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-The Project Gutenberg EBook of Gesichte, by Else Lasker-Schüler
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Gesichte
- Essays und andere Geschichten
-
-Author: Else Lasker-Schüler
-
-Release Date: October 9, 2016 [EBook #53239]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE ***
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
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- Gesichte
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- Essays und andere Geschichten
- von
- Else Lasker-Schüler
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- 1914
- Verlag der Weißen Bücher, Leipzig
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- 2. Auflage
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-
- Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
-
- Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig
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- Inhalt
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- Seite
- Sterndeuterei 9
- Handschrift 18
- Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup 24
- Künstler 27
- In der Morgenfrühe 30
- Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck 32
- Arme Kinder reicher Leute 37
- Am Kurfürstendamm 40
- Die beiden weißen Bänke vom Kurfürstendamm 43
- Die Odenwaldschule 45
- Lasker-Schüler contra B. und Genossen 48
- Coranna 55
- Die schwere Stunde 57
- Peter Hille 59
- Karl Kraus 66
- Loos 69
- Oskar Kokoschka 72
- Peter Baum 74
- Franz Werfel 76
- S. Lublinski 77
- Paul Leppin 83
- Richard Dehmel 85
- Max Brod 86
- Alfred Kerr 87
- Bei Guy de Maupassant 89
- Albert Heine 100
- Karl Vogt 101
- Paul Lindau 102
- Bei Julius Lieban 104
- Friedrich von Schennis 107
- Tilla Durieux 109
- Paul Zech 112
- Rudolf Blümner 113
- William Wauer 115
- Wauer-Walden via München und so weiter 117
- Emmy Destinn 122
- Franziska Schultz 126
- Kete Parsenow 127
- Ruth 128
- Unser Café 130
- Marie Böhm 133
- Der Alpenkönig und der Menschenfeind 135
- Egon Adler 138
- Ein Amen 141
- Wenn mein Herz gesund wär -- 143
- Der Eisenbahnräuber 150
- Im neopathetischen Kabarett 152
- Kabarett Nachtlicht, Wien 154
- Apollotheater 158
- Tigerin, Affe und Kuckuck 161
- Im Zirkus 163
- Zirkuspferde 169
- Zirkus Busch 172
-
-
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-
- Dieses Buch schenke ich
- Kurt Wolff
-
-
-
-
- Sterndeuterei
-
-
- _St. Peter Hille_ in Ehrfurcht
-
-Soll Ihr Leib noch länger mit seinen Sternen in der Hand Ihres Arztes
-liegen, und wie lange überlassen Sie ihm noch Ihren Verstand? Fragen Sie
-einmal so im Vorübergehen den Doktor, ob er von Ihrem Sternensystem eine
-Ahnung hat. Oder wenden Sie sich an einen Irrenarzt, der am
-gründlichsten Bescheid wissen müßte von der Astronomie des Menschen;
-sitzt er doch an seinem Pol, wie ein falscher Gott am Scheidewege, wo
-sich der Stern vom Chaos trennt. Es gibt gar keinen Irrsinn im Sinne der
-Eisenbärte, aber wer wird mich nicht verspotten, wenn ich behaupte, es
-gibt eine Veränderung im Chaos des Menschen. Darum sind Ihre Leiden aus
-keinem anderen Grunde entstanden, als aus allzu wuchtigen
-Sternenvorgängen. Senkte sich unerwartet Ihre Sonne in eins Ihrer Meere?
-Jedwede Behandlung Ihres Arztes ohne genaue astronomische Kenntnis Ihres
-Planeten ist ein Vergehen. Unbeschreiblich friedlich stimmt es, einen
-Mond in sich zu fühlen, und wer ihn in sich trägt, steht im
-verwandtschaftlichen Verhältnis mit dem Großgehenden da oben. Nach einem
-Schwächezustand, den ich überwand, meine Tore standen noch unbefestigt,
-fühlte ich den Durchgang des Vollmonds dicht an dem meinen vorbei, wie
-ein leichtes Beben. Nicht dieser Vorgang war ein krankhafter, aber durch
-die Kraft des Vorgangs erlitt ich Sternenschaden. Ich war noch lange
-nach diesem Ereignis eingehüllt in schwermütigen Wolkengedanken. Glauben
-Sie, die Erde leide etwa nicht noch durch die kürzlich erlittene,
-erduldete Kometkraft? Denken Sie an Maria, durch die Gott schritt. Das
-wird noch einmal geschehen, noch ewigkeitsmal, immer nach Gottesdrehung,
-er wendet sich durch Maria. Sie leidet das höchste Fest durch das
-Gottwillkommen, sieben Schwerter krankt ihr Herz. Wir sind das feinste
-Werk aus Sonne, Mond und Sternen und aus Gott. Wir sind seine
-Inspiration, seine Skizze zur großen Welt. Ich spreche nicht in
-Symbolen, obschon Symbole die Schatten großer Wahrheiten sind,
-Milderungsgründe: wenn etwas Ihren Horizont übersteigt. Sie setzen das
-allzu klare Licht mit gewisser Überlegenheit gern ins Dunkle. Ich möchte
-aber die Nacht von Ihnen nehmen, wachen Sie auf durch meine
-Raketensterne! Ich bin ja keine Gelehrte. Aber wenn ich Menschen
-medizinisch behandelte, würde ich sie »regnen« lassen, Luft in weiten
-Kreisen »atmen« lassen. Mancher Menschplanet erstickt an Dürre. Ich
-würde die verwandtschaftlichen Sterne ausfindig machen, die mit meinem
-Planetpatienten in irgendeinem Zusammenhang stehen könnten; namentlich,
-wenn es sich um eine epidemische Ursache handelte. Den kleinen Mars des
-Menschen kann man nur mit dem gröberen, großen Mars der Welt impfen. Ich
-kenne Leute, die unter dem Zusammenstoß ihrer Fixsterne leiden. Es sind
-schlechte Pächter ihrer Welt. Jeder Schlaganfall ist ein Zerbersten
-zweier vom Wege geirrter Sterne. Die Folge dieser Folge erst ist der
-Tod. Ich bitte Sie nicht, an sich herauf und herunter zu suchen; Sie
-sehen Ihre Sterne nicht, das was Sie betasten können, ist Chaos. Und
-weil ich vom Unantastbaren des Menschen spreche, glauben Sie nicht an
-meine Medizin und halten mich für eine Kurpfuscherin. Aber wer an meine
-Dichtungen glaubt, die man auch nicht in die Hand nehmen kann, und doch
-vorhanden sind, wird auch nicht zweifeln an den Sternen der Menschen,
-wovon ich ihnen erzähle. Sind Sie nicht reicher, als Sie glauben? Ich
-spreche von Ihrem Unsichtbarsten, von Ihrem Höchsten, das Sie nicht
-greifen können, wie die Sterne über Ihnen. Sind Sie nicht reicher, als
-Sie fassen können! Oder haben Sie schon einmal ein Stück Mond gegessen?
-Sie würden immer nur sein Chaos greifen, wie der Arzt Ihr Fleisch,
-daraus er keinen Stern formt. Der Doktor hat mich längst überführt,
-indem er mit dem Messer diese Leiche sezierte: »Der Tote ist an
-Schwindsucht gestorben, am Zerbersten der Lunge.« Ihr Doktor hat doch
-keine blasse Ahnung von meiner Medizin. Allerdings ist dieser Tote an
-Tuberkulose gestorben, an der Folge seiner und des Arztes Unkenntnis
-seines Sternensystems. Und was ich von einer Epidemie halte? Die ist die
-Folge der Sintflut im Massenmenschsternensystem, ein Bacchanal tausender
-Sterne, daran alle Bruchteile, alle ungeordneten, unberufenen
-Fleischchaosse zersplittern. Ich glaube darum an Wunder, an ungestaltete
-Medizin. Wer aber kann sie mischen! Jesus von Nazareth tat Wunder, er
-ergriff die keimenden Sterne und trennte sie von den faulen und erweckte
-die Erblaßten an ihrer noch verglühenden Sternschnuppe. Der Nazarener
-wandelte durch das Sternensystem des Menschen und erlebte die Welt so
-tief und ging in Gott ein, und Gott in ihn, darum man ihn verwechselt
-noch auf den heutigen Tag mit Gott. Moses der Prophetarzt erkannte den
-Gott seines Volkes, heilte es und machte es stark. Eine Sage meiner
-Bücher sagt von einem Derwisch, der sein Herz in die Hand nehmen konnte
-und doch lebte durch die Kraft seiner Sterne. Wir sind das glühendste
-Werk von Mond und Sternen, nach unserm Modell hat Gott die große Welt
-erschaffen, in der wir: Ureigentum in unserer erweiterten Kopie leben
-...
-
-Ureigentum noch unverblaßt zu begegnen, erlebe ich überraschend oft.
-Diese testamentarischen Sehenswürdigkeiten, Übertragungen, die an Wert
-nicht einzuschätzen sind! Ich meine nicht die gemütlichen Hausväter aus
-der alten, guten Zeit oder den Waldmenschen, oder den aus der nackten
-Körperkultur oder den Zwiebelasketen. Merkwürdig, daß man gerade in den
-Irrenanstalten Gesichte erblickt aus allererster Sternzeit; Bilder, alte
-Meister, Menschen, die erstarrt sind in der Vision. Und kein Arzt weiß
-sie aus dem Augenblick der Erscheinung zu führen, wie aus engem Rahmen.
-Ich besuche diese scheintoten Galerien; mich lieben die unverstandenen,
-verfangenen Gesichte. Etwa weil ich ihnen den richtigen Platz zu geben
-vermag? O, ihre Angstgefühle! Die andern testamentarischen Gestalten
-unterscheiden sich von den irrenden Denkmalbildern ihres ungestörten
-Sternenlaufs wegen. Solchen Sterngeschöpfen geschehen Wunder. Wie St.
-Peter Hille, er hatte noch mit Moses und Jesus von Nazareth gesprochen
-und mit Buddha, und erzählte von ihnen, wie der Urenkel etwa von seinem
-Großvater Goethe. Das war der unumstößliche Beweis von der ersten
-Leuchtkraft Gottes in St. Peter Hille. Ich gehöre nicht zu den
-Spiritisten; Spiritismus ist Epigonentum, Nachahmung, gewalttätige
-Wunder. Um wirkliche Visionen zu erleben, muß man noch in der ersten
-Leuchtkraft Gottes sein. So ein gotterhaltener Mensch ist fromm und
-selbst Inspirationen fähig. Aus Isaaks weitem Munde seh' ich viel im
-Traum Sterne aufsteigen, die er benennt nach Gottes Einverständnis.
-
-Die hungrige Zeit fraß meine Leuchtkraft goldweise. Aber ich kann
-erzählen von der Astronomie des Menschen, wenn ich auch in meinen ersten
-zehn Jahren noch zwischen weichem Dunkel, zwischen ungeordneter Nacht,
-im Chaos lag. Ich war wie ungeboren neben meiner Mutter, noch ganz
-Chaos.
-
-Das Kind ist nicht fromm, es ist dumpf. Dieser Irrtum! Fromm kann nur
-der wissende Mensch sein, aber nicht jeder macht die sechs
-Schöpfungstage in seiner Hülle durch und wird Stern, und wenige nur den
-Sonntag. Wie viele Heilige gibt es und doch ist jeder Andächtige oder
-Lauschende, jeder Staunende oder Liebende ein Heiliger. Wenn Jesus von
-Nazareth die Kinder rief, so fühlte er Verantwortung mit ihnen, mit dem
-Chaos, das sich entfalten werde. Er wußte, wie weit der Weg zum Sterne
-war. Die Kinder sind wie die Lämmer so dumpf. Darum beleidigt mich das
-irrige Wort: Jesus das »Lamm« Gottes. Solche Unschuld ist eine
-Chaosunschuld, und der Nazarener war der Sonntag der Schöpfung. Der Jude
-hat sich mit ihm der vollendetsten Welt entledigt. Sagte der
-Sonntägliche doch zu einem der Mörder am Kreuztag: »Wahrlich, ich sage
-dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.« Der Jude, der den
-Himmlischen verstößt, beweist, daß er ein Bürger ist, um nichts weniger
-der Mensch des Abendlandes, der den verlornen Gott der Juden aufnahm,
-ihn sich erzog und erwog nach seinem lammblutenden Wort. Im Menschen
-bereitet sich immer Fleischdumpfheit, Chaos, Fleischsehnsucht; Gott aber
-ist umgestaltet, ungerahmt und breitet über alles sich. Wir reden immer
-zu dem Chaos des Menschen, wollen wir ihn gewinnen, denn der Stern ist
-böse, darum sind wir alle einmal krampfhaft enttäuscht in Gott. Wir
-finden in ihm kein Chaos, keinen faßbaren Schlupfwinkel. Er sandte darum
-seinen Sohn, das heißt, er kam in Menschgestalt zur Erde. Solcher
-Umgestaltung Demut vom Stern zum Chaos ist nur ein Gott fähig. Nie war
-solche Dunkelheit je auf Erden und am Himmel und im Menschen wie in der
-Zeit des Gottbesuchs. Dem Priester und Pharisäer flößte seine
-Betastbarkeit Mißtrauen ein, der Armselige umklammerte den vertriebenen
-Götzen aus Fleisch und Blut wie einst am Fuß des Mosesberges das goldene
-Kalb.
-
-Sie wollen noch wissen, wie lange sich der Menschplanet erhält. Die
-meisten Menschen werden nicht älter und nicht jünger als sechzig Jahre.
-Jesus von Nazareth ist gottalt wie die Ewigkeit. Moses war zehntausend
-Jahre, als die Tochter Pharaos ihn im Korbe fand. Und von dem Propheten
-St. Peter Hille möchte ich sagen: Niemand wußte um seinen Geburtstag.
-Meine Mutter war dreimal sechzehn Jahre alt, mein Vater erlebte sechsmal
-seine tollsten Knabenstreiche. Wie schätzen Sie mich ein? Ich bin David
-und tue Simsontaten, ich bin Jakob und deute die Träume der Kühe und
-Ähren. (Oder zweifeln Sie daran, daß mich meine Brüder verkauft haben,
-das Bürgermillion!) So verwirrt sich die Zeit der Vergangenheit im
-Menschen. Heute bin ich eine Dichterin, und ich bitte Sie, mir zu
-verzeihen, daß meine Dichtung keine Gehirnkarte geworden ist mit Farben,
-lila, grün, rot gefärbt. Meine Bekenntnisse nehmen Sie als ein
-Luxusgeschenk hin, denn ich bin verschwenderisch, das liegt in meinem
-Sternsystem. Es kommt mir selbst nicht darauf an, einige Monde meines
-Planeten fallen zu lassen. Auch mit meinem Chaos, ohne das Chaos kommt
-kein Mensch davon, hat es eine besondere Bewandtnis. Darüber möchte ich
-schweigen, aber eines kann ich Ihnen sagen, wir Künstler sind einmal bis
-ins tiefste Mark und Bein Aristokraten. Wir sind die Lieblinge Gottes,
-die Kinder der Marien aller Lande. Wir spielen mit seinen erhabensten
-Schöpfungen und kramen in seinem bunten Morgen und goldenen Abend. Aber
-der Bürger bleibt Gottes Stiefsohn, unser vernünftiger Bruder, der
-Störenfried. Er kann nicht heimisch werden mit uns, er und seine
-Schwester nicht. Verwechselt die lärmende Bürgerin oder die zur Hure
-gewordene Magd nicht mit dem spielenden Sternenmädchen, die den Tanz aus
-nackter Scham tanzt! -- --
-
-Wohin mir doch heute alle meine Sterne geleuchtet haben! Immer muß ich
-wiederholen, der Arzt sollte sich auf die Astronomie des Menschen
-verstehen. Welcher von Ihren Hausärzten wäre imstande, eine
-Sonnenfinsternis in Ihnen herbeizuführen, geschweige den Stillstand
-Ihres Planeten?
-
-Ich sehe Ihre Kanäle, Ihre Berge auf Ihren Sternen und Ihren Mond
-aufgehen hinter Ihrer Stirn. Jeder Schmerz und jedes Freudegefühl,
-Vernichtung oder Erhebung ist ein neues Bild Ihres Sternensystems. Sie
-sterben eigentlich an zerborstenen Sternen oder Erkaltung Ihrer Sonne
-oder an Finsternis. Wenn nur Ihr Leben den Höhepunkt erreicht hat vor
-dem Zerfall Ihres Chaos: den Himmel. Aber wenn er Ihnen nicht auf den
-Kopf paßte? Vom Blitzstrahl getroffen, das Chaos gespaltet, einzugehen
-in die Allmacht ist Seligkeit. So lausche ich auf mich. Aber der Bürger
-belauert sich, der Kranke in Arzthand betrauert sich, weil er keine
-Achtung vor dem Schmerz hat. Ich bin müde -- wie ich mir entkomme, ein
-Schatten aus Mond und Sternen, riesengroß fiel ich um Mittag und sinke
-nun ein in meinen eigenen Planeten. Ich habe einen kritischen Tag hinter
-mir, manche Menschen wichen mir furchtsam mit den Augen aus. Einem
-kleinen Mädchen bohrte ich im Anblicken ein Loch in die Brust. Solche
-Kraft macht traurig. Ich sehne mich nach Glück, nach ihm, nach
-Hascha-Nid, dem goldhäutigen Sohn des Häuptlings. Der spielt mit sich,
-treibt und lockt die Sterne über seine Grenzen, ein göttliches Spiel,
-Wirbel und Wüstenwind. Ich liebe ihn, weil er so reich und rein an
-Sternen ist, und ich staune vor solch verschwenderischen Launen ... Aber
-das geht Sie nichts an. Gern hätte ich Ihnen noch vom Himmel erzählt.
-Später, wenn ich ihn erreiche und Gott --
-
- Gott, wo bist du?
- Ich möchte nah an deinem Herzen lauschen,
- Mit deiner fernsten Nähe mich vertauschen,
- Wenn goldverklärt in deinem Reich
- Aus tausendseligem Licht
- Alle die frühen und die späten Brunnen rauschen.
-
-
-
-
- Handschrift
-
-
- Dr. _Otto Jahnke_ mit dem seltenen
- Handschriftsbild
-
- Für den Künstler der Handschrift ist der
- Inhalt seines Schreibens nur ein Vorwand,
- wie für den Maler das Motiv seines
- Bildes.
-
-Ich habe beobachtet, daß Kinder und Große so recht in Gedanken
-versunken, mit der Feder, mit dem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann
-ganz unbewußt bemüht waren, schöne oder verschnörkelte Buchstaben und
-Worte zu schreiben; sich dann später selbst über die Bedeutung des
-Geschriebenen wunderten. Auf einmal steht auf dem weißen Rand der
-Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder blumenverziert. Dort ist ein
-Zeitwort auf den Kopf gestellt, ich meine ein xbeliebiges Wort in
-Spiegelschrift geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde Gefühl beim
-Ansehen einer interessanten Handschrift wie bei einer guten
-Federzeichnung oder einem Gemälde. Und doch möchte ich darum die
-Handschrift nicht mit der Malzeichenkunst in einen Farbentopf oder in
-ein Tintenfaß werfen. Aber der, welcher sich verzweifelt nach einem
-Talent sehnt, möge es zunächst in seiner Handschrift suchen. Oft hat
-schon der Lehrer sie im Keim erstickt. Den meisten bleibt die Schrift
-nichts wie Inhalt -- die Nachricht erfreut ihn, ärgert ihn, namentlich
-wenn sie noch dazu undeutlich geschrieben ist. Warum höre ich nie jemand
-sagen: Erklären Sie mir diese oder jene Handschrift. Ich meine nicht des
-sprachlichen Verständnisses wegen, auch nicht aus graphologischem
-Grunde; rein künstlerisch! Wie ja so oft die Frage aufgeworfen wird vor
-einem Bildnis. Es hat noch nie jemand von einer Handschrift den
-alltäglichen Ausruf getan: »Die ist mir zu hoch!« Und doch gibt es
-gerade Meister dieser Schulmeisterkunst. Diejenigen sind's, die sich im
-Klassenzimmer Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es geht ihnen wie dem
-Genie, welches die Kunstschule ausspie. Handschrift ist erblich wie
-jedes Talent. -- Für mich kommt kaum der Inhalt eines Briefes in
-Betracht; ich kann mich für den Schreiber nur seiner Buchstaben wegen
-interessieren. Und es geschah schon, daß ich ganz entzückt einen
-unverschämten Brief beantwortete und umgekehrt. Die Schrift ist ein Bild
-für sich und hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Jeder lernt schreiben,
-eine Menge Menschen haben es in ihrer Handschrift zur Kunst gebracht.
-Und darum auch gibt es in keiner Kunst so viele Epigonen, wie in der
-Kunst der Buchstaben. Für diese Nachahmer ist jeder Buchstabe ein
-Gestell, dem sie einen Mantel umhängen, den ein anderer gewebt hat, sie
-verstehen eben ihre Blöße zu bemänteln. Die alltäglichsten Epigonen sind
-reichgewordene Frauen, die sich bemühen, ihre so oft charakteristische
-Ladenmädchenschrift zentimeterhoch heraufzuschrauben direkt zu
-hochmütigen Gänsehälsen. Der Mann möchte Bedeutung in seine Schrift
-legen und ahmt der Hand des ihm Geistigüberlegenen nach. Ungemein
-sympathisch berührt mich die sogenannte Tatze, die Schrift der Knaben,
-wenn sie den Aufsatz ins Diarium schreiben. Hier diese Zeilen hat ein
-Mädchen vorsichtig und sanft geschrieben. Manchmal lachen auch Briefe
-oder sind erbittert, die Schrift riecht fast nach Galle. Meines Freundes
-Brief blinzelt, eine Faunlandschaft. Dein Onkel schreibt eine kleine,
-rundliche, gleichmäßige Handschrift wie Taler. Geizhals ist er, aber ein
-Handschriftenkünstler wie mein Freund der Faun. Interessant sind die
-spitz auslaufenden Buchstaben auf dieser Seite, jedes Wort ein
-Wolfsgebiß. Und doch kein Tiergemälde. Interessant wirkt auf mich die
-Korrespondenz, die ich erbrach zugunsten der Kunst, zwischen Karl Kraus
-und Herwarth Walden. Alte und neue Meisterstücke. Ich sprach schon
-einmal in meinem Essay über die Kunst in Karl Kraus' Buchstaben. Seine
-Handschrift ist ein Dürergemälde. Meine Handschrift hat als Hintergrund
-den Stern des Orients. Oft sagten mir Theologen, ich schreibe deutsch
-wie hebräisch oder arabisch. Ich denke an der späten Ägypter
-Fetischkultur; ihnen ging aus dem Buchstaben schon die Blüte auf, der
-Zwischenduft, der Handschrift mit Zeichenmalkunst verbindet. Mir fallen
-noch die Schriften der Chinesen und Japaner ein. -- »Die Mitternacht zog
-näher schon, in stummer Ruh' lag Babylon« -- die plötzliche
-Geisterschrift an der Wand entsetzte die berauschten Gäste nicht des
-Inhalts wegen, das furchtbare Schrift_bild_ war es. Sie _erblickten_ den
-Inhalt des Fluches. Darum ist auch das Verständnis zur Kunst ein
-Seltenes und Erhabenes -- es liegt uns im Gesicht und geht uns vom
-Gesicht aus. -- Die Kaufmannshandschrift -- ich möchte noch vorher
-fragen, hat schon einer der Leser einmal ein Lebenszeichen vom Dichter
-Peter Baum bekommen? Nämlich gerade bringt mir der Postbote so ein
-Sommerbildchen, Buchstaben: Mückenschwarm, der zerstreut in der Sonne
-tanzt. Seine Karte blendet. Ich bin bei der Kaufmannshandschrift --
-phantasielos, nüchtern, sie liegt bewegungslos auf dem Papier. Kühle
-Tatsache. Der kaufmännische Reisende dreht seinen Buchstaben eitel den
-Schnurrbart. Stutzig machen mich Briefe, die vom Geschäftsmann
-geschrieben sind und von der Buchführung doppelt abweichen. In dem
-Schreiber steckt sicherlich das Handschrifttalent. Es gibt auch Launen
-der Schrift. Kinder, die erst morgen dem Christkind schreiben wollen, da
-sie heute nicht schön schreiben können. Meiner Mutter Briefe waren
-schwermütige Zypressenwälder, meines Vaters Schrift reizte zum Lachen,
-humoristische Zeichnungen aus dem Struwelpeter. Kohlrabenpechschwarze
-Mohren oder der böse Nikolas steckt die Jungens ins Tintenfaß.
-Gelungene, amüsante Überschwemmungen von Tinte waren die Briefe meines
-Vaters. -- Es gibt auch Schriftinspirationen, viele Menschen berauschen
-sich an ihrer Schrift, und der Inhalt, den sie aufschreiben, ist nur
-Vortäuschung. Ich schreibe oft, um mich durch meine Schrift zu erinnern,
-mein Vater, um sich zu ergötzen. Meine Schwestern schreiben zweierlei:
-die älteste: Reisebilder, die andere: Kinderbilder. Der einzige
-Plastiker der Handschrift, den ich kannte, war St. Peter Hille, Petrus
--- er schrieb Rodins. Wie viel deutlicher gemalt ist das tiefsinnigste
-Bildnis, als die ausgeschriebene Handschrift (rein künstlerisch
-verstanden). Aber auch die kann dilettantisch sein, wenn sie ohne Tiefe
-und Geist und nur aus Ausübung entstanden ist. Manche sogenannte schöne
-Schrift allzu deutlich, Ölbilder nach Sichel. Lieber ist mir schon die
-Pfote von Aujuste. Ihr Brief und die Antwort vom Schatz geben sich einen
-Schmatz. Derbe Genrebilder. Vielerlei gibt's davon. Ähnlich wie die
-Köchin schreibt das Dienstmädchen, die Kellnerin, das kleine Mädchen,
-die kecke Hure. Aber loser geheftet, unordentlicher ihr Brief, ein
-leicht schaukelndes Gerippe. Weit eher ist die Demimonde eine Epigonin.
-Sie stiehlt lächelnd und liebkosend die Buchstaben der Originale oder
-versteht wie die Sprache auch die Schrift ihres in Fesseln gelegten
-Herrn zu kopieren und zu belecken. -- Habe ich schon gesagt, daß es auch
-Stilleben in der Handschrift gibt, zehn Seiten lange Briefe, die
-schlafen, aber deren Inhalt voll Leben sprudelt; Handschriftkünstler,
-die schulakademisch erzogen und erwogen sind. -- Manche Buchstaben
-gucken neugierig. Gewissenhafte Schriften: Wie die Buchstaben getrennt
-auseinanderstehen. Er war sehr niedergeschlagen, als er diesen Brief
-schrieb, seine Handschrift war dünn aufgelegt. Hochbeglückt, glänzen die
-Vokale -- glückliche Handschrift. Ich habe ein kleines Laboratorium von
-Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe zu schreiben. Sie können
-sich also schon auf meine Erfahrung verlassen, lieber Sturmleser; es tut
-mir unendlich leid, daß mein Manuskript dieses Aufsatzes nicht in Ihre
-Hände gelangt. Trotzdem es mit schwarzer Tinte geschrieben ist, wirkt es
-blau, tiefblau, liebesblau. Den wissenschaftlichen, langweiligen Inhalt
-müssen Sie schon in Kauf nehmen -- seine Handschrift ist ein
-Liebesbildnis. Ich dachte nämlich, indem ich über »Handschrift« schrieb,
-an drei schöne Königssöhne. In Wirklichkeit schrieb ich drei Briefe; den
-ersten an Zeuxis, den griechischen Maler, der nun in Berlin wohnt. Er
-sei mein Ideal, aber ich ginge nicht an ihm zugrunde. Ich schrieb dem
-süßen Prinzen von Afghanistan, daß er mein Typ sei und daß wir
-ineinander verwachsen wären. Ich schrieb Wilhelm von Kevlaar, daß er
-mein Symbol war, daß ich am Sterben läge, denn ich hätte an die große
-Treue geglaubt, an seine Treue zu mir, und er habe sie gebrochen.
-
-Das Manuskript liegt dem interessierten Leser zur Verfügung in der
-Direktion.
-
-
-
-
- Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup
-
-
- Zur Kindertragödie in Kopenhagen
-
-Ingeborg, seine kleine Königin ist tot -- Johann Hansen lebt noch; an
-seinem Bettchen sitzt eine barmherzige Schwester und betet, daß der
-arme, verirrte Knabe bald genesen möge. Der Stationsarzt hat ihm das Tor
-des Todes verriegelt, sein Herz, das Ingeborgs Namen trägt, kann nicht
-zu ihr ins Himmelreich. Nun wird das Kinderspiel erst eine
-Kindertragödie. Die beiden wollten ja nur zum Tod, weil der einen Himmel
-besitzt, in dem sie sich vor allen Engeln ohne Furcht vor Strafe herzen
-könnten. Nicht diese Heimlichkeiten der Freude, ihre Gesichter schienen
-durch die Spalte der Türen, durch das Eisen der Tore. Immer bauten sie
-auf ihren Händen gläserne Schlösser, darin sie sich tausendbunt
-spiegelten bis ans Ende der Welt, wo der Himmel anfängt. Dort wohnt der
-Tod. Johann Hansen hob Ingeborg mit seinen Knabenarmen die Treppe zum
-Einlaß des Todes empor. Der öffnete und ließ die kleine Königin ein,
-Johann stolperte rücklings ins Leben zurück. Diese beiden feinen Kinder
-ergreifen meine Seele. Das Leben ließ sie aus der Haft, der Tod
-schmückte ihnen rosig sein Tor. Ich möchte, der Engel aus Andersens
-Märchen käme und trüge den verwundeten Knaben zu Ingeborg ins
-Himmelreich. Wie bösmütig sind die Menschen, die immer helfen wollen,
-ins Leben zu befördern. Es ist Nacht, überall blüht ein Stern. An der
-Decke im Krankensaal stehen viele Sterne, rotgoldene, süßgelbe, wie
-Honig, und auch mattfunkelnde Immortellen. Alle pflückt der kleine,
-heldenmütige Bräutigam für seine Braut, wenn er im Himmel mit ihr
-Hochzeit feiert. Auf einmal schlägt er die Augen auf: »Ingeborg, ich
-halte mein Wort!« Hast du es gehört, großer Engel aus Andersens Märchen?
-Oder soll er aufwachen aus seinem Traum des Himmels -- und die Erde ist
-wieder da, das Himmelreich verschwunden wie fortgezaubert, und Ingeborg
-liegt im Grabe. Ein Keller wird dann die Welt sein, kahl, viel kahler
-wie seines Hauses Keller. Alt ist er, wenn er aufwacht, jung, wenn seine
-Augen sich schließen. Was bietet das Leben? Nicht das Kind braucht den
-Eltern dankbar sein; wie können die Eltern aber das Nichtgeborensein dem
-Kinde ersetzen!!? _Solch_ zwei Kindern vor allen Dingen, zwei Engel, die
-nicht auf die wankelmütige Erde gehören. Flügel wuchsen ihnen; die
-Pistole, die sich der Knabe vom Erlös seiner Geige kaufte, war
-Vortäuschung. Denn es geschah hier ein Todeswunder. Nicht mehr wäre ich
-überrascht gewesen, wenn dieselben Kinder anstatt für ewig zu
-schlummern, auferstanden wären aus einem Grabe. Wie will der Christus,
-der den Knaben auferweckt, ihm ein Himmelreich ersetzen? Es werden keine
-Landeserholungsheime die »festgestellte« Neurose (Edelneurose)
-fortkurieren. Aber ich denke an Selma Lagerlöf die herrliche Menschin,
-an Karin Michaelis das liebe große Kind, sie könnten dem Knaben den
-himmelblauen Verlust ersetzen. Sie tragen die Bilder des Himmels in
-ihren Dichterinnenherzen -- halten sie zwischen ihren Händen. Ich bin
-keineswegs sentimental, ich bin traurig. Man vergleiche nur nicht die
-unaufgeblühte Liebe dieser Engel mit den Tändeleien koketter
-Schulmädchen und greisenhafter Zwerge auf den Spazierwegen am
-Sonntagmittage. Diese beiden Kinder ergreifen meine Seele, ihre Lippen
-sind Himmelschlüsselchen.
