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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Gesichte - Essays und andere Geschichten - -Author: Else Lasker-Schüler - -Release Date: October 9, 2016 [EBook #53239] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - - - - Gesichte - - - Essays und andere Geschichten - von - Else Lasker-Schüler - - - - - 1914 - Verlag der Weißen Bücher, Leipzig - - - - - 2. Auflage - - - - - Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig - - Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig - - - - - Inhalt - - - Seite - Sterndeuterei 9 - Handschrift 18 - Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup 24 - Künstler 27 - In der Morgenfrühe 30 - Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck 32 - Arme Kinder reicher Leute 37 - Am Kurfürstendamm 40 - Die beiden weißen Bänke vom Kurfürstendamm 43 - Die Odenwaldschule 45 - Lasker-Schüler contra B. und Genossen 48 - Coranna 55 - Die schwere Stunde 57 - Peter Hille 59 - Karl Kraus 66 - Loos 69 - Oskar Kokoschka 72 - Peter Baum 74 - Franz Werfel 76 - S. Lublinski 77 - Paul Leppin 83 - Richard Dehmel 85 - Max Brod 86 - Alfred Kerr 87 - Bei Guy de Maupassant 89 - Albert Heine 100 - Karl Vogt 101 - Paul Lindau 102 - Bei Julius Lieban 104 - Friedrich von Schennis 107 - Tilla Durieux 109 - Paul Zech 112 - Rudolf Blümner 113 - William Wauer 115 - Wauer-Walden via München und so weiter 117 - Emmy Destinn 122 - Franziska Schultz 126 - Kete Parsenow 127 - Ruth 128 - Unser Café 130 - Marie Böhm 133 - Der Alpenkönig und der Menschenfeind 135 - Egon Adler 138 - Ein Amen 141 - Wenn mein Herz gesund wär -- 143 - Der Eisenbahnräuber 150 - Im neopathetischen Kabarett 152 - Kabarett Nachtlicht, Wien 154 - Apollotheater 158 - Tigerin, Affe und Kuckuck 161 - Im Zirkus 163 - Zirkuspferde 169 - Zirkus Busch 172 - - - - - Dieses Buch schenke ich - Kurt Wolff - - - - - Sterndeuterei - - - _St. Peter Hille_ in Ehrfurcht - -Soll Ihr Leib noch länger mit seinen Sternen in der Hand Ihres Arztes -liegen, und wie lange überlassen Sie ihm noch Ihren Verstand? Fragen Sie -einmal so im Vorübergehen den Doktor, ob er von Ihrem Sternensystem eine -Ahnung hat. Oder wenden Sie sich an einen Irrenarzt, der am -gründlichsten Bescheid wissen müßte von der Astronomie des Menschen; -sitzt er doch an seinem Pol, wie ein falscher Gott am Scheidewege, wo -sich der Stern vom Chaos trennt. Es gibt gar keinen Irrsinn im Sinne der -Eisenbärte, aber wer wird mich nicht verspotten, wenn ich behaupte, es -gibt eine Veränderung im Chaos des Menschen. Darum sind Ihre Leiden aus -keinem anderen Grunde entstanden, als aus allzu wuchtigen -Sternenvorgängen. Senkte sich unerwartet Ihre Sonne in eins Ihrer Meere? -Jedwede Behandlung Ihres Arztes ohne genaue astronomische Kenntnis Ihres -Planeten ist ein Vergehen. Unbeschreiblich friedlich stimmt es, einen -Mond in sich zu fühlen, und wer ihn in sich trägt, steht im -verwandtschaftlichen Verhältnis mit dem Großgehenden da oben. Nach einem -Schwächezustand, den ich überwand, meine Tore standen noch unbefestigt, -fühlte ich den Durchgang des Vollmonds dicht an dem meinen vorbei, wie -ein leichtes Beben. Nicht dieser Vorgang war ein krankhafter, aber durch -die Kraft des Vorgangs erlitt ich Sternenschaden. Ich war noch lange -nach diesem Ereignis eingehüllt in schwermütigen Wolkengedanken. Glauben -Sie, die Erde leide etwa nicht noch durch die kürzlich erlittene, -erduldete Kometkraft? Denken Sie an Maria, durch die Gott schritt. Das -wird noch einmal geschehen, noch ewigkeitsmal, immer nach Gottesdrehung, -er wendet sich durch Maria. Sie leidet das höchste Fest durch das -Gottwillkommen, sieben Schwerter krankt ihr Herz. Wir sind das feinste -Werk aus Sonne, Mond und Sternen und aus Gott. Wir sind seine -Inspiration, seine Skizze zur großen Welt. Ich spreche nicht in -Symbolen, obschon Symbole die Schatten großer Wahrheiten sind, -Milderungsgründe: wenn etwas Ihren Horizont übersteigt. Sie setzen das -allzu klare Licht mit gewisser Überlegenheit gern ins Dunkle. Ich möchte -aber die Nacht von Ihnen nehmen, wachen Sie auf durch meine -Raketensterne! Ich bin ja keine Gelehrte. Aber wenn ich Menschen -medizinisch behandelte, würde ich sie »regnen« lassen, Luft in weiten -Kreisen »atmen« lassen. Mancher Menschplanet erstickt an Dürre. Ich -würde die verwandtschaftlichen Sterne ausfindig machen, die mit meinem -Planetpatienten in irgendeinem Zusammenhang stehen könnten; namentlich, -wenn es sich um eine epidemische Ursache handelte. Den kleinen Mars des -Menschen kann man nur mit dem gröberen, großen Mars der Welt impfen. Ich -kenne Leute, die unter dem Zusammenstoß ihrer Fixsterne leiden. Es sind -schlechte Pächter ihrer Welt. Jeder Schlaganfall ist ein Zerbersten -zweier vom Wege geirrter Sterne. Die Folge dieser Folge erst ist der -Tod. Ich bitte Sie nicht, an sich herauf und herunter zu suchen; Sie -sehen Ihre Sterne nicht, das was Sie betasten können, ist Chaos. Und -weil ich vom Unantastbaren des Menschen spreche, glauben Sie nicht an -meine Medizin und halten mich für eine Kurpfuscherin. Aber wer an meine -Dichtungen glaubt, die man auch nicht in die Hand nehmen kann, und doch -vorhanden sind, wird auch nicht zweifeln an den Sternen der Menschen, -wovon ich ihnen erzähle. Sind Sie nicht reicher, als Sie glauben? Ich -spreche von Ihrem Unsichtbarsten, von Ihrem Höchsten, das Sie nicht -greifen können, wie die Sterne über Ihnen. Sind Sie nicht reicher, als -Sie fassen können! Oder haben Sie schon einmal ein Stück Mond gegessen? -Sie würden immer nur sein Chaos greifen, wie der Arzt Ihr Fleisch, -daraus er keinen Stern formt. Der Doktor hat mich längst überführt, -indem er mit dem Messer diese Leiche sezierte: »Der Tote ist an -Schwindsucht gestorben, am Zerbersten der Lunge.« Ihr Doktor hat doch -keine blasse Ahnung von meiner Medizin. Allerdings ist dieser Tote an -Tuberkulose gestorben, an der Folge seiner und des Arztes Unkenntnis -seines Sternensystems. Und was ich von einer Epidemie halte? Die ist die -Folge der Sintflut im Massenmenschsternensystem, ein Bacchanal tausender -Sterne, daran alle Bruchteile, alle ungeordneten, unberufenen -Fleischchaosse zersplittern. Ich glaube darum an Wunder, an ungestaltete -Medizin. Wer aber kann sie mischen! Jesus von Nazareth tat Wunder, er -ergriff die keimenden Sterne und trennte sie von den faulen und erweckte -die Erblaßten an ihrer noch verglühenden Sternschnuppe. Der Nazarener -wandelte durch das Sternensystem des Menschen und erlebte die Welt so -tief und ging in Gott ein, und Gott in ihn, darum man ihn verwechselt -noch auf den heutigen Tag mit Gott. Moses der Prophetarzt erkannte den -Gott seines Volkes, heilte es und machte es stark. Eine Sage meiner -Bücher sagt von einem Derwisch, der sein Herz in die Hand nehmen konnte -und doch lebte durch die Kraft seiner Sterne. Wir sind das glühendste -Werk von Mond und Sternen, nach unserm Modell hat Gott die große Welt -erschaffen, in der wir: Ureigentum in unserer erweiterten Kopie leben -... - -Ureigentum noch unverblaßt zu begegnen, erlebe ich überraschend oft. -Diese testamentarischen Sehenswürdigkeiten, Übertragungen, die an Wert -nicht einzuschätzen sind! Ich meine nicht die gemütlichen Hausväter aus -der alten, guten Zeit oder den Waldmenschen, oder den aus der nackten -Körperkultur oder den Zwiebelasketen. Merkwürdig, daß man gerade in den -Irrenanstalten Gesichte erblickt aus allererster Sternzeit; Bilder, alte -Meister, Menschen, die erstarrt sind in der Vision. Und kein Arzt weiß -sie aus dem Augenblick der Erscheinung zu führen, wie aus engem Rahmen. -Ich besuche diese scheintoten Galerien; mich lieben die unverstandenen, -verfangenen Gesichte. Etwa weil ich ihnen den richtigen Platz zu geben -vermag? O, ihre Angstgefühle! Die andern testamentarischen Gestalten -unterscheiden sich von den irrenden Denkmalbildern ihres ungestörten -Sternenlaufs wegen. Solchen Sterngeschöpfen geschehen Wunder. Wie St. -Peter Hille, er hatte noch mit Moses und Jesus von Nazareth gesprochen -und mit Buddha, und erzählte von ihnen, wie der Urenkel etwa von seinem -Großvater Goethe. Das war der unumstößliche Beweis von der ersten -Leuchtkraft Gottes in St. Peter Hille. Ich gehöre nicht zu den -Spiritisten; Spiritismus ist Epigonentum, Nachahmung, gewalttätige -Wunder. Um wirkliche Visionen zu erleben, muß man noch in der ersten -Leuchtkraft Gottes sein. So ein gotterhaltener Mensch ist fromm und -selbst Inspirationen fähig. Aus Isaaks weitem Munde seh' ich viel im -Traum Sterne aufsteigen, die er benennt nach Gottes Einverständnis. - -Die hungrige Zeit fraß meine Leuchtkraft goldweise. Aber ich kann -erzählen von der Astronomie des Menschen, wenn ich auch in meinen ersten -zehn Jahren noch zwischen weichem Dunkel, zwischen ungeordneter Nacht, -im Chaos lag. Ich war wie ungeboren neben meiner Mutter, noch ganz -Chaos. - -Das Kind ist nicht fromm, es ist dumpf. Dieser Irrtum! Fromm kann nur -der wissende Mensch sein, aber nicht jeder macht die sechs -Schöpfungstage in seiner Hülle durch und wird Stern, und wenige nur den -Sonntag. Wie viele Heilige gibt es und doch ist jeder Andächtige oder -Lauschende, jeder Staunende oder Liebende ein Heiliger. Wenn Jesus von -Nazareth die Kinder rief, so fühlte er Verantwortung mit ihnen, mit dem -Chaos, das sich entfalten werde. Er wußte, wie weit der Weg zum Sterne -war. Die Kinder sind wie die Lämmer so dumpf. Darum beleidigt mich das -irrige Wort: Jesus das »Lamm« Gottes. Solche Unschuld ist eine -Chaosunschuld, und der Nazarener war der Sonntag der Schöpfung. Der Jude -hat sich mit ihm der vollendetsten Welt entledigt. Sagte der -Sonntägliche doch zu einem der Mörder am Kreuztag: »Wahrlich, ich sage -dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.« Der Jude, der den -Himmlischen verstößt, beweist, daß er ein Bürger ist, um nichts weniger -der Mensch des Abendlandes, der den verlornen Gott der Juden aufnahm, -ihn sich erzog und erwog nach seinem lammblutenden Wort. Im Menschen -bereitet sich immer Fleischdumpfheit, Chaos, Fleischsehnsucht; Gott aber -ist umgestaltet, ungerahmt und breitet über alles sich. Wir reden immer -zu dem Chaos des Menschen, wollen wir ihn gewinnen, denn der Stern ist -böse, darum sind wir alle einmal krampfhaft enttäuscht in Gott. Wir -finden in ihm kein Chaos, keinen faßbaren Schlupfwinkel. Er sandte darum -seinen Sohn, das heißt, er kam in Menschgestalt zur Erde. Solcher -Umgestaltung Demut vom Stern zum Chaos ist nur ein Gott fähig. Nie war -solche Dunkelheit je auf Erden und am Himmel und im Menschen wie in der -Zeit des Gottbesuchs. Dem Priester und Pharisäer flößte seine -Betastbarkeit Mißtrauen ein, der Armselige umklammerte den vertriebenen -Götzen aus Fleisch und Blut wie einst am Fuß des Mosesberges das goldene -Kalb. - -Sie wollen noch wissen, wie lange sich der Menschplanet erhält. Die -meisten Menschen werden nicht älter und nicht jünger als sechzig Jahre. -Jesus von Nazareth ist gottalt wie die Ewigkeit. Moses war zehntausend -Jahre, als die Tochter Pharaos ihn im Korbe fand. Und von dem Propheten -St. Peter Hille möchte ich sagen: Niemand wußte um seinen Geburtstag. -Meine Mutter war dreimal sechzehn Jahre alt, mein Vater erlebte sechsmal -seine tollsten Knabenstreiche. Wie schätzen Sie mich ein? Ich bin David -und tue Simsontaten, ich bin Jakob und deute die Träume der Kühe und -Ähren. (Oder zweifeln Sie daran, daß mich meine Brüder verkauft haben, -das Bürgermillion!) So verwirrt sich die Zeit der Vergangenheit im -Menschen. Heute bin ich eine Dichterin, und ich bitte Sie, mir zu -verzeihen, daß meine Dichtung keine Gehirnkarte geworden ist mit Farben, -lila, grün, rot gefärbt. Meine Bekenntnisse nehmen Sie als ein -Luxusgeschenk hin, denn ich bin verschwenderisch, das liegt in meinem -Sternsystem. Es kommt mir selbst nicht darauf an, einige Monde meines -Planeten fallen zu lassen. Auch mit meinem Chaos, ohne das Chaos kommt -kein Mensch davon, hat es eine besondere Bewandtnis. Darüber möchte ich -schweigen, aber eines kann ich Ihnen sagen, wir Künstler sind einmal bis -ins tiefste Mark und Bein Aristokraten. Wir sind die Lieblinge Gottes, -die Kinder der Marien aller Lande. Wir spielen mit seinen erhabensten -Schöpfungen und kramen in seinem bunten Morgen und goldenen Abend. Aber -der Bürger bleibt Gottes Stiefsohn, unser vernünftiger Bruder, der -Störenfried. Er kann nicht heimisch werden mit uns, er und seine -Schwester nicht. Verwechselt die lärmende Bürgerin oder die zur Hure -gewordene Magd nicht mit dem spielenden Sternenmädchen, die den Tanz aus -nackter Scham tanzt! -- -- - -Wohin mir doch heute alle meine Sterne geleuchtet haben! Immer muß ich -wiederholen, der Arzt sollte sich auf die Astronomie des Menschen -verstehen. Welcher von Ihren Hausärzten wäre imstande, eine -Sonnenfinsternis in Ihnen herbeizuführen, geschweige den Stillstand -Ihres Planeten? - -Ich sehe Ihre Kanäle, Ihre Berge auf Ihren Sternen und Ihren Mond -aufgehen hinter Ihrer Stirn. Jeder Schmerz und jedes Freudegefühl, -Vernichtung oder Erhebung ist ein neues Bild Ihres Sternensystems. Sie -sterben eigentlich an zerborstenen Sternen oder Erkaltung Ihrer Sonne -oder an Finsternis. Wenn nur Ihr Leben den Höhepunkt erreicht hat vor -dem Zerfall Ihres Chaos: den Himmel. Aber wenn er Ihnen nicht auf den -Kopf paßte? Vom Blitzstrahl getroffen, das Chaos gespaltet, einzugehen -in die Allmacht ist Seligkeit. So lausche ich auf mich. Aber der Bürger -belauert sich, der Kranke in Arzthand betrauert sich, weil er keine -Achtung vor dem Schmerz hat. Ich bin müde -- wie ich mir entkomme, ein -Schatten aus Mond und Sternen, riesengroß fiel ich um Mittag und sinke -nun ein in meinen eigenen Planeten. Ich habe einen kritischen Tag hinter -mir, manche Menschen wichen mir furchtsam mit den Augen aus. Einem -kleinen Mädchen bohrte ich im Anblicken ein Loch in die Brust. Solche -Kraft macht traurig. Ich sehne mich nach Glück, nach ihm, nach -Hascha-Nid, dem goldhäutigen Sohn des Häuptlings. Der spielt mit sich, -treibt und lockt die Sterne über seine Grenzen, ein göttliches Spiel, -Wirbel und Wüstenwind. Ich liebe ihn, weil er so reich und rein an -Sternen ist, und ich staune vor solch verschwenderischen Launen ... Aber -das geht Sie nichts an. Gern hätte ich Ihnen noch vom Himmel erzählt. -Später, wenn ich ihn erreiche und Gott -- - - Gott, wo bist du? - Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen, - Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen, - Wenn goldverklärt in deinem Reich - Aus tausendseligem Licht - Alle die frühen und die späten Brunnen rauschen. - - - - - Handschrift - - - Dr. _Otto Jahnke_ mit dem seltenen - Handschriftsbild - - Für den Künstler der Handschrift ist der - Inhalt seines Schreibens nur ein Vorwand, - wie für den Maler das Motiv seines - Bildes. - -Ich habe beobachtet, daß Kinder und Große so recht in Gedanken -versunken, mit der Feder, mit dem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann -ganz unbewußt bemüht waren, schöne oder verschnörkelte Buchstaben und -Worte zu schreiben; sich dann später selbst über die Bedeutung des -Geschriebenen wunderten. Auf einmal steht auf dem weißen Rand der -Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder blumenverziert. Dort ist ein -Zeitwort auf den Kopf gestellt, ich meine ein xbeliebiges Wort in -Spiegelschrift geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde Gefühl beim -Ansehen einer interessanten Handschrift wie bei einer guten -Federzeichnung oder einem Gemälde. Und doch möchte ich darum die -Handschrift nicht mit der Malzeichenkunst in einen Farbentopf oder in -ein Tintenfaß werfen. Aber der, welcher sich verzweifelt nach einem -Talent sehnt, möge es zunächst in seiner Handschrift suchen. Oft hat -schon der Lehrer sie im Keim erstickt. Den meisten bleibt die Schrift -nichts wie Inhalt -- die Nachricht erfreut ihn, ärgert ihn, namentlich -wenn sie noch dazu undeutlich geschrieben ist. Warum höre ich nie jemand -sagen: Erklären Sie mir diese oder jene Handschrift. Ich meine nicht des -sprachlichen Verständnisses wegen, auch nicht aus graphologischem -Grunde; rein künstlerisch! Wie ja so oft die Frage aufgeworfen wird vor -einem Bildnis. Es hat noch nie jemand von einer Handschrift den -alltäglichen Ausruf getan: »Die ist mir zu hoch!« Und doch gibt es -gerade Meister dieser Schulmeisterkunst. Diejenigen sind's, die sich im -Klassenzimmer Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es geht ihnen wie dem -Genie, welches die Kunstschule ausspie. Handschrift ist erblich wie -jedes Talent. -- Für mich kommt kaum der Inhalt eines Briefes in -Betracht; ich kann mich für den Schreiber nur seiner Buchstaben wegen -interessieren. Und es geschah schon, daß ich ganz entzückt einen -unverschämten Brief beantwortete und umgekehrt. Die Schrift ist ein Bild -für sich und hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Jeder lernt schreiben, -eine Menge Menschen haben es in ihrer Handschrift zur Kunst gebracht. -Und darum auch gibt es in keiner Kunst so viele Epigonen, wie in der -Kunst der Buchstaben. Für diese Nachahmer ist jeder Buchstabe ein -Gestell, dem sie einen Mantel umhängen, den ein anderer gewebt hat, sie -verstehen eben ihre Blöße zu bemänteln. Die alltäglichsten Epigonen sind -reichgewordene Frauen, die sich bemühen, ihre so oft charakteristische -Ladenmädchenschrift zentimeterhoch heraufzuschrauben direkt zu -hochmütigen Gänsehälsen. Der Mann möchte Bedeutung in seine Schrift -legen und ahmt der Hand des ihm Geistigüberlegenen nach. Ungemein -sympathisch berührt mich die sogenannte Tatze, die Schrift der Knaben, -wenn sie den Aufsatz ins Diarium schreiben. Hier diese Zeilen hat ein -Mädchen vorsichtig und sanft geschrieben. Manchmal lachen auch Briefe -oder sind erbittert, die Schrift riecht fast nach Galle. Meines Freundes -Brief blinzelt, eine Faunlandschaft. Dein Onkel schreibt eine kleine, -rundliche, gleichmäßige Handschrift wie Taler. Geizhals ist er, aber ein -Handschriftenkünstler wie mein Freund der Faun. Interessant sind die -spitz auslaufenden Buchstaben auf dieser Seite, jedes Wort ein -Wolfsgebiß. Und doch kein Tiergemälde. Interessant wirkt auf mich die -Korrespondenz, die ich erbrach zugunsten der Kunst, zwischen Karl Kraus -und Herwarth Walden. Alte und neue Meisterstücke. Ich sprach schon -einmal in meinem Essay über die Kunst in Karl Kraus' Buchstaben. Seine -Handschrift ist ein Dürergemälde. Meine Handschrift hat als Hintergrund -den Stern des Orients. Oft sagten mir Theologen, ich schreibe deutsch -wie hebräisch oder arabisch. Ich denke an der späten Ägypter -Fetischkultur; ihnen ging aus dem Buchstaben schon die Blüte auf, der -Zwischenduft, der Handschrift mit Zeichenmalkunst verbindet. Mir fallen -noch die Schriften der Chinesen und Japaner ein. -- »Die Mitternacht zog -näher schon, in stummer Ruh' lag Babylon« -- die plötzliche -Geisterschrift an der Wand entsetzte die berauschten Gäste nicht des -Inhalts wegen, das furchtbare Schrift_bild_ war es. Sie _erblickten_ den -Inhalt des Fluches. Darum ist auch das Verständnis zur Kunst ein -Seltenes und Erhabenes -- es liegt uns im Gesicht und geht uns vom -Gesicht aus. -- Die Kaufmannshandschrift -- ich möchte noch vorher -fragen, hat schon einer der Leser einmal ein Lebenszeichen vom Dichter -Peter Baum bekommen? Nämlich gerade bringt mir der Postbote so ein -Sommerbildchen, Buchstaben: Mückenschwarm, der zerstreut in der Sonne -tanzt. Seine Karte blendet. Ich bin bei der Kaufmannshandschrift -- -phantasielos, nüchtern, sie liegt bewegungslos auf dem Papier. Kühle -Tatsache. Der kaufmännische Reisende dreht seinen Buchstaben eitel den -Schnurrbart. Stutzig machen mich Briefe, die vom Geschäftsmann -geschrieben sind und von der Buchführung doppelt abweichen. In dem -Schreiber steckt sicherlich das Handschrifttalent. Es gibt auch Launen -der Schrift. Kinder, die erst morgen dem Christkind schreiben wollen, da -sie heute nicht schön schreiben können. Meiner Mutter Briefe waren -schwermütige Zypressenwälder, meines Vaters Schrift reizte zum Lachen, -humoristische Zeichnungen aus dem Struwelpeter. Kohlrabenpechschwarze -Mohren oder der böse Nikolas steckt die Jungens ins Tintenfaß. -Gelungene, amüsante Überschwemmungen von Tinte waren die Briefe meines -Vaters. -- Es gibt auch Schriftinspirationen, viele Menschen berauschen -sich an ihrer Schrift, und der Inhalt, den sie aufschreiben, ist nur -Vortäuschung. Ich schreibe oft, um mich durch meine Schrift zu erinnern, -mein Vater, um sich zu ergötzen. Meine Schwestern schreiben zweierlei: -die älteste: Reisebilder, die andere: Kinderbilder. Der einzige -Plastiker der Handschrift, den ich kannte, war St. Peter Hille, Petrus --- er schrieb Rodins. Wie viel deutlicher gemalt ist das tiefsinnigste -Bildnis, als die ausgeschriebene Handschrift (rein künstlerisch -verstanden). Aber auch die kann dilettantisch sein, wenn sie ohne Tiefe -und Geist und nur aus Ausübung entstanden ist. Manche sogenannte schöne -Schrift allzu deutlich, Ölbilder nach Sichel. Lieber ist mir schon die -Pfote von Aujuste. Ihr Brief und die Antwort vom Schatz geben sich einen -Schmatz. Derbe Genrebilder. Vielerlei gibt's davon. Ähnlich wie die -Köchin schreibt das Dienstmädchen, die Kellnerin, das kleine Mädchen, -die kecke Hure. Aber loser geheftet, unordentlicher ihr Brief, ein -leicht schaukelndes Gerippe. Weit eher ist die Demimonde eine Epigonin. -Sie stiehlt lächelnd und liebkosend die Buchstaben der Originale oder -versteht wie die Sprache auch die Schrift ihres in Fesseln gelegten -Herrn zu kopieren und zu belecken. -- Habe ich schon gesagt, daß es auch -Stilleben in der Handschrift gibt, zehn Seiten lange Briefe, die -schlafen, aber deren Inhalt voll Leben sprudelt; Handschriftkünstler, -die schulakademisch erzogen und erwogen sind. -- Manche Buchstaben -gucken neugierig. Gewissenhafte Schriften: Wie die Buchstaben getrennt -auseinanderstehen. Er war sehr niedergeschlagen, als er diesen Brief -schrieb, seine Handschrift war dünn aufgelegt. Hochbeglückt, glänzen die -Vokale -- glückliche Handschrift. Ich habe ein kleines Laboratorium von -Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe zu schreiben. Sie können -sich also schon auf meine Erfahrung verlassen, lieber Sturmleser; es tut -mir unendlich leid, daß mein Manuskript dieses Aufsatzes nicht in Ihre -Hände gelangt. Trotzdem es mit schwarzer Tinte geschrieben ist, wirkt es -blau, tiefblau, liebesblau. Den wissenschaftlichen, langweiligen Inhalt -müssen Sie schon in Kauf nehmen -- seine Handschrift ist ein -Liebesbildnis. Ich dachte nämlich, indem ich über »Handschrift« schrieb, -an drei schöne Königssöhne. In Wirklichkeit schrieb ich drei Briefe; den -ersten an Zeuxis, den griechischen Maler, der nun in Berlin wohnt. Er -sei mein Ideal, aber ich ginge nicht an ihm zugrunde. Ich schrieb dem -süßen Prinzen von Afghanistan, daß er mein Typ sei und daß wir -ineinander verwachsen wären. Ich schrieb Wilhelm von Kevlaar, daß er -mein Symbol war, daß ich am Sterben läge, denn ich hätte an die große -Treue geglaubt, an seine Treue zu mir, und er habe sie gebrochen. - -Das Manuskript liegt dem interessierten Leser zur Verfügung in der -Direktion. - - - - - Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup - - - Zur Kindertragödie in Kopenhagen - -Ingeborg, seine kleine Königin ist tot -- Johann Hansen lebt noch; an -seinem Bettchen sitzt eine barmherzige Schwester und betet, daß der -arme, verirrte Knabe bald genesen möge. Der Stationsarzt hat ihm das Tor -des Todes verriegelt, sein Herz, das Ingeborgs Namen trägt, kann nicht -zu ihr ins Himmelreich. Nun wird das Kinderspiel erst eine -Kindertragödie. Die beiden wollten ja nur zum Tod, weil der einen Himmel -besitzt, in dem sie sich vor allen Engeln ohne Furcht vor Strafe herzen -könnten. Nicht diese Heimlichkeiten der Freude, ihre Gesichter schienen -durch die Spalte der Türen, durch das Eisen der Tore. Immer bauten sie -auf ihren Händen gläserne Schlösser, darin sie sich tausendbunt -spiegelten bis ans Ende der Welt, wo der Himmel anfängt. Dort wohnt der -Tod. Johann Hansen hob Ingeborg mit seinen Knabenarmen die Treppe zum -Einlaß des Todes empor. Der öffnete und ließ die kleine Königin ein, -Johann stolperte rücklings ins Leben zurück. Diese beiden feinen Kinder -ergreifen meine Seele. Das Leben ließ sie aus der Haft, der Tod -schmückte ihnen rosig sein Tor. Ich möchte, der Engel aus Andersens -Märchen käme und trüge den verwundeten Knaben zu Ingeborg ins -Himmelreich. Wie bösmütig sind die Menschen, die immer helfen wollen, -ins Leben zu befördern. Es ist Nacht, überall blüht ein Stern. An der -Decke im Krankensaal stehen viele Sterne, rotgoldene, süßgelbe, wie -Honig, und auch mattfunkelnde Immortellen. Alle pflückt der kleine, -heldenmütige Bräutigam für seine Braut, wenn er im Himmel mit ihr -Hochzeit feiert. Auf einmal schlägt er die Augen auf: »Ingeborg, ich -halte mein Wort!« Hast du es gehört, großer Engel aus Andersens Märchen? -Oder soll er aufwachen aus seinem Traum des Himmels -- und die Erde ist -wieder da, das Himmelreich verschwunden wie fortgezaubert, und Ingeborg -liegt im Grabe. Ein Keller wird dann die Welt sein, kahl, viel kahler -wie seines Hauses Keller. Alt ist er, wenn er aufwacht, jung, wenn seine -Augen sich schließen. Was bietet das Leben? Nicht das Kind braucht den -Eltern dankbar sein; wie können die Eltern aber das Nichtgeborensein dem -Kinde ersetzen!!? _Solch_ zwei Kindern vor allen Dingen, zwei Engel, die -nicht auf die wankelmütige Erde gehören. Flügel wuchsen ihnen; die -Pistole, die sich der Knabe vom Erlös seiner Geige kaufte, war -Vortäuschung. Denn es geschah hier ein Todeswunder. Nicht mehr wäre ich -überrascht gewesen, wenn dieselben Kinder anstatt für ewig zu -schlummern, auferstanden wären aus einem Grabe. Wie will der Christus, -der den Knaben auferweckt, ihm ein Himmelreich ersetzen? Es werden keine -Landeserholungsheime die »festgestellte« Neurose (Edelneurose) -fortkurieren. Aber ich denke an Selma Lagerlöf die herrliche Menschin, -an Karin Michaelis das liebe große Kind, sie könnten dem Knaben den -himmelblauen Verlust ersetzen. Sie tragen die Bilder des Himmels in -ihren Dichterinnenherzen -- halten sie zwischen ihren Händen. Ich bin -keineswegs sentimental, ich bin traurig. Man vergleiche nur nicht die -unaufgeblühte Liebe dieser Engel mit den Tändeleien koketter -Schulmädchen und greisenhafter Zwerge auf den Spazierwegen am -Sonntagmittage. Diese beiden Kinder ergreifen meine Seele, ihre Lippen -sind Himmelschlüsselchen. - - - - - Künstler - - -Herr von Kuckuck sitzt immer auf dem Fenstersims und schnappt mit seinem -zugespitzten Mund alle meine todtraurigen Worte auf, die sonst im Zimmer -liegen blieben, und ich würde schließlich in der Überschwemmung von -Todtrauer ertrinken. Auch sieht er so spaßig bei der Fütterung aus, ich -muß manchmal hell auflachen. Mein Mann kann von Kuckuck nicht ausstehen. -»Er ist eine Beleidigung neben dir.« Aber ich muß immer einen Hofnarr -haben, das ist so ein uraltes, erbübertragenes Gelüste. Er folgt mir -überall hin -- auf dem Salzfaß sitzt er in der Küche, wenn ich am Herd -stehe und mit dem Quirl dem Feuer behilflich bin -- ich meine wegen des -Weichwerdens der Erbsen -- -- ich trage goldene Pantoffel, aber in -meinen seidenen Strümpfen sind schon Löcher. Herr von Kuckuck wird -merkwürdig düster, immer wenn er auf dem Salzfaß sitzt und meinem Kochen -zusieht. Er erzählt von Prinzessinnen, die in Goldpantoffeln und -Seidenstrümpfen kochen und scheuern müssen und sich die Hände blutig -reiben und aber der Himmel ihnen alle Sterne schulde. Ich glaube, ich -bin im Anfang aus einem goldenen Stern, aus einem funkelnden -Riesenpalast auf die schäbige Erde gefallen -- meine leuchtenden -Blutstropfen können vor Durst nicht ausblühen, sie verkümmern immer vor -dem Tage der Pracht, und mein Mann erzählte mir dasselbe, und darum -haben wir uns geheiratet. »Wenn sich mein Budget besser gestaltet,« sagt -Herr von Kuckuck, »so braucht Prinzessin keine Erbsen mehr zu kochen.« -Er verspricht es feierlich, zwei große Tropfen fallen aus seinen Augen, -die sind lila, und die Feierlichkeit kleidet ihn so: eine Burleske, die -plötzlich auf geraden, rabenschwarzen Beinen steht. Ich rieche zu gern -Ananas -- ich glaube, wenn ich mir täglich eine Ananas kaufen könnte, -ich würde die hervorragendste Dichterin sein. Alles hängt von Kuckucks -Budget ab. Mein Mann der wünscht sich gar nichts mehr, er denkt morgens -schon heimlich an seine Zigarette, die er im Bett rauchen wird. Die -Lampe zuckt, es ist alles so dünn im Zimmer. »Herein!« Eine Erbse klopft -an meinen Magen. Kleine Beinchen bekommen die Erbsen und wackeln mit -ihren dicken Wasserköpfen -- eine plumpst den Berg herunter. »Bist du -aufgewacht?« Mein Mann fragt und hebt den Zigarrenbecher vom Boden auf --- dann streichelt seine Ananashand mein Gesicht -- die Finger tragen -alle Notenköpfe -- sie singen -- und immer, wenn das hohe C kommt, sägt -mein Arm über seine Brust und seinen Leib -- ich nehme die Gedärme -hervor -- eine Schlangenbändigerin bin ich -- dudelsack Ladudel ludelli -liii!!!! Ich schiebe die Schlangen vorsichtig wieder in seinen Körper, -die kleinste hat sich fest um meinen Finger gesogen, aber sie ist die -hauptsächlichste Schlange, sonst kann er keine indischen Vogelnester -mehr essen. Ich gleite die Kissen herab, mein Kopf liegt in einem weißen -Bach, alle Fische tragen Ketten von Erbsen um den Hals und schwimmen -hinter mir über die flaue Matratze. Mein Mann wartet schon im Sessel. Im -Rahmen über dem Schrank hängt von Kuckuck und über ihm sein Onkel -Pankratius, einer der gestrengen drei Herren, und zählt -- Budget lauter -goldene Schnäbel. Es wird alles so grau -- ich habe solche Angst, ich -verkrieche mich in die Achselhöhle meines Mannes. Auf dem Sofa sitzt ein -Jüngling, er hat große, braune, spöttische Augen, die lächeln -schüchtern. »Wer bist du!« ruft mein Mann. »Ich bin der Schatten Ihrer -Frau und habe Theologie studiert.« - - - - - In der Morgenfrühe - - - Meinem Freund, dem Bildhauer _Georg - Koch_ - -Ich gehe an Mandelbäumen vorbei, aber die blühen in den Gärten fremder -Häuser, und die Fenster sind noch geschlossen hinter Spitzengeweben. Ich -bin unendlich müde, gewohnheitsmäßig bewegen sich meine Füße vorwärts, -Maschinen sind es, und sie müßten eigentlich unverhüllt in blauen -Sandalen gehen, denn sie sind von goldzagem Wandel, wie die Sonne, die -aufstieg. Ich kenne die Menschen nicht, die mir begegnen, ich weiche -ihrem Dünkel aus, und ich brauche nur meinen grauen Mantel abzulegen, um -König zu sein. Ich bin unendlich müde, ich glaube, ich bin im tiefsten -Leben erkrankt, aber die Vorübergehenden merken es nicht, sie heben auf, -was lärmend auf den Straßen liegt, aber sie hören nicht das schmerzliche -Murmeln, das tödliche Verrauschen einer Seele. Da liegt ein Nachtfalter -vor mir -- er stirbt -- wie dürftig seine Flügel sind, ein Lumpenhändler -war es, ein Vagabund, der sich nachts auf den Straßen herumtrieb und am -Feuerrausch der Lampen endete. Er stirbt -- ich trete ihn tot. Ich denke -an ihn -- wenn es für ihn doch einen Himmel, einen blauen Strand gäbe -- -er würde dort ein schöner Schmetterling sein. Ich bin unendlich müde -- -wenn ich nun auch eines Morgens so daliege, wie der graubraune Strolch --- welcher Fuß würde mich zertreten. Es kommen Männer an mir vorbei in -weißen Sportschuhen und Frauen schreiten hastig über den Damm. Ich mag -diese Frauen nicht im Ornat, derbgewordene Philisterinnen sind sie -- -was wissen sie von der Knabenzeit. Aber das kleine Mädchen mit der -Bubenbluse, es wird mich übermütig zertreten im Scherzwort, im -Frühlingslachen. Ich bin unendlich müde und es beginnt der -rücksichtslose Tag. Der Mann aus Glas mit der Vollstreckungsmappe unterm -Arm wartet vor der Haustür auf mich, heute klebt er die Siegel. Ich muß -ihn zart am Henkel fassen -- so ganz vorsichtig, liebevoll, daß er nur -keinen Sprung bekommt. Draußen an dem fremden Hause blühen die -Mandelbäume: der Falter ist tot, ich vergaß, ihn vom Weg in einen der -Gärten zu werfen. - - - - - Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck - - - _Paul Zech_, meinem Wupperfreund - -»Lott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat es god, dat -es god, gäwt et wat tu erwen!« Ich bin verliebt in meine buntgeschmückte -Jubiläumsstadt; das rosenblühende Willkomm gilt mir, denn ich bin ihr -Kind, die flatternden Fahnen auf den Dächern, aus den Fenstern winken -mir zu, lange Rotschwarzweiß-Arme, die mich umfangen wollen. Ich soll -überall hereinkommen. Ich bin in Elberfeld an der Wupper in der Stadt -der Schieferdächer. Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen -herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem mußten wir -einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe -Arzeneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel. -Aber nach Newiges zu, wo die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbäche -fließt die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber ich bin verliebt -in meine zahnbröckelnde Stadt, wo brüchige Treppen so hoch aufsteigen, -unvermutet in einen süßen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres -Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten nicht -- wer aber war die -Urpatrizierin des Rokokohauses aus der friderizianischen Zeit? Es lebt -noch einbalsamiert zwischen jüngst zur Welt gekommenen Fabrikanten- und -Doktorhäusern. Denn jeder etwas wohlhabende Bürger der Stadt besitzt ein -Wohnhaus, worüber er Herr ist. Portiersleute gibt es in Elberfeld nicht, -frech gewordene Sklaven, die nach Belieben ein- und herauslassen. Selbst -viele Arbeiter leben im Eigentum ihrer Mütter. Gequacksalbert hat die -Alte an der grünen Pumpe, noch heute heilt sie Krampfadern und -Beingeschwüre. Und das berühmte Geheimmittel gegen die Cholera hat der -sterbende Großvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt, und der hat es -wieder dem Sohn anvertraut, und nun weiß es der Enkel, der -wahrscheinlich seiner gesprächigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam. -Und überhaupt so seltsame Dinge gingen in der Stadt vor; -- immer -träumte ich davon auf dem Schulweg über die Au. Manchmal lief ich durch -graue, lose Schleier, Nebel war überall; hinter mir kamen schauerliche -Männer mit einem Auge oder loser Nacktheit; auch an Ziethens Häuschen -mußte ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, »ewwer en -doller Gesell wors gewäsen.« Oft ließ ich vor Angst die Bücher fallen -oder der Ranzen hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grünt nicht -mehr die von Zäunen umgrenzte Au; Tore verschließen Häuser; kein -Schulkind kann mehr auf dem Wege zur Schule träumen, jedes Fenster zur -Rechten und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor -Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine rauchte, aber vor -Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt in meine Stadt und bin stolz auf -seine Schwebebahn, ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet und -legt er sich mit vielen Bahnhofköpfen und sprühenden Augen über den -schwarzgefärbten Fluß. Immer fliegt mit Tausendgetöse das Bahnschiff -durch die Lüfte über das Wasser auf schweren Ringfüßen durch Elberfeld, -weiter über Barmen zurück nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen -Garten vorbei. Mein Vater mußte an den Sonntagen mit mir dorthin gehen, -der bemerkte nicht den Sekundaner mit der bunten Mütze. Auf dem Hügel im -Tannenwäldchen am Bärenkäfig versprachen wir uns zu heiraten. -- Ich muß -an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; -unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall' ihm -um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich -weine -- sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig -erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja -das kleine Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich -in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die -Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der -vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines -Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. »Wat wollt -öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.« Das rettet mich vor der schon -erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte -Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von -neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das -Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und -Kreischen frivoler Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin -verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht -mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber -ich muß noch einige Male Karussell fahren. »Lott es doot, Lott es doot«, -ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am -fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen -Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline, Alma, -Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich -- sie beginnen mich zu -lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei' ich ganz laut -auf, das überzeugt das rohe, arme Gesindel. Den Härrn Schüler haben -viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern. -- -Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor »dreihundert« Jahren. Mina -singt gerade im Tingeltangel ihre Liebeslieder. In rosanen -Atlaspantoffeln stecken ihre Klumpfüße, ein knappes Röckchen bedeckt -ihren Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das Chantant einer -ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem Spotte nicht, aber ich weiß ihr Achtung -einzuflößen. Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zu guter Letzt -erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau solche Pantoffeln -bekommt in der Stadt, wie die ihren sind. »Die sinn ut Engeland bei -Paris.« -- Nun hinein ins Kölner Hännesken! Gewaltsam zerre ich den -Dichter zwischen die Clowns ins Innere des Brettertheaters. »Sie werden -noch gestochen werden, wie Ihr Vater einmal.« Durch seine Uhr ging die -Spitze des Metzgermessers. Am anderen Morgen führten die jammernden -Eltern den heulenden Sohn vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er -wußte, daß sie kommen würden, und drei Gläser und eine Flasche Rotwein -standen zum Empfang auf dem Nachttisch. Aber er ächzte vor Schmerz, -namentlich, als die fette Metzgersmutter begann, dat et där wackere Här -Schüler verzeehen mödd ... Ich bin verliebt in meine Stadt, aber schon -muß ich Abschied nehmen wie von einem alten, düsteren Bilderbuch mit -lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch in Weidenhof der Wirt -nicht, der immer einen ganz kleinen Kellner für mich herbeischaffen -mußte am Festtag, wenn wir dort Forellen aßen. Und die Einkehr in meine -Heimat habe ich einem Dichter in Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin -lange nach mir. Paul Zechs feine künstlerische Gedichte duften morsch -und grün nach der Seele des Wuppertals. - - - - - Arme Kinder reicher Leute - - - Der kleinen _Hedwig Grieger_ - -Und wo die ganze Erde im grünen Lachen steht und ein großer Spielplatz -ist, fallen mir die vielen lieblichen Kindergesichtchen um so -schmerzlicher auf, die da weinen im Sonnenschein. Ihre Löckchen flattern -zwar lustig aus den feinen Spitzenhäubchen hervor, und viele von den -Kleinen stecken in seidenen Tanzkleidchen. Aber sie dürfen sich an der -Hand ihrer Begleiterinnen nicht recht freuen, und ihre runden Herzchen -möchten hüpfen. Baby hat ein Knöpfchen von seinem Schuh abgerissen, es -hat sich so gelangweilt -- aber Detta muß ihn am Abend wieder annähen, -dafür gibt's eine Saftige. Auf dieselbe Bank setzt sich ein sogenanntes -Fräulein, allerdings, sie trägt einen Federhut und hat die Allüren ihrer -Dame abgesehen ... Sie rückt, den Abstand zwischen ihrer Person und -ihren dienenden Kolleginnen zu wahren, vorsichtig an das äußerste Ende -der Bank. Wie schon angedeutet, ist sie nicht aus der Gattung der -gemeinen Kuhblume (s. Caltha), sie straft gebildeter. Mit einem Roman -von Emile Zola schlägt sie ihre kleine Schutzbefohlene auf den Mund, auf -die weißen Zuckerzähnchen. Und nur selten rügen Vorübergehende die -brutale Eigenmächtigkeit dieser Donnas. - -Lottchen wird über die Straße geschleift, es ist so heiß, seine -zweijährigen Beinchen können nicht mehr ausschreiten. »Ick soll dir woll -tragen, olle Pute.« Keine der Mütter erbarmt sich seiner, und nur einige -Mädchen mit der Schulmappe am Arm oder dem Ranzen auf dem Rücken bleiben -entrüstet stehen und versuchen, die Kleine von der Hand ihrer Peinigerin -zu befreien, die aber schlägt kreischend um sich -- ein Volksauflauf -entsteht und nimmt sich der armen dienenden Person an -- ich und meine -kleinen Verbündeten sind das Gespötte der Straße. - -Am Nachmittag begegnen mir die tapferen Schulmädchen wieder, sie führen -ihre kleinsten Geschwister spazieren und tummeln sich mit ihnen über die -Wiesen; wie zärtlich sie mit den langen Zöpfen ihrem Brüderchen die -Patschklatschhändchen und das bestaubte Gesichtchen säubert! Und welche -Wonne, durch den kühlen Wiesenbach zu waten! Viele von ihnen brauchen -nicht erst ihre Füße entblößen -- heirassassa wie das Wasser aufspritzt. -»Daß nur nicht die neuen Kleider naß werden!« erinnert die Älteste mit -den langen Zöpfen. Sie steht noch im Pflichtgefühl zur Puppe. Vierzehn -Jahre wird sie nächsten Monat; »ich komme«, erzählt sie mir, »in den -Dienst nach der Einsegnung.« Sie hat keine Erfahrungen gemacht, und was -sie von Hörensagen getrübt weiß, ist noch zu verwischen. Ich habe immer -solch eine Puppenmutter bei meinem Bengel, für seine sechs Jahre weiß er -genug Streiche, ich lache ob seiner Ausgelassenheit, die auch von seiner -Kameradin ungezüchtigt bleibt. Sie balgen sich und springen miteinander -über die Wege, mutwillige Ziegenböcke. Aber auch besonnen kann seine -junge Begleiterin sein. Auf jeden Fall befolgt sie noch schulgewohnt -meine Worte und streikt nicht heimlich wie manche ausgewachsene -Personen, die schon aus Oppositionslust das Gegenteil ausführen. - -Ja, diese Allzufreien. Arm machen sie manchmal die Kinder der reichen -Leute mit ihren gehässigen Launen und niederen Liebeleien. Allerdings -gibt es auch noch musterhafte Pädagoginnen unter den Kindermädchen oder -»Fräuleins« -- ich meine nicht solche, die unter jeden Schritt des -Kindes ein Rechenexempel oder ein Abc legen, nein, ich meine jene, die -zu spielen verstehen, und die müßten doppelt besoldet werden -- welche -ungeheuren Summen werden für den Magen ausgegeben, warum nicht für die -Seele seines Kindes? Nichts fordert Technik in solch feinem Maße wie die -Kunst des Kindes, »das Spiel« -- die bunten Gedanken zu drehen im -Krausköpfchen, wie in einem Kaleidoskop. Ja, es gibt vortreffliche -»Bonnen«, besorgte und doch heitere Freundinnen der Kinder. Aber wäre es -nicht ratsam, weibliche Detektivs anzustellen, verheiratete Frauen, die -die Überschreitungen der -- minder Trefflichen draußen auf den Wegen -beurteilen könnten? Mütter und Väter, sucht einmal euer Kind draußen in -der sorglosen Natur statt nur im Spielzimmer auf, dort werdet ihr die -Hüterinnen eurer Kleinen ungeschminkt kennen lernen. - - - - - Am Kurfürstendamm - - - Was mich im vorigen Winter traurig machte - - _Georg Fuchs_ in Freundschaft - -Blumen werden bald blühen an beiden Seiten des Reitwegs am -Kurfürstendamm. Wenn die lieblichen Reiterinnen an all dem Duft -vorbeigaloppieren werden, dann ist es zu spät, ihnen zu sagen, daß die -buntlachende Allee gesprengt wurde mit Schweiß und Blut Peitschender und -Gepeitschter. Die Pferde vornehmer Landauer tanzen, ihre schwarzen Augen -zünden vor Leuchten. Ich beginne sie mit ihren geplagten, wiehernden -Brüdern zu beneiden. Die können nicht weiter durch den Hügel an Hügel -aufgeworfenen Erdboden; ihre Hufe mußten sich selbst den Schmerzensweg -bereiten. Da gibt es kein Pardon! Auch kein Mitleid der Spaziergänger, -niemand will was mit den Fuhrleuten zu schaffen haben; in den -neumodischen, wogenden Busen der Damen pocht kein Herz. Sie verhindern -sogar ihre Männer, sich in Straßenangelegenheiten zu mischen. Manchmal -stellen sich Kinder auf zur rechten und linken Seite des Dammes. Für sie -ist es eine Unterhaltung, ein wirklicher Kientopp. Heute besah sich ein -Schutzmann den unerhörten Vorgang. Aus einem Bäckerladen schickte eine -Käuferin für die Pferde alte Semmeln. Ich sah über dem Gesicht des -uniformierten Mannes eine kräftige Freude marschieren. Und ich bat ihn, -ob er nicht eingreifen wollte. Er erklärte mir, die Fuhrleute sind nicht -so schlimm wie ihre Brotgeber. Weigert sich einer der Angestellten, -wegen der nicht genügenden Anzahl Pferde an seinem Karren loszufahren, -verliert er seine zwanzig Mark per Woche. »Da lauern schon immer genug -Brotlose vor der Türe.« Für die zwanzig Mark. -- Sie leben, sie -peitschen, sie fluchen dafür. Ihre Roheit besteht das Examen. »Dämlich -Vieh, windelweich hau ick dir, faulet Luder!« Die Wut rinnt den -Unmenschen über die Backen, den entblößten Hals hinab. Die Rücken der -Tiere bluten vor Hieben. Wie sollen sie es anders machen? Verteidigt sie -der Schutzmann. Denn es dauern ihn die Treiber ebenso wie die Pferde. -Die Treiber, die nur zwanzig Mark verdienen pro Woche und sich so plagen -müssen mit dem Vieh. »Es ist doch mal Vieh, es ist doch zum Ziehen da!« -Ein paar Bürger stimmen ein in den bequemen Sang. Röhren sollen gelegt -werden zum Ablauf des Wassers. Die Blumen, die bald auf beiden Seiten -der Allee wachsen, müssen bewässert werden. Gibt es denn keine -Maschinen, die die Erde schließlich aufwälzen können? meint ein -sechsjähriger kleiner altkluger Ingenieur. Er hält auch eine Maschine im -kleinen aus einem Spielwarengeschäft in der Hand. Die Männer toben. -Wilde Australneger sind Engel dagegen mit ihrem Schlachtgeschrei. Ich -aber fühle ebenfalls die schwere Schuld, die die Besitzer dieser -Fuhrunternehmen trifft. Vorwurfsvoll schielen seine Knechte über die -gefräßigen Pferde auf uns: Sie hätten selbst Hunger. Endlich aber -entschließen sie sich, nach all den vergeblichen Peitschenhieben, die -Pferde umzuspannen. Zu sechsen geht es doch besser über die holprige -Strecke. »Ich hab das gleich gedacht,« gesteht der Schutzmann. »Aber -sagen Sie mal was zu den Leuten!« Wenn die lieblichen Reiterinnen im -Sommer auf ihren verwöhnten Schimmeln durch die Allee des -Kurfürstendamms reiten, wird der Geranium zu ihren Seiten rot wie die -vergossenen Blutstropfen der armen Pferde blühen. Sie hatten alle -traurige Augen und ließen die Köpfe hängen. - - - - - Die beiden weißen Bänke vom Kurfürstendamm - - - Meinem lieben Freunde _Andreas Meyer_ - -Morgens standen sie plötzlich auf dem Kurfürstendamm wie vom Himmel -gefallen in Mondsichelfasson. Die eine weiße Bank winkte den Leuten, die -aus der Friedrich-Wilhelm-Gedächtniskirche kamen, freundlich zu, die -andere weiße Bank lud eine blonde Schöne ein in aschgrünem Samt. Ich bin -seitdem öfters an den weißen Bänken vorbeigegangen; gestern setzte ich -mich zum erstenmal auf die eine, den Damm weiter, auf die andere. Guckte -ich geradeaus, bot sich mir ein Kreuz- und Querbild. Man sieht es vielen -Vorbeieilenden an am Operngucker in ihrer Hand, wohin sie wollen -- zur -Hochbahn --, in einer halben Stunde fangen die Theater an. Andere kommen -aus der Stadt, biegen um die Joachimsthaler Straße und kehren ein in das -heimatliche Café des Westens. Kommen da zwei kleine, arme Mädchen; in -ihrer Mitte ihren lebendigen, rotbäckigen Hampelmann, der sprechen kann. -»Zwei Jahre ist er,« erzählen sie mir und streiten sich, wer ihn -aufwarten, das heißt, wer mir von ihnen seine Kunststücke zeigen wird. -»Wir sind keine Schwestern,« antworten die beiden gernegroßen Mütter, -sie lassen schon behäbig das Kinn hängen, fürsorglich sind sie um ihren -kleinen Kasperle. »Wir sind jede für uns allein.« Sie meinten damit, sie -sind nicht einmal verwandt. Lieschen ist in Pflege, ihr Pflegevater ist -Nachtwächter -- manchmal legt er sich vor Müdigkeit, wenn er morgens -nach Haus kommt, mit dem Bund Schlüsseln und der Laterne ins Bette. Das -andere Lieschen, sie heißen beide ganz gleich, erzählt: Sein Vater helfe -einem Zauberer. »Ein schwarzer Neger ist sein Papa!« Es ruft mich jemand -von der Haltestelle der Elektrischen, ein Dichter im Florentiner, er -will in die Kolonie fahren. »Reisen Sie alleine, Torquato Tasso, ich -will mich noch auf die weiße Schwesternbank setzen.« Ich sehe mich nach -ihr um, sie glänzt viel bräutlicher wie diese, von der ich mich erhebe; -und ich zögere, mich auf die myrtenweiße niederzusetzen. Aber die beiden -Verliebten da bemerken es nicht. Aus der Kirche treten schon die ersten -Sonntaglinge, die Sonne spielt Orgel um das Haus mit ihren schlanken -Strahlen. Ich verstecke mein Gesicht in dem großen Glockenturm -- sehe, -höre und denke nichts, und doch findet man sich auf den weißen Bänken -wieder, wenn man sich verloren hat. - - - - - Die Odenwaldschule - - - _Edith Geheeb-Cassirer_ - -In den Bergen zwischen Laub und Wiesen stehen fünf bemalte -Waldschlößchen: jedes ist einem Dichter gewidmet, und drinnen lachen -Knaben und Mädchen mit ihren Lehrern und Lehrerinnen. Und unter ihnen -lebt der Rübezahl mit seinen gütigen nußbraunen Augen und dem langen -Weihnachtsbart. Paul Geheeb, der Schöpfer der Odenwaldschule, ist ein -Rübezahl, er zaubert Freude durch die Hallen und Säle seiner -Gnomenhäuser, und überall ist es hell, wohin seine sonnigen Augen -scheinen. Immer steigt sein Fuß, ob er auf die Gipfel will oder über die -Ebene schreitet. Von Rübezahl sprechen die Bauern im Tal, wenn sie den -Direktor oben meinen, den die Kinder alle so lieb haben. Jedem Mädchen -schenkt er ein tröstendes Wort, und den verirrten Wanderer beherbergt er -und seine Gnomen für die Nacht: die sitzen in bunten Spielreihen beim -Vesper und trinken Milch aus großen Kannen. - -Heute macht die blonde Adi den Vorschlag, alle Jungen müssen einen -Stoffaffen und alle Mädchen einen Stoffbären mit zum Sonntagsmahl -bringen: die zwei vorhandenen hat die Schelmin dem lieben Rübezahl in -die Brusttaschen seines Rockes gesteckt, daß die beiden wulstigen -Tierköpfe zur Belustigung aller Kinder hervorgucken zur Rechten und zur -Linken. - -Paul Geheeb versteht das junge Herz des Kindes wie einen Kaleidoskop zu -drehen, er weiß die bunten Bilder zu würdigen. Aber auch seine Lehrer -sind Künstler: sie haben alle noch Knabenherzen wie ihre Zöglinge und -führen mit ihnen manchen Indianerstreich aus. Die Knaben tragen alle -Sweater, und die Kleider der Mädchen sind durch Bänder über der Achsel -gehalten, echte Kindertracht: sie paßt zu roten Backen und leuchtenden -Augen. Und alle haben gesunde Lungen, die atmen wie die starken Bäume -das Leben ein und aus. In der Frühe müssen die Odenwaldkinder ins -Luftbad, sich viel, viel Luft holen, und es gibt keinen Südwind und -keinen Nordsturm, dem die Rübezahlbande nicht gewachsen wäre. Die -verzärteltsten Kleinen trotzen dort der Welt mit den allerhand -Erkältungen. Aber Vernunft liegt in jeder Anordnung Paul Geheebs: seine -ihm anvertrauten Lieblinge bewegen sich in wohlgewärmten Räumen in der -Winterzeit. Die Korridore, die Lesehallen, die Schlafgemächer sind -mollig temperiert. - -Jedes Kind besitzt sein Heim, oder es müßte dicke Freundschaft -geschlossen haben und den Wunsch aussprechen, sein Eigentum mit -irgendeinem Spielgefährten zu teilen. Mein Paul und der Bruno Tillehsen; -was der Torquato Tasso dichtet, illustriert mein Junge. Auch das -Burgfräulein Irmgard und der kleine Landwirt Bubi, die Kinder von -Wilhelm von Scholz, sind Zöglinge der Odenwaldschule. Auch der Peter ist -oben beim Rübezahl, vom Bildhauer Gaul der kleine Sohn: der ißt so gern -Nüsse: überall kracht es nur so zwischen den Zähnen. -- - -Nachmittags ist immer frei: die saftigen Äpfel werden von den Ästen -geschüttelt, oder die kleinen Gnomen helfen den Bauern in den Scheunen, -in der Zeit, da die emsigen Gnominnen Blumen pflücken oder Himbeeren und -Brombeeren sammeln für den Tisch ihrer großen Freundinnen. Liebe, -erwachsene Schulmädchen sind die Lehrerinnen: in den Frühstunden -lauschen die Kinder mit offenem Munde ihren Lehrwundern. Jede Lehrerin -und jeder Lehrer verstehen es, auf spannende Art die jungen Zuhörer zu -fesseln. Die freuen sich auf jeden Morgen wie auf den Geburtstagstisch, -immer bietet der Unterricht neue, überraschende Gaben. - -Plätschernde Bäche, goldene Gärten begleiten den Ankömmling die -Bergstraße hinauf von Heppenheim bis oben ins Gnomenstädtchen; holde -Landschaft, befreite Erde -- kommt man aus der Großstadt dorthin, wo -Rübezahl seine Odenwaldschule erbaut hat! - - - - - Lasker-Schüler contra B. und Genossen - - - Dem lieben Rechtsanwalt _Hugo Caro_ - in Verehrung - -Seitdem einige Tageszeitungen um mein lyrisches Gedicht: »Leise sagen«, -soviel Lärm geschlagen und mich für geisteskrank erklärt haben, hat sich -eine Partei um mich erhoben, die es sich zum Lebenszweck angedeihen -läßt, diese gefährliche Behauptung mit allen gerichtlichen Gegenbeweisen -aus der Welt zu schaffen. Das Resultat ist: Ich werde beobachtet, nicht -allein von einem Psychiater, auch von mir selbst -- (ich wollte, ich -könnte mir was dafür anrechnen --). Ich kann den ganzen Tag nicht auf -einen Namen kommen, auf den Namen meines Urgroßvaters, der Scheik in -Bagdad war. Dieser Zustand ist unsäglich unerträglich, als ob man gähnen -muß und kann nicht, als ob man in eine Posaune blasen muß und findet die -Öffnung nicht. Ich war heute schon überall, wo irgend etwas von Asien zu -spüren ist. Auch im orientalischen Seminar war ich beim Rektor, der -dachte freundlich über den Namen meines ehrwürdigen Urherrn nach, und -alle seine Schüler taten das, und Schülerschüler, Muselmänner, Chinesen, -Japaner, Studenten aus Vampur, Koreaner, Sudanesen; es dachten Siamesen, -Indier, Serben, Türken, Montenegriner, Talmudisten, Zionisten, auch die -beiden Söhne einer Kaffernfamilie dachten, und denken wahrscheinlich -jetzt noch nach. Ich habe kein Gedächtnis mehr, seitdem bei mir -Gehirnerweichung in Frage genommen ist. Rechts vom Gehirn steht mein -Heer -- links der Feind. Ich fühle seitdem auch nicht mehr richtig, ich -taste; die Sternwarte meines Herzens ist getrübt -- und mein Horizont -liegt hinter dem Rubikon -- und der Sturm -- verweht meinen Geist. Wie -soll ich mich beschäftigen? Ist mein Psychiater nicht bei mir, fahr' ich -zu ihm heraus und bringe ihm einen Kloß meines Gehirns. Ich muß immer -meckern, wenn ich bei ihm bin; er hat einen roten Ziegenbart. Ich konnte -mich schon als Kind nicht beschäftigen, meist habe ich mit Knöpfen -gespielt, aber ich habe alle verloren oder wo angenäht, und wenn der -Psychiater nicht eindringlicher mich beobachtet, werde ich es den -Redaktionen der Zeitungen mitteilen, die mich bei der Gehirnerweichung -ertappten; sie haben ihn doch für mich engagiert, und er muß seine -Pflicht tun. - -Ich laufe jetzt so gern über Wiesen; Knaben gewähre ich mit Vorliebe -mein Gehirn, solange es noch einigermaßen hartköpfig ist, zur -Zielscheibe ihrer Gewehre. Das Sprechen wird mir schwer; wenn ich singen -könnte! Dann könnte ich viel besser alles sagen. Aber ich habe zu jung -gesungen, die frühe Blüte meines Kehlkopfs war noch nicht befestigt. -Sprechen lernte ich schon beim Milchtrinken, aber das Singen hätte ich -unterdrücken müssen, Talente sollte man mindestens fünfzehn Jahre im -Steckkissen herumtragen. Dabei wird man immer kleiner und schläfriger. -Ich bat heute den Psychiater, er solle mich ein bißchen in seinem -Kinderwagen herumfahren. Er hat nämlich einen im Nebenzimmer stehen, -darin seine Frau ihre Hoffnungen spazierenfährt, schon zwei Jahre, damit -er sie nicht verstößt. Von seinem zukünftigen Sohne lasse er sich die -Fesseln der Ehe gefallen, aber nicht von seiner Frau, die geht immer in -blau, weil sie den Himmel auf Erden vermißt. Er aber hat mir ein -Rasselchen geschenkt, ich hätte viel lieber die Gummipuppe gehabt, für -in den Mund zu nehmen. Ich habe einen Brief von mir selbst von früher -gefunden, an meine britische Busenfreundin, den lese ich dem Psychiater -vor. Seitdem ich diesen Brief geschrieben habe, ist mein Herz -graumeliert, und Dr. Ziegenbart sagt: »Lesen Sie!