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+The Project Gutenberg EBook of Effi Briest, by Theodor Fontane
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Effi Briest
+
+Author: Theodor Fontane
+
+Posting Date: January 18, 2010 [EBook #5323]
+Release Date: March, 2004
+First Posted: July 1, 2002
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EFFI BRIEST ***
+
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+Produced by This eBook was prepared by Gunther Olesch from
+a source file at Project Gutenberg of DE created by Joerg
+Steinbrenner for PG-DE.
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+Effi Briest
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+Theodor Fontane
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+Erstes Kapitel
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+In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie
+von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller
+Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park-
+und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen
+breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang
+und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer
+Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden
+besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung
+und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in
+kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen
+weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der
+Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings
+erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel
+und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten
+umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches
+mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel
+gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an
+je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief
+stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb
+versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.
+
+Auch die Front des Herrenhauses - eine mit Aloekübeln und ein paar
+Gartenstühlen besetzte Rampe - gewährte bei bewölktem Himmel einen
+angenehmen und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufenthalt; an
+Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz
+entschieden bevorzugt, besonders von Frau und Tochter des Hauses,
+die denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten liegenden
+Fliesengange saßen, in ihrem Rücken ein paar offene, von wildem Wein
+umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren
+vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenflügels
+hinaufführten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleißig bei
+der Arbeit, die der Herstellung eines aus Einzelquadraten
+zusammenzusetzenden Altarteppichs galt; ungezählte Wollsträhnen und
+Seidendocken lagen auf einem großen, runden Tisch bunt durcheinander,
+dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und eine mit
+großen schönen Stachelbeeren gefüllte Majolikaschale. Rasch und sicher
+ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber während die Mutter kein
+Auge von der Arbeit ließ, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi
+führte, von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter
+allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus
+der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war ersichtlich, daß
+sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische gezogenen Übungen
+mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann so dastand
+und, langsam die Arme hebend, die Handflächen hoch über dem Kopf
+zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf,
+aber immer nur flüchtig und verstohlen, weil sie nicht zeigen
+wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung
+mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug ein blau und
+weiß gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein
+fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab;
+der Hals war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter
+Matrosenkragen. In allem, was sie tat, paarten sich Übermut und
+Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche
+Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten. Man nannte sie
+die »Kleine«, was sie sich nur gefallen lassen mußte, weil die schöne,
+schlanke Mama noch um eine Handbreit höher war.
+
+Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und
+rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer
+Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: »Effi,
+eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer
+am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, daß du so was
+möchtest.«
+
+»Vielleicht, Mama. Aber wenn es so wäre, wer wäre schuld? Von wem hab
+ich es? Doch nur von dir. Oder meinst du, von Papa? Da mußt du nun
+selber lachen. Und dann, warum steckst du mich in diesen Hänger, in
+diesen Jungenkittel? Mitunter denk ich, ich komme noch wieder in kurze
+Kleider. Und wenn ich die erst wiederhabe, dann knicks ich auch wieder
+wie ein Backfisch, und wenn dann die Rathenower herüberkommen, setze
+ich mich auf Oberst Goetzes Schoß und reite hopp, hopp. Warum auch
+nicht? Drei Viertel ist er Onkel und nur ein Viertel Courmacher. Du
+bist schuld. Warum kriege ich keine Staatskleider? Warum machst du
+keine Dame aus mir?«
+
+»Möchtest du's?«
+
+»Nein.« Und dabei lief sie auf die Mama zu und umarmte sie stürmisch
+und küßte sie.
+
+»Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich
+immer, wenn ich dich so sehe ...« Und die Mama schien ernstlich
+willens, in Äußerung ihrer Sorgen und Ängste fortzufahren. Aber sie
+kam nicht weit damit, weil in ebendiesem Augenblick drei junge Mädchen
+aus der kleinen, in der Kirchhofsmauer angebrachten Eisentür in den
+Garten eintraten und einen Kiesweg entlang auf das Rondell und die
+Sonnenuhr zuschritten. Alle drei grüßten mit ihren Sonnenschirmen zu
+Effi herüber und eilten dann auf Frau von Briest zu, um dieser die
+Hand zu küssen. Diese tat rasch ein paar Fragen und lud dann die
+Mädchen ein, ihnen oder doch wenigstens Effi auf eine halbe Stunde
+Gesellschaft zu leisten. »Ich habe ohnehin noch zu tun, und junges
+Volk ist am liebsten unter sich. Gehabt euch wohl.« Und dabei stieg
+sie die vom Garten in den Seitenflügel führende Steintreppe hinauf.
+
+Und da war nun die Jugend wirklich allein.
+
+Zwei der jungen Mädchen - kleine, rundliche Persönchen, zu deren
+krausem, rotblondem Haar ihre Sommersprossen und ihre gute Laune ganz
+vorzüglich paßten - waren Töchter des auf Hansa, Skandinavien und
+Fritz Reuter eingeschworenen Kantors Jahnke, der denn auch, unter
+Anlehnung an seinen mecklenburgischen Landsmann und Lieblingsdichter
+und nach dem Vorbilde von Mining und Lining, seinen eigenen Zwillingen
+die Namen Bertha und Hertha gegeben hatte. Die dritte junge Dame war
+Hulda Niemeyer, Pastor Niemeyers einziges Kind; sie war damenhafter
+als die beiden anderen, dafür aber langweilig und eingebildet, eine
+lymphatische Blondine, mit etwas vorspringenden, blöden Augen, die
+trotzdem beständig nach was zu suchen schienen, weshalb denn auch
+Klitzing von den Husaren gesagt hatte: »Sieht sie nicht aus, als
+erwarte sie jeden Augenblick den Engel Gabriel?« Effi fand, daß der
+etwas kritische Klitzing nur zu sehr recht habe, vermied es aber
+trotzdem, einen Unterschied zwischen den drei Freundinnen zu machen.
+Am wenigsten war ihr in diesem Augenblick danach zu Sinn, und während
+sie die Arme auf den Tisch stemmte, sagte sie: »Diese langweilige
+Stickerei. Gott sei Dank, daß ihr da seid.« »Aber deine Mama haben wir
+vertrieben«, sagte Hulda. »Nicht doch. Wie sie euch schon sagte, sie
+wäre doch gegangen; sie erwartet nämlich Besuch, einen alten Freund
+aus ihren Mädchentagen her, von dem ich euch nachher erzählen muß,
+eine Liebesgeschichte mit Held und Heldin und zuletzt mit Entsagung.
+Ihr werdet Augen machen und euch wundern. Übrigens habe ich Mamas
+alten Freund schon drüben in Schwantikow gesehen; er ist Landrat, gute
+Figur und sehr männlich.«
+
+»Das ist die Hauptsache«, sagte Hertha.
+
+»Freilich ist das die Hauptsache, 'Weiber weiblich, Männer männlich' -
+das ist, wie ihr wißt, einer von Papas Lieblingssätzen. Und nun helft
+mir erst Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst gibt es wieder
+eine Strafpredigt.«
+
+Im Nu waren die Docken in den Korb gepackt, und als alle wieder
+saßen, sagte Hulda: »Nun aber, Effi, nun ist es Zeit, nun die
+Liebesgeschichte mit Entsagung. Oder ist es nicht so schlimm?«
+
+»Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm. Aber ehe Hertha nicht
+von den Stachelbeeren genommen, eher kann ich nicht anfangen - sie
+läßt ja kein Auge davon. Übrigens nimm, soviel du willst, wir können
+ja hinterher neue pflücken; nur wirf die Schalen weit weg oder noch
+besser, lege sie hier auf die Zeitungsbeilage, wir machen dann eine
+Tüte daraus und schaffen alles beiseite. Mama kann es nicht leiden,
+wenn die Schlusen so überall herumliegen, und sagt immer, man könne
+dabei ausgleiten und ein Bein brechen.«
+
+»Glaub ich nicht«, sagte Hertha, während sie den Stachelbeeren fleißig
+zusprach.
+
+»Ich auch nicht«, bestätigte Effi. »Denkt doch mal nach, ich falle
+jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts
+gebrochen. Was ein richtiges Bein ist, das bricht nicht so leicht,
+meines gewiß nicht und deines auch nicht, Hertha. Was meinst du,
+Hulda?«
+
+»Man soll sein Schicksal nicht versuchen; Hochmut kommt vor dem Fall.«
+
+»Immer Gouvernante; du bist doch die geborene alte Jungfer.«
+
+»Und hoffe mich doch noch zu verheiraten. Und vielleicht eher als du.«
+
+»Meinetwegen. Denkst du, daß ich darauf warte? Das fehlte noch.
+Übrigens, ich kriege schon einen und vielleicht bald. Da ist mir nicht
+bange. Neulich erst hat mir der kleine Ventivegni von drüben gesagt:
+'Fräulein Effi, was gilt die Wette, wir sind hier noch in diesem Jahre
+zu Polterabend und Hochzeit.'«
+
+»Und was sagtest du da?«
+
+»'Wohl möglich', sagte ich, 'wohl möglich; Hulda ist die Älteste und
+kann sich jeden Tag verheiraten.' Aber er wollte davon nichts wissen
+und sagte: 'Nein, bei einer anderen jungen Dame, die geradeso brünett
+ist, wie Fräulein Hulda blond ist.' Und dabei sah er mich ganz
+ernsthaft an... Aber ich komme vom Hundertsten aufs Tausendste und
+vergesse die Geschichte.«
+
+»Ja, du brichst immer wieder ab; am Ende willst du nicht.« »Oh, ich
+will schon, aber freilich, ich breche immer wieder ab, weil es alles
+ein bißchen sonderbar ist, ja beinah romantisch.«
+
+»Aber du sagtest doch, er sei Landrat.«
+
+»Allerdings, Landrat. Und er heißt Geert von Innstetten, Baron von
+Innstetten.«
+
+Alle drei lachten.
+
+»Warum lacht ihr?« sagte Effi pikiert. »Was soll das heißen?«
+
+»Ach, Effi, wir wollen dich ja nicht beleidigen und auch den Baron
+nicht. Innstetten, sagtest du? Und Geert? So heißt doch hier kein
+Mensch. Freilich, die adeligen Namen haben oft so was Komisches.«
+
+»Ja, meine Liebe, das haben sie. Dafür sind es eben Adelige. Die
+dürfen sich das gönnen, und je weiter zurück, ich meine der Zeit nach,
+desto mehr dürfen sie sich's gönnen. Aber davon versteht ihr nichts,
+was ihr mir nicht übelnehmen dürft. Wir bleiben doch gute Freunde.
+Geert von Innstetten also und Baron. Er ist geradeso alt wie Mama, auf
+den Tag.«
+
+»Und wie alt ist denn eigentlich deine Mama?« »Achtunddreißig.«
+
+»Ein schönes Alter.«
+
+»Ist es auch, namentlich wenn man noch so aussieht wie die Mama. Sie
+ist doch eigentlich eine schöne Frau, findet ihr nicht auch? Und
+wie sie alles so weg hat, immer so sicher und dabei so fein und nie
+unpassend wie Papa. Wenn ich ein junger Leutnant wäre, so würd ich
+mich in die Mama verlieben.«
+
+»Aber Effi, wie kannst du nur so was sagen«, sagte Hulda. »Das ist ja
+gegen das vierte Gebot.«
+
+»Unsinn. Wie kann das gegen das vierte Gebot sein? Ich glaube, Mama
+würde sich freuen, wenn sie wüßte, daß ich so was gesagt habe.«
+
+»Kann schon sein«, unterbrach hierauf Hertha. »Aber nun endlich die
+Geschichte.«
+
+»Nun, gib dich zufrieden, ich fange schon an ... Also Baron
+Innstetten! Als er noch keine zwanzig war, stand er drüben bei den
+Rathenowern und verkehrte viel auf den Gütern hier herum, und am
+liebsten war er in Schwantikow drüben bei meinem Großvater Belling.
+Natürlich war es nicht des Großvaters wegen, daß er so oft drüben war,
+und wenn die Mama davon erzählt, so kann jeder leicht sehen, um wen es
+eigentlich war. Und ich glaube, es war auch gegenseitig.« »Und wie kam
+es nachher?«
+
+»Nun, es kam, wie's kommen mußte, wie's immer kommt. Er war ja
+noch viel zu jung, und als mein Papa sich einfand, der schon
+Ritterschaftsrat war und Hohen-Cremmen hatte, da war kein langes
+Besinnen mehr, und sie nahm ihn und wurde Frau von Briest ... Und das
+andere, was sonst noch kam, nun, das wißt ihr ... das andere bin ich.«
+
+»Ja, das andere bist du, Effi«, sagte Bertha. »Gott sei Dank; wir
+hätten dich nicht, wenn es anders gekommen wäre. Und nun sage, was tat
+Innstetten, was wurde aus ihm? Das Leben hat er sich nicht genommen,
+sonst könntet ihr ihn heute nicht erwarten.«
+
+»Nein, das Leben hat er sich nicht genommen. Aber ein bißchen war es
+doch so was.«
+
+»Hat er einen Versuch gemacht?«
+
+»Auch das nicht. Aber er mochte doch nicht länger hier in der Nähe
+bleiben, und das ganze Soldatenleben überhaupt muß ihm damals wie
+verleidet gewesen sein. Es war ja auch Friedenszeit. Kurz und gut, er
+nahm den Abschied und fing an, Juristerei zu studieren, wie Papa sagt,
+mit einem 'wahren Biereifer'; nur als der Siebziger Krieg kam, trat er
+wieder ein, aber bei den Perlebergern statt bei seinem alten Regiment,
+und hat auch das Kreuz. Natürlich, denn er ist sehr schneidig. Und
+gleich nach dem Kriege saß er wieder bei seinen Akten, und es heißt,
+Bismarck halte große Stücke von ihm und auch der Kaiser, und so kam es
+denn, daß er Landrat wurde, Landrat im Kessiner Kreise.«
+
+»Was ist Kessin? Ich kenne hier kein Kessin.«
+
+»Nein, hier in unserer Gegend liegt es nicht; es liegt eine hübsche
+Strecke von hier fort in Pommern, in Hinterpommern sogar, was aber
+nichts sagen will, weil es ein Badeort ist (alles da herum ist
+Badeort), und die Ferienreise, die Baron Innstetten jetzt macht, ist
+eigentlich eine Vetternreise oder doch etwas Ähnliches. Er will hier
+alte Freundschaft und Verwandtschaft wiedersehen.«
+
+»Hat er denn hier Verwandte?«
+
+»Ja und nein, wie man's nehmen will. Innstettens gibt es hier nicht,
+gibt es, glaub ich, überhaupt nicht mehr. Aber er hat hier entfernte
+Vettern von der Mutter Seite her, und vor allem hat er wohl
+Schwantikow und das Bellingsche Haus wiedersehen wollen, an das ihn
+so viele Erinnerungen knüpfen. Da war er denn vorgestern drüben, und
+heute will er hier in Hohen-Cremmen sein.«
+
+»Und was sagt dein Vater dazu?«
+
+»Gar nichts. Der ist nicht so. Und dann kennt er ja doch die Mama. Er
+neckt sie bloß.«
+
+In diesem Augenblick schlug es Mittag, und ehe es noch ausgeschlagen,
+erschien Wilke, das alte Briestsche Haus- und Familienfaktotum, um an
+Fräulein Effi zu bestellen: Die gnädige Frau ließe bitten, daß das
+gnädige Fräulein zu rechter Zeit auch Toilette mache; gleich nach
+eins würde der Herr Baron wohl vorfahren. Und während Wilke dies
+noch vermeldete, begann er auch schon auf dem Arbeitstisch der Damen
+abzuräumen und griff dabei zunächst nach dem Zeitungsblatt, auf dem
+die Stachelbeerschalen lagen.
+
+»Nein, Wilke, nicht so; das mit den Schlusen, das ist unsere Sache...
+Hertha, du mußt nun die Tüte machen und einen Stein hineintun, daß
+alles besser versinken kann. Und dann wollen wir in einem langen
+Trauerzug aufbrechen und die Tüte auf offener See begraben.«
+
+Wilke schmunzelte. Is doch ein Daus, unser Fräulein, so etwa gingen
+seine Gedanken. Effi aber, während sie die Tüte mitten auf die rasch
+zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: »Nun fassen wir alle vier
+an, jeder an einem Zipfel, und singen was Trauriges.«
+
+»Ja, das sagst du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?«
+
+»Irgendwas; es ist ganz gleich, es muß nur einen Reim auf 'u' haben;
+'u' ist immer Trauervokal. Also singen wir:
+
+ Flut, Flut,
+ Mach alles wieder gut ...«
+
+Und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle
+vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettete
+Boot und ließen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte
+langsam in den Teich niedergleiten.
+
+»Hertha, nun ist deine Schuld versenkt«, sagte Effi, »wobei mir
+übrigens einfällt, so vom Boot aus sollen früher auch arme,
+unglückliche Frauen versenkt worden sein, natürlich wegen Untreue.«
+
+»Aber doch nicht hier.«
+
+»Nein, nicht hier«, lachte Effi, »hier kommt sowas nicht vor. Aber
+in Konstantinopel, und du mußt ja, wie mir eben einfällt, auch davon
+wissen, so gut wie ich, du bist ja mit dabeigewesen, als uns Kandidat
+Holzapfel in der Geographiestunde davon erzählte.«
+
+»Ja«, sagte Hulda, »der erzählte immer so was. Aber so was vergißt man
+doch wieder.«
+
+»Ich nicht. Ich behalte so was.«
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Sie sprachen noch eine Weile so weiter, wobei sie sich ihrer
+gemeinschaftlichen Schulstunden und einer ganzen Reihe Holzapfelscher
+Unpassendheiten mit Empörung und Behagen erinnerten. Ja, man konnte
+sich nicht genug tun damit, bis Hulda mit einem Male sagte: »Nun aber
+ist es höchste Zeit, Effi; du siehst ja aus, ja, wie sag ich nur,
+du siehst ja aus, wie wenn du vom Kirschenpflücken kämst, alles
+zerknittert und zerknautscht; das Leinenzeug macht immer so viele
+Falten, und der große weiße Klappkragen ... ja, wahrhaftig, jetzt hab
+ich es, du siehst aus wie ein Schiffsjunge.«
+
+»Midshipman, wenn ich bitten darf. Etwas muß ich doch von meinem Adel
+haben. Übrigens, Midshipman oder Schiffsjunge, Papa hat mir erst
+neulich wieder einen Mastbaum versprochen, hier dicht neben der
+Schaukel, mit Rahen und einer Strickleiter. Wahrhaftig, das sollte mir
+gefallen, und den Wimpel oben selbst anzumachen, das ließ' ich mir
+nicht nehmen. Und du, Hulda, du kämst dann von der anderen Seite her
+herauf, und oben in der Luft wollten wir hurra rufen und uns einen Kuß
+geben. Alle Wetter, das sollte schmecken.« »'Alle Wetter ...', wie das
+nun wieder klingt ... Du sprichst wirklich wie ein Midshipman. Ich
+werde mich aber hüten, dir nachzuklettern, ich bin nicht so waghalsig.
+Jahnke hat ganz recht, wenn er immer sagt, du hättest zuviel von
+dem Bellingschen in dir, von deiner Mama her. Ich bin bloß ein
+Pastorskind.«
+
+»Ach, geh mir. Stille Wasser sind tief. Weißt du noch, wie du damals,
+als Vetter Briest als Kadett hier war, aber doch schon groß genug, wie
+du damals auf dem Scheunendach entlangrutschtest. Und warum? Nun, ich
+will es nicht verraten. Aber kommt, wir wollen uns schaukeln, auf
+jeder Seite zwei; reißen wird es ja wohl nicht, oder wenn ihr nicht
+Lust habt, denn ihr macht wieder lange Gesichter, dann wollen wir
+Anschlag spielen. Eine Viertelstunde hab ich noch. Ich mag noch nicht
+hineingehen, und alles bloß, um einem Landrat guten Tag zu sagen, noch
+dazu einem Landrat aus Hinterpommern. Altlich ist er auch, er könnte
+ja beinah mein Vater sein, und wenn er wirklich in einer Seestadt
+wohnt, Kessin soll ja so was sein, nun, da muß ich ihm in diesem
+Matrosenkostüm eigentlich am besten gefallen und muß ihm beinah wie
+eine große Aufmerksamkeit vorkommen. Fürsten, wenn sie wen empfangen,
+soviel weiß ich von meinem Papa her, legen auch immer die Uniform aus
+der Gegend des anderen an. Also nun nicht ängstlich ... rasch, rasch,
+ich fliege aus, und neben der Bank hier ist frei.«
+
+Hulda wollte noch ein paar Einschränkungen machen, aber Effi war schon
+den nächsten Kiesweg hinauf, links hin, rechts hin, bis sie mit einem
+Male verschwunden war.
+
+»Effi, das gilt nicht; wo bist du? Wir spielen nicht Versteck, wir
+spielen Anschlag«, und unter diesen und ähnlichen Vorwürfen eilten die
+Freundinnen ihr nach, weit über das Rondell und die beiden seitwärts
+stehenden Platanen hinaus, bis die Verschwundene mit einem Male aus
+ihrem Versteck hervorbrach und mühelos, weil sie schon im Rücken ihrer
+Verfolger war, mit »eins, zwei, drei« den Freiplatz neben der Bank
+erreichte.
+
+»Wo warst du?«
+
+»Hinter den Rhabarberstauden; die haben so große Blätter, noch größer
+als ein Feigenblatt ...«
+
+»Pfui ...«
+
+»Nein, pfui für euch, weil ihr verspielt habt. Hulda, mit ihren großen
+Augen, sah wieder nichts, immer ungeschickt.« Und dabei flog Effi
+von neuem über das Rondell hin, auf den Teich zu, vielleicht weil
+sie vorhatte, sich erst hinter einer dort aufwachsenden dichten
+Haselnußhecke zu verstecken, um dann, von dieser aus, mit einem weiten
+Umweg um Kirchhof und Fronthaus, wieder bis an den Seitenflügel und
+seinen Freiplatz zu kommen. Alles war gut berechnet; aber freilich,
+ehe sie noch halb um den Teich herum war, hörte sie schon vom Hause
+her ihren Namen rufen und sah, während sie sich umwandte, die Mama,
+die, von der Steintreppe her, mit ihrem Taschentuch winkte. Noch einen
+Augenblick, und Effi stand vor ihr.
+
+»Nun bist du doch noch in deinem Kittel, und der Besuch ist da. Nie
+hältst du Zeit.«
+
+»Ich halte schon Zeit, aber der Besuch hat nicht Zeit gehalten. Es ist
+noch nicht eins; noch lange nicht«, und sich nach den Zwillingen hin
+umwendend (Hulda war noch weiter zurück), rief sie diesen zu: »Spielt
+nur weiter; ich bin gleich wieder da.«
+
+Schon im nächsten Augenblick trat Effi mit der Mama in den großen
+Gartensaal, der fast den ganzen Raum des Seitenflügels füllte.
+
+»Mama, du darfst mich nicht schelten. Es ist wirklich erst halb. Warum
+kommt er so früh? Kavaliere kommen nicht zu spät, aber noch weniger zu
+früh.«
+
+Frau von Briest war in sichtlicher Verlegenheit; Effi aber schmiegte
+sich liebkosend an sie und sagte: »Verzeih, ich will mich nun
+eilen; du weißt, ich kann auch rasch sein, und in fünf Minuten ist
+Aschenputtel in eine Prinzessin verwandelt. So lange kann er warten
+oder mit dem Papa plaudern.«
+
+Und der Mama zunickend, wollte sie leichten Fußes eine kleine eiserne
+Stiege hinauf, die aus dem Saal in den Oberstock hinaufführte. Frau
+von Briest aber, die unter Umständen auch unkonventionell sein konnte,
+hielt plötzlich die schon forteilende Effi zurück, warf einen Blick
+auf das jugendlich reizende Geschöpf, das, noch erhitzt von der
+Aufregung des Spiels, wie ein Bild frischesten Lebens vor ihr stand,
+und sagte beinahe vertraulich: »Es ist am Ende das beste, du bleibst,
+wie du bist. Ja, bleibe so. Du siehst gerade sehr gut aus. Und wenn
+es auch nicht wäre, du siehst so unvorbereitet aus, so gar nicht
+zurechtgemacht, und darauf kommt es in diesem Augenblick an. Ich muß
+dir nämlich sagen, meine süße Effi ...«, und sie nahm ihres Kindes
+beide Hände, »... ich muß dir nämlich sagen ...«
+
+»Aber Mama, was hast du nur? Mir wird ja ganz angst und bange.«
+
+»... Ich muß dir nämlich sagen, Effi, daß Baron Innstetten eben um
+deine Hand angehalten hat.«
+
+»Um meine Hand angehalten? Und im Ernst?«
+
+»Es ist keine Sache, um einen Scherz daraus zu machen. Du hast ihn
+vorgestern gesehen, und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. Er
+ist freilich älter als du, was alles in allem ein Glück ist, dazu ein
+Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn du nicht
+nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so
+stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du
+wirst deine Mama weit überholen.«
+
+Effi schwieg und suchte nach einer Antwort. Aber ehe sie diese finden
+konnte, hörte sie schon des Vaters Stimme von dem angrenzenden,
+noch im Fronthause gelegenen Hinterzimmer her, und gleich danach
+überschritt Ritterschaftsrat von Briest, ein wohlkonservierter
+Fünfziger von ausgesprochener Bonhomie, die Gartensalonschwelle - mit
+ihm Baron Innstetten, schlank, brünett und von militärischer Haltung.
+
+Effi, als sie seiner ansichtig wurde, kam in ein nervöses Zittern;
+aber nicht auf lange, denn im selben Augenblick fast, wo sich
+Innstetten unter freundlicher Verneigung ihr näherte, wurden an
+dem mittleren der weit offenstehenden und von wildem Wein halb
+überwachsenen Fenster die rotblonden Köpfe der Zwillinge sichtbar, und
+Hertha, die Ausgelassenste, rief in den Saal hinein: »Effi, komm.«
+
+Dann duckte sie sich, und beide Schwestern sprangen von der Banklehne,
+darauf sie gestanden, wieder in den Garten hinab, und man hörte nur
+noch ihr leises Kichern und Lachen.
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Noch an demselben Tage hatte sich Baron Innstetten mit Effi Briest
+verlobt. Der joviale Brautvater, der sich nicht leicht in seiner
+Feierlichkeitsrolle zurechtfand, hatte bei dem Verlobungsmahl, das
+folgte, das junge Paar leben lassen, was auf Frau von Briest, die
+dabei der nun um kaum achtzehn Jahre zurückliegenden Zeit gedenken
+mochte, nicht ohne herzbeweglichen Eindruck geblieben war. Aber nicht
+auf lange; sie hatte es nicht sein können, nun war es statt ihrer die
+Tochter - alles in allem ebensogut oder vielleicht noch besser. Denn
+mit Briest ließ sich leben, trotzdem er ein wenig prosaisch war und
+dann und wann einen kleinen frivolen Zug hatte. Gegen Ende der Tafel,
+das Eis wurde schon herumgereicht, nahm der alte Ritterschaftsrat
+noch einmal das Wort, um in einer zweiten Ansprache das allgemeine
+Familien-Du zu proponieren. Er umarmte dabei Innstetten und gab ihm
+einen Kuß auf die linke Backe. Hiermit war aber die Sache für ihn noch
+nicht abgeschlossen, vielmehr fuhr er fort, außer dem »Du« zugleich
+intimere Namen und Titel für den Hausverkehr zu empfehlen, eine
+Art Gemütlichkeitsrangliste aufzustellen, natürlich unter Wahrung
+berechtigter, weil wohlerworbener Eigentümlichkeiten. Für seine Frau,
+so hieß es, würde der Fortbestand von »Mama« (denn es gäbe auch
+junge Mamas) wohl das beste sein, während er für seine Person, unter
+Verzicht auf den Ehrentitel »Papa«, das einfache Briest entschieden
+bevorzugen müsse, schon weil es so hübsch kurz sei. Und was nun die
+Kinder angehe - bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem nur etwa
+um ein Dutzend Jahre jüngeren Innstetten, einen Ruck geben mußte -,
+nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert. Geert, wenn er nicht irre,
+habe die Bedeutung von einem schlank aufgeschossenen Stamm, und Effi
+sei dann also der Efeu, der sich darumzuranken habe. Das Brautpaar
+sah sich bei diesen Worten etwas verlegen an. Effi zugleich mit einem
+Ausdruck kindlicher Heiterkeit, Frau von Briest aber sagte: »Briest,
+sprich, was du willst, und formuliere deine Toaste nach Gefallen,
+nur poetische Bilder, wenn ich bitten darf, laß beiseite, das liegt
+jenseits deiner Sphäre.« Zurechtweisende Worte, die bei Briest mehr
+Zustimmung als Ablehnung gefunden hatten. »Es ist möglich, daß du
+recht hast, Luise.«
+
+Gleich nach Aufhebung der Tafel beurlaubte sich Effi, um einen Besuch
+drüben bei Pastors zu machen. Unterwegs sagte sie sich: »Ich glaube,
+Hulda wird sich ärgern. Nun bin ich ihr doch zuvorgekommen - sie war
+immer zu eitel und eingebildet.« Aber Effi traf es mit ihrer Erwartung
+nicht ganz; Hulda, durchaus Haltung bewahrend, benahm sich sehr gut
+und überließ die Bezeugung von Unmut und Ärger ihrer Mutter, der Frau
+Pastorin, die denn auch sehr sonderbare Bemerkungen machte. »Ja, ja,
+so geht es. Natürlich. Wenn's die Mutter nicht sein konnte, muß es
+die Tochter Sein. Das kennt man. Alte Familien halten immer zusammen,
+und wo was is, da kommt was dazu.« Der alte Niemeyer kam in arge
+Verlegenheit über diese fortgesetzten Spitzen Redensarten ohne Bildung
+und Anstand und beklagte mal wieder, eine Wirtschafterin geheiratet zu
+haben.
+
+Von Pastors ging Effi natürlich auch zu Kantor Jahnkes; die Zwillinge
+hatten schon nach ihr ausgeschaut und empfingen sie im Vorgarten.
+
+»Nun, Effi«, sagte Hertha, während alle drei zwischen den rechts und
+links blühenden Studentenblumen auf und ab schritten, »nun, Effi, wie
+ist dir eigentlich?«
+
+»Wie mir ist? Oh, ganz gut. Wir nennen uns auch schon du und bei
+Vornamen. Er heißt nämlich Geert, was ich euch, wie mir einfällt, auch
+schon gesagt habe.«
+
+»Ja, das hast du. Mir ist aber doch so bange dabei. Ist es denn auch
+der Richtige?«
+
+»Gewiß ist es der Richtige. Das verstehst du nicht, Hertha. Jeder ist
+der Richtige. Natürlich muß er von Adel sein und eine Stellung haben
+und gut aussehen.«
+
+»Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du doch ganz anders.«
+
+»Ja, sonst.«
+
+»Und bist du auch schon ganz glücklich?«
+
+»Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glücklich.
+Wenigstens denk ich es mir so.«
+
+»Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bißchen
+genant?«
+
+»Ja, ein bißchen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich
+denke, ich werde darüber wegkommen.«
+
+Nach diesem im Pfarr- und Kantorhause gemachten Besuche, der
+keine halbe Stunde gedauert hatte, war Effi wieder nach drüben
+zurückgekehrt, wo man auf der Gartenveranda eben den Kaffee nehmen
+wollte. Schwiegervater und Schwiegersohn gingen auf dem Kieswege
+zwischen den zwei Platanen auf und ab. Briest sprach von dem
+Schwierigen einer landrätlichen Stellung; sie sei ihm verschiedentlich
+angetragen worden, aber er habe jedesmal gedankt. »So nach meinem
+eigenen Willen schalten und walten zu können ist mir immer das liebste
+gewesen, jedenfalls lieber - Pardon, Innstetten -, als so die Blicke
+beständig nach oben richten zu müssen. Man hat dann bloß immer Sinn
+und Merk für hohe und höchste Vorgesetzte. Das ist nichts für mich.
+Hier leb ich so freiweg und freue mich über jedes grüne Blatt und über
+den wilden Wein, der da drüben in die Fenster wächst.«
+
+Er sprach noch mehr dergleichen, allerhand Antibeamtliches, und
+entschuldigte sich von Zeit zu Zeit mit einem kurzen, verschiedentlich
+wiederkehrenden »Pardon, Innstetten«. Dieser nickte mechanisch
+zustimmend, war aber eigentlich wenig bei der Sache, sah vielmehr wie
+gebannt immer aufs neue nach dem drüben am Fenster rankenden wilden
+Wein hinüber, von dem Briest eben gesprochen, und während er dem
+nachhing, war es ihm, als säh' er wieder die rotblonden Mädchenköpfe
+zwischen den Weinranken und höre dabei den übermütigen Zuruf: »Effi,
+komm.«
+
+Er glaubte nicht an Zeichen und ähnliches, im Gegenteil, wies alles
+Abergläubische weit zurück. Aber er konnte trotzdem von den zwei
+Worten nicht los, und während Briest immer weiterperorierte, war es
+ihm beständig, als wäre der kleine Hergang doch mehr als ein bloßer
+Zufall gewesen.
+
+Innstetten, der nur einen kurzen Urlaub genommen, war schon am
+folgenden Tag wieder abgereist, nachdem er versprochen, jeden Tag
+schreiben zu wollen. »Ja, das mußt du«, hatte Effi gesagt, ein Wort,
+das ihr von Herzen kam, da sie seit Jahren nichts Schöneres kannte als
+beispielsweise den Empfang vieler Geburtstagsbriefe. Jeder mußte ihr
+zu diesem Tag schreiben. In den Brief eingestreute Wendungen, etwa wie
+»Gertrud und Klara senden Dir mit mir ihre herzlichsten Glückwünsche«,
+waren verpönt; Gertrud und Klara, wenn sie Freundinnen sein wollten,
+hatten dafür zu Sorgen, daß ein Brief mit selbständiger Marke daläge,
+womöglich - denn ihr Geburtstag fiel noch in die Reisezeit mit einer
+fremden, aus der Schweiz oder Karlsbad.
+
+Innstetten, wie versprochen, schrieb wirklich jeden Tag; was aber den
+Empfang seiner Briefe ganz besonders angenehm machte, war der Umstand,
+daß er allwöchentlich nur einmal einen ganz kleinen Antwortbrief
+erwartete. Den erhielt er dann auch, voll reizend nichtigen und
+ihn jedesmal entzückenden Inhalts. Was es von ernsteren Dingen
+zu besprechen gab, das verhandelte Frau von Briest mit ihrem
+Schwiegersohn: Festsetzungen wegen der Hochzeit, Ausstattungs- und
+Wirtschaftseinrichtungsfragen. Innstetten, schon an die drei Jahre
+im Amt, war in seinem Kessiner Hause nicht glänzend, aber doch sehr
+standesgemäß eingerichtet, und es empfahl sich, in der Korrespondenz
+mit ihm ein Bild von allem, was da war, zu gewinnen, um nichts
+Unnützes anzuschaffen. Schließlich, als Frau von Briest über all diese
+Dinge genugsam unterrichtet war, wurde seitens Mutter und Tochter eine
+Reise nach Berlin beschlossen, um, wie Briest sich ausdrückte, den
+»Trousseau« für Prinzessin Effi zusammenzukaufen. Effi freute sich
+sehr auf den Aufenthalt in Berlin, um so mehr, als der Vater darein
+gewilligt hatte, im Hotel du Nord Wohnung zu nehmen. Was es koste,
+könne ja von der Ausstattung abgezogen werden; Innstetten habe ohnehin
+alles. Effi ganz im Gegensatz zu der solche »Mesquinerien« ein für
+allemal sich verbittenden Mama - hatte dem Vater, ohne jede Sorge
+darum, ob er's scherz- oder ernsthaft gemeint hatte, freudig
+zugestimmt und beschäftigte sich in ihren Gedanken viel, viel mehr mit
+dem Eindruck, den sie beide, Mutter und Tochter, bei ihrem Erscheinen
+an der Table d'hôte machen würden, als mit Spinn und Mencke,
+Goschenhofer und ähnlichen Firmen, die vorläufig notiert worden waren.
+Und diesen ihren heiteren Phantasien entsprach denn auch ihre Haltung,
+als die große Berliner Woche nun wirklich da war. Vetter Briest vom
+Alexanderregiment, ein ungemein ausgelassener junger Leutnant, der
+die »Fliegenden Blätter« hielt und über die besten Witze Buch führte,
+stellte sich den Damen für jede dienstfreie Stunde zur Verfügung,
+und so saßen sie denn mit ihm bei Kranzler am Eckfenster oder zu
+statthafter Zeit auch wohl im Café Bauer und fuhren nachmittags in den
+Zoologischen Garten, um da die Giraffen zu sehen, von denen Vetter
+Briest, der übrigens Dagobert hieß, mit Vorliebe behauptete, sie sähen
+aus wie adlige alte Jungfern. Jeder Tag verlief programmäßig, und
+am dritten oder vierten Tag gingen sie, wie vorgeschrieben, in die
+Nationalgalerie, weil Vetter Dagobert seiner Cousine die »Insel der
+Seligen« zeigen wollte. Fräulein Cousine stehe zwar auf dem Punkte,
+sich zu verheiraten, es sei aber doch vielleicht gut, die »Insel der
+Seligen« schon vorher kennengelernt zu haben. Die Tante gab ihm einen
+Schlag mit dem Fächer, begleitete diesen Schlag aber mit einem so
+gnädigen Blick, daß er keine Veranlassung hatte, den Ton zu ändern.
+Es waren himmlische Tage für alle drei, nicht zum wenigsten
+für den Vetter, der so wundervoll zu chaperonnieren und kleine
+Differenzen immer rasch auszugleichen verstand. An solchen
+Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter war nun,
+wie das so geht, all die Zeit über kein Mangel, aber sie traten
+glücklicherweise nie bei den zu machenden Einkäufen hervor. Ob man
+von einer Sache sechs oder drei Dutzend erstand, Effi war mit allem
+gleichmäßig einverstanden, und wenn dann auf dem Heimweg von dem Preis
+der eben eingekauften Gegenstände gesprochen wurde, so verwechselte
+sie regelmäßig die Zahlen. Frau von Briest, sonst so kritisch, auch
+ihrem eigenen geliebten Kinde gegenüber, nahm dies anscheinend
+mangelnde Interesse nicht nur von der leichten Seite, sondern erkannte
+sogar einen Vorzug darin. Alle diese Dinge, so sagte sie sich,
+bedeuten Effi nicht viel. Effi ist anspruchslos; sie lebt in ihren
+Vorstellungen und Träumen, und wenn die Prinzessin Friedrich Karl
+vorüberfährt und sie von ihrem Wagen aus freundlich grüßt, so gilt ihr
+das mehr als eine ganze Truhe voll Weißzeug.
+
+Das alles war auch richtig, aber doch nur halb. An dem Besitze mehr
+oder weniger alltäglicher Dinge lag Effi nicht viel, aber wenn sie mit
+der Mama die Linden hinauf- und hinunterging und nach Musterung der
+schönsten Schaufenster in den Demuthschen Laden eintrat, um für die
+gleich nach der Hochzeit geplante italienische Reise allerlei Einkäufe
+zu machen, so zeigte sich ihr wahrer Charakter. Nur das Eleganteste
+gefiel ihr, und wenn sie das Beste nicht haben konnte, so verzichtete
+sie auf das Zweitbeste, weil ihr dies Zweite nun nichts mehr
+bedeutete. Ja, sie konnte verzichten, darin hatte die Mama recht, und
+in diesem Verzichtenkönnen lag etwas von Anspruchslosigkeit; wenn es
+aber ausnahmsweise mal wirklich etwas zu besitzen galt, so mußte dies
+immer was ganz Apartes sein. Und darin war sie anspruchsvoll.
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Vetter Dagobert war am Bahnhof, als die Damen ihre Rückreise nach
+Hohen-Cremmen antraten. Es waren glückliche Tage gewesen, vor
+allem auch darin, daß man nicht unter unbequemer und beinahe
+unstandesgemäßer Verwandtschaft gelitten hatte. »Für Tante Therese«,
+so hatte Effi gleich nach der Ankunft gesagt, »müssen wir diesmal
+inkognito bleiben. Es geht nicht, daß sie hier ins Hotel kommt.
+Entweder Hotel du Nord oder Tante Therese; beides zusammen paßt
+nicht.« Die Mama hatte sich schließlich einverstanden damit erklärt,
+ja, dem Liebling zur Besiegelung des Einverständnisses einen Kuß auf
+die Stirn gegeben.
+
+Mit Vetter Dagobert war das natürlich etwas ganz anderes gewesen, der
+hatte nicht bloß den Gardepli, der hatte vor allem auch mit Hilfe
+jener eigentümlich guten Laune, wie sie bei den Alexanderoffizieren
+beinahe traditionell geworden, sowohl Mutter wie Tochter von Anfang
+an anzuregen und aufzuheitern gewußt, und diese gute Stimmung dauerte
+bis zuletzt. »Dagobert«, so hieß es noch beim Abschied, »du kommst
+also zu meinem Polterabend, und natürlich mit Cortège. Denn
+nach den Aufführungen (aber kommt mir nicht mit Dienstmann oder
+Mausefallenhändler) ist Ball. Und du mußt bedenken, mein erster
+großer Ball ist vielleicht auch mein letzter. Unter sechs Kameraden
+- natürlich beste Tänzer - wird gar nicht angenommen. Und mit dem
+Frühzug könnt ihr wieder zurück.« Der Vetter versprach alles, und so
+trennte man sich.
+
+Gegen Mittag trafen beide Damen an ihrer havelländischen Bahnstation
+ein, mitten im Luch, und fuhren in einer halben Stunde nach
+Hohen-Cremmen hinüber. Briest war sehr froh, Frau und Tochter wieder
+zu Hause zu haben, und stellte Fragen über Fragen, deren Beantwortung
+er meist nicht abwartete. Statt dessen erging er sich in Mitteilung
+dessen, was er inzwischen erlebt. »Ihr habt mir da vorhin von der
+Nationalgalerie gesprochen und von der 'Insel der Seligen' - nun, wir
+haben hier, während ihr fort wart, auch so was gehabt: unser Inspektor
+Pink und die Gärtnersfrau. Natürlich habe ich Pink entlassen müssen,
+übrigens ungern. Es ist sehr fatal, daß solche Geschichten fast immer
+in die Erntezeit fallen. Und Pink war sonst ein ungewöhnlich tüchtiger
+Mann, hier leider am unrechten Fleck. Aber lassen wir das; Wilke wird
+schon unruhig.«
+
+Bei Tische hörte Briest besser zu; das gute Einvernehmen mit dem
+Vetter, von dem ihm viel erzählt wurde, hatte seinen Beifall, weniger
+das Verhalten gegen Tante Therese. Man sah aber deutlich, daß er
+inmitten seiner Mißbilligung sich eigentlich darüber freute; denn ein
+kleiner Schabernack entsprach ganz seinem Geschmack, und Tante Therese
+war wirklich eine lächerliche Figur. Er hob sein Glas und stieß mit
+Frau und Tochter an. Auch als nach Tisch einzelne der hübschesten
+Einkäufe von ihm ausgepackt und seiner Beurteilung unterbreitet
+wurden, verriet er viel Interesse, das selbst noch anhielt oder
+wenigstens nicht ganz hinstarb, als er die Rechnung überflog. »Etwas
+teuer, oder sagen wir lieber sehr teuer; indessen es tut nichts. Es
+hat alles so viel Schick, ich möchte sagen so viel Animierendes, daß
+ich deutlich fühle, wenn du mir solchen Koffer und solche Reisedecke
+zu Weihnachten schenkst, so sind wir zu Ostern auch in Rom und machen
+nach achtzehn Jahren unsere Hochzeitsreise. Was meinst du, Luise?
+Wollen wir nachexerzieren? Spät kommt ihr, doch ihr kommt.«
+
+Frau von Briest machte eine Handbewegung, wie wenn sie sagen wollte:
+»Unverbesserlich«, und überließ ihn im übrigen seiner eigenen
+Beschämung, die aber nicht groß war.
+
+Ende August war da, der Hochzeitstag (3. Oktober) rückte näher,
+und sowohl im Herrenhause wie in der Pfarre und Schule war man
+unausgesetzt bei den Vorbereitungen zum Polterabend. Jahnke, getreu
+seiner Fritz-Reuter-Passion, hatte sich's als etwas besonders
+»Sinniges« ausgedacht, Bertha und Hertha als Lining und Mining
+auftreten zu lassen, natürlich plattdeutsch, während Hulda das
+Käthchen von Heilbronn in der Holunderbaumszene darstellen sollte,
+Leutnant Engelbrecht von den Husaren als Wetter vom Strahl. Niemeyer,
+der sich den Vater der Idee nennen durfte, hatte keinen Augenblick
+gesäumt, auch die versäumte Nutzanwendung auf Innstetten und Effi
+hinzuzudichten. Er selbst war mit seiner Arbeit zufrieden und hörte,
+gleich nach der Leseprobe, von allen Beteiligten viel Freundliches
+darüber, freilich mit Ausnahme seines Patronatsherrn und alten
+Freundes Briest, der, als er die Mischung von Kleist und Niemeyer
+mit angehört hatte, lebhaft protestierte, wenn auch keineswegs aus
+literarischen Gründen. »Hoher Herr und immer wieder Hoher Herr - was
+soll das? Das leitet in die Irre, das verschiebt alles. Innstetten,
+unbestritten, ist ein famoses Menschenexemplar, Mann von Charakter
+und Schneid, aber die Briests - verzeih den Berolinismus, Luise-, die
+Briests sind schließlich auch nicht von schlechten Eltern. Wir sind
+doch nun mal eine historische Familie, laß mich hinzufügen Gott sei
+Dank, und die Innstettens sind es nicht; die Innstettens sind bloß
+alt, meinetwegen Uradel, aber was heißt Uradel? Ich will nicht, daß
+eine Briest oder doch mindestens eine Polterabendfigur, in der jeder
+das Widerspiel unserer Effi erkennen muß - ich will nicht, daß eine
+Briest mittelbar oder unmittelbar in einem fort von 'Hoher Herr'
+spricht. Da müßte denn doch Innstetten wenigstens ein verkappter
+Hohenzoller sein, es gibt ja dergleichen. Das ist er aber nicht, und
+so kann ich nur wiederholen, es verschiebt die Situation.«
+
+Und wirklich, Briest hielt mit besonderer Zähigkeit eine ganze
+Zeitlang an dieser Anschauung fest. Erst nach der zweiten Probe,
+wo das »Käthchen«, schon halb im Kostüm, ein sehr eng anliegendes
+Sammetmieder trug, ließ er sich - der es auch sonst nicht an
+Huldigungen gegen Hulda fehlen ließ - zu der Bemerkung hinreißen,
+das Käthchen liege sehr gut da, welche Wendung einer Waffenstreckung
+ziemlich gleichkam oder doch zu solcher hinüberleitete. Daß alle diese
+Dinge vor Effi geheimgehalten wurden, braucht nicht erst gesagt zu
+werden. Bei mehr Neugier auf seiten dieser letzteren wäre das nun
+freilich ganz unmöglich gewesen, aber Effi hatte so wenig Verlangen,
+in die Vorbereitungen und geplanten Überraschungen einzudringen, daß
+sie der Mama mit allem Nachdruck erklärte, sie könne es abwarten,
+und Wenn diese dann zweifelte, so schloß Effi mit der wiederholten
+Versicherung: Es wäre wirklich so, die Mama könne es glauben. Und
+warum auch nicht? Es sei ja doch alles nur Theateraufführung und
+hübscher und poetischer als »Aschenbrödel«, das sie noch am letzten
+Abend in Berlin gesehen hätte, hübscher und poetischer könne es ja
+doch nicht Sein. Da hätte sie wirklich selber mitspielen mögen, wenn
+auch nur, um dem lächerlichen Pensionslehrer einen Kreidestrich auf
+den Rücken zu machen. »Und wie reizend im letzten Akt 'Aschenbrödels
+Erwachen als Prinzessin' oder wenigstens als Gräfin; wirklich, es
+war ganz wie ein Märchen.« In dieser Weise sprach sie oft, war meist
+ausgelassener als vordem und ärgerte sich bloß über das beständige
+Tuscheln und Geheimtun der Freundinnen. »Ich wollte, sie hätten sich
+weniger wichtig und wären mehr für mich da. Nachher bleiben sie doch
+bloß stecken, und ich muß mich um sie ängstigen und mich schämen, daß
+es meine Freundinnen sind.« So gingen Effis Spottreden, und es war
+ganz unverkennbar, daß sie sich um Polterabend und Hochzeit nicht
+allzusehr kümmerte. Frau von Briest hatte so ihre Gedanken darüber,
+aber zu Sorgen kam es nicht, weil sich Effi, was doch ein gutes
+Zeichen war, ziemlich viel mit ihrer Zukunft beschäftigte und sich,
+phantasiereich wie sie war, viertelstundenlang in Schilderungen ihres
+Kessiner Lebens erging, Schilderungen, in denen sich nebenher und
+sehr zur Erheiterung der Mama eine merkwürdige Vorstellung von
+Hinterpommern aussprach oder vielleicht auch, mit kluger Berechnung,
+aussprechen sollte. Sie gefiel sich nämlich darin, Kessin als
+einen halbsibirischen Ort aufzufassen, wo Eis und Schnee nie recht
+aufhörten.
+
+»Heute hat Goschenhofer das letzte geschickt«, sagte Frau von Briest,
+als sie wie gewöhnlich in Front des Seitenflügels mit Effi am
+Arbeitstisch saß, auf dem die Leinen- und Wäschevorräte beständig
+wuchsen, während der Zeitungen, die bloß Platz wegnahmen, immer
+weniger wurden. »Ich hoffe, du hast nun alles, Effi. Wenn du aber noch
+kleine Wünsche hegst, so mußt du sie jetzt aussprechen, womöglich in
+dieser Stunde noch. Papa hat den Raps vorteilhaft verkauft und ist
+ungewöhnlich guter Laune.«
+
+»Ungewöhnlich? Er ist immer in guter Laune.«
+
+»In ungewöhnlich guter Laune«, wiederholte die Mama. »Und sie muß
+genutzt werden. Sprich also. Mehrmals, als wir noch in Berlin waren,
+war es mir, als ob du doch nach dem einen oder anderen noch ein ganz
+besonderes Verlangen gehabt hättest.«
+
+»Ja, liebe Mama, was soll ich da sagen. Eigentlich habe ich ja alles,
+was man braucht, ich meine, was man hier braucht. Aber da mir's nun
+mal bestimmt ist, so hoch nördlich zu kommen ... ich bemerke, daß ich
+nichts dagegen habe, im Gegenteil, ich freue mich darauf, auf die
+Nordlichter und auf den helleren Glanz der Sterne ... da mir's nun mal
+so bestimmt ist, so hätte ich wohl gern einen Pelz gehabt.«
+
+»Aber Effi, Kind, das ist doch alles bloß leere Torheit. Du kommst ja
+nicht nach Petersburg oder nach Archangel.«
+
+»Nein; aber ich bin doch auf dem Wege dahin...«
+
+»Gewiß, Kind. Auf dem Wege dahin bist du; aber was heißt das? Wenn du
+von hier nach Nauen fährst, bist du auch auf dem Wege nach Rußland. Im
+übrigen, wenn du's wünschst, so sollst du einen Pelz haben. Nur das
+laß mich im voraus sagen, ich rate dir davon ab. Ein Pelz ist für
+ältere Personen, selbst deine alte Mama ist noch zu jung dafür, und
+wenn du mit deinen siebzehn Jahren in Nerz oder Marder auftrittst, so
+glauben die Kessiner, es sei eine Maskerade.«
+
+Das war am 2. September, daß sie so sprachen, ein Gespräch, das sich
+wohl fortgesetzt hätte, wenn nicht gerade Sedantag gewesen wäre. So
+aber wurden sie durch Trommel- und Pfeifenklang unterbrochen, und
+Effi, die schon vorher von dem beabsichtigten Aufzuge gehört,
+aber es wieder vergessen hatte, stürzte mit einem Male von dem
+gemeinschaftlichen Arbeitstisch fort und an Rondell und Teich vorüber
+auf einen kleinen, an die Kirchhofsmauer angebauten Balkon zu, zu dem
+sechs Stufen, nicht viel breiter als Leitersprossen, hinaufführten. Im
+Nu war sie oben, und richtig, da kam auch schon die ganze Schuljugend
+heran, Jahnke gravitätisch am rechten Flügel, während ein kleiner
+Tambourmajor, weit voran, an der Spitze des Zuges marschierte, mit
+einem Gesichtsausdruck, als ob ihm obläge, die Schlacht bei Sedan noch
+einmal zu schlagen. Effi winkte mit dem Taschentuch, und der Begrüßte
+versäumte nicht, mit seinem blanken Kugelstock zu salutieren.
+
+Eine Woche später saßen Mutter und Tochter wieder am alten Fleck, auch
+wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt. Es war ein wunderschöner Tag; der
+in einem zierlichen Beet um die Sonnenuhr herum stehende Heliotrop
+blühte noch, und die leise Brise, die ging, trug den Duft davon zu
+ihnen herüber.
+
+»Ach, wie wohl ich mich fühle«, sagte Effi, »so wohl und so glücklich;
+ich kann mir den Himmel nicht schöner denken. Und am Ende, wer weiß,
+ob sie im Himmel so wundervollen Heliotrop haben.«
+
+»Aber Effi, so darfst du nicht sprechen; das hast du von deinem Vater,
+dem nichts heilig ist und der neulich sogar sagte, Niemeyer sähe
+aus wie Lot. Unerhört. Und was soll es nur heißen? Erstlich weiß er
+nicht, wie Lot ausgesehen hat, und zweitens ist es eine grenzenlose
+Rücksichtslosigkeit gegen Hulda. Ein Glück, daß Niemeyer nur die
+einzige Tochter hat, dadurch fällt es eigentlich in sich zusammen. In
+einem freilich hat er nur zu recht gehabt, in all und jedem, was er
+über 'Lots Frau', unsere gute Frau Pastorin, sagte, die uns denn auch
+wirklich wieder mit ihrer Torheit und Anmaßung den ganzen Sedantag
+ruinierte. Wobei mir übrigens einfällt, daß wir, als Jahnke mit der
+Schule vorbeikam, in unserem Gespräch unterbrochen wurden - wenigstens
+kann ich mir nicht denken, daß der Pelz, von dem du damals sprachst,
+dein einziger Wunsch gewesen sein sollte. Laß mich also wissen,
+Schatz, was du noch weiter auf dem Herzen hast.« »Nichts, Mama.«
+
+»Wirklich nichts?«
+
+»Nein, wirklich nichts; ganz im Ernst ... Wenn es aber doch am Ende
+was sein sollte ...«
+
+»Nun ...«
+
+»... so müßte es ein japanischer Bettschirm sein, schwarz und goldene
+Vögel darauf, alle mit einem langen Kranichschnabel ... Und dann
+vielleicht noch eine Ampel für unser Schlafzimmer, mit rotem Schein.«
+
+Frau von Briest schwieg.
+
+»Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas
+besonders Unpassendes gesagt hätte.«
+
+»Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewiß
+nicht. Denn ich kenne dich ja. Du bist eine phantastische kleine
+Person, malst dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus, und je
+farbenreicher sie sind, desto schöner und begehrlicher erscheinen sie
+dir. Ich sah das so recht, als wir die Reisesachen kauften. Und nun
+denkst du dir's ganz wundervoll, einen Bettschirm mit allerhand
+fabelhaftem Getier zu haben, alles im Halblicht einer roten Ampel. Es
+kommt dir vor wie ein Märchen, und du möchtest eine Prinzessin sein.«
+
+Effi nahm die Hand der Mama und küßte sie. »Ja, Mama, so bin ich.«
+
+»Ja, so bist du. Ich weiß es wohl. Aber meine liebe Effi, wir müssen
+vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach
+Kessin kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt,
+so lacht man über dergleichen. Und wenn man bloß lachte. Die, die dir
+ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter
+Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres.«
+
+»Also nichts Japanisches und auch keine Ampel. Aber ich bekenne dir,
+ich hatte es mir so schön und poetisch gedacht, alles in einem roten
+Schimmer zu sehen.«
+
+Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf und küßte Effi. »Du bist ein
+Kind. Schön und poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die Wirklichkeit
+ist anders, und oft ist es gut, daß es statt Licht und Schimmer ein
+Dunkel gibt.«
+
+Effi schien antworten zu wollen, aber in diesem Augenblick kam Wilke
+und brachte Briefe. Der eine war aus Kessin von Innstetten. »Ach, von
+Geert«, sagte Effi, und während sie den Brief beiseite steckte, fuhr
+sie in ruhigem Ton fort:
+
+»Aber das wirst du doch gestatten, daß ich den Flügel schräg in die
+Stube stelle. Daran liegt mir mehr als an einem Kamin, den mir Geert
+versprochen hat. Und das Bild von dir, das stell ich dann auf eine
+Staffelei; ganz ohne dich kann ich nicht sein. Ach, wie werd ich mich
+nach euch sehnen, vielleicht auf der Reise schon und dann in Kessin
+ganz gewiß. Es soll ja keine Garnison haben, nicht einmal einen
+Stabsarzt, und ein Glück, daß es wenigstens ein Badeort ist. Vetter
+Briest, und daran will ich mich aufrichten, dessen Mutter und
+Schwester immer nach Warnemünde gehen - nun, ich sehe doch wirklich
+nicht ein, warum der die lieben Verwandten nicht auch einmal nach
+Kessin hin dirigieren sollte. Dirigieren, das klingt ohnehin so
+nach Generalstab, worauf er, glaub ich, ambiert. Und dann kommt er
+natürlich mit und wohnt bei uns. Übrigens haben die Kessiner, wie mir
+neulich erst wer erzählt hat, ein ziemlich großes Dampfschiff, das
+zweimal die Woche nach Schweden hinüberfährt. Und auf dem Schiff ist
+dann Ball (sie haben da natürlich auch Musik), und er tanzt sehr
+gut ...«
+
+»Wer?«
+
+»Nun, Dagobert.«
+
+»Ich dachte, du meintest Innstetten. Aber jedenfalls ist es an der
+Zeit, endlich zu wissen, was er schreibt ... Du hast ja den Brief noch
+in der Tasche.«
+
+»Richtig. Den hätt ich fast vergessen.« Und sie öffnete den Brief und
+überflog ihn.
+
+»Nun, Effi, kein Wort? Du strahlst nicht und lachst nicht einmal,
+und er schreibt doch immer so heiter und unterhaltlich und gar nicht
+väterlich weise.«
+
+»Das würde ich mir auch verbitten. Er hat sein Alter, und ich habe
+meine Jugend. Und ich würde ihm mit den Fingern drohen und ihm sagen:
+'Geert, überlege, was besser ist.'« »Und dann würde er dir antworten:
+'Was du hast, Effi, das ist das Bessere.' Denn er ist nicht nur ein
+Mann der feinsten Formen, er ist auch gerecht und verständig und weiß
+recht gut, was Jugend bedeutet. Er sagt sich das immer und stimmt sich
+auf das Jugendliche hin, und wenn er in der Ehe so bleibt, so werdet
+ihr eine Musterehe führen.«
+
+»Ja, das glaube ich auch, Mama. Aber kannst du dir vorstellen, und ich
+schäme mich fast, es zu sagen, ich bin nicht so sehr für das, was man
+eine Musterehe nennt.«
+
+»Das sieht dir ähnlich. Und nun sage mir, wofür bist du denn
+eigentlich?«
+
+»Ich bin... nun, ich bin für gleich und gleich und natürlich auch für
+Zärtlichkeit und Liebe. Und wenn es Zärtlichkeit und Liebe nicht sein
+können, weil Liebe, wie Papa sagt, doch nur ein Papperlapapp ist
+(was ich aber nicht glaube), nun, dann bin ich für Reichtum und ein
+vornehmes Haus, ein ganz vornehmes, wo Prinz Friedrich Karl zur Jagd
+kommt, auf Elchwild oder Auerhahn, oder wo der alte Kaiser vorfährt
+und für jede Dame, auch für die jungen, ein gnädiges Wort hat. Und
+wenn wir dann in Berlin sind, dann bin ich für Hofball und Galaoper,
+immer dicht neben der großen Mittelloge.«
+
+»Sagst du das so bloß aus Übermut und Laune?«
+
+»Nein, Mama, das ist mein völliger Ernst. Liebe kommt zuerst, aber
+gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung
+- ja, Zerstreuung, immer was Neues, immer was, daß ich lachen oder
+weinen muß. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile.«
+
+»Wie bist du da nur mit uns fertig geworden?«
+
+»Ach, Mama, wie du nur so was sagen kannst. Freilich, wenn im Winter
+die liebe Verwandtschaft vorgefahren kommt und sechs Stunden bleibt
+oder wohl auch noch länger, und Tante Gundel und Tante Olga mich
+mustern und mich naseweis finden - und Tante Gundel hat es mir auch
+mal gesagt -, ja, da macht sich's mitunter nicht sehr hübsch, das
+muß ich zugeben. Aber sonst bin ich hier immer glücklich gewesen, so
+glücklich.«
+
+Und während sie das sagte, warf sie sich heftig weinend vor der Mama
+auf die Knie und küßte ihre beiden Hände.
+
+»Steh auf, Effi. Das sind so Stimmungen, die über einen kommen,
+wenn man so jung ist wie du und vor der Hochzeit steht und vor dem
+Ungewissen. Aber nun lies mir den Brief vor, wenn er nicht was ganz
+Besonderes enthält oder vielleicht Geheimnisse.«
+
+»Geheimnisse«, lachte Effi und sprang in plötzlich veränderter
+Stimmung wieder auf. »Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf,
+aber das meiste könnte ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da,
+wo immer die landrätlichen Verordnungen stehen. Nun, Geert ist ja auch
+Landrat.«
+
+»Lies, lies.«
+
+»Liebe Effi! ... So fängt es nämlich immer an, und manchmal nennt er
+mich auch seine 'kleine Eva'.«
+
+»Lies, lies ... Du sollst ja lesen.«
+
+»Also: Liebe Effi! Je näher wir unsrem Hochzeitstage kommen, je
+sparsamer werden Deine Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer
+zuerst nach Deiner Handschrift, aber wie Du weißt (und ich hab es ja
+auch nicht anders gewollt), in der Regel vergeblich. Im Hause sind
+jetzt die Handwerker, die die Zimmer, freilich nur wenige, für Dein
+Kommen herrichten sollen. Das Beste wird wohl erst geschehen, wenn wir
+auf der Reise sind. Tapezierer Madelung, der alles liefert, ist ein
+Original, von dem ich Dir mit nächstem erzähle, vor allem aber, wie
+glücklich ich bin über Dich, über meine süße kleine Effi. Mir brennt
+hier der Boden unter den Füßen, und dabei wird es in unserer guten
+Stadt immer stiller und einsamer. Der letzte Badegast ist gestern
+abgereist; er badete zuletzt bei neun Grad, und die Badewärter waren
+immer froh, wenn er wieder heil heraus war. Denn sie fürchteten einen
+Schlaganfall, was dann das Bad in Mißkredit bringt, als ob die Wellen
+hier schlimmer wären als woanders. Ich juble, wenn ich denke, daß ich
+in vier Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus nach dem Lido fahre
+oder nach Murano hin, wo sie Glasperlen machen und schönen Schmuck.
+Und der schönste sei für Dich. Viele Grüße den Eltern und den
+zärtlichsten Kuß Dir von Deinem Geert.« Effi faltete den Brief wieder
+zusammen, um ihn in das Kuvert zu stecken.
+
+»Das ist ein sehr hübscher Brief«, sagte Frau von Briest, »und daß er
+in allem das richtige Maß hält, das ist ein Vorzug mehr.«
+
+»Ja, das rechte Maß, das hält er.«
+
+»Meine liebe Effi, laß mich eine Frage tun; wünschtest du, daß der
+Brief nicht das richtige Maß hielte, wünschtest du, daß er zärtlicher
+wäre, vielleicht überschwenglich zärtlich?« »Nein, nein, Mama. Wahr
+und wahrhaftig nicht, das wünsche ich nicht. Da ist es doch besser
+so.«
+
+»Da ist es doch besser so. Wie das nun wieder klingt. Du bist so
+sonderbar. Und daß du vorhin weintest. Hast du was auf deinem Herzen?
+Noch ist es Zeit. Liebst du Geert nicht?« »Warum soll ich ihn nicht
+lieben? Ich liebe Hulda, und ich liebe Bertha, und ich liebe Hertha.
+Und ich liebe auch den alten Niemeyer. Und daß ich euch liebe, davon
+spreche ich gar nicht erst. Ich liebe alle, die's gut mit mir meinen
+und gütig gegen mich sind und mich verwöhnen. Und Geert wird mich auch
+wohl verwöhnen. Natürlich auf seine Art. Er will mir ja schon Schmuck
+schenken in Venedig. Er hat keine Ahnung davon, daß ich mir nichts aus
+Schmuck mache. Ich klettere lieber, und ich schaukle mich lieber, und
+am liebsten immer in der Furcht, daß es irgendwo reißen oder brechen
+und ich niederstürzen könnte. Den Kopf wird es ja nicht gleich
+kosten.«
+
+»Und liebst du vielleicht auch deinen Vetter Briest?« »Ja, sehr. Der
+erheitert mich immer.«
+
+»Und hättest du Vetter Briest heiraten mögen?«
+
+»Heiraten? Um Gottes willen nicht. Er ist ja noch ein halber Junge.
+Geert ist ein Mann, ein schöner Mann, ein Mann, mit dem ich Staat
+machen kann und aus dem was wird in der Welt. Wo denkst du hin, Mama.«
+
+»Nun, das ist recht, Effi, das freut mich. Aber du hast noch was auf
+der Seele.«
+
+»Vielleicht.«
+
+»Nun, sprich.«
+
+»Sieh, Mama, daß er älter ist als ich, das schadet nichts, das ist
+vielleicht recht gut: Er ist ja doch nicht alt und ist gesund und
+frisch und so soldatisch und so schneidig. Und ich könnte beinah
+sagen, ich wäre ganz und gar für ihn, wenn er nur ... ja, wenn er nur
+ein bißchen anders wäre.«
+
+»Wie denn, Effi?«
+
+»Ja, wie. Nun, du darfst mich nicht auslachen. Es ist etwas, was ich
+erst ganz vor kurzem aufgehorcht habe, drüben im Pastorhause. Wir
+sprachen da von Innstetten, und mit einem Male zog der alte Niemeyer
+seine Stirn in Falten, aber in Respekts- und Bewunderungsfalten, und
+sagte: 'Ja, der Baron! Das ist ein Mann von Charakter, ein Mann von
+Prinzipien.'«
+
+»Das ist er auch, Effi.«
+
+»Gewiß. Und ich glaube, Niemeyer sagte nachher sogar, er sei auch ein
+Mann von Grundsätzen. Und das ist, glaub ich, noch etwas mehr. Ach,
+und ich... ich habe keine. Sieh, Mama, da liegt etwas, was mich quält
+und ängstigt. Er ist so lieb und gut gegen mich und so nachsichtig,
+aber ... ich fürchte mich vor ihm.«
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Die Hohen-Cremmer Festtage lagen zurück; alles war abgereist, auch das
+junge Paar, noch am Abend des Hochzeitstages.
+
+Der Polterabend hatte jeden zufriedengestellt, besonders die
+Mitspielenden, und Hulda war dabei das Entzücken aller jungen
+Offiziere gewesen, sowohl der Rathenower Husaren wie der etwas
+kritischer gestimmten Kameraden vom Alexanderregiment. Ja, alles war
+gut und glatt verlaufen, fast über Erwarten. Nur Bertha und Hertha
+hatten so heftig geschluchzt, daß Jahnkes plattdeutsche Verse so gut
+wie verlorengegangen waren. Aber auch das hatte wenig geschadet.
+Einige feine Kenner waren sogar der Meinung gewesen, das sei das
+Wahre; Steckenbleiben und Schluchzen und Unverständlichkeit - in
+diesem Zeichen (und nun gar, wenn es so hübsche rotblonde Krausköpfe
+wären) werde immer am entschiedensten gesiegt. Eines ganz besonderen
+Triumphes hatte sich Vetter Briest in seiner selbstgedichteten Rolle
+rühmen dürfen. Er war als Demuthscher Kommis erschienen, der in
+Erfahrung gebracht, die junge Braut habe vor, gleich nach der Hochzeit
+nach Italien zu reisen, weshalb er einen Reisekoffer abliefern wolle.
+Dieser Koffer entpuppte sich natürlich als eine Riesenbonbonniere von
+Hövel. Bis um drei Uhr war getanzt worden, bei welcher Gelegenheit der
+sich mehr und mehr in eine höchste Champagnerstimmung hineinredende
+alte Briest allerlei Bemerkungen über den an manchen Höfen
+immer noch üblichen Fackeltanz und die merkwürdige Sitte des
+Strumpfbandaustanzens gemacht hatte, Bemerkungen, die nicht
+abschließen wollten und, sich immer mehr steigernd, am Ende so weit
+gingen, daß ihnen durchaus ein Riegel vorgeschoben werden mußte. »Nimm
+dich zusammen, Briest«, war ihm in ziemlich ernstem Ton von seiner
+Frau zugeflüstert worden; »du stehst hier nicht, um Zweideutigkeiten
+zu sagen, sondern um die Honneurs des Hauses zu machen. Wir haben eben
+eine Hochzeit und nicht eine Jagdpartie.« Worauf Briest geantwortet,
+er sähe darin keinen so großen Unterschied; übrigens sei er glücklich.
+Auch der Hochzeitstag selbst war gut verlaufen. Niemeyer hatte
+vorzüglich gesprochen, und einer der alten Berliner Herren, der halb
+und halb zur Hofgesellschaft gehörte, hatte sich auf dem Rückweg von
+der Kirche zum Hochzeitshaus dahin geäußert, es sei doch merkwürdig,
+wie reich gesät in einem Staate wie der unsrige die Talente seien.
+»Ich sehe darin einen Triumph unserer Schulen und vielleicht mehr noch
+unserer Philosophie. Wenn ich bedenke, daß dieser Niemeyer, ein alter
+Dorfpastor, der anfangs aussah wie ein Hospitalit ... ja, Freund,
+sagen Sie selbst, hat er nicht gesprochen wie ein Hofprediger? Dieser
+Takt und diese Kunst der Antithese, ganz wie Kögel, und an Gefühl ihm
+noch über. Kögel ist zu kalt. Freilich, ein Mann in seiner Stellung
+muß kalt sein. Woran scheitert man denn im Leben überhaupt? Immer nur
+an der Wärme.« Der noch unverheiratete, aber wohl eben deshalb zum
+vierten Male in einem »Verhältnis« stehende Würdenträger, an den sich
+diese Worte gerichtet hatten, stimmte selbstverständlich zu. »Nur zu
+wahr, lieber Freund«, sagte er. »Zuviel Wärme! ... ganz vorzüglich ...
+Übrigens muß ich Ihnen nachher eine Geschichte erzählen.«
+
+Der Tag nach der Hochzeit war ein heller Oktobertag. Die Morgensonne
+blinkte; trotzdem war es schon herbstlich frisch, und Briest, der eben
+gemeinschaftlich mit seiner Frau das Frühstück genommen, erhob sich
+von seinem Platz und stellte sich, beide Hände auf dem Rücken, gegen
+das mehr und mehr verglimmende Kaminfeuer. Frau von Briest, eine
+Handarbeit in Händen, rückte gleichfalls näher an den Kamin und sagte
+zu Wilke, der gerade eintrat, um den Frühstückstisch abzuräumen: »Und
+nun, Wilke, wenn Sie drin im Saal, aber das geht vor, alles in Ordnung
+haben, dann sorgen Sie, daß die Torten nach drüben kommen, die
+Nußtorte zu Pastors und die Schüssel mit kleinen Kuchen zu Jahnkes.
+Und nehmen Sie sich mit den Gläsern in acht. Ich meine die
+dünngeschliffenen.«
+
+Briest war schon bei der dritten Zigarette, sah sehr wohl aus und
+erklärte, nichts bekomme einem so gut wie eine Hochzeit, natürlich die
+eigene ausgenommen.
+
+»Ich weiß nicht, Briest, wie du zu solcher Bemerkung kommst. Mir war
+ganz neu, daß du darunter gelitten haben willst. Ich wüßte auch nicht
+warum.«
+
+»Luise, du bist eine Spielverderberin. Aber ich nehme nichts übel,
+auch nicht einmal so was. Im übrigen, was wollen wir von uns sprechen,
+die wir nicht einmal eine Hochzeitsreise gemacht haben. Dein Vater war
+dagegen. Aber Effi macht nun eine Hochzeitsreise. Beneidenswert. Mit
+dem Zehnuhrzug ab. Sie müssen jetzt schon bei Regensburg sein, und
+ich nehme an, daß er ihr - selbstverständlich ohne auszusteigen -
+die Hauptkunstschätze der Walhalla herzählt. Innstetten ist ein
+vorzüglicher Kerl, aber er hat so was von einem Kunstfex, und Effi,
+Gott, unsere arme Effi, ist ein Naturkind. Ich fürchte, daß er sie mit
+seinem Kunstenthusiasmus etwas quälen wird.«
+
+»Jeder quält seine Frau. Und Kunstenthusiasmus ist noch lange nicht
+das Schlimmste.«
+
+»Nein, gewiß nicht; jedenfalls wollen wir darüber nicht streiten; es
+ist ein weites Feld. Und dann sind auch die Menschen so verschieden.
+Du, nun ja, du hättest dazu getaugt. Überhaupt hättest du besser zu
+Innstetten gepaßt als Effi. Schade, nun ist es zu spät.«
+
+»Überaus galant, abgesehen davon, daß es nicht paßt. Unter allen
+Umständen aber, was gewesen ist, ist gewesen. Jetzt ist er
+mein Schwiegersohn, und es kann zu nichts führen, immer auf
+Jugendlichkeiten zurückzuweisen.«
+
+»Ich habe dich nur in eine animierte Stimmung bringen wollen.«
+
+»Sehr gütig. Übrigens nicht nötig. Ich bin in animierter Stimmung.«
+
+»Und auch in guter?«
+
+»Ich kann es fast sagen. Aber du darfst sie nicht verderben. Nun, was
+hast du noch? Ich sehe, daß du was auf dem Herzen hast.«
+
+»Gefiel dir Effi? Gefiel dir die ganze Geschichte? Sie war so
+sonderbar, halb wie ein Kind, und dann wieder sehr selbstbewußt und
+durchaus nicht so bescheiden, wie sie's solchem Manne gegenüber sein
+müßte. Das kann doch nur so zusammenhängen, daß sie noch nicht recht
+weiß, was sie an ihm hat. Oder ist es einfach, daß sie ihn nicht recht
+liebt? Das wäre schlimm. Denn bei all seinen Vorzügen, er ist nicht
+der Mann, sich diese Liebe mit leichter Manier zu gewinnen.«
+
+Frau von Briest schwieg und zählte die Stiche auf dem Kanevas.
+
+Endlich sagte sie: »Was du da sagst, Briest, ist das Gescheiteste,
+was ich seit drei Tagen von dir gehört habe, deine Rede bei Tisch mit
+eingerechnet. Ich habe auch so meine Bedenken gehabt. Aber ich glaube,
+wir können uns beruhigen.«
+
+»Hat sie dir ihr Herz ausgeschüttet?«
+
+»So möcht ich es nicht nennen. Sie hat wohl das Bedürfnis zu
+sprechen, aber sie hat nicht das Bedürfnis, sich so recht von Herzen
+auszusprechen, und macht vieles in sich selber ab; sie ist mitteilsam
+und verschlossen zugleich, beinah versteckt; überhaupt ein ganz
+eigenes Gemisch.«
+
+»Ich bin ganz deiner Meinung. Aber wenn sie dir nichts gesagt hat,
+woher weißt du's?«
+
+»Ich sagte nur, sie habe mir nicht ihr Herz ausgeschüttet. Solche
+Generalbeichte, so alles von der Seele herunter, das liegt nicht in
+ihr. Es fuhr alles bloß ruckweise und plötzlich aus ihr heraus, und
+dann war es wieder vorüber. Aber gerade weil es so ungewollt und wie
+von ungefähr aus ihrer Seele kam, deshalb war es mir so wichtig.«
+
+»Und wann war es denn und bei welcher Gelegenheit?«
+
+»Es werden jetzt gerade drei Wochen sein, und wir saßen im Garten, mit
+allerhand Ausstattungsdingen, großen und kleinen, beschäftigt, als
+Wilke einen Brief von Innstetten brachte. Sie steckte ihn zu sich,
+und ich mußte sie eine Viertelstunde später erst erinnern, daß sie ja
+einen Brief habe. Dann las sie ihn, aber verzog kaum eine Miene. Ich
+bekenne dir, daß mir bang ums Herz dabei wurde, so bang, daß ich gern
+eine Gewißheit haben wollte, so viel, wie man in diesen Dingen haben
+kann.«
+
+»Sehr wahr, sehr wahr.« »Was meinst du damit?«
+
+»Nun, ich meine nur ... Aber das ist ja ganz gleich. Sprich nur
+weiter; ich bin ganz Ohr.«
+
+»Ich fragte also rundheraus, wie's stünde, und weil ich bei ihrem
+eigenen Charakter einen feierlichen Ton vermeiden und alles so leicht
+wie möglich, ja beinah scherzhaft nehmen wollte, so warf ich die Frage
+hin, ob sie vielleicht den Vetter Briest, der ihr in Berlin sehr
+stark den Hof gemacht hatte, ob sie den vielleicht lieber heiraten
+würde ...«
+
+»Und?«
+
+»Da hättest du sie sehen sollen. Ihre nächste Antwort war ein
+schnippisches Lachen. Der Vetter sei doch eigentlich nur ein großer
+Kadett in Leutnantsuniform. Und einen Kadetten könne sie nicht einmal
+lieben, geschweige heiraten. Und dann sprach sie von Innstetten, der
+ihr mit einem Male der Träger aller männlichen Tugenden war.«
+
+»Und wie erklärst du dir das?«
+
+»Ganz einfach. So geweckt und temperamentvoll und beinahe
+leidenschaftlich sie ist, oder vielleicht auch, weil sie es ist, sie
+gehört nicht zu denen, die so recht eigentlich auf Liebe gestellt
+sind, wenigstens nicht auf das, was den Namen ehrlich verdient.
+Sie redet zwar davon, sogar mit Nachdruck und einem gewissen
+Überzeugungston, aber doch nur, weil sie irgendwo gelesen hat, Liebe
+sei nun mal das Höchste, das Schönste, das Herrlichste. Vielleicht
+hat sie's auch bloß von der sentimentalen Person, der Hulda, gehört
+und spricht es ihr nach. Aber sie empfindet nicht viel dabei. Wohl
+möglich, daß es alles mal kommt, Gott verhüte es, aber noch ist es
+nicht da.«
+
+»Und was ist da? Was hat sie?«
+
+»Sie hat nach meinem und auch nach ihrem eigenen Zeugnis zweierlei:
+Vergnügungssucht und Ehrgeiz.
+
+»Nun, das kann passieren. Da bin ich beruhigt.«
+
+»Ich nicht. Innstetten ist ein Karrieremacher - von Streber will
+ich nicht sprechen, das ist er auch nicht, dazu ist er zu wirklich
+vornehm -, also Karrieremacher, und das wird Effis Ehrgeiz
+befriedigen.«
+
+»Nun also. Das ist doch gut.«
+
+»Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Hälfte. Ihr Ehrgeiz wird
+befriedigt werden, aber ob auch ihr Hang nach Spiel und Abenteuer?
+Ich bezweifle. Für die stündliche kleine Zerstreuung und Anregung,
+für alles, was die Langeweile bekämpft, diese Todfeindin einer
+geistreichen kleinen Person, dafür wird Innstetten sehr schlecht
+sorgen. Er wird sie nicht in einer geistigen Ode lassen, dazu ist er
+zu klug und zu weltmännisch, aber er wird sie auch nicht sonderlich
+amüsieren. Und was das Schlimmste ist, er wird sich nicht einmal recht
+mit der Frage beschäftigen, wie das wohl anzufangen sei. Das wird eine
+Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt wird sie's
+merken, und dann wird es sie beleidigen. Und dann weiß ich nicht, was
+geschieht. Denn so weich und nachgiebig sie ist, sie hat auch was
+Rabiates und läßt es auf alles ankommen.«
+
+In diesem Augenblick trat Wilke vom Saal her ein und meldete, daß er
+alles nachgezählt und alles vollzählig gefunden habe; nur von den
+feinen Weingläsern sei eins zerbrochen, aber schon gestern, als das
+Hoch ausgebracht wurde - Fräulein Hulda habe mit Leutnant Nienkerken
+zu scharf angestoßen.
+
+»Versteht sich, von alter Zeit her immer im Schlaf, und unterm
+Holunderbaum ist es natürlich nicht besser geworden. Eine alberne
+Person, und ich begreife Nienkerken nicht.« »Ich begreife ihn
+vollkommen.«
+
+»Er kann sie doch nicht heiraten.« »Nein.«
+
+»Also zu was?«
+
+»Ein weites Feld, Luise.«
+
+Dies war am Tage nach der Hochzeit. Drei Tage später kam eine kleine
+gekritzelte Karte aus München, die Namen alle nur mit zwei Buchstaben
+angedeutet. »Liebe Mama! Heute vormittag die Pinakothek besucht. Geert
+wollte auch noch nach dem andern hinüber, das ich hier nicht nenne,
+weil ich wegen der Rechtschreibung in Zweifel bin, und fragen mag ich
+ihn nicht. Er ist übrigens engelsgut gegen mich und erklärt mir alles.
+Überhaupt alles sehr schön, aber anstrengend. In Italien wird es wohl
+nachlassen und besser werden. Wir wohnen in den 'Vier Jahreszeiten',
+was Geert veranlaßte, mir zu sagen, draußen sei Herbst, aber er habe
+in mir den Frühling. Ich finde es sehr sinnig. Er ist überhaupt sehr
+aufmerksam. Freilich, ich muß es auch sein, namentlich wenn er was
+sagt oder erklärt. Er weiß übrigens alles so gut, daß er nicht einmal
+nachzuschlagen braucht. Mit Entzücken spricht er von Euch, namentlich
+von Mama. Hulda findet er etwas zierig; aber der alte Niemeyer hat es
+ihm ganz angetan. Tausend Grüße von Eurer ganz berauschten, aber auch
+etwas müden Effi.«
+
+Solche Karten trafen nun täglich ein, aus Innsbruck, aus Verona, aus
+Vicenza, aus Padua, eine jede fing an: »Wir haben heute vormittag die
+hiesige berühmte Galerie besucht«, oder wenn es nicht die Galerie war,
+so war es eine Arena oder irgendeine Kirche »Santa Maria« mit einem
+Zunamen. Aus Padua kam, zugleich mit der Karte, noch ein wirklicher
+Brief. »Gestern waren wir in Vicenza. Vicenza muß man sehen wegen des
+Palladio; Geert sagte mir, daß in ihm alles Moderne wurzele. Natürlich
+nur in bezug auf Baukunst. Hier in Padua (wo wir heute früh ankamen)
+sprach er im Hotelwagen etliche Male vor sich hin: 'Er liegt in Padua
+begraben', und war überrascht, als er von mir vernahm, daß ich diese
+Worte noch nie gehört hätte. Schließlich aber sagte er, es sei
+eigentlich ganz gut und ein Vorzug, daß ich nichts davon wüßte. Er ist
+überhaupt sehr gerecht. Und vor allem ist er engelsgut gegen mich und
+gar nicht überheblich und auch gar nicht alt. Ich habe noch immer das
+Ziehen in den Füßen, und das Nachschlagen und das lange Stehen vor den
+Bildern strengt mich an. Aber es muß ja sein. Ich freue mich sehr auf
+Venedig. Da bleiben wir fünf Tage, ja vielleicht eine ganze Woche.
+Geert hat mir schon von den Tauben auf dem Markusplatz vorgeschwärmt,
+und daß man sich da Tüten mit Erbsen kauft und dann die schönen Tiere
+damit füttert. Es soll Bilder geben, die das darstellen, schöne blonde
+Mädchen, 'ein Typus wie Hulda', sagte er. Wobei mir denn auch die
+Jahnkeschen Mädchen einfallen. Ach, ich gäbe was drum, wenn ich mit
+ihnen auf unserem Hof auf einer Wagendeichsel sitzen und unsere Tauben
+füttern könnte. Die Pfauentaube mit dem starken Kropf dürft ihr aber
+nicht schlachten, die will ich noch wiedersehen. Ach, es ist so schön
+hier. Es soll auch das Schönste sein. Eure glückliche, aber etwas müde
+Effi.«
+
+Frau von Briest, als sie den Brief vorgelesen hatte, sagte:
+
+»Das arme Kind. Sie hat Sehnsucht.«
+
+»Ja«, sagte Briest, »sie hat Sehnsucht. Diese verwünschte
+Reiserei ...«
+
+»Warum sagst du das jetzt? Du hättest es ja hindern können. Aber das
+ist so deine Art, hinterher den Weisen zu spielen. Wenn das Kind in
+den Brunnen gefallen ist, decken die Ratsherren den Brunnen zu.«
+
+»Ach, Luise, komme mir doch nicht mit solchen Geschichten. Effi ist
+unser Kind, aber seit dem 3. Oktober ist sie Baronin Innstetten. Und
+wenn ihr Mann, unser Herr Schwiegersohn, eine Hochzeitsreise machen
+und bei der Gelegenheit jede Galerie neu katalogisieren will, so
+kann ich ihn daran nicht hindern. Das ist eben das, was man sich
+verheiraten nennt.«
+
+»Also jetzt gibst du das zu. Mir gegenüber hast du's immer bestritten,
+immer bestritten, daß die Frau in einer Zwangslage sei.«
+
+»Ja, Luise, das hab ich. Aber wozu das jetzt. Das ist wirklich ein zu
+weites Feld.«
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Mitte November - sie waren bis Capri und Sorrent gekommen - lief
+Innstettens Urlaub ab, und es entsprach seinem Charakter und seinen
+Gewohnheiten, genau Zeit und Stunde zu halten.
+
+Am 14. früh traf er denn auch mit dem Kurierzug in Berlin ein, wo
+Vetter Briest ihn und die Cousine begrüßte und vorschlug, die zwei
+bis zum Abgang des Stettiner Zuges noch zur Verfügung bleibenden
+Stunden zum Besuch des St.-Privat-Panoramas zu benutzen und diesem
+Panoramabesuch ein kleines Gabelfrühstück folgen zu lassen. Beides
+wurde dankbar akzeptiert. Um Mittag war man wieder auf dem Bahnhof und
+nahm hier, nachdem, wie herkömmlich, die glücklicherweise nie ernst
+gemeinte Aufforderung, »doch auch mal herüberzukommen«, ebenso von
+Effi wie von Innstetten ausgesprochen worden war, unter herzlichem
+Händeschütteln Abschied voneinander. Noch als der Zug sich schon in
+Bewegung setzte, grüßte Effi vom Coupé aus. Dann machte sie sich's
+bequem und schloß die Augen; nur von Zeit zu Zeit richtete sie sich
+wieder auf und reichte Innstetten die Hand.
+
+Es war eine angenehme Fahrt, und pünktlich erreichte der Zug den
+Bahnhof Klein-Tantow, von dem aus eine Chaussee nach dem noch zwei
+Meilen entfernten Kessin hinüberführte. Bei Sommerzeit, namentlich
+während der Bademonate, benutzte man statt der Chaussee lieber den
+Wasserweg und fuhr auf einem alten Raddampfer das Flüßchen Kessine,
+dem Kessin selbst seinen Namen verdankte, hinunter; am 1. Oktober aber
+stellte der »Phönix«, von dem seit langem vergeblich gewünscht wurde,
+daß er in einer passagierfreien Stunde sich seines Namens entsinnen
+und verbrennen möge, regelmäßig seine Fahrten ein, weshalb denn
+auch Innstetten bereits von Stettin aus an seinen Kutscher Kruse
+telegrafiert hatte: »Fünf Uhr Bahnhof Klein-Tantow. Bei gutem Wetter
+offener Wagen.«
+
+Und nun war gutes Wetter, und Kruse hielt in offenem Gefährt am
+Bahnhof und begrüßte die Ankommenden mit dem vorschriftsmäßigen
+Anstand eines herrschaftlichen Kutschers. »Nun, Kruse, alles in
+Ordnung?«
+
+»Zu Befehl, Herr Landrat.«
+
+»Dann, Effi, bitte, steig ein.« Und während Effi dem nachkam und einer
+von den Bahnhofsleuten einen kleinen Handkoffer vorn beim Kutscher
+unterbrachte, gab Innstetten Weisung, den Rest des Gepäcks mit dem
+Omnibus nachzuschicken. Gleich danach nahm auch er seinen Platz, bat,
+sich Populär machend, einen der Umstehenden um Feuer und rief Kruse
+zu: »Nun vorwärts, Kruse.« Und über die Schienenweg, die vielgleisig
+an der Übergangsstelle lagen, ging es in Schräglinie den Bahndamm
+hinunter und gleich danach an einem schon an der Chaussee gelegenen
+Gasthaus vorüber, das den Namen »Zum Fürsten Bismarck« führte. Denn an
+ebendieser Stelle gabelte der Weg und zweigte, wie rechts nach Kessin,
+so links nach Varzin hin ab. Vor dem Gasthof stand ein mittelgroßer,
+breitschultriger Mann in Pelz und Pelzmütze, welch letztere er, als
+der Herr Landrat vorüberfuhr, mit vieler Würde vom Haupte nahm. »Wer
+war denn das?« sagte Effi, die durch alles, was sie sah, aufs höchste
+interessiert und schon deshalb bei bester Laune war. »Er sah ja aus
+wie ein Starost, wobei ich freilich bekennen muß, nie einen Starosten
+gesehen zu haben.«
+
+»Was auch nicht schadet, Effi Du hast es trotzdem sehr gut getroffen.
+Er sieht wirklich aus wie ein Starost und ist auch so was. Er ist
+nämlich ein halber Pole, heißt Golchowski, und wenn wir hier Wahl
+haben oder eine Jagd, dann ist er obenauf. Eigentlich ein ganz
+unsicherer Passagier, dem ich nicht über den Weg traue und der wohl
+viel auf dem Gewissen hat. Er spielt sich aber auf den Loyalen hin
+aus, und wenn die Varziner Herrschaften hier vorüberkommen, möchte er
+sich am liebsten vor den Wagen werfen. Ich weiß, daß er dem Fürsten
+auch widerlich ist. Aber was hilft's? Wir dürfen es nicht mit ihm
+verderben, weil wir ihn brauchen. Er hat hier die ganze Gegend in der
+Tasche und versteht die Wahlmache wie kein anderer, gilt auch für
+wohlhabend. Dabei leiht er auf Wucher, was sonst die Polen nicht tun;
+in der Regel das Gegenteil.«
+
+»Er sah aber gut aus.«
+
+»Ja, gut aussehen tut er. Gut aussehen tun die meisten hier. Ein
+hübscher Schlag Menschen. Aber das ist auch das Beste, was man von
+ihnen sagen kann. Eure märkischen Leute sehen unscheinbarer aus und
+verdrießlicher, und in ihrer Haltung sind sie weniger respektvoll,
+eigentlich gar nicht, aber ihr Ja ist Ja und Nein ist Nein, und man
+kann sich auf sie verlassen. Hier ist alles unsicher.«
+
+»Warum sagst du mir das? Ich muß nun doch hier mit ihnen leben.«
+
+»Du nicht, du wirst nicht viel von ihnen hören und sehen. Denn Stadt
+und Land sind hier sehr verschieden, und du wirst nur unsere Städter
+kennenlernen, unsere guten Kessiner.«
+
+»Unsere guten Kessiner. Ist es Spott, oder sind wie wirklich so gut?«
+
+»Daß sie wirklich gut sind, will ich nicht gerade behaupten, aber sie
+sind doch anders als die andern; ja, sie haben gar keine Ähnlichkeit
+mit der Landbevölkerung hier.«
+
+»Und wie kommt das?«
+
+»Weil es eben ganz andere Menschen sind, ihrer Abstammung nach und
+ihren Beziehungen nach. Was du hier landeinwärts findest, das sind
+sogenannte Kaschuben, von denen du vielleicht gehört hast, slawische
+Leute, die hier schon tausend Jahre sitzen und wahrscheinlich noch
+viel länger. Alles aber, was hier an der Küste hin in den kleinen See-
+und Handelsstädten wohnt, das sind von weither Eingewanderte, die sich
+um das kaschubische Hinterland wenig kümmern, weil sie wenig davon
+haben und auf etwas ganz anderes angewiesen sind. Worauf sie
+angewiesen sind, das sind die Gegenden, mit denen sie Handel treiben,
+und da sie das mit aller Welt tun und mit aller Welt in Verbindung
+stehen, so findest du zwischen ihnen auch Menschen aus aller Welt
+Ecken und Enden. Auch in unserem guten Kessin, trotzdem es eigentlich
+nur ein Nest ist.«
+
+Aber das ist ja entzückend, Geert. Du sprichst immer von Nest, und nun
+finde ich, wenn du nicht übertrieben hast, eine ganz neue Welt hier.
+Allerlei Exotisches. Nicht wahr, so was Ähnliches meintest du doch?«
+Er nickte.
+
+»Eine ganz neue Welt, sag ich, vielleicht einen Neger oder einen
+Türken oder vielleicht sogar einen Chinesen.«
+
+»Auch einen Chinesen. Wie gut du raten kannst. Es ist möglich, daß wir
+wirklich noch einen haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt;
+jetzt ist er tot und auf einem kleinen eingegitterten Stück Erde
+begraben, dicht neben dem Kirchhof. Wenn du nicht furchtsam bist,
+will ich dir bei Gelegenheit mal sein Grab zeigen; es liegt zwischen
+den Dünen, bloß Strandhafer drumrum und dann und wann ein paar
+Immortellen, und immer hört man das Meer. Es ist sehr schön und sehr
+schauerlich.«
+
+»Ja, schauerlich, und ich möchte wohl mehr davon wissen. Aber doch
+lieber nicht, ich habe dann immer gleich Visionen und Träume und
+möchte doch nicht, wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe,
+gleich einen Chinesen an mein Bett treten sehen.«
+
+»Das wird er auch nicht.«
+
+»Das wird er auch nicht. Hör, das klingt ja sonderbar, als ob es doch
+möglich wäre. Du willst mir Kessin interessant machen, aber du gehst
+darin ein bißchen weit. Und solche fremde Leute habt ihr viele in
+Kessin?«
+
+»Sehr viele. Die ganze Stadt besteht aus solchen Fremden, aus
+Menschen, deren Eltern oder Großeltern noch ganz woanders saßen.«
+
+»Höchst merkwürdig. Bitte, sag mir mehr davon. Aber nicht wieder was
+Gruseliges. Ein Chinese, find ich, hat immer was Gruseliges.«
+
+»Ja, das hat er«, lachte Geert. »Aber der Rest ist, Gott sei Dank, von
+ganz anderer Art, lauter manierliche Leute, vielleicht ein bißchen zu
+sehr Kaufmann, ein bißchen zu sehr auf ihren Vorteil bedacht und mit
+Wechseln von zweifelhaftem Wert immer bei der Hand. Ja, man muß sich
+vorsehen mit ihnen. Aber sonst ganz gemütlich. Und damit du siehst,
+daß ich dir nichts vorgemacht habe, will ich dir nur so eine kleine
+Probe geben, so eine Art Register oder Personenverzeichnis.«
+
+»Ja, Geert, das tu.«
+
+»Da haben wir beispielsweise keine fünfzig Schritt von uns, und
+unsere Gärten stoßen sogar zusammen, den Maschinen- und Baggermeister
+Macpherson, einen richtigen Schotten und Hochländer.«
+
+»Und trägt sich auch noch so?«
+
+»Nein, Gott sei Dank nicht, denn es ist ein verhutzeltes Männchen, auf
+das weder sein Clan noch Walter Scott besonders stolz sein würden. Und
+dann haben wir in demselben Haus, wo dieser Macpherson wohnt, auch
+noch einen alten Wundarzt, Beza mit Namen, eigentlich bloß Barbier;
+der stammt aus Lissabon, gerade daher, wo auch der berühmte General de
+Meza herstammt - Meza, Beza, du hörst die Landesverwandtschaft heraus.
