-
-»Wie entzückend!«
-
-Und munter war sie; aufgesprungen und ab, um sich zu schmücken. Der
-Mensch ist doch eine ziemliche Wetterfahne.
-
-Ich war zufrieden mit dieser Wendung zum Trocknen, und nahm mir
-vor, gut zu machen, was ich Ottilien möglicherweise Leides gethan
-haben konnte, indem ich ihren Erziehungsgang nicht hinreichend
-berücksichtigte und unbewußt schroff wurde, wie sie es nicht gewohnt
-ist. Sie weinte zu sehr, das arme Ding. Es ist aber auch zu dumm, daß
-sie das nämliche Kleid hat. Vielleicht laß ich meins schwarz besetzen
-oder dunkelrothbraun, was auch nicht übel zusammenschattirt.
-
-Wir fuhren mit der Stadtbahn hinaus und da Ottilie keine Ahnung von
-der Anlage des Ganzen hat, zog ich sie mit mir nach der Spreeseite
-in die große grüne Branntweinskirche, wo alle Verzehrungsgegenstände
-in ästhetischer Zusammenstellung aufgethürmt sind. Solche Mengen und
-Abarten von Bonbons hatte Ottilie noch nie gesehen, und auch ich konnte
-nicht umhin, zu bemerken: »Die Kinder wissen jetzt garnicht, wie
-genußreicher die Welt gegen uns geworden ist. Wir hatten Zuckerkante
-und Huststangen und Rothe und Weiße oder auch von den Dunkelbraunen,
-jedoch nicht an die Neuerungen im Bonbonwesen zu denken von allen
-Formen und Farben wie im Tuschkasten.« -- Der Essig, die Liköre,
-Fruchtweine und Riesenwürste fesselten sie weniger.
-
-Von hier begaben wir uns in's nasse Viereck und nahmen einen
-Kaffee. Die Lampen brannten und Ottilie hielt diese Ecke für die
-völlige Ausstellung und schwärmte für die vom Musikcorps des Kaiser
-Alexander-Garde-Grenadier-Regiments No. 1 erzeugten Töne. So stromweise
-»himmlisch« und »entzückend«, wie sie hier verzapfte, wurden mir schier
-zu viel. Ich ließ jedoch gewähren. Nur nicht kränken, nur nicht weh
-thun. Sie hat wirklich Nerven.
-
-Je mehr es dunkelte, um so bescheerungsaufgeregter ward ich. Hatte
-Ottilie mich mit ihrer Ankunft überrascht, wollte ich Revanche nehmen
-und sie wieder überraschen. Ein Kanonenschuß krachte von der anderen
-Seite her und neugierig, wie ich selbst war, sagte ich: »Komm!«
-
-»Ach, noch nicht gehen,« bat sie.
-
-Durch die dämmerigen Laubwege schritt ich mit ihr. Durch die
-Lücken schimmerte hin und wieder farbige Gluth. »Aha,« dachte ich,
-»gerade recht, die Illumination brennt schon.« Und dann über die
-flammeneingefaßte Brücke und grade, als die Musik auf's Neue begann,
-standen wir vor dem See und rund um uns und vor uns und wohin das Auge
-blickte Licht, Licht und Licht, Flammen und Flämmchen, weiß und roth
-und grün und auf dem See schwimmende Lichtboote und die Rasen mit
-farbig leuchtenden Blumen und die weißen Gebäude in rother Feuergluth.
-Ottilie klammerte sich an mich. Sie fürchtete sich, so fest hielt sie
-sich.
-
-»Ist Dir was, Kind?« fragte ich.
-
-»Wo bin ich?« flüsterte sie. »Wache ich oder ist es Traum? O wie schön,
-wie schön.«
-
-Wir wandelten in die Lichtalleen hinein, in die Laubengänge und
-schritten mit Tausenden zugleich unter den Lichtbögen um den See.
-Rubinrothe Flammengehänge säumten ihn ein. Die hingen von grün
-brennenden Weihnachtspergamiten herab und spiegelten sich im Wasser.
-
-Und in all diesen Feuerzauber hinein sang eine Nachtigall.
-
-Die Wandelnden blieben stehen und schaarten sich zu Hunderten um den
-kleinen Sänger.
-
-»Die haben wir auch zu Hause,« sagte Ottilie. »Nachtigall ist doch das
-Allerschönste.«
-
-»Das ist die Natur stets,« entgegnete ich. »Und darum ist die Kunst so
-schwierig. Bedenke, was dazu gehört, mit der Nachtigall zu konkurriren?«
-
-»Ach bitte, bitte, nicht denken heut Abend. Nur genießen will ich all
-das Schöne: das Lichterfest, die Musik, den singenden Vogel, die vielen
-vielen frohen Menschen. Wie schön, wie schön. Ach, Frau Buchholz, wie
-hab' ich Sie lieb.«
-
-Nun war mir der Abend auch froh und lichthelle. Ganz froh.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Bei den Maschinen.
-
-
-Es kommt mir mitunter der Gedanke, als wenn zum Berichten über
-die Ausstellung die menschliche Veranlagung doch vielleicht zu
-kurz sei. Das Enorme, was dort aufgestapelt wurde, erdrosselt das
-Einprägungsvermögen und wer ist mit so viel sachlicher Erkenntniß
-beglückt, daß er über das ihm Unverständliche ein richtiges Urtheil
-abgiebt? Und ich bin doch im Grunde genommen keine Fachfrau.
-
-Wollte ich meinem Karl klagen, wie mir dies allmählich aufgeht, sagt
-der, ohne daß ich fragen brauche: »Wer sich mehr aufpuckelt, als er
-tragen kann, stöhnt.« Darum schütte ich ihm meine Sorgen nicht aus.
-
-Nun könnte ich es mir leicht machen und über den Vergnügungspark
-schreiben und das Industrielle verabsäumen, aber dagegen sträubt sich
-mein Berlinisches Empfinden.
-
-Allerdings: Kein Fest ohne Vergnügen. Ist jedoch die Ausstellung blos
-zur Erheiterung der Mitbürger in die Welt gesetzt? Nein, sie will
-zeigen, was Berlin als einzelne Stadt und zwar als die Hauptstadt
-des Reiches in Gewerbe und Industrie zu leisten vermag. Sie legt
-gewissermaßen eine öffentliche Prüfung ab, damit sie zur Einsicht
-kommt, wo sie mit Glanz besteht und wo es noch nicht genau genug ist.
-Wenn Einer fühlt, daß er was kann, wächst ihm der Muth, noch mehr zu
-können und es giebt Traute. Und wer sich überzeugt, daß zugelernt
-werden muß, findet auch den Lehrmeister. Mancher kümmert sich in Folge
-dessen vielleicht weniger um Politik und Partei und gewinnt mehr Zeit
-für Vervollkommnung in seinem Fach.
-
-In diesem Nachdenken störte mich Onkel Fritz mit einer Zeitung aus
-London, worin zu lesen war: der Patriotismus des Deutschen bestände in
-der Vorliebe für die Länder anderer Völker und sähen diese noch so sehr
-auf ihn herab.
-
-»Was soll ich damit?« fragte ich.
-
-»Dir's zu Gemüthe führen.«
-
-»Fritz, sie booßen sich, daß Deutschland in Handel und Industrie so
-bedeutend und selbstständig geworden ist, daß sie's spüren. Wem aber
-der schimpfliche Tadel paßt, mag ihn sich anziehen und sehen, wie ihm
-die Hausknechtsjacke sitzt. Es giebt ja leider Fremdlandslakaien.«
-
-»Ich dachte, Du würdest einen großen Transch machen.«
-
-»Bitte, bleibe bedeckt. Was verschlägt das? Sie hören's ja nicht.
-Aber weißt Du, von Treptow aus weht ein frischer Wind in Deutschlands
-Segel: paß acht, wie flotten Kurs es nehmen wird. Dann haben sie die
-gebührende Antwort.«
-
-»Und doch hat sich nicht die gesammte Industrie Berlins betheiligt, es
-fehlen viele große Nummern.«
-
-»Das nächste Mal machen Alle mit; das ganze Reich macht mit; die ganze
-Welt macht mit.«
-
-»Wenn Du meinst?«
-
-»Jawohl, meine ich. Und Redensarten will ich mir verbeten haben.«
-
-»Hab' ich was gesagt..?«
-
-»Ei ja doch! Gerade wenn Du manchmal Nichts sagst, bist Du am
-deutlichsten. Aber was weißt ^Du^ von den mit der Ausstellung
-verbundenen Schwierigkeiten, da Du auf Mäkelbrüder und Nörgelmeier
-hörst, die natürlich reden, wie sie's nicht verstehen.«
-
-»Sei milde, Wilhelmine. Nimm mich unter Deine Flüchtel und gängle
-mich mit Deiner Weisheit. Wie denkst Du über eine Bierreise im nassen
-Viereck? Ich habe gerade Zeit und Lust.«
-
-»Bedaure. Ich habe die Maschinen vor und für Getränke keine Zeit.«
-
-»Das ist dumm; für Maschinen bin ich nicht anschläg'sch. Hingegen das
-Moabiter Marinebräu, das ist was für meinen Vater seinen Sohn, ganz so
-wie Faust sagt: zum Verweilen schön!«
-
-Es war nichts mit ihm anzufangen. Wenn er schon die Klassiker
-verhohnackelt -- wozu der Faust Gottlob immer noch gehört -- hat er vor
-unsereins erst recht keine Ehrfurcht. Aus den einfachsten Aeußerungen
-macht er Männerken, daß man an der eigenen Klarheit zweifelt. Und das
-ist doch kein Genuß. --
-
-Ich verabschiedete ihn und stadtbahnte mit Ottilie hinaus, die mir das
-Elektrische verdeutschen sollte.
-
-Wir nahmen unsern Eingang gleich unmittelbar bei dem riesigen
-Kesselhause, das so zu sagen das Treibende vom Ganzen ist und, wie
-Ottilie sagte, auf Oxydirung beruht. Die Kohle verbindet sich mit dem
-Sauerstoff, der in Waldgegenden von bester Güte ist, so daß schon aus
-diesem Grunde Treptow als glückliche, wenn auch etwas entlegene Wahl
-gut geheißen werden darf. Hieraus entsteht wissenschaftlich Licht- und
-Wärme-Erscheinung.
-
-»Wir nannten es sonst, glaube ich, Feuer,« bemerkte ich.
-
-»Das gilt nicht im Examen. Feuer ist ja auch nichts Wirkliches, sondern
-sieht nur so aus. Man kann es nicht wägen oder messen, weil es keine
-Schwere hat. Es ist nicht greifbar.«
-
-»Weil man sich daran verbrennt.«
-
-»Weil es kein Körper ist.«
-
-»Ottilie, die Wissenschaft in Ehren, aber wenn es eine bloße
-Erscheinung wäre, wie könnte man darauf kochen? Und es ist bewiesen,
-daß alle Erscheinungen Einbildung sind, wie Gespenster oder Spiritismus
-oder sonstige Augentäuschungen. Nein, ich bleibe dabei: Feuer ist
-Feuer, nur daß Coaks mehr Plätt-Hitze geben und Kien zum Beispiel wenig
-austhut und sich besser zum Anmachen eignet. Und das ist ferner klar,
-ohne Feuer kriegst Du keinen Dampf, und ohne Dampf geht keine Maschine.«
-
-Wir traten in die Halle.
-
-Wenn man Maschinen sieht, entflieht Einem unwillkürlich der Vers: »Da
-hab' ich Respekt vor dem menschlichen Geist,« namentlich mit großen
-Schwungrädern und in hampelnder Bewegung. Stillstehendes dagegen
-macht keinen Eindruck, weil man von allem Drehbaren erwartet, daß es
-schnurrt, und unbefriedigt vorüberschreitet, wenn es sich nicht rührt.
-Das ist, als wenn man um Auskunft ersucht und wird keiner Antwort
-gewürdigt.
-
-Manches steht da unscheinbar, aber wenn es arbeitet, ist es von
-höchster Schläue, zumal mit Erläuterung vom Erbauer. Da fabriciren
-zum Beispiel die Pappenfritzen eine billige Pappe mit so viel Stroh
-und Sandstaub mang, daß sie dem Buchbinder beim Biegen in der Hand
-zerbricht. Was thut nun der Maschinenmensch? Der denkt so lange, bis
-ihm ein Geräth einfällt, worin die brüchige Pappe sich krümmt wie ein
-Regenwurm und zur Verwunderung der gesammten Buchbinderei ganz bleibt,
-die hierauf schleunigst die Maschine anschafft.
-
-Aber auch der Pappmann sieht die Maschine. »Aha,« sagt er sich, »noch
-mehr Sand mang und noch mehr Stroh« und der Buchbinder ist wieder
-aufgeschmissen, denn wenn er noch billigere Pappe haben kann, wird er
-nicht so thöricht sein und bessere, theuere nehmen. -- Nun muß der
-Maschinenmann wieder erfinden. Und so umzüchig weiter, bis die Waare
-sogar für einen Fünfzig-Pfennig-Bazar zu lekrig geräth. Und dann ist
-das Geschäft aus.
-
-Ottilie meinte, es müßte bei Jedem dabei geschrieben stehen, was es
-vorstellte, allein das wäre zu viel verlangt. Zum Beispiel Röhren.
-Der Röhrenmacher weiß unmöglich, wozu diese oder jene Röhre verwendet
-wird, was hindurch laufen soll, und ob sie sich verstopft oder birst
-und kann nicht für jede Einzelne Lied und Beschreibung herausgeben, und
-andererseits bedarf man z. B. bei Wring-Maschinen keiner Abhandlung.
-Und doch sind vielleicht Neuerungen daran, die den Herrschaften zur
-Geldausgabe und den Philippinen zur Erleichterung der Arbeit verhelfen.
-Von den sogenannten technischen Verbesserungen des Hausgeräthes hat
-die Hausfrau das Wenigste, und ob die Küchendonnas Einem Dank wissen,
-ist sehr die Frage. Sie sträuben sich gegen Neuerungen. Blos mit dem
-Bräutigam sind sie willfähriger.
-
-Meine Dorette auch. Seitdem ihr Tapezier durch sinnlosen Streit seine
-Arbeit verloren und ihre Spargroschen verthan hat, ist's mit ihm aus.
-Ihr Kummer war heftig, aber vergänglich, und um ihrem Ehemaligen die
-Rückkehr in das Küchenparadies für ewig abzuschneiden, hat sie sich mit
-einem Schutzmann verlobt, der dem Tapezier mit dem Schwert auf die
-Finger klopft, wenn er herein will. Er ist ein großer, ansehnlicher
-Mensch mit rothblondem Schnurrbart und grauen Augen, und wie Dorette
-sagt, durchaus nicht stolz, obgleich er schon drei Einbrecher gefaßt
-hat, und wenn es ihm glückt, einen Mörder zu packen, sprungweise
-avancirt. Nach meinen Speisekammer-Wahrnehmungen ißt er Alles. Der
-Tapezier ward zuletzt schon so kiesätig, daß Dorette unterschiedliche
-Gerichte nur gezwungen auf den Tisch brachte.
-
-Fleckweise ein Schutzmann im Hause ist rathsam. Er verbreitet für
-die Schlechten das Gefühl der Furcht, für die Guten das Gefühl der
-Sicherheit, und Dorette ist wieder brauchbar. Soviel Geschirr hat sie
-zuvor nie geliefert, als in den Wochen des zerbrochenen Verlöbnisses.
-
-Genug, ich bin mit dem Tausch zufrieden und rechne die Kalbsbratenreste
-als stillschweigendes Gehalt. --
-
-Die Braupfannen, die Bierfilter, die Wasserreinigung regten uns
-ungemein an und nicht minder die Nähmaschinen, die auf das Niedlichste
-sticken und das junge Mädchen von früher vollkommen ersetzen, von
-dem man Fertigkeit in jeder feineren Handarbeit verlangte. Auch eine
-Handschuh-Nähmaschine sahen wir, die überwendlich naht. Wohin soll das
-führen? Die Fähigkeiten der Frau werden verschoben, sie begiebt sich
-auf das geistige Gebiet, wo sie die Männer verdrängt. Der Mann macht
-Maschinen, die Frau wird immer unabhängiger, bis der Mann schließlich
-nur noch den Dampfkessel zum Gesammt-Hausstandsbetriebe heizt, und
-die Frau die Welt regiert. Dies werde ich, im Gegensatz zu der Pappe
-und der Biegemaschine, die aufsteigende Linie nennen. Sind wir erst
-mit Damen-Universitäten und Mädchen-Polytechniken ausgerüstet, ist es
-Kleinigkeit, einen Standpunkt zu erreichen, von dem aus die Frau das
-Ganze beherrscht, und ich glaube nicht, daß dann noch viele Männer bis
-Mitternacht und darüber in den Kneipen sitzen dürfen. Die elektrische
-Gasuhr wird einfach abgestellt und es giebt nichts mehr.
-
-»Unausstehlich, die Drehbänke,« murrte Ottilie, als wir vorwärts
-wandelten und Vieles Kurbelige nicht im Gange war.
-
-»Ottilie,« antwortete ich besonnen, »das Nothwendige kann wohl den
-Eindruck des Unausstehlichen machen, ist es aber nicht. Die Bedürfnisse
-der Menschen weichen eben stark ab. Was wolltest Du in der Sahara
-mit Schlittschuhen und in Grönland mit einem Eisspinde, wogegen eine
-Drehbank Dir vielleicht dringend fehlte.«
-
-Ich war ihr diesen kleinen Vortrag schuldig, weil sie doch vorhin
-gewaltig mit Eindruck und Erscheinung um sich geworfen hatte. Hängt sie
-Bilder heraus, ich hab auch 'ne Galerie.
-
-Allmählich gelangten wir an die Badezimmer mit Wasch- und
-Reinlichkeitsvorkehrungen und zu den Kesseln und Oefen zum Desinficiren.
-
-Was wußte man vor einigen Jahren davon? -- Nichts.
-
-Da erfand die Wissenschaft die Bacillen und das Karbol und haste
-nicht gesehen: wohin der Mensch sich begiebt, überall Bacillen und
-Sanitätsgestank. Denn den können die Menschen kaum vertragen, viel
-weniger die Mikroskobien, indem sie sich nicht zu entfernen vermögen
-und in dem Dunst elendiglich krepiren.
-
-[Illustration: Carbol]
-
-»Wie merkwürdig,« sagte ich zu Ottilien, »daß solche kleine
-Thiere Veranlassung zu so großen Apparaten geben. Welches Geld
-muß jetzt ihretwegen versalicylt werden, das die Nationen vor
-ihrer Errungenschaft sparten oder in Dömen anlegten oder sonstigen
-Kunstdenkmälern aus dem Mittelalter als Reiseziele für die Fremden.«
-
-»Es ist die Addition des Kleinen, wie ja das ganze Universum aus der
-Multiplication der Atome mit den Kräften besteht und somit auf das
-Gebiet der höheren Mathematik übergeht.«
-
-»Das Mathematische nimmt allerdings einen geachteteren Stand ein,«
-setzte ich hinzu, um Ottilien bei ihrem Gedankengange zu erhalten.
-»Früher erzählte man sich meistens Lächerliches von den Professoren,
-wie sie statt des Hutes mit einem Topfdeckel unter dem Arm ins Colleg
-gingen und thatsächlich den in Gedanken stehengebliebenen Regenschirm
-geschaffen haben.«
-
-Mir schien nämlich, als ob ein junger Mann absichtlich an denselben
-Gegenständen Antheil nahm, die wir betrachteten und besprachen, wodurch
-ihm Aufklärung ward, die er bei den Saalwärtern schwerlich fand. Folgte
-er aus Wissensbedürfniß ... gut. Hatte er jedoch ein Auge auf Ottilie
-geworfen, sollte er inne werden, daß eine höhere Kulturschranke sie
-umgiebt, die jeden Annäherungsversuch abschlägt. In Ausstellungen gilt
-zwar das Drängelrecht, aber es giebt auch geistige Ellenbogen.
-
-Bei den Telephonanlagen hielten wir uns nicht auf, da wir selbst eins
-haben, mit dem wir recht zufrieden sind und dessen Anschluß selten
-versagt. Dagegen mußte ich mit Ottilien in verschiedene »himmlisch« und
-»entzückend« ausbrechen, als wir den elektrischen Theaterschmuck in
-Thätigkeit sahen. Da waren Diademe, Halsperlen, Kronen, Blumenkränze,
-Gürtel in einem Spinde, die in allen Farben erglühten, sobald sie durch
-einen Druck mit der Leitung verbunden wurden. Besonders ein Strauß
-aus Gräsern und Feldblüthen war geradezu elfenhaft. Wie Aschenbrödel
-stand er zwischen Silber und Gold und Edelgestein, mit einem Male aber
-entzündeten sich die Mohnrosen und Gänseblümchen und die Käfer und
-Schmetterlinge roth und blau und grün und sonnenstrahlig, schöner als
-ringsum alle kalte Pracht, eine wahre Gabe des Märchenlandes, in Berlin
-angefertigt.
-
-»An Deinem Polterabend kleide ich mich als Fee aus und gaukle mit
-solchem Zauberstrauß,« rief ich hingerissen von dem Anblick, ohne
-weiter etwas dabei zu denken.
-
-Ottilie erröthete und der junge Mann schlängelte davon.
-
-»Aha!« ward mir klar, »nun der verliebte Hecht von Polterabend gehört
-hat, glaubt er Ottilien in festen Händen und macht sich dünne.«
-
-Ottilie seufzte.
-
-»Das Rasseln der Maschinen fällt mir auf die Nerven,« begann sie nach
-einer Weile, »ich möchte ein wenig Ruhe.«
-
-»Gewiß, Kind. Meine Fußnerven sengern auch schon. Ich denke, wir nehmen
-ein Gläschen Bier dort in der Brauerei, die zur Rast einladet. Unser
-Fleiß verträgt nachgerade eine Belohnung.«
-
-Ottilie seufzte noch einmal und schaute sich nach dem Adonis um, der
-jedoch nicht zu erblicken war. Nirgends kann man besser Versteck
-spielen, als hinter den Ausstellungsaufbauten. Ein Schritt um die Ecke
-und weg ist man.
-
-Wenn ich Adonis sagen wollte, so war dies eine Nachwirkung der
-Glühschmuckpoesie. Ich denke mir die Adonisse moderner in Zeug, und mit
-sauberster Wäsche und nicht mit Schirmmütze und mit ohne Manschetten,
-wie es bei dem Menschen zutraf, der, wer weiß wie, in die Ausstellung
-gerieth, da ja mit den Eintrittskarten enorm geschmuggelt worden ist,
-selbst bei solchen oberen Zehntausenden, die es nicht nöthig haben.
-
-Kaum saßen wir an einem Tischchen und sahen dem Springbrunnen vor dem
-Kesselhause zu und nippten an unserem Biere, als der junge Mann an
-unseren Tisch trat, fragte, ob der freie Stuhl besetzt sei, und auf
-Ottiliens »Nein« sich unverfroren hinplatzte.
-
-Ottilien war dies ersichtlich wonnevoll. Wenn Eine noch so dumm ist,
-den Anbeter wittert sie auf der Stelle. Und Ottilie ist gescheidt.
-
-»Schönes Wetter!« warf der junge Mann hin.
-
-Ehe Ottilie ein »entzückend« abfeuern konnte, sagte ich: »Wegen
-der Witterung sind wir nicht hier, sondern wegen Gruppe dreizehn:
-Maschinenbau, Schiffbau und Transportwesen, sowie namentlich
-Elektrotechnische Gruppe vierzehn.«
-
-Adonis machte ein mehr als begriffstutziges Gesicht.
-
-»Wissen Sie, was Elektricität ist?« fragte ich ihn.
-
-»Nein.«
-
-»Ach, Ottilie, Du wolltest es mir ja erklären. Nicht wahr, das
-Kesselhaus ist das Treibende?«
-
-»Die Verbrennung,« verbesserte sie, »durch diese entsteht die
-Dampfkraft mit unglaublich rascher Rotation mehrere Hundert Mal in der
-Sekunde.«
-
-»Daß eine Maschine das so kann,« schaltete ich ein, um Ottilien über
-eine Nachdenkpause wegzuhelfen. -- »Und dadurch entsteht der Strom,«
-fuhr sie fort, »den sieht man nicht, weil er unsichtbar ist. Leitet
-man ihn durch einen Draht, verwandelt der sich an dem anderen Ende in
-elektrisches Licht.«
-
-»Einfacher, als man annehmen sollte,« lobte ich sie. »Wirklich sehr
-einfach.« -- Dann wandte ich mich herablassend an den jungen Mann, der
-ganz verwundert dasaß:
-
-»Haben Sie das verstanden?«
-
-»Nein,« lächelte er. »Nein... ich bin nämlich Elektrotechniker.«
-
-Er löschte den Rest seines Durstes sehr rasch, stand auf, verbeugte
-sich und schlug sich seitwärts ins Lokal.
-
-»Es war ein Schwindler,« belehrte ich Ottilie.
-
-»Aber so hübsch!«
-
-»Er gestand selbst, daß er nicht wüßte, was Elektricität sei, also.
-Vielleicht ist er Ritzenschieber bei der elektrischen Bahn und rechnet
-sich auf diese Weise verwandt mit Siemens und Halske.«
-
-»O nein; er hatte so intelligente Hände und einen Diamantring am
-kleinen Finger.«
-
-»Wird wohl Simili gewesen sein. Ottilie, was gehen Dich die Hände der
-Mannsbilder an? Traue keinem. Du hast jetzt ein Exempel, wie falsch sie
-sind. Aber sei ruhig: dieser ist entlarvt; der wagt sich nicht wieder
-heran.«
-
-Sie seufzte.
-
-»Komm, Ottilie. Die Maschinen und die Elektricität sind erledigt, nun
-wollen wir Musike hören. Deine Kenntnisse haben Dich vor einem Reinfall
-bewahrt; danke Deinem Schöpfer, daß Du so gründlich studirt hast.«
-
-Sie seufzte noch einmal und nur langsam folgte sie mir.
-
-Aber ich werde ihr schon Menschenkenntniß beibringen.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Ueber Architektur und einiges Andere.
-
-
-Nun ist Tante Lina auch da.
-
-Aber ihre Handtasche nicht. Die reist ohne Fahrschein weiter und hat
-sich bei der EisenbahnfundstelIe noch nicht angemeldet. Einer ist immer
-unterwegs nach der Koppenstraße, entweder mein Karl oder Jemand aus dem
-Geschäft oder Dorette oder ich mit Ottilie und Tante Lina in eigener
-Person.
-
-Tante Lina kann den Verlust nicht überwinden, ihr Gedankengang führt
-sie immer und immer wieder auf die Tasche. Dies ist ihr Morgen-, Abend-
-und Tischgebet.
-
-»Waren denn Werthpapiere drin?« fragte ich.
-
-»Nein.«
-
-»Oder Goldsachen?«
-
-»Meine Uhr habe ich zu Hause gelassen und meine Ohrringe auch. Die
-werden den Leuten in Berlin ja auf offener Straße ausgerissen.«
-
-»Mir neu!«
-
-»Bäcker Lorenz hat es erzählt. Den haben sie in Berlin rein
-ausgeplündert; in den Blättern stand es auch.«
-
-»Liebe Tante, es ist wohl mit Kindern vorgekommen, aber mit erwachsenen
-Bäckermeistern noch nicht.«
-
-»Die betäuben sie. Wenn mir einer was zu riechen giebt, ich rieche
-nicht.«
-
-»Sehr vernünftig!«
-
-»Ich hatte mein Eau de Cologne in meiner Tasche.«
-
-»Wir kaufen frisches.«
-
-»Nein, nein, ich bekomme meins zu Neujahr von Apotheker Bahnsen, der
-setzt es selbst an. Es ist viel besser als das echte, viel kräftiger.
-Er hat sich jetzt wieder verheirathet, die erste Frau starb, mit
-Erlaubniß zu sagen, im Wochenbett. Nun saß der Mann da mit den drei
-Kindern. Sie sagten, er würde wohl die Schwester nehmen, aber die war
-ja so gut wie versprochen mit dem Steuereinnehmer Möller, das ging
-doch nicht und da nahm er dann die Aelteste von Kaufmann Milberg am
-Markt. Ob sie in das Gewese hineinpaßt, darüber sind die Ansichten
-verschieden, ich will aber nichts gesagt haben, nicht das Leiseste, sie
-kann sich ja noch gewaltig ändern. Und das wollen wir hoffen. Und wer
-weiß, ob es ein Glück für Möller ist. Und Bäcker Lorenz...«
-
-[Illustration: Männer beim Kartenspiel]
-
-»Liebe Tante, ich habe ein Fläschchen, unangebrochen, darf ich es Ihnen
-anbieten?«
-
-»Ach nein, das kann ich ja gar nicht verlangen, und das ist ja auch
-nicht nöthig, wenn ich meine Tasche wieder habe.«
-
-»Vielleicht hat sie Jemand mitgenommen, der sie gebrauchen kann.«
-
-»Oh, oh! das kann doch nicht angehn? ^Meine^ Tasche? Er wird doch
-nicht, mit Erlaubniß zu sagen, meine Zahnbürste gebrauchen?«
-
-»Wir kaufen eine neue.«
-
-»Nein, nein. Meine ist von Viedt in der Kuhstraße, ich bin nun mal an
-Viedt seine gewöhnt, schon beim alten Viedt. Der junge Viedt arbeitet
-ebenso solide wie der alte Viedt. Der alte Viedt war gediegen, aber
-der junge Viedt ist es auch. Das muß man ihm nachsagen. Ueberhaupt die
-Viedt's: ich sage immer, solche Bürsten wie Viedt's ihre findet man
-nirgends in der Welt; sie halten Jahre. Was sage ich, Jahre? Jahrende.«
-
-»Wenn die Tasche aber weg ist?«
-
-»Sie findet sich wohl wieder an. Wir müssen blos das Nachfragen nicht
-vergessen. Ist Jemand hin?« --
-
-Meinem Karl machte weder die Taschenjagd Vergnügen, noch hatte er Sinn
-für Tante Linas chronisches Gedächtniß. Sie wußte von allen Verwandten
-und Bekannten, wen sie geheirathet, wann sie geheirathet, wann und was
-für Kinder geboren, wann und wen die geheirathet und wer gestorben und
-wann und wo, und ob etwas hinterlassen wurde oder Schulden, und von den
-Cousinen kannte sie wieder die Cousinen und wen die geheirathet und
-wann und mit wie viel.
-
-»Karl,« sagte ich, als er brummte, »jedenfalls ist die Behälterigkeit
-der alten Dame anzuerkennen.«
-
-»Wie so? Sie thut ja nichts, als sich mit Familienmuff vermüffeln.«
-
-»Lohengrin und sein Schwan kommen nicht in ihre Gegend, also was bleibt
-ihr? Und außerdem hat sie Moneten. Und in ihren Briefen schrieb sie,
-sie wollte Berlin gerne sehen, ehe sie ihr Testament machte. Das ist
-ein Wink, Karl. Wenn man sie richtig nimmt, vermacht sie ihr Vermögen
-den Enkeln, die doch studiren müssen.«
-
-»Ich schleiche nich erb,« lehnte er kurz ab. »Die Tante mag sich bei
-uns wohl fühlen, das wünsche ich, aber ihr Schwägerschaftsgeklöne
-auszuhalten, habe ich nicht kontraktlich. Und ödet sie mich noch einmal
-mit Lieferanten aus der Kuh- und Kälberstraße, werde ich auch öde.«
-
-»Wenn Viedt aber doch die besten Bürsten macht?«
-
-»Kommst Du mir auch schon mit dem? Ich verbitte mir Viedt ein für alle
-Mal.«
-
-»Wer fängt von Viedt an? Du fängst von Viedt an. Und was geht mich
-Viedt an? Warum fährst Du nicht mit Tante Lina nach Treptow, ihr
-Welteindrücke beizubringen?«
-
-»Nein, mein Kind. In einem Coupee mit Tante Lina und Viedt und
-Kompagnie und nicht herauskönnen... ich würde rasend.«
-
-»Du rasest nie, mein Karl. Du bullerst selten genug auf. Ein Mann muß
-geeignet dazwischen fahren, die Umgebung auf den Trab zu bringen.
-Dorette wird obstinat, mein Karl, wegen Tante Linas Eigenheiten.«
-
-»Ich meinte, sie wäre anspruchslos.«
-
-»Aeußerlich. Sie sträubt sich allerdings mit vielem Gerede gegen
-Umständemachen, aber wenn nicht jegliches auf den Tippel nach ihrem
-Kopf geht, nimmt sie's übel.«
-
-»Laß sie knurren.«
-
-»Sie bleibt immer gleichmäßig zurückhaltend und duldsam und zwirnt Dir
-blos eine bezügliche Geschichte aus der Gevatterschaft vor, ganz lang
-und ganz langsam mit Spitzen darin, ein Schleppkleid zu garniren. Du
-hast Deine Pillen weg und weißt nicht wie, und die alte Dame verzichtet
-lächelnd auf Dank.«
-
-»Das erträgst Du kaltblütig?«
-
-»Ich leide für die Enkel, besonders für Fritz, der schon jetzt
-Anzeichen von Rechtsbewußtsein äußert, indem er sich nichts nehmen
-läßt. Und wer kann heutzutage Assessor studiren, ohne eine Erbtante in
-der Hinterhand?«
-
-»Warum kein Geschäft ergreifen? Du siehst doch auf der Ausstellung, daß
-außer den Studirten auch noch Leute leben. Und wie hoch steht der Mann
-da, der aus eigener Kraft der Stadt und dem Staate zur Ehre gereicht!«
-
-»Der Jurist steht höher. In Moabit trifft sich zuletzt Alles. Die
-Seelenseligkeit kriegst Du nur durch den Geistlichen und Dein Recht
-nur durch den Juristen. Der Geistliche kriegt keinen Juristen in den
-Himmel, aber der Jurist bringt den Geistlichen in's Loch, je wie die
-Verhältnisse liegen. Nein, Fritz studirt Rechtsgelehrtheit, dann ist er
-allen Ständen über. Der Junge ist ja so süß.«
-
-»Er macht den Eltern mehr Verdruß als Franz.«
-
-»Weil sie den Knaben nicht verstehen. Wer sich Zwillinge leistet, darf
-keinen von Beiden vorziehen. Gleiche Wäsche und gleiche Liebe. Also was
-haut Er Fritz?«
-
-»Weil der Bengel sagte, ein Hund hätte ihm die Hosen zerrissen, worauf
-der Vater nach Bißwunden sucht und findet, daß Fritzchen gesohlt hat.
-Warum log er?«
-
-»Um von Jemand Strafe abzuwenden.«
-
-»Von wem denn?«
-
-»Nun von sich selbst. Ihm war das Malheurchen beim
-Treppengeländerrutschen passirt, was sie ja eigentlich nicht sollen.
-Aber anstatt sich über das Talent des Kindes zum Advocaten zu freuen,
-drauf losgedroschen, wie auf kalt Eisen. Und ich sage Dir, ehe Tante
-Lina Berlin verläßt, hat sie Fritzchen in ihr Herz und ihr Vermächtniß
-geschlossen.«
-
-»Deine großmütterliche Verblendung geht zu weit. Warte doch ab, was die
-Zeit bringt.«
-
-»Die Zeit läßt sich zu viel Zeit. Die Karre geht nur, wenn sie
-geschoben wird. Nächstens machen wir eine große Kinderpartie nach
-der Ausstellung, Tante Lina als Mittelpunkt, damit sie Gelegenheit
-hat, Fritzchen lieb zu gewinnen. Uebrigens frage doch wieder nach der
-Tasche. Wie wäre es, wenn der Knabe sie der Tante überreichte?«
-
-»Mit einem Prolog? Wilhelmine, ich kenne Dich kaum noch. Was hast Du?«
-
-»Karl, viele Freuden des Daseins machen erst dann Freude, wenn sie
-glücklich überstanden sind. Die Ausstellung dauert noch bis zum
-Oktober.« -- »Adje,« sagt er.
-
-Ein Glück, daß er in der Fabrik schläft. Tante Lina steht schon um Vier
-auf und Dorette muß heraus und ich muß heraus. Ottilie liegt wegen
-ihrer Nerven durch bis sieben. Natürlich zweimal Kaffee trichtern.
-Tante Lina ißt bei sich zu Hause um zwölf Mittag, wir essen um
-dreien. Sie geht früh spazieren, traut sich aber nicht allein auf die
-Straße. Ich muß mit nach dem Friedrichshain. Mein Mann trinkt den
-Kaffee mit Ottilie. Er findet ihre Augen hübsch. Und dabei soll man
-Ausstellungsberichte schreiben.
-
-Aber wozu ist Kriehberg?
-
-Ihn allein mit Ottilien durch die Gefilde Treptows streifen zu lassen,
-das geht nicht, bewacht jedoch Tante Lina sie als Schutzgeist, kann ich
-ruhig sein. Sie hat so runde betriebsame Augen, und hört auch gut für
-ihre Jahre, die an den Fältchen im Gesichte kenntlich sind, namentlich
-auf der Stirn. Auch marschiren kann sie rüstig. Das regelmäßige Leben
-in der Abgeschiedenheit macht alt und dauerhaft. --
-
-Herr Kriehberg hat mir Beschreibungen von den Baulichkeiten der
-Ausstellung gesandt, sogar mit Entwürfen, sauber ausgeführt auf
-Glanzleinewand, metergroß, wofür ich ihm die Auslagen erstatte,
-obgleich sie so nicht zu verwenden sind, es sei denn als
-Hochzeitsgeschenk für einen Baubeflissenen.
-
-Anfangs tadelte Kriehberg sehr, jetzt ist er zu der Einsicht gelangt,
-daß die Bedingungen der freien Entfaltung Hemmschuh anlegten und selbst
-er unter solchen Umständen die schwierige Aufgabe nicht glücklicher
-gelöst haben würde. Wo war auch wohl je auf einer Ausstellung ein
-Gebäude, durch das mitten hindurch eine garnicht mal nothwendige
-elektrische Eisenbahn fährt, wie durch den Riesenbau für Unterricht und
-Erziehungswesen, Gesundheitspflege und Wohlfahrtseinrichtungen und es
-so zerschneidet, daß man vom Vorderen zum Rückwärtigen über eine Treppe
-hinauf und hinab steigen muß? Hier wird gezeigt, wie elektrische Bahnen
-angelegt werden können: immer durch die Häuser, wo welche im Wege
-stehen und nicht erst Tunnels unter der Straße buddeln oder Hochbahnen
-an den Etagen vorüber, daß jeder sich scheniren muß, halb angezogen
-ein Vorderzimmer zu betreten, wenn der Draht versagt und die Fahrgäste
-plötzlich vor den Fenstern halten und das Privatleben bekritteln.
-
-Leicht faßlich war Kriehbergs Arbeit nicht, zumal er mit verschiedenen
-Standpunkten kommt und massiv im Ausdruck wird. Was ihm unschön
-erscheint, das fällt Tausenden nicht auf und warum Kunstblinde sehend
-machen, da sie sich in ihrem Zustande wohlig fühlen? Wird nicht an
-allen Ecken und Kanten hinreichend zur Unzufriedenheit aufgestachelt?
-Dies ist nicht mehr gut genug und das taugt nicht mehr, dieses ist
-veraltet, jenes unzeitgemäß, darum weg damit, als der Menschheit
-unwürdig. Nun kommen die Gewaltsbeglücker mit ihren Plänen, die passen
-wie ein Paar sechsfach patentirter Schuhe aus ausgesuchtestem Leder,
-blos mit dem einen Fehler, daß sie nicht nach Maaß gearbeitet sind.
-Wer darin vorwärts will, den kneifen sie und statt der versprochenen
-goldenen Berge hat er eine Hühneraugenzucht. --
-
-Die Spreu vom Weizen zu sondern braucht' ich Ruhe und Sammlung.
-
-Tante Lina und Ottilie mußten für einige Stunden unschädlich gemacht
-werden.
-
-Sie gingen auf meinen Vorschlag ein, die Residenz in Augenschein zu
-nehmen, die Denkmäler, die Palais, die neuen Stadttheile und was sonst
-für Fremde in den Führern aufgezeichnet ist, vom Abgeordnetenhaus an
-bis zum Zellengefängniß. Ich verfrachtete sie in einen distinguirten
-Taxameter und erklärte ihnen den Sprechanismus. Es gefiel Tante Lina
-ungemein, daß man keinen Nickel mehr zahlen braucht, als der Apparat
-beziffert. »Als ich in die Nähschule ging,« sagte sie, »bei Madame
-Werner, die konnte so fein spinnen wie Seide, da hatten wir einen
-Haspel, woran man sehen konnte, wann fünfzig Touren herum waren beim
-Garnwinden. Wenn man nicht aufpaßte, gab es doppelte Strähnen und
-dann schalt sie. Dies ist wohl auf die nämliche Art von dem nämlichen
-Drechsler?«
-
-Der Kutscher versprach mir, die Damen auf das Sehenswerthe aufmerksam
-zu machen und fuhr mit ihnen ab, zunächst nach der Koppenstraße wegen
-der Tasche.
-
-Ich athmete auf. Endlich Ungestörtheit, den Bericht über
-Ausstellungsarchitektur zu erledigen, wenn ich auch einsah, daß
-ich wenig von Kriehberg benutzen konnte, höchstens wo er sich in
-Renaissance oder frühe und späte Gothik versenkt und von Risaliten
-spricht und Fialenwerk, Profilirung, Friesen, Motiven, Originalität,
-Rabitzwänden, Stabilität, Blenden, Dachreitern, Krabben u. s. w. Was er
-in gewöhnlichem Deutsch schreibt, darüber läßt sich streiten und ich
-will mich hüten, hinterher für seine Ansichten verantwortlich gemacht
-zu werden. Etwas muß ich von seiner Arbeit verwenden, denn es geht
-ihm nicht besonders, da er nach Vollendung der Ausstellung mit einem
-Viertelsposten vorlieb nehmen muß. So baronisirt er wenigstens nicht
-gänzlich.
-
-Ich war Willens, den Bericht mit sachlichem Ernst zu beginnen, aber du
-lieber Gott, sonne Architektur! Man hat wohl Tinte in der Feder, schöne
-schwarze Tinte und stippt nochmal ein und nochmal, aber Bauliches
-fließt nicht heraus. Man sinnt und stippt wieder ein. Allein schon
-die Ueberschrift. Eine gute Ueberschrift ist der halbe Aufsatz. Soll
-man sagen: »Ueber Gebäude« oder »Architektonische Wanderungen« oder
-»Sommerwohnungen des Gewerbes« oder »Vom Palast zum Wigwam«, um die
-Wilden mit hineinzunehmen und gleich das Mächtige des Hauptrestaurants
-anzudeuten? Nicht schlecht schien mir: »Die Wunder des Gipses.«
-
-Nach langer Ueberlegung entschied ich mich für »Das Häusliche auf der
-Ausstellung«, weil mit Haus alles bezeichnet werden kann, sowohl die
-Moschee wie der Katalog-Kiosk und wollte grade losorgeln, als Tante
-Lina und Ottilie zurückkehrten.
-
-»Schon?« fragte ich.
-
-»Ueber eine Stunde ist genug,« antwortete Tante Lina. »Blos Geld
-verfahren, dazu hat man es nicht.«
-
-»Und wie gefällt Ihnen das neue Berlin?«
-
-»Berlin?« fragte sie nach. »Man sieht ja nichts von Berlin. Nein, ich
-kann nicht sagen, daß ich was von Berlin gesehen hätte.«
-
-»Hat der Kutscher sie denn um die Stadt herum gefahren?«
-
-»Das glaube ich nicht.«
-
-»Und Du, Ottilie, Du freutest Dich doch so ungemein auf die Fahrt. War
-sie denn nicht entzückend?«
-
-»O ja,« antwortete sie, als wäre das Ja eine Gummistrippe.
-
-»Hat der Kutscher nicht beim alten Fritzen gehalten und bei Wrangeln
-und den übrigen Plastizitäten?«
-
-»Die Uhr ging ja auch weiter, wenn er hielt,« sagte Tante Lina spitz.
-»Es ist Alles Betrug. Für's Halten kann man doch nicht bezahlen?«
-
-»Welche Uhr?«
-
-»Das runde Dings am Kutscherbock. Wir haben genau Acht gegeben, nicht
-wahr, Ottilie?«
-
-»In einem fort.«
-
-»Bis es mir zu theuer wurde, da mußte er umwenden.«
-
-»Also blos auf die Uhr haben Sie gesehen?« fragte ich erregt. »Blos auf
-den Fahrpreisanzeiger und nicht rechts und nicht links? Da haben Sie ja
-völlig nutzlos im Wagen gesessen!« Für mich fügte ich hinzu: »Was sagt
-Berlin zu solchen Kunden?«
-
-»Immer wurden es zehn Pfennige mehr,« warf Tante Lina mir vor. »Wie
-sich das ansummt.«
-
-»Man wendet kein Auge von dem Zeiger,« suchte Ottilie sich zu
-entschuldigen, die meine Entrüstung merkte, »ob man will oder nicht.
-Wie magnetisirt.«
-
-[Illustration: Blick auf den Fahrpreisanzeiger]
-
-»Gewiß,« sagte ich, »dazu sind die Zähldroschken extra erfunden. Das
-nächste Mal nehmt Ihr keinen Weißlackirten, sondern einen einfach
-Schwarzen.«
-
-»Und dann fahren Sie mit,« sagte Tante Lina, »und zeigen uns Alles,
-damit ich zu Hause erzählen kann, wie Berlin eigentlich aussieht.