« Dear Mabel! Manchmal -hab ich so Sehnsucht, ich säß wieder nachmittags an einem großen, runden -Tisch neben meiner Mama und so zwischen meinen Schwestern und Brüdern, -und oben sitzt mein Papa, und wir trinken zusammen um vier Uhr Kaffee -aus der silbernen Kaffeemaschine durch Filtrierpapier -- und so ganz -zusammengerückt sitzen wir, wie eine Insel, aus einem Stück. Nichts -Fremdes mehr, aber wir fließen ineinander, trotzdem wir Geschwister alle -anders waren, und fürchten uns nicht vor dem Tode, weil einer den andern -ersetzt. Das ist lange her, ich weiß auch nicht, warum ich daran so oft -denke, zumal ich doch Robinson wurde, durchbrannte in die Welt, weil ich -dem Robinson auf dem Deckel seiner Geschichte so ähnlich sah. Und ich -liebte das Abenteuer, das hat nichts mit der Stube zu tun, und wenn es -auch eine herrliche ist. Aber dreimal im Leben hatte ich eine große -Sehnsucht, wieder in einer Stube neben Mama und Papa und Geschwistern zu -sitzen. Als ich mich zum ersten Male vermählte. Aber ich fiel ins Haus -und verletzte mir die Knie, die bluten seitdem. Und das zweitemal, das -war noch trauriger; da folgte ich meinem Verlobten in seine Heimatstube. -Ich saß neben seiner Schwester; mein Verlobter saß neben seiner Mama, -und oben am Tischanfang trank sein Papa den Nachmittagskaffee, und auf -einmal sah ich, daß die fremde Mama meinem Verlobten ein großes Stück -Kuchen auf den Teller legte, ein Stück Torte mit einer Frucht darauf; -und ich bekam ein schmales Stück Torte ohne eine rote Kirsche; da war -ich plötzlich ganz klein wie zu Haus und weinte. Und zum dritten Male -überkam mich die Sehnsucht, mit meinen Verehrern in ihr Haus zu gehen. -Das erinnerte mich am wirklichsten an zu Haus. So viel Geschwister, die -sprachen wie meine Schwestern und Brüder und waren schön, aber dann kam -ein großer Hund und schnüffelte um den Tisch herum, bis er mich fand; -denn einem von den drei Brüdern hatte ich das Herz gefressen. Ich sehne -mich nun nicht mehr nach einer Stube, wo eine Mama und ein Papa und -Geschwister um den Tisch sitzen und eine Insel sind. Mein Angebeteter -verspottet mich und meint, ich ziere mich wie ein Backfisch. Ich habe -kein Verlangen mehr nach der heiligen Nachmittagsstube, und ich bin -wirklich der Robinson auf dem Deckel seiner Abenteuer. Aber ich möchte -noch die ganze Nacht so traurig erzählen. Many greetings, dein Robinson. --- Wer mich alles in die drei ersten Stuben geführt habe, meint der -Psychiater, sei für ihn nicht schwer zu enträtseln, aber den Angebeteten -möchte er kennen lernen, der eine Ausnahme bilde, da ich seiner Eltern -Stube nicht heimsuchte. Ich verstehe; des Doktors ironische Weise ist -mir sympathisch. Der Psychiater nickt mit dem Kopf; er ist -Schriftsteller nebenbei, und hat Momente der Psyche aufzuweisen, die bei -Doktoren ohne Drum und Dran nicht vorhanden sind. Sein Ton ist -mitleidig, wäre er eine Frau, spräche er wehleidig. Ich habe das Glück, -daß er keine Frau ist. Zwischen ihm und seiner Frau fällt ein schwarzer -Vorhang, aber über seinem Schreibtisch hängt unverschleiert, aber zahm -verblümt, ein deutscher Gelehrter mit einem Bart aus Eichenlaub; sein -früherer Universitätsprofessor; den muß er zum Aufreizen seiner Nerven -haben. Auch steht in seinem Sprechzimmer eine Lampe, deren Birne -streikt, weil sie kein Apfel ist. Der Waschtisch seiner medizinischen -Hände läuft nicht, er steht auf Plattfüßen. Mein Zimmer funktioniert -viel besser, es liegt am See, an der Waschschüssel. Und dabei spreche -ich immer vom Tigris, nicht wahr? Verhöhnt mich nur, liebwerte, -wahrhafte Leser; oh, diese Welt mit ihren Flüssen, Nebenflüssen und -Überflüssen! Es hat jemand dem Psychiater gesagt, ich sei abnorm -eifersüchtig. Das könnte allenfalls ein Symptom von Gehirnerweichung -sein. Aber was soll ich mit meinem Mann sprechen, wenn er in der Nacht -nach Haus kommt, als Eifersucht. Der Leser soll mir die Frage ganz -aufrichtig beantworten, bitte. Ich lehne an seinem Rücken wie vor einem -blinden Fenster. Übrigens ist meine Eifersucht nicht subjektiv, sie ist -eine Landeigenschaft, ein Kostüm, eine Nationaltracht der Seele. Meinem -Psychiater leuchtet die landläufige Logik wirklich ein; ich bin ein für -allemal von ihm als gesund entlassen, und brauche mich nicht mehr seinen -Beobachtungen zu unterziehen. Der Feind ist verurteilt vom hohen -Gerichtshof zu zehn Mark Schadenersatz; hätte er nicht schon Berufung -eingelegt, so hätte ich es ihm geraten, denn er soll in schlechten -Verhältnissen sein -- ich bin zu weich ...! Was soll ich nun tun, als -über den Namen meines Urgroßvaters nachdenken? Im Augenblick, wo ich -glaube, ich habe ihn, kugelt er noch schwerer als Blei in meinen Rachen -zurück. Wie ein einbalsamierter Leib. Dabei höre ich den Namen meines -Urgroßvaters auf meiner Zunge, eine Melodie, einen Psalm. Ich muß mich -zerstreuen, ich werde die Redaktionen, die so lange nun mit mir in -Konnex standen, um Verzeihung bitten; ich kann doch nicht dafür, daß ich -keine Gehirnerweichung habe! Der Psychiater glaubt doch nicht daran! Das -Leben ist was furchtbar Schmerzliches; alle meinen, daß es nur was -Enttäuschendes ist. Ich meine beides und gaukle mit Geschicken. Und wie -das Leben vom Milieu abhängt, wenigstens meins. Läge zum Beispiel das -Fenster meines Zimmers statt nach gegenüber, seitwärts mit dem Blick -nach dem Westhimmel, wo abends der Mars aufmarschiert, hätte ich Freude -am Leben gehabt und wüßte, warum ich lebe -- aber so! Ich kann mich -nicht mehr sehen, ich ertrage in den Spiegeln mein Gemälde nicht mehr, -wenn nun mein Angebeteter kommt und hat meine Augen? Und darum gerade, -wegen seiner hellen Lichter liebe ich ihn, gelbe Rosen, und wenn sie -traurig sind, fallen sie wie Goldregen. Er ist ein Sonntagskind, ich bin -ein Feiertagskind, das nicht gehalten wird; er findet keine Ruhe in mir. -Wir lieben uns, wie die verschiedenen Liebenden auf Erden und im Himmel. -Wie selige Engel mit der Pose des Flügels, wie die ersten Menschen, die -noch glühend waren, wie zwei große Blumen hinter der Hecke, die nichts -wiedersagt, wie zwei Rubinen im Reichsring eines Kaisers und manchmal -früh am Morgen wie zwei Schakale. Ich mache mir gar kein Gewissen -daraus; alle Romane der Ehe sind Unwahrheiten! In Wirklichkeit gibt es -kein Gewissen. Aber, daß ich den Namen meines Blutpächters, meines -Urgroßvaters, vergessen habe, darüber mache ich mir heftige -Gewissensbisse. - - - - - Coranna - - - Eine Indianergeschichte gestaltet von Slevogt - - Dem hochverehrten, feinen Professor - _Walther Otto_ - -Mein Junge trägt einen Indianerschmuck in den Haaren, grüne, gelbe, -blaue, lila und rote Federn, und um seine Lenden einen Gurt aus -Vogelbeeren und harten Muscheln. Aber er weiß nichts von den Menschen in -Wild-West. Ich kaufe ihm aus Furcht, er könne eines Tages nach drüben -durchbrennen, keine Indianergeschichten. Der kupferrote Gott ist der -Fanatismus der Knaben. Seine Legenden sind gefährlich, sie kommen über -einen, ihre Bilder machen Mut, stählern. Grüngelbblaulilarot! Meine -Brüder machten sich in nächtlicher Frühe mit ihren Freunden auf und -davon -- der Skalpgott rief sie aus dem Elternhaus. Sie hatten sich -schon Wochen vorher für ihr Sonntagsgeld Pfeifchen, Tabak, Zigarren und -dergleichen mehr für den Tausch am Lande besorgt. Manche von ihnen -stahlen ihren Schwestern Ohrringe, Broschen, Ketten für die -Häuptlingsfrauen und Indianermädchen. Aber die Reise ging nur bis -Bremen, die strafenden Väter ließen die Durchbrenner grausam wieder in -die Heimat transportieren. Mein Vater jedoch war im Grunde seines -Herzens stolz darauf; er ließ meinen Brüdern im Garten ein Indianerzelt -aufschlagen, kaufte Speere und andere Mordwaffen und Gürtel, deren -Skalpflachshaare fast bis zur Erde reichten ... Es ist schon lange, -lange her, ich habe seit Indianerjahren kein Indianerbuch mehr -aufgeschlagen. Nun liegt ein großes in den Farben der Kupferhaut auf -meinem Schoß. Slevogt hat gezaubert, als er die Gestalten des Werkes -erschuf nächtlich auf weißer Prärie; seine schwarze Feder zeichnete -kupferrotes Leben. Ich muß die wilden Wildwestmenschen festhalten, sie -laufen, galoppieren meinen Blick entlang, über meine Hände hinweg in die -Freiheit. Tänze, Kämpfe, Ritte führen sie auf, ich vernehme -Pferdegetrampel, höre Kriegsrufe, werde eingehüllt vom aufwirbelnden -Nebel flüchtender, feindlicher Stämme. Mich ergreift die Sehnsucht -meiner Brüder. - - - - - Die schwere Stunde - - - Ich wollte ein Schmerzen rege sich - Und stürze mich grausam nieder - Und riß mich je an mich! - Und es lege eine Schöpferlust - Mich wieder in meine Heimat - Unter der Mutterbrust. - -Ein sorglos abgetanes Urteil las ich dieser Tage über die ungeheure -Schöpfung: Die schwere Stunde von Charlotte Berend. Die Wirkung des -Bildes auf den Kritiker hat mich zwar nicht überrascht; viele seiner -kritisierenden Vorfahren verwechselten schon die Erzkraft eines -Kunstwerks mit der entblößten Brutalität. Es gehört schon ein -Jahrtausendblick dazu, gerade den Wert dieses gottalten Bildes der -Charlotte Berend zu erkennen -- sein Allvatername heißt das Gesetz. Ich -hoffe nicht, daß die Künstlerin aus Bescheidenheit den königlichen Namen -fälschte. Sie hat ihre Schöpfung aus dem Mark aller Farben erschaffen. -Es nahte ihre selige, schwere Stunde selbst. Das Wunder der Inspiration -schlug sie zur Riesin. - -Ich sehe zunächst kühl und sachlich eine Mutter, die ein Kind zur Welt -bringt. Die weise Frau am Fußende des Bettes wartet hilfebereit. »Herr, -gestehen Sie es, und auch Sie, Frau Ehegattin. Sie vermißten den -besorgten Hausvater zwischen dem Spalt der Türe vorsichtig lauschend. -Das wäre wenigstens noch gefühlvoll gewesen« ... gerade das -Nichtfamiliäre verleiht dem Bild das Unpersönliche, baut das Werk mit -kosmischen Knochen auf. -- Was soll das kleine Mädchen am Bett der -Mutter? »Es ist ja erst zwölf Jahre alt.« Es ist vielleicht noch jünger, -und es tat mir wirklich furchtbar leid, wenn beim Betrachten der kleinen -Gegenwart des unschuldigen Wesens, gefühlvollen Damen eine schmerzhafte -Entrüstung anging, aber ich sage: die Kleine gehört zu der ungeheuren -Landschaft des Leibes; auf dem Rand des Lebenskelches sitzt sie, das -schwebende Auge zurückgelehnt, voll Grauen und Wunder gelähmt. Ein -Seraph -- aber gleich wird er seine Lippen öffnen und die ernste Melodie -der Dichtung über den sich bäumenden, felsgeöffneten Leib der Mutter -singen. -- Und die Vorsehung, wie man die Wartende am Fußende des Lagers -nennen könnte, wendet die letzte Nüchternheit des Vorganges mit einem -Tuch, wie mit einer Wolke ab. -- Eine Heilige hätte nicht keuscher -gedichtet, das Problem des Odems gestaltet. Ich habe nie in Wirklichkeit -ein kindtragendes Weib mit solcher Ehrfurcht betrachtet, wie diese -Riesenmutter, von einer Riesin gemalt, auf ihrem Riesenbilde. Sie -hauchte nicht nur über den lebengeöffneten Vorgang die Scham, sie nahm -dem Prangen auch jede Fessel der Sklaverei, die mich anwidert beim -Anblick einer begnadeten Frau. - -Charlotte Berend hat ein Historienbild des Naturgesetzes gemalt; es -müßte neben Michelangelos Moses im Tempel der Galerien hängen. - - - - - Peter Hille - - - Meiner teuren Mutter in Liebe und - Ehrfurcht - -»Es dauert höchstens zwanzig Minuten, Peter!« Er nickte lächelnd -- aber -er vergaß auch sofort wieder, daß er den Kopf nicht hin- und -zurückbiegen durfte, von der Zeitung auf und nieder, und so kam 's, daß -ich entweder das rechte oder das linke Auge nicht an seinem Platz oder -die Nase zu lang im Verhältnis zur Stirn zeichnete. Und manchmal nahm er -noch seinen Bleistift und beschrieb andächtig den weißen Rand des -Zeitungsblattes. - -»Du kannst gleich weiterzeichnen, schrecklicher Tyrann du!« sagte er und -las mühsam entziffernd sein eigenes Schreiben. - -Es waren einige steinige Einfälle, die er seinem Myrdin und seiner -Viviane ferner vermachen wollte. Und er zog die große vergilbte -Papierrolle aus seiner Manteltasche und las von den beiden Menschen, die -älter waren als Adam und Eva, von seinem Menschenpaar Myrdin und -Viviane. Die sprachen eine Sprache, mit der am ersten Schöpfungstage -sich Himmel und Erde erzählten -- -- sie waren mit der Erde zugleich -erschaffen -- gewachsen mit der Erde -- aus der Erde; ja, das fand auch -Peter ... - -»Da magst du recht haben!« - -Und er saß, den Kopf herabgesenkt auf den großen Lehnstuhl nahe dem Ofen -in seinem olivenfarbigen Mantel, als ob er die Wärme mit sich nach Hause -nehmen wollte. - - * * * * * - -Eines Abends klingelte es um halber Mitternacht -- das sah Peter -ähnlich. Seine Augen lachten mutwillig wie Knabenaugen, die einen -Streich hinter sich hatten. »Der Verleger hat mir Vorschuß gegeben -- -Tino, toller Kerl, komm mit! Wir sitzen alle in der Weinrebe.« - -Und Peter sah aus wie ein Bacchus, seine Seele war aufgeblüht wie einer -der Weinberge in Alt-Athen. Und wir saßen um ihn im Kreise und sangen: -fahrende Schüler, wie die Jünger des Weins aus der bacchantischen Szene -seines Werkes »Des Platonikers Sohn«. Wir waren der Most, der Lenz des -Weines, das Leben, das wildsüße Auf- und Niederbrausen. - - »O Wein, du lieber, dummer Wein, - Was willst du da im Kerker sein? - Hervor du rieselnde Sonne, - Und laß die alberne Tonne. - - Weißt du denn nicht, du dummer Wein, - Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein, - Ein Kenner erlesener Tropfen, - So laß mich nicht harren und klopfen!« - -Am Morgen in meinem Halbschlaf sah ich Peter; durch seinen langen Bart -guckten blaue und gelbe Weinaugen mutwilliger kleiner Dionysinnen mit -roten Pausbäckchen und kecker Faunbuben mit frechen Schwänzchen. Und die -neckten ihn und zupften ihn an seinen langen Kraushaaren, jauchzten und -sprangen um den großen Bacchus, und ein ganz kleines, ängstliches -Bacchüschen kroch in seine weite, weite Ohrmuschel. Und wir alle saßen -zu seinen Füßen, und er erzählte von seiner Frühjugend, von seinen -vielen Liebchen -- ja, ja, Bacchus mußte verliebt sein. - - * * * * * - -Einmal an einem Wintermorgen kam Hugo, der Landsknecht, wie ihn Peter -seines rauhen Organs und seiner kecken Launen wegen nannte. »Kommen Sie -mit, Prinzessin! Peter ist krank, wir wollen ihn besuchen!« »Und wissen -Sie auch, Hugo, daß heute sein Geburtstag ist?« - -Davon wußte er nichts, der Ungläubige. Und wir zogen gen Norden, und als -wir durch das Tor seines Hauses traten, lagen vor uns Treppen, zu -besteigen wie künstliche Gebirge aus Brettern. »Na, det is man scheene, -dat Se sich bis her verstiegen han -- -- denken Se so wat, er is mir -jestern dot in de Arme jeblieben! ...« Und Peters gemütliche Wirtin -drückte mich an ihren Busen, aus dem der dicke Atem jammerte. Und sie -geleitete uns durch die Küche bis an Peters Kammertür, drückte diese -behutsam auf und blickte zunächst vorsichtig durch die Spalte. »Nu -kommen Se sachte rin!« -- -- Und da lag der Peter wirklich in seinem -Nest halb aufgerichtet: ein kranker grimmiger Geier. Der Kragen seines -Mantels hing wie ein dunkler Fittich über dem Bettgestell, und einer der -Füße, mit dem Stiefel angetan, scharrte ungeduldig an der senfgelben -tapezierten Wand. Als er uns sah, war es, als ob er uns nach und nach -erst erkannte, und er fuhr durch seinen Bart wie ein reißender -Herbststurm. »Setzt euch, wenn ihr Platz findet, ihr Einbrecher, ihr -Störenfriede, setzt euch!« Aber nicht allein der Boden, sondern auch das -tausendjährige Sofa waren begraben unter großen, gelben Papierflocken. -Wir setzten uns auf das kleine Fensterbrett und stellten unsere Füße -sündhaft auf die großen Säcke, die, wie wir später hörten, die -Manuskripte der Dramen Peters enthielten. »Du, Peter, ich will dir den -Doktor holen,« sagte der Landsknecht besorgt. Oh, und das klang so -lächerlich, und die dicke Wirtin hatte et ooch jewollt, »er will aber -nich.« »Der Doktor soll mir wohl Sonne oder Mairegen für meinen Katarrh -verschreiben?« Und Peter lächelte wieder wie Frühlingsanfang, und auf -einmal begann er laut zu reden: »Heute abend muß ich noch ins Theater.« -Da fiel seine alte dicke Wirtin vor Schreck auf das tausendjährige Sofa. -»Sie wollen im Thiater jehn, Sie?« »Na gewiß,« antwortete Peter und -machte die Bewegung, aus dem Nest zu fliegen. In der Küche seufzte die -Gute und meinte: »Na, so nötig hat er det Schreiben doch ooch nich, wo -er bei uns is!« Und sie brachte ihm zur Fürsorge die dampfende -Hafergrütze und zwei Schmalzstullen ins Zimmer. Und dann sich vor uns -entschuldigend, sagte sie: »Er ist so reene wie eene Jungfer, ick seh -schon, wie se ihm später in de Kirche uffbahren als Heiligen.« - - * * * * * - -Es war ein kalter Nachmittag; der Mond blähte sich auf zwischen seinen -Sternen wie ein goldener Bauch, ein wohlbeleibter Dukatenmillionär. -Peter und ich wanderten wohl schon stundenlang durch die Straßen -Berlins, durch die Bleiluftgegenden mit den kahlen, grauen Häusern, in -denen der Hunger mit seinen tausenden Kindern wohnt. Und über dieser -Gegend spazierte behaglich durch das weite Land der Wolken der fette -Mond, der satt an Gold getrunkene Mond. »Aber, Tino, ich wußte ja gar -nicht, daß du ein kleiner Bebel bist.« »Ja, ich denke an die armen, -blassen Kinder, die nie in die Sonne sehen, und an dich, Peter, an dich, -dem die Welt ihr jubelndstes, tiefstes Spiel schenkte und das Leben eine -Stiefmutter ist.« »O du Fromme,« sagte Peter leise zu mir. Nach einer -Weile blieb er unter einer Laterne stehen, nahm ein kleines schwarzes -Heftchen aus der großen Manteltasche und schrieb. - -Das tat er oft, und ich ging gemächlich des Weges weiter. - -Wir kamen über einen großen Platz. Vielleicht gaben die schloßartigen -Bauten mit den gegossenen Toren, die eisernen Hüter der königlichen -Gärten, Peter den Anlaß, mir zu erzählen, daß sein Vater der Fürst S. -aus Westfalen sei und seine Mutter eine Leibeigene. Ich war gar nicht -verwundert darüber, als ich seine schlanken Hände betrachtete. - -»Meine Mutter«, erzählte er weiter, »war eine stille, blasse Frau. Ich -kann mich kaum an den Ton ihrer Stimme erinnern; aber als ich meine ->Brautseele< dichtete, hörte ich ihr Blut aus meinem Herzen singen, -sanft und dann sehnsuchtswild, wie eine einsame Spätherbstblume.« Wir -schwiegen beide lange Zeit, über Erinnerungen wandelnd, bis es Abend -läutete und die Glocken uns erweckten. - -Wir fragten einen Mann, der an uns vorübereilte: »Wie kommen wir aus dem -Tiergarten wieder auf die Straße?« - -Und wir bogen und wendeten uns, bis wir glücklich den Weg wiederfanden. -»Sieh, Tino, hier tief im Dickicht habe ich Wochen zugebracht und -Dunkelheiten getrunken! Oh, das waren einzige Gottnächte!« - -Aber ich sah schmerzlich auf seine eingefallenen Wangen. - - * * * * * - -Ich ging, meiner Ahnung vertrauend, voraus. Peter studierte indessen -noch die Hausnummern gegenüber dem großen Gebäude, in das ich eintrat. -Und wirklich, hier wohnte Gerhart Hauptmann. Er kam mir schon im -Treppenflur entgegen, ja, er war es. »Herr Hauptmann, ich bringe Ihnen -den Peter Hille lebendig hier; er hätte sicherlich wieder die -verabredete Stunde versäumt.« »Sah ihn schon von meinem Fenster aus,« -rief Gerhart Hauptmann, er war nämlich schon unten, den Peter selbst -heraufzuholen. Als die beiden kamen, sagte der Herrliche zu Hauptmann, -mir schelmisch zunickend, »Dies ist mein Kamerad, Tino nenne ich sie. Es -ist der Name ihres Blutes, die grünrote Ausstrahlung ihrer Seele.« Wir -setzten uns, nachdem Hauptmann zärtlich den Mantel von Peter Hilles -Schulter genommen hatte. Auf den Tischen lagen überall Journale, die -meines Propheten Dichtungen enthielten, auch des Platonikers Sohn fehlte -nicht, das wundergroße Schauspiel. Hauptmann schwang es triumphierend in -die Höhe. Und ich hörte lauter Melodien; der Dichter Worte wurden -Lieder. Und Hauptmanns stolzes Gesicht neigte sich seinem hohen Gaste -zu, die Quelle seines Herzens zu erreichen, denn wie aus Leben gehauen -saß Peter Hille in dem weiten, klaren Raum, sein Bart wallte ungeheuer. - - - - - Karl Kraus - - -Im Zimmer meiner Mutter hängt an der Wand ein Brief unter Glas im -goldenen Rahmen. Oft stand ich als Kind vor den feinen pietätvollen -Buchstaben wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein Gesicht dazu, eine -Hand, die diesen wertvollen Brief wohl geschrieben haben könnte. Darum -auch war ich Karl Kraus schon wo begegnet -- -- in meinen Heimatjahren, -beim Betrachten der kostbaren Zeilen unter Glas im goldenen Rahmen. Den -Brief hatte ein Bischof geschrieben an meiner Mutter Mutter, ein -Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und sanftbewegt seine schmalen -Lippen und sein Stirnschatz wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trägt -frauenhaft das Haar über die Stirn gekämmt. Und immer empfangen seine -Augen wie des Priesterdichters Augen gastlich den Träumenden. Immer -schenken Karl Kraus' Augen Audienz. Ich sitze so gerne neben ihm, ich -denke dann an die Zeit, da ich den Schreiber des Briefes hinter Glas aus -seinem goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. Ich bewundere -die goldgelbe Blume über seinem Herzen, die er mir mit feierlicher -Höflichkeit überreicht. Ich glaube, sie war bestimmt für eine blonde -Lady; als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen zu spielen. -Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut durch sie zum Denkvertreib die -Welt. Bunte Gläser, ob sie fein getönt oder vom einfachsten Farbenblut -sind, behutsam behütend, feiert er die Frau. Verkündet er auch ihre -Schäden dem Leser seiner Aphorismen -- wie der wahre Don Juan, der nicht -ohne Frauen leben kann, sie darum haßt -- im Grunde aber nur die Eine -sucht. Ich begegne Karl Kraus am liebsten unter »kriegsberatenen -Männern«. Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster -Abschätzung. Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer Kater, -gestiefelte Papstfüße, die den Kuß erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht -die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über -den Raum -- Allerleifurcht. Die große chinesische Mauer trennt ihn von -den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgemälde, -o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der -Haut des Vorgangs. Er bohrt Höhlen in den Samt des Vorhangs, der die -Schäden verschleiert schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst zu hassen, -weil sein Raunen Flüsternde stört, weil sein Wetterleuchten -Kerzenflackernden heimleuchtet. Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner -Gerechtigkeit bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche. - -Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Päpste, die aus dem Zusammenhang -getreten sind, auf ihrem Stuhl sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht -und sucht sie. -- Männer und Jünglinge schleichen um seinen Beichtstuhl -und beraten heimlich, wie sie den grandiosen Zynismusschädel zu Zucker -reiben können. O, diese Not, heute rot -- -- morgen tot! Unentwendbar -inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein lebendiges, -überschauendes Denkmal. Er bläst die Lufttürme um und hemmt die -Schnelläufer, den Königinnen mit gewinnendem Lächeln den Vortritt -lassend. Er kennt die schwarzen und weißen Figuren von früher her von -neuem hin. Mit ruhiger Papsthand klappt er das Schachbrett zusammen, mit -dem die Welt zugenagelt ist. - - - - - Loos - - -Von der Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an den Totenschädel eines -Gorillas; wendet mir Loos langsam das Gesicht zu, prüfen mich scharf des -Gorillas runde, hellbraune Augen. Die sind gefährlich, greifen aus einem -andern Denken, aus einem fremden, geschwinden Grund. Die Blicke der -Gäste strafen mich für meinen Ausspruch, Loos selbst aber scheint nichts -gehört zu haben. Ist er schwerhörig? Auf mich wirkt sein Unvernehmen -geisterhaft, wundersam wund; für den unverstandenen Sprecher -- -unverständlich. Senkt Loos den Kopf, neigen sich seinem Ohre die Lippen -zu; o, wie sanft er die Lider hängen läßt -- man hat ihn dann lieb, die -Lotosseele unter den Gorillen. Schielende, deren Züge etwas Rührendes -erhalten, und Hinkende, die im verlorenen Gleichgang süße -Interessantheit hinschaukeln -- zehnfach tönt Loos das Wort wieder, ruft -man es in ihn hinein. Dann wird er ein reißender Geist, den man im Echo -heraufbeschwor, ein affenböser Künstler, reißt er dem die Perücke vom -Kopf, setzt ihm den Skalp wieder an, daß er mit seiner Person vernarbe. -Ein handgreiflicher Philosoph ist er, dem die Verschnörkelung der -Architektur ein eitler Greuel, ein verwirrtes Knäuel ist, den er -rücksichtslos löst. Loos will Ordnung schaffen in den Welten hier unten, -in der Welt, die sich der von sich abstrebende Mensch erschaffen läßt -vom Architektenmenschen und nicht hineinpaßt. Wie viele sitzen und -schwitzen in fremden vier Häuten, denn die Wände unseres Gemaches sollen -unser passendstes Kleid sein, sie sollen die Schrift unseres Atems -tragen. Die Seuche der Einrichtung hat sich schon in die Schlösser der -Fürsten begeben, auf Altären liegen »stilvolle« Decken, und durch die -Tempel der Künstler flutet das elektrische Licht der Birnen aus -neuerfundenen Kelchen. Wollte man mir sogar auf den Rücken meines -Zigeunerkarrens, meines grünen Holzvogels, die sogenannte aufsteigende -Kurve (ich weiß gar nicht, was das ist) und langweilige kühle Linien -ziehen, die große Klassikerlinie Weimarer Spätgeburt van de Veldisch -architektiert. Man sehnt sich rein nach dem Buckel. Die Wände meiner -Rast sind auch die Wände meiner Last, sind mit mir verwachsen, -aufgewachsen. Meine Behausung gleicht mir auf ein Haar. Darum springe -ich gerne aus meiner Haut mal, am liebsten in das mir vermählte Zimmer. -Ist sein Bewohner auch meist nicht in seiner Hauptperson anwesend, sein -Heim aber spricht für ihn. Kühlritterblau empfängt mich das -Tapetengesicht; ich setze mich vor den Schreibtisch, vor Rhodopes -farbige Statuette, meines auserwählten Zimmers heimliche Liebe. Über den -Flügeldeckel kehren Lieder heim und legen sich auf die Tasten -- -schlummern und träumen laut; hingezaubert sitzt ja ihr Schöpfer auf dem -runden Stuhl und spielt. Ich denke an meine Prinzessinnenzeit ... Wer -salbt meine toten Paläste, sie trugen alle die Kronen meiner Väter. -- -Ich hasse die Tische, Stühle, Sessel und so weiter, die sich verkuppeln -ließen, mit ihrem Plebejerbesitzer; das sind Mesallianzen, Sessel, deren -Lehne sich beugte immer tiefer ihrem Sitz zu. Ich denke an einen wie ein -Melancholischer. -- Ich helfe dir räumen, Loos, aber wehe dir, wenn ich -nach Wien komme, und du sitzt nicht auf einem australischen Urwaldast -zurückgezogen hinter Gedanken tausendgitterig. - - - - - Oskar Kokoschka - - -Wir schreiten sofort durch den großen in den kleinen Zeichensaal, einen -Zwinger von Bärinnen, tappischtänzelnde Weibskörper aus einem -altgermanischen Festzuge; Met fließt unter ihren Fellhäuten. Mein -Begleiter flüchtet in den großen Saal zurück, er ist ein Troubadour; die -Herzogin von Montesqiou Rohan ist lauschender nach seinem Liede als das -Bärenweib auf plumpen Knollensohlen. Denn Treibhauswunder sind -Kokoschkas Prinzessinnen, man kann ihre feinen Staub- und Raubfäden -zählen. Blutsaugende Pflanzlichkeiten alle seine atmenden Schöpfungen; -ihre erschütternde Ähnlichkeitswahrheit verschleiert ein Duft, aus -Höflichkeit gewonnen. Warum denke ich plötzlich an Klimt? Er ist -Botaniker, Kokoschka Pflanzer. Wo Klimt pflückt, gräbt Kokoschka die -Wurzel aus -- wo Klimt den Menschen entfaltet, gedeiht eine Farm -Geschöpfe aus Kokoschkas Farben. Ich schaudere vor den rissig gewordenen -spitzen Fangzähnen dort im bläulichen Fleisch des Greisenmundes, aber -auf dem Bilde der lachende Italiener zerrt gierig am Genuß des -prangenden Lebens. Kokoschka wie Klimt oder Klimt wie Kokoschka sehen -und säen das Tier im Menschen und ernten es nach ihrer Farbe. Liebesmüde -läßt die Dame den schmeichelnden Leib aus grausamen Träumen zur Erde -gleiten, immer wird sie sanft auf ihren rosenweißen Krallen fallen. Das -Gerippe der männlichen Hand gegenüber dem Frauenbilde ist ein zeitloses -Blatt, seine gewaltige Blume ist des Dalai-Lamas Haupt. Auch den -bekannten Wiener Architekten erkenne ich am Lauschen seiner bösen -Gorillenpupillen und seiner stummen Affengeschwindigkeit wieder, ein -Tanz ohne Musik. Mein Begleiter weist mit einer Troubadourgeste auf -meinen blonden Hamlet; in ironischer Kriegshaltung kämpft Herwarth -Walden gegen den kargen argen Geist. Auf allen Bildern Kokoschkas steht -ein Strahl. Aus der Schwermutfarbe des Bethlehemhimmels reichen zwei -Marienhände das Kind. Viele Wolken und Sonnen und Welten nahen, Blau -tritt aus Blau. Der Schnee brennt auf seiner Schneelandschaft. Sie ist -ehrwürdig wie eine Jubiläumsvergangenheit: Dürer, Grünewald. - -Oskar Kokoschka ist eine junge Priestergestalt, himmelnd seine -blauerfüllten Augen und zögernd und hochmütig. Er berührt die Menschen -wie Dinge und stellt sie, barmherzige Figürchen, lächelnd auf seine -Hand. Immer sehe ich ihn wie durch eine Lupe, ich glaube, er ist ein -Riese. Breite Schultern ruhen auf seinem schlanken Stamm, seine doppelt -gewölbte Stirn denkt zweifach. Ein schweigender Hindu, erwählt und -geweiht -- seine Zunge ungelöst. - - - - - Peter Baum - - -Er versäumt den Tag, und die Dunkelheit erreicht er, wenn es zu spät -ist. Aber er träumt noch schnell unter dem verschwindenden Mond. Einmal -kam Peter Baum barhäuptig im Januar ins Theater gegangen, draußen waren -15 Grad Zerfahrenheit. Einmal steckte er seine brennende Zigarre in die -Hosentasche, später meinte Peter Baum -- daß es nicht die Kartoffeln auf -dem Feld gegenüber wären, aber daß seine Lende versenge. Und doch hat -St. Peter Hille einmal gesagt: Peter Baum sei der sensibelste Mensch, -den er je kennen gelernt habe. Peter Baum ist ganz blau. Das heißt -übersetzt: Er ist ein Dichter. Sternenpsalme hat er gedichtet für die -Harfe Davids, für das Herz Salomos, des Dichterkönigs von Juda. Und doch -ist Peter Baum der leibliche Sohn und Erbe des Evangeliums. Seine Väter -waren die Herren von Elberfeld im Wupper-Muckertale. Sie beteten zu -Luther und wachten auf in Sonntagsfrühe beim ersten Schrei des -Kirchenhahns. Manchmal erscheinen sie ihrem Urenkel im Schlafe, weniger -der jüdischen Psalme, aber seines abtrünnigen Romans »Spuk« wegen. Es -ist ein Roman im Kaleidoskop; die Bilder kommen buntartig und schwinden -blendend wie teuflische Spiegel. Ein flackerndes Fleckenspiel hinter -geschlossenen Augen. O, und seine wundervollen Novellen »Im alten -Schloß« brachte er mir eines Abends; seine große Tannengestalt erschien -mir noch eine Krone höher, so aufwärts wie der Graf seines Buches, ein -wetternder Weihnachtsbaum, der seinen Schmuck abgeschüttelt hat. Die -Wochenschrift »Sturm« wird Peter Baums neuestes Werk bringen, das spielt -zur Rokokozeit und ist in geblümter Seidensprache geschrieben. Wie tief -seine Dichtungen doch ihn erleben und er sich an ihnen verwandelt! - - - - - Franz Werfel - - - Ein entzückender Schuljunge ist er. - Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf. - - Sein Name ist so mutwillig: - Franz Werfel. - - Immer schreib' ich ihm glühende Liebesbriefe, - Die unbeantwortet bleiben. - - Aber wir lieben ihn alle - Seines zarten, zärtlichen Herzens wegen. - - Sein Herz hat Echo, - Pocht verwundert. - - Und fromm werden seine Lippen - Im Gedicht. - - Manches trägt einen staubigen Turban. - Er ist der Enkel seiner eigenen Verse. - - Doch auf seiner Lippe - Ist eine Nachtigall gemalt. - - Mein Garten singt, - Wenn er ihn verläßt. - - Immerblau streut seine Stimme - Über den Weg. - - - - - S. Lublinski - - -S. Lublinski ist von Geburt Ostpreuße. Er hat mir oft von seiner Heimat -erzählt: dort sind noch die Wälder so finster und verwachsen wie kleine -Urwälder. Zwischen knolligen Wurzeln und Stämmen ist sein Nest; knollig -ist auch er an Leib und Seele, ein Knollengewächs, aus dem jäh eine -leuchtende Blüte aufsteigt. Zusammengekauert in seinem Korbstuhl sitzt -er, wie in einem großen Pflanzenkübel, und grübelt, ob er den Entschluß, -den er zunächst erst in einiger Perspektive wohlwollend betrachtet, -wirklich fassen soll oder nicht ... Wir beide haben manchen Abend bei -schweigender Dunkelheit zusammen auf der Veranda des Kaffeehauses -gesessen. Die Gäste sehen nach der Richtung unsers Tisches und lachen -über das Holpern seiner Stimme; jedoch die Kellner, vom allerdicksten -bis zum blaßwangigen Groom, haben sich schon an die eigentümliche, -stoßende Hornsprache S. Lublinskis gewöhnt; sie harren aufmerksam seinem -Wink und entreißen raubtierartig den lesenden Gästen Journale und -Zeitschriften, die er verlangt. S. Lublinski schiebt seine Brille -vorsichtig höher auf den Nasenrücken -- der kleine Literat und der -phlegmatische Baccalaureus-Referendarius nähern sich unserm Tisch. Mit -außergewöhnlicher, liebenswürdiger Handgebärde fordert er die beiden -jugendlichen Opfer auf, sich an unsrer Seite niederzulassen. Ich weiß: -S. Lublinski ist in Kampfstimmung, er hat tagsüber Aufsätze schreiben -müssen, und ihn ärgert die Erde mit den vielen Tintenfässern; und ohne -jede Veranlassung, oder auf eine geringfügige Bemerkung hin, überfällt -er den Nachbar -- sein Herz jedoch schlägt Kobolz dazu. Mich -interessiert die Strategie seines Angriffs -- der arme Gegner, der an -den Zorn seiner rollenden Augen glaubt und ihn gutmütig besänftigen -will. Ihn reizt der bequeme Widerstand. Worte werden Kugeln, Bomben -explodieren, der Kampf wird ernst. S. Lublinski schlägt mit der Faust -dröhnend auf den Tisch; seine Augen bluten ... Gold hat sein Vater in -der Jugend aus Kanadas Gefilden gegraben ... und die Lust nach -Abenteuern hat sich in S. Lublinski vergeistigt. Aber der Freund kennt -ihn auch im Zelt; er hat seine träumende Stirn gesehen mit dem -poetischen Schneehauch. Und jauchzen möchte S. Lublinski! -- Selten -sehnte sich ein zweiter tiefer nach dem bübischen Lenztag, hinter dem -Horizont auf der blauen Wiese nach dem fröhlichen Ringelrangelspiel, wie -er. Aber der große Ungeschickte fürchtet, zu stolpern; und es ist ihm -nichts beschämender, als lächerlich zu wirken -- er würde eher mit einem -Gänsekiel Verse schreiben. Unschönheit ist S. Lublinskis Kinderkrankheit -... Wie auf gerosteten Geleisen bewegt er sich vorwärts; seine Arme -schleudern beim geringsten Außertaktkommen. So ist auch der Rhythmus -seiner Seele, seiner Novellen und Dramen. Ich würde jede andre Fassung -für unecht betrachten ... Aber da steht kein Tor, daran er nicht -rüttelt. »Ich habe Prinzessin mein neues Buch: >Gescheitert< -mitgebracht« ... S. Lublinski beobachtet mich mißtrauisch unter seiner -Brille -- er weiß, mich interessieren eigentlich nur meine eigenen -Dichtungen; aber ich bitte ihn auf seine stumme Voraussetzung, mir -selbst eine Novelle seines Buches vorzulesen. Er liest die Geschichte -des gehänselten Knaben -- er öffnet seine Seele. Schwerer als jedes -Kind, dessen Eigenart sich abhebt vom Durchschnitt, hat er gelitten -- -aber aus der dumpfen, beklemmenden Nacht seiner Leiden recken sich -eiserne, kleine Fäuste, grauenhaft verzerrte Fratzen, aus denen klagende -Kinderaugen blicken. Endlich von seinen peinigenden Altersgenossen -befreit, den folgenden Schultag vergessend, führt er Kriegsspiele auf, -allein, hinter den Hecken seines Gartens. In Reih und Glied tausend -gehorchende Soldaten --: »Vorwärts marsch!« Und er an ihrer Spitze, als -Befehlshaber, als Feldherr! Aus kleinen Steinen besteht in Wirklichkeit -das tapfere Heer ... - -Wieder angelehnt im Sofapolster, das Buch zugeklappt auf dem Tisch, -beginnt S. Lublinski in zynischster Weise seine Nachteulenähnlichkeit zu -verspotten. Selten sehnte sich ein Zweiter schmerzlicher und unerfüllter -nach Liebe wie der da ... Hannibal (eines seiner wuchtigen Dramen), der -schwermütige, schwerwütige Krieger, der erwachsene Feldherr seiner -Spiele hinter den Hecken seines Gartens. Peter Hille sagte einmal: »Den -Hannibal hat er aus gerostetem Eisen geschmiedet.« Aber nicht minder -hart ist der zweite Akt seines Königinnendramas: Elisabeth und Essex. -Ich habe oft S. Lublinski durch die durchsichtigen, großblumigen -Gardinen seiner Fenster dichten sehen und hören. Die Kissen fliegen von -den Sesseln, die Beine der Stühle und Tische knaxen, und ein Ertappter -sitzt er nun wieder vor seinem Schreibtisch, die reine Stirn in die Hand -gestützt. Leise fällt vom Himmel ein feiner Regen -- gesponnenes Weinen ---, mir ist, als ob auch seine Seele weine ... S. Lublinski aber gibt -sich nicht lange weichen Stimmungen hin -- er rafft sich auf: »Frau -Thormann, ich will noch fortjehen, ich habe ein wenig Kopfdruck.« »Aber -Herr Lublinski, bei dem Regen?« ... »Da ist mir nicht bange; aber ich -fürchte, der letzte Akt des Zaren ist mir was in die Breite jejangen« -... Frau Thormann, seine hübsche, muntere Wirtin, hat mir mal ganz -vertraulich gesagt: »Mucken haben sie ja alle; aber er sieht immer -wieder sein Unrecht ein, das muß man ihm lassen.« Und sie würde mich -wahrscheinlich für eine Verleumderin halten, wenn ich ihr erzählen -würde, daß ihr großer Pflegling gestern auf dem Rücken der Sphinx, am -Eingang des Cafés, gesessen hat und den Vorübergehenden, im jubelnden -und schwärzesten Pathos, den Schiller deklamierte: »Der See kann sich, -der Landvogt nicht erbarmen!« Aber in der Frühe brachte mir die Post -einen Brief von ihm: die gotischen, getürmten Buchstaben seiner Schrift -drohten über meine erschreckten Augen zu fallen: »Prinzessin, ich habe -von meinem Freund, nachdem wir uns von Ihnen gestern abend verabschiedet -hatten, erfahren, daß Sie noch immer mit dem Schwätzer nachmittags im -Café sitzen -- ich fordere Sie zum wiederholten Male auf, den Verkehr -abzubrechen, andernfalls ich meine Freundschaft zurückziehen werde. -Außerdem weiß ich, daß mein Freund unter Ihrer neuen Akquisition leidet. -S. Lublinski.« Noch am selben Tag begegnen wir uns. S. Lublinski will an -mir in zierlichem Bogen vorbeischlürfen -- wir lachen -- ich bemühe -mich, ihm die Schweigsamkeit des Kaukasiers zu beweisen: »Ich rieche zu -gerne Steppe, Herr Lublinski; aber Sie wissen doch, nichtsdestoweniger -liebe ich Ihren Freund, den prinzlichen Tondichter; -- und bringen Sie -ihm meine tiefblonde Verehrung.« -- S. Lublinski: »Scheusal!!« -- - -Alle Passanten haben es gehört -- bis nach Hause haben mich die -Straßenjungen begleitet. S. Lublinski muß sterben! ... Ich trage meinen -siebenläufigen, ungeladenen Revolver unter dem Mantel versteckt, und der -Mond am Himmel ist wie eine brennende Kanonenkugel. Die Mamsell hinter -dem Bufett ruft, als sie mich erblickt, Moloch, den Oberkellner, den -unersättlichen Götzen (seine Augen sind blanke Taler). »Wo ist S., der -Lublinski?!« »Herr Doktor sind soeben fortgegangen, haben aber für Sie -einen Brief hinterlassen.« Und seine Aussage noch bestätigend, weist er -auf den Tisch hin, an dem Herr Doktor zu sitzen pflegt: etliche -Zündhölzer schwimmen, zerbrochen im Wasserbad auf dem Silbertablett ... -»Sehr geehrte Frau, ich gebe zu, daß ich mich in der Erregung heute -morgen im Ausdruck hinreißen ließ, und ich sehe es gern ein und bitte -Sie um Entschuldigung; jedoch die Tatsache selbst bleibt trotzdem -unverändert bestehen. S. Lublinski.« - -Zwei Jahre sind's nun her, als ich vor dem Riesenfenster des -Kaffeehauses saß und S. Lublinski in großen, feierlichen Buchstaben -antwortete: - -»Sire, ich erkläre hiermit unsere freundschaftlichen sowie -diplomatischen Beziehungen für aufgehoben« ... - - - - - Paul Leppin - - -Ein großer kantiger Vampirflügel mit Apostelaugen schwebt Paul Leppins -Roman »Daniel Jesus« vor mir auf. Hier wandelt nicht das Werk auf Füßen, -und ich suche nicht nach seiner Erde. Paul Leppins Roman ist eine -Flügelgestalt, Himmel und Hölle schöpfen aus ihrem rauschenden Brunnen. -Hat Paul Leppin »Daniel Jesus« oder hat Daniel Jesus »Paul Leppin« -erschaffen? Die Vieraugen des großen kantigen Romans sind vom gleichen, -tiefen Wachen. Aber Paul Leppin ist gewachsen, ungekrümmt, eine Linde, -und sein Haar duftet nach dem sanften Blond ihrer Blüten, und Daniel -Jesus hat einen Buckel, und unersättlich ist sein fahler Durst. Auf -deine müde Hand, Daniel Jesus, tropft traumleise ein Goldtröpfchen; -Martha Bianca tritt barfuß aus dem Herzen durch die Paulpforte. Voll -Sonnenbangen ist Paul Leppin wie der Gipfel goldbedrängt, und er formt -schwermütig aus goldenen Träumen, die bis in die Wolken ragen, bleierne -Buckel. Mit gläubiger Gebärde aber schaufelt die Frau des Schusters das -Martyrium von Daniels Jesus Rücken ... »Prinzessin,« sagt Paul Leppin zu -mir, »wir wollen auf einen wilden Ball gehen«; wir finden nur -klingelbehangene Tanzböden. Paul Leppin sehnt sich nach der Orgie seines -Romans; die drehte sich hinter Sternenvorzeiten seiner Dichtung, -spöttisch hißte sie Satan auf Babelhöhe, Satan Daniel Jesus, Paul -Leppins Geschöpf, von dem er sich losträumte. Inmitten der Tanzenden -sitzt Daniel Jesus Paul zwischen nackten Eingeweiden, die sich -verwickeln, verknoten nach seinem Szepter. Rasende Weiber taumeln sich -im weichen, pochenden Raume und wachsen zu Lawinen über lüsterne Rücken. -Und auf dem brandigen Haupt der Schusterfrau steht eine Mauer auf, eine -leuchtende Krone, wie die des heiligen Landes -- in ihrem Riesenleib -tanzen alle die blutzerrissenen Leiber und ihre Teufel, wie in einer -weißen Hölle; denn Daniel Jesus hat sie erhoben zu seiner Rechten. Es -heißt im Buche: »Andächtig küßt sie seinen Buckel, wie ein Kruzifix.« -Paul Leppin, ich grüße dich. - - - - - Richard Dehmel - - - Aderlaß und Transfusion zugleich; - Blutgabe deinem Herzen geschenkt. - - Ein finsterer Pflanzer ist er, - Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf. - - Immer Zickzack durch sein Gesicht, - Schwarzer Blitz. - - Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert. - - - - - Max Brod - - -Das Volk wird nie nach ihm schreien; er sättigt nicht, er ist überhaupt -nicht zum essen, man kann höchstens eine seiner Hände streicheln oder -seinen Mund küssen -- er hat einen schüchternen Kindermund. Der erzählt -immer von sich, immer so hübsche Geschichten, die sich am Ende des -Pfades reimen und viele, viele Wege geht er mit den Mädchen in seinen -Gedichten. In Grimms Märchen ist er gemalt, wie er als Kind aussah, in -Hänsel und Gretel. Ich hatte Max Brod eine Nelke mitgebracht, die trug -er in der Hand, als er in den Saal kam, und ich bildete mir ein, er lese -mir ganz alleine vor inmitten der königlichen Gemälde; ringsum an den -Wänden: Van Gogh. Ich weiß den Namen seines Schauspiels nicht, aus dem -er erzählte. Aber immer war es die Liebe, die über seine Lippen kam -- -mein Herz ging blau auf unter den vielen lauschenden Herzen. Max Brod -ist ein Liebesdichter. Auch der andere Aufzug seines Schauspiels war ein -Liebesgedicht, ein vielstimmiges, ein streitendes. Ich glaube, man kann -nur Liebesgedichte in »Prag« schreiben, wo so viele Bögen und Wälle -sind; und lauter graue Figuren treten aus den alten Häusern hervor -- -die Steingespenster führen die Herzen bange zusammen. Ich habe manchmal -Sehnsucht nach Prag, schon um mit Max Brod durch die Gewölbe seiner -Heimat zu wandeln, wo die alten Häuser wie Mumien stehn, zur Rechten und -Linken. - - - - - Alfred Kerr - - -Silvester 1908 bin ich Alfred Kerr begegnet unter künstlichen -Balkansternen, zwischen schleierverhüllten Angesichten schöner -Haremsfrauen und fezbedeckter Häupter weißgekleideter Muselmänner. -»Wissen Sie, wer der Beduinenfürst war?« (Wir grüßten uns nach des -Bosporus Zeremoniell und Sitte.) »Reißen Sie mich nicht immer aus meinen -morgenländischen Illusionen,« antwortete ich meiner Begleiterin. Später -hörte ich, der Araber mit dem Seidenmantel sei Alfred Kerr gewesen. Am -besten gefallen mir seine Gedichte, sie sind humorsüß und fallen ihm in -die Hand. Aber seine allerschönste Dichtung war ein spanisches Essay; -jedes Wort trug eine Abendrotrose im Haar, jedes Wort war eine Senora, -erhob sich und tanzte. - -Über den Kurfürstendamm sehe ich ihn manchmal nach der Kolonie heimwärts -gehen. Dort wohnt Alfred Kerr in einer Villa, die beneidet wird, sonst -pflegt man die meisten Kolonisten ihrer Villa wegen zu beneiden. -Heimlich birgt dieses nachtumheckte Schlößchen seinen Dichter. Spät muß -der Kritisierende die Kritik niederschreiben, die sind blaunervig wie er -selbst und duften nach melancholischer Ironie. Wir haben uns beide nur -immer das Schönste gesagt, wir kennen uns nur im Gruß. Mich dünkt, er -träumt von »Heinrich« wie ein einziger Sohn, der sich einen Bruder -wünscht. Er träumt immer von seinem Bruder Heinrich Heine. Bald gleicht -er ihm auf einen Nerv. Alfred Kerr müßte durch die Straßen von Paris -wandern wie der tote Bruder, mich stört des Lebenden chevaleresker -Mantel, sein abgestäubter Hut. Warum denke ich so? -- Morgen lese ich im -Tag seine gedichtete Kritik über Hauptmanns Premiere. - - - - - Bei Guy de Maupassant - - - Eine Phantasie - -Dir allein will ich mein interessantestes Geheimnis anvertrauen, aber du -mußt dies als meine Beichte betrachten und bewahren wie ein -Amtsgeheimnis. - -Paris! - -Ich stehe an den Türpfeiler eines Magazins gelehnt und weine, als wollte -ich mich in Tränen auflösen. Am Himmel standen schwarze Gewitterwolken, -und der Boulevard war nicht allzu überfüllt von Spaziergängern; aber -auch unter den wenigen Menschen, die mich erstaunt betrachteten, litt -ich unsäglich. O, _petite_, o, was fehlt Ihnen, Mademoiselle? Sehen Sie -doch, Madame, wie blaß die Kleine aussieht, und die großen Augen. - -Ich war damals ungefähr sechzehn Jahre alt, und noch in beständigem -Kontakt mit meinem Gotte. Ich bildete mir nämlich ein, daß, als -plötzlich ein furchtbarer Donnerschlag erdröhnte, der liebe Herrgott aus -besonderer Freundschaft zu mir es gewittern ließe, über den Menschen, -inmitten derer ich litt. Die auffällige Kritik über meine Person, die -sich in diesem lauten Bedauern aussprach, entfachte auch schließlich -meinen Zorn. So hielt ich dafür, daß die zwei Passanten, die plötzlich -vor mir haltmachten, kein anderes Motiv leitete, als die Lust zur -Neckerei. Namentlich erbitterte es mich, da der helläugige der beiden -seinem Begleiter zurief: »_Mon cher_, sehen Sie doch einmal den kleinen -Teufel!« Der große Herr runzelte die Stirn, dabei murmelte er ein paar -leichte Worte; ich verstand sie wohl, aber ich möchte sie im Interesse -meiner Person lieber verschweigen; wieder fielen große Regentropfen aus -meinen Augen, dann meinte der dunkle Herr in milderem Ton: »Es handelt -sich hier wieder um eine Bettelnovellette,« und reichte mir ein -Geldstück hin. Ich war sehr betroffen und konnte mich nicht enthalten zu -rufen: »O, Monsieur, ich bin keine Komödiantin und keine Bettlerin.« Er -schämte sich und versuchte durch allerhand Reden sich zu entschuldigen. -»Pardonnez, Mademoiselle, pardonnez, aber da Sie, wie ich aus Ihrer -Aussprache entnehme, keine Französin sind, werden Sie sich schwerlich -eine Vorstellung von der Schauspielkunst unsrer Nichtdamen machen -können. Und möchte ich Sie bitten, sich mir anzuvertrauen.« »Ich bin so -allein, Herr,« sagte ich; ich glaube, sonst erwiderte ich nichts mehr, -denn ich war ermattet bis zum Tode. Während wir noch beisammen standen, -trat ein dritter zu den beiden und klopfte dem dunklen auf die Schulter: -»Na, _mon ami_, schon wieder im Dienste der Frauen?« Der Helläugige, den -ich trotz meiner tragischen Stimmung heimlich seiner Schönheit halber -bewunderte, schob seinen Arm in den des hinzukommenden Herrn -- ich -glaube auf ein paar leise gesprochene Worte des Dunklen hin -- und zog -ihn, leise auf ihn einredend, mit sich fort. Dann wandte sich der -Bleibende mir zu, und es war eine eigentümliche Mischung von Erkühnen -und Güte in seinem dunklen Auge, das mich in Furcht jagte und -zu gleicher Zeit mir Mut machte. »Hier ist kein Platz für -Auseinandersetzungen, mein kleines Fräulein, und ich bitte Sie, mir zu -folgen.« Der energische Ton meines Beschützers wirkte suggerierend auf -mich, und ich folgte ihm. Er schwieg, bis wir die gegenüberliegende -Seite des Boulevards erreicht hatten; dann faßte er meine Hand und -sagte, jedes einzelne Wort betonend: »Mademoiselle, wenn Sie in mir -einen Freund gewinnen wollen, so fürchten Sie sich nicht und vertrauen -Sie mir Ihr Schicksal an.« Ich war sehr glücklich über seine lieben -Worte und atmete auf und wünschte mir nichts sehnlicher im Augenblick, -als seine Hand zu drücken. Wir nahmen Platz im Garten eines Restaurants; -der Fremde bestellte zunächst Bouillon und dann ein Hühnchen, welches er -mir wie einem Baby vorschnitt. Dabei flüsterte er mir zu: »Grade so ein -kleines Hühnchen wie Sie, Mademoiselle.« Dann mußte ich ihm meine -Lebensgeschichte erzählen, wie ich an der Hand Apollos aus meiner Heimat -durchgebrannt bin. »Und warum gerade nach Paris, kleiner Robinson?« -Zögernd und fast tonlos entgegnete ich: »Ich wollte in ein -Meisteratelier.« Dann fragte der Fremde: »Haben Sie schon an eines -angeklopft?« »Nein,« sagte ich verlegen, »ich habe mich mit meinem Gelde -verrechnet und wollte mir erst etwas verdienen, um wenigstens für einen -Monat die Kosten zu erschwingen.« »Und was dann?« fragte er -nachdrücklich. »Ja, dann, hoffe ich, Stipendien zu bekommen.« Hierbei -holte ich einen Zettel aus der Tasche, worauf die Adresse jenes -Kleidermagazins stand, in dem ich engagiert war. Mein Beschützer begann -zu lachen und meinte: »Eine Direktrice können Sie doch sicher mit Ihrem -schlanken Figürchen nicht abgeben.« »Aber eine Kostümzeichnerin.« »Ah, -Sie wollen mit Stilleben Ihre Karriere beginnen.« Wir lachten beide. -- -Nach einer Weile fragte ich ihn, ich glaube sehr scheu: - -»Herr, wer sind Sie?« - -»Ich bin ebenfalls ein Kunstjünger.« - -»Maler?« fragte ich. - -»Nein, aber Schriftsteller.« - -Ich atmete auf in der unklaren Empfindung, mich in verläßlichen Händen -zu befinden. - -»Nun werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, kleiner Robinson, zumal ich -Sie nicht Ihrem Schicksal überlassen werde, bis Sie Ihre geschäftliche -Angelegenheit geordnet haben. Ich bringe Sie zu einer Freundin, die mir -lieb und teuer ist, zu einer Madame L. T., die wird Sie mit Vergnügen -aufnehmen.« - -Wir erhoben uns. - -»Allons, Mademoiselle!« - -Beim Verlassen versuchte ich, meinem Begleiter seine Auslagen -zurückzuerstatten, obgleich dies meine letzte Barschaft war. Ich durfte -die Bitte gar nicht zu Ende sprechen, als er schon den Kopf schüttelte: -»Aber Mademoiselle, Sie sind mein Gast.« -- In der Rue de R. hielt das -Kabriolett vor einem villenartigen Hause. Ein zierliches Mädchen in Rosa -öffnete die Tür und sagte, ohne meinen Begleiter zu Worte kommen zu -lassen, fast vorwurfsvoll: »O, Monsieur, Madame hat bis vor einer halben -Stunde auf Sie gewartet, nun ist sie allein in den Bazar gefahren.« -Betreten murmelte mein Begleiter: »_Mon Dieu_, wie konnte ich das -vergessen!« Ich fühlte mich als die Schuldige, dieses mochte der Fremde -empfinden, da er beruhigend sagte: »Ich nehme die Schuld auf mich.« Ich -hörte ihn leise vor sich hinsagen: »Eine liebe Person ist Madame L. T.« -Dann wandte er sich wieder zu mir: »Nun, ich werde Sie gegen Abend -hinbringen, und Sie werden sie schätzen lernen, wie ich.« -- »Gefällt -Ihnen mein Heim?« fragte Guy de Maupassant, der mir unterwegs endlich -seinen Namen genannt hatte, von dessen Bedeutung ich damals noch keine -Ahnung hatte. »Jetzt wollen wir uns ruhig überlegen, was wir zu tun -gedenken. Kommen Sie doch aus Ihrem Winkel hervor und fürchten Sie sich -nicht vor mir! Haben Sie auch schon daran gedacht, falls Sie noch Eltern -haben, daß die in Besorgnis sein werden, und daß ich eigentlich -verpflichtet bin, ihnen Nachricht zukommen zu lassen?« Er mochte wohl -meinen Schreck bemerken, denn er fügte schnell hinzu: »Nun, wir sind ja -Kollegen, außerdem bin ich kein Moralprediger, und Ihr Unternehmen rüge -ich keineswegs, im Gegenteil, es imponiert mir, aber na, diesen Punkt -wollen wir gemeinsam mit Madame L. T. überlegen. Für den Augenblick bin -ich dafür, daß der kleine Robinson von den Strapazen seines Abenteuers -sich etwas ausruht. Ich werde unterdessen ein wenig ausgehen und -frühzeitig wieder erscheinen.« Er war fort, und ich allein, -mutterseelenallein im fremden Hause. Zunächst betrachtete ich die -Gegenstände des Zimmers. Auf dem Schreibtisch standen einige -Photographien, unter denen ich auch den helläugigen Herrn von heute -morgen fand. Zu meiner großen Freude, denn er gefiel mir schon wegen -seiner blonden Locken sehr gut. Dann aber spürte ich die so lange -zurückgehaltene Müdigkeit, legte mich auf eines der Kanapees und deckte -mich mit den Decken zu, die Maupassant für mich bereitgelegt hatte. Aus -traumlosem Schlaf, wahrscheinlich durch das Geräusch einer aufgehenden -Tür aufgewacht, mußte ich meine Gedanken erst mühsam sammeln. »Herr -Gott, wo war ich denn eigentlich?« Ich eilte ans Fenster, und mir schoß -plötzlich angesichts der fremdartigen Uniformen auf der Straße unten der -Gedanke durchs Hirn: »Wie kam's doch noch, daß ich in Paris bin.« Mich -überkam plötzlich die Angst eines Gefangenen, der keinen Ausweg weiß. -»Herr Gott, wenn nun der fremde, dunkle Mann ein Verbrecher wäre?« Mir -wurden plötzlich alle Sensationsgeschichten meines Lebens grauenvoll -lebendig. Um mich zu orientieren, um gleichsam die Waffen meines Feindes -kennen zu lernen, ging ich an den Schreibtisch. - -»Was, Goethe!« Nun fühlte ich mich in Sicherheit. Und was mich am -meisten interessierte, da lag ja auch Petöfi. Der Dichter, der mir -gefiel in seiner ungarischen Studentenuniform. »Ach, Monsieur!« rief ich -erstaunt und erschreckt. Maupassant stand nämlich vor mir, ich mußte -sein Klopfen überhört haben. »Nun, mein kleiner Robinson, Sie sehen ja -so frisch aus, wie ein Dijonknöspchen; jetzt wollen wir weitere -Dispositionen treffen. Übrigens öffnen Sie einmal die beiden Schachteln, -mit deren Inhalt bald zwei kleine Buben spielen werden.« In der einen -Schachtel lagen schonungsvoll Bleisoldaten geschichtet, mit dunklen -Waffenröcken und roten Hosen. In der Mitte der Schachtel aber lag, -umgeben von seinen Getreuen, Napoleon III., hoch zu Roß. Aus der andern -Schachtel glotzten mich porzellanene Froschaugen an, Enten mit gelben -Schnäbeln, Reptilien aller Arten -- ein ganzes Aquarium. Ich richtete -die Soldaten parademäßig. Maupassant hatte währenddes eine Waschschüssel -herbeigeholt, und wir ließen nun die Ungeheuer auf den Fluten, die wir -zu künstlichen Stürmen erregten, nach Herzenslust austoben. - -Wir, Maupassant und ich, waren auf einmal intim wie zwei Gespielen. Das -fand auch Maupassant. »Wir würden uns, glaube ich, sehr gut vertragen,« -sagte er plötzlich und klopfte mir auf die Backe. Dann aber begann er -ernstlich über meine Situation zu reden. »Ich habe eben Erkundigungen -eingezogen über das Magazin. Der Chef steht keineswegs in gutem Leumund. -Ich rate Ihnen davon ab, dort einzutreten aber vielleicht haben Sie noch -andere Fertigkeiten, die sich verwerten ließen?« - -»Ach ja, Herr Maupassant, ich tanze sehr gut.« - -»So, dann wäre ja der Zirkus oder das Ballett gar nicht übel!« meinte er -nicht ohne Ironie. »Und welcher Tanz wäre denn Ihre Spezialität?« - -»_Danse de ventre._« - -»So?« Maupassant lächelte erstaunt. »Da müssen Sie mir gleich eine Probe -Ihrer Fertigkeit ablegen.« - -»_Eh bien!_« rufe ich in heller Begeisterung: »Sie werden der Pascha -sein, vor dem ich mich mit meinem Kostüm produziere.« »So hätten wir -auch das Lokalkolorit,« ergänzte er. Ich war indessen schon so -eingebürgert in der gastlichen Wohnung, daß ich die Türe öffnete und -Maupassant bat, so lange meine Toilette währte, zu verschwinden. Eine -golddurchwirkte Decke, die auf einem der Tischchen lag, nahm ich und -wand sie um meine Lenden bis zu den Füßen herab. Ich löste meine Haare -und entnahm einer Vase einige Nelken, die ich mir kreuzförmig um den -Kopf flocht. Ich muß ausgesehen haben wie eine Wilde. - -»_Entrez, monsieur le Pascha, s'il vous plaît._« - -Maupassant trat ein, auf dem ausdrucksvollen Kopfe einen Fez und um den -Hals eine reiche Münzenkette, mit majestätischem Ernst nahm er auf einem -zum Thron umdrapierten Sessel würdig und feierlich Platz, und die -Vorstellung begann. - -»_Charmant, drôle, superbe!_« rief er ein über das andere Mal, und seine -Würde vergessend, begann er taktmäßig den Kopf hin- und herzuwiegen bei -jedem, Kastagnettenschlag markierenden, Schnippen meiner Finger. Die -Nelken aus den Haaren nehmend, kniete ich zum Schluß vor ihm nieder. -»Mein Fürst und Gebieter, hat deine Prinzessin Gnade vor deinen Augen -gefunden?