+Und dann haben wir flußaufwärts am Bollwerk - das ist nämlich der Kai,
+wo die Schiffe liegen - einen Goldschmied namens Stedingk, der aus
+einer alten schwedischen Familie stammt; ja, ich glaube, es gibt sogar
+Reichsgrafen, die so heißen, und des weiteren, und damit will ich dann
+vorläufig abschließen, haben wir den guten alten Doktor Hannemann, der
+natürlich ein Däne ist und lange in Island war und sogar ein kleines
+Buch geschrieben hat über den letzten Ausbruch des Hekla oder Krabla.«
+
+»Das ist ja aber großartig, Geert. Das ist ja wie sechs Romane, damit
+kann man ja gar nicht fertig werden. Es klingt erst spießbürgerlich
+und ist doch hinterher ganz apart. Und dann müßt ihr ja doch auch
+Menschen haben, schon weil es eine Seestadt ist, die nicht bloß
+Chirurgen oder Barbiere sind oder sonst dergleichen. Ihr müßt doch
+auch Kapitäne haben, irgendeinen fliegenden Holländer oder ...«
+
+»Da hast du ganz recht. Wir haben sogar einen Kapitän, der war
+Seeräuber unter den Schwarzflaggen.«
+
+»Kenn ich nicht. Was sind Schwarzflaggen?«
+
+»Das sind Leute weit dahinten in Tonkin und an der Südsee ... Seit er
+aber wieder unter Menschen ist, hat er auch wieder die besten Formen
+und ist ganz unterhaltlich.«
+
+»Ich würde mich aber doch vor ihm fürchten.«
+
+»Was du nicht nötig hast, zu keiner Zeit, und auch dann nicht, wenn
+ich über Land bin oder zum Tee beim Fürsten, denn zu allem andern, was
+wir haben, haben wir ja Gott sei Dank auch Rollo ...«
+
+»Rollo?«
+
+»Ja, Rollo. Du denkst dabei, vorausgesetzt, daß du bei Niemeyer oder
+Jahnke von dergleichen gehört hast, an den Normannenherzog, und
+unserer hat auch so was. Es ist aber bloß ein Neufundländer, ein
+wunderschönes Tier, das mich liebt und dich auch lieben wird. Denn
+Rollo ist ein Kenner. Und solange du den um dich hast, so lange bist
+du sicher und kann nichts an dich heran, kein Lebendiger und kein
+Toter. Aber sieh mal den Mond da drüben. Ist es nicht schön?«
+
+Effi, die, still in sich versunken, jedes Wort halb ängstlich, halb
+begierig eingesogen hatte, richtete sich jetzt auf und sah nach rechts
+hinüber, wo der Mond, unter weißem, aber rasch hinschwindendem Gewölk,
+eben aufgegangen war. Kupferfarben stand die große Scheibe hinter
+einem Erlengehölz und warf ihr Licht auf eine breite Wasserfläche, die
+die Kessine hier bildete. Oder vielleicht war es auch schon ein Haff,
+an dem das Meer draußen seinen Anteil hatte.
+
+Effi war wie benommen. »Ja, du hast recht, Geert, wie schön; aber es
+hat zugleich so was Unheimliches. In Italien habe ich nie solchen
+Eindruck gehabt, auch nicht, als wir von Mestre nach Venedig
+hinüberfuhren. Da war auch Wasser und Sumpf und Mondschein, und ich
+dachte, die Brücke würde brechen; aber es war nicht so gespenstig.
+Woran liegt es nur? Ist es doch das Nördliche?«
+
+Innstetten lachte. »Wir sind hier fünfzehn Meilen nördlicher als in
+Hohen-Cremmen, und eh der erste Eisbär kommt, mußt du noch eine Weile
+warten. Ich glaube, du bist nervös von der langen Reise und dazu das
+St.-Privat-Panorama und die Geschichte von dem Chinesen.«
+
+»Du hast mir ja gar keine erzählt.«
+
+»Nein, ich hab ihn nur eben genannt. Aber ein Chinese ist schon an und
+für sich eine Geschichte ...«
+
+»Ja«, lachte sie.
+
+»Und jedenfalls hast du's bald überstanden. Siehst du da vor dir das
+kleine Haus mit dem Licht? Es ist eine Schmiede. Da biegt der Weg. Und
+wenn wir die Biegung gemacht haben, dann siehst du schon den Turm von
+Kessin oder richtiger beide...«
+
+»Hat es denn zwei?«
+
+»Ja, Kessin nimmt sich auf. Es hat jetzt auch eine katholische
+Kirche.«
+
+Eine halbe Stunde später hielt der Wagen an der ganz am
+entgegengesetzten Ende der Stadt gelegenen landrätlichen Wohnung,
+einem einfachen, etwas altmodischen Fachwerkhaus, das mit seiner Front
+auf die nach den Seebädern hinausführende Hauptstraße, mit seinem
+Giebel aber auf ein zwischen der Stadt und den Dünen liegendes
+Wäldchen, das die »Plantage« hieß, herniederblickte.
+
+Dies altmodische Fachwerkhaus war übrigens nur Innstettens
+Privatwohnung, nicht das eigentliche Landratsamt, welches letztere,
+schräg gegenüber, an der anderen Seite der Straße lag.
+
+Kruse hatte nicht nötig, durch einen dreimaligen Peitschenknips die
+Ankunft zu vermelden; längst hatte man von Tür und Fenstern aus nach
+den Herrschaften ausgeschaut, und ehe noch der Wagen heran war, waren
+bereits alle Hausinsassen auf dem die ganze Breite des Bürgersteigs
+einnehmenden Schwellstein versammelt, vorauf Rollo, der im selben
+Augenblick, wo der Wagen hielt, diesen zu umkreisen begann. Innstetten
+war zunächst seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich und
+ging dann, dieser den Arm reichend, unter freundlichem Gruß an der
+Dienerschaft vorüber, die nun dem jungen Paar in den mit prächtigen
+alten Wandschränken umstandenen Hausflur folgte. Das Hausmädchen, eine
+hübsche, nicht mehr ganz jugendliche Person, die ihre stattliche Fülle
+fast ebenso gut kleidete wie das zierliche Mützchen auf dem blonden
+Haar, war der gnädigen Frau beim Ablegen von Muff und Mantel
+behilflich und bückte sich eben, um ihr auch die mit Pelz gefütterten
+Gummistiefel auszuziehen. Aber ehe sie noch dazu kommen konnte, sagte
+Innstetten: »Es wird das beste sein, ich stelle dir gleich hier unsere
+gesamte Hausgenossenschaft vor, mit Ausnahme der Frau Kruse, die sich
+- ich vermute sie wieder bei ihrem unvermeidlichen schwarzen Huhn -
+nicht gerne sehen läßt.« Alles lächelte. »Aber lassen wir Frau Kruse
+... Dies hier ist mein alter Friedrich, der schon mit mir auf der
+Universität war ... Nicht wahr, Friedrich, gute Zeiten damals ... Und
+dies hier ist Johanna, märkische Landsmännin von dir, wenn du, was
+aus Pasewalker Gegend stammt, noch für voll gelten lassen willst, und
+dies ist Christel, der wir mittags und abends unser leibliches Wohl
+anvertrauen und die zu kochen versteht, das kann ich dir versichern.
+Und dies hier ist Rollo. Nun, Rollo, wie geht's?«
+
+Rollo schien nur auf diese spezielle Ansprache gewartet zu haben,
+denn im selben Augenblick, wo er seinen Namen hörte, gab er einen
+Freudenblaff, richtete sich auf und legte die Pfoten auf seines Herrn
+Schulter.
+
+»Schon gut, Rollo, schon gut. Aber sieh da, das ist die Frau; ich hab
+ihr von dir erzählt und ihr gesagt, daß du ein schönes Tier seist
+und sie schützen würdest.« Und nun ließ Rollo ab und setzte sich vor
+Innstetten nieder, zugleich neugierig zu der jungen Frau aufblickend.
+Und als diese ihm die Hand hinhielt, umschmeichelte er sie.
+
+Effi hatte während dieser Vorstellungsszene Zeit gefunden, sich
+umzuschauen. Sie war wie gebannt von allem, was sie sah, und dabei
+geblendet von der Fülle von Licht. In der vorderen Flurhälfte brannten
+vier, fünf Wandleuchter, die Leuchten selbst sehr primitiv, von bloßem
+Weißblech, was aber den Glanz und die Helle nur noch steigerte. Zwei
+mit roten Schleiern bedeckte Astrallampen, Hochzeitsgeschenk von
+Niemeyer, standen auf einem zwischen zwei Eichenschränken angebrachten
+Klapptisch, in Front davon das Teezeug, dessen Lämpchen unter dem
+Kessel schon angezündet war. Aber noch viel, viel anderes und zum
+Teil sehr Sonderbares kam zu dem allen hinzu. Quer über den Flur fort
+liefen drei die Flurdecke in ebenso viele Felder teilende Balken; an
+dem vordersten hing ein Schiff mit vollen Segeln, hohem Hinterdeck
+und Kanonenluken, während weiterhin ein riesiger Fisch in der Luft
+zu schwimmen schien. Effi nahm ihren Schirm, den sie noch in Händen
+hielt, und stieß leis an das Ungetüm an, so daß es sich in eine
+langsam schaukelnde Bewegung setzte.
+
+»Was ist das, Geert?« fragte sie.
+
+»Das ist ein Haifisch.«
+
+»Und ganz dahinten das, was aussieht wie eine große Zigarre vor einem
+Tabaksladen?«
+
+»Das ist ein junges Krokodil. Aber das kannst du dir alles morgen viel
+besser und genauer ansehen; jetzt komm und laß uns eine Tasse Tee
+nehmen. Denn trotz aller Plaids und Decken wirst du gefroren haben. Es
+war zuletzt empfindlich kalt.«
+
+Er bot nun Effi den Arm, und während sich die beiden Mädchen
+zurückzogen und nur Friedrich und Rollo folgten, trat man, nach links
+hin, in des Hausherrn Wohn- und Arbeitszimmer ein. Effi war hier
+ähnlich überrascht wie draußen im Flur; aber ehe sie sich darüber
+äußern konnte, schlug Innstetten eine Portiere zurück, hinter der ein
+zweites, etwas größeres Zimmer, mit Blick auf Hof und Garten, gelegen
+war. »Das, Effi, ist nun also dein. Friedrich und Johanna haben es, so
+gut es ging, nach meinen Anordnungen herrichten müssen. Ich finde es
+ganz erträglich und würde mich freuen, wenn es dir auch gefiele.«
+
+Sie nahm ihren Arm aus dem seinigen und hob sich auf die Fußspitzen,
+um ihm einen herzlichen Kuß zu geben.
+
+»Ich armes kleines Ding, wie du mich verwöhnst. Dieser Flügel und
+dieser Teppich, ich glaube gar, es ist ein türkischer, und das Bassin
+mit den Fischchen und dazu der Blumentisch. Verwöhnung, wohin ich
+sehe.«
+
+»Ja, meine liebe Effi, das mußt du dir nun schon gefallen lassen,
+dafür ist man jung und hübsch und liebenswürdig, was die Kessiner
+wohl auch schon erfahren haben werden, Gott weiß woher. Denn an dem
+Blumentisch wenigstens bin ich unschuldig. Friedrich, wo kommt der
+Blumentisch her?« »Apotheker Gieshübler ... Es liegt auch eine Karte
+bei.« »Ah, Gieshübler, Alonzo Gieshübler«, sagte Innstetten und
+reichte lachend und in beinahe ausgelassener Laune die Karte mit dem
+etwas fremdartig klingenden Vornamen zu Effi hinüber. »Gieshübler, von
+dem hab ich dir zu erzählen vergessen - beiläufig, er führt auch den
+Doktortitel, hat's aber nicht gern, wenn man ihn dabei nennt, das
+ärgere, so meint er, die richtigen Doktoren bloß, und darin wird er
+wohl recht haben. Nun, ich denke, du wirst ihn kennenlernen, und zwar
+bald; er ist unsere beste Nummer hier, Schöngeist und Original und vor
+allem Seele von Mensch, was doch immer die Hauptsache bleibt. Aber
+lassen wir das alles und setzen uns und nehmen unsern Tee. Wo soll es
+sein? Hier bei dir oder drin bei mir? Denn eine weitere Wahl gibt es
+nicht. Eng und klein ist meine Hütte.«
+
+Sie setzte sich ohne Besinnen auf ein kleines Ecksofa. »Heute bleiben
+wir hier, heute bist du bei mir zu Gast. Oder lieber so: den Tee
+regelmäßig bei mir, das Frühstück bei dir; dann kommt jeder zu seinem
+Recht, und ich bin neugierig, wo mir's am besten gefallen wird.«
+
+»Das ist eine Morgen- und Abendfrage.«
+
+»Gewiß. Aber wie sie sich stellt, oder richtiger, wie wir uns dazu
+stellen, das ist es eben.«
+
+Und sie lachte und schmiegte sich an ihn und wollte ihm die Hand
+küssen.
+
+»Nein, Effi, um Himmels willen nicht, nicht so. Mir liegt nicht daran,
+die Respektsperson zu sein, das bin ich für die Kessiner. Für dich bin
+ich ...«
+
+»Nun was?«
+
+»Ach laß. Ich werde mich hüten, es zu sagen.«
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Es war schon heller Tag, als Effi am andern Morgen erwachte. Sie
+hatte Mühe, sich zurechtzufinden. Wo war sie? Richtig, in Kessin, im
+Hause des Landrats von Innstetten, und sie war seine Frau, Baronin
+Innstetten. Und sich aufrichtend, sah sie sich neugierig um; am Abend
+vorher war sie zu müde gewesen, um alles, was sie da halb fremdartig,
+halb altmodisch umgab, genauer in Augenschein zu nehmen. Zwei
+Säulen stützten den Deckenbalken, und grüne Vorhänge schlossen den
+alkovenartigen Schlafraum, in welchem die Betten standen, von dem
+Rest des Zimmers ab; nur in der Mitte fehlte der Vorhang oder war
+zurückgeschlagen, was ihr von ihrem Bett aus eine bequeme Orientierung
+gestattete. Da, zwischen den zwei Fenstern, stand der schmale, bis
+hoch hinaufreichende Trumeau, während rechts daneben, und schon an der
+Flurwand hin, der große schwarze Kachelofen aufragte, der noch (soviel
+hatte sie schon am Abend vorher bemerkt) nach alter Sitte von außen
+her geheizt wurde. Sie fühlte jetzt, wie seine Wärme herüberströmte.
+
+Wie schön es doch war, im eigenen Hause zu sein; soviel Behagen hatte
+sie während der ganzen Reise nicht empfunden, nicht einmal in Sorrent.
+
+Aber wo war Innstetten? Alles still um sie her, niemand da. Sie hörte
+nur den Ticktackschlag einer kleinen Pendüle und dann und wann einen
+dumpfen Ton im Ofen, woraus sie schloß, daß vom Flur her ein paar neue
+Scheite nachgeschoben würden. Allmählich entsann sie sich auch, daß
+Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte,
+nach der sie dann auch nicht lange mehr zu suchen brauchte; dicht
+neben ihrem Kissen war der kleine weiße Elfenbeinknopf, auf den sie
+nun leise drückte.
+
+Gleich danach erschien Johanna. »Gnädige Frau haben befohlen.«
+
+»Ach, Johanna, ich glaube, ich habe mich verschlafen. Es muß schon
+spät sein.«
+
+»Eben neun.«
+
+»Und der Herr ...«, es wollte ihr nicht glücken, so ohne ,weiteres von
+ihrem »Mann« zu sprechen ..., »der Herr, er muß sehr leise gemacht
+haben; ich habe nichts gehört.«
+
+»Das hat er gewiß. Und gnäd'ge Frau werden fest geschlafen haben. Nach
+der langen Reise ...«
+
+»Ja, das hab ich. Und der Herr, ist er immer so früh auf?« Immer,
+gnäd'ge Frau. Darin ist er streng; er kann das lange schlafen nicht
+leiden, und wenn er drüben in sein Zimmer tritt, da muß der Ofen warm
+sein, und der Kaffee darf auch nicht auf sich warten lassen.«
+
+»Da hat er also schon gefrühstückt?«
+
+»Oh, nicht doch, gnäd'ge Frau ... der gnäd'ge Herr...«
+
+Effi fühlte, daß sie die Frage nicht hätte tun und die Vermutung,
+Innstetten könne nicht auf sie gewartet haben, lieber nicht hätte
+aussprechen sollen. Es lag ihr denn auch daran, diesen ihren Fehler,
+so gut es ging, wieder auszugleichen, und als sie sich erhoben und vor
+dem Trumeau Platz genommen hatte, nahm sie das Gespräch wieder auf und
+sagte: »Der Herr hat übrigens ganz recht. Immer früh auf, das war auch
+Regel in meiner Eltern Haus. Wo die Leute den Morgen verschlafen, da
+gibt es den ganzen Tag keine Ordnung mehr. Aber der Herr wird es so
+streng mit mir nicht nehmen; eine ganze Weile hab ich diese Nacht
+nicht schlafen können und habe mich sogar ein wenig geängstigt.«
+
+»Was ich hören muß, gnäd'ge Frau! Was war es denn?«
+
+»Es war über mir ein ganz sonderbarer Ton, nicht laut, aber doch sehr
+eindringlich. Erst klang es, wie wenn lange Schleppenkleider über die
+Diele hinschleiften, und in meiner Erregung war es mir ein paarmal,
+als ob ich kleine weiße Atlasschuhe sähe. Es war, als tanze man oben,
+aber ganz leise.« Johanna, während das Gespräch so ging, sah über die
+Schulter der jungen Frau fort in den hohen, schmalen Spiegel hinein,
+um die Mienen Effis besser beobachten zu können. Dann sagte sie: »Ja,
+das ist oben im Saal. Früher hörten wir es in der Küche auch. Aber
+jetzt hören wir es nicht mehr; wir haben uns daran gewöhnt.«
+
+»Ist es denn etwas Besonderes damit?«
+
+»O Gott bewahre, nicht im geringsten. Eine Weile wußte man nicht
+recht, woher es käme, und der Herr Prediger machte ein verlegenes
+Gesicht, trotzdem Doktor Gieshübler immer nur darüber lachte. Nun aber
+wissen wir, daß es die Gardinen sind. Der Saal ist etwas multrig und
+stockig, und deshalb stehen immer die Fenster auf, wenn nicht gerade
+Sturm ist. Und da ist denn fast immer ein starker Zug oben und fegt
+die alten weißen Gardinen, die außerdem viel zu lang sind, über die
+Dielen hin und her. Das klingt dann so wie seidne Kleider oder auch
+wie Atlasschuhe, wie die gnäd'ge Frau eben bemerkte.«
+
+»Natürlich ist es das. Aber ich begreife nur nicht, warum dann die
+Gardinen nicht abgenommen werden. Oder man könnte sie ja kürzer
+machen. Es ist ein so sonderbares Geräusch, das einem auf die Nerven
+fällt. Und nun, Johanna, bitte, geben Sie mir noch das kleine
+Tuch, und tupfen Sie mir die Stirn. Oder nehmen Sie lieber den
+Rafraichisseur aus meiner Reisetasche ... Ach, das ist schön und
+erfrischt mich. Nun werde ich hinübergehen. Er ist doch noch da, oder
+war er schon aus?«
+
+»Der gnäd'ge Herr war schon aus, ich glaube, drüben auf dem Amt. Aber
+seit einer Viertelstunde ist er zurück. Ich werde Friedrich sagen, daß
+er das Frühstück bringt.«
+
+Und damit verließ Johanna das Zimmer, während Effi noch einen
+Blick in den Spiegel tat und dann über den Flur fort, der bei der
+Tagesbeleuchtung viel von seinem Zauber vom Abend vorher eingebüßt
+hatte, bei Geert eintrat.
+
+Dieser saß an seinem Schreibtisch, einem etwas schwerfälligen
+Zylinderbüro, das er aber, als Erbstück aus dem elterlichen Hause,
+nicht missen mochte.
+
+Effi stand hinter ihm und umarmte und küßte ihn, noch eh euch von
+seinem Platz erheben konnte.
+
+»Schon?«
+
+»Schon, sagst du. Natürlich um mich zu verspotten.«
+
+Innstetten schüttelte den Kopf. »Wie werd ich das?« Effi fand aber ein
+Gefallen daran, sich anzuklagen, und wollte von den Versicherungen
+ihres Mannes, daß sein »schon« ganz aufrichtig gemeint gewesen sei,
+nichts hören. »Du mußt von der Reise her wissen, daß ich morgens
+nie habe warten lassen. Im Laufe des Tages, nun ja, da ist es etwas
+anderes. Es ist wahr, ich bin nicht sehr pünktlich, aber ich bin keine
+Langschläferin. Darin, denk ich, haben mich die Eltern gut erzogen.«
+
+»Darin? In allem, meine süße Effi.«
+
+»Das sagst du so, weil wir noch in den Flitterwochen sind ... aber
+nein, wir sind ja schon heraus. Um Himmels willen, Geert, daran habe
+ich noch gar nicht gedacht, wir sind ja schon über sechs Wochen
+verheiratet, sechs Wochen und einen Tag. Ja, das ist etwas anderes,
+da nehme ich es nicht mehr als Schmeichelei, da nehme ich es als
+Wahrheit.«
+
+In diesem Augenblick trat Friedrich ein und brachte den Kaffee. Der
+Frühstückstisch stand in Schräglinie vor einem Meinen, rechtwinkligen
+Sofa, das gerade die eine Ecke des Wohnzimmers ausfüllte. Hier setzten
+sich beide. »Der Kaffee ist ja vorzüglich«, sagte Effi, während sie
+zugleich das Zimmer und seine Einrichtung musterte. »Das ist noch
+Hotelkaffee oder wie der bei Bottegone ... erinnerst du dich noch, in
+Florenz, mit dem Blick auf den Dom. Davor muß ich der Mama schreiben,
+solchen Kaffee haben wir in Hohen-Cremmen nicht. Überhaupt, Geert, ich
+sehe nun erst, wie vornehm ich mich verheiratet habe. Bei uns konnte
+alles nur so gerade passieren.«
+
+»Torheit, Effi. Ich habe nie eine bessere Hausführung gesehen als bei
+euch.«
+
+»Und dann, wie du wohnst. Als Papa sich den neuen Gewehrschrank
+angeschafft und über seinem Schreibtisch einen Büffelkopf und dicht
+darunter den alten Wrangel angebracht hatte (er war nämlich mal
+Adjutant bei dem Alten), da dacht er wunder was er getan; aber wenn
+ich mich hier umsehe, daneben ist unsere ganze Hohen-Cremmener
+Herrlichkeit ja bloß dürftig und alltäglich. Ich weiß gar nicht, womit
+ich das alles vergleichen soll; schon gestern abend, als ich nur so
+flüchtig darüber hinsah, kamen mir allerhand Gedanken.« »Und welche,
+wenn ich fragen darf?«
+
+»Ja, welche. Du darfst aber nicht drüber lachen. Ich habe mal ein
+Bilderbuch gehabt, wo ein persischer oder indischer Fürst (denn er
+trug einen Turban) mit untergeschlagenen Beinen auf einem roten
+Seidenkissen saß, und in seinem Rücken war außerdem noch eine große
+rote Seidenrolle, die links und rechts ganz bauschig zum Vorschein
+kam, und die Wand hinter dem indischen Fürsten starrte von Schwertern
+und Dolchen und Parderfellen und Schilden und langen türkischen
+Flinten. Und sieh, ganz so sieht es hier bei dir aus, und wenn du noch
+die Beine unterschlägst, ist die Ähnlichkeit vollkommen.«
+
+»Effi, du bist ein entzückendes, liebes Geschöpf. Du weißt gar nicht,
+wie sehr ich's finde und wie gern ich dir in jedem Augenblick zeigen
+möchte, daß ich's finde.«
+
+»Nun, dazu ist ja noch vollauf Zeit; ich bin ja erst siebzehn und habe
+noch nicht vor zu sterben.«
+
+»Wenigstens nicht vor mir. Freilich, wenn ich dann stürbe, nähme ich
+dich am liebsten mit. Ich will dich keinem andern lassen; was meinst
+du dazu?«
+
+»Das muß ich mir doch noch überlegen. Oder lieber, lassen wir's
+überhaupt. Ich spreche nicht gern von Tod, ich bin für Leben. Und
+nun sage mir, wie leben wir hier? Du hast mir unterwegs allerlei
+Sonderbares von Stadt und Land erzählt, aber wie wir selber hier
+leben werden, davon kein Wort. Daß hier alles anders ist als in
+Hohen-Cremmen und Schwantikow, das seh ich wohl, aber wir müssen doch
+in dem 'guten Kessin', wie du's immer nennst, auch etwas wie Umgang
+und Gesellschaft haben können. Habt ihr denn Leute von Familie in der
+Stadt?«
+
+»Nein, meine liebe Effi; nach dieser Seite hin gehst du großen
+Enttäuschungen entgegen. In der Nähe haben wir ein paar Adlige, die du
+kennenlernen wirst, aber hier in der Stadt ist gar nichts.«
+
+»Gar nichts? Das kann ich nicht glauben. Ihr seid doch bis zu
+dreitausend Menschen, und unter dreitausend Menschen muß es doch außer
+so kleinen Leuten wie Barbier Beza (so hieß er ja wohl) doch auch noch
+eine Elite geben, Honoratioren oder dergleichen.«
+
+Innstetten lachte. »Ja, Honoratioren, die gibt es. Aber bei Licht
+besehen ist es nicht viel damit. Natürlich haben wir einen Prediger
+und einen Amtsrichter und einen Rektor und einen Lotsenkommandeur, und
+von solchen beamteten Leuten findet sich schließlich wohl ein ganzes
+Dutzend zusammen, aber die meisten davon: gute Menschen und schlechte
+Musikanten. Und was dann noch bleibt, das sind bloß Konsuln.«
+
+»Bloß Konsuln. Ich bitte dich, Geert, wie kannst du nur sagen 'bloß
+Konsuln'. Das ist doch etwas sehr Hohes und Großes, und ich möcht
+beinah sagen Furchtbares. Konsuln, das sind doch die mit dem
+Rutenbündel, draus, glaub ich, ein Beil heraussah.«
+
+»Nicht ganz, Effi. Die heißen Liktoren.«
+
+»Richtig, die heißen Liktoren. Aber Konsuln ist doch auch etwas sehr
+Vornehmes und Hochgesetzliches. Brutus war doch ein Konsul.«
+
+»Ja, Brutus war ein Konsul. Aber unsere sind ihm nicht sehr ähnlich
+und begnügen sich damit, mit Zucker und Kaffee zu handeln oder eine
+Kiste mit Apfelsinen aufzubrechen, und verkaufen dir dann das Stück
+pro zehn Pfennige.«
+
+»Nicht möglich.«
+
+»Sogar gewiß. Es sind kleine, pfiffige Kaufleute, die, wenn
+fremdländische Schiffe hier einlaufen und in irgendeiner
+Geschäftsfrage nicht recht aus noch ein wissen, dann mit ihrem Rat
+zur Hand sind, und wenn sie diesen Rat gegeben und irgendeinem
+holländischen oder portugiesischen Schiff einen Dienst geleistet
+haben, so werden sie zuletzt zu beglaubigten Vertretern solcher
+fremder Staaten, und gerade so viele Botschafter und Gesandte, wie wir
+in Berlin haben, so viele Konsuln haben wir auch in Kessin, und wenn
+irgendein Festtag ist, und es gibt hier viele Festtage, dann werden
+alle Wimpel gehißt, und haben wir gerade eine grelle Morgensonne, so
+siehst du an solchem Tag ganz Europa von unsern Dächern flaggen und
+das Sternenbanner und den chinesischen Drachen dazu.«
+
+»Du bist in einer spöttischen Laune, Geert, und magst auch wohl recht
+haben. Aber ich, für meine kleine Person, muß dir gestehen, daß ich
+dies alles entzückend finde und daß unsere havelländischen Städte
+daneben verschwinden. Wenn sie da Kaisers Geburtstag feiern, so
+flaggt es immer bloß schwarz und weiß und allenfalls ein bißchen rot
+dazwischen, aber das kann sich doch nicht vergleichen mit der Welt von
+Flaggen, von der du sprichst. Überhaupt, wie ich dir schon sagte, ich
+finde immer wieder und wieder, es hat alles so was Fremdländisches
+hier, und ich habe noch nichts gehört und gesehen, was mich nicht in
+eine gewisse Verwunderung gesetzt hätte, gleich gestern abend das
+merkwürdige Schiff draußen im Flur und dahinter der Haifisch und das
+Krokodil und hier dein eigenes Zimmer. Alles so orientalisch, und ich
+muß es wiederholen, alles wie bei einem indischen Fürsten ...«
+
+»Meinetwegen. Ich gratuliere, Fürstin ...«
+
+»Und dann oben der Saal mit seinen langen Gardinen, die über die Diele
+hinfegen.«
+
+»Aber was weißt du denn von dem Saal, Effi?«
+
+»Nichts, als was ich dir eben gesagt habe. Wohl eine Stunde lang, als
+ich in der Nacht aufwachte, war es mir, als ob ich Schuhe auf der Erde
+schleifen hörte und als würde getanzt und fast auch wie Musik. Aber
+alles ganz leise. Und das hab ich dann heute früh an Johanna erzählt,
+bloß um mich zu entschuldigen, daß ich hinterher so lange geschlafen.
+Und da sagte sie mir, das sei von den langen Gardinen oben im Saal.
+Ich denke, wir machen kurzen Prozeß damit und schneiden die Gardinen
+etwas ab oder schließen wenigstens die Fenster; es wird ohnehin bald
+stürmisch genug werden. Mitte November ist ja die Zeit.«
+
+Innstetten sah in einer kleinen Verlegenheit vor sich hin und schien
+schwankend, ob er auf all das antworten solle. Schließlich entschied
+er sich für Schweigen. »Du hast ganz recht, Effi, wir wollen die
+langen Gardinen oben kürzer machen. Aber es eilt nicht damit, um
+so weniger, als es nicht sicher ist, ob es hilft. Es kann auch was
+anderes sein, im Rauchfang oder der Wurm im Holz oder ein Iltis.
+Wir haben nämlich hier Iltisse. Jedenfalls aber, eh wir Änderungen
+vornehmen, mußt du dich in unserem Hauswesen erst umsehen, natürlich
+unter meiner Führung; in einer Viertelstunde zwingen wir's. Und dann
+machst du Toilette, nur ein ganz klein wenig, denn eigentlich bist du
+so am reizendsten - Toilette für unseren Freund Gieshübler; es ist
+jetzt zehn vorüber, und ich müßte mich sehr in ihm irren, wenn er
+nicht um elf oder doch spätestens um die Mittagsstunde hier antreten
+und dir seinen Respekt devotest zu Füßen legen sollte. Das ist nämlich
+die Sprache, drin er sich ergeht. Übrigens, wie ich dir schon sagte,
+ein kapitaler Mann, der dein Freund werden wird, wenn ich ihn und dich
+recht kenne.«
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Elf war es längst vorüber; aber Gieshübler hatte sich noch immer nicht
+sehen lassen. »Ich kann nicht länger warten«, hatte Geert gesagt, den
+der Dienst abrief. »Wenn Gieshübler noch erscheint, so sei möglichst
+entgegenkommend, dann wird es vorzüglich gehen; er darf nicht verlegen
+werden; ist er befangen, so kann er kein Wort finden oder sagt die
+sonderbarsten Dinge; weißt du ihn aber in Zutrauen und gute Laune zu
+bringen, dann redet er wie ein Buch. Nun, du wirst es schon machen.
+Erwarte mich nicht vor drei; es gibt drüben allerlei zu tun. Und das
+mit dem Saal oben wollen wir noch überlegen; es wird aber wohl am
+besten sein, wir lassen es beim alten.«
+
+Damit ging Innstetten und ließ seine junge Frau allein. Diese saß,
+etwas zurückgelehnt, in einem lauschigen Winkel am Fenster und stützte
+sich, während sie hinaussah, mit ihrem linken Arm auf ein kleines
+Seitenbrett, das aus dem Zylinderbüro herausgezogen war. Die Straße
+war die Hauptverkehrsstraße nach dem Strand hin, weshalb denn auch
+in Sommerzeit ein reges Leben hier herrschte, jetzt aber, um Mitte
+November, war alles leer und still, und nur ein paar arme Kinder,
+deren Eltern in etlichen ganz am äußersten Rand der »Plantage«
+gelegenen Strohdachhäusern wohnten, klappten in ihren Holzpantinen an
+dem Innstettenschen Hause vorüber. Effi empfand aber nichts von dieser
+Einsamkeit, denn ihre Phantasie war noch immer bei den wunderlichen
+Dingen, die sie, kurz vorher, während ihrer Umschau haltenden
+Musterung im Hause gesehen hatte. Diese Musterung hatte mit der Küche
+begonnen, deren Herd eine moderne Konstruktion aufwies, während an der
+Decke hin, und zwar bis in die Mädchenstube hinein, ein elektrischer
+Draht lief - beides vor kurzem erst hergerichtet. Effi war erfreut
+gewesen, als ihr Innstetten davon erzählt hatte, dann aber waren sie
+von der Küche wieder in den Flur zurück- und von diesem in den Hof
+hinausgetreten, der in seiner ersten Hälfte nicht viel mehr als ein
+zwischen zwei Seitenflügeln hinlaufender ziemlich schmaler Gang war.
+In diesen Flügeln war alles untergebracht, was sonst noch zu Haushalt
+und Wirtschaftsführung gehörte, rechts Mädchenstube, Bedientenstube,
+Rollkammer, links eine zwischen Pferdestall und Wagenremise gelegene,
+von der Familie Kruse bewohnte Kutscherwohnung. Über dieser, in einem
+Verschlag, waren die Hühner einlogiert, und eine Dachklappe über dem
+Pferdestall bildete den Aus- und Einschlupf für die Tauben. All dies
+hatte sich Effi mit vielem Interesse angesehen, aber dies Interesse
+sah sich doch weit überholt, als sie, nach ihrer Rückkehr vom Hof ins
+Vorderhaus, unter Innstettens Führung die nach oben führende Treppe
+hinaufgestiegen war. Diese war schief, baufällig, dunkel; der Flur
+dagegen, auf den sie mündete, wirkte beinah heiter, weil er viel Licht
+und einen guten landschaftlichen Ausblick hatte: nach der einen Seite
+hin, über die Dächer des Stadtrandes und die »Plantage« fort, auf eine
+hoch auf einer Düne stehende holländische Windmühle, nach der anderen
+Seite hin auf die Kessine, die hier, unmittelbar vor ihrer Einmündung,
+ziemlich breit war und einen stattlichen Eindruck machte. Diesem
+Eindruck konnte man sich unmöglich entziehen, und Effi hatte denn auch
+nicht gesäumt, ihrer Freude lebhaften Ausdruck zu geben. »Ja, sehr
+schön, sehr malerisch«, hatte Innstetten, ,ohne weiter darauf
+einzugehen, geantwortet und dann eine mit ihren Flügeln etwas schief
+hängende Doppeltür geöffnet, die nach rechts hin in den sogenannten
+Saal führte. Dieser lief durch die ganze Etage; Vorder- und
+Hinterfenster standen offen, und die mehr erwähnten langen Gardinen
+bewegten sich in dem starken Luftzug hin und her. In der Mitte der
+einen Längswand sprang ein Kamin vor mit einer großen Steinplatte,
+während an der Wand gegenüber ein paar blecherne Leuchter hingen,
+jeder mit zwei Lichtöffnungen, ganz so wie unten im Flur, aber alles
+stumpf und ungepflegt. Effi war einigermaßen enttäuscht, sprach es
+auch aus und erklärte, statt des öden und ärmlichen Saals doch lieber
+die Zimmer an der gegenübergelegenen Flurseite sehen zu wollen. »Da
+ist nun eigentlich vollends nichts«, hatte Innstetten geantwortet,
+aber doch die Türen geöffnet. Es befanden sich hier vier einfenstrige
+Zimmer, alle gelb getüncht, gerade wie der Saal und ebenfalls ganz
+leer. Nur in einem standen drei Binsenstühle, die durchgesessen waren,
+und an die Lehne des einen war ein kleines, nur einen halber Finger
+langes Bildchen geklebt, das einen Chinesen darstellte, blauer Rock
+mit gelben Pluderhosen und einen flachen Hut auf dem Kopf. Effi sah es
+und sagte: »Was soll der Chinese?« Innstetten selbst schien von dem
+Bildchen überrascht und versicherte, daß er es nicht wisse. »Das hat
+Christel angeklebt oder Johanna. Spielerei. Du kannst sehen, es ist
+aus einer Fibel herausgeschnitten.« Effi fand es auch und war nur
+verwundert, daß Innstetten alles so ernsthaft nahm, als ob es doch
+etwas sei. Dann hatte sie noch einmal einen Blick in den Saal getan
+und sich dabei dahin geäußert, wie es doch eigentlich schade sei, daß
+das alles leerstehe. »Wir haben unten ja nur drei Zimmer, und wenn uns
+wer besucht, so wissen wir nicht aus noch ein. Meinst du nicht, daß
+man aus dem Saal zwei hübsche Fremdenzimmer machen könnte? Das wäre so
+was für die Mama; nach hinten heraus könnte sie schlafen und hätte den
+Blick auf den Fluß und die beiden Molen, und vorn hätte sie die Stadt
+und die holländische Windmühle. In Hohen-Cremmen haben wir noch immer
+bloß eine Bockmühle. Nun sage, was meinst du dazu? Nächsten Mai wird
+doch die Mama wohl kommen.«
+
+Innstetten war mit allem einverstanden gewesen und hatte nur zum
+Schluß gesagt: »Alles ganz gut. Aber es ist doch am Ende besser, wir
+logieren die Mama drüben ein, auf dem Landratsamt; die ganze erste
+Etage steht da leer, geradeso wie hier, und sie ist da noch mehr für
+sich.«
+
+Das war so das Resultat des ersten Umgangs im Hause gewesen; dann
+hatte Effi drüben ihre Toilette gemacht, nicht ganz so schnell, wie
+Innstetten angenommen, und nun saß sie in ihres Gatten Zimmer und
+beschäftigte sich in ihren Gedanken abwechselnd mit dem kleinen
+Chinesen oben und mit Gieshübler, der noch immer nicht kam. Vor einer
+Viertelstunde war freilich ein kleiner, schiefschultriger und fast
+schon so gut wie verwachsener Herr in einem kurzen eleganten Pelzrock
+und einem hohen, sehr glatt gebürsteten Zylinder an der anderen Seite
+der Straße vorbeigegangen und hatte nach ihrem Fenster hinübergesehen.
+Aber das konnte Gieshübler wohl nicht gewesen sein! Nein, dieser
+schiefschultrige Herr, der zugleich etwas so Distinguiertes hatte, das
+mußte der Herr Gerichtspräsident gewesen sein, und sie entsann sich
+auch wirklich, in einer Gesellschaft bei Tante Therese mal einen
+solchen gesehen zu haben, bis ihr mit einem Male einfiel, daß Kessin
+bloß einen Amtsrichter habe.
+
+Während sie diesen Betrachtungen noch nachging, wurde der Gegenstand
+derselben, der augenscheinlich erst eine Morgen- oder vielleicht auch
+eine Ermutigungspromenade um die Plantage herum gemacht hatte, wieder
+sichtbar, und eine Minute später erschien Friedrich, um Apotheker
+Gieshübler anzumelden.
+
+»Ich lasse sehr bitten.«
+
+Der armen jungen Frau schlug das Herz, weil es das erste Mal war, daß
+sie sich als Hausfrau und noch dazu als erste Frau der Stadt zu zeigen
+hatte.
+
+Friedrich half Gieshübler den Pelzrock ablegen und öffnete dann wieder
+die Tür.
+
+Effi reichte dem verlegen Eintretenden die Hand, die dieser mit einem
+gewissen Ungestüm küßte. Die junge Frau schien sofort einen großen
+Eindruck auf ihn gemacht zu haben.
+
+»Mein Mann hat mir bereits gesagt ... Aber ich empfange Sie hier in
+meines Mannes Zimmer ... er ist drüben auf dem Amt und kann jeden
+Augenblick zurück sein ... Darf ich Sie bitten, bei mir eintreten zu
+wollen?«
+
+Gieshübler folgte der voranschreitenden Effi ins Nebenzimmer, wo diese
+auf einen der Fauteuils wies, während sie sich selbst ins Sofa setzte.
+»Daß ich Ihnen sagen könnte, welche Freude Sie mir gestern durch die
+schönen Blumen und Ihre Karte gemacht haben. Ich hörte sofort auf,
+mich hier als eine Fremde zu fühlen, und als ich dies Innstetten
+aussprach, sagte er mir, wir würden überhaupt gute Freunde sein.«
+
+»Sagte er so? Der gute Herr Landrat. Ja, der Herr Landrat und Sie,
+meine gnädigste Frau, da sind, das bitte ich sagen zu dürfen, zwei
+liebe Menschen zueinander gekommen. Denn wie Ihr Herr Gemahl ist, das
+weiß ich, und wie Sie sind, meine gnädigste Frau, das sehe ich.«
+
+»Wenn Sie nur nicht mit zu freundlichen Augen sehen. Ich bin so sehr
+jung. Und Jugend ...«
+
+»Ach, meine gnädigste Frau, sagen Sie nichts gegen die Jugend. Die
+Jugend, auch in ihren Fehlern ist sie noch schön und liebenswürdig,
+und das Alter, auch in seinen Tugenden taugt es nicht viel. Persönlich
+kann ich in dieser Frage freilich nicht mitsprechen, vom Alter wohl,
+aber von der Jugend nicht, denn ich bin eigentlich nie jung gewesen.
+Personen meines Schlages sind nie jung. Ich darf wohl sagen, das ist
+das traurigste von der Sache. Man hat keinen rechten Mut, man hat
+kein Vertrauen zu sich selbst, man wagt kaum, eine Dame zum Tanz
+aufzufordern, weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will, und so
+gehen die Jahre hin, und man wird alt, und das Leben war arm und
+leer.«
+
+Effi gab ihm die Hand. »Ach, Sie dürfen so was nicht sagen. Wir Frauen
+sind gar nicht so schlecht.«
+
+»O nein, gewiß nicht ...«
+
+»Und wenn ich mir so zurückrufe«, fuhr Effi fort, »was ich alles
+erlebt habe ... viel ist es nicht, denn ich bin wenig herausgekommen
+und habe fast immer auf dem Lande gelebt ... aber wenn ich es
+mir zurückrufe, so finde ich doch, daß wir immer das lieben, was
+liebenswert ist. Und dann sehe ich doch auch gleich, daß Sie anders
+sind als andere, dafür haben wir Frauen ein scharfes Auge. Vielleicht
+ist es auch der Name, der in Ihrem Falle mitwirkt. Das war immer eine
+Lieblingsbehauptung unseres alten Pastors Niemeyer; der Name, so
+liebte er zu sagen, besonders der Taufname, habe was geheimnisvoll
+Bestimmendes, und Alonzo Gieshübler, so mein ich, schließt eine ganz
+neue Welt vor einem auf, ja, fast möcht ich sagen dürfen, Alonzo ist
+ein romantischer Name, ein Preziosaname.«
+
+Gieshübler lächelte mit einem ganz ungemeinen Behagen und fand den
+Mut, seinen für seine Verhältnisse viel zu hohen Zylinder, den er
+bis dahin in der Hand gedreht hatte, beiseite zu stellen. »Ja, meine
+gnädigste Frau, da treffen Sie's.«
+
+»Oh, ich verstehe. Ich habe von den Konsuln gehört, deren Kessin so
+viele haben soll, und in dem Hause des spanischen Konsuls hat Ihr
+Herr Vater mutmaßlich die Tochter eines seemännischen Kapitanos
+kennengelernt, wie ich annehme, irgendeine schöne Andalusierin.
+Andalusierinnen sind immer schön.«
+
+»Ganz wie Sie vermuten, meine Gnädigste. Und meine Mutter war wirklich
+eine schöne Frau, so schlecht es mir persönlich zusteht, die
+Beweisführung zu übernehmen. Aber als Ihr Herr Gemahl vor drei Jahren
+hierherkam, lebte sie noch und hatte noch ganz die Feueraugen. Er wird
+es mir bestätigen. Ich persönlich bin mehr ins Gieshüblersche
+geschlagen, Leute von wenig Exterieur, aber sonst leidlich im Stande.
+Wir sitzen hier schon in der vierten Generation, volle hundert Jahre,
+und wenn es einen Apothekeradel gäbe...«
+
+»So würden Sie ihn beanspruchen dürfen. Und ich meinerseits nehme ihn
+für bewiesen an und sogar für bewiesen ohne jede Einschränkung. Uns
+aus den alten Familien wird das am leichtesten, weil wir, so
+wenigstens bin ich von meinem Vater und auch von meiner Mutter her
+erzogen, jede gute Gesinnung, sie komme, woher sie wolle, mit
+Freudigkeit gelten lassen. Ich bin eine geborene Briest und stamme von
+dem Briest ab, der am Tag vor der Fehrbelliner Schlacht den Überfall
+von Rathenow ausführte, wovon Sie vielleicht einmal gehört haben...«
+
+»O gewiß, meine Gnädigste, das ist ja meine Spezialität.«
+
+»Eine Briest also. Und mein Vater, da reichen keine hundert Male, daß
+er zu mir gesagt hat: Effi (so heiße ich nämlich), Effi hier sitzt es,
+bloß hier, und als Froben das Pferd tauschte, da war er von Adel, und
+als Luther sagte, 'hier stehe ich', da war er erst recht von Adel. Und
+ich denke, Herr Gieshübler, Innstetten hatte ganz recht, als er mir
+versicherte, wir wurden gute Freundschaft halten.«
+
+Gieshübler hätte nun am liebsten gleich eine Liebeserklärung gemacht
+und gebeten, daß er als Cid oder irgend sonst ein Campeador für sie
+kämpfen und sterben könne. Da dies alles aber nicht ging und sein Herz
+es nicht mehr aushalten konnte, so stand er auf, suchte nach seinem
+Hut, den er auch glücklicherweise gleich fand, und zog sich, nach
+wiederholtem Handkuß, rasch zurück, ohne weiter ein Wort gesagt zu
+haben.
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+So war Effis erster Tag in Kessin gewesen. Innstetten gab ihr noch
+eine halbe Woche Zeit, sich einzurichten und die verschiedensten
+Briefe nach Hohen-Cremmen zu schreiben, an die Mama, an Hulda und die
+Zwillinge; dann aber hatten die Stadtbesuche begonnen, die zum Teil
+(es regnete gerade so, daß man sich diese Ungewöhnlichkeit schon
+gestatten konnte) in einer geschlossenen Kutsche gemacht wurden. Als
+man damit fertig war, kam der Landadel an die Reihe. Das dauerte
+länger, da sich bei den meist großen Entfernungen an jedem Tag nur
+eine Visite machen ließ. Zuerst war man bei den Borckes in Rothenmoor,
+dann ging es nach Morgnitz, Dabergotz und Kroschentin, wo man bei
+den Ahlemanns, den Jatzkows und den Grasenabbs den pflichtschuldigen
+Besuch abstattete. Noch ein paar andere folgten, unter denen auch
+der alte Baron von Güldenklee auf Papenhagen war. Der Eindruck, den
+Effi empfing, war überall derselbe: mittelmäßige Menschen von meist
+zweifelhafter Liebenswürdigkeit, die, während sie vorgaben, über
+Bismarck und die Kronprinzessin zu sprechen, eigentlich nur Effis
+Toilette musterten, die von einigen als zu prätentiös für eine so
+jugendliche Dame, von andern als zuwenig dezent für eine Dame von
+gesellschaftlicher Stellung befunden wurde. Man merke doch an allem
+die Berliner Schule: Sinn für Äußerliches und eine merkwürdige
+Verlegenheit und Unsicherheit bei Berührung großer Fragen. In
+Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz
+und Dabergotz war sie für »rationalistisch angekränkelt«, bei den
+Grasenabbs in Kroschentin aber rundweg für eine »Atheistin« erklärt
+worden. Allerdings hatte die alte Frau von Grasenabb, eine Süddeutsche
+(geborene Stiefel von Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht,
+Effi wenigstens für den Deismus zu retten; Sidonie von Grasenabb
+aber, eine dreiundvierzigjährige alte Jungfer, war barsch
+dazwischengefahren: »Ich sage dir, Mutter, einfach Atheistin, kein
+Zollbreit weniger, und dabei bleibt es«, worauf die Alte, die sich vor
+ihrer eigenen Tochter fürchtete, klüglich geschwiegen hatte.
+
+Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen gedauert, und es war
+am 2. Dezember, als man zu schon später Stunde von dem letzten dieser
+Besuche nach Kessin zurückkehrte. Dieser letzte Besuch hatte den
+Güldenklees auf Papenhagen gegolten, bei welcher Gelegenheit
+Innstetten dem Schicksal nicht entgangen war, mit dem alten Güldenklee
+politisieren zu müssen. »Ja, teuerster Landrat, wenn ich so den
+Wechsel der Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter oder
+ungefähr so lange, ja, da war auch ein 2. Dezember, und der gute Louis
+und Napoleonsneffe - wenn er so was war und nicht eigentlich ganz
+woanders herstammte -, der kartätschte damals auf die Pariser
+Kanaille. Na, das mag ihm verziehen sein, für so was war er der rechte
+Mann, und ich halte zu dem Satz: 'Jeder hat es gerade so gut und so
+schlecht, wie er's verdient.' Aber daß er nachher alle Schätzung
+verlor und Anno siebzig so mir nichts, dir nichts auch mit uns
+anbinden wollte, sehen Sie, Baron, das war, ja wie sag ich, das war
+eine Insolenz. Es ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser Alter da
+oben läßt sich nicht spotten, der steht zu uns.«
+
+»Ja«, sagte Innstetten, der klug genug war, auf solche Philistereien
+anscheinend ernsthaft einzugehen, »der Held und Eroberer von
+Saarbrücken wußte nicht, was er tat. Aber Sie dürfen nicht zu streng
+mit ihm persönlich abrechnen. Wer ist am Ende Herr in seinem Hause?
+Niemand. Ich richte mich auch schon darauf ein, die Zügel der
+Regierung in andere Hände zu legen, und Louis Napoleon, nun, der war
+vollends ein Stück Wachs in den Händen seiner katholischen Frau, oder
+sagen wir lieber, seiner jesuitischen Frau.«
+
+»Wachs in den Händen seiner Frau, die ihm dann eine Nase drehte.
+Natürlich, Innstetten, das war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe
+doch nicht etwa retten? Er ist und bleibt gerichtet. An und für sich
+ist es übrigens noch gar nicht mal erwiesen«, und sein Blick suchte
+bei diesen Worten etwas ängstlich nach dem Auge seiner Ehehälfte, »ob
+nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein Vorzug gelten kann; nur
+freilich, die Frau muß danach sein. Aber wer war diese Frau? Sie war
+überhaupt keine Frau, im günstigsten Fall war sie eine Dame, das sagt
+alles; 'Dame' hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie -
+über deren Verhältnis zu dem jüdischen Bankier ich hier gern hingehe,
+denn ich hasse Tugendhochmut - hatte was vom Café chantant, und wenn
+die Stadt, in der sie lebte, das Babel war, so war sie das Weib von
+Babel. Ich mag mich nicht deutlicher ausdrücken, denn ich weiß«, und
+er verneigte sich gegen Effi, »was ich deutschen Frauen schuldig bin.
+Um Vergebung, meine Gnädigste, daß ich diese Dinge vor Ihren Ohren
+überhaupt berührt habe.« So war die Unterhaltung gegangen, nachdem man
+vorher von Wahl, Nobiling und Raps gesprochen hatte, und nun saßen
+Innstetten und Effi wieder daheim und plauderten noch eine halbe
+Stunde. Die beiden Mädchen im Hause waren schon zu Bett, denn es war
+nah an Mitternacht.
+
+Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab;
+Effi war noch in ihrer Gesellschaftstoilette; Fächer und Handschuhe
+lagen neben ihr. »Ja«, sagte Innstetten, während er sein
+Aufundabschreiten im Zimmer unterbrach, »diesen Tag müßten wir nun
+wohl eigentlich feiern, und ich weiß nur noch nicht, womit. Soll
+ich dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch draußen in
+Bewegung setzen oder dich im Triumph über den Flur tragen? Etwas muß
+doch geschehen, denn du mußt wissen, das war nun heute die letzte
+Visite.«
+
+»Gott sei Dank war sie's«, sagte Effi. »Aber das Gefühl, daß wir nun
+Ruhe haben, ist, denk ich, gerade Feier genug. Nur einen Kuß könntest
+du mir geben. Aber daran denkst du nicht. Auf dem ganzen weiten Weg
+nicht gerührt, frostig wie ein Schneemann. Und immer nur die Zigarre.«
+
+»Laß, ich werde mich schon bessern und will vorläufig nur wissen, wie
+stehst du zu dieser ganzen Umgangs- und Verkehrsfrage? Fühlst du dich
+zu dem einen oder andern hingezogen? Haben die Borckes die Grasenabbs
+geschlagen oder umgekehrt, oder hältst du's mit dem alten Güldenklee?
+Was er da über die Eugenie sagte, machte doch einen sehr edlen und
+reinen Eindruck.«
+
+»Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant! Ich lerne Sie von einer
+ganz neuen Seite kennen.«
+
+»Und wenn's unser Adel nicht tut«, fuhr Innstetten fort, ohne sich
+stören zu lassen, »wie stehst du zu den Kessiner Stadthonoratioren?
+Wie stehst du zur Ressource? Daran hängt doch am Ende Leben und
+Sterben. Ich habe dich da neulich mit unserem reserveleutnantlichen
+Amtsrichter sprechen sehen, einem zierlichen Männchen, mit dem sich
+vielleicht durchkommen ließe, wenn er nur endlich von der Vorstellung
+loskönnte, die Wiedereroberung von Le Bourget durch sein Erscheinen in
+der Flanke zustande gebracht zu haben. Und seine Frau! Sie gilt als
+die beste Bostonspielerin und hat auch die hübschesten Anlegemarken.
+Also nochmals, Effi, wie wird es werden in Kessin? Wirst du dich
+einleben? Wirst du populär werden und mir die Majorität sichern,
+wenn ich in den Reichstag will? Oder bist du für Einsiedlertum, für
+Abschluß von der Kessiner Menschheit, so Stadt wie Land?«
+
+»Ich werde mich wohl für Einsiedlertum entschließen, wenn mich die
+Mohrenapotheke nicht herausreißt. Bei Sidonie werd ich dadurch
+freilich noch etwas tiefer sinken, aber darauf muß ich es ankommen
+lassen; dieser Kampf muß eben gekämpft werden. Ich steh und falle mit
+Gieshübler. Es klingt etwas komisch, aber er ist wirklich der einzige,
+mit dem sich ein Wort reden läßt, der einzige richtige Mensch hier.«
+
+»Das ist er«, sagte Innstetten. »Wie gut du zu wählen verstehst.«
+
+»Hätte ich sonst dich?« sagte Effi und hängte sich an seinen Arm.
+
+Das war am 2. Dezember. Eine Woche später war Bismarck in Varzin, und
+nun wußte Innstetten, daß bis Weihnachten, und vielleicht noch darüber
+hinaus, an ruhige Tage für ihn gar nicht mehr zu denken sei. Der Fürst
+hatte noch von Versailles her eine Vorliebe für ihn und lud ihn,
+wenn Besuch da war, häufig zu Tisch, aber auch allein, denn der
+jugendliche, durch Haltung und Klugheit gleich ausgezeichnete Landrat
+stand ebenso in Gunst bei der Fürstin.
+
+Zum 14. erfolgte die erste Einladung. Es lag Schnee, weshalb
+Innstetten die fast zweistündige Fahrt bis an den Bahnhof, von wo noch
+eine Stunde Eisenbahn war, im Schlitten zu machen vorhatte. »Warte
+nicht auf mich, Effi. Vor Mitternacht kann ich nicht zurück sein;
+wahrscheinlich wird es zwei oder noch später. Ich störe dich aber
+nicht. Gehab dich wohl, und auf Wiedersehen morgen früh.« Und damit
+stieg er ein, und die beiden isabellfarbenen Graditzer jagten im Fluge
+durch die Stadt hin und dann landeinwärts auf den Bahnhof zu.
+
+Das war die erste lange Trennung, fast auf zwölf Stunden. Arme Effi.
+Wie sollte sie den Abend verbringen? Früh zu Bett, das war gefährlich,
+dann wachte sie auf und konnte nicht wieder einschlafen und horchte
+auf alles. Nein, erst recht müde werden und dann ein fester Schlaf,
+das war das beste. Sie schrieb einen Brief an die Mama und ging dann
+zu Frau Kruse, deren gemütskranker Zustand - sie hatte das schwarze
+Huhn oft bis in die Nacht hinein auf ihrem Schoß - ihr Teilnahme
+einflößte. Die Freundlichkeit indessen, die sich darin aussprach,
+wurde von der in ihrer überheizten Stube sitzenden und nur still und
+stumm vor sich hinbrütenden Frau keinen Augenblick erwidert, weshalb
+Effi, als sie wahrnahm, daß ihr Besuch mehr als Störung wie als Freude
+empfunden wurde, wieder ging und nur noch fragte, ob die Kranke etwas
+haben wolle. Diese lehnte aber alles ab.
+
+Inzwischen war es Abend geworden, und die Lampe brannte schon. Effi
+stellte sich ans Fenster ihres Zimmers und sah auf das Wäldchen
+hinaus, auf dessen Zweigen der glitzernde Schnee lag. Sie war von dem
+Bilde ganz in Anspruch genommen und kümmerte sich nicht um das, was
+hinter ihr in dem Zimmer vorging. Als sie sich wieder umsah, bemerkte
+sie, daß Friedrich still und geräuschlos ein Kuvert gelegt und ein
+Kabarett auf den Sofatisch gestellt hatte. »Ja so, Abendbrot ... Da
+werd ich mich nun wohl setzen müssen.« Aber es wollte nicht schmecken,
+und so stand sie wieder auf und las den an die Mama geschriebenen
+Brief noch einmal durch. Hatte sie schon vorher ein Gefühl der
+Einsamkeit gehabt, so jetzt doppelt. Was hätte sie darum gegeben, wenn
+die beiden Jahnkeschen Rotköpfe jetzt eingetreten wären oder selbst
+Hulda. Die war freilich immer so sentimental und beschäftigte sich
+meist nur mit ihren Triumphen; aber so zweifelhaft und anfechtbar
+diese Triumphe waren, sie hätte sich in diesem Augenblick doch gern
+davon erzählen lassen. Schließlich klappte sie den Flügel auf, um
+zu spielen; aber es ging nicht. »Nein, dabei werd ich vollends
+melancholisch; lieber lesen.« Und so suchte sie nach einem Buch. Das
+erste, was ihr zu Händen kam, war ein dickes rotes Reisehandbuch,
+alter Jahrgang, vielleicht schon aus Innstettens Leutnantstagen her.
+»Ja, darin will ich lesen; es gibt nichts Beruhigenderes als solche
+Bücher. Das Gefährliche sind bloß immer die Karten; aber vor diesem
+Augenpulver, das ich hasse, werd ich mich schon hüten.« Und so schlug
+sie denn auf gut Glück auf: Seite 153. Nebenan hörte sie das Ticktack
+der Uhr und draußen Rollo, der, seit es dunkel war, seinen Platz in
+der Remise aufgegeben und sich, wie jeden Abend, so auch heute wieder,
+auf die große geflochtene Matte, die vor dem Schlafzimmer lag,
+ausgestreckt hatte. Das Bewußtsein seiner Nähe minderte das Gefühl
+ihrer Verlassenheit, ja, sie kam fast in Stimmung, und so begann
+sie denn auch unverzüglich zu lesen. Auf der gerade vor ihr
+aufgeschlagenen Seite war von der »Eremitage«, dem bekannten
+markgräflichen Lustschloß in der Nähe von Bayreuth, die Rede; das
+lockte sie, Bayreuth, Richard Wagner, und so las sie denn: Unter den
+Bildern in der Eremitage nennen wir noch eins, das nicht durch seine
+Schönheit, wohl aber durch sein Alter und durch die Person, die
+es darstellt, ein Interesse beansprucht. Es ist dies ein stark
+nachgedunkeltes Frauenporträt, kleiner Kopf, mit herben, etwas
+unheimlichen Gesichtszügen und einer Halskrause, die den Kopf zu
+tragen scheint. Einige meinen, es sei eine alte Markgräfin aus dem
+Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, andere sind der Ansicht, es sei die
+Gräfin von Orlamünde; darin aber sind beide einig, daß es das Bildnis
+der Dame sei, die seither in der Geschichte der Hohenzollern unter dem
+Namen der »weißen Frau« eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.
+
+»Das hab ich gut getroffen«, sagte Effi, während sie das Buch beiseite
+schob; »ich will mir die Nerven beruhigen, und das erste, was ich
+lese, ist die Geschichte von der 'weißen Frau', vor der ich mich
+gefürchtet habe, solange ich denken kann. Aber da nun das Gruseln mal
+da ist, will ich doch auch zu Ende lesen.«
+
+Und sie schlug wieder auf und las weiter: ... Ebendies alte Porträt
+(dessen Original in der Hohenzollernschen Familiengeschichte solche
+Rolle spielt) spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte
+des Schlosses Eremitage, was wohl damit zusammenhängt, daß es an
+einer dem Fremden unsichtbaren Tapetentür hängt, hinter der sich eine
+vom Souterrain her hinaufführende Treppe befindet. Es heißt, daß,
+als Napoleon hier übernachtete, die »weiße Frau« aus dem Rahmen
+herausgetreten und auf sein Bett zugeschritten sei. Der Kaiser,
+entsetzt auffahrend, habe nach seinem Adjutanten gerufen und bis an
+sein Lebensende mit Entrüstung von diesem »maudit château« gesprochen.
+
+»Ich muß es aufgeben, mich durch Lektüre beruhigen zu wollen«,
+sagte Effi. »Lese ich weiter, so komm ich gewiß noch nach einem
+Kellergewölbe, wo der Teufel auf einem Weinfaß davongeritten ist.
+Es gibt, glaub ich, in Deutschland viel dergleichen, und in einem
+Reisehandbuch muß es sich natürlich alles zusammenfinden. Ich will
+also lieber wieder die Augen schließen und mir, so gut es geht, meinen
+Polterabend vorstellen: die Zwillinge, wie sie vor Tränen nicht
+weiterkonnten, und dazu den Vetter Briest, der, als sich alles
+verlegen anblickte, mit erstaunlicher Würde behauptete, solche Tränen
+öffneten einem das Paradies. Er war wirklich scharmant und immer so
+übermütig ... Und nun ich! Und gerade hier. Ach, ich tauge doch gar
+nicht für eine große Dame. Die Mama, ja, die hätte hierhergepaßt, die
+hätte, wie's einer Landrätin zukommt, den Ton angegeben, und Sidonie
+Grasenabb wäre ganz Huldigung gegen sie gewesen und hätte sich über
+ihren Glauben oder Unglauben nicht groß beunruhigt. Aber ich ... ich
+bin ein Kind und werd es auch wohl bleiben. Einmal hab ich gehört,
+das sei ein Glück. Aber ich weiß doch nicht, ob das wahr ist. Man muß
+doch immer dahin passen, wohin man nun mal gestellt ist.« In diesem
+Augenblick kam Friedrich, um den Tisch abzuräumen. »Wie spät ist es,
+Friedrich?«
+
+»Es geht auf neun, gnäd'ge Frau.«
+
+»Nun, das läßt sich hören. Schicken Sie mir Johanna.«
+
+»Gnäd'ge Frau haben befohlen.«
+
+»Ja, Johanna. Ich will zu Bett gehen. Es ist eigentlich noch früh.
+Aber ich bin so allein. Bitte, tun Sie den Brief erst ein, und wenn
+Sie wieder da sind, nun, dann wird es wohl Zeit sein. Und wenn auch
+nicht.«
+
+Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinüber. Richtig, auf
+der Binsenmatte lag Rollo. Als er Effi kommen sah, erhob er sich, um
+den Platz freizugeben, und strich mit seinem Behang an ihrer Hand hin.
+Dann legte er sich wieder nieder.
+
+Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt hinübergegangen, um da den
+Brief einzustecken. Sie hatte sich drüben nicht sonderlich beeilt,
+vielmehr vorgezogen, mit der Frau Paaschen, des Amtsdieners Frau, ein
+Gespräch zu führen. Natürlich über die junge Frau.
+
+»Wie ist sie denn?« fragte die Paaschen.
+
+»Sehr jung ist sie.«
+
+»Nun, das ist kein Unglück, eher umgekehrt. Die Jungen, und das ist
+eben das Gute, stehen immer bloß vorm Spiegel und zupfen und stecken
+sich was vor und sehen nicht viel und hören nicht viel und sind noch
+nicht so, daß sie draußen immer die Lichtstümpfe zählen und einem
+nicht gönnen, daß man einen Kuß kriegt, bloß weil sie selber keinen
+mehr kriegen.«
+
+»Ja«, sagte Johanna, »so war meine vorige Madam, und ganz ohne Not.
+Aber davon hat unsere Gnäd'ge nichts.«
+
+»Ist er denn sehr zärtlich?«
+
+»Oh, sehr. Das können Sie doch wohl denken.« »Aber daß er sie so
+allein läßt ...«
+
+»Ja, liebe Paaschen, Sie dürfen nicht vergessen ... der Fürst. Und
+dann, er ist ja doch am Ende Landrat. Und vielleicht will er auch noch
+höher.«
+
+»Gewiß will er. Und er wird auch noch. Er hat so was. Paaschen sagt es
+auch immer, und er kennt seine Leute.«
+
+Während dieses Ganges drüben nach dem Amt hinüber war wohl eine
+Viertelstunde vergangen, und als Johanna wieder zurück war, saß
+Effi schon vor dem Trumeau und wartete. »Sie sind lange geblieben,
+Johanna.«
+
+»Ja, gnäd'ge Frau ... Gnäd'ge Frau wollen entschuldigen ... Ich traf
+drüben die Frau Paaschen, und da hab ich mich ein wenig verweilt. Es
+ist so still hier. Man ist immer froh, wenn man einen Menschen trifft,
+mit dem man ein Wort sprechen kann. Christel ist eine sehr gute
+Person, aber sie spricht nicht, und Friedrich ist so dusig und auch so
+vorsichtig und will mit der Sprache nie recht heraus. Gewiß, man muß
+auch schweigen können, und die Paaschen, die so neugierig und so ganz
+gewöhnlich ist, ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack; aber
+man hat es doch gern, wenn man mal was hört und sieht.«
+
+Effi seufzte. »Ja, Johanna, das ist auch das beste ...«
+
+»Gnäd'ge Frau haben so schönes Haar, so lang und so seidenweich.«
+
+»Ja, es ist sehr weich. Aber das ist nicht gut, Johanna. Wie das Haar
+ist, ist der Charakter.«
+
+»Gewiß, gnäd'ge Frau. Und ein weicher Charakter ist doch besser als
+ein harter. Ich habe auch weiches Haar.«
+
+»Ja, Johanna. Und Sie haben auch blondes. Das haben die Männer am
+liebsten.«
+
+»Ach, das ist doch sehr verschieden, gnäd'ge Frau. Manche sind doch
+auch für das schwarze.«
+
+»Freilich«, lachte Effi, »das habe ich auch schon gefunden. Es wird
+wohl an was anderem liegen. Aber die, die blond sind, die haben auch
+immer einen weißen Teint, Sie auch, Johanna, und ich möchte mich wohl
+verwetten, daß Sie viel Nachstellung haben. Ich bin noch sehr jung,
+aber das weiß ich doch auch. Und dann habe ich eine Freundin, die war
+auch so blond, ganz flachsblond, noch blonder als Sie, und war eine
+Predigertochter ...«
+
+»Ja, denn ...«
+
+»Aber ich bitte Sie, Johanna, was meinen Sie mit 'ja denn'? Das klingt
+ja ganz anzüglich und sonderbar, und Sie werden doch nichts gegen
+Predigerstöchter haben ... Es war ein sehr hübsches Mädchen, was
+selbst unsere Offiziere - wir hatten nämlich Offiziere, noch dazu rote
+Husaren - auch immer fanden, und verstand sich dabei sehr gut auf
+Toilette, schwarzes Sammetmieder und eine Blume, Rose oder auch
+Heliotrop, und wenn sie nicht so vorstehende große Augen gehabt hätte
+... ach, die hätten Sie sehen sollen, Johanna, wenigstens so groß (und
+Effi zog unter Lachen an ihrem rechten Augenlid), so wäre sie geradezu
+eine Schönheit gewesen. Sie hieß Hulda, Hulda Niemeyer, und wir waren
+nicht einmal so ganz intim; aber wenn ich sie jetzt hier hätte und sie
+da säße, da in der kleinen Sofaecke, so wollte ich bis Mitternacht mit
+ihr plaudern oder noch länger. Ich habe solche Sehnsucht, und...«, und
+dabei zog sie Johannas Kopf dicht an sich heran, »... ich habe solche
+Angst.«
+
+»Ach, das gibt sich, gnäd'ge Frau, die hatten wir alle.« »Die hattet
+ihr alle? Was soll das heißen, Johanna?«
+
+»... Und wenn die gnäd'ge Frau wirklich solche Angst haben, so kann
+ich mir ja ein Lager hier machen. Ich nehme die Strohmatte und kehre
+einen Stuhl um, daß ich eine Kopflehne habe, und dann schlafe ich
+hier, bis morgen früh oder bis der gnäd'ge Herr wieder da ist.«
+
+»Er will mich nicht stören. Das hat er mir eigens versprochen.«
+
+»Oder ich setze mich bloß in die Sofaecke.«
+
+»Ja, das ginge vielleicht. Aber nein, es geht auch nicht. Der Herr
+darf nicht wissen, daß ich mich ängstige, das liebt er nicht. Er will
+immer, daß ich tapfer und entschlossen bin, so wie er. Und das kann
+ich nicht; ich war immer etwas anfällig ... Aber freilich, ich sehe
+wohl ein, ich muß mich bezwingen und ihm in solchen Stücken und
+überhaupt zu Willen sein ... Und dann habe ich ja auch Rollo. Der
+liegt ja vor der Türschwelle.«
+
+Johanna nickte zu jedem Wort und zündete dann das Licht an, das auf
+Effis Nachttisch stand. Dann nahm sie die Lampe. »Befehlen gnäd'ge
+Frau noch etwas?«
+
+»Nein, Johanna. Die Läden sind doch fest geschlossen?« »Bloß angelegt,
+gnäd'ge Frau. Es ist sonst so dunkel und so stickig.«
+
+»Gut, gut.«
+
+Und nun entfernte sich Johanna; Effi aber ging auf ihr Bett zu und
+wickelte sich in ihre Decken.
+
+Sie ließ das Licht brennen, weil sie gewillt war, nicht gleich
+einzuschlafen, vielmehr vorhatte, wie vorhin ihren Polterabend,
+so jetzt ihre Hochzeitsreise zu rekapitulieren und alles an sich
+vorüberziehen zu lassen. Aber es kam anders, wie sie gedacht, und
+als sie bis Verona war und nach dem Hause der Julia Capulet suchte,
+fielen ihr schon die Augen zu. Das Stümpfchen Licht in dem kleinen
+Silberleuchter brannte allmählich nieder, und nun flackerte es noch
+einmal auf und erlosch. Effi schlief eine Weile ganz fest. Aber mit
+einem Male fuhr sie mit einem lauten Schrei aus ihrem Schlaf auf,
+ja, sie hörte selber noch den Aufschrei und auch, wie Rollo draußen
+anschlug - »wau, wau«, klang es den Flur entlang, dumpf und selber
+beinahe ängstlich. Ihr war, als ob ihr das Herz stillstände; sie
+konnte nicht rufen, und in diesem Augenblick huschte was an ihr
+vorbei, und die nach dem Flur hinausführende Tür sprang auf. Aber
+ebendieser Moment höchster Angst war auch der ihrer Befreiung, denn
+statt etwas Schrecklichem kam jetzt Rollo auf sie zu, suchte mit
+seinem Kopf nach ihrer Hand und legte sich, als er diese gefunden, auf
+den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder. Effi selber aber
+hatte mit der anderen Hand dreimal auf den Knopf der Klingel gedrückt,
+und keine halbe Minute, so war Johanna da, barfüßig, den Rock über dem
+Arm und ein großes kariertes Tuch über Kopf und Schulter geschlagen.
+»Gott sei Dank, Johanna, daß Sie da sind.«
+
+»Was war denn, gnäd'ge Frau? Gnäd'ge Frau haben geträumt.«
+
+»Ja, geträumt. Es muß so was gewesen sein ... aber es war doch auch
+noch was anderes.« - »Was denn, gnäd'ge Frau?« »Ich schlief ganz fest,
+und mit einem Male fuhr ich auf und schrie ... vielleicht, daß es ein
+Alpdruck war ... Alpdruck ist in unserer Familie, mein Papa hat es
+auch und ängstigt uns damit, und nur die Mama sagt immer, er solle
+sich nicht so gehenlassen; aber das ist leicht gesagt ... Ich fuhr
+also auf aus dem Schlaf und schrie, und als ich mich umsah, so gut es
+eben ging in dem Dunkel, da strich was an meinem Bett vorbei, gerade
+da, wo Sie jetzt stehen, Johanna, und dann war es weg. Und wenn ich
+mich recht frage, was es war ...«»Nun, was denn, gnäd'ge Frau?«
+
+»Und wenn ich mich recht frage ... ich mag es nicht sagen, Johanna ...
+aber ich glaube, der Chinese.«
+
+»Der von oben?« Und Johanna versuchte zu lachen. »Unser kleiner
+Chinese, den wir an die Stuhllehne geklebt haben, Christel und ich?
+Ach, gnäd'ge Frau haben geträumt, und wenn Sie schon wach waren, so
+war es doch alles noch aus dem Traum.«
+
+»Ich würd es glauben. Aber es war genau derselbe Augenblick, wo Rollo
+draußen anschlug, der muß es also auch gesehen haben, und dann flog
+die Tür auf, und das gute, treue Tier sprang auf mich los, als ob es
+mich zu retten käme. Ach, meine liebe Johanna, es war entsetzlich. Und
+ich so allein und so jung. Ach, wenn ich doch wen hier hätte, bei dem
+ich weinen könnte. Aber so weit von Hause ... Ach, von Hause ...« »Der
+Herr kann jede Stunde kommen.«
+
+»Nein, er soll nicht kommen; er soll mich nicht so sehen. Er würde
+mich vielleicht auslachen, und das könnt ich ihm nie verzeihen. Denn
+es war so furchtbar, Johanna ... Sie müssen nun hierbleiben ... Aber
+lassen Sie Christel schlafen und Friedrich auch. Es soll es keiner
+wissen.«
+
+»Oder vielleicht kann ich auch die Frau Kruse holen; die schläft doch
+nicht, die sitzt die ganze Nacht da.«
+
+»Nein, nein, die ist selber so was. Das mit dem schwarzen Huhn, das
+ist auch sowas; die darf nicht kommen. Nein, Johanna, Sie bleiben
+allein hier. Und wie gut, daß Sie die Läden nur angelegt. Stoßen Sie
+sie auf, recht laut, daß ich einen Ton höre, einen menschlichen Ton
+... ich muß es so nennen, wenn es auch sonderbar klingt ... und dann
+machen Sie das Fenster ein wenig auf, daß ich Luft und Licht habe.«
+Johanna tat, wie ihr geheißen, und Effi fiel in ihre Kissen zurück und
+bald danach in einen lethargischen Schlaf.
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+Innstetten war erst sechs Uhr früh von Varzin zurückgekommen und hatte
+sich, Rollos Liebkosungen abwehrend, so leise wie möglich in sein
+Zimmer zurückgezogen. Er machte sich's hier bequem und duldete nur,
+daß ihn Friedrich mit einer Reisedecke zudeckte.
+
+»Wecke mich um neun!«
+
+Und um diese Stunde war er denn auch geweckt worden. Er stand rasch
+auf und sagte: »Bring das Frühstück!«
+
+»Die gnädige Frau schläft noch.«
+
+»Aber es ist ja schon spät. Ist etwas passiert?«
+
+»Ich weiß es nicht; ich weiß nur, Johanna hat die Nacht über im Zimmer
+der gnädigen Frau schlafen müssen.«
+
+»Nun, dann schicke Johanna.«
+
+Diese kam denn auch. Sie hatte denselben rosigen Teint wie immer,
+schien sich also die Vorgänge der Nacht nicht sonderlich zu Gemüte
+genommen zu haben.
+
+»Was ist das mit der gnäd'gen Frau? Friedrich sagt mir, es Sei was
+passiert und Sie hätten drüben geschlafen.«
+
+»Ja, Herr Baron. Gnäd'ge Frau klingelte dreimal ganz rasch
+hintereinander, daß ich gleich dachte, es bedeutet was. Und so war es
+auch. Sie hat wohl geträumt, aber vielleicht war es auch das andere.«
+
+»Welches andere?«
+
+»Ach, der gnäd'ge Herr wissen ja.«
+
+»Ich weiß nichts. Jedenfalls muß ein Ende damit gemacht werden. Und
+wie fanden Sie die Frau?«
+
+»Sie war wie außer sich und hielt das Halsband von Rollo, der neben
+dem Bett der gnäd'gen Frau stand, fest umklammert. Und das Tier
+ängstigte sich auch.«
+
+»Und was hatte sie geträumt oder meinetwegen auch, was hatte sie
+gehört oder gesehen? Was sagte sie?«
+
+»Es sei so hingeschlichen, dicht an ihr vorbei.« »Was? Wer?«
+
+»Der von oben. Der aus dem Saal oder aus der kleinen Kammer.«
+
+»Unsinn, sag ich. Immer wieder das alberne Zeug; ich mag davon nicht
+mehr hören. Und dann blieben Sie bei der Frau?«
+
+»Ja, gnäd'ger Herr. Ich machte mir ein Lager an der Erde dicht neben
+ihr. Und ich mußte ihre Hand halten, und dann schlief sie ein.«
+
+»Und sie schläft noch?« »Ganz fest.«
+
+»Das ist mir ängstlich, Johanna. Man kann sich gesund schlafen, aber
+auch krank. Wir müssen sie wecken, natürlich vorsichtig, daß sie nicht
+wieder erschrickt. Und Friedrich soll das Frühstück nicht bringen; ich
+will warten, bis die gnäd'ge Frau da ist. Und machen Sie's geschickt.«
+
+Eine halbe Stunde später kam Effi. Sie sah reizend aus, ganz blaß, und
+stützte sich auf Johanna. Als sie aber Innstettens ansichtig wurde,
+stürzte sie auf ihn zu und umarmte und küßte ihn. Und dabei liefen ihr
+die Tränen übers Gesicht. »Ach, Geert, Gott sei Dank, daß du da bist.
+Nun ist alles wieder gut. Du darfst nicht wieder fort, du darfst mich
+nicht wieder allein lassen.«
+
+»Meine liebe Effi ... Stellen Sie hin, Friedrich, ich werde schon
+alles zurechtmachen ... Meine liebe Effi, ich lasse dich ja nicht
+allein aus Rücksichtslosigkeit oder Laune, sondern weil es so sein
+muß; ich habe keine Wahl, ich bin ein Mann im Dienst, ich kann zum
+Fürsten oder auch zur Fürstin nicht sagen: Durchlaucht, ich kann nicht
+kommen, meine Frau ist so allein, oder meine Frau fürchtet sich. Wenn
+ich das sagte, würden wir in einem ziemlich komischen Licht dastehen,
+ich gewiß und du auch. Aber nimm erst eine Tasse Kaffee.«
+
+Effi trank, was sie sichtlich belebte. Dann ergriff sie wieder ihres
+Mannes Hand und sagte: »Du sollst recht haben; ich sehe ein, das geht
+nicht. Und dann wollen wir ja auch höher hinauf. Ich sage wir, denn
+ich bin eigentlich begieriger danach als du ...«
+
+»So sind alle Frauen«, lachte Innstetten.
+
+»Also abgemacht; du nimmst die Einladungen an nach wie vor, und ich
+bleibe hier und warte auf meinen 'hohen Herrn', wobei mir Hulda unterm
+Holunderbaum einfällt. Wie's ihr wohl gehen mag?«
+
+»Damen wie Hulda geht es immer gut. Aber was wolltest du noch sagen?«
+
+»Ich wollte sagen, ich bleibe hier und auch allein, wenn es sein muß.
+Aber nicht in diesem Hause. Laß uns die Wohnung wechseln. Es gibt so
+hübsche Häuser am Bollwerk, eins zwischen Konsul Martens und Konsul
+Grützmacher und eins am Markt, gerade gegenüber von Gieshübler; warum
+können wir da nicht wohnen? Warum gerade hier? Ich habe, wenn wir
+Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft gehört, daß in Berlin
+Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben oder wegen
+einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher Kleinigkeiten
+willen geschieht ...«
+
+»Kleinigkeiten? Portiersfrau? Das sage nicht ...«
+
+»Wenn das um solcher Dinge willen möglich ist, so muß es doch auch
+hier möglich sein, wo du Landrat bist und die Leute dir zu Willen sind
+und viele selbst zu Dank verpflichtet. Gieshübler würde uns gewiß
+dabei behilflich sein, wenn auch nur um meinetwegen, denn er
+wird Mitleid mit mir haben. Und nun sage, Geert, wollen wir dies
+verwunschene Haus aufgeben, dies Haus mit dem ...«
+
+»... Chinesen, willst du sagen. Du siehst, Effi, man kann das
+furchtbare Wort aussprechen, ohne daß er erscheint. Was du da gesehen
+hast oder was da, wie du meinst, an deinem Bett vorüberschlich, das
+war der kleine Chinese, den die Mädchen oben an die Stuhllehne geklebt
+haben; ich wette, daß er einen blauen Rock anhatte und einen ganz
+flachen Deckelhut mit einem blanken Knopf oben.«
+
+Sie nickte.
+
+»Nun, siehst du, Traum, Sinnestäuschung. Und dann wird dir Johanna
+wohl gestern abend was erzählt haben, von der Hochzeit hier oben ...«
+
+»Nein.«
+
+»Desto besser.«
+
+»Kein Wort hat sie mir erzählt. Aber ich sehe doch aus dem allen, daß
+es hier etwas Sonderbares gibt. Und dann das Krokodil; es ist alles so
+unheimlich.«
+
+»Den ersten Abend, als du das Krokodil sahst, fandest du's
+märchenhaft ...«
+
+»Ja, damals ...«
+
+»... Und dann, Effi, kann ich hier nicht gut fort, auch wenn es
+möglich wäre, das Haus zu verkaufen oder einen Tausch zu machen. Es
+ist damit ganz wie mit einer Absage nach Varzin hin. Ich kann hier in
+der Stadt die Leute nicht sagen lassen, Landrat Innstetten verkauft
+sein Haus, weil seine Frau den aufgeklebten kleinen Chinesen als Spuk
+an ihrem Bett gesehen hat. Dann bin ich verloren, Effi. Von solcher
+Lächerlichkeit kann man sich nie wieder erholen.«
+
+»Ja, Geert, bist du denn so sicher, daß es so was nicht gibt?« »Will
+ich nicht behaupten. Es ist eine Sache, die man glauben und noch
+besser nicht glauben kann. Aber angenommen, es gäbe dergleichen, was
+schadet es? Daß in der Luft Bazillen herumfliegen, von denen du gehört
+haben wirst, ist viel schlimmer und gefährlicher als diese ganze
+Geistertummelage. Vorausgesetzt, daß sie sich tummeln, daß so was
+wirklich existiert. Und dann bin ich überrascht, solcher Furcht und
+Abneigung gerade bei dir zu begegnen, bei einer Briest. Das ist ja, wie
+wenn du aus einem kleinen Bürgerhause stammtest. Spuk ist ein Vorzug,
+wie Stammbaum und dergleichen, und ich kenne Familien, die sich
+ebensogern ihr Wappen nehmen ließen als ihre 'weiße Frau', die
+natürlich auch eine schwarze sein kann.«
+
+Effi schwieg.
+
+»Nun, Effi. Keine Antwort?«
+
+»Was soll ich antworten? Ich habe dir nachgegeben und mich willig
+gezeigt, aber ich finde doch, daß du deinerseits teilnahmsvoller sein
+könntest. Wenn du wüßtest, wie mir gerade danach verlangt. Ich habe
+sehr gelitten, wirklich sehr, und als ich dich sah, da dacht ich, nun
+würd ich frei werden von meiner Angst. Aber du sagst mir bloß, daß du
+nicht Lust hättest, dich lächerlich zu machen, nicht vor dem Fürsten
+und auch nicht vor der Stadt. Das ist ein geringer Trost. Ich
+finde es wenig und um so weniger, als du dir schließlich auch noch
+widersprichst und nicht bloß persönlich an diese Dinge zu glauben
+scheinst, sondern auch noch einen adligen Spukstolz von mir forderst.
+Nun, den hab ich nicht. Und wenn du von Familien sprichst, denen ihr
+Spuk soviel wert sei wie ihr Wappen, so ist das Geschmackssache: Mir
+gilt mein Wappen mehr. Gott sei Dank haben wir Briests keinen Spuk.
+Die Briests waren immer sehr gute Leute, und damit hängt es wohl
+zusammen.«
+
+Der Streit hätte wohl noch angedauert und vielleicht zu einer ersten
+ernstlichen Verstimmung geführt, wenn Friedrich nicht eingetreten
+wäre, um der gnädigen Frau einen Brief zu übergeben. »Von Herrn
+Gieshübler. Der Bote wartet auf Antwort.«
+
+Aller Unmut auf Effis Antlitz war sofort verschwunden; schon bloß
+Gieshüblers Namen zu hören tat Effi wohl, und ihr Wohlgefühl steigerte
+sich, als sie jetzt den Brief musterte. Zunächst war es gar kein
+Brief, sondern ein Billett, die Adresse »Frau Baronin von Innstetten,
+geb. von Briest« in wundervoller Kanzleihandschrift und statt des
+Siegels ein aufgeklebtes rundes Bildchen, eine Lyra, darin ein Stab
+steckte. Dieser Stab konnte aber auch ein Pfeil sein. Sie reichte das
+Billett ihrem Mann, der es ebenfalls bewunderte. »Nun lies aber.«
+
+Und nun löste Effi die Oblate und las: »Hochverehrteste Frau,
+gnädigste Frau Baronin! Gestatten Sie mir, meinem respektvollsten
+Vormittagsgruß eine ganz gehorsamste Bitte hinzufügen zu dürfen. Mit
+dem Mittagszug wird eine vieljährige liebe Freundin von mir, eine
+Tochter unserer Guten Stadt Kessin, Fräulein Marietta Trippelli, hier
+eintreffen und bis morgen früh unter uns weilen. Am 17. will sie in
+Petersburg sein, um daselbst bis Mitte Januar zu konzertieren. Fürst
+Kotschukoff öffnet ihr auch diesmal wieder sein gastliches Haus. In
+ihrer immer gleichen Güte gegen mich hat die Trippelli mir zugesagt,
+den heutigen Abend bei mir zubringen und einige Lieder ganz nach
+meiner Wahl (denn sie kennt keine Schwierigkeiten) vortragen zu
+wollen. Könnten sich Frau Baronin dazu verstehen, diesem Musikabend
+beizuwohnen? Sieben Uhr. Ihr Herr Gemahl, auf dessen Erscheinen ich
+mit Sicherheit rechne, wird meine gehorsamste Bitte unterstützen.
+Anwesend nur Pastor Lindequist (der begleitet) und natürlich die
+verwitwete Frau Pastorin Trippel. In vorzüglicher Ergebenheit A.
+Gieshübler.«
+
+»Nun -«, sagte Innstetten, »ja oder nein?«
+
+»Natürlich ja. Das wird mich herausreißen. Und dann kann ich doch
+meinem lieben Gieshübler nicht gleich bei seiner ersten Einladung
+einen Korb geben.«
+
+»Einverstanden. Also Friedrich, sagen Sie Mirambo, der doch wohl das
+Billett gebracht haben wird, wir würden die Ehre haben.« Friedrich
+ging.
+
+Als er fort war, fragte Effi: »Wer ist Mirambo?«
+
+»Der echte Mirambo ist Räuberhauptmann in Afrika -Tanganjika-See, wenn
+deine Geographie so weit reicht -, unserer aber ist bloß Gieshüblers
+Kohlenprovisor und Faktotum und wird heute abend in Frack und
+baumwollenen Handschuhen sehr wahrscheinlich aufwarten.«
+
+Es war ganz ersichtlich, daß der kleine Zwischenfall auf Effi günstig
+eingewirkt und ihr ein gut Teil ihrer Leichtlebigkeit zurückgegeben
+hatte, Innstetten aber wollte das Seine tun, diese Rekonvaleszens zu
+steigern. »Ich freue mich, daß du ja gesagt hast und so rasch und ohne
+Besinnen, und nun möcht ich dir noch einen Vorschlag machen, um dich
+ganz wieder in Ordnung zu bringen. Ich sehe wohl, es schleicht dir von
+der Nacht her etwas nach, das zu meiner Effi nicht paßt, das durchaus
+wieder fort muß, und dazu gibt es nichts Besseres als frische Luft.
+Das Wetter ist prachtvoll, frisch und milde zugleich, kaum daß ein
+Lüftchen geht; was meinst du, wenn wir eine Spazierfahrt machten, aber
+eine lange, nicht bloß so durch die Plantage hin, und natürlich im
+Schlitten und das Geläut auf und die weißen Schneedecken, und wenn wir
+dann um vier zurück sind, dann ruhst du dich aus, und um sieben sind
+wir bei Gieshübler und hören die Trippelli.«
+
+Effi nahm seine Hand. »Wie gut du bist, Geert, und wie nachsichtig.
+Denn ich muß dir ja kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich
+vorgekommen sein; erst das mit meiner Angst und dann hinterher, daß
+ich dir einen Hausverkauf, und was noch schlimmer ist, das mit dem
+Fürsten ansinne. Du sollst ihm den Stuhl vor die Tür setzen - es
+ist zum Lachen. Denn schließlich ist er doch der Mann, der über uns
+entscheidet. Auch über mich. Du glaubst gar nicht, wie ehrgeizig ich
+bin. Ich habe dich eigentlich bloß aus Ehrgeiz geheiratet. Aber du
+mußt nicht solch ernstes Gesicht dabei machen. Ich liebe dich ja ...
+wie heißt es doch, wenn man einen Zweig abbricht und die Blätter
+abreißt? Von Herzen mit Schmerzen, über alle Maßen.«
+
+Und sie lachte hell auf. »Und nun sage mir«, fuhr sie fort, als
+Innstetten noch immer schwieg, wo soll es hingehen?« »Ich habe mir
+gedacht, nach der Bahnstation, aber auf einem Umweg, und dann auf der
+Chaussee zurück. Und auf der Station essen wir oder noch besser bei
+Golchowski, in dem Gasthof 'Zum Fürsten Bismarck', dran wir, wenn du
+dich vielleicht erinnerst, am Tag unserer Ankunft vorüberkamen. Solch
+Vorsprechen wirkt immer gut, und ich habe dann mit dem Starosten von
+Effis Gnaden ein Wahlgespräch, und wenn er auch persönlich nicht
+viel taugt, seine Wirtschaft hält er in Ordnung und seine Küche noch
+besser. Auf Essen und Trinken verstehen sich die Leute hier.«
+
+Es war gegen elf, daß sie dies Gespräch führten. Um zwölf hielt Kruse
+mit dem Schlitten vor der Tür, und Effi stieg ein. Johanna wollte
+Fußsack und Pelze bringen, aber Effi hatte nach allem, was noch auf
+ihr lag, so sehr das Bedürfnis nach frischer Luft, daß sie alles
+zurückwies und nur eine doppelte Decke nahm. Innstetten aber sagte zu
+Kruse: »Kruse, wir wollen nun also nach dem Bahnhof, wo wir zwei beide
+heute früh schon mal waren. Die Leute werden sich wundern, aber es
+schadet nichts. Ich denke, wir fahren hier an der Plantage entlang und
+dann links auf den Kroschentiner Kirchturm zu. Lassen Sie die Pferde
+laufen. Um eins müssen wir am Bahnhof sein.«
+
+Und so ging die Fahrt. Über den weißen Dächern der Stadt stand der
+Rauch, denn die Luftbewegung war gering. Auch Utpatels Mühle drehte
+sich nur langsam, und im Fluge fuhren sie daran vorüber, dicht
+am Kirchhofe hin, dessen Berberitzensträucher über das Gitter
+hinauswuchsen und mit ihren Spitzen Effi streiften, so daß der Schnee
+auf ihre Reisedecke fiel. Auf der anderen Seite des Weges war ein
+eingefriedeter Platz, nicht viel größer als ein Gartenbeet, und
+innerhalb nichts sichtbar als eine junge Kiefer, die mitten daraus
+hervorragte.
+
+»Liegt da auch wer begraben?« fragte Effi. »Ja, der Chinese.«
+
+Effi fuhr zusammen; es war ihr wie ein Stich. Aber sie hatte doch
+Kraft genug, sich zu beherrschen, und fragte mit anscheinender Ruhe:
+
+»Unserer?«
+
+»Ja, unserer. Auf dem Gemeindekirchhof war er natürlich nicht
+unterzubringen, und da hat denn Kapitän Thomsen, der so was wie sein
+Freund war, diese Stelle gekauft und ihn hier begraben lassen. Es ist
+auch ein Stein da mit Inschrift. Alles natürlich vor meiner Zeit. Aber
+es wird noch immer davon gesprochen.«
+
+»Also ist es doch was damit. Eine Geschichte. Du sagtest schon heute
+früh so was. Und es wird am Ende das beste sein, ich höre, was es ist.
+Solange ich es nicht weiß, bin ich, trotz aller guten Vorsätze, noch
+immer ein Opfer meiner Vorstellungen. Erzähle mir das Wirkliche. Die
+Wirklichkeit kann mich nicht so quälen wie meine Phantasie.«
+
+»Bravo, Effi Ich wollte nicht davon sprechen. Aber nun macht es
+sich so von selbst, und das ist gut. Übrigens ist es eigentlich gar
+nichts.«
+
+»Mir gleich; gar nichts oder viel oder wenig. Fange nur an.«
+
+»Ja, das ist leicht gesagt. Der Anfang ist immer das schwerste, auch
+bei Geschichten. Nun, ich denke, ich beginne mit Kapitän Thomsen.«
+
+»Gut, gut.«
+
+»Also Thomsen, den ich dir schon genannt habe, war viele Jahre lang
+ein sogenannter Chinafahrer, immer mit Reisfracht zwischen Schanghai
+und Singapur, und mochte wohl schon sechzig sein, als er hier ankam.
+Ich weiß nicht, ob er hier geboren war oder ob er andere Beziehungen
+hier hatte. Kurz und gut, er war nun da und verkaufte sein Schiff,
+einen alten Kasten, draus er nicht viel herausschlug, und kaufte sich
+ein Haus, dasselbe, drin wir jetzt wohnen. Denn er war draußen in der
+Welt ein vermögender Mann geworden. Und von daher schreibt sich auch
+das Krokodil und der Haifisch und natürlich auch das Schiff ... Also
+Thomsen war nun da, ein sehr adretter Mann (so wenigstens hat man mir
+gesagt) und wohlgelitten. Auch beim Bürgermeister Kirstein, vor allem
+bei dem damaligen Pastor in Kessin, einem Berliner, der kurz vor
+Thomsen auch hierhergekommen war und viel Anfeindung hatte.«
+
+»Glaub ich. Ich merke das auch; sie sind hier so streng und
+selbstgerecht. Ich glaube, das ist pommersch.«
+
+»Ja und nein, je nachdem. Es gibt auch Gegenden, wo sie gar nicht
+streng sind und wo's drunter und drüber geht... Aber sieh nur, Effi,
+da haben wir gerade den Kroschentiner Kirchturm dicht vor uns. Wollen
+wir nicht den Bahnhof aufgeben und lieber bei der alten Frau von
+Grasenabb vorfahren? Sidonie, wenn ich recht berichtet bin, ist nicht
+zu Hause. Wir könnten es also wagen ...«
+
+»Ich bitte dich, Geert, wo denkst du hin? Es ist ja himmlisch, so
+hinzufliegen, und ich fühle ordentlich, wie mir so frei wird und wie
+alle Angst von mir abfällt. Und nun soll ich das alles aufgeben,
+bloß um den alten Leuten eine Stippvisite zu machen und ihnen sehr
+wahrscheinlich eine Verlegenheit zu schaffen. Um Gottes willen nicht.