-Die Zwei Mark vierzig heute sind rein weggeschmissen. Gut, daß
-Oberlehrer Kranz das nicht erfährt, der behauptet immer, Frauen
-können nicht rechnen. Seine Frau versteht es allerdings nicht, sie
-giebt viel zu Unnöthiges aus; ihr Vater machte bankerott; das Geld
-lag in der Ofenröhre, und wer was brauchte, nahm welches, das konnte
-nicht bestehen. Und mehr als knappe Aussteuer brachte sie nicht mit.
-Kranz giebt ihr nie über drei Mark, aber die Leute sagen, sie läßt
-anschreiben. Er hätte sich besser mit Viedt's Tochter gestanden,
-Viedt's stehen sich breit...«
-
-»Bitte, entschuldigen Sie mich; ich muß in die Küche.« -- Halb
-verzweifelt flüchtete ich ins Kontor.
-
-»Was ist? Was giebt's?« fragte mein Karl bestürzt, als ich, dem Weinen
-nahe, auf das Kanapee sank.
-
-»Viedt,« stöhnte ich.
-
-»Armes Weib.«
-
-»Karl, eine Postkarte! Ich schreibe der Redaction: auf Architektur
-müßte sie Umstände halber verzichten. Aber spotte nicht. Ich bin so
-mürbe, so mürbe.«
-
-»Minchen, weißt Du 'was? Wir Beide ganz allein machen hinaus
-nach Treptow. Ich habe im Weinhäus'l einen vorzüglichen Tropfen
-ausbaldowert. Wir ganz allein, Minchen.«
-
-»Ja, mein Karl. Sicherer wäre am Ende nach dem Grunewald. Aber wie Du
-willst.«
-
-Es giebt doch keinen heilenderen Balsam als ein liebendes Wort. Das
-empfand ich so recht einmal wieder.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Ein freier Tag.
-
-
-Wenn es gewittert, fürchtet Tante Lina sich. Dann kriecht sie ins Bett.
-
-[Illustration: Tante Lina kriecht ins Bett]
-
-Ottilie sagt, der Strauß macht es ebenso. Ich weiß nicht, ob der sich
-auch das Kopfkissen über die Ohren zieht, um den Donner nicht zu hören
-und bei jedem Blitz aufjucht wie Tante Lina, würde es ihm jedoch
-nicht übel nehmen, wenn er es thäte, weil er als Wüstenvogel für die
-neueren Erfindungen kein Verständnis hat, wie man von Mitgliedern des
-neunzehnten Jahrhunderts verlangen kann.
-
-Tante Lina lebt und liest in der Jetztzeit und müßte daher wissen, daß
-Gewitter auch im Kleinen mittels Elektrisirmaschinen hergestellt werden
-können, wie Ottilie ihr beruhigungs- und aufklärungshalber aus Krüger's
-Lehrbuch der Physik vorgelesen hat, worin ein Papphäuschen abgebildet
-ist, das durch den positiven Funken auseinanderklappt.
-
-Bei dem geringsten Gewitterverdacht bleibt sie daheim und bei dem
-ersten fernen Grollen des Horizonts flüchtet sie in die Federn.
-
-Mein Karl findet das altfränkisch; Ottilie meint, es wäre Idiosynkrasie
-gegen elektrische Spannungsverhältnisse, obgleich im Meyer unter diesem
-Worte mancherlei steht, was ich von Tante Lina unmöglich annehmen
-kann und sich auch mehr in Widerwillen gegen Speisen äußert, der
-mir bis dato bei ihr nicht aufgefallen ist. Dorette beschwert sich
-über das mehrfache Bettenmachen, zumal wenn mehrere Gewitter am Tage
-sind, und schilt Monologe. Ich für meine Person behaupte, es ist das
-Alleinstehende, das sie ins Bett treibt.
-
-Wenn es so recht graulich wird, beinahe Nacht am Tage, und ein Blitz
-fängt an, den anderen zu überbieten und das Rollen wird zum Knattern,
-dann gehe ich zu meinem Karl, oder er kommt zu mir, und ich fühle mich
-geborgen, denn ohne etwas Bänglichkeit ist man doch nicht, wenn Blitz
-und Schlag eins sind und man sich sagen muß: es steht gerade über uns,
-mit den dunklen Wolken, den Schwingen des Todes. Gottlob, wenn sie
-verschweben und der Himmel lichtet sich wieder.
-
-Warum Tante Lina sich unvermählte, danach frage ich sie nicht.
-Vielleicht, daß Solche warben, die weniger sie, als ihr Vermögen
-begehrten, vielleicht, daß sie sich zu lange jugendlich dünkte,
-und als sie sich besann, mit Schrecken bemerkte, daß sie bereits
-zu den Kaltgestellten zählte. Und dann ist das Assortiment der
-Heiraths-Candidaten in kleinen Städten meist nur gering kompletirt, und
-ist keiner darunter, für den das Herz schlägt: warum den Prediger zu
-einer Traurede verleiten, die zum Höllensegen wird anstatt zur Segnung
-irdischen Glücks?
-
-Und darum geht Tante Lina ins Bett, wenn es donnert.
-
-Man darf die Schwächen seiner Nebenmenschen eigentlich nicht ausnutzen,
-aber wozu sind sie da, wenn sie nicht verwendet werden sollen? Als es
-wieder heiß und schwül war und Tante Lina ihre Zuflucht zur Baba nahm,
-weil sie das Gerummel eines Bierwagens in Kinderüberfahrgeschwindigkeit
-für die Stimme der erzürnten Vorsehung gehalten hatte, sagte ich zu
-meinem Manne: »Karl, sie liegt fest, ich habe frei. Was meinst Du,
-wenn wir zwei Beide alleine gingen? Ottilie sucht die Tante Lina mit
-dem Physikbuch zu bekehren und hat auch noch Briefe zu schreiben. In
-den nächsten Tagen kommen Ungermann's und dann Kliebisch's ... Die
-Gelegenheit ist heute günstig.«
-
-»Ich muß so wie so hinaus und nachsehen, ob der letzte Regen meiner
-Ausstellung Schaden zugefügt hat. Der Reichsadler aus den schwarzen
-Socken auf weißem Grunde reicht dicht bis an das Glasdach.«
-
-»Und die Blauholz-Brühe läuft in Strähnen herunter?«
-
-»Nicht doch, die Strümpfe sind goldecht gefärbt.«
-
-»Wie Dein Herz, mein Karl. Nein, Du stellst nichts Unredliches aus,
-selbst nicht in der dekorativen Verzierung. Dir müßte die Stadt eine
-Statue setzen.«
-
-»Unter einer halben Million thäte die es schwerlich. Und noch leb' ich
-ja, und heute wollen wir vergnügt sein.«
-
-»Nicht so laut, Karl! Du scheuchst Tante Lina auf. Seit einer
-Viertelstunde bullert kein Wagen, der sie niederhielte. Aber weißt Du
-was...?«
-
-Ich hinaus nach der Küche und die Blechplatte geholt worauf ich
-familiäre Konditorwaare backe, und die zum Gewittermachen gebraucht
-wurde, wenn die Kinder Puppen-Theater spielten, wie Onkel Fritz ihnen
-gezeigt hatte.
-
-»Karl, faß' es an den Ecken oben an und schüttle es; erst langsam, dann
-mit zunehmender Gewalt und dann ganz balbarisch.«
-
-Er übte einige Male bei verschlossener Thür, und als er es konnte,
-brachte er auf dem Gange einen so natürlichen Donner heraus, daß ein
-staatlich angestellter Metereologe nicht im Stande gewesen wäre, ihn
-von einem echten zu unterscheiden.
-
-Sogar Dorette eilte herbei und fragte, ob es eingeschlagen hätte.
-
-Ich reichte ihr das Blech und sagte, der Herr hätte ein neues
-Rostschutzmittel probirt, weil sie das Geschirr nach dem Aufwaschen
-nie ordentlich austrocknete, worauf sie mit länglicher Gesichtsbildung
-abzog.
-
-Wir haben aber gelacht, mein Karl und ich. Nein, wie haben wir gelacht!
-Immer wieder, und uns Tante Lina ausgemalt, wie sie sich ins Bett
-eingräbt und die Ohren verpanzert. Und lachenden Sinnes verließen wir
-das Haus wie die großen Kinder.
-
-Wir hatten ja einen freien Tag.
-
-Uns lächelte das Glück. An meines Karls Aufbau war der Regen
-vorbeigeglitten, um einen Konkurrenten einzunässen; der Adler prangte
-siegreich in seiner ganzen künstlerischen Schönheit. Wir betrachteten
-die Sündfluth nebenan, denn kein Mensch ist so hartherzig, daß ihn das
-Mißgeschick seines Nächsten nicht zur Begutachtung einlüde und als wir
-den Schaden verhältnißmäßig gering fanden, waren wir zufrieden. Es
-hätte uns ja das Nämliche blühen können.
-
-In dem Hauptgebäude naschten wir hier und da im Vorübergehen an den
-gewerblichen Leistungen und strebten dem Freien zu. Im Grünen sitzen,
-das schöne Konzert der badischen Leibgrenadiere aus Karlsruhe anhören,
-das war unser Plan. Sie spielen ausgezeichnet, auch ältere Stücke aus
-altmodischen Zeiten, die mir besser gefallen, als welche die Jüngeren
-machen. Die fangen an, die Musik windet und krümmt sich, und wenn man
-meint, nun kommt da 'was, ist die Geschichte aus.
-
-Der Blick auf das weiße Eß- und Trinkschloß mit dem Wasserthurm ist
-bei Nachmittagsbeleuchtung einzig. Von der Sonne angeglüht, hebt
-es sich italienhaft von dem blauen Himmel ab, und spiegelt sich
-in dem See, den Gondeln und Barken beleben. Auch die in den Park
-hereingeleitete Spree muß verdienen helfen, und das thut sie, indem
-Hunderte sich für einige Nickel nach dem Karpfenteich hin und zurück
-wricken lassen. Da ich ebenfalls Gelüste äußerte -- Wasserfahrt mit
-Walkürenritt-Orchesterbegleitung ist eben zu ideal -- willigte mein
-Karl ein, aber gerade, als er die Schwimmscheine für uns lösen wollte,
-redete ihn ein Herr an.
-
-»Endlich erwische ich Sie,« sagte der.... »Kommen Sie man gleich mit.
-Sie haben mir versprochen, unseren Pavillon zu besuchen; jetzt hilft
-kein Sträuben.«
-
-Mein Karl stellte ihn vor: »Herr Schulz, städtischer Beamter, Freund
-vom Stammtisch.«
-
-Dieser Zusatz wirkte vergällend, denn alle Erfahrungen die ich bis
-dato mit diesem Möbel gemacht habe, sind unerfreulich. Ich halte
-den Stammtisch für eine Art Magnet, der nichts Gutes an sich zieht,
-wodurch die Besseren verdorben werden und sollte thun als wenn ich mich
-geschmeichelt fühlte. Diesem zu entgehen sagte ich: »Wir wollten gerade
-ein wenig gondeln.«
-
-»Das ist bei Abend viel schöner,« entgegnete Herr Schulz, »und wir
-machen um Achten zu. Gehen wir gefälligst.«
-
-Sich mit städtischen Beamten anlegen, halte ich für riskant; ich fügte
-mich daher, als hätte das Gesetz gesprochen. Auch kam mir unwillkürlich
-der Gedanke: sollte dieser Schulz wohl gar die Strafe für den Unfug
-sein, den wir mit Tante Lina getrieben?
-
-Es giebt eine Nemesis, nur daß der Eine früher hineinrennt, der Andere
-später. Aber gerannt wird.
-
-Herr Schulz hakte meinen Mann unter und zog ihn wie einen Arrestanten
-vorwärts. Ich folgte, bis vor einer Einbuddelung mit Mauerarbeit
-gehalten wurde.
-
-»Nur heran,« sagte Herr Schulz. »Nur heran, Madamchen. Hier können Sie
-sich mit dem Haupt-Kanalisationsrohr der Stadt Berlin anfreunden und
-Ihre geehrten Vorurtheile gegen die Rieselfelder ablegen. Oder gehören
-Sie schon zu denjenigen, welche eine höhere Stufe erklommen haben und
-nichts gegen den Kohl einwenden, den wir bauen?«
-
-»O nein,« erwiderte ich mit einiger Anstrengung zu lächeln.
-
-»Schönecken. Womit die Stadt am meisten zu kämpfen hat, das ist der
-Unverstand. Sehen Sie dieses Rohr aus besten Klinkersteinen -- bitte
-treten Sie ein -- stellt die unterirdische Leitung dar, durch das die
-Abwässer entfernt werden. Hier an der Seite die Hausanschlüsse. In der
-Mitte der Einsteigeschacht.«
-
-Wir also hinein in das Rohr. Es war trocken und propper, worauf es beim
-Gebrauch allerdings keinen Anspruch macht, aber trotzdem war ich froh,
-als wir es nach Herrn Schulz Meinung hinreichend kennen gelernt hatten.
-Wir waren doch gekommen, um uns zu vergnügen. Und Kanalisation ist kein
-Vergnügen.
-
-Hierauf mußten wir uns die Filteranlage gefallen lassen, woran der
-Fachmann sieht, wie das Trinkwasser für Berlin gereinigt wird.
-Für die Stadt und ihre Bewohner ist dies von größter Wichtigkeit,
-Epidemien hängen davon ab und Armenpflege. Aber wenn man Lust hat,
-fein zu speisen, schwindet das Interesse an den unterirdischen
-Wohlfahrtseinrichtungen.
-
-Mein Karl und Herr Schulz lagen bei der Besichtigung bald in
-Meinungsverschiedenheiten und fochten, wie mir schien, alte
-Stammtischscharmützel über die Stadtverwaltung aus.
-
-Zuletzt legte ich mich ins Mittel und fragte, ob die Herren keinen
-Durst verspürten?
-
-»Erst das Geschäft,« entgegnete Herr Schulz, »und dann die Weiße. Sehn
-Sie, Buchholz vertritt die Abfuhr an unserem Tisch...«
-
-»Karl,« nahm ich strenge das Wort, um Herrn Schulz darauf zu stoßen,
-daß er Rücksicht auf meine weibliche Anwesenheit nähme, »Karl, was geht
-Dich die Politik an? Du geräthst noch so tief hinein, daß wir von dem
-schönen Abend nichts mehr haben. Verzeihen Sie, Herr Schulz, unsere
-Absicht war, uns zu amüsiren.«
-
-»Sollen Sie auch. Kommen Sie man mit. Buchholz macht uns jedesmal
-Opposition im Bezirksverein, das muß ihm ausgetrieben werden.«
-
-Ich war empört. Aber ein städtischer Beamter...!
-
-Der Pavillon der Stadt Berlin gefiel mir. Außen ansehnlich und inwendig
-luftig und sinnvoll gemalt, gestattet er dem Steuerzahler einen
-Einblick in die Mühewaltung der Oberleitung für das Gedeihen und die
-Entwickelung der Residenz.
-
-»Sind dies Telephondrähte?« fragte ich bei einem Plan, in den Stäbe
-gestochen waren, von denen feine Fäden nach einzelnen Punkten gingen,
-kurze und längere.
-
-»Sehen Sie's man gründlicher an,« forderte Herr Schulz auf. »Das sind
-nämlich die Schulwege, wieweit die Kinder zu laufen haben, bis sie an
-die für sie bestimmte Bildungskrippe gelangen.«
-
-»Da haben manche eine gehörige Ecke.«
-
-»Irgendwo wohnt man in der großen Stadt immer weit ab,« sagte Herr
-Schulz. »Aber Sie sehn, wie durch solche Pläne Licht in die Sache
-dringt und darauf hin, wie es nur geht, Aenderung geschaffen wird.
-Jedoch wird trotzdem auf die Verwaltung geschumpfen.«
-
-»Fällt mir gar nicht ein,« erwiderte mein Karl. »Ich behaupte ja blos:
-vom national-ökonomischen Standpunkt ist Abfuhr einbringlicher...«
-
-»Karl, bist Du parlamentarisches Fractionsmitglied, daß Du denselben
-Ekel immer wieder aufrührst? Also Schluß. -- Und was ist dieses?«
-
-»Handarbeiten der Blinden, aus der städtischen Anstalt.«
-
-Ich betrachtete die Sachen. Wie sauber das Geflochtene und Gehäkelte
-und die Pantinen und was sie Alles herstellen! In ewiger Nacht mit dem
-Tastsinn gearbeitet! Und viele, viele, die ihr Augenlicht haben, sind
-faul und ungeschickt. Führt sie her, daß sie sich schämen.
-
-Aus den verschiedenen Fortbildungsschulen sind Fachleistungen
-ausgestellt. An die Stellen der Handwerksmeister sind Schulen getreten.
-Wie die Zeiten sich ändern. Ich hatte keine Ahnung davon, wie die Stadt
-in diesem Sinne sorgt und strebt. Gut, daß man es hier gewahr wird,
-wenn auch, wie es ja nicht anders durchführbar, blos in Proben.
-
-»Herr Schulz,« sagte ich, »wenn ich eben solchen Hut trüge, wie mein
-Mann, würde ich ihn hochachtungsvoll abnehmen.« -- Mein Karl lüftete
-pflichtschuldigst seinen spiegelblanken Cylinder, neu aufgebügelt,
-ohne die kleinste Krampfader darin, den er zur Erhöhung der Festfreude
-aufgesetzt hatte.
-
-»Lassen Sie den Tintenproppen man sitzen, Buchholz,« entgegnete Herr
-Schulz. »Besser reden Sie am Stammtisch weniger Unsinn.«
-
-»Wenn Jemand Unsinn redet, liegt es am Hörer,« fuhr ich auf.
-
-»Stimmt! Es giebt Horchlappen, die auf Vernunftgründe nicht reagiren,«
-sagte Herr Schulz.
-
-»Wie die geehrten Ihrigen,« wischte mein Karl ihm aus.
-
-Ich wollte auch noch einen Satz hinzufügen, aber die Beiden sahen
-sich an und lachten. Es war nur eine kleine Neckerei gewesen, ein
-sogenanntes Wortgefecht ohne tödtliche Beleidigung, wie sie, hieraus
-zu schließen, unter sich gewohnt sind.
-
-Herr Schulz erklärte uns das Rieselfeldmodell, die einzelnen
-Ackerflächen, wo Getreide gebaut wird und wo Gemüse und wie das
-Pumpstationswasser durchsickert, daß es klar und rein wird und selbst
-Goldfischen zum Aufenthalt dient, ohne daß sie an Typhus zu Grunde
-gehen, wie zwei lebende Beispiele kund thaten. Fischen ist bekanntlich
-in Gedichten und kleineren Erzählungen immer wohl, allein wer sagt,
-ob sie in Wirklichkeit nicht doch schon Leibschneiden oder Kollern
-haben, da sie in eins weg blos Glupaugen machen? Ich kenne nichts
-Melancholischeres als Goldfische.
-
-»Muntere Thierchen, nicht wahr?« sagte Herr Schulz, als er sie wieder
-wegthat.
-
-»Schon mehr Schlummerköpfe mit Flossen!« wollte ich antworten, aber
-ich nahm eine andere Wendung. So darf man städtischen Beamten doch
-wohl nicht kommen? »Was ist dieses inmitten der Rüben und Radieschen?«
-fragte ich, »dies Rothe und Weiße?«
-
-»Wenn ich Ihnen das sage, das glauben Sie ja doch nicht.«
-
-»Versuchen Sie's!«
-
-»Das sind nämlich Rosen, Damascener Rosen und daraus wird hier in
-Berlin in der >Rothen Apotheke< Rosenöl destillirt.«
-
-»Was Sie sagen!«
-
-»Sehen Sie, wie ich schon wußte, kein Deibel will's glauben. Und doch
-ist es so. In Sachsen fingen sie mit den Rosenpflanzungen an und wir
-versuchen es jetzt auch mit Erfolg. Denn das deutsche Rosenöl wird in
-Paris um die Hälfte theurer bezahlt als das beste türkische, weil es
-mehr hergiebt, feiner ist und garantirt unverfälscht. Was sagen Sie
-nun?«
-
-Ich war stumm. Dann rief ich verwundert aus: »Karl, was wir so nach
-Osdorf rieseln, wird Rosenöl! Das übersteigt die kühnste Phantasie.«
-
-»Einfache Ausnutzung der Naturkräfte durch Stadtverordnete, weiter
-nichts,« sagte Herr Schulz mit bescheidenem Stolz, der hier auch am
-Platze war, wenn man bedenkt, daß die Behörde aus Abscheu köstlichen
-Rosenduft gewinnt, während die jüngste Dichterrichtung das Leben aller
-Kränze entkleidet und die Menschheit mit Sielschlamm begießt.
-
-Die Riesen-Riesel-Kartoffeln, Kohlrabi, Salat, Hafer, Roggen- und
-Weizenstauden fesselten uns ebenso sehr wie die goldverzierten
-Fläschchen mit der Rosenessenz und, eh' wir es uns versahen, war Schluß
-des Pavillons. Wir dankten Herrn Schulz, der darauf bestand, uns zu
-einer Weißen einzuladen, die wir ihm als städtischem Beamten nicht
-abschlagen durften.
-
-Mein Karl hatte eine kleine Verschwendung bei Dressel und Adlon nach
-der Gondelung vorgehabt, die fiel jetzt in Weißbier mit Sülzcotelette
-und Bratkartoffeln, was durstlöschend und sättigend war, wenn auch ohne
-die immense Vornehmheit, die wir uns dort unter den Spitzen Berlins
-angethan hätten.
-
-Wir bauten daher bald ab. Herr Schulz erläuterte uns noch die
-Straßenpflasterung und kam dabei wieder unter die Erde auf die
-Rohrlegung, und die Kabbelei von vorhin stand vor erneutem Ausbruch.
-Der Vernünftige aber zieht rechtzeitig vor dem Streit Leine. Ich sagte:
-»Wir gehen!« Auf dem Heimwege fragte ich: »Was Tante Lina wohl macht?
-Das Wetter hat sich wundervoll gehalten.«
-
-»Hoffentlich hat sie nichts gemerkt,« sagte mein Karl.
-
-Als wir zu Hause anlangten, war weder Tante Lina vorhanden noch
-Ottilie. »Dorette,« rief ich, »Dorette, wo sind die Damen?«
-
-»Mit einen jungen Herrn ausjefahren. Was die Tante is, meinte, mit den
-einen dollen Schlag wäre das Gewitter wohl alle jewesen.«
-
-»Wer war der junge Herr?«
-
-»Kennen duh ick'n nich, aber die Freilein Ottilie, die schien als
-wenn't en intimer Freind von sie sein dähte.«
-
-»Es ist gut, Dorette, Sie können gehn.«
-
-Ob es der junge Mann von neulich war? Oder ein anderer? Tante Lina und
-Ottilie haben sich auf ihren gemeinschaftlichen Gängen sehr aneinander
-geschlossen. Man hätte sie nicht ohne Aufsicht lassen sollen.
-
-»Karl,« rief ich. »Da haben wir uns was Schönes zusammengedonnert.«
-
-»Deine Idee, Minchen.«
-
-»Du thust sonst doch nie, was man Dir sagt. Warum denn gerade heute den
-Unsinn?«
-
-»Gute Nacht, Minchen. Weißt Du, das Schlafen in der Fabrik hat doch
-etwas für sich.«
-
-Er ging. Ich wartete auf den rückständigen Hausbesuch. Als sie endlich
-kamen, that ich, als sei ich nicht im Geringsten neugierig. Ottilie
-erzählt mir von selbst bei Gelegenheit haarklein, was war. Und
-verschweigt sie den jungen Mann, zwick ich ihn aus Tante Lina. Was zwei
-Weiber wissen, ist so gut, als hätte die Dritte es schriftlich.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Kindervergnügen.
-
-
-Als Großmutter ist man den Enkeln schuldig, ihre jungen Seelen mit
-Geistessämereien fürs Leben zu bestellen und, da ich ihnen von den
-Löwen und Elephanten und den Eisbären erzählt hatte, die, wenn sie auch
-weniger ins Gewerbliche, so doch ins Verdienliche schlagen und deshalb
-ausstellungsberechtigt sind, ließen die lieben süßen Wesen keine Ruhe,
-bis der Vater schalt: »Hat sie Euch den Kopf voll geschwatzt, scheert
-Euch zu ihr, ich gebe bei den schlechten Zeiten kein Geld für Allotria
-her.«
-
-Dies vernahm ich unbemerkt im Nebenzimmer sitzend, auf meine Tochter
-wartend, die zu ihrer Schneiderin geeilt war, um bei der verabredeten
-Kinderpartie ihren Stand tadellos zu vertreten. Und beispiellos billig:
-einfach ein älteres Schwarzes aufgedoktert, mit einem maigrünseidenen
-goldgestickten Schultereinsatz durchaus nicht auffallend knallig,
-sondern hochdezent, nebst schwarzgarnirtem Hut, aus dessen Federn und
-aufgerichteten Schleifen schmale, ebenfalls maigrüne, mit Goldlitze
-eingefaßte Sammetbändchen hervorlugen, so daß durch die Mitwirkung
-ihres rosigen Teints meine Tochter in dieser Zusammenstellung sich als
-sogenannte Farbensymphonie sehen lassen kann.
-
-Und dies Vergnügen wollte der eigene Gatte stören, weil ihm die Löwen
-zu theuer waren. Freilich kannte er das Kostüm noch nicht, da sie
-ihm wohlweislich nie mit der Kleiderfrage kommt, bevor sie drin
-sitzt und er sein Wohlgefallen äußert. Er mag es, wenn seine Frau
-liebreizend aussieht, und, wenn sie ihm vorrechnet, wie sparsam sie
-sich verschönert hat, giebt er ihr einen Kuß extra.
-
-Ich wollte mein Maisgelbes anziehen, Betti hatte sich für helles
-verwaschenes Blumenmuster entschieden, Ottilie, wie immer, in ihrem
-Blauen, und Tante Lina Grünbräunlich-Changeant. Die Kinder waren
-sämmtlich in Weiß gedacht, die Knaben mit Marinekragen, weil, wenn man
-zufällig jemand aus maßgebenden Sphären anrennt, dieser sagt: »Sieh
-da, eine Familie, die die steigende Bedeutung des Seewesens erfaßt
-hat. Wer mag das sein? -- Und man kann nicht wissen, ob solcher Zufall
-dem Fortkommen der Enkel nicht von Vortheil ist? In den Schicksalen
-berühmter Männer liest man stets, wie ähnliche Nebenthatsachen die
-Wandlung zur Größe verursachten.«
-
-Und dann hatte ich Frau Butsch mit den beiden Stief-Kinderchen
-eingeladen. Sie möchte ihnen gern mehr gewähren, als Herr Butsch
-gestattet wegen ihrer Groschensiebe von Händen und da dachte ich: nimm
-sie auf Dein Konto, Wilhelmine, sie übertragen es auf die Stiefmutter,
-und in das Wurachen um den Erwerb scheint ein Tag der Liebe hinein, an
-dem die Herzen einander zublühen, wie Erika sagte, als ich ihr meine
-Ansicht mittheilte und sie fragte, ob sie und klein Wilhelmine sich
-anschlössen?
-
-Sie hatte Lust, aber Onkel Fritz war verweigernder Meinung.
-
-»Mein Töchterchen ist noch zu harmlos, die Verdienste des
-Arbeits-Ausschusses zu würdigen.«
-
-»Wird auch nicht verlangt, für sie sind die übrigen Schaustellungen.«
-
-»Zu zart.«
-
-»Die wilden Thiere.«
-
-»Zu ängstlich.«
-
-»Aber die Aeffchen im Affenparadies?«
-
-»Die Affen überläßt sie ihrem Vater.«
-
-»Also Du willst nicht?«
-
-»Nein!«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Beantworte mir: Was bleibt dem Erwachsenen, wenn er als Kind schon
-alle Reizmittel durchkostet, die zum Todtschlagen der Zeit geboten
-werden? -- Uebersättigung. Man badet einen Säugling in der Wanne und
-hält ihn nicht unter den Rheinfall.«
-
-»Seit wann bist Du so weise.«
-
-»Seit ich Vater bin.«
-
-Er sprach das mit einem Ausdruck tiefinnerer Glücklichkeit, der alles
-weitere Anpurren hinfällig machte. Seine Liebe ist es, die über dem
-Kinde schützend die starken Arme ausstreckt. Und wenn Liebe übertreibt,
-wer möchte sie darum schelten?
-
-Erika heißt stillschweigend gut, was er bestimmt oder vielmehr, er
-vollführt, was ihr Denken und Sinnen ist, und das Töchterchen gedeiht
-dabei; ein wahres Herzeken. --
-
-Mein Grundsatz ist, wenn Kinder mitgenommen werden, sie erst tüchtig
-satt zu machen und am weitesten langt man mit Napfkuchen. Der ist
-nahrhaft, stopft und hält vor.
-
-Es war ein liebliches Bild, als das halbe Dutzend Jugend um den
-Tisch saß und den Kuchenteller meuchelte: Fritz und Franz, Betti's
-Karla und Willi und Butschen's Peter und Edmund, alle in Weiß. Wir
-Aelteren tranken Kaffee, ebenfalls mit Napfkuchen, von dem Tante
-Lina sich sogar das Rezept ausbat. Daß sie sich in gehobener Laune
-befand, betrachtete ich als eine Mahnung aus öberen Regionen und als
-Gutheißung meiner Absicht mit der verlorenen Tasche, die sich endlich
-reumüthig angefunden hatte. Die Zahnbürste und das Gläschen Kölnisches
-Apothekerwasser hatten zum Besitzausweis genügt.
-
-Tante Lina ahnte nicht, daß ihr sehnlich vermißtes Handgepäck im
-Nebenzimmer auf das Wiedersehen harrte und erst als abgegessen und
-ausgetrunken war, nahm ich Fritzchen nebenan, gab ihm die Tasche und
-sprach: »Wenn ich Dich rufe, kommst Du und überreichst sie Tante Lina
-mit einem höflichen Diener und sagst: >Liebe Tante<.«
-
-»Ich hab' ihr garnicht lieb.«
-
-»Doch, mein Fritzchen. Tante Lina wird großmüthig an Dir handeln.«
-
-»Wir wollen bei die Löwen.«
-
-»Erst giebst Du Tante Lina das Täschchen und sagst: >Liebe Tante, dies
-hab' ich gefunden, nimm es freundlich hin.< Dann umarmt sie Dich und
-küßt Dich.«
-
-»Will ich nicht.«
-
-»Doch, Fritzchen. Nun sei artig; gleich rufe ich Dich.«
-
-Tante Lina erzählte der Butschen gerade eine Geschichte von Viedt's.
-»Viedt's haben die schönen Ländereien und könnten viel mehr daraus
-machen, aber sie sind mit Erlaubniß zu sagen für reichlichern Dung und
-nicht für das Auspowern der Aecker und sind so thätig im Geschäft,
-indem sie jede Kleinigkeit mitnehmen und dadurch das Ihrige erreichten.
-Sie sagen nicht, wie viel sie haben, aber man weiß es doch so ziemlich.«
-
-»Rechnen Sie gern in Anderleuten Portemonnaie herum?« fragte die
-Butschen.
-
-Tante Lina wurde spitznäsig und dann glimmt es in ihr. Es war höchste
-Zeit, den Vesuv auszutreten und deshalb sagte ich rasch: »Liebe Tante,
-bevor wir aufbrechen, wünscht Fritzchen Ihnen einen kleinen Beweis
-seiner Verehrung darzubringen.« Es war dies zwar nicht ganz zutreffend,
-aber in der Eile entwegen die Sätze leicht. »Komm, Fritzchen.«
-
-Er kam nicht. Die Kröte tückscht, dachte ich und öffnete die Thür. »So
-komm doch, Fritzchen!«
-
-Da kam er. Aber wie!
-
-Ihm war wohl die Zeit lang geworden und neugierig, wie Kinder sind,
-hatte er in Tante Lina's Tasche gekramt. Ihre Korkzieherlocken hatte er
-sich über die Ohren gehängt und ihr neues Gebiß trug er in der flachen
-Hand wie ein Vogelnest, die geöffnete Tasche über dem Arm. Und so schob
-er seelenvergnügt auf Tante Lina zu.
-
-»Meine Tasche!« rief sie und aufgesprungen und die Schönheitsbeihülfen
-an sich gerissen und weggestochen. Sie flog vor Aufregung und pustete.
-Mir war der Vorfall mehr als peinlich. »Liebe Tante!« begann ich.
-
-»Schon gut! Schon gut!« stieß sie hervor. »Das war ein starkes Stück.
-Sie haben wohl nichts dagegen, wenn ich noch heute abreise?«
-
-»Aber nein...«
-
-»Aber ja, und dabei bleibt's.« Und mir einen furchtbaren Blick
-zuwerfend, fügte sie hinzu: »Wir sind für ewig geschieden -- Mein
-bischen Hab und Gut vermach' ich dem Waisenhause, da sind artige
-Knaben drin und, mit Erlaubniß zu sagen, keine ungezogene Rangen.«
-
-Emmi wollte Petroleum ins Feuer gießen, weil sie doch die Range
-nicht auf Fritzen sitzen lassen konnte, aber ich rief: »Wenn Jemand
-Schuld hat, bin ich es,« und entfernte mich mit Tante Lina. Es half
-jedoch kein Bitten und Beten, sie war zu aufgebracht und ließ keine
-Entschuldigung gelten.
-
-Auf ihren Wunsch blieb Ottilie bei ihr, packen zu helfen, und wir
-karawanten nach Treptow.
-
-Unterwegs machten mir Emmi und Betti Beide Vorwürfe: Was der
-Sanitätsrath sagen würde, wo ich doch hätte wissen müssen, daß die
-Tante den Knaben unbedingt etwas ausgesetzt hätte und sie deshalb
-ganz anders zu behandeln gewesen wäre. Die Butschen meinte, selbst
-im Schauspielhause fielen Stücke durch, ich hätte mir es wohl anders
-gedacht, wie es hinterher kam.
-
-»Sie verstehen mich, Frau Butsch,« entgegnete ich. »Meine Absichten
-waren lauter und rein.«
-
-»Wieviel hat die Olle denn?« fragte sie.
-
-Ich war zu zerklüftet, um sie zurechtzustoßen.
-
-»Mama,« sagte Emmi, »denke Dir, ich habe meine Börse vergessen. Du bist
-wohl so gut und legst aus?«
-
-»Ich bezahle Alles!« erwiderte ich ergebungsvoll. -- Durch diese
-Versicherung wurden sie heiterer und dachten nicht mehr so nagend und
-anhaftend an Tante Linas Testament. Und war es so bombensicher, daß
-sie die Enkel hineingenommen hätte, auch wenn nichts passirt wäre?
-Denn erstens ist die Verwandtschaft nur weitmaschig und zweitens: wenn
-irgend ein Viedt Wittwer wird... sie ist im Stande, in den heiligen
-Ehestand hineinzuschliddern.
-
-Betti und Emmi wollten erst nach dem Damenheim, wo die neuesten Moden
-alle acht Tage wechseln, und dann mit den Kindern nach den wilden
-Thieren; die Butschen hatte ihren Beiden versprochen, den Walfischkopf
-in der Fischerei zu zeigen, worüber Uneinigkeit auszubrechen drohte.
-
-Unter lebhaftem Für und Wider langten wir an. Ich löste die
-Eintrittszettel. In Summa fünf Mark.
-
-Oben von der Ueberbrückung aus gewahrten die Kinder sogleich den
-Riesen-Elephanten, der als bewohnbares Symbol des Gregory'schen
-Exportbieres dasteht, das in Hunderttausenden von Flaschen in die
-heißen Länder versandt wird, wie die Inschrift besagt.
-
-»Merkwürdig,« sagte die Butsch, »daß der Durst allerwärts derselbige
-ist. Oder kriegen sie ihn erst, wenn das Bier hinkommt?«
-
-Es freute mich, hieran wahrzunehmen, daß sie anfängt, sich auf
-überseeische Kulturfragen zu werfen, was sie früher nie fertig
-gebracht hätte. Wegen der Kinder war jedoch eine gründliche Erörterung
-unstatthaft. Denn was ist, genau genommen, Durst? Wo fängt er an und wo
-wird er sträflich?
-
-»Gehen wir jetzt ins Damenheim?« fragte Betti in einem Tone, als wenn
-wir uns nach ihr richten müßten. Ich verstand sie natürlich nicht und
-sagte: »Was meint Ihr zu einer Nordpolfahrt? Seht doch diese Gletscher
-und Eishöhlen, täuschend aus Gips geklackst, belehrend für jedermann,
-der keine Aussicht hat, je in seinem Leben den wirklichen Nordpol zu
-erreichen.«
-
-»Ich habe mir erzählen lassen,« bemerkte die Butschen, »der Nordpol
-wäre blos, daß einer sich berühmen kann, dagewesen zu sein, und Butsch
-sagte, wenn man hinkommt, ist er es gar nicht! Ob sie dort auch wohl
-solche Sitzbänke haben, die von selbst in'n Gang gehen?«
-
-Ich hatte mittlerweile für Fahrscheine eine Mark vierzig abgeladen,
-wir selbst luden uns auf die fahrbaren Bänke und sausten in den Gips
-hinein mit der sich steigernden Besorgniß: »Wo ist die Umstürzecke?«
-Wir hatten mehr Glück als Vergnügen, indem wir unzerbrochen landeten
-und waren herzlich froh, diese Belustigung hinter uns zu haben.
-
-Betti beantragte nunmehr die elektrische Rundbahn. Wir rasch zur
-Haltestelle, für eine Mark Nickel zusammengesucht, den Automaten
-gefuttert, durch das Drehkreuz gezwängt und am Halteplatz waren wir.
-Die Bahn kam; zwei Wagen voll. Wir sahen ihr mit gemischten Gefühlen
-nach, als sie schnöde davon fuhr.
-
-»Wir benutzen den nächsten Wagen.«
-
-Der war noch völler.
-
-Dann kamen wieder zwei mit Platz, aber schlecht gemessen für uns alle.
-
-Der folgende Solowagen war auch zu klein.
-
-»Wir lassen uns unser Geld wieder geben,« sagte Emmi ärgerlich.
-
-»Von wem denn? Von dem Automaten? Der ist, wie die Steuer, nicht auf
-Herausrücken eingerichtet.«
-
-»Wir müssen suchen, einzelnt mitzukommen und treffen uns bei den wilden
-Thieren,« schlug die Butsch vor.
-
-Und so geschah es, wenn auch nicht gleichmäßig hintereinander, sondern
-je nach der Ueberfüllung in mehrfachen Abständen. Schließlich war
-ich allein die letzte, die eine Stehgelegenheit auf der elektrischen
-Ortsveränderung heranlauerte.
-
-Die Fahrt war beharrlich genug, um an Tante Lina zu denken. So in
-Bitterniß scheiden.... das wurmte mich und gar zu gerne hätte ich sie
-wieder gut gehabt. Nicht wegen ihrer Groschen -- nein. Aber wer weiß,
-ob wir je wieder zusammenkommen und wir haben den Groll nicht begraben,
-bis es zu spät ist. Ich hätte doch wohl bei ihr bleiben müssen? Aber
-ich hatte den Kindern doch auch den Nachmittag versprochen.
-
-[Illustration: Seehund, der eine Pfeife raucht]
-
-Die kleinen Lämmer -- sie waren in ihren weißen Anzügen ganz wie Lämmer
--- freuten sich, als ich endlich anlangte. -- »Wo bleibst Du, Mama?«
-schalt Emmi. »Wir stehen hier wie die Narren.« -- »Kind,« entgegnete
-ich, »warum verdrießlich über so kleines Ungemach? Es giebt Schwereres,
-als ein bischen warten in schöner, freier Natur. Aber kommt.«
-
-Der Hagenbeck'sche Thiercirkus war justement zu einer neuen Vorstellung
-geöffnet. Für drei Mark fünfzig bekamen wir Plätze, von denen der große
-runde Käfig gut zu sehen war. Die Kinder saßen vor uns und planschten
-in Erwartungswonne. Und als es los ging, als drei Seehunde gebracht
-wurden, die Pfeife rauchten, eine Wiege schaukelten und Pistolen
-abschossen, brach heller Jubel bei ihnen aus.
-
-»Rauchen die Seehunde immer?« fragte Franz.
-
-»Nur wenn sie müssen,« sagte Emmi. »Sie sind abgerichtet.«
-
-»Ist Papa auch abgerichtet?«
-
-»Dummes Zeug. Papa raucht zum Vergnügen.«
-
-Die beiden Jungen warfen sich Blicke zu, aus denen ich entnahm:
-Nächstens spielen sie Papa oder Seehund, je nachdem ihnen der Tabak
-bekommt.
-
-Vier Elephanten machten darauf ihre Kunststücke bewunderungswürdig.
-Ich bin überzeugt, es giebt Menschen, die nie lernen, auf Weinflaschen
-spazieren zu gehen, wie diese unvernünftigen Creaturen, oder es liegt
-am Erziehungswesen, daß sie hoffnungslos bleiben. Der Elephant kann
-solche Kunst in seiner Heimath allerdings nicht verwerthen, aber man
-sieht doch, was ihm beizubringen ist. Und wie viel muß der junge
-Mann sich einrammen, ehe er einjährig dienen darf. Und doch sollen
-zuweilen Professoren sich anmaßen, mehr wissen zu wollen als ein
-Einjährig-Freiwilliger.
-
-Nun kam die Glanznummer. Hunde, schöne deutsche Doggen, sprangen
-herein. Drei Löwen folgten, zwei Tiger, zwei Jaguare, zwei Bären,
-ein Eisbär. Die setzten sich in der Runde, jeder auf sein Brett
-und der Bändiger ging mitten unter sie und ließ sie arbeiten. Ein
-ausgewachsener Königstiger fuhr Zweirad, ein anderer lief auf einer
-Kugel, ein Bär tanzte aufrecht gehend Seil, kaum wiedererzählbar
-unwahrscheinlich und doch ohne Augenverblendung. Ein Löwe fuhr auf
-einem Wagen, mit Krone und Purpurmantel angethan, von zwei Tigern
-gezogen und zuletzt bildeten alle Thiere, auf Säulen vertheilt, eine
-malerische Gruppe, worin der Eisbär oben lag, der vorher nie ruhig auf
-seinem Platz blieb, sondern die anderen wohlerzogenen Mitwirkenden
-störte und anschnauzte und von ihrer Pflicht abzulenken suchte.
-
-Ich dachte mir mein Theil. Starker Wille und Unbeugsamkeit mit Güte und
-richtiger Erkenntniß zwingen selbst wilde Raubthiere zu friedlichem
-Zusammenleben. -- Aber ohne einen Stänker geht es auch hier nicht ab.
-
-Wir waren alle hochbefriedigt, nur die Kinder wünschten noch mehr
-Löwen und Tiger, gaben sich jedoch, als es hieß, nun gehen wir zu den
-Aeffchen.
-
-Neben dem Thier-Cirkus ist das Hagenbeck'sche Affenparadies.
-Zweihundert Affen in einem Käfig, wo sie Holzpferde haben, russische
-Schaukeln und Klettergerüste, die Glieder geschmeidig zu halten. Und
-nur eine Mark vierzig für uns alle. Man athmete ordentlich über die
-Billigkeit auf, denn zuletzt kommt man sich auf der Ausstellung vor wie
-in Umlauf gesetzte Scheidemünze.
-
-Die Kinder waren glücklich, und es läßt sich nicht leugnen, der Affe
-ist possierlich. An dieser alten Wahrheit rüttelt selbst der Ernst der
-Zeit vergebens. Aber er ist auch boshaft. Ein kleines Aeffchen war, wie
-man so sagt, drunter durch, wohin es kam, spielten die anderen Affen
-ihm übel mit, daß es gellend schrie und sich flüchtete. An die Stäbe
-des Gitters floh es, als wenn es weit, weit hinweg möchte und bewegte
-die Lippen und quäkte und schalt und zog Falten vor der Stirn und die
-blanken Augen flogen hin und her.
-
-Da riefen die Kinder: »Das ist Tante Lina! Das ist Tante Lina!« Und
-lachten und riefen: »Tante Lina!«
-
-Ich verbot ihnen die Unart. Es half nichts. »Wer das noch einmal
-sagt, kriegt 'ne Abrundung,« drohte Emmi mit einer entsprechenden
-Handbewegung. Das steuerte etwas. Aber sie lachten innerlich »Tante
-Lina.«
-
-Ich dankte meinem Schöpfer, daß die Tante nicht zugegen war. Kinder
-wissen ja nicht, wie grausam sie in ihrer Einfalt sind. Ich nahm Betti
-abseits, gab ihr ein noch zum Versausen bestimmtes Zehnmarkstück und
-sagte: »Bleibt Ihr hier und amüsirt Euch, ich muß nach Hause.«
-
-»Wegen Tante Lina?«
-
-»Ja. Sie ist gekränkt, wenn auch das Donnern mehr Scherz war....«
-
-»Welches Donnern?«
-
-»Nichts! Nichts! Ich habe Eile! Geht mit den Kindern in die Milchhalle,
-wenn sie hungrig werden, und habt gut acht auf sie!« -- Ich eilte heim.
