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-The Project Gutenberg EBook of Gesichte, by Else Lasker-Schüler
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Gesichte
- Essays und andere Geschichten
-
-Author: Else Lasker-Schüler
-
-Release Date: October 9, 2016 [EBook #53239]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
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-
-
- Gesichte
-
-
- Essays und andere Geschichten
- von
- Else Lasker-Schüler
-
-
-
-
- 1914
- Verlag der Weißen Bücher, Leipzig
-
-
-
-
- 2. Auflage
-
-
-
-
- Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
-
- Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Seite
- Sterndeuterei 9
- Handschrift 18
- Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup 24
- Künstler 27
- In der Morgenfrühe 30
- Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck 32
- Arme Kinder reicher Leute 37
- Am Kurfürstendamm 40
- Die beiden weißen Bänke vom Kurfürstendamm 43
- Die Odenwaldschule 45
- Lasker-Schüler contra B. und Genossen 48
- Coranna 55
- Die schwere Stunde 57
- Peter Hille 59
- Karl Kraus 66
- Loos 69
- Oskar Kokoschka 72
- Peter Baum 74
- Franz Werfel 76
- S. Lublinski 77
- Paul Leppin 83
- Richard Dehmel 85
- Max Brod 86
- Alfred Kerr 87
- Bei Guy de Maupassant 89
- Albert Heine 100
- Karl Vogt 101
- Paul Lindau 102
- Bei Julius Lieban 104
- Friedrich von Schennis 107
- Tilla Durieux 109
- Paul Zech 112
- Rudolf Blümner 113
- William Wauer 115
- Wauer-Walden via München und so weiter 117
- Emmy Destinn 122
- Franziska Schultz 126
- Kete Parsenow 127
- Ruth 128
- Unser Café 130
- Marie Böhm 133
- Der Alpenkönig und der Menschenfeind 135
- Egon Adler 138
- Ein Amen 141
- Wenn mein Herz gesund wär -- 143
- Der Eisenbahnräuber 150
- Im neopathetischen Kabarett 152
- Kabarett Nachtlicht, Wien 154
- Apollotheater 158
- Tigerin, Affe und Kuckuck 161
- Im Zirkus 163
- Zirkuspferde 169
- Zirkus Busch 172
-
-
-
-
- Dieses Buch schenke ich
- Kurt Wolff
-
-
-
-
- Sterndeuterei
-
-
- _St. Peter Hille_ in Ehrfurcht
-
-Soll Ihr Leib noch länger mit seinen Sternen in der Hand Ihres Arztes
-liegen, und wie lange überlassen Sie ihm noch Ihren Verstand? Fragen Sie
-einmal so im Vorübergehen den Doktor, ob er von Ihrem Sternensystem eine
-Ahnung hat. Oder wenden Sie sich an einen Irrenarzt, der am
-gründlichsten Bescheid wissen müßte von der Astronomie des Menschen;
-sitzt er doch an seinem Pol, wie ein falscher Gott am Scheidewege, wo
-sich der Stern vom Chaos trennt. Es gibt gar keinen Irrsinn im Sinne der
-Eisenbärte, aber wer wird mich nicht verspotten, wenn ich behaupte, es
-gibt eine Veränderung im Chaos des Menschen. Darum sind Ihre Leiden aus
-keinem anderen Grunde entstanden, als aus allzu wuchtigen
-Sternenvorgängen. Senkte sich unerwartet Ihre Sonne in eins Ihrer Meere?
-Jedwede Behandlung Ihres Arztes ohne genaue astronomische Kenntnis Ihres
-Planeten ist ein Vergehen. Unbeschreiblich friedlich stimmt es, einen
-Mond in sich zu fühlen, und wer ihn in sich trägt, steht im
-verwandtschaftlichen Verhältnis mit dem Großgehenden da oben. Nach einem
-Schwächezustand, den ich überwand, meine Tore standen noch unbefestigt,
-fühlte ich den Durchgang des Vollmonds dicht an dem meinen vorbei, wie
-ein leichtes Beben. Nicht dieser Vorgang war ein krankhafter, aber durch
-die Kraft des Vorgangs erlitt ich Sternenschaden. Ich war noch lange
-nach diesem Ereignis eingehüllt in schwermütigen Wolkengedanken. Glauben
-Sie, die Erde leide etwa nicht noch durch die kürzlich erlittene,
-erduldete Kometkraft? Denken Sie an Maria, durch die Gott schritt. Das
-wird noch einmal geschehen, noch ewigkeitsmal, immer nach Gottesdrehung,
-er wendet sich durch Maria. Sie leidet das höchste Fest durch das
-Gottwillkommen, sieben Schwerter krankt ihr Herz. Wir sind das feinste
-Werk aus Sonne, Mond und Sternen und aus Gott. Wir sind seine
-Inspiration, seine Skizze zur großen Welt. Ich spreche nicht in
-Symbolen, obschon Symbole die Schatten großer Wahrheiten sind,
-Milderungsgründe: wenn etwas Ihren Horizont übersteigt. Sie setzen das
-allzu klare Licht mit gewisser Überlegenheit gern ins Dunkle. Ich möchte
-aber die Nacht von Ihnen nehmen, wachen Sie auf durch meine
-Raketensterne! Ich bin ja keine Gelehrte. Aber wenn ich Menschen
-medizinisch behandelte, würde ich sie »regnen« lassen, Luft in weiten
-Kreisen »atmen« lassen. Mancher Menschplanet erstickt an Dürre. Ich
-würde die verwandtschaftlichen Sterne ausfindig machen, die mit meinem
-Planetpatienten in irgendeinem Zusammenhang stehen könnten; namentlich,
-wenn es sich um eine epidemische Ursache handelte. Den kleinen Mars des
-Menschen kann man nur mit dem gröberen, großen Mars der Welt impfen. Ich
-kenne Leute, die unter dem Zusammenstoß ihrer Fixsterne leiden. Es sind
-schlechte Pächter ihrer Welt. Jeder Schlaganfall ist ein Zerbersten
-zweier vom Wege geirrter Sterne. Die Folge dieser Folge erst ist der
-Tod. Ich bitte Sie nicht, an sich herauf und herunter zu suchen; Sie
-sehen Ihre Sterne nicht, das was Sie betasten können, ist Chaos. Und
-weil ich vom Unantastbaren des Menschen spreche, glauben Sie nicht an
-meine Medizin und halten mich für eine Kurpfuscherin. Aber wer an meine
-Dichtungen glaubt, die man auch nicht in die Hand nehmen kann, und doch
-vorhanden sind, wird auch nicht zweifeln an den Sternen der Menschen,
-wovon ich ihnen erzähle. Sind Sie nicht reicher, als Sie glauben? Ich
-spreche von Ihrem Unsichtbarsten, von Ihrem Höchsten, das Sie nicht
-greifen können, wie die Sterne über Ihnen. Sind Sie nicht reicher, als
-Sie fassen können! Oder haben Sie schon einmal ein Stück Mond gegessen?
-Sie würden immer nur sein Chaos greifen, wie der Arzt Ihr Fleisch,
-daraus er keinen Stern formt. Der Doktor hat mich längst überführt,
-indem er mit dem Messer diese Leiche sezierte: »Der Tote ist an
-Schwindsucht gestorben, am Zerbersten der Lunge.« Ihr Doktor hat doch
-keine blasse Ahnung von meiner Medizin. Allerdings ist dieser Tote an
-Tuberkulose gestorben, an der Folge seiner und des Arztes Unkenntnis
-seines Sternensystems. Und was ich von einer Epidemie halte? Die ist die
-Folge der Sintflut im Massenmenschsternensystem, ein Bacchanal tausender
-Sterne, daran alle Bruchteile, alle ungeordneten, unberufenen
-Fleischchaosse zersplittern. Ich glaube darum an Wunder, an ungestaltete
-Medizin. Wer aber kann sie mischen! Jesus von Nazareth tat Wunder, er
-ergriff die keimenden Sterne und trennte sie von den faulen und erweckte
-die Erblaßten an ihrer noch verglühenden Sternschnuppe. Der Nazarener
-wandelte durch das Sternensystem des Menschen und erlebte die Welt so
-tief und ging in Gott ein, und Gott in ihn, darum man ihn verwechselt
-noch auf den heutigen Tag mit Gott. Moses der Prophetarzt erkannte den
-Gott seines Volkes, heilte es und machte es stark. Eine Sage meiner
-Bücher sagt von einem Derwisch, der sein Herz in die Hand nehmen konnte
-und doch lebte durch die Kraft seiner Sterne. Wir sind das glühendste
-Werk von Mond und Sternen, nach unserm Modell hat Gott die große Welt
-erschaffen, in der wir: Ureigentum in unserer erweiterten Kopie leben
-...
-
-Ureigentum noch unverblaßt zu begegnen, erlebe ich überraschend oft.
-Diese testamentarischen Sehenswürdigkeiten, Übertragungen, die an Wert
-nicht einzuschätzen sind! Ich meine nicht die gemütlichen Hausväter aus
-der alten, guten Zeit oder den Waldmenschen, oder den aus der nackten
-Körperkultur oder den Zwiebelasketen. Merkwürdig, daß man gerade in den
-Irrenanstalten Gesichte erblickt aus allererster Sternzeit; Bilder, alte
-Meister, Menschen, die erstarrt sind in der Vision. Und kein Arzt weiß
-sie aus dem Augenblick der Erscheinung zu führen, wie aus engem Rahmen.
-Ich besuche diese scheintoten Galerien; mich lieben die unverstandenen,
-verfangenen Gesichte. Etwa weil ich ihnen den richtigen Platz zu geben
-vermag? O, ihre Angstgefühle! Die andern testamentarischen Gestalten
-unterscheiden sich von den irrenden Denkmalbildern ihres ungestörten
-Sternenlaufs wegen. Solchen Sterngeschöpfen geschehen Wunder. Wie St.
-Peter Hille, er hatte noch mit Moses und Jesus von Nazareth gesprochen
-und mit Buddha, und erzählte von ihnen, wie der Urenkel etwa von seinem
-Großvater Goethe. Das war der unumstößliche Beweis von der ersten
-Leuchtkraft Gottes in St. Peter Hille. Ich gehöre nicht zu den
-Spiritisten; Spiritismus ist Epigonentum, Nachahmung, gewalttätige
-Wunder. Um wirkliche Visionen zu erleben, muß man noch in der ersten
-Leuchtkraft Gottes sein. So ein gotterhaltener Mensch ist fromm und
-selbst Inspirationen fähig. Aus Isaaks weitem Munde seh' ich viel im
-Traum Sterne aufsteigen, die er benennt nach Gottes Einverständnis.
-
-Die hungrige Zeit fraß meine Leuchtkraft goldweise. Aber ich kann
-erzählen von der Astronomie des Menschen, wenn ich auch in meinen ersten
-zehn Jahren noch zwischen weichem Dunkel, zwischen ungeordneter Nacht,
-im Chaos lag. Ich war wie ungeboren neben meiner Mutter, noch ganz
-Chaos.
-
-Das Kind ist nicht fromm, es ist dumpf. Dieser Irrtum! Fromm kann nur
-der wissende Mensch sein, aber nicht jeder macht die sechs
-Schöpfungstage in seiner Hülle durch und wird Stern, und wenige nur den
-Sonntag. Wie viele Heilige gibt es und doch ist jeder Andächtige oder
-Lauschende, jeder Staunende oder Liebende ein Heiliger. Wenn Jesus von
-Nazareth die Kinder rief, so fühlte er Verantwortung mit ihnen, mit dem
-Chaos, das sich entfalten werde. Er wußte, wie weit der Weg zum Sterne
-war. Die Kinder sind wie die Lämmer so dumpf. Darum beleidigt mich das
-irrige Wort: Jesus das »Lamm« Gottes. Solche Unschuld ist eine
-Chaosunschuld, und der Nazarener war der Sonntag der Schöpfung. Der Jude
-hat sich mit ihm der vollendetsten Welt entledigt. Sagte der
-Sonntägliche doch zu einem der Mörder am Kreuztag: »Wahrlich, ich sage
-dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.« Der Jude, der den
-Himmlischen verstößt, beweist, daß er ein Bürger ist, um nichts weniger
-der Mensch des Abendlandes, der den verlornen Gott der Juden aufnahm,
-ihn sich erzog und erwog nach seinem lammblutenden Wort. Im Menschen
-bereitet sich immer Fleischdumpfheit, Chaos, Fleischsehnsucht; Gott aber
-ist umgestaltet, ungerahmt und breitet über alles sich. Wir reden immer
-zu dem Chaos des Menschen, wollen wir ihn gewinnen, denn der Stern ist
-böse, darum sind wir alle einmal krampfhaft enttäuscht in Gott. Wir
-finden in ihm kein Chaos, keinen faßbaren Schlupfwinkel. Er sandte darum
-seinen Sohn, das heißt, er kam in Menschgestalt zur Erde. Solcher
-Umgestaltung Demut vom Stern zum Chaos ist nur ein Gott fähig. Nie war
-solche Dunkelheit je auf Erden und am Himmel und im Menschen wie in der
-Zeit des Gottbesuchs. Dem Priester und Pharisäer flößte seine
-Betastbarkeit Mißtrauen ein, der Armselige umklammerte den vertriebenen
-Götzen aus Fleisch und Blut wie einst am Fuß des Mosesberges das goldene
-Kalb.
-
-Sie wollen noch wissen, wie lange sich der Menschplanet erhält. Die
-meisten Menschen werden nicht älter und nicht jünger als sechzig Jahre.
-Jesus von Nazareth ist gottalt wie die Ewigkeit. Moses war zehntausend
-Jahre, als die Tochter Pharaos ihn im Korbe fand. Und von dem Propheten
-St. Peter Hille möchte ich sagen: Niemand wußte um seinen Geburtstag.
-Meine Mutter war dreimal sechzehn Jahre alt, mein Vater erlebte sechsmal
-seine tollsten Knabenstreiche. Wie schätzen Sie mich ein? Ich bin David
-und tue Simsontaten, ich bin Jakob und deute die Träume der Kühe und
-Ähren. (Oder zweifeln Sie daran, daß mich meine Brüder verkauft haben,
-das Bürgermillion!) So verwirrt sich die Zeit der Vergangenheit im
-Menschen. Heute bin ich eine Dichterin, und ich bitte Sie, mir zu
-verzeihen, daß meine Dichtung keine Gehirnkarte geworden ist mit Farben,
-lila, grün, rot gefärbt. Meine Bekenntnisse nehmen Sie als ein
-Luxusgeschenk hin, denn ich bin verschwenderisch, das liegt in meinem
-Sternsystem. Es kommt mir selbst nicht darauf an, einige Monde meines
-Planeten fallen zu lassen. Auch mit meinem Chaos, ohne das Chaos kommt
-kein Mensch davon, hat es eine besondere Bewandtnis. Darüber möchte ich
-schweigen, aber eines kann ich Ihnen sagen, wir Künstler sind einmal bis
-ins tiefste Mark und Bein Aristokraten. Wir sind die Lieblinge Gottes,
-die Kinder der Marien aller Lande. Wir spielen mit seinen erhabensten
-Schöpfungen und kramen in seinem bunten Morgen und goldenen Abend. Aber
-der Bürger bleibt Gottes Stiefsohn, unser vernünftiger Bruder, der
-Störenfried. Er kann nicht heimisch werden mit uns, er und seine
-Schwester nicht. Verwechselt die lärmende Bürgerin oder die zur Hure
-gewordene Magd nicht mit dem spielenden Sternenmädchen, die den Tanz aus
-nackter Scham tanzt! -- --
-
-Wohin mir doch heute alle meine Sterne geleuchtet haben! Immer muß ich
-wiederholen, der Arzt sollte sich auf die Astronomie des Menschen
-verstehen. Welcher von Ihren Hausärzten wäre imstande, eine
-Sonnenfinsternis in Ihnen herbeizuführen, geschweige den Stillstand
-Ihres Planeten?
-
-Ich sehe Ihre Kanäle, Ihre Berge auf Ihren Sternen und Ihren Mond
-aufgehen hinter Ihrer Stirn. Jeder Schmerz und jedes Freudegefühl,
-Vernichtung oder Erhebung ist ein neues Bild Ihres Sternensystems. Sie
-sterben eigentlich an zerborstenen Sternen oder Erkaltung Ihrer Sonne
-oder an Finsternis. Wenn nur Ihr Leben den Höhepunkt erreicht hat vor
-dem Zerfall Ihres Chaos: den Himmel. Aber wenn er Ihnen nicht auf den
-Kopf paßte? Vom Blitzstrahl getroffen, das Chaos gespaltet, einzugehen
-in die Allmacht ist Seligkeit. So lausche ich auf mich. Aber der Bürger
-belauert sich, der Kranke in Arzthand betrauert sich, weil er keine
-Achtung vor dem Schmerz hat. Ich bin müde -- wie ich mir entkomme, ein
-Schatten aus Mond und Sternen, riesengroß fiel ich um Mittag und sinke
-nun ein in meinen eigenen Planeten. Ich habe einen kritischen Tag hinter
-mir, manche Menschen wichen mir furchtsam mit den Augen aus. Einem
-kleinen Mädchen bohrte ich im Anblicken ein Loch in die Brust. Solche
-Kraft macht traurig. Ich sehne mich nach Glück, nach ihm, nach
-Hascha-Nid, dem goldhäutigen Sohn des Häuptlings. Der spielt mit sich,
-treibt und lockt die Sterne über seine Grenzen, ein göttliches Spiel,
-Wirbel und Wüstenwind. Ich liebe ihn, weil er so reich und rein an
-Sternen ist, und ich staune vor solch verschwenderischen Launen ... Aber
-das geht Sie nichts an. Gern hätte ich Ihnen noch vom Himmel erzählt.
-Später, wenn ich ihn erreiche und Gott --
-
- Gott, wo bist du?
- Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,
- Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,
- Wenn goldverklärt in deinem Reich
- Aus tausendseligem Licht
- Alle die frühen und die späten Brunnen rauschen.
-
-
-
-
- Handschrift
-
-
- Dr. _Otto Jahnke_ mit dem seltenen
- Handschriftsbild
-
- Für den Künstler der Handschrift ist der
- Inhalt seines Schreibens nur ein Vorwand,
- wie für den Maler das Motiv seines
- Bildes.
-
-Ich habe beobachtet, daß Kinder und Große so recht in Gedanken
-versunken, mit der Feder, mit dem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann
-ganz unbewußt bemüht waren, schöne oder verschnörkelte Buchstaben und
-Worte zu schreiben; sich dann später selbst über die Bedeutung des
-Geschriebenen wunderten. Auf einmal steht auf dem weißen Rand der
-Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder blumenverziert. Dort ist ein
-Zeitwort auf den Kopf gestellt, ich meine ein xbeliebiges Wort in
-Spiegelschrift geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde Gefühl beim
-Ansehen einer interessanten Handschrift wie bei einer guten
-Federzeichnung oder einem Gemälde. Und doch möchte ich darum die
-Handschrift nicht mit der Malzeichenkunst in einen Farbentopf oder in
-ein Tintenfaß werfen. Aber der, welcher sich verzweifelt nach einem
-Talent sehnt, möge es zunächst in seiner Handschrift suchen. Oft hat
-schon der Lehrer sie im Keim erstickt. Den meisten bleibt die Schrift
-nichts wie Inhalt -- die Nachricht erfreut ihn, ärgert ihn, namentlich
-wenn sie noch dazu undeutlich geschrieben ist. Warum höre ich nie jemand
-sagen: Erklären Sie mir diese oder jene Handschrift. Ich meine nicht des
-sprachlichen Verständnisses wegen, auch nicht aus graphologischem
-Grunde; rein künstlerisch! Wie ja so oft die Frage aufgeworfen wird vor
-einem Bildnis. Es hat noch nie jemand von einer Handschrift den
-alltäglichen Ausruf getan: »Die ist mir zu hoch!« Und doch gibt es
-gerade Meister dieser Schulmeisterkunst. Diejenigen sind's, die sich im
-Klassenzimmer Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es geht ihnen wie dem
-Genie, welches die Kunstschule ausspie. Handschrift ist erblich wie
-jedes Talent. -- Für mich kommt kaum der Inhalt eines Briefes in
-Betracht; ich kann mich für den Schreiber nur seiner Buchstaben wegen
-interessieren. Und es geschah schon, daß ich ganz entzückt einen
-unverschämten Brief beantwortete und umgekehrt. Die Schrift ist ein Bild
-für sich und hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Jeder lernt schreiben,
-eine Menge Menschen haben es in ihrer Handschrift zur Kunst gebracht.
-Und darum auch gibt es in keiner Kunst so viele Epigonen, wie in der
-Kunst der Buchstaben. Für diese Nachahmer ist jeder Buchstabe ein
-Gestell, dem sie einen Mantel umhängen, den ein anderer gewebt hat, sie
-verstehen eben ihre Blöße zu bemänteln. Die alltäglichsten Epigonen sind
-reichgewordene Frauen, die sich bemühen, ihre so oft charakteristische
-Ladenmädchenschrift zentimeterhoch heraufzuschrauben direkt zu
-hochmütigen Gänsehälsen. Der Mann möchte Bedeutung in seine Schrift
-legen und ahmt der Hand des ihm Geistigüberlegenen nach. Ungemein
-sympathisch berührt mich die sogenannte Tatze, die Schrift der Knaben,
-wenn sie den Aufsatz ins Diarium schreiben. Hier diese Zeilen hat ein
-Mädchen vorsichtig und sanft geschrieben. Manchmal lachen auch Briefe
-oder sind erbittert, die Schrift riecht fast nach Galle. Meines Freundes
-Brief blinzelt, eine Faunlandschaft. Dein Onkel schreibt eine kleine,
-rundliche, gleichmäßige Handschrift wie Taler. Geizhals ist er, aber ein
-Handschriftenkünstler wie mein Freund der Faun. Interessant sind die
-spitz auslaufenden Buchstaben auf dieser Seite, jedes Wort ein
-Wolfsgebiß. Und doch kein Tiergemälde. Interessant wirkt auf mich die
-Korrespondenz, die ich erbrach zugunsten der Kunst, zwischen Karl Kraus
-und Herwarth Walden. Alte und neue Meisterstücke. Ich sprach schon
-einmal in meinem Essay über die Kunst in Karl Kraus' Buchstaben. Seine
-Handschrift ist ein Dürergemälde. Meine Handschrift hat als Hintergrund
-den Stern des Orients. Oft sagten mir Theologen, ich schreibe deutsch
-wie hebräisch oder arabisch. Ich denke an der späten Ägypter
-Fetischkultur; ihnen ging aus dem Buchstaben schon die Blüte auf, der
-Zwischenduft, der Handschrift mit Zeichenmalkunst verbindet. Mir fallen
-noch die Schriften der Chinesen und Japaner ein. -- »Die Mitternacht zog
-näher schon, in stummer Ruh' lag Babylon« -- die plötzliche
-Geisterschrift an der Wand entsetzte die berauschten Gäste nicht des
-Inhalts wegen, das furchtbare Schrift_bild_ war es. Sie _erblickten_ den
-Inhalt des Fluches. Darum ist auch das Verständnis zur Kunst ein
-Seltenes und Erhabenes -- es liegt uns im Gesicht und geht uns vom
-Gesicht aus. -- Die Kaufmannshandschrift -- ich möchte noch vorher
-fragen, hat schon einer der Leser einmal ein Lebenszeichen vom Dichter
-Peter Baum bekommen? Nämlich gerade bringt mir der Postbote so ein
-Sommerbildchen, Buchstaben: Mückenschwarm, der zerstreut in der Sonne
-tanzt. Seine Karte blendet. Ich bin bei der Kaufmannshandschrift --
-phantasielos, nüchtern, sie liegt bewegungslos auf dem Papier. Kühle
-Tatsache. Der kaufmännische Reisende dreht seinen Buchstaben eitel den
-Schnurrbart. Stutzig machen mich Briefe, die vom Geschäftsmann
-geschrieben sind und von der Buchführung doppelt abweichen. In dem
-Schreiber steckt sicherlich das Handschrifttalent. Es gibt auch Launen
-der Schrift. Kinder, die erst morgen dem Christkind schreiben wollen, da
-sie heute nicht schön schreiben können. Meiner Mutter Briefe waren
-schwermütige Zypressenwälder, meines Vaters Schrift reizte zum Lachen,
-humoristische Zeichnungen aus dem Struwelpeter. Kohlrabenpechschwarze
-Mohren oder der böse Nikolas steckt die Jungens ins Tintenfaß.
-Gelungene, amüsante Überschwemmungen von Tinte waren die Briefe meines
-Vaters. -- Es gibt auch Schriftinspirationen, viele Menschen berauschen
-sich an ihrer Schrift, und der Inhalt, den sie aufschreiben, ist nur
-Vortäuschung. Ich schreibe oft, um mich durch meine Schrift zu erinnern,
-mein Vater, um sich zu ergötzen. Meine Schwestern schreiben zweierlei:
-die älteste: Reisebilder, die andere: Kinderbilder. Der einzige
-Plastiker der Handschrift, den ich kannte, war St. Peter Hille, Petrus
--- er schrieb Rodins. Wie viel deutlicher gemalt ist das tiefsinnigste
-Bildnis, als die ausgeschriebene Handschrift (rein künstlerisch
-verstanden). Aber auch die kann dilettantisch sein, wenn sie ohne Tiefe
-und Geist und nur aus Ausübung entstanden ist. Manche sogenannte schöne
-Schrift allzu deutlich, Ölbilder nach Sichel. Lieber ist mir schon die
-Pfote von Aujuste. Ihr Brief und die Antwort vom Schatz geben sich einen
-Schmatz. Derbe Genrebilder. Vielerlei gibt's davon. Ähnlich wie die
-Köchin schreibt das Dienstmädchen, die Kellnerin, das kleine Mädchen,
-die kecke Hure. Aber loser geheftet, unordentlicher ihr Brief, ein
-leicht schaukelndes Gerippe. Weit eher ist die Demimonde eine Epigonin.
-Sie stiehlt lächelnd und liebkosend die Buchstaben der Originale oder
-versteht wie die Sprache auch die Schrift ihres in Fesseln gelegten
-Herrn zu kopieren und zu belecken. -- Habe ich schon gesagt, daß es auch
-Stilleben in der Handschrift gibt, zehn Seiten lange Briefe, die
-schlafen, aber deren Inhalt voll Leben sprudelt; Handschriftkünstler,
-die schulakademisch erzogen und erwogen sind. -- Manche Buchstaben
-gucken neugierig. Gewissenhafte Schriften: Wie die Buchstaben getrennt
-auseinanderstehen. Er war sehr niedergeschlagen, als er diesen Brief
-schrieb, seine Handschrift war dünn aufgelegt. Hochbeglückt, glänzen die
-Vokale -- glückliche Handschrift. Ich habe ein kleines Laboratorium von
-Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe zu schreiben. Sie können
-sich also schon auf meine Erfahrung verlassen, lieber Sturmleser; es tut
-mir unendlich leid, daß mein Manuskript dieses Aufsatzes nicht in Ihre
-Hände gelangt. Trotzdem es mit schwarzer Tinte geschrieben ist, wirkt es
-blau, tiefblau, liebesblau. Den wissenschaftlichen, langweiligen Inhalt
-müssen Sie schon in Kauf nehmen -- seine Handschrift ist ein
-Liebesbildnis. Ich dachte nämlich, indem ich über »Handschrift« schrieb,
-an drei schöne Königssöhne. In Wirklichkeit schrieb ich drei Briefe; den
-ersten an Zeuxis, den griechischen Maler, der nun in Berlin wohnt. Er
-sei mein Ideal, aber ich ginge nicht an ihm zugrunde. Ich schrieb dem
-süßen Prinzen von Afghanistan, daß er mein Typ sei und daß wir
-ineinander verwachsen wären. Ich schrieb Wilhelm von Kevlaar, daß er
-mein Symbol war, daß ich am Sterben läge, denn ich hätte an die große
-Treue geglaubt, an seine Treue zu mir, und er habe sie gebrochen.
-
-Das Manuskript liegt dem interessierten Leser zur Verfügung in der
-Direktion.
-
-
-
-
- Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup
-
-
- Zur Kindertragödie in Kopenhagen
-
-Ingeborg, seine kleine Königin ist tot -- Johann Hansen lebt noch; an
-seinem Bettchen sitzt eine barmherzige Schwester und betet, daß der
-arme, verirrte Knabe bald genesen möge. Der Stationsarzt hat ihm das Tor
-des Todes verriegelt, sein Herz, das Ingeborgs Namen trägt, kann nicht
-zu ihr ins Himmelreich. Nun wird das Kinderspiel erst eine
-Kindertragödie. Die beiden wollten ja nur zum Tod, weil der einen Himmel
-besitzt, in dem sie sich vor allen Engeln ohne Furcht vor Strafe herzen
-könnten. Nicht diese Heimlichkeiten der Freude, ihre Gesichter schienen
-durch die Spalte der Türen, durch das Eisen der Tore. Immer bauten sie
-auf ihren Händen gläserne Schlösser, darin sie sich tausendbunt
-spiegelten bis ans Ende der Welt, wo der Himmel anfängt. Dort wohnt der
-Tod. Johann Hansen hob Ingeborg mit seinen Knabenarmen die Treppe zum
-Einlaß des Todes empor. Der öffnete und ließ die kleine Königin ein,
-Johann stolperte rücklings ins Leben zurück. Diese beiden feinen Kinder
-ergreifen meine Seele. Das Leben ließ sie aus der Haft, der Tod
-schmückte ihnen rosig sein Tor. Ich möchte, der Engel aus Andersens
-Märchen käme und trüge den verwundeten Knaben zu Ingeborg ins
-Himmelreich. Wie bösmütig sind die Menschen, die immer helfen wollen,
-ins Leben zu befördern. Es ist Nacht, überall blüht ein Stern. An der
-Decke im Krankensaal stehen viele Sterne, rotgoldene, süßgelbe, wie
-Honig, und auch mattfunkelnde Immortellen. Alle pflückt der kleine,
-heldenmütige Bräutigam für seine Braut, wenn er im Himmel mit ihr
-Hochzeit feiert. Auf einmal schlägt er die Augen auf: »Ingeborg, ich
-halte mein Wort!« Hast du es gehört, großer Engel aus Andersens Märchen?
-Oder soll er aufwachen aus seinem Traum des Himmels -- und die Erde ist
-wieder da, das Himmelreich verschwunden wie fortgezaubert, und Ingeborg
-liegt im Grabe. Ein Keller wird dann die Welt sein, kahl, viel kahler
-wie seines Hauses Keller. Alt ist er, wenn er aufwacht, jung, wenn seine
-Augen sich schließen. Was bietet das Leben? Nicht das Kind braucht den
-Eltern dankbar sein; wie können die Eltern aber das Nichtgeborensein dem
-Kinde ersetzen!!? _Solch_ zwei Kindern vor allen Dingen, zwei Engel, die
-nicht auf die wankelmütige Erde gehören. Flügel wuchsen ihnen; die
-Pistole, die sich der Knabe vom Erlös seiner Geige kaufte, war
-Vortäuschung. Denn es geschah hier ein Todeswunder. Nicht mehr wäre ich
-überrascht gewesen, wenn dieselben Kinder anstatt für ewig zu
-schlummern, auferstanden wären aus einem Grabe. Wie will der Christus,
-der den Knaben auferweckt, ihm ein Himmelreich ersetzen? Es werden keine
-Landeserholungsheime die »festgestellte« Neurose (Edelneurose)
-fortkurieren. Aber ich denke an Selma Lagerlöf die herrliche Menschin,
-an Karin Michaelis das liebe große Kind, sie könnten dem Knaben den
-himmelblauen Verlust ersetzen. Sie tragen die Bilder des Himmels in
-ihren Dichterinnenherzen -- halten sie zwischen ihren Händen. Ich bin
-keineswegs sentimental, ich bin traurig. Man vergleiche nur nicht die
-unaufgeblühte Liebe dieser Engel mit den Tändeleien koketter
-Schulmädchen und greisenhafter Zwerge auf den Spazierwegen am
-Sonntagmittage. Diese beiden Kinder ergreifen meine Seele, ihre Lippen
-sind Himmelschlüsselchen.
-
-
-
-
- Künstler
-
-
-Herr von Kuckuck sitzt immer auf dem Fenstersims und schnappt mit seinem
-zugespitzten Mund alle meine todtraurigen Worte auf, die sonst im Zimmer
-liegen blieben, und ich würde schließlich in der Überschwemmung von
-Todtrauer ertrinken. Auch sieht er so spaßig bei der Fütterung aus, ich
-muß manchmal hell auflachen. Mein Mann kann von Kuckuck nicht ausstehen.
-»Er ist eine Beleidigung neben dir.« Aber ich muß immer einen Hofnarr
-haben, das ist so ein uraltes, erbübertragenes Gelüste. Er folgt mir
-überall hin -- auf dem Salzfaß sitzt er in der Küche, wenn ich am Herd
-stehe und mit dem Quirl dem Feuer behilflich bin -- ich meine wegen des
-Weichwerdens der Erbsen -- -- ich trage goldene Pantoffel, aber in
-meinen seidenen Strümpfen sind schon Löcher. Herr von Kuckuck wird
-merkwürdig düster, immer wenn er auf dem Salzfaß sitzt und meinem Kochen
-zusieht. Er erzählt von Prinzessinnen, die in Goldpantoffeln und
-Seidenstrümpfen kochen und scheuern müssen und sich die Hände blutig
-reiben und aber der Himmel ihnen alle Sterne schulde. Ich glaube, ich
-bin im Anfang aus einem goldenen Stern, aus einem funkelnden
-Riesenpalast auf die schäbige Erde gefallen -- meine leuchtenden
-Blutstropfen können vor Durst nicht ausblühen, sie verkümmern immer vor
-dem Tage der Pracht, und mein Mann erzählte mir dasselbe, und darum
-haben wir uns geheiratet. »Wenn sich mein Budget besser gestaltet,« sagt
-Herr von Kuckuck, »so braucht Prinzessin keine Erbsen mehr zu kochen.«
-Er verspricht es feierlich, zwei große Tropfen fallen aus seinen Augen,
-die sind lila, und die Feierlichkeit kleidet ihn so: eine Burleske, die
-plötzlich auf geraden, rabenschwarzen Beinen steht. Ich rieche zu gern
-Ananas -- ich glaube, wenn ich mir täglich eine Ananas kaufen könnte,
-ich würde die hervorragendste Dichterin sein. Alles hängt von Kuckucks
-Budget ab. Mein Mann der wünscht sich gar nichts mehr, er denkt morgens
-schon heimlich an seine Zigarette, die er im Bett rauchen wird. Die
-Lampe zuckt, es ist alles so dünn im Zimmer. »Herein!« Eine Erbse klopft
-an meinen Magen. Kleine Beinchen bekommen die Erbsen und wackeln mit
-ihren dicken Wasserköpfen -- eine plumpst den Berg herunter. »Bist du
-aufgewacht?« Mein Mann fragt und hebt den Zigarrenbecher vom Boden auf
--- dann streichelt seine Ananashand mein Gesicht -- die Finger tragen
-alle Notenköpfe -- sie singen -- und immer, wenn das hohe C kommt, sägt
-mein Arm über seine Brust und seinen Leib -- ich nehme die Gedärme
-hervor -- eine Schlangenbändigerin bin ich -- dudelsack Ladudel ludelli
-liii!!!! Ich schiebe die Schlangen vorsichtig wieder in seinen Körper,
-die kleinste hat sich fest um meinen Finger gesogen, aber sie ist die
-hauptsächlichste Schlange, sonst kann er keine indischen Vogelnester
-mehr essen. Ich gleite die Kissen herab, mein Kopf liegt in einem weißen
-Bach, alle Fische tragen Ketten von Erbsen um den Hals und schwimmen
-hinter mir über die flaue Matratze. Mein Mann wartet schon im Sessel. Im
-Rahmen über dem Schrank hängt von Kuckuck und über ihm sein Onkel
-Pankratius, einer der gestrengen drei Herren, und zählt -- Budget lauter
-goldene Schnäbel. Es wird alles so grau -- ich habe solche Angst, ich
-verkrieche mich in die Achselhöhle meines Mannes. Auf dem Sofa sitzt ein
-Jüngling, er hat große, braune, spöttische Augen, die lächeln
-schüchtern. »Wer bist du!« ruft mein Mann. »Ich bin der Schatten Ihrer
-Frau und habe Theologie studiert.«
-
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- In der Morgenfrühe
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- Meinem Freund, dem Bildhauer _Georg
- Koch_
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-Ich gehe an Mandelbäumen vorbei, aber die blühen in den Gärten fremder
-Häuser, und die Fenster sind noch geschlossen hinter Spitzengeweben. Ich
-bin unendlich müde, gewohnheitsmäßig bewegen sich meine Füße vorwärts,
-Maschinen sind es, und sie müßten eigentlich unverhüllt in blauen
-Sandalen gehen, denn sie sind von goldzagem Wandel, wie die Sonne, die
-aufstieg. Ich kenne die Menschen nicht, die mir begegnen, ich weiche
-ihrem Dünkel aus, und ich brauche nur meinen grauen Mantel abzulegen, um
-König zu sein. Ich bin unendlich müde, ich glaube, ich bin im tiefsten
-Leben erkrankt, aber die Vorübergehenden merken es nicht, sie heben auf,
-was lärmend auf den Straßen liegt, aber sie hören nicht das schmerzliche
-Murmeln, das tödliche Verrauschen einer Seele. Da liegt ein Nachtfalter
-vor mir -- er stirbt -- wie dürftig seine Flügel sind, ein Lumpenhändler
-war es, ein Vagabund, der sich nachts auf den Straßen herumtrieb und am
-Feuerrausch der Lampen endete. Er stirbt -- ich trete ihn tot. Ich denke
-an ihn -- wenn es für ihn doch einen Himmel, einen blauen Strand gäbe --
-er würde dort ein schöner Schmetterling sein. Ich bin unendlich müde --
-wenn ich nun auch eines Morgens so daliege, wie der graubraune Strolch
--- welcher Fuß würde mich zertreten. Es kommen Männer an mir vorbei in
-weißen Sportschuhen und Frauen schreiten hastig über den Damm. Ich mag
-diese Frauen nicht im Ornat, derbgewordene Philisterinnen sind sie --
-was wissen sie von der Knabenzeit. Aber das kleine Mädchen mit der
-Bubenbluse, es wird mich übermütig zertreten im Scherzwort, im
-Frühlingslachen. Ich bin unendlich müde und es beginnt der
-rücksichtslose Tag. Der Mann aus Glas mit der Vollstreckungsmappe unterm
-Arm wartet vor der Haustür auf mich, heute klebt er die Siegel. Ich muß
-ihn zart am Henkel fassen -- so ganz vorsichtig, liebevoll, daß er nur
-keinen Sprung bekommt. Draußen an dem fremden Hause blühen die
-Mandelbäume: der Falter ist tot, ich vergaß, ihn vom Weg in einen der
-Gärten zu werfen.
-
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- Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck
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- _Paul Zech_, meinem Wupperfreund
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-»Lott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat es god, dat
-es god, gäwt et wat tu erwen!« Ich bin verliebt in meine buntgeschmückte
-Jubiläumsstadt; das rosenblühende Willkomm gilt mir, denn ich bin ihr
-Kind, die flatternden Fahnen auf den Dächern, aus den Fenstern winken
-mir zu, lange Rotschwarzweiß-Arme, die mich umfangen wollen. Ich soll
-überall hereinkommen. Ich bin in Elberfeld an der Wupper in der Stadt
-der Schieferdächer. Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen
-herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem mußten wir
-einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe
-Arzeneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel.
-Aber nach Newiges zu, wo die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbäche
-fließt die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber ich bin verliebt
-in meine zahnbröckelnde Stadt, wo brüchige Treppen so hoch aufsteigen,
-unvermutet in einen süßen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres
-Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten nicht -- wer aber war die
-Urpatrizierin des Rokokohauses aus der friderizianischen Zeit? Es lebt
-noch einbalsamiert zwischen jüngst zur Welt gekommenen Fabrikanten- und
-Doktorhäusern. Denn jeder etwas wohlhabende Bürger der Stadt besitzt ein
-Wohnhaus, worüber er Herr ist. Portiersleute gibt es in Elberfeld nicht,
-frech gewordene Sklaven, die nach Belieben ein- und herauslassen. Selbst
-viele Arbeiter leben im Eigentum ihrer Mütter. Gequacksalbert hat die
-Alte an der grünen Pumpe, noch heute heilt sie Krampfadern und
-Beingeschwüre. Und das berühmte Geheimmittel gegen die Cholera hat der
-sterbende Großvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt, und der hat es
-wieder dem Sohn anvertraut, und nun weiß es der Enkel, der
-wahrscheinlich seiner gesprächigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam.
-Und überhaupt so seltsame Dinge gingen in der Stadt vor; -- immer
-träumte ich davon auf dem Schulweg über die Au. Manchmal lief ich durch
-graue, lose Schleier, Nebel war überall; hinter mir kamen schauerliche
-Männer mit einem Auge oder loser Nacktheit; auch an Ziethens Häuschen
-mußte ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, »ewwer en
-doller Gesell wors gewäsen.« Oft ließ ich vor Angst die Bücher fallen
-oder der Ranzen hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grünt nicht
-mehr die von Zäunen umgrenzte Au; Tore verschließen Häuser; kein
-Schulkind kann mehr auf dem Wege zur Schule träumen, jedes Fenster zur
-Rechten und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor
-Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine rauchte, aber vor
-Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt in meine Stadt und bin stolz auf
-seine Schwebebahn, ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet und
-legt er sich mit vielen Bahnhofköpfen und sprühenden Augen über den
-schwarzgefärbten Fluß. Immer fliegt mit Tausendgetöse das Bahnschiff
-durch die Lüfte über das Wasser auf schweren Ringfüßen durch Elberfeld,
-weiter über Barmen zurück nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen
-Garten vorbei. Mein Vater mußte an den Sonntagen mit mir dorthin gehen,
-der bemerkte nicht den Sekundaner mit der bunten Mütze. Auf dem Hügel im
-Tannenwäldchen am Bärenkäfig versprachen wir uns zu heiraten. -- Ich muß
-an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus;
-unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall' ihm
-um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich
-weine -- sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig
-erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja
-das kleine Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich
-in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die
-Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der
-vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines
-Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. »Wat wollt
-öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.« Das rettet mich vor der schon
-erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte
-Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von
-neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das
-Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und
-Kreischen frivoler Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin
-verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht
-mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber
-ich muß noch einige Male Karussell fahren. »Lott es doot, Lott es doot«,
-ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am
-fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen
-Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline, Alma,
-Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich -- sie beginnen mich zu
-lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei' ich ganz laut
-auf, das überzeugt das rohe, arme Gesindel. Den Härrn Schüler haben
-viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern. --
-Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor »dreihundert« Jahren. Mina
-singt gerade im Tingeltangel ihre Liebeslieder. In rosanen
-Atlaspantoffeln stecken ihre Klumpfüße, ein knappes Röckchen bedeckt
-ihren Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das Chantant einer
-ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem Spotte nicht, aber ich weiß ihr Achtung
-einzuflößen. Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zu guter Letzt
-erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau solche Pantoffeln
-bekommt in der Stadt, wie die ihren sind. »Die sinn ut Engeland bei
-Paris.« -- Nun hinein ins Kölner Hännesken! Gewaltsam zerre ich den
-Dichter zwischen die Clowns ins Innere des Brettertheaters. »Sie werden
-noch gestochen werden, wie Ihr Vater einmal.« Durch seine Uhr ging die
-Spitze des Metzgermessers. Am anderen Morgen führten die jammernden
-Eltern den heulenden Sohn vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er
-wußte, daß sie kommen würden, und drei Gläser und eine Flasche Rotwein
-standen zum Empfang auf dem Nachttisch. Aber er ächzte vor Schmerz,
-namentlich, als die fette Metzgersmutter begann, dat et där wackere Här
-Schüler verzeehen mödd ... Ich bin verliebt in meine Stadt, aber schon
-muß ich Abschied nehmen wie von einem alten, düsteren Bilderbuch mit
-lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch in Weidenhof der Wirt
-nicht, der immer einen ganz kleinen Kellner für mich herbeischaffen
-mußte am Festtag, wenn wir dort Forellen aßen. Und die Einkehr in meine
-Heimat habe ich einem Dichter in Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin
-lange nach mir. Paul Zechs feine künstlerische Gedichte duften morsch
-und grün nach der Seele des Wuppertals.
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- Arme Kinder reicher Leute
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- Der kleinen _Hedwig Grieger_
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-Und wo die ganze Erde im grünen Lachen steht und ein großer Spielplatz
-ist, fallen mir die vielen lieblichen Kindergesichtchen um so
-schmerzlicher auf, die da weinen im Sonnenschein. Ihre Löckchen flattern
-zwar lustig aus den feinen Spitzenhäubchen hervor, und viele von den
-Kleinen stecken in seidenen Tanzkleidchen. Aber sie dürfen sich an der
-Hand ihrer Begleiterinnen nicht recht freuen, und ihre runden Herzchen
-möchten hüpfen. Baby hat ein Knöpfchen von seinem Schuh abgerissen, es
-hat sich so gelangweilt -- aber Detta muß ihn am Abend wieder annähen,
-dafür gibt's eine Saftige. Auf dieselbe Bank setzt sich ein sogenanntes
-Fräulein, allerdings, sie trägt einen Federhut und hat die Allüren ihrer
-Dame abgesehen ... Sie rückt, den Abstand zwischen ihrer Person und
-ihren dienenden Kolleginnen zu wahren, vorsichtig an das äußerste Ende
-der Bank. Wie schon angedeutet, ist sie nicht aus der Gattung der
-gemeinen Kuhblume (s. Caltha), sie straft gebildeter. Mit einem Roman
-von Emile Zola schlägt sie ihre kleine Schutzbefohlene auf den Mund, auf
-die weißen Zuckerzähnchen. Und nur selten rügen Vorübergehende die
-brutale Eigenmächtigkeit dieser Donnas.
-
-Lottchen wird über die Straße geschleift, es ist so heiß, seine
-zweijährigen Beinchen können nicht mehr ausschreiten. »Ick soll dir woll
-tragen, olle Pute.« Keine der Mütter erbarmt sich seiner, und nur einige
-Mädchen mit der Schulmappe am Arm oder dem Ranzen auf dem Rücken bleiben
-entrüstet stehen und versuchen, die Kleine von der Hand ihrer Peinigerin
-zu befreien, die aber schlägt kreischend um sich -- ein Volksauflauf
-entsteht und nimmt sich der armen dienenden Person an -- ich und meine
-kleinen Verbündeten sind das Gespötte der Straße.
-
-Am Nachmittag begegnen mir die tapferen Schulmädchen wieder, sie führen
-ihre kleinsten Geschwister spazieren und tummeln sich mit ihnen über die
-Wiesen; wie zärtlich sie mit den langen Zöpfen ihrem Brüderchen die
-Patschklatschhändchen und das bestaubte Gesichtchen säubert! Und welche
-Wonne, durch den kühlen Wiesenbach zu waten! Viele von ihnen brauchen
-nicht erst ihre Füße entblößen -- heirassassa wie das Wasser aufspritzt.
-»Daß nur nicht die neuen Kleider naß werden!« erinnert die Älteste mit
-den langen Zöpfen. Sie steht noch im Pflichtgefühl zur Puppe. Vierzehn
-Jahre wird sie nächsten Monat; »ich komme«, erzählt sie mir, »in den
-Dienst nach der Einsegnung.« Sie hat keine Erfahrungen gemacht, und was
-sie von Hörensagen getrübt weiß, ist noch zu verwischen. Ich habe immer
-solch eine Puppenmutter bei meinem Bengel, für seine sechs Jahre weiß er
-genug Streiche, ich lache ob seiner Ausgelassenheit, die auch von seiner
-Kameradin ungezüchtigt bleibt. Sie balgen sich und springen miteinander
-über die Wege, mutwillige Ziegenböcke. Aber auch besonnen kann seine
-junge Begleiterin sein. Auf jeden Fall befolgt sie noch schulgewohnt
-meine Worte und streikt nicht heimlich wie manche ausgewachsene
-Personen, die schon aus Oppositionslust das Gegenteil ausführen.
-
-Ja, diese Allzufreien. Arm machen sie manchmal die Kinder der reichen
-Leute mit ihren gehässigen Launen und niederen Liebeleien. Allerdings
-gibt es auch noch musterhafte Pädagoginnen unter den Kindermädchen oder
-»Fräuleins« -- ich meine nicht solche, die unter jeden Schritt des
-Kindes ein Rechenexempel oder ein Abc legen, nein, ich meine jene, die
-zu spielen verstehen, und die müßten doppelt besoldet werden -- welche
-ungeheuren Summen werden für den Magen ausgegeben, warum nicht für die
-Seele seines Kindes? Nichts fordert Technik in solch feinem Maße wie die
-Kunst des Kindes, »das Spiel« -- die bunten Gedanken zu drehen im
-Krausköpfchen, wie in einem Kaleidoskop. Ja, es gibt vortreffliche
-»Bonnen«, besorgte und doch heitere Freundinnen der Kinder. Aber wäre es
-nicht ratsam, weibliche Detektivs anzustellen, verheiratete Frauen, die
-die Überschreitungen der -- minder Trefflichen draußen auf den Wegen
-beurteilen könnten? Mütter und Väter, sucht einmal euer Kind draußen in
-der sorglosen Natur statt nur im Spielzimmer auf, dort werdet ihr die
-Hüterinnen eurer Kleinen ungeschminkt kennen lernen.
-
-
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-
- Am Kurfürstendamm
-
-
- Was mich im vorigen Winter traurig machte
-
- _Georg Fuchs_ in Freundschaft
-
-Blumen werden bald blühen an beiden Seiten des Reitwegs am
-Kurfürstendamm. Wenn die lieblichen Reiterinnen an all dem Duft
-vorbeigaloppieren werden, dann ist es zu spät, ihnen zu sagen, daß die
-buntlachende Allee gesprengt wurde mit Schweiß und Blut Peitschender und
-Gepeitschter. Die Pferde vornehmer Landauer tanzen, ihre schwarzen Augen
-zünden vor Leuchten. Ich beginne sie mit ihren geplagten, wiehernden
-Brüdern zu beneiden. Die können nicht weiter durch den Hügel an Hügel
-aufgeworfenen Erdboden; ihre Hufe mußten sich selbst den Schmerzensweg
-bereiten. Da gibt es kein Pardon! Auch kein Mitleid der Spaziergänger,
-niemand will was mit den Fuhrleuten zu schaffen haben; in den
-neumodischen, wogenden Busen der Damen pocht kein Herz. Sie verhindern
-sogar ihre Männer, sich in Straßenangelegenheiten zu mischen. Manchmal
-stellen sich Kinder auf zur rechten und linken Seite des Dammes. Für sie
-ist es eine Unterhaltung, ein wirklicher Kientopp. Heute besah sich ein
-Schutzmann den unerhörten Vorgang. Aus einem Bäckerladen schickte eine
-Käuferin für die Pferde alte Semmeln. Ich sah über dem Gesicht des
-uniformierten Mannes eine kräftige Freude marschieren. Und ich bat ihn,
-ob er nicht eingreifen wollte. Er erklärte mir, die Fuhrleute sind nicht
-so schlimm wie ihre Brotgeber. Weigert sich einer der Angestellten,
-wegen der nicht genügenden Anzahl Pferde an seinem Karren loszufahren,
-verliert er seine zwanzig Mark per Woche. »Da lauern schon immer genug
-Brotlose vor der Türe.« Für die zwanzig Mark. -- Sie leben, sie
-peitschen, sie fluchen dafür. Ihre Roheit besteht das Examen. »Dämlich
-Vieh, windelweich hau ick dir, faulet Luder!« Die Wut rinnt den
-Unmenschen über die Backen, den entblößten Hals hinab. Die Rücken der
-Tiere bluten vor Hieben. Wie sollen sie es anders machen? Verteidigt sie
-der Schutzmann. Denn es dauern ihn die Treiber ebenso wie die Pferde.
-Die Treiber, die nur zwanzig Mark verdienen pro Woche und sich so plagen
-müssen mit dem Vieh. »Es ist doch mal Vieh, es ist doch zum Ziehen da!«
-Ein paar Bürger stimmen ein in den bequemen Sang. Röhren sollen gelegt
-werden zum Ablauf des Wassers. Die Blumen, die bald auf beiden Seiten
-der Allee wachsen, müssen bewässert werden. Gibt es denn keine
-Maschinen, die die Erde schließlich aufwälzen können? meint ein
-sechsjähriger kleiner altkluger Ingenieur. Er hält auch eine Maschine im
-kleinen aus einem Spielwarengeschäft in der Hand. Die Männer toben.
-Wilde Australneger sind Engel dagegen mit ihrem Schlachtgeschrei. Ich
-aber fühle ebenfalls die schwere Schuld, die die Besitzer dieser
-Fuhrunternehmen trifft. Vorwurfsvoll schielen seine Knechte über die
-gefräßigen Pferde auf uns: Sie hätten selbst Hunger. Endlich aber
-entschließen sie sich, nach all den vergeblichen Peitschenhieben, die
-Pferde umzuspannen. Zu sechsen geht es doch besser über die holprige
-Strecke. »Ich hab das gleich gedacht,« gesteht der Schutzmann. »Aber
-sagen Sie mal was zu den Leuten!« Wenn die lieblichen Reiterinnen im
-Sommer auf ihren verwöhnten Schimmeln durch die Allee des
-Kurfürstendamms reiten, wird der Geranium zu ihren Seiten rot wie die
-vergossenen Blutstropfen der armen Pferde blühen. Sie hatten alle
-traurige Augen und ließen die Köpfe hängen.
-
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- Die beiden weißen Bänke vom Kurfürstendamm
-
-
- Meinem lieben Freunde _Andreas Meyer_
-
-Morgens standen sie plötzlich auf dem Kurfürstendamm wie vom Himmel
-gefallen in Mondsichelfasson. Die eine weiße Bank winkte den Leuten, die
-aus der Friedrich-Wilhelm-Gedächtniskirche kamen, freundlich zu, die
-andere weiße Bank lud eine blonde Schöne ein in aschgrünem Samt. Ich bin
-seitdem öfters an den weißen Bänken vorbeigegangen; gestern setzte ich
-mich zum erstenmal auf die eine, den Damm weiter, auf die andere. Guckte
-ich geradeaus, bot sich mir ein Kreuz- und Querbild. Man sieht es vielen
-Vorbeieilenden an am Operngucker in ihrer Hand, wohin sie wollen -- zur
-Hochbahn --, in einer halben Stunde fangen die Theater an. Andere kommen
-aus der Stadt, biegen um die Joachimsthaler Straße und kehren ein in das
-heimatliche Café des Westens. Kommen da zwei kleine, arme Mädchen; in
-ihrer Mitte ihren lebendigen, rotbäckigen Hampelmann, der sprechen kann.
-»Zwei Jahre ist er,« erzählen sie mir und streiten sich, wer ihn
-aufwarten, das heißt, wer mir von ihnen seine Kunststücke zeigen wird.
-»Wir sind keine Schwestern,« antworten die beiden gernegroßen Mütter,
-sie lassen schon behäbig das Kinn hängen, fürsorglich sind sie um ihren
-kleinen Kasperle. »Wir sind jede für uns allein.« Sie meinten damit, sie
-sind nicht einmal verwandt. Lieschen ist in Pflege, ihr Pflegevater ist
-Nachtwächter -- manchmal legt er sich vor Müdigkeit, wenn er morgens
-nach Haus kommt, mit dem Bund Schlüsseln und der Laterne ins Bette. Das
-andere Lieschen, sie heißen beide ganz gleich, erzählt: Sein Vater helfe
-einem Zauberer. »Ein schwarzer Neger ist sein Papa!« Es ruft mich jemand
-von der Haltestelle der Elektrischen, ein Dichter im Florentiner, er
-will in die Kolonie fahren. »Reisen Sie alleine, Torquato Tasso, ich
-will mich noch auf die weiße Schwesternbank setzen.« Ich sehe mich nach
-ihr um, sie glänzt viel bräutlicher wie diese, von der ich mich erhebe;
-und ich zögere, mich auf die myrtenweiße niederzusetzen. Aber die beiden
-Verliebten da bemerken es nicht. Aus der Kirche treten schon die ersten
-Sonntaglinge, die Sonne spielt Orgel um das Haus mit ihren schlanken
-Strahlen. Ich verstecke mein Gesicht in dem großen Glockenturm -- sehe,
-höre und denke nichts, und doch findet man sich auf den weißen Bänken
-wieder, wenn man sich verloren hat.
-
-
-
-
- Die Odenwaldschule
-
-
- _Edith Geheeb-Cassirer_
-
-In den Bergen zwischen Laub und Wiesen stehen fünf bemalte
-Waldschlößchen: jedes ist einem Dichter gewidmet, und drinnen lachen
-Knaben und Mädchen mit ihren Lehrern und Lehrerinnen. Und unter ihnen
-lebt der Rübezahl mit seinen gütigen nußbraunen Augen und dem langen
-Weihnachtsbart. Paul Geheeb, der Schöpfer der Odenwaldschule, ist ein
-Rübezahl, er zaubert Freude durch die Hallen und Säle seiner
-Gnomenhäuser, und überall ist es hell, wohin seine sonnigen Augen
-scheinen. Immer steigt sein Fuß, ob er auf die Gipfel will oder über die
-Ebene schreitet. Von Rübezahl sprechen die Bauern im Tal, wenn sie den
-Direktor oben meinen, den die Kinder alle so lieb haben. Jedem Mädchen
-schenkt er ein tröstendes Wort, und den verirrten Wanderer beherbergt er
-und seine Gnomen für die Nacht: die sitzen in bunten Spielreihen beim
-Vesper und trinken Milch aus großen Kannen.
-
-Heute macht die blonde Adi den Vorschlag, alle Jungen müssen einen
-Stoffaffen und alle Mädchen einen Stoffbären mit zum Sonntagsmahl
-bringen: die zwei vorhandenen hat die Schelmin dem lieben Rübezahl in
-die Brusttaschen seines Rockes gesteckt, daß die beiden wulstigen
-Tierköpfe zur Belustigung aller Kinder hervorgucken zur Rechten und zur
-Linken.
-
-Paul Geheeb versteht das junge Herz des Kindes wie einen Kaleidoskop zu
-drehen, er weiß die bunten Bilder zu würdigen. Aber auch seine Lehrer
-sind Künstler: sie haben alle noch Knabenherzen wie ihre Zöglinge und
-führen mit ihnen manchen Indianerstreich aus. Die Knaben tragen alle
-Sweater, und die Kleider der Mädchen sind durch Bänder über der Achsel
-gehalten, echte Kindertracht: sie paßt zu roten Backen und leuchtenden
-Augen. Und alle haben gesunde Lungen, die atmen wie die starken Bäume
-das Leben ein und aus. In der Frühe müssen die Odenwaldkinder ins
-Luftbad, sich viel, viel Luft holen, und es gibt keinen Südwind und
-keinen Nordsturm, dem die Rübezahlbande nicht gewachsen wäre. Die
-verzärteltsten Kleinen trotzen dort der Welt mit den allerhand
-Erkältungen. Aber Vernunft liegt in jeder Anordnung Paul Geheebs: seine
-ihm anvertrauten Lieblinge bewegen sich in wohlgewärmten Räumen in der
-Winterzeit. Die Korridore, die Lesehallen, die Schlafgemächer sind
-mollig temperiert.
-
-Jedes Kind besitzt sein Heim, oder es müßte dicke Freundschaft
-geschlossen haben und den Wunsch aussprechen, sein Eigentum mit
-irgendeinem Spielgefährten zu teilen. Mein Paul und der Bruno Tillehsen;
-was der Torquato Tasso dichtet, illustriert mein Junge. Auch das
-Burgfräulein Irmgard und der kleine Landwirt Bubi, die Kinder von
-Wilhelm von Scholz, sind Zöglinge der Odenwaldschule. Auch der Peter ist
-oben beim Rübezahl, vom Bildhauer Gaul der kleine Sohn: der ißt so gern
-Nüsse: überall kracht es nur so zwischen den Zähnen. --
-
-Nachmittags ist immer frei: die saftigen Äpfel werden von den Ästen
-geschüttelt, oder die kleinen Gnomen helfen den Bauern in den Scheunen,
-in der Zeit, da die emsigen Gnominnen Blumen pflücken oder Himbeeren und
-Brombeeren sammeln für den Tisch ihrer großen Freundinnen. Liebe,
-erwachsene Schulmädchen sind die Lehrerinnen: in den Frühstunden
-lauschen die Kinder mit offenem Munde ihren Lehrwundern. Jede Lehrerin
-und jeder Lehrer verstehen es, auf spannende Art die jungen Zuhörer zu
-fesseln. Die freuen sich auf jeden Morgen wie auf den Geburtstagstisch,
-immer bietet der Unterricht neue, überraschende Gaben.
-
-Plätschernde Bäche, goldene Gärten begleiten den Ankömmling die
-Bergstraße hinauf von Heppenheim bis oben ins Gnomenstädtchen; holde
-Landschaft, befreite Erde -- kommt man aus der Großstadt dorthin, wo
-Rübezahl seine Odenwaldschule erbaut hat!
-
-
-
-
- Lasker-Schüler contra B. und Genossen
-
-
- Dem lieben Rechtsanwalt _Hugo Caro_
- in Verehrung
-
-Seitdem einige Tageszeitungen um mein lyrisches Gedicht: »Leise sagen«,
-soviel Lärm geschlagen und mich für geisteskrank erklärt haben, hat sich
-eine Partei um mich erhoben, die es sich zum Lebenszweck angedeihen
-läßt, diese gefährliche Behauptung mit allen gerichtlichen Gegenbeweisen
-aus der Welt zu schaffen. Das Resultat ist: Ich werde beobachtet, nicht
-allein von einem Psychiater, auch von mir selbst -- (ich wollte, ich
-könnte mir was dafür anrechnen --). Ich kann den ganzen Tag nicht auf
-einen Namen kommen, auf den Namen meines Urgroßvaters, der Scheik in
-Bagdad war. Dieser Zustand ist unsäglich unerträglich, als ob man gähnen
-muß und kann nicht, als ob man in eine Posaune blasen muß und findet die
-Öffnung nicht. Ich war heute schon überall, wo irgend etwas von Asien zu
-spüren ist. Auch im orientalischen Seminar war ich beim Rektor, der
-dachte freundlich über den Namen meines ehrwürdigen Urherrn nach, und
-alle seine Schüler taten das, und Schülerschüler, Muselmänner, Chinesen,
-Japaner, Studenten aus Vampur, Koreaner, Sudanesen; es dachten Siamesen,
-Indier, Serben, Türken, Montenegriner, Talmudisten, Zionisten, auch die
-beiden Söhne einer Kaffernfamilie dachten, und denken wahrscheinlich
-jetzt noch nach. Ich habe kein Gedächtnis mehr, seitdem bei mir
-Gehirnerweichung in Frage genommen ist. Rechts vom Gehirn steht mein
-Heer -- links der Feind. Ich fühle seitdem auch nicht mehr richtig, ich
-taste; die Sternwarte meines Herzens ist getrübt -- und mein Horizont
-liegt hinter dem Rubikon -- und der Sturm -- verweht meinen Geist. Wie
-soll ich mich beschäftigen? Ist mein Psychiater nicht bei mir, fahr' ich
-zu ihm heraus und bringe ihm einen Kloß meines Gehirns. Ich muß immer
-meckern, wenn ich bei ihm bin; er hat einen roten Ziegenbart. Ich konnte
-mich schon als Kind nicht beschäftigen, meist habe ich mit Knöpfen
-gespielt, aber ich habe alle verloren oder wo angenäht, und wenn der
-Psychiater nicht eindringlicher mich beobachtet, werde ich es den
-Redaktionen der Zeitungen mitteilen, die mich bei der Gehirnerweichung
-ertappten; sie haben ihn doch für mich engagiert, und er muß seine
-Pflicht tun.
-
-Ich laufe jetzt so gern über Wiesen; Knaben gewähre ich mit Vorliebe
-mein Gehirn, solange es noch einigermaßen hartköpfig ist, zur
-Zielscheibe ihrer Gewehre. Das Sprechen wird mir schwer; wenn ich singen
-könnte! Dann könnte ich viel besser alles sagen. Aber ich habe zu jung
-gesungen, die frühe Blüte meines Kehlkopfs war noch nicht befestigt.
-Sprechen lernte ich schon beim Milchtrinken, aber das Singen hätte ich
-unterdrücken müssen, Talente sollte man mindestens fünfzehn Jahre im
-Steckkissen herumtragen. Dabei wird man immer kleiner und schläfriger.