-
-
-
-
- Künstler
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-Herr von Kuckuck sitzt immer auf dem Fenstersims und schnappt mit seinem
-zugespitzten Mund alle meine todtraurigen Worte auf, die sonst im Zimmer
-liegen blieben, und ich würde schließlich in der Überschwemmung von
-Todtrauer ertrinken. Auch sieht er so spaßig bei der Fütterung aus, ich
-muß manchmal hell auflachen. Mein Mann kann von Kuckuck nicht ausstehen.
-»Er ist eine Beleidigung neben dir.« Aber ich muß immer einen Hofnarr
-haben, das ist so ein uraltes, erbübertragenes Gelüste. Er folgt mir
-überall hin -- auf dem Salzfaß sitzt er in der Küche, wenn ich am Herd
-stehe und mit dem Quirl dem Feuer behilflich bin -- ich meine wegen des
-Weichwerdens der Erbsen -- -- ich trage goldene Pantoffel, aber in
-meinen seidenen Strümpfen sind schon Löcher. Herr von Kuckuck wird
-merkwürdig düster, immer wenn er auf dem Salzfaß sitzt und meinem Kochen
-zusieht. Er erzählt von Prinzessinnen, die in Goldpantoffeln und
-Seidenstrümpfen kochen und scheuern müssen und sich die Hände blutig
-reiben und aber der Himmel ihnen alle Sterne schulde. Ich glaube, ich
-bin im Anfang aus einem goldenen Stern, aus einem funkelnden
-Riesenpalast auf die schäbige Erde gefallen -- meine leuchtenden
-Blutstropfen können vor Durst nicht ausblühen, sie verkümmern immer vor
-dem Tage der Pracht, und mein Mann erzählte mir dasselbe, und darum
-haben wir uns geheiratet. »Wenn sich mein Budget besser gestaltet,« sagt
-Herr von Kuckuck, »so braucht Prinzessin keine Erbsen mehr zu kochen.«
-Er verspricht es feierlich, zwei große Tropfen fallen aus seinen Augen,
-die sind lila, und die Feierlichkeit kleidet ihn so: eine Burleske, die
-plötzlich auf geraden, rabenschwarzen Beinen steht. Ich rieche zu gern
-Ananas -- ich glaube, wenn ich mir täglich eine Ananas kaufen könnte,
-ich würde die hervorragendste Dichterin sein. Alles hängt von Kuckucks
-Budget ab. Mein Mann der wünscht sich gar nichts mehr, er denkt morgens
-schon heimlich an seine Zigarette, die er im Bett rauchen wird. Die
-Lampe zuckt, es ist alles so dünn im Zimmer. »Herein!« Eine Erbse klopft
-an meinen Magen. Kleine Beinchen bekommen die Erbsen und wackeln mit
-ihren dicken Wasserköpfen -- eine plumpst den Berg herunter. »Bist du
-aufgewacht?« Mein Mann fragt und hebt den Zigarrenbecher vom Boden auf
--- dann streichelt seine Ananashand mein Gesicht -- die Finger tragen
-alle Notenköpfe -- sie singen -- und immer, wenn das hohe C kommt, sägt
-mein Arm über seine Brust und seinen Leib -- ich nehme die Gedärme
-hervor -- eine Schlangenbändigerin bin ich -- dudelsack Ladudel ludelli
-liii!!!! Ich schiebe die Schlangen vorsichtig wieder in seinen Körper,
-die kleinste hat sich fest um meinen Finger gesogen, aber sie ist die
-hauptsächlichste Schlange, sonst kann er keine indischen Vogelnester
-mehr essen. Ich gleite die Kissen herab, mein Kopf liegt in einem weißen
-Bach, alle Fische tragen Ketten von Erbsen um den Hals und schwimmen
-hinter mir über die flaue Matratze. Mein Mann wartet schon im Sessel. Im
-Rahmen über dem Schrank hängt von Kuckuck und über ihm sein Onkel
-Pankratius, einer der gestrengen drei Herren, und zählt -- Budget lauter
-goldene Schnäbel. Es wird alles so grau -- ich habe solche Angst, ich
-verkrieche mich in die Achselhöhle meines Mannes. Auf dem Sofa sitzt ein
-Jüngling, er hat große, braune, spöttische Augen, die lächeln
-schüchtern. »Wer bist du!« ruft mein Mann. »Ich bin der Schatten Ihrer
-Frau und habe Theologie studiert.«
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- In der Morgenfrühe
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- Meinem Freund, dem Bildhauer _Georg
- Koch_
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-Ich gehe an Mandelbäumen vorbei, aber die blühen in den Gärten fremder
-Häuser, und die Fenster sind noch geschlossen hinter Spitzengeweben. Ich
-bin unendlich müde, gewohnheitsmäßig bewegen sich meine Füße vorwärts,
-Maschinen sind es, und sie müßten eigentlich unverhüllt in blauen
-Sandalen gehen, denn sie sind von goldzagem Wandel, wie die Sonne, die
-aufstieg. Ich kenne die Menschen nicht, die mir begegnen, ich weiche
-ihrem Dünkel aus, und ich brauche nur meinen grauen Mantel abzulegen, um
-König zu sein. Ich bin unendlich müde, ich glaube, ich bin im tiefsten
-Leben erkrankt, aber die Vorübergehenden merken es nicht, sie heben auf,
-was lärmend auf den Straßen liegt, aber sie hören nicht das schmerzliche
-Murmeln, das tödliche Verrauschen einer Seele. Da liegt ein Nachtfalter
-vor mir -- er stirbt -- wie dürftig seine Flügel sind, ein Lumpenhändler
-war es, ein Vagabund, der sich nachts auf den Straßen herumtrieb und am
-Feuerrausch der Lampen endete. Er stirbt -- ich trete ihn tot. Ich denke
-an ihn -- wenn es für ihn doch einen Himmel, einen blauen Strand gäbe --
-er würde dort ein schöner Schmetterling sein. Ich bin unendlich müde --
-wenn ich nun auch eines Morgens so daliege, wie der graubraune Strolch
--- welcher Fuß würde mich zertreten. Es kommen Männer an mir vorbei in
-weißen Sportschuhen und Frauen schreiten hastig über den Damm. Ich mag
-diese Frauen nicht im Ornat, derbgewordene Philisterinnen sind sie --
-was wissen sie von der Knabenzeit. Aber das kleine Mädchen mit der
-Bubenbluse, es wird mich übermütig zertreten im Scherzwort, im
-Frühlingslachen. Ich bin unendlich müde und es beginnt der
-rücksichtslose Tag. Der Mann aus Glas mit der Vollstreckungsmappe unterm
-Arm wartet vor der Haustür auf mich, heute klebt er die Siegel. Ich muß
-ihn zart am Henkel fassen -- so ganz vorsichtig, liebevoll, daß er nur
-keinen Sprung bekommt. Draußen an dem fremden Hause blühen die
-Mandelbäume: der Falter ist tot, ich vergaß, ihn vom Weg in einen der
-Gärten zu werfen.
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- Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck
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- _Paul Zech_, meinem Wupperfreund
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-»Lott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat es god, dat
-es god, gäwt et wat tu erwen!« Ich bin verliebt in meine buntgeschmückte
-Jubiläumsstadt; das rosenblühende Willkomm gilt mir, denn ich bin ihr
-Kind, die flatternden Fahnen auf den Dächern, aus den Fenstern winken
-mir zu, lange Rotschwarzweiß-Arme, die mich umfangen wollen. Ich soll
-überall hereinkommen. Ich bin in Elberfeld an der Wupper in der Stadt
-der Schieferdächer. Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen
-herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem mußten wir
-einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe
-Arzeneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel.
-Aber nach Newiges zu, wo die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbäche
-fließt die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber ich bin verliebt
-in meine zahnbröckelnde Stadt, wo brüchige Treppen so hoch aufsteigen,
-unvermutet in einen süßen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres
-Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten nicht -- wer aber war die
-Urpatrizierin des Rokokohauses aus der friderizianischen Zeit? Es lebt
-noch einbalsamiert zwischen jüngst zur Welt gekommenen Fabrikanten- und
-Doktorhäusern. Denn jeder etwas wohlhabende Bürger der Stadt besitzt ein
-Wohnhaus, worüber er Herr ist. Portiersleute gibt es in Elberfeld nicht,
-frech gewordene Sklaven, die nach Belieben ein- und herauslassen. Selbst
-viele Arbeiter leben im Eigentum ihrer Mütter. Gequacksalbert hat die
-Alte an der grünen Pumpe, noch heute heilt sie Krampfadern und
-Beingeschwüre. Und das berühmte Geheimmittel gegen die Cholera hat der
-sterbende Großvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt, und der hat es
-wieder dem Sohn anvertraut, und nun weiß es der Enkel, der
-wahrscheinlich seiner gesprächigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam.
-Und überhaupt so seltsame Dinge gingen in der Stadt vor; -- immer
-träumte ich davon auf dem Schulweg über die Au. Manchmal lief ich durch
-graue, lose Schleier, Nebel war überall; hinter mir kamen schauerliche
-Männer mit einem Auge oder loser Nacktheit; auch an Ziethens Häuschen
-mußte ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, »ewwer en
-doller Gesell wors gewäsen.« Oft ließ ich vor Angst die Bücher fallen
-oder der Ranzen hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grünt nicht
-mehr die von Zäunen umgrenzte Au; Tore verschließen Häuser; kein
-Schulkind kann mehr auf dem Wege zur Schule träumen, jedes Fenster zur
-Rechten und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor
-Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine rauchte, aber vor
-Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt in meine Stadt und bin stolz auf
-seine Schwebebahn, ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet und
-legt er sich mit vielen Bahnhofköpfen und sprühenden Augen über den
-schwarzgefärbten Fluß. Immer fliegt mit Tausendgetöse das Bahnschiff
-durch die Lüfte über das Wasser auf schweren Ringfüßen durch Elberfeld,
-weiter über Barmen zurück nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen
-Garten vorbei. Mein Vater mußte an den Sonntagen mit mir dorthin gehen,
-der bemerkte nicht den Sekundaner mit der bunten Mütze. Auf dem Hügel im
-Tannenwäldchen am Bärenkäfig versprachen wir uns zu heiraten. -- Ich muß
-an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus;
-unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall' ihm
-um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich
-weine -- sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig
-erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja
-das kleine Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich
-in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die
-Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der
-vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines
-Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. »Wat wollt
-öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.« Das rettet mich vor der schon
-erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte
-Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von
-neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das
-Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und
-Kreischen frivoler Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin
-verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht
-mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber
-ich muß noch einige Male Karussell fahren. »Lott es doot, Lott es doot«,
-ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am
-fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen
-Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline, Alma,
-Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich -- sie beginnen mich zu
-lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei' ich ganz laut
-auf, das überzeugt das rohe, arme Gesindel. Den Härrn Schüler haben
-viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern. --
-Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor »dreihundert« Jahren. Mina
-singt gerade im Tingeltangel ihre Liebeslieder. In rosanen
-Atlaspantoffeln stecken ihre Klumpfüße, ein knappes Röckchen bedeckt
-ihren Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das Chantant einer
-ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem Spotte nicht, aber ich weiß ihr Achtung
-einzuflößen. Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zu guter Letzt
-erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau solche Pantoffeln
-bekommt in der Stadt, wie die ihren sind. »Die sinn ut Engeland bei
-Paris.« -- Nun hinein ins Kölner Hännesken! Gewaltsam zerre ich den
-Dichter zwischen die Clowns ins Innere des Brettertheaters. »Sie werden
-noch gestochen werden, wie Ihr Vater einmal.« Durch seine Uhr ging die
-Spitze des Metzgermessers. Am anderen Morgen führten die jammernden
-Eltern den heulenden Sohn vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er
-wußte, daß sie kommen würden, und drei Gläser und eine Flasche Rotwein
-standen zum Empfang auf dem Nachttisch. Aber er ächzte vor Schmerz,
-namentlich, als die fette Metzgersmutter begann, dat et där wackere Här
-Schüler verzeehen mödd ... Ich bin verliebt in meine Stadt, aber schon
-muß ich Abschied nehmen wie von einem alten, düsteren Bilderbuch mit
-lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch in Weidenhof der Wirt
-nicht, der immer einen ganz kleinen Kellner für mich herbeischaffen
-mußte am Festtag, wenn wir dort Forellen aßen. Und die Einkehr in meine
-Heimat habe ich einem Dichter in Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin
-lange nach mir. Paul Zechs feine künstlerische Gedichte duften morsch
-und grün nach der Seele des Wuppertals.
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- Arme Kinder reicher Leute
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- Der kleinen _Hedwig Grieger_
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-Und wo die ganze Erde im grünen Lachen steht und ein großer Spielplatz
-ist, fallen mir die vielen lieblichen Kindergesichtchen um so
-schmerzlicher auf, die da weinen im Sonnenschein. Ihre Löckchen flattern
-zwar lustig aus den feinen Spitzenhäubchen hervor, und viele von den
-Kleinen stecken in seidenen Tanzkleidchen. Aber sie dürfen sich an der
-Hand ihrer Begleiterinnen nicht recht freuen, und ihre runden Herzchen
-möchten hüpfen. Baby hat ein Knöpfchen von seinem Schuh abgerissen, es
-hat sich so gelangweilt -- aber Detta muß ihn am Abend wieder annähen,
-dafür gibt's eine Saftige. Auf dieselbe Bank setzt sich ein sogenanntes
-Fräulein, allerdings, sie trägt einen Federhut und hat die Allüren ihrer
-Dame abgesehen ... Sie rückt, den Abstand zwischen ihrer Person und
-ihren dienenden Kolleginnen zu wahren, vorsichtig an das äußerste Ende
-der Bank. Wie schon angedeutet, ist sie nicht aus der Gattung der
-gemeinen Kuhblume (s. Caltha), sie straft gebildeter. Mit einem Roman
-von Emile Zola schlägt sie ihre kleine Schutzbefohlene auf den Mund, auf
-die weißen Zuckerzähnchen. Und nur selten rügen Vorübergehende die
-brutale Eigenmächtigkeit dieser Donnas.
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-Lottchen wird über die Straße geschleift, es ist so heiß, seine
-zweijährigen Beinchen können nicht mehr ausschreiten. »Ick soll dir woll
-tragen, olle Pute.« Keine der Mütter erbarmt sich seiner, und nur einige
-Mädchen mit der Schulmappe am Arm oder dem Ranzen auf dem Rücken bleiben
-entrüstet stehen und versuchen, die Kleine von der Hand ihrer Peinigerin
-zu befreien, die aber schlägt kreischend um sich -- ein Volksauflauf
-entsteht und nimmt sich der armen dienenden Person an -- ich und meine
-kleinen Verbündeten sind das Gespötte der Straße.
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-Am Nachmittag begegnen mir die tapferen Schulmädchen wieder, sie führen
-ihre kleinsten Geschwister spazieren und tummeln sich mit ihnen über die
-Wiesen; wie zärtlich sie mit den langen Zöpfen ihrem Brüderchen die
-Patschklatschhändchen und das bestaubte Gesichtchen säubert! Und welche
-Wonne, durch den kühlen Wiesenbach zu waten! Viele von ihnen brauchen
-nicht erst ihre Füße entblößen -- heirassassa wie das Wasser aufspritzt.
-»Daß nur nicht die neuen Kleider naß werden!« erinnert die Älteste mit
-den langen Zöpfen. Sie steht noch im Pflichtgefühl zur Puppe. Vierzehn
-Jahre wird sie nächsten Monat; »ich komme«, erzählt sie mir, »in den
-Dienst nach der Einsegnung.« Sie hat keine Erfahrungen gemacht, und was
-sie von Hörensagen getrübt weiß, ist noch zu verwischen. Ich habe immer
-solch eine Puppenmutter bei meinem Bengel, für seine sechs Jahre weiß er
-genug Streiche, ich lache ob seiner Ausgelassenheit, die auch von seiner
-Kameradin ungezüchtigt bleibt. Sie balgen sich und springen miteinander
-über die Wege, mutwillige Ziegenböcke. Aber auch besonnen kann seine
-junge Begleiterin sein. Auf jeden Fall befolgt sie noch schulgewohnt
-meine Worte und streikt nicht heimlich wie manche ausgewachsene
-Personen, die schon aus Oppositionslust das Gegenteil ausführen.
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-Ja, diese Allzufreien. Arm machen sie manchmal die Kinder der reichen
-Leute mit ihren gehässigen Launen und niederen Liebeleien. Allerdings
-gibt es auch noch musterhafte Pädagoginnen unter den Kindermädchen oder
-»Fräuleins« -- ich meine nicht solche, die unter jeden Schritt des
-Kindes ein Rechenexempel oder ein Abc legen, nein, ich meine jene, die
-zu spielen verstehen, und die müßten doppelt besoldet werden -- welche
-ungeheuren Summen werden für den Magen ausgegeben, warum nicht für die
-Seele seines Kindes? Nichts fordert Technik in solch feinem Maße wie die
-Kunst des Kindes, »das Spiel« -- die bunten Gedanken zu drehen im
-Krausköpfchen, wie in einem Kaleidoskop. Ja, es gibt vortreffliche
-»Bonnen«, besorgte und doch heitere Freundinnen der Kinder. Aber wäre es
-nicht ratsam, weibliche Detektivs anzustellen, verheiratete Frauen, die
-die Überschreitungen der -- minder Trefflichen draußen auf den Wegen
-beurteilen könnten? Mütter und Väter, sucht einmal euer Kind draußen in
-der sorglosen Natur statt nur im Spielzimmer auf, dort werdet ihr die
-Hüterinnen eurer Kleinen ungeschminkt kennen lernen.
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- Am Kurfürstendamm
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- Was mich im vorigen Winter traurig machte
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- _Georg Fuchs_ in Freundschaft
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-Blumen werden bald blühen an beiden Seiten des Reitwegs am
-Kurfürstendamm. Wenn die lieblichen Reiterinnen an all dem Duft
-vorbeigaloppieren werden, dann ist es zu spät, ihnen zu sagen, daß die
-buntlachende Allee gesprengt wurde mit Schweiß und Blut Peitschender und
-Gepeitschter. Die Pferde vornehmer Landauer tanzen, ihre schwarzen Augen
-zünden vor Leuchten. Ich beginne sie mit ihren geplagten, wiehernden
-Brüdern zu beneiden. Die können nicht weiter durch den Hügel an Hügel
-aufgeworfenen Erdboden; ihre Hufe mußten sich selbst den Schmerzensweg
-bereiten. Da gibt es kein Pardon! Auch kein Mitleid der Spaziergänger,
-niemand will was mit den Fuhrleuten zu schaffen haben; in den
-neumodischen, wogenden Busen der Damen pocht kein Herz. Sie verhindern
-sogar ihre Männer, sich in Straßenangelegenheiten zu mischen. Manchmal
-stellen sich Kinder auf zur rechten und linken Seite des Dammes. Für sie
-ist es eine Unterhaltung, ein wirklicher Kientopp. Heute besah sich ein
-Schutzmann den unerhörten Vorgang. Aus einem Bäckerladen schickte eine
-Käuferin für die Pferde alte Semmeln. Ich sah über dem Gesicht des
-uniformierten Mannes eine kräftige Freude marschieren. Und ich bat ihn,
-ob er nicht eingreifen wollte. Er erklärte mir, die Fuhrleute sind nicht
-so schlimm wie ihre Brotgeber. Weigert sich einer der Angestellten,
-wegen der nicht genügenden Anzahl Pferde an seinem Karren loszufahren,
-verliert er seine zwanzig Mark per Woche. »Da lauern schon immer genug
-Brotlose vor der Türe.« Für die zwanzig Mark. -- Sie leben, sie
-peitschen, sie fluchen dafür. Ihre Roheit besteht das Examen. »Dämlich
-Vieh, windelweich hau ick dir, faulet Luder!« Die Wut rinnt den
-Unmenschen über die Backen, den entblößten Hals hinab. Die Rücken der
-Tiere bluten vor Hieben. Wie sollen sie es anders machen? Verteidigt sie
-der Schutzmann. Denn es dauern ihn die Treiber ebenso wie die Pferde.
-Die Treiber, die nur zwanzig Mark verdienen pro Woche und sich so plagen
-müssen mit dem Vieh. »Es ist doch mal Vieh, es ist doch zum Ziehen da!«
-Ein paar Bürger stimmen ein in den bequemen Sang. Röhren sollen gelegt
-werden zum Ablauf des Wassers. Die Blumen, die bald auf beiden Seiten
-der Allee wachsen, müssen bewässert werden. Gibt es denn keine
-Maschinen, die die Erde schließlich aufwälzen können? meint ein
-sechsjähriger kleiner altkluger Ingenieur. Er hält auch eine Maschine im
-kleinen aus einem Spielwarengeschäft in der Hand. Die Männer toben.
-Wilde Australneger sind Engel dagegen mit ihrem Schlachtgeschrei. Ich
-aber fühle ebenfalls die schwere Schuld, die die Besitzer dieser
-Fuhrunternehmen trifft. Vorwurfsvoll schielen seine Knechte über die
-gefräßigen Pferde auf uns: Sie hätten selbst Hunger. Endlich aber
-entschließen sie sich, nach all den vergeblichen Peitschenhieben, die
-Pferde umzuspannen. Zu sechsen geht es doch besser über die holprige
-Strecke. »Ich hab das gleich gedacht,« gesteht der Schutzmann. »Aber
-sagen Sie mal was zu den Leuten!« Wenn die lieblichen Reiterinnen im
-Sommer auf ihren verwöhnten Schimmeln durch die Allee des
-Kurfürstendamms reiten, wird der Geranium zu ihren Seiten rot wie die
-vergossenen Blutstropfen der armen Pferde blühen. Sie hatten alle
-traurige Augen und ließen die Köpfe hängen.
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- Die beiden weißen Bänke vom Kurfürstendamm
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- Meinem lieben Freunde _Andreas Meyer_
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-Morgens standen sie plötzlich auf dem Kurfürstendamm wie vom Himmel
-gefallen in Mondsichelfasson. Die eine weiße Bank winkte den Leuten, die
-aus der Friedrich-Wilhelm-Gedächtniskirche kamen, freundlich zu, die
-andere weiße Bank lud eine blonde Schöne ein in aschgrünem Samt. Ich bin
-seitdem öfters an den weißen Bänken vorbeigegangen; gestern setzte ich
-mich zum erstenmal auf die eine, den Damm weiter, auf die andere. Guckte
-ich geradeaus, bot sich mir ein Kreuz- und Querbild. Man sieht es vielen
-Vorbeieilenden an am Operngucker in ihrer Hand, wohin sie wollen -- zur
-Hochbahn --, in einer halben Stunde fangen die Theater an. Andere kommen
-aus der Stadt, biegen um die Joachimsthaler Straße und kehren ein in das
-heimatliche Café des Westens. Kommen da zwei kleine, arme Mädchen; in
-ihrer Mitte ihren lebendigen, rotbäckigen Hampelmann, der sprechen kann.
-»Zwei Jahre ist er,« erzählen sie mir und streiten sich, wer ihn
-aufwarten, das heißt, wer mir von ihnen seine Kunststücke zeigen wird.
-»Wir sind keine Schwestern,« antworten die beiden gernegroßen Mütter,
-sie lassen schon behäbig das Kinn hängen, fürsorglich sind sie um ihren
-kleinen Kasperle. »Wir sind jede für uns allein.« Sie meinten damit, sie
-sind nicht einmal verwandt. Lieschen ist in Pflege, ihr Pflegevater ist
-Nachtwächter -- manchmal legt er sich vor Müdigkeit, wenn er morgens
-nach Haus kommt, mit dem Bund Schlüsseln und der Laterne ins Bette. Das
-andere Lieschen, sie heißen beide ganz gleich, erzählt: Sein Vater helfe
-einem Zauberer. »Ein schwarzer Neger ist sein Papa!« Es ruft mich jemand
-von der Haltestelle der Elektrischen, ein Dichter im Florentiner, er
-will in die Kolonie fahren. »Reisen Sie alleine, Torquato Tasso, ich
-will mich noch auf die weiße Schwesternbank setzen.« Ich sehe mich nach
-ihr um, sie glänzt viel bräutlicher wie diese, von der ich mich erhebe;
-und ich zögere, mich auf die myrtenweiße niederzusetzen. Aber die beiden
-Verliebten da bemerken es nicht. Aus der Kirche treten schon die ersten
-Sonntaglinge, die Sonne spielt Orgel um das Haus mit ihren schlanken
-Strahlen. Ich verstecke mein Gesicht in dem großen Glockenturm -- sehe,
-höre und denke nichts, und doch findet man sich auf den weißen Bänken
-wieder, wenn man sich verloren hat.
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- Die Odenwaldschule
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- _Edith Geheeb-Cassirer_
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-In den Bergen zwischen Laub und Wiesen stehen fünf bemalte
-Waldschlößchen: jedes ist einem Dichter gewidmet, und drinnen lachen
-Knaben und Mädchen mit ihren Lehrern und Lehrerinnen. Und unter ihnen
-lebt der Rübezahl mit seinen gütigen nußbraunen Augen und dem langen
-Weihnachtsbart. Paul Geheeb, der Schöpfer der Odenwaldschule, ist ein
-Rübezahl, er zaubert Freude durch die Hallen und Säle seiner
-Gnomenhäuser, und überall ist es hell, wohin seine sonnigen Augen
-scheinen. Immer steigt sein Fuß, ob er auf die Gipfel will oder über die
-Ebene schreitet. Von Rübezahl sprechen die Bauern im Tal, wenn sie den
-Direktor oben meinen, den die Kinder alle so lieb haben. Jedem Mädchen
-schenkt er ein tröstendes Wort, und den verirrten Wanderer beherbergt er
-und seine Gnomen für die Nacht: die sitzen in bunten Spielreihen beim
-Vesper und trinken Milch aus großen Kannen.
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-Heute macht die blonde Adi den Vorschlag, alle Jungen müssen einen
-Stoffaffen und alle Mädchen einen Stoffbären mit zum Sonntagsmahl
-bringen: die zwei vorhandenen hat die Schelmin dem lieben Rübezahl in
-die Brusttaschen seines Rockes gesteckt, daß die beiden wulstigen
-Tierköpfe zur Belustigung aller Kinder hervorgucken zur Rechten und zur
-Linken.
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-Paul Geheeb versteht das junge Herz des Kindes wie einen Kaleidoskop zu
-drehen, er weiß die bunten Bilder zu würdigen. Aber auch seine Lehrer
-sind Künstler: sie haben alle noch Knabenherzen wie ihre Zöglinge und
-führen mit ihnen manchen Indianerstreich aus. Die Knaben tragen alle
-Sweater, und die Kleider der Mädchen sind durch Bänder über der Achsel
-gehalten, echte Kindertracht: sie paßt zu roten Backen und leuchtenden
-Augen. Und alle haben gesunde Lungen, die atmen wie die starken Bäume
-das Leben ein und aus. In der Frühe müssen die Odenwaldkinder ins
-Luftbad, sich viel, viel Luft holen, und es gibt keinen Südwind und
-keinen Nordsturm, dem die Rübezahlbande nicht gewachsen wäre. Die
-verzärteltsten Kleinen trotzen dort der Welt mit den allerhand
-Erkältungen. Aber Vernunft liegt in jeder Anordnung Paul Geheebs: seine
-ihm anvertrauten Lieblinge bewegen sich in wohlgewärmten Räumen in der
-Winterzeit. Die Korridore, die Lesehallen, die Schlafgemächer sind
-mollig temperiert.
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-Jedes Kind besitzt sein Heim, oder es müßte dicke Freundschaft
-geschlossen haben und den Wunsch aussprechen, sein Eigentum mit
-irgendeinem Spielgefährten zu teilen. Mein Paul und der Bruno Tillehsen;
-was der Torquato Tasso dichtet, illustriert mein Junge. Auch das
-Burgfräulein Irmgard und der kleine Landwirt Bubi, die Kinder von
-Wilhelm von Scholz, sind Zöglinge der Odenwaldschule. Auch der Peter ist
-oben beim Rübezahl, vom Bildhauer Gaul der kleine Sohn: der ißt so gern
-Nüsse: überall kracht es nur so zwischen den Zähnen. --
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-Nachmittags ist immer frei: die saftigen Äpfel werden von den Ästen
-geschüttelt, oder die kleinen Gnomen helfen den Bauern in den Scheunen,
-in der Zeit, da die emsigen Gnominnen Blumen pflücken oder Himbeeren und
-Brombeeren sammeln für den Tisch ihrer großen Freundinnen. Liebe,
-erwachsene Schulmädchen sind die Lehrerinnen: in den Frühstunden
-lauschen die Kinder mit offenem Munde ihren Lehrwundern. Jede Lehrerin
-und jeder Lehrer verstehen es, auf spannende Art die jungen Zuhörer zu
-fesseln. Die freuen sich auf jeden Morgen wie auf den Geburtstagstisch,
-immer bietet der Unterricht neue, überraschende Gaben.
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-Plätschernde Bäche, goldene Gärten begleiten den Ankömmling die
-Bergstraße hinauf von Heppenheim bis oben ins Gnomenstädtchen; holde
-Landschaft, befreite Erde -- kommt man aus der Großstadt dorthin, wo
-Rübezahl seine Odenwaldschule erbaut hat!
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- Lasker-Schüler contra B. und Genossen
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- Dem lieben Rechtsanwalt _Hugo Caro_
- in Verehrung
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-Seitdem einige Tageszeitungen um mein lyrisches Gedicht: »Leise sagen«,
-soviel Lärm geschlagen und mich für geisteskrank erklärt haben, hat sich
-eine Partei um mich erhoben, die es sich zum Lebenszweck angedeihen
-läßt, diese gefährliche Behauptung mit allen gerichtlichen Gegenbeweisen
-aus der Welt zu schaffen. Das Resultat ist: Ich werde beobachtet, nicht
-allein von einem Psychiater, auch von mir selbst -- (ich wollte, ich
-könnte mir was dafür anrechnen --). Ich kann den ganzen Tag nicht auf
-einen Namen kommen, auf den Namen meines Urgroßvaters, der Scheik in
-Bagdad war. Dieser Zustand ist unsäglich unerträglich, als ob man gähnen
-muß und kann nicht, als ob man in eine Posaune blasen muß und findet die
-Öffnung nicht. Ich war heute schon überall, wo irgend etwas von Asien zu
-spüren ist. Auch im orientalischen Seminar war ich beim Rektor, der
-dachte freundlich über den Namen meines ehrwürdigen Urherrn nach, und
-alle seine Schüler taten das, und Schülerschüler, Muselmänner, Chinesen,
-Japaner, Studenten aus Vampur, Koreaner, Sudanesen; es dachten Siamesen,
-Indier, Serben, Türken, Montenegriner, Talmudisten, Zionisten, auch die
-beiden Söhne einer Kaffernfamilie dachten, und denken wahrscheinlich
-jetzt noch nach. Ich habe kein Gedächtnis mehr, seitdem bei mir
-Gehirnerweichung in Frage genommen ist. Rechts vom Gehirn steht mein
-Heer -- links der Feind. Ich fühle seitdem auch nicht mehr richtig, ich
-taste; die Sternwarte meines Herzens ist getrübt -- und mein Horizont
-liegt hinter dem Rubikon -- und der Sturm -- verweht meinen Geist. Wie
-soll ich mich beschäftigen? Ist mein Psychiater nicht bei mir, fahr' ich
-zu ihm heraus und bringe ihm einen Kloß meines Gehirns. Ich muß immer
-meckern, wenn ich bei ihm bin; er hat einen roten Ziegenbart. Ich konnte
-mich schon als Kind nicht beschäftigen, meist habe ich mit Knöpfen
-gespielt, aber ich habe alle verloren oder wo angenäht, und wenn der
-Psychiater nicht eindringlicher mich beobachtet, werde ich es den
-Redaktionen der Zeitungen mitteilen, die mich bei der Gehirnerweichung
-ertappten; sie haben ihn doch für mich engagiert, und er muß seine
-Pflicht tun.