-
-Ich nahm den hinkömmlichsten Omnibus so besetzt er auch war. »Bitte,«
-sagte der Schaffner, »möchten die Herren sich nicht auf das Blumenbrett
-bemühen,« worauf die Stehgäste eine Etage höher stiegen. Ich blickte
-den Fahrdirektor fragend an. -- »Wenn ich >Deck< sage,« antwortete
-der, »geht Keiner rauf, aber auf's >Blumenbrett< gehen sie, indem sie
-sich dann hübscher vorkommen. Und nächstens werden die Decksitze auch
-für die Damen freigegeben. Blos daß die Treppen noch die öffentliche
-Sittlichkeit scheniren. Da muß was 'rum.«
-
-Da durchzuckte mich die Lösung der Gleichberechtigung. »Einfach
-Uniform,« hallte es in mir. Wenn die Frau erst Reservelieutnant wird,
-hat sie das Ziel erreicht. Und wie Mancher würde das zweierlei Tuch
-bezaubernd stehen. Blos auf Damen im Majorsalter wäre Rücksicht zu
-nehmen und ich für meine Person, ich glaube, ich bleibe doch lieber
-unten.
-
-Tante Lina war nicht abgereist. Gottlob! Ottilie hatte ihr zugeredet.
-Das werde ich ihr gedenken.
-
-»Mir war, mit Erlaubniß zu sagen, die Galle hochgekommen,« erklärte
-Tante Lina ihren Zorn, »und ehe ich reise, möchte ich, daß etwas
-Gewisses in die Reihe kommt.« Sie sah mich scharf an und fragte:
-»Finden Sie nicht auch, daß Herr Kriehberg ein sehr netter Mann ist?« --
-
-»Kriehberg? Nein.«
-
-»O doch, er erinnert mich etwas an Johannes Viedt. Und Ottilie ist ihm
-geneigt.«
-
-»Ottilie,« rief ich, »hinter meinem Rücken, wo ich Dich so gewarnt
-habe?«
-
-»Da ist nun nicht viel mehr bei zu machen«, sagte Tante Lina scharf.
-»Hätten Sie mehr Zeit bei uns übrig gehabt, hätte Herr Kriehberg uns
-nicht herumzuführen gebraucht. Wenn junge Leute sich lieben, so soll
-man ihr Glück nicht hintertreiben. Einmal verjagt, kommt es nimmer
-wieder. Niemals. Nie.«
-
-Sie zog viele kleine Stirnfalten und auch ihre Augen glänzten bald mich
-an, bald Ottilie.
-
-Ein Glück, daß die Kinder nicht da waren.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Verwickelungen.
-
-
-Wo man nicht direct selbst dabei ist, werden Verkehrtheiten vollführt,
-auf die man nach mehrtägiger Ueberlegung nicht gekommen wäre. So auch
-dieses Mal.
-
-Bei meinem Schwiegersohn, dem Sanitätsrath, hat es nämlich einen Krach
-gegeben. Und worüber? -- Ueber mich!
-
-Betti hat mir es wiedererzählt. Die hat es von ihrer Schwester, der
-Frau Sanitätsräthin, und hätte auch wohl damit hinter dem Berge
-gehalten, wenn wir nicht in einen Kampf wegen vier Mark fünfzig
-gerathen wären, die sie als Auslagen für die Kinder-Expedition nach
-Treptow heraushaben wollte.
-
-»Betti,« sagte ich, »nachdem ich Unsummen für Eintritte in's Ganze
-und Sonderspecialitäten und ein freiwilliges Zusatz-Zehnmarkstück
-gespendet, verthut Ihr noch volle vier Mark und fünfzig auf mein Konto?
-Das finde ich heftig. Und ein für alle Mal -- ich zahle nicht. Für
-Gewaltsachen habe ich kein Gemüth. Womit habt Ihr denn das viele Geld
-verprezelt?«
-
-»Die Kinder mußten doch das Eismeerpanorama sehen!«
-
-»Was war denn da los?«
-
-»Denke Dir, Mama, eine riesige Eiskute.«
-
-»Reelles Eis?«
-
-»Warum nicht gar Vanille-Eis? Gott bewahre, aus Farbe, wie so Panoramen
-überhaupt. Vorne Gewässer mit Seehunden und Möven und im Hintergrunde
-mit mindestens elf Stück lebendigen Eisbären.«
-
-»Betti, die Kinder hatten im Thiercirkus Bären genug gesehen und
-Kunstgletscher vorher. Das war unnöthig, weil verschwenderisch.«
-
-»Und zwei Eskimos und eine Eskimofrau.«
-
-»Was hatte die an?«
-
-»Pelzjacke und Pelzhosen, gerade so wie die Männer.«
-
-»So weit sind sie schon da oben in der Aufklärung?«
-
-»Und denke Dir, die Eisbären nahmen der Frau Fische aus dem Munde, ganz
-zahm. Und kriegten was mit dem Stock auf den Rüssel und rissen aus wie
-die Hämmel.«
-
-»Betti, sag' selbst, ist das noch Naturgeschichte? Wenn der Lehrer
-den Kindern erzählt, der Eisbär ist das gefährlichste und grimmigste
-Raubthier des Nordens, -- Ottilie hat den Brehm mitgebracht, da steht
-es drin -- das den Menschen auf dem Lande und in Schiffen angreift
-und nach blutiger Gegenwehr auffrißt, lachen sie ihn ohne Frage aus,
-weil sie den Gegenbeweis erlebt haben. Die Folge ist Nachbleiben,
-Strafarbeit, schlechtes Zeugnis und elterliche Senge. Und dazu gebe ich
-kein Geld her.«
-
-Betti murmelte etwas.
-
-»Wie meinst Du?«
-
-»Du hattest uns doch eingeladen.«
-
-»Du sagtest eingeladen?« -- Ich verstand Blaak oder so ähnliches.
-»Mit den zehn Mark konntet Ihr übrigens gut rund kommen. Freilich
-Extravaganzen hatte ich nicht vorgesehen!«
-
-»Sollten wir mit den Kindern verhungern und verdursten?«
-
-»Ich rieth Euch ja die Milchhalle an.«
-
-»Aber ehe wir dahin fanden bei der Hitze! Die Butsch entdeckte eine
-Weißbier-Niederlassung und wir waren alle so erschöpft, daß wir ihr
-folgten und ihren Falkenblick lobten.«
-
-»Nun ja, Weißbiergläser kennt sie nachgerade auch von Weitem; aber es
-kostet doch enorme Anstrengung, zehn Mark in Weißen zu verprassen,
-selbst mit hinzugerechneten Stullen!«
-
-»Wer that denn das?« brauste Betti auf. »Und dann wurde Karussell
-gefahren.«
-
-»Das kann man Kindern nicht verweigern. Die sechs Groschen sind
-bewilligt.«
-
-»Die langen nicht. Wir fuhren doch alle.«
-
-»Die Butschen auch?«
-
-»Sie kriesch nur immer so furchtbar, weil die Sitze sich wieder um sich
-selbst drehen wie ein Triesel. Mama, Du mußt nächstens mal mitmachen.«
-
-»Damit mein Gehirn verschoben wird? Nein. Jedoch ist es mancher
-vielleicht heilsam, indem, was an der falschen Stelle saß, an den
-richtigen Platz hinkreist. Möglich, daß die Butsch sich aus unbewußtem
-Instinct in diese Drehkur begab.«
-
-»Sie war so karmoisinvergnügt mit den kleinen Butschens.«
-
-»Schön, dann nehme ich das Karussell auf mich. Es bleibt aber immer
-noch ein ansehnlicher Rest.«
-
-»Der schmolz in der Milchhalle ein.«
-
-»Was?« rief ich entsetzt. »Milch? Ihr habt Milch getrunken?«
-
-»Wie Du uns anbefohlen hattest.«
-
-»Kalte Milch auf das Weißbier und Karussell fahren? War nicht noch
-Gurkensalat bei der Hand, um die Speisefolge zu vervollständigen?«
-
-Betti schwieg verlegen. »Der war nicht mehr nöthig,« sagte sie dann
-etwas bedrippt.
-
-»Sind die Kinder noch am Leben?«
-
-»Meine ja. Emmis auch. Von den Butschens haben wir keine Nachricht,«
-antwortete Betti lächelnd.
-
-»Die haben abgehärtete Mägen, wenigstens wenn die Butschen noch so
-kocht, wie sie es früher nicht gelernt hatte.«
-
-»Gerade die fingen zuerst an. Sie hatten vorher auch am meisten
-Napfkuchen vertilgt.«
-
-»Mein Napfkuchen hat noch nie einen Menschen compromittirt, weil er von
-Hause aus mit Citronat ist, das ich weglasse, weil es schwer liegt und
-zweitens billiger kommt. Den können Sterbende essen, ohne daß er ihnen
-schadet. Na, also, Ihr mußtet nach Hause. Wo blieb der Saldo von dem
-Gelde?«
-
-»Wärst Du bei uns gewesen, würdest Du es wissen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Mama, es muß ja für alles draußen bezahlt werden.«
-
-»Ja, ja! Kinder machen Sorge und Kosten, besonders bei ungesunder
-Verpflegung; das merke Dir für die Zukunft. Aber Fritz und Franz hatten
-doch keine weitere Anfechtung?«
-
-»Ich möchte fast annehmen, daß Du Fritz übermäßig Napfkuchen zugesteckt
-hattest...«
-
-»Betti, was hast Du gegen Fritzchen? Was hat denn das Kind gegessen?
-Knapp so viel als in einen hohlen Zahn geht.«
-
-»Wenn Du Elephantenzahn meinst...«
-
-»Betti, ich verbitte mir solche Scherze, selbst wenn wir allein sind.
-Ich will wissen, ob der Knabe ernstlich in Gefahr schwebte?«
-
-»Der Vater hat ihm Medicin verordnet und nicht schlecht gescholten.«
-
-»Sein gutes Recht.«
-
-»Er hat gesagt...«
-
-»Was hat er gesagt? Heraus damit. Warum stockst Du? Also was?«
-
-»O, nichts.«
-
-»Ich kann mir's schon denken -- über mich hat er raisonnirt -- hat er?
-Sag', hat er? Nicht wahr -- er hat?«
-
-»Nun ja. Aber sehr. Und dabei weiß er noch nicht einmal, wie Du die
-Kinder um Tante Lina's Erbschaft gebracht hast. Wenn er das erfährt,
-gerathet Ihr mindestens ein halbes Jahr auseinander.«
-
-»Siehst Du, Betti, das hat man davon. Man opfert sich auf, man sucht
-alles zum besten zu wenden und, wenn man das Resultat besieht, hat man
-in Modder gegriffen. Ich geh' gleich und sehe, was der Junge macht.«
-
-»Das würde ich nicht thun.«
-
-»Nicht den süßen Engel auf seinem Schmerzenslager besuchen?«
-
-»Der ist längst wieder kreuzfidel. Aber der Rath möchte noch grollen.«
-
-»Den lad' ich auf Krebse ein. Ausgesucht, lauter Hengste und er kriegt
-die größten. Da wird er fromm. Und Du willst noch vier Mark fünfzig
-heraus haben?«
-
-»Ja, Mama. Soll ich Dir jeden Posten einzeln vorreiten?«
-
-»Nein, nein, laß nur. Aber merke Dir eins: Weißbier und kalte Milch
-vertragen wetterfeste Landbewohner kaum, viel weniger gebildete
-Stadtkinder.«
-
-Ich gab ihr die Groschen, die sie schmunzelnd in ihr Portemonnaie
-knippste, wobei ich sofort ahnte, daß sie mich um eine heimliche
-Provision überlistet hatte. Aber was hilft die richtigste Rechnung,
-wenn sie nicht bezahlt wird? Ich lag drin, jedoch es blieb in der
-Familie. --
-
-Mit diesem Kummer hatte ich mich abgefunden, nicht aber mit dem
-Verdruß, den Ottilie mir durch ihre Neigung zu Kriehberg bereitet.
-Nie wäre es dahin gelangt, wenn ich sie straff unter meiner Aufsicht
-gehalten hätte, anstatt sie während meiner Abwesenheit Tante Lina
-anzuvertrauen, von der ich alles erwartet hätte, nur nicht die
-Begünstigung eines Liebesverhältnisses, das, wenn auch nicht direct ins
-Armenhaus, so doch nicht weit davon führt.
-
-Denn die Sache liegt so.
-
-Kriehberg hatte noch eine kleine, mit dem Bauwesen verknüpfte Stellung,
-Ausbesserungen zu leiten, wenn die Bedachung undicht geworden und was
-es sonst gab, denn wenn auch alles ein Ende nimmt, die Reparaturen
-an einem Neubau hören nie auf. Und die ganze Ausstellung ist ein
-Riesengesammtneubau.
-
-Man sagte mir, weil das richtigste bei einem vor der Verlobung
-Stehenden ist, seine Verhältnisse zu erkunden, er wäre nicht ohne
-Fähigkeiten, aber die Häuser, die er entwürfe, ständen schon irgendwo.
-Mit der bloßen Verlegung von Fenstern und Thüren, daß nachher die
-Treppe nicht hineinpaßte oder ganz dunkle Räume erzielt würden, sei
-selbstständiges Fortkommen unmöglich. Man würde ihn seines Fleißes
-wegen in zweiter und dritter Linie beschäftigen, wenn er nicht die
-Manier hätte, sobald er sich warm fühlte, alles besser wissen zu
-wollen. Das könnte er ja auch, aber er müßte seine Weisheit bei sich
-behalten.
-
-Was thut jedoch mein Kriehberg? Er nicht auf den Bureau-Maulkorb
-geachtet und eigene Meinung gehabt und den Vorgesetzten und
-beleidigende Scharaden gekommen.
-
-Was hat er über das Thorhaus zu quesen und zu sagen, es wäre nicht viel
-dahinter? Und wie sie ihn fragen, wie er sich erdreisten könne, einen
-gothisch-romanisch-altdeutsch-renaissancenen Bau so zu despectiren,
-hat er geantwortet, es wäre auch nicht viel dahinter, nämlich blos ein
-Stück Treptower Chaussee.
-
-Da ließ sich freilich wenig drauf antworten, weil die Eingangsfluren
-zur Ausstellung einen überraschend nuttigen Eindruck machen, gegen den
-das rechts und links verstreute Bedeutende stark zu kämpfen hat, um die
-erste Enttäuschung allmählich zu verwischen.
-
-Und auch was er über die Drahtgeflechtthür beim Hauptportal geäußert
-hat, ist nicht ohne Berechtigung. Er sagt: für einen Hühnerhof eignete
-sie sich einigermaßen, für eine Ausstellung, die der Welt zeigen
-sollte, was Berlin vermöchte, sei sie belemmert. Diese Kritik haben sie
-ihm besonders verargt.
-
-Und dabei stehen in der großen Halle im Schatten, als vertrügen sie
-weder Sonne noch Regen, die schönsten Thore, die man sich denken kann,
-der Stolz der Berliner Kunstschmiede, deren Arbeiten es nicht nur
-siegreich mit jeder Concurrenz des Auslandes aufnehmen, sondern auch
-mit dem berühmtesten Mittelalter. »Wie man sich so im Lichte stehen
-kann!« hat Kriehberg gesagt. Und da gaben sie ihm Feierabend.
-
-[Illustration]
-
-Und was sagte er da?
-
-»Es ist das Unglück der Comités, daß sie die Wahrheit nicht hören
-wollen.«
-
-Draußen war er.
-
-Auf solche Aussichten hin ihm Ottilie zu geben, wäre eine
-Unverantwortlichkeit, gegen die Alpdrücken liebliches Gekose ist. --
-Und wenn sie sich auch noch so lieben. Von Butter allein kann man nicht
-leben, es gehört das tägliche Brot dazu...
-
-Ich band mir Ottilie vor, sie müßte Kriehberg abgeloben.
-
-Sie hätte ihn nicht ermuthigt, erwiderte sie, hoch vom Thurme herab,
-als geschehe ihr wer weiß welche Bezichtigung.
-
-»Hast Du nie in seiner Gegenwart mit den Augen geklappert?«
-
-»Ich verstehe Sie nicht.«
-
-»Ottilie, es giebt verschiedene Sprachen, und eine davon ist die
-Augensprache, die ist in allen Dialekten die nämliche. Ein Blick sagt
-mehr als ein dickbändiger Briefsteller. Ich frage Dich, ob Du auf die
-Art etwa zu viel geredet hast?«
-
-»O Nein. Ich beschäftige mich mit dem gewaltigen Pulsschlag des
-Residenzlebens, der täglich Neues und Großes bringt und der geistigen
-Förderung durch die entzückenden Darbietungen des Gewerbes und der
-Industrie.«
-
-»Doch wohl nicht ausschließlich. Reichliche Zeit verbringst Du, Dich zu
-bewundern.«
-
-»Wer sagt das?«
-
-»Betrachte Dir den Teppich vor dem Spiegel, wie er leidet und stets und
-immer mit frischen Fußspuren. Das ist auch eine Sprache: Teppichsprache
-nämlich.«
-
-Sie that schnippisch.
-
-»Du bist jung, Ottilie, Du weißt noch nicht, ein wie theurer Lehrer die
-Erfahrung ist. Nimm meinen Rath an und verkriehberge Dich nicht.«
-
-»Aber Tante Lina meinte, er müsse gut sein, gerade so gut wie Johannes
-Viedt, an den er sie erinnere, der nach Amerika gegangen ist, weil er
-Eine nicht unglücklich machen wollte, die er liebte, und ohne den Fluch
-der Eltern nicht die Seine nennen durfte.«
-
-»Ob sie das selber gewesen ist?«
-
-»Ich glaube fast.«
-
-»Die Alten haben keinen Bürstenbinder als Schwiegersohn gemocht;
-natürlich, so liegt der Roman. Ottilie,« fuhr ich warnend fort, »und
-Kriehberg ist nicht mal Bürstenbinder ... er ist augenblicklich
-garnichts.«
-
-»Er hofft.«
-
-»Ich auch. Ich hoffe, daß er einsehen wird, wie es keine größere
-Selbstsucht giebt, als wegen kurz verküßter Flittervierzehntage ein
-leichtgläubiges Mädchen mit sich in endloses Elend zu ziehen. Das Leben
-ist lang, Ottilie, und die Feuerung theuer. Mit Liebe allein kannst Du
-nicht einheizen. Der Winter kommt, Kind, der Winter des Lebens. Liebst
-Du Kriehberg wirklich? Möchtest Du um seinetwillen blos in Kattun gehen
-und nie nach der Mode, immer denselben alten Mantel?«
-
-»Das würde er doch nicht verlangen?«
-
-»Er nicht; aber die Noth und die ist unerbittlich. Man kann sie
-miteinander tragen, wenn sie hereinbricht, ohne eigene Schuld und
-fest und innig verbunden den Kampf mit dem Schicksal aufnehmen. Aber
-Uebereilung ist eigene Schuld.«
-
-So redete ich und sie hörte zu, aber mich dünkte, sie war klüger
-als ich. Wenn jemand eine Unterhaltung nicht behagt, besieht er die
-Zimmereinrichtung und Ottilie ließ ihre Blicke wandern, als wären alle
-Stuhllehnen und Tischkanten ihr noch nie vorgestellt.
-
-Mir bleibt nur noch ein Ausweg. Mein Karl muß Kriehberg aufs Dach
-steigen und ich -- ich nehme Tante Lina in die Beichte.
-
-Dies muß geschehen, ehe Ungermann's eintreffen, denen ich mich zu
-widmen habe. Ungermann ist, wie es in der Geschäftssprache heißt, ein
-großartiger Kunde. Der muß warm gehalten werden.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Meine Einquartierung.
-
-
-[Illustration: Hausflur]
-
-Ungermann's wohnen in der guten Stube, Tante Lina rastet immer noch im
-Fremdenzimmer, Ottilie theilt mein Schlafgemach mit mir, mein Karl ist
-in die Fabrik verdrängt ... wo bleibe ich mit Kliebisch's?
-
-Es ginge, wenn ich ebenfalls in die Fabrik ziehe, Ottilie in die
-Mädchenkammer verfügt wird und Dorette auf dem Boden schläft. Das
-will sie aber nicht, und da sie vermehrte Arbeit hat, kann ich ihr
-schlaflose Nächte nicht zumuthen. Sie sagt, es wäre auf dem Boden
-nicht richtig, mit schleichenden Schritten im Dunkeln, daß sie
-kein Auge zukriegte und lieber ginge, als sich krank graulte. Auf
-Schudderigkeiten hätte sie sich nicht vermiethet.
-
-»Dorette,« sagte ich, »Spuk ist überwunden. In unserer aufgeklärten
-Zeit kommt er nicht mehr vor, er ist wie weggeblasen durch den
-Fortschritt, durch Telegraph und elektrisches Licht.«
-
-»Uf'n Boden is et duster,« entgegnete sie.
-
-Nun kann ich Kliebisch's doch nicht schreiben, die schwarzen Pocken
-wären bei uns ausgebrochen, oder was sonst Mieths-Contracte aufhebt,
-und sie nebenan bei Betti einquartieren, das scheitert sowohl an ihr,
-wie an ihrem Manne. Sie hilft mit Lagerstätten aus und was drauf und
-drunter gehört, aber über ihre Schwelle steigt kein Fremdling.
-
-»Ich bin nicht so blödsinnig, ein Hotel aufzumachen,« sagte sie
-theilnehmend.
-
-Damit hatte sie das Rechte getroffen. Wir sind Hotel! Aber doch nur
-aus Geschäfts- und Freundschafts-Rücksichten mit Hinblick auf das
-Allgemeine. Jeder Einzelne ist für die Ausstellung verantwortlich, und
-für den Besuch kann nicht genug gethan werden, theils daß er heran-,
-theils daß das Unternehmen herauskommt. Berlin kann doch nicht alle
-Eisbären und Rutschbahnen alleine bezahlen.
-
-Ungermann's sind, soweit ich beurtheilen kann, zufrieden. Am ersten
-Morgen sagte sie: »Mein lieber Mann ist noch ein Kopfkissen mehr
-gewohnt,« und er sagte, »meine liebe Frau frühstückt Cacao, wenn es
-Ihnen keine Mühe macht,« und so einen kleinen Wunsch nach dem anderen,
-bis sie es hatten, wie sie wollten. Mich rührte diese Zärtlichkeit,
-denn sie sind Beide keine Jünglinge mehr, namentlich vermuthe ich sie
-ihm im Taufschein bedeutend über, dagegen ist er würdevoller, als
-Männer in seinen Jahren zu sein pflegen. Er betrachtet die Welt vom
-ernsten Standpunkt, hat sich aber vorgenommen, Berlin zu durchforschen,
-selbst wenn er Elemente nicht vermeiden könnte, deren Berührung zu
-falschen Schlüssen Anlaß gäbe. Die sociale Frage zu studiren, sei die
-Aufgabe eines jeden, der das Wohl des Staates im Herzen trüge.
-
-Wir kennen einen Polizeilieutenant a. D., sagte ich, »der wird Ihnen
-angeben, wo Sie Bauernfänger an der Quelle beobachten können, und das
-Asyl für Obdachlose und Plötzensee und die Armenpflege und was sonst
-gefällig ist.«
-
-»Ich danke Ihnen sehr. Das ist, was ich will. Ja, ja, das ist es. Unser
-Bürgermeister ist noch jung. Sehr jung. Wir Stadträthe müssen gut
-unterrichtet sein, damit wir die Bürgerschaft vor Mißgriffen schützen.«
-
-»Sehr edel gedacht, Herr Stadtrath,« erwiderte ich.
-
-»Wenn mein lieber Mann nicht wäre, es ginge drunter und drüber,« nahm
-Frau Ungermann das Wort. »Aber wir bilden uns nichts darauf ein und
-überlassen Anderen den Vortritt, wenn das Einkommen auch nicht so groß
-ist. Man weiß ja doch, was man ist.«
-
-»Ganz meine Meinung, Frau Stadträthin.«
-
-»Die Frau Bürgermeisterin käme ja sehr gern nach Berlin, aber es wird
-den Leuten zu kostspielig. Sie müssen im Winter repräsentiren und da
-bleibt für den Sommer höchstens ein billiger Landaufenthalt. Ja, ja,
-jeder Stand hat seine Last.« --
-
-Herr Ungermann besuchte die Ausstellung fleißig, aber immer nur das
-Gewerbliche; das Vergnügliche verurtheilte er stark. Sie, die Frau,
-hatte weder Sinn für das Eine noch das Andere. Es ist ihr zu weitläufig
-draußen und zu mühsam.
-
-Endlich und endlich kam sie jedoch mit ihren Anliegenheiten heraus,
-wozu sie mich ausersehen hatte.
-
-Ich ließ sie sich ruhig aussalmen, und als sie mich fragend anblickte,
-sagte ich: »Meine verehrte Frau Stadträthin, das geht nicht. Eine
-Schneiderin ins Haus nehmen, ist schon längst nicht mehr an der
-Tagesordnung.«
-
-»Aber man kann selber mithelfen, und es kommt wesentlich billiger.«
-
-»Es fehlt mir an Platz.«
-
-»Das große Eßzimmer ist doch da.«
-
-»Im Berliner Zimmer wird _table d'hôte_ gehalten, wie Sie selbst
-wissen.«
-
-»Es ist ja bald wieder aufgeräumt.«
-
-»Dazu hat das Mädchen keine Zeit. Nein, wollen Sie sich ausstaffiren,
-sehen Sie sich in der Ausstellung die über alle Begriffe schöne Gruppe
->Bekleidungs-Industrie< an, wo Sie die herrlichsten Sachen finden, vom
-einfachsten Hauskleide bis zur Galarobe im Preise von achtzehntausend
-Mark.«
-
-»Ich möchte nicht in Toiletten erscheinen, die Parade gestanden
-haben und aller Welt bekannt sind. Außerdem habe ich meinen eigenen
-Geschmack.«
-
-Den hat sie allerdings, aber er ist auch danach. Was sie anzieht,
-sieht alles so versonntäglicht aus, so besuchsmäßig, und sitzt
-dabei doch nicht ordentlich zu Maß. Aus ihrem Gespräch entnahm ich
-indes so viel, daß sie wohl fühlt, nicht auf der Höhe zu stehen,
-und die Frau Bürgermeisterin keineswegs aussticht, wie sie möchte.
-Die geht vielleicht ganz simpel, aber schick, und was sie anhat,
-läßt sie reizend, und das verdrießt die Ungermann, die die erste
-Toiletten-Violine spielen will. Wie manches Kostüm ist im Schaufenster
-eine stille Pracht, aber so bald eine sich hineinbegiebt, verlieren
-Beide, das Kleid sowohl als der innewohnende Rumpf. Sich wirklich
-»kleiden« ist eine Begabung. Nachdem ich genügend überlegt hatte, sagte
-ich: »Kaufen Sie fertig, da wissen Sie, was Sie haben.«
-
-»Nimmermehr. Nein, meine Figur opfere ich nicht der Schablone.«
-
-Ich sah mir ihren Umriß an. Wie ein solches Gestell sich noch lange mit
-Figur betituliren mag, finde ich kühn. Und ist es hübsch, sich neu zu
-behängen, um Aergerniß zu verbreiten? Und war es rücksichtsvoll, mir
-eine fremde Person zuzumuthen, wo ich nicht aus noch ein weiß? So viel
-ward mir klar: die Ungermann bleibt vier Winter.
-
-»Meine Liebe,« begann ich daher trocken, »das Fertige sitzt am besten.
-Wollen Sie jedoch nicht das Hochmodernste, werden Sie in einem großen
-Geschäft nach ihren eigenen Angaben immer rascher bedient, als im
-Hause. Besehen Sie mit Ottilie die Leistungen auf der Ausstellung, das
-regt die Phantasie an, und Sie können sich nach den vorhandenen Motiven
-etwas bauen lassen, daß die Frau Bürgermeisterin platt hinfällt.«
-
-»Sie mißverstehen mich,« sagte sie süßlächelnd. »Die Dame ist viel zu
-erhaben, als daß ich nur daran dächte, ihr zu imponiren. Ach nein. Aber
-mein lieber Mann wünscht, daß, wenn ich doch einmal in Berlin bin,
-ich meine Toilette wahrnehme. Und warum auch nicht? Wir können es ja.
-Für wen sollen wir sparen? Wenn wir mal todt sind, mein lieber Mann
-und ich, fällt unser Bischen einem Neffen zu, der es gar nicht einmal
-gebraucht. Der übernimmt die Fabrik meines Bruders.«
-
-»Was kommt es denn auf die paar Möpse mehr an? Ich empfehle Ihnen
-Gerson.«
-
-Es verdroß sie sichtbar, daß ich mich nicht erweichen ließ, aber
-als Hotelverwaltung muß man sich einen Marmorbusen zulegen. Saueren
-Herzens schwamm sie mit Ottilie und Tante Lina ab, zu Dritt sich in die
-Confection zu stürzen.
-
-Aus Tante Lina ward ich in den letzten Tagen nicht mehr klug. Sie war
-rein versessen auf die Ausstellung, und war schon draußen, wo die
-Morgenstunde vor zehn eine Mark im Munde hat, wahrscheinlich um das
-Frühaufstehen mit erhöhtem Eintritt zu bestrafen. Was wollte sie dort
-und warum war sie so ausgewechselt, daß sie mehr schwieg als erzählte
-und träumend da saß? Und dann wieder war sie ganz aufgeregt. Und einen
-Stoß Zeitungen hatte sie bei sich zu liegen, die sie in allschlafender
-Nacht durchbuchstabirte. Sie hatte sich heimlich Kerzen gekauft, damit
-wir es nicht merken sollten, aber Dorette kam gleich dahinter und
-fragte, ob wir nicht einen Eimer Wasser vor Tante Linas Thür stellen
-wollten, sie läse am Ende das Bett noch in Brand.
-
-Und zum Abreisen nicht die schwächste Anstalt.
-
-Ich verhörte Ottilie. Die sagte, sie wären mit Herrn Kriehberg in
-Kairo gewesen und als Tante Lina das Kairo-Kleine-Journal, worin die
-Musiknummern stehen, durchgesehen hätte, wäre sie mit einem Male blaß
-geworden und wie ohnmächtig. Und seit dem Abend hätte sie es. Am
-liebsten säße sie auf einer Bank im Wandelgang und rührte sich nicht
-vom Fleck, immer nur die Vorübergehenden anstarrend, ganz wie Leonore,
-die um's Morgenroth fährt, wie Kriehberg sich geäußert hätte.
-
-»Sehr unpassend,« schalt ich. »Wer das Alter nicht schont, ist auch
-anderer Unmoralitäten fähig. Wie stehst Du mit ihm?«
-
-Sie schwieg.
-
-»Genickt hast Du, aber hoffentlich nicht Ja gesagt. Ottilie, Kriehberg
-paddelt noch; hängst Du Dich an ihn, geht er unter in dem Strome des
-Lebens. Warte wenigstens, bis er auf dem Trocknen ist. Binde nicht
-Dich, binde nicht ihn. Und wenn er geht, was bist Du für ihn gewesen?
-Eine Sommerliebe, die um's Morgenroth flattern kann.«
-
-»Nein, nein. So schändlich kann er nicht sein.«
-
-»Schändlich nicht, aber leichtsinnig. Er hält ja nirgends aus, also
-auch nicht bei Dir. Und Tante Lina hat ihn auch erkannt; er hat sie
-nämlich gräßlich angelogen.«
-
-»Nein, nein!«
-
-»Das hat sie mir selbst gesagt.«
-
-»Wie ungerecht. Ich war ja dabei.«
-
-»Na also.«
-
-»Das kam so. Er erzählte uns, wie kolossal der Betrieb im
-Hauptrestaurant sei. Da sind fünfundvierzig Köche und fünfzig
-Spülfrauen und gegen zwanzig Messer- und Silberputzer und über
-vierundvierzigtausend Tischtücher und Mundtücher und, denken Sie sich,
-achttausend tiefe, neunzigtausend flache Teller und achtzehntausend
-Beitellerchen und zwölftausend Messer und Gabeln. Und das wollte Tante
-Lina nicht glauben. Durchaus nicht.«
-
-»Sie hätte sich ja blos überzeugen brauchen.«
-
-»Sie sagte, so viel Geschirr gäbe es überhaupt nicht und das nahm er
-selbstverständlich übel.«
-
-»Wann war das?«
-
-»An demselben Abend.«
-
-»Jetzt verstehe ich. Sie hat auf ihn gehalten und glaubt, sich in
-ihm getäuscht zu haben und bereut, daß sie seine Annäherung an Dich
-begünstigte. Sehr einfach.«
-
-»Aber Kriehberg hat nicht gelogen.«
-
-»Wenn Du eine kleine Stadt ausschüttelst, fallen nicht so viel
-Teller heraus, als im Hauptrestaurant täglich gebraucht werden, das
-ist klar. Und deshalb hält Tante Lina solche Porzellan-Anhäufungen
-für kalten Aufschnitt. Es giebt eben Wahrheiten, die manchmal keine
-sind. Kriehberg fehlt es an Welterfahrung und das ist bei einem Manne
-schlimm. Am Schlimmsten aber für die Frau, denn Dämlichkeit des Gatten
-ist kein Scheidungsgrund.«
-
-Doch: »Rathet mir gut, aber rathet mir nicht ab« sagt die Braut im
-Sprichwort. Ich verkündete darum gewissermaßen prophetisch: »Ja, es ist
-wahr, die Liebe ist blind, aber sie merkt es erst, wenn sie hinterher
-den Schaden besieht.« --
-
-Mein Karl sucht eine auswärtige Stellung für Kriehberg, ihn aus Berlin
-weg zu unterstützen. Das wäre für ihn gut und noch guter für mich.
-Ottilie stelle ich die Wahl zwischen ihm und einem billigen, aber
-geschmackvollen Lodenanzug des Vereins Berliner Damenmode. Ich denke,
-sie nimmt den Anzug. --
-
-Und deshalb machte ich mich auf, den Dreien nach, die in
-Costümbetrachtungen schwelgten. Wenn die Ungermann sagt: »Solches würde
-ich mir machen lassen und jenes und das noch dazu und das und das
-und das, erwacht in Ottilie gleiches Begehren und sie läßt mit sich
-handeln. Ich kenne das. Was die eine hat, will die andere auch haben.
-Geht man in ein Geschäft und der junge Mann versichert, dies wird viel
-genommen... schwapp hat man's.«
-
-Es ist mit Bräutigämmen ganz dasselbe. Hat eine einen, ruht die andere
-nicht, bis sie ebenfalls einen Verlobten unterärmelt, und wenn sie sich
-blos einbilden muß, ihn zu mögen. --
-
-Ich traf sie in der Moden-Abtheilung. Ottilie und die Ungermann, die
-an allem, was sie sah, zu tadeln fand. Gefiel ihr der Stoff, verwarf
-sie den Schnitt, was gelb war, sollte roth sein und was mit Besatz
-war, wollte sie gesteppt haben. In mir siedeten bereits Bemerkungen,
-die ich nur unterdrückte, weil sie bei uns hotelisirt. Wäre sie die
-Butschen gewesen oder gar die Pohlenz... ich hätte einen Ton geredet,
-wie das Nebelhorn an der Spree, bei dem ältere Leute einknicken, wenn
-es unangemeldet lostutet.
-
-»Wo ist denn Tante Lina?« fragte ich, da ich sie nicht gewahrte.
-
-»Die wird wohl draußen auf ihrer Bank in der Wandelhalle sitzen.«
-
-»Dann helfe ich ihr spazieren sehen,« entgegnete ich, drehte mich kurz
-um und dampfte ab. Ich kann viel vertragen, nur keine Besserwisserei
-aus Dünkel.
-
-Tante Lina saß richtig auf der Bank. Ich beobachtete sie aus einiger
-Entfernung eine ganze Weile.
-
-Sie saß und sah. So merkwürdig selbstvergessen saß sie da, wie todt
-und jeden Vorübergehenden schaute sie forschend an, mit den Augen, die
-allein lebend waren, scharf und fragend und hell.
-
-Ich setzte mich zu ihr. Sie merkte es nicht.
-
-»Tante Lina,« sagte ich.
-
-Sie schrak ein wenig zusammen. »Ach Sie sind es,« sagte sie und sah
-wieder wie abwesend in die vorüberwogende Menge.
-
-Auf einmal überkam sie heftiges Zittern, ihr Athem ging rasch und
-hörbar. »Was ist Ihnen?« rief ich besorgt und war schon auf dem Sprung,
-die Sanitätswache zu alarmiren.
-
-Ein Herr ging daher, ihm zur Seite in einem Zähluhrfahrstuhl eine Dame.
-Sie sprach zu ihm, er neigte sich und antwortete freundlich auf ihre
-Fragen. Es war abendkühl. Er legte ihr seinen feinen, seidengefütterten
-Paletot über die Füße.
-
-Sie lächelte ihm Dank zu. Eine recht nette Frau und ein stattlicher
-Mann, schon etwas weißlich an den Schläfen, aber das kleidete ihn gut.
-
-Als das Paar in unserer Nähe war, rief Tante Lina: »Johannes. --
-Johannes!«
-
-Der Herr wandte sich um. Hatte ihm der Ruf gegolten, der so weh klang
-und erstickt, als hätte ein verlassenes Kind nach der Mutter geweint?
-
-Er blickte mich an, er blickte Tante Lina an. Dann schüttelte er leicht
-sein Haupt und schritt weiter.
-
-Tante Lina war zusammengesunken; die Kunstlocken hingen vornüber und
-beschatteten ihre Augen. Es durchzuckte sie ruckweise, wie große Qual
-den Menschen durchbebt.
-
-»Tante Lina, um Gotteswillen, was ist Ihnen?«
-
-»Er war es,« flüsterte sie. »Er.«
-
-»Wer denn, Tante Lina?«
-
-»Johannes. Johannes Viedt. Es war wohl seine Frau, die neben ihm? -- Es
-war seine Frau.«
-
-»Sie müssen sich geirrt haben, wo soll denn der herkommen?«
-
-»Er ist es. Ich las seinen Namen unter den Besuchern des Tempels, die
-sich einschreiben, ganz deutlich: Johannes Viedt aus St. Louis. Ich
-hab' in allen Zeitungen die Fremdenlisten nachgesehen, sein Hotel
-herauszubringen, ich fand ihn nicht. Da habe ich auf dieser Bank
-gewartet, jeden Tag. Ich wußte, er würde kommen.«
-
-»Und das that er auch.«
-
-»Er sah mich und ich sah ihm in die Augen, wie damals, als er ging. Er
-hat mich nicht wieder erkannt. Nicht wieder.«
-
-Sie weinte. Stille Thränen, schwere Thränen.
-
-»Tante Lina, wollen wir nach Hause?«
-
-»Ja. Und morgen reise ich. Ich habe Alles in Ordnung: mein Sterbekleid
-liegt im Schubkasten unten im großen Spinde. Und Tischler Grawert weiß
-Bescheid, blos ein einfacher Sarg, ganz einfach. Alles in Ordnung.«
-
-»Nicht doch, Tante Lina. Ich lasse Sie nicht eher, als bis Sie wieder
-froh und heiter sind. Weg mit so trüben Gedanken. Sehen Sie, wie schön
-und golden die Sonne auf die Kuppeln und Thürme scheint.«
-
-»So?« fragte sie theilnahmslos. »Ich hatte eine Sonne, hier drinnen,
-die ist untergegangen. -- Ob er wohl glücklich ist mit seiner Frau? --
-Ob wohl Kinder da sind? -- Viedt's haben mir nie gesagt, daß er sich
-verheirathet hat. Sie wollten mir's wohl verheimlichen. Ja, Viedt's
-sind gut und Johannes ist der Beste.«
-
-Sie erhob sich müde und wankend.
-
-»Liebe Buchholz,« sagte sie sanft. »Haben Sie Dank, daß ich bei Ihnen
-sein konnte, daß ich ihn noch einmal sah. Ihm geht es gut; ich bin
-zufrieden.«
-
-Wir verließen die Ausstellung und nahmen eine Droschke. Das Gewühl auf
-der Eisenbahn war nichts für Tante Lina.
-
-Sie sprach unterwegs kein Wort. Ich glaube, sie begrub die
-Vergangenheit.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Täuschungen.
-
-
-Was dem Menschen im Buche des Schicksals angekreidet steht, das wird
-ihm besorgt. Für mich stand eine Nähmamsell drinn und ich habe sie.
-Hinter meinem Rücken hat die Ungermann sie gedungen und in Thätigkeit
-gesetzt, als ich pflichtgemäß außer Hause war. Und wer hat ihr dabei
-geholfen? Die Krausen.
-
-Hätte ich die Beiden doch nur nicht miteinander bekannt gemacht. Aber
-es mußte so kommen.
-
-Die Ungermann beschwabbelte mich, mit ihr noch einmal die Costüme zu
-begutachten und ich ging darauf ein, weil ich später selbst darüber
-sachgemäß berichten muß, obgleich ich nicht kapabel bin, mich in die
-confectionelle Schreibweise hineinzuzwängen, wodurch die Modeberichte
-immer ihre Pompösität kriegen. Ich weiß nämlich nicht, wo ich die
-Fremdworte alle aufgabeln soll, die kunstvoll in die Sätze vernäht
-werden, damit sie etwas hergeben.
-
-Und schließlich: was ist Mode? -- Es ist dasjenige, weswegen man
-ausgelacht wird, wenn man es nicht mitmacht, und das man auslacht, wenn
-es nicht mehr mitgemacht wird. So denke ich darüber.
-
-Man sieht es ja. Kaum nehmen die Damen bei dem Trachten-Panoptikum
-von Moritz Bacher Aufstellung: heiter werden sie und schmunzeln und
-kichern und machen sich lustig über ein Jahrhundert Mode und halten
-es für unmöglich, daß verständige Menschen sich jemals so zu Schauten
-machten, außer auf Maskenbällen. Das Ungreiflichste ist ihnen die
-Krinoline, aber damals, als sie aufkam, hielt es jeder für heiligste
-Pflicht, das Birnenhafte den Franzosen nachzuäffen und in allem Ernste
-schön zu finden.
-
-[Illustration: Mode]
-
-Wie wohl nach hundert Jahren über unsere Mode gespottet wird? Aber es
-geht nun einmal nicht anders. Anhaben muß der Mensch etwas. Barfuß bis
-unter die Arme, wie die alten Griechen, ist nur Statuen erlaubt.
-
-»Da sieht man, auf was für Fahnen die Damen verfielen, um ihre
-Nebenbuhlerinnen zu ärgern,« sagte ich zur Ungermann, die diesen Stich
-nothwendig versetzt haben mußte, weil sie doch nichts weiter sinnt,
-als sich mit ihrer Kleedage beneiden zu lassen. Ob sie Glück haben
-wird? Kaum. Grün mit erdbeercremefarbigem Besatz erregt meiner Ansicht
-nach höchstens Bedauern. Und das nennt sie eigenen Geschmack. Sie
-aber gethan, als hätte sie nicht verstanden. »Gottlob, daß wir nicht
-in so ordinärer Vergangenheit leben,« sagte sie, »wir schreiten eben
-vorwärts; auch die weißen Röcke kommen ab. Haben Sie den Unterrock von
-gelb und blau chinirter Seide gesehen? Solchen schaffe ich mir an, er
-ist wie ein Gedicht.«
-
-»Aus der goldenen Hundertzehn,« ergänzte ich ihre Schwärmerei und
-dachte, ob sie wohl vorhat, den Leuten das Nähmaschinengedicht auf dem
-Thurmseil vorzudeclamiren, worüber ich in lächelnde Stimmung gerieth,
-in der ich den Antrag auf Verweilung im Freien stellte, mit einem
-Täßchen Eis-Schocolade bei Hildebrand. -- Wurde angenommen.
-
-Wie wir nun unterwegs das große Becken betrachten, worin der
-Lichtspringbrunnen emporlodern soll, stößt Ottilie mich an und
-flüstert: »Da ist er.«
-
-»Wer?«
-
-Ich hingesehen und richtig, da steht der Adonis von neulich in
-Lebensgröße und giebt einem Arbeiter Anweisungen aus einem Taschenbuch.
-Er wird uns gewahr, zielt scharf herüber und eilt auf uns zu.
-
-»Herrjeh, Tante Ungermann,« ruft er, »Du in Berlin? Also täuschte ich
-mich nicht, als ich Onkel kürzlich im Olympia-Theater zu sehen glaubte.«
-
-Tante und Neffe begrüßten sich und sie stellte ihn vor.
-
-»Rudolph Brauns, mein Schwestersohn.«
-
-Ich verneigte mich gemessen. Ottilie erröthet.
-
-»Wo kommst Du denn her?« fragte die Ungermann.
-
-»Ich bin als Elektrotechniker engagirt,« antwortete er. »Papa meinte,
-ich sollte es annehmen: bei den kolossalen Anlagen hier könnt' ich mich
-nur vervollkommnen.«
-
-»Elektrotechniker?« redete ich ihn mißtrauisch an. »Als wir vor
-einiger Zeit, wie der Zufall es so fügte, an ein und demselben Tisch
-in Unterhaltung geriethen, sagten Sie doch selbst, Sie wüßten nicht
-einmal, was Elektricität sei.«
-
-»Das weiß auch noch Niemand!« entgegnete er unbefangen. »Kein Gelehrter
-kann bis heute sagen, was sie ist. Wir kennen ihre Erscheinungsformen.
-Alles andere ist Theorie.« -- Ich dachte ihn zu überführen, aber wenn
-die Sache liegt, wie er sagt, dann war unmöglich richtig, was Ottilie
-über das Wesen der Elektricität vortrug. Mir dämmerte so etwas wie
-Blamirung auf.
-
-Ottilie war ganz roth geworden, stark lippenpomadenroth.
-
-Tante und Neffe erkundigten sich gegenseitig nach ihren Erlebnissen
-seit dem letzten Zusammensein; Ottilie und ich gingen voran zur
-Schocolade, die jedoch mit Hindernissen verbarrikadirt war, und zwar
-in Gestalt von Herrn und Frau Krause und Butsch und Gattin, die auf uns
-zu stießen.
