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diff --git a/old/8effi10.txt b/old/8effi10.txt new file mode 100644 index 0000000..f6d9f8d --- /dev/null +++ b/old/8effi10.txt @@ -0,0 +1,11804 @@ +The Project Gutenberg EBook of Effi Briest, by Theodor Fontane + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Effi Briest + +Author: Theodor Fontane + +Release Date: March, 2004 [EBook #5323] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on July 1, 2002] +[Most recently updated January 16, 2009] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, EFFI BRIEST *** + + + + +This eBook was prepared by Gunther Olesch from a source file +at Project Gutenberg of DE created by Joerg Steinbrenner for PG-DE. + + + +Effi Briest + +Theodor Fontane + + + +Erstes Kapitel + +In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie +von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller +Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- +und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen +breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang +und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer +Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden +besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung +und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in +kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen +weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der +Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings +erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel +und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten +umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches +mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel +gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an +je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief +stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb +versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen. + +Auch die Front des Herrenhauses - eine mit Aloekübeln und ein paar +Gartenstühlen besetzte Rampe - gewährte bei bewölktem Himmel einen +angenehmen und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufenthalt; an +Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz +entschieden bevorzugt, besonders von Frau und Tochter des Hauses, +die denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten liegenden +Fliesengange saßen, in ihrem Rücken ein paar offene, von wildem Wein +umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren +vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenflügels +hinaufführten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleißig bei +der Arbeit, die der Herstellung eines aus Einzelquadraten +zusammenzusetzenden Altarteppichs galt; ungezählte Wollsträhnen und +Seidendocken lagen auf einem großen, runden Tisch bunt durcheinander, +dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und eine mit +großen schönen Stachelbeeren gefüllte Majolikaschale. Rasch und sicher +ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber während die Mutter kein +Auge von der Arbeit ließ, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi +führte, von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter +allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus +der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war ersichtlich, daß +sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische gezogenen Übungen +mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann so dastand +und, langsam die Arme hebend, die Handflächen hoch über dem Kopf +zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf, +aber immer nur flüchtig und verstohlen, weil sie nicht zeigen +wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung +mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug ein blau und +weiß gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein +fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab; +der Hals war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter +Matrosenkragen. In allem, was sie tat, paarten sich Übermut und +Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche +Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten. Man nannte sie +die »Kleine«, was sie sich nur gefallen lassen mußte, weil die schöne, +schlanke Mama noch um eine Handbreit höher war. + +Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und +rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer +Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: »Effi, +eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer +am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, daß du so was +möchtest.« + +»Vielleicht, Mama. Aber wenn es so wäre, wer wäre schuld? Von wem hab +ich es? Doch nur von dir. Oder meinst du, von Papa? Da mußt du nun +selber lachen. Und dann, warum steckst du mich in diesen Hänger, in +diesen Jungenkittel? Mitunter denk ich, ich komme noch wieder in kurze +Kleider. Und wenn ich die erst wiederhabe, dann knicks ich auch wieder +wie ein Backfisch, und wenn dann die Rathenower herüberkommen, setze +ich mich auf Oberst Goetzes Schoß und reite hopp, hopp. Warum auch +nicht? Drei Viertel ist er Onkel und nur ein Viertel Courmacher. Du +bist schuld. Warum kriege ich keine Staatskleider? Warum machst du +keine Dame aus mir?« + +»Möchtest du's?« + +»Nein.« Und dabei lief sie auf die Mama zu und umarmte sie stürmisch +und küßte sie. + +»Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich +immer, wenn ich dich so sehe ...« Und die Mama schien ernstlich +willens, in Äußerung ihrer Sorgen und Ängste fortzufahren. Aber sie +kam nicht weit damit, weil in ebendiesem Augenblick drei junge Mädchen +aus der kleinen, in der Kirchhofsmauer angebrachten Eisentür in den +Garten eintraten und einen Kiesweg entlang auf das Rondell und die +Sonnenuhr zuschritten. Alle drei grüßten mit ihren Sonnenschirmen zu +Effi herüber und eilten dann auf Frau von Briest zu, um dieser die +Hand zu küssen. Diese tat rasch ein paar Fragen und lud dann die +Mädchen ein, ihnen oder doch wenigstens Effi auf eine halbe Stunde +Gesellschaft zu leisten. »Ich habe ohnehin noch zu tun, und junges +Volk ist am liebsten unter sich. Gehabt euch wohl.« Und dabei stieg +sie die vom Garten in den Seitenflügel führende Steintreppe hinauf. + +Und da war nun die Jugend wirklich allein. + +Zwei der jungen Mädchen - kleine, rundliche Persönchen, zu deren +krausem, rotblondem Haar ihre Sommersprossen und ihre gute Laune ganz +vorzüglich paßten - waren Töchter des auf Hansa, Skandinavien und +Fritz Reuter eingeschworenen Kantors Jahnke, der denn auch, unter +Anlehnung an seinen mecklenburgischen Landsmann und Lieblingsdichter +und nach dem Vorbilde von Mining und Lining, seinen eigenen Zwillingen +die Namen Bertha und Hertha gegeben hatte. Die dritte junge Dame war +Hulda Niemeyer, Pastor Niemeyers einziges Kind; sie war damenhafter +als die beiden anderen, dafür aber langweilig und eingebildet, eine +lymphatische Blondine, mit etwas vorspringenden, blöden Augen, die +trotzdem beständig nach was zu suchen schienen, weshalb denn auch +Klitzing von den Husaren gesagt hatte: »Sieht sie nicht aus, als +erwarte sie jeden Augenblick den Engel Gabriel?« Effi fand, daß der +etwas kritische Klitzing nur zu sehr recht habe, vermied es aber +trotzdem, einen Unterschied zwischen den drei Freundinnen zu machen. +Am wenigsten war ihr in diesem Augenblick danach zu Sinn, und während +sie die Arme auf den Tisch stemmte, sagte sie: »Diese langweilige +Stickerei. Gott sei Dank, daß ihr da seid.« »Aber deine Mama haben wir +vertrieben«, sagte Hulda. »Nicht doch. Wie sie euch schon sagte, sie +wäre doch gegangen; sie erwartet nämlich Besuch, einen alten Freund +aus ihren Mädchentagen her, von dem ich euch nachher erzählen muß, +eine Liebesgeschichte mit Held und Heldin und zuletzt mit Entsagung. +Ihr werdet Augen machen und euch wundern. Übrigens habe ich Mamas +alten Freund schon drüben in Schwantikow gesehen; er ist Landrat, gute +Figur und sehr männlich.« + +»Das ist die Hauptsache«, sagte Hertha. + +»Freilich ist das die Hauptsache, 'Weiber weiblich, Männer männlich' - +das ist, wie ihr wißt, einer von Papas Lieblingssätzen. Und nun helft +mir erst Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst gibt es wieder +eine Strafpredigt.« + +Im Nu waren die Docken in den Korb gepackt, und als alle wieder +saßen, sagte Hulda: »Nun aber, Effi, nun ist es Zeit, nun die +Liebesgeschichte mit Entsagung. Oder ist es nicht so schlimm?« + +»Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm. Aber ehe Hertha nicht +von den Stachelbeeren genommen, eher kann ich nicht anfangen - sie +läßt ja kein Auge davon. Übrigens nimm, soviel du willst, wir können +ja hinterher neue pflücken; nur wirf die Schalen weit weg oder noch +besser, lege sie hier auf die Zeitungsbeilage, wir machen dann eine +Tüte daraus und schaffen alles beiseite. Mama kann es nicht leiden, +wenn die Schlusen so überall herumliegen, und sagt immer, man könne +dabei ausgleiten und ein Bein brechen.« + +»Glaub ich nicht«, sagte Hertha, während sie den Stachelbeeren fleißig +zusprach. + +»Ich auch nicht«, bestätigte Effi. »Denkt doch mal nach, ich falle +jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts +gebrochen. Was ein richtiges Bein ist, das bricht nicht so leicht, +meines gewiß nicht und deines auch nicht, Hertha. Was meinst du, +Hulda?« + +»Man soll sein Schicksal nicht versuchen; Hochmut kommt vor dem Fall.« + +»Immer Gouvernante; du bist doch die geborene alte Jungfer.« + +»Und hoffe mich doch noch zu verheiraten. Und vielleicht eher als du.« + +»Meinetwegen. Denkst du, daß ich darauf warte? Das fehlte noch. +Übrigens, ich kriege schon einen und vielleicht bald. Da ist mir nicht +bange. Neulich erst hat mir der kleine Ventivegni von drüben gesagt: +'Fräulein Effi, was gilt die Wette, wir sind hier noch in diesem Jahre +zu Polterabend und Hochzeit.'« + +»Und was sagtest du da?« + +»'Wohl möglich', sagte ich, 'wohl möglich; Hulda ist die Älteste und +kann sich jeden Tag verheiraten.' Aber er wollte davon nichts wissen +und sagte: 'Nein, bei einer anderen jungen Dame, die geradeso brünett +ist, wie Fräulein Hulda blond ist.' Und dabei sah er mich ganz +ernsthaft an... Aber ich komme vom Hundertsten aufs Tausendste und +vergesse die Geschichte.« + +»Ja, du brichst immer wieder ab; am Ende willst du nicht.« »Oh, ich +will schon, aber freilich, ich breche immer wieder ab, weil es alles +ein bißchen sonderbar ist, ja beinah romantisch.« + +»Aber du sagtest doch, er sei Landrat.« + +»Allerdings, Landrat. Und er heißt Geert von Innstetten, Baron von +Innstetten.« + +Alle drei lachten. + +»Warum lacht ihr?« sagte Effi pikiert. »Was soll das heißen?« + +»Ach, Effi, wir wollen dich ja nicht beleidigen und auch den Baron +nicht. Innstetten, sagtest du? Und Geert? So heißt doch hier kein +Mensch. Freilich, die adeligen Namen haben oft so was Komisches.« + +»Ja, meine Liebe, das haben sie. Dafür sind es eben Adelige. Die +dürfen sich das gönnen, und je weiter zurück, ich meine der Zeit nach, +desto mehr dürfen sie sich's gönnen. Aber davon versteht ihr nichts, +was ihr mir nicht übelnehmen dürft. Wir bleiben doch gute Freunde. +Geert von Innstetten also und Baron. Er ist geradeso alt wie Mama, auf +den Tag.« + +»Und wie alt ist denn eigentlich deine Mama?« »Achtunddreißig.« + +»Ein schönes Alter.« + +»Ist es auch, namentlich wenn man noch so aussieht wie die Mama. Sie +ist doch eigentlich eine schöne Frau, findet ihr nicht auch? Und +wie sie alles so weg hat, immer so sicher und dabei so fein und nie +unpassend wie Papa. Wenn ich ein junger Leutnant wäre, so würd ich +mich in die Mama verlieben.« + +»Aber Effi, wie kannst du nur so was sagen«, sagte Hulda. »Das ist ja +gegen das vierte Gebot.« + +»Unsinn. Wie kann das gegen das vierte Gebot sein? Ich glaube, Mama +würde sich freuen, wenn sie wüßte, daß ich so was gesagt habe.« + +»Kann schon sein«, unterbrach hierauf Hertha. »Aber nun endlich die +Geschichte.« + +»Nun, gib dich zufrieden, ich fange schon an ... Also Baron +Innstetten! Als er noch keine zwanzig war, stand er drüben bei den +Rathenowern und verkehrte viel auf den Gütern hier herum, und am +liebsten war er in Schwantikow drüben bei meinem Großvater Belling. +Natürlich war es nicht des Großvaters wegen, daß er so oft drüben war, +und wenn die Mama davon erzählt, so kann jeder leicht sehen, um wen es +eigentlich war. Und ich glaube, es war auch gegenseitig.« »Und wie kam +es nachher?« + +»Nun, es kam, wie's kommen mußte, wie's immer kommt. Er war ja +noch viel zu jung, und als mein Papa sich einfand, der schon +Ritterschaftsrat war und Hohen-Cremmen hatte, da war kein langes +Besinnen mehr, und sie nahm ihn und wurde Frau von Briest ... Und das +andere, was sonst noch kam, nun, das wißt ihr ... das andere bin ich.« + +»Ja, das andere bist du, Effi«, sagte Bertha. »Gott sei Dank; wir +hätten dich nicht, wenn es anders gekommen wäre. Und nun sage, was tat +Innstetten, was wurde aus ihm? Das Leben hat er sich nicht genommen, +sonst könntet ihr ihn heute nicht erwarten.« + +»Nein, das Leben hat er sich nicht genommen. Aber ein bißchen war es +doch so was.« + +»Hat er einen Versuch gemacht?« + +»Auch das nicht. Aber er mochte doch nicht länger hier in der Nähe +bleiben, und das ganze Soldatenleben überhaupt muß ihm damals wie +verleidet gewesen sein. Es war ja auch Friedenszeit. Kurz und gut, er +nahm den Abschied und fing an, Juristerei zu studieren, wie Papa sagt, +mit einem 'wahren Biereifer'; nur als der Siebziger Krieg kam, trat er +wieder ein, aber bei den Perlebergern statt bei seinem alten Regiment, +und hat auch das Kreuz. Natürlich, denn er ist sehr schneidig. Und +gleich nach dem Kriege saß er wieder bei seinen Akten, und es heißt, +Bismarck halte große Stücke von ihm und auch der Kaiser, und so kam es +denn, daß er Landrat wurde, Landrat im Kessiner Kreise.« + +»Was ist Kessin? Ich kenne hier kein Kessin.« + +»Nein, hier in unserer Gegend liegt es nicht; es liegt eine hübsche +Strecke von hier fort in Pommern, in Hinterpommern sogar, was aber +nichts sagen will, weil es ein Badeort ist (alles da herum ist +Badeort), und die Ferienreise, die Baron Innstetten jetzt macht, ist +eigentlich eine Vetternreise oder doch etwas Ähnliches. Er will hier +alte Freundschaft und Verwandtschaft wiedersehen.« + +»Hat er denn hier Verwandte?« + +»Ja und nein, wie man's nehmen will. Innstettens gibt es hier nicht, +gibt es, glaub ich, überhaupt nicht mehr. Aber er hat hier entfernte +Vettern von der Mutter Seite her, und vor allem hat er wohl +Schwantikow und das Bellingsche Haus wiedersehen wollen, an das ihn +so viele Erinnerungen knüpfen. Da war er denn vorgestern drüben, und +heute will er hier in Hohen-Cremmen sein.« + +»Und was sagt dein Vater dazu?« + +»Gar nichts. Der ist nicht so. Und dann kennt er ja doch die Mama. Er +neckt sie bloß.« + +In diesem Augenblick schlug es Mittag, und ehe es noch ausgeschlagen, +erschien Wilke, das alte Briestsche Haus- und Familienfaktotum, um an +Fräulein Effi zu bestellen: Die gnädige Frau ließe bitten, daß das +gnädige Fräulein zu rechter Zeit auch Toilette mache; gleich nach +eins würde der Herr Baron wohl vorfahren. Und während Wilke dies +noch vermeldete, begann er auch schon auf dem Arbeitstisch der Damen +abzuräumen und griff dabei zunächst nach dem Zeitungsblatt, auf dem +die Stachelbeerschalen lagen. + +»Nein, Wilke, nicht so; das mit den Schlusen, das ist unsere Sache... +Hertha, du mußt nun die Tüte machen und einen Stein hineintun, daß +alles besser versinken kann. Und dann wollen wir in einem langen +Trauerzug aufbrechen und die Tüte auf offener See begraben.« + +Wilke schmunzelte. Is doch ein Daus, unser Fräulein, so etwa gingen +seine Gedanken. Effi aber, während sie die Tüte mitten auf die rasch +zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: »Nun fassen wir alle vier +an, jeder an einem Zipfel, und singen was Trauriges.« + +»Ja, das sagst du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?« + +»Irgendwas; es ist ganz gleich, es muß nur einen Reim auf 'u' haben; +'u' ist immer Trauervokal. Also singen wir: + + Flut, Flut, + Mach alles wieder gut ...« + +Und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle +vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte +Boot und ließen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte +langsam in den Teich niedergleiten. + +»Hertha, nun ist deine Schuld versenkt«, sagte Effi, »wobei mir +übrigens einfällt, so vom Boot aus sollen früher auch arme, +unglückliche Frauen versenkt worden sein, natürlich wegen Untreue.« + +»Aber doch nicht hier.« + +»Nein, nicht hier«, lachte Effi, »hier kommt sowas nicht vor. Aber +in Konstantinopel, und du mußt ja, wie mir eben einfällt, auch davon +wissen, so gut wie ich, du bist ja mit dabeigewesen, als uns Kandidat +Holzapfel in der Geographiestunde davon erzählte.« + +»Ja«, sagte Hulda, »der erzählte immer so was. Aber so was vergißt man +doch wieder.« + +»Ich nicht. Ich behalte so was.« + + + +Zweites Kapitel + +Sie sprachen noch eine Weile so weiter, wobei sie sich ihrer +gemeinschaftlichen Schulstunden und einer ganzen Reihe Holzapfelscher +Unpassendheiten mit Empörung und Behagen erinnerten. Ja, man konnte +sich nicht genug tun damit, bis Hulda mit einem Male sagte: »Nun aber +ist es höchste Zeit, Effi; du siehst ja aus, ja, wie sag ich nur, +du siehst ja aus, wie wenn du vom Kirschenpflücken kämst, alles +zerknittert und zerknautscht; das Leinenzeug macht immer so viele +Falten, und der große weiße Klappkragen ... ja, wahrhaftig, jetzt hab +ich es, du siehst aus wie ein Schiffsjunge.« + +»Midshipman, wenn ich bitten darf. Etwas muß ich doch von meinem Adel +haben. Übrigens, Midshipman oder Schiffsjunge, Papa hat mir erst +neulich wieder einen Mastbaum versprochen, hier dicht neben der +Schaukel, mit Rahen und einer Strickleiter. Wahrhaftig, das sollte mir +gefallen, und den Wimpel oben selbst anzumachen, das ließ' ich mir +nicht nehmen. Und du, Hulda, du kämst dann von der anderen Seite her +herauf, und oben in der Luft wollten wir hurra rufen und uns einen Kuß +geben. Alle Wetter, das sollte schmecken.« »'Alle Wetter ...', wie das +nun wieder klingt ... Du sprichst wirklich wie ein Midshipman. Ich +werde mich aber hüten, dir nachzuklettern, ich bin nicht so waghalsig. +Jahnke hat ganz recht, wenn er immer sagt, du hättest zuviel von +dem Bellingschen in dir, von deiner Mama her. Ich bin bloß ein +Pastorskind.« + +»Ach, geh mir. Stille Wasser sind tief. Weißt du noch, wie du damals, +als Vetter Briest als Kadett hier war, aber doch schon groß genug, wie +du damals auf dem Scheunendach entlangrutschtest. Und warum? Nun, ich +will es nicht verraten. Aber kommt, wir wollen uns schaukeln, auf +jeder Seite zwei; reißen wird es ja wohl nicht, oder wenn ihr nicht +Lust habt, denn ihr macht wieder lange Gesichter, dann wollen wir +Anschlag spielen. Eine Viertelstunde hab ich noch. Ich mag noch nicht +hineingehen, und alles bloß, um einem Landrat guten Tag zu sagen, noch +dazu einem Landrat aus Hinterpommern. Altlich ist er auch, er könnte +ja beinah mein Vater sein, und wenn er wirklich in einer Seestadt +wohnt, Kessin soll ja so was sein, nun, da muß ich ihm in diesem +Matrosenkostüm eigentlich am besten gefallen und muß ihm beinah wie +eine große Aufmerksamkeit vorkommen. Fürsten, wenn sie wen empfangen, +soviel weiß ich von meinem Papa her, legen auch immer die Uniform aus +der Gegend des anderen an. Also nun nicht ängstlich ... rasch, rasch, +ich fliege aus, und neben der Bank hier ist frei.« + +Hulda wollte noch ein paar Einschränkungen machen, aber Effi war schon +den nächsten Kiesweg hinauf, links hin, rechts hin, bis sie mit einem +Male verschwunden war. + +»Effi, das gilt nicht; wo bist du? Wir spielen nicht Versteck, wir +spielen Anschlag«, und unter diesen und ähnlichen Vorwürfen eilten die +Freundinnen ihr nach, weit über das Rondell und die beiden seitwärts +stehenden Platanen hinaus, bis die Verschwundene mit einem Male aus +ihrem Versteck hervorbrach und mühelos, weil sie schon im Rücken ihrer +Verfolger war, mit »eins, zwei, drei« den Freiplatz neben der Bank +erreichte. + +»Wo warst du?« + +»Hinter den Rhabarberstauden; die haben so große Blätter, noch größer +als ein Feigenblatt ...« + +»Pfui ...« + +»Nein, pfui für euch, weil ihr verspielt habt. Hulda, mit ihren großen +Augen, sah wieder nichts, immer ungeschickt.« Und dabei flog Effi +von neuem über das Rondell hin, auf den Teich zu, vielleicht weil +sie vorhatte, sich erst hinter einer dort aufwachsenden dichten +Haselnußhecke zu verstecken, um dann, von dieser aus, mit einem weiten +Umweg um Kirchhof und Fronthaus, wieder bis an den Seitenflügel und +seinen Freiplatz zu kommen. Alles war gut berechnet; aber freilich, +ehe sie noch halb um den Teich herum war, hörte sie schon vom Hause +her ihren Namen rufen und sah, während sie sich umwandte, die Mama, +die, von der Steintreppe her, mit ihrem Taschentuch winkte. Noch einen +Augenblick, und Effi stand vor ihr. + +»Nun bist du doch noch in deinem Kittel, und der Besuch ist da. Nie +hältst du Zeit.« + +»Ich halte schon Zeit, aber der Besuch hat nicht Zeit gehalten. Es ist +noch nicht eins; noch lange nicht«, und sich nach den Zwillingen hin +umwendend (Hulda war noch weiter zurück), rief sie diesen zu: »Spielt +nur weiter; ich bin gleich wieder da.« + +Schon im nächsten Augenblick trat Effi mit der Mama in den großen +Gartensaal, der fast den ganzen Raum des Seitenflügels füllte. + +»Mama, du darfst mich nicht schelten. Es ist wirklich erst halb. Warum +kommt er so früh? Kavaliere kommen nicht zu spät, aber noch weniger zu +früh.« + +Frau von Briest war in sichtlicher Verlegenheit; Effi aber schmiegte +sich liebkosend an sie und sagte: »Verzeih, ich will mich nun +eilen; du weißt, ich kann auch rasch sein, und in fünf Minuten ist +Aschenputtel in eine Prinzessin verwandelt. So lange kann er warten +oder mit dem Papa plaudern.« + +Und der Mama zunickend, wollte sie leichten Fußes eine kleine eiserne +Stiege hinauf, die aus dem Saal in den Oberstock hinaufführte. Frau +von Briest aber, die unter Umständen auch unkonventionell sein konnte, +hielt plötzlich die schon forteilende Effi zurück, warf einen Blick +auf das jugendlich reizende Geschöpf, das, noch erhitzt von der +Aufregung des Spiels, wie ein Bild frischesten Lebens vor ihr stand, +und sagte beinahe vertraulich: »Es ist am Ende das beste, du bleibst, +wie du bist. Ja, bleibe so. Du siehst gerade sehr gut aus. Und wenn +es auch nicht wäre, du siehst so unvorbereitet aus, so gar nicht +zurechtgemacht, und darauf kommt es in diesem Augenblick an. Ich muß +dir nämlich sagen, meine süße Effi ...«, und sie nahm ihres Kindes +beide Hände, »... ich muß dir nämlich sagen ...« + +»Aber Mama, was hast du nur? Mir wird ja ganz angst und bange.« + +»... Ich muß dir nämlich sagen, Effi, daß Baron Innstetten eben um +deine Hand angehalten hat.« + +»Um meine Hand angehalten? Und im Ernst?« + +»Es ist keine Sache, um einen Scherz daraus zu machen. Du hast ihn +vorgestern gesehen, und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. Er +ist freilich älter als du, was alles in allem ein Glück ist, dazu ein +Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn du nicht +nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so +stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du +wirst deine Mama weit überholen.« + +Effi schwieg und suchte nach einer Antwort. Aber ehe sie diese finden +konnte, hörte sie schon des Vaters Stimme von dem angrenzenden, +noch im Fronthause gelegenen Hinterzimmer her, und gleich danach +überschritt Ritterschaftsrat von Briest, ein wohlkonservierter +Fünfziger von ausgesprochener Bonhomie, die Gartensalonschwelle - mit +ihm Baron Innstetten, schlank, brünett und von militärischer Haltung. + +Effi, als sie seiner ansichtig wurde, kam in ein nervöses Zittern; +aber nicht auf lange, denn im selben Augenblick fast, wo sich +Innstetten unter freundlicher Verneigung ihr näherte, wurden an +dem mittleren der weit offenstehenden und von wildem Wein halb +überwachsenen Fenster die rotblonden Köpfe der Zwillinge sichtbar, und +Hertha, die Ausgelassenste, rief in den Saal hinein: »Effi, komm.« + +Dann duckte sie sich, und beide Schwestern sprangen von der Banklehne, +darauf sie gestanden, wieder in den Garten hinab, und man hörte nur +noch ihr leises Kichern und Lachen. + + + +Drittes Kapitel + +Noch an demselben Tage hatte sich Baron Innstetten mit Effi Briest +verlobt. Der joviale Brautvater, der sich nicht leicht in seiner +Feierlichkeitsrolle zurechtfand, hatte bei dem Verlobungsmahl, das +folgte, das junge Paar leben lassen, was auf Frau von Briest, die +dabei der nun um kaum achtzehn Jahre zurückliegenden Zeit gedenken +mochte, nicht ohne herzbeweglichen Eindruck geblieben war. Aber nicht +auf lange; sie hatte es nicht sein können, nun war es statt ihrer die +Tochter - alles in allem ebensogut oder vielleicht noch besser. Denn +mit Briest ließ sich leben, trotzdem er ein wenig prosaisch war und +dann und wann einen kleinen frivolen Zug hatte. Gegen Ende der Tafel, +das Eis wurde schon herumgereicht, nahm der alte Ritterschaftsrat +noch einmal das Wort, um in einer zweiten Ansprache das allgemeine +Familien-Du zu proponieren. Er umarmte dabei Innstetten und gab ihm +einen Kuß auf die linke Backe. Hiermit war aber die Sache für ihn noch +nicht abgeschlossen, vielmehr fuhr er fort, außer dem »Du« zugleich +intimere Namen und Titel für den Hausverkehr zu empfehlen, eine +Art Gemütlichkeitsrangliste aufzustellen, natürlich unter Wahrung +berechtigter, weil wohlerworbener Eigentümlichkeiten. Für seine Frau, +so hieß es, würde der Fortbestand von »Mama« (denn es gäbe auch +junge Mamas) wohl das beste sein, während er für seine Person, unter +Verzicht auf den Ehrentitel »Papa«, das einfache Briest entschieden +bevorzugen müsse, schon weil es so hübsch kurz sei. Und was nun die +Kinder angehe - bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem nur etwa +um ein Dutzend Jahre jüngeren Innstetten, einen Ruck geben mußte -, +nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert. Geert, wenn er nicht irre, +habe die Bedeutung von einem schlank aufgeschossenen Stamm, und Effi +sei dann also der Efeu, der sich darumzuranken habe. Das Brautpaar +sah sich bei diesen Worten etwas verlegen an. Effi zugleich mit einem +Ausdruck kindlicher Heiterkeit, Frau von Briest aber sagte: »Briest, +sprich, was du willst, und formuliere deine Toaste nach Gefallen, +nur poetische Bilder, wenn ich bitten darf, laß beiseite, das liegt +jenseits deiner Sphäre.« Zurechtweisende Worte, die bei Briest mehr +Zustimmung als Ablehnung gefunden hatten. »Es ist möglich, daß du +recht hast, Luise.« + +Gleich nach Aufhebung der Tafel beurlaubte sich Effi, um einen Besuch +drüben bei Pastors zu machen. Unterwegs sagte sie sich: »Ich glaube, +Hulda wird sich ärgern. Nun bin ich ihr doch zuvorgekommen - sie war +immer zu eitel und eingebildet.« Aber Effi traf es mit ihrer Erwartung +nicht ganz; Hulda, durchaus Haltung bewahrend, benahm sich sehr gut +und überließ die Bezeugung von Unmut und Ärger ihrer Mutter, der Frau +Pastorin, die denn auch sehr sonderbare Bemerkungen machte. »Ja, ja, +so geht es. Natürlich. Wenn's die Mutter nicht sein konnte, muß es +die Tochter Sein. Das kennt man. Alte Familien halten immer zusammen, +und wo was is, da kommt was dazu.« Der alte Niemeyer kam in arge +Verlegenheit über diese fortgesetzten Spitzen Redensarten ohne Bildung +und Anstand und beklagte mal wieder, eine Wirtschafterin geheiratet zu +haben. + +Von Pastors ging Effi natürlich auch zu Kantor Jahnkes; die Zwillinge +hatten schon nach ihr ausgeschaut und empfingen sie im Vorgarten. + +»Nun, Effi«, sagte Hertha, während alle drei zwischen den rechts und +links blühenden Studentenblumen auf und ab schritten, »nun, Effi, wie +ist dir eigentlich?« + +»Wie mir ist? Oh, ganz gut. Wir nennen uns auch schon du und bei +Vornamen. Er heißt nämlich Geert, was ich euch, wie mir einfällt, auch +schon gesagt habe.« + +»Ja, das hast du. Mir ist aber doch so bange dabei. Ist es denn auch +der Richtige?« + +»Gewiß ist es der Richtige. Das verstehst du nicht, Hertha. Jeder ist +der Richtige. Natürlich muß er von Adel sein und eine Stellung haben +und gut aussehen.« + +»Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du doch ganz anders.« + +»Ja, sonst.« + +»Und bist du auch schon ganz glücklich?« + +»Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glücklich. +Wenigstens denk ich es mir so.« + +»Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bißchen +genant?« + +»Ja, ein bißchen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich +denke, ich werde darüber wegkommen.« + +Nach diesem im Pfarr- und Kantorhause gemachten Besuche, der +keine halbe Stunde gedauert hatte, war Effi wieder nach drüben +zurückgekehrt, wo man auf der Gartenveranda eben den Kaffee nehmen +wollte. Schwiegervater und Schwiegersohn gingen auf dem Kieswege +zwischen den zwei Platanen auf und ab. Briest sprach von dem +Schwierigen einer landrätlichen Stellung; sie sei ihm verschiedentlich +angetragen worden, aber er habe jedesmal gedankt. »So nach meinem +eigenen Willen schalten und walten zu können ist mir immer das liebste +gewesen, jedenfalls lieber - Pardon, Innstetten -, als so die Blicke +beständig nach oben richten zu müssen. Man hat dann bloß immer Sinn +und Merk für hohe und höchste Vorgesetzte. Das ist nichts für mich. +Hier leb ich so freiweg und freue mich über jedes grüne Blatt und über +den wilden Wein, der da drüben in die Fenster wächst.« + +Er sprach noch mehr dergleichen, allerhand Antibeamtliches, und +entschuldigte sich von Zeit zu Zeit mit einem kurzen, verschiedentlich +wiederkehrenden »Pardon, Innstetten«. Dieser nickte mechanisch +zustimmend, war aber eigentlich wenig bei der Sache, sah vielmehr wie +gebannt immer aufs neue nach dem drüben am Fenster rankenden wilden +Wein hinüber, von dem Briest eben gesprochen, und während er dem +nachhing, war es ihm, als säh' er wieder die rotblonden Mädchenköpfe +zwischen den Weinranken und höre dabei den übermütigen Zuruf: »Effi, +komm.« + +Er glaubte nicht an Zeichen und ähnliches, im Gegenteil, wies alles +Abergläubische weit zurück. Aber er konnte trotzdem von den zwei +Worten nicht los, und während Briest immer weiterperorierte, war es +ihm beständig, als wäre der kleine Hergang doch mehr als ein bloßer +Zufall gewesen. + +Innstetten, der nur einen kurzen Urlaub genommen, war schon am +folgenden Tag wieder abgereist, nachdem er versprochen, jeden Tag +schreiben zu wollen. »Ja, das mußt du«, hatte Effi gesagt, ein Wort, +das ihr von Herzen kam, da sie seit Jahren nichts Schöneres kannte als +beispielsweise den Empfang vieler Geburtstagsbriefe. Jeder mußte ihr +zu diesem Tag schreiben. In den Brief eingestreute Wendungen, etwa wie +»Gertrud und Klara senden Dir mit mir ihre herzlichsten Glückwünsche«, +waren verpönt; Gertrud und Klara, wenn sie Freundinnen sein wollten, +hatten dafür zu Sorgen, daß ein Brief mit selbständiger Marke daläge, +womöglich - denn ihr Geburtstag fiel noch in die Reisezeit mit einer +fremden, aus der Schweiz oder Karlsbad. + +Innstetten, wie versprochen, schrieb wirklich jeden Tag; was aber den +Empfang seiner Briefe ganz besonders angenehm machte, war der Umstand, +daß er allwöchentlich nur einmal einen ganz kleinen Antwortbrief +erwartete. Den erhielt er dann auch, voll reizend nichtigen und +ihn jedesmal entzückenden Inhalts. Was es von ernsteren Dingen +zu besprechen gab, das verhandelte Frau von Briest mit ihrem +Schwiegersohn: Festsetzungen wegen der Hochzeit, Ausstattungs- und +Wirtschaftseinrichtungsfragen. Innstetten, schon an die drei Jahre +im Amt, war in seinem Kessiner Hause nicht glänzend, aber doch sehr +standesgemäß eingerichtet, und es empfahl sich, in der Korrespondenz +mit ihm ein Bild von allem, was da war, zu gewinnen, um nichts +Unnützes anzuschaffen. Schließlich, als Frau von Briest über all diese +Dinge genugsam unterrichtet war, wurde seitens Mutter und Tochter eine +Reise nach Berlin beschlossen, um, wie Briest sich ausdrückte, den +»Trousseau« für Prinzessin Effi zusammenzukaufen. Effi freute sich +sehr auf den Aufenthalt in Berlin, um so mehr, als der Vater darein +gewilligt hatte, im Hotel du Nord Wohnung zu nehmen. Was es koste, +könne ja von der Ausstattung abgezogen werden; Innstetten habe ohnehin +alles. Effi ganz im Gegensatz zu der solche »Mesquinerien« ein für +allemal sich verbittenden Mama - hatte dem Vater, ohne jede Sorge +darum, ob er's scherz- oder ernsthaft gemeint hatte, freudig +zugestimmt und beschäftigte sich in ihren Gedanken viel, viel mehr mit +dem Eindruck, den sie beide, Mutter und Tochter, bei ihrem Erscheinen +an der Table d'hôte machen würden, als mit Spinn und Mencke, +Goschenhofer und ähnlichen Firmen, die vorläufig notiert worden waren. +Und diesen ihren heiteren Phantasien entsprach denn auch ihre Haltung, +als die große Berliner Woche nun wirklich da war. Vetter Briest vom +Alexanderregiment, ein ungemein ausgelassener junger Leutnant, der +die »Fliegenden Blätter« hielt und über die besten Witze Buch führte, +stellte sich den Damen für jede dienstfreie Stunde zur Verfügung, +und so saßen sie denn mit ihm bei Kranzler am Eckfenster oder zu +statthafter Zeit auch wohl im Café Bauer und fuhren nachmittags in den +Zoologischen Garten, um da die Giraffen zu sehen, von denen Vetter +Briest, der übrigens Dagobert hieß, mit Vorliebe behauptete, sie sähen +aus wie adlige alte Jungfern. Jeder Tag verlief programmäßig, und +am dritten oder vierten Tag gingen sie, wie vorgeschrieben, in die +Nationalgalerie, weil Vetter Dagobert seiner Cousine die »Insel der +Seligen« zeigen wollte. Fräulein Cousine stehe zwar auf dem Punkte, +sich zu verheiraten, es sei aber doch vielleicht gut, die »Insel der +Seligen« schon vorher kennengelernt zu haben. Die Tante gab ihm einen +Schlag mit dem Fächer, begleitete diesen Schlag aber mit einem so +gnädigen Blick, daß er keine Veranlassung hatte, den Ton zu ändern. +Es waren himmlische Tage für alle drei, nicht zum wenigsten +für den Vetter, der so wundervoll zu chaperonnieren und kleine +Differenzen immer rasch auszugleichen verstand. An solchen +Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter war nun, +wie das so geht, all die Zeit über kein Mangel, aber sie traten +glücklicherweise nie bei den zu machenden Einkäufen hervor. Ob man +von einer Sache sechs oder drei Dutzend erstand, Effi war mit allem +gleichmäßig einverstanden, und wenn dann auf dem Heimweg von dem Preis +der eben eingekauften Gegenstände gesprochen wurde, so verwechselte +sie regelmäßig die Zahlen. Frau von Briest, sonst so kritisch, auch +ihrem eigenen geliebten Kinde gegenüber, nahm dies anscheinend +mangelnde Interesse nicht nur von der leichten Seite, sondern erkannte +sogar einen Vorzug darin. Alle diese Dinge, so sagte sie sich, +bedeuten Effi nicht viel. Effi ist anspruchslos; sie lebt in ihren +Vorstellungen und Träumen, und wenn die Prinzessin Friedrich Karl +vorüberfährt und sie von ihrem Wagen aus freundlich grüßt, so gilt ihr +das mehr als eine ganze Truhe voll Weißzeug. + +Das alles war auch richtig, aber doch nur halb. An dem Besitze mehr +oder weniger alltäglicher Dinge lag Effi nicht viel, aber wenn sie mit +der Mama die Linden hinauf- und hinunterging und nach Musterung der +schönsten Schaufenster in den Demuthschen Laden eintrat, um für die +gleich nach der Hochzeit geplante italienische Reise allerlei Einkäufe +zu machen, so zeigte sich ihr wahrer Charakter. Nur das Eleganteste +gefiel ihr, und wenn sie das Beste nicht haben konnte, so verzichtete +sie auf das Zweitbeste, weil ihr dies Zweite nun nichts mehr +bedeutete. Ja, sie konnte verzichten, darin hatte die Mama recht, und +in diesem Verzichtenkönnen lag etwas von Anspruchslosigkeit; wenn es +aber ausnahmsweise mal wirklich etwas zu besitzen galt, so mußte dies +immer was ganz Apartes sein. Und darin war sie anspruchsvoll. + + + +Viertes Kapitel + +Vetter Dagobert war am Bahnhof, als die Damen ihre Rückreise nach +Hohen-Cremmen antraten. Es waren glückliche Tage gewesen, vor +allem auch darin, daß man nicht unter unbequemer und beinahe +unstandesgemäßer Verwandtschaft gelitten hatte. »Für Tante Therese«, +so hatte Effi gleich nach der Ankunft gesagt, »müssen wir diesmal +inkognito bleiben. Es geht nicht, daß sie hier ins Hotel kommt. +Entweder Hotel du Nord oder Tante Therese; beides zusammen paßt +nicht.« Die Mama hatte sich schließlich einverstanden damit erklärt, +ja, dem Liebling zur Besiegelung des Einverständnisses einen Kuß auf +die Stirn gegeben. + +Mit Vetter Dagobert war das natürlich etwas ganz anderes gewesen, der +hatte nicht bloß den Gardepli, der hatte vor allem auch mit Hilfe +jener eigentümlich guten Laune, wie sie bei den Alexanderoffizieren +beinahe traditionell geworden, sowohl Mutter wie Tochter von Anfang +an anzuregen und aufzuheitern gewußt, und diese gute Stimmung dauerte +bis zuletzt. »Dagobert«, so hieß es noch beim Abschied, »du kommst +also zu meinem Polterabend, und natürlich mit Cortège. Denn +nach den Aufführungen (aber kommt mir nicht mit Dienstmann oder +Mausefallenhändler) ist Ball. Und du mußt bedenken, mein erster +großer Ball ist vielleicht auch mein letzter. Unter sechs Kameraden +- natürlich beste Tänzer - wird gar nicht angenommen. Und mit dem +Frühzug könnt ihr wieder zurück.« Der Vetter versprach alles, und so +trennte man sich. + +Gegen Mittag trafen beide Damen an ihrer havelländischen Bahnstation +ein, mitten im Luch, und fuhren in einer halben Stunde nach +Hohen-Cremmen hinüber. Briest war sehr froh, Frau und Tochter wieder +zu Hause zu haben, und stellte Fragen über Fragen, deren Beantwortung +er meist nicht abwartete. Statt dessen erging er sich in Mitteilung +dessen, was er inzwischen erlebt. »Ihr habt mir da vorhin von der +Nationalgalerie gesprochen und von der 'Insel der Seligen' - nun, wir +haben hier, während ihr fort wart, auch so was gehabt: unser Inspektor +Pink und die Gärtnersfrau. Natürlich habe ich Pink entlassen müssen, +übrigens ungern. Es ist sehr fatal, daß solche Geschichten fast immer +in die Erntezeit fallen. Und Pink war sonst ein ungewöhnlich tüchtiger +Mann, hier leider am unrechten Fleck. Aber lassen wir das; Wilke wird +schon unruhig.« + +Bei Tische hörte Briest besser zu; das gute Einvernehmen mit dem +Vetter, von dem ihm viel erzählt wurde, hatte seinen Beifall, weniger +das Verhalten gegen Tante Therese. Man sah aber deutlich, daß er +inmitten seiner Mißbilligung sich eigentlich darüber freute; denn ein +kleiner Schabernack entsprach ganz seinem Geschmack, und Tante Therese +war wirklich eine lächerliche Figur. Er hob sein Glas und stieß mit +Frau und Tochter an. Auch als nach Tisch einzelne der hübschesten +Einkäufe von ihm ausgepackt und seiner Beurteilung unterbreitet +wurden, verriet er viel Interesse, das selbst noch anhielt oder +wenigstens nicht ganz hinstarb, als er die Rechnung überflog. »Etwas +teuer, oder sagen wir lieber sehr teuer; indessen es tut nichts. Es +hat alles so viel Schick, ich möchte sagen so viel Animierendes, daß +ich deutlich fühle, wenn du mir solchen Koffer und solche Reisedecke +zu Weihnachten schenkst, so sind wir zu Ostern auch in Rom und machen +nach achtzehn Jahren unsere Hochzeitsreise. Was meinst du, Luise? +Wollen wir nachexerzieren? Spät kommt ihr, doch ihr kommt.« + +Frau von Briest machte eine Handbewegung, wie wenn sie sagen wollte: +»Unverbesserlich«, und überließ ihn im übrigen seiner eigenen +Beschämung, die aber nicht groß war. + +Ende August war da, der Hochzeitstag (3. Oktober) rückte näher, +und sowohl im Herrenhause wie in der Pfarre und Schule war man +unausgesetzt bei den Vorbereitungen zum Polterabend. Jahnke, getreu +seiner Fritz-Reuter-Passion, hatte sich's als etwas besonders +»Sinniges« ausgedacht, Bertha und Hertha als Lining und Mining +auftreten zu lassen, natürlich plattdeutsch, während Hulda das +Käthchen von Heilbronn in der Holunderbaumszene darstellen sollte, +Leutnant Engelbrecht von den Husaren als Wetter vom Strahl. Niemeyer, +der sich den Vater der Idee nennen durfte, hatte keinen Augenblick +gesäumt, auch die versäumte Nutzanwendung auf Innstetten und Effi +hinzuzudichten. Er selbst war mit seiner Arbeit zufrieden und hörte, +gleich nach der Leseprobe, von allen Beteiligten viel Freundliches +darüber, freilich mit Ausnahme seines Patronatsherrn und alten +Freundes Briest, der, als er die Mischung von Kleist und Niemeyer +mit angehört hatte, lebhaft protestierte, wenn auch keineswegs aus +literarischen Gründen. »Hoher Herr und immer wieder Hoher Herr - was +soll das? Das leitet in die Irre, das verschiebt alles. Innstetten, +unbestritten, ist ein famoses Menschenexemplar, Mann von Charakter +und Schneid, aber die Briests - verzeih den Berolinismus, Luise-, die +Briests sind schließlich auch nicht von schlechten Eltern. Wir sind +doch nun mal eine historische Familie, laß mich hinzufügen Gott sei +Dank, und die Innstettens sind es nicht; die Innstettens sind bloß +alt, meinetwegen Uradel, aber was heißt Uradel? Ich will nicht, daß +eine Briest oder doch mindestens eine Polterabendfigur, in der jeder +das Widerspiel unserer Effi erkennen muß - ich will nicht, daß eine +Briest mittelbar oder unmittelbar in einem fort von 'Hoher Herr' +spricht. Da müßte denn doch Innstetten wenigstens ein verkappter +Hohenzoller sein, es gibt ja dergleichen. Das ist er aber nicht, und +so kann ich nur wiederholen, es verschiebt die Situation.« + +Und wirklich, Briest hielt mit besonderer Zähigkeit eine ganze +Zeitlang an dieser Anschauung fest. Erst nach der zweiten Probe, +wo das »Käthchen«, schon halb im Kostüm, ein sehr eng anliegendes +Sammetmieder trug, ließ er sich - der es auch sonst nicht an +Huldigungen gegen Hulda fehlen ließ - zu der Bemerkung hinreißen, +das Käthchen liege sehr gut da, welche Wendung einer Waffenstreckung +ziemlich gleichkam oder doch zu solcher hinüberleitete. Daß alle diese +Dinge vor Effi geheimgehalten wurden, braucht nicht erst gesagt zu +werden. Bei mehr Neugier auf seiten dieser letzteren wäre das nun +freilich ganz unmöglich gewesen, aber Effi hatte so wenig Verlangen, +in die Vorbereitungen und geplanten Überraschungen einzudringen, daß +sie der Mama mit allem Nachdruck erklärte, sie könne es abwarten, +und Wenn diese dann zweifelte, so schloß Effi mit der wiederholten +Versicherung: Es wäre wirklich so, die Mama könne es glauben. Und +warum auch nicht? Es sei ja doch alles nur Theateraufführung und +hübscher und poetischer als »Aschenbrödel«, das sie noch am letzten +Abend in Berlin gesehen hätte, hübscher und poetischer könne es ja +doch nicht Sein. Da hätte sie wirklich selber mitspielen mögen, wenn +auch nur, um dem lächerlichen Pensionslehrer einen Kreidestrich auf +den Rücken zu machen. »Und wie reizend im letzten Akt 'Aschenbrödels +Erwachen als Prinzessin' oder wenigstens als Gräfin; wirklich, es +war ganz wie ein Märchen.« In dieser Weise sprach sie oft, war meist +ausgelassener als vordem und ärgerte sich bloß über das beständige +Tuscheln und Geheimtun der Freundinnen. »Ich wollte, sie hätten sich +weniger wichtig und wären mehr für mich da. Nachher bleiben sie doch +bloß stecken, und ich muß mich um sie ängstigen und mich schämen, daß +es meine Freundinnen sind.« So gingen Effis Spottreden, und es war +ganz unverkennbar, daß sie sich um Polterabend und Hochzeit nicht +allzusehr kümmerte. Frau von Briest hatte so ihre Gedanken darüber, +aber zu Sorgen kam es nicht, weil sich Effi, was doch ein gutes +Zeichen war, ziemlich viel mit ihrer Zukunft beschäftigte und sich, +phantasiereich wie sie war, viertelstundenlang in Schilderungen ihres +Kessiner Lebens erging, Schilderungen, in denen sich nebenher und +sehr zur Erheiterung der Mama eine merkwürdige Vorstellung von +Hinterpommern aussprach oder vielleicht auch, mit kluger Berechnung, +aussprechen sollte. Sie gefiel sich nämlich darin, Kessin als +einen halbsibirischen Ort aufzufassen, wo Eis und Schnee nie recht +aufhörten. + +»Heute hat Goschenhofer das letzte geschickt«, sagte Frau von Briest, +als sie wie gewöhnlich in Front des Seitenflügels mit Effi am +Arbeitstisch saß, auf dem die Leinen- und Wäschevorräte beständig +wuchsen, während der Zeitungen, die bloß Platz wegnahmen, immer +weniger wurden. »Ich hoffe, du hast nun alles, Effi. Wenn du aber noch +kleine Wünsche hegst, so mußt du sie jetzt aussprechen, womöglich in +dieser Stunde noch. Papa hat den Raps vorteilhaft verkauft und ist +ungewöhnlich guter Laune.« + +»Ungewöhnlich? Er ist immer in guter Laune.« + +»In ungewöhnlich guter Laune«, wiederholte die Mama. »Und sie muß +genutzt werden. Sprich also. Mehrmals, als wir noch in Berlin waren, +war es mir, als ob du doch nach dem einen oder anderen noch ein ganz +besonderes Verlangen gehabt hättest.« + +»Ja, liebe Mama, was soll ich da sagen. Eigentlich habe ich ja alles, +was man braucht, ich meine, was man hier braucht. Aber da mir's nun +mal bestimmt ist, so hoch nördlich zu kommen ... ich bemerke, daß ich +nichts dagegen habe, im Gegenteil, ich freue mich darauf, auf die +Nordlichter und auf den helleren Glanz der Sterne ... da mir's nun mal +so bestimmt ist, so hätte ich wohl gern einen Pelz gehabt.« + +»Aber Effi, Kind, das ist doch alles bloß leere Torheit. Du kommst ja +nicht nach Petersburg oder nach Archangel.« + +»Nein; aber ich bin doch auf dem Wege dahin...« + +»Gewiß, Kind. Auf dem Wege dahin bist du; aber was heißt das? Wenn du +von hier nach Nauen fährst, bist du auch auf dem Wege nach Rußland. Im +übrigen, wenn du's wünschst, so sollst du einen Pelz haben. Nur das +laß mich im voraus sagen, ich rate dir davon ab. Ein Pelz ist für +ältere Personen, selbst deine alte Mama ist noch zu jung dafür, und +wenn du mit deinen siebzehn Jahren in Nerz oder Marder auftrittst, so +glauben die Kessiner, es sei eine Maskerade.« + +Das war am 2. September, daß sie so sprachen, ein Gespräch, das sich +wohl fortgesetzt hätte, wenn nicht gerade Sedantag gewesen wäre. So +aber wurden sie durch Trommel- und Pfeifenklang unterbrochen, und +Effi, die schon vorher von dem beabsichtigten Aufzuge gehört, +aber es wieder vergessen hatte, stürzte mit einem Male von dem +gemeinschaftlichen Arbeitstisch fort und an Rondell und Teich vorüber +auf einen kleinen, an die Kirchhofsmauer angebauten Balkon zu, zu dem +sechs Stufen, nicht viel breiter als Leitersprossen, hinaufführten. Im +Nu war sie oben, und richtig, da kam auch schon die ganze Schuljugend +heran, Jahnke gravitätisch am rechten Flügel, während ein kleiner +Tambourmajor, weit voran, an der Spitze des Zuges marschierte, mit +einem Gesichtsausdruck, als ob ihm obläge, die Schlacht bei Sedan noch +einmal zu schlagen. Effi winkte mit dem Taschentuch, und der Begrüßte +versäumte nicht, mit seinem blanken Kugelstock zu salutieren. + +Eine Woche später saßen Mutter und Tochter wieder am alten Fleck, auch +wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt. Es war ein wunderschöner Tag; der +in einem zierlichen Beet um die Sonnenuhr herum stehende Heliotrop +blühte noch, und die leise Brise, die ging, trug den Duft davon zu +ihnen herüber. + +»Ach, wie wohl ich mich fühle«, sagte Effi, »so wohl und so glücklich; +ich kann mir den Himmel nicht schöner denken. Und am Ende, wer weiß, +ob sie im Himmel so wundervollen Heliotrop haben.« + +»Aber Effi, so darfst du nicht sprechen; das hast du von deinem Vater, +dem nichts heilig ist und der neulich sogar sagte, Niemeyer sähe +aus wie Lot. Unerhört. Und was soll es nur heißen? Erstlich weiß er +nicht, wie Lot ausgesehen hat, und zweitens ist es eine grenzenlose +Rücksichtslosigkeit gegen Hulda. Ein Glück, daß Niemeyer nur die +einzige Tochter hat, dadurch fällt es eigentlich in sich zusammen. In +einem freilich hat er nur zu recht gehabt, in all und jedem, was er +über 'Lots Frau', unsere gute Frau Pastorin, sagte, die uns denn auch +wirklich wieder mit ihrer Torheit und Anmaßung den ganzen Sedantag +ruinierte. Wobei mir übrigens einfällt, daß wir, als Jahnke mit der +Schule vorbeikam, in unserem Gespräch unterbrochen wurden - wenigstens +kann ich mir nicht denken, daß der Pelz, von dem du damals sprachst, +dein einziger Wunsch gewesen sein sollte. Laß mich also wissen, +Schatz, was du noch weiter auf dem Herzen hast.« »Nichts, Mama.« + +»Wirklich nichts?« + +»Nein, wirklich nichts; ganz im Ernst ... Wenn es aber doch am Ende +was sein sollte ...« + +»Nun ...« + +»... so müßte es ein japanischer Bettschirm sein, schwarz und goldene +Vögel darauf, alle mit einem langen Kranichschnabel ... Und dann +vielleicht noch eine Ampel für unser Schlafzimmer, mit rotem Schein.« + +Frau von Briest schwieg. + +»Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas +besonders Unpassendes gesagt hätte.« + +»Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewiß +nicht. Denn ich kenne dich ja. Du bist eine phantastische kleine +Person, malst dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus, und je +farbenreicher sie sind, desto schöner und begehrlicher erscheinen sie +dir. Ich sah das so recht, als wir die Reisesachen kauften. Und nun +denkst du dir's ganz wundervoll, einen Bettschirm mit allerhand +fabelhaftem Getier zu haben, alles im Halblicht einer roten Ampel. Es +kommt dir vor wie ein Märchen, und du möchtest eine Prinzessin sein.« + +Effi nahm die Hand der Mama und küßte sie. »Ja, Mama, so bin ich.« + +»Ja, so bist du. Ich weiß es wohl. Aber meine liebe Effi, wir müssen +vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach +Kessin kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt, +so lacht man über dergleichen. Und wenn man bloß lachte. Die, die dir +ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter +Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres.« + +»Also nichts Japanisches und auch keine Ampel. Aber ich bekenne dir, +ich hatte es mir so schön und poetisch gedacht, alles in einem roten +Schimmer zu sehen.« + +Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf und küßte Effi. »Du bist ein +Kind. Schön und poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die Wirklichkeit +ist anders, und oft ist es gut, daß es statt Licht und Schimmer ein +Dunkel gibt.« + +Effi schien antworten zu wollen, aber in diesem Augenblick kam Wilke +und brachte Briefe. Der eine war aus Kessin von Innstetten. »Ach, von +Geert«, sagte Effi, und während sie den Brief beiseite steckte, fuhr +sie in ruhigem Ton fort: + +»Aber das wirst du doch gestatten, daß ich den Flügel schräg in die +Stube stelle. Daran liegt mir mehr als an einem Kamin, den mir Geert +versprochen hat. Und das Bild von dir, das stell ich dann auf eine +Staffelei; ganz ohne dich kann ich nicht sein. Ach, wie werd ich mich +nach euch sehnen, vielleicht auf der Reise schon und dann in Kessin +ganz gewiß. Es soll ja keine Garnison haben, nicht einmal einen +Stabsarzt, und ein Glück, daß es wenigstens ein Badeort ist. Vetter +Briest, und daran will ich mich aufrichten, dessen Mutter und +Schwester immer nach Warnemünde gehen - nun, ich sehe doch wirklich +nicht ein, warum der die lieben Verwandten nicht auch einmal nach +Kessin hin dirigieren sollte. Dirigieren, das klingt ohnehin so +nach Generalstab, worauf er, glaub ich, ambiert. Und dann kommt er +natürlich mit und wohnt bei uns. Übrigens haben die Kessiner, wie mir +neulich erst wer erzählt hat, ein ziemlich großes Dampfschiff, das +zweimal die Woche nach Schweden hinüberfährt. Und auf dem Schiff ist +dann Ball (sie haben da natürlich auch Musik), und er tanzt sehr +gut ...« + +»Wer?« + +»Nun, Dagobert.« + +»Ich dachte, du meintest Innstetten. Aber jedenfalls ist es an der +Zeit, endlich zu wissen, was er schreibt ... Du hast ja den Brief noch +in der Tasche.« + +»Richtig. Den hätt ich fast vergessen.« Und sie öffnete den Brief und +überflog ihn. + +»Nun, Effi, kein Wort? Du strahlst nicht und lachst nicht einmal, +und er schreibt doch immer so heiter und unterhaltlich und gar nicht +väterlich weise.« + +»Das würde ich mir auch verbitten. Er hat sein Alter, und ich habe +meine Jugend. Und ich würde ihm mit den Fingern drohen und ihm sagen: +'Geert, überlege, was besser ist.'« »Und dann würde er dir antworten: +'Was du hast, Effi, das ist das Bessere.' Denn er ist nicht nur ein +Mann der feinsten Formen, er ist auch gerecht und verständig und weiß +recht gut, was Jugend bedeutet. Er sagt sich das immer und stimmt sich +auf das Jugendliche hin, und wenn er in der Ehe so bleibt, so werdet +ihr eine Musterehe führen.« + +»Ja, das glaube ich auch, Mama. Aber kannst du dir vorstellen, und ich +schäme mich fast, es zu sagen, ich bin nicht so sehr für das, was man +eine Musterehe nennt.« + +»Das sieht dir ähnlich. Und nun sage mir, wofür bist du denn +eigentlich?« + +»Ich bin... nun, ich bin für gleich und gleich und natürlich auch für +Zärtlichkeit und Liebe. Und wenn es Zärtlichkeit und Liebe nicht sein +können, weil Liebe, wie Papa sagt, doch nur ein Papperlapapp ist +(was ich aber nicht glaube), nun, dann bin ich für Reichtum und ein +vornehmes Haus, ein ganz vornehmes, wo Prinz Friedrich Karl zur Jagd +kommt, auf Elchwild oder Auerhahn, oder wo der alte Kaiser vorfährt +und für jede Dame, auch für die jungen, ein gnädiges Wort hat. Und +wenn wir dann in Berlin sind, dann bin ich für Hofball und Galaoper, +immer dicht neben der großen Mittelloge.« + +»Sagst du das so bloß aus Übermut und Laune?« + +»Nein, Mama, das ist mein völliger Ernst. Liebe kommt zuerst, aber +gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung +- ja, Zerstreuung, immer was Neues, immer was, daß ich lachen oder +weinen muß. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile.« + +»Wie bist du da nur mit uns fertig geworden?« + +»Ach, Mama, wie du nur so was sagen kannst. Freilich, wenn im Winter +die liebe Verwandtschaft vorgefahren kommt und sechs Stunden bleibt +oder wohl auch noch länger, und Tante Gundel und Tante Olga mich +mustern und mich naseweis finden - und Tante Gundel hat es mir auch +mal gesagt -, ja, da macht sich's mitunter nicht sehr hübsch, das +muß ich zugeben. Aber sonst bin ich hier immer glücklich gewesen, so +glücklich.« + +Und während sie das sagte, warf sie sich heftig weinend vor der Mama +auf die Knie und küßte ihre beiden Hände. + +»Steh auf, Effi. Das sind so Stimmungen, die über einen kommen, +wenn man so jung ist wie du und vor der Hochzeit steht und vor dem +Ungewissen. Aber nun lies mir den Brief vor, wenn er nicht was ganz +Besonderes enthält oder vielleicht Geheimnisse.« + +»Geheimnisse«, lachte Effi und sprang in plötzlich veränderter +Stimmung wieder auf. »Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf, +aber das meiste könnte ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da, +wo immer die landrätlichen Verordnungen stehen. Nun, Geert ist ja auch +Landrat.« + +»Lies, lies.« + +»Liebe Effi! ... So fängt es nämlich immer an, und manchmal nennt er +mich auch seine 'kleine Eva'.« + +»Lies, lies ... Du sollst ja lesen.« + +»Also: Liebe Effi! Je näher wir unsrem Hochzeitstage kommen, je +sparsamer werden Deine Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer +zuerst nach Deiner Handschrift, aber wie Du weißt (und ich hab es ja +auch nicht anders gewollt), in der Regel vergeblich. Im Hause sind +jetzt die Handwerker, die die Zimmer, freilich nur wenige, für Dein +Kommen herrichten sollen. Das Beste wird wohl erst geschehen, wenn wir +auf der Reise sind. Tapezierer Madelung, der alles liefert, ist ein +Original, von dem ich Dir mit nächstem erzähle, vor allem aber, wie +glücklich ich bin über Dich, über meine süße kleine Effi. Mir brennt +hier der Boden unter den Füßen, und dabei wird es in unserer guten +Stadt immer stiller und einsamer. Der letzte Badegast ist gestern +abgereist; er badete zuletzt bei neun Grad, und die Badewärter waren +immer froh, wenn er wieder heil heraus war. Denn sie fürchteten einen +Schlaganfall, was dann das Bad in Mißkredit bringt, als ob die Wellen +hier schlimmer wären als woanders. Ich juble, wenn ich denke, daß ich +in vier Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus nach dem Lido fahre +oder nach Murano hin, wo sie Glasperlen machen und schönen Schmuck. +Und der schönste sei für Dich. Viele Grüße den Eltern und den +zärtlichsten Kuß Dir von Deinem Geert.« Effi faltete den Brief wieder +zusammen, um ihn in das Kuvert zu stecken. + +»Das ist ein sehr hübscher Brief«, sagte Frau von Briest, »und daß er +in allem das richtige Maß hält, das ist ein Vorzug mehr.« + +»Ja, das rechte Maß, das hält er.« + +»Meine liebe Effi, laß mich eine Frage tun; wünschtest du, daß der +Brief nicht das richtige Maß hielte, wünschtest du, daß er zärtlicher +wäre, vielleicht überschwenglich zärtlich?« »Nein, nein, Mama. Wahr +und wahrhaftig nicht, das wünsche ich nicht. Da ist es doch besser +so.« + +»Da ist es doch besser so. Wie das nun wieder klingt. Du bist so +sonderbar. Und daß du vorhin weintest. Hast du was auf deinem Herzen? +Noch ist es Zeit. Liebst du Geert nicht?« »Warum soll ich ihn nicht +lieben? Ich liebe Hulda, und ich liebe Bertha, und ich liebe Hertha. +Und ich liebe auch den alten Niemeyer. Und daß ich euch liebe, davon +spreche ich gar nicht erst. Ich liebe alle, die's gut mit mir meinen +und gütig gegen mich sind und mich verwöhnen. Und Geert wird mich auch +wohl verwöhnen. Natürlich auf seine Art. Er will mir ja schon Schmuck +schenken in Venedig. Er hat keine Ahnung davon, daß ich mir nichts aus +Schmuck mache. Ich klettere lieber, und ich schaukle mich lieber, und +am liebsten immer in der Furcht, daß es irgendwo reißen oder brechen +und ich niederstürzen könnte. Den Kopf wird es ja nicht gleich +kosten.« + +»Und liebst du vielleicht auch deinen Vetter Briest?« »Ja, sehr. Der +erheitert mich immer.« + +»Und hättest du Vetter Briest heiraten mögen?« + +»Heiraten? Um Gottes willen nicht. Er ist ja noch ein halber Junge. +Geert ist ein Mann, ein schöner Mann, ein Mann, mit dem ich Staat +machen kann und aus dem was wird in der Welt. Wo denkst du hin, Mama.« + +»Nun, das ist recht, Effi, das freut mich. Aber du hast noch was auf +der Seele.« + +»Vielleicht.« + +»Nun, sprich.« + +»Sieh, Mama, daß er älter ist als ich, das schadet nichts, das ist +vielleicht recht gut: Er ist ja doch nicht alt und ist gesund und +frisch und so soldatisch und so schneidig. Und ich könnte beinah +sagen, ich wäre ganz und gar für ihn, wenn er nur ... ja, wenn er nur +ein bißchen anders wäre.« + +»Wie denn, Effi?« + +»Ja, wie. Nun, du darfst mich nicht auslachen. Es ist etwas, was ich +erst ganz vor kurzem aufgehorcht habe, drüben im Pastorhause. Wir +sprachen da von Innstetten, und mit einem Male zog der alte Niemeyer +seine Stirn in Falten, aber in Respekts- und Bewunderungsfalten, und +sagte: 'Ja, der Baron! Das ist ein Mann von Charakter, ein Mann von +Prinzipien.'« + +»Das ist er auch, Effi.« + +»Gewiß. Und ich glaube, Niemeyer sagte nachher sogar, er sei auch ein +Mann von Grundsätzen. Und das ist, glaub ich, noch etwas mehr. Ach, +und ich... ich habe keine. Sieh, Mama, da liegt etwas, was mich quält +und ängstigt. Er ist so lieb und gut gegen mich und so nachsichtig, +aber ... ich fürchte mich vor ihm.« + + + +Fünftes Kapitel + +Die Hohen-Cremmer Festtage lagen zurück; alles war abgereist, auch das +junge Paar, noch am Abend des Hochzeitstages. + +Der Polterabend hatte jeden zufriedengestellt, besonders die +Mitspielenden, und Hulda war dabei das Entzücken aller jungen +Offiziere gewesen, sowohl der Rathenower Husaren wie der etwas +kritischer gestimmten Kameraden vom Alexanderregiment. Ja, alles war +gut und glatt verlaufen, fast über Erwarten. Nur Bertha und Hertha +hatten so heftig geschluchzt, daß Jahnkes plattdeutsche Verse so gut +wie verlorengegangen waren. Aber auch das hatte wenig geschadet. +Einige feine Kenner waren sogar der Meinung gewesen, das sei das +Wahre; Steckenbleiben und Schluchzen und Unverständlichkeit - in +diesem Zeichen (und nun gar, wenn es so hübsche rotblonde Krausköpfe +wären) werde immer am entschiedensten gesiegt. Eines ganz besonderen +Triumphes hatte sich Vetter Briest in seiner selbstgedichteten Rolle +rühmen dürfen. Er war als Demuthscher Kommis erschienen, der in +Erfahrung gebracht, die junge Braut habe vor, gleich nach der Hochzeit +nach Italien zu reisen, weshalb er einen Reisekoffer abliefern wolle. +Dieser Koffer entpuppte sich natürlich als eine Riesenbonbonniere von +Hövel. Bis um drei Uhr war getanzt worden, bei welcher Gelegenheit der +sich mehr und mehr in eine höchste Champagnerstimmung hineinredende +alte Briest allerlei Bemerkungen über den an manchen Höfen +immer noch üblichen Fackeltanz und die merkwürdige Sitte des +Strumpfbandaustanzens gemacht hatte, Bemerkungen, die nicht +abschließen wollten und, sich immer mehr steigernd, am Ende so weit +gingen, daß ihnen durchaus ein Riegel vorgeschoben werden mußte. »Nimm +dich zusammen, Briest«, war ihm in ziemlich ernstem Ton von seiner +Frau zugeflüstert worden; »du stehst hier nicht, um Zweideutigkeiten +zu sagen, sondern um die Honneurs des Hauses zu machen. Wir haben eben +eine Hochzeit und nicht eine Jagdpartie.« Worauf Briest geantwortet, +er sähe darin keinen so großen Unterschied; übrigens sei er glücklich. +Auch der Hochzeitstag selbst war gut verlaufen. Niemeyer hatte +vorzüglich gesprochen, und einer der alten Berliner Herren, der halb +und halb zur Hofgesellschaft gehörte, hatte sich auf dem Rückweg von +der Kirche zum Hochzeitshaus dahin geäußert, es sei doch merkwürdig, +wie reich gesät in einem Staate wie der unsrige die Talente seien. +»Ich sehe darin einen Triumph unserer Schulen und vielleicht mehr noch +unserer Philosophie. Wenn ich bedenke, daß dieser Niemeyer, ein alter +Dorfpastor, der anfangs aussah wie ein Hospitalit ... ja, Freund, +sagen Sie selbst, hat er nicht gesprochen wie ein Hofprediger? Dieser +Takt und diese Kunst der Antithese, ganz wie Kögel, und an Gefühl ihm +noch über. Kögel ist zu kalt. Freilich, ein Mann in seiner Stellung +muß kalt sein. Woran scheitert man denn im Leben überhaupt? Immer nur +an der Wärme.« Der noch unverheiratete, aber wohl eben deshalb zum +vierten Male in einem »Verhältnis« stehende Würdenträger, an den sich +diese Worte gerichtet hatten, stimmte selbstverständlich zu. »Nur zu +wahr, lieber Freund«, sagte er. »Zuviel Wärme! ... ganz vorzüglich ... +Übrigens muß ich Ihnen nachher eine Geschichte erzählen.« + +Der Tag nach der Hochzeit war ein heller Oktobertag. Die Morgensonne +blinkte; trotzdem war es schon herbstlich frisch, und Briest, der eben +gemeinschaftlich mit seiner Frau das Frühstück genommen, erhob sich +von seinem Platz und stellte sich, beide Hände auf dem Rücken, gegen +das mehr und mehr verglimmende Kaminfeuer. Frau von Briest, eine +Handarbeit in Händen, rückte gleichfalls näher an den Kamin und sagte +zu Wilke, der gerade eintrat, um den Frühstückstisch abzuräumen: »Und +nun, Wilke, wenn Sie drin im Saal, aber das geht vor, alles in Ordnung +haben, dann sorgen Sie, daß die Torten nach drüben kommen, die +Nußtorte zu Pastors und die Schüssel mit kleinen Kuchen zu Jahnkes. +Und nehmen Sie sich mit den Gläsern in acht. Ich meine die +dünngeschliffenen.« + +Briest war schon bei der dritten Zigarette, sah sehr wohl aus und +erklärte, nichts bekomme einem so gut wie eine Hochzeit, natürlich die +eigene ausgenommen. + +»Ich weiß nicht, Briest, wie du zu solcher Bemerkung kommst. Mir war +ganz neu, daß du darunter gelitten haben willst. Ich wüßte auch nicht +warum.« + +»Luise, du bist eine Spielverderberin. Aber ich nehme nichts übel, +auch nicht einmal so was. Im übrigen, was wollen wir von uns sprechen, +die wir nicht einmal eine Hochzeitsreise gemacht haben. Dein Vater war +dagegen. Aber Effi macht nun eine Hochzeitsreise. Beneidenswert. Mit +dem Zehnuhrzug ab. Sie müssen jetzt schon bei Regensburg sein, und +ich nehme an, daß er ihr - selbstverständlich ohne auszusteigen - +die Hauptkunstschätze der Walhalla herzählt. Innstetten ist ein +vorzüglicher Kerl, aber er hat so was von einem Kunstfex, und Effi, +Gott, unsere arme Effi, ist ein Naturkind. Ich fürchte, daß er sie mit +seinem Kunstenthusiasmus etwas quälen wird.« + +»Jeder quält seine Frau. Und Kunstenthusiasmus ist noch lange nicht +das Schlimmste.« + +»Nein, gewiß nicht; jedenfalls wollen wir darüber nicht streiten; es +ist ein weites Feld. Und dann sind auch die Menschen so verschieden. +Du, nun ja, du hättest dazu getaugt. Überhaupt hättest du besser zu +Innstetten gepaßt als Effi. Schade, nun ist es zu spät.« + +»Überaus galant, abgesehen davon, daß es nicht paßt. Unter allen +Umständen aber, was gewesen ist, ist gewesen. Jetzt ist er +mein Schwiegersohn, und es kann zu nichts führen, immer auf +Jugendlichkeiten zurückzuweisen.« + +»Ich habe dich nur in eine animierte Stimmung bringen wollen.« + +»Sehr gütig. Übrigens nicht nötig. Ich bin in animierter Stimmung.« + +»Und auch in guter?« + +»Ich kann es fast sagen. Aber du darfst sie nicht verderben. Nun, was +hast du noch? Ich sehe, daß du was auf dem Herzen hast.« + +»Gefiel dir Effi? Gefiel dir die ganze Geschichte? Sie war so +sonderbar, halb wie ein Kind, und dann wieder sehr selbstbewußt und +durchaus nicht so bescheiden, wie sie's solchem Manne gegenüber sein +müßte. Das kann doch nur so zusammenhängen, daß sie noch nicht recht +weiß, was sie an ihm hat. Oder ist es einfach, daß sie ihn nicht recht +liebt? Das wäre schlimm. Denn bei all seinen Vorzügen, er ist nicht +der Mann, sich diese Liebe mit leichter Manier zu gewinnen.« + +Frau von Briest schwieg und zählte die Stiche auf dem Kanevas. + +Endlich sagte sie: »Was du da sagst, Briest, ist das Gescheiteste, +was ich seit drei Tagen von dir gehört habe, deine Rede bei Tisch mit +eingerechnet. Ich habe auch so meine Bedenken gehabt. Aber ich glaube, +wir können uns beruhigen.« + +»Hat sie dir ihr Herz ausgeschüttet?« + +»So möcht ich es nicht nennen. Sie hat wohl das Bedürfnis zu +sprechen, aber sie hat nicht das Bedürfnis, sich so recht von Herzen +auszusprechen, und macht vieles in sich selber ab; sie ist mitteilsam +und verschlossen zugleich, beinah versteckt; überhaupt ein ganz +eigenes Gemisch.« + +»Ich bin ganz deiner Meinung. Aber wenn sie dir nichts gesagt hat, +woher weißt du's?« + +»Ich sagte nur, sie habe mir nicht ihr Herz ausgeschüttet. Solche +Generalbeichte, so alles von der Seele herunter, das liegt nicht in +ihr. Es fuhr alles bloß ruckweise und plötzlich aus ihr heraus, und +dann war es wieder vorüber. Aber gerade weil es so ungewollt und wie +von ungefähr aus ihrer Seele kam, deshalb war es mir so wichtig.« + +»Und wann war es denn und bei welcher Gelegenheit?« + +»Es werden jetzt gerade drei Wochen sein, und wir saßen im Garten, mit +allerhand Ausstattungsdingen, großen und kleinen, beschäftigt, als +Wilke einen Brief von Innstetten brachte. Sie steckte ihn zu sich, +und ich mußte sie eine Viertelstunde später erst erinnern, daß sie ja +einen Brief habe. Dann las sie ihn, aber verzog kaum eine Miene. Ich +bekenne dir, daß mir bang ums Herz dabei wurde, so bang, daß ich gern +eine Gewißheit haben wollte, so viel, wie man in diesen Dingen haben +kann.« + +»Sehr wahr, sehr wahr.« »Was meinst du damit?« + +»Nun, ich meine nur ... Aber das ist ja ganz gleich. Sprich nur +weiter; ich bin ganz Ohr.« + +»Ich fragte also rundheraus, wie's stünde, und weil ich bei ihrem +eigenen Charakter einen feierlichen Ton vermeiden und alles so leicht +wie möglich, ja beinah scherzhaft nehmen wollte, so warf ich die Frage +hin, ob sie vielleicht den Vetter Briest, der ihr in Berlin sehr +stark den Hof gemacht hatte, ob sie den vielleicht lieber heiraten +würde ...« + +»Und?« + +»Da hättest du sie sehen sollen. Ihre nächste Antwort war ein +schnippisches Lachen. Der Vetter sei doch eigentlich nur ein großer +Kadett in Leutnantsuniform. Und einen Kadetten könne sie nicht einmal +lieben, geschweige heiraten. Und dann sprach sie von Innstetten, der +ihr mit einem Male der Träger aller männlichen Tugenden war.« + +»Und wie erklärst du dir das?« + +»Ganz einfach. So geweckt und temperamentvoll und beinahe +leidenschaftlich sie ist, oder vielleicht auch, weil sie es ist, sie +gehört nicht zu denen, die so recht eigentlich auf Liebe gestellt +sind, wenigstens nicht auf das, was den Namen ehrlich verdient. +Sie redet zwar davon, sogar mit Nachdruck und einem gewissen +Überzeugungston, aber doch nur, weil sie irgendwo gelesen hat, Liebe +sei nun mal das Höchste, das Schönste, das Herrlichste. Vielleicht +hat sie's auch bloß von der sentimentalen Person, der Hulda, gehört +und spricht es ihr nach. Aber sie empfindet nicht viel dabei. Wohl +möglich, daß es alles mal kommt, Gott verhüte es, aber noch ist es +nicht da.« + +»Und was ist da? Was hat sie?« + +»Sie hat nach meinem und auch nach ihrem eigenen Zeugnis zweierlei: +Vergnügungssucht und Ehrgeiz. + +»Nun, das kann passieren. Da bin ich beruhigt.« + +»Ich nicht. Innstetten ist ein Karrieremacher - von Streber will +ich nicht sprechen, das ist er auch nicht, dazu ist er zu wirklich +vornehm -, also Karrieremacher, und das wird Effis Ehrgeiz +befriedigen.« + +»Nun also. Das ist doch gut.« + +»Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Hälfte. Ihr Ehrgeiz wird +befriedigt werden, aber ob auch ihr Hang nach Spiel und Abenteuer? +Ich bezweifle. Für die stündliche kleine Zerstreuung und Anregung, +für alles, was die Langeweile bekämpft, diese Todfeindin einer +geistreichen kleinen Person, dafür wird Innstetten sehr schlecht +sorgen. Er wird sie nicht in einer geistigen Ode lassen, dazu ist er +zu klug und zu weltmännisch, aber er wird sie auch nicht sonderlich +amüsieren. Und was das Schlimmste ist, er wird sich nicht einmal recht +mit der Frage beschäftigen, wie das wohl anzufangen sei. Das wird eine +Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt wird sie's +merken, und dann wird es sie beleidigen. Und dann weiß ich nicht, was +geschieht. Denn so weich und nachgiebig sie ist, sie hat auch was +Rabiates und läßt es auf alles ankommen.« + +In diesem Augenblick trat Wilke vom Saal her ein und meldete, daß er +alles nachgezählt und alles vollzählig gefunden habe; nur von den +feinen Weingläsern sei eins zerbrochen, aber schon gestern, als das +Hoch ausgebracht wurde - Fräulein Hulda habe mit Leutnant Nienkerken +zu scharf angestoßen. + +»Versteht sich, von alter Zeit her immer im Schlaf, und unterm +Holunderbaum ist es natürlich nicht besser geworden. Eine alberne +Person, und ich begreife Nienkerken nicht.« »Ich begreife ihn +vollkommen.« + +»Er kann sie doch nicht heiraten.« »Nein.« + +»Also zu was?« + +»Ein weites Feld, Luise.« + +Dies war am Tage nach der Hochzeit. Drei Tage später kam eine kleine +gekritzelte Karte aus München, die Namen alle nur mit zwei Buchstaben +angedeutet. »Liebe Mama! Heute vormittag die Pinakothek besucht. Geert +wollte auch noch nach dem andern hinüber, das ich hier nicht nenne, +weil ich wegen der Rechtschreibung in Zweifel bin, und fragen mag ich +ihn nicht. Er ist übrigens engelsgut gegen mich und erklärt mir alles. +Überhaupt alles sehr schön, aber anstrengend. In Italien wird es wohl +nachlassen und besser werden. Wir wohnen in den 'Vier Jahreszeiten', +was Geert veranlaßte, mir zu sagen, draußen sei Herbst, aber er habe +in mir den Frühling. Ich finde es sehr sinnig. Er ist überhaupt sehr +aufmerksam. Freilich, ich muß es auch sein, namentlich wenn er was +sagt oder erklärt. Er weiß übrigens alles so gut, daß er nicht einmal +nachzuschlagen braucht. Mit Entzücken spricht er von Euch, namentlich +von Mama. Hulda findet er etwas zierig; aber der alte Niemeyer hat es +ihm ganz angetan. Tausend Grüße von Eurer ganz berauschten, aber auch +etwas müden Effi.« + +Solche Karten trafen nun täglich ein, aus Innsbruck, aus Verona, aus +Vicenza, aus Padua, eine jede fing an: »Wir haben heute vormittag die +hiesige berühmte Galerie besucht«, oder wenn es nicht die Galerie war, +so war es eine Arena oder irgendeine Kirche »Santa Maria« mit einem +Zunamen. Aus Padua kam, zugleich mit der Karte, noch ein wirklicher +Brief. »Gestern waren wir in Vicenza. Vicenza muß man sehen wegen des +Palladio; Geert sagte mir, daß in ihm alles Moderne wurzele. Natürlich +nur in bezug auf Baukunst. Hier in Padua (wo wir heute früh ankamen) +sprach er im Hotelwagen etliche Male vor sich hin: 'Er liegt in Padua +begraben', und war überrascht, als er von mir vernahm, daß ich diese +Worte noch nie gehört hätte. Schließlich aber sagte er, es sei +eigentlich ganz gut und ein Vorzug, daß ich nichts davon wüßte. Er ist +überhaupt sehr gerecht. Und vor allem ist er engelsgut gegen mich und +gar nicht überheblich und auch gar nicht alt. Ich habe noch immer das +Ziehen in den Füßen, und das Nachschlagen und das lange Stehen vor den +Bildern strengt mich an. Aber es muß ja sein. Ich freue mich sehr auf +Venedig. Da bleiben wir fünf Tage, ja vielleicht eine ganze Woche. +Geert hat mir schon von den Tauben auf dem Markusplatz vorgeschwärmt, +und daß man sich da Tüten mit Erbsen kauft und dann die schönen Tiere +damit füttert. Es soll Bilder geben, die das darstellen, schöne blonde +Mädchen, 'ein Typus wie Hulda', sagte er. Wobei mir denn auch die +Jahnkeschen Mädchen einfallen. Ach, ich gäbe was drum, wenn ich mit +ihnen auf unserem Hof auf einer Wagendeichsel sitzen und unsere Tauben +füttern könnte. Die Pfauentaube mit dem starken Kropf dürft ihr aber +nicht schlachten, die will ich noch wiedersehen. Ach, es ist so schön +hier. Es soll auch das Schönste sein. Eure glückliche, aber etwas müde +Effi.« + +Frau von Briest, als sie den Brief vorgelesen hatte, sagte: + +»Das arme Kind. Sie hat Sehnsucht.« + +»Ja«, sagte Briest, »sie hat Sehnsucht. Diese verwünschte +Reiserei ...« + +»Warum sagst du das jetzt? Du hättest es ja hindern können. Aber das +ist so deine Art, hinterher den Weisen zu spielen. Wenn das Kind in +den Brunnen gefallen ist, decken die Ratsherren den Brunnen zu.« + +»Ach, Luise, komme mir doch nicht mit solchen Geschichten. Effi ist +unser Kind, aber seit dem 3. Oktober ist sie Baronin Innstetten. Und +wenn ihr Mann, unser Herr Schwiegersohn, eine Hochzeitsreise machen +und bei der Gelegenheit jede Galerie neu katalogisieren will, so +kann ich ihn daran nicht hindern. Das ist eben das, was man sich +verheiraten nennt.« + +»Also jetzt gibst du das zu. Mir gegenüber hast du's immer bestritten, +immer bestritten, daß die Frau in einer Zwangslage sei.« + +»Ja, Luise, das hab ich. Aber wozu das jetzt. Das ist wirklich ein zu +weites Feld.« + + + +Sechstes Kapitel + +Mitte November - sie waren bis Capri und Sorrent gekommen - lief +Innstettens Urlaub ab, und es entsprach seinem Charakter und seinen +Gewohnheiten, genau Zeit und Stunde zu halten. + +Am 14. früh traf er denn auch mit dem Kurierzug in Berlin ein, wo +Vetter Briest ihn und die Cousine begrüßte und vorschlug, die zwei +bis zum Abgang des Stettiner Zuges noch zur Verfügung bleibenden +Stunden zum Besuch des St.