-Ich bat heute den Psychiater, er solle mich ein bißchen in seinem
-Kinderwagen herumfahren. Er hat nämlich einen im Nebenzimmer stehen,
-darin seine Frau ihre Hoffnungen spazierenfährt, schon zwei Jahre, damit
-er sie nicht verstößt. Von seinem zukünftigen Sohne lasse er sich die
-Fesseln der Ehe gefallen, aber nicht von seiner Frau, die geht immer in
-blau, weil sie den Himmel auf Erden vermißt. Er aber hat mir ein
-Rasselchen geschenkt, ich hätte viel lieber die Gummipuppe gehabt, für
-in den Mund zu nehmen. Ich habe einen Brief von mir selbst von früher
-gefunden, an meine britische Busenfreundin, den lese ich dem Psychiater
-vor. Seitdem ich diesen Brief geschrieben habe, ist mein Herz
-graumeliert, und Dr. Ziegenbart sagt: »Lesen Sie!« Dear Mabel! Manchmal
-hab ich so Sehnsucht, ich säß wieder nachmittags an einem großen, runden
-Tisch neben meiner Mama und so zwischen meinen Schwestern und Brüdern,
-und oben sitzt mein Papa, und wir trinken zusammen um vier Uhr Kaffee
-aus der silbernen Kaffeemaschine durch Filtrierpapier -- und so ganz
-zusammengerückt sitzen wir, wie eine Insel, aus einem Stück. Nichts
-Fremdes mehr, aber wir fließen ineinander, trotzdem wir Geschwister alle
-anders waren, und fürchten uns nicht vor dem Tode, weil einer den andern
-ersetzt. Das ist lange her, ich weiß auch nicht, warum ich daran so oft
-denke, zumal ich doch Robinson wurde, durchbrannte in die Welt, weil ich
-dem Robinson auf dem Deckel seiner Geschichte so ähnlich sah. Und ich
-liebte das Abenteuer, das hat nichts mit der Stube zu tun, und wenn es
-auch eine herrliche ist. Aber dreimal im Leben hatte ich eine große
-Sehnsucht, wieder in einer Stube neben Mama und Papa und Geschwistern zu
-sitzen. Als ich mich zum ersten Male vermählte. Aber ich fiel ins Haus
-und verletzte mir die Knie, die bluten seitdem. Und das zweitemal, das
-war noch trauriger; da folgte ich meinem Verlobten in seine Heimatstube.
-Ich saß neben seiner Schwester; mein Verlobter saß neben seiner Mama,
-und oben am Tischanfang trank sein Papa den Nachmittagskaffee, und auf
-einmal sah ich, daß die fremde Mama meinem Verlobten ein großes Stück
-Kuchen auf den Teller legte, ein Stück Torte mit einer Frucht darauf;
-und ich bekam ein schmales Stück Torte ohne eine rote Kirsche; da war
-ich plötzlich ganz klein wie zu Haus und weinte. Und zum dritten Male
-überkam mich die Sehnsucht, mit meinen Verehrern in ihr Haus zu gehen.
-Das erinnerte mich am wirklichsten an zu Haus. So viel Geschwister, die
-sprachen wie meine Schwestern und Brüder und waren schön, aber dann kam
-ein großer Hund und schnüffelte um den Tisch herum, bis er mich fand;
-denn einem von den drei Brüdern hatte ich das Herz gefressen. Ich sehne
-mich nun nicht mehr nach einer Stube, wo eine Mama und ein Papa und
-Geschwister um den Tisch sitzen und eine Insel sind. Mein Angebeteter
-verspottet mich und meint, ich ziere mich wie ein Backfisch. Ich habe
-kein Verlangen mehr nach der heiligen Nachmittagsstube, und ich bin
-wirklich der Robinson auf dem Deckel seiner Abenteuer. Aber ich möchte
-noch die ganze Nacht so traurig erzählen. Many greetings, dein Robinson.
--- Wer mich alles in die drei ersten Stuben geführt habe, meint der
-Psychiater, sei für ihn nicht schwer zu enträtseln, aber den Angebeteten
-möchte er kennen lernen, der eine Ausnahme bilde, da ich seiner Eltern
-Stube nicht heimsuchte. Ich verstehe; des Doktors ironische Weise ist
-mir sympathisch. Der Psychiater nickt mit dem Kopf; er ist
-Schriftsteller nebenbei, und hat Momente der Psyche aufzuweisen, die bei
-Doktoren ohne Drum und Dran nicht vorhanden sind. Sein Ton ist
-mitleidig, wäre er eine Frau, spräche er wehleidig. Ich habe das Glück,
-daß er keine Frau ist. Zwischen ihm und seiner Frau fällt ein schwarzer
-Vorhang, aber über seinem Schreibtisch hängt unverschleiert, aber zahm
-verblümt, ein deutscher Gelehrter mit einem Bart aus Eichenlaub; sein
-früherer Universitätsprofessor; den muß er zum Aufreizen seiner Nerven
-haben. Auch steht in seinem Sprechzimmer eine Lampe, deren Birne
-streikt, weil sie kein Apfel ist. Der Waschtisch seiner medizinischen
-Hände läuft nicht, er steht auf Plattfüßen. Mein Zimmer funktioniert
-viel besser, es liegt am See, an der Waschschüssel. Und dabei spreche
-ich immer vom Tigris, nicht wahr? Verhöhnt mich nur, liebwerte,
-wahrhafte Leser; oh, diese Welt mit ihren Flüssen, Nebenflüssen und
-Überflüssen! Es hat jemand dem Psychiater gesagt, ich sei abnorm
-eifersüchtig. Das könnte allenfalls ein Symptom von Gehirnerweichung
-sein. Aber was soll ich mit meinem Mann sprechen, wenn er in der Nacht
-nach Haus kommt, als Eifersucht. Der Leser soll mir die Frage ganz
-aufrichtig beantworten, bitte. Ich lehne an seinem Rücken wie vor einem
-blinden Fenster. Übrigens ist meine Eifersucht nicht subjektiv, sie ist
-eine Landeigenschaft, ein Kostüm, eine Nationaltracht der Seele. Meinem
-Psychiater leuchtet die landläufige Logik wirklich ein; ich bin ein für
-allemal von ihm als gesund entlassen, und brauche mich nicht mehr seinen
-Beobachtungen zu unterziehen. Der Feind ist verurteilt vom hohen
-Gerichtshof zu zehn Mark Schadenersatz; hätte er nicht schon Berufung
-eingelegt, so hätte ich es ihm geraten, denn er soll in schlechten
-Verhältnissen sein -- ich bin zu weich ...! Was soll ich nun tun, als
-über den Namen meines Urgroßvaters nachdenken? Im Augenblick, wo ich
-glaube, ich habe ihn, kugelt er noch schwerer als Blei in meinen Rachen
-zurück. Wie ein einbalsamierter Leib. Dabei höre ich den Namen meines
-Urgroßvaters auf meiner Zunge, eine Melodie, einen Psalm. Ich muß mich
-zerstreuen, ich werde die Redaktionen, die so lange nun mit mir in
-Konnex standen, um Verzeihung bitten; ich kann doch nicht dafür, daß ich
-keine Gehirnerweichung habe! Der Psychiater glaubt doch nicht daran! Das
-Leben ist was furchtbar Schmerzliches; alle meinen, daß es nur was
-Enttäuschendes ist. Ich meine beides und gaukle mit Geschicken. Und wie
-das Leben vom Milieu abhängt, wenigstens meins. Läge zum Beispiel das
-Fenster meines Zimmers statt nach gegenüber, seitwärts mit dem Blick
-nach dem Westhimmel, wo abends der Mars aufmarschiert, hätte ich Freude
-am Leben gehabt und wüßte, warum ich lebe -- aber so! Ich kann mich
-nicht mehr sehen, ich ertrage in den Spiegeln mein Gemälde nicht mehr,
-wenn nun mein Angebeteter kommt und hat meine Augen? Und darum gerade,
-wegen seiner hellen Lichter liebe ich ihn, gelbe Rosen, und wenn sie
-traurig sind, fallen sie wie Goldregen. Er ist ein Sonntagskind, ich bin
-ein Feiertagskind, das nicht gehalten wird; er findet keine Ruhe in mir.
-Wir lieben uns, wie die verschiedenen Liebenden auf Erden und im Himmel.
-Wie selige Engel mit der Pose des Flügels, wie die ersten Menschen, die
-noch glühend waren, wie zwei große Blumen hinter der Hecke, die nichts
-wiedersagt, wie zwei Rubinen im Reichsring eines Kaisers und manchmal
-früh am Morgen wie zwei Schakale. Ich mache mir gar kein Gewissen
-daraus; alle Romane der Ehe sind Unwahrheiten! In Wirklichkeit gibt es
-kein Gewissen. Aber, daß ich den Namen meines Blutpächters, meines
-Urgroßvaters, vergessen habe, darüber mache ich mir heftige
-Gewissensbisse.
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- Coranna
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- Eine Indianergeschichte gestaltet von Slevogt
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- Dem hochverehrten, feinen Professor
- _Walther Otto_
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-Mein Junge trägt einen Indianerschmuck in den Haaren, grüne, gelbe,
-blaue, lila und rote Federn, und um seine Lenden einen Gurt aus
-Vogelbeeren und harten Muscheln. Aber er weiß nichts von den Menschen in
-Wild-West. Ich kaufe ihm aus Furcht, er könne eines Tages nach drüben
-durchbrennen, keine Indianergeschichten. Der kupferrote Gott ist der
-Fanatismus der Knaben. Seine Legenden sind gefährlich, sie kommen über
-einen, ihre Bilder machen Mut, stählern. Grüngelbblaulilarot! Meine
-Brüder machten sich in nächtlicher Frühe mit ihren Freunden auf und
-davon -- der Skalpgott rief sie aus dem Elternhaus. Sie hatten sich
-schon Wochen vorher für ihr Sonntagsgeld Pfeifchen, Tabak, Zigarren und
-dergleichen mehr für den Tausch am Lande besorgt. Manche von ihnen
-stahlen ihren Schwestern Ohrringe, Broschen, Ketten für die
-Häuptlingsfrauen und Indianermädchen. Aber die Reise ging nur bis
-Bremen, die strafenden Väter ließen die Durchbrenner grausam wieder in
-die Heimat transportieren. Mein Vater jedoch war im Grunde seines
-Herzens stolz darauf; er ließ meinen Brüdern im Garten ein Indianerzelt
-aufschlagen, kaufte Speere und andere Mordwaffen und Gürtel, deren
-Skalpflachshaare fast bis zur Erde reichten ... Es ist schon lange,
-lange her, ich habe seit Indianerjahren kein Indianerbuch mehr
-aufgeschlagen. Nun liegt ein großes in den Farben der Kupferhaut auf
-meinem Schoß. Slevogt hat gezaubert, als er die Gestalten des Werkes
-erschuf nächtlich auf weißer Prärie; seine schwarze Feder zeichnete
-kupferrotes Leben. Ich muß die wilden Wildwestmenschen festhalten, sie
-laufen, galoppieren meinen Blick entlang, über meine Hände hinweg in die
-Freiheit. Tänze, Kämpfe, Ritte führen sie auf, ich vernehme
-Pferdegetrampel, höre Kriegsrufe, werde eingehüllt vom aufwirbelnden
-Nebel flüchtender, feindlicher Stämme. Mich ergreift die Sehnsucht
-meiner Brüder.
-
-
-
-
- Die schwere Stunde
-
-
- Ich wollte ein Schmerzen rege sich
- Und stürze mich grausam nieder
- Und riß mich je an mich!
- Und es lege eine Schöpferlust
- Mich wieder in meine Heimat
- Unter der Mutterbrust.
-
-Ein sorglos abgetanes Urteil las ich dieser Tage über die ungeheure
-Schöpfung: Die schwere Stunde von Charlotte Berend. Die Wirkung des
-Bildes auf den Kritiker hat mich zwar nicht überrascht; viele seiner
-kritisierenden Vorfahren verwechselten schon die Erzkraft eines
-Kunstwerks mit der entblößten Brutalität. Es gehört schon ein
-Jahrtausendblick dazu, gerade den Wert dieses gottalten Bildes der
-Charlotte Berend zu erkennen -- sein Allvatername heißt das Gesetz. Ich
-hoffe nicht, daß die Künstlerin aus Bescheidenheit den königlichen Namen
-fälschte. Sie hat ihre Schöpfung aus dem Mark aller Farben erschaffen.
-Es nahte ihre selige, schwere Stunde selbst. Das Wunder der Inspiration
-schlug sie zur Riesin.
-
-Ich sehe zunächst kühl und sachlich eine Mutter, die ein Kind zur Welt
-bringt. Die weise Frau am Fußende des Bettes wartet hilfebereit. »Herr,
-gestehen Sie es, und auch Sie, Frau Ehegattin. Sie vermißten den
-besorgten Hausvater zwischen dem Spalt der Türe vorsichtig lauschend.
-Das wäre wenigstens noch gefühlvoll gewesen« ... gerade das
-Nichtfamiliäre verleiht dem Bild das Unpersönliche, baut das Werk mit
-kosmischen Knochen auf. -- Was soll das kleine Mädchen am Bett der
-Mutter? »Es ist ja erst zwölf Jahre alt.« Es ist vielleicht noch jünger,
-und es tat mir wirklich furchtbar leid, wenn beim Betrachten der kleinen
-Gegenwart des unschuldigen Wesens, gefühlvollen Damen eine schmerzhafte
-Entrüstung anging, aber ich sage: die Kleine gehört zu der ungeheuren
-Landschaft des Leibes; auf dem Rand des Lebenskelches sitzt sie, das
-schwebende Auge zurückgelehnt, voll Grauen und Wunder gelähmt. Ein
-Seraph -- aber gleich wird er seine Lippen öffnen und die ernste Melodie
-der Dichtung über den sich bäumenden, felsgeöffneten Leib der Mutter
-singen. -- Und die Vorsehung, wie man die Wartende am Fußende des Lagers
-nennen könnte, wendet die letzte Nüchternheit des Vorganges mit einem
-Tuch, wie mit einer Wolke ab. -- Eine Heilige hätte nicht keuscher
-gedichtet, das Problem des Odems gestaltet. Ich habe nie in Wirklichkeit
-ein kindtragendes Weib mit solcher Ehrfurcht betrachtet, wie diese
-Riesenmutter, von einer Riesin gemalt, auf ihrem Riesenbilde. Sie
-hauchte nicht nur über den lebengeöffneten Vorgang die Scham, sie nahm
-dem Prangen auch jede Fessel der Sklaverei, die mich anwidert beim
-Anblick einer begnadeten Frau.
-
-Charlotte Berend hat ein Historienbild des Naturgesetzes gemalt; es
-müßte neben Michelangelos Moses im Tempel der Galerien hängen.
-
-
-
-
- Peter Hille
-
-
- Meiner teuren Mutter in Liebe und
- Ehrfurcht
-
-»Es dauert höchstens zwanzig Minuten, Peter!« Er nickte lächelnd -- aber
-er vergaß auch sofort wieder, daß er den Kopf nicht hin- und
-zurückbiegen durfte, von der Zeitung auf und nieder, und so kam 's, daß
-ich entweder das rechte oder das linke Auge nicht an seinem Platz oder
-die Nase zu lang im Verhältnis zur Stirn zeichnete. Und manchmal nahm er
-noch seinen Bleistift und beschrieb andächtig den weißen Rand des
-Zeitungsblattes.
-
-»Du kannst gleich weiterzeichnen, schrecklicher Tyrann du!« sagte er und
-las mühsam entziffernd sein eigenes Schreiben.
-
-Es waren einige steinige Einfälle, die er seinem Myrdin und seiner
-Viviane ferner vermachen wollte. Und er zog die große vergilbte
-Papierrolle aus seiner Manteltasche und las von den beiden Menschen, die
-älter waren als Adam und Eva, von seinem Menschenpaar Myrdin und
-Viviane. Die sprachen eine Sprache, mit der am ersten Schöpfungstage
-sich Himmel und Erde erzählten -- -- sie waren mit der Erde zugleich
-erschaffen -- gewachsen mit der Erde -- aus der Erde; ja, das fand auch
-Peter ...
-
-»Da magst du recht haben!«
-
-Und er saß, den Kopf herabgesenkt auf den großen Lehnstuhl nahe dem Ofen
-in seinem olivenfarbigen Mantel, als ob er die Wärme mit sich nach Hause
-nehmen wollte.
-
- * * * * *
-
-Eines Abends klingelte es um halber Mitternacht -- das sah Peter
-ähnlich. Seine Augen lachten mutwillig wie Knabenaugen, die einen
-Streich hinter sich hatten. »Der Verleger hat mir Vorschuß gegeben --
-Tino, toller Kerl, komm mit! Wir sitzen alle in der Weinrebe.«
-
-Und Peter sah aus wie ein Bacchus, seine Seele war aufgeblüht wie einer
-der Weinberge in Alt-Athen. Und wir saßen um ihn im Kreise und sangen:
-fahrende Schüler, wie die Jünger des Weins aus der bacchantischen Szene
-seines Werkes »Des Platonikers Sohn«. Wir waren der Most, der Lenz des
-Weines, das Leben, das wildsüße Auf- und Niederbrausen.
-
- »O Wein, du lieber, dummer Wein,
- Was willst du da im Kerker sein?
- Hervor du rieselnde Sonne,
- Und laß die alberne Tonne.
-
- Weißt du denn nicht, du dummer Wein,
- Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein,
- Ein Kenner erlesener Tropfen,
- So laß mich nicht harren und klopfen!«
-
-Am Morgen in meinem Halbschlaf sah ich Peter; durch seinen langen Bart
-guckten blaue und gelbe Weinaugen mutwilliger kleiner Dionysinnen mit
-roten Pausbäckchen und kecker Faunbuben mit frechen Schwänzchen. Und die
-neckten ihn und zupften ihn an seinen langen Kraushaaren, jauchzten und
-sprangen um den großen Bacchus, und ein ganz kleines, ängstliches
-Bacchüschen kroch in seine weite, weite Ohrmuschel. Und wir alle saßen
-zu seinen Füßen, und er erzählte von seiner Frühjugend, von seinen
-vielen Liebchen -- ja, ja, Bacchus mußte verliebt sein.
-
- * * * * *
-
-Einmal an einem Wintermorgen kam Hugo, der Landsknecht, wie ihn Peter
-seines rauhen Organs und seiner kecken Launen wegen nannte. »Kommen Sie
-mit, Prinzessin! Peter ist krank, wir wollen ihn besuchen!« »Und wissen
-Sie auch, Hugo, daß heute sein Geburtstag ist?«
-
-Davon wußte er nichts, der Ungläubige. Und wir zogen gen Norden, und als
-wir durch das Tor seines Hauses traten, lagen vor uns Treppen, zu
-besteigen wie künstliche Gebirge aus Brettern. »Na, det is man scheene,
-dat Se sich bis her verstiegen han -- -- denken Se so wat, er is mir
-jestern dot in de Arme jeblieben! ...« Und Peters gemütliche Wirtin
-drückte mich an ihren Busen, aus dem der dicke Atem jammerte. Und sie
-geleitete uns durch die Küche bis an Peters Kammertür, drückte diese
-behutsam auf und blickte zunächst vorsichtig durch die Spalte. »Nu
-kommen Se sachte rin!« -- -- Und da lag der Peter wirklich in seinem
-Nest halb aufgerichtet: ein kranker grimmiger Geier. Der Kragen seines
-Mantels hing wie ein dunkler Fittich über dem Bettgestell, und einer der
-Füße, mit dem Stiefel angetan, scharrte ungeduldig an der senfgelben
-tapezierten Wand. Als er uns sah, war es, als ob er uns nach und nach
-erst erkannte, und er fuhr durch seinen Bart wie ein reißender
-Herbststurm. »Setzt euch, wenn ihr Platz findet, ihr Einbrecher, ihr
-Störenfriede, setzt euch!« Aber nicht allein der Boden, sondern auch das
-tausendjährige Sofa waren begraben unter großen, gelben Papierflocken.
-Wir setzten uns auf das kleine Fensterbrett und stellten unsere Füße
-sündhaft auf die großen Säcke, die, wie wir später hörten, die
-Manuskripte der Dramen Peters enthielten. »Du, Peter, ich will dir den
-Doktor holen,« sagte der Landsknecht besorgt. Oh, und das klang so
-lächerlich, und die dicke Wirtin hatte et ooch jewollt, »er will aber
-nich.« »Der Doktor soll mir wohl Sonne oder Mairegen für meinen Katarrh
-verschreiben?« Und Peter lächelte wieder wie Frühlingsanfang, und auf
-einmal begann er laut zu reden: »Heute abend muß ich noch ins Theater.«
-Da fiel seine alte dicke Wirtin vor Schreck auf das tausendjährige Sofa.
-»Sie wollen im Thiater jehn, Sie?« »Na gewiß,« antwortete Peter und
-machte die Bewegung, aus dem Nest zu fliegen. In der Küche seufzte die
-Gute und meinte: »Na, so nötig hat er det Schreiben doch ooch nich, wo
-er bei uns is!« Und sie brachte ihm zur Fürsorge die dampfende
-Hafergrütze und zwei Schmalzstullen ins Zimmer. Und dann sich vor uns
-entschuldigend, sagte sie: »Er ist so reene wie eene Jungfer, ick seh
-schon, wie se ihm später in de Kirche uffbahren als Heiligen.«
-
- * * * * *
-
-Es war ein kalter Nachmittag; der Mond blähte sich auf zwischen seinen
-Sternen wie ein goldener Bauch, ein wohlbeleibter Dukatenmillionär.
-Peter und ich wanderten wohl schon stundenlang durch die Straßen
-Berlins, durch die Bleiluftgegenden mit den kahlen, grauen Häusern, in
-denen der Hunger mit seinen tausenden Kindern wohnt. Und über dieser
-Gegend spazierte behaglich durch das weite Land der Wolken der fette
-Mond, der satt an Gold getrunkene Mond. »Aber, Tino, ich wußte ja gar
-nicht, daß du ein kleiner Bebel bist.« »Ja, ich denke an die armen,
-blassen Kinder, die nie in die Sonne sehen, und an dich, Peter, an dich,
-dem die Welt ihr jubelndstes, tiefstes Spiel schenkte und das Leben eine
-Stiefmutter ist.« »O du Fromme,« sagte Peter leise zu mir. Nach einer
-Weile blieb er unter einer Laterne stehen, nahm ein kleines schwarzes
-Heftchen aus der großen Manteltasche und schrieb.
-
-Das tat er oft, und ich ging gemächlich des Weges weiter.
-
-Wir kamen über einen großen Platz. Vielleicht gaben die schloßartigen
-Bauten mit den gegossenen Toren, die eisernen Hüter der königlichen
-Gärten, Peter den Anlaß, mir zu erzählen, daß sein Vater der Fürst S.
-aus Westfalen sei und seine Mutter eine Leibeigene. Ich war gar nicht
-verwundert darüber, als ich seine schlanken Hände betrachtete.
-
-»Meine Mutter«, erzählte er weiter, »war eine stille, blasse Frau. Ich
-kann mich kaum an den Ton ihrer Stimme erinnern; aber als ich meine
->Brautseele< dichtete, hörte ich ihr Blut aus meinem Herzen singen,
-sanft und dann sehnsuchtswild, wie eine einsame Spätherbstblume.« Wir
-schwiegen beide lange Zeit, über Erinnerungen wandelnd, bis es Abend
-läutete und die Glocken uns erweckten.
-
-Wir fragten einen Mann, der an uns vorübereilte: »Wie kommen wir aus dem
-Tiergarten wieder auf die Straße?«
-
-Und wir bogen und wendeten uns, bis wir glücklich den Weg wiederfanden.
-»Sieh, Tino, hier tief im Dickicht habe ich Wochen zugebracht und
-Dunkelheiten getrunken! Oh, das waren einzige Gottnächte!«
-
-Aber ich sah schmerzlich auf seine eingefallenen Wangen.
-
- * * * * *
-
-Ich ging, meiner Ahnung vertrauend, voraus. Peter studierte indessen
-noch die Hausnummern gegenüber dem großen Gebäude, in das ich eintrat.
-Und wirklich, hier wohnte Gerhart Hauptmann. Er kam mir schon im
-Treppenflur entgegen, ja, er war es. »Herr Hauptmann, ich bringe Ihnen
-den Peter Hille lebendig hier; er hätte sicherlich wieder die
-verabredete Stunde versäumt.« »Sah ihn schon von meinem Fenster aus,«
-rief Gerhart Hauptmann, er war nämlich schon unten, den Peter selbst
-heraufzuholen. Als die beiden kamen, sagte der Herrliche zu Hauptmann,
-mir schelmisch zunickend, »Dies ist mein Kamerad, Tino nenne ich sie. Es
-ist der Name ihres Blutes, die grünrote Ausstrahlung ihrer Seele.« Wir
-setzten uns, nachdem Hauptmann zärtlich den Mantel von Peter Hilles
-Schulter genommen hatte. Auf den Tischen lagen überall Journale, die
-meines Propheten Dichtungen enthielten, auch des Platonikers Sohn fehlte
-nicht, das wundergroße Schauspiel. Hauptmann schwang es triumphierend in
-die Höhe. Und ich hörte lauter Melodien; der Dichter Worte wurden
-Lieder. Und Hauptmanns stolzes Gesicht neigte sich seinem hohen Gaste
-zu, die Quelle seines Herzens zu erreichen, denn wie aus Leben gehauen
-saß Peter Hille in dem weiten, klaren Raum, sein Bart wallte ungeheuer.
-
-
-
-
- Karl Kraus
-
-
-Im Zimmer meiner Mutter hängt an der Wand ein Brief unter Glas im
-goldenen Rahmen. Oft stand ich als Kind vor den feinen pietätvollen
-Buchstaben wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein Gesicht dazu, eine
-Hand, die diesen wertvollen Brief wohl geschrieben haben könnte. Darum
-auch war ich Karl Kraus schon wo begegnet -- -- in meinen Heimatjahren,
-beim Betrachten der kostbaren Zeilen unter Glas im goldenen Rahmen. Den
-Brief hatte ein Bischof geschrieben an meiner Mutter Mutter, ein
-Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und sanftbewegt seine schmalen
-Lippen und sein Stirnschatz wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trägt
-frauenhaft das Haar über die Stirn gekämmt. Und immer empfangen seine
-Augen wie des Priesterdichters Augen gastlich den Träumenden. Immer
-schenken Karl Kraus' Augen Audienz. Ich sitze so gerne neben ihm, ich
-denke dann an die Zeit, da ich den Schreiber des Briefes hinter Glas aus
-seinem goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. Ich bewundere
-die goldgelbe Blume über seinem Herzen, die er mir mit feierlicher
-Höflichkeit überreicht. Ich glaube, sie war bestimmt für eine blonde
-Lady; als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen zu spielen.
-Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut durch sie zum Denkvertreib die
-Welt. Bunte Gläser, ob sie fein getönt oder vom einfachsten Farbenblut
-sind, behutsam behütend, feiert er die Frau. Verkündet er auch ihre
-Schäden dem Leser seiner Aphorismen -- wie der wahre Don Juan, der nicht
-ohne Frauen leben kann, sie darum haßt -- im Grunde aber nur die Eine
-sucht. Ich begegne Karl Kraus am liebsten unter »kriegsberatenen
-Männern«. Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster
-Abschätzung. Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer Kater,
-gestiefelte Papstfüße, die den Kuß erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht
-die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über
-den Raum -- Allerleifurcht. Die große chinesische Mauer trennt ihn von
-den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgemälde,
-o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der
-Haut des Vorgangs. Er bohrt Höhlen in den Samt des Vorhangs, der die
-Schäden verschleiert schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst zu hassen,
-weil sein Raunen Flüsternde stört, weil sein Wetterleuchten
-Kerzenflackernden heimleuchtet. Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner
-Gerechtigkeit bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche.
-
-Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Päpste, die aus dem Zusammenhang
-getreten sind, auf ihrem Stuhl sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht
-und sucht sie. -- Männer und Jünglinge schleichen um seinen Beichtstuhl
-und beraten heimlich, wie sie den grandiosen Zynismusschädel zu Zucker
-reiben können. O, diese Not, heute rot -- -- morgen tot! Unentwendbar
-inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein lebendiges,
-überschauendes Denkmal. Er bläst die Lufttürme um und hemmt die
-Schnelläufer, den Königinnen mit gewinnendem Lächeln den Vortritt
-lassend. Er kennt die schwarzen und weißen Figuren von früher her von
-neuem hin. Mit ruhiger Papsthand klappt er das Schachbrett zusammen, mit
-dem die Welt zugenagelt ist.
-
-
-
-
- Loos
-
-
-Von der Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an den Totenschädel eines
-Gorillas; wendet mir Loos langsam das Gesicht zu, prüfen mich scharf des
-Gorillas runde, hellbraune Augen. Die sind gefährlich, greifen aus einem
-andern Denken, aus einem fremden, geschwinden Grund. Die Blicke der
-Gäste strafen mich für meinen Ausspruch, Loos selbst aber scheint nichts
-gehört zu haben. Ist er schwerhörig? Auf mich wirkt sein Unvernehmen
-geisterhaft, wundersam wund; für den unverstandenen Sprecher --
-unverständlich. Senkt Loos den Kopf, neigen sich seinem Ohre die Lippen
-zu; o, wie sanft er die Lider hängen läßt -- man hat ihn dann lieb, die
-Lotosseele unter den Gorillen. Schielende, deren Züge etwas Rührendes
-erhalten, und Hinkende, die im verlorenen Gleichgang süße
-Interessantheit hinschaukeln -- zehnfach tönt Loos das Wort wieder, ruft
-man es in ihn hinein. Dann wird er ein reißender Geist, den man im Echo
-heraufbeschwor, ein affenböser Künstler, reißt er dem die Perücke vom
-Kopf, setzt ihm den Skalp wieder an, daß er mit seiner Person vernarbe.
-Ein handgreiflicher Philosoph ist er, dem die Verschnörkelung der
-Architektur ein eitler Greuel, ein verwirrtes Knäuel ist, den er
-rücksichtslos löst. Loos will Ordnung schaffen in den Welten hier unten,
-in der Welt, die sich der von sich abstrebende Mensch erschaffen läßt
-vom Architektenmenschen und nicht hineinpaßt. Wie viele sitzen und
-schwitzen in fremden vier Häuten, denn die Wände unseres Gemaches sollen
-unser passendstes Kleid sein, sie sollen die Schrift unseres Atems
-tragen. Die Seuche der Einrichtung hat sich schon in die Schlösser der
-Fürsten begeben, auf Altären liegen »stilvolle« Decken, und durch die
-Tempel der Künstler flutet das elektrische Licht der Birnen aus
-neuerfundenen Kelchen. Wollte man mir sogar auf den Rücken meines
-Zigeunerkarrens, meines grünen Holzvogels, die sogenannte aufsteigende
-Kurve (ich weiß gar nicht, was das ist) und langweilige kühle Linien
-ziehen, die große Klassikerlinie Weimarer Spätgeburt van de Veldisch
-architektiert. Man sehnt sich rein nach dem Buckel. Die Wände meiner
-Rast sind auch die Wände meiner Last, sind mit mir verwachsen,
-aufgewachsen. Meine Behausung gleicht mir auf ein Haar. Darum springe
-ich gerne aus meiner Haut mal, am liebsten in das mir vermählte Zimmer.
-Ist sein Bewohner auch meist nicht in seiner Hauptperson anwesend, sein
-Heim aber spricht für ihn. Kühlritterblau empfängt mich das
-Tapetengesicht; ich setze mich vor den Schreibtisch, vor Rhodopes
-farbige Statuette, meines auserwählten Zimmers heimliche Liebe. Über den
-Flügeldeckel kehren Lieder heim und legen sich auf die Tasten --
-schlummern und träumen laut; hingezaubert sitzt ja ihr Schöpfer auf dem
-runden Stuhl und spielt. Ich denke an meine Prinzessinnenzeit ... Wer
-salbt meine toten Paläste, sie trugen alle die Kronen meiner Väter. --
-Ich hasse die Tische, Stühle, Sessel und so weiter, die sich verkuppeln
-ließen, mit ihrem Plebejerbesitzer; das sind Mesallianzen, Sessel, deren
-Lehne sich beugte immer tiefer ihrem Sitz zu. Ich denke an einen wie ein
-Melancholischer. -- Ich helfe dir räumen, Loos, aber wehe dir, wenn ich
-nach Wien komme, und du sitzt nicht auf einem australischen Urwaldast
-zurückgezogen hinter Gedanken tausendgitterig.
-
-
-
-
- Oskar Kokoschka
-
-
-Wir schreiten sofort durch den großen in den kleinen Zeichensaal, einen
-Zwinger von Bärinnen, tappischtänzelnde Weibskörper aus einem
-altgermanischen Festzuge; Met fließt unter ihren Fellhäuten. Mein
-Begleiter flüchtet in den großen Saal zurück, er ist ein Troubadour; die
-Herzogin von Montesqiou Rohan ist lauschender nach seinem Liede als das
-Bärenweib auf plumpen Knollensohlen. Denn Treibhauswunder sind
-Kokoschkas Prinzessinnen, man kann ihre feinen Staub- und Raubfäden
-zählen. Blutsaugende Pflanzlichkeiten alle seine atmenden Schöpfungen;
-ihre erschütternde Ähnlichkeitswahrheit verschleiert ein Duft, aus
-Höflichkeit gewonnen. Warum denke ich plötzlich an Klimt? Er ist
-Botaniker, Kokoschka Pflanzer. Wo Klimt pflückt, gräbt Kokoschka die
-Wurzel aus -- wo Klimt den Menschen entfaltet, gedeiht eine Farm
-Geschöpfe aus Kokoschkas Farben. Ich schaudere vor den rissig gewordenen
-spitzen Fangzähnen dort im bläulichen Fleisch des Greisenmundes, aber
-auf dem Bilde der lachende Italiener zerrt gierig am Genuß des
-prangenden Lebens. Kokoschka wie Klimt oder Klimt wie Kokoschka sehen
-und säen das Tier im Menschen und ernten es nach ihrer Farbe. Liebesmüde
-läßt die Dame den schmeichelnden Leib aus grausamen Träumen zur Erde
-gleiten, immer wird sie sanft auf ihren rosenweißen Krallen fallen. Das
-Gerippe der männlichen Hand gegenüber dem Frauenbilde ist ein zeitloses
-Blatt, seine gewaltige Blume ist des Dalai-Lamas Haupt. Auch den
-bekannten Wiener Architekten erkenne ich am Lauschen seiner bösen
-Gorillenpupillen und seiner stummen Affengeschwindigkeit wieder, ein
-Tanz ohne Musik. Mein Begleiter weist mit einer Troubadourgeste auf
-meinen blonden Hamlet; in ironischer Kriegshaltung kämpft Herwarth
-Walden gegen den kargen argen Geist. Auf allen Bildern Kokoschkas steht
-ein Strahl. Aus der Schwermutfarbe des Bethlehemhimmels reichen zwei
-Marienhände das Kind. Viele Wolken und Sonnen und Welten nahen, Blau
-tritt aus Blau. Der Schnee brennt auf seiner Schneelandschaft. Sie ist
-ehrwürdig wie eine Jubiläumsvergangenheit: Dürer, Grünewald.
-
-Oskar Kokoschka ist eine junge Priestergestalt, himmelnd seine
-blauerfüllten Augen und zögernd und hochmütig. Er berührt die Menschen
-wie Dinge und stellt sie, barmherzige Figürchen, lächelnd auf seine
-Hand. Immer sehe ich ihn wie durch eine Lupe, ich glaube, er ist ein
-Riese. Breite Schultern ruhen auf seinem schlanken Stamm, seine doppelt
-gewölbte Stirn denkt zweifach. Ein schweigender Hindu, erwählt und
-geweiht -- seine Zunge ungelöst.
-
-
-
-
- Peter Baum
-
-
-Er versäumt den Tag, und die Dunkelheit erreicht er, wenn es zu spät
-ist. Aber er träumt noch schnell unter dem verschwindenden Mond. Einmal
-kam Peter Baum barhäuptig im Januar ins Theater gegangen, draußen waren
-15 Grad Zerfahrenheit. Einmal steckte er seine brennende Zigarre in die
-Hosentasche, später meinte Peter Baum -- daß es nicht die Kartoffeln auf
-dem Feld gegenüber wären, aber daß seine Lende versenge. Und doch hat
-St. Peter Hille einmal gesagt: Peter Baum sei der sensibelste Mensch,
-den er je kennen gelernt habe. Peter Baum ist ganz blau. Das heißt
-übersetzt: Er ist ein Dichter. Sternenpsalme hat er gedichtet für die
-Harfe Davids, für das Herz Salomos, des Dichterkönigs von Juda. Und doch
-ist Peter Baum der leibliche Sohn und Erbe des Evangeliums. Seine Väter
-waren die Herren von Elberfeld im Wupper-Muckertale. Sie beteten zu
-Luther und wachten auf in Sonntagsfrühe beim ersten Schrei des
-Kirchenhahns. Manchmal erscheinen sie ihrem Urenkel im Schlafe, weniger
-der jüdischen Psalme, aber seines abtrünnigen Romans »Spuk« wegen. Es
-ist ein Roman im Kaleidoskop; die Bilder kommen buntartig und schwinden
-blendend wie teuflische Spiegel. Ein flackerndes Fleckenspiel hinter
-geschlossenen Augen. O, und seine wundervollen Novellen »Im alten
-Schloß« brachte er mir eines Abends; seine große Tannengestalt erschien
-mir noch eine Krone höher, so aufwärts wie der Graf seines Buches, ein
-wetternder Weihnachtsbaum, der seinen Schmuck abgeschüttelt hat. Die
-Wochenschrift »Sturm« wird Peter Baums neuestes Werk bringen, das spielt
-zur Rokokozeit und ist in geblümter Seidensprache geschrieben. Wie tief
-seine Dichtungen doch ihn erleben und er sich an ihnen verwandelt!
-
-
-
-
- Franz Werfel
-
-
- Ein entzückender Schuljunge ist er.
- Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf.
-
- Sein Name ist so mutwillig:
- Franz Werfel.
-
- Immer schreib' ich ihm glühende Liebesbriefe,
- Die unbeantwortet bleiben.
-
- Aber wir lieben ihn alle
- Seines zarten, zärtlichen Herzens wegen.
-
- Sein Herz hat Echo,
- Pocht verwundert.
-
- Und fromm werden seine Lippen
- Im Gedicht.
-
- Manches trägt einen staubigen Turban.
- Er ist der Enkel seiner eigenen Verse.
-
- Doch auf seiner Lippe
- Ist eine Nachtigall gemalt.
-
- Mein Garten singt,
- Wenn er ihn verläßt.
-
- Immerblau streut seine Stimme
- Über den Weg.
-
-
-
-
- S. Lublinski
-
-
-S. Lublinski ist von Geburt Ostpreuße. Er hat mir oft von seiner Heimat
-erzählt: dort sind noch die Wälder so finster und verwachsen wie kleine
-Urwälder. Zwischen knolligen Wurzeln und Stämmen ist sein Nest; knollig
-ist auch er an Leib und Seele, ein Knollengewächs, aus dem jäh eine
-leuchtende Blüte aufsteigt. Zusammengekauert in seinem Korbstuhl sitzt
-er, wie in einem großen Pflanzenkübel, und grübelt, ob er den Entschluß,
-den er zunächst erst in einiger Perspektive wohlwollend betrachtet,
-wirklich fassen soll oder nicht ... Wir beide haben manchen Abend bei
-schweigender Dunkelheit zusammen auf der Veranda des Kaffeehauses
-gesessen. Die Gäste sehen nach der Richtung unsers Tisches und lachen
-über das Holpern seiner Stimme; jedoch die Kellner, vom allerdicksten
-bis zum blaßwangigen Groom, haben sich schon an die eigentümliche,
-stoßende Hornsprache S. Lublinskis gewöhnt; sie harren aufmerksam seinem
-Wink und entreißen raubtierartig den lesenden Gästen Journale und
-Zeitschriften, die er verlangt. S. Lublinski schiebt seine Brille
-vorsichtig höher auf den Nasenrücken -- der kleine Literat und der
-phlegmatische Baccalaureus-Referendarius nähern sich unserm Tisch. Mit
-außergewöhnlicher, liebenswürdiger Handgebärde fordert er die beiden
-jugendlichen Opfer auf, sich an unsrer Seite niederzulassen. Ich weiß:
-S. Lublinski ist in Kampfstimmung, er hat tagsüber Aufsätze schreiben
-müssen, und ihn ärgert die Erde mit den vielen Tintenfässern; und ohne
-jede Veranlassung, oder auf eine geringfügige Bemerkung hin, überfällt
-er den Nachbar -- sein Herz jedoch schlägt Kobolz dazu. Mich
-interessiert die Strategie seines Angriffs -- der arme Gegner, der an
-den Zorn seiner rollenden Augen glaubt und ihn gutmütig besänftigen
-will. Ihn reizt der bequeme Widerstand. Worte werden Kugeln, Bomben
-explodieren, der Kampf wird ernst. S. Lublinski schlägt mit der Faust
-dröhnend auf den Tisch; seine Augen bluten ... Gold hat sein Vater in
-der Jugend aus Kanadas Gefilden gegraben ... und die Lust nach
-Abenteuern hat sich in S. Lublinski vergeistigt. Aber der Freund kennt
-ihn auch im Zelt; er hat seine träumende Stirn gesehen mit dem
-poetischen Schneehauch. Und jauchzen möchte S. Lublinski! -- Selten
-sehnte sich ein zweiter tiefer nach dem bübischen Lenztag, hinter dem
-Horizont auf der blauen Wiese nach dem fröhlichen Ringelrangelspiel, wie
-er. Aber der große Ungeschickte fürchtet, zu stolpern; und es ist ihm
-nichts beschämender, als lächerlich zu wirken -- er würde eher mit einem
-Gänsekiel Verse schreiben. Unschönheit ist S. Lublinskis Kinderkrankheit
-... Wie auf gerosteten Geleisen bewegt er sich vorwärts; seine Arme
-schleudern beim geringsten Außertaktkommen. So ist auch der Rhythmus
-seiner Seele, seiner Novellen und Dramen. Ich würde jede andre Fassung
-für unecht betrachten ... Aber da steht kein Tor, daran er nicht
-rüttelt. »Ich habe Prinzessin mein neues Buch: >Gescheitert<
-mitgebracht« ... S. Lublinski beobachtet mich mißtrauisch unter seiner
-Brille -- er weiß, mich interessieren eigentlich nur meine eigenen
-Dichtungen; aber ich bitte ihn auf seine stumme Voraussetzung, mir
-selbst eine Novelle seines Buches vorzulesen. Er liest die Geschichte
-des gehänselten Knaben -- er öffnet seine Seele. Schwerer als jedes
-Kind, dessen Eigenart sich abhebt vom Durchschnitt, hat er gelitten --
-aber aus der dumpfen, beklemmenden Nacht seiner Leiden recken sich
-eiserne, kleine Fäuste, grauenhaft verzerrte Fratzen, aus denen klagende
-Kinderaugen blicken. Endlich von seinen peinigenden Altersgenossen
-befreit, den folgenden Schultag vergessend, führt er Kriegsspiele auf,
-allein, hinter den Hecken seines Gartens. In Reih und Glied tausend
-gehorchende Soldaten --: »Vorwärts marsch!« Und er an ihrer Spitze, als
-Befehlshaber, als Feldherr! Aus kleinen Steinen besteht in Wirklichkeit
-das tapfere Heer ...
-
-Wieder angelehnt im Sofapolster, das Buch zugeklappt auf dem Tisch,
-beginnt S. Lublinski in zynischster Weise seine Nachteulenähnlichkeit zu
-verspotten. Selten sehnte sich ein Zweiter schmerzlicher und unerfüllter
-nach Liebe wie der da ... Hannibal (eines seiner wuchtigen Dramen), der
-schwermütige, schwerwütige Krieger, der erwachsene Feldherr seiner
-Spiele hinter den Hecken seines Gartens. Peter Hille sagte einmal: »Den
-Hannibal hat er aus gerostetem Eisen geschmiedet.« Aber nicht minder
-hart ist der zweite Akt seines Königinnendramas: Elisabeth und Essex.
-Ich habe oft S. Lublinski durch die durchsichtigen, großblumigen
-Gardinen seiner Fenster dichten sehen und hören. Die Kissen fliegen von
-den Sesseln, die Beine der Stühle und Tische knaxen, und ein Ertappter
-sitzt er nun wieder vor seinem Schreibtisch, die reine Stirn in die Hand
-gestützt. Leise fällt vom Himmel ein feiner Regen -- gesponnenes Weinen
---, mir ist, als ob auch seine Seele weine ... S. Lublinski aber gibt
-sich nicht lange weichen Stimmungen hin -- er rafft sich auf: »Frau
-Thormann, ich will noch fortjehen, ich habe ein wenig Kopfdruck.« »Aber
-Herr Lublinski, bei dem Regen?« ... »Da ist mir nicht bange; aber ich
-fürchte, der letzte Akt des Zaren ist mir was in die Breite jejangen«
-... Frau Thormann, seine hübsche, muntere Wirtin, hat mir mal ganz
-vertraulich gesagt: »Mucken haben sie ja alle; aber er sieht immer
-wieder sein Unrecht ein, das muß man ihm lassen.« Und sie würde mich
-wahrscheinlich für eine Verleumderin halten, wenn ich ihr erzählen
-würde, daß ihr großer Pflegling gestern auf dem Rücken der Sphinx, am
-Eingang des Cafés, gesessen hat und den Vorübergehenden, im jubelnden
-und schwärzesten Pathos, den Schiller deklamierte: »Der See kann sich,
-der Landvogt nicht erbarmen!« Aber in der Frühe brachte mir die Post
-einen Brief von ihm: die gotischen, getürmten Buchstaben seiner Schrift
-drohten über meine erschreckten Augen zu fallen: »Prinzessin, ich habe
-von meinem Freund, nachdem wir uns von Ihnen gestern abend verabschiedet
-hatten, erfahren, daß Sie noch immer mit dem Schwätzer nachmittags im
-Café sitzen -- ich fordere Sie zum wiederholten Male auf, den Verkehr
-abzubrechen, andernfalls ich meine Freundschaft zurückziehen werde.
-Außerdem weiß ich, daß mein Freund unter Ihrer neuen Akquisition leidet.
-S. Lublinski.« Noch am selben Tag begegnen wir uns. S. Lublinski will an
-mir in zierlichem Bogen vorbeischlürfen -- wir lachen -- ich bemühe
-mich, ihm die Schweigsamkeit des Kaukasiers zu beweisen: »Ich rieche zu
-gerne Steppe, Herr Lublinski; aber Sie wissen doch, nichtsdestoweniger
-liebe ich Ihren Freund, den prinzlichen Tondichter; -- und bringen Sie
-ihm meine tiefblonde Verehrung.« -- S. Lublinski: »Scheusal!!« --
-
-Alle Passanten haben es gehört -- bis nach Hause haben mich die
-Straßenjungen begleitet. S. Lublinski muß sterben! ... Ich trage meinen
-siebenläufigen, ungeladenen Revolver unter dem Mantel versteckt, und der
-Mond am Himmel ist wie eine brennende Kanonenkugel. Die Mamsell hinter
-dem Bufett ruft, als sie mich erblickt, Moloch, den Oberkellner, den
-unersättlichen Götzen (seine Augen sind blanke Taler). »Wo ist S., der
-Lublinski?!« »Herr Doktor sind soeben fortgegangen, haben aber für Sie
-einen Brief hinterlassen.« Und seine Aussage noch bestätigend, weist er
-auf den Tisch hin, an dem Herr Doktor zu sitzen pflegt: etliche
-Zündhölzer schwimmen, zerbrochen im Wasserbad auf dem Silbertablett ...
-»Sehr geehrte Frau, ich gebe zu, daß ich mich in der Erregung heute
-morgen im Ausdruck hinreißen ließ, und ich sehe es gern ein und bitte
-Sie um Entschuldigung; jedoch die Tatsache selbst bleibt trotzdem
-unverändert bestehen. S. Lublinski.«
-
-Zwei Jahre sind's nun her, als ich vor dem Riesenfenster des
-Kaffeehauses saß und S. Lublinski in großen, feierlichen Buchstaben
-antwortete:
-
-»Sire, ich erkläre hiermit unsere freundschaftlichen sowie
-diplomatischen Beziehungen für aufgehoben« ...
-
-
-
-
- Paul Leppin
-
-
-Ein großer kantiger Vampirflügel mit Apostelaugen schwebt Paul Leppins
-Roman »Daniel Jesus« vor mir auf. Hier wandelt nicht das Werk auf Füßen,
-und ich suche nicht nach seiner Erde. Paul Leppins Roman ist eine
-Flügelgestalt, Himmel und Hölle schöpfen aus ihrem rauschenden Brunnen.
-Hat Paul Leppin »Daniel Jesus« oder hat Daniel Jesus »Paul Leppin«
-erschaffen? Die Vieraugen des großen kantigen Romans sind vom gleichen,
-tiefen Wachen. Aber Paul Leppin ist gewachsen, ungekrümmt, eine Linde,
-und sein Haar duftet nach dem sanften Blond ihrer Blüten, und Daniel
-Jesus hat einen Buckel, und unersättlich ist sein fahler Durst. Auf
-deine müde Hand, Daniel Jesus, tropft traumleise ein Goldtröpfchen;
-Martha Bianca tritt barfuß aus dem Herzen durch die Paulpforte. Voll
-Sonnenbangen ist Paul Leppin wie der Gipfel goldbedrängt, und er formt
-schwermütig aus goldenen Träumen, die bis in die Wolken ragen, bleierne
-Buckel. Mit gläubiger Gebärde aber schaufelt die Frau des Schusters das
-Martyrium von Daniels Jesus Rücken ... »Prinzessin,« sagt Paul Leppin zu
-mir, »wir wollen auf einen wilden Ball gehen«; wir finden nur
-klingelbehangene Tanzböden. Paul Leppin sehnt sich nach der Orgie seines
-Romans; die drehte sich hinter Sternenvorzeiten seiner Dichtung,
-spöttisch hißte sie Satan auf Babelhöhe, Satan Daniel Jesus, Paul
-Leppins Geschöpf, von dem er sich losträumte. Inmitten der Tanzenden
-sitzt Daniel Jesus Paul zwischen nackten Eingeweiden, die sich
-verwickeln, verknoten nach seinem Szepter. Rasende Weiber taumeln sich
-im weichen, pochenden Raume und wachsen zu Lawinen über lüsterne Rücken.
-Und auf dem brandigen Haupt der Schusterfrau steht eine Mauer auf, eine
-leuchtende Krone, wie die des heiligen Landes -- in ihrem Riesenleib
-tanzen alle die blutzerrissenen Leiber und ihre Teufel, wie in einer
-weißen Hölle; denn Daniel Jesus hat sie erhoben zu seiner Rechten. Es
-heißt im Buche: »Andächtig küßt sie seinen Buckel, wie ein Kruzifix.«
-Paul Leppin, ich grüße dich.
-
-
-
-
- Richard Dehmel
-
-
- Aderlaß und Transfusion zugleich;
- Blutgabe deinem Herzen geschenkt.
-
- Ein finsterer Pflanzer ist er,
- Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf.
-
- Immer Zickzack durch sein Gesicht,
- Schwarzer Blitz.
-
- Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert.
-
-
-
-
- Max Brod
-
-
-Das Volk wird nie nach ihm schreien; er sättigt nicht, er ist überhaupt
-nicht zum essen, man kann höchstens eine seiner Hände streicheln oder
-seinen Mund küssen -- er hat einen schüchternen Kindermund. Der erzählt
-immer von sich, immer so hübsche Geschichten, die sich am Ende des
-Pfades reimen und viele, viele Wege geht er mit den Mädchen in seinen
-Gedichten. In Grimms Märchen ist er gemalt, wie er als Kind aussah, in
-Hänsel und Gretel. Ich hatte Max Brod eine Nelke mitgebracht, die trug
-er in der Hand, als er in den Saal kam, und ich bildete mir ein, er lese
-mir ganz alleine vor inmitten der königlichen Gemälde; ringsum an den
-Wänden: Van Gogh. Ich weiß den Namen seines Schauspiels nicht, aus dem
-er erzählte. Aber immer war es die Liebe, die über seine Lippen kam --
-mein Herz ging blau auf unter den vielen lauschenden Herzen. Max Brod
-ist ein Liebesdichter. Auch der andere Aufzug seines Schauspiels war ein
-Liebesgedicht, ein vielstimmiges, ein streitendes. Ich glaube, man kann
-nur Liebesgedichte in »Prag« schreiben, wo so viele Bögen und Wälle
-sind; und lauter graue Figuren treten aus den alten Häusern hervor --
-die Steingespenster führen die Herzen bange zusammen. Ich habe manchmal
-Sehnsucht nach Prag, schon um mit Max Brod durch die Gewölbe seiner
-Heimat zu wandeln, wo die alten Häuser wie Mumien stehn, zur Rechten und
-Linken.
-
-
-
-
- Alfred Kerr
-
-
-Silvester 1908 bin ich Alfred Kerr begegnet unter künstlichen
-Balkansternen, zwischen schleierverhüllten Angesichten schöner
-Haremsfrauen und fezbedeckter Häupter weißgekleideter Muselmänner.
-»Wissen Sie, wer der Beduinenfürst war?« (Wir grüßten uns nach des
-Bosporus Zeremoniell und Sitte.) »Reißen Sie mich nicht immer aus meinen
-morgenländischen Illusionen,« antwortete ich meiner Begleiterin. Später
-hörte ich, der Araber mit dem Seidenmantel sei Alfred Kerr gewesen. Am
-besten gefallen mir seine Gedichte, sie sind humorsüß und fallen ihm in
-die Hand. Aber seine allerschönste Dichtung war ein spanisches Essay;
-jedes Wort trug eine Abendrotrose im Haar, jedes Wort war eine Senora,
-erhob sich und tanzte.
-
-Über den Kurfürstendamm sehe ich ihn manchmal nach der Kolonie heimwärts
-gehen. Dort wohnt Alfred Kerr in einer Villa, die beneidet wird, sonst
-pflegt man die meisten Kolonisten ihrer Villa wegen zu beneiden.
-Heimlich birgt dieses nachtumheckte Schlößchen seinen Dichter. Spät muß
-der Kritisierende die Kritik niederschreiben, die sind blaunervig wie er
-selbst und duften nach melancholischer Ironie. Wir haben uns beide nur
-immer das Schönste gesagt, wir kennen uns nur im Gruß. Mich dünkt, er
-träumt von »Heinrich« wie ein einziger Sohn, der sich einen Bruder
-wünscht. Er träumt immer von seinem Bruder Heinrich Heine. Bald gleicht
-er ihm auf einen Nerv. Alfred Kerr müßte durch die Straßen von Paris
-wandern wie der tote Bruder, mich stört des Lebenden chevaleresker
-Mantel, sein abgestäubter Hut. Warum denke ich so? -- Morgen lese ich im
-Tag seine gedichtete Kritik über Hauptmanns Premiere.
-
-
-
-
- Bei Guy de Maupassant
-
-
- Eine Phantasie
-
-Dir allein will ich mein interessantestes Geheimnis anvertrauen, aber du
-mußt dies als meine Beichte betrachten und bewahren wie ein
-Amtsgeheimnis.
-
-Paris!
-
-Ich stehe an den Türpfeiler eines Magazins gelehnt und weine, als wollte
-ich mich in Tränen auflösen. Am Himmel standen schwarze Gewitterwolken,
-und der Boulevard war nicht allzu überfüllt von Spaziergängern; aber
-auch unter den wenigen Menschen, die mich erstaunt betrachteten, litt
-ich unsäglich. O, _petite_, o, was fehlt Ihnen, Mademoiselle? Sehen Sie
-doch, Madame, wie blaß die Kleine aussieht, und die großen Augen.
-
-Ich war damals ungefähr sechzehn Jahre alt, und noch in beständigem
-Kontakt mit meinem Gotte. Ich bildete mir nämlich ein, daß, als
-plötzlich ein furchtbarer Donnerschlag erdröhnte, der liebe Herrgott aus
-besonderer Freundschaft zu mir es gewittern ließe, über den Menschen,
-inmitten derer ich litt. Die auffällige Kritik über meine Person, die
-sich in diesem lauten Bedauern aussprach, entfachte auch schließlich
-meinen Zorn. So hielt ich dafür, daß die zwei Passanten, die plötzlich
-vor mir haltmachten, kein anderes Motiv leitete, als die Lust zur
-Neckerei. Namentlich erbitterte es mich, da der helläugige der beiden
-seinem Begleiter zurief: »_Mon cher_, sehen Sie doch einmal den kleinen
-Teufel!« Der große Herr runzelte die Stirn, dabei murmelte er ein paar
-leichte Worte; ich verstand sie wohl, aber ich möchte sie im Interesse
-meiner Person lieber verschweigen; wieder fielen große Regentropfen aus
-meinen Augen, dann meinte der dunkle Herr in milderem Ton: »Es handelt
-sich hier wieder um eine Bettelnovellette,« und reichte mir ein
-Geldstück hin. Ich war sehr betroffen und konnte mich nicht enthalten zu
-rufen: »O, Monsieur, ich bin keine Komödiantin und keine Bettlerin.« Er
-schämte sich und versuchte durch allerhand Reden sich zu entschuldigen.
-»Pardonnez, Mademoiselle, pardonnez, aber da Sie, wie ich aus Ihrer
-Aussprache entnehme, keine Französin sind, werden Sie sich schwerlich
-eine Vorstellung von der Schauspielkunst unsrer Nichtdamen machen
-können. Und möchte ich Sie bitten, sich mir anzuvertrauen.« »Ich bin so
-allein, Herr,« sagte ich; ich glaube, sonst erwiderte ich nichts mehr,
-denn ich war ermattet bis zum Tode. Während wir noch beisammen standen,
-trat ein dritter zu den beiden und klopfte dem dunklen auf die Schulter:
-»Na, _mon ami_, schon wieder im Dienste der Frauen?« Der Helläugige, den
-ich trotz meiner tragischen Stimmung heimlich seiner Schönheit halber
-bewunderte, schob seinen Arm in den des hinzukommenden Herrn -- ich
-glaube auf ein paar leise gesprochene Worte des Dunklen hin -- und zog
-ihn, leise auf ihn einredend, mit sich fort. Dann wandte sich der
-Bleibende mir zu, und es war eine eigentümliche Mischung von Erkühnen
-und Güte in seinem dunklen Auge, das mich in Furcht jagte und
-zu gleicher Zeit mir Mut machte. »Hier ist kein Platz für
-Auseinandersetzungen, mein kleines Fräulein, und ich bitte Sie, mir zu
-folgen.« Der energische Ton meines Beschützers wirkte suggerierend auf
-mich, und ich folgte ihm. Er schwieg, bis wir die gegenüberliegende
-Seite des Boulevards erreicht hatten; dann faßte er meine Hand und
-sagte, jedes einzelne Wort betonend: »Mademoiselle, wenn Sie in mir
-einen Freund gewinnen wollen, so fürchten Sie sich nicht und vertrauen
-Sie mir Ihr Schicksal an.« Ich war sehr glücklich über seine lieben
-Worte und atmete auf und wünschte mir nichts sehnlicher im Augenblick,
-als seine Hand zu drücken. Wir nahmen Platz im Garten eines Restaurants;
-der Fremde bestellte zunächst Bouillon und dann ein Hühnchen, welches er
-mir wie einem Baby vorschnitt. Dabei flüsterte er mir zu: »Grade so ein
-kleines Hühnchen wie Sie, Mademoiselle.« Dann mußte ich ihm meine
-Lebensgeschichte erzählen, wie ich an der Hand Apollos aus meiner Heimat
-durchgebrannt bin. »Und warum gerade nach Paris, kleiner Robinson?«
-Zögernd und fast tonlos entgegnete ich: »Ich wollte in ein
-Meisteratelier.« Dann fragte der Fremde: »Haben Sie schon an eines
-angeklopft?« »Nein,« sagte ich verlegen, »ich habe mich mit meinem Gelde
-verrechnet und wollte mir erst etwas verdienen, um wenigstens für einen
-Monat die Kosten zu erschwingen.« »Und was dann?« fragte er
-nachdrücklich. »Ja, dann, hoffe ich, Stipendien zu bekommen.« Hierbei
-holte ich einen Zettel aus der Tasche, worauf die Adresse jenes
-Kleidermagazins stand, in dem ich engagiert war. Mein Beschützer begann
-zu lachen und meinte: »Eine Direktrice können Sie doch sicher mit Ihrem
-schlanken Figürchen nicht abgeben.« »Aber eine Kostümzeichnerin.« »Ah,
-Sie wollen mit Stilleben Ihre Karriere beginnen.« Wir lachten beide. --
-Nach einer Weile fragte ich ihn, ich glaube sehr scheu:
-
-»Herr, wer sind Sie?«
-
-»Ich bin ebenfalls ein Kunstjünger.«
-
-»Maler?« fragte ich.
-
-»Nein, aber Schriftsteller.«
-
-Ich atmete auf in der unklaren Empfindung, mich in verläßlichen Händen
-zu befinden.
-
-»Nun werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, kleiner Robinson, zumal ich
-Sie nicht Ihrem Schicksal überlassen werde, bis Sie Ihre geschäftliche
-Angelegenheit geordnet haben. Ich bringe Sie zu einer Freundin, die mir
-lieb und teuer ist, zu einer Madame L. T., die wird Sie mit Vergnügen
-aufnehmen.«
-
-Wir erhoben uns.
-
-»Allons, Mademoiselle!«
-
-Beim Verlassen versuchte ich, meinem Begleiter seine Auslagen
-zurückzuerstatten, obgleich dies meine letzte Barschaft war. Ich durfte
-die Bitte gar nicht zu Ende sprechen, als er schon den Kopf schüttelte:
-»Aber Mademoiselle, Sie sind mein Gast.« -- In der Rue de R. hielt das
-Kabriolett vor einem villenartigen Hause. Ein zierliches Mädchen in Rosa
-öffnete die Tür und sagte, ohne meinen Begleiter zu Worte kommen zu
-lassen, fast vorwurfsvoll: »O, Monsieur, Madame hat bis vor einer halben
-Stunde auf Sie gewartet, nun ist sie allein in den Bazar gefahren.«
-Betreten murmelte mein Begleiter: »_Mon Dieu_, wie konnte ich das
-vergessen!« Ich fühlte mich als die Schuldige, dieses mochte der Fremde
-empfinden, da er beruhigend sagte: »Ich nehme die Schuld auf mich.« Ich
-hörte ihn leise vor sich hinsagen: »Eine liebe Person ist Madame L. T.«
-Dann wandte er sich wieder zu mir: »Nun, ich werde Sie gegen Abend
-hinbringen, und Sie werden sie schätzen lernen, wie ich.« -- »Gefällt
-Ihnen mein Heim?« fragte Guy de Maupassant, der mir unterwegs endlich
-seinen Namen genannt hatte, von dessen Bedeutung ich damals noch keine
-Ahnung hatte. »Jetzt wollen wir uns ruhig überlegen, was wir zu tun
-gedenken. Kommen Sie doch aus Ihrem Winkel hervor und fürchten Sie sich
-nicht vor mir! Haben Sie auch schon daran gedacht, falls Sie noch Eltern
-haben, daß die in Besorgnis sein werden, und daß ich eigentlich
-verpflichtet bin, ihnen Nachricht zukommen zu lassen?« Er mochte wohl
-meinen Schreck bemerken, denn er fügte schnell hinzu: »Nun, wir sind ja
-Kollegen, außerdem bin ich kein Moralprediger, und Ihr Unternehmen rüge
-ich keineswegs, im Gegenteil, es imponiert mir, aber na, diesen Punkt
-wollen wir gemeinsam mit Madame L. T. überlegen. Für den Augenblick bin
-ich dafür, daß der kleine Robinson von den Strapazen seines Abenteuers
-sich etwas ausruht. Ich werde unterdessen ein wenig ausgehen und
-frühzeitig wieder erscheinen.« Er war fort, und ich allein,
-mutterseelenallein im fremden Hause. Zunächst betrachtete ich die
-Gegenstände des Zimmers. Auf dem Schreibtisch standen einige
-Photographien, unter denen ich auch den helläugigen Herrn von heute
-morgen fand. Zu meiner großen Freude, denn er gefiel mir schon wegen
-seiner blonden Locken sehr gut. Dann aber spürte ich die so lange
-zurückgehaltene Müdigkeit, legte mich auf eines der Kanapees und deckte
-mich mit den Decken zu, die Maupassant für mich bereitgelegt hatte. Aus
-traumlosem Schlaf, wahrscheinlich durch das Geräusch einer aufgehenden
-Tür aufgewacht, mußte ich meine Gedanken erst mühsam sammeln. »Herr
-Gott, wo war ich denn eigentlich?« Ich eilte ans Fenster, und mir schoß
-plötzlich angesichts der fremdartigen Uniformen auf der Straße unten der
-Gedanke durchs Hirn: »Wie kam's doch noch, daß ich in Paris bin.« Mich
-überkam plötzlich die Angst eines Gefangenen, der keinen Ausweg weiß.
-»Herr Gott, wenn nun der fremde, dunkle Mann ein Verbrecher wäre?« Mir
-wurden plötzlich alle Sensationsgeschichten meines Lebens grauenvoll
-lebendig. Um mich zu orientieren, um gleichsam die Waffen meines Feindes
-kennen zu lernen, ging ich an den Schreibtisch.