-
-Die Krausen hochelegant. Mein erster Gedanke war, »wie kommt sie
-dabei?« und ehe ich einen zweiten fassen konnte, sie mir vortriumphirt,
-daß sie alles vermiethet hätte mit Verpflegung und fabelhaft verdiente.
-Ich zog natürlich gleich die Hälfte ab.
-
-»Feine Leute,« schwaddronirte sie, »und so zufrieden mit allem, Geld
-spielt gar keine Rolle. Nun sie merken ja auch gleich, daß sie es mit
-Bildung zu thun haben. -- Sie sind doch auch so schlau, zu vermiethen?
-Oder haben Sie noch Zimmer leer?«
-
-»Alles besetzt,« gab ich zur Antwort. »Mein Mann schläft sogar in
-der Fabrik.« -- Und das war der Wahrheit gemäß. -- »Wir persönlich
-schränken uns auch ein,« fuhr sie fort.
-
-»Das sieht man Herrn Krause an,« warf ich ihr vor. »Ich, an Ihrer
-Stelle, würde den Fremden nicht alle die kräftigste Bouillon allein
-geben oder lieber ein halbes Pfündecken Fleisch mehr nehmen, damit der
-Mann auch was hat.«
-
-Auf diese Enthüllung aus heiterem Himmel war sie nicht vorbereitet,
-vergebens fischte ihr Geist nach Wiedervergeltung. Aber ich hatte
-polizeilich beglaubigte Bestätigung ihrer Mierigkeit, indem Doretten's
-jetziger Bräutigam eine Cousine bei Krauses zu dienen hatte.
-Schaudervoll geht es her. Von einem halben Pfund Beilage, dreitägige
-Brühe gekocht und den Zampel mit Rosinensauce aufgetischt, daß der Mann
-seine eigene Haut als Ueberzieher brauchen könnte, wenn sie zu knöpfen
-ginge und deshalb gab der Schutzmann das Familienverhältniß auf. Wo die
-Herrschaft selber Ammi spielt und die Knochen abgnabbelt, hält kein
-Geliebter aus, da wird die Küche bald zum Kloster mit der Krausen als
-Aebtissin, worauf das Mädchen sofort kündigt. Warum hat sie sonst alle
-halbe Jahre eine neue?
-
-Dies hat mir Dorette hinterbracht, die es von ihrem Verlobten weiß, und
-Schutzleute lügen nie. Als ich fragte, ob die Krause'sche Philippine
-auch eine wirkliche Cousine von ihm gewesen sei, wurde sie patzig
-und sagte, er hätte seinen Diensteid darauf gegeben, daß es keine
-Stiefliebste war: ob ich Lust hätte, mich in Unannehmlichkeiten zu
-stürzen? Worauf ich nicht weiter auf den Fall einging.
-
-Die Butschen hatte meinen Sieg über die Krausen nicht bemerkt. Sie
-schwamm am Arm ihres Mannes in Festtagslust. Er sah auch gentil aus mit
-der ihm angeborenen und mit Weißbier weiter gepflegten Stattlichkeit
-und schwarzblank neu in Kleidung, wozu Herr Bergfeldt sich nie
-aufschwingen konnte, weil immer nur mit Ach und Krach ersetzt wurde,
-worauf längst Ventilationsklappen gehört hätten, womit sie ihn nicht
-gut gehen lassen konnte.
-
-»Butsch wollte erst gar nicht,« erzählte sie, »um damit daß nichts
-im Geschäft passirt, wenn er weg ist und irgend so'n Besoffsky Radau
-macht, denn gerade in der Abwesenheit erlebt man gewöhnlich den
-mehrsten Verdruß...«
-
-»Aber meine Olle mir keine Ruhe gelassen,« nahm Herr Butsch das Wort,
-»bis ich mich bewogen fühlte, zu sagen, wenn es so brüllend schön
-ist, wie Deine Beschreibung unbegreiflich, denn man hin. Und ich muß
-gestehen, blos um das Ausgefallenste zu betrachtigen gehören minimumst
-Zweie.«
-
-»Nicht wahr?« freute sich die Butsch. »Und so raffinant. Das
-Industriegebäude und die Hauptrestauration ganz natürlich wie sonne
-Pendants.«
-
-Ungermann's merkten bereits auf und damit die Butschen als meine
-Bekanntin nicht auf grenzenlosester Kunstunwissenheit ertappt würde,
-sagte ich: »Beides in italienischer Phantasie stilisirt. Gehen wir.«
-
-Die Krausen aber spitzlistig gefragt: »Was verstehen Sie unter
-Pendants, meine Beste?«
-
-Die Butschen wies erst auf den weißen Wasserthurm und dann auf die
-blanke Kuppel und sagte grundehrlich: »Na, auf der einen Seite ein
-Thermometer und auf der anderen ein Barometer, wie es unsere gute Stube
-auch in der Mode hat.«
-
-»Kein übler Gedanke,« rief der junge Herr Brauns, »damit ließe sich
-in der Metall- und Galanteriewaarenbranche vielleicht ein Geschäft
-machen. Wollen Sie mir die Idee überlassen? Wir theilen den Gewinn.
-Ich übernehme die Musterschutzkosten und die Abmachungen mit den
-Fabrikanten. Ein paar tausend Märkelchen können dabei herausschauen,
-Notabene wenn wir Glück haben.«
-
-»Meine Frau willigt ein,« sagte Herr Butsch. »Olle, Olle, bist Du
-helle!« rief er und küßte sie inmitten der Menschheit und sie stand
-ganz verlegen und glücklich. So glücklich.
-
-»Und wenn's nur ein paar hundert Mark werden,« fuhr Herr Busch fort,
-»es wäre auch schon schön. Kathinka, es kommt in die Sparkaste und
-bleibt Deine. Ich habe ja immer gesagt, wer meine Frau für dumm kauft,
-der schmeißt sein Geld weg.«
-
-[Illustration: Türme]
-
-Die Krausen zipperte mit den Eßwinkeln. Die Butschen, die sie
-verdunkeln wollte, strahlte in Glorie. Das verdroß sie schmählich.
-
-In diesem Zustande war Eis-Schocolade für sie wie von der Vorsehung
-angerührt. Herr Butsch ließ sich nicht nehmen, die ganze Runde auf die
-Erfindung seiner Frau hin zu erledigen. Herr Brauns gab eine zweite
-dagegen.
-
-»Ich finde es abscheulich, daß der junge Mann die Butschen so zum
-Besten hat,« raunte die Krausen mir zu. »So ihre Bornirtheit zu
-verspotten.«
-
-»Erlauben Sie, es war sein voller Ernst.«
-
-»Das glauben Sie selber nicht. Außerdem halte ich an die
-Oeffentlichkeit treten für unweiblich.«
-
-»Man muß es nur können.«
-
-»Aber wie wenige vermögen das? Und dann ist es auch nur Zufall, wenn
-mal etwas gelingt. Wirklich Denkende, wie mein Mann, halten es mit der
-Würde ihres Standes unvereinbar, ihre Geistesschätze auf dem Markt zu
-profaniren. Gelehrsamkeit ist eben keine Kuh, die Einen mit Milch und
-Butter versorgt.«
-
-»Er kriegt wohl blos amerikanisches Schmalz,« entgegnete ich. Das mußte
-ich ihr einreiben, erstens wegen ihres Dünkels und zweitens, weil sie
-mich meinte. Und um ihren Hochmuth ein für alle mal zu dämpfen und
-neben der Butschen, die doch meine langhergebrachte Freundin ist,
-nicht wie die Krausen als Nachtschatten betrachtet zu werden, sondern
-ebenfalls als lebende Magnesiafackel, sagte ich: »Jetzt wird gerade
-gedruckt; wir sehen uns das Innere des Lokalanzeigers an, wo die
-Ausstellungsnachrichten entstehen. Da kommen die höchsten Herrschaften
-und Minister und Excellenzen und alles, was von Bedeutung ist, wie
-heute unsere liebe Butschen, die einen gewaltigen Schritt in das
-Erfinderische gethan hat.«
-
-»Müssen wir,« pflichtete Herr Butsch bei. »Willst Du auch einen Cognac
-auf das kalte Zeug, Kathinka?«
-
-»Nee, nee,« dankte sie. »Mir ist so heiß, ich weiß nicht wie.«
-
-Die Setzmaschinen in der Druckerei und wie sie das Geschriebene
-in runde Metallplatten verwandeln, das ist direkt räthselhaft und
-die Pressen sind so gerieben ausgedacht, daß wir sie nur so lange
-verstanden, als Herr Brauns sie uns erklärte. Das Papier an sich ist
-doch ganz vernunftlos, aber in der Presse wird es lebendig und geht
-seine Wege, wie auf dem Exercierplatz kommandirt und kommt unten als
-Zeitung heraus. Immer klapp, klapp, klapp ist eine Nummer nicht nur
-lesbar, sondern auch gefaltet. Dies fesselt stets auf's neue, so oft
-man es auch anstaunt.
-
-Und nun führte ich meinen Plan aus, gerade jetzt durch die Krausen
-gereizt.
-
-»Meine Herrschaften,« sagte ich so verständlich in dem
-Maschinen-Geräusch wie möglich: »Sie verweilen wohl einen Augenblick,
-ich bin gleich wieder zurück.«
-
-Sie nickten Einverständniß.
-
-»Ich habe nämlich auf der Redaction zu thun.«
-
-»So?«
-
-Weiter nichts als gleichgiltiges So. Die Krausen that, als wollte sie
-in die Walzen hineinkriechen. Das war Neid. Sie wollte nicht hören. Sie
-ahnte etwas.
-
-»Ich muß mir nämlich die Correcturen von meinem Bericht holen.«
-
-»Dann eilen Sie sich man,« sagte die Butschen.
-
-Konnte sie nicht loswundern und einen Strahl über mich als Presse
-reden? Ih Gott bewahre. Der Effect war vorbei gegangen und die Krausen
-beleidigend gleichgültig gethan. Aber ihre Blicke hohnlachten.
-
-Ich verabsentirte mich. Der Redacteur war bereits sich erholen oder
-Beobachtungen machen gegangen, was man nie genau unterscheiden kann,
-aber ein Umschlag mit den Abzügen, an mich gerichtet, lag zum Absenden
-da, den ich an mich nahm. Ich behielt ihn in der Hand. Sehen mußten die
-Anderen ihn. Noch war die Bataille nicht verloren.
-
-Auf die Frage, wo Abendbrot genießen, empfahl Herr Brauns die Brauerei
-von Berliner hinter der Maschinenhalle und wie manches so hintrifft,
-kamen wir an denselben Tisch, an dem Ottilie und ich Herrn Brauns
-erste Bekanntschaft machten. Es wurde angebaut und da gute Prepelung
-aufheitert, wurden wir bald recht fidel.
-
-Herr Butsch war der Vergnügteste und hielt die Kellnerkräfte in
-Bewegung. »Kathinka, trink,« forderte er sie auf. »Trockene Freude ist
-halber Schmerz. Trink, Kathinka. Ich geb' noch einen aus. Kellnär!«
-
-»Aber Butsch, bedenke, was Du schon losgeworden bist.«
-
-»Wenn't nich Geld genug gekostet hat, gehn wir noch mal wieder her,«
-lachte er. »Was kann das schlechte Leben helfen, n't Vermögen ist doch
-bald alle. Kellner, zwei Cognac, aber ohne Fußbad.«
-
-Ich hatte den Schreibebrief auf den Tisch gelegt, dicht vor Herrn
-Krause, aber er sah nicht hin. Er aß und trank und es schmeckte ihm. Es
-war ja auch eine stärkende Unterbrechung der Suppenfleischklopse, an
-denen er langsam vermickert. Aber es soll thatsächlich Naturen geben,
-die sich an Vergiftung gewöhnen.
-
-Sie, die Krausen, brannte auf den Brief. Sie faßte ihn ganz
-unabsichtlich an, tändelte damit und warf ihn wieder hin. Aber sie
-konnte und konnte nicht davon bleiben.
-
-»Was ist darin?« fragte sie endlich.
-
-»Correcturen von meinem nächsten Bericht. Es hat so leicht Keiner eine
-Ahnung, wie mühsam die sind.«
-
-»Das kann ich mir garnicht denken. Wenn Sie es fertig bringen, ist es
-doch unmöglich so schwer?«
-
-»Versuchen Sie. Da ist ein Bleistift. Zeichnen Sie einmal einige Fehler
-an.«
-
-»Ich werde doch nicht das Ganze durchstreichen,« sagte sie und
-meckerte. Das sollte ein Witz sein.
-
-Rasch hatte sie den Umschlag aufgerissen. Da waren die
-Correcturstreifen. Sie las. Ihre Züge verklärten sich, als sie
-weiter schnüffelte. »Ah,« dachte ich, »sie wird bezwungen von Deiner
-Schreibung, Wilhelmine. Sie ist doch am Ende nicht so schlecht und
-aller höheren Empfindung bar, wie man leider manchmal angenommen hat.«
--- Gerade dieser Bericht war mit besonderer Hingabe abgefaßt, sozusagen
-mit Begeisterung und doch wieder mit dem sachlichen Pflichtgefühl des
-hohen Berufes der Presse.
-
-»Darf ich vorlesen?« fragte die Krausen.
-
-»Vorlesen!« lechzten die Anderen förmlich. »Vorlesen!«
-
-»Wenn es Ihnen Vergnügen macht,« gestattete ich bescheiden und sah auf
-das Tischmuster. Vorgelesen werden sollen ist ähnlich wie in einer
-Schaukel, nicht schön und doch wieder sehr schön.
-
-Die Krausen räusperte sich und las laut: »Der Glanzpunkt der gesammten
-Ausstellung, wie noch niemals da war und die Augen der Nationen auf
-sich lenken wird, befindet sich links im Hauptgebäude. Es ist dies
-ein aus diamantschwarzen Strümpfen auf weißem Grunde künstlerisch
-hergestellter Reichsadler, unter Garantie absolut farb- und waschecht
-mit verstärkten Spitzen und verstärkten Fersen, ein großer Theil der
-Qualitäten außerdem mit verstärkten Sohlen eine Musterleistung des
-Hauses Buchholz und Sohn.«
-
-Die Krausen hielt inne. »Darf ich weiter lesen?« fragte sie. »Ist es
-Ihnen auch recht?«
-
-»Gewiß!« erlaubte ich ihr, da alle mit gespannter Aufmerksamkeit
-lauschten. Sie lächelte mir teuflisch zu und las mit erhobener Stimme.
-
-»Die Güte der Waare fechten wir keineswegs an, aber Glanzpunkt ist
-zu viel gesagt, in Anbetracht hervorragenderer Objecte, und über das
-Künstlerische des Adlers ließe sich diskutiren, mehr als wir Raum in
-unserem Blatte für Erwiderungen zur Verfügung haben. Wir ersuchen Sie,
-einen anderen Eingang zu schreiben. Ganz ergebenst die Redaction. --
-Das steht hier mit Tinte am Rande. Ihr Glanzpunkt aus Strümpfen ist
-dick blau ausgestrichen. Sehen Sie, meine Damen.«
-
-Wie ich da saß, war mir wie weit weg im Nebel. Was ich sagte, war wie
-hohles Echo. Ich hatte es so gut mit meinem Karl gemeint, und seine
-Ausstellung ist auch der Glanzpunkt. Und der Adler ist von einem
-früheren jungen Akademiker entworfen, also künstlerisch. Kann man sich
-denn nicht mehr auf die Akademie verlassen?
-
-»Die größten Schriftsteller haben ihre ersten Entwürfe oft genug
-umgearbeitet,« sagte Herr Brauns, »und in unserem Fach ist der erste
-Plan meist nur ein Anhalt. Wir alle müssen corrigiren.«
-
-»Pah!« sagte die Krausen, »ich möchte um nichts in der Welt ein Genius
-sein. In meine Sachen redet mir kein Zweiter hinein, das ist mein
-Ehrgeiz.«
-
-»Der Anfang war auch nicht gut,« sagte ich, mich aufraffend. »Mir
-fehlte es an Zeit und Ruhe. Der, den ich jetzt schreibe, wird besser.
-Und das wissen Sie alle: über künstlerisch und unkünstlerisch gehen
-augenblicklich die Ansichten quer auseinander. Der Adler ist mehr
-nach der alten Schule, und der Redacteur gehört wahrscheinlich zu
-den Modernen. Wer von den Beiden den Vorsitz hat, kugelt den anderen
-hinaus. Somit werden meine Ansichten durchaus nicht berührt.«
-
-Herr Brauns gab dem Gespräch eine andere Wendung, mehr nach launigen
-kleinen Geschichten hin, bis Herr Butsch durch das viele Freudenbier zu
-aufgeräumt wurde.
-
-Als wir aufbrachen, versicherte die Krausen, sie hätte lange keinen
-gemüthlicheren Abend verlebt, als den heutigen; wann wir uns wieder
-treffen wollten?
-
-»Nächstens«, entgegnete ich, »aber lassen Sie's mich vorher wissen.«
-
-An dem schadenfrohen Lächeln ihrer Larve sah ich, daß sie erkannte, wie
-ich es meinte, nämlich nicht in die _la main_. Nun war sie zufrieden,
-nun sie wußte, daß ich durch ihre Spinnenumgarnung hineingelegt worden
-war, und machte sich an die Ungermann, mit der sie ein Herz und eine
-Seele wurde. Da hat sie ihr, mir zum Schabernack, auch noch die
-Nähmamsell nachgewiesen. Meine Zuversicht ist: der liebe Gott sieht
-durch die Finger, aber nicht ewig.
-
-Zu Hause angelangt, fragte ich Ottilie, warum sie so gänsehaft
-dagesessen und nicht ihre wissenschaftliche Unterhaltungsgabe in die
-Bresche geworfen hätte, der Krausen den Giftschnabel zu stopfen?
-
-»Ach,« seufzte sie, »Herr Brauns ist zum Verzweifeln schön.«
-
-»Der geht Dich nichts an, Du hast Dich ja schon für Kriehberg
-entschieden. Troll Dich, Du bist müde. Dir fallen ja schon die Sehluken
-zu. Ich habe noch stundenlang zu arbeiten.«
-
-Sie verduftete seufzend und ich setzte mich vor das Papier, aber es
-wollte mir nicht gelingen, den vorherigen Schwung zu erreichen. Ins
-Wasser gefallen ist der stolzeste Adler, ebenso klatrig, wie ein
-nasser Spatz. Ich marterte mein Gehirn umsonst. Und dazu die letzten
-Erlebnisse. Es kribbelte nur so in mir.
-
-Mein Mann kam. »Wilhelmine, willst Du Dich ganz aufreiben? Es ist
-nachtschlafene Zeit. Sei vernünftig, Kind, und leg' Dich.«
-
-»Bette mich in Daunen vom Zephyr, was die Krausen mir angethan hat,
-hält mich wach wie Distel und Dorn, selbst im Grabe. Die Person ist
-noch mein Tod.«
-
-»Mir ist sie auch eine gräuliche Prise, aber laß sie laufen. Denke
-vornehmer als sie, Wilhelmine.« -- »Das thu' ich lange.« -- »Beweis
-es mit der That und ärgere Dich nicht.« -- »Ueber so Eine nicht im
-Geringsten.« -- »Das ist recht. Ein edles Gemüth vergiebt.«
-
-»Gut, ich will vergeben, aber Du, Karl, Du vergiß es nicht. Man kann
-nie wissen, wie es kommt.«
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Eingeregnet.
-
-
-»Verliere Deine Geduld nicht, es hebt sie Niemand auf,« sagte mein Karl.
-
-Ich versuchte freundlich zu sein. Allein mehr als wie beim Photographen
-kam nicht heraus und auch nicht länger. Irgendwo las ich einmal
-etwas von Lachgas. Das wäre die einzige Stärkung für mich gewesen,
-aber Dorette kam mit leerem Fläschchen wieder und sagte, in der
-Drogenhandlung hätten sie es nicht, ob ich nicht Nelkenöl nehmen
-wollte, das wäre auch gut gegen Zahnschmerzen.
-
-Zahnschmerzen! Wenn man ihre Nothwendigkeit auch nicht einsieht, sind
-sie doch zu bewältigen; wo aber wohnen Aerzte, die Einem den Kummer
-ausziehen und Aerger und Verdruß?
-
-Ich hatte mich recht auf Kliebisch's Eintreffen gefreut und, da Tante
-Lina sich in ihre Heimath versammelt hatte, -- sie war beim Abschied
-wehmüthig wie an einem Begräbnißtage -- stand das Fremdenzimmer wieder
-frei, den Amtsrichter Buchholz zu beherbergen, der, als zu meines Karls
-Linie gehörig, doch auch Anrecht auf verwandtschaftliche Unterkunft
-hat, zumal das ihm bei Butschen's ausgemachte Logis drei Herren zum
-Massenquartier dient. Kliebisch's brachten jedoch ihr Töchterchen Anna
-mit, die Aelteste, und meinten, eine Sophaecke für das Kind fände sich
-wohl an. Im Uebrigen würde sie mir zur Hand gehen, da sie für häusliche
-Arbeit außergewöhnlich veranlagt sei.
-
-Was war zu thun? Herr Kliebisch bekam das Fremdenzimmer, sie die
-Kliebischen mit Tochter übernahm das Vorderzimmer neben Ungermann's,
-die sich mit der guten Stube behelfen. Im Berliner Zimmer wird
-geschneidert. Ich bin machtlos. Mein Karl sitzt voller Aufträge, daß
-die Fabrik nicht ausreicht, und unser Schwiegersohn und Compagnon
-Schmidt auf Reisen gehen mußte, um mit Lieferanten abzuschließen; er
-kann sich dem Besuch nicht widmen. Und das wäre auch nichts für seine
-Gesundheit, zu so unmöglichen Tageszeiten kommen die Herren nach Hause.
-Auf meine Bemerkung, daß der Schlaf vor Mitternacht der heilsamste sei,
-entgegnete Herr Ungermann, er wäre aufgeblieben, um die Brodträger am
-frühen Morgen statistisch zu kontrolliren, da von der Umgestaltung des
-Bäckereigewerbes die sociale Verbesserung aller Stände erwartet würde.
-Herr Kliebisch lachte kurz auf, als wenn er zweifelte. Ich hielt es mit
-Kliebisch.
-
-Dorette hat mir nämlich erzählt, daß wenn Ungermann's unter sich sind,
-die Frau ihren Mann blos mit Brummsuppe regalirt und ihn sogar mit
-Liederjahn traktirt.
-
-»Dorette,« beschönigte ich, »sie wird wohl Biedermann gesagt haben, wo
-er sie doch stets mit >meine liebe Frau< belegt und sie ihm nie anders
-als mit >mein lieber Mann< entgegentritt.«
-
-»Det is man so duhn,« bestand Dorette. »Wat er der Ungermann is, er is
-'n richtijer oller Schlieker, und wat sie vorstellt, sie is 'n oller
-Satan.«
-
-»Dorette, unterstehen Sie sich nicht, in solchem Tone über meinen
-Hausbesuch zu schandiren. Geschieht das noch einmal, wissen Sie, wo die
-Luft am frischesten ist.«
-
-»Ick jeh lieber jleich, indem ick't bis zum Ersten schwerlich aushalte.
-Is denn det ne Zucht, dettse bei den jetzigen Sauwetter de janze Straße
-in die jute Stube tritt, viel wenijer, dettse Morjens eigenhändig den
-Klatthammel abrubbelt un de Plüschmöbeln in Erdreich verjraben sind? Un
-denn mir vorjeworfen von jründlich Reinemachen? Nee, et is hier schon
-nich mehr scheen.«
-
-»Dorette, wenn es regnet, wird leicht etwas Schmutz ins Haus getragen,
-das ist naturgesetzlich.«
-
-»Sonne Jesetzer ästimir ick nich. Wat boddert se mit de Schleppe in'n
-dicksten Lehm? Und sind de Flicken und de Fusseln in't Berliner Zimmer
-ooch Jesetz? Nee, da is de Schneiderei dran Schuld und ick hab' de
-Arbeet von. Ent- oder weder, die Ungermann zieht oder ick.«
-
-»Dorette, ich lege Ihnen zu. Ueberdies haben Sie ja jetzt Hilfe an
-Fräulein Kliebisch.«
-
-Dorette lachte. »Komm die Frau 'mal mit,« sagte sie vertraulich und
-führte mich in Herrn Kliebisch's Zimmer. »Det hat se von alleene
-besorgt. Seh een Mensch blos det Bett an. Und da soll der eijene Vater
-drin jeschlummert werden. Det is ja Umjehung von's vierte Jebot, >auf
-daß es Deine Eltern wohljehe und se lange leben uf Erden.<«
-
-Es war in der That nicht ersten Ranges, was das Kind vollführt
-hatte. Das Bett glich einem Gebirge mit Thälern und Schluchten, die
-Morgenschuhe standen auf der Kommode, den Vorleger hatte sie unter das
-Spinde gefegt.
-
-»Un ausjejossen hat se jar nischt,« höhnte Dorette. »Un det nennt det
-Wurm en fertijet Schlafzimmer.«
-
-»Sie ist noch jung,« nahm ich der Abwesenden Partei, »und das sind wir
-Alle gewesen.«
-
-»Aber man nich in solchen Jrade. Will des Fräulein Thuverkehrt mir
-dajejen in der Küche helfen, bin ick nich abjeneigt, ihr Anleitung
-zur Vervollkommnung in's Kartoffelschälen zu jewähren. Seit wir die
-Kliebischen's in Kost haben, sind mir die Hände schon en Endecken
-kürzer jeworden.«
-
-Sie hatte nicht Unrecht, Kliebisch's alle Drei leisten Bedeutendes in
-Erdfrüchten. Ob es davon kommt oder woher sonst, weiß ich nicht, aber
-die Kliebischen ist bequem geworden, wie sie früher nicht war. Und
-alleweil verzagt.
-
-»Wie wird es werden? Die Zeiten sind so schlecht und die Kinder wachsen
-heran,« klagt sie, aber rühren ist nicht und thätig eingreifen und
-Töchterchen zurechtstoßen auf Geschicklichkeit und Brauchbarkeit, wie
-ich meine Beiden nie versäumt habe. Wo die Tage gleichmäßig auf- und
-untergehen, wird der Mensch zuletzt auch flachweg und fett und sitzt,
-wo er sitzt. Mich wundert, daß sie sich aufraffte, ihren Schwerpunkt
-nach Berlin zu verschieben.
-
-Den großen geräucherten Schinken, den sie mitbrachte, und den Korb Eier
-und das Geflügel nahm ich als ländliche Zartsinnigkeit von ihr dankend
-entgegen. Ein Sack Kartoffeln, der als Handgepäck zu umständlich war,
-ist als Angebinde seinerseits noch unterwegs. Dorette behandelt
-Kliebisch's daher mit mittlerem Wohlwollen. Was sie über Ungermann's
-sagt, mag zutreffen, obgleich sie weiß, daß ich das Thürenhorchen nicht
-haben will. Indes kann ich der Nätherin, wenn sie mit Dorette zusammen
-ist, nicht den Mund verbieten. Die hat gesagt, die Ungermann müßte viel
-Geld haben, so viel Watte wäre an ihr; wegen ihrer Figur hätte sie
-knapp einen Mann gekriegt oder er hätte sie schleunigst wieder retour
-gegeben. Und so eitel! Alles sollte sitzen, als wäre sie im Loth wie
-eine Probiermamsell Nummer Gelbstern.
-
-Nun war mir erklärlich, warum das Anpassen immer abgeriegelt geschieht
-und ohne meinen Rath.
-
-Ob der Mann solche vertrauliche Ausputzer wirklich verdient? Halb
-Liebe und halb Geld giebt eine gute Ehestandsbowle, wenn ein bischen
-Schönheit als Zucker nicht fehlt. Aber blos Geld und keine Liebe und
-nicht eine Spur Süßigkeit, da ist das Fest mit der Hochzeit aus.
-
-Spielt sie Komödie, hat er es von ihr gelernt. Sie giert, in der
-Gesellschaft zu prunken, er strebt, in der Stadtleitung hervorzuragen.
-Hätten sie ein Kind gehabt, würden sich ihre Küsse auf dem
-Engelsmündchen begegnet haben und das kleine Bündel Liebe wäre zum
-Talisman gegen die bösen Geister des Hauses geworden. Es war aber keins
-da.
-
-Mein Karl theilt meine Ansichten nicht. »Laß' sie sich haken,« sagte
-er, »das kommt in den besten Familien vor.«
-
-»Doch nicht bei uns?«
-
-»Dazu gehören zwei. Ich passe.«
-
-»Also ich? Mich mit meiner geradezu unerlaubten Sanftmuth ästimirst Du
-als Zanktippe? Karl, Du verwilderst, seit Du in der Fabrik schläfst.
-Aber warte, die alte Ordnung kehrt wieder.«
-
-Er lachte: »Ich sehne mich nach ihr. Alles nimmt ein Ende, blos
-Ungermann's können das ihre nicht finden.«
-
-»Hat er denn schon bestellt?«
-
-»Noch nicht. Die Waare gefällt ihm, bis auf die Preise. Er versucht
-abzuhandeln.«
-
-»Das darf er nicht. Die gute Stube muß neu gemacht werden, sagt
-Dorette, und dazu die Näherei, und mess' mal Deinen Weinkeller nach.
-Nein, drücken darf er nicht. Das wäre unanständig. Er muß mindestens
-doppelt so viel nehmen als sonst. Und Du schlägst auf. Verstehst Du?«
-
-Mit dem Weinkeller sah es trübe aus. Je mehr Wasser vom Himmel stürzte,
-um so weniger wurde der Wein; der Regen zwang zur Häuslichkeit und
-geselligem Beisammensein und mein Karl ist nobel.
-
-Ungermann hatte gleich die beste Sorte heraus, seine Zunge merkte das
-Unabgelagerte sofort, als ich unsern Tischwein in die Lafitte-Flaschen
-umgegossen hatte. Kliebisch versteht sich nicht in gleichem Maaße
-auf Jahrgänge, ihm schmeckt der Billige wie der Theure, so lange
-eingeschenkt wird.
-
-Ich gönne es ihm. Wenn er einen Kleinen sitzen hat und man bringt ihn
-nicht darauf, vergißt er die agrarischen Kalamitäten und es ist ihm
-einerlei, ob die Margarine blau oder grün gefärbt werden soll oder
-garnicht. Dann ist der Ausstellungs-Musterstall sein Trost, den er mit
-Vorliebe beschreibt als das Erfreulichste für den Landwirth.
-
-»Da liegt Poesie darin,« sagte er. »Ein Pferd bleibt doch immer ein
-Pferd. Oder haben Sie schon einmal ein Vollblut-Fahrrad gesehen? Kann
-denn ein Cavalier sich auf solches mit einer Leberwurst beschlagenes
-Spinnrad klemmen, ohne sich und seinem Stand etwas zu vergeben?«
-
-»Die Industrie denkt anders,« entgegnete Herr Ungermann. »Der durch das
-Fahrrad hervorgerufene Umsatz ist ein gewaltiger und wird sich immer
-mehr steigern, trotz der Spöttelei der Feudalen.«
-
-»Ich gehöre nicht zu den Feudalen,« wehrte Kliebisch ab.
-
-»O doch, Hinnerich,« sagte die Kliebisch. »Hattest Du nicht auch einen
-Karbunkel im vorigen Jahre, gerade als der Landrath einen hatte, nur
-daß von seinem mehr geredet wurde, weil er gefährlicher war als Deiner?«
-
-»Und das Radfahren soll sehr gesund sein,« bemerkte die Ungermann.
-
-»Das Reiten ist noch gesunder.«
-
-»Das Rad ist das Roß des armen Mannes,« begann Herr Ungermann wieder.
-»Auch der Minderbemittelte vermag sich eins zusammenzusparen und
-braucht kein Geld für Heu und Hafer auszugeben.«
-
-»Und das befürworten Sie?« brauste Kliebisch auf. »Wovon soll denn die
-Landwirthschaft leben, wenn die verwünschten Maschinen die Pferde
-verdrängen? Gerade am Hafer wird verdient. Hört das auch noch auf --
-gute Nacht Ackerbau. Weizen kommt mehr als zuviel aus Argentinien
-und Indien. Ist die Eisenbahn erst fertig, ersäuft uns Sibirien mit
-Getreide. Und das Heu? Es laufen allerdings Ochsen genug herum, aber
-die fressen es nicht.«
-
-[Illustration: Radfahrer und Reiter]
-
-Was sich nun ausbreitete, war Verlegenheit. -- Der Regen klatschte
-gegen das Fenster. -- Die Herren rauchten.
-
-»Ich möchte Rad fahren,« sagte Ottilie.
-
-»Ich halte es für ungeeignet,« nahm ich das Wort. »Ist es eine Dame
-oder ein Herr, was an einem vorüberstrampelt? Man unterscheidet es
-kaum. Und manche Radlerin sieht nach der Tour täuschend aus, wie in
-acht Tagen nicht rasirt. Dagegen zu Pferde gräfinnenhaft und elegant.«
-
-»Prost! Frau Buchholz,« rief Kliebisch und leerte ein volles Glas auf
-mein Wohl. »Welch ein Staat, die prachtvolle ungarische Radautzstute im
-Musterstall; das ist ein Damenpferd; schlank, feiner Kopf, elastische
-Fesseln, vorzüglich gepflegtes schwarzes Haar. Darauf möchte ich
-Sie sehen, mein Fräulein, und nicht auf der Chausseestaubmühle mit
-verbogener Figur in Pluderhosen...«
-
-»Wollen wir den Gegenstand nicht lieber fallen lassen?« unterbrach ihn
-die Ungermann mit verletztem Anstandsgefühl.
-
-»Immerzu fallen lassen. Ein Schauspiel für Götter,« lachte Kliebisch,
-dem im Eifer der Wein zu Kopf stieg. »Ich riskir' ein Auge daran.«
-
-»Aber Mann!« rief seine Frau ihn zur Ordnung.
-
-»Ach was; wie eine sich vorreitet, wird sie taxirt. Wenn sie sich auf
-dem Stahlhengst tummelt, mag es sie befriedigen, aber schön sieht
-anders aus. Möglich ist jedoch, daß die Schenkel sich mehr ausbilden,
-wenn eine keine hat...«
-
-»Hinnerich, Du bist hier nicht im Kruge,« fuhr die Kliebisch dazwischen.
-
-Der Ungermann ward dies Gespräch sichtlich fatal. Sie mit ihren Gräten
-hat natürlich gegen Sport, bei dem es auf einigermaßen Plastik ankommt,
-solche Abgeneigtheit, daß sie nicht mal darüber reden hören mag.
-
-»Man muß bedenken, daß für Radfahrer neue Trachten geschaffen werden;
-schon jetzt beginnt ein gewisser Luxus in besseren und besten langen
-Strümpfen sich bemerkbar zu machen,« sagte Herr Ungermann.
-
-»Karl, hast Du gehört?« rief ich. »In besserer Waare. Nein, wenn die
-Industrie dadurch gehoben wird, bin ich sehr für die Maschinenreiterei.
-Könnte die Regierung nicht gesetzlich befehlen, daß alle
-Reichsangehörige radfahren müssen und in einem Nebenparagraphen unsere
-Wollsachen amtlich verordnen? Würde das den socialen Frieden nicht
-gewaltig schüren?«
-
-»Jawohl,« schrie Kliebisch. »Da haben wir wieder den Krämergeist. Die
-Industrie muß unterstützt und gefördert werden; die Landwirthschaft
-darf verhungern, das ist ihr angestammtes Recht. Aber wer soll den
-Herren Industriellen ihre Erzeugnisse abkaufen, wenn der Landmann kein
-Geld hat? Nur so weiter. Die Pferdezucht auch noch ruinirt und über
-das verarmte Land rollt die alleinseligmachende Industrie auf einem
-gottverdammten Unglücksrad in ihr eigenes Verderben. Zum Kuckuck mit
-den Dingern. Verboten müssen sie werden.«
-
-»Wie Sie auch schelten,« wandte sich Herr Ungermann an Kliebisch,
-»das Rad ist dennoch von großer volkserziehlicher, sogar ethischer
-Bedeutung. Der Radfahrer muß sich auf seinen Ausflügen der größten
-Nüchternheit befleißigen; beherrschen ihn die Geister des Weines, ist
-er nicht im Stande, sein Fahrzeug zu beherrschen und wird sich selbst
-und anderen gefährlich.«
-
-»Das ist er schon ohne Kümmel,« höhnte Kliebisch ausfallend.
-
-»Ich bleibe dabei, das Fahrrad steht im Dienste der Mäßigkeit, gegen
-die leider zu oft gesündigt wird.«
-
-Das mochte Kliebisch sich wohl als persönliche Bemerkung zugezogen
-haben oder sonst wie, genug, er blickte Ungermann spöttisch an und
-sagte: »Tugendpredigen und den Weg der Tugend wandeln ist zweierlei.
-Mir ist der Musterstall zehntausendmal lieber als hundert Musterknaben
-und wenn auch blos Gäule drinn sind und keine Stadtväter. Wer auf die
-Landwirthschaft schimpft, dem dien' ich.«
-
-Mein Karl erhob sich, ging an die Uhr und wand sie auf. Wir wissen
-althergebracht, daß dies der Wink zum Aufbruch ist, den die Gäste jetzt
-auch ziemlich plötzlich begriffen.
-
-Ottilie holte die verschiedenen Leuchter, die Kerzen wurden angebrannt
-und unter mehr und minder wohlgemeinten angenehmen Ruhewünschen
-vertheilte sich die Einquartierung in ihre respectiven Gemächer.
-
-Ich räumte zusammen, der Dorette die Morgenarbeit zu vereinfachen.
-
-»Was hat Kliebisch gegen Ungermann?« fragte mein Karl.
-
-»Ich weiß es nicht. Seine Frau hat mir auch nichts gesagt.«
-
-»Der Streit und namentlich der hanebüchene Ton haben mich verdrossen,
-ich kann noch nicht schlafen. Mir ist nichts zuwiderer als solcher
-Zank.«
-
-»Und Kliebisch's Wörterbuch! Aber das bauert auf dem Lande so hin
-und wird etwas sehr gerade aus. Du hättest ihm nicht immer wieder
-einschenken müssen. Herrn Ungermann lobe ich, der rührte den Wein kaum
-an und Du mit gutem Beispiel an der Spitze desgleichen, mein Karl.«
-
-»Die letzte Flasche schmeckte nach dem Kork.«
-
-»Und das hat Kliebisch nicht gemerkt?«
-
-»Er war zu sehr in Rage über die Räder und über Ungermann's
-salbungsvolles Geschwätz.«
-
-»Geht da nicht die Thür von der guten Stube?«
-
-Wir lauschten.
-
-Auch die Hausthür wurde vorsichtig geöffnet und geschlossen.
-
-»Ungermann,« flüsterten wir Beide wie aus einem Munde.
-
-[Illustration: Braut und Bräutigam]
-
-»Er hat wohl noch Durst,« sagte mein Karl.
-
-»Nach halbzwei, wo die Lokale zu sind?«
-
-»Nicht alle. Wenn er nur die Hausthür nicht offen läßt.«
-
-»Sei unbesorgt, Dorettens Schutzmann paßt auf unser Haus. Sie nimmt
-sich neuerdings viel heraus, weil sie ihre Unentbehrlichkeit entdeckt
-hat, aber ich übe Nachsicht, allein schon wegen der Sicherheit. Ist es
-nicht romantisch, wie in der Ritterzeit, daß der Bräutigam die Burg
-bewacht, die seine Braut als theuersten Schatz birgt?«
-
-»Vollständig ebenso. Nur die Zugbrücke fehlt. Und das ist ein Glück für
-Ungermann. Oder würdest Du sie herablassen, wenn er in aller Nacht Luft
-schöpfen wollte?«
-
-»In dem Regen? Es gießt ja mit Mollen. Weißt Du Karl... ich trau ihm
-nicht mehr recht.«
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Nebenbuhlerei.
-
-
-[Illustration: "Otilie ist eine gebrochene Lilie."]
-
-Wie viel Wahres im Reimen liegt, das habe ich so recht an einem
-eigengemachten Verse erfahren, der folgendermaßen geht:
-
- Ottilie
- Ist eine gebrochen Lilie.
-
-Für »gebrochen« hätte ich gern ein hinziehenderes Wort, da sie noch
-zusammenhält. Entblättert wäre insofern treffender, als sie die Kräfte
-ihres Geistes unter den Tisch fallen läßt und die Perlen des Wissens
-nicht mehr in die Unterhaltung rollen.
-
-Sonst, wenn jemand blos Telegraph sagte, sie gleich: »Wenn alle
-Linien aneinandergeknüpft würden, umgürtelten sie die Erde
-siebenunddreißigmal« und keiner widersprach. Denn woher hatte sie es?
-Und ebenso mit den Gestirnen und entlegendster Geographie und was
-Professoren so aushecken. Das ist ja das Schöne bei Wissenschaft: Wer
-kann sie bestreiten? Wer wickelt den Draht um den Erdball? Wer streut
-den Kometen Salz auf den Schwanz? Einen Braten wiegt man nach. Obst ist
-schon schwieriger. Geflügel geht nach Gutdünken, aber Wissenschaft ist
-gänzlich Vertrauenssache.
-
-Der junge Herr Brauns, der hat Ottiliens Zuversichtlichkeit ins Wanken
-gebracht. Wir waren zusammen in dem Chemie- und Instrumentengebäude.
-Herr Brauns führte uns. Es war schrecklich. Ich meine nicht das Gebäude
-und nicht, was drin ist. Nein, aber das Licht, das uns aufging.
-
-Herr Brauns machte seine Aufwartung und wurde als Ungermann's Neffe
-freundlich empfangen. Wirklich ein lieber Mensch, man meint nach einer
-Viertelstunde, man hätte sich seit Jahren gekannt, so offen und frisch
-und klar ist sein Wesen. Und so hübsch. Jung und breitschultrig, ein
-Körper, der sich gegen Arbeit stemmt und sie meistert und es mit dem
-Tag aufnimmt, was er auch bietet. Dabei leicht in der Bewegung und
-deshalb steht ihm die Höflichkeit so gut, so ungezwungen.
-
-Ich gehe hauptsächlich nach den Augen. Blicke ich forschend hinein
-und sie antworten mit sonnigem Lächeln, weiß ich, da drinnen steht
-das Paradies der Kindheit noch in Blüthe. Sind die Augensterne
-verschleiert, weichen sie aus und senken sich die Lider, dann ist der
-Garten des Herzens nicht gut gehalten, dann ist Unkraut drin, auch wohl
-Schierling.
-
-Eine ältere Frau darf einem jungen Mann in die Augen schauen, jungen
-Mädchen ist es nicht erlaubt. Sie thun es aber doch -- gerade so wie
-Ottilie -- und wenn sie einen Blick in den Rosengarten gethan haben,
-vergessen sie ihn nie wieder und träumen davon bei Tag und bei Nacht
-und versäumen alles andere, die Wissenschaft und das Häusliche und
-sind ein lebendiger Wunsch geworden, in jenem Garten unter den Rosen
-hinzuknieen in anbetender Seligkeit.
-
-Und er, der junge Mann, er war bereit, ihr das Schlüsselchen zu dem
-Thore seines Herzens zu schenken. Man sah es ihm an. Er wurde noch
-einmal so hübsch in Ottiliens Nähe, die Wangen rötheten sich tiefer,
-die Augen strahlten und lächelndes Glück öffnete die Lippen, daß sie
-auch ohne Worte redeten.
-
-»Ein Paar wie gemalt,« mußte ich mir eingestehen, wenn ich sie
-nebeneinander sah, »und ein goldener Rahmen dazu,« denn er kann ihr
-eine glänzende Zukunft bieten. Und nun darf sie ihm nicht sagen, wie
-sie ihn liebt und muß ihn abweisend behandeln und darf den Schlüssel
-nicht nehmen, der die Pforte zu den Rosen erschließt, weil es dem
-unglückseligen Kriehberg erging wie dem vielgenannten Cäsar: -- sie kam
--- er sah und wurde gefangen Und nun hackt er.
-
-Er hat sich zu fest an sie geklammert, aber doch nur, weil sie auf mich
-nicht hören wollte und Tante Lina so lange ehestiftete, bis die Kiste
-vernagelt war.
-
-Briefe haben sie sich geschrieben und Kriehberg rückt ihre nicht
-heraus. Seit er Herrn Brauns zuweilen mit uns sieht, plagt ihn die
-Eifersucht und er drängt auf Verlobungskarten.
-
-»Ich beauftrage sie nicht,« sagte ich. »Sie können doch unmöglich als
->Stellesuchender< darauf prangen?«
-
-»Als Architekt.«
-
-»Was besagt so'n Fremdwort? Und Baumeister sind Sie nicht. Also --
-fragen Sie nach mehreren Jahren mal wieder vor.«
-
-»Damit ein Anderer sie mir raubt? O nein. Ich weiche Keinem. Er stelle
-sich mir gegenüber, drei Schritt Barriere und Kugelwechsel, bis einer
-liegt.«
-
-»Herr Kriehberg, einen solchen blutwürstigen Dietrich hätte ich nie in
-Ihnen gesucht, und er paßt Ihnen auch nicht. Zu komisch.«
-
-Ich lachte. Er wurde fürchterlich vergrätzt aussehend.