« - -»Was begehrst du?« rief der Pascha mit Pathos. - -»Deine Freundschaft, Herr.« -- Wir fuhren am Abend noch, da Maupassant -sich dagegen sträubte, mich in das obskure und für mich gänzlich -ungeeignete Hotel »Maison Bohème« zu bringen, in dem ich bei meiner -Ankunft, da es mir wie ein Wahrzeichen erschien, abgestiegen war, zu -Madame L. T. -- Unterwegs bat er mich, ihn zu küssen, da er doch mein -Gespiele sei. Ich war im Begriff, meinen Kopf in die Höhe zu recken und -ihn zu küssen, da ich seinen Wunsch ganz natürlich fand -- doch nein, -- -plötzlich senkte ich meinen Kopf wieder in die alte Lage zurück, denn in -diesem Augenblick fiel mir ein, was Maupassant mir gesagt: »Ich verachte -die Frauen, weil ich sie nötig habe.« - -»Nun, plötzlich anders gewillt?« rief er erstaunt und gekränkt. - -»Ah so,« meinte er lächelnd. -- -- -- - -Madame L. T. empfing mich liebenswürdig und küßte mich nach -französischer Sitte auf beide Wangen. »Hier bring' ich Ihnen einen -kleinen Robinson,« erklärte Maupassant. »Und vor allen Dingen _une belle -fille_,« sagte Madame L. T. weiter. »Das finde ich keineswegs,« warf -Maupassant ein, »apart -- ja -- ein Mädchen mit Knabenaugen.« - -Mit gedämpfter Stimme unterhielten sich die beiden, wahrscheinlich über -meine Zukunft, hinter der Portiere, und dann empfahl sich mein -Beschützer, nicht ohne mich nochmals ausdrücklich zu beruhigen: »Mein -liebes Fräulein, seien Sie unbesorgt, Sie befinden sich in den besten -Händen!« Madame führte mich in ein kleines Boudoir, wo wir den Tee -einnahmen. Sie hörte nicht auf mit Liebkosungen; und noch mehr wie meine -Leidensgeschichte interessierte sie mein Renkontre mit Maupassant. - -Meine Wangen glühten im Gespräch, und ich machte ihr das Geständnis, daß -Maupassant mir sehr gut gefiele, daß er mich habe küssen wollen, was ich -aber stolz abgelehnt. Als ich schwieg, begann die Dame, die während -meiner begeisterten Aussprache erblaßt war, mir klar zu machen in der -delikatesten Weise, daß man die Liebe eines Mannes wie Maupassant sich -am besten bewahre durch Zurückhaltung. Und dann verstand sie in -rührender Weise mich aufmerksam zu machen, wie besorgt meine Angehörigen -nun wohl um mich sein würden. Sie brachte mich zu Bette wie ein Kind, -und ich konnte nicht unterlassen, meine Arme um sie zu schlingen wie -instinktiv, um ihr Abbitte zu leisten dafür, daß ich ihr Schmerzen -bereitet hatte. Ich weinte bitterlich diese Nacht, nicht ohne das -wohltuende Gefühl einer gewissen Hochachtung vor mir selbst -- denn ich -faßte den Entschluß, eine heroische Tat zu vollbringen, Paris zu -verlassen -- Maupassant nie wiederzusehen. - -Morgens früh klopfte ich an die Tür der Dame und teilte ihr meinen -Entschluß mit, daß, falls sie mir das Geld zur Rückreise borgen wolle, -ich Paris verlassen würde. Ich glaube, im Grunde plagte mich das -Heimweh, das durch das Wort Madame L. T., noch geschürt wurde. - -»O, meine liebe Madame L. T., nicht wahr, Sie grüßen Monsieur Maupassant -von mir?« - - - - - Albert Heine -- Herodes V. Aufzug. - - - Hinter deiner stolzen, ewigen Wimper gingen wir unter, - Schwermütige Sterne brannten auf deinem Lide. - Deine große Hand beugte das Meer - Und brach ihm die Perlen vom Grund. - - Die Wüste war dein Schild - In der Schlacht. - - An dich dürfen nur Dichter und Dichterinnen denken, - Mit dir nur Könige und Königinnen trauern. - - Alle Leiber der Stadt ringeln sich - Giftig um deinen Leib. - - Deine Schwester bespie den Traumstein deiner Liebe. - Du, ein beraubter Palast, - Judas schwankende Säule, - Völker bedrohend. - - So arg mag nur ein Schöpfer lichtmitten - Seiner Reiche zerbersten. - - - - - Karl Vogt - - - Der ist aus Gold -- - Wenn er auf die Bühne tritt, - Leuchtet sie. - - Seine Hand ist ein Szepter, - Wenn sie Regie führt. - - Den Trauerspielen Strindbergs - Setzt er Kronen auf, - - Aus den Dichtungen Ibsens - Holt er die schwarzen Perlen all. - - Er kann nur selbst den König spielen - Im Spiel. - - Morgen wird er König sein -- - Ich freu' mich. - - - - - Paul Lindau - - -Manchmal sitzt Paul Lindau abends im Café des Westens und freut sich -über die bunten Jünglinge und zwitschernden Mädchen. Er ist nicht -hochtrabend, er tut mit. Seines Herzens leuchtende Farbe ist nicht -eingetrocknet. Meine Eltern hatten Paul Lindau furchtbar lieb. Er war -Redakteur in der Elberfelder Stadt. Ich habe Paul Lindau eines Tages -gesagt, Herr Doktor, ich bin Else Schüler. Da meinte er, er habe meine -Eltern nicht vergessen. Und wenn wir uns nun begegnen, denken wir an ein -Haus am Wupperstrand, darin die Feste ein und aus tanzten. Paul Lindau -hat Temperament, er kann keine Maske anlegen, sie würde nicht lange -dauern vor seinem Herzen. Er ist ewig jung. Aber auf allen Tischen und -Vorsprüngen seiner Gemächer liegen antike Sammlungen, rissige Geschenke -aus allen Erdteilen. Ich muß Paul Lindau aus meinem Leben erzählen; er -versteht zuzuhören; diamantisch strahlt seine Liebenswürdigkeit. Mutter -und Großmütter, Vater und Urväter hängen eingerahmt in goldenen Rahmen -über seinem Schreibtisch; er selbst als Knabe blauäugig und -rosengelockt. Nicht viel älter war ich, als ich seinen wundervollen -Barmer-Roman las, von seinem alten Pfarroheim und den beiden süßen -Kusinen. No leckern Äppeln rukt sinne Liebesgeschechte on dat ganze Hus -von sing heelegen Onkel bis bowen op die Rompelkammer, wo die Äppels em -Wenter leegen. Ich erinnere ihn an die Sitte. Paul Lindau weiß alles -noch ganz genau. Diabolisch sind die schwarzen Täler der Schornsteine -- -denkt seine ernste Stirne, aber die Sonne spielt dazu ganz bunt auf -seinen schlanken Händen. - - - - - Bei Julius Lieban - - -Ich bitte Herrn Lieban, mir einen Nachtigallenspaß aus seinem Leben zu -erzählen. Wir sitzen in seinem kleinen Gemach auf gemondeten und -gestreiften Diwans, Herr Lieban, sein Töchterchen Eva und ich. Herr -Lieban erzählt von Wanderzügen nach dem Süden. Wunderbar ahmt er die -Begeisterung des temperamentvollen Publikums nach; eine ganze Reihe -verschiedener Mienen huschen auf seinem Gesicht vorüber. Noch heute -spricht man in Florenz davon, wie er eines Tages angeflogen kam und -gesungen und es hinausgejubelt hat das feurige Lied an die Teure seiner -Heimat: »Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben!!« Und wieder -zarter einsetzend: »Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben ...« Und -bei seiner Abreise haben sie auf dem Bahnsteig, auf dem Trittbrett und -im Waggon gestanden. Jedes trug ein leuchtendes Herz am Busen geheftet. -»Arivederla, Signor Giulio, arivederla!« Ein halbes Kind war er damals -noch, aber Herr Lieban ist noch heute neunzehnjährig mit seinen kurzen, -schwarzen Ringelrangelrosenlocken und den dunkeln Schalkaugen. -- -Mutwillig, sturmwillig über die weichen Teppiche -- hin und her flattern -die Portieren. »Hab' im eigenen Hause keine Ruhe -- hören Sie, da -klingelt's wieder.« In diesem Salon unterschreibt Maestro ein -Engagement, in jenem erwarten ihn bittende Lippen. Einige Damen in -Pelz und Federhüten sehe ich durch den Perlenvorhang auf -niedlichen Rokokostühlen sitzen. Herr Lieban soll in einer -Wohltätigkeitsvorstellung singen, Herr Lieban kann nicht abschlagen, das -wissen alle schon. Mit zugehaltenen Ohren eilt er plötzlich wieder an -uns vorbei; aus dem Studierzimmer dringen schmerzliche Töne einer -harrenden Schülerin. »Sie stimmt ihre Kehliatur«, flüstert mir -schelmisch Eva ins Ohr. Und Herr Lieban weiß gar nicht, was er zuerst -erledigen soll. Klein-Eva und ich sind ganz alleine -- Klein-Eva hat -ebenfalls einen Kobold im Auge sitzen und Goldflatterhaare hat sie; sie -will nicht zur Bühne gehen -- der Vater hat ihr zu viel Schlimmes von -dort erzählt. Und als Herr Lieban sich uns wieder widmen kann, bitte ich -ihn, auf sein Töchterchen zeigend, mir auch etwas Schlimmes von dort zu -erzählen. Er nickt einige Male ernsthaft mit dem Kopf, er nickt seinem -Liebling zu; der scheint zu wissen, was seinen Vater so verwundert hat. -»Ja, ich kann's nicht verschmerzen,« sagt Herr Lieban, »genau -fünfundzwanzig Jahre sind's her, ich spielte den Mime in der Premiere -des »Siegfried« im Berliner Viktoriatheater. Wagner stand hinter der -Bühne, und es geschah, daß man mich nach dem zweiten Akte verlangte und -den Schöpfer vergaß. Wagner stürmte fort und ließ sich am Abend nicht -mehr sehen. Aber das, was ich nicht verschmerzen kann, ist: als wir am -andern Tag den Erfolg des Meisterwerks feierten und wir Mitwirkenden uns -am Eingang des Theatersaals aufgestellt hatten, Wagner unsere Ehrfurcht -in Form einer Gabe zu Füßen zu legen, daß er da jedem von uns lebhaft -die Hand drückte, an mir vorüberschritt, meinen Gruß nicht beachtete und -mir zurief: >Sie haben mir ja den gestrigen Abend umgeschmissen.< Sehen -Sie, das habe ich nie verschmerzen können, gerade weil er ein -Gottkünstler ist.« Eva sagt: »Vater hat's gedruckt im Buch stehen« -- -sie springt aus der Türe und holt das vergilbte Buch vom Schreibtisch. -Herr Lieban muß lächeln. Aber seufzend mit der Puppe im Arm begleitet -mich Eva die Treppe hinunter. Durch die Villenallee nach Hause zu lese -ich im Vorübergehen an der Litvassäule Julius Liebans Namen. Er singt -heute abend den David, den finsterulkigen Schusterjungen. Den David kann -kein andrer singen. Seine Stimme sind Saiten einer Leier, die einmal an -einem Freudentage ein Gott erschaffen hat. Seine Lieblingslieder -rauschen durch Seidengärten, und mit Silberglocken behangen klingen -seine Schelmengesänge und tragen bunte Tracht. »Es ist zum Küssen ...« -einer sagt's dem andern unter den großen Lichtsternen entzückt ins Ohr. - - - - - Friedrich von Schennis - - -Der Baron ist eine Schöpfung aus Genie; er ist bereitet aus Himmel und -Satan, aus Fegefeuernuancen und gottblau. Mein Bruder nannte ihn den -Marquis; ich dachte immer, könnte ich den Marquis sehn. Eines Tages sah -ich den Marquis in gepuderter Perücke, in blauem Samtrock, die -Rokokohände zwischen feinen Spitzen, lustwandeln über die Wege von -Sanssouci auf seinem Bild in der Nationalgalerie. So überall im Rahmen -atmet er mit seinen Farben vermischt; zwischen ocker und bleu liegt er -auf seiner Palette. Und aus den Rosen des Parkes steigt sein Duft und -die Stirn des Schlosses bescheint seine Andacht. Friedrich von Schennis -ist ein Andächtiger. Noch zwischen losen Frauenlippen und seinem wilden -Zynismus lauscht er nach Gott. Sein Zynismus schluchzt. Der Baron ist -schön, sein Angesicht ist feierlich, immer liegt ein Schleier auf seiner -feinen Haut. Die fältet sich schmerzlich dann, wenn sein Auge die -Wirklichkeit erblickt, die Wirklichkeit ohne Zeremonie. Ich wundere mich -nicht, daß er den Philister haßt, den Sonntags- und Alltagsphilister, -noch eindringlicher aber empfinde ich seine Verachtung gegen den -freigewordenen Bürgersohn, den Studenten der Kunst. »Die Kunst kann man -nicht erlernen, nicht wahr, Herr Baron, Herr Marquis, König aller -Könige?« Ich sitze neben ihm und bin der Prinz von Theben. Und zu seiner -Linken versteht ein Arzt des Rausches die unbekümmerten Launen des -Barons zu beschwichtigen. Aber der Baron liebt das Gaukelspiel des -Herzens. Wir müssen mit ihm Champagner trinken, er will Begleiter zur -Vergessenheit haben. Aber ich weiß, der Baron kann nicht vergessen, er -kann wohl trunken, doch nicht betrunken werden. Ich vergieße den -schäumenden Luxus, der herrliche Mundschenk zersplittert, mich zu ehren, -meinen gläsernen Kelch. Das hätte Friedrich der Große auch in seiner -Flötenlaune getan; der Baron stammt aus der Zeit der Flötenkonzerte. Er -hat kein Alter, er ist wandelbar wie die Zeit, die einmal Lenz und -einmal Herbst zum Zeitvertreib ist. Trägt der Marquis nicht seine -Perücke wie auf der Schloßlandschaft in der Galerie, so ist sein Haar -aschblond, sein Auge ist aus Merveillieuxseide, und seine Hand bewegt -sich immer wie zum Holen einer Schönen zum Menuett. Seine Freude und -seine Schwermut sind Jünglinge, und darum haßt er den Tod und möchte ihn -vergessen im Wein. Sein Esprit erinnert an Voltaire, lauter Blitze, die -treffen und Brände werden. Wenn der Mond gegangen ist über den Garten, -dann werden wir auch nach Hause gehn, ich will noch über Friedrich von -Schennis einen Essay dichten. Seine Bilder sind adlig und blaublütig. -Liszt, der Musikpapst, Wagner und der Großherzog von Weimar sind seine -stolzesten Werke, und die vielen Liebeslandschaften hängen in Nischen -minniglicher Schlösser. - - - - - Tilla Durieux - - -Ich würde für sie auch im Privatleben das Eboligewand wählen, den -zackigen, weißen Kragen, der ihr Angesicht, ein Bukett von Lichtwende -und Herzschatten, wie mit einer Atlasmanschette umgibt. Frau Durieux -spielt im Theater Reinhardts die Eboli; die schlummernde Saitenspielerin -ist auferstanden aus ihrem Sarkophage. Es tut wohl, sie in -»prinzeßlicher« Wirklichkeit wiederzusehen, in ihrem eifersüchtigen -Herzen zu erleben den Kampf mit der Kabale. Den schnöden Verrat an die -Königin verabreicht sie dem lauernden Pater noch mit traumhaften -Fingerspitzen. Keineswegs hysterisch gehässig -- historisch wie ihr -Kleid wirkt das intrigante Frauenspiel in der Kapelle steinerner Nacht, -an der blutgenagelt Gottes Sohn hängt. Frau Durieux' verzweifelte -Gebärde, nachdem ihre Königin sie verstößt, erinnert an das Gemälde der -büßenden Magdalene. -- Als ich sie vor einiger Zeit in ihrem Gemach -erwartete, suchte ich unwillkürlich nach der Laute. Da kam mir entgegen -Rhodope, ihre Hände hingen herab wie Myrthen. Diese himmelweiße Syrierin -ist der Glorienschein ihrer Eingebung, das keusche Geschmeide ihrer -Begabung. Beweglich ist die Verwandlungskunst der Frau Durieux, denn wer -vermutet nach der bräutlichen, geduldigen Königin und der verwöhnten -Lautenspielerin, »Sie« in der bitteren Haut der eigensinnigen -Spielverderberin der ältlichen Schwester der Brüder im Friedensfest. -Krummrückig zum Fußaufstampfen, hartnäckig widersetzend, den Angehörigen -eine giftige Augenweide. -- In »Gott der Rache« von Schalom Asch spielte -Frau Durieux die junge Kupplerin des Bordells. Ich sehe sie noch keck in -der Mitte des Sofas sich hinflegeln mit der Frechheit einer -freigewordenen Sklavin, mit dem Machtbewußtsein, vernichten zu können je -nach Berechnung. Das scheußliche Verbrechen ihres früheren Bordellchefs -zappelt auf ihrem Knie, sie läßt es kichernd über ihrem Strumpfband -hängen, sie braucht nur den lockeren Vorhang aufzuheben. Tilla Durieux -spielte skandalös hervorragend. Hier nenne ich die Schauspielerin, die -Charakteristik ihres Zivils vergessend, kurzweg »Tilla« Durieux; aber -wer sie in ihrem Privatgemach je sah, umgeben vom Staat schützender Tore -und mächtiger Bequemlichkeiten, sie selbst zum Empfang der Gäste sich -liebenswürdig ermannend, wird mit mir empfinden, daß sie keineswegs eine -Bohèmin ist, zu treu dem Einen außerdem, auch daß ihr die seelische -Leichtigkeit der Umgebenheit fehlt, und ich nenne sie »Frau« Durieux -nicht etwa wie man die Spießerin zu nennen pflegt, aber weil sie die -Hofdame der Schauspielerinnen ist; jeder Tag muß ihr »d'or-jour« sein. --- Auf dem Sezessionsfest im Februar teilte sich die Menge in zwei -Flittergitter, als sie den Saal betrat. Sie trug ein dunkles -Spitzenkleid und eine hängende Nelke im Haarknoten. Ich fragte den -Rektor in »Frühlingserwachen« an unserm Tisch, wer die schwarze -Leopardin mit dem Blutstropfen am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, -geschmeidiger Charme, in ihrem Herzen blühen feine Nerven schmerzvoll -auf. Aber als es Mitternacht war, tanzte sie, auf einer Perle des Sekts -rollend, mit leuchtenden Augen im bunten Spiele der Masken. Dieses Jahr -gibt es wieder ein Fest; ich hoffe, daß Frau Durieux auf Erden weilt, -sie hält sich nämlich ab und zu mit Vorliebe oben in den Wolken -verborgen, in ihrem Luftballon, und was wird sich Prinz Karneval ärgern, -wenn sie ihm nur eine lange Nase machen wird. -- Die Maschen des Netzes, -das den Ballon umhüllt, lockerten sich schon einmal. »Ein Punkt in der -Ewigkeit« kommt man sich im Raume vor, erzählt Frau Durieux. Sie ist -ohne Furcht und Zaudern. Zwischen Leere und Leere, Vogel sein, nur Atem, -so folge ich in Gedanken den Schilderungen der Luftschifferin in die -Lüfte. Da nimmt ihr Terrierhund einen Anlauf aus salonansalongereihter -Ferne, springt mir auf die Schulter, ich falle vor Schreck aus allen -Himmeln. - - - - - Paul Zech - - - Sing Groatvatter woar dat verwunschene Bäuerlein - Aus Grimm sinne Märchens. - - Der Enkelsonn ist ein Dichter. - Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse. - - Man kann sie in die Hand nehmen, - So hart sind die. - - Sein Vers wird zum Geschick - Und zum murrenden Volk. - - Er läßt Qualm durch sein Herz dringen: - Ein düsterer Beter. - - Aber seine Kristallaugen blicken - Unzählige Male den Morgen der Welt. - - - - - Rudolf Blümner - - -Den Mephisto spielt er jeden Abend, eine Privatvorstellung im -Freundeskreis. Ohne witzelnde Fußspitzenpose -- der Doktor hat Humor, -der im Kranichschritt mit dem Schwermutflügel einherschreitet. Wenn er -nicht kommt, sind wir alle belämmert; die gretchenblondesten -Mädchenköpfe freuen sich, wenn der Mephisto endlich doch kommt. Er -versteht Greisengesichtern lächelnde Jünglingsaugen einzusetzen, wenn er -bei Laune ist und sein Herz mit übersprudelndem Schalkwillen vorträgt. -Wehe aber, wenn er durch die Türe kommt, und sein Hut sitzt schief in -die Stirne gedrückt -- es regnete --, er konnte heute kein Luftbad -nehmen, ein paar Sätze von der Galle, mehr hören wir nicht. Aber seine -Galle ist kariert. Nie war ein Hut so mit seinem Kopf verwandt, wie -Doktor Blümners Hut. Der ist ein Mime, durchblutet mit den Eigenarten -seines Trägers. Unter Hunderten würde ich den Hut des Doktors -herausfinden, namentlich aber dann, wenn der Rand seines Panamas lacht; -er sitzt rund hinten im Genick. Etwas muß der Doktor heut' ausführen, -ich warte am liebsten mitten im Zimmer, wenn er Klavier spielt, ich kann -dann so mit seinen Späßen laufen -- er spielt eine eigenvertonte -Polonäse, er führt sie an. Seine Finger springen wie ungezogene Jungen -über die Tasten, schlagen Kobolz, zanken sich; plötzlich steht er -gravitätisch auf: »Der Schlaf erwartet mich!« Aber in Wirklichkeit steht -der Vollmond vor seinem Fenster, hinter dem Ohr einen Federkiel. Der -Doktor muß noch einen Essay schreiben. Seinen Lehrer im -Frühlingserwachen -- wer kann ihn je vergessen und die Grazie des Ricco -in Minna von Barnhelm. Er ist der Aristokrat des großen Schelmenspiels. -Aber auch sehr oft beliebt es dem Doktor, sein ernstes Wesen dem -Publikum zu schenken; es steht ihm am besten; kehrt es ein -- kommt es -hervor aus seinem tiefsten Herzensschatten. In diesem Monat hält der -Doktor wieder einen Vortrag, es sind die schönsten Abende, goldene -Atrappen mit überraschendem Inhalt. Als er die Geschichte der Schneider -von Keller vorlas, glaubte ich die drei bis zum Schluß verschwinden zu -sehn aus dem Saal. Er machte nämlich auch ein Gesicht, als ob sie ihm -weggelaufen wären. In seinem feinen Profil ist seine schöne Nase -tragisch geschnitten nach Gemmenart. Das Leben fällt gelassen vor ihm. - - - - - William Wauer - - -Als das Café Kutschera noch seinen adligen Namen »Sezession« trug, hielt -in dem oberen Raum des Cafés William Wauer einen Vortrag über -Theaterkunst. Ein junger Schauspieleleve nahm mich mit herauf; viele -Eleven und Elevinnen schritten vor mir in den Saal der grauen -Sammetsofas und Sessel; ich war die einzige unter den Zuhörern, die -Wauer noch nie gesehen und doch ihn sich genau so vorgestellt hatte mit -der eigenartig schmerzlichen Sicherheit in den Augen und in den -Gebärden. Ein großer Geiger, der nicht die göttliche Geige findet. Ein -großer Dirigent -- ist nicht sein Vortrag ein Zusammenspiel vielerhand -Instrumente gewesen. Lebendige Violinen, seine Schauspieler; er mag -nicht die erste Violine zwischen ihnen, die den Ton angibt, kein Genie, -das sich abtönt, hervortönt von den anderen Tönen. Das Zusammenspiel -seiner Leute, eine Genieleistung soll sie sich heben aus der Fertigkeit -seiner Hand. Als das künstlerische Theater aus Moskau in Berlin -gastierte, gedachte ich der Worte William Wauers. Der Zar bis zum Onkel -Wanja und die Frauen all, glichen seinen Idealgeschöpfen. Wandelnde -Töne, schreitende Melodien, unbezahlbare Instrumente mit tausendtiefem -Ton. Aus Spielläden und Kotillongeschäften liefert man William Wauer, -Spaßgeigen, Trompeten, Kriköhs: Dilettanten und Tantinnen. Sie essen -ihre Rolle, um sie ganz im Leib zu haben. Sie muß ihnen auf den Leib -passen. Aber der Schauspieler soll den Duft seiner Rolle einatmen. Über -solch trunkene Seele zu streichen mit seinem Bogen. -- Seine Regie steht -auf Füßen, das Milieu gleicht dem Bewohner des Schauspiels. Erster -Aufzug: Veranda, von Säulen umstanden. Zweiter Aufzug: Wohnzimmer der -gräflichen Familie. Man kann sich gar kein anderes Innere vorstellen -nach dem Wuchs der Villa. William Wauers Regie ist anatomisch. Sein Blut -möchte fließen durch die Adern seiner Schauspieler wie ein Strom durch -das Spiel. Das soll keimen und aufgehen aus seiner Gestalt in vielen -Gestalten. Kein Asiate ist er, dem die Tragödie nur eine einzige -Kriegsgebärde wird. Er meint, zu den Wilden gehöre ich, und mit der -eigenartig schmerzlichen Sicherheit im Auge betrachtet er mich wie ein -fremdes Instrument aus Bambus. - - - - - Wauer-Walden via München und so weiter - - -O, wie wohl ist mir im Herzen zwischen den vielen scherzenden Herzen; -alle sind bunt und brennen, aber mein Herz ist blau und glüht. Am Morgen -hänge ich es an einen sorglosen Blumenbaum und lasse es zwitschern. Wie -ich so dahinlebe, ich bin einer der fahrenden Schüler aus St. Peter -Hilles Platonikers Sohn. Im Tanzschritt ziehen wir durch das Grün der -Stadt hintereinander mitten im Mondpolka. Die Straßen und Plätze duften -noch nach Marienbalsam der Dome. Wir schweben, wir kennen die Sünde -nicht, an der Welt vorbei, mit München der Südstadt Deutschlands im -Arme. Ich muß München immer küssen, schon, weil ich Berlin hinter mir -habe; wie von einer langweiligen Kokotte geschieden fühle ich mich. -Meine Freunde spielen Harmonika, wir ziehen an Schaufenstern -pietätvoller Läden vorbei; Meisterbilder, frommer Schmuck, wilde Waffen -aus den Gräbern der Bibelfürsten und überall die blauen -König-Ludwig-Augen! Eine alte Riesenkommode ist München aus einem -bayrischen Alpenknochen gehauen. Man kann so andächtig kramen in München -und ausruhen auf gepolsterten Erinnerungen. Hier freut man sich seiner -selbst, man findet sich in seinem glücklichsten Augenblick oben auf dem -Berge der Stadt. Im Vorbeischreiten an den Gärten Obersendlings, -flüchtet vor mir das prahlerische Häuserregiment Berlins. Es steigt die -Erde, ich sitze auf ihrem Rücken in einem der Schlösser. Ich bleibe hier -für ewig! Man sagt das so leicht. Ein Paradies ist München, aus dem man -nicht vertrieben wird, aber Berlin ist ein Kassenschrank aus Asphalt; -der ihn zum Labsal benutzt, hängt sein Herz engherzig als Schloß davor. -Ich soll mich so ganz erholen in der bayerischen Hauptstadt. Gibt's auch -Cafés hier? Da winkt schon eins von ferne. Sei mir gegrüßt, oder wie der -Bayer sagt »Gott grüß dich, Café Bauer!« Von einem Altan herab ladet es -den Vorbeiwandelnden einzutreten, manchmal sogar holt der luftschöpfende -Ober den Gast in sein Kaffeehaus nach südlicher Sitte. Ich stelle eine -gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Café Bauer mit unserem Café des Westens -fest, unserer nächtlichen Heimat, (grinst nur verfluchte Somaliphilister -und Sudanproleten) unserer Oase, unserem Zigeunerwagen, unserem Zelt, -darin wir ausruhen nach dem alltäglichen schmerzvollen Kampf. Die Frau -Wirtin ist sanft, sie pflegt unsere Launen, die uns der Bürger schlug. -Vom Oberober bis zum Unterunter passen die sich dem Rhythmus der Gäste -an. Herr Rattke hat wieder ein neues Buch geschrieben in Trochäen über -Servieren, verrät mir Richard, der Zeitungsverweser, der -Journaltruchseß. Er liest mir mit Pathos mein Gedicht im Sturm vor über -München; ich beginne zu seufzen. Was fangen nun die spielenden Straßen -dort ohne mich an und die vielen gaukelnden Herzen? Daß die gesund -bleiben, dafür sorgen die Ärzte, namentlich der unvergleichliche Doktor -Arthur Ludwig. Alle seine Patienten kommen, weil er der -unvergleichlichste Mensch noch dazu ist, nie zur angeschlagenen Zeit in -die Sprechstunde, wegen der süßen Speisen und der Marmeladen, die zum -Mittag aufgetragen werden von seiner emsigen, lieben Haushälterin. Und -die bettlosen Patienten und Freunde nahen gewöhnlich mit dem Dietrich -und der Zahnbürste im Gewande, sie kommen vom Rande ihres Lebens und der -Doktor, ein heiliger Wirt, wie auf dem Bilde in seinem Sprechzimmer, zu -sehen ist: »Fräulein Haushälterin, besorge für den Fremdling nun eine -Lagerstatt.« Er ist direkt ein Engel. »Ein starkfühlender, intelligenter -Engel«, betont ein Kollege von ihm, Doktor Max Nassauer, der dichtende -Arzt in München. - -Wir gehen alle in den Simplizissimus, in Kati Kobus' berühmte -Künstlerkneipe. Heute kommen die Kegler! Ich meine die Leute vom -Kegelabend. Ludwig Scharf trägt mit starkem Ton seine Verse vor, jedes -Wort ist an das andere geschmiedet. Sein Gesicht ist eine diabolische -Arabeske. Dazwischen tönt die fahrende Stimme des Gitarrespielers und -die liebenswürdigen, drolligen Bemerkungen Max Halbes; er gefällt mir -sehr. Und all die kleinen summenden Mädchen mit den braunen und -blonden Liedern. Und die Hauptsache bleibt die Kati Kobus, die -Simplizissimusherrscherin mit dem Kronmal auf der Stirn. Sie ist die -Herzogin des Rausches, sie ist eine Regierende. Wer so zu unterscheiden -vermag wie sie! Eine Juwelierin, wer so das Angesicht auf sein -Geistkarat zu werten vermag. Das Scheiden aus ihrem Nachtgarten, wo das -Lachen blüht zwischen Bilderhecken, tut mir besonders weh. »Frau -Helene,« sage ich mich ermannend eines Morgens zu meiner Wirtin, »es muß -geschieden sein!!!« Berlin! Vom Waggon aus steige ich sofort die Stufen -des Kleinen Theaters hinan zur Generalprobe der Vier Toten der Fiametta. -Morgen zur selbigen Stunde werde ich Jacobsohn wiedersehen -- ich werde -Jacobsohn wiedersehen! - -Direktor Wauer fundiert noch seinen letzten Fußtapfen, er legt so das -Schreiten und die Gebärden der Spielenden fest. Fest und sicher bewegt -sich nun das ungeheure Pantomimendrama und ballt sich wieder zur -Einheit. So wohlgeformt und nicht ein Abweichen, nicht ein überflüssiges -Zureichen allerleigrauen führen des Schneiders (William Wauer) Klauen -die Schneidernadel unentwegt. Grandios ist die Bewegung seines Mundes, -die nicht ein stummes Reden, aber ein drohendes Auftun seines Gesichtes -bedeutet. In großen teuflischen Zeichen nicht minder, wie ihr Direktor, -spielt Rosa Valetti, die Schneidersfrau, und rotangefüllt, ein -Blutbezechter, ein wankender Bär, tappt der Lastträger (Guido Herzfeld) -auf den Ruf der verzweifelten Fiametta über die Stufen der Treppe, in -das Trauerspiel. Das Harlekintrio. Ein Gemälde, das im Anschaun mit dem -Körper des Bewunderers verwächst. Und die ungeheure Last Trauerspiel, -rollt sich auf einer Musik _aufwärts_ hochmütig über die Leiche -verdutzter höhnender Kritik. Herwarth Walden, ein Hodler der Musik, der -alles Süßliche zerreißt im Siegeskrampf und Kampf. Morgen ist die -Premiere der Vier Toten der Fiametta, ich werde Jacobsohn wiedersehen ---, ich werde den kleinen Jacobsohn wiedersehen! »Wer kommt noch mit ins -Café?« - - - - - Emmy Destinn - - -Ich schrieb ihr am Schluß meines Briefes: Semiramis, hinter den düsteren -Gängen deines Palastes vermute ich hängende Gärten. Worauf sie ans Ende -ihrer Zeilen setzte: Meine liebe Dichterin, meine Gärten sind diesen -Abend wilde, verschwiegene Schluchten, kommen Sie und hören Sie mich die -Carmen singen. -- - -Manchmal versteckte ich den Kopf in das Sammetgehang der Loge, den -dunklen Strom ihrer Stimme einsam über mich rauschen, tanzen zu hören -über üppige Pfade heißer Lippen liebentlang. -- - -Der Soldat Don José sitzt abseits der Ausgelassenen und schmiedet seine -zerrissene Säbelkette; versunken in Mutter, Heimat und Liebchen, dem -frischen blonden Blümchen der treuherzigen Provence. Aber da steht sie -hoch auf der Brücke, lauernd, hungrig -- o, du gewaltige Carmen-Katze! -Den Oberkörper weit nach vorwärts gestreckt, schleicht sie -bestienmajestätisch über die Treppe, die zu ihrem Opfer führt. Es -durchgreift den Soldaten eine peinigende Unruhe, er vertieft sich -gewaltsam in seine Arbeit, aber seine Finger zittern vor ängstlicher -Wollust. »Ei, du süßer Kettenschmied!« Und ein Strauß greller Rosen -fällt zu seinen Füßen nieder. Die lockende Schwere ihres Liedes ergreift -ihn, es berauscht ihn der singende Duft ihres Blutes. -- - -Und dann Carmens grausames Begegnen mit Don Josés Liebchen, Carmens zum -Sieg gerüstetes Entgegenziehn der fremden Rasse, aus der sie ihr Opfer -geraubt hat, das sie lieben und peinigen muß und zerstören wird. »Sieh, -ich nehme dich, ich verschlinge dich!« Und ihr Gesang und Spiel bekommen -Tatzen, die den Geliebten umkrallen, den Kampf seines Soldatenherzens -zerreißen und ihn ihr zu eigen machen. Bravissimo, Carmen -- Emmy -Destinn! - -Und nun das Schwärzerwerden ihrer Stimme vor dem verstoßenen, verhöhnten -Geliebten, die trübe Todesangst, die sie betastet. Und leise klingt die -Hochzeitsmusik, beben die Zaubertöne, die den Soldaten gelockt haben in -die Netze ihrer furchtbaren Seele. Carmen! Todwund heben sich die Lider -ihrer bebenden Pupillen -- ihr Sprung mißglückt. Feierlich singt das -Cello und flehentlich die Geigen. Draußen wartet Escamillo. Carmen -zerreißt ihre Haut aus Hochzeitsseide und veratmet, noch ehe Don José -ihr treuloses Katzenherz durchsticht. Blaß werden die Klänge in der -Ferne. - - Die Lieb, die von Zigeunern stammt, - Fragt nicht nach Recht, Gesetz und Macht. - Liebst du mich nicht, bin ich entflammt, - Und lieb ich dich, nimm dich in acht! - -Als ich am Tage nach der Vorstellung Emmy Destinn besuchte, saß sie auf -ihrer Bank von Gold aufrecht, den Kopf düster gesenkt, wie die Blüte -einer Pharaonenblume. Sie trug ein Kleid aus bunten Farben der Gewänder -assyrischer Königinnen. In ihren Ohren hingen Gehänge von -durchsichtigen, gelben Steinen. »Habe ich Ihnen gestern gefallen?« -fragte sie mich. Und ehe ich antworten konnte, pochte es leise an die -Tür -- mit einer Tasse süßen Duftes trat eine ältere Frau ins Gemach und -flüsterte ihrer Königin mit besorgtem Augenrollen und Kopfschütteln -einiges ins Ohr. Als sie draußen war, sagte Semiramis zu mir: »Sie war -meine Amme und ist noch immer um ihr herangewachsenes Baby in -Besorgnis.« - -Wir setzten uns an ein kleines Rosenholztischchen. Vor dem Fenster -dämmert es schon, aber Emmy Destinn möchte vom Morgen trinken, immerzu -spielen; in ihrem Gesicht scheinen plötzlich ganz hell die beiden -großen, braunen Monde. »Komm, wir wollen um die Rosenholztische Fangen -spielen!« - -An der Wand, mir gegenüber, hängen die verschiedenartigsten Instrumente, -wohl an zehn Geigen. »Und der Flügel dort, ist der Flügel Webers -gewesen,« erzählte sie lebhaft. »Und sehen Sie sich auch einmal diese -Bildergalerie dort an; ich habe eine mächtige Verehrung für Napoleon den -Ersten.« In jedem Lebensalter hängen Bildnisse des ehernen Kaisers von -Frankreich da, Briefe in zärtlichen Rahmen, Waffen, die er geschwungen -hat, umzäunt mit Lorbeeren. -- - -Katzen, Hunde, Hasen, Hähne, Puten von leuchtendem weißen Porzellan, -venetianische Vasen, vielarmige Leuchter stehen auf stolzen Säulen und -Elfenbeintischchen. Da seh' ich mich zu meinem Leidwesen drei, vier, -fünf, immer noch mehrere Male in großen Spiegelwänden. Die schöne -Königin hat, ohne daß ich es bemerkte, die Türen ihres weiten Paradieses -geöffnet: blühende Seltenheiten und Seide. - -»Besuchen Sie mich bald wieder,« sagte sie; ein Lächeln in den -tausendjährigen Augen. - - - - - Franziska Schultz - - -In Berlin gibt es eine Fraue, die die Schmerzen Marias leidet, sieben -Schwerter im Herzen; und die doch gnadenreich herablächelt auf die Armen -und Kranken. Jeder Mensch, der sich ihr nähert, ist ihr Jesuskind. Einen -Tempel müsse man um diese Mutter bauen, einen Garten pflanzen, der ihr -blühender Mantel sei. Ich kann mich nicht der Fraue nahen, ohne ihr -meine Andacht zu bringen. Verirrte Magdalenen treten durch ihres Hauses -Pforte ein und rasten; ruhen aus und besinnen sich unter der Liebe ihres -Mutterdachs. Franziska Schultz ist die Mutter des Mutterschutzes. Man -könnte fast das gefallene Mädchen ihrer Patronin wegen beneiden. Mit -fürsorglicher Liebe lullt die höchste Fraue der Gnade die verstoßene -Mutter und ihr pochendes Spielzeug mit ihren beiden Armen zärtlich ein. -Kein Vorwurf trifft die Tragende, ihres Kindes wegen, das noch auf -seinem rechtmäßigen, heiligen Muttererbe blüht. Alle Mütter aber lieben -die Eine. - -Eine Dame, die den Glanz irdischer Glänze ausdrehte und durch die dunkle -Straße schreitet, wo das Elend wuchert. Nun wohnen keine verwöhnten -Gäste mehr in ihrem Hause, aber solche, die ein Herz voll Liebe -beanspruchen. Tragende und Beladene treten durch ihres Herzens geöffnete -Pforte ein. Maria! - - - - - Kete Parsenow - - -Die Venus von Siam, ist die Kete Parsenow. Feingebogene Dolche sind ihre -Augen, wie die der Göttinnen in goldenen Tempeln. - -Peter Altenberg gab vor einigen Jahren eine Zeitschrift heraus, auf -jeder Seite stand »sie« in blonden Farben. Die Kete Parsenow spielte -damals in Wien am Theater; nun wird sie hier spielen, und doch sollte -solche Schönheit verborgen bleiben, im heiligen Haus zwischen -geopferten, schweigenden Blumen. Im Sommer begeisterte sie hier als -Ophelia die Zuhörer. Blutschwarz sank Hamlets Kopf in den Schnee ihres -Schoßes. Immer wird sie die Jungfrau der Schauspielerinnen bleiben; sie -ist unbetastete Skulptur. Einmal legte sich vor ihr nieder eine weiße -Steppenhündin und wurde ihr ähnlich. Als sie vom Strauch eine Rose -pflückte, blühte die höher in ihrer Hand. Sie ist selbst ein Wunder. In -der Frau vom Meere erschrak sie vor dem Überschwang ihres Herzens. Und -Ibsen, was hätte er gesagt, wenn er der Kete Parsenow begegnet wäre, -seiner Generalstochter Hedda Gabler. Kete Parsenow ist sich ebenbürtig, -sie ist ebenso schön wie großherzig. Elfenbein ist ihre Haut; immer -singt ihr Gesicht. Einmal wurden die Sicheln der Venus zu Monden, als -sie böse war. Ich sah die Venus von Siam lächeln, ich sah die Venus von -Siam sterben. - - - - - Ruth - - -Sie müßte eine Patronesse haben -- etwa die Kaiserin von Island oder -eine reiche Eskimotochter; vielleicht wird es eine Inger auf Östrot -sein. Ruth ist eine Tragödin. Schon seit zwei Jahren spielt sie mit -Vorliebe Partien aus Ibsens Werken. Ihre Dreijahrärmchen heben sich -zürnend zum Himmel: »Götter!« Ich habe Ruth nie lachen sehn und auch -weinen nicht, wie andere Kinder. Ruth lacht mit Vorsicht, plötzlich hält -ihr Gesichtchen wie eine kleine Sonne zu leuchten inne -- und weinen tut -Ruth, um wieder zu lachen. Und am Abend dauert es eine Weile bis sie -einschläft, gerne läßt sie einen schmalen Guckspalt offen für den -Morgen, ob auf der Heizung ein Schokoladenkakes liegt, von einem -verkleideten Onkel als Nikolas oder einer Zuckerhäuschentante gespendet. -Ruth gastierte zum erstenmal im Vorgarten des Cafés des Westens, sie war -damals zwei Jahre alt und trug ein weißes Kleid über glänzendem Stoff -von der Farbe ihres Mündchens, das auf einmal zum Mund wurde, wie -gehext, strenge Furchen zog; ich erschrak. Und noch dazu der finstere -Ibsenblick, der mich furchtbar einschüchterte. Immer tiefer sank Ruths -Lockenköpfchen auf die Strohröhre herab, die vor ihm im Glase steckte: -»So tinkt >Er< Limonade.« »Er« hängt im mächtigen Rahmen im Zimmer ihrer -Muttertragödin (Beß Brenk) und immer steht Ruth vor seinem Angesicht und -besieht es sich, ob es auch noch so macht wie »sie«. In Klein-Ruth -schlägt das große Ibsenherz, und als Ibsen sein Puppenheim schuf, pochte -sicher ein kleines Anhängsel an seinem schweren Schlag, ein -Goldherzchen, in dessen Mitte ein himmelblaues Perlchen rauschte. Ruth -springt vom Stuhl, tanzt in ihren niedlichen Goldkäferstiefelchen, die -Röcke nach unten geglättet -- nun hat sie ein langes Kleid an. Sie tanzt -einen herablassenden, zurückhaltenden Tanz; da, als ob ein Sausevogel -durch ihren Kopf fliegt -- fort will ihre kleine Seele -- ihre Beinchen -sind ganz nackt; über Stühle und Tische hinweg -- Ruth, Ruth! Ich -glaube, sie sitzt oben auf dem Ast des jungen Baumes vor dem Caféhaus. -Was soll man dazu sagen -- Genie? Fort mit dieser alten Denkmalhülle, -sie tut dem Kind weh, aber in ein Wunder wollen wir die wundervolle, -kleine Ruth kleiden; in einem goldenen Bettchen soll Ruth schlafen und -von einem goldenen Tellerchen und mit einem goldenen Löffelchen essen -und auf dem Becher, aus dem Ruth fürder trinken soll, steht in -Goldbuchstaben geschrieben: Ruth. Sie schüttelt den Kopf wie eine -Herrscherin, ich glaube, sie ist beleidigt, nicht um der vielen goldenen -Sachen wegen, der Ober hat ihr Zucker schenken wollen; sie gleitet -schwerfällig vom Stuhl, streckt den Leib wie eine Kugel vor, ihr -Engelsgesichtchen bekommt Runzeln -- »dicke Frau is satt«. - - - - - Unser Café - - - Ein offener Brief an _Paul Block_ - -Sire, Sie möchten etwas aus unserem Café wissen, aber unser Café ist -schon seit ungefähr Pfingsten nicht mehr unser Café. Gestern las ich in -einer Chicagoer Zeitung, die mir meine Schwester aus Amerika sandte, -schwarz auf weiß, warum unser Café nicht mehr unser Café ist, bitte -hören Sie, Sire. »Früher war das Stelldichein all dieser »Radikalen« das -Café Größenwahn. Aber eines Tages verbot der Besitzer der Dichterin Else -Lasker-Schüler, die zu diesem Kreise gehört, das Lokal, weil sie nicht -genug verzehre. Man denke! Ist denn eine Dichterin, die viel verzehrt, -überhaupt noch eine Dichterin? Sie empfand das mit Recht als eine -unerhörte Beleidigung, als schimpfliches Mißtrauen gegenüber ihrer -dichterhaften Echtheit. Ebenso dachten die anderen. Daher verließen sie -empört das Lokal.« - -Ob das alles nun wortgetreu wiedergegeben ist, -- jedenfalls begab sich -die Schreckenstat an einem Sonntag, meine Seele wurde Werktag, bäumte -sich auf und sehnte sich nach Revolution. Kein Vers, keine Stimmung, -kein Pathos, nicht der schäumendste Überschwang hatte unsere -Gemeinschaftlichkeit so fädenverstrickt zusammengerollt, wie diese -unerhörte Begebenheit; Herr Café-des-Westens hatte mir, uns allen, das -Betreten seines Cafés ein für allemal untersagt. Ungeheuer! Allerdings, -wenn ich auch nichts verzehrt hätte. Aber dem war nicht so, ich war -gerade im Begriff, meine zweite Bestellung zu entrichten, Schokolade mit -Sieb (da ich die Haut nicht mag), als Herr Café-des-Westens aus einer -Ecke auf mich Lesende losstürmte und rief, es geht nicht, daß Sie hier -sitzen bleiben, ohne etwas zu verzehren!!! Neben mir saß mein -Reichskanzler Bisam O. Er ist feig, aber seine rosa Haare standen Hügel, -wurden brandrot und sprühten Feuer. Dann kamen hintereinander meine -verehrten Freunde, die Paschas, und die Schlacht begann. - -Soll ich Ihnen nun noch über die früheren Ereignisse dieses Cafés -erzählen oder genügt es, wenn ich Ihnen sage, Sire, daß wir dort die -schönsten Abende, namentlich zu Zeiten Lublinskis, erlebten; den haben -wir alle kolossal verehrt, und er lachte selbst herzhaft, wenn ihn der -»Blümmner« nachahmte. Unser Zorn liegt nun über dem Café des Westens wie -über einem verlorenen Paradies, in dem wir nicht sündigten, aber das an -uns sündigte. Als wir auf der Straße standen, gedachten wir mit Wehmut -des Gründers unseres verlorenen Cafés. Herr Rocco hatte es sich als -besondere Freude angerechnet, daß wir Künstler in seinen Räumen -verkehrten; wir Künstler haben sozusagen das Café des Westens mit auf -die Welt gebracht, wir Künstler haben ihm das erste Feierkleid -geschenkt, wir Künstler haben es zur Königin aller Cafés erhoben! Einer -von uns hielt diese Rede in die Nacht hinaus, ich glaube, ich war's, und -den Chor gaben meine tiefergriffenen Kameraden und Kameradinnen. -Allerdings war Rocco kein Bär, noch nicht einmal ein Tanzbär, -keinesfalls ein Brummbär. -- -- -- - -Nur einmal in der Woche treffen wir uns nun im Café Josty am Zoo, wir -wollen keine Kaffern mehr sein. Auf einer Erhöhung sitzen wir an zwei -Tischen, und Sonnabend halten wir Geheimsitzung. (Unter Diskretion -bitte.) Wir wollen Herrn Café-des-Westens zwingen, sich zu entleiben, -ich schlage vor, mit dem Cafélöffel. Bitte, hochverehrter Sire, kommen -Sie doch unverhofft einmal, aber machen Sie sich keine Illusionen. Wir -sind ganz leise und flüstern, scheint's, nur so von Mund zu Mund, lauter -Spielereien. Wäre doch einmal nur einer größenwahnsinnig. Hysterisch -sind nur Dilettanten. Manchmal aber reißt einer unseres Stamms -schnaubend die Türe des Cafés Josty um Mitternacht auf, den Tubutsch im -Gewande. Doch unsere größte Überraschung bleibt, wenn unser Sänger -kommt, der Dresdener Hofopernsänger Franz Lindner. Aus der Liedertafel -holte ihn mein Heimatfreund Paul Zech. Noch sitzt überfließender Tenor -in seiner Kehle, er muß uns den Rest weich über den Tisch herüber -singen. Dann kommt eine innige Freude des Beisammenseins über uns, denn -wir Künstler sind Kinder. - - - - - Marie Böhm - - -Ecke Französische und Charlotten-Straße lachen aus einem der Glaskästen -schöne, weiße Zähne, zwischen frischen Lippen in Mädchengesichtern. -Manche von den jungen Schauspielerinnen offenbaren ihre ureigene -Begabung, denn ihre Perlmutterhecken sind gar nicht erschaffen, am Abend -hinter zuckenden Lippen versteckt zu schimmern. Über dem Atelier von -Marie Böhm scheint auch der Himmel zu heiter; die wundervolle -Photographin kann nicht genug Vorhänge über die Sonne ziehen, die macht -immerfort ein freundliches Gesicht. Marie Böhm ist die Eigentümerin des -kunstphotographischen Ateliers Becker und Maaß. Man kann sich ohne -Gefahr vor Entstellung vor ihren Apparat begeben. Marie Böhm weiß im -richtigen Augenblick den Blick vom Auge zu nehmen. »Der nichtssagendste, -ausdrucksloseste Mensch hat einen Augenblick, den muß man eben -festhalten.« Ihre lieben, blauen Augen strahlen, als sie das antwortet. -Ich verstecke mich unter einem Tisch hinter langen Laubgewächsen, um aus -meiner Froschperspektive einige Aufnahmen zu beobachten. Daß das nicht -angehe, meint Fräulein Böhm -- schon naht das Brautpaar, ich rufe ihr -aus meiner Lage zerstreut zu, sie soll sagen -- im Fall -- ich bin Arzt -und interessiere mich für neuartige Operationen. Diese Ideenverwirrung -stammt von meinem Vater her, er verwechselte immer das Zahnziehen mit -dem Photographierenlassen. Beides hat so was mit dem Herausholen zu tun --- und -- »der eine Augenblick«. Marie Böhm aber hat keine Zange in der -Hand. Bräutigamundbrautumschlungen sitzen die beiden auf der Bank und -drehen ihr den Rücken zu; ihre Gesichter blicken sich auf einmal nach -etwas um. Ob sie mich quaken hören! -- »Danke!« Zweite Aufnahme. -- Für -die Photographien müßte es auch eine Welt geben aus gediegenem -Silberoxyd im Krinolin. Das Album ist aus der Mode gekommen, darin sich -das photographierte Onkeltantengeschlecht zum Aufblättern befand; es -stirbt nicht aus. In Schalen liegen all die Pietäten, Frauen, die sich -auch schon Löckchen drehten. Nun sind unsere Kleidersäcke zugebunden. -Auf den spätverwandten Bildern stehen die Röcke weit in Runden. Ihre -Augen aufgetan in Todesangst -- den Augenblick zu greifen, heute hascht -ihn die Photographie wie einen Schmetterling vom zwanglosen -Sichgehenlassen. Und gerade meine liebe Marie Böhm ist eine so große -Photographin -- sie photographiert auch ohne Apparat gerade mitten in -der Sonne mit geschlossenen Augen, wie der Maler malt ohne Pinsel im -Spazierengehen, im Anblick, im Nachsinnen. Wenn ich ihr gegenüber sitze, -wartet sie auf die Falte zwischen meinen Brauen. - - - - - Der Alpenkönig und der Menschenfeind - - -Wer den Kulissenmantel des Alpenkönigs trug, vernahm ich beim ersten Ton -der Rauschestimme. Albert Heine, der Herodes, ist zu viel für diese -Papiermaché-Rolle. Ich habe vergessen, mir einen Theaterzettel zu -kaufen, außerdem sitze ich vor einer Säule und vor dieser pflanzt sich -wild ein Herr auf mit einem Wasserkopf. Aber auch die übergroße -Vegetation, die mir den Blick zur Bühne hemmt, vermag keineswegs meine -Stimmung zu trüben, ich kam, um von dem romantisch-komischen Märchen -Honig aus goldgeblümter Heiterkeit zu naschen. An meine Nachbarin mit -dem künstlichen Busen wende ich mich mit behutsamer Frage, ich erfahre: -Hinter den ältlichen Stirnfalten des Menschenfeindes verbirgt sich der -Direktor selbst -- Carl Meinhard. Es ist fast nicht zu glauben, gestern -hörte ich ihn noch lachen im Café des Westens wie ein Achtzehnjähriger, -und vorigen Winter trug er eine Knabenpelzmütze, die stand ihm (es -gehört zwar nicht hierher) hervorragend. Nun steigt er aus dem -Altbrunnen, ein greiser, grotesker Wolf (Bastard) -- man erkennt ihn -nicht wieder; und doch ist es Carl Meinhard, der Fagottspieler unter den -Darstellern, er spielt heute abend die grimmige Polka seiner Rolle mit -Meisterfertigkeit. -- In der Reihenfolge den Inhalt des -romantisch-komischen Märchens zu erzählen, möchte ich dem Leser -vorenthalten; selbst hören und sehen! Selbst ins Berliner Theater gehen. -Ich hole nur die Hauptgestalten, die mir so sehr gefallen haben, hinter -dem Vorhang hervor und stelle sie auf meine Hand, eine Miniaturbühne, -ich, die Regisseurin aus Privatvergnügen. Rappelkopf, der reiche -Gutsbesitzer (Carl Meinhard), sein Bedienter Habakuk (Oskar Sabo) und -du, Josefine Dora, wo steckst du? Mögen die Leute denken, was sie -wollen. Du singst ja selbst: Aber er denkt ... Habakuk, der Bediente des -Herrn Rappelkopf, erinnert mich leise daran, daß er zwei Jahre in Paris -gewesen ist, nichtsdestoweniger verleugnet sein Radieschengesicht -»Läutemichels« berühmte Gemüsegärten. Er, ein dienernder Ungeschickter, -ein tragischer August im allerkünstlerischsten Unsinn. Zwei Jahre war er -in Paris gewesen. Das hebt ihn in den Augen des Personals vom Souterrain -bis in den Salon der Herrschaft. Dieser soll das bedeutungsvolle Motto -eine zarte Mahnung sein, für ihn selbst wird es zum Schild seines -untergebenen Joches. Er war zwei Jahre in Paris gewesen, das macht -Habakuk keck und überlegen und bringt wie eine Zauberformel einigen -Glanz über seinen Dieneralltag. Jäh wird ihm der Spruch vor der -dürftigen Kammer seines Herzens gestrichen, er darf nicht mehr seinen -Lippen hochmütig entschlüpfen, sein menschenfeindlicher Herr, zweiter -Teil, hat es ihm verboten. Der Alpenkönig nämlich hat sich, um den -Menschenfeind von seinem Wahn zu befreien, in dessen Gestalt und -Wutausbrüche verwandelt. Und heimlich vertraut sich der stumme Bediente -dem gemütlichen Onkel an, arglos dem wirklichen menschenfeindlichen -Rappelkopf, der in seinem eigenen Hause im verträglichen Wesen des -Onkels porträttreu zu Gast weilen muß. In keinem üblichen Brief, keiner -knisternden Zeitung, in keiner unerwarteten Depesche steht es -geschrieben, aber auf dem riesengroßen Taschentuch Habakuks, -ehrfurchtsvoll seiner Hosentasche entzogen. Wir lesen es alle: er war -zwei Jahre in Paris gewesen -- und der mitleidige Onkel gestattet es -ihm, herauszuschreien -- endlos -- endlich. Es kommt der erlösende -Augenblick: Ich war zwei Jahre in Paris gewesen! Das macht ihm niemand -nach, ich kann den Humor nicht schildern, es ist nicht nachzulachen. -Tröste dich Habakuk, beraubte Dienerseele, ich war auch gewesen, ich war -sechs Jahre in »Konstantinopel« gewesen -- ich möchte es jedem an den -glorreichen Kopf werfen, jedem in seine dicke Stirn schneiden -- wer's -glaubt wird selig. Um Himmels willen, Liesl (Josefine Dora) hörst du -denn nicht, dein Herr ruft nach dir. Rappelkopf hat sämtliche Möbel -zerschmettert. Das Liesl wagt sich mit Todesverachtung, wackelnd mit dem -allerwertesten Vollmond in des Menschenfeinds Gemach -- »aber er denkt« --- Sie muß immer wieder das Lied singen mit dem Refrain: Bassab, »aber -er denkt« -- und immer bassiger und spaßiger: aber er denkt ... - -Der Beifall will nicht enden. Ich stürme noch einmal in Mantel und Hut -auf meinen Platz zurück. - - - - - Egon Adler - - - Seinem Vater zur Widmung - -Meine Spelunke verwandelt sich zum türkischen Café, wenn er und ich -zusammen Zigaretten rauchen und wir von den Wänden für unsere Häupter -die beiden Fez herunterholen, die auf die Griffe meiner Dolche gestülpt -sind. - -Einer der Söhne des gefangenen Abdul Hamid, der begabteste jedenfalls, -ist der Maler und zur Mokkastunde der Gast meiner Palastspelunke. Wir -sprechen (in der Zeit der Abendhimmel alle seine goldenen Bilder aufs -Dach stellt) von roten, blauen, grünen und lila Dingen. Ich rate Egon -Adler: »Sie müssen immer nur Ihr Selbstbildnis malen.« - -Er ist so ganz Eigen, ganz Sich, und sein Herz in einem Rahmen. Aber in -seinem Herzen liegt sein jungverstorbener Bruder begraben, und innige -Gestalt schafft des Malers Hand, wenn der Engel seiner Erinnerung -aufersteht. - -Zwischen den Farben liegt er dann plötzlich -- Stern zwischen Zinnober -und Marin auf der Palette für die großen Pinsel. Alle Bilder Egon Adlers -sind Spiele, sind süß, haben großgeöffnete Augen, sind ganz in Gottes -Vaterhand und rufen. - -Sein Mariengemälde holte ich mir aus einer dunklen Ecke des -Ausstellungssaals ans Licht: »Träume, säume Marienmädchen, überall bläst -der Rosenwind die schwarzen Sterne aus; wiege im Arme dein Seelchen -- -alle Kinder kommen auf Lämmern zottehotte geritten, Gottlingchen sehen -und die schönen Schimmerblumen und den großen Himmel da im kurzen -Blaukleide.« - - * * * * * - -Aber auch die drei Könige sind gekommen; einer sitzt auf des anderen -Schulter, der höchste trägt ein Krönchen, ist des Malers Bruder und will -Mariens heiliges Spielzeug haben. - -Auf Egon Adlers unvergleichlichem Schöpfungsbilde steht sein Brüderchen -verzaubert als Mantelkranich mitten auf der Wiese und macht den frechen, -kleinen Vögeln bange. Als Reiter reitet er auf dem langausschreitenden -Reiterpferd durch den Wald über die Wege aus bunten Fahnenstreifen. - -Immer muß Egon Adler die Geschichte des unvergeßlichen Bruders in Farben -erzählen, der ist der Memed seines Mohammedherzens. - -Hinter den Paradiesbäumen, in den Schornstein seiner Stadtbilder, -überall hat sich der kleine Bruder versteckt; er ist es, der den -Glorienschein um die Heiligenlocken der Jüngergestalten seines älteren, -malenden Bruders anzündet. - -Das sich wiegende Blatt der Palme, auf dem Treibhausgemälde ist der -Kleine, seine Seele leuchtet im Stein des Ringes am Finger des -japanischen Schauspielers. - -Elfjährige Kinderaugen gucken unter der Stirn des Selbstbildnisses von -Egon Adler und erhöhen es zum Selbstantlitz. Und in den Wolken tummelt -er sich als Mond. - -Ewig ist Egon Adlers Malerei, ein Engel lebt in seinem Herzen und hängt -seinen Schöpfungen Flügel an. - - - - - Ein Amen - - -Einmal, als ich sie besuchte, malte jemand ihre Hand -- eine schmale -Dolde am Ast, eine Seele, die blühte. Ellen Neustädter spielt nicht zur -Schau; ihr Spiel ist eine tiefe Dichtung. Die Bühne fängt die -Geschehnisse ihres Herzens auf und reicht sie dem Besucher, ein -vielköpfiges Ganzes. Sie gibt dem Gemach oder der Landschaft die Farbe, -und ihr Odem ist überall. Die Damen vom künstlerischen Theater in Moskau -könnten ihre Schwestern sein; die haben allerdings ihre Partner, ihre -Zugehörigkeit. Ellen Neustädter hat nur einen gleichwertigen Bruder in -Berlin: Oskar Sauer. Warum trennt man das rechtmäßige Spielerpaar? Klein -Eyolfs Eltern sind sie. Schwere, hehre Paradiesstimmung, düstere Ernte. -Eine Engeline: Ellen Neustädter; der Erzengel unter den Schauspielern -ist Oskar Sauer. Was ihre Lippen bringen, ist Kunst aus Segen gewölbt. -Sein Spiel straft, ihr Spiel belohnt; ist ihr Wesen aus Glas, sein Wort -aus Stahl. Immer erzwingt die Gabe der beiden Wunderkünstler -ehrfürchtige Anbetung. Es schneite draußen weiße Sterne. Oskar Sauer war -seinen Leiden erlegen in »Nora«. Stand noch lange nach Schluß der -Vorstellung am Theatertor -- ich bildete mir ein, er sei wirklich -gestorben. Auch heute wagte ich mich nicht stürmisch zu begeistern. -Ellen Neustädters Seele ist eine zagende Dolde. Durch die lange -Theaterabendstraße ging ich auf Zehen heimwärts, denn mein Herz träumte -noch. Genial ist das Unantastbare, Erzengel ist alles Genie, es erlöst -vom Täglichen, bringt Verlorenheit und Seligkeit zugleich. - - - - - Wenn mein Herz gesund wär -- - - - Kinematographisches - - In Verehrung für _Ludwig Kainer_ - -Wenn mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging -ich in den Kientopp und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als -ob ich das große Los gewonnen hab' und noch nicht ausbezahlt bin, oder -auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab' und keinen Stall -»umsonst« auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein -Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um -sich selbst wie bei den Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in -verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder -einen Jux. Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert -die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch und -macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles an; ich will -nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht klopfen würde! - -Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht allein unten jeden -Freitag und Sonnabend, jedes Stäubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch -an den anderen Wochentagen, denn ich wohne zwischen Haus und Haus und -muß die Brutalität aller Höfe ertragen. Ich sitze immer bei -geschlossenen Fenstern und werde gar nichts von dem Sommer haben; -ausgehen kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe -Schulden. Dabei zieht's, wenn ich die Türen rechts und links und hinter -mir auflasse. Ich trage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich -abends wo eingeladen bin, überkommt mich eine furchtbare Angst, ich -könnte anfangen zu miauen. Ich hab' gar keine Lust zum Leben mehr, wenn -noch die Menschen gerne meine Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest, -der soll mir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich muß nämlich -wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit man nicht über mich -ausrutscht. Ich habe dann immer so eine Langeweile in der Badewanne, und -lese gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen schlechte Kritiken -ärgern! Man hat doch sofort jemand gern, der einem schöne Worte -schreibt. Es gibt wirklich sympathische Geschöpfe auf der Welt. Ich kann -nur Weißgesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht. -Darum nehme ich mir auch nur schwarze Mägde und Diener. Ich habe zwei -Neger und zwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling kommt manchmal nach -Berlin und tritt dort mit seiner Truppe im Chât noir auf. Tecofi fragt -mich, wenn sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir auf dem Balkon -wohnen könne. Ich hab' nichts dagegen. Mein Somalineger ist -königlicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden. -Manchmal schickt er mir ein paar abgezogene Hammel, die kommen als -Hautgoutragout hier an. Osmann, mein jüngerer Neger, sieht aus, wie ein -sinnender Gorilla im Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich zu schauen, -aber man muß ihn in Ruhe lassen; seit kurzem pfeif' ich auch nicht mehr, -wenn er jemandem den Kopf abbeißen soll, er ist zu schade, zu wertvoll, -um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige -Mädchen, sie sind angestellt von mir, die Fäden meiner Logik zu suchen, -die Logik meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die ganze -Nacht, ich fürchte, sie werden sich einmal in einem Augenblick an meinem -Leidfaden aufhängen. Das muß man in Kauf nehmen, dunkle Leute sind -schlechte Spürhunde, sie können nichts finden in der Nacht ihrer Haut. -Halloh, was tät' ich, wenn mein Herz gesund wär? Habe ich denn ein Herz -oder wenigstens sowas Ähnliches? Bei dieser Einlage im Programm muß ich -weinen -- gut, daß es Nußstangen gibt, die trösten, auch die Pfefferminz -in Holzschächtelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz aus Fleisch und -Blut ist, rissig sind seine Wände; es hat weniger Augenblickswert als -Ewigkeitswert, darum bin ich vollständig unbrauchbar für den -Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant für den Forscher. Immer -klingelt es in den effektvollsten Stellen. »Hier 35, 24 wer dort?