-Privat-Panoramas zu benutzen und diesem +Panoramabesuch ein kleines Gabelfrühstück folgen zu lassen. Beides +wurde dankbar akzeptiert. Um Mittag war man wieder auf dem Bahnhof und +nahm hier, nachdem, wie herkömmlich, die glücklicherweise nie ernst +gemeinte Aufforderung, »doch auch mal herüberzukommen«, ebenso von +Effi wie von Innstetten ausgesprochen worden war, unter herzlichem +Händeschütteln Abschied voneinander. Noch als der Zug sich schon in +Bewegung setzte, grüßte Effi vom Coupé aus. Dann machte sie sich's +bequem und schloß die Augen; nur von Zeit zu Zeit richtete sie sich +wieder auf und reichte Innstetten die Hand. + +Es war eine angenehme Fahrt, und pünktlich erreichte der Zug den +Bahnhof Klein-Tantow, von dem aus eine Chaussee nach dem noch zwei +Meilen entfernten Kessin hinüberführte. Bei Sommerzeit, namentlich +während der Bademonate, benutzte man statt der Chaussee lieber den +Wasserweg und fuhr auf einem alten Raddampfer das Flüßchen Kessine, +dem Kessin selbst seinen Namen verdankte, hinunter; am 1. Oktober aber +stellte der »Phönix«, von dem seit langem vergeblich gewünscht wurde, +daß er in einer passagierfreien Stunde sich seines Namens entsinnen +und verbrennen möge, regelmäßig seine Fahrten ein, weshalb denn +auch Innstetten bereits von Stettin aus an seinen Kutscher Kruse +telegrafiert hatte: »Fünf Uhr Bahnhof Klein-Tantow. Bei gutem Wetter +offener Wagen.« + +Und nun war gutes Wetter, und Kruse hielt in offenem Gefährt am +Bahnhof und begrüßte die Ankommenden mit dem vorschriftsmäßigen +Anstand eines herrschaftlichen Kutschers. »Nun, Kruse, alles in +Ordnung?« + +»Zu Befehl, Herr Landrat.« + +»Dann, Effi, bitte, steig ein.« Und während Effi dem nachkam und einer +von den Bahnhofsleuten einen kleinen Handkoffer vorn beim Kutscher +unterbrachte, gab Innstetten Weisung, den Rest des Gepäcks mit dem +Omnibus nachzuschicken. Gleich danach nahm auch er seinen Platz, bat, +sich Populär machend, einen der Umstehenden um Feuer und rief Kruse +zu: »Nun vorwärts, Kruse.« Und über die Schienenweg, die vielgleisig +an der Übergangsstelle lagen, ging es in Schräglinie den Bahndamm +hinunter und gleich danach an einem schon an der Chaussee gelegenen +Gasthaus vorüber, das den Namen »Zum Fürsten Bismarck« führte. Denn an +ebendieser Stelle gabelte der Weg und zweigte, wie rechts nach Kessin, +so links nach Varzin hin ab. Vor dem Gasthof stand ein mittelgroßer, +breitschultriger Mann in Pelz und Pelzmütze, welch letztere er, als +der Herr Landrat vorüberfuhr, mit vieler Würde vom Haupte nahm. »Wer +war denn das?« sagte Effi, die durch alles, was sie sah, aufs höchste +interessiert und schon deshalb bei bester Laune war. »Er sah ja aus +wie ein Starost, wobei ich freilich bekennen muß, nie einen Starosten +gesehen zu haben.« + +»Was auch nicht schadet, Effi Du hast es trotzdem sehr gut getroffen. +Er sieht wirklich aus wie ein Starost und ist auch so was. Er ist +nämlich ein halber Pole, heißt Golchowski, und wenn wir hier Wahl +haben oder eine Jagd, dann ist er obenauf. Eigentlich ein ganz +unsicherer Passagier, dem ich nicht über den Weg traue und der wohl +viel auf dem Gewissen hat. Er spielt sich aber auf den Loyalen hin +aus, und wenn die Varziner Herrschaften hier vorüberkommen, möchte er +sich am liebsten vor den Wagen werfen. Ich weiß, daß er dem Fürsten +auch widerlich ist. Aber was hilft's? Wir dürfen es nicht mit ihm +verderben, weil wir ihn brauchen. Er hat hier die ganze Gegend in der +Tasche und versteht die Wahlmache wie kein anderer, gilt auch für +wohlhabend. Dabei leiht er auf Wucher, was sonst die Polen nicht tun; +in der Regel das Gegenteil.« + +»Er sah aber gut aus.« + +»Ja, gut aussehen tut er. Gut aussehen tun die meisten hier. Ein +hübscher Schlag Menschen. Aber das ist auch das Beste, was man von +ihnen sagen kann. Eure märkischen Leute sehen unscheinbarer aus und +verdrießlicher, und in ihrer Haltung sind sie weniger respektvoll, +eigentlich gar nicht, aber ihr Ja ist Ja und Nein ist Nein, und man +kann sich auf sie verlassen. Hier ist alles unsicher.« + +»Warum sagst du mir das? Ich muß nun doch hier mit ihnen leben.« + +»Du nicht, du wirst nicht viel von ihnen hören und sehen. Denn Stadt +und Land sind hier sehr verschieden, und du wirst nur unsere Städter +kennenlernen, unsere guten Kessiner.« + +»Unsere guten Kessiner. Ist es Spott, oder sind wie wirklich so gut?« + +»Daß sie wirklich gut sind, will ich nicht gerade behaupten, aber sie +sind doch anders als die andern; ja, sie haben gar keine Ähnlichkeit +mit der Landbevölkerung hier.« + +»Und wie kommt das?« + +»Weil es eben ganz andere Menschen sind, ihrer Abstammung nach und +ihren Beziehungen nach. Was du hier landeinwärts findest, das sind +sogenannte Kaschuben, von denen du vielleicht gehört hast, slawische +Leute, die hier schon tausend Jahre sitzen und wahrscheinlich noch +viel länger. Alles aber, was hier an der Küste hin in den kleinen See- +und Handelsstädten wohnt, das sind von weither Eingewanderte, die sich +um das kaschubische Hinterland wenig kümmern, weil sie wenig davon +haben und auf etwas ganz anderes angewiesen sind. Worauf sie +angewiesen sind, das sind die Gegenden, mit denen sie Handel treiben, +und da sie das mit aller Welt tun und mit aller Welt in Verbindung +stehen, so findest du zwischen ihnen auch Menschen aus aller Welt +Ecken und Enden. Auch in unserem guten Kessin, trotzdem es eigentlich +nur ein Nest ist.« + +Aber das ist ja entzückend, Geert. Du sprichst immer von Nest, und nun +finde ich, wenn du nicht übertrieben hast, eine ganz neue Welt hier. +Allerlei Exotisches. Nicht wahr, so was Ähnliches meintest du doch?« +Er nickte. + +»Eine ganz neue Welt, sag ich, vielleicht einen Neger oder einen +Türken oder vielleicht sogar einen Chinesen.« + +»Auch einen Chinesen. Wie gut du raten kannst. Es ist möglich, daß wir +wirklich noch einen haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt; +jetzt ist er tot und auf einem kleinen eingegitterten Stück Erde +begraben, dicht neben dem Kirchhof. Wenn du nicht furchtsam bist, +will ich dir bei Gelegenheit mal sein Grab zeigen; es liegt zwischen +den Dünen, bloß Strandhafer drumrum und dann und wann ein paar +Immortellen, und immer hört man das Meer. Es ist sehr schön und sehr +schauerlich.« + +»Ja, schauerlich, und ich möchte wohl mehr davon wissen. Aber doch +lieber nicht, ich habe dann immer gleich Visionen und Träume und +möchte doch nicht, wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe, +gleich einen Chinesen an mein Bett treten sehen.« + +»Das wird er auch nicht.« + +»Das wird er auch nicht. Hör, das klingt ja sonderbar, als ob es doch +möglich wäre. Du willst mir Kessin interessant machen, aber du gehst +darin ein bißchen weit. Und solche fremde Leute habt ihr viele in +Kessin?« + +»Sehr viele. Die ganze Stadt besteht aus solchen Fremden, aus +Menschen, deren Eltern oder Großeltern noch ganz woanders saßen.« + +»Höchst merkwürdig. Bitte, sag mir mehr davon. Aber nicht wieder was +Gruseliges. Ein Chinese, find ich, hat immer was Gruseliges.« + +»Ja, das hat er«, lachte Geert. »Aber der Rest ist, Gott sei Dank, von +ganz anderer Art, lauter manierliche Leute, vielleicht ein bißchen zu +sehr Kaufmann, ein bißchen zu sehr auf ihren Vorteil bedacht und mit +Wechseln von zweifelhaftem Wert immer bei der Hand. Ja, man muß sich +vorsehen mit ihnen. Aber sonst ganz gemütlich. Und damit du siehst, +daß ich dir nichts vorgemacht habe, will ich dir nur so eine kleine +Probe geben, so eine Art Register oder Personenverzeichnis.« + +»Ja, Geert, das tu.« + +»Da haben wir beispielsweise keine fünfzig Schritt von uns, und +unsere Gärten stoßen sogar zusammen, den Maschinen- und Baggermeister +Macpherson, einen richtigen Schotten und Hochländer.« + +»Und trägt sich auch noch so?« + +»Nein, Gott sei Dank nicht, denn es ist ein verhutzeltes Männchen, auf +das weder sein Clan noch Walter Scott besonders stolz sein würden. Und +dann haben wir in demselben Haus, wo dieser Macpherson wohnt, auch +noch einen alten Wundarzt, Beza mit Namen, eigentlich bloß Barbier; +der stammt aus Lissabon, gerade daher, wo auch der berühmte General de +Meza herstammt - Meza, Beza, du hörst die Landesverwandtschaft heraus. +Und dann haben wir flußaufwärts am Bollwerk - das ist nämlich der Kai, +wo die Schiffe liegen - einen Goldschmied namens Stedingk, der aus +einer alten schwedischen Familie stammt; ja, ich glaube, es gibt sogar +Reichsgrafen, die so heißen, und des weiteren, und damit will ich dann +vorläufig abschließen, haben wir den guten alten Doktor Hannemann, der +natürlich ein Däne ist und lange in Island war und sogar ein kleines +Buch geschrieben hat über den letzten Ausbruch des Hekla oder Krabla.« + +»Das ist ja aber großartig, Geert. Das ist ja wie sechs Romane, damit +kann man ja gar nicht fertig werden. Es klingt erst spießbürgerlich +und ist doch hinterher ganz apart. Und dann müßt ihr ja doch auch +Menschen haben, schon weil es eine Seestadt ist, die nicht bloß +Chirurgen oder Barbiere sind oder sonst dergleichen. Ihr müßt doch +auch Kapitäne haben, irgendeinen fliegenden Holländer oder ...« + +»Da hast du ganz recht. Wir haben sogar einen Kapitän, der war +Seeräuber unter den Schwarzflaggen.« + +»Kenn ich nicht. Was sind Schwarzflaggen?« + +»Das sind Leute weit dahinten in Tonkin und an der Südsee ... Seit er +aber wieder unter Menschen ist, hat er auch wieder die besten Formen +und ist ganz unterhaltlich.« + +»Ich würde mich aber doch vor ihm fürchten.« + +»Was du nicht nötig hast, zu keiner Zeit, und auch dann nicht, wenn +ich über Land bin oder zum Tee beim Fürsten, denn zu allem andern, was +wir haben, haben wir ja Gott sei Dank auch Rollo ...« + +»Rollo?« + +»Ja, Rollo. Du denkst dabei, vorausgesetzt, daß du bei Niemeyer oder +Jahnke von dergleichen gehört hast, an den Normannenherzog, und +unserer hat auch so was. Es ist aber bloß ein Neufundländer, ein +wunderschönes Tier, das mich liebt und dich auch lieben wird. Denn +Rollo ist ein Kenner. Und solange du den um dich hast, so lange bist +du sicher und kann nichts an dich heran, kein Lebendiger und kein +Toter. Aber sieh mal den Mond da drüben. Ist es nicht schön?« + +Effi, die, still in sich versunken, jedes Wort halb ängstlich, halb +begierig eingesogen hatte, richtete sich jetzt auf und sah nach rechts +hinüber, wo der Mond, unter weißem, aber rasch hinschwindendem Gewölk, +eben aufgegangen war. Kupferfarben stand die große Scheibe hinter +einem Erlengehölz und warf ihr Licht auf eine breite Wasserfläche, die +die Kessine hier bildete. Oder vielleicht war es auch schon ein Haff, +an dem das Meer draußen seinen Anteil hatte. + +Effi war wie benommen. »Ja, du hast recht, Geert, wie schön; aber es +hat zugleich so was Unheimliches. In Italien habe ich nie solchen +Eindruck gehabt, auch nicht, als wir von Mestre nach Venedig +hinüberfuhren. Da war auch Wasser und Sumpf und Mondschein, und ich +dachte, die Brücke würde brechen; aber es war nicht so gespenstig. +Woran liegt es nur? Ist es doch das Nördliche?« + +Innstetten lachte. »Wir sind hier fünfzehn Meilen nördlicher als in +Hohen-Cremmen, und eh der erste Eisbär kommt, mußt du noch eine Weile +warten. Ich glaube, du bist nervös von der langen Reise und dazu das +St.-Privat-Panorama und die Geschichte von dem Chinesen.« + +»Du hast mir ja gar keine erzählt.« + +»Nein, ich hab ihn nur eben genannt. Aber ein Chinese ist schon an und +für sich eine Geschichte ...« + +»Ja«, lachte sie. + +»Und jedenfalls hast du's bald überstanden. Siehst du da vor dir das +kleine Haus mit dem Licht? Es ist eine Schmiede. Da biegt der Weg. Und +wenn wir die Biegung gemacht haben, dann siehst du schon den Turm von +Kessin oder richtiger beide...« + +»Hat es denn zwei?« + +»Ja, Kessin nimmt sich auf. Es hat jetzt auch eine katholische +Kirche.« + +Eine halbe Stunde später hielt der Wagen an der ganz am +entgegengesetzten Ende der Stadt gelegenen landrätlichen Wohnung, +einem einfachen, etwas altmodischen Fachwerkhaus, das mit seiner Front +auf die nach den Seebädern hinausführende Hauptstraße, mit seinem +Giebel aber auf ein zwischen der Stadt und den Dünen liegendes +Wäldchen, das die »Plantage« hieß, herniederblickte. + +Dies altmodische Fachwerkhaus war übrigens nur Innstettens +Privatwohnung, nicht das eigentliche Landratsamt, welches letztere, +schräg gegenüber, an der anderen Seite der Straße lag. + +Kruse hatte nicht nötig, durch einen dreimaligen Peitschenknips die +Ankunft zu vermelden; längst hatte man von Tür und Fenstern aus nach +den Herrschaften ausgeschaut, und ehe noch der Wagen heran war, waren +bereits alle Hausinsassen auf dem die ganze Breite des Bürgersteigs +einnehmenden Schwellstein versammelt, vorauf Rollo, der im selben +Augenblick, wo der Wagen hielt, diesen zu umkreisen begann. Innstetten +war zunächst seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich und +ging dann, dieser den Arm reichend, unter freundlichem Gruß an der +Dienerschaft vorüber, die nun dem jungen Paar in den mit prächtigen +alten Wandschränken umstandenen Hausflur folgte. Das Hausmädchen, eine +hübsche, nicht mehr ganz jugendliche Person, die ihre stattliche Fülle +fast ebenso gut kleidete wie das zierliche Mützchen auf dem blonden +Haar, war der gnädigen Frau beim Ablegen von Muff und Mantel +behilflich und bückte sich eben, um ihr auch die mit Pelz gefütterten +Gummistiefel auszuziehen. Aber ehe sie noch dazu kommen konnte, sagte +Innstetten: »Es wird das beste sein, ich stelle dir gleich hier unsere +gesamte Hausgenossenschaft vor, mit Ausnahme der Frau Kruse, die sich +- ich vermute sie wieder bei ihrem unvermeidlichen schwarzen Huhn - +nicht gerne sehen läßt.« Alles lächelte. »Aber lassen wir Frau Kruse +... Dies hier ist mein alter Friedrich, der schon mit mir auf der +Universität war ... Nicht wahr, Friedrich, gute Zeiten damals ... Und +dies hier ist Johanna, märkische Landsmännin von dir, wenn du, was +aus Pasewalker Gegend stammt, noch für voll gelten lassen willst, und +dies ist Christel, der wir mittags und abends unser leibliches Wohl +anvertrauen und die zu kochen versteht, das kann ich dir versichern. +Und dies hier ist Rollo. Nun, Rollo, wie geht's?« + +Rollo schien nur auf diese spezielle Ansprache gewartet zu haben, +denn im selben Augenblick, wo er seinen Namen hörte, gab er einen +Freudenblaff, richtete sich auf und legte die Pfoten auf seines Herrn +Schulter. + +»Schon gut, Rollo, schon gut. Aber sieh da, das ist die Frau; ich hab +ihr von dir erzählt und ihr gesagt, daß du ein schönes Tier seist +und sie schützen würdest.« Und nun ließ Rollo ab und setzte sich vor +Innstetten nieder, zugleich neugierig zu der jungen Frau aufblickend. +Und als diese ihm die Hand hinhielt, umschmeichelte er sie. + +Effi hatte während dieser Vorstellungsszene Zeit gefunden, sich +umzuschauen. Sie war wie gebannt von allem, was sie sah, und dabei +geblendet von der Fülle von Licht. In der vorderen Flurhälfte brannten +vier, fünf Wandleuchter, die Leuchten selbst sehr primitiv, von bloßem +Weißblech, was aber den Glanz und die Helle nur noch steigerte. Zwei +mit roten Schleiern bedeckte Astrallampen, Hochzeitsgeschenk von +Niemeyer, standen auf einem zwischen zwei Eichenschränken angebrachten +Klapptisch, in Front davon das Teezeug, dessen Lämpchen unter dem +Kessel schon angezündet war. Aber noch viel, viel anderes und zum +Teil sehr Sonderbares kam zu dem allen hinzu. Quer über den Flur fort +liefen drei die Flurdecke in ebenso viele Felder teilende Balken; an +dem vordersten hing ein Schiff mit vollen Segeln, hohem Hinterdeck +und Kanonenluken, während weiterhin ein riesiger Fisch in der Luft +zu schwimmen schien. Effi nahm ihren Schirm, den sie noch in Händen +hielt, und stieß leis an das Ungetüm an, so daß es sich in eine +langsam schaukelnde Bewegung setzte. + +»Was ist das, Geert?« fragte sie. + +»Das ist ein Haifisch.« + +»Und ganz dahinten das, was aussieht wie eine große Zigarre vor einem +Tabaksladen?« + +»Das ist ein junges Krokodil. Aber das kannst du dir alles morgen viel +besser und genauer ansehen; jetzt komm und laß uns eine Tasse Tee +nehmen. Denn trotz aller Plaids und Decken wirst du gefroren haben. Es +war zuletzt empfindlich kalt.« + +Er bot nun Effi den Arm, und während sich die beiden Mädchen +zurückzogen und nur Friedrich und Rollo folgten, trat man, nach links +hin, in des Hausherrn Wohn- und Arbeitszimmer ein. Effi war hier +ähnlich überrascht wie draußen im Flur; aber ehe sie sich darüber +äußern konnte, schlug Innstetten eine Portiere zurück, hinter der ein +zweites, etwas größeres Zimmer, mit Blick auf Hof und Garten, gelegen +war. »Das, Effi, ist nun also dein. Friedrich und Johanna haben es, so +gut es ging, nach meinen Anordnungen herrichten müssen. Ich finde es +ganz erträglich und würde mich freuen, wenn es dir auch gefiele.« + +Sie nahm ihren Arm aus dem seinigen und hob sich auf die Fußspitzen, +um ihm einen herzlichen Kuß zu geben. + +»Ich armes kleines Ding, wie du mich verwöhnst. Dieser Flügel und +dieser Teppich, ich glaube gar, es ist ein türkischer, und das Bassin +mit den Fischchen und dazu der Blumentisch. Verwöhnung, wohin ich +sehe.« + +»Ja, meine liebe Effi, das mußt du dir nun schon gefallen lassen, +dafür ist man jung und hübsch und liebenswürdig, was die Kessiner +wohl auch schon erfahren haben werden, Gott weiß woher. Denn an dem +Blumentisch wenigstens bin ich unschuldig. Friedrich, wo kommt der +Blumentisch her?« »Apotheker Gieshübler ... Es liegt auch eine Karte +bei.« »Ah, Gieshübler, Alonzo Gieshübler«, sagte Innstetten und +reichte lachend und in beinahe ausgelassener Laune die Karte mit dem +etwas fremdartig klingenden Vornamen zu Effi hinüber. »Gieshübler, von +dem hab ich dir zu erzählen vergessen - beiläufig, er führt auch den +Doktortitel, hat's aber nicht gern, wenn man ihn dabei nennt, das +ärgere, so meint er, die richtigen Doktoren bloß, und darin wird er +wohl recht haben. Nun, ich denke, du wirst ihn kennenlernen, und zwar +bald; er ist unsere beste Nummer hier, Schöngeist und Original und vor +allem Seele von Mensch, was doch immer die Hauptsache bleibt. Aber +lassen wir das alles und setzen uns und nehmen unsern Tee. Wo soll es +sein? Hier bei dir oder drin bei mir? Denn eine weitere Wahl gibt es +nicht. Eng und klein ist meine Hütte.« + +Sie setzte sich ohne Besinnen auf ein kleines Ecksofa. »Heute bleiben +wir hier, heute bist du bei mir zu Gast. Oder lieber so: den Tee +regelmäßig bei mir, das Frühstück bei dir; dann kommt jeder zu seinem +Recht, und ich bin neugierig, wo mir's am besten gefallen wird.« + +»Das ist eine Morgen- und Abendfrage.« + +»Gewiß. Aber wie sie sich stellt, oder richtiger, wie wir uns dazu +stellen, das ist es eben.« + +Und sie lachte und schmiegte sich an ihn und wollte ihm die Hand +küssen. + +»Nein, Effi, um Himmels willen nicht, nicht so. Mir liegt nicht daran, +die Respektsperson zu sein, das bin ich für die Kessiner. Für dich bin +ich ...« + +»Nun was?« + +»Ach laß. Ich werde mich hüten, es zu sagen.« + + + +Siebentes Kapitel + +Es war schon heller Tag, als Effi am andern Morgen erwachte. Sie +hatte Mühe, sich zurechtzufinden. Wo war sie? Richtig, in Kessin, im +Hause des Landrats von Innstetten, und sie war seine Frau, Baronin +Innstetten. Und sich aufrichtend, sah sie sich neugierig um; am Abend +vorher war sie zu müde gewesen, um alles, was sie da halb fremdartig, +halb altmodisch umgab, genauer in Augenschein zu nehmen. Zwei +Säulen stützten den Deckenbalken, und grüne Vorhänge schlossen den +alkovenartigen Schlafraum, in welchem die Betten standen, von dem +Rest des Zimmers ab; nur in der Mitte fehlte der Vorhang oder war +zurückgeschlagen, was ihr von ihrem Bett aus eine bequeme Orientierung +gestattete. Da, zwischen den zwei Fenstern, stand der schmale, bis +hoch hinaufreichende Trumeau, während rechts daneben, und schon an der +Flurwand hin, der große schwarze Kachelofen aufragte, der noch (soviel +hatte sie schon am Abend vorher bemerkt) nach alter Sitte von außen +her geheizt wurde. Sie fühlte jetzt, wie seine Wärme herüberströmte. + +Wie schön es doch war, im eigenen Hause zu sein; soviel Behagen hatte +sie während der ganzen Reise nicht empfunden, nicht einmal in Sorrent. + +Aber wo war Innstetten? Alles still um sie her, niemand da. Sie hörte +nur den Ticktackschlag einer kleinen Pendüle und dann und wann einen +dumpfen Ton im Ofen, woraus sie schloß, daß vom Flur her ein paar neue +Scheite nachgeschoben würden. Allmählich entsann sie sich auch, daß +Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte, +nach der sie dann auch nicht lange mehr zu suchen brauchte; dicht +neben ihrem Kissen war der kleine weiße Elfenbeinknopf, auf den sie +nun leise drückte. + +Gleich danach erschien Johanna. »Gnädige Frau haben befohlen.« + +»Ach, Johanna, ich glaube, ich habe mich verschlafen. Es muß schon +spät sein.« + +»Eben neun.« + +»Und der Herr ...«, es wollte ihr nicht glücken, so ohne ,weiteres von +ihrem »Mann« zu sprechen ..., »der Herr, er muß sehr leise gemacht +haben; ich habe nichts gehört.« + +»Das hat er gewiß. Und gnäd'ge Frau werden fest geschlafen haben. Nach +der langen Reise ...« + +»Ja, das hab ich. Und der Herr, ist er immer so früh auf?« Immer, +gnäd'ge Frau. Darin ist er streng; er kann das lange sch1afen nicht +leiden, und wenn er drüben in sein Zimmer tritt, da muß der Ofen warm +sein, und der Kaffee darf auch nicht auf sich warten lassen.« + +»Da hat er also schon gefrühstückt?« + +»Oh, nicht doch, gnäd'ge Frau ... der gnäd'ge Herr...« + +Effi fühlte, daß sie die Frage nicht hätte tun und die Vermutung, +Innstetten könne nicht auf sie gewartet haben, lieber nicht hätte +aussprechen sollen. Es lag ihr denn auch daran, diesen ihren Fehler, +so gut es ging, wieder auszugleichen, und als sie sich erhoben und vor +dem Trumeau Platz genommen hatte, nahm sie das Gespräch wieder auf und +sagte: »Der Herr hat übrigens ganz recht. Immer früh auf, das war auch +Regel in meiner Eltern Haus. Wo die Leute den Morgen verschlafen, da +gibt es den ganzen Tag keine Ordnung mehr. Aber der Herr wird es so +streng mit mir nicht nehmen; eine ganze Weile hab ich diese Nacht +nicht schlafen können und habe mich sogar ein wenig geängstigt.« + +»Was ich hören muß, gnäd'ge Frau! Was war es denn?« + +»Es war über mir ein ganz sonderbarer Ton, nicht laut, aber doch sehr +eindringlich. Erst klang es, wie wenn lange Schleppenkleider über die +Diele hinschleiften, und in meiner Erregung war es mir ein paarmal, +als ob ich kleine weiße Atlasschuhe sähe. Es war, als tanze man oben, +aber ganz leise.« Johanna, während das Gespräch so ging, sah über die +Schulter der jungen Frau fort in den hohen, schmalen Spiegel hinein, +um die Mienen Effis besser beobachten zu können. Dann sagte sie: »Ja, +das ist oben im Saal. Früher hörten wir es in der Küche auch. Aber +jetzt hören wir es nicht mehr; wir haben uns daran gewöhnt.« + +»Ist es denn etwas Besonderes damit?« + +»O Gott bewahre, nicht im geringsten. Eine Weile wußte man nicht +recht, woher es käme, und der Herr Prediger machte ein verlegenes +Gesicht, trotzdem Doktor Gieshübler immer nur darüber lachte. Nun aber +wissen wir, daß es die Gardinen sind. Der Saal ist etwas multrig und +stockig, und deshalb stehen immer die Fenster auf, wenn nicht gerade +Sturm ist. Und da ist denn fast immer ein starker Zug oben und fegt +die alten weißen Gardinen, die außerdem viel zu lang sind, über die +Dielen hin und her. Das klingt dann so wie seidne Kleider oder auch +wie Atlasschuhe, wie die gnäd'ge Frau eben bemerkte.« + +»Natürlich ist es das. Aber ich begreife nur nicht, warum dann die +Gardinen nicht abgenommen werden. Oder man könnte sie ja kürzer +machen. Es ist ein so sonderbares Geräusch, das einem auf die Nerven +fällt. Und nun, Johanna, bitte, geben Sie mir noch das kleine +Tuch, und tupfen Sie mir die Stirn. Oder nehmen Sie lieber den +Rafraichisseur aus meiner Reisetasche ... Ach, das ist schön und +erfrischt mich. Nun werde ich hinübergehen. Er ist doch noch da, oder +war er schon aus?« + +»Der gnäd'ge Herr war schon aus, ich glaube, drüben auf dem Amt. Aber +seit einer Viertelstunde ist er zurück. Ich werde Friedrich sagen, daß +er das Frühstück bringt.« + +Und damit verließ Johanna das Zimmer, während Effi noch einen +Blick in den Spiegel tat und dann über den Flur fort, der bei der +Tagesbeleuchtung viel von seinem Zauber vom Abend vorher eingebüßt +hatte, bei Geert eintrat. + +Dieser saß an seinem Schreibtisch, einem etwas schwerfälligen +Zylinderbüro, das er aber, als Erbstück aus dem elterlichen Hause, +nicht missen mochte. + +Effi stand hinter ihm und umarmte und küßte ihn, noch eh euch von +seinem Platz erheben konnte. + +»Schon?« + +»Schon, sagst du. Natürlich um mich zu verspotten.« + +Innstetten schüttelte den Kopf. »Wie werd ich das?« Effi fand aber ein +Gefallen daran, sich anzuklagen, und wollte von den Versicherungen +ihres Mannes, daß sein »schon« ganz aufrichtig gemeint gewesen sei, +nichts hören. »Du mußt von der Reise her wissen, daß ich morgens +nie habe warten lassen. Im Laufe des Tages, nun ja, da ist es etwas +anderes. Es ist wahr, ich bin nicht sehr pünktlich, aber ich bin keine +Langschläferin. Darin, denk ich, haben mich die Eltern gut erzogen.« + +»Darin? In allem, meine süße Effi.« + +»Das sagst du so, weil wir noch in den Flitterwochen sind ... aber +nein, wir sind ja schon heraus. Um Himmels willen, Geert, daran habe +ich noch gar nicht gedacht, wir sind ja schon über sechs Wochen +verheiratet, sechs Wochen und einen Tag. Ja, das ist etwas anderes, +da nehme ich es nicht mehr als Schmeichelei, da nehme ich es als +Wahrheit.« + +In diesem Augenblick trat Friedrich ein und brachte den Kaffee. Der +Frühstückstisch stand in Schräglinie vor einem Meinen, rechtwinkligen +Sofa, das gerade die eine Ecke des Wohnzimmers ausfüllte. Hier setzten +sich beide. »Der Kaffee ist ja vorzüglich«, sagte Effi, während sie +zugleich das Zimmer und seine Einrichtung musterte. »Das ist noch +Hotelkaffee oder wie der bei Bottegone ... erinnerst du dich noch, in +Florenz, mit dem Blick auf den Dom. Davor muß ich der Mama schreiben, +solchen Kaffee haben wir in Hohen-Cremmen nicht. Überhaupt, Geert, ich +sehe nun erst, wie vornehm ich mich verheiratet habe. Bei uns konnte +alles nur so gerade passieren.« + +»Torheit, Effi. Ich habe nie eine bessere Hausführung gesehen als bei +euch.« + +»Und dann, wie du wohnst. Als Papa sich den neuen Gewehrschrank +angeschafft und über seinem Schreibtisch einen Büffelkopf und dicht +darunter den alten Wrangel angebracht hatte (er war nämlich mal +Adjutant bei dem Alten), da dacht er wunder was er getan; aber wenn +ich mich hier umsehe, daneben ist unsere ganze Hohen-Cremmener +Herrlichkeit ja bloß dürftig und alltäglich. Ich weiß gar nicht, womit +ich das alles vergleichen soll; schon gestern abend, als ich nur so +flüchtig darüber hinsah, kamen mir allerhand Gedanken.« »Und welche, +wenn ich fragen darf?« + +»Ja, welche. Du darfst aber nicht drüber lachen. Ich habe mal ein +Bilderbuch gehabt, wo ein persischer oder indischer Fürst (denn er +trug einen Turban) mit untergeschlagenen Beinen auf einem roten +Seidenkissen saß, und in seinem Rücken war außerdem noch eine große +rote Seidenrolle, die links und rechts ganz bauschig zum Vorschein +kam, und die Wand hinter dem indischen Fürsten starrte von Schwertern +und Dolchen und Parderfellen und Schilden und langen türkischen +Flinten. Und sieh, ganz so sieht es hier bei dir aus, und wenn du noch +die Beine unterschlägst, ist die Ähnlichkeit vollkommen.« + +»Effi, du bist ein entzückendes, liebes Geschöpf. Du weißt gar nicht, +wie sehr ich's finde und wie gern ich dir in jedem Augenblick zeigen +möchte, daß ich's finde.« + +»Nun, dazu ist ja noch vollauf Zeit; ich bin ja erst siebzehn und habe +noch nicht vor zu sterben.« + +»Wenigstens nicht vor mir. Freilich, wenn ich dann stürbe, nähme ich +dich am liebsten mit. Ich will dich keinem andern lassen; was meinst +du dazu?« + +»Das muß ich mir doch noch überlegen. Oder lieber, lassen wir's +überhaupt. Ich spreche nicht gern von Tod, ich bin für Leben. Und +nun sage mir, wie leben wir hier? Du hast mir unterwegs allerlei +Sonderbares von Stadt und Land erzählt, aber wie wir selber hier +leben werden, davon kein Wort. Daß hier alles anders ist als in +Hohen-Cremmen und Schwantikow, das seh ich wohl, aber wir müssen doch +in dem 'guten Kessin', wie du's immer nennst, auch etwas wie Umgang +und Gesellschaft haben können. Habt ihr denn Leute von Familie in der +Stadt?« + +»Nein, meine liebe Effi; nach dieser Seite hin gehst du großen +Enttäuschungen entgegen. In der Nähe haben wir ein paar Adlige, die du +kennenlernen wirst, aber hier in der Stadt ist gar nichts.« + +»Gar nichts? Das kann ich nicht glauben. Ihr seid doch bis zu +dreitausend Menschen, und unter dreitausend Menschen muß es doch außer +so kleinen Leuten wie Barbier Beza (so hieß er ja wohl) doch auch noch +eine Elite geben, Honoratioren oder dergleichen.« + +Innstetten lachte. »Ja, Honoratioren, die gibt es. Aber bei Licht +besehen ist es nicht viel damit. Natürlich haben wir einen Prediger +und einen Amtsrichter und einen Rektor und einen Lotsenkommandeur, und +von solchen beamteten Leuten findet sich schließlich wohl ein ganzes +Dutzend zusammen, aber die meisten davon: gute Menschen und schlechte +Musikanten. Und was dann noch bleibt, das sind bloß Konsuln.« + +»Bloß Konsuln. Ich bitte dich, Geert, wie kannst du nur sagen 'bloß +Konsuln'. Das ist doch etwas sehr Hohes und Großes, und ich möcht +beinah sagen Furchtbares. Konsuln, das sind doch die mit dem +Rutenbündel, draus, glaub ich, ein Beil heraussah.« + +»Nicht ganz, Effi Die heißen Liktoren.« + +»Richtig, die heißen Liktoren. Aber Konsuln ist doch auch etwas sehr +Vornehmes und Hochgesetzliches. Brutus war doch ein Konsul.« + +»Ja, Brutus war ein Konsul. Aber unsere sind ihm nicht sehr ähnlich +und begnügen sich damit, mit Zucker und Kaffee zu handeln oder eine +Kiste mit Apfelsinen aufzubrechen, und verkaufen dir dann das Stück +pro zehn Pfennige.« + +»Nicht möglich.« + +»Sogar gewiß. Es sind kleine, pfiffige Kaufleute, die, wenn +fremdländische Schiffe hier einlaufen und in irgendeiner +Geschäftsfrage nicht recht aus noch ein wissen, dann mit ihrem Rat +zur Hand sind, und wenn sie diesen Rat gegeben und irgendeinem +holländischen oder portugiesischen Schiff einen Dienst geleistet +haben, so werden sie zuletzt zu beglaubigten Vertretern solcher +fremder Staaten, und gerade so viele Botschafter und Gesandte, wie wir +in Berlin haben, so viele Konsuln haben wir auch in Kessin, und wenn +irgendein Festtag ist, und es gibt hier viele Festtage, dann werden +alle Wimpel gehißt, und haben wir gerade eine grelle Morgensonne, so +siehst du an solchem Tag ganz Europa von unsern Dächern flaggen und +das Sternenbanner und den chinesischen Drachen dazu.« + +»Du bist in einer spöttischen Laune, Geert, und magst auch wohl recht +haben. Aber ich, für meine kleine Person, muß dir gestehen, daß ich +dies alles entzückend finde und daß unsere havelländischen Städte +daneben verschwinden. Wenn sie da Kaisers Geburtstag feiern, so +flaggt es immer bloß schwarz und weiß und allenfalls ein bißchen rot +dazwischen, aber das kann sich doch nicht vergleichen mit der Welt von +Flaggen, von der du sprichst. Überhaupt, wie ich dir schon sagte, ich +finde immer wieder und wieder, es hat alles so was Fremdländisches +hier, und ich habe noch nichts gehört und gesehen, was mich nicht in +eine gewisse Verwunderung gesetzt hätte, gleich gestern abend das +merkwürdige Schiff draußen im Flur und dahinter der Haifisch und das +Krokodil und hier dein eigenes Zimmer. Alles so orientalisch, und ich +muß es wiederholen, alles wie bei einem indischen Fürsten ...« + +»Meinetwegen. Ich gratuliere, Fürstin ...« + +»Und dann oben der Saal mit seinen langen Gardinen, die über die Diele +hinfegen.« + +»Aber was weißt du denn von dem Saal, Effi?« + +»Nichts, als was ich dir eben gesagt habe. Wohl eine Stunde lang, als +ich in der Nacht aufwachte, war es mir, als ob ich Schuhe auf der Erde +schleifen hörte und als würde getanzt und fast auch wie Musik. Aber +alles ganz leise. Und das hab ich dann heute früh an Johanna erzählt, +bloß um mich zu entschuldigen, daß ich hinterher so lange geschlafen. +Und da sagte sie mir, das sei von den langen Gardinen oben im Saal. +Ich denke, wir machen kurzen Prozeß damit und schneiden die Gardinen +etwas ab oder schließen wenigstens die Fenster; es wird ohnehin bald +stürmisch genug werden. Mitte November ist ja die Zeit.« + +Innstetten sah in einer kleinen Verlegenheit vor sich hin und schien +schwankend, ob er auf all das antworten solle. Schließlich entschied +er sich für Schweigen. »Du hast ganz recht, Effi, wir wollen die +langen Gardinen oben kürzer machen. Aber es eilt nicht damit, um +so weniger, als es nicht sicher ist, ob es hilft. Es kann auch was +anderes sein, im Rauchfang oder der Wurm im Holz oder ein Iltis. +Wir haben nämlich hier Iltisse. Jedenfalls aber, eh wir Änderungen +vornehmen, mußt du dich in unserem Hauswesen erst umsehen, natürlich +unter meiner Führung; in einer Viertelstunde zwingen wir's. Und dann +machst du Toilette, nur ein ganz klein wenig, denn eigentlich bist du +so am reizendsten - Toilette für unseren Freund Gieshübler; es ist +jetzt zehn vorüber, und ich müßte mich sehr in ihm irren, wenn er +nicht um elf oder doch spätestens um die Mittagsstunde hier antreten +und dir seinen Respekt devotest zu Füßen legen sollte. Das ist nämlich +die Sprache, drin er sich ergeht. Übrigens, wie ich dir schon sagte, +ein kapitaler Mann, der dein Freund werden wird, wenn ich ihn und dich +recht kenne.« + + + +Achtes Kapitel + +Elf war es längst vorüber; aber Gieshübler hatte sich noch immer nicht +sehen lassen. »Ich kann nicht länger warten«, hatte Geert gesagt, den +der Dienst abrief. »Wenn Gieshübler noch erscheint, so sei möglichst +entgegenkommend, dann wird es vorzüglich gehen; er darf nicht verlegen +werden; ist er befangen, so kann er kein Wort finden oder sagt die +sonderbarsten Dinge; weißt du ihn aber in Zutrauen und gute Laune zu +bringen, dann redet er wie ein Buch. Nun, du wirst es schon machen. +Erwarte mich nicht vor drei; es gibt drüben allerlei zu tun. Und das +mit dem Saal oben wollen wir noch überlegen; es wird aber wohl am +besten sein, wir lassen es beim alten.« + +Damit ging Innstetten und ließ seine junge Frau allein. Diese saß, +etwas zurückgelehnt, in einem lauschigen Winkel am Fenster und stützte +sich, während sie hinaussah, mit ihrem linken Arm auf ein kleines +Seitenbrett, das aus dem Zylinderbüro herausgezogen war. Die Straße +war die Hauptverkehrsstraße nach dem Strand hin, weshalb denn auch +in Sommerzeit ein reges Leben hier herrschte, jetzt aber, um Mitte +November, war alles leer und still, und nur ein paar arme Kinder, +deren Eltern in etlichen ganz am äußersten Rand der »Plantage« +gelegenen Strohdachhäusern wohnten, klappten in ihren Holzpantinen an +dem Innstettenschen Hause vorüber. Effi empfand aber nichts von dieser +Einsamkeit, denn ihre Phantasie war noch immer bei den wunderlichen +Dingen, die sie, kurz vorher, während ihrer Umschau haltenden +Musterung im Hause gesehen hatte. Diese Musterung hatte mit der Küche +begonnen, deren Herd eine moderne Konstruktion aufwies, während an der +Decke hin, und zwar bis in die Mädchenstube hinein, ein elektrischer +Draht lief - beides vor kurzem erst hergerichtet. Effi war erfreut +gewesen, als ihr Innstetten davon erzählt hatte, dann aber waren sie +von der Küche wieder in den Flur zurück- und von diesem in den Hof +hinausgetreten, der in seiner ersten Hälfte nicht viel mehr als ein +zwischen zwei Seitenflügeln hinlaufender ziemlich schmaler Gang war. +In diesen Flügeln war alles untergebracht, was sonst noch zu Haushalt +und Wirtschaftsführung gehörte, rechts Mädchenstube, Bedientenstube, +Rollkammer, links eine zwischen Pferdestall und Wagenremise gelegene, +von der Familie Kruse bewohnte Kutscherwohnung. Über dieser, in einem +Verschlag, waren die Hühner einlogiert, und eine Dachklappe über dem +Pferdestall bildete den Aus- und Einschlupf für die Tauben. All dies +hatte sich Effi mit vielem Interesse angesehen, aber dies Interesse +sah sich doch weit überholt, als sie, nach ihrer Rückkehr vom Hof ins +Vorderhaus, unter Innstettens Führung die nach oben führende Treppe +hinaufgestiegen war. Diese war schief, baufällig, dunkel; der Flur +dagegen, auf den sie mündete, wirkte beinah heiter, weil er viel Licht +und einen guten landschaftlichen Ausblick hatte: nach der einen Seite +hin, über die Dächer des Stadtrandes und die »Plantage« fort, auf eine +hoch auf einer Düne stehende holländische Windmühle, nach der anderen +Seite hin auf die Kessine, die hier, unmittelbar vor ihrer Einmündung, +ziemlich breit war und einen stattlichen Eindruck machte. Diesem +Eindruck konnte man sich unmöglich entziehen, und Effi hatte denn auch +nicht gesäumt, ihrer Freude lebhaften Ausdruck zu geben. »Ja, sehr +schön, sehr malerisch«, hatte Innstetten, ,ohne weiter darauf +einzugehen, geantwortet und dann eine mit ihren Flügeln etwas schief +hängende Doppeltür geöffnet, die nach rechts hin in den sogenannten +Saal führte. Dieser lief durch die ganze Etage; Vorder- und +Hinterfenster standen offen, und die mehr erwähnten langen Gardinen +bewegten sich in dem starken Luftzug hin und her. In der Mitte der +einen Längswand sprang ein Kamin vor mit einer großen Steinplatte, +während an der Wand gegenüber ein paar blecherne Leuchter hingen, +jeder mit zwei Lichtöffnungen, ganz so wie unten im Flur, aber alles +stumpf und ungepflegt. Effi war einigermaßen enttäuscht, sprach es +auch aus und erklärte, statt des öden und ärmlichen Saals doch lieber +die Zimmer an der gegenübergelegenen Flurseite sehen zu wollen. »Da +ist nun eigentlich vollends nichts«, hatte Innstetten geantwortet, +aber doch die Türen geöffnet. Es befanden sich hier vier einfenstrige +Zimmer, alle gelb getüncht, gerade wie der Saal und ebenfalls ganz +leer. Nur in einem standen drei Binsenstühle, die durchgesessen waren, +und an die Lehne des einen war ein kleines, nur einen halber Finger +langes Bildchen geklebt, das einen Chinesen darstellte, blauer Rock +mit gelben Pluderhosen und einen flachen Hut auf dem Kopf. Effi sah es +und sagte: »Was soll der Chinese?« Innstetten selbst schien von dem +Bildchen überrascht und versicherte, daß er es nicht wisse. »Das hat +Christel angeklebt oder Johanna. Spielerei. Du kannst sehen, es ist +aus einer Fibel herausgeschnitten.« Effi fand es auch und war nur +verwundert, daß Innstetten alles so ernsthaft nahm, als ob es doch +etwas sei. Dann hatte sie noch einmal einen Blick in den Saal getan +und sich dabei dahin geäußert, wie es doch eigentlich schade sei, daß +das alles leerstehe. »Wir haben unten ja nur drei Zimmer, und wenn uns +wer besucht, so wissen wir nicht aus noch ein. Meinst du nicht, daß +man aus dem Saal zwei hübsche Fremdenzimmer machen könnte? Das wäre so +was für die Mama; nach hinten heraus könnte sie schlafen und hätte den +Blick auf den Fluß und die beiden Molen, und vorn hätte sie die Stadt +und die holländische Windmühle. In Hohen-Cremmen haben wir noch immer +bloß eine Bockmühle. Nun sage, was meinst du dazu? Nächsten Mai wird +doch die Mama wohl kommen.« + +Innstetten war mit allem einverstanden gewesen und hatte nur zum +Schluß gesagt: »Alles ganz gut. Aber es ist doch am Ende besser, wir +logieren die Mama drüben ein, auf dem Landratsamt; die ganze erste +Etage steht da leer, geradeso wie hier, und sie ist da noch mehr für +sich.« + +Das war so das Resultat des ersten Umgangs im Hause gewesen; dann +hatte Effi drüben ihre Toilette gemacht, nicht ganz so schnell, wie +Innstetten angenommen, und nun saß sie in ihres Gatten Zimmer und +beschäftigte sich in ihren Gedanken abwechselnd mit dem kleinen +Chinesen oben und mit Gieshübler, der noch immer nicht kam. Vor einer +Viertelstunde war freilich ein kleiner, schiefschultriger und fast +schon so gut wie verwachsener Herr in einem kurzen eleganten Pelzrock +und einem hohen, sehr glatt gebürsteten Zylinder an der anderen Seite +der Straße vorbeigegangen und hatte nach ihrem Fenster hinübergesehen. +Aber das konnte Gieshübler wohl nicht gewesen sein! Nein, dieser +schiefschultrige Herr, der zugleich etwas so Distinguiertes hatte, das +mußte der Herr Gerichtspräsident gewesen sein, und sie entsann sich +auch wirklich, in einer Gesellschaft bei Tante Therese mal einen +solchen gesehen zu haben, bis ihr mit einem Male einfiel, daß Kessin +bloß einen Amtsrichter habe. + +Während sie diesen Betrachtungen noch nachging, wurde der Gegenstand +derselben, der augenscheinlich erst eine Morgen- oder vielleicht auch +eine Ermutigungspromenade um die Plantage herum gemacht hatte, wieder +sichtbar, und eine Minute später erschien Friedrich, um Apotheker +Gieshübler anzumelden. + +»Ich lasse sehr bitten.« + +Der armen jungen Frau schlug das Herz, weil es das erste Mal war, daß +sie sich als Hausfrau und noch dazu als erste Frau der Stadt zu zeigen +hatte. + +Friedrich half Gieshübler den Pelzrock ablegen und öffnete dann wieder +die Tür. + +Effi reichte dem verlegen Eintretenden die Hand, die dieser mit einem +gewissen Ungestüm küßte. Die junge Frau schien sofort einen großen +Eindruck auf ihn gemacht zu haben. + +»Mein Mann hat mir bereits gesagt ... Aber ich empfange Sie hier in +meines Mannes Zimmer ... er ist drüben auf dem Amt und kann jeden +Augenblick zurück sein ... Darf ich Sie bitten, bei mir eintreten zu +wollen?« + +Gieshübler folgte der voranschreitenden Effi ins Nebenzimmer, wo diese +auf einen der Fauteuils wies, während sie sich selbst ins Sofa setzte. +»Daß ich Ihnen sagen könnte, welche Freude Sie mir gestern durch die +schönen Blumen und Ihre Karte gemacht haben. Ich hörte sofort auf, +mich hier als eine Fremde zu fühlen, und als ich dies Innstetten +aussprach, sagte er mir, wir würden überhaupt gute Freunde sein.« + +»Sagte er so? Der gute Herr Landrat. Ja, der Herr Landrat und Sie, +meine gnädigste Frau, da sind, das bitte ich sagen zu dürfen, zwei +liebe Menschen zueinander gekommen. Denn wie Ihr Herr Gemahl ist, das +weiß ich, und wie Sie sind, meine gnädigste Frau, das sehe ich.« + +»Wenn Sie nur nicht mit zu freundlichen Augen sehen. Ich bin so sehr +jung. Und Jugend ...« + +»Ach, meine gnädigste Frau, sagen Sie nichts gegen die Jugend. Die +Jugend, auch in ihren Fehlern ist sie noch schön und liebenswürdig, +und das Alter, auch in seinen Tugenden taugt es nicht viel. Persönlich +kann ich in dieser Frage freilich nicht mitsprechen, vom Alter wohl, +aber von der Jugend nicht, denn ich bin eigentlich nie jung gewesen. +Personen meines Schlages sind nie jung. Ich darf wohl sagen, das ist +das traurigste von der Sache. Man hat keinen rechten Mut, man hat +kein Vertrauen zu sich selbst, man wagt kaum, eine Dame zum Tanz +aufzufordern, weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will, und so +gehen die Jahre hin, und man wird alt, und das Leben war arm und +leer.« + +Effi gab ihm die Hand. »Ach, Sie dürfen so was nicht sagen. Wir Frauen +sind gar nicht so schlecht.« + +»O nein, gewiß nicht ...« + +»Und wenn ich mir so zurückrufe«, fuhr Effi fort, »was ich alles +erlebt habe ... viel ist es nicht, denn ich bin wenig herausgekommen +und habe fast immer auf dem Lande gelebt ... aber wenn ich es +mir zurückrufe, so finde ich doch, daß wir immer das lieben, was +liebenswert ist. Und dann sehe ich doch auch gleich, daß Sie anders +sind als andere, dafür haben wir Frauen ein scharfes Auge. Vielleicht +ist es auch der Name, der in Ihrem Falle mitwirkt. Das war immer eine +Lieblingsbehauptung unseres alten Pastors Niemeyer; der Name, so +liebte er zu sagen, besonders der Taufname, habe was geheimnisvoll +Bestimmendes, und Alonzo Gieshübler, so mein ich, schließt eine ganz +neue Welt vor einem auf, ja, fast möcht ich sagen dürfen, Alonzo ist +ein romantischer Name, ein Preziosaname.« + +Gieshübler lächelte mit einem ganz ungemeinen Behagen und fand den +Mut, seinen für seine Verhältnisse viel zu hohen Zylinder, den er +bis dahin in der Hand gedreht hatte, beiseite zu stellen. »Ja, meine +gnädigste Frau, da treffen Sie's.« + +»Oh, ich verstehe. Ich habe von den Konsuln gehört, deren Kessin so +viele haben soll, und in dem Hause des spanischen Konsuls hat Ihr +Herr Vater mutmaßlich die Tochter eines seemännischen Kapitanos +kennengelernt, wie ich annehme, irgendeine schöne Andalusierin. +Andalusierinnen sind immer schön.« + +»Ganz wie Sie vermuten, meine Gnädigste. Und meine Mutter war wirklich +eine schöne Frau, so schlecht es mir persönlich zusteht, die +Beweisführung zu übernehmen. Aber als Ihr Herr Gemahl vor drei Jahren +hierherkam, lebte sie noch und hatte noch ganz die Feueraugen. Er wird +es mir bestätigen. Ich persönlich bin mehr ins Gieshüblersche +geschlagen, Leute von wenig Exterieur, aber sonst leidlich im Stande. +Wir sitzen hier schon in der vierten Generation, volle hundert Jahre, +und wenn es einen Apothekeradel gäbe...« + +»So würden Sie ihn beanspruchen dürfen. Und ich meinerseits nehme ihn +für bewiesen an und sogar für bewiesen ohne jede Einschränkung. Uns +aus den alten Familien wird das am leichtesten, weil wir, so +wenigstens bin ich von meinem Vater und auch von meiner Mutter her +erzogen, jede gute Gesinnung, sie komme, woher sie wolle, mit +Freudigkeit gelten lassen. Ich bin eine geborene Briest und stamme von +dem Briest ab, der am Tag vor der Fehrbelliner Schlacht den Überfall +von Rathenow ausführte, wovon Sie vielleicht einmal gehört haben...« + +»O gewiß, meine Gnädigste, das ist ja meine Spezialität.« + +»Eine Briest also. Und mein Vater, da reichen keine hundert Male, daß +er zu mir gesagt hat: Effi (so heiße ich nämlich), Effi hier sitzt es, +bloß hier, und als Froben das Pferd tauschte, da war er von Adel, und +als Luther sagte, 'hier stehe ich', da war er erst recht von Adel. Und +ich denke, Herr Gieshübler, Innstetten hatte ganz recht, als er mir +versicherte, wir wurden gute Freundschaft halten.« + +Gieshübler hätte nun am liebsten gleich eine Liebeserklärung gemacht +und gebeten, daß er als Cid oder irgend sonst ein Campeador für sie +kämpfen und sterben könne. Da dies alles aber nicht ging und sein Herz +es nicht mehr aushalten konnte, so stand er auf, suchte nach seinem +Hut, den er auch glücklicherweise gleich fand, und zog sich, nach +wiederholtem Handkuß, rasch zurück, ohne weiter ein Wort gesagt zu +haben. + + + +Neuntes Kapitel + +So war Effis erster Tag in Kessin gewesen. Innstetten gab ihr noch +eine halbe Woche Zeit, sich einzurichten und die verschiedensten +Briefe nach Hohen-Cremmen zu schreiben, an die Mama, an Hulda und die +Zwillinge; dann aber hatten die Stadtbesuche begonnen, die zum Teil +(es regnete gerade so, daß man sich diese Ungewöhnlichkeit schon +gestatten konnte) in einer geschlossenen Kutsche gemacht wurden. Als +man damit fertig war, kam der Landadel an die Reihe. Das dauerte +länger, da sich bei den meist großen Entfernungen an jedem Tag nur +eine Visite machen ließ. Zuerst war man bei den Borckes in Rothenmoor, +dann ging es nach Morgnitz, Dabergotz und Kroschentin, wo man bei +den Ahlemanns, den Jatzkows und den Grasenabbs den pflichtschuldigen +Besuch abstattete. Noch ein paar andere folgten, unter denen auch +der alte Baron von Güldenklee auf Papenhagen war. Der Eindruck, den +Effi empfing, war überall derselbe: mittelmäßige Menschen von meist +zweifelhafter Liebenswürdigkeit, die, während sie vorgaben, über +Bismarck und die Kronprinzessin zu sprechen, eigentlich nur Effis +Toilette musterten, die von einigen als zu prätentiös für eine so +jugendliche Dame, von andern als zuwenig dezent für eine Dame von +gesellschaftlicher Stellung befunden wurde. Man merke doch an allem +die Berliner Schule: Sinn für Äußerliches und eine merkwürdige +Verlegenheit und Unsicherheit bei Berührung großer Fragen. In +Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz +und Dabergotz war sie für »rationalistisch angekränkelt«, bei den +Grasenabbs in Kroschentin aber rundweg für eine »Atheistin« erklärt +worden. Allerdings hatte die alte Frau von Grasenabb, eine Süddeutsche +(geborene Stiefel von Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht, +Effi wenigstens für den Deismus zu retten; Sidonie von Grasenabb +aber, eine dreiundvierzigjährige alte Jungfer, war barsch +dazwischengefahren: »Ich sage dir, Mutter, einfach Atheistin, kein +Zollbreit weniger, und dabei bleibt es«, worauf die Alte, die sich vor +ihrer eigenen Tochter fürchtete, klüglich geschwiegen hatte. + +Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen gedauert, und es war +am 2. Dezember, als man zu schon später Stunde von dem letzten dieser +Besuche nach Kessin zurückkehrte. Dieser letzte Besuch hatte den +Güldenklees auf Papenhagen gegolten, bei welcher Gelegenheit +Innstetten dem Schicksal nicht entgangen war, mit dem alten Güldenklee +politisieren zu müssen. »Ja, teuerster Landrat, wenn ich so den +Wechsel der Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter oder +ungefähr so lange, ja, da war auch ein 2. Dezember, und der gute Louis +und Napoleonsneffe - wenn er so was war und nicht eigentlich ganz +woanders herstammte -, der kartätschte damals auf die Pariser +Kanaille. Na, das mag ihm verziehen sein, für so was war er der rechte +Mann, und ich halte zu dem Satz: 'Jeder hat es gerade so gut und so +schlecht, wie er's verdient.' Aber daß er nachher alle Schätzung +verlor und Anno siebzig so mir nichts, dir nichts auch mit uns +anbinden wollte, sehen Sie, Baron, das war, ja wie sag ich, das war +eine Insolenz. Es ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser Alter da +oben läßt sich nicht spotten, der steht zu uns.« + +»Ja«, sagte Innstetten, der klug genug war, auf solche Philistereien +anscheinend ernsthaft einzugehen, »der Held und Eroberer von +Saarbrücken wußte nicht, was er tat. Aber Sie dürfen nicht zu streng +mit ihm persönlich abrechnen. Wer ist am Ende Herr in seinem Hause? +Niemand. Ich richte mich auch schon darauf ein, die Zügel der +Regierung in andere Hände zu legen, und Louis Napoleon, nun, der war +vollends ein Stück Wachs in den Händen seiner katholischen Frau, oder +sagen wir lieber, seiner jesuitischen Frau.« + +»Wachs in den Händen seiner Frau, die ihm dann eine Nase drehte. +Natürlich, Innstetten, das war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe +doch nicht etwa retten? Er ist und bleibt gerichtet. An und für sich +ist es übrigens noch gar nicht mal erwiesen«, und sein Blick suchte +bei diesen Worten etwas ängstlich nach dem Auge seiner Ehehälfte, »ob +nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein Vorzug gelten kann; nur +freilich, die Frau muß danach sein. Aber wer war diese Frau? Sie war +überhaupt keine Frau, im günstigsten Fall war sie eine Dame, das sagt +alles; 'Dame' hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie - +über deren Verhältnis zu dem jüdischen Bankier ich hier gern hingehe, +denn ich hasse Tugendhochmut - hatte was vom Café chantant, und wenn +die Stadt, in der sie lebte, das Babel war, so war sie das Weib von +Babel. Ich mag mich nicht deutlicher ausdrücken, denn ich weiß«, und +er verneigte sich gegen Effi, »was ich deutschen Frauen schuldig bin. +Um Vergebung, meine Gnädigste, daß ich diese Dinge vor Ihren Ohren +überhaupt berührt habe.« So war die Unterhaltung gegangen, nachdem man +vorher von Wahl, Nobiling und Raps gesprochen hatte, und nun saßen +Innstetten und Effi wieder daheim und plauderten noch eine halbe +Stunde. Die beiden Mädchen im Hause waren schon zu Bett, denn es war +nah an Mitternacht. + +Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab; +Effi war noch in ihrer Gesellschaftstoilette; Fächer und Handschuhe +lagen neben ihr. »Ja«, sagte Innstetten, während er sein +Aufundabschreiten im Zimmer unterbrach, »diesen Tag müßten wir nun +wohl eigentlich feiern, und ich weiß nur noch nicht, womit. Soll +ich dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch draußen in +Bewegung setzen oder dich im Triumph über den Flur tragen? Etwas muß +doch geschehen, denn du mußt wissen, das war nun heute die letzte +Visite.« + +»Gott sei Dank war sie's«, sagte Effi. »Aber das Gefühl, daß wir nun +Ruhe haben, ist, denk ich, gerade Feier genug. Nur einen Kuß könntest +du mir geben. Aber daran denkst du nicht. Auf dem ganzen weiten Weg +nicht gerührt, frostig wie ein Schneemann. Und immer nur die Zigarre.« + +»Laß, ich werde mich schon bessern und will vorläufig nur wissen, wie +stehst du zu dieser ganzen Umgangs- und Verkehrsfrage? Fühlst du dich +zu dem einen oder andern hingezogen? Haben die Borckes die Grasenabbs +geschlagen oder umgekehrt, oder hältst du's mit dem alten Güldenklee? +Was er da über die Eugenie sagte, machte doch einen sehr edlen und +reinen Eindruck.« + +»Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant! Ich lerne Sie von einer +ganz neuen Seite kennen.« + +»Und wenn's unser Adel nicht tut«, fuhr Innstetten fort, ohne sich +stören zu lassen, »wie stehst du zu den Kessiner Stadthonoratioren? +Wie stehst du zur Ressource? Daran hängt doch am Ende Leben und +Sterben. Ich habe dich da neulich mit unserem reserveleutnantlichen +Amtsrichter sprechen sehen, einem zierlichen Männchen, mit dem sich +vielleicht durchkommen ließe, wenn er nur endlich von der Vorstellung +loskönnte, die Wiedereroberung von Le Bourget durch sein Erscheinen in +der Flanke zustande gebracht zu haben. Und seine Frau! Sie gilt als +die beste Bostonspielerin und hat auch die hübschesten Anlegemarken. +Also nochmals, Effi, wie wird es werden in Kessin? Wirst du dich +einleben? Wirst du populär werden und mir die Majorität sichern, +wenn ich in den Reichstag will? Oder bist du für Einsiedlertum, für +Abschluß von der Kessiner Menschheit, so Stadt wie Land?« + +»Ich werde mich wohl für Einsiedlertum entschließen, wenn mich die +Mohrenapotheke nicht herausreißt. Bei Sidonie werd ich dadurch +freilich noch etwas tiefer sinken, aber darauf muß ich es ankommen +lassen; dieser Kampf muß eben gekämpft werden. Ich steh und falle mit +Gieshübler. Es klingt etwas komisch, aber er ist wirklich der einzige, +mit dem sich ein Wort reden läßt, der einzige richtige Mensch hier.« + +»Das ist er«, sagte Innstetten. »Wie gut du zu wählen verstehst.« + +»Hätte ich sonst dich?« sagte Effi und hängte sich an seinen Arm. + +Das war am 2. Dezember. Eine Woche später war Bismarck in Varzin, und +nun wußte Innstetten, daß bis Weihnachten, und vielleicht noch darüber +hinaus, an ruhige Tage für ihn gar nicht mehr zu denken sei. Der Fürst +hatte noch von Versailles her eine Vorliebe für ihn und lud ihn, +wenn Besuch da war, häufig zu Tisch, aber auch allein, denn der +jugendliche, durch Haltung und Klugheit gleich ausgezeichnete Landrat +stand ebenso in Gunst bei der Fürstin. + +Zum 14. erfolgte die erste Einladung. Es lag Schnee, weshalb +Innstetten die fast zweistündige Fahrt bis an den Bahnhof, von wo noch +eine Stunde Eisenbahn war, im Schlitten zu machen vorhatte. »Warte +nicht auf mich, Effi. Vor Mitternacht kann ich nicht zurück sein; +wahrscheinlich wird es zwei oder noch später. Ich störe dich aber +nicht. Gehab dich wohl, und auf Wiedersehen morgen früh.« Und damit +stieg er ein, und die beiden isabellfarbenen Graditzer jagten im Fluge +durch die Stadt hin und dann landeinwärts auf den Bahnhof zu. + +Das war die erste lange Trennung, fast auf zwölf Stunden. Arme Effi. +Wie sollte sie den Abend verbringen? Früh zu Bett, das war gefährlich, +dann wachte sie auf und konnte nicht wieder einschlafen und horchte +auf alles. Nein, erst recht müde werden und dann ein fester Schlaf, +das war das beste. Sie schrieb einen Brief an die Mama und ging dann +zu Frau Kruse, deren gemütskranker Zustand - sie hatte das schwarze +Huhn oft bis in die Nacht hinein auf ihrem Schoß - ihr Teilnahme +einflößte. Die Freundlichkeit indessen, die sich darin aussprach, +wurde von der in ihrer überheizten Stube sitzenden und nur still und +stumm vor sich hinbrütenden Frau keinen Augenblick erwidert, weshalb +Effi, als sie wahrnahm, daß ihr Besuch mehr als Störung wie als Freude +empfunden wurde, wieder ging und nur noch fragte, ob die Kranke etwas +haben wolle. Diese lehnte aber alles ab. + +Inzwischen war es Abend geworden, und die Lampe brannte schon. Effi +stellte sich ans Fenster ihres Zimmers und sah auf das Wäldchen +hinaus, auf dessen Zweigen der glitzernde Schnee lag. Sie war von dem +Bilde ganz in Anspruch genommen und kümmerte sich nicht um das, was +hinter ihr in dem Zimmer vorging. Als sie sich wieder umsah, bemerkte +sie, daß Friedrich still und geräuschlos ein Kuvert gelegt und ein +Kabarett auf den Sofatisch gestellt hatte. »Ja so, Abendbrot ... Da +werd ich mich nun wohl setzen müssen.« Aber es wollte nicht schmecken, +und so stand sie wieder auf und las den an die Mama geschriebenen +Brief noch einmal durch. Hatte sie schon vorher ein Gefühl der +Einsamkeit gehabt, so jetzt doppelt. Was hätte sie darum gegeben, wenn +die beiden Jahnkeschen Rotköpfe jetzt eingetreten wären oder selbst +Hulda. Die war freilich immer so sentimental und beschäftigte sich +meist nur mit ihren Triumphen; aber so zweifelhaft und anfechtbar +diese Triumphe waren, sie hätte sich in diesem Augenblick doch gern +davon erzählen lassen. Schließlich klappte sie den Flügel auf, um +zu spielen; aber es ging nicht. »Nein, dabei werd ich vollends +melancholisch; lieber lesen.« Und so suchte sie nach einem Buch. Das +erste, was ihr zu Händen kam, war ein dickes rotes Reisehandbuch, +alter Jahrgang, vielleicht schon aus Innstettens Leutnantstagen her. +»Ja, darin will ich lesen; es gibt nichts Beruhigenderes als solche +Bücher. Das Gefährliche sind bloß immer die Karten; aber vor diesem +Augenpulver, das ich hasse, werd ich mich schon hüten.« Und so schlug +sie denn auf gut Glück auf: Seite 153. Nebenan hörte sie das Ticktack +der Uhr und draußen Rollo, der, seit es dunkel war, seinen Platz in +der Remise aufgegeben und sich, wie jeden Abend, so auch heute wieder, +auf die große geflochtene Matte, die vor dem Schlafzimmer lag, +ausgestreckt hatte. Das Bewußtsein seiner Nähe minderte das Gefühl +ihrer Verlassenheit, ja, sie kam fast in Stimmung, und so begann +sie denn auch unverzüglich zu lesen. Auf der gerade vor ihr +aufgeschlagenen Seite war von der »Eremitage«, dem bekannten +markgräflichen Lustschloß in der Nähe von Bayreuth, die Rede; das +lockte sie, Bayreuth, Richard Wagner, und so las sie denn: Unter den +Bildern in der Eremitage nennen wir noch eins, das nicht durch seine +Schönheit, wohl aber durch sein Alter und durch die Person, die +es darstellt, ein Interesse beansprucht. Es ist dies ein stark +nachgedunkeltes Frauenporträt, kleiner Kopf, mit herben, etwas +unheimlichen Gesichtszügen und einer Halskrause, die den Kopf zu +tragen scheint. Einige meinen, es sei eine alte Markgräfin aus dem +Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, andere sind der Ansicht, es sei die +Gräfin von Orlamünde; darin aber sind beide einig, daß es das Bildnis +der Dame sei, die seither in der Geschichte der Hohenzollern unter dem +Namen der »weißen Frau« eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. + +»Das hab ich gut getroffen«, sagte Effi, während sie das Buch beiseite +schob; »ich will mir die Nerven beruhigen, und das erste, was ich +lese, ist die Geschichte von der 'weißen Frau', vor der ich mich +gefürchtet habe, solange ich denken kann. Aber da nun das Gruseln mal +da ist, will ich doch auch zu Ende lesen.« + +Und sie schlug wieder auf und las weiter: ... Ebendies alte Porträt +(dessen Original in der Hohenzollernschen Familiengeschichte solche +Rolle spielt) spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte +des Schlosses Eremitage, was wohl damit zusammenhängt, daß es an +einer dem Fremden unsichtbaren Tapetentür hängt, hinter der sich eine +vom Souterrain her hinaufführende Treppe befindet. Es heißt, daß, +als Napoleon hier übernachtete, die »weiße Frau« aus dem Rahmen +herausgetreten und auf sein Bett zugeschritten sei. Der Kaiser, +entsetzt auffahrend, habe nach seinem Adjutanten gerufen und bis an +sein Lebensende mit Entrüstung von diesem »maudit château« gesprochen. + +»Ich muß es aufgeben, mich durch Lektüre beruhigen zu wollen«, +sagte Effi. »Lese ich weiter, so komm ich gewiß noch nach einem +Kellergewölbe, wo der Teufel auf einem Weinfaß davongeritten ist. +Es gibt, glaub ich, in Deutschland viel dergleichen, und in einem +Reisehandbuch muß es sich natürlich alles zusammenfinden. Ich will +also lieber wieder die Augen schließen und mir, so gut es geht, meinen +Polterabend vorstellen: die Zwillinge, wie sie vor Tränen nicht +weiterkonnten, und dazu den Vetter Briest, der, als sich alles +verlegen anblickte, mit erstaunlicher Würde behauptete, solche Tränen +öffneten einem das Paradies. Er war wirklich scharmant und immer so +übermütig ... Und nun ich! Und gerade hier. Ach, ich tauge doch gar +nicht für eine große Dame. Die Mama, ja, die hätte hierhergepaßt, die +hätte, wie's einer Landrätin zukommt, den Ton angegeben, und Sidonie +Grasenabb wäre ganz Huldigung gegen sie gewesen und hätte sich über +ihren Glauben oder Unglauben nicht groß beunruhigt. Aber ich ... ich +bin ein Kind und werd es auch wohl bleiben. Einmal hab ich gehört, +das sei ein Glück. Aber ich weiß doch nicht, ob das wahr ist. Man muß +doch immer dahin passen, wohin man nun mal gestellt ist.« In diesem +Augenblick kam Friedrich, um den Tisch abzuräumen. »Wie spät ist es, +Friedrich?« + +»Es geht auf neun, gnäd'ge Frau.« + +»Nun, das läßt sich hören. Schicken Sie mir Johanna.« + +»Gnäd'ge Frau haben befohlen.« + +»Ja, Johanna. Ich will zu Bett gehen. Es ist eigentlich noch früh. +Aber ich bin so allein. Bitte, tun Sie den Brief erst ein, und wenn +Sie wieder da sind, nun, dann wird es wohl Zeit sein. Und wenn auch +nicht.« + +Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinüber. Richtig, auf +der Binsenmatte lag Rollo. Als er Effi kommen sah, erhob er sich, um +den Platz freizugeben, und strich mit seinem Behang an ihrer Hand hin. +Dann legte er sich wieder nieder. + +Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt hinübergegangen, um da den +Brief einzustecken. Sie hatte sich drüben nicht sonderlich beeilt, +vielmehr vorgezogen, mit der Frau Paaschen, des Amtsdieners Frau, ein +Gespräch zu führen. Natürlich über die junge Frau. + +»Wie ist sie denn?« fragte die Paaschen. + +»Sehr jung ist sie.« + +»Nun, das ist kein Unglück, eher umgekehrt. Die Jungen, und das ist +eben das Gute, stehen immer bloß vorm Spiegel und zupfen und stecken +sich was vor und sehen nicht viel und hören nicht viel und sind noch +nicht so, daß sie draußen immer die Lichtstümpfe zählen und einem +nicht gönnen, daß man einen Kuß kriegt, bloß weil sie selber keinen +mehr kriegen.« + +»Ja«, sagte Johanna, »so war meine vorige Madam, und ganz ohne Not. +Aber davon hat unsere Gnäd'ge nichts.« + +»Ist er denn sehr zärtlich?« + +»Oh, sehr. Das können Sie doch wohl denken.« »Aber daß er sie so +allein läßt ...« + +»Ja, liebe Paaschen, Sie dürfen nicht vergessen ... der Fürst. Und +dann, er ist ja doch am Ende Landrat. Und vielleicht will er auch noch +höher.« + +»Gewiß will er. Und er wird auch noch. Er hat so was. Paaschen sagt es +auch immer, und er kennt seine Leute.« + +Während dieses Ganges drüben nach dem Amt hinüber war wohl eine +Viertelstunde vergangen, und als Johanna wieder zurück war, saß +Effi schon vor dem Trumeau und wartete. »Sie sind lange geblieben, +Johanna.« + +»Ja, gnäd'ge Frau ... Gnäd'ge Frau wollen entschuldigen ... Ich traf +drüben die Frau Paaschen, und da hab ich mich ein wenig verweilt. Es +ist so still hier. Man ist immer froh, wenn man einen Menschen trifft, +mit dem man ein Wort sprechen kann. Christel ist eine sehr gute +Person, aber sie spricht nicht, und Friedrich ist so dusig und auch so +vorsichtig und will mit der Sprache nie recht heraus. Gewiß, man muß +auch schweigen können, und die Paaschen, die so neugierig und so ganz +gewöhnlich ist, ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack; aber +man hat es doch gern, wenn man mal was hört und sieht.« + +Effi seufzte. »Ja, Johanna, das ist auch das beste ...« + +»Gnäd'ge Frau haben so schönes Haar, so lang und so seidenweich.« + +»Ja, es ist sehr weich. Aber das ist nicht gut, Johanna. Wie das Haar +ist, ist der Charakter.« + +»Gewiß, gnäd'ge Frau. Und ein weicher Charakter ist doch besser als +ein harter. Ich habe auch weiches Haar.« + +»Ja, Johanna. Und Sie haben auch blondes. Das haben die Männer am +liebsten.« + +»Ach, das ist doch sehr verschieden, gnäd'ge Frau. Manche sind doch +auch für das schwarze.« + +»Freilich«, lachte Effi, »das habe ich auch schon gefunden. Es wird +wohl an was anderem liegen. Aber die, die blond sind, die haben auch +immer einen weißen Teint, Sie auch, Johanna, und ich möchte mich wohl +verwetten, daß Sie viel Nachstellung haben. Ich bin noch sehr jung, +aber das weiß ich doch auch. Und dann habe ich eine Freundin, die war +auch so blond, ganz flachsblond, noch blonder als Sie, und war eine +Predigertochter ...« + +»Ja, denn ...« + +»Aber ich bitte Sie, Johanna, was meinen Sie mit 'ja denn'? Das klingt +ja ganz anzüglich und sonderbar, und Sie werden doch nichts gegen +Predigerstöchter haben ... Es war ein sehr hübsches Mädchen, was +selbst unsere Offiziere - wir hatten nämlich Offiziere, noch dazu rote +Husaren - auch immer fanden, und verstand sich dabei sehr gut auf +Toilette, schwarzes Sammetmieder und eine Blume, Rose oder auch +Heliotrop, und wenn sie nicht so vorstehende große Augen gehabt hätte +... ach, die hätten Sie sehen sollen, Johanna, wenigstens so groß (und +Effi zog unter Lachen an ihrem rechten Augenlid), so wäre sie geradezu +eine Schönheit gewesen. Sie hieß Hulda, Hulda Niemeyer, und wir waren +nicht einmal so ganz intim; aber wenn ich sie jetzt hier hätte und sie +da säße, da in der kleinen Sofaecke, so wollte ich bis Mitternacht mit +ihr plaudern oder noch länger. Ich habe solche Sehnsucht, und...«, und +dabei zog sie Johannas Kopf dicht an sich heran, »... ich habe solche +Angst.« + +»Ach, das gibt sich, gnäd'ge Frau, die hatten wir alle.« »Die hattet +ihr alle? Was soll das heißen, Johanna?« + +»... Und wenn die gnäd'ge Frau wirklich solche Angst haben, so kann +ich mir ja ein Lager hier machen. Ich nehme die Strohmatte und kehre +einen Stuhl um, daß ich eine Kopflehne habe, und dann schlafe ich +hier, bis morgen früh oder bis der gnäd'ge Herr wieder da ist.« + +»Er will mich nicht stören. Das hat er mir eigens versprochen.« + +»Oder ich setze mich bloß in die Sofaecke.« + +»Ja, das ginge vielleicht. Aber nein, es geht auch nicht. Der Herr +darf nicht wissen, daß ich mich ängstige, das liebt er nicht. Er will +immer, daß ich tapfer und entschlossen bin, so wie er. Und das kann +ich nicht; ich war immer etwas anfällig ... Aber freilich, ich sehe +wohl ein, ich muß mich bezwingen und ihm in solchen Stücken und +überhaupt zu Willen sein ... Und dann habe ich ja auch Rollo. Der +liegt ja vor der Türschwelle.« + +Johanna nickte zu jedem Wort und zündete dann das Licht an, das auf +Effis Nachttisch stand. Dann nahm sie die Lampe. »Befehlen gnäd'ge +Frau noch etwas?« + +»Nein, Johanna. Die Läden sind doch fest geschlossen?« »Bloß angelegt, +gnäd'ge Frau. Es ist sonst so dunkel und so stickig.« + +»Gut, gut.« + +Und nun entfernte sich Johanna; Effi aber ging auf ihr Bett zu und +wickelte sich in ihre Decken. + +Sie ließ das Licht brennen, weil sie gewillt war, nicht gleich +einzuschlafen, vielmehr vorhatte, wie vorhin ihren Polterabend, +so jetzt ihre Hochzeitsreise zu rekapitulieren und alles an sich +vorüberziehen zu lassen. Aber es kam anders, wie sie gedacht, und +als sie bis Verona war und nach dem Hause der Julia Capulet suchte, +fielen ihr schon die Augen zu. Das Stümpfchen Licht in dem kleinen +Silberleuchter brannte allmählich nieder, und nun flackerte es noch +einmal auf und erlosch. Effi schlief eine Weile ganz fest. Aber mit +einem Male fuhr sie mit einem lauten Schrei aus ihrem Schlaf auf, +ja, sie hörte selber noch den Aufschrei und auch, wie Rollo draußen +anschlug - »wau, wau«, klang es den Flur entlang, dumpf und selber +beinahe ängstlich. Ihr war, als ob ihr das Herz stillstände; sie +konnte nicht rufen, und in diesem Augenblick huschte was an ihr +vorbei, und die nach dem Flur hinausführende Tür sprang auf. Aber +ebendieser Moment höchster Angst war auch der ihrer Befreiung, denn +statt etwas Schrecklichem kam jetzt Rollo auf sie zu, suchte mit +seinem Kopf nach ihrer Hand und legte sich, als er diese gefunden, auf +den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder. Effi selber aber +hatte mit der anderen Hand dreimal auf den Knopf der Klingel gedrückt, +und keine halbe Minute, so war Johanna da, barfüßig, den Rock über dem +Arm und ein großes kariertes Tuch über Kopf und Schulter geschlagen. +»Gott sei Dank, Johanna, daß Sie da sind.« + +»Was war denn, gnäd'ge Frau? Gnäd'ge Frau haben geträumt.« + +»Ja, geträumt. Es muß so was gewesen sein ... aber es war doch auch +noch was anderes.« - »Was denn, gnäd'ge Frau?« »Ich schlief ganz fest, +und mit einem Male fuhr ich auf und schrie ... vielleicht, daß es ein +Alpdruck war ... Alpdruck ist in unserer Familie, mein Papa hat es +auch und ängstigt uns damit, und nur die Mama sagt immer, er solle +sich nicht so gehenlassen; aber das ist leicht gesagt ... Ich fuhr +also auf aus dem Schlaf und schrie, und als ich mich umsah, so gut es +eben ging in dem Dunkel, da strich was an meinem Bett vorbei, gerade +da, wo Sie jetzt stehen, Johanna, und dann war es weg. Und wenn ich +mich recht frage, was es war ...«»Nun, was denn, gnäd'ge Frau?« + +»Und wenn ich mich recht frage ... ich mag es nicht sagen, Johanna ... +aber ich glaube, der Chinese.« + +»Der von oben?« Und Johanna versuchte zu lachen. »Unser kleiner +Chinese, den wir an die Stuhllehne geklebt haben, Christel und ich? +Ach, gnäd'ge Frau haben geträumt, und wenn Sie schon wach waren, so +war es doch alles noch aus dem Traum.« + +»Ich würd es glauben. Aber es war genau derselbe Augenblick, wo Rollo +draußen anschlug, der muß es also auch gesehen haben, und dann flog +die Tür auf, und das gute, treue Tier sprang auf mich los, als ob es +mich zu retten käme. Ach, meine liebe Johanna, es war entsetzlich. Und +ich so allein und so jung. Ach, wenn ich doch wen hier hätte, bei dem +ich weinen könnte. Aber so weit von Hause ... Ach, von Hause ...« »Der +Herr kann jede Stunde kommen.« + +»Nein, er soll nicht kommen; er soll mich nicht so sehen. Er würde +mich vielleicht auslachen, und das könnt ich ihm nie verzeihen. Denn +es war so furchtbar, Johanna ... Sie müssen nun hierbleiben ... Aber +lassen Sie Christel schlafen und Friedrich auch. Es soll es keiner +wissen.« + +»Oder vielleicht kann ich auch die Frau Kruse holen; die schläft doch +nicht, die sitzt die ganze Nacht da.« + +»Nein, nein, die ist selber so was. Das mit dem schwarzen Huhn, das +ist auch sowas; die darf nicht kommen. Nein, Johanna, Sie bleiben +allein hier. Und wie gut, daß Sie die Läden nur angelegt. Stoßen Sie +sie auf, recht laut, daß ich einen Ton höre, einen menschlichen Ton +... ich muß es so nennen, wenn es auch sonderbar klingt ... und dann +machen Sie das Fenster ein wenig auf, daß ich Luft und Licht habe.« +Johanna tat, wie ihr geheißen, und Effi fiel in ihre Kissen zurück und +bald danach in einen lethargischen Schlaf. + + + +Zehntes Kapitel + +Innstetten war erst sechs Uhr früh von Varzin zurückgekommen und hatte +sich, Rollos Liebkosungen abwehrend, so leise wie möglich in sein +Zimmer zurückgezogen. Er machte sich's hier bequem und duldete nur, +daß ihn Friedrich mit einer Reisedecke zudeckte. + +»Wecke mich um neun!« + +Und um diese Stunde war er denn auch geweckt worden. Er stand rasch +auf und sagte: »Bring das Frühstück!« + +»Die gnädige Frau schläft noch.« + +»Aber es ist ja schon spät. Ist etwas passiert?« + +»Ich weiß es nicht; ich weiß nur, Johanna hat die Nacht über im Zimmer +der gnädigen Frau schlafen müssen.« + +»Nun, dann schicke Johanna.« + +Diese kam denn auch. Sie hatte denselben rosigen Teint wie immer, +schien sich also die Vorgänge der Nacht nicht sonderlich zu Gemüte +genommen zu haben. + +»Was ist das mit der gnäd'gen Frau? Friedrich sagt mir, es Sei was +passiert und Sie hätten drüben geschlafen.« + +»Ja, Herr Baron. Gnäd'ge Frau klingelte dreimal ganz rasch +hintereinander, daß ich gleich dachte, es bedeutet was. Und so war es +auch. Sie hat wohl geträumt, aber vielleicht war es auch das andere.« + +»Welches andere?« + +»Ach, der gnäd'ge Herr wissen ja.« + +»Ich weiß nichts. Jedenfalls muß ein Ende damit gemacht werden. Und +wie fanden Sie die Frau?« + +»Sie war wie außer sich und hielt das Halsband von Rollo, der neben +dem Bett der gnäd'gen Frau stand, fest umklammert. Und das Tier +ängstigte sich auch.« + +»Und was hatte sie geträumt oder meinetwegen auch, was hatte sie +gehört oder gesehen? Was sagte sie?« + +»Es sei so hingeschlichen, dicht an ihr vorbei.« »Was? Wer?« + +»Der von oben. Der aus dem Saal oder aus der kleinen Kammer.« + +»Unsinn, sag ich. Immer wieder das alberne Zeug; ich mag davon nicht +mehr hören. Und dann blieben Sie bei der Frau?« + +»Ja, gnäd'ger Herr. Ich machte mir ein Lager an der Erde dicht neben +ihr. Und ich mußte ihre Hand halten, und dann schlief sie ein.« + +»Und sie schläft noch?« »Ganz fest.« + +»Das ist mir ängstlich, Johanna. Man kann sich gesund schlafen, aber +auch krank. Wir müssen sie wecken, natürlich vorsichtig, daß sie nicht +wieder erschrickt. Und Friedrich soll das Frühstück nicht bringen; ich +will warten, bis die gnäd'ge Frau da ist. Und machen Sie's geschickt.« + +Eine halbe Stunde später kam Effi. Sie sah reizend aus, ganz blaß, und +stützte sich auf Johanna. Als sie aber Innstettens ansichtig wurde, +stürzte sie auf ihn zu und umarmte und küßte ihn. Und dabei liefen ihr +die Tränen übers Gesicht. »Ach, Geert, Gott sei Dank, daß du da bist. +Nun ist alles wieder gut. Du darfst nicht wieder fort, du darfst mich +nicht wieder allein lassen.« + +»Meine liebe Effi ... Stellen Sie hin, Friedrich, ich werde schon +alles zurechtmachen ... Meine liebe Effi, ich lasse dich ja nicht +allein aus Rücksichtslosigkeit oder Laune, sondern weil es so sein +muß; ich habe keine Wahl, ich bin ein Mann im Dienst, ich kann zum +Fürsten oder auch zur Fürstin nicht sagen: Durchlaucht, ich kann nicht +kommen, meine Frau ist so allein, oder meine Frau fürchtet sich. Wenn +ich das sagte, würden wir in einem ziemlich komischen Licht dastehen, +ich gewiß und du auch. Aber nimm erst eine Tasse Kaffee.« + +Effi trank, was sie sichtlich belebte. Dann ergriff sie wieder ihres +Mannes Hand und sagte: »Du sollst recht haben; ich sehe ein, das geht +nicht. Und dann wollen wir ja auch höher hinauf. Ich sage wir, denn +ich bin eigentlich begieriger danach als du ...« + +»So sind alle Frauen«, lachte Innstetten. + +»Also abgemacht; du nimmst die Einladungen an nach wie vor, und ich +bleibe hier und warte auf meinen 'hohen Herrn', wobei mir Hulda unterm +Holunderbaum einfällt. Wie's ihr wohl gehen mag?« + +»Damen wie Hulda geht es immer gut. Aber was wolltest du noch sagen?« + +»Ich wollte sagen, ich bleibe hier und auch allein, wenn es sein muß. +Aber nicht in diesem Hause. Laß uns die Wohnung wechseln. Es gibt so +hübsche Häuser am Bollwerk, eins zwischen Konsul Martens und Konsul +Grützmacher und eins am Markt, gerade gegenüber von Gieshübler; warum +können wir da nicht wohnen? Warum gerade hier? Ich habe, wenn wir +Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft gehört, daß in Berlin +Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben oder wegen +einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher Kleinigkeiten +willen geschieht ...