+Und dann will ich vor allem auch die Geschichte hören. Also wir waren
+bei Kapitän Thomsen, den ich mir als einen Dänen oder Engländer denke,
+sehr sauber, mit weißen Vatermördern und ganz weißer Wäsche ...«
+
+»Ganz richtig. So soll er gewesen sein. Und mit ihm war eine junge
+Person von etwa zwanzig, von der einige sagen, sie sei seine Nichte
+gewesen, aber die meisten sagen, seine Enkelin, was übrigens den
+Jahren nach kaum möglich. Und außer der Enkelin oder der Nichte war da
+auch noch ein Chinese, derselbe, der da zwischen den Dünen liegt und
+an dessen Grab wir eben vorübergekommen sind.«
+
+»Gut, gut.«
+
+»Also dieser Chinese war Diener bei Thomsen, und Thomsen hielt so
+große Stücke auf ihn, daß er eigentlich mehr Freund als Diener war.
+Und das ging so Jahr und Tag. Da mit einem Male hieß es, Thomsens
+Enkelin, die, glaub ich, Nina hieß, solle sich, nach des Alten Wunsch,
+verheiraten, auch mit einem Kapitän. Und richtig, so war es auch.
+Es gab eine große Hochzeit im Hause, der Berliner Pastor tat
+sie zusammen, und Müller Utpatel, der ein Konventikler war, und
+Gieshübler, dem man in der Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht
+recht traute, waren geladen und vor allem viele Kapitäne mit ihren
+Frauen und Töchtern. Und wie man sich denken kann, es ging hoch her.
+Am Abend aber war Tanz, und die Braut tanzte mit jedem und zuletzt
+auch mit dem Chinesen. Da mit einemmal hieß es, sie sei fort, die
+Braut nämlich. Und sie war auch wirklich fort, irgendwohin, und
+niemand weiß, was da vorgefallen. Und nach vierzehn Tagen starb der
+Chinese; Thomsen kaufte die Stelle, die ich dir gezeigt habe, und da
+wurd er begraben. Der Berliner Pastor aber soll gesagt haben, man
+hätte ihn auch ruhig auf dem christlichen Kirchhof begraben können,
+denn der Chinese sei ein sehr guter Mensch gewesen und geradesogut wie
+die anderen. Wen er mit den 'anderen' eigentlich gemeint hat, sagte
+mir Gieshübler, das wisse man nicht recht.«
+
+»Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar gegen den Pastor; so
+was darf man nicht aussprechen, weil es gewagt und unpassend ist. Das
+würde selbst Niemeyer nicht gesagt haben.«
+
+»Und das ist auch dem armen Pastor, der übrigens Trippel hieß, sehr
+verdacht worden, so daß es eigentlich ein Glück war, daß er drüberhin
+starb, sonst hätte er seine Stelle verloren. Denn die Stadt, trotzdem
+sie ihn gewählt, war doch auch gegen ihn, geradeso wie du, und das
+Konsistorium natürlich erst recht.«
+
+»Trippel, sagst du? Dann hängt er am Ende mit der Frau Pastor Trippel
+zusammen, die wir heute abend sehen sollen?« »Natürlich hängt er mit
+der zusammen. Er war ihr Mann und ist der Vater von der Trippelli.«
+
+Effi lachte. »Von der Trippelli! Nun sehe ich erst klar in allem. Daß
+sie in Kessin geboren, schrieb ja schon Gieshübler; aber ich dachte,
+sie sei die Tochter von einem italienischen Konsul. Wir haben ja so
+viele fremdländische Namen hier. Und nun ist sie gut deutsch und
+stammt von Trippel. Ist sie denn so vorzüglich, daß sie wagen konnte,
+sich so zu italienisieren?«
+
+»Dem Mutigen gehört die Welt. Übrigens ist sie ganz tüchtig. Sie war
+ein paar Jahre lang in Paris bei der berühmten Viardot, wo sie auch
+den russischen Fürsten kennenlernte, denn die russischen Fürsten sind
+sehr aufgeklärt, über kleine Standesvorurteile weg, und Kotschukoff
+und Gieshübler - den sie übrigens 'Onkel' nennt, und man kann fast von
+ihm sagen, er sei der geborene Onkel -, diese beiden sind es recht
+eigentlich, die die kleine Marie Trippel zu dem gemacht haben, was
+sie jetzt ist. Gieshübler war es, durch den sie nach Paris kam, und
+Kotschukoff hat sie dann in die Trippelli transponiert.«
+
+»Ach, Geert, wie reizend ist das alles, und welch Alltagsleben habe
+ich doch in Hohen-Cremmen geführt! Nie was Apartes.«
+
+Innstetten nahm ihre Hand und sagte: »So darfst du nicht sprechen,
+Effi. Spuk, dazu kann man sich stellen, wie man will. Aber hüte
+dich vor dem Aparten oder was man so das Aparte nennt. Was dir so
+verlockend erscheint - und ich rechne auch ein Leben dahin, wie's die
+Trippelli führt -, das bezahlt man in der Regel mit seinem Glück. Ich
+weiß wohl, wie sehr du dein Hohen-Cremmen liebst und daran hängst,
+aber du spottest doch auch oft darüber und hast keine Ahnung davon,
+was stille Tage, wie die Hohen-Cremmer, bedeuten.«
+
+»Doch, doch«, sagte sie. »Ich weiß es wohl. Ich höre nur gern einmal
+von etwas anderem, und dann wandelt mich die Lust an, mit dabeizusein.
+Aber du hast ganz recht. Und eigentlich hab ich doch eine Sehnsucht
+nach Ruh und Frieden.«
+
+Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Meine einzig liebe Effi, das
+denkst du dir nun auch wieder so aus. Immer Phantasien, mal so, mal
+so.«
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+Die Fahrt verlief ganz wie geplant. Um ein Uhr hielt der Schlitten
+unten am Bahndamm vor dem Gasthaus »Zum Fürsten Bismarck«, und
+Golchowski, glücklich, den Landrat bei sich zu sehen, war beflissen,
+ein vorzügliches Dejeuner herzurichten. Als zuletzt das Dessert und
+der Ungarwein aufgetragen wurden, rief Innstetten den von Zeit zu Zeit
+erscheinenden und nach der Ordnung sehenden Wirt heran und bat ihn,
+sich mit an den Tisch zu setzen und ihnen was zu erzählen. Dazu war
+Golchowski denn auch der rechte Mann; auf zwei Meilen in der Runde
+wurde kein Ei gelegt, von dem er nicht wußte. Das zeigte sich auch
+heute wieder. Sidonie Grasenabb, Innstetten hatte recht vermutet, war,
+wie vorige Weihnachten, so auch diesmal wieder auf vier Wochen zu
+»Hofpredigers« gereist; Frau von Palleske, so hieß es weiter, habe
+ihre Jungfer wegen einer fatalen Geschichte Knall und Fall entlassen
+müssen, und mit dem alten Fraude steh es schlecht - es werde zwar in
+Kurs gesetzt, er sei bloß ausgeglitten, aber es sei ein Schlaganfall
+gewesen, und der Sohn, der in Lissa bei den Husaren stehe, werde jede
+Stunde erwartet. Nach diesem Geplänkel war man dann, zu Ernsthafterem
+übergehend, auf Varzin gekommen. »Ja«, sagte Golchowski, »wenn man
+sich den Fürsten so als Papiermüller denkt! Es ist doch alles sehr
+merkwürdig; eigentlich kann er die Schreiberei nicht leiden und das
+bedruckte Papier erst recht nicht, und nun legt er doch selber eine
+Papiermühle an.«
+
+»Schon recht, lieber Golchowski«, sagte Innstetten, »aber aus solchen
+Widersprüchen kommt man im Leben nicht heraus. Und da hilft auch kein
+Fürst und keine Größe.«
+
+»Nein, nein, da hilft keine Größe.«
+
+Wahrscheinlich, daß sich dies Gespräch über den Fürsten noch
+fortgesetzt hätte, wenn nicht in ebendiesem Augenblicke die von der
+Bahn her herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug
+angemeldet hätte. Innstetten sah nach der Uhr. »Welcher Zug ist das,
+Golchowski?«
+
+»Das ist der Danziger Schnellzug; er hält hier nicht, aber ich gehe
+doch immer hinauf und zähle die Wagen, und mitunter steht auch einer
+am Fenster, den ich kenne. Hier, gleich hinter meinem Hofe, führt eine
+Treppe den Damm hinauf, Wärterhaus 417 ...«
+
+»Oh, das wollen wir uns zunutze machen«, sagte Effi. »Ich sehe so gern
+Züge ...«
+
+»Dann ist es die höchste Zeit, gnäd'ge Frau.«
+
+Und so machten sich denn alle drei auf den Weg und stellten sich, als
+sie oben waren, in einem neben dem Wärterhaus gelegenen Gartenstreifen
+auf, der jetzt freilich unter Schnee lag, aber doch eine
+freigeschaufelte Stelle hatte. Der Bahnwärter stand schon da, die
+Fahne in der Hand. Und jetzt jagte der Zug über das Bahnhofsgeleise
+hin und im nächsten Augenblick an dem Häuschen und an dem
+Gartenstreifen vorüber. Effi war so erregt, daß sie nichts sah und nur
+dem letzten Wagen, auf dessen Höhe ein Bremser saß, ganz wie benommen
+nachblickte.
+
+»Sechs Uhr fünfzig ist er in Berlin«, sagte Innstetten, »und noch
+eine Stunde später, so können ihn die Hohen-Cremmer, wenn der Wind so
+steht, in der Ferne vorbeiklappern hören. Möchtest du mit, Effi?«
+
+Sie sagte nichts. Als er aber zu ihr hinüberblickte, sah er, daß eine
+Träne in ihrem Auge stand.
+
+Effi war, als der Zug vorbeijagte, von einer herzlichen Sehnsucht
+erfaßt worden. So gut es ihr ging, sie fühlte sich trotzdem wie in
+einer fremden Welt. Wenn sie sich eben noch an dem einen oder andern
+entzückt hatte, so kam ihr doch gleich nachher zum Bewußtsein, was
+ihr fehlte. Da drüben lag Varzin, und da nach der anderen Seite hin
+blitzte der Kroschentiner Kirchturm auf und weithin der Morgenitzer,
+und da saßen die Grasenabbs und die Borckes, nicht die Bellings und
+nicht die Briests. »Ja, die!« Innstetten hatte ganz recht gehabt mit
+dem raschen Wechsel ihrer Stimmung, und sie sah jetzt wieder alles,
+was zurücklag, wie in einer Verklärung. Aber so gewiß sie voll
+Sehnsucht dem Zug nachgesehen, sie war doch andererseits viel zu
+beweglichen Gemüts, um lange dabei zu verweilen, und schon auf der
+Heimfahrt, als der rote Ball der niedergehenden Sonne seinen Schimmer
+über den Schnee ausgoß, fühlte sie sich wieder freier; alles erschien
+ihr schön und frisch, und als sie, nach Kessin zurückgekehrt, fast
+mit dem Glockenschlag sieben in den Gieshüblerschen Flur eintrat, war
+ihr nicht bloß behaglich, sondern beinah übermütig zu Sinn, wozu die
+das Haus durchziehende Baldrian- und Veilchenwurzelluft das ihrige
+beitragen mochte.
+
+Pünktlich waren Innstetten und Frau erschienen, aber trotz dieser
+Pünktlichkeit immer noch hinter den anderen Geladenen zurückgeblieben;
+Pastor Lindequist, die alte Frau Trippel und die Trippelli selbst
+waren schon da. Gieshübler - im blauen Frack mit mattgoldenen
+Knöpfen, dazu Pincenez an einem breiten, schwarzen Bande, das wie ein
+Ordensband auf der blendendweißen Piquéweste lag -, Gieshübler konnte
+seiner Erregung nur mit Mühe Herr werden. »Darf ich die Herrschaften
+miteinander bekannt machen: Baron und Baronin Innstetten, Frau Pastor
+Trippel, Fräulein Marietta Trippelli.« Pastor Lindequist, den alle
+kannten, stand lächelnd beiseite.
+
+Die Trippelli, Anfang der Dreißig, stark männlich und von
+ausgesprochen humoristischem Typus, hatte bis zu dem Momente der
+Vorstellung den Sofaehrenplatz innegehabt. Nach der Vorstellung aber
+sagte sie, während sie auf einen in der Nähe stehenden Stuhl mit hoher
+Lehne zuschritt: »Ich bitte Sie nunmehro, gnäd'ge Frau, die Bürden
+und Fährlichkeiten Ihres Amtes auf sich nehmen zu wollen. Denn von
+'Fährlichkeiten'« - und sie wies auf das Sofa - »wird sich in diesem
+Falle wohl sprechen lassen. Ich habe Gieshübler schon vor Jahr und Tag
+darauf aufmerksam gemacht, aber leider vergeblich; so gut er ist, so
+eigensinnig ist er auch.«
+
+»Aber Marietta ...«
+
+»Dieses Sofa nämlich, dessen Geburt um wenigstens fünfzig Jahre
+zurückliegt, ist noch nach einem altmodischen Versenkungsprinzip
+gebaut, und wer sich ihm anvertraut, ohne vorher einen Kissenturm
+untergeschoben zu haben, sinkt ins Bodenlose, jedenfalls aber gerade
+tief genug, um die Knie wie ein Monument aufragen zu lassen.« All dies
+wurde seitens der Trippelli mit ebensoviel Bonhomie wie Sicherheit
+hingesprochen, in einem Ton, der ausdrücken sollte: »Du bist die
+Baronin Innstetten, ich bin die Trippelli.«
+
+Gieshübler liebte seine Künstlerfreundin enthusiastisch und dachte
+hoch von ihren Talenten; aber all seine Begeisterung konnte ihn doch
+nicht blind gegen die Tatsache machen, daß ihr von gesellschaftlicher
+Feinheit nur ein bescheidenes Maß zuteil geworden war. Und diese
+Feinheit war gerade das, was er persönlich kultivierte. »Liebe
+Marietta«, nahm er das Wort, »Sie haben eine so reizend heitere
+Behandlung solcher Fragen; aber was mein Sofa betrifft, so haben
+Sie wirklich unrecht, und jeder Sachverständige mag zwischen uns
+entscheiden. Selbst ein Mann wie Fürst Kotschukoff ...«
+
+»Ach, ich bitt Sie, Gieshübler, lassen Sie doch den. Immer
+Kotschukoff. Sie werden mich bei der gnäd'gen Frau hier noch in den
+Verdacht bringen, als ob ich bei diesem Fürsten - der übrigens nur zu
+den kleineren zählt und nicht mehr als tausend Seelen hat, das heißt
+hatte (früher, wo die Rechnung noch nach Seelen ging) -, als ob ich
+stolz wäre, seine tausendundeinste Seele zu sein. Nein, es liegt
+wirklich anders; 'immer freiweg', Sie kennen meine Devise, Gieshübler.
+Kotschukoff ist ein guter Kamerad und mein Freund, aber von Kunst
+und ähnlichen Sachen versteht er gar nichts, von Musik gewiß nicht,
+wiewohl er Messen und Oratorien komponiert - die meisten russischen
+Fürsten, wenn sie Kunst treiben, fallen ein bißchen nach der
+geistlichen oder orthodoxen Seite hin -, und zu den vielen Dingen, von
+denen er nichts versteht, gehören auch unbedingt Einrichtungs- und
+Tapezierfragen. Er ist gerade vornehm genug, um sich alles als schön
+aufreden zu lassen, was bunt aussieht und viel Geld kostet.«
+
+Innstetten amüsierte sich, und Pastor Lindequist war in einem
+allersichtlichsten Behagen. Die gute alte Trippel aber geriet über den
+ungenierten Ton ihrer Tochter aus einer Verlegenheit in die andere,
+während Gieshübler es für angezeigt hielt, eine so schwierig werdende
+Unterhaltung zu kupieren. Dazu waren etliche Gesangspiecen das
+beste. Daß Marietta Lieder von anfechtbarem Inhalt wählen würde,
+war nicht anzunehmen, und selbst wenn dies sein sollte, so war ihre
+Vortragskunst so groß, daß der Inhalt dadurch geadelt wurde. »Liebe
+Marietta«, nahm er also das Wort, »ich habe unser kleines Mahl zu acht
+Uhr bestellt. Wir hätten also noch dreiviertel Stunden, wenn Sie nicht
+vielleicht vorziehen, während Tisch ein heitres Lied zu singen oder
+vielleicht erst, wenn wir von Tisch aufgestanden sind ...«
+
+»Ich bitte Sie, Gieshübler! Sie, der Mann der Ästhetik. Es gibt nichts
+Unästhetischeres als einen Gesangsvortrag mit vollem Magen. Außerdem -
+und ich weiß, Sie sind ein Mann der ausgesuchten Küche, ja Gourmand -,
+außerdem schmeckt es besser, wenn man die Sache hinter sich hat. Erst
+Kunst und dann Nußeis, das ist die richtige Reihenfolge.«
+
+»Also ich darf Ihnen die Noten bringen, Marietta?«
+
+»Noten bringen. Ja, was heißt das, Gieshübler? Wie ich Sie kenne,
+werden Sie ganze Schränke voll Noten haben, und ich kann Ihnen doch
+nicht den ganzen Bock und Bote vorspielen. Noten! Was für Noten,
+Gieshübler, darauf kommt es an. Und dann, daß es richtig liegt,
+Altstimme ...«
+
+»Nun, ich werde schon bringen.«
+
+Und er machte sich an einem Schrank zu schaffen, ein Fach nach dem
+anderen herausziehend, während die Trippelli ihren Stuhl weiter links
+um den Tisch herum schob, so daß sie nun dicht neben Effi saß.
+
+»Ich bin neugierig, was er bringen wird«, sagte sie. Effi geriet dabei
+in eine kleine Verlegenheit.
+
+»Ich möchte annehmen«, antwortete sie befangen, »etwas von Gluck,
+etwas ausgesprochen Dramatisches ... Überhaupt, mein gnädiges
+Fräulein, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, ich bin überrascht
+zu hören, daß Sie lediglich Konzertsängerin sind. Ich dächte, daß Sie,
+wie wenige, für die Bühne berufen sein müßten. Ihre Erscheinung, Ihre
+Kraft, Ihr Organ ... ich habe noch so wenig derart kennengelernt,
+immer nur auf kurzen Besuchen in Berlin ... und dann war ich noch ein
+halbes Kind. Aber ich dächte, 'Orpheus' oder 'Chrimhild' oder die
+'Vestalin'.«
+
+Die Trippelli wiegte den Kopf und sah in Abgründe, kam aber zu keiner
+Entgegnung, weil eben jetzt Gieshübler wieder erschien und ein halbes
+Dutzend Notenhefte vorlegte, die seine Freundin in rascher Reihenfolge
+durch die Hand gleiten ließ. »'Erlkönig' ... ah, bah; 'Bächlein, laß
+dein Rauschen sein ...' Aber Gieshübler, ich bitte Sie, Sie sind
+ein Murmeltier, Sie haben sieben Jahre lang geschlafen ... Und hier
+Loewesche Balladen; auch nicht gerade das Neueste.
+
+'Glocken von Speyer' ... Ach, dies ewige Bim-Bam, das beinah einer
+Kulissenreißerei gleichkommt, ist geschmacklos und abgestanden. Aber
+hier, 'Ritter Olaf' ... nun, das geht.«
+
+Und sie stand auf, und während der Pastor begleitete, sang sie den
+»Olaf« mit großer Sicherheit und Bravour und erntete allgemeinen
+Beifall.
+
+Es wurde dann noch ähnlich Romantisches gefunden, einiges aus dem
+»Fliegenden Holländer« und aus »Zampa«, dann der »Heideknabe«, lauter
+Sachen, die sie mit ebensoviel Virtuosität wie Seelenruhe vortrug,
+während Effi von Text und Komposition wie benommen war.
+
+Als die Trippelli mit dem »Heideknaben« fertig war, sagte sie: »Nun
+ist es genug«, eine Erklärung, die so bestimmt von ihr abgegeben
+wurde, daß weder Gieshübler noch ein anderer den Mut hatte, mit
+weiteren Bitten in sie zu dringen. Am wenigsten Effi. Diese sagte nur,
+als Gieshüblers Freundin wieder neben ihr saß: »Daß ich Ihnen doch
+sagen könnte, mein gnädigstes Fräulein, wie dankbar ich Ihnen bin!
+Alles so schön, so sicher, so gewandt. Aber eines, wenn Sie mir
+verzeihen, bewundere ich fast noch mehr, das ist die Ruhe, womit
+Sie diese Sachen vorzutragen wissen. Ich bin so leicht Eindrücken
+hingegeben, und wenn ich die kleinste Gespenstergeschichte höre, so
+zittere ich und kann mich kaum wieder zurechtfinden. Und Sie tragen
+das so mächtig und erschütternd vor und sind selbst ganz heiter und
+guter Dinge.«
+
+»Ja, meine gnädigste Frau, das ist in der Kunst nicht anders. Und
+nun gar erst auf dem Theater, vor dem ich übrigens glücklicherweise
+bewahrt geblieben bin. Denn so gewiß ich mich persönlich gegen seine
+Versuchungen gefeit fühle - es verdirbt den Ruf, also das Beste, was
+man hat. Im übrigen stumpft man ab, wie mir Kolleginnen hundertfach
+versichert haben. Da wird vergiftet und erstochen, und der toten Julia
+flüstert Romeo einen Kalauer ins Ohr oder wohl auch eine Malice, oder
+er drückt ihr einen kleinen Liebesbrief in die Hand.«
+
+»Es ist mir unbegreiflich. Und um bei dem stehenzubleiben, was ich
+Ihnen diesen Abend verdanke, beispielsweise bei dem Gespenstischen im
+'Olaf', ich versichere Ihnen, wenn ich einen ängstlichen Traum habe
+oder wenn ich glaube, über mir hörte ich ein leises Tanzen oder
+Musizieren, während doch niemand da ist, oder es schleicht wer an
+meinem Bett vorbei, so bin ich außer mir und kann es tagelang nicht
+vergessen.«
+
+»Ja, meine gnädige Frau, was Sie da schildern und beschreiben, das ist
+auch etwas anderes, das ist ja wirklich oder kann wenigstens etwas
+Wirkliches sein. Ein Gespenst, das durch die Ballade geht, da graule
+ich mich gar nicht, aber ein Gespenst, das durch meine Stube geht, ist
+mir, geradeso wie andern, sehr unangenehm. Darin empfinden wir also
+ganz gleich.«
+
+»Haben Sie denn dergleichen auch einmal erlebt?«
+
+»Gewiß. Und noch dazu bei Kotschukoff. Und ich habe mir auch
+ausbedungen, daß ich diesmal anders schlafe, vielleicht mit der
+englischen Gouvernante zusammen. Das ist nämlich eine Quäkerin, und da
+ist man sicher.«
+
+»Und Sie halten dergleichen für möglich?«
+
+»Meine gnädigste Frau, wenn man so alt ist wie ich und viel
+rumgestoßen wurde und in Rußland war und sogar auch ein halbes Jahr
+in Rumänien, da hält man alles für möglich. Es gibt so viel schlechte
+Menschen, und das andere findet sich dann auch, das gehört dann
+sozusagen mit dazu.«
+
+Effi horchte auf.
+
+»Ich bin«, fuhr die Trippelli fort, »aus einer sehr aufgeklärten
+Familie (bloß mit Mutter war es immer nicht so recht), und doch sagte
+mir mein Vater, als das mit dem Psychographen aufkam: 'Höre, Mane, das
+ist was.' Und er hat recht gehabt, es ist auch was damit. Überhaupt,
+man ist links und rechts umlauert, hinten und vorn. Sie werden das
+noch kennenlernen.«
+
+In diesem Augenblick trat Gieshübler heran und bot Effi den Arm,
+Innstetten führte Marietta, dann folgten Pastor Lindequist und die
+verwitwete Trippel. So ging man zu Tisch.
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+Es war spät, als man aufbrach. Schon bald nach zehn hatte Effi zu
+Gieshübler gesagt, es sei nun wohl Zeit; Fräulein Trippelli, die
+den Zug nicht versäumen dürfe, müsse ja schon um sechs von Kessin
+aufbrechen; die danebenstehende Trippelli aber, die diese Worte
+gehört, hatte mit der ihr eigenen ungenierten Beredsamkeit gegen
+solche zarte Rücksichtnahme protestiert. »Ach, meine gnädigste Frau,
+Sie glauben, daß unsereins einen regelmäßigen Schlaf braucht, das
+trifft aber nicht zu; was wir regelmäßig brauchen, heißt Beifall und
+hohe Preise. Ja, lachen Sie nur. Außerdem (so was lernt man) kann ich
+auch im Coupé schlafen, in jeder Situation und sogar auf der linken
+Seite, und brauche nicht einmal das Kleid aufzumachen. Freilich bin
+ich auch nie eingepreßt; Brust und Lunge müssen immer frei sein und
+vor allem das Herz. Ja, meine gnädigste Frau, das ist die Hauptsache.
+Und dann das Kapitel Schlaf überhaupt - die Menge tut es nicht, was
+entscheidet, ist die Qualität; ein guter Nicker von fünf Minuten ist
+besser als fünf Stunden unruhige Rumdreherei, mal links, mal rechts.
+Übrigens schläft man in Rußland wundervoll, trotz des starken Tees.
+Es muß die Luft machen oder das späte Diner oder weil man so verwöhnt
+wird. Sorgen gibt es in Rußland nicht; darin - im Geldpunkt sind beide
+gleich - ist Rußland noch besser als Amerika.«
+
+Nach dieser Erklärung der Trippelli hatte Effi von allen Mahnungen
+zum Aufbruch Abstand genommen, und so war Mitternacht herangekommen.
+Man trennte sich heiter und herzlich und mit einer gewissen
+Vertraulichkeit. Der Weg von der Mohrenapotheke bis zur landrätlichen
+Wohnung war ziemlich weit; er kürzte sich aber dadurch, daß Pastor
+Lindequist bat, Innstetten und Frau eine Strecke begleiten zu
+dürfen; ein Spaziergang unterm Sternenhimmel sei das beste, um über
+Gieshüblers Rheinwein hinwegzukommen. Unterwegs wurde man natürlich
+nicht müde, die verschiedensten Trippelliana heranzuziehen; Effi
+begann mit dem, was ihr in Erinnerung geblieben, und gleich nach
+ihr kam der Pastor an die Reihe. Dieser, ein Ironikus, hatte die
+Trippelli, wie nach vielem sehr Weltlichen, so schließlich auch nach
+ihrer kirchlichen Richtung gefragt und dabei von ihr in Erfahrung
+gebracht, daß sie nur eine Richtung kenne, die orthodoxe. Ihr Vater
+sei freilich ein Rationalist gewesen, fast schon ein Freigeist,
+weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf dem Gemeindekirchhof
+gehabt hätte; sie ihrerseits sei aber ganz entgegengesetzter Ansicht,
+trotzdem sie persönlich des großen Vorzugs genieße, gar nichts zu
+glauben. Aber sie sei sich in ihrem entschiedenen Nichtglauben doch
+auch jeden Augenblick bewußt, daß das ein Spezialluxus sei, den
+man sich nur als Privatperson gestatten könne. Staatlich höre
+der Spaß auf, und wenn ihr das Kultusministerium oder gar ein
+Konsistorialregiment unterstünde, so würde sie mit unnachsichtiger
+Strenge vorgehen. »Ich fühle so was von einem Torquemada in mir.«
+Innstetten war sehr erheitert und erzählte seinerseits, daß er etwas
+so Heikles, wie das Dogmatische, geflissentlich vermieden, aber dafür
+das Moralische desto mehr in den Vordergrund gestellt habe. Hauptthema
+sei das Verführerische gewesen, das beständige Gefährdetsein, das in
+allem öffentlichen Auftreten liege, worauf die Trippelli leichthin
+und nur mit Betonung der zweiten Satzhälfte geantwortet habe: »Ja,
+beständig gefährdet; am meisten die Stimme.«
+
+Unter solchem Geplauder war, ehe man sich trennte, der Trippelli-Abend
+noch einmal an ihnen vorübergezogen, und erst drei Tage später hatte
+sich Gieshüblers Freundin durch ein von Petersburg aus an Effi
+gerichtetes Telegramm noch einmal in Erinnerung gebracht. Es lautete:
+Madame la Baronne d'Innstetten, née de Briest. Bien arrivée. Prince
+K. à la gare. Plus épris de moi que jamais. Mille fois merci de votre
+bon accueil. Compliments empressés à Monsieur le Baron. Marietta
+Trippelli.
+
+Innstetten war entzückt und gab diesem Entzücken lebhafteren Ausdruck,
+als Effi begreifen konnte.
+
+»Ich verstehe dich nicht, Geert.«
+
+»Weil du die Trippelli nicht verstehst. Mich entzückt die Echtheit;
+alles da, bis auf das Pünktchen überm i.«
+
+»Du nimmst also alles als eine Komödie?«
+
+»Aber als was sonst? Alles berechnet für dort und für hier, für
+Kotschukoff und für Gieshübler. Gieshübler wird wohl eine Stiftung
+machen, vielleicht auch bloß ein Legat für die Trippelli.«
+
+Die musikalische Soiree bei Gieshübler hatte Mitte Dezember
+stattgefunden, gleich danach begannen die Vorbereitungen für
+Weihnachten, und Effi, die sonst schwer über diese Tage hingekommen
+wäre, segnete es, daß sie selber einen Hausstand hatte, dessen
+Ansprüche befriedigt werden mußten. Es galt nachsinnen, fragen,
+anschaffen, und das alles ließ trübe Gedanken nicht aufkommen. Am Tage
+vor Heiligabend trafen Geschenke von den Eltern aus Hohen-Cremmen ein,
+und mit in die Kiste waren allerhand Kleinigkeiten aus dem Kantorhause
+gepackt: wunderschöne Reinetten von einem Baum, den Effi und Jahnke
+vor mehreren Jahren gemeinschaftlich okuliert hatten, und dazu braune
+Puls- und Kniewärmer von Bertha und Hertha. Hulda schrieb nur wenige
+Zeilen, weil sie, wie sie sich entschuldigte, für X noch eine
+Reisedecke zu stricken habe. »Was einfach nicht wahr ist«, sagte
+Effi. »Ich wette, X. existiert gar nicht. Daß sie nicht davon lassen
+kann, sich mit Anbetern zu umgeben die nicht da sind!« Und so kam
+Heiligabend heran. Innstetten selbst baute auf für seine junge Frau,
+der Baum brannte, und ein kleiner Engel schwebte oben in Lüften Auch
+eine Krippe war da mit hübschen Transparenten und Inschriften, deren
+eine sich in leiser Andeutung auf ein dem Innstettenschen Hause für
+nächstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog. Effi las es und errötete.
+Dann ging sie auf Innstetten zu, um ihm zu danken, aber eh sie dies
+konnte, flog, nach altpommerschem Weihnachtsbrauch, ein Julklapp in
+den Hausflur: eine große Kiste, drin eine Welt von Dingen steckte.
+Zuletzt fand man die Hauptsache, ein zierliches, mit allerlei
+japanischen Bildchen überklebtes Morsellenkästchen, dessen
+eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen beigegeben war. Es hieß
+da:
+
+ Drei Könige kamen zum Heiligenchrist,
+ Mohrenkönig einer gewesen ist -
+ Ein Mohrenapothekerlein
+ Erscheinet heute mit Spezerein,
+ Doch statt Weihrauch und Myrrhen, die nicht zur Stelle,
+ Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle.
+
+Effi las es zwei-, dreimal und freute sich darüber. »Die Huldigungen
+eines guten Menschen haben doch etwas besonders Wohltuendes. Meinst
+du nicht auch, Geert?« »Gewiß meine ich das. Es ist eigentlich das
+einzige, was einem Freude macht oder wenigstens Freude machen sollte.
+Denn jeder steckt noch so nebenher in allerhand dummem Zeuge drin. Ich
+auch. Aber freilich, man ist, wie man ist.« Der erste Feiertag war
+Kirchtag, am zweiten war man bei Borckes draußen, alles zugegen, mit
+Ausnahme von Grasenabbs, die nicht kommen wollten, weil Sidonie nicht
+da sei, was man als Entschuldigung allseitig ziemlich sonderlich fand.
+Einige tuschelten sogar: »Umgekehrt; gerade deshalb hätten sie kommen
+sollen.« Am Silvester war Ressourcenball, auf dem Effi nicht fehlen
+durfte und auch nicht wollte, denn der Ball gab ihr Gelegenheit,
+endlich einmal die ganze Stadtflora beisammen zu sehen. Johanna hatte
+mit den Vorbereitungen zum Ballstaate für ihre Gnäd'ge vollauf zu tun,
+Gieshübler, der, wie alles, so auch ein Treibhaus hatte, schickte
+Kamelien, und Innstetten, so knapp bemessen die Zeit für ihn war,
+fuhr am Nachmittage noch über Land nach Papenhagen, wo drei Scheunen
+abgebrannt waren.
+
+Es war ganz still im Hause. Christel, beschäftigungslos, hatte sich
+schläfrig eine Fußbank an den Herd gerückt, und Effi zog sich in ihr
+Schlafzimmer zurück, wo sie sich, zwischen Spiegel und Sofa, an einen
+kleinen, eigens zu diesem Zweck zurechtgemachten Schreibtisch setzte,
+um von hier aus an die Mama zu schreiben, der sie für Weihnachtsbrief
+und Weihnachtsgeschenke bis dahin bloß in einer Karte gedankt, sonst
+aber seit Wochen keine Nachricht gegeben hatte.
+
+Kessin, 31. Dezember. Meine liebe Mama! Das wird nun wohl ein langer
+Schreibebrief werden, denn ich habe - die Karte rechnet nicht -
+lange nichts von mir hören lassen. Als ich das letztemal schrieb,
+steckte ich noch in den Weihnachtsvorbereitungen, jetzt liegen
+die Weihnachtstage schon zurück. Innstetten und mein guter Freund
+Gieshübler hatten alles aufgeboten, mir den Heiligen Abend so angenehm
+wie möglich zu machen, aber ich fühlte mich doch ein wenig einsam und
+bangte mich nach Euch. Überhaupt, soviel Ursache ich habe, zu danken
+und froh und glücklich zu sein, ich kann ein Gefühl des Alleinseins
+nicht ganz loswerden, und wenn ich mich früher, vielleicht mehr als
+nötig, über Huldas ewige Gefühlsträne mokiert habe, so werde ich jetzt
+dafür bestraft und habe selber mit dieser Träne zu kämpfen. Denn
+Innstetten darf es nicht sehen. Ich bin aber sicher, daß das alles
+besser werden wird, wenn unser Hausstand sich mehr belebt, und das
+wird der Fall sein, meine liebe Mama. Was ich neulich andeutete, das
+ist nun Gewißheit, und Innstetten bezeugt mir täglich seine Freude
+darüber. Wie glücklich ich selber im Hinblick darauf bin, brauche ich
+nicht erst zu versichern, schon weil ich dann Leben und Zerstreuung
+um mich her haben werde oder, wie Geert sich ausdrückt, ein »liebes
+Spielzeug«. Mit diesem Wort wird er wohl recht haben, aber er sollte
+es lieber nicht gebrauchen, weil es mir immer einen kleinen Stich gibt
+und mich daran erinnert, wie jung ich bin und daß ich noch halb in die
+Kinderstube gehöre. Diese Vorstellung verläßt mich nicht (Geert meint,
+es sei krankhaft) und bringt es zuwege, daß das, was mein höchstes
+Glück sein sollte, doch fast noch mehr eine beständige Verlegenheit
+für mich ist. Ja, meine liebe Mama, als die guten Flemmingschen Damen
+sich neulich nach allem möglichen erkundigten, war mir zumut, als
+stünde ich schlecht vorbereitet in einem Examen, und ich glaube auch,
+daß ich recht dumm geantwortet habe. Verdrießlich war ich auch. Denn
+manches, was wie Teilnahme aussieht, ist doch bloß Neugier und wirkt
+um so zudringlicher, als ich ja noch lange, bis in den Sommer hinein,
+auf das frohe Ereignis zu warten habe. Ich denke, die ersten Julitage.
+Dann mußt Du kommen, oder noch besser, sobald ich einigermaßen
+wieder bei Wege bin, komme ich, nehme hier Urlaub und mache mich
+auf nach Hohen-Cremmen. Ach, wie ich mich darauf freue und auf die
+havelländische Luft - hier ist es fast immer rauh und kalt -, und dann
+jeden Tag eine Fahrt ins Luch, alles rot und gelb, und ich sehe schon,
+wie das Kind die Hände danach streckt, denn es wird doch wohl fühlen,
+daß es eigentlich da zu Hause ist. Aber das schreibe ich nur Dir.
+Innstetten darf nicht davon wissen, und auch Dir gegenüber muß ich
+mich wie entschuldigen, daß ich mit dem Kinde nach Hohen-Cremmen will
+und mich heute schon anmelde, statt Dich, meine liebe Mama, dringend
+und herzlich nach Kessin hin einzuladen, das ja doch jeden Sommer
+fünfzehnhundert Badegäste hat und Schiffe mit allen möglichen Flaggen
+und sogar ein Dünenhotel. Aber daß ich so wenig Gastlichkeit zeige,
+das macht nicht, daß ich ungastlich wäre, so sehr bin ich nicht aus
+der Art geschlagen, das macht einfach unser landrätliches Haus, das,
+soviel Hübsches und Apartes es hat, doch eigentlich gar kein richtiges
+Haus ist, sondern nur eine Wohnung für zwei Menschen, und auch das
+kaum, denn wir haben nicht einmal ein Eßzimmer, was doch genant ist,
+wenn ein paar Personen zu Besuch sich einstellen. Wir haben freilich
+noch Räumlichkeiten im ersten Stock, einen großen Saal und vier kleine
+Zimmer, aber sie haben alle etwas wenig Einladendes, und ich würde sie
+Rumpelkammer nennen, wenn sich etwas Gerümpel darin vorfände; sie sind
+aber ganz leer, ein paar Binsenstühle abgerechnet, und machen, das
+mindeste zu sagen, einen sehr sonderbaren Eindruck. Nun wirst Du
+wohl meinen, das alles sei ja leicht zu ändern. Aber es ist nicht zu
+ändern; denn das Haus, das wir bewohnen, ist ... ist ein Spukhaus;
+da ist es heraus. Ich beschwöre Dich übrigens, mir auf diese meine
+Mitteilung nicht zu antworten, denn ich zeige Innstetten immer Eure
+Briefe, und er wäre außer sich, wenn er erführe, daß ich Dir das
+geschrieben. Ich hätte es auch nicht getan, und zwar um so weniger,
+als ich seit vielen Wochen in Ruhe geblieben bin und aufgehört habe,
+mich zu ängstigen; aber Johanna sagt mir, es käme immer mal wieder,
+namentlich wenn wer Neues im Hause erschiene. Und ich kann Dich doch
+einer solchen Gefahr oder, Wenn das zuviel gesagt ist, einer solchen
+eigentümlichen und unbequemen Störung nicht aussetzen! Mit der
+Sache selber will ich Dich heute nicht behelligen, jedenfalls nicht
+ausführlich. Es ist eine Geschichte von einem alten Kapitän, einem
+sogenannten Chinafahrer, und seiner Enkelin, die mit einem hiesigen
+jungen Kapitän eine kurze Zeit verlobt war und an ihrem Hochzeitstage
+plötzlich verschwand. Das möchte hingehn. Aber was wichtiger ist, ein
+junger Chinese, den ihr Vater aus China mit zurückgebracht hatte und
+der erst der Diener und dann der Freund des Alten war, der starb
+kurze Zeit danach und ist an einer einsamen Stelle neben dem Kirchhof
+begraben worden. Ich bin neulich da vorübergefahren, wandte mich aber
+rasch ab und sah nach der andern Seite, weil ich glaube, ich hätte
+ihn sonst auf dem Grabe sitzen sehen. Denn ach, meine liebe Mama,
+ich habe ihn einmal wirklich gesehen, oder es ist mir wenigstens so
+vorgekommen, als ich fest schlief und Innstetten auf Besuch beim
+Fürsten war. Es war schrecklich; ich möchte so was nicht wieder
+erleben. Und in ein solches Haus, so hübsch es sonst ist (es ist
+sonderbarerweise gemütlich und unheimlich zugleich), kann ich Dich
+doch nicht gut einladen. Und Innstetten, trotzdem ich ihm schließlich
+in vielen Stücken zustimmte, hat sich dabei, soviel möchte ich sagen
+dürfen, auch nicht ganz richtig benommen. Er verlangte von mir, ich
+solle das alles als Alten-Weiber-Unsinn ansehn und darüber lachen,
+aber mit einemmal schien er doch auch wieder selber daran zu glauben
+und stellte mir zugleich die sonderbare Zumutung, einen solchen
+Hausspuk als etwas Vornehmes und Altadliges anzusehen. Das kann ich
+aber nicht und will es auch nicht. Er ist in diesem Punkt, so gütig er
+sonst ist, nicht gütig und nachsichtig genug gegen mich. Denn daß es
+etwas damit ist, das weiß ich von Johanna und weiß es auch von unserer
+Frau Kruse. Das ist nämlich unsere Kutscherfrau, die mit einem
+schwarzen Huhn beständig in einer überheizten Stube sitzt. Dies allein
+schon ist ängstlich genug. Und nun weißt Du, warum ich kommen will,
+wenn es erst soweit ist. Ach, wäre es nur erst soweit. Es sind
+so viele Gründe, warum ich es wünsche. Heute abend haben wir
+Silvesterball, und Gieshübler - der einzige nette Mensch hier,
+trotzdem er eine hohe Schulter hat oder eigentlich schon etwas
+mehr -, Gieshübler hat mir Kamelien geschickt. Ich werde doch
+vielleicht tanzen. Unser Arzt sagt, es würde mir nichts schaden,
+im Gegenteil. Und Innstetten, was mich fast überraschte, hat auch
+eingewilligt. Und nun grüße und küsse Papa und all die andern Lieben.
+Glückauf zum neuen Jahr. Deine Effi.
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+Der Silvesterball hatte bis an den frühen Morgen gedauert, und Effi
+war ausgiebig bewundert worden, freilich nicht ganz so anstandslos wie
+das Kamelienbukett, von dem man wußte, daß es aus dem Gieshüblerschen
+Treibhaus kam. Im übrigen blieb auch nach dem Silvesterball alles beim
+alten, kaum daß Versuche gesellschaftlicher Annäherung gemacht worden
+wären, und so kam es denn, daß der Winter als recht lange dauernd
+empfunden wurde. Besuche seitens der benachbarten Adelsfamilien fanden
+nur selten statt, und dem pflichtschuldigen Gegenbesuch ging in einem
+halben Trauerton jedesmal die Bemerkung voraus: »Ja, Geert, wenn es
+durchaus sein muß, aber ich vergehe vor Langeweile.« Worte, denen
+Innstetten nur immer zustimmte. Was an solchen Besuchsnachmittagen
+über Familie, Kinder, auch Landwirtschaft gesagt wurde, mochte gehen;
+wenn dann aber die kirchlichen Fragen an die Reihe kamen und die
+mitanwesenden Pastoren wie kleine Päpste behandelt wurden oder sich
+auch wohl selbst als solche ansahen, dann riß Effi der Faden der
+Geduld, und sie dachte mit Wehmut an Niemeyer, der immer zurückhaltend
+und anspruchslos war, trotzdem es bei jeder größeren Feierlichkeit
+hieß, er habe das Zeug, an den »Dom« berufen zu werden. Mit den
+Borckes, den Flemmings, den Grasenabbs, so freundlich die Familien,
+von Sidonie Grasenabb abgesehen, gesinnt waren - es wollte mit allen
+nicht so recht gehen, und es hätte mit Freude, Zerstreuung und auch
+nur leidlichem Sich-behaglich-Fühlen manchmal recht schlimm gestanden,
+wenn Gieshübler nicht gewesen wäre. Der sorgte für Effi wie eine
+kleine Vorsehung, und sie wußte es ihm auch Dank. Natürlich war er
+neben allem andern auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser,
+ganz zu schweigen, daß er an der Spitze des Journalzirkels stand, und
+so verging denn fast kein Tag, wo nicht Mirambo ein großes weißes
+Kuvert gebracht hätte mit allerhand Blättern und Zeitungen, in denen
+die betreffenden Stellen angestrichen waren, meist eine kleine,
+feine Bleistiftlinie, mitunter aber auch dick mit Blaustift und ein
+Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben. Und dabei ließ er es nicht
+bewenden; er schickte auch Feigen und Datteln, Schokoladentafeln in
+Satineepapier und ein rotes Bändchen drum, und wenn etwas besonders
+Schönes in seinem Treibhaus blühte, so brachte er es selbst und hatte
+dann eine glückliche Plauderstunde mit der ihm so sympathischen jungen
+Frau, für die er alle schönen Liebesgefühle durch- und nebeneinander
+hatte, die des Vaters und Onkels, des Lehrers und Verehrers. Effi war
+gerührt von dem allen und schrieb öfters darüber nach Hohen-Cremmen,
+so daß die Mama sie mit ihrer »Liebe zum Alchimisten« zu necken
+begann; aber diese wohlgemeinten Neckereien verfehlten ihren Zweck,
+ja berührten sie beinahe schmerzlich, weil ihr, wenn auch unklar,
+dabei zum Bewußtsein kam, was ihr in ihrer Ehe eigentlich fehlte:
+Huldigungen, Anregungen, kleine Aufmerksamkeiten. Innstetten war lieb
+und gut, aber ein Liebhaber war er nicht. Er hatte das Gefühl, Effi zu
+lieben, und das gute Gewissen, daß es so sei, ließ ihn von besonderen
+Anstrengungen absehen. Es war fast zur Regel geworden, daß er sich,
+wenn Friedrich die Lampe brachte, aus seiner Frau Zimmer in sein
+eigenes zurückzog. »Ich habe da noch eine verzwickte Geschichte
+zu erledigen.« Und damit ging er. Die Portiere blieb freilich
+zurückgeschlagen, so daß Effi das Blättern in dem Aktenstück oder das
+Kritzeln seiner Feder hören konnte, aber das war auch alles. Rollo kam
+dann wohl und legte sich vor sie hin auf den Kaminteppich, als ob er
+sagen wolle: »Muß nur mal wieder nach dir sehen; ein anderer tut's
+doch nicht.« Und dann beugte sie sich nieder und sagte leise: »Ja,
+Rollo, wir sind allein.« Um neun erschien dann Innstetten wieder zum
+Tee, meist die Zeitung in der Hand, sprach vom Fürsten, der wieder
+viel Ärger habe, zumal über diesen Eugen Richter, dessen Haltung und
+Sprache ganz unqualifizierbar seien, und ging dann die Ernennungen
+und Ordensverleihungen durch, von denen er die meisten beanstandete.
+Zuletzt sprach er von den Wahlen, und daß es ein Glück sei, einem
+Kreis vorzustehen, in dem es noch Respekt gäbe. War er damit durch, so
+bat er Effi, daß sie was spiele, aus Lohengrin oder aus der Walküre,
+denn er war ein Wagnerschwärmer. Was ihn zu diesem hinübergeführt
+hatte, war ungewiß; einige sagten, seine Nerven, denn so nüchtern
+er schien, eigentlich war er nervös; andere schoben es auf Wagners
+Stellung zur Judenfrage. Wahrscheinlich hatten beide recht. Um
+zehn war Innstetten dann abgespannt und erging sich in ein paar
+wohlgemeinten, aber etwas müden Zärtlichkeiten, die sich Effi gefallen
+ließ, ohne sie recht zu erwidern.
+
+So verging der Winter, der April kam, und in dem Garten hinter dem Hof
+begann es zu grünen, worüber sich Effi freute; sie konnte gar nicht
+abwarten, daß der Sommer komme mit seinen Spaziergängen am Strand und
+seinen Badegästen. Wenn sie so zurückblickte, der Trippelli-Abend bei
+Gieshübler und dann der Silvesterball, ja, das ging, das war etwas
+Hübsches gewesen; aber die Monate, die dann gefolgt waren, die hatten
+doch viel zu wünschen übriggelassen, und vor allem waren sie so
+monoton gewesen, daß sie sogar mal an die Mama geschrieben hatte:
+»Kannst Du Dir denken, Mama, daß ich mich mit unsrem Spuk beinah
+ausgesöhnt habe? Natürlich die schreckliche Nacht, wo Geert drüben
+beim Fürsten war, die möchte ich nicht noch einmal durchmachen, nein,
+gewiß nicht; aber immer das Alleinsein und so gar nichts erleben, das
+hat doch auch sein Schweres, und wenn ich dann in der Nacht aufwache,
+dann horche ich mitunter hinauf, ob ich nicht die Schuhe schleifen
+höre, und wenn alles still bleibt, so bin ich fast wie enttäuscht und
+sage mir: Wenn es doch nur wiederkäme, nur nicht zu arg und nicht zu
+nah.«
+
+Das war im Februar, daß Effi so schrieb, und nun war beinahe Mai.
+Drüben in der Plantage belebte sich's schon wieder, und man hörte die
+Finken schlagen. Und in derselben Woche war es auch, daß die Störche
+kamen, und einer schwebte langsam über ihr Haus hin und ließ sich dann
+auf einer Scheune nieder, die neben Utpatels Mühle stand. Das war
+seine alte Raststätte. Auch über dies Ereignis berichtete Effi, die
+jetzt überhaupt häufiger nach Hohen-Cremmen schrieb, und es war in
+demselben Brief, daß es am Schluß hieß: »Etwas, meine liebe Mama,
+hätte ich beinah vergessen: den neuen Landwehrbezirkskommandeur,
+den wir nun schon beinah vier Wochen hier haben. Ja, haben wir ihn
+wirklich? Das ist die Frage, und eine Frage von Wichtigkeit dazu,
+sosehr Du darüber lachen wirst und auch lachen mußt, weil Du den
+gesellschaftlichen Notstand nicht kennst, in dem wir uns nach wie vor
+befinden. Oder wenigstens ich, die ich mich mit dem Adel hier nicht
+gut zurechtfinden kann. Vielleicht meine Schuld. Aber das ist gleich.
+Tatsache bleibt: Notstand, und deshalb sah ich, durch all diese
+Winterwochen hin, dem neuen Bezirkskommandeur wie einem Trost-
+und Rettungsbringer entgegen. Sein Vorgänger war ein Greuel, von
+schlechten Manieren und noch schlechteren Sitten, und zum Überfluß
+auch noch immer schlecht bei Kasse. Wir haben all die Zeit über unter
+ihm gelitten, Innstetten noch mehr als ich, und als wir Anfang April
+hörten, Major von Crampas sei da, das ist nämlich der Name des neuen,
+da fielen wir uns in die Arme, als könne uns nichts Schlimmes mehr
+in diesem lieben Kessin passieren. Aber, wie schon kurz erwähnt, es
+scheint, trotzdem er da ist, wieder nichts werden zu wollen. Crampas
+ist verheiratet, zwei Kinder von zehn und acht Jahren, die Frau ein
+Jahr älter als er, also sagen wir fünfundvierzig. Das würde nun an
+und für sich nicht viel schaden, warum soll ich mich nicht mit einer
+mütterlichen Freundin wundervoll unterhalten können? Die Trippelli
+war auch nahe an Dreißig, und es ging ganz gut. Aber mit der Frau von
+Crampas, übrigens keine Geborene, kann es nichts werden. Sie ist immer
+verstimmt, beinahe melancholisch (ähnlich wie unsere Frau Kruse,
+an die sie mich überhaupt erinnert), und das alles aus Eifersucht.
+Er, Crampas, soll nämlich ein Mann vieler Verhältnisse sein, ein
+Damenmann, etwas, was mir immer lächerlich ist und mir auch in diesem
+Falle lächerlich sein würde, wenn er nicht um eben solcher Dinge
+willen ein Duell mit einem Kameraden gehabt hätte. Der linke Arm wurde
+ihm dicht unter der Schulter zerschmettert, und man sieht es sofort,
+trotzdem die Operation, wie mir Innstetten erzählt (ich glaube, sie
+nennen es Resektion, damals noch von Wilms ausgeführt), als ein
+Meisterstück der Kunst gerühmt wurde. Beide, Herr und Frau von
+Crampas, waren vor vierzehn Tagen bei uns, um uns ihren Besuch zu
+machen; es war eine sehr peinliche Situation, denn Frau von Crampas
+beobachtete ihren Mann so, daß er in eine halbe und ich in eine ganze
+Verlegenheit kam. Daß er selbst sehr anders sein kann, ausgelassen
+und übermütig, davon überzeugte ich mich, als er vor drei Tagen mit
+Innstetten allein war und ich, von meinem Zimmer her, dem Gang ihrer
+Unterhaltung folgen konnte. Nachher sprach auch ich ihn. Vollkommener
+Kavalier, ungewöhnlich gewandt. Innstetten war während des Krieges in
+derselben Brigade mit ihm, und sie haben sich im Norden von Paris bei
+Graf Gröben öfter gesehen. Ja, meine liebe Mama, das wäre nun also
+etwas gewesen, um in Kessin ein neues Leben beginnen zu können; er,
+der Major, hat auch nicht die pommerschen Vorurteile, trotzdem er in
+Schwedisch-Pommern zu Hause sein soll. Aber die Frau! Ohne sie geht es
+natürlich nicht, und mit ihr erst recht nicht.«
+
+Effi hatte ganz recht gehabt, und es kam wirklich zu keiner weiteren
+Annäherung mit dem Crampasschen Paar. Man sah sich mal bei der
+Borckeschen Familie draußen, ein andermal ganz flüchtig auf dem
+Bahnhof und wenige Tage später auf einer Boots- und Vergnügungsfahrt,
+die nach einem am Breitling gelegenen großen Buchen- und Eichenwald,
+der »Der Schnatermann« hieß, gemacht wurde; es kam aber über kurze
+Begrüßungen nicht hinaus, und Effi war froh, als Anfang Juni die
+Saison sich ankündigte. Freilich fehlte es noch an Badegästen, die vor
+Johanni überhaupt nur in Einzelexemplaren einzutreffen pflegten, aber
+schon die Vorbereitungen waren eine Zerstreuung. In der Plantage
+wurden Karussell und Scheibenstände hergerichtet, die Schiffersleute
+kalfaterten und strichen ihre Boote, jede kleine Wohnung erhielt neue
+Gardinen, die Zimmer, die feucht lagen, also den Schwamm unter der
+Diele hatten, wurden ausgeschwefelt und dann gelüftet.
+
+Auch in Effis eigener Wohnung, freilich um eines anderen Ankömmlings
+als der Badegäste willen, war alles in einer gewissen Erregung; selbst
+Frau Kruse wollte mittun, so gut es ging. Aber davor erschrak Effi
+lebhaft und sagte: »Geert, daß nur die Frau Kruse nichts anfaßt; da
+kann nichts werden, und ich ängstige mich schon gerade genug.«
+
+Innstetten versprach auch alles, Christel und Johanna hätten ja Zeit
+genug, und um seiner jungen Frau Gedanken überhaupt in eine andere
+Richtung zu bringen, ließ er das Thema der Vorbereitungen ganz fallen
+und fragte statt dessen, ob sie schon bemerkt habe, daß drüben ein
+Badegast eingezogen sei, nicht gerade der erste, aber doch einer der
+ersten.
+
+»Ein Herr?«
+
+»Nein, eine Dame, die schon früher hier war, jedesmal in derselben
+Wohnung. Und sie kommt immer so früh, weil sie's nicht leiden kann,
+wenn alles schon so voll ist.«
+
+»Das kann ich ihr nicht verdenken. Und wer ist es denn?« »Die
+verwitwete Registrator Rode.«
+
+»Sonderbar. Ich habe mir Registratorwitwen immer arm gedacht.«
+
+»Ja«, lachte Innstetten, »das ist die Regel. Aber hier hast du eine
+Ausnahme. Jedenfalls hat sie mehr als ihre Witwenpension. Sie kommt
+immer mit viel Gepäck, unendlich viel mehr, als sie gebraucht, und
+scheint überhaupt eine ganz eigene Frau, wunderlich, kränklich und
+namentlich schwach auf den Füßen. Sie mißtraut sich deshalb auch und
+hat immer eine ältliche Dienerin um sich, die kräftig genug ist, sie
+zu schützen oder sie zu tragen, wenn ihr was passiert. Diesmal hat sie
+eine neue. Aber doch wieder eine ganz ramassierte Person, ähnlich wie
+die Trippelli, nur noch stärker.«
+
+»Oh, die hab ich schon gesehen. Gute braune Augen, die einen treu und
+zuversichtlich ansehen. Aber ein klein bißchen dumm.« - »Richtig, das
+ist sie.«
+
+Das war Mitte Juni, daß Innstetten und Effi dies Gespräch hatten.
+Von da ab brachte jeder Tag Zuzug, und nach dem Bollwerk hin
+spazierengehen, um daselbst die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten,
+wurde, wie immer um diese Zeit, eine Art Tagesbeschäftigung für die
+Kessiner. Effi freilich, weil Innstetten sie nicht begleiten konnte,
+mußte darauf verzichten, aber sie hatte doch wenigstens die Freude,
+die nach dem Strand und dem Strandhotel hinausführende, sonst so
+menschenleere Straße sich beleben zu sehen, und war denn auch, um
+immer wieder Zeuge davon zu sein, viel mehr als sonst in ihrem
+Schlafzimmer, von dessen Fenstern aus sich alles am besten beobachten
+ließ. Johanna stand dann neben ihr und gab Antwort auf ziemlich alles,
+was sie wissen wollte; denn da die meisten alljährlich wiederkehrende
+Gäste waren, so konnte das Mädchen nicht bloß die Namen nennen,
+sondern mitunter auch eine Geschichte dazu geben.
+
+Das alles war unterhaltlich und erheiternd für Effi. Gerade am
+Johannistag aber traf es sich, daß kurz vor elf Uhr vormittags, wo
+sonst der Verkehr vom Dampfschiff her am buntesten vorüberflutete,
+statt der mit Ehepaaren, Kindern und Reisekoffern besetzten Droschken
+aus der Mitte der Stadt her ein schwarz verhangener Wagen (dem sich
+zwei Trauerkutschen anschlossen) die zur Plantage führende Straße
+herunterkam und vor dem der landrätlichen Wohnung gegenüber gelegenen
+Hause hielt. Die verwitwete Frau Registrator Rode war nämlich drei
+Tage vorher gestorben, und nach Eintreffen der in aller Kürze
+benachrichtigten Berliner Verwandten war seitens ebendieser
+beschlossen worden, die Tote nicht nach Berlin hin überzuführen,
+sondern auf dem Kessiner Dünenkirchhof begraben zu wollen. Effi stand
+am Fenster und sah neugierig auf die sonderbar feierliche Szene, die
+sich drüben abspielte. Die zum Begräbnis von Berlin her Eingetroffenen
+waren zwei Neffen mit ihren Frauen, alle gegen Vierzig, etwas mehr
+oder weniger, und von beneidenswert gesunder Gesichtsfarbe. Die
+Neffen, in gutsitzenden Fracks, konnten passieren, und die nüchterne
+Geschäftsmäßigkeit, die sich in ihrem gesamten Tun ausdrückte, war im
+Grunde mehr kleidsam als störend. Aber die beiden Frauen! Sie waren
+ganz ersichtlich bemüht, den Kessinern zu zeigen, was eigentlich
+Trauer sei, und trugen denn auch lange, bis an die Erde reichende
+schwarze Kreppschleier, die zugleich ihr Gesicht verhüllten. Und nun
+wurde der Sarg, auf dem einige Kränze und sogar ein Palmwedel lagen,
+auf den Wagen gestellt, und die beiden Ehepaare setzten sich in die
+Kutschen. In die erste - gemeinschaftlich mit dem einen der beiden
+leidtragenden Paare - stieg auch Lindequist, hinter der zweiten
+Kutsche aber ging die Hauswirtin und neben dieser die stattliche
+Person, die die Verstorbene zur Aushilfe mit nach Kessin gebracht
+hatte. Letztere war sehr aufgeregt und schien durchaus ehrlich darin,
+wenn dies Aufgeregtsein auch vielleicht nicht gerade Trauer war;
+der sehr heftig schluchzenden Hauswirtin aber, einer Witwe, sah man
+dagegen fast allzu deutlich an, daß sie sich beständig die Möglichkeit
+eines Extrageschenkes berechnete, trotzdem sie in der bevorzugten und
+von anderen Wirtinnen auch sehr beneideten Lage war, die für den
+ganzen Sommer vermietete Wohnung noch einmal vermieten zu können.
+
+Effi, als der Zug sich in Bewegung setzte, ging in ihren hinter dem
+Hof gelegenen Garten, um hier, zwischen den Buchsbaumbeeten, den
+Eindruck des Lieb- und Leblosen, den die ganze Szene drüben auf sie
+gemacht hatte, wieder loszuwerden. Als dies aber nicht glücken wollte,
+kam ihr die Lust, statt ihrer eintönigen Gartenpromenade lieber einen
+weiteren Spaziergang zu machen, und zwar um so mehr, als ihr der Arzt
+gesagt hatte, viel Bewegung im Freien sei das Beste, was sie bei
+dem, was ihr bevorstände, tun könne. Johanna, die mit im Garten
+war, brachte ihr denn auch Umhang, Hut und Entoutcas, und mit einem
+freundlichen »Guten Tag« trat Effi aus dem Hause heraus und ging auf
+das Wäldchen zu, neben dessen breitem chaussierten Mittelweg ein
+schmalerer Fußsteig auf die Dünen und das am Strand gelegene Hotel
+zulief. Unterwegs standen Bänke, von denen sie jede benutzte, denn
+das Gehen griff sie an, und um so mehr, als inzwischen die heiße
+Mittagsstunde herangekommen war. Aber wenn sie saß und von ihrem
+bequemen Platz aus die Wagen und die Damen in Toilette beobachtete,
+die da hinausfuhren, so belebte sie sich wieder. Denn Heiteres sehen,
+war ihr wie Lebensluft. Als das Wäldchen aufhörte, kam freilich noch
+eine allerschlimmste Wegstelle - Sand und wieder Sand, und nirgends
+eine Spur von Schatten; aber glücklicherweise waren hier Bohlen und
+Bretter gelegt, und so kam sie, wenn auch erhitzt und müde, doch
+in guter Laune bei dem Strandhotel an. Drinnen im Saal wurde schon
+gegessen, aber hier draußen um sie her war alles still und leer, was
+ihr in diesem Augenblick denn auch das liebste war. Sie ließ sich ein
+Glas Sherry und eine Flasche Biliner Wasser bringen und sah auf das
+Meer hinaus, das im hellen Sonnenlichte schimmerte, während es am Ufer
+in kleinen Wellen brandete. »Da drüben liegt Bornholm und dahinter
+Wisby, wovon mir Jahnke vor Zeiten immer Wunderdinge vorschwärmte.
+Und hinter Wisby kommt Stockholm, wo das Stockholmer Blutbad war,
+und dann kommen die großen Ströme und dann das Nordkap und dann die
+Mitternachtssonne.« Und im Augenblick erfaßte sie eine Sehnsucht, das
+alles zu sehen. Aber dann gedachte sie wieder dessen, was ihr so nahe
+bevorstand, und sie erschrak fast. »Es ist eine Sünde, daß ich so
+leichtsinnig bin und solche Gedanken habe und mich wegträume, während
+ich doch an das nächste denken müßte. Vielleicht bestraft es sich auch
+noch, und alles stirbt hin, das Kind und ich. Und der Wagen und die
+zwei Kutschen, die halten dann nicht drüben vor dem Hause, die halten
+dann bei uns ... Nein, nein, ich mag hier nicht sterben, ich will hier
+nicht begraben sein, ich will nach Hohen-Cremmen. Und Lindequist, so
+gut er ist - aber Niemeyer ist mir lieber; er hat mich getauft und
+eingesegnet und getraut, und Niemeyer soll mich auch begraben.« Und
+dabei fiel eine Träne auf ihre Hand. Dann aber lachte sie wieder.
+»Ich lebe ja noch und bin erst siebzehn, und Niemeyer ist
+siebenundfünfzig.«
+
+In dem Eßsaal hörte sie das Geklapper des Geschirrs. Aber mit einem
+Male war es ihr, als ob die Stühle geschoben würden; vielleicht stand
+man schon auf, und sie wollte jede Begegnung vermeiden. So erhob sie
+sich auch ihrerseits rasch wieder von ihrem Platz, um auf einem Umweg
+nach der Stadt zurückzukehren. Dieser Umweg führte sie dicht an dem
+Dünenkirchhof vorüber, und weil der Torweg des Kirchhofs gerade
+offenstand, trat sie ein. Alles blühte hier, Schmetterlinge flogen
+über die Gräber hin, und hoch in den Lüften standen ein paar Möwen.
+Es war so still und schön, und sie hätte hier gleich bei den ersten
+Gräbern verweilen mögen; aber weil die Sonne mit jedem Augenblick
+heißer niederbrannte, ging sie höher hinauf, auf einen schattigen Gang
+zu, den Hängeweiden und etliche an den Gräbern stehende Trauereschen
+bildeten. Als sie bis an das Ende dieses Ganges gekommen, sah sie zur
+Rechten einen frisch aufgeworfenen Sandhügel, mit vier, fünf Kränzen
+darauf, und dicht daneben eine schon außerhalb der Baumreihe stehende
+Bank, darauf die gute, robuste Person saß, die an der Seite der
+Hauswirtin dem Sarge der verwitweten Registratorin als letzte
+Leidtragende gefolgt war. Effi erkannte sie sofort wieder und war in
+ihrem Herzen bewegt, die gute, treue Person, denn dafür mußte sie sie
+halten, in sengender Sonnenhitze hier vorzufinden. Seit dem Begräbnis
+waren wohl an zwei Stunden vergangen. »Es ist eine heiße Stelle, die
+Sie sich da ausgesucht haben«, sagte Effi, »viel zu heiß. Und wenn ein
+Unglück kommen soll, dann haben Sie den Sonnenstich.« »Das wäre auch
+das beste.« »Wie das?« - »Dann wär ich aus der Welt.« »Ich meine, das
+darf man nicht sagen, auch wenn man unglücklich ist oder wenn einem
+wer gestorben ist, den man liebhatte. Sie hatten sie wohl sehr lieb?«
+»Ich? Die? I, Gott bewahre.« »Sie sind aber doch sehr traurig. Das muß
+doch einen Grund haben.« »Den hat es auch, gnädigste Frau.« »Kennen
+Sie mich?« »Ja. Sie sind die Frau Landrätin von drüben. Und ich habe
+mit der Alten immer von Ihnen gesprochen. Zuletzt konnte sie nicht
+mehr, weil sie keine rechte Luft mehr hatte, denn es saß ihr hier und
+wird wohl Wasser gewesen sein; aber solange sie noch reden konnte,
+redete sie immerzu. Es war ne richtige Berlinsche ...« - »Gute Frau?«
+»Nein; wenn ich das sagen wollte, müßt ich lügen. Da liegt sie nun,
+und man soll von einem Toten nichts Schlimmes sagen, und erst recht
+nicht, wenn er so kaum seine Ruhe hat. Na, die wird sie ja wohl haben!
+Aber sie taugte nichts und war zänkisch und geizig, und für mich hat
+sie auch nicht gesorgt. Und die Verwandtschaft, die da gestern von
+Berlin gekommen ... gezankt haben sie sich bis in die sinkende Nacht
+... na, die taugt auch nichts, die taugt erst recht nichts. Lauter
+schlechtes Volk, happig und gierig und hartherzig, und haben mir
+barsch und unfreundlich und mit allerlei Redensarten meinen Lohn
+ausgezahlt, bloß weil sie mußten und weil es bloß noch sechs Tage sind
+bis zum Vierteljahresersten. Sonst hätte ich nichts gekriegt oder
+bloß halb oder bloß ein Viertel. Nichts aus freien Stücken. Und einen
+eingerissenen Fünfmarkschein haben sie mir gegeben, daß ich nach
+Berlin zurückreisen kann; na, es reicht so gerade für die vierte
+Klasse, und ich werde wohl auf meinem Koffer sitzen müssen. Aber ich
+will auch gar nicht; ich will hier sitzen bleiben und warten, bis
+ich sterbe ... Gott, ich dachte nun mal Ruhe zu haben und hätte auch
+ausgehalten bei der Alten. Und nun ist es wieder nichts und soll mich
+wieder rumstoßen lassen. Und kattolsch bin ich auch noch. Ach, ich
+hab es satt und läg am liebsten, wo die Alte liegt, und sie könnte
+meinetwegen weiterleben ... Sie hätte gerne noch weitergelebt; solche
+Menschenschikanierer, die nich mal Luft haben, die leben immer am
+liebsten.«
+
+Rollo, der Effi begleitet hatte, hatte sich mittlerweile vor die
+Person hingesetzt, die Zunge weit heraus, und sah sie an. Als sie
+jetzt schwieg, erhob er sich, ging einen Schritt vor und legte seinen
+Kopf auf ihre Knie.
+
+Mit einem Male war die Person wie verwandelt. »Gott, das bedeutet mir
+was. Das is ja 'ne Kreatur, die mich leiden kann, die mich freundlich
+ansieht und ihren Kopf auf meine Knie legt. Gott, das ist lange her,
+daß ich so was gehabt habe. Nu, mein Alterchen, wie heißt du denn? Du
+bist ja ein Prachtkerl.« - »Rollo«, sagte Effi.
+
+»Rollo; das ist sonderbar. Aber der Name tut nichts. Ich habe auch
+einen sonderbaren Namen, das heißt Vornamen. Und einen andern hat
+unsereins ja nicht.«
+
+»Wie heißen Sie denn?« - »Ich heiße Roswitha.« »Ja, das ist selten,
+das ist ja ...«
+
+»Ja, ganz recht, gnädige Frau, das ist ein kattolscher Name. Und das
+kommt auch noch dazu, daß ich eine Kattolsche bin.
+
+Aus'n Eichsfeld. Und das Kattolsche, das macht es einem immer noch
+schwerer und saurer. Viele wollen keine Kattolsche, weil sie so viel
+in die Kirche rennen. 'Immer in die Beichte; und die Hauptsache sagen
+sie doch nich' - Gott, wie oft hab ich das hören müssen, erst als ich
+in Giebichenstein im Dienst war und dann in Berlin. Ich bin aber eine
+schlechte Katholikin und bin ganz davon abgekommen, und vielleicht
+geht es mir deshalb so schlecht; ja, man darf nich von seinem Glauben
+lassen und muß alles ordentlich mitmachen.«
+
+»Roswitha«, wiederholte Effi den Namen und setzte sich zu ihr auf die
+Bank. »Was haben Sie nun vor?«
+
+»Ach, gnäd'ge Frau, was soll ich vorhaben. Ich habe gar nichts vor.
+Wahr und wahrhaftig, ich möchte hier sitzen bleiben und warten, bis
+ich tot umfalle. Das wäre mir das liebste. Und dann würden die Leute
+noch denken, ich hätte die Alte so geliebt wie ein treuer Hund und
+hätte von ihrem Grab nicht weggewollt und wäre da gestorben. Aber das
+ist falsch, für solche Alte stirbt man nicht; ich will bloß sterben,
+weil ich nicht leben kann.«
+
+»Ich will Sie was fragen, Roswitha. Sind Sie, was man so 'kinderlieb'
+nennt? Waren Sie schon mal bei kleinen Kindern?«
+
+»Gewiß war ich. Das ist ja mein Bestes und Schönstes. Solche alte
+Berlinsche - Gott verzeih mir die Sünde, denn sie ist nun tot und
+steht vor Gottes Thron und kann mich da verklagen -, solche Alte, wie
+die da, ja, das ist schrecklich, was man da alles tun muß, und steht
+einem hier vor Brust und Magen, aber solch kleines, liebes Ding, solch
+Dingelchen wie ne Puppe, das einen mit seinen Guckäugelchen ansieht,
+ja, das ist was, da geht einem das Herz auf. Als ich in Halle war, da
+war ich Amme bei der Frau Salzdirektorin, und in Giebichenstein, wo
+ich nachher hinkam, da hab ich Zwillinge mit der Flasche großgezogen;
+ja, gnäd'ge Frau, das versteh ich, da drin bin ich wie zu Hause.«
+
+»Nun, wissen Sie was, Roswitha, Sie sind eine gute, treue Person, das
+seh ich Ihnen an, ein bißchen gradezu, aber das schadet nichts, das
+sind mitunter die Besten, und ich habe gleich ein Zutrauen zu Ihnen
+gefaßt. Wollen Sie mit zu mir kommen? Mir ist, als hätte Gott Sie mir
+geschickt. Ich erwarte nun bald ein Kleines, Gott gebe mir seine Hilfe
+dazu, und wenn das Kind da ist, dann muß es gepflegt und abgewartet
+werden und vielleicht auch gepäppelt. Man kann das ja nicht wissen,
+wiewohl ich es anders wünsche. Was meinen Sie, wollen Sie mit zu mir
+kommen? Ich kann mir nicht denken, daß ich mich in Ihnen irre.«
+
+Roswitha war aufgesprungen und hatte die Hand der jungen Frau
+ergriffen und küßte sie mit Ungestüm. »Ach, es ist doch ein Gott im
+Himmel, und wenn die Not am größten ist, ist die Hilfe am nächsten.
+Sie sollen sehn, gnäd'ge Frau, es geht; ich bin eine ordentliche
+Person und habe gute Zeugnisse. Das können Sie sehn, wenn ich Ihnen
+mein Buch bringe. Gleich den ersten Tag, als ich die gnäd'ge Frau sah,
+da dacht ich: 'Ja, wenn du mal solchen Dienst hättest.' Und nun soll
+ich ihn haben. O du lieber Gott, o du heil'ge Jungfrau Maria, wer mir
+das gesagt hätte, wie wir die Alte hier unter der Erde hatten und
+die Verwandten machten, daß sie wieder fortkamen, und mich hier
+sitzenließen.«
+
+»Ja, unverhofft kommt oft, Roswitha, und mitunter auch im Guten. Und
+nun wollen wir gehen. Rollo wird schon ungeduldig und läuft immer auf
+das Tor zu.«
+
+Roswitha war gleich bereit, trat aber noch einmal an das Grab,
+brummelte was vor sich hin und machte ein Kreuz. Und dann gingen sie
+den schattigen Gang hinunter und wieder auf das Kirchhofstor zu.
+
+Drüben lag die eingegitterte Stelle, deren weißer Stein in der
+Nachmittagssonne blinkte und blitzte. Effi konnte jetzt ruhiger
+hinsehen. Eine Weile noch führte der Weg zwischen Dünen hin, bis sie,
+dicht vor Utpatels Mühle, den Außenrand des Wäldchens erreichte. Da
+bog sie links ein, und unter Benutzung einer schräglaufenden Allee,
+die die »Reeperbahn« hieß, ging sie mit Roswitha auf die landrätliche
+Wohnung zu.
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+Keine Viertelstunde, so war die Wohnung erreicht. Als beide hier in
+den kühlen Flur traten, war Roswitha beim Anblick all des Sonderbaren,
+das da herumhing, wie befangen; Effi aber ließ sie nicht zu weiteren
+Betrachtungen kommen und sagte: »Roswitha, nun gehen Sie da hinein.
+Das ist das Zimmer, wo wir schlafen. Ich will erst zu meinem Mann nach
+dem Landratsamt hinüber - das große Haus da neben dem kleinen, in dem
+Sie gewohnt haben - und will ihm sagen, daß ich Sie zur Pflege haben
+möchte bei dem Kinde. Er wird wohl mit allem einverstanden sein, aber
+ich muß doch erst seine Zustimmung haben. Und wenn ich die habe, dann
+müssen wir ihn ausquartieren, und Sie schlafen mit mir in dem Alkoven.
+Ich denke, wir werden uns schon vertragen.«
+
+Innstetten, als er erfuhr, um was sich's handle, sagte rasch und
+in guter Laune: »Das hast du recht gemacht, Effi, und wenn ihr
+Gesindebuch nicht zu schlimme Sachen sagt, so nehmen wir sie auf ihr
+gutes Gesicht hin. Es ist doch, Gott sei Dank, selten, daß einen das
+täuscht.«
+
+Effi war sehr glücklich, so wenig Schwierigkeiten zu begegnen, und
+sagte: »Nun wird es gehen. Ich fürchte mich jetzt nicht mehr.«
+
+»Um was, Effi?«
+
+»Ach, du weißt ja ... Aber Einbildungen sind das schlimmste, mitunter
+schlimmer als alles.«
+
+Roswitha zog in selbiger Stunde noch mit ihren paar Habseligkeiten in
+das landrätliche Haus hinüber und richtete sich in dem kleinen Alkoven
+ein. Als der Tag um war, ging sie früh zu Bett und schlief, ermüdet
+wie sie war, gleich ein. Am andern Morgen erkundigte sich Effi - die
+seit einiger Zeit (denn es war gerade Vollmond) wieder in Ängsten
+lebte -, wie Roswitha geschlafen und ob sie nichts gehört habe.
+
+»Was?« fragte diese.
+
+»Oh, nichts. Ich meine nur so; so was, wie wenn ein Besen fegt oder
+wie wenn einer über die Diele schlittert.«
+
+Roswitha lachte, was auf ihre junge Herrin einen besonders guten
+Eindruck machte. Effi war fest protestantisch erzogen und würde sehr
+erschrocken gewesen sein, wenn man an und in ihr was Katholisches
+entdeckt hätte; trotzdem glaubte sie, daß der Katholizismus uns gegen
+solche Dinge »wie da oben« besser schütze; ja, diese Betrachtung hatte
+bei dem Plan, Roswitha ins Haus zu nehmen, ganz erheblich mitgewirkt.
+
+Man lebte sich schnell ein, denn Effi hatte ganz den liebenswürdigen
+Zug der meisten märkischen Landfräulein, sich gern allerlei kleine
+Geschichten erzählen zu lassen, und die verstorbene Frau Registratorin
+und ihr Geiz und ihre Neffen und ihre Frauen boten einen
+unerschöpflichen Stoff. Auch Johanna hörte dabei gerne zu.
+
+Diese, wenn Effi bei den drastischen Stellen oft laut lachte, lächelte
+freilich und verwunderte sich im stillen, daß die gnädige Frau an all
+dem dummen Zeug soviel Gefallen finde; diese Verwunderung aber, die
+mit einem starken Überlegenheitsgefühl Hand in Hand ging, war doch
+auch wieder ein Glück und sorgte dafür, daß keine Rangstreitigkeiten
+aufkommen konnten. Roswitha war einfach die komische Figur, und Neid
+gegen sie zu hegen wäre für Johanna nichts anderes gewesen, wie wenn
+sie Rollo um seine Freundschaftsstellung beneidet hätte.
+
+So verging eine Woche, plauderhaft und beinahe gemütlich, weil
+Effi dem, was ihr persönlich bevorstand, ungeängstigter als früher
+entgegensah. Auch glaubte sie nicht, daß es so nahe sei. Den neunten
+Tag aber war es mit dem Plaudern und den Gemütlichkeiten vorbei; da
+gab es ein Laufen und Rennen, Innstetten selbst kam ganz aus seiner
+gewohnten Reserve heraus, und am Morgen des 3. Juli stand neben Effis
+Bett eine Wiege. Doktor Hannemann patschelte der jungen Frau die Hand
+und sagte: »Wir haben heute den Tag von Königgrätz; schade, daß es ein
+Mädchen ist. Aber das andere kann ja nachkommen, und die Preußen haben
+viele Siegestage.« Roswitha mochte wohl Ähnliches denken, freute sich
+indessen vorläufig ganz uneingeschränkt über das, was da war, und
+nannte das Kind ohne weiteres »Lütt-Annie«, was der jungen Mutter als
+ein Zeichen galt. Es müsse doch wohl eine Eingebung gewesen sein, daß
+Roswitha gerade auf diesen Namen gekommen sei. Selbst Innstetten wußte
+nichts dagegen zu sagen, und so wurde von Klein Annie gesprochen,
+lange bevor der Tauftag da war. Effi, die von Mitte August an bei den
+Eltern in Hohen-Cremmen sein wollte, hätte die Taufe gern bis dahin
+verschoben. Aber es ließ sich nichts tun; Innstetten konnte nicht
+Urlaub nehmen, und so wurde denn der 15. August, trotzdem es
+der Napoleonstag war (was denn auch von seiten einiger Familien
+beanstandet wurde), für diesen Taufakt festgesetzt, natürlich in der
+Kirche. Das sich anschließende Festmahl, weil das landrätliche Haus
+keinen Saal hatte, fand in dem großen Ressourcen-Hotel am Bollwerk
+statt, und der gesamte Nachbaradel war geladen und auch erschienen.
+Pastor Lindequist ließ Mutter und Kind in einem liebenswürdigen und
+allseitig bewunderten Toaste leben, bei welcher Gelegenheit Sidonie
+von Grasenabb zu ihrem Nachbar, einem adligen Assessor von der
+strengen Richtung, bemerkte: »Ja, seine Kasualreden, das geht. Aber
+seine Predigten kann er vor Gott und Menschen nicht verantworten; er
+ist ein Halber, einer von denen, die verworfen sind, weil sie lau
+sind. Ich mag das Bibelwort hier nicht wörtlich zitieren.« Gleich
+danach nahm auch der alte Herr von Borcke das Wort, um Innstetten
+leben zu lassen. »Meine Herrschaften, es sind schwere Zeiten, in denen
+wir leben, Auflehnung, Trotz, Indisziplin wohin wir blicken. Aber
+solange wir noch Männer haben, und ich darf hinzusetzen, Frauen und
+Mütter (und hier verbeugte er sich mit einer eleganten Handbewegung
+gegen Effi) ... solange wir noch Männer haben wie Baron Innstetten,
+den ich stolz bin, meinen Freund nennen zu dürfen, so lange geht es
+noch, so lange hält unser altes Preußen noch. Ja, meine Freunde,
+Pommern und Brandenburg, damit zwingen wir's und zertreten dem Drachen
+der Revolution das giftige Haupt. Fest und treu, so siegen wir. Die
+Katholiken, unsere Brüder, die wir, auch wenn wir sie bekämpfen,
+achten müssen, haben den 'Felsen Petri', wir aber haben den 'Rocher de
+bronce'. Baron Innstetten, er lebe hoch!« Innstetten dankte ganz kurz.
+Effi sagte zu dem neben ihr sitzenden Major von Crampas, das mit
+dem »Felsen Petri« sei wahrscheinlich eine Huldigung gegen Roswitha
+gewesen; sie werde nachher an den alten Justizrat Gadebusch
+herantreten und ihn fragen, ob er nicht Ihrer Meinung sei. Crampas
+nahm diese Bemerkung unerklärlicherweise für Ernst und riet von einer
+Anfrage bei dem Justizrat ab, was Effi ungemein erheiterte. »Ich
+habe Sie doch für einen besseren Seelenleser gehalten.« »Ach, meine
+Gnädigste, bei schönen jungen Frauen, die noch nicht achtzehn sind,
+scheitert alle Lesekunst.«
+
+»Sie verderben sich vollends, Major. Sie können mich eine Großmutter
+nennen, aber Anspielungen darauf, daß ich noch nicht achtzehn bin, das
+kann Ihnen nie verziehen werden.«
+
+Als man von Tisch aufgestanden war, kam der Spätnachmittagsdampfer die
+Kessine herunter und legte an der Landungsbrücke, gegenüber dem Hotel,
+an. Effi saß mit Crampas und Gieshübler beim Kaffee, alle Fenster auf,
+und sah dem Schauspiel drüben zu. »Morgen früh um neun führt mich
+dasselbe Schiff den Fluß hinauf, und zu Mittag bin ich in Berlin, und
+am Abend bin ich in Hohen-Cremmen, und Roswitha geht neben mir und
+hält das Kind auf dem Arm. Hoffentlich schreit es nicht. Ach, wie mir
+schon heute zumute ist! Lieber Gieshübler, sind Sie auch mal so froh
+gewesen, Ihr elterliches Haus wiederzusehen?«
+
+»Ja, ich kenne das auch, gnädigste Frau. Nur bloß, ich brachte kein
+Anniechen mit, weil ich keins hatte.«
+
+»Kommt noch«, sagte Crampas. »Stoßen Sie an, Gieshübler; Sie sind der
+einzige vernünftige Mensch hier.«
+
+»Aber, Herr Major, wir haben ja bloß noch den Kognak.« »Desto besser.«
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+Mitte August war Effi abgereist, Ende September war sie wieder in
+Kessin. Manchmal in den zwischenliegenden sechs Wochen hatte sie's
+zurückverlangt; als sie aber wieder da war und in den dunklen Flur
+eintrat, auf den nur von der Treppenstiege her ein etwas fahles Licht
+fiel, wurde ihr mit einemmal wieder bang, und sie sagte leise: »Solch
+fahles, gelbes Licht gibt es in Hohen-Cremmen gar nicht.«
+
+Ja, ein paarmal während ihrer Hohen-Cremmer Tage hatte sie Sehnsucht
+nach dem »verwunschenen Hause« gehabt, alles in allem aber war ihr
+doch das Leben daheim voller Glück und Zufriedenheit gewesen. Mit
+Hulda freilich, die's nicht verwinden konnte, noch immer auf Mann oder
+Bräutigam warten zu müssen, hatte sie sich nicht recht stellen können,
+desto besser dagegen mit den Zwillingen, und mehr als einmal, wenn
+sie mit ihnen Ball oder Krocket gespielt hatte, war ihr's ganz aus
+dem Sinn gekommen, überhaupt verheiratet zu sein. Das waren dann
+glückliche Viertelstunden gewesen. Am liebsten aber hatte sie wie
+früher auf dem durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und
+in dem Gefühl »jetzt stürz ich« etwas eigentümlich Prickelndes, einen
+Schauer süßer Gefahr empfunden. Sprang sie dann schließlich von der
+Schaukel ab, so begleitete sie die beiden Mädchen bis an die Bank
+vor dem Schulhause und erzählte, wenn sie dasaßen, dem alsbald
+hinzukommenden Jahnke von ihrem Leben in Kessin, das halb hanseatisch
+und halb skandinavisch und jedenfalls sehr anders als in Schwantikow
+und Hohen-Cremmen sei.
+
+Das waren so die täglichen kleinen Zerstreuungen, an die sich
+gelegentlich auch Fahrten in das sommerliche Luch schlossen, meist im
+Jagdwagen; allem voran aber standen für Effi doch die Plaudereien, die
+sie beinahe jeden Morgen mit der Mama hatte. Sie saßen dann oben in
+der luftigen großen Stube, Roswitha wiegte das Kind und sang in einem
+thüringischen Platt allerlei Wiegenlieder, die niemand recht verstand,
+vielleicht sie selber nicht; Effi und Frau von Briest aber rückten ans
+offene Fenster und sahen, während sie sprachen, auf den Park hinunter,
+auf die Sonnenuhr oder auf die Libellen, die beinahe regungslos über
+dem Tisch standen, oder auch auf den Fliesengang, wo Herr von Briest
+neben dem Treppenvorbau saß und die Zeitungen las. Immer wenn er
+umschlug, nahm er zuvor den Kneifer ab und grüßte zu Frau und Tochter
+hinauf. Kam dann das letzte Blatt an die Reihe, das in der Regel der
+»Anzeiger fürs Havelland« war, so ging Effi hinunter, um sich entweder
+zu ihm zu setzen oder um mit ihm durch Garten und Park zu schlendern.
+Einmal bei solcher Gelegenheit traten sie, von dem Kiesweg her, an
+ein kleines, zur Seite stehendes Denkmal heran, das schon Briests
+Großvater zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo hatte aufrichten
+lassen, eine verrostete Pyramide mit einem gegossenen Blücher in Front
+und einem dito Wellington auf der Rückseite.
+
+»Hast du nun solche Spaziergänge auch in Kessin«, sagte Briest, »und
+begleitet dich Innstetten auch und erzählt dir allerlei?«
+
+»Nein, Papa, solche Spaziergänge habe ich nicht. Das ist
+ausgeschlossen denn wir haben bloß einen kleinen Garten hinter
+dem Haus, der eigentlich kaum ein Garten ist, bloß ein paar
+Buchsbaumrabatten und Gemüsebeete mit drei, vier Obstbäumen drin.
+Innstetten hat keinen Sinn dafür und denkt wohl auch nicht sehr lange
+mehr in Kessin zu bleiben.«
+
+»Aber Kind, du mußt doch Bewegung haben und frische Luft, daran bist
+du doch gewöhnt.«
+
+»Hab ich auch. Unser Haus liegt an einem Wäldchen, das sie die
+Plantage nennen. Und da geh ich denn viel spazieren und Rollo mit
+mir.«
+
+»Immer Rollo«, lachte Briest. »Wenn man's nicht anders wüßte, so
+sollte man beinah glauben, Rollo sei dir mehr ans Herz gewachsen als
+Mann und Kind.«
+
+»Ach, Papa, das wäre ja schrecklich, wenn's auch freilich -soviel
+muß ich zugeben - eine Zeit gegeben hat, wo's ohne Rollo gar nicht
+gegangen wäre. Das war damals ... nun, du weißt schon ... Da hat er
+mich so gut wie gerettet, oder ich habe mir's wenigstens eingebildet,
+und seitdem ist er mein guter Freund und mein ganz besonderer Verlaß.
+Aber er ist doch bloß ein Hund. Und erst kommen doch natürlich die
+Menschen.«
+
+»Ja, das sagt man immer, aber ich habe da doch so meine Zweifel. Das
+mit der Kreatur, damit hat's doch seine eigene Bewandtnis, und was
+da das Richtige ist, darüber sind die Akten noch nicht geschlossen.
+Glaube mir, Effi, das ist auch ein weites Feld. Wenn ich mir so denke,
+da verunglückt einer auf dem Wasser oder gar auf dem schülbrigen Eis,
+und solch ein Hund, sagen wir, so einer wie dein Rollo, ist dabei, ja,
+der ruht nicht eher, als bis er den Verunglückten wieder an Land hat.
+Und wenn der Verunglückte schon tot ist, dann legt er sich neben den
+Toten hin und blafft und winselt so lange, bis wer kommt, und wenn
+keiner kommt, dann bleibt er bei dem Toten liegen, bis er selber
+tot ist. Und das tut solch Tier immer. Und nun nimm dagegen die
+Menschheit! Gott, vergib mir die Sünde, aber mitunter ist mir's doch,
+als ob die Kreatur besser wäre als der Mensch.«
+
+»Aber, Papa, wenn ich das Innstetten wiedererzählte ...«»Nein, das tu
+lieber nicht, Effi ...«
+
+»Rollo würde mich ja natürlich retten, aber Innstetten würde mich auch
+retten. Er ist ja ein Mann von Ehre.«
+
+»Das ist er.«
+
+»Und liebt mich.«
+
+»Versteht sich, versteht sich. Und wo Liebe ist, da ist auch
+Gegenliebe. Das ist nun mal so. Mich wundert nur, daß er nicht mal
+Urlaub genommen hat und rübergeflitzt ist. Wenn man eine so junge Frau
+hat ...«
+
+Effi errötete, weil sie geradeso dachte. Sie mochte es aber nicht
+einräumen. »Innstetten ist so gewissenhaft und will, glaub ich, gut
+angeschrieben sein und hat so seine Pläne für die Zukunft; Kessin ist
+doch bloß eine Station. Und dann am Ende, ich lauf ihm ja nicht fort.
+Er hat mich ja. Wenn man zu zärtlich ist ... und dazu der Unterschied
+der Jahre ... da lächeln die Leute bloß.«
+
+»Ja, das tun sie, Effi. Aber darauf muß man's ankommen lassen.
+Übrigens sage nichts darüber, auch nicht zu Mama. Es ist so schwer,
+was man tun und lassen soll. Das ist auch ein weites Feld.«
+
+Gespräche wie diese waren während Effis Besuch im elterlichen Hause
+mehr als einmal geführt worden, hatten aber glücklicherweise nicht
+lange nachgewirkt, und ebenso war auch der etwas melancholische
+Eindruck rasch verflogen, den das erste Wiederbetreten ihres Kessiner
+Hauses auf Effi gemacht hatte. Innstetten zeigte sich voll kleiner
+Aufmerksamkeiten, und als der Tee genommen und alle Stadt- und
+Liebesgeschichten in heiterster Stimmung durchgesprochen waren, hängte
+sich Effi zärtlich an seinen Arm, um drüben ihre Plaudereien mit ihm
+fortzusetzen und noch einige Anekdoten von der Trippelli zu hören,
+die neuerdings wieder mit Gieshübler in einer lebhaften Korrespondenz
+gestanden hatte, was immer gleichbedeutend mit einer neuen Belastung
+ihres nie ausgeglichenen Kontos war. Effi war bei diesem Gespräch sehr
+ausgelassen, fühlte sich ganz als junge Frau und war froh, die nach
+der Gesindestube hin ausquartierte Roswitha auf unbestimmte Zeit los
+zu sein.
+
+Am anderen Morgen sagte sie: »Das Wetter ist schön und mild, und ich
+hoffe, die Veranda nach der Plantage hinaus ist noch in gutem Stande,
+und wir können uns ins Freie setzen und da das Frühstück nehmen. In
+unsere Zimmer kommen wir ohnehin noch früh genug, und der Kessiner
+Winter ist wirklich um vier Wochen zu lang.«
+
+Innstetten war sehr einverstanden. Die Veranda, von der Effi
+gesprochen und die vielleicht richtiger ein Zelt genannt worden wäre,
+war schon im Sommer hergerichtet worden, drei, vier Wochen vor Effis
+Abreise nach Hohen-Cremmen, und bestand aus einem großen, gedielten
+Podium, vorn offen, mit einer mächtigen Markise zu Häupten, während
+links und rechts breite Leinwandvorhänge waren, die sich mit Hilfe von
+Ringen an einer Eisenstange hin und her schieben ließen. Es war ein
+reizender Platz, den ganzen Sommer über von allen Badegästen, die hier
+vorüber mußten, bewundert.
+
+Effi hatte sich in einen Schaukelstuhl gelehnt und sagte, während sie
+das Kaffeebrett von der Seite her ihrem Manne zuschob: »Geert, du
+könntest heute den liebenswürdigen Wirt machen; ich für mein Teil find
+es so schön in diesem Schaukelstuhl, daß ich nicht aufstehen mag. Also
+strenge dich an, und wenn du dich recht freust, mich wieder hier zu
+haben, so werd ich mich auch zu revanchieren wissen.« Und dabei zupfte
+sie die weiße Damastdecke zurecht und legte ihre Hand darauf, die
+Innstetten nahm und küßte.
+
+»Wie bist du nur eigentlich ohne mich fertig geworden?«
+
+»Schlecht genug, Effi.«
+
+»Das sagst du so hin und machst ein betrübtes Gesicht, und ist doch
+eigentlich alles nicht wahr.«
+
+»Aber Effi ...
+
+»Was ich dir beweisen will. Denn wenn du ein bißchen Sehnsucht nach
+deinem Kinde gehabt hättest - von mir selber will ich nicht sprechen,
+was ist man am Ende solchem hohen Herrn, der so lange Jahre
+Junggeselle war und es nicht eilig hatte ...«
+
+»Nun?«
+
+»Ja, Geert, wenn du nur ein bißchen Sehnsucht gehabt hättest, so
+hättest du mich nicht sechs Wochen mutterwindallein in Hohen-Cremmen
+sitzen lassen wie eine Witwe, und nichts da als Niemeyer und Jahnke
+und mal die Schwantikower. Und von den Rathenowern ist niemand
+gekommen, als ob sie sich vor mir gefürchtet hätten oder als ob ich zu
+alt geworden sei.«
+
+»Ach, Effi, wie du nur sprichst. Weißt du, daß du eine kleine Kokette
+bist?«
+
+»Gott sei Dank, daß du das sagst. Das ist für euch das Beste, was man
+sein kann. Und du bist nichts anderes als die anderen, wenn du auch so
+feierlich und ehrsam tust. Ich weiß es recht gut, Geert ... Eigentlich
+bist du ...«
+
+»Nun, was?«
+
+»Nun, ich will es lieber nicht sagen. Aber ich kenne dich recht
+gut; du bist eigentlich, wie der Schwantikower Onkel mal sagte, ein
+Zärtlichkeitsmensch und unterm Liebesstern geboren, und Onkel Belling
+hatte ganz recht, als er das sagte. Du willst es bloß nicht zeigen und
+denkst, es schickt sich nicht und verdirbt einem die Karriere. Hab
+ich's getroffen?«
+
+Innstetten lachte. »Ein bißchen getroffen hast du's. Weißt du was,
+Effi, du kommst mir ganz anders vor. Bis Anniechen da war, warst du
+ein Kind. Aber mit einemmal ...«
+
+»Nun?«
+
+»Mit einemmal bist du wie vertauscht. Aber es steht dir, du gefällst
+mir sehr, Effi. Weißt du was?«
+
+»Nun?«
+
+»Du hast was Verführerisches.«
+
+»Ach, mein einziger Geert, das ist ja herrlich, was du da sagst; nun
+wird mir erst recht wohl ums Herz ... Gib mir noch eine halbe Tasse
+... Weißt du denn, daß ich mir das immer gewünscht habe? Wir müssen
+verführerisch sein, sonst sind wir gar nichts ...«
+
+»Hast du das aus dir?«
+
+»Ich könnt es wohl auch aus mir haben. Aber ich hab es von
+Niemeyer ...«
+
+»Von Niemeyer! O du himmlischer Vater, ist das ein Pastor. Nein,
+solche gibt es hier nicht. Aber wie kam denn der dazu? Das ist ja, als
+ob es irgendein Don Juan oder Herzensbrecher gesprochen hätte.«
+
+»Ja, wer weiß«, lachte Effi ... »Aber kommt da nicht Crampas? Und vom
+Strand her. Er wird doch nicht gebadet haben? Am 27. September ...«
+
+»Er macht öfter solche Sachen. Reine Renommisterei.«
+
+Derweilen war Crampas bis in nächste Nähe gekommen und grüßte.