-
-Ich laufe jetzt so gern über Wiesen; Knaben gewähre ich mit Vorliebe
-mein Gehirn, solange es noch einigermaßen hartköpfig ist, zur
-Zielscheibe ihrer Gewehre. Das Sprechen wird mir schwer; wenn ich singen
-könnte! Dann könnte ich viel besser alles sagen. Aber ich habe zu jung
-gesungen, die frühe Blüte meines Kehlkopfs war noch nicht befestigt.
-Sprechen lernte ich schon beim Milchtrinken, aber das Singen hätte ich
-unterdrücken müssen, Talente sollte man mindestens fünfzehn Jahre im
-Steckkissen herumtragen. Dabei wird man immer kleiner und schläfriger.
-Ich bat heute den Psychiater, er solle mich ein bißchen in seinem
-Kinderwagen herumfahren. Er hat nämlich einen im Nebenzimmer stehen,
-darin seine Frau ihre Hoffnungen spazierenfährt, schon zwei Jahre, damit
-er sie nicht verstößt. Von seinem zukünftigen Sohne lasse er sich die
-Fesseln der Ehe gefallen, aber nicht von seiner Frau, die geht immer in
-blau, weil sie den Himmel auf Erden vermißt. Er aber hat mir ein
-Rasselchen geschenkt, ich hätte viel lieber die Gummipuppe gehabt, für
-in den Mund zu nehmen. Ich habe einen Brief von mir selbst von früher
-gefunden, an meine britische Busenfreundin, den lese ich dem Psychiater
-vor. Seitdem ich diesen Brief geschrieben habe, ist mein Herz
-graumeliert, und Dr. Ziegenbart sagt: »Lesen Sie!« Dear Mabel! Manchmal
-hab ich so Sehnsucht, ich säß wieder nachmittags an einem großen, runden
-Tisch neben meiner Mama und so zwischen meinen Schwestern und Brüdern,
-und oben sitzt mein Papa, und wir trinken zusammen um vier Uhr Kaffee
-aus der silbernen Kaffeemaschine durch Filtrierpapier -- und so ganz
-zusammengerückt sitzen wir, wie eine Insel, aus einem Stück. Nichts
-Fremdes mehr, aber wir fließen ineinander, trotzdem wir Geschwister alle
-anders waren, und fürchten uns nicht vor dem Tode, weil einer den andern
-ersetzt. Das ist lange her, ich weiß auch nicht, warum ich daran so oft
-denke, zumal ich doch Robinson wurde, durchbrannte in die Welt, weil ich
-dem Robinson auf dem Deckel seiner Geschichte so ähnlich sah. Und ich
-liebte das Abenteuer, das hat nichts mit der Stube zu tun, und wenn es
-auch eine herrliche ist. Aber dreimal im Leben hatte ich eine große
-Sehnsucht, wieder in einer Stube neben Mama und Papa und Geschwistern zu
-sitzen. Als ich mich zum ersten Male vermählte. Aber ich fiel ins Haus
-und verletzte mir die Knie, die bluten seitdem. Und das zweitemal, das
-war noch trauriger; da folgte ich meinem Verlobten in seine Heimatstube.
-Ich saß neben seiner Schwester; mein Verlobter saß neben seiner Mama,
-und oben am Tischanfang trank sein Papa den Nachmittagskaffee, und auf
-einmal sah ich, daß die fremde Mama meinem Verlobten ein großes Stück
-Kuchen auf den Teller legte, ein Stück Torte mit einer Frucht darauf;
-und ich bekam ein schmales Stück Torte ohne eine rote Kirsche; da war
-ich plötzlich ganz klein wie zu Haus und weinte. Und zum dritten Male
-überkam mich die Sehnsucht, mit meinen Verehrern in ihr Haus zu gehen.
-Das erinnerte mich am wirklichsten an zu Haus. So viel Geschwister, die
-sprachen wie meine Schwestern und Brüder und waren schön, aber dann kam
-ein großer Hund und schnüffelte um den Tisch herum, bis er mich fand;
-denn einem von den drei Brüdern hatte ich das Herz gefressen. Ich sehne
-mich nun nicht mehr nach einer Stube, wo eine Mama und ein Papa und
-Geschwister um den Tisch sitzen und eine Insel sind. Mein Angebeteter
-verspottet mich und meint, ich ziere mich wie ein Backfisch. Ich habe
-kein Verlangen mehr nach der heiligen Nachmittagsstube, und ich bin
-wirklich der Robinson auf dem Deckel seiner Abenteuer. Aber ich möchte
-noch die ganze Nacht so traurig erzählen. Many greetings, dein Robinson.
--- Wer mich alles in die drei ersten Stuben geführt habe, meint der
-Psychiater, sei für ihn nicht schwer zu enträtseln, aber den Angebeteten
-möchte er kennen lernen, der eine Ausnahme bilde, da ich seiner Eltern
-Stube nicht heimsuchte. Ich verstehe; des Doktors ironische Weise ist
-mir sympathisch. Der Psychiater nickt mit dem Kopf; er ist
-Schriftsteller nebenbei, und hat Momente der Psyche aufzuweisen, die bei
-Doktoren ohne Drum und Dran nicht vorhanden sind. Sein Ton ist
-mitleidig, wäre er eine Frau, spräche er wehleidig. Ich habe das Glück,
-daß er keine Frau ist. Zwischen ihm und seiner Frau fällt ein schwarzer
-Vorhang, aber über seinem Schreibtisch hängt unverschleiert, aber zahm
-verblümt, ein deutscher Gelehrter mit einem Bart aus Eichenlaub; sein
-früherer Universitätsprofessor; den muß er zum Aufreizen seiner Nerven
-haben. Auch steht in seinem Sprechzimmer eine Lampe, deren Birne
-streikt, weil sie kein Apfel ist. Der Waschtisch seiner medizinischen
-Hände läuft nicht, er steht auf Plattfüßen. Mein Zimmer funktioniert
-viel besser, es liegt am See, an der Waschschüssel. Und dabei spreche
-ich immer vom Tigris, nicht wahr? Verhöhnt mich nur, liebwerte,
-wahrhafte Leser; oh, diese Welt mit ihren Flüssen, Nebenflüssen und
-Überflüssen! Es hat jemand dem Psychiater gesagt, ich sei abnorm
-eifersüchtig. Das könnte allenfalls ein Symptom von Gehirnerweichung
-sein. Aber was soll ich mit meinem Mann sprechen, wenn er in der Nacht
-nach Haus kommt, als Eifersucht. Der Leser soll mir die Frage ganz
-aufrichtig beantworten, bitte. Ich lehne an seinem Rücken wie vor einem
-blinden Fenster. Übrigens ist meine Eifersucht nicht subjektiv, sie ist
-eine Landeigenschaft, ein Kostüm, eine Nationaltracht der Seele. Meinem
-Psychiater leuchtet die landläufige Logik wirklich ein; ich bin ein für
-allemal von ihm als gesund entlassen, und brauche mich nicht mehr seinen
-Beobachtungen zu unterziehen. Der Feind ist verurteilt vom hohen
-Gerichtshof zu zehn Mark Schadenersatz; hätte er nicht schon Berufung
-eingelegt, so hätte ich es ihm geraten, denn er soll in schlechten
-Verhältnissen sein -- ich bin zu weich ...! Was soll ich nun tun, als
-über den Namen meines Urgroßvaters nachdenken? Im Augenblick, wo ich
-glaube, ich habe ihn, kugelt er noch schwerer als Blei in meinen Rachen
-zurück. Wie ein einbalsamierter Leib. Dabei höre ich den Namen meines
-Urgroßvaters auf meiner Zunge, eine Melodie, einen Psalm. Ich muß mich
-zerstreuen, ich werde die Redaktionen, die so lange nun mit mir in
-Konnex standen, um Verzeihung bitten; ich kann doch nicht dafür, daß ich
-keine Gehirnerweichung habe! Der Psychiater glaubt doch nicht daran! Das
-Leben ist was furchtbar Schmerzliches; alle meinen, daß es nur was
-Enttäuschendes ist. Ich meine beides und gaukle mit Geschicken. Und wie
-das Leben vom Milieu abhängt, wenigstens meins. Läge zum Beispiel das
-Fenster meines Zimmers statt nach gegenüber, seitwärts mit dem Blick
-nach dem Westhimmel, wo abends der Mars aufmarschiert, hätte ich Freude
-am Leben gehabt und wüßte, warum ich lebe -- aber so! Ich kann mich
-nicht mehr sehen, ich ertrage in den Spiegeln mein Gemälde nicht mehr,
-wenn nun mein Angebeteter kommt und hat meine Augen? Und darum gerade,
-wegen seiner hellen Lichter liebe ich ihn, gelbe Rosen, und wenn sie
-traurig sind, fallen sie wie Goldregen. Er ist ein Sonntagskind, ich bin
-ein Feiertagskind, das nicht gehalten wird; er findet keine Ruhe in mir.
-Wir lieben uns, wie die verschiedenen Liebenden auf Erden und im Himmel.
-Wie selige Engel mit der Pose des Flügels, wie die ersten Menschen, die
-noch glühend waren, wie zwei große Blumen hinter der Hecke, die nichts
-wiedersagt, wie zwei Rubinen im Reichsring eines Kaisers und manchmal
-früh am Morgen wie zwei Schakale. Ich mache mir gar kein Gewissen
-daraus; alle Romane der Ehe sind Unwahrheiten! In Wirklichkeit gibt es
-kein Gewissen. Aber, daß ich den Namen meines Blutpächters, meines
-Urgroßvaters, vergessen habe, darüber mache ich mir heftige
-Gewissensbisse.
-
-
-
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- Coranna
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- Eine Indianergeschichte gestaltet von Slevogt
-
- Dem hochverehrten, feinen Professor
- _Walther Otto_
-
-Mein Junge trägt einen Indianerschmuck in den Haaren, grüne, gelbe,
-blaue, lila und rote Federn, und um seine Lenden einen Gurt aus
-Vogelbeeren und harten Muscheln. Aber er weiß nichts von den Menschen in
-Wild-West. Ich kaufe ihm aus Furcht, er könne eines Tages nach drüben
-durchbrennen, keine Indianergeschichten. Der kupferrote Gott ist der
-Fanatismus der Knaben. Seine Legenden sind gefährlich, sie kommen über
-einen, ihre Bilder machen Mut, stählern. Grüngelbblaulilarot! Meine
-Brüder machten sich in nächtlicher Frühe mit ihren Freunden auf und
-davon -- der Skalpgott rief sie aus dem Elternhaus. Sie hatten sich
-schon Wochen vorher für ihr Sonntagsgeld Pfeifchen, Tabak, Zigarren und
-dergleichen mehr für den Tausch am Lande besorgt. Manche von ihnen
-stahlen ihren Schwestern Ohrringe, Broschen, Ketten für die
-Häuptlingsfrauen und Indianermädchen. Aber die Reise ging nur bis
-Bremen, die strafenden Väter ließen die Durchbrenner grausam wieder in
-die Heimat transportieren. Mein Vater jedoch war im Grunde seines
-Herzens stolz darauf; er ließ meinen Brüdern im Garten ein Indianerzelt
-aufschlagen, kaufte Speere und andere Mordwaffen und Gürtel, deren
-Skalpflachshaare fast bis zur Erde reichten ... Es ist schon lange,
-lange her, ich habe seit Indianerjahren kein Indianerbuch mehr
-aufgeschlagen. Nun liegt ein großes in den Farben der Kupferhaut auf
-meinem Schoß. Slevogt hat gezaubert, als er die Gestalten des Werkes
-erschuf nächtlich auf weißer Prärie; seine schwarze Feder zeichnete
-kupferrotes Leben. Ich muß die wilden Wildwestmenschen festhalten, sie
-laufen, galoppieren meinen Blick entlang, über meine Hände hinweg in die
-Freiheit. Tänze, Kämpfe, Ritte führen sie auf, ich vernehme
-Pferdegetrampel, höre Kriegsrufe, werde eingehüllt vom aufwirbelnden
-Nebel flüchtender, feindlicher Stämme. Mich ergreift die Sehnsucht
-meiner Brüder.
-
-
-
-
- Die schwere Stunde
-
-
- Ich wollte ein Schmerzen rege sich
- Und stürze mich grausam nieder
- Und riß mich je an mich!
- Und es lege eine Schöpferlust
- Mich wieder in meine Heimat
- Unter der Mutterbrust.
-
-Ein sorglos abgetanes Urteil las ich dieser Tage über die ungeheure
-Schöpfung: Die schwere Stunde von Charlotte Berend. Die Wirkung des
-Bildes auf den Kritiker hat mich zwar nicht überrascht; viele seiner
-kritisierenden Vorfahren verwechselten schon die Erzkraft eines
-Kunstwerks mit der entblößten Brutalität. Es gehört schon ein
-Jahrtausendblick dazu, gerade den Wert dieses gottalten Bildes der
-Charlotte Berend zu erkennen -- sein Allvatername heißt das Gesetz. Ich
-hoffe nicht, daß die Künstlerin aus Bescheidenheit den königlichen Namen
-fälschte. Sie hat ihre Schöpfung aus dem Mark aller Farben erschaffen.
-Es nahte ihre selige, schwere Stunde selbst. Das Wunder der Inspiration
-schlug sie zur Riesin.
-
-Ich sehe zunächst kühl und sachlich eine Mutter, die ein Kind zur Welt
-bringt. Die weise Frau am Fußende des Bettes wartet hilfebereit. »Herr,
-gestehen Sie es, und auch Sie, Frau Ehegattin. Sie vermißten den
-besorgten Hausvater zwischen dem Spalt der Türe vorsichtig lauschend.
-Das wäre wenigstens noch gefühlvoll gewesen« ... gerade das
-Nichtfamiliäre verleiht dem Bild das Unpersönliche, baut das Werk mit
-kosmischen Knochen auf. -- Was soll das kleine Mädchen am Bett der
-Mutter? »Es ist ja erst zwölf Jahre alt.« Es ist vielleicht noch jünger,
-und es tat mir wirklich furchtbar leid, wenn beim Betrachten der kleinen
-Gegenwart des unschuldigen Wesens, gefühlvollen Damen eine schmerzhafte
-Entrüstung anging, aber ich sage: die Kleine gehört zu der ungeheuren
-Landschaft des Leibes; auf dem Rand des Lebenskelches sitzt sie, das
-schwebende Auge zurückgelehnt, voll Grauen und Wunder gelähmt. Ein
-Seraph -- aber gleich wird er seine Lippen öffnen und die ernste Melodie
-der Dichtung über den sich bäumenden, felsgeöffneten Leib der Mutter
-singen. -- Und die Vorsehung, wie man die Wartende am Fußende des Lagers
-nennen könnte, wendet die letzte Nüchternheit des Vorganges mit einem
-Tuch, wie mit einer Wolke ab. -- Eine Heilige hätte nicht keuscher
-gedichtet, das Problem des Odems gestaltet. Ich habe nie in Wirklichkeit
-ein kindtragendes Weib mit solcher Ehrfurcht betrachtet, wie diese
-Riesenmutter, von einer Riesin gemalt, auf ihrem Riesenbilde. Sie
-hauchte nicht nur über den lebengeöffneten Vorgang die Scham, sie nahm
-dem Prangen auch jede Fessel der Sklaverei, die mich anwidert beim
-Anblick einer begnadeten Frau.
-
-Charlotte Berend hat ein Historienbild des Naturgesetzes gemalt; es
-müßte neben Michelangelos Moses im Tempel der Galerien hängen.
-
-
-
-
- Peter Hille
-
-
- Meiner teuren Mutter in Liebe und
- Ehrfurcht
-
-»Es dauert höchstens zwanzig Minuten, Peter!« Er nickte lächelnd -- aber
-er vergaß auch sofort wieder, daß er den Kopf nicht hin- und
-zurückbiegen durfte, von der Zeitung auf und nieder, und so kam 's, daß
-ich entweder das rechte oder das linke Auge nicht an seinem Platz oder
-die Nase zu lang im Verhältnis zur Stirn zeichnete. Und manchmal nahm er
-noch seinen Bleistift und beschrieb andächtig den weißen Rand des
-Zeitungsblattes.
-
-»Du kannst gleich weiterzeichnen, schrecklicher Tyrann du!« sagte er und
-las mühsam entziffernd sein eigenes Schreiben.
-
-Es waren einige steinige Einfälle, die er seinem Myrdin und seiner
-Viviane ferner vermachen wollte. Und er zog die große vergilbte
-Papierrolle aus seiner Manteltasche und las von den beiden Menschen, die
-älter waren als Adam und Eva, von seinem Menschenpaar Myrdin und
-Viviane. Die sprachen eine Sprache, mit der am ersten Schöpfungstage
-sich Himmel und Erde erzählten -- -- sie waren mit der Erde zugleich
-erschaffen -- gewachsen mit der Erde -- aus der Erde; ja, das fand auch
-Peter ...
-
-»Da magst du recht haben!«
-
-Und er saß, den Kopf herabgesenkt auf den großen Lehnstuhl nahe dem Ofen
-in seinem olivenfarbigen Mantel, als ob er die Wärme mit sich nach Hause
-nehmen wollte.
-
- * * * * *
-
-Eines Abends klingelte es um halber Mitternacht -- das sah Peter
-ähnlich. Seine Augen lachten mutwillig wie Knabenaugen, die einen
-Streich hinter sich hatten. »Der Verleger hat mir Vorschuß gegeben --
-Tino, toller Kerl, komm mit! Wir sitzen alle in der Weinrebe.«
-
-Und Peter sah aus wie ein Bacchus, seine Seele war aufgeblüht wie einer
-der Weinberge in Alt-Athen. Und wir saßen um ihn im Kreise und sangen:
-fahrende Schüler, wie die Jünger des Weins aus der bacchantischen Szene
-seines Werkes »Des Platonikers Sohn«. Wir waren der Most, der Lenz des
-Weines, das Leben, das wildsüße Auf- und Niederbrausen.
-
- »O Wein, du lieber, dummer Wein,
- Was willst du da im Kerker sein?
- Hervor du rieselnde Sonne,
- Und laß die alberne Tonne.
-
- Weißt du denn nicht, du dummer Wein,
- Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein,
- Ein Kenner erlesener Tropfen,
- So laß mich nicht harren und klopfen!«
-
-Am Morgen in meinem Halbschlaf sah ich Peter; durch seinen langen Bart
-guckten blaue und gelbe Weinaugen mutwilliger kleiner Dionysinnen mit
-roten Pausbäckchen und kecker Faunbuben mit frechen Schwänzchen. Und die
-neckten ihn und zupften ihn an seinen langen Kraushaaren, jauchzten und
-sprangen um den großen Bacchus, und ein ganz kleines, ängstliches
-Bacchüschen kroch in seine weite, weite Ohrmuschel. Und wir alle saßen
-zu seinen Füßen, und er erzählte von seiner Frühjugend, von seinen
-vielen Liebchen -- ja, ja, Bacchus mußte verliebt sein.
-
- * * * * *
-
-Einmal an einem Wintermorgen kam Hugo, der Landsknecht, wie ihn Peter
-seines rauhen Organs und seiner kecken Launen wegen nannte. »Kommen Sie
-mit, Prinzessin! Peter ist krank, wir wollen ihn besuchen!« »Und wissen
-Sie auch, Hugo, daß heute sein Geburtstag ist?«
-
-Davon wußte er nichts, der Ungläubige. Und wir zogen gen Norden, und als
-wir durch das Tor seines Hauses traten, lagen vor uns Treppen, zu
-besteigen wie künstliche Gebirge aus Brettern. »Na, det is man scheene,
-dat Se sich bis her verstiegen han -- -- denken Se so wat, er is mir
-jestern dot in de Arme jeblieben! ...« Und Peters gemütliche Wirtin
-drückte mich an ihren Busen, aus dem der dicke Atem jammerte. Und sie
-geleitete uns durch die Küche bis an Peters Kammertür, drückte diese
-behutsam auf und blickte zunächst vorsichtig durch die Spalte. »Nu
-kommen Se sachte rin!« -- -- Und da lag der Peter wirklich in seinem
-Nest halb aufgerichtet: ein kranker grimmiger Geier. Der Kragen seines
-Mantels hing wie ein dunkler Fittich über dem Bettgestell, und einer der
-Füße, mit dem Stiefel angetan, scharrte ungeduldig an der senfgelben
-tapezierten Wand. Als er uns sah, war es, als ob er uns nach und nach
-erst erkannte, und er fuhr durch seinen Bart wie ein reißender
-Herbststurm. »Setzt euch, wenn ihr Platz findet, ihr Einbrecher, ihr
-Störenfriede, setzt euch!« Aber nicht allein der Boden, sondern auch das
-tausendjährige Sofa waren begraben unter großen, gelben Papierflocken.
-Wir setzten uns auf das kleine Fensterbrett und stellten unsere Füße
-sündhaft auf die großen Säcke, die, wie wir später hörten, die
-Manuskripte der Dramen Peters enthielten. »Du, Peter, ich will dir den
-Doktor holen,« sagte der Landsknecht besorgt. Oh, und das klang so
-lächerlich, und die dicke Wirtin hatte et ooch jewollt, »er will aber
-nich.« »Der Doktor soll mir wohl Sonne oder Mairegen für meinen Katarrh
-verschreiben?« Und Peter lächelte wieder wie Frühlingsanfang, und auf
-einmal begann er laut zu reden: »Heute abend muß ich noch ins Theater.«
-Da fiel seine alte dicke Wirtin vor Schreck auf das tausendjährige Sofa.
-»Sie wollen im Thiater jehn, Sie?« »Na gewiß,« antwortete Peter und
-machte die Bewegung, aus dem Nest zu fliegen. In der Küche seufzte die
-Gute und meinte: »Na, so nötig hat er det Schreiben doch ooch nich, wo
-er bei uns is!« Und sie brachte ihm zur Fürsorge die dampfende
-Hafergrütze und zwei Schmalzstullen ins Zimmer. Und dann sich vor uns
-entschuldigend, sagte sie: »Er ist so reene wie eene Jungfer, ick seh
-schon, wie se ihm später in de Kirche uffbahren als Heiligen.«
-
- * * * * *
-
-Es war ein kalter Nachmittag; der Mond blähte sich auf zwischen seinen
-Sternen wie ein goldener Bauch, ein wohlbeleibter Dukatenmillionär.
-Peter und ich wanderten wohl schon stundenlang durch die Straßen
-Berlins, durch die Bleiluftgegenden mit den kahlen, grauen Häusern, in
-denen der Hunger mit seinen tausenden Kindern wohnt. Und über dieser
-Gegend spazierte behaglich durch das weite Land der Wolken der fette
-Mond, der satt an Gold getrunkene Mond. »Aber, Tino, ich wußte ja gar
-nicht, daß du ein kleiner Bebel bist.« »Ja, ich denke an die armen,
-blassen Kinder, die nie in die Sonne sehen, und an dich, Peter, an dich,
-dem die Welt ihr jubelndstes, tiefstes Spiel schenkte und das Leben eine
-Stiefmutter ist.« »O du Fromme,« sagte Peter leise zu mir. Nach einer
-Weile blieb er unter einer Laterne stehen, nahm ein kleines schwarzes
-Heftchen aus der großen Manteltasche und schrieb.
-
-Das tat er oft, und ich ging gemächlich des Weges weiter.
-
-Wir kamen über einen großen Platz. Vielleicht gaben die schloßartigen
-Bauten mit den gegossenen Toren, die eisernen Hüter der königlichen
-Gärten, Peter den Anlaß, mir zu erzählen, daß sein Vater der Fürst S.
-aus Westfalen sei und seine Mutter eine Leibeigene. Ich war gar nicht
-verwundert darüber, als ich seine schlanken Hände betrachtete.
-
-»Meine Mutter«, erzählte er weiter, »war eine stille, blasse Frau. Ich
-kann mich kaum an den Ton ihrer Stimme erinnern; aber als ich meine
->Brautseele< dichtete, hörte ich ihr Blut aus meinem Herzen singen,
-sanft und dann sehnsuchtswild, wie eine einsame Spätherbstblume.« Wir
-schwiegen beide lange Zeit, über Erinnerungen wandelnd, bis es Abend
-läutete und die Glocken uns erweckten.
-
-Wir fragten einen Mann, der an uns vorübereilte: »Wie kommen wir aus dem
-Tiergarten wieder auf die Straße?«
-
-Und wir bogen und wendeten uns, bis wir glücklich den Weg wiederfanden.
-»Sieh, Tino, hier tief im Dickicht habe ich Wochen zugebracht und
-Dunkelheiten getrunken! Oh, das waren einzige Gottnächte!«
-
-Aber ich sah schmerzlich auf seine eingefallenen Wangen.
-
- * * * * *
-
-Ich ging, meiner Ahnung vertrauend, voraus. Peter studierte indessen
-noch die Hausnummern gegenüber dem großen Gebäude, in das ich eintrat.
-Und wirklich, hier wohnte Gerhart Hauptmann. Er kam mir schon im
-Treppenflur entgegen, ja, er war es. »Herr Hauptmann, ich bringe Ihnen
-den Peter Hille lebendig hier; er hätte sicherlich wieder die
-verabredete Stunde versäumt.« »Sah ihn schon von meinem Fenster aus,«
-rief Gerhart Hauptmann, er war nämlich schon unten, den Peter selbst
-heraufzuholen. Als die beiden kamen, sagte der Herrliche zu Hauptmann,
-mir schelmisch zunickend, »Dies ist mein Kamerad, Tino nenne ich sie. Es
-ist der Name ihres Blutes, die grünrote Ausstrahlung ihrer Seele.« Wir
-setzten uns, nachdem Hauptmann zärtlich den Mantel von Peter Hilles
-Schulter genommen hatte. Auf den Tischen lagen überall Journale, die
-meines Propheten Dichtungen enthielten, auch des Platonikers Sohn fehlte
-nicht, das wundergroße Schauspiel. Hauptmann schwang es triumphierend in
-die Höhe. Und ich hörte lauter Melodien; der Dichter Worte wurden
-Lieder. Und Hauptmanns stolzes Gesicht neigte sich seinem hohen Gaste
-zu, die Quelle seines Herzens zu erreichen, denn wie aus Leben gehauen
-saß Peter Hille in dem weiten, klaren Raum, sein Bart wallte ungeheuer.
-
-
-
-
- Karl Kraus
-
-
-Im Zimmer meiner Mutter hängt an der Wand ein Brief unter Glas im
-goldenen Rahmen. Oft stand ich als Kind vor den feinen pietätvollen
-Buchstaben wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein Gesicht dazu, eine
-Hand, die diesen wertvollen Brief wohl geschrieben haben könnte. Darum
-auch war ich Karl Kraus schon wo begegnet -- -- in meinen Heimatjahren,
-beim Betrachten der kostbaren Zeilen unter Glas im goldenen Rahmen. Den
-Brief hatte ein Bischof geschrieben an meiner Mutter Mutter, ein
-Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und sanftbewegt seine schmalen
-Lippen und sein Stirnschatz wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trägt
-frauenhaft das Haar über die Stirn gekämmt. Und immer empfangen seine
-Augen wie des Priesterdichters Augen gastlich den Träumenden. Immer
-schenken Karl Kraus' Augen Audienz. Ich sitze so gerne neben ihm, ich
-denke dann an die Zeit, da ich den Schreiber des Briefes hinter Glas aus
-seinem goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. Ich bewundere
-die goldgelbe Blume über seinem Herzen, die er mir mit feierlicher
-Höflichkeit überreicht. Ich glaube, sie war bestimmt für eine blonde
-Lady; als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen zu spielen.
-Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut durch sie zum Denkvertreib die
-Welt. Bunte Gläser, ob sie fein getönt oder vom einfachsten Farbenblut
-sind, behutsam behütend, feiert er die Frau. Verkündet er auch ihre
-Schäden dem Leser seiner Aphorismen -- wie der wahre Don Juan, der nicht
-ohne Frauen leben kann, sie darum haßt -- im Grunde aber nur die Eine
-sucht. Ich begegne Karl Kraus am liebsten unter »kriegsberatenen
-Männern«. Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster
-Abschätzung. Ein gütiger Pater mit Pranken, ein großer Kater,
-gestiefelte Papstfüße, die den Kuß erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht
-die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht plötzlich eine Kühle über
-den Raum -- Allerleifurcht. Die große chinesische Mauer trennt ihn von
-den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgemälde,
-o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der
-Haut des Vorgangs. Er bohrt Höhlen in den Samt des Vorhangs, der die
-Schäden verschleiert schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst zu hassen,
-weil sein Raunen Flüsternde stört, weil sein Wetterleuchten
-Kerzenflackernden heimleuchtet. Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner
-Gerechtigkeit bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche.
-
-Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Päpste, die aus dem Zusammenhang
-getreten sind, auf ihrem Stuhl sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht
-und sucht sie. -- Männer und Jünglinge schleichen um seinen Beichtstuhl
-und beraten heimlich, wie sie den grandiosen Zynismusschädel zu Zucker
-reiben können. O, diese Not, heute rot -- -- morgen tot! Unentwendbar
-inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein lebendiges,
-überschauendes Denkmal. Er bläst die Lufttürme um und hemmt die
-Schnelläufer, den Königinnen mit gewinnendem Lächeln den Vortritt
-lassend. Er kennt die schwarzen und weißen Figuren von früher her von
-neuem hin. Mit ruhiger Papsthand klappt er das Schachbrett zusammen, mit
-dem die Welt zugenagelt ist.
-
-
-
-
- Loos
-
-
-Von der Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an den Totenschädel eines
-Gorillas; wendet mir Loos langsam das Gesicht zu, prüfen mich scharf des
-Gorillas runde, hellbraune Augen. Die sind gefährlich, greifen aus einem
-andern Denken, aus einem fremden, geschwinden Grund. Die Blicke der
-Gäste strafen mich für meinen Ausspruch, Loos selbst aber scheint nichts
-gehört zu haben. Ist er schwerhörig? Auf mich wirkt sein Unvernehmen
-geisterhaft, wundersam wund; für den unverstandenen Sprecher --
-unverständlich. Senkt Loos den Kopf, neigen sich seinem Ohre die Lippen
-zu; o, wie sanft er die Lider hängen läßt -- man hat ihn dann lieb, die
-Lotosseele unter den Gorillen. Schielende, deren Züge etwas Rührendes
-erhalten, und Hinkende, die im verlorenen Gleichgang süße
-Interessantheit hinschaukeln -- zehnfach tönt Loos das Wort wieder, ruft
-man es in ihn hinein. Dann wird er ein reißender Geist, den man im Echo
-heraufbeschwor, ein affenböser Künstler, reißt er dem die Perücke vom
-Kopf, setzt ihm den Skalp wieder an, daß er mit seiner Person vernarbe.