« + +»Kleinigkeiten? Portiersfrau? Das sage nicht ...« + +»Wenn das um solcher Dinge willen möglich ist, so muß es doch auch +hier möglich sein, wo du Landrat bist und die Leute dir zu Willen sind +und viele selbst zu Dank verpflichtet. Gieshübler würde uns gewiß +dabei behilflich sein, wenn auch nur um meinetwegen, denn er +wird Mitleid mit mir haben. Und nun sage, Geert, wollen wir dies +verwunschene Haus aufgeben, dies Haus mit dem ...« + +»... Chinesen, willst du sagen. Du siehst, Effi, man kann das +furchtbare Wort aussprechen, ohne daß er erscheint. Was du da gesehen +hast oder was da, wie du meinst, an deinem Bett vorüberschlich, das +war der kleine Chinese, den die Mädchen oben an die Stuhllehne geklebt +haben; ich wette, daß er einen blauen Rock anhatte und einen ganz +flachen Deckelhut mit einem blanken Knopf oben.« + +Sie nickte. + +»Nun, siehst du, Traum, Sinnestäuschung. Und dann wird dir Johanna +wohl gestern abend was erzählt haben, von der Hochzeit hier oben ...« + +»Nein.« + +»Desto besser.« + +»Kein Wort hat sie mir erzählt. Aber ich sehe doch aus dem allen, daß +es hier etwas Sonderbares gibt. Und dann das Krokodil; es ist alles so +unheimlich.« + +»Den ersten Abend, als du das Krokodil sahst, fandest du's +märchenhaft ...« + +»Ja, damals ...« + +»... Und dann, Effi, kann ich hier nicht gut fort, auch wenn es +möglich wäre, das Haus zu verkaufen oder einen Tausch zu machen. Es +ist damit ganz wie mit einer Absage nach Varzin hin. Ich kann hier in +der Stadt die Leute nicht sagen lassen, Landrat Innstetten verkauft +sein Haus, weil seine Frau den aufgeklebten kleinen Chinesen als Spuk +an ihrem Bett gesehen hat. Dann bin ich verloren, Effi. Von solcher +Lächerlichkeit kann man sich nie wieder erholen.« + +»Ja, Geert, bist du denn so sicher, daß es so was nicht gibt?« »Will +ich nicht behaupten. Es ist eine Sache, die man glauben und noch +besser nicht glauben kann. Aber angenommen, es gäbe dergleichen, was +schadet es? Daß in der Luft Bazillen herumfliegen, von denen du gehört +haben wirst, ist viel schlimmer und gefährlicher als diese ganze +Geistertummelage. Vorausgesetzt, daß sie sich tummeln, daß so was +wirklich existiert. Und dann bin ich überrascht, solcher Furcht und +Abneigung gerade bei dir zu begegnen, bei einer Briest Das ist ja, wie +wenn du aus einem kleinen Bürgerhause stammtest. Spuk ist ein Vorzug, +wie Stammbaum und dergleichen, und ich kenne Familien, die sich +ebensogern ihr Wappen nehmen ließen als ihre 'weiße Frau', die +natürlich auch eine schwarze sein kann.« + +Effi schwieg. + +»Nun, Effi. Keine Antwort?« + +»Was soll ich antworten? Ich habe dir nachgegeben und mich willig +gezeigt, aber ich finde doch, daß du deinerseits teilnahmsvoller sein +könntest. Wenn du wüßtest, wie mir gerade danach verlangt. Ich habe +sehr gelitten, wirklich sehr, und als ich dich sah, da dacht ich, nun +würd ich frei werden von meiner Angst. Aber du sagst mir bloß, daß du +nicht Lust hättest, dich lächerlich zu machen, nicht vor dem Fürsten +und auch nicht vor der Stadt. Das ist ein geringer Trost. Ich +finde es wenig und um so weniger, als du dir schließlich auch noch +widersprichst und nicht bloß persönlich an diese Dinge zu glauben +scheinst, sondern auch noch einen adligen Spukstolz von mir forderst. +Nun, den hab ich nicht. Und wenn du von Familien sprichst, denen ihr +Spuk soviel wert sei wie ihr Wappen, so ist das Geschmackssache: Mir +gilt mein Wappen mehr. Gott sei Dank haben wir Briests keinen Spuk. +Die Briests waren immer sehr gute Leute, und damit hängt es wohl +zusammen.« + +Der Streit hätte wohl noch angedauert und vielleicht zu einer ersten +ernstlichen Verstimmung geführt, wenn Friedrich nicht eingetreten +wäre, um der gnädigen Frau einen Brief zu übergeben. »Von Herrn +Gieshübler. Der Bote wartet auf Antwort.« + +Aller Unmut auf Effis Antlitz war sofort verschwunden; schon bloß +Gieshüblers Namen zu hören tat Effi wohl, und ihr Wohlgefühl steigerte +sich, als sie jetzt den Brief musterte. Zunächst war es gar kein +Brief, sondern ein Billett, die Adresse »Frau Baronin von Innstetten, +geb. von Briest« in wundervoller Kanzleihandschrift und statt des +Siegels ein aufgeklebtes rundes Bildchen, eine Lyra, darin ein Stab +steckte. Dieser Stab konnte aber auch ein Pfeil sein. Sie reichte das +Billett ihrem Mann, der es ebenfalls bewunderte. »Nun lies aber.« + +Und nun löste Effi die Oblate und las: »Hochverehrteste Frau, +gnädigste Frau Baronin! Gestatten Sie mir, meinem respektvollsten +Vormittagsgruß eine ganz gehorsamste Bitte hinzufügen zu dürfen. Mit +dem Mittagszug wird eine vieljährige liebe Freundin von mir, eine +Tochter unserer Guten Stadt Kessin, Fräulein Marietta Trippelli, hier +eintreffen und bis morgen früh unter uns weilen. Am 17. will sie in +Petersburg sein, um daselbst bis Mitte Januar zu konzertieren. Fürst +Kotschukoff öffnet ihr auch diesmal wieder sein gastliches Haus. In +ihrer immer gleichen Güte gegen mich hat die Trippelli mir zugesagt, +den heutigen Abend bei mir zubringen und einige Lieder ganz nach +meiner Wahl (denn sie kennt keine Schwierigkeiten) vortragen zu +wollen. Könnten sich Frau Baronin dazu verstehen, diesem Musikabend +beizuwohnen? Sieben Uhr. Ihr Herr Gemahl, auf dessen Erscheinen ich +mit Sicherheit rechne, wird meine gehorsamste Bitte unterstützen. +Anwesend nur Pastor Lindequist (der begleitet) und natürlich die +verwitwete Frau Pastorin Trippel. In vorzüglicher Ergebenheit A. +Gieshübler.« + +»Nun -«, sagte Innstetten, »ja oder nein?« + +»Natürlich ja. Das wird mich herausreißen. Und dann kann ich doch +meinem lieben Gieshübler nicht gleich bei seiner ersten Einladung +einen Korb geben.« + +»Einverstanden. Also Friedrich, sagen Sie Mirambo, der doch wohl das +Billett gebracht haben wird, wir würden die Ehre haben.« Friedrich +ging. + +Als er fort war, fragte Effi: »Wer ist Mirambo?« + +»Der echte Mirambo ist Räuberhauptmann in Afrika -Tanganjika-See, wenn +deine Geographie so weit reicht -, unserer aber ist bloß Gieshüblers +Kohlenprovisor und Faktotum und wird heute abend in Frack und +baumwollenen Handschuhen sehr wahrscheinlich aufwarten.« + +Es war ganz ersichtlich, daß der kleine Zwischenfall auf Effi günstig +eingewirkt und ihr ein gut Teil ihrer Leichtlebigkeit zurückgegeben +hatte, Innstetten aber wollte das Seine tun, diese Rekonvaleszens zu +steigern. »Ich freue mich, daß du ja gesagt hast und so rasch und ohne +Besinnen, und nun möcht ich dir noch einen Vorschlag machen, um dich +ganz wieder in Ordnung zu bringen. Ich sehe wohl, es schleicht dir von +der Nacht her etwas nach, das zu meiner Effi nicht paßt, das durchaus +wieder fort muß, und dazu gibt es nichts Besseres als frische Luft. +Das Wetter ist prachtvoll, frisch und milde zugleich, kaum daß ein +Lüftchen geht; was meinst du, wenn wir eine Spazierfahrt machten, aber +eine lange, nicht bloß so durch die Plantage hin, und natürlich im +Schlitten und das Geläut auf und die weißen Schneedecken, und wenn wir +dann um vier zurück sind, dann ruhst du dich aus, und um sieben sind +wir bei Gieshübler und hören die Trippelli.« + +Effi nahm seine Hand. »Wie gut du bist, Geert, und wie nachsichtig. +Denn ich muß dir ja kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich +vorgekommen sein; erst das mit meiner Angst und dann hinterher, daß +ich dir einen Hausverkauf, und was noch schlimmer ist, das mit dem +Fürsten ansinne. Du sollst ihm den Stuhl vor die Tür setzen - es +ist zum Lachen. Denn schließlich ist er doch der Mann, der über uns +entscheidet. Auch über mich. Du glaubst gar nicht, wie ehrgeizig ich +bin. Ich habe dich eigentlich bloß aus Ehrgeiz geheiratet. Aber du +mußt nicht solch ernstes Gesicht dabei machen. Ich liebe dich ja ... +wie heißt es doch, wenn man einen Zweig abbricht und die Blätter +abreißt? Von Herzen mit Schmerzen, über alle Maßen.« + +Und sie lachte hell auf. »Und nun sage mir«, fuhr sie fort, als +Innstetten noch immer schwieg, wo soll es hingehen?« »Ich habe mir +gedacht, nach der Bahnstation, aber auf einem Umweg, und dann auf der +Chaussee zurück. Und auf der Station essen wir oder noch besser bei +Golchowski, in dem Gasthof 'Zum Fürsten Bismarck', dran wir, wenn du +dich vielleicht erinnerst, am Tag unserer Ankunft vorüberkamen. Solch +Vorsprechen wirkt immer gut, und ich habe dann mit dem Starosten von +Effis Gnaden ein Wahlgespräch, und wenn er auch persönlich nicht +viel taugt, seine Wirtschaft hält er in Ordnung und seine Küche noch +besser. Auf Essen und Trinken verstehen sich die Leute hier.« + +Es war gegen elf, daß sie dies Gespräch führten. Um zwölf hielt Kruse +mit dem Schlitten vor der Tür, und Effi stieg ein. Johanna wollte +Fußsack und Pelze bringen, aber Effi hatte nach allem, was noch auf +ihr lag, so sehr das Bedürfnis nach frischer Luft, daß sie alles +zurückwies und nur eine doppelte Decke nahm. Innstetten aber sagte zu +Kruse: »Kruse, wir wollen nun also nach dem Bahnhof, wo wir zwei beide +heute früh schon mal waren. Die Leute werden sich wundern, aber es +schadet nichts. Ich denke, wir fahren hier an der Plantage entlang und +dann links auf den Kroschentiner Kirchturm zu. Lassen Sie die Pferde +laufen. Um eins müssen wir am Bahnhof sein.« + +Und so ging die Fahrt. Über den weißen Dächern der Stadt stand der +Rauch, denn die Luftbewegung war gering. Auch Utpatels Mühle drehte +sich nur langsam, und im Fluge fuhren sie daran vorüber, dicht +am Kirchhofe hin, dessen Berberitzensträucher über das Gitter +hinauswuchsen und mit ihren Spitzen Effi streiften, so daß der Schnee +auf ihre Reisedecke fiel. Auf der anderen Seite des Weges war ein +eingefriedeter Platz, nicht viel größer als ein Gartenbeet, und +innerhalb nichts sichtbar als eine junge Kiefer, die mitten daraus +hervorragte. + +»Liegt da auch wer begraben?« fragte Effi. »Ja, der Chinese.« + +Effi fuhr zusammen; es war ihr wie ein Stich. Aber sie hatte doch +Kraft genug, sich zu beherrschen, und fragte mit anscheinender Ruhe: + +»Unserer?« + +»Ja, unserer. Auf dem Gemeindekirchhof war er natürlich nicht +unterzubringen, und da hat denn Kapitän Thomsen, der so was wie sein +Freund war, diese Stelle gekauft und ihn hier begraben lassen. Es ist +auch ein Stein da mit Inschrift. Alles natürlich vor meiner Zeit. Aber +es wird noch immer davon gesprochen.« + +»Also ist es doch was damit. Eine Geschichte. Du sagtest schon heute +früh so was. Und es wird am Ende das beste sein, ich höre, was es ist. +Solange ich es nicht weiß, bin ich, trotz aller guten Vorsätze, noch +immer ein Opfer meiner Vorstellungen. Erzähle mir das Wirkliche. Die +Wirklichkeit kann mich nicht so quälen wie meine Phantasie.« + +»Bravo, Effi Ich wollte nicht davon sprechen. Aber nun macht es +sich so von selbst, und das ist gut. Übrigens ist es eigentlich gar +nichts.« + +»Mir gleich; gar nichts oder viel oder wenig. Fange nur an.« + +»Ja, das ist leicht gesagt. Der Anfang ist immer das schwerste, auch +bei Geschichten. Nun, ich denke, ich beginne mit Kapitän Thomsen.« + +»Gut, gut.« + +»Also Thomsen, den ich dir schon genannt habe, war viele Jahre lang +ein sogenannter Chinafahrer, immer mit Reisfracht zwischen Schanghai +und Singapur, und mochte wohl schon sechzig sein, als er hier ankam. +Ich weiß nicht, ob er hier geboren war oder ob er andere Beziehungen +hier hatte. Kurz und gut, er war nun da und verkaufte sein Schiff, +einen alten Kasten, draus er nicht viel herausschlug, und kaufte sich +ein Haus, dasselbe, drin wir jetzt wohnen. Denn er war draußen in der +Welt ein vermögender Mann geworden. Und von daher schreibt sich auch +das Krokodil und der Haifisch und natürlich auch das Schiff ... Also +Thomsen war nun da, ein sehr adretter Mann (so wenigstens hat man mir +gesagt) und wohlgelitten. Auch beim Bürgermeister Kirstein, vor allem +bei dem damaligen Pastor in Kessin, einem Berliner, der kurz vor +Thomsen auch hierhergekommen war und viel Anfeindung hatte.« + +»Glaub ich. Ich merke das auch; sie sind hier so streng und +selbstgerecht. Ich glaube, das ist pommersch.« + +»Ja und nein, je nachdem. Es gibt auch Gegenden, wo sie gar nicht +streng sind und wo's drunter und drüber geht... Aber sieh nur, Effi, +da haben wir gerade den Kroschentiner Kirchturm dicht vor uns. Wollen +wir nicht den Bahnhof aufgeben und lieber bei der alten Frau von +Grasenabb vorfahren? Sidonie, wenn ich recht berichtet bin, ist nicht +zu Hause. Wir könnten es also wagen ...« + +»Ich bitte dich, Geert, wo denkst du hin? Es ist ja himmlisch, so +hinzufliegen, und ich fühle ordentlich, wie mir so frei wird und wie +alle Angst von mir abfällt. Und nun soll ich das alles aufgeben, +bloß um den alten Leuten eine Stippvisite zu machen und ihnen sehr +wahrscheinlich eine Verlegenheit zu schaffen. Um Gottes willen nicht. +Und dann will ich vor allem auch die Geschichte hören. Also wir waren +bei Kapitän Thomsen, den ich mir als einen Dänen oder Engländer denke, +sehr sauber, mit weißen Vatermördern und ganz weißer Wäsche ...« + +»Ganz richtig. So soll er gewesen sein. Und mit ihm war eine junge +Person von etwa zwanzig, von der einige sagen, sie sei seine Nichte +gewesen, aber die meisten sagen, seine Enkelin, was übrigens den +Jahren nach kaum möglich. Und außer der Enkelin oder der Nichte war da +auch noch ein Chinese, derselbe, der da zwischen den Dünen liegt und +an dessen Grab wir eben vorübergekommen sind.« + +»Gut, gut.« + +»Also dieser Chinese war Diener bei Thomsen, und Thomsen hielt so +große Stücke auf ihn, daß er eigentlich mehr Freund als Diener war. +Und das ging so Jahr und Tag. Da mit einem Male hieß es, Thomsens +Enkelin, die, glaub ich, Nina hieß, solle sich, nach des Alten Wunsch, +verheiraten, auch mit einem Kapitän. Und richtig, so war es auch. +Es gab eine große Hochzeit im Hause, der Berliner Pastor tat +sie zusammen, und Müller Utpatel, der ein Konventikler war, und +Gieshübler, dem man in der Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht +recht traute, waren geladen und vor allem viele Kapitäne mit ihren +Frauen und Töchtern. Und wie man sich denken kann, es ging hoch her. +Am Abend aber war Tanz, und die Braut tanzte mit jedem und zuletzt +auch mit dem Chinesen. Da mit einemmal hieß es, sie sei fort, die +Braut nämlich. Und sie war auch wirklich fort, irgendwohin, und +niemand weiß, was da vorgefallen. Und nach vierzehn Tagen starb der +Chinese; Thomsen kaufte die Stelle, die ich dir gezeigt habe, und da +wurd er begraben. Der Berliner Pastor aber soll gesagt haben, man +hätte ihn auch ruhig auf dem christlichen Kirchhof begraben können, +denn der Chinese sei ein sehr guter Mensch gewesen und geradesogut wie +die anderen. Wen er mit den 'anderen' eigentlich gemeint hat, sagte +mir Gieshübler, das wisse man nicht recht.« + +»Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar gegen den Pastor; so +was darf man nicht aussprechen, weil es gewagt und unpassend ist. Das +würde selbst Niemeyer nicht gesagt haben.« + +»Und das ist auch dem armen Pastor, der übrigens Trippel hieß, sehr +verdacht worden, so daß es eigentlich ein Glück war, daß er drüberhin +starb, sonst hätte er seine Stelle verloren. Denn die Stadt, trotzdem +sie ihn gewählt, war doch auch gegen ihn, geradeso wie du, und das +Konsistorium natürlich erst recht.« + +»Trippel, sagst du? Dann hängt er am Ende mit der Frau Pastor Trippel +zusammen, die wir heute abend sehen sollen?« »Natürlich hängt er mit +der zusammen. Er war ihr Mann und ist der Vater von der Trippelli.« + +Effi lachte. »Von der Trippelli! Nun sehe ich erst klar in allem. Daß +sie in Kessin geboren, schrieb ja schon Gieshübler; aber ich dachte, +sie sei die Tochter von einem italienischen Konsul. Wir haben ja so +viele fremdländische Namen hier. Und nun ist sie gut deutsch und +stammt von Trippel. Ist sie denn so vorzüglich, daß sie wagen konnte, +sich so zu italienisieren?« + +»Dem Mutigen gehört die Welt. Übrigens ist sie ganz tüchtig. Sie war +ein paar Jahre lang in Paris bei der berühmten Viardot, wo sie auch +den russischen Fürsten kennenlernte, denn die russischen Fürsten sind +sehr aufgeklärt, über kleine Standesvorurteile weg, und Kotschukoff +und Gieshübler - den sie übrigens 'Onkel' nennt, und man kann fast von +ihm sagen, er sei der geborene Onkel -, diese beiden sind es recht +eigentlich, die die kleine Marie Trippel zu dem gemacht haben, was +sie jetzt ist. Gieshübler war es, durch den sie nach Paris kam, und +Kotschukoff hat sie dann in die Trippelli transponiert.« + +»Ach, Geert, wie reizend ist das alles, und welch Alltagsleben habe +ich doch in Hohen-Cremmen geführt! Nie was Apartes.« + +Innstetten nahm ihre Hand und sagte: »So darfst du nicht sprechen, +Effi. Spuk, dazu kann man sich stellen, wie man will. Aber hüte +dich vor dem Aparten oder was man so das Aparte nennt. Was dir so +verlockend erscheint - und ich rechne auch ein Leben dahin, wie's die +Trippelli führt -, das bezahlt man in der Regel mit seinem Glück. Ich +weiß wohl, wie sehr du dein Hohen-Cremmen liebst und daran hängst, +aber du spottest doch auch oft darüber und hast keine Ahnung davon, +was stille Tage, wie die Hohen-Cremmer, bedeuten.« + +»Doch, doch«, sagte sie. »Ich weiß es wohl. Ich höre nur gern einmal +von etwas anderem, und dann wandelt mich die Lust an, mit dabeizusein. +Aber du hast ganz recht. Und eigentlich hab ich doch eine Sehnsucht +nach Ruh und Frieden.« + +Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Meine einzig liebe Effi, das +denkst du dir nun auch wieder so aus. Immer Phantasien, mal so, mal +so.« + + + +Elftes Kapitel + +Die Fahrt verlief ganz wie geplant. Um ein Uhr hielt der Schlitten +unten am Bahndamm vor dem Gasthaus »Zum Fürsten Bismarck«, und +Golchowski, glücklich, den Landrat bei sich zu sehen, war beflissen, +ein vorzügliches Dejeuner herzurichten. Als zuletzt das Dessert und +der Ungarwein aufgetragen wurden, rief Innstetten den von Zeit zu Zeit +erscheinenden und nach der Ordnung sehenden Wirt heran und bat ihn, +sich mit an den Tisch zu setzen und ihnen was zu erzählen. Dazu war +Golchowski denn auch der rechte Mann; auf zwei Meilen in der Runde +wurde kein Ei gelegt, von dem er nicht wußte. Das zeigte sich auch +heute wieder. Sidonie Grasenabb, Innstetten hatte recht vermutet, war, +wie vorige Weihnachten, so auch diesmal wieder auf vier Wochen zu +»Hofpredigers« gereist; Frau von Palleske, so hieß es weiter, habe +ihre Jungfer wegen einer fatalen Geschichte Knall und Fall entlassen +müssen, und mit dem alten Fraude steh es schlecht - es werde zwar in +Kurs gesetzt, er sei bloß ausgeglitten, aber es sei ein Schlaganfall +gewesen, und der Sohn, der in Lissa bei den Husaren stehe, werde jede +Stunde erwartet. Nach diesem Geplänkel war man dann, zu Ernsthafterem +übergehend, auf Varzin gekommen. »Ja«, sagte Golchowski, »wenn man +sich den Fürsten so als Papiermüller denkt! Es ist doch alles sehr +merkwürdig; eigentlich kann er die Schreiberei nicht leiden und das +bedruckte Papier erst recht nicht, und nun legt er doch selber eine +Papiermühle an.« + +»Schon recht, lieber Golchowski«, sagte Innstetten, »aber aus solchen +Widersprüchen kommt man im Leben nicht heraus. Und da hilft auch kein +Fürst und keine Größe.« + +»Nein, nein, da hilft keine Größe.« + +Wahrscheinlich, daß sich dies Gespräch über den Fürsten noch +fortgesetzt hätte, wenn nicht in ebendiesem Augenblicke die von der +Bahn her herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug +angemeldet hätte. Innstetten sah nach der Uhr. »Welcher Zug ist das, +Golchowski?« + +»Das ist der Danziger Schnellzug; er hält hier nicht, aber ich gehe +doch immer hinauf und zähle die Wagen, und mitunter steht auch einer +am Fenster, den ich kenne. Hier, gleich hinter meinem Hofe, führt eine +Treppe den Damm hinauf, Wärterhaus 417 ...« + +»Oh, das wollen wir uns zunutze machen«, sagte Effi. »Ich sehe so gern +Züge ...« + +»Dann ist es die höchste Zeit, gnäd'ge Frau.« + +Und so machten sich denn alle drei auf den Weg und stellten sich, als +sie oben waren, in einem neben dem Wärterhaus gelegenen Gartenstreifen +auf, der jetzt freilich unter Schnee lag, aber doch eine +freigeschaufelte Stelle hatte. Der Bahnwärter stand schon da, die +Fahne in der Hand. Und jetzt jagte der Zug über das Bahnhofsgeleise +hin und im nächsten Augenblick an dem Häuschen und an dem +Gartenstreifen vorüber. Effi war so erregt, daß sie nichts sah und nur +dem letzten Wagen, auf dessen Höhe ein Bremser saß, ganz wie benommen +nachblickte. + +»Sechs Uhr fünfzig ist er in Berlin«, sagte Innstetten, »und noch +eine Stunde später, so können ihn die Hohen-Cremmer, wenn der Wind so +steht, in der Ferne vorbeiklappern hören. Möchtest du mit, Effi?« + +Sie sagte nichts. Als er aber zu ihr hinüberblickte, sah er, daß eine +Träne in ihrem Auge stand. + +Effi war, als der Zug vorbeijagte, von einer herzlichen Sehnsucht +erfaßt worden. So gut es ihr ging, sie fühlte sich trotzdem wie in +einer fremden Welt. Wenn sie sich eben noch an dem einen oder andern +entzückt hatte, so kam ihr doch gleich nachher zum Bewußtsein, was +ihr fehlte. Da drüben lag Varzin, und da nach der anderen Seite hin +blitzte der Kroschentiner Kirchturm auf und weithin der Morgenitzer, +und da saßen die Grasenabbs und die Borckes, nicht die Bellings und +nicht die Briests. »Ja, die!« Innstetten hatte ganz recht gehabt mit +dem raschen Wechsel ihrer Stimmung, und sie sah jetzt wieder alles, +was zurücklag, wie in einer Verklärung. Aber so gewiß sie voll +Sehnsucht dem Zug nachgesehen, sie war doch andererseits viel zu +beweglichen Gemüts, um lange dabei zu verweilen, und schon auf der +Heimfahrt, als der rote Ball der niedergehenden Sonne seinen Schimmer +über den Schnee ausgoß, fühlte sie sich wieder freier; alles erschien +ihr schön und frisch, und als sie, nach Kessin zurückgekehrt, fast +mit dem Glockenschlag sieben in den Gieshüblerschen Flur eintrat, war +ihr nicht bloß behaglich, sondern beinah übermütig zu Sinn, wozu die +das Haus durchziehende Baldrian- und Veilchenwurzelluft das ihrige +beitragen mochte. + +Pünktlich waren Innstetten und Frau erschienen, aber trotz dieser +Pünktlichkeit immer noch hinter den anderen Geladenen zurückgeblieben; +Pastor Lindequist, die alte Frau Trippel und die Trippelli selbst +waren schon da. Gieshübler - im blauen Frack mit mattgoldenen +Knöpfen, dazu Pincenez an einem breiten, schwarzen Bande, das wie ein +Ordensband auf der blendendweißen Piquéweste lag -, Gieshübler konnte +seiner Erregung nur mit Mühe Herr werden. »Darf ich die Herrschaften +miteinander bekannt machen: Baron und Baronin Innstetten, Frau Pastor +Trippel, Fräulein Marietta Trippelli.« Pastor Lindequist, den alle +kannten, stand lächelnd beiseite. + +Die Trippelli, Anfang der Dreißig, stark männlich und von +ausgesprochen humoristischem Typus, hatte bis zu dem Momente der +Vorstellung den Sofaehrenplatz innegehabt. Nach der Vorstellung aber +sagte sie, während sie auf einen in der Nähe stehenden Stuhl mit hoher +Lehne zuschritt: »Ich bitte Sie nunmehro, gnäd'ge Frau, die Bürden +und Fährlichkeiten Ihres Amtes auf sich nehmen zu wollen. Denn von +'Fährlichkeiten'« - und sie wies auf das Sofa - »wird sich in diesem +Falle wohl sprechen lassen. Ich habe Gieshübler schon vor Jahr und Tag +darauf aufmerksam gemacht, aber leider vergeblich; so gut er ist, so +eigensinnig ist er auch.« + +»Aber Marietta ...« + +»Dieses Sofa nämlich, dessen Geburt um wenigstens fünfzig Jahre +zurückliegt, ist noch nach einem altmodischen Versenkungsprinzip +gebaut, und wer sich ihm anvertraut, ohne vorher einen Kissenturm +untergeschoben zu haben, sinkt ins Bodenlose, jedenfalls aber gerade +tief genug, um die Knie wie ein Monument aufragen zu lassen.« All dies +wurde seitens der Trippelli mit ebensoviel Bonhomie wie Sicherheit +hingesprochen, in einem Ton, der ausdrücken sollte: »Du bist die +Baronin Innstetten, ich bin die Trippelli.« + +Gieshübler liebte seine Künstlerfreundin enthusiastisch und dachte +hoch von ihren Talenten; aber all seine Begeisterung konnte ihn doch +nicht blind gegen die Tatsache machen, daß ihr von gesellschaftlicher +Feinheit nur ein bescheidenes Maß zuteil geworden war. Und diese +Feinheit war gerade das, was er persönlich kultivierte. »Liebe +Marietta«, nahm er das Wort, »Sie haben eine so reizend heitere +Behandlung solcher Fragen; aber was mein Sofa betrifft, so haben +Sie wirklich unrecht, und jeder Sachverständige mag zwischen uns +entscheiden. Selbst ein Mann wie Fürst Kotschukoff ...« + +»Ach, ich bitt Sie, Gieshübler, lassen Sie doch den. Immer +Kotschukoff. Sie werden mich bei der gnäd'gen Frau hier noch in den +Verdacht bringen, als ob ich bei diesem Fürsten - der übrigens nur zu +den kleineren zählt und nicht mehr als tausend Seelen hat, das heißt +hatte (früher, wo die Rechnung noch nach Seelen ging) -, als ob ich +stolz wäre, seine tausendundeinste Seele zu sein. Nein, es liegt +wirklich anders; 'immer freiweg', Sie kennen meine Devise, Gieshübler. +Kotschukoff ist ein guter Kamerad und mein Freund, aber von Kunst +und ähnlichen Sachen versteht er gar nichts, von Musik gewiß nicht, +wiewohl er Messen und Oratorien komponiert - die meisten russischen +Fürsten, wenn sie Kunst treiben, fallen ein bißchen nach der +geistlichen oder orthodoxen Seite hin -, und zu den vielen Dingen, von +denen er nichts versteht, gehören auch unbedingt Einrichtungs- und +Tapezierfragen. Er ist gerade vornehm genug, um sich alles als schön +aufreden zu lassen, was bunt aussieht und viel Geld kostet.« + +Innstetten amüsierte sich, und Pastor Lindequist war in einem +allersichtlichsten Behagen. Die gute alte Trippel aber geriet über den +ungenierten Ton ihrer Tochter aus einer Verlegenheit in die andere, +während Gieshübler es für angezeigt hielt, eine so schwierig werdende +Unterhaltung zu kupieren. Dazu waren etliche Gesangspiecen das +beste. Daß Marietta Lieder von anfechtbarem Inhalt wählen würde, +war nicht anzunehmen, und selbst wenn dies sein sollte, so war ihre +Vortragskunst so groß, daß der Inhalt dadurch geadelt wurde. »Liebe +Marietta«, nahm er also das Wort, »ich habe unser kleines Mahl zu acht +Uhr bestellt. Wir hätten also noch dreiviertel Stunden, wenn Sie nicht +vielleicht vorziehen, während Tisch ein heitres Lied zu singen oder +vielleicht erst, wenn wir von Tisch aufgestanden sind ...« + +»Ich bitte Sie, Gieshübler! Sie, der Mann der Ästhetik. Es gibt nichts +Unästhetischeres als einen Gesangsvortrag mit vollem Magen. Außerdem - +und ich weiß, Sie sind ein Mann der ausgesuchten Küche, ja Gourmand -, +außerdem schmeckt es besser, wenn man die Sache hinter sich hat. Erst +Kunst und dann Nußeis, das ist die richtige Reihenfolge.« + +»Also ich darf Ihnen die Noten bringen, Marietta?« + +»Noten bringen. Ja, was heißt das, Gieshübler? Wie ich Sie kenne, +werden Sie ganze Schränke voll Noten haben, und ich kann Ihnen doch +nicht den ganzen Bock und Bote vorspielen. Noten! Was für Noten, +Gieshübler, darauf kommt es an. Und dann, daß es richtig liegt, +Altstimme ...« + +»Nun, ich werde schon bringen.« + +Und er machte sich an einem Schrank zu schaffen, ein Fach nach dem +anderen herausziehend, während die Trippelli ihren Stuhl weiter links +um den Tisch herum schob, so daß sie nun dicht neben Effi saß. + +»Ich bin neugierig, was er bringen wird«, sagte sie. Effi geriet dabei +in eine kleine Verlegenheit. + +»Ich möchte annehmen«, antwortete sie befangen, »etwas von Gluck, +etwas ausgesprochen Dramatisches ... Überhaupt, mein gnädiges +Fräulein, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, ich bin überrascht +zu hören, daß Sie lediglich Konzertsängerin sind. Ich dächte, daß Sie, +wie wenige, für die Bühne berufen sein müßten. Ihre Erscheinung, Ihre +Kraft, Ihr Organ ... ich habe noch so wenig derart kennengelernt, +immer nur auf kurzen Besuchen in Berlin ... und dann war ich noch ein +halbes Kind. Aber ich dächte, 'Orpheus' oder 'Chrimhild' oder die +'Vestalin'.« + +Die Trippelli wiegte den Kopf und sah in Abgründe, kam aber zu keiner +Entgegnung, weil eben jetzt Gieshübler wieder erschien und ein halbes +Dutzend Notenhefte vorlegte, die seine Freundin in rascher Reihenfolge +durch die Hand gleiten ließ. »'Erlkönig' ... ah, bah; 'Bächlein, laß +dein Rauschen sein ...' Aber Gieshübler, ich bitte Sie, Sie sind +ein Murmeltier, Sie haben sieben Jahre lang geschlafen ... Und hier +Loewesche Balladen; auch nicht gerade das Neueste. + +'Glocken von Speyer' ... Ach, dies ewige Bim-Bam, das beinah einer +Kulissenreißerei gleichkommt, ist geschmacklos und abgestanden. Aber +hier, 'Ritter Olaf' ... nun, das geht.« + +Und sie stand auf, und während der Pastor begleitete, sang sie den +»Olaf« mit großer Sicherheit und Bravour und erntete allgemeinen +Beifall. + +Es wurde dann noch ähnlich Romantisches gefunden, einiges aus dem +»Fliegenden Holländer« und aus »Zampa«, dann der »Heideknabe«, lauter +Sachen, die sie mit ebensoviel Virtuosität wie Seelenruhe vortrug, +während Effi von Text und Komposition wie benommen war. + +Als die Trippelli mit dem »Heideknaben« fertig war, sagte sie: »Nun +ist es genug«, eine Erklärung, die so bestimmt von ihr abgegeben +wurde, daß weder Gieshübler noch ein anderer den Mut hatte, mit +weiteren Bitten in sie zu dringen. Am wenigsten Effi Diese sagte nur, +als Gieshüblers Freundin wieder neben ihr saß: »Daß ich Ihnen doch +sagen könnte, mein gnädigstes Fräulein, wie dankbar ich Ihnen bin! +Alles so schön, so sicher, so gewandt. Aber eines, wenn Sie mir +verzeihen, bewundere ich fast noch mehr, das ist die Ruhe, womit +Sie diese Sachen vorzutragen wissen. Ich bin so leicht Eindrücken +hingegeben, und wenn ich die kleinste Gespenstergeschichte höre, so +zittere ich und kann mich kaum wieder zurechtfinden. Und Sie tragen +das so mächtig und erschütternd vor und sind selbst ganz heiter und +guter Dinge.« + +»Ja, meine gnädigste Frau, das ist in der Kunst nicht anders. Und +nun gar erst auf dem Theater, vor dem ich übrigens glücklicherweise +bewahrt geblieben bin. Denn so gewiß ich mich persönlich gegen seine +Versuchungen gefeit fühle - es verdirbt den Ruf, also das Beste, was +man hat. Im übrigen stumpft man ab, wie mir Kolleginnen hundertfach +versichert haben. Da wird vergiftet und erstochen, und der toten Julia +flüstert Romeo einen Kalauer ins Ohr oder wohl auch eine Malice, oder +er drückt ihr einen kleinen Liebesbrief in die Hand.« + +»Es ist mir unbegreiflich. Und um bei dem stehenzubleiben, was ich +Ihnen diesen Abend verdanke, beispielsweise bei dem Gespenstischen im +'Olaf', ich versichere Ihnen, wenn ich einen ängstlichen Traum habe +oder wenn ich glaube, über mir hörte ich ein leises Tanzen oder +Musizieren, während doch niemand da ist, oder es schleicht wer an +meinem Bett vorbei, so bin ich außer mir und kann es tagelang nicht +vergessen.« + +»Ja, meine gnädige Frau, was Sie da schildern und beschreiben, das ist +auch etwas anderes, das ist ja wirklich oder kann wenigstens etwas +Wirkliches sein. Ein Gespenst, das durch die Ballade geht, da graule +ich mich gar nicht, aber ein Gespenst, das durch meine Stube geht, ist +mir, geradeso wie andern, sehr unangenehm. Darin empfinden wir also +ganz gleich.« + +»Haben Sie denn dergleichen auch einmal erlebt?« + +»Gewiß. Und noch dazu bei Kotschukoff. Und ich habe mir auch +ausbedungen, daß ich diesmal anders schlafe, vielleicht mit der +englischen Gouvernante zusammen. Das ist nämlich eine Quäkerin, und da +ist man sicher.« + +»Und Sie halten dergleichen für möglich?« + +»Meine gnädigste Frau, wenn man so alt ist wie ich und viel +rumgestoßen wurde und in Rußland war und sogar auch ein halbes Jahr +in Rumänien, da hält man alles für möglich. Es gibt so viel schlechte +Menschen, und das andere findet sich dann auch, das gehört dann +sozusagen mit dazu.« + +Effi horchte auf. + +»Ich bin«, fuhr die Trippelli fort, »aus einer sehr aufgeklärten +Familie (bloß mit Mutter war es immer nicht so recht), und doch sagte +mir mein Vater, als das mit dem Psychographen aufkam: 'Höre, Mane, das +ist was.' Und er hat recht gehabt, es ist auch was damit. Überhaupt, +man ist links und rechts umlauert, hinten und vorn. Sie werden das +noch kennenlernen.« + +In diesem Augenblick trat Gieshübler heran und bot Effi den Arm, +Innstetten führte Marietta, dann folgten Pastor Lindequist und die +verwitwete Trippel. So ging man zu Tisch. + + + +Zölftes Kapitel + +Es war spät, als man aufbrach. Schon bald nach zehn hatte Effi zu +Gieshübler gesagt, es sei nun wohl Zeit; Fräulein Trippelli, die +den Zug nicht versäumen dürfe, müsse ja schon um sechs von Kessin +aufbrechen; die danebenstehende Trippelli aber, die diese Worte +gehört, hatte mit der ihr eigenen ungenierten Beredsamkeit gegen +solche zarte Rücksichtnahme protestiert. »Ach, meine gnädigste Frau, +Sie glauben, daß unsereins einen regelmäßigen Schlaf braucht, das +trifft aber nicht zu; was wir regelmäßig brauchen, heißt Beifall und +hohe Preise. Ja, lachen Sie nur. Außerdem (so was lernt man) kann ich +auch im Coupé schlafen, in jeder Situation und sogar auf der linken +Seite, und brauche nicht einmal das Kleid aufzumachen. Freilich bin +ich auch nie eingepreßt; Brust und Lunge müssen immer frei sein und +vor allem das Herz. Ja, meine gnädigste Frau, das ist die Hauptsache. +Und dann das Kapitel Schlaf überhaupt - die Menge tut es nicht, was +entscheidet, ist die Qualität; ein guter Nicker von fünf Minuten ist +besser als fünf Stunden unruhige Rumdreherei, mal links, mal rechts. +Übrigens schläft man in Rußland wundervoll, trotz des starken Tees. +Es muß die Luft machen oder das späte Diner oder weil man so verwöhnt +wird. Sorgen gibt es in Rußland nicht; darin - im Geldpunkt sind beide +gleich - ist Rußland noch besser als Amerika.« + +Nach dieser Erklärung der Trippelli hatte Effi von allen Mahnungen +zum Aufbruch Abstand genommen, und so war Mitternacht herangekommen. +Man trennte sich heiter und herzlich und mit einer gewissen +Vertraulichkeit. Der Weg von der Mohrenapotheke bis zur landrätlichen +Wohnung war ziemlich weit; er kürzte sich aber dadurch, daß Pastor +Lindequist bat, Innstetten und Frau eine Strecke begleiten zu +dürfen; ein Spaziergang unterm Sternenhimmel sei das beste, um über +Gieshüblers Rheinwein hinwegzukommen. Unterwegs wurde man natürlich +nicht müde, die verschiedensten Trippelliana heranzuziehen; Effi +begann mit dem, was ihr in Erinnerung geblieben, und gleich nach +ihr kam der Pastor an die Reihe. Dieser, ein Ironikus, hatte die +Trippelli, wie nach vielem sehr Weltlichen, so schließlich auch nach +ihrer kirchlichen Richtung gefragt und dabei von ihr in Erfahrung +gebracht, daß sie nur eine Richtung kenne, die orthodoxe. Ihr Vater +sei freilich ein Rationalist gewesen, fast schon ein Freigeist, +weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf dem Gemeindekirchhof +gehabt hätte; sie ihrerseits sei aber ganz entgegengesetzter Ansicht, +trotzdem sie persönlich des großen Vorzugs genieße, gar nichts zu +glauben. Aber sie sei sich in ihrem entschiedenen Nichtglauben doch +auch jeden Augenblick bewußt, daß das ein Spezialluxus sei, den +man sich nur als Privatperson gestatten könne. Staatlich höre +der Spaß auf, und wenn ihr das Kultusministerium oder gar ein +Konsistorialregiment unterstünde, so würde sie mit unnachsichtiger +Strenge vorgehen. »Ich fühle so was von einem Torquemada in mir.« +Innstetten war sehr erheitert und erzählte seinerseits, daß er etwas +so Heikles, wie das Dogmatische, geflissentlich vermieden, aber dafür +das Moralische desto mehr in den Vordergrund gestellt habe. Hauptthema +sei das Verführerische gewesen, das beständige Gefährdetsein, das in +allem öffentlichen Auftreten liege, worauf die Trippelli leichthin +und nur mit Betonung der zweiten Satzhälfte geantwortet habe: »Ja, +beständig gefährdet; am meisten die Stimme.« + +Unter solchem Geplauder war, ehe man sich trennte, der Trippelli-Abend +noch einmal an ihnen vorübergezogen, und erst drei Tage später hatte +sich Gieshüblers Freundin durch ein von Petersburg aus an Effi +gerichtetes Telegramm noch einmal in Erinnerung gebracht. Es lautete: +Madame la Baronne d'Innstetten, née de Briest. Bien arrivée. Prince +K. à la gare. Plus épris de moi que jamais. Mille fois merci de votre +bon accueil. Compliments empressés à Monsieur le Baron. Marietta +Trippelli. + +Innstetten war entzückt und gab diesem Entzücken lebhafteren Ausdruck, +als Effi begreifen konnte. + +»Ich verstehe dich nicht, Geert.« + +»Weil du die Trippelli nicht verstehst. Mich entzückt die Echtheit; +alles da, bis auf das Pünktchen überm i.« + +»Du nimmst also alles als eine Komödie?« + +»Aber als was sonst? Alles berechnet für dort und für hier, für +Kotschukoff und für Gieshübler. Gieshübler wird wohl eine Stiftung +machen, vielleicht auch bloß ein Legat für die Trippelli.« + +Die musikalische Soiree bei Gieshübler hatte Mitte Dezember +stattgefunden, gleich danach begannen die Vorbereitungen für +Weihnachten, und Effi, die sonst schwer über diese Tage hingekommen +wäre, segnete es, daß sie selber einen Hausstand hatte, dessen +Ansprüche befriedigt werden mußten. Es galt nachsinnen, fragen, +anschaffen, und das alles ließ trübe Gedanken nicht aufkommen. Am Tage +vor Heiligabend trafen Geschenke von den Eltern aus Hohen-Cremmen ein, +und mit in die Kiste waren allerhand Kleinigkeiten aus dem Kantorhause +gepackt: wunderschöne Reinetten von einem Baum, den Effi und Jahnke +vor mehreren Jahren gemeinschaftlich okuliert hatten, und dazu braune +Puls- und Kniewärmer von Bertha und Hertha. Hulda schrieb nur wenige +Zeilen, weil sie, wie sie sich entschuldigte, für X noch eine +Reisedecke zu stricken habe. »Was einfach nicht wahr ist«, sagte +Effi. »Ich wette, X. existiert gar nicht. Daß sie nicht davon lassen +kann, sich mit Anbetern zu umgeben die nicht da sind!« Und so kam +Heiligabend heran. Innstetten selbst baute auf für seine junge Frau, +der Baum brannte, und ein kleiner Engel schwebte oben in Lüften Auch +eine Krippe war da mit hübschen Transparenten und Inschriften, deren +eine sich in leiser Andeutung auf ein dem Innstettenschen Hause für +nächstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog. Effi las es und errötete. +Dann ging sie auf Innstetten zu, um ihm zu danken, aber eh sie dies +konnte, flog, nach altpommerschem Weihnachtsbrauch, ein Julklapp in +den Hausflur: eine große Kiste, drin eine Welt von Dingen steckte. +Zuletzt fand man die Hauptsache, ein zierliches, mit allerlei +japanischen Bildchen überklebtes Morsellenkästchen, dessen +eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen beigegeben war. Es hieß +da: + + Drei Könige kamen zum Heiligenchrist, + Mohrenkönig einer gewesen ist - + Ein Mohrenapothekerlein + Erscheinet heute mit Spezerein, + Doch statt Weihrauch und Myrrhen, die nicht zur Stelle, + Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle. + +Effi las es zwei-, dreimal und freute sich darüber. »Die Huldigungen +eines guten Menschen haben doch etwas besonders Wohltuendes. Meinst +du nicht auch, Geert?« »Gewiß meine ich das. Es ist eigentlich das +einzige, was einem Freude macht oder wenigstens Freude machen sollte. +Denn jeder steckt noch so nebenher in allerhand dummem Zeuge drin. Ich +auch. Aber freilich, man ist, wie man ist.« Der erste Feiertag war +Kirchtag, am zweiten war man bei Borckes draußen, alles zugegen, mit +Ausnahme von Grasenabbs, die nicht kommen wollten, weil Sidonie nicht +da sei, was man als Entschuldigung allseitig ziemlich sonderlich fand. +Einige tuschelten sogar: »Umgekehrt; gerade deshalb hätten sie kommen +sollen.« Am Silvester war Ressourcenball, auf dem Effi nicht fehlen +durfte und auch nicht wollte, denn der Ball gab ihr Gelegenheit, +endlich einmal die ganze Stadtflora beisammen zu sehen. Johanna hatte +mit den Vorbereitungen zum Ballstaate für ihre Gnäd'ge vollauf zu tun, +Gieshübler, der, wie alles, so auch ein Treibhaus hatte, schickte +Kamelien, und Innstetten, so knapp bemessen die Zeit für ihn war, +fuhr am Nachmittage noch über Land nach Papenhagen, wo drei Scheunen +abgebrannt waren. + +Es war ganz still im Hause. Christel, beschäftigungslos, hatte sich +schläfrig eine Fußbank an den Herd gerückt, und Effi zog sich in ihr +Schlafzimmer zurück, wo sie sich, zwischen Spiegel und Sofa, an einen +kleinen, eigens zu diesem Zweck zurechtgemachten Schreibtisch setzte, +um von hier aus an die Mama zu schreiben, der sie für Weihnachtsbrief +und Weihnachtsgeschenke bis dahin bloß in einer Karte gedankt, sonst +aber seit Wochen keine Nachricht gegeben hatte. + +Kessin, 31. Dezember. Meine liebe Mama! Das wird nun wohl ein langer +Schreibebrief werden, denn ich habe - die Karte rechnet nicht - +lange nichts von mir hören lassen. Als ich das letztemal schrieb, +steckte ich noch in den Weihnachtsvorbereitungen, jetzt liegen +die Weihnachtstage schon zurück. Innstetten und mein guter Freund +Gieshübler hatten alles aufgeboten, mir den Heiligen Abend so angenehm +wie möglich zu machen, aber ich fühlte mich doch ein wenig einsam und +bangte mich nach Euch. Überhaupt, soviel Ursache ich habe, zu danken +und froh und glücklich zu sein, ich kann ein Gefühl des Alleinseins +nicht ganz loswerden, und wenn ich mich früher, vielleicht mehr als +nötig, über Huldas ewige Gefühlsträne mokiert habe, so werde ich jetzt +dafür bestraft und habe selber mit dieser Träne zu kämpfen. Denn +Innstetten darf es nicht sehen. Ich bin aber sicher, daß das alles +besser werden wird, wenn unser Hausstand sich mehr belebt, und das +wird der Fall sein, meine liebe Mama. Was ich neulich andeutete, das +ist nun Gewißheit, und Innstetten bezeugt mir täglich seine Freude +darüber. Wie glücklich ich selber im Hinblick darauf bin, brauche ich +nicht erst zu versichern, schon weil ich dann Leben und Zerstreuung +um mich her haben werde oder, wie Geert sich ausdrückt, ein »liebes +Spielzeug«. Mit diesem Wort wird er wohl recht haben, aber er sollte +es lieber nicht gebrauchen, weil es mir immer einen kleinen Stich gibt +und mich daran erinnert, wie jung ich bin und daß ich noch halb in die +Kinderstube gehöre. Diese Vorstellung verläßt mich nicht (Geert meint, +es sei krankhaft) und bringt es zuwege, daß das, was mein höchstes +Glück sein sollte, doch fast noch mehr eine beständige Verlegenheit +für mich ist. Ja, meine liebe Mama, als die guten Flemmingschen Damen +sich neulich nach allem möglichen erkundigten, war mir zumut, als +stünde ich schlecht vorbereitet in einem Examen, und ich glaube auch, +daß ich recht dumm geantwortet habe. Verdrießlich war ich auch. Denn +manches, was wie Teilnahme aussieht, ist doch bloß Neugier und wirkt +um so zudringlicher, als ich ja noch lange, bis in den Sommer hinein, +auf das frohe Ereignis zu warten habe. Ich denke, die ersten Julitage. +Dann mußt Du kommen, oder noch besser, sobald ich einigermaßen +wieder bei Wege bin, komme ich, nehme hier Urlaub und mache mich +auf nach Hohen-Cremmen. Ach, wie ich mich darauf freue und auf die +havelländische Luft - hier ist es fast immer rauh und kalt -, und dann +jeden Tag eine Fahrt ins Luch, alles rot und gelb, und ich sehe schon, +wie das Kind die Hände danach streckt, denn es wird doch wohl fühlen, +daß es eigentlich da zu Hause ist. Aber das schreibe ich nur Dir. +Innstetten darf nicht davon wissen, und auch Dir gegenüber muß ich +mich wie entschuldigen, daß ich mit dem Kinde nach Hohen-Cremmen will +und mich heute schon anmelde, statt Dich, meine liebe Mama, dringend +und herzlich nach Kessin hin einzuladen, das ja doch jeden Sommer +fünfzehnhundert Badegäste hat und Schiffe mit allen möglichen Flaggen +und sogar ein Dünenhotel. Aber daß ich so wenig Gastlichkeit zeige, +das macht nicht, daß ich ungastlich wäre, so sehr bin ich nicht aus +der Art geschlagen, das macht einfach unser landrätliches Haus, das, +soviel Hübsches und Apartes es hat, doch eigentlich gar kein richtiges +Haus ist, sondern nur eine Wohnung für zwei Menschen, und auch das +kaum, denn wir haben nicht einmal ein Eßzimmer, was doch genant ist, +wenn ein paar Personen zu Besuch sich einstellen. Wir haben freilich +noch Räumlichkeiten im ersten Stock, einen großen Saal und vier kleine +Zimmer, aber sie haben alle etwas wenig Einladendes, und ich würde sie +Rumpelkammer nennen, wenn sich etwas Gerümpel darin vorfände; sie sind +aber ganz leer, ein paar Binsenstühle abgerechnet, und machen, das +mindeste zu sagen, einen sehr sonderbaren Eindruck. Nun wirst Du +wohl meinen, das alles sei ja leicht zu ändern. Aber es ist nicht zu +ändern; denn das Haus, das wir bewohnen, ist ... ist ein Spukhaus; +da ist es heraus. Ich beschwöre Dich übrigens, mir auf diese meine +Mitteilung nicht zu antworten, denn ich zeige Innstetten immer Eure +Briefe, und er wäre außer sich, wenn er erführe, daß ich Dir das +geschrieben. Ich hätte es auch nicht getan, und zwar um so weniger, +als ich seit vielen Wochen in Ruhe geblieben bin und aufgehört habe, +mich zu ängstigen; aber Johanna sagt mir, es käme immer mal wieder, +namentlich wenn wer Neues im Hause erschiene. Und ich kann Dich doch +einer solchen Gefahr oder, Wenn das zuviel gesagt ist, einer solchen +eigentümlichen und unbequemen Störung nicht aussetzen! Mit der +Sache selber will ich Dich heute nicht behelligen, jedenfalls nicht +ausführlich. Es ist eine Geschichte von einem alten Kapitän, einem +sogenannten Chinafahrer, und seiner Enkelin, die mit einem hiesigen +jungen Kapitän eine kurze Zeit verlobt war und an ihrem Hochzeitstage +plötzlich verschwand. Das möchte hingehn. Aber was wichtiger ist, ein +junger Chinese, den ihr Vater aus China mit zurückgebracht hatte und +der erst der Diener und dann der Freund des Alten war, der starb +kurze Zeit danach und ist an einer einsamen Stelle neben dem Kirchhof +begraben worden. Ich bin neulich da vorübergefahren, wandte mich aber +rasch ab und sah nach der andern Seite, weil ich glaube, ich hätte +ihn sonst auf dem Grabe sitzen sehen. Denn ach, meine liebe Mama, +ich habe ihn einmal wirklich gesehen, oder es ist mir wenigstens so +vorgekommen, als ich fest schlief und Innstetten auf Besuch beim +Fürsten war. Es war schrecklich; ich möchte so was nicht wieder +erleben. Und in ein solches Haus, so hübsch es sonst ist (es ist +sonderbarerweise gemütlich und unheimlich zugleich), kann ich Dich +doch nicht gut einladen. Und Innstetten, trotzdem ich ihm schließlich +in vielen Stücken zustimmte, hat sich dabei, soviel möchte ich sagen +dürfen, auch nicht ganz richtig benommen. Er verlangte von mir, ich +solle das alles als Alten-Weiber-Unsinn ansehn und darüber lachen, +aber mit einemmal schien er doch auch wieder selber daran zu glauben +und stellte mir zugleich die sonderbare Zumutung, einen solchen +Hausspuk als etwas Vornehmes und Altadliges anzusehen. Das kann ich +aber nicht und will es auch nicht. Er ist in diesem Punkt, so gütig er +sonst ist, nicht gütig und nachsichtig genug gegen mich. Denn daß es +etwas damit ist, das weiß ich von Johanna und weiß es auch von unserer +Frau Kruse. Das ist nämlich unsere Kutscherfrau, die mit einem +schwarzen Huhn beständig in einer überheizten Stube sitzt. Dies allein +schon ist ängstlich genug. Und nun weißt Du, warum ich kommen will, +wenn es erst soweit ist. Ach, wäre es nur erst soweit. Es sind +so viele Gründe, warum ich es wünsche. Heute abend haben wir +Silvesterball, und Gieshübler - der einzige nette Mensch hier, +trotzdem er eine hohe Schulter hat oder eigentlich schon etwas +mehr -, Gieshübler hat mir Kamelien geschickt. Ich werde doch +vielleicht tanzen. Unser Arzt sagt, es würde mir nichts schaden, +im Gegenteil. Und Innstetten, was mich fast überraschte, hat auch +eingewilligt. Und nun grüße und küsse Papa und all die andern Lieben. +Glückauf zum neuen Jahr. Deine Effi. + + + +Dreizehntes Kapitel + +Der Silvesterball hatte bis an den frühen Morgen gedauert, und Effi +war ausgiebig bewundert worden, freilich nicht ganz so anstandslos wie +das Kamelienbukett, von dem man wußte, daß es aus dem Gieshüblerschen +Treibhaus kam. Im übrigen blieb auch nach dem Silvesterball alles beim +alten, kaum daß Versuche gesellschaftlicher Annäherung gemacht worden +wären, und so kam es denn, daß der Winter als recht lange dauernd +empfunden wurde. Besuche seitens der benachbarten Adelsfamilien fanden +nur selten statt, und dem pflichtschuldigen Gegenbesuch ging in einem +halben Trauerton jedesmal die Bemerkung voraus: »Ja, Geert, wenn es +durchaus sein muß, aber ich vergehe vor Langeweile.« Worte, denen +Innstetten nur immer zustimmte. Was an solchen Besuchsnachmittagen +über Familie, Kinder, auch Landwirtschaft gesagt wurde, mochte gehen; +wenn dann aber die kirchlichen Fragen an die Reihe kamen und die +mitanwesenden Pastoren wie kleine Päpste behandelt wurden oder sich +auch wohl selbst als solche ansahen, dann riß Effi der Faden der +Geduld, und sie dachte mit Wehmut an Niemeyer, der immer zurückhaltend +und anspruchslos war, trotzdem es bei jeder größeren Feierlichkeit +hieß, er habe das Zeug, an den »Dom« berufen zu werden. Mit den +Borckes, den Flemmings, den Grasenabbs, so freundlich die Familien, +von Sidonie Grasenabb abgesehen, gesinnt waren - es wollte mit allen +nicht so recht gehen, und es hätte mit Freude, Zerstreuung und auch +nur leidlichem Sich-behaglich-Fühlen manchmal recht schlimm gestanden, +wenn Gieshübler nicht gewesen wäre. Der sorgte für Effi wie eine +kleine Vorsehung, und sie wußte es ihm auch Dank. Natürlich war er +neben allem andern auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser, +ganz zu schweigen, daß er an der Spitze des Journalzirkels stand, und +so verging denn fast kein Tag, wo nicht Mirambo ein großes weißes +Kuvert gebracht hätte mit allerhand Blättern und Zeitungen, in denen +die betreffenden Stellen angestrichen waren, meist eine kleine, +feine Bleistiftlinie, mitunter aber auch dick mit Blaustift und ein +Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben. Und dabei ließ er es nicht +bewenden; er schickte auch Feigen und Datteln, Schokoladentafeln in +Satineepapier und ein rotes Bändchen drum, und wenn etwas besonders +Schönes in seinem Treibhaus blühte, so brachte er es selbst und hatte +dann eine glückliche Plauderstunde mit der ihm so sympathischen jungen +Frau, für die er alle schönen Liebesgefühle durch- und nebeneinander +hatte, die des Vaters und Onkels, des Lehrers und Verehrers. Effi war +gerührt von dem allen und schrieb öfters darüber nach Hohen-Cremmen, +so daß die Mama sie mit ihrer »Liebe zum Alchimisten« zu necken +begann; aber diese wohlgemeinten Neckereien verfehlten ihren Zweck, +ja berührten sie beinahe schmerzlich, weil ihr, wenn auch unklar, +dabei zum Bewußtsein kam, was ihr in ihrer Ehe eigentlich fehlte: +Huldigungen, Anregungen, kleine Aufmerksamkeiten. Innstetten war lieb +und gut, aber ein Liebhaber war er nicht. Er hatte das Gefühl, Effi zu +lieben, und das gute Gewissen, daß es so sei, ließ ihn von besonderen +Anstrengungen absehen. Es war fast zur Regel geworden, daß er sich, +wenn Friedrich die Lampe brachte, aus seiner Frau Zimmer in sein +eigenes zurückzog. »Ich habe da noch eine verzwickte Geschichte +zu erledigen.« Und damit ging er. Die Portiere blieb freilich +zurückgeschlagen, so daß Effi das Blättern in dem Aktenstück oder das +Kritzeln seiner Feder hören konnte, aber das war auch alles. Rollo kam +dann wohl und legte sich vor sie hin auf den Kaminteppich, als ob er +sagen wolle: »Muß nur mal wieder nach dir sehen; ein anderer tut's +doch nicht.« Und dann beugte sie sich nieder und sagte leise: »Ja, +Rollo, wir sind allein.« Um neun erschien dann Innstetten wieder zum +Tee, meist die Zeitung in der Hand, sprach vom Fürsten, der wieder +viel Ärger habe, zumal über diesen Eugen Richter, dessen Haltung und +Sprache ganz unqualifizierbar seien, und ging dann die Ernennungen +und Ordensverleihungen durch, von denen er die meisten beanstandete. +Zuletzt sprach er von den Wahlen, und daß es ein Glück sei, einem +Kreis vorzustehen, in dem es noch Respekt gäbe. War er damit durch, so +bat er Effi, daß sie was spiele, aus Lohengrin oder aus der Walküre, +denn er war ein Wagnerschwärmer. Was ihn zu diesem hinübergeführt +hatte, war ungewiß; einige sagten, seine Nerven, denn so nüchtern +er schien, eigentlich war er nervös; andere schoben es auf Wagners +Stellung zur Judenfrage. Wahrscheinlich hatten beide recht. Um +zehn war Innstetten dann abgespannt und erging sich in ein paar +wohlgemeinten, aber etwas müden Zärtlichkeiten, die sich Effi gefallen +ließ, ohne sie recht zu erwidern. + +So verging der Winter, der April kam, und in dem Garten hinter dem Hof +begann es zu grünen, worüber sich Effi freute; sie konnte gar nicht +abwarten, daß der Sommer komme mit seinen Spaziergängen am Strand und +seinen Badegästen. Wenn sie so zurückblickte, der Trippelli-Abend bei +Gieshübler und dann der Silvesterball, ja, das ging, das war etwas +Hübsches gewesen; aber die Monate, die dann gefolgt waren, die hatten +doch viel zu wünschen übriggelassen, und vor allem waren sie so +monoton gewesen, daß sie sogar mal an die Mama geschrieben hatte: +»Kannst Du Dir denken, Mama, daß ich mich mit unsrem Spuk beinah +ausgesöhnt habe? Natürlich die schreckliche Nacht, wo Geert drüben +beim Fürsten war, die möchte ich nicht noch einmal durchmachen, nein, +gewiß nicht; aber immer das Alleinsein und so gar nichts erleben, das +hat doch auch sein Schweres, und wenn ich dann in der Nacht aufwache, +dann horche ich mitunter hinauf, ob ich nicht die Schuhe schleifen +höre, und wenn alles still bleibt, so bin ich fast wie enttäuscht und +sage mir: Wenn es doch nur wiederkäme, nur nicht zu arg und nicht zu +nah.« + +Das war im Februar, daß Effi so schrieb, und nun war beinahe Mai. +Drüben in der Plantage belebte sich's schon wieder, und man hörte die +Finken schlagen. Und in derselben Woche war es auch, daß die Störche +kamen, und einer schwebte langsam über ihr Haus hin und ließ sich dann +auf einer Scheune nieder, die neben Utpatels Mühle stand. Das war +seine alte Raststätte. Auch über dies Ereignis berichtete Effi, die +jetzt überhaupt häufiger nach Hohen-Cremmen schrieb, und es war in +demselben Brief, daß es am Schluß hieß: »Etwas, meine liebe Mama, +hätte ich beinah vergessen: den neuen Landwehrbezirkskommandeur, +den wir nun schon beinah vier Wochen hier haben. Ja, haben wir ihn +wirklich? Das ist die Frage, und eine Frage von Wichtigkeit dazu, +sosehr Du darüber lachen wirst und auch lachen mußt, weil Du den +gesellschaftlichen Notstand nicht kennst, in dem wir uns nach wie vor +befinden. Oder wenigstens ich, die ich mich mit dem Adel hier nicht +gut zurechtfinden kann. Vielleicht meine Schuld. Aber das ist gleich. +Tatsache bleibt: Notstand, und deshalb sah ich, durch all diese +Winterwochen hin, dem neuen Bezirkskommandeur wie einem Trost- +und Rettungsbringer entgegen. Sein Vorgänger war ein Greuel, von +schlechten Manieren und noch schlechteren Sitten, und zum Überfluß +auch noch immer schlecht bei Kasse. Wir haben all die Zeit über unter +ihm gelitten, Innstetten noch mehr als ich, und als wir Anfang April +hörten, Major von Crampas sei da, das ist nämlich der Name des neuen, +da fielen wir uns in die Arme, als könne uns nichts Schlimmes mehr +in diesem lieben Kessin passieren. Aber, wie schon kurz erwähnt, es +scheint, trotzdem er da ist, wieder nichts werden zu wollen. Crampas +ist verheiratet, zwei Kinder von zehn und acht Jahren, die Frau ein +Jahr älter als er, also sagen wir fünfundvierzig. Das würde nun an +und für sich nicht viel schaden, warum soll ich mich nicht mit einer +mütterlichen Freundin wundervoll unterhalten können? Die Trippelli +war auch nahe an Dreißig, und es ging ganz gut. Aber mit der Frau von +Crampas, übrigens keine Geborene, kann es nichts werden. Sie ist immer +verstimmt, beinahe melancholisch (ähnlich wie unsere Frau Kruse, +an die sie mich überhaupt erinnert), und das alles aus Eifersucht. +Er, Crampas, soll nämlich ein Mann vieler Verhältnisse sein, ein +Damenmann, etwas, was mir immer lächerlich ist und mir auch in diesem +Falle lächerlich sein würde, wenn er nicht um eben solcher Dinge +willen ein Duell mit einem Kameraden gehabt hätte. Der linke Arm wurde +ihm dicht unter der Schulter zerschmettert, und man sieht es sofort, +trotzdem die Operation, wie mir Innstetten erzählt (ich glaube, sie +nennen es Resektion, damals noch von Wilms ausgeführt), als ein +Meisterstück der Kunst gerühmt wurde. Beide, Herr und Frau von +Crampas, waren vor vierzehn Tagen bei uns, um uns ihren Besuch zu +machen; es war eine sehr peinliche Situation, denn Frau von Crampas +beobachtete ihren Mann so, daß er in eine halbe und ich in eine ganze +Verlegenheit kam. Daß er selbst sehr anders sein kann, ausgelassen +und übermütig, davon überzeugte ich mich, als er vor drei Tagen mit +Innstetten allein war und ich, von meinem Zimmer her, dem Gang ihrer +Unterhaltung folgen konnte. Nachher sprach auch ich ihn. Vollkommener +Kavalier, ungewöhnlich gewandt. Innstetten war während des Krieges in +derselben Brigade mit ihm, und sie haben sich im Norden von Paris bei +Graf Gröben öfter gesehen. Ja, meine liebe Mama, das wäre nun also +etwas gewesen, um in Kessin ein neues Leben beginnen zu können; er, +der Major, hat auch nicht die pommerschen Vorurteile, trotzdem er in +Schwedisch-Pommern zu Hause sein soll. Aber die Frau! Ohne sie geht es +natürlich nicht, und mit ihr erst recht nicht.« + +Effi hatte ganz recht gehabt, und es kam wirklich zu keiner weiteren +Annäherung mit dem Crampasschen Paar. Man sah sich mal bei der +Borckeschen Familie draußen, ein andermal ganz flüchtig auf dem +Bahnhof und wenige Tage später auf einer Boots- und Vergnügungsfahrt, +die nach einem am Breitling gelegenen großen Buchen- und Eichenwald, +der »Der Schnatermann« hieß, gemacht wurde; es kam aber über kurze +Begrüßungen nicht hinaus, und Effi war froh, als Anfang Juni die +Saison sich ankündigte. Freilich fehlte es noch an Badegästen, die vor +Johanni überhaupt nur in Einzelexemplaren einzutreffen pflegten, aber +schon die Vorbereitungen waren eine Zerstreuung. In der Plantage +wurden Karussell und Scheibenstände hergerichtet, die Schiffersleute +kalfaterten und strichen ihre Boote, jede kleine Wohnung erhielt neue +Gardinen, die Zimmer, die feucht lagen, also den Schwamm unter der +Diele hatten, wurden ausgeschwefelt und dann gelüftet. + +Auch in Effis eigener Wohnung, freilich um eines anderen Ankömmlings +als der Badegäste willen, war alles in einer gewissen Erregung; selbst +Frau Kruse wollte mittun, so gut es ging. Aber davor erschrak Effi +lebhaft und sagte: »Geert, daß nur die Frau Kruse nichts anfaßt; da +kann nichts werden, und ich ängstige mich schon gerade genug.« + +Innstetten versprach auch alles, Christel und Johanna hätten ja Zeit +genug, und um seiner jungen Frau Gedanken überhaupt in eine andere +Richtung zu bringen, ließ er das Thema der Vorbereitungen ganz fallen +und fragte statt dessen, ob sie schon bemerkt habe, daß drüben ein +Badegast eingezogen sei, nicht gerade der erste, aber doch einer der +ersten. + +»Ein Herr?« + +»Nein, eine Dame, die schon früher hier war, jedesmal in derselben +Wohnung. Und sie kommt immer so früh, weil sie's nicht leiden kann, +wenn alles schon so voll ist.« + +»Das kann ich ihr nicht verdenken. Und wer ist es denn?« »Die +verwitwete Registrator Rode.« + +»Sonderbar. Ich habe mir Registratorwitwen immer arm gedacht.« + +»Ja«, lachte Innstetten, »das ist die Regel. Aber hier hast du eine +Ausnahme. Jedenfalls hat sie mehr als ihre Witwenpension. Sie kommt +immer mit viel Gepäck, unendlich viel mehr, als sie gebraucht, und +scheint überhaupt eine ganz eigene Frau, wunderlich, kränklich und +namentlich schwach auf den Füßen. Sie mißtraut sich deshalb auch und +hat immer eine ältliche Dienerin um sich, die kräftig genug ist, sie +zu schützen oder sie zu tragen, wenn ihr was passiert. Diesmal hat sie +eine neue. Aber doch wieder eine ganz ramassierte Person, ähnlich wie +die Trippelli, nur noch stärker.« + +»Oh, die hab ich schon gesehen. Gute braune Augen, die einen treu und +zuversichtlich ansehen. Aber ein klein bißchen dumm.« - »Richtig, das +ist sie.« + +Das war Mitte Juni, daß Innstetten und Effi dies Gespräch hatten. +Von da ab brachte jeder Tag Zuzug, und nach dem Bollwerk hin +spazierengehen, um daselbst die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten, +wurde, wie immer um diese Zeit, eine Art Tagesbeschäftigung für die +Kessiner. Effi freilich, weil Innstetten sie nicht begleiten konnte, +mußte darauf verzichten, aber sie hatte doch wenigstens die Freude, +die nach dem Strand und dem Strandhotel hinausführende, sonst so +menschenleere Straße sich beleben zu sehen, und war denn auch, um +immer wieder Zeuge davon zu sein, viel mehr als sonst in ihrem +Schlafzimmer, von dessen Fenstern aus sich alles am besten beobachten +ließ. Johanna stand dann neben ihr und gab Antwort auf ziemlich alles, +was sie wissen wollte; denn da die meisten alljährlich wiederkehrende +Gäste waren, so konnte das Mädchen nicht bloß die Namen nennen, +sondern mitunter auch eine Geschichte dazu geben. + +Das alles war unterhaltlich und erheiternd für Effi. Gerade am +Johannistag aber traf es sich, daß kurz vor elf Uhr vormittags, wo +sonst der Verkehr vom Dampfschiff her am buntesten vorüberflutete, +statt der mit Ehepaaren, Kindern und Reisekoffern besetzten Droschken +aus der Mitte der Stadt her ein schwarz verhangener Wagen (dem sich +zwei Trauerkutschen anschlossen) die zur Plantage führende Straße +herunterkam und vor dem der landrätlichen Wohnung gegenüber gelegenen +Hause hielt. Die verwitwete Frau Registrator Rode war nämlich drei +Tage vorher gestorben, und nach Eintreffen der in aller Kürze +benachrichtigten Berliner Verwandten war seitens ebendieser +beschlossen worden, die Tote nicht nach Berlin hin überzuführen, +sondern auf dem Kessiner Dünenkirchhof begraben zu wollen. Effi stand +am Fenster und sah neugierig auf die sonderbar feierliche Szene, die +sich drüben abspielte. Die zum Begräbnis von Berlin her Eingetroffenen +waren zwei Neffen mit ihren Frauen, alle gegen Vierzig, etwas mehr +oder weniger, und von beneidenswert gesunder Gesichtsfarbe. Die +Neffen, in gutsitzenden Fracks, konnten passieren, und die nüchterne +Geschäftsmäßigkeit, die sich in ihrem gesamten Tun ausdrückte, war im +Grunde mehr kleidsam als störend. Aber die beiden Frauen! Sie waren +ganz ersichtlich bemüht, den Kessinern zu zeigen, was eigentlich +Trauer sei, und trugen denn auch lange, bis an die Erde reichende +schwarze Kreppschleier, die zugleich ihr Gesicht verhüllten. Und nun +wurde der Sarg, auf dem einige Kränze und sogar ein Palmwedel lagen, +auf den Wagen gestellt, und die beiden Ehepaare setzten sich in die +Kutschen. In die erste - gemeinschaftlich mit dem einen der beiden +leidtragenden Paare - stieg auch Lindequist, hinter der zweiten +Kutsche aber ging die Hauswirtin und neben dieser die stattliche +Person, die die Verstorbene zur Aushilfe mit nach Kessin gebracht +hatte. Letztere war sehr aufgeregt und schien durchaus ehrlich darin, +wenn dies Aufgeregtsein auch vielleicht nicht gerade Trauer war; +der sehr heftig schluchzenden Hauswirtin aber, einer Witwe, sah man +dagegen fast allzu deutlich an, daß sie sich beständig die Möglichkeit +eines Extrageschenkes berechnete, trotzdem sie in der bevorzugten und +von anderen Wirtinnen auch sehr beneideten Lage war, die für den +ganzen Sommer vermietete Wohnung noch einmal vermieten zu können. + +Effi, als der Zug sich in Bewegung setzte, ging in ihren hinter dem +Hof gelegenen Garten, um hier, zwischen den Buchsbaumbeeten, den +Eindruck des Lieb- und Leblosen, den die ganze Szene drüben auf sie +gemacht hatte, wieder loszuwerden. Als dies aber nicht glücken wollte, +kam ihr die Lust, statt ihrer eintönigen Gartenpromenade lieber einen +weiteren Spaziergang zu machen, und zwar um so mehr, als ihr der Arzt +gesagt hatte, viel Bewegung im Freien sei das Beste, was sie bei +dem, was ihr bevorstände, tun könne. Johanna, die mit im Garten +war, brachte ihr denn auch Umhang, Hut und Entoutcas, und mit einem +freundlichen »Guten Tag« trat Effi aus dem Hause heraus und ging auf +das Wäldchen zu, neben dessen breitem chaussierten Mittelweg ein +schmalerer Fußsteig auf die Dünen und das am Strand gelegene Hotel +zulief. Unterwegs standen Bänke, von denen sie jede benutzte, denn +das Gehen griff sie an, und um so mehr, als inzwischen die heiße +Mittagsstunde herangekommen war. Aber wenn sie saß und von ihrem +bequemen Platz aus die Wagen und die Damen in Toilette beobachtete, +die da hinausfuhren, so belebte sie sich wieder. Denn Heiteres sehen, +war ihr wie Lebensluft. Als das Wäldchen aufhörte, kam freilich noch +eine allerschlimmste Wegstelle - Sand und wieder Sand, und nirgends +eine Spur von Schatten; aber glücklicherweise waren hier Bohlen und +Bretter gelegt, und so kam sie, wenn auch erhitzt und müde, doch +in guter Laune bei dem Strandhotel an. Drinnen im Saal wurde schon +gegessen, aber hier draußen um sie her war alles still und leer, was +ihr in diesem Augenblick denn auch das liebste war. Sie ließ sich ein +Glas Sherry und eine Flasche Biliner Wasser bringen und sah auf das +Meer hinaus, das im hellen Sonnenlichte schimmerte, während es am Ufer +in kleinen Wellen brandete. »Da drüben liegt Bornholm und dahinter +Wisby, wovon mir Jahnke vor Zeiten immer Wunderdinge vorschwärmte. +Und hinter Wisby kommt Stockholm, wo das Stockholmer Blutbad war, +und dann kommen die großen Ströme und dann das Nordkap und dann die +Mitternachtssonne.« Und im Augenblick erfaßte sie eine Sehnsucht, das +alles zu sehen. Aber dann gedachte sie wieder dessen, was ihr so nahe +bevorstand, und sie erschrak fast. »Es ist eine Sünde, daß ich so +leichtsinnig bin und solche Gedanken habe und mich wegträume, während +ich doch an das nächste denken müßte. Vielleicht bestraft es sich auch +noch, und alles stirbt hin, das Kind und ich. Und der Wagen und die +zwei Kutschen, die halten dann nicht drüben vor dem Hause, die halten +dann bei uns ... Nein, nein, ich mag hier nicht sterben, ich will hier +nicht begraben sein, ich will nach Hohen-Cremmen. Und Lindequist, so +gut er ist - aber Niemeyer ist mir lieber; er hat mich getauft und +eingesegnet und getraut, und Niemeyer soll mich auch begraben.« Und +dabei fiel eine Träne auf ihre Hand. Dann aber lachte sie wieder. +»Ich lebe ja noch und bin erst siebzehn, und Niemeyer ist +siebenundfünfzig.« + +In dem Eßsaal hörte sie das Geklapper des Geschirrs. Aber mit einem +Male war es ihr, als ob die Stühle geschoben würden; vielleicht stand +man schon auf, und sie wollte jede Begegnung vermeiden. So erhob sie +sich auch ihrerseits rasch wieder von ihrem Platz, um auf einem Umweg +nach der Stadt zurückzukehren. Dieser Umweg führte sie dicht an dem +Dünenkirchhof vorüber, und weil der Torweg des Kirchhofs gerade +offenstand, trat sie ein. Alles blühte hier, Schmetterlinge flogen +über die Gräber hin, und hoch in den Lüften standen ein paar Möwen. +Es war so still und schön, und sie hätte hier gleich bei den ersten +Gräbern verweilen mögen; aber weil die Sonne mit jedem Augenblick +heißer niederbrannte, ging sie höher hinauf, auf einen schattigen Gang +zu, den Hängeweiden und etliche an den Gräbern stehende Trauereschen +bildeten. Als sie bis an das Ende dieses Ganges gekommen, sah sie zur +Rechten einen frisch aufgeworfenen Sandhügel, mit vier, fünf Kränzen +darauf, und dicht daneben eine schon außerhalb der Baumreihe stehende +Bank, darauf die gute, robuste Person saß, die an der Seite der +Hauswirtin dem Sarge der verwitweten Registratorin als letzte +Leidtragende gefolgt war. Effi erkannte sie sofort wieder und war in +ihrem Herzen bewegt, die gute, treue Person, denn dafür mußte sie sie +halten, in sengender Sonnenhitze hier vorzufinden. Seit dem Begräbnis +waren wohl an zwei Stunden vergangen. »Es ist eine heiße Stelle, die +Sie sich da ausgesucht haben«, sagte Effi, »viel zu heiß. Und wenn ein +Unglück kommen soll, dann haben Sie den Sonnenstich.« »Das wäre auch +das beste.« »Wie das?« - »Dann wär ich aus der Welt.« »Ich meine, das +darf man nicht sagen, auch wenn man unglücklich ist oder wenn einem +wer gestorben ist, den man liebhatte. Sie hatten sie wohl sehr lieb?« +»Ich? Die? I, Gott bewahre.« »Sie sind aber doch sehr traurig. Das muß +doch einen Grund haben.« »Den hat es auch, gnädigste Frau.« »Kennen +Sie mich?« »Ja. Sie sind die Frau Landrätin von drüben. Und ich habe +mit der Alten immer von Ihnen gesprochen. Zuletzt konnte sie nicht +mehr, weil sie keine rechte Luft mehr hatte, denn es saß ihr hier und +wird wohl Wasser gewesen sein; aber solange sie noch reden konnte, +redete sie immerzu. Es war ne richtige Berlinsche ...« - »Gute Frau?« +»Nein; wenn ich das sagen wollte, müßt ich lügen. Da liegt sie nun, +und man soll von einem Toten nichts Schlimmes sagen, und erst recht +nicht, wenn er so kaum seine Ruhe hat. Na, die wird sie ja wohl haben! +Aber sie taugte nichts und war zänkisch und geizig, und für mich hat +sie auch nicht gesorgt. Und die Verwandtschaft, die da gestern von +Berlin gekommen ... gezankt haben sie sich bis in die sinkende Nacht +... na, die taugt auch nichts, die taugt erst recht nichts. Lauter +schlechtes Volk, happig und gierig und hartherzig, und haben mir +barsch und unfreundlich und mit allerlei Redensarten meinen Lohn +ausgezahlt, bloß weil sie mußten und weil es bloß noch sechs Tage sind +bis zum Vierteljahresersten. Sonst hätte ich nichts gekriegt oder +bloß halb oder bloß ein Viertel. Nichts aus freien Stücken. Und einen +eingerissenen Fünfmarkschein haben sie mir gegeben, daß ich nach +Berlin zurückreisen kann; na, es reicht so gerade für die vierte +Klasse, und ich werde wohl auf meinem Koffer sitzen müssen. Aber ich +will auch gar nicht; ich will hier sitzen bleiben und warten, bis +ich sterbe ... Gott, ich dachte nun mal Ruhe zu haben und hätte auch +ausgehalten bei der Alten. Und nun ist es wieder nichts und soll mich +wieder rumstoßen lassen. Und kattolsch bin ich auch noch. Ach, ich +hab es satt und läg am liebsten, wo die Alte liegt, und sie könnte +meinetwegen weiterleben ... Sie hätte gerne noch weitergelebt; solche +Menschenschikanierer, die nich mal Luft haben, die leben immer am +liebsten.« + +Rollo, der Effi begleitet hatte, hatte sich mittlerweile vor die +Person hingesetzt, die Zunge weit heraus, und sah sie an. Als sie +jetzt schwieg, erhob er sich, ging einen Schritt vor und legte seinen +Kopf auf ihre Knie. + +Mit einem Male war die Person wie verwandelt. »Gott, das bedeutet mir +was. Das is ja 'ne Kreatur, die mich leiden kann, die mich freundlich +ansieht und ihren Kopf auf meine Knie legt. Gott, das ist lange her, +daß ich so was gehabt habe. Nu, mein Alterchen, wie heißt du denn? Du +bist ja ein Prachtkerl.« - »Rollo«, sagte Effi. + +»Rollo; das ist sonderbar. Aber der Name tut nichts. Ich habe auch +einen sonderbaren Namen, das heißt Vornamen. Und einen andern hat +unsereins ja nicht.« + +»Wie heißen Sie denn?« - »Ich heiße Roswitha.« »Ja, das ist selten, +das ist ja ...« + +»Ja, ganz recht, gnädige Frau, das ist ein kattolscher Name. Und das +kommt auch noch dazu, daß ich eine Kattolsche bin. + +Aus'n Eichsfeld. Und das Kattolsche, das macht es einem immer noch +schwerer und saurer. Viele wollen keine Kattolsche, weil sie so viel +in die Kirche rennen. 'Immer in die Beichte; und die Hauptsache sagen +sie doch nich' - Gott, wie oft hab ich das hören müssen, erst als ich +in Giebichenstein im Dienst war und dann in Berlin. Ich bin aber eine +schlechte Katholikin und bin ganz davon abgekommen, und vielleicht +geht es mir deshalb so schlecht; ja, man darf nich von seinem Glauben +lassen und muß alles ordentlich mitmachen.« + +»Roswitha«, wiederholte Effi den Namen und setzte sich zu ihr auf die +Bank. »Was haben Sie nun vor?« + +»Ach, gnäd'ge Frau, was soll ich vorhaben. Ich habe gar nichts vor. +Wahr und wahrhaftig, ich möchte hier sitzen bleiben und warten, bis +ich tot umfalle. Das wäre mir das liebste. Und dann würden die Leute +noch denken, ich hätte die Alte so geliebt wie ein treuer Hund und +hätte von ihrem Grab nicht weggewollt und wäre da gestorben. Aber das +ist falsch, für solche Alte stirbt man nicht; ich will bloß sterben, +weil ich nicht leben kann.« + +»Ich will Sie was fragen, Roswitha. Sind Sie, was man so 'kinderlieb' +nennt? Waren Sie schon mal bei kleinen Kindern?« + +»Gewiß war ich. Das ist ja mein Bestes und Schönstes. Solche alte +Berlinsche - Gott verzeih mir die Sünde, denn sie ist nun tot und +steht vor Gottes Thron und kann mich da verklagen -, solche Alte, wie +die da, ja, das ist schrecklich, was man da alles tun muß, und steht +einem hier vor Brust und Magen, aber solch kleines, liebes Ding, solch +Dingelchen wie ne Puppe, das einen mit seinen Guckäugelchen ansieht, +ja, das ist was, da geht einem das Herz auf. Als ich in Halle war, da +war ich Amme bei der Frau Salzdirektorin, und in Giebichenstein, wo +ich nachher hinkam, da hab ich Zwillinge mit der Flasche großgezogen; +ja, gnäd'ge Frau, das versteh ich, da drin bin ich wie zu Hause.« + +»Nun, wissen Sie was, Roswitha, Sie sind eine gute, treue Person, das +seh ich Ihnen an, ein bißchen gradezu, aber das schadet nichts, das +sind mitunter die Besten, und ich habe gleich ein Zutrauen zu Ihnen +gefaßt. Wollen Sie mit zu mir kommen? Mir ist, als hätte Gott Sie mir +geschickt. Ich erwarte nun bald ein Kleines, Gott gebe mir seine Hilfe +dazu, und wenn das Kind da ist, dann muß es gepflegt und abgewartet +werden und vielleicht auch gepäppelt. Man kann das ja nicht wissen, +wiewohl ich es anders wünsche. Was meinen Sie, wollen Sie mit zu mir +kommen? Ich kann mir nicht denken, daß ich mich in Ihnen irre.« + +Roswitha war aufgesprungen und hatte die Hand der jungen Frau +ergriffen und küßte sie mit Ungestüm. »Ach, es ist doch ein Gott im +Himmel, und wenn die Not am größten ist, ist die Hilfe am nächsten. +Sie sollen sehn, gnäd'ge Frau, es geht; ich bin eine ordentliche +Person und habe gute Zeugnisse. Das können Sie sehn, wenn ich Ihnen +mein Buch bringe. Gleich den ersten Tag, als ich die gnäd'ge Frau sah, +da dacht ich: 'Ja, wenn du mal solchen Dienst hättest.' Und nun soll +ich ihn haben. O du lieber Gott, o du heil'ge Jungfrau Maria, wer mir +das gesagt hätte, wie wir die Alte hier unter der Erde hatten und +die Verwandten machten, daß sie wieder fortkamen, und mich hier +sitzenließen.« + +»Ja, unverhofft kommt oft, Roswitha, und mitunter auch im Guten. Und +nun wollen wir gehen. Rollo wird schon ungeduldig und läuft immer auf +das Tor zu.