-
-»Was, Goethe!« Nun fühlte ich mich in Sicherheit. Und was mich am
-meisten interessierte, da lag ja auch Petöfi. Der Dichter, der mir
-gefiel in seiner ungarischen Studentenuniform. »Ach, Monsieur!« rief ich
-erstaunt und erschreckt. Maupassant stand nämlich vor mir, ich mußte
-sein Klopfen überhört haben. »Nun, mein kleiner Robinson, Sie sehen ja
-so frisch aus, wie ein Dijonknöspchen; jetzt wollen wir weitere
-Dispositionen treffen. Übrigens öffnen Sie einmal die beiden Schachteln,
-mit deren Inhalt bald zwei kleine Buben spielen werden.« In der einen
-Schachtel lagen schonungsvoll Bleisoldaten geschichtet, mit dunklen
-Waffenröcken und roten Hosen. In der Mitte der Schachtel aber lag,
-umgeben von seinen Getreuen, Napoleon III., hoch zu Roß. Aus der andern
-Schachtel glotzten mich porzellanene Froschaugen an, Enten mit gelben
-Schnäbeln, Reptilien aller Arten -- ein ganzes Aquarium. Ich richtete
-die Soldaten parademäßig. Maupassant hatte währenddes eine Waschschüssel
-herbeigeholt, und wir ließen nun die Ungeheuer auf den Fluten, die wir
-zu künstlichen Stürmen erregten, nach Herzenslust austoben.
-
-Wir, Maupassant und ich, waren auf einmal intim wie zwei Gespielen. Das
-fand auch Maupassant. »Wir würden uns, glaube ich, sehr gut vertragen,«
-sagte er plötzlich und klopfte mir auf die Backe. Dann aber begann er
-ernstlich über meine Situation zu reden. »Ich habe eben Erkundigungen
-eingezogen über das Magazin. Der Chef steht keineswegs in gutem Leumund.
-Ich rate Ihnen davon ab, dort einzutreten aber vielleicht haben Sie noch
-andere Fertigkeiten, die sich verwerten ließen?«
-
-»Ach ja, Herr Maupassant, ich tanze sehr gut.«
-
-»So, dann wäre ja der Zirkus oder das Ballett gar nicht übel!« meinte er
-nicht ohne Ironie. »Und welcher Tanz wäre denn Ihre Spezialität?«
-
-»_Danse de ventre._«
-
-»So?« Maupassant lächelte erstaunt. »Da müssen Sie mir gleich eine Probe
-Ihrer Fertigkeit ablegen.«
-
-»_Eh bien!_« rufe ich in heller Begeisterung: »Sie werden der Pascha
-sein, vor dem ich mich mit meinem Kostüm produziere.« »So hätten wir
-auch das Lokalkolorit,« ergänzte er. Ich war indessen schon so
-eingebürgert in der gastlichen Wohnung, daß ich die Türe öffnete und
-Maupassant bat, so lange meine Toilette währte, zu verschwinden. Eine
-golddurchwirkte Decke, die auf einem der Tischchen lag, nahm ich und
-wand sie um meine Lenden bis zu den Füßen herab. Ich löste meine Haare
-und entnahm einer Vase einige Nelken, die ich mir kreuzförmig um den
-Kopf flocht. Ich muß ausgesehen haben wie eine Wilde.
-
-»_Entrez, monsieur le Pascha, s'il vous plaît._«
-
-Maupassant trat ein, auf dem ausdrucksvollen Kopfe einen Fez und um den
-Hals eine reiche Münzenkette, mit majestätischem Ernst nahm er auf einem
-zum Thron umdrapierten Sessel würdig und feierlich Platz, und die
-Vorstellung begann.
-
-»_Charmant, drôle, superbe!_« rief er ein über das andere Mal, und seine
-Würde vergessend, begann er taktmäßig den Kopf hin- und herzuwiegen bei
-jedem, Kastagnettenschlag markierenden, Schnippen meiner Finger. Die
-Nelken aus den Haaren nehmend, kniete ich zum Schluß vor ihm nieder.
-»Mein Fürst und Gebieter, hat deine Prinzessin Gnade vor deinen Augen
-gefunden?«
-
-»Was begehrst du?« rief der Pascha mit Pathos.
-
-»Deine Freundschaft, Herr.« -- Wir fuhren am Abend noch, da Maupassant
-sich dagegen sträubte, mich in das obskure und für mich gänzlich
-ungeeignete Hotel »Maison Bohème« zu bringen, in dem ich bei meiner
-Ankunft, da es mir wie ein Wahrzeichen erschien, abgestiegen war, zu
-Madame L. T. -- Unterwegs bat er mich, ihn zu küssen, da er doch mein
-Gespiele sei. Ich war im Begriff, meinen Kopf in die Höhe zu recken und
-ihn zu küssen, da ich seinen Wunsch ganz natürlich fand -- doch nein, --
-plötzlich senkte ich meinen Kopf wieder in die alte Lage zurück, denn in
-diesem Augenblick fiel mir ein, was Maupassant mir gesagt: »Ich verachte
-die Frauen, weil ich sie nötig habe.«
-
-»Nun, plötzlich anders gewillt?« rief er erstaunt und gekränkt.
-
-»Ah so,« meinte er lächelnd. -- -- --
-
-Madame L. T. empfing mich liebenswürdig und küßte mich nach
-französischer Sitte auf beide Wangen. »Hier bring' ich Ihnen einen
-kleinen Robinson,« erklärte Maupassant. »Und vor allen Dingen _une belle
-fille_,« sagte Madame L. T. weiter. »Das finde ich keineswegs,« warf
-Maupassant ein, »apart -- ja -- ein Mädchen mit Knabenaugen.«
-
-Mit gedämpfter Stimme unterhielten sich die beiden, wahrscheinlich über
-meine Zukunft, hinter der Portiere, und dann empfahl sich mein
-Beschützer, nicht ohne mich nochmals ausdrücklich zu beruhigen: »Mein
-liebes Fräulein, seien Sie unbesorgt, Sie befinden sich in den besten
-Händen!« Madame führte mich in ein kleines Boudoir, wo wir den Tee
-einnahmen. Sie hörte nicht auf mit Liebkosungen; und noch mehr wie meine
-Leidensgeschichte interessierte sie mein Renkontre mit Maupassant.
-
-Meine Wangen glühten im Gespräch, und ich machte ihr das Geständnis, daß
-Maupassant mir sehr gut gefiele, daß er mich habe küssen wollen, was ich
-aber stolz abgelehnt. Als ich schwieg, begann die Dame, die während
-meiner begeisterten Aussprache erblaßt war, mir klar zu machen in der
-delikatesten Weise, daß man die Liebe eines Mannes wie Maupassant sich
-am besten bewahre durch Zurückhaltung. Und dann verstand sie in
-rührender Weise mich aufmerksam zu machen, wie besorgt meine Angehörigen
-nun wohl um mich sein würden. Sie brachte mich zu Bette wie ein Kind,
-und ich konnte nicht unterlassen, meine Arme um sie zu schlingen wie
-instinktiv, um ihr Abbitte zu leisten dafür, daß ich ihr Schmerzen
-bereitet hatte. Ich weinte bitterlich diese Nacht, nicht ohne das
-wohltuende Gefühl einer gewissen Hochachtung vor mir selbst -- denn ich
-faßte den Entschluß, eine heroische Tat zu vollbringen, Paris zu
-verlassen -- Maupassant nie wiederzusehen.
-
-Morgens früh klopfte ich an die Tür der Dame und teilte ihr meinen
-Entschluß mit, daß, falls sie mir das Geld zur Rückreise borgen wolle,
-ich Paris verlassen würde. Ich glaube, im Grunde plagte mich das
-Heimweh, das durch das Wort Madame L. T., noch geschürt wurde.
-
-»O, meine liebe Madame L. T., nicht wahr, Sie grüßen Monsieur Maupassant
-von mir?«
-
-
-
-
- Albert Heine -- Herodes V. Aufzug.
-
-
- Hinter deiner stolzen, ewigen Wimper gingen wir unter,
- Schwermütige Sterne brannten auf deinem Lide.
- Deine große Hand beugte das Meer
- Und brach ihm die Perlen vom Grund.
-
- Die Wüste war dein Schild
- In der Schlacht.
-
- An dich dürfen nur Dichter und Dichterinnen denken,
- Mit dir nur Könige und Königinnen trauern.
-
- Alle Leiber der Stadt ringeln sich
- Giftig um deinen Leib.
-
- Deine Schwester bespie den Traumstein deiner Liebe.
- Du, ein beraubter Palast,
- Judas schwankende Säule,
- Völker bedrohend.
-
- So arg mag nur ein Schöpfer lichtmitten
- Seiner Reiche zerbersten.
-
-
-
-
- Karl Vogt
-
-
- Der ist aus Gold --
- Wenn er auf die Bühne tritt,
- Leuchtet sie.
-
- Seine Hand ist ein Szepter,
- Wenn sie Regie führt.
-
- Den Trauerspielen Strindbergs
- Setzt er Kronen auf,
-
- Aus den Dichtungen Ibsens
- Holt er die schwarzen Perlen all.
-
- Er kann nur selbst den König spielen
- Im Spiel.
-
- Morgen wird er König sein --
- Ich freu' mich.
-
-
-
-
- Paul Lindau
-
-
-Manchmal sitzt Paul Lindau abends im Café des Westens und freut sich
-über die bunten Jünglinge und zwitschernden Mädchen. Er ist nicht
-hochtrabend, er tut mit. Seines Herzens leuchtende Farbe ist nicht
-eingetrocknet. Meine Eltern hatten Paul Lindau furchtbar lieb. Er war
-Redakteur in der Elberfelder Stadt. Ich habe Paul Lindau eines Tages
-gesagt, Herr Doktor, ich bin Else Schüler. Da meinte er, er habe meine
-Eltern nicht vergessen. Und wenn wir uns nun begegnen, denken wir an ein
-Haus am Wupperstrand, darin die Feste ein und aus tanzten. Paul Lindau
-hat Temperament, er kann keine Maske anlegen, sie würde nicht lange
-dauern vor seinem Herzen. Er ist ewig jung. Aber auf allen Tischen und
-Vorsprüngen seiner Gemächer liegen antike Sammlungen, rissige Geschenke
-aus allen Erdteilen. Ich muß Paul Lindau aus meinem Leben erzählen; er
-versteht zuzuhören; diamantisch strahlt seine Liebenswürdigkeit. Mutter
-und Großmütter, Vater und Urväter hängen eingerahmt in goldenen Rahmen
-über seinem Schreibtisch; er selbst als Knabe blauäugig und
-rosengelockt. Nicht viel älter war ich, als ich seinen wundervollen
-Barmer-Roman las, von seinem alten Pfarroheim und den beiden süßen
-Kusinen. No leckern Äppeln rukt sinne Liebesgeschechte on dat ganze Hus
-von sing heelegen Onkel bis bowen op die Rompelkammer, wo die Äppels em
-Wenter leegen. Ich erinnere ihn an die Sitte. Paul Lindau weiß alles
-noch ganz genau. Diabolisch sind die schwarzen Täler der Schornsteine --
-denkt seine ernste Stirne, aber die Sonne spielt dazu ganz bunt auf
-seinen schlanken Händen.
-
-
-
-
- Bei Julius Lieban
-
-
-Ich bitte Herrn Lieban, mir einen Nachtigallenspaß aus seinem Leben zu
-erzählen. Wir sitzen in seinem kleinen Gemach auf gemondeten und
-gestreiften Diwans, Herr Lieban, sein Töchterchen Eva und ich. Herr
-Lieban erzählt von Wanderzügen nach dem Süden. Wunderbar ahmt er die
-Begeisterung des temperamentvollen Publikums nach; eine ganze Reihe
-verschiedener Mienen huschen auf seinem Gesicht vorüber. Noch heute
-spricht man in Florenz davon, wie er eines Tages angeflogen kam und
-gesungen und es hinausgejubelt hat das feurige Lied an die Teure seiner
-Heimat: »Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben!!« Und wieder
-zarter einsetzend: »Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben ...« Und
-bei seiner Abreise haben sie auf dem Bahnsteig, auf dem Trittbrett und
-im Waggon gestanden. Jedes trug ein leuchtendes Herz am Busen geheftet.
-»Arivederla, Signor Giulio, arivederla!« Ein halbes Kind war er damals
-noch, aber Herr Lieban ist noch heute neunzehnjährig mit seinen kurzen,
-schwarzen Ringelrangelrosenlocken und den dunkeln Schalkaugen. --
-Mutwillig, sturmwillig über die weichen Teppiche -- hin und her flattern
-die Portieren. »Hab' im eigenen Hause keine Ruhe -- hören Sie, da
-klingelt's wieder.« In diesem Salon unterschreibt Maestro ein
-Engagement, in jenem erwarten ihn bittende Lippen. Einige Damen in
-Pelz und Federhüten sehe ich durch den Perlenvorhang auf
-niedlichen Rokokostühlen sitzen. Herr Lieban soll in einer
-Wohltätigkeitsvorstellung singen, Herr Lieban kann nicht abschlagen, das
-wissen alle schon. Mit zugehaltenen Ohren eilt er plötzlich wieder an
-uns vorbei; aus dem Studierzimmer dringen schmerzliche Töne einer
-harrenden Schülerin. »Sie stimmt ihre Kehliatur«, flüstert mir
-schelmisch Eva ins Ohr. Und Herr Lieban weiß gar nicht, was er zuerst
-erledigen soll. Klein-Eva und ich sind ganz alleine -- Klein-Eva hat
-ebenfalls einen Kobold im Auge sitzen und Goldflatterhaare hat sie; sie
-will nicht zur Bühne gehen -- der Vater hat ihr zu viel Schlimmes von
-dort erzählt. Und als Herr Lieban sich uns wieder widmen kann, bitte ich
-ihn, auf sein Töchterchen zeigend, mir auch etwas Schlimmes von dort zu
-erzählen. Er nickt einige Male ernsthaft mit dem Kopf, er nickt seinem
-Liebling zu; der scheint zu wissen, was seinen Vater so verwundert hat.
-»Ja, ich kann's nicht verschmerzen,« sagt Herr Lieban, »genau
-fünfundzwanzig Jahre sind's her, ich spielte den Mime in der Premiere
-des »Siegfried« im Berliner Viktoriatheater. Wagner stand hinter der
-Bühne, und es geschah, daß man mich nach dem zweiten Akte verlangte und
-den Schöpfer vergaß. Wagner stürmte fort und ließ sich am Abend nicht
-mehr sehen. Aber das, was ich nicht verschmerzen kann, ist: als wir am
-andern Tag den Erfolg des Meisterwerks feierten und wir Mitwirkenden uns
-am Eingang des Theatersaals aufgestellt hatten, Wagner unsere Ehrfurcht
-in Form einer Gabe zu Füßen zu legen, daß er da jedem von uns lebhaft
-die Hand drückte, an mir vorüberschritt, meinen Gruß nicht beachtete und
-mir zurief: >Sie haben mir ja den gestrigen Abend umgeschmissen.< Sehen
-Sie, das habe ich nie verschmerzen können, gerade weil er ein
-Gottkünstler ist.« Eva sagt: »Vater hat's gedruckt im Buch stehen« --
-sie springt aus der Türe und holt das vergilbte Buch vom Schreibtisch.
-Herr Lieban muß lächeln. Aber seufzend mit der Puppe im Arm begleitet
-mich Eva die Treppe hinunter. Durch die Villenallee nach Hause zu lese
-ich im Vorübergehen an der Litvassäule Julius Liebans Namen. Er singt
-heute abend den David, den finsterulkigen Schusterjungen. Den David kann
-kein andrer singen. Seine Stimme sind Saiten einer Leier, die einmal an
-einem Freudentage ein Gott erschaffen hat. Seine Lieblingslieder
-rauschen durch Seidengärten, und mit Silberglocken behangen klingen
-seine Schelmengesänge und tragen bunte Tracht. »Es ist zum Küssen ...«
-einer sagt's dem andern unter den großen Lichtsternen entzückt ins Ohr.
-
-
-
-
- Friedrich von Schennis
-
-
-Der Baron ist eine Schöpfung aus Genie; er ist bereitet aus Himmel und
-Satan, aus Fegefeuernuancen und gottblau. Mein Bruder nannte ihn den
-Marquis; ich dachte immer, könnte ich den Marquis sehn. Eines Tages sah
-ich den Marquis in gepuderter Perücke, in blauem Samtrock, die
-Rokokohände zwischen feinen Spitzen, lustwandeln über die Wege von
-Sanssouci auf seinem Bild in der Nationalgalerie. So überall im Rahmen
-atmet er mit seinen Farben vermischt; zwischen ocker und bleu liegt er
-auf seiner Palette. Und aus den Rosen des Parkes steigt sein Duft und
-die Stirn des Schlosses bescheint seine Andacht. Friedrich von Schennis
-ist ein Andächtiger. Noch zwischen losen Frauenlippen und seinem wilden
-Zynismus lauscht er nach Gott. Sein Zynismus schluchzt. Der Baron ist
-schön, sein Angesicht ist feierlich, immer liegt ein Schleier auf seiner
-feinen Haut. Die fältet sich schmerzlich dann, wenn sein Auge die
-Wirklichkeit erblickt, die Wirklichkeit ohne Zeremonie. Ich wundere mich
-nicht, daß er den Philister haßt, den Sonntags- und Alltagsphilister,
-noch eindringlicher aber empfinde ich seine Verachtung gegen den
-freigewordenen Bürgersohn, den Studenten der Kunst. »Die Kunst kann man
-nicht erlernen, nicht wahr, Herr Baron, Herr Marquis, König aller
-Könige?« Ich sitze neben ihm und bin der Prinz von Theben. Und zu seiner
-Linken versteht ein Arzt des Rausches die unbekümmerten Launen des
-Barons zu beschwichtigen. Aber der Baron liebt das Gaukelspiel des
-Herzens. Wir müssen mit ihm Champagner trinken, er will Begleiter zur
-Vergessenheit haben. Aber ich weiß, der Baron kann nicht vergessen, er
-kann wohl trunken, doch nicht betrunken werden. Ich vergieße den
-schäumenden Luxus, der herrliche Mundschenk zersplittert, mich zu ehren,
-meinen gläsernen Kelch. Das hätte Friedrich der Große auch in seiner
-Flötenlaune getan; der Baron stammt aus der Zeit der Flötenkonzerte. Er
-hat kein Alter, er ist wandelbar wie die Zeit, die einmal Lenz und
-einmal Herbst zum Zeitvertreib ist. Trägt der Marquis nicht seine
-Perücke wie auf der Schloßlandschaft in der Galerie, so ist sein Haar
-aschblond, sein Auge ist aus Merveillieuxseide, und seine Hand bewegt
-sich immer wie zum Holen einer Schönen zum Menuett. Seine Freude und
-seine Schwermut sind Jünglinge, und darum haßt er den Tod und möchte ihn
-vergessen im Wein. Sein Esprit erinnert an Voltaire, lauter Blitze, die
-treffen und Brände werden. Wenn der Mond gegangen ist über den Garten,
-dann werden wir auch nach Hause gehn, ich will noch über Friedrich von
-Schennis einen Essay dichten. Seine Bilder sind adlig und blaublütig.
-Liszt, der Musikpapst, Wagner und der Großherzog von Weimar sind seine
-stolzesten Werke, und die vielen Liebeslandschaften hängen in Nischen
-minniglicher Schlösser.
-
-
-
-
- Tilla Durieux
-
-
-Ich würde für sie auch im Privatleben das Eboligewand wählen, den
-zackigen, weißen Kragen, der ihr Angesicht, ein Bukett von Lichtwende
-und Herzschatten, wie mit einer Atlasmanschette umgibt. Frau Durieux
-spielt im Theater Reinhardts die Eboli; die schlummernde Saitenspielerin
-ist auferstanden aus ihrem Sarkophage. Es tut wohl, sie in
-»prinzeßlicher« Wirklichkeit wiederzusehen, in ihrem eifersüchtigen
-Herzen zu erleben den Kampf mit der Kabale. Den schnöden Verrat an die
-Königin verabreicht sie dem lauernden Pater noch mit traumhaften
-Fingerspitzen. Keineswegs hysterisch gehässig -- historisch wie ihr
-Kleid wirkt das intrigante Frauenspiel in der Kapelle steinerner Nacht,
-an der blutgenagelt Gottes Sohn hängt. Frau Durieux' verzweifelte
-Gebärde, nachdem ihre Königin sie verstößt, erinnert an das Gemälde der
-büßenden Magdalene. -- Als ich sie vor einiger Zeit in ihrem Gemach
-erwartete, suchte ich unwillkürlich nach der Laute. Da kam mir entgegen
-Rhodope, ihre Hände hingen herab wie Myrthen. Diese himmelweiße Syrierin
-ist der Glorienschein ihrer Eingebung, das keusche Geschmeide ihrer
-Begabung. Beweglich ist die Verwandlungskunst der Frau Durieux, denn wer
-vermutet nach der bräutlichen, geduldigen Königin und der verwöhnten
-Lautenspielerin, »Sie« in der bitteren Haut der eigensinnigen
-Spielverderberin der ältlichen Schwester der Brüder im Friedensfest.
-Krummrückig zum Fußaufstampfen, hartnäckig widersetzend, den Angehörigen
-eine giftige Augenweide. -- In »Gott der Rache« von Schalom Asch spielte
-Frau Durieux die junge Kupplerin des Bordells. Ich sehe sie noch keck in
-der Mitte des Sofas sich hinflegeln mit der Frechheit einer
-freigewordenen Sklavin, mit dem Machtbewußtsein, vernichten zu können je
-nach Berechnung. Das scheußliche Verbrechen ihres früheren Bordellchefs
-zappelt auf ihrem Knie, sie läßt es kichernd über ihrem Strumpfband
-hängen, sie braucht nur den lockeren Vorhang aufzuheben. Tilla Durieux
-spielte skandalös hervorragend. Hier nenne ich die Schauspielerin, die
-Charakteristik ihres Zivils vergessend, kurzweg »Tilla« Durieux; aber
-wer sie in ihrem Privatgemach je sah, umgeben vom Staat schützender Tore
-und mächtiger Bequemlichkeiten, sie selbst zum Empfang der Gäste sich
-liebenswürdig ermannend, wird mit mir empfinden, daß sie keineswegs eine
-Bohèmin ist, zu treu dem Einen außerdem, auch daß ihr die seelische
-Leichtigkeit der Umgebenheit fehlt, und ich nenne sie »Frau« Durieux
-nicht etwa wie man die Spießerin zu nennen pflegt, aber weil sie die
-Hofdame der Schauspielerinnen ist; jeder Tag muß ihr »d'or-jour« sein.
--- Auf dem Sezessionsfest im Februar teilte sich die Menge in zwei
-Flittergitter, als sie den Saal betrat. Sie trug ein dunkles
-Spitzenkleid und eine hängende Nelke im Haarknoten. Ich fragte den
-Rektor in »Frühlingserwachen« an unserm Tisch, wer die schwarze
-Leopardin mit dem Blutstropfen am Nacken sei. Prangende Schlichtheit,
-geschmeidiger Charme, in ihrem Herzen blühen feine Nerven schmerzvoll
-auf. Aber als es Mitternacht war, tanzte sie, auf einer Perle des Sekts
-rollend, mit leuchtenden Augen im bunten Spiele der Masken. Dieses Jahr
-gibt es wieder ein Fest; ich hoffe, daß Frau Durieux auf Erden weilt,
-sie hält sich nämlich ab und zu mit Vorliebe oben in den Wolken
-verborgen, in ihrem Luftballon, und was wird sich Prinz Karneval ärgern,
-wenn sie ihm nur eine lange Nase machen wird. -- Die Maschen des Netzes,
-das den Ballon umhüllt, lockerten sich schon einmal. »Ein Punkt in der
-Ewigkeit« kommt man sich im Raume vor, erzählt Frau Durieux. Sie ist
-ohne Furcht und Zaudern. Zwischen Leere und Leere, Vogel sein, nur Atem,
-so folge ich in Gedanken den Schilderungen der Luftschifferin in die
-Lüfte. Da nimmt ihr Terrierhund einen Anlauf aus salonansalongereihter
-Ferne, springt mir auf die Schulter, ich falle vor Schreck aus allen
-Himmeln.
-
-
-
-
- Paul Zech
-
-
- Sing Groatvatter woar dat verwunschene Bäuerlein
- Aus Grimm sinne Märchens.
-
- Der Enkelsonn ist ein Dichter.
- Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse.
-
- Man kann sie in die Hand nehmen,
- So hart sind die.
-
- Sein Vers wird zum Geschick
- Und zum murrenden Volk.
-
- Er läßt Qualm durch sein Herz dringen:
- Ein düsterer Beter.
-
- Aber seine Kristallaugen blicken
- Unzählige Male den Morgen der Welt.
-
-
-
-
- Rudolf Blümner
-
-
-Den Mephisto spielt er jeden Abend, eine Privatvorstellung im
-Freundeskreis. Ohne witzelnde Fußspitzenpose -- der Doktor hat Humor,
-der im Kranichschritt mit dem Schwermutflügel einherschreitet. Wenn er
-nicht kommt, sind wir alle belämmert; die gretchenblondesten
-Mädchenköpfe freuen sich, wenn der Mephisto endlich doch kommt. Er
-versteht Greisengesichtern lächelnde Jünglingsaugen einzusetzen, wenn er
-bei Laune ist und sein Herz mit übersprudelndem Schalkwillen vorträgt.
-Wehe aber, wenn er durch die Türe kommt, und sein Hut sitzt schief in
-die Stirne gedrückt -- es regnete --, er konnte heute kein Luftbad
-nehmen, ein paar Sätze von der Galle, mehr hören wir nicht. Aber seine
-Galle ist kariert. Nie war ein Hut so mit seinem Kopf verwandt, wie
-Doktor Blümners Hut. Der ist ein Mime, durchblutet mit den Eigenarten
-seines Trägers. Unter Hunderten würde ich den Hut des Doktors
-herausfinden, namentlich aber dann, wenn der Rand seines Panamas lacht;
-er sitzt rund hinten im Genick. Etwas muß der Doktor heut' ausführen,
-ich warte am liebsten mitten im Zimmer, wenn er Klavier spielt, ich kann
-dann so mit seinen Späßen laufen -- er spielt eine eigenvertonte
-Polonäse, er führt sie an. Seine Finger springen wie ungezogene Jungen
-über die Tasten, schlagen Kobolz, zanken sich; plötzlich steht er
-gravitätisch auf: »Der Schlaf erwartet mich!« Aber in Wirklichkeit steht
-der Vollmond vor seinem Fenster, hinter dem Ohr einen Federkiel. Der
-Doktor muß noch einen Essay schreiben. Seinen Lehrer im
-Frühlingserwachen -- wer kann ihn je vergessen und die Grazie des Ricco
-in Minna von Barnhelm. Er ist der Aristokrat des großen Schelmenspiels.
-Aber auch sehr oft beliebt es dem Doktor, sein ernstes Wesen dem
-Publikum zu schenken; es steht ihm am besten; kehrt es ein -- kommt es
-hervor aus seinem tiefsten Herzensschatten. In diesem Monat hält der
-Doktor wieder einen Vortrag, es sind die schönsten Abende, goldene
-Atrappen mit überraschendem Inhalt. Als er die Geschichte der Schneider
-von Keller vorlas, glaubte ich die drei bis zum Schluß verschwinden zu
-sehn aus dem Saal. Er machte nämlich auch ein Gesicht, als ob sie ihm
-weggelaufen wären. In seinem feinen Profil ist seine schöne Nase
-tragisch geschnitten nach Gemmenart. Das Leben fällt gelassen vor ihm.
-
-
-
-
- William Wauer
-
-
-Als das Café Kutschera noch seinen adligen Namen »Sezession« trug, hielt
-in dem oberen Raum des Cafés William Wauer einen Vortrag über
-Theaterkunst. Ein junger Schauspieleleve nahm mich mit herauf; viele
-Eleven und Elevinnen schritten vor mir in den Saal der grauen
-Sammetsofas und Sessel; ich war die einzige unter den Zuhörern, die
-Wauer noch nie gesehen und doch ihn sich genau so vorgestellt hatte mit
-der eigenartig schmerzlichen Sicherheit in den Augen und in den
-Gebärden. Ein großer Geiger, der nicht die göttliche Geige findet. Ein
-großer Dirigent -- ist nicht sein Vortrag ein Zusammenspiel vielerhand
-Instrumente gewesen. Lebendige Violinen, seine Schauspieler; er mag
-nicht die erste Violine zwischen ihnen, die den Ton angibt, kein Genie,
-das sich abtönt, hervortönt von den anderen Tönen. Das Zusammenspiel
-seiner Leute, eine Genieleistung soll sie sich heben aus der Fertigkeit
-seiner Hand. Als das künstlerische Theater aus Moskau in Berlin
-gastierte, gedachte ich der Worte William Wauers. Der Zar bis zum Onkel
-Wanja und die Frauen all, glichen seinen Idealgeschöpfen. Wandelnde
-Töne, schreitende Melodien, unbezahlbare Instrumente mit tausendtiefem
-Ton. Aus Spielläden und Kotillongeschäften liefert man William Wauer,
-Spaßgeigen, Trompeten, Kriköhs: Dilettanten und Tantinnen. Sie essen
-ihre Rolle, um sie ganz im Leib zu haben. Sie muß ihnen auf den Leib
-passen. Aber der Schauspieler soll den Duft seiner Rolle einatmen. Über
-solch trunkene Seele zu streichen mit seinem Bogen. -- Seine Regie steht
-auf Füßen, das Milieu gleicht dem Bewohner des Schauspiels. Erster
-Aufzug: Veranda, von Säulen umstanden. Zweiter Aufzug: Wohnzimmer der
-gräflichen Familie. Man kann sich gar kein anderes Innere vorstellen
-nach dem Wuchs der Villa. William Wauers Regie ist anatomisch. Sein Blut
-möchte fließen durch die Adern seiner Schauspieler wie ein Strom durch
-das Spiel. Das soll keimen und aufgehen aus seiner Gestalt in vielen
-Gestalten. Kein Asiate ist er, dem die Tragödie nur eine einzige
-Kriegsgebärde wird. Er meint, zu den Wilden gehöre ich, und mit der
-eigenartig schmerzlichen Sicherheit im Auge betrachtet er mich wie ein
-fremdes Instrument aus Bambus.
-
-
-
-
- Wauer-Walden via München und so weiter
-
-
-O, wie wohl ist mir im Herzen zwischen den vielen scherzenden Herzen;
-alle sind bunt und brennen, aber mein Herz ist blau und glüht. Am Morgen
-hänge ich es an einen sorglosen Blumenbaum und lasse es zwitschern. Wie
-ich so dahinlebe, ich bin einer der fahrenden Schüler aus St. Peter
-Hilles Platonikers Sohn. Im Tanzschritt ziehen wir durch das Grün der
-Stadt hintereinander mitten im Mondpolka. Die Straßen und Plätze duften
-noch nach Marienbalsam der Dome. Wir schweben, wir kennen die Sünde
-nicht, an der Welt vorbei, mit München der Südstadt Deutschlands im
-Arme. Ich muß München immer küssen, schon, weil ich Berlin hinter mir
-habe; wie von einer langweiligen Kokotte geschieden fühle ich mich.
-Meine Freunde spielen Harmonika, wir ziehen an Schaufenstern
-pietätvoller Läden vorbei; Meisterbilder, frommer Schmuck, wilde Waffen
-aus den Gräbern der Bibelfürsten und überall die blauen
-König-Ludwig-Augen! Eine alte Riesenkommode ist München aus einem
-bayrischen Alpenknochen gehauen. Man kann so andächtig kramen in München
-und ausruhen auf gepolsterten Erinnerungen. Hier freut man sich seiner
-selbst, man findet sich in seinem glücklichsten Augenblick oben auf dem
-Berge der Stadt. Im Vorbeischreiten an den Gärten Obersendlings,
-flüchtet vor mir das prahlerische Häuserregiment Berlins. Es steigt die
-Erde, ich sitze auf ihrem Rücken in einem der Schlösser. Ich bleibe hier
-für ewig! Man sagt das so leicht. Ein Paradies ist München, aus dem man
-nicht vertrieben wird, aber Berlin ist ein Kassenschrank aus Asphalt;
-der ihn zum Labsal benutzt, hängt sein Herz engherzig als Schloß davor.
-Ich soll mich so ganz erholen in der bayerischen Hauptstadt. Gibt's auch
-Cafés hier? Da winkt schon eins von ferne. Sei mir gegrüßt, oder wie der
-Bayer sagt »Gott grüß dich, Café Bauer!« Von einem Altan herab ladet es
-den Vorbeiwandelnden einzutreten, manchmal sogar holt der luftschöpfende
-Ober den Gast in sein Kaffeehaus nach südlicher Sitte. Ich stelle eine
-gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Café Bauer mit unserem Café des Westens
-fest, unserer nächtlichen Heimat, (grinst nur verfluchte Somaliphilister
-und Sudanproleten) unserer Oase, unserem Zigeunerwagen, unserem Zelt,
-darin wir ausruhen nach dem alltäglichen schmerzvollen Kampf. Die Frau
-Wirtin ist sanft, sie pflegt unsere Launen, die uns der Bürger schlug.
-Vom Oberober bis zum Unterunter passen die sich dem Rhythmus der Gäste
-an. Herr Rattke hat wieder ein neues Buch geschrieben in Trochäen über
-Servieren, verrät mir Richard, der Zeitungsverweser, der
-Journaltruchseß. Er liest mir mit Pathos mein Gedicht im Sturm vor über
-München; ich beginne zu seufzen. Was fangen nun die spielenden Straßen
-dort ohne mich an und die vielen gaukelnden Herzen? Daß die gesund
-bleiben, dafür sorgen die Ärzte, namentlich der unvergleichliche Doktor
-Arthur Ludwig. Alle seine Patienten kommen, weil er der
-unvergleichlichste Mensch noch dazu ist, nie zur angeschlagenen Zeit in
-die Sprechstunde, wegen der süßen Speisen und der Marmeladen, die zum
-Mittag aufgetragen werden von seiner emsigen, lieben Haushälterin. Und
-die bettlosen Patienten und Freunde nahen gewöhnlich mit dem Dietrich
-und der Zahnbürste im Gewande, sie kommen vom Rande ihres Lebens und der
-Doktor, ein heiliger Wirt, wie auf dem Bilde in seinem Sprechzimmer, zu
-sehen ist: »Fräulein Haushälterin, besorge für den Fremdling nun eine
-Lagerstatt.« Er ist direkt ein Engel. »Ein starkfühlender, intelligenter
-Engel«, betont ein Kollege von ihm, Doktor Max Nassauer, der dichtende
-Arzt in München.
-
-Wir gehen alle in den Simplizissimus, in Kati Kobus' berühmte
-Künstlerkneipe. Heute kommen die Kegler! Ich meine die Leute vom
-Kegelabend. Ludwig Scharf trägt mit starkem Ton seine Verse vor, jedes
-Wort ist an das andere geschmiedet. Sein Gesicht ist eine diabolische
-Arabeske. Dazwischen tönt die fahrende Stimme des Gitarrespielers und
-die liebenswürdigen, drolligen Bemerkungen Max Halbes; er gefällt mir
-sehr. Und all die kleinen summenden Mädchen mit den braunen und
-blonden Liedern. Und die Hauptsache bleibt die Kati Kobus, die
-Simplizissimusherrscherin mit dem Kronmal auf der Stirn. Sie ist die
-Herzogin des Rausches, sie ist eine Regierende. Wer so zu unterscheiden
-vermag wie sie! Eine Juwelierin, wer so das Angesicht auf sein
-Geistkarat zu werten vermag. Das Scheiden aus ihrem Nachtgarten, wo das
-Lachen blüht zwischen Bilderhecken, tut mir besonders weh. »Frau
-Helene,« sage ich mich ermannend eines Morgens zu meiner Wirtin, »es muß
-geschieden sein!!!« Berlin! Vom Waggon aus steige ich sofort die Stufen
-des Kleinen Theaters hinan zur Generalprobe der Vier Toten der Fiametta.
-Morgen zur selbigen Stunde werde ich Jacobsohn wiedersehen -- ich werde
-Jacobsohn wiedersehen!
-
-Direktor Wauer fundiert noch seinen letzten Fußtapfen, er legt so das
-Schreiten und die Gebärden der Spielenden fest. Fest und sicher bewegt
-sich nun das ungeheure Pantomimendrama und ballt sich wieder zur
-Einheit. So wohlgeformt und nicht ein Abweichen, nicht ein überflüssiges
-Zureichen allerleigrauen führen des Schneiders (William Wauer) Klauen
-die Schneidernadel unentwegt. Grandios ist die Bewegung seines Mundes,
-die nicht ein stummes Reden, aber ein drohendes Auftun seines Gesichtes
-bedeutet. In großen teuflischen Zeichen nicht minder, wie ihr Direktor,
-spielt Rosa Valetti, die Schneidersfrau, und rotangefüllt, ein
-Blutbezechter, ein wankender Bär, tappt der Lastträger (Guido Herzfeld)
-auf den Ruf der verzweifelten Fiametta über die Stufen der Treppe, in
-das Trauerspiel. Das Harlekintrio. Ein Gemälde, das im Anschaun mit dem
-Körper des Bewunderers verwächst. Und die ungeheure Last Trauerspiel,
-rollt sich auf einer Musik _aufwärts_ hochmütig über die Leiche
-verdutzter höhnender Kritik. Herwarth Walden, ein Hodler der Musik, der
-alles Süßliche zerreißt im Siegeskrampf und Kampf. Morgen ist die
-Premiere der Vier Toten der Fiametta, ich werde Jacobsohn wiedersehen
---, ich werde den kleinen Jacobsohn wiedersehen! »Wer kommt noch mit ins
-Café?«
-
-
-
-
- Emmy Destinn
-
-
-Ich schrieb ihr am Schluß meines Briefes: Semiramis, hinter den düsteren
-Gängen deines Palastes vermute ich hängende Gärten. Worauf sie ans Ende
-ihrer Zeilen setzte: Meine liebe Dichterin, meine Gärten sind diesen
-Abend wilde, verschwiegene Schluchten, kommen Sie und hören Sie mich die
-Carmen singen. --
-
-Manchmal versteckte ich den Kopf in das Sammetgehang der Loge, den
-dunklen Strom ihrer Stimme einsam über mich rauschen, tanzen zu hören
-über üppige Pfade heißer Lippen liebentlang. --
-
-Der Soldat Don José sitzt abseits der Ausgelassenen und schmiedet seine
-zerrissene Säbelkette; versunken in Mutter, Heimat und Liebchen, dem
-frischen blonden Blümchen der treuherzigen Provence. Aber da steht sie
-hoch auf der Brücke, lauernd, hungrig -- o, du gewaltige Carmen-Katze!
-Den Oberkörper weit nach vorwärts gestreckt, schleicht sie
-bestienmajestätisch über die Treppe, die zu ihrem Opfer führt. Es
-durchgreift den Soldaten eine peinigende Unruhe, er vertieft sich
-gewaltsam in seine Arbeit, aber seine Finger zittern vor ängstlicher
-Wollust. »Ei, du süßer Kettenschmied!« Und ein Strauß greller Rosen
-fällt zu seinen Füßen nieder. Die lockende Schwere ihres Liedes ergreift
-ihn, es berauscht ihn der singende Duft ihres Blutes. --
-
-Und dann Carmens grausames Begegnen mit Don Josés Liebchen, Carmens zum
-Sieg gerüstetes Entgegenziehn der fremden Rasse, aus der sie ihr Opfer
-geraubt hat, das sie lieben und peinigen muß und zerstören wird. »Sieh,
-ich nehme dich, ich verschlinge dich!« Und ihr Gesang und Spiel bekommen
-Tatzen, die den Geliebten umkrallen, den Kampf seines Soldatenherzens
-zerreißen und ihn ihr zu eigen machen. Bravissimo, Carmen -- Emmy
-Destinn!
-
-Und nun das Schwärzerwerden ihrer Stimme vor dem verstoßenen, verhöhnten
-Geliebten, die trübe Todesangst, die sie betastet. Und leise klingt die
-Hochzeitsmusik, beben die Zaubertöne, die den Soldaten gelockt haben in
-die Netze ihrer furchtbaren Seele. Carmen! Todwund heben sich die Lider
-ihrer bebenden Pupillen -- ihr Sprung mißglückt. Feierlich singt das
-Cello und flehentlich die Geigen. Draußen wartet Escamillo. Carmen
-zerreißt ihre Haut aus Hochzeitsseide und veratmet, noch ehe Don José
-ihr treuloses Katzenherz durchsticht. Blaß werden die Klänge in der
-Ferne.
-
- Die Lieb, die von Zigeunern stammt,
- Fragt nicht nach Recht, Gesetz und Macht.
- Liebst du mich nicht, bin ich entflammt,
- Und lieb ich dich, nimm dich in acht!
-
-Als ich am Tage nach der Vorstellung Emmy Destinn besuchte, saß sie auf
-ihrer Bank von Gold aufrecht, den Kopf düster gesenkt, wie die Blüte
-einer Pharaonenblume. Sie trug ein Kleid aus bunten Farben der Gewänder
-assyrischer Königinnen. In ihren Ohren hingen Gehänge von
-durchsichtigen, gelben Steinen. »Habe ich Ihnen gestern gefallen?«
-fragte sie mich. Und ehe ich antworten konnte, pochte es leise an die
-Tür -- mit einer Tasse süßen Duftes trat eine ältere Frau ins Gemach und
-flüsterte ihrer Königin mit besorgtem Augenrollen und Kopfschütteln
-einiges ins Ohr. Als sie draußen war, sagte Semiramis zu mir: »Sie war
-meine Amme und ist noch immer um ihr herangewachsenes Baby in
-Besorgnis.«
-
-Wir setzten uns an ein kleines Rosenholztischchen. Vor dem Fenster
-dämmert es schon, aber Emmy Destinn möchte vom Morgen trinken, immerzu
-spielen; in ihrem Gesicht scheinen plötzlich ganz hell die beiden
-großen, braunen Monde. »Komm, wir wollen um die Rosenholztische Fangen
-spielen!«
-
-An der Wand, mir gegenüber, hängen die verschiedenartigsten Instrumente,
-wohl an zehn Geigen. »Und der Flügel dort, ist der Flügel Webers
-gewesen,« erzählte sie lebhaft. »Und sehen Sie sich auch einmal diese
-Bildergalerie dort an; ich habe eine mächtige Verehrung für Napoleon den
-Ersten.« In jedem Lebensalter hängen Bildnisse des ehernen Kaisers von
-Frankreich da, Briefe in zärtlichen Rahmen, Waffen, die er geschwungen
-hat, umzäunt mit Lorbeeren. --
-
-Katzen, Hunde, Hasen, Hähne, Puten von leuchtendem weißen Porzellan,
-venetianische Vasen, vielarmige Leuchter stehen auf stolzen Säulen und
-Elfenbeintischchen. Da seh' ich mich zu meinem Leidwesen drei, vier,
-fünf, immer noch mehrere Male in großen Spiegelwänden. Die schöne
-Königin hat, ohne daß ich es bemerkte, die Türen ihres weiten Paradieses
-geöffnet: blühende Seltenheiten und Seide.
-
-»Besuchen Sie mich bald wieder,« sagte sie; ein Lächeln in den
-tausendjährigen Augen.
-
-
-
-
- Franziska Schultz
-
-
-In Berlin gibt es eine Fraue, die die Schmerzen Marias leidet, sieben
-Schwerter im Herzen; und die doch gnadenreich herablächelt auf die Armen
-und Kranken. Jeder Mensch, der sich ihr nähert, ist ihr Jesuskind. Einen
-Tempel müsse man um diese Mutter bauen, einen Garten pflanzen, der ihr
-blühender Mantel sei. Ich kann mich nicht der Fraue nahen, ohne ihr
-meine Andacht zu bringen. Verirrte Magdalenen treten durch ihres Hauses
-Pforte ein und rasten; ruhen aus und besinnen sich unter der Liebe ihres
-Mutterdachs. Franziska Schultz ist die Mutter des Mutterschutzes. Man
-könnte fast das gefallene Mädchen ihrer Patronin wegen beneiden. Mit
-fürsorglicher Liebe lullt die höchste Fraue der Gnade die verstoßene
-Mutter und ihr pochendes Spielzeug mit ihren beiden Armen zärtlich ein.
-Kein Vorwurf trifft die Tragende, ihres Kindes wegen, das noch auf
-seinem rechtmäßigen, heiligen Muttererbe blüht. Alle Mütter aber lieben
-die Eine.
-
-Eine Dame, die den Glanz irdischer Glänze ausdrehte und durch die dunkle
-Straße schreitet, wo das Elend wuchert. Nun wohnen keine verwöhnten
-Gäste mehr in ihrem Hause, aber solche, die ein Herz voll Liebe
-beanspruchen. Tragende und Beladene treten durch ihres Herzens geöffnete
-Pforte ein. Maria!
-
-
-
-
- Kete Parsenow
-
-
-Die Venus von Siam, ist die Kete Parsenow. Feingebogene Dolche sind ihre
-Augen, wie die der Göttinnen in goldenen Tempeln.
-
-Peter Altenberg gab vor einigen Jahren eine Zeitschrift heraus, auf
-jeder Seite stand »sie« in blonden Farben. Die Kete Parsenow spielte
-damals in Wien am Theater; nun wird sie hier spielen, und doch sollte
-solche Schönheit verborgen bleiben, im heiligen Haus zwischen
-geopferten, schweigenden Blumen. Im Sommer begeisterte sie hier als
-Ophelia die Zuhörer. Blutschwarz sank Hamlets Kopf in den Schnee ihres
-Schoßes. Immer wird sie die Jungfrau der Schauspielerinnen bleiben; sie
-ist unbetastete Skulptur. Einmal legte sich vor ihr nieder eine weiße
-Steppenhündin und wurde ihr ähnlich. Als sie vom Strauch eine Rose
-pflückte, blühte die höher in ihrer Hand. Sie ist selbst ein Wunder. In
-der Frau vom Meere erschrak sie vor dem Überschwang ihres Herzens. Und
-Ibsen, was hätte er gesagt, wenn er der Kete Parsenow begegnet wäre,
-seiner Generalstochter Hedda Gabler. Kete Parsenow ist sich ebenbürtig,
-sie ist ebenso schön wie großherzig. Elfenbein ist ihre Haut; immer
-singt ihr Gesicht. Einmal wurden die Sicheln der Venus zu Monden, als
-sie böse war. Ich sah die Venus von Siam lächeln, ich sah die Venus von
-Siam sterben.
-
-
-
-
- Ruth
-
-
-Sie müßte eine Patronesse haben -- etwa die Kaiserin von Island oder
-eine reiche Eskimotochter; vielleicht wird es eine Inger auf Östrot
-sein. Ruth ist eine Tragödin. Schon seit zwei Jahren spielt sie mit
-Vorliebe Partien aus Ibsens Werken. Ihre Dreijahrärmchen heben sich
-zürnend zum Himmel: »Götter!« Ich habe Ruth nie lachen sehn und auch
-weinen nicht, wie andere Kinder. Ruth lacht mit Vorsicht, plötzlich hält
-ihr Gesichtchen wie eine kleine Sonne zu leuchten inne -- und weinen tut
-Ruth, um wieder zu lachen. Und am Abend dauert es eine Weile bis sie
-einschläft, gerne läßt sie einen schmalen Guckspalt offen für den
-Morgen, ob auf der Heizung ein Schokoladenkakes liegt, von einem
-verkleideten Onkel als Nikolas oder einer Zuckerhäuschentante gespendet.
-Ruth gastierte zum erstenmal im Vorgarten des Cafés des Westens, sie war
-damals zwei Jahre alt und trug ein weißes Kleid über glänzendem Stoff
-von der Farbe ihres Mündchens, das auf einmal zum Mund wurde, wie
-gehext, strenge Furchen zog; ich erschrak. Und noch dazu der finstere
-Ibsenblick, der mich furchtbar einschüchterte. Immer tiefer sank Ruths
-Lockenköpfchen auf die Strohröhre herab, die vor ihm im Glase steckte:
-»So tinkt >Er< Limonade.« »Er« hängt im mächtigen Rahmen im Zimmer ihrer
-Muttertragödin (Beß Brenk) und immer steht Ruth vor seinem Angesicht und
-besieht es sich, ob es auch noch so macht wie »sie«. In Klein-Ruth
-schlägt das große Ibsenherz, und als Ibsen sein Puppenheim schuf, pochte
-sicher ein kleines Anhängsel an seinem schweren Schlag, ein
-Goldherzchen, in dessen Mitte ein himmelblaues Perlchen rauschte. Ruth
-springt vom Stuhl, tanzt in ihren niedlichen Goldkäferstiefelchen, die
-Röcke nach unten geglättet -- nun hat sie ein langes Kleid an. Sie tanzt
-einen herablassenden, zurückhaltenden Tanz; da, als ob ein Sausevogel
-durch ihren Kopf fliegt -- fort will ihre kleine Seele -- ihre Beinchen
-sind ganz nackt; über Stühle und Tische hinweg -- Ruth, Ruth! Ich
-glaube, sie sitzt oben auf dem Ast des jungen Baumes vor dem Caféhaus.
-Was soll man dazu sagen -- Genie? Fort mit dieser alten Denkmalhülle,
-sie tut dem Kind weh, aber in ein Wunder wollen wir die wundervolle,
-kleine Ruth kleiden; in einem goldenen Bettchen soll Ruth schlafen und
-von einem goldenen Tellerchen und mit einem goldenen Löffelchen essen
-und auf dem Becher, aus dem Ruth fürder trinken soll, steht in
-Goldbuchstaben geschrieben: Ruth. Sie schüttelt den Kopf wie eine
-Herrscherin, ich glaube, sie ist beleidigt, nicht um der vielen goldenen
-Sachen wegen, der Ober hat ihr Zucker schenken wollen; sie gleitet
-schwerfällig vom Stuhl, streckt den Leib wie eine Kugel vor, ihr
-Engelsgesichtchen bekommt Runzeln -- »dicke Frau is satt«.
-
-
-
-
- Unser Café
-
-
- Ein offener Brief an _Paul Block_
-
-Sire, Sie möchten etwas aus unserem Café wissen, aber unser Café ist
-schon seit ungefähr Pfingsten nicht mehr unser Café. Gestern las ich in
-einer Chicagoer Zeitung, die mir meine Schwester aus Amerika sandte,
-schwarz auf weiß, warum unser Café nicht mehr unser Café ist, bitte
-hören Sie, Sire. »Früher war das Stelldichein all dieser »Radikalen« das
-Café Größenwahn. Aber eines Tages verbot der Besitzer der Dichterin Else
-Lasker-Schüler, die zu diesem Kreise gehört, das Lokal, weil sie nicht
-genug verzehre. Man denke! Ist denn eine Dichterin, die viel verzehrt,
-überhaupt noch eine Dichterin? Sie empfand das mit Recht als eine
-unerhörte Beleidigung, als schimpfliches Mißtrauen gegenüber ihrer
-dichterhaften Echtheit. Ebenso dachten die anderen. Daher verließen sie
-empört das Lokal.«
-
-Ob das alles nun wortgetreu wiedergegeben ist, -- jedenfalls begab sich
-die Schreckenstat an einem Sonntag, meine Seele wurde Werktag, bäumte
-sich auf und sehnte sich nach Revolution. Kein Vers, keine Stimmung,
-kein Pathos, nicht der schäumendste Überschwang hatte unsere
-Gemeinschaftlichkeit so fädenverstrickt zusammengerollt, wie diese
-unerhörte Begebenheit; Herr Café-des-Westens hatte mir, uns allen, das
-Betreten seines Cafés ein für allemal untersagt. Ungeheuer! Allerdings,
-wenn ich auch nichts verzehrt hätte. Aber dem war nicht so, ich war
-gerade im Begriff, meine zweite Bestellung zu entrichten, Schokolade mit
-Sieb (da ich die Haut nicht mag), als Herr Café-des-Westens aus einer
-Ecke auf mich Lesende losstürmte und rief, es geht nicht, daß Sie hier
-sitzen bleiben, ohne etwas zu verzehren!!! Neben mir saß mein
-Reichskanzler Bisam O. Er ist feig, aber seine rosa Haare standen Hügel,
-wurden brandrot und sprühten Feuer. Dann kamen hintereinander meine
-verehrten Freunde, die Paschas, und die Schlacht begann.
-
-Soll ich Ihnen nun noch über die früheren Ereignisse dieses Cafés
-erzählen oder genügt es, wenn ich Ihnen sage, Sire, daß wir dort die
-schönsten Abende, namentlich zu Zeiten Lublinskis, erlebten; den haben
-wir alle kolossal verehrt, und er lachte selbst herzhaft, wenn ihn der
-»Blümmner« nachahmte. Unser Zorn liegt nun über dem Café des Westens wie
-über einem verlorenen Paradies, in dem wir nicht sündigten, aber das an
-uns sündigte. Als wir auf der Straße standen, gedachten wir mit Wehmut
-des Gründers unseres verlorenen Cafés. Herr Rocco hatte es sich als
-besondere Freude angerechnet, daß wir Künstler in seinen Räumen
-verkehrten; wir Künstler haben sozusagen das Café des Westens mit auf
-die Welt gebracht, wir Künstler haben ihm das erste Feierkleid
-geschenkt, wir Künstler haben es zur Königin aller Cafés erhoben! Einer
-von uns hielt diese Rede in die Nacht hinaus, ich glaube, ich war's, und
-den Chor gaben meine tiefergriffenen Kameraden und Kameradinnen.
-Allerdings war Rocco kein Bär, noch nicht einmal ein Tanzbär,
-keinesfalls ein Brummbär. -- -- --
-
-Nur einmal in der Woche treffen wir uns nun im Café Josty am Zoo, wir
-wollen keine Kaffern mehr sein. Auf einer Erhöhung sitzen wir an zwei
-Tischen, und Sonnabend halten wir Geheimsitzung. (Unter Diskretion
-bitte.) Wir wollen Herrn Café-des-Westens zwingen, sich zu entleiben,
-ich schlage vor, mit dem Cafélöffel. Bitte, hochverehrter Sire, kommen
-Sie doch unverhofft einmal, aber machen Sie sich keine Illusionen. Wir
-sind ganz leise und flüstern, scheint's, nur so von Mund zu Mund, lauter
-Spielereien. Wäre doch einmal nur einer größenwahnsinnig. Hysterisch
-sind nur Dilettanten. Manchmal aber reißt einer unseres Stamms
-schnaubend die Türe des Cafés Josty um Mitternacht auf, den Tubutsch im
-Gewande. Doch unsere größte Überraschung bleibt, wenn unser Sänger
-kommt, der Dresdener Hofopernsänger Franz Lindner. Aus der Liedertafel
-holte ihn mein Heimatfreund Paul Zech. Noch sitzt überfließender Tenor
-in seiner Kehle, er muß uns den Rest weich über den Tisch herüber
-singen. Dann kommt eine innige Freude des Beisammenseins über uns, denn
-wir Künstler sind Kinder.
-
-
-
-
- Marie Böhm
-
-
-Ecke Französische und Charlotten-Straße lachen aus einem der Glaskästen
-schöne, weiße Zähne, zwischen frischen Lippen in Mädchengesichtern.
-Manche von den jungen Schauspielerinnen offenbaren ihre ureigene
-Begabung, denn ihre Perlmutterhecken sind gar nicht erschaffen, am Abend
-hinter zuckenden Lippen versteckt zu schimmern. Über dem Atelier von
-Marie Böhm scheint auch der Himmel zu heiter; die wundervolle
-Photographin kann nicht genug Vorhänge über die Sonne ziehen, die macht
-immerfort ein freundliches Gesicht. Marie Böhm ist die Eigentümerin des
-kunstphotographischen Ateliers Becker und Maaß. Man kann sich ohne
-Gefahr vor Entstellung vor ihren Apparat begeben. Marie Böhm weiß im
-richtigen Augenblick den Blick vom Auge zu nehmen. »Der nichtssagendste,
-ausdrucksloseste Mensch hat einen Augenblick, den muß man eben
-festhalten.« Ihre lieben, blauen Augen strahlen, als sie das antwortet.
-Ich verstecke mich unter einem Tisch hinter langen Laubgewächsen, um aus
-meiner Froschperspektive einige Aufnahmen zu beobachten. Daß das nicht
-angehe, meint Fräulein Böhm -- schon naht das Brautpaar, ich rufe ihr
-aus meiner Lage zerstreut zu, sie soll sagen -- im Fall -- ich bin Arzt
-und interessiere mich für neuartige Operationen. Diese Ideenverwirrung
-stammt von meinem Vater her, er verwechselte immer das Zahnziehen mit
-dem Photographierenlassen. Beides hat so was mit dem Herausholen zu tun
--- und -- »der eine Augenblick«. Marie Böhm aber hat keine Zange in der
-Hand. Bräutigamundbrautumschlungen sitzen die beiden auf der Bank und
-drehen ihr den Rücken zu; ihre Gesichter blicken sich auf einmal nach
-etwas um. Ob sie mich quaken hören! -- »Danke!« Zweite Aufnahme. -- Für
-die Photographien müßte es auch eine Welt geben aus gediegenem
-Silberoxyd im Krinolin. Das Album ist aus der Mode gekommen, darin sich
-das photographierte Onkeltantengeschlecht zum Aufblättern befand; es
-stirbt nicht aus. In Schalen liegen all die Pietäten, Frauen, die sich
-auch schon Löckchen drehten. Nun sind unsere Kleidersäcke zugebunden.
-Auf den spätverwandten Bildern stehen die Röcke weit in Runden. Ihre
-Augen aufgetan in Todesangst -- den Augenblick zu greifen, heute hascht
-ihn die Photographie wie einen Schmetterling vom zwanglosen
-Sichgehenlassen. Und gerade meine liebe Marie Böhm ist eine so große
-Photographin -- sie photographiert auch ohne Apparat gerade mitten in
-der Sonne mit geschlossenen Augen, wie der Maler malt ohne Pinsel im
-Spazierengehen, im Anblick, im Nachsinnen. Wenn ich ihr gegenüber sitze,
-wartet sie auf die Falte zwischen meinen Brauen.
-
-
-
-
- Der Alpenkönig und der Menschenfeind
-
-
-Wer den Kulissenmantel des Alpenkönigs trug, vernahm ich beim ersten Ton
-der Rauschestimme. Albert Heine, der Herodes, ist zu viel für diese
-Papiermaché-Rolle. Ich habe vergessen, mir einen Theaterzettel zu
-kaufen, außerdem sitze ich vor einer Säule und vor dieser pflanzt sich
-wild ein Herr auf mit einem Wasserkopf. Aber auch die übergroße
-Vegetation, die mir den Blick zur Bühne hemmt, vermag keineswegs meine
-Stimmung zu trüben, ich kam, um von dem romantisch-komischen Märchen
-Honig aus goldgeblümter Heiterkeit zu naschen. An meine Nachbarin mit
-dem künstlichen Busen wende ich mich mit behutsamer Frage, ich erfahre:
-Hinter den ältlichen Stirnfalten des Menschenfeindes verbirgt sich der
-Direktor selbst -- Carl Meinhard. Es ist fast nicht zu glauben, gestern
-hörte ich ihn noch lachen im Café des Westens wie ein Achtzehnjähriger,
-und vorigen Winter trug er eine Knabenpelzmütze, die stand ihm (es
-gehört zwar nicht hierher) hervorragend. Nun steigt er aus dem
-Altbrunnen, ein greiser, grotesker Wolf (Bastard) -- man erkennt ihn
-nicht wieder; und doch ist es Carl Meinhard, der Fagottspieler unter den
-Darstellern, er spielt heute abend die grimmige Polka seiner Rolle mit
-Meisterfertigkeit. -- In der Reihenfolge den Inhalt des
-romantisch-komischen Märchens zu erzählen, möchte ich dem Leser
-vorenthalten; selbst hören und sehen! Selbst ins Berliner Theater gehen.
-Ich hole nur die Hauptgestalten, die mir so sehr gefallen haben, hinter
-dem Vorhang hervor und stelle sie auf meine Hand, eine Miniaturbühne,
-ich, die Regisseurin aus Privatvergnügen. Rappelkopf, der reiche
-Gutsbesitzer (Carl Meinhard), sein Bedienter Habakuk (Oskar Sabo) und
-du, Josefine Dora, wo steckst du? Mögen die Leute denken, was sie
-wollen. Du singst ja selbst: Aber er denkt ... Habakuk, der Bediente des
-Herrn Rappelkopf, erinnert mich leise daran, daß er zwei Jahre in Paris
-gewesen ist, nichtsdestoweniger verleugnet sein Radieschengesicht
-»Läutemichels« berühmte Gemüsegärten. Er, ein dienernder Ungeschickter,
-ein tragischer August im allerkünstlerischsten Unsinn. Zwei Jahre war er
-in Paris gewesen. Das hebt ihn in den Augen des Personals vom Souterrain
-bis in den Salon der Herrschaft. Dieser soll das bedeutungsvolle Motto
-eine zarte Mahnung sein, für ihn selbst wird es zum Schild seines
-untergebenen Joches. Er war zwei Jahre in Paris gewesen, das macht
-Habakuk keck und überlegen und bringt wie eine Zauberformel einigen
-Glanz über seinen Dieneralltag. Jäh wird ihm der Spruch vor der
-dürftigen Kammer seines Herzens gestrichen, er darf nicht mehr seinen
-Lippen hochmütig entschlüpfen, sein menschenfeindlicher Herr, zweiter
-Teil, hat es ihm verboten. Der Alpenkönig nämlich hat sich, um den
-Menschenfeind von seinem Wahn zu befreien, in dessen Gestalt und
-Wutausbrüche verwandelt. Und heimlich vertraut sich der stumme Bediente
-dem gemütlichen Onkel an, arglos dem wirklichen menschenfeindlichen
-Rappelkopf, der in seinem eigenen Hause im verträglichen Wesen des
-Onkels porträttreu zu Gast weilen muß. In keinem üblichen Brief, keiner
-knisternden Zeitung, in keiner unerwarteten Depesche steht es
-geschrieben, aber auf dem riesengroßen Taschentuch Habakuks,
-ehrfurchtsvoll seiner Hosentasche entzogen. Wir lesen es alle: er war
-zwei Jahre in Paris gewesen -- und der mitleidige Onkel gestattet es
-ihm, herauszuschreien -- endlos -- endlich. Es kommt der erlösende
-Augenblick: Ich war zwei Jahre in Paris gewesen! Das macht ihm niemand
-nach, ich kann den Humor nicht schildern, es ist nicht nachzulachen.
-Tröste dich Habakuk, beraubte Dienerseele, ich war auch gewesen, ich war
-sechs Jahre in »Konstantinopel« gewesen -- ich möchte es jedem an den
-glorreichen Kopf werfen, jedem in seine dicke Stirn schneiden -- wer's
-glaubt wird selig. Um Himmels willen, Liesl (Josefine Dora) hörst du
-denn nicht, dein Herr ruft nach dir. Rappelkopf hat sämtliche Möbel
-zerschmettert. Das Liesl wagt sich mit Todesverachtung, wackelnd mit dem
-allerwertesten Vollmond in des Menschenfeinds Gemach -- »aber er denkt«
--- Sie muß immer wieder das Lied singen mit dem Refrain: Bassab, »aber
-er denkt« -- und immer bassiger und spaßiger: aber er denkt ...
-
-Der Beifall will nicht enden. Ich stürme noch einmal in Mantel und Hut
-auf meinen Platz zurück.
-
-
-
-
- Egon Adler
-
-
- Seinem Vater zur Widmung
-
-Meine Spelunke verwandelt sich zum türkischen Café, wenn er und ich
-zusammen Zigaretten rauchen und wir von den Wänden für unsere Häupter
-die beiden Fez herunterholen, die auf die Griffe meiner Dolche gestülpt
-sind.
-
-Einer der Söhne des gefangenen Abdul Hamid, der begabteste jedenfalls,
-ist der Maler und zur Mokkastunde der Gast meiner Palastspelunke. Wir
-sprechen (in der Zeit der Abendhimmel alle seine goldenen Bilder aufs
-Dach stellt) von roten, blauen, grünen und lila Dingen. Ich rate Egon
-Adler: »Sie müssen immer nur Ihr Selbstbildnis malen.«
-
-Er ist so ganz Eigen, ganz Sich, und sein Herz in einem Rahmen. Aber in
-seinem Herzen liegt sein jungverstorbener Bruder begraben, und innige
-Gestalt schafft des Malers Hand, wenn der Engel seiner Erinnerung
-aufersteht.
-
-Zwischen den Farben liegt er dann plötzlich -- Stern zwischen Zinnober
-und Marin auf der Palette für die großen Pinsel. Alle Bilder Egon Adlers
-sind Spiele, sind süß, haben großgeöffnete Augen, sind ganz in Gottes
-Vaterhand und rufen.
-
-Sein Mariengemälde holte ich mir aus einer dunklen Ecke des
-Ausstellungssaals ans Licht: »Träume, säume Marienmädchen, überall bläst
-der Rosenwind die schwarzen Sterne aus; wiege im Arme dein Seelchen --
-alle Kinder kommen auf Lämmern zottehotte geritten, Gottlingchen sehen
-und die schönen Schimmerblumen und den großen Himmel da im kurzen
-Blaukleide.«
-
- * * * * *
-
-Aber auch die drei Könige sind gekommen; einer sitzt auf des anderen
-Schulter, der höchste trägt ein Krönchen, ist des Malers Bruder und will
-Mariens heiliges Spielzeug haben.
-
-Auf Egon Adlers unvergleichlichem Schöpfungsbilde steht sein Brüderchen
-verzaubert als Mantelkranich mitten auf der Wiese und macht den frechen,
-kleinen Vögeln bange. Als Reiter reitet er auf dem langausschreitenden
-Reiterpferd durch den Wald über die Wege aus bunten Fahnenstreifen.