« -»Doktor Nikito Ambrosia, sind Sie Else Lasker-Schüler?« »Leider.« -»Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, meine Dame, ich frage Sie -an, ganz ergebenst, würden Sie ein Engagement am Wintergarten annehmen, -monatlich mit einer Gage von 10000 Mark? das macht im Jahr rund 100000 -Mark?« »Sie spaßen wohl, Herr, es ist doch nicht üblich, am Varieté -länger, als einen Monat die Artisten zu beschäftigen.« »Aber, uns liegt -daran, meine Gnädigste, Sie an unser Varieté zu fesseln.« »Es handelt -sich wohl um meine arabische Szene, Herr Dr. Ambrosius?« »Ganz recht! Da -Sie hoch zu Kamel über Theben sitzen.« »Herr, ich kenne Sie, so einen -ungeschminkten Baß gibt es nicht am Varieté. Sie sind Professor Gellert, -der letzte Hohenzollerndämmer.« Schluß! Mein Brief: Herzallerliebster in -Adrianopel! Er fragte mich nämlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet -mich, ihn nicht zu belügen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur Lyrik -geben, (er ist Dichter), »ich liebe ihn also! Basta!« Könnte ich doch -auch ein bißchen nach der Türkei, zumal meine Vorfahren alle in Sänften -getragen wurden. Das Gehen wird mir darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen -schon erkaltet sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein Herz gesund -wär, was tät' ich dann? Einen Augenblick bitte! Ich würde mich -pudelnackt ausziehen und mich in ein Süßwasser werfen, wo die sanften -Fische leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich ging nach -dem Südpol und wärmte mich mal ganz tüchtig ein, oder ich ließ -jedenfalls in der Eiszone einen Anthrazitofen setzen. Was soll ich -_noch_ machen? Ich blieb gerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den -Sternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist es nicht himmelschade, -daß mein Herz nicht gesund ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten, -namentlich die Neurosen. Alle Krankheiten kommen von oben. Hier unten -ist es ganz nett. Darum stürzen auch so viele Aviatiker vom Himmel -herab; das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen sie alle, -je höher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen. Wie die Aviatiker -aussehn: Wie die Vögel, ihre Nasen sind Schnäbel, und die Köpfe strecken -sie in die Höhe. Ein neues Menschengeschlecht. Einmal aß mit mir ein -Luftsegler zu Mittag, der hackte wie ein Habicht am Fleisch herum, riß -am Schnitzel wie ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche Katharine von -Armignac ist die erste Aviatikerin der Welt. Im Uniontheater der -Luftschiffahrtausstellung am Zoo fliegen sie alle. Ich kann umsonst -zusehen, ich versprach über alles zu schreiben. Ich hab' kein Geld, aber -darum kann ich mich doch nicht von der Welt abschließen. Und soll sogar -die Regierung in Theben übernehmen, ich regiere sogar schon _pro forma_. -Die Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Fixe Idee ist was -Natürliches: Natur, die das Gesetz zum Sklaven macht. Ich bin der Prinz -von Theben. Nur Kaiser Wilhelm kann mir in Deutschland nachfühlen, was -Regieren heißt. Ich habe dabei ein bunt' Volk. Nachts liege ich auf dem -Dach, und bei Tage sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin für -alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor Ungewißheit, es meint, -ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge -nichts -- nur Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack habe, -künstlerischen Sinn habe; meine Rede ans Volk bedient sich nicht des -Punktes, weil ich mich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen -mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin einig mit mir, aus Diplomatie, -weil sich mein Volk an mich halten muß. Ich denke nur viel, sehr arg, -unmittelbar, ich lasse alle meine Gedanken ganz nah an mich herankommen, -damit sie das Fürchten verlernen. Wenn ich nur nicht schon in der Frühe -von so vielen muselmännischen Barbieren gestört würde, die mich -tätowieren wollen, von abendländischen Malern, die mich porträtieren -wollen. Nachts werde ich immer im Schlummer auf meinem Dach gestört von -meinen Paschas, die vor Begeisterung meines Regierungsantritts nicht -ruhen können. Sie haben immer in der Audienz, die ich ihnen erteilte, -eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als -regierender Prinz in Theben gewählt bin, bewegen sich viele Ehrgeizige -in derselben Tracht und Gebärde in den Straßen der Stadt, die mir zu -gleichen trachten. Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst, -eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst und die Musik. Die -Epigonie aber ist eine Tätigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie -die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch -- zwar hab' ich -selbst einen -- aber er ist nie ganz gewesen. Heute Nacht, da meine -Neger schliefen, erbrachen die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu -meinem Dache führt, wegen der Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch im -Profil (Seite steht mir besser wie _en face_), im Turban und -Regierungsmantel photographiert in allen Farben; auf allen Posten meiner -Stadt verbreitet man Mich Allerhöchst. - - - - - Der Eisenbahnräuber - - -Vielleicht gehe ich selbst noch einmal in den Schwank, sein Humor hat -doppelte Lebenskraft, man kann sich zweimal totlachen. Es fällt mir gar -nicht ein, den Inhalt des kleinen Lustspiels zu verraten, nur möchte ich -seinen famosen Darstellern für den schönen Abend und vor allen Dingen -dem Autor Fritz Gräbert für den lustigen Streich danken. Arthur Winckler -spielte den ehemaligen Bäckermeister August Pickenbach mit Rosinen und -Korinthen und allen außergewöhnlichen Zutaten. Emmy Dittmar, allerdings -eine Schulreiterin, in die man sich verlieben kann. Frau Meyer (Rosa -Schäffel), man soll sich noch so eine gute Wirtin suchen! Es war ein -lachendes Zusammenspiel, ein Tanz, leichtfüßig, ein Walzer: An der -blauen Donau, wenn auch der erste Aufzug in Ostende an der Nordsee -spielt und der Herr Rentier Bäckermeister Pickenbach auf berlinisch mir -und mich der neuen Bekanntschaft beim Sekt sein Mehlherz ausschüttet. -Man kommt nicht aus dem Lachen heraus, der traurigen Jungfrau -Sentimentalität ist der Eintritt verboten, der Autor hat die banale -Tochter zu Hause gelassen, er ironisiert selbst den Kuß. Er mag nicht -eines Kusses wegen einen Augenblick Lachen einbüßen. »Skool!« ruft mein -Nachbar. Er ist Schwede. Ein Liebespaar, zwei Turteltauben, stehn doch -sonst immerwo im dritten Akt, gefüllt oder ungefüllt, am Nischenfenster -und girren im frischesten Lustspiel geheuchelte Sehnsucht. Meine Angst -war also hier vergebens. Und mich belustigt ungestört der ungeschlachte, -wollige Liebhaber Maler Hans Wegemann (Carl Wessel), es blieb ihm jedes -Wort im Hals stecken, bis er zum beißenden Hammel ausreifte unter der -Leitung seiner Backfischbraut Marie, der Tochter Pickenbachs (Grete -Kroll). Die vielen Hände, die einen Wirbel klatschten, waren nicht zu -übersehen. - - - - - Im neopathetischen Kabarett - - -Tausend und Einer. Ich habe mich nicht verzählt, las auch, während ich -die Köpfe zählte, Armin Wassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich -und herb, reich und superbe ist seine Sprache; dazu sein -schwärmerisches, knabenhaftes Savoyardengesicht! -- Ich suche nach einem -Stuhl, der im Verborgenen blüht -- endlich finde ich so ein Veilchen -abseits am Tapetenrand; ich setze mich. Meine Tänzerin Zobeïde, die sehr -neugierig auf das Kabarett der Neopathetik ist, ruht schon lange müde -zwischen weißen, lilagelben, roten und himmelblauen Mädchen; ein Dichter -mit Honiglippen und zwei Augen, naschhafte Bienen, als einziger Tasso -neben ihr und ihren bräutlichen Schwestern. Es betritt jemand den Ölberg -des Saals und predigt über Kunst. Der Vortrag ist geistvoll, wenn man -sich auch durch Mimik und Brille in die Schule zurückversetzt glaubt. -Noch immer höre ich keine Gedichte von mir -- warum lud man mich ein, -zumal ich keineswegs objektiv bin? Auf einmal flattert ein Rabe auf, ein -schwarzschillernder Kopf blickt finster über die Brüstung des Lesepults. -Jakob van Hoddis. Er spricht seine kurzen Verse trotzig und strotzend, -die sind so blank geprägt, man könnte sie ihm stehlen. Vierreiher -- -Inschriften; rund herum müßten sie auf Talern geschrieben stehn in einem -Sozialdichterstaat. Ich muß immer ans Geld denken; wie man so -runterkommt -- wenn Zobeïde, meine Tänzerin, ein Portemonnaie bei sich -hätte, würde ich zu der Menschenhitze ein Glas Limonade trinken. Ich -höre, wie ein Vortragender mit triumphierendem Gesicht Stefan Georges -Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet. Das muß ich widerlegen. Stefan -Georges Gedichte wandeln allerdings, ohne müde zu werden; nicht bunte -Karawanen über Sandwege; aus ihnen weht die Kühle endloser Prozessionen -zwischen frommen Schlössern und himmelhohen Domen. Die Orthographie der -Georgeverse erinnert in ihrer Gleichtönigkeit leicht an englische -Sonntagsruhe. War's das, lieber Vortragender? Gern hätte ich die Rede -von Kurt Hiller, dem Präsidenten des neopathetischen Kabaretts, gehört. - -Zobeïde, meine Tänzerin, will noch nicht mit nach Hause kommen. - - - - - Kabarett Nachtlicht -- Wien - - - Der lieben Malerin _Lene Kainer_ - -Die Straßen enden in Rundungen, tanzumschlingende Arme. Wir wandeln wie -in einem endlosen Saal durch Wien. Es ist Nacht -- die Mondkrone mit den -vielen tausend Sternenkerzen brennt lustig über der Stadt der Walzer. -Aber nur wenige Menschen begegnen uns, vom Vergnügen kehren die letzten -heim, und ihre Gedanken drehen sich noch mit den blauen Donauklängen -leichtfüßig über das spiegelblanke Leben. Aber die Wiener sind höflich -gegen ihre Fremdlinge (wir suchen nämlich das Kabarett Nachtlicht), noch -im Tanztaumel besinnen sie sich nach dem entferntesten Winkel, begleiten -sogar den Suchenden bis an Ort und Stelle. Da steht's ja: »Kabarett -Nachtlicht« -- Erich Mühsam trägt gerade seine »Amanda« vor. Er sieht -noch lebenslässiger aus, wie in Berlin. Zwar sitzt sein Rock heute ohne -Tadel, und seine Mähne, löwengelb, ist gepflegter wie an der Spree. Aber -er bangt sich nach Ruhe, und auch die Jungfern seiner Verse mit dem -nächtlichen unrechtlichen Geschick sind müde, sich hier weiter zu -produzieren. »Ein Kunststück, seien Sie mal Schlußnummer -- komme erst -um 5 Uhr morgens in die Klappe.« Nichtsdestoweniger will er uns noch ins -Kasino begleiten. Dort tanzt eine schwarze Blondine, »Spaniens Madonna«, -sagt Peter Altenberg im Vorübergehen. Er ist im Begriff, gestützt auf -seinen Knüppelstock, das Kabarett zu verlassen -- ihm folgt die kleine -Künstlergesellschaft. - -Am anderen Abend sind wir zeitiger da. Es treten uns einige von den -Mitwirkenden entgegen: Jener mit dem Monokle im Auge kommt mir bekannt -vor. »Gewiß, Frau Lasker-Schüler, wir haben uns schon oft im Café -Kurfürstendamm in Berlin gesehen.« Er ist Roda Roda, der humoristische -Schriftsteller. In eine der kleinen Logen setzen wir uns, seine -scharmanten Humoresken zu hören. Das Publikum applaudiert, bevor er -beginnt; es weiß, nun gibt's was zu lachen. Im Kakaduton schäkert er mit -ihnen wie mit einer Schar hörlustiger Kinder. Junge und alte -Geschäftsleute, kleine Mädchen, Damen der Gesellschaft, Offiziere, -selbst die Erzherzöge kommen, das Nachtlicht morgens auszublasen. In -einer Rumpelkammer spinnwebgrau sitzen wir, unwillkürlich sucht man nach -allerlei altmodischem Gerümpel. Bestaubte Figuren und Porträts, näher -betrachtet von neuen Künstlern ausgeführt, hängen an den Wänden, und auf -der Konsole über dem blonden Kopf eines Leutnants steht die Statuette -von Madame Delvard, der Scharfrichterin. Sie ist die einzige, die den -elf Scharfrichtern in München zur Hand ging. »Ich werde extra einige -Chansons für Sie singen.« Sie spricht zu mir -- ich liebe ihre graziöse -Stimme, dunkler vergrößern sich ihre graublauen Augen zwischen -zitternden Lidern. Ihre Nervosität duftet. Sie ist eine erwachte -Klimtblume aus dem magischen Farbentraum des Meisters. Blasse Lichtchen -werfen einen Schleier auf ihre beringten Hände, die schlaff herabhängen -an ihrem überschlanken Samtstengelleib, wie weiße tauschimmernde -Blätter. Und Wedekinds rotäugige Straßenlieder singt sie mit der -Schüchternheit eines Kindes. So leicht kommt sie nicht von der Bühne -herunter: ein Lied und immer noch eins -- »Der Bauer wollt' fahren ins -Heu!« Unwiderruflich das letzte -- aber sie singt es mit frischer Kraft, -sie singt es bedeutend, stößt es von sich, wie aufschießende Saat. Da -steht keine ätherische Prinzessin mehr im Lichtschaum; Acker liegt unter -ihrer Zunge, Peter Altenberg nickt zustimmend und setzt sich neben mich -in die kleine Loge. Monsieur Henry, Madame Delvards Gatte, begleitet -ihre Lieder am Klavier, aber auch er ist ein Vortragsmeister. Ich werde -nie seine Ballade vom »Heiligen Nicolas« vergessen, seine rauschige -Schwermutsstimme. Monsieur Henry ist der gewandteste unter den blutigen -Elfen in München gewesen, und ein Kavalier ersten Ranges. Wir wollen uns -wieder vom Zuschauerraum an den Künstlertisch zurückziehen; doch Peter -Altenberg hält mich auf meinem Platz zurück. »Das Meißnerfigürchen -müssen Sie noch sehen und die drei Handwerksburschen.« Sie stehen schon -auf der Bühne in altfränkischen, goldknöpfigen Röcken, die Mützen -geschmückt mit Eichenlaub. Ihr Wanderlied beglückt mich ebenso immer -wieder wie meinen Nachbar. Er ist nächtlich Gast des Kabaretts; die -Umgebung dieser Künstlerkinder tut ihm wohl, der Aufenthalt auf der -kleinen Künstlerinsel unter dem guten grünlich flackernden -Miniaturstern. Ein kostbares Spitzengewebe ist seine Seele, jedes -holprige Wort bleibt in ihren Seidenmassen hängen. Aber wen der gute -Blick seines Schelmenauges trifft, der möchte ihn wohl ergreifen können -und in ein Enveloppe als Andenken legen. Und sollte er sich nicht ärgern -über die Breitheit der Menschen -- »nichtsdestoweniger zerstreut es -mich, nachmittags am Graben im Café zu sitzen und die bunte Bewegung -anzusehen«. Ich möchte manchmal zu ihm sagen, so ganz unmotiviert: -»Lieber Peter Altenberg.« -- -- -- Es ist gleich Morgen -- wir wollen -alle noch einmal Carmen tanzen sehen -- -- und dann lebt wohl, ihr -lieben Künstler, so ball kemma ma nöt wieda zsamm. - - - - - Apollotheater - - -Der Kohinoor meines Nachbars tanzt hin und her, macht Sprünge auf seinem -Zeichenblock wie die Clowns dort auf dem Rade. Jetzt nascht er von der -Chansonette im honiggelben Frack. Einige von den Umrissen leben auf dem -weißen Untergrund, neckisch, eckig hingeworfen, namentlich der eine von -der Clowniade ist _very fine_ getroffen. Ein Klatschwirbel holt _the -english artist_ auf die Bühne zurück. Was ist mit ihm geschehen! Seine -Stirn nach allen Richtungen hin zur Unförmigkeit aufgedunsen. Zweifellos -hat er die englische Krankheit mit herüber gebracht. Es gibt keinen -Spaß, den der nicht da gedacht hat, und ich muß ehrlich auch in diesem -Essay gestehen, es kommt nun noch dazu, daß ich die Brüder aus London -besonders mag, »ich hab' noch nie so gelacht wie heute!« Der Kohinoor -meines Nachbars lauscht zugespitzt; die zwei ehrwürdigen -Bordellmatronenwirtinnen vor mir erinnern sich gegenseitig ihres Amtes. -Geliebter und Geliebtin blicken sich zu in der Loge wie die schillernden -Demi-Monde auf dem Vorhang, der sich weltenseufzend spaltet und das -Gemach der Sultana enthüllt. Nackte Frauen steigen (obere, kleine Bühne) -aus ihrem Brunnenbade wie im wirklichen Harem eines Sultans. Am Fuß der -Treppe, die zum eigentlichen Gemach der Herrin führt, wacht der Wächter -armverschränkt. Endlich nahen die erfrischten Schönen, aber ihre Haare -duften nicht nach Pharaonenblüten, auch sind ihre Glieder keineswegs -ungelöste Geheimnisse. Und statt Sultana betritt Frau Betty das Gemach, -die Freundin des amüsanten Frauendoktors, ihres wohlsituierten Mannes -treue Tennispartnerin. Sie liest auch Romane -- -- schwüle mit -Betthimmelpointen und Daunenliederbordüren, und ich fürchte, daß die -Halbmonde der Dekoration vor Begierde rein zu Glotzmonden werden. Die -Freundinnen beginnen endlich, indes Sultana ihren Leib dem Divan und -dem Kissen gibt, mit ihren Tauchtänzen (kein Druckfehler), -Schleier-Eiertänzen, man vernimmt Arm- und Beingegackel. Der Wächter -tritt vor, er ist nicht »Asra«, er schreit nicht ia, furchtbar kracht -sein Wort, sein Antlitz bleich, sein Turban -- -- Blut. Die Tänzerinnen -vertanzen in den Keller. Jäh springt Sultana von ihrem Lager auf und -stößt auf Jargon von sich: »Was willst du von mir, Hund!« Der Sultan, -dein Gebieter hat es so befohlen. Betty du mußt sterben ... Und deine -Tändelei hört auf im Mondscheinvorhang. Leise nähert sich der Wächter -ihrem Ohre, aber Sultana wählt lieber den Tod, als daß sie sich, Sultana -bleibe stark, dem intriganten Schuften schenken mag. Diese -temperamentvolle Charakterfeste, warum gastiert sie nicht bei Gebrüder -Herrnfeld? Die zwei greisen Leopardinnen vor mir schnurren, der Kohinoor -meines Freundes fällt bleischwer zu Boden. Männer ergreifen auf die -Gebärde des Wächters erbarmungslos die Geprüfte. Arme schicke Betty, -tipptopp, peitschensiebenhiebenspaltig! Ob wir paar Geschworene im -Zuschauerraum auch von deiner Unschuld überzeugt sind -- -- es nützt -nichts. Markerschütternd verenden deine Hilferufe. Aber in weißen -Tennisschuhen und weißem Flanellhemd steht die Taube von Gatte am -Fußende des Ruhebetts. Statt der zunehmenden goldenen Viertel- und -Halbkugeln -- -- Tapetengeknospe. Wärter: »Sultana« ... und wieder ihr -Name leise verbettelnd: Ein Tropfen des Turbans klebt auf der -aufgeschlagenen Seite des Romans. - -Wie eine Erlösung nun das Konzert auf dem Banjo der _lovely_, _sweet_ -Miß, ihr Spiel verbreitet hellen, herben Zauber. Und nach ihr der -musikalische Clown mit der Entennase, er verabreicht kurzweg ein Konzert -auf den Messingknöpfen eines Schirmständers, ich habe mich in der Zeit -verliebt in ihn, -- -- -- mein Herz sprach immer schon für einen August, -über den man sich totlacht. Und Euch sparte ich mir bis zuletzt auf, -edle, blonde Senora Fornarina, ich möchte Euch etwas besonders Schönes -sagen, goldene Traube Spaniens. - - - - - Tigerin, Affe und Kuckuck - - - Tierfabel - -Zirkus Busch ist in seinem Extrazug von Berlin abgereist. Ich bin zu -seinem Abschied auf die Bahn gekommen, früh am Morgen; der Komet stand -noch über der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schulreiterinnen, -Jongleure, Auguste, der Riese mit dem Zwerg, der große Bär, die -Elefantin, das Dromedar, der glitzernde Galawagen, alle waren sie im -Lauf und bald im vollsten Zuge. Noch lange hörte ich das Brüllen der -Tigerinnen, nie haßte ein Mann so wütend das Weib wie der Bändiger -dieser gestreiften Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb stehn, trat -der unerschrockene Sultan in das Gittergemach seiner brüllenden -Sklavinnen. Er mißbraucht sie nicht zu Kunststücken, läßt er auch die -Kunstreiterin seiner Tigerinnen durch einen Papierreifen springen. -Wollust bereitet ihm, seine wutschäumenden Tigerweiber mit Stangen und -Schüssen bis zur Wutekstase zu reizen und sie zu bezwingen. -Schschschschschschsch -- sch -- die beiden eleganten Brüder Fillies und -ihre graziöse Schwester werfen noch einen kurzen Blick auf den Perron, -der Clown mit der genialen Ungeschicklichkeit verlangt auf idiotisch vom -Zeitungsträger den »Ulk« -- Sch .... Berlin hat sein größtes Kind eine -Weile verloren, den Zirkus; wo geht man nun hin, um zuzugucken? Wie ein -Mensch soll der Affe sich im Wintergarten benehmen. Herr Darwin, der -Enkel des großen Zoologen, wird mich ins Varieté begleiten. Es ergreift -ihn, so einen gebildeten Vorfahren seiner Baumzeit zu sehen. Ich bin -ebenfalls von dem fletschenden Erzurgroßvater entzückt. Ein Gourmet ist -der greise Herr, keineswegs lebt er von Luft und Erkenntnis. Der -verwandte Künstler da oben verzehrte ein Menu von Dressel und regalierte -sich an Heidsieck-Monopol. Mit Verbindlichkeit raucht er die Zigarette, -die ihm ein Bewunderer verehrte. »Es ist Zeit« noch prüft er die Zeiger -auf seiner Uhr. -- Ich möchte mich auch in ein solches Prachtbett legen --- ich bin müde -- die Nacht vorher brachte ich, mich verirrend, in der -Kolonie Grunewald zu; im Rieselregen auf einer runden Sommerbühne, -worauf die Gärtner Kiesel legen. Nasse Nacht, kein Komet mehr. Ich war -trostlos. Plötzlich rief der Kuckuck -- ich bezog es zuerst persönlich, -aber so unhöflich sind nur die Kuckucksuhren. Dieser da zwischen jungem -Grün, zwischen April und Mai, ist ein vortragender Künstler, ein -wundervoller Komiker. Also gibt es wirklich Kuckucke? Ich dachte immer, -es sei eine Fabel. - - - - - Im Zirkus - - - Meinem lieben blauen Reiter _Franz - Marc_ und seiner blauen Reiterin - -Die junge Reitkünstlerin Miß Ella kehrt in die Manege zurück und schlägt -die ausgelassensten Purzelbäume. Und dann kommen Paolo, Luigi und -Alberto, die drei Gigerl, und treiben aneinander Gymnastik mit der -markigen Beweglichkeit großer Leonahrder Hunde. Vier braune, ungarische -Pferdeprinzen, deren Haut unter dem Schein der vielen Kristallsterne wie -Gold glänzt, tanzen mit wilder Anmut und königlicher Grandezza. »Als ob -sie Musik in den schlanken Waden haben!« sagt mein Begleiter zu mir. Und -nun das Intermezzo der beiden Clowns. »Er ist mein Bruder,« kreischt -Aujust, der blöde Aujust, der amüsante Idiot. Wie ein Gänserich -watschelt er in seinen sackweiten Hosen quer durch die Manege. Fräulein -Marinka, die sanfte, graziöse Erzieherin auf einem ihrer zwei artigen -Pferde sitzend -- ringelrangelreihe singen die Geigen -- und ihre beiden -Zöglinge springen vor Vergnügen. Und wieder ertönt die Musik hoch oben -vom Zirkus, das sind heiße Carmentöne, walzerartig in rundem Klingen -geblasen. »Hier ist die Verunstaltung erträglich,« sagt mein Begleiter -zu mir, »es paßt zum Milieu.« Und immer bunter werden die Klänge ... in -schimmernde, mattfarbene Stoffe gehüllt kommen reizende Spanierinnen -geritten und feurige, spanische Kavaliere. Heißer und tollkühner wird -der tanzende Ritt; die bacchantischen Donnas sausen, wie Feuerstürme -über den Sand, auf dem Rücken ihrer Zauberrosse liegend -- indessen die -Senores mit liebenswürdiger Höflichkeit aufrecht zu Pferde, dem Winke -ihrer Damen harren. - -Aujust! Aujust! Wo bist de, Aujust? Da steht er ja, versteckt hinter der -niedrigen Brüstung der Manege und heult in Trompetentönen, daß alle -Herzen Purzelbäume schlagen und immer höher wächst er, immer höher. »Det -hat keenen juten Anbejinn und een langet Uffwehen,« quitscht Aujusten -sein Bruder mit den wulstigen Mehlbacken und der Haardüte auf dem -spitzen Kopf, indessen Aujust die Manege in Melancholie, langsam wie ein -wandelnder Turm durchschreitet. »Det Luder ist maschuche jeworden, weil -der kleine Cohn sinn Vater is!« - -Schon harren die drei blonden englischen Reiterinnen in blauer Seide; -_lovely Girls_, drei holde Mädchenenzianen. Hei, wie sie springen, -herauf und herunter von dem Rücken ihres wiehernden Vogels. Nun trägt er -sie alle drei über den Sand in tausende Märchen, weithin, in blaue -Gärten ... Ich entwand meinem Begleiter die weiße Rose, die über seinem -Herzen blühte. »_Miß here! catch it!_« - -10 Minuten Pause! - -»Wie gefällt es dir!« »Es ist wie ein blühendes Abenteuer. Es ist, als -ob ich brausenden, dunklen Wein trinke, und ich vergesse alles was grau -ist und hinkt. Ich sitze in einem bunten, jauchzenden Schoß, und um ihn -herum wachsen ragende Gefahren, die aber lustige Kleider tragen.« Wir -gehen durch die weiten Korridorhallen. Galawagen auf Goldrädern, -Riesendrachen aus Papiermaché, zusammengeklappte Bretterhäuser, Fässer, -allerlei Gerümpel, Kostüme mit Silberfransen, Steinen und Perlen liegen -in übermütiger Unordnung zwischen dem Mobiliar. Wir treten in die Ställe -ein: da stehen die herrlichen Schimmel mit der silberschimmernden Haut -und den Seidenschweifen, wie helle Rosen des Frühfrühlings. Und dort die -finsteren Rappen mit den großen Feueraugen. Eine kleine Treppe führt uns -abwärts in die Stallungen der Elefanten -- diese grauen, schweren -Gebäude aus Fleisch und Knochen mit den winzigen Guckaugenfensterchen. -Als wir wieder auf unseren Plätzen saßen, war die Manege mit eisernen -Gittern umzäunt. Zwei mächtige Löwen schreiten in den Käfig und hinter -ihnen die anderen Könige der Kraft. »Nero! Herkules! Agamemnon! -Odysseus! Hektor! Kambyses! Hierher! Dorthin! Willst du! _Vite, vite! -Ah, mon cher._« -- und dann wieder im gebrochenen Deutsch: »Aben Sie die -Güte, mein Freund.« Mademoiselle Claire, du grausamste Braut! Mit -erhobenem Arm, mit drohender Liebenswürdigkeit beugt sie den Willen -ihrer grimmigen Sklaven. Ihr weißer Hals lockt wie Süßigkeit, ihr -blendender Hals, das Ideal ihrer brüllenden Verehrer. »_Ah, messieurs!_ -Hektor, Agamemnon, Kambyses, _dînez s'il vous plaît_.« Und sie tafelt -ihnen blutende Leckerbissen. Das gierige Brüllen und Knurren dröhnt -durch die weiten Räume des Zirkus in aufwachsender Wildheit. Hastig eilt -der Diener herein und wieder heraus aus dem Käfig, Gerätschaften bringt -er, Kugeln, Stangen, Fässer holend, Stühle und Tische -- aus Gauklern -besteht die gefährliche Truppe. »Genug, Madame Claire!« Nero muß sich -noch auf dem Seil produzieren. Gewandt, wie ein Seiltänzer dreht er -sich, in der Mitte des Seiles angelangt, um sich selbst. »Brav gemacht!« -Seine Brüder sind schon alle gefangen in der kleinen Nacht ihrer -Wagenherberge, und er allein liegt noch ausgestreckt, wie im Sande der -Wüste, und schlummert. »Nero, wache auf! Nero, ich muß bitten« -- aber -Nero rührt sich nicht, er öffnet zwar seine gelben Augen -- und ihn auf -den Schultern nach Hause tragend, wie ein müdes Baby, durchschreitet die -furchtbare Heilige, die heilige Kriegerin, eine Siegerin das Eisentor. - -Als der Direktor seine zwei Perserhengste vorführte, sah ich zwischen -den Tönen der tanzenden Musik noch die grimmige Pranke Agamemnons, die -nach seiner Schönen ausholte und das schwärmerische Anschmiegen Neros. - -Im Eingang der Manege stehen zwei Riesenelefanten, zwei Schulräte an -Ruhe und Würde. Etliche helle und dunkle Pferdchen springen, fleißige -Schulbuben hinter einigen größeren Apfelschimmeln, die ernst und -gravitätisch in der Mitte des Zirkus haltmachen. Aber in fauler -Gemütsruhe spazieren die kleinen Elefanten herbei, und dann ungeduldig -die mutwilligen Zebras mit den glänzenden Streifen auf der Haut. Und nun -laufen sie allesamt in verschiedenem Tempo, als ob sie kanonartig das -Abc singen. - -Tatrata tönen die Trompeten und die Hörner, Reiter und Reiterinnen in -ziegelroten Tuchanzügen, galoppieren auf ihren schlanken Rennern über -Zäune und Hecken, dem Edelwild nach, den Hirschen und leichtfüßigen -Gazellen -- und da läuft ja auch der Aujust in rasender Angst durch den -weiten Manegeraum und hinter ihm ein Wild mit einer vielästigen -Geweihkrone. Die Puste jeht Aujusten aus. Er stöhnt, er schreit und -gestikuliert mit allen Vieren. »Herr Stallmeister, retten Sie mir!!!« -Und zum Schluß: Mr. Bob, _the little gentleman_, mit seiner kleinen -sechsjährigen Dame auf dem Pferde ... - -Noch in Hut und Mantel stehen die Zuschauer vor ihren Plätzen. -- Es -kann doch eigentlich noch gar nicht aus sein -- tuuht, tuuht! Über die -Manege des Zirkus senkt sich schwer von der Decke des Zirkus eine -Riesenfeuerglocke. Aujust ist durchgebrannt!! Rotumhüllte Clowns, wie in -Glut gebadet, wandeln knurrend über den Sand, immer auf und ab; die -Anführer tragen Aujustens Herz aus kariertem Zucker auf einem roten -Kattunkissen. Aber da steht er ja oben auf dem Olymp: »Aujust, sollst -mal runter kommen!« schallen tausend Stimmen durcheinander -- aber -Aujust steht drohend aufgerichtet, seine Nase ist weiß und spitz wie -eine Nadel, seine Augen sind wutrot aus den Höhlen getreten. Düstere -Zettel fliegen auf das Publikum. Er streikt, er beansprucht im Namen der -Clowngesellschaft mit beschränkter Haft erhöhten Lohn -- er droht mit -juten Witzen. Und mit einem langen Purzelbaum setzt er über unzählige -Köpfe lachender Hörer hinweg durch eine der Ausgangstüren. -- Die vielen -Lichter werden trübe, wie müde Augen -- ich und mein Begleiter sind die -letzten der Aufbrechenden -- der große Zirkus ist ganz allein. - - - - - Zirkuspferde - - - Der lieblichen Fürstin _Helle von - Sontzo_ - -Der Tempel der Pferde ist der Zirkus, ich meine, jedes Pferd will -spielen, und das heißt auf die Sprache des Wieherns, beten; alle Tiere -wollen spielen, aber welche Tieraugen brennen vor Begeisterung so tief -wie die des Rappen; die Schimmel sind fromme Pilger oder Heilige. -Päpstinnen, wie Santa Anna, Leo ritt auf ihren unbefleckten, weißen -Rücken zwischen frommen Hecken seiner päpstlichen Gärten. Ich gehe jeden -Monat in den großen Zirkustempel Busch, zu jedem Feiertag der Pferde, zu -ihrem Galadienst. Am liebsten sind mir ihre Feiern ohne vielerlei -Äußerlichkeiten, wenn sie ungesattelt ohne Reiter oder Reiterinnen sich -tanzend im Kreise bewegen, ihr eigenes Blut feiern nach Herzenslust. -Gefallen lasse ich mir die drei Geschwister Fillis im Zirkus Busch, des -berühmten, französischen Reiters Reitlinge. Die stören den Rhythmus des -Pferdespiels nicht; ihre Gestalten sind selbst schlankgeweiht dem Ritt. -Mademoiselle Fillis, die Schwester der beiden jungen Chevaliers ist -verwachsen, wie ihre Brüder, mit dem Rücken ihres wiehernden Priesters. --- Mein Vater und meine Mutter ritten durch die Akazienchausseen meiner -Heimat; meiner Mutter Edelstute wallfahrtet oft durch meine Erinnerung -und trägt mir dichterische Gedanken zu, und meines Vaters Hengst setzt -über mein Blut und läßt es aufschäumen. Ich liebe euch, ihr Pferde mit -den langen Seidenschweifen, Atlas ist eure Haut und feuerfarbener Samt -eure Augen. Solche Schönheit ist die Frömmigkeit der Pferde, gezüchtet, -spielfähig und buntgebenedeit. Ich wüßte keine andere Stätte, die den -Namen Tempel der Pferde verdiente, wie den Zirkus. Etwa der Rennstall? -Prostituiertes Pferdepriestertum. »Beten« heißt »Spielen« der Pferde und -gibt es einen lustigeren, weihevolleren Sandtempel, als den Zirkus. -- -Hochmütig ihrer Zucht bewußt, schütteln die Herrenpferde ihre Mähnen, -kehren verächtlich dem Liebesäugeln einer dreisten Lastpferdin oder -einer brünstigen Dickschenkelin ihres Pferdevolkes den Rücken. Sie gehen -keine Mesalliance ein. Glücklich macht mich der Anblick eines Reiters, -paßt er sich dem Denken seines Trägers an. Wie denkt sein Pferd, sein -wohlgepflegtes Pferd? Trabweise, sprungweise, gallopierend, immer in -Gedanken, treu seiner Bewegung. Und das überträgt sich dem Kavalier und -seiner Dame, Halbpriester der da oben, Halbpriesterin, die auf des -Pferdes Rücken. Voll Spiellust sind die Füllen; jeden Morgen wartete -ungeduldig so ein Nimmermüdes auf mich und meine Schulkameradin. Über -den Zaun auf seine Wiese sprangen wir schulvergessend -- wer von uns -drei wohl am liebsten Zeck spielte! Darum empfinde ich schmerzlich jede -Mißhandlung der Karrenpferde. Bang wie Regen fließen die dunklen Lider -über ihre trüben Augen. Wie denkt so ein Pferd? Kummer bedrückt sein -Herz und beugt seinen verhärmten Kopf. Manchmal tröstet der Braune den -Schwarzen oder der Apfelschimmel die müde Apfelschimmelin. -- Wie -futterfreudig hingegen an ihren fetten Trog denken die markigen -Erntepferde; an den Seiten des Kopfes tragen sie den blanken -Messingschmuck. Zwei, vier Kinderhände, vom reichen Schulzen die Buben, -halten sich an den Strähnen der Mähne des schnaubenden vierbeinigen -Bauern fest, und einige Plumssäcke liegen auf dem Hinterviertel seines -stampfenden, drallen Pferdeweibs. Ich liebe euch alle, ihr Pferde, auch -die Zwergpferdchen aus Gullivers Zwerglande im Zirkus Busch. - - - - - Zirkus Busch - - -»Wann fängt es an?« Daß wir nur ganz pünktlich dort sind! Ich will -lieber den ersten Aufzug einer Theaterpremiere versäumen als die -Reiterin im Quastensattel. Es hieße eine Erinnerung schießen lassen. -Erstaunte, großaufgetane Augen bekommt man im Zirkus, und die Lippen -werden rot und runden sich. Und alle Menschen, die zugucken, sind -Kinder. Das ist es: Zugucken soll man. - -Nach dem Steppenritt -- die liebenswürdige Schulreiterin im blauen -Tuchkleid; ihr folgen weißbegossene Pudel, zwei Clowns. Beim Müller -waren sie und wollen nun zum Bäcker in den Ofen. Hinter ihnen hilflos -der wirkliche August in spitzen, amerikanischen Lackschuhen, -gentlemanlike gekleidet. Auf einmal öffnet sich der Vorhang der oberen -kleinen Bühne. An stählernen Recken strecken sich schmiegsame -Menschenleiber, wie Katzen hin und her auf Samthänden und leisen Füßen. -Aber unten in der Manege stampfen schon die schwarzen Zigeunerpferde. -Ich liebe die Pferde. Es sind gestaltgewordene Sagen, Legenden, Märchen -aus Tausendundeiner Nacht. Wann setzen die wiehernden Paschas über den -Bankzaun, im Kreis den Sand aufwirbelnd zur Wolke! Ihre Nacken schmückt -der Halbmond mit dem Stern. Oben vom Gipfel des Zirkus braust ein -Marsch. Ich hörte ihn schon am Bosporus; Abdul Hamids Sohn hat ihn -vertont. -- -- -- - -Die Kristallkronen senken sich majestätisch, der bunte Riesenraum wird -zu einem Krönungssaal. Die Ringer warten schon vor der Halle. Schlanke -Königssöhne aus dem Norden, ihre Schultern sind dunkelvergoldet von der -Mitternachtssonne. Dichtungen werden Wahrheiten. Johannes Josefsson, ein -isländischer Achill, er führt den Heroentanz der Kraft auf. Ich muß an -den schönen Halbgott denken, noch zwischen den Indianern, Farmern und -Cowboys. Eine interessante Häuptlingspantomime. Man bekommt Lust, -mitzupantomimen. Ich halte die übliche verzuckerte Nußstange noch -unberührt in der Hand. -- -- - -Morgen Mittwoch acht Uhr, große Galavorstellung. - - - - - Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag) - - Max Brod - - Die Höhe des Gefühls - - Szenen, Verse, Tröstungen - - 25 Exemplare auf Bütten, vom Autor signiert in Ganzleder gebunden - je Mark 15.-- - - Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50 - -_Berliner Tageblatt_: Der Titel »Die Höhe des Gefühls« bezeichnet einen -Zustand außerordentlicher seelischer Steigerung, der ein Hinausgehen -über die sonstigen Grenzen der lyrischen Form zum szenischen Bilde -notwendig macht, indem der Träger des Gefühls sich selbst in den -leidenschaftlichen Beziehungen zur Umwelt darstellen muß. Durch eine ins -Großartige aufstrebende biblische Düsterkeit und Erlebniskraft erhebt -sich das Schlußstück »Die Arche Noah« zu einer Musik des Wortes und -Sinnes, die man als ein poetisches Oratorium ansprechen möchte. - -_Neue Freie Presse, Wien_: Es dünkt mich das innigste, echteste und -zugleich kühnste, selbstbewußteste der Brodschen Bücher. Hier gab der -Dichter vielleicht sein Tiefstes: ein Paradigma der Menschheit, ihrer -Irrungen und Versuchungen, ihrer Verstrickungen und Erlösungen in Form -einer kurzen und gedrängten, phantasievoll vergegenwärtigten Szene. -Irgendein Unsagbares schwingt hierbei noch mit, das ich nur durch das -Wort »Musik« anzudeuten vermag. - -_Die Zeit, Wien_: Etwas Weltabgewandtes, Abseitiges, nach innen -Gekehrtes, das mit unserem Gefühls- und Gedankenleben mehr zu tun hat, -als Krieg und Börse, zieht uns mit seltsamer Gewalt zu diesen Blättern -und dennoch spürt man verhalten den heißen Atem unserer Zeit darin. Über -die neue Gabe des jungen Prager Dichters wird man sich freuen: sie -gehört zu den in unserer Zeit so seltenen reifen und harmonischen -Büchern, die gleichweit von erdfernem Optimismus und kokett-ironischer -Weltschmerzlichkeit entfernt sind. - -_Prager Tageblatt_: Brods Kunst erscheint hier wunderbar gesteigert, -losgelöst vom stofflichen Zwang, wie auf Flügeln die Welt durchmessend. -Der Verlag hat dem Werk übrigens ein ganz erlesenes Kleid gegeben. - - - - - Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag) - - Max Brod - - Über die Schönheit häßlicher Bilder - - Ein Vademecum für Romantiker unserer Tage - - Geheftet Mark 3.50 Gebunden Mark 4.50 - -Ein ernstes und dabei bizarres Bekenntnisbuch Max Brods, das -eigensinnige, höchst individuelle Credo dieses Dichters. Man kann sagen, -daß sein Schaffen durch das vorliegende Buch, in dem der Dichter -fast ausschließlich von sich selbst und seinen äußersten -Gedankenverfaserungen spricht, in ganz neuem Lichte erscheint. Das Buch -ist zum tieferen Verständnis der vorhergehenden Werke Brods unerläßlich. -Wir sehn hier ein heftiges Temperament und seine Opposition gegen unser -mechanisiertes, amerikanisiertes, philiströs-kaufmännisches Zeitalter -äußern. Aber diese Opposition ist alles andere als griesgrämig. Sie -versteckt sich oft sogar hinter einem lustigen Lob des Verabscheuten, ja -sie baut eine ganze phantastische Theorie der »Schönheit des -Geschmacklosen« aus. Die Greuel kitschiger Bilder, Kino und Panorama, -Chansonetten und Ausstattungsstücke, häßliche Möbel und konventionelle -Schauspielkunst werden in unterhaltendster Paradoxie in den Himmel -erhoben. Hinter dem komplizierten Gewebe von Spott und ironischer -Verliebtheit schlägt aber immer wieder die Liebe zum Begeisternden, zu -den Sternen, zu Smetana und Berlioz, zum Meister Flaubert und zu dem -nach Ansicht des Dichters bedeutendsten Zeitgenossen Robert Walser -durch. So ist dieses Buch eigentlich nur ein eigenwilliger, aber doch -ein Weg zum Ideal und zur Befreiung des Menschen im Absoluten, im Reiche -des Erhabenen und Schönen. Unbeirrbar steht hinter jedem der -unberechenbaren Seitensprünge und humoristischen Exkursionen der große -Ernst dieses Dichters. Max Brod hat in seinem gleichzeitig erschienenen -(mit Dr. Felix Weltsch gemeinsam verfaßten) philosophischen Buch -»Anschauung und Begriff« die exakte Basis gegeben, auf der er sich so -kühne Scherze erlauben darf, die in anderem Zusammenhange vielleicht -frivol klängen, während sie hier nur von der unbefangenen, nietzschehaft -heiteren Luft um diesen sicheren Tänzer Kunde geben. - - - - - Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag) - - Franz Werfel - - Wir sind - - Neue Gedichte - - In vorzüglicher Ausstattung / Druck der Offizin W. Drugulin - - Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte Expl. auf - schwerem Japanbütten in Ganzlederbd. M. 35.-- - - Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50 - -Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt gewordenen -Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war: die Fülle -der Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen Poeten, wird hier -gesteigert zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdischen -will seine Dichtung beharren, sie versucht dem Göttlichen im Gefühl -aller Menschheit näher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie -die Psalmen des Alten Testaments; sein Werk hat die Stärke und -Verkündigung eines neuen Ethos. - - Urteile über Franz Werfel: - -_Wilhelm Herzog_: »... ein ganz junger, ganz großer Dichter. Wenn -irgendwo, so ist hier die neue Kunst.« - -_Frankfurter Zeitung_: »... ein ganz großer Dichter, mit allem Ernste -sei das gesagt.« - -_Neue Rundschau_: »... Withmans kosmische Liebe und Goethes -unersättliche Lust zu fühlen, hat sich Werfel durch das Recht der -Wiedergeburt zu eigen gemacht.« - -_B. Viertel im »Strom«_: »Diesem jungen Dichter fügt sich das Leben, -indem es ihn entzückt, in leichte, zarte, schwebende Formen. Alles ist -neu, alles ist noch Ereignis, ist Ekstase.« - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend -beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 15]: - ... nehmen sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ... - ... nehmen Sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ... - - [S. 18]: - ... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf dem Kopf ... - ... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf den Kopf ... - - [S. 21]: - ... sich an ihrer Schrift, und den Inhalt, den ... - ... sich an ihrer Schrift, und der Inhalt, den ... - - [S. 22]: - ... aber deren Inhalt voll Leben sprudeln; Handschriftkünstler, ... - ... aber deren Inhalt voll Leben sprudelt; Handschriftkünstler, ... - - [S. 38]: - ... wie das Wasser aufspritzt. »Das nur nicht die neuen ... - ... wie das Wasser aufspritzt. »Daß nur nicht die neuen ... - - [S. 41]: - ... Besitzer dieser Fuhrunternehmen treffen. Vorwurfsvoll ... - ... Besitzer dieser Fuhrunternehmen trifft. Vorwurfsvoll ... - - [S. 78]: - ... Kampfstimmung, er hat tagüber Aufsätze schreiben ... - ... Kampfstimmung, er hat tagsüber Aufsätze schreiben ... - - [S. 87]: - ... Sitte.) »Reisen Sie mich nicht immer aus meinen ... - ... Sitte.) »Reißen Sie mich nicht immer aus meinen ... - - [S. 99]: - ... teilte ihr meinen Entschluß, daß, falls sie mir das ... - ... teilte ihr meinen Entschluß mit, daß, falls sie mir das ... - - [S. 111]: - ... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, geschmeidige ... - ... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, geschmeidiger ... - - [S. 135]: - ... vor diesen pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ... - ... vor dieser pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ... - - [S. 166]: - ... dînez s'il vous plaït.« Und sie tafelt ihnen ... - ... dînez s'il vous plaît.« Und sie tafelt ihnen ... - - [S. 169]: - ... liebsten sind mir ihre Feier ohne vielerlei Äußerlichkeiten, ... - ... liebsten sind mir ihre Feiern ohne vielerlei Äußerlichkeiten, ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Gesichte, by Else Lasker-Schüler - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE *** - -***** This file should be named 53239-8.txt or 53239-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/2/3/53239/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Gesichte - Essays und andere Geschichten - -Author: Else Lasker-Schüler - -Release Date: October 9, 2016 [EBook #53239] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter"> -<h1 class="title"> -Gesichte -</h1> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Essays und andere Geschichten</span><br /> -<span class="line2">von</span><br /> -<span class="line3">Else Lasker-Schüler</span> -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">1914</span><br /> -<span class="line2">Verlag der Weißen Bücher, Leipzig</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="run"> -2. Auflage -</p> - -<p class="cop"> -Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig -</p> - -<p class="printer"> -Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig -</p> - -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Inhalt -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col_page">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Sterndeuterei</td> - <td class="col_page"><a href="#page-9">9</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Handschrift</td> - <td class="col_page"><a href="#page-18">18</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup</td> - <td class="col_page"><a href="#page-24">24</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Künstler</td> - <td class="col_page"><a href="#page-27">27</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">In der Morgenfrühe</td> - <td class="col_page"><a href="#page-30">30</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck</td> - <td class="col_page"><a href="#page-32">32</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Arme Kinder reicher Leute</td> - <td class="col_page"><a href="#page-37">37</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Am Kurfürstendamm</td> - <td class="col_page"><a href="#page-40">40</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die beiden weißen Bänke vom Kurfürstendamm</td> - <td class="col_page"><a href="#page-43">43</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Odenwaldschule</td> - <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Lasker-Schüler contra B. und Genossen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-48">48</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Coranna</td> - <td class="col_page"><a href="#page-55">55</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die schwere Stunde</td> - <td class="col_page"><a href="#page-57">57</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Peter Hille</td> - <td class="col_page"><a href="#page-59">59</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Karl Kraus</td> - <td class="col_page"><a href="#page-66">66</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Loos</td> - <td class="col_page"><a href="#page-69">69</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Oskar Kokoschka</td> - <td class="col_page"><a href="#page-72">72</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Peter Baum</td> - <td class="col_page"><a href="#page-74">74</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Franz Werfel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-76">76</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">S. Lublinski</td> - <td class="col_page"><a href="#page-77">77</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Paul Leppin</td> - <td class="col_page"><a href="#page-83">83</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Richard Dehmel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-85">85</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Max Brod</td> - <td class="col_page"><a href="#page-86">86</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Alfred Kerr</td> - <td class="col_page"><a href="#page-87">87</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Bei Guy de Maupassant</td> - <td class="col_page"><a href="#page-89">89</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Albert Heine</td> - <td class="col_page"><a href="#page-100">100</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Karl Vogt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-101">101</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Paul Lindau</td> - <td class="col_page"><a href="#page-102">102</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Bei Julius Lieban</td> - <td class="col_page"><a href="#page-104">104</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Friedrich von Schennis</td> - <td class="col_page"><a href="#page-107">107</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tilla Durieux</td> - <td class="col_page"><a href="#page-109">109</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Paul Zech</td> - <td class="col_page"><a href="#page-112">112</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Rudolf Blümner</td> - <td class="col_page"><a href="#page-113">113</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">William Wauer</td> - <td class="col_page"><a href="#page-115">115</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Wauer-Walden via München und so weiter</td> - <td class="col_page"><a href="#page-117">117</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1"><a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>Emmy Destinn</td> - <td class="col_page"><a href="#page-122">122</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Franziska Schultz</td> - <td class="col_page"><a href="#page-126">126</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Kete Parsenow</td> - <td class="col_page"><a href="#page-127">127</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ruth</td> - <td class="col_page"><a href="#page-128">128</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Unser Café</td> - <td class="col_page"><a href="#page-130">130</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Marie Böhm</td> - <td class="col_page"><a href="#page-133">133</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Alpenkönig und der Menschenfeind</td> - <td class="col_page"><a href="#page-135">135</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Egon Adler</td> - <td class="col_page"><a href="#page-138">138</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ein Amen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-141">141</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Wenn mein Herz gesund wär —</td> - <td class="col_page"><a href="#page-143">143</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Eisenbahnräuber</td> - <td class="col_page"><a href="#page-150">150</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Im neopathetischen Kabarett</td> - <td class="col_page"><a href="#page-152">152</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Kabarett Nachtlicht, Wien</td> - <td class="col_page"><a href="#page-154">154</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Apollotheater</td> - <td class="col_page"><a href="#page-158">158</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tigerin, Affe und Kuckuck</td> - <td class="col_page"><a href="#page-161">161</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Im Zirkus</td> - <td class="col_page"><a href="#page-163">163</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Zirkuspferde</td> - <td class="col_page"><a href="#page-169">169</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Zirkus Busch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-172">172</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<div class="frontmatter"> -<p class="ded"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -<span class="line1">Dieses Buch schenke ich</span><br /> -<span class="line2">Kurt Wolff</span> -</p> - -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Sterndeuterei -</h2> - -<p class="attr"> -<em>St. Peter Hille</em> in Ehrfurcht -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">oll</span> Ihr Leib noch länger mit seinen Sternen in -der Hand Ihres Arztes liegen, und wie lange -überlassen Sie ihm noch Ihren Verstand? Fragen -Sie einmal so im Vorübergehen den Doktor, ob er -von Ihrem Sternensystem eine Ahnung hat. Oder -wenden Sie sich an einen Irrenarzt, der am gründlichsten -Bescheid wissen müßte von der Astronomie -des Menschen; sitzt er doch an seinem Pol, wie ein -falscher Gott am Scheidewege, wo sich der Stern -vom Chaos trennt. Es gibt gar keinen Irrsinn im -Sinne der Eisenbärte, aber wer wird mich nicht verspotten, -wenn ich behaupte, es gibt eine Veränderung -im Chaos des Menschen. Darum sind Ihre Leiden -aus keinem anderen Grunde entstanden, als aus allzu -wuchtigen Sternenvorgängen. Senkte sich unerwartet -Ihre Sonne in eins Ihrer Meere? Jedwede Behandlung -Ihres Arztes ohne genaue astronomische -Kenntnis Ihres Planeten ist ein Vergehen. Unbeschreiblich -friedlich stimmt es, einen Mond in sich -zu fühlen, und wer ihn in sich trägt, steht im verwandtschaftlichen -Verhältnis mit dem Großgehenden -da oben. Nach einem Schwächezustand, den ich überwand, -meine Tore standen noch unbefestigt, fühlte -ich den Durchgang des Vollmonds dicht an dem -meinen vorbei, wie ein leichtes Beben. Nicht dieser -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Vorgang war ein krankhafter, aber durch die Kraft -des Vorgangs erlitt ich Sternenschaden. Ich war -noch lange nach diesem Ereignis eingehüllt in schwermütigen -Wolkengedanken. Glauben Sie, die Erde -leide etwa nicht noch durch die kürzlich erlittene, erduldete -Kometkraft? Denken Sie an Maria, durch -die Gott schritt. Das wird noch einmal geschehen, -noch ewigkeitsmal, immer nach Gottesdrehung, er -wendet sich durch Maria. Sie leidet das höchste Fest -durch das Gottwillkommen, sieben Schwerter krankt -ihr Herz. Wir sind das feinste Werk aus Sonne, -Mond und Sternen und aus Gott. Wir sind seine -Inspiration, seine Skizze zur großen Welt. Ich -spreche nicht in Symbolen, obschon Symbole die -Schatten großer Wahrheiten sind, Milderungsgründe: -wenn etwas Ihren Horizont übersteigt. Sie -setzen das allzu klare Licht mit gewisser Überlegenheit -gern ins Dunkle. Ich möchte aber die Nacht von -Ihnen nehmen, wachen Sie auf durch meine Raketensterne! -Ich bin ja keine Gelehrte. Aber wenn ich -Menschen medizinisch behandelte, würde ich sie -„regnen“ lassen, Luft in weiten Kreisen „atmen“ -lassen. Mancher Menschplanet erstickt an Dürre. -Ich würde die verwandtschaftlichen Sterne ausfindig -machen, die mit meinem Planetpatienten in irgendeinem -Zusammenhang stehen könnten; namentlich, -wenn es sich um eine epidemische Ursache handelte. -Den kleinen Mars des Menschen kann man nur mit -dem gröberen, großen Mars der Welt impfen. Ich -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -kenne Leute, die unter dem Zusammenstoß ihrer Fixsterne -leiden. Es sind schlechte Pächter ihrer Welt. -Jeder Schlaganfall ist ein Zerbersten zweier vom -Wege geirrter Sterne. Die Folge dieser Folge erst -ist der Tod. Ich bitte Sie nicht, an sich herauf und -herunter zu suchen; Sie sehen Ihre Sterne nicht, -das was Sie betasten können, ist Chaos. Und weil ich -vom Unantastbaren des Menschen spreche, glauben -Sie nicht an meine Medizin und halten mich für eine -Kurpfuscherin. Aber wer an meine Dichtungen -glaubt, die man auch nicht in die Hand nehmen kann, -und doch vorhanden sind, wird auch nicht zweifeln an -den Sternen der Menschen, wovon ich ihnen erzähle. -Sind Sie nicht reicher, als Sie glauben? Ich spreche -von Ihrem Unsichtbarsten, von Ihrem Höchsten, das -Sie nicht greifen können, wie die Sterne über Ihnen. -Sind Sie nicht reicher, als Sie fassen können! Oder -haben Sie schon einmal ein Stück Mond gegessen? -Sie würden immer nur sein Chaos greifen, wie der -Arzt Ihr Fleisch, daraus er keinen Stern formt. Der -Doktor hat mich längst überführt, indem er mit dem -Messer diese Leiche sezierte: „Der Tote ist an -Schwindsucht gestorben, am Zerbersten der Lunge.