« + +Roswitha war gleich bereit, trat aber noch einmal an das Grab, +brummelte was vor sich hin und machte ein Kreuz. Und dann gingen sie +den schattigen Gang hinunter und wieder auf das Kirchhofstor zu. + +Drüben lag die eingegitterte Stelle, deren weißer Stein in der +Nachmittagssonne blinkte und blitzte. Effi konnte jetzt ruhiger +hinsehen. Eine Weile noch führte der Weg zwischen Dünen hin, bis sie, +dicht vor Utpatels Mühle, den Außenrand des Wäldchens erreichte. Da +bog sie links ein, und unter Benutzung einer schräglaufenden Allee, +die die »Reeperbahn« hieß, ging sie mit Roswitha auf die landrätliche +Wohnung zu. + + + +Vierzehntes Kapitel + +Keine Viertelstunde, so war die Wohnung erreicht. Als beide hier in +den kühlen Flur traten, war Roswitha beim Anblick all des Sonderbaren, +das da herumhing, wie befangen; Effi aber ließ sie nicht zu weiteren +Betrachtungen kommen und sagte: »Roswitha, nun gehen Sie da hinein. +Das ist das Zimmer, wo wir schlafen. Ich will erst zu meinem Mann nach +dem Landratsamt hinüber - das große Haus da neben dem kleinen, in dem +Sie gewohnt haben - und will ihm sagen, daß ich Sie zur Pflege haben +möchte bei dem Kinde. Er wird wohl mit allem einverstanden sein, aber +ich muß doch erst seine Zustimmung haben. Und wenn ich die habe, dann +müssen wir ihn ausquartieren, und Sie schlafen mit mir in dem Alkoven. +Ich denke, wir werden uns schon vertragen.« + +Innstetten, als er erfuhr, um was sich's handle, sagte rasch und +in guter Laune: »Das hast du recht gemacht, Effi, und wenn ihr +Gesindebuch nicht zu schlimme Sachen sagt, so nehmen wir sie auf ihr +gutes Gesicht hin. Es ist doch, Gott sei Dank, selten, daß einen das +täuscht.« + +Effi war sehr glücklich, so wenig Schwierigkeiten zu begegnen, und +sagte: »Nun wird es gehen. Ich fürchte mich jetzt nicht mehr.« + +»Um was, Effi?« + +»Ach, du weißt ja ... Aber Einbildungen sind das schlimmste, mitunter +schlimmer als alles.« + +Roswitha zog in selbiger Stunde noch mit ihren paar Habseligkeiten in +das landrätliche Haus hinüber und richtete sich in dem kleinen Alkoven +ein. Als der Tag um war, ging sie früh zu Bett und schlief, ermüdet +wie sie war, gleich ein. Am andern Morgen erkundigte sich Effi - die +seit einiger Zeit (denn es war gerade Vollmond) wieder in Ängsten +lebte -, wie Roswitha geschlafen und ob sie nichts gehört habe. + +»Was?« fragte diese. + +»Oh, nichts. Ich meine nur so; so was, wie wenn ein Besen fegt oder +wie wenn einer über die Diele schlittert.« + +Roswitha lachte, was auf ihre junge Herrin einen besonders guten +Eindruck machte. Effi war fest protestantisch erzogen und würde sehr +erschrocken gewesen sein, wenn man an und in ihr was Katholisches +entdeckt hätte; trotzdem glaubte sie, daß der Katholizismus uns gegen +solche Dinge »wie da oben« besser schütze; ja, diese Betrachtung hatte +bei dem Plan, Roswitha ins Haus zu nehmen, ganz erheblich mitgewirkt. + +Man lebte sich schnell ein, denn Effi hatte ganz den liebenswürdigen +Zug der meisten märkischen Landfräulein, sich gern allerlei kleine +Geschichten erzählen zu lassen, und die verstorbene Frau Registratorin +und ihr Geiz und ihre Neffen und ihre Frauen boten einen +unerschöpflichen Stoff. Auch Johanna hörte dabei gerne zu. + +Diese, wenn Effi bei den drastischen Stellen oft laut lachte, lächelte +freilich und verwunderte sich im stillen, daß die gnädige Frau an all +dem dummen Zeug soviel Gefallen finde; diese Verwunderung aber, die +mit einem starken Überlegenheitsgefühl Hand in Hand ging, war doch +auch wieder ein Glück und sorgte dafür, daß keine Rangstreitigkeiten +aufkommen konnten. Roswitha war einfach die komische Figur, und Neid +gegen sie zu hegen wäre für Johanna nichts anderes gewesen, wie wenn +sie Rollo um seine Freundschaftsstellung beneidet hätte. + +So verging eine Woche, plauderhaft und beinahe gemütlich, weil +Effi dem, was ihr persönlich bevorstand, ungeängstigter als früher +entgegensah. Auch glaubte sie nicht, daß es so nahe sei. Den neunten +Tag aber war es mit dem Plaudern und den Gemütlichkeiten vorbei; da +gab es ein Laufen und Rennen, Innstetten selbst kam ganz aus seiner +gewohnten Reserve heraus, und am Morgen des 3. Juli stand neben Effis +Bett eine Wiege. Doktor Hannemann patschelte der jungen Frau die Hand +und sagte: »Wir haben heute den Tag von Königgrätz; schade, daß es ein +Mädchen ist. Aber das andere kann ja nachkommen, und die Preußen haben +viele Siegestage.« Roswitha mochte wohl Ähnliches denken, freute sich +indessen vorläufig ganz uneingeschränkt über das, was da war, und +nannte das Kind ohne weiteres »Lütt-Annie«, was der jungen Mutter als +ein Zeichen galt. Es müsse doch wohl eine Eingebung gewesen sein, daß +Roswitha gerade auf diesen Namen gekommen sei. Selbst Innstetten wußte +nichts dagegen zu sagen, und so wurde von Klein Annie gesprochen, +lange bevor der Tauftag da war. Effi, die von Mitte August an bei den +Eltern in Hohen-Cremmen sein wollte, hätte die Taufe gern bis dahin +verschoben. Aber es ließ sich nichts tun; Innstetten konnte nicht +Urlaub nehmen, und so wurde denn der 15. August, trotzdem es +der Napoleonstag war (was denn auch von seiten einiger Familien +beanstandet wurde), für diesen Taufakt festgesetzt, natürlich in der +Kirche. Das sich anschließende Festmahl, weil das landrätliche Haus +keinen Saal hatte, fand in dem großen Ressourcen-Hotel am Bollwerk +statt, und der gesamte Nachbaradel war geladen und auch erschienen. +Pastor Lindequist ließ Mutter und Kind in einem liebenswürdigen und +allseitig bewunderten Toaste leben, bei welcher Gelegenheit Sidonie +von Grasenabb zu ihrem Nachbar, einem adligen Assessor von der +strengen Richtung, bemerkte: »Ja, seine Kasualreden, das geht. Aber +seine Predigten kann er vor Gott und Menschen nicht verantworten; er +ist ein Halber, einer von denen, die verworfen sind, weil sie lau +sind. Ich mag das Bibelwort hier nicht wörtlich zitieren.« Gleich +danach nahm auch der alte Herr von Borcke das Wort, um Innstetten +leben zu lassen. »Meine Herrschaften, es sind schwere Zeiten, in denen +wir leben, Auflehnung, Trotz, Indisziplin wohin wir blicken. Aber +solange wir noch Männer haben, und ich darf hinzusetzen, Frauen und +Mütter (und hier verbeugte er sich mit einer eleganten Handbewegung +gegen Effi) ... solange wir noch Männer haben wie Baron Innstetten, +den ich stolz bin, meinen Freund nennen zu dürfen, so lange geht es +noch, so lange hält unser altes Preußen noch. Ja, meine Freunde, +Pommern und Brandenburg, damit zwingen wir's und zertreten dem Drachen +der Revolution das giftige Haupt. Fest und treu, so siegen wir. Die +Katholiken, unsere Brüder, die wir, auch wenn wir sie bekämpfen, +achten müssen, haben den 'Felsen Petri', wir aber haben den 'Rocher de +bronce'. Baron Innstetten, er lebe hoch!« Innstetten dankte ganz kurz. +Effi sagte zu dem neben ihr sitzenden Major von Crampas, das mit +dem »Felsen Petri« sei wahrscheinlich eine Huldigung gegen Roswitha +gewesen; sie werde nachher an den alten Justizrat Gadebusch +herantreten und ihn fragen, ob er nicht Ihrer Meinung sei. Crampas +nahm diese Bemerkung unerklärlicherweise für Ernst und riet von einer +Anfrage bei dem Justizrat ab, was Effi ungemein erheiterte. »Ich +habe Sie doch für einen besseren Seelenleser gehalten.« »Ach, meine +Gnädigste, bei schönen jungen Frauen, die noch nicht achtzehn sind, +scheitert alle Lesekunst.« + +»Sie verderben sich vollends, Major. Sie können mich eine Großmutter +nennen, aber Anspielungen darauf, daß ich noch nicht achtzehn bin, das +kann Ihnen nie verziehen werden.« + +Als man von Tisch aufgestanden war, kam der Spätnachmittagsdampfer die +Kessine herunter und legte an der Landungsbrücke, gegenüber dem Hotel, +an. Effi saß mit Crampas und Gieshübler beim Kaffee, alle Fenster auf, +und sah dem Schauspiel drüben zu. »Morgen früh um neun führt mich +dasselbe Schiff den Fluß hinauf, und zu Mittag bin ich in Berlin, und +am Abend bin ich in Hohen-Cremmen, und Roswitha geht neben mir und +hält das Kind auf dem Arm. Hoffentlich schreit es nicht. Ach, wie mir +schon heute zumute ist! Lieber Gieshübler, sind Sie auch mal so froh +gewesen, Ihr elterliches Haus wiederzusehen?« + +»Ja, ich kenne das auch, gnädigste Frau. Nur bloß, ich brachte kein +Anniechen mit, weil ich keins hatte.« + +»Kommt noch«, sagte Crampas. »Stoßen Sie an, Gieshübler; Sie sind der +einzige vernünftige Mensch hier.« + +»Aber, Herr Major, wir haben ja bloß noch den Kognak.« »Desto besser.« + + + +Fünfzehntes Kapitel + +Mitte August war Effi abgereist, Ende September war sie wieder in +Kessin. Manchmal in den zwischenliegenden sechs Wochen hatte sie's +zurückverlangt; als sie aber wieder da war und in den dunklen Flur +eintrat, auf den nur von der Treppenstiege her ein etwas fahles Licht +fiel, wurde ihr mit einemmal wieder bang, und sie sagte leise: »Solch +fahles, gelbes Licht gibt es in Hohen-Cremmen gar nicht.« + +Ja, ein paarmal während ihrer Hohen-Cremmer Tage hatte sie Sehnsucht +nach dem »verwunschenen Hause« gehabt, alles in allem aber war ihr +doch das Leben daheim voller Glück und Zufriedenheit gewesen. Mit +Hulda freilich, die's nicht verwinden konnte, noch immer auf Mann oder +Bräutigam warten zu müssen, hatte sie sich nicht recht stellen können, +desto besser dagegen mit den Zwillingen, und mehr als einmal, wenn +sie mit ihnen Ball oder Krocket gespielt hatte, war ihr's ganz aus +dem Sinn gekommen, überhaupt verheiratet zu sein. Das waren dann +glückliche Viertelstunden gewesen. Am liebsten aber hatte sie wie +früher auf dem durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und +in dem Gefühl »jetzt stürz ich« etwas eigentümlich Prickelndes, einen +Schauer süßer Gefahr empfunden. Sprang sie dann schließlich von der +Schaukel ab, so begleitete sie die beiden Mädchen bis an die Bank +vor dem Schulhause und erzählte, wenn sie dasaßen, dem alsbald +hinzukommenden Jahnke von ihrem Leben in Kessin, das halb hanseatisch +und halb skandinavisch und jedenfalls sehr anders als in Schwantikow +und Hohen-Cremmen sei. + +Das waren so die täglichen kleinen Zerstreuungen, an die sich +gelegentlich auch Fahrten in das sommerliche Luch schlossen, meist im +Jagdwagen; allem voran aber standen für Effi doch die Plaudereien, die +sie beinahe jeden Morgen mit der Mama hatte. Sie saßen dann oben in +der luftigen großen Stube, Roswitha wiegte das Kind und sang in einem +thüringischen Platt allerlei Wiegenlieder, die niemand recht verstand, +vielleicht sie selber nicht; Effi und Frau von Briest aber rückten ans +offene Fenster und sahen, während sie sprachen, auf den Park hinunter, +auf die Sonnenuhr oder auf die Libellen, die beinahe regungslos über +dem Tisch standen, oder auch auf den Fliesengang, wo Herr von Briest +neben dem Treppenvorbau saß und die Zeitungen las. Immer wenn er +umschlug, nahm er zuvor den Kneifer ab und grüßte zu Frau und Tochter +hinauf. Kam dann das letzte Blatt an die Reihe, das in der Regel der +»Anzeiger fürs Havelland« war, so ging Effi hinunter, um sich entweder +zu ihm zu setzen oder um mit ihm durch Garten und Park zu schlendern. +Einmal bei solcher Gelegenheit traten sie, von dem Kiesweg her, an +ein kleines, zur Seite stehendes Denkmal heran, das schon Briests +Großvater zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo hatte aufrichten +lassen, eine verrostete Pyramide mit einem gegossenen Blücher in Front +und einem dito Wellington auf der Rückseite. + +»Hast du nun solche Spaziergänge auch in Kessin«, sagte Briest, »und +begleitet dich Innstetten auch und erzählt dir allerlei?« + +»Nein, Papa, solche Spaziergänge habe ich nicht. Das ist +ausgeschlossen denn wir haben bloß einen kleinen Garten hinter +dem Haus, der eigentlich kaum ein Garten ist, bloß ein paar +Buchsbaumrabatten und Gemüsebeete mit drei, vier Obstbäumen drin. +Innstetten hat keinen Sinn dafür und denkt wohl auch nicht sehr lange +mehr in Kessin zu bleiben.« + +»Aber Kind, du mußt doch Bewegung haben und frische Luft, daran bist +du doch gewöhnt.« + +»Hab ich auch. Unser Haus liegt an einem Wäldchen, das sie die +Plantage nennen. Und da geh ich denn viel spazieren und Rollo mit +mir.« + +»Immer Rollo«, lachte Briest. »Wenn man's nicht anders wüßte, so +sollte man beinah glauben, Rollo sei dir mehr ans Herz gewachsen als +Mann und Kind.« + +»Ach, Papa, das wäre ja schrecklich, wenn's auch freilich -soviel +muß ich zugeben - eine Zeit gegeben hat, wo's ohne Rollo gar nicht +gegangen wäre. Das war damals ... nun, du weißt schon ... Da hat er +mich so gut wie gerettet, oder ich habe mir's wenigstens eingebildet, +und seitdem ist er mein guter Freund und mein ganz besonderer Verlaß. +Aber er ist doch bloß ein Hund. Und erst kommen doch natürlich die +Menschen.« + +»Ja, das sagt man immer, aber ich habe da doch so meine Zweifel. Das +mit der Kreatur, damit hat's doch seine eigene Bewandtnis, und was +da das Richtige ist, darüber sind die Akten noch nicht geschlossen. +Glaube mir, Effi, das ist auch ein weites Feld. Wenn ich mir so denke, +da verunglückt einer auf dem Wasser oder gar auf dem schülbrigen Eis, +und solch ein Hund, sagen wir, so einer wie dein Rollo, ist dabei, ja, +der ruht nicht eher, als bis er den Verunglückten wieder an Land hat. +Und wenn der Verunglückte schon tot ist, dann legt er sich neben den +Toten hin und blafft und winselt so lange, bis wer kommt, und wenn +keiner kommt, dann bleibt er bei dem Toten liegen, bis er selber +tot ist. Und das tut solch Tier immer. Und nun nimm dagegen die +Menschheit! Gott, vergib mir die Sünde, aber mitunter ist mir's doch, +als ob die Kreatur besser wäre als der Mensch.« + +»Aber, Papa, wenn ich das Innstetten wiedererzählte ...«»Nein, das tu +lieber nicht, Effi ...« + +»Rollo würde mich ja natürlich retten, aber Innstetten würde mich auch +retten. Er ist ja ein Mann von Ehre.« + +»Das ist er.« + +»Und liebt mich.« + +»Versteht sich, versteht sich. Und wo Liebe ist, da ist auch +Gegenliebe. Das ist nun mal so. Mich wundert nur, daß er nicht mal +Urlaub genommen hat und rübergeflitzt ist. Wenn man eine so junge Frau +hat ...« + +Effi errötete, weil sie geradeso dachte. Sie mochte es aber nicht +einräumen. »Innstetten ist so gewissenhaft und will, glaub ich, gut +angeschrieben sein und hat so seine Pläne für die Zukunft; Kessin ist +doch bloß eine Station. Und dann am Ende, ich lauf ihm ja nicht fort. +Er hat mich ja. Wenn man zu zärtlich ist ... und dazu der Unterschied +der Jahre ... da lächeln die Leute bloß.« + +»Ja, das tun sie, Effi. Aber darauf muß man's ankommen lassen. +Übrigens sage nichts darüber, auch nicht zu Mama. Es ist so schwer, +was man tun und lassen soll. Das ist auch ein weites Feld.« + +Gespräche wie diese waren während Effis Besuch im elterlichen Hause +mehr als einmal geführt worden, hatten aber glücklicherweise nicht +lange nachgewirkt, und ebenso war auch der etwas melancholische +Eindruck rasch verflogen, den das erste Wiederbetreten ihres Kessiner +Hauses auf Effi gemacht hatte. Innstetten zeigte sich voll kleiner +Aufmerksamkeiten, und als der Tee genommen und alle Stadt- und +Liebesgeschichten in heiterster Stimmung durchgesprochen waren, hängte +sich Effi zärtlich an seinen Arm, um drüben ihre Plaudereien mit ihm +fortzusetzen und noch einige Anekdoten von der Trippelli zu hören, +die neuerdings wieder mit Gieshübler in einer lebhaften Korrespondenz +gestanden hatte, was immer gleichbedeutend mit einer neuen Belastung +ihres nie ausgeglichenen Kontos war. Effi war bei diesem Gespräch sehr +ausgelassen, fühlte sich ganz als junge Frau und war froh, die nach +der Gesindestube hin ausquartierte Roswitha auf unbestimmte Zeit los +zu sein. + +Am anderen Morgen sagte sie: »Das Wetter ist schön und mild, und ich +hoffe, die Veranda nach der Plantage hinaus ist noch in gutem Stande, +und wir können uns ins Freie setzen und da das Frühstück nehmen. In +unsere Zimmer kommen wir ohnehin noch früh genug, und der Kessiner +Winter ist wirklich um vier Wochen zu lang.« + +Innstetten war sehr einverstanden. Die Veranda, von der Effi +gesprochen und die vielleicht richtiger ein Zelt genannt worden wäre, +war schon im Sommer hergerichtet worden, drei, vier Wochen vor Effis +Abreise nach Hohen-Cremmen, und bestand aus einem großen, gedielten +Podium, vorn offen, mit einer mächtigen Markise zu Häupten, während +links und rechts breite Leinwandvorhänge waren, die sich mit Hilfe von +Ringen an einer Eisenstange hin und her schieben ließen. Es war ein +reizender Platz, den ganzen Sommer über von allen Badegästen, die hier +vorüber mußten, bewundert. + +Effi hatte sich in einen Schaukelstuhl gelehnt und sagte, während sie +das Kaffeebrett von der Seite her ihrem Manne zuschob: »Geert, du +könntest heute den liebenswürdigen Wirt machen; ich für mein Teil find +es so schön in diesem Schaukelstuhl, daß ich nicht aufstehen mag. Also +strenge dich an, und wenn du dich recht freust, mich wieder hier zu +haben, so werd ich mich auch zu revanchieren wissen.« Und dabei zupfte +sie die weiße Damastdecke zurecht und legte ihre Hand darauf, die +Innstetten nahm und küßte. + +»Wie bist du nur eigentlich ohne mich fertig geworden?« + +»Schlecht genug, Effi.« + +»Das sagst du so hin und machst ein betrübtes Gesicht, und ist doch +eigentlich alles nicht wahr.« + +»Aber Effi ... + +»Was ich dir beweisen will. Denn wenn du ein bißchen Sehnsucht nach +deinem Kinde gehabt hättest - von mir selber will ich nicht sprechen, +was ist man am Ende solchem hohen Herrn, der so lange Jahre +Junggeselle war und es nicht eilig hatte ...« + +»Nun?« + +»Ja, Geert, wenn du nur ein bißchen Sehnsucht gehabt hättest, so +hättest du mich nicht sechs Wochen mutterwindallein in Hohen-Cremmen +sitzen lassen wie eine Witwe, und nichts da als Niemeyer und Jahnke +und mal die Schwantikower. Und von den Rathenowern ist niemand +gekommen, als ob sie sich vor mir gefürchtet hätten oder als ob ich zu +alt geworden sei.« + +»Ach, Effi, wie du nur sprichst. Weißt du, daß du eine kleine Kokette +bist?« + +»Gott sei Dank, daß du das sagst. Das ist für euch das Beste, was man +sein kann. Und du bist nichts anderes als die anderen, wenn du auch so +feierlich und ehrsam tust. Ich weiß es recht gut, Geert ... Eigentlich +bist du ...« + +»Nun, was?« + +»Nun, ich will es lieber nicht sagen. Aber ich kenne dich recht +gut; du bist eigentlich, wie der Schwantikower Onkel mal sagte, ein +Zärtlichkeitsmensch und unterm Liebesstern geboren, und Onkel Belling +hatte ganz recht, als er das sagte. Du willst es bloß nicht zeigen und +denkst, es schickt sich nicht und verdirbt einem die Karriere. Hab +ich's getroffen?« + +Innstetten lachte. »Ein bißchen getroffen hast du's. Weißt du was, +Effi, du kommst mir ganz anders vor. Bis Anniechen da war, warst du +ein Kind. Aber mit einemmal ...« + +»Nun?« + +»Mit einemmal bist du wie vertauscht. Aber es steht dir, du gefällst +mir sehr, Effi. Weißt du was?« + +»Nun?« + +»Du hast was Verführerisches.« + +»Ach, mein einziger Geert, das ist ja herrlich, was du da sagst; nun +wird mir erst recht wohl ums Herz ... Gib mir noch eine halbe Tasse +... Weißt du denn, daß ich mir das immer gewünscht habe? Wir müssen +verführerisch sein, sonst sind wir gar nichts ...« + +»Hast du das aus dir?« + +»Ich könnt es wohl auch aus mir haben. Aber ich hab es von +Niemeyer ...« + +»Von Niemeyer! O du himmlischer Vater, ist das ein Pastor. Nein, +solche gibt es hier nicht. Aber wie kam denn der dazu? Das ist ja, als +ob es irgendein Don Juan oder Herzensbrecher gesprochen hätte.« + +»Ja, wer weiß«, lachte Effi ... »Aber kommt da nicht Crampas? Und vom +Strand her. Er wird doch nicht gebadet haben? Am 27. September ...« + +»Er macht öfter solche Sachen. Reine Renommisterei.« + +Derweilen war Crampas bis in nächste Nähe gekommen und grüßte. + +»Guten Morgen«, rief Innstetten ihm zu. »Nur näher, nur näher.« + +Crampas trat heran. Er war in Zivil und küßte der in ihrem +Schaukelstuhl sich weiter wiegenden Effi die Hand. »Entschuldigen Sie +mich, Major, daß ich so schlecht die Honneurs des Hauses mache; aber +die Veranda ist kein Haus, und zehn Uhr früh ist eigentlich gar keine +Zeit. Da wird man formlos oder, wenn Sie wollen, intim. Und nun setzen +Sie sich, und geben Sie Rechenschaft von Ihrem Tun. Denn an Ihrem Haar +(ich wünschte Ihnen, daß es mehr wäre) sieht man deutlich, daß Sie +gebadet haben.« + +Er nickte. + +»Unverantwortlich«, sagte Innstetten, halb ernst-, halb scherzhaft. +»Da haben Sie nun selber vor vier Wochen die Geschichte mit dem +Bankier Heinersdorf erlebt, der auch dachte, das Meer und der +grandiose Wellenschlag würden ihn um seiner Million willen +respektieren. Aber die Götter sind eifersüchtig untereinander, und +Neptun stellte sich ohne weiteres gegen Pluto oder doch wenigstens +gegen Heinersdorf.« + +Crampas lachte. + +»Ja, eine Million Mark! Lieber Innstetten, wenn ich die hätte, da hätt +ich es am Ende nicht gewagt; denn so schön das Wetter ist, das Wasser +hatte nur neun Grad. Aber unsereins mit seiner Million Unterbilanz, +gestatten Sie mir diese kleine Renommage, unsereins kann sich so was +ohne Furcht vor der Götter Eifersucht erlauben. Und dann muß einen das +Sprichwort trösten: 'Wer für den Strick geboren ist, kann im Wasser +nicht umkommen.'« + +»Aber, Major, Sie werden sich doch nicht etwas so Urprosaisches, ich +möchte beinah sagen, an den Hals reden wollen. Allerdings glauben +manche, daß ... ich meine das, wovon Sie eben gesprochen haben ... daß +ihn jeder mehr oder weniger verdiene. Trotzdem, Major ... für einen +Major ...« + +»Ist es keine herkömmliche Todesart. Zugegeben, meine Gnädigste. Nicht +herkömmlich und in meinem Fall auch nicht einmal sehr wahrscheinlich +- also alles bloß Zitat oder noch richtiger façon de parler. Und doch +steckt etwas Aufrichtiggemeintes dahinter, wenn ich da eben sagte, +die See werde mir nichts anhaben. Es steht mir nämlich fest, daß ich +einen richtigen und hoffentlich ehrlichen Soldatentod sterben werde. +Zunächst bloß Zigeunerprophezeiung, aber mit Resonanz im eigenen +Gewissen.« + +Innstetten lachte. »Das wird seine Schwierigkeiten haben, Crampas, +wenn Sie nicht vorhaben, beim Großtürken oder unterm chinesischen +Drachen Dienst zu nehmen. Da schlägt man sich jetzt herum. Hier ist +die Geschichte, glauben Sie mir, auf dreißig Jahre vorbei, und wer +seinen Soldatentod sterben will ...« + +»Der muß sich erst bei Bismarck einen Krieg bestellen. Weiß ich alles, +Innstetten. Aber das ist doch für Sie eine Kleinigkeit. Jetzt haben +wir Ende September; in zehn Wochen spätestens ist der Fürst wieder in +Varzin, und da er ein liking für Sie hat - mit der volkstümlicheren +Wendung will ich zurückhalten, um nicht direkt vor Ihren Pistolenlauf +zu kommen -, so werden Sie einem alten Kameraden von Vionville her +doch wohl ein bißchen Krieg besorgen können. Der Fürst ist auch nur +ein Mensch, und Zureden hilft.« + +Effi hatte während dieses Gesprächs einige Brotkügelchen gedreht, +würfelte damit und legte sie zu Figuren zusammen, um so anzuzeigen, +daß ihr ein Wechsel des Themas wünschenswert wäre. Trotzdem schien +Innstetten auf Crampas scherzhafte Bemerkungen antworten zu wollen, +was denn Effi bestimmte, lieber direkt einzugreifen. »Ich sehe nicht +ein, Major, warum wir uns mit Ihrer Todesart beschäftigen sollen; das +Leben ist uns näher und zunächst auch eine viel ernstere Sache.« + +Crampas nickte. + +»Das ist recht, daß Sie mir recht geben. Wie soll man hier leben? +Das ist vorläufig die Frage, das ist wichtiger als alles andere. +Gieshübler hat mir darüber geschrieben, und wenn es nicht indiskret +und eitel wäre, denn es steht noch allerlei nebenher darin, so zeigte +ich Ihnen den Brief ... Innstetten braucht ihn nicht zu lesen, der +hat keinen Sinn für dergleichen ... beiläufig eine Handschrift wie +gestochen und Ausdrucksformen, als wäre unser Freund statt am Kessiner +Alten Markt an einem altfranzösischen Hofe erzogen worden. Und daß er +verwachsen ist und weiße Jabots trägt wie kein anderer Mensch mehr - +ich weiß nur nicht, wo er die Plätterin hernimmt -, das paßt alles +so vorzüglich. Nun, also Gieshübler hat mir von Plänen für die +Ressourcenabende geschrieben und von einem Entrepreneur namens +Crampas. Sehen Sie, Major, das gefällt mir besser als der Soldatentod +oder gar der andere.« + +»Mir persönlich nicht minder. Und es muß ein Prachtwinter werden, wenn +wir uns der Unterstützung der gnädigen Frau versichert halten dürften. +Die Trippelli kommt.« + +»Die Trippelli? Dann bin ich überflüssig.« + +»Mitnichten, gnädigste Frau. Die Trippelli kann nicht von Sonntag bis +wieder Sonntag singen, es wäre zuviel für sie und für uns; Abwechslung +ist des Lebens Reiz, eine Wahrheit, die freilich jede glückliche Ehe +zu widerlegen scheint.« + +»Wenn es glückliche Ehen gibt, die meinige ausgenommen ...«, und sie +reichte Innstetten die Hand. + +»Abwechslung also«, fuhr Crampas fort. »Und diese für uns und unsere +Ressource zu gewinnen, deren Vizevorstand zu sein ich zur Zeit die +Ehre habe, dazu braucht es aller bewährten Kräfte. Wenn wir uns +zusammentun, so müssen wir das ganze Nest auf den Kopf stellen. Die +Theaterstücke sind schon ausgesucht: 'Krieg im Frieden', 'Monsieur +Herkules', 'Jugendliebe' von Wildbrandt, vielleicht auch 'Euphrosyne' +von Gensichen. Sie die Euphrosyne, ich der alte Goethe. Sie sollen +staunen, wie gut ich den Dichterfürsten tragiere ... wenn 'tragieren' +das richtige Wort ist.« + +»Kein Zweifel. Hab ich doch inzwischen aus dem Brief meines +alchimistischen Geheimkorrespondenten erfahren, daß Sie neben vielem +anderen gelegentlich auch Dichter sind. Anfangs habe ich mich +gewundert. ...« + +»Denn Sie haben es mir nicht angesehen.« + +»Nein. Aber seit ich weiß, daß Sie bei neun Grad baden, bin ich +anderen Sinnes geworden ... neun Grad Ostsee, das geht über den +kastalischen Quell ...« + +»Dessen Temperatur unbekannt ist.« + +»Nicht für mich; wenigstens wird mich niemand widerlegen. Aber nun muß +ich aufstehen. Da kommt ja Roswitha mit Lütt-Annie.« + +Und sie erhob sich rasch und ging auf Roswitha zu, nahm ihr das Kind +aus dem Arm und hielt es stolz und glücklich in die Höhe. + + + +Sechzehntes Kapitel + +Die Tage waren schön und blieben es bis in den Oktober hinein. Eine +Folge davon war, daß die halbzeltartige Veranda draußen zu ihrem Recht +kam, so sehr, daß sich wenigstens die Vormittagsstunden regelmäßig +darin abspielten. Gegen elf kam dann wohl der Major, um sich zunächst +nach dem Befinden der gnädigen Frau zu erkundigen und mit ihr ein +wenig zu medisieren, was er wundervoll verstand, danach aber mit +Innstetten einen Ausritt zu verabreden, oft landeinwärts, die Kessine +hinauf bis an den Breitling, noch häufiger auf die Molen zu. Effi, +wenn die Herren fort waren, spielte mit dem Kind oder durchblätterte +die von Gieshübler nach wie vor ihr zugeschickten Zeitungen und +Journale, schrieb auch wohl einen Brief an die Mama oder sagte: +»Roswitha, wir wollen mit Annie spazierenfahren«, und dann spannte +sich Roswitha vor den Korbwagen und fuhr, während Effi hinterherging, +ein paar hundert Schritt in das Wäldchen hinein, auf eine Stelle zu, +wo Kastanien ausgestreut lagen, die man nun auflas, um sie dem Kind +als Spielzeug zu geben. In die Stadt kam Effi wenig; es war niemand +recht da, mit dem sie hätte plaudern können, nachdem ein Versuch, +mit der Frau von Crampas auf einen Umgangsfuß zu kommen, aufs neue +gescheitert war. Die Majorin war und blieb menschenscheu. + +Das ging so wochenlang, bis Effi plötzlich den Wunsch äußerte, mit +ausreiten zu dürfen; sie habe nun mal die Passion, und es sei doch +zuviel verlangt, bloß um des Geredes der Kessiner willen auf etwas +zu verzichten, das einem so viel wert sei. Der Major fand die Sache +kapital, und Innstetten, dem es augenscheinlich weniger paßte so +wenig, daß er immer wieder hervorhob, es werde sich kein Damenpferd +finden lassen -, Innstetten mußte nachgeben, als Crampas versicherte, +das solle seine Sorge sein. Und richtig, was man wünschte, fand sich +auch, und Effi war selig, am Strand hinjagen zu können, jetzt wo +»Damenbad« und »Herrenbad« keine scheidenden Schreckensworte mehr +waren. Meist war auch Rollo mit von der Partie, und weil es sich ein +paarmal ereignet hatte, daß man am Strand zu rasten oder auch eine +Strecke Wegs zu Fuß zu machen wünschte, so kam man überein, sich von +entsprechender Dienerschaft begleiten zu lassen, zu welchem Behufe +des Majors Bursche, ein alter Treptower Ulan, der Knut hieß, und +Innstettens Kutscher Kruse zu Reitknechten umgewandelt wurden, +allerdings ziemlich unvollkommen, indem sie, zu Effis Leidwesen, in +eine Phantasielivree gesteckt wurden, darin der eigentliche Beruf +beider noch nachspukte. + +Mitte Oktober war schon heran, als man, so herausstaffiert, zum +erstenmal in voller Kavalkade aufbrach, in Front Innstetten und +Crampas, Effi zwischen ihnen, dann Kruse und Knut und zuletzt Rollo, +der aber bald, weil ihm das Nachtrotten mißfiel, allen vorauf war. Als +man das jetzt öde Strandhotel passiert und bald danach, sich rechts +haltend, auf dem von einer mäßigen Brandung überschäumten Strandwege +den diesseitigen Molendamm erreicht hatte, verspürte man Lust, +abzusteigen und einen Spaziergang bis an den Kopf der Mole zu machen. +Effi war die erste aus dem Sattel. Zwischen den beiden Steindämmen +floß die Kessine breit und ruhig dem Meere zu, das wie eine +sonnenbeschienene Fläche, darauf nur hier und da eine leichte Welle +kräuselte, vor ihnen lag. + +Effi war noch nie hier draußen gewesen, denn als sie vorigen November +in Kessin eintraf, war schon Sturmzeit, und als der Sommer kam, +war sie nicht mehr imstande, weite Gänge zu machen. Sie war jetzt +entzückt, fand alles groß und herrlich, erging sich in kränkenden +Vergleichen zwischen dem Luch und dem Meer und ergriff, sooft die +Gelegenheit dazu sich bot, ein Stück angeschwemmtes Holz, um es nach +links hin in die See oder nach rechts hin in die Kessine zu werfen. +Rollo war immer glücklich, im Dienste seiner Herrin sich nachstürzen +zu können; mit einemmal aber wurde seine Aufmerksamkeit nach einer +ganz anderen Seite hin abgezogen, und sich vorsichtig, ja beinahe +ängstlich vorwärts schleichend, sprang er plötzlich auf einen in Front +sichtbar werdenden Gegenstand zu, freilich vergeblich, denn im selben +Augenblick glitt von einem sonnenbeschienenen und mit grünem Tang +überwachsenen Stein eine Robbe glatt und geräuschlos in das nur etwa +fünf Schritt entfernte Meer hinunter. Eine kurze Weile noch sah man +den Kopf, dann tauchte auch dieser unter. + +Alle waren erregt, und Crampas phantasierte von Robbenjagd und daß man +das nächste Mal die Büchse mitnehmen müsse, »denn die Dinger haben ein +festes Fell«. + +»Geht nicht«, sagte Innstetten; »Hafenpolizei.« + +»Wenn ich so was höre«, lachte der Major. »Hafenpolizei! Die drei +Behörden, die wir hier haben, werden doch wohl untereinander die +Augen zudrücken können. Muß denn alles so furchtbar gesetzlich sein? +Gesetzlichkeiten sind langweilig.« + +Effi klatschte in die Hände. + +»Ja, Crampas, Sie kleidet das, und Effi, wie Sie sehen, klatscht Ihnen +Beifall. Natürlich; die Weiber schreien sofort nach einem Schutzmann, +aber von Gesetz wollen sie nichts wissen.« + +»Das ist so Frauenrecht von alter Zeit her, und wir werden's nicht +ändern, Innstetten.« + +»Nein«, lachte dieser, »und ich will es auch nicht. Auf Mohrenwäsche +lasse ich mich nicht ein. Aber einer wie Sie, Crampas, der unter der +Fahne der Disziplin großgeworden ist und recht gut weiß, daß es ohne +Zucht und Ordnung nicht geht, ein Mann wie Sie, der sollte doch +eigentlich so was nicht reden, auch nicht einmal im Spaß. Indessen, +ich weiß schon, Sie haben einen himmlischen Kehr-mich-nicht-Drang und +denken, der Himmel wird nicht gleich einstürzen. Nein, gleich nicht. +Aber mal kommt es.« + +Crampas wurde einen Augenblick verlegen, weil er glaubte, das alles +sei mit einer gewissen Absicht gesprochen, was aber nicht der Fall +war. Innstetten hielt nur einen seiner kleinen moralischen Vorträge, +zu denen er überhaupt hinneigte. »Da lob ich mir Gieshübler«, sagte er +einlenkend, »immer Kavalier und dabei doch Grundsätze.« + +Der Major hatte sich mittlerweile wieder zurechtgefunden und sagte in +seinem alten Ton: »Ja, Gieshübler; der beste Kerl von der Welt und, +wenn möglich, noch bessere Grundsätze. Aber am Ende woher? Warum? Weil +er einen 'Verdruß' hat. Wer gerade gewachsen ist, ist für Leichtsinn. +Überhaupt ohne Leichtsinn ist das ganze Leben keinen Schuß Pulver +wert.« + +»Nun hören Sie, Crampas, gerade so viel kommt mitunter dabei heraus.« +Und dabei sah er auf des Majors linken, etwas gekürzten Arm. Effi +hatte von diesem Gespräch wenig gehört. Sie war dicht an die Stelle +getreten, wo die Robbe gelegen, und Rollo stand neben ihr. Dann +sahen beide, von dem Stein weg, auf das Meer und warteten, ob die +»Seejungfrau« noch einmal sichtbar werden würde. + +Ende Oktober begann die Wahlkampagne, was Innstetten hinderte, sich +ferner an den Ausflügen zu beteiligen und auch Crampas und Effi hätten +jetzt um der lieben Kessiner willen wohl verzichten müssen, wenn nicht +Knut und Kruse als eine Art Ehrengarde gewesen wären. So kam es, daß +sich die Spazierritte bis in den November hinein fortsetzten + +Ein Wetterumschlag war freilich eingetreten, ein andauern der Nordwest +trieb Wolkenmassen heran, und das Meer schäumte mächtig, aber Regen +und Kälte fehlten noch und so waren diese Ausflüge bei grauem +Himmel und lärmender Brandung fast noch schöner, als sie vorher bei +Sonnenschein und stiller See gewesen waren. Rollo jagte vorauf, dann +und wann von der Gischt überspritzt, und der Schleier von Effis +Reithut flatterte im Wind. Dabei zu sprechen war fast unmöglich; wenn +man dann aber, vom Meer fort, in die schutzgebenden Dünen oder noch +besser in den weiter zurückgelegenen Kiefernwald einlenkte, so wurd +es still, Effis Schleier flatterte nicht mehr, und die Enge des Wegs +zwang die beiden Reiter dicht nebeneinander. Das war dann die Zeit, wo +man - schon um der Knorren und Wurzeln willen im Schritt reitend - die +Gespräche, die der Brandungslärm unterbrochen hatte, wieder aufnehmen +konnte. Crampas, ein guter Causeur, erzählte dann Kriegs- und +Regimentsgeschichten, auch Anekdoten und kleine Charakterzüge von +Innstetten, der mit seinem Ernst und seiner Zugeknöpftheit in den +übermütigen Kreis der Kameraden nie recht hineingepaßt habe, so daß er +eigentlich immer mehr respektiert als geliebt worden sei. + +»Das kann ich mir denken«, sagte Effi, »ein Glück nur, daß der Respekt +die Hauptsache ist.« + +»Ja, zu seiner Zeit. Aber er paßt doch nicht immer. Und zu dem allen +kam noch eine mystische Richtung, die mitunter Anstoß gab, einmal weil +Soldaten überhaupt nicht sehr für derlei Dinge sind, und dann weil wir +die Vorstellung unterhalten, vielleicht mit Unrecht, daß er doch nicht +ganz so dazu stände, wie er's uns einreden wollte.« + +»Mystische Richtung?« sagte Effi. »Ja, Major, was verstehen Sie +darunter? Er kann doch keine Konventikel abgehalten und den Propheten +gespielt haben. Auch nicht einmal den aus der Oper ... ich habe seinen +Namen vergessen.« + +»Nein, so weit ging er nicht. Aber es ist vielleicht besser, davon +abzubrechen. Ich möchte nicht hinter seinem Rücken etwas sagen, was +falsch ausgelegt werden könnte. Zudem sind es Dinge, die sich sehr gut +auch in seiner Gegenwart verhandeln lassen. Dinge, die nur, man mag +wollen oder nicht, zu was Sonderbarem aufgebauscht werden, wenn +er nicht dabei ist und nicht jeden Augenblick eingreifen und uns +widerlegen oder meinetwegen auch auslachen kann.« + +»Aber das ist ja grausam, Major. Wie können Sie meine Neugier so auf +die Folter spannen. Erst ist es was, und dann ist es wieder nichts. +Und Mystik! Ist er denn ein Geisterseher?« + +»Ein Geisterseher! Das will ich nicht gerade sagen. Aber er hatte eine +Vorliebe, uns Spukgeschichten zu erzählen. Und wenn er uns dann in +große Aufregung versetzt und manchen auch wohl geängstigt hatte, +dann war es mit einem Male wieder, als habe er sich über alle die +Leichtgläubigen bloß mokieren wollen. Und kurz und gut, einmal kam es, +daß ich ihm auf den Kopf zusagte: 'Ach was, Innstetten, das ist ja +alles bloß Komödie. Mich täuschen Sie nicht. Sie treiben Ihr Spiel mit +uns. Eigentlich glauben Sie's gradsowenig wie wir, aber Sie wollen +sich interessant machen und haben eine Vorstellung davon, daß +Ungewöhnlichkeiten nach oben hin besser empfehlen. In höheren +Karrieren will man keine Alltagsmenschen. Und da Sie so was vorhaben, +so haben Sie sich was Apartes ausgesucht und sind bei der Gelegenheit +auf den Spuk gefallen.'« + +Effi sagte kein Wort, was dem Major zuletzt bedrücklich wurde. »Sie +schweigen, gnädigste Frau.« + +»Ja.« + +»Darf ich fragen warum? Hab ich Anstoß gegeben? Oder finden Sie's +unritterlich, einen abwesenden Freund, ich muß das trotz aller +Verwahrungen einräumen, ein klein wenig zu hecheln? Aber da tun +Sie mir trotz alledem Unrecht. Das alles soll ganz ungeniert seine +Fortsetzung vor seinen Ohren haben, und ich will ihm dabei jedes Wort +wiederholen, was ich jetzt eben gesagt habe.« + +»Glaub es.« Und nun brach Effi ihr Schweigen und erzählte, was sie +alles in ihrem Hause erlebt und wie sonderlich sich Innstetten damals +dazu gestellt habe. »Er sagte nicht ja und nicht nein, und ich bin +nicht klug aus ihm geworden.« + +»Also ganz der alte«, lachte Crampas. »So war er damals auch schon, +als wir in Liancourt und dann später in Beauvais mit ihm in Quartier +lagen. Er wohnte da in einem alten bischöflichen Palast - beiläufig, +was Sie vielleicht interessieren wird, war es ein Bischof von +Beauvais, glücklicherweise 'Cochon' mit Namen, der die Jungfrau von +Orleans zum Feuertod verurteilte -, und da verging denn kein Tag, das +heißt keine Nacht, wo Innstetten nicht Unglaubliches erlebt hatte. +Freilich immer nur so halb. Es konnte auch nichts sein. Und nach +diesem Prinzip arbeitet er noch, wie ich sehe.« + +»Gut, gut. Und nun ein ernstes Wort, Crampas, auf das ich mir eine +ernste Antwort erbitte: Wie erklären Sie sich dies alles?« + +»Ja, meine gnädigste Frau ...« + +»Keine Ausweichungen, Major. Dies alles ist sehr wichtig für mich. Er +ist Ihr Freund, und ich bin Ihre Freundin. Ich will wissen, wie hängt +dies zusammen? Was denkt er sich dabei?« + +»Ja, meine gnädigste Frau, Gott sieht ins Herz, aber ein Major vom +Landwehrbezirkskommando, der sieht in gar nichts. Wie soll ich solche +psychologischen Rätsel lösen? Ich bin ein einfacher Mann.« + +»Ach, Crampas, reden Sie nicht so töricht. Ich bin zu jung, um eine +große Menschenkennerin zu sein; aber ich müßte noch vor der Einsegnung +und beinah vor der Taufe stehen, um Sie für einen einfachen Mann zu +halten. Sie sind das Gegenteil davon, Sie sind gefährlich ...« + +»Das Schmeichelhafteste, was einem guten Vierziger mit einem a.D. auf +der Karte gesagt werden kann. Und nun also, was sich Innstetten dabei +denkt ...« + +Effi nickte. + +»Ja, wenn ich durchaus sprechen soll, er denkt sich dabei, daß ein +Mann wie Landrat Baron Innstetten, der jeden Tag Ministerialdirektor +oder dergleichen werden kann (denn glauben Sie mir, er ist hoch +hinaus), daß ein Mann wie Baron Innstetten nicht in einem gewöhnlichen +Hause wohnen kann, nicht in einer solchen Kate, wie die landrätliche +Wohnung, ich bitte um Vergebung, gnädigste Frau, doch eigentlich ist. +Da hilft er denn nach. Ein Spukhaus ist nie was Gewöhnliches ... Das +ist das eine.« + +»Das eine? Mein Gott, haben Sie noch etwas?« »Ja.« + +»Nun denn, ich bin ganz Ohr. Aber wenn es sein kann, lassen Sie's was +Gutes sein.« + +»Dessen bin ich nicht ganz sicher. Es ist etwas Heikles, beinah +Gewagtes, und ganz besonders vor Ihren Ohren, gnädigste Frau.« + +»Das macht mich nur um so neugieriger.« + +»Gut denn. Also Innstetten, meine gnädigste Frau, hat außer seinem +brennenden Verlangen, es koste, was es wolle, ja, wenn es sein muß, +unter Heranziehung eines Spuks, seine Karriere zu machen, noch eine +zweite Passion: Er operiert nämlich immer erzieherisch, ist der +geborene Pädagog, und hätte, links Basedow und rechts Pestalozzi +(aber doch kirchlicher als beide), eigentlich nach Schnepfenthal oder +Bunzlau hingepaßt.« + +»Und will er mich auch erziehen? Erziehen durch Spuk?« + +»Erziehen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber doch erziehen +auf einem Umweg.« + +»Ich verstehe Sie nicht.« + +»Eine junge Frau ist eine junge Frau, und ein Landrat ist ein Landrat. +Er kutschiert oft im Kreise umher, und dann ist das Haus allein und +unbewohnt. Aber solch Spuk ist wie ein Cherub mit dem Schwert ...« + +»Ah, da sind wir wieder aus dem Wald heraus«, sagte Effi. + +»Und da ist Utpatels Mühle. Wir müssen nur noch an dem Kirchhof +vorüber.« + +Gleich danach passierten sie den Hohlweg zwischen dem Kirchhof und +der eingegitterten Stelle, und Effi sah nach dem Stein und der Tanne +hinüber, wo der Chinese lag. + + + +Siebzehntes Kapitel + +Es schlug zwei Uhr, als man zurück war. Crampas verabschiedete +sich und ritt in die Stadt hinein, bis er vor seiner am Marktplatz +gelegenen Wohnung hielt. Effi ihrerseits kleidete sich um und +versuchte zu schlafen; es wollte aber nicht glücken, denn ihre +Verstimmung war noch größer als ihre Müdigkeit. Daß Innstetten sich +seinen Spuk parat hielt, um ein nicht ganz gewöhnliches Haus zu +bewohnen, das mochte hingehen, das stimmte zu seinem Hange, sich +von der großen Menge zu unterscheiden; aber das andere, daß er den +Spuk als Erziehungsmittel brauchte, das war doch arg und beinahe +beleidigend. Und »Erziehungsmittel«, darüber war sie sich klar, sagte +nur die kleinere Hälfte; was Crampas gemeint hatte, war viel, viel +mehr, war eine Art Angelapparat aus Kalkül. Es fehlte jede Herzensgüte +darin und grenzte schon fast an Grausamkeit. Das Blut stieg ihr zu +Kopf, und sie ballte ihre kleine Hand und wollte Pläne schmieden; aber +mit einem Male mußte sie wieder lachen. »Ich Kindskopf! Wer bürgt mir +denn dafür, daß Crampas recht hat! Crampas ist unterhaltlich, weil er +medisant ist, aber er ist unzuverlässig und ein bloßer Haselant, der +schließlich Innstetten nicht das Wasser reicht.« + +In diesem Augenblick fuhr Innstetten vor, der heute früher zurückkam +als gewöhnlich. Effi sprang auf, um ihn schon im Flur zu begrüßen, und +war um so zärtlicher, je mehr sie das Gefühl hatte, etwas gutmachen zu +müssen. Aber ganz konnte sie das, was Crampas gesagt hatte, doch nicht +verwinden, und inmitten ihrer Zärtlichkeiten und während sie mit +anscheinendem Interesse zuhörte, klang es in ihr immer wieder: »Also +Spuk aus Berechnung, Spuk, um dich in Ordnung zu halten.« + +Zuletzt indessen vergaß sie's und ließ sich unbefangen von ihm +erzählen. + +Inzwischen war Mitte November herangekommen, und der bis zum Sturm +sich steigernde Nordwester stand anderthalb Tage lang so hart auf +die Molen, daß die mehr und mehr zurückgestaute Kessine das Bollwerk +überstieg und in die Straßen trat. Aber nachdem sich's ausgetobt, +legte sich das Unwetter, und es kamen noch ein paar sonnige +Spätherbsttage. + +»Wer weiß, wie lange sie dauern«, sagte Effi zu Crampas, und so +beschloß man, am nächsten Vormittag noch einmal auszureiten; auch +Innstetten, der einen freien Tag hatte, wollte mit. Es sollte zunächst +wieder bis an die Mole gehen; da wollte man dann absteigen, ein wenig +am Strand promenieren und schließlich im Schutz der Dünen, wo's +windstill war, ein Frühstück nehmen. + +Um die festgesetzte Stunde ritt Crampas vor dem landrätlichen Hause +vor; Kruse hielt schon das Pferd der gnädigen Frau, die sich rasch in +den Sattel hob und noch im Aufsteigen Innstetten entschuldigte, der +nun doch verhindert sei: Letzte Nacht wieder großes Feuer in Morgenitz +- das dritte seit drei Wochen, also angelegt -, da habe er hingemußt, +sehr zu seinem Leidwesen, denn er habe sich auf diesen Ausritt, der +wohl der letzte in diesem Herbst sein werde, wirklich gefreut. + +Crampas sprach sein Bedauern aus, vielleicht nur, um was zu sagen, +vielleicht aber auch aufrichtig, denn so rücksichtslos er im Punkte +chevaleresker Liebesabenteuer war, so sehr war er auch wieder guter +Kamerad. Natürlich alles ganz oberflächlich. Einem Freunde helfen und +fünf Minuten später ihn betrügen, das waren Dinge, die sich mit seinem +Ehrbegriff sehr wohl vertrugen. Er tat das eine und das andere mit +unglaublicher Bonhomie. + +Der Ritt ging wie gewöhnlich durch die Plantage hin. Rollo war wieder +vorauf, dann kamen Crampas und Effi, dann Kruse. + +Knut fehlte. + +»Wo haben Sie Knut gelassen?« »Er hat einen Ziegenpeter.« + +»Merkwürdig«, lachte Effi. »Eigentlich sah er schon immer so aus.« + +»Sehr richtig. Aber Sie sollten ihn jetzt sehen! Oder doch lieber +nicht. Ziegenpeter ist ansteckend, schon bloß durch Anblick.« + +»Glaub ich nicht.« + +»Junge Frauen glauben vieles nicht.« + +»Und dann glauben sie wieder vieles, was sie besser nicht glaubten.« + +»An meine Adresse?« »Nein.« + +»Schade.« + +»Wie dies 'schade' Sie kleidet. Ich glaube wirklich, Major, Sie +hielten es für ganz in Ordnung, wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung +machte.« + +»So weit will ich nicht gehen. Aber ich möchte den sehen, der sich +dergleichen nicht wünschte. Gedanken und Wünsche sind zollfrei.« + +»Das fragt sich. Und dann ist doch immer noch ein Unterschied zwischen +Gedanken und Wünschen. Gedanken sind in der Regel etwas, das noch im +Hintergrund liegt, Wünsche aber liegen meist schon auf der Lippe.« + +»Nur nicht gerade diesen Vergleich.« + +»Ach, Crampas, Sie sind ... Sie sind ...« + +»Ein Narr.« + +»Nein. Auch darin übertreiben Sie wieder. Aber Sie sind etwas anderes. +In Hohen-Cremmen sagten wir immer, und ich mit, das Eitelste, was es +gäbe, das sei ein Husarenfähnrich von achtzehn ...« + +»Und jetzt?« + +»Und jetzt sag ich, das Eitelste, was es gibt, ist ein +Landwehrbezirksmajor von zweiundvierzig.« + +»... wobei die zwei Jahre, die Sie mir gnädigst erlassen, alles +wiedergutmachen - küss' die Hand.« + +»Ja, küss' die Hand. Das ist so recht das Wort, das für Sie paßt. Das +ist wienerisch. Und die Wiener, die hab ich kennengelernt in Karlsbad, +vor vier Jahren, wo sie mir vierzehnjährigem Dinge den Hof machten. +Was ich da alles gehört habe!« + +»Gewiß nicht mehr, als recht war.« + +»Wenn das zuträfe, wäre das, was mir schmeicheln soll, ziemlich +ungezogen ... Aber sehen Sie da die Bojen, wie die schwimmen und +tanzen. Die kleinen roten Fahnen sind eingezogen. Immer wenn ich +diesen Sommer die paar Mal, wo ich mich bis an den Strand hinauswagte, +die roten Fahnen sah, sagte ich mir: Da liegt Vineta, da muß es +liegen, das sind die Turmspitzen ...« + +»Das macht, weil Sie das Heinesche Gedicht kennen.« »Welches?« + +»Nun, das von Vineta.« + +»Nein, das kenne ich nicht; ich kenne überhaupt nur wenig. Leider.« + +»Und haben doch Gieshübler und den Journalzirkel! Übrigens hat Heine +dem Gedicht einen anderen Namen gegeben, ich glaube 'Seegespenst' oder +so ähnlich. Aber Vineta hat er gemeint. Und er selber - verzeihen Sie, +wenn ich Ihnen so ohne weiteres den Inhalt hier wiedergebe -, der +Dichter also, während er die Stelle passiert, liegt auf einem +Schiffsdeck und sieht hinunter und sieht da schmale, mittelalterliche +Straßen und trippelnde Frauen in Kapotthüten, und alle haben ein +Gesangbuch in Händen und wollen zur Kirche, und alle Glocken läuten. +Und als er das hört, da faßt ihn eine Sehnsucht, auch mit in die +Kirche zu gehen, wenn auch bloß um der Kapotthüte willen, und vor +Verlangen schreit er auf und will sich hinunterstürzen. Aber im selben +Augenblick packt ihn der Kapitän am Bein und ruft ihm zu: 'Doktor, +sind Sie des Teufels?« + +»Das ist ja allerliebst. Das möcht ich lesen. Ist es lang?« + +»Nein, es ist eigentlich kurz, etwas länger als 'Du hast Diamanten und +Perlen' oder 'Deine weichen Lilienfinger' ...«, + +und er berührte leise ihre Hand. »Aber lang oder kurz, welche +Schilderungskraft, welche Anschaulichkeit! Er ist mein +Lieblingsdichter, und ich kann ihn auswendig, sowenig ich mir sonst, +trotz gelegentlich eigener Versündigungen, aus der Dichterei mache. +Bei Heine liegt es aber anders: Alles ist Leben, und vor allem +versteht er sich auf die Liebe, die doch die Hauptsache bleibt. Er ist +übrigens nicht einseitig darin ...« + +»Wie meinen Sie das?« + +»Ich meine, er ist nicht bloß für die Liebe ...« + +»Nun, wenn er diese Einseitigkeit auch hätte, das wäre am Ende noch +nicht das schlimmste. Wofür ist er denn sonst noch?« + +»Er ist auch sehr für das Romantische, was freilich gleich nach der +Liebe kommt und nach Meinung einiger sogar damit zusammenfällt. Was +ich aber nicht glaube. Denn in seinen späteren Gedichten, die man +denn auch die 'romantischen' genannt hat, oder eigentlich hat er es +selber getan, in diesen romantischen Dichtungen wird in einem fort +hingerichtet, allerdings vielfach aus Liebe. Aber doch meist aus +anderen gröberen Motiven, wohin ich in erster Reihe die Politik. die +fast immer gröblich ist, rechne. Karl Stuart zum Beispiel trägt in +einer dieser Romanzen seinen Kopf unterm Arm, und noch fataler ist die +Geschichte vom Vitzliputzli ...« + +»Von wem?« + +»Vom Vitzliputzli. Vitzliputzli ist nämlich ein mexikanischer Gott, +und als die Mexikaner zwanzig oder dreißig Spanier gefangengenommen +hatten, mußten diese zwanzig oder dreißig dem Vitzliputzli geopfert +werden. Das war da nicht anders, Landessitte, Kultus, und ging auch +alles im Handumdrehen, Bauch auf, Herz raus ...« + +»Nein, Crampas, so dürfen Sie nicht weitersprechen. Das ist indezent +und degoutant zugleich. Und das alles so ziemlich in demselben +Augenblick, wo wir frühstücken wollen.« + +»Ich für meine Person sehe mich dadurch unbeeinflußt und stelle meinen +Appetit überhaupt nur in Abhängigkeit vom Menü.« + +Während dieser Worte waren sie, ganz wie's das Programm wollte, vom +Strand her bis an eine schon halb im Schutz der Dünen aufgeschlagene +Bank, mit einem äußerst primitiven Tisch davor, gekommen, zwei Pfosten +mit einem Brett darüber. Kruse, der voraufgeritten, hatte hier bereits +serviert; Teebrötchen und Aufschnitt von kaltem Braten, dazu Rotwein +und neben der Flasche zwei hübsche, zierliche Trinkgläser, klein und +mit Goldrand, wie man sie in Badeorten kauft oder von Glashütten als +Erinnerung mitbringt. + +Und nun stieg man ab. Kruse, der die Zügel seines eigenen Pferdes um +eine Krüppelkiefer geschlungen hatte, ging mit den beiden anderen +Pferden auf und ab, während sich Crampas und Effi, die durch eine +schmale Dünenöffnung einen freien Blick auf Strand und Mole hatten, +vor dem gedeckten Tisch niederließen. + +Über das von den Sturmtagen her noch bewegte Meer goß die schon halb +winterliche Novembersonne ihr fahles Licht aus, und die Brandung ging +hoch. Dann und wann kam ein Windzug und trieb den Schaum bis dicht an +sie heran. Strandhafer stand umher, und das helle Gelb der Immortellen +hob sich, trotz der Farbenverwandtschaft, von dem gelben Sand, darauf +sie wuchsen, scharf ab. Effi machte die Wirtin. »Es tut mir leid, +Major, Ihnen diese Brötchen in einem Korbdeckel präsentieren zu +müssen ...« + +»Ein Korbdeckel ist kein Korb ...« + +»... indessen Kruse hat es so gewollt. Da bist du ja auch, Rollo. Auf +dich ist unser Vorrat aber nicht eingerichtet. Was machen wir mit +Rollo?« + +»Ich denke, wir geben ihm alles; ich meinerseits schon aus +Dankbarkeit. Denn sehen Sie, teuerste Effi ...« + +Effi sah ihn an. + +Denn sehen Sie, gnädigste Frau, Rollo erinnert mich wieder an das, +was ich Ihnen noch als Fortsetzung oder Seitenstück zum Vitzliputzli +erzählen wollte - nur viel pikanter, weil Liebesgeschichte. Haben Sie +mal von einem gewissen Pedro dem Grausamen gehört?« + +»So dunkel.« + +»Eine Art Blaubartskönig.« + +»Das ist gut. Von so einem hört man immer am liebsten, und ich weiß +noch, daß wir von meiner Freundin Hulda Niemeyer, deren Namen Sie +ja kennen, immer behaupteten, sie wisse nichts von Geschichte, mit +Ausnahme der sechs Frauen von Heinrich dem Achten, diesem englischen +Blaubart, wenn das Wort für ihn reicht. Und wirklich, diese sechs +kannte sie auswendig. Und dabei hätten Sie hören sollen, wie sie die +Namen aussprach, namentlich den von der Mutter der Elisabeth - so +schrecklich verlegen, als wäre sie nun an der Reihe ... Aber nun +bitte, die Geschichte von Don Pedro ...« + +»Nun also, an Don Pedros Hofe war ein schöner, schwarzer spanischer +Ritter, der das Kreuz von Kalatrava - was ungefähr soviel bedeutet wie +Schwarzer Adler und Pour-le-mérite zusammengenommen - auf seiner Brust +trug. Dies Kreuz gehörte mit dazu, das mußten sie immer tragen, und +dieser Kalatravaritter, den die Königin natürlich heimlich liebte ...« + +»Warum natürlich?« + +»Weil wir in Spanien sind.« »Ach so.« + +»Und dieser Kalatravaritter, sag ich, hatte einen wunderschönen Hund, +einen Neufundländer, wiewohl es die noch gar nicht gab, denn es +war grade hundert Jahre vor der Entdeckung von Amerika. Einen +wunderschönen Hund also, sagen wir wie Rollo ...« + +Rollo schlug an, als er seinen Namen hörte, und wedelte mit dem +Schweif. + +»Das ging so machen Tag. Aber das mit der heimlichen Liebe, die wohl +nicht ganz heimlich blieb, das wurde dem König doch zuviel, und weil +er den schönen Kalatravaritter überhaupt nicht recht leiden mochte +- denn er war nicht bloß grausam, er war auch ein Neidhammel, oder +wenn das Wort für einen König und noch mehr für meine liebenswürdige +Zuhörerin, Frau Effi, nicht recht passen sollte, wenigstens ein +Neidling -, so beschloß er, den Kalatravaritter für die heimliche +Liebe heimlich hinrichten zu lassen.« + +»Kann ich ihm nicht verdenken.« + +»Ich weiß doch nicht, meine Gnädigste. Hören Sie nur weiter. Etwas +geht schon, aber es war zuviel; der König, find ich, ging um ein +Erkleckliches zu weit. Er heuchelte nämlich, daß er dem Ritter wegen +seiner Kriegs- und Heldentaten ein Fest veranstalten wolle, und da gab +es denn eine lange, lange Tafel, und alle Granden des Reichs saßen an +dieser Tafel, und in der Mitte saß der König, und ihm gegenüber war +der Platz für den, dem dies alles galt, also für den Kalatravaritter, +für den an diesem Tage zu Feiernden. Und weil der, trotzdem man schon +eine ganze Weile seiner gewartet hatte, noch immer nicht kommen +wollte, so mußte schließlich die Festlichkeit ohne ihn begonnen +werden, und es blieb ein leerer Platz - ein leerer Platz gerade +gegenüber dem König.« »Und nun?« + +»Und nun denken Sie, meine gnädigste Frau, wie der König, dieser +Pedro, sich eben erheben will, um gleisnerisch sein Bedauern +auszusprechen, daß sein 'lieber Gast' noch immer fehle, da hört man +auf der Treppe draußen einen Aufschrei der entsetzten Dienerschaften, +und ehe noch irgendwer weiß, was geschehen ist, jagt etwas an der +langen Festtafel entlang, und nun springt es auf den Stuhl und setzt +ein abgeschlagenes Haupt auf den leergebliebenen Platz, und über +ebendieses Haupt hinweg starrt Rollo auf sein Gegenüber, den König. +Rollo hatte seinen Herrn auf seinem letzten Gang begleitet, und im +selben Augenblick, wo das Beil fiel, hatte das treue Tier das fallende +Haupt gepackt, und da war er nun, unser Freund Rollo, an der langen +Festtafel und verklagte den königlichen Mörder.« + +Effi war ganz still geworden. Endlich sagte sie: »Crampas, das ist in +seiner Art sehr schön, und weil es sehr schön ist, will ich es Ihnen +verzeihen. Aber Sie könnten doch Besseres und zugleich mir Lieberes +tun, wenn Sie mir andere Geschichten erzählten. Auch von Heine. Heine +wird doch nicht bloß von Vitzliputzli und Don Pedro und Ihrem Rollo - +denn meiner hätte so was nicht getan - gedichtet haben. Komm, Rollo! +Armes Tier, ich kann dich gar nicht mehr ansehen, ohne an den +Kalatravaritter zu denken, den die Königin heimlich liebte ... Rufen +Sie, bitte, Kruse, daß er die Sachen hier wieder in die Halfter +steckt, und wenn wir zurückreiten, müssen Sie mir was anderes +erzählen, ganz was anderes.« + +Kruse kam. Als er aber die Gläser nehmen wollte, sagte Crampas: +»Kruse, das eine Glas, das da, das lassen Sie stehen. Das werde ich +selber nehmen.« + +»Zu Befehl, Herr Major.« + +Effi, die dies mit angehört hatte, schüttelte den Kopf. Dann lachte +sie. »Crampas, was fällt Ihnen nur eigentlich ein? Kruse ist dumm +genug, über die Sache nicht weiter nachzudenken, und wenn er darüber +nachdenkt, so findet er glücklicherweise nichts. Aber das berechtigt +Sie doch nicht, dies Glas, dies Dreißigpfennigglas aus der +Josefinenhütte ...« + +»Daß Sie so spöttisch den Preis nennen, läßt mich seinen Wert um so +tiefer empfinden.« + +»Immer derselbe. Sie haben so viel von einem Humoristen, aber doch von +ganz sonderbarer Art. Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie vor +- es ist zum Lachen, und ich geniere mich fast, es auszusprechen -, +so haben Sie vor, sich vor der Zeit auf den König von Thule hin +auszuspielen.« + +Er nickte mit einem Anflug von Schelmerei. + +»Nun denn, meinetwegen. Jeder trägt seine Kappe; Sie wissen, welche. +Nur das muß ich Ihnen doch sagen dürfen, die Rolle, die Sie mir dabei +zudiktieren, ist mir zu wenig schmeichelhaft. Ich mag nicht als +Reimwort auf Ihren König von Thule herumlaufen. Behalten Sie das +Glas, aber bitte, ziehen Sie nicht Schlüsse daraus, die mich +kompromittieren. Ich werde Innstetten davon erzählen.« + +»Das werden Sie nicht tun, meine gnädigste Frau.« »Warum nicht?« + +»Innstetten ist nicht der Mann, solche Dinge so zu sehen, wie sie +gesehen sein wollen.« + +Sie sah ihn einen Augenblick scharf an. Dann aber schlug sie verwirrt +und fast verlegen die Augen nieder. + + + +Achtzehntes Kapitel + +Effi war unzufrieden mit sich und freute sich, daß es nunmehr +feststand, diese gemeinschaftlichen Ausflüge für die ganze Winterdauer +auf sich beruhen zu lassen. Überlegte sie, was während all dieser +Wochen und Tage gesprochen, berührt und angedeutet war, so fand sie +nichts, um dessentwillen sie sich direkte Vorwürfe zu machen gehabt +hätte. Crampas war ein kluger Mann, welterfahren, humoristisch, frei, +frei auch im Guten, und es wäre kleinlich und kümmerlich gewesen, wenn +sie sich ihm gegenüber aufgesteift und jeden Augenblick die Regeln +strengen Anstandes befolgt hätte. Nein, sie konnte sich nicht tadeln, +auf seinen Ton eingegangen zu sein, und doch hatte sie ganz leise das +Gefühl einer überstandenen Gefahr und beglückwünschte sich, daß das +alles nun mutmaßlich hinter ihr läge. Denn an ein häufigeres Sichsehen +en famille war nicht wohl zu denken, das war durch die Crampasschen +Hauszustände so gut wie ausgeschlossen, und Begegnungen bei den +benachbarten adligen Familien, die freilich für den Winter in Sicht +standen, konnten immer nur sehr vereinzelt und sehr flüchtige sein. +Effi rechnete sich dies alles mit wachsender Befriedigung heraus und +fand schließlich, daß ihr der Verzicht auf das, was sie dem Verkehr +mit dem Major verdankte, nicht allzu schwer ankommen würde. Dazu kam +noch, daß Innstetten ihr mitteilte, seine Fahrten nach Varzin würden +in diesem Jahre fortfallen: der Fürst gehe nach Friedrichsruh, das +ihm immer lieber zu werden scheine; nach der einen Seite hin bedauere +er das, nach der anderen sei es ihm lieb - er könne sich nun ganz +seinem Hause widmen, und wenn es ihr recht wäre, so wollten sie die +italienische Reise, an der Hand seiner Aufzeichnungen, noch einmal +durchmachen. Eine solche Rekapitulation sei eigentlich die Hauptsache, +dadurch mache man sich alles erst dauernd zu eigen, und selbst Dinge, +die man nur flüchtig gesehen und von denen man kaum wisse, daß man sie +in seiner Seele beherberge, kämen einem durch solche nachträglichen +Studien erst voll zu Bewußtsein und Besitz. Er führte das noch weiter +aus und fügte hinzu, daß ihn Gieshübler, der den ganzen »italienischen +Stiefel« bis Palermo kenne, gebeten habe, mit dabeisein zu dürfen. +Effi, der ein ganz gewöhnlicher Plauderabend ohne den »italienischen +Stiefel« (es sollten sogar Fotografien herumgereicht werden) viel, +viel lieber gewesen wäre, antwortete mit einer gewissen Gezwungenheit; +Innstetten indessen, ganz erfüllt von seinem Plan, merkte nichts und +fuhr fort: »Natürlich ist nicht bloß Gieshübler zugegen, auch Roswitha +und Annie müssen dabeisein, und wenn ich mir dann denke, daß wir den +Canale grande hinauffahren und hören dabei ganz in der Ferne die +Gondoliere singen, während drei Schritt von uns Roswitha sich über +Annie beugt und 'Buhküken von Halberstadt' oder so was Ähnliches zum +besten gibt, so können das schöne Winterabende werden, und du sitzt +dabei und strickst mir eine große Winterkappe. Was meinst du dazu, +Effi?« + +Solche Abende wurden nicht bloß geplant, sie nahmen auch ihren Anfang, +und sie würden sich aller Wahrscheinlichkeit nach über viele Wochen +hin ausgedehnt haben, wenn nicht der unschuldige, harmlose Gieshübler, +trotz größter Abgeneigtheit gegen zweideutiges Handeln, dennoch im +Dienste zweier Herren gestanden hätte. Der eine, dem er diente, war +Innstetten, der andere war Crampas, und wenn er der Innstettenschen +Aufforderung zu den italienischen Abenden, schon um Effis willen, auch +mit aufrichtigster Freude Folge leistete, so war die Freude, mit der +er Crampas gehorchte, doch noch eine größere. Nach einem Crampasschen +Plan nämlich sollte noch vor Weihnachten »Ein Schritt vom Wege« +aufgeführt werden, und als man vor dem dritten italienischen Abend +stand, nahm Gieshübler die Gelegenheit wahr, mit Effi, die die Rolle +der Ella spielen sollte, darüber zu sprechen. + +Effi war wie elektrisiert; was wollten Padua, Vicenza daneben +bedeuten! Effi war nicht für Aufgewärmtheiten; Frisches war es, wonach +sie sich sehnte, Wechsel der Dinge. Aber als ob eine Stimme ihr +zugerufen hätte: »Sieh dich vor!«, so fragte sie doch, inmitten ihrer +freudigen Erregung: + +»Ist es der Major, der den Plan aufgebracht hat?« + +»Ja. Sie wissen, gnädigste Frau, daß er einstimmig in das +Vergnügungskomitee gewählt wurde. Wir dürfen uns endlich einen +hübschen Winter in der Ressource versprechen. Er ist ja wie geschaffen +dazu.« + +»Und wird er auch mitspielen?« + +»Nein, das hat er abgelehnt. Ich muß sagen, leider. Denn er kann ja +alles und würde den Arthur von Schmettwitz ganz vorzüglich geben. Er +hat nur die Regie übernommen.« + +»Desto schlimmer.« + +»Desto schlimmer?« wiederholte Gieshübler. + +»Oh, Sie dürfen das nicht so feierlich nehmen; das ist nur so eine +Redensart, die eigentlich das Gegenteil bedeutet. Auf der anderen +Seite freilich, der Major hat so was Gewaltsames, er nimmt einem die +Dinge gern über den Kopf fort. Und man muß dann spielen, wie er will, +und nicht, wie man selber will.« + +Sie sprach noch so weiter und verwickelte sich immer mehr in +Widersprüche. + +Der »Schritt vom Wege« kam wirklich zustande, und gerade weil man nur +noch gute vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war +ausgeschlossen), so strengte sich alles an, und es ging vorzüglich; +die Mitspielenden, vor allem Effi, ernteten reichen Beifall. Crampas +hatte sich wirklich mit der Regie begnügt, und so streng er gegen +alle anderen war, so wenig hatte er auf den Proben in Effis Spiel +hineingeredet. Entweder waren ihm von seiten Gieshüblers Mitteilungen +über das mit Effi gehabte Gespräch gemacht worden, oder er hatte es +auch aus sich selber bemerkt, daß Effi beflissen war, sich von ihm +zurückzuziehen. Und er war klug und Frauenkenner genug, um den +natürlichen Entwicklungsgang, den er nach seinen Erfahrungen nur zu +gut kannte, nicht zu stören. + +Am Theaterabend in der Ressource trennte man sich spät, und +Mitternacht war vorüber, als Innstetten und Effi wieder zu Hause bei +sich eintrafen. Johanna war noch auf, um behilflich zu sein, und +Innstetten, der auf seine junge Frau nicht wenig eitel war, erzählte +Johanna, wie reizend die gnädige Frau ausgesehen und wie gut sie +gespielt habe. Schade, daß er nicht vorher daran gedacht, Christel +und sie selber und auch die alte Unke, die Kruse, hätten von der +Musikgalerie her sehr gut zusehen können; es seien viele dagewesen. +Dann ging Johanna, und Effi, die müde war, legte sich nieder. +Innstetten aber, der noch plaudern wollte, schob einen Stuhl heran und +setzte sich an das Bett seiner Frau, diese freundlich ansehend und +ihre Hand in der seinen haltend. + +»Ja, Effi, das war ein hübscher Abend. Ich habe mich amüsiert über das +hübsche Stück. Und denke dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat, +eigentlich kaum zu glauben. Und noch dazu aus Königsberg. Aber worüber +ich mich am meisten gefreut, das war doch meine entzückende kleine +Frau, die allen die Köpfe verdreht hat.« + +»Ach, Geert, sprich nicht so. Ich bin schon gerade eitel genug.« + +»Eitel genug, das wird wohl richtig sein. Aber doch lange nicht so +eitel wie die anderen. Und das ist zu deinen sieben Schönheiten ...« + +»Sieben Schönheiten haben alle.« + +»... Ich habe mich auch bloß versprochen, du kannst die Zahl gut mit +sich selbst multiplizieren.« + +»Wie galant du bist, Geert. Wenn ich dich nicht kennte, könnt ich mich +fürchten. Oder lauert wirklich was dahinter?« »Hast du ein schlechtes +Gewissen? Selber hinter der Tür gestanden?« + +»Ach, Geert, ich ängstige mich wirklich.« Und sie richtete sich im +Bett in die Höh und sah ihn starr an. »Soll ich noch nach Johanna +klingeln, daß sie uns Tee bringt? Du hast es so gern vor dem +Schlafengehen.« + +Er küßte ihr die Hand. »Nein, Effi. Nach Mitternacht kann auch der +Kaiser keine Tasse Tee mehr verlangen, und du weißt, ich mag die Leute +nicht mehr in Anspruch nehmen als nötig. Nein, ich will nichts, als +dich ansehen und mich freuen, daß ich dich habe. So manchmal empfindet +man's doch stärker, welchen Schatz man hat. Du könntest ja auch so +sein wie die arme Frau Crampas; das ist eine schreckliche Frau, gegen +keinen freundlich, und dich hätte sie vom Erdboden vertilgen mögen.« + +»Ach, ich bitte dich, Geert, das bildest du dir wieder ein. Die arme +Frau! Mir ist nichts aufgefallen.« + +»Weil du für derlei keine Augen hast. Aber es war so, wie ich dir +sage, und der arme Crampas war wie befangen dadurch und mied dich +immer und sah dich kaum an. Was doch ganz unnatürlich ist; denn +erstens ist er überhaupt ein Damenmann, und nun gar Damen wie du, das +ist seine besondere Passion. Und ich wette auch, daß es keiner besser +weiß als meine kleine Frau selber. Wenn ich daran denke, wie, Pardon, +das Geschnatter hin und her ging, wenn er morgens in die Veranda kam +oder wenn wir am Strande ritten oder auf der Mole spazierengingen. Es +ist, wie ich dir sage, er traute sich heute nicht, er fürchtete sich +vor seiner Frau. Und ich kann es ihm nicht verdenken. Die Majorin ist +so etwas wie unsere Frau Kruse, und wenn ich zwischen beiden wählen +müßte, ich wüßte nicht wen.« + +»Ich wüßt es schon; es ist doch ein Unterschied zwischen den beiden. +Die arme Majorin ist unglücklich, die Kruse ist unheimlich.« + +»Und da bist du doch mehr für das Unglückliche?« »Ganz entschieden.« + +»Nun höre, das ist Geschmackssache. Man merkt, daß du noch nicht +unglücklich warst. Übrigens hat Crampas ein Talent, die arme Frau zu +eskamotieren. Er erfindet immer etwas, sie zu Hause zu lassen.« + +»Aber heute war sie doch da.« + +»Ja, heute. Da ging es nicht anders. Aber ich habe mit ihm eine Partie +zu Oberförster Ring verabredet, er, Gieshübler und der Pastor, auf +den dritten Feiertag, und da hättest du sehen sollen, mit welcher +Geschicklichkeit er bewies, daß sie, die Frau, zu Hause bleiben +müsse.« + +»Sind es denn nur Herren?« + +»O bewahre. Da würd ich mich auch bedanken. Du bist mit dabei und noch +zwei, drei andere Damen, die von den Gütern ungerechnet.« + +»Aber dann ist es doch auch häßlich von ihm, ich meine von Crampas, +und so was bestraft sich immer.« + +»Ja, mal kommt es. Aber ich glaube, unser Freund hält zu denen, die +sich über das, was kommt, keine grauen Haare wachsen lassen.« + +»Hältst du ihn für schlecht?« + +»Nein, für schlecht nicht. Beinah im Gegenteil, jedenfalls hat er gute +Seiten. Aber er ist so'n halber Pole, kein rechter Verlaß, eigentlich +in nichts, am wenigsten mit Frauen. Eine Spielernatur. Er spielt nicht +am Spieltisch, aber er hasardiert im Leben in einem fort, und man muß +ihm auf die Finger sehen.« + +»Es ist mir doch lieb, daß du mir das sagst. Ich werde mich vorsehen +mit ihm.« + +»Das tu. Aber nicht zu sehr; dann hilft es nichts. Unbefangenheit ist +immer das beste, natürlich das allerbeste ist Charakter und Festigkeit +und, wenn ich solch steifleinenes Wort brauchen darf, eine reine +Seele.« + +Sie sah ihn groß an. Dann sagte sie: »Ja, gewiß. Aber nun sprich nicht +mehr, und noch dazu lauter Dinge, die mich nicht recht froh machen +können. Weißt du, mir ist, als hörte ich oben das Tanzen. Sonderbar, +daß es immer wiederkommt. Ich dachte, du hättest mit dem allem nur so +gespaßt.« + +»Das will ich doch nicht sagen, Effi. Aber so oder so, man muß nur in +Ordnung sein und sich nicht zu fürchten brauchen.« + +Effi nickte und dachte mit einem Male wieder an die Worte, die ihr +Crampas über ihren Mann als »Erzieher« gesagt hatte. + +Der Heilige Abend kam und verging ähnlich wie das Jahr vorher; aus +Hohen-Cremmen kamen Geschenke und Briefe; Gieshübler war wieder mit +einem Huldigungsvers zur Stelle, und Vetter Briest sandte eine Karte: +Schneelandschaft mit Telegrafenstangen, auf deren Draht geduckt ein +Vögelchen saß. Auch für Annie war aufgebaut: ein Baum mit Lichtern, +und das Kind griff mit seinen Händchen danach. Innstetten, unbefangen +und heiter, schien sich seines häuslichen Glücks zu freuen und +beschäftigte sich viel mit dem Kinde. Roswitha war erstaunt, den +gnädigen Herrn so zärtlich und zugleich so aufgeräumt zu sehen. Auch +Effi sprach viel und lachte viel, es kam ihr aber nicht aus innerster +Seele. Sie fühlte sich bedrückt und wußte nur nicht, wen sie dafür +verantwortlich machen sollte, Innstetten oder sich selber. Von Crampas +war kein Weihnachtsgruß eingetroffen; eigentlich war es ihr lieb, aber +auch wieder nicht, seine Huldigungen erfüllten sie mit einem gewissen +Bangen, und seine Gleichgültigkeiten verstimmten sie; sie sah ein, es +war nicht alles so, wie's sein sollte. + +»Du bist so unruhig«, sagte Innstetten nach einer Weile. + +»Ja. Alle Welt hat es so gut mit mir gemeint, am meisten du; das +bedrückt mich, weil ich fühle, daß ich es nicht verdiene.« + +»Damit darf man sich nicht quälen, Effi. Zuletzt ist es doch so: Was +man empfängt, das hat man auch verdient.« + +Effi hörte scharf hin, und ihr schlechtes Gewissen ließ sie selber +fragen, ob er das absichtlich in so zweideutiger Form gesagt habe. + +Spät gegen Abend kam Pastor Lindequist, um zu gratulieren und noch +wegen der Partie nach der Oberförsterei Uvagla hin anzufragen, die +natürlich eine Schlittenpartie werden müsse. Crampas habe ihm einen +Platz in seinem Schlitten angeboten, aber weder der Major noch sein +Bursche, der, wie alles, auch das Kutschieren übernehmen solle, +kenne den Weg, und so würde es sich vielleicht empfehlen, die Fahrt +gemeinschaftlich zu machen, wobei dann der landrätliche Schlitten die +Tete zu nehmen und der Crampassche zu folgen hätte. Wahrscheinlich +auch der Gieshüblersche. Denn mit der Wegkenntnis Mirambos, dem sich +unerklärlicherweise Freund Alonzo, der doch sonst so vorsichtig, +anvertrauen wolle, stehe es wahrscheinlich noch schlechter als mit der +des sommersprossigen Treptower Ulanen. Innstetten, den diese kleinen +Verlegenheiten erheiterten, war mit Lindequists Vorschlag durchaus +einverstanden und ordnete die Sache dahin, daß er pünktlich um zwei +Uhr über den Marktplatz fahren und ohne alles Säumen die Führung des +Zuges in die Hand nehmen werde. + +Nach diesem Übereinkommen wurde denn auch verfahren, und als +Innstetten Punkt zwei Uhr den Marktplatz passierte, grüßte Crampas +zunächst von seinem Schlitten aus zu Effi hinüber und schloß sich +dann dem Innstettenschen an. Der Pastor saß neben ihm. Gieshüblers +Schlitten, mit Gieshübler selbst und Doktor Hannemann, folgte, jener +in einem eleganten Büffelrock und Marderbesatz, dieser in einem +Bärenpelz, dem man ansah, daß er wenigstens dreißig Dienstjahre +zählte. Hannemann war nämlich in seiner Jugend Schiffschirurgus auf +einem Grönlandfahrer gewesen. Mirambo saß vorn, etwas aufgeregt wegen +Unkenntnis im Kutschieren, ganz wie Lindequist vermutet hatte. + +Schon nach zwei Minuten war man an Utpatels Mühle vorbei. + +Zwischen Kessin und Uvagla (wo der Sage nach ein Wendentempel +gestanden) lag ein nur etwa tausend Schritt breiter, aber wohl +anderthalb Meilen langer Waldstreifen, der an seiner rechten +Längsseite das Meer, an seiner linken, bis weit an den Horizont hin, +ein großes, überaus fruchtbares und gut angebautes Stück Land hatte. +Hier, an der Binnenseite, flogen jetzt die drei Schlitten hin, in +einiger Entfernung ein paar alte Kutschwagen vor sich, in denen aller +Wahrscheinlichkeit nach andere nach der Oberförsterei hin eingeladene +Gäste saßen. Einer dieser Wagen war an seinen altmodisch hohen Rädern +deutlich zu erkennen, es war der Papenhagensche. Natürlich. Güldenklee +galt als der beste Redner des Kreises (noch besser als Borcke, ja +selbst besser als Grasenabb) und durfte bei Festlichkeiten nicht +leicht fehlen. Die Fahrt ging rasch - auch die herrschaftlichen +Kutscher strengten sich an und wollten sich nicht überholen lassen -, +so daß man schon um drei vor der Oberförsterei hielt. Ring, ein +stattlicher, militärisch dreinschauender Herr von Mitte Fünfzig, +der den ersten Feldzug in Schleswig noch unter Wrangel und Bonin +mitgemacht und sich bei Erstürmung des Danewerks ausgezeichnet hatte, +stand in der Tür und empfing seine Gäste, die, nachdem sie abgelegt +und die Frau des Hauses begrüßt hatten, zunächst vor einem +langgedeckten Kaffeetisch Platz nahmen, auf dem kunstvoll +aufgeschichtete Kuchenpyramiden standen. Die Oberförsterin, eine von +Natur sehr ängstliche, zum mindesten aber sehr befangene Frau, zeigte +sich auch als Wirtin so, was den überaus eitlen Oberförster, der für +Sicherheit und Schneidigkeit war, ganz augenscheinlich verdroß. Zum +Glück kam sein Unmut zu keinem Ausbruch, denn von dem, was seine +Frau vermissen ließ, hatten seine Töchter desto mehr, bildhübsche +Backfische von vierzehn und dreizehn, die ganz nach dem Vater +schlugen. Besonders die ältere, Cora, kokettierte sofort mit +Innstetten und Crampas, und beide gingen auch darauf ein. Effi ärgerte +sich darüber und schämte sich dann wieder, daß sie sich geärgert habe. +Sie saß neben Sidonie von Grasenabb und sagte: »Sonderbar, so bin ich +auch gewesen, als ich vierzehn war.« + +Effi rechnete darauf, daß Sidonie dies bestreiten oder doch wenigstens +Einschränkungen machen würde. Statt dessen sagte diese: »Das kann ich +mir denken.« + +»Und wie der Vater sie verzieht«, fuhr Effi halb verlegen und nur, um +doch was zu sagen, fort. + +Sidonie nickte. »Da liegt es. Keine Zucht. Das ist die Signatur +unserer Zeit.« + +Effi brach nun ab. + +Der Kaffee war bald genommen, und man stand auf, um noch einen +halbstündigen Spaziergang in den umliegenden Wald zu machen, zunächst +auf ein Gehege zu, drin Wild eingezäunt war. Cora öffnete das Gatter, +und kaum, daß sie eingetreten, so kamen auch schon die Rehe auf +sie zu. Es war eigentlich reizend, ganz wie ein Märchen. Aber die +Eitelkeit des jungen Dinges, das sich bewußt war, ein lebendes Bild zu +stellen, ließ doch einen reinen Eindruck nicht aufkommen, am wenigsten +bei Effi. »Nein«, sagte sie zu sich selber, »so bin ich doch nicht +gewesen. Vielleicht hat es mir auch an Zucht gefehlt, wie diese +furchtbare Sidonie mir eben andeutete, vielleicht auch anderes noch. +Man war zu Haus zu gütig gegen mich, man liebte mich zu sehr. Aber das +darf ich doch wohl sagen, ich habe mich nie geziert. Das war immer +Huldas Sache. Darum gefiel sie mir auch nicht, als ich diesen Sommer +sie wiedersah. + +Auf dem Rückwege vom Wald nach der Oberförsterei begann es zu +schneien. Crampas gesellte sich zu Effi und sprach ihr sein Bedauern +aus, daß er noch nicht Gelegenheit gehabt habe, sie zu begrüßen. +Zugleich wies er auf die großen, schweren Schneeflocken, die fielen, +und sagte: »Wenn das so weitergeht, so schneien wir hier ein.