-Ein handgreiflicher Philosoph ist er, dem die Verschnörkelung der
-Architektur ein eitler Greuel, ein verwirrtes Knäuel ist, den er
-rücksichtslos löst. Loos will Ordnung schaffen in den Welten hier unten,
-in der Welt, die sich der von sich abstrebende Mensch erschaffen läßt
-vom Architektenmenschen und nicht hineinpaßt. Wie viele sitzen und
-schwitzen in fremden vier Häuten, denn die Wände unseres Gemaches sollen
-unser passendstes Kleid sein, sie sollen die Schrift unseres Atems
-tragen. Die Seuche der Einrichtung hat sich schon in die Schlösser der
-Fürsten begeben, auf Altären liegen »stilvolle« Decken, und durch die
-Tempel der Künstler flutet das elektrische Licht der Birnen aus
-neuerfundenen Kelchen. Wollte man mir sogar auf den Rücken meines
-Zigeunerkarrens, meines grünen Holzvogels, die sogenannte aufsteigende
-Kurve (ich weiß gar nicht, was das ist) und langweilige kühle Linien
-ziehen, die große Klassikerlinie Weimarer Spätgeburt van de Veldisch
-architektiert. Man sehnt sich rein nach dem Buckel. Die Wände meiner
-Rast sind auch die Wände meiner Last, sind mit mir verwachsen,
-aufgewachsen. Meine Behausung gleicht mir auf ein Haar. Darum springe
-ich gerne aus meiner Haut mal, am liebsten in das mir vermählte Zimmer.
-Ist sein Bewohner auch meist nicht in seiner Hauptperson anwesend, sein
-Heim aber spricht für ihn. Kühlritterblau empfängt mich das
-Tapetengesicht; ich setze mich vor den Schreibtisch, vor Rhodopes
-farbige Statuette, meines auserwählten Zimmers heimliche Liebe. Über den
-Flügeldeckel kehren Lieder heim und legen sich auf die Tasten --
-schlummern und träumen laut; hingezaubert sitzt ja ihr Schöpfer auf dem
-runden Stuhl und spielt. Ich denke an meine Prinzessinnenzeit ... Wer
-salbt meine toten Paläste, sie trugen alle die Kronen meiner Väter. --
-Ich hasse die Tische, Stühle, Sessel und so weiter, die sich verkuppeln
-ließen, mit ihrem Plebejerbesitzer; das sind Mesallianzen, Sessel, deren
-Lehne sich beugte immer tiefer ihrem Sitz zu. Ich denke an einen wie ein
-Melancholischer. -- Ich helfe dir räumen, Loos, aber wehe dir, wenn ich
-nach Wien komme, und du sitzt nicht auf einem australischen Urwaldast
-zurückgezogen hinter Gedanken tausendgitterig.
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- Oskar Kokoschka
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-Wir schreiten sofort durch den großen in den kleinen Zeichensaal, einen
-Zwinger von Bärinnen, tappischtänzelnde Weibskörper aus einem
-altgermanischen Festzuge; Met fließt unter ihren Fellhäuten. Mein
-Begleiter flüchtet in den großen Saal zurück, er ist ein Troubadour; die
-Herzogin von Montesqiou Rohan ist lauschender nach seinem Liede als das
-Bärenweib auf plumpen Knollensohlen. Denn Treibhauswunder sind
-Kokoschkas Prinzessinnen, man kann ihre feinen Staub- und Raubfäden
-zählen. Blutsaugende Pflanzlichkeiten alle seine atmenden Schöpfungen;
-ihre erschütternde Ähnlichkeitswahrheit verschleiert ein Duft, aus
-Höflichkeit gewonnen. Warum denke ich plötzlich an Klimt? Er ist
-Botaniker, Kokoschka Pflanzer. Wo Klimt pflückt, gräbt Kokoschka die
-Wurzel aus -- wo Klimt den Menschen entfaltet, gedeiht eine Farm
-Geschöpfe aus Kokoschkas Farben. Ich schaudere vor den rissig gewordenen
-spitzen Fangzähnen dort im bläulichen Fleisch des Greisenmundes, aber
-auf dem Bilde der lachende Italiener zerrt gierig am Genuß des
-prangenden Lebens. Kokoschka wie Klimt oder Klimt wie Kokoschka sehen
-und säen das Tier im Menschen und ernten es nach ihrer Farbe. Liebesmüde
-läßt die Dame den schmeichelnden Leib aus grausamen Träumen zur Erde
-gleiten, immer wird sie sanft auf ihren rosenweißen Krallen fallen. Das
-Gerippe der männlichen Hand gegenüber dem Frauenbilde ist ein zeitloses
-Blatt, seine gewaltige Blume ist des Dalai-Lamas Haupt. Auch den
-bekannten Wiener Architekten erkenne ich am Lauschen seiner bösen
-Gorillenpupillen und seiner stummen Affengeschwindigkeit wieder, ein
-Tanz ohne Musik. Mein Begleiter weist mit einer Troubadourgeste auf
-meinen blonden Hamlet; in ironischer Kriegshaltung kämpft Herwarth
-Walden gegen den kargen argen Geist. Auf allen Bildern Kokoschkas steht
-ein Strahl. Aus der Schwermutfarbe des Bethlehemhimmels reichen zwei
-Marienhände das Kind. Viele Wolken und Sonnen und Welten nahen, Blau
-tritt aus Blau. Der Schnee brennt auf seiner Schneelandschaft. Sie ist
-ehrwürdig wie eine Jubiläumsvergangenheit: Dürer, Grünewald.
-
-Oskar Kokoschka ist eine junge Priestergestalt, himmelnd seine
-blauerfüllten Augen und zögernd und hochmütig. Er berührt die Menschen
-wie Dinge und stellt sie, barmherzige Figürchen, lächelnd auf seine
-Hand. Immer sehe ich ihn wie durch eine Lupe, ich glaube, er ist ein
-Riese. Breite Schultern ruhen auf seinem schlanken Stamm, seine doppelt
-gewölbte Stirn denkt zweifach. Ein schweigender Hindu, erwählt und
-geweiht -- seine Zunge ungelöst.
-
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- Peter Baum
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-Er versäumt den Tag, und die Dunkelheit erreicht er, wenn es zu spät
-ist. Aber er träumt noch schnell unter dem verschwindenden Mond. Einmal
-kam Peter Baum barhäuptig im Januar ins Theater gegangen, draußen waren
-15 Grad Zerfahrenheit. Einmal steckte er seine brennende Zigarre in die
-Hosentasche, später meinte Peter Baum -- daß es nicht die Kartoffeln auf
-dem Feld gegenüber wären, aber daß seine Lende versenge. Und doch hat
-St. Peter Hille einmal gesagt: Peter Baum sei der sensibelste Mensch,
-den er je kennen gelernt habe. Peter Baum ist ganz blau. Das heißt
-übersetzt: Er ist ein Dichter. Sternenpsalme hat er gedichtet für die
-Harfe Davids, für das Herz Salomos, des Dichterkönigs von Juda. Und doch
-ist Peter Baum der leibliche Sohn und Erbe des Evangeliums. Seine Väter
-waren die Herren von Elberfeld im Wupper-Muckertale. Sie beteten zu
-Luther und wachten auf in Sonntagsfrühe beim ersten Schrei des
-Kirchenhahns. Manchmal erscheinen sie ihrem Urenkel im Schlafe, weniger
-der jüdischen Psalme, aber seines abtrünnigen Romans »Spuk« wegen. Es
-ist ein Roman im Kaleidoskop; die Bilder kommen buntartig und schwinden
-blendend wie teuflische Spiegel. Ein flackerndes Fleckenspiel hinter
-geschlossenen Augen. O, und seine wundervollen Novellen »Im alten
-Schloß« brachte er mir eines Abends; seine große Tannengestalt erschien
-mir noch eine Krone höher, so aufwärts wie der Graf seines Buches, ein
-wetternder Weihnachtsbaum, der seinen Schmuck abgeschüttelt hat. Die
-Wochenschrift »Sturm« wird Peter Baums neuestes Werk bringen, das spielt
-zur Rokokozeit und ist in geblümter Seidensprache geschrieben. Wie tief
-seine Dichtungen doch ihn erleben und er sich an ihnen verwandelt!
-
-
-
-
- Franz Werfel
-
-
- Ein entzückender Schuljunge ist er.
- Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf.
-
- Sein Name ist so mutwillig:
- Franz Werfel.
-
- Immer schreib' ich ihm glühende Liebesbriefe,
- Die unbeantwortet bleiben.
-
- Aber wir lieben ihn alle
- Seines zarten, zärtlichen Herzens wegen.
-
- Sein Herz hat Echo,
- Pocht verwundert.
-
- Und fromm werden seine Lippen
- Im Gedicht.
-
- Manches trägt einen staubigen Turban.
- Er ist der Enkel seiner eigenen Verse.
-
- Doch auf seiner Lippe
- Ist eine Nachtigall gemalt.
-
- Mein Garten singt,
- Wenn er ihn verläßt.
-
- Immerblau streut seine Stimme
- Über den Weg.
-
-
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- S. Lublinski
-
-
-S. Lublinski ist von Geburt Ostpreuße. Er hat mir oft von seiner Heimat
-erzählt: dort sind noch die Wälder so finster und verwachsen wie kleine
-Urwälder. Zwischen knolligen Wurzeln und Stämmen ist sein Nest; knollig
-ist auch er an Leib und Seele, ein Knollengewächs, aus dem jäh eine
-leuchtende Blüte aufsteigt. Zusammengekauert in seinem Korbstuhl sitzt
-er, wie in einem großen Pflanzenkübel, und grübelt, ob er den Entschluß,
-den er zunächst erst in einiger Perspektive wohlwollend betrachtet,
-wirklich fassen soll oder nicht ... Wir beide haben manchen Abend bei
-schweigender Dunkelheit zusammen auf der Veranda des Kaffeehauses
-gesessen. Die Gäste sehen nach der Richtung unsers Tisches und lachen
-über das Holpern seiner Stimme; jedoch die Kellner, vom allerdicksten
-bis zum blaßwangigen Groom, haben sich schon an die eigentümliche,
-stoßende Hornsprache S. Lublinskis gewöhnt; sie harren aufmerksam seinem
-Wink und entreißen raubtierartig den lesenden Gästen Journale und
-Zeitschriften, die er verlangt. S. Lublinski schiebt seine Brille
-vorsichtig höher auf den Nasenrücken -- der kleine Literat und der
-phlegmatische Baccalaureus-Referendarius nähern sich unserm Tisch. Mit
-außergewöhnlicher, liebenswürdiger Handgebärde fordert er die beiden
-jugendlichen Opfer auf, sich an unsrer Seite niederzulassen. Ich weiß:
-S. Lublinski ist in Kampfstimmung, er hat tagsüber Aufsätze schreiben
-müssen, und ihn ärgert die Erde mit den vielen Tintenfässern; und ohne
-jede Veranlassung, oder auf eine geringfügige Bemerkung hin, überfällt
-er den Nachbar -- sein Herz jedoch schlägt Kobolz dazu. Mich
-interessiert die Strategie seines Angriffs -- der arme Gegner, der an
-den Zorn seiner rollenden Augen glaubt und ihn gutmütig besänftigen
-will. Ihn reizt der bequeme Widerstand. Worte werden Kugeln, Bomben
-explodieren, der Kampf wird ernst. S. Lublinski schlägt mit der Faust
-dröhnend auf den Tisch; seine Augen bluten ... Gold hat sein Vater in
-der Jugend aus Kanadas Gefilden gegraben ... und die Lust nach
-Abenteuern hat sich in S. Lublinski vergeistigt. Aber der Freund kennt
-ihn auch im Zelt; er hat seine träumende Stirn gesehen mit dem
-poetischen Schneehauch. Und jauchzen möchte S. Lublinski! -- Selten
-sehnte sich ein zweiter tiefer nach dem bübischen Lenztag, hinter dem
-Horizont auf der blauen Wiese nach dem fröhlichen Ringelrangelspiel, wie
-er. Aber der große Ungeschickte fürchtet, zu stolpern; und es ist ihm
-nichts beschämender, als lächerlich zu wirken -- er würde eher mit einem
-Gänsekiel Verse schreiben. Unschönheit ist S. Lublinskis Kinderkrankheit
-... Wie auf gerosteten Geleisen bewegt er sich vorwärts; seine Arme
-schleudern beim geringsten Außertaktkommen. So ist auch der Rhythmus
-seiner Seele, seiner Novellen und Dramen. Ich würde jede andre Fassung
-für unecht betrachten ... Aber da steht kein Tor, daran er nicht
-rüttelt. »Ich habe Prinzessin mein neues Buch: >Gescheitert<
-mitgebracht« ... S. Lublinski beobachtet mich mißtrauisch unter seiner
-Brille -- er weiß, mich interessieren eigentlich nur meine eigenen
-Dichtungen; aber ich bitte ihn auf seine stumme Voraussetzung, mir
-selbst eine Novelle seines Buches vorzulesen. Er liest die Geschichte
-des gehänselten Knaben -- er öffnet seine Seele. Schwerer als jedes
-Kind, dessen Eigenart sich abhebt vom Durchschnitt, hat er gelitten --
-aber aus der dumpfen, beklemmenden Nacht seiner Leiden recken sich
-eiserne, kleine Fäuste, grauenhaft verzerrte Fratzen, aus denen klagende
-Kinderaugen blicken. Endlich von seinen peinigenden Altersgenossen
-befreit, den folgenden Schultag vergessend, führt er Kriegsspiele auf,
-allein, hinter den Hecken seines Gartens. In Reih und Glied tausend
-gehorchende Soldaten --: »Vorwärts marsch!« Und er an ihrer Spitze, als
-Befehlshaber, als Feldherr! Aus kleinen Steinen besteht in Wirklichkeit
-das tapfere Heer ...
-
-Wieder angelehnt im Sofapolster, das Buch zugeklappt auf dem Tisch,
-beginnt S. Lublinski in zynischster Weise seine Nachteulenähnlichkeit zu
-verspotten. Selten sehnte sich ein Zweiter schmerzlicher und unerfüllter
-nach Liebe wie der da ... Hannibal (eines seiner wuchtigen Dramen), der
-schwermütige, schwerwütige Krieger, der erwachsene Feldherr seiner
-Spiele hinter den Hecken seines Gartens. Peter Hille sagte einmal: »Den
-Hannibal hat er aus gerostetem Eisen geschmiedet.« Aber nicht minder
-hart ist der zweite Akt seines Königinnendramas: Elisabeth und Essex.
-Ich habe oft S. Lublinski durch die durchsichtigen, großblumigen
-Gardinen seiner Fenster dichten sehen und hören. Die Kissen fliegen von
-den Sesseln, die Beine der Stühle und Tische knaxen, und ein Ertappter
-sitzt er nun wieder vor seinem Schreibtisch, die reine Stirn in die Hand
-gestützt. Leise fällt vom Himmel ein feiner Regen -- gesponnenes Weinen
---, mir ist, als ob auch seine Seele weine ... S. Lublinski aber gibt
-sich nicht lange weichen Stimmungen hin -- er rafft sich auf: »Frau
-Thormann, ich will noch fortjehen, ich habe ein wenig Kopfdruck.« »Aber
-Herr Lublinski, bei dem Regen?« ... »Da ist mir nicht bange; aber ich
-fürchte, der letzte Akt des Zaren ist mir was in die Breite jejangen«
-... Frau Thormann, seine hübsche, muntere Wirtin, hat mir mal ganz
-vertraulich gesagt: »Mucken haben sie ja alle; aber er sieht immer
-wieder sein Unrecht ein, das muß man ihm lassen.« Und sie würde mich
-wahrscheinlich für eine Verleumderin halten, wenn ich ihr erzählen
-würde, daß ihr großer Pflegling gestern auf dem Rücken der Sphinx, am
-Eingang des Cafés, gesessen hat und den Vorübergehenden, im jubelnden
-und schwärzesten Pathos, den Schiller deklamierte: »Der See kann sich,
-der Landvogt nicht erbarmen!« Aber in der Frühe brachte mir die Post
-einen Brief von ihm: die gotischen, getürmten Buchstaben seiner Schrift
-drohten über meine erschreckten Augen zu fallen: »Prinzessin, ich habe
-von meinem Freund, nachdem wir uns von Ihnen gestern abend verabschiedet
-hatten, erfahren, daß Sie noch immer mit dem Schwätzer nachmittags im
-Café sitzen -- ich fordere Sie zum wiederholten Male auf, den Verkehr
-abzubrechen, andernfalls ich meine Freundschaft zurückziehen werde.
-Außerdem weiß ich, daß mein Freund unter Ihrer neuen Akquisition leidet.
-S. Lublinski.« Noch am selben Tag begegnen wir uns. S. Lublinski will an
-mir in zierlichem Bogen vorbeischlürfen -- wir lachen -- ich bemühe
-mich, ihm die Schweigsamkeit des Kaukasiers zu beweisen: »Ich rieche zu
-gerne Steppe, Herr Lublinski; aber Sie wissen doch, nichtsdestoweniger
-liebe ich Ihren Freund, den prinzlichen Tondichter; -- und bringen Sie
-ihm meine tiefblonde Verehrung.« -- S. Lublinski: »Scheusal!!« --
-
-Alle Passanten haben es gehört -- bis nach Hause haben mich die
-Straßenjungen begleitet. S. Lublinski muß sterben! ... Ich trage meinen
-siebenläufigen, ungeladenen Revolver unter dem Mantel versteckt, und der
-Mond am Himmel ist wie eine brennende Kanonenkugel. Die Mamsell hinter
-dem Bufett ruft, als sie mich erblickt, Moloch, den Oberkellner, den
-unersättlichen Götzen (seine Augen sind blanke Taler). »Wo ist S., der
-Lublinski?!« »Herr Doktor sind soeben fortgegangen, haben aber für Sie
-einen Brief hinterlassen.« Und seine Aussage noch bestätigend, weist er
-auf den Tisch hin, an dem Herr Doktor zu sitzen pflegt: etliche
-Zündhölzer schwimmen, zerbrochen im Wasserbad auf dem Silbertablett ...
-»Sehr geehrte Frau, ich gebe zu, daß ich mich in der Erregung heute
-morgen im Ausdruck hinreißen ließ, und ich sehe es gern ein und bitte
-Sie um Entschuldigung; jedoch die Tatsache selbst bleibt trotzdem
-unverändert bestehen. S. Lublinski.«
-
-Zwei Jahre sind's nun her, als ich vor dem Riesenfenster des
-Kaffeehauses saß und S. Lublinski in großen, feierlichen Buchstaben
-antwortete:
-
-»Sire, ich erkläre hiermit unsere freundschaftlichen sowie
-diplomatischen Beziehungen für aufgehoben« ...
-
-
-
-
- Paul Leppin
-
-
-Ein großer kantiger Vampirflügel mit Apostelaugen schwebt Paul Leppins
-Roman »Daniel Jesus« vor mir auf. Hier wandelt nicht das Werk auf Füßen,
-und ich suche nicht nach seiner Erde. Paul Leppins Roman ist eine
-Flügelgestalt, Himmel und Hölle schöpfen aus ihrem rauschenden Brunnen.
-Hat Paul Leppin »Daniel Jesus« oder hat Daniel Jesus »Paul Leppin«
-erschaffen? Die Vieraugen des großen kantigen Romans sind vom gleichen,
-tiefen Wachen. Aber Paul Leppin ist gewachsen, ungekrümmt, eine Linde,
-und sein Haar duftet nach dem sanften Blond ihrer Blüten, und Daniel
-Jesus hat einen Buckel, und unersättlich ist sein fahler Durst. Auf
-deine müde Hand, Daniel Jesus, tropft traumleise ein Goldtröpfchen;
-Martha Bianca tritt barfuß aus dem Herzen durch die Paulpforte. Voll
-Sonnenbangen ist Paul Leppin wie der Gipfel goldbedrängt, und er formt
-schwermütig aus goldenen Träumen, die bis in die Wolken ragen, bleierne
-Buckel. Mit gläubiger Gebärde aber schaufelt die Frau des Schusters das
-Martyrium von Daniels Jesus Rücken ... »Prinzessin,« sagt Paul Leppin zu
-mir, »wir wollen auf einen wilden Ball gehen«; wir finden nur
-klingelbehangene Tanzböden. Paul Leppin sehnt sich nach der Orgie seines
-Romans; die drehte sich hinter Sternenvorzeiten seiner Dichtung,
-spöttisch hißte sie Satan auf Babelhöhe, Satan Daniel Jesus, Paul
-Leppins Geschöpf, von dem er sich losträumte. Inmitten der Tanzenden
-sitzt Daniel Jesus Paul zwischen nackten Eingeweiden, die sich
-verwickeln, verknoten nach seinem Szepter. Rasende Weiber taumeln sich
-im weichen, pochenden Raume und wachsen zu Lawinen über lüsterne Rücken.
-Und auf dem brandigen Haupt der Schusterfrau steht eine Mauer auf, eine
-leuchtende Krone, wie die des heiligen Landes -- in ihrem Riesenleib
-tanzen alle die blutzerrissenen Leiber und ihre Teufel, wie in einer
-weißen Hölle; denn Daniel Jesus hat sie erhoben zu seiner Rechten. Es
-heißt im Buche: »Andächtig küßt sie seinen Buckel, wie ein Kruzifix.«
-Paul Leppin, ich grüße dich.
-
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- Richard Dehmel
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- Aderlaß und Transfusion zugleich;
- Blutgabe deinem Herzen geschenkt.
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- Ein finsterer Pflanzer ist er,
- Dunkel fällt sein Korn und brüllt auf.
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- Immer Zickzack durch sein Gesicht,
- Schwarzer Blitz.
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- Über ihm steht der Mond doppelt vergrößert.
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- Max Brod
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-Das Volk wird nie nach ihm schreien; er sättigt nicht, er ist überhaupt
-nicht zum essen, man kann höchstens eine seiner Hände streicheln oder
-seinen Mund küssen -- er hat einen schüchternen Kindermund. Der erzählt
-immer von sich, immer so hübsche Geschichten, die sich am Ende des
-Pfades reimen und viele, viele Wege geht er mit den Mädchen in seinen
-Gedichten. In Grimms Märchen ist er gemalt, wie er als Kind aussah, in
-Hänsel und Gretel. Ich hatte Max Brod eine Nelke mitgebracht, die trug
-er in der Hand, als er in den Saal kam, und ich bildete mir ein, er lese
-mir ganz alleine vor inmitten der königlichen Gemälde; ringsum an den
-Wänden: Van Gogh. Ich weiß den Namen seines Schauspiels nicht, aus dem
-er erzählte. Aber immer war es die Liebe, die über seine Lippen kam --
-mein Herz ging blau auf unter den vielen lauschenden Herzen. Max Brod
-ist ein Liebesdichter. Auch der andere Aufzug seines Schauspiels war ein
-Liebesgedicht, ein vielstimmiges, ein streitendes. Ich glaube, man kann
-nur Liebesgedichte in »Prag« schreiben, wo so viele Bögen und Wälle
-sind; und lauter graue Figuren treten aus den alten Häusern hervor --
-die Steingespenster führen die Herzen bange zusammen. Ich habe manchmal
-Sehnsucht nach Prag, schon um mit Max Brod durch die Gewölbe seiner
-Heimat zu wandeln, wo die alten Häuser wie Mumien stehn, zur Rechten und
-Linken.
-
-
-
-
- Alfred Kerr
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-
-Silvester 1908 bin ich Alfred Kerr begegnet unter künstlichen
-Balkansternen, zwischen schleierverhüllten Angesichten schöner
-Haremsfrauen und fezbedeckter Häupter weißgekleideter Muselmänner.
-»Wissen Sie, wer der Beduinenfürst war?« (Wir grüßten uns nach des
-Bosporus Zeremoniell und Sitte.) »Reißen Sie mich nicht immer aus meinen
-morgenländischen Illusionen,« antwortete ich meiner Begleiterin. Später
-hörte ich, der Araber mit dem Seidenmantel sei Alfred Kerr gewesen. Am
-besten gefallen mir seine Gedichte, sie sind humorsüß und fallen ihm in
-die Hand. Aber seine allerschönste Dichtung war ein spanisches Essay;
-jedes Wort trug eine Abendrotrose im Haar, jedes Wort war eine Senora,
-erhob sich und tanzte.
-
-Über den Kurfürstendamm sehe ich ihn manchmal nach der Kolonie heimwärts
-gehen. Dort wohnt Alfred Kerr in einer Villa, die beneidet wird, sonst
-pflegt man die meisten Kolonisten ihrer Villa wegen zu beneiden.
-Heimlich birgt dieses nachtumheckte Schlößchen seinen Dichter. Spät muß
-der Kritisierende die Kritik niederschreiben, die sind blaunervig wie er
-selbst und duften nach melancholischer Ironie. Wir haben uns beide nur
-immer das Schönste gesagt, wir kennen uns nur im Gruß. Mich dünkt, er
-träumt von »Heinrich« wie ein einziger Sohn, der sich einen Bruder
-wünscht. Er träumt immer von seinem Bruder Heinrich Heine. Bald gleicht
-er ihm auf einen Nerv. Alfred Kerr müßte durch die Straßen von Paris
-wandern wie der tote Bruder, mich stört des Lebenden chevaleresker
-Mantel, sein abgestäubter Hut. Warum denke ich so? -- Morgen lese ich im
-Tag seine gedichtete Kritik über Hauptmanns Premiere.
-
-
-
-
- Bei Guy de Maupassant
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- Eine Phantasie
-
-Dir allein will ich mein interessantestes Geheimnis anvertrauen, aber du
-mußt dies als meine Beichte betrachten und bewahren wie ein
-Amtsgeheimnis.
-
-Paris!
-
-Ich stehe an den Türpfeiler eines Magazins gelehnt und weine, als wollte
-ich mich in Tränen auflösen. Am Himmel standen schwarze Gewitterwolken,
-und der Boulevard war nicht allzu überfüllt von Spaziergängern; aber
-auch unter den wenigen Menschen, die mich erstaunt betrachteten, litt
-ich unsäglich. O, _petite_, o, was fehlt Ihnen, Mademoiselle? Sehen Sie
-doch, Madame, wie blaß die Kleine aussieht, und die großen Augen.
-
-Ich war damals ungefähr sechzehn Jahre alt, und noch in beständigem
-Kontakt mit meinem Gotte. Ich bildete mir nämlich ein, daß, als
-plötzlich ein furchtbarer Donnerschlag erdröhnte, der liebe Herrgott aus
-besonderer Freundschaft zu mir es gewittern ließe, über den Menschen,
-inmitten derer ich litt. Die auffällige Kritik über meine Person, die
-sich in diesem lauten Bedauern aussprach, entfachte auch schließlich
-meinen Zorn. So hielt ich dafür, daß die zwei Passanten, die plötzlich
-vor mir haltmachten, kein anderes Motiv leitete, als die Lust zur
-Neckerei. Namentlich erbitterte es mich, da der helläugige der beiden
-seinem Begleiter zurief: »_Mon cher_, sehen Sie doch einmal den kleinen
-Teufel!« Der große Herr runzelte die Stirn, dabei murmelte er ein paar
-leichte Worte; ich verstand sie wohl, aber ich möchte sie im Interesse
-meiner Person lieber verschweigen; wieder fielen große Regentropfen aus
-meinen Augen, dann meinte der dunkle Herr in milderem Ton: »Es handelt
-sich hier wieder um eine Bettelnovellette,« und reichte mir ein
-Geldstück hin. Ich war sehr betroffen und konnte mich nicht enthalten zu
-rufen: »O, Monsieur, ich bin keine Komödiantin und keine Bettlerin.« Er
-schämte sich und versuchte durch allerhand Reden sich zu entschuldigen.
-»Pardonnez, Mademoiselle, pardonnez, aber da Sie, wie ich aus Ihrer
-Aussprache entnehme, keine Französin sind, werden Sie sich schwerlich
-eine Vorstellung von der Schauspielkunst unsrer Nichtdamen machen
-können. Und möchte ich Sie bitten, sich mir anzuvertrauen.« »Ich bin so
-allein, Herr,« sagte ich; ich glaube, sonst erwiderte ich nichts mehr,
-denn ich war ermattet bis zum Tode. Während wir noch beisammen standen,
-trat ein dritter zu den beiden und klopfte dem dunklen auf die Schulter:
-»Na, _mon ami_, schon wieder im Dienste der Frauen?« Der Helläugige, den
-ich trotz meiner tragischen Stimmung heimlich seiner Schönheit halber
-bewunderte, schob seinen Arm in den des hinzukommenden Herrn -- ich
-glaube auf ein paar leise gesprochene Worte des Dunklen hin -- und zog
-ihn, leise auf ihn einredend, mit sich fort. Dann wandte sich der
-Bleibende mir zu, und es war eine eigentümliche Mischung von Erkühnen
-und Güte in seinem dunklen Auge, das mich in Furcht jagte und
-zu gleicher Zeit mir Mut machte. »Hier ist kein Platz für
-Auseinandersetzungen, mein kleines Fräulein, und ich bitte Sie, mir zu
-folgen.« Der energische Ton meines Beschützers wirkte suggerierend auf
-mich, und ich folgte ihm. Er schwieg, bis wir die gegenüberliegende
-Seite des Boulevards erreicht hatten; dann faßte er meine Hand und
-sagte, jedes einzelne Wort betonend: »Mademoiselle, wenn Sie in mir
-einen Freund gewinnen wollen, so fürchten Sie sich nicht und vertrauen
-Sie mir Ihr Schicksal an.« Ich war sehr glücklich über seine lieben
-Worte und atmete auf und wünschte mir nichts sehnlicher im Augenblick,
-als seine Hand zu drücken. Wir nahmen Platz im Garten eines Restaurants;
-der Fremde bestellte zunächst Bouillon und dann ein Hühnchen, welches er
-mir wie einem Baby vorschnitt. Dabei flüsterte er mir zu: »Grade so ein
-kleines Hühnchen wie Sie, Mademoiselle.« Dann mußte ich ihm meine
-Lebensgeschichte erzählen, wie ich an der Hand Apollos aus meiner Heimat
-durchgebrannt bin. »Und warum gerade nach Paris, kleiner Robinson?«
-Zögernd und fast tonlos entgegnete ich: »Ich wollte in ein
-Meisteratelier.« Dann fragte der Fremde: »Haben Sie schon an eines
-angeklopft?« »Nein,« sagte ich verlegen, »ich habe mich mit meinem Gelde
-verrechnet und wollte mir erst etwas verdienen, um wenigstens für einen
-Monat die Kosten zu erschwingen.« »Und was dann?« fragte er
-nachdrücklich. »Ja, dann, hoffe ich, Stipendien zu bekommen.« Hierbei
-holte ich einen Zettel aus der Tasche, worauf die Adresse jenes
-Kleidermagazins stand, in dem ich engagiert war. Mein Beschützer begann
-zu lachen und meinte: »Eine Direktrice können Sie doch sicher mit Ihrem
-schlanken Figürchen nicht abgeben.« »Aber eine Kostümzeichnerin.« »Ah,
-Sie wollen mit Stilleben Ihre Karriere beginnen.« Wir lachten beide. --
-Nach einer Weile fragte ich ihn, ich glaube sehr scheu:
-
-»Herr, wer sind Sie?«
-
-»Ich bin ebenfalls ein Kunstjünger.«
-
-»Maler?« fragte ich.