-
-»Ich dulde keinen Hohn,« rief er. »Keinen, und von Niemand.«
-
-»Wollen Sie mich am Ende fordern?«
-
-»Sie nicht, aber Ihren Gatten.«
-
-»Der hat so seine Ansichten über das Duell, mit dem werden Sie wohl
-kein Glück haben.«
-
-»Ein Gewisser aber, ein gewisser Jemand entgeht mir nicht. Der Gigerl,
-der sich an Ottilie heranpirscht, der Laffe, der Schafskopf...«
-
-»Erlauben Sie, Herr Brauns ist durchaus kein Gigerl!«
-
-»Also Brauns heißt die Canaille? Der soll mir vor's Messer. Ich danke
-Ihnen für die Adresse!«
-
-»Herr Kriehberg, trinken Sie ein Glas Selters, Sie sind aufgeregt.«
-
-»Mein Blut ist kalt.«
-
-»Dann giebt es keine Entschuldigung für Sie. Und nun ist unsere
-Zwiesprache zu Ende; es kommen Leute.«
-
-Diese Unterredung fand in der Ausstellung des Buchgewerbes statt,
-wo bei schönem Wetter die einsamste Einsamkeit herrscht, da die
-Literaturhelden des deutschen Vaterlandes Einem blos den schimmernden
-Rücken zeigen und ahnungslos dahin verschlagenes Publikum merkwürdig
-rasch es ebenso macht.
-
-»Also Sie weisen mich ab?« knirschte er.
-
-»Nehmen Sie Vernunft an, dann sprechen wir weiter.«
-
-»Was reden wir noch lange? Sie haben mir meine Ausarbeitungen bezahlt;
-gut. Von der Verstümmelung meiner Geisteskinder schweige ich, sie war
-haarsträubend. Ich war in Noth... Sie beuteten mich aus...«
-
-»Nehmen Sie die Backen man nicht zu voll. Ich wende Ihnen zu, was
-mir die Zeitung bezahlt, und Sie werfen mir Wucher vor? Und was Sie
-aufgesetzt hatten, war Quatsch, dreimal destillirter Quatsch. So, nun
-wissen Sie's.«
-
-»Wer hat das gesagt? Hat er das gesagt? der _p. p._ Brauns? Ei warte,
-mein Junge!«
-
-»Nein, das sage ich. Denn was man nicht verstehen kann, ist Quatsch.
-Warum schreiben Sie kein reguläres Deutsch? Und Ihre Pläne können Sie
-wieder abholen lassen, die waren überflüssig und sind überflüssig und
-werden ewig überflüssig bleiben. Für Ihre weiteren Klamottenberichte
-danke ich. Und nun denke ich, sind wir miteinander fertig.«
-
-Er antwortete nicht.
-
-»Mütterlich hab' ich es mit Ihnen gemeint, weil sie so allein standen
-und mit Ihnen herumgestoßen wurde, woran Ihre Ueberzogenheit Schuld
-ist und Durchdrungenheit am verkehrten Platz. Aber ausbeuten?... Pfui,
-schämen Sie sich.«
-
-Dies ging rasch und hastig und halblaut, weil schon Volks uns
-einkreiste, sich an Skandal zu weiden, anstatt Goethen und Schillern
-und den andern Prachtwerken näher zu treten.
-
-Kriehberg preßte die Kiefer aufeinander. Dann brachte er mühsam heraus:
-»Ich glaube,... Ihnen... Ihnen habe ich Unrecht gethan. Ich weiß es
-nicht. Ich... ich kann und kann den Andern nicht ausstehen; ich hasse
-ihn; ich kenne mich nicht mehr. Ich darf nicht an Ottilie denken: ich
-sehe ihn neben ihr, er spricht mit ihr, er ist hübscher als ich, ich
-muß es ihm lassen. Ich werde rasend. Für uns Beide ist die Erde zu
-klein, viel zu klein.« Er war nach und nach so schreiig geworden, daß
-immer mehr Gaffgesichter sich ansammelten.
-
-»Mit uns ist es aus und damit Basta,« rief ich und bahnte mich durch
-die Menge.
-
-»Wat sagte sie von'n Paster?« hörte ich ein Weib.
-
-»Natürlich Scheidung,« sagte eine andere. »Et nimmt selten en
-fröhlichet Ende, wenn ne Olle sich'n Konfirmanden heranheirathet.«
-
-»Jeschieht ihr janz Recht.«
-
-Ich floh an den Möbelkojen vorbei, als hätte ich einen Eßtisch
-gestohlen oder einen Kronleuchter in die Tasche gesteckt, so
-unglaublich kam ich mir vor.
-
-Ich bin auch wohl mal eifersüchtig gewesen in grundloser Dummheit
-unerfahrener erster Ehestandsjahre, aber mit Weinen und Abbitte und
-in wachsender Liebe zu meinem Karl, nie nicht mit Rachgierigkeit
-und Mordgelüst. Meinen Mann fordern! Lachhaft! Wenn er kommt, mein
-Karl ihm eine Backpfeife verabreicht, daß sie in Stücke fliegt. Aber
-Herr Brauns, der kann sich in Acht nehmen. Kriehberg ist ja toll,
-so verrückt, daß sie ihn in Dalldorf garnicht einlassen. Und mich
-für wahnwitzig halten... ich Kriehberg's Gattin. Giebt es keinen
-Schandpfahl für Weiber, die einem solche Verleumdungen nachschleudern?
-Freilich, man ist weiß wie der Schwan, der blos untertauchen braucht,
-wenn Gemeinheit ihn mit Stiefelwichse bewarf. Wo aber ist die
-reinigende Fluth für den mit Unwahrheit bekleckerten Menschen? Wo
-tauche ich unter, die Beschimpfung abzuspülen?
-
-Wasser that es nicht. Doch ich weiß einen stillen See, der nimmt alle
-Kränkung, allen Unglimpf hinweg und ist nicht größer, als daß er mich
-gerade umfängt. Meines Karls Brust ist es, an die flüchte ich und er
-schließt mich in seine Arme und ich tauche in seine Liebe. Dann kann
-ich ihm alles sagen und, wenn ich Federn hätte: um neben mir nicht
-abzufallen, müßte mancher Schwan nach Spindler.
-
-Ich eilte mich und kam gerade rechtzeitig, Frau Kliebisch und Ottilie
-in dem Stelldichein-Zelt zu treffen. Und wer war bei ihnen in
-schlichtem hechtgrauem Anzug wie angegossen mit blendender Wäsche,
-weißem Schlips, worin ein vornehmer Brillant, und grauem Hütchen,
-das die braunen Augen und den schwarzen Schnurrbart noch eine Nummer
-dunkler abstachen? Herr Rudolph. Was beginnen? Ihm von Kriehbergs
-Nebenbuhlerkoller sagen, ihm Ottilien's Verplemperung mittheilen und
-den Keim vernichten, worin das Glück zweier schöner Menschenkinder
-dem Lichte zustrebt? Nein. Wenn aber Kriehberg angefaucht käme? Die
-Schießröhren sind ja billig und überall feil, daß schon Klippschüler
-sie zur Vertheidigung ihrer Ehre aus dem Maikäberverdienst anschaffen.
-Also hat Kriehberg sicher Pulver und Blei in der Westentasche.
-
-[Illustration: Duell]
-
-Die geistige Volksküche im Chemiegebäude, wo ich letzt mit Ottilie
-einem Vortrage über die Entwickelung des Klavierbaues beiwohnte, ist
-ein trefflicher Platz, jemand zu vermeiden, aber nur von Sechs bis
-Sieben. Der Klavierbau war sehr interessant. Ich fragte Ottilie, ob
-sie spielen könnte? Sie sagte nein, aber sie thäte es doch manchmal.
-»Das machen Viele so,« erwiderte ich, aber jetzt, da sie zum Drehen
-eingerichtet worden, sind Klaviere nicht mehr die Qual der Kinder und
-die Plage der Nachbarschaft. Alles Ueben ist schrecklich, nur nicht das
-Ueben der Tugend. -- Ich gebe ihr zeitweilig solche Inschriften zum
-Einmerzen ins Gedächtnis, aber seit Rudolph Brauns sind sie bei ihr
-weggeworfen.
-
-Herr Brauns lud uns zu einer Fahrt im Motorboot ein. Ich schützte
-sofortige Seekrankheit vor.
-
-»Das war doch in Italien nicht? Wissen Sie noch in Venedig?« sagte die
-Kliebisch.
-
-»Auf Salzwasser kann ichs ab,« flunkerte ich in meiner Angst.
-
-Und Rudolph, der feinfühlige, verstand im Nu, daß ich eine Absicht
-hatte und schlug die für den Ackerbau hoch wichtigen metereologischen
-Apparate vor. -- »Pfeif' ich drauf,« sagte Kliebisch. »Mein großer
-Schafbock ist der beste Wetterprophet. Greif ich ihm in die Wolle und
-sie ist klammweich, wird's regnen, ist sie hingegen trocken, kann
-ich einfahren. Ich denke, wir besichtigen die landwirthschaftlichen
-Maschinen.«
-
-Das ging nicht. Kriehberg schnob ja Wuth im Hauptgebäude, wo die Milch-
-und Butterfässer sich langweilten.
-
-Deshalb rief ich: »Ottilie, Du hast doch so unendliche Neigung für
-Physikalisches.«
-
-Rudolph Ottilien den Arm geboten und ab. Ich ärmelte seine andere Seite
-unter und hielt meinen Sonnenschirm als Barrikade gegen den Todfeind
-vor sein Gesicht. Befreiungsversuche waren erfolglos, bis wir im
-Chemiegebäude aufathmen durften.
-
-Was hat er uns Alles erklärt! Er weiß was und noch ein Ende mehr. Und
-bei manchem sagte er trotzdem, daß jahrelanges Studium dazu gehörte,
-um es voll zu verstehen und zu würdigen. Wo bleiben wir Frauen,
-wenn ein Mann wie Brauns offen bekennt, ohne Mühe und Arbeit in
-verschiedene Gebiete nicht eindringen zu können? Was Ottilie gelernt
-hat, verschwindet gegen sein Wissen, wie ein Talglicht gegen den
-Scheinwerfer. Und nun ich gar, die ich noch aus der examenlosen Zeit
-stamme. Wie konnte ich so vermessen sein, Berichte zu übernehmen und
-von Sachen schreiben zu wollen, die mir viel zu klug sind? Freilich
-sollte Ottilie helfen, aber sie langt nicht, indem, was sie weiß,
-keinen rechten Zusammenhang hat, sondern mehr auswendig gelernt und
-blos so hergesagt. Und in Kriehberg täuschte ich mich gründlichst. Der
-hat sich zu einem netten Alligator ausgewachsen.
-
-Herr Brauns machte uns auf den berühmten Spektralapparat aufmerksam,
-durch den die Gelehrten wahrnehmen, was auf anderen Weltkörpern
-gekocht wird und zwar merkwürdigerweise mit Gas, wenn ich ihn recht
-verstand. Mir waren ja noch sämmtliche Pulse in Aufruhr. Und zu den
-Sternphotographieen führte er uns. Millionen weiße Tippel, aber in
-Wirklichkeit viel größer als die Erde.
-
-»Sind die alle bewohnt?« fragte ich.
-
-»Wenn nicht alle, so doch gewiß viele.«
-
-»Von Wesen, so wie wir? Giebt es da auch Rauhbeine, die auf Mord und
-Todschlag sinnen?«
-
-»Aber Tante!« rief Ottilie. »Wie schrecklich!«
-
-»Glücklich, wer frei von Schuld ist,« sagte ich beziehungsvoll, »und
-sich nicht auf einen entfernten Himmelsglobus zu wünschen braucht, wenn
-es los geht.«
-
-[Illustration: Chemiker]
-
-Ottilie zuckte die Achseln; Herr Brauns trat an den nächsten Schrank.
-»Sehen Sie diese Wage,« sagte er, »darauf kann man den zehnten Theil
-eines Flohbeines wiegen.«
-
-»Wird denn so was in Ausschnitt verkauft?« fragte ich.
-
-Er lächelte. »Ich wollte Ihnen nur andeuten, wie empfindlich solche
-Wagen sind, mit denen die Chemiker ihre Analysen machen. Und sehen Sie
-hier dieses Jenaer Glas, eines der ruhmvollsten Resultate deutscher
-Wissenschaft und Technik.«
-
-»Ich sehe nichts daran. Wodurch ist es so hervorragend?«
-
-»Jede Sorte hat ihre vorherberechnete Brechung.«
-
-»Die hängt doch von den Philippinen ab; manche zerbrechen viel, manche
-gehen schonender mit den feinen Gläsern um. Sehr gerissen, das Alles
-vorher zu berechnen.«
-
-»Unter Brechung verstehen wir die Dispersion des Lichts, und da
-eben diese Glassorten verschiedene Brechungscoëfficienten besitzen,
-lassen sich achromatische Linsen von erstaunlicher Leistungsfähigkeit
-schleifen. Früher war Deutschland in optischen Apparaten von Frankreich
-und England abhängig, jetzt sind sie unsere Kunden. Und nicht wahr, das
-freut Sie doch auch?«
-
-»Als wenn Sie meine Gedanken gelesen hätten,« gab ich zurück.
-
-Und einen solchen Prachtmenschen will Kriehberg umbringen.
-
-Mir war der Boden heiß, auf dem ich wandelte. Mein einziges Trachten
-war: weg, sobald als möglich weg!
-
-Auf mein dringendes Befürworten fuhren wir mit dem nächsten
-Schiffe stadtwärts, ich und Ottilie und er. Ich hielt unter diesen
-Verhältnissen die Spreedampfer für weniger lebensgefährlich als das
-Ausstellungsgebiet mit Kriehberg als Kain und Herrn Brauns als Abel,
-weil sie so schön leer waren.
-
-Ich sah ihm an, daß er nur eine Gelegenheit abwartete, eine Frage an
-Ottilie zu richten und sah ihr an, daß sie die Frage fürchtete. Und so
-kam es zu keiner Näherung. Sie war einsilbig bis zur Unart und mußte so
-sein.
-
-Deshalb ist Ottilie eine gebrochene Lilie. Und dabei verhehle ich ihr
-das Schlimmste, nämlich Kriehberg's Verrücktheiten.
-
-Wenn ich nicht vorsichtig die höchste Schläue aufböte und die Pfade der
-Unvernunft sperrte, ich glaube, wir lägen schon alle miteinander auf
-dem Kirchhof.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-In den Kunstalpen.
-
-
-Warum ich immer noch nicht in das Hochgebirgspanorama, das
-am grünen Strand der Spree seine Schneegipfel in die von
-Maschinenhaus-Schornsteinen erzeugten Rauchgewitterwolken streckt und
-von innen Tausend Fuß höher sein soll als von außen, gelangte, das ist
-einfach zu sagen: Ich hatte zu viel Verdruß und trübe Aussicht in die
-Zukunft, war für die Alpen daher ungeeignet.
-
-Und nun kam ich doch dazu. Morgens beim Kaffee fallen meine Blicke
-nämlich auf eine Anzeige: »Gesucht ein Architekt, guter Zeichner, mit
-praktischen Erfahrungen für N 44 Köpenickerstraße Nr. so und so.«
-
-Mein sofortiger Gedanke lautete Kriehberg. Seine Baupläne waren
-noch gegenwärtig. Ich sie eingepackt und mit einem Schreiben durch
-einen Dreiraddienstmann an Ort und Stelle gesandt. Ein wundervolles
-Schreiben, worin ich ihn so dringend empfahl, daß er genommen werden
-mußte, falls der N 44 nur ein paar Millimeter menschliches Rühren sein
-eigen nannte. Er mußte, es war nicht anders denkbar.
-
-Und an Kriehberg ebenfalls einen Eilbrief gerichtet mit dem Schlußwort:
-»Melden Sie sich; wer wartet, an dem rennt das Glück vorbei, man muß
-ihm, wie bei der Pferdebahn, entgegengehen. Auf der Haltestelle ist der
-Andrang zu groß. Vertrödeln Sie die Wendung Ihres Lebens nicht. Ich
-wünsche Ihnen das beste Fortkommen.«
-
-Ob ich es wünschte! -- Wär' er nur erst weg.
-
-Was man so recht von Herzen hofft, kommt Einem vor, als wäre es schon
-geschehen. Ich sah Kriehberg bereits in seiner neuen Thätigkeit,
-von Arbeit derart breitgedrückt, daß er an Ottilie zu denken selbst
-Sonntags keine Zeit mehr hatte, von seinem Brotherrn alsbald anerkannt.
-Der hat natürlich eine Tochter, die ihn anfangs übersieht, schließlich
-aber durch den Vater auf Kriehberg's Tüchtigkeit hingewiesen, ihn
-von Fabrikwegen heirathet. Er schickt mir die Verlobungsanzeige, ich
-schreibe ihm einen noch wundervolleren Brief mit dem Motto: »Arbeit ist
-die beste Lotterie, die ihn in den ersehnten Glückshafen gelotst hat«
-und führe zwischen den Zeilen aus: welcher Esel er gewesen wäre, wenn
-er Ottilie gezwungen hätte, mit ihm die schmale Leiter der Karrière zu
-besteigen, auf der er alleine schon die Sprossen durchtrat. Zum Schluß
-dann, schöne, gediegene Segenswünsche mit dem scherzhaften Hinweis auf
-Gevatterstehen bei dem ersten Kriehberg jun., der fröhlich heranwachsen
-möge, seinen Eltern zur Freude und der Menschheit zum Zierrath.
-
-Aber man muß sich keine Tischrede eher ausdenken, als man zu Gast
-gebeten ist. Vorläufig hatte Kriehberg noch nicht einmal die
-Stellung und ich wollte schon taufen. Ich mußte ja mit Kriehberg's
-Charakter rechnen, der im entscheidenden Augenblicke auf gesunden
-Menschenverstand verzichtet. Mir kam deshalb der Gedanke, persönlich
-selbst den Y 44 mit diplomatischen Reden zu bearbeiten, bis er froh
-würde, eine Kraft wie Kriehberg zu gewinnen. Mein Karl war jedoch
-uneinverstanden.
-
-»Du hast mit Deinem Empfehlungsbrief des Guten schon zu viel
-gethan,« sagte er. »Richtiger wäre gewesen, ich hätte ihm ein Attest
-ausgestellt. Zeugnisse schreiben ist Männersache.«
-
-»Das wäre Schablone geworden. Ihr fangt immer an: >Ein Sohn frommer
-aber ehrlicher Eltern, ohne einen Groschen in der Tasche geboren,
-hat der Betreffende durch Fleiß und Ausdauer sich Kenntnisse in
-seinem Fache erworben, die ihn befähigen, einen Posten selbstständig
-auszufüllen u. s. w.< So was läßt kalt. Ich hingegen habe den alten
-Ypsilon angewärmt, sag' ich Dir, wie es nur eine Frau im Stande ist,
-die etwas durchsetzen will. Noch ein paar mündliche Angriffe und er ist
-erlegt.«
-
-»Und wenn Kriehberg sich nachher unzulänglich erweist, wer trägt die
-Verantwortung?«
-
-»Das geht mich im Geringsten gar nichts an. Der Mann muß wissen, wen er
-sich aufladet. Uebrigens glaube ich, daß Kriehberg sich zusammen nimmt
-und der würdige Fabrikherr gewinnt ihn lieb wie einen Sohn. Im Grunde
-ist Kriehberg nicht schlecht.«
-
-»Das Wenigste, was von einem anständigen Menschen verlangt wird. Nicht
-schlecht ist lahmes Lob und heißt in Wahrheit >taugt nichts.<«
-
-»Da irrst Du Dich, mein Karl. Es giebt aber verschiedernerlei Güte, wie
-beim Beefsteak. Wo kriegst Du auf Reisen wohl gutes? Und wie preist Du
-Dich glücklich, wenn es wirklich nicht schlecht ist? Kriehberg ist noch
-jung und er hat seine guten Seiten.«
-
-»Hat er? Und die wären? Bitte heraus damit.«
-
-»In diesem Augenblick und so mit Gewalt kann ich mich nicht darauf
-besinnen.«
-
-»Wäre es nicht besser, ich redete einen Ton mit ihm?«
-
-»Nein, nein, Du nicht. Gereizt wird er gefährlich. Bedenke, wenn er
-Dich zum Zweikampf forderte.«
-
-»Das würde mir riesigen Spaß machen.«
-
-»Karl,« rief ich entsetzt. »Weißt Du denn nicht, wie ungesund das Duell
-ist? Der eine kommt todt und der andere auf die Festung. Ist da Sinn
-drinn?«
-
-»Nein, Unsinn. Uebrigens, was willst Du mit dem Zweikampf besagen? Ist
-er eine bloße Idee von Dir oder steckt etwas dahinter?«
-
-»Dahinter? Wieso? Gott bewahre. Ich dachte nur, weil sich so viele
-abknallen; man liest ja täglich, daß der, der keine Schuld hat,
-immer der ist, der fällt, wodurch die Ehre des Beleidigers völlig
-wiederhergestellt wird, und da junge Leute wild darauf los rempeln,
-sei es wegen einer Dame oder daß die Getränke zu stark waren, -- je
-betrunkener, um so reizbarer ist das Ehrgefühl -- oder daß einer
-nicht falsch gespielt haben will... und wie Ehrensachen meistens so
-Unehrensachen sind...«
-
-»Wilhelmine, Du quasselst. Und das ist kein Wunder. Du strengst Geist
-und Körper zu sehr an. Das Beste für Dich wäre eine Erholungsreise.«
-
-»Was wird aus unserm Hotel, wenn ich feige fliehe? Wer verhütet Mord
-und Todtschlag, wenn ich nicht als Schutzgeist zwischen den Parteien
-walte?«
-
-»Du phantasierst.«
-
-»Du giebst mir Dein dreimal heiliges Ehrenwort, Dich unter keinen
-Umständen zu schießen?«
-
-»Mit wem?«
-
-»Zum Beispiel mit Kriehberg.«
-
-»Dem haue ich eine herunter, daß ihm vier Wochen der Hut nicht paßt.«
-
-»So habe ich mir es auch ausgemalt, ganz ähnlich gerade so. Das
-beruhigt mich. Und wie erquickend wird der Winter, wenn der
-Ausstellungsrummel vorbei ist und wir uns selbst wieder angehören. Viel
-wollen wir nicht mitmachen, aber auf das Fest des Alpenvereins gehen
-wir. Hast Du Dich schon etwas im Bayerischen vervollkommnet, mein Karl?
-Auf der Ausstellung bietet sich die schönste Gelegenheit dazu.«
-
-Es ist wagenladungsweise Bayerisches vorhanden, sowohl Getränk, wie
-Nationalspeisen und -Trachten, die theils von Kellnerinnen getragen
-werden, theils von Natursängern, theils vom Wurzelsepp, der am
-unverfälschtesten umhergeht und jeden mit dem im Höhenklima zuhausenen
-Du anredet, worauf der als Steifmeier verschrieene Norddeutsche sofort
-zeigt, daß er süddeutsche Gemüthlichkeit nicht nur dem Namen nach
-kennt, sondern, da sie hauptsächlich in der herzlichen Sprache liegt,
-sie auch auszuüben versteht und womöglich gleich losjodelt.
-
-Auf dem Alpenvereinsfeste kommen Berliner vor, die von gelernten
-Tirolern nicht zu unterscheiden sind: die Damen ganz Oberammergau'sch
-und die Herren mit bloßeren Knieen, als mitten im Winter gesund ist,
-nur das Tirolerische radebrechen sie, daß die Gemsen abstürzen,
-wenn sie's hören. Warum hat noch niemand ein Büchlein verfaßt:
-»Oberbayerisch in vierundzwanzig Stunden zu beherrschen,« das viel
-Segen stiften würde und zur Ausstellung fertig hätte daliegen müssen,
-die Risse zwischen Süden und Norden zu verleimen? Das Trinken der guten
-Bräue allein versöhnt nicht, das gegenseitige Verständniß, das einigt
-und mein Karl hat die Erlaubniß, mit den Münchener Kellnerinnen sich
-für den nächsten Alpenball im Plauschen zu vervollkommnen, denn es
-sind armforsche ältere Jahrgänge, fleißig und eifrig im Bedienen, daß
-es mit dem Anbandeln nichts ist.
-
-[Illustration]
-
-»Karl,« sagte ich, »wenn Du überall in Deine Reden, das heißt mit
-Auswahl, ein freundliches a hineinsetzt, gelingt das Bayerische
-bildschön und anheimelnd. Lieber Bube heißt zum Exempel liabr Bua.
-Danach mußt Du Dich richten und statt grüßen sagst Du grüaß'n und
-Landsbergastraß'n und Mauastraß'n und Zimmastraß'n, hingegen wiederum
-Jagastraß'n, die geht unregelmäßig. Und dann sagst Du zwischendurch
->schau< und >guat< und was niedlich ist, kriegt ein rl hintendran,
-wie >Klimbimberl<, wenn man a Ulkerl macht, wodurch Härten gemildert
-werden, wie Potsdamerl oder Stieferl und nicht gleich duellirt werden
-braucht.«
-
-»Schon juat, Schatzerl,« unterbrach er mich.
-
-»Schau, Karl, eben hast Du ein Fehlerl g'macht. Das g wird nicht
-Rosenthalerthorisch betont, sondern härtlich, wie im Schillertheater.
-Janserl wäre z. B. total verkehrt. Ganserl mußt Du sagen und immer
-gemüthlich, sehr gemüthlich, so mit dem Brustton der Gemüthlichkeit.«
-
-»Ich werde mir Mühe mit dem Hofbräuhausdialekt geben, aba wundra die
-net, wann i öfta mit an Rauscherl ham komma.«
-
-»Punktum!«
-
-»Woso?«
-
-»Auf Dein Komma gehört ein Punktum. Schau, ham komma thu, hätte es
-heißen müssen.«
-
-»I dank schön für Kalaua«, rief er. »Alte, Du hast a Klapserl.« --
-
-»Das war der richtige Akzang. Karl, besorge die Karten zum
-Alpenfest rechtzeitig, sie werden zu rasch alle. Mit Deinen unteren
-Tanzbein-Muskeln nimmst Du jeden wattirten Wettbewerb auf, kommt die
-sprachliche Echtheit dazu, erregst Du Bewunderung.«
-
-»Und als was willst Du gehen? Weißt Du, wir sehen uns die Bayerischen
-Madln in der Ausstellung an und was Dir am besten gefällt, das
-läßt Du Dir schneidern. Komm, Alte, wir machen eine Bergfahrt ins
-Alpenpanorama, die ist gut gegen Deine Grillen. Und die Gedanken an das
-Fest im Winter zerstreuen Dich.«
-
-Ich überlegte. Von dem vor meinen geistigen Augen sich ausbreitenden
-Blutfelde in die gemalten Berge zu entweichen schien mir befreiend und
-aufheiternd. »Mir recht,« willigte ich ein. --
-
-Das Alpenpanorama hatte ich mir aufgehoben, da aus Erfahrung Panoramen
-länger bestehen als Theater, selbst mit eigens bestellten Dichtungen
-der Vergangenheit in Versen und Patriotismus, aus Gipsbüsten,
-Rothfeuer- und Jubelmarschfanfaren der nicht auf das Herz sondern auf
-die Groschen zielt. Da dürfen sich die Unternehmer nicht wundern,
-wenn keine das Haar abschneidet oder den Trauring versetzt, ihre
-Vaterlandsliebe an solchen Kunstaltären zu bethätigen und der
-Pleitegeier sich auf dem Dache des Musentempels einnistet.
-
-Sehr seltsam ist die Bergfahrt. Anstatt in die Weite hinaus, fährt man
-ins Enge, ordentlich auf Aussichtswagen. Erst quert man in einen Tunnel
-hinein und wenn man aus ihm herausquert, sieht man in Thäler hinab, auf
-Ortschaften, Fluren, Flüsse, Wälder und ferne Gebirge, als wäre man
-wirklich im Zillerthal, daß man nicht weiß, ob es Natur oder Kunst ist,
-woran die Bergbahn vorüberfährt. Und der Führer im Wagen erklärt Alles
-und die Reisenden sind entzückt und rufen Oh und Ah und Herrlich und
-Großartig und, wer persönlich in den Gegenden gewesen ist, erzählt, es
-wäre wirklich so, wie es aussähe und zeigt die Gipfel, die er erklommen
-und wo er gejodelt hat und wo er zu Nacht gegessen und was und wie gut
-und wie billig er es gehabt hat, ganz wie richtig unterwegs im Kupeh,
-wodurch die Täuschung ins Fabelhafte gesteigert wird.
-
-Für die Schönheit, die Meister Rummelspacher gemalt hat, ist die
-Fahrt schier zu kurz, man möchte mehr und mehr haben. Aber schon ist
-der elektrische Aufzug erreicht. Hinein in die Kabuse. Der Führer
-lockert die Stange und die Maschinerie zieht an. Mit unheimlicher
-Geschwindigkeit geht es hoch. Am Fenster sieht man Felsen und Klüfte
-und wie man an ihnen vorbeirast.
-
-»Karl,« sagte ich, »wenn der Strick reißt, schmettern wir in den
-Abgrund. Mir scheint die Sache brenzlich.«
-
-»Keinen Zoll bewegen wir uns,« lachte er. »Die gemalten Berge am
-Fenster rollen herab, wir dagegen halten. Der ganze elektrische Aufzug
-ist eine optische Täuschung.«
-
-»So'n Schwindel!« rief ich empört.
-
-»Nicht doch. Panoramen sind auf schönen Schein berechnet. Danken wir
-den Künstlern für ihre Geschicklichkeit, uns mit ihrer Kunst ins
-Hochgebirge zu versetzen, als wären wir da. Wie viele, die nie nach
-Tirol hinkommen, schauen es hier und behalten seine Herrlichkeit im
-Gedächtniß! So, und nun sind wir oben.«
-
-Der Führer öffnete die Thür an der anderen Seite, wir querten hinaus,
--- queren ist jetzt sehr beliebt in Reisebeschreibungen -- querten
-durch einen Felsengang und standen nun auf der Aussichtswarte des
-Ochsners.
-
-Vor uns das Thal und der Schwarzensteingletscher, die Firne und Höhen,
-hoch wie die Wolken. Wie groß, wie erhaben! Dazu rauschende Wasserfälle
-und Tannen und Gestrüpp; ein Rundblick über Nahes in die Ferne, in die
-Alpenwelt, daß man alle Sorgen vergißt.
-
-Während wir in dem Hinblick der Alpen schwelgten, erzählte ein
-Mann, daß ein Verein im Werden begriffen sei, der sich als
-Rettungsgesellschaft in den Bergen niederlassen wolle, den
-Abgestürzten erste Hilfe zu bringen. In den Schutzhütten sollen
-Tragbahren, Verbandkästen, Arm- und Beinschienen, Universalpflaster,
-Doctorschriften und alles was nöthig ist, Verunglückte einigermaßen
-wieder einzurenken, gelagert werden, daß die Kletterer mit größerer
-Beruhigung auf die unzugänglichsten Gipfel fexen können. Wenn sie
-fallen, fallen sie der Medicin in die Hände.
-
-Mir grauste, als ich dies hörte. Warum muß der Mensch sich unnöthig in
-Lebensgefahr begeben? Wegen der Ruhmredigkeit, auf einem Zacken der
-Erdoberfläche gesessen zu haben, auf dem ein anderer nie zuvor gehockt
-hat? Mit Halsbrechgefahr über eine Eisspalte zu turnen, über die
-überhaupt kein Weg geht, blos um zu sagen, ich that es? Ist denn das
-eine Ehre, mit dem Tode zu spielen um ein Nichts?
-
-[Illustration: Absturz im Gebirge]
-
-»Wie beim Duell -- um ein Nichts,« schoß es mir durch. So schön
-die Welt, wie thöricht, eines Wahnes willen, auf ewig die Augen zu
-schließen und nichts mehr zu schauen, nichts. Keine Sonne, kein
-Alpenglühen, keinen Baum, keinen Strauch, nie mehr das Rauschen der
-Wasserfälle hören, keinen Vogelsang, keinen Glockenklang. Nur noch
-in den Zeitungen gemeldet und nicht einmal bedauert, sondern der
-Vergessenheit mit der Grabrede übergeben: »Er hat selber schuld.« --
-Nicht schön das.
-
-Wir verließen die gemalten Alpen. Man wird feierlich und ernst
-gestimmt. Mir war ernster als ernst zu Muthe.
-
-Beim Ausgange erwartete uns jemand, froh und freudestrahlend und
-begrüßte uns herzlich in lieber Freundschaft. Es war Rudolf Brauns. Er
-stand im hellen Sonnenlichte, ein Bild des Lebens und der Jugend, mit
-rothen Lippen und gesunden Wangen und glänzenden Augen.
-
-»Ich sah Sie abfahren, leider war der Zug besetzt,« sagte er, »aber
-hier mußte ich Sie treffen. Ich wollte Ihnen nur mittheilen, ein wie
-großes Vergnügen es mir macht, Ihnen gefällig sein zu können. Ihr
-Schützling wird angenommen, wenn seine Ansprüche nicht allzuweit gehen.«
-
-»Mein Schützling?« fragte ich. »Wen meinen Sie damit?«
-
-»Nun den Architekten, den Sie mir so warm empfohlen haben.«
-
-»Ich Ihnen einen Architekten? Ihnen? Nicht daß ich wüßte.«
-
-»Nun ja doch. Auf meine Anzeige sandten Sie mir eine Rolle Zeichnungen
-mit einem Begleitschreiben...«
-
-»Sie sind doch nicht Ypsilon 44?«
-
-»Ypsilon 44. Ich suche einen Zeichner für unsere Fabrik...«
-
-»Allmächtige Güte!« rief ich. »Nun geht der Ballon den verkehrten Weg.
-Nein, nein.«
-
-»Aber mit Vergnügen. Heut Abend stellt er sich mir vor.«
-
-»Weiß er, daß Sie es sind?«
-
-»Nein.«
-
-Mir ward graublau vor den Augen. Ich sah Herrn Brauns als erschossene
-Leiche liegen und Kriehberg mit blutigem Revolver daneben. Was war zu
-thun. So verbiestert wie jetzt, hatte ich mich noch nie.
-
-»Heute nicht,« stotterte ich. »Heute empfangen Sie ihn nicht. Denn...
-denn... heute bleiben Sie bei uns... zum Abendbrot. Nicht wahr...
-Morgen ist es auch noch Zeit?«
-
-»Ich bin für Pünktlichkeit... was ich einmal versprochen habe, halte
-ich.«
-
-»Sie kommen mit.« Dann wandte ich mich an meinen Mann: »Karl, wollte
-Ottilie nicht übermorgen abreisen?«
-
-»Mir hat sie nichts gesagt.«
-
-»Nicht wahr, Herr Brauns, Sie geben uns keinen Korb. Ich glaube, Ihre
-Tante würde sich sehr freuen?«
-
-»Wenn man einer Tante eine Freude machen kann, darf man nicht nein
-sagen,« lachte er.
-
-Mein Karl sah mich an, als gefiele ihm mein geistiger Zustand nicht.
-Ich mußte schweigen. Nur Zeit wollte ich gewinnen. Brauns und sein
-Todfeind dürfen sich nicht begegnen. Wo aber ist ein Ausweg?
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Auswärtige und innere Angelegenheiten.
-
-
-Wenn dem Chinesen heiß ist, wedelt er sich Kühlung mit dem Fächer
-zu, spürt der Deutsche Hitze, trinkt er kaltes Bier, und wegen
-solcher-Unterschiede findet der Eine den Anderen uncultivirt. Wir sehen
-auf die Chinesen herab, weil sie einen Zopf tragen, und die Chinesen
-dünken sich hoch über uns, weil wir keinen hängen haben. Wo liegt nun
-die Wahrheit? Der Eine ist, wie mit dem Fächer äußerlich, der Andere,
-wie mit dem Bier auf Eis, innerlich: das Endziel, die Abkühlung ist,
-das nämliche.
-
-Dies sind nicht meine, sondern Onkel Fritzens Gedanken über Asien
-und Europa. Er hält es nämlich mit dem Zopf, natürlich blos, um mir
-zu widersprechen. Wir haben schon in der Schule über die Chinesen
-gelacht, wenn der Herr Lehrer uns eintrichterte, wie verdreht sie Alles
-machen und Pudelbraten mit Ricinusöl essen und nicht 'mal das Alphabet
-können, sondern für jedes Wort ein Zeichen hinpinseln. Und keinen
-Achtstundentag kennen sie und keinen Achtuhrladenschluß und keine
-Sonntagsruhe. Wie schaudervoll: in dem großen himmlischen Reiche kann
-jeder arbeiten, wann und wo es ihm paßt, und seine Steuern erwerben
-und kein heimlicher Schnüffler petzt und kein Streber zeigt ihn an
-und kein Richter verknackt ihn. Welch' gräßlicher Anblick, solche
-Verlodderung der Volkswohlfahrt nebst Müßigschlendern der Straf-Organe.
-
-Und vor ihren Mandarinen rutschen sie Bauch. Das ist erstens
-kriecherisch und zweitens ruinirt es das Zeug.
-
-»Ich bin sehr froh, nicht in China zu leben,« sagte ich.
-
-»Ich dito« stimmte Onkel Fritz mir ausnahmsweise zu. »Denke Dir,
-Wilhelmine, wenn sie Dir kleine Klumpfüßchen anerzogen hätten, daß Du
-nur eben watscheln könntest.«
-
-[Illustration: Mandarin und Untergebene]
-
-»Gehört hab' ich davon, aber warum sie das thun, ist mir nie kund
-geworden.«
-
-»Damit die Frau ihrem Gatten nicht wegläuft.«
-
-»Wie grausam!«
-
-»Nicht wahr? Der arme Mann wird sie nie los.«
-
-»Viel schlimmer ist, wenn man einen Mann nicht los werden kann. Fritz,
-ich bin sehr, sehr unglücklich!«
-
-»Was giebt's? Bist Du Deines Mannes überdrüssig? Hast Du zuviel neue
-Richtung gelesen und willst mitmachen?«
-
-»Scherz bei Seite, Fritz, ich weiß nicht aus noch ein!« Und nun
-erzählte ich ihm meine Noth mit Kriehberg und Ottilie und Herrn Brauns.
-
-»Was geht denn das Dich an?« fragte Onkel Fritz. »Laß doch die jungen
-Leute ihre Angelegenheiten unter sich schlichten.«
-
-»Ich kann kein Blut sehen.«
-
-»Klumpatsch! Du hast natürlich nicht bedacht, daß Menschen keine
-Dominosteine sind, die Du schieben kannst, wie sie nicht wollen. Was
-sagt denn Dein Mann dazu?«
-
-»Das Schlimmste weiß er nicht?«
-
-»Dann muß die Sache sehr mulmig sein.«
-
-»Ist sie auch, Menschenglück und Menschenleben hängen davon ab, wie sie
-endigt.«
-
-»Zunächst deshalb weg mit der Ottilie. Aus den Augen, aus dem Sinn.«
-
-»Sie stirbt daheim an Gram und Kummer, wie Tante Lina. Du sollst sehen,
-nun, da sie nichts mehr zu hoffen hat, schwindet sie bald dahin.«
-
-»Wer? Ottilie?«
-
-»Nein, Tante Lina. Hoffnung ist der Zehrpfennig der Seele. Ist der
-verloren, schließen sich alle Thüren, bis auf die Pforte des Todes, die
-öffnet sich umsonst.«
-
-»Wilhelmine, werde nicht sentimental. Tanten sind zähe und Verlobungen
-gehen täglich zurück.«
-
-»Blos Kriehberg nicht. Er hat Briefe von Ottilie. Er thut Einspruch.«
-
-»Dann laß sie ihn heirathen.«
-
-»Sie liebt aber den anderen.«
-
-»Und Du meinst, Tante Lina, die alte Schraube, hat die Beiden
-zusammengekobert?«
-
-»Wenigstens stark nachgeholfen.«
-
-»Dann wäre es ihre Pflicht wieder auszufädeln, was sie eingefädelt hat.
-Schatz, ich hab's! Setze Dich auf die Eisenbahn, oder womit Du sonst
-hinruckelst, fahre zu Tante Lina, polk ihr die Sachlage klar, damit sie
-so lange brieflich auf Kriehberg einwirkt, bis er Vernunft annimmt. Sie
-weiß ja am besten, wodurch und wie sie gekuppelt hat.«
-
-»Geschehen muß etwas. Uebermorgen reise ich. Doch eins, Fritz, sprich
-mit Niemand ein Sterbenswort. Was aber wird mit meinem Hotel, wenn ich
-abwesend bin?«
-
-»Das läuft nicht weg. Und verbohrter, wie es zugeht mit Dir, geht es
-ohne Dich schwerlich.« -- »Fritz!«
-
-»So heiße ich! Ohne Umstände mache Schluß, so bald wie möglich. Du
-siehst schon ganz spack aus.«
-
-»Meine Talje wird mir zu weit.«
-
-»Sparst Du vier Wochen Krodobrunnen in Harzburg mit Bergklettern. Ich
-an Deiner Stelle karriolte morgen ab.«
-
-»Kann ich nicht. Es ist das große Fest zu Ehren Li-hung-Schangs,
-des chinesischen Vice-Königs. Das muß ich beschreiben. Es wird
-einzig. Alles mit Theekisten-Inschriften, und auf dem Neuen See eine
-mit rothem und gelbem Kattun überzogene Barke und eine Pagode mit
-echten Porzellanvasen von Rex und die Lämpchen blau und gelb in der
-chinesischen Wappenkulör.«
-
-»Wenn das den braven Schang nicht zu Thränen rührt, ist er das Entree
-nicht werth. Es wird doch auf eine Mark erhöht?«
-
-»Versteht sich. Die Kosten müssen gedeckt werden.«
-
-»Glaubst Du, weil Schang von uns mit Schokolade begossen wird, daß
-China deutsche Industrie und deutsche Leute begünstigt? Ich nicht. Ich
-kenne die Onkels durch mein Exportgeschäft. Es sind Gemüthsathleten sag
-ich Dir. Erst kommen sie und dann die andern -- noch lange nicht.«
-
-»Oho! Man erwartet, daß er ein Dutzend Panzerschiffe bestellt...«
-
-»Das dreizehnte oben aufs Packet gebunden.«
-
-»Und Rieseneinkäufe macht. Außerdem soll er ein hervorragender
-Politiker sein.«
-
-»Weißt Du, was Politik ist? Anders sagen als thun. Besser wäre, die
-Deutschen schlössen feste Freundschaft unter sich, als daß sie in der
-Fremde falsche Freunde suchten. Wilhelm, das Nachlaufen, das verfluchte
-Nachlaufen, das ist unser Elend. Wir beleuchten in allen möglichen
-Landesfarben, aber kein Land illuminirt in den deutschen Farben.«
-
-»Warum nicht, da wir doch andere Völker mit Oellampen ehren?«
-
-»Weil es kein schwarzes Licht giebt, und Weiß und Roth nicht langt.
-Sonst thäten sie es aus lauter Hochachtung. Wenn sie könnten, fräßen
-sie uns auf -- vor Liebe. Sie haben oft genug versucht, Deutschland zu
-zerreißen und zu verschlingen, aber ehe sie es todtschlugen, ward es
-lebendig und umgekehrt ein Schuh daraus.«
-
-»War es denn halbtodt?«
-
-»Es träumt zuviel und beim Träumen hält es die Augen nicht offen.
-Augenblicklich träumt es chinesisch.« --
-
-Am Feste regnete es, daß die gelben und blauen Lampen sich in
-Vogelnäpfe verwandelten und Schang sich mit der Ankündigung der
-Illumination in den Zeitungen begnügen mußte, die laut posaunten, daß
-er für fünfzigtausend Brillanten auf der Ausstellung gekauft hätte.
-
-Alle hinausgeströmte Welt ergoß sich in die Gold- und Silberabtheilung,
-wo es während des Regens trocken war, und betrachtete mit erhobenem
-Nationalgefühl die köstlichen Leistungen der Berliner Goldschmiede und
-Juweliere und den Platz, wo solcher Einkauf stattgefunden hatte, wenn
-auch nirgend wo daran stand »für China erworben.« Einige sagten, es
-wären fünfmalhunderttausend Mark gewesen, was nur scherzend bezweifelt
-wurde, da der Chinese furchtbar reich ist. Wenn er will, kann er jede
-Minute ein Zwanzig-Markstück hinunterschlucken, ohne daß er was merkt.
-So erzählte man und beglückwünschte die Juweliere zu dem »großartigen«
-Geschäft und pries den Arbeits-Ausschuß als Häupter vom Ganzen und die
-Ausstellung und Berlin und das Deutsche Reich, daß Handel und Wandel
-so aufblühten und der Goldregen von Osten noch dichter pladdern würde,
-als der Strippenregen vom Himmel. Wer nicht drinnen war, quurkste
-draußen in den Regenwegen und mancher guter Anzug kriegte seinen Rest,
-um dem Stern des himmlischen Reiches zu huldigen, der die Geburt
-goldener Zeiten verkündete; liegt doch im Verdienen heute das Heil der
-Menschheit. Es war ein großer Tag, nur bekam Niemand Schang recht zu
-sehen. Es triefte zu sehr. --
-
-Einige Abende darauf wurde die Beleuchtung wiederholt, wenn auch
-mit ohne Schang. Es soll sehr schön gewesen sein, allerdings mit
-herabgesetzter Freudenempfindung, denn im ganzen hatte Schang für
-nuttige dreitausend Mark Brillanten eingehandelt und war nach England
-und Frankreich gereist, Kanonen und Panzer anzusehen und ähnliche
-Einkäufe zu machen. Konkurrenz schrinkt. Doch steht zu erwarten, daß er
-sie ebenso einseift. Und das lindert den Schmerz wieder.
-
-Fast möchte ich glauben, unser Schulmeister hat die Chinesen nicht so
-gekannt, wie sie uns kennen, und daß Onkel Fritz Bescheid weiß. Man
-irrt sich in nichts leichter als in ausländischen Völkern.
-
-Seinen Rath, Tante Lina zu besuchen, nahm ich an. Ich mußte.