« + +»Das wäre nicht das Schlimmste. Mit dem Eingeschneitwerden verbinde +ich von langer Zeit her eine freundliche Vorstellung, eine Vorstellung +von Schutz und Beistand.« + +»Das ist mir neu, meine gnädigste Frau.« + +»Ja«, fuhr Effi fort und versuchte zu lachen, »mit den Vorstellungen +ist es ein eigen Ding, man macht sie sich nicht bloß nach dem, was +man persönlich erfahren hat, auch nach dem, was man irgendwo gehört +oder ganz zufällig weiß. Sie sind so belesen, Major, aber mit einem +Gedicht - freilich keinem Heineschen, keinem 'Seegespenst' und +keinem 'Vitzliputzli' - bin ich Ihnen, wie mir scheint, doch voraus. +Dies Gedicht heißt die 'Gottesmauer', und ich hab es bei unserm +Hohen-Cremmer Pastor vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ganz +klein war, auswendig gelernt.« + +»Gottesmauer«, wiederholte Crampas. »Ein hübscher Titel, und wie +verhält es sich damit?« + +»Eine kleine Geschichte, nur ganz kurz. Da war irgendwo Krieg, ein +Winterfeldzug, und eine alte Witwe, die sich vor dem Feinde mächtig +fürchtete, betete zu Gott, er möge doch 'eine Mauer um sie bauen', +um sie vor dem Landesfeinde zu schützen. Und da ließ Gott das Haus +einschneien, und der Feind zog daran vorüber.« + +Crampas war sichtlich betroffen und wechselte das Gespräch. + +Als es dunkelte, waren alle wieder in der Oberförsterei zurück. + + + +Neunzehntes Kapitel + +Gleich nach sieben ging man zu Tisch, und alles freute sich, daß der +Weihnachtsbaum, eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne, noch +einmal angesteckt wurde. Crampas, der das Ringsche Haus noch nicht +kannte, war helle Bewunderung. Der Damast, die Weinkühler, das +reiche Silbergeschirr, alles wirkte herrschaftlich, weit über +oberförsterliche Durchschnittsverhältnisse hinaus, was darin seinen +Grund hatte, daß Rings Frau, so scheu und verlegen sie war, aus einem +reichen Danziger Kornhändlerhause stammte. Von daher rührten auch die +meisten der ringsumher hängenden Bilder: der Kornhändler und seine +Frau, der Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem berühmten +Memlingschen Altarbild in der Danziger Marienkirche. Kloster Olivia +war zweimal da, einmal in Öl und einmal in Kork geschnitzt. Außerdem +befand sich über dem Büfett ein sehr nachgedunkeltes Porträt des +alten Nettelbeck, das noch aus dem bescheidenen Mobiliar des erst vor +anderthalb Jahren verstorbenen Ringschen Amtsvorgängers herrührte. +Niemand hatte damals bei der gewöhnlich stattfindenden Auktion das +Bild des Alten haben wollen, bis Innstetten, der sich über diese +Mißachtung ärgerte, darauf geboten hatte. Da hatte sich denn auch +Ring patriotisch besonnen, und der alte Kolbergverteidiger war der +Oberförsterei verblieben. + +Das Nettelbeckbild ließ ziemlich viel zu wünschen übrig; sonst aber +verriet alles, wie schon angedeutet, eine beinahe an Glanz streifende +Wohlhabenheit, und dem entsprach denn auch das Mahl, das aufgetragen +wurde. Jeder hatte mehr oder weniger seine Freude daran, mit Ausnahme +Sidoniens. Diese saß zwischen Innstetten und Lindequist und sagte, als +sie Coras ansichtig wurde: »Da ist ja wieder dies unausstehliche Balg, +diese Cora. Sehen Sie nur, Innstetten, wie sie die kleinen Weingläser +präsentiert, ein wahres Kunststück, sie könnte jeden Augenblick +Kellnerin werden. Ganz unerträglich. Und dazu die Blicke von Ihrem +Freund Crampas! Das ist so die rechte Saat! Ich frage Sie, was soll +dabei herauskommen?« + +Innstetten, der ihr eigentlich zustimmte, fand trotzdem den Ton, in +dem das alles gesagt wurde, so verletzend herbe daß er spöttisch +bemerkte: »Ja, meine Gnädigste, was dabei herauskommen soll? Ich weiß +es auch nicht« - worauf sich Sidonie von ihm ab- und ihrem Nachbarn +zur Linken zuwandte: + +»Sagen Sie, Pastor, ist diese vierzehnjährige Kokette schon im +Unterricht bei Ihnen?« + +»Ja, mein gnädiges Fräulein.« + +»Dann müssen Sie mir die Bemerkung verzeihen, daß Sie sie nicht in die +richtige Schule genommen haben. Ich weiß wohl, es hält das heutzutage +sehr schwer, aber ich weiß auch, daß die, denen die Fürsorge für junge +Seelen obliegt, es vielfach an dem rechten Ernst fehlen lassen. Es +bleibt dabei, die Hauptschuld tragen die Eltern und Erzieher.« + +Lindequist, denselben Ton anschlagend wie Innstetten, antwortete, daß +das alles sehr richtig, der Geist der Zeit aber zu mächtig sei. + +»Geist der Zeit!« sagte Sidonie. »Kommen Sie mir nicht damit. Das +kann ich nicht hören, das ist der Ausdruck höchster Schwäche, +Bankrotterklärung. Ich kenne das; nie scharf zufassen wollen, immer +dem Unbequemen aus dem Wege gehen. Denn Pflicht ist unbequem. Und so +wird nur allzuleicht vergessen, daß das uns anvertraute Gut auch mal +von uns zurückgefordert wird. Eingreifen, lieber Pastor, Zucht. Das +Fleisch ist schwach, gewiß, aber ...« + +In diesem Augenblick kam ein englisches Roastbeef, von dem Sidonie +ziemlich ausgiebig nahm, ohne Lindequists Lächeln dabei zu bemerken. +Und weil sie's nicht bemerkte, so durfte es auch nicht wundernehmen, +daß sie mit viel Unbefangenheit fortfuhr: »Es kann übrigens alles, was +Sie hier sehen, nicht wohl anders sein; alles ist schief und verfahren +von Anfang an. Ring, Ring - wenn ich nicht irre, hat es drüben in +Schweden oder da herum mal einen Sagenkönig dieses Namens gegeben. +Nun sehen Sie, benimmt er sich nicht, als ob er von dem abstamme? +Und seine Mutter, die ich noch gekannt habe, war eine Plättfrau in +Köslin.« + +»Ich kann darin nichts Schlimmes finden.« + +»Schlimmes finden? Ich auch nicht. Und jedenfalls gibt es Schlimmeres. +Aber soviel muß ich doch von Ihnen, als einem geweihten Diener der +Kirche, gewärtigen dürfen, daß Sie die gesellschaftlichen Ordnungen +gelten lassen. Ein Oberförster ist ein bißchen mehr als ein Förster, +und ein Förster hat nicht solche Weinkühler und solch Silberzeug; +das alles ist ungehörig und zieht dann solche Kinder groß wie dies +Fräulein Cora.« + +Sidonie, jedesmal bereit, irgendwas Schreckliches zu prophezeien, wenn +sie, vom Geist überkommen, die Schalen ihres Zorns ausschüttete, würde +sich auch heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft gesteigert +haben, wenn nicht in ebendiesem Augenblick die dampfende Punschbowle +- womit die Weihnachtsreunions bei Ring immer abschlossen - auf +der Tafel erschienen wäre, dazu Krausgebackenes, das, geschickt +übereinandergetürmt, noch weit über die vor einigen Stunden +aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs. Und nun trat auch Ring +selbst, der sich bis dahin etwas zurückgehalten hatte, mit einer +gewissen strahlenden Feierlichkeit in Aktion und begann die vor ihm +stehenden Gläser, große geschliffene Römer, in virtuosem Bogensturz zu +füllen, ein Einschenkekunststück, das die stets schlagfertige Frau von +Padden, die heute leider fehlte, mal als »Ringsche Füllung en cascade« +bezeichnet hatte. Rotgolden wölbte sich dabei der Strahl, und kein +Tropfen durfte verlorengehen. So war es auch heute wieder. Zuletzt +aber, als jeder, was ihm zukam, in Händen hielt - auch Cora, die sich +mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf »Onkel Crampas'« +Schoß gesetzt hatte -, erhob sich der alte Papenhagner, um, wie +herkömmlich bei Festlichkeiten der Art, einen Toast auf seinen lieben +Oberförster auszubringen. Es gäbe viele Ringe, so etwa begann er, +Jahresringe, Gardinenringe, Trauringe, und was nun gar - denn auch +davon dürfe sich am Ende wohl sprechen lassen - die Verlobungsringe +angehe, so sei glücklicherweise die Gewähr gegeben, daß einer davon +in kürzester Frist in diesem Hause sichtbar werden und den Ringfinger +(und zwar hier in einem doppelten Sinne den Ringfinger) eines kleinen +hübschen Pätschelchens zieren werde... + +»Unerhört«, raunte Sidonie dem Pastor zu. + +»Ja, meine Freunde«, fuhr Güldenklee mit gehobener Stimme fort, »viele +Ringe gibt es, und es gibt sogar eine Geschichte, die wir alle kennen, +die die Geschichte von den 'drei Ringen' heißt, eine Judengeschichte, +die, wie der ganze liberale Krimskrams, nichts wie Verwirrung und +Unheil gestiftet hat und noch stiftet. Gott bessere es. Und nun lassen +Sie mich schließen, um Ihre Geduld und Nachsicht nicht über Gebühr in +Anspruch zu nehmen. Ich bin nicht für diese drei Ringe, meine Lieben, +ich bin vielmehr für einen Ring, für einen Ring, der so recht ein Ring +ist, wie er sein soll, ein Ring, der alles Gute, was wir in unsrem +altpommerschen Kessiner Kreise haben, alles, was noch mit Gott für +König und Vaterland einsteht - und es sind ihrer noch einige (lauter +Jubel) -, an diesem seinem gastlichen Tisch vereinigt sieht. Für +diesen Ring bin ich. Er lebe hoch!« + +Alles stimmte ein und umdrängte Ring, der, solange das dauerte, das +Amt des »Einschenkens en cascade« an den ihm gegenübersitzenden +Crampas abtreten mußte; der Hauslehrer aber stürzte von seinem Platz +am unteren Ende der Tafel an das Klavier und schlug die ersten Takte +des Preußenliedes an, worauf alles stehend und feierlich einfiel: »Ich +bin ein Preuße ... will ein Preuße sein.« + +»Es ist doch etwas Schönes«, sagte gleich nach der ersten Strophe der +alte Borcke zu Innstetten, »so was hat man in anderen Ländern nicht.« + +»Nein«, antwortete Innstetten, der von solchem Patriotismus nicht viel +hielt, »in anderen Ländern hat man was anderes.« + +Man sang alle Strophen durch, dann hieß es, die Wagen seien +vorgefahren, und gleich danach erhob sich alles, um die Pferde nicht +warten zu lassen. Denn diese Rücksicht »auf die Pferde« ging auch im +Kreise Kessin allem anderen vor. Im Hausflur standen zwei hübsche +Mägde, Ring hielt auf dergleichen, um den Herrschaften beim Anziehen +ihrer Pelze behilflich zu sein. Alles war heiter angeregt, einige mehr +als das, und das Einsteigen in die verschiedenen Gefährte schien sich +schnell und ohne Störung vollziehen zu sollen, als es mit einemmal +hieß, der Gieshüblersche Schlitten sei nicht da. Gieshübler selbst war +viel zu artig, um gleich Unruhe zu zeigen oder gar Lärm zu machen; +endlich aber, weil doch wer das Wort nehmen mußte, fragte Crampas, was +es denn eigentlich sei. + +»Mirambo kann nicht fahren«, sagte der Hofknecht; »das linke Pferd hat +ihn beim Anspannen vor das Schienbein geschlagen. Er liegt im Stall +und schreit.« + +Nun wurde natürlich nach Doktor Hannemann gerufen, der denn auch +hinausging und nach fünf Minuten mit echter Chirurgenruhe versicherte: +ja, Mirambo müsse zurückbleiben; es sei vorläufig in der Sache nichts +zu machen als stilliegen und kühlen. Übrigens von Bedenklichem keine +Rede. Das war nun einigermaßen ein Trost, aber schaffte doch die +Verlegenheit, wie der Gieshüblersche Schlitten zurückzufahren sei, +nicht aus der Welt, bis Innstetten erklärte, daß er für Mirambo +einzutreten und das Zwiegestirn von Doktor und Apotheker persönlich +glücklich heimzusteuern gedenke. Lachend und unter ziemlich +angeheiterten Scherzen gegen den verbindlichsten aller Landräte, der +sich, um hilfreich zu sein, sogar von seiner jungen Frau trennen +wolle, wurde dem Vorschlag zugestimmt, und Innstetten, mit Gieshübler +und dem Doktor im Fond, nahm jetzt wieder die Tete. Crampas und +Lindequist folgten unmittelbar. Und als gleich danach auch Kruse mit +dem landrätlichen Schlitten vorfuhr, trat Sidonie lächelnd an Effi +heran und bat diese, da ja nun ein Platz frei sei, mit ihr fahren zu +dürfen. »In unserer Kutsche ist es immer so stickig; mein Vater liebt +das. Und außerdem, ich möchte so gerne mit Ihnen plaudern. Aber nur +bis Quappendorf. Wo der Morgnitzer Weg abzweigt, steig ich aus und muß +dann wieder in unseren unbequemen Kasten. Und Papa raucht auch noch.« + +Effi war wenig erfreut über diese Begleitung und hätte die Fahrt +lieber allein gemacht; aber ihr blieb keine Wahl, und so stieg denn +das Fräulein ein, und kaum daß beide Damen ihre Plätze genommen +hatten, so gab Kruse den Pferden auch schon einen Peitschenknips, und +von der oberförsterlichen Rampe her, von der man einen prächtigen +Ausblick auf das Meer hatte, ging es die ziemlich steile Düne hinunter +auf den Strandweg zu, der, eine Meile lang, in beinahe gerader Linie +bis an das Kessiner Strandhotel und von dort aus, rechts einbiegend, +durch die Plantage hin in die Stadt führte. + +Der Schneefall hatte schon seit ein paar Stunden aufgehört, die Luft +war frisch, und auf das weite dunkelnde Meer fiel der matte Schein der +Mondsichel. Kruse fuhr hart am Wasser hin, mitunter den Schaum der +Brandung durchschneidend, und Effi, die etwas fröstelte, wickelte sich +fester in ihren Mantel und schwieg noch immer und mit Absicht. Sie +wußte recht gut, daß das mit der »stickigen Kutsche« bloß ein Vorwand +gewesen und daß sich Sidonie nur zu ihr gesetzt hatte, um ihr etwas +Unangenehmes zu sagen. Und das kam immer noch früh genug. Zudem +war sie wirklich müde, vielleicht von dem Spaziergange im Walde, +vielleicht auch von dem oberförsterlichen Punsch, dem sie, auf Zureden +der neben ihr sitzenden Frau von Flemming, tapfer zugesprochen hatte. +Sie tat denn auch, als ob sie schliefe, schloß die Augen und neigte +den Kopf immer mehr nach links. + +»Sie sollten sich nicht so sehr nach links beugen, meine gnädigste +Frau. Fährt der Schlitten auf einen Stein, so fliegen Sie hinaus. Ihr +Schlitten hat ohnehin kein Schutzleder und, wie ich sehe, auch nicht +einmal die Haken dazu.« + +»Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben so was Prosaisches. +Und dann, wenn ich hinausflöge, mir wär es recht, am liebsten gleich +in die Brandung. Freilich ein etwas kaltes Bad, aber was tut's ... +Übrigens, hören Sie nichts?« + +»Nein.« + +»Hören Sie nicht etwas wie Musik?« »Orgel?« + +»Nein, nicht Orgel. Da würd ich denken, es sei das Meer. Aber es +ist etwas anderes, ein unendlich feiner Ton, fast wie menschliche +Stimme ...« + +»Das sind Sinnestäuschungen«, sagte Sidonie, die jetzt den richtigen +Einsetzmoment gekommen glaubte. »Sie sind nervenkrank. Sie hören +Stimmen. Gebe Gott, daß Sie auch die richtige Stimme hören.« + +»Ich höre ... nun, gewiß, es ist Torheit, ich weiß, sonst würd ich mir +einbilden, ich hätte die Meerfrauen singen hören ... Aber, ich bitte +Sie, was ist das? Es blitzt ja bis hoch in den Himmel hinauf. Das muß +ein Nordlicht sein.« + +»Ja«, sagte Sidonie. »Gnädigste Frau tun ja, als ob es ein Weltwunder +wäre. Das ist es nicht. Und wenn es dergleichen wäre, wir haben uns +vor Naturkultus zu hüten. Übrigens ein wahres Glück, daß wir außer +Gefahr sind, unsern Freund Oberförster, diesen eitelsten aller +Sterblichen, über dies Nordlicht sprechen zu hören. Ich wette, daß er +sich einbilden würde, das tue ihm der Himmel zu Gefallen, um sein Fest +noch festlicher zu machen. Er ist ein Narr. Güldenklee konnte Besseres +tun, als ihn feiern. Und dabei spielt er sich auf den Kirchlichen aus +und hat auch neulich eine Altardecke geschenkt. Vielleicht, daß Cora +daran mitgestickt hat. Diese Unechten sind schuld an allem, denn ihre +Weltlichkeit liegt immer obenauf und wird denen mit angerechnet, die's +ernst mit dem Heil ihrer Seele meinen.« + +»Es ist so schwer, ins Herz zu sehen!« + +»Ja. Das ist es. Aber bei manchem ist es auch ganz leicht.« Und dabei +sah sie die junge Frau mit beinahe ungezogener Eindringlichkeit an. +Effi schwieg und wandte sich ungeduldig zur Seite. + +»Bei manchem, sag ich, ist es ganz leicht«, wiederholte Sidonie, die +ihren Zweck erreicht hatte und deshalb ruhig lächelnd fortfuhr. »Und +zu diesen leichten Rätseln gehört unser Oberförster. Wer seine Kinder +so erzieht, den beklag ich, aber das eine Gute hat es, es liegt bei +ihm alles klar da. Und wie bei ihm selbst, so bei den Töchtern. Cora +geht nach Amerika und wird Millionärin oder Methodistenpredigerin; +in jedem Fall ist sie verloren. Ich habe noch keine Vierzehnjährige +gesehen ...« + +In diesem Augenblick hielt der Schlitten, und als sich beide Damen +umsahen, um in Erfahrung zu bringen, was es denn eigentlich sei, +bemerkten sie, daß rechts von ihnen, in etwa dreißig Schritt Abstand, +auch die beiden anderen Schlitten hielten - am weitesten nach rechts +der von Innstetten geführte, näher heran der Crampassche. + +»Was ist?« fragte Effi. + +Kruse wandte sich halb herum und sagte: »Der Schloon, gnäd'ge Frau.« + +»Der Schloon? Was ist das? Ich sehe nichts.« + +Kruse wiegte den Kopf hin und her, wie wenn er ausdrücken wollte, daß +die Frage leichter gestellt als beantwortet sei. + +Worin er auch recht hatte. Denn was der Schloon sei, das war nicht +so mit drei Worten zu sagen. Kruse fand aber in seiner Verlegenheit +alsbald Hilfe bei dem gnädigen Fräulein, das hier mit allem Bescheid +wußte und natürlich auch mit dem Schloon. + +»Ja, meine gnädigste Frau«, sagte Sidonie, »da steht es schlimm. Für +mich hat es nicht viel auf sich, ich komme bequem durch; denn wenn +erst die Wagen heran sind, die haben hohe Räder, und unsere Pferde +sind außerdem daran gewöhnt. Aber mit solchem Schlitten ist es was +anderes; die versinken im Schloon, und Sie werden wohl oder übel einen +Umweg machen müssen.« + +»Versinken! Ich bitte Sie, mein gnädigstes Fräulein, ich sehe noch +immer nicht klar. Ist denn der Schloon ein Abgrund oder irgendwas, +drin man mit Mann und Maus zugrunde gehen muß? Ich kann mir so was +hierzulande gar nicht denken.« + +»Und doch ist es so was, nur freilich im kleinen; dieser Schloon ist +eigentlich bloß ein kümmerliches Rinnsal, das hier rechts vom Gothener +See herunterkommt und sich durch die Dünen schleicht. Und im Sommer +trocknet es mitunter ganz aus, und Sie fahren dann ruhig drüber hin +und wissen es nicht einmal.« + +»Und im Winter?« + +»Ja, im Winter, da ist es was anderes; nicht immer, aber doch oft. Da +wird es dann ein Sog.« + +»Mein Gott, was sind das nur alles für Namen und Wörter!« + +»... Da wird es ein Sog, und am stärksten immer dann, wenn der Wind +nach dem Lande hin steht. Dann drückt der Wind das Meerwasser in das +kleine Rinnsal hinein, aber nicht so, daß man es sehen kann. Und das +ist das Schlimmste von der Sache, darin steckt die eigentliche Gefahr. +Alles geht nämlich unterirdisch vor sich, und der ganze Strandsand ist +dann bis tief hinunter mit Wasser durchsetzt und gefüllt. Und wenn man +dann über solche Sandstelle weg will, die keine mehr ist, dann sinkt +man ein, als ob es ein Sumpf oder ein Moor wäre.« + +»Das kenn ich«, sagte Effi lebhaft. »Das ist wie in unsrem Luch«, +und inmitten all ihrer Ängstlichkeit wurde ihr mit einem Male ganz +wehmütig freudig zu Sinn. + +Während das Gespräch noch so ging und sich fortsetzte, war Crampas +aus seinem Schlitten ausgestiegen und auf den am äußersten Flügel +haltenden Gieshüblerschen zugeschritten, um hier mit Innstetten zu +verabreden, was nun wohl eigentlich zu tun sei. Knut, so meldete +er, wolle die Durchfahrt riskieren, aber Knut sei dumm und verstehe +nichts von der Sache; nur solche, die hier zu Hause seien, müßten die +Entscheidung treffen. Innstetten - sehr zu Crampas' Überraschung - war +auch fürs »Riskieren«, es müsse durchaus noch mal versucht werden ... +er wisse schon, die Geschichte wiederholte sich jedesmal: Die Leute +hier hätten einen Aberglauben und vorweg eine Furcht, während es +doch eigentlich wenig zu bedeuten habe. Nicht Knut, der wisse nicht +Bescheid, wohl aber Kruse solle noch einmal einen Anlauf nehmen und +Crampas derweilen bei den Damen einsteigen (ein kleiner Rücksitz sei +ja noch da), um bei der Hand zu sein, wenn der Schlitten umkippe. Das +sei doch schließlich das Schlimmste, was geschehen könne. + +Mit dieser Innstettenschen Botschaft erschien jetzt Crampas bei den +beiden Damen und nahm, als er lachend seinen Auftrag ausgeführt hatte, +ganz nach empfangener Order den kleinen Sitzplatz ein, der eigentlich +nichts als eine mit Tuch überzogene Leiste war, und rief Kruse zu: +»Nun, vorwärts, Kruse.« + +Dieser hatte denn auch die Pferde bereits um hundert Schritte +zurückgezoppt und hoffte, scharf anfahrend, den Schlitten glücklich +durchbringen zu können; im selben Augenblick aber, wo die Pferde den +Schloon auch nur berührten, sanken sie bis über die Knöchel in den +Sand ein, so daß sie nur mit Mühe nach rückwärts wieder heraus +konnten. + +»Es geht nicht«, sagte Crampas, und Kruse nickte. + +Während sich dies abspielte, waren endlich auch die Kutschen +herangekommen, die Grasenabbsche vorauf, und als Sidonie, nach kurzem +Dank gegen Effi, sich verabschiedet und dem seine türkische Pfeife +rauchenden Vater gegenüber ihren Rückplatz eingenommen hatte, ging es +mit dem Wagen ohne weiteres auf den Schloon zu; die Pferde sanken tief +ein, aber die Räder ließen alle Gefahr leicht überwinden, und ehe eine +halbe Minute vorüber war, trabten auch schon die Grasenabbs drüben +weiter. Die andern Kutschen folgten. Effi sah ihnen nicht ohne Neid +nach. Indessen nicht lange, denn auch für die Schlittenfahrer war in +der zwischenliegenden Zeit Rat geschafft worden, und zwar einfach +dadurch, daß sich Innstetten entschlossen hatte, statt aller weiteren +Forcierung das friedlichere Mittel eines Umwegs zu wählen. Also genau +das, was Sidonie gleich anfangs in Sicht gestellt hatte. Vom rechten +Flügel her klang des Landrats bestimmte Weisung herüber, vorläufig +diesseits zu bleiben und ihm durch die Dünen hin bis an eine weiter +hinauf gelegene Bohlenbrücke zu folgen. Als beide Kutscher, Knut +und Kruse, so verständigt waren, trat der Major, der, um Sidonie zu +helfen, gleichzeitig mit dieser ausgestiegen war, wieder an Effi heran +und sagte: »Ich kann Sie nicht allein lassen, gnäd'ge Frau.« + +Effi war einen Augenblick unschlüssig, rückte dann aber rasch von der +einen Seite nach der anderen hinüber, und Crampas nahm links neben ihr +Platz. + +All dies hätte vielleicht mißdeutet werden können, Crampas selbst aber +war zu sehr Frauenkenner, um es sich bloß in Eitelkeit zurechtzulegen. +Er sah deutlich, daß Effi nur tat, was nach Lage der Sache das einzig +Richtige war. Es war unmöglich für sie, sich seine Gegenwart zu +verbitten. Und so ging es denn im Fluge den beiden anderen Schlitten +nach, immer dicht an dem Wasserlauf hin, an dessen anderem Ufer dunkle +Waldmassen aufragten. Effi sah hinüber und nahm an, daß schließlich an +dem landeinwärts gelegenen Außenrand des Waldes hin die Weiterfahrt +gehen würde, genau also den Weg entlang, auf dem man in früher +Nachmittagsstunde gekommen war. Innstetten aber hatte sich inzwischen +einen anderen Plan gemacht, und im selben Augenblick, wo sein +Schlitten die Bohlenbrücke passierte, bog er, statt den Außenweg zu +wählen, in einen schmaleren Weg ein, der mitten durch die dichte +Waldmasse hindurchführte. Effi schrak zusammen. Bis dahin waren Luft +und Licht um sie her gewesen, aber jetzt war es damit vorbei, und die +dunklen Kronen wölbten sich über ihr. Ein Zittern überkam sie, und sie +schob die Finger fest ineinander, um sich einen Halt zu geben Gedanken +und Bilder jagten sich, und eines dieser Bilder war das Mütterchen in +dem Gedichte, das die »Gottesmauer« hieß, und wie das Mütterchen, so +betete auch sie jetzt, daß Gott eine Mauer um sie her bauen möge. +Zwei, drei Male kam es auch über ihre Lippen, aber mit einemmal fühlte +sie, daß es tote Worte waren. Sie fürchtete sich und war doch zugleich +wie in einem Zauberbann und wollte auch nicht heraus. + +»Effi«, klang es jetzt leise an ihr Ohr, und sie hörte, daß seine +Stimme zitterte. Dann nahm er ihre Hand und löste die Finger, die sie +noch immer geschlossen hielt, und überdeckte sie mit heißen Küssen. Es +war ihr, als wandle sie eine Ohnmacht an. + +Als sie die Augen wieder öffnete, war man aus dem Wald heraus, und in +geringer Entfernung vor sich hörte sie das Geläut der vorauseilenden +Schlitten. Immer vernehmlicher klang es, und als man, dicht vor +Utpatels Mühle, von den Dünen her in die Stadt einbog, lagen rechts +die kleinen Häuser mit ihren Schneedächern neben ihnen. + +Effi blickte sich um, und im nächsten Augenblick hielt der Schlitten +vor dem landrätlichen Hause. + + + +Zwanzigstes Kapitel + +Innstetten, der Effi, als er sie aus dem Schlitten hob, scharf +beobachtete, aber doch ein Sprechen über die sonderbare Fahrt zu +zweien vermieden hatte, war am anderen Morgen früh auf und suchte +seiner Verstimmung, die noch nachwirkte, so gut es ging, Herr zu +werden. + +»Du hast gut geschlafen?« sagte er, als Effi zum Frühstück kam. + +»Ja.« + +»Wohl dir. Ich kann dasselbe von mir nicht sagen. Ich träumte, daß +du mit dem Schlitten im Schloon verunglückt seist, und Crampas mühte +sich, dich zu retten; ich muß es so nennen, aber er versank mit dir.« + +»Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es verbirgt sich ein +Vorwurf dahinter, und ich ahne, weshalb.« + +»Sehr merkwürdig.« + +»Du bist nicht einverstanden damit, daß Crampas kam und uns seine +Hilfe anbot.« + +»Uns?« + +»Ja, uns. Sidonien und mir. Du mußt durchaus vergessen haben, daß +der Major in deinem Auftrag kam. Und als er mir erst gegenübersaß, +beiläufig jämmerlich genug auf der elenden schmalen Leiste, sollte +ich ihn da ausweisen, als die Grasenabbs kamen und mit einem Male die +Fahrt weiterging? Ich hätte mich lächerlich gemacht, und dagegen bist +du doch so empfindlich. Erinnere dich, daß wir unter deiner Zustimmung +viele Male gemeinschaftlich spazierengeritten sind, und nun sollte ich +nicht gemeinschaftlich mit ihm fahren? Es ist falsch, so hieß es bei +uns zu Haus, einem Edelmanne Mißtrauen zu zeigen.« + +»Einem Edelmanne«, sagte Innstetten mit Betonung. + +»Ist er keiner? Du hast ihn selbst einen Kavalier genannt, sogar einen +perfekten Kavalier.« + +»Ja«, fuhr Innstetten fort, und seine Stimme wurde freundlicher, +trotzdem ein leiser Spott noch darin nachklang. »Kavalier, das ist +er, und ein perfekter Kavalier, das ist er nun schon ganz gewiß. Aber +Edelmann! Meine liebe Effi, ein Edelmann sieht anders aus. Hast du +schon etwas Edles an ihm bemerkt? Ich nicht.« + +Effi sah vor sich hin und schwieg. + +»Es scheint, wir sind gleicher Meinung. Im übrigen, wie du schon +sagtest, bin ich selber schuld; von einem Fauxpas mag ich nicht +sprechen, das ist in diesem Zusammenhang kein gutes Wort. Also selber +schuld, und es soll nicht wieder vorkommen, soweit ich's hindern kann. +Aber auch du, wenn ich dir raten darf, sei auf deiner Hut. Er ist ein +Mann der Rücksichtslosigkeiten und hat so seine Ansichten über junge +Frauen. Ich kenne ihn von früher.« + +»Ich werde mir deine Worte gesagt sein lassen. Nur soviel, ich glaube, +du verkennst ihn.« + +»Ich verkenne ihn nicht.« + +»Oder mich«, sagte sie mit einer Kraftanstrengung und versuchte seinem +Blick zu begegnen. + +»Auch dich nicht, meine liebe Effi Du bist eine reizende kleine Frau, +aber Festigkeit ist nicht eben deine Spezialität.« + +Er erhob sich, um zu gehen. Als er bis an die Tür gegangen war, trat +Friedrich ein, um ein Gieshüblersches Billett abzugeben, das natürlich +an die gnädige Frau gerichtet war. + +Effi nahm es. »Eine Geheimkorrespondenz mit Gieshüb1er«, sagte sie; +»Stoff zu neuer Eifersucht für meinen gestrengen Herrn. Oder nicht?« + +»Nein, nicht ganz, meine liebe Effi. Ich begehe die Torheit, zwischen +Crampas und Gieshübler einen Unterschied zu machen. Sie sind sozusagen +nicht von gleichem Karat; nach Karat berechnet man nämlich den reinen +Goldeswert, unter Umständen auch der Menschen. Mir persönlich, um +auch das noch zu sagen, ist Gieshüblers weißes Jabot, trotzdem kein +Mensch mehr Jabots trägt, erheblich lieber als Crampas' rot-blonder +Sappeurbart. Aber ich bezweifle, daß dies weiblicher Geschmack ist.« + +»Du hältst uns für schwächer, als wir sind.« + +»Eine Tröstung von praktisch außerordentlicher Geringfügigkeit. Aber +lassen wir das. Lies lieber.« + +Und Effi las: »Darf ich mich nach der gnäd'gen Frau Befinden +erkundigen? Ich weiß nur, daß Sie dem Schloon glücklich entronnen +sind; aber es blieb auch durch den Wald immer noch Fährlichkeit genug. +Eben kommt Doktor Hannemann von Uvagla zurück und beruhigt mich über +Mirambo; gestern habe er die Sache für bedenklicher angesehen, als er +uns habe sagen wollen, heute nicht mehr. Es war eine reizende Fahrt. +- In drei Tagen feiern wir Silvester. Auf eine Festlichkeit wie die +vorjährige müssen wir verzichten; aber einen Ball haben wir natürlich, +und Sie erscheinen zu sehen würde die Tanzwelt beglücken und nicht am +wenigsten Ihren respektvollst ergebenen Alonzo G.« + +Effi lachte. »Nun, was sagst du?« + +»Nach wie vor nur das eine, daß ich dich lieber mit Gieshübler als mit +Crampas sehe.« + +»Weil du den Crampas zu schwer und den Gieshübler zu leicht nimmst.« + +Innstetten drohte ihr scherzhaft mit dem Finger. + +Drei Tage später war Silvester. Effi erschien in einer reizenden +Balltoilette, einem Geschenk, das ihr der Weihnachtstisch gebracht +hatte; sie tanzte aber nicht, sondern nahm ihren Platz bei den alten +Damen, für die, ganz in der Nähe der Musikempore, die Fauteuils +gestellt waren. Von den adligen Familien, mit denen Innstettens +vorzugsweise verkehrten, war niemand da, weil kurz vorher ein kleines +Zerwürfnis mit dem städtischen Ressourcenvorstand, der, namentlich +seitens des alten Güldenklee, mal wieder »destruktiver Tendenzen« +beschuldigt worden war, stattgefunden hatte; drei, vier andere adlige +Familien aber, die nicht Mitglieder der Ressource, sondern immer nur +geladene Gäste waren und deren Güter an der anderen Seite der Kessine +lagen, waren aus zum Teil weiter Entfernung über das Flußeis gekommen +und freuten sich, an dem Fest teilnehmen zu können. Effi saß zwischen +der alten Ritterschaftsrätin von Padden und einer etwas jüngeren Frau +von Titzewitz. + +Die Ritterschaftsrätin, eine vorzügliche alte Dame, war in allen +Stücken ein Original und suchte das, was die Natur, besonders durch +starke Backenknochenbildung, nach der wendisch-heidnischen Seite hin +für sie getan hatte, durch christlich-germanische Glaubensstrenge +wieder in Ausgleich zu bringen. + +In dieser Strenge ging sie so weit, daß selbst Sidonie von Grasenabb +eine Art Esprit fort neben ihr war, wogegen sie freilich - vielleicht +weil sich die Radegaster und die Swantowiter Linie des Hauses in ihr +vereinigten - über jenen alten Paddenhumor verfügte, der von langer +Zeit her wie ein Segen auf der Familie ruhte und jeden, der mit +derselben in Berührung kam, auch wenn es Gegner in Politik und Kirche +waren, herzlich erfreute. + +»Nun, Kind«, sagte die Ritterschaftsrätin, »wie geht es Ihnen denn +eigentlich?« + +»Gut, gnädigste Frau; ich habe einen sehr ausgezeichneten Mann.« + +»Weiß ich. Aber das hilft nicht immer. Ich hatte auch einen +ausgezeichneten Mann. Wie steht es hier? Keine Anfechtungen?« + +Effi erschrak und war zugleich wie gerührt. + +Es lag etwas ungemein Erquickliches in dem freien und natürlichen Ton, +in dem die alte Dame sprach, und daß es eine so fromme Frau war, das +machte die Sache nur noch erquicklicher. + +»Ach, gnädigste Frau ...« + +»Da kommt es schon. Ich kenne das. Immer dasselbe. Darin ändern die +Zeiten nichts. Und vielleicht ist es auch recht gut so. Denn worauf es +ankommt, meine liebe junge Frau, das ist das Kämpfen. Man muß immer +ringen mit dem natürlichen Menschen. Und wenn man sich dann so unter +hat und beinah schreien möchte, weil's weh tut, dann jubeln die lieben +Engel!« + +»Ach, gnädigste Frau. Es ist oft recht schwer.« + +»Freilich ist es schwer. Aber je schwerer, desto besser. Darüber +müssen Sie sich freuen. Das mit dem Fleisch, das bleibt, und ich habe +Enkel und Enkelinnen, da seh ich es jeden Tag. Aber im Glauben sich +unterkriegen, meine liebe Frau, darauf kommt es an, das ist das Wahre. +Das hat uns unser alter Martin Luther zur Erkenntnis gebracht, der +Gottesmann. Kennen Sie seine Tischreden?« + +»Nein, gnädigste Frau.« + +»Die werde ich Ihnen schicken.« + +In diesem Augenblick trat Major Crampas an Effi heran und bat, sich +nach ihrem Befinden erkundigen zu dürfen. Effi war wie mit Blut +übergossen; aber ehe sie noch antworten konnte, sagte Crampas: »Darf +ich Sie bitten, gnädigste Frau, mich den Damen vorstellen zu wollen?« + +Effi nannte nun Crampas' Namen, der seinerseits schon vorher +vollkommen orientiert war und in leichtem Geplauder alle Paddens +und Titzewitze, von denen er je gehört hatte, Revue passieren ließ. +Zugleich entschuldigte er sich, den Herrschaften jenseits der Kessine +noch immer nicht seinen Besuch gemacht und seine Frau vorgestellt zu +haben; aber es sei sonderbar, welche trennende Macht das Wasser habe. +Es sei dasselbe wie mit dem Canal La Manche ... + +»Wie?« fragte die alte Titzewitz. + +Crampas seinerseits hielt es für unangebracht, Aufklärungen zu geben, +die doch zu nichts geführt haben würden, und fuhr fort: »Auf zwanzig +Deutsche, die nach Frankreich gehen, kommt noch nicht einer, der nach +England geht. Das macht das Wasser; ich wiederhole, das Wasser hat +eine scheidende Kraft.« + +Frau von Padden, die darin mit feinem Instinkt etwas Anzügliches +witterte, wollte für das Wasser eintreten, Crampas aber sprach mit +immer wachsendem Redefluß weiter und lenkte die Aufmerksamkeit der +Damen auf ein schönes Fräulein von Stojentin, »das ohne Zweifel die +Ballkönigin« sei, wobei sein Blick übrigens Effi bewundernd streifte. +Dann empfahl er sich rasch unter Verbeugung gegen alle drei. »Schöner +Mann«, sagte die Padden. »Verkehrt er in Ihrem Hause?« + +»Flüchtig.« + +»Wirklich«, wiederholte die Padden, »ein schöner Mann. Ein bißchen +zu sicher. Und Hochmut kommt vor dem Fall ... Aber sehen Sie nur, da +tritt er wirklich mit der Grete Stojentin an. Eigentlich ist er doch +zu alt; wenigstens Mitte Vierzig.« + +»Er wird vierundvierzig.« + +»Ei, ei, Sie scheinen ihn ja gut zu kennen.« + +Es kam Effi sehr zupaß, daß das neue Jahr gleich in seinem Anfang +allerlei Aufregungen brachte. Seit Silvesternacht ging ein scharfer +Nordost, der sich in den nächsten Tagen fast bis zum Sturm steigerte, +und am 3. Januar nachmittags hieß es, daß ein Schiff draußen mit der +Einfahrt nicht zustande gekommen und hundert Schritt vor der Mole +gescheitert sei; es sei ein englisches, von Sunderland her, und soweit +sich erkennen lasse, sieben Mann an Bord; die Lotsen könnten beim +Ausfahren, trotz aller Anstrengung, nicht um die Mole herum, und +vom Strand aus ein Boot abzulassen, daran sei nun vollends nicht zu +denken, die Brandung sei viel zu stark. Das klang traurig genug. +Aber Johanna, die die Nachricht brachte, hatte doch auch Trost +bei der Hand: Konsul Eschrich, mit dem Rettungsapparat und der +Raketenbatterie, sei schon unterwegs, und es würde gewiß glücken; +die Entfernung sei nicht voll so weit wie Anno 75, wo's doch auch +gegangen, und sie hätten damals sogar den Pudel mit gerettet, und +es wäre ordentlich rührend gewesen, wie sich das Tier gefreut und +die Kapitänsfrau und das liebe kleine Kind, nicht viel größer als +Anniechen, immer wieder mit seiner roten Zunge geleckt habe. + +»Geert, da muß ich mit hinaus, das muß ich sehen«, hatte Effi sofort +erklärt, und beide waren aufgebrochen, um nicht zu spät zu kommen, und +hatten denn auch den rechten Moment abgepaßt; denn im Augenblick, als +sie von der Plantage her den Strand erreichten, fiel der erste Schuß, +und sie sahen ganz deutlich, wie die Rakete mit dem Fangseil unter dem +Sturmgewölk hinflog und über das Schiff hinweg jenseits niederfiel. +Alle Hände regten sich sofort an Bord, und nun holten sie mit Hilfe +der kleinen Leine das dickere Tau samt dem Korb heran, und nicht +lange, so kam der Korb in einer Art Kreislauf wieder zurück, und +einer der Matrosen, ein schlanker, bildhübscher Mensch mit einer +wachsleinenen Kappe, war geborgen an Land und wurde neugierig +ausgefragt, während der Korb aufs neue seinen Weg machte, zunächst den +zweiten und dann den dritten heranzuholen und so fort. Alle wurden +gerettet, und Effi hätte sich, als sie nach einer halben Stunde mit +ihrem Manne wieder heimging, in die Dünen werfen und sich ausweinen +mögen. Ein schönes Gefühl hatte wieder Platz in ihrem Herzen gefunden, +und es beglückte sie unendlich, daß es so war. + +Das war am 3. gewesen. Schon am 5. kam ihr eine neue Aufregung, +freilich ganz anderer Art. Innstetten hatte Gieshübler, der natürlich +auch Stadtrat und Magistratsmitglied war, beim Herauskommen aus dem +Rathaus getroffen und im Gespräch mit ihm erfahren, daß seitens des +Kriegsministeriums angefragt worden sei, wie sich die Stadtbehörden +eventuell zur Garnisonsfrage zu stellen gedächten. Bei nötigem +Entgegenkommen, also bei Bereitwilligkeit zu Stall- und +Kasernenbauten, könnten ihnen zwei Schwadronen Husaren zugesagt +werden. »Nun, Effi, was sagst du dazu?« Effi war wie benommen. All +das unschuldige Glück ihrer Kinderjahre stand mit einemmal wieder vor +ihrer Seele, und im Augenblick war es ihr, als ob rote Husaren - denn +es waren auch rote wie daheim in Hohen-Cremmen - so recht eigentlich +die Hüter von Paradies und Unschuld seien. Und dabei schwieg sie noch +immer. + +»Du sagst ja nichts, Effi.« + +»Ja, sonderbar, Geert. Aber es beglückt mich so, daß ich vor Freude +nichts sagen kann. Wird es denn auch sein? Werden sie denn auch +kommen?« + +»Damit hat's freilich noch gute Wege, ja, Gieshübler meinte sogar, +die Väter der Stadt, seine Kollegen, verdienten es gar nicht. +Statt einfach über die Ehre, und wenn nicht über die Ehre, so doch +wenigstens über den Vorteil einig und glücklich zu sein, wären sie +mit allerlei 'Wenns' und 'Abers' gekommen und hätten geknausert wegen +der neuen Bauten: Ja, Pefferküchler Michelsen habe sogar gesagt, es +verderbe die Sitten der Stadt, und wer eine Tochter habe, der möge +sich vorsehen und Gitterfenster anschaffen. + +»Es ist nicht zu glauben. Ich habe nie manierlichere Leute gesehen als +unsere Husaren; wirklich, Geert. Nun, du weißt es ja selbst. Und nun +will dieser Michelsen alles vergittern. Hat er denn Töchter?« + +»Gewiß; sogar drei. Aber sie sind sämtlich hors concours.« Effi lachte +so herzlich, wie sie seit langem nicht mehr gelacht hatte. Doch es war +von keiner Dauer, und als Innstetten ging und sie allein ließ, setzte +sie sich an die Wiege des Kindes, und ihre Tränen fielen auf die +Kissen. Es brach wieder über sie herein, und sie fühlte, daß sie wie +eine Gefangene sei und nicht mehr heraus könne. + +Sie litt schwer darunter und wollte sich befreien. Aber wiewohl sie +starker Empfindungen fähig war, so war sie doch keine starke Natur; +ihr fehlte die Nachhaltigkeit, und alle guten Anwandlungen gingen +wieder vorüber. So trieb sie denn weiter, heute, weil sie's nicht +ändern konnte, morgen, weil sie's nicht ändern wollte. Das Verbotene, +das Geheimnisvolle hatte seine Macht über sie. + +So kam es, daß sie sich, von Natur frei und offen, in ein verstecktes +Komödienspiel mehr und mehr hineinlebte. Mitunter erschrak sie, wie +leicht es ihr wurde. Nur in einem blieb sie sich gleich: Sie sah +alles klar und beschönigte nichts. Einmal trat sie spätabends vor den +Spiegel in ihrer Schlafstube; die Lichter und Schatten flogen hin und +her, und Rollo schlug draußen an, und im selben Augenblick war es ihr, +als sähe ihr wer über die Schulter. Aber sie besann sich rasch. »Ich +weiß schon, was es ist; es war nicht der«, und sie wies mit dem Finger +nach dem Spukzimmer oben. »Es war was anderes ... mein Gewissen ... +Effi, du bist verloren.« + +Es ging aber doch weiter so, die Kugel war im Rollen, und was an +einem Tage geschah, machte das Tun des andern zur Notwendigkeit. Um +die Mitte des Monats kamen Einladungen aufs Land. Über die dabei +innezuhaltende Reihenfolge hatten sich die vier Familien, mit denen +Innstettens vorzugsweise verkehrten, geeinigt: Die Borckes sollten +beginnen, die Flemmings und Grasenabbs folgten, die Güldenklees +schlossen ab. Immer eine Woche dazwischen. Alle vier Einladungen kamen +am selben Tag; sie sollten ersichtlich den Eindruck des Ordentlichen +und Wohlerwogenen machen, auch wohl den einer besonderen +freundschaftlichen Zusammengehörigkeit. + +»Ich werde nicht dabeisein, Geert, und du mußt mich der Kur halber, in +der ich nun seit Wochen stehe, von vornherein entschuldigen.« + +Innstetten lachte. »Kur. Ich soll es auf die Kur schieben. Das ist das +Vorgebliche; das Eigentliche heißt: du willst nicht.« »Nein, es ist +doch mehr Ehrlichkeit dabei, als du zugeben willst. Du hast selbst +gewollt, daß ich den Doktor zu Rate ziehe. Das hab ich getan, und nun +muß ich doch seinem Rat folgen. Der gute Doktor, er hält mich für +bleichsüchtig, sonderbar genug, und du weißt, daß ich jeden Tag +von dem Eisenwasser trinke. Wenn du dir ein Borckesches Diner dazu +vorstellst, vielleicht mit Preßkopf und Aal in Aspik, so mußt du den +Eindruck haben, es wäre mein Tod. Und so wirst du dich doch zu deiner +Effi nicht stellen wollen. Freilich, mitunter ist es mir ...« + +»Ich bitte dich, Effi ...« + +»... Übrigens freu ich mich, und das ist das einzige Gute dabei, dich +jedesmal, wenn du fährst, eine Strecke Wegs begleiten zu können, bis +an die Mühle gewiß oder bis an den Kirchhof oder auch bis an die +Waldecke, da, wo der Morgnitzer Querweg einmündet. Und dann steig +ich ab und schlendere wieder zurück. In den Dünen ist es immer am +schönsten.« + +Innstetten war einverstanden, und als drei Tage später der Wagen +vorfuhr, stieg Effi mit auf und gab ihrem Manne das Geleit bis an die +Waldecke. »Hier laß halten, Geert. Du fährst nun links weiter, ich +gehe rechts bis an den Strand und durch die Plantage zurück. Es ist +etwas weit, aber doch nicht zu weit. Doktor Hannemann sagt mir jeden +Tag, Bewegung sei alles, Bewegung und frische Luft. Und ich glaube +beinah, daß er recht hat. Empfiehl mich all den Herrschaften; nur bei +Sidonie kannst du schweigen.« + +Die Fahrten, auf denen Effi ihren Gatten bis an die Waldecke +begleitete, wiederholten sich allwöchentlich; aber auch in der +zwischenliegenden Zeit hielt Effi darauf, daß sie der ärztlichen +Verordnung streng nachkam. Es verging kein Tag, wo sie nicht ihren +vorgeschriebenen Spaziergang gemacht hätte, meist nachmittags, wenn +sich Innstetten in seine Zeitungen zu vertiefen begann. Das Wetter war +schön, eine milde, frische Luft, der Himmel bedeckt. Sie ging in der +Regel allein und sagte zu Roswitha: »Roswitha, ich gehe nun also die +Chaussee hinunter und dann rechts an den Platz mit dem Karussell; da +will ich auf dich warten, da hole mich ab. Und dann gehen wir durch +die Birkenallee oder durch die Reeperbahn wieder zurück. Aber komme +nur, wenn Annie schläft. Und wenn sie nicht schläft, so schicke +Johanna. Oder laß es lieber ganz; es ist nicht nötig, ich finde mich +schon zurecht.« + +Den ersten Tag, als es so verabredet war, trafen sie sich auch +wirklich. Effi saß auf einer an einem langen Holzschuppen sich +hinziehenden Bank und sah nach einem niedrigen Fachwerkhaus hinüber, +gelb mit schwarzgestrichenen Balken, einer Wirtschaft für kleine +Bürger, die hier ihr Glas Bier tranken oder Solo spielten. Es dunkelte +noch kaum, die Fenster aber waren schon hell, und ihr Lichtschimmer +fiel auf die Schneemassen und etliche zur Seite stehende Bäume. »Sieh, +Roswitha, wie schön das aussieht.« + +Ein paar Tage wiederholte sich das. Meist aber, wenn Roswitha bei dem +Karussell und dem Holzschuppen ankam, war niemand da, und wenn sie +dann zurückkam und in den Hausflur eintrat, kam ihr Effi schon +entgegen und sagte: + +»Wo du nur bleibst, Roswitha, ich bin schon lange wieder hier.« + +In dieser Art ging es durch Wochen hin. Das mit den Husaren hatte +sich wegen der Schwierigkeiten, die die Bürgerschaft machte, so +gut wie zerschlagen; aber da die Verhandlungen noch nicht geradezu +abgeschlossen waren und neuerdings durch eine andere Behörde, das +Generalkommando, gingen, so war Crampas nach Stettin berufen worden, +wo man seine Meinung in dieser Angelegenheit hören wollte. Von dort +schrieb er den zweiten Tag an Innstetten: + +»Pardon, Innstetten, daß ich mich auf französisch empfohlen. Es kam +alles so schnell. Ich werde übrigens die Sache hinauszuspinnen suchen, +denn man ist froh, einmal draußen zu sein. Empfehlen Sie mich der +gnädigen Frau, meiner liebenswürdigen Gönnerin.« + +Er las es Effi vor. Diese blieb ruhig. Endlich sagte sie: »Es ist +recht gut so.« + +»Wie meinst du das?« + +»Daß er fort ist. Er sagt eigentlich immer dasselbe. Wenn er wieder da +ist, wird er wenigstens vorübergehend was Neues zu sagen haben.« + +Innstettens Blick flog scharf über sie hin. Aber er sah nichts, und +sein Verdacht beruhigte sich wieder. »Ich will auch fort«, sagte er +nach einer Weile, »sogar nach Berlin; vielleicht kann ich dann, wie +Crampas, auch mal was Neues mitbringen. Meine liebe Effi will immer +gern was Neues hören; sie langweilt sich in unserm guten Kessin. Ich +werde gegen acht Tage fort sein, vielleicht noch einen Tag länger. +Und ängstige dich nicht ... es wird ja wohl nicht wiederkommen ... +du weißt schon, das da oben ... Und wenn doch, du hast ja Rollo und +Roswitha.« + +Effi lächelte vor sich hin, und es mischte sich etwas von Wehmut mit +ein. Sie mußte des Tages gedenken, wo Crampas ihr zum erstenmal gesagt +hatte, daß er mit dem Spuk und ihrer Furcht eine Komödie spiele. Der +große Erzieher! Aber hatte er nicht recht? War die Komödie nicht am +Platz? Und allerhand Widerstreitendes, Gutes und Böses, ging ihr durch +den Kopf. + +Den dritten Tag reiste Innstetten ab. + +Über das, was er in Berlin vorhabe, hatte er nichts gesagt. + + + +Einundzwanzigstes Kapitel + +Innstetten war erst vier Tage fort, als Crampas von Stettin wieder +eintraf und die Nachricht brachte, man hätte höheren Orts die Absicht, +zwei Schwadronen nach Kessin zu legen, endgültig fallenlassen; es gäbe +so viele kleine Städte, die sich um eine Kavalleriegarnison, und nun +gar um Blüchersche Husaren, bewürben, daß man gewohnt sei, bei solchem +Anerbieten einem herzlichen Entgegenkommen, aber nicht einem zögernden +zu begegnen. Als Crampas das mitteilte, machte der Magistrat ein +ziemlich verlegenes Gesicht; nur Gieshübler, weil er der Philisterei +seiner Kollegen eine Niederlage gönnte, triumphierte. Seitens der +kleinen Leute griff beim Bekanntwerden der Nachricht eine gewisse +Verstimmung Platz, ja selbst einige Konsuls mit Töchtern waren +momentan unzufrieden; im ganzen aber kam man rasch über die Sache +hin, vielleicht weil die nebenherlaufende Frage, was Innstetten in +Berlin vorhabe, die Kessiner Bevölkerung oder doch wenigstens die +Honoratiorenschaft der Stadt mehr interessierte. Diese wollte den +überaus wohl gelittenen Landrat nicht gern verlieren, und doch gingen +darüber ganz ausschweifende Gerüchte, die von Gieshübler, wenn er +nicht ihr Erfinder war, wenigstens genährt und weiterverbreitet +wurden. Unter anderem hieß es, Innstetten würde als Führer einer +Gesandtschaft nach Marokko gehen, und zwar mit Geschenken, unter denen +nicht bloß die herkömmliche Vase mit Sanssouci und dem Neuen Palais, +sondern vor allem auch eine große Eismaschine sei. Das letztere +erschien mit Rücksicht auf die marokkanischen Temperaturverhältnisse +so wahrscheinlich, daß das Ganze geglaubt wurde. + +Effi hörte auch davon. Die Tage, wo sie sich darüber erheitert hätte, +lagen noch nicht allzuweit zurück; aber in der Seelenstimmung, in der +sie sich seit Schluß des Jahres befand, war sie nicht mehr fähig, +unbefangen und ausgelassen über derlei Dinge zu lachen. Ihre +Gesichtszüge hatten einen ganz anderen Ausdruck angenommen, und das +halb rührend, halb schelmisch Kindliche, was sie noch als Frau gehabt +hatte, war hin. Die Spaziergänge nach dem Strand und der Plantage, +die sie, während Crampas in Stettin war, aufgegeben hatte, nahm sie +nach seiner Rückkehr wieder auf und ließ sich auch durch ungünstige +Witterung nicht davon abhalten. Es wurde wie früher bestimmt, daß ihr +Roswitha bis an den Ausgang der Reeperbahn oder bis in die Nähe des +Kirchhofs entgegenkommen solle, sie verfehlten sich aber noch häufiger +als früher. »Ich könnte dich schelten, Roswitha, daß du mich nie +findest. Aber es hat nichts auf sich; ich ängstige mich nicht mehr, +auch nicht einmal am Kirchhof, und im Wald bin ich noch keiner +Menschenseele begegnet.« + +Es war am Tage vor Innstettens Rückkehr von Berlin, daß Effi das +sagte. Roswitha machte nicht viel davon und beschäftigte sich lieber +damit, Girlanden über den Türen anzubringen; auch der Haifisch bekam +einen Fichtenzweig und sah noch merkwürdiger aus als gewöhnlich. Effi +sagte: »Das ist recht, Roswitha; er wird sich freuen über all das +Grün, wenn er morgen wieder da ist. Ob ich heute wohl noch gehe? +Doktor Hannemann besteht darauf und meint in einem fort, ich nähme +es nicht ernst genug, sonst müßte ich besser aussehen; ich habe aber +keine rechte Lust heut, es nieselt, und der Himmel ist so grau.« + +»Ich werde der gnäd'gen Frau den Regenmantel bringen.« + +»Das tu! Aber komme heute nicht nach, wir treffen uns ja doch nicht«, +und sie lachte. »Wirklich, du bist gar nicht findig, Roswitha. Und ich +mag nicht, daß du dich erkältest, und alles um nichts.« + +Roswitha blieb denn auch zu Haus, und weil Annie schlief, ging sie zu +Kruses, um mit der Frau zu plaudern. »Liebe Frau Kruse«, sagte sie, +»Sie wollten mir ja das mit dem Chinesen noch erzählen. Gestern kam +die Johanna dazwischen, die tut immer so vornehm, für die ist so was +nichts. Ich glaube aber doch, daß es was gewesen ist, ich meine mit +dem Chinesen und mit Thomsens Nichte, wenn es nicht seine Enkelin +war.« + +Die Kruse nickte. + +»Entweder«, fuhr Roswitha fort, »war es eine unglückliche Liebe (die +Kruse nickte wieder), oder es kann auch eine glückliche gewesen sein, +und der Chinese konnte es bloß nicht aushalten, daß es alles mit +einemmal so wieder vorbei sein sollte. Denn die Chinesen sind doch +auch Menschen, und es wird wohl alles ebenso mit ihnen sein wie mit +uns.« »Alles«, versicherte die Kruse und wollte dies eben durch ihre +Geschichte bestätigen, als ihr Mann eintrat und sagte: »Mutter, du +könntest mir die Flasche mit dem Lederlack geben; ich muß doch das +Sielenzeug blank haben, wenn der Herr morgen wieder da ist; der sieht +alles, und wenn er auch nichts sagt, so merkt man doch, daß er's +gesehen hat.« + +»Ich bringe es Ihnen raus, Kruse«, sagte Roswitha. »Ihre Frau will mir +bloß noch was erzählen; aber es ist gleich aus, und dann komm ich und +bring es.« + +Roswitha, die Flasche mit dem Lack in der Hand, kam denn auch ein +paar Minuten danach auf den Hof hinaus und stellte sich neben das +Sielenzeug, das Kruse eben über den Gartenzaun gelegt hatte. »Gott«, +sagte er, während er ihr die Flasche aus der Hand nahm, »viel hilft es +ja nicht, es nieselt in einem weg, und die Blänke vergeht doch wieder. +Aber ich denke, alles muß seine Ordnung haben.« + +»Das muß es. Und dann, Kruse, es ist ja doch auch ein richtiger Lack, +das kann ich gleich sehen, und was ein richtiger Lack ist, der klebt +nicht lange, der muß gleich trocknen. Und wenn es dann morgen nebelt +oder naß fällt, dann schadet es nichts mehr. Aber das muß ich doch +sagen, das mit dem Chinesen ist eine merkwürdige Geschichte.« + +Kruse lachte. »Unsinn is es, Roswitha. Und meine Frau, statt aufs +Richtige zu sehen, erzählt immer so was, un wenn ich ein reines Hemd +anziehen will, fehlt ein Knopp. Un so is es nu schon, solange wir hier +sind. Sie hat immer bloß solche Geschichten in ihrem Kopp und dazu das +schwarze Huhn. Un das schwarze Huhn legt nich mal Eier. Un am Ende, +wovon soll es auch Eier legen? Es kommt ja nich ,raus, und vons bloße +Kikeriki kann doch so was nich kommen. Das is von keinem Huhn nich zu +verlangen.« + +»Hören Sie, Kruse, das werde ich Ihrer Frau wiedererzählen. Ich habe +Sie immer für einen anständigen Menschen gehalten, und nun sagen Sie +so was wie das da von Kikeriki. Die Mannsleute sind doch immer noch +schlimmer, als man denkt. Un eigentlich müßt ich nu gleich den Pinsel +hier nehmen und Ihnen einen schwarzen Schnurrbart anmalen.« + +»Nu, von Ihnen, Roswitha, kann man sich das schon gefallen lassen«, +und Kruse, der meist den Würdigen spielte, schien in einen mehr und +mehr schäkrigen Ton übergehen zu wollen, als er plötzlich der gnädigen +Frau ansichtig wurde, die heute von der anderen Seite der Plantage +herkam und in ebendiesem Augenblicke den Gartenzaun passierte. + +»Guten Tag, Roswitha, du bist ja so ausgelassen. Was macht denn +Annie?« + +»Sie schläft, gnäd'ge Frau.« + +Aber Roswitha, als sie das sagte, war doch rot geworden und ging, +rasch abbrechend, auf das Haus zu, um der gnädigen Frau beim Umkleiden +behilflich zu sein. Denn ob Johanna da war, das war die Frage. Die +steckte jetzt viel auf dem »Amt« drüben, weil es zu Haus weniger zu +tun gab, und Friedrich und Christel waren ihr zu langweilig und wußten +nie was. + +Annie schlief noch. Effi beugte sich über die Wiege, ließ sich dann +Hut und Regenmantel abnehmen und setzte sich auf das kleine Sofa in +ihrer Schlafstube. Das feuchte Haar strich sie langsam zurück, legte +die Füße auf einen niedrigen Stuhl, den Roswitha herangeschoben, und +sagte, während sie sichtlich das Ruhebehagen nach einem ziemlich +langen Spaziergang genoß: »Ich muß dich darauf aufmerksam machen, +Roswitha, daß Kruse verheiratet ist.« + +»Ich weiß, gnäd'ge Frau.« + +»Ja, was weiß man nicht alles und handelt doch, als ob man es nicht +wüßte. Das kann nie was werden.« + +»Es soll ja auch nichts werden, gnäd'ge Frau ...« + +»Denn wenn du denkst, sie sei krank, da machst du die Rechnung ohne +den Wirt. Die Kranken leben am längsten. Und dann hat sie das schwarze +Huhn. Vor dem hüte dich, das weiß alles und plaudert alles aus. Ich +weiß nicht, ich habe einen Schauder davor. Und ich wette, daß das +alles da oben mit dem Huhn zusammenhängt.« + +»Ach, das glaub ich nicht. Aber schrecklich ist es doch. Und Kruse, +der immer gegen seine Frau ist, kann es mir nicht ausreden.« + +»Was sagte der?« + +»Er sagte, es seien bloß Mäuse.« + +»Nun, Mäuse, das ist auch gerade schlimm genug. Ich kann keine Mäuse +leiden. Aber ich sah ja deutlich, wie du mit dem Kruse schwatztest +und vertraulich tatst, und ich glaube sogar, du wolltest ihm einen +Schnurrbart anmalen. Das ist doch schon sehr viel. Und nachher sitzt +du da. Du bist ja noch eine schmucke Person und hast so was. Aber sieh +dich vor, soviel kann ich dir bloß sagen. Wie war es denn eigentlich +das erstemal mit dir? Ist es so, daß du mir's erzählen kannst?« + +»Ach, ich kann schon. Aber schrecklich war es. Und weil es so +schrecklich war, drum können gnäd'ge Frau auch ganz ruhig sein, von +wegen dem Kruse. Wem es so gegangen ist wie mir, der hat genug davon +und paßt auf. Mitunter träume ich noch davon, und dann bin ich den +andern Tag wie zerschlagen. Solche grausame Angst ...« + +Effi hatte sich aufgerichtet und stützte den Kopf auf ihren Arm. »Nun +erzähle. Wie kann es denn gewesen sein? Es ist ja mit euch, das weiß +ich noch von Hause her, immer dieselbe Geschichte ...« + +»Ja, zuerst is es wohl immer dasselbe, und ich will mir auch nicht +einbilden, daß es mit mir was Besonderes war, ganz und gar nicht. Aber +wie sie's mir dann auf den Kopf zusagten und ich mit einem Male sagen +mußte: 'ja, es ist so', ja, das war schrecklich. Die Mutter, na, das +ging noch, aber der Vater, der die Dorfschmiede hatte, der war streng +und wütend, und als er's hörte, da kam er mit einer Stange auf mich +los, die er eben aus dem Feuer genommen hatte, und wollte mich +umbringen. Und ich schrie laut auf und lief auf den Boden und +versteckte mich, und da lag ich und zitterte und kam erst wieder nach +unten, als sie mich riefen und sagten, ich solle nur kommen. Und dann +hatte ich noch eine jüngere Schwester, die wies immer auf mich hin und +sagte 'Pfui'. Und dann, wie das Kind kommen sollte, ging ich in eine +Scheune nebenan, weil ich mir's bei uns nicht getraute. Da fanden mich +fremde Leute halb tot und trugen mich ins Haus und in mein Bett. Und +den dritten Tag nahmen sie mir das Kind fort, und als ich nachher +fragte, wo es sei, da hieß es, es sei gut aufgehoben. Ach, gnädigste +Frau, die heil'ge Mutter Gottes bewahre Sie vor solchem Elend.« + +Effi fuhr auf und sah Roswitha mit großen Augen an. Aber sie war doch +mehr erschrocken als empört. »Was du nur sprichst! Ich bin ja doch +eine verheiratete Frau. So was darfst du nicht sagen, das ist +ungehörig, das paßt sich nicht.« + +»Ach, gnädigste Frau ...« + +»Erzähle mir lieber, was aus dir wurde. Das Kind hatten sie dir +genommen. Soweit warst du ...« + +»Und dann, nach ein paar Tagen, da kam wer aus Erfurt, der fuhr bei +dem Schulzen vor und fragte, ob da nicht eine Amme sei. Da sagte der +Schulze 'ja'. Gott lohne es ihm, und der fremde Herr nahm mich gleich +mit, und von da an hab ich bessere Tage gehabt; selbst bei der +Registratorin war es doch immer noch zum Aushalten, und zuletzt bin +ich zu Ihnen gekommen, gnädigste Frau. Und das war das Beste, das +Allerbeste.« Und als sie das sagte, trat sie an das Sofa heran und +küßte Effi die Hand. + +»Roswitha, du mußt mir nicht immer die Hand küssen, ich mag das nicht. +Und nimm dich nur in acht mit dem Kruse. Du bist doch sonst eine so +gute und verständige Person ... Mit einem Ehemann ... das tut nie +gut.« + +»Ach, gnäd'ge Frau, Gott und seine Heiligen führen uns wunderbar, und +das Unglück, das uns trifft, das hat doch auch sein Glück. Und wen +es nicht bessert, dem is nich zu helfen ... Ich kann eigentlich die +Mannsleute gut leiden ...« + +»Siehst du, Roswitha, siehst du.« + +»Aber wenn es mal wieder so über mich käme, mit dem Kruse, das is +ja nichts, und ich könnte nicht mehr anders, da lief ich gleich ins +Wasser. Es war zu schrecklich. Alles. Und was nur aus dem armen Wurm +geworden is? Ich glaube nicht, daß es noch lebt; sie haben es umkommen +lassen, aber ich bin doch schuld.« Und sie warf sich vor Annies Wiege +nieder und wiegte das Kind hin und her und sang in einem fort ihr +»Buhküken von Halberstadt«. + +»Laß«, sagte Effi. »Singe nicht mehr; ich habe Kopfweh. Aber bringe +mir die Zeitungen. Oder hat Gieshübler vielleicht die Journale +geschickt?« + +»Das hat er. Und die Modezeitung lag obenauf. Da haben wir drin +geblättert, ich und Johanna, eh sie rüber ging. Johanna ärgert sich +immer, daß sie so was nicht haben kann. Soll ich die Modezeitung +bringen?« + +»Ja, die bringe und bring auch die Lampe.« + +Roswitha ging, und Effi, als sie allein war, sagte: »Womit man sich +nicht alles hilft? Eine hübsche Dame mit einem Muff und eine mit +einem Halbschleier; Modepuppen. Aber es ist das Beste, mich auf andre +Gedanken zu bringen.« + +Im Laufe des andern Vormittags kam ein Telegramm von Innstetten, worin +er mitteilte, daß er erst mit dem zweiten Zug kommen, also nicht vor +Abend in Kessin eintreffen werde. + +Der Tag verging in ewiger Unruhe; glücklicherweise kam Gieshübler im +Laufe des Nachmittags und half über eine Stunde weg. Endlich um sieben +Uhr fuhr der Wagen vor, Effi trat hinaus, und man begrüßte sich. +Innstetten war in einer ihm sonst fremden Erregung, und so kam es, daß +er die Verlegenheit nicht sah, die sich in Effis Herzlichkeit mischte. +Drinnen im Flur brannten die Lampen und Lichter, und das Teezeug, das +Friedrich schon auf einen der zwischen den Schränken stehenden Tische +gestellt hatte, reflektierte den Lichterglanz. + +»Das sieht ja ganz so aus wie damals, als wir hier ankamen. Weißt du +noch, Effi?« + +Sie nickte. + +»Nur der Haifisch mit seinem Fichtenzweig verhält sich heute ruhiger, +und auch Rollo spielt den Zurückhaltenden und legt mir nicht mehr die +Pfoten auf die Schulter. Was ist das mit dir, Rollo?« + +Rollo strich an seinem Herrn vorbei und wedelte. + +»Der ist nicht recht zufrieden, entweder mit mir nicht oder mit +andern. Nun, ich will annehmen, mit mir. Jedenfalls laß uns +eintreten.« Und er trat in sein Zimmer und bat Effi, während er sich +aufs Sofa niederließ, neben ihm Platz zu nehmen. »Es war so hübsch in +Berlin, über Erwarten; aber in all meiner Freude habe ich mich immer +zurückgesehnt. Und wie gut du aussiehst! Ein bißchen blaß und ein +bißchen verändert, aber es kleidet dich.« + +Effi wurde rot. + +»Und nun wirst du auch noch rot. Aber es ist, wie ich dir sage. Du +hattest so was von einem verwöhnten Kind, mit einemmal siehst du aus +wie eine Frau.« + +»Das hör ich gern, Geert, aber ich glaube, du sagst es nur so.« + +»Nein, nein, du kannst es dir gutschreiben, wenn es etwas Gutes +ist ...« + +»Ich dächte doch.« + +»Und nun rate, von wem ich dir Grüße bringe.« + +»Das ist nicht schwer, Geert. Außerdem, wir Frauen, zu denen ich mich, +seitdem du wieder da bist, ja rechnen darf (und sie reichte ihm die +Hand und lachte), wir Frauen, wir raten leicht. Wir sind nicht so +schwerfällig wie ihr.« + +»Nun, von wem?« + +»Nun, natürlich von Vetter Briest. Er ist ja der einzige, den ich in +Berlin kenne, die Tanten abgerechnet, die du nicht aufgesucht haben +wirst und die viel zu neidisch sind, um mich grüßen zu lassen. Hast du +nicht auch gefunden, alle alten Tanten sind neidisch?« + +»Ja, Effi, das ist wahr. Und daß du das sagst, das ist ganz meine alte +Effi wieder. Denn du mußt wissen, die alte Effi, die noch aussah wie +ein Kind, nun, die war auch nach meinem Geschmack. Gradeso wie die +jetzige gnäd'ge Frau.« »Meinst du? Und wenn du dich zwischen beiden +entscheiden solltest ...« + +»Das ist eine Doktorfrage, darauf lasse ich mich nicht ein. Aber da +bringt Friedrich den Tee. Wie hat's mich nach dieser Stunde verlangt! +Und hab es auch ausgesprochen, sogar zu deinem Vetter Briest, als wir +bei Dressel saßen und in Champagner dein Wohl tranken ... Die Ohren +müssen dir geklungen haben ... Und weißt du, was dein Vetter dabei +sagte?« + +»Gewiß was Albernes. Darin ist er groß.« + +»Das ist der schwärzeste Undank, den ich all mein Lebtag erlebt habe. +'Lassen wir Effi leben', sagte er, 'meine schöne Cousine ... Wissen +Sie, Innstetten, daß ich Sie am liebsten fordern und totschießen +möchte? Denn Effi ist ein Engel, und Sie haben mich um diesen Engel +gebracht.' Und dabei sah er so ernst und wehmütig aus, daß man's +beinah hätte glauben können.« + +»Oh, diese Stimmung kenne ich an ihm. Bei der wievielten wart ihr?« + +»Ich hab es nicht mehr gegenwärtig, und vielleicht hätte ich es auch +damals nicht mehr sagen können. Aber das glaub ich, daß es ihm ganz +ernst war. Und vielleicht wäre es auch das Richtige gewesen. Glaubst +du nicht, daß du mit ihm hättest leben können?« + +»Leben können. Das ist wenig, Geert. Aber beinah möcht ich sagen, ich +hätte auch nicht einmal mit ihm leben können.« + +»Warum nicht? Er ist wirklich ein liebenswürdiger und netter Mensch +und auch ganz gescheit.« + +»Ja, das ist er ...« + +»Aber ...« + +»Aber er ist dalbrig. Und das ist keine Eigenschaft, die wir Frauen +lieben, auch nicht einmal dann, wenn wir noch halbe Kinder sind, +wohin du mich immer gerechnet hast und vielleicht, trotz meiner +Fortschritte, auch jetzt noch rechnest. Das Dalbrige, das ist nicht +unsre Sache. Männer müssen Männer sein.« + +»Gut, daß du das sagst. Alle Teufel, da muß man sich ja +zusammennehmen. Und ich kann von Glück sagen, daß ich von so was, das +wie Zusammennehmen aussieht oder wenigstens ein Zusammennehmen in +Zukunft fordert, so gut wie direkt herkomme ... Sag, wie denkst du dir +ein Ministerium?« + +»Ein Ministerium? Nun, das kann zweierlei sein. Es können Menschen +sein, kluge, vornehme Herren, die den Staat regieren, und es kann auch +bloß ein Haus sein, ein Palazzo, ein Palazzo Strozzi oder Pitti oder, +wenn die nicht passen, irgendein andrer. Du siehst, ich habe meine +italienische Reise nicht umsonst gemacht.« + +»Und könntest du dich entschließen, in solchem Palazzo zu wohnen? Ich +meine in solchem Ministerium?« + +»Um Gottes willen, Geert, sie haben dich doch nicht zum Minister +gemacht? Gieshübler sagte so was. Und der Fürst kann alles. Gott, der +hat es am Ende durchgesetzt, und ich bin erst achtzehn.« + +Innstetten lachte. »Nein, Effi, nicht Minister, so weit sind wir noch +nicht. Aber vielleicht kommen noch allerhand Gaben in mir heraus, +und dann ist es nicht unmöglich.« »Also jetzt noch nicht, noch nicht +Minister?« + +»Nein. Und wir werden, die Wahrheit zu sagen, auch nicht einmal in +einem Ministerium wohnen, aber ich werde täglich ins Ministerium +gehen, wie ich jetzt in unser Landratsamt gehe, und werde dem Minister +Vortrag halten und mit ihm reisen, wenn er die Provinzialbehörden +inspiziert. Und du wirst eine Ministerialrätin sein und in Berlin +leben, und in einem halben Jahre wirst du kaum noch wissen, daß du +hier in Kessin gewesen bist und nichts gehabt hast als Gieshübler und +die Dünen und die Plantage.« + +Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer größer; um ihre +Mundwinkel war ein nervöses Zucken, und ihr ganzer zarter Körper +zitterte. Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitz vor Innstetten +nieder, umklammerte seine Knie und sagte in einem Ton, wie wenn sie +betete: »Gott sei Dank!« + +Innstetten verfärbte sich. Was war das? Etwas, was seit Wochen +flüchtig, aber doch immer sich erneuernd über ihn kam, war wieder da +und sprach so deutlich aus seinem Auge, daß Effi davor erschrak. Sie +hatte sich durch ein schönes Gefühl, das nicht viel was andres als ein +Bekenntnis ihrer Schuld war, hinreißen lassen und dabei mehr gesagt, +als sie sagen durfte. Sie mußte das wieder ausgleichen, mußte was +finden, irgendeinen Ausweg, es koste, was es wolle. + +»Steh auf, Effi. Was hast du?« + +Effi erhob sich rasch. Aber sie nahm ihren Platz auf dem Sofa +nicht wieder ein, sondern schob einen Stuhl mit hoher Lehne heran, +augenscheinlich weil sie nicht Kraft genug fühlte, sich ohne Stütze zu +halten. + +»Was hast du?« wiederholte Innstetten. »Ich dachte, du hättest hier +glückliche Tage verlebt. Und nun rufst du 'Gott sei Dank', als ob +dir hier alles nur ein Schrecknis gewesen wäre. War ich dir ein +Schrecknis? Oder war es was andres? Sprich?« + +»Daß du noch fragen kannst, Geert«, sagte sie, während sie mit einer +äußersten Anstrengung das Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte. +»Glückliche Tage! Ja, gewiß, glückliche Tage, aber doch auch andre. +Nie bin ich die Angst hier ganz losgeworden, nie. Noch keine vierzehn +Tage, daß es mir wieder über die Schulter sah, dasselbe Gesicht, +derselbe fahle Teint. Und diese letzten Nächte, wo du fort warst, war +es auch wieder da, nicht das Gesicht, aber es schlurrte wieder, und +Rollo schlug wieder an, und Roswitha, die's auch gehört, kam an +mein Bett und setzte sich zu mir, und erst, als es schon dämmerte, +schliefen wir wieder ein. Es ist ein Spukhaus, und ich hab es auch +glauben sollen, das mit dem Spuk -denn du bist ein Erzieher. Ja, +Geert, das bist du. Aber laß es sein, wie's will, soviel weiß ich, ich +habe mich ein ganzes Jahr lang und länger in diesem Hause gefürchtet, +und wenn ich von hier fortkomme, so wird es, denke ich, von mir +abfallen, und ich werde wieder frei sein.« + +Innstetten hatte kein Auge von ihr gelassen und war jedem Worte +gefolgt. Was sollte das heißen: »du bist ein Erzieher«? Und dann das +andere, was vorausging: »und ich hab es auch glauben sollen, das mit +dem Spuk«. Was war das alles? Wo kam das her? Und er fühlte seinen +leisen Argwohn sich wieder regen und fester einnisten. Aber er hatte +lange genug gelebt, um zu wissen, daß alle Zeichen trügen und daß wir +in unsrer Eifersucht, trotz ihrer hundert Augen, oft noch mehr in die +Irre gehen als in der Blindheit unseres Vertrauens. Es konnte ja so +sein, wie sie sagte. + +Und wenn es so war, warum sollte sie nicht ausrufen: »Gott sei Dank!« + +Und so, rasch alle Möglichkeiten ins Auge fassend, wurde er seines +Argwohns wieder Herr und reichte ihr die Hand über en Tisch hin: +»Verzeih mir, Effi, aber ich war so sehr überrascht von dem allen. +Freilich wohl meine Schuld. Ich bin immer zu sehr mit mir beschäftigt +gewesen. Wir Männer sind alle Egoisten. Aber das soll nun anders +werden. Ein Gutes hat Berlin gewiß: Spukhäuser gibt es da nicht. Wo +sollen die auch herkommen? Und nun laß uns hinübergehen, daß ich Annie +sehe; Roswitha verklagt mich sonst als einen unzärtlichen Vater.« + +Effi war unter diesen Worten allmählich ruhiger geworden, und das +Gefühl, aus einer selbstgeschaffenen Gefahr sich glücklich befreit zu +haben, gab ihr die Spannkraft und gute Haltung wieder zurück. + + + +Zweiundzwanzigstes Kapitel + +Am andern Morgen nahmen beide gemeinschaftlich ihr etwas verspätetes +Frühstück. Innstetten hatte seine Mißstimmung und Schlimmeres +überwunden, und Effi lebte so ganz dem Gefühl ihrer Befreiung, daß sie +nicht bloß die Fähigkeit einer gewissen erkünstelten Laune, sondern +fast auch ihre frühere Unbefangenheit wiedergewonnen hatte. Sie war +noch in Kessin, und doch war ihr schon zumute, als läge es weit hinter +ihr. + +»Ich habe mir's überlegt, Effi«, sagte Innstetten, »du hast nicht so +ganz unrecht mit allem, was du gegen unser Haus hier gesagt hast. Für +Kapitän Thomsen war es gerade gut genug, aber nicht für eine junge +verwöhnte Frau; alles altmodisch, kein Platz. Da sollst du's in Berlin +besser haben, auch einen Saal, aber einen andern als hier, und auf +Flur und Treppe hohe bunte Glasfenster, Kaiser Wilhelm mit Zepter +und Krone oder auch was Kirchliches, heilige Elisabeth oder Jungfrau +Maria. Sagen wir Jungfrau Maria, das sind wir Roswitha schuldig.« + +Effi lachte. »So soll es sein. Aber wer sucht uns eine Wohnung? Ich +kann doch nicht Vetter Briest auf die Suche schicken. Oder gar die +Tanten! Die finden alles gut genug.« »Ja, das Wohnungssuchen. Das +macht einem keiner zu Dank. Ich denke, da mußt du selber hin.« + +»Und wann meinst du?« »Mitte März.« + +»Oh, das ist viel zu spät, Geert, dann ist ja alles fort. Die guten +Wohnungen werden schwerlich auf uns warten!« »Ist schon recht. Aber +ich bin erst seit gestern wieder hier und kann doch nicht sagen 'reise +morgen'. Das würde mich schlecht kleiden und paßt mir auch wenig; ich +bin froh, daß ich dich wiederhabe.« + +»Nein«, sagte sie, während sie das Kaffeegeschirr, um eine +aufsteigende Verlegenheit zu verbergen, ziemlich geräuschvoll +zusammenrückte, »nein, so soll's auch nicht sein, nicht heut und nicht +morgen, aber doch in den nächsten Tagen. Und wenn ich etwas finde, so +bin ich rasch wieder zurück. Aber noch eins, Roswitha und Annie müssen +mit. Am schönsten wär es, du auch. Aber ich sehe ein, das geht nicht. +Und ich denke, die Trennung soll nicht lange dauern. Ich weiß auch +schon, wo ich miete ...« + +»Nun?« + +»Das bleibt mein Geheimnis. Ich will auch ein Geheimnis haben. Damit +will ich dich dann überraschen.« In diesem Augenblick trat Friedrich +ein, um die Postsachen abzugeben. Das meiste war Dienstliches und +Zeitungen. »Ah, da ist auch ein Brief für dich«, sagte Innstetten. +»Und wenn ich nicht irre, die Handschrift der Mama.« Effi nahm den +Brief. »Ja, von der Mama. Aber das ist ja nicht der Friesacker +Poststempel; sieh nur, das heißt ja deutlich Berlin.« + +»Freilich«, lachte Innstetten. »Du tust, als ob es ein Wunder wäre. +Die Mama wird in Berlin sein und hat ihrem Liebling von ihrem Hotel +aus einen Brief geschrieben.« »Ja«, sagte Effi, »so wird es sein. Aber +ich ängstige mich doch beinah und kann keinen rechten Trost darin +finden, daß Hulda Niemeyer immer sagte: Wenn man sich ängstigt, ist es +besser, als wenn man hofft. Was meinst du dazu?« + +»Für eine Pastorstochter nicht ganz auf der Höhe. Aber nun lies den +Brief. Hier ist ein Papiermesser.« + +Effi schnitt das Kuvert auf und las: »Meine liebe Effi. Seit 24 +Stunden bin ich hier in Berlin; Konsultationen bei Schweigger. Als er +mich sieht, beglückwünscht er mich, und als ich erstaunt ihn frage, +wozu, erfahre ich, daß Ministerialdirektor Wüllersdorf bei ihm gewesen +und ihm erzählt habe: Innstetten sei ins Ministerium berufen. Ich bin +ein wenig ärgerlich, daß man dergleichen von einem Dritten erfahren +muß. Aber in meinem Stolz und meiner Freude sei Euch verziehen. Ich +habe es übrigens immer gewußt (schon als 1. noch bei den Rathenowern +war), daß etwas aus ihm werden würde. Nun kommt es Dir zugute. +Natürlich müßt Ihr eine Wohnung haben und eine andere Einrichtung. +Wenn Du, meine liebe Effi, glaubst, meines Rates dabei bedürfen zu +können, so komme, so rasch es Dir Deine Zeit erlaubt. Ich bleibe acht +Tage hier in Kur, und wenn es nicht anschlägt, vielleicht noch etwas +länger; Schweigger drückt sich unbestimmt darüber aus. Ich habe eine +Privatwohnung in der Schadowstraße genommen; neben dem meinigen sind +noch Zimmer frei. Was es mit meinem Auge ist, darüber mündlich; +vorläufig beschäftigt mich nur Eure Zukunft. Briest wird unendlich +glücklich sein, er tut immer so gleichgültig gegen dergleichen, +eigentlich hängt er aber mehr daran als ich. Grüße Innstetten, küsse +Annie, die Du vielleicht mitbringst. Wie immer Deine Dich zärtlich +liebende Mutter Luise von B.« + +Effi legte den Brief aus der Hand und sagte nichts. Was sie zu +tun habe, das stand bei ihr fest; aber sie wollte es nicht selber +aussprechen. Innstetten sollte damit kommen, und dann wollte sie +zögernd ja sagen. Innstetten ging auch wirklich in die Falle. + +»Nun, Effi, du bleibst so ruhig.« + +»Ach, Geert, es hat alles so seine zwei Seiten. Auf der einen Seite +beglückt es mich, die Mama wiederzusehen, und vielleicht sogar schon +in wenigen Tagen. Aber es spricht auch so vieles dagegen.« + +»Was?« + +»Die Mama, wie du weißt, ist sehr bestimmt und kennt nur ihren eignen +Willen. Dem Papa gegenüber hat sie alles durchsetzen können. Aber ich +möchte gern eine Wohnung haben, die nach meinem Geschmack ist, und +eine neue Einrichtung, die mir gefällt.« + +Innstetten lachte. »Und das ist alles?« + +»Nun, es wäre grade genug. Aber es ist nicht alles.« Und nun nahm sie +sich zusammen und sah ihn an und sagte: »Und dann, Geert, ich möchte +nicht gleich wieder von dir fort.« »Schelm, das sagst du so, weil du +meine Schwäche kennst. Aber wir sind alle so eitel, und ich will es +glauben. Ich will es glauben und doch zugleich auch den Heroischen +spielen, den Entsagenden. Reise, sobald du's für nötig hältst und vor +deinem Herzen verantworten kannst.« + +»So darfst du nicht sprechen, Geert. Was heißt das 'vor meinem +Herzen verantworten'. Damit schiebst du mir, halb gewaltsam, eine +Zärtlichkeitsrolle zu, und ich muß dir dann aus reiner Kokettene +sagen: 'Ach, Geert, dann reise ich nie.' Oder doch so etwas +Ähnliches.« + +Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Effi, du bist mir zu fein. Ich +dachte immer, du wärst ein Kind, und ich sehe nun, daß du das Maß hast +wie alle andern. Aber lassen wir das, oder wie dein Papa immer sagte: +'Das ist ein zu weites Feld.' Sage lieber, wann willst du fort?« + +»Heute haben wir Dienstag. Sagen wir also Freitag mittag mit dem +Schiff. Dann bin ich am Abend in Berlin.« + +»Abgemacht. Und wann zurück?« + +»Nun, sagen wir Montag abend. Das sind dann drei Tage.« »Geht nicht. +Das ist zu früh. In drei Tagen kannst du's nicht zwingen. Und so rasch +läßt dich die Mama auch nicht fort.« »Also auf Diskretion.« + +»Gut.« Und damit erhob sich Innstetten, um nach dem Landratsamte +hinüberzugehen. + +Die Tage bis zur Abreise vergingen wie im Fluge. Roswitha war sehr +glücklich. »Ach, gnädigste Frau, Kessin, nun ja ... aber Berlin ist es +nicht. Und die Pferdebahn. Und wenn es dann so klingelt und man nicht +weiß, ob man links oder rechts soll, und mitunter ist mir schon +gewesen, als ginge alles grad über mich weg. Nein, so was ist hier +nicht. Ich glaube, manchen Tag sehen wir keine sechs Menschen. Und +immer bloß die Dünen und draußen die See. Und das rauscht und rauscht, +aber weiter ist es auch nichts.