-
-Immer muß Egon Adler die Geschichte des unvergeßlichen Bruders in Farben
-erzählen, der ist der Memed seines Mohammedherzens.
-
-Hinter den Paradiesbäumen, in den Schornstein seiner Stadtbilder,
-überall hat sich der kleine Bruder versteckt; er ist es, der den
-Glorienschein um die Heiligenlocken der Jüngergestalten seines älteren,
-malenden Bruders anzündet.
-
-Das sich wiegende Blatt der Palme, auf dem Treibhausgemälde ist der
-Kleine, seine Seele leuchtet im Stein des Ringes am Finger des
-japanischen Schauspielers.
-
-Elfjährige Kinderaugen gucken unter der Stirn des Selbstbildnisses von
-Egon Adler und erhöhen es zum Selbstantlitz. Und in den Wolken tummelt
-er sich als Mond.
-
-Ewig ist Egon Adlers Malerei, ein Engel lebt in seinem Herzen und hängt
-seinen Schöpfungen Flügel an.
-
-
-
-
- Ein Amen
-
-
-Einmal, als ich sie besuchte, malte jemand ihre Hand -- eine schmale
-Dolde am Ast, eine Seele, die blühte. Ellen Neustädter spielt nicht zur
-Schau; ihr Spiel ist eine tiefe Dichtung. Die Bühne fängt die
-Geschehnisse ihres Herzens auf und reicht sie dem Besucher, ein
-vielköpfiges Ganzes. Sie gibt dem Gemach oder der Landschaft die Farbe,
-und ihr Odem ist überall. Die Damen vom künstlerischen Theater in Moskau
-könnten ihre Schwestern sein; die haben allerdings ihre Partner, ihre
-Zugehörigkeit. Ellen Neustädter hat nur einen gleichwertigen Bruder in
-Berlin: Oskar Sauer. Warum trennt man das rechtmäßige Spielerpaar? Klein
-Eyolfs Eltern sind sie. Schwere, hehre Paradiesstimmung, düstere Ernte.
-Eine Engeline: Ellen Neustädter; der Erzengel unter den Schauspielern
-ist Oskar Sauer. Was ihre Lippen bringen, ist Kunst aus Segen gewölbt.
-Sein Spiel straft, ihr Spiel belohnt; ist ihr Wesen aus Glas, sein Wort
-aus Stahl. Immer erzwingt die Gabe der beiden Wunderkünstler
-ehrfürchtige Anbetung. Es schneite draußen weiße Sterne. Oskar Sauer war
-seinen Leiden erlegen in »Nora«. Stand noch lange nach Schluß der
-Vorstellung am Theatertor -- ich bildete mir ein, er sei wirklich
-gestorben. Auch heute wagte ich mich nicht stürmisch zu begeistern.
-Ellen Neustädters Seele ist eine zagende Dolde. Durch die lange
-Theaterabendstraße ging ich auf Zehen heimwärts, denn mein Herz träumte
-noch. Genial ist das Unantastbare, Erzengel ist alles Genie, es erlöst
-vom Täglichen, bringt Verlorenheit und Seligkeit zugleich.
-
-
-
-
- Wenn mein Herz gesund wär --
-
-
- Kinematographisches
-
- In Verehrung für _Ludwig Kainer_
-
-Wenn mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging
-ich in den Kientopp und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als
-ob ich das große Los gewonnen hab' und noch nicht ausbezahlt bin, oder
-auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab' und keinen Stall
-»umsonst« auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein
-Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um
-sich selbst wie bei den Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in
-verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder
-einen Jux. Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert
-die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch und
-macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles an; ich will
-nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht klopfen würde!
-
-Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht allein unten jeden
-Freitag und Sonnabend, jedes Stäubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch
-an den anderen Wochentagen, denn ich wohne zwischen Haus und Haus und
-muß die Brutalität aller Höfe ertragen. Ich sitze immer bei
-geschlossenen Fenstern und werde gar nichts von dem Sommer haben;
-ausgehen kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe
-Schulden. Dabei zieht's, wenn ich die Türen rechts und links und hinter
-mir auflasse. Ich trage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich
-abends wo eingeladen bin, überkommt mich eine furchtbare Angst, ich
-könnte anfangen zu miauen. Ich hab' gar keine Lust zum Leben mehr, wenn
-noch die Menschen gerne meine Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest,
-der soll mir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich muß nämlich
-wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit man nicht über mich
-ausrutscht. Ich habe dann immer so eine Langeweile in der Badewanne, und
-lese gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen schlechte Kritiken
-ärgern! Man hat doch sofort jemand gern, der einem schöne Worte
-schreibt. Es gibt wirklich sympathische Geschöpfe auf der Welt. Ich kann
-nur Weißgesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht.
-Darum nehme ich mir auch nur schwarze Mägde und Diener. Ich habe zwei
-Neger und zwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling kommt manchmal nach
-Berlin und tritt dort mit seiner Truppe im Chât noir auf. Tecofi fragt
-mich, wenn sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir auf dem Balkon
-wohnen könne. Ich hab' nichts dagegen. Mein Somalineger ist
-königlicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden.
-Manchmal schickt er mir ein paar abgezogene Hammel, die kommen als
-Hautgoutragout hier an. Osmann, mein jüngerer Neger, sieht aus, wie ein
-sinnender Gorilla im Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich zu schauen,
-aber man muß ihn in Ruhe lassen; seit kurzem pfeif' ich auch nicht mehr,
-wenn er jemandem den Kopf abbeißen soll, er ist zu schade, zu wertvoll,
-um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige
-Mädchen, sie sind angestellt von mir, die Fäden meiner Logik zu suchen,
-die Logik meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die ganze
-Nacht, ich fürchte, sie werden sich einmal in einem Augenblick an meinem
-Leidfaden aufhängen. Das muß man in Kauf nehmen, dunkle Leute sind
-schlechte Spürhunde, sie können nichts finden in der Nacht ihrer Haut.
-Halloh, was tät' ich, wenn mein Herz gesund wär? Habe ich denn ein Herz
-oder wenigstens sowas Ähnliches? Bei dieser Einlage im Programm muß ich
-weinen -- gut, daß es Nußstangen gibt, die trösten, auch die Pfefferminz
-in Holzschächtelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz aus Fleisch und
-Blut ist, rissig sind seine Wände; es hat weniger Augenblickswert als
-Ewigkeitswert, darum bin ich vollständig unbrauchbar für den
-Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant für den Forscher. Immer
-klingelt es in den effektvollsten Stellen. »Hier 35, 24 wer dort?«
-»Doktor Nikito Ambrosia, sind Sie Else Lasker-Schüler?« »Leider.«
-»Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, meine Dame, ich frage Sie
-an, ganz ergebenst, würden Sie ein Engagement am Wintergarten annehmen,
-monatlich mit einer Gage von 10000 Mark? das macht im Jahr rund 100000
-Mark?« »Sie spaßen wohl, Herr, es ist doch nicht üblich, am Varieté
-länger, als einen Monat die Artisten zu beschäftigen.« »Aber, uns liegt
-daran, meine Gnädigste, Sie an unser Varieté zu fesseln.« »Es handelt
-sich wohl um meine arabische Szene, Herr Dr. Ambrosius?« »Ganz recht! Da
-Sie hoch zu Kamel über Theben sitzen.« »Herr, ich kenne Sie, so einen
-ungeschminkten Baß gibt es nicht am Varieté. Sie sind Professor Gellert,
-der letzte Hohenzollerndämmer.« Schluß! Mein Brief: Herzallerliebster in
-Adrianopel! Er fragte mich nämlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet
-mich, ihn nicht zu belügen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur Lyrik
-geben, (er ist Dichter), »ich liebe ihn also! Basta!« Könnte ich doch
-auch ein bißchen nach der Türkei, zumal meine Vorfahren alle in Sänften
-getragen wurden. Das Gehen wird mir darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen
-schon erkaltet sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein Herz gesund
-wär, was tät' ich dann? Einen Augenblick bitte! Ich würde mich
-pudelnackt ausziehen und mich in ein Süßwasser werfen, wo die sanften
-Fische leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich ging nach
-dem Südpol und wärmte mich mal ganz tüchtig ein, oder ich ließ
-jedenfalls in der Eiszone einen Anthrazitofen setzen. Was soll ich
-_noch_ machen? Ich blieb gerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den
-Sternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist es nicht himmelschade,
-daß mein Herz nicht gesund ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten,
-namentlich die Neurosen. Alle Krankheiten kommen von oben. Hier unten
-ist es ganz nett. Darum stürzen auch so viele Aviatiker vom Himmel
-herab; das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen sie alle,
-je höher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen. Wie die Aviatiker
-aussehn: Wie die Vögel, ihre Nasen sind Schnäbel, und die Köpfe strecken
-sie in die Höhe. Ein neues Menschengeschlecht. Einmal aß mit mir ein
-Luftsegler zu Mittag, der hackte wie ein Habicht am Fleisch herum, riß
-am Schnitzel wie ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche Katharine von
-Armignac ist die erste Aviatikerin der Welt. Im Uniontheater der
-Luftschiffahrtausstellung am Zoo fliegen sie alle. Ich kann umsonst
-zusehen, ich versprach über alles zu schreiben. Ich hab' kein Geld, aber
-darum kann ich mich doch nicht von der Welt abschließen. Und soll sogar
-die Regierung in Theben übernehmen, ich regiere sogar schon _pro forma_.
-Die Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Fixe Idee ist was
-Natürliches: Natur, die das Gesetz zum Sklaven macht. Ich bin der Prinz
-von Theben. Nur Kaiser Wilhelm kann mir in Deutschland nachfühlen, was
-Regieren heißt. Ich habe dabei ein bunt' Volk. Nachts liege ich auf dem
-Dach, und bei Tage sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin für
-alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor Ungewißheit, es meint,
-ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge
-nichts -- nur Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack habe,
-künstlerischen Sinn habe; meine Rede ans Volk bedient sich nicht des
-Punktes, weil ich mich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen
-mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin einig mit mir, aus Diplomatie,
-weil sich mein Volk an mich halten muß. Ich denke nur viel, sehr arg,
-unmittelbar, ich lasse alle meine Gedanken ganz nah an mich herankommen,
-damit sie das Fürchten verlernen. Wenn ich nur nicht schon in der Frühe
-von so vielen muselmännischen Barbieren gestört würde, die mich
-tätowieren wollen, von abendländischen Malern, die mich porträtieren
-wollen. Nachts werde ich immer im Schlummer auf meinem Dach gestört von
-meinen Paschas, die vor Begeisterung meines Regierungsantritts nicht
-ruhen können. Sie haben immer in der Audienz, die ich ihnen erteilte,
-eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als
-regierender Prinz in Theben gewählt bin, bewegen sich viele Ehrgeizige
-in derselben Tracht und Gebärde in den Straßen der Stadt, die mir zu
-gleichen trachten. Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst,
-eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst und die Musik. Die
-Epigonie aber ist eine Tätigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie
-die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch -- zwar hab' ich
-selbst einen -- aber er ist nie ganz gewesen. Heute Nacht, da meine
-Neger schliefen, erbrachen die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu
-meinem Dache führt, wegen der Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch im
-Profil (Seite steht mir besser wie _en face_), im Turban und
-Regierungsmantel photographiert in allen Farben; auf allen Posten meiner
-Stadt verbreitet man Mich Allerhöchst.
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- Der Eisenbahnräuber
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-Vielleicht gehe ich selbst noch einmal in den Schwank, sein Humor hat
-doppelte Lebenskraft, man kann sich zweimal totlachen. Es fällt mir gar
-nicht ein, den Inhalt des kleinen Lustspiels zu verraten, nur möchte ich
-seinen famosen Darstellern für den schönen Abend und vor allen Dingen
-dem Autor Fritz Gräbert für den lustigen Streich danken. Arthur Winckler
-spielte den ehemaligen Bäckermeister August Pickenbach mit Rosinen und
-Korinthen und allen außergewöhnlichen Zutaten. Emmy Dittmar, allerdings
-eine Schulreiterin, in die man sich verlieben kann. Frau Meyer (Rosa
-Schäffel), man soll sich noch so eine gute Wirtin suchen! Es war ein
-lachendes Zusammenspiel, ein Tanz, leichtfüßig, ein Walzer: An der
-blauen Donau, wenn auch der erste Aufzug in Ostende an der Nordsee
-spielt und der Herr Rentier Bäckermeister Pickenbach auf berlinisch mir
-und mich der neuen Bekanntschaft beim Sekt sein Mehlherz ausschüttet.
-Man kommt nicht aus dem Lachen heraus, der traurigen Jungfrau
-Sentimentalität ist der Eintritt verboten, der Autor hat die banale
-Tochter zu Hause gelassen, er ironisiert selbst den Kuß. Er mag nicht
-eines Kusses wegen einen Augenblick Lachen einbüßen. »Skool!« ruft mein
-Nachbar. Er ist Schwede. Ein Liebespaar, zwei Turteltauben, stehn doch
-sonst immerwo im dritten Akt, gefüllt oder ungefüllt, am Nischenfenster
-und girren im frischesten Lustspiel geheuchelte Sehnsucht. Meine Angst
-war also hier vergebens. Und mich belustigt ungestört der ungeschlachte,
-wollige Liebhaber Maler Hans Wegemann (Carl Wessel), es blieb ihm jedes
-Wort im Hals stecken, bis er zum beißenden Hammel ausreifte unter der
-Leitung seiner Backfischbraut Marie, der Tochter Pickenbachs (Grete
-Kroll). Die vielen Hände, die einen Wirbel klatschten, waren nicht zu
-übersehen.
-
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- Im neopathetischen Kabarett
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-Tausend und Einer. Ich habe mich nicht verzählt, las auch, während ich
-die Köpfe zählte, Armin Wassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich
-und herb, reich und superbe ist seine Sprache; dazu sein
-schwärmerisches, knabenhaftes Savoyardengesicht! -- Ich suche nach einem
-Stuhl, der im Verborgenen blüht -- endlich finde ich so ein Veilchen
-abseits am Tapetenrand; ich setze mich. Meine Tänzerin Zobeïde, die sehr
-neugierig auf das Kabarett der Neopathetik ist, ruht schon lange müde
-zwischen weißen, lilagelben, roten und himmelblauen Mädchen; ein Dichter
-mit Honiglippen und zwei Augen, naschhafte Bienen, als einziger Tasso
-neben ihr und ihren bräutlichen Schwestern. Es betritt jemand den Ölberg
-des Saals und predigt über Kunst. Der Vortrag ist geistvoll, wenn man
-sich auch durch Mimik und Brille in die Schule zurückversetzt glaubt.
-Noch immer höre ich keine Gedichte von mir -- warum lud man mich ein,
-zumal ich keineswegs objektiv bin? Auf einmal flattert ein Rabe auf, ein
-schwarzschillernder Kopf blickt finster über die Brüstung des Lesepults.
-Jakob van Hoddis. Er spricht seine kurzen Verse trotzig und strotzend,
-die sind so blank geprägt, man könnte sie ihm stehlen. Vierreiher --
-Inschriften; rund herum müßten sie auf Talern geschrieben stehn in einem
-Sozialdichterstaat. Ich muß immer ans Geld denken; wie man so
-runterkommt -- wenn Zobeïde, meine Tänzerin, ein Portemonnaie bei sich
-hätte, würde ich zu der Menschenhitze ein Glas Limonade trinken. Ich
-höre, wie ein Vortragender mit triumphierendem Gesicht Stefan Georges
-Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet. Das muß ich widerlegen. Stefan
-Georges Gedichte wandeln allerdings, ohne müde zu werden; nicht bunte
-Karawanen über Sandwege; aus ihnen weht die Kühle endloser Prozessionen
-zwischen frommen Schlössern und himmelhohen Domen. Die Orthographie der
-Georgeverse erinnert in ihrer Gleichtönigkeit leicht an englische
-Sonntagsruhe. War's das, lieber Vortragender? Gern hätte ich die Rede
-von Kurt Hiller, dem Präsidenten des neopathetischen Kabaretts, gehört.
-
-Zobeïde, meine Tänzerin, will noch nicht mit nach Hause kommen.
-
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-
- Kabarett Nachtlicht -- Wien
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- Der lieben Malerin _Lene Kainer_
-
-Die Straßen enden in Rundungen, tanzumschlingende Arme. Wir wandeln wie
-in einem endlosen Saal durch Wien. Es ist Nacht -- die Mondkrone mit den
-vielen tausend Sternenkerzen brennt lustig über der Stadt der Walzer.
-Aber nur wenige Menschen begegnen uns, vom Vergnügen kehren die letzten
-heim, und ihre Gedanken drehen sich noch mit den blauen Donauklängen
-leichtfüßig über das spiegelblanke Leben. Aber die Wiener sind höflich
-gegen ihre Fremdlinge (wir suchen nämlich das Kabarett Nachtlicht), noch
-im Tanztaumel besinnen sie sich nach dem entferntesten Winkel, begleiten
-sogar den Suchenden bis an Ort und Stelle. Da steht's ja: »Kabarett
-Nachtlicht« -- Erich Mühsam trägt gerade seine »Amanda« vor. Er sieht
-noch lebenslässiger aus, wie in Berlin. Zwar sitzt sein Rock heute ohne
-Tadel, und seine Mähne, löwengelb, ist gepflegter wie an der Spree. Aber
-er bangt sich nach Ruhe, und auch die Jungfern seiner Verse mit dem
-nächtlichen unrechtlichen Geschick sind müde, sich hier weiter zu
-produzieren. »Ein Kunststück, seien Sie mal Schlußnummer -- komme erst
-um 5 Uhr morgens in die Klappe.« Nichtsdestoweniger will er uns noch ins
-Kasino begleiten. Dort tanzt eine schwarze Blondine, »Spaniens Madonna«,
-sagt Peter Altenberg im Vorübergehen. Er ist im Begriff, gestützt auf
-seinen Knüppelstock, das Kabarett zu verlassen -- ihm folgt die kleine
-Künstlergesellschaft.
-
-Am anderen Abend sind wir zeitiger da. Es treten uns einige von den
-Mitwirkenden entgegen: Jener mit dem Monokle im Auge kommt mir bekannt
-vor. »Gewiß, Frau Lasker-Schüler, wir haben uns schon oft im Café
-Kurfürstendamm in Berlin gesehen.« Er ist Roda Roda, der humoristische
-Schriftsteller. In eine der kleinen Logen setzen wir uns, seine
-scharmanten Humoresken zu hören. Das Publikum applaudiert, bevor er
-beginnt; es weiß, nun gibt's was zu lachen. Im Kakaduton schäkert er mit
-ihnen wie mit einer Schar hörlustiger Kinder. Junge und alte
-Geschäftsleute, kleine Mädchen, Damen der Gesellschaft, Offiziere,
-selbst die Erzherzöge kommen, das Nachtlicht morgens auszublasen. In
-einer Rumpelkammer spinnwebgrau sitzen wir, unwillkürlich sucht man nach
-allerlei altmodischem Gerümpel. Bestaubte Figuren und Porträts, näher
-betrachtet von neuen Künstlern ausgeführt, hängen an den Wänden, und auf
-der Konsole über dem blonden Kopf eines Leutnants steht die Statuette
-von Madame Delvard, der Scharfrichterin. Sie ist die einzige, die den
-elf Scharfrichtern in München zur Hand ging. »Ich werde extra einige
-Chansons für Sie singen.« Sie spricht zu mir -- ich liebe ihre graziöse
-Stimme, dunkler vergrößern sich ihre graublauen Augen zwischen
-zitternden Lidern. Ihre Nervosität duftet. Sie ist eine erwachte
-Klimtblume aus dem magischen Farbentraum des Meisters. Blasse Lichtchen
-werfen einen Schleier auf ihre beringten Hände, die schlaff herabhängen
-an ihrem überschlanken Samtstengelleib, wie weiße tauschimmernde
-Blätter. Und Wedekinds rotäugige Straßenlieder singt sie mit der
-Schüchternheit eines Kindes. So leicht kommt sie nicht von der Bühne
-herunter: ein Lied und immer noch eins -- »Der Bauer wollt' fahren ins
-Heu!« Unwiderruflich das letzte -- aber sie singt es mit frischer Kraft,
-sie singt es bedeutend, stößt es von sich, wie aufschießende Saat. Da
-steht keine ätherische Prinzessin mehr im Lichtschaum; Acker liegt unter
-ihrer Zunge, Peter Altenberg nickt zustimmend und setzt sich neben mich
-in die kleine Loge. Monsieur Henry, Madame Delvards Gatte, begleitet
-ihre Lieder am Klavier, aber auch er ist ein Vortragsmeister. Ich werde
-nie seine Ballade vom »Heiligen Nicolas« vergessen, seine rauschige
-Schwermutsstimme. Monsieur Henry ist der gewandteste unter den blutigen
-Elfen in München gewesen, und ein Kavalier ersten Ranges. Wir wollen uns
-wieder vom Zuschauerraum an den Künstlertisch zurückziehen; doch Peter
-Altenberg hält mich auf meinem Platz zurück. »Das Meißnerfigürchen
-müssen Sie noch sehen und die drei Handwerksburschen.« Sie stehen schon
-auf der Bühne in altfränkischen, goldknöpfigen Röcken, die Mützen
-geschmückt mit Eichenlaub. Ihr Wanderlied beglückt mich ebenso immer
-wieder wie meinen Nachbar. Er ist nächtlich Gast des Kabaretts; die
-Umgebung dieser Künstlerkinder tut ihm wohl, der Aufenthalt auf der
-kleinen Künstlerinsel unter dem guten grünlich flackernden
-Miniaturstern. Ein kostbares Spitzengewebe ist seine Seele, jedes
-holprige Wort bleibt in ihren Seidenmassen hängen. Aber wen der gute
-Blick seines Schelmenauges trifft, der möchte ihn wohl ergreifen können
-und in ein Enveloppe als Andenken legen. Und sollte er sich nicht ärgern
-über die Breitheit der Menschen -- »nichtsdestoweniger zerstreut es
-mich, nachmittags am Graben im Café zu sitzen und die bunte Bewegung
-anzusehen«. Ich möchte manchmal zu ihm sagen, so ganz unmotiviert:
-»Lieber Peter Altenberg.« -- -- -- Es ist gleich Morgen -- wir wollen
-alle noch einmal Carmen tanzen sehen -- -- und dann lebt wohl, ihr
-lieben Künstler, so ball kemma ma nöt wieda zsamm.
-
-
-
-
- Apollotheater
-
-
-Der Kohinoor meines Nachbars tanzt hin und her, macht Sprünge auf seinem
-Zeichenblock wie die Clowns dort auf dem Rade. Jetzt nascht er von der
-Chansonette im honiggelben Frack. Einige von den Umrissen leben auf dem
-weißen Untergrund, neckisch, eckig hingeworfen, namentlich der eine von
-der Clowniade ist _very fine_ getroffen. Ein Klatschwirbel holt _the
-english artist_ auf die Bühne zurück. Was ist mit ihm geschehen! Seine
-Stirn nach allen Richtungen hin zur Unförmigkeit aufgedunsen. Zweifellos
-hat er die englische Krankheit mit herüber gebracht. Es gibt keinen
-Spaß, den der nicht da gedacht hat, und ich muß ehrlich auch in diesem
-Essay gestehen, es kommt nun noch dazu, daß ich die Brüder aus London
-besonders mag, »ich hab' noch nie so gelacht wie heute!« Der Kohinoor
-meines Nachbars lauscht zugespitzt; die zwei ehrwürdigen
-Bordellmatronenwirtinnen vor mir erinnern sich gegenseitig ihres Amtes.
-Geliebter und Geliebtin blicken sich zu in der Loge wie die schillernden
-Demi-Monde auf dem Vorhang, der sich weltenseufzend spaltet und das
-Gemach der Sultana enthüllt. Nackte Frauen steigen (obere, kleine Bühne)
-aus ihrem Brunnenbade wie im wirklichen Harem eines Sultans. Am Fuß der
-Treppe, die zum eigentlichen Gemach der Herrin führt, wacht der Wächter
-armverschränkt. Endlich nahen die erfrischten Schönen, aber ihre Haare
-duften nicht nach Pharaonenblüten, auch sind ihre Glieder keineswegs
-ungelöste Geheimnisse. Und statt Sultana betritt Frau Betty das Gemach,
-die Freundin des amüsanten Frauendoktors, ihres wohlsituierten Mannes
-treue Tennispartnerin. Sie liest auch Romane -- -- schwüle mit
-Betthimmelpointen und Daunenliederbordüren, und ich fürchte, daß die
-Halbmonde der Dekoration vor Begierde rein zu Glotzmonden werden. Die
-Freundinnen beginnen endlich, indes Sultana ihren Leib dem Divan und
-dem Kissen gibt, mit ihren Tauchtänzen (kein Druckfehler),
-Schleier-Eiertänzen, man vernimmt Arm- und Beingegackel. Der Wächter
-tritt vor, er ist nicht »Asra«, er schreit nicht ia, furchtbar kracht
-sein Wort, sein Antlitz bleich, sein Turban -- -- Blut. Die Tänzerinnen
-vertanzen in den Keller. Jäh springt Sultana von ihrem Lager auf und
-stößt auf Jargon von sich: »Was willst du von mir, Hund!« Der Sultan,
-dein Gebieter hat es so befohlen. Betty du mußt sterben ... Und deine
-Tändelei hört auf im Mondscheinvorhang. Leise nähert sich der Wächter
-ihrem Ohre, aber Sultana wählt lieber den Tod, als daß sie sich, Sultana
-bleibe stark, dem intriganten Schuften schenken mag. Diese
-temperamentvolle Charakterfeste, warum gastiert sie nicht bei Gebrüder
-Herrnfeld? Die zwei greisen Leopardinnen vor mir schnurren, der Kohinoor
-meines Freundes fällt bleischwer zu Boden. Männer ergreifen auf die
-Gebärde des Wächters erbarmungslos die Geprüfte. Arme schicke Betty,
-tipptopp, peitschensiebenhiebenspaltig! Ob wir paar Geschworene im
-Zuschauerraum auch von deiner Unschuld überzeugt sind -- -- es nützt
-nichts. Markerschütternd verenden deine Hilferufe. Aber in weißen
-Tennisschuhen und weißem Flanellhemd steht die Taube von Gatte am
-Fußende des Ruhebetts. Statt der zunehmenden goldenen Viertel- und
-Halbkugeln -- -- Tapetengeknospe. Wärter: »Sultana« ... und wieder ihr
-Name leise verbettelnd: Ein Tropfen des Turbans klebt auf der
-aufgeschlagenen Seite des Romans.
-
-Wie eine Erlösung nun das Konzert auf dem Banjo der _lovely_, _sweet_
-Miß, ihr Spiel verbreitet hellen, herben Zauber. Und nach ihr der
-musikalische Clown mit der Entennase, er verabreicht kurzweg ein Konzert
-auf den Messingknöpfen eines Schirmständers, ich habe mich in der Zeit
-verliebt in ihn, -- -- -- mein Herz sprach immer schon für einen August,
-über den man sich totlacht. Und Euch sparte ich mir bis zuletzt auf,
-edle, blonde Senora Fornarina, ich möchte Euch etwas besonders Schönes
-sagen, goldene Traube Spaniens.
-
-
-
-
- Tigerin, Affe und Kuckuck
-
-
- Tierfabel
-
-Zirkus Busch ist in seinem Extrazug von Berlin abgereist. Ich bin zu
-seinem Abschied auf die Bahn gekommen, früh am Morgen; der Komet stand
-noch über der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schulreiterinnen,
-Jongleure, Auguste, der Riese mit dem Zwerg, der große Bär, die
-Elefantin, das Dromedar, der glitzernde Galawagen, alle waren sie im
-Lauf und bald im vollsten Zuge. Noch lange hörte ich das Brüllen der
-Tigerinnen, nie haßte ein Mann so wütend das Weib wie der Bändiger
-dieser gestreiften Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb stehn, trat
-der unerschrockene Sultan in das Gittergemach seiner brüllenden
-Sklavinnen. Er mißbraucht sie nicht zu Kunststücken, läßt er auch die
-Kunstreiterin seiner Tigerinnen durch einen Papierreifen springen.
-Wollust bereitet ihm, seine wutschäumenden Tigerweiber mit Stangen und
-Schüssen bis zur Wutekstase zu reizen und sie zu bezwingen.
-Schschschschschschsch -- sch -- die beiden eleganten Brüder Fillies und
-ihre graziöse Schwester werfen noch einen kurzen Blick auf den Perron,
-der Clown mit der genialen Ungeschicklichkeit verlangt auf idiotisch vom
-Zeitungsträger den »Ulk« -- Sch .... Berlin hat sein größtes Kind eine
-Weile verloren, den Zirkus; wo geht man nun hin, um zuzugucken? Wie ein
-Mensch soll der Affe sich im Wintergarten benehmen. Herr Darwin, der
-Enkel des großen Zoologen, wird mich ins Varieté begleiten. Es ergreift
-ihn, so einen gebildeten Vorfahren seiner Baumzeit zu sehen. Ich bin
-ebenfalls von dem fletschenden Erzurgroßvater entzückt. Ein Gourmet ist
-der greise Herr, keineswegs lebt er von Luft und Erkenntnis. Der
-verwandte Künstler da oben verzehrte ein Menu von Dressel und regalierte
-sich an Heidsieck-Monopol. Mit Verbindlichkeit raucht er die Zigarette,
-die ihm ein Bewunderer verehrte. »Es ist Zeit« noch prüft er die Zeiger
-auf seiner Uhr. -- Ich möchte mich auch in ein solches Prachtbett legen
--- ich bin müde -- die Nacht vorher brachte ich, mich verirrend, in der
-Kolonie Grunewald zu; im Rieselregen auf einer runden Sommerbühne,
-worauf die Gärtner Kiesel legen. Nasse Nacht, kein Komet mehr. Ich war
-trostlos. Plötzlich rief der Kuckuck -- ich bezog es zuerst persönlich,
-aber so unhöflich sind nur die Kuckucksuhren. Dieser da zwischen jungem
-Grün, zwischen April und Mai, ist ein vortragender Künstler, ein
-wundervoller Komiker. Also gibt es wirklich Kuckucke? Ich dachte immer,
-es sei eine Fabel.
-
-
-
-
- Im Zirkus
-
-
- Meinem lieben blauen Reiter _Franz
- Marc_ und seiner blauen Reiterin
-
-Die junge Reitkünstlerin Miß Ella kehrt in die Manege zurück und schlägt
-die ausgelassensten Purzelbäume. Und dann kommen Paolo, Luigi und
-Alberto, die drei Gigerl, und treiben aneinander Gymnastik mit der
-markigen Beweglichkeit großer Leonahrder Hunde. Vier braune, ungarische
-Pferdeprinzen, deren Haut unter dem Schein der vielen Kristallsterne wie
-Gold glänzt, tanzen mit wilder Anmut und königlicher Grandezza. »Als ob
-sie Musik in den schlanken Waden haben!« sagt mein Begleiter zu mir. Und
-nun das Intermezzo der beiden Clowns. »Er ist mein Bruder,« kreischt
-Aujust, der blöde Aujust, der amüsante Idiot. Wie ein Gänserich
-watschelt er in seinen sackweiten Hosen quer durch die Manege. Fräulein
-Marinka, die sanfte, graziöse Erzieherin auf einem ihrer zwei artigen
-Pferde sitzend -- ringelrangelreihe singen die Geigen -- und ihre beiden
-Zöglinge springen vor Vergnügen. Und wieder ertönt die Musik hoch oben
-vom Zirkus, das sind heiße Carmentöne, walzerartig in rundem Klingen
-geblasen. »Hier ist die Verunstaltung erträglich,« sagt mein Begleiter
-zu mir, »es paßt zum Milieu.« Und immer bunter werden die Klänge ... in
-schimmernde, mattfarbene Stoffe gehüllt kommen reizende Spanierinnen
-geritten und feurige, spanische Kavaliere. Heißer und tollkühner wird
-der tanzende Ritt; die bacchantischen Donnas sausen, wie Feuerstürme
-über den Sand, auf dem Rücken ihrer Zauberrosse liegend -- indessen die
-Senores mit liebenswürdiger Höflichkeit aufrecht zu Pferde, dem Winke
-ihrer Damen harren.
-
-Aujust! Aujust! Wo bist de, Aujust? Da steht er ja, versteckt hinter der
-niedrigen Brüstung der Manege und heult in Trompetentönen, daß alle
-Herzen Purzelbäume schlagen und immer höher wächst er, immer höher. »Det
-hat keenen juten Anbejinn und een langet Uffwehen,« quitscht Aujusten
-sein Bruder mit den wulstigen Mehlbacken und der Haardüte auf dem
-spitzen Kopf, indessen Aujust die Manege in Melancholie, langsam wie ein
-wandelnder Turm durchschreitet. »Det Luder ist maschuche jeworden, weil
-der kleine Cohn sinn Vater is!«
-
-Schon harren die drei blonden englischen Reiterinnen in blauer Seide;
-_lovely Girls_, drei holde Mädchenenzianen. Hei, wie sie springen,
-herauf und herunter von dem Rücken ihres wiehernden Vogels. Nun trägt er
-sie alle drei über den Sand in tausende Märchen, weithin, in blaue
-Gärten ... Ich entwand meinem Begleiter die weiße Rose, die über seinem
-Herzen blühte. »_Miß here! catch it!_«
-
-10 Minuten Pause!
-
-»Wie gefällt es dir!« »Es ist wie ein blühendes Abenteuer. Es ist, als
-ob ich brausenden, dunklen Wein trinke, und ich vergesse alles was grau
-ist und hinkt. Ich sitze in einem bunten, jauchzenden Schoß, und um ihn
-herum wachsen ragende Gefahren, die aber lustige Kleider tragen.« Wir
-gehen durch die weiten Korridorhallen. Galawagen auf Goldrädern,
-Riesendrachen aus Papiermaché, zusammengeklappte Bretterhäuser, Fässer,
-allerlei Gerümpel, Kostüme mit Silberfransen, Steinen und Perlen liegen
-in übermütiger Unordnung zwischen dem Mobiliar. Wir treten in die Ställe
-ein: da stehen die herrlichen Schimmel mit der silberschimmernden Haut
-und den Seidenschweifen, wie helle Rosen des Frühfrühlings. Und dort die
-finsteren Rappen mit den großen Feueraugen. Eine kleine Treppe führt uns
-abwärts in die Stallungen der Elefanten -- diese grauen, schweren
-Gebäude aus Fleisch und Knochen mit den winzigen Guckaugenfensterchen.
-Als wir wieder auf unseren Plätzen saßen, war die Manege mit eisernen
-Gittern umzäunt. Zwei mächtige Löwen schreiten in den Käfig und hinter
-ihnen die anderen Könige der Kraft. »Nero! Herkules! Agamemnon!
-Odysseus! Hektor! Kambyses! Hierher! Dorthin! Willst du! _Vite, vite!
-Ah, mon cher._« -- und dann wieder im gebrochenen Deutsch: »Aben Sie die
-Güte, mein Freund.« Mademoiselle Claire, du grausamste Braut! Mit
-erhobenem Arm, mit drohender Liebenswürdigkeit beugt sie den Willen
-ihrer grimmigen Sklaven. Ihr weißer Hals lockt wie Süßigkeit, ihr
-blendender Hals, das Ideal ihrer brüllenden Verehrer. »_Ah, messieurs!_
-Hektor, Agamemnon, Kambyses, _dînez s'il vous plaît_.« Und sie tafelt
-ihnen blutende Leckerbissen. Das gierige Brüllen und Knurren dröhnt
-durch die weiten Räume des Zirkus in aufwachsender Wildheit. Hastig eilt
-der Diener herein und wieder heraus aus dem Käfig, Gerätschaften bringt
-er, Kugeln, Stangen, Fässer holend, Stühle und Tische -- aus Gauklern
-besteht die gefährliche Truppe. »Genug, Madame Claire!« Nero muß sich
-noch auf dem Seil produzieren. Gewandt, wie ein Seiltänzer dreht er
-sich, in der Mitte des Seiles angelangt, um sich selbst. »Brav gemacht!«
-Seine Brüder sind schon alle gefangen in der kleinen Nacht ihrer
-Wagenherberge, und er allein liegt noch ausgestreckt, wie im Sande der
-Wüste, und schlummert. »Nero, wache auf! Nero, ich muß bitten« -- aber
-Nero rührt sich nicht, er öffnet zwar seine gelben Augen -- und ihn auf
-den Schultern nach Hause tragend, wie ein müdes Baby, durchschreitet die
-furchtbare Heilige, die heilige Kriegerin, eine Siegerin das Eisentor.
-
-Als der Direktor seine zwei Perserhengste vorführte, sah ich zwischen
-den Tönen der tanzenden Musik noch die grimmige Pranke Agamemnons, die
-nach seiner Schönen ausholte und das schwärmerische Anschmiegen Neros.
-
-Im Eingang der Manege stehen zwei Riesenelefanten, zwei Schulräte an
-Ruhe und Würde. Etliche helle und dunkle Pferdchen springen, fleißige
-Schulbuben hinter einigen größeren Apfelschimmeln, die ernst und
-gravitätisch in der Mitte des Zirkus haltmachen. Aber in fauler
-Gemütsruhe spazieren die kleinen Elefanten herbei, und dann ungeduldig
-die mutwilligen Zebras mit den glänzenden Streifen auf der Haut. Und nun
-laufen sie allesamt in verschiedenem Tempo, als ob sie kanonartig das
-Abc singen.
-
-Tatrata tönen die Trompeten und die Hörner, Reiter und Reiterinnen in
-ziegelroten Tuchanzügen, galoppieren auf ihren schlanken Rennern über
-Zäune und Hecken, dem Edelwild nach, den Hirschen und leichtfüßigen
-Gazellen -- und da läuft ja auch der Aujust in rasender Angst durch den
-weiten Manegeraum und hinter ihm ein Wild mit einer vielästigen
-Geweihkrone. Die Puste jeht Aujusten aus. Er stöhnt, er schreit und
-gestikuliert mit allen Vieren. »Herr Stallmeister, retten Sie mir!!!«
-Und zum Schluß: Mr. Bob, _the little gentleman_, mit seiner kleinen
-sechsjährigen Dame auf dem Pferde ...
-
-Noch in Hut und Mantel stehen die Zuschauer vor ihren Plätzen. -- Es
-kann doch eigentlich noch gar nicht aus sein -- tuuht, tuuht! Über die
-Manege des Zirkus senkt sich schwer von der Decke des Zirkus eine
-Riesenfeuerglocke. Aujust ist durchgebrannt!! Rotumhüllte Clowns, wie in
-Glut gebadet, wandeln knurrend über den Sand, immer auf und ab; die
-Anführer tragen Aujustens Herz aus kariertem Zucker auf einem roten
-Kattunkissen. Aber da steht er ja oben auf dem Olymp: »Aujust, sollst
-mal runter kommen!« schallen tausend Stimmen durcheinander -- aber
-Aujust steht drohend aufgerichtet, seine Nase ist weiß und spitz wie
-eine Nadel, seine Augen sind wutrot aus den Höhlen getreten. Düstere
-Zettel fliegen auf das Publikum. Er streikt, er beansprucht im Namen der
-Clowngesellschaft mit beschränkter Haft erhöhten Lohn -- er droht mit
-juten Witzen. Und mit einem langen Purzelbaum setzt er über unzählige
-Köpfe lachender Hörer hinweg durch eine der Ausgangstüren. -- Die vielen
-Lichter werden trübe, wie müde Augen -- ich und mein Begleiter sind die
-letzten der Aufbrechenden -- der große Zirkus ist ganz allein.
-
-
-
-
- Zirkuspferde
-
-
- Der lieblichen Fürstin _Helle von
- Sontzo_
-
-Der Tempel der Pferde ist der Zirkus, ich meine, jedes Pferd will
-spielen, und das heißt auf die Sprache des Wieherns, beten; alle Tiere
-wollen spielen, aber welche Tieraugen brennen vor Begeisterung so tief
-wie die des Rappen; die Schimmel sind fromme Pilger oder Heilige.
-Päpstinnen, wie Santa Anna, Leo ritt auf ihren unbefleckten, weißen
-Rücken zwischen frommen Hecken seiner päpstlichen Gärten. Ich gehe jeden
-Monat in den großen Zirkustempel Busch, zu jedem Feiertag der Pferde, zu
-ihrem Galadienst. Am liebsten sind mir ihre Feiern ohne vielerlei
-Äußerlichkeiten, wenn sie ungesattelt ohne Reiter oder Reiterinnen sich
-tanzend im Kreise bewegen, ihr eigenes Blut feiern nach Herzenslust.
-Gefallen lasse ich mir die drei Geschwister Fillis im Zirkus Busch, des
-berühmten, französischen Reiters Reitlinge. Die stören den Rhythmus des
-Pferdespiels nicht; ihre Gestalten sind selbst schlankgeweiht dem Ritt.
-Mademoiselle Fillis, die Schwester der beiden jungen Chevaliers ist
-verwachsen, wie ihre Brüder, mit dem Rücken ihres wiehernden Priesters.
--- Mein Vater und meine Mutter ritten durch die Akazienchausseen meiner
-Heimat; meiner Mutter Edelstute wallfahrtet oft durch meine Erinnerung
-und trägt mir dichterische Gedanken zu, und meines Vaters Hengst setzt
-über mein Blut und läßt es aufschäumen. Ich liebe euch, ihr Pferde mit
-den langen Seidenschweifen, Atlas ist eure Haut und feuerfarbener Samt
-eure Augen. Solche Schönheit ist die Frömmigkeit der Pferde, gezüchtet,
-spielfähig und buntgebenedeit. Ich wüßte keine andere Stätte, die den
-Namen Tempel der Pferde verdiente, wie den Zirkus. Etwa der Rennstall?
-Prostituiertes Pferdepriestertum. »Beten« heißt »Spielen« der Pferde und
-gibt es einen lustigeren, weihevolleren Sandtempel, als den Zirkus. --
-Hochmütig ihrer Zucht bewußt, schütteln die Herrenpferde ihre Mähnen,
-kehren verächtlich dem Liebesäugeln einer dreisten Lastpferdin oder
-einer brünstigen Dickschenkelin ihres Pferdevolkes den Rücken. Sie gehen
-keine Mesalliance ein. Glücklich macht mich der Anblick eines Reiters,
-paßt er sich dem Denken seines Trägers an. Wie denkt sein Pferd, sein
-wohlgepflegtes Pferd? Trabweise, sprungweise, gallopierend, immer in
-Gedanken, treu seiner Bewegung. Und das überträgt sich dem Kavalier und
-seiner Dame, Halbpriester der da oben, Halbpriesterin, die auf des
-Pferdes Rücken. Voll Spiellust sind die Füllen; jeden Morgen wartete
-ungeduldig so ein Nimmermüdes auf mich und meine Schulkameradin. Über
-den Zaun auf seine Wiese sprangen wir schulvergessend -- wer von uns
-drei wohl am liebsten Zeck spielte! Darum empfinde ich schmerzlich jede
-Mißhandlung der Karrenpferde. Bang wie Regen fließen die dunklen Lider
-über ihre trüben Augen. Wie denkt so ein Pferd? Kummer bedrückt sein
-Herz und beugt seinen verhärmten Kopf. Manchmal tröstet der Braune den
-Schwarzen oder der Apfelschimmel die müde Apfelschimmelin. -- Wie
-futterfreudig hingegen an ihren fetten Trog denken die markigen
-Erntepferde; an den Seiten des Kopfes tragen sie den blanken
-Messingschmuck. Zwei, vier Kinderhände, vom reichen Schulzen die Buben,
-halten sich an den Strähnen der Mähne des schnaubenden vierbeinigen
-Bauern fest, und einige Plumssäcke liegen auf dem Hinterviertel seines
-stampfenden, drallen Pferdeweibs. Ich liebe euch alle, ihr Pferde, auch
-die Zwergpferdchen aus Gullivers Zwerglande im Zirkus Busch.
-
-
-
-
- Zirkus Busch
-
-
-»Wann fängt es an?« Daß wir nur ganz pünktlich dort sind! Ich will
-lieber den ersten Aufzug einer Theaterpremiere versäumen als die
-Reiterin im Quastensattel. Es hieße eine Erinnerung schießen lassen.
-Erstaunte, großaufgetane Augen bekommt man im Zirkus, und die Lippen
-werden rot und runden sich. Und alle Menschen, die zugucken, sind
-Kinder. Das ist es: Zugucken soll man.
-
-Nach dem Steppenritt -- die liebenswürdige Schulreiterin im blauen
-Tuchkleid; ihr folgen weißbegossene Pudel, zwei Clowns. Beim Müller
-waren sie und wollen nun zum Bäcker in den Ofen. Hinter ihnen hilflos
-der wirkliche August in spitzen, amerikanischen Lackschuhen,
-gentlemanlike gekleidet. Auf einmal öffnet sich der Vorhang der oberen
-kleinen Bühne. An stählernen Recken strecken sich schmiegsame
-Menschenleiber, wie Katzen hin und her auf Samthänden und leisen Füßen.
-Aber unten in der Manege stampfen schon die schwarzen Zigeunerpferde.
-Ich liebe die Pferde. Es sind gestaltgewordene Sagen, Legenden, Märchen
-aus Tausendundeiner Nacht. Wann setzen die wiehernden Paschas über den
-Bankzaun, im Kreis den Sand aufwirbelnd zur Wolke! Ihre Nacken schmückt
-der Halbmond mit dem Stern. Oben vom Gipfel des Zirkus braust ein
-Marsch. Ich hörte ihn schon am Bosporus; Abdul Hamids Sohn hat ihn
-vertont. -- -- --
-
-Die Kristallkronen senken sich majestätisch, der bunte Riesenraum wird
-zu einem Krönungssaal. Die Ringer warten schon vor der Halle. Schlanke
-Königssöhne aus dem Norden, ihre Schultern sind dunkelvergoldet von der
-Mitternachtssonne. Dichtungen werden Wahrheiten. Johannes Josefsson, ein
-isländischer Achill, er führt den Heroentanz der Kraft auf. Ich muß an
-den schönen Halbgott denken, noch zwischen den Indianern, Farmern und
-Cowboys. Eine interessante Häuptlingspantomime. Man bekommt Lust,
-mitzupantomimen. Ich halte die übliche verzuckerte Nußstange noch
-unberührt in der Hand. -- --
-
-Morgen Mittwoch acht Uhr, große Galavorstellung.
-
-
-
-
- Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)
-
- Max Brod
-
- Die Höhe des Gefühls
-
- Szenen, Verse, Tröstungen
-
- 25 Exemplare auf Bütten, vom Autor signiert in Ganzleder gebunden
- je Mark 15.--
-
- Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50
-
-_Berliner Tageblatt_: Der Titel »Die Höhe des Gefühls« bezeichnet einen
-Zustand außerordentlicher seelischer Steigerung, der ein Hinausgehen
-über die sonstigen Grenzen der lyrischen Form zum szenischen Bilde
-notwendig macht, indem der Träger des Gefühls sich selbst in den
-leidenschaftlichen Beziehungen zur Umwelt darstellen muß. Durch eine ins
-Großartige aufstrebende biblische Düsterkeit und Erlebniskraft erhebt
-sich das Schlußstück »Die Arche Noah« zu einer Musik des Wortes und
-Sinnes, die man als ein poetisches Oratorium ansprechen möchte.
-
-_Neue Freie Presse, Wien_: Es dünkt mich das innigste, echteste und
-zugleich kühnste, selbstbewußteste der Brodschen Bücher. Hier gab der
-Dichter vielleicht sein Tiefstes: ein Paradigma der Menschheit, ihrer
-Irrungen und Versuchungen, ihrer Verstrickungen und Erlösungen in Form
-einer kurzen und gedrängten, phantasievoll vergegenwärtigten Szene.
-Irgendein Unsagbares schwingt hierbei noch mit, das ich nur durch das
-Wort »Musik« anzudeuten vermag.
-
-_Die Zeit, Wien_: Etwas Weltabgewandtes, Abseitiges, nach innen
-Gekehrtes, das mit unserem Gefühls- und Gedankenleben mehr zu tun hat,
-als Krieg und Börse, zieht uns mit seltsamer Gewalt zu diesen Blättern
-und dennoch spürt man verhalten den heißen Atem unserer Zeit darin. Über
-die neue Gabe des jungen Prager Dichters wird man sich freuen: sie
-gehört zu den in unserer Zeit so seltenen reifen und harmonischen
-Büchern, die gleichweit von erdfernem Optimismus und kokett-ironischer
-Weltschmerzlichkeit entfernt sind.
-
-_Prager Tageblatt_: Brods Kunst erscheint hier wunderbar gesteigert,
-losgelöst vom stofflichen Zwang, wie auf Flügeln die Welt durchmessend.
-Der Verlag hat dem Werk übrigens ein ganz erlesenes Kleid gegeben.
-
-
-
-
- Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)
-
- Max Brod
-
- Über die Schönheit häßlicher Bilder
-
- Ein Vademecum für Romantiker unserer Tage
-
- Geheftet Mark 3.50 Gebunden Mark 4.50
-
-Ein ernstes und dabei bizarres Bekenntnisbuch Max Brods, das
-eigensinnige, höchst individuelle Credo dieses Dichters. Man kann sagen,
-daß sein Schaffen durch das vorliegende Buch, in dem der Dichter
-fast ausschließlich von sich selbst und seinen äußersten
-Gedankenverfaserungen spricht, in ganz neuem Lichte erscheint. Das Buch
-ist zum tieferen Verständnis der vorhergehenden Werke Brods unerläßlich.
-Wir sehn hier ein heftiges Temperament und seine Opposition gegen unser
-mechanisiertes, amerikanisiertes, philiströs-kaufmännisches Zeitalter
-äußern. Aber diese Opposition ist alles andere als griesgrämig. Sie
-versteckt sich oft sogar hinter einem lustigen Lob des Verabscheuten, ja
-sie baut eine ganze phantastische Theorie der »Schönheit des
-Geschmacklosen« aus. Die Greuel kitschiger Bilder, Kino und Panorama,
-Chansonetten und Ausstattungsstücke, häßliche Möbel und konventionelle
-Schauspielkunst werden in unterhaltendster Paradoxie in den Himmel
-erhoben. Hinter dem komplizierten Gewebe von Spott und ironischer
-Verliebtheit schlägt aber immer wieder die Liebe zum Begeisternden, zu
-den Sternen, zu Smetana und Berlioz, zum Meister Flaubert und zu dem
-nach Ansicht des Dichters bedeutendsten Zeitgenossen Robert Walser
-durch. So ist dieses Buch eigentlich nur ein eigenwilliger, aber doch
-ein Weg zum Ideal und zur Befreiung des Menschen im Absoluten, im Reiche
-des Erhabenen und Schönen. Unbeirrbar steht hinter jedem der
-unberechenbaren Seitensprünge und humoristischen Exkursionen der große
-Ernst dieses Dichters. Max Brod hat in seinem gleichzeitig erschienenen
-(mit Dr. Felix Weltsch gemeinsam verfaßten) philosophischen Buch
-»Anschauung und Begriff« die exakte Basis gegeben, auf der er sich so
-kühne Scherze erlauben darf, die in anderem Zusammenhange vielleicht
-frivol klängen, während sie hier nur von der unbefangenen, nietzschehaft
-heiteren Luft um diesen sicheren Tänzer Kunde geben.
-
-
-
-
- Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)
-
- Franz Werfel
-
- Wir sind
-
- Neue Gedichte
-
- In vorzüglicher Ausstattung / Druck der Offizin W. Drugulin
-
- Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte Expl. auf
- schwerem Japanbütten in Ganzlederbd. M. 35.--
-
- Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50
-
-Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt gewordenen
-Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war: die Fülle
-der Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen Poeten, wird hier
-gesteigert zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdischen
-will seine Dichtung beharren, sie versucht dem Göttlichen im Gefühl
-aller Menschheit näher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie
-die Psalmen des Alten Testaments; sein Werk hat die Stärke und
-Verkündigung eines neuen Ethos.
-
- Urteile über Franz Werfel:
-
-_Wilhelm Herzog_: »... ein ganz junger, ganz großer Dichter. Wenn
-irgendwo, so ist hier die neue Kunst.«
-
-_Frankfurter Zeitung_: »... ein ganz großer Dichter, mit allem Ernste
-sei das gesagt.«
-
-_Neue Rundschau_: »... Withmans kosmische Liebe und Goethes
-unersättliche Lust zu fühlen, hat sich Werfel durch das Recht der
-Wiedergeburt zu eigen gemacht.«
-
-_B. Viertel im »Strom«_: »Diesem jungen Dichter fügt sich das Leben,
-indem es ihn entzückt, in leichte, zarte, schwebende Formen. Alles ist
-neu, alles ist noch Ereignis, ist Ekstase.«
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
-beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 15]:
- ... nehmen sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ...
- ... nehmen Sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ...
-
- [S. 18]:
- ... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf dem Kopf ...
- ... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf den Kopf ...
-
- [S. 21]:
- ... sich an ihrer Schrift, und den Inhalt, den ...
- ... sich an ihrer Schrift, und der Inhalt, den ...
-
- [S. 22]:
- ... aber deren Inhalt voll Leben sprudeln; Handschriftkünstler, ...
- ... aber deren Inhalt voll Leben sprudelt; Handschriftkünstler, ...
-
- [S. 38]:
- ... wie das Wasser aufspritzt. »Das nur nicht die neuen ...
- ... wie das Wasser aufspritzt. »Daß nur nicht die neuen ...
-
- [S. 41]:
- ... Besitzer dieser Fuhrunternehmen treffen. Vorwurfsvoll ...
- ... Besitzer dieser Fuhrunternehmen trifft. Vorwurfsvoll ...
-
- [S. 78]:
- ... Kampfstimmung, er hat tagüber Aufsätze schreiben ...
- ... Kampfstimmung, er hat tagsüber Aufsätze schreiben ...
-
- [S. 87]:
- ... Sitte.) »Reisen Sie mich nicht immer aus meinen ...
- ... Sitte.) »Reißen Sie mich nicht immer aus meinen ...
-
- [S. 99]:
- ... teilte ihr meinen Entschluß, daß, falls sie mir das ...
- ... teilte ihr meinen Entschluß mit, daß, falls sie mir das ...
-
- [S. 111]:
- ... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, geschmeidige ...
- ... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, geschmeidiger ...
-
- [S. 135]:
- ... vor diesen pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ...
- ... vor dieser pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ...
-
- [S. 166]:
- ... dînez s'il vous plaït.« Und sie tafelt ihnen ...
- ... dînez s'il vous plaît.« Und sie tafelt ihnen ...
-
- [S. 169]:
- ... liebsten sind mir ihre Feier ohne vielerlei Äußerlichkeiten, ...
- ... liebsten sind mir ihre Feiern ohne vielerlei Äußerlichkeiten, ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Gesichte, by Else Lasker-Schüler
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE ***
-
-***** This file should be named 53239-8.txt or 53239-8.zip *****
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-
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-produced from images made available by the HathiTrust
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-
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-
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-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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-electronic work, or any part of this electronic work, without
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-volunteers and employees are scattered throughout numerous
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-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Gesichte, by Else Lasker-Schüler</title>
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Gesichte, by Else Lasker-Schüler
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Gesichte
- Essays und andere Geschichten
-
-Author: Else Lasker-Schüler
-
-Release Date: October 9, 2016 [EBook #53239]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
-
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-
-
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-<div class="frontmatter">
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-Gesichte
-</h1>
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-<p class="aut">
-<span class="line1">Essays und andere Geschichten</span><br />
-<span class="line2">von</span><br />
-<span class="line3">Else Lasker-Schüler</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">1914</span><br />
-<span class="line2">Verlag der Weißen Bücher, Leipzig</span>
-</p>
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-<div class="frontmatter">
-<p class="run">
-2. Auflage
-</p>
-
-<p class="cop">
-Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
-</p>
-
-<p class="printer">
-Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
-</p>
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-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
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-Inhalt
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- <td class="col_page">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Sterndeuterei</td>
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- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Handschrift</td>
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- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-24">24</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Künstler</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-27">27</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">In der Morgenfrühe</td>
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- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-32">32</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Arme Kinder reicher Leute</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-37">37</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Am Kurfürstendamm</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-40">40</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die beiden weißen Bänke vom Kurfürstendamm</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-43">43</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Odenwaldschule</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Lasker-Schüler contra B. und Genossen</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-48">48</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Coranna</td>
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- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die schwere Stunde</td>
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- <td class="col1">Peter Hille</td>
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- <tr>
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- <tr>
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- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Oskar Kokoschka</td>
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- </tr>
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- <td class="col1">Peter Baum</td>
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- <tr>
- <td class="col1">Tilla Durieux</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-109">109</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Paul Zech</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-112">112</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Rudolf Blümner</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-113">113</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">William Wauer</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-115">115</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Wauer-Walden via München und so weiter</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-117">117</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1"><a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>Emmy Destinn</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-122">122</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Franziska Schultz</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-126">126</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Kete Parsenow</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-127">127</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Ruth</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-128">128</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Unser Café</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-130">130</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Marie Böhm</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-133">133</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Alpenkönig und der Menschenfeind</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-135">135</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Egon Adler</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-138">138</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Ein Amen</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-141">141</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Wenn mein Herz gesund wär &mdash;</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-143">143</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der Eisenbahnräuber</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-150">150</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Im neopathetischen Kabarett</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-152">152</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Kabarett Nachtlicht, Wien</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-154">154</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Apollotheater</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-158">158</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Tigerin, Affe und Kuckuck</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-161">161</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Im Zirkus</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-163">163</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Zirkuspferde</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-169">169</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Zirkus Busch</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-172">172</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<div class="frontmatter">
-<p class="ded">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-<span class="line1">Dieses Buch schenke ich</span><br />
-<span class="line2">Kurt Wolff</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Sterndeuterei
-</h2>
-
-<p class="attr">
-<em>St. Peter Hille</em> in Ehrfurcht
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">oll</span> Ihr Leib noch länger mit seinen Sternen in
-der Hand Ihres Arztes liegen, und wie lange
-überlassen Sie ihm noch Ihren Verstand? Fragen
-Sie einmal so im Vorübergehen den Doktor, ob er
-von Ihrem Sternensystem eine Ahnung hat. Oder
-wenden Sie sich an einen Irrenarzt, der am gründlichsten
-Bescheid wissen müßte von der Astronomie
-des Menschen; sitzt er doch an seinem Pol, wie ein
-falscher Gott am Scheidewege, wo sich der Stern
-vom Chaos trennt. Es gibt gar keinen Irrsinn im
-Sinne der Eisenbärte, aber wer wird mich nicht verspotten,
-wenn ich behaupte, es gibt eine Veränderung
-im Chaos des Menschen. Darum sind Ihre Leiden
-aus keinem anderen Grunde entstanden, als aus allzu
-wuchtigen Sternenvorgängen. Senkte sich unerwartet
-Ihre Sonne in eins Ihrer Meere? Jedwede Behandlung
-Ihres Arztes ohne genaue astronomische
-Kenntnis Ihres Planeten ist ein Vergehen. Unbeschreiblich
-friedlich stimmt es, einen Mond in sich
-zu fühlen, und wer ihn in sich trägt, steht im verwandtschaftlichen
-Verhältnis mit dem Großgehenden
-da oben. Nach einem Schwächezustand, den ich überwand,
-meine Tore standen noch unbefestigt, fühlte
-ich den Durchgang des Vollmonds dicht an dem
-meinen vorbei, wie ein leichtes Beben. Nicht dieser
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Vorgang war ein krankhafter, aber durch die Kraft
-des Vorgangs erlitt ich Sternenschaden. Ich war
-noch lange nach diesem Ereignis eingehüllt in schwermütigen
-Wolkengedanken. Glauben Sie, die Erde
-leide etwa nicht noch durch die kürzlich erlittene, erduldete
-Kometkraft? Denken Sie an Maria, durch
-die Gott schritt. Das wird noch einmal geschehen,
-noch ewigkeitsmal, immer nach Gottesdrehung, er
-wendet sich durch Maria. Sie leidet das höchste Fest
-durch das Gottwillkommen, sieben Schwerter krankt
-ihr Herz. Wir sind das feinste Werk aus Sonne,
-Mond und Sternen und aus Gott. Wir sind seine
-Inspiration, seine Skizze zur großen Welt. Ich
-spreche nicht in Symbolen, obschon Symbole die
-Schatten großer Wahrheiten sind, Milderungsgründe:
-wenn etwas Ihren Horizont übersteigt. Sie
-setzen das allzu klare Licht mit gewisser Überlegenheit
-gern ins Dunkle. Ich möchte aber die Nacht von
-Ihnen nehmen, wachen Sie auf durch meine Raketensterne!
-Ich bin ja keine Gelehrte. Aber wenn ich
-Menschen medizinisch behandelte, würde ich sie
-&bdquo;regnen&ldquo; lassen, Luft in weiten Kreisen &bdquo;atmen&ldquo;
-lassen. Mancher Menschplanet erstickt an Dürre.
-Ich würde die verwandtschaftlichen Sterne ausfindig
-machen, die mit meinem Planetpatienten in irgendeinem
-Zusammenhang stehen könnten; namentlich,
-wenn es sich um eine epidemische Ursache handelte.
-Den kleinen Mars des Menschen kann man nur mit
-dem gröberen, großen Mars der Welt impfen. Ich
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-kenne Leute, die unter dem Zusammenstoß ihrer Fixsterne
-leiden. Es sind schlechte Pächter ihrer Welt.
-Jeder Schlaganfall ist ein Zerbersten zweier vom
-Wege geirrter Sterne. Die Folge dieser Folge erst
-ist der Tod. Ich bitte Sie nicht, an sich herauf und
-herunter zu suchen; Sie sehen Ihre Sterne nicht,
-das was Sie betasten können, ist Chaos. Und weil ich
-vom Unantastbaren des Menschen spreche, glauben
-Sie nicht an meine Medizin und halten mich für eine
-Kurpfuscherin. Aber wer an meine Dichtungen
-glaubt, die man auch nicht in die Hand nehmen kann,
-und doch vorhanden sind, wird auch nicht zweifeln an
-den Sternen der Menschen, wovon ich ihnen erzähle.
-Sind Sie nicht reicher, als Sie glauben? Ich spreche
-von Ihrem Unsichtbarsten, von Ihrem Höchsten, das
-Sie nicht greifen können, wie die Sterne über Ihnen.
-Sind Sie nicht reicher, als Sie fassen können! Oder
-haben Sie schon einmal ein Stück Mond gegessen?
-Sie würden immer nur sein Chaos greifen, wie der
-Arzt Ihr Fleisch, daraus er keinen Stern formt. Der
-Doktor hat mich längst überführt, indem er mit dem
-Messer diese Leiche sezierte: &bdquo;Der Tote ist an
-Schwindsucht gestorben, am Zerbersten der Lunge.&ldquo;
-Ihr Doktor hat doch keine blasse Ahnung von meiner
-Medizin. Allerdings ist dieser Tote an Tuberkulose
-gestorben, an der Folge seiner und des Arztes Unkenntnis
-seines Sternensystems. Und was ich von
-einer Epidemie halte? Die ist die Folge der Sintflut
-im Massenmenschsternensystem, ein Bacchanal tausender
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-Sterne, daran alle Bruchteile, alle ungeordneten,
-unberufenen Fleischchaosse zersplittern. Ich
-glaube darum an Wunder, an ungestaltete Medizin.
-Wer aber kann sie mischen! Jesus von Nazareth tat
-Wunder, er ergriff die keimenden Sterne und trennte
-sie von den faulen und erweckte die Erblaßten an
-ihrer noch verglühenden Sternschnuppe. Der Nazarener
-wandelte durch das Sternensystem des Menschen
-und erlebte die Welt so tief und ging in Gott
-ein, und Gott in ihn, darum man ihn verwechselt
-noch auf den heutigen Tag mit Gott. Moses der
-Prophetarzt erkannte den Gott seines Volkes, heilte
-es und machte es stark. Eine Sage meiner Bücher
-sagt von einem Derwisch, der sein Herz in die Hand
-nehmen konnte und doch lebte durch die Kraft seiner
-Sterne. Wir sind das glühendste Werk von Mond
-und Sternen, nach unserm Modell hat Gott die große
-Welt erschaffen, in der wir: Ureigentum in unserer
-erweiterten Kopie leben ...
-</p>
-
-<p>
-Ureigentum noch unverblaßt zu begegnen, erlebe ich
-überraschend oft. Diese testamentarischen Sehenswürdigkeiten,
-Übertragungen, die an Wert nicht einzuschätzen
-sind! Ich meine nicht die gemütlichen Hausväter
-aus der alten, guten Zeit oder den Waldmenschen,
-oder den aus der nackten Körperkultur oder
-den Zwiebelasketen. Merkwürdig, daß man gerade in
-den Irrenanstalten Gesichte erblickt aus allererster
-Sternzeit; Bilder, alte Meister, Menschen, die erstarrt
-sind in der Vision. Und kein Arzt weiß sie aus
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-dem Augenblick der Erscheinung zu führen, wie aus
-engem Rahmen. Ich besuche diese scheintoten Galerien;
-mich lieben die unverstandenen, verfangenen
-Gesichte. Etwa weil ich ihnen den richtigen Platz zu
-geben vermag? O, ihre Angstgefühle! Die andern
-testamentarischen Gestalten unterscheiden sich von den
-irrenden Denkmalbildern ihres ungestörten Sternenlaufs
-wegen. Solchen Sterngeschöpfen geschehen
-Wunder. Wie St. Peter Hille, er hatte noch mit
-Moses und Jesus von Nazareth gesprochen und mit
-Buddha, und erzählte von ihnen, wie der Urenkel
-etwa von seinem Großvater Goethe. Das war der
-unumstößliche Beweis von der ersten Leuchtkraft
-Gottes in St. Peter Hille. Ich gehöre nicht zu den
-Spiritisten; Spiritismus ist Epigonentum, Nachahmung,
-gewalttätige Wunder. Um wirkliche Visionen
-zu erleben, muß man noch in der ersten Leuchtkraft
-Gottes sein. So ein gotterhaltener Mensch ist
-fromm und selbst Inspirationen fähig. Aus Isaaks
-weitem Munde seh&rsquo; ich viel im Traum Sterne aufsteigen,
-die er benennt nach Gottes Einverständnis.