+
+»Guten Morgen«, rief Innstetten ihm zu. »Nur näher, nur näher.«
+
+Crampas trat heran. Er war in Zivil und küßte der in ihrem
+Schaukelstuhl sich weiter wiegenden Effi die Hand. »Entschuldigen Sie
+mich, Major, daß ich so schlecht die Honneurs des Hauses mache; aber
+die Veranda ist kein Haus, und zehn Uhr früh ist eigentlich gar keine
+Zeit. Da wird man formlos oder, wenn Sie wollen, intim. Und nun setzen
+Sie sich, und geben Sie Rechenschaft von Ihrem Tun. Denn an Ihrem Haar
+(ich wünschte Ihnen, daß es mehr wäre) sieht man deutlich, daß Sie
+gebadet haben.«
+
+Er nickte.
+
+»Unverantwortlich«, sagte Innstetten, halb ernst-, halb scherzhaft.
+»Da haben Sie nun selber vor vier Wochen die Geschichte mit dem
+Bankier Heinersdorf erlebt, der auch dachte, das Meer und der
+grandiose Wellenschlag würden ihn um seiner Million willen
+respektieren. Aber die Götter sind eifersüchtig untereinander, und
+Neptun stellte sich ohne weiteres gegen Pluto oder doch wenigstens
+gegen Heinersdorf.«
+
+Crampas lachte.
+
+»Ja, eine Million Mark! Lieber Innstetten, wenn ich die hätte, da hätt
+ich es am Ende nicht gewagt; denn so schön das Wetter ist, das Wasser
+hatte nur neun Grad. Aber unsereins mit seiner Million Unterbilanz,
+gestatten Sie mir diese kleine Renommage, unsereins kann sich so was
+ohne Furcht vor der Götter Eifersucht erlauben. Und dann muß einen das
+Sprichwort trösten: 'Wer für den Strick geboren ist, kann im Wasser
+nicht umkommen.'«
+
+»Aber, Major, Sie werden sich doch nicht etwas so Urprosaisches, ich
+möchte beinah sagen, an den Hals reden wollen. Allerdings glauben
+manche, daß ... ich meine das, wovon Sie eben gesprochen haben ... daß
+ihn jeder mehr oder weniger verdiene. Trotzdem, Major ... für einen
+Major ...«
+
+»Ist es keine herkömmliche Todesart. Zugegeben, meine Gnädigste. Nicht
+herkömmlich und in meinem Fall auch nicht einmal sehr wahrscheinlich
+- also alles bloß Zitat oder noch richtiger façon de parler. Und doch
+steckt etwas Aufrichtiggemeintes dahinter, wenn ich da eben sagte,
+die See werde mir nichts anhaben. Es steht mir nämlich fest, daß ich
+einen richtigen und hoffentlich ehrlichen Soldatentod sterben werde.
+Zunächst bloß Zigeunerprophezeiung, aber mit Resonanz im eigenen
+Gewissen.«
+
+Innstetten lachte. »Das wird seine Schwierigkeiten haben, Crampas,
+wenn Sie nicht vorhaben, beim Großtürken oder unterm chinesischen
+Drachen Dienst zu nehmen. Da schlägt man sich jetzt herum. Hier ist
+die Geschichte, glauben Sie mir, auf dreißig Jahre vorbei, und wer
+seinen Soldatentod sterben will ...«
+
+»Der muß sich erst bei Bismarck einen Krieg bestellen. Weiß ich alles,
+Innstetten. Aber das ist doch für Sie eine Kleinigkeit. Jetzt haben
+wir Ende September; in zehn Wochen spätestens ist der Fürst wieder in
+Varzin, und da er ein liking für Sie hat - mit der volkstümlicheren
+Wendung will ich zurückhalten, um nicht direkt vor Ihren Pistolenlauf
+zu kommen -, so werden Sie einem alten Kameraden von Vionville her
+doch wohl ein bißchen Krieg besorgen können. Der Fürst ist auch nur
+ein Mensch, und Zureden hilft.«
+
+Effi hatte während dieses Gesprächs einige Brotkügelchen gedreht,
+würfelte damit und legte sie zu Figuren zusammen, um so anzuzeigen,
+daß ihr ein Wechsel des Themas wünschenswert wäre. Trotzdem schien
+Innstetten auf Crampas scherzhafte Bemerkungen antworten zu wollen,
+was denn Effi bestimmte, lieber direkt einzugreifen. »Ich sehe nicht
+ein, Major, warum wir uns mit Ihrer Todesart beschäftigen sollen; das
+Leben ist uns näher und zunächst auch eine viel ernstere Sache.«
+
+Crampas nickte.
+
+»Das ist recht, daß Sie mir recht geben. Wie soll man hier leben?
+Das ist vorläufig die Frage, das ist wichtiger als alles andere.
+Gieshübler hat mir darüber geschrieben, und wenn es nicht indiskret
+und eitel wäre, denn es steht noch allerlei nebenher darin, so zeigte
+ich Ihnen den Brief ... Innstetten braucht ihn nicht zu lesen, der
+hat keinen Sinn für dergleichen ... beiläufig eine Handschrift wie
+gestochen und Ausdrucksformen, als wäre unser Freund statt am Kessiner
+Alten Markt an einem altfranzösischen Hofe erzogen worden. Und daß er
+verwachsen ist und weiße Jabots trägt wie kein anderer Mensch mehr -
+ich weiß nur nicht, wo er die Plätterin hernimmt -, das paßt alles
+so vorzüglich. Nun, also Gieshübler hat mir von Plänen für die
+Ressourcenabende geschrieben und von einem Entrepreneur namens
+Crampas. Sehen Sie, Major, das gefällt mir besser als der Soldatentod
+oder gar der andere.«
+
+»Mir persönlich nicht minder. Und es muß ein Prachtwinter werden, wenn
+wir uns der Unterstützung der gnädigen Frau versichert halten dürften.
+Die Trippelli kommt.«
+
+»Die Trippelli? Dann bin ich überflüssig.«
+
+»Mitnichten, gnädigste Frau. Die Trippelli kann nicht von Sonntag bis
+wieder Sonntag singen, es wäre zuviel für sie und für uns; Abwechslung
+ist des Lebens Reiz, eine Wahrheit, die freilich jede glückliche Ehe
+zu widerlegen scheint.«
+
+»Wenn es glückliche Ehen gibt, die meinige ausgenommen ...«, und sie
+reichte Innstetten die Hand.
+
+»Abwechslung also«, fuhr Crampas fort. »Und diese für uns und unsere
+Ressource zu gewinnen, deren Vizevorstand zu sein ich zur Zeit die
+Ehre habe, dazu braucht es aller bewährten Kräfte. Wenn wir uns
+zusammentun, so müssen wir das ganze Nest auf den Kopf stellen. Die
+Theaterstücke sind schon ausgesucht: 'Krieg im Frieden', 'Monsieur
+Herkules', 'Jugendliebe' von Wildbrandt, vielleicht auch 'Euphrosyne'
+von Gensichen. Sie die Euphrosyne, ich der alte Goethe. Sie sollen
+staunen, wie gut ich den Dichterfürsten tragiere ... wenn 'tragieren'
+das richtige Wort ist.«
+
+»Kein Zweifel. Hab ich doch inzwischen aus dem Brief meines
+alchimistischen Geheimkorrespondenten erfahren, daß Sie neben vielem
+anderen gelegentlich auch Dichter sind. Anfangs habe ich mich
+gewundert. ...«
+
+»Denn Sie haben es mir nicht angesehen.«
+
+»Nein. Aber seit ich weiß, daß Sie bei neun Grad baden, bin ich
+anderen Sinnes geworden ... neun Grad Ostsee, das geht über den
+kastalischen Quell ...«
+
+»Dessen Temperatur unbekannt ist.«
+
+»Nicht für mich; wenigstens wird mich niemand widerlegen. Aber nun muß
+ich aufstehen. Da kommt ja Roswitha mit Lütt-Annie.«
+
+Und sie erhob sich rasch und ging auf Roswitha zu, nahm ihr das Kind
+aus dem Arm und hielt es stolz und glücklich in die Höhe.
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+Die Tage waren schön und blieben es bis in den Oktober hinein. Eine
+Folge davon war, daß die halbzeltartige Veranda draußen zu ihrem Recht
+kam, so sehr, daß sich wenigstens die Vormittagsstunden regelmäßig
+darin abspielten. Gegen elf kam dann wohl der Major, um sich zunächst
+nach dem Befinden der gnädigen Frau zu erkundigen und mit ihr ein
+wenig zu medisieren, was er wundervoll verstand, danach aber mit
+Innstetten einen Ausritt zu verabreden, oft landeinwärts, die Kessine
+hinauf bis an den Breitling, noch häufiger auf die Molen zu. Effi,
+wenn die Herren fort waren, spielte mit dem Kind oder durchblätterte
+die von Gieshübler nach wie vor ihr zugeschickten Zeitungen und
+Journale, schrieb auch wohl einen Brief an die Mama oder sagte:
+»Roswitha, wir wollen mit Annie spazierenfahren«, und dann spannte
+sich Roswitha vor den Korbwagen und fuhr, während Effi hinterherging,
+ein paar hundert Schritt in das Wäldchen hinein, auf eine Stelle zu,
+wo Kastanien ausgestreut lagen, die man nun auflas, um sie dem Kind
+als Spielzeug zu geben. In die Stadt kam Effi wenig; es war niemand
+recht da, mit dem sie hätte plaudern können, nachdem ein Versuch,
+mit der Frau von Crampas auf einen Umgangsfuß zu kommen, aufs neue
+gescheitert war. Die Majorin war und blieb menschenscheu.
+
+Das ging so wochenlang, bis Effi plötzlich den Wunsch äußerte, mit
+ausreiten zu dürfen; sie habe nun mal die Passion, und es sei doch
+zuviel verlangt, bloß um des Geredes der Kessiner willen auf etwas
+zu verzichten, das einem so viel wert sei. Der Major fand die Sache
+kapital, und Innstetten, dem es augenscheinlich weniger paßte so
+wenig, daß er immer wieder hervorhob, es werde sich kein Damenpferd
+finden lassen -, Innstetten mußte nachgeben, als Crampas versicherte,
+das solle seine Sorge sein. Und richtig, was man wünschte, fand sich
+auch, und Effi war selig, am Strand hinjagen zu können, jetzt wo
+»Damenbad« und »Herrenbad« keine scheidenden Schreckensworte mehr
+waren. Meist war auch Rollo mit von der Partie, und weil es sich ein
+paarmal ereignet hatte, daß man am Strand zu rasten oder auch eine
+Strecke Wegs zu Fuß zu machen wünschte, so kam man überein, sich von
+entsprechender Dienerschaft begleiten zu lassen, zu welchem Behufe
+des Majors Bursche, ein alter Treptower Ulan, der Knut hieß, und
+Innstettens Kutscher Kruse zu Reitknechten umgewandelt wurden,
+allerdings ziemlich unvollkommen, indem sie, zu Effis Leidwesen, in
+eine Phantasielivree gesteckt wurden, darin der eigentliche Beruf
+beider noch nachspukte.
+
+Mitte Oktober war schon heran, als man, so herausstaffiert, zum
+erstenmal in voller Kavalkade aufbrach, in Front Innstetten und
+Crampas, Effi zwischen ihnen, dann Kruse und Knut und zuletzt Rollo,
+der aber bald, weil ihm das Nachtrotten mißfiel, allen vorauf war. Als
+man das jetzt öde Strandhotel passiert und bald danach, sich rechts
+haltend, auf dem von einer mäßigen Brandung überschäumten Strandwege
+den diesseitigen Molendamm erreicht hatte, verspürte man Lust,
+abzusteigen und einen Spaziergang bis an den Kopf der Mole zu machen.
+Effi war die erste aus dem Sattel. Zwischen den beiden Steindämmen
+floß die Kessine breit und ruhig dem Meere zu, das wie eine
+sonnenbeschienene Fläche, darauf nur hier und da eine leichte Welle
+kräuselte, vor ihnen lag.
+
+Effi war noch nie hier draußen gewesen, denn als sie vorigen November
+in Kessin eintraf, war schon Sturmzeit, und als der Sommer kam,
+war sie nicht mehr imstande, weite Gänge zu machen. Sie war jetzt
+entzückt, fand alles groß und herrlich, erging sich in kränkenden
+Vergleichen zwischen dem Luch und dem Meer und ergriff, sooft die
+Gelegenheit dazu sich bot, ein Stück angeschwemmtes Holz, um es nach
+links hin in die See oder nach rechts hin in die Kessine zu werfen.
+Rollo war immer glücklich, im Dienste seiner Herrin sich nachstürzen
+zu können; mit einemmal aber wurde seine Aufmerksamkeit nach einer
+ganz anderen Seite hin abgezogen, und sich vorsichtig, ja beinahe
+ängstlich vorwärts schleichend, sprang er plötzlich auf einen in Front
+sichtbar werdenden Gegenstand zu, freilich vergeblich, denn im selben
+Augenblick glitt von einem sonnenbeschienenen und mit grünem Tang
+überwachsenen Stein eine Robbe glatt und geräuschlos in das nur etwa
+fünf Schritt entfernte Meer hinunter. Eine kurze Weile noch sah man
+den Kopf, dann tauchte auch dieser unter.
+
+Alle waren erregt, und Crampas phantasierte von Robbenjagd und daß man
+das nächste Mal die Büchse mitnehmen müsse, »denn die Dinger haben ein
+festes Fell«.
+
+»Geht nicht«, sagte Innstetten; »Hafenpolizei.«
+
+»Wenn ich so was höre«, lachte der Major. »Hafenpolizei! Die drei
+Behörden, die wir hier haben, werden doch wohl untereinander die
+Augen zudrücken können. Muß denn alles so furchtbar gesetzlich sein?
+Gesetzlichkeiten sind langweilig.«
+
+Effi klatschte in die Hände.
+
+»Ja, Crampas, Sie kleidet das, und Effi, wie Sie sehen, klatscht Ihnen
+Beifall. Natürlich; die Weiber schreien sofort nach einem Schutzmann,
+aber von Gesetz wollen sie nichts wissen.«
+
+»Das ist so Frauenrecht von alter Zeit her, und wir werden's nicht
+ändern, Innstetten.«
+
+»Nein«, lachte dieser, »und ich will es auch nicht. Auf Mohrenwäsche
+lasse ich mich nicht ein. Aber einer wie Sie, Crampas, der unter der
+Fahne der Disziplin großgeworden ist und recht gut weiß, daß es ohne
+Zucht und Ordnung nicht geht, ein Mann wie Sie, der sollte doch
+eigentlich so was nicht reden, auch nicht einmal im Spaß. Indessen,
+ich weiß schon, Sie haben einen himmlischen Kehr-mich-nicht-Drang und
+denken, der Himmel wird nicht gleich einstürzen. Nein, gleich nicht.
+Aber mal kommt es.«
+
+Crampas wurde einen Augenblick verlegen, weil er glaubte, das alles
+sei mit einer gewissen Absicht gesprochen, was aber nicht der Fall
+war. Innstetten hielt nur einen seiner kleinen moralischen Vorträge,
+zu denen er überhaupt hinneigte. »Da lob ich mir Gieshübler«, sagte er
+einlenkend, »immer Kavalier und dabei doch Grundsätze.«
+
+Der Major hatte sich mittlerweile wieder zurechtgefunden und sagte in
+seinem alten Ton: »Ja, Gieshübler; der beste Kerl von der Welt und,
+wenn möglich, noch bessere Grundsätze. Aber am Ende woher? Warum? Weil
+er einen 'Verdruß' hat. Wer gerade gewachsen ist, ist für Leichtsinn.
+Überhaupt ohne Leichtsinn ist das ganze Leben keinen Schuß Pulver
+wert.«
+
+»Nun hören Sie, Crampas, gerade so viel kommt mitunter dabei heraus.«
+Und dabei sah er auf des Majors linken, etwas gekürzten Arm. Effi
+hatte von diesem Gespräch wenig gehört. Sie war dicht an die Stelle
+getreten, wo die Robbe gelegen, und Rollo stand neben ihr. Dann
+sahen beide, von dem Stein weg, auf das Meer und warteten, ob die
+»Seejungfrau« noch einmal sichtbar werden würde.
+
+Ende Oktober begann die Wahlkampagne, was Innstetten hinderte, sich
+ferner an den Ausflügen zu beteiligen und auch Crampas und Effi hätten
+jetzt um der lieben Kessiner willen wohl verzichten müssen, wenn nicht
+Knut und Kruse als eine Art Ehrengarde gewesen wären. So kam es, daß
+sich die Spazierritte bis in den November hinein fortsetzten
+
+Ein Wetterumschlag war freilich eingetreten, ein andauern der Nordwest
+trieb Wolkenmassen heran, und das Meer schäumte mächtig, aber Regen
+und Kälte fehlten noch und so waren diese Ausflüge bei grauem
+Himmel und lärmender Brandung fast noch schöner, als sie vorher bei
+Sonnenschein und stiller See gewesen waren. Rollo jagte vorauf, dann
+und wann von der Gischt überspritzt, und der Schleier von Effis
+Reithut flatterte im Wind. Dabei zu sprechen war fast unmöglich; wenn
+man dann aber, vom Meer fort, in die schutzgebenden Dünen oder noch
+besser in den weiter zurückgelegenen Kiefernwald einlenkte, so wurd
+es still, Effis Schleier flatterte nicht mehr, und die Enge des Wegs
+zwang die beiden Reiter dicht nebeneinander. Das war dann die Zeit, wo
+man - schon um der Knorren und Wurzeln willen im Schritt reitend - die
+Gespräche, die der Brandungslärm unterbrochen hatte, wieder aufnehmen
+konnte. Crampas, ein guter Causeur, erzählte dann Kriegs- und
+Regimentsgeschichten, auch Anekdoten und kleine Charakterzüge von
+Innstetten, der mit seinem Ernst und seiner Zugeknöpftheit in den
+übermütigen Kreis der Kameraden nie recht hineingepaßt habe, so daß er
+eigentlich immer mehr respektiert als geliebt worden sei.
+
+»Das kann ich mir denken«, sagte Effi, »ein Glück nur, daß der Respekt
+die Hauptsache ist.«
+
+»Ja, zu seiner Zeit. Aber er paßt doch nicht immer. Und zu dem allen
+kam noch eine mystische Richtung, die mitunter Anstoß gab, einmal weil
+Soldaten überhaupt nicht sehr für derlei Dinge sind, und dann weil wir
+die Vorstellung unterhalten, vielleicht mit Unrecht, daß er doch nicht
+ganz so dazu stände, wie er's uns einreden wollte.«
+
+»Mystische Richtung?« sagte Effi. »Ja, Major, was verstehen Sie
+darunter? Er kann doch keine Konventikel abgehalten und den Propheten
+gespielt haben. Auch nicht einmal den aus der Oper ... ich habe seinen
+Namen vergessen.«
+
+»Nein, so weit ging er nicht. Aber es ist vielleicht besser, davon
+abzubrechen. Ich möchte nicht hinter seinem Rücken etwas sagen, was
+falsch ausgelegt werden könnte. Zudem sind es Dinge, die sich sehr gut
+auch in seiner Gegenwart verhandeln lassen. Dinge, die nur, man mag
+wollen oder nicht, zu was Sonderbarem aufgebauscht werden, wenn
+er nicht dabei ist und nicht jeden Augenblick eingreifen und uns
+widerlegen oder meinetwegen auch auslachen kann.«
+
+»Aber das ist ja grausam, Major. Wie können Sie meine Neugier so auf
+die Folter spannen. Erst ist es was, und dann ist es wieder nichts.
+Und Mystik! Ist er denn ein Geisterseher?«
+
+»Ein Geisterseher! Das will ich nicht gerade sagen. Aber er hatte eine
+Vorliebe, uns Spukgeschichten zu erzählen. Und wenn er uns dann in
+große Aufregung versetzt und manchen auch wohl geängstigt hatte,
+dann war es mit einem Male wieder, als habe er sich über alle die
+Leichtgläubigen bloß mokieren wollen. Und kurz und gut, einmal kam es,
+daß ich ihm auf den Kopf zusagte: 'Ach was, Innstetten, das ist ja
+alles bloß Komödie. Mich täuschen Sie nicht. Sie treiben Ihr Spiel mit
+uns. Eigentlich glauben Sie's gradsowenig wie wir, aber Sie wollen
+sich interessant machen und haben eine Vorstellung davon, daß
+Ungewöhnlichkeiten nach oben hin besser empfehlen. In höheren
+Karrieren will man keine Alltagsmenschen. Und da Sie so was vorhaben,
+so haben Sie sich was Apartes ausgesucht und sind bei der Gelegenheit
+auf den Spuk gefallen.'«
+
+Effi sagte kein Wort, was dem Major zuletzt bedrücklich wurde. »Sie
+schweigen, gnädigste Frau.«
+
+»Ja.«
+
+»Darf ich fragen warum? Hab ich Anstoß gegeben? Oder finden Sie's
+unritterlich, einen abwesenden Freund, ich muß das trotz aller
+Verwahrungen einräumen, ein klein wenig zu hecheln? Aber da tun
+Sie mir trotz alledem Unrecht. Das alles soll ganz ungeniert seine
+Fortsetzung vor seinen Ohren haben, und ich will ihm dabei jedes Wort
+wiederholen, was ich jetzt eben gesagt habe.«
+
+»Glaub es.« Und nun brach Effi ihr Schweigen und erzählte, was sie
+alles in ihrem Hause erlebt und wie sonderlich sich Innstetten damals
+dazu gestellt habe. »Er sagte nicht ja und nicht nein, und ich bin
+nicht klug aus ihm geworden.«
+
+»Also ganz der alte«, lachte Crampas. »So war er damals auch schon,
+als wir in Liancourt und dann später in Beauvais mit ihm in Quartier
+lagen. Er wohnte da in einem alten bischöflichen Palast - beiläufig,
+was Sie vielleicht interessieren wird, war es ein Bischof von
+Beauvais, glücklicherweise 'Cochon' mit Namen, der die Jungfrau von
+Orleans zum Feuertod verurteilte -, und da verging denn kein Tag, das
+heißt keine Nacht, wo Innstetten nicht Unglaubliches erlebt hatte.
+Freilich immer nur so halb. Es konnte auch nichts sein. Und nach
+diesem Prinzip arbeitet er noch, wie ich sehe.«
+
+»Gut, gut. Und nun ein ernstes Wort, Crampas, auf das ich mir eine
+ernste Antwort erbitte: Wie erklären Sie sich dies alles?«
+
+»Ja, meine gnädigste Frau ...«
+
+»Keine Ausweichungen, Major. Dies alles ist sehr wichtig für mich. Er
+ist Ihr Freund, und ich bin Ihre Freundin. Ich will wissen, wie hängt
+dies zusammen? Was denkt er sich dabei?«
+
+»Ja, meine gnädigste Frau, Gott sieht ins Herz, aber ein Major vom
+Landwehrbezirkskommando, der sieht in gar nichts. Wie soll ich solche
+psychologischen Rätsel lösen? Ich bin ein einfacher Mann.«
+
+»Ach, Crampas, reden Sie nicht so töricht. Ich bin zu jung, um eine
+große Menschenkennerin zu sein; aber ich müßte noch vor der Einsegnung
+und beinah vor der Taufe stehen, um Sie für einen einfachen Mann zu
+halten. Sie sind das Gegenteil davon, Sie sind gefährlich ...«
+
+»Das Schmeichelhafteste, was einem guten Vierziger mit einem a.D. auf
+der Karte gesagt werden kann. Und nun also, was sich Innstetten dabei
+denkt ...«
+
+Effi nickte.
+
+»Ja, wenn ich durchaus sprechen soll, er denkt sich dabei, daß ein
+Mann wie Landrat Baron Innstetten, der jeden Tag Ministerialdirektor
+oder dergleichen werden kann (denn glauben Sie mir, er ist hoch
+hinaus), daß ein Mann wie Baron Innstetten nicht in einem gewöhnlichen
+Hause wohnen kann, nicht in einer solchen Kate, wie die landrätliche
+Wohnung, ich bitte um Vergebung, gnädigste Frau, doch eigentlich ist.
+Da hilft er denn nach. Ein Spukhaus ist nie was Gewöhnliches ... Das
+ist das eine.«
+
+»Das eine? Mein Gott, haben Sie noch etwas?« »Ja.«
+
+»Nun denn, ich bin ganz Ohr. Aber wenn es sein kann, lassen Sie's was
+Gutes sein.«
+
+»Dessen bin ich nicht ganz sicher. Es ist etwas Heikles, beinah
+Gewagtes, und ganz besonders vor Ihren Ohren, gnädigste Frau.«
+
+»Das macht mich nur um so neugieriger.«
+
+»Gut denn. Also Innstetten, meine gnädigste Frau, hat außer seinem
+brennenden Verlangen, es koste, was es wolle, ja, wenn es sein muß,
+unter Heranziehung eines Spuks, seine Karriere zu machen, noch eine
+zweite Passion: Er operiert nämlich immer erzieherisch, ist der
+geborene Pädagog, und hätte, links Basedow und rechts Pestalozzi
+(aber doch kirchlicher als beide), eigentlich nach Schnepfenthal oder
+Bunzlau hingepaßt.«
+
+»Und will er mich auch erziehen? Erziehen durch Spuk?«
+
+»Erziehen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber doch erziehen
+auf einem Umweg.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht.«
+
+»Eine junge Frau ist eine junge Frau, und ein Landrat ist ein Landrat.
+Er kutschiert oft im Kreise umher, und dann ist das Haus allein und
+unbewohnt. Aber solch Spuk ist wie ein Cherub mit dem Schwert ...«
+
+»Ah, da sind wir wieder aus dem Wald heraus«, sagte Effi.
+
+»Und da ist Utpatels Mühle. Wir müssen nur noch an dem Kirchhof
+vorüber.«
+
+Gleich danach passierten sie den Hohlweg zwischen dem Kirchhof und
+der eingegitterten Stelle, und Effi sah nach dem Stein und der Tanne
+hinüber, wo der Chinese lag.
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+Es schlug zwei Uhr, als man zurück war. Crampas verabschiedete
+sich und ritt in die Stadt hinein, bis er vor seiner am Marktplatz
+gelegenen Wohnung hielt. Effi ihrerseits kleidete sich um und
+versuchte zu schlafen; es wollte aber nicht glücken, denn ihre
+Verstimmung war noch größer als ihre Müdigkeit. Daß Innstetten sich
+seinen Spuk parat hielt, um ein nicht ganz gewöhnliches Haus zu
+bewohnen, das mochte hingehen, das stimmte zu seinem Hange, sich
+von der großen Menge zu unterscheiden; aber das andere, daß er den
+Spuk als Erziehungsmittel brauchte, das war doch arg und beinahe
+beleidigend. Und »Erziehungsmittel«, darüber war sie sich klar, sagte
+nur die kleinere Hälfte; was Crampas gemeint hatte, war viel, viel
+mehr, war eine Art Angelapparat aus Kalkül. Es fehlte jede Herzensgüte
+darin und grenzte schon fast an Grausamkeit. Das Blut stieg ihr zu
+Kopf, und sie ballte ihre kleine Hand und wollte Pläne schmieden; aber
+mit einem Male mußte sie wieder lachen. »Ich Kindskopf! Wer bürgt mir
+denn dafür, daß Crampas recht hat! Crampas ist unterhaltlich, weil er
+medisant ist, aber er ist unzuverlässig und ein bloßer Haselant, der
+schließlich Innstetten nicht das Wasser reicht.«
+
+In diesem Augenblick fuhr Innstetten vor, der heute früher zurückkam
+als gewöhnlich. Effi sprang auf, um ihn schon im Flur zu begrüßen, und
+war um so zärtlicher, je mehr sie das Gefühl hatte, etwas gutmachen zu
+müssen. Aber ganz konnte sie das, was Crampas gesagt hatte, doch nicht
+verwinden, und inmitten ihrer Zärtlichkeiten und während sie mit
+anscheinendem Interesse zuhörte, klang es in ihr immer wieder: »Also
+Spuk aus Berechnung, Spuk, um dich in Ordnung zu halten.«
+
+Zuletzt indessen vergaß sie's und ließ sich unbefangen von ihm
+erzählen.
+
+Inzwischen war Mitte November herangekommen, und der bis zum Sturm
+sich steigernde Nordwester stand anderthalb Tage lang so hart auf
+die Molen, daß die mehr und mehr zurückgestaute Kessine das Bollwerk
+überstieg und in die Straßen trat. Aber nachdem sich's ausgetobt,
+legte sich das Unwetter, und es kamen noch ein paar sonnige
+Spätherbsttage.
+
+»Wer weiß, wie lange sie dauern«, sagte Effi zu Crampas, und so
+beschloß man, am nächsten Vormittag noch einmal auszureiten; auch
+Innstetten, der einen freien Tag hatte, wollte mit. Es sollte zunächst
+wieder bis an die Mole gehen; da wollte man dann absteigen, ein wenig
+am Strand promenieren und schließlich im Schutz der Dünen, wo's
+windstill war, ein Frühstück nehmen.
+
+Um die festgesetzte Stunde ritt Crampas vor dem landrätlichen Hause
+vor; Kruse hielt schon das Pferd der gnädigen Frau, die sich rasch in
+den Sattel hob und noch im Aufsteigen Innstetten entschuldigte, der
+nun doch verhindert sei: Letzte Nacht wieder großes Feuer in Morgenitz
+- das dritte seit drei Wochen, also angelegt -, da habe er hingemußt,
+sehr zu seinem Leidwesen, denn er habe sich auf diesen Ausritt, der
+wohl der letzte in diesem Herbst sein werde, wirklich gefreut.
+
+Crampas sprach sein Bedauern aus, vielleicht nur, um was zu sagen,
+vielleicht aber auch aufrichtig, denn so rücksichtslos er im Punkte
+chevaleresker Liebesabenteuer war, so sehr war er auch wieder guter
+Kamerad. Natürlich alles ganz oberflächlich. Einem Freunde helfen und
+fünf Minuten später ihn betrügen, das waren Dinge, die sich mit seinem
+Ehrbegriff sehr wohl vertrugen. Er tat das eine und das andere mit
+unglaublicher Bonhomie.
+
+Der Ritt ging wie gewöhnlich durch die Plantage hin. Rollo war wieder
+vorauf, dann kamen Crampas und Effi, dann Kruse.
+
+Knut fehlte.
+
+»Wo haben Sie Knut gelassen?« »Er hat einen Ziegenpeter.«
+
+»Merkwürdig«, lachte Effi. »Eigentlich sah er schon immer so aus.«
+
+»Sehr richtig. Aber Sie sollten ihn jetzt sehen! Oder doch lieber
+nicht. Ziegenpeter ist ansteckend, schon bloß durch Anblick.«
+
+»Glaub ich nicht.«
+
+»Junge Frauen glauben vieles nicht.«
+
+»Und dann glauben sie wieder vieles, was sie besser nicht glaubten.«
+
+»An meine Adresse?« »Nein.«
+
+»Schade.«
+
+»Wie dies 'schade' Sie kleidet. Ich glaube wirklich, Major, Sie
+hielten es für ganz in Ordnung, wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung
+machte.«
+
+»So weit will ich nicht gehen. Aber ich möchte den sehen, der sich
+dergleichen nicht wünschte. Gedanken und Wünsche sind zollfrei.«
+
+»Das fragt sich. Und dann ist doch immer noch ein Unterschied zwischen
+Gedanken und Wünschen. Gedanken sind in der Regel etwas, das noch im
+Hintergrund liegt, Wünsche aber liegen meist schon auf der Lippe.«
+
+»Nur nicht gerade diesen Vergleich.«
+
+»Ach, Crampas, Sie sind ... Sie sind ...«
+
+»Ein Narr.«
+
+»Nein. Auch darin übertreiben Sie wieder. Aber Sie sind etwas anderes.
+In Hohen-Cremmen sagten wir immer, und ich mit, das Eitelste, was es
+gäbe, das sei ein Husarenfähnrich von achtzehn ...«
+
+»Und jetzt?«
+
+»Und jetzt sag ich, das Eitelste, was es gibt, ist ein
+Landwehrbezirksmajor von zweiundvierzig.«
+
+»... wobei die zwei Jahre, die Sie mir gnädigst erlassen, alles
+wiedergutmachen - küss' die Hand.«
+
+»Ja, küss' die Hand. Das ist so recht das Wort, das für Sie paßt. Das
+ist wienerisch. Und die Wiener, die hab ich kennengelernt in Karlsbad,
+vor vier Jahren, wo sie mir vierzehnjährigem Dinge den Hof machten.
+Was ich da alles gehört habe!«
+
+»Gewiß nicht mehr, als recht war.«
+
+»Wenn das zuträfe, wäre das, was mir schmeicheln soll, ziemlich
+ungezogen ... Aber sehen Sie da die Bojen, wie die schwimmen und
+tanzen. Die kleinen roten Fahnen sind eingezogen. Immer wenn ich
+diesen Sommer die paar Mal, wo ich mich bis an den Strand hinauswagte,
+die roten Fahnen sah, sagte ich mir: Da liegt Vineta, da muß es
+liegen, das sind die Turmspitzen ...«
+
+»Das macht, weil Sie das Heinesche Gedicht kennen.« »Welches?«
+
+»Nun, das von Vineta.«
+
+»Nein, das kenne ich nicht; ich kenne überhaupt nur wenig. Leider.«
+
+»Und haben doch Gieshübler und den Journalzirkel! Übrigens hat Heine
+dem Gedicht einen anderen Namen gegeben, ich glaube 'Seegespenst' oder
+so ähnlich. Aber Vineta hat er gemeint. Und er selber - verzeihen Sie,
+wenn ich Ihnen so ohne weiteres den Inhalt hier wiedergebe -, der
+Dichter also, während er die Stelle passiert, liegt auf einem
+Schiffsdeck und sieht hinunter und sieht da schmale, mittelalterliche
+Straßen und trippelnde Frauen in Kapotthüten, und alle haben ein
+Gesangbuch in Händen und wollen zur Kirche, und alle Glocken läuten.
+Und als er das hört, da faßt ihn eine Sehnsucht, auch mit in die
+Kirche zu gehen, wenn auch bloß um der Kapotthüte willen, und vor
+Verlangen schreit er auf und will sich hinunterstürzen. Aber im selben
+Augenblick packt ihn der Kapitän am Bein und ruft ihm zu: 'Doktor,
+sind Sie des Teufels?«
+
+»Das ist ja allerliebst. Das möcht ich lesen. Ist es lang?«
+
+»Nein, es ist eigentlich kurz, etwas länger als 'Du hast Diamanten und
+Perlen' oder 'Deine weichen Lilienfinger' ...«,
+
+und er berührte leise ihre Hand. »Aber lang oder kurz, welche
+Schilderungskraft, welche Anschaulichkeit! Er ist mein
+Lieblingsdichter, und ich kann ihn auswendig, sowenig ich mir sonst,
+trotz gelegentlich eigener Versündigungen, aus der Dichterei mache.
+Bei Heine liegt es aber anders: Alles ist Leben, und vor allem
+versteht er sich auf die Liebe, die doch die Hauptsache bleibt. Er ist
+übrigens nicht einseitig darin ...«
+
+»Wie meinen Sie das?«
+
+»Ich meine, er ist nicht bloß für die Liebe ...«
+
+»Nun, wenn er diese Einseitigkeit auch hätte, das wäre am Ende noch
+nicht das schlimmste. Wofür ist er denn sonst noch?«
+
+»Er ist auch sehr für das Romantische, was freilich gleich nach der
+Liebe kommt und nach Meinung einiger sogar damit zusammenfällt. Was
+ich aber nicht glaube. Denn in seinen späteren Gedichten, die man
+denn auch die 'romantischen' genannt hat, oder eigentlich hat er es
+selber getan, in diesen romantischen Dichtungen wird in einem fort
+hingerichtet, allerdings vielfach aus Liebe. Aber doch meist aus
+anderen gröberen Motiven, wohin ich in erster Reihe die Politik. die
+fast immer gröblich ist, rechne. Karl Stuart zum Beispiel trägt in
+einer dieser Romanzen seinen Kopf unterm Arm, und noch fataler ist die
+Geschichte vom Vitzliputzli ...«
+
+»Von wem?«
+
+»Vom Vitzliputzli. Vitzliputzli ist nämlich ein mexikanischer Gott,
+und als die Mexikaner zwanzig oder dreißig Spanier gefangengenommen
+hatten, mußten diese zwanzig oder dreißig dem Vitzliputzli geopfert
+werden. Das war da nicht anders, Landessitte, Kultus, und ging auch
+alles im Handumdrehen, Bauch auf, Herz raus ...«
+
+»Nein, Crampas, so dürfen Sie nicht weitersprechen. Das ist indezent
+und degoutant zugleich. Und das alles so ziemlich in demselben
+Augenblick, wo wir frühstücken wollen.«
+
+»Ich für meine Person sehe mich dadurch unbeeinflußt und stelle meinen
+Appetit überhaupt nur in Abhängigkeit vom Menü.«
+
+Während dieser Worte waren sie, ganz wie's das Programm wollte, vom
+Strand her bis an eine schon halb im Schutz der Dünen aufgeschlagene
+Bank, mit einem äußerst primitiven Tisch davor, gekommen, zwei Pfosten
+mit einem Brett darüber. Kruse, der voraufgeritten, hatte hier bereits
+serviert; Teebrötchen und Aufschnitt von kaltem Braten, dazu Rotwein
+und neben der Flasche zwei hübsche, zierliche Trinkgläser, klein und
+mit Goldrand, wie man sie in Badeorten kauft oder von Glashütten als
+Erinnerung mitbringt.
+
+Und nun stieg man ab. Kruse, der die Zügel seines eigenen Pferdes um
+eine Krüppelkiefer geschlungen hatte, ging mit den beiden anderen
+Pferden auf und ab, während sich Crampas und Effi, die durch eine
+schmale Dünenöffnung einen freien Blick auf Strand und Mole hatten,
+vor dem gedeckten Tisch niederließen.
+
+Über das von den Sturmtagen her noch bewegte Meer goß die schon halb
+winterliche Novembersonne ihr fahles Licht aus, und die Brandung ging
+hoch. Dann und wann kam ein Windzug und trieb den Schaum bis dicht an
+sie heran. Strandhafer stand umher, und das helle Gelb der Immortellen
+hob sich, trotz der Farbenverwandtschaft, von dem gelben Sand, darauf
+sie wuchsen, scharf ab. Effi machte die Wirtin. »Es tut mir leid,
+Major, Ihnen diese Brötchen in einem Korbdeckel präsentieren zu
+müssen ...«
+
+»Ein Korbdeckel ist kein Korb ...«
+
+»... indessen Kruse hat es so gewollt. Da bist du ja auch, Rollo. Auf
+dich ist unser Vorrat aber nicht eingerichtet. Was machen wir mit
+Rollo?«
+
+»Ich denke, wir geben ihm alles; ich meinerseits schon aus
+Dankbarkeit. Denn sehen Sie, teuerste Effi ...«
+
+Effi sah ihn an.
+
+Denn sehen Sie, gnädigste Frau, Rollo erinnert mich wieder an das,
+was ich Ihnen noch als Fortsetzung oder Seitenstück zum Vitzliputzli
+erzählen wollte - nur viel pikanter, weil Liebesgeschichte. Haben Sie
+mal von einem gewissen Pedro dem Grausamen gehört?«
+
+»So dunkel.«
+
+»Eine Art Blaubartskönig.«
+
+»Das ist gut. Von so einem hört man immer am liebsten, und ich weiß
+noch, daß wir von meiner Freundin Hulda Niemeyer, deren Namen Sie
+ja kennen, immer behaupteten, sie wisse nichts von Geschichte, mit
+Ausnahme der sechs Frauen von Heinrich dem Achten, diesem englischen
+Blaubart, wenn das Wort für ihn reicht. Und wirklich, diese sechs
+kannte sie auswendig. Und dabei hätten Sie hören sollen, wie sie die
+Namen aussprach, namentlich den von der Mutter der Elisabeth - so
+schrecklich verlegen, als wäre sie nun an der Reihe ... Aber nun
+bitte, die Geschichte von Don Pedro ...«
+
+»Nun also, an Don Pedros Hofe war ein schöner, schwarzer spanischer
+Ritter, der das Kreuz von Kalatrava - was ungefähr soviel bedeutet wie
+Schwarzer Adler und Pour-le-mérite zusammengenommen - auf seiner Brust
+trug. Dies Kreuz gehörte mit dazu, das mußten sie immer tragen, und
+dieser Kalatravaritter, den die Königin natürlich heimlich liebte ...«
+
+»Warum natürlich?«
+
+»Weil wir in Spanien sind.« »Ach so.«
+
+»Und dieser Kalatravaritter, sag ich, hatte einen wunderschönen Hund,
+einen Neufundländer, wiewohl es die noch gar nicht gab, denn es
+war grade hundert Jahre vor der Entdeckung von Amerika. Einen
+wunderschönen Hund also, sagen wir wie Rollo ...«
+
+Rollo schlug an, als er seinen Namen hörte, und wedelte mit dem
+Schweif.
+
+»Das ging so machen Tag. Aber das mit der heimlichen Liebe, die wohl
+nicht ganz heimlich blieb, das wurde dem König doch zuviel, und weil
+er den schönen Kalatravaritter überhaupt nicht recht leiden mochte
+- denn er war nicht bloß grausam, er war auch ein Neidhammel, oder
+wenn das Wort für einen König und noch mehr für meine liebenswürdige
+Zuhörerin, Frau Effi, nicht recht passen sollte, wenigstens ein
+Neidling -, so beschloß er, den Kalatravaritter für die heimliche
+Liebe heimlich hinrichten zu lassen.«
+
+»Kann ich ihm nicht verdenken.«
+
+»Ich weiß doch nicht, meine Gnädigste. Hören Sie nur weiter. Etwas
+geht schon, aber es war zuviel; der König, find ich, ging um ein
+Erkleckliches zu weit. Er heuchelte nämlich, daß er dem Ritter wegen
+seiner Kriegs- und Heldentaten ein Fest veranstalten wolle, und da gab
+es denn eine lange, lange Tafel, und alle Granden des Reichs saßen an
+dieser Tafel, und in der Mitte saß der König, und ihm gegenüber war
+der Platz für den, dem dies alles galt, also für den Kalatravaritter,
+für den an diesem Tage zu Feiernden. Und weil der, trotzdem man schon
+eine ganze Weile seiner gewartet hatte, noch immer nicht kommen
+wollte, so mußte schließlich die Festlichkeit ohne ihn begonnen
+werden, und es blieb ein leerer Platz - ein leerer Platz gerade
+gegenüber dem König.« »Und nun?«
+
+»Und nun denken Sie, meine gnädigste Frau, wie der König, dieser
+Pedro, sich eben erheben will, um gleisnerisch sein Bedauern
+auszusprechen, daß sein 'lieber Gast' noch immer fehle, da hört man
+auf der Treppe draußen einen Aufschrei der entsetzten Dienerschaften,
+und ehe noch irgendwer weiß, was geschehen ist, jagt etwas an der
+langen Festtafel entlang, und nun springt es auf den Stuhl und setzt
+ein abgeschlagenes Haupt auf den leergebliebenen Platz, und über
+ebendieses Haupt hinweg starrt Rollo auf sein Gegenüber, den König.
+Rollo hatte seinen Herrn auf seinem letzten Gang begleitet, und im
+selben Augenblick, wo das Beil fiel, hatte das treue Tier das fallende
+Haupt gepackt, und da war er nun, unser Freund Rollo, an der langen
+Festtafel und verklagte den königlichen Mörder.«
+
+Effi war ganz still geworden. Endlich sagte sie: »Crampas, das ist in
+seiner Art sehr schön, und weil es sehr schön ist, will ich es Ihnen
+verzeihen. Aber Sie könnten doch Besseres und zugleich mir Lieberes
+tun, wenn Sie mir andere Geschichten erzählten. Auch von Heine. Heine
+wird doch nicht bloß von Vitzliputzli und Don Pedro und Ihrem Rollo -
+denn meiner hätte so was nicht getan - gedichtet haben. Komm, Rollo!
+Armes Tier, ich kann dich gar nicht mehr ansehen, ohne an den
+Kalatravaritter zu denken, den die Königin heimlich liebte ... Rufen
+Sie, bitte, Kruse, daß er die Sachen hier wieder in die Halfter
+steckt, und wenn wir zurückreiten, müssen Sie mir was anderes
+erzählen, ganz was anderes.«
+
+Kruse kam. Als er aber die Gläser nehmen wollte, sagte Crampas:
+»Kruse, das eine Glas, das da, das lassen Sie stehen. Das werde ich
+selber nehmen.«
+
+»Zu Befehl, Herr Major.«
+
+Effi, die dies mit angehört hatte, schüttelte den Kopf. Dann lachte
+sie. »Crampas, was fällt Ihnen nur eigentlich ein? Kruse ist dumm
+genug, über die Sache nicht weiter nachzudenken, und wenn er darüber
+nachdenkt, so findet er glücklicherweise nichts. Aber das berechtigt
+Sie doch nicht, dies Glas, dies Dreißigpfennigglas aus der
+Josefinenhütte ...«
+
+»Daß Sie so spöttisch den Preis nennen, läßt mich seinen Wert um so
+tiefer empfinden.«
+
+»Immer derselbe. Sie haben so viel von einem Humoristen, aber doch von
+ganz sonderbarer Art. Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie vor
+- es ist zum Lachen, und ich geniere mich fast, es auszusprechen -,
+so haben Sie vor, sich vor der Zeit auf den König von Thule hin
+auszuspielen.«
+
+Er nickte mit einem Anflug von Schelmerei.
+
+»Nun denn, meinetwegen. Jeder trägt seine Kappe; Sie wissen, welche.
+Nur das muß ich Ihnen doch sagen dürfen, die Rolle, die Sie mir dabei
+zudiktieren, ist mir zu wenig schmeichelhaft. Ich mag nicht als
+Reimwort auf Ihren König von Thule herumlaufen. Behalten Sie das
+Glas, aber bitte, ziehen Sie nicht Schlüsse daraus, die mich
+kompromittieren. Ich werde Innstetten davon erzählen.«
+
+»Das werden Sie nicht tun, meine gnädigste Frau.« »Warum nicht?«
+
+»Innstetten ist nicht der Mann, solche Dinge so zu sehen, wie sie
+gesehen sein wollen.«
+
+Sie sah ihn einen Augenblick scharf an. Dann aber schlug sie verwirrt
+und fast verlegen die Augen nieder.
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel
+
+Effi war unzufrieden mit sich und freute sich, daß es nunmehr
+feststand, diese gemeinschaftlichen Ausflüge für die ganze Winterdauer
+auf sich beruhen zu lassen. Überlegte sie, was während all dieser
+Wochen und Tage gesprochen, berührt und angedeutet war, so fand sie
+nichts, um dessentwillen sie sich direkte Vorwürfe zu machen gehabt
+hätte. Crampas war ein kluger Mann, welterfahren, humoristisch, frei,
+frei auch im Guten, und es wäre kleinlich und kümmerlich gewesen, wenn
+sie sich ihm gegenüber aufgesteift und jeden Augenblick die Regeln
+strengen Anstandes befolgt hätte. Nein, sie konnte sich nicht tadeln,
+auf seinen Ton eingegangen zu sein, und doch hatte sie ganz leise das
+Gefühl einer überstandenen Gefahr und beglückwünschte sich, daß das
+alles nun mutmaßlich hinter ihr läge. Denn an ein häufigeres Sichsehen
+en famille war nicht wohl zu denken, das war durch die Crampasschen
+Hauszustände so gut wie ausgeschlossen, und Begegnungen bei den
+benachbarten adligen Familien, die freilich für den Winter in Sicht
+standen, konnten immer nur sehr vereinzelt und sehr flüchtige sein.
+Effi rechnete sich dies alles mit wachsender Befriedigung heraus und
+fand schließlich, daß ihr der Verzicht auf das, was sie dem Verkehr
+mit dem Major verdankte, nicht allzu schwer ankommen würde. Dazu kam
+noch, daß Innstetten ihr mitteilte, seine Fahrten nach Varzin würden
+in diesem Jahre fortfallen: der Fürst gehe nach Friedrichsruh, das
+ihm immer lieber zu werden scheine; nach der einen Seite hin bedauere
+er das, nach der anderen sei es ihm lieb - er könne sich nun ganz
+seinem Hause widmen, und wenn es ihr recht wäre, so wollten sie die
+italienische Reise, an der Hand seiner Aufzeichnungen, noch einmal
+durchmachen. Eine solche Rekapitulation sei eigentlich die Hauptsache,
+dadurch mache man sich alles erst dauernd zu eigen, und selbst Dinge,
+die man nur flüchtig gesehen und von denen man kaum wisse, daß man sie
+in seiner Seele beherberge, kämen einem durch solche nachträglichen
+Studien erst voll zu Bewußtsein und Besitz. Er führte das noch weiter
+aus und fügte hinzu, daß ihn Gieshübler, der den ganzen »italienischen
+Stiefel« bis Palermo kenne, gebeten habe, mit dabeisein zu dürfen.
+Effi, der ein ganz gewöhnlicher Plauderabend ohne den »italienischen
+Stiefel« (es sollten sogar Fotografien herumgereicht werden) viel,
+viel lieber gewesen wäre, antwortete mit einer gewissen Gezwungenheit;
+Innstetten indessen, ganz erfüllt von seinem Plan, merkte nichts und
+fuhr fort: »Natürlich ist nicht bloß Gieshübler zugegen, auch Roswitha
+und Annie müssen dabeisein, und wenn ich mir dann denke, daß wir den
+Canale grande hinauffahren und hören dabei ganz in der Ferne die
+Gondoliere singen, während drei Schritt von uns Roswitha sich über
+Annie beugt und 'Buhküken von Halberstadt' oder so was Ähnliches zum
+besten gibt, so können das schöne Winterabende werden, und du sitzt
+dabei und strickst mir eine große Winterkappe. Was meinst du dazu,
+Effi?«
+
+Solche Abende wurden nicht bloß geplant, sie nahmen auch ihren Anfang,
+und sie würden sich aller Wahrscheinlichkeit nach über viele Wochen
+hin ausgedehnt haben, wenn nicht der unschuldige, harmlose Gieshübler,
+trotz größter Abgeneigtheit gegen zweideutiges Handeln, dennoch im
+Dienste zweier Herren gestanden hätte. Der eine, dem er diente, war
+Innstetten, der andere war Crampas, und wenn er der Innstettenschen
+Aufforderung zu den italienischen Abenden, schon um Effis willen, auch
+mit aufrichtigster Freude Folge leistete, so war die Freude, mit der
+er Crampas gehorchte, doch noch eine größere. Nach einem Crampasschen
+Plan nämlich sollte noch vor Weihnachten »Ein Schritt vom Wege«
+aufgeführt werden, und als man vor dem dritten italienischen Abend
+stand, nahm Gieshübler die Gelegenheit wahr, mit Effi, die die Rolle
+der Ella spielen sollte, darüber zu sprechen.
+
+Effi war wie elektrisiert; was wollten Padua, Vicenza daneben
+bedeuten! Effi war nicht für Aufgewärmtheiten; Frisches war es, wonach
+sie sich sehnte, Wechsel der Dinge. Aber als ob eine Stimme ihr
+zugerufen hätte: »Sieh dich vor!«, so fragte sie doch, inmitten ihrer
+freudigen Erregung:
+
+»Ist es der Major, der den Plan aufgebracht hat?«
+
+»Ja. Sie wissen, gnädigste Frau, daß er einstimmig in das
+Vergnügungskomitee gewählt wurde. Wir dürfen uns endlich einen
+hübschen Winter in der Ressource versprechen. Er ist ja wie geschaffen
+dazu.«
+
+»Und wird er auch mitspielen?«
+
+»Nein, das hat er abgelehnt. Ich muß sagen, leider. Denn er kann ja
+alles und würde den Arthur von Schmettwitz ganz vorzüglich geben. Er
+hat nur die Regie übernommen.«
+
+»Desto schlimmer.«
+
+»Desto schlimmer?« wiederholte Gieshübler.
+
+»Oh, Sie dürfen das nicht so feierlich nehmen; das ist nur so eine
+Redensart, die eigentlich das Gegenteil bedeutet. Auf der anderen
+Seite freilich, der Major hat so was Gewaltsames, er nimmt einem die
+Dinge gern über den Kopf fort. Und man muß dann spielen, wie er will,
+und nicht, wie man selber will.«
+
+Sie sprach noch so weiter und verwickelte sich immer mehr in
+Widersprüche.
+
+Der »Schritt vom Wege« kam wirklich zustande, und gerade weil man nur
+noch gute vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war
+ausgeschlossen), so strengte sich alles an, und es ging vorzüglich;
+die Mitspielenden, vor allem Effi, ernteten reichen Beifall. Crampas
+hatte sich wirklich mit der Regie begnügt, und so streng er gegen
+alle anderen war, so wenig hatte er auf den Proben in Effis Spiel
+hineingeredet. Entweder waren ihm von seiten Gieshüblers Mitteilungen
+über das mit Effi gehabte Gespräch gemacht worden, oder er hatte es
+auch aus sich selber bemerkt, daß Effi beflissen war, sich von ihm
+zurückzuziehen. Und er war klug und Frauenkenner genug, um den
+natürlichen Entwicklungsgang, den er nach seinen Erfahrungen nur zu
+gut kannte, nicht zu stören.
+
+Am Theaterabend in der Ressource trennte man sich spät, und
+Mitternacht war vorüber, als Innstetten und Effi wieder zu Hause bei
+sich eintrafen. Johanna war noch auf, um behilflich zu sein, und
+Innstetten, der auf seine junge Frau nicht wenig eitel war, erzählte
+Johanna, wie reizend die gnädige Frau ausgesehen und wie gut sie
+gespielt habe. Schade, daß er nicht vorher daran gedacht, Christel
+und sie selber und auch die alte Unke, die Kruse, hätten von der
+Musikgalerie her sehr gut zusehen können; es seien viele dagewesen.
+Dann ging Johanna, und Effi, die müde war, legte sich nieder.
+Innstetten aber, der noch plaudern wollte, schob einen Stuhl heran und
+setzte sich an das Bett seiner Frau, diese freundlich ansehend und
+ihre Hand in der seinen haltend.
+
+»Ja, Effi, das war ein hübscher Abend. Ich habe mich amüsiert über das
+hübsche Stück. Und denke dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat,
+eigentlich kaum zu glauben. Und noch dazu aus Königsberg. Aber worüber
+ich mich am meisten gefreut, das war doch meine entzückende kleine
+Frau, die allen die Köpfe verdreht hat.«
+
+»Ach, Geert, sprich nicht so. Ich bin schon gerade eitel genug.«
+
+»Eitel genug, das wird wohl richtig sein. Aber doch lange nicht so
+eitel wie die anderen. Und das ist zu deinen sieben Schönheiten ...«
+
+»Sieben Schönheiten haben alle.«
+
+»... Ich habe mich auch bloß versprochen, du kannst die Zahl gut mit
+sich selbst multiplizieren.«
+
+»Wie galant du bist, Geert. Wenn ich dich nicht kennte, könnt ich mich
+fürchten. Oder lauert wirklich was dahinter?« »Hast du ein schlechtes
+Gewissen? Selber hinter der Tür gestanden?«
+
+»Ach, Geert, ich ängstige mich wirklich.« Und sie richtete sich im
+Bett in die Höh und sah ihn starr an. »Soll ich noch nach Johanna
+klingeln, daß sie uns Tee bringt? Du hast es so gern vor dem
+Schlafengehen.«
+
+Er küßte ihr die Hand. »Nein, Effi. Nach Mitternacht kann auch der
+Kaiser keine Tasse Tee mehr verlangen, und du weißt, ich mag die Leute
+nicht mehr in Anspruch nehmen als nötig. Nein, ich will nichts, als
+dich ansehen und mich freuen, daß ich dich habe. So manchmal empfindet
+man's doch stärker, welchen Schatz man hat. Du könntest ja auch so
+sein wie die arme Frau Crampas; das ist eine schreckliche Frau, gegen
+keinen freundlich, und dich hätte sie vom Erdboden vertilgen mögen.«
+
+»Ach, ich bitte dich, Geert, das bildest du dir wieder ein. Die arme
+Frau! Mir ist nichts aufgefallen.«
+
+»Weil du für derlei keine Augen hast. Aber es war so, wie ich dir
+sage, und der arme Crampas war wie befangen dadurch und mied dich
+immer und sah dich kaum an. Was doch ganz unnatürlich ist; denn
+erstens ist er überhaupt ein Damenmann, und nun gar Damen wie du, das
+ist seine besondere Passion. Und ich wette auch, daß es keiner besser
+weiß als meine kleine Frau selber. Wenn ich daran denke, wie, Pardon,
+das Geschnatter hin und her ging, wenn er morgens in die Veranda kam
+oder wenn wir am Strande ritten oder auf der Mole spazierengingen. Es
+ist, wie ich dir sage, er traute sich heute nicht, er fürchtete sich
+vor seiner Frau. Und ich kann es ihm nicht verdenken. Die Majorin ist
+so etwas wie unsere Frau Kruse, und wenn ich zwischen beiden wählen
+müßte, ich wüßte nicht wen.«
+
+»Ich wüßt es schon; es ist doch ein Unterschied zwischen den beiden.
+Die arme Majorin ist unglücklich, die Kruse ist unheimlich.«
+
+»Und da bist du doch mehr für das Unglückliche?« »Ganz entschieden.«
+
+»Nun höre, das ist Geschmackssache. Man merkt, daß du noch nicht
+unglücklich warst. Übrigens hat Crampas ein Talent, die arme Frau zu
+eskamotieren. Er erfindet immer etwas, sie zu Hause zu lassen.«
+
+»Aber heute war sie doch da.«
+
+»Ja, heute. Da ging es nicht anders. Aber ich habe mit ihm eine Partie
+zu Oberförster Ring verabredet, er, Gieshübler und der Pastor, auf
+den dritten Feiertag, und da hättest du sehen sollen, mit welcher
+Geschicklichkeit er bewies, daß sie, die Frau, zu Hause bleiben
+müsse.«
+
+»Sind es denn nur Herren?«
+
+»O bewahre. Da würd ich mich auch bedanken. Du bist mit dabei und noch
+zwei, drei andere Damen, die von den Gütern ungerechnet.«
+
+»Aber dann ist es doch auch häßlich von ihm, ich meine von Crampas,
+und so was bestraft sich immer.«
+
+»Ja, mal kommt es. Aber ich glaube, unser Freund hält zu denen, die
+sich über das, was kommt, keine grauen Haare wachsen lassen.«
+
+»Hältst du ihn für schlecht?«
+
+»Nein, für schlecht nicht. Beinah im Gegenteil, jedenfalls hat er gute
+Seiten. Aber er ist so'n halber Pole, kein rechter Verlaß, eigentlich
+in nichts, am wenigsten mit Frauen. Eine Spielernatur. Er spielt nicht
+am Spieltisch, aber er hasardiert im Leben in einem fort, und man muß
+ihm auf die Finger sehen.«
+
+»Es ist mir doch lieb, daß du mir das sagst. Ich werde mich vorsehen
+mit ihm.«
+
+»Das tu. Aber nicht zu sehr; dann hilft es nichts. Unbefangenheit ist
+immer das beste, natürlich das allerbeste ist Charakter und Festigkeit
+und, wenn ich solch steifleinenes Wort brauchen darf, eine reine
+Seele.«
+
+Sie sah ihn groß an. Dann sagte sie: »Ja, gewiß. Aber nun sprich nicht
+mehr, und noch dazu lauter Dinge, die mich nicht recht froh machen
+können. Weißt du, mir ist, als hörte ich oben das Tanzen. Sonderbar,
+daß es immer wiederkommt. Ich dachte, du hättest mit dem allem nur so
+gespaßt.«
+
+»Das will ich doch nicht sagen, Effi. Aber so oder so, man muß nur in
+Ordnung sein und sich nicht zu fürchten brauchen.«
+
+Effi nickte und dachte mit einem Male wieder an die Worte, die ihr
+Crampas über ihren Mann als »Erzieher« gesagt hatte.
+
+Der Heilige Abend kam und verging ähnlich wie das Jahr vorher; aus
+Hohen-Cremmen kamen Geschenke und Briefe; Gieshübler war wieder mit
+einem Huldigungsvers zur Stelle, und Vetter Briest sandte eine Karte:
+Schneelandschaft mit Telegrafenstangen, auf deren Draht geduckt ein
+Vögelchen saß. Auch für Annie war aufgebaut: ein Baum mit Lichtern,
+und das Kind griff mit seinen Händchen danach. Innstetten, unbefangen
+und heiter, schien sich seines häuslichen Glücks zu freuen und
+beschäftigte sich viel mit dem Kinde. Roswitha war erstaunt, den
+gnädigen Herrn so zärtlich und zugleich so aufgeräumt zu sehen. Auch
+Effi sprach viel und lachte viel, es kam ihr aber nicht aus innerster
+Seele. Sie fühlte sich bedrückt und wußte nur nicht, wen sie dafür
+verantwortlich machen sollte, Innstetten oder sich selber. Von Crampas
+war kein Weihnachtsgruß eingetroffen; eigentlich war es ihr lieb, aber
+auch wieder nicht, seine Huldigungen erfüllten sie mit einem gewissen
+Bangen, und seine Gleichgültigkeiten verstimmten sie; sie sah ein, es
+war nicht alles so, wie's sein sollte.
+
+»Du bist so unruhig«, sagte Innstetten nach einer Weile.
+
+»Ja. Alle Welt hat es so gut mit mir gemeint, am meisten du; das
+bedrückt mich, weil ich fühle, daß ich es nicht verdiene.«
+
+»Damit darf man sich nicht quälen, Effi. Zuletzt ist es doch so: Was
+man empfängt, das hat man auch verdient.«
+
+Effi hörte scharf hin, und ihr schlechtes Gewissen ließ sie selber
+fragen, ob er das absichtlich in so zweideutiger Form gesagt habe.
+
+Spät gegen Abend kam Pastor Lindequist, um zu gratulieren und noch
+wegen der Partie nach der Oberförsterei Uvagla hin anzufragen, die
+natürlich eine Schlittenpartie werden müsse. Crampas habe ihm einen
+Platz in seinem Schlitten angeboten, aber weder der Major noch sein
+Bursche, der, wie alles, auch das Kutschieren übernehmen solle,
+kenne den Weg, und so würde es sich vielleicht empfehlen, die Fahrt
+gemeinschaftlich zu machen, wobei dann der landrätliche Schlitten die
+Tete zu nehmen und der Crampassche zu folgen hätte. Wahrscheinlich
+auch der Gieshüblersche. Denn mit der Wegkenntnis Mirambos, dem sich
+unerklärlicherweise Freund Alonzo, der doch sonst so vorsichtig,
+anvertrauen wolle, stehe es wahrscheinlich noch schlechter als mit der
+des sommersprossigen Treptower Ulanen. Innstetten, den diese kleinen
+Verlegenheiten erheiterten, war mit Lindequists Vorschlag durchaus
+einverstanden und ordnete die Sache dahin, daß er pünktlich um zwei
+Uhr über den Marktplatz fahren und ohne alles Säumen die Führung des
+Zuges in die Hand nehmen werde.
+
+Nach diesem Übereinkommen wurde denn auch verfahren, und als
+Innstetten Punkt zwei Uhr den Marktplatz passierte, grüßte Crampas
+zunächst von seinem Schlitten aus zu Effi hinüber und schloß sich
+dann dem Innstettenschen an. Der Pastor saß neben ihm. Gieshüblers
+Schlitten, mit Gieshübler selbst und Doktor Hannemann, folgte, jener
+in einem eleganten Büffelrock und Marderbesatz, dieser in einem
+Bärenpelz, dem man ansah, daß er wenigstens dreißig Dienstjahre
+zählte. Hannemann war nämlich in seiner Jugend Schiffschirurgus auf
+einem Grönlandfahrer gewesen. Mirambo saß vorn, etwas aufgeregt wegen
+Unkenntnis im Kutschieren, ganz wie Lindequist vermutet hatte.
+
+Schon nach zwei Minuten war man an Utpatels Mühle vorbei.
+
+Zwischen Kessin und Uvagla (wo der Sage nach ein Wendentempel
+gestanden) lag ein nur etwa tausend Schritt breiter, aber wohl
+anderthalb Meilen langer Waldstreifen, der an seiner rechten
+Längsseite das Meer, an seiner linken, bis weit an den Horizont hin,
+ein großes, überaus fruchtbares und gut angebautes Stück Land hatte.
+Hier, an der Binnenseite, flogen jetzt die drei Schlitten hin, in
+einiger Entfernung ein paar alte Kutschwagen vor sich, in denen aller
+Wahrscheinlichkeit nach andere nach der Oberförsterei hin eingeladene
+Gäste saßen. Einer dieser Wagen war an seinen altmodisch hohen Rädern
+deutlich zu erkennen, es war der Papenhagensche. Natürlich. Güldenklee
+galt als der beste Redner des Kreises (noch besser als Borcke, ja
+selbst besser als Grasenabb) und durfte bei Festlichkeiten nicht
+leicht fehlen. Die Fahrt ging rasch - auch die herrschaftlichen
+Kutscher strengten sich an und wollten sich nicht überholen lassen -,
+so daß man schon um drei vor der Oberförsterei hielt. Ring, ein
+stattlicher, militärisch dreinschauender Herr von Mitte Fünfzig,
+der den ersten Feldzug in Schleswig noch unter Wrangel und Bonin
+mitgemacht und sich bei Erstürmung des Danewerks ausgezeichnet hatte,
+stand in der Tür und empfing seine Gäste, die, nachdem sie abgelegt
+und die Frau des Hauses begrüßt hatten, zunächst vor einem
+langgedeckten Kaffeetisch Platz nahmen, auf dem kunstvoll
+aufgeschichtete Kuchenpyramiden standen. Die Oberförsterin, eine von
+Natur sehr ängstliche, zum mindesten aber sehr befangene Frau, zeigte
+sich auch als Wirtin so, was den überaus eitlen Oberförster, der für
+Sicherheit und Schneidigkeit war, ganz augenscheinlich verdroß. Zum
+Glück kam sein Unmut zu keinem Ausbruch, denn von dem, was seine
+Frau vermissen ließ, hatten seine Töchter desto mehr, bildhübsche
+Backfische von vierzehn und dreizehn, die ganz nach dem Vater
+schlugen. Besonders die ältere, Cora, kokettierte sofort mit
+Innstetten und Crampas, und beide gingen auch darauf ein. Effi ärgerte
+sich darüber und schämte sich dann wieder, daß sie sich geärgert habe.
+Sie saß neben Sidonie von Grasenabb und sagte: »Sonderbar, so bin ich
+auch gewesen, als ich vierzehn war.«
+
+Effi rechnete darauf, daß Sidonie dies bestreiten oder doch wenigstens
+Einschränkungen machen würde. Statt dessen sagte diese: »Das kann ich
+mir denken.«
+
+»Und wie der Vater sie verzieht«, fuhr Effi halb verlegen und nur, um
+doch was zu sagen, fort.
+
+Sidonie nickte. »Da liegt es. Keine Zucht. Das ist die Signatur
+unserer Zeit.«
+
+Effi brach nun ab.
+
+Der Kaffee war bald genommen, und man stand auf, um noch einen
+halbstündigen Spaziergang in den umliegenden Wald zu machen, zunächst
+auf ein Gehege zu, drin Wild eingezäunt war. Cora öffnete das Gatter,
+und kaum, daß sie eingetreten, so kamen auch schon die Rehe auf
+sie zu. Es war eigentlich reizend, ganz wie ein Märchen. Aber die
+Eitelkeit des jungen Dinges, das sich bewußt war, ein lebendes Bild zu
+stellen, ließ doch einen reinen Eindruck nicht aufkommen, am wenigsten
+bei Effi. »Nein«, sagte sie zu sich selber, »so bin ich doch nicht
+gewesen. Vielleicht hat es mir auch an Zucht gefehlt, wie diese
+furchtbare Sidonie mir eben andeutete, vielleicht auch anderes noch.
+Man war zu Haus zu gütig gegen mich, man liebte mich zu sehr. Aber das
+darf ich doch wohl sagen, ich habe mich nie geziert. Das war immer
+Huldas Sache. Darum gefiel sie mir auch nicht, als ich diesen Sommer
+sie wiedersah.
+
+Auf dem Rückwege vom Wald nach der Oberförsterei begann es zu
+schneien. Crampas gesellte sich zu Effi und sprach ihr sein Bedauern
+aus, daß er noch nicht Gelegenheit gehabt habe, sie zu begrüßen.
+Zugleich wies er auf die großen, schweren Schneeflocken, die fielen,
+und sagte: »Wenn das so weitergeht, so schneien wir hier ein.«
+
+»Das wäre nicht das Schlimmste. Mit dem Eingeschneitwerden verbinde
+ich von langer Zeit her eine freundliche Vorstellung, eine Vorstellung
+von Schutz und Beistand.«
+
+»Das ist mir neu, meine gnädigste Frau.«
+
+»Ja«, fuhr Effi fort und versuchte zu lachen, »mit den Vorstellungen
+ist es ein eigen Ding, man macht sie sich nicht bloß nach dem, was
+man persönlich erfahren hat, auch nach dem, was man irgendwo gehört
+oder ganz zufällig weiß. Sie sind so belesen, Major, aber mit einem
+Gedicht - freilich keinem Heineschen, keinem 'Seegespenst' und
+keinem 'Vitzliputzli' - bin ich Ihnen, wie mir scheint, doch voraus.
+Dies Gedicht heißt die 'Gottesmauer', und ich hab es bei unserm
+Hohen-Cremmer Pastor vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ganz
+klein war, auswendig gelernt.«
+
+»Gottesmauer«, wiederholte Crampas. »Ein hübscher Titel, und wie
+verhält es sich damit?«
+
+»Eine kleine Geschichte, nur ganz kurz. Da war irgendwo Krieg, ein
+Winterfeldzug, und eine alte Witwe, die sich vor dem Feinde mächtig
+fürchtete, betete zu Gott, er möge doch 'eine Mauer um sie bauen',
+um sie vor dem Landesfeinde zu schützen. Und da ließ Gott das Haus
+einschneien, und der Feind zog daran vorüber.«
+
+Crampas war sichtlich betroffen und wechselte das Gespräch.
+
+Als es dunkelte, waren alle wieder in der Oberförsterei zurück.
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel
+
+Gleich nach sieben ging man zu Tisch, und alles freute sich, daß der
+Weihnachtsbaum, eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne, noch
+einmal angesteckt wurde. Crampas, der das Ringsche Haus noch nicht
+kannte, war helle Bewunderung. Der Damast, die Weinkühler, das
+reiche Silbergeschirr, alles wirkte herrschaftlich, weit über
+oberförsterliche Durchschnittsverhältnisse hinaus, was darin seinen
+Grund hatte, daß Rings Frau, so scheu und verlegen sie war, aus einem
+reichen Danziger Kornhändlerhause stammte. Von daher rührten auch die
+meisten der ringsumher hängenden Bilder: der Kornhändler und seine
+Frau, der Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem berühmten
+Memlingschen Altarbild in der Danziger Marienkirche. Kloster Olivia
+war zweimal da, einmal in Öl und einmal in Kork geschnitzt. Außerdem
+befand sich über dem Büfett ein sehr nachgedunkeltes Porträt des
+alten Nettelbeck, das noch aus dem bescheidenen Mobiliar des erst vor
+anderthalb Jahren verstorbenen Ringschen Amtsvorgängers herrührte.
+Niemand hatte damals bei der gewöhnlich stattfindenden Auktion das
+Bild des Alten haben wollen, bis Innstetten, der sich über diese
+Mißachtung ärgerte, darauf geboten hatte. Da hatte sich denn auch
+Ring patriotisch besonnen, und der alte Kolbergverteidiger war der
+Oberförsterei verblieben.
+
+Das Nettelbeckbild ließ ziemlich viel zu wünschen übrig; sonst aber
+verriet alles, wie schon angedeutet, eine beinahe an Glanz streifende
+Wohlhabenheit, und dem entsprach denn auch das Mahl, das aufgetragen
+wurde. Jeder hatte mehr oder weniger seine Freude daran, mit Ausnahme
+Sidoniens. Diese saß zwischen Innstetten und Lindequist und sagte, als
+sie Coras ansichtig wurde: »Da ist ja wieder dies unausstehliche Balg,
+diese Cora. Sehen Sie nur, Innstetten, wie sie die kleinen Weingläser
+präsentiert, ein wahres Kunststück, sie könnte jeden Augenblick
+Kellnerin werden. Ganz unerträglich. Und dazu die Blicke von Ihrem
+Freund Crampas! Das ist so die rechte Saat! Ich frage Sie, was soll
+dabei herauskommen?«
+
+Innstetten, der ihr eigentlich zustimmte, fand trotzdem den Ton, in
+dem das alles gesagt wurde, so verletzend herbe daß er spöttisch
+bemerkte: »Ja, meine Gnädigste, was dabei herauskommen soll? Ich weiß
+es auch nicht« - worauf sich Sidonie von ihm ab- und ihrem Nachbarn
+zur Linken zuwandte:
+
+»Sagen Sie, Pastor, ist diese vierzehnjährige Kokette schon im
+Unterricht bei Ihnen?«
+
+»Ja, mein gnädiges Fräulein.«
+
+»Dann müssen Sie mir die Bemerkung verzeihen, daß Sie sie nicht in die
+richtige Schule genommen haben. Ich weiß wohl, es hält das heutzutage
+sehr schwer, aber ich weiß auch, daß die, denen die Fürsorge für junge
+Seelen obliegt, es vielfach an dem rechten Ernst fehlen lassen. Es
+bleibt dabei, die Hauptschuld tragen die Eltern und Erzieher.«
+
+Lindequist, denselben Ton anschlagend wie Innstetten, antwortete, daß
+das alles sehr richtig, der Geist der Zeit aber zu mächtig sei.
+
+»Geist der Zeit!« sagte Sidonie. »Kommen Sie mir nicht damit. Das
+kann ich nicht hören, das ist der Ausdruck höchster Schwäche,
+Bankrotterklärung. Ich kenne das; nie scharf zufassen wollen, immer
+dem Unbequemen aus dem Wege gehen. Denn Pflicht ist unbequem. Und so
+wird nur allzuleicht vergessen, daß das uns anvertraute Gut auch mal
+von uns zurückgefordert wird. Eingreifen, lieber Pastor, Zucht. Das
+Fleisch ist schwach, gewiß, aber ...«
+
+In diesem Augenblick kam ein englisches Roastbeef, von dem Sidonie
+ziemlich ausgiebig nahm, ohne Lindequists Lächeln dabei zu bemerken.
+Und weil sie's nicht bemerkte, so durfte es auch nicht wundernehmen,
+daß sie mit viel Unbefangenheit fortfuhr: »Es kann übrigens alles, was
+Sie hier sehen, nicht wohl anders sein; alles ist schief und verfahren
+von Anfang an. Ring, Ring - wenn ich nicht irre, hat es drüben in
+Schweden oder da herum mal einen Sagenkönig dieses Namens gegeben.
+Nun sehen Sie, benimmt er sich nicht, als ob er von dem abstamme?
+Und seine Mutter, die ich noch gekannt habe, war eine Plättfrau in
+Köslin.«
+
+»Ich kann darin nichts Schlimmes finden.«
+
+»Schlimmes finden? Ich auch nicht. Und jedenfalls gibt es Schlimmeres.
+Aber soviel muß ich doch von Ihnen, als einem geweihten Diener der
+Kirche, gewärtigen dürfen, daß Sie die gesellschaftlichen Ordnungen
+gelten lassen. Ein Oberförster ist ein bißchen mehr als ein Förster,
+und ein Förster hat nicht solche Weinkühler und solch Silberzeug;
+das alles ist ungehörig und zieht dann solche Kinder groß wie dies
+Fräulein Cora.«
+
+Sidonie, jedesmal bereit, irgendwas Schreckliches zu prophezeien, wenn
+sie, vom Geist überkommen, die Schalen ihres Zorns ausschüttete, würde
+sich auch heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft gesteigert
+haben, wenn nicht in ebendiesem Augenblick die dampfende Punschbowle
+- womit die Weihnachtsreunions bei Ring immer abschlossen - auf
+der Tafel erschienen wäre, dazu Krausgebackenes, das, geschickt
+übereinandergetürmt, noch weit über die vor einigen Stunden
+aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs. Und nun trat auch Ring
+selbst, der sich bis dahin etwas zurückgehalten hatte, mit einer
+gewissen strahlenden Feierlichkeit in Aktion und begann die vor ihm
+stehenden Gläser, große geschliffene Römer, in virtuosem Bogensturz zu
+füllen, ein Einschenkekunststück, das die stets schlagfertige Frau von
+Padden, die heute leider fehlte, mal als »Ringsche Füllung en cascade«
+bezeichnet hatte. Rotgolden wölbte sich dabei der Strahl, und kein
+Tropfen durfte verlorengehen. So war es auch heute wieder. Zuletzt
+aber, als jeder, was ihm zukam, in Händen hielt - auch Cora, die sich
+mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf »Onkel Crampas'«
+Schoß gesetzt hatte -, erhob sich der alte Papenhagner, um, wie
+herkömmlich bei Festlichkeiten der Art, einen Toast auf seinen lieben
+Oberförster auszubringen. Es gäbe viele Ringe, so etwa begann er,
+Jahresringe, Gardinenringe, Trauringe, und was nun gar - denn auch
+davon dürfe sich am Ende wohl sprechen lassen - die Verlobungsringe
+angehe, so sei glücklicherweise die Gewähr gegeben, daß einer davon
+in kürzester Frist in diesem Hause sichtbar werden und den Ringfinger
+(und zwar hier in einem doppelten Sinne den Ringfinger) eines kleinen
+hübschen Pätschelchens zieren werde...
+
+»Unerhört«, raunte Sidonie dem Pastor zu.
+
+»Ja, meine Freunde«, fuhr Güldenklee mit gehobener Stimme fort, »viele
+Ringe gibt es, und es gibt sogar eine Geschichte, die wir alle kennen,
+die die Geschichte von den 'drei Ringen' heißt, eine Judengeschichte,
+die, wie der ganze liberale Krimskrams, nichts wie Verwirrung und
+Unheil gestiftet hat und noch stiftet. Gott bessere es. Und nun lassen
+Sie mich schließen, um Ihre Geduld und Nachsicht nicht über Gebühr in
+Anspruch zu nehmen. Ich bin nicht für diese drei Ringe, meine Lieben,
+ich bin vielmehr für einen Ring, für einen Ring, der so recht ein Ring
+ist, wie er sein soll, ein Ring, der alles Gute, was wir in unsrem
+altpommerschen Kessiner Kreise haben, alles, was noch mit Gott für
+König und Vaterland einsteht - und es sind ihrer noch einige (lauter
+Jubel) -, an diesem seinem gastlichen Tisch vereinigt sieht. Für
+diesen Ring bin ich. Er lebe hoch!«
+
+Alles stimmte ein und umdrängte Ring, der, solange das dauerte, das
+Amt des »Einschenkens en cascade« an den ihm gegenübersitzenden
+Crampas abtreten mußte; der Hauslehrer aber stürzte von seinem Platz
+am unteren Ende der Tafel an das Klavier und schlug die ersten Takte
+des Preußenliedes an, worauf alles stehend und feierlich einfiel: »Ich
+bin ein Preuße ... will ein Preuße sein.«
+
+»Es ist doch etwas Schönes«, sagte gleich nach der ersten Strophe der
+alte Borcke zu Innstetten, »so was hat man in anderen Ländern nicht.«
+
+»Nein«, antwortete Innstetten, der von solchem Patriotismus nicht viel
+hielt, »in anderen Ländern hat man was anderes.«
+
+Man sang alle Strophen durch, dann hieß es, die Wagen seien
+vorgefahren, und gleich danach erhob sich alles, um die Pferde nicht
+warten zu lassen. Denn diese Rücksicht »auf die Pferde« ging auch im
+Kreise Kessin allem anderen vor. Im Hausflur standen zwei hübsche
+Mägde, Ring hielt auf dergleichen, um den Herrschaften beim Anziehen
+ihrer Pelze behilflich zu sein. Alles war heiter angeregt, einige mehr
+als das, und das Einsteigen in die verschiedenen Gefährte schien sich
+schnell und ohne Störung vollziehen zu sollen, als es mit einemmal
+hieß, der Gieshüblersche Schlitten sei nicht da. Gieshübler selbst war
+viel zu artig, um gleich Unruhe zu zeigen oder gar Lärm zu machen;
+endlich aber, weil doch wer das Wort nehmen mußte, fragte Crampas, was
+es denn eigentlich sei.
+
+»Mirambo kann nicht fahren«, sagte der Hofknecht; »das linke Pferd hat
+ihn beim Anspannen vor das Schienbein geschlagen. Er liegt im Stall
+und schreit.«
+
+Nun wurde natürlich nach Doktor Hannemann gerufen, der denn auch
+hinausging und nach fünf Minuten mit echter Chirurgenruhe versicherte:
+ja, Mirambo müsse zurückbleiben; es sei vorläufig in der Sache nichts
+zu machen als stilliegen und kühlen. Übrigens von Bedenklichem keine
+Rede. Das war nun einigermaßen ein Trost, aber schaffte doch die
+Verlegenheit, wie der Gieshüblersche Schlitten zurückzufahren sei,
+nicht aus der Welt, bis Innstetten erklärte, daß er für Mirambo
+einzutreten und das Zwiegestirn von Doktor und Apotheker persönlich
+glücklich heimzusteuern gedenke. Lachend und unter ziemlich
+angeheiterten Scherzen gegen den verbindlichsten aller Landräte, der
+sich, um hilfreich zu sein, sogar von seiner jungen Frau trennen
+wolle, wurde dem Vorschlag zugestimmt, und Innstetten, mit Gieshübler
+und dem Doktor im Fond, nahm jetzt wieder die Tete. Crampas und
+Lindequist folgten unmittelbar. Und als gleich danach auch Kruse mit
+dem landrätlichen Schlitten vorfuhr, trat Sidonie lächelnd an Effi
+heran und bat diese, da ja nun ein Platz frei sei, mit ihr fahren zu
+dürfen. »In unserer Kutsche ist es immer so stickig; mein Vater liebt
+das. Und außerdem, ich möchte so gerne mit Ihnen plaudern. Aber nur
+bis Quappendorf. Wo der Morgnitzer Weg abzweigt, steig ich aus und muß
+dann wieder in unseren unbequemen Kasten. Und Papa raucht auch noch.«
+
+Effi war wenig erfreut über diese Begleitung und hätte die Fahrt
+lieber allein gemacht; aber ihr blieb keine Wahl, und so stieg denn
+das Fräulein ein, und kaum daß beide Damen ihre Plätze genommen
+hatten, so gab Kruse den Pferden auch schon einen Peitschenknips, und
+von der oberförsterlichen Rampe her, von der man einen prächtigen
+Ausblick auf das Meer hatte, ging es die ziemlich steile Düne hinunter
+auf den Strandweg zu, der, eine Meile lang, in beinahe gerader Linie
+bis an das Kessiner Strandhotel und von dort aus, rechts einbiegend,
+durch die Plantage hin in die Stadt führte.
+
+Der Schneefall hatte schon seit ein paar Stunden aufgehört, die Luft
+war frisch, und auf das weite dunkelnde Meer fiel der matte Schein der
+Mondsichel. Kruse fuhr hart am Wasser hin, mitunter den Schaum der
+Brandung durchschneidend, und Effi, die etwas fröstelte, wickelte sich
+fester in ihren Mantel und schwieg noch immer und mit Absicht. Sie
+wußte recht gut, daß das mit der »stickigen Kutsche« bloß ein Vorwand
+gewesen und daß sich Sidonie nur zu ihr gesetzt hatte, um ihr etwas
+Unangenehmes zu sagen. Und das kam immer noch früh genug. Zudem
+war sie wirklich müde, vielleicht von dem Spaziergange im Walde,
+vielleicht auch von dem oberförsterlichen Punsch, dem sie, auf Zureden
+der neben ihr sitzenden Frau von Flemming, tapfer zugesprochen hatte.
+Sie tat denn auch, als ob sie schliefe, schloß die Augen und neigte
+den Kopf immer mehr nach links.
+
+»Sie sollten sich nicht so sehr nach links beugen, meine gnädigste
+Frau. Fährt der Schlitten auf einen Stein, so fliegen Sie hinaus. Ihr
+Schlitten hat ohnehin kein Schutzleder und, wie ich sehe, auch nicht
+einmal die Haken dazu.«
+
+»Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben so was Prosaisches.
+Und dann, wenn ich hinausflöge, mir wär es recht, am liebsten gleich
+in die Brandung. Freilich ein etwas kaltes Bad, aber was tut's ...
+Übrigens, hören Sie nichts?«
+
+»Nein.«
+
+»Hören Sie nicht etwas wie Musik?« »Orgel?«
+
+»Nein, nicht Orgel. Da würd ich denken, es sei das Meer. Aber es
+ist etwas anderes, ein unendlich feiner Ton, fast wie menschliche
+Stimme ...«
+
+»Das sind Sinnestäuschungen«, sagte Sidonie, die jetzt den richtigen
+Einsetzmoment gekommen glaubte. »Sie sind nervenkrank. Sie hören
+Stimmen. Gebe Gott, daß Sie auch die richtige Stimme hören.«
+
+»Ich höre ... nun, gewiß, es ist Torheit, ich weiß, sonst würd ich mir
+einbilden, ich hätte die Meerfrauen singen hören ... Aber, ich bitte
+Sie, was ist das? Es blitzt ja bis hoch in den Himmel hinauf. Das muß
+ein Nordlicht sein.«
+
+»Ja«, sagte Sidonie. »Gnädigste Frau tun ja, als ob es ein Weltwunder
+wäre. Das ist es nicht. Und wenn es dergleichen wäre, wir haben uns
+vor Naturkultus zu hüten. Übrigens ein wahres Glück, daß wir außer
+Gefahr sind, unsern Freund Oberförster, diesen eitelsten aller
+Sterblichen, über dies Nordlicht sprechen zu hören. Ich wette, daß er
+sich einbilden würde, das tue ihm der Himmel zu Gefallen, um sein Fest
+noch festlicher zu machen. Er ist ein Narr. Güldenklee konnte Besseres
+tun, als ihn feiern. Und dabei spielt er sich auf den Kirchlichen aus
+und hat auch neulich eine Altardecke geschenkt. Vielleicht, daß Cora
+daran mitgestickt hat. Diese Unechten sind schuld an allem, denn ihre
+Weltlichkeit liegt immer obenauf und wird denen mit angerechnet, die's
+ernst mit dem Heil ihrer Seele meinen.«
+
+»Es ist so schwer, ins Herz zu sehen!«
+
+»Ja. Das ist es. Aber bei manchem ist es auch ganz leicht.« Und dabei
+sah sie die junge Frau mit beinahe ungezogener Eindringlichkeit an.
+Effi schwieg und wandte sich ungeduldig zur Seite.
+
+»Bei manchem, sag ich, ist es ganz leicht«, wiederholte Sidonie, die
+ihren Zweck erreicht hatte und deshalb ruhig lächelnd fortfuhr. »Und
+zu diesen leichten Rätseln gehört unser Oberförster. Wer seine Kinder
+so erzieht, den beklag ich, aber das eine Gute hat es, es liegt bei
+ihm alles klar da. Und wie bei ihm selbst, so bei den Töchtern. Cora
+geht nach Amerika und wird Millionärin oder Methodistenpredigerin;
+in jedem Fall ist sie verloren. Ich habe noch keine Vierzehnjährige
+gesehen ...«
+
+In diesem Augenblick hielt der Schlitten, und als sich beide Damen
+umsahen, um in Erfahrung zu bringen, was es denn eigentlich sei,
+bemerkten sie, daß rechts von ihnen, in etwa dreißig Schritt Abstand,
+auch die beiden anderen Schlitten hielten - am weitesten nach rechts
+der von Innstetten geführte, näher heran der Crampassche.
+
+»Was ist?« fragte Effi.
+
+Kruse wandte sich halb herum und sagte: »Der Schloon, gnäd'ge Frau.«
+
+»Der Schloon? Was ist das? Ich sehe nichts.«
+
+Kruse wiegte den Kopf hin und her, wie wenn er ausdrücken wollte, daß
+die Frage leichter gestellt als beantwortet sei.
+
+Worin er auch recht hatte. Denn was der Schloon sei, das war nicht
+so mit drei Worten zu sagen. Kruse fand aber in seiner Verlegenheit
+alsbald Hilfe bei dem gnädigen Fräulein, das hier mit allem Bescheid
+wußte und natürlich auch mit dem Schloon.
+
+»Ja, meine gnädigste Frau«, sagte Sidonie, »da steht es schlimm. Für
+mich hat es nicht viel auf sich, ich komme bequem durch; denn wenn
+erst die Wagen heran sind, die haben hohe Räder, und unsere Pferde
+sind außerdem daran gewöhnt. Aber mit solchem Schlitten ist es was
+anderes; die versinken im Schloon, und Sie werden wohl oder übel einen
+Umweg machen müssen.«
+
+»Versinken! Ich bitte Sie, mein gnädigstes Fräulein, ich sehe noch
+immer nicht klar. Ist denn der Schloon ein Abgrund oder irgendwas,
+drin man mit Mann und Maus zugrunde gehen muß? Ich kann mir so was
+hierzulande gar nicht denken.«
+
+»Und doch ist es so was, nur freilich im kleinen; dieser Schloon ist
+eigentlich bloß ein kümmerliches Rinnsal, das hier rechts vom Gothener
+See herunterkommt und sich durch die Dünen schleicht. Und im Sommer
+trocknet es mitunter ganz aus, und Sie fahren dann ruhig drüber hin
+und wissen es nicht einmal.«
+
+»Und im Winter?«
+
+»Ja, im Winter, da ist es was anderes; nicht immer, aber doch oft. Da
+wird es dann ein Sog.«
+
+»Mein Gott, was sind das nur alles für Namen und Wörter!«
+
+»... Da wird es ein Sog, und am stärksten immer dann, wenn der Wind
+nach dem Lande hin steht. Dann drückt der Wind das Meerwasser in das
+kleine Rinnsal hinein, aber nicht so, daß man es sehen kann. Und das
+ist das Schlimmste von der Sache, darin steckt die eigentliche Gefahr.
+Alles geht nämlich unterirdisch vor sich, und der ganze Strandsand ist
+dann bis tief hinunter mit Wasser durchsetzt und gefüllt. Und wenn man
+dann über solche Sandstelle weg will, die keine mehr ist, dann sinkt
+man ein, als ob es ein Sumpf oder ein Moor wäre.«
+
+»Das kenn ich«, sagte Effi lebhaft. »Das ist wie in unsrem Luch«,
+und inmitten all ihrer Ängstlichkeit wurde ihr mit einem Male ganz
+wehmütig freudig zu Sinn.
+
+Während das Gespräch noch so ging und sich fortsetzte, war Crampas
+aus seinem Schlitten ausgestiegen und auf den am äußersten Flügel
+haltenden Gieshüblerschen zugeschritten, um hier mit Innstetten zu
+verabreden, was nun wohl eigentlich zu tun sei. Knut, so meldete
+er, wolle die Durchfahrt riskieren, aber Knut sei dumm und verstehe
+nichts von der Sache; nur solche, die hier zu Hause seien, müßten die
+Entscheidung treffen. Innstetten - sehr zu Crampas' Überraschung - war
+auch fürs »Riskieren«, es müsse durchaus noch mal versucht werden ...
+er wisse schon, die Geschichte wiederholte sich jedesmal: Die Leute
+hier hätten einen Aberglauben und vorweg eine Furcht, während es
+doch eigentlich wenig zu bedeuten habe. Nicht Knut, der wisse nicht
+Bescheid, wohl aber Kruse solle noch einmal einen Anlauf nehmen und
+Crampas derweilen bei den Damen einsteigen (ein kleiner Rücksitz sei
+ja noch da), um bei der Hand zu sein, wenn der Schlitten umkippe. Das
+sei doch schließlich das Schlimmste, was geschehen könne.
+
+Mit dieser Innstettenschen Botschaft erschien jetzt Crampas bei den
+beiden Damen und nahm, als er lachend seinen Auftrag ausgeführt hatte,
+ganz nach empfangener Order den kleinen Sitzplatz ein, der eigentlich
+nichts als eine mit Tuch überzogene Leiste war, und rief Kruse zu:
+»Nun, vorwärts, Kruse.«
+
+Dieser hatte denn auch die Pferde bereits um hundert Schritte
+zurückgezoppt und hoffte, scharf anfahrend, den Schlitten glücklich
+durchbringen zu können; im selben Augenblick aber, wo die Pferde den
+Schloon auch nur berührten, sanken sie bis über die Knöchel in den
+Sand ein, so daß sie nur mit Mühe nach rückwärts wieder heraus
+konnten.
+
+»Es geht nicht«, sagte Crampas, und Kruse nickte.
+
+Während sich dies abspielte, waren endlich auch die Kutschen
+herangekommen, die Grasenabbsche vorauf, und als Sidonie, nach kurzem
+Dank gegen Effi, sich verabschiedet und dem seine türkische Pfeife
+rauchenden Vater gegenüber ihren Rückplatz eingenommen hatte, ging es
+mit dem Wagen ohne weiteres auf den Schloon zu; die Pferde sanken tief
+ein, aber die Räder ließen alle Gefahr leicht überwinden, und ehe eine
+halbe Minute vorüber war, trabten auch schon die Grasenabbs drüben
+weiter. Die andern Kutschen folgten. Effi sah ihnen nicht ohne Neid
+nach. Indessen nicht lange, denn auch für die Schlittenfahrer war in
+der zwischenliegenden Zeit Rat geschafft worden, und zwar einfach
+dadurch, daß sich Innstetten entschlossen hatte, statt aller weiteren
+Forcierung das friedlichere Mittel eines Umwegs zu wählen. Also genau
+das, was Sidonie gleich anfangs in Sicht gestellt hatte. Vom rechten
+Flügel her klang des Landrats bestimmte Weisung herüber, vorläufig
+diesseits zu bleiben und ihm durch die Dünen hin bis an eine weiter
+hinauf gelegene Bohlenbrücke zu folgen. Als beide Kutscher, Knut
+und Kruse, so verständigt waren, trat der Major, der, um Sidonie zu
+helfen, gleichzeitig mit dieser ausgestiegen war, wieder an Effi heran
+und sagte: »Ich kann Sie nicht allein lassen, gnäd'ge Frau.«
+
+Effi war einen Augenblick unschlüssig, rückte dann aber rasch von der
+einen Seite nach der anderen hinüber, und Crampas nahm links neben ihr
+Platz.
+
+All dies hätte vielleicht mißdeutet werden können, Crampas selbst aber
+war zu sehr Frauenkenner, um es sich bloß in Eitelkeit zurechtzulegen.