« + +»Ja, Roswitha, du hast recht. Es rauscht und rauscht immer, aber +es ist kein richtiges Leben. Und dann kommen einem allerhand dumme +Gedanken. Das kannst du doch nicht bestreiten, das mit dem Kruse war +nicht in der Richtigkeit.« »Ach, gnädigste Frau ...« + +»Nun, ich will nicht weiter nachforschen. Du wirst es natürlich nicht +zugeben. Und nimm nur nicht zu wenig Sachen mit. Deine Sachen kannst +du eigentlich ganz mitnehmen und Annies auch.« + +»Ich denke, wir kommen noch mal wieder.« + +»Ja, ich. Der Herr wünscht es. Aber ihr könnt vielleicht dableiben, +bei meiner Mutter. Sorge nur, daß sie Anniechen nicht zu sehr +verwöhnt. Gegen mich war sie mitunter streng, aber ein Enkelkind ...« + +»Und dann ist Anniechen ja auch so zum Anbeißen. Da muß ja jeder +zärtlich sein.« + +Das war am Donnerstag, am Tag vor der Abreise. Innstetten war über +Land gefahren und wurde erst gegen Abend zurückerwartet. + +Am Nachmittag ging Effi in die Stadt, bis auf den Marktplatz, und trat +hier in die Apotheke und bat um eine Flasche Sal volatile. »Man weiß +nie, mit wem man reist«, sagte sie zu dem alten Gehilfen, mit dem +sie auf dem Plauderfuße stand und der sie anschwärmte wie Gieshübler +selbst. + +»Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte sie weiter, als sie das +Fläschchen eingesteckt hatte. + +»Gewiß, gnädige Frau; er ist hier nebenan und liest die Zeitungen.« + +»Ich werde ihn doch nicht stören?« »Oh, nie.« + +Und Effi trat ein. Es war eine kleine, hohe Stube, mit Regalen +ringsherum, auf denen allerlei Kolben und Retorten standen; nur an +der einen Wand befanden sich alphabetisch geordnete, vorn mit einem +Eisenringe versehene Kästen, in denen die Rezepte lagen. + +Gieshübler war beglückt und verlegen. »Welche Ehre. Hier unter meinen +Retorten. Darf ich die gnädige Frau auffordern, einen Augenblick Platz +zu nehmen?« + +»Gewiß, lieber Gieshübler. Aber auch wirklich nur einen Augenblick. +Ich will Ihnen adieu sagen.« + +»Aber meine gnädigste Frau, Sie kommen ja doch wieder. Ich habe +gehört, nur auf drei, vier Tage ...« + +»Ja, lieber Freund, ich soll wiederkommen, und es ist sogar +verabredet, daß ich spätestens in einer Woche wieder in Kessin bin. +Aber ich könnte doch auch nicht wiederkommen. Muß ich Ihnen sagen, +welche tausend Möglichkeiten es gibt ... Ich sehe, Sie wollen mir +sagen, daß ich noch zu jung sei ..., auch Junge können sterben. Und +dann so vieles andre noch. Und da will ich doch lieber Abschied nehmen +von Ihnen, als wär es für immer.« + +»Aber meine gnädigste Frau ...« + +»Als wär es für immer. Und ich will Ihnen danken, lieber Gieshübler. +Denn Sie waren das Beste hier; natürlich, weil Sie der Beste waren. +Und wenn ich hundert Jahre alt würde, so werde ich Sie nicht +vergessen. Ich habe mich hier mitunter einsam gefühlt, und mitunter +war mir so schwer ums Herz, schwerer, als Sie wissen können; ich habe +es nicht immer richtig eingerichtet; aber wenn ich Sie gesehen habe, +vom ersten Tag an, dann habe ich mich immer wohler gefühlt und auch +besser.« + +»Aber meine gnädigste Frau.« + +»Und dafür wollte ich Ihnen danken. Ich habe mir eben ein Fläschchen +mit Sal volatile gekauft; im Coupé sind mitunter so merkwürdige +Menschen und wollen einem nicht mal erlauben, daß man ein Fenster +aufmacht; und wenn mir dann vielleicht - denn es steigt einem ja +ordentlich zu Kopf, ich meine das Salz - die Augen übergehen, dann +will ich an Sie denken. Adieu, lieber Freund, und grüßen Sie Ihre +Freundin, die Trippelli. Ich habe in den letzten Wochen öfter an sie +gedacht und an Fürst Kotschukoff. Ein eigentümliches Verhältnis bleibt +es doch. Aber ich kann mich hineinfinden ... Und lassen Sie einmal von +sich hören. Oder ich werde schreiben.« Damit ging Effi. Gieshübler +begleitete sie bis auf den Platz hinaus. Er war wie benommen, so sehr, +daß er über manches Rätselhafte, was sie gesprochen, ganz hinwegsah. + +Effi ging wieder nach Haus. »Bringen Sie mir die Lampe, Johanna«, +sagte sie, »aber in mein Schlafzimmer. Und dann eine Tasse Tee. Ich +hab es so kalt und kann nicht warten, bis der Herr wieder da ist.« + +Beides kam. Effi saß schon an ihrem kleinen Schreibtisch, einen +Briefbogen vor sich, die Feder in der Hand. »Bitte, Johanna, den Tee +auf den Tisch da.« + +Als Johanna das Zimmer wieder verlassen hatte, schloß Effi sich ein, +sah einen Augenblick in den Spiegel und setzte sich dann wieder. + +Und nun schrieb sie: »Ich reise morgen mit dem Schiff, und dies sind +Abschiedszeilen. Innstetten erwartet mich in wenigen Tagen zurück, +aber ich komme nicht wieder ... Warum ich nicht wiederkomme, Sie +wissen es ... Es wäre das beste gewesen, ich hätte dies Stück Erde nie +gesehen. Ich beschwöre Sie, dies nicht als einen Vorwurf zu fassen; +alle Schuld ist bei mir. Blick ich auf Ihr Haus ..., Ihr Tun mag +entschuldbar sein, nicht das meine. Meine Schuld ist sehr schwer, aber +vielleicht kann ich noch heraus. Daß wir hier abberufen wurden, ist +mir wie ein Zeichen, daß ich noch zu Gnaden angenommen werden kann. +Vergessen Sie das Geschehene, vergessen Sie mich. Ihre Effi.« + +Sie überflog die Zeilen noch einmal, am fremdesten war ihr das »Sie«; +aber auch das mußte sein; es sollte ausdrücken, daß keine Brücke mehr +da sei. Und nun schob sie die Zeilen in ein Kuvert und ging auf ein +Haus zu, zwischen dem Kirchhof und der Waldecke. Ein dünner Rauch +stieg aus dem halb eingefallenen Schornstein. Da gab sie die Zeilen +ab. + +Als sie wieder zurück war, war Innstetten schon da, und sie setzte +sich zu ihm und erzählte ihm von Gieshübler und dem Sal volatile. + +Innstetten lachte. »Wo hast du nur dein Latein her, Effi?« + +Das Schiff, ein leichtes Segelschiff (die Dampfboote gingen nur +sommers), fuhr um zwölf. Schon eine Viertelstunde vorher waren Effi +und Innstetten an Bord; auch Roswitha und Annie. + +Das Gepäck war größer, als es für einen auf so wenige Tage geplanten +Ausflug geboten schien. Innstetten sprach mit dem Kapitän; Effi, in +einem Regenmantel und hellgrauem Reisehut, stand auf dem Hinterdeck, +nahe am Steuer, und musterte von hier aus das Bollwerk und die +hübsche Häuserreihe, die dem Zuge des Bollwerks folgte. Gerade der +Landungsbrücke gegenüber lag Hoppensacks Hotel, ein drei Stock hohes +Gebäude, von dessen Giebeldach eine gelbe Flagge, mit Kreuz und Krone +darin, schlaff in der stillen, etwas nebeligen Luft herniederhing. +Effi sah eine Weile nach der Flagge hinauf, ließ dann aber ihr Auge +wieder abwärts gleiten und verweilte zuletzt auf einer Anzahl von +Personen, die neugierig am Bollwerk herumstanden. In diesem Augenblick +wurde geläutet. Effi war ganz eigen zumut; das Schiff setzte sich +langsam in Bewegung, und als sie die Landungsbrücke noch einmal +musterte, sah sie, daß Crampas in vorderster Reihe stand. Sie erschrak +bei seinem Anblick und freute sich doch auch. Er seinerseits, in +seiner ganzen Haltung verändert, war sichtlich bewegt und grüßte ernst +zu ihr hinüber, ein Gruß, den sie ebenso, aber doch zugleich in großer +Freundlichkeit erwiderte; dabei lag etwas Bittendes in ihrem Auge. +Dann ging sie rasch auf die Kajüte zu, wo sich Roswitha mit Annie +schon eingerichtet hatte. Hier in dem etwas stickigen Raum blieb sie, +bis man aus dem Fluß in die weite Bucht des Breitling eingefahren +war; da kam Innstetten und rief sie nach oben, daß sie sich an dem +herrlichen Anblick erfreue, den die Landschaft gerade an dieser Stelle +bot. Sie ging dann auch hinauf. Über dem Wasserspiegel hingen graue +Wolken, und nur dann und wann schoß ein halb umschleierter Sonnenblick +aus dem Gewölk hervor. Effi gedachte des Tages, wo sie, vor jetzt +Fünfvierteljahren, im offenen Wagen am Ufer ebendieses Breitlings hin +entlanggefahren war. Eine kurze Spanne Zeit, und das Leben oft so +still und einsam. Und doch, was war alles seitdem geschehen! + +So fuhr man die Wasserstraße hinauf und war um zwei an der Station +oder doch ganz in Nähe derselben. Als man gleich danach das Gasthaus +des »Fürsten Bismarck« passierte, stand auch Golchowski wieder in der +Tür und versäumte nicht, den Herrn Landrat und die gnädige Frau bis +an die Stufen der Böschung zu geleiten. Oben war der Zug noch nicht +angemeldet, und Effi und Innstetten schritten auf dem Bahnsteig auf +und ab. Ihr Gespräch drehte sich um die Wohnungsfrage; man war einig +über den Stadtteil, und daß es zwischen dem Tiergarten und dem +Zoologischen Garten sein müsse. »Ich will den Finkenschlag hören und +die Papageien auch«, sagte Innstetten, und Effi stimmte ihm zu. + +Nun aber hörte man das Signal, und der Zug lief ein; der +Bahnhofsinspektor war voller Entgegenkommen, und Effi erhielt ein +Coupé für sich. Noch ein Händedruck, ein Wehen mit dem Tuch, und der +Zug setzte sich wieder in Bewegung. + + + +Dreiundzwanzigstes Kapitel + +Auf dem Friedrichstraßen-Bahnhof war ein Gedränge; aber trotzdem, Effi +hatte schon vom Coupé aus die Mama erkannt und neben ihr den Vetter +Briest. Die Freude des Wiedersehens war groß, das Warten in der +Gepäckhalle stellte die Geduld auf keine allzu harte Probe, und +nach wenig mehr als fünf Minuten rollte die Droschke neben dem +Pferdebahngleise hin in die Dorotheenstraße hinein und auf die +Schadowstraße zu, an deren nächstgelegener Ecke sich die »Pension« +befand. Roswitha war entzückt und freute sich über Annie, die die +Händchen nach den Lichtern ausstreckte. + +Nun war man da. Effi erhielt ihre zwei Zimmer, die nicht, wie +erwartet, neben denen der Frau von Briest, aber doch auf demselben +Korridor lagen, und als alles seinen Platz und Stand hatte und Annie +in einem Bettchen mit Gitter glücklich untergebracht war, erschien +Effi wieder im Zimmer der Mama, einem kleinen Salon mit Kamin, drin +ein schwaches Feuer brannte; denn es war mildes, beinah warmes Wetter. + +Auf dem runden Tische mit grüner Schirmlampe waren drei Kuverts +gelegt, und auf einem Nebentischchen stand das Teezeug. + +»Du wohnst ja reizend, Mama«, sagte Effi, während sie dem Sofa +gegenüber Platz nahm, aber nur um sich gleich danach an dem Teetisch +zu schaffen zu machen. »Darf ich wieder die Rolle des Teefräuleins +übernehmen?« + +»Gewiß, meine liebe Effi Aber nur für Dagobert und dich selbst. Ich +meinerseits muß verzichten, was mir beinah schwerfällt.« + +»Ich verstehe, deiner Augen halber. Aber nun sage mir, Mama, was ist +es damit? In der Droschke, die noch dazu so klapperte, haben wir +immer nur von Innstetten und unserer großen Karriere gesprochen, viel +zuviel, und das geht nicht so weiter; glaube mir, deine Augen sind +mir wichtiger, und in einem finde ich sie, Gott sei Dank, ganz +unverändert, du siehst mich immer noch so freundlich an wie früher.« + +Und sie eilte auf die Mama zu und küßte ihr die Hand. »Effi, du bist +so stürmisch. Ganz die alte.« + +»Ach nein, Mama. Nicht die alte. Ich wollte, es wäre so. Man ändert +sich in der Ehe.« + +Vetter Briest lachte. »Cousine, ich merke nicht viel davon; du bist +noch hübscher geworden, das ist alles. Und mit dem Stürmischen wird es +wohl auch noch nicht vorbei sein.« + +»Ganz der Vetter«, versicherte die Mama; Effi selbst aber wollte +davon nichts hören und sagte: »Dagobert, du bist alles, nur kein +Menschenkenner. Es ist sonderbar. Ihr Offiziere seid keine guten +Menschenkenner, die jungen gewiß nicht. Ihr guckt euch immer nur +selber an oder eure Rekruten, und die von der Kavallerie haben auch +noch ihre Pferde. Die wissen nun vollends nichts.« + +»Aber Cousine, wo hast du denn diese ganze Weisheit her? Du kennst +ja keine Offiziere. Kessin, so habe ich gelesen, hat ja auf die ihm +zugedachten Husaren verzichtet, ein Fall, der übrigens einzig in der +Weltgeschichte dasteht. Und willst du von alten Zeiten sprechen? +Du warst ja noch ein halbes Kind, als die Rathenower zu euch +herüberkamen.« + +»Ich könnte dir erwidern, daß Kinder am besten beobachten. Aber ich +mag nicht, das sind ja alles bloß Allotria. Ich will wissen, wie's mit +Mamas Augen steht.« + +Frau von Briest erzählte nun, daß es der Augenarzt für Blutandrang +nach dem Gehirn ausgegeben habe. Daher käme das Flimmern. Es müsse +mit Diät gezwungen werden; Bier, Kaffee, Tee - alles gestrichen und +gelegentlich eine lokale Blutentziehung, dann würde es bald besser +werden. »Er sprach so von vierzehn Tagen. Aber ich kenne die +Doktorangaben; vierzehn Tage heißt sechs Wochen, und ich werde +noch hier sein, wenn Innstetten kommt und ihr in eure neue Wohnung +einzieht. Ich will auch nicht leugnen, daß das das Beste von der Sache +ist und mich über die mutmaßlich lange Kurdauer schon vorweg tröstet. +Sucht euch nur recht was Hübsches. Ich habe mir Landgrafen- oder +Keithstraße gedacht, elegant und doch nicht allzu teuer. Denn ihr +werdet euch einschränken müssen. Innstettens Stellung ist sehr +ehrenvoll, aber sie wirft nicht allzuviel ab. Und Briest klagt auch. +Die Preise gehen herunter, und er erzählt mir jeden Tag, wenn nicht +Schutzzölle kämen, so müßte er mit einem Bettelsack von Hohen-Cremmen +abziehen. Du weißt, er übertreibt gern. Aber nun lange zu, Dagobert, +und wenn es sein kann, erzähle uns was Hübsches. Krankheitsberichte +sind immer langweilig, und die liebsten Menschen hören bloß zu, weil +es nicht anders geht. Effi wird wohl auch gern eine Geschichte hören, +etwas aus den Fliegenden Blättern oder aus dem Kladderadatsch. Er soll +aber nicht mehr so gut sein.« + +»Oh, er ist noch ebensogut wie früher. Sie haben immer noch +Strudelwitz und Prudelwitz, und da macht es sich von selber.« + +»Mein Liebling ist Karlchen Mießnick und Wippchen von Bernau.« + +»Ja, das sind die Besten. Aber Wippchen, der übrigens - Pardon, schöne +Cousine - keine Kladderadatschfigur ist, Wippchen hat gegenwärtig +nichts zu tun, es ist ja kein Krieg mehr. Leider. Unsereins möchte +doch auch mal an die Reihe kommen und hier diese schreckliche Leere«, +und er strich vom Knopfloch nach der Achsel hinüber, »endlich +loswerden.« »Ach, das sind ja bloß Eitelkeiten. Erzähle lieber. Was +ist denn jetzt dran?« + +»Ja, Cousine, das ist ein eigen Ding. Das ist nicht für jedermann. +Jetzt haben wir nämlich die Bibelwitze.« + +»Die Bibelwitze? Was soll das heißen? ... Bibel und Witze gehören +nicht zusammen.« + +»Eben deshalb sagte ich, es sei nicht für jedermann. Aber ob +zulässig oder nicht, sie stehen jetzt hoch im Preis. Modesache, wie +Kiebitzeier.« + +»Nun, wenn es nicht zu toll ist, so gib uns eine Probe. Geht es?« + +»Gewiß geht es. Und ich möchte sogar hinzusetzen dürfen, du triffst +es besonders gut. Was jetzt nämlich kursiert, ist etwas hervorragend +Feines, weil es als Kombination auftritt und in die einfache +Bibelstelle noch das dativisch Wrangelsche mit einmischt. Die +Fragestellung - alle diese Witze treten nämlich in Frageform auf - ist +übrigens in vorliegendem Falle von großer Simplizität und lautet: 'Wer +war der erste Kutscher?' Und nun rate.« + +»Nun, vielleicht Apollo.« + +»Sehr gut. Du bist doch ein Daus, Effi. Ich wäre nicht darauf +gekommen. Aber trotzdem, du triffst damit nicht ins Schwarze.« + +»Nun, wer war es denn?« + +»Der erste Kutscher war 'Leid'. Denn schon im Buche Hiob heißt es: +'Leid soll mir nicht widerfahren', oder auch 'wieder fahren' in zwei +Wörtern und mit einem e.« + +Effi wiederholte kopfschüttelnd den Satz, auch die Zubemerkung, konnte +sich aber trotz aller Mühe nicht drin zurechtfinden; sie gehörte ganz +ausgesprochen zu den Bevorzugten, die für derlei Dinge durchaus kein +Organ haben, und so kam denn Vetter Briest in die nicht beneidenswerte +Situation, immer erneut erst auf den Gleichklang und dann auch wieder +auf den Unterschied von 'widerfahren' und 'wieder fahren' hinweisen zu +müssen. + +»Ach, nun versteh ich. Und du mußt mir verzeihen, daß es so lange +gedauert hat. Aber es ist wirklich zu dumm.« + +»Ja, dumm ist es«, sagte Dagobert kleinlaut. + +»Dumm und unpassend und kann einem Berlin ordentlich verleiden. Da +geht man nun aus Kessin fort, um wieder unter Menschen zu sein, und +das erste, was man hört, ist ein Bibelwitz. Auch Mama schweigt, und +das sagt genug. Ich will dir aber doch den Rückzug erleichtern ...« + +»Das tu, Cousine.« + +»... den Rückzug erleichtern und es ganz ernsthaft als ein gutes +Zeichen nehmen, daß mir, als erstes hier, von meinem Vetter Dagobert +gesagt wurde: 'Leid soll mir nicht widerfahren.' Sonderbar, Vetter, so +schwach die Sache als Witz ist, ich bin dir doch dankbar dafür.« + +Dagobert, kaum aus der Schlinge heraus, versuchte über Effis +Feierlichkeit zu spötteln, ließ aber ab davon, als er sah, daß es sie +verdroß. + +Bald nach zehn Uhr brach er auf und versprach, am anderen Tage +wiederzukommen, um nach den Befehlen zu fragen. + +Und gleich nachdem er gegangen, zog sich auch Effi in ihre Zimmer +zurück. + +Am andern Tage war das schönste Wetter, und Mutter und Tochter brachen +früh auf, zunächst nach der Augenklinik, wo Effi im Vorzimmer verblieb +und sich mit dem Durchblättern eines Albums beschäftigte. Dann ging es +nach dem Tiergarten und bis in die Nähe des »Zoologischen«, um dort +herum nach einer Wohnung zu suchen. Es traf sich auch wirklich so, +daß man in der Keithstraße, worauf sich ihre Wünsche von Anfang an +gerichtet hatten, etwas durchaus Passendes ausfindig machte, nur +daß es ein Neubau war, feucht und noch unfertig. »Es wird nicht +gehen, liebe Effi«, sagte Frau von Briest, »schon einfach +Gesundheitsrücksichten werden es verbieten. Und dann, ein Geheimrat +ist kein Trockenwohner.« + +Effi, so sehr ihr die Wohnung gefiel, war um so einverstandener mit +diesem Bedenken, als ihr an einer raschen Erledigung überhaupt nicht +lag, ganz im Gegenteil: »Zeit gewonnen, alles gewonnen«, und so war +ihr denn ein Hinausschieben der ganzen Angelegenheit eigentlich das +Liebste, was ihr begegnen konnte. »Wir wollen diese Wohnung aber doch +im Auge behalten, Mama, sie liegt so schön und ist im wesentlichen +das, was ich mir gewünscht habe.« Dann fuhren beide Damen in die Stadt +zurück, aßen im Restaurant, das man ihnen empfohlen, und waren am +Abend in der Oper, wozu der Arzt unter der Bedingung, daß Frau von +Briest mehr hören als sehen wolle, die Erlaubnis gegeben hatte. + +Die nächsten Tage nahmen einen ähnlichen Verlauf; man war aufrichtig +erfreut, sich wiederzuhaben und nach so langer Zeit wieder ausgiebig +miteinander plaudern zu können. Effi, die sich nicht bloß auf Zuhören +und Erzählen, sondern, wenn ihr am wohlsten war, auch auf Medisieren +ganz vorzüglich verstand, geriet mehr als einmal in ihren alten +Übermut, und die Mama schrieb nach Hause, wie glücklich sie sei, das +»Kind« wieder so heiter und lachlustig zu finden; es wiederhole sich +ihnen allen die schöne Zeit von vor fast zwei Jahren, wo man die +Ausstattung besorgt habe. Auch Vetter Briest sei ganz der alte. Das +war nun auch wirklich der Fall, nur mit dem Unterschied, daß er sich +seltener sehen ließ als vordem und auf die Frage nach dem »Warum« +anscheinend ernsthaft versicherte: »Du bist mir zu gefährlich, +Cousine.« Das gab dann jedesmal ein Lachen bei Mutter und Tochter, +und Effi sagte: »Dagobert, du bist freilich noch sehr jung, aber zu +solcher Form des Courmachers doch nicht mehr jung genug.« + +So waren schon beinahe vierzehn Tage vergangen. Innstetten schrieb +immer dringlicher und wurde ziemlich spitz, fast auch gegen die +Schwiegermama, so daß Effi einsah, ein weiteres Hinausschieben sei +nicht mehr gut möglich und es müsse nun wirklich gemietet werden. Aber +was dann? Bis zum Umzug nach Berlin waren immer noch drei Wochen, und +Innstetten drang auf rasche Rückkehr. Es gab also nur ein Mittel: Sie +mußte wieder eine Komödie spielen, mußte krank werden. + +Das kam ihr aus mehr als einem Grunde nicht leicht an; aber es mußte +sein, und als ihr das feststand, stand ihr auch fest, wie die Rolle, +bis in die kleinsten Einzelheiten hinein, gespielt werden müsse. + +»Mama, Innstetten, wie du siehst, wird über mein Ausbleiben +empfindlich. Ich denke, wir geben also nach und mieten heute noch. +Und morgen reise ich. Ach, es wird mir so schwer, mich von dir zu +trennen.« + +Frau von Briest war einverstanden. »Und welche Wohnung wirst du +wählen?« + +»Natürlich die erste, die in der Keithstraße, die mir von Anfang an so +gut gefiel und dir auch. Sie wird wohl noch nicht ganz ausgetrocknet +sein, aber es ist ja das Sommerhalbjahr, was einigermaßen ein Trost +ist. Und wird es mit der Feuchtigkeit zu arg und kommt ein bißchen +Rheumatismus, so hab ich ja schließlich immer noch Hohen-Cremmen.« + +»Kind, beruf es nicht; ein Rheumatismus ist mitunter da, man weiß +nicht wie.« + +Diese Worte der Mama kamen Effi sehr zupaß. Sie mietete denselben +Vormittag noch und schrieb eine Karte an Innstetten, daß sie den +nächsten Tag zurückwolle. Gleich danach wurden auch wirklich die +Koffer gepackt und alle Vorbereitungen getroffen. Als dann aber der +andere Morgen da war, ließ Effi die Mama an ihr Bett rufen und sagte: +»Mama, ich kann nicht reisen. Ich habe ein solches Reißen und Ziehen, +es schmerzt mich über den ganzen Rücken hin, und ich glaube beinah, es +ist ein Rheumatismus. Ich hätte nicht gedacht, daß das so schmerzhaft +sei.« + +»Siehst du, was ich dir gesagt habe; man soll den Teufel nicht an die +Wand malen. Gestern hast du noch leichtsinnig darüber gesprochen, +und heute ist es schon da. Wenn ich Schweigger sehe, werde ich ihn +fragen, was du tun sollst.« »Nein, nicht Schweigger. Der ist ja ein +Spezialist. Das geht nicht, und er könnte es am Ende übelnehmen, in so +was anderem zu Rate gezogen zu werden. Ich denke, das beste ist, wir +warten es ab. Es kann ja auch vorübergehen. Ich werde den ganzen Tag +über von Tee und Sodawasser leben, und wenn ich dann transpiriere, +komm ich vielleicht drüber hin.« + +Frau von Briest drückte ihre Zustimmung aus, bestand aber darauf, daß +sie sich gut verpflege. Daß man nichts genießen müsse, wie das früher +Mode war, das sei ganz falsch und schwäche bloß; in diesem Punkt stehe +sie ganz zu der jungen Schule: tüchtig essen. + +Effi sog sich nicht wenig Trost aus diesen Anschauungen, schrieb ein +Telegramm an Innstetten, worin sie von dem »leidigen Zwischenfall« +und einer ärgerlichen, aber doch nur momentanen Behinderung sprach, +und sagte dann zu Roswitha: »Roswitha, du mußt mir nun auch Bücher +besorgen; es wird nicht schwerhalten, ich will alte, ganz alte.« + +»Gewiß, gnäd'ge Frau. Die Leihbibliothek ist ja gleich hier nebenan. +Was soll ich besorgen?« + +»Ich will es aufschreiben, allerlei zur Auswahl, denn mitunter haben +sie nicht das eine, was man grade haben will.« Roswitha brachte +Bleistift und Papier, und Effi schrieb auf: + +Walter Scott, Ivanhoe oder Quentin Durward; Cooper, Der Spion; +Dickens, David Copperfield; Willibald Alexis, Die Hosen des Herrn von +Bredow. + +Roswitha las den Zettel durch und schnitt in der anderen Stube die +letzte Zeile fort; sie genierte sich ihret- und ihrer Frau wegen, den +Zettel in seiner ursprünglichen Gestalt abzugeben. + +Ohne besondere Vorkommnisse verging der Tag. Am andern Morgen war +es nicht besser und am dritten auch nicht. »Effi, das geht so nicht +länger. Wenn so was einreißt, dann wird man's nicht wieder los; +wovor die Doktoren am meisten warnen und mit Recht, das sind solche +Verschleppungen.« + +Effi seufzte. »Ja, Mama, aber wen sollen wir nehmen? Nur keinen +jungen; ich weiß nicht, aber es würde mich genieren.« + +»Ein junger Doktor ist immer genant, und wenn er es nicht ist, desto +schlimmer. Aber du kannst dich beruhigen; ich komme mit einem ganz +alten, der mich schon behandelt hat, als ich noch in der Heckerschen +Pension war, also vor etlichen zwanzig Jahren. Und damals war er nah +an Fünfzig und hatte schönes graues Haar, ganz kraus. Er war ein +Damenmann, aber in den richtigen Grenzen. Ärzte, die das vergessen, +gehen unter, und es kann auch nicht anders sein; unsere Frauen, +wenigstens die aus der Gesellschaft, haben immer noch einen guten +Fond.« + +»Meinst du? Ich freue mich immer, so was Gutes zu hören. Denn mitunter +hört man doch auch andres. Und schwer mag es wohl oft sein. Und wie +heißt denn der alte Geheimrat? Ich nehme an, daß es ein Geheimrat +ist.« + +»Geheimrat Rummschüttel.« + +Effi lachte herzlich. »Rummschüttel! Und als Arzt für jemanden, der +sich nicht rühren kann.« + +»Effi, du sprichst so sonderbar. Große Schmerzen kannst du nicht +haben.« + +»Nein, in diesem Augenblick nicht; es wechselt beständig.« + +Am anderen Morgen erschien Geheimrat Rummschüttel. Frau von Briest +empfing ihn, und als er Effi sah, war sein erstes Wort: »Ganz die +Mama.« + +Diese wollte den Vergleich ablehnen und meinte, zwanzig Jahre und +drüber seien doch eine lange Zeit; Rummschüttel blieb aber bei seiner +Behauptung, zugleich versichernd: nicht jeder Kopf präge sich ihm ein, +aber wenn er überhaupt erst einen Eindruck empfangen habe, so bleibe +der auch für immer. »Und nun, meine gnädigste Frau von Innstetten, wo +fehlt es, wo sollen wir helfen?« + +»Ach, Herr Geheimrat, ich komme in Verlegenheit, Ihnen auszudrücken, +was es ist. Es wechselt beständig. In diesem Augenblick ist es wie +weggeflogen. Anfangs habe ich an Rheumatisches gedacht, aber ich möcht +beinah glauben, es sei eine Neuralgie, Schmerzen den Rücken entlang, +und dann kann ich mich nicht aufrichten. Mein Papa leidet an +Neuralgie, da hab ich es früher beobachten können. Vielleicht ein +Erbstück von ihm.« + +»Sehr wahrscheinlich«, sagte Rummschüttel, der den Puls gefühlt +und die Patientin leicht, aber doch scharf beobachtet hatte. »Sehr +wahrscheinlich, meine gnädigste Frau.« Was er aber still zu sich +selber sagte, das lautete: »Schulkrank und mit Virtuosität gespielt; +Evastochter comme il faut.« Er ließ jedoch nichts davon merken, +sondern sagte mit allem wünschenswerten Ernst: »Ruhe und Wärme sind +das Beste, was ich anraten kann. Eine Medizin, übrigens nichts +Schlimmes, wird das Weitere tun.« + +Und er erhob sich, um das Rezept aufzuschreiben: Aqua Amygdalarum +amararum eine halbe Unze, Syrupus florum Aurantii zwei Unzen. +»Hiervon, meine gnädigste Frau, bitte ich Sie, alle zwei Stunden einen +halben Teelöffel voll nehmen zu wollen. Es wird Ihre Nerven beruhigen. +Und worauf ich noch dringen möchte: keine geistigen Anstrengungen, +keine Besuche, keine Lektüre.« Dabei wies er auf das neben ihr +liegende Buch. + +»Es ist Scott.« + +»Oh, dagegen ist nichts einzuwenden. Das beste sind +Reisebeschreibungen. Ich spreche morgen wieder vor.« + +Effi hatte sich wundervoll gehalten, ihre Rolle gut durchgespielt. Als +sie wieder allein war - die Mama begleitete den Geheimrat -, schoß ihr +trotzdem das Blut zu Kopf; sie hatte recht gut bemerkt, daß er ihrer +Komödie mit einer Komödie begegnet war. Er war offenbar ein überaus +lebensgewandter Herr, der alles recht gut sah, aber nicht alles +sehen wollte, vielleicht weil er wußte, daß dergleichen auch mal zu +respektieren sein könne. Denn gab es nicht zu respektierende Komödien, +war nicht die, die er selber spielte, eine solche? Bald danach kam die +Mama zurück, und Mutter und Tochter ergingen sich in Lobeserhebungen +über den feinen alten Herrn, der trotz seiner beinah Siebzig noch +etwas Jugendliches habe. »Schicke nur gleich Roswitha nach der +Apotheke ... Du sollst aber nur alle drei Stunden nehmen, hat er mir +draußen noch eigens gesagt. So war er schon damals, er verschrieb +nicht oft und nicht viel; aber immer Energisches, und es half auch +gleich.« + +Rummschüttel kam den zweiten Tag und dann jeden dritten, weil er sah, +welche Verlegenheit sein Kommen der jungen Frau bereitete. Dies nahm +ihn für sie ein, und sein Urteil stand ihm nach dem dritten Besuch +fest: »Hier liegt etwas vor, was die Frau zwingt, so zu handeln, wie +sie handelt.« Über solche Dinge den Empfindlichen zu spielen, lag +längst hinter ihm. + +Als Rummschüttel seinen vierten Besuch machte, fand er Effi auf, in +einem Schaukelstuhl sitzend, ein Buch in der Hand, Annie neben ihr. + +»Ah, meine gnädigste Frau! Hocherfreut. Ich schiebe es nicht auf die +Arznei; das schöne Wetter, die hellen, frischen Märztage, da fällt die +Krankheit ab. Ich beglückwünsche Sie. Und die Frau Mama?« + +»Sie ist ausgegangen, Herr Geheimrat, in die Keithstraße, wo wir +gemietet haben. Ich erwarte nun innerhalb weniger Tage meinen Mann, +den ich mich, wenn in unserer Wohnung erst alles in Ordnung sein wird, +herzlich freue, Ihnen vorstellen zu können. Denn ich darf doch wohl +hoffen, daß Sie auch in Zukunft sich meiner annehmen werden.« + +Er verbeugte sich. + +»Die neue Wohnung«, fuhr sie fort, »ein Neubau, macht mir freilich +Sorge. Glauben Sie, Herr Geheimrat, daß die feuchten Wände ...« + +»Nicht im geringsten, meine gnädigste Frau. Lassen Sie drei, vier Tage +lang tüchtig heizen und immer Türen und Fenster auf, da können Sie's +wagen, auf meine Verantwortung. Und mit Ihrer Neuralgie, das war nicht +von solcher Bedeutung. Aber ich freue mich Ihrer Vorsicht, die mir +Gelegenheit gegeben hat, eine alte Bekanntschaft zu erneuern und eine +neue zu machen.« + +Er wiederholte seine Verbeugung, sah noch Annie freundlich in die +Augen und verabschiedete sich unter Empfehlungen an die Mama. + +Kaum daß er fort war, so setzte sich Effi an den Schreibtisch und +schrieb: »Lieber Innstetten! Eben war Rummschüttel hier und hat mich +aus der Kur entlassen. Ich könnte nun reisen, morgen etwa; aber heut +ist schon der 24., und am 28. willst Du hier eintreffen. Angegriffen +bin ich ohnehin noch. Ich denke, Du wirst einverstanden sein, wenn ich +die Reise ganz aufgebe. Die Sachen sind ja ohnehin schon unterwegs, +und wir würden, wenn ich käme, in Hoppensacks Hotel wie Fremde leben +müssen. Auch der Kostenpunkt ist in Betracht zu ziehen, die Ausgaben +werden sich ohnehin häufen; unter anderem ist Rummschüttel zu +honorieren, wenn er uns auch als Arzt verbleibt. Übrigens ein sehr +liebenswürdiger alter Herr. Er gilt ärztlich nicht für ersten +Ranges, 'Damendoktor', sagen seine Gegner und Neider. Aber dies +Wort umschließt doch auch ein Lob; es kann eben nicht jeder mit uns +umgehen. Daß ich von den Kessinern nicht persönlich Abschied nehme, +hat nicht viel auf sich. Bei Gieshübler war ich. Die Frau Majorin hat +sich immer ablehnend gegen mich verhalten, ablehnend bis zur Unart; +bleibt noch der Pastor und Doktor Hannemann und Crampas. Empfiehl +mich letzterem. An die Familien auf dem Lande schicke ich Karten; +Güldenklees, wie Du mir schreibst, sind in Italien (was sie da wollen, +weiß ich nicht), und so bleiben nur die drei andern. Entschuldige +mich, so gut es geht. Du bist ja der Mann der Formen und weißt +das richtige Wort zu treffen. An Frau Von Padden, die mir am +Silvesterabend so außerordentlich gut gefiel, schreibe ich vielleicht +selber noch und spreche ihr mein Bedauern aus. Laß mich in einem +Telegramm wissen, ob Du mit allem einverstanden bist. Wie immer Deine +Effi.« + +Effi brachte selber den Brief zur Post, als ob sie dadurch die Antwort +beschleunigen könne, und am nächsten Vormittag traf denn auch das +erbetene Telegramm von Innstetten ein: »Einverstanden mit allem.« Ihr +Herz jubelte, sie eilte hinunter und auf den nächsten Droschkenstand +zu: »Keithstraße Ic.« Und erst die Linden und dann die +Tiergartenstraße hinunter flog die Droschke, und nun hielt sie vor der +neuen Wohnung. + +Oben standen die den Tag vorher eingetroffenen Sachen noch bunt +durcheinander, aber es störte sie nicht, und als sie auf den breiten, +aufgemauerten Balkon hinaustrat, lag jenseits der Kanalbrücke der +Tiergarten vor ihr, dessen Bäume schon überall einen grünen Schimmer +zeigten. Darüber aber ein klarer blauer Himmel und eine lachende +Sonne. + +Sie zitterte vor Erregung und atmete hoch auf. Dann trat sie vom +Balkon her wieder über die Türschwelle zurück, hob den Blick und +faltete die Hände. + +»Nun, mit Gott, ein neues Leben! Es soll anders werden.« + + + +Vierundzwanzigstes Kapitel + +Drei Tage danach, ziemlich spät, um die neunte Stunde, traf Innstetten +in Berlin ein. Alles war am Bahnhof: Effi, die Mama, der Vetter; der +Empfang war herzlich, am herzlichsten von seiten Effis, und man hatte +bereits eine Welt von Dingen durchgesprochen, als der Wagen, den man +genommen, vor der neuen Wohnung in der Keithstraße hielt. »Ach, da +hast du gut gewählt, Effi«, sagte Innstetten, als er in das Vestibül +eintrat, »kein Haifisch, kein Krokodil und hoffentlich auch kein +Spuk.« + +»Nein, Geert, damit ist es nun vorbei. Nun bricht eine andere Zeit an, +und ich fürchte mich nicht mehr und will auch besser sein als früher +und dir mehr zu Willen leben.« Alles das flüsterte sie ihm zu, während +sie die teppichbedeckte Treppe bis in den zweiten Stock hinanstiegen. +Der Vetter führte die Mama. + +Oben fehlte noch manches, aber für einen wohnlichen Eindruck war doch +gesorgt, und Innstetten sprach seine Freude darüber aus. »Effi, du +bist doch ein kleines Genie«; aber diese lehnte das Lob ab und zeigte +auf die Mama, die habe das eigentliche Verdienst. »Hier muß es +stehen«, so habe es unerbittlich geheißen, und immer habe sie's +getroffen, wodurch natürlich viel Zeit gespart und die gute Laune +nie gestört worden sei. Zuletzt kam auch Roswitha, um den Herrn zu +begrüßen, bei welcher Gelegenheit sie sagte, Fräulein Annie ließe sich +für heute entschuldigen - ein kleiner Witz, auf den sie stolz war und +mit dem sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte. + +Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch, und als +Innstetten sich ein Glas Wein eingeschenkt und »auf glückliche Tage« +mit allen angestoßen hatte, nahm er Effis Hand und sagte: »Aber Effi, +nun erzähle mir, was war das mit deiner Krankheit?« + +»Ach, lassen wir doch das, nicht der Rede wert; ein bißchen +schmerzhaft und eine rechte Störung, weil es einen Strich durch +unsere Pläne machte. Aber mehr war es nicht, und nun ist es vorbei. +Rummschüttel hat sich bewährt, ein feiner, liebenswürdiger alter Herr, +wie ich dir, glaub ich, schon schrieb. In seiner Wissenschaft soll er +nicht gerade glänzen, aber Mama sagt, das sei ein Vorzug. Und sie wird +wohl recht haben, wie in allen Stücken. Unser guter Doktor Hannemann +war auch kein Licht und traf es doch immer. Und nun sag, was macht +Gieshübler und die anderen alle?« + +»Ja, wer sind die anderen alle? Crampas läßt sich der gnäd'gen Frau +empfehlen ...« + +»Ah, sehr artig.« + +»Und der Pastor will dir desgleichen empfohlen sein; nur die +Herrschaften auf dem Lande waren ziemlich nüchtern und schienen auch +mich für deinen Abschied ohne Abschied verantwortlich machen zu +wollen. Unsere Freundin Sidonie war sogar spitz, und nur die gute Frau +von Padden, zu der ich eigens vorgestern noch hinüberfuhr, freute sich +aufrichtig über deinen Gruß und deine Liebeserklärung an sie. Du seist +eine reizende Frau, sagte sie, aber ich sollte dich gut hüten. Und als +ich ihr erwiderte, du fändest schon, daß ich mehr ein Erzieher als ein +Ehemann sei, sagte sie halblaut und beinahe wie abwesend: 'Ein junges +Lämmchen, weiß wie Schnee.' Und dann brach sie ab.« + +Vetter Briest lachte. »'Ein junges Lämmchen, weiß wie Schnee.' Da +hörst du's, Cousine.« Und er wollte sie zu necken fortfahren, gab es +aber auf, als er sah, daß sie sich verfärbte. + +Das Gespräch, das meist zurückliegende Verhältnisse berührte, spann +sich noch eine Weile weiter, und Effi erfuhr zuletzt aus diesem und +jenem, was Innstetten mitteilte, daß sich von dem ganzen Kessiner +Hausstand nur Johanna bereit erklärt habe, die Übersiedlung nach +Berlin mitzumachen. Sie sei natürlich noch zurückgeblieben, werde aber +in zwei, drei Tagen mit dem Rest der Sachen eintreffen; er sei froh +über ihren Entschluß, denn sie sei immer die Brauchbarste gewesen +und von einem ausgesprochenen großstädtischen Schick. Vielleicht ein +bißchen zu sehr. Christel und Friedrich hätten sich beide für zu +alt erklärt, und mit Kruse zu verhandeln, habe sich von vornherein +verboten. »Was soll uns ein Kutscher hier?« schloß Innstetten. »Pferd +und Wagen, das sind tempi passati, mit diesem Luxus ist es in Berlin +vorbei. Nicht einmal das schwarze Huhn hätten wir unterbringen können. +Oder unterschätze ich die Wohnung?« + +Effi schüttelte den Kopf, und als eine kleine Pause eintrat, erhob +sich die Mama; es sei bald elf, und sie habe noch einen weiten Weg, +übrigens solle sie niemand begleiten, der Droschkenstand sei ja nah +- ein Ansinnen, das Vetter Briest natürlich ablehnte. Bald darauf +trennte man sich, nachdem noch ein Rendezvous für den anderen +Vormittag verabredet war. + +Effi war ziemlich früh auf und hatte - die Luft war beinahe sommerlich +warm - den Kaffeetisch bis nahe an die geöffnete Balkontür rücken +lassen, und als Innstetten nun auch erschien, trat sie mit ihm auf +den Balkon hinaus und sagte: »Nun, was sagst du? Du wolltest den +Finkenschlag aus dem Tiergarten hören und die Papageien aus dem +Zoologischen. + +Ich weiß nicht, ob beide dir den Gefallen tun werden, aber möglich ist +es. Hörst du wohl? Das kam von drüben, drüben aus dem kleinen Park. Es +ist nicht der eigentliche Tiergarten, aber doch beinah.« + +Innstetten war entzückt und von einer Dankbarkeit, als ob Effi ihm +das alles persönlich herangezaubert habe. Dann setzten sie sich, und +nun kam auch Annie. Roswitha verlangte, daß Innstetten eine große +Veränderung an dem Kinde finden solle, was er denn auch schließlich +tat. Und dann plauderten sie weiter, abwechselnd über die Kessiner und +die in Berlin zu machenden Visiten und ganz zuletzt auch über eine +Sommerreise. Mitten im Gespräch aber mußten sie abbrechen, um +rechtzeitig beim Rendezvous erscheinen zu können. + +Man traf sich, wie verabredet, bei Helms, gegenüber dem Roten Schloß, +besuchte verschiedene Läden, aß bei Hiller und war bei guter Zeit +wieder zu Haus. Es war ein gelungenes Beisammensein gewesen. +Innstetten herzlich froh, das großstädtische Leben wieder mitmachen +und auf sich wirken lassen zu können. Tags darauf, am 1. April, begab +er sich in das Kanzlerpalais, um sich einzuschreiben (eine persönliche +Gratulation unterließ er aus Rücksicht), und ging dann aufs +Ministerium, um sich da zu melden. Er wurde auch angenommen, trotzdem +es ein geschäftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger Tag war, +ja, sah sich seitens seines Chefs durch besonders entgegenkommende +Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. Er wisse, was er an ihm habe, und sei +sicher, ihr Einvernehmen nie gestört zu sehen. + +Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten. Ein aufrichtiges +Bedauern war es für Effi, die Mama, nachdem diese, wie gleich +anfänglich vermutet, fast sechs Wochen lang in Kur gewesen, nach +Hohen-Cremmen zurückkehren zu sehen, ein Bedauern, das nur dadurch +einigermaßen gemildert wurde, daß sich Johanna denselben Tag noch +in Berlin einstellte. Das war immerhin was, und wenn die hübsche +Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahe stand wie die ganz +selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswitha, so war sie doch +gleichmäßig angesehen, ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen +Herrin, weil sie sehr geschickt und brauchbar und der Männerwelt +gegenüber von einer ausgesprochenen und selbstbewußten Reserviertheit +war. Einem Kessiner on dit zufolge ließen sich die Wurzeln ihrer +Existenz auf eine längst pensionierte Größe der Garnison Pasewalk +zurückführen, woraus man sich auch ihre vornehme Gesinnung, ihr +schönes blondes Haar und die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung +erklären wollte. Johanna selbst teilte die Freude, die man allerseits +über ihr Eintreffen empfand, und war durchaus einverstanden damit, +als Hausmädchen und Jungfer, ganz wie früher, den Dienst bei Effi zu +übernehmen, während Roswitha, die der Christel in beinahe Jahresfrist +ihre Kochkünste so ziemlich abgelernt hatte, dem Küchendepartement +vorstehen sollte. Annies Abwartung und Pflege fiel Effi selber zu, +worüber Roswitha freilich lachte. Denn sie kannte die jungen Frauen. + +Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus. Er war +glücklicher als vordem in Kessin, weil ihm nicht entging, daß Effi +sich unbefangener und heiterer gab. Und das konnte sie, weil sie sich +freier fühlte. Wohl blickte das Vergangene noch in ihr Leben hinein, +aber es ängstigte sie nicht mehr oder doch um vieles seltener und +vorübergehender, und alles, was davon noch in ihr nachzitterte, gab +ihrer Haltung einen eigenen Reiz. In jeglichem, was sie tat, lag etwas +Wehmütiges, wie eine Abbitte, und es hätte sie glücklich gemacht, dies +alles noch deutlicher zeigen zu können. Aber das verbot sich freilich. + +Das gesellschaftliche Leben der großen Stadt war, als sie während der +ersten Aprilwochen ihre Besuche machten, noch nicht vorüber, wohl aber +im Erlöschen, und so kam es für sie zu keiner rechten Teilnahme mehr +daran. In der zweiten Hälfte des Mai starb es dann ganz hin, und mehr +noch als vorher war man glücklich, sich in der Mittagsstunde, wenn +Innstetten von seinem Ministerium kam, im Tiergarten treffen oder +nachmittags einen Spaziergang nach dem Charlottenburger Schloßgarten +machen zu können. Effi sah sich, wenn sie die lange Front zwischen dem +Schloß und den Orangeriebäumen auf und ab schritt, immer wieder die +massenhaft dort stehenden römischen Kaiser an, fand eine merkwürdige +Ähnlichkeit zwischen Nero und Titus, sammelte Tannenäpfel, die von +den Trauertannen gefallen waren, und ging dann, Arm in Arm mit ihrem +Manne, bis auf das nach der Spree hin einsam gelegene »Belvedere« zu. + +»Da drin soll es auch einmal gespukt haben«, sagte sie. + +»Nein, bloß Geistererscheinungen.« + +»Das ist dasselbe.« + +»Ja, zuweilen«, sagte Innstetten. »Aber eigentlich ist doch ein +Unterschied. Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens +soll es hier in dem 'Belvedere' so gewesen sein, wie Vetter Briest +erst gestern noch erzählte -, Spuk aber wird nie gemacht, Spuk ist +natürlich.« + +»Also glaubst du doch dran?« + +»Gewiß glaub ich dran. Es gibt so was. Nur an das, was wir in Kessin +davon hatten, glaub ich nicht recht. Hat dir denn Johanna schon ihren +Chinesen gezeigt?« + +»Welchen?« + +»Nun, unsern. Sie hat ihn, ehe sie unser altes Haus verließ, oben von +der Stuhllehne abgelöst und ihn ins Portemonnaie gelegt. Als ich mir +neulich ein Markstück bei ihr wechselte, hab ich ihn gesehen. Und sie +hat es mir auch verlegen bestätigt.« + +»Ach, Geert, das hättest du mir nicht sagen sollen. Nun ist doch +wieder so was in unserm Hause.« + +»Sag ihr, daß sie ihn verbrennt.« + +»Nein, das mag ich auch nicht, und das hilft auch nichts. Aber ich +will Roswitha bitten ...« + +»Um was? Ah, ich verstehe schon, ich ahne, was du vorhast. Die soll +ein Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun. Ist es +so was?« + +Effi nickte. + +»Nun, tu, was du willst. Aber sag es niemandem.« + +Effi meinte dann schließlich, es lieber doch lassen zu wollen, und +unter allerhand kleinem Geplauder, in welchem die Reisepläne für den +Sommer mehr und mehr Platz gewannen, fuhren sie bis an den »Großen +Stern« zurück und gingen dann durch die Korso-Allee und die breite +Friedrich-Wilhelm-Straße auf ihre Wohnung zu. + +Sie hatten vor, schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische +Gebirge zu gehen, wo gerade in diesem Jahr wieder die Oberammergauer +Spiele stattfanden. Es ließ sich aber nicht tun; Geheimrat von +Wüllesdorf, den Innstetten schon von früher her kannte und der jetzt +sein Spezialkollege war, erkrankte plötzlich, und Innstetten mußte +bleiben und ihn vertreten. Erst Mitte August war alles wieder +beglichen und damit die Reisemöglichkeit gegeben; es war aber nun zu +spät geworden, um noch nach Oberammergau zu gehen, und so entschied +man sich für einen Aufenthalt auf Rügen. »Zunächst natürlich +Stralsund, mit Schill, den du kennst, und mit Scheele, den du nicht +kennst und der den Sauerstoff entdeckte, was man aber nicht zu wissen +braucht. Und dann von Stralsund nach Bergen und dem Rugard, von wo +man, wie mir Wüllersdorf sagte, die ganze Insel übersehen kann, und +dann zwischen dem Großen und Kleinen Jasmunder-Bodden hin, bis nach +Saßnitz. Denn nach Rügen reisen heißt nach Saßnitz reisen. Binz ginge +vielleicht auch noch, aber da sind - ich muß Wüllersdorf noch einmal +zitieren - so viele kleine Steinchen und Muschelschalen am Strand, und +wir wollen doch baden.« + +Effi war einverstanden mit allem, was von seiten Innstettens geplant +wurde, vor allem auch damit, daß der ganze Hausstand auf vier Wochen +aufgelöst und Roswitha mit Annie nach Hohen-Cremmen, Johanna aber zu +ihrem etwas jüngeren Halbbruder reisen sollte, der bei Pasewalk eine +Schneidemühle hatte. So war alles gut untergebracht. Mit Beginn der +nächsten Woche brach man denn auch wirklich auf, und am selben Abend +noch war man in Saßnitz. Über dem Gasthaus stand »Hotel Fahrenheit«. +»Die Preise hoffentlich nach Réaumur«, setzte Innstetten, als er +den Namen las, hinzu, und in bester Laune machten beide noch einen +Abendspaziergang an dem Klippenstrand hin und sahen von einem +Felsenvorsprung aus auf die stille, vom Mondschein überzitterte Bucht. +Effi war entzückt. »Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja Sorrent. +Ja, hier bleiben wir. Aber natürlich nicht im Hotel; die Kellner sind +mir zu vornehm, und man geniert sich, um eine Flasche Sodawasser zu +bitten ...« + +»Ja, lauter Attachés. Es wird sich aber wohl eine Privatwohnung finden +lassen.« + +»Denk ich auch. Und wir wollen gleich morgen danach aussehen.« + +Schön wie der Abend war der Morgen, und man nahm das Frühstück im +Freien. Innstetten empfing etliche Briefe, die schnell erledigt werden +mußten, und so beschloß Effi, die für sie freigewordene Stunde sofort +zur Wohnungssuche zu benutzen. Sie ging erst an einer eingepferchten +Wiese, dann an Häusergruppen und Haferfeldern vorüber und bog zuletzt +in einen Weg ein, der schluchtartig auf das Meer zulief. Da, wo +dieser Schluchtenweg den Strand traf, stand ein von hohen Buchen +überschattetes Gasthaus, nicht so vornehm wie das Fahrenheitsche, mehr +ein bloßes Restaurant, in dem, der frühen Stunde halber, noch alles +leer war. Effi nahm an einem Aussichtspunkt Platz, und kaum daß sie +von dem Sherry, den sie bestellt, genippt hatte, so trat auch schon +der Wirt an sie heran, um halb aus Neugier und halb aus Artigkeit ein +Gespräch mit ihr anzuknüpfen. + +»Es gefällt uns sehr gut hier«, sagte sie, »meinem Manne und mir; +welch prächtiger Blick über die Bucht, und wir sind nur in Sorge wegen +einer Wohnung.« + +»Ja, gnädigste Frau, das wird schwerhalten ...« + +»Es ist aber schon spät im Jahr ...« + +»Trotzdem. Hier in Saßnitz ist sicherlich nichts zu finden, dafür +möcht ich mich verbürgen; aber weiterhin am Strand, wo das nächste +Dorf anfängt, Sie können die Dächer von hier aus blinken sehen, da +möcht es vielleicht sein.« + +»Und wie heißt das Dorf?« »Crampas.« + +Effi glaubte nicht recht gehört zu haben. »Crampas«, wiederholte sie +mit Anstrengung. »Ich habe den Namen als Ortsnamen nie gehört ... Und +sonst nichts in der Nähe?« + +»Nein, gnädigste Frau. Hier herum nichts. Aber höher hinauf, nach +Norden zu, da kommen noch wieder Dörfer, und in dem Gasthause, das +dicht neben Stubbenkammer liegt, wird man Ihnen gewiß Auskunft geben +können. Es werden dort von solchen, die gerne noch vermieten wollen, +immer Adressen abgegeben.« + +Effi war froh, das Gespräch allein geführt zu haben, und als sie bald +danach ihrem Manne Bericht erstattet und nur den Namen des an Saßnitz +angrenzenden Dorfes verschwiegen hatte, sagte dieser: »Nun, wenn es +hier herum nichts gibt, so wird es das beste sein, wir nehmen einen +Wagen (wodurch man sich beiläufig einem Hotel immer empfiehlt) und +übersiedeln ohne weiteres da höher hinauf, nach Stubbenkammer hin. +Irgendwas Idyllisches mit einer Geißblattlaube wird sich da wohl +finden lassen, und finden wir nichts, so bleibt uns immer noch das +Hotel selbst. Eins ist schließlich wie das andere.« + +Effi war einverstanden, und gegen Mittag schon erreichten sie das +neben Stubbenkammer gelegene Gasthaus, von dem Innstetten eben +gesprochen, und bestellten daselbst einen Imbiß. »Aber erst nach einer +halben Stunde; wir haben vor, zunächst noch einen Spaziergang zu +machen und uns den Herthasee anzusehen. Ein Führer ist doch wohl da?« + +Dies wurde bejaht, und ein Mann von mittleren Jahren trat alsbald an +unsere Reisenden heran. Er sah so wichtig und feierlich aus, als ob er +mindestens ein Adjunkt bei dem alten Herthadienst gewesen wäre. + +Der von hohen Bäumen umstandene See lag ganz in der Nähe, Binsen +säumten ihn ein, und auf der stillen, schwarzen Wasserfläche schwammen +zahlreiche Mummeln. + +»Es sieht wirklich nach so was aus«, sagte Effi, »nach Herthadienst.« + +»Ja, gnäd'ge Frau ... Dessen sind auch noch die Steine Zeugen.« + +»Welche Steine?« + +»Die Opfersteine.« + +Und während sich das Gespräch in dieser Weise fortsetzte, traten alle +drei vom See her an eine senkrechte, abgestochene Kies- und Lehmwand +heran, an die sich etliche glattpolierte Steine lehnten, alle mit +einer flachen Höhlung und etlichen nach unten laufenden Rinnen. + +»Und was bezwecken die?« + +»Daß es besser abliefe, gnäd'ge Frau.« + +»Laß uns gehen«, sagte Effi, und den Arm ihres Mannes nehmend, ging +sie mit ihm wieder auf das Gasthaus zurück, wo nun, an einer Stelle +mit weitem Ausblick auf das Meer, das vorher bestellte Frühstück +aufgetragen wurde. Die Bucht lag im Sonnenlicht vor ihnen, einzelne +Segelboote glitten darüber hin, und um die benachbarten Klippen +haschten sich die Möwen. Es war sehr schön, auch Effi fand es; aber +wenn sie dann über die glitzernde Fläche hinwegsah, bemerkte sie, nach +Süden zu, wieder die hell aufleuchtenden Dächer des langgestreckten +Dorfes, dessen Name sie heute früh so sehr erschreckt hatte. + +Innstetten, wenn auch ohne Wissen und Ahnung dessen, was in ihr +vorging, sah doch deutlich, daß es ihr an aller Lust und Freude +gebrach. »Es tut mir leid, Effi, daß du der Sache nicht recht froh +wirst. Du kannst den Herthasee nicht vergessen und noch weniger die +Steine.« + +Sie nickte. »Es ist so, wie du sagst. Und ich muß dir bekennen, ich +habe nichts in meinem Leben gesehen, was mich so traurig gestimmt +hätte. Wir wollen das Wohnungssuchen ganz aufgeben; ich kann hier +nicht bleiben.« + +»Und gestern war es dir noch der Golf von Neapel und alles mögliche +Schöne.« + +»Ja, gestern.« + +»Und heute? Heute keine Spur mehr von Sorrent?« + +»Eine Spur noch, aber auch nur eine Spur; es ist Sorrent, als ob es +sterben wollte.« + +»Gut dann, Effi«, sagte Innstetten und reichte ihr die Hand. + +»Ich will dich mit Rügen nicht quälen, und so geben wir's denn auf. +Abgemacht. Es ist nicht nötig, daß wir uns an Stubbenkammer anklammern +oder an Saßnitz oder da weiter hinunter. Aber wohin?« + +»Ich denke, wir bleiben noch einen Tag und warten das Dampfschiff ab, +das, wenn ich nicht irre, morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen +hinüberfährt. Da soll es ja so vergnüglich sein, und ich kann dir gar +nicht sagen, wie sehr ich mich nach etwas Vergnüglichem sehne. Hier +ist mir, als ob ich in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen könnte +und überhaupt nie gelacht hätte, und du weißt doch, wie gern ich +lache.« + +Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem Zustand, und das um +so lieber, als er ihr in vielem recht gab. Es war wirklich alles +schwermütig, so schön es war. + +Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff ab und trafen am +dritten Tag in aller Frühe in Kopenhagen ein, wo sie auf Kongens +Nytorv Wohnung nahmen. Zwei Stunden später waren sie schon im +Thorwaldsen-Museum, und Effi sagte: »Ja, Geert, das ist schön, und ich +bin glücklich, daß wir uns hierher auf den Weg gemacht haben.« Bald +danach gingen sie zu Tisch und machten an der Table d'hôte die +Bekanntschaft einer ihnen gegenübersitzenden jütländischen Familie, +deren bildschöne Tochter, Thora von Penz, ebenso Innstettens wie Effis +beinah bewundernde Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm. Effi konnte +sich nicht satt sehen an den großen blauen Augen und dem flachsblonden +Haar, und als man sich nach anderthalb Stunden von Tisch erhob, wurde +seitens der Penzschen Familie - die leider, denselben Tag noch, +Kopenhagen wieder verlassen mußte - die Hoffnung ausgesprochen, das +junge preußische Paar mit nächstem in Schloß Aggerhuus (eine halbe +Meile vom Limfjord) begrüßen zu dürfen, eine Einladung, die von den +Innstettens auch ohne langes Zögern angenommen wurde. So vergingen die +Stunden im Hotel. Aber damit war es nicht genug des Guten an diesem +merkwürdigen Tag, von dem Effi denn auch versicherte, daß er im +Kalender rot angestrichen werden müsse. + +Der Abend brachte, das Maß des Glücks voll zu machen, eine Vorstellung +im Tivoli-Theater: eine italienische Pantomime, Arlequin und +Colombine. + +Effi war wie berauscht von den kleinen Schelmereien, und als sie spät +am Abend nach ihrem Hotel zurückkehrten, sagte sie: »Weißt du, Geert, +nun fühl ich doch, daß ich allmählich wieder zu mir komme. Von der +schönen Thora will ich gar nicht erst sprechen; aber wenn ich bedenke, +heute vormittag Thorwaldsen und heute abend diese Colombine ...« + +»... Die dir im Grunde doch noch lieber war als Thorwaldsen...« + +»Offen gestanden, ja. Ich habe nun mal den Sinn für dergleichen. Unser +gutes Kessin war ein Unglück für mich. Alles fiel mir da auf die +Nerven. Rügen beinah auch. Ich denke, wir bleiben noch ein paar Tage +hier in Kopenhagen, natürlich mit Ausflug nach Frederiksborg und +Helsingör, und dann nach Jütland hinüber; ich freue mich aufrichtig, +die schöne Thora wiederzusehen, und wenn ich ein Mann wäre, so +verliebte ich mich in sie.« + +Innstetten lachte. »Du weißt noch nicht, was ich tue.« + +»Wär mir schon recht. Dann gibt es einen Wettstreit, und du sollst +sehen, dann hab ich auch noch meine Kräfte.« + +»Das brauchst du mir nicht erst zu versichern.« + +So verlief denn auch die Reise. Drüben in Jütland fuhren sie den +Limfjord hinauf, bis Schloß Aggerhuus, wo sie drei Tage bei der +Penzschen Familie verblieben, und kehrten dann mit vielen Stationen +und kürzeren und längeren Aufenthalten in Viborg, Flensburg, Kiel +über Hamburg (das ihnen ungemein gefiel) in die Heimat zurück - +nicht direkt nach Berlin in die Keithstraße, wohl aber vorher nach +Hohen-Cremmen, wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben +wollte, für Innstetten bedeutete das nur wenige Tage, da sein Urlaub +abgelaufen war, Effi blieb aber noch eine Woche länger und sprach es +aus, erst zum dritten Oktober, ihrem Hochzeitstag, wieder zu Hause +eintreffen zu wollen. + +Annie war in der Landluft prächtig gediehen, und was Roswitha geplant +hatte, daß sie der Mama in Stiefelchen entgegenlaufen sollte, das +gelang auch vollkommen. Briest gab sich als zärtlicher Großvater, +warnte vor zuviel Liebe, noch mehr vor zuviel Strenge, und war in +allem der alte. Eigentlich aber galt all seine Zärtlichkeit doch nur +Effi, mit der er sich in seinem Gemüt immer beschäftigte, zumeist +auch, wenn er mit seiner Frau allein war. + +»Wie findest du Effi?« + +»Lieb und gut wie immer. Wir können Gott nicht genug danken, eine so +liebenswürdige Tochter zu haben. Und wie dankbar sie für alles ist und +immer so glücklich, wieder unter unserm Dach zu sein.« + +»Ja«, sagte Briest, »sie hat von dieser Tugend mehr, als mir lieb ist. +Eigentlich ist es, als wäre dies hier immer noch ihre Heimstätte. Sie +hat doch den Mann und das Kind, und der Mann ist ein Juwel, und das +Kind ist ein Engel, aber dabei tut sie, als wäre Hohen-Cremmen immer +noch die Hauptsache für sie, und Mann und Kind kämen gegen uns beide +nicht an. Sie ist eine prächtige Tochter, aber sie ist es mir zu sehr. +Es ängstigt mich ein bißchen. Und ist auch ungerecht gegen Innstetten. +Wie steht es denn eigentlich damit?« + +»Ja, Briest, was meinst du?« + +»Nun, ich meine, was ich meine, und du weißt auch was. Ist sie +glücklich? Oder ist da doch irgendwas im Wege? Von Anfang an war mir's +so, als ob sie ihn mehr schätze als liebe. Und das ist in meinen Augen +ein schlimm Ding. Liebe hält auch nicht immer vor, aber Schätzung +gewiß nicht. Eigentlich ärgern sich die Weiber, wenn sie wen schätzen +müssen; erst ärgern sie sich, und dann langweilen sie sich, und +zuletzt lachen sie.« + +»Hast du so was an dir selber erfahren?« + +»Das will ich nicht sagen. Dazu stand ich nicht hoch genug in der +Schätzung. Aber schrauben wir uns nicht weiter, Luise. Sage, wie steht +es?« + +»Ja, Briest, du kommst immer auf diese Dinge zurück. Da reicht ja +kein dutzendmal, daß wir darüber gesprochen und unsere Meinungen +ausgetauscht haben, und immer bist du wieder da mit deinem +Alleswissenwollen und fragst dabei so schrecklich naiv, als ob ich in +alle Tiefen sähe. Was hast du nur für Vorstellungen von einer jungen +Frau und ganz speziell von deiner Tochter? Glaubst du, daß das alles +so plan daliegt? Oder daß ich ein Orakel bin (ich kann mich nicht +gleich auf den Namen der Person besinnen) oder daß ich die Wahrheit +sofort klipp und klar in den Händen halte, wenn mir Effi ihr Herz +ausgeschüttet hat? Oder was man wenigstens so nennt. Denn was heißt +ausschütten? Das Eigentliche bleibt doch zurück. Sie wird sich hüten, +mich in ihre Geheimnisse einzuweihen. Außerdem, ich weiß nicht, von +wem sie's hat, sie ist ... ja, sie ist eine sehr schlaue kleine +Person, und diese Schlauheit an ihr ist um so gefährlicher, weil sie +so sehr liebenswürdig ist.« + +»Also das gibst du doch zu ... liebenswürdig. Und auch gut?« + +»Auch gut. Das heißt voll Herzensgüte. Wie's sonst steht, da bin ich +mir doch nicht sicher; ich glaube, sie hat einen Zug, den lieben Gott +einen guten Mann sein zu lassen und sich zu trösten, er werde wohl +nicht allzu streng mit ihr sein.« + +»Meinst du?« + +»Ja, das meine ich. Übrigens glaube ich, daß sich vieles gebessert +hat. Ihr Charakter ist, wie er ist, aber die Verhältnisse liegen seit +ihrer Übersiedlung um vieles günstiger, und sie leben sich mehr und +mehr ineinander ein. Sie hat mir so was gesagt, und was mir wichtiger +ist, ich hab es auch bestätigt gefunden, mit Augen gesehen.« + +»Nun, was sagte sie?« + +»Sie sagte: 'Mama, es geht jetzt besser. Innstetten war immer ein +vortrefflicher Mann, so einer, wie's nicht viele gibt, aber ich konnte +nicht recht an ihn heran, er hatte so was Fremdes. Und fremd war +er auch in seiner Zärtlichkeit. Ja, dann am meisten; es hat Zeiten +gegeben, wo ich mich davor fürchtete.« + +»Kenn ich, kenn' ich.« + +»Was soll das heißen, Briest? Soll ich mich gefürchtet haben, +oder willst du dich gefürchtet haben? Ich finde beides gleich +lächerlich ...« + +»Du wolltest von Effi erzählen.« + +»Nun also, sie gestand mir, daß dies Gefühl des Fremden sie verlassen +habe, was sie sehr glücklich mache. Kessin sei nicht der rechte Platz +für sie gewesen, das spukige Haus und die Menschen da, die einen zu +fromm, die andern zu platt; aber seit ihrer Übersiedlung nach Berlin +fühle sie sich ganz an ihrem Platz. Er sei der beste Mensch, etwas zu +alt für sie und zu gut für sie, aber sie sei nun über den Berg. Sie +brauchte diesen Ausdruck, der mir allerdings auffiel.« + +»Wieso? Er ist nicht ganz auf der Höhe, ich meine der Ausdruck. +Aber ...« + +»Es steckt etwas dahinter. Und sie hat mir das auch andeuten wollen.« + +»Meinst du?« + +»Ja, Briest; du glaubst immer, sie könne kein Wasser trüben. Aber +darin irrst du. Sie läßt sich gern treiben, und wenn die Welle gut +ist, dann ist sie auch selber gut. Kampf und Widerstand sind nicht +ihre Sache.« + +Roswitha kam mit Annie, und so brach das Gespräch ab. + +Dies Gespräch führten Briest und Frau an demselben Tag, wo Innstetten +von Hohen-Cremmen nach Berlin hin abgereist war, Effi auf wenigstens +noch eine Woche zurücklassend. Er wußte, daß es nichts Schöneres +für sie gab, als so sorglos in einer weichen Stimmung hinträumen zu +können, immer freundliche Worte zu hören und die Versicherung, wie +liebenswürdig sie sei. Ja, das war das, was ihr vor allem wohltat, und +sie genoß es auch diesmal wieder in vollen Zügen und aufs dankbarste, +trotzdem jede Zerstreuung fehlte; Besuch kam selten, weil es seit +ihrer Verheiratung, wenigstens für die junge Welt, an dem rechten +Anziehungspunkt gebrach, und selbst die Pfarre und die Schule waren +nicht mehr das, was sie noch vor Jahr und Tag gewesen waren. Zumal +im Schulhaus stand alles halb leer. Die Zwillinge hatten sich im +Frühjahr an zwei Lehrer in der Nähe von Genthin verheiratet, große +Doppelhochzeit mit Festbericht im »Anzeiger fürs Havelland«, und Hulda +war in Friesack zur Pflege einer alten Erbtante, die sich übrigens, +wie gewöhnlich in solchen Fällen, um sehr viel langlebiger erwies, +als Niemeyers angenommen hatten. Hulda schrieb aber trotzdem immer +zufriedene Briefe, nicht weil sie wirklich zufrieden war (im +Gegenteil), sondern weil sie den Verdacht nicht aufkommen lassen +wollte, daß es einem so ausgezeichneten Wesen anders als sehr gut +ergehen könne. Niemeyer, ein schwacher Vater, zeigte die Briefe mit +Stolz und Freude, während der ebenfalls ganz in seinen Töchtern +lebende Jahnke sich herausgerechnet hatte, daß beide junge Frauen +am selben Tage, und zwar am Weihnachtsheiligabend, ihre Niederkunft +halten würden. Effi lachte herzlich und drückte dem Großvater in spe +zunächst den Wunsch aus, bei beiden Enkeln zu Gevatter geladen zu +werden, ließ dann aber die Familienthemata fallen und erzählte von +»Kjöbenhavn« und Helsingör, vom Limfjord und Schloß Aggerhuus und +vor allem von Thora von Penz, die, wie sie nur sagen könne, »typisch +skandinavisch« gewesen sei, blauäugig, flachsen und immer in einer +roten Plüschtaille, wobei sich Jahnke verklärte und einmal über das +andere sagte: »Ja, so sind sie; rein germanisch, viel deutscher als +die Deutschen.« + +An ihrem Hochzeitstag, dem dritten Oktober, wollte Effi wieder in +Berlin sein. Nun war es der Abend vorher, und unter dem Vorgeben, daß +sie packen und alles zur Rückreise vorbereiten wolle, hatte sie sich +schon verhältnismäßig früh auf ihr Zimmer zurückgezogen. Eigentlich +lag ihr aber nur daran, allein zu sein; so gern sie plauderte, so +hatte sie doch auch Stunden, wo sie sich nach Ruhe sehnte. + +Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer lagen nach dem Garten +hinaus; in dem kleineren schliefen Roswitha und Annie, die Tür nur +angelehnt, in dem größeren, das sie selber innehatte, ging sie auf und +ab; die unteren Fensterflügel waren geöffnet, und die kleinen weißen +Gardinen bauschten sich in dem Zug, der ging, und fielen dann langsam +über die Stuhllehne, bis ein neuer Zugwind kam und sie wieder frei +machte. Dabei war es so hell, daß man die Unterschriften unter den +über dem Sofa hängenden und in schmale Goldleisten eingerahmten +Bildern deutlich lesen konnte: + +»Der Sturm auf Düppel, Schanze V« und daneben: »König Wilhelm und +Graf Bismarck auf der Höhe von Lipa«. Effi schüttelte den Kopf und +lächelte. »Wenn ich wieder hier bin, bitt ich mir andere Bilder aus; +ich kann so was Kriegerisches nicht leiden.« Und nun schloß sie +das eine Fenster und setzte sich an das andere, dessen Flügel sie +offenließ. Wie tat ihr das alles so wohl. Neben dem Kirchturm stand +der Mond und warf sein Licht auf den Rasenplatz mit der Sonnenuhr +und den Heliotropbeeten. Alles schimmerte silbern, und neben den +Schattenstreifen lagen weiße Lichtstreifen, so weiß, als läge Leinwand +auf der Bleiche. Weiterhin aber standen die hohen Rhabarberstauden +wieder, die Blätter herbstlich gelb, und sie mußte des Tages gedenken, +nun erst wenig über zwei Jahre, wo sie hier mit Hulda und den +Jahnkeschen Mädchen gespielt hatte. Und dann war sie, als der Besuch +kam, die kleine Steintreppe neben der Bank hinaufgestiegen, und eine +Stunde später war sie Braut. + +Sie erhob sich und ging auf die Tür zu und horchte: Roswitha schlief +schon und Annie auch. + +Und mit einem Male, während sie das Kind so vor sich hatte, traten +ungerufen allerlei Bilder aus den Kessiner Tagen wieder vor ihre +Seele: das landrätliche Haus mit seinem Giebel und die Veranda mit dem +Blick auf die Plantage, und sie saß im Schaukelstuhl und wiegte sich; +und nun trat Crampas an sie heran, um sie zu begrüßen, und dann kam +Roswitha mit dem Kinde, und sie nahm es und hob es hoch in die Höhe +und küßte es. + +»Das war der erste Tag; da fing es an.« Und während sie dem nachhing, +verließ sie das Zimmer, drin die beiden schliefen, und setzte sich +wieder an das offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus. + +»Ich kann es nicht loswerden«, sagte sie. »Und was das schlimmste ist +und mich ganz irre macht an mir selbst ...« + +In diesem Augenblick setzte die Turmuhr drüben ein, und Effi zählte +die Schläge. + +»Zehn ... Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin. Und wir +sprechen davon, daß unser Hochzeitstag sei, und er sagt mir Liebes und +Freundliches und vielleicht Zärtliches. Und ich sitze dabei und höre +es und habe die Schuld auf meiner Seele.« + +Und sie stützte den Kopf auf ihre Hand und starrte vor sich hin und +schwieg. + +»Und ich habe die Schuld auf meiner Seele«, wiederholte sie. »Ja, da +hab ich sie. Aber lastet sie auch auf meiner Seele? Nein. Und das ist +es, warum ich vor mir selbst erschrecke. Was da lastet, das ist etwas +ganz anderes - Angst, Todesangst und die ewige Furcht: Es kommt doch +am Ende noch an den Tag. Und dann außer der Angst ... Scham. Ich +schäme mich. Aber wie ich nicht die rechte Reue habe, so hab ich auch +nicht die rechte Scham. Ich schäme mich bloß von wegen dem ewigen Lug +und Trug; immer war es mein Stolz, daß ich nicht lügen könne und auch +nicht zu lügen brauche, lügen ist so gemein, und nun habe ich doch +immer lügen müssen, vor ihm und vor aller Welt, im großen und im +kleinen, und Rummschüttel hat es gemerkt und hat die Achseln gezuckt, +und wer weiß, was er von mir denkt, jedenfalls nicht das Beste. Ja, +Angst quält mich und dazu Scham über mein Lügenspiel. Aber Scham über +meine Schuld, die hab ich nicht oder doch nicht so recht oder doch +nicht genug, und das bringt mich um, daß ich sie nicht habe. Wenn alle +Weiber so sind, dann ist es schrecklich, und wenn sie nicht so sind, +wie ich hoffe, dann steht es schlecht um mich, dann ist etwas nicht in +Ordnung in meiner Seele, dann fehlt mir das richtige Gefühl. Und das +hat mir der alte Niemeyer in seinen guten Tagen noch, als ich noch ein +halbes Kind war, mal gesagt: auf ein richtiges Gefühl, darauf käme +es an, und wenn man das habe, dann könne einem das Schlimmste nicht +passieren, und wenn man es nicht habe, dann sei man in einer ewigen +Gefahr, und das, was man den Teufel nenne, das habe dann eine sichere +Macht über uns. Um Gottes Barmherzigkeit willen, steht es so mit mir?« + +Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte bitterlich. Als sie +sich wieder aufrichtete, war sie ruhiger geworden und sah wieder in +den Garten hinaus. Alles war so still, und ein leiser, feiner Ton, wie +wenn es regnete, traf von den Platanen her ihr Ohr. + +So verging eine Weile. Herüber von der Dorfstraße klang ein Geplärr: +der alte Nachtwächter Kulicke rief die Stunden ab, und als er +zuletzt schwieg, vernahm sie von fernher, aber immer näher kommend, +das Rasseln des Zuges, der auf eine halbe Meile Entfernung an +Hohen-Cremmen vorüberfuhr. Dann wurde der Lärm wieder schwächer, +endlich erstarb er ganz, und nur der Mondschein lag noch auf dem +Grasplatz, und nur auf die Platanen rauschte es nach wie vor wie +leiser Regen nieder. Aber es war nur die Nachtluft, die ging. + + + +Fünfundzwanzigstes Kapitel + +Am andern Abend war Effi wieder in Berlin, und Innstetten empfing sie +am Bahnhof, mit ihm Rollo, der, als sie plaudernd durch den Tiergarten +hinfuhren, nebenher trabte. + +»Ich dachte schon, du würdest nicht Wort halten.« + +»Aber Geert, ich werde doch Wort halten, das ist doch das erste.« + +»Sage das nicht. Immer Wort halten ist sehr viel. Und mitunter kann +man auch nicht. Denke doch zurück. Ich erwartete dich damals in +Kessin, als du die Wohnung mietetest, und wer nicht kam, war Effi.« + +»Ja, das war was anderes.« + +Sie mochte nicht sagen »ich war krank«, und Innstetten hörte drüber +hin. Er hatte seinen Kopf auch voll anderer Dinge, die sich auf +sein Amt und seine gesellschaftliche Stellung bezogen. »Eigentlich, +Effi, fängt unser Berliner Leben nun erst an. Als wir im April hier +einzogen, damals ging es mit der Saison auf die Neige, kaum noch, +daß wir unsere Besuche machen konnten, und Wüllersdorf, der einzige, +dem wir naherstanden - nun, der ist leider Junggeselle. Von Juni an +schläft dann alles ein, und die heruntergelassenen Rollos verkünden +einem schon auf hundert Schritt 'Alles ausgeflogen'; ob wahr oder +nicht, macht keinen Unterschied ... Ja, was blieb da noch? Mal mit +Vetter Briest sprechen, mal bei Hiller essen, das ist kein richtiges +Berliner Leben. Aber nun soll es anders werden. Ich habe mir die Namen +aller Räte notiert, die noch mobil genug sind, um ein Haus zu machen. +Und wir wollen es auch, wollen auch ein Haus machen, und wenn der +Winter dann da ist, dann soll es im ganzen Ministerium heißen: 'Ja, +die liebenswürdigste Frau, die wir jetzt haben, das ist doch die Frau +von Innstetten.'« + +»Ach, Geert, ich kenne dich ja gar nicht wieder, du sprichst ja wie +ein Courmacher.« + +»Es ist unser Hochzeitstag, und da mußt du mir schon was zugute +halten.« + +Innstetten war ernsthaft gewillt, auf das stille Leben, das er +in seiner landrätlichen Stellung geführt, ein gesellschaftlich +angeregteres folgen zu lassen, um seinet- und noch mehr um Effis +willen; es ließ sich aber anfangs nur schwach und vereinzelt damit +an, die rechte Zeit war noch nicht gekommen, und das Beste, was man +zunächst von dem neuen Leben hatte, war genauso wie während des +zurückliegenden Halbjahres ein Leben im Hause. Wüllersdorf kam oft, +auch Vetter Briest, und waren die da, so schickte man zu Gizickis +hinauf, einem jungen Ehepaar, das über ihnen wohnte. Gizicki selbst +war Landgerichtsrat, seine kluge, aufgeweckte Frau ein Fräulein von +Schmettau. Mitunter wurde musiziert, kurze Zeit sogar ein Whist +versucht; man gab es aber wieder auf, weil man fand, daß eine +Plauderei gemütlicher wäre. Gizickis hatten bis vor kurzem in einer +kleinen oberschlesischen Stadt gelebt, und Wüllersdorf war sogar, +freilich vor einer Reihe von Jahren schon, in den verschiedensten +kleinen Nestern der Provinz Posen gewesen, weshalb er denn auch den +bekannten Spottvers: + + Schrimm + Ist schlimm, + Rogasen + Zum Rasen, + Aber weh dir nach Samter + Verdammter - + +mit ebensoviel Emphase wie Vorliebe zu zitieren pflegte. + +Niemand erheiterte sich dabei mehr als Effi, was dann meistens +Veranlassung wurde, kleinstädtische Geschichten in Hülle und Fülle +folgen zu lassen. Auch Kessin mit Gieshübler und der Trippelli, +Oberförster Ring und Sidonie Grasenabb kam dann wohl an die Reihe, +wobei sich Innstetten, wenn er guter Laune war, nicht leicht genugtun +konnte. »Ja«, so hieß es dann wohl, »unser gutes Kessin! Das muß ich +zugeben, es war eigentlich reich an Figuren, obenan Crampas, Major +Crampas, ganz Beau und halber Barbarossa, den meine Frau, ich weiß +nicht, soll ich sagen unbegreiflicher- oder begreiflicherweise, stark +in Affektion genommen hatte ...« + +»Sagen wir begreiflicherweise«, warf Wüllersdorf ein, »denn ich nehme +an, daß er Ressourcenvorstand war und Komödie spielte, Liebhaber oder +Bonvivants. Und vielleicht noch mehr, vielleicht war er auch ein +Tenor.« + +Innstetten bestätigte das eine wie das andere, und Effi suchte lachend +darauf einzugehen, aber es gelang ihr nur mit Anstrengung, und wenn +dann die Gäste gingen und Innstetten sich in sein Zimmer zurückzog, um +noch einen Stoß Akten abzuarbeiten, so fühlte sie sich immer aufs neue +von den alten Vorstellungen gequält, und es war ihr zu Sinn, als ob +ihr ein Schatten nachginge. + +Solche Beängstigungen blieben ihr auch. Aber sie kamen doch seltener +und schwächer, was bei der Art, wie sich ihr Leben gestaltete, nicht +wundernehmen konnte. Die Liebe, mit der ihr nicht nur Innstetten, +sondern auch fernerstehende Personen begegneten, und nicht zum +wenigsten die beinah zärtliche Freundschaft, die die Ministerin, eine +selbst noch junge Frau, für sie an den Tag legte - all das ließ die +Sorgen und Ängste zurückliegender Tage sich wenigstens mindern, und +als ein zweites Jahr ins Land gegangen war und die Kaiserin, bei +Gelegenheit einer neuen Stiftung, die »Frau Geheimrätin« mit +ausgewählt und in die Zahl der Ehrendamen eingereiht, der alte Kaiser +Wilhelm aber auf dem Hofball gnädige, huldvolle Worte an die schöne +junge Frau, von der er schon gehört habe, gerichtet hatte, da fiel es +allmählich von ihr ab. Es war einmal gewesen, aber weit, weit weg, wie +auf einem andern Stern, und alles löste sich wie ein Nebelbild und +wurde Traum. + +Die Hohen-Cremmener kamen dann und wann auf Besuch und freuten sich +des Glücks der Kinder, Annie wuchs heran - »schön wie die Großmutter«, +sagte der alte Briest -, und wenn es an dem klaren Himmel eine Wolke +gab, so war es die, daß es, wie man nun beinahe annehmen mußte, bei +Klein Annie sein Bewenden haben werde; Haus Innstetten (denn es +gab nicht einmal Namensvettern) stand also mutmaßlich auf dem +Aussterbeetat. Briest, der den Fortbestand anderer Familien obenhin +behandelte, weil er eigentlich nur an die Briests glaubte, scherzte +mitunter darüber und sagte: »Ja, Innstetten, wenn das so weitergeht, +so wird Annie seinerzeit wohl einen Bankier heiraten (hoffentlich +einen christlichen, wenn's deren dann noch gibt), und mit Rücksicht +auf das alte freiherrliche Geschlecht der Innstetten wird dann +Seine Majestät Annies Haute-finance-Kinder unter dem Namen 'von der +Innstetten' im Gothaischen Kalender, oder was weniger wichtig ist, in +der preußischen Geschichte fortleben lassen.« - Ausführungen, die von +Innstetten selbst immer mit einer kleinen Verlegenheit, von Frau von +Briest mit Achselzucken, von Effi dagegen mit Heiterkeit aufgenommen +wurden. Denn so adelsstolz sie war, so war sie's doch nur für ihre +Person, und ein eleganter und welterfahrener und vor allem sehr, sehr +reicher Bankierschwiegersohn wäre durchaus nicht gegen ihre Wünsche +gewesen. + +Ja, Effi nahm die Erbfolgefrage leicht, wie junge, reizende Frauen das +tun; als aber eine lange, lange Zeit - sie waren schon im siebenten +Jahr in ihrer neuen Stellung - vergangen war, wurde der alte +Rummschüttel, der auf dem Gebiet der Gynäkologie nicht ganz ohne +Ruf war, durch Frau von Briest doch schließlich zu Rate gezogen. Er +verordnete Schwalbach. Weil aber Effi seit letztem Winter auch an +katarrhalischen Affektionen litt und ein paarmal sogar auf Lunge +hin behorcht worden war, so hieß es abschließend: »Also zunächst +Schwalbach, meine Gnädigste, sagen wir drei Wochen, und dann +ebensolange Ems. Bei der Emser Kur kann aber der Geheimrat zugegen +sein. Bedeutet mithin alles in allem drei Wochen Trennung. Mehr kann +ich für Sie nicht tun, lieber Innstetten.