-
-Denn dieser Kriehberg -- man sollte es nicht für denkbar halten --
-wurde herausfordernder als je. Er hätte Aussicht auf feste und dauernde
-Stellung, schrieb er mir, und kein Grund läge vor, ihm Ottilie länger
-zu verweigern.
-
-Herr Brauns brachte jenen Abend bei uns zu, an dem Kriehberg fällig war
-und vor verschlossenen Thüren antrat. Eine sofortige Pustkarte, daß
-N 44 verreist sei und ihm nach seiner Rückkehr Bescheid geben würde,
-sandte ich schleunigst im Geheimen an Kriehberg ab. Und darauf hin
-pocht er auf Aussichten. Unglaublich.
-
-Ottilie war mit der Ungermann und Kliebisch's in ein Theater gegangen,
-so daß Herr Brauns, mein Karl und ich allein beim Abendbrod saßen. Ihm
-fehlte Ottilie; mir nicht.
-
-Wir unterhielten uns über viele, verschiedene Dinge; das Gespräch kam
-nicht in Fluß. Wie wäre es auch möglich, auf die Dauer Theilnahme für
-Gleichgiltiges zu heucheln, wenn sich die Gedanken mit Lebensfragen
-beschäftigen? Und zuletzt hielt er es nicht mehr aus, er konnte sich
-nicht länger bezwingen.
-
-Und wie er erst zögernd begann und erröthete und sagte, wie er auf uns
-zählte, namentlich auf meine Aufrichtigkeit -- er wußte ja nichts von
-meiner so eben abgelassenen Rohrpostlüge -- und dann immer lebhafter
-wurde, je mehr er den Eindruck schilderte, den Ottilie auf ihn gemacht
-hatte, gleich beim ersten Anblick und nachher wieder, so oft er sie
-gesehen, das klang so gewinnend und innig, daß ich ihm freundlich
-zunickte. Und da sagte er, sie müßte die Seine werden, so liebe er sie.
-
-Nun war es heraus, und ich sollte Ja und Amen dazu sagen.
-
-»Sie kennen sich gegenseitig noch viel zu wenig,« wandte ich ein. »Sie
-müssen erst vertrauter werden.«
-
-»Dazu bietet uns das ganze lange Leben Gelegenheit.«
-
-»Und Sie wissen so viel, da kommt Ottilie nicht gegen.«
-
-»Ich will Liebe, nicht Gelehrsamkeit.«
-
-»Sie ist arm.«
-
-»Ich habe mehr als genug. Unsere Fabrik wächst von Jahr zu Jahr,
-unser Betrieb dehnt sich aus. Was mein Vater begründete, führen wir
-gemeinschaftlich weiter, ich bin nicht nur sein einziger Sohn, sondern
-sein geschäftlicher Mitarbeiter. Meine Eltern wollen mein Glück und
-mein Glück ist Ottilie; meine Lebensfreude, sie mit Allem zu umgeben,
-was ihr Wünschen begehrt.«
-
-»Wenn die Eltern mit der Wahl einverstanden sind,« sagte mein Karl,
-»sehe ich nicht ein...«
-
-»Karl!« rief ich, »nicht zu hastig. Hast Du Verständniß von einem
-Mädchenherzen? Ottilie muß doch erst gefragt werden!«
-
-»Das ist Herrn Braun's Sache. Wenn die jungen Leute einig sind, sehe
-ich nicht ein...«
-
-»Karl, versetze Du Dich in Ottiliens Lage, ebenso schüchtern und
-gewissermaßen vom Lande, und Herr Brauns kommt mit der Thür in's Haus
-gefallen und will Dich heirathen, natürlich schreist Du und läufst
-weg oder Du giebst in Verwirrung Dein Wort und sitzest hernach da und
-weinst aus Voreiligkeit, und sie schleifen Dich in die Kirche und ein
-Jahr darauf liegst Du mit gebrochenem Herzen in weiß Atlas im Sarg.«
-
-»Gott soll mich schützen,« lachte mein Karl und sah mich verwundert an,
-und fragte mit seinen Blicken: »Alte, was hast Du?«
-
-Herr Brauns lachte nicht. Der war blaß geworden und schwieg ernst,
-furchtbar ernst. Ihm mochte wohl aufdämmern, daß etwas nicht in Ordnung
-sei und sein Glück wie Edelweiß an einem Abgrund blühte, und ich sollte
-der Führer sein und weigerte mich aus Sachgründen.
-
-Er brach auch bald auf. -- Wie that er mir leid.
-
-Er reichte uns die Hand beim Abschied, sie zitterte leicht. So mächtig
-war der Aufruhr in ihm, daß er seiner kaum Herr ward, er, der Eisen und
-Stahl brach, wenn er wollte.
-
-Ich begleitete ihn hinaus. Meinen Karl winkte ich mit dem Ellbogen und
-der rechten Fußsohle, zurückzubleiben.
-
-»Gewähren Sie mir drei Tage,« sagte ich. »Ich muß verreisen; wenn ich
-wiederkomme, dann... dann sind wir... älter.« -- »Aber Ottilie geht?«
-
-»Vorläufig nicht; ich sagte nur so.«
-
-Ein Freudenschimmer überflog seine Züge.
-
-»Versprechen Sie mir, keine Thorheit zu begehen?«
-
-»Thorheit?« lächelte er, »Thorheit? Nein.«
-
-»So ist's recht. Sehen Sie, Herr Brauns, wenn ein junges Mädchen heiß
-und verzehrend liebt, dann fürchtet es sich vor der Entscheidung. Es
-ist, als sollte sie in Gluth und Feuer springen und schließt die Augen
-und beträgt sich wie blind.«
-
-»Verstehe ich Sie recht?« -- »Adieu, Herr Brauns.« --
-
-Mein Karl wollte Auskunft haben; ich bat ihn, mir die Angelegenheit zu
-überlassen. Heirathen sei Frauenaufgabe. -- Darin ergab er sich.
-
-Ungermanns und Ottilie kamen spät nach Hause.
-
-Mein Karl fragte: »Ottilie, würden Sie Herrn Brauns Ihre Hand geben,
-wenn er sie verlangte?«
-
-Sie sah ihn starr an, dann mich -- Ungermanns hatten sich gottlob
-zurückgezogen -- als hätte sie nicht recht gehört.
-
-»Er will Sie zur Frau.«
-
-»Karl!« rief ich.
-
-Es war zu spät. Ottilie lag ohnmächtig auf dem Teppich. Die Wahrheit
-war ihr zu viel gewesen.
-
-»Karl, wie konntest Du?«
-
-»Einmal muß Euren Heimlichkeiten ein Ende gemacht werden. Ich will
-nicht, daß Du mir draufgehst.«
-
-»Wie egoistisch, Karl.«
-
-Ottilie kam wieder zu sich. Ich half ihr, sich zur Ruhe zu legen und
-wärterte an ihrem Bette, bis sie schlief. --
-
-In der Nacht hörte ich sie weinen.
-
-»Ottilie,« sprach ich, »es kann ja noch Alles gut werden.«
-
-»Ich wollte, ich wäre todt,« schluchzte sie.
-
-Da beschloß ich mit Onkel Fritz zu sprechen, wie es geschah. Und seinen
-Rath, Tante Lina vor das Messer zu nehmen, befolge ich.
-
-Wenn Jemand Schuld an dem Jammer hat, ist es Tante Lina. Nichts ist
-verderblicher, als das Heirathstiften, zumal von älteren Jungfern, die
-nur in der Theorie Bescheid wissen.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Provinz-Erlebnisse.
-
-
-Geschäftsreisen sind keine Vergnügungs-Ausflüge. Freilich kann eine
-Geschäftsreise sich zur Quelle reinster Freuden gestalten, wenn
-der Absatz fluscht, neue Kunden anbeißen und die alten die Waare
-auftraggebender Weise loben. Anerkennung in Worten klingt sehr schön
-und befriedigt Dichter und Künstler, zumal in gedrucktem Zustande, aber
-mit Aufblähung ist dem einfach civilen Bürger nicht gedient; der hat
-Wechsel einzulösen, Fabrikanten zu zahlen, Rohstoffe anzuschaffen und
-Arbeiter zu lohnen, der muß umsetzen; denn was auch aufkommen mag, Geld
-bleibt egal Mode. In keiner Konfession sind die Menschen orthodoxer,
-als in der Anbetung des Geldes.
-
-Unser Felix Schmidt konnte auf das Ergebniß seiner letzten Tour stolz
-sein, als er zurückkehrte. Er war vergnügt und mein Karl war so
-vergnügt, daß er mich mit in das Geschäftliche hineinzog, was er nur
-selten thut, wie ich ihm ja auch nicht mit jeder zerbrochenen Schüssel
-ins Gesicht springe und nur dann und wann erfreue, wenn ich wirklich
-Billiges, lächerlich unter dem Einkaufspreis erworben habe. Gewöhnlich
-berechnet er nach, daß er trotzdem viel zu hoch kam. Neulich kaufte
-ich auch etwas. Es sah aus wie eine Kneifzange und war patentirt und
-von zwei Mark auf fünfzig Pfennige herabgesetzt, blos es ließ sich
-nirgend wozu gebrauchen. Mein Karl drohte, das nächste Mal käme ich
-unter Kuratel. Ich entgegnete: »Wer eine Mark fünfzig sparen kann und
-es nicht thut, versündigt sich; übrigens die Frau soll noch geboren
-werden, die einem Ausverkauf widersteht. Also was brummst Du?«
-
-Jetzt hatte ich Verwendung für den Gegenstand, indem ich ihn nebst
-anderen Niedlichkeiten als Aufmerksamkeit für Tante Lina mitnahm. Kann
-sie auch nichts damit anfangen, so freut sie sich doch über den guten
-Willen, der bei Geschenken das Werthvollste ist. Und den hatte ich.
-
-Ob ich auf einer Geschäftsreise war, als ich in der Eisenbahn saß und
-nach Tante Lina fuhr, das vermochte ich nicht bestimmt zu beantworten,
-eine Vergnügungspartie war es jedoch nicht. Würde ich meinen Zweck
-erreichen? Vielleicht. Blieben meine Bemühungen fruchtlos, waren
-Fahrkarte, Zeit und Spesen der Katze geweiht. Aus der Füllung des
-Abtheils machte ich mir nichts, die Stadtbahn-Straffahrten nach Treptow
-hatten mich abgehärtet, und schon längst hatte ich den Unterschied
-zwischen Häringen und Berlinern herausgefunden. Die Häringe werden
-nämlich mit Salz gepökelt und die Berliner mit amtlichen Zumuthungen.
-Die Verpackung ist dieselbe.
-
-Bei der herrschenden Sommerwärme zog ich die dritte Klasse der
-gepolsterten zweiten vor, und das hatten sämmtliche Mitleidensgenossen
-aus demselben Grunde gethan, wie sie sagten, als das allgemeine
-Gespräch mit Bahnbeschwerden eröffnet wurde. So mächtig wird stets
-über die Leitung des Ganzen geurtheilt, daß sie aus dem Ohrenklingen
-gar nicht herauskommen, und deshalb natürlich keinen vernünftigen
-Verbesserungs-Gedanken fassen kann. Hinterrückisches Zähneknirschen hat
-gar keinen Einfluß, ebenso wenig wie das Anblaffen der unschuldigen
-Schaffner etwas an den Bahngesetzen ändert. Man gebe der Verwaltung
-mehr Ferien unter der Bedingung, sie abzureisen. Das würde ihr gut thun.
-
-So und ähnlich äußerten die Herrschaften sich, und nachdem die
-Eisenbahn ihre Wischer weghatte, kam Berlin daran.
-
-Ich gab mich nicht zu erkennen, um die freien Aeußerungen nicht zu
-hemmen.
-
-Es bildeten sich bald zwei Parteien. Die eine ließ an Berlin kein
-gutes Haar, die andere war der Anerkennung voll, wenn man jedoch genau
-hinhörte, gingen die meisten Klagen aus dem Geldbeutel hervor. Die,
-die Alles hatten sehen und genießen wollen, ohne daß es etwas kosten
-sollte, waren böse, die Anderen, die sich gesagt hatten, daß, wer
-Vieles in kurzer Zeit abmachen will, an einem Tage mehr ausgiebt, als
-zu Hause in einer bis verschiedenen Wochen, waren zufrieden. Kann
-Berlin etwas dafür, daß die Straßen so lang sind?
-
-Die Droschken waren ihnen zu theuer.
-
-Warum sie nicht Pferdebahn gefahren wären oder Omnibus?
-
-Wer wußte denn, wo man damit hinkäme?
-
-Man brauchte nur zu fragen.
-
-Um sich Grobheiten auszusetzen?
-
-Wo das der Fall gewesen wäre? Der Berliner gäbe gern und willig
-Auskunft.
-
-Damit liefe man den Bauernfängern in die Arme.
-
-»Jawohl,« rief ich dazwischen, »wenn man nämlich ein Bauer ist.«
-
-»Sie sind wohl aus Berlin und wissen Alles besser?« entgegnete der
-Mann. »Wie ist es einem Herrn gegangen, den ich zufällig kennen gelernt
-hatte? Er machte nämlich die Bekanntschaft von einem Grafen und der
-Graf führt ihn in höhere Zirkel ein und es ist auch sehr nett da, blos
-daß die Gesellschaften immer so spät in der Nacht stattfanden. Doch
-dies fiel ihm nicht weiter auf, indem er sich amüsirte mit ungarischen
-Gräfinnen und Comtessinnen aus Polen, in die er ganz weg war; hochfein.
-Und da er sich nicht knauserig zeigen durfte, wenn mal gespielt wurde,
-haben sie ihm nicht blos sein Geld abgenommen, sondern auch die Uhr;
-und wie er sie am nächsten Abend einlösen will, hat die Polizei die
-ganze noble Gesellschaft ausgehoben.«
-
-»Hat er seine Uhr wieder?« fragte Jemand.
-
-»Nicht doch. Wenn er sich meldet, muß er als Zeuge aussagen und das
-paßt ihm nicht wegen seiner Stellung. Wenn sein Name in der Zeitung
-steht und wie die Frauenzimmer ihn hineingelegt haben und daß der Graf
-ein entlassener Heilgehilfe mit Vorstrafen war: die Blamage ist zu
-enorm.«
-
-»Was man nicht Alles mit guten Freunden erlebt,« bemerkte ich. Die
-übrigen lachten und tuschelten und einer rief: »Der gute Freund sind
-Sie doch nicht am Ende selber?«
-
-»Würd' ich die Geschichte dann erzählt haben?«
-
-»Na, na!« zweifelte ein Herr. »Es mag nett zugehen, wo Sie her sind!«
-
-»Ich bin es weiß Gott nicht,« suchte er sich herauszureden. »Sie können
-es mir glauben.«
-
-»Wer glaubt, wird selig.«
-
-»Auf Ehrenwort, ich bin es nicht. Ich kann Ihnen auch den Namen nennen,
-es war ein gewisser Ungermann.«
-
-»Ein kleiner untersetzter Herr mit durchgewachsenem Schädel?« fragte
-ich erstaunt.
-
-[Illustration: Herr Ungermann]
-
-»Ganz derselbige. Kennen Sie ihn?«
-
-»Nur so von Ansehen. Ich kann mich auch irren.«
-
-»Vielleicht wissen Sie mehr von den ungarischen Gräfinnen als wir?«
-argwöhnte der Herr und fixirte mich.
-
-Ich wurde verlegen.
-
-»Und wo die Uhr geblieben ist?«
-
-»Mein Herr!« fuhr ich auf.
-
-»Ich kenne Berlin,« höhnte er.
-
-»Berlin bei Nacht,« gab ich ihm zurück, »gerade so wie Ungermann.
-Jawohl! Den hat die gerechte Strafe für seine Aushäusigkeit und
-Duckmäuserei ereilt. Hoffentlich sind seine Genossen nicht leer
-ausgegangen. Sagten Sie nicht, er wäre ein guter Freund von Ihnen?«
-
-»Ich verbitte mir jede Anspielung.«
-
-»Ich mir dito!«
-
-»Uebrigens wenn Sie es interessirt, wurde ich in Alt-Berlin mit dem
-Herrn bekannt. Die Ausstellung ist doch für Fremdenverkehr, da treffen
-sich eben die Fremden.«
-
-Dagegen sagte keiner etwas. Voller Aufregung suchte ich nach
-meinem Riechsalz, wobei die merkwürdige Zange herausfiel, die mein
-Schräg-_à-vis_ aufhob und prüfend betrachtete, anstatt sie mir
-höflichst zu überreichen.
-
-»Erlauben Sie, was ist das für ein Instrument?« fragte er.
-
-»Das weiß ich nicht.«
-
-»Merkwürdig!«
-
-»Wieso?«
-
-»Man führt doch keine Brechzangen bei sich, ohne zu wissen, wozu sie
-gebraucht werden?«
-
-»Ach so? Eine Brechzange ist es,« erwiderte ich. »Mir sehr angenehm,
-das zu erfahren.«
-
-»Was denn sonst? Man schiebt das Ding zwischen die Thür, knack, und auf
-springt sie.«
-
-Alle blickten mit neugieriger Abscheu erst auf das Instrument und dann
-auf mich. Die neben mir saßen, rückten zur Seite, so gut es ging.
-
-Ich lachte und wandte mich an den Herrn, der mir die Zange noch nicht
-wiedergegeben hatte: »Darf ich mir mein Eigenthum gefälligst ausbitten?«
-
-Er sah mich an, mit so unverkennbaren Criminalaugen, daß ich eine
-Gerichtsperson auf Ausstellungsurlaub in ihm witterte und von
-plötzlicher Angst erfaßt, zurückfuhr. Darauf sah er mich noch
-durchbohrender an und sagte: »Dieses verfängliche Geräth muß der
-Polizei eingeliefert werden.«
-
-»Meinethalben, für mich hat es keinen Werth.«
-
-»Und doch kann es Ihnen theuer zu stehen kommen.«
-
-»Wollen Sie mir jetzt mein Besitzthum wiedergeben? Oder soll ich
-klagbar werden?«
-
-Er zögerte.
-
-Nun ich fühlte, daß ich Oberwasser kriegte, gewann ich Muth: »Besehen
-Sie sich es genau, wenn Sie lesen können. Da steht D. R.-P. darauf,
-Deutsches Reichs-Patent. Glaubt denn ein vernünftiger Mensch, das
-Deutsche Reich patentire Einbrechzangen und Diebgeräth?«
-
-»Warum nicht? Patentirt wird vieles.«
-
-»Die Frau scheint mir Recht zu haben,« rief ein jüngerer Mann aus einer
-Ecke.
-
-»Hab' ich immer!« stimmte ich ihm bei.
-
-»Und ich finde es nicht schön, sofort gleich zu verdächtigen, wo
-garnichts vorliegt. Hat die Frau denn schon eingebrochen? Und wenn sie
-einbrechen will, seit wann ist die Absicht strafbar? Außerdem fragt
-sich, ob das Ding wirklich zum Einbrechen taugt? Mir scheint es für
-diesen Zweck viel zu schwach gearbeitet. Ein Geldspinde bringt sie
-nicht damit auf. Das ist meine Meinung.«
-
-»Aber wozu dient das Instrument denn?«
-
-»Mir scheint es ein Briefbeschwerer,« sagte eine Dame.
-
-»Das sieht man doch im Dunkeln,« klammerte ich mich an diesen
-Rettungsstrohhalm. »Giebt es etwas unnatürlicheres als Briefbeschwerer?
-Dazu nimmt man alte Schuhe, Hufeisen, Beile, Aepfel und Birnen, Töpfe
-aus Metall und Stein und worauf das Kunstgewerbe sonst verfällt.«
-
-»Das ist wahr,« bestätigte mein Nachbar zur Linken.
-
-»Wer die Ausstellung betrachtete, der hat auch Briefbeschwerer
-gesehen,« sagte ich. »Aber wer blos nach Berlin ging, um zu schwiemeln,
-weiß von nichts. Geben Sie mir meinen Kunstgegenstand. -- Danke!«
-
-Während ich das Unglücksgeschirr wegstopfte, begann der Herr, der
-sich als Ungermann's Freund verrathen hatte, auf die Ausstellung zu
-raisonniren: »Wer kann Alles sehen? Die Vergnügungen erdrücken die
-Industrie.« -- Und was der nicht wußte, ergänzten Andere.
-
-Als sie es jedoch zu schlimm machten, bildete sich Gegnerschaft,
-die immer mehr in's Loben kam und gut fand, was vorher getadelt und
-herabsetzte, was in den Himmel gehoben war.
-
-Ich verhielt mich zuhörend; ich war zu zerknittert, einzugreifen.
-Hingegen war mir klar: Allen recht zu machen, ist selbst
-Kommerzienräthen unmöglich.
-
-Mit wahrer Aufathmung begrüßte ich meinen Aussteige-Haltepunkt,
-verließ die Gesellschaft mit deutlicher Nichtbeachtung und suchte
-den Postwagen auf, der mich weiter befördern sollte. Im Wartesaal
-nahm ich einen kleinen Trosttropfen; nur einen. Dem genossenen Aerger
-nach hätte ich Grund gehabt, mich dem Alkohol gründlichst zu ergeben
-und begriff, wie fortgesetzter Verdruß einen Menschen schließlich
-ins Delirium treiben kann. Welche Charakterfestigkeit gehört dazu,
-Ausstellungscomité zu sein, das täglich aufgemöbelt kriegt und doch nie
-molum gesehen wurde!
-
-In solchem gelben Stephans-Kasten war ich noch nicht gefahren; er ist
-ja auch im Absterben und deshalb waren die englischen Mehlkutschen, die
-weiter nichts sind als eine Kreuzung von Omnibus und Post, in Berlin,
-wenn es hoch kam, nur mit einer Person bevölkert. Wir haben unsere
-billigeren flinken Droschken erster Güte, was sollten wir mit den
-Noah-Archen auf Rädern? Sie hier unübertrefflich halten, weil sie von
-England kamen? Ueber solchen Mumpitz sind wir längst hinweg.
-
-[Illustration: Unterwegs mit dem Wagen]
-
-Ich war allein in dem Wagen auf der langsamen Straße mit Feldern
-auf beiden Seiten, Dörfern in der Ferne und Gehöften, an denen man
-vorüberfuhr in ländlicher Stille. Wie viele Menschen doch außerhalb
-Berlins glücklich sind. Und doch meinen die Meisten, das Glück sei
-nur in der großen Stadt zu Hause. Aber was ist Glück? Das einzige,
-was der Mensch sucht, wenn er es gefunden hat. Denn es giebt keinen
-Zufriedenen.
-
-Wie glücklich hätte ich jetzt sein können, wenn ich mich weder mit
-Kriehberg noch Ottilien beschwert hätte. Waren denn Ruhe und Frieden
-und meine Häuslichkeit nicht Glück genug? Was hatte ich Noth, mich in
-die Schreibtinte zu begeben? Nun saß ich drinn. Ohne die Beiden wäre
-ich nicht auf der Spritztour nach Tante Lina, die sehr verhängnißvoll
-hätte werden können. Der Mann, der mich möglicherweise für das
-Ehrenmitglied einer Einbrecherbande hielt, war nahe daran, mich der
-Obrigkeit zu überantworten. Man weiß ja nie, mit wem man fährt, welch'
-unbewußtes großes Thier er ist und was er einem anthun kann?
-
-Und dieser Ungermann! So ein Nachtbruder. Und bei Tage wie neugeborne
-Unschuld. Den werd' ich abmalen!
-
-Mit dieser Absicht drusselte ich ein und erwachte erst, als der
-Postillon sein Stückchen blies. Ich träumte gerade, Ungermann winselte
-um Gnade, so klang das Geblase.
-
-Wir rumpelten über holperiges Pflaster durch ein thurmartiges Thor und
-waren in der Stadt. Tante Lina wohnte nicht weit von der Post, sie
-aufzufinden ging ohne Adreßkalender.
-
-Sie freute sich nur mittelmäßig, als ich bei ihr eintrat mit den
-Worten: »So, da bin ich. Sie können sich wohl denken, daß ich wegen
-wichtiger Angelegenheiten komme. Wie geht es Ihnen, Tante Lina?«
-
-»Ganz gut,« erwiderte sie. »Recht gut. Viel besser, als sonst. Bitte,
-setzen Sie sich. Ich nehme jeden Abend vor dem Schlafengehen, mit
-Erlaubniß zu sagen, drei Stücken Rhabarber. Apotheker Bahnsen rieth
-es mir und es hilft auch, weil ich die Berliner Kost nicht vertragen
-konnte und wenn nichts gethan wurde, es leicht schlimm geworden wäre.
-Im vorigen Jahre hatte Maler Brandt's Frau es ebenso, aber weil sie
-nichts brauchte, schlug, mit Erlaubniß zu sagen, innerliche Gedärmgicht
-dazu und in fünf Tagen war sie todt. Sie hat so geschrieen, daß sie es
-drei Häuser weit gehört haben.«
-
-»Wer lange Rhabarber ißt, kann alt werden,« sagte ich, nur um etwas zu
-sagen, da ich den rechten Dreh noch nicht hatte.
-
-»Will ich auch,« entgegnete sie. »Ich will noch vom Leben haben, was es
-mir bieten kann. Und wozu auch nicht? Das Essen und Trinken schmeckt
-mir und zu sorgen hab' ich für Niemand mehr, für Niemand. Der, auf den
-ich wartete, der braucht nicht, was ich zusammenhielt, der ist reich;
-darum hab' ich Alles auf Leibrente gegeben.«
-
-»Aber Tante Lina!«
-
-»Ja, nun erbt Keiner was. Keiner. Viedt's haben auch genug. Und Sie
-brauchen es auch nicht. Und Kriehberg ist noch jung, der kann arbeiten.
-Das hat Johannes auch gemußt.«
-
-»Sie können über das Ihrige verfügen, wie Ihnen gut dünkt, Tante Lina,
-aber sagen Sie mir das eine: Haben Sie Kriehberg etwas versprochen?«
-
-»Nicht gerade versprochen. Aber da er und Ottilie sich so sehr lieben,
-sagte ich, sie sollten heirathen, ehr etwas dazwischen käme. Warum
-dürfen die jungen Leute nicht glücklich werden?«
-
-»Wovon sollen sie existiren?«
-
-»Sie sind ja noch jung. Es verheirathen sich so viele und sind
-glücklich.«
-
-»Doch blos nicht in Berlin! Was kostet ein Haushalt in Berlin? Allein
-die Miethe. Und er hat nichts.«
-
-»Oh, so viel wird er wohl haben.«
-
-»Aber nein. Nicht so viel, die bescheidenste Wohnung zu nehmen mit
-Küche, eben groß genug, eine Karmenade auf einmal zu braten. Tante
-Lina, da haben Sie nicht gut gerathen.«
-
-»Sie lieben sich.«
-
-»Wissen Sie das so genau? Ich bin anderer Ansicht. Er allerdings will
-Ottilie...«
-
-»Und sie ihn. Und ich gab ihnen meinen Segen und sprach, werdet
-glücklicher als ich und da verlobten sie sich mit Liebe und Treue für
-alle Ewigkeit.«
-
-»Welcher Leichtsinn. Arme Ottilie. Tante Lina, haben Sie ihnen wirklich
-nichts versprochen? Garnichts? Reinigen Sie Ihr Gewissen, von Ihnen
-wird einst Rechenschaft gefordert, wenn die Beiden in Elend zu Grunde
-gehen.«
-
-Sie mimmelte mit den Lippen. »Nun ja,« begann sie zögernd, »ich warf so
-hin, daß, wenn sie sich brav hielten, ich Ottilie in meinem Testamente
-bedenken würde, und das will ich auch.«
-
-»Nun Sie ihr Vermögen für immer weggegeben haben?«
-
-»Meine Sachen sind wie neu, blos in der einen Kommode ist der Wurm.«
-
-»Aber Kriehberg rechnet entschieden auf Geld.«
-
-»Wie sie alle; alle miteinander.« Sie blickte mich an, als wenn sie
-sagen wollte »und Du auch!«
-
-Ich besann mich kurz. »Ich will Ihnen die Beiden schicken; sie können
-sich hier verheirathen und bei Ihnen wohnen, damit Sie das von Ihnen
-eingerührte Glück aus erster Hand mit verzehren. Ich habe für so etwas
-keinen Platz.«
-
-»Ich auch nicht. Was würden die Leute dazu sagen?«
-
-»Was Leute immer sagen, wenn Zweie zusammengeredet worden sind und
-hinterher ihre Ohren abreißen möchten, mit denen sie nach all den
-schönen Worten hingehorcht haben.«
-
-»Und was sagen die Leute immer?«
-
-»Gut, wer damit nichts zu thun hat. Das sagen sie!«
-
-»Was kann ich aber dabei machen?«
-
-»Viel, sehr viel. Nur einige Zeilen an mich, daß weder Ottilie noch
-Kriehberg Baares von Ihnen zu erwarten hat.«
-
-»Nein.«
-
-»Ja! Und zwar eine Bescheinigung von Ihrem Renteninstitut. Es muß sein.«
-
-»Muß?«
-
-»Tante Lina, ein Leben mit unerfüllter Liebe ist großes Weh -- Sie
-wissen es. Doch, ohne Liebe mit Wort und Schwur gebunden sein, das ist
-gebranntes Leid. Nur wenn Kriehberg sein Wort zurückgiebt, wird Ottilie
-frei. Und sie liebt einen anderen. Dies Ihnen zu sagen, bin ich hier.
-Das Glück zweier Menschen liegt in Ihrer Hand. Können Sie noch zaudern?«
-
-Sie schwieg geraume Zeit. »Wie ist das gekommen?« fragte sie.
-
-Ich erzählte ihr Alles und sie gab genau Acht; dann sagte sie: »Ich
-will ihn bitten, ihn, Johannes, daß er sich Kriehberg's annimmt.
-Vielleicht daß er drüben sein Fortkommen besser findet, als hier.
-Johannes wird es mir nicht abschlagen. Er ist ja glücklich. Aber
-Verantwortung habe ich keine. Nein. Nein!«
-
-Wir blieben zusammen, bis am Spätnachmittage die Post wieder abging.
-Ihr Rechtsanwalt schrieb den Schein, worin er beglaubigte, daß sie ihr
-Capital auf Leibrente gegeben hätte und nachdem diese Angelegenheit
-erledigt war, spendete ich das Mitgebrachte. Eine Tasse mit der
-Berolina darauf war ihr genehm, desgleichen eine Medaille zur
-Erinnerung an die Ausstellung; der Briefbeschwerer fand dagegen weniger
-ihren Beifall, obgleich sie nichts sagte.
-
-»Es ist das Neueste in Nippsachen,« pries ich ihn an.
-
-»O nein!« wehrte sie ab. »Viedt's haben gerade solchen in ihrem Laden
-und können ihn nicht los werden; von ihrem Lieferanten in Berlin, zur
-Probe. Es ist, mit Erlaubniß zu sagen, ein Reise-Taschenstiefelknecht.«
-
-Zum Glück kam das Mädchen und meldete, die Post ginge gleich. Tante
-Lina hatte das Geschenk sichtlich übel genommen und wer weiß, ob ich
-sie herumgekriegt hätte, wäre ich ihr gleich zu Anfang mit den Spenden
-gekommen.
-
-Guter Wille zieht nur dann, wenn er mit guter Laune zusammentrifft.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Es kommt zum Klappen.
-
-
-Es war mir eine wahre Wohlthat, von Tante Lina ab, wieder nach
-Berlin hin zu streben, obgleich ich mich auf den nächsten Tag gefaßt
-gemacht und das Erforderliche mitgenommen hatte. An einem so wenig
-bleibwürdigen Platze sich länger als gezwungen aufzuhalten, rechne ich
-zu den Vergeltungen der Vorsehung, die man für bereits grasbewachsene
-Thaten aufgebrummt kriegt, -- vielleicht daß man mal zu heftig gewesen
-ist oder Nebenmenschen es besorgt hat -- mit Ausnahme der Krausen
--- oder was sonst nicht mehr zu ändern war, aber doch noch zu Buch
-steht. Gut, daß ich nichts auf dem Kerbholz hatte und mit der Post den
-Anschluß erreichte. Und Kriehberg sollen die Heirathsgedanken schon
-vergehen, wenn der Weg zum Traualtar nicht mit Markstücken gepflastert
-ist, wie er sich einbildet. Liebt er Ottilie wirklich und will er sie
-aufrichtig glücklich machen, giebt er ihr das Jawort zurück.
-
-Und wie nette Reisegefährten traf ich in der Bahn. Das waren Leute,
-die sich auf den Besuch der Ausstellung freuten, weil sie schöne und
-bildende Beschreibungen darüber gelesen hatten, nicht die übliche
-Schlechtmacherei von Schreibmenschen, die nur herunterreißen, weil das
-Aufbauen so seine Mucken hat. Wer nie backt und braut, dem mißräth
-allerdings auch nichts. Und Fehler -- wo ist völlig Vollkommenes? Man
-muß das Mangelhafte von dem Gelungenen absubtrahiren und das Gute
-gehörig zusammenaddiren und dabei berücksichtigen, daß Jeder seinen
-Privatgeschmack hat, dann ergiebt sich das richtige Exempel.
-
-Sie fragten mehr, als ich beantworten konnte und ob es nicht doch zu
-stark ins Geld ginge, wenn man Alles mitnehmen wollte.
-
-Ich sagte: »Berechnen Sie die Summen, wenn Sie nach Kamerun reisen
-müßten, um Wilde und ihre Dörfer zu beaugenscheinigen, oder nach Kairo
-oder nach Spitzbergen, wo die Eisbären sich Gutenacht sagen, oder nach
-dem Zillerthal, und wo giebt es Rundreisebillets in die Vergangenheit,
-da doch Alt-Berlin aufgebaut wurde, wie es nach dem dreißigjährigen
-Kriege erbärmlich war und noch keine Ahnung hatte, wie es nach
-Einundsiebzig anschwellen würde.
-
-Da flögen so viele blaue Scheine als jetzt Pfennige. Und die ganze
-große Gewerbe-Ausstellung haben Sie als Beilage, nebst Musik und
-Beleuchtungseffekten, Gartenanlagen und Dod und Deibel.«
-
-So verursachte ein Wort das andere und auch wegen der Verköstigung
-fragten sie, und ob in der Fischhalle an einem Sonntag wirklich über
-hundert Zentner Seefische vermöbelt worden wären?
-
-»Gewogen hab' ich sie nicht,« war meine Antwort, »aber es wird schon so
-sein, es stand ja in den Zeitungen an der Stelle, wo sie das Glaubhafte
-hindrucken. Ueberhaupt, versäumen Sie die Fischerei nicht, da schwimmen
-Regenbogenforellen und die seltensten Fische, vom einfachen Steckerling
-bis zum Caviar lebendig herum und Hummer in unreifem Zustande, noch
-ganz blaugrün und junge Fische werden ausgebrütet und als Gegensatz zur
-Kinderbrutanstalt ist eine Krebswochenstube da, an der man nichts sieht
-als Drainröhren, die aber höchst naturhistorisch ist, wenn gerade einer
-von den Amphibienräthen Zeit hat und die Erklärung dazu leistet. Und
-wenn man sich satt gesehen hat, kann man sich an Fischen satt essen,
-die große Portion dreißig Pfennige ohne Kellnerschmuhgroschen; mit:
-vierzig.«
-
-»Da gehen wir hin,« hieß es. »Ich lasse mir zweimal geben,« sagte ein
-langer Magerer, »das ist ja enorm billig.«
-
-»In der Volksernährung kriegt man es noch umsonster,« unterstützte ich
-seine guten Absichten, »und in der vegetarischen Eßanstalt bekommen Sie
-für zwanzig Pfennige ein Gericht saure Linsen, daß sie Ihnen schon aus
-den Ohren heraustrudeln, ehe Sie den letzten Löffel voll hinter haben.«
-
-Dies erheiterte sie und warum soll man sich nicht scherzhaft geben in
-aufthauender Gesellschaft, obgleich die Vornehmheit verlangt, sich im
-Coupé wie eine beschäftigungslose Padde zu verhalten?
-
-Mit Wohnung waren sie schon versorgt, indem sie sich an Stangen gewandt
-hatten, der Zimmer massenweise an der Hand hat. »Viele schlüpfen bei
-Bekanntschaften unter,« sagte ich. -- »Das würde doch wohl lästig,«
-meinte eine Dame. -- Ich seufzte.
-
-»Haben Sie Erfahrungen darin?« fragte die Dame weiter. »Die kommen
-noch,« entgegnete ich und dachte an das Huhn, das ich mit Ungermann zu
-pflücken hatte. Was sage ich Huhn? Mindestens einen Auerhahn. Und für
-sie, die Ungermann, setzt es auch was; zunächst um ihren neuen Hut. Wie
-ein Schlittenpferd. Es werden schon Federn fliegen.
-
-Je mehr wir in nächtliche Dunkelheit geriethen, um so dämmeriger wurde
-auch die Unterhaltung, die sich zuletzt darauf beschränkte, daß die
-Herren uns ihre Zigarren vorrauchten. Was es für Unkraut war, kann ich
-nicht sagen, aber sie selbst öffneten von Zeit zu Zeit die Fenster, um
-nicht zu ersticken. Ich schätzte es auf eine Art von Mottentod.
-
-Dank der Unermüdlichkeit der Lokomotive kamen wir Berlin immer näher
-und als sie noch lange nicht pfiff, holte jeder sein Handgepäck
-heran und belästigte sich und die Nachbarn. Aber das ist einmal so
-in dem Verlangen begründet, rascher anzukommen, wie man ja auch
-lebensgefährlich dicht an den Schienen dem Zug entgegensieht, damit er
-sich eilt, wenn man mit will.
-
-Wir wünschten uns gegenseitig viel Vergnügen und waren auseinander, als
-die Thür kaum offen stand. Ich sah weiter kein Vergnügen vor mir, als
-meinen Karl zu überraschen, da ich erst Morgen erwartet wurde.
-
-Ich hinein in eine Droschke und los. Es war bereits gegen Mitternacht,
-aber in der Lindengegend und in den Hauptstraßen noch ein Treiben wie
-bei Tage, die Cafés und Bierpaläste im hellsten Lichte und auch noch
-Läden geöffnet. In der Provinz liegen sie schon zum zweiten Male auf
-der rechten Seite, dachte ich, und stärken sich mit gesundem Schlaf
-und drehen sich bald zum dritten Male im Bewußtsein höherer Solidität.
-Aber wer bildet das nächtliche Publikum in Berlin? Die Fremden. Und wo
-sind die her? Aus der Provinz. Wenn sie zu Hause so schwudderten? Ei
-weih!
-
-Na, Ungermann wird sich über sein Abgangszeugniß aus der Residenz
-freuen.
-
-Der Kutscher schien mich für außerhalbsch zu halten, indem er mit
-seinem Zossen auf Zeitfahrt losbummelte, bis ich ihm zurief: »Geben Sie
-dem ollen Asphaltschoner mal'n bisken langen Haber, er tritt sich ja
-auf die eigenen Hacken.«
-
-Der Droschkenlenker hielt an und wandte sich um. »Det Ferd,« sagte
-er und deutete mit der Peitsche auf das Fell voll Knochen, »det war
-früher Rennpferd, der braucht keenen Dreschflegel. Im übrigen is er nu
-jlücklich so weit umdressirt, det er allens dhut, wat er will.«
-
-[Illustration: Droschkenpferd]
-
-»Na, wat will er denn?« erwiderte ich im Volkstone.
-
-»Nach'n Stall will er.«
-
-»Also dalli!«
-
-»Nee, nu nich, weil et seine contrair entjejenjesetzte Richtung is.
-Se sollten blos nach'n Wedding jewollt haben, da hätten Se'n kennen
-jelernt; uff'n Nachhauseweg schlägt er jeden elektrischen Strom um
-mehrere Nasenlängen. Hü! Schimmel.«
-
-Obgleich der jetzt folgende Galopp nicht rascher ging als der bisherige
-Schritt, erhob es mich sehr, wie die modernen Kulturerrungenschaften
-allmählich in der Bevölkerungsdenkweise Wurzel schlagen, während doch
-feststeht, daß die Griechen Elektricität und Telephon und Photographie
-und Hygiene nicht einmal dem Namen nach hatten. So frißt die Bildung
-sich immer weiter in die Massen und greift die Aufklärung um sich,
-wozu Ausstellungen schichtenweise beitragen, je nachdem Volks- oder
-Elite-Tage sind. Elite ist theurer, sonst ganz dasselbe. Ein großes
-Jahrhundert, worin wir leben.
-
-Als wir die Landsbergerstraße gewonnen hatten, war das Haus duster.
-»Alle in der Bucht,« sagte ich mit innerlicher Zufriedenheit, gab dem
-Droschkong einen Uebernickel für das Roß und gedachte durch die Fabrik
-oben zu gehen, meinen Karl zu interwieven ohne zu stören, und mein
-Gemach aufzusuchen, wo Ottilie wahrscheinlich nach Schlaf schmachtete.
-Ich konnte ihr Beruhigung bringen, die gesünder hilft als Morphium oder
-sonst was, wonach man noch kränker wird.
-
-Aber mein Schreck, als ich das Hausthor unverschlossen fand.
-»Ungermann,« war mein erster Gedanke, mein zweiter »wo ist der
-Schutzmann als Sicherheitswächter?« Ich sah die Straße lang, kein Helm
-zu entdecken, nichts als die langsam abzuckelnde Klapperkiste mit dem
-verkehrsmüden Wettklepper a. D.
-
-Ob ich mich hineinwagte? Wenn ein Mörder auf der Treppe lauerte?
-Oder blos ein Pennbruder, auf den ich im Dunkeln trat? Das ist schon
-schauderhaft. Ob ich schrie?
-
-Nein. Listig vorwärts, ganz leise. Dann über den Hof. Der Hausschlüssel
-paßt zur Fabrik. Hinauf getastet bis an meines Karls Thür. Ich horchte.
-Keinerlei Schnarchung.
-
-»Schläfst Du, mein Karl!« rief ich halblaut. »Erschrecke nicht, ich bin
-es, Deine Wilhelmine, Deine treue Gattin. Tante Lina läßt grüßen.«
-
-Keine Antwort. Ich klopfte an. »Es brennt nicht,« rief ich, »es ist
-auch nicht eingebrochen. Mach' auf, mein Karl.«
-
-Er rührte sich nicht.
-
-»Karl, mach' auf!«
-
-Ich klopfte stärker. »Karl, wenn Du nicht aufmachst, werde ich böse.
-Sehr böse; verstehst Du mich?«
-
-Ich holte mein Schlüsselbund hervor, aber erst der letzte ging hinein.
-Und der schloß nicht. Nach einigen vergeblichen Versuchen brach er ab.
-Da mein Karl nicht von dem Geräusch aufwachte, mußte er abwesend sein.
-Aber wo? Natürlich im Berliner Zimmer.
-
-Auf dem dunklen Gange nach der Wohnung stieß ich gegen Weiches, daß
-mir das Blut in den Adern stockte. Es krabbelte jedoch nicht in die
-Höhe, sondern fühlte sich als Waarenballen heraus. Aha, Ungermann's
-Bestellung. Ganz hübscher Posten, aber es könnte mehr sein. Die
-Zwischenthür war eingeklinkt und in der Küche noch Licht; die oberen
-matten Scheiben waren hell. Ich und eintreten war eins.
-
-[Illustration: Dorette und Schutzmann]
-
-Die Dorette kriesch auf; ich sagte blos »Ha!«. Der Schutzmann aber
-strammte sich kerzengerade hin und salutirte. Dorette suchte die
-Lampe auszublasen, unsere Tischlampe, jedoch zu spät, ich hatte genug
-gesehen. Aufgedeckt war, mit Brot und Butter und kaltem Braten und
-Wein von dem Sonntags-Lafitte und Käse und ein Hafen Kompott und die
-Cognacflasche und was sonst gut und genießbar war.
-
-»Wo ist der Herr?« fragte ich strenge.
-
-»Aus.«
-
-»Und das Hausthor steht offen? Nennen Sie das Bewachung, Schutzmann?«
-
-»Ick habe heute keenen Dienst!« entgegnete er.
-
-»Er ist ja mein Breitijam,« sagte Dorette, »un als solcher hat er doch
-seine Pflichten. Warum ooch kommt die Frau so unprezise retour?«
-
-»Um zu sehen, was während meiner Abwesenheit vorgeht. Wir reden morgen
-weiter. Und der Bräutigam ist hoffentlich satt und kann gehen.«
-
-Er schnallte sein Seitengewehr um. »Leuchten Sie ihm, Dorette, und
-schließen Sie das Haus.« Ich nahm die Lampe und den Cognac an mich. Es
-hatte tüchtig geschafft.
-
-Weinend ging Dorette voran. Sie fühlte sich schuldbeladen. Angemessene
-Verpflegung war ihr gestattet, aber keine Orgien. Und mit Lafitte
-fangen Orgien an!
-
-Also mein Karl war aus. Recht heiter!
-
-Nun zu Ottilien.
-
-»Sei froh, Kind,« rief ich beim Eintritt, »auf Regen folgt
-Sonnenschein, ich bring' ihn mit für Dich.«
-
-Keine Antwort. Ich leuchte hin: Ottiliens Bett war unberührt. Sie wird
-sich wohl alleine geängstigt haben und nächtigt bei der Kliebisch. --
-Ich hin nach dem Vorderzimmer und klopfe an. Kein Ton.
-
-Dies war mir sonderbar. Alle miteinander aus? Nein, auf dem Sopha lag
-Anna Kliebisch und sägte schaudervoll. Das ist wahr, schlafen hat sie
-heraus. Selbst bei Tage, wenn sie so dasitzt, möchte man ihr immer
-zurufen: »Gute Nacht, Anna.« Doch ein bischen zu sehre Drömlade, das
-Kind.