+Er sah deutlich, daß Effi nur tat, was nach Lage der Sache das einzig
+Richtige war. Es war unmöglich für sie, sich seine Gegenwart zu
+verbitten. Und so ging es denn im Fluge den beiden anderen Schlitten
+nach, immer dicht an dem Wasserlauf hin, an dessen anderem Ufer dunkle
+Waldmassen aufragten. Effi sah hinüber und nahm an, daß schließlich an
+dem landeinwärts gelegenen Außenrand des Waldes hin die Weiterfahrt
+gehen würde, genau also den Weg entlang, auf dem man in früher
+Nachmittagsstunde gekommen war. Innstetten aber hatte sich inzwischen
+einen anderen Plan gemacht, und im selben Augenblick, wo sein
+Schlitten die Bohlenbrücke passierte, bog er, statt den Außenweg zu
+wählen, in einen schmaleren Weg ein, der mitten durch die dichte
+Waldmasse hindurchführte. Effi schrak zusammen. Bis dahin waren Luft
+und Licht um sie her gewesen, aber jetzt war es damit vorbei, und die
+dunklen Kronen wölbten sich über ihr. Ein Zittern überkam sie, und sie
+schob die Finger fest ineinander, um sich einen Halt zu geben Gedanken
+und Bilder jagten sich, und eines dieser Bilder war das Mütterchen in
+dem Gedichte, das die »Gottesmauer« hieß, und wie das Mütterchen, so
+betete auch sie jetzt, daß Gott eine Mauer um sie her bauen möge.
+Zwei, drei Male kam es auch über ihre Lippen, aber mit einemmal fühlte
+sie, daß es tote Worte waren. Sie fürchtete sich und war doch zugleich
+wie in einem Zauberbann und wollte auch nicht heraus.
+
+»Effi«, klang es jetzt leise an ihr Ohr, und sie hörte, daß seine
+Stimme zitterte. Dann nahm er ihre Hand und löste die Finger, die sie
+noch immer geschlossen hielt, und überdeckte sie mit heißen Küssen. Es
+war ihr, als wandle sie eine Ohnmacht an.
+
+Als sie die Augen wieder öffnete, war man aus dem Wald heraus, und in
+geringer Entfernung vor sich hörte sie das Geläut der vorauseilenden
+Schlitten. Immer vernehmlicher klang es, und als man, dicht vor
+Utpatels Mühle, von den Dünen her in die Stadt einbog, lagen rechts
+die kleinen Häuser mit ihren Schneedächern neben ihnen.
+
+Effi blickte sich um, und im nächsten Augenblick hielt der Schlitten
+vor dem landrätlichen Hause.
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel
+
+Innstetten, der Effi, als er sie aus dem Schlitten hob, scharf
+beobachtete, aber doch ein Sprechen über die sonderbare Fahrt zu
+zweien vermieden hatte, war am anderen Morgen früh auf und suchte
+seiner Verstimmung, die noch nachwirkte, so gut es ging, Herr zu
+werden.
+
+»Du hast gut geschlafen?« sagte er, als Effi zum Frühstück kam.
+
+»Ja.«
+
+»Wohl dir. Ich kann dasselbe von mir nicht sagen. Ich träumte, daß
+du mit dem Schlitten im Schloon verunglückt seist, und Crampas mühte
+sich, dich zu retten; ich muß es so nennen, aber er versank mit dir.«
+
+»Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es verbirgt sich ein
+Vorwurf dahinter, und ich ahne, weshalb.«
+
+»Sehr merkwürdig.«
+
+»Du bist nicht einverstanden damit, daß Crampas kam und uns seine
+Hilfe anbot.«
+
+»Uns?«
+
+»Ja, uns. Sidonien und mir. Du mußt durchaus vergessen haben, daß
+der Major in deinem Auftrag kam. Und als er mir erst gegenübersaß,
+beiläufig jämmerlich genug auf der elenden schmalen Leiste, sollte
+ich ihn da ausweisen, als die Grasenabbs kamen und mit einem Male die
+Fahrt weiterging? Ich hätte mich lächerlich gemacht, und dagegen bist
+du doch so empfindlich. Erinnere dich, daß wir unter deiner Zustimmung
+viele Male gemeinschaftlich spazierengeritten sind, und nun sollte ich
+nicht gemeinschaftlich mit ihm fahren? Es ist falsch, so hieß es bei
+uns zu Haus, einem Edelmanne Mißtrauen zu zeigen.«
+
+»Einem Edelmanne«, sagte Innstetten mit Betonung.
+
+»Ist er keiner? Du hast ihn selbst einen Kavalier genannt, sogar einen
+perfekten Kavalier.«
+
+»Ja«, fuhr Innstetten fort, und seine Stimme wurde freundlicher,
+trotzdem ein leiser Spott noch darin nachklang. »Kavalier, das ist
+er, und ein perfekter Kavalier, das ist er nun schon ganz gewiß. Aber
+Edelmann! Meine liebe Effi, ein Edelmann sieht anders aus. Hast du
+schon etwas Edles an ihm bemerkt? Ich nicht.«
+
+Effi sah vor sich hin und schwieg.
+
+»Es scheint, wir sind gleicher Meinung. Im übrigen, wie du schon
+sagtest, bin ich selber schuld; von einem Fauxpas mag ich nicht
+sprechen, das ist in diesem Zusammenhang kein gutes Wort. Also selber
+schuld, und es soll nicht wieder vorkommen, soweit ich's hindern kann.
+Aber auch du, wenn ich dir raten darf, sei auf deiner Hut. Er ist ein
+Mann der Rücksichtslosigkeiten und hat so seine Ansichten über junge
+Frauen. Ich kenne ihn von früher.«
+
+»Ich werde mir deine Worte gesagt sein lassen. Nur soviel, ich glaube,
+du verkennst ihn.«
+
+»Ich verkenne ihn nicht.«
+
+»Oder mich«, sagte sie mit einer Kraftanstrengung und versuchte seinem
+Blick zu begegnen.
+
+»Auch dich nicht, meine liebe Effi Du bist eine reizende kleine Frau,
+aber Festigkeit ist nicht eben deine Spezialität.«
+
+Er erhob sich, um zu gehen. Als er bis an die Tür gegangen war, trat
+Friedrich ein, um ein Gieshüblersches Billett abzugeben, das natürlich
+an die gnädige Frau gerichtet war.
+
+Effi nahm es. »Eine Geheimkorrespondenz mit Gieshübler«, sagte sie;
+»Stoff zu neuer Eifersucht für meinen gestrengen Herrn. Oder nicht?«
+
+»Nein, nicht ganz, meine liebe Effi. Ich begehe die Torheit, zwischen
+Crampas und Gieshübler einen Unterschied zu machen. Sie sind sozusagen
+nicht von gleichem Karat; nach Karat berechnet man nämlich den reinen
+Goldeswert, unter Umständen auch der Menschen. Mir persönlich, um
+auch das noch zu sagen, ist Gieshüblers weißes Jabot, trotzdem kein
+Mensch mehr Jabots trägt, erheblich lieber als Crampas' rot-blonder
+Sappeurbart. Aber ich bezweifle, daß dies weiblicher Geschmack ist.«
+
+»Du hältst uns für schwächer, als wir sind.«
+
+»Eine Tröstung von praktisch außerordentlicher Geringfügigkeit. Aber
+lassen wir das. Lies lieber.«
+
+Und Effi las: »Darf ich mich nach der gnäd'gen Frau Befinden
+erkundigen? Ich weiß nur, daß Sie dem Schloon glücklich entronnen
+sind; aber es blieb auch durch den Wald immer noch Fährlichkeit genug.
+Eben kommt Doktor Hannemann von Uvagla zurück und beruhigt mich über
+Mirambo; gestern habe er die Sache für bedenklicher angesehen, als er
+uns habe sagen wollen, heute nicht mehr. Es war eine reizende Fahrt.
+- In drei Tagen feiern wir Silvester. Auf eine Festlichkeit wie die
+vorjährige müssen wir verzichten; aber einen Ball haben wir natürlich,
+und Sie erscheinen zu sehen würde die Tanzwelt beglücken und nicht am
+wenigsten Ihren respektvollst ergebenen Alonzo G.«
+
+Effi lachte. »Nun, was sagst du?«
+
+»Nach wie vor nur das eine, daß ich dich lieber mit Gieshübler als mit
+Crampas sehe.«
+
+»Weil du den Crampas zu schwer und den Gieshübler zu leicht nimmst.«
+
+Innstetten drohte ihr scherzhaft mit dem Finger.
+
+Drei Tage später war Silvester. Effi erschien in einer reizenden
+Balltoilette, einem Geschenk, das ihr der Weihnachtstisch gebracht
+hatte; sie tanzte aber nicht, sondern nahm ihren Platz bei den alten
+Damen, für die, ganz in der Nähe der Musikempore, die Fauteuils
+gestellt waren. Von den adligen Familien, mit denen Innstettens
+vorzugsweise verkehrten, war niemand da, weil kurz vorher ein kleines
+Zerwürfnis mit dem städtischen Ressourcenvorstand, der, namentlich
+seitens des alten Güldenklee, mal wieder »destruktiver Tendenzen«
+beschuldigt worden war, stattgefunden hatte; drei, vier andere adlige
+Familien aber, die nicht Mitglieder der Ressource, sondern immer nur
+geladene Gäste waren und deren Güter an der anderen Seite der Kessine
+lagen, waren aus zum Teil weiter Entfernung über das Flußeis gekommen
+und freuten sich, an dem Fest teilnehmen zu können. Effi saß zwischen
+der alten Ritterschaftsrätin von Padden und einer etwas jüngeren Frau
+von Titzewitz.
+
+Die Ritterschaftsrätin, eine vorzügliche alte Dame, war in allen
+Stücken ein Original und suchte das, was die Natur, besonders durch
+starke Backenknochenbildung, nach der wendisch-heidnischen Seite hin
+für sie getan hatte, durch christlich-germanische Glaubensstrenge
+wieder in Ausgleich zu bringen.
+
+In dieser Strenge ging sie so weit, daß selbst Sidonie von Grasenabb
+eine Art Esprit fort neben ihr war, wogegen sie freilich - vielleicht
+weil sich die Radegaster und die Swantowiter Linie des Hauses in ihr
+vereinigten - über jenen alten Paddenhumor verfügte, der von langer
+Zeit her wie ein Segen auf der Familie ruhte und jeden, der mit
+derselben in Berührung kam, auch wenn es Gegner in Politik und Kirche
+waren, herzlich erfreute.
+
+»Nun, Kind«, sagte die Ritterschaftsrätin, »wie geht es Ihnen denn
+eigentlich?«
+
+»Gut, gnädigste Frau; ich habe einen sehr ausgezeichneten Mann.«
+
+»Weiß ich. Aber das hilft nicht immer. Ich hatte auch einen
+ausgezeichneten Mann. Wie steht es hier? Keine Anfechtungen?«
+
+Effi erschrak und war zugleich wie gerührt.
+
+Es lag etwas ungemein Erquickliches in dem freien und natürlichen Ton,
+in dem die alte Dame sprach, und daß es eine so fromme Frau war, das
+machte die Sache nur noch erquicklicher.
+
+»Ach, gnädigste Frau ...«
+
+»Da kommt es schon. Ich kenne das. Immer dasselbe. Darin ändern die
+Zeiten nichts. Und vielleicht ist es auch recht gut so. Denn worauf es
+ankommt, meine liebe junge Frau, das ist das Kämpfen. Man muß immer
+ringen mit dem natürlichen Menschen. Und wenn man sich dann so unter
+hat und beinah schreien möchte, weil's weh tut, dann jubeln die lieben
+Engel!«
+
+»Ach, gnädigste Frau. Es ist oft recht schwer.«
+
+»Freilich ist es schwer. Aber je schwerer, desto besser. Darüber
+müssen Sie sich freuen. Das mit dem Fleisch, das bleibt, und ich habe
+Enkel und Enkelinnen, da seh ich es jeden Tag. Aber im Glauben sich
+unterkriegen, meine liebe Frau, darauf kommt es an, das ist das Wahre.
+Das hat uns unser alter Martin Luther zur Erkenntnis gebracht, der
+Gottesmann. Kennen Sie seine Tischreden?«
+
+»Nein, gnädigste Frau.«
+
+»Die werde ich Ihnen schicken.«
+
+In diesem Augenblick trat Major Crampas an Effi heran und bat, sich
+nach ihrem Befinden erkundigen zu dürfen. Effi war wie mit Blut
+übergossen; aber ehe sie noch antworten konnte, sagte Crampas: »Darf
+ich Sie bitten, gnädigste Frau, mich den Damen vorstellen zu wollen?«
+
+Effi nannte nun Crampas' Namen, der seinerseits schon vorher
+vollkommen orientiert war und in leichtem Geplauder alle Paddens
+und Titzewitze, von denen er je gehört hatte, Revue passieren ließ.
+Zugleich entschuldigte er sich, den Herrschaften jenseits der Kessine
+noch immer nicht seinen Besuch gemacht und seine Frau vorgestellt zu
+haben; aber es sei sonderbar, welche trennende Macht das Wasser habe.
+Es sei dasselbe wie mit dem Canal La Manche ...
+
+»Wie?« fragte die alte Titzewitz.
+
+Crampas seinerseits hielt es für unangebracht, Aufklärungen zu geben,
+die doch zu nichts geführt haben würden, und fuhr fort: »Auf zwanzig
+Deutsche, die nach Frankreich gehen, kommt noch nicht einer, der nach
+England geht. Das macht das Wasser; ich wiederhole, das Wasser hat
+eine scheidende Kraft.«
+
+Frau von Padden, die darin mit feinem Instinkt etwas Anzügliches
+witterte, wollte für das Wasser eintreten, Crampas aber sprach mit
+immer wachsendem Redefluß weiter und lenkte die Aufmerksamkeit der
+Damen auf ein schönes Fräulein von Stojentin, »das ohne Zweifel die
+Ballkönigin« sei, wobei sein Blick übrigens Effi bewundernd streifte.
+Dann empfahl er sich rasch unter Verbeugung gegen alle drei. »Schöner
+Mann«, sagte die Padden. »Verkehrt er in Ihrem Hause?«
+
+»Flüchtig.«
+
+»Wirklich«, wiederholte die Padden, »ein schöner Mann. Ein bißchen
+zu sicher. Und Hochmut kommt vor dem Fall ... Aber sehen Sie nur, da
+tritt er wirklich mit der Grete Stojentin an. Eigentlich ist er doch
+zu alt; wenigstens Mitte Vierzig.«
+
+»Er wird vierundvierzig.«
+
+»Ei, ei, Sie scheinen ihn ja gut zu kennen.«
+
+Es kam Effi sehr zupaß, daß das neue Jahr gleich in seinem Anfang
+allerlei Aufregungen brachte. Seit Silvesternacht ging ein scharfer
+Nordost, der sich in den nächsten Tagen fast bis zum Sturm steigerte,
+und am 3. Januar nachmittags hieß es, daß ein Schiff draußen mit der
+Einfahrt nicht zustande gekommen und hundert Schritt vor der Mole
+gescheitert sei; es sei ein englisches, von Sunderland her, und soweit
+sich erkennen lasse, sieben Mann an Bord; die Lotsen könnten beim
+Ausfahren, trotz aller Anstrengung, nicht um die Mole herum, und
+vom Strand aus ein Boot abzulassen, daran sei nun vollends nicht zu
+denken, die Brandung sei viel zu stark. Das klang traurig genug.
+Aber Johanna, die die Nachricht brachte, hatte doch auch Trost
+bei der Hand: Konsul Eschrich, mit dem Rettungsapparat und der
+Raketenbatterie, sei schon unterwegs, und es würde gewiß glücken;
+die Entfernung sei nicht voll so weit wie Anno 75, wo's doch auch
+gegangen, und sie hätten damals sogar den Pudel mit gerettet, und
+es wäre ordentlich rührend gewesen, wie sich das Tier gefreut und
+die Kapitänsfrau und das liebe kleine Kind, nicht viel größer als
+Anniechen, immer wieder mit seiner roten Zunge geleckt habe.
+
+»Geert, da muß ich mit hinaus, das muß ich sehen«, hatte Effi sofort
+erklärt, und beide waren aufgebrochen, um nicht zu spät zu kommen, und
+hatten denn auch den rechten Moment abgepaßt; denn im Augenblick, als
+sie von der Plantage her den Strand erreichten, fiel der erste Schuß,
+und sie sahen ganz deutlich, wie die Rakete mit dem Fangseil unter dem
+Sturmgewölk hinflog und über das Schiff hinweg jenseits niederfiel.
+Alle Hände regten sich sofort an Bord, und nun holten sie mit Hilfe
+der kleinen Leine das dickere Tau samt dem Korb heran, und nicht
+lange, so kam der Korb in einer Art Kreislauf wieder zurück, und
+einer der Matrosen, ein schlanker, bildhübscher Mensch mit einer
+wachsleinenen Kappe, war geborgen an Land und wurde neugierig
+ausgefragt, während der Korb aufs neue seinen Weg machte, zunächst den
+zweiten und dann den dritten heranzuholen und so fort. Alle wurden
+gerettet, und Effi hätte sich, als sie nach einer halben Stunde mit
+ihrem Manne wieder heimging, in die Dünen werfen und sich ausweinen
+mögen. Ein schönes Gefühl hatte wieder Platz in ihrem Herzen gefunden,
+und es beglückte sie unendlich, daß es so war.
+
+Das war am 3. gewesen. Schon am 5. kam ihr eine neue Aufregung,
+freilich ganz anderer Art. Innstetten hatte Gieshübler, der natürlich
+auch Stadtrat und Magistratsmitglied war, beim Herauskommen aus dem
+Rathaus getroffen und im Gespräch mit ihm erfahren, daß seitens des
+Kriegsministeriums angefragt worden sei, wie sich die Stadtbehörden
+eventuell zur Garnisonsfrage zu stellen gedächten. Bei nötigem
+Entgegenkommen, also bei Bereitwilligkeit zu Stall- und
+Kasernenbauten, könnten ihnen zwei Schwadronen Husaren zugesagt
+werden. »Nun, Effi, was sagst du dazu?« Effi war wie benommen. All
+das unschuldige Glück ihrer Kinderjahre stand mit einemmal wieder vor
+ihrer Seele, und im Augenblick war es ihr, als ob rote Husaren - denn
+es waren auch rote wie daheim in Hohen-Cremmen - so recht eigentlich
+die Hüter von Paradies und Unschuld seien. Und dabei schwieg sie noch
+immer.
+
+»Du sagst ja nichts, Effi.«
+
+»Ja, sonderbar, Geert. Aber es beglückt mich so, daß ich vor Freude
+nichts sagen kann. Wird es denn auch sein? Werden sie denn auch
+kommen?«
+
+»Damit hat's freilich noch gute Wege, ja, Gieshübler meinte sogar,
+die Väter der Stadt, seine Kollegen, verdienten es gar nicht.
+Statt einfach über die Ehre, und wenn nicht über die Ehre, so doch
+wenigstens über den Vorteil einig und glücklich zu sein, wären sie
+mit allerlei 'Wenns' und 'Abers' gekommen und hätten geknausert wegen
+der neuen Bauten: Ja, Pefferküchler Michelsen habe sogar gesagt, es
+verderbe die Sitten der Stadt, und wer eine Tochter habe, der möge
+sich vorsehen und Gitterfenster anschaffen.
+
+»Es ist nicht zu glauben. Ich habe nie manierlichere Leute gesehen als
+unsere Husaren; wirklich, Geert. Nun, du weißt es ja selbst. Und nun
+will dieser Michelsen alles vergittern. Hat er denn Töchter?«
+
+»Gewiß; sogar drei. Aber sie sind sämtlich hors concours.« Effi lachte
+so herzlich, wie sie seit langem nicht mehr gelacht hatte. Doch es war
+von keiner Dauer, und als Innstetten ging und sie allein ließ, setzte
+sie sich an die Wiege des Kindes, und ihre Tränen fielen auf die
+Kissen. Es brach wieder über sie herein, und sie fühlte, daß sie wie
+eine Gefangene sei und nicht mehr heraus könne.
+
+Sie litt schwer darunter und wollte sich befreien. Aber wiewohl sie
+starker Empfindungen fähig war, so war sie doch keine starke Natur;
+ihr fehlte die Nachhaltigkeit, und alle guten Anwandlungen gingen
+wieder vorüber. So trieb sie denn weiter, heute, weil sie's nicht
+ändern konnte, morgen, weil sie's nicht ändern wollte. Das Verbotene,
+das Geheimnisvolle hatte seine Macht über sie.
+
+So kam es, daß sie sich, von Natur frei und offen, in ein verstecktes
+Komödienspiel mehr und mehr hineinlebte. Mitunter erschrak sie, wie
+leicht es ihr wurde. Nur in einem blieb sie sich gleich: Sie sah
+alles klar und beschönigte nichts. Einmal trat sie spätabends vor den
+Spiegel in ihrer Schlafstube; die Lichter und Schatten flogen hin und
+her, und Rollo schlug draußen an, und im selben Augenblick war es ihr,
+als sähe ihr wer über die Schulter. Aber sie besann sich rasch. »Ich
+weiß schon, was es ist; es war nicht der«, und sie wies mit dem Finger
+nach dem Spukzimmer oben. »Es war was anderes ... mein Gewissen ...
+Effi, du bist verloren.«
+
+Es ging aber doch weiter so, die Kugel war im Rollen, und was an
+einem Tage geschah, machte das Tun des andern zur Notwendigkeit. Um
+die Mitte des Monats kamen Einladungen aufs Land. Über die dabei
+innezuhaltende Reihenfolge hatten sich die vier Familien, mit denen
+Innstettens vorzugsweise verkehrten, geeinigt: Die Borckes sollten
+beginnen, die Flemmings und Grasenabbs folgten, die Güldenklees
+schlossen ab. Immer eine Woche dazwischen. Alle vier Einladungen kamen
+am selben Tag; sie sollten ersichtlich den Eindruck des Ordentlichen
+und Wohlerwogenen machen, auch wohl den einer besonderen
+freundschaftlichen Zusammengehörigkeit.
+
+»Ich werde nicht dabeisein, Geert, und du mußt mich der Kur halber, in
+der ich nun seit Wochen stehe, von vornherein entschuldigen.«
+
+Innstetten lachte. »Kur. Ich soll es auf die Kur schieben. Das ist das
+Vorgebliche; das Eigentliche heißt: du willst nicht.« »Nein, es ist
+doch mehr Ehrlichkeit dabei, als du zugeben willst. Du hast selbst
+gewollt, daß ich den Doktor zu Rate ziehe. Das hab ich getan, und nun
+muß ich doch seinem Rat folgen. Der gute Doktor, er hält mich für
+bleichsüchtig, sonderbar genug, und du weißt, daß ich jeden Tag
+von dem Eisenwasser trinke. Wenn du dir ein Borckesches Diner dazu
+vorstellst, vielleicht mit Preßkopf und Aal in Aspik, so mußt du den
+Eindruck haben, es wäre mein Tod. Und so wirst du dich doch zu deiner
+Effi nicht stellen wollen. Freilich, mitunter ist es mir ...«
+
+»Ich bitte dich, Effi ...«
+
+»... Übrigens freu ich mich, und das ist das einzige Gute dabei, dich
+jedesmal, wenn du fährst, eine Strecke Wegs begleiten zu können, bis
+an die Mühle gewiß oder bis an den Kirchhof oder auch bis an die
+Waldecke, da, wo der Morgnitzer Querweg einmündet. Und dann steig
+ich ab und schlendere wieder zurück. In den Dünen ist es immer am
+schönsten.«
+
+Innstetten war einverstanden, und als drei Tage später der Wagen
+vorfuhr, stieg Effi mit auf und gab ihrem Manne das Geleit bis an die
+Waldecke. »Hier laß halten, Geert. Du fährst nun links weiter, ich
+gehe rechts bis an den Strand und durch die Plantage zurück. Es ist
+etwas weit, aber doch nicht zu weit. Doktor Hannemann sagt mir jeden
+Tag, Bewegung sei alles, Bewegung und frische Luft. Und ich glaube
+beinah, daß er recht hat. Empfiehl mich all den Herrschaften; nur bei
+Sidonie kannst du schweigen.«
+
+Die Fahrten, auf denen Effi ihren Gatten bis an die Waldecke
+begleitete, wiederholten sich allwöchentlich; aber auch in der
+zwischenliegenden Zeit hielt Effi darauf, daß sie der ärztlichen
+Verordnung streng nachkam. Es verging kein Tag, wo sie nicht ihren
+vorgeschriebenen Spaziergang gemacht hätte, meist nachmittags, wenn
+sich Innstetten in seine Zeitungen zu vertiefen begann. Das Wetter war
+schön, eine milde, frische Luft, der Himmel bedeckt. Sie ging in der
+Regel allein und sagte zu Roswitha: »Roswitha, ich gehe nun also die
+Chaussee hinunter und dann rechts an den Platz mit dem Karussell; da
+will ich auf dich warten, da hole mich ab. Und dann gehen wir durch
+die Birkenallee oder durch die Reeperbahn wieder zurück. Aber komme
+nur, wenn Annie schläft. Und wenn sie nicht schläft, so schicke
+Johanna. Oder laß es lieber ganz; es ist nicht nötig, ich finde mich
+schon zurecht.«
+
+Den ersten Tag, als es so verabredet war, trafen sie sich auch
+wirklich. Effi saß auf einer an einem langen Holzschuppen sich
+hinziehenden Bank und sah nach einem niedrigen Fachwerkhaus hinüber,
+gelb mit schwarzgestrichenen Balken, einer Wirtschaft für kleine
+Bürger, die hier ihr Glas Bier tranken oder Solo spielten. Es dunkelte
+noch kaum, die Fenster aber waren schon hell, und ihr Lichtschimmer
+fiel auf die Schneemassen und etliche zur Seite stehende Bäume. »Sieh,
+Roswitha, wie schön das aussieht.«
+
+Ein paar Tage wiederholte sich das. Meist aber, wenn Roswitha bei dem
+Karussell und dem Holzschuppen ankam, war niemand da, und wenn sie
+dann zurückkam und in den Hausflur eintrat, kam ihr Effi schon
+entgegen und sagte:
+
+»Wo du nur bleibst, Roswitha, ich bin schon lange wieder hier.«
+
+In dieser Art ging es durch Wochen hin. Das mit den Husaren hatte
+sich wegen der Schwierigkeiten, die die Bürgerschaft machte, so
+gut wie zerschlagen; aber da die Verhandlungen noch nicht geradezu
+abgeschlossen waren und neuerdings durch eine andere Behörde, das
+Generalkommando, gingen, so war Crampas nach Stettin berufen worden,
+wo man seine Meinung in dieser Angelegenheit hören wollte. Von dort
+schrieb er den zweiten Tag an Innstetten:
+
+»Pardon, Innstetten, daß ich mich auf französisch empfohlen. Es kam
+alles so schnell. Ich werde übrigens die Sache hinauszuspinnen suchen,
+denn man ist froh, einmal draußen zu sein. Empfehlen Sie mich der
+gnädigen Frau, meiner liebenswürdigen Gönnerin.«
+
+Er las es Effi vor. Diese blieb ruhig. Endlich sagte sie: »Es ist
+recht gut so.«
+
+»Wie meinst du das?«
+
+»Daß er fort ist. Er sagt eigentlich immer dasselbe. Wenn er wieder da
+ist, wird er wenigstens vorübergehend was Neues zu sagen haben.«
+
+Innstettens Blick flog scharf über sie hin. Aber er sah nichts, und
+sein Verdacht beruhigte sich wieder. »Ich will auch fort«, sagte er
+nach einer Weile, »sogar nach Berlin; vielleicht kann ich dann, wie
+Crampas, auch mal was Neues mitbringen. Meine liebe Effi will immer
+gern was Neues hören; sie langweilt sich in unserm guten Kessin. Ich
+werde gegen acht Tage fort sein, vielleicht noch einen Tag länger.
+Und ängstige dich nicht ... es wird ja wohl nicht wiederkommen ...
+du weißt schon, das da oben ... Und wenn doch, du hast ja Rollo und
+Roswitha.«
+
+Effi lächelte vor sich hin, und es mischte sich etwas von Wehmut mit
+ein. Sie mußte des Tages gedenken, wo Crampas ihr zum erstenmal gesagt
+hatte, daß er mit dem Spuk und ihrer Furcht eine Komödie spiele. Der
+große Erzieher! Aber hatte er nicht recht? War die Komödie nicht am
+Platz? Und allerhand Widerstreitendes, Gutes und Böses, ging ihr durch
+den Kopf.
+
+Den dritten Tag reiste Innstetten ab.
+
+Über das, was er in Berlin vorhabe, hatte er nichts gesagt.
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel
+
+Innstetten war erst vier Tage fort, als Crampas von Stettin wieder
+eintraf und die Nachricht brachte, man hätte höheren Orts die Absicht,
+zwei Schwadronen nach Kessin zu legen, endgültig fallenlassen; es gäbe
+so viele kleine Städte, die sich um eine Kavalleriegarnison, und nun
+gar um Blüchersche Husaren, bewürben, daß man gewohnt sei, bei solchem
+Anerbieten einem herzlichen Entgegenkommen, aber nicht einem zögernden
+zu begegnen. Als Crampas das mitteilte, machte der Magistrat ein
+ziemlich verlegenes Gesicht; nur Gieshübler, weil er der Philisterei
+seiner Kollegen eine Niederlage gönnte, triumphierte. Seitens der
+kleinen Leute griff beim Bekanntwerden der Nachricht eine gewisse
+Verstimmung Platz, ja selbst einige Konsuls mit Töchtern waren
+momentan unzufrieden; im ganzen aber kam man rasch über die Sache
+hin, vielleicht weil die nebenherlaufende Frage, was Innstetten in
+Berlin vorhabe, die Kessiner Bevölkerung oder doch wenigstens die
+Honoratiorenschaft der Stadt mehr interessierte. Diese wollte den
+überaus wohl gelittenen Landrat nicht gern verlieren, und doch gingen
+darüber ganz ausschweifende Gerüchte, die von Gieshübler, wenn er
+nicht ihr Erfinder war, wenigstens genährt und weiterverbreitet
+wurden. Unter anderem hieß es, Innstetten würde als Führer einer
+Gesandtschaft nach Marokko gehen, und zwar mit Geschenken, unter denen
+nicht bloß die herkömmliche Vase mit Sanssouci und dem Neuen Palais,
+sondern vor allem auch eine große Eismaschine sei. Das letztere
+erschien mit Rücksicht auf die marokkanischen Temperaturverhältnisse
+so wahrscheinlich, daß das Ganze geglaubt wurde.
+
+Effi hörte auch davon. Die Tage, wo sie sich darüber erheitert hätte,
+lagen noch nicht allzuweit zurück; aber in der Seelenstimmung, in der
+sie sich seit Schluß des Jahres befand, war sie nicht mehr fähig,
+unbefangen und ausgelassen über derlei Dinge zu lachen. Ihre
+Gesichtszüge hatten einen ganz anderen Ausdruck angenommen, und das
+halb rührend, halb schelmisch Kindliche, was sie noch als Frau gehabt
+hatte, war hin. Die Spaziergänge nach dem Strand und der Plantage,
+die sie, während Crampas in Stettin war, aufgegeben hatte, nahm sie
+nach seiner Rückkehr wieder auf und ließ sich auch durch ungünstige
+Witterung nicht davon abhalten. Es wurde wie früher bestimmt, daß ihr
+Roswitha bis an den Ausgang der Reeperbahn oder bis in die Nähe des
+Kirchhofs entgegenkommen solle, sie verfehlten sich aber noch häufiger
+als früher. »Ich könnte dich schelten, Roswitha, daß du mich nie
+findest. Aber es hat nichts auf sich; ich ängstige mich nicht mehr,
+auch nicht einmal am Kirchhof, und im Wald bin ich noch keiner
+Menschenseele begegnet.«
+
+Es war am Tage vor Innstettens Rückkehr von Berlin, daß Effi das
+sagte. Roswitha machte nicht viel davon und beschäftigte sich lieber
+damit, Girlanden über den Türen anzubringen; auch der Haifisch bekam
+einen Fichtenzweig und sah noch merkwürdiger aus als gewöhnlich. Effi
+sagte: »Das ist recht, Roswitha; er wird sich freuen über all das
+Grün, wenn er morgen wieder da ist. Ob ich heute wohl noch gehe?
+Doktor Hannemann besteht darauf und meint in einem fort, ich nähme
+es nicht ernst genug, sonst müßte ich besser aussehen; ich habe aber
+keine rechte Lust heut, es nieselt, und der Himmel ist so grau.«
+
+»Ich werde der gnäd'gen Frau den Regenmantel bringen.«
+
+»Das tu! Aber komme heute nicht nach, wir treffen uns ja doch nicht«,
+und sie lachte. »Wirklich, du bist gar nicht findig, Roswitha. Und ich
+mag nicht, daß du dich erkältest, und alles um nichts.«
+
+Roswitha blieb denn auch zu Haus, und weil Annie schlief, ging sie zu
+Kruses, um mit der Frau zu plaudern. »Liebe Frau Kruse«, sagte sie,
+»Sie wollten mir ja das mit dem Chinesen noch erzählen. Gestern kam
+die Johanna dazwischen, die tut immer so vornehm, für die ist so was
+nichts. Ich glaube aber doch, daß es was gewesen ist, ich meine mit
+dem Chinesen und mit Thomsens Nichte, wenn es nicht seine Enkelin
+war.«
+
+Die Kruse nickte.
+
+»Entweder«, fuhr Roswitha fort, »war es eine unglückliche Liebe (die
+Kruse nickte wieder), oder es kann auch eine glückliche gewesen sein,
+und der Chinese konnte es bloß nicht aushalten, daß es alles mit
+einemmal so wieder vorbei sein sollte. Denn die Chinesen sind doch
+auch Menschen, und es wird wohl alles ebenso mit ihnen sein wie mit
+uns.« »Alles«, versicherte die Kruse und wollte dies eben durch ihre
+Geschichte bestätigen, als ihr Mann eintrat und sagte: »Mutter, du
+könntest mir die Flasche mit dem Lederlack geben; ich muß doch das
+Sielenzeug blank haben, wenn der Herr morgen wieder da ist; der sieht
+alles, und wenn er auch nichts sagt, so merkt man doch, daß er's
+gesehen hat.«
+
+»Ich bringe es Ihnen raus, Kruse«, sagte Roswitha. »Ihre Frau will mir
+bloß noch was erzählen; aber es ist gleich aus, und dann komm ich und
+bring es.«
+
+Roswitha, die Flasche mit dem Lack in der Hand, kam denn auch ein
+paar Minuten danach auf den Hof hinaus und stellte sich neben das
+Sielenzeug, das Kruse eben über den Gartenzaun gelegt hatte. »Gott«,
+sagte er, während er ihr die Flasche aus der Hand nahm, »viel hilft es
+ja nicht, es nieselt in einem weg, und die Blänke vergeht doch wieder.
+Aber ich denke, alles muß seine Ordnung haben.«
+
+»Das muß es. Und dann, Kruse, es ist ja doch auch ein richtiger Lack,
+das kann ich gleich sehen, und was ein richtiger Lack ist, der klebt
+nicht lange, der muß gleich trocknen. Und wenn es dann morgen nebelt
+oder naß fällt, dann schadet es nichts mehr. Aber das muß ich doch
+sagen, das mit dem Chinesen ist eine merkwürdige Geschichte.«
+
+Kruse lachte. »Unsinn is es, Roswitha. Und meine Frau, statt aufs
+Richtige zu sehen, erzählt immer so was, un wenn ich ein reines Hemd
+anziehen will, fehlt ein Knopp. Un so is es nu schon, solange wir hier
+sind. Sie hat immer bloß solche Geschichten in ihrem Kopp und dazu das
+schwarze Huhn. Un das schwarze Huhn legt nich mal Eier. Un am Ende,
+wovon soll es auch Eier legen? Es kommt ja nich ,raus, und vons bloße
+Kikeriki kann doch so was nich kommen. Das is von keinem Huhn nich zu
+verlangen.«
+
+»Hören Sie, Kruse, das werde ich Ihrer Frau wiedererzählen. Ich habe
+Sie immer für einen anständigen Menschen gehalten, und nun sagen Sie
+so was wie das da von Kikeriki. Die Mannsleute sind doch immer noch
+schlimmer, als man denkt. Un eigentlich müßt ich nu gleich den Pinsel
+hier nehmen und Ihnen einen schwarzen Schnurrbart anmalen.«
+
+»Nu, von Ihnen, Roswitha, kann man sich das schon gefallen lassen«,
+und Kruse, der meist den Würdigen spielte, schien in einen mehr und
+mehr schäkrigen Ton übergehen zu wollen, als er plötzlich der gnädigen
+Frau ansichtig wurde, die heute von der anderen Seite der Plantage
+herkam und in ebendiesem Augenblicke den Gartenzaun passierte.
+
+»Guten Tag, Roswitha, du bist ja so ausgelassen. Was macht denn
+Annie?«
+
+»Sie schläft, gnäd'ge Frau.«
+
+Aber Roswitha, als sie das sagte, war doch rot geworden und ging,
+rasch abbrechend, auf das Haus zu, um der gnädigen Frau beim Umkleiden
+behilflich zu sein. Denn ob Johanna da war, das war die Frage. Die
+steckte jetzt viel auf dem »Amt« drüben, weil es zu Haus weniger zu
+tun gab, und Friedrich und Christel waren ihr zu langweilig und wußten
+nie was.
+
+Annie schlief noch. Effi beugte sich über die Wiege, ließ sich dann
+Hut und Regenmantel abnehmen und setzte sich auf das kleine Sofa in
+ihrer Schlafstube. Das feuchte Haar strich sie langsam zurück, legte
+die Füße auf einen niedrigen Stuhl, den Roswitha herangeschoben, und
+sagte, während sie sichtlich das Ruhebehagen nach einem ziemlich
+langen Spaziergang genoß: »Ich muß dich darauf aufmerksam machen,
+Roswitha, daß Kruse verheiratet ist.«
+
+»Ich weiß, gnäd'ge Frau.«
+
+»Ja, was weiß man nicht alles und handelt doch, als ob man es nicht
+wüßte. Das kann nie was werden.«
+
+»Es soll ja auch nichts werden, gnäd'ge Frau ...«
+
+»Denn wenn du denkst, sie sei krank, da machst du die Rechnung ohne
+den Wirt. Die Kranken leben am längsten. Und dann hat sie das schwarze
+Huhn. Vor dem hüte dich, das weiß alles und plaudert alles aus. Ich
+weiß nicht, ich habe einen Schauder davor. Und ich wette, daß das
+alles da oben mit dem Huhn zusammenhängt.«
+
+»Ach, das glaub ich nicht. Aber schrecklich ist es doch. Und Kruse,
+der immer gegen seine Frau ist, kann es mir nicht ausreden.«
+
+»Was sagte der?«
+
+»Er sagte, es seien bloß Mäuse.«
+
+»Nun, Mäuse, das ist auch gerade schlimm genug. Ich kann keine Mäuse
+leiden. Aber ich sah ja deutlich, wie du mit dem Kruse schwatztest
+und vertraulich tatst, und ich glaube sogar, du wolltest ihm einen
+Schnurrbart anmalen. Das ist doch schon sehr viel. Und nachher sitzt
+du da. Du bist ja noch eine schmucke Person und hast so was. Aber sieh
+dich vor, soviel kann ich dir bloß sagen. Wie war es denn eigentlich
+das erstemal mit dir? Ist es so, daß du mir's erzählen kannst?«
+
+»Ach, ich kann schon. Aber schrecklich war es. Und weil es so
+schrecklich war, drum können gnäd'ge Frau auch ganz ruhig sein, von
+wegen dem Kruse. Wem es so gegangen ist wie mir, der hat genug davon
+und paßt auf. Mitunter träume ich noch davon, und dann bin ich den
+andern Tag wie zerschlagen. Solche grausame Angst ...«
+
+Effi hatte sich aufgerichtet und stützte den Kopf auf ihren Arm. »Nun
+erzähle. Wie kann es denn gewesen sein? Es ist ja mit euch, das weiß
+ich noch von Hause her, immer dieselbe Geschichte ...«
+
+»Ja, zuerst is es wohl immer dasselbe, und ich will mir auch nicht
+einbilden, daß es mit mir was Besonderes war, ganz und gar nicht. Aber
+wie sie's mir dann auf den Kopf zusagten und ich mit einem Male sagen
+mußte: 'ja, es ist so', ja, das war schrecklich. Die Mutter, na, das
+ging noch, aber der Vater, der die Dorfschmiede hatte, der war streng
+und wütend, und als er's hörte, da kam er mit einer Stange auf mich
+los, die er eben aus dem Feuer genommen hatte, und wollte mich
+umbringen. Und ich schrie laut auf und lief auf den Boden und
+versteckte mich, und da lag ich und zitterte und kam erst wieder nach
+unten, als sie mich riefen und sagten, ich solle nur kommen. Und dann
+hatte ich noch eine jüngere Schwester, die wies immer auf mich hin und
+sagte 'Pfui'. Und dann, wie das Kind kommen sollte, ging ich in eine
+Scheune nebenan, weil ich mir's bei uns nicht getraute. Da fanden mich
+fremde Leute halb tot und trugen mich ins Haus und in mein Bett. Und
+den dritten Tag nahmen sie mir das Kind fort, und als ich nachher
+fragte, wo es sei, da hieß es, es sei gut aufgehoben. Ach, gnädigste
+Frau, die heil'ge Mutter Gottes bewahre Sie vor solchem Elend.«
+
+Effi fuhr auf und sah Roswitha mit großen Augen an. Aber sie war doch
+mehr erschrocken als empört. »Was du nur sprichst! Ich bin ja doch
+eine verheiratete Frau. So was darfst du nicht sagen, das ist
+ungehörig, das paßt sich nicht.«
+
+»Ach, gnädigste Frau ...«
+
+»Erzähle mir lieber, was aus dir wurde. Das Kind hatten sie dir
+genommen. Soweit warst du ...«
+
+»Und dann, nach ein paar Tagen, da kam wer aus Erfurt, der fuhr bei
+dem Schulzen vor und fragte, ob da nicht eine Amme sei. Da sagte der
+Schulze 'ja'. Gott lohne es ihm, und der fremde Herr nahm mich gleich
+mit, und von da an hab ich bessere Tage gehabt; selbst bei der
+Registratorin war es doch immer noch zum Aushalten, und zuletzt bin
+ich zu Ihnen gekommen, gnädigste Frau. Und das war das Beste, das
+Allerbeste.« Und als sie das sagte, trat sie an das Sofa heran und
+küßte Effi die Hand.
+
+»Roswitha, du mußt mir nicht immer die Hand küssen, ich mag das nicht.
+Und nimm dich nur in acht mit dem Kruse. Du bist doch sonst eine so
+gute und verständige Person ... Mit einem Ehemann ... das tut nie
+gut.«
+
+»Ach, gnäd'ge Frau, Gott und seine Heiligen führen uns wunderbar, und
+das Unglück, das uns trifft, das hat doch auch sein Glück. Und wen
+es nicht bessert, dem is nich zu helfen ... Ich kann eigentlich die
+Mannsleute gut leiden ...«
+
+»Siehst du, Roswitha, siehst du.«
+
+»Aber wenn es mal wieder so über mich käme, mit dem Kruse, das is
+ja nichts, und ich könnte nicht mehr anders, da lief ich gleich ins
+Wasser. Es war zu schrecklich. Alles. Und was nur aus dem armen Wurm
+geworden is? Ich glaube nicht, daß es noch lebt; sie haben es umkommen
+lassen, aber ich bin doch schuld.« Und sie warf sich vor Annies Wiege
+nieder und wiegte das Kind hin und her und sang in einem fort ihr
+»Buhküken von Halberstadt«.
+
+»Laß«, sagte Effi. »Singe nicht mehr; ich habe Kopfweh. Aber bringe
+mir die Zeitungen. Oder hat Gieshübler vielleicht die Journale
+geschickt?«
+
+»Das hat er. Und die Modezeitung lag obenauf. Da haben wir drin
+geblättert, ich und Johanna, eh sie rüber ging. Johanna ärgert sich
+immer, daß sie so was nicht haben kann. Soll ich die Modezeitung
+bringen?«
+
+»Ja, die bringe und bring auch die Lampe.«
+
+Roswitha ging, und Effi, als sie allein war, sagte: »Womit man sich
+nicht alles hilft? Eine hübsche Dame mit einem Muff und eine mit
+einem Halbschleier; Modepuppen. Aber es ist das Beste, mich auf andre
+Gedanken zu bringen.«
+
+Im Laufe des andern Vormittags kam ein Telegramm von Innstetten, worin
+er mitteilte, daß er erst mit dem zweiten Zug kommen, also nicht vor
+Abend in Kessin eintreffen werde.
+
+Der Tag verging in ewiger Unruhe; glücklicherweise kam Gieshübler im
+Laufe des Nachmittags und half über eine Stunde weg. Endlich um sieben
+Uhr fuhr der Wagen vor, Effi trat hinaus, und man begrüßte sich.
+Innstetten war in einer ihm sonst fremden Erregung, und so kam es, daß
+er die Verlegenheit nicht sah, die sich in Effis Herzlichkeit mischte.
+Drinnen im Flur brannten die Lampen und Lichter, und das Teezeug, das
+Friedrich schon auf einen der zwischen den Schränken stehenden Tische
+gestellt hatte, reflektierte den Lichterglanz.
+
+»Das sieht ja ganz so aus wie damals, als wir hier ankamen. Weißt du
+noch, Effi?«
+
+Sie nickte.
+
+»Nur der Haifisch mit seinem Fichtenzweig verhält sich heute ruhiger,
+und auch Rollo spielt den Zurückhaltenden und legt mir nicht mehr die
+Pfoten auf die Schulter. Was ist das mit dir, Rollo?«
+
+Rollo strich an seinem Herrn vorbei und wedelte.
+
+»Der ist nicht recht zufrieden, entweder mit mir nicht oder mit
+andern. Nun, ich will annehmen, mit mir. Jedenfalls laß uns
+eintreten.« Und er trat in sein Zimmer und bat Effi, während er sich
+aufs Sofa niederließ, neben ihm Platz zu nehmen. »Es war so hübsch in
+Berlin, über Erwarten; aber in all meiner Freude habe ich mich immer
+zurückgesehnt. Und wie gut du aussiehst! Ein bißchen blaß und ein
+bißchen verändert, aber es kleidet dich.«
+
+Effi wurde rot.
+
+»Und nun wirst du auch noch rot. Aber es ist, wie ich dir sage. Du
+hattest so was von einem verwöhnten Kind, mit einemmal siehst du aus
+wie eine Frau.«
+
+»Das hör ich gern, Geert, aber ich glaube, du sagst es nur so.«
+
+»Nein, nein, du kannst es dir gutschreiben, wenn es etwas Gutes
+ist ...«
+
+»Ich dächte doch.«
+
+»Und nun rate, von wem ich dir Grüße bringe.«
+
+»Das ist nicht schwer, Geert. Außerdem, wir Frauen, zu denen ich mich,
+seitdem du wieder da bist, ja rechnen darf (und sie reichte ihm die
+Hand und lachte), wir Frauen, wir raten leicht. Wir sind nicht so
+schwerfällig wie ihr.«
+
+»Nun, von wem?«
+
+»Nun, natürlich von Vetter Briest. Er ist ja der einzige, den ich in
+Berlin kenne, die Tanten abgerechnet, die du nicht aufgesucht haben
+wirst und die viel zu neidisch sind, um mich grüßen zu lassen. Hast du
+nicht auch gefunden, alle alten Tanten sind neidisch?«
+
+»Ja, Effi, das ist wahr. Und daß du das sagst, das ist ganz meine alte
+Effi wieder. Denn du mußt wissen, die alte Effi, die noch aussah wie
+ein Kind, nun, die war auch nach meinem Geschmack. Gradeso wie die
+jetzige gnäd'ge Frau.« »Meinst du? Und wenn du dich zwischen beiden
+entscheiden solltest ...«
+
+»Das ist eine Doktorfrage, darauf lasse ich mich nicht ein. Aber da
+bringt Friedrich den Tee. Wie hat's mich nach dieser Stunde verlangt!
+Und hab es auch ausgesprochen, sogar zu deinem Vetter Briest, als wir
+bei Dressel saßen und in Champagner dein Wohl tranken ... Die Ohren
+müssen dir geklungen haben ... Und weißt du, was dein Vetter dabei
+sagte?«
+
+»Gewiß was Albernes. Darin ist er groß.«
+
+»Das ist der schwärzeste Undank, den ich all mein Lebtag erlebt habe.
+'Lassen wir Effi leben', sagte er, 'meine schöne Cousine ... Wissen
+Sie, Innstetten, daß ich Sie am liebsten fordern und totschießen
+möchte? Denn Effi ist ein Engel, und Sie haben mich um diesen Engel
+gebracht.' Und dabei sah er so ernst und wehmütig aus, daß man's
+beinah hätte glauben können.«
+
+»Oh, diese Stimmung kenne ich an ihm. Bei der wievielten wart ihr?«
+
+»Ich hab es nicht mehr gegenwärtig, und vielleicht hätte ich es auch
+damals nicht mehr sagen können. Aber das glaub ich, daß es ihm ganz
+ernst war. Und vielleicht wäre es auch das Richtige gewesen. Glaubst
+du nicht, daß du mit ihm hättest leben können?«
+
+»Leben können. Das ist wenig, Geert. Aber beinah möcht ich sagen, ich
+hätte auch nicht einmal mit ihm leben können.«
+
+»Warum nicht? Er ist wirklich ein liebenswürdiger und netter Mensch
+und auch ganz gescheit.«
+
+»Ja, das ist er ...«
+
+»Aber ...«
+
+»Aber er ist dalbrig. Und das ist keine Eigenschaft, die wir Frauen
+lieben, auch nicht einmal dann, wenn wir noch halbe Kinder sind,
+wohin du mich immer gerechnet hast und vielleicht, trotz meiner
+Fortschritte, auch jetzt noch rechnest. Das Dalbrige, das ist nicht
+unsre Sache. Männer müssen Männer sein.«
+
+»Gut, daß du das sagst. Alle Teufel, da muß man sich ja
+zusammennehmen. Und ich kann von Glück sagen, daß ich von so was, das
+wie Zusammennehmen aussieht oder wenigstens ein Zusammennehmen in
+Zukunft fordert, so gut wie direkt herkomme ... Sag, wie denkst du dir
+ein Ministerium?«
+
+»Ein Ministerium? Nun, das kann zweierlei sein. Es können Menschen
+sein, kluge, vornehme Herren, die den Staat regieren, und es kann auch
+bloß ein Haus sein, ein Palazzo, ein Palazzo Strozzi oder Pitti oder,
+wenn die nicht passen, irgendein andrer. Du siehst, ich habe meine
+italienische Reise nicht umsonst gemacht.«
+
+»Und könntest du dich entschließen, in solchem Palazzo zu wohnen? Ich
+meine in solchem Ministerium?«
+
+»Um Gottes willen, Geert, sie haben dich doch nicht zum Minister
+gemacht? Gieshübler sagte so was. Und der Fürst kann alles. Gott, der
+hat es am Ende durchgesetzt, und ich bin erst achtzehn.«
+
+Innstetten lachte. »Nein, Effi, nicht Minister, so weit sind wir noch
+nicht. Aber vielleicht kommen noch allerhand Gaben in mir heraus,
+und dann ist es nicht unmöglich.« »Also jetzt noch nicht, noch nicht
+Minister?«
+
+»Nein. Und wir werden, die Wahrheit zu sagen, auch nicht einmal in
+einem Ministerium wohnen, aber ich werde täglich ins Ministerium
+gehen, wie ich jetzt in unser Landratsamt gehe, und werde dem Minister
+Vortrag halten und mit ihm reisen, wenn er die Provinzialbehörden
+inspiziert. Und du wirst eine Ministerialrätin sein und in Berlin
+leben, und in einem halben Jahre wirst du kaum noch wissen, daß du
+hier in Kessin gewesen bist und nichts gehabt hast als Gieshübler und
+die Dünen und die Plantage.«
+
+Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer größer; um ihre
+Mundwinkel war ein nervöses Zucken, und ihr ganzer zarter Körper
+zitterte. Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitz vor Innstetten
+nieder, umklammerte seine Knie und sagte in einem Ton, wie wenn sie
+betete: »Gott sei Dank!«
+
+Innstetten verfärbte sich. Was war das? Etwas, was seit Wochen
+flüchtig, aber doch immer sich erneuernd über ihn kam, war wieder da
+und sprach so deutlich aus seinem Auge, daß Effi davor erschrak. Sie
+hatte sich durch ein schönes Gefühl, das nicht viel was andres als ein
+Bekenntnis ihrer Schuld war, hinreißen lassen und dabei mehr gesagt,
+als sie sagen durfte. Sie mußte das wieder ausgleichen, mußte was
+finden, irgendeinen Ausweg, es koste, was es wolle.
+
+»Steh auf, Effi. Was hast du?«
+
+Effi erhob sich rasch. Aber sie nahm ihren Platz auf dem Sofa
+nicht wieder ein, sondern schob einen Stuhl mit hoher Lehne heran,
+augenscheinlich weil sie nicht Kraft genug fühlte, sich ohne Stütze zu
+halten.
+
+»Was hast du?« wiederholte Innstetten. »Ich dachte, du hättest hier
+glückliche Tage verlebt. Und nun rufst du 'Gott sei Dank', als ob
+dir hier alles nur ein Schrecknis gewesen wäre. War ich dir ein
+Schrecknis? Oder war es was andres? Sprich?«
+
+»Daß du noch fragen kannst, Geert«, sagte sie, während sie mit einer
+äußersten Anstrengung das Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte.
+»Glückliche Tage! Ja, gewiß, glückliche Tage, aber doch auch andre.
+Nie bin ich die Angst hier ganz losgeworden, nie. Noch keine vierzehn
+Tage, daß es mir wieder über die Schulter sah, dasselbe Gesicht,
+derselbe fahle Teint. Und diese letzten Nächte, wo du fort warst, war
+es auch wieder da, nicht das Gesicht, aber es schlurrte wieder, und
+Rollo schlug wieder an, und Roswitha, die's auch gehört, kam an
+mein Bett und setzte sich zu mir, und erst, als es schon dämmerte,
+schliefen wir wieder ein. Es ist ein Spukhaus, und ich hab es auch
+glauben sollen, das mit dem Spuk -denn du bist ein Erzieher. Ja,
+Geert, das bist du. Aber laß es sein, wie's will, soviel weiß ich, ich
+habe mich ein ganzes Jahr lang und länger in diesem Hause gefürchtet,
+und wenn ich von hier fortkomme, so wird es, denke ich, von mir
+abfallen, und ich werde wieder frei sein.«
+
+Innstetten hatte kein Auge von ihr gelassen und war jedem Worte
+gefolgt. Was sollte das heißen: »du bist ein Erzieher«? Und dann das
+andere, was vorausging: »und ich hab es auch glauben sollen, das mit
+dem Spuk«. Was war das alles? Wo kam das her? Und er fühlte seinen
+leisen Argwohn sich wieder regen und fester einnisten. Aber er hatte
+lange genug gelebt, um zu wissen, daß alle Zeichen trügen und daß wir
+in unsrer Eifersucht, trotz ihrer hundert Augen, oft noch mehr in die
+Irre gehen als in der Blindheit unseres Vertrauens. Es konnte ja so
+sein, wie sie sagte.
+
+Und wenn es so war, warum sollte sie nicht ausrufen: »Gott sei Dank!«
+
+Und so, rasch alle Möglichkeiten ins Auge fassend, wurde er seines
+Argwohns wieder Herr und reichte ihr die Hand über en Tisch hin:
+»Verzeih mir, Effi, aber ich war so sehr überrascht von dem allen.
+Freilich wohl meine Schuld. Ich bin immer zu sehr mit mir beschäftigt
+gewesen. Wir Männer sind alle Egoisten. Aber das soll nun anders
+werden. Ein Gutes hat Berlin gewiß: Spukhäuser gibt es da nicht. Wo
+sollen die auch herkommen? Und nun laß uns hinübergehen, daß ich Annie
+sehe; Roswitha verklagt mich sonst als einen unzärtlichen Vater.«
+
+Effi war unter diesen Worten allmählich ruhiger geworden, und das
+Gefühl, aus einer selbstgeschaffenen Gefahr sich glücklich befreit zu
+haben, gab ihr die Spannkraft und gute Haltung wieder zurück.
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Kapitel
+
+Am andern Morgen nahmen beide gemeinschaftlich ihr etwas verspätetes
+Frühstück. Innstetten hatte seine Mißstimmung und Schlimmeres
+überwunden, und Effi lebte so ganz dem Gefühl ihrer Befreiung, daß sie
+nicht bloß die Fähigkeit einer gewissen erkünstelten Laune, sondern
+fast auch ihre frühere Unbefangenheit wiedergewonnen hatte. Sie war
+noch in Kessin, und doch war ihr schon zumute, als läge es weit hinter
+ihr.
+
+»Ich habe mir's überlegt, Effi«, sagte Innstetten, »du hast nicht so
+ganz unrecht mit allem, was du gegen unser Haus hier gesagt hast. Für
+Kapitän Thomsen war es gerade gut genug, aber nicht für eine junge
+verwöhnte Frau; alles altmodisch, kein Platz. Da sollst du's in Berlin
+besser haben, auch einen Saal, aber einen andern als hier, und auf
+Flur und Treppe hohe bunte Glasfenster, Kaiser Wilhelm mit Zepter
+und Krone oder auch was Kirchliches, heilige Elisabeth oder Jungfrau
+Maria. Sagen wir Jungfrau Maria, das sind wir Roswitha schuldig.«
+
+Effi lachte. »So soll es sein. Aber wer sucht uns eine Wohnung? Ich
+kann doch nicht Vetter Briest auf die Suche schicken. Oder gar die
+Tanten! Die finden alles gut genug.« »Ja, das Wohnungssuchen. Das
+macht einem keiner zu Dank. Ich denke, da mußt du selber hin.«
+
+»Und wann meinst du?« »Mitte März.«
+
+»Oh, das ist viel zu spät, Geert, dann ist ja alles fort. Die guten
+Wohnungen werden schwerlich auf uns warten!« »Ist schon recht. Aber
+ich bin erst seit gestern wieder hier und kann doch nicht sagen 'reise
+morgen'. Das würde mich schlecht kleiden und paßt mir auch wenig; ich
+bin froh, daß ich dich wiederhabe.«
+
+»Nein«, sagte sie, während sie das Kaffeegeschirr, um eine
+aufsteigende Verlegenheit zu verbergen, ziemlich geräuschvoll
+zusammenrückte, »nein, so soll's auch nicht sein, nicht heut und nicht
+morgen, aber doch in den nächsten Tagen. Und wenn ich etwas finde, so
+bin ich rasch wieder zurück. Aber noch eins, Roswitha und Annie müssen
+mit. Am schönsten wär es, du auch. Aber ich sehe ein, das geht nicht.
+Und ich denke, die Trennung soll nicht lange dauern. Ich weiß auch
+schon, wo ich miete ...«
+
+»Nun?«
+
+»Das bleibt mein Geheimnis. Ich will auch ein Geheimnis haben. Damit
+will ich dich dann überraschen.« In diesem Augenblick trat Friedrich
+ein, um die Postsachen abzugeben. Das meiste war Dienstliches und
+Zeitungen. »Ah, da ist auch ein Brief für dich«, sagte Innstetten.
+»Und wenn ich nicht irre, die Handschrift der Mama.« Effi nahm den
+Brief. »Ja, von der Mama. Aber das ist ja nicht der Friesacker
+Poststempel; sieh nur, das heißt ja deutlich Berlin.«
+
+»Freilich«, lachte Innstetten. »Du tust, als ob es ein Wunder wäre.
+Die Mama wird in Berlin sein und hat ihrem Liebling von ihrem Hotel
+aus einen Brief geschrieben.« »Ja«, sagte Effi, »so wird es sein. Aber
+ich ängstige mich doch beinah und kann keinen rechten Trost darin
+finden, daß Hulda Niemeyer immer sagte: Wenn man sich ängstigt, ist es
+besser, als wenn man hofft. Was meinst du dazu?«
+
+»Für eine Pastorstochter nicht ganz auf der Höhe. Aber nun lies den
+Brief. Hier ist ein Papiermesser.«
+
+Effi schnitt das Kuvert auf und las: »Meine liebe Effi. Seit 24
+Stunden bin ich hier in Berlin; Konsultationen bei Schweigger. Als er
+mich sieht, beglückwünscht er mich, und als ich erstaunt ihn frage,
+wozu, erfahre ich, daß Ministerialdirektor Wüllersdorf bei ihm gewesen
+und ihm erzählt habe: Innstetten sei ins Ministerium berufen. Ich bin
+ein wenig ärgerlich, daß man dergleichen von einem Dritten erfahren
+muß. Aber in meinem Stolz und meiner Freude sei Euch verziehen. Ich
+habe es übrigens immer gewußt (schon als 1. noch bei den Rathenowern
+war), daß etwas aus ihm werden würde. Nun kommt es Dir zugute.
+Natürlich müßt Ihr eine Wohnung haben und eine andere Einrichtung.
+Wenn Du, meine liebe Effi, glaubst, meines Rates dabei bedürfen zu
+können, so komme, so rasch es Dir Deine Zeit erlaubt. Ich bleibe acht
+Tage hier in Kur, und wenn es nicht anschlägt, vielleicht noch etwas
+länger; Schweigger drückt sich unbestimmt darüber aus. Ich habe eine
+Privatwohnung in der Schadowstraße genommen; neben dem meinigen sind
+noch Zimmer frei. Was es mit meinem Auge ist, darüber mündlich;
+vorläufig beschäftigt mich nur Eure Zukunft. Briest wird unendlich
+glücklich sein, er tut immer so gleichgültig gegen dergleichen,
+eigentlich hängt er aber mehr daran als ich. Grüße Innstetten, küsse
+Annie, die Du vielleicht mitbringst. Wie immer Deine Dich zärtlich
+liebende Mutter Luise von B.«
+
+Effi legte den Brief aus der Hand und sagte nichts. Was sie zu
+tun habe, das stand bei ihr fest; aber sie wollte es nicht selber
+aussprechen. Innstetten sollte damit kommen, und dann wollte sie
+zögernd ja sagen. Innstetten ging auch wirklich in die Falle.
+
+»Nun, Effi, du bleibst so ruhig.«
+
+»Ach, Geert, es hat alles so seine zwei Seiten. Auf der einen Seite
+beglückt es mich, die Mama wiederzusehen, und vielleicht sogar schon
+in wenigen Tagen. Aber es spricht auch so vieles dagegen.«
+
+»Was?«
+
+»Die Mama, wie du weißt, ist sehr bestimmt und kennt nur ihren eignen
+Willen. Dem Papa gegenüber hat sie alles durchsetzen können. Aber ich
+möchte gern eine Wohnung haben, die nach meinem Geschmack ist, und
+eine neue Einrichtung, die mir gefällt.«
+
+Innstetten lachte. »Und das ist alles?«
+
+»Nun, es wäre grade genug. Aber es ist nicht alles.« Und nun nahm sie
+sich zusammen und sah ihn an und sagte: »Und dann, Geert, ich möchte
+nicht gleich wieder von dir fort.« »Schelm, das sagst du so, weil du
+meine Schwäche kennst. Aber wir sind alle so eitel, und ich will es
+glauben. Ich will es glauben und doch zugleich auch den Heroischen
+spielen, den Entsagenden. Reise, sobald du's für nötig hältst und vor
+deinem Herzen verantworten kannst.«
+
+»So darfst du nicht sprechen, Geert. Was heißt das 'vor meinem
+Herzen verantworten'. Damit schiebst du mir, halb gewaltsam, eine
+Zärtlichkeitsrolle zu, und ich muß dir dann aus reiner Kokettene
+sagen: 'Ach, Geert, dann reise ich nie.' Oder doch so etwas
+Ähnliches.«
+
+Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Effi, du bist mir zu fein. Ich
+dachte immer, du wärst ein Kind, und ich sehe nun, daß du das Maß hast
+wie alle andern. Aber lassen wir das, oder wie dein Papa immer sagte:
+'Das ist ein zu weites Feld.' Sage lieber, wann willst du fort?«
+
+»Heute haben wir Dienstag. Sagen wir also Freitag mittag mit dem
+Schiff. Dann bin ich am Abend in Berlin.«
+
+»Abgemacht. Und wann zurück?«
+
+»Nun, sagen wir Montag abend. Das sind dann drei Tage.« »Geht nicht.
+Das ist zu früh. In drei Tagen kannst du's nicht zwingen. Und so rasch
+läßt dich die Mama auch nicht fort.« »Also auf Diskretion.«
+
+»Gut.« Und damit erhob sich Innstetten, um nach dem Landratsamte
+hinüberzugehen.
+
+Die Tage bis zur Abreise vergingen wie im Fluge. Roswitha war sehr
+glücklich. »Ach, gnädigste Frau, Kessin, nun ja ... aber Berlin ist es
+nicht. Und die Pferdebahn. Und wenn es dann so klingelt und man nicht
+weiß, ob man links oder rechts soll, und mitunter ist mir schon
+gewesen, als ginge alles grad über mich weg. Nein, so was ist hier
+nicht. Ich glaube, manchen Tag sehen wir keine sechs Menschen. Und
+immer bloß die Dünen und draußen die See. Und das rauscht und rauscht,
+aber weiter ist es auch nichts.«
+
+»Ja, Roswitha, du hast recht. Es rauscht und rauscht immer, aber
+es ist kein richtiges Leben. Und dann kommen einem allerhand dumme
+Gedanken. Das kannst du doch nicht bestreiten, das mit dem Kruse war
+nicht in der Richtigkeit.« »Ach, gnädigste Frau ...«
+
+»Nun, ich will nicht weiter nachforschen. Du wirst es natürlich nicht
+zugeben. Und nimm nur nicht zu wenig Sachen mit. Deine Sachen kannst
+du eigentlich ganz mitnehmen und Annies auch.«
+
+»Ich denke, wir kommen noch mal wieder.«
+
+»Ja, ich. Der Herr wünscht es. Aber ihr könnt vielleicht dableiben,
+bei meiner Mutter. Sorge nur, daß sie Anniechen nicht zu sehr
+verwöhnt. Gegen mich war sie mitunter streng, aber ein Enkelkind ...«
+
+»Und dann ist Anniechen ja auch so zum Anbeißen. Da muß ja jeder
+zärtlich sein.«
+
+Das war am Donnerstag, am Tag vor der Abreise. Innstetten war über
+Land gefahren und wurde erst gegen Abend zurückerwartet.
+
+Am Nachmittag ging Effi in die Stadt, bis auf den Marktplatz, und trat
+hier in die Apotheke und bat um eine Flasche Sal volatile. »Man weiß
+nie, mit wem man reist«, sagte sie zu dem alten Gehilfen, mit dem
+sie auf dem Plauderfuße stand und der sie anschwärmte wie Gieshübler
+selbst.
+
+»Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte sie weiter, als sie das
+Fläschchen eingesteckt hatte.
+
+»Gewiß, gnädige Frau; er ist hier nebenan und liest die Zeitungen.«
+
+»Ich werde ihn doch nicht stören?« »Oh, nie.«
+
+Und Effi trat ein. Es war eine kleine, hohe Stube, mit Regalen
+ringsherum, auf denen allerlei Kolben und Retorten standen; nur an
+der einen Wand befanden sich alphabetisch geordnete, vorn mit einem
+Eisenringe versehene Kästen, in denen die Rezepte lagen.
+
+Gieshübler war beglückt und verlegen. »Welche Ehre. Hier unter meinen
+Retorten. Darf ich die gnädige Frau auffordern, einen Augenblick Platz
+zu nehmen?«
+
+»Gewiß, lieber Gieshübler. Aber auch wirklich nur einen Augenblick.
+Ich will Ihnen adieu sagen.«
+
+»Aber meine gnädigste Frau, Sie kommen ja doch wieder. Ich habe
+gehört, nur auf drei, vier Tage ...«
+
+»Ja, lieber Freund, ich soll wiederkommen, und es ist sogar
+verabredet, daß ich spätestens in einer Woche wieder in Kessin bin.
+Aber ich könnte doch auch nicht wiederkommen. Muß ich Ihnen sagen,
+welche tausend Möglichkeiten es gibt ... Ich sehe, Sie wollen mir
+sagen, daß ich noch zu jung sei ..., auch Junge können sterben. Und
+dann so vieles andre noch. Und da will ich doch lieber Abschied nehmen
+von Ihnen, als wär es für immer.«
+
+»Aber meine gnädigste Frau ...«
+
+»Als wär es für immer. Und ich will Ihnen danken, lieber Gieshübler.
+Denn Sie waren das Beste hier; natürlich, weil Sie der Beste waren.
+Und wenn ich hundert Jahre alt würde, so werde ich Sie nicht
+vergessen. Ich habe mich hier mitunter einsam gefühlt, und mitunter
+war mir so schwer ums Herz, schwerer, als Sie wissen können; ich habe
+es nicht immer richtig eingerichtet; aber wenn ich Sie gesehen habe,
+vom ersten Tag an, dann habe ich mich immer wohler gefühlt und auch
+besser.«
+
+»Aber meine gnädigste Frau.«
+
+»Und dafür wollte ich Ihnen danken. Ich habe mir eben ein Fläschchen
+mit Sal volatile gekauft; im Coupé sind mitunter so merkwürdige
+Menschen und wollen einem nicht mal erlauben, daß man ein Fenster
+aufmacht; und wenn mir dann vielleicht - denn es steigt einem ja
+ordentlich zu Kopf, ich meine das Salz - die Augen übergehen, dann
+will ich an Sie denken. Adieu, lieber Freund, und grüßen Sie Ihre
+Freundin, die Trippelli. Ich habe in den letzten Wochen öfter an sie
+gedacht und an Fürst Kotschukoff. Ein eigentümliches Verhältnis bleibt
+es doch. Aber ich kann mich hineinfinden ... Und lassen Sie einmal von
+sich hören. Oder ich werde schreiben.« Damit ging Effi. Gieshübler
+begleitete sie bis auf den Platz hinaus. Er war wie benommen, so sehr,
+daß er über manches Rätselhafte, was sie gesprochen, ganz hinwegsah.
+
+Effi ging wieder nach Haus. »Bringen Sie mir die Lampe, Johanna«,
+sagte sie, »aber in mein Schlafzimmer. Und dann eine Tasse Tee. Ich
+hab es so kalt und kann nicht warten, bis der Herr wieder da ist.«
+
+Beides kam. Effi saß schon an ihrem kleinen Schreibtisch, einen
+Briefbogen vor sich, die Feder in der Hand. »Bitte, Johanna, den Tee
+auf den Tisch da.«
+
+Als Johanna das Zimmer wieder verlassen hatte, schloß Effi sich ein,
+sah einen Augenblick in den Spiegel und setzte sich dann wieder.
+
+Und nun schrieb sie: »Ich reise morgen mit dem Schiff, und dies sind
+Abschiedszeilen. Innstetten erwartet mich in wenigen Tagen zurück,
+aber ich komme nicht wieder ... Warum ich nicht wiederkomme, Sie
+wissen es ... Es wäre das beste gewesen, ich hätte dies Stück Erde nie
+gesehen. Ich beschwöre Sie, dies nicht als einen Vorwurf zu fassen;
+alle Schuld ist bei mir. Blick ich auf Ihr Haus ..., Ihr Tun mag
+entschuldbar sein, nicht das meine. Meine Schuld ist sehr schwer, aber
+vielleicht kann ich noch heraus. Daß wir hier abberufen wurden, ist
+mir wie ein Zeichen, daß ich noch zu Gnaden angenommen werden kann.
+Vergessen Sie das Geschehene, vergessen Sie mich. Ihre Effi.«
+
+Sie überflog die Zeilen noch einmal, am fremdesten war ihr das »Sie«;
+aber auch das mußte sein; es sollte ausdrücken, daß keine Brücke mehr
+da sei. Und nun schob sie die Zeilen in ein Kuvert und ging auf ein
+Haus zu, zwischen dem Kirchhof und der Waldecke. Ein dünner Rauch
+stieg aus dem halb eingefallenen Schornstein. Da gab sie die Zeilen
+ab.
+
+Als sie wieder zurück war, war Innstetten schon da, und sie setzte
+sich zu ihm und erzählte ihm von Gieshübler und dem Sal volatile.
+
+Innstetten lachte. »Wo hast du nur dein Latein her, Effi?«
+
+Das Schiff, ein leichtes Segelschiff (die Dampfboote gingen nur
+sommers), fuhr um zwölf. Schon eine Viertelstunde vorher waren Effi
+und Innstetten an Bord; auch Roswitha und Annie.
+
+Das Gepäck war größer, als es für einen auf so wenige Tage geplanten
+Ausflug geboten schien. Innstetten sprach mit dem Kapitän; Effi, in
+einem Regenmantel und hellgrauem Reisehut, stand auf dem Hinterdeck,
+nahe am Steuer, und musterte von hier aus das Bollwerk und die
+hübsche Häuserreihe, die dem Zuge des Bollwerks folgte. Gerade der
+Landungsbrücke gegenüber lag Hoppensacks Hotel, ein drei Stock hohes
+Gebäude, von dessen Giebeldach eine gelbe Flagge, mit Kreuz und Krone
+darin, schlaff in der stillen, etwas nebeligen Luft herniederhing.
+Effi sah eine Weile nach der Flagge hinauf, ließ dann aber ihr Auge
+wieder abwärts gleiten und verweilte zuletzt auf einer Anzahl von
+Personen, die neugierig am Bollwerk herumstanden. In diesem Augenblick
+wurde geläutet. Effi war ganz eigen zumut; das Schiff setzte sich
+langsam in Bewegung, und als sie die Landungsbrücke noch einmal
+musterte, sah sie, daß Crampas in vorderster Reihe stand. Sie erschrak
+bei seinem Anblick und freute sich doch auch. Er seinerseits, in
+seiner ganzen Haltung verändert, war sichtlich bewegt und grüßte ernst
+zu ihr hinüber, ein Gruß, den sie ebenso, aber doch zugleich in großer
+Freundlichkeit erwiderte; dabei lag etwas Bittendes in ihrem Auge.
+Dann ging sie rasch auf die Kajüte zu, wo sich Roswitha mit Annie
+schon eingerichtet hatte. Hier in dem etwas stickigen Raum blieb sie,
+bis man aus dem Fluß in die weite Bucht des Breitling eingefahren
+war; da kam Innstetten und rief sie nach oben, daß sie sich an dem
+herrlichen Anblick erfreue, den die Landschaft gerade an dieser Stelle
+bot. Sie ging dann auch hinauf. Über dem Wasserspiegel hingen graue
+Wolken, und nur dann und wann schoß ein halb umschleierter Sonnenblick
+aus dem Gewölk hervor. Effi gedachte des Tages, wo sie, vor jetzt
+Fünfvierteljahren, im offenen Wagen am Ufer ebendieses Breitlings hin
+entlanggefahren war. Eine kurze Spanne Zeit, und das Leben oft so
+still und einsam. Und doch, was war alles seitdem geschehen!
+
+So fuhr man die Wasserstraße hinauf und war um zwei an der Station
+oder doch ganz in Nähe derselben. Als man gleich danach das Gasthaus
+des »Fürsten Bismarck« passierte, stand auch Golchowski wieder in der
+Tür und versäumte nicht, den Herrn Landrat und die gnädige Frau bis
+an die Stufen der Böschung zu geleiten. Oben war der Zug noch nicht
+angemeldet, und Effi und Innstetten schritten auf dem Bahnsteig auf
+und ab. Ihr Gespräch drehte sich um die Wohnungsfrage; man war einig
+über den Stadtteil, und daß es zwischen dem Tiergarten und dem
+Zoologischen Garten sein müsse. »Ich will den Finkenschlag hören und
+die Papageien auch«, sagte Innstetten, und Effi stimmte ihm zu.
+
+Nun aber hörte man das Signal, und der Zug lief ein; der
+Bahnhofsinspektor war voller Entgegenkommen, und Effi erhielt ein
+Coupé für sich. Noch ein Händedruck, ein Wehen mit dem Tuch, und der
+Zug setzte sich wieder in Bewegung.
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Kapitel
+
+Auf dem Friedrichstraßen-Bahnhof war ein Gedränge; aber trotzdem, Effi
+hatte schon vom Coupé aus die Mama erkannt und neben ihr den Vetter
+Briest. Die Freude des Wiedersehens war groß, das Warten in der
+Gepäckhalle stellte die Geduld auf keine allzu harte Probe, und
+nach wenig mehr als fünf Minuten rollte die Droschke neben dem
+Pferdebahngleise hin in die Dorotheenstraße hinein und auf die
+Schadowstraße zu, an deren nächstgelegener Ecke sich die »Pension«
+befand. Roswitha war entzückt und freute sich über Annie, die die
+Händchen nach den Lichtern ausstreckte.
+
+Nun war man da. Effi erhielt ihre zwei Zimmer, die nicht, wie
+erwartet, neben denen der Frau von Briest, aber doch auf demselben
+Korridor lagen, und als alles seinen Platz und Stand hatte und Annie
+in einem Bettchen mit Gitter glücklich untergebracht war, erschien
+Effi wieder im Zimmer der Mama, einem kleinen Salon mit Kamin, drin
+ein schwaches Feuer brannte; denn es war mildes, beinah warmes Wetter.
+
+Auf dem runden Tische mit grüner Schirmlampe waren drei Kuverts
+gelegt, und auf einem Nebentischchen stand das Teezeug.
+
+»Du wohnst ja reizend, Mama«, sagte Effi, während sie dem Sofa
+gegenüber Platz nahm, aber nur um sich gleich danach an dem Teetisch
+zu schaffen zu machen. »Darf ich wieder die Rolle des Teefräuleins
+übernehmen?«
+
+»Gewiß, meine liebe Effi Aber nur für Dagobert und dich selbst. Ich
+meinerseits muß verzichten, was mir beinah schwerfällt.«
+
+»Ich verstehe, deiner Augen halber. Aber nun sage mir, Mama, was ist
+es damit? In der Droschke, die noch dazu so klapperte, haben wir
+immer nur von Innstetten und unserer großen Karriere gesprochen, viel
+zuviel, und das geht nicht so weiter; glaube mir, deine Augen sind
+mir wichtiger, und in einem finde ich sie, Gott sei Dank, ganz
+unverändert, du siehst mich immer noch so freundlich an wie früher.«
+
+Und sie eilte auf die Mama zu und küßte ihr die Hand. »Effi, du bist
+so stürmisch. Ganz die alte.«
+
+»Ach nein, Mama. Nicht die alte. Ich wollte, es wäre so. Man ändert
+sich in der Ehe.«
+
+Vetter Briest lachte. »Cousine, ich merke nicht viel davon; du bist
+noch hübscher geworden, das ist alles. Und mit dem Stürmischen wird es
+wohl auch noch nicht vorbei sein.«
+
+»Ganz der Vetter«, versicherte die Mama; Effi selbst aber wollte
+davon nichts hören und sagte: »Dagobert, du bist alles, nur kein
+Menschenkenner. Es ist sonderbar. Ihr Offiziere seid keine guten
+Menschenkenner, die jungen gewiß nicht. Ihr guckt euch immer nur
+selber an oder eure Rekruten, und die von der Kavallerie haben auch
+noch ihre Pferde. Die wissen nun vollends nichts.«
+
+»Aber Cousine, wo hast du denn diese ganze Weisheit her? Du kennst
+ja keine Offiziere. Kessin, so habe ich gelesen, hat ja auf die ihm
+zugedachten Husaren verzichtet, ein Fall, der übrigens einzig in der
+Weltgeschichte dasteht. Und willst du von alten Zeiten sprechen?
+Du warst ja noch ein halbes Kind, als die Rathenower zu euch
+herüberkamen.«
+
+»Ich könnte dir erwidern, daß Kinder am besten beobachten. Aber ich
+mag nicht, das sind ja alles bloß Allotria. Ich will wissen, wie's mit
+Mamas Augen steht.«
+
+Frau von Briest erzählte nun, daß es der Augenarzt für Blutandrang
+nach dem Gehirn ausgegeben habe. Daher käme das Flimmern. Es müsse
+mit Diät gezwungen werden; Bier, Kaffee, Tee - alles gestrichen und
+gelegentlich eine lokale Blutentziehung, dann würde es bald besser
+werden. »Er sprach so von vierzehn Tagen. Aber ich kenne die
+Doktorangaben; vierzehn Tage heißt sechs Wochen, und ich werde
+noch hier sein, wenn Innstetten kommt und ihr in eure neue Wohnung
+einzieht. Ich will auch nicht leugnen, daß das das Beste von der Sache
+ist und mich über die mutmaßlich lange Kurdauer schon vorweg tröstet.
+Sucht euch nur recht was Hübsches. Ich habe mir Landgrafen- oder
+Keithstraße gedacht, elegant und doch nicht allzu teuer. Denn ihr
+werdet euch einschränken müssen. Innstettens Stellung ist sehr
+ehrenvoll, aber sie wirft nicht allzuviel ab. Und Briest klagt auch.
+Die Preise gehen herunter, und er erzählt mir jeden Tag, wenn nicht
+Schutzzölle kämen, so müßte er mit einem Bettelsack von Hohen-Cremmen
+abziehen. Du weißt, er übertreibt gern. Aber nun lange zu, Dagobert,
+und wenn es sein kann, erzähle uns was Hübsches. Krankheitsberichte
+sind immer langweilig, und die liebsten Menschen hören bloß zu, weil
+es nicht anders geht. Effi wird wohl auch gern eine Geschichte hören,
+etwas aus den Fliegenden Blättern oder aus dem Kladderadatsch. Er soll
+aber nicht mehr so gut sein.«
+
+»Oh, er ist noch ebensogut wie früher. Sie haben immer noch
+Strudelwitz und Prudelwitz, und da macht es sich von selber.«
+
+»Mein Liebling ist Karlchen Mießnick und Wippchen von Bernau.«
+
+»Ja, das sind die Besten. Aber Wippchen, der übrigens - Pardon, schöne
+Cousine - keine Kladderadatschfigur ist, Wippchen hat gegenwärtig
+nichts zu tun, es ist ja kein Krieg mehr. Leider. Unsereins möchte
+doch auch mal an die Reihe kommen und hier diese schreckliche Leere«,
+und er strich vom Knopfloch nach der Achsel hinüber, »endlich
+loswerden.« »Ach, das sind ja bloß Eitelkeiten. Erzähle lieber. Was
+ist denn jetzt dran?«
+
+»Ja, Cousine, das ist ein eigen Ding. Das ist nicht für jedermann.
+Jetzt haben wir nämlich die Bibelwitze.«
+
+»Die Bibelwitze? Was soll das heißen? ... Bibel und Witze gehören
+nicht zusammen.«
+
+»Eben deshalb sagte ich, es sei nicht für jedermann. Aber ob
+zulässig oder nicht, sie stehen jetzt hoch im Preis. Modesache, wie
+Kiebitzeier.«
+
+»Nun, wenn es nicht zu toll ist, so gib uns eine Probe. Geht es?«
+
+»Gewiß geht es. Und ich möchte sogar hinzusetzen dürfen, du triffst
+es besonders gut. Was jetzt nämlich kursiert, ist etwas hervorragend
+Feines, weil es als Kombination auftritt und in die einfache
+Bibelstelle noch das dativisch Wrangelsche mit einmischt. Die
+Fragestellung - alle diese Witze treten nämlich in Frageform auf - ist
+übrigens in vorliegendem Falle von großer Simplizität und lautet: 'Wer
+war der erste Kutscher?' Und nun rate.«
+
+»Nun, vielleicht Apollo.«
+
+»Sehr gut. Du bist doch ein Daus, Effi. Ich wäre nicht darauf
+gekommen. Aber trotzdem, du triffst damit nicht ins Schwarze.«
+
+»Nun, wer war es denn?«
+
+»Der erste Kutscher war 'Leid'. Denn schon im Buche Hiob heißt es:
+'Leid soll mir nicht widerfahren', oder auch 'wieder fahren' in zwei
+Wörtern und mit einem e.«
+
+Effi wiederholte kopfschüttelnd den Satz, auch die Zubemerkung, konnte
+sich aber trotz aller Mühe nicht drin zurechtfinden; sie gehörte ganz
+ausgesprochen zu den Bevorzugten, die für derlei Dinge durchaus kein
+Organ haben, und so kam denn Vetter Briest in die nicht beneidenswerte
+Situation, immer erneut erst auf den Gleichklang und dann auch wieder
+auf den Unterschied von 'widerfahren' und 'wieder fahren' hinweisen zu
+müssen.
+
+»Ach, nun versteh ich. Und du mußt mir verzeihen, daß es so lange
+gedauert hat. Aber es ist wirklich zu dumm.«
+
+»Ja, dumm ist es«, sagte Dagobert kleinlaut.
+
+»Dumm und unpassend und kann einem Berlin ordentlich verleiden. Da
+geht man nun aus Kessin fort, um wieder unter Menschen zu sein, und
+das erste, was man hört, ist ein Bibelwitz. Auch Mama schweigt, und
+das sagt genug. Ich will dir aber doch den Rückzug erleichtern ...«
+
+»Das tu, Cousine.«
+
+»... den Rückzug erleichtern und es ganz ernsthaft als ein gutes
+Zeichen nehmen, daß mir, als erstes hier, von meinem Vetter Dagobert
+gesagt wurde: 'Leid soll mir nicht widerfahren.' Sonderbar, Vetter, so
+schwach die Sache als Witz ist, ich bin dir doch dankbar dafür.«
+
+Dagobert, kaum aus der Schlinge heraus, versuchte über Effis
+Feierlichkeit zu spötteln, ließ aber ab davon, als er sah, daß es sie
+verdroß.
+
+Bald nach zehn Uhr brach er auf und versprach, am anderen Tage
+wiederzukommen, um nach den Befehlen zu fragen.
+
+Und gleich nachdem er gegangen, zog sich auch Effi in ihre Zimmer
+zurück.
+
+Am andern Tage war das schönste Wetter, und Mutter und Tochter brachen
+früh auf, zunächst nach der Augenklinik, wo Effi im Vorzimmer verblieb
+und sich mit dem Durchblättern eines Albums beschäftigte. Dann ging es
+nach dem Tiergarten und bis in die Nähe des »Zoologischen«, um dort
+herum nach einer Wohnung zu suchen. Es traf sich auch wirklich so,
+daß man in der Keithstraße, worauf sich ihre Wünsche von Anfang an
+gerichtet hatten, etwas durchaus Passendes ausfindig machte, nur
+daß es ein Neubau war, feucht und noch unfertig. »Es wird nicht
+gehen, liebe Effi«, sagte Frau von Briest, »schon einfach
+Gesundheitsrücksichten werden es verbieten. Und dann, ein Geheimrat
+ist kein Trockenwohner.«
+
+Effi, so sehr ihr die Wohnung gefiel, war um so einverstandener mit
+diesem Bedenken, als ihr an einer raschen Erledigung überhaupt nicht
+lag, ganz im Gegenteil: »Zeit gewonnen, alles gewonnen«, und so war
+ihr denn ein Hinausschieben der ganzen Angelegenheit eigentlich das
+Liebste, was ihr begegnen konnte. »Wir wollen diese Wohnung aber doch
+im Auge behalten, Mama, sie liegt so schön und ist im wesentlichen
+das, was ich mir gewünscht habe.« Dann fuhren beide Damen in die Stadt
+zurück, aßen im Restaurant, das man ihnen empfohlen, und waren am
+Abend in der Oper, wozu der Arzt unter der Bedingung, daß Frau von
+Briest mehr hören als sehen wolle, die Erlaubnis gegeben hatte.
+
+Die nächsten Tage nahmen einen ähnlichen Verlauf; man war aufrichtig
+erfreut, sich wiederzuhaben und nach so langer Zeit wieder ausgiebig
+miteinander plaudern zu können. Effi, die sich nicht bloß auf Zuhören
+und Erzählen, sondern, wenn ihr am wohlsten war, auch auf Medisieren
+ganz vorzüglich verstand, geriet mehr als einmal in ihren alten
+Übermut, und die Mama schrieb nach Hause, wie glücklich sie sei, das
+»Kind« wieder so heiter und lachlustig zu finden; es wiederhole sich
+ihnen allen die schöne Zeit von vor fast zwei Jahren, wo man die
+Ausstattung besorgt habe. Auch Vetter Briest sei ganz der alte. Das
+war nun auch wirklich der Fall, nur mit dem Unterschied, daß er sich
+seltener sehen ließ als vordem und auf die Frage nach dem »Warum«
+anscheinend ernsthaft versicherte: »Du bist mir zu gefährlich,
+Cousine.« Das gab dann jedesmal ein Lachen bei Mutter und Tochter,
+und Effi sagte: »Dagobert, du bist freilich noch sehr jung, aber zu
+solcher Form des Courmachers doch nicht mehr jung genug.«
+
+So waren schon beinahe vierzehn Tage vergangen. Innstetten schrieb
+immer dringlicher und wurde ziemlich spitz, fast auch gegen die
+Schwiegermama, so daß Effi einsah, ein weiteres Hinausschieben sei
+nicht mehr gut möglich und es müsse nun wirklich gemietet werden. Aber
+was dann? Bis zum Umzug nach Berlin waren immer noch drei Wochen, und
+Innstetten drang auf rasche Rückkehr. Es gab also nur ein Mittel: Sie
+mußte wieder eine Komödie spielen, mußte krank werden.
+
+Das kam ihr aus mehr als einem Grunde nicht leicht an; aber es mußte
+sein, und als ihr das feststand, stand ihr auch fest, wie die Rolle,
+bis in die kleinsten Einzelheiten hinein, gespielt werden müsse.
+
+»Mama, Innstetten, wie du siehst, wird über mein Ausbleiben
+empfindlich. Ich denke, wir geben also nach und mieten heute noch.
+Und morgen reise ich. Ach, es wird mir so schwer, mich von dir zu
+trennen.«
+
+Frau von Briest war einverstanden. »Und welche Wohnung wirst du
+wählen?«
+
+»Natürlich die erste, die in der Keithstraße, die mir von Anfang an so
+gut gefiel und dir auch. Sie wird wohl noch nicht ganz ausgetrocknet
+sein, aber es ist ja das Sommerhalbjahr, was einigermaßen ein Trost
+ist. Und wird es mit der Feuchtigkeit zu arg und kommt ein bißchen
+Rheumatismus, so hab ich ja schließlich immer noch Hohen-Cremmen.«
+
+»Kind, beruf es nicht; ein Rheumatismus ist mitunter da, man weiß
+nicht wie.«
+
+Diese Worte der Mama kamen Effi sehr zupaß. Sie mietete denselben
+Vormittag noch und schrieb eine Karte an Innstetten, daß sie den
+nächsten Tag zurückwolle. Gleich danach wurden auch wirklich die
+Koffer gepackt und alle Vorbereitungen getroffen. Als dann aber der
+andere Morgen da war, ließ Effi die Mama an ihr Bett rufen und sagte:
+»Mama, ich kann nicht reisen. Ich habe ein solches Reißen und Ziehen,
+es schmerzt mich über den ganzen Rücken hin, und ich glaube beinah, es
+ist ein Rheumatismus. Ich hätte nicht gedacht, daß das so schmerzhaft
+sei.«
+
+»Siehst du, was ich dir gesagt habe; man soll den Teufel nicht an die
+Wand malen. Gestern hast du noch leichtsinnig darüber gesprochen,
+und heute ist es schon da. Wenn ich Schweigger sehe, werde ich ihn
+fragen, was du tun sollst.« »Nein, nicht Schweigger. Der ist ja ein
+Spezialist. Das geht nicht, und er könnte es am Ende übelnehmen, in so
+was anderem zu Rate gezogen zu werden. Ich denke, das beste ist, wir
+warten es ab. Es kann ja auch vorübergehen. Ich werde den ganzen Tag
+über von Tee und Sodawasser leben, und wenn ich dann transpiriere,
+komm ich vielleicht drüber hin.«
+
+Frau von Briest drückte ihre Zustimmung aus, bestand aber darauf, daß
+sie sich gut verpflege. Daß man nichts genießen müsse, wie das früher
+Mode war, das sei ganz falsch und schwäche bloß; in diesem Punkt stehe
+sie ganz zu der jungen Schule: tüchtig essen.
+
+Effi sog sich nicht wenig Trost aus diesen Anschauungen, schrieb ein
+Telegramm an Innstetten, worin sie von dem »leidigen Zwischenfall«
+und einer ärgerlichen, aber doch nur momentanen Behinderung sprach,
+und sagte dann zu Roswitha: »Roswitha, du mußt mir nun auch Bücher
+besorgen; es wird nicht schwerhalten, ich will alte, ganz alte.«
+
+»Gewiß, gnäd'ge Frau. Die Leihbibliothek ist ja gleich hier nebenan.
+Was soll ich besorgen?«
+
+»Ich will es aufschreiben, allerlei zur Auswahl, denn mitunter haben
+sie nicht das eine, was man grade haben will.« Roswitha brachte
+Bleistift und Papier, und Effi schrieb auf:
+
+Walter Scott, Ivanhoe oder Quentin Durward; Cooper, Der Spion;
+Dickens, David Copperfield; Willibald Alexis, Die Hosen des Herrn von
+Bredow.
+
+Roswitha las den Zettel durch und schnitt in der anderen Stube die
+letzte Zeile fort; sie genierte sich ihret- und ihrer Frau wegen, den
+Zettel in seiner ursprünglichen Gestalt abzugeben.
+
+Ohne besondere Vorkommnisse verging der Tag. Am andern Morgen war
+es nicht besser und am dritten auch nicht. »Effi, das geht so nicht
+länger. Wenn so was einreißt, dann wird man's nicht wieder los;
+wovor die Doktoren am meisten warnen und mit Recht, das sind solche
+Verschleppungen.«
+
+Effi seufzte. »Ja, Mama, aber wen sollen wir nehmen? Nur keinen
+jungen; ich weiß nicht, aber es würde mich genieren.«
+
+»Ein junger Doktor ist immer genant, und wenn er es nicht ist, desto
+schlimmer. Aber du kannst dich beruhigen; ich komme mit einem ganz
+alten, der mich schon behandelt hat, als ich noch in der Heckerschen
+Pension war, also vor etlichen zwanzig Jahren. Und damals war er nah
+an Fünfzig und hatte schönes graues Haar, ganz kraus. Er war ein
+Damenmann, aber in den richtigen Grenzen. Ärzte, die das vergessen,
+gehen unter, und es kann auch nicht anders sein; unsere Frauen,
+wenigstens die aus der Gesellschaft, haben immer noch einen guten
+Fond.«
+
+»Meinst du? Ich freue mich immer, so was Gutes zu hören. Denn mitunter
+hört man doch auch andres. Und schwer mag es wohl oft sein. Und wie
+heißt denn der alte Geheimrat? Ich nehme an, daß es ein Geheimrat
+ist.«
+
+»Geheimrat Rummschüttel.«
+
+Effi lachte herzlich. »Rummschüttel! Und als Arzt für jemanden, der
+sich nicht rühren kann.«
+
+»Effi, du sprichst so sonderbar. Große Schmerzen kannst du nicht
+haben.«
+
+»Nein, in diesem Augenblick nicht; es wechselt beständig.«
+
+Am anderen Morgen erschien Geheimrat Rummschüttel. Frau von Briest
+empfing ihn, und als er Effi sah, war sein erstes Wort: »Ganz die
+Mama.«
+
+Diese wollte den Vergleich ablehnen und meinte, zwanzig Jahre und
+drüber seien doch eine lange Zeit; Rummschüttel blieb aber bei seiner
+Behauptung, zugleich versichernd: nicht jeder Kopf präge sich ihm ein,
+aber wenn er überhaupt erst einen Eindruck empfangen habe, so bleibe
+der auch für immer. »Und nun, meine gnädigste Frau von Innstetten, wo
+fehlt es, wo sollen wir helfen?«
+
+»Ach, Herr Geheimrat, ich komme in Verlegenheit, Ihnen auszudrücken,
+was es ist. Es wechselt beständig. In diesem Augenblick ist es wie
+weggeflogen. Anfangs habe ich an Rheumatisches gedacht, aber ich möcht
+beinah glauben, es sei eine Neuralgie, Schmerzen den Rücken entlang,
+und dann kann ich mich nicht aufrichten. Mein Papa leidet an
+Neuralgie, da hab ich es früher beobachten können. Vielleicht ein
+Erbstück von ihm.«
+
+»Sehr wahrscheinlich«, sagte Rummschüttel, der den Puls gefühlt
+und die Patientin leicht, aber doch scharf beobachtet hatte. »Sehr
+wahrscheinlich, meine gnädigste Frau.« Was er aber still zu sich
+selber sagte, das lautete: »Schulkrank und mit Virtuosität gespielt;
+Evastochter comme il faut.« Er ließ jedoch nichts davon merken,
+sondern sagte mit allem wünschenswerten Ernst: »Ruhe und Wärme sind
+das Beste, was ich anraten kann. Eine Medizin, übrigens nichts
+Schlimmes, wird das Weitere tun.«
+
+Und er erhob sich, um das Rezept aufzuschreiben: Aqua Amygdalarum
+amararum eine halbe Unze, Syrupus florum Aurantii zwei Unzen.