“ -Ihr Doktor hat doch keine blasse Ahnung von meiner -Medizin. Allerdings ist dieser Tote an Tuberkulose -gestorben, an der Folge seiner und des Arztes Unkenntnis -seines Sternensystems. Und was ich von -einer Epidemie halte? Die ist die Folge der Sintflut -im Massenmenschsternensystem, ein Bacchanal tausender -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -Sterne, daran alle Bruchteile, alle ungeordneten, -unberufenen Fleischchaosse zersplittern. Ich -glaube darum an Wunder, an ungestaltete Medizin. -Wer aber kann sie mischen! Jesus von Nazareth tat -Wunder, er ergriff die keimenden Sterne und trennte -sie von den faulen und erweckte die Erblaßten an -ihrer noch verglühenden Sternschnuppe. Der Nazarener -wandelte durch das Sternensystem des Menschen -und erlebte die Welt so tief und ging in Gott -ein, und Gott in ihn, darum man ihn verwechselt -noch auf den heutigen Tag mit Gott. Moses der -Prophetarzt erkannte den Gott seines Volkes, heilte -es und machte es stark. Eine Sage meiner Bücher -sagt von einem Derwisch, der sein Herz in die Hand -nehmen konnte und doch lebte durch die Kraft seiner -Sterne. Wir sind das glühendste Werk von Mond -und Sternen, nach unserm Modell hat Gott die große -Welt erschaffen, in der wir: Ureigentum in unserer -erweiterten Kopie leben ... -</p> - -<p> -Ureigentum noch unverblaßt zu begegnen, erlebe ich -überraschend oft. Diese testamentarischen Sehenswürdigkeiten, -Übertragungen, die an Wert nicht einzuschätzen -sind! Ich meine nicht die gemütlichen Hausväter -aus der alten, guten Zeit oder den Waldmenschen, -oder den aus der nackten Körperkultur oder -den Zwiebelasketen. Merkwürdig, daß man gerade in -den Irrenanstalten Gesichte erblickt aus allererster -Sternzeit; Bilder, alte Meister, Menschen, die erstarrt -sind in der Vision. Und kein Arzt weiß sie aus -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -dem Augenblick der Erscheinung zu führen, wie aus -engem Rahmen. Ich besuche diese scheintoten Galerien; -mich lieben die unverstandenen, verfangenen -Gesichte. Etwa weil ich ihnen den richtigen Platz zu -geben vermag? O, ihre Angstgefühle! Die andern -testamentarischen Gestalten unterscheiden sich von den -irrenden Denkmalbildern ihres ungestörten Sternenlaufs -wegen. Solchen Sterngeschöpfen geschehen -Wunder. Wie St. Peter Hille, er hatte noch mit -Moses und Jesus von Nazareth gesprochen und mit -Buddha, und erzählte von ihnen, wie der Urenkel -etwa von seinem Großvater Goethe. Das war der -unumstößliche Beweis von der ersten Leuchtkraft -Gottes in St. Peter Hille. Ich gehöre nicht zu den -Spiritisten; Spiritismus ist Epigonentum, Nachahmung, -gewalttätige Wunder. Um wirkliche Visionen -zu erleben, muß man noch in der ersten Leuchtkraft -Gottes sein. So ein gotterhaltener Mensch ist -fromm und selbst Inspirationen fähig. Aus Isaaks -weitem Munde seh’ ich viel im Traum Sterne aufsteigen, -die er benennt nach Gottes Einverständnis. -</p> - -<p> -Die hungrige Zeit fraß meine Leuchtkraft goldweise. -Aber ich kann erzählen von der Astronomie des Menschen, -wenn ich auch in meinen ersten zehn Jahren -noch zwischen weichem Dunkel, zwischen ungeordneter -Nacht, im Chaos lag. Ich war wie ungeboren neben -meiner Mutter, noch ganz Chaos. -</p> - -<p> -Das Kind ist nicht fromm, es ist dumpf. Dieser Irrtum! -Fromm kann nur der wissende Mensch sein, -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -aber nicht jeder macht die sechs Schöpfungstage in -seiner Hülle durch und wird Stern, und wenige nur -den Sonntag. Wie viele Heilige gibt es und doch ist -jeder Andächtige oder Lauschende, jeder Staunende -oder Liebende ein Heiliger. Wenn Jesus von Nazareth -die Kinder rief, so fühlte er Verantwortung mit -ihnen, mit dem Chaos, das sich entfalten werde. Er -wußte, wie weit der Weg zum Sterne war. Die -Kinder sind wie die Lämmer so dumpf. Darum beleidigt -mich das irrige Wort: Jesus das „Lamm“ -Gottes. Solche Unschuld ist eine Chaosunschuld, und -der Nazarener war der Sonntag der Schöpfung. Der -Jude hat sich mit ihm der vollendetsten Welt entledigt. -Sagte der Sonntägliche doch zu einem der -Mörder am Kreuztag: „Wahrlich, ich sage dir, heute -wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Der Jude, der -den Himmlischen verstößt, beweist, daß er ein Bürger -ist, um nichts weniger der Mensch des Abendlandes, -der den verlornen Gott der Juden aufnahm, ihn sich -erzog und erwog nach seinem lammblutenden Wort. -Im Menschen bereitet sich immer Fleischdumpfheit, -Chaos, Fleischsehnsucht; Gott aber ist umgestaltet, -ungerahmt und breitet über alles sich. Wir reden -immer zu dem Chaos des Menschen, wollen wir ihn -gewinnen, denn der Stern ist böse, darum sind wir -alle einmal krampfhaft enttäuscht in Gott. Wir -finden in ihm kein Chaos, keinen faßbaren Schlupfwinkel. -Er sandte darum seinen Sohn, das heißt, er -kam in Menschgestalt zur Erde. Solcher Umgestaltung -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -Demut vom Stern zum Chaos ist nur ein Gott -fähig. Nie war solche Dunkelheit je auf Erden und -am Himmel und im Menschen wie in der Zeit des -Gottbesuchs. Dem Priester und Pharisäer flößte -seine Betastbarkeit Mißtrauen ein, der Armselige -umklammerte den vertriebenen Götzen aus Fleisch -und Blut wie einst am Fuß des Mosesberges das -goldene Kalb. -</p> - -<p> -Sie wollen noch wissen, wie lange sich der Menschplanet -erhält. Die meisten Menschen werden nicht -älter und nicht jünger als sechzig Jahre. Jesus von -Nazareth ist gottalt wie die Ewigkeit. Moses war -zehntausend Jahre, als die Tochter Pharaos ihn im -Korbe fand. Und von dem Propheten St. Peter Hille -möchte ich sagen: Niemand wußte um seinen Geburtstag. -Meine Mutter war dreimal sechzehn Jahre -alt, mein Vater erlebte sechsmal seine tollsten -Knabenstreiche. Wie schätzen Sie mich ein? Ich bin -David und tue Simsontaten, ich bin Jakob und deute -die Träume der Kühe und Ähren. (Oder zweifeln -Sie daran, daß mich meine Brüder verkauft haben, -das Bürgermillion!) So verwirrt sich die Zeit der -Vergangenheit im Menschen. Heute bin ich eine -Dichterin, und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, daß -meine Dichtung keine Gehirnkarte geworden ist mit -Farben, lila, grün, rot gefärbt. Meine Bekenntnisse -nehmen <a id="corr-0"></a>Sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin -verschwenderisch, das liegt in meinem Sternsystem. -Es kommt mir selbst nicht darauf an, einige Monde -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -meines Planeten fallen zu lassen. Auch mit meinem -Chaos, ohne das Chaos kommt kein Mensch davon, -hat es eine besondere Bewandtnis. Darüber möchte -ich schweigen, aber eines kann ich Ihnen sagen, wir -Künstler sind einmal bis ins tiefste Mark und Bein -Aristokraten. Wir sind die Lieblinge Gottes, die -Kinder der Marien aller Lande. Wir spielen mit -seinen erhabensten Schöpfungen und kramen in seinem -bunten Morgen und goldenen Abend. Aber der Bürger -bleibt Gottes Stiefsohn, unser vernünftiger -Bruder, der Störenfried. Er kann nicht heimisch -werden mit uns, er und seine Schwester nicht. Verwechselt -die lärmende Bürgerin oder die zur Hure -gewordene Magd nicht mit dem spielenden Sternenmädchen, -die den Tanz aus nackter Scham tanzt! — — -</p> - -<p> -Wohin mir doch heute alle meine Sterne geleuchtet -haben! Immer muß ich wiederholen, der Arzt sollte -sich auf die Astronomie des Menschen verstehen. -Welcher von Ihren Hausärzten wäre imstande, eine -Sonnenfinsternis in Ihnen herbeizuführen, geschweige -den Stillstand Ihres Planeten? -</p> - -<p> -Ich sehe Ihre Kanäle, Ihre Berge auf Ihren -Sternen und Ihren Mond aufgehen hinter Ihrer -Stirn. Jeder Schmerz und jedes Freudegefühl, Vernichtung -oder Erhebung ist ein neues Bild Ihres -Sternensystems. Sie sterben eigentlich an zerborstenen -Sternen oder Erkaltung Ihrer Sonne oder -an Finsternis. Wenn nur Ihr Leben den Höhepunkt -erreicht hat vor dem Zerfall Ihres Chaos: den -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -Himmel. Aber wenn er Ihnen nicht auf den Kopf -paßte? Vom Blitzstrahl getroffen, das Chaos gespaltet, -einzugehen in die Allmacht ist Seligkeit. So -lausche ich auf mich. Aber der Bürger belauert sich, -der Kranke in Arzthand betrauert sich, weil er keine -Achtung vor dem Schmerz hat. Ich bin müde — wie -ich mir entkomme, ein Schatten aus Mond und -Sternen, riesengroß fiel ich um Mittag und sinke -nun ein in meinen eigenen Planeten. Ich habe einen -kritischen Tag hinter mir, manche Menschen wichen -mir furchtsam mit den Augen aus. Einem kleinen -Mädchen bohrte ich im Anblicken ein Loch in die -Brust. Solche Kraft macht traurig. Ich sehne mich -nach Glück, nach ihm, nach Hascha-Nid, dem goldhäutigen -Sohn des Häuptlings. Der spielt mit sich, -treibt und lockt die Sterne über seine Grenzen, ein -göttliches Spiel, Wirbel und Wüstenwind. Ich liebe -ihn, weil er so reich und rein an Sternen ist, und -ich staune vor solch verschwenderischen Launen ... -Aber das geht Sie nichts an. Gern hätte ich Ihnen -noch vom Himmel erzählt. Später, wenn ich ihn -erreiche und Gott — -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Gott, wo bist du?</p> - <p class="verse">Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,</p> - <p class="verse">Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,</p> - <p class="verse">Wenn goldverklärt in deinem Reich</p> - <p class="verse">Aus tausendseligem Licht</p> - <p class="verse">Alle die frühen und die späten Brunnen rauschen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -Handschrift -</h2> - -<p class="attr"> -Dr. <em>Otto Jahnke</em> mit dem seltenen Handschriftsbild -</p> - -<div class="epi"> -<p class="noindent"> -Für den Künstler der Handschrift ist -der Inhalt seines Schreibens nur ein -Vorwand, wie für den Maler das Motiv -seines Bildes. -</p> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> habe beobachtet, daß Kinder und Große so -recht in Gedanken versunken, mit der Feder, mit -dem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann ganz unbewußt -bemüht waren, schöne oder verschnörkelte -Buchstaben und Worte zu schreiben; sich dann später -selbst über die Bedeutung des Geschriebenen wunderten. -Auf einmal steht auf dem weißen Rand der -Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder -blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf <a id="corr-1"></a>den Kopf -gestellt, ich meine ein xbeliebiges Wort in Spiegelschrift -geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde Gefühl -beim Ansehen einer interessanten Handschrift wie bei -einer guten Federzeichnung oder einem Gemälde. Und -doch möchte ich darum die Handschrift nicht mit der -Malzeichenkunst in einen Farbentopf oder in ein -Tintenfaß werfen. Aber der, welcher sich verzweifelt -nach einem Talent sehnt, möge es zunächst in seiner -Handschrift suchen. Oft hat schon der Lehrer sie im -Keim erstickt. Den meisten bleibt die Schrift nichts -wie Inhalt — die Nachricht erfreut ihn, ärgert ihn, -namentlich wenn sie noch dazu undeutlich geschrieben -ist. Warum höre ich nie jemand sagen: Erklären Sie -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -mir diese oder jene Handschrift. Ich meine nicht des -sprachlichen Verständnisses wegen, auch nicht aus -graphologischem Grunde; rein künstlerisch! Wie ja so -oft die Frage aufgeworfen wird vor einem Bildnis. -Es hat noch nie jemand von einer Handschrift den -alltäglichen Ausruf getan: „Die ist mir zu hoch!“ -Und doch gibt es gerade Meister dieser Schulmeisterkunst. -Diejenigen sind’s, die sich im Klassenzimmer -Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es geht ihnen -wie dem Genie, welches die Kunstschule ausspie. -Handschrift ist erblich wie jedes Talent. — Für mich -kommt kaum der Inhalt eines Briefes in Betracht; -ich kann mich für den Schreiber nur seiner Buchstaben -wegen interessieren. Und es geschah schon, daß -ich ganz entzückt einen unverschämten Brief beantwortete -und umgekehrt. Die Schrift ist ein Bild für -sich und hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Jeder -lernt schreiben, eine Menge Menschen haben es in -ihrer Handschrift zur Kunst gebracht. Und darum -auch gibt es in keiner Kunst so viele Epigonen, wie -in der Kunst der Buchstaben. Für diese Nachahmer -ist jeder Buchstabe ein Gestell, dem sie einen Mantel -umhängen, den ein anderer gewebt hat, sie verstehen -eben ihre Blöße zu bemänteln. Die alltäglichsten -Epigonen sind reichgewordene Frauen, die sich bemühen, -ihre so oft charakteristische Ladenmädchenschrift -zentimeterhoch heraufzuschrauben direkt zu hochmütigen -Gänsehälsen. Der Mann möchte Bedeutung -in seine Schrift legen und ahmt der Hand des ihm -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Geistigüberlegenen nach. Ungemein sympathisch berührt -mich die sogenannte Tatze, die Schrift der -Knaben, wenn sie den Aufsatz ins Diarium schreiben. -Hier diese Zeilen hat ein Mädchen vorsichtig und -sanft geschrieben. Manchmal lachen auch Briefe oder -sind erbittert, die Schrift riecht fast nach Galle. -Meines Freundes Brief blinzelt, eine Faunlandschaft. -Dein Onkel schreibt eine kleine, rundliche, -gleichmäßige Handschrift wie Taler. Geizhals ist er, -aber ein Handschriftenkünstler wie mein Freund der -Faun. Interessant sind die spitz auslaufenden Buchstaben -auf dieser Seite, jedes Wort ein Wolfsgebiß. -Und doch kein Tiergemälde. Interessant wirkt auf -mich die Korrespondenz, die ich erbrach zugunsten der -Kunst, zwischen Karl Kraus und Herwarth Walden. -Alte und neue Meisterstücke. Ich sprach schon einmal -in meinem Essay über die Kunst in Karl Kraus’ -Buchstaben. Seine Handschrift ist ein Dürergemälde. -Meine Handschrift hat als Hintergrund den -Stern des Orients. Oft sagten mir Theologen, ich -schreibe deutsch wie hebräisch oder arabisch. Ich denke -an der späten Ägypter Fetischkultur; ihnen ging aus -dem Buchstaben schon die Blüte auf, der Zwischenduft, -der Handschrift mit Zeichenmalkunst verbindet. -Mir fallen noch die Schriften der Chinesen und -Japaner ein. — „Die Mitternacht zog näher schon, -in stummer Ruh’ lag Babylon“ — die plötzliche -Geisterschrift an der Wand entsetzte die berauschten -Gäste nicht des Inhalts wegen, das furchtbare -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Schrift<em>bild</em> war es. Sie <em>erblickten</em> den Inhalt -des Fluches. Darum ist auch das Verständnis zur -Kunst ein Seltenes und Erhabenes — es liegt uns -im Gesicht und geht uns vom Gesicht aus. — Die -Kaufmannshandschrift — ich möchte noch vorher -fragen, hat schon einer der Leser einmal ein Lebenszeichen -vom Dichter Peter Baum bekommen? Nämlich -gerade bringt mir der Postbote so ein Sommerbildchen, -Buchstaben: Mückenschwarm, der zerstreut -in der Sonne tanzt. Seine Karte blendet. Ich bin -bei der Kaufmannshandschrift — phantasielos, nüchtern, -sie liegt bewegungslos auf dem Papier. Kühle -Tatsache. Der kaufmännische Reisende dreht seinen -Buchstaben eitel den Schnurrbart. Stutzig machen -mich Briefe, die vom Geschäftsmann geschrieben sind -und von der Buchführung doppelt abweichen. In -dem Schreiber steckt sicherlich das Handschrifttalent. -Es gibt auch Launen der Schrift. Kinder, die erst -morgen dem Christkind schreiben wollen, da sie heute -nicht schön schreiben können. Meiner Mutter Briefe -waren schwermütige Zypressenwälder, meines Vaters -Schrift reizte zum Lachen, humoristische Zeichnungen -aus dem Struwelpeter. Kohlrabenpechschwarze Mohren -oder der böse Nikolas steckt die Jungens ins -Tintenfaß. Gelungene, amüsante Überschwemmungen -von Tinte waren die Briefe meines Vaters. — Es -gibt auch Schriftinspirationen, viele Menschen berauschen -sich an ihrer Schrift, und <a id="corr-2"></a>der Inhalt, den -sie aufschreiben, ist nur Vortäuschung. Ich schreibe -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -oft, um mich durch meine Schrift zu erinnern, mein -Vater, um sich zu ergötzen. Meine Schwestern schreiben -zweierlei: die älteste: Reisebilder, die andere: -Kinderbilder. Der einzige Plastiker der Handschrift, -den ich kannte, war St. Peter Hille, Petrus — er -schrieb Rodins. Wie viel deutlicher gemalt ist das -tiefsinnigste Bildnis, als die ausgeschriebene Handschrift -(rein künstlerisch verstanden). Aber auch die -kann dilettantisch sein, wenn sie ohne Tiefe und Geist -und nur aus Ausübung entstanden ist. Manche sogenannte -schöne Schrift allzu deutlich, Ölbilder nach -Sichel. Lieber ist mir schon die Pfote von Aujuste. -Ihr Brief und die Antwort vom Schatz geben sich -einen Schmatz. Derbe Genrebilder. Vielerlei gibt’s -davon. Ähnlich wie die Köchin schreibt das Dienstmädchen, -die Kellnerin, das kleine Mädchen, die kecke -Hure. Aber loser geheftet, unordentlicher ihr Brief, -ein leicht schaukelndes Gerippe. Weit eher ist die -Demimonde eine Epigonin. Sie stiehlt lächelnd und -liebkosend die Buchstaben der Originale oder versteht -wie die Sprache auch die Schrift ihres in Fesseln -gelegten Herrn zu kopieren und zu belecken. — Habe -ich schon gesagt, daß es auch Stilleben in der Handschrift -gibt, zehn Seiten lange Briefe, die schlafen, -aber deren Inhalt voll Leben <a id="corr-3"></a>sprudelt; Handschriftkünstler, -die schulakademisch erzogen und erwogen sind. -— Manche Buchstaben gucken neugierig. Gewissenhafte -Schriften: Wie die Buchstaben getrennt auseinanderstehen. -Er war sehr niedergeschlagen, als er -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -diesen Brief schrieb, seine Handschrift war dünn aufgelegt. -Hochbeglückt, glänzen die Vokale — glückliche -Handschrift. Ich habe ein kleines Laboratorium von -Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe zu -schreiben. Sie können sich also schon auf meine Erfahrung -verlassen, lieber Sturmleser; es tut mir -unendlich leid, daß mein Manuskript dieses Aufsatzes -nicht in Ihre Hände gelangt. Trotzdem es mit schwarzer -Tinte geschrieben ist, wirkt es blau, tiefblau, -liebesblau. Den wissenschaftlichen, langweiligen Inhalt -müssen Sie schon in Kauf nehmen — seine -Handschrift ist ein Liebesbildnis. Ich dachte nämlich, -indem ich über „Handschrift“ schrieb, an drei schöne -Königssöhne. In Wirklichkeit schrieb ich drei Briefe; -den ersten an Zeuxis, den griechischen Maler, der -nun in Berlin wohnt. Er sei mein Ideal, aber ich -ginge nicht an ihm zugrunde. Ich schrieb dem süßen -Prinzen von Afghanistan, daß er mein Typ sei und -daß wir ineinander verwachsen wären. Ich schrieb -Wilhelm von Kevlaar, daß er mein Symbol war, -daß ich am Sterben läge, denn ich hätte an die große -Treue geglaubt, an seine Treue zu mir, und er habe -sie gebrochen. -</p> - -<p> -Das Manuskript liegt dem interessierten Leser zur -Verfügung in der Direktion. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup -</h2> - -<p class="subt"> -Zur Kindertragödie in Kopenhagen -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ngeborg,</span> seine kleine Königin ist tot — Johann -Hansen lebt noch; an seinem Bettchen sitzt eine -barmherzige Schwester und betet, daß der arme, -verirrte Knabe bald genesen möge. Der Stationsarzt -hat ihm das Tor des Todes verriegelt, sein Herz, -das Ingeborgs Namen trägt, kann nicht zu ihr ins -Himmelreich. Nun wird das Kinderspiel erst eine -Kindertragödie. Die beiden wollten ja nur zum Tod, -weil der einen Himmel besitzt, in dem sie sich vor -allen Engeln ohne Furcht vor Strafe herzen könnten. -Nicht diese Heimlichkeiten der Freude, ihre Gesichter -schienen durch die Spalte der Türen, durch -das Eisen der Tore. Immer bauten sie auf ihren -Händen gläserne Schlösser, darin sie sich tausendbunt -spiegelten bis ans Ende der Welt, wo der -Himmel anfängt. Dort wohnt der Tod. Johann -Hansen hob Ingeborg mit seinen Knabenarmen die -Treppe zum Einlaß des Todes empor. Der öffnete -und ließ die kleine Königin ein, Johann stolperte -rücklings ins Leben zurück. Diese beiden feinen Kinder -ergreifen meine Seele. Das Leben ließ sie aus der -Haft, der Tod schmückte ihnen rosig sein Tor. Ich -möchte, der Engel aus Andersens Märchen käme und -trüge den verwundeten Knaben zu Ingeborg ins -Himmelreich. Wie bösmütig sind die Menschen, die -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -immer helfen wollen, ins Leben zu befördern. Es ist -Nacht, überall blüht ein Stern. An der Decke im -Krankensaal stehen viele Sterne, rotgoldene, süßgelbe, -wie Honig, und auch mattfunkelnde Immortellen. -Alle pflückt der kleine, heldenmütige Bräutigam -für seine Braut, wenn er im Himmel mit ihr -Hochzeit feiert. Auf einmal schlägt er die Augen auf: -„Ingeborg, ich halte mein Wort!“ Hast du es gehört, -großer Engel aus Andersens Märchen? Oder soll er -aufwachen aus seinem Traum des Himmels — und -die Erde ist wieder da, das Himmelreich verschwunden -wie fortgezaubert, und Ingeborg liegt im Grabe. -Ein Keller wird dann die Welt sein, kahl, viel -kahler wie seines Hauses Keller. Alt ist er, wenn -er aufwacht, jung, wenn seine Augen sich schließen. -Was bietet das Leben? Nicht das Kind braucht den -Eltern dankbar sein; wie können die Eltern aber das -Nichtgeborensein dem Kinde ersetzen!!? <em>Solch</em> zwei -Kindern vor allen Dingen, zwei Engel, die nicht auf -die wankelmütige Erde gehören. Flügel wuchsen -ihnen; die Pistole, die sich der Knabe vom Erlös -seiner Geige kaufte, war Vortäuschung. Denn es -geschah hier ein Todeswunder. Nicht mehr wäre ich -überrascht gewesen, wenn dieselben Kinder anstatt -für ewig zu schlummern, auferstanden wären aus -einem Grabe. Wie will der Christus, der den Knaben -auferweckt, ihm ein Himmelreich ersetzen? Es werden -keine Landeserholungsheime die „festgestellte“ Neurose -(Edelneurose) fortkurieren. Aber ich denke an -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Selma Lagerlöf die herrliche Menschin, an Karin -Michaelis das liebe große Kind, sie könnten dem -Knaben den himmelblauen Verlust ersetzen. Sie -tragen die Bilder des Himmels in ihren Dichterinnenherzen -— halten sie zwischen ihren Händen. Ich bin -keineswegs sentimental, ich bin traurig. Man vergleiche -nur nicht die unaufgeblühte Liebe dieser Engel -mit den Tändeleien koketter Schulmädchen und -greisenhafter Zwerge auf den Spazierwegen am -Sonntagmittage. Diese beiden Kinder ergreifen -meine Seele, ihre Lippen sind Himmelschlüsselchen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -Künstler -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">err</span> von Kuckuck sitzt immer auf dem Fenstersims -und schnappt mit seinem zugespitzten Mund alle -meine todtraurigen Worte auf, die sonst im Zimmer -liegen blieben, und ich würde schließlich in der Überschwemmung -von Todtrauer ertrinken. Auch sieht er -so spaßig bei der Fütterung aus, ich muß manchmal -hell auflachen. Mein Mann kann von Kuckuck nicht -ausstehen. „Er ist eine Beleidigung neben dir.“ -Aber ich muß immer einen Hofnarr haben, das ist -so ein uraltes, erbübertragenes Gelüste. Er folgt -mir überall hin — auf dem Salzfaß sitzt er in der -Küche, wenn ich am Herd stehe und mit dem Quirl -dem Feuer behilflich bin — ich meine wegen des -Weichwerdens der Erbsen — — ich trage goldene -Pantoffel, aber in meinen seidenen Strümpfen sind -schon Löcher. Herr von Kuckuck wird merkwürdig -düster, immer wenn er auf dem Salzfaß sitzt und -meinem Kochen zusieht. Er erzählt von Prinzessinnen, -die in Goldpantoffeln und Seidenstrümpfen kochen -und scheuern müssen und sich die Hände blutig reiben -und aber der Himmel ihnen alle Sterne schulde. Ich -glaube, ich bin im Anfang aus einem goldenen Stern, -aus einem funkelnden Riesenpalast auf die schäbige -Erde gefallen — meine leuchtenden Blutstropfen -können vor Durst nicht ausblühen, sie verkümmern -immer vor dem Tage der Pracht, und mein Mann -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -erzählte mir dasselbe, und darum haben wir uns -geheiratet. „Wenn sich mein Budget besser gestaltet,“ -sagt Herr von Kuckuck, „so braucht Prinzessin -keine Erbsen mehr zu kochen.“ Er verspricht es -feierlich, zwei große Tropfen fallen aus seinen Augen, -die sind lila, und die Feierlichkeit kleidet ihn so: -eine Burleske, die plötzlich auf geraden, rabenschwarzen -Beinen steht. Ich rieche zu gern Ananas — ich -glaube, wenn ich mir täglich eine Ananas kaufen -könnte, ich würde die hervorragendste Dichterin sein. -Alles hängt von Kuckucks Budget ab. Mein Mann -der wünscht sich gar nichts mehr, er denkt morgens -schon heimlich an seine Zigarette, die er im Bett -rauchen wird. Die Lampe zuckt, es ist alles so dünn -im Zimmer. „Herein!“ Eine Erbse klopft an meinen -Magen. Kleine Beinchen bekommen die Erbsen und -wackeln mit ihren dicken Wasserköpfen — eine plumpst -den Berg herunter. „Bist du aufgewacht?“ Mein -Mann fragt und hebt den Zigarrenbecher vom Boden -auf — dann streichelt seine Ananashand mein Gesicht -— die Finger tragen alle Notenköpfe — sie -singen — und immer, wenn das hohe C kommt, sägt -mein Arm über seine Brust und seinen Leib — ich -nehme die Gedärme hervor — eine Schlangenbändigerin -bin ich — dudelsack Ladudel ludelli liii!!!! -Ich schiebe die Schlangen vorsichtig wieder in seinen -Körper, die kleinste hat sich fest um meinen Finger -gesogen, aber sie ist die hauptsächlichste Schlange, -sonst kann er keine indischen Vogelnester mehr essen. -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Ich gleite die Kissen herab, mein Kopf liegt in einem -weißen Bach, alle Fische tragen Ketten von Erbsen -um den Hals und schwimmen hinter mir über die -flaue Matratze. Mein Mann wartet schon im Sessel. -Im Rahmen über dem Schrank hängt von Kuckuck -und über ihm sein Onkel Pankratius, einer der gestrengen -drei Herren, und zählt — Budget lauter -goldene Schnäbel. Es wird alles so grau — ich habe -solche Angst, ich verkrieche mich in die Achselhöhle -meines Mannes. Auf dem Sofa sitzt ein Jüngling, -er hat große, braune, spöttische Augen, die lächeln -schüchtern. „Wer bist du!“ ruft mein Mann. „Ich -bin der Schatten Ihrer Frau und habe Theologie -studiert.“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -In der Morgenfrühe -</h2> - -<p class="attr"> -Meinem Freund, dem Bildhauer <em>Georg Koch</em> -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> gehe an Mandelbäumen vorbei, aber die blühen -in den Gärten fremder Häuser, und die Fenster -sind noch geschlossen hinter Spitzengeweben. Ich bin -unendlich müde, gewohnheitsmäßig bewegen sich meine -Füße vorwärts, Maschinen sind es, und sie müßten -eigentlich unverhüllt in blauen Sandalen gehen, denn -sie sind von goldzagem Wandel, wie die Sonne, die -aufstieg. Ich kenne die Menschen nicht, die mir begegnen, -ich weiche ihrem Dünkel aus, und ich brauche -nur meinen grauen Mantel abzulegen, um König zu -sein. Ich bin unendlich müde, ich glaube, ich bin im -tiefsten Leben erkrankt, aber die Vorübergehenden -merken es nicht, sie heben auf, was lärmend auf den -Straßen liegt, aber sie hören nicht das schmerzliche -Murmeln, das tödliche Verrauschen einer Seele. Da -liegt ein Nachtfalter vor mir — er stirbt — wie -dürftig seine Flügel sind, ein Lumpenhändler war es, -ein Vagabund, der sich nachts auf den Straßen -herumtrieb und am Feuerrausch der Lampen endete. -Er stirbt — ich trete ihn tot. Ich denke an ihn — -wenn es für ihn doch einen Himmel, einen blauen -Strand gäbe — er würde dort ein schöner Schmetterling -sein. Ich bin unendlich müde — wenn ich nun -auch eines Morgens so daliege, wie der graubraune -Strolch — welcher Fuß würde mich zertreten. Es -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -kommen Männer an mir vorbei in weißen Sportschuhen -und Frauen schreiten hastig über den Damm. -Ich mag diese Frauen nicht im Ornat, derbgewordene -Philisterinnen sind sie — was wissen sie von der -Knabenzeit. Aber das kleine Mädchen mit der Bubenbluse, -es wird mich übermütig zertreten im Scherzwort, -im Frühlingslachen. Ich bin unendlich müde -und es beginnt der rücksichtslose Tag. Der Mann -aus Glas mit der Vollstreckungsmappe unterm Arm -wartet vor der Haustür auf mich, heute klebt er die -Siegel. Ich muß ihn zart am Henkel fassen — so -ganz vorsichtig, liebevoll, daß er nur keinen Sprung -bekommt. Draußen an dem fremden Hause blühen -die Mandelbäume: der Falter ist tot, ich vergaß, -ihn vom Weg in einen der Gärten zu werfen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -Elberfeld im dreihundertjährigen -Jubiläumsschmuck -</h2> - -<p class="attr"> -<em>Paul Zech</em>, meinem Wupperfreund -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>L</span><span class="postfirstchar">ott</span> es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, -dat es god, dat es god, gäwt et wat tu -erwen!“ Ich bin verliebt in meine buntgeschmückte -Jubiläumsstadt; das rosenblühende Willkomm gilt -mir, denn ich bin ihr Kind, die flatternden Fahnen -auf den Dächern, aus den Fenstern winken mir zu, -lange Rotschwarzweiß-Arme, die mich umfangen -wollen. Ich soll überall hereinkommen. Ich bin in -Elberfeld an der Wupper in der Stadt der Schieferdächer. -Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen -herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. -Den Atem mußten wir einhalten, kamen wir an -den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe -Arzeneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine -Sauce für den Teufel. Aber nach Newiges zu, wo -die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbäche fließt -die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber -ich bin verliebt in meine zahnbröckelnde Stadt, wo -brüchige Treppen so hoch aufsteigen, unvermutet in -einen süßen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres -Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten -nicht — wer aber war die Urpatrizierin des Rokokohauses -aus der friderizianischen Zeit? Es lebt noch -einbalsamiert zwischen jüngst zur Welt gekommenen -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Fabrikanten- und Doktorhäusern. Denn jeder etwas -wohlhabende Bürger der Stadt besitzt ein Wohnhaus, -worüber er Herr ist. Portiersleute gibt es in -Elberfeld nicht, frech gewordene Sklaven, die nach -Belieben ein- und herauslassen. Selbst viele Arbeiter -leben im Eigentum ihrer Mütter. Gequacksalbert -hat die Alte an der grünen Pumpe, noch heute heilt -sie Krampfadern und Beingeschwüre. Und das berühmte -Geheimmittel gegen die Cholera hat der -sterbende Großvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt, -und der hat es wieder dem Sohn anvertraut, -und nun weiß es der Enkel, der wahrscheinlich seiner -gesprächigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam. -Und überhaupt so seltsame Dinge gingen in der -Stadt vor; — immer träumte ich davon auf dem -Schulweg über die Au. Manchmal lief ich durch -graue, lose Schleier, Nebel war überall; hinter mir -kamen schauerliche Männer mit einem Auge oder -loser Nacktheit; auch an Ziethens Häuschen mußte -ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, -„ewwer en doller Gesell wors gewäsen.“ Oft ließ -ich vor Angst die Bücher fallen oder der Ranzen -hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grünt -nicht mehr die von Zäunen umgrenzte Au; Tore verschließen -Häuser; kein Schulkind kann mehr auf dem -Wege zur Schule träumen, jedes Fenster zur Rechten -und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor -Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine -rauchte, aber vor Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -in meine Stadt und bin stolz auf seine Schwebebahn, -ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet -und legt er sich mit vielen Bahnhofköpfen und -sprühenden Augen über den schwarzgefärbten Fluß. -Immer fliegt mit Tausendgetöse das Bahnschiff -durch die Lüfte über das Wasser auf schweren Ringfüßen -durch Elberfeld, weiter über Barmen zurück -nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen Garten -vorbei. Mein Vater mußte an den Sonntagen -mit mir dorthin gehen, der bemerkte nicht den Sekundaner -mit der bunten Mütze. Auf dem Hügel im -Tannenwäldchen am Bärenkäfig versprachen wir uns -zu heiraten. — Ich muß an alles denken und stehe -plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; unser -langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; -ich fall’ ihm um den Hals wahrhaftig. Leute am -Fenster des Hauses bemerken, daß ich weine — sie -laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig -erkenne ich die vielen Zimmer und Flure -wieder. Auf einmal bin ich ja das kleine Mädchen, -das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich -in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, -aber ich liebte die Stadt, weil ich sie vom Schoß -meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der vielen -Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; -und meines Vaters lustige Streiche stürmen eben -um die Ecke der Stadt. „Wat wollt öhr van meck, -eck sie jo sing Doochter.“ Das rettet mich vor der -schon erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Das verwilderte Jahrmarktgesindel rings -um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von -neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und -nieder. Das Geklingel der Karussellmusik, begleitet -von Flüchen rauher Mäuler und Kreischen frivoler -Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin -verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. -Mein Begleiter versucht mich zu überreden, mit ihm -den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber ich muß -noch einige Male Karussell fahren. „Lott es doot, -Lott es doot“, ich fahr für mein Leben gern; gerade -die altmodischen Holztiere sind am fröhlichsten und -drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. -Zwischen Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter -Caal und Caaroline, Alma, Luischen, Amanda. Gar -nicht stolz bin ich — sie beginnen mich zu lieben. -Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei’ -ich ganz laut auf, das überzeugt das rohe, arme -Gesindel. Den Härrn Schüler haben viele gekannt, -er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern. -— Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor „dreihundert“ -Jahren. Mina singt gerade im Tingeltangel -ihre Liebeslieder. In rosanen Atlaspantoffeln stecken -ihre Klumpfüße, ein knappes Röckchen bedeckt ihren -Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das -Chantant einer ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem -Spotte nicht, aber ich weiß ihr Achtung einzuflößen. -Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zu guter -Letzt erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -solche Pantoffeln bekommt in der Stadt, wie die -ihren sind. „Die sinn ut Engeland bei Paris.“ — -Nun hinein ins Kölner Hännesken! Gewaltsam zerre -ich den Dichter zwischen die Clowns ins Innere des -Brettertheaters. „Sie werden noch gestochen werden, -wie Ihr Vater einmal.“ Durch seine Uhr ging die -Spitze des Metzgermessers. Am anderen Morgen -führten die jammernden Eltern den heulenden Sohn -vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er -wußte, daß sie kommen würden, und drei Gläser und -eine Flasche Rotwein standen zum Empfang auf dem -Nachttisch. Aber er ächzte vor Schmerz, namentlich, -als die fette Metzgersmutter begann, dat et där -wackere Här Schüler verzeehen mödd ... Ich bin -verliebt in meine Stadt, aber schon muß ich Abschied -nehmen wie von einem alten, düsteren Bilderbuch mit -lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch -in Weidenhof der Wirt nicht, der immer einen ganz -kleinen Kellner für mich herbeischaffen mußte am -Festtag, wenn wir dort Forellen aßen. Und die Einkehr -in meine Heimat habe ich einem Dichter in -Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin lange nach -mir. Paul Zechs feine künstlerische Gedichte duften -morsch und grün nach der Seele des Wuppertals. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Arme Kinder reicher Leute -</h2> - -<p class="attr"> -Der kleinen <em>Hedwig Grieger</em> -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nd</span> wo die ganze Erde im grünen Lachen steht und -ein großer Spielplatz ist, fallen mir die vielen -lieblichen Kindergesichtchen um so schmerzlicher auf, -die da weinen im Sonnenschein. Ihre Löckchen -flattern zwar lustig aus den feinen Spitzenhäubchen -hervor, und viele von den Kleinen stecken in seidenen -Tanzkleidchen. Aber sie dürfen sich an der Hand ihrer -Begleiterinnen nicht recht freuen, und ihre runden -Herzchen möchten hüpfen. Baby hat ein Knöpfchen -von seinem Schuh abgerissen, es hat sich so gelangweilt -— aber Detta muß ihn am Abend wieder -annähen, dafür gibt’s eine Saftige. Auf dieselbe -Bank setzt sich ein sogenanntes Fräulein, allerdings, -sie trägt einen Federhut und hat die Allüren ihrer -Dame abgesehen ... Sie rückt, den Abstand zwischen -ihrer Person und ihren dienenden Kolleginnen zu -wahren, vorsichtig an das äußerste Ende der Bank. -Wie schon angedeutet, ist sie nicht aus der Gattung -der gemeinen Kuhblume (s. Caltha), sie straft gebildeter. -Mit einem Roman von Emile Zola schlägt -sie ihre kleine Schutzbefohlene auf den Mund, auf -die weißen Zuckerzähnchen. Und nur selten rügen -Vorübergehende die brutale Eigenmächtigkeit dieser -Donnas. -</p> - -<p> -Lottchen wird über die Straße geschleift, es ist so -heiß, seine zweijährigen Beinchen können nicht mehr -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -ausschreiten. „Ick soll dir woll tragen, olle Pute.“ -Keine der Mütter erbarmt sich seiner, und nur einige -Mädchen mit der Schulmappe am Arm oder dem -Ranzen auf dem Rücken bleiben entrüstet stehen und -versuchen, die Kleine von der Hand ihrer Peinigerin -zu befreien, die aber schlägt kreischend um sich — ein -Volksauflauf entsteht und nimmt sich der armen -dienenden Person an — ich und meine kleinen Verbündeten -sind das Gespötte der Straße. -</p> - -<p> -Am Nachmittag begegnen mir die tapferen Schulmädchen -wieder, sie führen ihre kleinsten Geschwister -spazieren und tummeln sich mit ihnen über die -Wiesen; wie zärtlich sie mit den langen Zöpfen ihrem -Brüderchen die Patschklatschhändchen und das bestaubte -Gesichtchen säubert! Und welche Wonne, durch -den kühlen Wiesenbach zu waten! Viele von ihnen -brauchen nicht erst ihre Füße entblößen — heirassassa -wie das Wasser aufspritzt. „<a id="corr-5"></a>Daß nur nicht die neuen -Kleider naß werden!“ erinnert die Älteste mit den -langen Zöpfen. Sie steht noch im Pflichtgefühl zur -Puppe. Vierzehn Jahre wird sie nächsten Monat; -„ich komme“, erzählt sie mir, „in den Dienst nach -der Einsegnung.“ Sie hat keine Erfahrungen gemacht, -und was sie von Hörensagen getrübt weiß, -ist noch zu verwischen. Ich habe immer solch eine -Puppenmutter bei meinem Bengel, für seine sechs -Jahre weiß er genug Streiche, ich lache ob seiner -Ausgelassenheit, die auch von seiner Kameradin ungezüchtigt -bleibt. Sie balgen sich und springen miteinander -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -über die Wege, mutwillige Ziegenböcke. -Aber auch besonnen kann seine junge Begleiterin -sein. Auf jeden Fall befolgt sie noch schulgewohnt -meine Worte und streikt nicht heimlich wie manche -ausgewachsene Personen, die schon aus Oppositionslust -das Gegenteil ausführen. -</p> - -<p> -Ja, diese Allzufreien. Arm machen sie manchmal die -Kinder der reichen Leute mit ihren gehässigen Launen -und niederen Liebeleien. Allerdings gibt es auch noch -musterhafte Pädagoginnen unter den Kindermädchen -oder „Fräuleins“ — ich meine nicht solche, die unter -jeden Schritt des Kindes ein Rechenexempel oder -ein Abc legen, nein, ich meine jene, die zu spielen -verstehen, und die müßten doppelt besoldet werden — -welche ungeheuren Summen werden für den Magen -ausgegeben, warum nicht für die Seele seines Kindes? -Nichts fordert Technik in solch feinem Maße -wie die Kunst des Kindes, „das Spiel“ — die -bunten Gedanken zu drehen im Krausköpfchen, wie -in einem Kaleidoskop. Ja, es gibt vortreffliche -„Bonnen“, besorgte und doch heitere Freundinnen -der Kinder. Aber wäre es nicht ratsam, weibliche -Detektivs anzustellen, verheiratete Frauen, die die -Überschreitungen der — minder Trefflichen draußen -auf den Wegen beurteilen könnten? Mütter und -Väter, sucht einmal euer Kind draußen in der sorglosen -Natur statt nur im Spielzimmer auf, dort -werdet ihr die Hüterinnen eurer Kleinen ungeschminkt -kennen lernen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Am Kurfürstendamm -</h2> - -<p class="subt"> -Was mich im vorigen Winter traurig machte -</p> - -<p class="attr"> -<em>Georg Fuchs</em> in Freundschaft -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">B</span><span class="postfirstchar">lumen</span> werden bald blühen an beiden Seiten -des Reitwegs am Kurfürstendamm. Wenn die -lieblichen Reiterinnen an all dem Duft vorbeigaloppieren -werden, dann ist es zu spät, ihnen zu sagen, -daß die buntlachende Allee gesprengt wurde mit -Schweiß und Blut Peitschender und Gepeitschter. -Die Pferde vornehmer Landauer tanzen, ihre schwarzen -Augen zünden vor Leuchten. Ich beginne sie mit -ihren geplagten, wiehernden Brüdern zu beneiden. -Die können nicht weiter durch den Hügel an Hügel -aufgeworfenen Erdboden; ihre Hufe mußten sich -selbst den Schmerzensweg bereiten. Da gibt es kein -Pardon! Auch kein Mitleid der Spaziergänger, niemand -will was mit den Fuhrleuten zu schaffen haben; -in den neumodischen, wogenden Busen der Damen -pocht kein Herz. Sie verhindern sogar ihre Männer, -sich in Straßenangelegenheiten zu mischen. Manchmal -stellen sich Kinder auf zur rechten und linken -Seite des Dammes. Für sie ist es eine Unterhaltung, -ein wirklicher Kientopp. Heute besah sich ein Schutzmann -den unerhörten Vorgang. Aus einem Bäckerladen -schickte eine Käuferin für die Pferde alte Semmeln. -Ich sah über dem Gesicht des uniformierten -Mannes eine kräftige Freude marschieren. Und ich -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -bat ihn, ob er nicht eingreifen wollte. Er erklärte mir, -die Fuhrleute sind nicht so schlimm wie ihre Brotgeber. -Weigert sich einer der Angestellten, wegen der -nicht genügenden Anzahl Pferde an seinem Karren -loszufahren, verliert er seine zwanzig Mark per -Woche. „Da lauern schon immer genug Brotlose vor -der Türe.“ Für die zwanzig Mark. — Sie leben, -sie peitschen, sie fluchen dafür. Ihre Roheit besteht -das Examen. „Dämlich Vieh, windelweich hau ick -dir, faulet Luder!“ Die Wut rinnt den Unmenschen -über die Backen, den entblößten Hals hinab. Die -Rücken der Tiere bluten vor Hieben. Wie sollen -sie es anders machen? Verteidigt sie der Schutzmann. -Denn es dauern ihn die Treiber ebenso wie -die Pferde. Die Treiber, die nur zwanzig Mark -verdienen pro Woche und sich so plagen müssen mit -dem Vieh. „Es ist doch mal Vieh, es ist doch zum -Ziehen da!“ Ein paar Bürger stimmen ein in den -bequemen Sang. Röhren sollen gelegt werden zum -Ablauf des Wassers. Die Blumen, die bald auf -beiden Seiten der Allee wachsen, müssen bewässert -werden. Gibt es denn keine Maschinen, die die Erde -schließlich aufwälzen können? meint ein sechsjähriger -kleiner altkluger Ingenieur. Er hält auch eine -Maschine im kleinen aus einem Spielwarengeschäft -in der Hand. Die Männer toben. Wilde Australneger -sind Engel dagegen mit ihrem Schlachtgeschrei. Ich -aber fühle ebenfalls die schwere Schuld, die die -Besitzer dieser Fuhrunternehmen <a id="corr-6"></a>trifft. Vorwurfsvoll -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -schielen seine Knechte über die gefräßigen Pferde -auf uns: Sie hätten selbst Hunger. Endlich aber -entschließen sie sich, nach all den vergeblichen Peitschenhieben, -die Pferde umzuspannen. Zu sechsen geht -es doch besser über die holprige Strecke. „Ich hab das -gleich gedacht,“ gesteht der Schutzmann. „Aber sagen -Sie mal was zu den Leuten!“ Wenn die lieblichen -Reiterinnen im Sommer auf ihren verwöhnten -Schimmeln durch die Allee des Kurfürstendamms -reiten, wird der Geranium zu ihren Seiten rot wie -die vergossenen Blutstropfen der armen Pferde blühen. -Sie hatten alle traurige Augen und ließen die -Köpfe hängen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Die beiden weißen Bänke vom -Kurfürstendamm -</h2> - -<p class="attr"> -Meinem lieben Freunde <em>Andreas Meyer</em> -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">orgens</span> standen sie plötzlich auf dem Kurfürstendamm -wie vom Himmel gefallen in Mondsichelfasson. -Die eine weiße Bank winkte den Leuten, die -aus der Friedrich-Wilhelm-Gedächtniskirche kamen, -freundlich zu, die andere weiße Bank lud eine blonde -Schöne ein in aschgrünem Samt. Ich bin seitdem -öfters an den weißen Bänken vorbeigegangen; gestern -setzte ich mich zum erstenmal auf die eine, den Damm -weiter, auf die andere. Guckte ich geradeaus, bot sich -mir ein Kreuz- und Querbild. Man sieht es vielen -Vorbeieilenden an am Operngucker in ihrer Hand, -wohin sie wollen — zur Hochbahn —, in einer halben -Stunde fangen die Theater an. Andere kommen aus -der Stadt, biegen um die Joachimsthaler Straße und -kehren ein in das heimatliche Café des Westens. -Kommen da zwei kleine, arme Mädchen; in ihrer -Mitte ihren lebendigen, rotbäckigen Hampelmann, der -sprechen kann. „Zwei Jahre ist er,“ erzählen sie mir -und streiten sich, wer ihn aufwarten, das heißt, wer -mir von ihnen seine Kunststücke zeigen wird. „Wir -sind keine Schwestern,“ antworten die beiden gernegroßen -Mütter, sie lassen schon behäbig das Kinn -hängen, fürsorglich sind sie um ihren kleinen Kasperle. -„Wir sind jede für uns allein.“ Sie meinten damit, -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -sie sind nicht einmal verwandt. Lieschen ist in Pflege, -ihr Pflegevater ist Nachtwächter — manchmal legt er -sich vor Müdigkeit, wenn er morgens nach Haus -kommt, mit dem Bund Schlüsseln und der Laterne -ins Bette. Das andere Lieschen, sie heißen beide -ganz gleich, erzählt: Sein Vater helfe einem Zauberer. -„Ein schwarzer Neger ist sein Papa!“ Es ruft -mich jemand von der Haltestelle der Elektrischen, ein -Dichter im Florentiner, er will in die Kolonie fahren. -„Reisen Sie alleine, Torquato Tasso, ich will mich -noch auf die weiße Schwesternbank setzen.“ Ich sehe -mich nach ihr um, sie glänzt viel bräutlicher wie diese, -von der ich mich erhebe; und ich zögere, mich auf die -myrtenweiße niederzusetzen. Aber die beiden Verliebten -da bemerken es nicht. Aus der Kirche treten schon -die ersten Sonntaglinge, die Sonne spielt Orgel um -das Haus mit ihren schlanken Strahlen. Ich verstecke -mein Gesicht in dem großen Glockenturm — sehe, -höre und denke nichts, und doch findet man sich auf -den weißen Bänken wieder, wenn man sich verloren hat. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Die Odenwaldschule -</h2> - -<p class="attr"> -<em>Edith Geheeb-Cassirer</em> -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> den Bergen zwischen Laub und Wiesen stehen fünf -bemalte Waldschlößchen: jedes ist einem Dichter gewidmet, -und drinnen lachen Knaben und Mädchen mit -ihren Lehrern und Lehrerinnen. Und unter ihnen lebt -der Rübezahl mit seinen gütigen nußbraunen Augen -und dem langen Weihnachtsbart. Paul Geheeb, der -Schöpfer der Odenwaldschule, ist ein Rübezahl, er -zaubert Freude durch die Hallen und Säle seiner -Gnomenhäuser, und überall ist es hell, wohin seine -sonnigen Augen scheinen. Immer steigt sein Fuß, ob -er auf die Gipfel will oder über die Ebene schreitet. -Von Rübezahl sprechen die Bauern im Tal, wenn sie -den Direktor oben meinen, den die Kinder alle so -lieb haben. Jedem Mädchen schenkt er ein tröstendes -Wort, und den verirrten Wanderer beherbergt er und -seine Gnomen für die Nacht: die sitzen in bunten -Spielreihen beim Vesper und trinken Milch aus -großen Kannen. -</p> - -<p> -Heute macht die blonde Adi den Vorschlag, alle Jungen -müssen einen Stoffaffen und alle Mädchen einen -Stoffbären mit zum Sonntagsmahl bringen: die zwei -vorhandenen hat die Schelmin dem lieben Rübezahl -in die Brusttaschen seines Rockes gesteckt, daß die beiden -wulstigen Tierköpfe zur Belustigung aller Kinder -hervorgucken zur Rechten und zur Linken. -</p> - -<p> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -Paul Geheeb versteht das junge Herz des Kindes wie -einen Kaleidoskop zu drehen, er weiß die bunten Bilder -zu würdigen. Aber auch seine Lehrer sind Künstler: -sie haben alle noch Knabenherzen wie ihre Zöglinge -und führen mit ihnen manchen Indianerstreich -aus. Die Knaben tragen alle Sweater, und die Kleider -der Mädchen sind durch Bänder über der Achsel gehalten, -echte Kindertracht: sie paßt zu roten Backen -und leuchtenden Augen. Und alle haben gesunde Lungen, -die atmen wie die starken Bäume das Leben ein -und aus. In der Frühe müssen die Odenwaldkinder -ins Luftbad, sich viel, viel Luft holen, und es gibt -keinen Südwind und keinen Nordsturm, dem die Rübezahlbande -nicht gewachsen wäre. Die verzärteltsten -Kleinen trotzen dort der Welt mit den allerhand Erkältungen. -Aber Vernunft liegt in jeder Anordnung -Paul Geheebs: seine ihm anvertrauten Lieblinge bewegen -sich in wohlgewärmten Räumen in der Winterzeit. -Die Korridore, die Lesehallen, die Schlafgemächer -sind mollig temperiert. -</p> - -<p> -Jedes Kind besitzt sein Heim, oder es müßte dicke -Freundschaft geschlossen haben und den Wunsch aussprechen, -sein Eigentum mit irgendeinem Spielgefährten -zu teilen. Mein Paul und der Bruno -Tillehsen; was der Torquato Tasso dichtet, illustriert -mein Junge. Auch das Burgfräulein Irmgard -und der kleine Landwirt Bubi, die Kinder -von Wilhelm von Scholz, sind Zöglinge der Odenwaldschule. -Auch der Peter ist oben beim Rübezahl, -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -vom Bildhauer Gaul der kleine Sohn: der ißt -so gern Nüsse: überall kracht es nur so zwischen den -Zähnen. — -</p> - -<p> -Nachmittags ist immer frei: die saftigen Äpfel werden -von den Ästen geschüttelt, oder die kleinen Gnomen -helfen den Bauern in den Scheunen, in der Zeit, -da die emsigen Gnominnen Blumen pflücken oder -Himbeeren und Brombeeren sammeln für den Tisch -ihrer großen Freundinnen. Liebe, erwachsene Schulmädchen -sind die Lehrerinnen: in den Frühstunden lauschen -die Kinder mit offenem Munde ihren Lehrwundern. -Jede Lehrerin und jeder Lehrer verstehen es, auf -spannende Art die jungen Zuhörer zu fesseln. Die -freuen sich auf jeden Morgen wie auf den Geburtstagstisch, -immer bietet der Unterricht neue, überraschende -Gaben. -</p> - -<p> -Plätschernde Bäche, goldene Gärten begleiten den Ankömmling -die Bergstraße hinauf von Heppenheim bis -oben ins Gnomenstädtchen; holde Landschaft, befreite -Erde — kommt man aus der Großstadt dorthin, wo -Rübezahl seine Odenwaldschule erbaut hat! -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-12"> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Lasker-Schüler contra B. und Genossen -</h2> - -<p class="attr"> -Dem lieben Rechtsanwalt <em>Hugo Caro</em> -in Verehrung -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">eitdem</span> einige Tageszeitungen um mein lyrisches -Gedicht: „Leise sagen“, soviel Lärm geschlagen -und mich für geisteskrank erklärt haben, hat sich eine -Partei um mich erhoben, die es sich zum Lebenszweck -angedeihen läßt, diese gefährliche Behauptung mit -allen gerichtlichen Gegenbeweisen aus der Welt zu -schaffen. Das Resultat ist: Ich werde beobachtet, -nicht allein von einem Psychiater, auch von mir selbst -— (ich wollte, ich könnte mir was dafür anrechnen —). -Ich kann den ganzen Tag nicht auf einen Namen -kommen, auf den Namen meines Urgroßvaters, der -Scheik in Bagdad war. Dieser Zustand ist unsäglich -unerträglich, als ob man gähnen muß und kann nicht, -als ob man in eine Posaune blasen muß und findet -die Öffnung nicht. Ich war heute schon überall, wo -irgend etwas von Asien zu spüren ist. Auch im orientalischen -Seminar war ich beim Rektor, der dachte -freundlich über den Namen meines ehrwürdigen Urherrn -nach, und alle seine Schüler taten das, und -Schülerschüler, Muselmänner, Chinesen, Japaner, -Studenten aus Vampur, Koreaner, Sudanesen; es -dachten Siamesen, Indier, Serben, Türken, Montenegriner, -Talmudisten, Zionisten, auch die beiden -Söhne einer Kaffernfamilie dachten, und denken -wahrscheinlich jetzt noch nach. Ich habe kein Gedächtnis -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -mehr, seitdem bei mir Gehirnerweichung in Frage -genommen ist. Rechts vom Gehirn steht mein Heer — -links der Feind. Ich fühle seitdem auch nicht mehr -richtig, ich taste; die Sternwarte meines Herzens ist -getrübt — und mein Horizont liegt hinter dem Rubikon -— und der Sturm — verweht meinen Geist. Wie -soll ich mich beschäftigen? Ist mein Psychiater nicht -bei mir, fahr’ ich zu ihm heraus und bringe ihm einen -Kloß meines Gehirns. Ich muß immer meckern, wenn -ich bei ihm bin; er hat einen roten Ziegenbart. Ich -konnte mich schon als Kind nicht beschäftigen, meist -habe ich mit Knöpfen gespielt, aber ich habe alle verloren -oder wo angenäht, und wenn der Psychiater nicht -eindringlicher mich beobachtet, werde ich es den Redaktionen -der Zeitungen mitteilen, die mich bei der Gehirnerweichung -ertappten; sie haben ihn doch für mich -engagiert, und er muß seine Pflicht tun. -</p> - -<p> -Ich laufe jetzt so gern über Wiesen; Knaben gewähre -ich mit Vorliebe mein Gehirn, solange es noch einigermaßen -hartköpfig ist, zur Zielscheibe ihrer Gewehre. -Das Sprechen wird mir schwer; wenn ich singen -könnte! Dann könnte ich viel besser alles sagen. Aber -ich habe zu jung gesungen, die frühe Blüte meines -Kehlkopfs war noch nicht befestigt. Sprechen lernte -ich schon beim Milchtrinken, aber das Singen hätte -ich unterdrücken müssen, Talente sollte man mindestens -fünfzehn Jahre im Steckkissen herumtragen. -Dabei wird man immer kleiner und schläfriger. Ich -bat heute den Psychiater, er solle mich ein bißchen -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -in seinem Kinderwagen herumfahren. Er hat nämlich -einen im Nebenzimmer stehen, darin seine Frau ihre -Hoffnungen spazierenfährt, schon zwei Jahre, damit -er sie nicht verstößt. Von seinem zukünftigen Sohne -lasse er sich die Fesseln der Ehe gefallen, aber nicht -von seiner Frau, die geht immer in blau, weil sie -den Himmel auf Erden vermißt. Er aber hat mir -ein Rasselchen geschenkt, ich hätte viel lieber die -Gummipuppe gehabt, für in den Mund zu nehmen. -Ich habe einen Brief von mir selbst von früher gefunden, -an meine britische Busenfreundin, den lese -ich dem Psychiater vor. Seitdem ich diesen Brief -geschrieben habe, ist mein Herz graumeliert, und Dr. -Ziegenbart sagt: „Lesen Sie!“ Dear Mabel! Manchmal -hab ich so Sehnsucht, ich säß wieder nachmittags -an einem großen, runden Tisch neben meiner Mama -und so zwischen meinen Schwestern und Brüdern, und -oben sitzt mein Papa, und wir trinken zusammen um -vier Uhr Kaffee aus der silbernen Kaffeemaschine -durch Filtrierpapier — und so ganz zusammengerückt -sitzen wir, wie eine Insel, aus einem Stück. Nichts -Fremdes mehr, aber wir fließen ineinander, trotzdem -wir Geschwister alle anders waren, und fürchten uns -nicht vor dem Tode, weil einer den andern ersetzt. -Das ist lange her, ich weiß auch nicht, warum ich -daran so oft denke, zumal ich doch Robinson wurde, -durchbrannte in die Welt, weil ich dem Robinson auf -dem Deckel seiner Geschichte so ähnlich sah. Und ich -liebte das Abenteuer, das hat nichts mit der Stube -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -zu tun, und wenn es auch eine herrliche ist. Aber -dreimal im Leben hatte ich eine große Sehnsucht, -wieder in einer Stube neben Mama und Papa und -Geschwistern zu sitzen. Als ich mich zum ersten Male -vermählte. Aber ich fiel ins Haus und verletzte mir -die Knie, die bluten seitdem. Und das zweitemal, -das war noch trauriger; da folgte ich meinem Verlobten -in seine Heimatstube. Ich saß neben seiner Schwester; -mein Verlobter saß neben seiner Mama, und -oben am Tischanfang trank sein Papa den Nachmittagskaffee, -und auf einmal sah ich, daß die fremde -Mama meinem Verlobten ein großes Stück Kuchen -auf den Teller legte, ein Stück Torte mit einer Frucht -darauf; und ich bekam ein schmales Stück Torte ohne -eine rote Kirsche; da war ich plötzlich ganz klein wie -zu Haus und weinte. Und zum dritten Male überkam -mich die Sehnsucht, mit meinen Verehrern in ihr -Haus zu gehen. Das erinnerte mich am wirklichsten -an zu Haus. So viel Geschwister, die sprachen wie -meine Schwestern und Brüder und waren schön, -aber dann kam ein großer Hund und schnüffelte um -den Tisch herum, bis er mich fand; denn einem von -den drei Brüdern hatte ich das Herz gefressen. Ich -sehne mich nun nicht mehr nach einer Stube, wo eine -Mama und ein Papa und Geschwister um den Tisch -sitzen und eine Insel sind. Mein Angebeteter verspottet -mich und meint, ich ziere mich wie ein Backfisch. -Ich habe kein Verlangen mehr nach der heiligen -Nachmittagsstube, und ich bin wirklich der Robinson -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -auf dem Deckel seiner Abenteuer. Aber ich möchte -noch die ganze Nacht so traurig erzählen. Many greetings, -dein Robinson. — Wer mich alles in die drei -ersten Stuben geführt habe, meint der Psychiater, -sei für ihn nicht schwer zu enträtseln, aber den Angebeteten -möchte er kennen lernen, der eine Ausnahme -bilde, da ich seiner Eltern Stube nicht heimsuchte. -Ich verstehe; des Doktors ironische Weise ist mir -sympathisch. Der Psychiater nickt mit dem Kopf; -er ist Schriftsteller nebenbei, und hat Momente der -Psyche aufzuweisen, die bei Doktoren ohne Drum -und Dran nicht vorhanden sind. Sein Ton ist mitleidig, -wäre er eine Frau, spräche er wehleidig. Ich -habe das Glück, daß er keine Frau ist. Zwischen ihm -und seiner Frau fällt ein schwarzer Vorhang, aber -über seinem Schreibtisch hängt unverschleiert, aber -zahm verblümt, ein deutscher Gelehrter mit einem -Bart aus Eichenlaub; sein früherer Universitätsprofessor; -den muß er zum Aufreizen seiner Nerven -haben. Auch steht in seinem Sprechzimmer eine Lampe, -deren Birne streikt, weil sie kein Apfel ist. Der -Waschtisch seiner medizinischen Hände läuft nicht, -er steht auf Plattfüßen. Mein Zimmer funktioniert -viel besser, es liegt am See, an der Waschschüssel. -Und dabei spreche ich immer vom Tigris, nicht wahr? -Verhöhnt mich nur, liebwerte, wahrhafte Leser; oh, -diese Welt mit ihren Flüssen, Nebenflüssen und -Überflüssen! Es hat jemand dem Psychiater gesagt, -ich sei abnorm eifersüchtig. Das könnte allenfalls ein -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Symptom von Gehirnerweichung sein. Aber was soll -ich mit meinem Mann sprechen, wenn er in der Nacht -nach Haus kommt, als Eifersucht. Der Leser soll mir -die Frage ganz aufrichtig beantworten, bitte. Ich lehne -an seinem Rücken wie vor einem blinden Fenster. -Übrigens ist meine Eifersucht nicht subjektiv, sie ist -eine Landeigenschaft, ein Kostüm, eine Nationaltracht -der Seele. Meinem Psychiater leuchtet die landläufige -Logik wirklich ein; ich bin ein für allemal -von ihm als gesund entlassen, und brauche mich nicht -mehr seinen Beobachtungen zu unterziehen. Der Feind -ist verurteilt vom hohen Gerichtshof zu zehn Mark -Schadenersatz; hätte er nicht schon Berufung eingelegt, -so hätte ich es ihm geraten, denn er soll in -schlechten Verhältnissen sein — ich bin zu weich ...! -Was soll ich nun tun, als über den Namen meines -Urgroßvaters nachdenken? Im Augenblick, wo ich -glaube, ich habe ihn, kugelt er noch schwerer als -Blei in meinen Rachen zurück. Wie ein einbalsamierter -Leib. Dabei höre ich den Namen meines Urgroßvaters -auf meiner Zunge, eine Melodie, einen Psalm. -Ich muß mich zerstreuen, ich werde die Redaktionen, -die so lange nun mit mir in Konnex standen, um Verzeihung -bitten; ich kann doch nicht dafür, daß ich keine -Gehirnerweichung habe! Der Psychiater glaubt doch -nicht daran! Das Leben ist was furchtbar Schmerzliches; -alle meinen, daß es nur was Enttäuschendes -ist. Ich meine beides und gaukle mit Geschicken. Und -wie das Leben vom Milieu abhängt, wenigstens meins. -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -Läge zum Beispiel das Fenster meines Zimmers statt -nach gegenüber, seitwärts mit dem Blick nach dem -Westhimmel, wo abends der Mars aufmarschiert, -hätte ich Freude am Leben gehabt und wüßte, warum -ich lebe — aber so! Ich kann mich nicht mehr sehen, -ich ertrage in den Spiegeln mein Gemälde nicht mehr, -wenn nun mein Angebeteter kommt und hat meine -Augen? Und darum gerade, wegen seiner hellen Lichter -liebe ich ihn, gelbe Rosen, und wenn sie traurig sind, -fallen sie wie Goldregen. Er ist ein Sonntagskind, -ich bin ein Feiertagskind, das nicht gehalten wird; -er findet keine Ruhe in mir. Wir lieben uns, wie -die verschiedenen Liebenden auf Erden und im Himmel. -Wie selige Engel mit der Pose des Flügels, -wie die ersten Menschen, die noch glühend waren, wie -zwei große Blumen hinter der Hecke, die nichts wiedersagt, -wie zwei Rubinen im Reichsring eines Kaisers -und manchmal früh am Morgen wie zwei Schakale. -Ich mache mir gar kein Gewissen daraus; alle -Romane der Ehe sind Unwahrheiten! In Wirklichkeit -gibt es kein Gewissen. Aber, daß ich den Namen -meines Blutpächters, meines Urgroßvaters, vergessen -habe, darüber mache ich mir heftige Gewissensbisse. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-13"> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Coranna -</h2> - -<p class="subt"> -Eine Indianergeschichte gestaltet von Slevogt -</p> - -<p class="attr"> -Dem hochverehrten, feinen Professor -<em>Walther Otto</em> -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ein</span> Junge trägt einen Indianerschmuck in den -Haaren, grüne, gelbe, blaue, lila und rote -Federn, und um seine Lenden einen Gurt aus Vogelbeeren -und harten Muscheln. Aber er weiß nichts -von den Menschen in Wild-West. Ich kaufe ihm aus -Furcht, er könne eines Tages nach drüben durchbrennen, -keine Indianergeschichten. Der kupferrote -Gott ist der Fanatismus der Knaben. Seine Legenden -sind gefährlich, sie kommen über einen, ihre Bilder -machen Mut, stählern. Grüngelbblaulilarot! Meine -Brüder machten sich in nächtlicher Frühe mit ihren -Freunden auf und davon — der Skalpgott rief sie -aus dem Elternhaus. Sie hatten sich schon Wochen -vorher für ihr Sonntagsgeld Pfeifchen, Tabak, -Zigarren und dergleichen mehr für den Tausch am -Lande besorgt. Manche von ihnen stahlen ihren -Schwestern Ohrringe, Broschen, Ketten für die -Häuptlingsfrauen und Indianermädchen. Aber die -Reise ging nur bis Bremen, die strafenden Väter -ließen die Durchbrenner grausam wieder in die -Heimat transportieren. Mein Vater jedoch war im -Grunde seines Herzens stolz darauf; er ließ meinen -Brüdern im Garten ein Indianerzelt aufschlagen, -kaufte Speere und andere Mordwaffen und Gürtel, -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -deren Skalpflachshaare fast bis zur Erde reichten ... -Es ist schon lange, lange her, ich habe seit Indianerjahren -kein Indianerbuch mehr aufgeschlagen. Nun -liegt ein großes in den Farben der Kupferhaut auf -meinem Schoß. Slevogt hat gezaubert, als er die -Gestalten des Werkes erschuf nächtlich auf weißer -Prärie; seine schwarze Feder zeichnete kupferrotes -Leben. Ich muß die wilden Wildwestmenschen festhalten, -sie laufen, galoppieren meinen Blick entlang, -über meine Hände hinweg in die Freiheit. Tänze, -Kämpfe, Ritte führen sie auf, ich vernehme Pferdegetrampel, -höre Kriegsrufe, werde eingehüllt vom -aufwirbelnden Nebel flüchtender, feindlicher Stämme. -Mich ergreift die Sehnsucht meiner Brüder. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-14"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Die schwere Stunde -</h2> - -<div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich wollte ein Schmerzen rege sich</p> - <p class="verse">Und stürze mich grausam nieder</p> - <p class="verse">Und riß mich je an mich!</p> - <p class="verse">Und es lege eine Schöpferlust</p> - <p class="verse">Mich wieder in meine Heimat</p> - <p class="verse">Unter der Mutterbrust.</p> - </div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> sorglos abgetanes Urteil las ich dieser Tage -über die ungeheure Schöpfung: Die schwere -Stunde von Charlotte Berend. Die Wirkung des -Bildes auf den Kritiker hat mich zwar nicht überrascht; -viele seiner kritisierenden Vorfahren verwechselten -schon die Erzkraft eines Kunstwerks mit der -entblößten Brutalität. Es gehört schon ein Jahrtausendblick -dazu, gerade den Wert dieses gottalten -Bildes der Charlotte Berend zu erkennen — sein Allvatername -heißt das Gesetz. Ich hoffe nicht, daß die -Künstlerin aus Bescheidenheit den königlichen Namen -fälschte. Sie hat ihre Schöpfung aus dem Mark aller -Farben erschaffen. Es nahte ihre selige, schwere -Stunde selbst. Das Wunder der Inspiration schlug -sie zur Riesin. -</p> - -<p> -Ich sehe zunächst kühl und sachlich eine Mutter, die -ein Kind zur Welt bringt. Die weise Frau am Fußende -des Bettes wartet hilfebereit. „Herr, gestehen -Sie es, und auch Sie, Frau Ehegattin. Sie vermißten -den besorgten Hausvater zwischen dem Spalt -der Türe vorsichtig lauschend. Das wäre wenigstens -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -noch gefühlvoll gewesen“ ... gerade das Nichtfamiliäre -verleiht dem Bild das Unpersönliche, baut das -Werk mit kosmischen Knochen auf. — Was soll -das kleine Mädchen am Bett der Mutter? „Es ist -ja erst zwölf Jahre alt.“ Es ist vielleicht noch jünger, -und es tat mir wirklich furchtbar leid, wenn beim -Betrachten der kleinen Gegenwart des unschuldigen -Wesens, gefühlvollen Damen eine schmerzhafte Entrüstung -anging, aber ich sage: die Kleine gehört zu der -ungeheuren Landschaft des Leibes; auf dem Rand -des Lebenskelches sitzt sie, das schwebende Auge zurückgelehnt, -voll Grauen und Wunder gelähmt. Ein -Seraph — aber gleich wird er seine Lippen öffnen -und die ernste Melodie der Dichtung über den sich -bäumenden, felsgeöffneten Leib der Mutter singen. — -Und die Vorsehung, wie man die Wartende am Fußende -des Lagers nennen könnte, wendet die letzte Nüchternheit -des Vorganges mit einem Tuch, wie mit einer -Wolke ab. — Eine Heilige hätte nicht keuscher gedichtet, -das Problem des Odems gestaltet. Ich habe nie -in Wirklichkeit ein kindtragendes Weib mit solcher -Ehrfurcht betrachtet, wie diese Riesenmutter, von einer -Riesin gemalt, auf ihrem Riesenbilde. Sie hauchte -nicht nur über den lebengeöffneten Vorgang die Scham, -sie nahm dem Prangen auch jede Fessel der Sklaverei, -die mich anwidert beim Anblick einer begnadeten Frau. -</p> - -<p> -Charlotte Berend hat ein Historienbild des Naturgesetzes -gemalt; es müßte neben Michelangelos Moses -im Tempel der Galerien hängen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-15"> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -Peter Hille -</h2> - -<p class="attr"> -Meiner teuren Mutter in Liebe -und Ehrfurcht -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>E</span><span class="postfirstchar">s</span> dauert höchstens zwanzig Minuten, Peter!“ -Er nickte lächelnd — aber er vergaß auch sofort -wieder, daß er den Kopf nicht hin- und zurückbiegen -durfte, von der Zeitung auf und nieder, und so -kam ’s, daß ich entweder das rechte oder das linke -Auge nicht an seinem Platz oder die Nase zu lang -im Verhältnis zur Stirn zeichnete. Und manchmal -nahm er noch seinen Bleistift und beschrieb andächtig -den weißen Rand des Zeitungsblattes. -</p> - -<p> -„Du kannst gleich weiterzeichnen, schrecklicher Tyrann -du!“ sagte er und las mühsam entziffernd sein eigenes -Schreiben. -</p> - -<p> -Es waren einige steinige Einfälle, die er seinem -Myrdin und seiner Viviane ferner vermachen wollte. -Und er zog die große vergilbte Papierrolle aus seiner -Manteltasche und las von den beiden Menschen, die -älter waren als Adam und Eva, von seinem Menschenpaar -Myrdin und Viviane. Die sprachen eine -Sprache, mit der am ersten Schöpfungstage sich -Himmel und Erde erzählten — — sie waren mit der -Erde zugleich erschaffen — gewachsen mit der Erde — -aus der Erde; ja, das fand auch Peter ... -</p> - -<p> -„Da magst du recht haben!“ -</p> - -<p> -Und er saß, den Kopf herabgesenkt auf den großen -Lehnstuhl nahe dem Ofen in seinem olivenfarbigen -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -Mantel, als ob er die Wärme mit sich nach Hause -nehmen wollte. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Eines Abends klingelte es um halber Mitternacht — -das sah Peter ähnlich. Seine Augen lachten mutwillig -wie Knabenaugen, die einen Streich hinter sich hatten. -„Der Verleger hat mir Vorschuß gegeben — Tino, -toller Kerl, komm mit! Wir sitzen alle in der Weinrebe.“ -</p> - -<p> -Und Peter sah aus wie ein Bacchus, seine Seele war -aufgeblüht wie einer der Weinberge in Alt-Athen. -Und wir saßen um ihn im Kreise und sangen: fahrende -Schüler, wie die Jünger des Weins aus der bacchantischen -Szene seines Werkes „Des Platonikers -Sohn“. Wir waren der Most, der Lenz des Weines, -das Leben, das wildsüße Auf- und Niederbrausen. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„O Wein, du lieber, dummer Wein,</p> - <p class="verse">Was willst du da im Kerker sein?</p> - <p class="verse">Hervor du rieselnde Sonne,</p> - <p class="verse">Und laß die alberne Tonne.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Weißt du denn nicht, du dummer Wein,</p> - <p class="verse">Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein,</p> - <p class="verse">Ein Kenner erlesener Tropfen,</p> - <p class="verse">So laß mich nicht harren und klopfen!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Am Morgen in meinem Halbschlaf sah ich Peter; -durch seinen langen Bart guckten blaue und gelbe -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Weinaugen mutwilliger kleiner Dionysinnen mit -roten Pausbäckchen und kecker Faunbuben mit frechen -Schwänzchen. Und die neckten ihn und zupften ihn -an seinen langen Kraushaaren, jauchzten und sprangen -um den großen Bacchus, und ein ganz kleines, ängstliches -Bacchüschen kroch in seine weite, weite Ohrmuschel. -Und wir alle saßen zu seinen Füßen, und -er erzählte von seiner Frühjugend, von seinen vielen -Liebchen — ja, ja, Bacchus mußte verliebt sein. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Einmal an einem Wintermorgen kam Hugo, der -Landsknecht, wie ihn Peter seines rauhen Organs und -seiner kecken Launen wegen nannte. „Kommen Sie -mit, Prinzessin! Peter ist krank, wir wollen ihn -besuchen!“ „Und wissen Sie auch, Hugo, daß heute -sein Geburtstag ist?“ -</p> - -<p> -Davon wußte er nichts, der Ungläubige. Und wir -zogen gen Norden, und als wir durch das Tor seines -Hauses traten, lagen vor uns Treppen, zu besteigen -wie künstliche Gebirge aus Brettern. „Na, det is -man scheene, dat Se sich bis her verstiegen han — — -denken Se so wat, er is mir jestern dot in de Arme -jeblieben! ...“ Und Peters gemütliche Wirtin drückte -mich an ihren Busen, aus dem der dicke Atem jammerte. -Und sie geleitete uns durch die Küche bis an -Peters Kammertür, drückte diese behutsam auf und -blickte zunächst vorsichtig durch die Spalte. „Nu -kommen Se sachte rin!“ — — Und da lag der Peter -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -wirklich in seinem Nest halb aufgerichtet: ein kranker -grimmiger Geier. Der Kragen seines Mantels hing -wie ein dunkler Fittich über dem Bettgestell, und -einer der Füße, mit dem Stiefel angetan, scharrte -ungeduldig an der senfgelben tapezierten Wand. Als -er uns sah, war es, als ob er uns nach und nach -erst erkannte, und er fuhr durch seinen Bart wie ein -reißender Herbststurm. „Setzt euch, wenn ihr Platz -findet, ihr Einbrecher, ihr Störenfriede, setzt euch!“ -Aber nicht allein der Boden, sondern auch das -tausendjährige Sofa waren begraben unter großen, -gelben Papierflocken. Wir setzten uns auf das kleine -Fensterbrett und stellten unsere Füße sündhaft auf -die großen Säcke, die, wie wir später hörten, die -Manuskripte der Dramen Peters enthielten. „Du, -Peter, ich will dir den Doktor holen,“ sagte der -Landsknecht besorgt. Oh, und das klang so lächerlich, -und die dicke Wirtin hatte et ooch jewollt, „er will -aber nich.“ „Der Doktor soll mir wohl Sonne -oder Mairegen für meinen Katarrh verschreiben?“ -Und Peter lächelte wieder wie Frühlingsanfang, und -auf einmal begann er laut zu reden: „Heute abend -muß ich noch ins Theater.“ Da fiel seine alte dicke -Wirtin vor Schreck auf das tausendjährige Sofa. -„Sie wollen im Thiater jehn, Sie?“ „Na gewiß,“ -antwortete Peter und machte die Bewegung, aus -dem Nest zu fliegen. In der Küche seufzte die Gute -und meinte: „Na, so nötig hat er det Schreiben -doch ooch nich, wo er bei uns is!“ Und sie brachte -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -ihm zur Fürsorge die dampfende Hafergrütze und zwei -Schmalzstullen ins Zimmer. Und dann sich vor uns -entschuldigend, sagte sie: „Er ist so reene wie eene -Jungfer, ick seh schon, wie se ihm später in de Kirche -uffbahren als Heiligen.“ -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Es war ein kalter Nachmittag; der Mond blähte sich -auf zwischen seinen Sternen wie ein goldener Bauch, -ein wohlbeleibter Dukatenmillionär. Peter und ich -wanderten wohl schon stundenlang durch die Straßen -Berlins, durch die Bleiluftgegenden mit den kahlen, -grauen Häusern, in denen der Hunger mit seinen -tausenden Kindern wohnt. Und über dieser Gegend -spazierte behaglich durch das weite Land der Wolken -der fette Mond, der satt an Gold getrunkene Mond. -„Aber, Tino, ich wußte ja gar nicht, daß du ein -kleiner Bebel bist.“ „Ja, ich denke an die armen, -blassen Kinder, die nie in die Sonne sehen, und an -dich, Peter, an dich, dem die Welt ihr jubelndstes, -tiefstes Spiel schenkte und das Leben eine Stiefmutter -ist.“ „O du Fromme,“ sagte Peter leise zu -mir. Nach einer Weile blieb er unter einer Laterne -stehen, nahm ein kleines schwarzes Heftchen aus der -großen Manteltasche und schrieb. -</p> - -<p> -Das tat er oft, und ich ging gemächlich des Weges -weiter. -</p> - -<p> -Wir kamen über einen großen Platz. Vielleicht gaben -die schloßartigen Bauten mit den gegossenen Toren, -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -die eisernen Hüter der königlichen Gärten, Peter den -Anlaß, mir zu erzählen, daß sein Vater der Fürst S. -aus Westfalen sei und seine Mutter eine Leibeigene. -Ich war gar nicht verwundert darüber, als ich seine -schlanken Hände betrachtete. -</p> - -<p> -„Meine Mutter“, erzählte er weiter, „war eine stille, -blasse Frau. Ich kann mich kaum an den Ton ihrer -Stimme erinnern; aber als ich meine ‚Brautseele‘ -dichtete, hörte ich ihr Blut aus meinem Herzen singen, -sanft und dann sehnsuchtswild, wie eine einsame -Spätherbstblume.“ Wir schwiegen beide lange Zeit, -über Erinnerungen wandelnd, bis es Abend läutete -und die Glocken uns erweckten. -</p> - -<p> -Wir fragten einen Mann, der an uns vorübereilte: -„Wie kommen wir aus dem Tiergarten wieder auf -die Straße?“ -</p> - -<p> -Und wir bogen und wendeten uns, bis wir glücklich -den Weg wiederfanden. „Sieh, Tino, hier tief im -Dickicht habe ich Wochen zugebracht und Dunkelheiten -getrunken! Oh, das waren einzige Gottnächte!“ -</p> - -<p> -Aber ich sah schmerzlich auf seine eingefallenen -Wangen. -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Ich ging, meiner Ahnung vertrauend, voraus. Peter -studierte indessen noch die Hausnummern gegenüber -dem großen Gebäude, in das ich eintrat. Und wirklich, -hier wohnte Gerhart Hauptmann. Er kam mir schon -im Treppenflur entgegen, ja, er war es. „Herr Hauptmann, -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -ich bringe Ihnen den Peter Hille lebendig -hier; er hätte sicherlich wieder die verabredete Stunde -versäumt.“ „Sah ihn schon von meinem Fenster -aus,“ rief Gerhart Hauptmann, er war nämlich schon -unten, den Peter selbst heraufzuholen. Als die beiden -kamen, sagte der Herrliche zu Hauptmann, mir schelmisch -zunickend, „Dies ist mein Kamerad, Tino nenne -ich sie. Es ist der Name ihres Blutes, die grünrote -Ausstrahlung ihrer Seele.“ Wir setzten uns, nachdem -Hauptmann zärtlich den Mantel von Peter Hilles -Schulter genommen hatte. Auf den Tischen lagen -überall Journale, die meines Propheten Dichtungen -enthielten, auch des Platonikers Sohn fehlte nicht, -das wundergroße Schauspiel. Hauptmann schwang es -triumphierend in die Höhe. Und ich hörte lauter -Melodien; der Dichter Worte wurden Lieder. Und -Hauptmanns stolzes Gesicht neigte sich seinem hohen -Gaste zu, die Quelle seines Herzens zu erreichen, -denn wie aus Leben gehauen saß Peter Hille in dem -weiten, klaren Raum, sein Bart wallte ungeheuer. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-16"> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Karl Kraus -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">m</span> Zimmer meiner Mutter hängt an der Wand -ein Brief unter Glas im goldenen Rahmen. Oft -stand ich als Kind vor den feinen pietätvollen Buchstaben -wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein -Gesicht dazu, eine Hand, die diesen wertvollen Brief -wohl geschrieben haben könnte. Darum auch war -ich Karl Kraus schon wo begegnet — — in meinen -Heimatjahren, beim Betrachten der kostbaren Zeilen -unter Glas im goldenen Rahmen. Den Brief hatte -ein Bischof geschrieben an meiner Mutter Mutter, -ein Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und -sanftbewegt seine schmalen Lippen und sein Stirnschatz -wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trägt -frauenhaft das Haar über die Stirn gekämmt. Und -immer empfangen seine Augen wie des Priesterdichters -Augen gastlich den Träumenden. Immer -schenken Karl Kraus’ Augen Audienz. Ich sitze so -gerne neben ihm, ich denke dann an die Zeit, da ich -den Schreiber des Briefes hinter Glas aus seinem -goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. -Ich bewundere die goldgelbe Blume über seinem Herzen, -die er mir mit feierlicher Höflichkeit überreicht. -Ich glaube, sie war bestimmt für eine blonde Lady; -als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen -zu spielen. Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut -durch sie zum Denkvertreib die Welt. Bunte Gläser, -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -ob sie fein getönt oder vom einfachsten Farbenblut -sind, behutsam behütend, feiert er die Frau. Verkündet -er auch ihre Schäden dem Leser seiner Aphorismen -— wie der wahre Don Juan, der nicht ohne -Frauen leben kann, sie darum haßt — im Grunde -aber nur die Eine sucht. Ich begegne Karl Kraus am -liebsten unter „kriegsberatenen Männern“. Seine -dichterische Strategie sind Strophen feinster Abschätzung. -Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer -Kater, gestiefelte Papstfüße, die den Kuß erwarten. -Manchmal nimmt sein Gesicht die Katzenform eines -Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über -den Raum — Allerleifurcht. Die große chinesische -Mauer trennt ihn von den Anwesenden. Seine chinesische -Mauer, ein historisches Wortgemälde, o, plastischer -noch, denn alle seine Werke treten hervor, -Reliefs in der Haut des Vorgangs. Er bohrt Höhlen -in den Samt des Vorhangs, der die Schäden verschleiert -schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst -zu hassen, weil sein Raunen Flüsternde stört, weil -sein Wetterleuchten Kerzenflackernden heimleuchtet. -Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner Gerechtigkeit -bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche. -</p> - -<p> -Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Päpste, die aus -dem Zusammenhang getreten sind, auf ihrem Stuhl -sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht und sucht sie. -— Männer und Jünglinge schleichen um seinen -Beichtstuhl und beraten heimlich, wie sie den grandiosen -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Zynismusschädel zu Zucker reiben können. O, -diese Not, heute rot — — morgen tot! Unentwendbar -inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein -lebendiges, überschauendes Denkmal. Er bläst die -Lufttürme um und hemmt die Schnelläufer, den -Königinnen mit gewinnendem Lächeln den Vortritt -lassend. Er kennt die schwarzen und weißen Figuren -von früher her von neuem hin. Mit ruhiger Papsthand -klappt er das Schachbrett zusammen, mit dem -die Welt zugenagelt ist. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-17"> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -Loos -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">on</span> der Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an -den Totenschädel eines Gorillas; wendet mir -Loos langsam das Gesicht zu, prüfen mich scharf -des Gorillas runde, hellbraune Augen. Die sind gefährlich, -greifen aus einem andern Denken, aus einem -fremden, geschwinden Grund. Die Blicke der Gäste -strafen mich für meinen Ausspruch, Loos selbst aber -scheint nichts gehört zu haben. Ist er schwerhörig? -Auf mich wirkt sein Unvernehmen geisterhaft, wundersam -wund; für den unverstandenen Sprecher — -unverständlich. Senkt Loos den Kopf, neigen sich -seinem Ohre die Lippen zu; o, wie sanft er die Lider -hängen läßt — man hat ihn dann lieb, die Lotosseele -unter den Gorillen. Schielende, deren Züge etwas -Rührendes erhalten, und Hinkende, die im verlorenen -Gleichgang süße Interessantheit hinschaukeln — zehnfach -tönt Loos das Wort wieder, ruft man es in ihn -hinein. Dann wird er ein reißender Geist, den man -im Echo heraufbeschwor, ein affenböser Künstler, -reißt er dem die Perücke vom Kopf, setzt ihm den -Skalp wieder an, daß er mit seiner Person vernarbe. -Ein handgreiflicher Philosoph ist er, dem -die Verschnörkelung der Architektur ein eitler Greuel, -ein verwirrtes Knäuel ist, den er rücksichtslos löst. -Loos will Ordnung schaffen in den Welten hier unten, -in der Welt, die sich der von sich abstrebende Mensch -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -erschaffen läßt vom Architektenmenschen und nicht -hineinpaßt. Wie viele sitzen und schwitzen in fremden -vier Häuten, denn die Wände unseres Gemaches sollen -unser passendstes Kleid sein, sie sollen die Schrift -unseres Atems tragen. Die Seuche der Einrichtung -hat sich schon in die Schlösser der Fürsten begeben, -auf Altären liegen „stilvolle“ Decken, und durch die -Tempel der Künstler flutet das elektrische Licht der -Birnen aus neuerfundenen Kelchen. Wollte man mir -sogar auf den Rücken meines Zigeunerkarrens, meines -grünen Holzvogels, die sogenannte aufsteigende Kurve -(ich weiß gar nicht, was das ist) und langweilige kühle -Linien ziehen, die große Klassikerlinie Weimarer -Spätgeburt van de Veldisch architektiert. Man sehnt -sich rein nach dem Buckel. Die Wände meiner Rast -sind auch die Wände meiner Last, sind mit mir -verwachsen, aufgewachsen. Meine Behausung gleicht -mir auf ein Haar. Darum springe ich gerne aus -meiner Haut mal, am liebsten in das mir vermählte -Zimmer. Ist sein Bewohner auch meist nicht in seiner -Hauptperson anwesend, sein Heim aber spricht für -ihn. Kühlritterblau empfängt mich das Tapetengesicht; -ich setze mich vor den Schreibtisch, vor Rhodopes -farbige Statuette, meines auserwählten Zimmers -heimliche Liebe. Über den Flügeldeckel kehren Lieder -heim und legen sich auf die Tasten — schlummern -und träumen laut; hingezaubert sitzt ja ihr Schöpfer -auf dem runden Stuhl und spielt. Ich denke an meine -Prinzessinnenzeit ... Wer salbt meine toten Paläste, -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -sie trugen alle die Kronen meiner Väter. — Ich -hasse die Tische, Stühle, Sessel und so weiter, die -sich verkuppeln ließen, mit ihrem Plebejerbesitzer; -das sind Mesallianzen, Sessel, deren Lehne sich -beugte immer tiefer ihrem Sitz zu. Ich denke an einen -wie ein Melancholischer. — Ich helfe dir räumen, -Loos, aber wehe dir, wenn ich nach Wien komme, -und du sitzt nicht auf einem australischen Urwaldast -zurückgezogen hinter Gedanken tausendgitterig. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-18"> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Oskar Kokoschka -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">ir</span> schreiten sofort durch den großen in den -kleinen Zeichensaal, einen Zwinger von Bärinnen, -tappischtänzelnde Weibskörper aus einem altgermanischen -Festzuge; Met fließt unter ihren Fellhäuten. -Mein Begleiter flüchtet in den großen Saal -zurück, er ist ein Troubadour; die Herzogin von Montesqiou -Rohan ist lauschender nach seinem Liede als -das Bärenweib auf plumpen Knollensohlen. Denn -Treibhauswunder sind Kokoschkas Prinzessinnen, man -kann ihre feinen Staub- und Raubfäden zählen. -Blutsaugende Pflanzlichkeiten alle seine atmenden -Schöpfungen; ihre erschütternde Ähnlichkeitswahrheit -verschleiert ein Duft, aus Höflichkeit gewonnen. -Warum denke ich plötzlich an Klimt? Er ist Botaniker, -Kokoschka Pflanzer. Wo Klimt pflückt, gräbt -Kokoschka die Wurzel aus — wo Klimt den Menschen -entfaltet, gedeiht eine Farm Geschöpfe aus -Kokoschkas Farben. Ich schaudere vor den rissig gewordenen -spitzen Fangzähnen dort im bläulichen Fleisch -des Greisenmundes, aber auf dem Bilde der lachende -Italiener zerrt gierig am Genuß des prangenden -Lebens. Kokoschka wie Klimt oder Klimt wie Kokoschka -sehen und säen das Tier im Menschen und -ernten es nach ihrer Farbe. Liebesmüde läßt die Dame -den schmeichelnden Leib aus grausamen Träumen zur -Erde gleiten, immer wird sie sanft auf ihren rosenweißen -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Krallen fallen. Das Gerippe der männlichen -Hand gegenüber dem Frauenbilde ist ein zeitloses -Blatt, seine gewaltige Blume ist des Dalai-Lamas -Haupt. Auch den bekannten Wiener Architekten erkenne -ich am Lauschen seiner bösen Gorillenpupillen -und seiner stummen Affengeschwindigkeit wieder, ein -Tanz ohne Musik. Mein Begleiter weist mit einer -Troubadourgeste auf meinen blonden Hamlet; in -ironischer Kriegshaltung kämpft Herwarth Walden -gegen den kargen argen Geist. Auf allen Bildern -Kokoschkas steht ein Strahl. Aus der Schwermutfarbe -des Bethlehemhimmels reichen zwei Marienhände -das Kind. Viele Wolken und Sonnen und -Welten nahen, Blau tritt aus Blau. Der Schnee -brennt auf seiner Schneelandschaft. Sie ist ehrwürdig -wie eine Jubiläumsvergangenheit: Dürer, Grünewald. -</p> - -<p> -Oskar Kokoschka ist eine junge Priestergestalt, himmelnd -seine blauerfüllten Augen und zögernd und -hochmütig. Er berührt die Menschen wie Dinge und -stellt sie, barmherzige Figürchen, lächelnd auf seine -Hand. Immer sehe ich ihn wie durch eine Lupe, -ich glaube, er ist ein Riese. Breite Schultern ruhen -auf seinem schlanken Stamm, seine doppelt gewölbte -Stirn denkt zweifach. Ein schweigender Hindu, erwählt -und geweiht — seine Zunge ungelöst. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-19"> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Peter Baum -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">r</span> versäumt den Tag, und die Dunkelheit erreicht -er, wenn es zu spät ist. Aber er träumt noch -schnell unter dem verschwindenden Mond. Einmal -kam Peter Baum barhäuptig im Januar ins Theater -gegangen, draußen waren 15 Grad Zerfahrenheit. -Einmal steckte er seine brennende Zigarre in die -Hosentasche, später meinte Peter Baum — daß es -nicht die Kartoffeln auf dem Feld gegenüber wären, -aber daß seine Lende versenge. Und doch hat St. Peter -Hille einmal gesagt: Peter Baum sei der sensibelste -Mensch, den er je kennen gelernt habe. Peter Baum -ist ganz blau. Das heißt übersetzt: Er ist ein Dichter. -Sternenpsalme hat er gedichtet für die Harfe Davids, -für das Herz Salomos, des Dichterkönigs von Juda. -Und doch ist Peter Baum der leibliche Sohn und -Erbe des Evangeliums. Seine Väter waren die -Herren von Elberfeld im Wupper-Muckertale. Sie -beteten zu Luther und wachten auf in Sonntagsfrühe -beim ersten Schrei des Kirchenhahns. Manchmal erscheinen -sie ihrem Urenkel im Schlafe, weniger der -jüdischen Psalme, aber seines abtrünnigen Romans -„Spuk“ wegen. Es ist ein Roman im Kaleidoskop; -die Bilder kommen buntartig und schwinden blendend -wie teuflische Spiegel. Ein flackerndes Fleckenspiel -hinter geschlossenen Augen. O, und seine wundervollen -Novellen „Im alten Schloß“ brachte er mir -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -eines Abends; seine große Tannengestalt erschien mir -noch eine Krone höher, so aufwärts wie der Graf -seines Buches, ein wetternder Weihnachtsbaum, der -seinen Schmuck abgeschüttelt hat. Die Wochenschrift -„Sturm“ wird Peter Baums neuestes Werk bringen, -das spielt zur Rokokozeit und ist in geblümter Seidensprache -geschrieben. Wie tief seine Dichtungen doch -ihn erleben und er sich an ihnen verwandelt! -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-20"> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Franz Werfel -</h2> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza first"> - <p class="verse"><span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> entzückender Schuljunge ist er.</p> - <p class="verse">Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sein Name ist so mutwillig:</p> - <p class="verse">Franz Werfel.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Immer schreib’ ich ihm glühende Liebesbriefe,</p> - <p class="verse">Die unbeantwortet bleiben.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aber wir lieben ihn alle</p> - <p class="verse">Seines zarten, zärtlichen Herzens wegen.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sein Herz hat Echo,</p> - <p class="verse">Pocht verwundert.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und fromm werden seine Lippen</p> - <p class="verse">Im Gedicht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Manches trägt einen staubigen Turban.</p> - <p class="verse">Er ist der Enkel seiner eigenen Verse.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Doch auf seiner Lippe</p> - <p class="verse">Ist eine Nachtigall gemalt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Mein Garten singt,</p> - <p class="verse">Wenn er ihn verläßt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Immerblau streut seine Stimme</p> - <p class="verse">Über den Weg.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-21"> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -S. Lublinski -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">.</span> Lublinski ist von Geburt Ostpreuße. Er hat -mir oft von seiner Heimat erzählt: dort sind -noch die Wälder so finster und verwachsen wie kleine -Urwälder. Zwischen knolligen Wurzeln und Stämmen -ist sein Nest; knollig ist auch er an Leib und -Seele, ein Knollengewächs, aus dem jäh eine leuchtende -Blüte aufsteigt. Zusammengekauert in seinem -Korbstuhl sitzt er, wie in einem großen Pflanzenkübel, -und grübelt, ob er den Entschluß, den er -zunächst erst in einiger Perspektive wohlwollend betrachtet, -wirklich fassen soll oder nicht ... Wir beide -haben manchen Abend bei schweigender Dunkelheit -zusammen auf der Veranda des Kaffeehauses gesessen. -Die Gäste sehen nach der Richtung unsers -Tisches und lachen über das Holpern seiner Stimme; -jedoch die Kellner, vom allerdicksten bis zum blaßwangigen -Groom, haben sich schon an die eigentümliche, -stoßende Hornsprache S. Lublinskis gewöhnt; -sie harren aufmerksam seinem Wink und entreißen -raubtierartig den lesenden Gästen Journale und Zeitschriften, -die er verlangt. S. Lublinski schiebt seine -Brille vorsichtig höher auf den Nasenrücken — der -kleine Literat und der phlegmatische Baccalaureus-Referendarius -nähern sich unserm Tisch. Mit außergewöhnlicher, -liebenswürdiger Handgebärde fordert -er die beiden jugendlichen Opfer auf, sich an unsrer -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Seite niederzulassen. Ich weiß: S. Lublinski ist in -Kampfstimmung, er hat <a id="corr-7"></a>tagsüber Aufsätze schreiben -müssen, und ihn ärgert die Erde mit den vielen -Tintenfässern; und ohne jede Veranlassung, oder -auf eine geringfügige Bemerkung hin, überfällt er -den Nachbar — sein Herz jedoch schlägt Kobolz dazu. -Mich interessiert die Strategie seines Angriffs — -der arme Gegner, der an den Zorn seiner rollenden -Augen glaubt und ihn gutmütig besänftigen will. -Ihn reizt der bequeme Widerstand. Worte werden -Kugeln, Bomben explodieren, der Kampf wird ernst. -S. Lublinski schlägt mit der Faust dröhnend auf -den Tisch; seine Augen bluten ... Gold hat sein Vater -in der Jugend aus Kanadas Gefilden gegraben ... -und die Lust nach Abenteuern hat sich in S. Lublinski -vergeistigt. Aber der Freund kennt ihn auch im Zelt; -er hat seine träumende Stirn gesehen mit dem poetischen -Schneehauch. Und jauchzen möchte S. Lublinski! -— Selten sehnte sich ein zweiter tiefer nach dem -bübischen Lenztag, hinter dem Horizont auf der blauen -Wiese nach dem fröhlichen Ringelrangelspiel, wie er. -Aber der große Ungeschickte fürchtet, zu stolpern; und -es ist ihm nichts beschämender, als lächerlich zu wirken -— er würde eher mit einem Gänsekiel Verse schreiben. -Unschönheit ist S. Lublinskis Kinderkrankheit ... -Wie auf gerosteten Geleisen bewegt er sich vorwärts; -seine Arme schleudern beim geringsten Außertaktkommen. -So ist auch der Rhythmus seiner Seele, -seiner Novellen und Dramen. Ich würde jede andre -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -Fassung für unecht betrachten ... Aber da steht kein -Tor, daran er nicht rüttelt. „Ich habe Prinzessin -mein neues Buch: ‚Gescheitert‘ mitgebracht“ ... -S. Lublinski beobachtet mich mißtrauisch unter seiner -Brille — er weiß, mich interessieren eigentlich nur -meine eigenen Dichtungen; aber ich bitte ihn auf -seine stumme Voraussetzung, mir selbst eine Novelle -seines Buches vorzulesen. Er liest die Geschichte des -gehänselten Knaben — er öffnet seine Seele. Schwerer -als jedes Kind, dessen Eigenart sich abhebt vom -Durchschnitt, hat er gelitten — aber aus der dumpfen, -beklemmenden Nacht seiner Leiden recken sich eiserne, -kleine Fäuste, grauenhaft verzerrte Fratzen, aus denen -klagende Kinderaugen blicken. Endlich von seinen peinigenden -Altersgenossen befreit, den folgenden Schultag -vergessend, führt er Kriegsspiele auf, allein, -hinter den Hecken seines Gartens. In Reih und -Glied tausend gehorchende Soldaten —: „Vorwärts -marsch!“ Und er an ihrer Spitze, als Befehlshaber, -als Feldherr! Aus kleinen Steinen besteht in Wirklichkeit -das tapfere Heer ... -</p> - -<p> -Wieder angelehnt im Sofapolster, das Buch zugeklappt -auf dem Tisch, beginnt S. Lublinski in zynischster -Weise seine Nachteulenähnlichkeit zu verspotten. -Selten sehnte sich ein Zweiter schmerzlicher und unerfüllter -nach Liebe wie der da ... Hannibal (eines -seiner wuchtigen Dramen), der schwermütige, schwerwütige -Krieger, der erwachsene Feldherr seiner Spiele -hinter den Hecken seines Gartens. Peter Hille sagte -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -einmal: „Den Hannibal hat er aus gerostetem Eisen -geschmiedet.“ Aber nicht minder hart ist der zweite -Akt seines Königinnendramas: Elisabeth und Essex. -Ich habe oft S. Lublinski durch die durchsichtigen, -großblumigen Gardinen seiner Fenster dichten sehen -und hören. Die Kissen fliegen von den Sesseln, die -Beine der Stühle und Tische knaxen, und ein Ertappter -sitzt er nun wieder vor seinem Schreibtisch, die -reine Stirn in die Hand gestützt. Leise fällt vom -Himmel ein feiner Regen — gesponnenes Weinen —, -mir ist, als ob auch seine Seele weine ... S. Lublinski -aber gibt sich nicht lange weichen Stimmungen hin -— er rafft sich auf: „Frau Thormann, ich will noch -fortjehen, ich habe ein wenig Kopfdruck.“ „Aber -Herr Lublinski, bei dem Regen?“ ... „Da ist mir -nicht bange; aber ich fürchte, der letzte Akt des Zaren -ist mir was in die Breite jejangen“ ... Frau Thormann, -seine hübsche, muntere Wirtin, hat mir mal -ganz vertraulich gesagt: „Mucken haben sie ja alle; -aber er sieht immer wieder sein Unrecht ein, das muß -man ihm lassen.“ Und sie würde mich wahrscheinlich -für eine Verleumderin halten, wenn ich ihr erzählen -würde, daß ihr großer Pflegling gestern auf dem -Rücken der Sphinx, am Eingang des Cafés, gesessen -hat und den Vorübergehenden, im jubelnden und -schwärzesten Pathos, den Schiller deklamierte: „Der -See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen!“ Aber -in der Frühe brachte mir die Post einen Brief von -ihm: die gotischen, getürmten Buchstaben seiner -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -Schrift drohten über meine erschreckten Augen zu -fallen: „Prinzessin, ich habe von meinem Freund, -nachdem wir uns von Ihnen gestern abend verabschiedet -hatten, erfahren, daß Sie noch immer mit -dem Schwätzer nachmittags im Café sitzen — ich fordere -Sie zum wiederholten Male auf, den Verkehr abzubrechen, -andernfalls ich meine Freundschaft zurückziehen -werde. Außerdem weiß ich, daß mein Freund -unter Ihrer neuen Akquisition leidet. S. Lublinski.“ -Noch am selben Tag begegnen wir uns. S. Lublinski -will an mir in zierlichem Bogen vorbeischlürfen — -wir lachen — ich bemühe mich, ihm die Schweigsamkeit -des Kaukasiers zu beweisen: „Ich rieche zu gerne -Steppe, Herr Lublinski; aber Sie wissen doch, nichtsdestoweniger -liebe ich Ihren Freund, den prinzlichen -Tondichter; — und bringen Sie ihm meine tiefblonde -Verehrung.“ — S. Lublinski: „Scheusal!!“ — -</p> - -<p> -Alle Passanten haben es gehört — bis nach Hause -haben mich die Straßenjungen begleitet. S. Lublinski -muß sterben! ... Ich trage meinen siebenläufigen, -ungeladenen Revolver unter dem Mantel versteckt, -und der Mond am Himmel ist wie eine brennende -Kanonenkugel. Die Mamsell hinter dem Bufett ruft, -als sie mich erblickt, Moloch, den Oberkellner, den -unersättlichen Götzen (seine Augen sind blanke Taler). -„Wo ist S., der Lublinski?!“ „Herr Doktor sind -soeben fortgegangen, haben aber für Sie einen Brief -hinterlassen.“ Und seine Aussage noch bestätigend, -weist er auf den Tisch hin, an dem Herr Doktor zu -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -sitzen pflegt: etliche Zündhölzer schwimmen, zerbrochen -im Wasserbad auf dem Silbertablett ... „Sehr geehrte -Frau, ich gebe zu, daß ich mich in der Erregung -heute morgen im Ausdruck hinreißen ließ, und ich -sehe es gern ein und bitte Sie um Entschuldigung; -jedoch die Tatsache selbst bleibt trotzdem unverändert -bestehen. S. Lublinski.“ -</p> - -<p> -Zwei Jahre sind’s nun her, als ich vor dem Riesenfenster -des Kaffeehauses saß und S. Lublinski in -großen, feierlichen Buchstaben antwortete: -</p> - -<p> -„Sire, ich erkläre hiermit unsere freundschaftlichen -sowie diplomatischen Beziehungen für aufgehoben“ ... -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-22"> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Paul Leppin -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">in</span> großer kantiger Vampirflügel mit Apostelaugen -schwebt Paul Leppins Roman „Daniel -Jesus“ vor mir auf. Hier wandelt nicht das Werk auf -Füßen, und ich suche nicht nach seiner Erde. Paul -Leppins Roman ist eine Flügelgestalt, Himmel und -Hölle schöpfen aus ihrem rauschenden Brunnen. Hat -Paul Leppin „Daniel Jesus“ oder hat Daniel Jesus -„Paul Leppin“ erschaffen? Die Vieraugen des großen -kantigen Romans sind vom gleichen, tiefen -Wachen. Aber Paul Leppin ist gewachsen, ungekrümmt, -eine Linde, und sein Haar duftet nach dem -sanften Blond ihrer Blüten, und Daniel Jesus hat -einen Buckel, und unersättlich ist sein fahler Durst. -Auf deine müde Hand, Daniel Jesus, tropft traumleise -ein Goldtröpfchen; Martha Bianca tritt barfuß -aus dem Herzen durch die Paulpforte. Voll -Sonnenbangen ist Paul Leppin wie der Gipfel goldbedrängt, -und er formt schwermütig aus goldenen -Träumen, die bis in die Wolken ragen, bleierne -Buckel. Mit gläubiger Gebärde aber schaufelt die -Frau des Schusters das Martyrium von Daniels -Jesus Rücken ... „Prinzessin,“ sagt Paul Leppin -zu mir, „wir wollen auf einen wilden Ball gehen“; -wir finden nur klingelbehangene Tanzböden. Paul -Leppin sehnt sich nach der Orgie seines Romans; -die drehte sich hinter Sternenvorzeiten seiner Dichtung, -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -spöttisch hißte sie Satan auf Babelhöhe, Satan -Daniel Jesus, Paul Leppins Geschöpf, von dem er -sich losträumte. Inmitten der Tanzenden sitzt Daniel -Jesus Paul zwischen nackten Eingeweiden, die sich -verwickeln, verknoten nach seinem Szepter. Rasende -Weiber taumeln sich im weichen, pochenden Raume -und wachsen zu Lawinen über lüsterne Rücken. Und -auf dem brandigen Haupt der Schusterfrau steht eine -Mauer auf, eine leuchtende Krone, wie die des heiligen -Landes — in ihrem Riesenleib tanzen alle die -blutzerrissenen Leiber und ihre Teufel, wie in einer -weißen Hölle; denn Daniel Jesus hat sie erhoben zu -seiner Rechten. Es heißt im Buche: „Andächtig küßt -sie seinen Buckel, wie ein Kruzifix.“ Paul Leppin, -ich grüße dich. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-23"> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -Richard Dehmel -</h2> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza first"> - <p class="verse"><span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">derlaß</span> und Transfusion zugleich;</p> - <p class="verse">Blutgabe deinem Herzen geschenkt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ein finsterer Pflanzer ist er,</p> - <p class="verse">Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Immer Zickzack durch sein Gesicht,</p> - <p class="verse">Schwarzer Blitz.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-24"> -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -Max Brod -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> Volk wird nie nach ihm schreien; er sättigt -nicht, er ist überhaupt nicht zum essen, man kann -höchstens eine seiner Hände streicheln oder seinen -Mund küssen — er hat einen schüchternen Kindermund. -Der erzählt immer von sich, immer so hübsche -Geschichten, die sich am Ende des Pfades reimen und -viele, viele Wege geht er mit den Mädchen in seinen -Gedichten. In Grimms Märchen ist er gemalt, wie -er als Kind aussah, in Hänsel und Gretel. Ich hatte -Max Brod eine Nelke mitgebracht, die trug er in der -Hand, als er in den Saal kam, und ich bildete mir -ein, er lese mir ganz alleine vor inmitten der königlichen -Gemälde; ringsum an den Wänden: Van -Gogh. Ich weiß den Namen seines Schauspiels nicht, -aus dem er erzählte. Aber immer war es die Liebe, -die über seine Lippen kam — mein Herz ging blau auf -unter den vielen lauschenden Herzen. Max Brod ist -ein Liebesdichter. Auch der andere Aufzug seines -Schauspiels war ein Liebesgedicht, ein vielstimmiges, -ein streitendes. Ich glaube, man kann nur Liebesgedichte -in „Prag“ schreiben, wo so viele Bögen und -Wälle sind; und lauter graue Figuren treten aus den -alten Häusern hervor — die Steingespenster führen -die Herzen bange zusammen. Ich habe manchmal -Sehnsucht nach Prag, schon um mit Max Brod durch -die Gewölbe seiner Heimat zu wandeln, wo die alten -Häuser wie Mumien stehn, zur Rechten und Linken. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-25"> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Alfred Kerr -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ilvester</span> 1908 bin ich Alfred Kerr begegnet unter -künstlichen Balkansternen, zwischen schleierverhüllten -Angesichten schöner Haremsfrauen und fezbedeckter -Häupter weißgekleideter Muselmänner. -„Wissen Sie, wer der Beduinenfürst war?“ (Wir -grüßten uns nach des Bosporus Zeremoniell und -Sitte.) „<a id="corr-8"></a>Reißen Sie mich nicht immer aus meinen -morgenländischen Illusionen,“ antwortete ich meiner -Begleiterin. Später hörte ich, der Araber mit dem -Seidenmantel sei Alfred Kerr gewesen. Am besten -gefallen mir seine Gedichte, sie sind humorsüß und -fallen ihm in die Hand. Aber seine allerschönste Dichtung -war ein spanisches Essay; jedes Wort trug eine -Abendrotrose im Haar, jedes Wort war eine Senora, -erhob sich und tanzte. -</p> - -<p> -Über den Kurfürstendamm sehe ich ihn manchmal nach -der Kolonie heimwärts gehen. Dort wohnt Alfred -Kerr in einer Villa, die beneidet wird, sonst pflegt -man die meisten Kolonisten ihrer Villa wegen zu beneiden. -Heimlich birgt dieses nachtumheckte Schlößchen -seinen Dichter. Spät muß der Kritisierende die -Kritik niederschreiben, die sind blaunervig wie er -selbst und duften nach melancholischer Ironie. Wir -haben uns beide nur immer das Schönste gesagt, wir -kennen uns nur im Gruß. Mich dünkt, er träumt von -„Heinrich“ wie ein einziger Sohn, der sich einen Bruder -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -wünscht. Er träumt immer von seinem Bruder -Heinrich Heine. Bald gleicht er ihm auf einen Nerv. -Alfred Kerr müßte durch die Straßen von Paris -wandern wie der tote Bruder, mich stört des Lebenden -chevaleresker Mantel, sein abgestäubter Hut. Warum -denke ich so? — Morgen lese ich im Tag seine gedichtete -Kritik über Hauptmanns Premiere. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-26"> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Bei Guy de Maupassant -</h2> - -<p class="subt"> -Eine Phantasie -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ir</span> allein will ich mein interessantestes Geheimnis -anvertrauen, aber du mußt dies als meine -Beichte betrachten und bewahren wie ein Amtsgeheimnis. -</p> - -<p> -Paris! -</p> - -<p> -Ich stehe an den Türpfeiler eines Magazins gelehnt -und weine, als wollte ich mich in Tränen auflösen. -Am Himmel standen schwarze Gewitterwolken, und -der Boulevard war nicht allzu überfüllt von Spaziergängern; -aber auch unter den wenigen Menschen, die -mich erstaunt betrachteten, litt ich unsäglich. O, <span class="antiqua">petite</span>, -o, was fehlt Ihnen, Mademoiselle? Sehen Sie -doch, Madame, wie blaß die Kleine aussieht, und die -großen Augen. -</p> - -<p> -Ich war damals ungefähr sechzehn Jahre alt, und -noch in beständigem Kontakt mit meinem Gotte. Ich -bildete mir nämlich ein, daß, als plötzlich ein furchtbarer -Donnerschlag erdröhnte, der liebe Herrgott aus -besonderer Freundschaft zu mir es gewittern ließe, -über den Menschen, inmitten derer ich litt. Die auffällige -Kritik über meine Person, die sich in diesem -lauten Bedauern aussprach, entfachte auch schließlich -meinen Zorn. So hielt ich dafür, daß die zwei Passanten, -die plötzlich vor mir haltmachten, kein anderes -Motiv leitete, als die Lust zur Neckerei. Namentlich -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -erbitterte es mich, da der helläugige der beiden seinem -Begleiter zurief: „<span class="antiqua">Mon cher</span>, sehen Sie doch einmal -den kleinen Teufel!“ Der große Herr runzelte die -Stirn, dabei murmelte er ein paar leichte Worte; -ich verstand sie wohl, aber ich möchte sie im Interesse -meiner Person lieber verschweigen; wieder fielen große -Regentropfen aus meinen Augen, dann meinte der -dunkle Herr in milderem Ton: „Es handelt sich hier -wieder um eine Bettelnovellette,“ und reichte mir ein -Geldstück hin. Ich war sehr betroffen und konnte mich -nicht enthalten zu rufen: „O, Monsieur, ich bin keine -Komödiantin und keine Bettlerin.“ Er schämte sich -und versuchte durch allerhand Reden sich zu entschuldigen. -„Pardonnez, Mademoiselle, pardonnez, aber -da Sie, wie ich aus Ihrer Aussprache entnehme, keine -Französin sind, werden Sie sich schwerlich eine Vorstellung -von der Schauspielkunst unsrer Nichtdamen -machen können. Und möchte ich Sie bitten, sich mir -anzuvertrauen.“ „Ich bin so allein, Herr,“ sagte ich; -ich glaube, sonst erwiderte ich nichts mehr, denn ich -war ermattet bis zum Tode. Während wir noch beisammen -standen, trat ein dritter zu den beiden und -klopfte dem dunklen auf die Schulter: „Na, <span class="antiqua">mon -ami</span>, schon wieder im Dienste der Frauen?“ Der Helläugige, -den ich trotz meiner tragischen Stimmung -heimlich seiner Schönheit halber bewunderte, schob -seinen Arm in den des hinzukommenden Herrn — ich -glaube auf ein paar leise gesprochene Worte des -Dunklen hin — und zog ihn, leise auf ihn einredend, -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -mit sich fort. Dann wandte sich der Bleibende mir -zu, und es war eine eigentümliche Mischung von Erkühnen -und Güte in seinem dunklen Auge, das mich -in Furcht jagte und zu gleicher Zeit mir Mut machte. -„Hier ist kein Platz für Auseinandersetzungen, mein -kleines Fräulein, und ich bitte Sie, mir zu folgen.“ -Der energische Ton meines Beschützers wirkte suggerierend -auf mich, und ich folgte ihm. Er schwieg, -bis wir die gegenüberliegende Seite des Boulevards -erreicht hatten; dann faßte er meine Hand und sagte, -jedes einzelne Wort betonend: „Mademoiselle, wenn -Sie in mir einen Freund gewinnen wollen, so fürchten -Sie sich nicht und vertrauen Sie mir Ihr Schicksal -an.“ Ich war sehr glücklich über seine lieben Worte -und atmete auf und wünschte mir nichts sehnlicher im -Augenblick, als seine Hand zu drücken. Wir nahmen -Platz im Garten eines Restaurants; der Fremde bestellte -zunächst Bouillon und dann ein Hühnchen, -welches er mir wie einem Baby vorschnitt. Dabei -flüsterte er mir zu: „Grade so ein kleines Hühnchen -wie Sie, Mademoiselle.“ Dann mußte ich ihm meine -Lebensgeschichte erzählen, wie ich an der Hand Apollos -aus meiner Heimat durchgebrannt bin. „Und warum -gerade nach Paris, kleiner Robinson?“ Zögernd und -fast tonlos entgegnete ich: „Ich wollte in ein Meisteratelier.“ -Dann fragte der Fremde: „Haben Sie -schon an eines angeklopft?“ „Nein,“ sagte ich verlegen, -„ich habe mich mit meinem Gelde verrechnet -und wollte mir erst etwas verdienen, um wenigstens -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -für einen Monat die Kosten zu erschwingen.“ „Und -was dann?“ fragte er nachdrücklich. „Ja, dann, hoffe -ich, Stipendien zu bekommen.“ Hierbei holte ich -einen Zettel aus der Tasche, worauf die Adresse jenes -Kleidermagazins stand, in dem ich engagiert war. -Mein Beschützer begann zu lachen und meinte: „Eine -Direktrice können Sie doch sicher mit Ihrem schlanken -Figürchen nicht abgeben.“ „Aber eine Kostümzeichnerin.“ -„Ah, Sie wollen mit Stilleben Ihre -Karriere beginnen.“ Wir lachten beide. — Nach -einer Weile fragte ich ihn, ich glaube sehr scheu: -</p> - -<p> -„Herr, wer sind Sie?“ -</p> - -<p> -„Ich bin ebenfalls ein Kunstjünger.“ -</p> - -<p> -„Maler?“ fragte ich. -</p> - -<p> -„Nein, aber Schriftsteller.“ -</p> - -<p> -Ich atmete auf in der unklaren Empfindung, mich in -verläßlichen Händen zu befinden. -</p> - -<p> -„Nun werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, -kleiner Robinson, zumal ich Sie nicht Ihrem Schicksal -überlassen werde, bis Sie Ihre geschäftliche Angelegenheit -geordnet haben. Ich bringe Sie zu einer -Freundin, die mir lieb und teuer ist, zu einer Madame -L. T., die wird Sie mit Vergnügen aufnehmen.“ -</p> - -<p> -Wir erhoben uns. -</p> - -<p> -„Allons, Mademoiselle!“ -</p> - -<p> -Beim Verlassen versuchte ich, meinem Begleiter seine -Auslagen zurückzuerstatten, obgleich dies meine letzte -Barschaft war. Ich durfte die Bitte gar nicht zu -Ende sprechen, als er schon den Kopf schüttelte: „Aber -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Mademoiselle, Sie sind mein Gast.“ — In der Rue -de R. hielt das Kabriolett vor einem villenartigen -Hause. Ein zierliches Mädchen in Rosa öffnete die -Tür und sagte, ohne meinen Begleiter zu Worte -kommen zu lassen, fast vorwurfsvoll: „O, Monsieur, -Madame hat bis vor einer halben Stunde auf Sie -gewartet, nun ist sie allein in den Bazar gefahren.“ -Betreten murmelte mein Begleiter: „<span class="antiqua">Mon Dieu</span>, wie -konnte ich das vergessen!“ Ich fühlte mich als die -Schuldige, dieses mochte der Fremde empfinden, da -er beruhigend sagte: „Ich nehme die Schuld auf -mich.“ Ich hörte ihn leise vor sich hinsagen: „Eine -liebe Person ist Madame L. T.“ Dann wandte er -sich wieder zu mir: „Nun, ich werde Sie gegen Abend -hinbringen, und Sie werden sie schätzen lernen, wie -ich.“ — „Gefällt Ihnen mein Heim?“ fragte Guy -de Maupassant, der mir unterwegs endlich seinen Namen -genannt hatte, von dessen Bedeutung ich damals -noch keine Ahnung hatte. „Jetzt wollen wir uns -ruhig überlegen, was wir zu tun gedenken. Kommen -Sie doch aus Ihrem Winkel hervor und fürchten -Sie sich nicht vor mir! Haben Sie auch schon daran -gedacht, falls Sie noch Eltern haben, daß die in Besorgnis -sein werden, und daß ich eigentlich verpflichtet -bin, ihnen Nachricht zukommen zu lassen?“ Er mochte -wohl meinen Schreck bemerken, denn er fügte schnell -hinzu: „Nun, wir sind ja Kollegen, außerdem bin -ich kein Moralprediger, und Ihr Unternehmen rüge -ich keineswegs, im Gegenteil, es imponiert mir, aber -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -na, diesen Punkt wollen wir gemeinsam mit Madame -L. T. überlegen. Für den Augenblick bin ich -dafür, daß der kleine Robinson von den Strapazen -seines Abenteuers sich etwas ausruht. Ich werde -unterdessen ein wenig ausgehen und frühzeitig wieder -erscheinen.“ Er war fort, und ich allein, mutterseelenallein -im fremden Hause. Zunächst betrachtete -ich die Gegenstände des Zimmers. Auf dem Schreibtisch -standen einige Photographien, unter denen ich -auch den helläugigen Herrn von heute morgen fand. -Zu meiner großen Freude, denn er gefiel mir schon -wegen seiner blonden Locken sehr gut. Dann aber -spürte ich die so lange zurückgehaltene Müdigkeit, -legte mich auf eines der Kanapees und deckte mich -mit den Decken zu, die Maupassant für mich bereitgelegt -hatte. Aus traumlosem Schlaf, wahrscheinlich -durch das Geräusch einer aufgehenden Tür aufgewacht, -mußte ich meine Gedanken erst mühsam sammeln. -„Herr Gott, wo war ich denn eigentlich?“ Ich eilte -ans Fenster, und mir schoß plötzlich angesichts der -fremdartigen Uniformen auf der Straße unten der -Gedanke durchs Hirn: „Wie kam’s doch noch, daß -ich in Paris bin.“ Mich überkam plötzlich die Angst -eines Gefangenen, der keinen Ausweg weiß. „Herr -Gott, wenn nun der fremde, dunkle Mann ein Verbrecher -wäre?“ Mir wurden plötzlich alle Sensationsgeschichten -meines Lebens grauenvoll lebendig. Um -mich zu orientieren, um gleichsam die Waffen meines -Feindes kennen zu lernen, ging ich an den Schreibtisch. -</p> - -<p> -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -„Was, Goethe!“ Nun fühlte ich mich in Sicherheit. -Und was mich am meisten interessierte, da lag ja auch -Petöfi. Der Dichter, der mir gefiel in seiner ungarischen -Studentenuniform. „Ach, Monsieur!“ rief -ich erstaunt und erschreckt. Maupassant stand nämlich -vor mir, ich mußte sein Klopfen überhört haben. -„Nun, mein kleiner Robinson, Sie sehen ja so frisch -aus, wie ein Dijonknöspchen; jetzt wollen wir weitere -Dispositionen treffen. Übrigens öffnen Sie einmal -die beiden Schachteln, mit deren Inhalt bald zwei -kleine Buben spielen werden.“ In der einen Schachtel -lagen schonungsvoll Bleisoldaten geschichtet, mit -dunklen Waffenröcken und roten Hosen. In der Mitte -der Schachtel aber lag, umgeben von seinen Getreuen, -Napoleon III., hoch zu Roß. Aus der andern Schachtel -glotzten mich porzellanene Froschaugen an, Enten -mit gelben Schnäbeln, Reptilien aller Arten — ein -ganzes Aquarium. Ich richtete die Soldaten parademäßig. -Maupassant hatte währenddes eine Waschschüssel -herbeigeholt, und wir ließen nun die Ungeheuer -auf den Fluten, die wir zu künstlichen Stürmen -erregten, nach Herzenslust austoben. -</p> - -<p> -Wir, Maupassant und ich, waren auf einmal intim -wie zwei Gespielen. Das fand auch Maupassant. -„Wir würden uns, glaube ich, sehr gut vertragen,“ -sagte er plötzlich und klopfte mir auf die Backe. Dann -aber begann er ernstlich über meine Situation zu -reden. „Ich habe eben Erkundigungen eingezogen über -das Magazin. Der Chef steht keineswegs in gutem -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -Leumund. Ich rate Ihnen davon ab, dort einzutreten -aber vielleicht haben Sie noch andere Fertigkeiten, -die sich verwerten ließen?