« + +Damit war man denn auch einverstanden, und zwar sollte Effi, dahin +ging ein weiterer Beschluß, die Reise mit einer Geheimrätin Zwicker +zusammen machen, wie Briest sagte, »zum Schutz dieser letzteren«, +worin er nicht ganz unrecht hatte, da die Zwicker, trotz guter +Vierzig, eines Schutzes erheblich bedürftiger war als Effi Innstetten, +der wieder viel mit Vertretung zu tun hatte, beklagte, daß er, +von Schwalbach gar nicht zu reden, wahrscheinlich auch auf +gemeinschaftliche Tage in Ems werde verzichten müssen. Im übrigen +wurde der 24. Juni (Johannistag) als Abreisetag festgesetzt, und +Roswitha half der gnädigen Frau beim Packen und Aufschreiben der +Wäsche. Effi hatte noch immer die alte Liebe für sie, war doch +Roswitha die einzige, mit der sie von all dem Zurückliegenden, von +Kessin und Crampas, von dem Chinesen und Kapitän Thomsens Nichte frei +und unbefangen reden konnte. + +»Sage, Roswitha, du bist doch eigentlich katholisch. Gehst du denn nie +zur Beichte?« + +»Nein.« + +»Warum nicht?« + +»Ich bin früher gegangen. Aber das Richtige hab ich doch nicht +gesagt.« + +»Das ist sehr unrecht. Dann freilich kann es nicht helfen.« + +»Ach, gnädigste Frau, bei mir im Dorf machten es alle so. Und welche +waren, die kicherten bloß.« + +»Hast du denn nie empfunden, daß es ein Glück ist, wenn man etwas auf +der Seele hat, daß es runter kann?« + +»Nein, gnädigste Frau. Angst habe ich wohl gehabt, als mein Vater +damals mit dem glühenden Eisen auf mich loskam; ja, das war eine große +Furcht, aber weiter war es nichts.« + +»Nicht vor Gott?« + +»Nicht so recht, gnädigste Frau. Wenn man sich vor seinem Vater so +fürchtet, wie ich mich gefürchtet habe, dann fürchtet man sich nicht +so sehr vor Gott. Ich habe bloß immer gedacht, der liebe Gott sei gut +und werde mir armem Wurm schon helfen.« + +Effi lächelte und brach ab und fand es auch natürlich, daß die arme +Roswitha so sprach, wie sie sprach. Sie sagte aber doch: »Weißt du, +Roswitha, wenn ich wiederkomme, müssen wir doch noch mal ernstlich +drüber reden. Es war doch eigentlich eine große Sünde.« + +»Das mit dem Kinde und daß es verhungert ist? Ja, gnädigste Frau, das +war es. Aber ich war es ja nicht, das waren ja die anderen ... Und +dann ist es auch schon so sehr lange her.« + + + +Sechsundzwanzigstes Kapitel + +Effi war nun schon in die fünfte Woche fort und schrieb glückliche, +beinahe übermütige Briefe, namentlich seit ihrem Eintreffen in Ems, wo +man doch unter Menschen sei, das heißt unter Männern, von denen sich +in Schwalbach nur ausnahmsweise was gezeigt habe. Geheimrätin Zwicker, +ihre Reisegefährtin, habe freilich die Frage nach dem Kurgemäßen +dieser Zutat aufgeworfen und sich aufs entschiedenste dagegen +ausgesprochen, alles natürlich mit einem Gesichtsausdruck, der so +ziemlich das Gegenteil versichert habe; die Zwicker sei reizend, +etwas frei, wahrscheinlich sogar mit einer Vergangenheit, aber höchst +amüsant, und man könne viel, sehr viel von ihr lernen; nie habe sie +sich, trotz ihrer Fünfundzwanzig, so als Kind gefühlt, wie nach der +Bekanntschaft mit dieser Dame. Dabei sei sie so belesen, auch in +fremder Literatur, und als sie, Effi beispielsweise neulich von Nana +gesprochen und dabei gefragt habe, ob es denn wirklich so schrecklich +sei, habe die Zwicker geantwortet: »Ach, meine liebe Baronin, was +heißt schrecklich? Da gibt es noch ganz anderes.« - »Sie schien mich +auch«, so schloß Effi ihren Brief, »mit diesem 'anderen' bekannt +machen zu wollen. Ich habe es aber abgelehnt, weil ich weiß, daß Du +die Unsitte unserer Zeit aus diesem und ähnlichem herleitest, und wohl +mit Recht. Leicht ist es mir aber nicht geworden. Dazu kommt noch, daß +Ems in einem Kessel liegt. Wir leiden hier außerordentlich unter der +Hitze.« + +Innstetten hatte diesen letzten Brief mit geteilten Empfindungen +gelesen, etwas erheitert, aber doch auch ein wenig mißmutig. Die +Zwicker war keine Frau für Effi, der nun mal ein Zug innewohnte, sich +nach links hin treiben zu lassen; er gab es aber auf, irgendwas in +diesem Sinne zu schreiben, einmal weil er sie nicht verstimmen wollte, +mehr noch, weil er sich sagte, daß es doch nichts helfen würde. Dabei +sah er der Rückkehr seiner Frau mit Sehnsucht entgegen und beklagte +des Dienstes nicht bloß »immer gleichgestellte«, sondern jetzt, wo +jeder Ministerialrat fort war oder fort wollte, leider auch auf +Doppelstunden gestellte Uhr. + +Ja, Innstetten sehnte sich nach Unterbrechung von Arbeit und +Einsamkeit, und verwandte Gefühle hegte man draußen in der Küche, wo +Annie, wenn die Schulstunden hinter ihr lagen, ihre Zeit am liebsten +verbrachte, was insoweit ganz natürlich war, als Roswitha und Johanna +nicht nur das kleine Fräulein in gleichem Maße liebten, sondern +auch untereinander nach wie vor auf dem besten Fuße standen. Diese +Freundschaft der beiden Mädchen war ein Lieblingsgespräch zwischen den +verschiedenen Freunden des Hauses, und Landgerichtsrat Gizicki sagte +dann wohl zu Wüllersdorf: »Ich sehe darin nur eine neue Bestätigung +des alten Weisheitssatzes: 'Laßt fette Leute um mich sein'; Cäsar war +eben ein Menschenkenner und wußte, daß Dinge wie Behaglichkeit und +Umgänglichkeit eigentlich nur beim Embonpomt sind.« Von einem solchen +ließ sich denn nun bei beiden Mädchen auch wirklich sprechen, nur +mit dem Unterschied, daß das in diesem Falle nicht gut zu umgehende +Fremdwort bei Roswitha schon stark eine Beschönigung, bei Johanna +dagegen einfach die zutreffende Bezeichnung war. Diese letztere durfte +man nämlich nicht eigentlich korpulent nennen, sie war nur prall und +drall und sah jederzeit mit einer eigenen, ihr übrigens durchaus +kleidenden Siegermiene gradlinig und blauäugig über ihre Normalbüste +fort. Von Haltung und Anstand getragen, lebte sie ganz in dem +Hochgefühl, die Dienerin eines guten Hauses zu sein, wobei sie das +Überlegenheitsbewußtsein über die halb bäuerisch gebliebene Roswitha +in einem so hohen Maße hatte, daß sie, was gelegentlich vorkam, die +momentan bevorzugte Stellung dieser nur belächelte. Diese Bevorzugung +- nun ja, wenn's dann mal so sein sollte, war eine kleine +liebenswürdige Sonderbarkeit der gnädigen Frau, die man der guten +alten Roswitha mit ihrer ewigen Geschichte »von dem Vater mit der +glühenden Eisenstange« schon gönnen konnte. »Wenn man sich besser +hält, so kann dergleichen nicht vorkommen.« Das alles dachte +sie, sprach's aber nicht aus. Es war eben ein freundliches +Miteinanderleben. Was aber wohl ganz besonders für Frieden und gutes +Einvernehmen sorgte, das war der Umstand, daß man sich nach einem +stillen Übereinkommen in die Behandlung und fast auch Erziehung +Annies geteilt hatte. Roswitha hatte das poetische Departement, die +Märchen- und Geschichtenerzählung, Johanna dagegen das des Anstands, +eine Teilung, die hüben und drüben so fest gewurzelt stand, daß +Kompetenzkonflikte kaum vorkamen, wobei der Charakter Annies, die eine +ganz entschiedene Neigung hatte, das vornehme Fräulein zu betonen, +allerdings mithalf, eine Rolle, bei der sie keine bessere Lehrerin als +Johanna haben konnte. + +Noch einmal also: Beide Mädchen waren gleichwertig in Annies Augen. + +In diesen Tagen aber, wo man sich auf die Rückkehr Effis vorbereitete, +war Roswitha der Rivalin mal wieder um einen Pas voraus, weil ihr, +und zwar als etwas ihr Zuständiges, die ganze Begrüßungsangelegenheit +zugefallen war. Diese Begrüßung zerfiel in zwei Hauptteile: Girlande +mit Kranz und dann, abschließend, Gedichtvortrag. Kranz und Girlande +- nachdem man über »W.« oder »E. v. I.« eine Zeitlang geschwankt - +hatten zuletzt keine sonderlichen Schwierigkeiten gemacht (»W«, in +Vergißmeinnicht geflochten, war bevorzugt worden), aber desto größere +Verlegenheit schien die Gedichtfrage heraufbeschwören zu sollen und +wäre vielleicht ganz unbeglichen geblieben, wenn Roswitha nicht +den Mut gehabt hätte, den von einer Gerichtssitzung heimkehrenden +Landgerichtsrat auf der zweiten Treppe zu stellen und ihm mit einem +auf einen »Vers« gerichteten Ansinnen mutig entgegenzutreten. Gizicki, +ein sehr gütiger Herr, hatte sofort alles versprochen, und noch am +selben Spätnachmittag war seitens seiner Köchin der gewünschte Vers, +und zwar folgenden Inhalts, abgegeben worden: + + Mama, wir erwarten dich lange schon, + Durch Wochen und Tage und Stunden, + Nun grüßen wir dich von Flur und Balkon + Und haben Kränze gewunden. + Nun lacht Papa voll Freudigkeit, + Denn die gattin- und mutterlose Zeit + Ist endlich von ihm genommen, + Und Roswitha lacht und Johanna dazu, + Und Annie springt aus ihrem Schuh + Und ruft: willkommen, willkommen. + +Es versteht sich von selbst, daß die Strophe noch an demselben +Abend auswendig gelernt, aber doch nebenher auch auf ihre Schönheit +beziehungsweise Nichtschönheit kritisch geprüft worden war. Das +Betonen von Gattin und Mutter, so hatte sich Johanna geäußert, +erscheine zunächst freilich in der Ordnung; aber es läge doch auch +etwas darin, was Anstoß erregen könne, und sie persönlich würde +sich als »Gattin und Mutter« dadurch verletzt fühlen. Annie, durch +diese Bemerkung einigermaßen geängstigt, versprach, das Gedicht am +andern Tag der Klassenlehrerin vorlegen zu wollen, und kam mit dem +Bemerken zurück, das Fräulein sei mit »Gattin und Mutter« durchaus +einverstanden, aber desto mehr gegen »Roswitha und Johanna« gewesen - +worauf Roswitha erklärt hatte: Das Fräulein sei eine dumme Gans; das +käme davon, wenn man zuviel gelernt habe. + +Es war an einem Mittwoch, daß die Mädchen und Annie das vorstehende +Gespräch geführt und den Streit um die bemängelte Zeile beigelegt +hatten. Am andern Morgen - ein erwarteter Brief Effis hatte noch den +mutmaßlich erst in den Schluß der nächsten Woche fallenden Ankunftstag +festzustellen- ging Innstetten auf das Ministerium. Jetzt war Mittag +heran, die Schule aus, und als Annie, ihre Mappe auf dem Rücken, eben +vom Kanal her auf die Keithstraße zuschritt, traf sie Roswitha vor +ihrer Wohnung. + +»Nun laß sehen«, sagte Annie, »wer am ehesten von uns die Treppe +heraufkommt.« Roswitha wollte von diesem Wettlauf nichts wissen, aber +Annie jagte voran, geriet, oben angekommen, ins Stolpern und fiel +dabei so unglücklich, daß sie mit der Stirn auf den dicht an der +Treppe befindlichen Abkratzer aufschlug und stark blutete. Roswitha, +mühevoll nachkeuchend, riß jetzt die Klingel, und als Johanna das +etwas verängstigte Kind hereingetragen hatte, beratschlagte man, was +nun wohl zu machen sei. »Wir wollen nach dem Doktor schicken ... wir +wollen nach dem gnädigen Herrn schicken ... des Portiers Lene muß ja +jetzt auch aus der Schule wieder da sein.« Es wurde aber alles wieder +verworfen, weil es zu lange dauere, man müsse gleich was tun, und so +packte man denn das Kind aufs Sofa und begann mit kaltem Wasser zu +kühlen. Alles ging auch gut, so daß man sich zu beruhigen begann. »Und +nun wollen wir sie verbinden«, sagte schließlich Roswitha. »Da muß +ja noch die lange Binde sein, die die gnädige Frau letzten Winter +zuschnitt, als sie sich auf dem Eis den Fuß verknickt hatte ...« + +»Freilich, freilich«, sagte Johanna, »bloß wo die Binde hernehmen? +... Richtig, da fällt mir ein, die liegt im Nähtisch. Er wird wohl zu +sein, aber das Schloß ist Spielerei; holen Sie nur das Stemmeisen, +Roswitha, wir wollen den Deckel aufbrechen.« Und nun wuchteten sie +auch wirklich den Deckel ab und begannen in den Fächern herumzukramen, +oben und unten, die zusammengerollte Binde jedoch wollte sich nicht +finden lassen. »Ich weiß aber doch, daß ich sie gesehen habe«, sagte +Roswitha, und während sie halb ärgerlich immer weiter suchte, flog +alles, was ihr dabei zu Händen kam, auf das breite Fensterbrett: +Nähzeug, Nadelkissen, Rollen mit Zwirn und Seide, kleine vertrocknete +Veilchensträußchen, Karten, Billetts, zuletzt ein kleines Konvolut von +Briefen, das unter dem dritten Einsatz gelegen hatte, ganz unten, mit +einem roten Seidenfaden umwickelt. Aber die Binde hatte man noch immer +nicht. + +In diesem Augenblick trat Innstetten ein. + +»Gott«, sagte Roswitha und stellte sich erschrocken neben das Kind. +»Es ist nichts, gnädiger Herr; Annie ist auf das Kratzeisen gefallen +... Gott, was wird die gnädige Frau sagen. Und doch ist es ein Glück, +daß sie nicht mit dabei war.« Innstetten hatte mittlerweile die +vorläufig aufgelegte Kompresse fortgenommen und sah, daß es ein tiefer +Riß, sonst aber ungefährlich war. »Es ist nicht schlimm«, sagte er; +»trotzdem, Roswitha, wir müssen sehen, daß Rummschüttel kommt. Lene +kann ja gehen, die wird jetzt Zeit haben. Aber was in aller Welt ist +denn das da mit dem Nähtisch?« + +Und nun erzählte Roswitha, wie sie nach der gerollten Binde gesucht +hätten; aber sie wolle es nun aufgeben und lieber eine neue Leinwand +schneiden. + +Innstetten war einverstanden und setzte sich, als bald danach beide +Mädchen das Zimmer verlassen hatten, zu dem Kind. »Du bist so wild, +Annie, das hast du von der Mama. Immer wie ein Wirbelwind. Aber dabei +kommt nichts heraus oder höchstens so was.« Und er wies auf die Wunde +und gab ihr einen Kuß. »Du hast aber nicht geweint, das ist brav, und +darum will ich dir die Wildheit verzeihen ... Ich denke, der Doktor +wird in einer Stunde hier sein; tu nur alles, was er sagt, und wenn er +dich verbunden hat, so zerre nicht und rücke und drücke nicht daran, +dann heilt es schnell, und wenn die Mama dann kommt, dann ist alles +wieder in Ordnung oder doch beinah. Ein Glück ist es aber doch, daß es +noch bis nächste Woche dauert, Ende nächster Woche, so schreibt sie +mir; eben habe ich einen Brief von ihr bekommen; sie läßt dich grüßen +und freut sich, dich wiederzusehen.« + +»Du könntest mir den Brief eigentlich vorlesen, Papa.« »Das will ich +gern.« + +Aber eh er dazu kam, kam Johanna, um zu sagen, daß das Essen +aufgetragen sei. Annie, trotz ihrer Wunde, stand mit auf, und Vater +und Tochter setzten sich zu Tisch. + + + +Siebenundzwanzigstes Kapitel + +Innstetten und Annie saßen sich eine Weile stumm gegenüber; endlich +als ihm die Stille peinlich wurde, tat er ein paar Fragen über die +Schulvorsteherin und welche Lehrerin sie eigentlich am liebsten habe. +Annie antwortete auch, aber ohne rechte Lust, weil sie fühlte, daß +Innstetten wenig bei der Sache war. Es wurde erst besser, als Johanna +nach dem zweiten Gericht ihrem Anniechen zuflüsterte, es gäbe noch +was. Und wirklich, die gute Roswitha, die dem Liebling an diesem +Unglückstag was schuldig zu sein glaubte, hatte noch ein übriges getan +und sich zu einer Omelette mit Apfelschnitten aufgeschwungen. + +Annie wurde bei diesem Anblicke denn auch etwas redseliger, und ebenso +zeigte sich Innstettens Stimmung gebessert, als es gleich danach +klingelte und Geheimrat Rummschüttel eintrat. Ganz zufällig. Er sprach +nur vor, ohne jede Ahnung, daß man nach ihm geschickt und um seinen +Besuch gebeten habe. Mit den aufgelegten Kompressen war er zufrieden. +»Lassen Sie noch etwas Bleiwasser holen und Annie morgen zu Hause +bleiben. Überhaupt Ruhe.« Dann fragte er noch nach der gnädigen +Frau und wie die Nachrichten aus Ems seien; er werde den andern Tag +wiederkommen und nachsehen. + +Als man von Tisch aufgestanden und in das nebenan gelegene Zimmer +- dasselbe, wo man mit so viel Eifer und doch vergebens nach dem +Verbandstück gesucht hatte - eingetreten war, wurde Annie wieder auf +das Sofa gebettet. Johanna kam und setzte sich zu dem Kind, während +Innstetten die zahllosen Dinge, die bunt durcheinandergewürfelt noch +auf dem Fensterbrett umher wieder in den Nähtisch einzuräumen begann. +Dann und wann wußte er sich nicht recht Rat und mußte fragen. + +»Wo haben die Briefe gelegen, Johanna?« + +»Ganz zuunterst«, sagte diese, »hier in diesem Fach.« + +Und während so Frage und Antwort ging, betrachtete Innstetten +etwas aufmerksamer als vorher das kleine, mit einem roten Faden +zusammengebundene Paket, das mehr aus einer Anzahl zusammengelegter +Zettel als auch Briefen zu bestehen schien. Er fuhr, als wäre es +ein Spiel Karten, mit dem Daumen und Zeigefinger an der Seite des +Päckchens hin, und einige Zeilen, eigentlich nur vereinzelte Worte, +flogen dabei an seinem Auge vorüber. Von deutlichem Erkennen konnte +keine Rede sein, aber es kam ihm doch so vor, als habe er die +Schriftzüge schon irgendwo gesehen. Ob er nachsehen solle? + +»Johanna, Sie könnten uns den Kaffee bringen. Annie trinkt auch eine +halbe Tasse. Der Doktor hat's nicht verboten, und was nicht verboten +ist, ist erlaubt.« + +Als er das sagte, wand er den roten Faden ab und ließ, während Johanna +das Zimmer verließ, den ganzen Inhalt des Päckchens rasch durch die +Finger gleiten. Nur zwei, drei Briefe waren adressiert: »An Frau +Landrat von Innstetten.« Er erkannte jetzt auch die Handschrift; es +war die des Majors. Innstetten wußte nichts von einer Korrespondenz +zwischen Crampas und Effi, und in seinem Kopf begann sich alles zu +drehen. Er steckte das Paket zu sich und ging in sein Zimmer zurück. +Etliche Minuten später, und Johanna, zum Zeichen, daß der Kaffee da +sei, klopfte leise an die Tür. Innstetten antwortete auch, aber dabei +blieb es; sonst alles still. Erst nach einer Viertelstunde hörte man +wieder sein Aufundabschreiten auf dem Teppich. + +»Was nur Papa hat?« sagte Johanna zu Annie. »Der Doktor hat ihm doch +gesagt, es sei nichts.« + +Das Aufundabschreiten nebenan wollte kein Ende nehmen. Endlich +erschien Innstetten wieder im Nebenzimmer und sagte: »Johanna, achten +Sie auf Annie und daß sie ruhig auf dem Sofa bleibt. Ich will eine +Stunde gehen oder vielleicht zwei.« + +Dann sah er das Kind aufmerksam an und entfernte sich. »Hast du +gesehen, Johanna, wie Papa aussah?« + +»Ja, Annie. Er muß einen großen Ärger gehabt haben. Er war ganz blaß. +So hab ich ihn noch nie gesehen.« + +Es vergingen Stunden. Die Sonne war schon unter, und nur ein roter +Widerschein lag noch über den Dächern drüben, als Innstetten wieder +zurückkam. Er gab Annie die Hand, fragte, wie's ihr gehe, und ordnete +dann an, daß ihm Johanna die Lampe in sein Zimmer bringe. Die Lampe +kam auch. In dem grünen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale +mit Fotografien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin, +damals, als man den Wichertschen »Schritt vom Wege« aufgeführt hatte, +für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren. Innstetten +drehte den Schirm langsam von links nach rechts und musterte jedes +einzelne Bildnis. Dann ließ er ab davon, öffnete, weil er es schwül +fand, die Balkontür und nahm schließlich das Briefpaket wieder zur +Hand. + +Es schien, daß er gleich beim ersten Durchsehen ein paar davon +ausgewählt und obenauf gelegt hatte. Diese las er jetzt noch einmal +mit halblauter Stimme. + +»Sei heute nachmittag wieder in den Dünen, hinter der Mühle. Bei der +alten Adermann können wir uns ruhig sprechen, das Haus ist abgelegen +genug. Du mußt Dich nicht um alles so bangen. Wir haben auch ein +Recht. Und wenn Du Dir das eindringlich sagst, wird, denke ich, alle +Furcht von Dir abfallen. Das Leben wäre nicht des Lebens wert, wenn +das alles gelten sollte, was zufällig gilt. Alles Beste liegt jenseits +davon. Lerne Dich daran freuen.« + +»...Fort, so schreibst Du, Flucht. Unmöglich. Ich kann meine Frau +nicht im Stich lassen, zu allem andern auch noch in Not. Es geht +nicht, und wir müssen es leicht nehmen, sonst sind wir arm und +verloren. Leichtsinn ist das Beste, was wir haben. Alles ist +Schicksal. Es hat so sein sollen. Und möchtest Du, daß es anders wäre, +daß wir uns nie gesehen hätten?« + +Dann kam der dritte Brief. + +»...Sei heute noch einmal an der alten Stelle. Wie sollen meine Tage +hier verlaufen ohne Dich! In diesem öden Nest. Ich bin außer mir, +und nur darin hast Du recht: Es ist die Rettung, und wir müssen +schließlich doch die Hand segnen, die diese Trennung über uns +verhängt.« + +Innstetten hatte die Briefe kaum wieder beiseite geschoben, als +draußen die Klingel ging. Gleich danach meldete Johanna: »Geheimrat +Wüllersdorf.« + +Wüllersdorf trat ein und sah auf den ersten Blick, daß etwas +vorgefallen sein müsse. + +»Pardon, Wüllersdorf«, empfing ihn Innstetten, »daß ich Sie gebeten +habe, noch gleich heute bei mir vorzusprechen. Ich störe niemand gern +in seiner Abendruhe, am wenigsten einen geplagten Ministerialrat. Es +ging aber nicht anders. Ich bitte Sie, machen Sie sich's bequem. Und +hier eine Zigarre.« + +Wüllersdorf setzte sich. Innstetten ging wieder auf und ab und wäre +bei der ihn verzehrenden Unruhe gern in Bewegung geblieben, sah aber, +daß das nicht gehe. So nahm er denn auch seinerseits eine Zigarre, +setzte sich Wüllersdorf gegenüber und versuchte ruhig zu sein. »Es +ist«, begann er, »um zweier Dinge willen, daß ich Sie habe bitten +lassen: erst um eine Forderung zu überbringen und zweitens um +hinterher, in der Sache selbst, mein Sekundant zu sein; das eine ist +nicht angenehm und das andere noch weniger. Und nun Ihre Antwort.« + +»Sie wissen, Innstetten, Sie haben über mich zu verfügen. Aber eh ich +die Sache kenne, verzeihen Sie mir die naive Vorfrage: Muß es sein? +Wir sind doch über die Jahre weg, Sie, um die Pistole in die Hand zu +nehmen, und ich, um dabei mitzumachen. Indessen mißverstehen Sie mich +nicht, alles dies soll kein Nein sein. Wie könnte ich Ihnen etwas +abschlagen. Aber nun sagen Sie, was ist es?« + +»Es handelt sich um einen Galan meiner Frau, der zugleich mein Freund +war oder doch beinah.« + +Wüllersdorf sah Innstetten an. »Innstetten, das ist nicht möglich.« + +»Es ist mehr als möglich, es ist gewiß. Lesen Sie.« + +Wüllersdorf flog drüber hin. »Die sind an Ihre Frau gerichtet?« + +»Ja. Ich fand sie heut in ihrem Nähtisch.« »Und wer hat sie +geschrieben?« + +»Major Crampas.« + +»Also Dinge, die sich abgespielt, als Sie noch in Kessin waren?« + +Innstetten nickte. + +»Liegt also sechs Jahre zurück oder noch ein halb Jahr länger.« + +»Ja.« + +Wüllersdorf schwieg. Nach einer Weile sagte Innstetten: »Es sieht fast +so aus, Wüllersdorf, als ob die sechs oder sieben Jahre einen Eindruck +auf Sie machten. Es gibt eine Verjährungstheorie, natürlich, aber ich +weiß doch nicht, ob wir hier einen Fall haben, diese Theorie gelten zu +lassen.« + +»Ich weiß es auch nicht«, sagte Wüllersdorf. »Und ich bekenne Ihnen +offen, um diese Frage scheint sich hier alles zu drehen.« + +Innstetten sah ihn groß an. »Sie sagen das in vollem Ernst?« »In +vollem Ernst. Es ist keine Sache, sich in jeu d'esprit oder in +dialektischen Spitzfindigkeiten zu versuchen.« + +»Ich bin neugierig, wie Sie das meinen. Sagen Sie mir offen, wie +stehen Sie dazu?« + +»Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglück ist hin. +Aber wenn Sie den Liebhaber totschießen, ist Ihr Lebensglück sozusagen +doppelt hin, und zu dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der +Schmerz über getanes Leid. Alles dreht sich um die Frage, müssen Sie's +durchaus tun? Fühlen Sie sich so verletzt, beleidigt, empört, daß +einer weg muß, er oder Sie? Steht es so?« + +»Ich weiß es nicht.« + +»Sie müssen es wissen.« + +Innstetten war aufgesprungen, trat ans Fenster und tippte voll +nervöser Erregung an die Scheiben. Dann wandte er sich rasch wieder, +ging auf Wüllersdorf zu und sagte: »Nein, so steht es nicht.« + +»Wie steht es denn?« + +»Es steht so, daß ich unendlich unglücklich bin; ich bin gekränkt, +schändlich hintergangen, aber trotzdem, ich bin ohne jedes Gefühl von +Haß oder gar von Durst nach Rache. Und wenn ich mich frage, warum +nicht, so kann ich zunächst nichts anderes finden als die Jahre. Man +spricht immer von unsühnbarer Schuld; vor Gott ist es gewiß falsch, +aber vor den Menschen auch. Ich hätte nie geglaubt, daß die Zeit, rein +als Zeit, so wirken könne. Und dann als zweites: Ich liebe meine Frau, +ja, seltsam zu sagen, ich liebe sie noch, und so furchtbar ich alles +finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer Liebenswürdigkeit, +eines ihr eigenen heiteren Scharmes, daß ich mich, mir selbst zum +Trotz, in meinem letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt fühle.« + +Wüllersdorf nickte. »Kann ganz folgen, Innstetten, würde mir +vielleicht ebenso gehen. Aber wenn Sie so zu der Sache stehen und mir +sagen: 'Ich liebe diese Frau so sehr, daß ich ihr alles verzeihen +kann', und wenn wir dann das andere hinzunehmen, daß alles weit, weit +zurückliegt, wie ein Geschehnis auf einem andern Stern, ja, wenn es so +liegt, Innstetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte?« + +»Weil es trotzdem sein muß. Ich habe mir's hin und her überlegt. Man +ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, +und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind +durchaus abhängig von ihm. Ginge es, in Einsamkeit zu leben, so könnt +ich es gehen lassen; ich trüge dann die mir aufgepackte Last, das +rechte Glück wäre hin, aber es müssen so viele leben ohne dies 'rechte +Glück', und ich würde es auch müssen und - auch können. Man braucht +nicht glücklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen Anspruch +darauf, und den, der einem das Glück genommen hat, den braucht man +nicht notwendig aus der Welt zu schaffen. Man kann ihn, wenn man +weltabgewandt weiterexistieren will, auch laufen lassen. Aber im +Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun +mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu +beurteilen, die andern und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen geht +nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst +und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf. +Verzeihen Sie, daß ich Ihnen solche Vorlesung halte, die schließlich +doch nur sagt, was sich jeder selber hundertmal gesagt hat. Aber +freilich, wer kann was Neues sagen! Also noch einmal, nichts von Haß +oder dergleichen, und um eines Glückes willen, das mir genommen wurde, +mag ich nicht Blut an den Händen haben; aber jenes, wenn Sie wollen, +uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt nicht nach Scharm +und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. +Ich muß.« + +»Ich weiß doch nicht, Innstetten ...« + +Innstetten lächelte. »Sie sollen selbst entscheiden, Wüllersdorf. Es +ist jetzt zehn Uhr. Vor sechs Stunden, diese Konzession will ich Ihnen +vorweg machen, hatt' ich das Spiel noch in der Hand, konnt' ich noch +das eine und noch das andere, da war noch ein Ausweg. Jetzt nicht +mehr, jetzt stecke ich in einer Sackgasse. Wenn Sie wollen, so bin ich +selber schuld daran; ich hätte mich besser beherrschen und bewachen, +alles in mir verbergen, alles im eignen Herzen auskämpfen sollen. Aber +es kam mir zu plötzlich, zu stark, und so kann ich mir kaum einen +Vorwurf machen, meine Nerven nicht geschickter in Ordnung gehalten zu +haben. Ich ging zu Ihnen und schrieb Ihnen einen Zettel, und damit war +das Spiel aus meiner Hand. Von dem Augenblick an hatte mein Unglück +und, was schwerer wiegt, der Fleck auf meiner Ehre einen halben +Mitwisser und nach den ersten Worten, die wir hier gewechselt, hat es +einen ganzen. Und weil dieser Mitwisser da ist, kann ich nicht mehr +zurück.« + +»Ich weiß doch nicht«, wiederholte Wüllersdorf. »Ich mag nicht gerne +zu der alten abgestandenen Phrase greifen, aber doch läßt sich's nicht +besser sagen: Innstetten, es ruht alles in mir wie in einem Grabe.« + +»Ja, Wüllersdorf, so heißt es immer. Aber es gibt keine +Verschwiegenheit. Und wenn Sie's wahrmachen und gegen andere die +Verschwiegenheit selber sind, so wissen Sie es, und es rettet mich +nicht vor Ihnen, daß Sie mir eben Ihre Zustimmung ausgedrückt und mir +sogar gesagt haben: ich kann Ihnen in allem folgen. Ich bin, und dabei +bleibt es, von diesem Augenblick an ein Gegenstand Ihrer Teilnahme +(schon nicht etwas sehr Angenehmes), und jedes Wort, das Sie mich mit +meiner Frau wechseln hören, unterliegt Ihrer Kontrolle, Sie mögen +wollen oder nicht, und wenn meine Frau von Treue spricht oder, wie +Frauen tun, über eine andere zu Gericht sitzt, so weiß ich nicht, wo +ich mit meinen Blicken hin soll. Und ereignet sich's gar, daß ich in +irgendeiner ganz alltäglichen Beleidigungssache zum Guten rede, »weil +ja der dolus fehle« oder so was Ähnliches, so geht ein Lächeln über +Ihr Gesicht, oder es zuckt wenigstens darin, und in Ihrer Seele +klingt es: 'Der gute Innstetten, er hat doch eine wahre Passion, alle +Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu untersuchen, +und das richtige Quantum Stickstoff findet er nie. Er ist noch nie an +einer Sache erstickt.' ... Habe ich recht, Wüllersdorf, oder nicht?« + +Wüllersdorf war aufgestanden. »Ich finde es furchtbar, daß Sie recht +haben, aber Sie haben recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem +'Muß es sein?'. Die Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge +verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die andern wollen. Das +mit dem 'Gottesgericht', wie manche hochtrabend versichern, ist +freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist +ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der +Götze gilt.« + +Innstetten nickte. + +Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander, und es wurde +festgestellt, Wüllersdorf solle noch denselben Abend abreisen. Ein +Nachtzug ging um zwölf. + +Dann trennten sie sich mit einem kurzen: »Auf Wiedersehen in Kessin.« + + + +Achtundzwanzigstes Kapitel + +Am andern Abend, wie verabredet, reiste Innstetten. Er benutzte +denselben Zug, den am Tag vorher Wüllersdorf benutzt hatte, und war +bald nach fünf Uhr früh auf der Bahnstation, von wo der Weg nach +Kessin links abzweigte. Wie immer, solange die Saison dauerte, ging +auch heute, gleich nach Eintreffen des Zuges, das mehrerwähnte +Dampfschiff, dessen erstes Läuten Innstetten schon hörte, als er die +letzten Stufen der vom Bahndamm hinabführenden Treppe erreicht hatte. +Der Weg bis zur Anlegestelle war keine drei Minuten; er schritt darauf +zu und begrüßte den Kapitän, der etwas verlegen war, also im Laufe des +gestrigen Tages von der ganzen Sache schon gehört haben mußte, und +nahm dann seinen Platz in der Nähe des Steuers. Gleich danach löste +sich das Schiff vom Brückensteg los; das Wetter war herrlich, helle +Morgensonne, nur wenig Passagiere an Bord. Innstetten gedachte des +Tages, als er, mit Effi von der Hochzeitsreise zurückkehrend, hier +am Ufer der Kessine hin in offenem Wagen gefahren war ein grauer +Novembertag damals, aber er selber froh im Herzen; nun hatte sich's +verkehrt: Das Licht lag draußen, und der Novembertag war in ihm. +Viele, viele Male war er dann des Weges hier gekommen, und der +Frieden, der sich über die Felder breitete, das Zuchtvieh in den +Koppeln, das aufhorchte, wenn er vorüberfuhr, die Leute bei der +Arbeit, die Fruchtbarkeit der Äcker, das alles hatte seinem Sinne +wohlgetan, und jetzt, in hartem Gegensatz dazu, war er froh, als +etwas Gewölk heranzog und den lachenden blauen Himmel leise zu trüben +begann. So fuhren sie den Fluß hinab, und bald nachdem sie die +prächtige Wasserfläche des Breitling passiert, kam der Kessiner +Kirchturm in Sicht und gleich danach auch das Bollwerk und die lange +Häuserreihe mit Schiffen und Booten davor. Und nun waren sie heran. +Innstetten verabschiedete sich von dem Kapitän und schritt auf den +Steg zu, den man, bequemeren Aussteigens halber, herangerollt hatte. +Wüllersdorf war schon da. Beide begrüßten sich, ohne zunächst ein +Wort zu sprechen, und gingen dann, quer über den Damm, auf den +Hoppensackschen Gasthof zu, wo sie unter einem Zeltdach Platz nahmen. + +»Ich habe mich gestern früh hier einquartiert«, sagte Wüllersdorf, +der nicht gleich mit den Sachlichkeiten beginnen wollte. »Wenn man +bedenkt, daß Kessin ein Nest ist, ist es erstaunlich, ein so gutes +Hotel hier zu finden. Ich bezweifle nicht, daß mein Freund, der +Oberkellner, drei Sprachen spricht; seinem Scheitel und seiner +ausgeschnittnen Weste nach können wir dreist auf vier rechnen ... +Jean, bitte, wollen Sie uns Kaffee und Kognak bringen.« + +Innstetten begriff vollkommen, warum Wüllersdorf diesen Ton anschlug, +war auch damit einverstanden, konnte aber seiner Unruhe nicht ganz +Herr werden und zog unwillkürlich die Uhr. + +»Wir haben Zeit«, sagte Wüllersdorf. »Noch anderthalb Stunden oder +doch beinah. Ich habe den Wagen auf acht ein Viertel bestellt; wir +fahren nicht länger als zehn Minuten.« »Und wo?« + +»Crampas schlug erst ein Waldeck vor, gleich hinter dem Kirchhof. Aber +dann unterbrach er sich und sagte: 'Nein, da nicht.' Und dann haben +wir uns über eine Stelle zwischen den Dünen geeinigt. Hart am Strand; +die vorderste Düne hat einen Einschnitt, und man sieht aufs Meer.« + +Innstetten lächelte. »Crampas scheint sich einen Schönheitspunkt +ausgesucht zu haben. Er hatte immer die Allüren dazu. Wie benahm er +sich?« + +»Wundervoll.« + +»Übermütig? Frivol?« + +»Nicht das eine und nicht das andere. Ich bekenne Ihnen offen, +Innstetten, daß es mich erschütterte. Als ich Ihren Namen nannte, +wurde er totenblaß und rang nach Fassung, und um seine Mundwinkel +sah ich ein Zittern. Aber all das dauerte nur einen Augenblick, dann +hatte er sich wieder gefaßt, und von da an war alles an ihm wehmütige +Resignation. Es ist mir ganz sicher, er hat das Gefühl, aus der Sache +nicht heil herauszukommen, und will auch nicht. Wenn ich ihn richtig +beurteile, er lebt gern und ist zugleich gleichgültig gegen das Leben. +Er nimmt alles mit und weiß doch, daß es nicht viel damit ist.« + +»Wer wird ihm sekundieren? Oder sag ich lieber, wen wird er +mitbringen?« + +»Das war, als er sich wieder gefunden hatte, seine Hauptsorge. Er +nannte zwei, drei Adlige aus der Nähe, ließ sie dann aber wieder +fallen, sie seien zu alt und zu fromm, er werde nach Treptow hin +telegrafieren an seinen Freund Buddenbrook. Und der ist auch gekommen, +famoser Mann, schneidig und doch zugleich wie ein Kind. Er konnte sich +nicht beruhigen und ging in größter Erregung auf und ab. Aber als ich +ihm alles gesagt hatte, sagte er geradeso wie wir: 'Sie haben recht, +es muß sein!'« + +Der Kaffee kam. Man nahm eine Zigarre, und Wüllersdorf war wieder +darauf aus, das Gespräch auf mehr gleichgültige Dinge zu lenken. + +»Ich wundere mich, daß keiner von den Kessinern sich einfindet, Sie zu +begrüßen. Ich weiß doch, daß Sie sehr beliebt gewesen sind. Und nun +gar Ihr Freund Gieshübler...« + +Innstetten lächelte. »Da verkennen Sie die Leute hier an der Küste; +halb Philister und halb Pfiffici, nicht sehr nach meinem Geschmack; +aber eine Tugend haben sie, sie sind alle sehr manierlich. Und nun gar +mein alter Gieshübler. Natürlich weiß jeder, um was sich's handelt; +aber eben deshalb hütet man sich, den Neugierigen zu spielen.« + +In diesem Augenblick wurde von links her ein zurückgeschlagener +Chaisewagen sichtbar, der, weil es noch vor der bestimmten Zeit war, +langsam herankam. + +»Ist das unser?« fragte Innstetten. + +»Mutmaßlich.« + +Und gleich danach hielt der Wagen vor dem Hotel, und Innstetten und +Wüllersdorf erhoben sich. + +Wüllersdorf trat an den Kutscher heran und sagte: »Nach der Mole.« + +Die Mole lag nach der entgegengesetzten Strandseite, rechts statt +links, und die falsche Weisung wurde nur gegeben, um etwaigen +Zwischenfällen, die doch immerhin möglich waren, vorzubeugen. Im +übrigen, ob man sich nun weiter draußen nach rechts oder links zu +halten vorhatte, durch die Plantage mußte man jedenfalls, und so +führte denn der Weg unvermeidlich an Innstettens alter Wohnung +vorüber. Das Haus lag noch stiller da als früher; ziemlich +vernachlässigt sah's in den Parterreräumen aus; wie mocht es erst da +oben sein! Und das Gefühl des Unheimlichen, das Innstetten an Effi +so oft bekämpft oder auch wohl belächelt hatte, jetzt überkam es ihn +selbst, und er war froh, als sie dran vorüber waren. + +»Da hab ich gewohnt«, sagte er zu Wüllersdorf. + +»Es sieht sonderbar aus, etwas öd und verlassen.« + +»Mag auch wohl. In der Stadt galt es als ein Spukhaus, und wie's heute +daliegt, kann ich den Leuten nicht unrecht geben.« + +»Was war es denn damit?« + +»Ach, dummes Zeug: alter Schiffskapitän mit Enkelin oder Nichte, die +eines schönen Tages verschwand, und dann ein Chinese, der vielleicht +ein Liebhaber war, und auf dem Flur ein kleiner Haifisch und ein +Krokodil, beides an Strippen und immer in Bewegung. Wundervoll zu +erzählen, aber nicht jetzt. Es spukt einem doch allerhand anderes im +Kopf.« »Sie vergessen, es kann auch alles glatt ablaufen.« + +»Darf nicht. Und vorhin, Wüllersdorf, als Sie von Crampas sprachen, +sprachen Sie selber anders davon.« + +Bald danach hatte man die Plantage passiert, und der Kutscher wollte +jetzt rechts einbiegen auf die Mole zu. »Fahren Sie lieber links. Das +mit der Mole kann nachher kommen.« Und der Kutscher bog links in eine +breite Fahrstraße ein, die hinter dem Herrenbade grade auf den Wald +zulief. Als sie bis auf dreihundert Schritt an diesen heran waren, +ließ Wüllersdorf den Wagen halten, und beide gingen nun, immer durch +mahlenden Sand hin, eine ziemlich breite Fahrstraße hinunter, die +die hier dreifache Dünenreihe senkrecht durchschnitt. Überall zur +Seite standen dichte Büschel von Strandhafer, um diesen herum aber +Immortellen und ein paar blutrote Nelken. Innstetten bückte sich und +steckte sich eine der Nelken ins Knopfloch. »Die Immortellen nachher.« + +So gingen sie fünf Minuten. Als sie bis an die ziemlich tiefe Senkung +gekommen waren, die zwischen den beiden vordersten Dünenreihen +hinlief, sahen sie, nach links hin, schon die Gegenpartei: Crampas und +Buddenbrook und mit ihnen den guten Doktor Hannemann, der seinen Hut +in der Hand hielt, so daß das weiße Haar im Winde flatterte. + +Innstetten und Wüllersdorf gingen die Sandschlucht hinauf, Buddenbrook +kam ihnen entgegen. Man begrüßte sich, worauf beide Sekundanten +beiseite traten, um noch ein kurzes sachliches Gespräch zu führen. Es +lief darauf hinaus, daß man à tempo avancieren und auf zehn Schritt +Distanz feuern solle. Dann kehrte Buddenbrook an seinen Platz zurück; +alles erledigte sich rasch; und die Schüsse fielen. Crampas stürzte. + +Innstetten, einige Schritte zurücktretend, wandte sich ab von der +Szene. Wüllersdorf aber war auf Buddenbrook zugeschritten, und beide +warteten jetzt auf den Ausspruch des Doktors, der die Achseln zuckte. + +Zugleich deutete Crampas durch eine Handbewegung an, daß er etwas +sagen wollte. Wüllersdorf beugte sich zu ihm nieder, nickte zustimmend +zu den paar Worten, die kaum hörbar von des Sterbenden Lippen kamen, +und ging dann auf Innstetten zu. + +»Crampas will Sie noch sprechen, Innstetten. Sie müssen ihm zu Willen +sein. Er hat keine drei Minuten Leben mehr.« + +Innstetten trat an Crampas heran. + +»Wollen Sie ...« Das waren seine letzten Worte. + +Noch ein schmerzlicher und doch beinah freundlicher Schimmer in seinem +Antlitz, und dann war es vorbei. + + + +Neunundzwanzigstes Kapitel + +Am Abend desselben Tages traf Innstetten wieder in Berlin ein. +Er war mit dem Wagen, den er innerhalb der Dünen an dem Querwege +zurückgelassen hatte, direkt nach der Bahnstation gefahren, ohne +Kessin noch einmal zu berühren, dabei den beiden Sekundanten die +Meldung an die Behörden überlassend. Unterwegs (er war allein im +Coupé) hing er, alles noch mal überdenkend, dem Geschehenen nach; es +waren dieselben Gedanken wie zwei Tage zuvor, nur daß sie jetzt den +umgekehrten Gang gingen und mit der Überzeugtheit von seinem Recht und +seiner Pflicht anfingen, um mit Zweifeln daran aufzuhören. »Schuld, +wenn sie überhaupt was ist, ist nicht an Ort und Stunde gebunden und +kann nicht hinfällig werden von heute auf morgen. Schuld verlangt +Sühne; das hat einen Sinn. Aber Verjährung ist etwas Halbes, etwas +Schwächliches, zum mindesten was Prosaisches.« Und er richtete sich an +dieser Vorstellung auf und wiederholte sich's, daß es gekommen sei, +wie's habe kommen müssen. Aber im selben Augenblick, wo dies für ihn +feststand, warf er's auch wieder um. »Es muß eine Verjährung geben, +Verjährung ist das einzig Vernünftige; ob es nebenher auch noch +prosaisch ist, ist gleichgültig; das Vernünftige ist meist prosaisch. +Ich bin jetzt fünfundvierzig. Wenn ich die Briefe fünfundzwanzig Jahre +später gefunden hätte, so wär ich siebzig. Dann hätte Wüllersdorf +gesagt: 'Innstetten, seien Sie kein Narr.' Und wenn es Wüllersdorf +nicht gesagt hätte, so hätte es Buddenbrook gesagt, und wenn auch der +nicht, so ich selbst. Dies ist mir klar. Treibt man etwas auf die +Spitze, so übertreibt man und hat die Lächerlichkeit. Kein Zweifel. +Aber wo fängt es an? Wo liegt die Grenze? Zehn Jahre verlangen noch +ein Duell, und da heißt es Ehre, und nach elf Jahren oder vielleicht +schon bei zehnundeinhalb heißt es Unsinn. Die Grenze, die Grenze. Wo +ist sie? War sie da? War sie schon überschritten? Wenn ich mir seinen +letzten Blick vergegenwärtige, resigniert und in seinem Elend doch +noch ein Lächeln, so hieß der Blick: 'Innstetten, Prinzipienreiterei +... Sie konnten es mir ersparen und sich selber auch.' Und er hatte +vielleicht recht. Mir klingt so was in der Seele. Ja, wenn ich voll +tödlichem Haß gewesen wäre, wenn mir hier ein tiefes Rachegefühl +gesessen hätte ... Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches +und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer +Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, +halbe Komödie. Und diese Komödie muß ich nun fortsetzen und muß Effi +wegschicken und sie ruinieren und mich mit ... Ich mußte die Briefe +verbrennen, und die Welt durfte nie davon erfahren. Und wenn sie dann +kam, ahnungslos, so mußte ich ihr sagen: 'Da ist dein Platz', und +mußte mich innerlich von ihr scheiden. Nicht vor der Welt. Es gibt so +viele Leben, die keine sind, und so viele Ehen, die keine sind ... +dann war das Glück hin, aber ich hätte das Auge mit seinem Frageblick +und mit seiner stummen, leisen Anklage nicht vor mir.« + +Kurz vor zehn hielt Innstetten vor seiner Wohnung. Er stieg die +Treppen hinauf und zog die Glocke; Johanna kam und öffnete. + +»Wie steht es mit Annie?« + +»Gut, gnäd'ger Herr. Sie schläft noch nicht ... Wenn der gnäd'ge +Herr ...« + +»Nein, nein, das regt sie bloß auf. Ich sehe sie lieber morgen früh. +Bringen Sie mir ein Glas Tee, Johanna. Wer war hier?« + +»Nur der Doktor.« + +Und nun war Innstetten wieder allein. Er ging auf und ab, wie er's zu +tun liebte. »Sie wissen schon alles; Roswitha ist dumm, aber Johanna +ist eine kluge Person. Und wenn sie's nicht mit Bestimmtheit wissen, +so haben sie sich's zurechtgelegt und wissen es doch. Es ist +merkwürdig, was alles zum Zeichen wird und Geschichten ausplaudert, +als wäre jeder mit dabeigewesen.« + +Johanna brachte den Tee. Innstetten trank. Er war nach der +Überanstrengung todmüde und schlief ein. + +Innstetten war zu guter Zeit auf. Er sah Annie, sprach ein paar Worte +mit ihr, lobte sie, daß sie eine gute Kranke sei, und ging dann aufs +Ministerium, um seinem Chef von allem Vorgefallenen Meldung zu machen. +Der Minister war sehr gnädig. »Ja, Innstetten, wohl dem, der aus +allem, was das Leben uns bringen kann, heil herauskommt; Sie hat's +getroffen.« Er fand alles, was geschehen, in der Ordnung und überließ +Innstetten das Weitere. + +Erst spät nachmittags war Innstetten wieder in seiner Wohnung, in +der er ein paar Zeilen von Wüllersdorf vorfand. »Heute früh wieder +eingetroffen. Eine Welt von Dingen erlebt: Schmerzliches, Rührendes; +Gieshübler an der Spitze. Der liebenswürdigste Bucklige, den ich je +gesehen. Von Ihnen sprach er nicht allzuviel, aber die Frau, die Frau! +Er konnte sich nicht beruhigen, und zuletzt brach der kleine Mann +in Tränen aus. Was alles vorkommt. Es wäre zu wünschen, daß es mehr +Gieshübler gäbe. Es gibt aber mehr andere. Und dann die Szene im Hause +des Majors ... furchtbar. Kein Wort davon. Man hat wieder mal gelernt: +aufpassen. Ich sehe Sie morgen. Ihr W.« + +Innstetten war ganz erschüttert, als er gelesen. Er setzte sich +und schrieb seinerseits ein paar Briefe. Als er damit zu Ende war, +klingelte er: »Johanna, die Briefe in den Kasten.« + +Johanna nahm die Briefe und wollte gehen. + +»... Und dann, Johanna, noch eins: Die Frau kommt nicht wieder. Sie +werden von anderen erfahren, warum nicht. Annie darf nichts wissen, +wenigstens jetzt nicht. Das arme Kind. Sie müssen es ihr allmählich +beibringen, daß sie keine Mutter mehr hat. Ich kann es nicht. Aber +machen Sie's gescheit. Und daß Roswitha nicht alles verdirbt.« + +Johanna stand einen Augenblick ganz wie benommen da. Dann ging sie auf +Innstetten zu und küßte ihm die Hand. Als sie wieder draußen in der +Küche war, war sie von Stolz und Überlegenheit ganz erfüllt, ja beinah +von Glück. Der gnädige Herr hatte ihr nicht nur alles gesagt, sondern +am Schluß auch noch hinzugesetzt: »Und daß Roswitha nicht alles +verdirbt.« Das war die Hauptsache, und ohne daß es ihr an gutem Herzen +und selbst an Teilnahme mit der Frau gefehlt hätte, beschäftigte +sie doch, über jedes andere hinaus, der Triumph einer gewissen +Intimitätsstellung zum gnädigen Herrn. + +Unter gewöhnlichen Umständen wäre ihr denn auch die Herauskehrung +und Geltendmachung dieses Triumphes ein leichtes gewesen, aber +heute traf sich's so wenig günstig für sie, daß ihre Rivalin, ohne +Vertrauensperson gewesen zu sein, sich doch als die Eingeweihtere +zeigen sollte. Der Portier unten hatte nämlich, so ziemlich um +dieselbe Zeit, wo dies spielte, Roswitha in seine kleine Stube +hineingerufen und ihr gleich beim Eintreten ein Zeitungsblatt zum +Lesen zugeschoben. »Da, Roswitha, das ist was für Sie; Sie können es +mir nachher wieder runterbringen. Es ist bloß das Fremdenblatt; aber +Lene ist schon hin und holt das Kleine Journal. Da wird wohl schon +mehr drinstehen; die wissen immer alles. Hören Sie, Roswitha, wer so +was gedacht hätte.« + +Roswitha, sonst nicht allzu neugierig, hatte sich doch nach dieser +Ansprache so rasch wie möglich die Hintertreppe hinaufbegeben und war +mit dem Lesen gerade fertig, als Johanna dazukam. + +Diese legte die Briefe, die ihr Innstetten eben gegeben, auf den +Tisch, überflog die Adressen oder tat wenigstens so (denn sie wußte +längst, an wen sie gerichtet waren) und sagte mit gut erkünstelter +Ruhe: »Einer ist nach Hohen-Cremmen.« + +»Das kann ich mir denken«, sagte Roswitha. + +Johanna war nicht wenig erstaunt über diese Bemerkung. »Der Herr +schreibt sonst nie nach Hohen-Cremmen.« + +»Ja, sonst. Aber jetzt ... Denken Sie sich, das hat mir eben der +Portier unten gegeben.« + +Johanna nahm das Blatt und las nun halblaut eine mit einem dicken +Tintenstrich markierte Stelle: »Wie wir kurz vor Redaktionsschluß +von gut unterrichteter Seite her vernehmen, hat gestern früh in dem +Badeort Kessin in Hinterpommern ein Duell zwischen dem Ministerialrat +v. I. (Keithstraße) und dem Major von Crampas stattgefunden. Major von +Crampas fiel. Es heißt, daß Beziehungen zwischen ihm und der Rätin, +einer schönen und noch sehr jungen Frau, bestanden haben sollen.« + +»Was solche Blätter auch alles schreiben«, sagte Johanna, die +verstimmt war, ihre Neuigkeit überholt zu sehen. + +»Ja«, sagte Roswitha. »Und das lesen nun die Menschen und +verschimpfieren mir meine liebe, arme Frau. Und der arme Major. Nun +ist er tot.« + +»Ja, Roswitha, was denken Sie sich eigentlich? Soll er nicht tot sein? +Oder soll lieber unser gnädiger Herr tot sein?« + +»Nein, Johanna, unser gnäd'ger Herr, der soll auch leben, alles soll +leben. Ich bin nicht für Totschießen und kann nicht mal das Knallen +hören. Aber bedenken Sie doch, Johanna, das ist ja nun schon eine +halbe Ewigkeit her, und die Briefe, die mir gleich so sonderbar +aussahen, weil sie die rote Strippe hatten und drei- oder viermal +umwickelt und dann eingeknotet und keine Schleife - die sahen ja schon +ganz gelb aus, so lange ist es her. Wir sind ja nun schon über sechs +Jahre hier, und wie kann man wegen solcher alten Geschichten ...« + +»Ach, Roswitha, Sie reden, wie Sie's verstehen. Und bei Licht besehen +sind Sie schuld. Von den Briefen kommt es her. Warum kamen Sie mit dem +Stemmeisen und brachen den Nähtisch auf, was man nie darf; man darf +kein Schloß aufbrechen, was ein anderer zugeschlossen hat.« + +»Aber, Johanna, das ist doch wirklich zu schlecht von Ihnen, mir so +was auf den Kopf zuzusagen, und Sie wissen doch, daß Sie schuld sind +und daß Sie wie närrisch in die Küche stürzten und mir sagten, der +Nähtisch müsse aufgemacht werden, da wäre die Bandage drin, und da bin +ich mit dem Stemmeisen gekommen, und nun soll ich schuld sein. Nein, +ich sage ...« + +»Nun, ich will es nicht gesagt haben, Roswitha. Nur, Sie sollen mir +nicht kommen und sagen: der arme Major. Was heißt der arme Major! Der +ganze arme Major taugte nichts; wer solchen rotblonden Schnurrbart hat +und immer wribbelt, der taugt nie was und richtet bloß Schaden an. Und +wenn man immer in vornehmen Häusern gedient hat ... aber das haben Sie +nicht, Roswitha, das fehlt Ihnen eben ... dann weiß man auch, was sich +paßt und schickt und was Ehre ist, und weiß auch, daß, wenn so was +vorkommt, dann geht es nicht anders, und dann kommt das, was man eine +Forderung nennt, und dann wird einer totgeschossen.« + +»Ach, das weiß ich auch; ich bin nicht so dumm, wie Sie mich immer +machen wollen. Aber wenn es so lange her ist ...« »Ja, Roswitha, mit +Ihrem ewigen 'so lange her'; daran sieht man ja eben, daß Sie nichts +davon verstehen. Sie erzählen immer die alte Geschichte von Ihrem +Vater mit dem glühenden Eisen und wie er damit auf Sie losgekommen, +und jedesmal, wenn ich einen glühenden Bolzen eintue, muß ich auch +wirklich immer an Ihren Vater denken und sehe immer, wie er Sie wegen +des Kindes, das ja nun tot ist, totmachen will. Ja, Roswitha, davon +sprechen Sie in einem fort, und es fehlt bloß noch, daß Sie Anniechen +auch die Geschichte erzählen, und wenn Anniechen eingesegnet wird, +dann wird sie's auch gewiß erfahren, und vielleicht denselben Tag +noch; und das ärgert mich, daß Sie das alles erlebt haben, und Ihr +Vater war doch bloß ein Dorfschmied und hat Pferde beschlagen oder +einen Radreifen belegt, und nun kommen Sie und verlangen von unserm +gnäd'gen Herrn, daß er sich das alles ruhig gefallen läßt, bloß weil +es so lange her ist. Was heißt lange her? Sechs Jahre ist nicht +lange her. Und unsre gnäd'ge Frau - die aber nicht wiederkommt, der +gnäd'ge Herr hat es mir eben gesagt -, unsre gnäd'ge Frau wird erst +sechsundzwanzig, und im August ist ihr Geburtstag, und da kommen Sie +mir mit 'lange her'. Und wenn sie sechsunddreißig wäre, ich sage +Ihnen, bis sechsunddreißig muß man erst recht aufpassen, und wenn der +gnäd'ge Herr nichts getan hätte, dann hätten ihn die vornehmen Leute +'geschnitten'. Aber das Wort kennen Sie gar nicht, Roswitha, davon +wissen Sie nichts.« + +»Nein, davon weiß ich nichts, will auch nicht; aber das weiß ich, +Johanna, daß Sie in den gnäd'gen Herrn verliebt sind.« Johanna schlug +eine krampfhafte Lache auf. + +»Ja, lachen Sie nur. Ich seh es schon lange. Sie haben so was. Und +ein Glück, daß unser gnäd'ger Herr keine Augen dafür hat ... Die arme +Frau, die arme Frau.« + +Johanna lag daran, Frieden zu schließen. »Lassen Sie's gut sein, +Roswitha. Sie haben wieder Ihren Koller; aber ich weiß schon, den +haben alle vom Lande.« + +»Kann schon sein.« + +»Ich will jetzt nur die Briefe forttragen und unten sehen, ob der +Portier vielleicht schon die andere Zeitung hat. Ich habe doch recht +verstanden, daß er Lene danach geschickt hat? Und es muß auch mehr +darin stehen; das hier ist ja so gut wie gar nichts.« + + + +Dreißigstes Kapitel + +Effi und die Geheimrätin Zwicker waren seit fast drei Wochen in Ems +und bewohnten daselbst das Erdgeschoß einer reizenden kleinen Villa. +In ihrem zwischen ihren zwei Wohnzimmern gelegenen gemeinschaftlichen +Salon mit Blick auf den Garten stand ein Palisanderflügel, auf dem +Effi dann und wann eine Sonate, die Zwicker dann und wann einen +Walzer spielte; sie war ganz unmusikalisch und beschränkte sich im +wesentlichen darauf, für Niemann als Tannhäuser zu schwärmen. + +Es war ein herrlicher Morgen; in dem kleinen Garten zwitscherten die +Vögel, und aus dem angrenzenden Hause, drin sich ein »Lokal« befand, +hörte man, trotz der frühen Stunde, bereits das Zusammenschlagen der +Billardbälle. Beide Damen hatten ihr Frühstück nicht im Salon selbst, +sondern auf einem ein paar Fuß hoch aufgemauerten und mit Kies +bestreuten Vorplatz eingenommen, von dem aus drei Stufen nach dem +Garten hinunterführten; die Markise, ihnen zu Häupten, war aufgezogen, +um den Genuß der frischen Luft in nichts zu beschränken, und sowohl +Effi wie die Geheimrätin waren ziemlich emsig bei ihrer Handarbeit. +Nur dann und wann wurden ein paar Worte gewechselt. + +»Ich begreife nicht«, sagte Effi, »daß ich schon seit vier Tagen +keinen Brief habe; er schreibt sonst täglich. Ob Annie krank ist? Oder +er selbst?« + +Die Zwicker lächelte: »Sie werden erfahren, liebe Freundin, daß er +gesund ist, ganz gesund.« + +Effi fühlte sich durch den Ton, in dem dies gesagt wurde, wenig +angenehm berührt und schien antworten zu wollen, aber in ebendiesem +Augenblicke trat das aus der Umgegend von Bonn stammende Hausmädchen, +das sich von Jugend an daran gewöhnt hatte, die mannigfachsten +Erscheinungen des Lebens an Bonner Studenten und Bonner Husaren +zu messen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus, um hier den +Frühstückstisch abzuräumen. Sie hieß Afra. + +»Afra«, sagte Effi, »es muß doch schon neun sein; war der Postbote +noch nicht da?« + +»Nein, noch nicht, gnäd'ge Frau.« »Woran liegt es?« + +»Natürlich an dem Postboten; er ist aus dem Siegenschen und hat +keinen Schneid. Ich hab's ihm auch schon gesagt, das sei die 'reine +Lodderei'. Und wie ihm das Haar sitzt; ich glaube, er weiß gar nicht, +was ein Scheitel ist.« + +»Afra, Sie sind mal wieder zu streng. Denken Sie doch: Postbote, und +so tagaus, tagein bei der ewigen Hitze ...« + +»Ist schon recht, gnäd'ge Frau. Aber es gibt doch andere, die +zwingen's; wo's drinsteckt, da geht es auch.« Und während sie noch so +sprach, nahm sie das Tablett geschickt auf ihre fünf Fingerspitzen und +stieg die Stufen hinunter, um durch den Garten hin den näheren Weg in +die Küche zu nehmen. + +»Eine hübsche Person«, sagte die Zwicker. »Und so quick und kasch, und +ich möchte fast sagen, von einer natürlichen Anmut. Wissen Sie, liebe +Baronin, daß mich diese Afra... + +übrigens ein wundervoller Name, und es soll sogar eine heilige Afra +gegeben haben, aber ich glaube nicht, daß unsere davon abstammt ...« + +»Und nun, liebe Geheimrätin, vertiefen Sie sich wieder in Ihr +Nebenthema, das diesmal Afra heißt, und vergessen darüber ganz, was +Sie eigentlich sagen wollten ...« + +»Doch nicht, liebe Freundin, oder ich finde mich wenigstens wieder +zurück. Ich wollte sagen, daß mich diese Afra ganz ungemein an die +stattliche Person erinnert, die ich in Ihrem Hause ...« + +»Ja, Sie haben recht. Es ist eine Ähnlichkeit da. Nur, unser Berliner +Hausmädchen ist doch erheblich hübscher und namentlich ihr Haar viel +schöner und voller. Ich habe so schönes flachsenes Haar, wie unsere +Johanna hat, überhaupt noch nicht gesehen. Ein bißchen davon sieht man +ja wohl, aber solche Fülle ...« + +Die Zwicker lächelte. »Das ist wirklich selten, daß man eine +junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres +Hausmädchens sprechen hört. Und nun auch noch von der Fülle! Wissen +Sie, daß ich das rührend finde? Denn eigentlich ist man doch bei der +Wahl der Mädchen in einer beständigen Verlegenheit. Hübsch sollen sie +sein, weil es jeden Besucher, wenigstens die Männer, stört, eine lange +Stakete mit griesem Teint und schwarzen Rändern in der Türöffnung +erscheinen zu sehen, und ein wahres Glück, daß die Korridore meistens +so dunkel sind. Aber nimmt man wieder zu viel Rücksicht auf solche +Hausrepräsentation und den sogenannten ersten Eindruck, und +schenkt man wohl gar noch einer solchen hübschen Person eine weiße +Tändelschürze nach der andern, so hat man eigentlich keine ruhige +Stunde mehr und fragt sich, wenn man nicht zu eitel ist und nicht zu +viel Vertrauen zu sich selber hat, ob da nicht Remedur geschaffen +werden müsse. Remedur war nämlich ein Lieblingswort von Zwicker, womit +er mich oft gelangweilt hat; aber freilich, alle Geheimräte haben +solche Lieblingsworte.« + +Effi hörte mit sehr geteilten Empfindungen zu. Wenn die Geheimrätin +nur ein bißchen anders gewesen wäre, so hätte dies alles reizend sein +können, aber da sie nun mal war, wie sie war, so fühlte sich Effi +wenig angenehm von dem berührt, was sie sonst vielleicht einfach +erheitert hätte. + +»Das ist schon recht, liebe Freundin, was Sie da von den Geheimräten +sagen. Innstetten hat sich auch dergleichen angewöhnt, lacht aber +immer, wenn ich ihn daraufhin ansehe, und entschuldigt sich hinterher +wegen der Aktenausdrücke. Ihr Herr Gemahl war freilich schon länger im +Dienst und überhaupt wohl älter ...« + +»Um ein geringes«, sagte die Geheimrätin spitz und ablehnend. + +»Und alles in allem kann ich mich in Befürchtungen, wie Sie sie +aussprechen, nicht recht zurechtfinden. Das, was man gute Sitte nennt, +ist doch immer noch eine Macht ...« + +»Meinen Sie?« + +Und ich kann mir namentlich nicht denken, daß es gerade Ihnen, +liebe Freundin, beschieden gewesen sein solle, solche Sorgen und +Befürchtungen durchzumachen. Sie haben, Verzeihung, daß ich diesen +Punkt hier so offen berühre, gerade das, was die Männer einen 'Scharm' +nennen, Sie sind heiter, fesselnd, anregend, und wenn es nicht +indiskret ist, so möcht ich angesichts dieser Ihrer Vorzüge wohl +fragen dürfen, stützt sich das, was Sie da sagen, auf allerlei +Schmerzliches, das Sie persönlich erlebt haben?« + +»Schmerzliches?« sagte die Zwicker. »Ach, meine liebe, gnädigste Frau, +Schmerzliches, das ist ein zu großes Wort, auch dann noch, wenn man +vielleicht wirklich manches erlebt hat. Schmerzlich ist einfach +zuviel, viel zuviel. Und dann hat man doch schließlich auch seine +Hilfsmittel und Gegenkräfte. Sie dürfen dergleichen nicht zu tragisch +nehmen.« + +»Ich kann mir keine rechte Vorstellung von dem machen, was Sie +anzudeuten belieben. Nicht, als ob ich nicht wüßte, was Sünde sei, das +weiß ich auch; aber es ist doch ein Unterschied, ob man so hineingerät +in allerlei schlechte Gedanken oder ob einem derlei Dinge zur halben +oder auch wohl zur ganzen Lebensgewohnheit werden. Und nun gar im +eigenen Hause ...« + +»Davon will ich nicht sprechen, das will ich nicht so direkt gesagt +haben, obwohl ich, offen gestanden, auch nach dieser Seite hin voller +Mißtrauen bin oder, wie ich jetzt sagen muß, war; denn es liegt ja +alles zurück. Aber da gibt es Außengebiete. Haben Sie von Landpartien +gehört?« + +»Gewiß. Und ich wollte wohl, Innstetten hätte mehr Sinn dafür ...« + +»Überlegen Sie sich das, liebe Freundin. Zwicker saß immer in +Saatwinkel. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn ich das Wort höre, gibt es +mir noch jetzt einen Stich ins Herz. Überhaupt diese Vergnügungsorte +in der Umgegend unseres lieben alten Berlin! Denn ich liebe Berlin +trotz alledem. Aber schon die bloßen Namen der dabei in Frage +kommenden Ortschaften umschließen eine Welt von Angst und Sorge. Sie +lächeln. Und doch, sagen Sie selbst, liebe Freundin, was können Sie +von einer großen Stadt und ihren Sittlichkeitszuständen erwarten, +wenn Sie beinah unmittelbar vor den Toren derselben (denn zwischen +Charlottenburg und Berlin ist kein rechter Unterschied mehr), auf +kaum tausend Schritte zusammengedrängt, einem Pichelsberg, einem +Pichelsdorf und einem Pichelswerder begegnen. Dreimal Pichel ist +zuviel. Sie können die ganze Welt absuchen, das finden Sie nicht +wieder.« + +Effi nickte. + +»Und das alles«, fuhr die Zwicker fort, »geschieht am grünen Holz der +Havelseite. Das alles liegt nach Westen zu, da haben Sie Kultur und +höhere Gesittung. Aber nun gehen Sie, meine Gnädigste, nach der +anderen Seite hin, die Spree hinauf. Ich spreche nicht von Treptow +und Stralau, das sind Bagatellen, Harmlosigkeiten, aber wenn Sie die +Spezialkarte zur Hand nehmen wollen, da begegnen Sie neben mindestens +sonderbaren Namen wie Kiekebusch, wie Wuhlheide - Sie hätten hören +sollen, wie Zwicker das Wort aussprach - Namen von geradezu brutalem +Charakter, mit denen ich Ihr Ohr nicht verletzen will. Aber natürlich +sind das gerade die Plätze, die bevorzugt werden. Ich hasse diese +Landpartien, die sich das Volksgemüt als eine Kremserpartie mit 'Ich +bin ein Preuße' vorstellt, in Wahrheit aber schlummern hier die Keime +einer sozialen Revolution. Wenn ich sage 'soziale Revolution', so +meine ich natürlich moralische Revolution, alles andere ist bereits +wieder überholt, und schon Zwicker sagte mir noch in seinen letzten +Tagen: 'Glaube mir, Sophie, Saturn frißt seine Kinder.' Und Zwicker, +welche Mängel und Gebrechen er haben mochte, das bin ich ihm schuldig, +er war ein philosophischer Kopf und hatte ein natürliches Gefühl +für historische Entwicklung ... Aber ich sehe, meine liebe Frau von +Innstetten, so artig sie sonst ist, hört nur noch mit halbem Ohr zu; +natürlich, der Postbote hat sich drüben blicken lassen, und da fliegt +denn das Herz hinüber und nimmt die Liebesworte vorweg aus dem Brief +heraus ... Nun, Böselager, was bringen Sie?« + +Der Angeredete war mittlerweile bis an den Tisch herangetreten und +packte aus: mehrere Zeitungen, zwei Friseuranzeigen und zuletzt auch +einen großen eingeschriebenen Brief an Frau Baronin von Innstetten, +geb. von Briest. + +Die Empfängerin unterschrieb, und nun ging der Postbote wieder. +Die Zwicker aber überflog die Friseuranzeigen und lachte über die +Preisermäßigung von Shampooing. + +Effi hörte nicht hin; sie drehte den ihrerseits empfangenen Brief +zwischen den Fingern und hatte eine ihr unerklärliche Scheu, ihn zu +öffnen. Eingeschrieben und mit zwei großen Siegeln und ein dickes +Kuvert. Was bedeutete das? Poststempel: »Hohen-Cremmen«, und die +Adresse von der Handschrift der Mutter. Von Innstetten, es war der +fünfte Tag, keine Zeile. + +Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttergriff und schnitt die +Längsseite des Briefes langsam auf. Und nun harrte ihrer eine neue +Überraschung. Der Briefbogen, ja, das waren eng beschriebene Zeilen +von der Mama, darin eingelegt aber waren Geldscheine mit einem breiten +Papierstreifen drumherum, auf dem mit Rotstift, und zwar von des +Vaters Hand, der Betrag der eingelegten Summe verzeichnet war. Sie +schob das Konvolut zurück und begann zu lesen, während sie sich in +den Schaukelstuhl zurücklehnte. Aber sie kam nicht weit, die Zeilen +entfielen ihr, und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort. Dann +bückte sie sich und nahm den Brief wieder auf. »Was ist Ihnen, liebe +Freundin? Schlechte Nachrichten?« Effi nickte, gab aber weiter keine +Antwort und bat nur, ihr ein Glas Wasser reichen zu wollen. Als sie +getrunken, sagte sie: »Es wird vorübergehen, liebe Geheimrätin, aber +ich möchte mich doch einen Augenblick zurückziehen ... Wenn Sie mir +Afra schicken könnten.« + +Und nun erhob sie sich und trat in den Salon zurück, wo sie sichtlich +froh war, einen Halt gewonnen und sich an dem Palisanderflügel +entlangfühlen zu können. So kam sie bis an ihr nach rechts hin +gelegenes Zimmer, und als sie hier, tappend und suchend, die Tür +geöffnet und das Bett an der Wand gegenüber erreicht hatte, brach sie +ohnmächtig zusammen. + + + +Einunddreißgstes Kapitel + +Minuten vergingen. Als Effi sich wieder erholt hatte, setzte sie sich +auf einen am Fenster stehenden Stuhl und sah auf die stille Straße +hinaus. Wenn da doch Lärm und Streit gewesen wäre; aber nur der +Sonnenschein lag auf dem chaussierten Wege und dazwischen die +Schatten, die das Gitter und die Bäume warfen. Das Gefühl des +Alleinseins in der Welt überkam sie mit seiner ganzen Schwere. Vor +einer Stunde noch eine glückliche Frau, Liebling aller, die sie +kannten, und nun ausgestoßen. Sie hatte nur erst den Anfang des +Briefes gelesen, aber genug, um ihre Lage klar vor Augen zu haben. +Wohin? + +Sie hatte keine Antwort darauf, und doch war sie voll tiefer +Sehnsucht, aus dem herauszukommen, was sie hier umgab, also fort von +dieser Geheimrätin, der das alles bloß ein »interessanter Fall« war +und deren Teilnahme, wenn etwas davon existierte, sicher an das Maß +ihrer Neugier nicht heranreichte. + +»Wohin?« + +Auf dem Tisch vor ihr lag der Brief; aber ihr fehlte der Mut, +weiterzulesen. Endlich sagte sie: »Wovor bange ich mich noch? Was kann +noch gesagt werden, das ich mir nicht schon selber sagte? Der, um den +all dies kam, ist tot, eine Rückkehr in mein Haus gibt es nicht, in +ein paar Wochen wird die Scheidung ausgesprochen sein, und das Kind +wird man dem Vater lassen. Natürlich. Ich bin schuldig, und eine +Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen. Und wovon auch? Mich selbst +werde ich wohl durchbringen. Ich will sehen, was die Mama darüber +schreibt, wie sie sich mein Leben denkt.« + +Und unter diesen Worten nahm sie den Brief wieder, um auch den Schluß +zu lesen. + +»... Und nun Deine Zukunft, meine liebe Effi. Du wirst Dich auf +Dich selbst stellen müssen und darfst dabei, soweit äußere Mittel +mitsprechen, unserer Unterstützung sicher sein. Du wirst am besten in +Berlin leben (in einer großen Stadt vertut sich dergleichen am besten) +und wirst da zu den vielen gehören, die sich um freie Luft und lichte +Sonne gebracht haben. Du wirst einsam leben, und wenn Du das nicht +willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphäre herabsteigen müssen. Die +Welt, in der Du gelebt hast, wird Dir verschlossen sein. Und was das +Traurigste für uns und für Dich ist (auch für Dich, wie wir Dich zu +kennen vermeinen) - auch das elterliche Haus wird Dir verschlossen +sein, wir können Dir keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen anbieten, +keine Zuflucht in unserem Hause, denn es hieße das, dies Haus +von aller Welt abschließen, und das zu tun, sind wir entschieden +nicht geneigt. Nicht weil wir zu sehr an der Welt hingen und ein +Abschiednehmen von dem, was sich 'Gesellschaft' nennt, uns als etwas +unbedingt Unerträgliches erschiene; nein, nicht deshalb, sondern +einfach, weil wir Farbe bekennen und vor aller Welt, ich kann Dir das +Wort nicht ersparen, unsere Verurteilung Deines Tuns, des Tuns unseres +einzigen und von uns so sehr geliebten Kindes, aussprechen wollen ...« +Effi konnte nicht weiterlesen; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und +nachdem sie vergeblich dagegen angekämpft hatte, brach sie zuletzt +in ein heftiges Schluchzen und Weinen aus, darin sich ihr Herz +erleichterte. + +Nach einer halben Stunde klopfte es, und auf Effis »Herein« erschien +die Geheimrätin. + +»Darf ich eintreten?« + +»Gewiß, liebe Geheimrätin«, sagte Effi, die jetzt, leicht zugedeckt +und die Hände gefaltet, auf dem Sofa lag. »Ich bin erschöpft und habe +mich hier eingerichtet, so gut es ging. Darf ich Sie bitten, sich +einen Stuhl zu nehmen.« + +Die Geheimrätin setzte sich so, daß der Tisch, mit einer Blumenschale +darauf, zwischen ihr und Effi war. Effi zeigte keine Spur von +Verlegenheit und änderte nichts in ihrer Haltung, nicht einmal die +gefalteten Hände. Mit einem Male war es ihr vollkommen gleichgültig, +was die Frau dachte; nur fort wollte sie. + +»Sie haben eine traurige Nachricht empfangen, liebe gnädigste +Frau ...« + +»Mehr als traurig«, sagte Effi. »Jedenfalls traurig genug, um unserem +Beisammensein ein rasches Ende zu machen. Ich muß noch heute fort.« + +»Ich möchte nicht zudringlich erscheinen, aber ist es etwas mit +Annie?« + +»Nein, nicht mit Annie. Die Nachrichten kamen überhaupt nicht aus +Berlin, es waren Zeilen meiner Mama. Sie hat Sorgen um mich, und es +liegt mir daran, sie zu zerstreuen, oder wenn ich das nicht kann, +wenigstens an Ort und Stelle zu sein.« + +»Mir nur zu begreiflich, so sehr ich es beklage, diese letzten Emser +Tage nun ohne Sie verbringen zu sollen. Darf ich Ihnen meine Dienste +zur Verfügung stellen?« + +Ehe Effi darauf antworten konnte, trat Afra ein und meldete, daß man +sich eben zum Lunch versammle. Die Herrschaften seien alle sehr in +Aufregung: Der Kaiser käme wahrscheinlich auf drei Wochen, und am +Schluß seien große Manöver, und die Bonner Husaren kämen auch. + +Die Zwicker überschlug sofort, ob es sich verlohnen würde, bis dahin +zu bleiben, kam zu einem entschiedenen »Ja« und ging dann, um Effis +Ausbleiben beim Lunch zu entschuldigen. + +Als gleich danach auch Afra gehen wollte, sagte Effi: »Und dann, Afra, +wenn Sie frei sind, kommen Sie wohl noch eine Viertelstunde zu mir, +um mir beim Packen behilflich zu sein. Ich will heute noch mit dem +Siebenuhrzug fort.« + +»Heute noch? Ach, gnädigste Frau, das ist doch aber schade. Nun fangen +ja die schönen Tage erst an.« + +Effi lächelte. + +Die Zwicker, die noch allerlei zu hören hoffte, hatte sich nur mit +Mühe bestimmen lassen, der »Frau Baronin« beim Abschied nicht das +Geleit zu geben. Auf einem Bahnhof, so hatte Effi versichert, sei +man immer so zerstreut und nur mit seinem Platz und seinem Gepäck +beschäftigt; gerade Personen, die man liebhabe, von denen nähme man +gern vorher Abschied. Die Zwicker bestätigte das, trotzdem sie das +Vorgeschützte darin sehr wohl herausfühlte; sie hatte hinter allen +Türen gestanden und wußte gleich, was echt und unecht war. + +Afra begleitete Effi zum Bahnhof und ließ sich fest versprechen, daß +die Frau Baronin im nächsten Sommer wiederkommen wolle; wer mal in Ems +gewesen, der komme immer wieder. Ems sei das Schönste, außer Bonn. + +Die Zwicker hatte sich mittlerweile zum Briefschreiben niedergesetzt, +nicht an dem etwas wackligen Rokokosekretär im Salon, sondern draußen +auf der Veranda, an demselben Tisch, an dem sie kaum zehn Stunden +zuvor mit Effi das Frühstück genommen hatte. + +Sie freute sich auf den Brief, der einer befreundeten, zur Zeit in +Reichenhall weilenden Berliner Dame zugute kommen sollte. Beider +Seelen hatten sich längst gefunden und gipfelten in einer der ganzen +Männerwelt geltenden starken Skepsis; sie fanden die Männer durchweg +weit zurückbleibend hinter dem, was billigerweise gefordert werden +könne, die sogenannten »forschen« am meisten. »Die, die vor +Verlegenheit nicht wissen, wo sie hinsehen sollen, sind, nach einem +kurzen Vorstudium, immer noch die besten, aber die eigentlichen Don +Juans erweisen sich jedesmal als eine Enttäuschung. Wo soll es am Ende +auch herkommen.« Das waren so Weisheitssätze, die zwischen den zwei +Freundinnen ausgetauscht wurden. + +Die Zwicker war schon auf dem zweiten Bogen und fuhr in ihrem mehr +als dankbaren Thema, das natürlich »Effi« hieß, eben wie folgt fort: +»Alles in allem war sie sehr zu leiden, artig, anscheinend offen, ohne +jeden Adelsdünkel (oder doch groß in der Kunst, ihn zu verbergen) und +immer interessiert, wenn man ihr etwas Interessantes erzählte, wovon +ich, wie ich Dir nicht zu versichern brauche, den ausgiebigsten +Gebrauch machte. Nochmals also, reizende junge Frau, fünfundzwanzig +oder nicht viel mehr. Und doch habe ich dem Frieden nie getraut und +traue ihm auch in diesem Augenblick noch nicht, ja, jetzt vielleicht +am wenigsten. Die Geschichte heute mit dem Briefe - da steckt eine +wirkliche Geschichte dahinter. Dessen bin ich so gut wie sicher. Es +wäre das erste Mal, daß ich mich in solcher Sache geirrt hätte. Daß +sie mit Vorliebe von den Berliner Modepredigern sprach und das Maß der +Gottseligkeit jedes einzelnen feststellte, das und der gelegentliche +Gretchenblick, der jedesmal versicherte, kein Wässerchen trüben zu +können - alle diese Dinge haben mich in meinem Glauben ... Aber da +kommt eben unsere Afra, von der ich Dir, glaube ich, schon schrieb, +eine hübsche Person, und packt mir ein Zeitungsblatt auf den Tisch, +das ihr, wie sie sagt, unsere Frau Wirtin für mich gegeben habe; die +blau angestrichene Stelle. Nun verzeih, wenn ich diese Stelle erst +lese ... + +Nachschrift. Das Zeitungsblatt war interessant genug und kam wie +gerufen. Ich schneide die blau angestrichene Stelle heraus und lege +sie diesen Zeilen bei. Du siehst daraus, daß ich mich nicht geirrt +habe. Wer mag nur der Crampas sein? + +Es ist unglaublich - erst selber Zettel und Briefe schreiben und dann +auch noch die des anderen aufbewahren! Wozu gibt es Öfen und Kamine? +Solange wenigstens, wie dieser Duellunsinn noch existiert, darf +dergleichen nicht vorkommen; einem kommenden Geschlecht kann diese +Briefschreibepassion (weil dann gefahrlos geworden) vielleicht +freigegeben werden. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Übrigens +bin ich voll Mitleid mit der jungen Baronin und finde, eitel wie man +nun mal ist, meinen einzigen Trost darin, mich in der Sache selbst +nicht getäuscht zu haben. Und der Fall lag nicht so ganz gewöhnlich. +Ein schwächerer Diagnostiker hätte sich doch vielleicht hinters Licht +führen lassen. + +Wie immer Deine Sophie.« + + + +Zweiunddreißigstes Kapitel + +Drei Jahre waren vergangen, und Effi bewohnte seit fast ebenso +langer Zeit eine kleine Wohnung in der Königgrätzer Straße, zwischen +Askanischem Platz und Halleschem Tor: ein Vorder- und Hinterzimmer und +hinter diesem die Küche mit Mädchengelaß, alles so durchschnittsmäßig +und alltäglich wie nur möglich. Und doch war es eine apart hübsche +Wohnung, die jedem, der sie sah, angenehm auffiel, am meisten +vielleicht dem alten Geheimrat Rummschüttel, der, dann und wann +vorsprechend, der armen jungen Frau nicht bloß die nun weit +zurückliegende Rheumatismus- und Neuralgiekomödie sondern auch alles, +was seitdem sonst noch vorgekommen war, längst verziehen hatte, wenn +es für ihn der Verzeihung überhaupt bedurfte. Denn Rummschüttel kannte +noch ganz anderes. + +Er war jetzt ausgangs Siebzig, aber wenn Effi, die seit einiger Zeit +ziemlich viel kränkelte, ihn brieflich um seinen Besuch bat, so war er +am anderen Vormittag auch da und wollte von Entschuldigungen, daß es +so hoch sei, nichts wissen. »Nur keine Entschuldigungen, meine liebe +gnädigste Frau; denn erstens ist es mein Metier, und zweitens bin ich +glücklich und beinahe stolz, die drei Treppen so gut noch steigen +zu können. Wenn ich nicht fürchten müßte, Sie zu belästigen - denn +ich komme doch schließlich als Arzt und nicht als Naturfreund und +Landschaftsschwärmer -, so käme ich wohl noch öfter, bloß um Sie zu +sehen und mich hier etliche Minuten an Ihr Hinterfenster zu setzen. +Ich glaube, Sie würdigen den Ausblick nicht genug.« + +»O doch, doch«, sagte Effi; Rummschüttel aber ließ sich nicht stören +und fuhr fort: »Bitte, meine gnädigste Frau, treten Sie hier heran, +nur einen Augenblick, oder erlauben Sie mir, daß ich Sie bis an das +Fenster führe. Wieder ganz herrlich heute. Sehen Sie doch nur die +verschiedenen Bahndämme, drei, nein, vier, und wie es beständig darauf +hin und her gleitet ... und nun verschwindet der Zug da wieder hinter +einer Baumgruppe. Wirklich herrlich. Und wie die Sonne den weißen +Rauch durchleuchtet! Wäre der Matthäikirchhof nicht unmittelbar +dahinter, so wäre es ideal.« + +»Ich sehe gern Kirchhöfe.« + +»Ja, Sie dürfen das sagen. Aber unsereins! Unsereinem kommt +unabweislich immer die Frage, könnten hier nicht vielleicht einige +weniger liegen? Im übrigen, meine gnädigste Frau, bin ich mit Ihnen +zufrieden und beklage nur, daß Sie von Ems nichts wissen wollen; Ems +bei Ihren katarrhalischen Affektionen, würde Wunder ...« + +Effi schwieg. + +»Ems würde Wunder tun. Aber da Sie's nicht mögen (und ich finde mich +darin zurecht), so trinken Sie den Brunnen hier. In drei Minuten +sind Sie im Prinz Albrechtschen Garten, und wenn auch die Musik +und die Toiletten und all die Zerstreuungen einer regelrechten +Brunnenpromenade fehlen, der Brunnen selbst ist doch die Hauptsache.