-</p>
-
-<p>
-Die hungrige Zeit fraß meine Leuchtkraft goldweise.
-Aber ich kann erzählen von der Astronomie des Menschen,
-wenn ich auch in meinen ersten zehn Jahren
-noch zwischen weichem Dunkel, zwischen ungeordneter
-Nacht, im Chaos lag. Ich war wie ungeboren neben
-meiner Mutter, noch ganz Chaos.
-</p>
-
-<p>
-Das Kind ist nicht fromm, es ist dumpf. Dieser Irrtum!
-Fromm kann nur der wissende Mensch sein,
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-aber nicht jeder macht die sechs Schöpfungstage in
-seiner Hülle durch und wird Stern, und wenige nur
-den Sonntag. Wie viele Heilige gibt es und doch ist
-jeder Andächtige oder Lauschende, jeder Staunende
-oder Liebende ein Heiliger. Wenn Jesus von Nazareth
-die Kinder rief, so fühlte er Verantwortung mit
-ihnen, mit dem Chaos, das sich entfalten werde. Er
-wußte, wie weit der Weg zum Sterne war. Die
-Kinder sind wie die Lämmer so dumpf. Darum beleidigt
-mich das irrige Wort: Jesus das &bdquo;Lamm&ldquo;
-Gottes. Solche Unschuld ist eine Chaosunschuld, und
-der Nazarener war der Sonntag der Schöpfung. Der
-Jude hat sich mit ihm der vollendetsten Welt entledigt.
-Sagte der Sonntägliche doch zu einem der
-Mörder am Kreuztag: &bdquo;Wahrlich, ich sage dir, heute
-wirst du mit mir im Paradiese sein.&ldquo; Der Jude, der
-den Himmlischen verstößt, beweist, daß er ein Bürger
-ist, um nichts weniger der Mensch des Abendlandes,
-der den verlornen Gott der Juden aufnahm, ihn sich
-erzog und erwog nach seinem lammblutenden Wort.
-Im Menschen bereitet sich immer Fleischdumpfheit,
-Chaos, Fleischsehnsucht; Gott aber ist umgestaltet,
-ungerahmt und breitet über alles sich. Wir reden
-immer zu dem Chaos des Menschen, wollen wir ihn
-gewinnen, denn der Stern ist böse, darum sind wir
-alle einmal krampfhaft enttäuscht in Gott. Wir
-finden in ihm kein Chaos, keinen faßbaren Schlupfwinkel.
-Er sandte darum seinen Sohn, das heißt, er
-kam in Menschgestalt zur Erde. Solcher Umgestaltung
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Demut vom Stern zum Chaos ist nur ein Gott
-fähig. Nie war solche Dunkelheit je auf Erden und
-am Himmel und im Menschen wie in der Zeit des
-Gottbesuchs. Dem Priester und Pharisäer flößte
-seine Betastbarkeit Mißtrauen ein, der Armselige
-umklammerte den vertriebenen Götzen aus Fleisch
-und Blut wie einst am Fuß des Mosesberges das
-goldene Kalb.
-</p>
-
-<p>
-Sie wollen noch wissen, wie lange sich der Menschplanet
-erhält. Die meisten Menschen werden nicht
-älter und nicht jünger als sechzig Jahre. Jesus von
-Nazareth ist gottalt wie die Ewigkeit. Moses war
-zehntausend Jahre, als die Tochter Pharaos ihn im
-Korbe fand. Und von dem Propheten St. Peter Hille
-möchte ich sagen: Niemand wußte um seinen Geburtstag.
-Meine Mutter war dreimal sechzehn Jahre
-alt, mein Vater erlebte sechsmal seine tollsten
-Knabenstreiche. Wie schätzen Sie mich ein? Ich bin
-David und tue Simsontaten, ich bin Jakob und deute
-die Träume der Kühe und Ähren. (Oder zweifeln
-Sie daran, daß mich meine Brüder verkauft haben,
-das Bürgermillion!) So verwirrt sich die Zeit der
-Vergangenheit im Menschen. Heute bin ich eine
-Dichterin, und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, daß
-meine Dichtung keine Gehirnkarte geworden ist mit
-Farben, lila, grün, rot gefärbt. Meine Bekenntnisse
-nehmen <a id="corr-0"></a>Sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin
-verschwenderisch, das liegt in meinem Sternsystem.
-Es kommt mir selbst nicht darauf an, einige Monde
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-meines Planeten fallen zu lassen. Auch mit meinem
-Chaos, ohne das Chaos kommt kein Mensch davon,
-hat es eine besondere Bewandtnis. Darüber möchte
-ich schweigen, aber eines kann ich Ihnen sagen, wir
-Künstler sind einmal bis ins tiefste Mark und Bein
-Aristokraten. Wir sind die Lieblinge Gottes, die
-Kinder der Marien aller Lande. Wir spielen mit
-seinen erhabensten Schöpfungen und kramen in seinem
-bunten Morgen und goldenen Abend. Aber der Bürger
-bleibt Gottes Stiefsohn, unser vernünftiger
-Bruder, der Störenfried. Er kann nicht heimisch
-werden mit uns, er und seine Schwester nicht. Verwechselt
-die lärmende Bürgerin oder die zur Hure
-gewordene Magd nicht mit dem spielenden Sternenmädchen,
-die den Tanz aus nackter Scham tanzt! &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wohin mir doch heute alle meine Sterne geleuchtet
-haben! Immer muß ich wiederholen, der Arzt sollte
-sich auf die Astronomie des Menschen verstehen.
-Welcher von Ihren Hausärzten wäre imstande, eine
-Sonnenfinsternis in Ihnen herbeizuführen, geschweige
-den Stillstand Ihres Planeten?
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe Ihre Kanäle, Ihre Berge auf Ihren
-Sternen und Ihren Mond aufgehen hinter Ihrer
-Stirn. Jeder Schmerz und jedes Freudegefühl, Vernichtung
-oder Erhebung ist ein neues Bild Ihres
-Sternensystems. Sie sterben eigentlich an zerborstenen
-Sternen oder Erkaltung Ihrer Sonne oder
-an Finsternis. Wenn nur Ihr Leben den Höhepunkt
-erreicht hat vor dem Zerfall Ihres Chaos: den
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Himmel. Aber wenn er Ihnen nicht auf den Kopf
-paßte? Vom Blitzstrahl getroffen, das Chaos gespaltet,
-einzugehen in die Allmacht ist Seligkeit. So
-lausche ich auf mich. Aber der Bürger belauert sich,
-der Kranke in Arzthand betrauert sich, weil er keine
-Achtung vor dem Schmerz hat. Ich bin müde &mdash; wie
-ich mir entkomme, ein Schatten aus Mond und
-Sternen, riesengroß fiel ich um Mittag und sinke
-nun ein in meinen eigenen Planeten. Ich habe einen
-kritischen Tag hinter mir, manche Menschen wichen
-mir furchtsam mit den Augen aus. Einem kleinen
-Mädchen bohrte ich im Anblicken ein Loch in die
-Brust. Solche Kraft macht traurig. Ich sehne mich
-nach Glück, nach ihm, nach Hascha-Nid, dem goldhäutigen
-Sohn des Häuptlings. Der spielt mit sich,
-treibt und lockt die Sterne über seine Grenzen, ein
-göttliches Spiel, Wirbel und Wüstenwind. Ich liebe
-ihn, weil er so reich und rein an Sternen ist, und
-ich staune vor solch verschwenderischen Launen ...
-Aber das geht Sie nichts an. Gern hätte ich Ihnen
-noch vom Himmel erzählt. Später, wenn ich ihn
-erreiche und Gott &mdash;
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Gott, wo bist du?</p>
- <p class="verse">Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,</p>
- <p class="verse">Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,</p>
- <p class="verse">Wenn goldverklärt in deinem Reich</p>
- <p class="verse">Aus tausendseligem Licht</p>
- <p class="verse">Alle die frühen und die späten Brunnen rauschen.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Handschrift
-</h2>
-
-<p class="attr">
-Dr. <em>Otto Jahnke</em> mit dem seltenen Handschriftsbild
-</p>
-
-<div class="epi">
-<p class="noindent">
-Für den Künstler der Handschrift ist
-der Inhalt seines Schreibens nur ein
-Vorwand, wie für den Maler das Motiv
-seines Bildes.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> habe beobachtet, daß Kinder und Große so
-recht in Gedanken versunken, mit der Feder, mit
-dem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann ganz unbewußt
-bemüht waren, schöne oder verschnörkelte
-Buchstaben und Worte zu schreiben; sich dann später
-selbst über die Bedeutung des Geschriebenen wunderten.
-Auf einmal steht auf dem weißen Rand der
-Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder
-blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf <a id="corr-1"></a>den Kopf
-gestellt, ich meine ein xbeliebiges Wort in Spiegelschrift
-geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde Gefühl
-beim Ansehen einer interessanten Handschrift wie bei
-einer guten Federzeichnung oder einem Gemälde. Und
-doch möchte ich darum die Handschrift nicht mit der
-Malzeichenkunst in einen Farbentopf oder in ein
-Tintenfaß werfen. Aber der, welcher sich verzweifelt
-nach einem Talent sehnt, möge es zunächst in seiner
-Handschrift suchen. Oft hat schon der Lehrer sie im
-Keim erstickt. Den meisten bleibt die Schrift nichts
-wie Inhalt &mdash; die Nachricht erfreut ihn, ärgert ihn,
-namentlich wenn sie noch dazu undeutlich geschrieben
-ist. Warum höre ich nie jemand sagen: Erklären Sie
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-mir diese oder jene Handschrift. Ich meine nicht des
-sprachlichen Verständnisses wegen, auch nicht aus
-graphologischem Grunde; rein künstlerisch! Wie ja so
-oft die Frage aufgeworfen wird vor einem Bildnis.
-Es hat noch nie jemand von einer Handschrift den
-alltäglichen Ausruf getan: &bdquo;Die ist mir zu hoch!&ldquo;
-Und doch gibt es gerade Meister dieser Schulmeisterkunst.
-Diejenigen sind&rsquo;s, die sich im Klassenzimmer
-Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es geht ihnen
-wie dem Genie, welches die Kunstschule ausspie.
-Handschrift ist erblich wie jedes Talent. &mdash; Für mich
-kommt kaum der Inhalt eines Briefes in Betracht;
-ich kann mich für den Schreiber nur seiner Buchstaben
-wegen interessieren. Und es geschah schon, daß
-ich ganz entzückt einen unverschämten Brief beantwortete
-und umgekehrt. Die Schrift ist ein Bild für
-sich und hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Jeder
-lernt schreiben, eine Menge Menschen haben es in
-ihrer Handschrift zur Kunst gebracht. Und darum
-auch gibt es in keiner Kunst so viele Epigonen, wie
-in der Kunst der Buchstaben. Für diese Nachahmer
-ist jeder Buchstabe ein Gestell, dem sie einen Mantel
-umhängen, den ein anderer gewebt hat, sie verstehen
-eben ihre Blöße zu bemänteln. Die alltäglichsten
-Epigonen sind reichgewordene Frauen, die sich bemühen,
-ihre so oft charakteristische Ladenmädchenschrift
-zentimeterhoch heraufzuschrauben direkt zu hochmütigen
-Gänsehälsen. Der Mann möchte Bedeutung
-in seine Schrift legen und ahmt der Hand des ihm
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Geistigüberlegenen nach. Ungemein sympathisch berührt
-mich die sogenannte Tatze, die Schrift der
-Knaben, wenn sie den Aufsatz ins Diarium schreiben.
-Hier diese Zeilen hat ein Mädchen vorsichtig und
-sanft geschrieben. Manchmal lachen auch Briefe oder
-sind erbittert, die Schrift riecht fast nach Galle.
-Meines Freundes Brief blinzelt, eine Faunlandschaft.
-Dein Onkel schreibt eine kleine, rundliche,
-gleichmäßige Handschrift wie Taler. Geizhals ist er,
-aber ein Handschriftenkünstler wie mein Freund der
-Faun. Interessant sind die spitz auslaufenden Buchstaben
-auf dieser Seite, jedes Wort ein Wolfsgebiß.
-Und doch kein Tiergemälde. Interessant wirkt auf
-mich die Korrespondenz, die ich erbrach zugunsten der
-Kunst, zwischen Karl Kraus und Herwarth Walden.
-Alte und neue Meisterstücke. Ich sprach schon einmal
-in meinem Essay über die Kunst in Karl Kraus&rsquo;
-Buchstaben. Seine Handschrift ist ein Dürergemälde.
-Meine Handschrift hat als Hintergrund den
-Stern des Orients. Oft sagten mir Theologen, ich
-schreibe deutsch wie hebräisch oder arabisch. Ich denke
-an der späten Ägypter Fetischkultur; ihnen ging aus
-dem Buchstaben schon die Blüte auf, der Zwischenduft,
-der Handschrift mit Zeichenmalkunst verbindet.
-Mir fallen noch die Schriften der Chinesen und
-Japaner ein. &mdash; &bdquo;Die Mitternacht zog näher schon,
-in stummer Ruh&rsquo; lag Babylon&ldquo; &mdash; die plötzliche
-Geisterschrift an der Wand entsetzte die berauschten
-Gäste nicht des Inhalts wegen, das furchtbare
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Schrift<em>bild</em> war es. Sie <em>erblickten</em> den Inhalt
-des Fluches. Darum ist auch das Verständnis zur
-Kunst ein Seltenes und Erhabenes &mdash; es liegt uns
-im Gesicht und geht uns vom Gesicht aus. &mdash; Die
-Kaufmannshandschrift &mdash; ich möchte noch vorher
-fragen, hat schon einer der Leser einmal ein Lebenszeichen
-vom Dichter Peter Baum bekommen? Nämlich
-gerade bringt mir der Postbote so ein Sommerbildchen,
-Buchstaben: Mückenschwarm, der zerstreut
-in der Sonne tanzt. Seine Karte blendet. Ich bin
-bei der Kaufmannshandschrift &mdash; phantasielos, nüchtern,
-sie liegt bewegungslos auf dem Papier. Kühle
-Tatsache. Der kaufmännische Reisende dreht seinen
-Buchstaben eitel den Schnurrbart. Stutzig machen
-mich Briefe, die vom Geschäftsmann geschrieben sind
-und von der Buchführung doppelt abweichen. In
-dem Schreiber steckt sicherlich das Handschrifttalent.
-Es gibt auch Launen der Schrift. Kinder, die erst
-morgen dem Christkind schreiben wollen, da sie heute
-nicht schön schreiben können. Meiner Mutter Briefe
-waren schwermütige Zypressenwälder, meines Vaters
-Schrift reizte zum Lachen, humoristische Zeichnungen
-aus dem Struwelpeter. Kohlrabenpechschwarze Mohren
-oder der böse Nikolas steckt die Jungens ins
-Tintenfaß. Gelungene, amüsante Überschwemmungen
-von Tinte waren die Briefe meines Vaters. &mdash; Es
-gibt auch Schriftinspirationen, viele Menschen berauschen
-sich an ihrer Schrift, und <a id="corr-2"></a>der Inhalt, den
-sie aufschreiben, ist nur Vortäuschung. Ich schreibe
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-oft, um mich durch meine Schrift zu erinnern, mein
-Vater, um sich zu ergötzen. Meine Schwestern schreiben
-zweierlei: die älteste: Reisebilder, die andere:
-Kinderbilder. Der einzige Plastiker der Handschrift,
-den ich kannte, war St. Peter Hille, Petrus &mdash; er
-schrieb Rodins. Wie viel deutlicher gemalt ist das
-tiefsinnigste Bildnis, als die ausgeschriebene Handschrift
-(rein künstlerisch verstanden). Aber auch die
-kann dilettantisch sein, wenn sie ohne Tiefe und Geist
-und nur aus Ausübung entstanden ist. Manche sogenannte
-schöne Schrift allzu deutlich, Ölbilder nach
-Sichel. Lieber ist mir schon die Pfote von Aujuste.
-Ihr Brief und die Antwort vom Schatz geben sich
-einen Schmatz. Derbe Genrebilder. Vielerlei gibt&rsquo;s
-davon. Ähnlich wie die Köchin schreibt das Dienstmädchen,
-die Kellnerin, das kleine Mädchen, die kecke
-Hure. Aber loser geheftet, unordentlicher ihr Brief,
-ein leicht schaukelndes Gerippe. Weit eher ist die
-Demimonde eine Epigonin. Sie stiehlt lächelnd und
-liebkosend die Buchstaben der Originale oder versteht
-wie die Sprache auch die Schrift ihres in Fesseln
-gelegten Herrn zu kopieren und zu belecken. &mdash; Habe
-ich schon gesagt, daß es auch Stilleben in der Handschrift
-gibt, zehn Seiten lange Briefe, die schlafen,
-aber deren Inhalt voll Leben <a id="corr-3"></a>sprudelt; Handschriftkünstler,
-die schulakademisch erzogen und erwogen sind.
-&mdash; Manche Buchstaben gucken neugierig. Gewissenhafte
-Schriften: Wie die Buchstaben getrennt auseinanderstehen.
-Er war sehr niedergeschlagen, als er
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-diesen Brief schrieb, seine Handschrift war dünn aufgelegt.
-Hochbeglückt, glänzen die Vokale &mdash; glückliche
-Handschrift. Ich habe ein kleines Laboratorium von
-Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe zu
-schreiben. Sie können sich also schon auf meine Erfahrung
-verlassen, lieber Sturmleser; es tut mir
-unendlich leid, daß mein Manuskript dieses Aufsatzes
-nicht in Ihre Hände gelangt. Trotzdem es mit schwarzer
-Tinte geschrieben ist, wirkt es blau, tiefblau,
-liebesblau. Den wissenschaftlichen, langweiligen Inhalt
-müssen Sie schon in Kauf nehmen &mdash; seine
-Handschrift ist ein Liebesbildnis. Ich dachte nämlich,
-indem ich über &bdquo;Handschrift&ldquo; schrieb, an drei schöne
-Königssöhne. In Wirklichkeit schrieb ich drei Briefe;
-den ersten an Zeuxis, den griechischen Maler, der
-nun in Berlin wohnt. Er sei mein Ideal, aber ich
-ginge nicht an ihm zugrunde. Ich schrieb dem süßen
-Prinzen von Afghanistan, daß er mein Typ sei und
-daß wir ineinander verwachsen wären. Ich schrieb
-Wilhelm von Kevlaar, daß er mein Symbol war,
-daß ich am Sterben läge, denn ich hätte an die große
-Treue geglaubt, an seine Treue zu mir, und er habe
-sie gebrochen.
-</p>
-
-<p>
-Das Manuskript liegt dem interessierten Leser zur
-Verfügung in der Direktion.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup
-</h2>
-
-<p class="subt">
-Zur Kindertragödie in Kopenhagen
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ngeborg,</span> seine kleine Königin ist tot &mdash; Johann
-Hansen lebt noch; an seinem Bettchen sitzt eine
-barmherzige Schwester und betet, daß der arme,
-verirrte Knabe bald genesen möge. Der Stationsarzt
-hat ihm das Tor des Todes verriegelt, sein Herz,
-das Ingeborgs Namen trägt, kann nicht zu ihr ins
-Himmelreich. Nun wird das Kinderspiel erst eine
-Kindertragödie. Die beiden wollten ja nur zum Tod,
-weil der einen Himmel besitzt, in dem sie sich vor
-allen Engeln ohne Furcht vor Strafe herzen könnten.
-Nicht diese Heimlichkeiten der Freude, ihre Gesichter
-schienen durch die Spalte der Türen, durch
-das Eisen der Tore. Immer bauten sie auf ihren
-Händen gläserne Schlösser, darin sie sich tausendbunt
-spiegelten bis ans Ende der Welt, wo der
-Himmel anfängt. Dort wohnt der Tod. Johann
-Hansen hob Ingeborg mit seinen Knabenarmen die
-Treppe zum Einlaß des Todes empor. Der öffnete
-und ließ die kleine Königin ein, Johann stolperte
-rücklings ins Leben zurück. Diese beiden feinen Kinder
-ergreifen meine Seele. Das Leben ließ sie aus der
-Haft, der Tod schmückte ihnen rosig sein Tor. Ich
-möchte, der Engel aus Andersens Märchen käme und
-trüge den verwundeten Knaben zu Ingeborg ins
-Himmelreich. Wie bösmütig sind die Menschen, die
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-immer helfen wollen, ins Leben zu befördern. Es ist
-Nacht, überall blüht ein Stern. An der Decke im
-Krankensaal stehen viele Sterne, rotgoldene, süßgelbe,
-wie Honig, und auch mattfunkelnde Immortellen.
-Alle pflückt der kleine, heldenmütige Bräutigam
-für seine Braut, wenn er im Himmel mit ihr
-Hochzeit feiert. Auf einmal schlägt er die Augen auf:
-&bdquo;Ingeborg, ich halte mein Wort!&ldquo; Hast du es gehört,
-großer Engel aus Andersens Märchen? Oder soll er
-aufwachen aus seinem Traum des Himmels &mdash; und
-die Erde ist wieder da, das Himmelreich verschwunden
-wie fortgezaubert, und Ingeborg liegt im Grabe.
-Ein Keller wird dann die Welt sein, kahl, viel
-kahler wie seines Hauses Keller. Alt ist er, wenn
-er aufwacht, jung, wenn seine Augen sich schließen.
-Was bietet das Leben? Nicht das Kind braucht den
-Eltern dankbar sein; wie können die Eltern aber das
-Nichtgeborensein dem Kinde ersetzen!!? <em>Solch</em> zwei
-Kindern vor allen Dingen, zwei Engel, die nicht auf
-die wankelmütige Erde gehören. Flügel wuchsen
-ihnen; die Pistole, die sich der Knabe vom Erlös
-seiner Geige kaufte, war Vortäuschung. Denn es
-geschah hier ein Todeswunder. Nicht mehr wäre ich
-überrascht gewesen, wenn dieselben Kinder anstatt
-für ewig zu schlummern, auferstanden wären aus
-einem Grabe. Wie will der Christus, der den Knaben
-auferweckt, ihm ein Himmelreich ersetzen? Es werden
-keine Landeserholungsheime die &bdquo;festgestellte&ldquo; Neurose
-(Edelneurose) fortkurieren. Aber ich denke an
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Selma Lagerlöf die herrliche Menschin, an Karin
-Michaelis das liebe große Kind, sie könnten dem
-Knaben den himmelblauen Verlust ersetzen. Sie
-tragen die Bilder des Himmels in ihren Dichterinnenherzen
-&mdash; halten sie zwischen ihren Händen. Ich bin
-keineswegs sentimental, ich bin traurig. Man vergleiche
-nur nicht die unaufgeblühte Liebe dieser Engel
-mit den Tändeleien koketter Schulmädchen und
-greisenhafter Zwerge auf den Spazierwegen am
-Sonntagmittage. Diese beiden Kinder ergreifen
-meine Seele, ihre Lippen sind Himmelschlüsselchen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Künstler
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">err</span> von Kuckuck sitzt immer auf dem Fenstersims
-und schnappt mit seinem zugespitzten Mund alle
-meine todtraurigen Worte auf, die sonst im Zimmer
-liegen blieben, und ich würde schließlich in der Überschwemmung
-von Todtrauer ertrinken. Auch sieht er
-so spaßig bei der Fütterung aus, ich muß manchmal
-hell auflachen. Mein Mann kann von Kuckuck nicht
-ausstehen. &bdquo;Er ist eine Beleidigung neben dir.&ldquo;
-Aber ich muß immer einen Hofnarr haben, das ist
-so ein uraltes, erbübertragenes Gelüste. Er folgt
-mir überall hin &mdash; auf dem Salzfaß sitzt er in der
-Küche, wenn ich am Herd stehe und mit dem Quirl
-dem Feuer behilflich bin &mdash; ich meine wegen des
-Weichwerdens der Erbsen &mdash; &mdash; ich trage goldene
-Pantoffel, aber in meinen seidenen Strümpfen sind
-schon Löcher. Herr von Kuckuck wird merkwürdig
-düster, immer wenn er auf dem Salzfaß sitzt und
-meinem Kochen zusieht. Er erzählt von Prinzessinnen,
-die in Goldpantoffeln und Seidenstrümpfen kochen
-und scheuern müssen und sich die Hände blutig reiben
-und aber der Himmel ihnen alle Sterne schulde. Ich
-glaube, ich bin im Anfang aus einem goldenen Stern,
-aus einem funkelnden Riesenpalast auf die schäbige
-Erde gefallen &mdash; meine leuchtenden Blutstropfen
-können vor Durst nicht ausblühen, sie verkümmern
-immer vor dem Tage der Pracht, und mein Mann
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-erzählte mir dasselbe, und darum haben wir uns
-geheiratet. &bdquo;Wenn sich mein Budget besser gestaltet,&ldquo;
-sagt Herr von Kuckuck, &bdquo;so braucht Prinzessin
-keine Erbsen mehr zu kochen.&ldquo; Er verspricht es
-feierlich, zwei große Tropfen fallen aus seinen Augen,
-die sind lila, und die Feierlichkeit kleidet ihn so:
-eine Burleske, die plötzlich auf geraden, rabenschwarzen
-Beinen steht. Ich rieche zu gern Ananas &mdash; ich
-glaube, wenn ich mir täglich eine Ananas kaufen
-könnte, ich würde die hervorragendste Dichterin sein.
-Alles hängt von Kuckucks Budget ab. Mein Mann
-der wünscht sich gar nichts mehr, er denkt morgens
-schon heimlich an seine Zigarette, die er im Bett
-rauchen wird. Die Lampe zuckt, es ist alles so dünn
-im Zimmer. &bdquo;Herein!&ldquo; Eine Erbse klopft an meinen
-Magen. Kleine Beinchen bekommen die Erbsen und
-wackeln mit ihren dicken Wasserköpfen &mdash; eine plumpst
-den Berg herunter. &bdquo;Bist du aufgewacht?&ldquo; Mein
-Mann fragt und hebt den Zigarrenbecher vom Boden
-auf &mdash; dann streichelt seine Ananashand mein Gesicht
-&mdash; die Finger tragen alle Notenköpfe &mdash; sie
-singen &mdash; und immer, wenn das hohe C kommt, sägt
-mein Arm über seine Brust und seinen Leib &mdash; ich
-nehme die Gedärme hervor &mdash; eine Schlangenbändigerin
-bin ich &mdash; dudelsack Ladudel ludelli liii!!!!
-Ich schiebe die Schlangen vorsichtig wieder in seinen
-Körper, die kleinste hat sich fest um meinen Finger
-gesogen, aber sie ist die hauptsächlichste Schlange,
-sonst kann er keine indischen Vogelnester mehr essen.
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Ich gleite die Kissen herab, mein Kopf liegt in einem
-weißen Bach, alle Fische tragen Ketten von Erbsen
-um den Hals und schwimmen hinter mir über die
-flaue Matratze. Mein Mann wartet schon im Sessel.
-Im Rahmen über dem Schrank hängt von Kuckuck
-und über ihm sein Onkel Pankratius, einer der gestrengen
-drei Herren, und zählt &mdash; Budget lauter
-goldene Schnäbel. Es wird alles so grau &mdash; ich habe
-solche Angst, ich verkrieche mich in die Achselhöhle
-meines Mannes. Auf dem Sofa sitzt ein Jüngling,
-er hat große, braune, spöttische Augen, die lächeln
-schüchtern. &bdquo;Wer bist du!&ldquo; ruft mein Mann. &bdquo;Ich
-bin der Schatten Ihrer Frau und habe Theologie
-studiert.&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-In der Morgenfrühe
-</h2>
-
-<p class="attr">
-Meinem Freund, dem Bildhauer <em>Georg Koch</em>
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> gehe an Mandelbäumen vorbei, aber die blühen
-in den Gärten fremder Häuser, und die Fenster
-sind noch geschlossen hinter Spitzengeweben. Ich bin
-unendlich müde, gewohnheitsmäßig bewegen sich meine
-Füße vorwärts, Maschinen sind es, und sie müßten
-eigentlich unverhüllt in blauen Sandalen gehen, denn
-sie sind von goldzagem Wandel, wie die Sonne, die
-aufstieg. Ich kenne die Menschen nicht, die mir begegnen,
-ich weiche ihrem Dünkel aus, und ich brauche
-nur meinen grauen Mantel abzulegen, um König zu
-sein. Ich bin unendlich müde, ich glaube, ich bin im
-tiefsten Leben erkrankt, aber die Vorübergehenden
-merken es nicht, sie heben auf, was lärmend auf den
-Straßen liegt, aber sie hören nicht das schmerzliche
-Murmeln, das tödliche Verrauschen einer Seele. Da
-liegt ein Nachtfalter vor mir &mdash; er stirbt &mdash; wie
-dürftig seine Flügel sind, ein Lumpenhändler war es,
-ein Vagabund, der sich nachts auf den Straßen
-herumtrieb und am Feuerrausch der Lampen endete.
-Er stirbt &mdash; ich trete ihn tot. Ich denke an ihn &mdash;
-wenn es für ihn doch einen Himmel, einen blauen
-Strand gäbe &mdash; er würde dort ein schöner Schmetterling
-sein. Ich bin unendlich müde &mdash; wenn ich nun
-auch eines Morgens so daliege, wie der graubraune
-Strolch &mdash; welcher Fuß würde mich zertreten. Es
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-kommen Männer an mir vorbei in weißen Sportschuhen
-und Frauen schreiten hastig über den Damm.
-Ich mag diese Frauen nicht im Ornat, derbgewordene
-Philisterinnen sind sie &mdash; was wissen sie von der
-Knabenzeit. Aber das kleine Mädchen mit der Bubenbluse,
-es wird mich übermütig zertreten im Scherzwort,
-im Frühlingslachen. Ich bin unendlich müde
-und es beginnt der rücksichtslose Tag. Der Mann
-aus Glas mit der Vollstreckungsmappe unterm Arm
-wartet vor der Haustür auf mich, heute klebt er die
-Siegel. Ich muß ihn zart am Henkel fassen &mdash; so
-ganz vorsichtig, liebevoll, daß er nur keinen Sprung
-bekommt. Draußen an dem fremden Hause blühen
-die Mandelbäume: der Falter ist tot, ich vergaß,
-ihn vom Weg in einen der Gärten zu werfen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-Elberfeld im dreihundertjährigen
-Jubiläumsschmuck
-</h2>
-
-<p class="attr">
-<em>Paul Zech</em>, meinem Wupperfreund
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>L</span><span class="postfirstchar">ott</span> es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen,
-dat es god, dat es god, gäwt et wat tu
-erwen!&ldquo; Ich bin verliebt in meine buntgeschmückte
-Jubiläumsstadt; das rosenblühende Willkomm gilt
-mir, denn ich bin ihr Kind, die flatternden Fahnen
-auf den Dächern, aus den Fenstern winken mir zu,
-lange Rotschwarzweiß-Arme, die mich umfangen
-wollen. Ich soll überall hereinkommen. Ich bin in
-Elberfeld an der Wupper in der Stadt der Schieferdächer.
-Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen
-herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft.
-Den Atem mußten wir einhalten, kamen wir an
-den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe
-Arzeneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine
-Sauce für den Teufel. Aber nach Newiges zu, wo
-die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbäche fließt
-die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber
-ich bin verliebt in meine zahnbröckelnde Stadt, wo
-brüchige Treppen so hoch aufsteigen, unvermutet in
-einen süßen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres
-Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten
-nicht &mdash; wer aber war die Urpatrizierin des Rokokohauses
-aus der friderizianischen Zeit? Es lebt noch
-einbalsamiert zwischen jüngst zur Welt gekommenen
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Fabrikanten- und Doktorhäusern. Denn jeder etwas
-wohlhabende Bürger der Stadt besitzt ein Wohnhaus,
-worüber er Herr ist. Portiersleute gibt es in
-Elberfeld nicht, frech gewordene Sklaven, die nach
-Belieben ein- und herauslassen. Selbst viele Arbeiter
-leben im Eigentum ihrer Mütter. Gequacksalbert
-hat die Alte an der grünen Pumpe, noch heute heilt
-sie Krampfadern und Beingeschwüre. Und das berühmte
-Geheimmittel gegen die Cholera hat der
-sterbende Großvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt,
-und der hat es wieder dem Sohn anvertraut,
-und nun weiß es der Enkel, der wahrscheinlich seiner
-gesprächigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam.
-Und überhaupt so seltsame Dinge gingen in der
-Stadt vor; &mdash; immer träumte ich davon auf dem
-Schulweg über die Au. Manchmal lief ich durch
-graue, lose Schleier, Nebel war überall; hinter mir
-kamen schauerliche Männer mit einem Auge oder
-loser Nacktheit; auch an Ziethens Häuschen mußte
-ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte,
-&bdquo;ewwer en doller Gesell wors gewäsen.&ldquo; Oft ließ
-ich vor Angst die Bücher fallen oder der Ranzen
-hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grünt
-nicht mehr die von Zäunen umgrenzte Au; Tore verschließen
-Häuser; kein Schulkind kann mehr auf dem
-Wege zur Schule träumen, jedes Fenster zur Rechten
-und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor
-Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine
-rauchte, aber vor Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-in meine Stadt und bin stolz auf seine Schwebebahn,
-ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet
-und legt er sich mit vielen Bahnhofköpfen und
-sprühenden Augen über den schwarzgefärbten Fluß.
-Immer fliegt mit Tausendgetöse das Bahnschiff
-durch die Lüfte über das Wasser auf schweren Ringfüßen
-durch Elberfeld, weiter über Barmen zurück
-nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen Garten
-vorbei. Mein Vater mußte an den Sonntagen
-mit mir dorthin gehen, der bemerkte nicht den Sekundaner
-mit der bunten Mütze. Auf dem Hügel im
-Tannenwäldchen am Bärenkäfig versprachen wir uns
-zu heiraten. &mdash; Ich muß an alles denken und stehe
-plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; unser
-langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen;
-ich fall&rsquo; ihm um den Hals wahrhaftig. Leute am
-Fenster des Hauses bemerken, daß ich weine &mdash; sie
-laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig
-erkenne ich die vielen Zimmer und Flure
-wieder. Auf einmal bin ich ja das kleine Mädchen,
-das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich
-in den hellen Kleidern unter den andern Kindern,
-aber ich liebte die Stadt, weil ich sie vom Schoß
-meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der vielen
-Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler;
-und meines Vaters lustige Streiche stürmen eben
-um die Ecke der Stadt. &bdquo;Wat wollt öhr van meck,
-eck sie jo sing Doochter.&ldquo; Das rettet mich vor der
-schon erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers.
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Das verwilderte Jahrmarktgesindel rings
-um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von
-neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und
-nieder. Das Geklingel der Karussellmusik, begleitet
-von Flüchen rauher Mäuler und Kreischen frivoler
-Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin
-verliebt in die Stadt der Messen und Karussells.
-Mein Begleiter versucht mich zu überreden, mit ihm
-den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber ich muß
-noch einige Male Karussell fahren. &bdquo;Lott es doot,
-Lott es doot&ldquo;, ich fahr für mein Leben gern; gerade
-die altmodischen Holztiere sind am fröhlichsten und
-drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub.
-Zwischen Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter
-Caal und Caaroline, Alma, Luischen, Amanda. Gar
-nicht stolz bin ich &mdash; sie beginnen mich zu lieben.
-Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei&rsquo;
-ich ganz laut auf, das überzeugt das rohe, arme
-Gesindel. Den Härrn Schüler haben viele gekannt,
-er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern.
-&mdash; Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor &bdquo;dreihundert&ldquo;
-Jahren. Mina singt gerade im Tingeltangel
-ihre Liebeslieder. In rosanen Atlaspantoffeln stecken
-ihre Klumpfüße, ein knappes Röckchen bedeckt ihren
-Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das
-Chantant einer ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem
-Spotte nicht, aber ich weiß ihr Achtung einzuflößen.
-Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zu guter
-Letzt erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-solche Pantoffeln bekommt in der Stadt, wie die
-ihren sind. &bdquo;Die sinn ut Engeland bei Paris.&ldquo; &mdash;
-Nun hinein ins Kölner Hännesken! Gewaltsam zerre
-ich den Dichter zwischen die Clowns ins Innere des
-Brettertheaters. &bdquo;Sie werden noch gestochen werden,
-wie Ihr Vater einmal.&ldquo; Durch seine Uhr ging die
-Spitze des Metzgermessers. Am anderen Morgen
-führten die jammernden Eltern den heulenden Sohn
-vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er
-wußte, daß sie kommen würden, und drei Gläser und
-eine Flasche Rotwein standen zum Empfang auf dem
-Nachttisch. Aber er ächzte vor Schmerz, namentlich,
-als die fette Metzgersmutter begann, dat et där
-wackere Här Schüler verzeehen mödd ... Ich bin
-verliebt in meine Stadt, aber schon muß ich Abschied
-nehmen wie von einem alten, düsteren Bilderbuch mit
-lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch
-in Weidenhof der Wirt nicht, der immer einen ganz
-kleinen Kellner für mich herbeischaffen mußte am
-Festtag, wenn wir dort Forellen aßen. Und die Einkehr
-in meine Heimat habe ich einem Dichter in
-Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin lange nach
-mir. Paul Zechs feine künstlerische Gedichte duften
-morsch und grün nach der Seele des Wuppertals.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Arme Kinder reicher Leute
-</h2>
-
-<p class="attr">
-Der kleinen <em>Hedwig Grieger</em>
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nd</span> wo die ganze Erde im grünen Lachen steht und
-ein großer Spielplatz ist, fallen mir die vielen
-lieblichen Kindergesichtchen um so schmerzlicher auf,
-die da weinen im Sonnenschein. Ihre Löckchen
-flattern zwar lustig aus den feinen Spitzenhäubchen
-hervor, und viele von den Kleinen stecken in seidenen
-Tanzkleidchen. Aber sie dürfen sich an der Hand ihrer
-Begleiterinnen nicht recht freuen, und ihre runden
-Herzchen möchten hüpfen. Baby hat ein Knöpfchen
-von seinem Schuh abgerissen, es hat sich so gelangweilt
-&mdash; aber Detta muß ihn am Abend wieder
-annähen, dafür gibt&rsquo;s eine Saftige. Auf dieselbe
-Bank setzt sich ein sogenanntes Fräulein, allerdings,
-sie trägt einen Federhut und hat die Allüren ihrer
-Dame abgesehen ... Sie rückt, den Abstand zwischen
-ihrer Person und ihren dienenden Kolleginnen zu
-wahren, vorsichtig an das äußerste Ende der Bank.
-Wie schon angedeutet, ist sie nicht aus der Gattung
-der gemeinen Kuhblume (s. Caltha), sie straft gebildeter.
-Mit einem Roman von Emile Zola schlägt
-sie ihre kleine Schutzbefohlene auf den Mund, auf
-die weißen Zuckerzähnchen. Und nur selten rügen
-Vorübergehende die brutale Eigenmächtigkeit dieser
-Donnas.
-</p>
-
-<p>
-Lottchen wird über die Straße geschleift, es ist so
-heiß, seine zweijährigen Beinchen können nicht mehr
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-ausschreiten. &bdquo;Ick soll dir woll tragen, olle Pute.&ldquo;
-Keine der Mütter erbarmt sich seiner, und nur einige
-Mädchen mit der Schulmappe am Arm oder dem
-Ranzen auf dem Rücken bleiben entrüstet stehen und
-versuchen, die Kleine von der Hand ihrer Peinigerin
-zu befreien, die aber schlägt kreischend um sich &mdash; ein
-Volksauflauf entsteht und nimmt sich der armen
-dienenden Person an &mdash; ich und meine kleinen Verbündeten
-sind das Gespötte der Straße.
-</p>
-
-<p>
-Am Nachmittag begegnen mir die tapferen Schulmädchen
-wieder, sie führen ihre kleinsten Geschwister
-spazieren und tummeln sich mit ihnen über die
-Wiesen; wie zärtlich sie mit den langen Zöpfen ihrem
-Brüderchen die Patschklatschhändchen und das bestaubte
-Gesichtchen säubert! Und welche Wonne, durch
-den kühlen Wiesenbach zu waten! Viele von ihnen
-brauchen nicht erst ihre Füße entblößen &mdash; heirassassa
-wie das Wasser aufspritzt. &bdquo;<a id="corr-5"></a>Daß nur nicht die neuen
-Kleider naß werden!&ldquo; erinnert die Älteste mit den
-langen Zöpfen. Sie steht noch im Pflichtgefühl zur
-Puppe. Vierzehn Jahre wird sie nächsten Monat;
-&bdquo;ich komme&ldquo;, erzählt sie mir, &bdquo;in den Dienst nach
-der Einsegnung.&ldquo; Sie hat keine Erfahrungen gemacht,
-und was sie von Hörensagen getrübt weiß,
-ist noch zu verwischen. Ich habe immer solch eine
-Puppenmutter bei meinem Bengel, für seine sechs
-Jahre weiß er genug Streiche, ich lache ob seiner
-Ausgelassenheit, die auch von seiner Kameradin ungezüchtigt
-bleibt. Sie balgen sich und springen miteinander
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-über die Wege, mutwillige Ziegenböcke.
-Aber auch besonnen kann seine junge Begleiterin
-sein. Auf jeden Fall befolgt sie noch schulgewohnt
-meine Worte und streikt nicht heimlich wie manche
-ausgewachsene Personen, die schon aus Oppositionslust
-das Gegenteil ausführen.
-</p>
-
-<p>
-Ja, diese Allzufreien. Arm machen sie manchmal die
-Kinder der reichen Leute mit ihren gehässigen Launen
-und niederen Liebeleien. Allerdings gibt es auch noch
-musterhafte Pädagoginnen unter den Kindermädchen
-oder &bdquo;Fräuleins&ldquo; &mdash; ich meine nicht solche, die unter
-jeden Schritt des Kindes ein Rechenexempel oder
-ein Abc legen, nein, ich meine jene, die zu spielen
-verstehen, und die müßten doppelt besoldet werden &mdash;
-welche ungeheuren Summen werden für den Magen
-ausgegeben, warum nicht für die Seele seines Kindes?
-Nichts fordert Technik in solch feinem Maße
-wie die Kunst des Kindes, &bdquo;das Spiel&ldquo; &mdash; die
-bunten Gedanken zu drehen im Krausköpfchen, wie
-in einem Kaleidoskop. Ja, es gibt vortreffliche
-&bdquo;Bonnen&ldquo;, besorgte und doch heitere Freundinnen
-der Kinder. Aber wäre es nicht ratsam, weibliche
-Detektivs anzustellen, verheiratete Frauen, die die
-Überschreitungen der &mdash; minder Trefflichen draußen
-auf den Wegen beurteilen könnten? Mütter und
-Väter, sucht einmal euer Kind draußen in der sorglosen
-Natur statt nur im Spielzimmer auf, dort
-werdet ihr die Hüterinnen eurer Kleinen ungeschminkt
-kennen lernen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Am Kurfürstendamm
-</h2>
-
-<p class="subt">
-Was mich im vorigen Winter traurig machte
-</p>
-
-<p class="attr">
-<em>Georg Fuchs</em> in Freundschaft
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">lumen</span> werden bald blühen an beiden Seiten
-des Reitwegs am Kurfürstendamm. Wenn die
-lieblichen Reiterinnen an all dem Duft vorbeigaloppieren
-werden, dann ist es zu spät, ihnen zu sagen,
-daß die buntlachende Allee gesprengt wurde mit
-Schweiß und Blut Peitschender und Gepeitschter.
-Die Pferde vornehmer Landauer tanzen, ihre schwarzen
-Augen zünden vor Leuchten. Ich beginne sie mit
-ihren geplagten, wiehernden Brüdern zu beneiden.
-Die können nicht weiter durch den Hügel an Hügel
-aufgeworfenen Erdboden; ihre Hufe mußten sich
-selbst den Schmerzensweg bereiten. Da gibt es kein
-Pardon! Auch kein Mitleid der Spaziergänger, niemand
-will was mit den Fuhrleuten zu schaffen haben;
-in den neumodischen, wogenden Busen der Damen
-pocht kein Herz. Sie verhindern sogar ihre Männer,
-sich in Straßenangelegenheiten zu mischen. Manchmal
-stellen sich Kinder auf zur rechten und linken
-Seite des Dammes. Für sie ist es eine Unterhaltung,
-ein wirklicher Kientopp. Heute besah sich ein Schutzmann
-den unerhörten Vorgang. Aus einem Bäckerladen
-schickte eine Käuferin für die Pferde alte Semmeln.
-Ich sah über dem Gesicht des uniformierten
-Mannes eine kräftige Freude marschieren. Und ich
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-bat ihn, ob er nicht eingreifen wollte. Er erklärte mir,
-die Fuhrleute sind nicht so schlimm wie ihre Brotgeber.
-Weigert sich einer der Angestellten, wegen der
-nicht genügenden Anzahl Pferde an seinem Karren
-loszufahren, verliert er seine zwanzig Mark per
-Woche. &bdquo;Da lauern schon immer genug Brotlose vor
-der Türe.&ldquo; Für die zwanzig Mark. &mdash; Sie leben,
-sie peitschen, sie fluchen dafür. Ihre Roheit besteht
-das Examen. &bdquo;Dämlich Vieh, windelweich hau ick
-dir, faulet Luder!&ldquo; Die Wut rinnt den Unmenschen
-über die Backen, den entblößten Hals hinab. Die
-Rücken der Tiere bluten vor Hieben. Wie sollen
-sie es anders machen? Verteidigt sie der Schutzmann.
-Denn es dauern ihn die Treiber ebenso wie
-die Pferde. Die Treiber, die nur zwanzig Mark
-verdienen pro Woche und sich so plagen müssen mit
-dem Vieh. &bdquo;Es ist doch mal Vieh, es ist doch zum
-Ziehen da!&ldquo; Ein paar Bürger stimmen ein in den
-bequemen Sang. Röhren sollen gelegt werden zum
-Ablauf des Wassers. Die Blumen, die bald auf
-beiden Seiten der Allee wachsen, müssen bewässert
-werden. Gibt es denn keine Maschinen, die die Erde
-schließlich aufwälzen können? meint ein sechsjähriger
-kleiner altkluger Ingenieur. Er hält auch eine
-Maschine im kleinen aus einem Spielwarengeschäft
-in der Hand. Die Männer toben. Wilde Australneger
-sind Engel dagegen mit ihrem Schlachtgeschrei. Ich
-aber fühle ebenfalls die schwere Schuld, die die
-Besitzer dieser Fuhrunternehmen <a id="corr-6"></a>trifft. Vorwurfsvoll
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-schielen seine Knechte über die gefräßigen Pferde
-auf uns: Sie hätten selbst Hunger. Endlich aber
-entschließen sie sich, nach all den vergeblichen Peitschenhieben,
-die Pferde umzuspannen. Zu sechsen geht
-es doch besser über die holprige Strecke. &bdquo;Ich hab das
-gleich gedacht,&ldquo; gesteht der Schutzmann. &bdquo;Aber sagen
-Sie mal was zu den Leuten!&ldquo; Wenn die lieblichen
-Reiterinnen im Sommer auf ihren verwöhnten
-Schimmeln durch die Allee des Kurfürstendamms
-reiten, wird der Geranium zu ihren Seiten rot wie
-die vergossenen Blutstropfen der armen Pferde blühen.
-Sie hatten alle traurige Augen und ließen die
-Köpfe hängen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Die beiden weißen Bänke vom
-Kurfürstendamm
-</h2>
-
-<p class="attr">
-Meinem lieben Freunde <em>Andreas Meyer</em>
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">orgens</span> standen sie plötzlich auf dem Kurfürstendamm
-wie vom Himmel gefallen in Mondsichelfasson.
-Die eine weiße Bank winkte den Leuten, die
-aus der Friedrich-Wilhelm-Gedächtniskirche kamen,
-freundlich zu, die andere weiße Bank lud eine blonde
-Schöne ein in aschgrünem Samt. Ich bin seitdem
-öfters an den weißen Bänken vorbeigegangen; gestern
-setzte ich mich zum erstenmal auf die eine, den Damm
-weiter, auf die andere. Guckte ich geradeaus, bot sich
-mir ein Kreuz- und Querbild. Man sieht es vielen
-Vorbeieilenden an am Operngucker in ihrer Hand,
-wohin sie wollen &mdash; zur Hochbahn &mdash;, in einer halben
-Stunde fangen die Theater an. Andere kommen aus
-der Stadt, biegen um die Joachimsthaler Straße und
-kehren ein in das heimatliche Café des Westens.
-Kommen da zwei kleine, arme Mädchen; in ihrer
-Mitte ihren lebendigen, rotbäckigen Hampelmann, der
-sprechen kann. &bdquo;Zwei Jahre ist er,&ldquo; erzählen sie mir
-und streiten sich, wer ihn aufwarten, das heißt, wer
-mir von ihnen seine Kunststücke zeigen wird. &bdquo;Wir
-sind keine Schwestern,&ldquo; antworten die beiden gernegroßen
-Mütter, sie lassen schon behäbig das Kinn
-hängen, fürsorglich sind sie um ihren kleinen Kasperle.
-&bdquo;Wir sind jede für uns allein.&ldquo; Sie meinten damit,
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-sie sind nicht einmal verwandt. Lieschen ist in Pflege,
-ihr Pflegevater ist Nachtwächter &mdash; manchmal legt er
-sich vor Müdigkeit, wenn er morgens nach Haus
-kommt, mit dem Bund Schlüsseln und der Laterne
-ins Bette. Das andere Lieschen, sie heißen beide
-ganz gleich, erzählt: Sein Vater helfe einem Zauberer.
-&bdquo;Ein schwarzer Neger ist sein Papa!&ldquo; Es ruft
-mich jemand von der Haltestelle der Elektrischen, ein
-Dichter im Florentiner, er will in die Kolonie fahren.
-&bdquo;Reisen Sie alleine, Torquato Tasso, ich will mich
-noch auf die weiße Schwesternbank setzen.&ldquo; Ich sehe
-mich nach ihr um, sie glänzt viel bräutlicher wie diese,
-von der ich mich erhebe; und ich zögere, mich auf die
-myrtenweiße niederzusetzen. Aber die beiden Verliebten
-da bemerken es nicht. Aus der Kirche treten schon
-die ersten Sonntaglinge, die Sonne spielt Orgel um
-das Haus mit ihren schlanken Strahlen. Ich verstecke
-mein Gesicht in dem großen Glockenturm &mdash; sehe,
-höre und denke nichts, und doch findet man sich auf
-den weißen Bänken wieder, wenn man sich verloren hat.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Die Odenwaldschule
-</h2>
-
-<p class="attr">
-<em>Edith Geheeb-Cassirer</em>
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> den Bergen zwischen Laub und Wiesen stehen fünf
-bemalte Waldschlößchen: jedes ist einem Dichter gewidmet,
-und drinnen lachen Knaben und Mädchen mit
-ihren Lehrern und Lehrerinnen. Und unter ihnen lebt
-der Rübezahl mit seinen gütigen nußbraunen Augen
-und dem langen Weihnachtsbart. Paul Geheeb, der
-Schöpfer der Odenwaldschule, ist ein Rübezahl, er
-zaubert Freude durch die Hallen und Säle seiner
-Gnomenhäuser, und überall ist es hell, wohin seine
-sonnigen Augen scheinen. Immer steigt sein Fuß, ob
-er auf die Gipfel will oder über die Ebene schreitet.
-Von Rübezahl sprechen die Bauern im Tal, wenn sie
-den Direktor oben meinen, den die Kinder alle so
-lieb haben. Jedem Mädchen schenkt er ein tröstendes
-Wort, und den verirrten Wanderer beherbergt er und
-seine Gnomen für die Nacht: die sitzen in bunten
-Spielreihen beim Vesper und trinken Milch aus
-großen Kannen.
-</p>
-
-<p>
-Heute macht die blonde Adi den Vorschlag, alle Jungen
-müssen einen Stoffaffen und alle Mädchen einen
-Stoffbären mit zum Sonntagsmahl bringen: die zwei
-vorhandenen hat die Schelmin dem lieben Rübezahl
-in die Brusttaschen seines Rockes gesteckt, daß die beiden
-wulstigen Tierköpfe zur Belustigung aller Kinder
-hervorgucken zur Rechten und zur Linken.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-Paul Geheeb versteht das junge Herz des Kindes wie
-einen Kaleidoskop zu drehen, er weiß die bunten Bilder
-zu würdigen. Aber auch seine Lehrer sind Künstler:
-sie haben alle noch Knabenherzen wie ihre Zöglinge
-und führen mit ihnen manchen Indianerstreich
-aus. Die Knaben tragen alle Sweater, und die Kleider
-der Mädchen sind durch Bänder über der Achsel gehalten,
-echte Kindertracht: sie paßt zu roten Backen
-und leuchtenden Augen. Und alle haben gesunde Lungen,
-die atmen wie die starken Bäume das Leben ein
-und aus. In der Frühe müssen die Odenwaldkinder
-ins Luftbad, sich viel, viel Luft holen, und es gibt
-keinen Südwind und keinen Nordsturm, dem die Rübezahlbande
-nicht gewachsen wäre. Die verzärteltsten
-Kleinen trotzen dort der Welt mit den allerhand Erkältungen.
-Aber Vernunft liegt in jeder Anordnung
-Paul Geheebs: seine ihm anvertrauten Lieblinge bewegen
-sich in wohlgewärmten Räumen in der Winterzeit.
-Die Korridore, die Lesehallen, die Schlafgemächer
-sind mollig temperiert.
-</p>
-
-<p>
-Jedes Kind besitzt sein Heim, oder es müßte dicke
-Freundschaft geschlossen haben und den Wunsch aussprechen,
-sein Eigentum mit irgendeinem Spielgefährten
-zu teilen. Mein Paul und der Bruno
-Tillehsen; was der Torquato Tasso dichtet, illustriert
-mein Junge. Auch das Burgfräulein Irmgard
-und der kleine Landwirt Bubi, die Kinder
-von Wilhelm von Scholz, sind Zöglinge der Odenwaldschule.
-Auch der Peter ist oben beim Rübezahl,
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-vom Bildhauer Gaul der kleine Sohn: der ißt
-so gern Nüsse: überall kracht es nur so zwischen den
-Zähnen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nachmittags ist immer frei: die saftigen Äpfel werden
-von den Ästen geschüttelt, oder die kleinen Gnomen
-helfen den Bauern in den Scheunen, in der Zeit,
-da die emsigen Gnominnen Blumen pflücken oder
-Himbeeren und Brombeeren sammeln für den Tisch
-ihrer großen Freundinnen. Liebe, erwachsene Schulmädchen
-sind die Lehrerinnen: in den Frühstunden lauschen
-die Kinder mit offenem Munde ihren Lehrwundern.
-Jede Lehrerin und jeder Lehrer verstehen es, auf
-spannende Art die jungen Zuhörer zu fesseln. Die
-freuen sich auf jeden Morgen wie auf den Geburtstagstisch,
-immer bietet der Unterricht neue, überraschende
-Gaben.
-</p>
-
-<p>
-Plätschernde Bäche, goldene Gärten begleiten den Ankömmling
-die Bergstraße hinauf von Heppenheim bis
-oben ins Gnomenstädtchen; holde Landschaft, befreite
-Erde &mdash; kommt man aus der Großstadt dorthin, wo
-Rübezahl seine Odenwaldschule erbaut hat!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Lasker-Schüler contra B. und Genossen
-</h2>
-
-<p class="attr">
-Dem lieben Rechtsanwalt <em>Hugo Caro</em>
-in Verehrung
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">eitdem</span> einige Tageszeitungen um mein lyrisches
-Gedicht: &bdquo;Leise sagen&ldquo;, soviel Lärm geschlagen
-und mich für geisteskrank erklärt haben, hat sich eine
-Partei um mich erhoben, die es sich zum Lebenszweck
-angedeihen läßt, diese gefährliche Behauptung mit
-allen gerichtlichen Gegenbeweisen aus der Welt zu
-schaffen. Das Resultat ist: Ich werde beobachtet,
-nicht allein von einem Psychiater, auch von mir selbst
-&mdash; (ich wollte, ich könnte mir was dafür anrechnen &mdash;).
-Ich kann den ganzen Tag nicht auf einen Namen
-kommen, auf den Namen meines Urgroßvaters, der
-Scheik in Bagdad war. Dieser Zustand ist unsäglich
-unerträglich, als ob man gähnen muß und kann nicht,
-als ob man in eine Posaune blasen muß und findet
-die Öffnung nicht. Ich war heute schon überall, wo
-irgend etwas von Asien zu spüren ist. Auch im orientalischen
-Seminar war ich beim Rektor, der dachte
-freundlich über den Namen meines ehrwürdigen Urherrn
-nach, und alle seine Schüler taten das, und
-Schülerschüler, Muselmänner, Chinesen, Japaner,
-Studenten aus Vampur, Koreaner, Sudanesen; es
-dachten Siamesen, Indier, Serben, Türken, Montenegriner,
-Talmudisten, Zionisten, auch die beiden
-Söhne einer Kaffernfamilie dachten, und denken
-wahrscheinlich jetzt noch nach. Ich habe kein Gedächtnis
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-mehr, seitdem bei mir Gehirnerweichung in Frage
-genommen ist. Rechts vom Gehirn steht mein Heer &mdash;
-links der Feind. Ich fühle seitdem auch nicht mehr
-richtig, ich taste; die Sternwarte meines Herzens ist
-getrübt &mdash; und mein Horizont liegt hinter dem Rubikon
-&mdash; und der Sturm &mdash; verweht meinen Geist. Wie
-soll ich mich beschäftigen? Ist mein Psychiater nicht
-bei mir, fahr&rsquo; ich zu ihm heraus und bringe ihm einen
-Kloß meines Gehirns. Ich muß immer meckern, wenn
-ich bei ihm bin; er hat einen roten Ziegenbart. Ich
-konnte mich schon als Kind nicht beschäftigen, meist
-habe ich mit Knöpfen gespielt, aber ich habe alle verloren
-oder wo angenäht, und wenn der Psychiater nicht
-eindringlicher mich beobachtet, werde ich es den Redaktionen
-der Zeitungen mitteilen, die mich bei der Gehirnerweichung
-ertappten; sie haben ihn doch für mich
-engagiert, und er muß seine Pflicht tun.
-</p>
-
-<p>
-Ich laufe jetzt so gern über Wiesen; Knaben gewähre
-ich mit Vorliebe mein Gehirn, solange es noch einigermaßen
-hartköpfig ist, zur Zielscheibe ihrer Gewehre.
-Das Sprechen wird mir schwer; wenn ich singen
-könnte! Dann könnte ich viel besser alles sagen. Aber
-ich habe zu jung gesungen, die frühe Blüte meines
-Kehlkopfs war noch nicht befestigt. Sprechen lernte
-ich schon beim Milchtrinken, aber das Singen hätte
-ich unterdrücken müssen, Talente sollte man mindestens
-fünfzehn Jahre im Steckkissen herumtragen.
-Dabei wird man immer kleiner und schläfriger. Ich
-bat heute den Psychiater, er solle mich ein bißchen
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-in seinem Kinderwagen herumfahren. Er hat nämlich
-einen im Nebenzimmer stehen, darin seine Frau ihre
-Hoffnungen spazierenfährt, schon zwei Jahre, damit
-er sie nicht verstößt. Von seinem zukünftigen Sohne
-lasse er sich die Fesseln der Ehe gefallen, aber nicht
-von seiner Frau, die geht immer in blau, weil sie
-den Himmel auf Erden vermißt. Er aber hat mir
-ein Rasselchen geschenkt, ich hätte viel lieber die
-Gummipuppe gehabt, für in den Mund zu nehmen.
-Ich habe einen Brief von mir selbst von früher gefunden,
-an meine britische Busenfreundin, den lese
-ich dem Psychiater vor. Seitdem ich diesen Brief
-geschrieben habe, ist mein Herz graumeliert, und Dr.
-Ziegenbart sagt: &bdquo;Lesen Sie!&ldquo; Dear Mabel! Manchmal
-hab ich so Sehnsucht, ich säß wieder nachmittags
-an einem großen, runden Tisch neben meiner Mama
-und so zwischen meinen Schwestern und Brüdern, und
-oben sitzt mein Papa, und wir trinken zusammen um
-vier Uhr Kaffee aus der silbernen Kaffeemaschine
-durch Filtrierpapier &mdash; und so ganz zusammengerückt
-sitzen wir, wie eine Insel, aus einem Stück. Nichts
-Fremdes mehr, aber wir fließen ineinander, trotzdem
-wir Geschwister alle anders waren, und fürchten uns
-nicht vor dem Tode, weil einer den andern ersetzt.
-Das ist lange her, ich weiß auch nicht, warum ich
-daran so oft denke, zumal ich doch Robinson wurde,
-durchbrannte in die Welt, weil ich dem Robinson auf
-dem Deckel seiner Geschichte so ähnlich sah. Und ich
-liebte das Abenteuer, das hat nichts mit der Stube
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-zu tun, und wenn es auch eine herrliche ist. Aber
-dreimal im Leben hatte ich eine große Sehnsucht,
-wieder in einer Stube neben Mama und Papa und
-Geschwistern zu sitzen. Als ich mich zum ersten Male
-vermählte. Aber ich fiel ins Haus und verletzte mir
-die Knie, die bluten seitdem. Und das zweitemal,
-das war noch trauriger; da folgte ich meinem Verlobten
-in seine Heimatstube. Ich saß neben seiner Schwester;
-mein Verlobter saß neben seiner Mama, und
-oben am Tischanfang trank sein Papa den Nachmittagskaffee,
-und auf einmal sah ich, daß die fremde
-Mama meinem Verlobten ein großes Stück Kuchen
-auf den Teller legte, ein Stück Torte mit einer Frucht
-darauf; und ich bekam ein schmales Stück Torte ohne
-eine rote Kirsche; da war ich plötzlich ganz klein wie
-zu Haus und weinte. Und zum dritten Male überkam
-mich die Sehnsucht, mit meinen Verehrern in ihr
-Haus zu gehen. Das erinnerte mich am wirklichsten
-an zu Haus. So viel Geschwister, die sprachen wie
-meine Schwestern und Brüder und waren schön,
-aber dann kam ein großer Hund und schnüffelte um
-den Tisch herum, bis er mich fand; denn einem von
-den drei Brüdern hatte ich das Herz gefressen. Ich
-sehne mich nun nicht mehr nach einer Stube, wo eine
-Mama und ein Papa und Geschwister um den Tisch
-sitzen und eine Insel sind. Mein Angebeteter verspottet
-mich und meint, ich ziere mich wie ein Backfisch.
-Ich habe kein Verlangen mehr nach der heiligen
-Nachmittagsstube, und ich bin wirklich der Robinson
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-auf dem Deckel seiner Abenteuer. Aber ich möchte
-noch die ganze Nacht so traurig erzählen. Many greetings,
-dein Robinson. &mdash; Wer mich alles in die drei
-ersten Stuben geführt habe, meint der Psychiater,
-sei für ihn nicht schwer zu enträtseln, aber den Angebeteten
-möchte er kennen lernen, der eine Ausnahme
-bilde, da ich seiner Eltern Stube nicht heimsuchte.
-Ich verstehe; des Doktors ironische Weise ist mir
-sympathisch. Der Psychiater nickt mit dem Kopf;
-er ist Schriftsteller nebenbei, und hat Momente der
-Psyche aufzuweisen, die bei Doktoren ohne Drum
-und Dran nicht vorhanden sind. Sein Ton ist mitleidig,
-wäre er eine Frau, spräche er wehleidig. Ich
-habe das Glück, daß er keine Frau ist. Zwischen ihm
-und seiner Frau fällt ein schwarzer Vorhang, aber
-über seinem Schreibtisch hängt unverschleiert, aber
-zahm verblümt, ein deutscher Gelehrter mit einem
-Bart aus Eichenlaub; sein früherer Universitätsprofessor;
-den muß er zum Aufreizen seiner Nerven
-haben. Auch steht in seinem Sprechzimmer eine Lampe,
-deren Birne streikt, weil sie kein Apfel ist. Der
-Waschtisch seiner medizinischen Hände läuft nicht,
-er steht auf Plattfüßen. Mein Zimmer funktioniert
-viel besser, es liegt am See, an der Waschschüssel.
-Und dabei spreche ich immer vom Tigris, nicht wahr?
-Verhöhnt mich nur, liebwerte, wahrhafte Leser; oh,
-diese Welt mit ihren Flüssen, Nebenflüssen und
-Überflüssen! Es hat jemand dem Psychiater gesagt,
-ich sei abnorm eifersüchtig. Das könnte allenfalls ein
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Symptom von Gehirnerweichung sein. Aber was soll
-ich mit meinem Mann sprechen, wenn er in der Nacht
-nach Haus kommt, als Eifersucht. Der Leser soll mir
-die Frage ganz aufrichtig beantworten, bitte. Ich lehne
-an seinem Rücken wie vor einem blinden Fenster.