+»Hiervon, meine gnädigste Frau, bitte ich Sie, alle zwei Stunden einen
+halben Teelöffel voll nehmen zu wollen. Es wird Ihre Nerven beruhigen.
+Und worauf ich noch dringen möchte: keine geistigen Anstrengungen,
+keine Besuche, keine Lektüre.« Dabei wies er auf das neben ihr
+liegende Buch.
+
+»Es ist Scott.«
+
+»Oh, dagegen ist nichts einzuwenden. Das beste sind
+Reisebeschreibungen. Ich spreche morgen wieder vor.«
+
+Effi hatte sich wundervoll gehalten, ihre Rolle gut durchgespielt. Als
+sie wieder allein war - die Mama begleitete den Geheimrat -, schoß ihr
+trotzdem das Blut zu Kopf; sie hatte recht gut bemerkt, daß er ihrer
+Komödie mit einer Komödie begegnet war. Er war offenbar ein überaus
+lebensgewandter Herr, der alles recht gut sah, aber nicht alles
+sehen wollte, vielleicht weil er wußte, daß dergleichen auch mal zu
+respektieren sein könne. Denn gab es nicht zu respektierende Komödien,
+war nicht die, die er selber spielte, eine solche? Bald danach kam die
+Mama zurück, und Mutter und Tochter ergingen sich in Lobeserhebungen
+über den feinen alten Herrn, der trotz seiner beinah Siebzig noch
+etwas Jugendliches habe. »Schicke nur gleich Roswitha nach der
+Apotheke ... Du sollst aber nur alle drei Stunden nehmen, hat er mir
+draußen noch eigens gesagt. So war er schon damals, er verschrieb
+nicht oft und nicht viel; aber immer Energisches, und es half auch
+gleich.«
+
+Rummschüttel kam den zweiten Tag und dann jeden dritten, weil er sah,
+welche Verlegenheit sein Kommen der jungen Frau bereitete. Dies nahm
+ihn für sie ein, und sein Urteil stand ihm nach dem dritten Besuch
+fest: »Hier liegt etwas vor, was die Frau zwingt, so zu handeln, wie
+sie handelt.« Über solche Dinge den Empfindlichen zu spielen, lag
+längst hinter ihm.
+
+Als Rummschüttel seinen vierten Besuch machte, fand er Effi auf, in
+einem Schaukelstuhl sitzend, ein Buch in der Hand, Annie neben ihr.
+
+»Ah, meine gnädigste Frau! Hocherfreut. Ich schiebe es nicht auf die
+Arznei; das schöne Wetter, die hellen, frischen Märztage, da fällt die
+Krankheit ab. Ich beglückwünsche Sie. Und die Frau Mama?«
+
+»Sie ist ausgegangen, Herr Geheimrat, in die Keithstraße, wo wir
+gemietet haben. Ich erwarte nun innerhalb weniger Tage meinen Mann,
+den ich mich, wenn in unserer Wohnung erst alles in Ordnung sein wird,
+herzlich freue, Ihnen vorstellen zu können. Denn ich darf doch wohl
+hoffen, daß Sie auch in Zukunft sich meiner annehmen werden.«
+
+Er verbeugte sich.
+
+»Die neue Wohnung«, fuhr sie fort, »ein Neubau, macht mir freilich
+Sorge. Glauben Sie, Herr Geheimrat, daß die feuchten Wände ...«
+
+»Nicht im geringsten, meine gnädigste Frau. Lassen Sie drei, vier Tage
+lang tüchtig heizen und immer Türen und Fenster auf, da können Sie's
+wagen, auf meine Verantwortung. Und mit Ihrer Neuralgie, das war nicht
+von solcher Bedeutung. Aber ich freue mich Ihrer Vorsicht, die mir
+Gelegenheit gegeben hat, eine alte Bekanntschaft zu erneuern und eine
+neue zu machen.«
+
+Er wiederholte seine Verbeugung, sah noch Annie freundlich in die
+Augen und verabschiedete sich unter Empfehlungen an die Mama.
+
+Kaum daß er fort war, so setzte sich Effi an den Schreibtisch und
+schrieb: »Lieber Innstetten! Eben war Rummschüttel hier und hat mich
+aus der Kur entlassen. Ich könnte nun reisen, morgen etwa; aber heut
+ist schon der 24., und am 28. willst Du hier eintreffen. Angegriffen
+bin ich ohnehin noch. Ich denke, Du wirst einverstanden sein, wenn ich
+die Reise ganz aufgebe. Die Sachen sind ja ohnehin schon unterwegs,
+und wir würden, wenn ich käme, in Hoppensacks Hotel wie Fremde leben
+müssen. Auch der Kostenpunkt ist in Betracht zu ziehen, die Ausgaben
+werden sich ohnehin häufen; unter anderem ist Rummschüttel zu
+honorieren, wenn er uns auch als Arzt verbleibt. Übrigens ein sehr
+liebenswürdiger alter Herr. Er gilt ärztlich nicht für ersten
+Ranges, 'Damendoktor', sagen seine Gegner und Neider. Aber dies
+Wort umschließt doch auch ein Lob; es kann eben nicht jeder mit uns
+umgehen. Daß ich von den Kessinern nicht persönlich Abschied nehme,
+hat nicht viel auf sich. Bei Gieshübler war ich. Die Frau Majorin hat
+sich immer ablehnend gegen mich verhalten, ablehnend bis zur Unart;
+bleibt noch der Pastor und Doktor Hannemann und Crampas. Empfiehl
+mich letzterem. An die Familien auf dem Lande schicke ich Karten;
+Güldenklees, wie Du mir schreibst, sind in Italien (was sie da wollen,
+weiß ich nicht), und so bleiben nur die drei andern. Entschuldige
+mich, so gut es geht. Du bist ja der Mann der Formen und weißt
+das richtige Wort zu treffen. An Frau Von Padden, die mir am
+Silvesterabend so außerordentlich gut gefiel, schreibe ich vielleicht
+selber noch und spreche ihr mein Bedauern aus. Laß mich in einem
+Telegramm wissen, ob Du mit allem einverstanden bist. Wie immer Deine
+Effi.«
+
+Effi brachte selber den Brief zur Post, als ob sie dadurch die Antwort
+beschleunigen könne, und am nächsten Vormittag traf denn auch das
+erbetene Telegramm von Innstetten ein: »Einverstanden mit allem.« Ihr
+Herz jubelte, sie eilte hinunter und auf den nächsten Droschkenstand
+zu: »Keithstraße Ic.« Und erst die Linden und dann die
+Tiergartenstraße hinunter flog die Droschke, und nun hielt sie vor der
+neuen Wohnung.
+
+Oben standen die den Tag vorher eingetroffenen Sachen noch bunt
+durcheinander, aber es störte sie nicht, und als sie auf den breiten,
+aufgemauerten Balkon hinaustrat, lag jenseits der Kanalbrücke der
+Tiergarten vor ihr, dessen Bäume schon überall einen grünen Schimmer
+zeigten. Darüber aber ein klarer blauer Himmel und eine lachende
+Sonne.
+
+Sie zitterte vor Erregung und atmete hoch auf. Dann trat sie vom
+Balkon her wieder über die Türschwelle zurück, hob den Blick und
+faltete die Hände.
+
+»Nun, mit Gott, ein neues Leben! Es soll anders werden.«
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Kapitel
+
+Drei Tage danach, ziemlich spät, um die neunte Stunde, traf Innstetten
+in Berlin ein. Alles war am Bahnhof: Effi, die Mama, der Vetter; der
+Empfang war herzlich, am herzlichsten von seiten Effis, und man hatte
+bereits eine Welt von Dingen durchgesprochen, als der Wagen, den man
+genommen, vor der neuen Wohnung in der Keithstraße hielt. »Ach, da
+hast du gut gewählt, Effi«, sagte Innstetten, als er in das Vestibül
+eintrat, »kein Haifisch, kein Krokodil und hoffentlich auch kein
+Spuk.«
+
+»Nein, Geert, damit ist es nun vorbei. Nun bricht eine andere Zeit an,
+und ich fürchte mich nicht mehr und will auch besser sein als früher
+und dir mehr zu Willen leben.« Alles das flüsterte sie ihm zu, während
+sie die teppichbedeckte Treppe bis in den zweiten Stock hinanstiegen.
+Der Vetter führte die Mama.
+
+Oben fehlte noch manches, aber für einen wohnlichen Eindruck war doch
+gesorgt, und Innstetten sprach seine Freude darüber aus. »Effi, du
+bist doch ein kleines Genie«; aber diese lehnte das Lob ab und zeigte
+auf die Mama, die habe das eigentliche Verdienst. »Hier muß es
+stehen«, so habe es unerbittlich geheißen, und immer habe sie's
+getroffen, wodurch natürlich viel Zeit gespart und die gute Laune
+nie gestört worden sei. Zuletzt kam auch Roswitha, um den Herrn zu
+begrüßen, bei welcher Gelegenheit sie sagte, Fräulein Annie ließe sich
+für heute entschuldigen - ein kleiner Witz, auf den sie stolz war und
+mit dem sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte.
+
+Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch, und als
+Innstetten sich ein Glas Wein eingeschenkt und »auf glückliche Tage«
+mit allen angestoßen hatte, nahm er Effis Hand und sagte: »Aber Effi,
+nun erzähle mir, was war das mit deiner Krankheit?«
+
+»Ach, lassen wir doch das, nicht der Rede wert; ein bißchen
+schmerzhaft und eine rechte Störung, weil es einen Strich durch
+unsere Pläne machte. Aber mehr war es nicht, und nun ist es vorbei.
+Rummschüttel hat sich bewährt, ein feiner, liebenswürdiger alter Herr,
+wie ich dir, glaub ich, schon schrieb. In seiner Wissenschaft soll er
+nicht gerade glänzen, aber Mama sagt, das sei ein Vorzug. Und sie wird
+wohl recht haben, wie in allen Stücken. Unser guter Doktor Hannemann
+war auch kein Licht und traf es doch immer. Und nun sag, was macht
+Gieshübler und die anderen alle?«
+
+»Ja, wer sind die anderen alle? Crampas läßt sich der gnäd'gen Frau
+empfehlen ...«
+
+»Ah, sehr artig.«
+
+»Und der Pastor will dir desgleichen empfohlen sein; nur die
+Herrschaften auf dem Lande waren ziemlich nüchtern und schienen auch
+mich für deinen Abschied ohne Abschied verantwortlich machen zu
+wollen. Unsere Freundin Sidonie war sogar spitz, und nur die gute Frau
+von Padden, zu der ich eigens vorgestern noch hinüberfuhr, freute sich
+aufrichtig über deinen Gruß und deine Liebeserklärung an sie. Du seist
+eine reizende Frau, sagte sie, aber ich sollte dich gut hüten. Und als
+ich ihr erwiderte, du fändest schon, daß ich mehr ein Erzieher als ein
+Ehemann sei, sagte sie halblaut und beinahe wie abwesend: 'Ein junges
+Lämmchen, weiß wie Schnee.' Und dann brach sie ab.«
+
+Vetter Briest lachte. »'Ein junges Lämmchen, weiß wie Schnee.' Da
+hörst du's, Cousine.« Und er wollte sie zu necken fortfahren, gab es
+aber auf, als er sah, daß sie sich verfärbte.
+
+Das Gespräch, das meist zurückliegende Verhältnisse berührte, spann
+sich noch eine Weile weiter, und Effi erfuhr zuletzt aus diesem und
+jenem, was Innstetten mitteilte, daß sich von dem ganzen Kessiner
+Hausstand nur Johanna bereit erklärt habe, die Übersiedlung nach
+Berlin mitzumachen. Sie sei natürlich noch zurückgeblieben, werde aber
+in zwei, drei Tagen mit dem Rest der Sachen eintreffen; er sei froh
+über ihren Entschluß, denn sie sei immer die Brauchbarste gewesen
+und von einem ausgesprochenen großstädtischen Schick. Vielleicht ein
+bißchen zu sehr. Christel und Friedrich hätten sich beide für zu
+alt erklärt, und mit Kruse zu verhandeln, habe sich von vornherein
+verboten. »Was soll uns ein Kutscher hier?« schloß Innstetten. »Pferd
+und Wagen, das sind tempi passati, mit diesem Luxus ist es in Berlin
+vorbei. Nicht einmal das schwarze Huhn hätten wir unterbringen können.
+Oder unterschätze ich die Wohnung?«
+
+Effi schüttelte den Kopf, und als eine kleine Pause eintrat, erhob
+sich die Mama; es sei bald elf, und sie habe noch einen weiten Weg,
+übrigens solle sie niemand begleiten, der Droschkenstand sei ja nah
+- ein Ansinnen, das Vetter Briest natürlich ablehnte. Bald darauf
+trennte man sich, nachdem noch ein Rendezvous für den anderen
+Vormittag verabredet war.
+
+Effi war ziemlich früh auf und hatte - die Luft war beinahe sommerlich
+warm - den Kaffeetisch bis nahe an die geöffnete Balkontür rücken
+lassen, und als Innstetten nun auch erschien, trat sie mit ihm auf
+den Balkon hinaus und sagte: »Nun, was sagst du? Du wolltest den
+Finkenschlag aus dem Tiergarten hören und die Papageien aus dem
+Zoologischen.
+
+Ich weiß nicht, ob beide dir den Gefallen tun werden, aber möglich ist
+es. Hörst du wohl? Das kam von drüben, drüben aus dem kleinen Park. Es
+ist nicht der eigentliche Tiergarten, aber doch beinah.«
+
+Innstetten war entzückt und von einer Dankbarkeit, als ob Effi ihm
+das alles persönlich herangezaubert habe. Dann setzten sie sich, und
+nun kam auch Annie. Roswitha verlangte, daß Innstetten eine große
+Veränderung an dem Kinde finden solle, was er denn auch schließlich
+tat. Und dann plauderten sie weiter, abwechselnd über die Kessiner und
+die in Berlin zu machenden Visiten und ganz zuletzt auch über eine
+Sommerreise. Mitten im Gespräch aber mußten sie abbrechen, um
+rechtzeitig beim Rendezvous erscheinen zu können.
+
+Man traf sich, wie verabredet, bei Helms, gegenüber dem Roten Schloß,
+besuchte verschiedene Läden, aß bei Hiller und war bei guter Zeit
+wieder zu Haus. Es war ein gelungenes Beisammensein gewesen.
+Innstetten herzlich froh, das großstädtische Leben wieder mitmachen
+und auf sich wirken lassen zu können. Tags darauf, am 1. April, begab
+er sich in das Kanzlerpalais, um sich einzuschreiben (eine persönliche
+Gratulation unterließ er aus Rücksicht), und ging dann aufs
+Ministerium, um sich da zu melden. Er wurde auch angenommen, trotzdem
+es ein geschäftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger Tag war,
+ja, sah sich seitens seines Chefs durch besonders entgegenkommende
+Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. Er wisse, was er an ihm habe, und sei
+sicher, ihr Einvernehmen nie gestört zu sehen.
+
+Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten. Ein aufrichtiges
+Bedauern war es für Effi, die Mama, nachdem diese, wie gleich
+anfänglich vermutet, fast sechs Wochen lang in Kur gewesen, nach
+Hohen-Cremmen zurückkehren zu sehen, ein Bedauern, das nur dadurch
+einigermaßen gemildert wurde, daß sich Johanna denselben Tag noch
+in Berlin einstellte. Das war immerhin was, und wenn die hübsche
+Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahe stand wie die ganz
+selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswitha, so war sie doch
+gleichmäßig angesehen, ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen
+Herrin, weil sie sehr geschickt und brauchbar und der Männerwelt
+gegenüber von einer ausgesprochenen und selbstbewußten Reserviertheit
+war. Einem Kessiner on dit zufolge ließen sich die Wurzeln ihrer
+Existenz auf eine längst pensionierte Größe der Garnison Pasewalk
+zurückführen, woraus man sich auch ihre vornehme Gesinnung, ihr
+schönes blondes Haar und die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung
+erklären wollte. Johanna selbst teilte die Freude, die man allerseits
+über ihr Eintreffen empfand, und war durchaus einverstanden damit,
+als Hausmädchen und Jungfer, ganz wie früher, den Dienst bei Effi zu
+übernehmen, während Roswitha, die der Christel in beinahe Jahresfrist
+ihre Kochkünste so ziemlich abgelernt hatte, dem Küchendepartement
+vorstehen sollte. Annies Abwartung und Pflege fiel Effi selber zu,
+worüber Roswitha freilich lachte. Denn sie kannte die jungen Frauen.
+
+Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus. Er war
+glücklicher als vordem in Kessin, weil ihm nicht entging, daß Effi
+sich unbefangener und heiterer gab. Und das konnte sie, weil sie sich
+freier fühlte. Wohl blickte das Vergangene noch in ihr Leben hinein,
+aber es ängstigte sie nicht mehr oder doch um vieles seltener und
+vorübergehender, und alles, was davon noch in ihr nachzitterte, gab
+ihrer Haltung einen eigenen Reiz. In jeglichem, was sie tat, lag etwas
+Wehmütiges, wie eine Abbitte, und es hätte sie glücklich gemacht, dies
+alles noch deutlicher zeigen zu können. Aber das verbot sich freilich.
+
+Das gesellschaftliche Leben der großen Stadt war, als sie während der
+ersten Aprilwochen ihre Besuche machten, noch nicht vorüber, wohl aber
+im Erlöschen, und so kam es für sie zu keiner rechten Teilnahme mehr
+daran. In der zweiten Hälfte des Mai starb es dann ganz hin, und mehr
+noch als vorher war man glücklich, sich in der Mittagsstunde, wenn
+Innstetten von seinem Ministerium kam, im Tiergarten treffen oder
+nachmittags einen Spaziergang nach dem Charlottenburger Schloßgarten
+machen zu können. Effi sah sich, wenn sie die lange Front zwischen dem
+Schloß und den Orangeriebäumen auf und ab schritt, immer wieder die
+massenhaft dort stehenden römischen Kaiser an, fand eine merkwürdige
+Ähnlichkeit zwischen Nero und Titus, sammelte Tannenäpfel, die von
+den Trauertannen gefallen waren, und ging dann, Arm in Arm mit ihrem
+Manne, bis auf das nach der Spree hin einsam gelegene »Belvedere« zu.
+
+»Da drin soll es auch einmal gespukt haben«, sagte sie.
+
+»Nein, bloß Geistererscheinungen.«
+
+»Das ist dasselbe.«
+
+»Ja, zuweilen«, sagte Innstetten. »Aber eigentlich ist doch ein
+Unterschied. Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens
+soll es hier in dem 'Belvedere' so gewesen sein, wie Vetter Briest
+erst gestern noch erzählte -, Spuk aber wird nie gemacht, Spuk ist
+natürlich.«
+
+»Also glaubst du doch dran?«
+
+»Gewiß glaub ich dran. Es gibt so was. Nur an das, was wir in Kessin
+davon hatten, glaub ich nicht recht. Hat dir denn Johanna schon ihren
+Chinesen gezeigt?«
+
+»Welchen?«
+
+»Nun, unsern. Sie hat ihn, ehe sie unser altes Haus verließ, oben von
+der Stuhllehne abgelöst und ihn ins Portemonnaie gelegt. Als ich mir
+neulich ein Markstück bei ihr wechselte, hab ich ihn gesehen. Und sie
+hat es mir auch verlegen bestätigt.«
+
+»Ach, Geert, das hättest du mir nicht sagen sollen. Nun ist doch
+wieder so was in unserm Hause.«
+
+»Sag ihr, daß sie ihn verbrennt.«
+
+»Nein, das mag ich auch nicht, und das hilft auch nichts. Aber ich
+will Roswitha bitten ...«
+
+»Um was? Ah, ich verstehe schon, ich ahne, was du vorhast. Die soll
+ein Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun. Ist es
+so was?«
+
+Effi nickte.
+
+»Nun, tu, was du willst. Aber sag es niemandem.«
+
+Effi meinte dann schließlich, es lieber doch lassen zu wollen, und
+unter allerhand kleinem Geplauder, in welchem die Reisepläne für den
+Sommer mehr und mehr Platz gewannen, fuhren sie bis an den »Großen
+Stern« zurück und gingen dann durch die Korso-Allee und die breite
+Friedrich-Wilhelm-Straße auf ihre Wohnung zu.
+
+Sie hatten vor, schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische
+Gebirge zu gehen, wo gerade in diesem Jahr wieder die Oberammergauer
+Spiele stattfanden. Es ließ sich aber nicht tun; Geheimrat von
+Wüllesdorf, den Innstetten schon von früher her kannte und der jetzt
+sein Spezialkollege war, erkrankte plötzlich, und Innstetten mußte
+bleiben und ihn vertreten. Erst Mitte August war alles wieder
+beglichen und damit die Reisemöglichkeit gegeben; es war aber nun zu
+spät geworden, um noch nach Oberammergau zu gehen, und so entschied
+man sich für einen Aufenthalt auf Rügen. »Zunächst natürlich
+Stralsund, mit Schill, den du kennst, und mit Scheele, den du nicht
+kennst und der den Sauerstoff entdeckte, was man aber nicht zu wissen
+braucht. Und dann von Stralsund nach Bergen und dem Rugard, von wo
+man, wie mir Wüllersdorf sagte, die ganze Insel übersehen kann, und
+dann zwischen dem Großen und Kleinen Jasmunder-Bodden hin, bis nach
+Saßnitz. Denn nach Rügen reisen heißt nach Saßnitz reisen. Binz ginge
+vielleicht auch noch, aber da sind - ich muß Wüllersdorf noch einmal
+zitieren - so viele kleine Steinchen und Muschelschalen am Strand, und
+wir wollen doch baden.«
+
+Effi war einverstanden mit allem, was von seiten Innstettens geplant
+wurde, vor allem auch damit, daß der ganze Hausstand auf vier Wochen
+aufgelöst und Roswitha mit Annie nach Hohen-Cremmen, Johanna aber zu
+ihrem etwas jüngeren Halbbruder reisen sollte, der bei Pasewalk eine
+Schneidemühle hatte. So war alles gut untergebracht. Mit Beginn der
+nächsten Woche brach man denn auch wirklich auf, und am selben Abend
+noch war man in Saßnitz. Über dem Gasthaus stand »Hotel Fahrenheit«.
+»Die Preise hoffentlich nach Réaumur«, setzte Innstetten, als er
+den Namen las, hinzu, und in bester Laune machten beide noch einen
+Abendspaziergang an dem Klippenstrand hin und sahen von einem
+Felsenvorsprung aus auf die stille, vom Mondschein überzitterte Bucht.
+Effi war entzückt. »Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja Sorrent.
+Ja, hier bleiben wir. Aber natürlich nicht im Hotel; die Kellner sind
+mir zu vornehm, und man geniert sich, um eine Flasche Sodawasser zu
+bitten ...«
+
+»Ja, lauter Attachés. Es wird sich aber wohl eine Privatwohnung finden
+lassen.«
+
+»Denk ich auch. Und wir wollen gleich morgen danach aussehen.«
+
+Schön wie der Abend war der Morgen, und man nahm das Frühstück im
+Freien. Innstetten empfing etliche Briefe, die schnell erledigt werden
+mußten, und so beschloß Effi, die für sie freigewordene Stunde sofort
+zur Wohnungssuche zu benutzen. Sie ging erst an einer eingepferchten
+Wiese, dann an Häusergruppen und Haferfeldern vorüber und bog zuletzt
+in einen Weg ein, der schluchtartig auf das Meer zulief. Da, wo
+dieser Schluchtenweg den Strand traf, stand ein von hohen Buchen
+überschattetes Gasthaus, nicht so vornehm wie das Fahrenheitsche, mehr
+ein bloßes Restaurant, in dem, der frühen Stunde halber, noch alles
+leer war. Effi nahm an einem Aussichtspunkt Platz, und kaum daß sie
+von dem Sherry, den sie bestellt, genippt hatte, so trat auch schon
+der Wirt an sie heran, um halb aus Neugier und halb aus Artigkeit ein
+Gespräch mit ihr anzuknüpfen.
+
+»Es gefällt uns sehr gut hier«, sagte sie, »meinem Manne und mir;
+welch prächtiger Blick über die Bucht, und wir sind nur in Sorge wegen
+einer Wohnung.«
+
+»Ja, gnädigste Frau, das wird schwerhalten ...«
+
+»Es ist aber schon spät im Jahr ...«
+
+»Trotzdem. Hier in Saßnitz ist sicherlich nichts zu finden, dafür
+möcht ich mich verbürgen; aber weiterhin am Strand, wo das nächste
+Dorf anfängt, Sie können die Dächer von hier aus blinken sehen, da
+möcht es vielleicht sein.«
+
+»Und wie heißt das Dorf?« »Crampas.«
+
+Effi glaubte nicht recht gehört zu haben. »Crampas«, wiederholte sie
+mit Anstrengung. »Ich habe den Namen als Ortsnamen nie gehört ... Und
+sonst nichts in der Nähe?«
+
+»Nein, gnädigste Frau. Hier herum nichts. Aber höher hinauf, nach
+Norden zu, da kommen noch wieder Dörfer, und in dem Gasthause, das
+dicht neben Stubbenkammer liegt, wird man Ihnen gewiß Auskunft geben
+können. Es werden dort von solchen, die gerne noch vermieten wollen,
+immer Adressen abgegeben.«
+
+Effi war froh, das Gespräch allein geführt zu haben, und als sie bald
+danach ihrem Manne Bericht erstattet und nur den Namen des an Saßnitz
+angrenzenden Dorfes verschwiegen hatte, sagte dieser: »Nun, wenn es
+hier herum nichts gibt, so wird es das beste sein, wir nehmen einen
+Wagen (wodurch man sich beiläufig einem Hotel immer empfiehlt) und
+übersiedeln ohne weiteres da höher hinauf, nach Stubbenkammer hin.
+Irgendwas Idyllisches mit einer Geißblattlaube wird sich da wohl
+finden lassen, und finden wir nichts, so bleibt uns immer noch das
+Hotel selbst. Eins ist schließlich wie das andere.«
+
+Effi war einverstanden, und gegen Mittag schon erreichten sie das
+neben Stubbenkammer gelegene Gasthaus, von dem Innstetten eben
+gesprochen, und bestellten daselbst einen Imbiß. »Aber erst nach einer
+halben Stunde; wir haben vor, zunächst noch einen Spaziergang zu
+machen und uns den Herthasee anzusehen. Ein Führer ist doch wohl da?«
+
+Dies wurde bejaht, und ein Mann von mittleren Jahren trat alsbald an
+unsere Reisenden heran. Er sah so wichtig und feierlich aus, als ob er
+mindestens ein Adjunkt bei dem alten Herthadienst gewesen wäre.
+
+Der von hohen Bäumen umstandene See lag ganz in der Nähe, Binsen
+säumten ihn ein, und auf der stillen, schwarzen Wasserfläche schwammen
+zahlreiche Mummeln.
+
+»Es sieht wirklich nach so was aus«, sagte Effi, »nach Herthadienst.«
+
+»Ja, gnäd'ge Frau ... Dessen sind auch noch die Steine Zeugen.«
+
+»Welche Steine?«
+
+»Die Opfersteine.«
+
+Und während sich das Gespräch in dieser Weise fortsetzte, traten alle
+drei vom See her an eine senkrechte, abgestochene Kies- und Lehmwand
+heran, an die sich etliche glattpolierte Steine lehnten, alle mit
+einer flachen Höhlung und etlichen nach unten laufenden Rinnen.
+
+»Und was bezwecken die?«
+
+»Daß es besser abliefe, gnäd'ge Frau.«
+
+»Laß uns gehen«, sagte Effi, und den Arm ihres Mannes nehmend, ging
+sie mit ihm wieder auf das Gasthaus zurück, wo nun, an einer Stelle
+mit weitem Ausblick auf das Meer, das vorher bestellte Frühstück
+aufgetragen wurde. Die Bucht lag im Sonnenlicht vor ihnen, einzelne
+Segelboote glitten darüber hin, und um die benachbarten Klippen
+haschten sich die Möwen. Es war sehr schön, auch Effi fand es; aber
+wenn sie dann über die glitzernde Fläche hinwegsah, bemerkte sie, nach
+Süden zu, wieder die hell aufleuchtenden Dächer des langgestreckten
+Dorfes, dessen Name sie heute früh so sehr erschreckt hatte.
+
+Innstetten, wenn auch ohne Wissen und Ahnung dessen, was in ihr
+vorging, sah doch deutlich, daß es ihr an aller Lust und Freude
+gebrach. »Es tut mir leid, Effi, daß du der Sache nicht recht froh
+wirst. Du kannst den Herthasee nicht vergessen und noch weniger die
+Steine.«
+
+Sie nickte. »Es ist so, wie du sagst. Und ich muß dir bekennen, ich
+habe nichts in meinem Leben gesehen, was mich so traurig gestimmt
+hätte. Wir wollen das Wohnungssuchen ganz aufgeben; ich kann hier
+nicht bleiben.«
+
+»Und gestern war es dir noch der Golf von Neapel und alles mögliche
+Schöne.«
+
+»Ja, gestern.«
+
+»Und heute? Heute keine Spur mehr von Sorrent?«
+
+»Eine Spur noch, aber auch nur eine Spur; es ist Sorrent, als ob es
+sterben wollte.«
+
+»Gut dann, Effi«, sagte Innstetten und reichte ihr die Hand.
+
+»Ich will dich mit Rügen nicht quälen, und so geben wir's denn auf.
+Abgemacht. Es ist nicht nötig, daß wir uns an Stubbenkammer anklammern
+oder an Saßnitz oder da weiter hinunter. Aber wohin?«
+
+»Ich denke, wir bleiben noch einen Tag und warten das Dampfschiff ab,
+das, wenn ich nicht irre, morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen
+hinüberfährt. Da soll es ja so vergnüglich sein, und ich kann dir gar
+nicht sagen, wie sehr ich mich nach etwas Vergnüglichem sehne. Hier
+ist mir, als ob ich in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen könnte
+und überhaupt nie gelacht hätte, und du weißt doch, wie gern ich
+lache.«
+
+Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem Zustand, und das um
+so lieber, als er ihr in vielem recht gab. Es war wirklich alles
+schwermütig, so schön es war.
+
+Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff ab und trafen am
+dritten Tag in aller Frühe in Kopenhagen ein, wo sie auf Kongens
+Nytorv Wohnung nahmen. Zwei Stunden später waren sie schon im
+Thorwaldsen-Museum, und Effi sagte: »Ja, Geert, das ist schön, und ich
+bin glücklich, daß wir uns hierher auf den Weg gemacht haben.« Bald
+danach gingen sie zu Tisch und machten an der Table d'hôte die
+Bekanntschaft einer ihnen gegenübersitzenden jütländischen Familie,
+deren bildschöne Tochter, Thora von Penz, ebenso Innstettens wie Effis
+beinah bewundernde Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm. Effi konnte
+sich nicht satt sehen an den großen blauen Augen und dem flachsblonden
+Haar, und als man sich nach anderthalb Stunden von Tisch erhob, wurde
+seitens der Penzschen Familie - die leider, denselben Tag noch,
+Kopenhagen wieder verlassen mußte - die Hoffnung ausgesprochen, das
+junge preußische Paar mit nächstem in Schloß Aggerhuus (eine halbe
+Meile vom Limfjord) begrüßen zu dürfen, eine Einladung, die von den
+Innstettens auch ohne langes Zögern angenommen wurde. So vergingen die
+Stunden im Hotel. Aber damit war es nicht genug des Guten an diesem
+merkwürdigen Tag, von dem Effi denn auch versicherte, daß er im
+Kalender rot angestrichen werden müsse.
+
+Der Abend brachte, das Maß des Glücks voll zu machen, eine Vorstellung
+im Tivoli-Theater: eine italienische Pantomime, Arlequin und
+Colombine.
+
+Effi war wie berauscht von den kleinen Schelmereien, und als sie spät
+am Abend nach ihrem Hotel zurückkehrten, sagte sie: »Weißt du, Geert,
+nun fühl ich doch, daß ich allmählich wieder zu mir komme. Von der
+schönen Thora will ich gar nicht erst sprechen; aber wenn ich bedenke,
+heute vormittag Thorwaldsen und heute abend diese Colombine ...«
+
+»... Die dir im Grunde doch noch lieber war als Thorwaldsen...«
+
+»Offen gestanden, ja. Ich habe nun mal den Sinn für dergleichen. Unser
+gutes Kessin war ein Unglück für mich. Alles fiel mir da auf die
+Nerven. Rügen beinah auch. Ich denke, wir bleiben noch ein paar Tage
+hier in Kopenhagen, natürlich mit Ausflug nach Frederiksborg und
+Helsingör, und dann nach Jütland hinüber; ich freue mich aufrichtig,
+die schöne Thora wiederzusehen, und wenn ich ein Mann wäre, so
+verliebte ich mich in sie.«
+
+Innstetten lachte. »Du weißt noch nicht, was ich tue.«
+
+»Wär mir schon recht. Dann gibt es einen Wettstreit, und du sollst
+sehen, dann hab ich auch noch meine Kräfte.«
+
+»Das brauchst du mir nicht erst zu versichern.«
+
+So verlief denn auch die Reise. Drüben in Jütland fuhren sie den
+Limfjord hinauf, bis Schloß Aggerhuus, wo sie drei Tage bei der
+Penzschen Familie verblieben, und kehrten dann mit vielen Stationen
+und kürzeren und längeren Aufenthalten in Viborg, Flensburg, Kiel
+über Hamburg (das ihnen ungemein gefiel) in die Heimat zurück -
+nicht direkt nach Berlin in die Keithstraße, wohl aber vorher nach
+Hohen-Cremmen, wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben
+wollte, für Innstetten bedeutete das nur wenige Tage, da sein Urlaub
+abgelaufen war, Effi blieb aber noch eine Woche länger und sprach es
+aus, erst zum dritten Oktober, ihrem Hochzeitstag, wieder zu Hause
+eintreffen zu wollen.
+
+Annie war in der Landluft prächtig gediehen, und was Roswitha geplant
+hatte, daß sie der Mama in Stiefelchen entgegenlaufen sollte, das
+gelang auch vollkommen. Briest gab sich als zärtlicher Großvater,
+warnte vor zuviel Liebe, noch mehr vor zuviel Strenge, und war in
+allem der alte. Eigentlich aber galt all seine Zärtlichkeit doch nur
+Effi, mit der er sich in seinem Gemüt immer beschäftigte, zumeist
+auch, wenn er mit seiner Frau allein war.
+
+»Wie findest du Effi?«
+
+»Lieb und gut wie immer. Wir können Gott nicht genug danken, eine so
+liebenswürdige Tochter zu haben. Und wie dankbar sie für alles ist und
+immer so glücklich, wieder unter unserm Dach zu sein.«
+
+»Ja«, sagte Briest, »sie hat von dieser Tugend mehr, als mir lieb ist.
+Eigentlich ist es, als wäre dies hier immer noch ihre Heimstätte. Sie
+hat doch den Mann und das Kind, und der Mann ist ein Juwel, und das
+Kind ist ein Engel, aber dabei tut sie, als wäre Hohen-Cremmen immer
+noch die Hauptsache für sie, und Mann und Kind kämen gegen uns beide
+nicht an. Sie ist eine prächtige Tochter, aber sie ist es mir zu sehr.
+Es ängstigt mich ein bißchen. Und ist auch ungerecht gegen Innstetten.
+Wie steht es denn eigentlich damit?«
+
+»Ja, Briest, was meinst du?«
+
+»Nun, ich meine, was ich meine, und du weißt auch was. Ist sie
+glücklich? Oder ist da doch irgendwas im Wege? Von Anfang an war mir's
+so, als ob sie ihn mehr schätze als liebe. Und das ist in meinen Augen
+ein schlimm Ding. Liebe hält auch nicht immer vor, aber Schätzung
+gewiß nicht. Eigentlich ärgern sich die Weiber, wenn sie wen schätzen
+müssen; erst ärgern sie sich, und dann langweilen sie sich, und
+zuletzt lachen sie.«
+
+»Hast du so was an dir selber erfahren?«
+
+»Das will ich nicht sagen. Dazu stand ich nicht hoch genug in der
+Schätzung. Aber schrauben wir uns nicht weiter, Luise. Sage, wie steht
+es?«
+
+»Ja, Briest, du kommst immer auf diese Dinge zurück. Da reicht ja
+kein dutzendmal, daß wir darüber gesprochen und unsere Meinungen
+ausgetauscht haben, und immer bist du wieder da mit deinem
+Alleswissenwollen und fragst dabei so schrecklich naiv, als ob ich in
+alle Tiefen sähe. Was hast du nur für Vorstellungen von einer jungen
+Frau und ganz speziell von deiner Tochter? Glaubst du, daß das alles
+so plan daliegt? Oder daß ich ein Orakel bin (ich kann mich nicht
+gleich auf den Namen der Person besinnen) oder daß ich die Wahrheit
+sofort klipp und klar in den Händen halte, wenn mir Effi ihr Herz
+ausgeschüttet hat? Oder was man wenigstens so nennt. Denn was heißt
+ausschütten? Das Eigentliche bleibt doch zurück. Sie wird sich hüten,
+mich in ihre Geheimnisse einzuweihen. Außerdem, ich weiß nicht, von
+wem sie's hat, sie ist ... ja, sie ist eine sehr schlaue kleine
+Person, und diese Schlauheit an ihr ist um so gefährlicher, weil sie
+so sehr liebenswürdig ist.«
+
+»Also das gibst du doch zu ... liebenswürdig. Und auch gut?«
+
+»Auch gut. Das heißt voll Herzensgüte. Wie's sonst steht, da bin ich
+mir doch nicht sicher; ich glaube, sie hat einen Zug, den lieben Gott
+einen guten Mann sein zu lassen und sich zu trösten, er werde wohl
+nicht allzu streng mit ihr sein.«
+
+»Meinst du?«
+
+»Ja, das meine ich. Übrigens glaube ich, daß sich vieles gebessert
+hat. Ihr Charakter ist, wie er ist, aber die Verhältnisse liegen seit
+ihrer Übersiedlung um vieles günstiger, und sie leben sich mehr und
+mehr ineinander ein. Sie hat mir so was gesagt, und was mir wichtiger
+ist, ich hab es auch bestätigt gefunden, mit Augen gesehen.«
+
+»Nun, was sagte sie?«
+
+»Sie sagte: 'Mama, es geht jetzt besser. Innstetten war immer ein
+vortrefflicher Mann, so einer, wie's nicht viele gibt, aber ich konnte
+nicht recht an ihn heran, er hatte so was Fremdes. Und fremd war
+er auch in seiner Zärtlichkeit. Ja, dann am meisten; es hat Zeiten
+gegeben, wo ich mich davor fürchtete.«
+
+»Kenn ich, kenn' ich.«
+
+»Was soll das heißen, Briest? Soll ich mich gefürchtet haben,
+oder willst du dich gefürchtet haben? Ich finde beides gleich
+lächerlich ...«
+
+»Du wolltest von Effi erzählen.«
+
+»Nun also, sie gestand mir, daß dies Gefühl des Fremden sie verlassen
+habe, was sie sehr glücklich mache. Kessin sei nicht der rechte Platz
+für sie gewesen, das spukige Haus und die Menschen da, die einen zu
+fromm, die andern zu platt; aber seit ihrer Übersiedlung nach Berlin
+fühle sie sich ganz an ihrem Platz. Er sei der beste Mensch, etwas zu
+alt für sie und zu gut für sie, aber sie sei nun über den Berg. Sie
+brauchte diesen Ausdruck, der mir allerdings auffiel.«
+
+»Wieso? Er ist nicht ganz auf der Höhe, ich meine der Ausdruck.
+Aber ...«
+
+»Es steckt etwas dahinter. Und sie hat mir das auch andeuten wollen.«
+
+»Meinst du?«
+
+»Ja, Briest; du glaubst immer, sie könne kein Wasser trüben. Aber
+darin irrst du. Sie läßt sich gern treiben, und wenn die Welle gut
+ist, dann ist sie auch selber gut. Kampf und Widerstand sind nicht
+ihre Sache.«
+
+Roswitha kam mit Annie, und so brach das Gespräch ab.
+
+Dies Gespräch führten Briest und Frau an demselben Tag, wo Innstetten
+von Hohen-Cremmen nach Berlin hin abgereist war, Effi auf wenigstens
+noch eine Woche zurücklassend. Er wußte, daß es nichts Schöneres
+für sie gab, als so sorglos in einer weichen Stimmung hinträumen zu
+können, immer freundliche Worte zu hören und die Versicherung, wie
+liebenswürdig sie sei. Ja, das war das, was ihr vor allem wohltat, und
+sie genoß es auch diesmal wieder in vollen Zügen und aufs dankbarste,
+trotzdem jede Zerstreuung fehlte; Besuch kam selten, weil es seit
+ihrer Verheiratung, wenigstens für die junge Welt, an dem rechten
+Anziehungspunkt gebrach, und selbst die Pfarre und die Schule waren
+nicht mehr das, was sie noch vor Jahr und Tag gewesen waren. Zumal
+im Schulhaus stand alles halb leer. Die Zwillinge hatten sich im
+Frühjahr an zwei Lehrer in der Nähe von Genthin verheiratet, große
+Doppelhochzeit mit Festbericht im »Anzeiger fürs Havelland«, und Hulda
+war in Friesack zur Pflege einer alten Erbtante, die sich übrigens,
+wie gewöhnlich in solchen Fällen, um sehr viel langlebiger erwies,
+als Niemeyers angenommen hatten. Hulda schrieb aber trotzdem immer
+zufriedene Briefe, nicht weil sie wirklich zufrieden war (im
+Gegenteil), sondern weil sie den Verdacht nicht aufkommen lassen
+wollte, daß es einem so ausgezeichneten Wesen anders als sehr gut
+ergehen könne. Niemeyer, ein schwacher Vater, zeigte die Briefe mit
+Stolz und Freude, während der ebenfalls ganz in seinen Töchtern
+lebende Jahnke sich herausgerechnet hatte, daß beide junge Frauen
+am selben Tage, und zwar am Weihnachtsheiligabend, ihre Niederkunft
+halten würden. Effi lachte herzlich und drückte dem Großvater in spe
+zunächst den Wunsch aus, bei beiden Enkeln zu Gevatter geladen zu
+werden, ließ dann aber die Familienthemata fallen und erzählte von
+»Kjöbenhavn« und Helsingör, vom Limfjord und Schloß Aggerhuus und
+vor allem von Thora von Penz, die, wie sie nur sagen könne, »typisch
+skandinavisch« gewesen sei, blauäugig, flachsen und immer in einer
+roten Plüschtaille, wobei sich Jahnke verklärte und einmal über das
+andere sagte: »Ja, so sind sie; rein germanisch, viel deutscher als
+die Deutschen.«
+
+An ihrem Hochzeitstag, dem dritten Oktober, wollte Effi wieder in
+Berlin sein. Nun war es der Abend vorher, und unter dem Vorgeben, daß
+sie packen und alles zur Rückreise vorbereiten wolle, hatte sie sich
+schon verhältnismäßig früh auf ihr Zimmer zurückgezogen. Eigentlich
+lag ihr aber nur daran, allein zu sein; so gern sie plauderte, so
+hatte sie doch auch Stunden, wo sie sich nach Ruhe sehnte.
+
+Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer lagen nach dem Garten
+hinaus; in dem kleineren schliefen Roswitha und Annie, die Tür nur
+angelehnt, in dem größeren, das sie selber innehatte, ging sie auf und
+ab; die unteren Fensterflügel waren geöffnet, und die kleinen weißen
+Gardinen bauschten sich in dem Zug, der ging, und fielen dann langsam
+über die Stuhllehne, bis ein neuer Zugwind kam und sie wieder frei
+machte. Dabei war es so hell, daß man die Unterschriften unter den
+über dem Sofa hängenden und in schmale Goldleisten eingerahmten
+Bildern deutlich lesen konnte:
+
+»Der Sturm auf Düppel, Schanze V« und daneben: »König Wilhelm und
+Graf Bismarck auf der Höhe von Lipa«. Effi schüttelte den Kopf und
+lächelte. »Wenn ich wieder hier bin, bitt ich mir andere Bilder aus;
+ich kann so was Kriegerisches nicht leiden.« Und nun schloß sie
+das eine Fenster und setzte sich an das andere, dessen Flügel sie
+offenließ. Wie tat ihr das alles so wohl. Neben dem Kirchturm stand
+der Mond und warf sein Licht auf den Rasenplatz mit der Sonnenuhr
+und den Heliotropbeeten. Alles schimmerte silbern, und neben den
+Schattenstreifen lagen weiße Lichtstreifen, so weiß, als läge Leinwand
+auf der Bleiche. Weiterhin aber standen die hohen Rhabarberstauden
+wieder, die Blätter herbstlich gelb, und sie mußte des Tages gedenken,
+nun erst wenig über zwei Jahre, wo sie hier mit Hulda und den
+Jahnkeschen Mädchen gespielt hatte. Und dann war sie, als der Besuch
+kam, die kleine Steintreppe neben der Bank hinaufgestiegen, und eine
+Stunde später war sie Braut.
+
+Sie erhob sich und ging auf die Tür zu und horchte: Roswitha schlief
+schon und Annie auch.
+
+Und mit einem Male, während sie das Kind so vor sich hatte, traten
+ungerufen allerlei Bilder aus den Kessiner Tagen wieder vor ihre
+Seele: das landrätliche Haus mit seinem Giebel und die Veranda mit dem
+Blick auf die Plantage, und sie saß im Schaukelstuhl und wiegte sich;
+und nun trat Crampas an sie heran, um sie zu begrüßen, und dann kam
+Roswitha mit dem Kinde, und sie nahm es und hob es hoch in die Höhe
+und küßte es.
+
+»Das war der erste Tag; da fing es an.« Und während sie dem nachhing,
+verließ sie das Zimmer, drin die beiden schliefen, und setzte sich
+wieder an das offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus.
+
+»Ich kann es nicht loswerden«, sagte sie. »Und was das schlimmste ist
+und mich ganz irre macht an mir selbst ...«
+
+In diesem Augenblick setzte die Turmuhr drüben ein, und Effi zählte
+die Schläge.
+
+»Zehn ... Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin. Und wir
+sprechen davon, daß unser Hochzeitstag sei, und er sagt mir Liebes und
+Freundliches und vielleicht Zärtliches. Und ich sitze dabei und höre
+es und habe die Schuld auf meiner Seele.«
+
+Und sie stützte den Kopf auf ihre Hand und starrte vor sich hin und
+schwieg.
+
+»Und ich habe die Schuld auf meiner Seele«, wiederholte sie. »Ja, da
+hab ich sie. Aber lastet sie auch auf meiner Seele? Nein. Und das ist
+es, warum ich vor mir selbst erschrecke. Was da lastet, das ist etwas
+ganz anderes - Angst, Todesangst und die ewige Furcht: Es kommt doch
+am Ende noch an den Tag. Und dann außer der Angst ... Scham. Ich
+schäme mich. Aber wie ich nicht die rechte Reue habe, so hab ich auch
+nicht die rechte Scham. Ich schäme mich bloß von wegen dem ewigen Lug
+und Trug; immer war es mein Stolz, daß ich nicht lügen könne und auch
+nicht zu lügen brauche, lügen ist so gemein, und nun habe ich doch
+immer lügen müssen, vor ihm und vor aller Welt, im großen und im
+kleinen, und Rummschüttel hat es gemerkt und hat die Achseln gezuckt,
+und wer weiß, was er von mir denkt, jedenfalls nicht das Beste. Ja,
+Angst quält mich und dazu Scham über mein Lügenspiel. Aber Scham über
+meine Schuld, die hab ich nicht oder doch nicht so recht oder doch
+nicht genug, und das bringt mich um, daß ich sie nicht habe. Wenn alle
+Weiber so sind, dann ist es schrecklich, und wenn sie nicht so sind,
+wie ich hoffe, dann steht es schlecht um mich, dann ist etwas nicht in
+Ordnung in meiner Seele, dann fehlt mir das richtige Gefühl. Und das
+hat mir der alte Niemeyer in seinen guten Tagen noch, als ich noch ein
+halbes Kind war, mal gesagt: auf ein richtiges Gefühl, darauf käme
+es an, und wenn man das habe, dann könne einem das Schlimmste nicht
+passieren, und wenn man es nicht habe, dann sei man in einer ewigen
+Gefahr, und das, was man den Teufel nenne, das habe dann eine sichere
+Macht über uns. Um Gottes Barmherzigkeit willen, steht es so mit mir?«
+
+Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte bitterlich. Als sie
+sich wieder aufrichtete, war sie ruhiger geworden und sah wieder in
+den Garten hinaus. Alles war so still, und ein leiser, feiner Ton, wie
+wenn es regnete, traf von den Platanen her ihr Ohr.
+
+So verging eine Weile. Herüber von der Dorfstraße klang ein Geplärr:
+der alte Nachtwächter Kulicke rief die Stunden ab, und als er
+zuletzt schwieg, vernahm sie von fernher, aber immer näher kommend,
+das Rasseln des Zuges, der auf eine halbe Meile Entfernung an
+Hohen-Cremmen vorüberfuhr. Dann wurde der Lärm wieder schwächer,
+endlich erstarb er ganz, und nur der Mondschein lag noch auf dem
+Grasplatz, und nur auf die Platanen rauschte es nach wie vor wie
+leiser Regen nieder. Aber es war nur die Nachtluft, die ging.
+
+
+
+Fünfundzwanzigstes Kapitel
+
+Am andern Abend war Effi wieder in Berlin, und Innstetten empfing sie
+am Bahnhof, mit ihm Rollo, der, als sie plaudernd durch den Tiergarten
+hinfuhren, nebenher trabte.
+
+»Ich dachte schon, du würdest nicht Wort halten.«
+
+»Aber Geert, ich werde doch Wort halten, das ist doch das erste.«
+
+»Sage das nicht. Immer Wort halten ist sehr viel. Und mitunter kann
+man auch nicht. Denke doch zurück. Ich erwartete dich damals in
+Kessin, als du die Wohnung mietetest, und wer nicht kam, war Effi.«
+
+»Ja, das war was anderes.«
+
+Sie mochte nicht sagen »ich war krank«, und Innstetten hörte drüber
+hin. Er hatte seinen Kopf auch voll anderer Dinge, die sich auf
+sein Amt und seine gesellschaftliche Stellung bezogen. »Eigentlich,
+Effi, fängt unser Berliner Leben nun erst an. Als wir im April hier
+einzogen, damals ging es mit der Saison auf die Neige, kaum noch,
+daß wir unsere Besuche machen konnten, und Wüllersdorf, der einzige,
+dem wir naherstanden - nun, der ist leider Junggeselle. Von Juni an
+schläft dann alles ein, und die heruntergelassenen Rollos verkünden
+einem schon auf hundert Schritt 'Alles ausgeflogen'; ob wahr oder
+nicht, macht keinen Unterschied ... Ja, was blieb da noch? Mal mit
+Vetter Briest sprechen, mal bei Hiller essen, das ist kein richtiges
+Berliner Leben. Aber nun soll es anders werden. Ich habe mir die Namen
+aller Räte notiert, die noch mobil genug sind, um ein Haus zu machen.
+Und wir wollen es auch, wollen auch ein Haus machen, und wenn der
+Winter dann da ist, dann soll es im ganzen Ministerium heißen: 'Ja,
+die liebenswürdigste Frau, die wir jetzt haben, das ist doch die Frau
+von Innstetten.'«
+
+»Ach, Geert, ich kenne dich ja gar nicht wieder, du sprichst ja wie
+ein Courmacher.«
+
+»Es ist unser Hochzeitstag, und da mußt du mir schon was zugute
+halten.«
+
+Innstetten war ernsthaft gewillt, auf das stille Leben, das er
+in seiner landrätlichen Stellung geführt, ein gesellschaftlich
+angeregteres folgen zu lassen, um seinet- und noch mehr um Effis
+willen; es ließ sich aber anfangs nur schwach und vereinzelt damit
+an, die rechte Zeit war noch nicht gekommen, und das Beste, was man
+zunächst von dem neuen Leben hatte, war genauso wie während des
+zurückliegenden Halbjahres ein Leben im Hause. Wüllersdorf kam oft,
+auch Vetter Briest, und waren die da, so schickte man zu Gizickis
+hinauf, einem jungen Ehepaar, das über ihnen wohnte. Gizicki selbst
+war Landgerichtsrat, seine kluge, aufgeweckte Frau ein Fräulein von
+Schmettau. Mitunter wurde musiziert, kurze Zeit sogar ein Whist
+versucht; man gab es aber wieder auf, weil man fand, daß eine
+Plauderei gemütlicher wäre. Gizickis hatten bis vor kurzem in einer
+kleinen oberschlesischen Stadt gelebt, und Wüllersdorf war sogar,
+freilich vor einer Reihe von Jahren schon, in den verschiedensten
+kleinen Nestern der Provinz Posen gewesen, weshalb er denn auch den
+bekannten Spottvers:
+
+ Schrimm
+ Ist schlimm,
+ Rogasen
+ Zum Rasen,
+ Aber weh dir nach Samter
+ Verdammter -
+
+mit ebensoviel Emphase wie Vorliebe zu zitieren pflegte.
+
+Niemand erheiterte sich dabei mehr als Effi, was dann meistens
+Veranlassung wurde, kleinstädtische Geschichten in Hülle und Fülle
+folgen zu lassen. Auch Kessin mit Gieshübler und der Trippelli,
+Oberförster Ring und Sidonie Grasenabb kam dann wohl an die Reihe,
+wobei sich Innstetten, wenn er guter Laune war, nicht leicht genugtun
+konnte. »Ja«, so hieß es dann wohl, »unser gutes Kessin! Das muß ich
+zugeben, es war eigentlich reich an Figuren, obenan Crampas, Major
+Crampas, ganz Beau und halber Barbarossa, den meine Frau, ich weiß
+nicht, soll ich sagen unbegreiflicher- oder begreiflicherweise, stark
+in Affektion genommen hatte ...«
+
+»Sagen wir begreiflicherweise«, warf Wüllersdorf ein, »denn ich nehme
+an, daß er Ressourcenvorstand war und Komödie spielte, Liebhaber oder
+Bonvivants. Und vielleicht noch mehr, vielleicht war er auch ein
+Tenor.«
+
+Innstetten bestätigte das eine wie das andere, und Effi suchte lachend
+darauf einzugehen, aber es gelang ihr nur mit Anstrengung, und wenn
+dann die Gäste gingen und Innstetten sich in sein Zimmer zurückzog, um
+noch einen Stoß Akten abzuarbeiten, so fühlte sie sich immer aufs neue
+von den alten Vorstellungen gequält, und es war ihr zu Sinn, als ob
+ihr ein Schatten nachginge.
+
+Solche Beängstigungen blieben ihr auch. Aber sie kamen doch seltener
+und schwächer, was bei der Art, wie sich ihr Leben gestaltete, nicht
+wundernehmen konnte. Die Liebe, mit der ihr nicht nur Innstetten,
+sondern auch fernerstehende Personen begegneten, und nicht zum
+wenigsten die beinah zärtliche Freundschaft, die die Ministerin, eine
+selbst noch junge Frau, für sie an den Tag legte - all das ließ die
+Sorgen und Ängste zurückliegender Tage sich wenigstens mindern, und
+als ein zweites Jahr ins Land gegangen war und die Kaiserin, bei
+Gelegenheit einer neuen Stiftung, die »Frau Geheimrätin« mit
+ausgewählt und in die Zahl der Ehrendamen eingereiht, der alte Kaiser
+Wilhelm aber auf dem Hofball gnädige, huldvolle Worte an die schöne
+junge Frau, von der er schon gehört habe, gerichtet hatte, da fiel es
+allmählich von ihr ab. Es war einmal gewesen, aber weit, weit weg, wie
+auf einem andern Stern, und alles löste sich wie ein Nebelbild und
+wurde Traum.
+
+Die Hohen-Cremmener kamen dann und wann auf Besuch und freuten sich
+des Glücks der Kinder, Annie wuchs heran - »schön wie die Großmutter«,
+sagte der alte Briest -, und wenn es an dem klaren Himmel eine Wolke
+gab, so war es die, daß es, wie man nun beinahe annehmen mußte, bei
+Klein Annie sein Bewenden haben werde; Haus Innstetten (denn es
+gab nicht einmal Namensvettern) stand also mutmaßlich auf dem
+Aussterbeetat. Briest, der den Fortbestand anderer Familien obenhin
+behandelte, weil er eigentlich nur an die Briests glaubte, scherzte
+mitunter darüber und sagte: »Ja, Innstetten, wenn das so weitergeht,
+so wird Annie seinerzeit wohl einen Bankier heiraten (hoffentlich
+einen christlichen, wenn's deren dann noch gibt), und mit Rücksicht
+auf das alte freiherrliche Geschlecht der Innstetten wird dann
+Seine Majestät Annies Haute-finance-Kinder unter dem Namen 'von der
+Innstetten' im Gothaischen Kalender, oder was weniger wichtig ist, in
+der preußischen Geschichte fortleben lassen.« - Ausführungen, die von
+Innstetten selbst immer mit einer kleinen Verlegenheit, von Frau von
+Briest mit Achselzucken, von Effi dagegen mit Heiterkeit aufgenommen
+wurden. Denn so adelsstolz sie war, so war sie's doch nur für ihre
+Person, und ein eleganter und welterfahrener und vor allem sehr, sehr
+reicher Bankierschwiegersohn wäre durchaus nicht gegen ihre Wünsche
+gewesen.
+
+Ja, Effi nahm die Erbfolgefrage leicht, wie junge, reizende Frauen das
+tun; als aber eine lange, lange Zeit - sie waren schon im siebenten
+Jahr in ihrer neuen Stellung - vergangen war, wurde der alte
+Rummschüttel, der auf dem Gebiet der Gynäkologie nicht ganz ohne
+Ruf war, durch Frau von Briest doch schließlich zu Rate gezogen. Er
+verordnete Schwalbach. Weil aber Effi seit letztem Winter auch an
+katarrhalischen Affektionen litt und ein paarmal sogar auf Lunge
+hin behorcht worden war, so hieß es abschließend: »Also zunächst
+Schwalbach, meine Gnädigste, sagen wir drei Wochen, und dann
+ebensolange Ems. Bei der Emser Kur kann aber der Geheimrat zugegen
+sein. Bedeutet mithin alles in allem drei Wochen Trennung. Mehr kann
+ich für Sie nicht tun, lieber Innstetten.«
+
+Damit war man denn auch einverstanden, und zwar sollte Effi, dahin
+ging ein weiterer Beschluß, die Reise mit einer Geheimrätin Zwicker
+zusammen machen, wie Briest sagte, »zum Schutz dieser letzteren«,
+worin er nicht ganz unrecht hatte, da die Zwicker, trotz guter
+Vierzig, eines Schutzes erheblich bedürftiger war als Effi Innstetten,
+der wieder viel mit Vertretung zu tun hatte, beklagte, daß er,
+von Schwalbach gar nicht zu reden, wahrscheinlich auch auf
+gemeinschaftliche Tage in Ems werde verzichten müssen. Im übrigen
+wurde der 24. Juni (Johannistag) als Abreisetag festgesetzt, und
+Roswitha half der gnädigen Frau beim Packen und Aufschreiben der
+Wäsche. Effi hatte noch immer die alte Liebe für sie, war doch
+Roswitha die einzige, mit der sie von all dem Zurückliegenden, von
+Kessin und Crampas, von dem Chinesen und Kapitän Thomsens Nichte frei
+und unbefangen reden konnte.
+
+»Sage, Roswitha, du bist doch eigentlich katholisch. Gehst du denn nie
+zur Beichte?«
+
+»Nein.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich bin früher gegangen. Aber das Richtige hab ich doch nicht
+gesagt.«
+
+»Das ist sehr unrecht. Dann freilich kann es nicht helfen.«
+
+»Ach, gnädigste Frau, bei mir im Dorf machten es alle so. Und welche
+waren, die kicherten bloß.«
+
+»Hast du denn nie empfunden, daß es ein Glück ist, wenn man etwas auf
+der Seele hat, daß es runter kann?«
+
+»Nein, gnädigste Frau. Angst habe ich wohl gehabt, als mein Vater
+damals mit dem glühenden Eisen auf mich loskam; ja, das war eine große
+Furcht, aber weiter war es nichts.«
+
+»Nicht vor Gott?«
+
+»Nicht so recht, gnädigste Frau. Wenn man sich vor seinem Vater so
+fürchtet, wie ich mich gefürchtet habe, dann fürchtet man sich nicht
+so sehr vor Gott. Ich habe bloß immer gedacht, der liebe Gott sei gut
+und werde mir armem Wurm schon helfen.«
+
+Effi lächelte und brach ab und fand es auch natürlich, daß die arme
+Roswitha so sprach, wie sie sprach. Sie sagte aber doch: »Weißt du,
+Roswitha, wenn ich wiederkomme, müssen wir doch noch mal ernstlich
+drüber reden. Es war doch eigentlich eine große Sünde.«
+
+»Das mit dem Kinde und daß es verhungert ist? Ja, gnädigste Frau, das
+war es. Aber ich war es ja nicht, das waren ja die anderen ... Und
+dann ist es auch schon so sehr lange her.«
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Kapitel
+
+Effi war nun schon in die fünfte Woche fort und schrieb glückliche,
+beinahe übermütige Briefe, namentlich seit ihrem Eintreffen in Ems, wo
+man doch unter Menschen sei, das heißt unter Männern, von denen sich
+in Schwalbach nur ausnahmsweise was gezeigt habe. Geheimrätin Zwicker,
+ihre Reisegefährtin, habe freilich die Frage nach dem Kurgemäßen
+dieser Zutat aufgeworfen und sich aufs entschiedenste dagegen
+ausgesprochen, alles natürlich mit einem Gesichtsausdruck, der so
+ziemlich das Gegenteil versichert habe; die Zwicker sei reizend,
+etwas frei, wahrscheinlich sogar mit einer Vergangenheit, aber höchst
+amüsant, und man könne viel, sehr viel von ihr lernen; nie habe sie
+sich, trotz ihrer Fünfundzwanzig, so als Kind gefühlt, wie nach der
+Bekanntschaft mit dieser Dame. Dabei sei sie so belesen, auch in
+fremder Literatur, und als sie, Effi beispielsweise neulich von Nana
+gesprochen und dabei gefragt habe, ob es denn wirklich so schrecklich
+sei, habe die Zwicker geantwortet: »Ach, meine liebe Baronin, was
+heißt schrecklich? Da gibt es noch ganz anderes.« - »Sie schien mich
+auch«, so schloß Effi ihren Brief, »mit diesem 'anderen' bekannt
+machen zu wollen. Ich habe es aber abgelehnt, weil ich weiß, daß Du
+die Unsitte unserer Zeit aus diesem und ähnlichem herleitest, und wohl
+mit Recht. Leicht ist es mir aber nicht geworden. Dazu kommt noch, daß
+Ems in einem Kessel liegt. Wir leiden hier außerordentlich unter der
+Hitze.«
+
+Innstetten hatte diesen letzten Brief mit geteilten Empfindungen
+gelesen, etwas erheitert, aber doch auch ein wenig mißmutig. Die
+Zwicker war keine Frau für Effi, der nun mal ein Zug innewohnte, sich
+nach links hin treiben zu lassen; er gab es aber auf, irgendwas in
+diesem Sinne zu schreiben, einmal weil er sie nicht verstimmen wollte,
+mehr noch, weil er sich sagte, daß es doch nichts helfen würde. Dabei
+sah er der Rückkehr seiner Frau mit Sehnsucht entgegen und beklagte
+des Dienstes nicht bloß »immer gleichgestellte«, sondern jetzt, wo
+jeder Ministerialrat fort war oder fort wollte, leider auch auf
+Doppelstunden gestellte Uhr.
+
+Ja, Innstetten sehnte sich nach Unterbrechung von Arbeit und
+Einsamkeit, und verwandte Gefühle hegte man draußen in der Küche, wo
+Annie, wenn die Schulstunden hinter ihr lagen, ihre Zeit am liebsten
+verbrachte, was insoweit ganz natürlich war, als Roswitha und Johanna
+nicht nur das kleine Fräulein in gleichem Maße liebten, sondern
+auch untereinander nach wie vor auf dem besten Fuße standen. Diese
+Freundschaft der beiden Mädchen war ein Lieblingsgespräch zwischen den
+verschiedenen Freunden des Hauses, und Landgerichtsrat Gizicki sagte
+dann wohl zu Wüllersdorf: »Ich sehe darin nur eine neue Bestätigung
+des alten Weisheitssatzes: 'Laßt fette Leute um mich sein'; Cäsar war
+eben ein Menschenkenner und wußte, daß Dinge wie Behaglichkeit und
+Umgänglichkeit eigentlich nur beim Embonpomt sind.« Von einem solchen
+ließ sich denn nun bei beiden Mädchen auch wirklich sprechen, nur
+mit dem Unterschied, daß das in diesem Falle nicht gut zu umgehende
+Fremdwort bei Roswitha schon stark eine Beschönigung, bei Johanna
+dagegen einfach die zutreffende Bezeichnung war. Diese letztere durfte
+man nämlich nicht eigentlich korpulent nennen, sie war nur prall und
+drall und sah jederzeit mit einer eigenen, ihr übrigens durchaus
+kleidenden Siegermiene gradlinig und blauäugig über ihre Normalbüste
+fort. Von Haltung und Anstand getragen, lebte sie ganz in dem
+Hochgefühl, die Dienerin eines guten Hauses zu sein, wobei sie das
+Überlegenheitsbewußtsein über die halb bäuerisch gebliebene Roswitha
+in einem so hohen Maße hatte, daß sie, was gelegentlich vorkam, die
+momentan bevorzugte Stellung dieser nur belächelte. Diese Bevorzugung
+- nun ja, wenn's dann mal so sein sollte, war eine kleine
+liebenswürdige Sonderbarkeit der gnädigen Frau, die man der guten
+alten Roswitha mit ihrer ewigen Geschichte »von dem Vater mit der
+glühenden Eisenstange« schon gönnen konnte. »Wenn man sich besser
+hält, so kann dergleichen nicht vorkommen.« Das alles dachte
+sie, sprach's aber nicht aus. Es war eben ein freundliches
+Miteinanderleben. Was aber wohl ganz besonders für Frieden und gutes
+Einvernehmen sorgte, das war der Umstand, daß man sich nach einem
+stillen Übereinkommen in die Behandlung und fast auch Erziehung
+Annies geteilt hatte. Roswitha hatte das poetische Departement, die
+Märchen- und Geschichtenerzählung, Johanna dagegen das des Anstands,
+eine Teilung, die hüben und drüben so fest gewurzelt stand, daß
+Kompetenzkonflikte kaum vorkamen, wobei der Charakter Annies, die eine
+ganz entschiedene Neigung hatte, das vornehme Fräulein zu betonen,
+allerdings mithalf, eine Rolle, bei der sie keine bessere Lehrerin als
+Johanna haben konnte.
+
+Noch einmal also: Beide Mädchen waren gleichwertig in Annies Augen.
+
+In diesen Tagen aber, wo man sich auf die Rückkehr Effis vorbereitete,
+war Roswitha der Rivalin mal wieder um einen Pas voraus, weil ihr,
+und zwar als etwas ihr Zuständiges, die ganze Begrüßungsangelegenheit
+zugefallen war. Diese Begrüßung zerfiel in zwei Hauptteile: Girlande
+mit Kranz und dann, abschließend, Gedichtvortrag. Kranz und Girlande
+- nachdem man über »W.« oder »E. v. I.« eine Zeitlang geschwankt -
+hatten zuletzt keine sonderlichen Schwierigkeiten gemacht (»W«, in
+Vergißmeinnicht geflochten, war bevorzugt worden), aber desto größere
+Verlegenheit schien die Gedichtfrage heraufbeschwören zu sollen und
+wäre vielleicht ganz unbeglichen geblieben, wenn Roswitha nicht
+den Mut gehabt hätte, den von einer Gerichtssitzung heimkehrenden
+Landgerichtsrat auf der zweiten Treppe zu stellen und ihm mit einem
+auf einen »Vers« gerichteten Ansinnen mutig entgegenzutreten. Gizicki,
+ein sehr gütiger Herr, hatte sofort alles versprochen, und noch am
+selben Spätnachmittag war seitens seiner Köchin der gewünschte Vers,
+und zwar folgenden Inhalts, abgegeben worden:
+
+ Mama, wir erwarten dich lange schon,
+ Durch Wochen und Tage und Stunden,
+ Nun grüßen wir dich von Flur und Balkon
+ Und haben Kränze gewunden.
+ Nun lacht Papa voll Freudigkeit,
+ Denn die gattin- und mutterlose Zeit
+ Ist endlich von ihm genommen,
+ Und Roswitha lacht und Johanna dazu,
+ Und Annie springt aus ihrem Schuh
+ Und ruft: willkommen, willkommen.
+
+Es versteht sich von selbst, daß die Strophe noch an demselben
+Abend auswendig gelernt, aber doch nebenher auch auf ihre Schönheit
+beziehungsweise Nichtschönheit kritisch geprüft worden war. Das
+Betonen von Gattin und Mutter, so hatte sich Johanna geäußert,
+erscheine zunächst freilich in der Ordnung; aber es läge doch auch
+etwas darin, was Anstoß erregen könne, und sie persönlich würde
+sich als »Gattin und Mutter« dadurch verletzt fühlen. Annie, durch
+diese Bemerkung einigermaßen geängstigt, versprach, das Gedicht am
+andern Tag der Klassenlehrerin vorlegen zu wollen, und kam mit dem
+Bemerken zurück, das Fräulein sei mit »Gattin und Mutter« durchaus
+einverstanden, aber desto mehr gegen »Roswitha und Johanna« gewesen -
+worauf Roswitha erklärt hatte: Das Fräulein sei eine dumme Gans; das
+käme davon, wenn man zuviel gelernt habe.
+
+Es war an einem Mittwoch, daß die Mädchen und Annie das vorstehende
+Gespräch geführt und den Streit um die bemängelte Zeile beigelegt
+hatten. Am andern Morgen - ein erwarteter Brief Effis hatte noch den
+mutmaßlich erst in den Schluß der nächsten Woche fallenden Ankunftstag
+festzustellen- ging Innstetten auf das Ministerium. Jetzt war Mittag
+heran, die Schule aus, und als Annie, ihre Mappe auf dem Rücken, eben
+vom Kanal her auf die Keithstraße zuschritt, traf sie Roswitha vor
+ihrer Wohnung.
+
+»Nun laß sehen«, sagte Annie, »wer am ehesten von uns die Treppe
+heraufkommt.« Roswitha wollte von diesem Wettlauf nichts wissen, aber
+Annie jagte voran, geriet, oben angekommen, ins Stolpern und fiel
+dabei so unglücklich, daß sie mit der Stirn auf den dicht an der
+Treppe befindlichen Abkratzer aufschlug und stark blutete. Roswitha,
+mühevoll nachkeuchend, riß jetzt die Klingel, und als Johanna das
+etwas verängstigte Kind hereingetragen hatte, beratschlagte man, was
+nun wohl zu machen sei. »Wir wollen nach dem Doktor schicken ... wir
+wollen nach dem gnädigen Herrn schicken ... des Portiers Lene muß ja
+jetzt auch aus der Schule wieder da sein.« Es wurde aber alles wieder
+verworfen, weil es zu lange dauere, man müsse gleich was tun, und so
+packte man denn das Kind aufs Sofa und begann mit kaltem Wasser zu
+kühlen. Alles ging auch gut, so daß man sich zu beruhigen begann. »Und
+nun wollen wir sie verbinden«, sagte schließlich Roswitha. »Da muß
+ja noch die lange Binde sein, die die gnädige Frau letzten Winter
+zuschnitt, als sie sich auf dem Eis den Fuß verknickt hatte ...«
+
+»Freilich, freilich«, sagte Johanna, »bloß wo die Binde hernehmen?
+... Richtig, da fällt mir ein, die liegt im Nähtisch. Er wird wohl zu
+sein, aber das Schloß ist Spielerei; holen Sie nur das Stemmeisen,
+Roswitha, wir wollen den Deckel aufbrechen.« Und nun wuchteten sie
+auch wirklich den Deckel ab und begannen in den Fächern herumzukramen,
+oben und unten, die zusammengerollte Binde jedoch wollte sich nicht
+finden lassen. »Ich weiß aber doch, daß ich sie gesehen habe«, sagte
+Roswitha, und während sie halb ärgerlich immer weiter suchte, flog
+alles, was ihr dabei zu Händen kam, auf das breite Fensterbrett:
+Nähzeug, Nadelkissen, Rollen mit Zwirn und Seide, kleine vertrocknete
+Veilchensträußchen, Karten, Billetts, zuletzt ein kleines Konvolut von
+Briefen, das unter dem dritten Einsatz gelegen hatte, ganz unten, mit
+einem roten Seidenfaden umwickelt. Aber die Binde hatte man noch immer
+nicht.
+
+In diesem Augenblick trat Innstetten ein.
+
+»Gott«, sagte Roswitha und stellte sich erschrocken neben das Kind.
+»Es ist nichts, gnädiger Herr; Annie ist auf das Kratzeisen gefallen
+... Gott, was wird die gnädige Frau sagen. Und doch ist es ein Glück,
+daß sie nicht mit dabei war.« Innstetten hatte mittlerweile die
+vorläufig aufgelegte Kompresse fortgenommen und sah, daß es ein tiefer
+Riß, sonst aber ungefährlich war. »Es ist nicht schlimm«, sagte er;
+»trotzdem, Roswitha, wir müssen sehen, daß Rummschüttel kommt. Lene
+kann ja gehen, die wird jetzt Zeit haben. Aber was in aller Welt ist
+denn das da mit dem Nähtisch?«
+
+Und nun erzählte Roswitha, wie sie nach der gerollten Binde gesucht
+hätten; aber sie wolle es nun aufgeben und lieber eine neue Leinwand
+schneiden.
+
+Innstetten war einverstanden und setzte sich, als bald danach beide
+Mädchen das Zimmer verlassen hatten, zu dem Kind. »Du bist so wild,
+Annie, das hast du von der Mama. Immer wie ein Wirbelwind. Aber dabei
+kommt nichts heraus oder höchstens so was.« Und er wies auf die Wunde
+und gab ihr einen Kuß. »Du hast aber nicht geweint, das ist brav, und
+darum will ich dir die Wildheit verzeihen ... Ich denke, der Doktor
+wird in einer Stunde hier sein; tu nur alles, was er sagt, und wenn er
+dich verbunden hat, so zerre nicht und rücke und drücke nicht daran,
+dann heilt es schnell, und wenn die Mama dann kommt, dann ist alles
+wieder in Ordnung oder doch beinah. Ein Glück ist es aber doch, daß es
+noch bis nächste Woche dauert, Ende nächster Woche, so schreibt sie
+mir; eben habe ich einen Brief von ihr bekommen; sie läßt dich grüßen
+und freut sich, dich wiederzusehen.«
+
+»Du könntest mir den Brief eigentlich vorlesen, Papa.« »Das will ich
+gern.«
+
+Aber eh er dazu kam, kam Johanna, um zu sagen, daß das Essen
+aufgetragen sei. Annie, trotz ihrer Wunde, stand mit auf, und Vater
+und Tochter setzten sich zu Tisch.
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Kapitel
+
+Innstetten und Annie saßen sich eine Weile stumm gegenüber; endlich
+als ihm die Stille peinlich wurde, tat er ein paar Fragen über die
+Schulvorsteherin und welche Lehrerin sie eigentlich am liebsten habe.
+Annie antwortete auch, aber ohne rechte Lust, weil sie fühlte, daß
+Innstetten wenig bei der Sache war. Es wurde erst besser, als Johanna
+nach dem zweiten Gericht ihrem Anniechen zuflüsterte, es gäbe noch
+was. Und wirklich, die gute Roswitha, die dem Liebling an diesem
+Unglückstag was schuldig zu sein glaubte, hatte noch ein übriges getan
+und sich zu einer Omelette mit Apfelschnitten aufgeschwungen.
+
+Annie wurde bei diesem Anblicke denn auch etwas redseliger, und ebenso
+zeigte sich Innstettens Stimmung gebessert, als es gleich danach
+klingelte und Geheimrat Rummschüttel eintrat. Ganz zufällig. Er sprach
+nur vor, ohne jede Ahnung, daß man nach ihm geschickt und um seinen
+Besuch gebeten habe. Mit den aufgelegten Kompressen war er zufrieden.
+»Lassen Sie noch etwas Bleiwasser holen und Annie morgen zu Hause
+bleiben. Überhaupt Ruhe.« Dann fragte er noch nach der gnädigen
+Frau und wie die Nachrichten aus Ems seien; er werde den andern Tag
+wiederkommen und nachsehen.
+
+Als man von Tisch aufgestanden und in das nebenan gelegene Zimmer
+- dasselbe, wo man mit so viel Eifer und doch vergebens nach dem
+Verbandstück gesucht hatte - eingetreten war, wurde Annie wieder auf
+das Sofa gebettet. Johanna kam und setzte sich zu dem Kind, während
+Innstetten die zahllosen Dinge, die bunt durcheinandergewürfelt noch
+auf dem Fensterbrett umher wieder in den Nähtisch einzuräumen begann.
+Dann und wann wußte er sich nicht recht Rat und mußte fragen.
+
+»Wo haben die Briefe gelegen, Johanna?«
+
+»Ganz zuunterst«, sagte diese, »hier in diesem Fach.«
+
+Und während so Frage und Antwort ging, betrachtete Innstetten
+etwas aufmerksamer als vorher das kleine, mit einem roten Faden
+zusammengebundene Paket, das mehr aus einer Anzahl zusammengelegter
+Zettel als auch Briefen zu bestehen schien. Er fuhr, als wäre es
+ein Spiel Karten, mit dem Daumen und Zeigefinger an der Seite des
+Päckchens hin, und einige Zeilen, eigentlich nur vereinzelte Worte,
+flogen dabei an seinem Auge vorüber. Von deutlichem Erkennen konnte
+keine Rede sein, aber es kam ihm doch so vor, als habe er die
+Schriftzüge schon irgendwo gesehen. Ob er nachsehen solle?
+
+»Johanna, Sie könnten uns den Kaffee bringen. Annie trinkt auch eine
+halbe Tasse. Der Doktor hat's nicht verboten, und was nicht verboten
+ist, ist erlaubt.«
+
+Als er das sagte, wand er den roten Faden ab und ließ, während Johanna
+das Zimmer verließ, den ganzen Inhalt des Päckchens rasch durch die
+Finger gleiten. Nur zwei, drei Briefe waren adressiert: »An Frau
+Landrat von Innstetten.« Er erkannte jetzt auch die Handschrift; es
+war die des Majors. Innstetten wußte nichts von einer Korrespondenz
+zwischen Crampas und Effi, und in seinem Kopf begann sich alles zu
+drehen. Er steckte das Paket zu sich und ging in sein Zimmer zurück.
+Etliche Minuten später, und Johanna, zum Zeichen, daß der Kaffee da
+sei, klopfte leise an die Tür. Innstetten antwortete auch, aber dabei
+blieb es; sonst alles still. Erst nach einer Viertelstunde hörte man
+wieder sein Aufundabschreiten auf dem Teppich.
+
+»Was nur Papa hat?« sagte Johanna zu Annie. »Der Doktor hat ihm doch
+gesagt, es sei nichts.«
+
+Das Aufundabschreiten nebenan wollte kein Ende nehmen. Endlich
+erschien Innstetten wieder im Nebenzimmer und sagte: »Johanna, achten
+Sie auf Annie und daß sie ruhig auf dem Sofa bleibt. Ich will eine
+Stunde gehen oder vielleicht zwei.«
+
+Dann sah er das Kind aufmerksam an und entfernte sich. »Hast du
+gesehen, Johanna, wie Papa aussah?«
+
+»Ja, Annie. Er muß einen großen Ärger gehabt haben. Er war ganz blaß.
+So hab ich ihn noch nie gesehen.«
+
+Es vergingen Stunden. Die Sonne war schon unter, und nur ein roter
+Widerschein lag noch über den Dächern drüben, als Innstetten wieder
+zurückkam. Er gab Annie die Hand, fragte, wie's ihr gehe, und ordnete
+dann an, daß ihm Johanna die Lampe in sein Zimmer bringe. Die Lampe
+kam auch. In dem grünen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale
+mit Fotografien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin,
+damals, als man den Wichertschen »Schritt vom Wege« aufgeführt hatte,
+für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren. Innstetten
+drehte den Schirm langsam von links nach rechts und musterte jedes
+einzelne Bildnis. Dann ließ er ab davon, öffnete, weil er es schwül
+fand, die Balkontür und nahm schließlich das Briefpaket wieder zur
+Hand.
+
+Es schien, daß er gleich beim ersten Durchsehen ein paar davon
+ausgewählt und obenauf gelegt hatte. Diese las er jetzt noch einmal
+mit halblauter Stimme.
+
+»Sei heute nachmittag wieder in den Dünen, hinter der Mühle. Bei der
+alten Adermann können wir uns ruhig sprechen, das Haus ist abgelegen
+genug. Du mußt Dich nicht um alles so bangen. Wir haben auch ein
+Recht. Und wenn Du Dir das eindringlich sagst, wird, denke ich, alle
+Furcht von Dir abfallen. Das Leben wäre nicht des Lebens wert, wenn
+das alles gelten sollte, was zufällig gilt. Alles Beste liegt jenseits
+davon. Lerne Dich daran freuen.«
+
+»...Fort, so schreibst Du, Flucht. Unmöglich. Ich kann meine Frau
+nicht im Stich lassen, zu allem andern auch noch in Not. Es geht
+nicht, und wir müssen es leicht nehmen, sonst sind wir arm und
+verloren. Leichtsinn ist das Beste, was wir haben. Alles ist
+Schicksal. Es hat so sein sollen. Und möchtest Du, daß es anders wäre,
+daß wir uns nie gesehen hätten?«
+
+Dann kam der dritte Brief.
+
+»...Sei heute noch einmal an der alten Stelle. Wie sollen meine Tage
+hier verlaufen ohne Dich! In diesem öden Nest. Ich bin außer mir,
+und nur darin hast Du recht: Es ist die Rettung, und wir müssen
+schließlich doch die Hand segnen, die diese Trennung über uns
+verhängt.«
+
+Innstetten hatte die Briefe kaum wieder beiseite geschoben, als
+draußen die Klingel ging. Gleich danach meldete Johanna: »Geheimrat
+Wüllersdorf.«
+
+Wüllersdorf trat ein und sah auf den ersten Blick, daß etwas
+vorgefallen sein müsse.
+
+»Pardon, Wüllersdorf«, empfing ihn Innstetten, »daß ich Sie gebeten
+habe, noch gleich heute bei mir vorzusprechen. Ich störe niemand gern
+in seiner Abendruhe, am wenigsten einen geplagten Ministerialrat. Es
+ging aber nicht anders. Ich bitte Sie, machen Sie sich's bequem. Und
+hier eine Zigarre.«
+
+Wüllersdorf setzte sich. Innstetten ging wieder auf und ab und wäre
+bei der ihn verzehrenden Unruhe gern in Bewegung geblieben, sah aber,
+daß das nicht gehe. So nahm er denn auch seinerseits eine Zigarre,
+setzte sich Wüllersdorf gegenüber und versuchte ruhig zu sein. »Es
+ist«, begann er, »um zweier Dinge willen, daß ich Sie habe bitten
+lassen: erst um eine Forderung zu überbringen und zweitens um
+hinterher, in der Sache selbst, mein Sekundant zu sein; das eine ist
+nicht angenehm und das andere noch weniger. Und nun Ihre Antwort.«
+
+»Sie wissen, Innstetten, Sie haben über mich zu verfügen. Aber eh ich
+die Sache kenne, verzeihen Sie mir die naive Vorfrage: Muß es sein?
+Wir sind doch über die Jahre weg, Sie, um die Pistole in die Hand zu
+nehmen, und ich, um dabei mitzumachen. Indessen mißverstehen Sie mich
+nicht, alles dies soll kein Nein sein. Wie könnte ich Ihnen etwas
+abschlagen. Aber nun sagen Sie, was ist es?«
+
+»Es handelt sich um einen Galan meiner Frau, der zugleich mein Freund
+war oder doch beinah.«
+
+Wüllersdorf sah Innstetten an. »Innstetten, das ist nicht möglich.«
+
+»Es ist mehr als möglich, es ist gewiß. Lesen Sie.«
+
+Wüllersdorf flog drüber hin. »Die sind an Ihre Frau gerichtet?«
+
+»Ja. Ich fand sie heut in ihrem Nähtisch.« »Und wer hat sie
+geschrieben?«
+
+»Major Crampas.«
+
+»Also Dinge, die sich abgespielt, als Sie noch in Kessin waren?«
+
+Innstetten nickte.
+
+»Liegt also sechs Jahre zurück oder noch ein halb Jahr länger.«
+
+»Ja.«
+
+Wüllersdorf schwieg. Nach einer Weile sagte Innstetten: »Es sieht fast
+so aus, Wüllersdorf, als ob die sechs oder sieben Jahre einen Eindruck
+auf Sie machten. Es gibt eine Verjährungstheorie, natürlich, aber ich
+weiß doch nicht, ob wir hier einen Fall haben, diese Theorie gelten zu
+lassen.«
+
+»Ich weiß es auch nicht«, sagte Wüllersdorf. »Und ich bekenne Ihnen
+offen, um diese Frage scheint sich hier alles zu drehen.«
+
+Innstetten sah ihn groß an. »Sie sagen das in vollem Ernst?« »In
+vollem Ernst. Es ist keine Sache, sich in jeu d'esprit oder in
+dialektischen Spitzfindigkeiten zu versuchen.«
+
+»Ich bin neugierig, wie Sie das meinen. Sagen Sie mir offen, wie
+stehen Sie dazu?«
+
+»Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglück ist hin.
+Aber wenn Sie den Liebhaber totschießen, ist Ihr Lebensglück sozusagen
+doppelt hin, und zu dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der
+Schmerz über getanes Leid. Alles dreht sich um die Frage, müssen Sie's
+durchaus tun? Fühlen Sie sich so verletzt, beleidigt, empört, daß
+einer weg muß, er oder Sie? Steht es so?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Sie müssen es wissen.«
+
+Innstetten war aufgesprungen, trat ans Fenster und tippte voll
+nervöser Erregung an die Scheiben. Dann wandte er sich rasch wieder,
+ging auf Wüllersdorf zu und sagte: »Nein, so steht es nicht.«
+
+»Wie steht es denn?«
+
+»Es steht so, daß ich unendlich unglücklich bin; ich bin gekränkt,
+schändlich hintergangen, aber trotzdem, ich bin ohne jedes Gefühl von
+Haß oder gar von Durst nach Rache. Und wenn ich mich frage, warum
+nicht, so kann ich zunächst nichts anderes finden als die Jahre. Man
+spricht immer von unsühnbarer Schuld; vor Gott ist es gewiß falsch,
+aber vor den Menschen auch. Ich hätte nie geglaubt, daß die Zeit, rein
+als Zeit, so wirken könne. Und dann als zweites: Ich liebe meine Frau,
+ja, seltsam zu sagen, ich liebe sie noch, und so furchtbar ich alles
+finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer Liebenswürdigkeit,
+eines ihr eigenen heiteren Scharmes, daß ich mich, mir selbst zum
+Trotz, in meinem letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt fühle.«
+
+Wüllersdorf nickte. »Kann ganz folgen, Innstetten, würde mir
+vielleicht ebenso gehen. Aber wenn Sie so zu der Sache stehen und mir
+sagen: 'Ich liebe diese Frau so sehr, daß ich ihr alles verzeihen
+kann', und wenn wir dann das andere hinzunehmen, daß alles weit, weit
+zurückliegt, wie ein Geschehnis auf einem andern Stern, ja, wenn es so
+liegt, Innstetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte?«
+
+»Weil es trotzdem sein muß. Ich habe mir's hin und her überlegt. Man
+ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an,
+und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind
+durchaus abhängig von ihm. Ginge es, in Einsamkeit zu leben, so könnt
+ich es gehen lassen; ich trüge dann die mir aufgepackte Last, das
+rechte Glück wäre hin, aber es müssen so viele leben ohne dies 'rechte
+Glück', und ich würde es auch müssen und - auch können. Man braucht
+nicht glücklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen Anspruch
+darauf, und den, der einem das Glück genommen hat, den braucht man
+nicht notwendig aus der Welt zu schaffen. Man kann ihn, wenn man
+weltabgewandt weiterexistieren will, auch laufen lassen. Aber im
+Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun
+mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu
+beurteilen, die andern und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen geht
+nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst
+und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.
+Verzeihen Sie, daß ich Ihnen solche Vorlesung halte, die schließlich
+doch nur sagt, was sich jeder selber hundertmal gesagt hat. Aber
+freilich, wer kann was Neues sagen! Also noch einmal, nichts von Haß
+oder dergleichen, und um eines Glückes willen, das mir genommen wurde,
+mag ich nicht Blut an den Händen haben; aber jenes, wenn Sie wollen,
+uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt nicht nach Scharm
+und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl.
+Ich muß.«
+
+»Ich weiß doch nicht, Innstetten ...«
+
+Innstetten lächelte. »Sie sollen selbst entscheiden, Wüllersdorf. Es
+ist jetzt zehn Uhr. Vor sechs Stunden, diese Konzession will ich Ihnen
+vorweg machen, hatt' ich das Spiel noch in der Hand, konnt' ich noch
+das eine und noch das andere, da war noch ein Ausweg. Jetzt nicht
+mehr, jetzt stecke ich in einer Sackgasse. Wenn Sie wollen, so bin ich
+selber schuld daran; ich hätte mich besser beherrschen und bewachen,
+alles in mir verbergen, alles im eignen Herzen auskämpfen sollen. Aber
+es kam mir zu plötzlich, zu stark, und so kann ich mir kaum einen
+Vorwurf machen, meine Nerven nicht geschickter in Ordnung gehalten zu
+haben. Ich ging zu Ihnen und schrieb Ihnen einen Zettel, und damit war
+das Spiel aus meiner Hand. Von dem Augenblick an hatte mein Unglück
+und, was schwerer wiegt, der Fleck auf meiner Ehre einen halben
+Mitwisser und nach den ersten Worten, die wir hier gewechselt, hat es
+einen ganzen. Und weil dieser Mitwisser da ist, kann ich nicht mehr
+zurück.«
+
+»Ich weiß doch nicht«, wiederholte Wüllersdorf. »Ich mag nicht gerne
+zu der alten abgestandenen Phrase greifen, aber doch läßt sich's nicht
+besser sagen: Innstetten, es ruht alles in mir wie in einem Grabe.«
+
+»Ja, Wüllersdorf, so heißt es immer. Aber es gibt keine
+Verschwiegenheit. Und wenn Sie's wahrmachen und gegen andere die
+Verschwiegenheit selber sind, so wissen Sie es, und es rettet mich
+nicht vor Ihnen, daß Sie mir eben Ihre Zustimmung ausgedrückt und mir
+sogar gesagt haben: ich kann Ihnen in allem folgen. Ich bin, und dabei
+bleibt es, von diesem Augenblick an ein Gegenstand Ihrer Teilnahme
+(schon nicht etwas sehr Angenehmes), und jedes Wort, das Sie mich mit
+meiner Frau wechseln hören, unterliegt Ihrer Kontrolle, Sie mögen
+wollen oder nicht, und wenn meine Frau von Treue spricht oder, wie
+Frauen tun, über eine andere zu Gericht sitzt, so weiß ich nicht, wo
+ich mit meinen Blicken hin soll. Und ereignet sich's gar, daß ich in
+irgendeiner ganz alltäglichen Beleidigungssache zum Guten rede, »weil
+ja der dolus fehle« oder so was Ähnliches, so geht ein Lächeln über
+Ihr Gesicht, oder es zuckt wenigstens darin, und in Ihrer Seele
+klingt es: 'Der gute Innstetten, er hat doch eine wahre Passion, alle
+Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu untersuchen,
+und das richtige Quantum Stickstoff findet er nie. Er ist noch nie an
+einer Sache erstickt.' ... Habe ich recht, Wüllersdorf, oder nicht?«
+
+Wüllersdorf war aufgestanden. »Ich finde es furchtbar, daß Sie recht
+haben, aber Sie haben recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem
+'Muß es sein?'. Die Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge
+verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die andern wollen. Das
+mit dem 'Gottesgericht', wie manche hochtrabend versichern, ist
+freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist
+ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der
+Götze gilt.«
+
+Innstetten nickte.
+
+Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander, und es wurde
+festgestellt, Wüllersdorf solle noch denselben Abend abreisen. Ein
+Nachtzug ging um zwölf.
+
+Dann trennten sie sich mit einem kurzen: »Auf Wiedersehen in Kessin.«
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Kapitel
+
+Am andern Abend, wie verabredet, reiste Innstetten. Er benutzte
+denselben Zug, den am Tag vorher Wüllersdorf benutzt hatte, und war
+bald nach fünf Uhr früh auf der Bahnstation, von wo der Weg nach
+Kessin links abzweigte. Wie immer, solange die Saison dauerte, ging
+auch heute, gleich nach Eintreffen des Zuges, das mehrerwähnte
+Dampfschiff, dessen erstes Läuten Innstetten schon hörte, als er die
+letzten Stufen der vom Bahndamm hinabführenden Treppe erreicht hatte.
+Der Weg bis zur Anlegestelle war keine drei Minuten; er schritt darauf
+zu und begrüßte den Kapitän, der etwas verlegen war, also im Laufe des
+gestrigen Tages von der ganzen Sache schon gehört haben mußte, und
+nahm dann seinen Platz in der Nähe des Steuers. Gleich danach löste
+sich das Schiff vom Brückensteg los; das Wetter war herrlich, helle
+Morgensonne, nur wenig Passagiere an Bord. Innstetten gedachte des
+Tages, als er, mit Effi von der Hochzeitsreise zurückkehrend, hier
+am Ufer der Kessine hin in offenem Wagen gefahren war ein grauer
+Novembertag damals, aber er selber froh im Herzen; nun hatte sich's
+verkehrt: Das Licht lag draußen, und der Novembertag war in ihm.
+Viele, viele Male war er dann des Weges hier gekommen, und der
+Frieden, der sich über die Felder breitete, das Zuchtvieh in den
+Koppeln, das aufhorchte, wenn er vorüberfuhr, die Leute bei der
+Arbeit, die Fruchtbarkeit der Äcker, das alles hatte seinem Sinne
+wohlgetan, und jetzt, in hartem Gegensatz dazu, war er froh, als
+etwas Gewölk heranzog und den lachenden blauen Himmel leise zu trüben
+begann. So fuhren sie den Fluß hinab, und bald nachdem sie die
+prächtige Wasserfläche des Breitling passiert, kam der Kessiner
+Kirchturm in Sicht und gleich danach auch das Bollwerk und die lange
+Häuserreihe mit Schiffen und Booten davor. Und nun waren sie heran.
+Innstetten verabschiedete sich von dem Kapitän und schritt auf den
+Steg zu, den man, bequemeren Aussteigens halber, herangerollt hatte.
+Wüllersdorf war schon da. Beide begrüßten sich, ohne zunächst ein
+Wort zu sprechen, und gingen dann, quer über den Damm, auf den
+Hoppensackschen Gasthof zu, wo sie unter einem Zeltdach Platz nahmen.
+
+»Ich habe mich gestern früh hier einquartiert«, sagte Wüllersdorf,
+der nicht gleich mit den Sachlichkeiten beginnen wollte. »Wenn man
+bedenkt, daß Kessin ein Nest ist, ist es erstaunlich, ein so gutes
+Hotel hier zu finden. Ich bezweifle nicht, daß mein Freund, der
+Oberkellner, drei Sprachen spricht; seinem Scheitel und seiner
+ausgeschnittnen Weste nach können wir dreist auf vier rechnen ...
+Jean, bitte, wollen Sie uns Kaffee und Kognak bringen.«
+
+Innstetten begriff vollkommen, warum Wüllersdorf diesen Ton anschlug,
+war auch damit einverstanden, konnte aber seiner Unruhe nicht ganz
+Herr werden und zog unwillkürlich die Uhr.