« + +Effi war einverstanden, und Rummschüttel nahm Hut und Stock. Aber +er trat noch einmal an das Fenster heran. »Ich höre von einer +Terrassierung des Kreuzbergs sprechen, Gott segne die Stadtverwaltung, +und wenn dann erst die kahle Stelle da hinten mehr in Grün stehen +wird ... Eine reizende Wohnung. Ich könnte Sie fast beneiden ... Und +was ich schon längst einmal sagen wollte, meine gnädige Frau, Sie +schreiben mir immer einen so liebenswürdigen Brief. Nun, wer freute +sich dessen nicht? Aber es ist doch jedesmal eine Mühe ... Schicken +Sie mir doch einfach Roswitha.« + +Effi dankte ihm, und so schieden sie. + +»Schicken Sie mir doch einfach Roswitha ...« hatte Rummschüttel +gesagt. Ja, war denn Roswitha bei Effi? War sie denn statt in der +Keith- in der Königgrätzer Straße? Gewiß war sie's, und zwar sehr +lange schon, gerade so lange, wie Effi selbst in der Königgrätzer +Straße wohnte. Schon drei Tage vor diesem Einzug hatte sich Roswitha +bei ihrer lieben gnädigen Frau sehen lassen, und das war ein +großer Tag für beide gewesen, so sehr, daß dieses Tages hier noch +nachträglich gedacht werden muß. + +Effi hatte damals, als der elterliche Absagebrief aus Hohen-Cremmen +kam und sie mit dem Abendzug von Ems nach Berlin zurückreiste, nicht +gleich eine selbständige Wohnung genommen, sondern es mit einem +Unterkommen in einem Pensionat versucht. Es war ihr damit auch +leidlich geglückt. Die beiden Damen, die dem Pensionat vorstanden, +waren gebildet und voll Rücksicht und hatten es längst verlernt, +neugierig zu sein. Es kam da so vieles zusammen, daß ein +Eindringenwollen in die Geheimnisse jedes einzelnen viel zu +umständlich gewesen wäre. Dergleichen hinderte nur den Geschäftsgang. +Effi, die die mit den Augen angestellten Kreuzverhöre der Zwicker noch +in Erinnerung hatte, fühlte sich denn auch von dieser Zurückhaltung +der Pensionsdamen sehr angenehm berührt; als aber vierzehn Tage +vorüber waren, empfand sie doch deutlich, daß die hier herrschende +Gesamtatmosphäre, die physische wie die moralische, nicht wohl +ertragbar für sie sei. Bei Tisch waren sie meist zu sieben, und zwar +außer Effi und der einen Pensionsvorsteherin (die andere leitete +draußen das Wirtschaftliche) zwei die Hochschule besuchende +Engländerinnen, eine adelige Dame aus Sachsen, eine sehr hübsche +galizische Jüdin, von der niemand wußte, was sie eigentlich vorhatte, +und eine Kantorstochter aus Polzin in Pommern, die Malerin werden +wollte. Das war eine schlimme Zusammensetzung, und die gegenseitigen +Überheblichkeiten, bei denen die Engländerinnen merkwürdigerweise +nicht absolut obenan standen, sondern mit der vom höchsten Malergefühl +erfüllten Polzinerin um die Palme rangen, waren unerquicklich; dennoch +wäre Effi, die sich passiv verhielt, über den Druck, den diese +geistige Atmosphäre übte, hinweggekommen, wenn nicht, rein physisch +und äußerlich, die sich hinzugesellende Pensionsluft gewesen wäre. +Woraus sich diese eigentlich zusammensetzte, war vielleicht überhaupt +unerforschlich, aber daß sie der sehr empfindlichen Effi den Atem +raubte, war nur zu gewiß, und so sah sie sich, aus diesem äußerlichen +Grunde, sehr bald schon zur Aus- und Umschau nach einer anderen +Wohnung gezwungen, die sie denn auch in verhältnismäßiger Nähe fand. +Es war dies die vorgeschilderte Wohnung in der Königgrätzer Straße. +Sie sollte dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahres beziehen, hatte +das Nötige dazu beschafft und zählte während der letzten Septembertage +die Stunden bis zur Erlösung aus dem Pensionat. + +An einem dieser letzten Tage - sie hatte sich eine Viertelstunde zuvor +aus dem Eßzimmer zurückgezogen und gedachte sich eben auf einem mit +einem großblumigen Wollstoff überzogenen Seegrassofa auszuruhen - +wurde leise an ihre Tür geklopft. + +»Herein.« + +Das eine Hausmädchen, eine kränklich aussehende Person von Mitte +Dreißig, die durch beständigen Aufenthalt auf dem Korridor des +Pensionats den hier lagernden Dunstkreis überallhin in ihren +Falten mitschleppte, trat ein und sagte: Die gnädige Frau möchte +entschuldigen, aber es wolle sie jemand sprechen. + +»Wer?« + +»Eine Frau.« + +»Und hat sie ihren Namen genannt?« »Ja, Roswitha.« + +Und siehe da, kaum daß Effi diesen Namen gehört hatte, so schüttelte +sie den Halbschlaf von sich und sprang auf und lief auf den Korridor +hinaus, um Roswitha bei beiden Händen zu fassen und in ihr Zimmer zu +ziehen. + +»Roswitha. Du. Ist das eine Freude. Was bringst du? Natürlich was +Gutes. Ein so gutes altes Gesicht kann nur was Gutes bringen. Ach, wie +glücklich ich bin, ich könnte dir einen Kuß geben; ich hätte nicht +gedacht, daß ich noch solche Freude haben könnte. Mein gutes altes +Herz, wie geht es dir denn? Weißt du noch, wie's damals war, als der +Chinese spukte? Das waren glückliche Zeiten. Ich habe damals gedacht, +es wären unglückliche, weil ich das Harte des Lebens noch nicht +kannte. Seitdem habe ich es kennengelernt. Ach, Spuk ist lange nicht +das Schlimmste! Komm, meine gute Roswitha, komm, setz dich hier zu mir +und erzähle mir ... Ach, ich habe solche Sehnsucht. Was macht Annie?« + +Roswitha konnte kaum reden und sah sich in dem sonderbaren Zimmer um, +dessen grau und verstaubt aussehende Wände in schmale Goldleisten +gefaßt waren. Endlich aber fand sie sich und sagte, daß der gnädige +Herr nun wieder aus Glatz zurück sei; der alte Kaiser habe gesagt, +sechs Wochen in solchem Falle sei gerade genug, und auf den Tag, wo +der gnädige Herr wieder da sein würde, darauf habe sie bloß gewartet, +wegen Annie, die doch eine Aufsicht haben müsse. Denn Johanna sei +wohl eine sehr propre Person, aber sie sei doch noch zu hübsch und +beschäftige sich noch zu viel mit sich selbst und denke vielleicht +Gott weiß was alles. Aber nun, wo der gnädige Herr wieder aufpassen +und in allem nach dem Rechten sehen könne, da habe sie sich's doch +antun wollen und mal sehen, wie's der gnädigen Frau gehe ... + +»Das ist recht, Roswitha ...« + +Und habe mal sehen wollen, ob der gnädigen Frau was fehle und ob +sie sie vielleicht brauche, dann wolle sie gleich hierbleiben und +beispringen und alles machen und dafür sorgen, daß es der gnädigen +Frau wieder gutgehe. + +Effi hatte sich in die Sofaecke zurückgelehnt und die Augen +geschlossen. Aber mit eins richtete sie sich auf und sagte: »Ja, +Roswitha, was du da sagst, das ist ein Gedanke; das ist was. Denn du +mußt wissen, ich bleibe hier nicht in dieser Pension, ich habe da +weiterhin eine Wohnung gemietet und auch Einrichtung besorgt, und in +drei Tagen will ich da einziehen. Und wenn ich da mit dir ankäme und +zu dir sagen könnte: 'Nein, Roswitha, da nicht, der Schrank muß dahin +und der Spiegel da', ja, das wäre was, das sollte mir schon gefallen. +Und wenn wir dann müde von all der Plackerei wären, dann sagte ich: +'Nun, Roswitha, gehe da hinüber und hole uns eine Karaffe Spatenbräu, +denn wenn man gearbeitet hat, dann will man doch auch trinken, und +wenn du kannst, so bring uns auch etwas Gutes aus dem Habsburger Hof +mit, du kannst ja das Geschirr nachher wieder herüberbringen' - ja, +Roswitha, wenn ich mir das denke, da wird mir ordentlich leichter ums +Herz. Aber ich muß dich doch fragen, hast du dir auch alles überlegt? +Von Annie will ich nicht sprechen, an der du doch hängst, sie ist ja +fast wie dein eigen Kind - aber trotzdem, für Annie wird schon gesorgt +werden, und die Johanna hängt ja auch an ihr. Also davon nichts. Aber +bedenke, wie sich alles verändert hat, wenn du wieder zu mir willst. +Ich bin nicht mehr wie damals; ich habe jetzt eine ganz kleine Wohnung +genommen, und der Portier wird sich wohl nicht sehr um dich und um +mich bemühen. Und wir werden eine sehr kleine Wirtschaft haben, immer +das, was wir sonst unser Donnerstagessen nannten, weil da reingemacht +wurde. Weißt du noch? Und weißt du noch, wie der gute Gieshübler mal +dazukam und sich zu uns setzen mußte, und wie er dann sagte: So was +Delikates habe er noch nie gegessen. Du wirst dich noch erinnern, +er war immer so schrecklich artig, denn eigentlich war er doch der +einzige Mensch in der Stadt, der von Essen was verstand. Die andern +fanden alles schön.« + +Roswitha freute sich über jedes Wort und sah schon alles in bestem +Gange, bis Effi wieder sagte: »Hast du dir das alles überlegt? Denn +du bist doch - ich muß das sagen, wiewohl es meine eigne Wirtschaft +war -, du bist doch nun durch viele Jahre hin verwöhnt, und es kam nie +darauf an, wir hatten es nicht nötig, sparsam zu sein; aber jetzt muß +ich sparsam sein, denn ich bin arm und habe nur, was man mir gibt, du +weißt, von Hohen-Cremmen her. Meine Eltern sind sehr gut gegen mich, +soweit sie's können, aber sie sind nicht reich. Und nun sage, was +meinst du?« + +»Daß ich nächsten Sonnabend mit meinem Koffer anziehe, nicht am Abend, +sondern gleich am Morgen, und daß ich da bin, wenn das Einrichten +losgeht. Denn ich kann doch ganz anders zufassen wie die gnädige +Frau.« + +»Sage das nicht, Roswitha. Ich kann es auch. Wenn man muß, kann man +alles.« + +»Und dann, gnädigste Frau, Sie brauchen sich wegen meiner nicht zu +fürchten, als ob ich mal denken könnte: 'für Roswitha ist das nicht +gut genug'. Für Roswitha ist alles gut, was sie mit der gnädigen Frau +teilen muß, und am liebsten, wenn es was Trauriges ist. Ja, darauf +freue ich mich schon ordentlich. Dann sollen Sie mal sehen, das +verstehe ich. Und wenn ich es nicht verstünde, dann wollte ich es +schon lernen. Denn, gnädige Frau, das hab' ich nicht vergessen, als +ich da auf dem Kirchhof saß, mutterwindallein, und bei mir dachte, nun +wäre es doch wohl das beste, ich läge da gleich mit in der Reihe. Wer +kam da? Wer hat mich da bei Leben erhalten? Ach, ich habe so viel +durchzumachen gehabt. Als mein Vater damals mit der glühenden Stange +auf mich loskam ...« + +»Ich weiß schon, Roswitha ...« + +»Ja, das war schlimm genug. Aber als ich da auf dem Kirchhof saß, so +ganz arm und verlassen, das war doch noch schlimmer. Und da kam die +gnädige Frau. Und ich will nicht selig werden, wenn ich das vergesse.« + +Und dabei stand sie auf und ging aufs Fenster zu. »Sehen Sie, gnädige +Frau, den müssen Sie doch auch noch sehen.« + +Und nun trat auch Effi heran. + +Drüben, auf der anderen Seite der Straße, saß Rollo und sah nach den +Fenstern der Pension hinauf. + +Wenige Tage danach bezog Effi, von Roswitha unterstützt, ihre Wohnung +in der Königgrätzer Straße, darin es ihr von Anfang an gefiel. Umgang +fehlte freilich, aber sie hatte während ihrer Pensionstage von dem +Verkehr mit Menschen so wenig Erfreuliches gehabt, daß ihr das +Alleinsein nicht schwerfiel, wenigstens anfänglich nicht. Mit Roswitha +ließ sich allerdings kein ästhetisches Gespräch führen, auch nicht +mal sprechen über das, was in der Zeitung stand; aber wenn es einfach +menschliche Dinge betraf und Effi mit einem »ach, Roswitha, mich +ängstigt es wieder ...« ihren Satz begann, dann wußte die treue Seele +jedesmal gut zu antworten und hatte immer Trost und meist auch Rat. + +Bis Weihnachten ging es vorzüglich; aber der Heiligabend verlief +schon recht traurig, und als das neue Jahr herankam, begann Effi ganz +schwermütig zu werden. Es war nicht kalt, nur grau und regnerisch, und +wenn die Tage kurz waren, so waren die Abende desto länger. Was tun? +Sie las, sie stickte, sie legte Patience, sie spielte Chopin, aber +diese Notturnos waren auch nicht angetan, viel Licht in ihr Leben zu +tragen, und wenn Roswitha mit dem Teebrett kam und außer dem Teezeug +auch noch zwei Tellerchen mit einem Ei und einem in kleine Scheiben +geschnittenen Wiener Schnitzel auf den Tisch setzte, sagte Effi, +während sie das Piano schloß: »Rücke heran, Roswitha. Leiste mir +Gesellschaft.« + +Roswitha kam denn auch. »Ich weiß schon, die gnädige Frau haben wieder +zuviel gespielt; dann sehen Sie immer so aus und haben rote Flecke. +Der Geheimrat hat es doch verboten.« + +»Ach, Roswitha, der Geheimrat hat leicht verbieten, und du hast es +auch leicht, all das nachzusprechen. Aber was soll ich denn machen? +Ich kann doch nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der +Christuskirche hin übersehen. Sonntags, beim Abendgottesdienst, wenn +die Fenster beleuchtet sind, sehe ich ja immer hinüber; aber es hilft +mir auch nichts, mir wird dann immer noch schwerer ums Herz.« + +»Ja, gnädige Frau, dann sollten Sie mal hineingehen. Einmal waren Sie +ja schon drüben.« + +»O schon öfters. Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er predigt +ganz gut und ist ein sehr kluger Mann, und ich wäre froh, wenn ich das +Hundertste davon wüßte. Aber es ist doch alles bloß, wie wenn ich ein +Buch lese; und wenn er dann so laut spricht und herumficht und seine +schwarzen Locken schüttelt, dann bin ich aus meiner Andacht heraus.« + +»Heraus?« + +Effi lachte. »Du meinst, ich war noch gar nicht drin. Und es wird +wohl so sein. Aber an wem liegt das? Das liegt doch nicht an mir. Er +spricht immer soviel vom Alten Testament. Und wenn es auch ganz gut +ist, es erbaut mich nicht. Überhaupt all das Zuhören; es ist nicht +das Rechte. Sieh, ich müßte so viel zu tun haben, daß ich nicht +ein noch aus wüßte. Das wäre was für mich. Da gibt es so Vereine, +wo junge Mädchen die Wirtschaft lernen, oder Nähschulen oder +Kindergärtnerinnen. Hast du nie davon gehört?« + +»Ja, ich habe mal davon gehört. Anniechen sollte mal in einen +Kindergarten.« + +»Nun, siehst du, du weißt es besser als ich. Und in solchen Verein, wo +man sich nützlich machen kann, da möchte ich eintreten. Aber daran ist +gar nicht zu denken; die Damen nehmen mich nicht an und können es auch +nicht. Und das ist das schrecklichste, daß einem die Welt so zu ist +und daß es sich einem sogar verbietet, bei Gutem mit dabeizusein. Ich +kann nicht mal armen Kindern eine Nachhilfestunde geben ...« + +»Das wäre auch nichts für Sie, gnädige Frau; die Kinder haben immer so +fettige Stiefel an, und wenn es nasses Wetter ist'- das ist dann solch +Dunst und Schmook, das halten die gnädige Frau gar nicht aus.« + +Effi lächelte. »Du wirst wohl recht haben, Roswitha; aber es ist +schlimm, daß du recht hast, und ich sehe daran, daß ich noch zu viel +von dem alten Menschen in mir habe und daß es mir noch zu gut geht.« + +Davon wollte aber Roswitha nichts wissen. »Wer so gut ist wie gnädige +Frau, dem kann es gar nicht zu gut gehen. Und Sie müssen nur nicht +immer so was Trauriges spielen, und mitunter denke ich mir, es wird +alles noch wieder gut, und es wird sich schon was finden.« + +Und es fand sich auch was. Effi, trotz der Kantorstochter aus +Polzin, deren Künstlerdünkel ihr immer noch als etwas Schreckliches +vorschwebte, wollte Malerin werden, und wiewohl sie selber darüber +lachte, weil sie sich bewußt war, über eine unterste Stufe des +Dilettantismus nie hinauskommen zu können, so griff sie doch mit +Passion danach, weil sie nun eine Beschäftigung hatte, noch dazu eine, +die, weil still und geräuschlos, ganz nach ihrem Herzen war. Sie +meldete sich denn auch bei einem ganz alten Malerprofessor, der in der +märkischen Aristokratie sehr bewandert und zugleich so fromm war, daß +ihm Effi von Anfang an ans Herz gewachsen erschien. Hier, so gingen +wohl seine Gedanken, war eine Seele zu retten, und so kam er ihr, +als ob sie seine Tochter gewesen wäre, mit einer ganz besonderen +Liebenswürdigkeit entgegen. Effi war sehr glücklich darüber, und +der Tag ihrer ersten Malstunde bezeichnete für sie einen Wendepunkt +zum Guten Ihr armes Leben war nun nicht so arm mehr, und Roswitha +triumphierte, daß sie recht gehabt und sich nun doch etwas gefunden +habe. + +Das ging so Jahr und Tag und darüber hinaus. Aber daß sie nun wieder +eine Berührung mit den Menschen hatte, wie sie's beglückte, so ließ es +auch wieder den Wunsch in ihr entstehen, daß diese Berührungen sich +erneuern und mehren möchten. Sehnsucht nach Hohen-Cremmen erfaßte sie +mitunter mit einer wahren Leidenschaft, und noch leidenschaftlicher +sehnte sie sich danach, Annie wiederzusehen. Es war doch ihr Kind, und +wenn sie dem nachhing und sich gleichzeitig der Trippelli erinnerte, +die mal gesagt hatte, die Welt sei so klein, und in Mittelafrika könne +man sicher sein, plötzlich einem alten Bekannten zu begegnen, so war +sie mit Recht verwundert, Annie noch nie getroffen zu haben. Aber auch +das sollte sich eines Tages ändern. Sie kam aus der Malstunde, dicht +am Zoologischen Garten, und stieg, nahe dem Halteplatz, in einen die +lange Kurfürstenstraße passierenden Pferdebahnwagen ein. Es war sehr +heiß, und die herabgelassenen Vorhänge, die bei dem starken Luftzuge, +der ging, hin und her bauschten, taten ihr wohl. Sie lehnte sich in +die dem Vorderperron zugekehrte Ecke und musterte eben mehrere in eine +Glasscheibe eingebrannte Sofas, blau mit Quasten und Puscheln daran, +als sie - der Wagen war gerade in einem langsamen Fahren - drei +Schulkinder aufspringen sah, die Mappen auf dem Rücken, mit kleinen +spitzen Hüten, zwei blond und ausgelassen, die dritte dunkel und +ernst. Es war Annie. Effi fuhr heftig zusammen, und eine Begegnung mit +dem Kinde zu haben, wonach sie sich doch so lange gesehnt, erfüllte +sie jetzt mit einer wahren Todesangst. Was tun? Rasch entschlossen +öffnete sie die Tür zu dem Vorderperron, auf dem niemand stand als +der Kutscher, und bat diesen, sie bei der nächsten Haltestelle vorn +absteigen zu lassen. »Is verboten, Fräulein«, sagte der Kutscher; +sie gab ihm aber ein Geldstück und sah ihn so bittend an, daß der +gutmutige Mensch anderen Sinnes wurde und vor sich hin sagte: »Sind +soll es eigentlich nich; aber es wird ja woll mal gehen.« Und als der +Wagen hielt, nahm er das Gitter aus, und Effi sprang ab. + +Noch in großer Erregung kam Effi nach Hause. + +»Denke dir, Roswitha, ich habe Annie gesehen.« Und nun erzählte sie +von der Begegnung in dem Pferdebahnwagen. Roswitha war unzufrieden, +daß Mutter und Tochter keine Wiedersehensszene gefeiert hatten, und +ließ sich nur ungern überzeugen, daß das in Gegenwart so vieler +Menschen nicht wohl angegangen sei. Dann mußte Effi erzählen, wie +Annie ausgesehen habe, und als sie das mit mütterlichem Stolz getan, +sagte Roswitha: »Ja, sie ist so halb und halb. Das Hübsche und, wenn +ich es sagen darf, das Sonderbare, das hat sie von der Mama; aber das +Ernste, das ist ganz der Papa. Und wenn ich mir so alles überlege, ist +die doch wohl mehr wie der gnädige Herr.« + +»Gott sei Dank!« sagte Effi. + +»Na, gnäd'ge Frau, das ist nu doch auch noch die Frage. Und da wird ja +wohl mancher sein, der mehr für die Mama ist.« »Glaubst du, Roswitha? +Ich glaube es nicht.« + +»Na, na, ich lasse mir nichts vormachen, und ich glaube, die gnädige +Frau weiß auch ganz gut, wie's eigentlich ist und was die Männer am +liebsten haben.« + +»Ach, sprich nicht davon, Roswitha.« + +Damit brach das Gespräch ab und wurde auch nicht wieder aufgenommen. +Aber Effi, wenn sie's auch vermied, grade über Annie mit Roswitha zu +sprechen, konnte die Begegnung in ihrem Herzen doch nicht verwinden +und litt unter der Vorstellung, vor ihrem eigenen Kind geflohen zu +sein. Es quälte sie bis zur Beschämung, und das Verlangen nach einer +Begegnung mit Annie steigerte sich bis zum Krankhaften. An Innstetten +schreiben und ihn darum bitten, das war nicht möglich. Ihrer Schuld +war sie sich wohl bewußt, sie nährte das Gefühl davon mit einer +halb leidenschaftlichen Geflissentlichkeit; aber inmitten ihres +Schuldbewußtseins fühlte sie sich andererseits auch von einer gewissen +Auflehnung gegen Innstetten erfüllt. Sie sagte sich, er hatte recht +und noch einmal und noch einmal, und zuletzt hatte er doch unrecht. +Alles Geschehene lag so weit zurück, ein neues Leben hatte begonnen; +er hätte es können verbluten lassen, statt dessen verblutete der arme +Crampas. + +Nein, an Innstetten schreiben, das ging nicht; aber Annie wollte sie +sehen und sprechen und an ihr Herz drücken, und nachdem sie's tagelang +überlegt hatte, stand ihr fest, wie's am besten zu machen sei. + +Gleich am andern Vormittag kleidete sie sich sorgfältig in ein +dezentes Schwarz und ging auf die Linden zu, sich hier bei der +Ministerin melden zu lassen. Sie schickte ihre Karte herein, auf der +nur stand: Effi von Innstetten geb. von Briest. Alles andere war +fortgelassen, auch die Baronin. »Exzellenz lassen bitten«, und Effi +folgte dem Diener bis in ein Vorzimmer, wo sie sich niederließ und +trotz der Erregung, in der sie sich befand, den Bilderschmuck an den +Wänden musterte. Da war zunächst Guido Renis Aurora, gegenüber aber +hingen englische Kupferstiche, Stiche nach Benjamin West, in der +bekannten Aquatinta-Manier von viel Licht und Schatten. Eines der +Bilder war König Lear im Unwetter auf der Heide. + +Effi hatte ihre Musterung kaum beendet, als die Tür des angrenzenden +Zimmers sich öffnete und eine große, schlanke Dame von einem sofort +für sie einnehmenden Ausdruck auf die Bittstellerin zutrat und ihr die +Hand reichte. »Meine liebe, gnädigste Frau«, sagte sie, »welche Freude +für mich, Sie wiederzusehen ...« + +Und während sie das sagte, schritt sie auf das Sofa zu und zog Effi, +während sie selber Platz nahm, zu sich nieder. + +Effi war bewegt durch die sich in allem aussprechende Herzensgüte. +Keine Spur von Überheblichkeit oder Vorwurf, nur menschlich schöne +Teilnahme. »Womit kann ich Ihnen dienen?« nahm die Ministerin noch +einmal das Wort. + +Um Effis Mund zuckte es. Endlich sagte sie. »Was mich herführt, ist +eine Bitte, deren Erfüllung Exzellenz vielleicht möglich machen. Ich +habe eine zehnjährige Tochter, die ich seit drei Jahren nicht gesehen +habe und gern wiedersehen möchte.« + +Die Ministerin nahm Effis Hand und sah sie freundlich an. »Wenn ich +sage, in drei Jahren nicht gesehen, so ist das nicht ganz richtig. Vor +drei Tagen habe ich sie wiedergesehen.« Und nun schilderte Effi mit +großer Lebendigkeit die Begegnung, die sie mit Annie gehabt hatte. +»Vor meinem eigenen Kinde auf der Flucht. Ich weiß wohl, man liegt, +wie man sich bettet, und ich will nichts ändern in meinem Leben. Wie +es ist, so ist es recht; ich habe es nicht anders gewollt. Aber das +mit dem Kinde, das ist doch zu hart, und so habe ich denn den Wunsch, +es dann und wann sehen zu dürfen, nicht heimlich und verstohlen, +sondern mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten.« + +»Unter Wissen und Zustimmung aller Beteiligten«, wiederholte die +Ministerin Effis Worte. »Das heißt also unter Zustimmung Ihres Herrn +Gemahls. Ich sehe, daß seine Erziehung dahin geht, das Kind von der +Mutter fernzuhalten, ein Verfahren, über das ich mir kein Urteil +erlaube. Vielleicht, daß er recht hat; verzeihen Sie mir diese +Bemerkung, gnädige Frau.« + +Effi nickte. + +»Sie finden sich selbst in der Haltung Ihres Herrn Gemahls zurecht +und verlangen nur, daß einem natürlichen Gefühl, wohl dem schönsten +unserer Gefühle (wenigstens wir Frauen werden uns darin finden), sein +Recht werde. Treff ich es darin?« + +»In allem.« + +»Und so soll ich denn die Erlaubnis zu gelegentlichen Begegnungen +erwirken, in Ihrem Hause, wo Sie versuchen können, sich das Herz Ihres +Kindes zurückzuerobern.« + +Effi drückte noch einmal ihre Zustimmung aus, während die Ministerin +fortfuhr: »Ich werde also tun, meine gnädigste Frau, was Ich tun kann. +Aber wir werden es nicht eben leicht haben. Ihr Herr Gemahl, verzeihen +Sie, daß ich ihn nach wie vor so nenne, ist ein Mann der nicht nach +Stimmungen und Laune, sondern nach Grundsätzen handelt und diese +fallenzulassen oder auch nur momentan aufzugeben, wird ihn +hart ankommen. Läg' es nicht so, so wäre seine Handlungs- und +Erziehungsweise längst eine andere gewesen. Das, was hart für Ihr Herz +ist, hält er für richtig.« + +»So meinen Exzellenz vielleicht, es wäre besser, meine Bitte +zurückzunehmen?« + +»Doch nicht. Ich wollte nur das Tun Ihres Herrn Gemahls erklären, um +nicht zu sagen rechtfertigen, und wollte zugleich die Schwierigkeiten +andeuten, auf die wir aller Wahrscheinlichkeit nach stoßen werden. +Aber ich denke, wir zwingen es trotzdem. Denn wir Frauen, wenn wir's +klug einleiten und den Bogen nicht überspannen, wissen mancherlei +durchzusetzen. Zudem gehört Ihr Herr Gemahl zu meinen besonderen +Verehrern, und er wird mir eine Bitte, die ich an ihn richte, nicht +wohl abschlagen. Wir haben morgen einen kleinen Zirkel, auf dem ich +ihn sehe, und übermorgen früh haben Sie ein paar Zeilen von mir, die +Ihnen sagen werden, ob ich's klug, das heißt glücklich eingeleitet +oder nicht. Ich denke, wir siegen in der Sache, und Sie werden Ihr +Kind wiedersehen und sich seiner freuen. Es soll ein sehr schönes +Mädchen sein. Nicht zu verwundern.« + + + +Dreiunddreißigstes Kapitel + +Am zweitfolgenden Tage trafen, wie versprochen, einige Zeilen ein, und +Effi las: »Es freut mich, liebe gnädige Frau, Ihnen gute Nachricht +geben zu können. Alles ging nach Wunsch; Ihr Herr Gemahl ist zu +sehr Mann von Welt, um einer Dame eine von ihr vorgetragene Bitte +abschlagen zu können; zugleich aber - auch das darf ich Ihnen nicht +verschweigen -, ich sah deutlich, daß sein 'Ja' nicht dem entsprach, +was er für klug und recht hält. Aber kritteln wir nicht, wo wir uns +freuen sollen. Ihre Annie, so haben wir es verabredet, wird über +Mittag kommen, und ein guter Stern stehe über Ihrem Wiedersehen.« + +Es war mit der zweiten Post, daß Effi diese Zeilen empfing, und bis zu +Annies Erscheinen waren mutmaßlich keine zwei Stunden mehr. Eine kurze +Zeit, aber immer noch zu lang, und Effi schritt in Unruhe durch beide +Zimmer und dann wieder in die Küche, wo sie mit Roswitha von allem +möglichen sprach: von dem Efeu drüben an der Christuskirche, nächstes +Jahr würden die Fenster wohl ganz zugewachsen sein, von dem Portier, +der den Gashahn wieder so schlecht zugeschraubt habe (sie würden doch +noch nächstens in die Luft fliegen), und daß sie das Petroleum doch +lieber wieder aus der großen Lampenhandlung Unter den Linden als aus +der Anhaltstraße holen solle - von allem möglichen sprach sie, nur von +Annie nicht, weil sie die Furcht nicht aufkommen lassen wollte, die +trotz der Zeilen der Ministerin, oder vielleicht auch um dieser Zeilen +willen, in ihr lebte. + +Nun war Mittag. Endlich wurde geklingelt, schüchtern, und Roswitha +ging, um durch das Guckloch zu sehen. Richtig, es war Annie. Roswitha +gab dem Kinde einen Kuß, sprach aber sonst kein Wort, und ganz leise, +wie wenn ein Kranker im Hause wäre, führte sie das Kind vom Korridor +her erst in die Hinterstube und dann bis an die nach vorn führende +Tür. + +»Da geh hinein, Annie.« Und unter diesen Worten, sie wollte nicht +stören, ließ sie das Kind allein und ging wieder auf die Küche zu. + +Effi stand am andern Ende des Zimmers, den Rücken gegen den +Spiegelpfeiler, als das Kind eintrat. »Annie!« Aber Annie blieb an +der nur angelehnten Tür stehen, halb verlegen, aber halb auch mit +Vorbedacht, und so eilte denn Effi auf das Kind zu, hob es in die Höhe +und küßte es. + +»Annie, mein süßes Kind, wie freue ich mich. Komm, erzähle mir«, +und dabei nahm sie Annie bei der Hand und ging auf das Sofa zu, um +sich da zu setzen. Annie stand aufrecht und griff, während sie die +Mutter immer noch scheu ansah, mit der Linken nach dem Zipfel der +herabhängenden Tischdecke. »Weißt du wohl, Annie, daß ich dich einmal +gesehen habe?« + +»Ja, mir war es auch so.« + +»Und nun erzähle mir recht viel. Wie groß du geworden bist! Und das +ist die Narbe da; Roswitha hat mir davon erzählt. Du warst immer so +wild und ausgelassen beim Spielen. Das hast du von deiner Mama, die +war auch so. Und in der Schule? Ich denke mir, du bist immer die +Erste, du siehst mir so aus, als müßtest du eine Musterschülerin +sein und immer die besten Zensuren nach Hause bringen. Ich habe auch +gehört, daß dich das Fräulein von Wedelstädt so gelobt haben soll. +Das ist recht; ich war auch so ehrgeizig, aber ich hatte nicht solche +gute Schule. Mythologie war immer mein Bestes. Worin bist du denn am +besten?« + +»Ich weiß es nicht.« + +»Oh, du wirst es schon wissen. Das weiß man. Worin hast du denn die +beste Zensur?« + +»In der Religion.« + +»Nun, siehst du, da weiß ich es doch. Ja, das ist sehr schön; ich war +nicht so gut darin, aber es wird wohl auch an dem Unterricht gelegen +haben. Wir hatten bloß einen Kandidaten.« + +»Wir hatten auch einen Kandidaten.« »Und der ist fort?« + +Annie nickte. + +»Warum ist er fort?« + +»Ich weiß es nicht. Wir haben nun wieder den Prediger.« »Den ihr alle +sehr liebt.« + +»Ja; zwei aus der ersten Klasse wollen auch übertreten.« »Ah, ich +verstehe; das ist schön. Und was macht Johanna?« »Johanna hat mich bis +vor das Haus begleitet ...« + +»Und warum hast du sie nicht mit heraufgebracht?« + +»Sie sagte, sie wolle lieber unten bleiben und an der Kirche drüben +warten.« + +»Und da sollst du sie wohl abholen?« »Ja.« + +»Nun, sie wird da hoffentlich nicht ungeduldig werden. Es ist ein +kleiner Vorgarten da, und die Fenster sind schon halb von Efeu +überwachsen, als ob es eine alte Kirche wäre.« + +»Ich möchte sie aber doch nicht gerne warten lassen ...« »Ach, ich +sehe, du bist sehr rücksichtsvoll, und darüber werde ich mich wohl +freuen müssen. Man muß es nur richtig einteilen ... Und nun sage mir +noch, was macht Rollo?« + +»Rollo ist sehr gut. Aber Papa sagt, er würde so faul; er liegt immer +in der Sonne.« + +»Das glaub ich. So war er schon, als du noch ganz klein warst ... +Und nun sage mir, Annie - denn heute haben wir uns ja bloß so mal +wiedergesehen -, wirst du mich öfter besuchen?« + +»O gewiß, wenn ich darf.« + +»Wir können dann in dem Prinz Albrechtschen Garten spazierengehen.« + +»O gewiß, wenn ich darf.« + +»Oder wir gehen zu Schilling und essen Eis, Ananas- oder Vanilleeis, +das aß ich immer am liebsten.« + +»O gewiß, wenn ich darf.« + +Und bei diesem dritten »wenn ich darf« war das Maß voll; Effi sprang +auf, und ein Blick, in dem es wie Empörung aufflammte, traf das Kind. +»Ich glaube, es ist die höchste Zeit, Annie; Johanna wird sonst +ungeduldig.« Und sie zog die Klingel. Roswitha, die schon im +Nebenzimmer war, trat gleich ein. »Roswitha, gib Annie das Geleit bis +drüben zur Kirche. Johanna wartet da. Hoffentlich hat sie sich nicht +erkältet. Es sollte mir leid tun. Grüße Johanna.« + +Und nun gingen beide. + +Kaum aber, daß Roswitha draußen die Tür ins Schloß gezogen hatte, so +riß Effi, weil sie zu ersticken drohte, ihr Kleid auf und verfiel in +ein krampfhaftes Lachen. »So also sieht ein Wiedersehen aus«, und +dabei stürzte sie nach vorn, öffnete die Fensterflügel und suchte +nach etwas, das ihr beistehe. Und sie fand auch was in der Not ihres +Herzens. Da neben dem Fenster war ein Bücherbrett, ein paar Bände +von Schiller und Körner darauf, und auf den Gedichtbüchern, die alle +gleiche Höhe hatten, lag eine Bibel und ein Gesangbuch. Sie griff +danach, weil sie was haben mußte, vor dem sie knien und beten konnte, +und legte Bibel und Gesangbuch auf den Tischrand, gerade da, wo Annie +gestanden hatte, und mit einem heftigen Ruck warf sie sich davor +nieder und sprach halblaut vor sich hin: »O du Gott im Himmel, vergib +mir, was ich getan; ich war ein Kind ... Aber nein, nein, ich war kein +Kind, ich war alt genug, um zu wissen, was ich tat. Ich hab es auch +gewußt, und ich will meine Schuld nicht kleiner machen, ... aber das +ist zuviel. Denn das hier, mit dem Kinde, das bist nicht du, Gott, der +mich strafen will, das ist er, bloß er! Ich habe geglaubt, daß er ein +edles Herz habe, und habe mich immer klein neben ihm gefühlt; aber +jetzt weiß ich, daß er es ist, er ist klein. Und weil er klein ist, +ist er grausam. Alles, was klein ist, ist grausam. Das hat er dem +Kinde beigebracht, ein Schulmeister war er immer, Crampas hat ihn so +genannt, spöttisch damals, aber er hat recht gehabt. '0 gewiß, wenn +ich darf.' Du brauchst nicht zu dürfen; ich will euch nicht mehr, ich +hasse euch, auch mein eigen Kind. Was zuviel ist, ist zuviel. Ein +Streber war er, weiter nichts. - Ehre, Ehre, Ehre ... und dann hat er +den armen Kerl totgeschossen, den ich nicht einmal liebte und den ich +vergessen hatte, weil ich ihn nicht liebte. Dummheit war alles, und +nun Blut und Mord. Und ich schuld. Und nun schickt er mir das Kind, +weil er einer Ministerin nichts abschlagen kann, und ehe er das Kind +schickt, richtet er's ab wie einen Papagei und bringt ihm die Phrase +bei 'wenn ich darf'. Mich ekelt, was ich getan; aber was mich noch +mehr ekelt, das ist eure Tugend. Weg mit euch. Ich muß leben, aber +ewig wird es ja wohl nicht dauern.« + +Als Roswitha wiederkam, lag Effi am Boden, das Gesicht abgewandt, wie +leblos. + + + +Vierunddreißigstes Kapitel + +Rummschüttel, als er gerufen wurde, fand Effis Zustand nicht +unbedenklich. Das Hektische, das er seit Jahr und Tag an ihr +beobachtete, trat ihm ausgesprochener als früher entgegen, und was +schlimmer war, auch die ersten Zeichen eines Nervenleidens waren da. +Seine ruhig freundliche Weise aber, der er einen Beisatz von Laune zu +geben wußte, tat Effi wohl, und sie war ruhig, solange Rummschüttel um +sie war. Als er schließlich ging, begleitete Roswitha den alten Herrn +bis in den Vorflur und sagte: »Gott, Herr Geheimrat, mir ist so bange; +wenn es nu mal wiederkommt, und es kann doch; Gott - da hab' ich +ja keine ruhige Stunde mehr. Es war aber doch auch zuviel, das mit +dem Kind. Die arme gnädige Frau. Und noch so jung, wo manche erst +anfangen.« + +»Lassen Sie nur, Roswitha. Kann noch alles wieder werden. Aber sie muß +fort. Wir wollen schon sehen. Andere Luft, andere Menschen.« + +Den zweiten Tag danach traf ein Brief in Hohen-Cremmen ein, der +lautete: »Gnädigste Frau! Meine alten freundschaftlichen Beziehungen +zu den Häusern Briest und Belling und nicht zum wenigsten die +herzliche Liebe, die ich zu Ihrer Frau Tochter hege, werden diese +Zeilen rechtfertigen. Es geht so nicht weiter. Ihre Frau Tochter, wenn +nicht etwas geschieht, das sie der Einsamkeit und dem Schmerzlichen +ihres nun seit Jahren geführten Lebens entreißt, wird schnell +hinsiechen. Eine Disposition zu Phtisis war immer da, weshalb ich +schon vorjahren Ems verordnete; zu diesem alten Übel hat sich nun ein +neues gesellt: Ihre Nerven zehren sich auf. Dem Einhalt zu tun, ist +ein Luftwechsel nötig. Aber wohin? Es würde nicht schwer sein, in +den schlesischen Bädern eine Auswahl zu treffen, Salzbrunn gut, und +Reinerz, wegen der Nervenkomplikation, noch besser. Aber es darf nur +Hohen-Cremmen sein. Denn, meine gnädigste Frau, was Ihrer Frau Tochter +Genesung bringen kann, ist nicht Luft allein; sie siecht hin, weil sie +nichts hat als Roswitha. Dienertreue ist schön, aber Elternliebe ist +besser. Verzeihen Sie einem alten Manne dies Sicheinmischen in Dinge, +die jenseits seines ärztlichen Berufes liegen. Und doch auch wieder +nicht, denn es ist schließlich auch der Arzt, der hier spricht und +seiner Pflicht nach, verzeihen Sie dies Wort, Forderungen stellt ... +Ich habe so viel vom Leben gesehen ... aber nichts mehr in diesem +Sinne. Mit der Bitte, mich Ihrem Herrn Gemahl empfehlen zu wollen, in +vorzüglicher Ergebenheit Doktor Rummschüttel.« Frau von Briest hatte +den Brief ihrem Manne vorgelesen; beide saßen auf dem schattigen +Steinfliesengang, den Gartensaal im Rücken, das Rondell mit der +Sonnenuhr vor sich. Der um die Fenster sich rankende wilde Wein +bewegte sich leise in dem Luftzug, der ging, und über dem Wasser +standen ein paar Libellen im hellen Sonnenschein. + +Briest schwieg und trommelte mit dem Finger auf dem Teebrett. »Bitte, +trommle nicht; sprich lieber.« + +»Ach, Luise, was soll ich sagen. Daß ich trommle, sagt gerade genug. +Du weißt seit Jahr und Tag, wie ich darüber denke. Damals, als +Innstettens Brief kam, ein Blitz aus heiterem Himmel, damals war ich +deiner Meinung. Aber das ist nun schon wieder eine halbe Ewigkeit her; +soll ich hier bis an mein Lebensende den Großinquisitor spielen? Ich +kann dir sagen, ich hab es seit langem satt ...« + +»Mache mir keine Vorwürfe, Briest; ich liebe sie so wie du, vielleicht +noch mehr, jeder hat seine Art. Aber man lebt doch nicht bloß in der +Welt, um schwach und zärtlich zu sein und alles mit Nachsicht zu +behandeln, was gegen Gesetz und Gebot ist und was die Menschen +verurteilen und, vorläufig wenigstens, auch noch - mit Recht +verurteilen.« + +»Ach was. Eins geht vor.« + +»Natürlich, eins geht vor; aber was ist das eine?« + +»Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Und wenn man gar bloß eines +hat ...« + +»Dann ist es vorbei mit Katechismus und Moral und mit dem Anspruch der +'Gesellschaft'.« + +»Ach, Luise, komme mir mit Katechismus, soviel du willst; aber komme +mir nicht mit 'Gesellschaft'.« + +»Es ist sehr schwer, sich ohne Gesellschaft zu behelfen.« »Ohne Kind +auch. Und dann glaube mir, Luise, die 'Gesellschaft', wenn sie nur +will, kann auch ein Auge zudrücken. Und ich stehe so zu der Sache: +Kommen die Rathenower, so ist es gut, und kommen sie nicht, so ist es +auch gut. Ich werde ganz einfach telegrafieren: 'Effi komm.' Bist du +einverstanden?« Sie stand auf und gab ihm einen Kuß auf die Stirn. +»Natürlich bin ich's. Du solltest mir nur keinen Vorwurf machen. Ein +leichter Schritt ist es nicht. Und unser Leben wird von Stund an ein +anderes.« + +»Ich kann's aushalten. Der Raps steht gut, und im Herbst kann ich +einen Hasen hetzen. Und der Rotwein schmeckt mir noch. Und wenn ich +das Kind erst wieder im Hause habe, dann schmeckt er mir noch besser +... Und nun will ich das Telegramm schicken.« + +Effi war nun schon über ein halbes Jahr in Hohen-Cremmen; sie bewohnte +die beiden Zimmer im ersten Stock, die sie schon früher, wenn sie +zu Besuch da war, bewohnt hatte; das größere war für sie persönlich +hergerichtet, nebenan schlief Roswitha. Was Rummschüttel von diesem +Aufenthalt und all dem andern Guten erwartet hatte, das hatte sich +auch erfüllt, soweit sich's erfüllen konnte. Das Hüsteln ließ nach, +der herbe Zug, der das so gütige Gesicht um ein gut Teil seines +Liebreizes gebracht hatte, schwand wieder hin, und es kamen Tage, wo +sie wieder lachen konnte. Von Kessin und allem, was da zurücklag, +wurde wenig gesprochen, mit alleiniger Ausnahme von Frau von Padden +und natürlich von Gieshübler, für den der alte Briest eine lebhafte +Vorliebe hatte. »Dieser Alonzo, dieser Preciosaspanier, der einen +Mirambo beherbergt und eine Trippelli großzieht - ja, das muß ein +Genie sein, das laß ich mir nicht ausreden.« Und dann mußte sich Effi +bequemen, ihm den ganzen Gieshübler, mit dem Hut in der Hand und +seinen endlosen Artigkeitsverbeugungen, vorzuspielen, was sie, bei dem +ihr eigenen Nachahmungstalent, sehr gut konnte, trotzdem aber ungern +tat, weil sie's allemal als ein Unrecht gegen den guten und lieben +Menschen empfand. - Von Innstetten und Annie war nie die Rede, wiewohl +feststand, daß Annie Erbtochter sei und Hohen-Cremmen ihr zufallen +würde. Ja, Effi lebte wieder auf, und die Mama, die nach Frauenart +nicht ganz abgeneigt war, die ganze Sache, so schmerzlich sie blieb, +als einen interessanten Fall anzusehen, wetteiferte mit ihrem Manne in +Liebes- und Aufmerksamkeitsbezeugungen. + +»Solchen Winter haben wir lange nicht gehabt«, sagte Briest. Und dann +erhob sich Effi von ihrem Platz und streichelte ihm das spärliche +Haar aus der Stirn. Aber so schön das alles war, auf Effis Gesundheit +hin angesehen, war es doch alles nur Schein, in Wahrheit ging die +Krankheit weiter und zehrte still das Leben auf. Wenn Effi - die +wieder, wie damals an ihrem Verlobungstag mit Innstetten, ein blau +und weiß gestreiftes Kittelkleid mit einem losen Gürtel trug - rasch +und elastisch auf die Eltern zutrat, um ihnen einen guten Morgen zu +bieten, so sahen sich diese freudig verwundert an, freudig verwundert, +aber doch auch wehmütig, weil ihnen nicht entgehen konnte, daß es +nicht die helle Jugend, sondern eine Verklärtheit war, was der +schlanken Erscheinung und den leuchtenden Augen diesen eigentümlichen +Ausdruck gab. Alle, die schärfer zusahen, sahen dies, nur Effi selbst +sah es nicht und lebte ganz dem Glücksgefühle, wieder an dieser für +sie so freundlich friedreichen Stelle zu sein, in Versöhnung mit +denen, die sie immer geliebt hatte und von denen sie immer geliebt +worden war, auch in den Jahren ihres Elends und ihrer Verbannung. + +Sie beschäftigte sich mit allerlei Wirtschaftlichem und sorgte für +Ausschmückung und kleine Verbesserungen im Haushalt. Ihr Sinn für das +Schöne ließ sie darin immer das Richtige treffen. Lesen aber und vor +allem die Beschäftigung mit den Künsten hatte sie ganz aufgegeben. +»Ich habe davon so viel gehabt, daß ich froh bin, die Hände in den +Schoß legen zu können.« Es erinnerte sie auch wohl zu sehr an ihre +traurigen Tage. Sie bildete statt dessen die Kunst aus, still und +entzückt auf die Natur zu blicken, und wenn das Laub von den Platanen +fiel, wenn die Sonnenstrahlen auf dem Eis des kleinen Teiches blitzten +oder die ersten Krokus aus dem noch halb winterlichen Rondell +aufblühten - das tat ihr wohl, und auf all das konnte sie stundenlang +blicken und dabei vergessen, was ihr das Leben versagt, oder richtiger +wohl, um was sie sich selbst gebracht hatte. + +Besuch blieb nicht ganz aus, nicht alle stellten sich gegen sie; ihren +Hauptverkehr aber hatte sie doch in Schulhaus und Pfarre. Daß im +Schulhaus die Töchter ausgeflogen waren, schadete nicht viel, es würde +nicht mehr so recht gegangen sein; aber zu Jahnke selbst - der nicht +bloß ganz Schwedisch-Pommern, sondern auch die Kessiner Gegend als +skandinavisches Vorland ansah und beständig darauf bezügliche Fragen +stellte -, zu diesem alten Freunde stand sie besser denn je. »Ja, +Jahnke, wir hatten ein Dampfschiff, und wie ich Ihnen, glaub' ich, +schon einmal schrieb oder vielleicht auch schon mal erzählt habe, +beinahe wär ich wirklich ,rüber nach Wisby gekommen. Denken Sie sich, +beinahe nach Wisby. Es ist komisch, aber ich kann eigentlich von +vielem in meinem Leben sagen, 'beinah'.« + +»Schade, schade«, sagte Jahnke. + +»Ja, freilich schade. Aber auf Rügen bin ich wirklich umhergefahren. +Und das wäre so was für Sie gewesen, Jahnke. Denken Sie sich, Arkona +mit einem großen Wendenlagerplatz, der noch sichtbar sein soll; +denn ich bin nicht hingekommen; aber nicht allzuweit davon ist der +Herthasee mit weißen und gelben Mummeln. Ich habe da viel an Ihre +Hertha denken müssen ...« + +»Nun, ja, ja, Hertha ... Aber Sie wollten von dem Herthasee +sprechen ...« + +»Ja, das wollt' ich ... Und denken Sie sich, Jahnke, dicht an dem +See standen zwei große Opfersteine, blank und noch die Rinnen drin, +in denen vordem das Blut ablief. Ich habe von der Zeit an einen +Widerwillen gegen die Wenden.« + +»Ach, gnäd'ge Frau verzeihen. Aber das waren ja keine Wenden. Das mit +den Opfersteinen und mit dem Herthasee, das war ja schon viel, viel +früher, ganz vor Christum natum; reine Germanen, von denen wir alle +abstammen ...« + +»Versteht sich«, lachte Effi, »von denen wir alle abstammen, die +Jahnkes gewiß und vielleicht auch die Briests.« + +Und dann ließ sie Rügen und den Herthasee fallen und fragte nach +seinen Enkeln und welche ihm lieber wären; die von Bertha oder die +von Hertha Ja, Effi stand gut zu Jahnke. Aber trotz seiner intimen +Stellung zu Herthasee, Skandinavien und Wisby war er doch nur +ein einfacher Mann, und so konnte es nicht ausbleiben, daß der +vereinsamten jungen Frau die Plaudereien mit Niemeyer um vieles lieber +waren. Im Herbst, solange sich im Parke promenieren ließ, hatte sie +denn auch die Hülle und Fülle davon; mit dem Eintreten des Winters +aber kam eine mehrmonatige Unterbrechung, weil sie das Predigerhaus +selbst nicht gern betrat; Frau Pastor Niemeyer war immer eine sehr +unangenehme Frau gewesen und schlug jetzt vollends hohe Töne an, +trotzdem sie nach Ansicht der Gemeinde selber nicht ganz einwandfrei +war. + +Das ging so den ganzen Winter durch, sehr zu Effis Leidwesen. Als dann +aber, Anfang April, die Sträucher einen grünen Rand zeigten und die +Parkwege rasch abtrockneten, da wurden auch die Spaziergänge wieder +aufgenommen. + +Einmal gingen sie auch wieder so. Von fernher hörte man den Kuckuck, +und Effi zählte, wie viele Male er rief. Sie hatte sich an Niemeyers +Arm gehängt und sagte: »Ja, da ruft der Kuckuck. Ich mag ihn nicht +befragen. Sagen Sie, Freund, was halten Sie vom Leben?« + +»Ach, liebe Effi, mit solchen Doktorfragen darfst du mir nicht kommen. +Da mußt du dich an einen Philosophen wenden oder ein Ausschreiben +an eine Fakultät machen. Was ich vom Leben halte? Viel und wenig. +Mitunter ist es recht viel, und mitunter ist es recht wenig.« + +»Das ist recht, Freund, das gefällt mir; mehr brauch' ich nicht zu +wissen.« Und als sie das so sagte, waren sie bis an die Schaukel +gekommen. Sie sprang hinauf mit einer Behendigkeit wie in ihren +jüngsten Mädchentagen, und ehe sich noch der Alte, der ihr zusah, +von seinem halben Schreck erholen konnte, huckte sie schon zwischen +den zwei Stricken nieder und setzte das Schaukelbrett durch ein +geschicktes Auf- und Niederschnellen ihres Körpers in Bewegung. Ein +paar Sekunden noch, und sie flog durch die Luft, und bloß mit einer +Hand sich haltend, riß sie mit der andern ein kleines Seidentuch von +Brust und Hals und schwenkte es wie in Glück und Übermut. Dann ließ +sie die Schaukel wieder langsam gehen und sprang herab und nahm wieder +Niemeyers Arm. + +»Effi, du bist doch noch immer, wie du früher warst.« + +»Nein. Ich wollte, es wäre so. Aber es liegt ganz zurück, und ich hab +es nur noch einmal versuchen wollen. Ach, wie schön es war, und wie +mir die Luft wohltat; mir war, als flög ich in den Himmel. Ob ich wohl +hineinkomme? Sagen Sie mir's Freund, Sie müssen es wissen. Bitte, +bitte ...« + +Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten Hände und gab ihr einen +Kuß auf die Stirn und sagte: »Ja, Effi, du wirst.« + + + +Fünfunddreißigstes Kapitel + +Effi war den ganzen Tag draußen im Park, weil sie das Luftbedürfnis +hatte; der alte Friesacker Doktor Wiesike war auch einverstanden +damit, gab ihr aber in diesem Stück doch zu viel Freiheit, zu tun, +was sie wolle, so daß sie sich während der kalten Tage im Mai heftig +erkältete: Sie wurde fiebrig, hustete viel, und der Doktor, der +sonst jeden dritten Tag herüberkam, kam jetzt täglich und war in +Verlegenheit, wie er der Sache beikommen solle, denn die Schlaf- und +Hustenmittel, nach denen Effi verlangte, konnten ihr des Fiebers +halber nicht gegeben werden. + +»Doktor«, sagte der alte Briest, »was wird aus der Geschichte? Sie +kennen sie ja von klein auf, haben sie geholt. Mir gefällt das alles +nicht; sie nimmt sichtlich ab, und die roten Flecke und der Glanz in +den Augen, wenn sie mich mit einem Male so fragend ansieht. Was meinen +Sie? Was wird? Muß sie sterben?« + +Wiesike wiegte den Kopf langsam hin und her. »Das will ich nicht +sagen, Herr von Briest Daß sie so fiebert, gefällt mir nicht. Aber wir +werden es schon wieder runter kriegen, dann muß sie nach der Schweiz +oder nach Mentone. Reine Luft und freundliche Eindrücke, die das Alte +vergessen machen ...« + +»Lethe, Lethe.« + +»Ja, Lethe«, lächelte Wiesike. »Schade, daß uns die alten Schweden, +die Griechen, bloß das Wort hinterlassen haben und nicht zugleich auch +die Quelle selbst ...« + +»Oder wenigstens das Rezept dazu; Wässer werden ja jetzt nachgemacht. +Alle Wetter, Wiesike, das wär ein Geschäft, wenn wir hier so ein +Sanatorium anlegen könnten: Friesack als Vergessenheitsquelle. Nun, +vorläufig wollen wir's mit der Riviera versuchen. Mentone ist ja +wohl Riviera? Die Kornpreise sind zwar in diesem Augenblicke wieder +schlecht, aber was sein muß, muß sein. Ich werde mit meiner Frau +darüber sprechen.« + +Das tat er denn auch und fand sofort seiner Frau Zustimmung, deren in +letzter Zeit - wohl unter dem Eindruck zurückgezogenen Lebens - stark +erwachte Lust, auch mal den Süden zu sehen, seinem Vorschlage zu Hilfe +kam. Aber Effi selbst wollte nichts davon wissen. »Wie gut ihr gegen +mich seid. Und ich bin egoistisch genug, ich würde das Opfer auch +annehmen, wenn ich mir etwas davon verspräche. Mir steht es aber fest, +daß es mir bloß schaden würde.« + +»Das redest du dir ein, Effi.« + +»Nein. Ich bin so reizbar geworden; alles ärgert mich. Nicht hier bei +euch. Ihr verwöhnt mich und räumt mir alles aus dem Wege. Aber auf +einer Reise, da geht das nicht, da läßt sich das Unangenehme nicht so +beiseite tun; mit dem Schaffner fängt es an, und mit dem Kellner hört +es auf. Wenn ich mir die süffisanten Gesichter bloß vorstelle, so wird +mir schon ganz heiß. Nein, nein, laßt mich hier. Ich mag nicht mehr +weg von Hohen-Cremmen, hier ist meine Stelle. Der Heliotrop unten auf +dem Rondell, um die Sonnenuhr herum, ist mir lieber als Mentone.« + +Nach diesem Gespräch ließ man den Plan wieder fallen, und Wiesike, +soviel er sich von Italien versprochen hatte, sagte: »Das müssen wir +respektieren, denn das sind keine Launen; solche Kranken haben ein +sehr feines Gefühl und wissen mit merkwürdiger Sicherheit, was ihnen +hilft und was nicht. Und was Frau Effi da gesagt hat von Schaffner und +Kellner, das ist doch auch eigentlich ganz richtig, und es gibt keine +Luft, die so viel Heilkraft hätte, den Hotelärger (wenn man sich +überhaupt darüber ärgert) zu balancieren. Also lassen wir sie hier; +wenn es nicht das beste ist, so ist es gewiß nicht das schlechteste.« + +Das bestätigte sich denn auch. Effi erholte sich, nahm um ein geringes +wieder zu (der alte Briest gehörte zu den Wiegefanatikern) und verlor +ein gut Teil ihrer Reizbarkeit. Dabei war aber ihr Luftbedürfnis in +einem beständigen Wachsen, und zumal wenn Westwind ging und graues +Gewölk am Himmel zog, verbrachte sie viele Stunden im Freien. An +solchen Tagen ging sie wohl auch auf die Felder hinaus und ins Luch, +oft eine halbe Meile weit, und setzte sich, wenn sie müde geworden, +auf einen Hürdenzaun und sah, in Träume verloren, auf die Ranunkeln +und roten Ampferstauden, die sich im Winde bewegten. + +»Du gehst immer so allein«, sagte Frau von Briest. »Unter unseren +Leuten bist du sicher; aber es schleicht auch so viel fremdes Gesindel +umher.« + +Das machte doch einen Eindruck auf Effi, die an Gefahr nie gedacht +hatte, und als sie mit Roswitha allein war, sagte sie: »Dich kann ich +nicht gut mitnehmen, Roswitha; du bist zu dick und nicht mehr fest auf +den Füßen.« + +»Nu, gnäd'ge Frau, so schlimm ist es doch noch nicht. Ich könnte ja +doch noch heiraten.« + +»Natürlich«, lachte Effi. »Das kann man immer noch. Aber weißt du, +Roswitha, wenn ich einen Hund hätte, der mich begleitete. Papas +Jagdhund hat gar kein Attachement für mich, Jagdhunde sind so dumm, +und er rührt sich immer erst, wenn der Jäger oder der Gärtner die +Flinte vom Riegel nimmt. Ich muß jetzt oft an Rollo denken.« + +»Ja«, sagte Roswitha, »so was wie Rollo haben sie hier gar nicht. Aber +damit will ich nichts gegen 'hier' gesagt haben. Hohen-Cremmen ist +sehr gut.« + +Es war drei, vier Tage nach diesem Gespräche zwischen Effi und +Roswitha, daß Innstetten um eine Stunde früher in sein Arbeitszimmer +trat als gewöhnlich. Die Morgensonne, die sehr hell schien, hatte ihn +geweckt, und weil er fühlen mochte, daß er nicht wieder einschlafen +würde, war er aufgestanden, um sich an eine Arbeit zu machen, die +schon seit geraumer Zeit der Erledigung harrte. + +Nun war es eine Viertelstunde nach acht, und er klingelte. Johanna +brachte das Frühstückstablett, auf dem neben der Kreuzzeitung und der +Norddeutschen Allgemeinen auch noch zwei Briefe lagen. Er überflog die +Adressen und erkannte an der Handschrift, daß der eine vom Minister +war. Aber der andere? Der Poststempel war nicht deutlich zu lesen, +und das »Sr. Wohlgeboren Herrn Baron von Innstetten« bezeugte eine +glückliche Unvertrautheit mit den landesüblichen Titulaturen. Dem +entsprachen auch die Schriftzüge von sehr primitivem Charakter. Aber +die Wohnungsangabe war wieder merkwürdig genau: W. Keithstraße I C, +zwei Treppen hoch. + +Innstetten war Beamter genug, um den Brief von »Exzellenz« zuerst zu +erbrechen. »Mein lieber Innstetten! Ich freue mich, Ihnen mitteilen +zu können, daß Seine Majestät Ihre Ernennung zu unterzeichnen geruht +haben, und gratuliere Ihnen aufrichtig dazu.« Innstetten war erfreut +über die liebenswürdigen Zeilen des Ministers, fast mehr als über +die Ernennung selbst. Denn was das Höherhinaufklimmen auf der Leiter +anging, so war er seit dem Morgen in Kessin, wo Crampas mit einem +Blick, den er immer vor Augen hatte, Abschied von ihm genommen, etwas +kritisch gegen derlei Dinge geworden. Er maß seitdem mit anderem Maß, +sah alles anders an. Auszeichnung, was war es am Ende? Mehr als einmal +hatte er während der ihm immer freudloser dahinfließenden Tage einer +halbvergessenen Ministerialanekdote aus den Zeiten des älteren +Ladenberg her gedenken müssen, der, als er nach langem Warten den +Roten Adlerorden empfing, ihn wütend und mit dem Ausruf beiseite warf: +»Da liege, bis du schwarz wirst.« Wahrscheinlich war er dann hinterher +auch »schwarz« geworden, aber um viele Tage zu spät und sicherlich +ohne rechte Befriedigung für den Empfänger. + +Alles, was uns Freude machen soll, ist an Zeit und Umstände gebunden, +und was uns heute noch beglückt, ist morgen wertlos. Innstetten +empfand das tief, und so gewiß ihm an Ehren und Gunstbezeugungen von +oberster Stelle her lag, wenigstens gelegen hatte, so gewiß stand +ihm jetzt fest, es käme bei dem glänzenden Schein der Dinge nicht +viel heraus, und das, was man »das Glück« nenne, wenn's überhaupt +existiere, sei was anderes als dieser Schein. »Das Glück, wenn mir +recht ist, liegt in zweierlei: darin, daß man ganz da steht, wo +man hingehört (aber welcher Beamte kann das von sich sagen), und +zum zweiten und besten in einem behaglichen Abwickeln des ganz +Alltäglichen, also darin, daß man ausgeschlafen hat und daß die neuen +Stiefel nicht drücken. Wenn einem die 720 Minuten eines zwölfstündigen +Tages ohne besonderen Ärger vergehen, so läßt sich von einem +glücklichen Tage sprechen.« In einer Stimmung, die derlei +schmerzlichen Betrachtungen nachhing, war Innstetten auch heute +wieder. Er nahm nun den zweiten Brief. Als er ihn gelesen, fuhr er +über seine Stirn und empfand schmerzlich, daß es ein Glück gebe, daß +er es gehabt, aber daß er es nicht mehr habe und nicht mehr haben +könne. + +Johanna trat ein und meldete: »Geheimrat Wüllersdorf.« Dieser stand +schon auf der Türschwelle. »Gratuliere, Innstetten.« + +»Ihnen glaub ich's; die anderen werden sich ärgern. Im übrigen ...« + +»Im übrigen. Sie werden doch in diesem Augenblick nicht kritteln +wollen.« + +»Nein. Die Gnade Seiner Majestät beschämt mich, und die wohlwollende +Gesinnung des Ministers, dem ich das alles verdanke, fast noch mehr.« + +»Aber ...« + +»Aber ich habe mich zu freuen verlernt. Wenn ich es einem anderen als +Ihnen sagte, so würde solche Rede für redensartlich gelten. Sie aber, +Sie finden sich darin zurecht. Sehen Sie sich hier um; wie leer und +öde ist das alles. Wenn die Johanna eintritt, ein sogenanntes Juwel, +so wird mir angst und bange. Dieses Sich-in-Szene-Setzen (und +Innstetten ahmte Johannas Haltung nach), diese halb komische +Büstenplastik, die wie mit einem Spezialanspruch auftritt, ich weiß +nicht, ob an die Menschheit oder an mich - ich finde das alles so +trist und elend, und es wäre zum Totschießen, wenn es nicht so +lächerlich wäre.« + +»Lieber Innstetten, in dieser Stimmung wollen Sie Ministerialdirektor +werden?« + +»Ah, bah. Kann es anders sein? Lesen Sie, diese Zeilen habe ich eben +bekommen.« + +Wüllersdorf nahm den zweiten Brief mit dem unleserlichen Poststempel, +amüsierte sich über das »Wohlgeboren« und trat dann ans Fenster, um +bequemer lesen zu können. + +»Gnäd'ger Herr! Sie werden sich wohl am Ende wundern, daß ich Ihnen +schreibe, aber es ist wegen Rollo. Anniechen hat uns schon voriges +Jahr gesagt: Rollo wäre jetzt so faul; aber das tut hier nichts, er +kann hier so faul sein, wie er will, je fauler, je besser. Und die +gnäd'ge Frau möchte es doch so gern. Sie sagt immer, wenn sie ins Luch +oder über Feld geht: 'Ich fürchte mich eigentlich, Roswitha, weil ich +da so allein bin; aber wer soll mich begleiten? Rollo, ja, das ginge; +der ist mir auch nicht gram. Das ist der Vorteil, daß sich die Tiere +nicht so drum kümmern.' Das sind die Worte der gnäd'gen Frau, und +weiter will ich nichts sagen und den gnäd'gen Herrn bloß noch bitten, +mein Anniechen zu grüßen. Und auch die Johanna. Von Ihrer treu +ergebenen Dienerin + +Roswitha Gellenhagen« + +»Ja«, sagte Wüllersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete, +»die ist uns über.« + +»Finde ich auch.« + +»Und das ist auch der Grund, daß Ihnen alles andere so fraglich +erscheint.« + +»Sie treffen's. Es geht mir schon lange durch den Kopf, und diese +schlichten Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht +gewollten Anklage haben mich wieder vollends aus dem Häuschen +gebracht. Es quält mich seit Jahr und Tag schon, und ich möchte aus +dieser ganzen Geschichte heraus; nichts gefällt mir mehr; je mehr man +mich auszeichnet, je mehr fühle ich, daß dies alles nichts ist. Mein +Leben ist verpfuscht, und so hab ich mir im stillen ausgedacht, ich +müßte mit all den Strebungen und Eitelkeiten überhaupt nichts mehr zu +tun haben und mein Schulmeistertum, was ja wohl mein Eigentliches ist, +als ein höherer Sittendirektor verwenden können. Es hat ja dergleichen +gegeben. Ich müßte also, wenn's ginge, solche schrecklich berühmte +Figur werden, wie beispielsweise der Doktor Wichern im Rauhen Hause +zu Hamburg gewesen ist, dieser Mirakelmensch, der alle Verbrecher mit +seinem Blick und seiner Frömmigkeit bändigte ...« + +»Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das würde gehen.« + +»Nein, es geht auch nicht. Auch das nicht mal. Mir ist eben alles +verschlossen. Wie soll ich einen Totschläger an seiner Seele packen? +Dazu muß man selber intakt sein. Und wenn man's nicht mehr ist und +selber so was an den Fingerspitzen hat, dann muß man wenigstens vor +seinen zu bekehrenden Confratres den wahnsinnigen Büßer spielen und +eine Riesenzerknirschung zum besten geben können.« + +Wüllersdorf nickte. + +Nun, sehen Sie, Sie nicken. Aber das alles kann ich nicht mehr. Den +Mann im Büßerhemd bring ich nicht mehr heraus und den Derwisch oder +Fakir, der unter Selbstanklagen sich zu Tode tanzt, erst recht nicht. +Und da hab ich mir denn, weil das alles nicht geht, als ein Bestes +herausgeklügelt: weg von hier, weg und hin unter lauter pechschwarze +Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen. Diese Glücklichen! Denn +gerade das, dieser ganze Krimskrams ist doch an allem schuld. Aus +Passion, was am Ende gehen möchte, tut man dergleichen nicht. Also +bloßen Vorstellungen zuliebe ... Vorstellungen! ... Und da klappt denn +einer zusammen, und man klappt selber nach. Bloß noch schlimmer.« + +»Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einfälle. Quer durch Afrika, +was soll das heißen? Das ist für 'nen Leutnant, der Schulden +hat. Aber ein Mann wie Sie! Wollen Sie mit einem roten Fes einem +Palaver präsidieren oder mit einem Schwiegersohn von König Mtesa +Blutfreundschaft schließen? Oder wollen Sie sich in einem Tropenhelm, +mit sechs Löchern oben, am Kongo entlangtasten, bis Sie bei Kamerun +oder da herum wieder herauskommen? Unmöglich!« + +»Unmöglich? Warum? Und wenn unmöglich, was dann?« »Einfach hierbleiben +und Resignation üben. Wer ist denn unbedrückt? Wer sagte nicht jeden +Tag: 'Eigentlich eine sehr fragwürdige Geschichte.' Sie wissen, ich +habe auch mein Päckchen zu tragen, nicht gerade das Ihrige, aber nicht +viel leichter. Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder +In-einem-Termitenhügel-Nächtigen; wer's mag, der mag es, aber für +unserem ist es nichts. In der Bresche stehen und aushalten, bis man +fällt, das ist das beste. Vorher aber im kleinen und kleinsten so viel +herausschlagen wie möglich und ein Auge dafür haben, wenn die Veilchen +blühen oder das Luisendenkmal in Blumen steht oder die kleinen Mädchen +mit hohen Schnürstiefeln über die Korde springen. Oder auch wohl nach +Potsdam fahren und in die Friedenskirche gehen, wo Kaiser Friedrich +liegt und wo sie jetzt eben anfangen, ihm ein Grabhaus zu bauen. Und +wenn Sie da stehen, dann überlegen Sie sich das Leben von dem, und +wenn Sie dann nicht beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu +helfen.« + +»Gut, gut. Aber das Jahr ist lang, und jeder einzelne Tag ... und dann +der Abend.« + +»Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu werden. Da haben wir +'Sardanapal' oder 'Coppelia' mit der del Era, und wenn es damit aus +ist, dann haben wir Siechen. Nicht zu verachten. Drei Seidel beruhigen +jedesmal. Es gibt immer noch viele, sehr viele, die zu der ganzen +Sache nicht anders stehen wie wir, und einer, dem auch viel verquer +gegangen war, sagte mir mal: 'Glauben Sie mir, Wüllersdorf, es geht +überhaupt nicht ohne 'Hilfskonstruktionen'.' Der das sagte, war ein +Baumeister und mußte es also wissen. Und er hatte recht mit seinem +Satz. Es vergeht kein Tag, der mich nicht an die 'Hilfskonstruktionen' +gemahnte.« + +Wüllersdorf, als er sich so expektoriert, nahm Hut und Stock. +Innstetten aber, der sich bei diesen Worten seines Freundes seiner +eigenen voraufgegangenen Betrachtungen über das »kleine Glück« +erinnert haben mochte, nickte halb zustimmend und lächelte vor sich +hin. + +»Und wohin gehen Sie nun, Wüllersdorf? Es ist noch zu früh für das +Ministerium.« + +»Ich schenk es mir heute ganz. Erst noch eine Stunde Spaziergang am +Kanal hin bis an die Charlottenburger Schleuse und dann wieder zurück. +Und dann ein kleines Vorsprechen bei Huth, Potsdamer Straße, die +kleine Holztreppe vorsichtig hinauf. Unten ist ein Blumenladen.« + +»Und das freut Sie? Das genügt Ihnen?« + +»Das will ich nicht gerade sagen. Aber es hilft ein bißchen. Ich finde +da verschiedene Stammgäste, Frühschoppler, deren Namen ich klüglich +verschweige. Der eine erzählt dann vom Herzog von Ratibor, der andere +vom Fürstbischof Kopp und der dritte wohl gar von Bismarck. Ein +bißchen fällt immer ab. Dreiviertel stimmt nicht, aber wenn es nur +witzig ist, krittelt man nicht lange dran herum und hört dankbar zu.« +Und damit ging er. + + + +Sechsunddreißigstes Kapitel + +Der Mai war schön, der Juni noch schöner, und Effi, nachdem ein erstes +schmerzliches Gefühl, das Rollos Eintreffen in ihr geweckt hatte, +glücklich überwunden war, war voll Freude, das treue Tier wieder um +sich zu haben. Roswitha wurde belobt, und der alte Briest erging sich +seiner Frau gegenüber in Worten der Anerkennung für Innstetten, der +ein Kavalier sei, nicht kleinlich und immer das Herz auf dem rechten +Fleck gehabt habe. »Schade, daß die dumme Geschichte dazwischenfahren +mußte. Eigentlich war es doch ein Musterpaar.« Der einzige, der bei +dem Wiedersehen ruhig blieb, war Rollo selbst, weil er entweder kein +Organ für Zeitmaß hatte oder die Trennung als eine Unordnung ansah, +die nun einfach wieder behoben sei. Daß er alt geworden, wirkte wohl +auch mit dabei. Mit seinen Zärtlichkeiten blieb er sparsam, wie er +beim Wiedersehen sparsam mit seinen Freudenbezeugungen gewesen war, +aber in seiner Treue war er womöglich noch gewachsen. Er wich seiner +Herrin nicht von der Seite. Den Jagdhund behandelte er wohlwollend, +aber doch als ein Wesen auf niederer Stufe. Nachts lag er vor Effis +Tür auf der Binsenmatte, morgens, wenn das Frühstück im Freien +genommen wurde, neben der Sonnenuhr, immer ruhig, immer schläfrig, +und nur wenn sich Effi vom Frühstückstisch erhob und auf den Flur +zuschritt und hier erst den Strohhut und dann den Sonnenschirm vom +Ständer nahm, kam ihm seine Jugend wieder, und ohne sich darum zu +kümmern, ob seine Kraft auf eine große oder kleine Probe gestellt +werden würde, jagte er die Dorfstraße hinauf und wieder herunter und +beruhigte sich erst, wenn sie zwischen den ersten Feldern waren. Effi, +der freie Luft noch mehr galt als landschaftliche Schönheit, vermied +die kleinen Waldpartien und hielt meist die große, zunächst von +uralten Rüstern und dann, wo die Chaussee begann, von Pappeln besetzte +große Straße, die nach der Bahnhofsstation führte, wohl eine Stunde +Wegs. An allem freute sie sich, atmete beglückt den Duft ein, der von +den Raps- und Kleefeldern herüberkam, oder folgte dem Aufsteigen der +Lerchen und zählte die Ziehbrunnen und Tröge, daran das Vieh zur +Tränke ging. Dabei klang ein leises Läuten zu ihr herüber. Und dann +war ihr zu Sinn, als müsse sie die Augen schließen und in einem süßen +Vergessen hinübergehen. In Nähe der Station, hart an der Chaussee, lag +eine Chausseewalze. Das war ihr täglicher Rastplatz, von dem aus sie +das Treiben auf dem Bahndamm verfolgen konnte; Züge kamen und gingen, +und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen, die sich einen Augenblick wie +deckten und dann nach links und rechts hin wieder auseinandergingen, +bis sie hinter Dorf und Wäldchen verschwanden. Rollo saß dann neben +ihr, an ihrem Frühstück teilnehmend, und wenn er den letzten Bissen +aufgefangen hatte, fuhr er, wohl um sich dankbar zu bezeigen, +irgendeine Ackerfurche wie ein Rasender hinauf und hielt nur inne, +wenn ein paar beim Brüten gestörte Rebhühner dicht neben ihm aus einer +Nachbarfurche aufflogen. + +»Wie schön dieser Sommer! Daß ich noch so glücklich sein könnte, liebe +Mama, vor einem Jahr hätte ich's nicht gedacht« - das sagte Effi jeden +Tag, wenn sie mit der Mama um den Teich schritt oder einen Frühapfel +vom Zweig brach und tapfer einbiß. Denn sie hatte die schönsten Zähne. +Frau von Briest streichelte ihr dann die Hand und sagte: »Werde nur +erst wieder gesund, Effi, ganz gesund; das Glück findet sich dann; +nicht das alte, aber ein neues. Es gibt Gott sei Dank viele Arten von +Glück. Und du sollst sehen, wir werden schon etwas finden für dich.« + +»Ihr seid so gut. Und eigentlich hab ich doch auch euer Leben geändert +und euch vor der Zeit zu alten Leuten gemacht.« »Ach, meine liebe +Effi, davon sprich nicht. Als es kam, da dacht ich ebenso. Jetzt weiß +ich, daß unsere Stille besser ist als der Lärm und das laute Getriebe +von vordem. Und wenn du so fortfährst, können wir noch reisen. Als +Wiesike Mentone vorschlug, da warst du krank und reizbar und hattest, +weil du krank warst, ganz recht mit dem, was du von den Schaffnern und +Kellnern sagtest; aber wenn du wieder festere Nerven hast, dann geht +es, dann ärgert man sich nicht mehr, dann lacht man über die großen +Allüren und das gekräuselte Haar. Und dann das blaue Meer und weiße +Segel und die Felsen ganz mit rotem Kaktus überwachsen - ich habe es +noch nicht gesehen, aber ich denke es mir so. Und ich möchte es wohl +kennenlernen.« + +So verging der Sommer, und die Sternschnuppennächte lagen schon +zurück. Effi hatte während dieser Nächte bis über Mitternacht hinaus +am Fenster gesessen und sich nicht müde sehen können. »Ich war immer +eine schwache Christin; aber ob wir doch vielleicht von da oben +stammen und, wenn es hier vorbei ist, in unsere himmlische Heimat +zurückkehren, zu den Sternen oben oder noch drüber hinaus! Ich weiß +es nicht, ich will es auch nicht wissen, ich habe nur die Sehnsucht.« +Arme Effi, du hattest zu den Himmelwundern zu lange hinaufgesehen +und darüber nachgedacht, und das Ende war, daß die Nachtluft und die +Nebel, die vom Teich her aufstiegen, sie wieder aufs Krankenbett +warfen, und als Wiesike gerufen wurde und sie gesehen hatte, nahm er +Briest beiseite und sagte: »Wird nichts mehr; machen Sie sich auf ein +baldiges Ende gefaßt.« Er hatte nur zu wahr gesprochen, und wenige +Tage danach, es war noch nicht spät und die zehnte Stunde noch nicht +heran, da kam Roswitha nach unten und sagte zu Frau von Briest: +»Gnädigste Frau, mit der gnädigen Frau oben ist es schlimm; sie +spricht immer so still vor sich hin, und mitunter ist es, als ob sie +bete, sie will es aber nicht wahrhaben, und ich weiß nicht, mir ist, +als ob es jede Stunde vorbei sein könnte.« + +»Will sie mich sprechen?« + +»Sie hat es nicht gesagt. Aber ich glaube, sie möchte es. Sie wissen +ja, wie sie ist; sie will Sie nicht stören und ängstlich machen. Aber +es wäre doch wohl gut.« + +»Es ist gut, Roswitha«, sagte Frau von Briest, »ich werde kommen.« + +Und ehe die Uhr noch einsetzte, stieg Frau von Briest die Treppe +hinauf und trat bei Effi ein. Das Fenster stand offen, und sie lag auf +einer Chaiselongue, die neben dem Fenster stand. + +Frau von Briest schob einen kleinen schwarzen Stuhl mit drei goldenen +Stäbchen in der Ebenholzlehne heran, nahm Effis Hand und sagte: +»Wie geht es dir, Effi? Roswitha sagt, du seiest so fiebrig.« »Ach, +Roswitha nimmt alles so ängstlich. Ich sah ihr an, sie glaubt, ich +sterbe. Nun, ich weiß nicht. Aber sie denkt, es soll es jeder so +ängstlich nehmen wie sie selbst.« + +»Bist du so ruhig über Sterben, liebe Effi?« »Ganz ruhig, Mama.« + +»Täuschst du dich darin nicht? Alles hängt am Leben und die Jugend +erst recht. Und du bist noch so jung, liebe Effi.« + +Effi schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Du weißt, ich habe nicht +viel gelesen, und Innstetten wunderte sich oft darüber, und es war ihm +nicht recht.« + +Es war das erste Mal, daß sie Innstettens Namen nannte, was einen +großen Eindruck auf die Mama machte und dieser klar zeigte, daß es zu +Ende sei. + +»Aber ich glaube«, nahm Frau von Briest das Wort, »du wolltest mir was +erzählen.« + +»Ja, das wollte ich, weil du davon sprachst, ich sei noch so jung. +Freilich bin ich noch jung. Aber das schadet nichts. Es war noch in +glücklichen Tagen, da las mir Innstetten abends vor; er hatte sehr +viele Bücher, und in einem hieß es: Es sei wer von einer fröhlichen +Tafel abgerufen worden, und am anderen Tag habe der Abgerufene +gefragt, wie's denn nachher gewesen sei. Da habe man ihm geantwortet: +'Ach, es war noch allerlei; aber eigentlich haben Sie nichts +versäumt.' Sieh, Mama, diese Worte haben sich mir eingeprägt - es hat +nicht viel zu bedeuten, wenn man von der Tafel etwas früher abgerufen +wird.« + +Frau von Briest schwieg. Effi aber schob sich etwas höher hinauf +und sagte dann: »Und da ich nun mal von alten Zeiten und auch von +Innstetten gesprochen habe, muß ich dir doch noch etwas sagen, liebe +Mama.« + +»Du regst dich auf, Effi.« + +»Nein, nein; etwas von der Seele heruntersprechen, das regt mich nicht +auf, das macht still. Und da wollte ich dir denn sagen: Ich sterbe mit +Gott und Menschen versöhnt, auch versöhnt mit ihm.« + +»Warst du denn in deiner Seele in so großer Bitterkeit mit ihm? +Eigentlich, verzeih mir, meine liebe Effi, daß ich das jetzt noch +sage, eigentlich hast du doch euer Leid heraufbeschworen.« + +Effi nickte. »Ja, Mama. Und traurig, daß es so ist. Aber als dann all +das Schreckliche kam, und zuletzt das mit Annie, du weißt schon, da +hab ich doch, wenn ich das lächerliche Wort gebrauchen darf, den Spieß +umgekehrt und habe mich ganz ernsthaft in den Gedanken hineingelebt, +er sei schuld, weil er nüchtern und berechnend gewesen sei und zuletzt +auch noch grausam. Und da sind Verwünschungen gegen ihn über meine +Lippen gekommen.« + +»Und das bedrückt dich jetzt?« + +»Ja. Und es liegt mir daran, daß er erfährt, wie mir hier in meinen +Krankheitstagen, die doch fast meine schönsten gewesen sind, wie mir +hier klargeworden, daß er in allem recht gehandelt. In der Geschichte +mit dem armen Crampas - ja, was sollte er am Ende anders tun? Und +dann, womit er mich am tiefsten verletzte, daß er mein eigen Kind in +einer Art Abwehr gegen mich erzogen hat, so hart es mir ankommt und so +weh es mir tut, er hat auch darin recht gehabt. Laß ihn das wissen, +daß ich in dieser Überzeugung gestorben bin. Es wird ihn trösten, +aufrichten, vielleicht versöhnen. Denn er hatte viel Gutes in seiner +Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe +ist.« + +Frau von Briest sah, daß Effi erschöpft war und zu schlafen schien +oder schlafen wollte. Sie erhob sich leise von ihrem Platz und ging. +Indessen kaum daß sie fort war, erhob sich auch Effi und setzte sich +an das offene Fenster, um noch einmal die kühle Nachtluft einzusaugen. +Die Sterne flimmerten, und im Park regte sich kein Blatt. Aber je +länger sie hinaushorchte, je deutlicher hörte sie wieder, daß es +wie ein feines Rieseln auf die Platanen niederfiel. Ein Gefühl der +Befreiung überkam sie. »Ruhe, Ruhe.« + +Es war einen Monat später, und der September ging auf die Neige. Das +Wetter war schön, aber das Laub im Park zeigte schon viel Rot und +Gelb, und seit den Äquinoktien, die die drei Sturmtage gebracht +hatten, lagen die Blätter überallhin ausgestreut. + +Auf dem Rondell hatte sich eine kleine Veränderung vollzogen, die +Sonnenuhr war fort, und an der Stelle, wo sie gestanden hatte, lag +seit gestern eine weiße Marmorplatte, darauf stand nichts als »Effi +Briest« und darunter ein Kreuz. Das war Effis letzte Bitte gewesen: +»Ich möchte auf meinem Stein meinen alten Namen wiederhaben; ich habe +dem andern keine Ehre gemacht.« Und es war ihr versprochen worden. +Ja, gestern war die Marmorplatte gekommen und aufgelegt worden, und +angesichts der Stelle saßen nun wieder Briest und Frau und sahen +darauf hin und auf den Heliotrop, den man geschont und der den Stein +jetzt einrahmte. Rollo lag daneben, den Kopf in die Pfoten gesteckt. +Wilke, dessen Gamaschen immer weiter wurden, brachte das Frühstück +und die Post, und der alte Briest sagte: »Wilke, bestelle den kleinen +Wagen. Ich will mit der Frau über Land fahren.« + +Frau von Briest hatte mittlerweile den Kaffee eingeschenkt und sah +nach dem Rondell und seinem Blumenbeet. »Sieh, Briest, Rollo liegt +wieder vor dem Stein. Es ist ihm doch noch tiefer gegangen als uns. Er +frißt auch nicht mehr.« + +»Ja, Luise, die Kreatur. Das ist ja, was ich immer sage. Es ist nicht +so viel mit uns, wie wir glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am +Ende ist es doch das beste.« + +»Sprich nicht so. Wenn du so philosophierst ... nimm es mir nicht +übel, Briest, dazu reicht es bei dir nicht aus. Du hast deinen guten +Verstand, aber du kannst doch nicht an solche Fragen ...« + +»Eigentlich nicht.« + +»Und wenn denn schon überhaupt Fragen gestellt werden sollen, da gibt +es ganz andere, Briest, und ich kann dir sagen, es vergeht kein Tag, +seit das arme Kind da liegt, wo mir solche Fragen nicht gekommen +waren ...« + +»Welche Fragen?« + +»Ob wir nicht doch vielleicht schuld sind?« »Unsinn, Luise. Wie meinst +du das?« + +»Ob wir sie nicht anders in Zucht hätten nehmen müssen. + +Gerade wir. Denn Niemeyer ist doch eigentlich eine Null, weil er +alles in Zweifel läßt. Und dann, Briest, so leid es mir tut ... deine +beständigen Zweideutigkeiten ... und zuletzt, womit ich mich selbst +anklage, denn ich will nicht schadlos ausgehen in dieser Sache, ob sie +nicht doch vielleicht zu jung war?« + +Rollo, der bei diesen Worten aufwachte, schüttelte den Kopf langsam +hin und her, und Briest sagte ruhig: »Ach, Luise, laß ... das ist ein +zu weites Feld.« + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, EFFI BRIEST *** + +This file should be named 8effi10.txt or 8effi10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8effi11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8effi10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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