-Übrigens ist meine Eifersucht nicht subjektiv, sie ist
-eine Landeigenschaft, ein Kostüm, eine Nationaltracht
-der Seele. Meinem Psychiater leuchtet die landläufige
-Logik wirklich ein; ich bin ein für allemal
-von ihm als gesund entlassen, und brauche mich nicht
-mehr seinen Beobachtungen zu unterziehen. Der Feind
-ist verurteilt vom hohen Gerichtshof zu zehn Mark
-Schadenersatz; hätte er nicht schon Berufung eingelegt,
-so hätte ich es ihm geraten, denn er soll in
-schlechten Verhältnissen sein &mdash; ich bin zu weich ...!
-Was soll ich nun tun, als über den Namen meines
-Urgroßvaters nachdenken? Im Augenblick, wo ich
-glaube, ich habe ihn, kugelt er noch schwerer als
-Blei in meinen Rachen zurück. Wie ein einbalsamierter
-Leib. Dabei höre ich den Namen meines Urgroßvaters
-auf meiner Zunge, eine Melodie, einen Psalm.
-Ich muß mich zerstreuen, ich werde die Redaktionen,
-die so lange nun mit mir in Konnex standen, um Verzeihung
-bitten; ich kann doch nicht dafür, daß ich keine
-Gehirnerweichung habe! Der Psychiater glaubt doch
-nicht daran! Das Leben ist was furchtbar Schmerzliches;
-alle meinen, daß es nur was Enttäuschendes
-ist. Ich meine beides und gaukle mit Geschicken. Und
-wie das Leben vom Milieu abhängt, wenigstens meins.
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-Läge zum Beispiel das Fenster meines Zimmers statt
-nach gegenüber, seitwärts mit dem Blick nach dem
-Westhimmel, wo abends der Mars aufmarschiert,
-hätte ich Freude am Leben gehabt und wüßte, warum
-ich lebe &mdash; aber so! Ich kann mich nicht mehr sehen,
-ich ertrage in den Spiegeln mein Gemälde nicht mehr,
-wenn nun mein Angebeteter kommt und hat meine
-Augen? Und darum gerade, wegen seiner hellen Lichter
-liebe ich ihn, gelbe Rosen, und wenn sie traurig sind,
-fallen sie wie Goldregen. Er ist ein Sonntagskind,
-ich bin ein Feiertagskind, das nicht gehalten wird;
-er findet keine Ruhe in mir. Wir lieben uns, wie
-die verschiedenen Liebenden auf Erden und im Himmel.
-Wie selige Engel mit der Pose des Flügels,
-wie die ersten Menschen, die noch glühend waren, wie
-zwei große Blumen hinter der Hecke, die nichts wiedersagt,
-wie zwei Rubinen im Reichsring eines Kaisers
-und manchmal früh am Morgen wie zwei Schakale.
-Ich mache mir gar kein Gewissen daraus; alle
-Romane der Ehe sind Unwahrheiten! In Wirklichkeit
-gibt es kein Gewissen. Aber, daß ich den Namen
-meines Blutpächters, meines Urgroßvaters, vergessen
-habe, darüber mache ich mir heftige Gewissensbisse.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-Coranna
-</h2>
-
-<p class="subt">
-Eine Indianergeschichte gestaltet von Slevogt
-</p>
-
-<p class="attr">
-Dem hochverehrten, feinen Professor
-<em>Walther Otto</em>
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ein</span> Junge trägt einen Indianerschmuck in den
-Haaren, grüne, gelbe, blaue, lila und rote
-Federn, und um seine Lenden einen Gurt aus Vogelbeeren
-und harten Muscheln. Aber er weiß nichts
-von den Menschen in Wild-West. Ich kaufe ihm aus
-Furcht, er könne eines Tages nach drüben durchbrennen,
-keine Indianergeschichten. Der kupferrote
-Gott ist der Fanatismus der Knaben. Seine Legenden
-sind gefährlich, sie kommen über einen, ihre Bilder
-machen Mut, stählern. Grüngelbblaulilarot! Meine
-Brüder machten sich in nächtlicher Frühe mit ihren
-Freunden auf und davon &mdash; der Skalpgott rief sie
-aus dem Elternhaus. Sie hatten sich schon Wochen
-vorher für ihr Sonntagsgeld Pfeifchen, Tabak,
-Zigarren und dergleichen mehr für den Tausch am
-Lande besorgt. Manche von ihnen stahlen ihren
-Schwestern Ohrringe, Broschen, Ketten für die
-Häuptlingsfrauen und Indianermädchen. Aber die
-Reise ging nur bis Bremen, die strafenden Väter
-ließen die Durchbrenner grausam wieder in die
-Heimat transportieren. Mein Vater jedoch war im
-Grunde seines Herzens stolz darauf; er ließ meinen
-Brüdern im Garten ein Indianerzelt aufschlagen,
-kaufte Speere und andere Mordwaffen und Gürtel,
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-deren Skalpflachshaare fast bis zur Erde reichten ...
-Es ist schon lange, lange her, ich habe seit Indianerjahren
-kein Indianerbuch mehr aufgeschlagen. Nun
-liegt ein großes in den Farben der Kupferhaut auf
-meinem Schoß. Slevogt hat gezaubert, als er die
-Gestalten des Werkes erschuf nächtlich auf weißer
-Prärie; seine schwarze Feder zeichnete kupferrotes
-Leben. Ich muß die wilden Wildwestmenschen festhalten,
-sie laufen, galoppieren meinen Blick entlang,
-über meine Hände hinweg in die Freiheit. Tänze,
-Kämpfe, Ritte führen sie auf, ich vernehme Pferdegetrampel,
-höre Kriegsrufe, werde eingehüllt vom
-aufwirbelnden Nebel flüchtender, feindlicher Stämme.
-Mich ergreift die Sehnsucht meiner Brüder.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-14">
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Die schwere Stunde
-</h2>
-
-<div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich wollte ein Schmerzen rege sich</p>
- <p class="verse">Und stürze mich grausam nieder</p>
- <p class="verse">Und riß mich je an mich!</p>
- <p class="verse">Und es lege eine Schöpferlust</p>
- <p class="verse">Mich wieder in meine Heimat</p>
- <p class="verse">Unter der Mutterbrust.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> sorglos abgetanes Urteil las ich dieser Tage
-über die ungeheure Schöpfung: Die schwere
-Stunde von Charlotte Berend. Die Wirkung des
-Bildes auf den Kritiker hat mich zwar nicht überrascht;
-viele seiner kritisierenden Vorfahren verwechselten
-schon die Erzkraft eines Kunstwerks mit der
-entblößten Brutalität. Es gehört schon ein Jahrtausendblick
-dazu, gerade den Wert dieses gottalten
-Bildes der Charlotte Berend zu erkennen &mdash; sein Allvatername
-heißt das Gesetz. Ich hoffe nicht, daß die
-Künstlerin aus Bescheidenheit den königlichen Namen
-fälschte. Sie hat ihre Schöpfung aus dem Mark aller
-Farben erschaffen. Es nahte ihre selige, schwere
-Stunde selbst. Das Wunder der Inspiration schlug
-sie zur Riesin.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe zunächst kühl und sachlich eine Mutter, die
-ein Kind zur Welt bringt. Die weise Frau am Fußende
-des Bettes wartet hilfebereit. &bdquo;Herr, gestehen
-Sie es, und auch Sie, Frau Ehegattin. Sie vermißten
-den besorgten Hausvater zwischen dem Spalt
-der Türe vorsichtig lauschend. Das wäre wenigstens
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-noch gefühlvoll gewesen&ldquo; ... gerade das Nichtfamiliäre
-verleiht dem Bild das Unpersönliche, baut das
-Werk mit kosmischen Knochen auf. &mdash; Was soll
-das kleine Mädchen am Bett der Mutter? &bdquo;Es ist
-ja erst zwölf Jahre alt.&ldquo; Es ist vielleicht noch jünger,
-und es tat mir wirklich furchtbar leid, wenn beim
-Betrachten der kleinen Gegenwart des unschuldigen
-Wesens, gefühlvollen Damen eine schmerzhafte Entrüstung
-anging, aber ich sage: die Kleine gehört zu der
-ungeheuren Landschaft des Leibes; auf dem Rand
-des Lebenskelches sitzt sie, das schwebende Auge zurückgelehnt,
-voll Grauen und Wunder gelähmt. Ein
-Seraph &mdash; aber gleich wird er seine Lippen öffnen
-und die ernste Melodie der Dichtung über den sich
-bäumenden, felsgeöffneten Leib der Mutter singen. &mdash;
-Und die Vorsehung, wie man die Wartende am Fußende
-des Lagers nennen könnte, wendet die letzte Nüchternheit
-des Vorganges mit einem Tuch, wie mit einer
-Wolke ab. &mdash; Eine Heilige hätte nicht keuscher gedichtet,
-das Problem des Odems gestaltet. Ich habe nie
-in Wirklichkeit ein kindtragendes Weib mit solcher
-Ehrfurcht betrachtet, wie diese Riesenmutter, von einer
-Riesin gemalt, auf ihrem Riesenbilde. Sie hauchte
-nicht nur über den lebengeöffneten Vorgang die Scham,
-sie nahm dem Prangen auch jede Fessel der Sklaverei,
-die mich anwidert beim Anblick einer begnadeten Frau.
-</p>
-
-<p>
-Charlotte Berend hat ein Historienbild des Naturgesetzes
-gemalt; es müßte neben Michelangelos Moses
-im Tempel der Galerien hängen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-15">
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-Peter Hille
-</h2>
-
-<p class="attr">
-Meiner teuren Mutter in Liebe
-und Ehrfurcht
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>E</span><span class="postfirstchar">s</span> dauert höchstens zwanzig Minuten, Peter!&ldquo;
-Er nickte lächelnd &mdash; aber er vergaß auch sofort
-wieder, daß er den Kopf nicht hin- und zurückbiegen
-durfte, von der Zeitung auf und nieder, und so
-kam &rsquo;s, daß ich entweder das rechte oder das linke
-Auge nicht an seinem Platz oder die Nase zu lang
-im Verhältnis zur Stirn zeichnete. Und manchmal
-nahm er noch seinen Bleistift und beschrieb andächtig
-den weißen Rand des Zeitungsblattes.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du kannst gleich weiterzeichnen, schrecklicher Tyrann
-du!&ldquo; sagte er und las mühsam entziffernd sein eigenes
-Schreiben.
-</p>
-
-<p>
-Es waren einige steinige Einfälle, die er seinem
-Myrdin und seiner Viviane ferner vermachen wollte.
-Und er zog die große vergilbte Papierrolle aus seiner
-Manteltasche und las von den beiden Menschen, die
-älter waren als Adam und Eva, von seinem Menschenpaar
-Myrdin und Viviane. Die sprachen eine
-Sprache, mit der am ersten Schöpfungstage sich
-Himmel und Erde erzählten &mdash; &mdash; sie waren mit der
-Erde zugleich erschaffen &mdash; gewachsen mit der Erde &mdash;
-aus der Erde; ja, das fand auch Peter ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da magst du recht haben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und er saß, den Kopf herabgesenkt auf den großen
-Lehnstuhl nahe dem Ofen in seinem olivenfarbigen
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Mantel, als ob er die Wärme mit sich nach Hause
-nehmen wollte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eines Abends klingelte es um halber Mitternacht &mdash;
-das sah Peter ähnlich. Seine Augen lachten mutwillig
-wie Knabenaugen, die einen Streich hinter sich hatten.
-&bdquo;Der Verleger hat mir Vorschuß gegeben &mdash; Tino,
-toller Kerl, komm mit! Wir sitzen alle in der Weinrebe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Peter sah aus wie ein Bacchus, seine Seele war
-aufgeblüht wie einer der Weinberge in Alt-Athen.
-Und wir saßen um ihn im Kreise und sangen: fahrende
-Schüler, wie die Jünger des Weins aus der bacchantischen
-Szene seines Werkes &bdquo;Des Platonikers
-Sohn&ldquo;. Wir waren der Most, der Lenz des Weines,
-das Leben, das wildsüße Auf- und Niederbrausen.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;O Wein, du lieber, dummer Wein,</p>
- <p class="verse">Was willst du da im Kerker sein?</p>
- <p class="verse">Hervor du rieselnde Sonne,</p>
- <p class="verse">Und laß die alberne Tonne.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Weißt du denn nicht, du dummer Wein,</p>
- <p class="verse">Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein,</p>
- <p class="verse">Ein Kenner erlesener Tropfen,</p>
- <p class="verse">So laß mich nicht harren und klopfen!&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Am Morgen in meinem Halbschlaf sah ich Peter;
-durch seinen langen Bart guckten blaue und gelbe
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Weinaugen mutwilliger kleiner Dionysinnen mit
-roten Pausbäckchen und kecker Faunbuben mit frechen
-Schwänzchen. Und die neckten ihn und zupften ihn
-an seinen langen Kraushaaren, jauchzten und sprangen
-um den großen Bacchus, und ein ganz kleines, ängstliches
-Bacchüschen kroch in seine weite, weite Ohrmuschel.
-Und wir alle saßen zu seinen Füßen, und
-er erzählte von seiner Frühjugend, von seinen vielen
-Liebchen &mdash; ja, ja, Bacchus mußte verliebt sein.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Einmal an einem Wintermorgen kam Hugo, der
-Landsknecht, wie ihn Peter seines rauhen Organs und
-seiner kecken Launen wegen nannte. &bdquo;Kommen Sie
-mit, Prinzessin! Peter ist krank, wir wollen ihn
-besuchen!&ldquo; &bdquo;Und wissen Sie auch, Hugo, daß heute
-sein Geburtstag ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Davon wußte er nichts, der Ungläubige. Und wir
-zogen gen Norden, und als wir durch das Tor seines
-Hauses traten, lagen vor uns Treppen, zu besteigen
-wie künstliche Gebirge aus Brettern. &bdquo;Na, det is
-man scheene, dat Se sich bis her verstiegen han &mdash; &mdash;
-denken Se so wat, er is mir jestern dot in de Arme
-jeblieben! ...&ldquo; Und Peters gemütliche Wirtin drückte
-mich an ihren Busen, aus dem der dicke Atem jammerte.
-Und sie geleitete uns durch die Küche bis an
-Peters Kammertür, drückte diese behutsam auf und
-blickte zunächst vorsichtig durch die Spalte. &bdquo;Nu
-kommen Se sachte rin!&ldquo; &mdash; &mdash; Und da lag der Peter
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-wirklich in seinem Nest halb aufgerichtet: ein kranker
-grimmiger Geier. Der Kragen seines Mantels hing
-wie ein dunkler Fittich über dem Bettgestell, und
-einer der Füße, mit dem Stiefel angetan, scharrte
-ungeduldig an der senfgelben tapezierten Wand. Als
-er uns sah, war es, als ob er uns nach und nach
-erst erkannte, und er fuhr durch seinen Bart wie ein
-reißender Herbststurm. &bdquo;Setzt euch, wenn ihr Platz
-findet, ihr Einbrecher, ihr Störenfriede, setzt euch!&ldquo;
-Aber nicht allein der Boden, sondern auch das
-tausendjährige Sofa waren begraben unter großen,
-gelben Papierflocken. Wir setzten uns auf das kleine
-Fensterbrett und stellten unsere Füße sündhaft auf
-die großen Säcke, die, wie wir später hörten, die
-Manuskripte der Dramen Peters enthielten. &bdquo;Du,
-Peter, ich will dir den Doktor holen,&ldquo; sagte der
-Landsknecht besorgt. Oh, und das klang so lächerlich,
-und die dicke Wirtin hatte et ooch jewollt, &bdquo;er will
-aber nich.&ldquo; &bdquo;Der Doktor soll mir wohl Sonne
-oder Mairegen für meinen Katarrh verschreiben?&ldquo;
-Und Peter lächelte wieder wie Frühlingsanfang, und
-auf einmal begann er laut zu reden: &bdquo;Heute abend
-muß ich noch ins Theater.&ldquo; Da fiel seine alte dicke
-Wirtin vor Schreck auf das tausendjährige Sofa.
-&bdquo;Sie wollen im Thiater jehn, Sie?&ldquo; &bdquo;Na gewiß,&ldquo;
-antwortete Peter und machte die Bewegung, aus
-dem Nest zu fliegen. In der Küche seufzte die Gute
-und meinte: &bdquo;Na, so nötig hat er det Schreiben
-doch ooch nich, wo er bei uns is!&ldquo; Und sie brachte
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-ihm zur Fürsorge die dampfende Hafergrütze und zwei
-Schmalzstullen ins Zimmer. Und dann sich vor uns
-entschuldigend, sagte sie: &bdquo;Er ist so reene wie eene
-Jungfer, ick seh schon, wie se ihm später in de Kirche
-uffbahren als Heiligen.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es war ein kalter Nachmittag; der Mond blähte sich
-auf zwischen seinen Sternen wie ein goldener Bauch,
-ein wohlbeleibter Dukatenmillionär. Peter und ich
-wanderten wohl schon stundenlang durch die Straßen
-Berlins, durch die Bleiluftgegenden mit den kahlen,
-grauen Häusern, in denen der Hunger mit seinen
-tausenden Kindern wohnt. Und über dieser Gegend
-spazierte behaglich durch das weite Land der Wolken
-der fette Mond, der satt an Gold getrunkene Mond.
-&bdquo;Aber, Tino, ich wußte ja gar nicht, daß du ein
-kleiner Bebel bist.&ldquo; &bdquo;Ja, ich denke an die armen,
-blassen Kinder, die nie in die Sonne sehen, und an
-dich, Peter, an dich, dem die Welt ihr jubelndstes,
-tiefstes Spiel schenkte und das Leben eine Stiefmutter
-ist.&ldquo; &bdquo;O du Fromme,&ldquo; sagte Peter leise zu
-mir. Nach einer Weile blieb er unter einer Laterne
-stehen, nahm ein kleines schwarzes Heftchen aus der
-großen Manteltasche und schrieb.
-</p>
-
-<p>
-Das tat er oft, und ich ging gemächlich des Weges
-weiter.
-</p>
-
-<p>
-Wir kamen über einen großen Platz. Vielleicht gaben
-die schloßartigen Bauten mit den gegossenen Toren,
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-die eisernen Hüter der königlichen Gärten, Peter den
-Anlaß, mir zu erzählen, daß sein Vater der Fürst S.
-aus Westfalen sei und seine Mutter eine Leibeigene.
-Ich war gar nicht verwundert darüber, als ich seine
-schlanken Hände betrachtete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine Mutter&ldquo;, erzählte er weiter, &bdquo;war eine stille,
-blasse Frau. Ich kann mich kaum an den Ton ihrer
-Stimme erinnern; aber als ich meine &sbquo;Brautseele&lsquo;
-dichtete, hörte ich ihr Blut aus meinem Herzen singen,
-sanft und dann sehnsuchtswild, wie eine einsame
-Spätherbstblume.&ldquo; Wir schwiegen beide lange Zeit,
-über Erinnerungen wandelnd, bis es Abend läutete
-und die Glocken uns erweckten.
-</p>
-
-<p>
-Wir fragten einen Mann, der an uns vorübereilte:
-&bdquo;Wie kommen wir aus dem Tiergarten wieder auf
-die Straße?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und wir bogen und wendeten uns, bis wir glücklich
-den Weg wiederfanden. &bdquo;Sieh, Tino, hier tief im
-Dickicht habe ich Wochen zugebracht und Dunkelheiten
-getrunken! Oh, das waren einzige Gottnächte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber ich sah schmerzlich auf seine eingefallenen
-Wangen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich ging, meiner Ahnung vertrauend, voraus. Peter
-studierte indessen noch die Hausnummern gegenüber
-dem großen Gebäude, in das ich eintrat. Und wirklich,
-hier wohnte Gerhart Hauptmann. Er kam mir schon
-im Treppenflur entgegen, ja, er war es. &bdquo;Herr Hauptmann,
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-ich bringe Ihnen den Peter Hille lebendig
-hier; er hätte sicherlich wieder die verabredete Stunde
-versäumt.&ldquo; &bdquo;Sah ihn schon von meinem Fenster
-aus,&ldquo; rief Gerhart Hauptmann, er war nämlich schon
-unten, den Peter selbst heraufzuholen. Als die beiden
-kamen, sagte der Herrliche zu Hauptmann, mir schelmisch
-zunickend, &bdquo;Dies ist mein Kamerad, Tino nenne
-ich sie. Es ist der Name ihres Blutes, die grünrote
-Ausstrahlung ihrer Seele.&ldquo; Wir setzten uns, nachdem
-Hauptmann zärtlich den Mantel von Peter Hilles
-Schulter genommen hatte. Auf den Tischen lagen
-überall Journale, die meines Propheten Dichtungen
-enthielten, auch des Platonikers Sohn fehlte nicht,
-das wundergroße Schauspiel. Hauptmann schwang es
-triumphierend in die Höhe. Und ich hörte lauter
-Melodien; der Dichter Worte wurden Lieder. Und
-Hauptmanns stolzes Gesicht neigte sich seinem hohen
-Gaste zu, die Quelle seines Herzens zu erreichen,
-denn wie aus Leben gehauen saß Peter Hille in dem
-weiten, klaren Raum, sein Bart wallte ungeheuer.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-16">
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Karl Kraus
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Zimmer meiner Mutter hängt an der Wand
-ein Brief unter Glas im goldenen Rahmen. Oft
-stand ich als Kind vor den feinen pietätvollen Buchstaben
-wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein
-Gesicht dazu, eine Hand, die diesen wertvollen Brief
-wohl geschrieben haben könnte. Darum auch war
-ich Karl Kraus schon wo begegnet &mdash; &mdash; in meinen
-Heimatjahren, beim Betrachten der kostbaren Zeilen
-unter Glas im goldenen Rahmen. Den Brief hatte
-ein Bischof geschrieben an meiner Mutter Mutter,
-ein Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und
-sanftbewegt seine schmalen Lippen und sein Stirnschatz
-wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trägt
-frauenhaft das Haar über die Stirn gekämmt. Und
-immer empfangen seine Augen wie des Priesterdichters
-Augen gastlich den Träumenden. Immer
-schenken Karl Kraus&rsquo; Augen Audienz. Ich sitze so
-gerne neben ihm, ich denke dann an die Zeit, da ich
-den Schreiber des Briefes hinter Glas aus seinem
-goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir.
-Ich bewundere die goldgelbe Blume über seinem Herzen,
-die er mir mit feierlicher Höflichkeit überreicht.
-Ich glaube, sie war bestimmt für eine blonde Lady;
-als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen
-zu spielen. Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut
-durch sie zum Denkvertreib die Welt. Bunte Gläser,
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-ob sie fein getönt oder vom einfachsten Farbenblut
-sind, behutsam behütend, feiert er die Frau. Verkündet
-er auch ihre Schäden dem Leser seiner Aphorismen
-&mdash; wie der wahre Don Juan, der nicht ohne
-Frauen leben kann, sie darum haßt &mdash; im Grunde
-aber nur die Eine sucht. Ich begegne Karl Kraus am
-liebsten unter &bdquo;kriegsberatenen Männern&ldquo;. Seine
-dichterische Strategie sind Strophen feinster Abschätzung.
-Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer
-Kater, gestiefelte Papstfüße, die den Kuß erwarten.
-Manchmal nimmt sein Gesicht die Katzenform eines
-Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über
-den Raum &mdash; Allerleifurcht. Die große chinesische
-Mauer trennt ihn von den Anwesenden. Seine chinesische
-Mauer, ein historisches Wortgemälde, o, plastischer
-noch, denn alle seine Werke treten hervor,
-Reliefs in der Haut des Vorgangs. Er bohrt Höhlen
-in den Samt des Vorhangs, der die Schäden verschleiert
-schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst
-zu hassen, weil sein Raunen Flüsternde stört, weil
-sein Wetterleuchten Kerzenflackernden heimleuchtet.
-Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner Gerechtigkeit
-bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche.
-</p>
-
-<p>
-Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Päpste, die aus
-dem Zusammenhang getreten sind, auf ihrem Stuhl
-sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht und sucht sie.
-&mdash; Männer und Jünglinge schleichen um seinen
-Beichtstuhl und beraten heimlich, wie sie den grandiosen
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-Zynismusschädel zu Zucker reiben können. O,
-diese Not, heute rot &mdash; &mdash; morgen tot! Unentwendbar
-inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein
-lebendiges, überschauendes Denkmal. Er bläst die
-Lufttürme um und hemmt die Schnelläufer, den
-Königinnen mit gewinnendem Lächeln den Vortritt
-lassend. Er kennt die schwarzen und weißen Figuren
-von früher her von neuem hin. Mit ruhiger Papsthand
-klappt er das Schachbrett zusammen, mit dem
-die Welt zugenagelt ist.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-17">
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-Loos
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">on</span> der Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an
-den Totenschädel eines Gorillas; wendet mir
-Loos langsam das Gesicht zu, prüfen mich scharf
-des Gorillas runde, hellbraune Augen. Die sind gefährlich,
-greifen aus einem andern Denken, aus einem
-fremden, geschwinden Grund. Die Blicke der Gäste
-strafen mich für meinen Ausspruch, Loos selbst aber
-scheint nichts gehört zu haben. Ist er schwerhörig?
-Auf mich wirkt sein Unvernehmen geisterhaft, wundersam
-wund; für den unverstandenen Sprecher &mdash;
-unverständlich. Senkt Loos den Kopf, neigen sich
-seinem Ohre die Lippen zu; o, wie sanft er die Lider
-hängen läßt &mdash; man hat ihn dann lieb, die Lotosseele
-unter den Gorillen. Schielende, deren Züge etwas
-Rührendes erhalten, und Hinkende, die im verlorenen
-Gleichgang süße Interessantheit hinschaukeln &mdash; zehnfach
-tönt Loos das Wort wieder, ruft man es in ihn
-hinein. Dann wird er ein reißender Geist, den man
-im Echo heraufbeschwor, ein affenböser Künstler,
-reißt er dem die Perücke vom Kopf, setzt ihm den
-Skalp wieder an, daß er mit seiner Person vernarbe.
-Ein handgreiflicher Philosoph ist er, dem
-die Verschnörkelung der Architektur ein eitler Greuel,
-ein verwirrtes Knäuel ist, den er rücksichtslos löst.
-Loos will Ordnung schaffen in den Welten hier unten,
-in der Welt, die sich der von sich abstrebende Mensch
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-erschaffen läßt vom Architektenmenschen und nicht
-hineinpaßt. Wie viele sitzen und schwitzen in fremden
-vier Häuten, denn die Wände unseres Gemaches sollen
-unser passendstes Kleid sein, sie sollen die Schrift
-unseres Atems tragen. Die Seuche der Einrichtung
-hat sich schon in die Schlösser der Fürsten begeben,
-auf Altären liegen &bdquo;stilvolle&ldquo; Decken, und durch die
-Tempel der Künstler flutet das elektrische Licht der
-Birnen aus neuerfundenen Kelchen. Wollte man mir
-sogar auf den Rücken meines Zigeunerkarrens, meines
-grünen Holzvogels, die sogenannte aufsteigende Kurve
-(ich weiß gar nicht, was das ist) und langweilige kühle
-Linien ziehen, die große Klassikerlinie Weimarer
-Spätgeburt van de Veldisch architektiert. Man sehnt
-sich rein nach dem Buckel. Die Wände meiner Rast
-sind auch die Wände meiner Last, sind mit mir
-verwachsen, aufgewachsen. Meine Behausung gleicht
-mir auf ein Haar. Darum springe ich gerne aus
-meiner Haut mal, am liebsten in das mir vermählte
-Zimmer. Ist sein Bewohner auch meist nicht in seiner
-Hauptperson anwesend, sein Heim aber spricht für
-ihn. Kühlritterblau empfängt mich das Tapetengesicht;
-ich setze mich vor den Schreibtisch, vor Rhodopes
-farbige Statuette, meines auserwählten Zimmers
-heimliche Liebe. Über den Flügeldeckel kehren Lieder
-heim und legen sich auf die Tasten &mdash; schlummern
-und träumen laut; hingezaubert sitzt ja ihr Schöpfer
-auf dem runden Stuhl und spielt. Ich denke an meine
-Prinzessinnenzeit ... Wer salbt meine toten Paläste,
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-sie trugen alle die Kronen meiner Väter. &mdash; Ich
-hasse die Tische, Stühle, Sessel und so weiter, die
-sich verkuppeln ließen, mit ihrem Plebejerbesitzer;
-das sind Mesallianzen, Sessel, deren Lehne sich
-beugte immer tiefer ihrem Sitz zu. Ich denke an einen
-wie ein Melancholischer. &mdash; Ich helfe dir räumen,
-Loos, aber wehe dir, wenn ich nach Wien komme,
-und du sitzt nicht auf einem australischen Urwaldast
-zurückgezogen hinter Gedanken tausendgitterig.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-18">
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Oskar Kokoschka
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> schreiten sofort durch den großen in den
-kleinen Zeichensaal, einen Zwinger von Bärinnen,
-tappischtänzelnde Weibskörper aus einem altgermanischen
-Festzuge; Met fließt unter ihren Fellhäuten.
-Mein Begleiter flüchtet in den großen Saal
-zurück, er ist ein Troubadour; die Herzogin von Montesqiou
-Rohan ist lauschender nach seinem Liede als
-das Bärenweib auf plumpen Knollensohlen. Denn
-Treibhauswunder sind Kokoschkas Prinzessinnen, man
-kann ihre feinen Staub- und Raubfäden zählen.
-Blutsaugende Pflanzlichkeiten alle seine atmenden
-Schöpfungen; ihre erschütternde Ähnlichkeitswahrheit
-verschleiert ein Duft, aus Höflichkeit gewonnen.
-Warum denke ich plötzlich an Klimt? Er ist Botaniker,
-Kokoschka Pflanzer. Wo Klimt pflückt, gräbt
-Kokoschka die Wurzel aus &mdash; wo Klimt den Menschen
-entfaltet, gedeiht eine Farm Geschöpfe aus
-Kokoschkas Farben. Ich schaudere vor den rissig gewordenen
-spitzen Fangzähnen dort im bläulichen Fleisch
-des Greisenmundes, aber auf dem Bilde der lachende
-Italiener zerrt gierig am Genuß des prangenden
-Lebens. Kokoschka wie Klimt oder Klimt wie Kokoschka
-sehen und säen das Tier im Menschen und
-ernten es nach ihrer Farbe. Liebesmüde läßt die Dame
-den schmeichelnden Leib aus grausamen Träumen zur
-Erde gleiten, immer wird sie sanft auf ihren rosenweißen
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Krallen fallen. Das Gerippe der männlichen
-Hand gegenüber dem Frauenbilde ist ein zeitloses
-Blatt, seine gewaltige Blume ist des Dalai-Lamas
-Haupt. Auch den bekannten Wiener Architekten erkenne
-ich am Lauschen seiner bösen Gorillenpupillen
-und seiner stummen Affengeschwindigkeit wieder, ein
-Tanz ohne Musik. Mein Begleiter weist mit einer
-Troubadourgeste auf meinen blonden Hamlet; in
-ironischer Kriegshaltung kämpft Herwarth Walden
-gegen den kargen argen Geist. Auf allen Bildern
-Kokoschkas steht ein Strahl. Aus der Schwermutfarbe
-des Bethlehemhimmels reichen zwei Marienhände
-das Kind. Viele Wolken und Sonnen und
-Welten nahen, Blau tritt aus Blau. Der Schnee
-brennt auf seiner Schneelandschaft. Sie ist ehrwürdig
-wie eine Jubiläumsvergangenheit: Dürer, Grünewald.
-</p>
-
-<p>
-Oskar Kokoschka ist eine junge Priestergestalt, himmelnd
-seine blauerfüllten Augen und zögernd und
-hochmütig. Er berührt die Menschen wie Dinge und
-stellt sie, barmherzige Figürchen, lächelnd auf seine
-Hand. Immer sehe ich ihn wie durch eine Lupe,
-ich glaube, er ist ein Riese. Breite Schultern ruhen
-auf seinem schlanken Stamm, seine doppelt gewölbte
-Stirn denkt zweifach. Ein schweigender Hindu, erwählt
-und geweiht &mdash; seine Zunge ungelöst.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-19">
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Peter Baum
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">r</span> versäumt den Tag, und die Dunkelheit erreicht
-er, wenn es zu spät ist. Aber er träumt noch
-schnell unter dem verschwindenden Mond. Einmal
-kam Peter Baum barhäuptig im Januar ins Theater
-gegangen, draußen waren 15 Grad Zerfahrenheit.
-Einmal steckte er seine brennende Zigarre in die
-Hosentasche, später meinte Peter Baum &mdash; daß es
-nicht die Kartoffeln auf dem Feld gegenüber wären,
-aber daß seine Lende versenge. Und doch hat St. Peter
-Hille einmal gesagt: Peter Baum sei der sensibelste
-Mensch, den er je kennen gelernt habe. Peter Baum
-ist ganz blau. Das heißt übersetzt: Er ist ein Dichter.
-Sternenpsalme hat er gedichtet für die Harfe Davids,
-für das Herz Salomos, des Dichterkönigs von Juda.
-Und doch ist Peter Baum der leibliche Sohn und
-Erbe des Evangeliums. Seine Väter waren die
-Herren von Elberfeld im Wupper-Muckertale. Sie
-beteten zu Luther und wachten auf in Sonntagsfrühe
-beim ersten Schrei des Kirchenhahns. Manchmal erscheinen
-sie ihrem Urenkel im Schlafe, weniger der
-jüdischen Psalme, aber seines abtrünnigen Romans
-&bdquo;Spuk&ldquo; wegen. Es ist ein Roman im Kaleidoskop;
-die Bilder kommen buntartig und schwinden blendend
-wie teuflische Spiegel. Ein flackerndes Fleckenspiel
-hinter geschlossenen Augen. O, und seine wundervollen
-Novellen &bdquo;Im alten Schloß&ldquo; brachte er mir
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-eines Abends; seine große Tannengestalt erschien mir
-noch eine Krone höher, so aufwärts wie der Graf
-seines Buches, ein wetternder Weihnachtsbaum, der
-seinen Schmuck abgeschüttelt hat. Die Wochenschrift
-&bdquo;Sturm&ldquo; wird Peter Baums neuestes Werk bringen,
-das spielt zur Rokokozeit und ist in geblümter Seidensprache
-geschrieben. Wie tief seine Dichtungen doch
-ihn erleben und er sich an ihnen verwandelt!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-20">
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Franz Werfel
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza first">
- <p class="verse"><span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> entzückender Schuljunge ist er.</p>
- <p class="verse">Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Sein Name ist so mutwillig:</p>
- <p class="verse">Franz Werfel.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Immer schreib&rsquo; ich ihm glühende Liebesbriefe,</p>
- <p class="verse">Die unbeantwortet bleiben.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Aber wir lieben ihn alle</p>
- <p class="verse">Seines zarten, zärtlichen Herzens wegen.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Sein Herz hat Echo,</p>
- <p class="verse">Pocht verwundert.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und fromm werden seine Lippen</p>
- <p class="verse">Im Gedicht.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Manches trägt einen staubigen Turban.</p>
- <p class="verse">Er ist der Enkel seiner eigenen Verse.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Doch auf seiner Lippe</p>
- <p class="verse">Ist eine Nachtigall gemalt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Mein Garten singt,</p>
- <p class="verse">Wenn er ihn verläßt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Immerblau streut seine Stimme</p>
- <p class="verse">Über den Weg.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-21">
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-S. Lublinski
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">.</span> Lublinski ist von Geburt Ostpreuße. Er hat
-mir oft von seiner Heimat erzählt: dort sind
-noch die Wälder so finster und verwachsen wie kleine
-Urwälder. Zwischen knolligen Wurzeln und Stämmen
-ist sein Nest; knollig ist auch er an Leib und
-Seele, ein Knollengewächs, aus dem jäh eine leuchtende
-Blüte aufsteigt. Zusammengekauert in seinem
-Korbstuhl sitzt er, wie in einem großen Pflanzenkübel,
-und grübelt, ob er den Entschluß, den er
-zunächst erst in einiger Perspektive wohlwollend betrachtet,
-wirklich fassen soll oder nicht ... Wir beide
-haben manchen Abend bei schweigender Dunkelheit
-zusammen auf der Veranda des Kaffeehauses gesessen.
-Die Gäste sehen nach der Richtung unsers
-Tisches und lachen über das Holpern seiner Stimme;
-jedoch die Kellner, vom allerdicksten bis zum blaßwangigen
-Groom, haben sich schon an die eigentümliche,
-stoßende Hornsprache S. Lublinskis gewöhnt;
-sie harren aufmerksam seinem Wink und entreißen
-raubtierartig den lesenden Gästen Journale und Zeitschriften,
-die er verlangt. S. Lublinski schiebt seine
-Brille vorsichtig höher auf den Nasenrücken &mdash; der
-kleine Literat und der phlegmatische Baccalaureus-Referendarius
-nähern sich unserm Tisch. Mit außergewöhnlicher,
-liebenswürdiger Handgebärde fordert
-er die beiden jugendlichen Opfer auf, sich an unsrer
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Seite niederzulassen. Ich weiß: S. Lublinski ist in
-Kampfstimmung, er hat <a id="corr-7"></a>tagsüber Aufsätze schreiben
-müssen, und ihn ärgert die Erde mit den vielen
-Tintenfässern; und ohne jede Veranlassung, oder
-auf eine geringfügige Bemerkung hin, überfällt er
-den Nachbar &mdash; sein Herz jedoch schlägt Kobolz dazu.
-Mich interessiert die Strategie seines Angriffs &mdash;
-der arme Gegner, der an den Zorn seiner rollenden
-Augen glaubt und ihn gutmütig besänftigen will.
-Ihn reizt der bequeme Widerstand. Worte werden
-Kugeln, Bomben explodieren, der Kampf wird ernst.
-S. Lublinski schlägt mit der Faust dröhnend auf
-den Tisch; seine Augen bluten ... Gold hat sein Vater
-in der Jugend aus Kanadas Gefilden gegraben ...
-und die Lust nach Abenteuern hat sich in S. Lublinski
-vergeistigt. Aber der Freund kennt ihn auch im Zelt;
-er hat seine träumende Stirn gesehen mit dem poetischen
-Schneehauch. Und jauchzen möchte S. Lublinski!
-&mdash; Selten sehnte sich ein zweiter tiefer nach dem
-bübischen Lenztag, hinter dem Horizont auf der blauen
-Wiese nach dem fröhlichen Ringelrangelspiel, wie er.
-Aber der große Ungeschickte fürchtet, zu stolpern; und
-es ist ihm nichts beschämender, als lächerlich zu wirken
-&mdash; er würde eher mit einem Gänsekiel Verse schreiben.
-Unschönheit ist S. Lublinskis Kinderkrankheit ...
-Wie auf gerosteten Geleisen bewegt er sich vorwärts;
-seine Arme schleudern beim geringsten Außertaktkommen.
-So ist auch der Rhythmus seiner Seele,
-seiner Novellen und Dramen. Ich würde jede andre
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-Fassung für unecht betrachten ... Aber da steht kein
-Tor, daran er nicht rüttelt. &bdquo;Ich habe Prinzessin
-mein neues Buch: &sbquo;Gescheitert&lsquo; mitgebracht&ldquo; ...
-S. Lublinski beobachtet mich mißtrauisch unter seiner
-Brille &mdash; er weiß, mich interessieren eigentlich nur
-meine eigenen Dichtungen; aber ich bitte ihn auf
-seine stumme Voraussetzung, mir selbst eine Novelle
-seines Buches vorzulesen. Er liest die Geschichte des
-gehänselten Knaben &mdash; er öffnet seine Seele. Schwerer
-als jedes Kind, dessen Eigenart sich abhebt vom
-Durchschnitt, hat er gelitten &mdash; aber aus der dumpfen,
-beklemmenden Nacht seiner Leiden recken sich eiserne,
-kleine Fäuste, grauenhaft verzerrte Fratzen, aus denen
-klagende Kinderaugen blicken. Endlich von seinen peinigenden
-Altersgenossen befreit, den folgenden Schultag
-vergessend, führt er Kriegsspiele auf, allein,
-hinter den Hecken seines Gartens. In Reih und
-Glied tausend gehorchende Soldaten &mdash;: &bdquo;Vorwärts
-marsch!&ldquo; Und er an ihrer Spitze, als Befehlshaber,
-als Feldherr! Aus kleinen Steinen besteht in Wirklichkeit
-das tapfere Heer ...
-</p>
-
-<p>
-Wieder angelehnt im Sofapolster, das Buch zugeklappt
-auf dem Tisch, beginnt S. Lublinski in zynischster
-Weise seine Nachteulenähnlichkeit zu verspotten.
-Selten sehnte sich ein Zweiter schmerzlicher und unerfüllter
-nach Liebe wie der da ... Hannibal (eines
-seiner wuchtigen Dramen), der schwermütige, schwerwütige
-Krieger, der erwachsene Feldherr seiner Spiele
-hinter den Hecken seines Gartens. Peter Hille sagte
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-einmal: &bdquo;Den Hannibal hat er aus gerostetem Eisen
-geschmiedet.&ldquo; Aber nicht minder hart ist der zweite
-Akt seines Königinnendramas: Elisabeth und Essex.
-Ich habe oft S. Lublinski durch die durchsichtigen,
-großblumigen Gardinen seiner Fenster dichten sehen
-und hören. Die Kissen fliegen von den Sesseln, die
-Beine der Stühle und Tische knaxen, und ein Ertappter
-sitzt er nun wieder vor seinem Schreibtisch, die
-reine Stirn in die Hand gestützt. Leise fällt vom
-Himmel ein feiner Regen &mdash; gesponnenes Weinen &mdash;,
-mir ist, als ob auch seine Seele weine ... S. Lublinski
-aber gibt sich nicht lange weichen Stimmungen hin
-&mdash; er rafft sich auf: &bdquo;Frau Thormann, ich will noch
-fortjehen, ich habe ein wenig Kopfdruck.&ldquo; &bdquo;Aber
-Herr Lublinski, bei dem Regen?&ldquo; ... &bdquo;Da ist mir
-nicht bange; aber ich fürchte, der letzte Akt des Zaren
-ist mir was in die Breite jejangen&ldquo; ... Frau Thormann,
-seine hübsche, muntere Wirtin, hat mir mal
-ganz vertraulich gesagt: &bdquo;Mucken haben sie ja alle;
-aber er sieht immer wieder sein Unrecht ein, das muß
-man ihm lassen.&ldquo; Und sie würde mich wahrscheinlich
-für eine Verleumderin halten, wenn ich ihr erzählen
-würde, daß ihr großer Pflegling gestern auf dem
-Rücken der Sphinx, am Eingang des Cafés, gesessen
-hat und den Vorübergehenden, im jubelnden und
-schwärzesten Pathos, den Schiller deklamierte: &bdquo;Der
-See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen!&ldquo; Aber
-in der Frühe brachte mir die Post einen Brief von
-ihm: die gotischen, getürmten Buchstaben seiner
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-Schrift drohten über meine erschreckten Augen zu
-fallen: &bdquo;Prinzessin, ich habe von meinem Freund,
-nachdem wir uns von Ihnen gestern abend verabschiedet
-hatten, erfahren, daß Sie noch immer mit
-dem Schwätzer nachmittags im Café sitzen &mdash; ich fordere
-Sie zum wiederholten Male auf, den Verkehr abzubrechen,
-andernfalls ich meine Freundschaft zurückziehen
-werde. Außerdem weiß ich, daß mein Freund
-unter Ihrer neuen Akquisition leidet. S. Lublinski.&ldquo;
-Noch am selben Tag begegnen wir uns. S. Lublinski
-will an mir in zierlichem Bogen vorbeischlürfen &mdash;
-wir lachen &mdash; ich bemühe mich, ihm die Schweigsamkeit
-des Kaukasiers zu beweisen: &bdquo;Ich rieche zu gerne
-Steppe, Herr Lublinski; aber Sie wissen doch, nichtsdestoweniger
-liebe ich Ihren Freund, den prinzlichen
-Tondichter; &mdash; und bringen Sie ihm meine tiefblonde
-Verehrung.&ldquo; &mdash; S. Lublinski: &bdquo;Scheusal!!&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Alle Passanten haben es gehört &mdash; bis nach Hause
-haben mich die Straßenjungen begleitet. S. Lublinski
-muß sterben! ... Ich trage meinen siebenläufigen,
-ungeladenen Revolver unter dem Mantel versteckt,
-und der Mond am Himmel ist wie eine brennende
-Kanonenkugel. Die Mamsell hinter dem Bufett ruft,
-als sie mich erblickt, Moloch, den Oberkellner, den
-unersättlichen Götzen (seine Augen sind blanke Taler).
-&bdquo;Wo ist S., der Lublinski?!&ldquo; &bdquo;Herr Doktor sind
-soeben fortgegangen, haben aber für Sie einen Brief
-hinterlassen.&ldquo; Und seine Aussage noch bestätigend,
-weist er auf den Tisch hin, an dem Herr Doktor zu
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-sitzen pflegt: etliche Zündhölzer schwimmen, zerbrochen
-im Wasserbad auf dem Silbertablett ... &bdquo;Sehr geehrte
-Frau, ich gebe zu, daß ich mich in der Erregung
-heute morgen im Ausdruck hinreißen ließ, und ich
-sehe es gern ein und bitte Sie um Entschuldigung;
-jedoch die Tatsache selbst bleibt trotzdem unverändert
-bestehen. S. Lublinski.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zwei Jahre sind&rsquo;s nun her, als ich vor dem Riesenfenster
-des Kaffeehauses saß und S. Lublinski in
-großen, feierlichen Buchstaben antwortete:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sire, ich erkläre hiermit unsere freundschaftlichen
-sowie diplomatischen Beziehungen für aufgehoben&ldquo; ...
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-22">
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Paul Leppin
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> großer kantiger Vampirflügel mit Apostelaugen
-schwebt Paul Leppins Roman &bdquo;Daniel
-Jesus&ldquo; vor mir auf. Hier wandelt nicht das Werk auf
-Füßen, und ich suche nicht nach seiner Erde. Paul
-Leppins Roman ist eine Flügelgestalt, Himmel und
-Hölle schöpfen aus ihrem rauschenden Brunnen. Hat
-Paul Leppin &bdquo;Daniel Jesus&ldquo; oder hat Daniel Jesus
-&bdquo;Paul Leppin&ldquo; erschaffen? Die Vieraugen des großen
-kantigen Romans sind vom gleichen, tiefen
-Wachen. Aber Paul Leppin ist gewachsen, ungekrümmt,
-eine Linde, und sein Haar duftet nach dem
-sanften Blond ihrer Blüten, und Daniel Jesus hat
-einen Buckel, und unersättlich ist sein fahler Durst.
-Auf deine müde Hand, Daniel Jesus, tropft traumleise
-ein Goldtröpfchen; Martha Bianca tritt barfuß
-aus dem Herzen durch die Paulpforte. Voll
-Sonnenbangen ist Paul Leppin wie der Gipfel goldbedrängt,
-und er formt schwermütig aus goldenen
-Träumen, die bis in die Wolken ragen, bleierne
-Buckel. Mit gläubiger Gebärde aber schaufelt die
-Frau des Schusters das Martyrium von Daniels
-Jesus Rücken ... &bdquo;Prinzessin,&ldquo; sagt Paul Leppin
-zu mir, &bdquo;wir wollen auf einen wilden Ball gehen&ldquo;;
-wir finden nur klingelbehangene Tanzböden. Paul
-Leppin sehnt sich nach der Orgie seines Romans;
-die drehte sich hinter Sternenvorzeiten seiner Dichtung,
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-spöttisch hißte sie Satan auf Babelhöhe, Satan
-Daniel Jesus, Paul Leppins Geschöpf, von dem er
-sich losträumte. Inmitten der Tanzenden sitzt Daniel
-Jesus Paul zwischen nackten Eingeweiden, die sich
-verwickeln, verknoten nach seinem Szepter. Rasende
-Weiber taumeln sich im weichen, pochenden Raume
-und wachsen zu Lawinen über lüsterne Rücken. Und
-auf dem brandigen Haupt der Schusterfrau steht eine
-Mauer auf, eine leuchtende Krone, wie die des heiligen
-Landes &mdash; in ihrem Riesenleib tanzen alle die
-blutzerrissenen Leiber und ihre Teufel, wie in einer
-weißen Hölle; denn Daniel Jesus hat sie erhoben zu
-seiner Rechten. Es heißt im Buche: &bdquo;Andächtig küßt
-sie seinen Buckel, wie ein Kruzifix.&ldquo; Paul Leppin,
-ich grüße dich.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-23">
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-Richard Dehmel
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza first">
- <p class="verse"><span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">derlaß</span> und Transfusion zugleich;</p>
- <p class="verse">Blutgabe deinem Herzen geschenkt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ein finsterer Pflanzer ist er,</p>
- <p class="verse">Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Immer Zickzack durch sein Gesicht,</p>
- <p class="verse">Schwarzer Blitz.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-24">
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-Max Brod
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Volk wird nie nach ihm schreien; er sättigt
-nicht, er ist überhaupt nicht zum essen, man kann
-höchstens eine seiner Hände streicheln oder seinen
-Mund küssen &mdash; er hat einen schüchternen Kindermund.
-Der erzählt immer von sich, immer so hübsche
-Geschichten, die sich am Ende des Pfades reimen und
-viele, viele Wege geht er mit den Mädchen in seinen
-Gedichten. In Grimms Märchen ist er gemalt, wie
-er als Kind aussah, in Hänsel und Gretel. Ich hatte
-Max Brod eine Nelke mitgebracht, die trug er in der
-Hand, als er in den Saal kam, und ich bildete mir
-ein, er lese mir ganz alleine vor inmitten der königlichen
-Gemälde; ringsum an den Wänden: Van
-Gogh. Ich weiß den Namen seines Schauspiels nicht,
-aus dem er erzählte. Aber immer war es die Liebe,
-die über seine Lippen kam &mdash; mein Herz ging blau auf
-unter den vielen lauschenden Herzen. Max Brod ist
-ein Liebesdichter. Auch der andere Aufzug seines
-Schauspiels war ein Liebesgedicht, ein vielstimmiges,
-ein streitendes. Ich glaube, man kann nur Liebesgedichte
-in &bdquo;Prag&ldquo; schreiben, wo so viele Bögen und
-Wälle sind; und lauter graue Figuren treten aus den
-alten Häusern hervor &mdash; die Steingespenster führen
-die Herzen bange zusammen. Ich habe manchmal
-Sehnsucht nach Prag, schon um mit Max Brod durch
-die Gewölbe seiner Heimat zu wandeln, wo die alten
-Häuser wie Mumien stehn, zur Rechten und Linken.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-25">
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Alfred Kerr
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ilvester</span> 1908 bin ich Alfred Kerr begegnet unter
-künstlichen Balkansternen, zwischen schleierverhüllten
-Angesichten schöner Haremsfrauen und fezbedeckter
-Häupter weißgekleideter Muselmänner.
-&bdquo;Wissen Sie, wer der Beduinenfürst war?&ldquo; (Wir
-grüßten uns nach des Bosporus Zeremoniell und
-Sitte.) &bdquo;<a id="corr-8"></a>Reißen Sie mich nicht immer aus meinen
-morgenländischen Illusionen,&ldquo; antwortete ich meiner
-Begleiterin. Später hörte ich, der Araber mit dem
-Seidenmantel sei Alfred Kerr gewesen. Am besten
-gefallen mir seine Gedichte, sie sind humorsüß und
-fallen ihm in die Hand. Aber seine allerschönste Dichtung
-war ein spanisches Essay; jedes Wort trug eine
-Abendrotrose im Haar, jedes Wort war eine Senora,
-erhob sich und tanzte.
-</p>
-
-<p>
-Über den Kurfürstendamm sehe ich ihn manchmal nach
-der Kolonie heimwärts gehen. Dort wohnt Alfred
-Kerr in einer Villa, die beneidet wird, sonst pflegt
-man die meisten Kolonisten ihrer Villa wegen zu beneiden.
-Heimlich birgt dieses nachtumheckte Schlößchen
-seinen Dichter. Spät muß der Kritisierende die
-Kritik niederschreiben, die sind blaunervig wie er
-selbst und duften nach melancholischer Ironie. Wir
-haben uns beide nur immer das Schönste gesagt, wir
-kennen uns nur im Gruß. Mich dünkt, er träumt von
-&bdquo;Heinrich&ldquo; wie ein einziger Sohn, der sich einen Bruder
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-wünscht. Er träumt immer von seinem Bruder
-Heinrich Heine. Bald gleicht er ihm auf einen Nerv.
-Alfred Kerr müßte durch die Straßen von Paris
-wandern wie der tote Bruder, mich stört des Lebenden
-chevaleresker Mantel, sein abgestäubter Hut. Warum
-denke ich so? &mdash; Morgen lese ich im Tag seine gedichtete
-Kritik über Hauptmanns Premiere.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-26">
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Bei Guy de Maupassant
-</h2>
-
-<p class="subt">
-Eine Phantasie
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ir</span> allein will ich mein interessantestes Geheimnis
-anvertrauen, aber du mußt dies als meine
-Beichte betrachten und bewahren wie ein Amtsgeheimnis.
-</p>
-
-<p>
-Paris!
-</p>
-
-<p>
-Ich stehe an den Türpfeiler eines Magazins gelehnt
-und weine, als wollte ich mich in Tränen auflösen.
-Am Himmel standen schwarze Gewitterwolken, und
-der Boulevard war nicht allzu überfüllt von Spaziergängern;
-aber auch unter den wenigen Menschen, die
-mich erstaunt betrachteten, litt ich unsäglich. O, <span class="antiqua">petite</span>,
-o, was fehlt Ihnen, Mademoiselle? Sehen Sie
-doch, Madame, wie blaß die Kleine aussieht, und die
-großen Augen.
-</p>
-
-<p>
-Ich war damals ungefähr sechzehn Jahre alt, und
-noch in beständigem Kontakt mit meinem Gotte. Ich
-bildete mir nämlich ein, daß, als plötzlich ein furchtbarer
-Donnerschlag erdröhnte, der liebe Herrgott aus
-besonderer Freundschaft zu mir es gewittern ließe,
-über den Menschen, inmitten derer ich litt. Die auffällige
-Kritik über meine Person, die sich in diesem
-lauten Bedauern aussprach, entfachte auch schließlich
-meinen Zorn. So hielt ich dafür, daß die zwei Passanten,
-die plötzlich vor mir haltmachten, kein anderes
-Motiv leitete, als die Lust zur Neckerei. Namentlich
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-erbitterte es mich, da der helläugige der beiden seinem
-Begleiter zurief: &bdquo;<span class="antiqua">Mon cher</span>, sehen Sie doch einmal
-den kleinen Teufel!&ldquo; Der große Herr runzelte die
-Stirn, dabei murmelte er ein paar leichte Worte;
-ich verstand sie wohl, aber ich möchte sie im Interesse
-meiner Person lieber verschweigen; wieder fielen große
-Regentropfen aus meinen Augen, dann meinte der
-dunkle Herr in milderem Ton: &bdquo;Es handelt sich hier
-wieder um eine Bettelnovellette,&ldquo; und reichte mir ein
-Geldstück hin. Ich war sehr betroffen und konnte mich
-nicht enthalten zu rufen: &bdquo;O, Monsieur, ich bin keine
-Komödiantin und keine Bettlerin.&ldquo; Er schämte sich
-und versuchte durch allerhand Reden sich zu entschuldigen.
-&bdquo;Pardonnez, Mademoiselle, pardonnez, aber
-da Sie, wie ich aus Ihrer Aussprache entnehme, keine
-Französin sind, werden Sie sich schwerlich eine Vorstellung
-von der Schauspielkunst unsrer Nichtdamen
-machen können. Und möchte ich Sie bitten, sich mir
-anzuvertrauen.&ldquo; &bdquo;Ich bin so allein, Herr,&ldquo; sagte ich;
-ich glaube, sonst erwiderte ich nichts mehr, denn ich
-war ermattet bis zum Tode. Während wir noch beisammen
-standen, trat ein dritter zu den beiden und
-klopfte dem dunklen auf die Schulter: &bdquo;Na, <span class="antiqua">mon
-ami</span>, schon wieder im Dienste der Frauen?&ldquo; Der Helläugige,
-den ich trotz meiner tragischen Stimmung
-heimlich seiner Schönheit halber bewunderte, schob
-seinen Arm in den des hinzukommenden Herrn &mdash; ich
-glaube auf ein paar leise gesprochene Worte des
-Dunklen hin &mdash; und zog ihn, leise auf ihn einredend,
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-mit sich fort. Dann wandte sich der Bleibende mir
-zu, und es war eine eigentümliche Mischung von Erkühnen
-und Güte in seinem dunklen Auge, das mich
-in Furcht jagte und zu gleicher Zeit mir Mut machte.
-&bdquo;Hier ist kein Platz für Auseinandersetzungen, mein
-kleines Fräulein, und ich bitte Sie, mir zu folgen.&ldquo;
-Der energische Ton meines Beschützers wirkte suggerierend
-auf mich, und ich folgte ihm. Er schwieg,
-bis wir die gegenüberliegende Seite des Boulevards
-erreicht hatten; dann faßte er meine Hand und sagte,
-jedes einzelne Wort betonend: &bdquo;Mademoiselle, wenn
-Sie in mir einen Freund gewinnen wollen, so fürchten
-Sie sich nicht und vertrauen Sie mir Ihr Schicksal
-an.&ldquo; Ich war sehr glücklich über seine lieben Worte
-und atmete auf und wünschte mir nichts sehnlicher im
-Augenblick, als seine Hand zu drücken. Wir nahmen
-Platz im Garten eines Restaurants; der Fremde bestellte
-zunächst Bouillon und dann ein Hühnchen,
-welches er mir wie einem Baby vorschnitt. Dabei
-flüsterte er mir zu: &bdquo;Grade so ein kleines Hühnchen
-wie Sie, Mademoiselle.&ldquo; Dann mußte ich ihm meine
-Lebensgeschichte erzählen, wie ich an der Hand Apollos
-aus meiner Heimat durchgebrannt bin. &bdquo;Und warum
-gerade nach Paris, kleiner Robinson?&ldquo; Zögernd und
-fast tonlos entgegnete ich: &bdquo;Ich wollte in ein Meisteratelier.&ldquo;
-Dann fragte der Fremde: &bdquo;Haben Sie
-schon an eines angeklopft?&ldquo; &bdquo;Nein,&ldquo; sagte ich verlegen,
-&bdquo;ich habe mich mit meinem Gelde verrechnet
-und wollte mir erst etwas verdienen, um wenigstens
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-für einen Monat die Kosten zu erschwingen.&ldquo; &bdquo;Und
-was dann?&ldquo; fragte er nachdrücklich. &bdquo;Ja, dann, hoffe
-ich, Stipendien zu bekommen.&ldquo; Hierbei holte ich
-einen Zettel aus der Tasche, worauf die Adresse jenes
-Kleidermagazins stand, in dem ich engagiert war.
-Mein Beschützer begann zu lachen und meinte: &bdquo;Eine
-Direktrice können Sie doch sicher mit Ihrem schlanken
-Figürchen nicht abgeben.&ldquo; &bdquo;Aber eine Kostümzeichnerin.&ldquo;
-&bdquo;Ah, Sie wollen mit Stilleben Ihre
-Karriere beginnen.&ldquo; Wir lachten beide. &mdash; Nach
-einer Weile fragte ich ihn, ich glaube sehr scheu:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herr, wer sind Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin ebenfalls ein Kunstjünger.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Maler?&ldquo; fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, aber Schriftsteller.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich atmete auf in der unklaren Empfindung, mich in
-verläßlichen Händen zu befinden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun werde ich Ihnen einen Vorschlag machen,
-kleiner Robinson, zumal ich Sie nicht Ihrem Schicksal
-überlassen werde, bis Sie Ihre geschäftliche Angelegenheit
-geordnet haben. Ich bringe Sie zu einer
-Freundin, die mir lieb und teuer ist, zu einer Madame
-L. T., die wird Sie mit Vergnügen aufnehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir erhoben uns.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Allons, Mademoiselle!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Beim Verlassen versuchte ich, meinem Begleiter seine
-Auslagen zurückzuerstatten, obgleich dies meine letzte
-Barschaft war. Ich durfte die Bitte gar nicht zu
-Ende sprechen, als er schon den Kopf schüttelte: &bdquo;Aber
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Mademoiselle, Sie sind mein Gast.&ldquo; &mdash; In der Rue
-de R. hielt das Kabriolett vor einem villenartigen
-Hause. Ein zierliches Mädchen in Rosa öffnete die
-Tür und sagte, ohne meinen Begleiter zu Worte
-kommen zu lassen, fast vorwurfsvoll: &bdquo;O, Monsieur,
-Madame hat bis vor einer halben Stunde auf Sie
-gewartet, nun ist sie allein in den Bazar gefahren.&ldquo;
-Betreten murmelte mein Begleiter: &bdquo;<span class="antiqua">Mon Dieu</span>, wie
-konnte ich das vergessen!&ldquo; Ich fühlte mich als die
-Schuldige, dieses mochte der Fremde empfinden, da
-er beruhigend sagte: &bdquo;Ich nehme die Schuld auf
-mich.&ldquo; Ich hörte ihn leise vor sich hinsagen: &bdquo;Eine
-liebe Person ist Madame L. T.&ldquo; Dann wandte er
-sich wieder zu mir: &bdquo;Nun, ich werde Sie gegen Abend
-hinbringen, und Sie werden sie schätzen lernen, wie
-ich.&ldquo; &mdash; &bdquo;Gefällt Ihnen mein Heim?&ldquo; fragte Guy
-de Maupassant, der mir unterwegs endlich seinen Namen
-genannt hatte, von dessen Bedeutung ich damals
-noch keine Ahnung hatte. &bdquo;Jetzt wollen wir uns
-ruhig überlegen, was wir zu tun gedenken. Kommen
-Sie doch aus Ihrem Winkel hervor und fürchten
-Sie sich nicht vor mir! Haben Sie auch schon daran
-gedacht, falls Sie noch Eltern haben, daß die in Besorgnis
-sein werden, und daß ich eigentlich verpflichtet
-bin, ihnen Nachricht zukommen zu lassen?&ldquo; Er mochte
-wohl meinen Schreck bemerken, denn er fügte schnell
-hinzu: &bdquo;Nun, wir sind ja Kollegen, außerdem bin
-ich kein Moralprediger, und Ihr Unternehmen rüge
-ich keineswegs, im Gegenteil, es imponiert mir, aber
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-na, diesen Punkt wollen wir gemeinsam mit Madame
-L. T. überlegen. Für den Augenblick bin ich
-dafür, daß der kleine Robinson von den Strapazen
-seines Abenteuers sich etwas ausruht. Ich werde
-unterdessen ein wenig ausgehen und frühzeitig wieder
-erscheinen.&ldquo; Er war fort, und ich allein, mutterseelenallein
-im fremden Hause. Zunächst betrachtete
-ich die Gegenstände des Zimmers. Auf dem Schreibtisch
-standen einige Photographien, unter denen ich
-auch den helläugigen Herrn von heute morgen fand.
-Zu meiner großen Freude, denn er gefiel mir schon
-wegen seiner blonden Locken sehr gut. Dann aber
-spürte ich die so lange zurückgehaltene Müdigkeit,
-legte mich auf eines der Kanapees und deckte mich
-mit den Decken zu, die Maupassant für mich bereitgelegt
-hatte. Aus traumlosem Schlaf, wahrscheinlich
-durch das Geräusch einer aufgehenden Tür aufgewacht,
-mußte ich meine Gedanken erst mühsam sammeln.
-&bdquo;Herr Gott, wo war ich denn eigentlich?&ldquo; Ich eilte
-ans Fenster, und mir schoß plötzlich angesichts der
-fremdartigen Uniformen auf der Straße unten der
-Gedanke durchs Hirn: &bdquo;Wie kam&rsquo;s doch noch, daß
-ich in Paris bin.&ldquo; Mich überkam plötzlich die Angst
-eines Gefangenen, der keinen Ausweg weiß. &bdquo;Herr
-Gott, wenn nun der fremde, dunkle Mann ein Verbrecher
-wäre?&ldquo; Mir wurden plötzlich alle Sensationsgeschichten
-meines Lebens grauenvoll lebendig. Um
-mich zu orientieren, um gleichsam die Waffen meines
-Feindes kennen zu lernen, ging ich an den Schreibtisch.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-&bdquo;Was, Goethe!&ldquo; Nun fühlte ich mich in Sicherheit.
-Und was mich am meisten interessierte, da lag ja auch
-Petöfi. Der Dichter, der mir gefiel in seiner ungarischen
-Studentenuniform. &bdquo;Ach, Monsieur!&ldquo; rief
-ich erstaunt und erschreckt. Maupassant stand nämlich
-vor mir, ich mußte sein Klopfen überhört haben.