-
-»Nein, aber Schriftsteller.«
-
-Ich atmete auf in der unklaren Empfindung, mich in verläßlichen Händen
-zu befinden.
-
-»Nun werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, kleiner Robinson, zumal ich
-Sie nicht Ihrem Schicksal überlassen werde, bis Sie Ihre geschäftliche
-Angelegenheit geordnet haben. Ich bringe Sie zu einer Freundin, die mir
-lieb und teuer ist, zu einer Madame L. T., die wird Sie mit Vergnügen
-aufnehmen.«
-
-Wir erhoben uns.
-
-»Allons, Mademoiselle!«
-
-Beim Verlassen versuchte ich, meinem Begleiter seine Auslagen
-zurückzuerstatten, obgleich dies meine letzte Barschaft war. Ich durfte
-die Bitte gar nicht zu Ende sprechen, als er schon den Kopf schüttelte:
-»Aber Mademoiselle, Sie sind mein Gast.« -- In der Rue de R. hielt das
-Kabriolett vor einem villenartigen Hause. Ein zierliches Mädchen in Rosa
-öffnete die Tür und sagte, ohne meinen Begleiter zu Worte kommen zu
-lassen, fast vorwurfsvoll: »O, Monsieur, Madame hat bis vor einer halben
-Stunde auf Sie gewartet, nun ist sie allein in den Bazar gefahren.«
-Betreten murmelte mein Begleiter: »_Mon Dieu_, wie konnte ich das
-vergessen!« Ich fühlte mich als die Schuldige, dieses mochte der Fremde
-empfinden, da er beruhigend sagte: »Ich nehme die Schuld auf mich.« Ich
-hörte ihn leise vor sich hinsagen: »Eine liebe Person ist Madame L. T.«
-Dann wandte er sich wieder zu mir: »Nun, ich werde Sie gegen Abend
-hinbringen, und Sie werden sie schätzen lernen, wie ich.« -- »Gefällt
-Ihnen mein Heim?« fragte Guy de Maupassant, der mir unterwegs endlich
-seinen Namen genannt hatte, von dessen Bedeutung ich damals noch keine
-Ahnung hatte. »Jetzt wollen wir uns ruhig überlegen, was wir zu tun
-gedenken. Kommen Sie doch aus Ihrem Winkel hervor und fürchten Sie sich
-nicht vor mir! Haben Sie auch schon daran gedacht, falls Sie noch Eltern
-haben, daß die in Besorgnis sein werden, und daß ich eigentlich
-verpflichtet bin, ihnen Nachricht zukommen zu lassen?« Er mochte wohl
-meinen Schreck bemerken, denn er fügte schnell hinzu: »Nun, wir sind ja
-Kollegen, außerdem bin ich kein Moralprediger, und Ihr Unternehmen rüge
-ich keineswegs, im Gegenteil, es imponiert mir, aber na, diesen Punkt
-wollen wir gemeinsam mit Madame L. T. überlegen. Für den Augenblick bin
-ich dafür, daß der kleine Robinson von den Strapazen seines Abenteuers
-sich etwas ausruht. Ich werde unterdessen ein wenig ausgehen und
-frühzeitig wieder erscheinen.« Er war fort, und ich allein,
-mutterseelenallein im fremden Hause. Zunächst betrachtete ich die
-Gegenstände des Zimmers. Auf dem Schreibtisch standen einige
-Photographien, unter denen ich auch den helläugigen Herrn von heute
-morgen fand. Zu meiner großen Freude, denn er gefiel mir schon wegen
-seiner blonden Locken sehr gut. Dann aber spürte ich die so lange
-zurückgehaltene Müdigkeit, legte mich auf eines der Kanapees und deckte
-mich mit den Decken zu, die Maupassant für mich bereitgelegt hatte. Aus
-traumlosem Schlaf, wahrscheinlich durch das Geräusch einer aufgehenden
-Tür aufgewacht, mußte ich meine Gedanken erst mühsam sammeln. »Herr
-Gott, wo war ich denn eigentlich?« Ich eilte ans Fenster, und mir schoß
-plötzlich angesichts der fremdartigen Uniformen auf der Straße unten der
-Gedanke durchs Hirn: »Wie kam's doch noch, daß ich in Paris bin.« Mich
-überkam plötzlich die Angst eines Gefangenen, der keinen Ausweg weiß.
-»Herr Gott, wenn nun der fremde, dunkle Mann ein Verbrecher wäre?« Mir
-wurden plötzlich alle Sensationsgeschichten meines Lebens grauenvoll
-lebendig. Um mich zu orientieren, um gleichsam die Waffen meines Feindes
-kennen zu lernen, ging ich an den Schreibtisch.
-
-»Was, Goethe!« Nun fühlte ich mich in Sicherheit. Und was mich am
-meisten interessierte, da lag ja auch Petöfi. Der Dichter, der mir
-gefiel in seiner ungarischen Studentenuniform. »Ach, Monsieur!« rief ich
-erstaunt und erschreckt. Maupassant stand nämlich vor mir, ich mußte
-sein Klopfen überhört haben. »Nun, mein kleiner Robinson, Sie sehen ja
-so frisch aus, wie ein Dijonknöspchen; jetzt wollen wir weitere
-Dispositionen treffen. Übrigens öffnen Sie einmal die beiden Schachteln,
-mit deren Inhalt bald zwei kleine Buben spielen werden.« In der einen
-Schachtel lagen schonungsvoll Bleisoldaten geschichtet, mit dunklen
-Waffenröcken und roten Hosen. In der Mitte der Schachtel aber lag,
-umgeben von seinen Getreuen, Napoleon III., hoch zu Roß. Aus der andern
-Schachtel glotzten mich porzellanene Froschaugen an, Enten mit gelben
-Schnäbeln, Reptilien aller Arten -- ein ganzes Aquarium. Ich richtete
-die Soldaten parademäßig. Maupassant hatte währenddes eine Waschschüssel
-herbeigeholt, und wir ließen nun die Ungeheuer auf den Fluten, die wir
-zu künstlichen Stürmen erregten, nach Herzenslust austoben.
-
-Wir, Maupassant und ich, waren auf einmal intim wie zwei Gespielen. Das
-fand auch Maupassant. »Wir würden uns, glaube ich, sehr gut vertragen,«
-sagte er plötzlich und klopfte mir auf die Backe. Dann aber begann er
-ernstlich über meine Situation zu reden. »Ich habe eben Erkundigungen
-eingezogen über das Magazin. Der Chef steht keineswegs in gutem Leumund.
-Ich rate Ihnen davon ab, dort einzutreten aber vielleicht haben Sie noch
-andere Fertigkeiten, die sich verwerten ließen?«
-
-»Ach ja, Herr Maupassant, ich tanze sehr gut.«
-
-»So, dann wäre ja der Zirkus oder das Ballett gar nicht übel!« meinte er
-nicht ohne Ironie. »Und welcher Tanz wäre denn Ihre Spezialität?«
-
-»_Danse de ventre._«
-
-»So?« Maupassant lächelte erstaunt. »Da müssen Sie mir gleich eine Probe
-Ihrer Fertigkeit ablegen.«
-
-»_Eh bien!_« rufe ich in heller Begeisterung: »Sie werden der Pascha
-sein, vor dem ich mich mit meinem Kostüm produziere.« »So hätten wir
-auch das Lokalkolorit,« ergänzte er. Ich war indessen schon so
-eingebürgert in der gastlichen Wohnung, daß ich die Türe öffnete und
-Maupassant bat, so lange meine Toilette währte, zu verschwinden. Eine
-golddurchwirkte Decke, die auf einem der Tischchen lag, nahm ich und
-wand sie um meine Lenden bis zu den Füßen herab. Ich löste meine Haare
-und entnahm einer Vase einige Nelken, die ich mir kreuzförmig um den
-Kopf flocht. Ich muß ausgesehen haben wie eine Wilde.
-
-»_Entrez, monsieur le Pascha, s'il vous plaît._«
-
-Maupassant trat ein, auf dem ausdrucksvollen Kopfe einen Fez und um den
-Hals eine reiche Münzenkette, mit majestätischem Ernst nahm er auf einem
-zum Thron umdrapierten Sessel würdig und feierlich Platz, und die
-Vorstellung begann.
-
-»_Charmant, drôle, superbe!_« rief er ein über das andere Mal, und seine
-Würde vergessend, begann er taktmäßig den Kopf hin- und herzuwiegen bei
-jedem, Kastagnettenschlag markierenden, Schnippen meiner Finger. Die
-Nelken aus den Haaren nehmend, kniete ich zum Schluß vor ihm nieder.
-»Mein Fürst und Gebieter, hat deine Prinzessin Gnade vor deinen Augen
-gefunden?«
-
-»Was begehrst du?« rief der Pascha mit Pathos.
-
-»Deine Freundschaft, Herr.« -- Wir fuhren am Abend noch, da Maupassant
-sich dagegen sträubte, mich in das obskure und für mich gänzlich
-ungeeignete Hotel »Maison Bohème« zu bringen, in dem ich bei meiner
-Ankunft, da es mir wie ein Wahrzeichen erschien, abgestiegen war, zu
-Madame L. T. -- Unterwegs bat er mich, ihn zu küssen, da er doch mein
-Gespiele sei. Ich war im Begriff, meinen Kopf in die Höhe zu recken und
-ihn zu küssen, da ich seinen Wunsch ganz natürlich fand -- doch nein, --
-plötzlich senkte ich meinen Kopf wieder in die alte Lage zurück, denn in
-diesem Augenblick fiel mir ein, was Maupassant mir gesagt: »Ich verachte
-die Frauen, weil ich sie nötig habe.«
-
-»Nun, plötzlich anders gewillt?« rief er erstaunt und gekränkt.
-
-»Ah so,« meinte er lächelnd. -- -- --
-
-Madame L. T. empfing mich liebenswürdig und küßte mich nach
-französischer Sitte auf beide Wangen. »Hier bring' ich Ihnen einen
-kleinen Robinson,« erklärte Maupassant. »Und vor allen Dingen _une belle
-fille_,« sagte Madame L. T. weiter. »Das finde ich keineswegs,« warf
-Maupassant ein, »apart -- ja -- ein Mädchen mit Knabenaugen.«
-
-Mit gedämpfter Stimme unterhielten sich die beiden, wahrscheinlich über
-meine Zukunft, hinter der Portiere, und dann empfahl sich mein
-Beschützer, nicht ohne mich nochmals ausdrücklich zu beruhigen: »Mein
-liebes Fräulein, seien Sie unbesorgt, Sie befinden sich in den besten
-Händen!« Madame führte mich in ein kleines Boudoir, wo wir den Tee
-einnahmen. Sie hörte nicht auf mit Liebkosungen; und noch mehr wie meine
-Leidensgeschichte interessierte sie mein Renkontre mit Maupassant.
-
-Meine Wangen glühten im Gespräch, und ich machte ihr das Geständnis, daß
-Maupassant mir sehr gut gefiele, daß er mich habe küssen wollen, was ich
-aber stolz abgelehnt. Als ich schwieg, begann die Dame, die während
-meiner begeisterten Aussprache erblaßt war, mir klar zu machen in der
-delikatesten Weise, daß man die Liebe eines Mannes wie Maupassant sich
-am besten bewahre durch Zurückhaltung. Und dann verstand sie in
-rührender Weise mich aufmerksam zu machen, wie besorgt meine Angehörigen
-nun wohl um mich sein würden. Sie brachte mich zu Bette wie ein Kind,
-und ich konnte nicht unterlassen, meine Arme um sie zu schlingen wie
-instinktiv, um ihr Abbitte zu leisten dafür, daß ich ihr Schmerzen
-bereitet hatte. Ich weinte bitterlich diese Nacht, nicht ohne das
-wohltuende Gefühl einer gewissen Hochachtung vor mir selbst -- denn ich
-faßte den Entschluß, eine heroische Tat zu vollbringen, Paris zu
-verlassen -- Maupassant nie wiederzusehen.
-
-Morgens früh klopfte ich an die Tür der Dame und teilte ihr meinen
-Entschluß mit, daß, falls sie mir das Geld zur Rückreise borgen wolle,
-ich Paris verlassen würde. Ich glaube, im Grunde plagte mich das
-Heimweh, das durch das Wort Madame L. T., noch geschürt wurde.
-
-»O, meine liebe Madame L. T., nicht wahr, Sie grüßen Monsieur Maupassant
-von mir?«
-
-
-
-
- Albert Heine -- Herodes V. Aufzug.
-
-
- Hinter deiner stolzen, ewigen Wimper gingen wir unter,
- Schwermütige Sterne brannten auf deinem Lide.
- Deine große Hand beugte das Meer
- Und brach ihm die Perlen vom Grund.
-
- Die Wüste war dein Schild
- In der Schlacht.
-
- An dich dürfen nur Dichter und Dichterinnen denken,
- Mit dir nur Könige und Königinnen trauern.
-
- Alle Leiber der Stadt ringeln sich
- Giftig um deinen Leib.
-
- Deine Schwester bespie den Traumstein deiner Liebe.
- Du, ein beraubter Palast,
- Judas schwankende Säule,
- Völker bedrohend.
-
- So arg mag nur ein Schöpfer lichtmitten
- Seiner Reiche zerbersten.
-
-
-
-
- Karl Vogt
-
-
- Der ist aus Gold --
- Wenn er auf die Bühne tritt,
- Leuchtet sie.
-
- Seine Hand ist ein Szepter,
- Wenn sie Regie führt.
-
- Den Trauerspielen Strindbergs
- Setzt er Kronen auf,
-
- Aus den Dichtungen Ibsens
- Holt er die schwarzen Perlen all.
-
- Er kann nur selbst den König spielen
- Im Spiel.
-
- Morgen wird er König sein --
- Ich freu' mich.
-
-
-
-
- Paul Lindau
-
-
-Manchmal sitzt Paul Lindau abends im Café des Westens und freut sich
-über die bunten Jünglinge und zwitschernden Mädchen. Er ist nicht
-hochtrabend, er tut mit. Seines Herzens leuchtende Farbe ist nicht
-eingetrocknet. Meine Eltern hatten Paul Lindau furchtbar lieb. Er war
-Redakteur in der Elberfelder Stadt. Ich habe Paul Lindau eines Tages
-gesagt, Herr Doktor, ich bin Else Schüler. Da meinte er, er habe meine
-Eltern nicht vergessen. Und wenn wir uns nun begegnen, denken wir an ein
-Haus am Wupperstrand, darin die Feste ein und aus tanzten. Paul Lindau
-hat Temperament, er kann keine Maske anlegen, sie würde nicht lange
-dauern vor seinem Herzen. Er ist ewig jung. Aber auf allen Tischen und
-Vorsprüngen seiner Gemächer liegen antike Sammlungen, rissige Geschenke
-aus allen Erdteilen. Ich muß Paul Lindau aus meinem Leben erzählen; er
-versteht zuzuhören; diamantisch strahlt seine Liebenswürdigkeit. Mutter
-und Großmütter, Vater und Urväter hängen eingerahmt in goldenen Rahmen
-über seinem Schreibtisch; er selbst als Knabe blauäugig und
-rosengelockt. Nicht viel älter war ich, als ich seinen wundervollen
-Barmer-Roman las, von seinem alten Pfarroheim und den beiden süßen
-Kusinen. No leckern Äppeln rukt sinne Liebesgeschechte on dat ganze Hus
-von sing heelegen Onkel bis bowen op die Rompelkammer, wo die Äppels em
-Wenter leegen. Ich erinnere ihn an die Sitte. Paul Lindau weiß alles
-noch ganz genau. Diabolisch sind die schwarzen Täler der Schornsteine --
-denkt seine ernste Stirne, aber die Sonne spielt dazu ganz bunt auf
-seinen schlanken Händen.
-
-
-
-
- Bei Julius Lieban
-
-
-Ich bitte Herrn Lieban, mir einen Nachtigallenspaß aus seinem Leben zu
-erzählen. Wir sitzen in seinem kleinen Gemach auf gemondeten und
-gestreiften Diwans, Herr Lieban, sein Töchterchen Eva und ich. Herr
-Lieban erzählt von Wanderzügen nach dem Süden. Wunderbar ahmt er die
-Begeisterung des temperamentvollen Publikums nach; eine ganze Reihe
-verschiedener Mienen huschen auf seinem Gesicht vorüber. Noch heute
-spricht man in Florenz davon, wie er eines Tages angeflogen kam und
-gesungen und es hinausgejubelt hat das feurige Lied an die Teure seiner
-Heimat: »Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben!!« Und wieder
-zarter einsetzend: »Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben ...« Und
-bei seiner Abreise haben sie auf dem Bahnsteig, auf dem Trittbrett und
-im Waggon gestanden. Jedes trug ein leuchtendes Herz am Busen geheftet.
-»Arivederla, Signor Giulio, arivederla!« Ein halbes Kind war er damals
-noch, aber Herr Lieban ist noch heute neunzehnjährig mit seinen kurzen,
-schwarzen Ringelrangelrosenlocken und den dunkeln Schalkaugen. --
-Mutwillig, sturmwillig über die weichen Teppiche -- hin und her flattern
-die Portieren. »Hab' im eigenen Hause keine Ruhe -- hören Sie, da
-klingelt's wieder.« In diesem Salon unterschreibt Maestro ein
-Engagement, in jenem erwarten ihn bittende Lippen. Einige Damen in
-Pelz und Federhüten sehe ich durch den Perlenvorhang auf
-niedlichen Rokokostühlen sitzen. Herr Lieban soll in einer
-Wohltätigkeitsvorstellung singen, Herr Lieban kann nicht abschlagen, das
-wissen alle schon. Mit zugehaltenen Ohren eilt er plötzlich wieder an
-uns vorbei; aus dem Studierzimmer dringen schmerzliche Töne einer
-harrenden Schülerin. »Sie stimmt ihre Kehliatur«, flüstert mir
-schelmisch Eva ins Ohr. Und Herr Lieban weiß gar nicht, was er zuerst
-erledigen soll. Klein-Eva und ich sind ganz alleine -- Klein-Eva hat
-ebenfalls einen Kobold im Auge sitzen und Goldflatterhaare hat sie; sie
-will nicht zur Bühne gehen -- der Vater hat ihr zu viel Schlimmes von
-dort erzählt. Und als Herr Lieban sich uns wieder widmen kann, bitte ich
-ihn, auf sein Töchterchen zeigend, mir auch etwas Schlimmes von dort zu
-erzählen. Er nickt einige Male ernsthaft mit dem Kopf, er nickt seinem
-Liebling zu; der scheint zu wissen, was seinen Vater so verwundert hat.
-»Ja, ich kann's nicht verschmerzen,« sagt Herr Lieban, »genau
-fünfundzwanzig Jahre sind's her, ich spielte den Mime in der Premiere
-des »Siegfried« im Berliner Viktoriatheater. Wagner stand hinter der
-Bühne, und es geschah, daß man mich nach dem zweiten Akte verlangte und
-den Schöpfer vergaß. Wagner stürmte fort und ließ sich am Abend nicht
-mehr sehen. Aber das, was ich nicht verschmerzen kann, ist: als wir am
-andern Tag den Erfolg des Meisterwerks feierten und wir Mitwirkenden uns
-am Eingang des Theatersaals aufgestellt hatten, Wagner unsere Ehrfurcht
-in Form einer Gabe zu Füßen zu legen, daß er da jedem von uns lebhaft
-die Hand drückte, an mir vorüberschritt, meinen Gruß nicht beachtete und
-mir zurief: >Sie haben mir ja den gestrigen Abend umgeschmissen.< Sehen
-Sie, das habe ich nie verschmerzen können, gerade weil er ein
-Gottkünstler ist.« Eva sagt: »Vater hat's gedruckt im Buch stehen« --
-sie springt aus der Türe und holt das vergilbte Buch vom Schreibtisch.
-Herr Lieban muß lächeln. Aber seufzend mit der Puppe im Arm begleitet
-mich Eva die Treppe hinunter. Durch die Villenallee nach Hause zu lese
-ich im Vorübergehen an der Litvassäule Julius Liebans Namen. Er singt
-heute abend den David, den finsterulkigen Schusterjungen. Den David kann
-kein andrer singen. Seine Stimme sind Saiten einer Leier, die einmal an
-einem Freudentage ein Gott erschaffen hat. Seine Lieblingslieder
-rauschen durch Seidengärten, und mit Silberglocken behangen klingen
-seine Schelmengesänge und tragen bunte Tracht. »Es ist zum Küssen ...«
-einer sagt's dem andern unter den großen Lichtsternen entzückt ins Ohr.
-
-
-
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- Friedrich von Schennis
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-Der Baron ist eine Schöpfung aus Genie; er ist bereitet aus Himmel und
-Satan, aus Fegefeuernuancen und gottblau. Mein Bruder nannte ihn den
-Marquis; ich dachte immer, könnte ich den Marquis sehn. Eines Tages sah
-ich den Marquis in gepuderter Perücke, in blauem Samtrock, die
-Rokokohände zwischen feinen Spitzen, lustwandeln über die Wege von
-Sanssouci auf seinem Bild in der Nationalgalerie. So überall im Rahmen
-atmet er mit seinen Farben vermischt; zwischen ocker und bleu liegt er
-auf seiner Palette. Und aus den Rosen des Parkes steigt sein Duft und
-die Stirn des Schlosses bescheint seine Andacht. Friedrich von Schennis
-ist ein Andächtiger. Noch zwischen losen Frauenlippen und seinem wilden
-Zynismus lauscht er nach Gott. Sein Zynismus schluchzt. Der Baron ist
-schön, sein Angesicht ist feierlich, immer liegt ein Schleier auf seiner
-feinen Haut. Die fältet sich schmerzlich dann, wenn sein Auge die
-Wirklichkeit erblickt, die Wirklichkeit ohne Zeremonie. Ich wundere mich
-nicht, daß er den Philister haßt, den Sonntags- und Alltagsphilister,
-noch eindringlicher aber empfinde ich seine Verachtung gegen den
-freigewordenen Bürgersohn, den Studenten der Kunst. »Die Kunst kann man
-nicht erlernen, nicht wahr, Herr Baron, Herr Marquis, König aller
-Könige?« Ich sitze neben ihm und bin der Prinz von Theben. Und zu seiner
-Linken versteht ein Arzt des Rausches die unbekümmerten Launen des
-Barons zu beschwichtigen. Aber der Baron liebt das Gaukelspiel des
-Herzens. Wir müssen mit ihm Champagner trinken, er will Begleiter zur
-Vergessenheit haben. Aber ich weiß, der Baron kann nicht vergessen, er
-kann wohl trunken, doch nicht betrunken werden. Ich vergieße den
-schäumenden Luxus, der herrliche Mundschenk zersplittert, mich zu ehren,
-meinen gläsernen Kelch. Das hätte Friedrich der Große auch in seiner
-Flötenlaune getan; der Baron stammt aus der Zeit der Flötenkonzerte. Er
-hat kein Alter, er ist wandelbar wie die Zeit, die einmal Lenz und
-einmal Herbst zum Zeitvertreib ist. Trägt der Marquis nicht seine
-Perücke wie auf der Schloßlandschaft in der Galerie, so ist sein Haar
-aschblond, sein Auge ist aus Merveillieuxseide, und seine Hand bewegt
-sich immer wie zum Holen einer Schönen zum Menuett. Seine Freude und
-seine Schwermut sind Jünglinge, und darum haßt er den Tod und möchte ihn
-vergessen im Wein. Sein Esprit erinnert an Voltaire, lauter Blitze, die
-treffen und Brände werden. Wenn der Mond gegangen ist über den Garten,
-dann werden wir auch nach Hause gehn, ich will noch über Friedrich von
-Schennis einen Essay dichten. Seine Bilder sind adlig und blaublütig.
-Liszt, der Musikpapst, Wagner und der Großherzog von Weimar sind seine
-stolzesten Werke, und die vielen Liebeslandschaften hängen in Nischen
-minniglicher Schlösser.
-
-
-
-
- Tilla Durieux
-
-
-Ich würde für sie auch im Privatleben das Eboligewand wählen, den
-zackigen, weißen Kragen, der ihr Angesicht, ein Bukett von Lichtwende
-und Herzschatten, wie mit einer Atlasmanschette umgibt. Frau Durieux
-spielt im Theater Reinhardts die Eboli; die schlummernde Saitenspielerin
-ist auferstanden aus ihrem Sarkophage. Es tut wohl, sie in
-»prinzeßlicher« Wirklichkeit wiederzusehen, in ihrem eifersüchtigen
-Herzen zu erleben den Kampf mit der Kabale. Den schnöden Verrat an die
-Königin verabreicht sie dem lauernden Pater noch mit traumhaften
-Fingerspitzen. Keineswegs hysterisch gehässig -- historisch wie ihr
-Kleid wirkt das intrigante Frauenspiel in der Kapelle steinerner Nacht,
-an der blutgenagelt Gottes Sohn hängt. Frau Durieux' verzweifelte
-Gebärde, nachdem ihre Königin sie verstößt, erinnert an das Gemälde der
-büßenden Magdalene. -- Als ich sie vor einiger Zeit in ihrem Gemach
-erwartete, suchte ich unwillkürlich nach der Laute. Da kam mir entgegen
-Rhodope, ihre Hände hingen herab wie Myrthen. Diese himmelweiße Syrierin
-ist der Glorienschein ihrer Eingebung, das keusche Geschmeide ihrer
-Begabung. Beweglich ist die Verwandlungskunst der Frau Durieux, denn wer
-vermutet nach der bräutlichen, geduldigen Königin und der verwöhnten
-Lautenspielerin, »Sie« in der bitteren Haut der eigensinnigen
-Spielverderberin der ältlichen Schwester der Brüder im Friedensfest.
-Krummrückig zum Fußaufstampfen, hartnäckig widersetzend, den Angehörigen
-eine giftige Augenweide. -- In »Gott der Rache« von Schalom Asch spielte
-Frau Durieux die junge Kupplerin des Bordells. Ich sehe sie noch keck in
-der Mitte des Sofas sich hinflegeln mit der Frechheit einer
-freigewordenen Sklavin, mit dem Machtbewußtsein, vernichten zu können je
-nach Berechnung. Das scheußliche Verbrechen ihres früheren Bordellchefs
-zappelt auf ihrem Knie, sie läßt es kichernd über ihrem Strumpfband
-hängen, sie braucht nur den lockeren Vorhang aufzuheben. Tilla Durieux
-spielte skandalös hervorragend. Hier nenne ich die Schauspielerin, die
-Charakteristik ihres Zivils vergessend, kurzweg »Tilla« Durieux; aber
-wer sie in ihrem Privatgemach je sah, umgeben vom Staat schützender Tore
-und mächtiger Bequemlichkeiten, sie selbst zum Empfang der Gäste sich
-liebenswürdig ermannend, wird mit mir empfinden, daß sie keineswegs eine
-Bohèmin ist, zu treu dem Einen außerdem, auch daß ihr die seelische
-Leichtigkeit der Umgebenheit fehlt, und ich nenne sie »Frau« Durieux
-nicht etwa wie man die Spießerin zu nennen pflegt, aber weil sie die
-Hofdame der Schauspielerinnen ist; jeder Tag muß ihr »d'or-jour« sein.
--- Auf dem Sezessionsfest im Februar teilte sich die Menge in zwei
-Flittergitter, als sie den Saal betrat. Sie trug ein dunkles
-Spitzenkleid und eine hängende Nelke im Haarknoten. Ich fragte den
-Rektor in »Frühlingserwachen« an unserm Tisch, wer die schwarze
-Leopardin mit dem Blutstropfen am Nacken sei. Prangende Schlichtheit,
-geschmeidiger Charme, in ihrem Herzen blühen feine Nerven schmerzvoll
-auf. Aber als es Mitternacht war, tanzte sie, auf einer Perle des Sekts
-rollend, mit leuchtenden Augen im bunten Spiele der Masken. Dieses Jahr
-gibt es wieder ein Fest; ich hoffe, daß Frau Durieux auf Erden weilt,
-sie hält sich nämlich ab und zu mit Vorliebe oben in den Wolken
-verborgen, in ihrem Luftballon, und was wird sich Prinz Karneval ärgern,
-wenn sie ihm nur eine lange Nase machen wird. -- Die Maschen des Netzes,
-das den Ballon umhüllt, lockerten sich schon einmal. »Ein Punkt in der
-Ewigkeit« kommt man sich im Raume vor, erzählt Frau Durieux. Sie ist
-ohne Furcht und Zaudern. Zwischen Leere und Leere, Vogel sein, nur Atem,
-so folge ich in Gedanken den Schilderungen der Luftschifferin in die
-Lüfte. Da nimmt ihr Terrierhund einen Anlauf aus salonansalongereihter
-Ferne, springt mir auf die Schulter, ich falle vor Schreck aus allen
-Himmeln.
-
-
-
-
- Paul Zech
-
-
- Sing Groatvatter woar dat verwunschene Bäuerlein
- Aus Grimm sinne Märchens.
-
- Der Enkelsonn ist ein Dichter.
- Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse.
-
- Man kann sie in die Hand nehmen,
- So hart sind die.
-
- Sein Vers wird zum Geschick
- Und zum murrenden Volk.
-
- Er läßt Qualm durch sein Herz dringen:
- Ein düsterer Beter.
-
- Aber seine Kristallaugen blicken
- Unzählige Male den Morgen der Welt.
-
-
-
-
- Rudolf Blümner
-
-
-Den Mephisto spielt er jeden Abend, eine Privatvorstellung im
-Freundeskreis. Ohne witzelnde Fußspitzenpose -- der Doktor hat Humor,
-der im Kranichschritt mit dem Schwermutflügel einherschreitet. Wenn er
-nicht kommt, sind wir alle belämmert; die gretchenblondesten
-Mädchenköpfe freuen sich, wenn der Mephisto endlich doch kommt. Er
-versteht Greisengesichtern lächelnde Jünglingsaugen einzusetzen, wenn er
-bei Laune ist und sein Herz mit übersprudelndem Schalkwillen vorträgt.
-Wehe aber, wenn er durch die Türe kommt, und sein Hut sitzt schief in
-die Stirne gedrückt -- es regnete --, er konnte heute kein Luftbad
-nehmen, ein paar Sätze von der Galle, mehr hören wir nicht. Aber seine
-Galle ist kariert. Nie war ein Hut so mit seinem Kopf verwandt, wie
-Doktor Blümners Hut. Der ist ein Mime, durchblutet mit den Eigenarten
-seines Trägers. Unter Hunderten würde ich den Hut des Doktors
-herausfinden, namentlich aber dann, wenn der Rand seines Panamas lacht;
-er sitzt rund hinten im Genick. Etwas muß der Doktor heut' ausführen,
-ich warte am liebsten mitten im Zimmer, wenn er Klavier spielt, ich kann
-dann so mit seinen Späßen laufen -- er spielt eine eigenvertonte
-Polonäse, er führt sie an. Seine Finger springen wie ungezogene Jungen
-über die Tasten, schlagen Kobolz, zanken sich; plötzlich steht er
-gravitätisch auf: »Der Schlaf erwartet mich!« Aber in Wirklichkeit steht
-der Vollmond vor seinem Fenster, hinter dem Ohr einen Federkiel. Der
-Doktor muß noch einen Essay schreiben. Seinen Lehrer im
-Frühlingserwachen -- wer kann ihn je vergessen und die Grazie des Ricco
-in Minna von Barnhelm. Er ist der Aristokrat des großen Schelmenspiels.