-
-Nach verschiedenen Mißerfolgen rüttelte ich sie endlich lebendig; sie
-plierte mich glasäugig an, sagte nichts und schlief wieder ein.
-
-Dies war mir zu dumm. Ich sie gehörig geschüttelt, bis sie endlich
-wieder zu sich kommt. Aber nicht viel mehr als vorhin.
-
-»Wo ist Mama?« fragte ich.
-
-»Wo Mama ist?« wiederholte sie traumig und nickte wieder ein.
-
-»Anna, werde doch munter. Wo Mama ist?« frage ich.
-
-»Im Bett.«
-
-»Unsinn, da ist sie nicht. Wo ist sie? Und wo ist Ottilie?«
-
-»Im Bett.«
-
-»O Du Demel,« brach ich aus. »Du bist doch'n lieben Gott sein größtes
-Bähschaf. Dussele weiter und vergiß morgen blos das Aufwachen nicht.«
-
-Mir blieb als letzter Anker der Vernunft nur noch die Ungermann. Die
-war aber auch nicht vorhanden, im Gegentheil komplet abwesend mitsammt
-Schloßkorb und Schachteln. Ab nach Kassel. Ihre Sachen standen noch da.
-
-Ich war wie erschossen. Knieewankend setzte ich mich. Was war
-geschehen? Kein Mensch im Hause als das unzurechnungsfähige Schlafkind
-und Dorette. Da kam sie gerade wieder herauf.
-
-»Dorette,« rief ich, »hier herein ins Berliner Zimmer und nun nicht
-länger gewimmert, sondern ohne Mogeln erzählt, was vorgefallen ist.
-Erstens die Ungermann?«
-
-»Die hat sich verzogen mit'n Mittagszug. Un Trinkjeld hat se nich
-jejeben. Det haak ihr jleich anjeahnt, als se kam. Det war eene von de
-Billijen.«
-
-»Gut. Und zweitens die Frau Kliebisch?«
-
-»Die kommt bis spätestens übermorjen retour.«
-
-»Von wo?«
-
-»Det hat se nich jesagt. Et war ja jroßer Ufstand, wie der junge Herr
-heut Nachmittag kam un er sagte: Ottilie, ick lasse Dir nich, un sie
-sagte nein, nein, ick derf nich, ick wollte, ick wäre bejraben oder so.
-Jenau konnt ick't nich verstehn...«
-
-»Also wieder an der Thür gehorcht. Und was sagte Herr Kriehberg?«
-
-»Der? Der sagte jarnischt.«
-
-»Der mußte doch wieder antworten.«
-
-»Nee, det konnt er nich. Der war ja jarnich da.«
-
-»Der nicht? Welcher junge Herr dann?«
-
-»Jotte doch, der mit die braunen Plüschoogen. Ach hat der 'n Blick
-an'n Leibe! Wenn ick nich so derbe verlobt wäre, in den könnt ick mir
-verkieken.«
-
-»Dorette, bleiben Sie sachlich. Also Herr Brauns war hier und sich
-Ottilien erklärt und sie ihn abgewiesen...«
-
-»Se hat schrecklich jebarmt.«
-
-»Und er weggerannt?«
-
-»Na ja, wat man so langsam wegrennen nennt. Aber doch erst später, un
-wat die Kliebischen is, mit ihn.«
-
-»Unsinn! Und Ottilie blieb zurück?«
-
-»Die war janz verdreht. Se lachte und dann weente se, un mir fiel se um
-den Hals un küßte mir un sagte, Dorette sagte se, es kann nich sind un
-es ist doch; so oder so ähnlich. Wat Verrückte sagen, det is schwer zu
-behalten.«
-
-»Und was that mein Mann... was that der Herr dabei?«
-
-»Die Herren waren schon vor Mittag nach Treptow rausjemacht. Un ick
-alleene blos mit die Anna; die hab' ick Abendbrot jejeben un da ward
-se müde. Un wenn mein Breitijam nicht antrat, ick hätte mir zu Tode
-jeforchten. Nee, hier in'n Hause is et nich mehr scheen.«
-
-»Darüber habe ich zu urtheilen, ich ganz allein. Verstanden? Und wenn
-Ottilie sich ein Leid angethan hat, kommen Sie vor den Richter.«
-
-»Och Jotte nee!«
-
-»Nicht heulen. Dazu ist Zeit, wenn Sie im Loch sitzen. Geben Sie Acht,
-was Ihnen blüht. Warum haben Sie nicht aufgepaßt?«
-
-»Se war ja nachher janz vernünftig, blos mit eenmal weg un nich zu
-finden!«
-
-»Und Sie suchen nicht? Und Ihr Schutzmann läuft nicht hinterher und
-setzt die Polizei in Bewegung? Und schwemmen ihn mit Lafitte an? Den
-zieh ich Ihnen vom Lohn ab.«
-
-»Et war ja keen Anderer da.«
-
-»Wozu ist denn die Wasserleitung?«
-
-»Da jeht keen Schutzmann ran.«
-
-Ich sprang auf. »Kommen Sie, wir wollen suchen, ob Ottilie nichts
-Schriftliches hinterlassen hat, keinen Abschiedszettel oder irgend ein
-Zeichen.«
-
-So viel wir auch stöberten. Nichts. Nichts und nirgends.
-
-»Am Ende hat sie die Anna Kliebischen wat anvertraut, ick jloobe sojar,
-se sagte, vergiß es nich oder Vergißmeinnich oder so, wie man so bei's
-letzte Lebewohl sagt.«
-
-»Die weiß von sich selber nichts, viel weniger von Ottilie.«
-
-»Det kann wohl sind. Se saß da so misepeterig und da sagte mein
-Breitijam, en Grogh würd' ihr wohl nich schaden, da kriegte se de
-richtige Bettschwere nach un wäre unter de Füsse aus.«
-
-»Und Sie folgten dem bodenlosen Vorschlag und machten dem Kinde einen
-Grogh?«
-
-»Zwee.«
-
-»Von Cognac? Aber Dorette, waren Sie denn gänzlich...?«
-
-»Ick sage ja, et is hier nich mehr scheen in'n Hause.«
-
-Was nützte es? Aus dem Kinde war nichts herauszubringen, das hatte
-ich eben vergebens versucht und was Dorette erzählte, war so klar
-verwickelt, daß ich klug blieb wie zuvor. Wenn nur Ottilie nicht zu
-Wasser gegangen war? Das wäre grauenvoll. Aber was ging die Kliebisch
-mit Herrn Brauns von dannen? Und Ottilie hatte ihr Handköfferchen
-mitgenommen. Man ertränkt sich doch nicht mit Gepäck? Wohin konnte sie
-geflohen sein und warum?
-
-Wir sahen nochmal nach. Auch ihre Brennscheere war weg und ihr
-Morgenanzug und ihr Regenmantel. Nein, nasse Absichten hatte sie nicht
-gehabt.
-
-»Dorette,« sagte ich, »selbst wenn Alles gut abläuft, einen anderen
-Dienst werden Sie sich suchen. Das sehen Sie hoffentlich selber ein?«
-
-»Bis zu'n Frühjahr. Dann wollten wir Hochzeit machen, et kann sind,
-ooch ehr. Warum soll ick mir vorher verändern? Det wird die Frau mir
-doch nich anmuthen sind bei die ville Arbeed mit 'n Besuch? Die Frau is
-ja so jut.«
-
-Sie weinte so reuevoll, daß ich sagte: »Es hängt von Ihrem ferneren
-Betragen ab. Gehn Sie zu Bett, Dorette.«
-
-Ich setzte mich wartend in's Berliner Zimmer im Reiseanzug, innerlich
-und auswendig aufgelöst. Waren das Zustände. Kaum wendet man den Rücken
-und die Welt geht unter.
-
-Und mein Karl, gerade da er nothwendig nicht weichen durfte, macht
-blau. Ob ich hinüber ging nach Betti, ihr mein Herz auszuschütten?
-Ich kannte ihr Mitgefühl im Voraus: »Mama, warum hast Du das Hotel
-eingerichtet?«
-
-Endlich kam etwas die Treppe heraufgepoltert und in die Wohnung herein.
-Ich richtete meine Blicke fest auf die Thür.
-
-Sie lachten draußen. »Wir heben noch Einen,« sagte jemand, »Ihr Cognac
-ist gut.« -- Das war Kliebisch's Stimme.
-
-»Mir recht.« Das war mein Karl.
-
-»Nur um mich nicht auszuschließen,« sagte der Dritte. Das war Ungermann.
-
-Und herein kamen sie. Und mein Mann, meine Unschuld von Mann schwankend
-zwischen Kliebisch und Ungermann.
-
-Ich erhob mich. »Meine Herren!« sagte ich. Weiter nichts. Aber der
-Schreck.
-
-»Du hier, Wilhelmine?«
-
-»Wie Du siehst! Ich will nicht fragen, wo Du warst, ich will es nicht
-wissen. Dein Zustand verräth genug. Ich danke Ihnen, meine Herren,
-namentlich Ihnen, Herr Ungermann, daß Sie als künftiger Stadtvater
-so väterlich für meinen Mann gesorgt Und ihn auf Ihre Studienfahrten
-mitgenommen haben, während ich weg war.«
-
-Ungermann verfärbte sich. »Wir waren ein bischen vergnügt, zum
-Schluß... weil ich morgen abreise,« stammelte er.
-
-»Dummes Zeug, Du bleibst,« sagte mein Karl.
-
-»Herr Ungermann reist,« entschied ich, »Du hörst, er will es. Und Sie,
-Herr Kliebisch, Sie als mehrfacher Familienvater, helfen meinen Mann
-verführen? Das hätte ich nicht erwartet. Und zu trinken giebt es nichts
-mehr.« Ich nahm die Flasche und schloß sie ein.
-
-»Aber Mienchen, es war so schön auf der Ausstellung.«
-
-»Die ist längst aus.«
-
-»Ich habe mit Ungermann Brüderschaft getrunken und wir wollen noch
-fidel sein. Komm, Mienchen, sei mit lustig.«
-
-»Wie könnte ich das? Ottilie liegt vermuthlich tief in der Spree, und
-Frau Kliebisch ist mit dem jungen Brauns durchgegangen.«
-
-»Was ist das?«
-
-Ein Sturzbad konnte nicht eisiger wirken als meine Worte, und als ich
-ihnen tropfenweise mitgetheilt hatte, was ich für sie geeignet hielt,
-war ihre Antäubung so gut wie verflogen.
-
-»Vorläufig läßt sich nichts beginnen,« sagte ich, »die Einzige, die
-etwas weiß, die Anna, ist nicht vernehmungsfähig.«
-
-»Der Schmerz über die Mutter,« stöhnte Kliebisch.
-
-»Sie muß ihn erst ausschlafen,« versetzte ich ihm. »Und nun gute Nacht,
-meine Herren. Komm, Karl, Du gehst mit mir, ich habe Dir noch sehr viel
-mitzutheilen.«
-
-»Ich schlafe doch in der Fabrik.«
-
-»Heute nicht, Du kannst nicht in Dein Zimmer, der Schlüssel ist
-abgedreht. Komm nur.«
-
-Ein zerknirschteres zu Bett schleichen habe ich noch nie erlebt. Aber
-in dem Taumelbecher der Freude ist der Rest Bärme. Das mögen die Herren
-bedenken, wenn sie nicht nach Hause finden können.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Alt-Berlin.
-
-
-Als ich zum ersten Male Alt-Berlin betrat, wurde mir ganz
-nachtwandlerisch. Das war vor der Baumblüthe zur Bauzeit mit der
-Gestattung, die werdenden Herrlichkeiten im Voraus zu besichtigen. Die
-Stadt stand schon. Eine ganze Stadt mit Straßen und Plätzen, einer
-Kirche, einem Rathhause, mit Festungswällen, Thürmen und Thoren,
-Brücken, Gäßchen, Ecken und Winkeln, eine Stadt aus vergangener Zeit.
-Berlin vor dreihundert Jahren, ebenso klein, armselig und gering.
-
-Photographieen von damals sind nicht vorhanden, weil sie noch kein
-Collodium hatten und Zeichnungen und Gemälde wegen Mangels illustrirter
-Zeitungen ebenfalls nicht, so daß die Phantasie aufbauen mußte, was
-die Zeit langsam und die Menschen gewaltsam zerstörten. Aber alle
-sagen sie, gerade so hätte Berlin um's Jahr 1650 ausgesehen, und wenn
-Kliebisch meint, es wäre mehr ein Abguß von Kottbus und Angermünde,
-muß er erst beweisen, was er sagt. -- Für mich ist es Berlin, schon
-allein, weil richtige vorzeitliche Thran-Latichten an den Tauen über
-den Straßen hängen.
-
-Als ich im Maien-Sonnenschein durch die Stadt schritt -- ganz allein
--- vergaß ich völlig, wo ich war. So still die Straßen, daß ich mich
-besinnen mußte, ob wirklich schon Pferdebahnen erfunden seien und ob
-die Stadtbahn, auf der ich vor kaum einer halben Stunde nach Treptow
-toste, nicht ein Spiel meiner Einbildung gewesen wäre. Wohin waren
-die Menschen verschwunden, die hier wohnten? Ausgewandert? Verjagt?
-Verstorben?
-
-Dies war Vergangenheit, ich konnte sie mit der Hand berühren: das alte
-Gemäuer, die Balken und Pfosten und durch grüne Scheiben hineinsehen in
-niedrige Stuben, und Käfterchen. Die standen alle leer.
-
-In solchen Räumen hatte einst Glück gewohnt und über solche Schwellen
-war einst Unglück geschritten, daß aus dem fröhlichen Heute ein
-trauriges Morgen wurde, bis es wieder weichen mußte in ruhelosem
-Wechsel. Denn in den Häusern lebten Menschen.
-
-An den Schildern ließ sich erkennen, welcherlei Gewerbe getrieben
-wurden. Es muß eine recht unsolide liederliche Stadt gewesen sein, das
-alte Berlin, so viel Schänken, Wirthshäuser und Trinkstätten entdeckte
-ich. Selbst das Rathhaus war ausschließlich auf Getränk eingerichtet.
-Die Mittagssonne schien lustig auf die Weinhauskränze und in die
-Biergärten, in denen jedoch Niemand saß. Es war spukhaft am hellen
-Tage. Und doch so traulich und wehmüthig, wie eine vergessene Schachtel
-Spielzeug aus den Kindertagen.
-
-Ich schritt langsam durch die Straßen: überall die gleiche
-Verlassenheit. »Du träumst, Wilhelmine,« sagte ich zu mir. »Gleich
-fällst Du irgendwie und wachst auf.«
-
-Endlich gewahrte ich einen Menschen. Es war ein junger Mann auf einer
-Leiter mit Pinseln und Farbtöpfen; der malte an einem alten Dache.
-
-»Sie!« rief ich, »ach sind Sie doch so gut und sagen Sie mir, wo bin
-ich eigentlich?«
-
-»In der Bolings-Gasse,« antwortete er.
-
-»Hab' ich nie von gehört! 'Ne neue Straße?«
-
-»Nee, uralt. Schon längst vom Erdboden verwischt.« Er kam herunter in
-seinem langen Leinenkittel und musterte das Dach aus der Entfernung.
-
-»Es hat wohl durchgeregnet?« fragte ich.
-
-»Nee, vorläufig nicht. Wie finden Sie das Moos?«
-
-»Welches Moos?«
-
-»Na, das ich da eben hingemalt habe. Wirklich eminent echt, was? Feines
-Grün? Wie?«
-
-»Ach so. Danke Ihnen. Nun weiß ich wieder Bescheid. Ich meinte aber
-wirklich, ich wäre in vergangenen Jahrhunderten.«
-
-»Machen wir; blos mit Farbe. Das Uebrige ist Holz, Leinewand und Gips.
-Wenn Sie's interessirt, zeig ich's Ihnen.«
-
-Er führte mich zu Halbfertigem, wo die Papp-Neubauten aussahen, als
-wenn sie kaum den Sommer über halten würden. So wie aber Farbe darauf
-sitzt, schwört man, sie hätten vom Großen Kurfürsten an gestanden.
-Darüber sprach ich meine Verwunderung aus.
-
-»Machen wir,« sagte er. »Ich habe einen diebischen Spaß daran, Alles zu
-fingern, als wäre es leibhaftig. Man lebt sich ordentlich hinein.«
-
-»Sie sind wirklich ein Künstler!«
-
-Er lächelte, aber es war ein bitteres Lächeln. »Das sagen Sie,« sprach
-er, »meine Kollegen denken anders.«
-
-»Haben denn die das Moos gesehen?«
-
-»Mehr als das. Ich habe fleißig studirt, bin auf der Akademie mit
-Preisen ausgezeichnet, ich habe Bilder gemalt...«
-
-»Und jetzt streichen Sie Häuser an?«
-
-»Was bleibt mir? In der Kunst-Ausstellung hat man für meine Arbeiten
-keinen Platz. Da hängen sie allen möglichen Schmierkram aus Frankreich
-und Belgien, Holland und wer weiß sonst noch von wo her an die Wände,
-bis das Lokal vollgestopft ist und sagen zum Deutschen: Du kommst bei
-internationalen Bestrebungen an den Katzentisch oder bleibst besser
-ganz zurück. Ja, wenn die Ausländer blos Meisterwerke schickten, gut,
-dann hat die Kunst den Oberbefehl. Aber wenn sie ihren Abhub mit
-einpacken, begreift man nicht, warum unsereins verzichten muß, dem
-Publikum seine Leistungen vor Augen zu führen, die es mit den Fremden
-dreimal aufnehmen. Und wo ist sonst Gelegenheit, an das Urtheil des
-Publikums zu appelliren als auf den großen Ausstellungen? Die Akademie
-wird vom Staate erhalten, hat man sie durchgemacht und will vorwärts,
-heißt es, die staatlich begünstigte Ausstellung bedauert, keine Ecke
-für Dich zu haben, nicht die kleinste. Dagegen nehmen sie Schinken, die
-ein verrückter Norweger sudelt, auf, weil... weil so was international
-ist. Darum male ich jetzt Dachpfannen und Moos und quaste Mauern an und
-verdiene damit. Ich geh' überhaupt zum Handwerk; von Kunstgenossen,
-die nicht mehr können, als ich, mich bevormunden zu lassen, bin ich zu
-stolz.«
-
-Ich sagte: »Jeder muß wissen, was er thut; und das ist wahr, an
-tüchtigen Professionisten fehlt es. Wenn Sie sich gesetzt haben,
-schicken Sie mir Ihre Geschäftskarte, unsere Malerarbeit bekommen Sie.«
-
-»Nein,« rief er, »so meine ich es nicht. Ich widme mich dem
-Kunsthandwerk. Früher ersann jeder Handwerker sich seine Muster selbst.
-Heute ahmen sie nach, was vorhanden ist. Ich will Neues schaffen. Und
-ich kann es, habe ich doch im Geiste der alten Zeit ohne Muster jetzt
-gearbeitet und meine Schaffenskraft erkannt. Im Geiste der Neuzeit
-ersinne und zeichne ich weiter. Machen wir.«
-
-Darauf zeigte er mir Verzierungen und Geranke, Beschläge und vielerlei,
-was er erfunden und gemalt. »Es lebe Alt-Berlin,« rief er, als er sah,
-wie ich mich daran ergötzte, »von ihm aus geht mein Lebensweg.«
-
-»Vom Fischerdorf zur Kaiserstadt,« fiel ich ein, »nur Muth und
-Selbstvertrauen.«
-
-»Und Arbeit und Gelegenheit zur Entfaltung des Könnens. Das Handwerk
-ist heute freier als die Kunst, die sich in Mode und Klickenwesen
-enge Zunftschranken zieht. Und verhungern, weil einige Leithämmel zur
-Veränderung sich auf dürre Haide verrannt haben? Danke. Ich will leben
-und verdienen. Und das machen wir.«
-
-»Sehr vernünftig,« sagte ich. »Gut, wenn junge Leute zur Einsicht
-kommen; alten nützt sie meist nichts mehr.«
-
-Er erklärte mir noch manches Alterthümliche, wie das Rathhaus und die
-Gerichtslaube mit dem Block und dem Halseisen. Da mußten die Verbrecher
-zu ihrer eigenen Schande stehen und wurden von den anständigen Bürgern
-ausgenetscht und mit faulen Eiern beworfen. Wenn Weiber sich gescholten
-und gehauen hatten, hing der Büttel ihnen einen Stein um den Hals
-und band sie aneinander und jede bekam einen Stock, in den vorne ein
-spitzer Nagel eingeschlagen war. Damit mußten sie sich gegenseitig
-prickeln, was umso besser ging, als sie blos ein Hemd anhatten. Bei
-besonderen Fällen wurde Hornmusik dazu geblasen. Das muß ein Spaß zumal
-für die Kinderwelt gewesen sein, die sich in ihrer Unschuld selbst an
-Schrecklichem freut. Gottlob, daß solche Strafen abgeschafft worden
-sind, obgleich es einige giebt, den das Prickeln nicht schadete. Wenn
-zum Beispiel die Krausen und die Ungermann in damaliger Zeit gelebt
-hätten, welche der andern wohl mit dem Nagel über gewesen wäre? Der
-Zunge nach zu rechnen, die Krausen. Aber sehen möchte ich es doch
-nicht. Lieber wäre mir ein Hochzeitstag auf der Straße. Der Maler
-sagte, später würden Alt-Berliner in ihren Trachten die Stadt bevölkern.
-
-Nach und nach kamen Bauleute, Maurer, Zimmerer und mancherlei
-Arbeiter, denn die Mittagszeit war um. Ich bedankte mich bei dem
-Dachpfannen-Rafael, der weiter auf alt malte, und schritt durch das
-Spandauer Thor und über die Brücke in den Ausstellungspark.
-
-Wie traumhaft war die Stunde in Alt-Berlin gewesen. Die bleibt der
-Erinnerung. --
-
-Und nun hatten wir einen Familienabend nach Alt-Berlin verabredet,
-nämlich mein Karl und ich und der Amtsrichter Buchholz, der mit
-Verlegung seines Urlaubs unser lieber Gast war, nachdem Ungermann's
-sich verduftet und Kliebisch's sich auf ihre Klietsche zurückgezogen
-hatten.
-
-Ungermann's Abgang war höchstes Gebot. Mein Karl kennt wohl
-Kopfschmerzen aus früherer Zeit, aber solche wie am Morgen nach dem
-Brüderschaftpicheln mit Ungermann hatte er in seinem Leben nicht
-erlebt. Ihm saßen die Augen noch am Nachmittag schief und sein Appetit
-war einzig auf Selterwasser gerichtet. Dabei Neigung zu horizontaler
-Lagerung. O Karl, warst Du krank!
-
-Kliebisch war auch vollgesogen genug, jedoch die Unruhe wegen seiner
-Gattin störte ihn verhältnißmäßig rechtzeitig auf. »Noch keine
-Nachricht von meiner Frau?« fragte er bekümmert. -- »Nein,« entgegnete
-ich, »und ein Glück, daß sie weg ist. Betrachten Sie blos Ihr
-Spiegelbild, Herr Kliebisch, und sagen Sie, ob eine Frau Wohlgefallen
-an solchem Portrait finden würde? Wo in aller Welt sind Sie gewesen?«
-
-»Ausstellung,« brachte er hervor. »Dressel... Alt-Berlin.« --
-
-»Sonst nirgends?« -- Er seufzte leidend. -- Ich schenkte ihm Kaffee
-ein. Den trank er. Brötchen interessirten ihn nicht. Dann fragte und
-klagte er wieder nach seiner Frau.
-
-»Ich denke, Ihre Tochter wird ihre sieben Sinne allmählich so weit
-beisammen haben, daß sie Auskunft geben kann,« sagte ich. »Heute Nacht
-war sie übermüde. -- Die Mutter wird ihr Kind doch nicht ohne Abschied
-verlassen haben?«
-
-»Eine Mutter, die durchgeht, nimmt keine Rücksichten. Keine!« rief er
-bitter. »Berlin ist ein schrecklicher Ort, überall Verführung.«
-
-»Das müssen Sie selbst am besten wissen,« warf ich ihm kühl vor.
-»Meinen Mann so zuzurichten. Schämen Sie sich.«
-
-»Oho! Buchholz war der Fidelste; nicht nach Hause zu kriegen. Wenn ein
-Mann einmal seine langentbehrte Freiheit genießen kann...«
-
-»Was? Sie wollen meinen Mann herabsetzen, Unfrieden stiften, Eheglück
-ruiniren? Glauben Sie, das mit einem Sack Kartoffeln gut machen zu
-können? Doch bei mir nicht?«
-
-Die Anlappung verschüchterte ihn. -- »Hätte er eine Ahnung gehabt, daß
-er lästig fiele, wäre er garnicht gekommen,« sagte er mucksch, »und das
-Beste wäre wohl, er ginge gleich.«
-
-Ich entgegnete, ich allein könnte nicht ab- noch zureden, in unserem
-Hause hätte mein Mann die Oberleitung, der wäre vollkommen frei in
-seinem Willen, augenblicklich jedoch zu unwohl, um gefragt zu werden.
-
-»Gut,« sagte er, »ich gehe mit meinem Kinde.« -- Ich schwieg.
-
-Er hin und Anna'chen geweckt und es gehetzt, sich reisefertig
-anzuziehen. Jedoch dies Packen konnte ich nicht mit ansehen, das war
-purer Kuddelmuddel, weshalb ich helfend eingriff. Die Kleine war noch
-schlafhaft. »Anna,« fragte ich, »hat Mama Dir nichts gesagt, als sie
-ging?« -- »Nein.« »Auch Ottilie nicht?« -- »Nein.« -- »Besinne Dich
-doch.« -- »Ja, einen Brief gab sie mir.« -- »Wohin hast Du den gelegt?
-Auf den Tisch?« -- Das wußte sie nicht. -- »Unter's Kopfkissen?« --
-»Ich glaube.«
-
-Wir suchten. Kein Brief zu finden. »Hat Mama Dir wirklich nichts an
-mich aufgetragen?« -- »Mama meinte, Ottilie würde Alles schreiben, ich
-behielte es wohl nicht richtig.«
-
-»Sie kennt Dich, scheint's. Kind, einen Rath geb' ich Dir: geh' nie
-allein aus die Straße, ^Du^ kommst unter'n Leichenwagen.«
-
-Darüber entsetzte sie sich und fing an zu flennen. Nun war nichts mehr
-herauszubringen. Zum Verzagen.
-
-Um Elfen verabschiedete sich Ungermann sehr höflich und gemessen
-mit dem Wunsche, daß die Beziehungen der beiden Häuser die
-altbewährten bleiben möchten. »Ihre Kundschaft wird meinem Manne stets
-schätzenswerth sein,« sagte ich, »und ich hoffe, daß Sie mit dem
-zufrieden waren, was wir bieten konnten. Ungarische Gräfinnen verkehren
-leider nicht bei uns, dafür sind Uhr und Kette sicher.«
-
-Er versuchte zu lächeln, es war aber danach. »Ich verlasse Berlin
-mit den Erfahrungen, die ich zu sammeln vorgenommen,« erwiderte
-er. »Man wird meine Bemühungen an rechter Stelle anerkennen, auf
-Mißverständnisse rechnete ich von vornherein und wie ich sehe, sie sind
-nicht ausgeblieben.«
-
-Nun lächelte ich. Daran erkannte er, wie ich dachte. So ein Leisetreter.
-
-Um Zwölfen gondelten Kliebisch und Tochter ab. Ich hielt es für meine
-Pflicht, das Kind sicher in die Eisenbahn zu befördern, und fuhr bis
-zum Alexanderplatz mit. Kliebisch gab die Koffer auf, während ich
-die Anna an der Hand hielt, um sie nicht im letzten Augenblick zu
-verlieren. Sie weinte, der jählingse Luftwechsel war ja auch so seltsam
-für sie.
-
-Dann stiegen sie ein. »Anna,« fragte ich noch einmal, »Kind, kannst Du
-Dich gar nicht besinnen, wo Du den Brief hast?« -- »Ich glaube in der
-Tasche« -- »Dann her damit.« -- Sie fuhr in ihr Gewand und grabbelte.
--- Kein Brief. -- »Er ist in dem anderen Kleide.« -- »In welchem?« --
-»Das ist unten im Koffer.«
-
-Die Lokomotive pfiff, der Zug setzte sich mitsammt den Koffern,
-dem Kleide und dem Brief in Bewegung. Herr Kliebisch sah sehr
-unglücklich aus, entweder wegen des beschleunigten Abschieds, oder
-aus alkoholischen Gründen von gestern, oder wegen der Zukunft seiner
-Aeltesten. Denn was soll aus dem Wurm werden? Schließlich heirathet
-es einen Canditaten der Viehlologie mit gleichgesinnten Anlagen und
-nachher wundert so was sich, wenn die Landwirthschaft einen Aufschwung
-nach rückwärts nimmt. In dieser Weise sah ich wahrsagend voraus;
-hingegen die letzte Vergangenheit war mir unklar, da Niemand sagte, was
-sich ereignet hatte, und noch nicht offenbarte was mir blühte. Gerade
-in diese Unruhe fiel der Amtsrichter.
-
-Der Mann war jedoch gleich so gemüthlich, daß ich Stab und Stütze
-in ihm hatte. »Der Vetter hat die Bier-Influenza,« sagte er, meines
-Karls Zustand verständig durchschauend, »und wenn ich Ihnen, verehrte
-Cousine, ungelegen komme, nur keine Schüchternheit. Ich ziehe sofort
-nach der Putsch oder wie sie heißt.«
-
-»Nein, die Butschen hat voll besetzt, immer solche Fremde, die das
-Nachtgewand in Packpapier mitbringen. Sie bleiben bei mir.«
-
-Um die Weitläufigkeit der Verwandtschaft abzukürzen, betitelten wir uns
-vetterschaftlich und der Amtsrichter machte von seinem Familienrechte
-gleich Gebrauch, indem er meinem Karl eine bengalische Auster anrührte,
-aus einem Eigelb, einem Theelöffel Salz, ebenso viel Pfeffer und
-Mostrich mit einem Cognac gemildert. Er giebt sie seinen Assessoren und
-Referendaren, denen das Recept immer hilft, wenn sie Montags leidend
-sind. Auch meinem Karl nützte es; er schwor, nie wieder mit Ungermann
-auszugehen, als er noch an dem Nachgeschmack würgte.
-
-Während mein Mann sich langsam auf sich selbst besann und der Herr
-Vetter sich häuslich einrichtete, kam die Kliebisch angesegelt. Aber
-der Aufstand, als sie Gatten und Töchterchen abgereist vorfand. Und
-keine Erklärung angenommen, sondern mich verantwortlich gemacht. Zum
-Glück hatten wir in der Person des Vetters ein lebendes Tribunal im
-Hause, so daß die Hauptinjurien mehr innerlich gedacht als äußerlich
-angebracht wurden. Justiz erfordert Vorsicht.
-
-Wegen Ottilie mußte der Amtsrichter eine richtige Sitzung abhalten mit
-Belastung und Entlastung und Dorette als Zeugin. Als ich verlangte,
-mein Mann müßte sein gestriges Alibi nachweisen, wodurch ich erfahren
-hätte, wo die Drei gewesen, bemerkte der Vorsitzende: »Zeuge hat
-nicht nöthig, Nachtheiliges gegen sich auszusagen.« Mein Karl athmete
-erleichtert auf. Was sie wohl betrieben haben? Und mir schien, als wenn
-der Amtsrichter sich das Lachen verbiß.
-
-Die Kliebisch kam nach und nach so weit, daß sie nicht mehr ganz
-vorbei antwortete und sagte, es müsse Alles in dem Briefe stehen, den
-Ottilie geschrieben hatte, während sie mit Herrn Brauns gegangen war,
-Verlobungsringe zu besorgen und eine kostbare Brosche und was Ottilien
-sonst noch fehlte, bei Herrn Brauns Eltern einigermaaßen nicht als
-Bettelprinzessin erscheinen und was sie im Zorn redete. Sie hätte den
-Anstand des Hauses gewahrt und Ottilie zu Herrn Brauns Eltern begleitet
-und der Dank dafür sei die Vertreibung ihres Mannes und Kindes. Ob
-ich es verantwortet hätte, Herrn Brauns und Ottilie allein reisen zu
-lassen? Er wäre ja wie ein Wahnsinniger aus Liebe, da hätte sie nach
-Feuer und Licht sehen müssen.
-
-Also Rudolph hatte sein Mädchen entführt.
-
-»Sehr recht,« sagte mein Karl. »Er ist nicht der Mann, lange zu
-zappeln. Ich hätte es eben so gemacht.«
-
-»Karl, aus Dir redet die bengalische Auster. Schweige und bereue Dein
-gestriges Betragen.«
-
-Der Amtsrichter stiftete friedlichen Vergleich und ich war froh,
-endlich zu wissen, wie Haase gelaufen war. Meine Verantwortung hörte
-auf, die jungen Leute hatten ihr Schicksal selbst in die Hand genommen.
-Schließlich dankte ich der Kliebisch noch, daß sie mit Rudolph und
-Ottilie als Ehrenwache gegangen war. Die Eltern hatten die künftige
-Schwiegertochter wohlwollend empfangen. Das war ein Lichtblick nach so
-vieler Finsterniß. --
-
-Und nun waren wir ein Trifolium, wie der Amtsrichter betonte, und zwar
-ein vergnügtes. Mit ihm die Ausstellung durchpilgern, war reizend.
-Erstens hatte er Verständniß und zweitens Durst immer zur rechten Zeit,
-nicht wie Kliebisch, der an den Zapfstätten schwer vorbei zu bringen
-war. Der Familienabend in Alt-Berlin war sein Vorschlag. Theil nahmen
-außer uns Dreien noch Betti und ihr Mann und der Sanitätsrath und Frau.
-
-Wie anders war Alt-Berlin jetzt, als damals in der Mittagseinsamkeit.
-Wie von einem Jahrmarkt überschwemmt ließen die Gassen; Verkaufstisch
-an Tisch und Waaren darauf: der ganze Quark, Stück 'ne Mark. Das war
-nicht gerade mittelalterlich, trotz der Maskentrachten der Mamsellen
-und der Landsknechte. Und in den Häusern Kneipe an Kneipe mit und ohne
-Musik, und Kostümtrompeter auf den Plätzen, daß eine heftige Art von
-Lustigkeit herauskam.
-
-Wir versuchten in die wegen ihrer Grobheit beliebte Bauernschänke zu
-dringen, konnten jedoch nicht ganz hinein, so voll war sie. »Machen Se
-man, dett Se wieder raus kommen,« schrie der Wirth uns an, »Se sehen
-doch, dett hier anständige Leute sitzen.« -- »Hierbleiben!« schrieen
-die Gäste. -- »Rin mit der Schwiegermutter,« rief der Wirth, »die fehlt
-noch in meinem Museum.« Da gröhlten sie Alle: »Wir brauchen keine
-Schwiegermama -- ma.« Mit dieser Probe vollkommen befriedigt, wandten
-wir uns zum Gehen und es war auch Zeit, daß wir die Thür frei machten,
-da uns ein Herr nachgeworfen wurde, der wohl lange genug drinnen
-gesessen hatte. Brüllendes Gelächter belohnte den handgreiflichen
-Scherz. -- Ob es wohl in der großen Kurfürstenzeit ähnlich so herging?
-Ich will hoffen, daß dieser Ton sich aus Alt-Berlin nicht auf Berlin
-verbreitet. Das wäre eine üble Ausstellungserbschaft.
-
-Doch nun kam das belebende Element durch die Gassen daher, der
-historische Festzug. Es waren Männer und Frauen, wie vom Theater ins
-Freie verirrt, bunt angezogen, mit falschen Bärten und Perrücken
-und was Helden und Knappen und Ruinenfräuleins und ihre Zofen so um
-Fastnacht tragen. Bei Licht, aus Opernglasferne, vielleicht ganz
-annehmbar, in der Nähe und bei Tage jedoch zu ungediegen.
-
-»Entweder ganz echt oder gar nicht,« meinte der Amtsrichter. -- »Oder
-wenigstens komisch,« erwiderte ich. »Die Ritter z. B. mit Ofenröhren
-und Theekesseln, daß man lachen könnte.«
-
-»Hier scheint etwas zum Lachen zu sein,« sagte er. »Gehen wir hinein in
-die Singspielhalle?«
-
-»Ich fürchte, es ist zu rauchig drin für die Damen,« weigerte sich mein
-Karl. Das fiel mir auf. Wir hinein. Ich voraus.
-
-[Illustration: Ritter]
-
-Ein großer Raum, am Ende eine Bühne. Auf der Bühne vergoldete Stühle
-und auf den Stühlen ein gutes Dutzend Sängerinnen. Alle in kurzen
-Kleidern, wenn man, was sie anhatten, noch ein Kleid nennen will. »Dies
-ist ja ein Tingeltangel,« sagte der Sanitätsrath, »gehen wir.« -- »Den
-hab' ich längst einmal sehen wollen,« entschied ich, »bleiben wir.«
-
-Nun sang eine nach der anderen. Immer von Liebe mit Zubehör. Stimme
-meist nicht vorhanden. Dafür um so mehr Mimik. Mir wurde siedeheiß, wie
-sie sich betrugen. Aber die Herren in den Vorderreihen johlten Beifall
-und die Frauenzimmer lachten ihnen zu und machten Augen. Und was für
-welche! Nun wußte ich, wieso Ungermann seine multerigen Bekanntschaften
-in Alt-Berlin gemacht hatte, dies war sein Stammlokal gewesen und
-meinen Karl hatte er auch hingelockt. Warum wollte der sonst sich
-drücken?
-
-Unsere Herren waren verlegen, daß wir Damen einmal sahen, wie ein
-Tingeltangel beschaffen ist, bis auf den Amtsrichter, der sich
-amüsirte. Der durfte, der war unverheirathet.
-
-»Was sagst Du dazu?« fragte ich Betti. Sie antwortete nicht. Sie war
-bleich und saß kerzengerade, wie früher immer, wenn sie in tiefer Seele
-litt. Ihre Blicke ruhten fest auf ihrem Mann, als suchte sie auf seinem
-Antlitz zu lesen. Er war ja auch einst flott gewesen, wie die jungen
-Leute da vorne, die den Sängerinnen Champagner auf die Bühne reichten.
-Gedachte sie vergangener Zeiten?
-
-»Komm,« sagte ich. Sie stand auf und nahm meinen Arm. Ohne rechts und
-links zu sehen, zog sie mich auf die Gasse, durch die Menschenmenge zum
-Georgenthore hinaus in die grünen Buschwege des Parkes.
-
-»Was hast Du, Betti?« -- Sie athmete schwer auf. »Es war ein böser
-Traum,« sagte sie mühsam. »Ich will nie wieder an ihn denken. Nie
-wieder nach Alt-Berlin.«
-
-»Kind, Alt-Berlin ist so schön.«
-
-»Aber die Menschen darin! Mama, wo ist mein Felix?«
-
-Er kam mit den Anderen.
-
-Unrecht hatte Betti nicht. Was die Künstler schaffen, verdirbt der
-Ungeschmack. Aber es soll doch nur Geld verdient werden.
-
-[Illustration: Dekoration]
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Spree-Afrika.
-
-
-Ein zu allerliebster Mann, der Amtsrichter. Wenn ich nur erst eine
-Frau für ihn hätte. Ich habe freilich meinem Mann geloben müssen, nie
-wieder Menschen in ihr Glück zu stürzen, aber um den Amtsrichter wäre
-es ewig schade, wenn er als Junggeselle verbraucht werden sollte, und
-mit zarten Blumenstengeln auf die Annehmlichkeiten einer liebevollen
-Häuslichkeit hinweisen, liegt in dem Gelöbniß doch wohl nicht mit darin.
-
-Und ich hoffe, er bekehrt sich noch, allein schon wegen der
-Gaskochmaschinen, mit denen es eine wahre Lust sein muß, einen
-Hausstand zu begründen. Von der elektrischen Küche will ich gar nicht
-reden: man stellt die Pfanne auf einen beliebigen Tisch, dreht die
-Schraube und der Eierkuchen ist fertig. Es ist erstaunlich, wie weit
-die Verfeinerung der Menschheit jetzt reicht. Vergleicht man hiermit
-die Wilden, glaubt man kaum in demselben Jahrhundert mit ihnen zu leben.
-
-Für nur dreißig Pfennige Thoreinlaß treten wir in unsere Kolonieen, am
-Karpfenteich zwischen den Gebüschen malerisch gelegen, und können eine
-Vorstellung von unseren Erwerbungen in Afrika gewinnen.
-
-Viele sind gegen Kolonialbesitz, viele dafür. Mein Karl war bisher
-der Meinung, er koste nur und brächte nichts ein. Onkel Fritz
-behauptet, wir müßten ihn haben, weil in absehbarer Zeit Deutschland so
-übervölkert würde, daß kein Platz mehr wäre. »Fritz,« sagte ich, »sie
-nehmen das Tempelhofer Feld zu.« -- »Worauf sollen dann die Paraden
-abgehalten werden?« entgegnete er. Daran hatte ich nicht gedacht.
-Kolonialpolitik hat doch so ihre Eier.
-
-Die Hütten der auswärtigen Eingeborenen sind für das
-Stralau-Rummelsburger Klima nicht geeignet, dagegen nach der
-afrikanischen Bauordnung einwandsfrei. Wie die Schwarzen froh sein
-werden, wenn sie sich wieder an der heimathlichen Sonne wärmen können
-und ihre Kultur-Sendung in Treptow erfüllt haben, und verwilderter
-zurückkehren als sie kamen.
-
-Für mich ist es schier unmöglich, die einzelnen Stämme auseinander
-zu halten, welche die Suaheli sind und welche die Massai oder Dualla
-oder Papuas oder wie sie sonst geschrieben werden, zumal wenn sie
-sich mit rother Farbe geschminkt haben und wie anglühende eiserne
-Oefen aussehen. Seitdem ich obendrein weiß, daß die Papuas arg nach
-Menschenfleisch sind, geh' ich nicht dichte ran. Nächstenliebe mit
-Einbeißen ist nicht mein Fall.
-
-Der Amtsrichter ist dem Kolonialischen geneigt und hat sich eingehend
-damit beschäftigt, schon allein, weil mit der Zunahme der Verbrecher
-doch vielleicht die Einrichtung von Strafprovinzen nothwendig wird.
-
-»Herr Vetter,« fragte ich, »angenommen den Fall, Sie verdammen einen
-unverbesserlichen Rufti, dessen Geschäft in Messerstechen und ähnlichem
-Frevel besteht, nach Papuanien und die dunklen Reichsbrüder essen ihn
-auf, wäre das nicht eine verschmitzte Art Hinrichtung mit Umgehung des
-Gesetzbuches und zöge Ihnen Anklage zu?«
-
-»Vorläufig noch nicht,« entgegnete er. »Aber es kann so kommen; dem
-grünen Tisch ist Alles möglich.«
-
-»Warum wird er nicht anders bezogen? Wenn die alte Kulör nicht taugt,
-her mit einer frischen.«
-
-»Das Grün frißt sich doch immer wieder durch,« sagte er. »Es ist der
-Grünspan des Staates, alt und ehrwürdig.«
-
-»Aber giftig.«
-
-Er lächelte. »Ein gesunder Organismus überwindet ihn.« -- »Aber er
-spuckt.« -- »Das Recht hat er.« -- »Hat er doch etwas.« -- »Was das
-Volk kneift, thut dem werdenden Geheimrath nicht weh,« sagte Onkel
-Fritz.
-
-Unter diesen Gesprächen gelangten wir zu der Festung Qui-kuru qua Siki.
-Das ist ein heimtückisches Werk von außen und noch heimtückischer von
-innen. Die Wälle, dick und fest aus Palissaden und Lehm, sind mit
-hohen Stangen besteckt und obendrauf weißgebleichte Todtenschädel, die
-grinsen: Kommt nur heran, auf diese Manier wird hier frisirt. -- Geht
-man durch das enge Thor und sieht die Gräben und Gänge, wie in einem
-Irrgarten, hat man nur einen Gedanken: hier wird abgemurkst! Entrinnen
-ist nicht. Immer tiefer flüchtet man in die Mausefalle hinein und
-findet den Ausweg nicht wieder. Und nun fangen sie an zu schießen. Bums
-hier, bums da aus den kleinen Löchern in den Wänden und schleichen
-hervor mit Beilen und Lanzen und massacriren die Eindringenden. Höchst
-schaudervoll.
-
-[Illustration: Explosion]
-
-Obgleich diese Festung nur ein Stück Nachbildung der echten ist,
-kann man begreifen, daß solche Verschanzung für die Eingeborenen
-unüberwindlich war und selbst unseren Truppen nicht beim ersten
-Anrennen erlag. Aber wir kriegten sie und als sie sich nicht mehr
-halten konnte -- Krupp vertrug sie nicht -- da gab es einen Mordsknall.
-Der Häuptling Sike, ein unangenehmer Herr, der sich unseren humanen
-Sklavereiaufhebungsbestrebungen widersetzte und nebenbei Branntwein
-trank, hatte sich mit seiner Familie und seinen Schätzen auf ein
-Pulverfaß gesetzt und in die Luft gesprengt. Vier Tage hat die
-Festung gebrannt, mit Erdöl getränkt. Der Sieg war unser und die
-Kriegsentschädigung wurde in Elfenbein ausgezahlt. Aus dem Elfenbein
-werden Klaviertasten gesägt und die Klaviere gehen wieder nach Afrika
-zur Verbreitung der Kultur, die erst ihren Gipfelpunkt erreicht, wenn
-die Töchter der Wilden ebenso auf dem Piano herumrudern können, wie
-unsere.