-&bdquo;Nun, mein kleiner Robinson, Sie sehen ja so frisch
-aus, wie ein Dijonknöspchen; jetzt wollen wir weitere
-Dispositionen treffen. Übrigens öffnen Sie einmal
-die beiden Schachteln, mit deren Inhalt bald zwei
-kleine Buben spielen werden.&ldquo; In der einen Schachtel
-lagen schonungsvoll Bleisoldaten geschichtet, mit
-dunklen Waffenröcken und roten Hosen. In der Mitte
-der Schachtel aber lag, umgeben von seinen Getreuen,
-Napoleon III., hoch zu Roß. Aus der andern Schachtel
-glotzten mich porzellanene Froschaugen an, Enten
-mit gelben Schnäbeln, Reptilien aller Arten &mdash; ein
-ganzes Aquarium. Ich richtete die Soldaten parademäßig.
-Maupassant hatte währenddes eine Waschschüssel
-herbeigeholt, und wir ließen nun die Ungeheuer
-auf den Fluten, die wir zu künstlichen Stürmen
-erregten, nach Herzenslust austoben.
-</p>
-
-<p>
-Wir, Maupassant und ich, waren auf einmal intim
-wie zwei Gespielen. Das fand auch Maupassant.
-&bdquo;Wir würden uns, glaube ich, sehr gut vertragen,&ldquo;
-sagte er plötzlich und klopfte mir auf die Backe. Dann
-aber begann er ernstlich über meine Situation zu
-reden. &bdquo;Ich habe eben Erkundigungen eingezogen über
-das Magazin. Der Chef steht keineswegs in gutem
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-Leumund. Ich rate Ihnen davon ab, dort einzutreten
-aber vielleicht haben Sie noch andere Fertigkeiten,
-die sich verwerten ließen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach ja, Herr Maupassant, ich tanze sehr gut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So, dann wäre ja der Zirkus oder das Ballett gar
-nicht übel!&ldquo; meinte er nicht ohne Ironie. &bdquo;Und
-welcher Tanz wäre denn Ihre Spezialität?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Danse de ventre.</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So?&ldquo; Maupassant lächelte erstaunt. &bdquo;Da müssen
-Sie mir gleich eine Probe Ihrer Fertigkeit ablegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Eh bien!</span>&ldquo; rufe ich in heller Begeisterung: &bdquo;Sie
-werden der Pascha sein, vor dem ich mich mit meinem
-Kostüm produziere.&ldquo; &bdquo;So hätten wir auch das Lokalkolorit,&ldquo;
-ergänzte er. Ich war indessen schon so eingebürgert
-in der gastlichen Wohnung, daß ich die
-Türe öffnete und Maupassant bat, so lange meine
-Toilette währte, zu verschwinden. Eine golddurchwirkte
-Decke, die auf einem der Tischchen lag, nahm
-ich und wand sie um meine Lenden bis zu den Füßen
-herab. Ich löste meine Haare und entnahm einer
-Vase einige Nelken, die ich mir kreuzförmig um den
-Kopf flocht. Ich muß ausgesehen haben wie eine
-Wilde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Entrez, monsieur le Pascha, s&rsquo;il vous plaît.</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Maupassant trat ein, auf dem ausdrucksvollen Kopfe
-einen Fez und um den Hals eine reiche Münzenkette,
-mit majestätischem Ernst nahm er auf einem zum
-Thron umdrapierten Sessel würdig und feierlich
-Platz, und die Vorstellung begann.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-&bdquo;<span class="antiqua">Charmant, drôle, superbe!</span>&ldquo; rief er ein über das
-andere Mal, und seine Würde vergessend, begann er
-taktmäßig den Kopf hin- und herzuwiegen bei jedem,
-Kastagnettenschlag markierenden, Schnippen meiner
-Finger. Die Nelken aus den Haaren nehmend, kniete
-ich zum Schluß vor ihm nieder. &bdquo;Mein Fürst und
-Gebieter, hat deine Prinzessin Gnade vor deinen
-Augen gefunden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was begehrst du?&ldquo; rief der Pascha mit Pathos.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Deine Freundschaft, Herr.&ldquo; &mdash; Wir fuhren am Abend
-noch, da Maupassant sich dagegen sträubte, mich in
-das obskure und für mich gänzlich ungeeignete Hotel
-&bdquo;Maison Bohème&ldquo; zu bringen, in dem ich bei meiner
-Ankunft, da es mir wie ein Wahrzeichen erschien, abgestiegen
-war, zu Madame L. T. &mdash; Unterwegs bat
-er mich, ihn zu küssen, da er doch mein Gespiele sei.
-Ich war im Begriff, meinen Kopf in die Höhe zu
-recken und ihn zu küssen, da ich seinen Wunsch ganz
-natürlich fand &mdash; doch nein, &mdash; plötzlich senkte ich
-meinen Kopf wieder in die alte Lage zurück, denn in
-diesem Augenblick fiel mir ein, was Maupassant mir
-gesagt: &bdquo;Ich verachte die Frauen, weil ich sie nötig
-habe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, plötzlich anders gewillt?&ldquo; rief er erstaunt und
-gekränkt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah so,&ldquo; meinte er lächelnd. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Madame L. T. empfing mich liebenswürdig und küßte
-mich nach französischer Sitte auf beide Wangen.
-&bdquo;Hier bring&rsquo; ich Ihnen einen kleinen Robinson,&ldquo; erklärte
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Maupassant. &bdquo;Und vor allen Dingen <span class="antiqua">une
-belle fille</span>,&ldquo; sagte Madame L. T. weiter. &bdquo;Das finde
-ich keineswegs,&ldquo; warf Maupassant ein, &bdquo;apart &mdash;
-ja &mdash; ein Mädchen mit Knabenaugen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit gedämpfter Stimme unterhielten sich die beiden,
-wahrscheinlich über meine Zukunft, hinter der Portiere,
-und dann empfahl sich mein Beschützer, nicht
-ohne mich nochmals ausdrücklich zu beruhigen: &bdquo;Mein
-liebes Fräulein, seien Sie unbesorgt, Sie befinden
-sich in den besten Händen!&ldquo; Madame führte mich
-in ein kleines Boudoir, wo wir den Tee einnahmen.
-Sie hörte nicht auf mit Liebkosungen; und noch mehr
-wie meine Leidensgeschichte interessierte sie mein Renkontre
-mit Maupassant.
-</p>
-
-<p>
-Meine Wangen glühten im Gespräch, und ich machte
-ihr das Geständnis, daß Maupassant mir sehr gut
-gefiele, daß er mich habe küssen wollen, was ich aber
-stolz abgelehnt. Als ich schwieg, begann die Dame,
-die während meiner begeisterten Aussprache erblaßt
-war, mir klar zu machen in der delikatesten Weise, daß
-man die Liebe eines Mannes wie Maupassant sich am
-besten bewahre durch Zurückhaltung. Und dann verstand
-sie in rührender Weise mich aufmerksam zu
-machen, wie besorgt meine Angehörigen nun wohl um
-mich sein würden. Sie brachte mich zu Bette wie ein
-Kind, und ich konnte nicht unterlassen, meine Arme
-um sie zu schlingen wie instinktiv, um ihr Abbitte zu
-leisten dafür, daß ich ihr Schmerzen bereitet hatte.
-Ich weinte bitterlich diese Nacht, nicht ohne das wohltuende
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Gefühl einer gewissen Hochachtung vor mir
-selbst &mdash; denn ich faßte den Entschluß, eine heroische
-Tat zu vollbringen, Paris zu verlassen &mdash; Maupassant
-nie wiederzusehen.
-</p>
-
-<p>
-Morgens früh klopfte ich an die Tür der Dame und
-teilte ihr meinen Entschluß<a id="corr-9"></a> mit, daß, falls sie mir das
-Geld zur Rückreise borgen wolle, ich Paris verlassen
-würde. Ich glaube, im Grunde plagte mich das
-Heimweh, das durch das Wort Madame L. T., noch
-geschürt wurde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O, meine liebe Madame L. T., nicht wahr, Sie
-grüßen Monsieur Maupassant von mir?&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-27">
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Albert Heine &mdash; Herodes V. Aufzug.
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza first">
- <p class="verse"><span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">inter</span> deiner stolzen, ewigen Wimper gingen wir unter,</p>
- <p class="verse">Schwermütige Sterne brannten auf deinem Lide.</p>
- <p class="verse">Deine große Hand beugte das Meer</p>
- <p class="verse">Und brach ihm die Perlen vom Grund.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die Wüste war dein Schild</p>
- <p class="verse">In der Schlacht.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">An dich dürfen nur Dichter und Dichterinnen denken,</p>
- <p class="verse">Mit dir nur Könige und Königinnen trauern.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Alle Leiber der Stadt ringeln sich</p>
- <p class="verse">Giftig um deinen Leib.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Deine Schwester bespie den Traumstein deiner Liebe.</p>
- <p class="verse">Du, ein beraubter Palast,</p>
- <p class="verse">Judas schwankende Säule,</p>
- <p class="verse">Völker bedrohend.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">So arg mag nur ein Schöpfer lichtmitten</p>
- <p class="verse">Seiner Reiche zerbersten.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-28">
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-Karl Vogt
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza first">
- <p class="verse"><span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> ist aus Gold &mdash;</p>
- <p class="verse">Wenn er auf die Bühne tritt,</p>
- <p class="verse">Leuchtet sie.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Seine Hand ist ein Szepter,</p>
- <p class="verse">Wenn sie Regie führt.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Den Trauerspielen Strindbergs</p>
- <p class="verse">Setzt er Kronen auf,</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Aus den Dichtungen Ibsens</p>
- <p class="verse">Holt er die schwarzen Perlen all.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Er kann nur selbst den König spielen</p>
- <p class="verse">Im Spiel.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Morgen wird er König sein &mdash;</p>
- <p class="verse">Ich freu&rsquo; mich.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-29">
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Paul Lindau
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">anchmal</span> sitzt Paul Lindau abends im Café des
-Westens und freut sich über die bunten Jünglinge
-und zwitschernden Mädchen. Er ist nicht hochtrabend,
-er tut mit. Seines Herzens leuchtende Farbe ist
-nicht eingetrocknet. Meine Eltern hatten Paul Lindau
-furchtbar lieb. Er war Redakteur in der Elberfelder
-Stadt. Ich habe Paul Lindau eines Tages gesagt,
-Herr Doktor, ich bin Else Schüler. Da meinte er, er
-habe meine Eltern nicht vergessen. Und wenn wir uns
-nun begegnen, denken wir an ein Haus am Wupperstrand,
-darin die Feste ein und aus tanzten. Paul Lindau
-hat Temperament, er kann keine Maske anlegen,
-sie würde nicht lange dauern vor seinem Herzen. Er
-ist ewig jung. Aber auf allen Tischen und Vorsprüngen
-seiner Gemächer liegen antike Sammlungen, rissige
-Geschenke aus allen Erdteilen. Ich muß Paul
-Lindau aus meinem Leben erzählen; er versteht zuzuhören;
-diamantisch strahlt seine Liebenswürdigkeit.
-Mutter und Großmütter, Vater und Urväter hängen
-eingerahmt in goldenen Rahmen über seinem Schreibtisch;
-er selbst als Knabe blauäugig und rosengelockt.
-Nicht viel älter war ich, als ich seinen wundervollen
-Barmer-Roman las, von seinem alten Pfarroheim
-und den beiden süßen Kusinen. No leckern Äppeln rukt
-sinne Liebesgeschechte on dat ganze Hus von sing heelegen
-Onkel bis bowen op die Rompelkammer, wo
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-die Äppels em Wenter leegen. Ich erinnere ihn an
-die Sitte. Paul Lindau weiß alles noch ganz genau.
-Diabolisch sind die schwarzen Täler der Schornsteine
-&mdash; denkt seine ernste Stirne, aber die Sonne spielt
-dazu ganz bunt auf seinen schlanken Händen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-30">
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-Bei Julius Lieban
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> bitte Herrn Lieban, mir einen Nachtigallenspaß
-aus seinem Leben zu erzählen. Wir sitzen in
-seinem kleinen Gemach auf gemondeten und gestreiften
-Diwans, Herr Lieban, sein Töchterchen Eva und ich.
-Herr Lieban erzählt von Wanderzügen nach dem Süden.
-Wunderbar ahmt er die Begeisterung des temperamentvollen
-Publikums nach; eine ganze Reihe
-verschiedener Mienen huschen auf seinem Gesicht vorüber.
-Noch heute spricht man in Florenz davon, wie
-er eines Tages angeflogen kam und gesungen und es
-hinausgejubelt hat das feurige Lied an die Teure
-seiner Heimat: &bdquo;Dein ist mein Herz und soll es
-ewig bleiben!!&ldquo; Und wieder zarter einsetzend: &bdquo;Dein
-ist mein Herz und soll es ewig bleiben ...&ldquo; Und
-bei seiner Abreise haben sie auf dem Bahnsteig, auf
-dem Trittbrett und im Waggon gestanden. Jedes
-trug ein leuchtendes Herz am Busen geheftet. &bdquo;Arivederla,
-Signor Giulio, arivederla!&ldquo; Ein halbes
-Kind war er damals noch, aber Herr Lieban ist noch
-heute neunzehnjährig mit seinen kurzen, schwarzen
-Ringelrangelrosenlocken und den dunkeln Schalkaugen.
-&mdash; Mutwillig, sturmwillig über die weichen
-Teppiche &mdash; hin und her flattern die Portieren. &bdquo;Hab&rsquo;
-im eigenen Hause keine Ruhe &mdash; hören Sie, da klingelt&rsquo;s
-wieder.&ldquo; In diesem Salon unterschreibt
-Maestro ein Engagement, in jenem erwarten ihn bittende
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Lippen. Einige Damen in Pelz und Federhüten
-sehe ich durch den Perlenvorhang auf niedlichen Rokokostühlen
-sitzen. Herr Lieban soll in einer Wohltätigkeitsvorstellung
-singen, Herr Lieban kann nicht
-abschlagen, das wissen alle schon. Mit zugehaltenen
-Ohren eilt er plötzlich wieder an uns vorbei; aus dem
-Studierzimmer dringen schmerzliche Töne einer harrenden
-Schülerin. &bdquo;Sie stimmt ihre Kehliatur&ldquo;,
-flüstert mir schelmisch Eva ins Ohr. Und Herr Lieban
-weiß gar nicht, was er zuerst erledigen soll. Klein-Eva
-und ich sind ganz alleine &mdash; Klein-Eva hat ebenfalls
-einen Kobold im Auge sitzen und Goldflatterhaare
-hat sie; sie will nicht zur Bühne gehen &mdash; der
-Vater hat ihr zu viel Schlimmes von dort erzählt.
-Und als Herr Lieban sich uns wieder widmen kann,
-bitte ich ihn, auf sein Töchterchen zeigend, mir auch
-etwas Schlimmes von dort zu erzählen. Er nickt
-einige Male ernsthaft mit dem Kopf, er nickt seinem
-Liebling zu; der scheint zu wissen, was seinen Vater
-so verwundert hat. &bdquo;Ja, ich kann&rsquo;s nicht verschmerzen,&ldquo;
-sagt Herr Lieban, &bdquo;genau fünfundzwanzig Jahre
-sind&rsquo;s her, ich spielte den Mime in der Premiere
-des &bdquo;Siegfried&ldquo; im Berliner Viktoriatheater. Wagner
-stand hinter der Bühne, und es geschah, daß man
-mich nach dem zweiten Akte verlangte und den Schöpfer
-vergaß. Wagner stürmte fort und ließ sich am
-Abend nicht mehr sehen. Aber das, was ich nicht
-verschmerzen kann, ist: als wir am andern Tag den
-Erfolg des Meisterwerks feierten und wir Mitwirkenden
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-uns am Eingang des Theatersaals aufgestellt
-hatten, Wagner unsere Ehrfurcht in Form einer
-Gabe zu Füßen zu legen, daß er da jedem von uns
-lebhaft die Hand drückte, an mir vorüberschritt, meinen
-Gruß nicht beachtete und mir zurief: &sbquo;Sie haben
-mir ja den gestrigen Abend umgeschmissen.&lsquo; Sehen
-Sie, das habe ich nie verschmerzen können, gerade
-weil er ein Gottkünstler ist.&ldquo; Eva sagt: &bdquo;Vater
-hat&rsquo;s gedruckt im Buch stehen&ldquo; &mdash; sie springt aus der
-Türe und holt das vergilbte Buch vom Schreibtisch.
-Herr Lieban muß lächeln. Aber seufzend mit der
-Puppe im Arm begleitet mich Eva die Treppe hinunter.
-Durch die Villenallee nach Hause zu lese ich
-im Vorübergehen an der Litvassäule Julius Liebans
-Namen. Er singt heute abend den David, den finsterulkigen
-Schusterjungen. Den David kann kein andrer
-singen. Seine Stimme sind Saiten einer Leier, die
-einmal an einem Freudentage ein Gott erschaffen hat.
-Seine Lieblingslieder rauschen durch Seidengärten,
-und mit Silberglocken behangen klingen seine Schelmengesänge
-und tragen bunte Tracht. &bdquo;Es ist zum
-Küssen ...&ldquo; einer sagt&rsquo;s dem andern unter den
-großen Lichtsternen entzückt ins Ohr.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-31">
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-Friedrich von Schennis
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Baron ist eine Schöpfung aus Genie; er ist
-bereitet aus Himmel und Satan, aus Fegefeuernuancen
-und gottblau. Mein Bruder nannte ihn
-den Marquis; ich dachte immer, könnte ich den Marquis
-sehn. Eines Tages sah ich den Marquis in
-gepuderter Perücke, in blauem Samtrock, die Rokokohände
-zwischen feinen Spitzen, lustwandeln über
-die Wege von Sanssouci auf seinem Bild in der
-Nationalgalerie. So überall im Rahmen atmet er
-mit seinen Farben vermischt; zwischen ocker und bleu
-liegt er auf seiner Palette. Und aus den Rosen des
-Parkes steigt sein Duft und die Stirn des Schlosses
-bescheint seine Andacht. Friedrich von Schennis ist
-ein Andächtiger. Noch zwischen losen Frauenlippen
-und seinem wilden Zynismus lauscht er nach Gott.
-Sein Zynismus schluchzt. Der Baron ist schön, sein
-Angesicht ist feierlich, immer liegt ein Schleier auf
-seiner feinen Haut. Die fältet sich schmerzlich dann,
-wenn sein Auge die Wirklichkeit erblickt, die Wirklichkeit
-ohne Zeremonie. Ich wundere mich nicht, daß
-er den Philister haßt, den Sonntags- und Alltagsphilister,
-noch eindringlicher aber empfinde ich seine
-Verachtung gegen den freigewordenen Bürgersohn,
-den Studenten der Kunst. &bdquo;Die Kunst kann man nicht
-erlernen, nicht wahr, Herr Baron, Herr Marquis,
-König aller Könige?&ldquo; Ich sitze neben ihm und bin
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-der Prinz von Theben. Und zu seiner Linken versteht
-ein Arzt des Rausches die unbekümmerten Launen
-des Barons zu beschwichtigen. Aber der Baron liebt
-das Gaukelspiel des Herzens. Wir müssen mit ihm
-Champagner trinken, er will Begleiter zur Vergessenheit
-haben. Aber ich weiß, der Baron kann nicht vergessen,
-er kann wohl trunken, doch nicht betrunken
-werden. Ich vergieße den schäumenden Luxus, der
-herrliche Mundschenk zersplittert, mich zu ehren, meinen
-gläsernen Kelch. Das hätte Friedrich der Große
-auch in seiner Flötenlaune getan; der Baron stammt
-aus der Zeit der Flötenkonzerte. Er hat kein Alter,
-er ist wandelbar wie die Zeit, die einmal Lenz und
-einmal Herbst zum Zeitvertreib ist. Trägt der Marquis
-nicht seine Perücke wie auf der Schloßlandschaft
-in der Galerie, so ist sein Haar aschblond, sein Auge
-ist aus Merveillieuxseide, und seine Hand bewegt sich
-immer wie zum Holen einer Schönen zum Menuett.
-Seine Freude und seine Schwermut sind Jünglinge,
-und darum haßt er den Tod und möchte ihn vergessen
-im Wein. Sein Esprit erinnert an Voltaire, lauter
-Blitze, die treffen und Brände werden. Wenn der
-Mond gegangen ist über den Garten, dann werden wir
-auch nach Hause gehn, ich will noch über Friedrich
-von Schennis einen Essay dichten. Seine Bilder sind
-adlig und blaublütig. Liszt, der Musikpapst, Wagner
-und der Großherzog von Weimar sind seine stolzesten
-Werke, und die vielen Liebeslandschaften hängen in
-Nischen minniglicher Schlösser.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-32">
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Tilla Durieux
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> würde für sie auch im Privatleben das Eboligewand
-wählen, den zackigen, weißen Kragen, der
-ihr Angesicht, ein Bukett von Lichtwende und Herzschatten,
-wie mit einer Atlasmanschette umgibt. Frau
-Durieux spielt im Theater Reinhardts die Eboli;
-die schlummernde Saitenspielerin ist auferstanden aus
-ihrem Sarkophage. Es tut wohl, sie in &bdquo;prinzeßlicher&ldquo;
-Wirklichkeit wiederzusehen, in ihrem eifersüchtigen
-Herzen zu erleben den Kampf mit der Kabale.
-Den schnöden Verrat an die Königin verabreicht
-sie dem lauernden Pater noch mit traumhaften Fingerspitzen.
-Keineswegs hysterisch gehässig &mdash; historisch
-wie ihr Kleid wirkt das intrigante Frauenspiel in
-der Kapelle steinerner Nacht, an der blutgenagelt
-Gottes Sohn hängt. Frau Durieux&rsquo; verzweifelte
-Gebärde, nachdem ihre Königin sie verstößt, erinnert
-an das Gemälde der büßenden Magdalene. &mdash; Als
-ich sie vor einiger Zeit in ihrem Gemach erwartete,
-suchte ich unwillkürlich nach der Laute. Da kam mir
-entgegen Rhodope, ihre Hände hingen herab wie
-Myrthen. Diese himmelweiße Syrierin ist der Glorienschein
-ihrer Eingebung, das keusche Geschmeide
-ihrer Begabung. Beweglich ist die Verwandlungskunst
-der Frau Durieux, denn wer vermutet nach der
-bräutlichen, geduldigen Königin und der verwöhnten
-Lautenspielerin, &bdquo;Sie&ldquo; in der bitteren Haut der eigensinnigen
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-Spielverderberin der ältlichen Schwester der
-Brüder im Friedensfest. Krummrückig zum Fußaufstampfen,
-hartnäckig widersetzend, den Angehörigen
-eine giftige Augenweide. &mdash; In &bdquo;Gott der Rache&ldquo;
-von Schalom Asch spielte Frau Durieux die junge
-Kupplerin des Bordells. Ich sehe sie noch keck in
-der Mitte des Sofas sich hinflegeln mit der Frechheit
-einer freigewordenen Sklavin, mit dem Machtbewußtsein,
-vernichten zu können je nach Berechnung.
-Das scheußliche Verbrechen ihres früheren Bordellchefs
-zappelt auf ihrem Knie, sie läßt es kichernd
-über ihrem Strumpfband hängen, sie braucht nur den
-lockeren Vorhang aufzuheben. Tilla Durieux spielte
-skandalös hervorragend. Hier nenne ich die Schauspielerin,
-die Charakteristik ihres Zivils vergessend,
-kurzweg &bdquo;Tilla&ldquo; Durieux; aber wer sie in ihrem
-Privatgemach je sah, umgeben vom Staat schützender
-Tore und mächtiger Bequemlichkeiten, sie selbst zum
-Empfang der Gäste sich liebenswürdig ermannend,
-wird mit mir empfinden, daß sie keineswegs eine
-Bohèmin ist, zu treu dem Einen außerdem, auch daß
-ihr die seelische Leichtigkeit der Umgebenheit fehlt,
-und ich nenne sie &bdquo;Frau&ldquo; Durieux nicht etwa wie man
-die Spießerin zu nennen pflegt, aber weil sie die
-Hofdame der Schauspielerinnen ist; jeder Tag muß
-ihr &bdquo;d&rsquo;or-jour&ldquo; sein. &mdash; Auf dem Sezessionsfest im
-Februar teilte sich die Menge in zwei Flittergitter, als
-sie den Saal betrat. Sie trug ein dunkles Spitzenkleid
-und eine hängende Nelke im Haarknoten. Ich
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-fragte den Rektor in &bdquo;Frühlingserwachen&ldquo; an unserm
-Tisch, wer die schwarze Leopardin mit dem Blutstropfen
-am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, <a id="corr-10"></a>geschmeidiger
-Charme, in ihrem Herzen blühen feine
-Nerven schmerzvoll auf. Aber als es Mitternacht
-war, tanzte sie, auf einer Perle des Sekts rollend,
-mit leuchtenden Augen im bunten Spiele der Masken.
-Dieses Jahr gibt es wieder ein Fest; ich hoffe, daß
-Frau Durieux auf Erden weilt, sie hält sich nämlich
-ab und zu mit Vorliebe oben in den Wolken verborgen,
-in ihrem Luftballon, und was wird sich Prinz
-Karneval ärgern, wenn sie ihm nur eine lange Nase
-machen wird. &mdash; Die Maschen des Netzes, das den
-Ballon umhüllt, lockerten sich schon einmal. &bdquo;Ein
-Punkt in der Ewigkeit&ldquo; kommt man sich im Raume
-vor, erzählt Frau Durieux. Sie ist ohne Furcht
-und Zaudern. Zwischen Leere und Leere, Vogel sein,
-nur Atem, so folge ich in Gedanken den Schilderungen
-der Luftschifferin in die Lüfte. Da nimmt ihr Terrierhund
-einen Anlauf aus salonansalongereihter Ferne,
-springt mir auf die Schulter, ich falle vor Schreck
-aus allen Himmeln.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-33">
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-Paul Zech
-</h2>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza first">
- <p class="verse"><span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ing</span> Groatvatter woar dat verwunschene Bäuerlein</p>
- <p class="verse">Aus Grimm sinne Märchens.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Der Enkelsonn ist ein Dichter.</p>
- <p class="verse">Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Man kann sie in die Hand nehmen,</p>
- <p class="verse">So hart sind die.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Sein Vers wird zum Geschick</p>
- <p class="verse">Und zum murrenden Volk.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Er läßt Qualm durch sein Herz dringen:</p>
- <p class="verse">Ein düsterer Beter.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Aber seine Kristallaugen blicken</p>
- <p class="verse">Unzählige Male den Morgen der Welt.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-34">
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-Rudolf Blümner
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">en</span> Mephisto spielt er jeden Abend, eine Privatvorstellung
-im Freundeskreis. Ohne witzelnde Fußspitzenpose
-&mdash; der Doktor hat Humor, der im Kranichschritt
-mit dem Schwermutflügel einherschreitet. Wenn
-er nicht kommt, sind wir alle belämmert; die gretchenblondesten
-Mädchenköpfe freuen sich, wenn der Mephisto
-endlich doch kommt. Er versteht Greisengesichtern
-lächelnde Jünglingsaugen einzusetzen, wenn er
-bei Laune ist und sein Herz mit übersprudelndem
-Schalkwillen vorträgt. Wehe aber, wenn er durch
-die Türe kommt, und sein Hut sitzt schief in die Stirne
-gedrückt &mdash; es regnete &mdash;, er konnte heute kein Luftbad
-nehmen, ein paar Sätze von der Galle, mehr
-hören wir nicht. Aber seine Galle ist kariert. Nie
-war ein Hut so mit seinem Kopf verwandt, wie
-Doktor Blümners Hut. Der ist ein Mime, durchblutet
-mit den Eigenarten seines Trägers. Unter
-Hunderten würde ich den Hut des Doktors herausfinden,
-namentlich aber dann, wenn der Rand seines
-Panamas lacht; er sitzt rund hinten im Genick. Etwas
-muß der Doktor heut&rsquo; ausführen, ich warte am liebsten
-mitten im Zimmer, wenn er Klavier spielt, ich
-kann dann so mit seinen Späßen laufen &mdash; er spielt
-eine eigenvertonte Polonäse, er führt sie an. Seine
-Finger springen wie ungezogene Jungen über die
-Tasten, schlagen Kobolz, zanken sich; plötzlich steht
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-er gravitätisch auf: &bdquo;Der Schlaf erwartet mich!&ldquo;
-Aber in Wirklichkeit steht der Vollmond vor seinem
-Fenster, hinter dem Ohr einen Federkiel. Der Doktor
-muß noch einen Essay schreiben. Seinen Lehrer
-im Frühlingserwachen &mdash; wer kann ihn je vergessen
-und die Grazie des Ricco in Minna von Barnhelm.
-Er ist der Aristokrat des großen Schelmenspiels. Aber
-auch sehr oft beliebt es dem Doktor, sein ernstes
-Wesen dem Publikum zu schenken; es steht ihm am
-besten; kehrt es ein &mdash; kommt es hervor aus seinem
-tiefsten Herzensschatten. In diesem Monat hält der
-Doktor wieder einen Vortrag, es sind die schönsten
-Abende, goldene Atrappen mit überraschendem Inhalt.
-Als er die Geschichte der Schneider von Keller
-vorlas, glaubte ich die drei bis zum Schluß verschwinden
-zu sehn aus dem Saal. Er machte nämlich
-auch ein Gesicht, als ob sie ihm weggelaufen wären.
-In seinem feinen Profil ist seine schöne Nase tragisch
-geschnitten nach Gemmenart. Das Leben fällt gelassen
-vor ihm.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-35">
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-William Wauer
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> das Café Kutschera noch seinen adligen Namen
-&bdquo;Sezession&ldquo; trug, hielt in dem oberen Raum
-des Cafés William Wauer einen Vortrag über
-Theaterkunst. Ein junger Schauspieleleve nahm mich
-mit herauf; viele Eleven und Elevinnen schritten vor
-mir in den Saal der grauen Sammetsofas und Sessel;
-ich war die einzige unter den Zuhörern, die Wauer
-noch nie gesehen und doch ihn sich genau so vorgestellt
-hatte mit der eigenartig schmerzlichen Sicherheit
-in den Augen und in den Gebärden. Ein großer
-Geiger, der nicht die göttliche Geige findet. Ein
-großer Dirigent &mdash; ist nicht sein Vortrag ein Zusammenspiel
-vielerhand Instrumente gewesen. Lebendige
-Violinen, seine Schauspieler; er mag nicht die
-erste Violine zwischen ihnen, die den Ton angibt, kein
-Genie, das sich abtönt, hervortönt von den anderen
-Tönen. Das Zusammenspiel seiner Leute, eine Genieleistung
-soll sie sich heben aus der Fertigkeit seiner
-Hand. Als das künstlerische Theater aus Moskau
-in Berlin gastierte, gedachte ich der Worte William
-Wauers. Der Zar bis zum Onkel Wanja und die
-Frauen all, glichen seinen Idealgeschöpfen. Wandelnde
-Töne, schreitende Melodien, unbezahlbare Instrumente
-mit tausendtiefem Ton. Aus Spielläden
-und Kotillongeschäften liefert man William Wauer,
-Spaßgeigen, Trompeten, Kriköhs: Dilettanten und
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-Tantinnen. Sie essen ihre Rolle, um sie ganz im Leib
-zu haben. Sie muß ihnen auf den Leib passen. Aber
-der Schauspieler soll den Duft seiner Rolle einatmen.
-Über solch trunkene Seele zu streichen mit seinem
-Bogen. &mdash; Seine Regie steht auf Füßen, das Milieu
-gleicht dem Bewohner des Schauspiels. Erster Aufzug:
-Veranda, von Säulen umstanden. Zweiter Aufzug:
-Wohnzimmer der gräflichen Familie. Man kann
-sich gar kein anderes Innere vorstellen nach dem Wuchs
-der Villa. William Wauers Regie ist anatomisch.
-Sein Blut möchte fließen durch die Adern seiner
-Schauspieler wie ein Strom durch das Spiel. Das
-soll keimen und aufgehen aus seiner Gestalt in vielen
-Gestalten. Kein Asiate ist er, dem die Tragödie nur eine
-einzige Kriegsgebärde wird. Er meint, zu den Wilden
-gehöre ich, und mit der eigenartig schmerzlichen Sicherheit
-im Auge betrachtet er mich wie ein fremdes Instrument
-aus Bambus.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-36">
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-Wauer-Walden via München und so weiter
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">O</span><span class="postfirstchar">,</span> wie wohl ist mir im Herzen zwischen den vielen
-scherzenden Herzen; alle sind bunt und brennen,
-aber mein Herz ist blau und glüht. Am Morgen
-hänge ich es an einen sorglosen Blumenbaum und lasse
-es zwitschern. Wie ich so dahinlebe, ich bin einer der
-fahrenden Schüler aus St. Peter Hilles Platonikers
-Sohn. Im Tanzschritt ziehen wir durch das Grün
-der Stadt hintereinander mitten im Mondpolka. Die
-Straßen und Plätze duften noch nach Marienbalsam
-der Dome. Wir schweben, wir kennen die Sünde
-nicht, an der Welt vorbei, mit München der Südstadt
-Deutschlands im Arme. Ich muß München
-immer küssen, schon, weil ich Berlin hinter mir habe;
-wie von einer langweiligen Kokotte geschieden fühle
-ich mich. Meine Freunde spielen Harmonika, wir
-ziehen an Schaufenstern pietätvoller Läden vorbei;
-Meisterbilder, frommer Schmuck, wilde Waffen aus
-den Gräbern der Bibelfürsten und überall die blauen
-König-Ludwig-Augen! Eine alte Riesenkommode ist
-München aus einem bayrischen Alpenknochen gehauen.
-Man kann so andächtig kramen in München und ausruhen
-auf gepolsterten Erinnerungen. Hier freut man
-sich seiner selbst, man findet sich in seinem glücklichsten
-Augenblick oben auf dem Berge der Stadt. Im Vorbeischreiten
-an den Gärten Obersendlings, flüchtet
-vor mir das prahlerische Häuserregiment Berlins.
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-Es steigt die Erde, ich sitze auf ihrem Rücken in einem
-der Schlösser. Ich bleibe hier für ewig! Man sagt
-das so leicht. Ein Paradies ist München, aus dem
-man nicht vertrieben wird, aber Berlin ist ein Kassenschrank
-aus Asphalt; der ihn zum Labsal benutzt,
-hängt sein Herz engherzig als Schloß davor. Ich
-soll mich so ganz erholen in der bayerischen Hauptstadt.
-Gibt&rsquo;s auch Cafés hier? Da winkt schon eins
-von ferne. Sei mir gegrüßt, oder wie der Bayer
-sagt &bdquo;Gott grüß dich, Café Bauer!&ldquo; Von einem
-Altan herab ladet es den Vorbeiwandelnden einzutreten,
-manchmal sogar holt der luftschöpfende Ober
-den Gast in sein Kaffeehaus nach südlicher Sitte.
-Ich stelle eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Café
-Bauer mit unserem Café des Westens fest, unserer
-nächtlichen Heimat, (grinst nur verfluchte Somaliphilister
-und Sudanproleten) unserer Oase, unserem
-Zigeunerwagen, unserem Zelt, darin wir ausruhen
-nach dem alltäglichen schmerzvollen Kampf. Die Frau
-Wirtin ist sanft, sie pflegt unsere Launen, die uns
-der Bürger schlug. Vom Oberober bis zum Unterunter
-passen die sich dem Rhythmus der Gäste an.
-Herr Rattke hat wieder ein neues Buch geschrieben in
-Trochäen über Servieren, verrät mir Richard, der
-Zeitungsverweser, der Journaltruchseß. Er liest mir
-mit Pathos mein Gedicht im Sturm vor über München;
-ich beginne zu seufzen. Was fangen nun die
-spielenden Straßen dort ohne mich an und die vielen
-gaukelnden Herzen? Daß die gesund bleiben, dafür
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-sorgen die Ärzte, namentlich der unvergleichliche Doktor
-Arthur Ludwig. Alle seine Patienten kommen,
-weil er der unvergleichlichste Mensch noch dazu ist, nie
-zur angeschlagenen Zeit in die Sprechstunde, wegen
-der süßen Speisen und der Marmeladen, die zum
-Mittag aufgetragen werden von seiner emsigen, lieben
-Haushälterin. Und die bettlosen Patienten und
-Freunde nahen gewöhnlich mit dem Dietrich und
-der Zahnbürste im Gewande, sie kommen vom Rande
-ihres Lebens und der Doktor, ein heiliger Wirt, wie
-auf dem Bilde in seinem Sprechzimmer, zu sehen ist:
-&bdquo;Fräulein Haushälterin, besorge für den Fremdling
-nun eine Lagerstatt.&ldquo; Er ist direkt ein Engel. &bdquo;Ein
-starkfühlender, intelligenter Engel&ldquo;, betont ein Kollege
-von ihm, Doktor Max Nassauer, der dichtende
-Arzt in München.
-</p>
-
-<p>
-Wir gehen alle in den Simplizissimus, in Kati
-Kobus&rsquo; berühmte Künstlerkneipe. Heute kommen
-die Kegler! Ich meine die Leute vom Kegelabend.
-Ludwig Scharf trägt mit starkem Ton seine Verse
-vor, jedes Wort ist an das andere geschmiedet. Sein
-Gesicht ist eine diabolische Arabeske. Dazwischen tönt
-die fahrende Stimme des Gitarrespielers und die
-liebenswürdigen, drolligen Bemerkungen Max Halbes;
-er gefällt mir sehr. Und all die kleinen summenden
-Mädchen mit den braunen und blonden Liedern.
-Und die Hauptsache bleibt die Kati Kobus, die
-Simplizissimusherrscherin mit dem Kronmal auf der
-Stirn. Sie ist die Herzogin des Rausches, sie ist
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-eine Regierende. Wer so zu unterscheiden vermag wie
-sie! Eine Juwelierin, wer so das Angesicht auf sein
-Geistkarat zu werten vermag. Das Scheiden aus
-ihrem Nachtgarten, wo das Lachen blüht zwischen
-Bilderhecken, tut mir besonders weh. &bdquo;Frau Helene,&ldquo;
-sage ich mich ermannend eines Morgens zu meiner
-Wirtin, &bdquo;es muß geschieden sein!!!&ldquo; Berlin! Vom
-Waggon aus steige ich sofort die Stufen des Kleinen
-Theaters hinan zur Generalprobe der Vier Toten der
-Fiametta. Morgen zur selbigen Stunde werde ich
-Jacobsohn wiedersehen &mdash; ich werde Jacobsohn
-wiedersehen!
-</p>
-
-<p>
-Direktor Wauer fundiert noch seinen letzten Fußtapfen,
-er legt so das Schreiten und die Gebärden
-der Spielenden fest. Fest und sicher bewegt sich
-nun das ungeheure Pantomimendrama und ballt sich
-wieder zur Einheit. So wohlgeformt und nicht ein
-Abweichen, nicht ein überflüssiges Zureichen allerleigrauen
-führen des Schneiders (William Wauer)
-Klauen die Schneidernadel unentwegt. Grandios ist
-die Bewegung seines Mundes, die nicht ein stummes
-Reden, aber ein drohendes Auftun seines Gesichtes
-bedeutet. In großen teuflischen Zeichen nicht minder,
-wie ihr Direktor, spielt Rosa Valetti, die Schneidersfrau,
-und rotangefüllt, ein Blutbezechter, ein wankender
-Bär, tappt der Lastträger (Guido Herzfeld)
-auf den Ruf der verzweifelten Fiametta über die
-Stufen der Treppe, in das Trauerspiel. Das Harlekintrio.
-Ein Gemälde, das im Anschaun mit dem
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-Körper des Bewunderers verwächst. Und die ungeheure
-Last Trauerspiel, rollt sich auf einer Musik
-<em>aufwärts</em> hochmütig über die Leiche verdutzter
-höhnender Kritik. Herwarth Walden, ein Hodler
-der Musik, der alles Süßliche zerreißt im Siegeskrampf
-und Kampf. Morgen ist die Premiere der
-Vier Toten der Fiametta, ich werde Jacobsohn wiedersehen
-&mdash;, ich werde den kleinen Jacobsohn wiedersehen!
-&bdquo;Wer kommt noch mit ins Café?&ldquo;
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-37">
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Emmy Destinn
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schrieb ihr am Schluß meines Briefes: Semiramis,
-hinter den düsteren Gängen deines Palastes
-vermute ich hängende Gärten. Worauf sie
-ans Ende ihrer Zeilen setzte: Meine liebe Dichterin,
-meine Gärten sind diesen Abend wilde, verschwiegene
-Schluchten, kommen Sie und hören Sie mich die
-Carmen singen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Manchmal versteckte ich den Kopf in das Sammetgehang
-der Loge, den dunklen Strom ihrer Stimme
-einsam über mich rauschen, tanzen zu hören über üppige
-Pfade heißer Lippen liebentlang. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Der Soldat Don José sitzt abseits der Ausgelassenen
-und schmiedet seine zerrissene Säbelkette; versunken
-in Mutter, Heimat und Liebchen, dem frischen blonden
-Blümchen der treuherzigen Provence. Aber da steht
-sie hoch auf der Brücke, lauernd, hungrig &mdash; o, du
-gewaltige Carmen-Katze! Den Oberkörper weit nach
-vorwärts gestreckt, schleicht sie bestienmajestätisch über
-die Treppe, die zu ihrem Opfer führt. Es durchgreift
-den Soldaten eine peinigende Unruhe, er vertieft sich
-gewaltsam in seine Arbeit, aber seine Finger zittern
-vor ängstlicher Wollust. &bdquo;Ei, du süßer Kettenschmied!&ldquo;
-Und ein Strauß greller Rosen fällt zu
-seinen Füßen nieder. Die lockende Schwere ihres
-Liedes ergreift ihn, es berauscht ihn der singende Duft
-ihres Blutes. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-Und dann Carmens grausames Begegnen mit Don
-Josés Liebchen, Carmens zum Sieg gerüstetes Entgegenziehn
-der fremden Rasse, aus der sie ihr Opfer
-geraubt hat, das sie lieben und peinigen muß und zerstören
-wird. &bdquo;Sieh, ich nehme dich, ich verschlinge
-dich!&ldquo; Und ihr Gesang und Spiel bekommen Tatzen,
-die den Geliebten umkrallen, den Kampf seines Soldatenherzens
-zerreißen und ihn ihr zu eigen machen.
-Bravissimo, Carmen &mdash; Emmy Destinn!
-</p>
-
-<p>
-Und nun das Schwärzerwerden ihrer Stimme vor
-dem verstoßenen, verhöhnten Geliebten, die trübe
-Todesangst, die sie betastet. Und leise klingt die
-Hochzeitsmusik, beben die Zaubertöne, die den Soldaten
-gelockt haben in die Netze ihrer furchtbaren
-Seele. Carmen! Todwund heben sich die Lider ihrer
-bebenden Pupillen &mdash; ihr Sprung mißglückt. Feierlich
-singt das Cello und flehentlich die Geigen. Draußen
-wartet Escamillo. Carmen zerreißt ihre Haut
-aus Hochzeitsseide und veratmet, noch ehe Don José
-ihr treuloses Katzenherz durchsticht. Blaß werden die
-Klänge in der Ferne.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die Lieb, die von Zigeunern stammt,</p>
- <p class="verse">Fragt nicht nach Recht, Gesetz und Macht.</p>
- <p class="verse">Liebst du mich nicht, bin ich entflammt,</p>
- <p class="verse">Und lieb ich dich, nimm dich in acht!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Als ich am Tage nach der Vorstellung Emmy Destinn
-besuchte, saß sie auf ihrer Bank von Gold aufrecht,
-den Kopf düster gesenkt, wie die Blüte einer
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-Pharaonenblume. Sie trug ein Kleid aus bunten
-Farben der Gewänder assyrischer Königinnen. In
-ihren Ohren hingen Gehänge von durchsichtigen, gelben
-Steinen. &bdquo;Habe ich Ihnen gestern gefallen?&ldquo;
-fragte sie mich. Und ehe ich antworten konnte, pochte
-es leise an die Tür &mdash; mit einer Tasse süßen Duftes
-trat eine ältere Frau ins Gemach und flüsterte ihrer
-Königin mit besorgtem Augenrollen und Kopfschütteln
-einiges ins Ohr. Als sie draußen war, sagte Semiramis
-zu mir: &bdquo;Sie war meine Amme und ist noch
-immer um ihr herangewachsenes Baby in Besorgnis.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir setzten uns an ein kleines Rosenholztischchen.
-Vor dem Fenster dämmert es schon, aber Emmy
-Destinn möchte vom Morgen trinken, immerzu spielen;
-in ihrem Gesicht scheinen plötzlich ganz hell die
-beiden großen, braunen Monde. &bdquo;Komm, wir wollen
-um die Rosenholztische Fangen spielen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-An der Wand, mir gegenüber, hängen die verschiedenartigsten
-Instrumente, wohl an zehn Geigen. &bdquo;Und
-der Flügel dort, ist der Flügel Webers gewesen,&ldquo; erzählte
-sie lebhaft. &bdquo;Und sehen Sie sich auch einmal
-diese Bildergalerie dort an; ich habe eine mächtige
-Verehrung für Napoleon den Ersten.&ldquo; In jedem
-Lebensalter hängen Bildnisse des ehernen Kaisers
-von Frankreich da, Briefe in zärtlichen Rahmen,
-Waffen, die er geschwungen hat, umzäunt mit
-Lorbeeren. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Katzen, Hunde, Hasen, Hähne, Puten von leuchtendem
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-weißen Porzellan, venetianische Vasen, vielarmige
-Leuchter stehen auf stolzen Säulen und Elfenbeintischchen.
-Da seh&rsquo; ich mich zu meinem Leidwesen drei,
-vier, fünf, immer noch mehrere Male in großen
-Spiegelwänden. Die schöne Königin hat, ohne daß
-ich es bemerkte, die Türen ihres weiten Paradieses
-geöffnet: blühende Seltenheiten und Seide.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Besuchen Sie mich bald wieder,&ldquo; sagte sie; ein
-Lächeln in den tausendjährigen Augen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-38">
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Franziska Schultz
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Berlin gibt es eine Fraue, die die Schmerzen
-Marias leidet, sieben Schwerter im Herzen; und
-die doch gnadenreich herablächelt auf die Armen und
-Kranken. Jeder Mensch, der sich ihr nähert, ist ihr
-Jesuskind. Einen Tempel müsse man um diese Mutter
-bauen, einen Garten pflanzen, der ihr blühender
-Mantel sei. Ich kann mich nicht der Fraue nahen,
-ohne ihr meine Andacht zu bringen. Verirrte Magdalenen
-treten durch ihres Hauses Pforte ein und rasten;
-ruhen aus und besinnen sich unter der Liebe ihres
-Mutterdachs. Franziska Schultz ist die Mutter des
-Mutterschutzes. Man könnte fast das gefallene Mädchen
-ihrer Patronin wegen beneiden. Mit fürsorglicher
-Liebe lullt die höchste Fraue der Gnade die verstoßene
-Mutter und ihr pochendes Spielzeug mit ihren beiden
-Armen zärtlich ein. Kein Vorwurf trifft die Tragende,
-ihres Kindes wegen, das noch auf seinem rechtmäßigen,
-heiligen Muttererbe blüht. Alle Mütter aber
-lieben die Eine.
-</p>
-
-<p>
-Eine Dame, die den Glanz irdischer Glänze ausdrehte
-und durch die dunkle Straße schreitet, wo das
-Elend wuchert. Nun wohnen keine verwöhnten Gäste
-mehr in ihrem Hause, aber solche, die ein Herz voll
-Liebe beanspruchen. Tragende und Beladene treten
-durch ihres Herzens geöffnete Pforte ein. Maria!
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-39">
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-Kete Parsenow
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Venus von Siam, ist die Kete Parsenow.
-Feingebogene Dolche sind ihre Augen, wie die
-der Göttinnen in goldenen Tempeln.
-</p>
-
-<p>
-Peter Altenberg gab vor einigen Jahren eine Zeitschrift
-heraus, auf jeder Seite stand &bdquo;sie&ldquo; in
-blonden Farben. Die Kete Parsenow spielte damals
-in Wien am Theater; nun wird sie hier spielen, und
-doch sollte solche Schönheit verborgen bleiben, im
-heiligen Haus zwischen geopferten, schweigenden Blumen.
-Im Sommer begeisterte sie hier als Ophelia die
-Zuhörer. Blutschwarz sank Hamlets Kopf in den
-Schnee ihres Schoßes. Immer wird sie die Jungfrau
-der Schauspielerinnen bleiben; sie ist unbetastete
-Skulptur. Einmal legte sich vor ihr nieder eine weiße
-Steppenhündin und wurde ihr ähnlich. Als sie vom
-Strauch eine Rose pflückte, blühte die höher in ihrer
-Hand. Sie ist selbst ein Wunder. In der Frau vom
-Meere erschrak sie vor dem Überschwang ihres Herzens.
-Und Ibsen, was hätte er gesagt, wenn er der
-Kete Parsenow begegnet wäre, seiner Generalstochter
-Hedda Gabler. Kete Parsenow ist sich ebenbürtig, sie
-ist ebenso schön wie großherzig. Elfenbein ist ihre
-Haut; immer singt ihr Gesicht. Einmal wurden die
-Sicheln der Venus zu Monden, als sie böse war.
-Ich sah die Venus von Siam lächeln, ich sah die
-Venus von Siam sterben.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-40">
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-Ruth
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> müßte eine Patronesse haben &mdash; etwa die
-Kaiserin von Island oder eine reiche Eskimotochter;
-vielleicht wird es eine Inger auf Östrot sein.
-Ruth ist eine Tragödin. Schon seit zwei Jahren spielt
-sie mit Vorliebe Partien aus Ibsens Werken. Ihre
-Dreijahrärmchen heben sich zürnend zum Himmel:
-&bdquo;Götter!&ldquo; Ich habe Ruth nie lachen sehn und auch
-weinen nicht, wie andere Kinder. Ruth lacht mit
-Vorsicht, plötzlich hält ihr Gesichtchen wie eine kleine
-Sonne zu leuchten inne &mdash; und weinen tut Ruth, um
-wieder zu lachen. Und am Abend dauert es eine Weile
-bis sie einschläft, gerne läßt sie einen schmalen Guckspalt
-offen für den Morgen, ob auf der Heizung ein
-Schokoladenkakes liegt, von einem verkleideten Onkel
-als Nikolas oder einer Zuckerhäuschentante gespendet.
-Ruth gastierte zum erstenmal im Vorgarten des
-Cafés des Westens, sie war damals zwei Jahre alt
-und trug ein weißes Kleid über glänzendem Stoff von
-der Farbe ihres Mündchens, das auf einmal zum
-Mund wurde, wie gehext, strenge Furchen zog; ich
-erschrak. Und noch dazu der finstere Ibsenblick, der
-mich furchtbar einschüchterte. Immer tiefer sank
-Ruths Lockenköpfchen auf die Strohröhre herab, die
-vor ihm im Glase steckte: &bdquo;So tinkt &sbquo;Er&lsquo; Limonade.&ldquo;
-&bdquo;Er&ldquo; hängt im mächtigen Rahmen im Zimmer ihrer
-Muttertragödin (Beß Brenk) und immer steht Ruth
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-vor seinem Angesicht und besieht es sich, ob es auch
-noch so macht wie &bdquo;sie&ldquo;. In Klein-Ruth schlägt
-das große Ibsenherz, und als Ibsen sein Puppenheim
-schuf, pochte sicher ein kleines Anhängsel an seinem
-schweren Schlag, ein Goldherzchen, in dessen Mitte
-ein himmelblaues Perlchen rauschte. Ruth springt
-vom Stuhl, tanzt in ihren niedlichen Goldkäferstiefelchen,
-die Röcke nach unten geglättet &mdash; nun hat
-sie ein langes Kleid an. Sie tanzt einen herablassenden,
-zurückhaltenden Tanz; da, als ob ein Sausevogel
-durch ihren Kopf fliegt &mdash; fort will ihre kleine
-Seele &mdash; ihre Beinchen sind ganz nackt; über Stühle
-und Tische hinweg &mdash; Ruth, Ruth! Ich glaube, sie
-sitzt oben auf dem Ast des jungen Baumes vor dem
-Caféhaus. Was soll man dazu sagen &mdash; Genie?
-Fort mit dieser alten Denkmalhülle, sie tut dem
-Kind weh, aber in ein Wunder wollen wir die wundervolle,
-kleine Ruth kleiden; in einem goldenen Bettchen
-soll Ruth schlafen und von einem goldenen Tellerchen
-und mit einem goldenen Löffelchen essen und auf
-dem Becher, aus dem Ruth fürder trinken soll, steht in
-Goldbuchstaben geschrieben: Ruth. Sie schüttelt den
-Kopf wie eine Herrscherin, ich glaube, sie ist beleidigt,
-nicht um der vielen goldenen Sachen wegen,
-der Ober hat ihr Zucker schenken wollen; sie gleitet
-schwerfällig vom Stuhl, streckt den Leib wie eine
-Kugel vor, ihr Engelsgesichtchen bekommt Runzeln
-&mdash; &bdquo;dicke Frau is satt&ldquo;.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-41">
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-Unser Café
-</h2>
-
-<p class="subt">
-Ein offener Brief an <em>Paul Block</em>
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ire,</span> Sie möchten etwas aus unserem Café wissen,
-aber unser Café ist schon seit ungefähr
-Pfingsten nicht mehr unser Café. Gestern las ich in
-einer Chicagoer Zeitung, die mir meine Schwester
-aus Amerika sandte, schwarz auf weiß, warum unser
-Café nicht mehr unser Café ist, bitte hören Sie, Sire.
-&bdquo;Früher war das Stelldichein all dieser &bdquo;Radikalen&ldquo;
-das Café Größenwahn. Aber eines Tages verbot der
-Besitzer der Dichterin Else Lasker-Schüler, die zu
-diesem Kreise gehört, das Lokal, weil sie nicht genug
-verzehre. Man denke! Ist denn eine Dichterin, die viel
-verzehrt, überhaupt noch eine Dichterin? Sie empfand
-das mit Recht als eine unerhörte Beleidigung, als
-schimpfliches Mißtrauen gegenüber ihrer dichterhaften
-Echtheit. Ebenso dachten die anderen. Daher verließen
-sie empört das Lokal.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ob das alles nun wortgetreu wiedergegeben ist, &mdash;
-jedenfalls begab sich die Schreckenstat an einem
-Sonntag, meine Seele wurde Werktag, bäumte sich
-auf und sehnte sich nach Revolution. Kein Vers,
-keine Stimmung, kein Pathos, nicht der schäumendste
-Überschwang hatte unsere Gemeinschaftlichkeit so
-fädenverstrickt zusammengerollt, wie diese unerhörte
-Begebenheit; Herr Café-des-Westens hatte mir, uns
-allen, das Betreten seines Cafés ein für allemal
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-untersagt. Ungeheuer! Allerdings, wenn ich auch nichts
-verzehrt hätte. Aber dem war nicht so, ich war gerade
-im Begriff, meine zweite Bestellung zu entrichten,
-Schokolade mit Sieb (da ich die Haut nicht mag),
-als Herr Café-des-Westens aus einer Ecke auf mich
-Lesende losstürmte und rief, es geht nicht, daß Sie
-hier sitzen bleiben, ohne etwas zu verzehren!!! Neben
-mir saß mein Reichskanzler Bisam O. Er ist feig,
-aber seine rosa Haare standen Hügel, wurden brandrot
-und sprühten Feuer. Dann kamen hintereinander
-meine verehrten Freunde, die Paschas, und die
-Schlacht begann.
-</p>
-
-<p>
-Soll ich Ihnen nun noch über die früheren Ereignisse
-dieses Cafés erzählen oder genügt es, wenn ich Ihnen
-sage, Sire, daß wir dort die schönsten Abende,
-namentlich zu Zeiten Lublinskis, erlebten; den haben
-wir alle kolossal verehrt, und er lachte selbst herzhaft,
-wenn ihn der &bdquo;Blümmner&ldquo; nachahmte. Unser
-Zorn liegt nun über dem Café des Westens wie über
-einem verlorenen Paradies, in dem wir nicht sündigten,
-aber das an uns sündigte. Als wir auf der
-Straße standen, gedachten wir mit Wehmut des
-Gründers unseres verlorenen Cafés. Herr Rocco
-hatte es sich als besondere Freude angerechnet, daß
-wir Künstler in seinen Räumen verkehrten; wir
-Künstler haben sozusagen das Café des Westens mit
-auf die Welt gebracht, wir Künstler haben ihm das
-erste Feierkleid geschenkt, wir Künstler haben es zur
-Königin aller Cafés erhoben! Einer von uns hielt
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-diese Rede in die Nacht hinaus, ich glaube, ich war&rsquo;s,
-und den Chor gaben meine tiefergriffenen Kameraden
-und Kameradinnen. Allerdings war Rocco kein Bär,
-noch nicht einmal ein Tanzbär, keinesfalls ein Brummbär.
-&mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nur einmal in der Woche treffen wir uns nun im
-Café Josty am Zoo, wir wollen keine Kaffern mehr
-sein. Auf einer Erhöhung sitzen wir an zwei Tischen,
-und Sonnabend halten wir Geheimsitzung. (Unter
-Diskretion bitte.) Wir wollen Herrn Café-des-Westens
-zwingen, sich zu entleiben, ich schlage vor, mit
-dem Cafélöffel. Bitte, hochverehrter Sire, kommen
-Sie doch unverhofft einmal, aber machen Sie sich
-keine Illusionen. Wir sind ganz leise und flüstern,
-scheint&rsquo;s, nur so von Mund zu Mund, lauter Spielereien.
-Wäre doch einmal nur einer größenwahnsinnig.
-Hysterisch sind nur Dilettanten. Manchmal aber reißt
-einer unseres Stamms schnaubend die Türe des Cafés
-Josty um Mitternacht auf, den Tubutsch im Gewande.
-Doch unsere größte Überraschung bleibt,
-wenn unser Sänger kommt, der Dresdener Hofopernsänger
-Franz Lindner. Aus der Liedertafel holte ihn
-mein Heimatfreund Paul Zech. Noch sitzt überfließender
-Tenor in seiner Kehle, er muß uns den Rest
-weich über den Tisch herüber singen. Dann kommt
-eine innige Freude des Beisammenseins über uns,
-denn wir Künstler sind Kinder.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-42">
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-Marie Böhm
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">cke</span> Französische und Charlotten-Straße lachen aus
-einem der Glaskästen schöne, weiße Zähne, zwischen
-frischen Lippen in Mädchengesichtern. Manche
-von den jungen Schauspielerinnen offenbaren ihre ureigene
-Begabung, denn ihre Perlmutterhecken sind
-gar nicht erschaffen, am Abend hinter zuckenden Lippen
-versteckt zu schimmern. Über dem Atelier von Marie
-Böhm scheint auch der Himmel zu heiter; die wundervolle
-Photographin kann nicht genug Vorhänge über
-die Sonne ziehen, die macht immerfort ein freundliches
-Gesicht. Marie Böhm ist die Eigentümerin
-des kunstphotographischen Ateliers Becker und Maaß.
-Man kann sich ohne Gefahr vor Entstellung vor ihren
-Apparat begeben. Marie Böhm weiß im richtigen
-Augenblick den Blick vom Auge zu nehmen. &bdquo;Der
-nichtssagendste, ausdrucksloseste Mensch hat einen
-Augenblick, den muß man eben festhalten.&ldquo; Ihre
-lieben, blauen Augen strahlen, als sie das antwortet.
-Ich verstecke mich unter einem Tisch hinter langen
-Laubgewächsen, um aus meiner Froschperspektive
-einige Aufnahmen zu beobachten. Daß das nicht angehe,
-meint Fräulein Böhm &mdash; schon naht das Brautpaar,
-ich rufe ihr aus meiner Lage zerstreut zu, sie
-soll sagen &mdash; im Fall &mdash; ich bin Arzt und interessiere
-mich für neuartige Operationen. Diese Ideenverwirrung
-stammt von meinem Vater her, er verwechselte
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-immer das Zahnziehen mit dem Photographierenlassen.
-Beides hat so was mit dem Herausholen zu
-tun &mdash; und &mdash; &bdquo;der eine Augenblick&ldquo;. Marie Böhm
-aber hat keine Zange in der Hand. Bräutigamundbrautumschlungen
-sitzen die beiden auf der Bank und
-drehen ihr den Rücken zu; ihre Gesichter blicken sich
-auf einmal nach etwas um. Ob sie mich quaken hören!
-&mdash; &bdquo;Danke!&ldquo; Zweite Aufnahme. &mdash; Für die Photographien
-müßte es auch eine Welt geben aus gediegenem
-Silberoxyd im Krinolin. Das Album ist
-aus der Mode gekommen, darin sich das photographierte
-Onkeltantengeschlecht zum Aufblättern befand;
-es stirbt nicht aus. In Schalen liegen all die Pietäten,
-Frauen, die sich auch schon Löckchen drehten.
-Nun sind unsere Kleidersäcke zugebunden. Auf den
-spätverwandten Bildern stehen die Röcke weit in
-Runden. Ihre Augen aufgetan in Todesangst &mdash;
-den Augenblick zu greifen, heute hascht ihn die Photographie
-wie einen Schmetterling vom zwanglosen
-Sichgehenlassen. Und gerade meine liebe Marie
-Böhm ist eine so große Photographin &mdash; sie photographiert
-auch ohne Apparat gerade mitten in der
-Sonne mit geschlossenen Augen, wie der Maler malt
-ohne Pinsel im Spazierengehen, im Anblick, im Nachsinnen.
-Wenn ich ihr gegenüber sitze, wartet sie auf
-die Falte zwischen meinen Brauen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-43">
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Der Alpenkönig und der Menschenfeind
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">er</span> den Kulissenmantel des Alpenkönigs trug,
-vernahm ich beim ersten Ton der Rauschestimme.
-Albert Heine, der Herodes, ist zu viel für diese Papiermaché-Rolle.
-Ich habe vergessen, mir einen Theaterzettel
-zu kaufen, außerdem sitze ich vor einer Säule und
-vor <a id="corr-12"></a>dieser pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem
-Wasserkopf. Aber auch die übergroße Vegetation,
-die mir den Blick zur Bühne hemmt, vermag keineswegs
-meine Stimmung zu trüben, ich kam, um von
-dem romantisch-komischen Märchen Honig aus goldgeblümter
-Heiterkeit zu naschen. An meine Nachbarin
-mit dem künstlichen Busen wende ich mich mit
-behutsamer Frage, ich erfahre: Hinter den ältlichen
-Stirnfalten des Menschenfeindes verbirgt sich der
-Direktor selbst &mdash; Carl Meinhard. Es ist fast nicht
-zu glauben, gestern hörte ich ihn noch lachen im Café
-des Westens wie ein Achtzehnjähriger, und vorigen
-Winter trug er eine Knabenpelzmütze, die stand ihm
-(es gehört zwar nicht hierher) hervorragend. Nun
-steigt er aus dem Altbrunnen, ein greiser, grotesker
-Wolf (Bastard) &mdash; man erkennt ihn nicht wieder;
-und doch ist es Carl Meinhard, der Fagottspieler
-unter den Darstellern, er spielt heute abend die grimmige
-Polka seiner Rolle mit Meisterfertigkeit. &mdash;
-In der Reihenfolge den Inhalt des romantisch-komischen
-Märchens zu erzählen, möchte ich dem Leser
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-vorenthalten; selbst hören und sehen! Selbst ins Berliner
-Theater gehen. Ich hole nur die Hauptgestalten,
-die mir so sehr gefallen haben, hinter dem Vorhang
-hervor und stelle sie auf meine Hand, eine Miniaturbühne,
-ich, die Regisseurin aus Privatvergnügen.
-Rappelkopf, der reiche Gutsbesitzer (Carl Meinhard),
-sein Bedienter Habakuk (Oskar Sabo) und du, Josefine
-Dora, wo steckst du? Mögen die Leute denken,
-was sie wollen. Du singst ja selbst: Aber er denkt ...
-Habakuk, der Bediente des Herrn Rappelkopf, erinnert
-mich leise daran, daß er zwei Jahre in Paris
-gewesen ist, nichtsdestoweniger verleugnet sein Radieschengesicht
-&bdquo;Läutemichels&ldquo; berühmte Gemüsegärten.
-Er, ein dienernder Ungeschickter, ein tragischer
-August im allerkünstlerischsten Unsinn. Zwei Jahre
-war er in Paris gewesen. Das hebt ihn in den Augen
-des Personals vom Souterrain bis in den Salon der
-Herrschaft. Dieser soll das bedeutungsvolle Motto
-eine zarte Mahnung sein, für ihn selbst wird es zum
-Schild seines untergebenen Joches. Er war zwei
-Jahre in Paris gewesen, das macht Habakuk keck und
-überlegen und bringt wie eine Zauberformel einigen
-Glanz über seinen Dieneralltag. Jäh wird ihm der
-Spruch vor der dürftigen Kammer seines Herzens gestrichen,
-er darf nicht mehr seinen Lippen hochmütig
-entschlüpfen, sein menschenfeindlicher Herr, zweiter
-Teil, hat es ihm verboten. Der Alpenkönig nämlich
-hat sich, um den Menschenfeind von seinem Wahn
-zu befreien, in dessen Gestalt und Wutausbrüche verwandelt.