-Aber auch sehr oft beliebt es dem Doktor, sein ernstes Wesen dem
-Publikum zu schenken; es steht ihm am besten; kehrt es ein -- kommt es
-hervor aus seinem tiefsten Herzensschatten. In diesem Monat hält der
-Doktor wieder einen Vortrag, es sind die schönsten Abende, goldene
-Atrappen mit überraschendem Inhalt. Als er die Geschichte der Schneider
-von Keller vorlas, glaubte ich die drei bis zum Schluß verschwinden zu
-sehn aus dem Saal. Er machte nämlich auch ein Gesicht, als ob sie ihm
-weggelaufen wären. In seinem feinen Profil ist seine schöne Nase
-tragisch geschnitten nach Gemmenart. Das Leben fällt gelassen vor ihm.
-
-
-
-
- William Wauer
-
-
-Als das Café Kutschera noch seinen adligen Namen »Sezession« trug, hielt
-in dem oberen Raum des Cafés William Wauer einen Vortrag über
-Theaterkunst. Ein junger Schauspieleleve nahm mich mit herauf; viele
-Eleven und Elevinnen schritten vor mir in den Saal der grauen
-Sammetsofas und Sessel; ich war die einzige unter den Zuhörern, die
-Wauer noch nie gesehen und doch ihn sich genau so vorgestellt hatte mit
-der eigenartig schmerzlichen Sicherheit in den Augen und in den
-Gebärden. Ein großer Geiger, der nicht die göttliche Geige findet. Ein
-großer Dirigent -- ist nicht sein Vortrag ein Zusammenspiel vielerhand
-Instrumente gewesen. Lebendige Violinen, seine Schauspieler; er mag
-nicht die erste Violine zwischen ihnen, die den Ton angibt, kein Genie,
-das sich abtönt, hervortönt von den anderen Tönen. Das Zusammenspiel
-seiner Leute, eine Genieleistung soll sie sich heben aus der Fertigkeit
-seiner Hand. Als das künstlerische Theater aus Moskau in Berlin
-gastierte, gedachte ich der Worte William Wauers. Der Zar bis zum Onkel
-Wanja und die Frauen all, glichen seinen Idealgeschöpfen. Wandelnde
-Töne, schreitende Melodien, unbezahlbare Instrumente mit tausendtiefem
-Ton. Aus Spielläden und Kotillongeschäften liefert man William Wauer,
-Spaßgeigen, Trompeten, Kriköhs: Dilettanten und Tantinnen. Sie essen
-ihre Rolle, um sie ganz im Leib zu haben. Sie muß ihnen auf den Leib
-passen. Aber der Schauspieler soll den Duft seiner Rolle einatmen. Über
-solch trunkene Seele zu streichen mit seinem Bogen. -- Seine Regie steht
-auf Füßen, das Milieu gleicht dem Bewohner des Schauspiels. Erster
-Aufzug: Veranda, von Säulen umstanden. Zweiter Aufzug: Wohnzimmer der
-gräflichen Familie. Man kann sich gar kein anderes Innere vorstellen
-nach dem Wuchs der Villa. William Wauers Regie ist anatomisch. Sein Blut
-möchte fließen durch die Adern seiner Schauspieler wie ein Strom durch
-das Spiel. Das soll keimen und aufgehen aus seiner Gestalt in vielen
-Gestalten. Kein Asiate ist er, dem die Tragödie nur eine einzige
-Kriegsgebärde wird. Er meint, zu den Wilden gehöre ich, und mit der
-eigenartig schmerzlichen Sicherheit im Auge betrachtet er mich wie ein
-fremdes Instrument aus Bambus.
-
-
-
-
- Wauer-Walden via München und so weiter
-
-
-O, wie wohl ist mir im Herzen zwischen den vielen scherzenden Herzen;
-alle sind bunt und brennen, aber mein Herz ist blau und glüht. Am Morgen
-hänge ich es an einen sorglosen Blumenbaum und lasse es zwitschern. Wie
-ich so dahinlebe, ich bin einer der fahrenden Schüler aus St. Peter
-Hilles Platonikers Sohn. Im Tanzschritt ziehen wir durch das Grün der
-Stadt hintereinander mitten im Mondpolka. Die Straßen und Plätze duften
-noch nach Marienbalsam der Dome. Wir schweben, wir kennen die Sünde
-nicht, an der Welt vorbei, mit München der Südstadt Deutschlands im
-Arme. Ich muß München immer küssen, schon, weil ich Berlin hinter mir
-habe; wie von einer langweiligen Kokotte geschieden fühle ich mich.
-Meine Freunde spielen Harmonika, wir ziehen an Schaufenstern
-pietätvoller Läden vorbei; Meisterbilder, frommer Schmuck, wilde Waffen
-aus den Gräbern der Bibelfürsten und überall die blauen
-König-Ludwig-Augen! Eine alte Riesenkommode ist München aus einem
-bayrischen Alpenknochen gehauen. Man kann so andächtig kramen in München
-und ausruhen auf gepolsterten Erinnerungen. Hier freut man sich seiner
-selbst, man findet sich in seinem glücklichsten Augenblick oben auf dem
-Berge der Stadt. Im Vorbeischreiten an den Gärten Obersendlings,
-flüchtet vor mir das prahlerische Häuserregiment Berlins. Es steigt die
-Erde, ich sitze auf ihrem Rücken in einem der Schlösser. Ich bleibe hier
-für ewig! Man sagt das so leicht. Ein Paradies ist München, aus dem man
-nicht vertrieben wird, aber Berlin ist ein Kassenschrank aus Asphalt;
-der ihn zum Labsal benutzt, hängt sein Herz engherzig als Schloß davor.
-Ich soll mich so ganz erholen in der bayerischen Hauptstadt. Gibt's auch
-Cafés hier? Da winkt schon eins von ferne. Sei mir gegrüßt, oder wie der
-Bayer sagt »Gott grüß dich, Café Bauer!« Von einem Altan herab ladet es
-den Vorbeiwandelnden einzutreten, manchmal sogar holt der luftschöpfende
-Ober den Gast in sein Kaffeehaus nach südlicher Sitte. Ich stelle eine
-gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Café Bauer mit unserem Café des Westens
-fest, unserer nächtlichen Heimat, (grinst nur verfluchte Somaliphilister
-und Sudanproleten) unserer Oase, unserem Zigeunerwagen, unserem Zelt,
-darin wir ausruhen nach dem alltäglichen schmerzvollen Kampf. Die Frau
-Wirtin ist sanft, sie pflegt unsere Launen, die uns der Bürger schlug.
-Vom Oberober bis zum Unterunter passen die sich dem Rhythmus der Gäste
-an. Herr Rattke hat wieder ein neues Buch geschrieben in Trochäen über
-Servieren, verrät mir Richard, der Zeitungsverweser, der
-Journaltruchseß. Er liest mir mit Pathos mein Gedicht im Sturm vor über
-München; ich beginne zu seufzen. Was fangen nun die spielenden Straßen
-dort ohne mich an und die vielen gaukelnden Herzen? Daß die gesund
-bleiben, dafür sorgen die Ärzte, namentlich der unvergleichliche Doktor
-Arthur Ludwig. Alle seine Patienten kommen, weil er der
-unvergleichlichste Mensch noch dazu ist, nie zur angeschlagenen Zeit in
-die Sprechstunde, wegen der süßen Speisen und der Marmeladen, die zum
-Mittag aufgetragen werden von seiner emsigen, lieben Haushälterin. Und
-die bettlosen Patienten und Freunde nahen gewöhnlich mit dem Dietrich
-und der Zahnbürste im Gewande, sie kommen vom Rande ihres Lebens und der
-Doktor, ein heiliger Wirt, wie auf dem Bilde in seinem Sprechzimmer, zu
-sehen ist: »Fräulein Haushälterin, besorge für den Fremdling nun eine
-Lagerstatt.« Er ist direkt ein Engel. »Ein starkfühlender, intelligenter
-Engel«, betont ein Kollege von ihm, Doktor Max Nassauer, der dichtende
-Arzt in München.
-
-Wir gehen alle in den Simplizissimus, in Kati Kobus' berühmte
-Künstlerkneipe. Heute kommen die Kegler! Ich meine die Leute vom
-Kegelabend. Ludwig Scharf trägt mit starkem Ton seine Verse vor, jedes
-Wort ist an das andere geschmiedet. Sein Gesicht ist eine diabolische
-Arabeske. Dazwischen tönt die fahrende Stimme des Gitarrespielers und
-die liebenswürdigen, drolligen Bemerkungen Max Halbes; er gefällt mir
-sehr. Und all die kleinen summenden Mädchen mit den braunen und
-blonden Liedern. Und die Hauptsache bleibt die Kati Kobus, die
-Simplizissimusherrscherin mit dem Kronmal auf der Stirn. Sie ist die
-Herzogin des Rausches, sie ist eine Regierende. Wer so zu unterscheiden
-vermag wie sie! Eine Juwelierin, wer so das Angesicht auf sein
-Geistkarat zu werten vermag. Das Scheiden aus ihrem Nachtgarten, wo das
-Lachen blüht zwischen Bilderhecken, tut mir besonders weh. »Frau
-Helene,« sage ich mich ermannend eines Morgens zu meiner Wirtin, »es muß
-geschieden sein!!!« Berlin! Vom Waggon aus steige ich sofort die Stufen
-des Kleinen Theaters hinan zur Generalprobe der Vier Toten der Fiametta.
-Morgen zur selbigen Stunde werde ich Jacobsohn wiedersehen -- ich werde
-Jacobsohn wiedersehen!
-
-Direktor Wauer fundiert noch seinen letzten Fußtapfen, er legt so das
-Schreiten und die Gebärden der Spielenden fest. Fest und sicher bewegt
-sich nun das ungeheure Pantomimendrama und ballt sich wieder zur
-Einheit. So wohlgeformt und nicht ein Abweichen, nicht ein überflüssiges
-Zureichen allerleigrauen führen des Schneiders (William Wauer) Klauen
-die Schneidernadel unentwegt. Grandios ist die Bewegung seines Mundes,
-die nicht ein stummes Reden, aber ein drohendes Auftun seines Gesichtes
-bedeutet. In großen teuflischen Zeichen nicht minder, wie ihr Direktor,
-spielt Rosa Valetti, die Schneidersfrau, und rotangefüllt, ein
-Blutbezechter, ein wankender Bär, tappt der Lastträger (Guido Herzfeld)
-auf den Ruf der verzweifelten Fiametta über die Stufen der Treppe, in
-das Trauerspiel. Das Harlekintrio. Ein Gemälde, das im Anschaun mit dem
-Körper des Bewunderers verwächst. Und die ungeheure Last Trauerspiel,
-rollt sich auf einer Musik _aufwärts_ hochmütig über die Leiche
-verdutzter höhnender Kritik. Herwarth Walden, ein Hodler der Musik, der
-alles Süßliche zerreißt im Siegeskrampf und Kampf. Morgen ist die
-Premiere der Vier Toten der Fiametta, ich werde Jacobsohn wiedersehen
---, ich werde den kleinen Jacobsohn wiedersehen! »Wer kommt noch mit ins
-Café?«
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- Emmy Destinn
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-Ich schrieb ihr am Schluß meines Briefes: Semiramis, hinter den düsteren
-Gängen deines Palastes vermute ich hängende Gärten. Worauf sie ans Ende
-ihrer Zeilen setzte: Meine liebe Dichterin, meine Gärten sind diesen
-Abend wilde, verschwiegene Schluchten, kommen Sie und hören Sie mich die
-Carmen singen. --
-
-Manchmal versteckte ich den Kopf in das Sammetgehang der Loge, den
-dunklen Strom ihrer Stimme einsam über mich rauschen, tanzen zu hören
-über üppige Pfade heißer Lippen liebentlang. --
-
-Der Soldat Don José sitzt abseits der Ausgelassenen und schmiedet seine
-zerrissene Säbelkette; versunken in Mutter, Heimat und Liebchen, dem
-frischen blonden Blümchen der treuherzigen Provence. Aber da steht sie
-hoch auf der Brücke, lauernd, hungrig -- o, du gewaltige Carmen-Katze!
-Den Oberkörper weit nach vorwärts gestreckt, schleicht sie
-bestienmajestätisch über die Treppe, die zu ihrem Opfer führt. Es
-durchgreift den Soldaten eine peinigende Unruhe, er vertieft sich
-gewaltsam in seine Arbeit, aber seine Finger zittern vor ängstlicher
-Wollust. »Ei, du süßer Kettenschmied!« Und ein Strauß greller Rosen
-fällt zu seinen Füßen nieder. Die lockende Schwere ihres Liedes ergreift
-ihn, es berauscht ihn der singende Duft ihres Blutes. --
-
-Und dann Carmens grausames Begegnen mit Don Josés Liebchen, Carmens zum
-Sieg gerüstetes Entgegenziehn der fremden Rasse, aus der sie ihr Opfer
-geraubt hat, das sie lieben und peinigen muß und zerstören wird. »Sieh,
-ich nehme dich, ich verschlinge dich!« Und ihr Gesang und Spiel bekommen
-Tatzen, die den Geliebten umkrallen, den Kampf seines Soldatenherzens
-zerreißen und ihn ihr zu eigen machen. Bravissimo, Carmen -- Emmy
-Destinn!
-
-Und nun das Schwärzerwerden ihrer Stimme vor dem verstoßenen, verhöhnten
-Geliebten, die trübe Todesangst, die sie betastet. Und leise klingt die
-Hochzeitsmusik, beben die Zaubertöne, die den Soldaten gelockt haben in
-die Netze ihrer furchtbaren Seele. Carmen! Todwund heben sich die Lider
-ihrer bebenden Pupillen -- ihr Sprung mißglückt. Feierlich singt das
-Cello und flehentlich die Geigen. Draußen wartet Escamillo. Carmen
-zerreißt ihre Haut aus Hochzeitsseide und veratmet, noch ehe Don José
-ihr treuloses Katzenherz durchsticht. Blaß werden die Klänge in der
-Ferne.
-
- Die Lieb, die von Zigeunern stammt,
- Fragt nicht nach Recht, Gesetz und Macht.
- Liebst du mich nicht, bin ich entflammt,
- Und lieb ich dich, nimm dich in acht!
-
-Als ich am Tage nach der Vorstellung Emmy Destinn besuchte, saß sie auf
-ihrer Bank von Gold aufrecht, den Kopf düster gesenkt, wie die Blüte
-einer Pharaonenblume. Sie trug ein Kleid aus bunten Farben der Gewänder
-assyrischer Königinnen. In ihren Ohren hingen Gehänge von
-durchsichtigen, gelben Steinen. »Habe ich Ihnen gestern gefallen?«
-fragte sie mich. Und ehe ich antworten konnte, pochte es leise an die
-Tür -- mit einer Tasse süßen Duftes trat eine ältere Frau ins Gemach und
-flüsterte ihrer Königin mit besorgtem Augenrollen und Kopfschütteln
-einiges ins Ohr. Als sie draußen war, sagte Semiramis zu mir: »Sie war
-meine Amme und ist noch immer um ihr herangewachsenes Baby in
-Besorgnis.«
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-Wir setzten uns an ein kleines Rosenholztischchen. Vor dem Fenster
-dämmert es schon, aber Emmy Destinn möchte vom Morgen trinken, immerzu
-spielen; in ihrem Gesicht scheinen plötzlich ganz hell die beiden
-großen, braunen Monde. »Komm, wir wollen um die Rosenholztische Fangen
-spielen!«
-
-An der Wand, mir gegenüber, hängen die verschiedenartigsten Instrumente,
-wohl an zehn Geigen. »Und der Flügel dort, ist der Flügel Webers
-gewesen,« erzählte sie lebhaft. »Und sehen Sie sich auch einmal diese
-Bildergalerie dort an; ich habe eine mächtige Verehrung für Napoleon den
-Ersten.« In jedem Lebensalter hängen Bildnisse des ehernen Kaisers von
-Frankreich da, Briefe in zärtlichen Rahmen, Waffen, die er geschwungen
-hat, umzäunt mit Lorbeeren. --
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-Katzen, Hunde, Hasen, Hähne, Puten von leuchtendem weißen Porzellan,
-venetianische Vasen, vielarmige Leuchter stehen auf stolzen Säulen und
-Elfenbeintischchen. Da seh' ich mich zu meinem Leidwesen drei, vier,
-fünf, immer noch mehrere Male in großen Spiegelwänden. Die schöne
-Königin hat, ohne daß ich es bemerkte, die Türen ihres weiten Paradieses
-geöffnet: blühende Seltenheiten und Seide.
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-»Besuchen Sie mich bald wieder,« sagte sie; ein Lächeln in den
-tausendjährigen Augen.
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- Franziska Schultz
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-In Berlin gibt es eine Fraue, die die Schmerzen Marias leidet, sieben
-Schwerter im Herzen; und die doch gnadenreich herablächelt auf die Armen
-und Kranken. Jeder Mensch, der sich ihr nähert, ist ihr Jesuskind. Einen
-Tempel müsse man um diese Mutter bauen, einen Garten pflanzen, der ihr
-blühender Mantel sei. Ich kann mich nicht der Fraue nahen, ohne ihr
-meine Andacht zu bringen. Verirrte Magdalenen treten durch ihres Hauses
-Pforte ein und rasten; ruhen aus und besinnen sich unter der Liebe ihres
-Mutterdachs. Franziska Schultz ist die Mutter des Mutterschutzes. Man
-könnte fast das gefallene Mädchen ihrer Patronin wegen beneiden. Mit
-fürsorglicher Liebe lullt die höchste Fraue der Gnade die verstoßene
-Mutter und ihr pochendes Spielzeug mit ihren beiden Armen zärtlich ein.
-Kein Vorwurf trifft die Tragende, ihres Kindes wegen, das noch auf
-seinem rechtmäßigen, heiligen Muttererbe blüht. Alle Mütter aber lieben
-die Eine.
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-Eine Dame, die den Glanz irdischer Glänze ausdrehte und durch die dunkle
-Straße schreitet, wo das Elend wuchert. Nun wohnen keine verwöhnten
-Gäste mehr in ihrem Hause, aber solche, die ein Herz voll Liebe
-beanspruchen. Tragende und Beladene treten durch ihres Herzens geöffnete
-Pforte ein. Maria!
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- Kete Parsenow
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-Die Venus von Siam, ist die Kete Parsenow. Feingebogene Dolche sind ihre
-Augen, wie die der Göttinnen in goldenen Tempeln.
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-Peter Altenberg gab vor einigen Jahren eine Zeitschrift heraus, auf
-jeder Seite stand »sie« in blonden Farben. Die Kete Parsenow spielte
-damals in Wien am Theater; nun wird sie hier spielen, und doch sollte
-solche Schönheit verborgen bleiben, im heiligen Haus zwischen
-geopferten, schweigenden Blumen. Im Sommer begeisterte sie hier als
-Ophelia die Zuhörer. Blutschwarz sank Hamlets Kopf in den Schnee ihres
-Schoßes. Immer wird sie die Jungfrau der Schauspielerinnen bleiben; sie
-ist unbetastete Skulptur. Einmal legte sich vor ihr nieder eine weiße
-Steppenhündin und wurde ihr ähnlich. Als sie vom Strauch eine Rose
-pflückte, blühte die höher in ihrer Hand. Sie ist selbst ein Wunder. In
-der Frau vom Meere erschrak sie vor dem Überschwang ihres Herzens. Und
-Ibsen, was hätte er gesagt, wenn er der Kete Parsenow begegnet wäre,
-seiner Generalstochter Hedda Gabler. Kete Parsenow ist sich ebenbürtig,
-sie ist ebenso schön wie großherzig. Elfenbein ist ihre Haut; immer
-singt ihr Gesicht. Einmal wurden die Sicheln der Venus zu Monden, als
-sie böse war. Ich sah die Venus von Siam lächeln, ich sah die Venus von
-Siam sterben.
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- Ruth
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-Sie müßte eine Patronesse haben -- etwa die Kaiserin von Island oder
-eine reiche Eskimotochter; vielleicht wird es eine Inger auf Östrot
-sein. Ruth ist eine Tragödin. Schon seit zwei Jahren spielt sie mit
-Vorliebe Partien aus Ibsens Werken. Ihre Dreijahrärmchen heben sich
-zürnend zum Himmel: »Götter!« Ich habe Ruth nie lachen sehn und auch
-weinen nicht, wie andere Kinder. Ruth lacht mit Vorsicht, plötzlich hält
-ihr Gesichtchen wie eine kleine Sonne zu leuchten inne -- und weinen tut
-Ruth, um wieder zu lachen. Und am Abend dauert es eine Weile bis sie
-einschläft, gerne läßt sie einen schmalen Guckspalt offen für den
-Morgen, ob auf der Heizung ein Schokoladenkakes liegt, von einem
-verkleideten Onkel als Nikolas oder einer Zuckerhäuschentante gespendet.
-Ruth gastierte zum erstenmal im Vorgarten des Cafés des Westens, sie war
-damals zwei Jahre alt und trug ein weißes Kleid über glänzendem Stoff
-von der Farbe ihres Mündchens, das auf einmal zum Mund wurde, wie
-gehext, strenge Furchen zog; ich erschrak. Und noch dazu der finstere
-Ibsenblick, der mich furchtbar einschüchterte. Immer tiefer sank Ruths
-Lockenköpfchen auf die Strohröhre herab, die vor ihm im Glase steckte:
-»So tinkt >Er< Limonade.« »Er« hängt im mächtigen Rahmen im Zimmer ihrer
-Muttertragödin (Beß Brenk) und immer steht Ruth vor seinem Angesicht und
-besieht es sich, ob es auch noch so macht wie »sie«. In Klein-Ruth
-schlägt das große Ibsenherz, und als Ibsen sein Puppenheim schuf, pochte
-sicher ein kleines Anhängsel an seinem schweren Schlag, ein
-Goldherzchen, in dessen Mitte ein himmelblaues Perlchen rauschte. Ruth
-springt vom Stuhl, tanzt in ihren niedlichen Goldkäferstiefelchen, die
-Röcke nach unten geglättet -- nun hat sie ein langes Kleid an. Sie tanzt
-einen herablassenden, zurückhaltenden Tanz; da, als ob ein Sausevogel
-durch ihren Kopf fliegt -- fort will ihre kleine Seele -- ihre Beinchen
-sind ganz nackt; über Stühle und Tische hinweg -- Ruth, Ruth! Ich
-glaube, sie sitzt oben auf dem Ast des jungen Baumes vor dem Caféhaus.
-Was soll man dazu sagen -- Genie? Fort mit dieser alten Denkmalhülle,
-sie tut dem Kind weh, aber in ein Wunder wollen wir die wundervolle,
-kleine Ruth kleiden; in einem goldenen Bettchen soll Ruth schlafen und
-von einem goldenen Tellerchen und mit einem goldenen Löffelchen essen
-und auf dem Becher, aus dem Ruth fürder trinken soll, steht in
-Goldbuchstaben geschrieben: Ruth. Sie schüttelt den Kopf wie eine
-Herrscherin, ich glaube, sie ist beleidigt, nicht um der vielen goldenen
-Sachen wegen, der Ober hat ihr Zucker schenken wollen; sie gleitet
-schwerfällig vom Stuhl, streckt den Leib wie eine Kugel vor, ihr
-Engelsgesichtchen bekommt Runzeln -- »dicke Frau is satt«.
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- Unser Café
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- Ein offener Brief an _Paul Block_
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-Sire, Sie möchten etwas aus unserem Café wissen, aber unser Café ist
-schon seit ungefähr Pfingsten nicht mehr unser Café. Gestern las ich in
-einer Chicagoer Zeitung, die mir meine Schwester aus Amerika sandte,
-schwarz auf weiß, warum unser Café nicht mehr unser Café ist, bitte
-hören Sie, Sire. »Früher war das Stelldichein all dieser »Radikalen« das
-Café Größenwahn. Aber eines Tages verbot der Besitzer der Dichterin Else
-Lasker-Schüler, die zu diesem Kreise gehört, das Lokal, weil sie nicht
-genug verzehre. Man denke! Ist denn eine Dichterin, die viel verzehrt,
-überhaupt noch eine Dichterin? Sie empfand das mit Recht als eine
-unerhörte Beleidigung, als schimpfliches Mißtrauen gegenüber ihrer
-dichterhaften Echtheit. Ebenso dachten die anderen. Daher verließen sie
-empört das Lokal.«
-
-Ob das alles nun wortgetreu wiedergegeben ist, -- jedenfalls begab sich
-die Schreckenstat an einem Sonntag, meine Seele wurde Werktag, bäumte
-sich auf und sehnte sich nach Revolution. Kein Vers, keine Stimmung,
-kein Pathos, nicht der schäumendste Überschwang hatte unsere
-Gemeinschaftlichkeit so fädenverstrickt zusammengerollt, wie diese
-unerhörte Begebenheit; Herr Café-des-Westens hatte mir, uns allen, das
-Betreten seines Cafés ein für allemal untersagt. Ungeheuer! Allerdings,
-wenn ich auch nichts verzehrt hätte. Aber dem war nicht so, ich war
-gerade im Begriff, meine zweite Bestellung zu entrichten, Schokolade mit
-Sieb (da ich die Haut nicht mag), als Herr Café-des-Westens aus einer
-Ecke auf mich Lesende losstürmte und rief, es geht nicht, daß Sie hier
-sitzen bleiben, ohne etwas zu verzehren!!! Neben mir saß mein
-Reichskanzler Bisam O. Er ist feig, aber seine rosa Haare standen Hügel,
-wurden brandrot und sprühten Feuer. Dann kamen hintereinander meine
-verehrten Freunde, die Paschas, und die Schlacht begann.
-
-Soll ich Ihnen nun noch über die früheren Ereignisse dieses Cafés
-erzählen oder genügt es, wenn ich Ihnen sage, Sire, daß wir dort die
-schönsten Abende, namentlich zu Zeiten Lublinskis, erlebten; den haben
-wir alle kolossal verehrt, und er lachte selbst herzhaft, wenn ihn der
-»Blümmner« nachahmte. Unser Zorn liegt nun über dem Café des Westens wie
-über einem verlorenen Paradies, in dem wir nicht sündigten, aber das an
-uns sündigte. Als wir auf der Straße standen, gedachten wir mit Wehmut
-des Gründers unseres verlorenen Cafés. Herr Rocco hatte es sich als
-besondere Freude angerechnet, daß wir Künstler in seinen Räumen
-verkehrten; wir Künstler haben sozusagen das Café des Westens mit auf
-die Welt gebracht, wir Künstler haben ihm das erste Feierkleid
-geschenkt, wir Künstler haben es zur Königin aller Cafés erhoben! Einer
-von uns hielt diese Rede in die Nacht hinaus, ich glaube, ich war's, und
-den Chor gaben meine tiefergriffenen Kameraden und Kameradinnen.
-Allerdings war Rocco kein Bär, noch nicht einmal ein Tanzbär,
-keinesfalls ein Brummbär. -- -- --
-
-Nur einmal in der Woche treffen wir uns nun im Café Josty am Zoo, wir
-wollen keine Kaffern mehr sein. Auf einer Erhöhung sitzen wir an zwei
-Tischen, und Sonnabend halten wir Geheimsitzung. (Unter Diskretion
-bitte.) Wir wollen Herrn Café-des-Westens zwingen, sich zu entleiben,
-ich schlage vor, mit dem Cafélöffel. Bitte, hochverehrter Sire, kommen
-Sie doch unverhofft einmal, aber machen Sie sich keine Illusionen. Wir
-sind ganz leise und flüstern, scheint's, nur so von Mund zu Mund, lauter
-Spielereien. Wäre doch einmal nur einer größenwahnsinnig. Hysterisch
-sind nur Dilettanten. Manchmal aber reißt einer unseres Stamms
-schnaubend die Türe des Cafés Josty um Mitternacht auf, den Tubutsch im
-Gewande. Doch unsere größte Überraschung bleibt, wenn unser Sänger
-kommt, der Dresdener Hofopernsänger Franz Lindner. Aus der Liedertafel
-holte ihn mein Heimatfreund Paul Zech. Noch sitzt überfließender Tenor
-in seiner Kehle, er muß uns den Rest weich über den Tisch herüber
-singen. Dann kommt eine innige Freude des Beisammenseins über uns, denn
-wir Künstler sind Kinder.
-
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- Marie Böhm
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-Ecke Französische und Charlotten-Straße lachen aus einem der Glaskästen
-schöne, weiße Zähne, zwischen frischen Lippen in Mädchengesichtern.
-Manche von den jungen Schauspielerinnen offenbaren ihre ureigene
-Begabung, denn ihre Perlmutterhecken sind gar nicht erschaffen, am Abend
-hinter zuckenden Lippen versteckt zu schimmern. Über dem Atelier von
-Marie Böhm scheint auch der Himmel zu heiter; die wundervolle
-Photographin kann nicht genug Vorhänge über die Sonne ziehen, die macht
-immerfort ein freundliches Gesicht. Marie Böhm ist die Eigentümerin des
-kunstphotographischen Ateliers Becker und Maaß. Man kann sich ohne
-Gefahr vor Entstellung vor ihren Apparat begeben. Marie Böhm weiß im
-richtigen Augenblick den Blick vom Auge zu nehmen. »Der nichtssagendste,
-ausdrucksloseste Mensch hat einen Augenblick, den muß man eben
-festhalten.« Ihre lieben, blauen Augen strahlen, als sie das antwortet.
-Ich verstecke mich unter einem Tisch hinter langen Laubgewächsen, um aus
-meiner Froschperspektive einige Aufnahmen zu beobachten. Daß das nicht
-angehe, meint Fräulein Böhm -- schon naht das Brautpaar, ich rufe ihr
-aus meiner Lage zerstreut zu, sie soll sagen -- im Fall -- ich bin Arzt
-und interessiere mich für neuartige Operationen. Diese Ideenverwirrung
-stammt von meinem Vater her, er verwechselte immer das Zahnziehen mit
-dem Photographierenlassen. Beides hat so was mit dem Herausholen zu tun
--- und -- »der eine Augenblick«. Marie Böhm aber hat keine Zange in der
-Hand. Bräutigamundbrautumschlungen sitzen die beiden auf der Bank und
-drehen ihr den Rücken zu; ihre Gesichter blicken sich auf einmal nach
-etwas um. Ob sie mich quaken hören! -- »Danke!« Zweite Aufnahme. -- Für
-die Photographien müßte es auch eine Welt geben aus gediegenem
-Silberoxyd im Krinolin. Das Album ist aus der Mode gekommen, darin sich
-das photographierte Onkeltantengeschlecht zum Aufblättern befand; es
-stirbt nicht aus. In Schalen liegen all die Pietäten, Frauen, die sich
-auch schon Löckchen drehten. Nun sind unsere Kleidersäcke zugebunden.
-Auf den spätverwandten Bildern stehen die Röcke weit in Runden. Ihre
-Augen aufgetan in Todesangst -- den Augenblick zu greifen, heute hascht
-ihn die Photographie wie einen Schmetterling vom zwanglosen
-Sichgehenlassen. Und gerade meine liebe Marie Böhm ist eine so große
-Photographin -- sie photographiert auch ohne Apparat gerade mitten in
-der Sonne mit geschlossenen Augen, wie der Maler malt ohne Pinsel im
-Spazierengehen, im Anblick, im Nachsinnen. Wenn ich ihr gegenüber sitze,
-wartet sie auf die Falte zwischen meinen Brauen.