-
-Doch das hat noch gute Wege, denn von erhöhter Bildungsarbeit haben
-sie keinen Dunst. Ihre Hauptbeschäftigung ist herumlaatschen und sich
-die Zeit mit Langweile vertreiben. Man liest ja auch, daß verschiedene
-Stämme unter Tänzen und Freuden dahinleben, ohne die Sorge des Lebens
-zu kennen. Und das ist wahr, viel Sorgen machen die Weiber sich nicht.
-Wenn sie kochen, besteht ihre Maschine aus ungehobelten Feldsteinen und
-um ihr Geschirr zu scheuern, greifen sie beliebig in den neben ihren
-Füßen befindlichen Erdboden, nehmen eine Handvoll und klarren Pfannen
-und Kessel damit aus. Wenn das nicht sorglos ist, weiß ich nicht,
-was sonst! Vielleicht ihre Kleidung? Was die Kinder anbetrifft, die
-haben blos Natur an. Sonst sind sie süß. Es muß an den Augen liegen.
-Kinderaugen sind doch wohl auf der ganzen Welt dieselben.
-
-Es war eine Mutter vor einer Hütte. Sie saß im Grase und spielte
-Pitsche-Patsche mit ihren Kleinen. Die jauchzten vor Lust und das junge
-Weib strahlte vor Glück. Ihre Augen leuchteten, ihre Lippen lächelten
-und die weißen Zähne schimmerten beneidenswerth. Ich glaube, die Liebe
-ist auch dieselbe, so weit die Erde rund ist.
-
-Wir gebildeten Europäer standen an dem Gehege und sahen zu. Manche
-riefen Redensarten, die sie gottlob nicht verstanden, aber mir schien,
-als wenn die Frau unter ihrer Wangenschwärze erröthete, wenn den
-Schnodderigkeiten wieherndes Gelächter folgte. Sie erhob sich und
-blickte die Weißen an. Was sie wohl dachte? Dann nahm sie ihre Kinder
-an der Hand und verzog sich in die Hütte. Und wir verzogen uns auch.
-
-»Die wären richtig weggegrault,« sagte Onkel Fritz. »Haben sie Dir
-gefallen, Erika?« -- Seine Frau schwieg. Nach einer Weile sprach sie:
-»Die Frau that mir so leid.«
-
-Von großem Interesse waren uns die Zauberhütte und die Götzenbilder,
-weil Niemand Gewisses darüber weiß. Gerade das Geheimnißvolle reizt.
-Selbst der Amtsrichter konnte keine Auskunft geben. Dagegen erklärte
-er uns das Versammlungshaus der Papuas. Kein Weib darf die Baracke
-betreten und vor allen Dingen nicht die große Trommel erblicken, auf
-der sie das erzeugen, was als Heidenlärm bekannt ist. Solche Furcht
-haben sie vor ihr, daß sie erschreckt fliehen, sobald darauf gebummert
-wird. Ja, sie glauben, sie müßten sterben, wenn sie die Trommel blos
-sähen. Solchen Aberglauben haben die Männer ersonnen, damit sie
-ungestört ihre Feste und Schmausereien feiern können und keine Frau sie
-von den Gelagen heimholt.
-
-»Ganz wie bei uns mit Herren-Abenden,« sagte ich. »Aber die Vergeltung
-rührt sich schon. Wie denken Sie über Frauenemancipation, Herr Vetter?«
-
-»Ich bin für die Freiheit der Frauen,« entgegnete er höflich.
-
-»Siehst Du,« stieß ich Onkel Fritz an. -- »Eben deshalb heirathet er
-nicht,« sagte der.
-
-Ich überhörte diese Unziemlichkeit, um uns nicht aufzuhalten. Denn
-noch lag die Kolonial-Ausstellung vor, die als eine Darstellung von
-Sansibar aufzufassen ist, in einer Mischung von afrikanischen Gebäuden
-und Berliner Erfrischungshallen. Eine bedeutende Sache. »Wir müssen
-festhalten, was wir haben,« sagte der Vetter, »ich freue mich, einen
-Einblick in die Wichtigkeit unserer Kolonieen zu erlangen. Hätte die
-Berliner Ausstellung nichts weiter gebracht, als diese Abtheilung, es
-wäre genug, ihr zu danken. Aber das genaue Studium erfordert Tage.«
-
-Darin hat er recht. Allein schon das Tropenhaus giebt ein Bild von der
-Production, dem Handel, dem Verkehr und der Lebensweise des Europäers
-in unsern Schutzgebieten, vom Auswärtigen Amte hingebaut. Und sollte
-man denken, die eisernen Pfeiler, auf denen es ruht, sind unten mit
-ölgefüllten Becken umgeben, damit die Ameisen nicht hochkriegen und
-Alles zernagen, was sie vorfinden. Und unten hat die Luft freien
-Durchzug, die Fieberdünste wegzuwehen.
-
-Drinnen die Möbel sind zum Theil aus dem schönen Neuguineaholz,
-ungeleimt, der Feuchtigkeit wegen und mit Messingschrauben
-zusammengehalten; ebenso sind Schlösser und Schlüssel aus Messing wegen
-des Rostens. Jegliches ist für das Klima ausgetiftelt und zwar in
-Berlin. Die Gesammteinrichtung gefiel uns, besonders das Speisezimmer
-mit gedecktem Tisch, worauf in Wachs geformt die köstlichen Früchte
-lagen, die zur Speise dienen, und oben an der Decke die Punkah, ein
-Riesenfächer, den an der Tafel Sitzenden Kühlung zuzuwehen. An den
-Wänden die Gemälde schilderten die Gegenden, die Jagden und die
-Schlachten mit den Feinden und was sonst sich malerisch in Oelfarbe
-ausdrücken läßt, wie z. B. unsere Schutztruppe in graugerippten Sammt
-und Naturlederzeug mit Gamaschen und Tropenhut; kolossal schneidig.
-Auch das Schlafzimmer des Gouverneurs war besichtigungshaft. Einer
-selbst war nicht drinn, wohl aber sein Bett mit Fliegenschleier, Nachts
-die Mosquitos abzuwehren. Ich warf hin: »Wen das Gewissen nicht sticht,
-der schlummert auch ohne Gazevorhänge. Gegen Wilde sei man milde.«
-
-»Du sollst in der letzten Zeit mächtig unruhig liegen,« sagte Onkel
-Fritz mir leise. -- »Ich wüßte nicht, wann ich Dir etwas vorgeschlafen
-hätte?« gab ich zurück. -- »Auch nicht nöthig, ich seh Dir doch an,
-daß Du nicht in Deiner gewohnten Gemüthsverfassung bist. Ist Kriehberg
-endlich beseitigt?«
-
-»Nicht eher, als bis die Papuas ihn am Spieß braten. Er wankt nicht. Er
-behauptet, wir lögen ihm vor, daß Tante Lina ihr Geld fest verankert
-hätte und will auf Entschädigung klagen, wegen des Aufwandes, den er
-machen mußte, um standesgemäß mit Tante Lina und Ottilie aufzutreten.«
-
-»Laß ihn klagen.« --
-
-»Fritz, Alles -- nur nicht vor die Schranken. Siehst Du, Richter
-können zu reizend sein, wie der Vetter, aber hängt ihnen den Talar um
-und sie sind unsicher. Paß acht, Kriehberg kriegt Recht. Er geht ans
-Reichsgericht. Das spricht ihm Ottilie zu und mir die Kosten. Wie das
-noch endet, weiß ich nicht. Mir steht der Verstand still.«
-
-»Das merke ich. Warum legst Du dem Vetter den Fall nicht vor?«
-
-»Der hat Ferien und will sich amüsiren.« --
-
-»Wer sagt denn, daß er sich nicht darüber amüsirt?« --
-
-Es kam mir eine Erleuchtung. Die Vorsehung will es, warum hat sie uns
-sonst einen Amtsrichter in die Verwandtschaft gebracht? Auch sind
-Ferien ohne jegliche Thätigkeit ungesund.
-
-Mir wurde licht und froh im Sinn, gerade so als wenn man sich in
-fremder Umgebung verlaufen hat und sieht plötzlich ein Wirthshaus. Wir
-eilten den Anderen nach, die die Hospital-Einrichtung des Tropenhauses
-in Augenschein nahmen.
-
-Bei all dem Obst und den Fieberlüften, den Ameisen und Gewürmen und
-Kämpfen können Krankheiten nicht ausbleiben und da ist denn der
-»Deutsche Frauen-Verein für Krankenpflege in den Kolonieen«, der in
-hilfreichster Weise für die Siechen in dem fernen Land sorgt, wo
-nichts zu haben ist, was Leidende benöthigen. Wie es in den Kolonieen
-zugeht und wie die Frauen hier nun thätig sind, das erfährt man aus
-der Vereinsschrift »Unter dem Rothen Kreuz«, die ich sofort bestelle.
-O, wie viel können wir da wirken für unsere Landsleute und für die
-Schwarzen. Güte bindet fester als Gewalt.
-
-Auf dem Liebesgaben-Tische hatte Erika einen mit Kerzen geschmückten
-Tannenbaum entdeckt. Er stand groß und breit zwischen den anderen
-Sachen, aber er war uns nicht aufgefallen, da wir ihn für putzende
-Grünigkeit hielten. Der Baum war ein künstlicher aus Gedrath und grünen
-Stoffnadelzweigen, täuschend wie eine Tanne aus dem Walde. Es war ein
-zweiter solcher Baum vorhanden, eng in eine Blechbüchse verpackt, nicht
-größer als ein einigermaßener Regenschirm, daß er sicher verlöthet,
-bis mitten in Afrika hinein versandt werden und überall um die
-Weihnachtszeit fast zwei Meter hoch aufgebaut werden kann, wo Deutsche
-weilen, die sich vergebens nach der Tanne sehnen, weil sie dort nicht
-wächst. Und ein Fläschchen ist dabei mit Tannenduft. Der wird auf den
-Baum gesprengt. Die Lichter brennen, Goldfrüchte hängen daran und
-in der Spitze schwebt der Engel mit dem Stern. Dann ist Weihnacht,
-deutsche Weihnacht. Die Fremden und die Wilden sehen das und fragen,
-was es bedeutet? »Deutsche Sitte,« wird ihnen gesagt. »Kommt und feiert
-mit uns das Fest der Liebe.«
-
-Wenn wir Erika nicht bei uns gehabt hätten, wir wären achtlos
-vorübergegangen. Sie aber sah und fragte und uns wurde Bescheid. Onkel
-Fritz schrieb sich die Verfertiger auf, sie hießen C. Nicolai Söhne
-und wohnen in Hamburg. Er will überseeischen Geschäftsfreunden solche
-Tannenbäume verehren. Er weiß, was er thut.
-
-Wir erlebten darauf im Freien den Aufzug der Afrikaleute. Es muß wohl
-so sein und sie sind wohl auch derselben Meinung. Männer, Weiber,
-Kinder schritten daher und machten ihre Musike, die mir klang wie
-orientalische Musik überhaupt. Die ist, als wenn Teppiche geklopft
-werden und Einer lernt Clarinette dazu.
-
-»Nun, Schwager?« fragte Onkel Fritz. »Wie gefallen Dir die
-Kolonialbrüder und Schwestern?« -- »Gar nicht,« sagte mein Karl, »was
-haben wir von ihnen?«
-
-[Illustration: Raucher]
-
-»Sieh doch nur genau hin, mich dünkt, die Strümpfe, die ihnen an
-den Stellen herunterhängen, wo sonst die Waden sitzen, könnten aus
-Deiner Fabrik stammen.« -- Mein Karl prüfte. »Es sind von meinen
-halbwollenen,« sagte er, »die rothblaue Borde ist ein Versuch, der
-nicht recht einschlug.« -- »Das ist eben der Segen der Kolonieen,
-wie ich Dir vor Jahren bereits gesagt habe: Die Wilden sind hundert
-Meilen hinter dem Leipzigerstraßengeschmack zurück.« -- »Ganz zu
-verwerfen sind Kolonieen doch am Ende nicht,« erwiderte mein Mann.
--- »Karl,« sagte ich und wies auf einen besonders schlampigen Neger,
-»wenn alle so mit den Wollwaaren umgehen, wie der lange Lulei, kann
-der Absatz riesenhaft werden. Der hat schon mindestens vierzehn Zehen
-durchgestochen.«
-
-Seit dieser Beobachtung ist mein Karl für Afrika etwas geneigter. --
-
-Von Sansibar begaben wir uns nach Kairo. Als mein Karl und ich es
-zum ersten Male besuchten, genossen wir reine Wiedersehenswonnen und
-ein über das andere Mal riefen wir: sind wir denn wirklich nicht im
-Pharaonenlande, wo wir unvergeßliche Wochen zubrachten? So getreu
-ist das Kairo an der Coepenicker Chaussee hingestellt, mit Arabern,
-Beduinen, Fellachen, Eseln und Eseljungen besiedelt. Wir schwelgten
-über jedes, das wir als lieb Bekanntes begrüßen konnten. Es war mein
-einziger Wunsch, noch einmal hin nach Kairo, aber ich hatte ihn
-aufgegeben. Und nun wurde er so dichte bei erfüllt.
-
-Wir trafen Leute, denen war unsere Begeisterung lachhaft. Die hatten
-sich unter Kairo ganz etwas Anderes vorgestellt: Flitterprunk, ungefähr
-als wenn im Opernhaus großes Galla-Ballet neu ist. Sie wußten nicht,
-daß der Orient allmählich untergeht, zerbröckelt und zerfällt, und
-ahnen nicht, daß die Gluthsonne des Morgenlands dazu gehört, ihn zu
-vergolden. Ich sagte: »Lesen Sie, Buchholzens im Orient, da steht's
-drin.« Was soll ich mir Quesen in den Mund reden, gegen vorgefaßte
-irrige Meinungen? Und wenn ein arabischer Stiefelputzer -- es ist
-ja Horde die Bande, aber komisch und unverwüstlich -- seine rasch
-gelernten deutschen Brocken redete, was sagten sie dann?
-
-»Ackerstraße,« sagten sie, als wenn Berliner Schusterjungen gefärbt
-wären.
-
-Es wird eben so viel gefälscht, daß die Leute bald an nichts Echtes
-mehr glauben.
-
-So etwas verdrießt. Und gar zu viel Handel und Unfug treiben sie. Nicht
-die Egypter, nein die wirklich aus der Ackerstraße mit einem Tarbusch
-auf dem Kopfe und Pantinen im Benehmen.
-
-Der Vetter verstand, das Echte vom Unechten zu scheiden, und Erika war
-wie in der Welt der Phantasie, die nahm das Ganze, wie es sich bot. Mit
-den Beiden die Bazargassen zu durchwandern, das war ein Vergnügen. Ich
-zeigte ihnen die vergitterten Haremsfenster. -- »Arme Frauen,« sagte
-Erika.
-
-Und in der Arena, die Beduinen auf ihren arabischen Pferden, wie sie
-daherstürmten und aus ihren langen Flinten schossen. Selbst Onkel
-Fritz meinte: »Hier könnte Renz auf die hohe Schule gehen.« Und der
-Hochzeitszug mit Kameelen und Sänften und dem farbigen Egyptervolk. Wer
-das sah, kann sagen, er hat ein Stück Orient gesehen.
-
-Und alles das, die ganze Stadt doch nur ein Sommertagtraum. Wo jetzt
-die Moscheen stehn und die krummen Straßen Kairo sich hinziehen,
-grünen im nächsten Frühjahr die Kornfelder und wo der Muezzin zum Gebet
-rief, singt die Lerche. Kein Edfu-Tempel, keine Pyramide mehr, dahin,
-dahin. Und der Wind, der die Palmen nicht mehr findet, eilt weiter
-über die märkische Ebene, wie er gewohnt ist von jeher. Dann sind die
-Egypter bei den ihrigen und erzählen von Berlin Kebir, dem großen
-gewaltigen Berlin, und wir erzählen uns von der Märchenstadt am Nil,
-die zu Besuch war an der Spree.
-
-[Illustration: Schießender Araber]
-
-Die Pyramiden sind ein Weltwunder des Alterthums. Daß sie mit Sack und
-Pack auf Reisen gehen, das ist ein Weltwunder unserer Zeit. Was unsere
-Nachkommen wohl anstellen, um die Vergangenheit zu überbieten? Denn
-mehr als Radschlagen kann der Mensch nicht.
-
-
-
-
-[Illustration: Titel-Dekoration]
-
-
-
-
-Glückliche Leute.
-
-
-[Illustration]
-
-Noch einige Tage und mein Hotel steht leer. Der letzte Gast, der
-Vetter Amtsrichter, muß wieder in Dienst. Daß ein so liebenswürdiger,
-hochgebildeter Mann von Verbrechen leben muß! Aber andererseits, wenn
-blos Edles auf Erden begangen würde, wären die gesammte Jurisprudenz
-brodlos, und es sähe für reich betöchterte Familien noch flauer aus
-als jetzt, wo zum Aufziehen gebildeter Weiblichkeit die Gelegenheiten
-immer massenhafter, die zum Versorgen jedoch immer zählbarer werden. Da
-steckt es.
-
-Wir sehen ihn ungern scheiden und hoffen von nun an in regerem Verkehr
-zu bleiben, wenigstens einmal im Jahre, und dann auf längere Wochen.
-Die Uhren ticken freilich ihren gleichen Schritt, aber die Zeit wird
-eilsamer im Alter, und Wochen fliehen wie Tage und die Tage wie kurze
-Stunden. Kaum hatten wir uns über das erste Grün gefreut, und nun
-fielen schon gelbe Blätter hier und da. Und doch war der Sommer nicht
-eigentlich heiß gewesen, ausgenommen für mich. Mir war nicht schlecht
-eingekachelt worden.
-
-Doch das war vorbei.
-
-Ottilie schrieb mir reumüthige Briefe. Es war ja auch nicht 'was,
-durchzubrennen, während ich mich in ihren Angelegenheiten Reisegefahren
-aussetzte, aber indem sie um Verzeihung flehte und schriftlich über
-sich nachzudenken gezwungen war, kam sie zu der Erkenntniß ihrer
-Unvollkommenheiten, und den Gewinn schlage ich als ihre beste Mitgift
-an. Auch Musjeh Urian, ihr Verlobter, gestand seitenlang seinen Frevel
-ein und bat um mein ferneres Wohlwollen. Kann man ihm denn böse sein?
-
-Verliebte sind unzurechnungsfähig, und Rudolph mußte man lassen, daß
-er verhältnißmäßig vernünftig gehandelt hatte, wenn man sich es recht
-benahm. Denn wie verliebt war er trotz Ottiliens Fehlerhaftigkeiten.
-Schöne Gestalt hat große Gewalt.
-
-Das hatte Kriehberg auch an sich erlebt, obgleich nicht so wie Rudolph,
-sondern mehr mit Geldnebengedanken.
-
-Ich fragte den Vetter Amtsrichter: »Wenn Einer von Einer schriftliche
-Indizien verwahrt und derselbe beabsichtigt, wenn diejenige demjenigen,
-der dieselben besitzt, denjenigen vorzieht, welchen dieselbe später
-kennen lernte, mit denselben zu schikaniren und derselbe sich nicht
-entblödet in das Ja vor dem Geistlichen hineinzufahren. Darf derselbe
-das?«
-
-Der Vetter entgegnete: »Ich habe Sie nicht ganz verstanden, verehrte
-Cousine.«
-
-»Das wundert mich, ich gab mir doch Mühe, Amtsstil zu reden.«
-
-»Der ist bisweilen selbst ergrauten Actenlesern zu viereckig, als daß
-sie daraus klug würden. Aber wenn Sie die Güte haben, mir den Fall in
-der gewöhnlichen Umgangssprache mitzutheilen, hoffe ich, Ihnen Auskunft
-geben zu können. Und wenn ich bitten darf, ohne Voreingenommenheit und
-ohne Beschönigung.«
-
-»Zu beschönigen ist nichts, Kriehberg ist, wie er ist, ein Subject.«
-
-»Erlauben Sie, das scheint mir parteilich.«
-
-»Wo denn? Wenn ich Partei nehme, doch für Rudolphen, und von dem hab'
-ich kein Sterbens-Atom erwähnt.«
-
-»Ahem!« sagte der Vetter. »Liebe Cousine, so kommen wir nicht weiter.
-Also zunächst der genannte Kriehberg. In welchem Verhältnis stehen Sie
-zu ihm?«
-
-»Herr Vetter, solche Fragen muß ich mir dringend verbitten. Ueberhaupt
-Kriehberg! Ich kenne keinen Menschen, mit dem ich quaranzetter stände,
-als mit ihm.«
-
-»Ich verstehe. Waren Sie von Anfang an derselben Meinung?«
-
-»Herr Vetter, wie jemand sich entwickelt, solchen Verlauf nimmt die
-Freundschaft!« Und nun erzählte ich ihm von den Berichten und von
-Kriehberg und Ottilie als Hilfs-Assistenten und von Tante Lina in
-ihrer Eigenschaft als Erbvorspieglerin und von Rudolph und Ottilien,
-als wirkliche Liebe, und von Kriehberg's Eifersucht und von Ottiliens
-Entführung und Kriehberg's Herausforderungsgelüsten, die sich sogar bis
-auf mein Lamm von Mann erstreckten. »Warum ist es nicht möglich, das
-Duell mit Stumpf und Stiel auszurotten?« fragte ich.
-
-»Weil die Ehre, Gott sei Dank, noch lebt, die höher steht als das
-Leben. Ihr Hort gegen Vergewaltigung und Heimtücke ist der Zweikampf.
-Wer sich an die Ehre wagt, wisse, daß er sein Leben auf's Spiel setzt.«
-
-»Ganz recht, auf den Zufall! Der entscheidet.«
-
-»Wie im Kriege um die Ehre des Vaterlandes, der Sieg oft Werk des
-Zufalls ist. Wer die Ehre nahm, mag auch das entwerthete Leben nehmen
-oder das seinige lassen als Sühne. Wie es sich fügt.«
-
-Die Antwort hätte ich mir denken können; die Schmisse des Herrn Vetter
--- sie stehen ihm nicht übel zu Gesicht -- sagen ja offenkundig, daß er
-schon als Jüngling mannhaft für sich eintrat.
-
-Und Rudolph hat auch so einen Kratzer auf der Stirn, von der
-technischen Studentenzeit und dem Farbentragen. Der geht los. Deshalb
-fragte ich: »Es existiren doch Festungen. Ist keine frei für Kriehberg,
-ehe er beleidigt und zwar mit lebenslänglicher Beköstigung?«
-
-»Nein,« sagte der Vetter, »die Freiheit eines Menschen einzuschränken
-ist nicht gestattet.«
-
-»Aber wenn man doch weiß, daß er Unheil anrichten wird?«
-
-»Auch dann nicht.«
-
-»Warum leben wir nicht mehr in Alt-Berlin, Herr Vetter? Damals saß die
-Senge loser als heute.«
-
-»Sie machen sich unnöthige Sorge. Wenn das Fräulein die Verlobung
-rückgängig machen will, werden wir ausreichende Gründe finden. Er
-vermag ihr keinen Unterhalt zu bieten, sein exaltirtes Wesen deutet
-auf geistige Störung. Ist ihm irgend ein verschrobener Verwandter
-nachzuweisen, liefern wir ihn den Psychiatern aus.«
-
-»Ist das sehr etwas Schlimmes?«
-
-»Bei einem Anhänger Lombroso's ist er so gut wie verloren, dem genügt
-schon eine dämliche Kinderfrau zur erblichen Belastung bis ins vierte
-Glied.«
-
-»Das ist Alles recht schön; aber wer hindert ihn, das Glück der Beiden
-durch seine Unvernunft zu stören? Und da Ottilie nicht frei von Schuld
-ist, welch' ein Brautstand wird das, welch' eine Ehe? Das ist meine
-Behauptung. Und solche Verbrechen an Glück und Freude sind straflos?«
-
-Dies sah der Vetter ein. Glück muß rein sein, sonst ist es kein Glück.
-
-Er ließ sich Kriehberg's Adresse von mir geben, von ihm selbst zu
-erfahren, ob er aus Liebe handele oder aus Eigennutz. -- »Von jedem
-etwas,« sagte ich »halb sauer und halb mit Essig.« --
-
-Als der Vetter wiederkam, waren wir einen Tippel klüger, aber auch
-nicht mehr. Kriehberg wollte gegen eine Abstandssumme zurücktreten und
-Ottiliens Briefe herabrücken.
-
-Es waren man blos 5000 Mark, mehr nicht. Und die sollte ich berappen.
-Wer sonst?
-
-Ottilie verfügte nicht über so viel. Und Rudolph konnte doch unmöglich
-seine Braut kaufen? Blieb ich allein vor dem Rest sitzen.
-
-Oder Tante Lina.
-
-Aber die konnte ja nicht an das Ihrige heran.
-
-Machte ich mir wirklich ungelegte Eier, wie der Vetter meinte: »Genau
-genommen, geht Sie die ganze Angelegenheit gar nichts an.«
-
-Wie oft hatte ich mir das einzureden versucht, und Onkel Fritz sagte
-es auch. Es half jedoch nicht. Mir war Ottiliens und Rudolphs Zukunft
-zur Herzensfreude geworden. Daran lag es, daß ich Unheil von ihnen zu
-wenden suchte, was jedoch erschwert wurde durch Ottiliens Rückkehr.
-
-Rudolphs Eltern wollte sie zu mir bringen, meinen Karl und mich kennen
-zu lernen, und die Verlobung sollte gefeiert werden.
-
-Und wenn wir rufen: »Hoch lebe das Brautpaar!« und Kriehberg stürzt
-herein und vollführt Aufruhr? Oder schießt gar? Und keiner mag an
-die Stunde zurückdenken, die sonst wie eine Sonne aus der Erinnerung
-in's Leben hineinstrahlt, wenn trübe Tage kommen. Weder Rudolph noch
-Ottilie. Und können sie auch nicht vergessen.
-
-Ich setzte mich hin und weinte.
-
-Dorette meldete Besuch.
-
-»Ich kann Niemanden empfangen, ich habe Migräne.«
-
-»Det paßt jrade. Der Herr is ooch wat Feines.«
-
-»Mein Mann ist im Kontor.«
-
-»Nee, er will bei Madame,« sagte Dorette und hielt mir die Karte hin.
-
-Dorette hatte die Thür halb aufgelassen. »Verzeihen Sie, wenn ich
-ungelegen komme, aber meine Zeit ist gemessen.«
-
-»Ich blickte hin, der Herr war mir fremd... und doch bekannt. Wo hatte
-ich ihn gesehen? Richtig, auf der Ausstellung. Er war es, Johannes
-Viedt.«
-
-»Sie kommen von Tante Lina?« fragte ich, ohne die
-Vorstellungsförmlichkeiten zu erledigen.
-
-»Ich bringe Grüße von ihr. Und um kurz zu sein, sie hat mich gebeten,
-einem jungen Manne in seinem Fortkommen drüben behilflich zu sein,
-einem Architekten...«
-
-»Ja, ja,« unterbrach ich ihn. »Kriehberg heißt er, eine
-außerordentliche Kraft...«
-
-»Freut mich zu hören. Für einen tüchtigen Baumeister ist bei uns ein
-lohnendes Feld. Ich selbst habe große Unternehmungen vor in St. Louis.
-Sein Weg ist gemacht, wenn er sein Fach versteht.«
-
-»Besser als die anderen, er baut Ihnen Alles.«
-
-»Sonderbar, und doch kämpft er mit Schwierigkeiten?«
-
-»Wo soll er hier seine Kräfte entfalten? Aber drüben in dem freien
-Lande wird er Bedeutendes leisten.«
-
-»Freut mich. Die Dame nimmt innigsten Antheil an ihm... wie eine
-Mutter.«
-
-»Das fiel mir nie auf. Aber wer weiß?«
-
-Er schwieg.
-
-»Sie spricht nicht über ihre Vergangenheit,« fing ich an. »Und doch
-spürt man aus Allem, daß sie ein verlorenes Leben betrauert. Deshalb
-ist sie mitunter so verbittert, und wiederum weich zu anderer Zeit. Ist
-es ihr Wunsch, dem jungen Mann fortzuhelfen... ich würde ihn erfüllen,
-wenn es an mir läge... so bald wie möglich... vielleicht ist es die
-einzige Freude, die sie noch hat. Sie glauben nicht, wie ich ihr dies
-nachfühle.«
-
-»Das macht Ihrem Herzen Ehre,« sagte Herr Johannes Viedt.
-
-»O, bitte.« -- Wie er sich wohl meine Erröthung deutete?
-
-»Wo ist der junge Mann? Von Ihnen würde ich Auskunft erhalten...«
-
-»Sagte Tante Lina? Ja, das habe ich ihr versprochen. Ich werde Ihnen
-Herrn Kriehberg senden.«
-
-»Kaiserhof, Zimmer fünfundvierzig.«
-
-»Soll geschehen.«
-
-»Ich danke Ihnen.«
-
-Er ging. Ich mit fliegender Hast auf und davon nach Kriehberg.
-Glücklicherweise traf ich ihn, wenn auch nicht in rosenfarbner Laune.
-Er sollte Miethe abladen und es fehlten ihm die Groschen.
-
-»So weit sind Sie herunter und doch noch zu Pferde?« rüffelte ich ihn
-an. »Noch immer keine Einsicht? Und nun schleunigst mit Ihnen nach
-dem Kaiserhof, da ist einer von den amerikanischen Naböbbern, Sie
-mitzunehmen zum Cementanrühren und was Sie sonst vom Bau los haben.
-Aber so können Sie nicht antreten....«
-
-»Ich kann doch meine Pfandscheine nicht anziehen?«
-
-»Nee,« sagte ich, »aber wir können sie einlösen.«
-
-»Würden Sie das?«
-
-»Gewiß, aber erst her mit Ottiliens Briefen.«
-
-»Sie legen mir eine Falle!«
-
-»Junger Mann, die Vorsehung reicht Ihnen die Hand. Hier das
-erbärmlichste Elend -- dort eine Zukunft, um die Sie Hunderte beneiden.
-Und sie zögern auch nur eine Minute? Ich zähle bis drei. -- Mit drei
-ist unwiderruflicher Schluß. Also: Eins!«
-
-Er rührte sich nicht. Ich ging einen Schritt auf die Thür zu.
-
-»Zwei! -- Freie Ueberfahrt nach den Goldbergen. Sogleich in
-Thätigkeit!« -- Ich faßte den Thürgriff.
-
-»Zwei ein halb. Adje Herr Kriehberg. Eins und zwei und...«
-
-»Halt!«
-
-»Na, sehen Sie!«
-
-Er holte die Briefe hervor und die Versatzamts-Dokumente. Auch die
-Miethe wurde erledigt.
-
-Und was sagte er, als ich ihm noch Taschengeld ließ aus der Wechselei
-mit seinen Hausleuten?
-
-»Sie schreiben mir es wohl auf meine Arbeiten gut« -- Ob das
-Bramsigkeit war den Leuten gegenüber oder Unverfrorenheit, daß er sich
-solche Worte herausnahm, soll unentschieden bleiben, ich ließ ihn ohne
-Antwort stehen. Mit dem war ich fertig.
-
-[Illustration: Briefe]
-
-»Aber er war noch lange nicht über das Wasser. Wenn Herr Viedt ihn
-nicht mitnahm?«
-
-Ich hatte wenigstens die Briefe, damit konnte er nichts mehr anstiften.
-
-Ich las sie zu Hause durch. Unverantwortlich überschwänglich mit
-himmlisch und entzückend, mit Liebe und Daseinswonne und Seligkeiten
-und doch kein Satz aus dem Herzen, sondern aus Büchern, ebenso wie
-ihre Wissenschaften eine bloße Behaltssache mit dem Kopfe; nichts
-Innerliches. Solchen Brast hatte ich oft genug gelesen; wahrscheinlich
-in denselben Romanen, woraus Ottilie sich mit Liebesweisheit
-belernte. Nein, geliebt hat sie Kriehberg nie. Es war die reine
-Gymnasialpoussade, nicht mehr und nicht dauerhafter, ohne einen Fleck
-zu hinterlassen, obgleich man nie vorsichtig genug sein kann! Umgang
-färbt ab.
-
-Und doch der Schreck, als Kriehberg am Spätnachmittage erschien...
-Natürlich Herrn Viedt vor den Kopf gestoßen und der Tanz beginnt von
-Neuem, war meine feste Ueberzeugung.
-
-Aber gottlob nein. Der Himmel hatte ein Einsehen gehabt mit meinen
-Leiden. Er war angenommen, am folgenden Tage ging es nach Hamburg und
-von da in die neue Welt, neuem Leben entgegen. Nun wollte er mir danken.
-
-»Herr Kriehberg,« sagte ich, »daß Sie glauben, mir Dank schuldig zu
-sein, nehme ich als ein Zeichen Ihrer Reue an, im Uebrigen will ich
-Ihren Dank nicht. Was ich für Sie ausgelegt habe, steht zu Buch. Sie
-werden mir es wiedererstatten, wenn Sie in Dollars wühlen. Wir haben
-blos geschäftlich miteinander zu thun. In meiner Zuneigung haben Sie
-weder Sitz noch Stimme.«
-
-»Wenn Sie wüßten, wie die Gesellschaft mich behandelt hat, diese
-selbstsüchtige, verlogene Brut, die mir feindlich gesonnen ist von
-jeher, die mich nie verstanden hat...«
-
-»Ach was, Gesellschaft! An Ihnen liegt es, daß Sie überall gegen
-rennen. Sie wollen mehr für Ihr Bischen Können haben, als es werth
-ist, das ist Ihr Zorn. Verstehen Sie die Welt, dann werden Sie wieder
-verstanden werden.«
-
-Das mochte er nicht hören, er empfahl sich mit einer kurzen Verbeugung
-und verschwand. --
-
-Ich athmete auf, die Luft war rein. Aber ganz frei fühlte ich mich
-erst, nachdem ich dem Vetter die Unterhaltung mit Kriehberg erzählt
-hatte. »Wenn jetzt nichts aus ihm wird, trifft mich keine Schuld,«
-schloß ich, »an ihm ist gethan, was gethan werden konnte.«
-
-Der Vetter lächelte. »Keine mächtigere Gunst als Frauengunst,« sagte
-er. »Nach meinem Urtheil ist Kriehberg ein Mensch, der immer wieder
-angebracht werden muß, da er selbst sich meistens unmöglich macht. So
-einer ist auf Protection angewiesen und findet sie auch, so bald es ihm
-gelingt, mit doppeltem Boden als vielversprechendes Talent zu imponiren
-und als verkanntes Genie Mitleid zu erwecken. Und hat er einmal die
-Gönnerschaft eines weiblichen Herzens gewonnen, bleibt sie ihm und
-hilft ihm vorwärts, auch wenn er sie nicht mehr verdient!«
-
-»Sehr richtig, Herr Vetter, als wenn ich Tante Lina leibhaftig vor mir
-sähe; meine Gunst dagegen hatte Kriehberg längst verscherzt. Aber sagen
-Sie selbst, hätten Sie es über sich gebracht, ihn in seiner Laufbahn zu
-behindern? Schließlich dauert er Einen doch und er kann sich ja auch
-ändern.«
-
-»Vielleicht findet er eine liebende Gattin, die ihn erzieht.«
-
-»Für seine Zukünftige wäre das Beste, er bliebe unverheirathet. Oder
-auch er kriegte seinen Lohn durch sie. Die Vorsehung wird schon wissen,
-wie sie's anfängt« --
-
-Mein Karl mußte noch einmal in seine Fabrikwohnung ziehen, da ich
-Ottilie bei mir hatte.
-
-Es war ein wunderliches Wiedersehen, als sie kam und nicht wußte, ob
-es Schelte gäbe oder gute Worte und er dabei war, ihr Bräutigam. In
-seiner Gegenwart mich einer Kanzelrede für fähig zu halten, traute sie
-mir nicht wohl zu, aber wäre inhaltlose Höflichkeit nicht eben so hart
-gewesen, wie ein Ausputzer mit Amen und Sela? Genug, sie fürchtete, ob
-ich doch nicht...
-
-Nein. Als sie zögernd dastand und ihre Blicke schüchtern baten,
-breitete ich die Arme aus und sie umhalste mich schluchzend und bebend.
-
-»Kind, Kind, es ist Alles gut,« sagte ich und flüsterte ganz leise:
-»Alles, Alles.«
-
-Sie mußte verstanden haben, was ich meinte. Nun ließ sie mich erst
-recht nicht los.
-
-»Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben,« wandte ich mich an Rudolph.
-»Sie sind mir der Rechte. Sie versprechen mir, keine Thorheiten zu
-begehen -- ja, das haben Sie -- und kaum bin ich aus der Sehatmosphäre,
-entführen Sie Ottilie.«
-
-»Das war doch keine Thorheit.«
-
-Als er das sagte, lachte er über das ganze Gesicht. Und ich... ich
-lachte mit. --
-
-Herrn Braun's Eltern waren im Hôtel de Rome abgestiegen, mein
-Pfuschhôtel konnte ich ihnen nicht gut anbieten; sie sind es vornehm
-gewohnt, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, sie einmal in richtiger
-Berliner Manier bei uns zu sehen, mit warmem Abendbrot, einfach und
-gediegen und dafür lieber etwas reichlich. Die Leute sind wirklich
-nette Leute. Obgleich so reich, mußte ihr Sohn von der Pike auf dienen,
-arbeiten und schlossern und schmieden und zeichnen und rechnen, als
-hätte er nichts zu erwarten. Und deshalb hatte er auch die Freiheit
-nach seinem Herzen zu wählen. Er konnte etwas und stand auf eigenen
-Füßen.
-
-[Illustration: Bären]
-
-Und dabei die Ungermann, des älteren Herrn Brauns' Schwester.
-Familienäpfel fallen doch manchmal sehr weit vom Stamm. Oder aber
-Ungermann hat sie schädlich angewöhnt. Der ist nach keiner Richtung
-empfehlenswerth. Denn anstatt von meinem Karl einen größeren Posten zu
-kaufen, hat er eine Lappalie bestellt und unserem Konkurrenten alle
-verregnete Waare billig abgenommen und sonst noch viel dazu. So etwas
-gehört sich nicht. --
-
-Braun's besuchten die Ausstellung nicht des Vergnügens wegen,
-sondern in wichtigster Absicht. Es galt, dem Sohn ein eigenes Heim
-einzurichten, und wo konnte das Zubehör besser ergründet und beschafft
-werden, als da, wo das Beste und Schönste nahe bei einander war?
-
-Das höchste Ziel des heutigen Menschen ist eine eigene Villa. Ottilie
-hatte es erreicht. Die Pläne waren bereits entworfen, die Ausstattung
-stand fertig in den Hallen der Ausstellung. Wir brauchten blos
-aussuchen. Brauns _senior_ bezahlte.
-
-Wie ganz anders doch die einzelnen Gegenstände erscheinen, wenn sie
-erworben werden sollen und nicht als gewerbliche Anstauungsleistungen
-ermüden. Und Möbel haben wir gewählt: propper! Die Villa wird kostbar.
---
-
-Auch die Hochzeitsreise ist bereits geographisch abgesteckt, mit Madrid
-als Endpunkt. Nun kommt Ottilie dahin, und kann die spanische Residenz
-mit ihrer Examensarbeit vergleichen. Rudolph sucht eben jeden ihrer
-Wünsche zu erfüllen, selbst den weitesten. Wenn sie nur nicht verwöhnt
-wird. Aber Mama Brauns ist eine kluge Frau. Und Ottilie ordnet sich ihr
-unter aus freien Stücken. Sie hat ja eine Mutter in ihr wieder.
-
-Als ich mit Ottilie allein war, am ersten Abend nach ihrer Rückkehr
-sagte ich: »Reich mir mal die Schweden und mach die Ofenthür auf.«
-
-Nachdem sie dies gethan, hielt ich ihr ein Päckchen Papiere hin und
-fragte: »Kennst Du diese?«
-
-»Meine Briefe!« rief sie verlegen.
-
-»Deine Jugend-Dummheit. Von ihr soll nichts bleiben, als Staub und
-Asche. Weg und aus!«
-
-Wie der Ofen voller Flammen prasselte, sagte ich: »Schade, daß wir
-Deine Wissenschaften nicht mit eins verbrennen können, oder ergiebst Du
-Dich ihnen auch noch ferner?«
-
-»Nein, nein!« erwiderte sie rasch.
-
-»Du hast noch manches nachzuholen, wobei Dir die Wissenschaft im
-Wege ist. Du mußt Hausstand studiren und Nahrungsmittel lernen und
-Dienstmädchen regieren und...«
-
-»Meinen Rudolph glücklich machen.«
-
-»Kind, das ist das einfachste von der Welt: Liebe ihn mehr als Dich.«
-
-Sie faltete unwillkürlich die Hände und senkte schweigend das Haupt.
-Ich küßte sie.
-
-Wenn ein Engel durch das Gemach flog, weiß ich wohin er ging mit dem
-stillen Gebet um Liebe. --
-
-Die Verlobungsfeier fand in dem runden Thurmgemach im Hauptrestaurant
-statt. Auf der Ausstellung hatten die jungen Leute sich gefunden,
-dort wollte Rudolph uns alle an seinem Bräutigamsglück theilnehmen
-lassen. Wir kamen auch sämmtlich -- Sanitätsraths hatten eigens nur
-dürftig zu Mittag gegessen -- und Butsch und Frau hatte er gebeten,
-war sie doch sein Compagnon. Daß heißt Antheil wollte er nicht, das war
-Scherz gewesen, dagegen die Barometer-Idee der Butschen hatte er beim
-Patentamt gehißt. Zweitausend und hundertundfünfzig Mark hatte sie nach
-Abzug der Musterschutz-Auslagen bekommen und für später waren Procente
-in Aussicht.
-
-Sie, die Butschen, strahlte, als ich ihr zu dem Erfolge gratulirte.
-»Wer hätte das für möglich gedacht?« sagte sie, »aber es ist so. Butsch
-will, daß ich noch ein Mädchen halte und blos noch sitze und erfinde.«
-
-»Haben Sie denn schon wieder etwas?«
-
-»Ach nee und wenn ich noch so blödsinnig nachdenke. Und Butsch thut es
-auch nicht gut. Der wird schon en ganzer Simulante.«
-
-»Wie so?«
-
-»Na ja, er simulirt in eins weg Barometer. Aber er bringt sie nicht zum
-Hacken.«
-
-»Daß er nur sein Geschäft nicht darüber versäumt. Am Vorbei-Erfinden
-ist schon mancher zu Grunde gegangen.«
-
-»Ach nee, da paßt er auf. Seine Weiße ist die Beste überall in der
-Gegend. Es kommt auch kein Tropfen Wasser mehr mang, als muß. Er will
-nicht an Ausstellungsfremden verdienen, wie viele thun. Butsch weiß,
-was er der Ehre Berlins schuldig ist.«
-
-»Ja, ja,« sagte ich. »Es hat so jeder seine Ehre.«
-
-»Wie meinen Sie das?«
-
-»Liebe Butschen, so ausgezeichnet Sie auch im Erfinden sind, die
-Fragen der socialen Gesellschaft zu lösen muthe ich Ihnen nicht zu und
-wenn Sie noch drei Mädchen nähmen. Auch ist hier nicht der Ort für
-dergleichen. Kommen Sie, es geht zu Tisch. Wir werden vergnügt sein, so
-recht von Herzen vergnügt.«
-
-»Buchholzen! Sie treffen doch immer die Gefühle Anderer mitten auf den
-Kopf. Wenn Eine vor Lust krieschen möchte, bin ich es. Blos ich habe
-Bange, daß Butsch zu viel kriegt. Dann singt er. Passen Sie auf, er
-singt.«
-
-Wir aßen und tranken und waren froh. Es war zu hübsch. Und so schön
-auch Gemach und Tafel waren, mit Blumen und kostbarem Gedeck, das
-schönste war doch das Brautpaar. Und wir Alle freuten uns an ihrem
-Glück.
-
-Als es dunkelte, begann draußen die Illumination. Wir traten an
-die Fenster und blickten auf den lichtumrankten See, auf den
-Flammen-Springbrunnen und das Hauptgebäude, das wie ein Riesenschloß in
-feurigen Umrissen gegen den Nachthimmel stand. Und die Töne der Musik
-drangen herauf in jubelnden Weisen.
-
-»Ein Fest der Arbeit ist die Ausstellung,« sagte der alte Herr Brauns.
-»Möge allzeit Segen ruhen auf redlicher Arbeit, sie ist die Kraft des
-Vaterlandes.«
-
-Rudolph winkte. Die Lohndiener brachten frisch gefüllte Gläser mit
-Dressel's bestem Rheinwein.
-
-»Der Deutschen Arbeit in Deutschem Wein!« rief er, »Ihr gilt dieses
-Glas.« Und dann noch eins:
-
-»Auf das, was wir lieben!«
-
-Und Herr Butsch stimmte an:
-
-»Hoch soll'n sie leben. Dreimal hoch!«
-
-[Illustration: Zum Wohl!]
-
-
-Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a/S.
-
-
-
-
-Notizen des Bearbeiters:
-
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-
- Antiqua-Text wird markiert durch _..._
-
- Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.
-
- Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden stillschweigend
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- Bildbechreibungen wurden vom Bearbeiter eingefügt.
-
-
-
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-End of the Project Gutenberg EBook of Hôtel Buchholz, by Julius Stinde
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HÔTEL BUCHHOLZ ***
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