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-Und heimlich vertraut sich der stumme Bediente
-dem gemütlichen Onkel an, arglos dem wirklichen
-menschenfeindlichen Rappelkopf, der in seinem
-eigenen Hause im verträglichen Wesen des Onkels
-porträttreu zu Gast weilen muß. In keinem üblichen
-Brief, keiner knisternden Zeitung, in keiner unerwarteten
-Depesche steht es geschrieben, aber auf dem
-riesengroßen Taschentuch Habakuks, ehrfurchtsvoll seiner
-Hosentasche entzogen. Wir lesen es alle: er war
-zwei Jahre in Paris gewesen &mdash; und der mitleidige
-Onkel gestattet es ihm, herauszuschreien &mdash; endlos
-&mdash; endlich. Es kommt der erlösende Augenblick: Ich
-war zwei Jahre in Paris gewesen! Das macht ihm
-niemand nach, ich kann den Humor nicht schildern, es
-ist nicht nachzulachen. Tröste dich Habakuk, beraubte
-Dienerseele, ich war auch gewesen, ich war sechs Jahre
-in &bdquo;Konstantinopel&ldquo; gewesen &mdash; ich möchte es jedem
-an den glorreichen Kopf werfen, jedem in seine dicke
-Stirn schneiden &mdash; wer&rsquo;s glaubt wird selig. Um
-Himmels willen, Liesl (Josefine Dora) hörst du denn
-nicht, dein Herr ruft nach dir. Rappelkopf hat sämtliche
-Möbel zerschmettert. Das Liesl wagt sich mit
-Todesverachtung, wackelnd mit dem allerwertesten
-Vollmond in des Menschenfeinds Gemach &mdash; &bdquo;aber
-er denkt&ldquo; &mdash; Sie muß immer wieder das Lied singen
-mit dem Refrain: Bassab, &bdquo;aber er denkt&ldquo; &mdash; und
-immer bassiger und spaßiger: aber er denkt ...
-</p>
-
-<p>
-Der Beifall will nicht enden. Ich stürme noch einmal
-in Mantel und Hut auf meinen Platz zurück.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-44">
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Egon Adler
-</h2>
-
-<p class="attr">
-Seinem Vater zur Widmung
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">eine</span> Spelunke verwandelt sich zum türkischen
-Café, wenn er und ich zusammen Zigaretten
-rauchen und wir von den Wänden für unsere Häupter
-die beiden Fez herunterholen, die auf die Griffe
-meiner Dolche gestülpt sind.
-</p>
-
-<p>
-Einer der Söhne des gefangenen Abdul Hamid, der
-begabteste jedenfalls, ist der Maler und zur Mokkastunde
-der Gast meiner Palastspelunke. Wir sprechen
-(in der Zeit der Abendhimmel alle seine goldenen
-Bilder aufs Dach stellt) von roten, blauen, grünen
-und lila Dingen. Ich rate Egon Adler: &bdquo;Sie müssen
-immer nur Ihr Selbstbildnis malen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er ist so ganz Eigen, ganz Sich, und sein Herz in
-einem Rahmen. Aber in seinem Herzen liegt sein
-jungverstorbener Bruder begraben, und innige Gestalt
-schafft des Malers Hand, wenn der Engel seiner
-Erinnerung aufersteht.
-</p>
-
-<p>
-Zwischen den Farben liegt er dann plötzlich &mdash; Stern
-zwischen Zinnober und Marin auf der Palette für die
-großen Pinsel. Alle Bilder Egon Adlers sind Spiele,
-sind süß, haben großgeöffnete Augen, sind ganz in
-Gottes Vaterhand und rufen.
-</p>
-
-<p>
-Sein Mariengemälde holte ich mir aus einer dunklen
-Ecke des Ausstellungssaals ans Licht: &bdquo;Träume,
-säume Marienmädchen, überall bläst der Rosenwind
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-die schwarzen Sterne aus; wiege im Arme dein Seelchen
-&mdash; alle Kinder kommen auf Lämmern zottehotte
-geritten, Gottlingchen sehen und die schönen Schimmerblumen
-und den großen Himmel da im kurzen
-Blaukleide.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Aber auch die drei Könige sind gekommen; einer sitzt
-auf des anderen Schulter, der höchste trägt ein Krönchen,
-ist des Malers Bruder und will Mariens
-heiliges Spielzeug haben.
-</p>
-
-<p>
-Auf Egon Adlers unvergleichlichem Schöpfungsbilde
-steht sein Brüderchen verzaubert als Mantelkranich
-mitten auf der Wiese und macht den frechen, kleinen
-Vögeln bange. Als Reiter reitet er auf dem langausschreitenden
-Reiterpferd durch den Wald über die
-Wege aus bunten Fahnenstreifen.
-</p>
-
-<p>
-Immer muß Egon Adler die Geschichte des unvergeßlichen
-Bruders in Farben erzählen, der ist der
-Memed seines Mohammedherzens.
-</p>
-
-<p>
-Hinter den Paradiesbäumen, in den Schornstein
-seiner Stadtbilder, überall hat sich der kleine Bruder
-versteckt; er ist es, der den Glorienschein um die
-Heiligenlocken der Jüngergestalten seines älteren,
-malenden Bruders anzündet.
-</p>
-
-<p>
-Das sich wiegende Blatt der Palme, auf dem Treibhausgemälde
-ist der Kleine, seine Seele leuchtet im
-Stein des Ringes am Finger des japanischen Schauspielers.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-Elfjährige Kinderaugen gucken unter der Stirn des
-Selbstbildnisses von Egon Adler und erhöhen es zum
-Selbstantlitz. Und in den Wolken tummelt er sich
-als Mond.
-</p>
-
-<p>
-Ewig ist Egon Adlers Malerei, ein Engel lebt in seinem
-Herzen und hängt seinen Schöpfungen Flügel an.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-45">
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-Ein Amen
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">inmal,</span> als ich sie besuchte, malte jemand ihre
-Hand &mdash; eine schmale Dolde am Ast, eine Seele,
-die blühte. Ellen Neustädter spielt nicht zur Schau;
-ihr Spiel ist eine tiefe Dichtung. Die Bühne fängt
-die Geschehnisse ihres Herzens auf und reicht sie
-dem Besucher, ein vielköpfiges Ganzes. Sie gibt
-dem Gemach oder der Landschaft die Farbe, und ihr
-Odem ist überall. Die Damen vom künstlerischen
-Theater in Moskau könnten ihre Schwestern sein;
-die haben allerdings ihre Partner, ihre Zugehörigkeit.
-Ellen Neustädter hat nur einen gleichwertigen
-Bruder in Berlin: Oskar Sauer. Warum trennt
-man das rechtmäßige Spielerpaar? Klein Eyolfs
-Eltern sind sie. Schwere, hehre Paradiesstimmung,
-düstere Ernte. Eine Engeline: Ellen Neustädter;
-der Erzengel unter den Schauspielern ist Oskar
-Sauer. Was ihre Lippen bringen, ist Kunst aus
-Segen gewölbt. Sein Spiel straft, ihr Spiel belohnt;
-ist ihr Wesen aus Glas, sein Wort aus Stahl.
-Immer erzwingt die Gabe der beiden Wunderkünstler
-ehrfürchtige Anbetung. Es schneite draußen weiße
-Sterne. Oskar Sauer war seinen Leiden erlegen in
-&bdquo;Nora&ldquo;. Stand noch lange nach Schluß der Vorstellung
-am Theatertor &mdash; ich bildete mir ein, er sei
-wirklich gestorben. Auch heute wagte ich mich nicht
-stürmisch zu begeistern. Ellen Neustädters Seele ist
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-eine zagende Dolde. Durch die lange Theaterabendstraße
-ging ich auf Zehen heimwärts, denn mein
-Herz träumte noch. Genial ist das Unantastbare,
-Erzengel ist alles Genie, es erlöst vom Täglichen,
-bringt Verlorenheit und Seligkeit zugleich.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-46">
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-Wenn mein Herz gesund wär &mdash;
-</h2>
-
-<p class="subt">
-Kinematographisches
-</p>
-
-<p class="attr">
-In Verehrung für <em>Ludwig Kainer</em>
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enn</span> mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst
-aus dem Fenster; dann ging ich in den Kientopp
-und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als
-ob ich das große Los gewonnen hab&rsquo; und noch nicht
-ausbezahlt bin, oder auf einer Pferdelotterie einen
-Gaul gewonnen hab&rsquo; und keinen Stall &bdquo;umsonst&ldquo;
-auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein
-Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und
-wieder hinunter, immer um sich selbst wie bei den
-Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in verzweifelter
-Freudigkeit; am liebsten machte ich einen
-Todessprung oder einen Jux. Meine Freundin Laurentia
-zecht wie ein Fuchs, sie studiert die Sprache der
-alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch und
-macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles
-an; ich will nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht
-klopfen würde!
-</p>
-
-<p>
-Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht
-allein unten jeden Freitag und Sonnabend, jedes
-Stäubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch an den
-anderen Wochentagen, denn ich wohne zwischen Haus
-und Haus und muß die Brutalität aller Höfe ertragen.
-Ich sitze immer bei geschlossenen Fenstern und
-werde gar nichts von dem Sommer haben; ausgehen
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe
-Schulden. Dabei zieht&rsquo;s, wenn ich die Türen rechts
-und links und hinter mir auflasse. Ich trage seit
-dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich abends wo
-eingeladen bin, überkommt mich eine furchtbare Angst,
-ich könnte anfangen zu miauen. Ich hab&rsquo; gar keine Lust
-zum Leben mehr, wenn noch die Menschen gerne meine
-Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest, der soll mir
-doch mal einen netten Brief schreiben. Ich muß nämlich
-wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit
-man nicht über mich ausrutscht. Ich habe dann
-immer so eine Langeweile in der Badewanne, und lese
-gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen
-schlechte Kritiken ärgern! Man hat doch sofort jemand
-gern, der einem schöne Worte schreibt. Es gibt wirklich
-sympathische Geschöpfe auf der Welt. Ich kann
-nur Weißgesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn
-gegen Licht. Darum nehme ich mir auch nur schwarze
-Mägde und Diener. Ich habe zwei Neger und zwei
-Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling kommt
-manchmal nach Berlin und tritt dort mit seiner
-Truppe im Chât noir auf. Tecofi fragt mich, wenn
-sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir auf dem
-Balkon wohnen könne. Ich hab&rsquo; nichts dagegen.
-Mein Somalineger ist königlicherer Abstammung,
-sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden.
-Manchmal schickt er mir ein paar abgezogene Hammel,
-die kommen als Hautgoutragout hier an. Osmann,
-mein jüngerer Neger, sieht aus, wie ein sinnender
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-Gorilla im Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich
-zu schauen, aber man muß ihn in Ruhe lassen; seit
-kurzem pfeif&rsquo; ich auch nicht mehr, wenn er jemandem
-den Kopf abbeißen soll, er ist zu schade, zu wertvoll,
-um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen
-sind emsige Mädchen, sie sind angestellt von
-mir, die Fäden meiner Logik zu suchen, die Logik
-meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen
-sie die ganze Nacht, ich fürchte, sie werden sich einmal
-in einem Augenblick an meinem Leidfaden aufhängen.
-Das muß man in Kauf nehmen, dunkle
-Leute sind schlechte Spürhunde, sie können nichts
-finden in der Nacht ihrer Haut. Halloh, was tät&rsquo;
-ich, wenn mein Herz gesund wär? Habe ich denn ein
-Herz oder wenigstens sowas Ähnliches? Bei dieser
-Einlage im Programm muß ich weinen &mdash; gut, daß
-es Nußstangen gibt, die trösten, auch die Pfefferminz
-in Holzschächtelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz
-aus Fleisch und Blut ist, rissig sind seine Wände;
-es hat weniger Augenblickswert als Ewigkeitswert,
-darum bin ich vollständig unbrauchbar für den Vorbeipassierenden,
-ich bin nur interessant für den Forscher.
-Immer klingelt es in den effektvollsten Stellen.
-&bdquo;Hier 35, 24 wer dort?&ldquo; &bdquo;Doktor Nikito Ambrosia,
-sind Sie Else Lasker-Schüler?&ldquo; &bdquo;Leider.&ldquo;
-&bdquo;Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, meine
-Dame, ich frage Sie an, ganz ergebenst, würden Sie
-ein Engagement am Wintergarten annehmen, monatlich
-mit einer Gage von 10000 Mark? das macht
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-im Jahr rund 100000 Mark?&ldquo; &bdquo;Sie spaßen wohl,
-Herr, es ist doch nicht üblich, am Varieté länger, als
-einen Monat die Artisten zu beschäftigen.&ldquo; &bdquo;Aber,
-uns liegt daran, meine Gnädigste, Sie an unser
-Varieté zu fesseln.&ldquo; &bdquo;Es handelt sich wohl um meine
-arabische Szene, Herr Dr. Ambrosius?&ldquo; &bdquo;Ganz
-recht! Da Sie hoch zu Kamel über Theben sitzen.&ldquo;
-&bdquo;Herr, ich kenne Sie, so einen ungeschminkten Baß
-gibt es nicht am Varieté. Sie sind Professor Gellert,
-der letzte Hohenzollerndämmer.&ldquo; Schluß! Mein
-Brief: Herzallerliebster in Adrianopel! Er fragte
-mich nämlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet mich,
-ihn nicht zu belügen. Ich werde ihm doch keinen
-Stoff zur Lyrik geben, (er ist Dichter), &bdquo;ich liebe
-ihn also! Basta!&ldquo; Könnte ich doch auch ein bißchen
-nach der Türkei, zumal meine Vorfahren alle in
-Sänften getragen wurden. Das Gehen wird mir
-darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen schon erkaltet
-sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein
-Herz gesund wär, was tät&rsquo; ich dann? Einen Augenblick
-bitte! Ich würde mich pudelnackt ausziehen und
-mich in ein Süßwasser werfen, wo die sanften Fische
-leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich
-ging nach dem Südpol und wärmte mich mal ganz
-tüchtig ein, oder ich ließ jedenfalls in der Eiszone einen
-Anthrazitofen setzen. Was soll ich <em>noch</em> machen? Ich
-blieb gerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den
-Sternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist
-es nicht himmelschade, daß mein Herz nicht gesund
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten, namentlich
-die Neurosen. Alle Krankheiten kommen
-von oben. Hier unten ist es ganz nett. Darum
-stürzen auch so viele Aviatiker vom Himmel herab;
-das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen
-sie alle, je höher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen.
-Wie die Aviatiker aussehn: Wie die Vögel,
-ihre Nasen sind Schnäbel, und die Köpfe strecken sie
-in die Höhe. Ein neues Menschengeschlecht. Einmal
-aß mit mir ein Luftsegler zu Mittag, der hackte wie
-ein Habicht am Fleisch herum, riß am Schnitzel wie
-ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche Katharine
-von Armignac ist die erste Aviatikerin der Welt. Im
-Uniontheater der Luftschiffahrtausstellung am Zoo
-fliegen sie alle. Ich kann umsonst zusehen, ich versprach
-über alles zu schreiben. Ich hab&rsquo; kein Geld,
-aber darum kann ich mich doch nicht von der Welt
-abschließen. Und soll sogar die Regierung in Theben
-übernehmen, ich regiere sogar schon <span class="antiqua">pro forma</span>. Die
-Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Fixe
-Idee ist was Natürliches: Natur, die das Gesetz
-zum Sklaven macht. Ich bin der Prinz von Theben.
-Nur Kaiser Wilhelm kann mir in Deutschland nachfühlen,
-was Regieren heißt. Ich habe dabei ein bunt&rsquo;
-Volk. Nachts liege ich auf dem Dach, und bei Tage
-sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin
-für alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor
-Ungewißheit, es meint, ich mache Ulk, aber auch der
-Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge nichts &mdash;
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-nur Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack
-habe, künstlerischen Sinn habe; meine Rede ans
-Volk bedient sich nicht des Punktes, weil ich mich
-nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen
-mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin einig mit
-mir, aus Diplomatie, weil sich mein Volk an mich
-halten muß. Ich denke nur viel, sehr arg, unmittelbar,
-ich lasse alle meine Gedanken ganz nah an mich
-herankommen, damit sie das Fürchten verlernen.
-Wenn ich nur nicht schon in der Frühe von so vielen
-muselmännischen Barbieren gestört würde, die mich
-tätowieren wollen, von abendländischen Malern, die
-mich porträtieren wollen. Nachts werde ich immer
-im Schlummer auf meinem Dach gestört von meinen
-Paschas, die vor Begeisterung meines Regierungsantritts
-nicht ruhen können. Sie haben immer in
-der Audienz, die ich ihnen erteilte, eine Frage unaufgeworfen
-vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als
-regierender Prinz in Theben gewählt bin, bewegen
-sich viele Ehrgeizige in derselben Tracht und Gebärde
-in den Straßen der Stadt, die mir zu gleichen trachten.
-Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine
-Kunst, eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst
-und die Musik. Die Epigonie aber ist eine
-Tätigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie
-die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch
-&mdash; zwar hab&rsquo; ich selbst einen &mdash; aber er ist nie ganz
-gewesen. Heute Nacht, da meine Neger schliefen, erbrachen
-die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-meinem Dache führt, wegen der Freimarken. Ich
-wurde in der Nacht noch im Profil (Seite steht mir
-besser wie <span class="antiqua">en face</span>), im Turban und Regierungsmantel
-photographiert in allen Farben; auf allen
-Posten meiner Stadt verbreitet man Mich Allerhöchst.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-47">
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-Der Eisenbahnräuber
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">ielleicht</span> gehe ich selbst noch einmal in den
-Schwank, sein Humor hat doppelte Lebenskraft,
-man kann sich zweimal totlachen. Es fällt mir gar
-nicht ein, den Inhalt des kleinen Lustspiels zu verraten,
-nur möchte ich seinen famosen Darstellern für
-den schönen Abend und vor allen Dingen dem Autor
-Fritz Gräbert für den lustigen Streich danken. Arthur
-Winckler spielte den ehemaligen Bäckermeister August
-Pickenbach mit Rosinen und Korinthen und allen
-außergewöhnlichen Zutaten. Emmy Dittmar, allerdings
-eine Schulreiterin, in die man sich verlieben
-kann. Frau Meyer (Rosa Schäffel), man soll sich
-noch so eine gute Wirtin suchen! Es war ein lachendes
-Zusammenspiel, ein Tanz, leichtfüßig, ein Walzer:
-An der blauen Donau, wenn auch der erste Aufzug
-in Ostende an der Nordsee spielt und der Herr
-Rentier Bäckermeister Pickenbach auf berlinisch mir
-und mich der neuen Bekanntschaft beim Sekt sein
-Mehlherz ausschüttet. Man kommt nicht aus dem
-Lachen heraus, der traurigen Jungfrau Sentimentalität
-ist der Eintritt verboten, der Autor hat die
-banale Tochter zu Hause gelassen, er ironisiert selbst
-den Kuß. Er mag nicht eines Kusses wegen einen
-Augenblick Lachen einbüßen. &bdquo;Skool!&ldquo; ruft mein
-Nachbar. Er ist Schwede. Ein Liebespaar, zwei
-Turteltauben, stehn doch sonst immerwo im dritten
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-Akt, gefüllt oder ungefüllt, am Nischenfenster und
-girren im frischesten Lustspiel geheuchelte Sehnsucht.
-Meine Angst war also hier vergebens. Und mich belustigt
-ungestört der ungeschlachte, wollige Liebhaber
-Maler Hans Wegemann (Carl Wessel), es blieb ihm
-jedes Wort im Hals stecken, bis er zum beißenden
-Hammel ausreifte unter der Leitung seiner Backfischbraut
-Marie, der Tochter Pickenbachs (Grete Kroll).
-Die vielen Hände, die einen Wirbel klatschten, waren
-nicht zu übersehen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-48">
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-Im neopathetischen Kabarett
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">ausend</span> und Einer. Ich habe mich nicht verzählt,
-las auch, während ich die Köpfe zählte, Armin
-Wassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich und
-herb, reich und superbe ist seine Sprache; dazu sein
-schwärmerisches, knabenhaftes Savoyardengesicht! &mdash;
-Ich suche nach einem Stuhl, der im Verborgenen
-blüht &mdash; endlich finde ich so ein Veilchen abseits am
-Tapetenrand; ich setze mich. Meine Tänzerin Zobeïde,
-die sehr neugierig auf das Kabarett der Neopathetik
-ist, ruht schon lange müde zwischen weißen,
-lilagelben, roten und himmelblauen Mädchen; ein
-Dichter mit Honiglippen und zwei Augen, naschhafte
-Bienen, als einziger Tasso neben ihr und ihren bräutlichen
-Schwestern. Es betritt jemand den Ölberg
-des Saals und predigt über Kunst. Der Vortrag ist
-geistvoll, wenn man sich auch durch Mimik und Brille
-in die Schule zurückversetzt glaubt. Noch immer höre
-ich keine Gedichte von mir &mdash; warum lud man mich
-ein, zumal ich keineswegs objektiv bin? Auf einmal
-flattert ein Rabe auf, ein schwarzschillernder Kopf
-blickt finster über die Brüstung des Lesepults. Jakob
-van Hoddis. Er spricht seine kurzen Verse trotzig und
-strotzend, die sind so blank geprägt, man könnte sie ihm
-stehlen. Vierreiher &mdash; Inschriften; rund herum müßten
-sie auf Talern geschrieben stehn in einem Sozialdichterstaat.
-Ich muß immer ans Geld denken; wie
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-man so runterkommt &mdash; wenn Zobeïde, meine Tänzerin,
-ein Portemonnaie bei sich hätte, würde ich zu
-der Menschenhitze ein Glas Limonade trinken. Ich
-höre, wie ein Vortragender mit triumphierendem Gesicht
-Stefan Georges Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet.
-Das muß ich widerlegen. Stefan Georges
-Gedichte wandeln allerdings, ohne müde zu werden;
-nicht bunte Karawanen über Sandwege; aus ihnen
-weht die Kühle endloser Prozessionen zwischen frommen
-Schlössern und himmelhohen Domen. Die Orthographie
-der Georgeverse erinnert in ihrer Gleichtönigkeit
-leicht an englische Sonntagsruhe. War&rsquo;s
-das, lieber Vortragender? Gern hätte ich die Rede
-von Kurt Hiller, dem Präsidenten des neopathetischen
-Kabaretts, gehört.
-</p>
-
-<p>
-Zobeïde, meine Tänzerin, will noch nicht mit nach
-Hause kommen.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-49">
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-Kabarett Nachtlicht &mdash; Wien
-</h2>
-
-<p class="attr">
-Der lieben Malerin <em>Lene Kainer</em>
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Straßen enden in Rundungen, tanzumschlingende
-Arme. Wir wandeln wie in einem endlosen
-Saal durch Wien. Es ist Nacht &mdash; die Mondkrone
-mit den vielen tausend Sternenkerzen brennt lustig
-über der Stadt der Walzer. Aber nur wenige Menschen
-begegnen uns, vom Vergnügen kehren die letzten
-heim, und ihre Gedanken drehen sich noch mit den
-blauen Donauklängen leichtfüßig über das spiegelblanke
-Leben. Aber die Wiener sind höflich gegen
-ihre Fremdlinge (wir suchen nämlich das Kabarett
-Nachtlicht), noch im Tanztaumel besinnen sie sich nach
-dem entferntesten Winkel, begleiten sogar den Suchenden
-bis an Ort und Stelle. Da steht&rsquo;s ja: &bdquo;Kabarett
-Nachtlicht&ldquo; &mdash; Erich Mühsam trägt gerade seine
-&bdquo;Amanda&ldquo; vor. Er sieht noch lebenslässiger aus, wie
-in Berlin. Zwar sitzt sein Rock heute ohne Tadel,
-und seine Mähne, löwengelb, ist gepflegter wie an der
-Spree. Aber er bangt sich nach Ruhe, und auch die
-Jungfern seiner Verse mit dem nächtlichen unrechtlichen
-Geschick sind müde, sich hier weiter zu produzieren.
-&bdquo;Ein Kunststück, seien Sie mal Schlußnummer
-&mdash; komme erst um 5 Uhr morgens in die
-Klappe.&ldquo; Nichtsdestoweniger will er uns noch ins
-Kasino begleiten. Dort tanzt eine schwarze Blondine,
-&bdquo;Spaniens Madonna&ldquo;, sagt Peter Altenberg im
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-Vorübergehen. Er ist im Begriff, gestützt auf seinen
-Knüppelstock, das Kabarett zu verlassen &mdash; ihm folgt
-die kleine Künstlergesellschaft.
-</p>
-
-<p>
-Am anderen Abend sind wir zeitiger da. Es treten uns
-einige von den Mitwirkenden entgegen: Jener mit
-dem Monokle im Auge kommt mir bekannt vor. &bdquo;Gewiß,
-Frau Lasker-Schüler, wir haben uns schon oft
-im Café Kurfürstendamm in Berlin gesehen.&ldquo; Er ist
-Roda Roda, der humoristische Schriftsteller. In eine
-der kleinen Logen setzen wir uns, seine scharmanten
-Humoresken zu hören. Das Publikum applaudiert,
-bevor er beginnt; es weiß, nun gibt&rsquo;s was zu lachen.
-Im Kakaduton schäkert er mit ihnen wie mit einer
-Schar hörlustiger Kinder. Junge und alte Geschäftsleute,
-kleine Mädchen, Damen der Gesellschaft, Offiziere,
-selbst die Erzherzöge kommen, das Nachtlicht
-morgens auszublasen. In einer Rumpelkammer
-spinnwebgrau sitzen wir, unwillkürlich sucht man nach
-allerlei altmodischem Gerümpel. Bestaubte Figuren
-und Porträts, näher betrachtet von neuen Künstlern
-ausgeführt, hängen an den Wänden, und auf der
-Konsole über dem blonden Kopf eines Leutnants steht
-die Statuette von Madame Delvard, der Scharfrichterin.
-Sie ist die einzige, die den elf Scharfrichtern
-in München zur Hand ging. &bdquo;Ich werde
-extra einige Chansons für Sie singen.&ldquo; Sie spricht
-zu mir &mdash; ich liebe ihre graziöse Stimme, dunkler
-vergrößern sich ihre graublauen Augen zwischen
-zitternden Lidern. Ihre Nervosität duftet. Sie ist
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-eine erwachte Klimtblume aus dem magischen Farbentraum
-des Meisters. Blasse Lichtchen werfen einen
-Schleier auf ihre beringten Hände, die schlaff herabhängen
-an ihrem überschlanken Samtstengelleib, wie
-weiße tauschimmernde Blätter. Und Wedekinds rotäugige
-Straßenlieder singt sie mit der Schüchternheit
-eines Kindes. So leicht kommt sie nicht von der
-Bühne herunter: ein Lied und immer noch eins &mdash;
-&bdquo;Der Bauer wollt&rsquo; fahren ins Heu!&ldquo; Unwiderruflich
-das letzte &mdash; aber sie singt es mit frischer Kraft,
-sie singt es bedeutend, stößt es von sich, wie aufschießende
-Saat. Da steht keine ätherische Prinzessin
-mehr im Lichtschaum; Acker liegt unter ihrer
-Zunge, Peter Altenberg nickt zustimmend und setzt
-sich neben mich in die kleine Loge. Monsieur Henry,
-Madame Delvards Gatte, begleitet ihre Lieder am
-Klavier, aber auch er ist ein Vortragsmeister. Ich
-werde nie seine Ballade vom &bdquo;Heiligen Nicolas&ldquo;
-vergessen, seine rauschige Schwermutsstimme. Monsieur
-Henry ist der gewandteste unter den blutigen
-Elfen in München gewesen, und ein Kavalier ersten
-Ranges. Wir wollen uns wieder vom Zuschauerraum
-an den Künstlertisch zurückziehen; doch Peter
-Altenberg hält mich auf meinem Platz zurück. &bdquo;Das
-Meißnerfigürchen müssen Sie noch sehen und die
-drei Handwerksburschen.&ldquo; Sie stehen schon auf der
-Bühne in altfränkischen, goldknöpfigen Röcken, die
-Mützen geschmückt mit Eichenlaub. Ihr Wanderlied
-beglückt mich ebenso immer wieder wie meinen
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-Nachbar. Er ist nächtlich Gast des Kabaretts;
-die Umgebung dieser Künstlerkinder tut ihm wohl,
-der Aufenthalt auf der kleinen Künstlerinsel unter
-dem guten grünlich flackernden Miniaturstern. Ein
-kostbares Spitzengewebe ist seine Seele, jedes holprige
-Wort bleibt in ihren Seidenmassen hängen. Aber
-wen der gute Blick seines Schelmenauges trifft, der
-möchte ihn wohl ergreifen können und in ein Enveloppe
-als Andenken legen. Und sollte er sich nicht
-ärgern über die Breitheit der Menschen &mdash; &bdquo;nichtsdestoweniger
-zerstreut es mich, nachmittags am Graben
-im Café zu sitzen und die bunte Bewegung anzusehen&ldquo;.
-Ich möchte manchmal zu ihm sagen, so ganz unmotiviert:
-&bdquo;Lieber Peter Altenberg.&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash; Es
-ist gleich Morgen &mdash; wir wollen alle noch einmal
-Carmen tanzen sehen &mdash; &mdash; und dann lebt wohl, ihr
-lieben Künstler, so ball kemma ma nöt wieda zsamm.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-50">
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-Apollotheater
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Kohinoor meines Nachbars tanzt hin und her,
-macht Sprünge auf seinem Zeichenblock wie die
-Clowns dort auf dem Rade. Jetzt nascht er von der
-Chansonette im honiggelben Frack. Einige von den
-Umrissen leben auf dem weißen Untergrund, neckisch,
-eckig hingeworfen, namentlich der eine von der
-Clowniade ist <span class="antiqua">very fine</span> getroffen. Ein Klatschwirbel
-holt <span class="antiqua">the english artist</span> auf die Bühne zurück. Was
-ist mit ihm geschehen! Seine Stirn nach allen Richtungen
-hin zur Unförmigkeit aufgedunsen. Zweifellos
-hat er die englische Krankheit mit herüber gebracht.
-Es gibt keinen Spaß, den der nicht da gedacht
-hat, und ich muß ehrlich auch in diesem Essay
-gestehen, es kommt nun noch dazu, daß ich die Brüder
-aus London besonders mag, &bdquo;ich hab&rsquo; noch nie so
-gelacht wie heute!&ldquo; Der Kohinoor meines Nachbars
-lauscht zugespitzt; die zwei ehrwürdigen Bordellmatronenwirtinnen
-vor mir erinnern sich gegenseitig
-ihres Amtes. Geliebter und Geliebtin blicken sich zu
-in der Loge wie die schillernden Demi-Monde auf dem
-Vorhang, der sich weltenseufzend spaltet und das Gemach
-der Sultana enthüllt. Nackte Frauen steigen
-(obere, kleine Bühne) aus ihrem Brunnenbade wie
-im wirklichen Harem eines Sultans. Am Fuß der
-Treppe, die zum eigentlichen Gemach der Herrin führt,
-wacht der Wächter armverschränkt. Endlich nahen
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-die erfrischten Schönen, aber ihre Haare duften nicht
-nach Pharaonenblüten, auch sind ihre Glieder keineswegs
-ungelöste Geheimnisse. Und statt Sultana betritt
-Frau Betty das Gemach, die Freundin des amüsanten
-Frauendoktors, ihres wohlsituierten Mannes
-treue Tennispartnerin. Sie liest auch Romane &mdash; &mdash;
-schwüle mit Betthimmelpointen und Daunenliederbordüren,
-und ich fürchte, daß die Halbmonde der
-Dekoration vor Begierde rein zu Glotzmonden werden.
-Die Freundinnen beginnen endlich, indes Sultana
-ihren Leib dem Divan und dem Kissen gibt, mit ihren
-Tauchtänzen (kein Druckfehler), Schleier-Eiertänzen,
-man vernimmt Arm- und Beingegackel. Der Wächter
-tritt vor, er ist nicht &bdquo;Asra&ldquo;, er schreit nicht ia, furchtbar
-kracht sein Wort, sein Antlitz bleich, sein Turban
-&mdash; &mdash; Blut. Die Tänzerinnen vertanzen in den
-Keller. Jäh springt Sultana von ihrem Lager auf
-und stößt auf Jargon von sich: &bdquo;Was willst du von
-mir, Hund!&ldquo; Der Sultan, dein Gebieter hat es
-so befohlen. Betty du mußt sterben ... Und deine
-Tändelei hört auf im Mondscheinvorhang. Leise
-nähert sich der Wächter ihrem Ohre, aber Sultana
-wählt lieber den Tod, als daß sie sich, Sultana bleibe
-stark, dem intriganten Schuften schenken mag. Diese
-temperamentvolle Charakterfeste, warum gastiert sie
-nicht bei Gebrüder Herrnfeld? Die zwei greisen Leopardinnen
-vor mir schnurren, der Kohinoor meines
-Freundes fällt bleischwer zu Boden. Männer ergreifen
-auf die Gebärde des Wächters erbarmungslos
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-die Geprüfte. Arme schicke Betty, tipptopp, peitschensiebenhiebenspaltig!
-Ob wir paar Geschworene im
-Zuschauerraum auch von deiner Unschuld überzeugt
-sind &mdash; &mdash; es nützt nichts. Markerschütternd verenden
-deine Hilferufe. Aber in weißen Tennisschuhen und
-weißem Flanellhemd steht die Taube von Gatte am
-Fußende des Ruhebetts. Statt der zunehmenden goldenen
-Viertel- und Halbkugeln &mdash; &mdash; Tapetengeknospe.
-Wärter: &bdquo;Sultana&ldquo; ... und wieder ihr
-Name leise verbettelnd: Ein Tropfen des Turbans
-klebt auf der aufgeschlagenen Seite des Romans.
-</p>
-
-<p>
-Wie eine Erlösung nun das Konzert auf dem Banjo
-der <span class="antiqua">lovely</span>, <span class="antiqua">sweet</span> Miß, ihr Spiel verbreitet hellen,
-herben Zauber. Und nach ihr der musikalische Clown
-mit der Entennase, er verabreicht kurzweg ein Konzert
-auf den Messingknöpfen eines Schirmständers, ich
-habe mich in der Zeit verliebt in ihn, &mdash; &mdash; &mdash; mein
-Herz sprach immer schon für einen August, über den
-man sich totlacht. Und Euch sparte ich mir bis zuletzt
-auf, edle, blonde Senora Fornarina, ich möchte Euch
-etwas besonders Schönes sagen, goldene Traube
-Spaniens.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-51">
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-Tigerin, Affe und Kuckuck
-</h2>
-
-<p class="subt">
-Tierfabel
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">irkus</span> Busch ist in seinem Extrazug von Berlin abgereist.
-Ich bin zu seinem Abschied auf die Bahn
-gekommen, früh am Morgen; der Komet stand noch
-über der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schulreiterinnen,
-Jongleure, Auguste, der Riese mit dem
-Zwerg, der große Bär, die Elefantin, das Dromedar,
-der glitzernde Galawagen, alle waren sie im Lauf und
-bald im vollsten Zuge. Noch lange hörte ich das
-Brüllen der Tigerinnen, nie haßte ein Mann so wütend
-das Weib wie der Bändiger dieser gestreiften
-Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb stehn, trat
-der unerschrockene Sultan in das Gittergemach seiner
-brüllenden Sklavinnen. Er mißbraucht sie nicht zu
-Kunststücken, läßt er auch die Kunstreiterin seiner Tigerinnen
-durch einen Papierreifen springen. Wollust
-bereitet ihm, seine wutschäumenden Tigerweiber mit
-Stangen und Schüssen bis zur Wutekstase zu reizen
-und sie zu bezwingen. Schschschschschschsch &mdash; sch &mdash; die
-beiden eleganten Brüder Fillies und ihre graziöse
-Schwester werfen noch einen kurzen Blick auf den Perron,
-der Clown mit der genialen Ungeschicklichkeit verlangt
-auf idiotisch vom Zeitungsträger den &bdquo;Ulk&ldquo; &mdash;
-Sch .... Berlin hat sein größtes Kind eine Weile
-verloren, den Zirkus; wo geht man nun hin, um zuzugucken?
-Wie ein Mensch soll der Affe sich im
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Wintergarten benehmen. Herr Darwin, der Enkel
-des großen Zoologen, wird mich ins Varieté begleiten.
-Es ergreift ihn, so einen gebildeten Vorfahren seiner
-Baumzeit zu sehen. Ich bin ebenfalls von dem fletschenden
-Erzurgroßvater entzückt. Ein Gourmet ist
-der greise Herr, keineswegs lebt er von Luft und Erkenntnis.
-Der verwandte Künstler da oben verzehrte
-ein Menu von Dressel und regalierte sich an Heidsieck-Monopol.
-Mit Verbindlichkeit raucht er die Zigarette,
-die ihm ein Bewunderer verehrte. &bdquo;Es ist Zeit&ldquo;
-noch prüft er die Zeiger auf seiner Uhr. &mdash; Ich möchte
-mich auch in ein solches Prachtbett legen &mdash; ich bin
-müde &mdash; die Nacht vorher brachte ich, mich verirrend,
-in der Kolonie Grunewald zu; im Rieselregen auf
-einer runden Sommerbühne, worauf die Gärtner
-Kiesel legen. Nasse Nacht, kein Komet mehr. Ich
-war trostlos. Plötzlich rief der Kuckuck &mdash; ich bezog
-es zuerst persönlich, aber so unhöflich sind nur die
-Kuckucksuhren. Dieser da zwischen jungem Grün, zwischen
-April und Mai, ist ein vortragender Künstler,
-ein wundervoller Komiker. Also gibt es wirklich Kuckucke?
-Ich dachte immer, es sei eine Fabel.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-52">
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Im Zirkus
-</h2>
-
-<p class="attr">
-Meinem lieben blauen Reiter <em>Franz Marc</em>
-und seiner blauen Reiterin
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> junge Reitkünstlerin Miß Ella kehrt in die
-Manege zurück und schlägt die ausgelassensten
-Purzelbäume. Und dann kommen Paolo, Luigi und
-Alberto, die drei Gigerl, und treiben aneinander
-Gymnastik mit der markigen Beweglichkeit großer
-Leonahrder Hunde. Vier braune, ungarische Pferdeprinzen,
-deren Haut unter dem Schein der vielen Kristallsterne
-wie Gold glänzt, tanzen mit wilder Anmut
-und königlicher Grandezza. &bdquo;Als ob sie Musik in den
-schlanken Waden haben!&ldquo; sagt mein Begleiter zu mir.
-Und nun das Intermezzo der beiden Clowns. &bdquo;Er ist
-mein Bruder,&ldquo; kreischt Aujust, der blöde Aujust, der
-amüsante Idiot. Wie ein Gänserich watschelt er in
-seinen sackweiten Hosen quer durch die Manege. Fräulein
-Marinka, die sanfte, graziöse Erzieherin auf
-einem ihrer zwei artigen Pferde sitzend &mdash; ringelrangelreihe
-singen die Geigen &mdash; und ihre beiden
-Zöglinge springen vor Vergnügen. Und wieder ertönt
-die Musik hoch oben vom Zirkus, das sind heiße
-Carmentöne, walzerartig in rundem Klingen geblasen.
-&bdquo;Hier ist die Verunstaltung erträglich,&ldquo; sagt
-mein Begleiter zu mir, &bdquo;es paßt zum Milieu.&ldquo; Und
-immer bunter werden die Klänge ... in schimmernde,
-mattfarbene Stoffe gehüllt kommen reizende Spanierinnen
-geritten und feurige, spanische Kavaliere.
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-Heißer und tollkühner wird der tanzende Ritt; die
-bacchantischen Donnas sausen, wie Feuerstürme über
-den Sand, auf dem Rücken ihrer Zauberrosse liegend
-&mdash; indessen die Senores mit liebenswürdiger Höflichkeit
-aufrecht zu Pferde, dem Winke ihrer Damen
-harren.
-</p>
-
-<p>
-Aujust! Aujust! Wo bist de, Aujust? Da steht er ja,
-versteckt hinter der niedrigen Brüstung der Manege
-und heult in Trompetentönen, daß alle Herzen Purzelbäume
-schlagen und immer höher wächst er, immer
-höher. &bdquo;Det hat keenen juten Anbejinn und een langet
-Uffwehen,&ldquo; quitscht Aujusten sein Bruder mit den
-wulstigen Mehlbacken und der Haardüte auf dem
-spitzen Kopf, indessen Aujust die Manege in Melancholie,
-langsam wie ein wandelnder Turm durchschreitet.
-&bdquo;Det Luder ist maschuche jeworden, weil
-der kleine Cohn sinn Vater is!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schon harren die drei blonden englischen Reiterinnen
-in blauer Seide; <span class="antiqua">lovely Girls</span>, drei holde Mädchenenzianen.
-Hei, wie sie springen, herauf und herunter
-von dem Rücken ihres wiehernden Vogels. Nun
-trägt er sie alle drei über den Sand in tausende Märchen,
-weithin, in blaue Gärten ... Ich entwand
-meinem Begleiter die weiße Rose, die über seinem
-Herzen blühte. &bdquo;<span class="antiqua">Miß here! catch it!</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-10 Minuten Pause!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie gefällt es dir!&ldquo; &bdquo;Es ist wie ein blühendes
-Abenteuer. Es ist, als ob ich brausenden, dunklen
-Wein trinke, und ich vergesse alles was grau ist und
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-hinkt. Ich sitze in einem bunten, jauchzenden Schoß,
-und um ihn herum wachsen ragende Gefahren, die
-aber lustige Kleider tragen.&ldquo; Wir gehen durch die
-weiten Korridorhallen. Galawagen auf Goldrädern,
-Riesendrachen aus Papiermaché, zusammengeklappte
-Bretterhäuser, Fässer, allerlei Gerümpel, Kostüme
-mit Silberfransen, Steinen und Perlen liegen in
-übermütiger Unordnung zwischen dem Mobiliar. Wir
-treten in die Ställe ein: da stehen die herrlichen
-Schimmel mit der silberschimmernden Haut und den
-Seidenschweifen, wie helle Rosen des Frühfrühlings.
-Und dort die finsteren Rappen mit den großen Feueraugen.
-Eine kleine Treppe führt uns abwärts in die
-Stallungen der Elefanten &mdash; diese grauen, schweren
-Gebäude aus Fleisch und Knochen mit den winzigen
-Guckaugenfensterchen. Als wir wieder auf unseren
-Plätzen saßen, war die Manege mit eisernen Gittern
-umzäunt. Zwei mächtige Löwen schreiten in den Käfig
-und hinter ihnen die anderen Könige der Kraft.
-&bdquo;Nero! Herkules! Agamemnon! Odysseus! Hektor!
-Kambyses! Hierher! Dorthin! Willst du!
-<span class="antiqua">Vite, vite! Ah, mon cher.</span>&ldquo; &mdash; und dann wieder im
-gebrochenen Deutsch: &bdquo;Aben Sie die Güte, mein
-Freund.&ldquo; Mademoiselle Claire, du grausamste
-Braut! Mit erhobenem Arm, mit drohender Liebenswürdigkeit
-beugt sie den Willen ihrer grimmigen
-Sklaven. Ihr weißer Hals lockt wie Süßigkeit, ihr
-blendender Hals, das Ideal ihrer brüllenden Verehrer.
-&bdquo;<span class="antiqua">Ah, messieurs!</span> Hektor, Agamemnon, Kambyses,
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-<span class="antiqua">dînez s&rsquo;il vous <a id="corr-13"></a>plaît</span>.&ldquo; Und sie tafelt ihnen
-blutende Leckerbissen. Das gierige Brüllen und Knurren
-dröhnt durch die weiten Räume des Zirkus in
-aufwachsender Wildheit. Hastig eilt der Diener herein
-und wieder heraus aus dem Käfig, Gerätschaften
-bringt er, Kugeln, Stangen, Fässer holend, Stühle
-und Tische &mdash; aus Gauklern besteht die gefährliche
-Truppe. &bdquo;Genug, Madame Claire!&ldquo; Nero muß sich
-noch auf dem Seil produzieren. Gewandt, wie ein
-Seiltänzer dreht er sich, in der Mitte des Seiles angelangt,
-um sich selbst. &bdquo;Brav gemacht!&ldquo; Seine
-Brüder sind schon alle gefangen in der kleinen Nacht
-ihrer Wagenherberge, und er allein liegt noch ausgestreckt,
-wie im Sande der Wüste, und schlummert.
-&bdquo;Nero, wache auf! Nero, ich muß bitten&ldquo; &mdash; aber
-Nero rührt sich nicht, er öffnet zwar seine gelben
-Augen &mdash; und ihn auf den Schultern nach Hause
-tragend, wie ein müdes Baby, durchschreitet die furchtbare
-Heilige, die heilige Kriegerin, eine Siegerin das
-Eisentor.
-</p>
-
-<p>
-Als der Direktor seine zwei Perserhengste vorführte,
-sah ich zwischen den Tönen der tanzenden Musik noch
-die grimmige Pranke Agamemnons, die nach seiner
-Schönen ausholte und das schwärmerische Anschmiegen
-Neros.
-</p>
-
-<p>
-Im Eingang der Manege stehen zwei Riesenelefanten,
-zwei Schulräte an Ruhe und Würde. Etliche helle
-und dunkle Pferdchen springen, fleißige Schulbuben
-hinter einigen größeren Apfelschimmeln, die ernst und
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-gravitätisch in der Mitte des Zirkus haltmachen.
-Aber in fauler Gemütsruhe spazieren die kleinen Elefanten
-herbei, und dann ungeduldig die mutwilligen
-Zebras mit den glänzenden Streifen auf der Haut.
-Und nun laufen sie allesamt in verschiedenem Tempo,
-als ob sie kanonartig das Abc singen.
-</p>
-
-<p>
-Tatrata tönen die Trompeten und die Hörner, Reiter
-und Reiterinnen in ziegelroten Tuchanzügen, galoppieren
-auf ihren schlanken Rennern über Zäune und
-Hecken, dem Edelwild nach, den Hirschen und leichtfüßigen
-Gazellen &mdash; und da läuft ja auch der Aujust
-in rasender Angst durch den weiten Manegeraum und
-hinter ihm ein Wild mit einer vielästigen Geweihkrone.
-Die Puste jeht Aujusten aus. Er stöhnt, er
-schreit und gestikuliert mit allen Vieren. &bdquo;Herr
-Stallmeister, retten Sie mir!!!&ldquo; Und zum Schluß:
-Mr. Bob, <span class="antiqua">the little gentleman</span>, mit seiner kleinen
-sechsjährigen Dame auf dem Pferde ...
-</p>
-
-<p>
-Noch in Hut und Mantel stehen die Zuschauer vor
-ihren Plätzen. &mdash; Es kann doch eigentlich noch gar
-nicht aus sein &mdash; tuuht, tuuht! Über die Manege
-des Zirkus senkt sich schwer von der Decke des Zirkus
-eine Riesenfeuerglocke. Aujust ist durchgebrannt!!
-Rotumhüllte Clowns, wie in Glut gebadet, wandeln
-knurrend über den Sand, immer auf und ab; die Anführer
-tragen Aujustens Herz aus kariertem Zucker
-auf einem roten Kattunkissen. Aber da steht er ja
-oben auf dem Olymp: &bdquo;Aujust, sollst mal runter
-kommen!&ldquo; schallen tausend Stimmen durcheinander
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-&mdash; aber Aujust steht drohend aufgerichtet, seine Nase
-ist weiß und spitz wie eine Nadel, seine Augen sind
-wutrot aus den Höhlen getreten. Düstere Zettel fliegen
-auf das Publikum. Er streikt, er beansprucht im
-Namen der Clowngesellschaft mit beschränkter Haft
-erhöhten Lohn &mdash; er droht mit juten Witzen. Und mit
-einem langen Purzelbaum setzt er über unzählige
-Köpfe lachender Hörer hinweg durch eine der Ausgangstüren.
-&mdash; Die vielen Lichter werden trübe, wie
-müde Augen &mdash; ich und mein Begleiter sind die letzten
-der Aufbrechenden &mdash; der große Zirkus ist ganz allein.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-53">
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-Zirkuspferde
-</h2>
-
-<p class="attr">
-Der lieblichen Fürstin <em>Helle von Sontzo</em>
-</p>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Tempel der Pferde ist der Zirkus, ich meine,
-jedes Pferd will spielen, und das heißt auf die
-Sprache des Wieherns, beten; alle Tiere wollen spielen,
-aber welche Tieraugen brennen vor Begeisterung
-so tief wie die des Rappen; die Schimmel sind fromme
-Pilger oder Heilige. Päpstinnen, wie Santa Anna,
-Leo ritt auf ihren unbefleckten, weißen Rücken zwischen
-frommen Hecken seiner päpstlichen Gärten. Ich gehe
-jeden Monat in den großen Zirkustempel Busch, zu
-jedem Feiertag der Pferde, zu ihrem Galadienst. Am
-liebsten sind mir ihre <a id="corr-14"></a>Feiern ohne vielerlei Äußerlichkeiten,
-wenn sie ungesattelt ohne Reiter oder Reiterinnen
-sich tanzend im Kreise bewegen, ihr eigenes
-Blut feiern nach Herzenslust. Gefallen lasse ich mir
-die drei Geschwister Fillis im Zirkus Busch, des berühmten,
-französischen Reiters Reitlinge. Die stören
-den Rhythmus des Pferdespiels nicht; ihre Gestalten
-sind selbst schlankgeweiht dem Ritt. Mademoiselle
-Fillis, die Schwester der beiden jungen Chevaliers ist
-verwachsen, wie ihre Brüder, mit dem Rücken ihres
-wiehernden Priesters. &mdash; Mein Vater und meine
-Mutter ritten durch die Akazienchausseen meiner Heimat;
-meiner Mutter Edelstute wallfahrtet oft durch
-meine Erinnerung und trägt mir dichterische Gedanken
-zu, und meines Vaters Hengst setzt über mein Blut
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-und läßt es aufschäumen. Ich liebe euch, ihr Pferde
-mit den langen Seidenschweifen, Atlas ist eure Haut
-und feuerfarbener Samt eure Augen. Solche Schönheit
-ist die Frömmigkeit der Pferde, gezüchtet, spielfähig
-und buntgebenedeit. Ich wüßte keine andere
-Stätte, die den Namen Tempel der Pferde verdiente,
-wie den Zirkus. Etwa der Rennstall? Prostituiertes
-Pferdepriestertum. &bdquo;Beten&ldquo; heißt &bdquo;Spielen&ldquo; der
-Pferde und gibt es einen lustigeren, weihevolleren
-Sandtempel, als den Zirkus. &mdash; Hochmütig ihrer
-Zucht bewußt, schütteln die Herrenpferde ihre Mähnen,
-kehren verächtlich dem Liebesäugeln einer dreisten
-Lastpferdin oder einer brünstigen Dickschenkelin ihres
-Pferdevolkes den Rücken. Sie gehen keine Mesalliance
-ein. Glücklich macht mich der Anblick eines
-Reiters, paßt er sich dem Denken seines Trägers an.
-Wie denkt sein Pferd, sein wohlgepflegtes Pferd?
-Trabweise, sprungweise, gallopierend, immer in Gedanken,
-treu seiner Bewegung. Und das überträgt
-sich dem Kavalier und seiner Dame, Halbpriester der
-da oben, Halbpriesterin, die auf des Pferdes Rücken.
-Voll Spiellust sind die Füllen; jeden Morgen wartete
-ungeduldig so ein Nimmermüdes auf mich und
-meine Schulkameradin. Über den Zaun auf seine
-Wiese sprangen wir schulvergessend &mdash; wer von uns
-drei wohl am liebsten Zeck spielte! Darum empfinde
-ich schmerzlich jede Mißhandlung der Karrenpferde.
-Bang wie Regen fließen die dunklen Lider über ihre
-trüben Augen. Wie denkt so ein Pferd? Kummer
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-bedrückt sein Herz und beugt seinen verhärmten Kopf.
-Manchmal tröstet der Braune den Schwarzen oder
-der Apfelschimmel die müde Apfelschimmelin. &mdash; Wie
-futterfreudig hingegen an ihren fetten Trog denken
-die markigen Erntepferde; an den Seiten des Kopfes
-tragen sie den blanken Messingschmuck. Zwei, vier
-Kinderhände, vom reichen Schulzen die Buben, halten
-sich an den Strähnen der Mähne des schnaubenden
-vierbeinigen Bauern fest, und einige Plumssäcke liegen
-auf dem Hinterviertel seines stampfenden, drallen
-Pferdeweibs. Ich liebe euch alle, ihr Pferde, auch
-die Zwergpferdchen aus Gullivers Zwerglande im
-Zirkus Busch.
-</p>
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-54">
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-Zirkus Busch
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>W</span><span class="postfirstchar">ann</span> fängt es an?&ldquo; Daß wir nur ganz pünktlich
-dort sind! Ich will lieber den ersten Aufzug
-einer Theaterpremiere versäumen als die Reiterin im
-Quastensattel. Es hieße eine Erinnerung schießen
-lassen. Erstaunte, großaufgetane Augen bekommt
-man im Zirkus, und die Lippen werden rot und runden
-sich. Und alle Menschen, die zugucken, sind Kinder.
-Das ist es: Zugucken soll man.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Steppenritt &mdash; die liebenswürdige Schulreiterin
-im blauen Tuchkleid; ihr folgen weißbegossene
-Pudel, zwei Clowns. Beim Müller waren sie und
-wollen nun zum Bäcker in den Ofen. Hinter ihnen
-hilflos der wirkliche August in spitzen, amerikanischen
-Lackschuhen, gentlemanlike gekleidet. Auf einmal
-öffnet sich der Vorhang der oberen kleinen Bühne.
-An stählernen Recken strecken sich schmiegsame Menschenleiber,
-wie Katzen hin und her auf Samthänden
-und leisen Füßen. Aber unten in der Manege stampfen
-schon die schwarzen Zigeunerpferde. Ich liebe die
-Pferde. Es sind gestaltgewordene Sagen, Legenden,
-Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Wann setzen die
-wiehernden Paschas über den Bankzaun, im Kreis den
-Sand aufwirbelnd zur Wolke! Ihre Nacken schmückt
-der Halbmond mit dem Stern. Oben vom Gipfel des
-Zirkus braust ein Marsch. Ich hörte ihn schon am Bosporus;
-Abdul Hamids Sohn hat ihn vertont. &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-Die Kristallkronen senken sich majestätisch, der bunte
-Riesenraum wird zu einem Krönungssaal. Die Ringer
-warten schon vor der Halle. Schlanke Königssöhne
-aus dem Norden, ihre Schultern sind dunkelvergoldet
-von der Mitternachtssonne. Dichtungen
-werden Wahrheiten. Johannes Josefsson, ein isländischer
-Achill, er führt den Heroentanz der Kraft
-auf. Ich muß an den schönen Halbgott denken, noch
-zwischen den Indianern, Farmern und Cowboys. Eine
-interessante Häuptlingspantomime. Man bekommt
-Lust, mitzupantomimen. Ich halte die übliche verzuckerte
-Nußstange noch unberührt in der Hand. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="last">
-Morgen Mittwoch acht Uhr, große Galavorstellung.
-</p>
-
-<div class="ads">
-<hr />
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)</span>
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Max Brod</span>
-</p>
-
-<p class="tit">
-Die Höhe des Gefühls
-</p>
-
-<p class="subt">
-Szenen, Verse, Tröstungen
-</p>
-
-<p class="edn">
-25 Exemplare auf Bütten, vom Autor signiert
-in Ganzleder gebunden je Mark 15.&mdash;
-</p>
-
-<p class="price">
-Geheftet Mark 3.&mdash; <span class="right">Gebunden Mark 4.50</span>
-</p>
-
-<hr />
-
-<p>
-<em>Berliner Tageblatt</em>: Der Titel &bdquo;Die Höhe des Gefühls&ldquo; bezeichnet
-einen Zustand außerordentlicher seelischer Steigerung, der ein Hinausgehen
-über die sonstigen Grenzen der lyrischen Form zum szenischen
-Bilde notwendig macht, indem der Träger des Gefühls sich selbst in
-den leidenschaftlichen Beziehungen zur Umwelt darstellen muß. Durch
-eine ins Großartige aufstrebende biblische Düsterkeit und Erlebniskraft
-erhebt sich das Schlußstück &bdquo;Die Arche Noah&ldquo; zu einer Musik des Wortes
-und Sinnes, die man als ein poetisches Oratorium ansprechen möchte.
-</p>
-
-<p>
-<em>Neue Freie Presse, Wien</em>: Es dünkt mich das innigste, echteste und
-zugleich kühnste, selbstbewußteste der Brodschen Bücher. Hier gab der
-Dichter vielleicht sein Tiefstes: ein Paradigma der Menschheit, ihrer
-Irrungen und Versuchungen, ihrer Verstrickungen und Erlösungen in
-Form einer kurzen und gedrängten, phantasievoll vergegenwärtigten
-Szene. Irgendein Unsagbares schwingt hierbei noch mit, das ich nur
-durch das Wort &bdquo;Musik&ldquo; anzudeuten vermag.
-</p>
-
-<p>
-<em>Die Zeit, Wien</em>: Etwas Weltabgewandtes, Abseitiges, nach innen
-Gekehrtes, das mit unserem Gefühls- und Gedankenleben mehr zu tun
-hat, als Krieg und Börse, zieht uns mit seltsamer Gewalt zu diesen
-Blättern und dennoch spürt man verhalten den heißen Atem unserer
-Zeit darin. Über die neue Gabe des jungen Prager Dichters wird man
-sich freuen: sie gehört zu den in unserer Zeit so seltenen reifen und
-harmonischen Büchern, die gleichweit von erdfernem Optimismus und
-kokett-ironischer Weltschmerzlichkeit entfernt sind.
-</p>
-
-<p>
-<em>Prager Tageblatt</em>: Brods Kunst erscheint hier wunderbar gesteigert,
-losgelöst vom stofflichen Zwang, wie auf Flügeln die Welt durchmessend.
-Der Verlag hat dem Werk übrigens ein ganz erlesenes Kleid gegeben.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads">
-<hr />
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)</span>
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Max Brod</span>
-</p>
-
-<p class="tit">
-Über die Schönheit häßlicher
-Bilder
-</p>
-
-<p class="subt">
-Ein Vademecum für Romantiker unserer Tage
-</p>
-
-<p class="price">
-Geheftet Mark 3.50 <span class="right">Gebunden Mark 4.50</span>
-</p>
-
-<hr />
-
-<p>
-Ein ernstes und dabei bizarres Bekenntnisbuch Max Brods, das eigensinnige,
-höchst individuelle Credo dieses Dichters. Man kann sagen,
-daß sein Schaffen durch das vorliegende Buch, in dem der Dichter fast
-ausschließlich von sich selbst und seinen äußersten Gedankenverfaserungen
-spricht, in ganz neuem Lichte erscheint. Das Buch ist zum tieferen Verständnis
-der vorhergehenden Werke Brods unerläßlich. Wir sehn hier
-ein heftiges Temperament und seine Opposition gegen unser mechanisiertes,
-amerikanisiertes, philiströs-kaufmännisches Zeitalter äußern.
-Aber diese Opposition ist alles andere als griesgrämig. Sie versteckt
-sich oft sogar hinter einem lustigen Lob des Verabscheuten, ja sie baut
-eine ganze phantastische Theorie der &bdquo;Schönheit des Geschmacklosen&ldquo;
-aus. Die Greuel kitschiger Bilder, Kino und Panorama, Chansonetten
-und Ausstattungsstücke, häßliche Möbel und konventionelle Schauspielkunst
-werden in unterhaltendster Paradoxie in den Himmel erhoben.
-Hinter dem komplizierten Gewebe von Spott und ironischer Verliebtheit
-schlägt aber immer wieder die Liebe zum Begeisternden, zu den
-Sternen, zu Smetana und Berlioz, zum Meister Flaubert und zu dem
-nach Ansicht des Dichters bedeutendsten Zeitgenossen Robert Walser
-durch. So ist dieses Buch eigentlich nur ein eigenwilliger, aber doch
-ein Weg zum Ideal und zur Befreiung des Menschen im Absoluten,
-im Reiche des Erhabenen und Schönen. Unbeirrbar steht hinter jedem
-der unberechenbaren Seitensprünge und humoristischen Exkursionen
-der große Ernst dieses Dichters. Max Brod hat in seinem gleichzeitig
-erschienenen (mit Dr. Felix Weltsch gemeinsam verfaßten) philosophischen
-Buch &bdquo;Anschauung und Begriff&ldquo; die exakte Basis gegeben, auf der er
-sich so kühne Scherze erlauben darf, die in anderem Zusammenhange
-vielleicht frivol klängen, während sie hier nur von der unbefangenen,
-nietzschehaft heiteren Luft um diesen sicheren Tänzer Kunde geben.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ads">
-<hr />
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)</span>
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">Franz Werfel</span>
-</p>
-
-<p class="tit">
-Wir sind
-</p>
-
-<p class="subt">
-Neue Gedichte
-</p>
-
-<p class="printer">
-In vorzüglicher Ausstattung / Druck der Offizin
-W. Drugulin
-</p>
-
-<p class="edn">
-Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte
-Expl. auf schwerem Japanbütten in Ganzlederbd. M. 35.&mdash;
-</p>
-
-<p class="price">
-Geheftet Mark 3.&mdash; <span class="right">Gebunden Mark 4.50</span>
-</p>
-
-<hr />
-
-<p>
-Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt gewordenen
-Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war:
-die Fülle der Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen Poeten, wird
-hier gesteigert zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im
-Irdischen will seine Dichtung beharren, sie versucht dem Göttlichen im
-Gefühl aller Menschheit näher zu kommen. So wird sein Singen
-prophetisch wie die Psalmen des Alten Testaments; sein Werk hat die
-Stärke und Verkündigung eines neuen Ethos.
-</p>
-
-<p class="center">
-Urteile über Franz Werfel:
-</p>
-
-<p>
-<em>Wilhelm Herzog</em>: &bdquo;... ein ganz junger, ganz großer Dichter.
-Wenn irgendwo, so ist hier die neue Kunst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<em>Frankfurter Zeitung</em>: &bdquo;... ein ganz großer Dichter, mit allem
-Ernste sei das gesagt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<em>Neue Rundschau</em>: &bdquo;... Withmans kosmische Liebe und Goethes
-unersättliche Lust zu fühlen, hat sich Werfel durch das Recht der
-Wiedergeburt zu eigen gemacht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<em>B. Viertel im &bdquo;Strom&ldquo;</em>: &bdquo;Diesem jungen Dichter fügt
-sich das Leben, indem es ihn entzückt, in leichte, zarte, schwebende
-Formen. Alles ist neu, alles ist noch Ereignis, ist Ekstase.&ldquo;
-</p>
-
-</div>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
-beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-</p>
-
-
-<ul>
-
-<li>
-... nehmen <span class="underline">sie</span> als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ...<br />
-... nehmen <a href="#corr-0"><span class="underline">Sie</span></a> als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf <span class="underline">dem</span> Kopf ...<br />
-... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf <a href="#corr-1"><span class="underline">den</span></a> Kopf ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sich an ihrer Schrift, und <span class="underline">den</span> Inhalt, den ...<br />
-... sich an ihrer Schrift, und <a href="#corr-2"><span class="underline">der</span></a> Inhalt, den ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... aber deren Inhalt voll Leben <span class="underline">sprudeln</span>; Handschriftkünstler, ...<br />
-... aber deren Inhalt voll Leben <a href="#corr-3"><span class="underline">sprudelt</span></a>; Handschriftkünstler, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... wie das Wasser aufspritzt. &bdquo;<span class="underline">Das</span> nur nicht die neuen ...<br />
-... wie das Wasser aufspritzt. &bdquo;<a href="#corr-5"><span class="underline">Daß</span></a> nur nicht die neuen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Besitzer dieser Fuhrunternehmen <span class="underline">treffen</span>. Vorwurfsvoll ...<br />
-... Besitzer dieser Fuhrunternehmen <a href="#corr-6"><span class="underline">trifft</span></a>. Vorwurfsvoll ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Kampfstimmung, er hat <span class="underline">tagüber</span> Aufsätze schreiben ...<br />
-... Kampfstimmung, er hat <a href="#corr-7"><span class="underline">tagsüber</span></a> Aufsätze schreiben ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Sitte.) &bdquo;<span class="underline">Reisen</span> Sie mich nicht immer aus meinen ...<br />
-... Sitte.) &bdquo;<a href="#corr-8"><span class="underline">Reißen</span></a> Sie mich nicht immer aus meinen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... teilte ihr meinen Entschluß, daß, falls sie mir das ...<br />
-... teilte ihr meinen Entschluß<a href="#corr-9"><span class="underline"> mit</span></a>, daß, falls sie mir das ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, <span class="underline">geschmeidige</span> ...<br />
-... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, <a href="#corr-10"><span class="underline">geschmeidiger</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... vor <span class="underline">diesen</span> pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ...<br />
-... vor <a href="#corr-12"><span class="underline">dieser</span></a> pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... dînez s&rsquo;il vous <span class="underline">plaït</span>.&ldquo; Und sie tafelt ihnen ...<br />
-... dînez s&rsquo;il vous <a href="#corr-13"><span class="underline">plaît</span></a>.&ldquo; Und sie tafelt ihnen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... liebsten sind mir ihre <span class="underline">Feier</span> ohne vielerlei Äußerlichkeiten, ...<br />
-... liebsten sind mir ihre <a href="#corr-14"><span class="underline">Feiern</span></a> ohne vielerlei Äußerlichkeiten, ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Gesichte, by Else Lasker-Schüler
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE ***
-
-***** This file should be named 53239-h.htm or 53239-h.zip *****
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-
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-
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-
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-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
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-beginning of this work.
-
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-
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-
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