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- Der Alpenkönig und der Menschenfeind
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-Wer den Kulissenmantel des Alpenkönigs trug, vernahm ich beim ersten Ton
-der Rauschestimme. Albert Heine, der Herodes, ist zu viel für diese
-Papiermaché-Rolle. Ich habe vergessen, mir einen Theaterzettel zu
-kaufen, außerdem sitze ich vor einer Säule und vor dieser pflanzt sich
-wild ein Herr auf mit einem Wasserkopf. Aber auch die übergroße
-Vegetation, die mir den Blick zur Bühne hemmt, vermag keineswegs meine
-Stimmung zu trüben, ich kam, um von dem romantisch-komischen Märchen
-Honig aus goldgeblümter Heiterkeit zu naschen. An meine Nachbarin mit
-dem künstlichen Busen wende ich mich mit behutsamer Frage, ich erfahre:
-Hinter den ältlichen Stirnfalten des Menschenfeindes verbirgt sich der
-Direktor selbst -- Carl Meinhard. Es ist fast nicht zu glauben, gestern
-hörte ich ihn noch lachen im Café des Westens wie ein Achtzehnjähriger,
-und vorigen Winter trug er eine Knabenpelzmütze, die stand ihm (es
-gehört zwar nicht hierher) hervorragend. Nun steigt er aus dem
-Altbrunnen, ein greiser, grotesker Wolf (Bastard) -- man erkennt ihn
-nicht wieder; und doch ist es Carl Meinhard, der Fagottspieler unter den
-Darstellern, er spielt heute abend die grimmige Polka seiner Rolle mit
-Meisterfertigkeit. -- In der Reihenfolge den Inhalt des
-romantisch-komischen Märchens zu erzählen, möchte ich dem Leser
-vorenthalten; selbst hören und sehen! Selbst ins Berliner Theater gehen.
-Ich hole nur die Hauptgestalten, die mir so sehr gefallen haben, hinter
-dem Vorhang hervor und stelle sie auf meine Hand, eine Miniaturbühne,
-ich, die Regisseurin aus Privatvergnügen. Rappelkopf, der reiche
-Gutsbesitzer (Carl Meinhard), sein Bedienter Habakuk (Oskar Sabo) und
-du, Josefine Dora, wo steckst du? Mögen die Leute denken, was sie
-wollen. Du singst ja selbst: Aber er denkt ... Habakuk, der Bediente des
-Herrn Rappelkopf, erinnert mich leise daran, daß er zwei Jahre in Paris
-gewesen ist, nichtsdestoweniger verleugnet sein Radieschengesicht
-»Läutemichels« berühmte Gemüsegärten. Er, ein dienernder Ungeschickter,
-ein tragischer August im allerkünstlerischsten Unsinn. Zwei Jahre war er
-in Paris gewesen. Das hebt ihn in den Augen des Personals vom Souterrain
-bis in den Salon der Herrschaft. Dieser soll das bedeutungsvolle Motto
-eine zarte Mahnung sein, für ihn selbst wird es zum Schild seines
-untergebenen Joches. Er war zwei Jahre in Paris gewesen, das macht
-Habakuk keck und überlegen und bringt wie eine Zauberformel einigen
-Glanz über seinen Dieneralltag. Jäh wird ihm der Spruch vor der
-dürftigen Kammer seines Herzens gestrichen, er darf nicht mehr seinen
-Lippen hochmütig entschlüpfen, sein menschenfeindlicher Herr, zweiter
-Teil, hat es ihm verboten. Der Alpenkönig nämlich hat sich, um den
-Menschenfeind von seinem Wahn zu befreien, in dessen Gestalt und
-Wutausbrüche verwandelt. Und heimlich vertraut sich der stumme Bediente
-dem gemütlichen Onkel an, arglos dem wirklichen menschenfeindlichen
-Rappelkopf, der in seinem eigenen Hause im verträglichen Wesen des
-Onkels porträttreu zu Gast weilen muß. In keinem üblichen Brief, keiner
-knisternden Zeitung, in keiner unerwarteten Depesche steht es
-geschrieben, aber auf dem riesengroßen Taschentuch Habakuks,
-ehrfurchtsvoll seiner Hosentasche entzogen. Wir lesen es alle: er war
-zwei Jahre in Paris gewesen -- und der mitleidige Onkel gestattet es
-ihm, herauszuschreien -- endlos -- endlich. Es kommt der erlösende
-Augenblick: Ich war zwei Jahre in Paris gewesen! Das macht ihm niemand
-nach, ich kann den Humor nicht schildern, es ist nicht nachzulachen.
-Tröste dich Habakuk, beraubte Dienerseele, ich war auch gewesen, ich war
-sechs Jahre in »Konstantinopel« gewesen -- ich möchte es jedem an den
-glorreichen Kopf werfen, jedem in seine dicke Stirn schneiden -- wer's
-glaubt wird selig. Um Himmels willen, Liesl (Josefine Dora) hörst du
-denn nicht, dein Herr ruft nach dir. Rappelkopf hat sämtliche Möbel
-zerschmettert. Das Liesl wagt sich mit Todesverachtung, wackelnd mit dem
-allerwertesten Vollmond in des Menschenfeinds Gemach -- »aber er denkt«
--- Sie muß immer wieder das Lied singen mit dem Refrain: Bassab, »aber
-er denkt« -- und immer bassiger und spaßiger: aber er denkt ...
-
-Der Beifall will nicht enden. Ich stürme noch einmal in Mantel und Hut
-auf meinen Platz zurück.
-
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- Egon Adler
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- Seinem Vater zur Widmung
-
-Meine Spelunke verwandelt sich zum türkischen Café, wenn er und ich
-zusammen Zigaretten rauchen und wir von den Wänden für unsere Häupter
-die beiden Fez herunterholen, die auf die Griffe meiner Dolche gestülpt
-sind.
-
-Einer der Söhne des gefangenen Abdul Hamid, der begabteste jedenfalls,
-ist der Maler und zur Mokkastunde der Gast meiner Palastspelunke. Wir
-sprechen (in der Zeit der Abendhimmel alle seine goldenen Bilder aufs
-Dach stellt) von roten, blauen, grünen und lila Dingen. Ich rate Egon
-Adler: »Sie müssen immer nur Ihr Selbstbildnis malen.«
-
-Er ist so ganz Eigen, ganz Sich, und sein Herz in einem Rahmen. Aber in
-seinem Herzen liegt sein jungverstorbener Bruder begraben, und innige
-Gestalt schafft des Malers Hand, wenn der Engel seiner Erinnerung
-aufersteht.
-
-Zwischen den Farben liegt er dann plötzlich -- Stern zwischen Zinnober
-und Marin auf der Palette für die großen Pinsel. Alle Bilder Egon Adlers
-sind Spiele, sind süß, haben großgeöffnete Augen, sind ganz in Gottes
-Vaterhand und rufen.
-
-Sein Mariengemälde holte ich mir aus einer dunklen Ecke des
-Ausstellungssaals ans Licht: »Träume, säume Marienmädchen, überall bläst
-der Rosenwind die schwarzen Sterne aus; wiege im Arme dein Seelchen --
-alle Kinder kommen auf Lämmern zottehotte geritten, Gottlingchen sehen
-und die schönen Schimmerblumen und den großen Himmel da im kurzen
-Blaukleide.«
-
- * * * * *
-
-Aber auch die drei Könige sind gekommen; einer sitzt auf des anderen
-Schulter, der höchste trägt ein Krönchen, ist des Malers Bruder und will
-Mariens heiliges Spielzeug haben.
-
-Auf Egon Adlers unvergleichlichem Schöpfungsbilde steht sein Brüderchen
-verzaubert als Mantelkranich mitten auf der Wiese und macht den frechen,
-kleinen Vögeln bange. Als Reiter reitet er auf dem langausschreitenden
-Reiterpferd durch den Wald über die Wege aus bunten Fahnenstreifen.
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-Immer muß Egon Adler die Geschichte des unvergeßlichen Bruders in Farben
-erzählen, der ist der Memed seines Mohammedherzens.
-
-Hinter den Paradiesbäumen, in den Schornstein seiner Stadtbilder,
-überall hat sich der kleine Bruder versteckt; er ist es, der den
-Glorienschein um die Heiligenlocken der Jüngergestalten seines älteren,
-malenden Bruders anzündet.
-
-Das sich wiegende Blatt der Palme, auf dem Treibhausgemälde ist der
-Kleine, seine Seele leuchtet im Stein des Ringes am Finger des
-japanischen Schauspielers.
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-Elfjährige Kinderaugen gucken unter der Stirn des Selbstbildnisses von
-Egon Adler und erhöhen es zum Selbstantlitz. Und in den Wolken tummelt
-er sich als Mond.
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-Ewig ist Egon Adlers Malerei, ein Engel lebt in seinem Herzen und hängt
-seinen Schöpfungen Flügel an.
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-
- Ein Amen
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-Einmal, als ich sie besuchte, malte jemand ihre Hand -- eine schmale
-Dolde am Ast, eine Seele, die blühte. Ellen Neustädter spielt nicht zur
-Schau; ihr Spiel ist eine tiefe Dichtung. Die Bühne fängt die
-Geschehnisse ihres Herzens auf und reicht sie dem Besucher, ein
-vielköpfiges Ganzes. Sie gibt dem Gemach oder der Landschaft die Farbe,
-und ihr Odem ist überall. Die Damen vom künstlerischen Theater in Moskau
-könnten ihre Schwestern sein; die haben allerdings ihre Partner, ihre
-Zugehörigkeit. Ellen Neustädter hat nur einen gleichwertigen Bruder in
-Berlin: Oskar Sauer. Warum trennt man das rechtmäßige Spielerpaar? Klein
-Eyolfs Eltern sind sie. Schwere, hehre Paradiesstimmung, düstere Ernte.
-Eine Engeline: Ellen Neustädter; der Erzengel unter den Schauspielern
-ist Oskar Sauer. Was ihre Lippen bringen, ist Kunst aus Segen gewölbt.
-Sein Spiel straft, ihr Spiel belohnt; ist ihr Wesen aus Glas, sein Wort
-aus Stahl. Immer erzwingt die Gabe der beiden Wunderkünstler
-ehrfürchtige Anbetung. Es schneite draußen weiße Sterne. Oskar Sauer war
-seinen Leiden erlegen in »Nora«. Stand noch lange nach Schluß der
-Vorstellung am Theatertor -- ich bildete mir ein, er sei wirklich
-gestorben. Auch heute wagte ich mich nicht stürmisch zu begeistern.
-Ellen Neustädters Seele ist eine zagende Dolde. Durch die lange
-Theaterabendstraße ging ich auf Zehen heimwärts, denn mein Herz träumte
-noch. Genial ist das Unantastbare, Erzengel ist alles Genie, es erlöst
-vom Täglichen, bringt Verlorenheit und Seligkeit zugleich.
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- Wenn mein Herz gesund wär --
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- Kinematographisches
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- In Verehrung für _Ludwig Kainer_
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-Wenn mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging
-ich in den Kientopp und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als
-ob ich das große Los gewonnen hab' und noch nicht ausbezahlt bin, oder
-auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab' und keinen Stall
-»umsonst« auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein
-Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um
-sich selbst wie bei den Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in
-verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder
-einen Jux. Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert
-die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch und
-macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles an; ich will
-nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht klopfen würde!
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-Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht allein unten jeden
-Freitag und Sonnabend, jedes Stäubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch
-an den anderen Wochentagen, denn ich wohne zwischen Haus und Haus und
-muß die Brutalität aller Höfe ertragen. Ich sitze immer bei
-geschlossenen Fenstern und werde gar nichts von dem Sommer haben;
-ausgehen kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe
-Schulden. Dabei zieht's, wenn ich die Türen rechts und links und hinter
-mir auflasse. Ich trage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich
-abends wo eingeladen bin, überkommt mich eine furchtbare Angst, ich
-könnte anfangen zu miauen. Ich hab' gar keine Lust zum Leben mehr, wenn
-noch die Menschen gerne meine Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest,
-der soll mir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich muß nämlich
-wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit man nicht über mich
-ausrutscht. Ich habe dann immer so eine Langeweile in der Badewanne, und
-lese gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen schlechte Kritiken
-ärgern! Man hat doch sofort jemand gern, der einem schöne Worte
-schreibt. Es gibt wirklich sympathische Geschöpfe auf der Welt. Ich kann
-nur Weißgesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht.
-Darum nehme ich mir auch nur schwarze Mägde und Diener. Ich habe zwei
-Neger und zwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling kommt manchmal nach
-Berlin und tritt dort mit seiner Truppe im Chât noir auf. Tecofi fragt
-mich, wenn sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir auf dem Balkon
-wohnen könne. Ich hab' nichts dagegen. Mein Somalineger ist
-königlicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden.
-Manchmal schickt er mir ein paar abgezogene Hammel, die kommen als
-Hautgoutragout hier an. Osmann, mein jüngerer Neger, sieht aus, wie ein
-sinnender Gorilla im Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich zu schauen,
-aber man muß ihn in Ruhe lassen; seit kurzem pfeif' ich auch nicht mehr,
-wenn er jemandem den Kopf abbeißen soll, er ist zu schade, zu wertvoll,
-um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige
-Mädchen, sie sind angestellt von mir, die Fäden meiner Logik zu suchen,
-die Logik meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die ganze
-Nacht, ich fürchte, sie werden sich einmal in einem Augenblick an meinem
-Leidfaden aufhängen. Das muß man in Kauf nehmen, dunkle Leute sind
-schlechte Spürhunde, sie können nichts finden in der Nacht ihrer Haut.
-Halloh, was tät' ich, wenn mein Herz gesund wär? Habe ich denn ein Herz
-oder wenigstens sowas Ähnliches? Bei dieser Einlage im Programm muß ich
-weinen -- gut, daß es Nußstangen gibt, die trösten, auch die Pfefferminz
-in Holzschächtelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz aus Fleisch und
-Blut ist, rissig sind seine Wände; es hat weniger Augenblickswert als
-Ewigkeitswert, darum bin ich vollständig unbrauchbar für den
-Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant für den Forscher. Immer
-klingelt es in den effektvollsten Stellen. »Hier 35, 24 wer dort?«
-»Doktor Nikito Ambrosia, sind Sie Else Lasker-Schüler?« »Leider.«
-»Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, meine Dame, ich frage Sie
-an, ganz ergebenst, würden Sie ein Engagement am Wintergarten annehmen,
-monatlich mit einer Gage von 10000 Mark? das macht im Jahr rund 100000
-Mark?« »Sie spaßen wohl, Herr, es ist doch nicht üblich, am Varieté
-länger, als einen Monat die Artisten zu beschäftigen.« »Aber, uns liegt
-daran, meine Gnädigste, Sie an unser Varieté zu fesseln.« »Es handelt
-sich wohl um meine arabische Szene, Herr Dr. Ambrosius?« »Ganz recht! Da
-Sie hoch zu Kamel über Theben sitzen.« »Herr, ich kenne Sie, so einen
-ungeschminkten Baß gibt es nicht am Varieté. Sie sind Professor Gellert,
-der letzte Hohenzollerndämmer.« Schluß! Mein Brief: Herzallerliebster in
-Adrianopel! Er fragte mich nämlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet
-mich, ihn nicht zu belügen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur Lyrik
-geben, (er ist Dichter), »ich liebe ihn also! Basta!« Könnte ich doch
-auch ein bißchen nach der Türkei, zumal meine Vorfahren alle in Sänften
-getragen wurden. Das Gehen wird mir darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen
-schon erkaltet sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein Herz gesund
-wär, was tät' ich dann? Einen Augenblick bitte! Ich würde mich
-pudelnackt ausziehen und mich in ein Süßwasser werfen, wo die sanften
-Fische leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich ging nach
-dem Südpol und wärmte mich mal ganz tüchtig ein, oder ich ließ
-jedenfalls in der Eiszone einen Anthrazitofen setzen. Was soll ich
-_noch_ machen? Ich blieb gerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den
-Sternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist es nicht himmelschade,
-daß mein Herz nicht gesund ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten,
-namentlich die Neurosen. Alle Krankheiten kommen von oben. Hier unten
-ist es ganz nett. Darum stürzen auch so viele Aviatiker vom Himmel
-herab; das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen sie alle,
-je höher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen. Wie die Aviatiker
-aussehn: Wie die Vögel, ihre Nasen sind Schnäbel, und die Köpfe strecken
-sie in die Höhe. Ein neues Menschengeschlecht. Einmal aß mit mir ein
-Luftsegler zu Mittag, der hackte wie ein Habicht am Fleisch herum, riß
-am Schnitzel wie ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche Katharine von
-Armignac ist die erste Aviatikerin der Welt. Im Uniontheater der
-Luftschiffahrtausstellung am Zoo fliegen sie alle. Ich kann umsonst
-zusehen, ich versprach über alles zu schreiben. Ich hab' kein Geld, aber
-darum kann ich mich doch nicht von der Welt abschließen. Und soll sogar
-die Regierung in Theben übernehmen, ich regiere sogar schon _pro forma_.
-Die Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Fixe Idee ist was
-Natürliches: Natur, die das Gesetz zum Sklaven macht. Ich bin der Prinz
-von Theben. Nur Kaiser Wilhelm kann mir in Deutschland nachfühlen, was
-Regieren heißt. Ich habe dabei ein bunt' Volk. Nachts liege ich auf dem
-Dach, und bei Tage sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin für
-alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor Ungewißheit, es meint,
-ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge
-nichts -- nur Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack habe,
-künstlerischen Sinn habe; meine Rede ans Volk bedient sich nicht des
-Punktes, weil ich mich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen
-mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin einig mit mir, aus Diplomatie,
-weil sich mein Volk an mich halten muß. Ich denke nur viel, sehr arg,
-unmittelbar, ich lasse alle meine Gedanken ganz nah an mich herankommen,
-damit sie das Fürchten verlernen. Wenn ich nur nicht schon in der Frühe
-von so vielen muselmännischen Barbieren gestört würde, die mich
-tätowieren wollen, von abendländischen Malern, die mich porträtieren
-wollen. Nachts werde ich immer im Schlummer auf meinem Dach gestört von
-meinen Paschas, die vor Begeisterung meines Regierungsantritts nicht
-ruhen können. Sie haben immer in der Audienz, die ich ihnen erteilte,
-eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als
-regierender Prinz in Theben gewählt bin, bewegen sich viele Ehrgeizige
-in derselben Tracht und Gebärde in den Straßen der Stadt, die mir zu
-gleichen trachten. Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst,
-eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst und die Musik. Die
-Epigonie aber ist eine Tätigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie
-die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch -- zwar hab' ich
-selbst einen -- aber er ist nie ganz gewesen. Heute Nacht, da meine
-Neger schliefen, erbrachen die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu
-meinem Dache führt, wegen der Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch im
-Profil (Seite steht mir besser wie _en face_), im Turban und
-Regierungsmantel photographiert in allen Farben; auf allen Posten meiner
-Stadt verbreitet man Mich Allerhöchst.
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- Der Eisenbahnräuber
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-Vielleicht gehe ich selbst noch einmal in den Schwank, sein Humor hat
-doppelte Lebenskraft, man kann sich zweimal totlachen. Es fällt mir gar
-nicht ein, den Inhalt des kleinen Lustspiels zu verraten, nur möchte ich
-seinen famosen Darstellern für den schönen Abend und vor allen Dingen
-dem Autor Fritz Gräbert für den lustigen Streich danken. Arthur Winckler
-spielte den ehemaligen Bäckermeister August Pickenbach mit Rosinen und
-Korinthen und allen außergewöhnlichen Zutaten. Emmy Dittmar, allerdings
-eine Schulreiterin, in die man sich verlieben kann. Frau Meyer (Rosa
-Schäffel), man soll sich noch so eine gute Wirtin suchen! Es war ein
-lachendes Zusammenspiel, ein Tanz, leichtfüßig, ein Walzer: An der
-blauen Donau, wenn auch der erste Aufzug in Ostende an der Nordsee
-spielt und der Herr Rentier Bäckermeister Pickenbach auf berlinisch mir
-und mich der neuen Bekanntschaft beim Sekt sein Mehlherz ausschüttet.
-Man kommt nicht aus dem Lachen heraus, der traurigen Jungfrau
-Sentimentalität ist der Eintritt verboten, der Autor hat die banale
-Tochter zu Hause gelassen, er ironisiert selbst den Kuß. Er mag nicht
-eines Kusses wegen einen Augenblick Lachen einbüßen. »Skool!« ruft mein
-Nachbar. Er ist Schwede. Ein Liebespaar, zwei Turteltauben, stehn doch
-sonst immerwo im dritten Akt, gefüllt oder ungefüllt, am Nischenfenster
-und girren im frischesten Lustspiel geheuchelte Sehnsucht. Meine Angst
-war also hier vergebens. Und mich belustigt ungestört der ungeschlachte,
-wollige Liebhaber Maler Hans Wegemann (Carl Wessel), es blieb ihm jedes
-Wort im Hals stecken, bis er zum beißenden Hammel ausreifte unter der
-Leitung seiner Backfischbraut Marie, der Tochter Pickenbachs (Grete
-Kroll). Die vielen Hände, die einen Wirbel klatschten, waren nicht zu
-übersehen.
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- Im neopathetischen Kabarett
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-Tausend und Einer. Ich habe mich nicht verzählt, las auch, während ich
-die Köpfe zählte, Armin Wassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich
-und herb, reich und superbe ist seine Sprache; dazu sein
-schwärmerisches, knabenhaftes Savoyardengesicht! -- Ich suche nach einem
-Stuhl, der im Verborgenen blüht -- endlich finde ich so ein Veilchen
-abseits am Tapetenrand; ich setze mich. Meine Tänzerin Zobeïde, die sehr
-neugierig auf das Kabarett der Neopathetik ist, ruht schon lange müde
-zwischen weißen, lilagelben, roten und himmelblauen Mädchen; ein Dichter
-mit Honiglippen und zwei Augen, naschhafte Bienen, als einziger Tasso
-neben ihr und ihren bräutlichen Schwestern. Es betritt jemand den Ölberg
-des Saals und predigt über Kunst. Der Vortrag ist geistvoll, wenn man
-sich auch durch Mimik und Brille in die Schule zurückversetzt glaubt.
-Noch immer höre ich keine Gedichte von mir -- warum lud man mich ein,
-zumal ich keineswegs objektiv bin? Auf einmal flattert ein Rabe auf, ein
-schwarzschillernder Kopf blickt finster über die Brüstung des Lesepults.
-Jakob van Hoddis. Er spricht seine kurzen Verse trotzig und strotzend,
-die sind so blank geprägt, man könnte sie ihm stehlen. Vierreiher --
-Inschriften; rund herum müßten sie auf Talern geschrieben stehn in einem
-Sozialdichterstaat. Ich muß immer ans Geld denken; wie man so
-runterkommt -- wenn Zobeïde, meine Tänzerin, ein Portemonnaie bei sich
-hätte, würde ich zu der Menschenhitze ein Glas Limonade trinken. Ich
-höre, wie ein Vortragender mit triumphierendem Gesicht Stefan Georges
-Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet. Das muß ich widerlegen. Stefan
-Georges Gedichte wandeln allerdings, ohne müde zu werden; nicht bunte
-Karawanen über Sandwege; aus ihnen weht die Kühle endloser Prozessionen
-zwischen frommen Schlössern und himmelhohen Domen. Die Orthographie der
-Georgeverse erinnert in ihrer Gleichtönigkeit leicht an englische
-Sonntagsruhe. War's das, lieber Vortragender? Gern hätte ich die Rede
-von Kurt Hiller, dem Präsidenten des neopathetischen Kabaretts, gehört.
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-Zobeïde, meine Tänzerin, will noch nicht mit nach Hause kommen.
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- Kabarett Nachtlicht -- Wien
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- Der lieben Malerin _Lene Kainer_
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-Die Straßen enden in Rundungen, tanzumschlingende Arme. Wir wandeln wie
-in einem endlosen Saal durch Wien. Es ist Nacht -- die Mondkrone mit den
-vielen tausend Sternenkerzen brennt lustig über der Stadt der Walzer.
-Aber nur wenige Menschen begegnen uns, vom Vergnügen kehren die letzten
-heim, und ihre Gedanken drehen sich noch mit den blauen Donauklängen
-leichtfüßig über das spiegelblanke Leben. Aber die Wiener sind höflich
-gegen ihre Fremdlinge (wir suchen nämlich das Kabarett Nachtlicht), noch
-im Tanztaumel besinnen sie sich nach dem entferntesten Winkel, begleiten
-sogar den Suchenden bis an Ort und Stelle. Da steht's ja: »Kabarett
-Nachtlicht« -- Erich Mühsam trägt gerade seine »Amanda« vor. Er sieht
-noch lebenslässiger aus, wie in Berlin. Zwar sitzt sein Rock heute ohne
-Tadel, und seine Mähne, löwengelb, ist gepflegter wie an der Spree. Aber
-er bangt sich nach Ruhe, und auch die Jungfern seiner Verse mit dem
-nächtlichen unrechtlichen Geschick sind müde, sich hier weiter zu
-produzieren. »Ein Kunststück, seien Sie mal Schlußnummer -- komme erst
-um 5 Uhr morgens in die Klappe.« Nichtsdestoweniger will er uns noch ins
-Kasino begleiten. Dort tanzt eine schwarze Blondine, »Spaniens Madonna«,
-sagt Peter Altenberg im Vorübergehen. Er ist im Begriff, gestützt auf
-seinen Knüppelstock, das Kabarett zu verlassen -- ihm folgt die kleine
-Künstlergesellschaft.
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-Am anderen Abend sind wir zeitiger da. Es treten uns einige von den
-Mitwirkenden entgegen: Jener mit dem Monokle im Auge kommt mir bekannt
-vor. »Gewiß, Frau Lasker-Schüler, wir haben uns schon oft im Café
-Kurfürstendamm in Berlin gesehen.« Er ist Roda Roda, der humoristische
-Schriftsteller. In eine der kleinen Logen setzen wir uns, seine
-scharmanten Humoresken zu hören. Das Publikum applaudiert, bevor er
-beginnt; es weiß, nun gibt's was zu lachen. Im Kakaduton schäkert er mit
-ihnen wie mit einer Schar hörlustiger Kinder. Junge und alte
-Geschäftsleute, kleine Mädchen, Damen der Gesellschaft, Offiziere,
-selbst die Erzherzöge kommen, das Nachtlicht morgens auszublasen. In
-einer Rumpelkammer spinnwebgrau sitzen wir, unwillkürlich sucht man nach
-allerlei altmodischem Gerümpel. Bestaubte Figuren und Porträts, näher
-betrachtet von neuen Künstlern ausgeführt, hängen an den Wänden, und auf
-der Konsole über dem blonden Kopf eines Leutnants steht die Statuette
-von Madame Delvard, der Scharfrichterin. Sie ist die einzige, die den
-elf Scharfrichtern in München zur Hand ging. »Ich werde extra einige
-Chansons für Sie singen.« Sie spricht zu mir -- ich liebe ihre graziöse
-Stimme, dunkler vergrößern sich ihre graublauen Augen zwischen
-zitternden Lidern. Ihre Nervosität duftet. Sie ist eine erwachte
-Klimtblume aus dem magischen Farbentraum des Meisters. Blasse Lichtchen
-werfen einen Schleier auf ihre beringten Hände, die schlaff herabhängen
-an ihrem überschlanken Samtstengelleib, wie weiße tauschimmernde
-Blätter. Und Wedekinds rotäugige Straßenlieder singt sie mit der
-Schüchternheit eines Kindes. So leicht kommt sie nicht von der Bühne
-herunter: ein Lied und immer noch eins -- »Der Bauer wollt' fahren ins
-Heu!« Unwiderruflich das letzte -- aber sie singt es mit frischer Kraft,
-sie singt es bedeutend, stößt es von sich, wie aufschießende Saat. Da
-steht keine ätherische Prinzessin mehr im Lichtschaum; Acker liegt unter
-ihrer Zunge, Peter Altenberg nickt zustimmend und setzt sich neben mich
-in die kleine Loge. Monsieur Henry, Madame Delvards Gatte, begleitet
-ihre Lieder am Klavier, aber auch er ist ein Vortragsmeister. Ich werde
-nie seine Ballade vom »Heiligen Nicolas« vergessen, seine rauschige
-Schwermutsstimme. Monsieur Henry ist der gewandteste unter den blutigen
-Elfen in München gewesen, und ein Kavalier ersten Ranges. Wir wollen uns
-wieder vom Zuschauerraum an den Künstlertisch zurückziehen; doch Peter
-Altenberg hält mich auf meinem Platz zurück. »Das Meißnerfigürchen
-müssen Sie noch sehen und die drei Handwerksburschen.« Sie stehen schon
-auf der Bühne in altfränkischen, goldknöpfigen Röcken, die Mützen
-geschmückt mit Eichenlaub. Ihr Wanderlied beglückt mich ebenso immer
-wieder wie meinen Nachbar. Er ist nächtlich Gast des Kabaretts; die
-Umgebung dieser Künstlerkinder tut ihm wohl, der Aufenthalt auf der
-kleinen Künstlerinsel unter dem guten grünlich flackernden
-Miniaturstern. Ein kostbares Spitzengewebe ist seine Seele, jedes
-holprige Wort bleibt in ihren Seidenmassen hängen. Aber wen der gute
-Blick seines Schelmenauges trifft, der möchte ihn wohl ergreifen können
-und in ein Enveloppe als Andenken legen. Und sollte er sich nicht ärgern
-über die Breitheit der Menschen -- »nichtsdestoweniger zerstreut es
-mich, nachmittags am Graben im Café zu sitzen und die bunte Bewegung
-anzusehen«. Ich möchte manchmal zu ihm sagen, so ganz unmotiviert:
-»Lieber Peter Altenberg.« -- -- -- Es ist gleich Morgen -- wir wollen
-alle noch einmal Carmen tanzen sehen -- -- und dann lebt wohl, ihr
-lieben Künstler, so ball kemma ma nöt wieda zsamm.
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- Apollotheater
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-Der Kohinoor meines Nachbars tanzt hin und her, macht Sprünge auf seinem
-Zeichenblock wie die Clowns dort auf dem Rade. Jetzt nascht er von der
-Chansonette im honiggelben Frack. Einige von den Umrissen leben auf dem
-weißen Untergrund, neckisch, eckig hingeworfen, namentlich der eine von
-der Clowniade ist _very fine_ getroffen. Ein Klatschwirbel holt _the
-english artist_ auf die Bühne zurück. Was ist mit ihm geschehen! Seine
-Stirn nach allen Richtungen hin zur Unförmigkeit aufgedunsen. Zweifellos
-hat er die englische Krankheit mit herüber gebracht. Es gibt keinen
-Spaß, den der nicht da gedacht hat, und ich muß ehrlich auch in diesem
-Essay gestehen, es kommt nun noch dazu, daß ich die Brüder aus London
-besonders mag, »ich hab' noch nie so gelacht wie heute!« Der Kohinoor
-meines Nachbars lauscht zugespitzt; die zwei ehrwürdigen
-Bordellmatronenwirtinnen vor mir erinnern sich gegenseitig ihres Amtes.