“ -</p> - -<p> -„Ach ja, Herr Maupassant, ich tanze sehr gut.“ -</p> - -<p> -„So, dann wäre ja der Zirkus oder das Ballett gar -nicht übel!“ meinte er nicht ohne Ironie. „Und -welcher Tanz wäre denn Ihre Spezialität?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Danse de ventre.</span>“ -</p> - -<p> -„So?“ Maupassant lächelte erstaunt. „Da müssen -Sie mir gleich eine Probe Ihrer Fertigkeit ablegen.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Eh bien!</span>“ rufe ich in heller Begeisterung: „Sie -werden der Pascha sein, vor dem ich mich mit meinem -Kostüm produziere.“ „So hätten wir auch das Lokalkolorit,“ -ergänzte er. Ich war indessen schon so eingebürgert -in der gastlichen Wohnung, daß ich die -Türe öffnete und Maupassant bat, so lange meine -Toilette währte, zu verschwinden. Eine golddurchwirkte -Decke, die auf einem der Tischchen lag, nahm -ich und wand sie um meine Lenden bis zu den Füßen -herab. Ich löste meine Haare und entnahm einer -Vase einige Nelken, die ich mir kreuzförmig um den -Kopf flocht. Ich muß ausgesehen haben wie eine -Wilde. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Entrez, monsieur le Pascha, s’il vous plaît.</span>“ -</p> - -<p> -Maupassant trat ein, auf dem ausdrucksvollen Kopfe -einen Fez und um den Hals eine reiche Münzenkette, -mit majestätischem Ernst nahm er auf einem zum -Thron umdrapierten Sessel würdig und feierlich -Platz, und die Vorstellung begann. -</p> - -<p> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -„<span class="antiqua">Charmant, drôle, superbe!</span>“ rief er ein über das -andere Mal, und seine Würde vergessend, begann er -taktmäßig den Kopf hin- und herzuwiegen bei jedem, -Kastagnettenschlag markierenden, Schnippen meiner -Finger. Die Nelken aus den Haaren nehmend, kniete -ich zum Schluß vor ihm nieder. „Mein Fürst und -Gebieter, hat deine Prinzessin Gnade vor deinen -Augen gefunden?“ -</p> - -<p> -„Was begehrst du?“ rief der Pascha mit Pathos. -</p> - -<p> -„Deine Freundschaft, Herr.“ — Wir fuhren am Abend -noch, da Maupassant sich dagegen sträubte, mich in -das obskure und für mich gänzlich ungeeignete Hotel -„Maison Bohème“ zu bringen, in dem ich bei meiner -Ankunft, da es mir wie ein Wahrzeichen erschien, abgestiegen -war, zu Madame L. T. — Unterwegs bat -er mich, ihn zu küssen, da er doch mein Gespiele sei. -Ich war im Begriff, meinen Kopf in die Höhe zu -recken und ihn zu küssen, da ich seinen Wunsch ganz -natürlich fand — doch nein, — plötzlich senkte ich -meinen Kopf wieder in die alte Lage zurück, denn in -diesem Augenblick fiel mir ein, was Maupassant mir -gesagt: „Ich verachte die Frauen, weil ich sie nötig -habe.“ -</p> - -<p> -„Nun, plötzlich anders gewillt?“ rief er erstaunt und -gekränkt. -</p> - -<p> -„Ah so,“ meinte er lächelnd. — — — -</p> - -<p> -Madame L. T. empfing mich liebenswürdig und küßte -mich nach französischer Sitte auf beide Wangen. -„Hier bring’ ich Ihnen einen kleinen Robinson,“ erklärte -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Maupassant. „Und vor allen Dingen <span class="antiqua">une -belle fille</span>,“ sagte Madame L. T. weiter. „Das finde -ich keineswegs,“ warf Maupassant ein, „apart — -ja — ein Mädchen mit Knabenaugen.“ -</p> - -<p> -Mit gedämpfter Stimme unterhielten sich die beiden, -wahrscheinlich über meine Zukunft, hinter der Portiere, -und dann empfahl sich mein Beschützer, nicht -ohne mich nochmals ausdrücklich zu beruhigen: „Mein -liebes Fräulein, seien Sie unbesorgt, Sie befinden -sich in den besten Händen!“ Madame führte mich -in ein kleines Boudoir, wo wir den Tee einnahmen. -Sie hörte nicht auf mit Liebkosungen; und noch mehr -wie meine Leidensgeschichte interessierte sie mein Renkontre -mit Maupassant. -</p> - -<p> -Meine Wangen glühten im Gespräch, und ich machte -ihr das Geständnis, daß Maupassant mir sehr gut -gefiele, daß er mich habe küssen wollen, was ich aber -stolz abgelehnt. Als ich schwieg, begann die Dame, -die während meiner begeisterten Aussprache erblaßt -war, mir klar zu machen in der delikatesten Weise, daß -man die Liebe eines Mannes wie Maupassant sich am -besten bewahre durch Zurückhaltung. Und dann verstand -sie in rührender Weise mich aufmerksam zu -machen, wie besorgt meine Angehörigen nun wohl um -mich sein würden. Sie brachte mich zu Bette wie ein -Kind, und ich konnte nicht unterlassen, meine Arme -um sie zu schlingen wie instinktiv, um ihr Abbitte zu -leisten dafür, daß ich ihr Schmerzen bereitet hatte. -Ich weinte bitterlich diese Nacht, nicht ohne das wohltuende -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Gefühl einer gewissen Hochachtung vor mir -selbst — denn ich faßte den Entschluß, eine heroische -Tat zu vollbringen, Paris zu verlassen — Maupassant -nie wiederzusehen. -</p> - -<p> -Morgens früh klopfte ich an die Tür der Dame und -teilte ihr meinen Entschluß<a id="corr-9"></a> mit, daß, falls sie mir das -Geld zur Rückreise borgen wolle, ich Paris verlassen -würde. Ich glaube, im Grunde plagte mich das -Heimweh, das durch das Wort Madame L. T., noch -geschürt wurde. -</p> - -<p> -„O, meine liebe Madame L. T., nicht wahr, Sie -grüßen Monsieur Maupassant von mir?“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-27"> -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Albert Heine — Herodes V. Aufzug. -</h2> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza first"> - <p class="verse"><span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">inter</span> deiner stolzen, ewigen Wimper gingen wir unter,</p> - <p class="verse">Schwermütige Sterne brannten auf deinem Lide.</p> - <p class="verse">Deine große Hand beugte das Meer</p> - <p class="verse">Und brach ihm die Perlen vom Grund.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Wüste war dein Schild</p> - <p class="verse">In der Schlacht.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">An dich dürfen nur Dichter und Dichterinnen denken,</p> - <p class="verse">Mit dir nur Könige und Königinnen trauern.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Alle Leiber der Stadt ringeln sich</p> - <p class="verse">Giftig um deinen Leib.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Deine Schwester bespie den Traumstein deiner Liebe.</p> - <p class="verse">Du, ein beraubter Palast,</p> - <p class="verse">Judas schwankende Säule,</p> - <p class="verse">Völker bedrohend.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So arg mag nur ein Schöpfer lichtmitten</p> - <p class="verse">Seiner Reiche zerbersten.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-28"> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Karl Vogt -</h2> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza first"> - <p class="verse"><span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> ist aus Gold —</p> - <p class="verse">Wenn er auf die Bühne tritt,</p> - <p class="verse">Leuchtet sie.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Seine Hand ist ein Szepter,</p> - <p class="verse">Wenn sie Regie führt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Den Trauerspielen Strindbergs</p> - <p class="verse">Setzt er Kronen auf,</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aus den Dichtungen Ibsens</p> - <p class="verse">Holt er die schwarzen Perlen all.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Er kann nur selbst den König spielen</p> - <p class="verse">Im Spiel.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Morgen wird er König sein —</p> - <p class="verse">Ich freu’ mich.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-29"> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -Paul Lindau -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">anchmal</span> sitzt Paul Lindau abends im Café des -Westens und freut sich über die bunten Jünglinge -und zwitschernden Mädchen. Er ist nicht hochtrabend, -er tut mit. Seines Herzens leuchtende Farbe ist -nicht eingetrocknet. Meine Eltern hatten Paul Lindau -furchtbar lieb. Er war Redakteur in der Elberfelder -Stadt. Ich habe Paul Lindau eines Tages gesagt, -Herr Doktor, ich bin Else Schüler. Da meinte er, er -habe meine Eltern nicht vergessen. Und wenn wir uns -nun begegnen, denken wir an ein Haus am Wupperstrand, -darin die Feste ein und aus tanzten. Paul Lindau -hat Temperament, er kann keine Maske anlegen, -sie würde nicht lange dauern vor seinem Herzen. Er -ist ewig jung. Aber auf allen Tischen und Vorsprüngen -seiner Gemächer liegen antike Sammlungen, rissige -Geschenke aus allen Erdteilen. Ich muß Paul -Lindau aus meinem Leben erzählen; er versteht zuzuhören; -diamantisch strahlt seine Liebenswürdigkeit. -Mutter und Großmütter, Vater und Urväter hängen -eingerahmt in goldenen Rahmen über seinem Schreibtisch; -er selbst als Knabe blauäugig und rosengelockt. -Nicht viel älter war ich, als ich seinen wundervollen -Barmer-Roman las, von seinem alten Pfarroheim -und den beiden süßen Kusinen. No leckern Äppeln rukt -sinne Liebesgeschechte on dat ganze Hus von sing heelegen -Onkel bis bowen op die Rompelkammer, wo -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -die Äppels em Wenter leegen. Ich erinnere ihn an -die Sitte. Paul Lindau weiß alles noch ganz genau. -Diabolisch sind die schwarzen Täler der Schornsteine -— denkt seine ernste Stirne, aber die Sonne spielt -dazu ganz bunt auf seinen schlanken Händen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-30"> -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Bei Julius Lieban -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> bitte Herrn Lieban, mir einen Nachtigallenspaß -aus seinem Leben zu erzählen. Wir sitzen in -seinem kleinen Gemach auf gemondeten und gestreiften -Diwans, Herr Lieban, sein Töchterchen Eva und ich. -Herr Lieban erzählt von Wanderzügen nach dem Süden. -Wunderbar ahmt er die Begeisterung des temperamentvollen -Publikums nach; eine ganze Reihe -verschiedener Mienen huschen auf seinem Gesicht vorüber. -Noch heute spricht man in Florenz davon, wie -er eines Tages angeflogen kam und gesungen und es -hinausgejubelt hat das feurige Lied an die Teure -seiner Heimat: „Dein ist mein Herz und soll es -ewig bleiben!!“ Und wieder zarter einsetzend: „Dein -ist mein Herz und soll es ewig bleiben ...“ Und -bei seiner Abreise haben sie auf dem Bahnsteig, auf -dem Trittbrett und im Waggon gestanden. Jedes -trug ein leuchtendes Herz am Busen geheftet. „Arivederla, -Signor Giulio, arivederla!“ Ein halbes -Kind war er damals noch, aber Herr Lieban ist noch -heute neunzehnjährig mit seinen kurzen, schwarzen -Ringelrangelrosenlocken und den dunkeln Schalkaugen. -— Mutwillig, sturmwillig über die weichen -Teppiche — hin und her flattern die Portieren. „Hab’ -im eigenen Hause keine Ruhe — hören Sie, da klingelt’s -wieder.“ In diesem Salon unterschreibt -Maestro ein Engagement, in jenem erwarten ihn bittende -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Lippen. Einige Damen in Pelz und Federhüten -sehe ich durch den Perlenvorhang auf niedlichen Rokokostühlen -sitzen. Herr Lieban soll in einer Wohltätigkeitsvorstellung -singen, Herr Lieban kann nicht -abschlagen, das wissen alle schon. Mit zugehaltenen -Ohren eilt er plötzlich wieder an uns vorbei; aus dem -Studierzimmer dringen schmerzliche Töne einer harrenden -Schülerin. „Sie stimmt ihre Kehliatur“, -flüstert mir schelmisch Eva ins Ohr. Und Herr Lieban -weiß gar nicht, was er zuerst erledigen soll. Klein-Eva -und ich sind ganz alleine — Klein-Eva hat ebenfalls -einen Kobold im Auge sitzen und Goldflatterhaare -hat sie; sie will nicht zur Bühne gehen — der -Vater hat ihr zu viel Schlimmes von dort erzählt. -Und als Herr Lieban sich uns wieder widmen kann, -bitte ich ihn, auf sein Töchterchen zeigend, mir auch -etwas Schlimmes von dort zu erzählen. Er nickt -einige Male ernsthaft mit dem Kopf, er nickt seinem -Liebling zu; der scheint zu wissen, was seinen Vater -so verwundert hat. „Ja, ich kann’s nicht verschmerzen,“ -sagt Herr Lieban, „genau fünfundzwanzig Jahre -sind’s her, ich spielte den Mime in der Premiere -des „Siegfried“ im Berliner Viktoriatheater. Wagner -stand hinter der Bühne, und es geschah, daß man -mich nach dem zweiten Akte verlangte und den Schöpfer -vergaß. Wagner stürmte fort und ließ sich am -Abend nicht mehr sehen. Aber das, was ich nicht -verschmerzen kann, ist: als wir am andern Tag den -Erfolg des Meisterwerks feierten und wir Mitwirkenden -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -uns am Eingang des Theatersaals aufgestellt -hatten, Wagner unsere Ehrfurcht in Form einer -Gabe zu Füßen zu legen, daß er da jedem von uns -lebhaft die Hand drückte, an mir vorüberschritt, meinen -Gruß nicht beachtete und mir zurief: ‚Sie haben -mir ja den gestrigen Abend umgeschmissen.‘ Sehen -Sie, das habe ich nie verschmerzen können, gerade -weil er ein Gottkünstler ist.“ Eva sagt: „Vater -hat’s gedruckt im Buch stehen“ — sie springt aus der -Türe und holt das vergilbte Buch vom Schreibtisch. -Herr Lieban muß lächeln. Aber seufzend mit der -Puppe im Arm begleitet mich Eva die Treppe hinunter. -Durch die Villenallee nach Hause zu lese ich -im Vorübergehen an der Litvassäule Julius Liebans -Namen. Er singt heute abend den David, den finsterulkigen -Schusterjungen. Den David kann kein andrer -singen. Seine Stimme sind Saiten einer Leier, die -einmal an einem Freudentage ein Gott erschaffen hat. -Seine Lieblingslieder rauschen durch Seidengärten, -und mit Silberglocken behangen klingen seine Schelmengesänge -und tragen bunte Tracht. „Es ist zum -Küssen ...“ einer sagt’s dem andern unter den -großen Lichtsternen entzückt ins Ohr. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-31"> -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Friedrich von Schennis -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Baron ist eine Schöpfung aus Genie; er ist -bereitet aus Himmel und Satan, aus Fegefeuernuancen -und gottblau. Mein Bruder nannte ihn -den Marquis; ich dachte immer, könnte ich den Marquis -sehn. Eines Tages sah ich den Marquis in -gepuderter Perücke, in blauem Samtrock, die Rokokohände -zwischen feinen Spitzen, lustwandeln über -die Wege von Sanssouci auf seinem Bild in der -Nationalgalerie. So überall im Rahmen atmet er -mit seinen Farben vermischt; zwischen ocker und bleu -liegt er auf seiner Palette. Und aus den Rosen des -Parkes steigt sein Duft und die Stirn des Schlosses -bescheint seine Andacht. Friedrich von Schennis ist -ein Andächtiger. Noch zwischen losen Frauenlippen -und seinem wilden Zynismus lauscht er nach Gott. -Sein Zynismus schluchzt. Der Baron ist schön, sein -Angesicht ist feierlich, immer liegt ein Schleier auf -seiner feinen Haut. Die fältet sich schmerzlich dann, -wenn sein Auge die Wirklichkeit erblickt, die Wirklichkeit -ohne Zeremonie. Ich wundere mich nicht, daß -er den Philister haßt, den Sonntags- und Alltagsphilister, -noch eindringlicher aber empfinde ich seine -Verachtung gegen den freigewordenen Bürgersohn, -den Studenten der Kunst. „Die Kunst kann man nicht -erlernen, nicht wahr, Herr Baron, Herr Marquis, -König aller Könige?“ Ich sitze neben ihm und bin -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -der Prinz von Theben. Und zu seiner Linken versteht -ein Arzt des Rausches die unbekümmerten Launen -des Barons zu beschwichtigen. Aber der Baron liebt -das Gaukelspiel des Herzens. Wir müssen mit ihm -Champagner trinken, er will Begleiter zur Vergessenheit -haben. Aber ich weiß, der Baron kann nicht vergessen, -er kann wohl trunken, doch nicht betrunken -werden. Ich vergieße den schäumenden Luxus, der -herrliche Mundschenk zersplittert, mich zu ehren, meinen -gläsernen Kelch. Das hätte Friedrich der Große -auch in seiner Flötenlaune getan; der Baron stammt -aus der Zeit der Flötenkonzerte. Er hat kein Alter, -er ist wandelbar wie die Zeit, die einmal Lenz und -einmal Herbst zum Zeitvertreib ist. Trägt der Marquis -nicht seine Perücke wie auf der Schloßlandschaft -in der Galerie, so ist sein Haar aschblond, sein Auge -ist aus Merveillieuxseide, und seine Hand bewegt sich -immer wie zum Holen einer Schönen zum Menuett. -Seine Freude und seine Schwermut sind Jünglinge, -und darum haßt er den Tod und möchte ihn vergessen -im Wein. Sein Esprit erinnert an Voltaire, lauter -Blitze, die treffen und Brände werden. Wenn der -Mond gegangen ist über den Garten, dann werden wir -auch nach Hause gehn, ich will noch über Friedrich -von Schennis einen Essay dichten. Seine Bilder sind -adlig und blaublütig. Liszt, der Musikpapst, Wagner -und der Großherzog von Weimar sind seine stolzesten -Werke, und die vielen Liebeslandschaften hängen in -Nischen minniglicher Schlösser. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-32"> -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Tilla Durieux -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> würde für sie auch im Privatleben das Eboligewand -wählen, den zackigen, weißen Kragen, der -ihr Angesicht, ein Bukett von Lichtwende und Herzschatten, -wie mit einer Atlasmanschette umgibt. Frau -Durieux spielt im Theater Reinhardts die Eboli; -die schlummernde Saitenspielerin ist auferstanden aus -ihrem Sarkophage. Es tut wohl, sie in „prinzeßlicher“ -Wirklichkeit wiederzusehen, in ihrem eifersüchtigen -Herzen zu erleben den Kampf mit der Kabale. -Den schnöden Verrat an die Königin verabreicht -sie dem lauernden Pater noch mit traumhaften Fingerspitzen. -Keineswegs hysterisch gehässig — historisch -wie ihr Kleid wirkt das intrigante Frauenspiel in -der Kapelle steinerner Nacht, an der blutgenagelt -Gottes Sohn hängt. Frau Durieux’ verzweifelte -Gebärde, nachdem ihre Königin sie verstößt, erinnert -an das Gemälde der büßenden Magdalene. — Als -ich sie vor einiger Zeit in ihrem Gemach erwartete, -suchte ich unwillkürlich nach der Laute. Da kam mir -entgegen Rhodope, ihre Hände hingen herab wie -Myrthen. Diese himmelweiße Syrierin ist der Glorienschein -ihrer Eingebung, das keusche Geschmeide -ihrer Begabung. Beweglich ist die Verwandlungskunst -der Frau Durieux, denn wer vermutet nach der -bräutlichen, geduldigen Königin und der verwöhnten -Lautenspielerin, „Sie“ in der bitteren Haut der eigensinnigen -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -Spielverderberin der ältlichen Schwester der -Brüder im Friedensfest. Krummrückig zum Fußaufstampfen, -hartnäckig widersetzend, den Angehörigen -eine giftige Augenweide. — In „Gott der Rache“ -von Schalom Asch spielte Frau Durieux die junge -Kupplerin des Bordells. Ich sehe sie noch keck in -der Mitte des Sofas sich hinflegeln mit der Frechheit -einer freigewordenen Sklavin, mit dem Machtbewußtsein, -vernichten zu können je nach Berechnung. -Das scheußliche Verbrechen ihres früheren Bordellchefs -zappelt auf ihrem Knie, sie läßt es kichernd -über ihrem Strumpfband hängen, sie braucht nur den -lockeren Vorhang aufzuheben. Tilla Durieux spielte -skandalös hervorragend. Hier nenne ich die Schauspielerin, -die Charakteristik ihres Zivils vergessend, -kurzweg „Tilla“ Durieux; aber wer sie in ihrem -Privatgemach je sah, umgeben vom Staat schützender -Tore und mächtiger Bequemlichkeiten, sie selbst zum -Empfang der Gäste sich liebenswürdig ermannend, -wird mit mir empfinden, daß sie keineswegs eine -Bohèmin ist, zu treu dem Einen außerdem, auch daß -ihr die seelische Leichtigkeit der Umgebenheit fehlt, -und ich nenne sie „Frau“ Durieux nicht etwa wie man -die Spießerin zu nennen pflegt, aber weil sie die -Hofdame der Schauspielerinnen ist; jeder Tag muß -ihr „d’or-jour“ sein. — Auf dem Sezessionsfest im -Februar teilte sich die Menge in zwei Flittergitter, als -sie den Saal betrat. Sie trug ein dunkles Spitzenkleid -und eine hängende Nelke im Haarknoten. Ich -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -fragte den Rektor in „Frühlingserwachen“ an unserm -Tisch, wer die schwarze Leopardin mit dem Blutstropfen -am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, <a id="corr-10"></a>geschmeidiger -Charme, in ihrem Herzen blühen feine -Nerven schmerzvoll auf. Aber als es Mitternacht -war, tanzte sie, auf einer Perle des Sekts rollend, -mit leuchtenden Augen im bunten Spiele der Masken. -Dieses Jahr gibt es wieder ein Fest; ich hoffe, daß -Frau Durieux auf Erden weilt, sie hält sich nämlich -ab und zu mit Vorliebe oben in den Wolken verborgen, -in ihrem Luftballon, und was wird sich Prinz -Karneval ärgern, wenn sie ihm nur eine lange Nase -machen wird. — Die Maschen des Netzes, das den -Ballon umhüllt, lockerten sich schon einmal. „Ein -Punkt in der Ewigkeit“ kommt man sich im Raume -vor, erzählt Frau Durieux. Sie ist ohne Furcht -und Zaudern. Zwischen Leere und Leere, Vogel sein, -nur Atem, so folge ich in Gedanken den Schilderungen -der Luftschifferin in die Lüfte. Da nimmt ihr Terrierhund -einen Anlauf aus salonansalongereihter Ferne, -springt mir auf die Schulter, ich falle vor Schreck -aus allen Himmeln. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-33"> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Paul Zech -</h2> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza first"> - <p class="verse"><span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ing</span> Groatvatter woar dat verwunschene Bäuerlein</p> - <p class="verse">Aus Grimm sinne Märchens.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Enkelsonn ist ein Dichter.</p> - <p class="verse">Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Man kann sie in die Hand nehmen,</p> - <p class="verse">So hart sind die.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sein Vers wird zum Geschick</p> - <p class="verse">Und zum murrenden Volk.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Er läßt Qualm durch sein Herz dringen:</p> - <p class="verse">Ein düsterer Beter.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aber seine Kristallaugen blicken</p> - <p class="verse">Unzählige Male den Morgen der Welt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-34"> -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -Rudolf Blümner -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">en</span> Mephisto spielt er jeden Abend, eine Privatvorstellung -im Freundeskreis. Ohne witzelnde Fußspitzenpose -— der Doktor hat Humor, der im Kranichschritt -mit dem Schwermutflügel einherschreitet. Wenn -er nicht kommt, sind wir alle belämmert; die gretchenblondesten -Mädchenköpfe freuen sich, wenn der Mephisto -endlich doch kommt. Er versteht Greisengesichtern -lächelnde Jünglingsaugen einzusetzen, wenn er -bei Laune ist und sein Herz mit übersprudelndem -Schalkwillen vorträgt. Wehe aber, wenn er durch -die Türe kommt, und sein Hut sitzt schief in die Stirne -gedrückt — es regnete —, er konnte heute kein Luftbad -nehmen, ein paar Sätze von der Galle, mehr -hören wir nicht. Aber seine Galle ist kariert. Nie -war ein Hut so mit seinem Kopf verwandt, wie -Doktor Blümners Hut. Der ist ein Mime, durchblutet -mit den Eigenarten seines Trägers. Unter -Hunderten würde ich den Hut des Doktors herausfinden, -namentlich aber dann, wenn der Rand seines -Panamas lacht; er sitzt rund hinten im Genick. Etwas -muß der Doktor heut’ ausführen, ich warte am liebsten -mitten im Zimmer, wenn er Klavier spielt, ich -kann dann so mit seinen Späßen laufen — er spielt -eine eigenvertonte Polonäse, er führt sie an. Seine -Finger springen wie ungezogene Jungen über die -Tasten, schlagen Kobolz, zanken sich; plötzlich steht -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -er gravitätisch auf: „Der Schlaf erwartet mich!“ -Aber in Wirklichkeit steht der Vollmond vor seinem -Fenster, hinter dem Ohr einen Federkiel. Der Doktor -muß noch einen Essay schreiben. Seinen Lehrer -im Frühlingserwachen — wer kann ihn je vergessen -und die Grazie des Ricco in Minna von Barnhelm. -Er ist der Aristokrat des großen Schelmenspiels. Aber -auch sehr oft beliebt es dem Doktor, sein ernstes -Wesen dem Publikum zu schenken; es steht ihm am -besten; kehrt es ein — kommt es hervor aus seinem -tiefsten Herzensschatten. In diesem Monat hält der -Doktor wieder einen Vortrag, es sind die schönsten -Abende, goldene Atrappen mit überraschendem Inhalt. -Als er die Geschichte der Schneider von Keller -vorlas, glaubte ich die drei bis zum Schluß verschwinden -zu sehn aus dem Saal. Er machte nämlich -auch ein Gesicht, als ob sie ihm weggelaufen wären. -In seinem feinen Profil ist seine schöne Nase tragisch -geschnitten nach Gemmenart. Das Leben fällt gelassen -vor ihm. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-35"> -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -William Wauer -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">ls</span> das Café Kutschera noch seinen adligen Namen -„Sezession“ trug, hielt in dem oberen Raum -des Cafés William Wauer einen Vortrag über -Theaterkunst. Ein junger Schauspieleleve nahm mich -mit herauf; viele Eleven und Elevinnen schritten vor -mir in den Saal der grauen Sammetsofas und Sessel; -ich war die einzige unter den Zuhörern, die Wauer -noch nie gesehen und doch ihn sich genau so vorgestellt -hatte mit der eigenartig schmerzlichen Sicherheit -in den Augen und in den Gebärden. Ein großer -Geiger, der nicht die göttliche Geige findet. Ein -großer Dirigent — ist nicht sein Vortrag ein Zusammenspiel -vielerhand Instrumente gewesen. Lebendige -Violinen, seine Schauspieler; er mag nicht die -erste Violine zwischen ihnen, die den Ton angibt, kein -Genie, das sich abtönt, hervortönt von den anderen -Tönen. Das Zusammenspiel seiner Leute, eine Genieleistung -soll sie sich heben aus der Fertigkeit seiner -Hand. Als das künstlerische Theater aus Moskau -in Berlin gastierte, gedachte ich der Worte William -Wauers. Der Zar bis zum Onkel Wanja und die -Frauen all, glichen seinen Idealgeschöpfen. Wandelnde -Töne, schreitende Melodien, unbezahlbare Instrumente -mit tausendtiefem Ton. Aus Spielläden -und Kotillongeschäften liefert man William Wauer, -Spaßgeigen, Trompeten, Kriköhs: Dilettanten und -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -Tantinnen. Sie essen ihre Rolle, um sie ganz im Leib -zu haben. Sie muß ihnen auf den Leib passen. Aber -der Schauspieler soll den Duft seiner Rolle einatmen. -Über solch trunkene Seele zu streichen mit seinem -Bogen. — Seine Regie steht auf Füßen, das Milieu -gleicht dem Bewohner des Schauspiels. Erster Aufzug: -Veranda, von Säulen umstanden. Zweiter Aufzug: -Wohnzimmer der gräflichen Familie. Man kann -sich gar kein anderes Innere vorstellen nach dem Wuchs -der Villa. William Wauers Regie ist anatomisch. -Sein Blut möchte fließen durch die Adern seiner -Schauspieler wie ein Strom durch das Spiel. Das -soll keimen und aufgehen aus seiner Gestalt in vielen -Gestalten. Kein Asiate ist er, dem die Tragödie nur eine -einzige Kriegsgebärde wird. Er meint, zu den Wilden -gehöre ich, und mit der eigenartig schmerzlichen Sicherheit -im Auge betrachtet er mich wie ein fremdes Instrument -aus Bambus. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-36"> -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -Wauer-Walden via München und so weiter -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">O</span><span class="postfirstchar">,</span> wie wohl ist mir im Herzen zwischen den vielen -scherzenden Herzen; alle sind bunt und brennen, -aber mein Herz ist blau und glüht. Am Morgen -hänge ich es an einen sorglosen Blumenbaum und lasse -es zwitschern. Wie ich so dahinlebe, ich bin einer der -fahrenden Schüler aus St. Peter Hilles Platonikers -Sohn. Im Tanzschritt ziehen wir durch das Grün -der Stadt hintereinander mitten im Mondpolka. Die -Straßen und Plätze duften noch nach Marienbalsam -der Dome. Wir schweben, wir kennen die Sünde -nicht, an der Welt vorbei, mit München der Südstadt -Deutschlands im Arme. Ich muß München -immer küssen, schon, weil ich Berlin hinter mir habe; -wie von einer langweiligen Kokotte geschieden fühle -ich mich. Meine Freunde spielen Harmonika, wir -ziehen an Schaufenstern pietätvoller Läden vorbei; -Meisterbilder, frommer Schmuck, wilde Waffen aus -den Gräbern der Bibelfürsten und überall die blauen -König-Ludwig-Augen! Eine alte Riesenkommode ist -München aus einem bayrischen Alpenknochen gehauen. -Man kann so andächtig kramen in München und ausruhen -auf gepolsterten Erinnerungen. Hier freut man -sich seiner selbst, man findet sich in seinem glücklichsten -Augenblick oben auf dem Berge der Stadt. Im Vorbeischreiten -an den Gärten Obersendlings, flüchtet -vor mir das prahlerische Häuserregiment Berlins. -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -Es steigt die Erde, ich sitze auf ihrem Rücken in einem -der Schlösser. Ich bleibe hier für ewig! Man sagt -das so leicht. Ein Paradies ist München, aus dem -man nicht vertrieben wird, aber Berlin ist ein Kassenschrank -aus Asphalt; der ihn zum Labsal benutzt, -hängt sein Herz engherzig als Schloß davor. Ich -soll mich so ganz erholen in der bayerischen Hauptstadt. -Gibt’s auch Cafés hier? Da winkt schon eins -von ferne. Sei mir gegrüßt, oder wie der Bayer -sagt „Gott grüß dich, Café Bauer!“ Von einem -Altan herab ladet es den Vorbeiwandelnden einzutreten, -manchmal sogar holt der luftschöpfende Ober -den Gast in sein Kaffeehaus nach südlicher Sitte. -Ich stelle eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Café -Bauer mit unserem Café des Westens fest, unserer -nächtlichen Heimat, (grinst nur verfluchte Somaliphilister -und Sudanproleten) unserer Oase, unserem -Zigeunerwagen, unserem Zelt, darin wir ausruhen -nach dem alltäglichen schmerzvollen Kampf. Die Frau -Wirtin ist sanft, sie pflegt unsere Launen, die uns -der Bürger schlug. Vom Oberober bis zum Unterunter -passen die sich dem Rhythmus der Gäste an. -Herr Rattke hat wieder ein neues Buch geschrieben in -Trochäen über Servieren, verrät mir Richard, der -Zeitungsverweser, der Journaltruchseß. Er liest mir -mit Pathos mein Gedicht im Sturm vor über München; -ich beginne zu seufzen. Was fangen nun die -spielenden Straßen dort ohne mich an und die vielen -gaukelnden Herzen? Daß die gesund bleiben, dafür -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -sorgen die Ärzte, namentlich der unvergleichliche Doktor -Arthur Ludwig. Alle seine Patienten kommen, -weil er der unvergleichlichste Mensch noch dazu ist, nie -zur angeschlagenen Zeit in die Sprechstunde, wegen -der süßen Speisen und der Marmeladen, die zum -Mittag aufgetragen werden von seiner emsigen, lieben -Haushälterin. Und die bettlosen Patienten und -Freunde nahen gewöhnlich mit dem Dietrich und -der Zahnbürste im Gewande, sie kommen vom Rande -ihres Lebens und der Doktor, ein heiliger Wirt, wie -auf dem Bilde in seinem Sprechzimmer, zu sehen ist: -„Fräulein Haushälterin, besorge für den Fremdling -nun eine Lagerstatt.“ Er ist direkt ein Engel. „Ein -starkfühlender, intelligenter Engel“, betont ein Kollege -von ihm, Doktor Max Nassauer, der dichtende -Arzt in München. -</p> - -<p> -Wir gehen alle in den Simplizissimus, in Kati -Kobus’ berühmte Künstlerkneipe. Heute kommen -die Kegler! Ich meine die Leute vom Kegelabend. -Ludwig Scharf trägt mit starkem Ton seine Verse -vor, jedes Wort ist an das andere geschmiedet. Sein -Gesicht ist eine diabolische Arabeske. Dazwischen tönt -die fahrende Stimme des Gitarrespielers und die -liebenswürdigen, drolligen Bemerkungen Max Halbes; -er gefällt mir sehr. Und all die kleinen summenden -Mädchen mit den braunen und blonden Liedern. -Und die Hauptsache bleibt die Kati Kobus, die -Simplizissimusherrscherin mit dem Kronmal auf der -Stirn. Sie ist die Herzogin des Rausches, sie ist -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -eine Regierende. Wer so zu unterscheiden vermag wie -sie! Eine Juwelierin, wer so das Angesicht auf sein -Geistkarat zu werten vermag. Das Scheiden aus -ihrem Nachtgarten, wo das Lachen blüht zwischen -Bilderhecken, tut mir besonders weh. „Frau Helene,“ -sage ich mich ermannend eines Morgens zu meiner -Wirtin, „es muß geschieden sein!!!“ Berlin! Vom -Waggon aus steige ich sofort die Stufen des Kleinen -Theaters hinan zur Generalprobe der Vier Toten der -Fiametta. Morgen zur selbigen Stunde werde ich -Jacobsohn wiedersehen — ich werde Jacobsohn -wiedersehen! -</p> - -<p> -Direktor Wauer fundiert noch seinen letzten Fußtapfen, -er legt so das Schreiten und die Gebärden -der Spielenden fest. Fest und sicher bewegt sich -nun das ungeheure Pantomimendrama und ballt sich -wieder zur Einheit. So wohlgeformt und nicht ein -Abweichen, nicht ein überflüssiges Zureichen allerleigrauen -führen des Schneiders (William Wauer) -Klauen die Schneidernadel unentwegt. Grandios ist -die Bewegung seines Mundes, die nicht ein stummes -Reden, aber ein drohendes Auftun seines Gesichtes -bedeutet. In großen teuflischen Zeichen nicht minder, -wie ihr Direktor, spielt Rosa Valetti, die Schneidersfrau, -und rotangefüllt, ein Blutbezechter, ein wankender -Bär, tappt der Lastträger (Guido Herzfeld) -auf den Ruf der verzweifelten Fiametta über die -Stufen der Treppe, in das Trauerspiel. Das Harlekintrio. -Ein Gemälde, das im Anschaun mit dem -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Körper des Bewunderers verwächst. Und die ungeheure -Last Trauerspiel, rollt sich auf einer Musik -<em>aufwärts</em> hochmütig über die Leiche verdutzter -höhnender Kritik. Herwarth Walden, ein Hodler -der Musik, der alles Süßliche zerreißt im Siegeskrampf -und Kampf. Morgen ist die Premiere der -Vier Toten der Fiametta, ich werde Jacobsohn wiedersehen -—, ich werde den kleinen Jacobsohn wiedersehen! -„Wer kommt noch mit ins Café?“ -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-37"> -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Emmy Destinn -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> schrieb ihr am Schluß meines Briefes: Semiramis, -hinter den düsteren Gängen deines Palastes -vermute ich hängende Gärten. Worauf sie -ans Ende ihrer Zeilen setzte: Meine liebe Dichterin, -meine Gärten sind diesen Abend wilde, verschwiegene -Schluchten, kommen Sie und hören Sie mich die -Carmen singen. — -</p> - -<p> -Manchmal versteckte ich den Kopf in das Sammetgehang -der Loge, den dunklen Strom ihrer Stimme -einsam über mich rauschen, tanzen zu hören über üppige -Pfade heißer Lippen liebentlang. — -</p> - -<p> -Der Soldat Don José sitzt abseits der Ausgelassenen -und schmiedet seine zerrissene Säbelkette; versunken -in Mutter, Heimat und Liebchen, dem frischen blonden -Blümchen der treuherzigen Provence. Aber da steht -sie hoch auf der Brücke, lauernd, hungrig — o, du -gewaltige Carmen-Katze! Den Oberkörper weit nach -vorwärts gestreckt, schleicht sie bestienmajestätisch über -die Treppe, die zu ihrem Opfer führt. Es durchgreift -den Soldaten eine peinigende Unruhe, er vertieft sich -gewaltsam in seine Arbeit, aber seine Finger zittern -vor ängstlicher Wollust. „Ei, du süßer Kettenschmied!“ -Und ein Strauß greller Rosen fällt zu -seinen Füßen nieder. Die lockende Schwere ihres -Liedes ergreift ihn, es berauscht ihn der singende Duft -ihres Blutes. — -</p> - -<p> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -Und dann Carmens grausames Begegnen mit Don -Josés Liebchen, Carmens zum Sieg gerüstetes Entgegenziehn -der fremden Rasse, aus der sie ihr Opfer -geraubt hat, das sie lieben und peinigen muß und zerstören -wird. „Sieh, ich nehme dich, ich verschlinge -dich!“ Und ihr Gesang und Spiel bekommen Tatzen, -die den Geliebten umkrallen, den Kampf seines Soldatenherzens -zerreißen und ihn ihr zu eigen machen. -Bravissimo, Carmen — Emmy Destinn! -</p> - -<p> -Und nun das Schwärzerwerden ihrer Stimme vor -dem verstoßenen, verhöhnten Geliebten, die trübe -Todesangst, die sie betastet. Und leise klingt die -Hochzeitsmusik, beben die Zaubertöne, die den Soldaten -gelockt haben in die Netze ihrer furchtbaren -Seele. Carmen! Todwund heben sich die Lider ihrer -bebenden Pupillen — ihr Sprung mißglückt. Feierlich -singt das Cello und flehentlich die Geigen. Draußen -wartet Escamillo. Carmen zerreißt ihre Haut -aus Hochzeitsseide und veratmet, noch ehe Don José -ihr treuloses Katzenherz durchsticht. Blaß werden die -Klänge in der Ferne. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die Lieb, die von Zigeunern stammt,</p> - <p class="verse">Fragt nicht nach Recht, Gesetz und Macht.</p> - <p class="verse">Liebst du mich nicht, bin ich entflammt,</p> - <p class="verse">Und lieb ich dich, nimm dich in acht!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Als ich am Tage nach der Vorstellung Emmy Destinn -besuchte, saß sie auf ihrer Bank von Gold aufrecht, -den Kopf düster gesenkt, wie die Blüte einer -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -Pharaonenblume. Sie trug ein Kleid aus bunten -Farben der Gewänder assyrischer Königinnen. In -ihren Ohren hingen Gehänge von durchsichtigen, gelben -Steinen. „Habe ich Ihnen gestern gefallen?“ -fragte sie mich. Und ehe ich antworten konnte, pochte -es leise an die Tür — mit einer Tasse süßen Duftes -trat eine ältere Frau ins Gemach und flüsterte ihrer -Königin mit besorgtem Augenrollen und Kopfschütteln -einiges ins Ohr. Als sie draußen war, sagte Semiramis -zu mir: „Sie war meine Amme und ist noch -immer um ihr herangewachsenes Baby in Besorgnis.“ -</p> - -<p> -Wir setzten uns an ein kleines Rosenholztischchen. -Vor dem Fenster dämmert es schon, aber Emmy -Destinn möchte vom Morgen trinken, immerzu spielen; -in ihrem Gesicht scheinen plötzlich ganz hell die -beiden großen, braunen Monde. „Komm, wir wollen -um die Rosenholztische Fangen spielen!“ -</p> - -<p> -An der Wand, mir gegenüber, hängen die verschiedenartigsten -Instrumente, wohl an zehn Geigen. „Und -der Flügel dort, ist der Flügel Webers gewesen,“ erzählte -sie lebhaft. „Und sehen Sie sich auch einmal -diese Bildergalerie dort an; ich habe eine mächtige -Verehrung für Napoleon den Ersten.“ In jedem -Lebensalter hängen Bildnisse des ehernen Kaisers -von Frankreich da, Briefe in zärtlichen Rahmen, -Waffen, die er geschwungen hat, umzäunt mit -Lorbeeren. — -</p> - -<p> -Katzen, Hunde, Hasen, Hähne, Puten von leuchtendem -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -weißen Porzellan, venetianische Vasen, vielarmige -Leuchter stehen auf stolzen Säulen und Elfenbeintischchen. -Da seh’ ich mich zu meinem Leidwesen drei, -vier, fünf, immer noch mehrere Male in großen -Spiegelwänden. Die schöne Königin hat, ohne daß -ich es bemerkte, die Türen ihres weiten Paradieses -geöffnet: blühende Seltenheiten und Seide. -</p> - -<p> -„Besuchen Sie mich bald wieder,“ sagte sie; ein -Lächeln in den tausendjährigen Augen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-38"> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Franziska Schultz -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">n</span> Berlin gibt es eine Fraue, die die Schmerzen -Marias leidet, sieben Schwerter im Herzen; und -die doch gnadenreich herablächelt auf die Armen und -Kranken. Jeder Mensch, der sich ihr nähert, ist ihr -Jesuskind. Einen Tempel müsse man um diese Mutter -bauen, einen Garten pflanzen, der ihr blühender -Mantel sei. Ich kann mich nicht der Fraue nahen, -ohne ihr meine Andacht zu bringen. Verirrte Magdalenen -treten durch ihres Hauses Pforte ein und rasten; -ruhen aus und besinnen sich unter der Liebe ihres -Mutterdachs. Franziska Schultz ist die Mutter des -Mutterschutzes. Man könnte fast das gefallene Mädchen -ihrer Patronin wegen beneiden. Mit fürsorglicher -Liebe lullt die höchste Fraue der Gnade die verstoßene -Mutter und ihr pochendes Spielzeug mit ihren beiden -Armen zärtlich ein. Kein Vorwurf trifft die Tragende, -ihres Kindes wegen, das noch auf seinem rechtmäßigen, -heiligen Muttererbe blüht. Alle Mütter aber -lieben die Eine. -</p> - -<p> -Eine Dame, die den Glanz irdischer Glänze ausdrehte -und durch die dunkle Straße schreitet, wo das -Elend wuchert. Nun wohnen keine verwöhnten Gäste -mehr in ihrem Hause, aber solche, die ein Herz voll -Liebe beanspruchen. Tragende und Beladene treten -durch ihres Herzens geöffnete Pforte ein. Maria! -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-39"> -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -Kete Parsenow -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Venus von Siam, ist die Kete Parsenow. -Feingebogene Dolche sind ihre Augen, wie die -der Göttinnen in goldenen Tempeln. -</p> - -<p> -Peter Altenberg gab vor einigen Jahren eine Zeitschrift -heraus, auf jeder Seite stand „sie“ in -blonden Farben. Die Kete Parsenow spielte damals -in Wien am Theater; nun wird sie hier spielen, und -doch sollte solche Schönheit verborgen bleiben, im -heiligen Haus zwischen geopferten, schweigenden Blumen. -Im Sommer begeisterte sie hier als Ophelia die -Zuhörer. Blutschwarz sank Hamlets Kopf in den -Schnee ihres Schoßes. Immer wird sie die Jungfrau -der Schauspielerinnen bleiben; sie ist unbetastete -Skulptur. Einmal legte sich vor ihr nieder eine weiße -Steppenhündin und wurde ihr ähnlich. Als sie vom -Strauch eine Rose pflückte, blühte die höher in ihrer -Hand. Sie ist selbst ein Wunder. In der Frau vom -Meere erschrak sie vor dem Überschwang ihres Herzens. -Und Ibsen, was hätte er gesagt, wenn er der -Kete Parsenow begegnet wäre, seiner Generalstochter -Hedda Gabler. Kete Parsenow ist sich ebenbürtig, sie -ist ebenso schön wie großherzig. Elfenbein ist ihre -Haut; immer singt ihr Gesicht. Einmal wurden die -Sicheln der Venus zu Monden, als sie böse war. -Ich sah die Venus von Siam lächeln, ich sah die -Venus von Siam sterben. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-40"> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -Ruth -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ie</span> müßte eine Patronesse haben — etwa die -Kaiserin von Island oder eine reiche Eskimotochter; -vielleicht wird es eine Inger auf Östrot sein. -Ruth ist eine Tragödin. Schon seit zwei Jahren spielt -sie mit Vorliebe Partien aus Ibsens Werken. Ihre -Dreijahrärmchen heben sich zürnend zum Himmel: -„Götter!“ Ich habe Ruth nie lachen sehn und auch -weinen nicht, wie andere Kinder. Ruth lacht mit -Vorsicht, plötzlich hält ihr Gesichtchen wie eine kleine -Sonne zu leuchten inne — und weinen tut Ruth, um -wieder zu lachen. Und am Abend dauert es eine Weile -bis sie einschläft, gerne läßt sie einen schmalen Guckspalt -offen für den Morgen, ob auf der Heizung ein -Schokoladenkakes liegt, von einem verkleideten Onkel -als Nikolas oder einer Zuckerhäuschentante gespendet. -Ruth gastierte zum erstenmal im Vorgarten des -Cafés des Westens, sie war damals zwei Jahre alt -und trug ein weißes Kleid über glänzendem Stoff von -der Farbe ihres Mündchens, das auf einmal zum -Mund wurde, wie gehext, strenge Furchen zog; ich -erschrak. Und noch dazu der finstere Ibsenblick, der -mich furchtbar einschüchterte. Immer tiefer sank -Ruths Lockenköpfchen auf die Strohröhre herab, die -vor ihm im Glase steckte: „So tinkt ‚Er‘ Limonade.“ -„Er“ hängt im mächtigen Rahmen im Zimmer ihrer -Muttertragödin (Beß Brenk) und immer steht Ruth -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -vor seinem Angesicht und besieht es sich, ob es auch -noch so macht wie „sie“. In Klein-Ruth schlägt -das große Ibsenherz, und als Ibsen sein Puppenheim -schuf, pochte sicher ein kleines Anhängsel an seinem -schweren Schlag, ein Goldherzchen, in dessen Mitte -ein himmelblaues Perlchen rauschte. Ruth springt -vom Stuhl, tanzt in ihren niedlichen Goldkäferstiefelchen, -die Röcke nach unten geglättet — nun hat -sie ein langes Kleid an. Sie tanzt einen herablassenden, -zurückhaltenden Tanz; da, als ob ein Sausevogel -durch ihren Kopf fliegt — fort will ihre kleine -Seele — ihre Beinchen sind ganz nackt; über Stühle -und Tische hinweg — Ruth, Ruth! Ich glaube, sie -sitzt oben auf dem Ast des jungen Baumes vor dem -Caféhaus. Was soll man dazu sagen — Genie? -Fort mit dieser alten Denkmalhülle, sie tut dem -Kind weh, aber in ein Wunder wollen wir die wundervolle, -kleine Ruth kleiden; in einem goldenen Bettchen -soll Ruth schlafen und von einem goldenen Tellerchen -und mit einem goldenen Löffelchen essen und auf -dem Becher, aus dem Ruth fürder trinken soll, steht in -Goldbuchstaben geschrieben: Ruth. Sie schüttelt den -Kopf wie eine Herrscherin, ich glaube, sie ist beleidigt, -nicht um der vielen goldenen Sachen wegen, -der Ober hat ihr Zucker schenken wollen; sie gleitet -schwerfällig vom Stuhl, streckt den Leib wie eine -Kugel vor, ihr Engelsgesichtchen bekommt Runzeln -— „dicke Frau is satt“. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-41"> -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -Unser Café -</h2> - -<p class="subt"> -Ein offener Brief an <em>Paul Block</em> -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span><span class="postfirstchar">ire,</span> Sie möchten etwas aus unserem Café wissen, -aber unser Café ist schon seit ungefähr -Pfingsten nicht mehr unser Café. Gestern las ich in -einer Chicagoer Zeitung, die mir meine Schwester -aus Amerika sandte, schwarz auf weiß, warum unser -Café nicht mehr unser Café ist, bitte hören Sie, Sire. -„Früher war das Stelldichein all dieser „Radikalen“ -das Café Größenwahn. Aber eines Tages verbot der -Besitzer der Dichterin Else Lasker-Schüler, die zu -diesem Kreise gehört, das Lokal, weil sie nicht genug -verzehre. Man denke! Ist denn eine Dichterin, die viel -verzehrt, überhaupt noch eine Dichterin? Sie empfand -das mit Recht als eine unerhörte Beleidigung, als -schimpfliches Mißtrauen gegenüber ihrer dichterhaften -Echtheit. Ebenso dachten die anderen. Daher verließen -sie empört das Lokal.“ -</p> - -<p> -Ob das alles nun wortgetreu wiedergegeben ist, — -jedenfalls begab sich die Schreckenstat an einem -Sonntag, meine Seele wurde Werktag, bäumte sich -auf und sehnte sich nach Revolution. Kein Vers, -keine Stimmung, kein Pathos, nicht der schäumendste -Überschwang hatte unsere Gemeinschaftlichkeit so -fädenverstrickt zusammengerollt, wie diese unerhörte -Begebenheit; Herr Café-des-Westens hatte mir, uns -allen, das Betreten seines Cafés ein für allemal -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -untersagt. Ungeheuer! Allerdings, wenn ich auch nichts -verzehrt hätte. Aber dem war nicht so, ich war gerade -im Begriff, meine zweite Bestellung zu entrichten, -Schokolade mit Sieb (da ich die Haut nicht mag), -als Herr Café-des-Westens aus einer Ecke auf mich -Lesende losstürmte und rief, es geht nicht, daß Sie -hier sitzen bleiben, ohne etwas zu verzehren!!! Neben -mir saß mein Reichskanzler Bisam O. Er ist feig, -aber seine rosa Haare standen Hügel, wurden brandrot -und sprühten Feuer. Dann kamen hintereinander -meine verehrten Freunde, die Paschas, und die -Schlacht begann. -</p> - -<p> -Soll ich Ihnen nun noch über die früheren Ereignisse -dieses Cafés erzählen oder genügt es, wenn ich Ihnen -sage, Sire, daß wir dort die schönsten Abende, -namentlich zu Zeiten Lublinskis, erlebten; den haben -wir alle kolossal verehrt, und er lachte selbst herzhaft, -wenn ihn der „Blümmner“ nachahmte. Unser -Zorn liegt nun über dem Café des Westens wie über -einem verlorenen Paradies, in dem wir nicht sündigten, -aber das an uns sündigte. Als wir auf der -Straße standen, gedachten wir mit Wehmut des -Gründers unseres verlorenen Cafés. Herr Rocco -hatte es sich als besondere Freude angerechnet, daß -wir Künstler in seinen Räumen verkehrten; wir -Künstler haben sozusagen das Café des Westens mit -auf die Welt gebracht, wir Künstler haben ihm das -erste Feierkleid geschenkt, wir Künstler haben es zur -Königin aller Cafés erhoben! Einer von uns hielt -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -diese Rede in die Nacht hinaus, ich glaube, ich war’s, -und den Chor gaben meine tiefergriffenen Kameraden -und Kameradinnen. Allerdings war Rocco kein Bär, -noch nicht einmal ein Tanzbär, keinesfalls ein Brummbär. -— — — -</p> - -<p> -Nur einmal in der Woche treffen wir uns nun im -Café Josty am Zoo, wir wollen keine Kaffern mehr -sein. Auf einer Erhöhung sitzen wir an zwei Tischen, -und Sonnabend halten wir Geheimsitzung. (Unter -Diskretion bitte.) Wir wollen Herrn Café-des-Westens -zwingen, sich zu entleiben, ich schlage vor, mit -dem Cafélöffel. Bitte, hochverehrter Sire, kommen -Sie doch unverhofft einmal, aber machen Sie sich -keine Illusionen. Wir sind ganz leise und flüstern, -scheint’s, nur so von Mund zu Mund, lauter Spielereien. -Wäre doch einmal nur einer größenwahnsinnig. -Hysterisch sind nur Dilettanten. Manchmal aber reißt -einer unseres Stamms schnaubend die Türe des Cafés -Josty um Mitternacht auf, den Tubutsch im Gewande. -Doch unsere größte Überraschung bleibt, -wenn unser Sänger kommt, der Dresdener Hofopernsänger -Franz Lindner. Aus der Liedertafel holte ihn -mein Heimatfreund Paul Zech. Noch sitzt überfließender -Tenor in seiner Kehle, er muß uns den Rest -weich über den Tisch herüber singen. Dann kommt -eine innige Freude des Beisammenseins über uns, -denn wir Künstler sind Kinder. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-42"> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -Marie Böhm -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">cke</span> Französische und Charlotten-Straße lachen aus -einem der Glaskästen schöne, weiße Zähne, zwischen -frischen Lippen in Mädchengesichtern. Manche -von den jungen Schauspielerinnen offenbaren ihre ureigene -Begabung, denn ihre Perlmutterhecken sind -gar nicht erschaffen, am Abend hinter zuckenden Lippen -versteckt zu schimmern. Über dem Atelier von Marie -Böhm scheint auch der Himmel zu heiter; die wundervolle -Photographin kann nicht genug Vorhänge über -die Sonne ziehen, die macht immerfort ein freundliches -Gesicht. Marie Böhm ist die Eigentümerin -des kunstphotographischen Ateliers Becker und Maaß. -Man kann sich ohne Gefahr vor Entstellung vor ihren -Apparat begeben. Marie Böhm weiß im richtigen -Augenblick den Blick vom Auge zu nehmen. „Der -nichtssagendste, ausdrucksloseste Mensch hat einen -Augenblick, den muß man eben festhalten.“ Ihre -lieben, blauen Augen strahlen, als sie das antwortet. -Ich verstecke mich unter einem Tisch hinter langen -Laubgewächsen, um aus meiner Froschperspektive -einige Aufnahmen zu beobachten. Daß das nicht angehe, -meint Fräulein Böhm — schon naht das Brautpaar, -ich rufe ihr aus meiner Lage zerstreut zu, sie -soll sagen — im Fall — ich bin Arzt und interessiere -mich für neuartige Operationen. Diese Ideenverwirrung -stammt von meinem Vater her, er verwechselte -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -immer das Zahnziehen mit dem Photographierenlassen. -Beides hat so was mit dem Herausholen zu -tun — und — „der eine Augenblick“. Marie Böhm -aber hat keine Zange in der Hand. Bräutigamundbrautumschlungen -sitzen die beiden auf der Bank und -drehen ihr den Rücken zu; ihre Gesichter blicken sich -auf einmal nach etwas um. Ob sie mich quaken hören! -— „Danke!“ Zweite Aufnahme. — Für die Photographien -müßte es auch eine Welt geben aus gediegenem -Silberoxyd im Krinolin. Das Album ist -aus der Mode gekommen, darin sich das photographierte -Onkeltantengeschlecht zum Aufblättern befand; -es stirbt nicht aus. In Schalen liegen all die Pietäten, -Frauen, die sich auch schon Löckchen drehten. -Nun sind unsere Kleidersäcke zugebunden. Auf den -spätverwandten Bildern stehen die Röcke weit in -Runden. Ihre Augen aufgetan in Todesangst — -den Augenblick zu greifen, heute hascht ihn die Photographie -wie einen Schmetterling vom zwanglosen -Sichgehenlassen. Und gerade meine liebe Marie -Böhm ist eine so große Photographin — sie photographiert -auch ohne Apparat gerade mitten in der -Sonne mit geschlossenen Augen, wie der Maler malt -ohne Pinsel im Spazierengehen, im Anblick, im Nachsinnen. -Wenn ich ihr gegenüber sitze, wartet sie auf -die Falte zwischen meinen Brauen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-43"> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Der Alpenkönig und der Menschenfeind -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">er</span> den Kulissenmantel des Alpenkönigs trug, -vernahm ich beim ersten Ton der Rauschestimme. -Albert Heine, der Herodes, ist zu viel für diese Papiermaché-Rolle. -Ich habe vergessen, mir einen Theaterzettel -zu kaufen, außerdem sitze ich vor einer Säule und -vor <a id="corr-12"></a>dieser pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem -Wasserkopf. Aber auch die übergroße Vegetation, -die mir den Blick zur Bühne hemmt, vermag keineswegs -meine Stimmung zu trüben, ich kam, um von -dem romantisch-komischen Märchen Honig aus goldgeblümter -Heiterkeit zu naschen. An meine Nachbarin -mit dem künstlichen Busen wende ich mich mit -behutsamer Frage, ich erfahre: Hinter den ältlichen -Stirnfalten des Menschenfeindes verbirgt sich der -Direktor selbst — Carl Meinhard. Es ist fast nicht -zu glauben, gestern hörte ich ihn noch lachen im Café -des Westens wie ein Achtzehnjähriger, und vorigen -Winter trug er eine Knabenpelzmütze, die stand ihm -(es gehört zwar nicht hierher) hervorragend. Nun -steigt er aus dem Altbrunnen, ein greiser, grotesker -Wolf (Bastard) — man erkennt ihn nicht wieder; -und doch ist es Carl Meinhard, der Fagottspieler -unter den Darstellern, er spielt heute abend die grimmige -Polka seiner Rolle mit Meisterfertigkeit. — -In der Reihenfolge den Inhalt des romantisch-komischen -Märchens zu erzählen, möchte ich dem Leser -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -vorenthalten; selbst hören und sehen! Selbst ins Berliner -Theater gehen. Ich hole nur die Hauptgestalten, -die mir so sehr gefallen haben, hinter dem Vorhang -hervor und stelle sie auf meine Hand, eine Miniaturbühne, -ich, die Regisseurin aus Privatvergnügen. -Rappelkopf, der reiche Gutsbesitzer (Carl Meinhard), -sein Bedienter Habakuk (Oskar Sabo) und du, Josefine -Dora, wo steckst du? Mögen die Leute denken, -was sie wollen. Du singst ja selbst: Aber er denkt ... -Habakuk, der Bediente des Herrn Rappelkopf, erinnert -mich leise daran, daß er zwei Jahre in Paris -gewesen ist, nichtsdestoweniger verleugnet sein Radieschengesicht -„Läutemichels“ berühmte Gemüsegärten. -Er, ein dienernder Ungeschickter, ein tragischer -August im allerkünstlerischsten Unsinn. Zwei Jahre -war er in Paris gewesen. Das hebt ihn in den Augen -des Personals vom Souterrain bis in den Salon der -Herrschaft. Dieser soll das bedeutungsvolle Motto -eine zarte Mahnung sein, für ihn selbst wird es zum -Schild seines untergebenen Joches. Er war zwei -Jahre in Paris gewesen, das macht Habakuk keck und -überlegen und bringt wie eine Zauberformel einigen -Glanz über seinen Dieneralltag. Jäh wird ihm der -Spruch vor der dürftigen Kammer seines Herzens gestrichen, -er darf nicht mehr seinen Lippen hochmütig -entschlüpfen, sein menschenfeindlicher Herr, zweiter -Teil, hat es ihm verboten. Der Alpenkönig nämlich -hat sich, um den Menschenfeind von seinem Wahn -zu befreien, in dessen Gestalt und Wutausbrüche verwandelt. -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -Und heimlich vertraut sich der stumme Bediente -dem gemütlichen Onkel an, arglos dem wirklichen -menschenfeindlichen Rappelkopf, der in seinem -eigenen Hause im verträglichen Wesen des Onkels -porträttreu zu Gast weilen muß. In keinem üblichen -Brief, keiner knisternden Zeitung, in keiner unerwarteten -Depesche steht es geschrieben, aber auf dem -riesengroßen Taschentuch Habakuks, ehrfurchtsvoll seiner -Hosentasche entzogen. Wir lesen es alle: er war -zwei Jahre in Paris gewesen — und der mitleidige -Onkel gestattet es ihm, herauszuschreien — endlos -— endlich. Es kommt der erlösende Augenblick: Ich -war zwei Jahre in Paris gewesen! Das macht ihm -niemand nach, ich kann den Humor nicht schildern, es -ist nicht nachzulachen. Tröste dich Habakuk, beraubte -Dienerseele, ich war auch gewesen, ich war sechs Jahre -in „Konstantinopel“ gewesen — ich möchte es jedem -an den glorreichen Kopf werfen, jedem in seine dicke -Stirn schneiden — wer’s glaubt wird selig. Um -Himmels willen, Liesl (Josefine Dora) hörst du denn -nicht, dein Herr ruft nach dir. Rappelkopf hat sämtliche -Möbel zerschmettert. Das Liesl wagt sich mit -Todesverachtung, wackelnd mit dem allerwertesten -Vollmond in des Menschenfeinds Gemach — „aber -er denkt“ — Sie muß immer wieder das Lied singen -mit dem Refrain: Bassab, „aber er denkt“ — und -immer bassiger und spaßiger: aber er denkt ... -</p> - -<p> -Der Beifall will nicht enden. Ich stürme noch einmal -in Mantel und Hut auf meinen Platz zurück. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-44"> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Egon Adler -</h2> - -<p class="attr"> -Seinem Vater zur Widmung -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">eine</span> Spelunke verwandelt sich zum türkischen -Café, wenn er und ich zusammen Zigaretten -rauchen und wir von den Wänden für unsere Häupter -die beiden Fez herunterholen, die auf die Griffe -meiner Dolche gestülpt sind. -</p> - -<p> -Einer der Söhne des gefangenen Abdul Hamid, der -begabteste jedenfalls, ist der Maler und zur Mokkastunde -der Gast meiner Palastspelunke. Wir sprechen -(in der Zeit der Abendhimmel alle seine goldenen -Bilder aufs Dach stellt) von roten, blauen, grünen -und lila Dingen. Ich rate Egon Adler: „Sie müssen -immer nur Ihr Selbstbildnis malen.“ -</p> - -<p> -Er ist so ganz Eigen, ganz Sich, und sein Herz in -einem Rahmen. Aber in seinem Herzen liegt sein -jungverstorbener Bruder begraben, und innige Gestalt -schafft des Malers Hand, wenn der Engel seiner -Erinnerung aufersteht. -</p> - -<p> -Zwischen den Farben liegt er dann plötzlich — Stern -zwischen Zinnober und Marin auf der Palette für die -großen Pinsel. Alle Bilder Egon Adlers sind Spiele, -sind süß, haben großgeöffnete Augen, sind ganz in -Gottes Vaterhand und rufen. -</p> - -<p> -Sein Mariengemälde holte ich mir aus einer dunklen -Ecke des Ausstellungssaals ans Licht: „Träume, -säume Marienmädchen, überall bläst der Rosenwind -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -die schwarzen Sterne aus; wiege im Arme dein Seelchen -— alle Kinder kommen auf Lämmern zottehotte -geritten, Gottlingchen sehen und die schönen Schimmerblumen -und den großen Himmel da im kurzen -Blaukleide.“ -</p> - -<p class="tb"> -* *<br />* -</p> - -<p class="noindent"> -Aber auch die drei Könige sind gekommen; einer sitzt -auf des anderen Schulter, der höchste trägt ein Krönchen, -ist des Malers Bruder und will Mariens -heiliges Spielzeug haben. -</p> - -<p> -Auf Egon Adlers unvergleichlichem Schöpfungsbilde -steht sein Brüderchen verzaubert als Mantelkranich -mitten auf der Wiese und macht den frechen, kleinen -Vögeln bange. Als Reiter reitet er auf dem langausschreitenden -Reiterpferd durch den Wald über die -Wege aus bunten Fahnenstreifen. -</p> - -<p> -Immer muß Egon Adler die Geschichte des unvergeßlichen -Bruders in Farben erzählen, der ist der -Memed seines Mohammedherzens. -</p> - -<p> -Hinter den Paradiesbäumen, in den Schornstein -seiner Stadtbilder, überall hat sich der kleine Bruder -versteckt; er ist es, der den Glorienschein um die -Heiligenlocken der Jüngergestalten seines älteren, -malenden Bruders anzündet. -</p> - -<p> -Das sich wiegende Blatt der Palme, auf dem Treibhausgemälde -ist der Kleine, seine Seele leuchtet im -Stein des Ringes am Finger des japanischen Schauspielers. -</p> - -<p> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -Elfjährige Kinderaugen gucken unter der Stirn des -Selbstbildnisses von Egon Adler und erhöhen es zum -Selbstantlitz. Und in den Wolken tummelt er sich -als Mond. -</p> - -<p> -Ewig ist Egon Adlers Malerei, ein Engel lebt in seinem -Herzen und hängt seinen Schöpfungen Flügel an. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-45"> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -Ein Amen -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">inmal,</span> als ich sie besuchte, malte jemand ihre -Hand — eine schmale Dolde am Ast, eine Seele, -die blühte. Ellen Neustädter spielt nicht zur Schau; -ihr Spiel ist eine tiefe Dichtung. Die Bühne fängt -die Geschehnisse ihres Herzens auf und reicht sie -dem Besucher, ein vielköpfiges Ganzes. Sie gibt -dem Gemach oder der Landschaft die Farbe, und ihr -Odem ist überall. Die Damen vom künstlerischen -Theater in Moskau könnten ihre Schwestern sein; -die haben allerdings ihre Partner, ihre Zugehörigkeit. -Ellen Neustädter hat nur einen gleichwertigen -Bruder in Berlin: Oskar Sauer. Warum trennt -man das rechtmäßige Spielerpaar? Klein Eyolfs -Eltern sind sie. Schwere, hehre Paradiesstimmung, -düstere Ernte. Eine Engeline: Ellen Neustädter; -der Erzengel unter den Schauspielern ist Oskar -Sauer. Was ihre Lippen bringen, ist Kunst aus -Segen gewölbt. Sein Spiel straft, ihr Spiel belohnt; -ist ihr Wesen aus Glas, sein Wort aus Stahl. -Immer erzwingt die Gabe der beiden Wunderkünstler -ehrfürchtige Anbetung. Es schneite draußen weiße -Sterne. Oskar Sauer war seinen Leiden erlegen in -„Nora“. Stand noch lange nach Schluß der Vorstellung -am Theatertor — ich bildete mir ein, er sei -wirklich gestorben. Auch heute wagte ich mich nicht -stürmisch zu begeistern. Ellen Neustädters Seele ist -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -eine zagende Dolde. Durch die lange Theaterabendstraße -ging ich auf Zehen heimwärts, denn mein -Herz träumte noch. Genial ist das Unantastbare, -Erzengel ist alles Genie, es erlöst vom Täglichen, -bringt Verlorenheit und Seligkeit zugleich. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-46"> -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -Wenn mein Herz gesund wär — -</h2> - -<p class="subt"> -Kinematographisches -</p> - -<p class="attr"> -In Verehrung für <em>Ludwig Kainer</em> -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span><span class="postfirstchar">enn</span> mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst -aus dem Fenster; dann ging ich in den Kientopp -und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als -ob ich das große Los gewonnen hab’ und noch nicht -ausbezahlt bin, oder auf einer Pferdelotterie einen -Gaul gewonnen hab’ und keinen Stall „umsonst“ -auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein -Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und -wieder hinunter, immer um sich selbst wie bei den -Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in verzweifelter -Freudigkeit; am liebsten machte ich einen -Todessprung oder einen Jux. Meine Freundin Laurentia -zecht wie ein Fuchs, sie studiert die Sprache der -alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch und -macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles -an; ich will nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht -klopfen würde! -</p> - -<p> -Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht -allein unten jeden Freitag und Sonnabend, jedes -Stäubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch an den -anderen Wochentagen, denn ich wohne zwischen Haus -und Haus und muß die Brutalität aller Höfe ertragen. -Ich sitze immer bei geschlossenen Fenstern und -werde gar nichts von dem Sommer haben; ausgehen -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe -Schulden. Dabei zieht’s, wenn ich die Türen rechts -und links und hinter mir auflasse. Ich trage seit -dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich abends wo -eingeladen bin, überkommt mich eine furchtbare Angst, -ich könnte anfangen zu miauen. Ich hab’ gar keine Lust -zum Leben mehr, wenn noch die Menschen gerne meine -Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest, der soll mir -doch mal einen netten Brief schreiben. Ich muß nämlich -wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit -man nicht über mich ausrutscht. Ich habe dann -immer so eine Langeweile in der Badewanne, und lese -gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen -schlechte Kritiken ärgern! Man hat doch sofort jemand -gern, der einem schöne Worte schreibt. Es gibt wirklich -sympathische Geschöpfe auf der Welt. Ich kann -nur Weißgesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn -gegen Licht. Darum nehme ich mir auch nur schwarze -Mägde und Diener. Ich habe zwei Neger und zwei -Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling kommt -manchmal nach Berlin und tritt dort mit seiner -Truppe im Chât noir auf. Tecofi fragt mich, wenn -sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir auf dem -Balkon wohnen könne. Ich hab’ nichts dagegen. -Mein Somalineger ist königlicherer Abstammung, -sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden. -Manchmal schickt er mir ein paar abgezogene Hammel, -die kommen als Hautgoutragout hier an. Osmann, -mein jüngerer Neger, sieht aus, wie ein sinnender -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -Gorilla im Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich -zu schauen, aber man muß ihn in Ruhe lassen; seit -kurzem pfeif’ ich auch nicht mehr, wenn er jemandem -den Kopf abbeißen soll, er ist zu schade, zu wertvoll, -um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen -sind emsige Mädchen, sie sind angestellt von -mir, die Fäden meiner Logik zu suchen, die Logik -meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen -sie die ganze Nacht, ich fürchte, sie werden sich einmal -in einem Augenblick an meinem Leidfaden aufhängen. -Das muß man in Kauf nehmen, dunkle -Leute sind schlechte Spürhunde, sie können nichts -finden in der Nacht ihrer Haut. Halloh, was tät’ -ich, wenn mein Herz gesund wär? Habe ich denn ein -Herz oder wenigstens sowas Ähnliches? Bei dieser -Einlage im Programm muß ich weinen — gut, daß -es Nußstangen gibt, die trösten, auch die Pfefferminz -in Holzschächtelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz -aus Fleisch und Blut ist, rissig sind seine Wände; -es hat weniger Augenblickswert als Ewigkeitswert, -darum bin ich vollständig unbrauchbar für den Vorbeipassierenden, -ich bin nur interessant für den Forscher. -Immer klingelt es in den effektvollsten Stellen. -„Hier 35, 24 wer dort?“ „Doktor Nikito Ambrosia, -sind Sie Else Lasker-Schüler?“ „Leider.“ -„Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, meine -Dame, ich frage Sie an, ganz ergebenst, würden Sie -ein Engagement am Wintergarten annehmen, monatlich -mit einer Gage von 10000 Mark? das macht -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -im Jahr rund 100000 Mark?“ „Sie spaßen wohl, -Herr, es ist doch nicht üblich, am Varieté länger, als -einen Monat die Artisten zu beschäftigen.“ „Aber, -uns liegt daran, meine Gnädigste, Sie an unser -Varieté zu fesseln.“ „Es handelt sich wohl um meine -arabische Szene, Herr Dr. Ambrosius?“ „Ganz -recht! Da Sie hoch zu Kamel über Theben sitzen.“ -„Herr, ich kenne Sie, so einen ungeschminkten Baß -gibt es nicht am Varieté. Sie sind Professor Gellert, -der letzte Hohenzollerndämmer.“ Schluß! Mein -Brief: Herzallerliebster in Adrianopel! Er fragte -mich nämlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet mich, -ihn nicht zu belügen. Ich werde ihm doch keinen -Stoff zur Lyrik geben, (er ist Dichter), „ich liebe -ihn also! Basta!“ Könnte ich doch auch ein bißchen -nach der Türkei, zumal meine Vorfahren alle in -Sänften getragen wurden. Das Gehen wird mir -darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen schon erkaltet -sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein -Herz gesund wär, was tät’ ich dann? Einen Augenblick -bitte! Ich würde mich pudelnackt ausziehen und -mich in ein Süßwasser werfen, wo die sanften Fische -leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich -ging nach dem Südpol und wärmte mich mal ganz -tüchtig ein, oder ich ließ jedenfalls in der Eiszone einen -Anthrazitofen setzen. Was soll ich <em>noch</em> machen? Ich -blieb gerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den -Sternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist -es nicht himmelschade, daß mein Herz nicht gesund -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten, namentlich -die Neurosen. Alle Krankheiten kommen -von oben. Hier unten ist es ganz nett. Darum -stürzen auch so viele Aviatiker vom Himmel herab; -das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen -sie alle, je höher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen. -Wie die Aviatiker aussehn: Wie die Vögel, -ihre Nasen sind Schnäbel, und die Köpfe strecken sie -in die Höhe. Ein neues Menschengeschlecht. Einmal -aß mit mir ein Luftsegler zu Mittag, der hackte wie -ein Habicht am Fleisch herum, riß am Schnitzel wie -ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche Katharine -von Armignac ist die erste Aviatikerin der Welt. Im -Uniontheater der Luftschiffahrtausstellung am Zoo -fliegen sie alle. Ich kann umsonst zusehen, ich versprach -über alles zu schreiben. Ich hab’ kein Geld, -aber darum kann ich mich doch nicht von der Welt -abschließen. Und soll sogar die Regierung in Theben -übernehmen, ich regiere sogar schon <span class="antiqua">pro forma</span>. Die -Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Fixe -Idee ist was Natürliches: Natur, die das Gesetz -zum Sklaven macht. Ich bin der Prinz von Theben. -Nur Kaiser Wilhelm kann mir in Deutschland nachfühlen, -was Regieren heißt. Ich habe dabei ein bunt’ -Volk. Nachts liege ich auf dem Dach, und bei Tage -sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin -für alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor -Ungewißheit, es meint, ich mache Ulk, aber auch der -Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge nichts — -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -nur Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack -habe, künstlerischen Sinn habe; meine Rede ans -Volk bedient sich nicht des Punktes, weil ich mich -nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen -mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin einig mit -mir, aus Diplomatie, weil sich mein Volk an mich -halten muß. Ich denke nur viel, sehr arg, unmittelbar, -ich lasse alle meine Gedanken ganz nah an mich -herankommen, damit sie das Fürchten verlernen. -Wenn ich nur nicht schon in der Frühe von so vielen -muselmännischen Barbieren gestört würde, die mich -tätowieren wollen, von abendländischen Malern, die -mich porträtieren wollen. Nachts werde ich immer -im Schlummer auf meinem Dach gestört von meinen -Paschas, die vor Begeisterung meines Regierungsantritts -nicht ruhen können. Sie haben immer in -der Audienz, die ich ihnen erteilte, eine Frage unaufgeworfen -vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als -regierender Prinz in Theben gewählt bin, bewegen -sich viele Ehrgeizige in derselben Tracht und Gebärde -in den Straßen der Stadt, die mir zu gleichen trachten. -Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine -Kunst, eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst -und die Musik. Die Epigonie aber ist eine -Tätigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie -die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch -— zwar hab’ ich selbst einen — aber er ist nie ganz -gewesen. Heute Nacht, da meine Neger schliefen, erbrachen -die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -meinem Dache führt, wegen der Freimarken. Ich -wurde in der Nacht noch im Profil (Seite steht mir -besser wie <span class="antiqua">en face</span>), im Turban und Regierungsmantel -photographiert in allen Farben; auf allen -Posten meiner Stadt verbreitet man Mich Allerhöchst. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-47"> -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -Der Eisenbahnräuber -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">V</span><span class="postfirstchar">ielleicht</span> gehe ich selbst noch einmal in den -Schwank, sein Humor hat doppelte Lebenskraft, -man kann sich zweimal totlachen. Es fällt mir gar -nicht ein, den Inhalt des kleinen Lustspiels zu verraten, -nur möchte ich seinen famosen Darstellern für -den schönen Abend und vor allen Dingen dem Autor -Fritz Gräbert für den lustigen Streich danken. Arthur -Winckler spielte den ehemaligen Bäckermeister August -Pickenbach mit Rosinen und Korinthen und allen -außergewöhnlichen Zutaten. Emmy Dittmar, allerdings -eine Schulreiterin, in die man sich verlieben -kann. Frau Meyer (Rosa Schäffel), man soll sich -noch so eine gute Wirtin suchen! Es war ein lachendes -Zusammenspiel, ein Tanz, leichtfüßig, ein Walzer: -An der blauen Donau, wenn auch der erste Aufzug -in Ostende an der Nordsee spielt und der Herr -Rentier Bäckermeister Pickenbach auf berlinisch mir -und mich der neuen Bekanntschaft beim Sekt sein -Mehlherz ausschüttet. Man kommt nicht aus dem -Lachen heraus, der traurigen Jungfrau Sentimentalität -ist der Eintritt verboten, der Autor hat die -banale Tochter zu Hause gelassen, er ironisiert selbst -den Kuß. Er mag nicht eines Kusses wegen einen -Augenblick Lachen einbüßen. „Skool!“ ruft mein -Nachbar. Er ist Schwede. Ein Liebespaar, zwei -Turteltauben, stehn doch sonst immerwo im dritten -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -Akt, gefüllt oder ungefüllt, am Nischenfenster und -girren im frischesten Lustspiel geheuchelte Sehnsucht. -Meine Angst war also hier vergebens. Und mich belustigt -ungestört der ungeschlachte, wollige Liebhaber -Maler Hans Wegemann (Carl Wessel), es blieb ihm -jedes Wort im Hals stecken, bis er zum beißenden -Hammel ausreifte unter der Leitung seiner Backfischbraut -Marie, der Tochter Pickenbachs (Grete Kroll). -Die vielen Hände, die einen Wirbel klatschten, waren -nicht zu übersehen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-48"> -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -Im neopathetischen Kabarett -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">T</span><span class="postfirstchar">ausend</span> und Einer. Ich habe mich nicht verzählt, -las auch, während ich die Köpfe zählte, Armin -Wassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich und -herb, reich und superbe ist seine Sprache; dazu sein -schwärmerisches, knabenhaftes Savoyardengesicht! — -Ich suche nach einem Stuhl, der im Verborgenen -blüht — endlich finde ich so ein Veilchen abseits am -Tapetenrand; ich setze mich. Meine Tänzerin Zobeïde, -die sehr neugierig auf das Kabarett der Neopathetik -ist, ruht schon lange müde zwischen weißen, -lilagelben, roten und himmelblauen Mädchen; ein -Dichter mit Honiglippen und zwei Augen, naschhafte -Bienen, als einziger Tasso neben ihr und ihren bräutlichen -Schwestern. Es betritt jemand den Ölberg -des Saals und predigt über Kunst. Der Vortrag ist -geistvoll, wenn man sich auch durch Mimik und Brille -in die Schule zurückversetzt glaubt. Noch immer höre -ich keine Gedichte von mir — warum lud man mich -ein, zumal ich keineswegs objektiv bin? Auf einmal -flattert ein Rabe auf, ein schwarzschillernder Kopf -blickt finster über die Brüstung des Lesepults. Jakob -van Hoddis. Er spricht seine kurzen Verse trotzig und -strotzend, die sind so blank geprägt, man könnte sie ihm -stehlen. Vierreiher — Inschriften; rund herum müßten -sie auf Talern geschrieben stehn in einem Sozialdichterstaat. -Ich muß immer ans Geld denken; wie -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -man so runterkommt — wenn Zobeïde, meine Tänzerin, -ein Portemonnaie bei sich hätte, würde ich zu -der Menschenhitze ein Glas Limonade trinken. Ich -höre, wie ein Vortragender mit triumphierendem Gesicht -Stefan Georges Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet. -Das muß ich widerlegen. Stefan Georges -Gedichte wandeln allerdings, ohne müde zu werden; -nicht bunte Karawanen über Sandwege; aus ihnen -weht die Kühle endloser Prozessionen zwischen frommen -Schlössern und himmelhohen Domen. Die Orthographie -der Georgeverse erinnert in ihrer Gleichtönigkeit -leicht an englische Sonntagsruhe. War’s -das, lieber Vortragender? Gern hätte ich die Rede -von Kurt Hiller, dem Präsidenten des neopathetischen -Kabaretts, gehört. -</p> - -<p> -Zobeïde, meine Tänzerin, will noch nicht mit nach -Hause kommen. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-49"> -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -Kabarett Nachtlicht — Wien -</h2> - -<p class="attr"> -Der lieben Malerin <em>Lene Kainer</em> -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> Straßen enden in Rundungen, tanzumschlingende -Arme. Wir wandeln wie in einem endlosen -Saal durch Wien. Es ist Nacht — die Mondkrone -mit den vielen tausend Sternenkerzen brennt lustig -über der Stadt der Walzer. Aber nur wenige Menschen -begegnen uns, vom Vergnügen kehren die letzten -heim, und ihre Gedanken drehen sich noch mit den -blauen Donauklängen leichtfüßig über das spiegelblanke -Leben. Aber die Wiener sind höflich gegen -ihre Fremdlinge (wir suchen nämlich das Kabarett -Nachtlicht), noch im Tanztaumel besinnen sie sich nach -dem entferntesten Winkel, begleiten sogar den Suchenden -bis an Ort und Stelle. Da steht’s ja: „Kabarett -Nachtlicht“ — Erich Mühsam trägt gerade seine -„Amanda“ vor. Er sieht noch lebenslässiger aus, wie -in Berlin. Zwar sitzt sein Rock heute ohne Tadel, -und seine Mähne, löwengelb, ist gepflegter wie an der -Spree. Aber er bangt sich nach Ruhe, und auch die -Jungfern seiner Verse mit dem nächtlichen unrechtlichen -Geschick sind müde, sich hier weiter zu produzieren. -„Ein Kunststück, seien Sie mal Schlußnummer -— komme erst um 5 Uhr morgens in die -Klappe.“ Nichtsdestoweniger will er uns noch ins -Kasino begleiten. Dort tanzt eine schwarze Blondine, -„Spaniens Madonna“, sagt Peter Altenberg im -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -Vorübergehen. Er ist im Begriff, gestützt auf seinen -Knüppelstock, das Kabarett zu verlassen — ihm folgt -die kleine Künstlergesellschaft. -</p> - -<p> -Am anderen Abend sind wir zeitiger da. Es treten uns -einige von den Mitwirkenden entgegen: Jener mit -dem Monokle im Auge kommt mir bekannt vor. „Gewiß, -Frau Lasker-Schüler, wir haben uns schon oft -im Café Kurfürstendamm in Berlin gesehen.“ Er ist -Roda Roda, der humoristische Schriftsteller. In eine -der kleinen Logen setzen wir uns, seine scharmanten -Humoresken zu hören. Das Publikum applaudiert, -bevor er beginnt; es weiß, nun gibt’s was zu lachen. -Im Kakaduton schäkert er mit ihnen wie mit einer -Schar hörlustiger Kinder. Junge und alte Geschäftsleute, -kleine Mädchen, Damen der Gesellschaft, Offiziere, -selbst die Erzherzöge kommen, das Nachtlicht -morgens auszublasen. In einer Rumpelkammer -spinnwebgrau sitzen wir, unwillkürlich sucht man nach -allerlei altmodischem Gerümpel. Bestaubte Figuren -und Porträts, näher betrachtet von neuen Künstlern -ausgeführt, hängen an den Wänden, und auf der -Konsole über dem blonden Kopf eines Leutnants steht -die Statuette von Madame Delvard, der Scharfrichterin. -Sie ist die einzige, die den elf Scharfrichtern -in München zur Hand ging. „Ich werde -extra einige Chansons für Sie singen.“ Sie spricht -zu mir — ich liebe ihre graziöse Stimme, dunkler -vergrößern sich ihre graublauen Augen zwischen -zitternden Lidern. Ihre Nervosität duftet. Sie ist -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -eine erwachte Klimtblume aus dem magischen Farbentraum -des Meisters. Blasse Lichtchen werfen einen -Schleier auf ihre beringten Hände, die schlaff herabhängen -an ihrem überschlanken Samtstengelleib, wie -weiße tauschimmernde Blätter. Und Wedekinds rotäugige -Straßenlieder singt sie mit der Schüchternheit -eines Kindes. So leicht kommt sie nicht von der -Bühne herunter: ein Lied und immer noch eins — -„Der Bauer wollt’ fahren ins Heu!“ Unwiderruflich -das letzte — aber sie singt es mit frischer Kraft, -sie singt es bedeutend, stößt es von sich, wie aufschießende -Saat. Da steht keine ätherische Prinzessin -mehr im Lichtschaum; Acker liegt unter ihrer -Zunge, Peter Altenberg nickt zustimmend und setzt -sich neben mich in die kleine Loge. Monsieur Henry, -Madame Delvards Gatte, begleitet ihre Lieder am -Klavier, aber auch er ist ein Vortragsmeister. Ich -werde nie seine Ballade vom „Heiligen Nicolas“ -vergessen, seine rauschige Schwermutsstimme. Monsieur -Henry ist der gewandteste unter den blutigen -Elfen in München gewesen, und ein Kavalier ersten -Ranges. Wir wollen uns wieder vom Zuschauerraum -an den Künstlertisch zurückziehen; doch Peter -Altenberg hält mich auf meinem Platz zurück. „Das -Meißnerfigürchen müssen Sie noch sehen und die -drei Handwerksburschen.“ Sie stehen schon auf der -Bühne in altfränkischen, goldknöpfigen Röcken, die -Mützen geschmückt mit Eichenlaub. Ihr Wanderlied -beglückt mich ebenso immer wieder wie meinen -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -Nachbar. Er ist nächtlich Gast des Kabaretts; -die Umgebung dieser Künstlerkinder tut ihm wohl, -der Aufenthalt auf der kleinen Künstlerinsel unter -dem guten grünlich flackernden Miniaturstern. Ein -kostbares Spitzengewebe ist seine Seele, jedes holprige -Wort bleibt in ihren Seidenmassen hängen. Aber -wen der gute Blick seines Schelmenauges trifft, der -möchte ihn wohl ergreifen können und in ein Enveloppe -als Andenken legen. Und sollte er sich nicht -ärgern über die Breitheit der Menschen — „nichtsdestoweniger -zerstreut es mich, nachmittags am Graben -im Café zu sitzen und die bunte Bewegung anzusehen“. -Ich möchte manchmal zu ihm sagen, so ganz unmotiviert: -„Lieber Peter Altenberg.“ — — — Es -ist gleich Morgen — wir wollen alle noch einmal -Carmen tanzen sehen — — und dann lebt wohl, ihr -lieben Künstler, so ball kemma ma nöt wieda zsamm. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-50"> -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -Apollotheater -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Kohinoor meines Nachbars tanzt hin und her, -macht Sprünge auf seinem Zeichenblock wie die -Clowns dort auf dem Rade. Jetzt nascht er von der -Chansonette im honiggelben Frack. Einige von den -Umrissen leben auf dem weißen Untergrund, neckisch, -eckig hingeworfen, namentlich der eine von der -Clowniade ist <span class="antiqua">very fine</span> getroffen. Ein Klatschwirbel -holt <span class="antiqua">the english artist</span> auf die Bühne zurück. Was -ist mit ihm geschehen! Seine Stirn nach allen Richtungen -hin zur Unförmigkeit aufgedunsen. Zweifellos -hat er die englische Krankheit mit herüber gebracht. -Es gibt keinen Spaß, den der nicht da gedacht -hat, und ich muß ehrlich auch in diesem Essay -gestehen, es kommt nun noch dazu, daß ich die Brüder -aus London besonders mag, „ich hab’ noch nie so -gelacht wie heute!“ Der Kohinoor meines Nachbars -lauscht zugespitzt; die zwei ehrwürdigen Bordellmatronenwirtinnen -vor mir erinnern sich gegenseitig -ihres Amtes. Geliebter und Geliebtin blicken sich zu -in der Loge wie die schillernden Demi-Monde auf dem -Vorhang, der sich weltenseufzend spaltet und das Gemach -der Sultana enthüllt. Nackte Frauen steigen -(obere, kleine Bühne) aus ihrem Brunnenbade wie -im wirklichen Harem eines Sultans. Am Fuß der -Treppe, die zum eigentlichen Gemach der Herrin führt, -wacht der Wächter armverschränkt. Endlich nahen -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -die erfrischten Schönen, aber ihre Haare duften nicht -nach Pharaonenblüten, auch sind ihre Glieder keineswegs -ungelöste Geheimnisse. Und statt Sultana betritt -Frau Betty das Gemach, die Freundin des amüsanten -Frauendoktors, ihres wohlsituierten Mannes -treue Tennispartnerin. Sie liest auch Romane — — -schwüle mit Betthimmelpointen und Daunenliederbordüren, -und ich fürchte, daß die Halbmonde der -Dekoration vor Begierde rein zu Glotzmonden werden. -Die Freundinnen beginnen endlich, indes Sultana -ihren Leib dem Divan und dem Kissen gibt, mit ihren -Tauchtänzen (kein Druckfehler), Schleier-Eiertänzen, -man vernimmt Arm- und Beingegackel. Der Wächter -tritt vor, er ist nicht „Asra“, er schreit nicht ia, furchtbar -kracht sein Wort, sein Antlitz bleich, sein Turban -— — Blut. Die Tänzerinnen vertanzen in den -Keller. Jäh springt Sultana von ihrem Lager auf -und stößt auf Jargon von sich: „Was willst du von -mir, Hund!“ Der Sultan, dein Gebieter hat es -so befohlen. Betty du mußt sterben ... Und deine -Tändelei hört auf im Mondscheinvorhang. Leise -nähert sich der Wächter ihrem Ohre, aber Sultana -wählt lieber den Tod, als daß sie sich, Sultana bleibe -stark, dem intriganten Schuften schenken mag. Diese -temperamentvolle Charakterfeste, warum gastiert sie -nicht bei Gebrüder Herrnfeld? Die zwei greisen Leopardinnen -vor mir schnurren, der Kohinoor meines -Freundes fällt bleischwer zu Boden. Männer ergreifen -auf die Gebärde des Wächters erbarmungslos -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -die Geprüfte. Arme schicke Betty, tipptopp, peitschensiebenhiebenspaltig! -Ob wir paar Geschworene im -Zuschauerraum auch von deiner Unschuld überzeugt -sind — — es nützt nichts. Markerschütternd verenden -deine Hilferufe. Aber in weißen Tennisschuhen und -weißem Flanellhemd steht die Taube von Gatte am -Fußende des Ruhebetts. Statt der zunehmenden goldenen -Viertel- und Halbkugeln — — Tapetengeknospe. -Wärter: „Sultana“ ... und wieder ihr -Name leise verbettelnd: Ein Tropfen des Turbans -klebt auf der aufgeschlagenen Seite des Romans. -</p> - -<p> -Wie eine Erlösung nun das Konzert auf dem Banjo -der <span class="antiqua">lovely</span>, <span class="antiqua">sweet</span> Miß, ihr Spiel verbreitet hellen, -herben Zauber. Und nach ihr der musikalische Clown -mit der Entennase, er verabreicht kurzweg ein Konzert -auf den Messingknöpfen eines Schirmständers, ich -habe mich in der Zeit verliebt in ihn, — — — mein -Herz sprach immer schon für einen August, über den -man sich totlacht. Und Euch sparte ich mir bis zuletzt -auf, edle, blonde Senora Fornarina, ich möchte Euch -etwas besonders Schönes sagen, goldene Traube -Spaniens. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-51"> -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Tigerin, Affe und Kuckuck -</h2> - -<p class="subt"> -Tierfabel -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">Z</span><span class="postfirstchar">irkus</span> Busch ist in seinem Extrazug von Berlin abgereist. -Ich bin zu seinem Abschied auf die Bahn -gekommen, früh am Morgen; der Komet stand noch -über der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schulreiterinnen, -Jongleure, Auguste, der Riese mit dem -Zwerg, der große Bär, die Elefantin, das Dromedar, -der glitzernde Galawagen, alle waren sie im Lauf und -bald im vollsten Zuge. Noch lange hörte ich das -Brüllen der Tigerinnen, nie haßte ein Mann so wütend -das Weib wie der Bändiger dieser gestreiften -Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb stehn, trat -der unerschrockene Sultan in das Gittergemach seiner -brüllenden Sklavinnen. Er mißbraucht sie nicht zu -Kunststücken, läßt er auch die Kunstreiterin seiner Tigerinnen -durch einen Papierreifen springen. Wollust -bereitet ihm, seine wutschäumenden Tigerweiber mit -Stangen und Schüssen bis zur Wutekstase zu reizen -und sie zu bezwingen. Schschschschschschsch — sch — die -beiden eleganten Brüder Fillies und ihre graziöse -Schwester werfen noch einen kurzen Blick auf den Perron, -der Clown mit der genialen Ungeschicklichkeit verlangt -auf idiotisch vom Zeitungsträger den „Ulk“ — -Sch .... Berlin hat sein größtes Kind eine Weile -verloren, den Zirkus; wo geht man nun hin, um zuzugucken? -Wie ein Mensch soll der Affe sich im -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Wintergarten benehmen. Herr Darwin, der Enkel -des großen Zoologen, wird mich ins Varieté begleiten. -Es ergreift ihn, so einen gebildeten Vorfahren seiner -Baumzeit zu sehen. Ich bin ebenfalls von dem fletschenden -Erzurgroßvater entzückt. Ein Gourmet ist -der greise Herr, keineswegs lebt er von Luft und Erkenntnis. -Der verwandte Künstler da oben verzehrte -ein Menu von Dressel und regalierte sich an Heidsieck-Monopol. -Mit Verbindlichkeit raucht er die Zigarette, -die ihm ein Bewunderer verehrte. „Es ist Zeit“ -noch prüft er die Zeiger auf seiner Uhr. — Ich möchte -mich auch in ein solches Prachtbett legen — ich bin -müde — die Nacht vorher brachte ich, mich verirrend, -in der Kolonie Grunewald zu; im Rieselregen auf -einer runden Sommerbühne, worauf die Gärtner -Kiesel legen. Nasse Nacht, kein Komet mehr. Ich -war trostlos. Plötzlich rief der Kuckuck — ich bezog -es zuerst persönlich, aber so unhöflich sind nur die -Kuckucksuhren. Dieser da zwischen jungem Grün, zwischen -April und Mai, ist ein vortragender Künstler, -ein wundervoller Komiker. Also gibt es wirklich Kuckucke? -Ich dachte immer, es sei eine Fabel. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-52"> -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Im Zirkus -</h2> - -<p class="attr"> -Meinem lieben blauen Reiter <em>Franz Marc</em> -und seiner blauen Reiterin -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">ie</span> junge Reitkünstlerin Miß Ella kehrt in die -Manege zurück und schlägt die ausgelassensten -Purzelbäume. Und dann kommen Paolo, Luigi und -Alberto, die drei Gigerl, und treiben aneinander -Gymnastik mit der markigen Beweglichkeit großer -Leonahrder Hunde. Vier braune, ungarische Pferdeprinzen, -deren Haut unter dem Schein der vielen Kristallsterne -wie Gold glänzt, tanzen mit wilder Anmut -und königlicher Grandezza. „Als ob sie Musik in den -schlanken Waden haben!“ sagt mein Begleiter zu mir. -Und nun das Intermezzo der beiden Clowns. „Er ist -mein Bruder,“ kreischt Aujust, der blöde Aujust, der -amüsante Idiot. Wie ein Gänserich watschelt er in -seinen sackweiten Hosen quer durch die Manege. Fräulein -Marinka, die sanfte, graziöse Erzieherin auf -einem ihrer zwei artigen Pferde sitzend — ringelrangelreihe -singen die Geigen — und ihre beiden -Zöglinge springen vor Vergnügen. Und wieder ertönt -die Musik hoch oben vom Zirkus, das sind heiße -Carmentöne, walzerartig in rundem Klingen geblasen. -„Hier ist die Verunstaltung erträglich,“ sagt -mein Begleiter zu mir, „es paßt zum Milieu.“ Und -immer bunter werden die Klänge ... in schimmernde, -mattfarbene Stoffe gehüllt kommen reizende Spanierinnen -geritten und feurige, spanische Kavaliere. -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -Heißer und tollkühner wird der tanzende Ritt; die -bacchantischen Donnas sausen, wie Feuerstürme über -den Sand, auf dem Rücken ihrer Zauberrosse liegend -— indessen die Senores mit liebenswürdiger Höflichkeit -aufrecht zu Pferde, dem Winke ihrer Damen -harren. -</p> - -<p> -Aujust! Aujust! Wo bist de, Aujust? Da steht er ja, -versteckt hinter der niedrigen Brüstung der Manege -und heult in Trompetentönen, daß alle Herzen Purzelbäume -schlagen und immer höher wächst er, immer -höher. „Det hat keenen juten Anbejinn und een langet -Uffwehen,“ quitscht Aujusten sein Bruder mit den -wulstigen Mehlbacken und der Haardüte auf dem -spitzen Kopf, indessen Aujust die Manege in Melancholie, -langsam wie ein wandelnder Turm durchschreitet. -„Det Luder ist maschuche jeworden, weil -der kleine Cohn sinn Vater is!“ -</p> - -<p> -Schon harren die drei blonden englischen Reiterinnen -in blauer Seide; <span class="antiqua">lovely Girls</span>, drei holde Mädchenenzianen. -Hei, wie sie springen, herauf und herunter -von dem Rücken ihres wiehernden Vogels. Nun -trägt er sie alle drei über den Sand in tausende Märchen, -weithin, in blaue Gärten ... Ich entwand -meinem Begleiter die weiße Rose, die über seinem -Herzen blühte. „<span class="antiqua">Miß here! catch it!</span>“ -</p> - -<p> -10 Minuten Pause! -</p> - -<p> -„Wie gefällt es dir!“ „Es ist wie ein blühendes -Abenteuer. Es ist, als ob ich brausenden, dunklen -Wein trinke, und ich vergesse alles was grau ist und -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -hinkt. Ich sitze in einem bunten, jauchzenden Schoß, -und um ihn herum wachsen ragende Gefahren, die -aber lustige Kleider tragen.“ Wir gehen durch die -weiten Korridorhallen. Galawagen auf Goldrädern, -Riesendrachen aus Papiermaché, zusammengeklappte -Bretterhäuser, Fässer, allerlei Gerümpel, Kostüme -mit Silberfransen, Steinen und Perlen liegen in -übermütiger Unordnung zwischen dem Mobiliar. Wir -treten in die Ställe ein: da stehen die herrlichen -Schimmel mit der silberschimmernden Haut und den -Seidenschweifen, wie helle Rosen des Frühfrühlings. -Und dort die finsteren Rappen mit den großen Feueraugen. -Eine kleine Treppe führt uns abwärts in die -Stallungen der Elefanten — diese grauen, schweren -Gebäude aus Fleisch und Knochen mit den winzigen -Guckaugenfensterchen. Als wir wieder auf unseren -Plätzen saßen, war die Manege mit eisernen Gittern -umzäunt. Zwei mächtige Löwen schreiten in den Käfig -und hinter ihnen die anderen Könige der Kraft. -„Nero! Herkules! Agamemnon! Odysseus! Hektor! -Kambyses! Hierher! Dorthin! Willst du! -<span class="antiqua">Vite, vite! Ah, mon cher.</span>“ — und dann wieder im -gebrochenen Deutsch: „Aben Sie die Güte, mein -Freund.“ Mademoiselle Claire, du grausamste -Braut! Mit erhobenem Arm, mit drohender Liebenswürdigkeit -beugt sie den Willen ihrer grimmigen -Sklaven. Ihr weißer Hals lockt wie Süßigkeit, ihr -blendender Hals, das Ideal ihrer brüllenden Verehrer. -„<span class="antiqua">Ah, messieurs!</span> Hektor, Agamemnon, Kambyses, -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -<span class="antiqua">dînez s’il vous <a id="corr-13"></a>plaît</span>.“ Und sie tafelt ihnen -blutende Leckerbissen. Das gierige Brüllen und Knurren -dröhnt durch die weiten Räume des Zirkus in -aufwachsender Wildheit. Hastig eilt der Diener herein -und wieder heraus aus dem Käfig, Gerätschaften -bringt er, Kugeln, Stangen, Fässer holend, Stühle -und Tische — aus Gauklern besteht die gefährliche -Truppe. „Genug, Madame Claire!“ Nero muß sich -noch auf dem Seil produzieren. Gewandt, wie ein -Seiltänzer dreht er sich, in der Mitte des Seiles angelangt, -um sich selbst. „Brav gemacht!“ Seine -Brüder sind schon alle gefangen in der kleinen Nacht -ihrer Wagenherberge, und er allein liegt noch ausgestreckt, -wie im Sande der Wüste, und schlummert. -„Nero, wache auf! Nero, ich muß bitten“ — aber -Nero rührt sich nicht, er öffnet zwar seine gelben -Augen — und ihn auf den Schultern nach Hause -tragend, wie ein müdes Baby, durchschreitet die furchtbare -Heilige, die heilige Kriegerin, eine Siegerin das -Eisentor. -</p> - -<p> -Als der Direktor seine zwei Perserhengste vorführte, -sah ich zwischen den Tönen der tanzenden Musik noch -die grimmige Pranke Agamemnons, die nach seiner -Schönen ausholte und das schwärmerische Anschmiegen -Neros. -</p> - -<p> -Im Eingang der Manege stehen zwei Riesenelefanten, -zwei Schulräte an Ruhe und Würde. Etliche helle -und dunkle Pferdchen springen, fleißige Schulbuben -hinter einigen größeren Apfelschimmeln, die ernst und -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -gravitätisch in der Mitte des Zirkus haltmachen. -Aber in fauler Gemütsruhe spazieren die kleinen Elefanten -herbei, und dann ungeduldig die mutwilligen -Zebras mit den glänzenden Streifen auf der Haut. -Und nun laufen sie allesamt in verschiedenem Tempo, -als ob sie kanonartig das Abc singen. -</p> - -<p> -Tatrata tönen die Trompeten und die Hörner, Reiter -und Reiterinnen in ziegelroten Tuchanzügen, galoppieren -auf ihren schlanken Rennern über Zäune und -Hecken, dem Edelwild nach, den Hirschen und leichtfüßigen -Gazellen — und da läuft ja auch der Aujust -in rasender Angst durch den weiten Manegeraum und -hinter ihm ein Wild mit einer vielästigen Geweihkrone. -Die Puste jeht Aujusten aus. Er stöhnt, er -schreit und gestikuliert mit allen Vieren. „Herr -Stallmeister, retten Sie mir!!!“ Und zum Schluß: -Mr. Bob, <span class="antiqua">the little gentleman</span>, mit seiner kleinen -sechsjährigen Dame auf dem Pferde ... -</p> - -<p> -Noch in Hut und Mantel stehen die Zuschauer vor -ihren Plätzen. — Es kann doch eigentlich noch gar -nicht aus sein — tuuht, tuuht! Über die Manege -des Zirkus senkt sich schwer von der Decke des Zirkus -eine Riesenfeuerglocke. Aujust ist durchgebrannt!! -Rotumhüllte Clowns, wie in Glut gebadet, wandeln -knurrend über den Sand, immer auf und ab; die Anführer -tragen Aujustens Herz aus kariertem Zucker -auf einem roten Kattunkissen. Aber da steht er ja -oben auf dem Olymp: „Aujust, sollst mal runter -kommen!“ schallen tausend Stimmen durcheinander -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -— aber Aujust steht drohend aufgerichtet, seine Nase -ist weiß und spitz wie eine Nadel, seine Augen sind -wutrot aus den Höhlen getreten. Düstere Zettel fliegen -auf das Publikum. Er streikt, er beansprucht im -Namen der Clowngesellschaft mit beschränkter Haft -erhöhten Lohn — er droht mit juten Witzen. Und mit -einem langen Purzelbaum setzt er über unzählige -Köpfe lachender Hörer hinweg durch eine der Ausgangstüren. -— Die vielen Lichter werden trübe, wie -müde Augen — ich und mein Begleiter sind die letzten -der Aufbrechenden — der große Zirkus ist ganz allein. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-53"> -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -Zirkuspferde -</h2> - -<p class="attr"> -Der lieblichen Fürstin <em>Helle von Sontzo</em> -</p> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Tempel der Pferde ist der Zirkus, ich meine, -jedes Pferd will spielen, und das heißt auf die -Sprache des Wieherns, beten; alle Tiere wollen spielen, -aber welche Tieraugen brennen vor Begeisterung -so tief wie die des Rappen; die Schimmel sind fromme -Pilger oder Heilige. Päpstinnen, wie Santa Anna, -Leo ritt auf ihren unbefleckten, weißen Rücken zwischen -frommen Hecken seiner päpstlichen Gärten. Ich gehe -jeden Monat in den großen Zirkustempel Busch, zu -jedem Feiertag der Pferde, zu ihrem Galadienst. Am -liebsten sind mir ihre <a id="corr-14"></a>Feiern ohne vielerlei Äußerlichkeiten, -wenn sie ungesattelt ohne Reiter oder Reiterinnen -sich tanzend im Kreise bewegen, ihr eigenes -Blut feiern nach Herzenslust. Gefallen lasse ich mir -die drei Geschwister Fillis im Zirkus Busch, des berühmten, -französischen Reiters Reitlinge. Die stören -den Rhythmus des Pferdespiels nicht; ihre Gestalten -sind selbst schlankgeweiht dem Ritt. Mademoiselle -Fillis, die Schwester der beiden jungen Chevaliers ist -verwachsen, wie ihre Brüder, mit dem Rücken ihres -wiehernden Priesters. — Mein Vater und meine -Mutter ritten durch die Akazienchausseen meiner Heimat; -meiner Mutter Edelstute wallfahrtet oft durch -meine Erinnerung und trägt mir dichterische Gedanken -zu, und meines Vaters Hengst setzt über mein Blut -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -und läßt es aufschäumen. Ich liebe euch, ihr Pferde -mit den langen Seidenschweifen, Atlas ist eure Haut -und feuerfarbener Samt eure Augen. Solche Schönheit -ist die Frömmigkeit der Pferde, gezüchtet, spielfähig -und buntgebenedeit. Ich wüßte keine andere -Stätte, die den Namen Tempel der Pferde verdiente, -wie den Zirkus. Etwa der Rennstall? Prostituiertes -Pferdepriestertum. „Beten“ heißt „Spielen“ der -Pferde und gibt es einen lustigeren, weihevolleren -Sandtempel, als den Zirkus. — Hochmütig ihrer -Zucht bewußt, schütteln die Herrenpferde ihre Mähnen, -kehren verächtlich dem Liebesäugeln einer dreisten -Lastpferdin oder einer brünstigen Dickschenkelin ihres -Pferdevolkes den Rücken. Sie gehen keine Mesalliance -ein. Glücklich macht mich der Anblick eines -Reiters, paßt er sich dem Denken seines Trägers an. -Wie denkt sein Pferd, sein wohlgepflegtes Pferd? -Trabweise, sprungweise, gallopierend, immer in Gedanken, -treu seiner Bewegung. Und das überträgt -sich dem Kavalier und seiner Dame, Halbpriester der -da oben, Halbpriesterin, die auf des Pferdes Rücken. -Voll Spiellust sind die Füllen; jeden Morgen wartete -ungeduldig so ein Nimmermüdes auf mich und -meine Schulkameradin. Über den Zaun auf seine -Wiese sprangen wir schulvergessend — wer von uns -drei wohl am liebsten Zeck spielte! Darum empfinde -ich schmerzlich jede Mißhandlung der Karrenpferde. -Bang wie Regen fließen die dunklen Lider über ihre -trüben Augen. Wie denkt so ein Pferd? Kummer -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -bedrückt sein Herz und beugt seinen verhärmten Kopf. -Manchmal tröstet der Braune den Schwarzen oder -der Apfelschimmel die müde Apfelschimmelin. — Wie -futterfreudig hingegen an ihren fetten Trog denken -die markigen Erntepferde; an den Seiten des Kopfes -tragen sie den blanken Messingschmuck. Zwei, vier -Kinderhände, vom reichen Schulzen die Buben, halten -sich an den Strähnen der Mähne des schnaubenden -vierbeinigen Bauern fest, und einige Plumssäcke liegen -auf dem Hinterviertel seines stampfenden, drallen -Pferdeweibs. Ich liebe euch alle, ihr Pferde, auch -die Zwergpferdchen aus Gullivers Zwerglande im -Zirkus Busch. -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-54"> -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -Zirkus Busch -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>W</span><span class="postfirstchar">ann</span> fängt es an?“ Daß wir nur ganz pünktlich -dort sind! Ich will lieber den ersten Aufzug -einer Theaterpremiere versäumen als die Reiterin im -Quastensattel. Es hieße eine Erinnerung schießen -lassen. Erstaunte, großaufgetane Augen bekommt -man im Zirkus, und die Lippen werden rot und runden -sich. Und alle Menschen, die zugucken, sind Kinder. -Das ist es: Zugucken soll man. -</p> - -<p> -Nach dem Steppenritt — die liebenswürdige Schulreiterin -im blauen Tuchkleid; ihr folgen weißbegossene -Pudel, zwei Clowns. Beim Müller waren sie und -wollen nun zum Bäcker in den Ofen. Hinter ihnen -hilflos der wirkliche August in spitzen, amerikanischen -Lackschuhen, gentlemanlike gekleidet. Auf einmal -öffnet sich der Vorhang der oberen kleinen Bühne. -An stählernen Recken strecken sich schmiegsame Menschenleiber, -wie Katzen hin und her auf Samthänden -und leisen Füßen. Aber unten in der Manege stampfen -schon die schwarzen Zigeunerpferde. Ich liebe die -Pferde. Es sind gestaltgewordene Sagen, Legenden, -Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Wann setzen die -wiehernden Paschas über den Bankzaun, im Kreis den -Sand aufwirbelnd zur Wolke! Ihre Nacken schmückt -der Halbmond mit dem Stern. Oben vom Gipfel des -Zirkus braust ein Marsch. Ich hörte ihn schon am Bosporus; -Abdul Hamids Sohn hat ihn vertont. — — — -</p> - -<p> -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -Die Kristallkronen senken sich majestätisch, der bunte -Riesenraum wird zu einem Krönungssaal. Die Ringer -warten schon vor der Halle. Schlanke Königssöhne -aus dem Norden, ihre Schultern sind dunkelvergoldet -von der Mitternachtssonne. Dichtungen -werden Wahrheiten. Johannes Josefsson, ein isländischer -Achill, er führt den Heroentanz der Kraft -auf. Ich muß an den schönen Halbgott denken, noch -zwischen den Indianern, Farmern und Cowboys. Eine -interessante Häuptlingspantomime. Man bekommt -Lust, mitzupantomimen. Ich halte die übliche verzuckerte -Nußstange noch unberührt in der Hand. — — -</p> - -<p class="last"> -Morgen Mittwoch acht Uhr, große Galavorstellung. -</p> - -<div class="ads"> -<hr /> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)</span> -</p> - -<hr /> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Max Brod</span> -</p> - -<p class="tit"> -Die Höhe des Gefühls -</p> - -<p class="subt"> -Szenen, Verse, Tröstungen -</p> - -<p class="edn"> -25 Exemplare auf Bütten, vom Autor signiert -in Ganzleder gebunden je Mark 15.— -</p> - -<p class="price"> -Geheftet Mark 3.— <span class="right">Gebunden Mark 4.50</span> -</p> - -<hr /> - -<p> -<em>Berliner Tageblatt</em>: Der Titel „Die Höhe des Gefühls“ bezeichnet -einen Zustand außerordentlicher seelischer Steigerung, der ein Hinausgehen -über die sonstigen Grenzen der lyrischen Form zum szenischen -Bilde notwendig macht, indem der Träger des Gefühls sich selbst in -den leidenschaftlichen Beziehungen zur Umwelt darstellen muß. Durch -eine ins Großartige aufstrebende biblische Düsterkeit und Erlebniskraft -erhebt sich das Schlußstück „Die Arche Noah“ zu einer Musik des Wortes -und Sinnes, die man als ein poetisches Oratorium ansprechen möchte. -</p> - -<p> -<em>Neue Freie Presse, Wien</em>: Es dünkt mich das innigste, echteste und -zugleich kühnste, selbstbewußteste der Brodschen Bücher. Hier gab der -Dichter vielleicht sein Tiefstes: ein Paradigma der Menschheit, ihrer -Irrungen und Versuchungen, ihrer Verstrickungen und Erlösungen in -Form einer kurzen und gedrängten, phantasievoll vergegenwärtigten -Szene. Irgendein Unsagbares schwingt hierbei noch mit, das ich nur -durch das Wort „Musik“ anzudeuten vermag. -</p> - -<p> -<em>Die Zeit, Wien</em>: Etwas Weltabgewandtes, Abseitiges, nach innen -Gekehrtes, das mit unserem Gefühls- und Gedankenleben mehr zu tun -hat, als Krieg und Börse, zieht uns mit seltsamer Gewalt zu diesen -Blättern und dennoch spürt man verhalten den heißen Atem unserer -Zeit darin. Über die neue Gabe des jungen Prager Dichters wird man -sich freuen: sie gehört zu den in unserer Zeit so seltenen reifen und -harmonischen Büchern, die gleichweit von erdfernem Optimismus und -kokett-ironischer Weltschmerzlichkeit entfernt sind. -</p> - -<p> -<em>Prager Tageblatt</em>: Brods Kunst erscheint hier wunderbar gesteigert, -losgelöst vom stofflichen Zwang, wie auf Flügeln die Welt durchmessend. -Der Verlag hat dem Werk übrigens ein ganz erlesenes Kleid gegeben. -</p> - -</div> - -<div class="ads"> -<hr /> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)</span> -</p> - -<hr /> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Max Brod</span> -</p> - -<p class="tit"> -Über die Schönheit häßlicher -Bilder -</p> - -<p class="subt"> -Ein Vademecum für Romantiker unserer Tage -</p> - -<p class="price"> -Geheftet Mark 3.50 <span class="right">Gebunden Mark 4.50</span> -</p> - -<hr /> - -<p> -Ein ernstes und dabei bizarres Bekenntnisbuch Max Brods, das eigensinnige, -höchst individuelle Credo dieses Dichters. Man kann sagen, -daß sein Schaffen durch das vorliegende Buch, in dem der Dichter fast -ausschließlich von sich selbst und seinen äußersten Gedankenverfaserungen -spricht, in ganz neuem Lichte erscheint. Das Buch ist zum tieferen Verständnis -der vorhergehenden Werke Brods unerläßlich. Wir sehn hier -ein heftiges Temperament und seine Opposition gegen unser mechanisiertes, -amerikanisiertes, philiströs-kaufmännisches Zeitalter äußern. -Aber diese Opposition ist alles andere als griesgrämig. Sie versteckt -sich oft sogar hinter einem lustigen Lob des Verabscheuten, ja sie baut -eine ganze phantastische Theorie der „Schönheit des Geschmacklosen“ -aus. Die Greuel kitschiger Bilder, Kino und Panorama, Chansonetten -und Ausstattungsstücke, häßliche Möbel und konventionelle Schauspielkunst -werden in unterhaltendster Paradoxie in den Himmel erhoben. -Hinter dem komplizierten Gewebe von Spott und ironischer Verliebtheit -schlägt aber immer wieder die Liebe zum Begeisternden, zu den -Sternen, zu Smetana und Berlioz, zum Meister Flaubert und zu dem -nach Ansicht des Dichters bedeutendsten Zeitgenossen Robert Walser -durch. So ist dieses Buch eigentlich nur ein eigenwilliger, aber doch -ein Weg zum Ideal und zur Befreiung des Menschen im Absoluten, -im Reiche des Erhabenen und Schönen. Unbeirrbar steht hinter jedem -der unberechenbaren Seitensprünge und humoristischen Exkursionen -der große Ernst dieses Dichters. Max Brod hat in seinem gleichzeitig -erschienenen (mit Dr. Felix Weltsch gemeinsam verfaßten) philosophischen -Buch „Anschauung und Begriff“ die exakte Basis gegeben, auf der er -sich so kühne Scherze erlauben darf, die in anderem Zusammenhange -vielleicht frivol klängen, während sie hier nur von der unbefangenen, -nietzschehaft heiteren Luft um diesen sicheren Tänzer Kunde geben. -</p> - -</div> - -<div class="ads"> -<hr /> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)</span> -</p> - -<hr /> - -<p class="aut"> -<span class="line1">Franz Werfel</span> -</p> - -<p class="tit"> -Wir sind -</p> - -<p class="subt"> -Neue Gedichte -</p> - -<p class="printer"> -In vorzüglicher Ausstattung / Druck der Offizin -W. Drugulin -</p> - -<p class="edn"> -Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte -Expl. auf schwerem Japanbütten in Ganzlederbd. M. 35.— -</p> - -<p class="price"> -Geheftet Mark 3.— <span class="right">Gebunden Mark 4.50</span> -</p> - -<hr /> - -<p> -Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt gewordenen -Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war: -die Fülle der Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen Poeten, wird -hier gesteigert zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im -Irdischen will seine Dichtung beharren, sie versucht dem Göttlichen im -Gefühl aller Menschheit näher zu kommen. So wird sein Singen -prophetisch wie die Psalmen des Alten Testaments; sein Werk hat die -Stärke und Verkündigung eines neuen Ethos. -</p> - -<p class="center"> -Urteile über Franz Werfel: -</p> - -<p> -<em>Wilhelm Herzog</em>: „... ein ganz junger, ganz großer Dichter. -Wenn irgendwo, so ist hier die neue Kunst.“ -</p> - -<p> -<em>Frankfurter Zeitung</em>: „... ein ganz großer Dichter, mit allem -Ernste sei das gesagt.“ -</p> - -<p> -<em>Neue Rundschau</em>: „... Withmans kosmische Liebe und Goethes -unersättliche Lust zu fühlen, hat sich Werfel durch das Recht der -Wiedergeburt zu eigen gemacht.“ -</p> - -<p> -<em>B. Viertel im „Strom“</em>: „Diesem jungen Dichter fügt -sich das Leben, indem es ihn entzückt, in leichte, zarte, schwebende -Formen. Alles ist neu, alles ist noch Ereignis, ist Ekstase.“ -</p> - -</div> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend -beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): -</p> - - -<ul> - -<li> -... nehmen <span class="underline">sie</span> als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ...<br /> -... nehmen <a href="#corr-0"><span class="underline">Sie</span></a> als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ...<br /> -</li> - -<li> -... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf <span class="underline">dem</span> Kopf ...<br /> -... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf <a href="#corr-1"><span class="underline">den</span></a> Kopf ...<br /> -</li> - -<li> -... sich an ihrer Schrift, und <span class="underline">den</span> Inhalt, den ...<br /> -... sich an ihrer Schrift, und <a href="#corr-2"><span class="underline">der</span></a> Inhalt, den ...<br /> -</li> - -<li> -... aber deren Inhalt voll Leben <span class="underline">sprudeln</span>; Handschriftkünstler, ...<br /> -... aber deren Inhalt voll Leben <a href="#corr-3"><span class="underline">sprudelt</span></a>; Handschriftkünstler, ...<br /> -</li> - -<li> -... wie das Wasser aufspritzt. „<span class="underline">Das</span> nur nicht die neuen ...<br /> -... wie das Wasser aufspritzt. „<a href="#corr-5"><span class="underline">Daß</span></a> nur nicht die neuen ...<br /> -</li> - -<li> -... Besitzer dieser Fuhrunternehmen <span class="underline">treffen</span>. Vorwurfsvoll ...<br /> -... Besitzer dieser Fuhrunternehmen <a href="#corr-6"><span class="underline">trifft</span></a>. Vorwurfsvoll ...<br /> -</li> - -<li> -... Kampfstimmung, er hat <span class="underline">tagüber</span> Aufsätze schreiben ...<br /> -... Kampfstimmung, er hat <a href="#corr-7"><span class="underline">tagsüber</span></a> Aufsätze schreiben ...<br /> -</li> - -<li> -... Sitte.) „<span class="underline">Reisen</span> Sie mich nicht immer aus meinen ...<br /> -... Sitte.) „<a href="#corr-8"><span class="underline">Reißen</span></a> Sie mich nicht immer aus meinen ...<br /> -</li> - -<li> -... teilte ihr meinen Entschluß, daß, falls sie mir das ...<br /> -... teilte ihr meinen Entschluß<a href="#corr-9"><span class="underline"> mit</span></a>, daß, falls sie mir das ...<br /> -</li> - -<li> -... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, <span class="underline">geschmeidige</span> ...<br /> -... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, <a href="#corr-10"><span class="underline">geschmeidiger</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... vor <span class="underline">diesen</span> pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ...<br /> -... vor <a href="#corr-12"><span class="underline">dieser</span></a> pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ...<br /> -</li> - -<li> -... dînez s’il vous <span class="underline">plaït</span>.“ Und sie tafelt ihnen ...<br /> -... dînez s’il vous <a href="#corr-13"><span class="underline">plaît</span></a>.“ Und sie tafelt ihnen ...<br /> -</li> - -<li> -... liebsten sind mir ihre <span class="underline">Feier</span> ohne vielerlei Äußerlichkeiten, ...<br /> -... liebsten sind mir ihre <a href="#corr-14"><span class="underline">Feiern</span></a> ohne vielerlei Äußerlichkeiten, ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Gesichte, by Else Lasker-Schüler - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE *** - -***** This file should be named 53239-h.htm or 53239-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/2/3/53239/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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