+
+»Wir haben Zeit«, sagte Wüllersdorf. »Noch anderthalb Stunden oder
+doch beinah. Ich habe den Wagen auf acht ein Viertel bestellt; wir
+fahren nicht länger als zehn Minuten.« »Und wo?«
+
+»Crampas schlug erst ein Waldeck vor, gleich hinter dem Kirchhof. Aber
+dann unterbrach er sich und sagte: 'Nein, da nicht.' Und dann haben
+wir uns über eine Stelle zwischen den Dünen geeinigt. Hart am Strand;
+die vorderste Düne hat einen Einschnitt, und man sieht aufs Meer.«
+
+Innstetten lächelte. »Crampas scheint sich einen Schönheitspunkt
+ausgesucht zu haben. Er hatte immer die Allüren dazu. Wie benahm er
+sich?«
+
+»Wundervoll.«
+
+»Übermütig? Frivol?«
+
+»Nicht das eine und nicht das andere. Ich bekenne Ihnen offen,
+Innstetten, daß es mich erschütterte. Als ich Ihren Namen nannte,
+wurde er totenblaß und rang nach Fassung, und um seine Mundwinkel
+sah ich ein Zittern. Aber all das dauerte nur einen Augenblick, dann
+hatte er sich wieder gefaßt, und von da an war alles an ihm wehmütige
+Resignation. Es ist mir ganz sicher, er hat das Gefühl, aus der Sache
+nicht heil herauszukommen, und will auch nicht. Wenn ich ihn richtig
+beurteile, er lebt gern und ist zugleich gleichgültig gegen das Leben.
+Er nimmt alles mit und weiß doch, daß es nicht viel damit ist.«
+
+»Wer wird ihm sekundieren? Oder sag ich lieber, wen wird er
+mitbringen?«
+
+»Das war, als er sich wieder gefunden hatte, seine Hauptsorge. Er
+nannte zwei, drei Adlige aus der Nähe, ließ sie dann aber wieder
+fallen, sie seien zu alt und zu fromm, er werde nach Treptow hin
+telegrafieren an seinen Freund Buddenbrook. Und der ist auch gekommen,
+famoser Mann, schneidig und doch zugleich wie ein Kind. Er konnte sich
+nicht beruhigen und ging in größter Erregung auf und ab. Aber als ich
+ihm alles gesagt hatte, sagte er geradeso wie wir: 'Sie haben recht,
+es muß sein!'«
+
+Der Kaffee kam. Man nahm eine Zigarre, und Wüllersdorf war wieder
+darauf aus, das Gespräch auf mehr gleichgültige Dinge zu lenken.
+
+»Ich wundere mich, daß keiner von den Kessinern sich einfindet, Sie zu
+begrüßen. Ich weiß doch, daß Sie sehr beliebt gewesen sind. Und nun
+gar Ihr Freund Gieshübler...«
+
+Innstetten lächelte. »Da verkennen Sie die Leute hier an der Küste;
+halb Philister und halb Pfiffici, nicht sehr nach meinem Geschmack;
+aber eine Tugend haben sie, sie sind alle sehr manierlich. Und nun gar
+mein alter Gieshübler. Natürlich weiß jeder, um was sich's handelt;
+aber eben deshalb hütet man sich, den Neugierigen zu spielen.«
+
+In diesem Augenblick wurde von links her ein zurückgeschlagener
+Chaisewagen sichtbar, der, weil es noch vor der bestimmten Zeit war,
+langsam herankam.
+
+»Ist das unser?« fragte Innstetten.
+
+»Mutmaßlich.«
+
+Und gleich danach hielt der Wagen vor dem Hotel, und Innstetten und
+Wüllersdorf erhoben sich.
+
+Wüllersdorf trat an den Kutscher heran und sagte: »Nach der Mole.«
+
+Die Mole lag nach der entgegengesetzten Strandseite, rechts statt
+links, und die falsche Weisung wurde nur gegeben, um etwaigen
+Zwischenfällen, die doch immerhin möglich waren, vorzubeugen. Im
+übrigen, ob man sich nun weiter draußen nach rechts oder links zu
+halten vorhatte, durch die Plantage mußte man jedenfalls, und so
+führte denn der Weg unvermeidlich an Innstettens alter Wohnung
+vorüber. Das Haus lag noch stiller da als früher; ziemlich
+vernachlässigt sah's in den Parterreräumen aus; wie mocht es erst da
+oben sein! Und das Gefühl des Unheimlichen, das Innstetten an Effi
+so oft bekämpft oder auch wohl belächelt hatte, jetzt überkam es ihn
+selbst, und er war froh, als sie dran vorüber waren.
+
+»Da hab ich gewohnt«, sagte er zu Wüllersdorf.
+
+»Es sieht sonderbar aus, etwas öd und verlassen.«
+
+»Mag auch wohl. In der Stadt galt es als ein Spukhaus, und wie's heute
+daliegt, kann ich den Leuten nicht unrecht geben.«
+
+»Was war es denn damit?«
+
+»Ach, dummes Zeug: alter Schiffskapitän mit Enkelin oder Nichte, die
+eines schönen Tages verschwand, und dann ein Chinese, der vielleicht
+ein Liebhaber war, und auf dem Flur ein kleiner Haifisch und ein
+Krokodil, beides an Strippen und immer in Bewegung. Wundervoll zu
+erzählen, aber nicht jetzt. Es spukt einem doch allerhand anderes im
+Kopf.« »Sie vergessen, es kann auch alles glatt ablaufen.«
+
+»Darf nicht. Und vorhin, Wüllersdorf, als Sie von Crampas sprachen,
+sprachen Sie selber anders davon.«
+
+Bald danach hatte man die Plantage passiert, und der Kutscher wollte
+jetzt rechts einbiegen auf die Mole zu. »Fahren Sie lieber links. Das
+mit der Mole kann nachher kommen.« Und der Kutscher bog links in eine
+breite Fahrstraße ein, die hinter dem Herrenbade grade auf den Wald
+zulief. Als sie bis auf dreihundert Schritt an diesen heran waren,
+ließ Wüllersdorf den Wagen halten, und beide gingen nun, immer durch
+mahlenden Sand hin, eine ziemlich breite Fahrstraße hinunter, die
+die hier dreifache Dünenreihe senkrecht durchschnitt. Überall zur
+Seite standen dichte Büschel von Strandhafer, um diesen herum aber
+Immortellen und ein paar blutrote Nelken. Innstetten bückte sich und
+steckte sich eine der Nelken ins Knopfloch. »Die Immortellen nachher.«
+
+So gingen sie fünf Minuten. Als sie bis an die ziemlich tiefe Senkung
+gekommen waren, die zwischen den beiden vordersten Dünenreihen
+hinlief, sahen sie, nach links hin, schon die Gegenpartei: Crampas und
+Buddenbrook und mit ihnen den guten Doktor Hannemann, der seinen Hut
+in der Hand hielt, so daß das weiße Haar im Winde flatterte.
+
+Innstetten und Wüllersdorf gingen die Sandschlucht hinauf, Buddenbrook
+kam ihnen entgegen. Man begrüßte sich, worauf beide Sekundanten
+beiseite traten, um noch ein kurzes sachliches Gespräch zu führen. Es
+lief darauf hinaus, daß man à tempo avancieren und auf zehn Schritt
+Distanz feuern solle. Dann kehrte Buddenbrook an seinen Platz zurück;
+alles erledigte sich rasch; und die Schüsse fielen. Crampas stürzte.
+
+Innstetten, einige Schritte zurücktretend, wandte sich ab von der
+Szene. Wüllersdorf aber war auf Buddenbrook zugeschritten, und beide
+warteten jetzt auf den Ausspruch des Doktors, der die Achseln zuckte.
+
+Zugleich deutete Crampas durch eine Handbewegung an, daß er etwas
+sagen wollte. Wüllersdorf beugte sich zu ihm nieder, nickte zustimmend
+zu den paar Worten, die kaum hörbar von des Sterbenden Lippen kamen,
+und ging dann auf Innstetten zu.
+
+»Crampas will Sie noch sprechen, Innstetten. Sie müssen ihm zu Willen
+sein. Er hat keine drei Minuten Leben mehr.«
+
+Innstetten trat an Crampas heran.
+
+»Wollen Sie ...« Das waren seine letzten Worte.
+
+Noch ein schmerzlicher und doch beinah freundlicher Schimmer in seinem
+Antlitz, und dann war es vorbei.
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Kapitel
+
+Am Abend desselben Tages traf Innstetten wieder in Berlin ein.
+Er war mit dem Wagen, den er innerhalb der Dünen an dem Querwege
+zurückgelassen hatte, direkt nach der Bahnstation gefahren, ohne
+Kessin noch einmal zu berühren, dabei den beiden Sekundanten die
+Meldung an die Behörden überlassend. Unterwegs (er war allein im
+Coupé) hing er, alles noch mal überdenkend, dem Geschehenen nach; es
+waren dieselben Gedanken wie zwei Tage zuvor, nur daß sie jetzt den
+umgekehrten Gang gingen und mit der Überzeugtheit von seinem Recht und
+seiner Pflicht anfingen, um mit Zweifeln daran aufzuhören. »Schuld,
+wenn sie überhaupt was ist, ist nicht an Ort und Stunde gebunden und
+kann nicht hinfällig werden von heute auf morgen. Schuld verlangt
+Sühne; das hat einen Sinn. Aber Verjährung ist etwas Halbes, etwas
+Schwächliches, zum mindesten was Prosaisches.« Und er richtete sich an
+dieser Vorstellung auf und wiederholte sich's, daß es gekommen sei,
+wie's habe kommen müssen. Aber im selben Augenblick, wo dies für ihn
+feststand, warf er's auch wieder um. »Es muß eine Verjährung geben,
+Verjährung ist das einzig Vernünftige; ob es nebenher auch noch
+prosaisch ist, ist gleichgültig; das Vernünftige ist meist prosaisch.
+Ich bin jetzt fünfundvierzig. Wenn ich die Briefe fünfundzwanzig Jahre
+später gefunden hätte, so wär ich siebzig. Dann hätte Wüllersdorf
+gesagt: 'Innstetten, seien Sie kein Narr.' Und wenn es Wüllersdorf
+nicht gesagt hätte, so hätte es Buddenbrook gesagt, und wenn auch der
+nicht, so ich selbst. Dies ist mir klar. Treibt man etwas auf die
+Spitze, so übertreibt man und hat die Lächerlichkeit. Kein Zweifel.
+Aber wo fängt es an? Wo liegt die Grenze? Zehn Jahre verlangen noch
+ein Duell, und da heißt es Ehre, und nach elf Jahren oder vielleicht
+schon bei zehnundeinhalb heißt es Unsinn. Die Grenze, die Grenze. Wo
+ist sie? War sie da? War sie schon überschritten? Wenn ich mir seinen
+letzten Blick vergegenwärtige, resigniert und in seinem Elend doch
+noch ein Lächeln, so hieß der Blick: 'Innstetten, Prinzipienreiterei
+... Sie konnten es mir ersparen und sich selber auch.' Und er hatte
+vielleicht recht. Mir klingt so was in der Seele. Ja, wenn ich voll
+tödlichem Haß gewesen wäre, wenn mir hier ein tiefes Rachegefühl
+gesessen hätte ... Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches
+und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer
+Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte,
+halbe Komödie. Und diese Komödie muß ich nun fortsetzen und muß Effi
+wegschicken und sie ruinieren und mich mit ... Ich mußte die Briefe
+verbrennen, und die Welt durfte nie davon erfahren. Und wenn sie dann
+kam, ahnungslos, so mußte ich ihr sagen: 'Da ist dein Platz', und
+mußte mich innerlich von ihr scheiden. Nicht vor der Welt. Es gibt so
+viele Leben, die keine sind, und so viele Ehen, die keine sind ...
+dann war das Glück hin, aber ich hätte das Auge mit seinem Frageblick
+und mit seiner stummen, leisen Anklage nicht vor mir.«
+
+Kurz vor zehn hielt Innstetten vor seiner Wohnung. Er stieg die
+Treppen hinauf und zog die Glocke; Johanna kam und öffnete.
+
+»Wie steht es mit Annie?«
+
+»Gut, gnäd'ger Herr. Sie schläft noch nicht ... Wenn der gnäd'ge
+Herr ...«
+
+»Nein, nein, das regt sie bloß auf. Ich sehe sie lieber morgen früh.
+Bringen Sie mir ein Glas Tee, Johanna. Wer war hier?«
+
+»Nur der Doktor.«
+
+Und nun war Innstetten wieder allein. Er ging auf und ab, wie er's zu
+tun liebte. »Sie wissen schon alles; Roswitha ist dumm, aber Johanna
+ist eine kluge Person. Und wenn sie's nicht mit Bestimmtheit wissen,
+so haben sie sich's zurechtgelegt und wissen es doch. Es ist
+merkwürdig, was alles zum Zeichen wird und Geschichten ausplaudert,
+als wäre jeder mit dabeigewesen.«
+
+Johanna brachte den Tee. Innstetten trank. Er war nach der
+Überanstrengung todmüde und schlief ein.
+
+Innstetten war zu guter Zeit auf. Er sah Annie, sprach ein paar Worte
+mit ihr, lobte sie, daß sie eine gute Kranke sei, und ging dann aufs
+Ministerium, um seinem Chef von allem Vorgefallenen Meldung zu machen.
+Der Minister war sehr gnädig. »Ja, Innstetten, wohl dem, der aus
+allem, was das Leben uns bringen kann, heil herauskommt; Sie hat's
+getroffen.« Er fand alles, was geschehen, in der Ordnung und überließ
+Innstetten das Weitere.
+
+Erst spät nachmittags war Innstetten wieder in seiner Wohnung, in
+der er ein paar Zeilen von Wüllersdorf vorfand. »Heute früh wieder
+eingetroffen. Eine Welt von Dingen erlebt: Schmerzliches, Rührendes;
+Gieshübler an der Spitze. Der liebenswürdigste Bucklige, den ich je
+gesehen. Von Ihnen sprach er nicht allzuviel, aber die Frau, die Frau!
+Er konnte sich nicht beruhigen, und zuletzt brach der kleine Mann
+in Tränen aus. Was alles vorkommt. Es wäre zu wünschen, daß es mehr
+Gieshübler gäbe. Es gibt aber mehr andere. Und dann die Szene im Hause
+des Majors ... furchtbar. Kein Wort davon. Man hat wieder mal gelernt:
+aufpassen. Ich sehe Sie morgen. Ihr W.«
+
+Innstetten war ganz erschüttert, als er gelesen. Er setzte sich
+und schrieb seinerseits ein paar Briefe. Als er damit zu Ende war,
+klingelte er: »Johanna, die Briefe in den Kasten.«
+
+Johanna nahm die Briefe und wollte gehen.
+
+»... Und dann, Johanna, noch eins: Die Frau kommt nicht wieder. Sie
+werden von anderen erfahren, warum nicht. Annie darf nichts wissen,
+wenigstens jetzt nicht. Das arme Kind. Sie müssen es ihr allmählich
+beibringen, daß sie keine Mutter mehr hat. Ich kann es nicht. Aber
+machen Sie's gescheit. Und daß Roswitha nicht alles verdirbt.«
+
+Johanna stand einen Augenblick ganz wie benommen da. Dann ging sie auf
+Innstetten zu und küßte ihm die Hand. Als sie wieder draußen in der
+Küche war, war sie von Stolz und Überlegenheit ganz erfüllt, ja beinah
+von Glück. Der gnädige Herr hatte ihr nicht nur alles gesagt, sondern
+am Schluß auch noch hinzugesetzt: »Und daß Roswitha nicht alles
+verdirbt.« Das war die Hauptsache, und ohne daß es ihr an gutem Herzen
+und selbst an Teilnahme mit der Frau gefehlt hätte, beschäftigte
+sie doch, über jedes andere hinaus, der Triumph einer gewissen
+Intimitätsstellung zum gnädigen Herrn.
+
+Unter gewöhnlichen Umständen wäre ihr denn auch die Herauskehrung
+und Geltendmachung dieses Triumphes ein leichtes gewesen, aber
+heute traf sich's so wenig günstig für sie, daß ihre Rivalin, ohne
+Vertrauensperson gewesen zu sein, sich doch als die Eingeweihtere
+zeigen sollte. Der Portier unten hatte nämlich, so ziemlich um
+dieselbe Zeit, wo dies spielte, Roswitha in seine kleine Stube
+hineingerufen und ihr gleich beim Eintreten ein Zeitungsblatt zum
+Lesen zugeschoben. »Da, Roswitha, das ist was für Sie; Sie können es
+mir nachher wieder runterbringen. Es ist bloß das Fremdenblatt; aber
+Lene ist schon hin und holt das Kleine Journal. Da wird wohl schon
+mehr drinstehen; die wissen immer alles. Hören Sie, Roswitha, wer so
+was gedacht hätte.«
+
+Roswitha, sonst nicht allzu neugierig, hatte sich doch nach dieser
+Ansprache so rasch wie möglich die Hintertreppe hinaufbegeben und war
+mit dem Lesen gerade fertig, als Johanna dazukam.
+
+Diese legte die Briefe, die ihr Innstetten eben gegeben, auf den
+Tisch, überflog die Adressen oder tat wenigstens so (denn sie wußte
+längst, an wen sie gerichtet waren) und sagte mit gut erkünstelter
+Ruhe: »Einer ist nach Hohen-Cremmen.«
+
+»Das kann ich mir denken«, sagte Roswitha.
+
+Johanna war nicht wenig erstaunt über diese Bemerkung. »Der Herr
+schreibt sonst nie nach Hohen-Cremmen.«
+
+»Ja, sonst. Aber jetzt ... Denken Sie sich, das hat mir eben der
+Portier unten gegeben.«
+
+Johanna nahm das Blatt und las nun halblaut eine mit einem dicken
+Tintenstrich markierte Stelle: »Wie wir kurz vor Redaktionsschluß
+von gut unterrichteter Seite her vernehmen, hat gestern früh in dem
+Badeort Kessin in Hinterpommern ein Duell zwischen dem Ministerialrat
+v. I. (Keithstraße) und dem Major von Crampas stattgefunden. Major von
+Crampas fiel. Es heißt, daß Beziehungen zwischen ihm und der Rätin,
+einer schönen und noch sehr jungen Frau, bestanden haben sollen.«
+
+»Was solche Blätter auch alles schreiben«, sagte Johanna, die
+verstimmt war, ihre Neuigkeit überholt zu sehen.
+
+»Ja«, sagte Roswitha. »Und das lesen nun die Menschen und
+verschimpfieren mir meine liebe, arme Frau. Und der arme Major. Nun
+ist er tot.«
+
+»Ja, Roswitha, was denken Sie sich eigentlich? Soll er nicht tot sein?
+Oder soll lieber unser gnädiger Herr tot sein?«
+
+»Nein, Johanna, unser gnäd'ger Herr, der soll auch leben, alles soll
+leben. Ich bin nicht für Totschießen und kann nicht mal das Knallen
+hören. Aber bedenken Sie doch, Johanna, das ist ja nun schon eine
+halbe Ewigkeit her, und die Briefe, die mir gleich so sonderbar
+aussahen, weil sie die rote Strippe hatten und drei- oder viermal
+umwickelt und dann eingeknotet und keine Schleife - die sahen ja schon
+ganz gelb aus, so lange ist es her. Wir sind ja nun schon über sechs
+Jahre hier, und wie kann man wegen solcher alten Geschichten ...«
+
+»Ach, Roswitha, Sie reden, wie Sie's verstehen. Und bei Licht besehen
+sind Sie schuld. Von den Briefen kommt es her. Warum kamen Sie mit dem
+Stemmeisen und brachen den Nähtisch auf, was man nie darf; man darf
+kein Schloß aufbrechen, was ein anderer zugeschlossen hat.«
+
+»Aber, Johanna, das ist doch wirklich zu schlecht von Ihnen, mir so
+was auf den Kopf zuzusagen, und Sie wissen doch, daß Sie schuld sind
+und daß Sie wie närrisch in die Küche stürzten und mir sagten, der
+Nähtisch müsse aufgemacht werden, da wäre die Bandage drin, und da bin
+ich mit dem Stemmeisen gekommen, und nun soll ich schuld sein. Nein,
+ich sage ...«
+
+»Nun, ich will es nicht gesagt haben, Roswitha. Nur, Sie sollen mir
+nicht kommen und sagen: der arme Major. Was heißt der arme Major! Der
+ganze arme Major taugte nichts; wer solchen rotblonden Schnurrbart hat
+und immer wribbelt, der taugt nie was und richtet bloß Schaden an. Und
+wenn man immer in vornehmen Häusern gedient hat ... aber das haben Sie
+nicht, Roswitha, das fehlt Ihnen eben ... dann weiß man auch, was sich
+paßt und schickt und was Ehre ist, und weiß auch, daß, wenn so was
+vorkommt, dann geht es nicht anders, und dann kommt das, was man eine
+Forderung nennt, und dann wird einer totgeschossen.«
+
+»Ach, das weiß ich auch; ich bin nicht so dumm, wie Sie mich immer
+machen wollen. Aber wenn es so lange her ist ...« »Ja, Roswitha, mit
+Ihrem ewigen 'so lange her'; daran sieht man ja eben, daß Sie nichts
+davon verstehen. Sie erzählen immer die alte Geschichte von Ihrem
+Vater mit dem glühenden Eisen und wie er damit auf Sie losgekommen,
+und jedesmal, wenn ich einen glühenden Bolzen eintue, muß ich auch
+wirklich immer an Ihren Vater denken und sehe immer, wie er Sie wegen
+des Kindes, das ja nun tot ist, totmachen will. Ja, Roswitha, davon
+sprechen Sie in einem fort, und es fehlt bloß noch, daß Sie Anniechen
+auch die Geschichte erzählen, und wenn Anniechen eingesegnet wird,
+dann wird sie's auch gewiß erfahren, und vielleicht denselben Tag
+noch; und das ärgert mich, daß Sie das alles erlebt haben, und Ihr
+Vater war doch bloß ein Dorfschmied und hat Pferde beschlagen oder
+einen Radreifen belegt, und nun kommen Sie und verlangen von unserm
+gnäd'gen Herrn, daß er sich das alles ruhig gefallen läßt, bloß weil
+es so lange her ist. Was heißt lange her? Sechs Jahre ist nicht
+lange her. Und unsre gnäd'ge Frau - die aber nicht wiederkommt, der
+gnäd'ge Herr hat es mir eben gesagt -, unsre gnäd'ge Frau wird erst
+sechsundzwanzig, und im August ist ihr Geburtstag, und da kommen Sie
+mir mit 'lange her'. Und wenn sie sechsunddreißig wäre, ich sage
+Ihnen, bis sechsunddreißig muß man erst recht aufpassen, und wenn der
+gnäd'ge Herr nichts getan hätte, dann hätten ihn die vornehmen Leute
+'geschnitten'. Aber das Wort kennen Sie gar nicht, Roswitha, davon
+wissen Sie nichts.«
+
+»Nein, davon weiß ich nichts, will auch nicht; aber das weiß ich,
+Johanna, daß Sie in den gnäd'gen Herrn verliebt sind.« Johanna schlug
+eine krampfhafte Lache auf.
+
+»Ja, lachen Sie nur. Ich seh es schon lange. Sie haben so was. Und
+ein Glück, daß unser gnäd'ger Herr keine Augen dafür hat ... Die arme
+Frau, die arme Frau.«
+
+Johanna lag daran, Frieden zu schließen. »Lassen Sie's gut sein,
+Roswitha. Sie haben wieder Ihren Koller; aber ich weiß schon, den
+haben alle vom Lande.«
+
+»Kann schon sein.«
+
+»Ich will jetzt nur die Briefe forttragen und unten sehen, ob der
+Portier vielleicht schon die andere Zeitung hat. Ich habe doch recht
+verstanden, daß er Lene danach geschickt hat? Und es muß auch mehr
+darin stehen; das hier ist ja so gut wie gar nichts.«
+
+
+
+Dreißigstes Kapitel
+
+Effi und die Geheimrätin Zwicker waren seit fast drei Wochen in Ems
+und bewohnten daselbst das Erdgeschoß einer reizenden kleinen Villa.
+In ihrem zwischen ihren zwei Wohnzimmern gelegenen gemeinschaftlichen
+Salon mit Blick auf den Garten stand ein Palisanderflügel, auf dem
+Effi dann und wann eine Sonate, die Zwicker dann und wann einen
+Walzer spielte; sie war ganz unmusikalisch und beschränkte sich im
+wesentlichen darauf, für Niemann als Tannhäuser zu schwärmen.
+
+Es war ein herrlicher Morgen; in dem kleinen Garten zwitscherten die
+Vögel, und aus dem angrenzenden Hause, drin sich ein »Lokal« befand,
+hörte man, trotz der frühen Stunde, bereits das Zusammenschlagen der
+Billardbälle. Beide Damen hatten ihr Frühstück nicht im Salon selbst,
+sondern auf einem ein paar Fuß hoch aufgemauerten und mit Kies
+bestreuten Vorplatz eingenommen, von dem aus drei Stufen nach dem
+Garten hinunterführten; die Markise, ihnen zu Häupten, war aufgezogen,
+um den Genuß der frischen Luft in nichts zu beschränken, und sowohl
+Effi wie die Geheimrätin waren ziemlich emsig bei ihrer Handarbeit.
+Nur dann und wann wurden ein paar Worte gewechselt.
+
+»Ich begreife nicht«, sagte Effi, »daß ich schon seit vier Tagen
+keinen Brief habe; er schreibt sonst täglich. Ob Annie krank ist? Oder
+er selbst?«
+
+Die Zwicker lächelte: »Sie werden erfahren, liebe Freundin, daß er
+gesund ist, ganz gesund.«
+
+Effi fühlte sich durch den Ton, in dem dies gesagt wurde, wenig
+angenehm berührt und schien antworten zu wollen, aber in ebendiesem
+Augenblicke trat das aus der Umgegend von Bonn stammende Hausmädchen,
+das sich von Jugend an daran gewöhnt hatte, die mannigfachsten
+Erscheinungen des Lebens an Bonner Studenten und Bonner Husaren
+zu messen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus, um hier den
+Frühstückstisch abzuräumen. Sie hieß Afra.
+
+»Afra«, sagte Effi, »es muß doch schon neun sein; war der Postbote
+noch nicht da?«
+
+»Nein, noch nicht, gnäd'ge Frau.« »Woran liegt es?«
+
+»Natürlich an dem Postboten; er ist aus dem Siegenschen und hat
+keinen Schneid. Ich hab's ihm auch schon gesagt, das sei die 'reine
+Lodderei'. Und wie ihm das Haar sitzt; ich glaube, er weiß gar nicht,
+was ein Scheitel ist.«
+
+»Afra, Sie sind mal wieder zu streng. Denken Sie doch: Postbote, und
+so tagaus, tagein bei der ewigen Hitze ...«
+
+»Ist schon recht, gnäd'ge Frau. Aber es gibt doch andere, die
+zwingen's; wo's drinsteckt, da geht es auch.« Und während sie noch so
+sprach, nahm sie das Tablett geschickt auf ihre fünf Fingerspitzen und
+stieg die Stufen hinunter, um durch den Garten hin den näheren Weg in
+die Küche zu nehmen.
+
+»Eine hübsche Person«, sagte die Zwicker. »Und so quick und kasch, und
+ich möchte fast sagen, von einer natürlichen Anmut. Wissen Sie, liebe
+Baronin, daß mich diese Afra...
+
+übrigens ein wundervoller Name, und es soll sogar eine heilige Afra
+gegeben haben, aber ich glaube nicht, daß unsere davon abstammt ...«
+
+»Und nun, liebe Geheimrätin, vertiefen Sie sich wieder in Ihr
+Nebenthema, das diesmal Afra heißt, und vergessen darüber ganz, was
+Sie eigentlich sagen wollten ...«
+
+»Doch nicht, liebe Freundin, oder ich finde mich wenigstens wieder
+zurück. Ich wollte sagen, daß mich diese Afra ganz ungemein an die
+stattliche Person erinnert, die ich in Ihrem Hause ...«
+
+»Ja, Sie haben recht. Es ist eine Ähnlichkeit da. Nur, unser Berliner
+Hausmädchen ist doch erheblich hübscher und namentlich ihr Haar viel
+schöner und voller. Ich habe so schönes flachsenes Haar, wie unsere
+Johanna hat, überhaupt noch nicht gesehen. Ein bißchen davon sieht man
+ja wohl, aber solche Fülle ...«
+
+Die Zwicker lächelte. »Das ist wirklich selten, daß man eine
+junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres
+Hausmädchens sprechen hört. Und nun auch noch von der Fülle! Wissen
+Sie, daß ich das rührend finde? Denn eigentlich ist man doch bei der
+Wahl der Mädchen in einer beständigen Verlegenheit. Hübsch sollen sie
+sein, weil es jeden Besucher, wenigstens die Männer, stört, eine lange
+Stakete mit griesem Teint und schwarzen Rändern in der Türöffnung
+erscheinen zu sehen, und ein wahres Glück, daß die Korridore meistens
+so dunkel sind. Aber nimmt man wieder zu viel Rücksicht auf solche
+Hausrepräsentation und den sogenannten ersten Eindruck, und
+schenkt man wohl gar noch einer solchen hübschen Person eine weiße
+Tändelschürze nach der andern, so hat man eigentlich keine ruhige
+Stunde mehr und fragt sich, wenn man nicht zu eitel ist und nicht zu
+viel Vertrauen zu sich selber hat, ob da nicht Remedur geschaffen
+werden müsse. Remedur war nämlich ein Lieblingswort von Zwicker, womit
+er mich oft gelangweilt hat; aber freilich, alle Geheimräte haben
+solche Lieblingsworte.«
+
+Effi hörte mit sehr geteilten Empfindungen zu. Wenn die Geheimrätin
+nur ein bißchen anders gewesen wäre, so hätte dies alles reizend sein
+können, aber da sie nun mal war, wie sie war, so fühlte sich Effi
+wenig angenehm von dem berührt, was sie sonst vielleicht einfach
+erheitert hätte.
+
+»Das ist schon recht, liebe Freundin, was Sie da von den Geheimräten
+sagen. Innstetten hat sich auch dergleichen angewöhnt, lacht aber
+immer, wenn ich ihn daraufhin ansehe, und entschuldigt sich hinterher
+wegen der Aktenausdrücke. Ihr Herr Gemahl war freilich schon länger im
+Dienst und überhaupt wohl älter ...«
+
+»Um ein geringes«, sagte die Geheimrätin spitz und ablehnend.
+
+»Und alles in allem kann ich mich in Befürchtungen, wie Sie sie
+aussprechen, nicht recht zurechtfinden. Das, was man gute Sitte nennt,
+ist doch immer noch eine Macht ...«
+
+»Meinen Sie?«
+
+Und ich kann mir namentlich nicht denken, daß es gerade Ihnen,
+liebe Freundin, beschieden gewesen sein solle, solche Sorgen und
+Befürchtungen durchzumachen. Sie haben, Verzeihung, daß ich diesen
+Punkt hier so offen berühre, gerade das, was die Männer einen 'Scharm'
+nennen, Sie sind heiter, fesselnd, anregend, und wenn es nicht
+indiskret ist, so möcht ich angesichts dieser Ihrer Vorzüge wohl
+fragen dürfen, stützt sich das, was Sie da sagen, auf allerlei
+Schmerzliches, das Sie persönlich erlebt haben?«
+
+»Schmerzliches?« sagte die Zwicker. »Ach, meine liebe, gnädigste Frau,
+Schmerzliches, das ist ein zu großes Wort, auch dann noch, wenn man
+vielleicht wirklich manches erlebt hat. Schmerzlich ist einfach
+zuviel, viel zuviel. Und dann hat man doch schließlich auch seine
+Hilfsmittel und Gegenkräfte. Sie dürfen dergleichen nicht zu tragisch
+nehmen.«
+
+»Ich kann mir keine rechte Vorstellung von dem machen, was Sie
+anzudeuten belieben. Nicht, als ob ich nicht wüßte, was Sünde sei, das
+weiß ich auch; aber es ist doch ein Unterschied, ob man so hineingerät
+in allerlei schlechte Gedanken oder ob einem derlei Dinge zur halben
+oder auch wohl zur ganzen Lebensgewohnheit werden. Und nun gar im
+eigenen Hause ...«
+
+»Davon will ich nicht sprechen, das will ich nicht so direkt gesagt
+haben, obwohl ich, offen gestanden, auch nach dieser Seite hin voller
+Mißtrauen bin oder, wie ich jetzt sagen muß, war; denn es liegt ja
+alles zurück. Aber da gibt es Außengebiete. Haben Sie von Landpartien
+gehört?«
+
+»Gewiß. Und ich wollte wohl, Innstetten hätte mehr Sinn dafür ...«
+
+»Überlegen Sie sich das, liebe Freundin. Zwicker saß immer in
+Saatwinkel. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn ich das Wort höre, gibt es
+mir noch jetzt einen Stich ins Herz. Überhaupt diese Vergnügungsorte
+in der Umgegend unseres lieben alten Berlin! Denn ich liebe Berlin
+trotz alledem. Aber schon die bloßen Namen der dabei in Frage
+kommenden Ortschaften umschließen eine Welt von Angst und Sorge. Sie
+lächeln. Und doch, sagen Sie selbst, liebe Freundin, was können Sie
+von einer großen Stadt und ihren Sittlichkeitszuständen erwarten,
+wenn Sie beinah unmittelbar vor den Toren derselben (denn zwischen
+Charlottenburg und Berlin ist kein rechter Unterschied mehr), auf
+kaum tausend Schritte zusammengedrängt, einem Pichelsberg, einem
+Pichelsdorf und einem Pichelswerder begegnen. Dreimal Pichel ist
+zuviel. Sie können die ganze Welt absuchen, das finden Sie nicht
+wieder.«
+
+Effi nickte.
+
+»Und das alles«, fuhr die Zwicker fort, »geschieht am grünen Holz der
+Havelseite. Das alles liegt nach Westen zu, da haben Sie Kultur und
+höhere Gesittung. Aber nun gehen Sie, meine Gnädigste, nach der
+anderen Seite hin, die Spree hinauf. Ich spreche nicht von Treptow
+und Stralau, das sind Bagatellen, Harmlosigkeiten, aber wenn Sie die
+Spezialkarte zur Hand nehmen wollen, da begegnen Sie neben mindestens
+sonderbaren Namen wie Kiekebusch, wie Wuhlheide - Sie hätten hören
+sollen, wie Zwicker das Wort aussprach - Namen von geradezu brutalem
+Charakter, mit denen ich Ihr Ohr nicht verletzen will. Aber natürlich
+sind das gerade die Plätze, die bevorzugt werden. Ich hasse diese
+Landpartien, die sich das Volksgemüt als eine Kremserpartie mit 'Ich
+bin ein Preuße' vorstellt, in Wahrheit aber schlummern hier die Keime
+einer sozialen Revolution. Wenn ich sage 'soziale Revolution', so
+meine ich natürlich moralische Revolution, alles andere ist bereits
+wieder überholt, und schon Zwicker sagte mir noch in seinen letzten
+Tagen: 'Glaube mir, Sophie, Saturn frißt seine Kinder.' Und Zwicker,
+welche Mängel und Gebrechen er haben mochte, das bin ich ihm schuldig,
+er war ein philosophischer Kopf und hatte ein natürliches Gefühl
+für historische Entwicklung ... Aber ich sehe, meine liebe Frau von
+Innstetten, so artig sie sonst ist, hört nur noch mit halbem Ohr zu;
+natürlich, der Postbote hat sich drüben blicken lassen, und da fliegt
+denn das Herz hinüber und nimmt die Liebesworte vorweg aus dem Brief
+heraus ... Nun, Böselager, was bringen Sie?«
+
+Der Angeredete war mittlerweile bis an den Tisch herangetreten und
+packte aus: mehrere Zeitungen, zwei Friseuranzeigen und zuletzt auch
+einen großen eingeschriebenen Brief an Frau Baronin von Innstetten,
+geb. von Briest.
+
+Die Empfängerin unterschrieb, und nun ging der Postbote wieder.
+Die Zwicker aber überflog die Friseuranzeigen und lachte über die
+Preisermäßigung von Shampooing.
+
+Effi hörte nicht hin; sie drehte den ihrerseits empfangenen Brief
+zwischen den Fingern und hatte eine ihr unerklärliche Scheu, ihn zu
+öffnen. Eingeschrieben und mit zwei großen Siegeln und ein dickes
+Kuvert. Was bedeutete das? Poststempel: »Hohen-Cremmen«, und die
+Adresse von der Handschrift der Mutter. Von Innstetten, es war der
+fünfte Tag, keine Zeile.
+
+Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttergriff und schnitt die
+Längsseite des Briefes langsam auf. Und nun harrte ihrer eine neue
+Überraschung. Der Briefbogen, ja, das waren eng beschriebene Zeilen
+von der Mama, darin eingelegt aber waren Geldscheine mit einem breiten
+Papierstreifen drumherum, auf dem mit Rotstift, und zwar von des
+Vaters Hand, der Betrag der eingelegten Summe verzeichnet war. Sie
+schob das Konvolut zurück und begann zu lesen, während sie sich in
+den Schaukelstuhl zurücklehnte. Aber sie kam nicht weit, die Zeilen
+entfielen ihr, und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort. Dann
+bückte sie sich und nahm den Brief wieder auf. »Was ist Ihnen, liebe
+Freundin? Schlechte Nachrichten?« Effi nickte, gab aber weiter keine
+Antwort und bat nur, ihr ein Glas Wasser reichen zu wollen. Als sie
+getrunken, sagte sie: »Es wird vorübergehen, liebe Geheimrätin, aber
+ich möchte mich doch einen Augenblick zurückziehen ... Wenn Sie mir
+Afra schicken könnten.«
+
+Und nun erhob sie sich und trat in den Salon zurück, wo sie sichtlich
+froh war, einen Halt gewonnen und sich an dem Palisanderflügel
+entlangfühlen zu können. So kam sie bis an ihr nach rechts hin
+gelegenes Zimmer, und als sie hier, tappend und suchend, die Tür
+geöffnet und das Bett an der Wand gegenüber erreicht hatte, brach sie
+ohnmächtig zusammen.
+
+
+
+Einunddreißgstes Kapitel
+
+Minuten vergingen. Als Effi sich wieder erholt hatte, setzte sie sich
+auf einen am Fenster stehenden Stuhl und sah auf die stille Straße
+hinaus. Wenn da doch Lärm und Streit gewesen wäre; aber nur der
+Sonnenschein lag auf dem chaussierten Wege und dazwischen die
+Schatten, die das Gitter und die Bäume warfen. Das Gefühl des
+Alleinseins in der Welt überkam sie mit seiner ganzen Schwere. Vor
+einer Stunde noch eine glückliche Frau, Liebling aller, die sie
+kannten, und nun ausgestoßen. Sie hatte nur erst den Anfang des
+Briefes gelesen, aber genug, um ihre Lage klar vor Augen zu haben.
+Wohin?
+
+Sie hatte keine Antwort darauf, und doch war sie voll tiefer
+Sehnsucht, aus dem herauszukommen, was sie hier umgab, also fort von
+dieser Geheimrätin, der das alles bloß ein »interessanter Fall« war
+und deren Teilnahme, wenn etwas davon existierte, sicher an das Maß
+ihrer Neugier nicht heranreichte.
+
+»Wohin?«
+
+Auf dem Tisch vor ihr lag der Brief; aber ihr fehlte der Mut,
+weiterzulesen. Endlich sagte sie: »Wovor bange ich mich noch? Was kann
+noch gesagt werden, das ich mir nicht schon selber sagte? Der, um den
+all dies kam, ist tot, eine Rückkehr in mein Haus gibt es nicht, in
+ein paar Wochen wird die Scheidung ausgesprochen sein, und das Kind
+wird man dem Vater lassen. Natürlich. Ich bin schuldig, und eine
+Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen. Und wovon auch? Mich selbst
+werde ich wohl durchbringen. Ich will sehen, was die Mama darüber
+schreibt, wie sie sich mein Leben denkt.«
+
+Und unter diesen Worten nahm sie den Brief wieder, um auch den Schluß
+zu lesen.
+
+»... Und nun Deine Zukunft, meine liebe Effi. Du wirst Dich auf
+Dich selbst stellen müssen und darfst dabei, soweit äußere Mittel
+mitsprechen, unserer Unterstützung sicher sein. Du wirst am besten in
+Berlin leben (in einer großen Stadt vertut sich dergleichen am besten)
+und wirst da zu den vielen gehören, die sich um freie Luft und lichte
+Sonne gebracht haben. Du wirst einsam leben, und wenn Du das nicht
+willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphäre herabsteigen müssen. Die
+Welt, in der Du gelebt hast, wird Dir verschlossen sein. Und was das
+Traurigste für uns und für Dich ist (auch für Dich, wie wir Dich zu
+kennen vermeinen) - auch das elterliche Haus wird Dir verschlossen
+sein, wir können Dir keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen anbieten,
+keine Zuflucht in unserem Hause, denn es hieße das, dies Haus
+von aller Welt abschließen, und das zu tun, sind wir entschieden
+nicht geneigt. Nicht weil wir zu sehr an der Welt hingen und ein
+Abschiednehmen von dem, was sich 'Gesellschaft' nennt, uns als etwas
+unbedingt Unerträgliches erschiene; nein, nicht deshalb, sondern
+einfach, weil wir Farbe bekennen und vor aller Welt, ich kann Dir das
+Wort nicht ersparen, unsere Verurteilung Deines Tuns, des Tuns unseres
+einzigen und von uns so sehr geliebten Kindes, aussprechen wollen ...«
+Effi konnte nicht weiterlesen; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und
+nachdem sie vergeblich dagegen angekämpft hatte, brach sie zuletzt
+in ein heftiges Schluchzen und Weinen aus, darin sich ihr Herz
+erleichterte.
+
+Nach einer halben Stunde klopfte es, und auf Effis »Herein« erschien
+die Geheimrätin.
+
+»Darf ich eintreten?«
+
+»Gewiß, liebe Geheimrätin«, sagte Effi, die jetzt, leicht zugedeckt
+und die Hände gefaltet, auf dem Sofa lag. »Ich bin erschöpft und habe
+mich hier eingerichtet, so gut es ging. Darf ich Sie bitten, sich
+einen Stuhl zu nehmen.«
+
+Die Geheimrätin setzte sich so, daß der Tisch, mit einer Blumenschale
+darauf, zwischen ihr und Effi war. Effi zeigte keine Spur von
+Verlegenheit und änderte nichts in ihrer Haltung, nicht einmal die
+gefalteten Hände. Mit einem Male war es ihr vollkommen gleichgültig,
+was die Frau dachte; nur fort wollte sie.
+
+»Sie haben eine traurige Nachricht empfangen, liebe gnädigste
+Frau ...«
+
+»Mehr als traurig«, sagte Effi. »Jedenfalls traurig genug, um unserem
+Beisammensein ein rasches Ende zu machen. Ich muß noch heute fort.«
+
+»Ich möchte nicht zudringlich erscheinen, aber ist es etwas mit
+Annie?«
+
+»Nein, nicht mit Annie. Die Nachrichten kamen überhaupt nicht aus
+Berlin, es waren Zeilen meiner Mama. Sie hat Sorgen um mich, und es
+liegt mir daran, sie zu zerstreuen, oder wenn ich das nicht kann,
+wenigstens an Ort und Stelle zu sein.«
+
+»Mir nur zu begreiflich, so sehr ich es beklage, diese letzten Emser
+Tage nun ohne Sie verbringen zu sollen. Darf ich Ihnen meine Dienste
+zur Verfügung stellen?«
+
+Ehe Effi darauf antworten konnte, trat Afra ein und meldete, daß man
+sich eben zum Lunch versammle. Die Herrschaften seien alle sehr in
+Aufregung: Der Kaiser käme wahrscheinlich auf drei Wochen, und am
+Schluß seien große Manöver, und die Bonner Husaren kämen auch.
+
+Die Zwicker überschlug sofort, ob es sich verlohnen würde, bis dahin
+zu bleiben, kam zu einem entschiedenen »Ja« und ging dann, um Effis
+Ausbleiben beim Lunch zu entschuldigen.
+
+Als gleich danach auch Afra gehen wollte, sagte Effi: »Und dann, Afra,
+wenn Sie frei sind, kommen Sie wohl noch eine Viertelstunde zu mir,
+um mir beim Packen behilflich zu sein. Ich will heute noch mit dem
+Siebenuhrzug fort.«
+
+»Heute noch? Ach, gnädigste Frau, das ist doch aber schade. Nun fangen
+ja die schönen Tage erst an.«
+
+Effi lächelte.
+
+Die Zwicker, die noch allerlei zu hören hoffte, hatte sich nur mit
+Mühe bestimmen lassen, der »Frau Baronin« beim Abschied nicht das
+Geleit zu geben. Auf einem Bahnhof, so hatte Effi versichert, sei
+man immer so zerstreut und nur mit seinem Platz und seinem Gepäck
+beschäftigt; gerade Personen, die man liebhabe, von denen nähme man
+gern vorher Abschied. Die Zwicker bestätigte das, trotzdem sie das
+Vorgeschützte darin sehr wohl herausfühlte; sie hatte hinter allen
+Türen gestanden und wußte gleich, was echt und unecht war.
+
+Afra begleitete Effi zum Bahnhof und ließ sich fest versprechen, daß
+die Frau Baronin im nächsten Sommer wiederkommen wolle; wer mal in Ems
+gewesen, der komme immer wieder. Ems sei das Schönste, außer Bonn.
+
+Die Zwicker hatte sich mittlerweile zum Briefschreiben niedergesetzt,
+nicht an dem etwas wackligen Rokokosekretär im Salon, sondern draußen
+auf der Veranda, an demselben Tisch, an dem sie kaum zehn Stunden
+zuvor mit Effi das Frühstück genommen hatte.
+
+Sie freute sich auf den Brief, der einer befreundeten, zur Zeit in
+Reichenhall weilenden Berliner Dame zugute kommen sollte. Beider
+Seelen hatten sich längst gefunden und gipfelten in einer der ganzen
+Männerwelt geltenden starken Skepsis; sie fanden die Männer durchweg
+weit zurückbleibend hinter dem, was billigerweise gefordert werden
+könne, die sogenannten »forschen« am meisten. »Die, die vor
+Verlegenheit nicht wissen, wo sie hinsehen sollen, sind, nach einem
+kurzen Vorstudium, immer noch die besten, aber die eigentlichen Don
+Juans erweisen sich jedesmal als eine Enttäuschung. Wo soll es am Ende
+auch herkommen.« Das waren so Weisheitssätze, die zwischen den zwei
+Freundinnen ausgetauscht wurden.
+
+Die Zwicker war schon auf dem zweiten Bogen und fuhr in ihrem mehr
+als dankbaren Thema, das natürlich »Effi« hieß, eben wie folgt fort:
+»Alles in allem war sie sehr zu leiden, artig, anscheinend offen, ohne
+jeden Adelsdünkel (oder doch groß in der Kunst, ihn zu verbergen) und
+immer interessiert, wenn man ihr etwas Interessantes erzählte, wovon
+ich, wie ich Dir nicht zu versichern brauche, den ausgiebigsten
+Gebrauch machte. Nochmals also, reizende junge Frau, fünfundzwanzig
+oder nicht viel mehr. Und doch habe ich dem Frieden nie getraut und
+traue ihm auch in diesem Augenblick noch nicht, ja, jetzt vielleicht
+am wenigsten. Die Geschichte heute mit dem Briefe - da steckt eine
+wirkliche Geschichte dahinter. Dessen bin ich so gut wie sicher. Es
+wäre das erste Mal, daß ich mich in solcher Sache geirrt hätte. Daß
+sie mit Vorliebe von den Berliner Modepredigern sprach und das Maß der
+Gottseligkeit jedes einzelnen feststellte, das und der gelegentliche
+Gretchenblick, der jedesmal versicherte, kein Wässerchen trüben zu
+können - alle diese Dinge haben mich in meinem Glauben ... Aber da
+kommt eben unsere Afra, von der ich Dir, glaube ich, schon schrieb,
+eine hübsche Person, und packt mir ein Zeitungsblatt auf den Tisch,
+das ihr, wie sie sagt, unsere Frau Wirtin für mich gegeben habe; die
+blau angestrichene Stelle. Nun verzeih, wenn ich diese Stelle erst
+lese ...
+
+Nachschrift. Das Zeitungsblatt war interessant genug und kam wie
+gerufen. Ich schneide die blau angestrichene Stelle heraus und lege
+sie diesen Zeilen bei. Du siehst daraus, daß ich mich nicht geirrt
+habe. Wer mag nur der Crampas sein?
+
+Es ist unglaublich - erst selber Zettel und Briefe schreiben und dann
+auch noch die des anderen aufbewahren! Wozu gibt es Öfen und Kamine?
+Solange wenigstens, wie dieser Duellunsinn noch existiert, darf
+dergleichen nicht vorkommen; einem kommenden Geschlecht kann diese
+Briefschreibepassion (weil dann gefahrlos geworden) vielleicht
+freigegeben werden. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Übrigens
+bin ich voll Mitleid mit der jungen Baronin und finde, eitel wie man
+nun mal ist, meinen einzigen Trost darin, mich in der Sache selbst
+nicht getäuscht zu haben. Und der Fall lag nicht so ganz gewöhnlich.
+Ein schwächerer Diagnostiker hätte sich doch vielleicht hinters Licht
+führen lassen.
+
+Wie immer Deine Sophie.«
+
+
+
+Zweiunddreißigstes Kapitel
+
+Drei Jahre waren vergangen, und Effi bewohnte seit fast ebenso
+langer Zeit eine kleine Wohnung in der Königgrätzer Straße, zwischen
+Askanischem Platz und Halleschem Tor: ein Vorder- und Hinterzimmer und
+hinter diesem die Küche mit Mädchengelaß, alles so durchschnittsmäßig
+und alltäglich wie nur möglich. Und doch war es eine apart hübsche
+Wohnung, die jedem, der sie sah, angenehm auffiel, am meisten
+vielleicht dem alten Geheimrat Rummschüttel, der, dann und wann
+vorsprechend, der armen jungen Frau nicht bloß die nun weit
+zurückliegende Rheumatismus- und Neuralgiekomödie sondern auch alles,
+was seitdem sonst noch vorgekommen war, längst verziehen hatte, wenn
+es für ihn der Verzeihung überhaupt bedurfte. Denn Rummschüttel kannte
+noch ganz anderes.
+
+Er war jetzt ausgangs Siebzig, aber wenn Effi, die seit einiger Zeit
+ziemlich viel kränkelte, ihn brieflich um seinen Besuch bat, so war er
+am anderen Vormittag auch da und wollte von Entschuldigungen, daß es
+so hoch sei, nichts wissen. »Nur keine Entschuldigungen, meine liebe
+gnädigste Frau; denn erstens ist es mein Metier, und zweitens bin ich
+glücklich und beinahe stolz, die drei Treppen so gut noch steigen
+zu können. Wenn ich nicht fürchten müßte, Sie zu belästigen - denn
+ich komme doch schließlich als Arzt und nicht als Naturfreund und
+Landschaftsschwärmer -, so käme ich wohl noch öfter, bloß um Sie zu
+sehen und mich hier etliche Minuten an Ihr Hinterfenster zu setzen.
+Ich glaube, Sie würdigen den Ausblick nicht genug.«
+
+»O doch, doch«, sagte Effi; Rummschüttel aber ließ sich nicht stören
+und fuhr fort: »Bitte, meine gnädigste Frau, treten Sie hier heran,
+nur einen Augenblick, oder erlauben Sie mir, daß ich Sie bis an das
+Fenster führe. Wieder ganz herrlich heute. Sehen Sie doch nur die
+verschiedenen Bahndämme, drei, nein, vier, und wie es beständig darauf
+hin und her gleitet ... und nun verschwindet der Zug da wieder hinter
+einer Baumgruppe. Wirklich herrlich. Und wie die Sonne den weißen
+Rauch durchleuchtet! Wäre der Matthäikirchhof nicht unmittelbar
+dahinter, so wäre es ideal.«
+
+»Ich sehe gern Kirchhöfe.«
+
+»Ja, Sie dürfen das sagen. Aber unsereins! Unsereinem kommt
+unabweislich immer die Frage, könnten hier nicht vielleicht einige
+weniger liegen? Im übrigen, meine gnädigste Frau, bin ich mit Ihnen
+zufrieden und beklage nur, daß Sie von Ems nichts wissen wollen; Ems
+bei Ihren katarrhalischen Affektionen, würde Wunder ...«
+
+Effi schwieg.
+
+»Ems würde Wunder tun. Aber da Sie's nicht mögen (und ich finde mich
+darin zurecht), so trinken Sie den Brunnen hier. In drei Minuten
+sind Sie im Prinz Albrechtschen Garten, und wenn auch die Musik
+und die Toiletten und all die Zerstreuungen einer regelrechten
+Brunnenpromenade fehlen, der Brunnen selbst ist doch die Hauptsache.«
+
+Effi war einverstanden, und Rummschüttel nahm Hut und Stock. Aber
+er trat noch einmal an das Fenster heran. »Ich höre von einer
+Terrassierung des Kreuzbergs sprechen, Gott segne die Stadtverwaltung,
+und wenn dann erst die kahle Stelle da hinten mehr in Grün stehen
+wird ... Eine reizende Wohnung. Ich könnte Sie fast beneiden ... Und
+was ich schon längst einmal sagen wollte, meine gnädige Frau, Sie
+schreiben mir immer einen so liebenswürdigen Brief. Nun, wer freute
+sich dessen nicht? Aber es ist doch jedesmal eine Mühe ... Schicken
+Sie mir doch einfach Roswitha.«
+
+Effi dankte ihm, und so schieden sie.
+
+»Schicken Sie mir doch einfach Roswitha ...« hatte Rummschüttel
+gesagt. Ja, war denn Roswitha bei Effi? War sie denn statt in der
+Keith- in der Königgrätzer Straße? Gewiß war sie's, und zwar sehr
+lange schon, gerade so lange, wie Effi selbst in der Königgrätzer
+Straße wohnte. Schon drei Tage vor diesem Einzug hatte sich Roswitha
+bei ihrer lieben gnädigen Frau sehen lassen, und das war ein
+großer Tag für beide gewesen, so sehr, daß dieses Tages hier noch
+nachträglich gedacht werden muß.
+
+Effi hatte damals, als der elterliche Absagebrief aus Hohen-Cremmen
+kam und sie mit dem Abendzug von Ems nach Berlin zurückreiste, nicht
+gleich eine selbständige Wohnung genommen, sondern es mit einem
+Unterkommen in einem Pensionat versucht. Es war ihr damit auch
+leidlich geglückt. Die beiden Damen, die dem Pensionat vorstanden,
+waren gebildet und voll Rücksicht und hatten es längst verlernt,
+neugierig zu sein. Es kam da so vieles zusammen, daß ein
+Eindringenwollen in die Geheimnisse jedes einzelnen viel zu
+umständlich gewesen wäre. Dergleichen hinderte nur den Geschäftsgang.
+Effi, die die mit den Augen angestellten Kreuzverhöre der Zwicker noch
+in Erinnerung hatte, fühlte sich denn auch von dieser Zurückhaltung
+der Pensionsdamen sehr angenehm berührt; als aber vierzehn Tage
+vorüber waren, empfand sie doch deutlich, daß die hier herrschende
+Gesamtatmosphäre, die physische wie die moralische, nicht wohl
+ertragbar für sie sei. Bei Tisch waren sie meist zu sieben, und zwar
+außer Effi und der einen Pensionsvorsteherin (die andere leitete
+draußen das Wirtschaftliche) zwei die Hochschule besuchende
+Engländerinnen, eine adelige Dame aus Sachsen, eine sehr hübsche
+galizische Jüdin, von der niemand wußte, was sie eigentlich vorhatte,
+und eine Kantorstochter aus Polzin in Pommern, die Malerin werden
+wollte. Das war eine schlimme Zusammensetzung, und die gegenseitigen
+Überheblichkeiten, bei denen die Engländerinnen merkwürdigerweise
+nicht absolut obenan standen, sondern mit der vom höchsten Malergefühl
+erfüllten Polzinerin um die Palme rangen, waren unerquicklich; dennoch
+wäre Effi, die sich passiv verhielt, über den Druck, den diese
+geistige Atmosphäre übte, hinweggekommen, wenn nicht, rein physisch
+und äußerlich, die sich hinzugesellende Pensionsluft gewesen wäre.
+Woraus sich diese eigentlich zusammensetzte, war vielleicht überhaupt
+unerforschlich, aber daß sie der sehr empfindlichen Effi den Atem
+raubte, war nur zu gewiß, und so sah sie sich, aus diesem äußerlichen
+Grunde, sehr bald schon zur Aus- und Umschau nach einer anderen
+Wohnung gezwungen, die sie denn auch in verhältnismäßiger Nähe fand.
+Es war dies die vorgeschilderte Wohnung in der Königgrätzer Straße.
+Sie sollte dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahres beziehen, hatte
+das Nötige dazu beschafft und zählte während der letzten Septembertage
+die Stunden bis zur Erlösung aus dem Pensionat.
+
+An einem dieser letzten Tage - sie hatte sich eine Viertelstunde zuvor
+aus dem Eßzimmer zurückgezogen und gedachte sich eben auf einem mit
+einem großblumigen Wollstoff überzogenen Seegrassofa auszuruhen -
+wurde leise an ihre Tür geklopft.
+
+»Herein.«
+
+Das eine Hausmädchen, eine kränklich aussehende Person von Mitte
+Dreißig, die durch beständigen Aufenthalt auf dem Korridor des
+Pensionats den hier lagernden Dunstkreis überallhin in ihren
+Falten mitschleppte, trat ein und sagte: Die gnädige Frau möchte
+entschuldigen, aber es wolle sie jemand sprechen.
+
+»Wer?«
+
+»Eine Frau.«
+
+»Und hat sie ihren Namen genannt?« »Ja, Roswitha.«
+
+Und siehe da, kaum daß Effi diesen Namen gehört hatte, so schüttelte
+sie den Halbschlaf von sich und sprang auf und lief auf den Korridor
+hinaus, um Roswitha bei beiden Händen zu fassen und in ihr Zimmer zu
+ziehen.
+
+»Roswitha. Du. Ist das eine Freude. Was bringst du? Natürlich was
+Gutes. Ein so gutes altes Gesicht kann nur was Gutes bringen. Ach, wie
+glücklich ich bin, ich könnte dir einen Kuß geben; ich hätte nicht
+gedacht, daß ich noch solche Freude haben könnte. Mein gutes altes
+Herz, wie geht es dir denn? Weißt du noch, wie's damals war, als der
+Chinese spukte? Das waren glückliche Zeiten. Ich habe damals gedacht,
+es wären unglückliche, weil ich das Harte des Lebens noch nicht
+kannte. Seitdem habe ich es kennengelernt. Ach, Spuk ist lange nicht
+das Schlimmste! Komm, meine gute Roswitha, komm, setz dich hier zu mir
+und erzähle mir ... Ach, ich habe solche Sehnsucht. Was macht Annie?«
+
+Roswitha konnte kaum reden und sah sich in dem sonderbaren Zimmer um,
+dessen grau und verstaubt aussehende Wände in schmale Goldleisten
+gefaßt waren. Endlich aber fand sie sich und sagte, daß der gnädige
+Herr nun wieder aus Glatz zurück sei; der alte Kaiser habe gesagt,
+sechs Wochen in solchem Falle sei gerade genug, und auf den Tag, wo
+der gnädige Herr wieder da sein würde, darauf habe sie bloß gewartet,
+wegen Annie, die doch eine Aufsicht haben müsse. Denn Johanna sei
+wohl eine sehr propre Person, aber sie sei doch noch zu hübsch und
+beschäftige sich noch zu viel mit sich selbst und denke vielleicht
+Gott weiß was alles. Aber nun, wo der gnädige Herr wieder aufpassen
+und in allem nach dem Rechten sehen könne, da habe sie sich's doch
+antun wollen und mal sehen, wie's der gnädigen Frau gehe ...
+
+»Das ist recht, Roswitha ...«
+
+Und habe mal sehen wollen, ob der gnädigen Frau was fehle und ob
+sie sie vielleicht brauche, dann wolle sie gleich hierbleiben und
+beispringen und alles machen und dafür sorgen, daß es der gnädigen
+Frau wieder gutgehe.
+
+Effi hatte sich in die Sofaecke zurückgelehnt und die Augen
+geschlossen. Aber mit eins richtete sie sich auf und sagte: »Ja,
+Roswitha, was du da sagst, das ist ein Gedanke; das ist was. Denn du
+mußt wissen, ich bleibe hier nicht in dieser Pension, ich habe da
+weiterhin eine Wohnung gemietet und auch Einrichtung besorgt, und in
+drei Tagen will ich da einziehen. Und wenn ich da mit dir ankäme und
+zu dir sagen könnte: 'Nein, Roswitha, da nicht, der Schrank muß dahin
+und der Spiegel da', ja, das wäre was, das sollte mir schon gefallen.
+Und wenn wir dann müde von all der Plackerei wären, dann sagte ich:
+'Nun, Roswitha, gehe da hinüber und hole uns eine Karaffe Spatenbräu,
+denn wenn man gearbeitet hat, dann will man doch auch trinken, und
+wenn du kannst, so bring uns auch etwas Gutes aus dem Habsburger Hof
+mit, du kannst ja das Geschirr nachher wieder herüberbringen' - ja,
+Roswitha, wenn ich mir das denke, da wird mir ordentlich leichter ums
+Herz. Aber ich muß dich doch fragen, hast du dir auch alles überlegt?
+Von Annie will ich nicht sprechen, an der du doch hängst, sie ist ja
+fast wie dein eigen Kind - aber trotzdem, für Annie wird schon gesorgt
+werden, und die Johanna hängt ja auch an ihr. Also davon nichts. Aber
+bedenke, wie sich alles verändert hat, wenn du wieder zu mir willst.
+Ich bin nicht mehr wie damals; ich habe jetzt eine ganz kleine Wohnung
+genommen, und der Portier wird sich wohl nicht sehr um dich und um
+mich bemühen. Und wir werden eine sehr kleine Wirtschaft haben, immer
+das, was wir sonst unser Donnerstagessen nannten, weil da reingemacht
+wurde. Weißt du noch? Und weißt du noch, wie der gute Gieshübler mal
+dazukam und sich zu uns setzen mußte, und wie er dann sagte: So was
+Delikates habe er noch nie gegessen. Du wirst dich noch erinnern,
+er war immer so schrecklich artig, denn eigentlich war er doch der
+einzige Mensch in der Stadt, der von Essen was verstand. Die andern
+fanden alles schön.«
+
+Roswitha freute sich über jedes Wort und sah schon alles in bestem
+Gange, bis Effi wieder sagte: »Hast du dir das alles überlegt? Denn
+du bist doch - ich muß das sagen, wiewohl es meine eigne Wirtschaft
+war -, du bist doch nun durch viele Jahre hin verwöhnt, und es kam nie
+darauf an, wir hatten es nicht nötig, sparsam zu sein; aber jetzt muß
+ich sparsam sein, denn ich bin arm und habe nur, was man mir gibt, du
+weißt, von Hohen-Cremmen her. Meine Eltern sind sehr gut gegen mich,
+soweit sie's können, aber sie sind nicht reich. Und nun sage, was
+meinst du?«
+
+»Daß ich nächsten Sonnabend mit meinem Koffer anziehe, nicht am Abend,
+sondern gleich am Morgen, und daß ich da bin, wenn das Einrichten
+losgeht. Denn ich kann doch ganz anders zufassen wie die gnädige
+Frau.«
+
+»Sage das nicht, Roswitha. Ich kann es auch. Wenn man muß, kann man
+alles.«
+
+»Und dann, gnädigste Frau, Sie brauchen sich wegen meiner nicht zu
+fürchten, als ob ich mal denken könnte: 'für Roswitha ist das nicht
+gut genug'. Für Roswitha ist alles gut, was sie mit der gnädigen Frau
+teilen muß, und am liebsten, wenn es was Trauriges ist. Ja, darauf
+freue ich mich schon ordentlich. Dann sollen Sie mal sehen, das
+verstehe ich. Und wenn ich es nicht verstünde, dann wollte ich es
+schon lernen. Denn, gnädige Frau, das hab' ich nicht vergessen, als
+ich da auf dem Kirchhof saß, mutterwindallein, und bei mir dachte, nun
+wäre es doch wohl das beste, ich läge da gleich mit in der Reihe. Wer
+kam da? Wer hat mich da bei Leben erhalten? Ach, ich habe so viel
+durchzumachen gehabt. Als mein Vater damals mit der glühenden Stange
+auf mich loskam ...«
+
+»Ich weiß schon, Roswitha ...«
+
+»Ja, das war schlimm genug. Aber als ich da auf dem Kirchhof saß, so
+ganz arm und verlassen, das war doch noch schlimmer. Und da kam die
+gnädige Frau. Und ich will nicht selig werden, wenn ich das vergesse.«
+
+Und dabei stand sie auf und ging aufs Fenster zu. »Sehen Sie, gnädige
+Frau, den müssen Sie doch auch noch sehen.«
+
+Und nun trat auch Effi heran.
+
+Drüben, auf der anderen Seite der Straße, saß Rollo und sah nach den
+Fenstern der Pension hinauf.
+
+Wenige Tage danach bezog Effi, von Roswitha unterstützt, ihre Wohnung
+in der Königgrätzer Straße, darin es ihr von Anfang an gefiel. Umgang
+fehlte freilich, aber sie hatte während ihrer Pensionstage von dem
+Verkehr mit Menschen so wenig Erfreuliches gehabt, daß ihr das
+Alleinsein nicht schwerfiel, wenigstens anfänglich nicht. Mit Roswitha
+ließ sich allerdings kein ästhetisches Gespräch führen, auch nicht
+mal sprechen über das, was in der Zeitung stand; aber wenn es einfach
+menschliche Dinge betraf und Effi mit einem »ach, Roswitha, mich
+ängstigt es wieder ...« ihren Satz begann, dann wußte die treue Seele
+jedesmal gut zu antworten und hatte immer Trost und meist auch Rat.
+
+Bis Weihnachten ging es vorzüglich; aber der Heiligabend verlief
+schon recht traurig, und als das neue Jahr herankam, begann Effi ganz
+schwermütig zu werden. Es war nicht kalt, nur grau und regnerisch, und
+wenn die Tage kurz waren, so waren die Abende desto länger. Was tun?
+Sie las, sie stickte, sie legte Patience, sie spielte Chopin, aber
+diese Notturnos waren auch nicht angetan, viel Licht in ihr Leben zu
+tragen, und wenn Roswitha mit dem Teebrett kam und außer dem Teezeug
+auch noch zwei Tellerchen mit einem Ei und einem in kleine Scheiben
+geschnittenen Wiener Schnitzel auf den Tisch setzte, sagte Effi,
+während sie das Piano schloß: »Rücke heran, Roswitha. Leiste mir
+Gesellschaft.«
+
+Roswitha kam denn auch. »Ich weiß schon, die gnädige Frau haben wieder
+zuviel gespielt; dann sehen Sie immer so aus und haben rote Flecke.
+Der Geheimrat hat es doch verboten.«
+
+»Ach, Roswitha, der Geheimrat hat leicht verbieten, und du hast es
+auch leicht, all das nachzusprechen. Aber was soll ich denn machen?
+Ich kann doch nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der
+Christuskirche hin übersehen. Sonntags, beim Abendgottesdienst, wenn
+die Fenster beleuchtet sind, sehe ich ja immer hinüber; aber es hilft
+mir auch nichts, mir wird dann immer noch schwerer ums Herz.«
+
+»Ja, gnädige Frau, dann sollten Sie mal hineingehen. Einmal waren Sie
+ja schon drüben.«
+
+»O schon öfters. Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er predigt
+ganz gut und ist ein sehr kluger Mann, und ich wäre froh, wenn ich das
+Hundertste davon wüßte. Aber es ist doch alles bloß, wie wenn ich ein
+Buch lese; und wenn er dann so laut spricht und herumficht und seine
+schwarzen Locken schüttelt, dann bin ich aus meiner Andacht heraus.«
+
+»Heraus?«
+
+Effi lachte. »Du meinst, ich war noch gar nicht drin. Und es wird
+wohl so sein. Aber an wem liegt das? Das liegt doch nicht an mir. Er
+spricht immer soviel vom Alten Testament. Und wenn es auch ganz gut
+ist, es erbaut mich nicht. Überhaupt all das Zuhören; es ist nicht
+das Rechte. Sieh, ich müßte so viel zu tun haben, daß ich nicht
+ein noch aus wüßte. Das wäre was für mich. Da gibt es so Vereine,
+wo junge Mädchen die Wirtschaft lernen, oder Nähschulen oder
+Kindergärtnerinnen. Hast du nie davon gehört?«
+
+»Ja, ich habe mal davon gehört. Anniechen sollte mal in einen
+Kindergarten.«
+
+»Nun, siehst du, du weißt es besser als ich. Und in solchen Verein, wo
+man sich nützlich machen kann, da möchte ich eintreten. Aber daran ist
+gar nicht zu denken; die Damen nehmen mich nicht an und können es auch
+nicht. Und das ist das schrecklichste, daß einem die Welt so zu ist
+und daß es sich einem sogar verbietet, bei Gutem mit dabeizusein. Ich
+kann nicht mal armen Kindern eine Nachhilfestunde geben ...«
+
+»Das wäre auch nichts für Sie, gnädige Frau; die Kinder haben immer so
+fettige Stiefel an, und wenn es nasses Wetter ist'- das ist dann solch
+Dunst und Schmook, das halten die gnädige Frau gar nicht aus.«
+
+Effi lächelte. »Du wirst wohl recht haben, Roswitha; aber es ist
+schlimm, daß du recht hast, und ich sehe daran, daß ich noch zu viel
+von dem alten Menschen in mir habe und daß es mir noch zu gut geht.«
+
+Davon wollte aber Roswitha nichts wissen. »Wer so gut ist wie gnädige
+Frau, dem kann es gar nicht zu gut gehen. Und Sie müssen nur nicht
+immer so was Trauriges spielen, und mitunter denke ich mir, es wird
+alles noch wieder gut, und es wird sich schon was finden.«
+
+Und es fand sich auch was. Effi, trotz der Kantorstochter aus
+Polzin, deren Künstlerdünkel ihr immer noch als etwas Schreckliches
+vorschwebte, wollte Malerin werden, und wiewohl sie selber darüber
+lachte, weil sie sich bewußt war, über eine unterste Stufe des
+Dilettantismus nie hinauskommen zu können, so griff sie doch mit
+Passion danach, weil sie nun eine Beschäftigung hatte, noch dazu eine,
+die, weil still und geräuschlos, ganz nach ihrem Herzen war. Sie
+meldete sich denn auch bei einem ganz alten Malerprofessor, der in der
+märkischen Aristokratie sehr bewandert und zugleich so fromm war, daß
+ihm Effi von Anfang an ans Herz gewachsen erschien. Hier, so gingen
+wohl seine Gedanken, war eine Seele zu retten, und so kam er ihr,
+als ob sie seine Tochter gewesen wäre, mit einer ganz besonderen
+Liebenswürdigkeit entgegen. Effi war sehr glücklich darüber, und
+der Tag ihrer ersten Malstunde bezeichnete für sie einen Wendepunkt
+zum Guten Ihr armes Leben war nun nicht so arm mehr, und Roswitha
+triumphierte, daß sie recht gehabt und sich nun doch etwas gefunden
+habe.
+
+Das ging so Jahr und Tag und darüber hinaus. Aber daß sie nun wieder
+eine Berührung mit den Menschen hatte, wie sie's beglückte, so ließ es
+auch wieder den Wunsch in ihr entstehen, daß diese Berührungen sich
+erneuern und mehren möchten. Sehnsucht nach Hohen-Cremmen erfaßte sie
+mitunter mit einer wahren Leidenschaft, und noch leidenschaftlicher
+sehnte sie sich danach, Annie wiederzusehen. Es war doch ihr Kind, und
+wenn sie dem nachhing und sich gleichzeitig der Trippelli erinnerte,
+die mal gesagt hatte, die Welt sei so klein, und in Mittelafrika könne
+man sicher sein, plötzlich einem alten Bekannten zu begegnen, so war
+sie mit Recht verwundert, Annie noch nie getroffen zu haben. Aber auch
+das sollte sich eines Tages ändern. Sie kam aus der Malstunde, dicht
+am Zoologischen Garten, und stieg, nahe dem Halteplatz, in einen die
+lange Kurfürstenstraße passierenden Pferdebahnwagen ein. Es war sehr
+heiß, und die herabgelassenen Vorhänge, die bei dem starken Luftzuge,
+der ging, hin und her bauschten, taten ihr wohl. Sie lehnte sich in
+die dem Vorderperron zugekehrte Ecke und musterte eben mehrere in eine
+Glasscheibe eingebrannte Sofas, blau mit Quasten und Puscheln daran,
+als sie - der Wagen war gerade in einem langsamen Fahren - drei
+Schulkinder aufspringen sah, die Mappen auf dem Rücken, mit kleinen
+spitzen Hüten, zwei blond und ausgelassen, die dritte dunkel und
+ernst. Es war Annie. Effi fuhr heftig zusammen, und eine Begegnung mit
+dem Kinde zu haben, wonach sie sich doch so lange gesehnt, erfüllte
+sie jetzt mit einer wahren Todesangst. Was tun? Rasch entschlossen
+öffnete sie die Tür zu dem Vorderperron, auf dem niemand stand als
+der Kutscher, und bat diesen, sie bei der nächsten Haltestelle vorn
+absteigen zu lassen. »Is verboten, Fräulein«, sagte der Kutscher;
+sie gab ihm aber ein Geldstück und sah ihn so bittend an, daß der
+gutmutige Mensch anderen Sinnes wurde und vor sich hin sagte: »Sind
+soll es eigentlich nich; aber es wird ja woll mal gehen.« Und als der
+Wagen hielt, nahm er das Gitter aus, und Effi sprang ab.
+
+Noch in großer Erregung kam Effi nach Hause.
+
+»Denke dir, Roswitha, ich habe Annie gesehen.« Und nun erzählte sie
+von der Begegnung in dem Pferdebahnwagen. Roswitha war unzufrieden,
+daß Mutter und Tochter keine Wiedersehensszene gefeiert hatten, und
+ließ sich nur ungern überzeugen, daß das in Gegenwart so vieler
+Menschen nicht wohl angegangen sei. Dann mußte Effi erzählen, wie
+Annie ausgesehen habe, und als sie das mit mütterlichem Stolz getan,
+sagte Roswitha: »Ja, sie ist so halb und halb. Das Hübsche und, wenn
+ich es sagen darf, das Sonderbare, das hat sie von der Mama; aber das
+Ernste, das ist ganz der Papa. Und wenn ich mir so alles überlege, ist
+die doch wohl mehr wie der gnädige Herr.«
+
+»Gott sei Dank!« sagte Effi.
+
+»Na, gnäd'ge Frau, das ist nu doch auch noch die Frage. Und da wird ja
+wohl mancher sein, der mehr für die Mama ist.« »Glaubst du, Roswitha?
+Ich glaube es nicht.«
+
+»Na, na, ich lasse mir nichts vormachen, und ich glaube, die gnädige
+Frau weiß auch ganz gut, wie's eigentlich ist und was die Männer am
+liebsten haben.«
+
+»Ach, sprich nicht davon, Roswitha.«
+
+Damit brach das Gespräch ab und wurde auch nicht wieder aufgenommen.
+Aber Effi, wenn sie's auch vermied, grade über Annie mit Roswitha zu
+sprechen, konnte die Begegnung in ihrem Herzen doch nicht verwinden
+und litt unter der Vorstellung, vor ihrem eigenen Kind geflohen zu
+sein. Es quälte sie bis zur Beschämung, und das Verlangen nach einer
+Begegnung mit Annie steigerte sich bis zum Krankhaften. An Innstetten
+schreiben und ihn darum bitten, das war nicht möglich. Ihrer Schuld
+war sie sich wohl bewußt, sie nährte das Gefühl davon mit einer
+halb leidenschaftlichen Geflissentlichkeit; aber inmitten ihres
+Schuldbewußtseins fühlte sie sich andererseits auch von einer gewissen
+Auflehnung gegen Innstetten erfüllt. Sie sagte sich, er hatte recht
+und noch einmal und noch einmal, und zuletzt hatte er doch unrecht.
+Alles Geschehene lag so weit zurück, ein neues Leben hatte begonnen;
+er hätte es können verbluten lassen, statt dessen verblutete der arme
+Crampas.
+
+Nein, an Innstetten schreiben, das ging nicht; aber Annie wollte sie
+sehen und sprechen und an ihr Herz drücken, und nachdem sie's tagelang
+überlegt hatte, stand ihr fest, wie's am besten zu machen sei.
+
+Gleich am andern Vormittag kleidete sie sich sorgfältig in ein
+dezentes Schwarz und ging auf die Linden zu, sich hier bei der
+Ministerin melden zu lassen. Sie schickte ihre Karte herein, auf der
+nur stand: Effi von Innstetten geb. von Briest. Alles andere war
+fortgelassen, auch die Baronin. »Exzellenz lassen bitten«, und Effi
+folgte dem Diener bis in ein Vorzimmer, wo sie sich niederließ und
+trotz der Erregung, in der sie sich befand, den Bilderschmuck an den
+Wänden musterte. Da war zunächst Guido Renis Aurora, gegenüber aber
+hingen englische Kupferstiche, Stiche nach Benjamin West, in der
+bekannten Aquatinta-Manier von viel Licht und Schatten. Eines der
+Bilder war König Lear im Unwetter auf der Heide.
+
+Effi hatte ihre Musterung kaum beendet, als die Tür des angrenzenden
+Zimmers sich öffnete und eine große, schlanke Dame von einem sofort
+für sie einnehmenden Ausdruck auf die Bittstellerin zutrat und ihr die
+Hand reichte. »Meine liebe, gnädigste Frau«, sagte sie, »welche Freude
+für mich, Sie wiederzusehen ...«
+
+Und während sie das sagte, schritt sie auf das Sofa zu und zog Effi,
+während sie selber Platz nahm, zu sich nieder.
+
+Effi war bewegt durch die sich in allem aussprechende Herzensgüte.
+Keine Spur von Überheblichkeit oder Vorwurf, nur menschlich schöne
+Teilnahme. »Womit kann ich Ihnen dienen?« nahm die Ministerin noch
+einmal das Wort.
+
+Um Effis Mund zuckte es. Endlich sagte sie. »Was mich herführt, ist
+eine Bitte, deren Erfüllung Exzellenz vielleicht möglich machen. Ich
+habe eine zehnjährige Tochter, die ich seit drei Jahren nicht gesehen
+habe und gern wiedersehen möchte.«
+
+Die Ministerin nahm Effis Hand und sah sie freundlich an. »Wenn ich
+sage, in drei Jahren nicht gesehen, so ist das nicht ganz richtig. Vor
+drei Tagen habe ich sie wiedergesehen.« Und nun schilderte Effi mit
+großer Lebendigkeit die Begegnung, die sie mit Annie gehabt hatte.
+»Vor meinem eigenen Kinde auf der Flucht. Ich weiß wohl, man liegt,
+wie man sich bettet, und ich will nichts ändern in meinem Leben. Wie
+es ist, so ist es recht; ich habe es nicht anders gewollt. Aber das
+mit dem Kinde, das ist doch zu hart, und so habe ich denn den Wunsch,
+es dann und wann sehen zu dürfen, nicht heimlich und verstohlen,
+sondern mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten.«
+
+»Unter Wissen und Zustimmung aller Beteiligten«, wiederholte die
+Ministerin Effis Worte. »Das heißt also unter Zustimmung Ihres Herrn
+Gemahls. Ich sehe, daß seine Erziehung dahin geht, das Kind von der
+Mutter fernzuhalten, ein Verfahren, über das ich mir kein Urteil
+erlaube. Vielleicht, daß er recht hat; verzeihen Sie mir diese
+Bemerkung, gnädige Frau.«
+
+Effi nickte.
+
+»Sie finden sich selbst in der Haltung Ihres Herrn Gemahls zurecht
+und verlangen nur, daß einem natürlichen Gefühl, wohl dem schönsten
+unserer Gefühle (wenigstens wir Frauen werden uns darin finden), sein
+Recht werde. Treff ich es darin?«
+
+»In allem.«
+
+»Und so soll ich denn die Erlaubnis zu gelegentlichen Begegnungen
+erwirken, in Ihrem Hause, wo Sie versuchen können, sich das Herz Ihres
+Kindes zurückzuerobern.«
+
+Effi drückte noch einmal ihre Zustimmung aus, während die Ministerin
+fortfuhr: »Ich werde also tun, meine gnädigste Frau, was Ich tun kann.
+Aber wir werden es nicht eben leicht haben. Ihr Herr Gemahl, verzeihen
+Sie, daß ich ihn nach wie vor so nenne, ist ein Mann der nicht nach
+Stimmungen und Laune, sondern nach Grundsätzen handelt und diese
+fallenzulassen oder auch nur momentan aufzugeben, wird ihn
+hart ankommen. Läg' es nicht so, so wäre seine Handlungs- und
+Erziehungsweise längst eine andere gewesen. Das, was hart für Ihr Herz
+ist, hält er für richtig.«
+
+»So meinen Exzellenz vielleicht, es wäre besser, meine Bitte
+zurückzunehmen?«
+
+»Doch nicht. Ich wollte nur das Tun Ihres Herrn Gemahls erklären, um
+nicht zu sagen rechtfertigen, und wollte zugleich die Schwierigkeiten
+andeuten, auf die wir aller Wahrscheinlichkeit nach stoßen werden.
+Aber ich denke, wir zwingen es trotzdem. Denn wir Frauen, wenn wir's
+klug einleiten und den Bogen nicht überspannen, wissen mancherlei
+durchzusetzen. Zudem gehört Ihr Herr Gemahl zu meinen besonderen
+Verehrern, und er wird mir eine Bitte, die ich an ihn richte, nicht
+wohl abschlagen. Wir haben morgen einen kleinen Zirkel, auf dem ich
+ihn sehe, und übermorgen früh haben Sie ein paar Zeilen von mir, die
+Ihnen sagen werden, ob ich's klug, das heißt glücklich eingeleitet
+oder nicht. Ich denke, wir siegen in der Sache, und Sie werden Ihr
+Kind wiedersehen und sich seiner freuen. Es soll ein sehr schönes
+Mädchen sein. Nicht zu verwundern.«
+
+
+
+Dreiunddreißigstes Kapitel
+
+Am zweitfolgenden Tage trafen, wie versprochen, einige Zeilen ein, und
+Effi las: »Es freut mich, liebe gnädige Frau, Ihnen gute Nachricht
+geben zu können. Alles ging nach Wunsch; Ihr Herr Gemahl ist zu
+sehr Mann von Welt, um einer Dame eine von ihr vorgetragene Bitte
+abschlagen zu können; zugleich aber - auch das darf ich Ihnen nicht
+verschweigen -, ich sah deutlich, daß sein 'Ja' nicht dem entsprach,
+was er für klug und recht hält. Aber kritteln wir nicht, wo wir uns
+freuen sollen. Ihre Annie, so haben wir es verabredet, wird über
+Mittag kommen, und ein guter Stern stehe über Ihrem Wiedersehen.«
+
+Es war mit der zweiten Post, daß Effi diese Zeilen empfing, und bis zu
+Annies Erscheinen waren mutmaßlich keine zwei Stunden mehr. Eine kurze
+Zeit, aber immer noch zu lang, und Effi schritt in Unruhe durch beide
+Zimmer und dann wieder in die Küche, wo sie mit Roswitha von allem
+möglichen sprach: von dem Efeu drüben an der Christuskirche, nächstes
+Jahr würden die Fenster wohl ganz zugewachsen sein, von dem Portier,
+der den Gashahn wieder so schlecht zugeschraubt habe (sie würden doch
+noch nächstens in die Luft fliegen), und daß sie das Petroleum doch
+lieber wieder aus der großen Lampenhandlung Unter den Linden als aus
+der Anhaltstraße holen solle - von allem möglichen sprach sie, nur von
+Annie nicht, weil sie die Furcht nicht aufkommen lassen wollte, die
+trotz der Zeilen der Ministerin, oder vielleicht auch um dieser Zeilen
+willen, in ihr lebte.
+
+Nun war Mittag. Endlich wurde geklingelt, schüchtern, und Roswitha
+ging, um durch das Guckloch zu sehen. Richtig, es war Annie. Roswitha
+gab dem Kinde einen Kuß, sprach aber sonst kein Wort, und ganz leise,
+wie wenn ein Kranker im Hause wäre, führte sie das Kind vom Korridor
+her erst in die Hinterstube und dann bis an die nach vorn führende
+Tür.
+
+»Da geh hinein, Annie.« Und unter diesen Worten, sie wollte nicht
+stören, ließ sie das Kind allein und ging wieder auf die Küche zu.
+
+Effi stand am andern Ende des Zimmers, den Rücken gegen den
+Spiegelpfeiler, als das Kind eintrat. »Annie!« Aber Annie blieb an
+der nur angelehnten Tür stehen, halb verlegen, aber halb auch mit
+Vorbedacht, und so eilte denn Effi auf das Kind zu, hob es in die Höhe
+und küßte es.
+
+»Annie, mein süßes Kind, wie freue ich mich. Komm, erzähle mir«,
+und dabei nahm sie Annie bei der Hand und ging auf das Sofa zu, um
+sich da zu setzen. Annie stand aufrecht und griff, während sie die
+Mutter immer noch scheu ansah, mit der Linken nach dem Zipfel der
+herabhängenden Tischdecke. »Weißt du wohl, Annie, daß ich dich einmal
+gesehen habe?«
+
+»Ja, mir war es auch so.«
+
+»Und nun erzähle mir recht viel. Wie groß du geworden bist! Und das
+ist die Narbe da; Roswitha hat mir davon erzählt. Du warst immer so
+wild und ausgelassen beim Spielen. Das hast du von deiner Mama, die
+war auch so. Und in der Schule? Ich denke mir, du bist immer die
+Erste, du siehst mir so aus, als müßtest du eine Musterschülerin
+sein und immer die besten Zensuren nach Hause bringen. Ich habe auch
+gehört, daß dich das Fräulein von Wedelstädt so gelobt haben soll.
+Das ist recht; ich war auch so ehrgeizig, aber ich hatte nicht solche
+gute Schule. Mythologie war immer mein Bestes. Worin bist du denn am
+besten?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Oh, du wirst es schon wissen. Das weiß man. Worin hast du denn die
+beste Zensur?«
+
+»In der Religion.«
+
+»Nun, siehst du, da weiß ich es doch. Ja, das ist sehr schön; ich war
+nicht so gut darin, aber es wird wohl auch an dem Unterricht gelegen
+haben. Wir hatten bloß einen Kandidaten.«
+
+»Wir hatten auch einen Kandidaten.« »Und der ist fort?«
+
+Annie nickte.
+
+»Warum ist er fort?«
+
+»Ich weiß es nicht. Wir haben nun wieder den Prediger.« »Den ihr alle
+sehr liebt.«
+
+»Ja; zwei aus der ersten Klasse wollen auch übertreten.« »Ah, ich
+verstehe; das ist schön. Und was macht Johanna?« »Johanna hat mich bis
+vor das Haus begleitet ...«
+
+»Und warum hast du sie nicht mit heraufgebracht?«
+
+»Sie sagte, sie wolle lieber unten bleiben und an der Kirche drüben
+warten.«
+
+»Und da sollst du sie wohl abholen?« »Ja.«
+
+»Nun, sie wird da hoffentlich nicht ungeduldig werden. Es ist ein
+kleiner Vorgarten da, und die Fenster sind schon halb von Efeu
+überwachsen, als ob es eine alte Kirche wäre.«
+
+»Ich möchte sie aber doch nicht gerne warten lassen ...« »Ach, ich
+sehe, du bist sehr rücksichtsvoll, und darüber werde ich mich wohl
+freuen müssen. Man muß es nur richtig einteilen ... Und nun sage mir
+noch, was macht Rollo?«
+
+»Rollo ist sehr gut. Aber Papa sagt, er würde so faul; er liegt immer
+in der Sonne.«
+
+»Das glaub ich. So war er schon, als du noch ganz klein warst ...
+Und nun sage mir, Annie - denn heute haben wir uns ja bloß so mal
+wiedergesehen -, wirst du mich öfter besuchen?«
+
+»O gewiß, wenn ich darf.«
+
+»Wir können dann in dem Prinz Albrechtschen Garten spazierengehen.«
+
+»O gewiß, wenn ich darf.«
+
+»Oder wir gehen zu Schilling und essen Eis, Ananas- oder Vanilleeis,
+das aß ich immer am liebsten.«
+
+»O gewiß, wenn ich darf.«
+
+Und bei diesem dritten »wenn ich darf« war das Maß voll; Effi sprang
+auf, und ein Blick, in dem es wie Empörung aufflammte, traf das Kind.
+»Ich glaube, es ist die höchste Zeit, Annie; Johanna wird sonst
+ungeduldig.« Und sie zog die Klingel. Roswitha, die schon im
+Nebenzimmer war, trat gleich ein. »Roswitha, gib Annie das Geleit bis
+drüben zur Kirche. Johanna wartet da. Hoffentlich hat sie sich nicht
+erkältet. Es sollte mir leid tun. Grüße Johanna.«
+
+Und nun gingen beide.
+
+Kaum aber, daß Roswitha draußen die Tür ins Schloß gezogen hatte, so
+riß Effi, weil sie zu ersticken drohte, ihr Kleid auf und verfiel in
+ein krampfhaftes Lachen. »So also sieht ein Wiedersehen aus«, und
+dabei stürzte sie nach vorn, öffnete die Fensterflügel und suchte
+nach etwas, das ihr beistehe. Und sie fand auch was in der Not ihres
+Herzens. Da neben dem Fenster war ein Bücherbrett, ein paar Bände
+von Schiller und Körner darauf, und auf den Gedichtbüchern, die alle
+gleiche Höhe hatten, lag eine Bibel und ein Gesangbuch. Sie griff
+danach, weil sie was haben mußte, vor dem sie knien und beten konnte,
+und legte Bibel und Gesangbuch auf den Tischrand, gerade da, wo Annie
+gestanden hatte, und mit einem heftigen Ruck warf sie sich davor
+nieder und sprach halblaut vor sich hin: »O du Gott im Himmel, vergib
+mir, was ich getan; ich war ein Kind ... Aber nein, nein, ich war kein
+Kind, ich war alt genug, um zu wissen, was ich tat. Ich hab es auch
+gewußt, und ich will meine Schuld nicht kleiner machen, ... aber das
+ist zuviel. Denn das hier, mit dem Kinde, das bist nicht du, Gott, der
+mich strafen will, das ist er, bloß er! Ich habe geglaubt, daß er ein
+edles Herz habe, und habe mich immer klein neben ihm gefühlt; aber
+jetzt weiß ich, daß er es ist, er ist klein. Und weil er klein ist,
+ist er grausam. Alles, was klein ist, ist grausam. Das hat er dem
+Kinde beigebracht, ein Schulmeister war er immer, Crampas hat ihn so
+genannt, spöttisch damals, aber er hat recht gehabt. '0 gewiß, wenn
+ich darf.' Du brauchst nicht zu dürfen; ich will euch nicht mehr, ich
+hasse euch, auch mein eigen Kind. Was zuviel ist, ist zuviel. Ein
+Streber war er, weiter nichts. - Ehre, Ehre, Ehre ... und dann hat er
+den armen Kerl totgeschossen, den ich nicht einmal liebte und den ich
+vergessen hatte, weil ich ihn nicht liebte. Dummheit war alles, und
+nun Blut und Mord. Und ich schuld. Und nun schickt er mir das Kind,
+weil er einer Ministerin nichts abschlagen kann, und ehe er das Kind
+schickt, richtet er's ab wie einen Papagei und bringt ihm die Phrase
+bei 'wenn ich darf'. Mich ekelt, was ich getan; aber was mich noch
+mehr ekelt, das ist eure Tugend. Weg mit euch. Ich muß leben, aber
+ewig wird es ja wohl nicht dauern.«
+
+Als Roswitha wiederkam, lag Effi am Boden, das Gesicht abgewandt, wie
+leblos.
+
+
+
+Vierunddreißigstes Kapitel
+
+Rummschüttel, als er gerufen wurde, fand Effis Zustand nicht
+unbedenklich. Das Hektische, das er seit Jahr und Tag an ihr
+beobachtete, trat ihm ausgesprochener als früher entgegen, und was
+schlimmer war, auch die ersten Zeichen eines Nervenleidens waren da.
+Seine ruhig freundliche Weise aber, der er einen Beisatz von Laune zu
+geben wußte, tat Effi wohl, und sie war ruhig, solange Rummschüttel um
+sie war. Als er schließlich ging, begleitete Roswitha den alten Herrn
+bis in den Vorflur und sagte: »Gott, Herr Geheimrat, mir ist so bange;
+wenn es nu mal wiederkommt, und es kann doch; Gott - da hab' ich
+ja keine ruhige Stunde mehr. Es war aber doch auch zuviel, das mit
+dem Kind. Die arme gnädige Frau. Und noch so jung, wo manche erst
+anfangen.«
+
+»Lassen Sie nur, Roswitha. Kann noch alles wieder werden. Aber sie muß
+fort. Wir wollen schon sehen. Andere Luft, andere Menschen.«
+
+Den zweiten Tag danach traf ein Brief in Hohen-Cremmen ein, der
+lautete: »Gnädigste Frau! Meine alten freundschaftlichen Beziehungen
+zu den Häusern Briest und Belling und nicht zum wenigsten die
+herzliche Liebe, die ich zu Ihrer Frau Tochter hege, werden diese
+Zeilen rechtfertigen. Es geht so nicht weiter. Ihre Frau Tochter, wenn
+nicht etwas geschieht, das sie der Einsamkeit und dem Schmerzlichen
+ihres nun seit Jahren geführten Lebens entreißt, wird schnell
+hinsiechen. Eine Disposition zu Phtisis war immer da, weshalb ich
+schon vorjahren Ems verordnete; zu diesem alten Übel hat sich nun ein
+neues gesellt: Ihre Nerven zehren sich auf. Dem Einhalt zu tun, ist
+ein Luftwechsel nötig. Aber wohin? Es würde nicht schwer sein, in
+den schlesischen Bädern eine Auswahl zu treffen, Salzbrunn gut, und
+Reinerz, wegen der Nervenkomplikation, noch besser. Aber es darf nur
+Hohen-Cremmen sein. Denn, meine gnädigste Frau, was Ihrer Frau Tochter
+Genesung bringen kann, ist nicht Luft allein; sie siecht hin, weil sie
+nichts hat als Roswitha. Dienertreue ist schön, aber Elternliebe ist
+besser. Verzeihen Sie einem alten Manne dies Sicheinmischen in Dinge,
+die jenseits seines ärztlichen Berufes liegen. Und doch auch wieder
+nicht, denn es ist schließlich auch der Arzt, der hier spricht und
+seiner Pflicht nach, verzeihen Sie dies Wort, Forderungen stellt ...
+Ich habe so viel vom Leben gesehen ... aber nichts mehr in diesem
+Sinne. Mit der Bitte, mich Ihrem Herrn Gemahl empfehlen zu wollen, in
+vorzüglicher Ergebenheit Doktor Rummschüttel.« Frau von Briest hatte
+den Brief ihrem Manne vorgelesen; beide saßen auf dem schattigen
+Steinfliesengang, den Gartensaal im Rücken, das Rondell mit der
+Sonnenuhr vor sich. Der um die Fenster sich rankende wilde Wein
+bewegte sich leise in dem Luftzug, der ging, und über dem Wasser
+standen ein paar Libellen im hellen Sonnenschein.
+
+Briest schwieg und trommelte mit dem Finger auf dem Teebrett. »Bitte,
+trommle nicht; sprich lieber.«
+
+»Ach, Luise, was soll ich sagen. Daß ich trommle, sagt gerade genug.