-Geliebter und Geliebtin blicken sich zu in der Loge wie die schillernden
-Demi-Monde auf dem Vorhang, der sich weltenseufzend spaltet und das
-Gemach der Sultana enthüllt. Nackte Frauen steigen (obere, kleine Bühne)
-aus ihrem Brunnenbade wie im wirklichen Harem eines Sultans. Am Fuß der
-Treppe, die zum eigentlichen Gemach der Herrin führt, wacht der Wächter
-armverschränkt. Endlich nahen die erfrischten Schönen, aber ihre Haare
-duften nicht nach Pharaonenblüten, auch sind ihre Glieder keineswegs
-ungelöste Geheimnisse. Und statt Sultana betritt Frau Betty das Gemach,
-die Freundin des amüsanten Frauendoktors, ihres wohlsituierten Mannes
-treue Tennispartnerin. Sie liest auch Romane -- -- schwüle mit
-Betthimmelpointen und Daunenliederbordüren, und ich fürchte, daß die
-Halbmonde der Dekoration vor Begierde rein zu Glotzmonden werden. Die
-Freundinnen beginnen endlich, indes Sultana ihren Leib dem Divan und
-dem Kissen gibt, mit ihren Tauchtänzen (kein Druckfehler),
-Schleier-Eiertänzen, man vernimmt Arm- und Beingegackel. Der Wächter
-tritt vor, er ist nicht »Asra«, er schreit nicht ia, furchtbar kracht
-sein Wort, sein Antlitz bleich, sein Turban -- -- Blut. Die Tänzerinnen
-vertanzen in den Keller. Jäh springt Sultana von ihrem Lager auf und
-stößt auf Jargon von sich: »Was willst du von mir, Hund!« Der Sultan,
-dein Gebieter hat es so befohlen. Betty du mußt sterben ... Und deine
-Tändelei hört auf im Mondscheinvorhang. Leise nähert sich der Wächter
-ihrem Ohre, aber Sultana wählt lieber den Tod, als daß sie sich, Sultana
-bleibe stark, dem intriganten Schuften schenken mag. Diese
-temperamentvolle Charakterfeste, warum gastiert sie nicht bei Gebrüder
-Herrnfeld? Die zwei greisen Leopardinnen vor mir schnurren, der Kohinoor
-meines Freundes fällt bleischwer zu Boden. Männer ergreifen auf die
-Gebärde des Wächters erbarmungslos die Geprüfte. Arme schicke Betty,
-tipptopp, peitschensiebenhiebenspaltig! Ob wir paar Geschworene im
-Zuschauerraum auch von deiner Unschuld überzeugt sind -- -- es nützt
-nichts. Markerschütternd verenden deine Hilferufe. Aber in weißen
-Tennisschuhen und weißem Flanellhemd steht die Taube von Gatte am
-Fußende des Ruhebetts. Statt der zunehmenden goldenen Viertel- und
-Halbkugeln -- -- Tapetengeknospe. Wärter: »Sultana« ... und wieder ihr
-Name leise verbettelnd: Ein Tropfen des Turbans klebt auf der
-aufgeschlagenen Seite des Romans.
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-Wie eine Erlösung nun das Konzert auf dem Banjo der _lovely_, _sweet_
-Miß, ihr Spiel verbreitet hellen, herben Zauber. Und nach ihr der
-musikalische Clown mit der Entennase, er verabreicht kurzweg ein Konzert
-auf den Messingknöpfen eines Schirmständers, ich habe mich in der Zeit
-verliebt in ihn, -- -- -- mein Herz sprach immer schon für einen August,
-über den man sich totlacht. Und Euch sparte ich mir bis zuletzt auf,
-edle, blonde Senora Fornarina, ich möchte Euch etwas besonders Schönes
-sagen, goldene Traube Spaniens.
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- Tigerin, Affe und Kuckuck
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- Tierfabel
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-Zirkus Busch ist in seinem Extrazug von Berlin abgereist. Ich bin zu
-seinem Abschied auf die Bahn gekommen, früh am Morgen; der Komet stand
-noch über der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schulreiterinnen,
-Jongleure, Auguste, der Riese mit dem Zwerg, der große Bär, die
-Elefantin, das Dromedar, der glitzernde Galawagen, alle waren sie im
-Lauf und bald im vollsten Zuge. Noch lange hörte ich das Brüllen der
-Tigerinnen, nie haßte ein Mann so wütend das Weib wie der Bändiger
-dieser gestreiften Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb stehn, trat
-der unerschrockene Sultan in das Gittergemach seiner brüllenden
-Sklavinnen. Er mißbraucht sie nicht zu Kunststücken, läßt er auch die
-Kunstreiterin seiner Tigerinnen durch einen Papierreifen springen.
-Wollust bereitet ihm, seine wutschäumenden Tigerweiber mit Stangen und
-Schüssen bis zur Wutekstase zu reizen und sie zu bezwingen.
-Schschschschschschsch -- sch -- die beiden eleganten Brüder Fillies und
-ihre graziöse Schwester werfen noch einen kurzen Blick auf den Perron,
-der Clown mit der genialen Ungeschicklichkeit verlangt auf idiotisch vom
-Zeitungsträger den »Ulk« -- Sch .... Berlin hat sein größtes Kind eine
-Weile verloren, den Zirkus; wo geht man nun hin, um zuzugucken? Wie ein
-Mensch soll der Affe sich im Wintergarten benehmen. Herr Darwin, der
-Enkel des großen Zoologen, wird mich ins Varieté begleiten. Es ergreift
-ihn, so einen gebildeten Vorfahren seiner Baumzeit zu sehen. Ich bin
-ebenfalls von dem fletschenden Erzurgroßvater entzückt. Ein Gourmet ist
-der greise Herr, keineswegs lebt er von Luft und Erkenntnis. Der
-verwandte Künstler da oben verzehrte ein Menu von Dressel und regalierte
-sich an Heidsieck-Monopol. Mit Verbindlichkeit raucht er die Zigarette,
-die ihm ein Bewunderer verehrte. »Es ist Zeit« noch prüft er die Zeiger
-auf seiner Uhr. -- Ich möchte mich auch in ein solches Prachtbett legen
--- ich bin müde -- die Nacht vorher brachte ich, mich verirrend, in der
-Kolonie Grunewald zu; im Rieselregen auf einer runden Sommerbühne,
-worauf die Gärtner Kiesel legen. Nasse Nacht, kein Komet mehr. Ich war
-trostlos. Plötzlich rief der Kuckuck -- ich bezog es zuerst persönlich,
-aber so unhöflich sind nur die Kuckucksuhren. Dieser da zwischen jungem
-Grün, zwischen April und Mai, ist ein vortragender Künstler, ein
-wundervoller Komiker. Also gibt es wirklich Kuckucke? Ich dachte immer,
-es sei eine Fabel.
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- Im Zirkus
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- Meinem lieben blauen Reiter _Franz
- Marc_ und seiner blauen Reiterin
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-Die junge Reitkünstlerin Miß Ella kehrt in die Manege zurück und schlägt
-die ausgelassensten Purzelbäume. Und dann kommen Paolo, Luigi und
-Alberto, die drei Gigerl, und treiben aneinander Gymnastik mit der
-markigen Beweglichkeit großer Leonahrder Hunde. Vier braune, ungarische
-Pferdeprinzen, deren Haut unter dem Schein der vielen Kristallsterne wie
-Gold glänzt, tanzen mit wilder Anmut und königlicher Grandezza. »Als ob
-sie Musik in den schlanken Waden haben!« sagt mein Begleiter zu mir. Und
-nun das Intermezzo der beiden Clowns. »Er ist mein Bruder,« kreischt
-Aujust, der blöde Aujust, der amüsante Idiot. Wie ein Gänserich
-watschelt er in seinen sackweiten Hosen quer durch die Manege. Fräulein
-Marinka, die sanfte, graziöse Erzieherin auf einem ihrer zwei artigen
-Pferde sitzend -- ringelrangelreihe singen die Geigen -- und ihre beiden
-Zöglinge springen vor Vergnügen. Und wieder ertönt die Musik hoch oben
-vom Zirkus, das sind heiße Carmentöne, walzerartig in rundem Klingen
-geblasen. »Hier ist die Verunstaltung erträglich,« sagt mein Begleiter
-zu mir, »es paßt zum Milieu.« Und immer bunter werden die Klänge ... in
-schimmernde, mattfarbene Stoffe gehüllt kommen reizende Spanierinnen
-geritten und feurige, spanische Kavaliere. Heißer und tollkühner wird
-der tanzende Ritt; die bacchantischen Donnas sausen, wie Feuerstürme
-über den Sand, auf dem Rücken ihrer Zauberrosse liegend -- indessen die
-Senores mit liebenswürdiger Höflichkeit aufrecht zu Pferde, dem Winke
-ihrer Damen harren.
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-Aujust! Aujust! Wo bist de, Aujust? Da steht er ja, versteckt hinter der
-niedrigen Brüstung der Manege und heult in Trompetentönen, daß alle
-Herzen Purzelbäume schlagen und immer höher wächst er, immer höher. »Det
-hat keenen juten Anbejinn und een langet Uffwehen,« quitscht Aujusten
-sein Bruder mit den wulstigen Mehlbacken und der Haardüte auf dem
-spitzen Kopf, indessen Aujust die Manege in Melancholie, langsam wie ein
-wandelnder Turm durchschreitet. »Det Luder ist maschuche jeworden, weil
-der kleine Cohn sinn Vater is!«
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-Schon harren die drei blonden englischen Reiterinnen in blauer Seide;
-_lovely Girls_, drei holde Mädchenenzianen. Hei, wie sie springen,
-herauf und herunter von dem Rücken ihres wiehernden Vogels. Nun trägt er
-sie alle drei über den Sand in tausende Märchen, weithin, in blaue
-Gärten ... Ich entwand meinem Begleiter die weiße Rose, die über seinem
-Herzen blühte. »_Miß here! catch it!_«
-
-10 Minuten Pause!
-
-»Wie gefällt es dir!« »Es ist wie ein blühendes Abenteuer. Es ist, als
-ob ich brausenden, dunklen Wein trinke, und ich vergesse alles was grau
-ist und hinkt. Ich sitze in einem bunten, jauchzenden Schoß, und um ihn
-herum wachsen ragende Gefahren, die aber lustige Kleider tragen.« Wir
-gehen durch die weiten Korridorhallen. Galawagen auf Goldrädern,
-Riesendrachen aus Papiermaché, zusammengeklappte Bretterhäuser, Fässer,
-allerlei Gerümpel, Kostüme mit Silberfransen, Steinen und Perlen liegen
-in übermütiger Unordnung zwischen dem Mobiliar. Wir treten in die Ställe
-ein: da stehen die herrlichen Schimmel mit der silberschimmernden Haut
-und den Seidenschweifen, wie helle Rosen des Frühfrühlings. Und dort die
-finsteren Rappen mit den großen Feueraugen. Eine kleine Treppe führt uns
-abwärts in die Stallungen der Elefanten -- diese grauen, schweren
-Gebäude aus Fleisch und Knochen mit den winzigen Guckaugenfensterchen.
-Als wir wieder auf unseren Plätzen saßen, war die Manege mit eisernen
-Gittern umzäunt. Zwei mächtige Löwen schreiten in den Käfig und hinter
-ihnen die anderen Könige der Kraft. »Nero! Herkules! Agamemnon!
-Odysseus! Hektor! Kambyses! Hierher! Dorthin! Willst du! _Vite, vite!
-Ah, mon cher._« -- und dann wieder im gebrochenen Deutsch: »Aben Sie die
-Güte, mein Freund.« Mademoiselle Claire, du grausamste Braut! Mit
-erhobenem Arm, mit drohender Liebenswürdigkeit beugt sie den Willen
-ihrer grimmigen Sklaven. Ihr weißer Hals lockt wie Süßigkeit, ihr
-blendender Hals, das Ideal ihrer brüllenden Verehrer. »_Ah, messieurs!_
-Hektor, Agamemnon, Kambyses, _dînez s'il vous plaît_.« Und sie tafelt
-ihnen blutende Leckerbissen. Das gierige Brüllen und Knurren dröhnt
-durch die weiten Räume des Zirkus in aufwachsender Wildheit. Hastig eilt
-der Diener herein und wieder heraus aus dem Käfig, Gerätschaften bringt
-er, Kugeln, Stangen, Fässer holend, Stühle und Tische -- aus Gauklern
-besteht die gefährliche Truppe. »Genug, Madame Claire!« Nero muß sich
-noch auf dem Seil produzieren. Gewandt, wie ein Seiltänzer dreht er
-sich, in der Mitte des Seiles angelangt, um sich selbst. »Brav gemacht!«
-Seine Brüder sind schon alle gefangen in der kleinen Nacht ihrer
-Wagenherberge, und er allein liegt noch ausgestreckt, wie im Sande der
-Wüste, und schlummert. »Nero, wache auf! Nero, ich muß bitten« -- aber
-Nero rührt sich nicht, er öffnet zwar seine gelben Augen -- und ihn auf
-den Schultern nach Hause tragend, wie ein müdes Baby, durchschreitet die
-furchtbare Heilige, die heilige Kriegerin, eine Siegerin das Eisentor.
-
-Als der Direktor seine zwei Perserhengste vorführte, sah ich zwischen
-den Tönen der tanzenden Musik noch die grimmige Pranke Agamemnons, die
-nach seiner Schönen ausholte und das schwärmerische Anschmiegen Neros.
-
-Im Eingang der Manege stehen zwei Riesenelefanten, zwei Schulräte an
-Ruhe und Würde. Etliche helle und dunkle Pferdchen springen, fleißige
-Schulbuben hinter einigen größeren Apfelschimmeln, die ernst und
-gravitätisch in der Mitte des Zirkus haltmachen. Aber in fauler
-Gemütsruhe spazieren die kleinen Elefanten herbei, und dann ungeduldig
-die mutwilligen Zebras mit den glänzenden Streifen auf der Haut. Und nun
-laufen sie allesamt in verschiedenem Tempo, als ob sie kanonartig das
-Abc singen.
-
-Tatrata tönen die Trompeten und die Hörner, Reiter und Reiterinnen in
-ziegelroten Tuchanzügen, galoppieren auf ihren schlanken Rennern über
-Zäune und Hecken, dem Edelwild nach, den Hirschen und leichtfüßigen
-Gazellen -- und da läuft ja auch der Aujust in rasender Angst durch den
-weiten Manegeraum und hinter ihm ein Wild mit einer vielästigen
-Geweihkrone. Die Puste jeht Aujusten aus. Er stöhnt, er schreit und
-gestikuliert mit allen Vieren. »Herr Stallmeister, retten Sie mir!!!«
-Und zum Schluß: Mr. Bob, _the little gentleman_, mit seiner kleinen
-sechsjährigen Dame auf dem Pferde ...
-
-Noch in Hut und Mantel stehen die Zuschauer vor ihren Plätzen. -- Es
-kann doch eigentlich noch gar nicht aus sein -- tuuht, tuuht! Über die
-Manege des Zirkus senkt sich schwer von der Decke des Zirkus eine
-Riesenfeuerglocke. Aujust ist durchgebrannt!! Rotumhüllte Clowns, wie in
-Glut gebadet, wandeln knurrend über den Sand, immer auf und ab; die
-Anführer tragen Aujustens Herz aus kariertem Zucker auf einem roten
-Kattunkissen. Aber da steht er ja oben auf dem Olymp: »Aujust, sollst
-mal runter kommen!« schallen tausend Stimmen durcheinander -- aber
-Aujust steht drohend aufgerichtet, seine Nase ist weiß und spitz wie
-eine Nadel, seine Augen sind wutrot aus den Höhlen getreten. Düstere
-Zettel fliegen auf das Publikum. Er streikt, er beansprucht im Namen der
-Clowngesellschaft mit beschränkter Haft erhöhten Lohn -- er droht mit
-juten Witzen. Und mit einem langen Purzelbaum setzt er über unzählige
-Köpfe lachender Hörer hinweg durch eine der Ausgangstüren. -- Die vielen
-Lichter werden trübe, wie müde Augen -- ich und mein Begleiter sind die
-letzten der Aufbrechenden -- der große Zirkus ist ganz allein.
-
-
-
-
- Zirkuspferde
-
-
- Der lieblichen Fürstin _Helle von
- Sontzo_
-
-Der Tempel der Pferde ist der Zirkus, ich meine, jedes Pferd will
-spielen, und das heißt auf die Sprache des Wieherns, beten; alle Tiere
-wollen spielen, aber welche Tieraugen brennen vor Begeisterung so tief
-wie die des Rappen; die Schimmel sind fromme Pilger oder Heilige.
-Päpstinnen, wie Santa Anna, Leo ritt auf ihren unbefleckten, weißen
-Rücken zwischen frommen Hecken seiner päpstlichen Gärten. Ich gehe jeden
-Monat in den großen Zirkustempel Busch, zu jedem Feiertag der Pferde, zu
-ihrem Galadienst. Am liebsten sind mir ihre Feiern ohne vielerlei
-Äußerlichkeiten, wenn sie ungesattelt ohne Reiter oder Reiterinnen sich
-tanzend im Kreise bewegen, ihr eigenes Blut feiern nach Herzenslust.
-Gefallen lasse ich mir die drei Geschwister Fillis im Zirkus Busch, des
-berühmten, französischen Reiters Reitlinge. Die stören den Rhythmus des
-Pferdespiels nicht; ihre Gestalten sind selbst schlankgeweiht dem Ritt.
-Mademoiselle Fillis, die Schwester der beiden jungen Chevaliers ist
-verwachsen, wie ihre Brüder, mit dem Rücken ihres wiehernden Priesters.
--- Mein Vater und meine Mutter ritten durch die Akazienchausseen meiner
-Heimat; meiner Mutter Edelstute wallfahrtet oft durch meine Erinnerung
-und trägt mir dichterische Gedanken zu, und meines Vaters Hengst setzt
-über mein Blut und läßt es aufschäumen. Ich liebe euch, ihr Pferde mit
-den langen Seidenschweifen, Atlas ist eure Haut und feuerfarbener Samt
-eure Augen. Solche Schönheit ist die Frömmigkeit der Pferde, gezüchtet,
-spielfähig und buntgebenedeit. Ich wüßte keine andere Stätte, die den
-Namen Tempel der Pferde verdiente, wie den Zirkus. Etwa der Rennstall?
-Prostituiertes Pferdepriestertum. »Beten« heißt »Spielen« der Pferde und
-gibt es einen lustigeren, weihevolleren Sandtempel, als den Zirkus. --
-Hochmütig ihrer Zucht bewußt, schütteln die Herrenpferde ihre Mähnen,
-kehren verächtlich dem Liebesäugeln einer dreisten Lastpferdin oder
-einer brünstigen Dickschenkelin ihres Pferdevolkes den Rücken. Sie gehen
-keine Mesalliance ein. Glücklich macht mich der Anblick eines Reiters,
-paßt er sich dem Denken seines Trägers an. Wie denkt sein Pferd, sein
-wohlgepflegtes Pferd? Trabweise, sprungweise, gallopierend, immer in
-Gedanken, treu seiner Bewegung. Und das überträgt sich dem Kavalier und
-seiner Dame, Halbpriester der da oben, Halbpriesterin, die auf des
-Pferdes Rücken. Voll Spiellust sind die Füllen; jeden Morgen wartete
-ungeduldig so ein Nimmermüdes auf mich und meine Schulkameradin. Über
-den Zaun auf seine Wiese sprangen wir schulvergessend -- wer von uns
-drei wohl am liebsten Zeck spielte! Darum empfinde ich schmerzlich jede
-Mißhandlung der Karrenpferde. Bang wie Regen fließen die dunklen Lider
-über ihre trüben Augen. Wie denkt so ein Pferd? Kummer bedrückt sein
-Herz und beugt seinen verhärmten Kopf. Manchmal tröstet der Braune den
-Schwarzen oder der Apfelschimmel die müde Apfelschimmelin. -- Wie
-futterfreudig hingegen an ihren fetten Trog denken die markigen
-Erntepferde; an den Seiten des Kopfes tragen sie den blanken
-Messingschmuck. Zwei, vier Kinderhände, vom reichen Schulzen die Buben,
-halten sich an den Strähnen der Mähne des schnaubenden vierbeinigen
-Bauern fest, und einige Plumssäcke liegen auf dem Hinterviertel seines
-stampfenden, drallen Pferdeweibs. Ich liebe euch alle, ihr Pferde, auch
-die Zwergpferdchen aus Gullivers Zwerglande im Zirkus Busch.
-
-
-
-
- Zirkus Busch
-
-
-»Wann fängt es an?« Daß wir nur ganz pünktlich dort sind! Ich will
-lieber den ersten Aufzug einer Theaterpremiere versäumen als die
-Reiterin im Quastensattel. Es hieße eine Erinnerung schießen lassen.
-Erstaunte, großaufgetane Augen bekommt man im Zirkus, und die Lippen
-werden rot und runden sich. Und alle Menschen, die zugucken, sind
-Kinder. Das ist es: Zugucken soll man.
-
-Nach dem Steppenritt -- die liebenswürdige Schulreiterin im blauen
-Tuchkleid; ihr folgen weißbegossene Pudel, zwei Clowns. Beim Müller
-waren sie und wollen nun zum Bäcker in den Ofen. Hinter ihnen hilflos
-der wirkliche August in spitzen, amerikanischen Lackschuhen,
-gentlemanlike gekleidet. Auf einmal öffnet sich der Vorhang der oberen
-kleinen Bühne. An stählernen Recken strecken sich schmiegsame
-Menschenleiber, wie Katzen hin und her auf Samthänden und leisen Füßen.
-Aber unten in der Manege stampfen schon die schwarzen Zigeunerpferde.
-Ich liebe die Pferde. Es sind gestaltgewordene Sagen, Legenden, Märchen
-aus Tausendundeiner Nacht. Wann setzen die wiehernden Paschas über den
-Bankzaun, im Kreis den Sand aufwirbelnd zur Wolke! Ihre Nacken schmückt
-der Halbmond mit dem Stern. Oben vom Gipfel des Zirkus braust ein
-Marsch. Ich hörte ihn schon am Bosporus; Abdul Hamids Sohn hat ihn
-vertont. -- -- --
-
-Die Kristallkronen senken sich majestätisch, der bunte Riesenraum wird
-zu einem Krönungssaal. Die Ringer warten schon vor der Halle. Schlanke
-Königssöhne aus dem Norden, ihre Schultern sind dunkelvergoldet von der
-Mitternachtssonne. Dichtungen werden Wahrheiten. Johannes Josefsson, ein
-isländischer Achill, er führt den Heroentanz der Kraft auf. Ich muß an
-den schönen Halbgott denken, noch zwischen den Indianern, Farmern und
-Cowboys. Eine interessante Häuptlingspantomime. Man bekommt Lust,
-mitzupantomimen. Ich halte die übliche verzuckerte Nußstange noch
-unberührt in der Hand. -- --
-
-Morgen Mittwoch acht Uhr, große Galavorstellung.
-
-
-
-
- Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)
-
- Max Brod
-
- Die Höhe des Gefühls
-
- Szenen, Verse, Tröstungen
-
- 25 Exemplare auf Bütten, vom Autor signiert in Ganzleder gebunden
- je Mark 15.--
-
- Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50
-
-_Berliner Tageblatt_: Der Titel »Die Höhe des Gefühls« bezeichnet einen
-Zustand außerordentlicher seelischer Steigerung, der ein Hinausgehen
-über die sonstigen Grenzen der lyrischen Form zum szenischen Bilde
-notwendig macht, indem der Träger des Gefühls sich selbst in den
-leidenschaftlichen Beziehungen zur Umwelt darstellen muß. Durch eine ins
-Großartige aufstrebende biblische Düsterkeit und Erlebniskraft erhebt
-sich das Schlußstück »Die Arche Noah« zu einer Musik des Wortes und
-Sinnes, die man als ein poetisches Oratorium ansprechen möchte.
-
-_Neue Freie Presse, Wien_: Es dünkt mich das innigste, echteste und
-zugleich kühnste, selbstbewußteste der Brodschen Bücher. Hier gab der
-Dichter vielleicht sein Tiefstes: ein Paradigma der Menschheit, ihrer
-Irrungen und Versuchungen, ihrer Verstrickungen und Erlösungen in Form
-einer kurzen und gedrängten, phantasievoll vergegenwärtigten Szene.
-Irgendein Unsagbares schwingt hierbei noch mit, das ich nur durch das
-Wort »Musik« anzudeuten vermag.
-
-_Die Zeit, Wien_: Etwas Weltabgewandtes, Abseitiges, nach innen
-Gekehrtes, das mit unserem Gefühls- und Gedankenleben mehr zu tun hat,
-als Krieg und Börse, zieht uns mit seltsamer Gewalt zu diesen Blättern
-und dennoch spürt man verhalten den heißen Atem unserer Zeit darin. Über
-die neue Gabe des jungen Prager Dichters wird man sich freuen: sie
-gehört zu den in unserer Zeit so seltenen reifen und harmonischen
-Büchern, die gleichweit von erdfernem Optimismus und kokett-ironischer
-Weltschmerzlichkeit entfernt sind.
-
-_Prager Tageblatt_: Brods Kunst erscheint hier wunderbar gesteigert,
-losgelöst vom stofflichen Zwang, wie auf Flügeln die Welt durchmessend.
-Der Verlag hat dem Werk übrigens ein ganz erlesenes Kleid gegeben.
-
-
-
-
- Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)
-
- Max Brod
-
- Über die Schönheit häßlicher Bilder
-
- Ein Vademecum für Romantiker unserer Tage
-
- Geheftet Mark 3.50 Gebunden Mark 4.50
-
-Ein ernstes und dabei bizarres Bekenntnisbuch Max Brods, das
-eigensinnige, höchst individuelle Credo dieses Dichters. Man kann sagen,
-daß sein Schaffen durch das vorliegende Buch, in dem der Dichter
-fast ausschließlich von sich selbst und seinen äußersten
-Gedankenverfaserungen spricht, in ganz neuem Lichte erscheint. Das Buch
-ist zum tieferen Verständnis der vorhergehenden Werke Brods unerläßlich.
-Wir sehn hier ein heftiges Temperament und seine Opposition gegen unser
-mechanisiertes, amerikanisiertes, philiströs-kaufmännisches Zeitalter
-äußern. Aber diese Opposition ist alles andere als griesgrämig. Sie
-versteckt sich oft sogar hinter einem lustigen Lob des Verabscheuten, ja
-sie baut eine ganze phantastische Theorie der »Schönheit des
-Geschmacklosen« aus. Die Greuel kitschiger Bilder, Kino und Panorama,
-Chansonetten und Ausstattungsstücke, häßliche Möbel und konventionelle
-Schauspielkunst werden in unterhaltendster Paradoxie in den Himmel
-erhoben. Hinter dem komplizierten Gewebe von Spott und ironischer
-Verliebtheit schlägt aber immer wieder die Liebe zum Begeisternden, zu
-den Sternen, zu Smetana und Berlioz, zum Meister Flaubert und zu dem
-nach Ansicht des Dichters bedeutendsten Zeitgenossen Robert Walser
-durch. So ist dieses Buch eigentlich nur ein eigenwilliger, aber doch
-ein Weg zum Ideal und zur Befreiung des Menschen im Absoluten, im Reiche
-des Erhabenen und Schönen. Unbeirrbar steht hinter jedem der
-unberechenbaren Seitensprünge und humoristischen Exkursionen der große
-Ernst dieses Dichters. Max Brod hat in seinem gleichzeitig erschienenen
-(mit Dr. Felix Weltsch gemeinsam verfaßten) philosophischen Buch
-»Anschauung und Begriff« die exakte Basis gegeben, auf der er sich so
-kühne Scherze erlauben darf, die in anderem Zusammenhange vielleicht
-frivol klängen, während sie hier nur von der unbefangenen, nietzschehaft
-heiteren Luft um diesen sicheren Tänzer Kunde geben.
-
-
-
-
- Kurt Wolff Verlag, Leipzig (früher Ernst Rowohlt Verlag)
-
- Franz Werfel
-
- Wir sind
-
- Neue Gedichte
-
- In vorzüglicher Ausstattung / Druck der Offizin W. Drugulin
-
- Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte Expl. auf
- schwerem Japanbütten in Ganzlederbd. M. 35.--
-
- Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50
-
-Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berühmt gewordenen
-Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war: die Fülle
-der Erscheinungen im Geiste des zeitgenössischen Poeten, wird hier
-gesteigert zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdischen
-will seine Dichtung beharren, sie versucht dem Göttlichen im Gefühl
-aller Menschheit näher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie
-die Psalmen des Alten Testaments; sein Werk hat die Stärke und
-Verkündigung eines neuen Ethos.
-
- Urteile über Franz Werfel:
-
-_Wilhelm Herzog_: »... ein ganz junger, ganz großer Dichter. Wenn
-irgendwo, so ist hier die neue Kunst.«
-
-_Frankfurter Zeitung_: »... ein ganz großer Dichter, mit allem Ernste
-sei das gesagt.«
-
-_Neue Rundschau_: »... Withmans kosmische Liebe und Goethes
-unersättliche Lust zu fühlen, hat sich Werfel durch das Recht der
-Wiedergeburt zu eigen gemacht.«
-
-_B. Viertel im »Strom«_: »Diesem jungen Dichter fügt sich das Leben,
-indem es ihn entzückt, in leichte, zarte, schwebende Formen. Alles ist
-neu, alles ist noch Ereignis, ist Ekstase.«
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
-beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 15]:
- ... nehmen sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ...
- ... nehmen Sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ...
-
- [S. 18]:
- ... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf dem Kopf ...
- ... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf den Kopf ...
-
- [S. 21]:
- ... sich an ihrer Schrift, und den Inhalt, den ...
- ... sich an ihrer Schrift, und der Inhalt, den ...
-
- [S. 22]:
- ... aber deren Inhalt voll Leben sprudeln; Handschriftkünstler, ...
- ... aber deren Inhalt voll Leben sprudelt; Handschriftkünstler, ...
-
- [S. 38]:
- ... wie das Wasser aufspritzt. »Das nur nicht die neuen ...
- ... wie das Wasser aufspritzt. »Daß nur nicht die neuen ...
-
- [S. 41]:
- ... Besitzer dieser Fuhrunternehmen treffen. Vorwurfsvoll ...
- ... Besitzer dieser Fuhrunternehmen trifft. Vorwurfsvoll ...
-
- [S. 78]:
- ... Kampfstimmung, er hat tagüber Aufsätze schreiben ...
- ... Kampfstimmung, er hat tagsüber Aufsätze schreiben ...
-
- [S. 87]:
- ... Sitte.) »Reisen Sie mich nicht immer aus meinen ...
- ... Sitte.) »Reißen Sie mich nicht immer aus meinen ...
-
- [S. 99]:
- ... teilte ihr meinen Entschluß, daß, falls sie mir das ...
- ... teilte ihr meinen Entschluß mit, daß, falls sie mir das ...
-
- [S. 111]:
- ... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, geschmeidige ...
- ... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, geschmeidiger ...
-
- [S. 135]:
- ... vor diesen pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ...
- ... vor dieser pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ...
-
- [S. 166]:
- ... dînez s'il vous plaït.« Und sie tafelt ihnen ...
- ... dînez s'il vous plaît.« Und sie tafelt ihnen ...
-
- [S. 169]:
- ... liebsten sind mir ihre Feier ohne vielerlei Äußerlichkeiten, ...
- ... liebsten sind mir ihre Feiern ohne vielerlei Äußerlichkeiten, ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Gesichte, by Else Lasker-Schüler
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE ***
-
-***** This file should be named 53239-8.txt or 53239-8.zip *****
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-produced from images made available by the HathiTrust
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-
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