+Du weißt seit Jahr und Tag, wie ich darüber denke. Damals, als
+Innstettens Brief kam, ein Blitz aus heiterem Himmel, damals war ich
+deiner Meinung. Aber das ist nun schon wieder eine halbe Ewigkeit her;
+soll ich hier bis an mein Lebensende den Großinquisitor spielen? Ich
+kann dir sagen, ich hab es seit langem satt ...«
+
+»Mache mir keine Vorwürfe, Briest; ich liebe sie so wie du, vielleicht
+noch mehr, jeder hat seine Art. Aber man lebt doch nicht bloß in der
+Welt, um schwach und zärtlich zu sein und alles mit Nachsicht zu
+behandeln, was gegen Gesetz und Gebot ist und was die Menschen
+verurteilen und, vorläufig wenigstens, auch noch - mit Recht
+verurteilen.«
+
+»Ach was. Eins geht vor.«
+
+»Natürlich, eins geht vor; aber was ist das eine?«
+
+»Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Und wenn man gar bloß eines
+hat ...«
+
+»Dann ist es vorbei mit Katechismus und Moral und mit dem Anspruch der
+'Gesellschaft'.«
+
+»Ach, Luise, komme mir mit Katechismus, soviel du willst; aber komme
+mir nicht mit 'Gesellschaft'.«
+
+»Es ist sehr schwer, sich ohne Gesellschaft zu behelfen.« »Ohne Kind
+auch. Und dann glaube mir, Luise, die 'Gesellschaft', wenn sie nur
+will, kann auch ein Auge zudrücken. Und ich stehe so zu der Sache:
+Kommen die Rathenower, so ist es gut, und kommen sie nicht, so ist es
+auch gut. Ich werde ganz einfach telegrafieren: 'Effi komm.' Bist du
+einverstanden?« Sie stand auf und gab ihm einen Kuß auf die Stirn.
+»Natürlich bin ich's. Du solltest mir nur keinen Vorwurf machen. Ein
+leichter Schritt ist es nicht. Und unser Leben wird von Stund an ein
+anderes.«
+
+»Ich kann's aushalten. Der Raps steht gut, und im Herbst kann ich
+einen Hasen hetzen. Und der Rotwein schmeckt mir noch. Und wenn ich
+das Kind erst wieder im Hause habe, dann schmeckt er mir noch besser
+... Und nun will ich das Telegramm schicken.«
+
+Effi war nun schon über ein halbes Jahr in Hohen-Cremmen; sie bewohnte
+die beiden Zimmer im ersten Stock, die sie schon früher, wenn sie
+zu Besuch da war, bewohnt hatte; das größere war für sie persönlich
+hergerichtet, nebenan schlief Roswitha. Was Rummschüttel von diesem
+Aufenthalt und all dem andern Guten erwartet hatte, das hatte sich
+auch erfüllt, soweit sich's erfüllen konnte. Das Hüsteln ließ nach,
+der herbe Zug, der das so gütige Gesicht um ein gut Teil seines
+Liebreizes gebracht hatte, schwand wieder hin, und es kamen Tage, wo
+sie wieder lachen konnte. Von Kessin und allem, was da zurücklag,
+wurde wenig gesprochen, mit alleiniger Ausnahme von Frau von Padden
+und natürlich von Gieshübler, für den der alte Briest eine lebhafte
+Vorliebe hatte. »Dieser Alonzo, dieser Preciosaspanier, der einen
+Mirambo beherbergt und eine Trippelli großzieht - ja, das muß ein
+Genie sein, das laß ich mir nicht ausreden.« Und dann mußte sich Effi
+bequemen, ihm den ganzen Gieshübler, mit dem Hut in der Hand und
+seinen endlosen Artigkeitsverbeugungen, vorzuspielen, was sie, bei dem
+ihr eigenen Nachahmungstalent, sehr gut konnte, trotzdem aber ungern
+tat, weil sie's allemal als ein Unrecht gegen den guten und lieben
+Menschen empfand. - Von Innstetten und Annie war nie die Rede, wiewohl
+feststand, daß Annie Erbtochter sei und Hohen-Cremmen ihr zufallen
+würde. Ja, Effi lebte wieder auf, und die Mama, die nach Frauenart
+nicht ganz abgeneigt war, die ganze Sache, so schmerzlich sie blieb,
+als einen interessanten Fall anzusehen, wetteiferte mit ihrem Manne in
+Liebes- und Aufmerksamkeitsbezeugungen.
+
+»Solchen Winter haben wir lange nicht gehabt«, sagte Briest. Und dann
+erhob sich Effi von ihrem Platz und streichelte ihm das spärliche
+Haar aus der Stirn. Aber so schön das alles war, auf Effis Gesundheit
+hin angesehen, war es doch alles nur Schein, in Wahrheit ging die
+Krankheit weiter und zehrte still das Leben auf. Wenn Effi - die
+wieder, wie damals an ihrem Verlobungstag mit Innstetten, ein blau
+und weiß gestreiftes Kittelkleid mit einem losen Gürtel trug - rasch
+und elastisch auf die Eltern zutrat, um ihnen einen guten Morgen zu
+bieten, so sahen sich diese freudig verwundert an, freudig verwundert,
+aber doch auch wehmütig, weil ihnen nicht entgehen konnte, daß es
+nicht die helle Jugend, sondern eine Verklärtheit war, was der
+schlanken Erscheinung und den leuchtenden Augen diesen eigentümlichen
+Ausdruck gab. Alle, die schärfer zusahen, sahen dies, nur Effi selbst
+sah es nicht und lebte ganz dem Glücksgefühle, wieder an dieser für
+sie so freundlich friedreichen Stelle zu sein, in Versöhnung mit
+denen, die sie immer geliebt hatte und von denen sie immer geliebt
+worden war, auch in den Jahren ihres Elends und ihrer Verbannung.
+
+Sie beschäftigte sich mit allerlei Wirtschaftlichem und sorgte für
+Ausschmückung und kleine Verbesserungen im Haushalt. Ihr Sinn für das
+Schöne ließ sie darin immer das Richtige treffen. Lesen aber und vor
+allem die Beschäftigung mit den Künsten hatte sie ganz aufgegeben.
+»Ich habe davon so viel gehabt, daß ich froh bin, die Hände in den
+Schoß legen zu können.« Es erinnerte sie auch wohl zu sehr an ihre
+traurigen Tage. Sie bildete statt dessen die Kunst aus, still und
+entzückt auf die Natur zu blicken, und wenn das Laub von den Platanen
+fiel, wenn die Sonnenstrahlen auf dem Eis des kleinen Teiches blitzten
+oder die ersten Krokus aus dem noch halb winterlichen Rondell
+aufblühten - das tat ihr wohl, und auf all das konnte sie stundenlang
+blicken und dabei vergessen, was ihr das Leben versagt, oder richtiger
+wohl, um was sie sich selbst gebracht hatte.
+
+Besuch blieb nicht ganz aus, nicht alle stellten sich gegen sie; ihren
+Hauptverkehr aber hatte sie doch in Schulhaus und Pfarre. Daß im
+Schulhaus die Töchter ausgeflogen waren, schadete nicht viel, es würde
+nicht mehr so recht gegangen sein; aber zu Jahnke selbst - der nicht
+bloß ganz Schwedisch-Pommern, sondern auch die Kessiner Gegend als
+skandinavisches Vorland ansah und beständig darauf bezügliche Fragen
+stellte -, zu diesem alten Freunde stand sie besser denn je. »Ja,
+Jahnke, wir hatten ein Dampfschiff, und wie ich Ihnen, glaub' ich,
+schon einmal schrieb oder vielleicht auch schon mal erzählt habe,
+beinahe wär ich wirklich ,rüber nach Wisby gekommen. Denken Sie sich,
+beinahe nach Wisby. Es ist komisch, aber ich kann eigentlich von
+vielem in meinem Leben sagen, 'beinah'.«
+
+»Schade, schade«, sagte Jahnke.
+
+»Ja, freilich schade. Aber auf Rügen bin ich wirklich umhergefahren.
+Und das wäre so was für Sie gewesen, Jahnke. Denken Sie sich, Arkona
+mit einem großen Wendenlagerplatz, der noch sichtbar sein soll;
+denn ich bin nicht hingekommen; aber nicht allzuweit davon ist der
+Herthasee mit weißen und gelben Mummeln. Ich habe da viel an Ihre
+Hertha denken müssen ...«
+
+»Nun, ja, ja, Hertha ... Aber Sie wollten von dem Herthasee
+sprechen ...«
+
+»Ja, das wollt' ich ... Und denken Sie sich, Jahnke, dicht an dem
+See standen zwei große Opfersteine, blank und noch die Rinnen drin,
+in denen vordem das Blut ablief. Ich habe von der Zeit an einen
+Widerwillen gegen die Wenden.«
+
+»Ach, gnäd'ge Frau verzeihen. Aber das waren ja keine Wenden. Das mit
+den Opfersteinen und mit dem Herthasee, das war ja schon viel, viel
+früher, ganz vor Christum natum; reine Germanen, von denen wir alle
+abstammen ...«
+
+»Versteht sich«, lachte Effi, »von denen wir alle abstammen, die
+Jahnkes gewiß und vielleicht auch die Briests.«
+
+Und dann ließ sie Rügen und den Herthasee fallen und fragte nach
+seinen Enkeln und welche ihm lieber wären; die von Bertha oder die
+von Hertha Ja, Effi stand gut zu Jahnke. Aber trotz seiner intimen
+Stellung zu Herthasee, Skandinavien und Wisby war er doch nur
+ein einfacher Mann, und so konnte es nicht ausbleiben, daß der
+vereinsamten jungen Frau die Plaudereien mit Niemeyer um vieles lieber
+waren. Im Herbst, solange sich im Parke promenieren ließ, hatte sie
+denn auch die Hülle und Fülle davon; mit dem Eintreten des Winters
+aber kam eine mehrmonatige Unterbrechung, weil sie das Predigerhaus
+selbst nicht gern betrat; Frau Pastor Niemeyer war immer eine sehr
+unangenehme Frau gewesen und schlug jetzt vollends hohe Töne an,
+trotzdem sie nach Ansicht der Gemeinde selber nicht ganz einwandfrei
+war.
+
+Das ging so den ganzen Winter durch, sehr zu Effis Leidwesen. Als dann
+aber, Anfang April, die Sträucher einen grünen Rand zeigten und die
+Parkwege rasch abtrockneten, da wurden auch die Spaziergänge wieder
+aufgenommen.
+
+Einmal gingen sie auch wieder so. Von fernher hörte man den Kuckuck,
+und Effi zählte, wie viele Male er rief. Sie hatte sich an Niemeyers
+Arm gehängt und sagte: »Ja, da ruft der Kuckuck. Ich mag ihn nicht
+befragen. Sagen Sie, Freund, was halten Sie vom Leben?«
+
+»Ach, liebe Effi, mit solchen Doktorfragen darfst du mir nicht kommen.
+Da mußt du dich an einen Philosophen wenden oder ein Ausschreiben
+an eine Fakultät machen. Was ich vom Leben halte? Viel und wenig.
+Mitunter ist es recht viel, und mitunter ist es recht wenig.«
+
+»Das ist recht, Freund, das gefällt mir; mehr brauch' ich nicht zu
+wissen.« Und als sie das so sagte, waren sie bis an die Schaukel
+gekommen. Sie sprang hinauf mit einer Behendigkeit wie in ihren
+jüngsten Mädchentagen, und ehe sich noch der Alte, der ihr zusah,
+von seinem halben Schreck erholen konnte, huckte sie schon zwischen
+den zwei Stricken nieder und setzte das Schaukelbrett durch ein
+geschicktes Auf- und Niederschnellen ihres Körpers in Bewegung. Ein
+paar Sekunden noch, und sie flog durch die Luft, und bloß mit einer
+Hand sich haltend, riß sie mit der andern ein kleines Seidentuch von
+Brust und Hals und schwenkte es wie in Glück und Übermut. Dann ließ
+sie die Schaukel wieder langsam gehen und sprang herab und nahm wieder
+Niemeyers Arm.
+
+»Effi, du bist doch noch immer, wie du früher warst.«
+
+»Nein. Ich wollte, es wäre so. Aber es liegt ganz zurück, und ich hab
+es nur noch einmal versuchen wollen. Ach, wie schön es war, und wie
+mir die Luft wohltat; mir war, als flög ich in den Himmel. Ob ich wohl
+hineinkomme? Sagen Sie mir's Freund, Sie müssen es wissen. Bitte,
+bitte ...«
+
+Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten Hände und gab ihr einen
+Kuß auf die Stirn und sagte: »Ja, Effi, du wirst.«
+
+
+
+Fünfunddreißigstes Kapitel
+
+Effi war den ganzen Tag draußen im Park, weil sie das Luftbedürfnis
+hatte; der alte Friesacker Doktor Wiesike war auch einverstanden
+damit, gab ihr aber in diesem Stück doch zu viel Freiheit, zu tun,
+was sie wolle, so daß sie sich während der kalten Tage im Mai heftig
+erkältete: Sie wurde fiebrig, hustete viel, und der Doktor, der
+sonst jeden dritten Tag herüberkam, kam jetzt täglich und war in
+Verlegenheit, wie er der Sache beikommen solle, denn die Schlaf- und
+Hustenmittel, nach denen Effi verlangte, konnten ihr des Fiebers
+halber nicht gegeben werden.
+
+»Doktor«, sagte der alte Briest, »was wird aus der Geschichte? Sie
+kennen sie ja von klein auf, haben sie geholt. Mir gefällt das alles
+nicht; sie nimmt sichtlich ab, und die roten Flecke und der Glanz in
+den Augen, wenn sie mich mit einem Male so fragend ansieht. Was meinen
+Sie? Was wird? Muß sie sterben?«
+
+Wiesike wiegte den Kopf langsam hin und her. »Das will ich nicht
+sagen, Herr von Briest Daß sie so fiebert, gefällt mir nicht. Aber wir
+werden es schon wieder runter kriegen, dann muß sie nach der Schweiz
+oder nach Mentone. Reine Luft und freundliche Eindrücke, die das Alte
+vergessen machen ...«
+
+»Lethe, Lethe.«
+
+»Ja, Lethe«, lächelte Wiesike. »Schade, daß uns die alten Schweden,
+die Griechen, bloß das Wort hinterlassen haben und nicht zugleich auch
+die Quelle selbst ...«
+
+»Oder wenigstens das Rezept dazu; Wässer werden ja jetzt nachgemacht.
+Alle Wetter, Wiesike, das wär ein Geschäft, wenn wir hier so ein
+Sanatorium anlegen könnten: Friesack als Vergessenheitsquelle. Nun,
+vorläufig wollen wir's mit der Riviera versuchen. Mentone ist ja
+wohl Riviera? Die Kornpreise sind zwar in diesem Augenblicke wieder
+schlecht, aber was sein muß, muß sein. Ich werde mit meiner Frau
+darüber sprechen.«
+
+Das tat er denn auch und fand sofort seiner Frau Zustimmung, deren in
+letzter Zeit - wohl unter dem Eindruck zurückgezogenen Lebens - stark
+erwachte Lust, auch mal den Süden zu sehen, seinem Vorschlage zu Hilfe
+kam. Aber Effi selbst wollte nichts davon wissen. »Wie gut ihr gegen
+mich seid. Und ich bin egoistisch genug, ich würde das Opfer auch
+annehmen, wenn ich mir etwas davon verspräche. Mir steht es aber fest,
+daß es mir bloß schaden würde.«
+
+»Das redest du dir ein, Effi.«
+
+»Nein. Ich bin so reizbar geworden; alles ärgert mich. Nicht hier bei
+euch. Ihr verwöhnt mich und räumt mir alles aus dem Wege. Aber auf
+einer Reise, da geht das nicht, da läßt sich das Unangenehme nicht so
+beiseite tun; mit dem Schaffner fängt es an, und mit dem Kellner hört
+es auf. Wenn ich mir die süffisanten Gesichter bloß vorstelle, so wird
+mir schon ganz heiß. Nein, nein, laßt mich hier. Ich mag nicht mehr
+weg von Hohen-Cremmen, hier ist meine Stelle. Der Heliotrop unten auf
+dem Rondell, um die Sonnenuhr herum, ist mir lieber als Mentone.«
+
+Nach diesem Gespräch ließ man den Plan wieder fallen, und Wiesike,
+soviel er sich von Italien versprochen hatte, sagte: »Das müssen wir
+respektieren, denn das sind keine Launen; solche Kranken haben ein
+sehr feines Gefühl und wissen mit merkwürdiger Sicherheit, was ihnen
+hilft und was nicht. Und was Frau Effi da gesagt hat von Schaffner und
+Kellner, das ist doch auch eigentlich ganz richtig, und es gibt keine
+Luft, die so viel Heilkraft hätte, den Hotelärger (wenn man sich
+überhaupt darüber ärgert) zu balancieren. Also lassen wir sie hier;
+wenn es nicht das beste ist, so ist es gewiß nicht das schlechteste.«
+
+Das bestätigte sich denn auch. Effi erholte sich, nahm um ein geringes
+wieder zu (der alte Briest gehörte zu den Wiegefanatikern) und verlor
+ein gut Teil ihrer Reizbarkeit. Dabei war aber ihr Luftbedürfnis in
+einem beständigen Wachsen, und zumal wenn Westwind ging und graues
+Gewölk am Himmel zog, verbrachte sie viele Stunden im Freien. An
+solchen Tagen ging sie wohl auch auf die Felder hinaus und ins Luch,
+oft eine halbe Meile weit, und setzte sich, wenn sie müde geworden,
+auf einen Hürdenzaun und sah, in Träume verloren, auf die Ranunkeln
+und roten Ampferstauden, die sich im Winde bewegten.
+
+»Du gehst immer so allein«, sagte Frau von Briest. »Unter unseren
+Leuten bist du sicher; aber es schleicht auch so viel fremdes Gesindel
+umher.«
+
+Das machte doch einen Eindruck auf Effi, die an Gefahr nie gedacht
+hatte, und als sie mit Roswitha allein war, sagte sie: »Dich kann ich
+nicht gut mitnehmen, Roswitha; du bist zu dick und nicht mehr fest auf
+den Füßen.«
+
+»Nu, gnäd'ge Frau, so schlimm ist es doch noch nicht. Ich könnte ja
+doch noch heiraten.«
+
+»Natürlich«, lachte Effi. »Das kann man immer noch. Aber weißt du,
+Roswitha, wenn ich einen Hund hätte, der mich begleitete. Papas
+Jagdhund hat gar kein Attachement für mich, Jagdhunde sind so dumm,
+und er rührt sich immer erst, wenn der Jäger oder der Gärtner die
+Flinte vom Riegel nimmt. Ich muß jetzt oft an Rollo denken.«
+
+»Ja«, sagte Roswitha, »so was wie Rollo haben sie hier gar nicht. Aber
+damit will ich nichts gegen 'hier' gesagt haben. Hohen-Cremmen ist
+sehr gut.«
+
+Es war drei, vier Tage nach diesem Gespräche zwischen Effi und
+Roswitha, daß Innstetten um eine Stunde früher in sein Arbeitszimmer
+trat als gewöhnlich. Die Morgensonne, die sehr hell schien, hatte ihn
+geweckt, und weil er fühlen mochte, daß er nicht wieder einschlafen
+würde, war er aufgestanden, um sich an eine Arbeit zu machen, die
+schon seit geraumer Zeit der Erledigung harrte.
+
+Nun war es eine Viertelstunde nach acht, und er klingelte. Johanna
+brachte das Frühstückstablett, auf dem neben der Kreuzzeitung und der
+Norddeutschen Allgemeinen auch noch zwei Briefe lagen. Er überflog die
+Adressen und erkannte an der Handschrift, daß der eine vom Minister
+war. Aber der andere? Der Poststempel war nicht deutlich zu lesen,
+und das »Sr. Wohlgeboren Herrn Baron von Innstetten« bezeugte eine
+glückliche Unvertrautheit mit den landesüblichen Titulaturen. Dem
+entsprachen auch die Schriftzüge von sehr primitivem Charakter. Aber
+die Wohnungsangabe war wieder merkwürdig genau: W. Keithstraße I C,
+zwei Treppen hoch.
+
+Innstetten war Beamter genug, um den Brief von »Exzellenz« zuerst zu
+erbrechen. »Mein lieber Innstetten! Ich freue mich, Ihnen mitteilen
+zu können, daß Seine Majestät Ihre Ernennung zu unterzeichnen geruht
+haben, und gratuliere Ihnen aufrichtig dazu.« Innstetten war erfreut
+über die liebenswürdigen Zeilen des Ministers, fast mehr als über
+die Ernennung selbst. Denn was das Höherhinaufklimmen auf der Leiter
+anging, so war er seit dem Morgen in Kessin, wo Crampas mit einem
+Blick, den er immer vor Augen hatte, Abschied von ihm genommen, etwas
+kritisch gegen derlei Dinge geworden. Er maß seitdem mit anderem Maß,
+sah alles anders an. Auszeichnung, was war es am Ende? Mehr als einmal
+hatte er während der ihm immer freudloser dahinfließenden Tage einer
+halbvergessenen Ministerialanekdote aus den Zeiten des älteren
+Ladenberg her gedenken müssen, der, als er nach langem Warten den
+Roten Adlerorden empfing, ihn wütend und mit dem Ausruf beiseite warf:
+»Da liege, bis du schwarz wirst.« Wahrscheinlich war er dann hinterher
+auch »schwarz« geworden, aber um viele Tage zu spät und sicherlich
+ohne rechte Befriedigung für den Empfänger.
+
+Alles, was uns Freude machen soll, ist an Zeit und Umstände gebunden,
+und was uns heute noch beglückt, ist morgen wertlos. Innstetten
+empfand das tief, und so gewiß ihm an Ehren und Gunstbezeugungen von
+oberster Stelle her lag, wenigstens gelegen hatte, so gewiß stand
+ihm jetzt fest, es käme bei dem glänzenden Schein der Dinge nicht
+viel heraus, und das, was man »das Glück« nenne, wenn's überhaupt
+existiere, sei was anderes als dieser Schein. »Das Glück, wenn mir
+recht ist, liegt in zweierlei: darin, daß man ganz da steht, wo
+man hingehört (aber welcher Beamte kann das von sich sagen), und
+zum zweiten und besten in einem behaglichen Abwickeln des ganz
+Alltäglichen, also darin, daß man ausgeschlafen hat und daß die neuen
+Stiefel nicht drücken. Wenn einem die 720 Minuten eines zwölfstündigen
+Tages ohne besonderen Ärger vergehen, so läßt sich von einem
+glücklichen Tage sprechen.« In einer Stimmung, die derlei
+schmerzlichen Betrachtungen nachhing, war Innstetten auch heute
+wieder. Er nahm nun den zweiten Brief. Als er ihn gelesen, fuhr er
+über seine Stirn und empfand schmerzlich, daß es ein Glück gebe, daß
+er es gehabt, aber daß er es nicht mehr habe und nicht mehr haben
+könne.
+
+Johanna trat ein und meldete: »Geheimrat Wüllersdorf.« Dieser stand
+schon auf der Türschwelle. »Gratuliere, Innstetten.«
+
+»Ihnen glaub ich's; die anderen werden sich ärgern. Im übrigen ...«
+
+»Im übrigen. Sie werden doch in diesem Augenblick nicht kritteln
+wollen.«
+
+»Nein. Die Gnade Seiner Majestät beschämt mich, und die wohlwollende
+Gesinnung des Ministers, dem ich das alles verdanke, fast noch mehr.«
+
+»Aber ...«
+
+»Aber ich habe mich zu freuen verlernt. Wenn ich es einem anderen als
+Ihnen sagte, so würde solche Rede für redensartlich gelten. Sie aber,
+Sie finden sich darin zurecht. Sehen Sie sich hier um; wie leer und
+öde ist das alles. Wenn die Johanna eintritt, ein sogenanntes Juwel,
+so wird mir angst und bange. Dieses Sich-in-Szene-Setzen (und
+Innstetten ahmte Johannas Haltung nach), diese halb komische
+Büstenplastik, die wie mit einem Spezialanspruch auftritt, ich weiß
+nicht, ob an die Menschheit oder an mich - ich finde das alles so
+trist und elend, und es wäre zum Totschießen, wenn es nicht so
+lächerlich wäre.«
+
+»Lieber Innstetten, in dieser Stimmung wollen Sie Ministerialdirektor
+werden?«
+
+»Ah, bah. Kann es anders sein? Lesen Sie, diese Zeilen habe ich eben
+bekommen.«
+
+Wüllersdorf nahm den zweiten Brief mit dem unleserlichen Poststempel,
+amüsierte sich über das »Wohlgeboren« und trat dann ans Fenster, um
+bequemer lesen zu können.
+
+»Gnäd'ger Herr! Sie werden sich wohl am Ende wundern, daß ich Ihnen
+schreibe, aber es ist wegen Rollo. Anniechen hat uns schon voriges
+Jahr gesagt: Rollo wäre jetzt so faul; aber das tut hier nichts, er
+kann hier so faul sein, wie er will, je fauler, je besser. Und die
+gnäd'ge Frau möchte es doch so gern. Sie sagt immer, wenn sie ins Luch
+oder über Feld geht: 'Ich fürchte mich eigentlich, Roswitha, weil ich
+da so allein bin; aber wer soll mich begleiten? Rollo, ja, das ginge;
+der ist mir auch nicht gram. Das ist der Vorteil, daß sich die Tiere
+nicht so drum kümmern.' Das sind die Worte der gnäd'gen Frau, und
+weiter will ich nichts sagen und den gnäd'gen Herrn bloß noch bitten,
+mein Anniechen zu grüßen. Und auch die Johanna. Von Ihrer treu
+ergebenen Dienerin
+
+Roswitha Gellenhagen«
+
+»Ja«, sagte Wüllersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete,
+»die ist uns über.«
+
+»Finde ich auch.«
+
+»Und das ist auch der Grund, daß Ihnen alles andere so fraglich
+erscheint.«
+
+»Sie treffen's. Es geht mir schon lange durch den Kopf, und diese
+schlichten Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht
+gewollten Anklage haben mich wieder vollends aus dem Häuschen
+gebracht. Es quält mich seit Jahr und Tag schon, und ich möchte aus
+dieser ganzen Geschichte heraus; nichts gefällt mir mehr; je mehr man
+mich auszeichnet, je mehr fühle ich, daß dies alles nichts ist. Mein
+Leben ist verpfuscht, und so hab ich mir im stillen ausgedacht, ich
+müßte mit all den Strebungen und Eitelkeiten überhaupt nichts mehr zu
+tun haben und mein Schulmeistertum, was ja wohl mein Eigentliches ist,
+als ein höherer Sittendirektor verwenden können. Es hat ja dergleichen
+gegeben. Ich müßte also, wenn's ginge, solche schrecklich berühmte
+Figur werden, wie beispielsweise der Doktor Wichern im Rauhen Hause
+zu Hamburg gewesen ist, dieser Mirakelmensch, der alle Verbrecher mit
+seinem Blick und seiner Frömmigkeit bändigte ...«
+
+»Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das würde gehen.«
+
+»Nein, es geht auch nicht. Auch das nicht mal. Mir ist eben alles
+verschlossen. Wie soll ich einen Totschläger an seiner Seele packen?
+Dazu muß man selber intakt sein. Und wenn man's nicht mehr ist und
+selber so was an den Fingerspitzen hat, dann muß man wenigstens vor
+seinen zu bekehrenden Confratres den wahnsinnigen Büßer spielen und
+eine Riesenzerknirschung zum besten geben können.«
+
+Wüllersdorf nickte.
+
+Nun, sehen Sie, Sie nicken. Aber das alles kann ich nicht mehr. Den
+Mann im Büßerhemd bring ich nicht mehr heraus und den Derwisch oder
+Fakir, der unter Selbstanklagen sich zu Tode tanzt, erst recht nicht.
+Und da hab ich mir denn, weil das alles nicht geht, als ein Bestes
+herausgeklügelt: weg von hier, weg und hin unter lauter pechschwarze
+Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen. Diese Glücklichen! Denn
+gerade das, dieser ganze Krimskrams ist doch an allem schuld. Aus
+Passion, was am Ende gehen möchte, tut man dergleichen nicht. Also
+bloßen Vorstellungen zuliebe ... Vorstellungen! ... Und da klappt denn
+einer zusammen, und man klappt selber nach. Bloß noch schlimmer.«
+
+»Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einfälle. Quer durch Afrika,
+was soll das heißen? Das ist für 'nen Leutnant, der Schulden
+hat. Aber ein Mann wie Sie! Wollen Sie mit einem roten Fes einem
+Palaver präsidieren oder mit einem Schwiegersohn von König Mtesa
+Blutfreundschaft schließen? Oder wollen Sie sich in einem Tropenhelm,
+mit sechs Löchern oben, am Kongo entlangtasten, bis Sie bei Kamerun
+oder da herum wieder herauskommen? Unmöglich!«
+
+»Unmöglich? Warum? Und wenn unmöglich, was dann?« »Einfach hierbleiben
+und Resignation üben. Wer ist denn unbedrückt? Wer sagte nicht jeden
+Tag: 'Eigentlich eine sehr fragwürdige Geschichte.' Sie wissen, ich
+habe auch mein Päckchen zu tragen, nicht gerade das Ihrige, aber nicht
+viel leichter. Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder
+In-einem-Termitenhügel-Nächtigen; wer's mag, der mag es, aber für
+unserem ist es nichts. In der Bresche stehen und aushalten, bis man
+fällt, das ist das beste. Vorher aber im kleinen und kleinsten so viel
+herausschlagen wie möglich und ein Auge dafür haben, wenn die Veilchen
+blühen oder das Luisendenkmal in Blumen steht oder die kleinen Mädchen
+mit hohen Schnürstiefeln über die Korde springen. Oder auch wohl nach
+Potsdam fahren und in die Friedenskirche gehen, wo Kaiser Friedrich
+liegt und wo sie jetzt eben anfangen, ihm ein Grabhaus zu bauen. Und
+wenn Sie da stehen, dann überlegen Sie sich das Leben von dem, und
+wenn Sie dann nicht beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu
+helfen.«
+
+»Gut, gut. Aber das Jahr ist lang, und jeder einzelne Tag ... und dann
+der Abend.«
+
+»Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu werden. Da haben wir
+'Sardanapal' oder 'Coppelia' mit der del Era, und wenn es damit aus
+ist, dann haben wir Siechen. Nicht zu verachten. Drei Seidel beruhigen
+jedesmal. Es gibt immer noch viele, sehr viele, die zu der ganzen
+Sache nicht anders stehen wie wir, und einer, dem auch viel verquer
+gegangen war, sagte mir mal: 'Glauben Sie mir, Wüllersdorf, es geht
+überhaupt nicht ohne 'Hilfskonstruktionen'.' Der das sagte, war ein
+Baumeister und mußte es also wissen. Und er hatte recht mit seinem
+Satz. Es vergeht kein Tag, der mich nicht an die 'Hilfskonstruktionen'
+gemahnte.«
+
+Wüllersdorf, als er sich so expektoriert, nahm Hut und Stock.
+Innstetten aber, der sich bei diesen Worten seines Freundes seiner
+eigenen voraufgegangenen Betrachtungen über das »kleine Glück«
+erinnert haben mochte, nickte halb zustimmend und lächelte vor sich
+hin.
+
+»Und wohin gehen Sie nun, Wüllersdorf? Es ist noch zu früh für das
+Ministerium.«
+
+»Ich schenk es mir heute ganz. Erst noch eine Stunde Spaziergang am
+Kanal hin bis an die Charlottenburger Schleuse und dann wieder zurück.
+Und dann ein kleines Vorsprechen bei Huth, Potsdamer Straße, die
+kleine Holztreppe vorsichtig hinauf. Unten ist ein Blumenladen.«
+
+»Und das freut Sie? Das genügt Ihnen?«
+
+»Das will ich nicht gerade sagen. Aber es hilft ein bißchen. Ich finde
+da verschiedene Stammgäste, Frühschoppler, deren Namen ich klüglich
+verschweige. Der eine erzählt dann vom Herzog von Ratibor, der andere
+vom Fürstbischof Kopp und der dritte wohl gar von Bismarck. Ein
+bißchen fällt immer ab. Dreiviertel stimmt nicht, aber wenn es nur
+witzig ist, krittelt man nicht lange dran herum und hört dankbar zu.«
+Und damit ging er.
+
+
+
+Sechsunddreißigstes Kapitel
+
+Der Mai war schön, der Juni noch schöner, und Effi, nachdem ein erstes
+schmerzliches Gefühl, das Rollos Eintreffen in ihr geweckt hatte,
+glücklich überwunden war, war voll Freude, das treue Tier wieder um
+sich zu haben. Roswitha wurde belobt, und der alte Briest erging sich
+seiner Frau gegenüber in Worten der Anerkennung für Innstetten, der
+ein Kavalier sei, nicht kleinlich und immer das Herz auf dem rechten
+Fleck gehabt habe. »Schade, daß die dumme Geschichte dazwischenfahren
+mußte. Eigentlich war es doch ein Musterpaar.« Der einzige, der bei
+dem Wiedersehen ruhig blieb, war Rollo selbst, weil er entweder kein
+Organ für Zeitmaß hatte oder die Trennung als eine Unordnung ansah,
+die nun einfach wieder behoben sei. Daß er alt geworden, wirkte wohl
+auch mit dabei. Mit seinen Zärtlichkeiten blieb er sparsam, wie er
+beim Wiedersehen sparsam mit seinen Freudenbezeugungen gewesen war,
+aber in seiner Treue war er womöglich noch gewachsen. Er wich seiner
+Herrin nicht von der Seite. Den Jagdhund behandelte er wohlwollend,
+aber doch als ein Wesen auf niederer Stufe. Nachts lag er vor Effis
+Tür auf der Binsenmatte, morgens, wenn das Frühstück im Freien
+genommen wurde, neben der Sonnenuhr, immer ruhig, immer schläfrig,
+und nur wenn sich Effi vom Frühstückstisch erhob und auf den Flur
+zuschritt und hier erst den Strohhut und dann den Sonnenschirm vom
+Ständer nahm, kam ihm seine Jugend wieder, und ohne sich darum zu
+kümmern, ob seine Kraft auf eine große oder kleine Probe gestellt
+werden würde, jagte er die Dorfstraße hinauf und wieder herunter und
+beruhigte sich erst, wenn sie zwischen den ersten Feldern waren. Effi,
+der freie Luft noch mehr galt als landschaftliche Schönheit, vermied
+die kleinen Waldpartien und hielt meist die große, zunächst von
+uralten Rüstern und dann, wo die Chaussee begann, von Pappeln besetzte
+große Straße, die nach der Bahnhofsstation führte, wohl eine Stunde
+Wegs. An allem freute sie sich, atmete beglückt den Duft ein, der von
+den Raps- und Kleefeldern herüberkam, oder folgte dem Aufsteigen der
+Lerchen und zählte die Ziehbrunnen und Tröge, daran das Vieh zur
+Tränke ging. Dabei klang ein leises Läuten zu ihr herüber. Und dann
+war ihr zu Sinn, als müsse sie die Augen schließen und in einem süßen
+Vergessen hinübergehen. In Nähe der Station, hart an der Chaussee, lag
+eine Chausseewalze. Das war ihr täglicher Rastplatz, von dem aus sie
+das Treiben auf dem Bahndamm verfolgen konnte; Züge kamen und gingen,
+und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen, die sich einen Augenblick wie
+deckten und dann nach links und rechts hin wieder auseinandergingen,
+bis sie hinter Dorf und Wäldchen verschwanden. Rollo saß dann neben
+ihr, an ihrem Frühstück teilnehmend, und wenn er den letzten Bissen
+aufgefangen hatte, fuhr er, wohl um sich dankbar zu bezeigen,
+irgendeine Ackerfurche wie ein Rasender hinauf und hielt nur inne,
+wenn ein paar beim Brüten gestörte Rebhühner dicht neben ihm aus einer
+Nachbarfurche aufflogen.
+
+»Wie schön dieser Sommer! Daß ich noch so glücklich sein könnte, liebe
+Mama, vor einem Jahr hätte ich's nicht gedacht« - das sagte Effi jeden
+Tag, wenn sie mit der Mama um den Teich schritt oder einen Frühapfel
+vom Zweig brach und tapfer einbiß. Denn sie hatte die schönsten Zähne.
+Frau von Briest streichelte ihr dann die Hand und sagte: »Werde nur
+erst wieder gesund, Effi, ganz gesund; das Glück findet sich dann;
+nicht das alte, aber ein neues. Es gibt Gott sei Dank viele Arten von
+Glück. Und du sollst sehen, wir werden schon etwas finden für dich.«
+
+»Ihr seid so gut. Und eigentlich hab ich doch auch euer Leben geändert
+und euch vor der Zeit zu alten Leuten gemacht.« »Ach, meine liebe
+Effi, davon sprich nicht. Als es kam, da dacht ich ebenso. Jetzt weiß
+ich, daß unsere Stille besser ist als der Lärm und das laute Getriebe
+von vordem. Und wenn du so fortfährst, können wir noch reisen. Als
+Wiesike Mentone vorschlug, da warst du krank und reizbar und hattest,
+weil du krank warst, ganz recht mit dem, was du von den Schaffnern und
+Kellnern sagtest; aber wenn du wieder festere Nerven hast, dann geht
+es, dann ärgert man sich nicht mehr, dann lacht man über die großen
+Allüren und das gekräuselte Haar. Und dann das blaue Meer und weiße
+Segel und die Felsen ganz mit rotem Kaktus überwachsen - ich habe es
+noch nicht gesehen, aber ich denke es mir so. Und ich möchte es wohl
+kennenlernen.«
+
+So verging der Sommer, und die Sternschnuppennächte lagen schon
+zurück. Effi hatte während dieser Nächte bis über Mitternacht hinaus
+am Fenster gesessen und sich nicht müde sehen können. »Ich war immer
+eine schwache Christin; aber ob wir doch vielleicht von da oben
+stammen und, wenn es hier vorbei ist, in unsere himmlische Heimat
+zurückkehren, zu den Sternen oben oder noch drüber hinaus! Ich weiß
+es nicht, ich will es auch nicht wissen, ich habe nur die Sehnsucht.«
+Arme Effi, du hattest zu den Himmelwundern zu lange hinaufgesehen
+und darüber nachgedacht, und das Ende war, daß die Nachtluft und die
+Nebel, die vom Teich her aufstiegen, sie wieder aufs Krankenbett
+warfen, und als Wiesike gerufen wurde und sie gesehen hatte, nahm er
+Briest beiseite und sagte: »Wird nichts mehr; machen Sie sich auf ein
+baldiges Ende gefaßt.« Er hatte nur zu wahr gesprochen, und wenige
+Tage danach, es war noch nicht spät und die zehnte Stunde noch nicht
+heran, da kam Roswitha nach unten und sagte zu Frau von Briest:
+»Gnädigste Frau, mit der gnädigen Frau oben ist es schlimm; sie
+spricht immer so still vor sich hin, und mitunter ist es, als ob sie
+bete, sie will es aber nicht wahrhaben, und ich weiß nicht, mir ist,
+als ob es jede Stunde vorbei sein könnte.«
+
+»Will sie mich sprechen?«
+
+»Sie hat es nicht gesagt. Aber ich glaube, sie möchte es. Sie wissen
+ja, wie sie ist; sie will Sie nicht stören und ängstlich machen. Aber
+es wäre doch wohl gut.«
+
+»Es ist gut, Roswitha«, sagte Frau von Briest, »ich werde kommen.«
+
+Und ehe die Uhr noch einsetzte, stieg Frau von Briest die Treppe
+hinauf und trat bei Effi ein. Das Fenster stand offen, und sie lag auf
+einer Chaiselongue, die neben dem Fenster stand.
+
+Frau von Briest schob einen kleinen schwarzen Stuhl mit drei goldenen
+Stäbchen in der Ebenholzlehne heran, nahm Effis Hand und sagte:
+»Wie geht es dir, Effi? Roswitha sagt, du seiest so fiebrig.« »Ach,
+Roswitha nimmt alles so ängstlich. Ich sah ihr an, sie glaubt, ich
+sterbe. Nun, ich weiß nicht. Aber sie denkt, es soll es jeder so
+ängstlich nehmen wie sie selbst.«
+
+»Bist du so ruhig über Sterben, liebe Effi?« »Ganz ruhig, Mama.«
+
+»Täuschst du dich darin nicht? Alles hängt am Leben und die Jugend
+erst recht. Und du bist noch so jung, liebe Effi.«
+
+Effi schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Du weißt, ich habe nicht
+viel gelesen, und Innstetten wunderte sich oft darüber, und es war ihm
+nicht recht.«
+
+Es war das erste Mal, daß sie Innstettens Namen nannte, was einen
+großen Eindruck auf die Mama machte und dieser klar zeigte, daß es zu
+Ende sei.
+
+»Aber ich glaube«, nahm Frau von Briest das Wort, »du wolltest mir was
+erzählen.«
+
+»Ja, das wollte ich, weil du davon sprachst, ich sei noch so jung.
+Freilich bin ich noch jung. Aber das schadet nichts. Es war noch in
+glücklichen Tagen, da las mir Innstetten abends vor; er hatte sehr
+viele Bücher, und in einem hieß es: Es sei wer von einer fröhlichen
+Tafel abgerufen worden, und am anderen Tag habe der Abgerufene
+gefragt, wie's denn nachher gewesen sei. Da habe man ihm geantwortet:
+'Ach, es war noch allerlei; aber eigentlich haben Sie nichts
+versäumt.' Sieh, Mama, diese Worte haben sich mir eingeprägt - es hat
+nicht viel zu bedeuten, wenn man von der Tafel etwas früher abgerufen
+wird.«
+
+Frau von Briest schwieg. Effi aber schob sich etwas höher hinauf
+und sagte dann: »Und da ich nun mal von alten Zeiten und auch von
+Innstetten gesprochen habe, muß ich dir doch noch etwas sagen, liebe
+Mama.«
+
+»Du regst dich auf, Effi.«
+
+»Nein, nein; etwas von der Seele heruntersprechen, das regt mich nicht
+auf, das macht still. Und da wollte ich dir denn sagen: Ich sterbe mit
+Gott und Menschen versöhnt, auch versöhnt mit ihm.«
+
+»Warst du denn in deiner Seele in so großer Bitterkeit mit ihm?
+Eigentlich, verzeih mir, meine liebe Effi, daß ich das jetzt noch
+sage, eigentlich hast du doch euer Leid heraufbeschworen.«
+
+Effi nickte. »Ja, Mama. Und traurig, daß es so ist. Aber als dann all
+das Schreckliche kam, und zuletzt das mit Annie, du weißt schon, da
+hab ich doch, wenn ich das lächerliche Wort gebrauchen darf, den Spieß
+umgekehrt und habe mich ganz ernsthaft in den Gedanken hineingelebt,
+er sei schuld, weil er nüchtern und berechnend gewesen sei und zuletzt
+auch noch grausam. Und da sind Verwünschungen gegen ihn über meine
+Lippen gekommen.«
+
+»Und das bedrückt dich jetzt?«
+
+»Ja. Und es liegt mir daran, daß er erfährt, wie mir hier in meinen
+Krankheitstagen, die doch fast meine schönsten gewesen sind, wie mir
+hier klargeworden, daß er in allem recht gehandelt. In der Geschichte
+mit dem armen Crampas - ja, was sollte er am Ende anders tun? Und
+dann, womit er mich am tiefsten verletzte, daß er mein eigen Kind in
+einer Art Abwehr gegen mich erzogen hat, so hart es mir ankommt und so
+weh es mir tut, er hat auch darin recht gehabt. Laß ihn das wissen,
+daß ich in dieser Überzeugung gestorben bin. Es wird ihn trösten,
+aufrichten, vielleicht versöhnen. Denn er hatte viel Gutes in seiner
+Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe
+ist.«
+
+Frau von Briest sah, daß Effi erschöpft war und zu schlafen schien
+oder schlafen wollte. Sie erhob sich leise von ihrem Platz und ging.
+Indessen kaum daß sie fort war, erhob sich auch Effi und setzte sich
+an das offene Fenster, um noch einmal die kühle Nachtluft einzusaugen.
+Die Sterne flimmerten, und im Park regte sich kein Blatt. Aber je
+länger sie hinaushorchte, je deutlicher hörte sie wieder, daß es
+wie ein feines Rieseln auf die Platanen niederfiel. Ein Gefühl der
+Befreiung überkam sie. »Ruhe, Ruhe.«
+
+Es war einen Monat später, und der September ging auf die Neige. Das
+Wetter war schön, aber das Laub im Park zeigte schon viel Rot und
+Gelb, und seit den Äquinoktien, die die drei Sturmtage gebracht
+hatten, lagen die Blätter überallhin ausgestreut.
+
+Auf dem Rondell hatte sich eine kleine Veränderung vollzogen, die
+Sonnenuhr war fort, und an der Stelle, wo sie gestanden hatte, lag
+seit gestern eine weiße Marmorplatte, darauf stand nichts als »Effi
+Briest« und darunter ein Kreuz. Das war Effis letzte Bitte gewesen:
+»Ich möchte auf meinem Stein meinen alten Namen wiederhaben; ich habe
+dem andern keine Ehre gemacht.« Und es war ihr versprochen worden.
+Ja, gestern war die Marmorplatte gekommen und aufgelegt worden, und
+angesichts der Stelle saßen nun wieder Briest und Frau und sahen
+darauf hin und auf den Heliotrop, den man geschont und der den Stein
+jetzt einrahmte. Rollo lag daneben, den Kopf in die Pfoten gesteckt.
+Wilke, dessen Gamaschen immer weiter wurden, brachte das Frühstück
+und die Post, und der alte Briest sagte: »Wilke, bestelle den kleinen
+Wagen. Ich will mit der Frau über Land fahren.«
+
+Frau von Briest hatte mittlerweile den Kaffee eingeschenkt und sah
+nach dem Rondell und seinem Blumenbeet. »Sieh, Briest, Rollo liegt
+wieder vor dem Stein. Es ist ihm doch noch tiefer gegangen als uns. Er
+frißt auch nicht mehr.«
+
+»Ja, Luise, die Kreatur. Das ist ja, was ich immer sage. Es ist nicht
+so viel mit uns, wie wir glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am
+Ende ist es doch das beste.«
+
+»Sprich nicht so. Wenn du so philosophierst ... nimm es mir nicht
+übel, Briest, dazu reicht es bei dir nicht aus. Du hast deinen guten
+Verstand, aber du kannst doch nicht an solche Fragen ...«
+
+»Eigentlich nicht.«
+
+»Und wenn denn schon überhaupt Fragen gestellt werden sollen, da gibt
+es ganz andere, Briest, und ich kann dir sagen, es vergeht kein Tag,
+seit das arme Kind da liegt, wo mir solche Fragen nicht gekommen
+waren ...«
+
+»Welche Fragen?«
+
+»Ob wir nicht doch vielleicht schuld sind?« »Unsinn, Luise. Wie meinst
+du das?«
+
+»Ob wir sie nicht anders in Zucht hätten nehmen müssen.
+
+Gerade wir. Denn Niemeyer ist doch eigentlich eine Null, weil er
+alles in Zweifel läßt. Und dann, Briest, so leid es mir tut ... deine
+beständigen Zweideutigkeiten ... und zuletzt, womit ich mich selbst
+anklage, denn ich will nicht schadlos ausgehen in dieser Sache, ob sie
+nicht doch vielleicht zu jung war?«
+
+Rollo, der bei diesen Worten aufwachte, schüttelte den Kopf langsam
+hin und her, und Briest sagte ruhig: »Ach, Luise, laß ... das ist ein
+zu weites Feld.«
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Effi Briest, by Theodor Fontane
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EFFI BRIEST ***
+
+***** This file should be named 5323-8.txt or 5323-8.zip *****
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+electronic works
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #5323 (https://www.gutenberg.org/ebooks/5323)
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@@ -0,0 +1,11921 @@
+The Project Gutenberg EBook of Effi Briest, by Theodor Fontane
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Effi Briest
+
+Author: Theodor Fontane
+
+Release Date: March, 2004 [EBook #5323]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on July 1, 2002]
+[Most recently updated January 16, 2009]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, EFFI BRIEST ***
+
+
+
+
+This eBook was prepared by Gunther Olesch from a source file
+at Project Gutenberg of DE created by Joerg Steinbrenner for PG-DE.
+
+
+Effi Briest
+
+Theodor Fontane
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+In Front des schon seit Kurfuerst Georg Wilhelm von der Familie
+von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller
+Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstrasse, waehrend nach der
+Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenfluegel
+einen breiten Schatten erst auf einen weiss und gruen quadrierten
+Fliesengang und dann ueber diesen hinaus auf ein grosses, in seiner
+Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und
+Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte
+weiter, in Richtung und Lage genau dem Seitenfluegel entsprechend,
+lief eine ganz in kleinblaettrigem Efeu stehende, nur an einer
+Stelle von einer kleinen weissgestrichenen Eisentuer unterbrochene
+Kirchhofsmauer, hinter der der Hohen-Cremmener Schindelturm mit
+seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder vergoldeten Wetterhahn
+aufragte. Fronthaus, Seitenfluegel und Kirchhofsmauer bildeten ein
+einen kleinen Ziergarten umschliessendes Hufeisen, an dessen offener
+Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht
+daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett
+zu Haeupten und Fuessen an je zwei Stricken hing - die Pfosten der
+Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber
+und die Schaukel halb versteckend standen ein paar maechtige alte
+Platanen.
+
+Auch die Front des Herrenhauses - eine mit Aloekuebeln und ein paar
+Gartenstuehlen besetzte Rampe - gewaehrte bei bewoelktem Himmel einen
+angenehmen und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufenthalt; an
+Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz
+entschieden bevorzugt, besonders von Frau und Tochter des Hauses,
+die denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten liegenden
+Fliesengange sassen, in ihrem Ruecken ein paar offene, von wildem Wein
+umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren
+vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenfluegels
+hinauffuehrten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleissig bei
+der Arbeit, die der Herstellung eines aus Einzelquadraten
+zusammenzusetzenden Altarteppichs galt; ungezaehlte Wollstraehnen und
+Seidendocken lagen auf einem grossen, runden Tisch bunt durcheinander,
+dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und eine mit
+grossen schoenen Stachelbeeren gefuellte Majolikaschale. Rasch und
+sicher ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber waehrend die
+Mutter kein Auge von der Arbeit liess, legte die Tochter, die den
+Rufnamen Effi fuehrte, von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob
+sich, um unter allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den
+ganzen Kursus der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war
+ersichtlich, dass sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische
+gezogenen Uebungen mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann
+so dastand und, langsam die Arme hebend, die Handflaechen hoch ueber
+dem Kopf zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit
+auf, aber immer nur fluechtig und verstohlen, weil sie nicht zeigen
+wollte, wie entzueckend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung
+muetterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug ein blau und
+weiss gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein
+fest zusammengezogener, bronzefarbener Lederguertel die Taille gab;
+der Hals war frei, und ueber Schulter und Nacken fiel ein breiter
+Matrosenkragen. In allem, was sie tat, paarten sich Uebermut und
+Grazie, waehrend ihre lachenden braunen Augen eine grosse, natuerliche
+Klugheit und viel Lebenslust und Herzensguete verrieten. Man nannte
+sie die "Kleine", was sie sich nur gefallen lassen musste, weil die
+schoene, schlanke Mama noch um eine Handbreit hoeher war.
+
+Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und
+rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer
+Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: "Effi,
+eigentlich haettest du doch wohl Kunstreiterin werden muessen. Immer
+am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, dass du so was
+moechtest."
+
+"Vielleicht, Mama. Aber wenn es so waere, wer waere schuld? Von wem
+hab ich es? Doch nur von dir. Oder meinst du, von Papa? Da musst du
+nun selber lachen. Und dann, warum steckst du mich in diesen Haenger,
+in diesen Jungenkittel? Mitunter denk ich, ich komme noch wieder in
+kurze Kleider. Und wenn ich die erst wiederhabe, dann knicks ich auch
+wieder wie ein Backfisch, und wenn dann die Rathenower herueberkommen,
+setze ich mich auf Oberst Goetzes Schoss und reite hopp, hopp. Warum
+auch nicht? Drei Viertel ist er Onkel und nur ein Viertel Courmacher.
+Du bist schuld. Warum kriege ich keine Staatskleider? Warum machst du
+keine Dame aus mir?"
+
+"Moechtest du's?"
+
+"Nein." Und dabei lief sie auf die Mama zu und umarmte sie stuermisch
+und kuesste sie.
+
+"Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich
+immer, wenn ich dich so sehe ..." Und die Mama schien ernstlich
+willens, in Aeusserung ihrer Sorgen und Aengste fortzufahren. Aber
+sie kam nicht weit damit, weil in ebendiesem Augenblick drei junge
+Maedchen aus der kleinen, in der Kirchhofsmauer angebrachten Eisentuer
+in den Garten eintraten und einen Kiesweg entlang auf das Rondell
+und die Sonnenuhr zuschritten. Alle drei gruessten mit ihren
+Sonnenschirmen zu Effi herueber und eilten dann auf Frau von Briest
+zu, um dieser die Hand zu kuessen. Diese tat rasch ein paar Fragen und
+lud dann die Maedchen ein, ihnen oder doch wenigstens Effi auf eine
+halbe Stunde Gesellschaft zu leisten. "Ich habe ohnehin noch zu
+tun, und junges Volk ist am liebsten unter sich. Gehabt euch wohl."
+Und dabei stieg sie die vom Garten in den Seitenfluegel fuehrende
+Steintreppe hinauf.
+
+Und da war nun die Jugend wirklich allein.
+
+Zwei der jungen Maedchen - kleine, rundliche Persoenchen, zu deren
+krausem, rotblondem Haar ihre Sommersprossen und ihre gute Laune ganz
+vorzueglich passten - waren Toechter des auf Hansa, Skandinavien und
+Fritz Reuter eingeschworenen Kantors Jahnke, der denn auch, unter
+Anlehnung an seinen mecklenburgischen Landsmann und Lieblingsdichter
+und nach dem Vorbilde von Mining und Lining, seinen eigenen Zwillingen
+die Namen Bertha und Hertha gegeben hatte. Die dritte junge Dame war
+Hulda Niemeyer, Pastor Niemeyers einziges Kind; sie war damenhafter
+als die beiden anderen, dafuer aber langweilig und eingebildet, eine
+lymphatische Blondine, mit etwas vorspringenden, bloeden Augen, die
+trotzdem bestaendig nach was zu suchen schienen, weshalb denn auch
+Klitzing von den Husaren gesagt hatte: "Sieht sie nicht aus, als
+erwarte sie jeden Augenblick den Engel Gabriel?" Effi fand, dass der
+etwas kritische Klitzing nur zu sehr recht habe, vermied es aber
+trotzdem, einen Unterschied zwischen den drei Freundinnen zu machen.
+Am wenigsten war ihr in diesem Augenblick danach zu Sinn, und waehrend
+sie die Arme auf den Tisch stemmte, sagte sie: "Diese langweilige
+Stickerei. Gott sei Dank, dass ihr da seid." "Aber deine Mama haben
+wir vertrieben", sagte Hulda. "Nicht doch. Wie sie euch schon sagte,
+sie waere doch gegangen; sie erwartet naemlich Besuch, einen alten
+Freund aus ihren Maedchentagen her, von dem ich euch nachher erzaehlen
+muss, eine Liebesgeschichte mit Held und Heldin und zuletzt mit
+Entsagung. Ihr werdet Augen machen und euch wundern. Uebrigens habe
+ich Mamas alten Freund schon drueben in Schwantikow gesehen; er ist
+Landrat, gute Figur und sehr maennlich."
+
+"Das ist die Hauptsache", sagte Hertha.
+
+"Freilich ist das die Hauptsache, 'Weiber weiblich, Maenner maennlich'
+- das ist, wie ihr wisst, einer von Papas Lieblingssaetzen. Und nun
+helft mir erst Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst gibt es
+wieder eine Strafpredigt."
+
+Im Nu waren die Docken in den Korb gepackt, und als alle wieder
+sassen, sagte Hulda: "Nun aber, Effi, nun ist es Zeit, nun die
+Liebesgeschichte mit Entsagung. Oder ist es nicht so schlimm?"
+
+"Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm. Aber ehe Hertha nicht
+von den Stachelbeeren genommen, eher kann ich nicht anfangen - sie
+laesst ja kein Auge davon. Uebrigens nimm, soviel du willst, wir
+koennen ja hinterher neue pfluecken; nur wirf die Schalen weit weg
+oder noch besser, lege sie hier auf die Zeitungsbeilage, wir machen
+dann eine Tuete daraus und schaffen alles beiseite. Mama kann es nicht
+leiden, wenn die Schlusen so ueberall herumliegen, und sagt immer, man
+koenne dabei ausgleiten und ein Bein brechen."
+
+"Glaub ich nicht", sagte Hertha, waehrend sie den Stachelbeeren
+fleissig zusprach.
+
+"Ich auch nicht", bestaetigte Effi. "Denkt doch mal nach, ich
+falle jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts
+gebrochen. Was ein richtiges Bein ist, das bricht nicht so leicht,
+meines gewiss nicht und deines auch nicht, Hertha. Was meinst du,
+Hulda?"
+
+"Man soll sein Schicksal nicht versuchen; Hochmut kommt vor dem Fall."
+
+"Immer Gouvernante; du bist doch die geborene alte Jungfer."
+
+"Und hoffe mich doch noch zu verheiraten. Und vielleicht eher als du."
+
+"Meinetwegen. Denkst du, dass ich darauf warte? Das fehlte noch.
+Uebrigens, ich kriege schon einen und vielleicht bald. Da ist mir
+nicht bange. Neulich erst hat mir der kleine Ventivegni von drueben
+gesagt: 'Fraeulein Effi, was gilt die Wette, wir sind hier noch in
+diesem Jahre zu Polterabend und Hochzeit.'"
+
+"Und was sagtest du da?"
+
+"'Wohl moeglich', sagte ich, 'wohl moeglich; Hulda ist die Aelteste
+und kann sich jeden Tag verheiraten.' Aber er wollte davon nichts
+wissen und sagte: 'Nein, bei einer anderen jungen Dame, die geradeso
+bruenett ist, wie Fraeulein Hulda blond ist.' Und dabei sah er mich
+ganz ernsthaft an... Aber ich komme vom Hundertsten aufs Tausendste
+und vergesse die Geschichte."
+
+"Ja, du brichst immer wieder ab; am Ende willst du nicht." "Oh, ich
+will schon, aber freilich, ich breche immer wieder ab, weil es alles
+ein bisschen sonderbar ist, ja beinah romantisch."
+
+"Aber du sagtest doch, er sei Landrat."
+
+"Allerdings, Landrat. Und er heisst Geert von Innstetten, Baron von
+Innstetten."
+
+Alle drei lachten.
+
+"Warum lacht ihr?" sagte Effi pikiert. "Was soll das heissen?"
+
+"Ach, Effi, wir wollen dich ja nicht beleidigen und auch den Baron
+nicht. Innstetten, sagtest du? Und Geert? So heisst doch hier kein
+Mensch. Freilich, die adeligen Namen haben oft so was Komisches."
+
+"Ja, meine Liebe, das haben sie. Dafuer sind es eben Adelige. Die
+duerfen sich das goennen, und je weiter zurueck, ich meine der Zeit
+nach, desto mehr duerfen sie sich's goennen. Aber davon versteht ihr
+nichts, was ihr mir nicht uebelnehmen duerft. Wir bleiben doch gute
+Freunde. Geert von Innstetten also und Baron. Er ist geradeso alt wie
+Mama, auf den Tag."
+
+"Und wie alt ist denn eigentlich deine Mama?" "Achtunddreissig."
+
+"Ein schoenes Alter."
+
+"Ist es auch, namentlich wenn man noch so aussieht wie die Mama. Sie
+ist doch eigentlich eine schoene Frau, findet ihr nicht auch? Und
+wie sie alles so weg hat, immer so sicher und dabei so fein und nie
+unpassend wie Papa. Wenn ich ein junger Leutnant waere, so wuerd ich
+mich in die Mama verlieben."
+
+"Aber Effi, wie kannst du nur so was sagen", sagte Hulda. "Das ist ja
+gegen das vierte Gebot."
+
+"Unsinn. Wie kann das gegen das vierte Gebot sein? Ich glaube, Mama
+wuerde sich freuen, wenn sie wuesste, dass ich so was gesagt habe."
+
+"Kann schon sein", unterbrach hierauf Hertha. "Aber nun endlich die
+Geschichte."
+
+"Nun, gib dich zufrieden, ich fange schon an ... Also Baron
+Innstetten! Als er noch keine zwanzig war, stand er drueben bei den
+Rathenowern und verkehrte viel auf den Guetern hier herum, und am
+liebsten war er in Schwantikow drueben bei meinem Grossvater Belling.
+Natuerlich war es nicht des Grossvaters wegen, dass er so oft drueben
+war, und wenn die Mama davon erzaehlt, so kann jeder leicht sehen, um
+wen es eigentlich war. Und ich glaube, es war auch gegenseitig." "Und
+wie kam es nachher?"
+
+"Nun, es kam, wie's kommen musste, wie's immer kommt. Er war ja
+noch viel zu jung, und als mein Papa sich einfand, der schon
+Ritterschaftsrat war und Hohen-Cremmen hatte, da war kein langes
+Besinnen mehr, und sie nahm ihn und wurde Frau von Briest ... Und das
+andere, was sonst noch kam, nun, das wisst ihr ... das andere bin
+ich."
+
+"Ja, das andere bist du, Effi", sagte Bertha. "Gott sei Dank; wir
+haetten dich nicht, wenn es anders gekommen waere. Und nun sage,
+was tat Innstetten, was wurde aus ihm? Das Leben hat er sich nicht
+genommen, sonst koenntet ihr ihn heute nicht erwarten."
+
+"Nein, das Leben hat er sich nicht genommen. Aber ein bisschen war es
+doch so was."
+
+"Hat er einen Versuch gemacht?"
+
+"Auch das nicht. Aber er mochte doch nicht laenger hier in der Naehe
+bleiben, und das ganze Soldatenleben ueberhaupt muss ihm damals wie
+verleidet gewesen sein. Es war ja auch Friedenszeit. Kurz und gut, er
+nahm den Abschied und fing an, Juristerei zu studieren, wie Papa sagt,
+mit einem 'wahren Biereifer'; nur als der Siebziger Krieg kam, trat er
+wieder ein, aber bei den Perlebergern statt bei seinem alten Regiment,
+und hat auch das Kreuz. Natuerlich, denn er ist sehr schneidig. Und
+gleich nach dem Kriege sass er wieder bei seinen Akten, und es heisst,
+Bismarck halte grosse Stuecke von ihm und auch der Kaiser, und so kam
+es denn, dass er Landrat wurde, Landrat im Kessiner Kreise."
+
+"Was ist Kessin? Ich kenne hier kein Kessin."
+
+"Nein, hier in unserer Gegend liegt es nicht; es liegt eine huebsche
+Strecke von hier fort in Pommern, in Hinterpommern sogar, was aber
+nichts sagen will, weil es ein Badeort ist (alles da herum ist
+Badeort), und die Ferienreise, die Baron Innstetten jetzt macht, ist
+eigentlich eine Vetternreise oder doch etwas Aehnliches. Er will hier
+alte Freundschaft und Verwandtschaft wiedersehen."
+
+"Hat er denn hier Verwandte?"
+
+"Ja und nein, wie man's nehmen will. Innstettens gibt es hier nicht,
+gibt es, glaub ich, ueberhaupt nicht mehr. Aber er hat hier entfernte
+Vettern von der Mutter Seite her, und vor allem hat er wohl
+Schwantikow und das Bellingsche Haus wiedersehen wollen, an das ihn so
+viele Erinnerungen knuepfen. Da war er denn vorgestern drueben, und
+heute will er hier in Hohen-Cremmen sein."
+
+"Und was sagt dein Vater dazu?"
+
+"Gar nichts. Der ist nicht so. Und dann kennt er ja doch die Mama. Er
+neckt sie bloss."
+
+In diesem Augenblick schlug es Mittag, und ehe es noch ausgeschlagen,
+erschien Wilke, das alte Briestsche Haus- und Familienfaktotum, um an
+Fraeulein Effi zu bestellen: Die gnaedige Frau liesse bitten, dass das
+gnaedige Fraeulein zu rechter Zeit auch Toilette mache; gleich nach
+eins wuerde der Herr Baron wohl vorfahren. Und waehrend Wilke dies
+noch vermeldete, begann er auch schon auf dem Arbeitstisch der Damen
+abzuraeumen und griff dabei zunaechst nach dem Zeitungsblatt, auf dem
+die Stachelbeerschalen lagen.
+
+"Nein, Wilke, nicht so; das mit den Schlusen, das ist unsere Sache...
+Hertha, du musst nun die Tuete machen und einen Stein hineintun, dass
+alles besser versinken kann. Und dann wollen wir in einem langen
+Trauerzug aufbrechen und die Tuete auf offener See begraben."
+
+Wilke schmunzelte. Is doch ein Daus, unser Fraeulein, so etwa gingen
+seine Gedanken. Effi aber, waehrend sie die Tuete mitten auf die rasch
+zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: "Nun fassen wir alle vier
+an, jeder an einem Zipfel, und singen was Trauriges."
+
+"Ja, das sagst du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?"
+
+"Irgendwas; es ist ganz gleich, es muss nur einen Reim auf 'u' haben;
+'u' ist immer Trauervokal. Also singen wir:
+
+ Flut, Flut,
+ Mach alles wieder gut ..."
+
+Und waehrend Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle
+vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte
+Boot und liessen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tuete
+langsam in den Teich niedergleiten.
+
+"Hertha, nun ist deine Schuld versenkt", sagte Effi, "wobei mir
+uebrigens einfaellt, so vom Boot aus sollen frueher auch arme,
+unglueckliche Frauen versenkt worden sein, natuerlich wegen Untreue."
+
+"Aber doch nicht hier."
+
+"Nein, nicht hier", lachte Effi, "hier kommt sowas nicht vor. Aber in
+Konstantinopel, und du musst ja, wie mir eben einfaellt, auch davon
+wissen, so gut wie ich, du bist ja mit dabeigewesen, als uns Kandidat
+Holzapfel in der Geographiestunde davon erzaehlte."
+
+"Ja", sagte Hulda, "der erzaehlte immer so was. Aber so was vergisst
+man doch wieder."
+
+"Ich nicht. Ich behalte so was."
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Sie sprachen noch eine Weile so weiter, wobei sie sich ihrer
+gemeinschaftlichen Schulstunden und einer ganzen Reihe Holzapfelscher
+Unpassendheiten mit Empoerung und Behagen erinnerten. Ja, man konnte
+sich nicht genug tun damit, bis Hulda mit einem Male sagte: "Nun aber
+ist es hoechste Zeit, Effi; du siehst ja aus, ja, wie sag ich nur,
+du siehst ja aus, wie wenn du vom Kirschenpfluecken kaemst, alles
+zerknittert und zerknautscht; das Leinenzeug macht immer so viele
+Falten, und der grosse weisse Klappkragen ... ja, wahrhaftig, jetzt
+hab ich es, du siehst aus wie ein Schiffsjunge."
+
+"Midshipman, wenn ich bitten darf. Etwas muss ich doch von meinem Adel
+haben. Uebrigens, Midshipman oder Schiffsjunge, Papa hat mir erst
+neulich wieder einen Mastbaum versprochen, hier dicht neben der
+Schaukel, mit Rahen und einer Strickleiter. Wahrhaftig, das sollte mir
+gefallen, und den Wimpel oben selbst anzumachen, das liess' ich mir
+nicht nehmen. Und du, Hulda, du kaemst dann von der anderen Seite her
+herauf, und oben in der Luft wollten wir hurra rufen und uns einen
+Kuss geben. Alle Wetter, das sollte schmecken." "'Alle Wetter ...',
+wie das nun wieder klingt ... Du sprichst wirklich wie ein Midshipman.
+Ich werde mich aber hueten, dir nachzuklettern, ich bin nicht so
+waghalsig. Jahnke hat ganz recht, wenn er immer sagt, du haettest
+zuviel von dem Bellingschen in dir, von deiner Mama her. Ich bin bloss
+ein Pastorskind."
+
+"Ach, geh mir. Stille Wasser sind tief. Weisst du noch, wie du damals,
+als Vetter Briest als Kadett hier war, aber doch schon gross genug,
+wie du damals auf dem Scheunendach entlangrutschtest. Und warum? Nun,
+ich will es nicht verraten. Aber kommt, wir wollen uns schaukeln, auf
+jeder Seite zwei; reissen wird es ja wohl nicht, oder wenn ihr nicht
+Lust habt, denn ihr macht wieder lange Gesichter, dann wollen wir
+Anschlag spielen. Eine Viertelstunde hab ich noch. Ich mag noch nicht
+hineingehen, und alles bloss, um einem Landrat guten Tag zu sagen,
+noch dazu einem Landrat aus Hinterpommern. Altlich ist er auch, er
+koennte ja beinah mein Vater sein, und wenn er wirklich in einer
+Seestadt wohnt, Kessin soll ja so was sein, nun, da muss ich ihm in
+diesem Matrosenkostuem eigentlich am besten gefallen und muss ihm
+beinah wie eine grosse Aufmerksamkeit vorkommen. Fuersten, wenn sie
+wen empfangen, soviel weiss ich von meinem Papa her, legen auch immer
+die Uniform aus der Gegend des anderen an. Also nun nicht aengstlich
+... rasch, rasch, ich fliege aus, und neben der Bank hier ist frei."
+
+Hulda wollte noch ein paar Einschraenkungen machen, aber Effi war
+schon den naechsten Kiesweg hinauf, links hin, rechts hin, bis sie mit
+einem Male verschwunden war.
+
+"Effi, das gilt nicht; wo bist du? Wir spielen nicht Versteck, wir
+spielen Anschlag", und unter diesen und aehnlichen Vorwuerfen eilten
+die Freundinnen ihr nach, weit ueber das Rondell und die beiden
+seitwaerts stehenden Platanen hinaus, bis die Verschwundene mit einem
+Male aus ihrem Versteck hervorbrach und muehelos, weil sie schon im
+Ruecken ihrer Verfolger war, mit "eins, zwei, drei" den Freiplatz
+neben der Bank erreichte.
+
+"Wo warst du?"
+
+"Hinter den Rhabarberstauden; die haben so grosse Blaetter, noch
+groesser als ein Feigenblatt ..."
+
+"Pfui ..."
+
+"Nein, pfui fuer euch, weil ihr verspielt habt. Hulda, mit ihren
+grossen Augen, sah wieder nichts, immer ungeschickt." Und dabei flog
+Effi von neuem ueber das Rondell hin, auf den Teich zu, vielleicht
+weil sie vorhatte, sich erst hinter einer dort aufwachsenden
+dichten Haselnusshecke zu verstecken, um dann, von dieser aus, mit
+einem weiten Umweg um Kirchhof und Fronthaus, wieder bis an den
+Seitenfluegel und seinen Freiplatz zu kommen. Alles war gut berechnet;
+aber freilich, ehe sie noch halb um den Teich herum war, hoerte sie
+schon vom Hause her ihren Namen rufen und sah, waehrend sie sich
+umwandte, die Mama, die, von der Steintreppe her, mit ihrem
+Taschentuch winkte. Noch einen Augenblick, und Effi stand vor ihr.
+
+"Nun bist du doch noch in deinem Kittel, und der Besuch ist da. Nie
+haeltst du Zeit."
+
+"Ich halte schon Zeit, aber der Besuch hat nicht Zeit gehalten. Es ist
+noch nicht eins; noch lange nicht", und sich nach den Zwillingen hin
+umwendend (Hulda war noch weiter zurueck), rief sie diesen zu: "Spielt
+nur weiter; ich bin gleich wieder da."
+
+Schon im naechsten Augenblick trat Effi mit der Mama in den grossen
+Gartensaal, der fast den ganzen Raum des Seitenfluegels fuellte.
+
+"Mama, du darfst mich nicht schelten. Es ist wirklich erst halb. Warum
+kommt er so frueh? Kavaliere kommen nicht zu spaet, aber noch weniger
+zu frueh."
+
+Frau von Briest war in sichtlicher Verlegenheit; Effi aber schmiegte
+sich liebkosend an sie und sagte: "Verzeih, ich will mich nun eilen;
+du weisst, ich kann auch rasch sein, und in fuenf Minuten ist
+Aschenputtel in eine Prinzessin verwandelt. So lange kann er warten
+oder mit dem Papa plaudern."
+
+Und der Mama zunickend, wollte sie leichten Fusses eine kleine eiserne
+Stiege hinauf, die aus dem Saal in den Oberstock hinauffuehrte. Frau
+von Briest aber, die unter Umstaenden auch unkonventionell sein
+konnte, hielt ploetzlich die schon forteilende Effi zurueck, warf
+einen Blick auf das jugendlich reizende Geschoepf, das, noch erhitzt
+von der Aufregung des Spiels, wie ein Bild frischesten Lebens vor ihr
+stand, und sagte beinahe vertraulich: "Es ist am Ende das beste, du
+bleibst, wie du bist. Ja, bleibe so. Du siehst gerade sehr gut aus.
+Und wenn es auch nicht waere, du siehst so unvorbereitet aus, so gar
+nicht zurechtgemacht, und darauf kommt es in diesem Augenblick an. Ich
+muss dir naemlich sagen, meine suesse Effi ...", und sie nahm ihres
+Kindes beide Haende, "... ich muss dir naemlich sagen ..."
+
+"Aber Mama, was hast du nur? Mir wird ja ganz angst und bange."
+
+"... Ich muss dir naemlich sagen, Effi, dass Baron Innstetten eben um
+deine Hand angehalten hat."
+
+"Um meine Hand angehalten? Und im Ernst?"
+
+"Es ist keine Sache, um einen Scherz daraus zu machen. Du hast ihn
+vorgestern gesehen, und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. Er
+ist freilich aelter als du, was alles in allem ein Glueck ist, dazu
+ein Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn du
+nicht nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann,
+so stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du
+wirst deine Mama weit ueberholen."
+
+Effi schwieg und suchte nach einer Antwort. Aber ehe sie diese finden
+konnte, hoerte sie schon des Vaters Stimme von dem angrenzenden,
+noch im Fronthause gelegenen Hinterzimmer her, und gleich danach
+ueberschritt Ritterschaftsrat von Briest, ein wohlkonservierter
+Fuenfziger von ausgesprochener Bonhomie, die Gartensalonschwelle -
+mit ihm Baron Innstetten, schlank, bruenett und von militaerischer
+Haltung.
+
+Effi, als sie seiner ansichtig wurde, kam in ein nervoeses Zittern;
+aber nicht auf lange, denn im selben Augenblick fast, wo sich
+Innstetten unter freundlicher Verneigung ihr naeherte, wurden an
+dem mittleren der weit offenstehenden und von wildem Wein halb
+ueberwachsenen Fenster die rotblonden Koepfe der Zwillinge sichtbar,
+und Hertha, die Ausgelassenste, rief in den Saal hinein: "Effi, komm."
+
+Dann duckte sie sich, und beide Schwestern sprangen von der Banklehne,
+darauf sie gestanden, wieder in den Garten hinab, und man hoerte nur
+noch ihr leises Kichern und Lachen.
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Noch an demselben Tage hatte sich Baron Innstetten mit Effi Briest
+verlobt. Der joviale Brautvater, der sich nicht leicht in seiner
+Feierlichkeitsrolle zurechtfand, hatte bei dem Verlobungsmahl, das
+folgte, das junge Paar leben lassen, was auf Frau von Briest, die
+dabei der nun um kaum achtzehn Jahre zurueckliegenden Zeit gedenken
+mochte, nicht ohne herzbeweglichen Eindruck geblieben war. Aber nicht
+auf lange; sie hatte es nicht sein koennen, nun war es statt ihrer die
+Tochter - alles in allem ebensogut oder vielleicht noch besser. Denn
+mit Briest liess sich leben, trotzdem er ein wenig prosaisch war und
+dann und wann einen kleinen frivolen Zug hatte. Gegen Ende der Tafel,
+das Eis wurde schon herumgereicht, nahm der alte Ritterschaftsrat
+noch einmal das Wort, um in einer zweiten Ansprache das allgemeine
+Familien-Du zu proponieren. Er umarmte dabei Innstetten und gab ihm
+einen Kuss auf die linke Backe. Hiermit war aber die Sache fuer ihn
+noch nicht abgeschlossen, vielmehr fuhr er fort, ausser dem "Du"
+zugleich intimere Namen und Titel fuer den Hausverkehr zu empfehlen,
+eine Art Gemuetlichkeitsrangliste aufzustellen, natuerlich unter
+Wahrung berechtigter, weil wohlerworbener Eigentuemlichkeiten. Fuer
+seine Frau, so hiess es, wuerde der Fortbestand von "Mama" (denn es
+gaebe auch junge Mamas) wohl das beste sein, waehrend er fuer seine
+Person, unter Verzicht auf den Ehrentitel "Papa", das einfache Briest
+entschieden bevorzugen muesse, schon weil es so huebsch kurz sei. Und
+was nun die Kinder angehe - bei welchem Wort er sich, Aug in Auge
+mit dem nur etwa um ein Dutzend Jahre juengeren Innstetten, einen
+Ruck geben musste -, nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert.
+Geert, wenn er nicht irre, habe die Bedeutung von einem schlank
+aufgeschossenen Stamm, und Effi sei dann also der Efeu, der sich
+darumzuranken habe. Das Brautpaar sah sich bei diesen Worten etwas
+verlegen an. Effi zugleich mit einem Ausdruck kindlicher Heiterkeit,
+Frau von Briest aber sagte: "Briest, sprich, was du willst, und
+formuliere deine Toaste nach Gefallen, nur poetische Bilder, wenn
+ich bitten darf, lass beiseite, das liegt jenseits deiner Sphaere."
+Zurechtweisende Worte, die bei Briest mehr Zustimmung als Ablehnung
+gefunden hatten. "Es ist moeglich, dass du recht hast, Luise."
+
+Gleich nach Aufhebung der Tafel beurlaubte sich Effi, um einen Besuch
+drueben bei Pastors zu machen. Unterwegs sagte sie sich: "Ich glaube,
+Hulda wird sich aergern. Nun bin ich ihr doch zuvorgekommen - sie war
+immer zu eitel und eingebildet." Aber Effi traf es mit ihrer Erwartung
+nicht ganz; Hulda, durchaus Haltung bewahrend, benahm sich sehr gut
+und ueberliess die Bezeugung von Unmut und Aerger ihrer Mutter, der
+Frau Pastorin, die denn auch sehr sonderbare Bemerkungen machte. "Ja,
+ja, so geht es. Natuerlich. Wenn's die Mutter nicht sein konnte,
+muss es die Tochter Sein. Das kennt man. Alte Familien halten immer
+zusammen, und wo was is, da kommt was dazu." Der alte Niemeyer kam in
+arge Verlegenheit ueber diese fortgesetzten Spitzen Redensarten ohne
+Bildung und Anstand und beklagte mal wieder, eine Wirtschafterin
+geheiratet zu haben.
+
+Von Pastors ging Effi natuerlich auch zu Kantor Jahnkes; die Zwillinge
+hatten schon nach ihr ausgeschaut und empfingen sie im Vorgarten.
+
+"Nun, Effi", sagte Hertha, waehrend alle drei zwischen den rechts und
+links bluehenden Studentenblumen auf und ab schritten, "nun, Effi, wie
+ist dir eigentlich?"
+
+"Wie mir ist? Oh, ganz gut. Wir nennen uns auch schon du und bei
+Vornamen. Er heisst naemlich Geert, was ich euch, wie mir einfaellt,
+auch schon gesagt habe."
+
+"Ja, das hast du. Mir ist aber doch so bange dabei. Ist es denn auch
+der Richtige?"
+
+"Gewiss ist es der Richtige. Das verstehst du nicht, Hertha. Jeder ist
+der Richtige. Natuerlich muss er von Adel sein und eine Stellung haben
+und gut aussehen."
+
+"Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du doch ganz anders."
+
+"Ja, sonst."
+
+"Und bist du auch schon ganz gluecklich?"
+
+"Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz gluecklich.
+Wenigstens denk ich es mir so."
+
+"Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bisschen
+genant?"
+
+"Ja, ein bisschen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich
+denke, ich werde darueber wegkommen."
+
+Nach diesem im Pfarr- und Kantorhause gemachten Besuche, der
+keine halbe Stunde gedauert hatte, war Effi wieder nach drueben
+zurueckgekehrt, wo man auf der Gartenveranda eben den Kaffee nehmen
+wollte. Schwiegervater und Schwiegersohn gingen auf dem Kieswege
+zwischen den zwei Platanen auf und ab. Briest sprach von
+dem Schwierigen einer landraetlichen Stellung; sie sei ihm
+verschiedentlich angetragen worden, aber er habe jedesmal gedankt.
+"So nach meinem eigenen Willen schalten und walten zu koennen ist mir
+immer das liebste gewesen, jedenfalls lieber - Pardon, Innstetten -,
+als so die Blicke bestaendig nach oben richten zu muessen. Man hat
+dann bloss immer Sinn und Merk fuer hohe und hoechste Vorgesetzte. Das
+ist nichts fuer mich. Hier leb ich so freiweg und freue mich ueber
+jedes gruene Blatt und ueber den wilden Wein, der da drueben in die
+Fenster waechst."
+
+Er sprach noch mehr dergleichen, allerhand Antibeamtliches, und
+entschuldigte sich von Zeit zu Zeit mit einem kurzen, verschiedentlich
+wiederkehrenden "Pardon, Innstetten". Dieser nickte mechanisch
+zustimmend, war aber eigentlich wenig bei der Sache, sah vielmehr wie
+gebannt immer aufs neue nach dem drueben am Fenster rankenden wilden
+Wein hinueber, von dem Briest eben gesprochen, und waehrend er
+dem nachhing, war es ihm, als saeh' er wieder die rotblonden
+Maedchenkoepfe zwischen den Weinranken und hoere dabei den
+uebermuetigen Zuruf: "Effi, komm."
+
+Er glaubte nicht an Zeichen und aehnliches, im Gegenteil, wies alles
+Aberglaeubische weit zurueck. Aber er konnte trotzdem von den zwei
+Worten nicht los, und waehrend Briest immer weiterperorierte, war es
+ihm bestaendig, als waere der kleine Hergang doch mehr als ein blosser
+Zufall gewesen.
+
+Innstetten, der nur einen kurzen Urlaub genommen, war schon am
+folgenden Tag wieder abgereist, nachdem er versprochen, jeden Tag
+schreiben zu wollen. "Ja, das musst du", hatte Effi gesagt, ein Wort,
+das ihr von Herzen kam, da sie seit Jahren nichts Schoeneres kannte
+als beispielsweise den Empfang vieler Geburtstagsbriefe. Jeder musste
+ihr zu diesem Tag schreiben. In den Brief eingestreute Wendungen,
+etwa wie "Gertrud und Klara senden Dir mit mir ihre herzlichsten
+Glueckwuensche", waren verpoent; Gertrud und Klara, wenn sie
+Freundinnen sein wollten, hatten dafuer zu Sorgen, dass ein Brief
+mit selbstaendiger Marke dalaege, womoeglich - denn ihr Geburtstag
+fiel noch in die Reisezeit mit einer fremden, aus der Schweiz oder
+Karlsbad.
+
+Innstetten, wie versprochen, schrieb wirklich jeden Tag; was aber den
+Empfang seiner Briefe ganz besonders angenehm machte, war der Umstand,
+dass er allwoechentlich nur einmal einen ganz kleinen Antwortbrief
+erwartete. Den erhielt er dann auch, voll reizend nichtigen und
+ihn jedesmal entzueckenden Inhalts. Was es von ernsteren Dingen
+zu besprechen gab, das verhandelte Frau von Briest mit ihrem
+Schwiegersohn: Festsetzungen wegen der Hochzeit, Ausstattungs- und
+Wirtschaftseinrichtungsfragen. Innstetten, schon an die drei Jahre
+im Amt, war in seinem Kessiner Hause nicht glaenzend, aber doch sehr
+standesgemaess eingerichtet, und es empfahl sich, in der Korrespondenz
+mit ihm ein Bild von allem, was da war, zu gewinnen, um nichts
+Unnuetzes anzuschaffen. Schliesslich, als Frau von Briest ueber all
+diese Dinge genugsam unterrichtet war, wurde seitens Mutter und
+Tochter eine Reise nach Berlin beschlossen, um, wie Briest sich
+ausdrueckte, den "Trousseau" fuer Prinzessin Effi zusammenzukaufen.
+Effi freute sich sehr auf den Aufenthalt in Berlin, um so mehr, als
+der Vater darein gewilligt hatte, im Hotel du Nord Wohnung zu nehmen.
+Was es koste, koenne ja von der Ausstattung abgezogen werden;
+Innstetten habe ohnehin alles. Effi ganz im Gegensatz zu der solche
+"Mesquinerien" ein fuer allemal sich verbittenden Mama - hatte dem
+Vater, ohne jede Sorge darum, ob er's scherz- oder ernsthaft gemeint
+hatte, freudig zugestimmt und beschaeftigte sich in ihren Gedanken
+viel, viel mehr mit dem Eindruck, den sie beide, Mutter und Tochter,
+bei ihrem Erscheinen an der Table d'hote machen wuerden, als mit Spinn
+und Mencke, Goschenhofer und aehnlichen Firmen, die vorlaeufig notiert
+worden waren. Und diesen ihren heiteren Phantasien entsprach denn
+auch ihre Haltung, als die grosse Berliner Woche nun wirklich da war.
+Vetter Briest vom Alexanderregiment, ein ungemein ausgelassener junger
+Leutnant, der die "Fliegenden Blaetter" hielt und ueber die besten
+Witze Buch fuehrte, stellte sich den Damen fuer jede dienstfreie
+Stunde zur Verfuegung, und so sassen sie denn mit ihm bei Kranzler am
+Eckfenster oder zu statthafter Zeit auch wohl im Cafe Bauer und fuhren
+nachmittags in den Zoologischen Garten, um da die Giraffen zu sehen,
+von denen Vetter Briest, der uebrigens Dagobert hiess, mit Vorliebe
+behauptete, sie saehen aus wie adlige alte Jungfern. Jeder Tag verlief
+programmaessig, und am dritten oder vierten Tag gingen sie, wie
+vorgeschrieben, in die Nationalgalerie, weil Vetter Dagobert seiner
+Cousine die "Insel der Seligen" zeigen wollte. Fraeulein Cousine stehe
+zwar auf dem Punkte, sich zu verheiraten, es sei aber doch vielleicht
+gut, die "Insel der Seligen" schon vorher kennengelernt zu haben. Die
+Tante gab ihm einen Schlag mit dem Faecher, begleitete diesen Schlag
+aber mit einem so gnaedigen Blick, dass er keine Veranlassung hatte,
+den Ton zu aendern. Es waren himmlische Tage fuer alle drei, nicht zum
+wenigsten fuer den Vetter, der so wundervoll zu chaperonnieren und
+kleine Differenzen immer rasch auszugleichen verstand. An solchen
+Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter war nun,
+wie das so geht, all die Zeit ueber kein Mangel, aber sie traten
+gluecklicherweise nie bei den zu machenden Einkaeufen hervor. Ob man
+von einer Sache sechs oder drei Dutzend erstand, Effi war mit allem
+gleichmaessig einverstanden, und wenn dann auf dem Heimweg von
+dem Preis der eben eingekauften Gegenstaende gesprochen wurde, so
+verwechselte sie regelmaessig die Zahlen. Frau von Briest, sonst so
+kritisch, auch ihrem eigenen geliebten Kinde gegenueber, nahm dies
+anscheinend mangelnde Interesse nicht nur von der leichten Seite,
+sondern erkannte sogar einen Vorzug darin. Alle diese Dinge, so sagte
+sie sich, bedeuten Effi nicht viel. Effi ist anspruchslos; sie lebt in
+ihren Vorstellungen und Traeumen, und wenn die Prinzessin Friedrich
+Karl vorueberfaehrt und sie von ihrem Wagen aus freundlich gruesst, so
+gilt ihr das mehr als eine ganze Truhe voll Weisszeug.
+
+Das alles war auch richtig, aber doch nur halb. An dem Besitze mehr
+oder weniger alltaeglicher Dinge lag Effi nicht viel, aber wenn sie
+mit der Mama die Linden hinauf- und hinunterging und nach Musterung
+der schoensten Schaufenster in den Demuthschen Laden eintrat, um fuer
+die gleich nach der Hochzeit geplante italienische Reise allerlei
+Einkaeufe zu machen, so zeigte sich ihr wahrer Charakter. Nur das
+Eleganteste gefiel ihr, und wenn sie das Beste nicht haben konnte, so
+verzichtete sie auf das Zweitbeste, weil ihr dies Zweite nun nichts
+mehr bedeutete. Ja, sie konnte verzichten, darin hatte die Mama recht,
+und in diesem Verzichtenkoennen lag etwas von Anspruchslosigkeit; wenn
+es aber ausnahmsweise mal wirklich etwas zu besitzen galt, so musste
+dies immer was ganz Apartes sein. Und darin war sie anspruchsvoll.
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Vetter Dagobert war am Bahnhof, als die Damen ihre Rueckreise nach
+Hohen-Cremmen antraten. Es waren glueckliche Tage gewesen, vor
+allem auch darin, dass man nicht unter unbequemer und beinahe
+unstandesgemaesser Verwandtschaft gelitten hatte. "Fuer Tante
+Therese", so hatte Effi gleich nach der Ankunft gesagt, "muessen wir
+diesmal inkognito bleiben. Es geht nicht, dass sie hier ins Hotel
+kommt. Entweder Hotel du Nord oder Tante Therese; beides zusammen
+passt nicht." Die Mama hatte sich schliesslich einverstanden damit
+erklaert, ja, dem Liebling zur Besiegelung des Einverstaendnisses
+einen Kuss auf die Stirn gegeben.
+
+Mit Vetter Dagobert war das natuerlich etwas ganz anderes gewesen, der
+hatte nicht bloss den Gardepli, der hatte vor allem auch mit Hilfe
+jener eigentuemlich guten Laune, wie sie bei den Alexanderoffizieren
+beinahe traditionell geworden, sowohl Mutter wie Tochter von Anfang an
+anzuregen und aufzuheitern gewusst, und diese gute Stimmung dauerte
+bis zuletzt. "Dagobert", so hiess es noch beim Abschied, "du kommst
+also zu meinem Polterabend, und natuerlich mit Cortege. Denn
+nach den Auffuehrungen (aber kommt mir nicht mit Dienstmann oder
+Mausefallenhaendler) ist Ball. Und du musst bedenken, mein erster
+grosser Ball ist vielleicht auch mein letzter. Unter sechs Kameraden
+- natuerlich beste Taenzer - wird gar nicht angenommen. Und mit dem
+Fruehzug koennt ihr wieder zurueck." Der Vetter versprach alles, und
+so trennte man sich.
+
+Gegen Mittag trafen beide Damen an ihrer havellaendischen Bahnstation
+ein, mitten im Luch, und fuhren in einer halben Stunde nach
+Hohen-Cremmen hinueber. Briest war sehr froh, Frau und Tochter wieder
+zu Hause zu haben, und stellte Fragen ueber Fragen, deren Beantwortung
+er meist nicht abwartete. Statt dessen erging er sich in Mitteilung
+dessen, was er inzwischen erlebt. "Ihr habt mir da vorhin von der
+Nationalgalerie gesprochen und von der 'Insel der Seligen' - nun,
+wir haben hier, waehrend ihr fort wart, auch so was gehabt: unser
+Inspektor Pink und die Gaertnersfrau. Natuerlich habe ich Pink
+entlassen muessen, uebrigens ungern. Es ist sehr fatal, dass solche
+Geschichten fast immer in die Erntezeit fallen. Und Pink war sonst ein
+ungewoehnlich tuechtiger Mann, hier leider am unrechten Fleck. Aber
+lassen wir das; Wilke wird schon unruhig."
+
+Bei Tische hoerte Briest besser zu; das gute Einvernehmen mit dem
+Vetter, von dem ihm viel erzaehlt wurde, hatte seinen Beifall, weniger
+das Verhalten gegen Tante Therese. Man sah aber deutlich, dass er
+inmitten seiner Missbilligung sich eigentlich darueber freute; denn
+ein kleiner Schabernack entsprach ganz seinem Geschmack, und Tante
+Therese war wirklich eine laecherliche Figur. Er hob sein Glas und
+stiess mit Frau und Tochter an. Auch als nach Tisch einzelne der
+huebschesten Einkaeufe von ihm ausgepackt und seiner Beurteilung
+unterbreitet wurden, verriet er viel Interesse, das selbst noch
+anhielt oder wenigstens nicht ganz hinstarb, als er die Rechnung
+ueberflog. "Etwas teuer, oder sagen wir lieber sehr teuer; indessen
+es tut nichts. Es hat alles so viel Schick, ich moechte sagen so viel
+Animierendes, dass ich deutlich fuehle, wenn du mir solchen Koffer und
+solche Reisedecke zu Weihnachten schenkst, so sind wir zu Ostern auch
+in Rom und machen nach achtzehn Jahren unsere Hochzeitsreise. Was
+meinst du, Luise? Wollen wir nachexerzieren? Spaet kommt ihr, doch ihr
+kommt."
+
+Frau von Briest machte eine Handbewegung, wie wenn sie sagen wollte:
+"Unverbesserlich", und ueberliess ihn im uebrigen seiner eigenen
+Beschaemung, die aber nicht gross war.
+
+Ende August war da, der Hochzeitstag (3. Oktober) rueckte naeher,
+und sowohl im Herrenhause wie in der Pfarre und Schule war man
+unausgesetzt bei den Vorbereitungen zum Polterabend. Jahnke, getreu
+seiner Fritz-Reuter-Passion, hatte sich's als etwas besonders
+"Sinniges" ausgedacht, Bertha und Hertha als Lining und Mining
+auftreten zu lassen, natuerlich plattdeutsch, waehrend Hulda das
+Kaethchen von Heilbronn in der Holunderbaumszene darstellen sollte,
+Leutnant Engelbrecht von den Husaren als Wetter vom Strahl. Niemeyer,
+der sich den Vater der Idee nennen durfte, hatte keinen Augenblick
+gesaeumt, auch die versaeumte Nutzanwendung auf Innstetten und Effi
+hinzuzudichten. Er selbst war mit seiner Arbeit zufrieden und hoerte,
+gleich nach der Leseprobe, von allen Beteiligten viel Freundliches
+darueber, freilich mit Ausnahme seines Patronatsherrn und alten
+Freundes Briest, der, als er die Mischung von Kleist und Niemeyer
+mit angehoert hatte, lebhaft protestierte, wenn auch keineswegs aus
+literarischen Gruenden. "Hoher Herr und immer wieder Hoher Herr - was
+soll das? Das leitet in die Irre, das verschiebt alles. Innstetten,
+unbestritten, ist ein famoses Menschenexemplar, Mann von Charakter
+und Schneid, aber die Briests - verzeih den Berolinismus, Luise-, die
+Briests sind schliesslich auch nicht von schlechten Eltern. Wir sind
+doch nun mal eine historische Familie, lass mich hinzufuegen Gott sei
+Dank, und die Innstettens sind es nicht; die Innstettens sind bloss
+alt, meinetwegen Uradel, aber was heisst Uradel? Ich will nicht, dass
+eine Briest oder doch mindestens eine Polterabendfigur, in der jeder
+das Widerspiel unserer Effi erkennen muss - ich will nicht, dass eine
+Briest mittelbar oder unmittelbar in einem fort von 'Hoher Herr'
+spricht. Da muesste denn doch Innstetten wenigstens ein verkappter
+Hohenzoller sein, es gibt ja dergleichen. Das ist er aber nicht, und
+so kann ich nur wiederholen, es verschiebt die Situation."
+
+Und wirklich, Briest hielt mit besonderer Zaehigkeit eine ganze
+Zeitlang an dieser Anschauung fest. Erst nach der zweiten Probe, wo
+das "Kaethchen", schon halb im Kostuem, ein sehr eng anliegendes
+Sammetmieder trug, liess er sich - der es auch sonst nicht an
+Huldigungen gegen Hulda fehlen liess - zu der Bemerkung hinreissen,
+das Kaethchen liege sehr gut da, welche Wendung einer Waffenstreckung
+ziemlich gleichkam oder doch zu solcher hinueberleitete. Dass alle
+diese Dinge vor Effi geheimgehalten wurden, braucht nicht erst gesagt
+zu werden. Bei mehr Neugier auf seiten dieser letzteren waere das nun
+freilich ganz unmoeglich gewesen, aber Effi hatte so wenig Verlangen,
+in die Vorbereitungen und geplanten Ueberraschungen einzudringen, dass
+sie der Mama mit allem Nachdruck erklaerte, sie koenne es abwarten,
+und Wenn diese dann zweifelte, so schloss Effi mit der wiederholten
+Versicherung: Es waere wirklich so, die Mama koenne es glauben. Und
+warum auch nicht? Es sei ja doch alles nur Theaterauffuehrung und
+huebscher und poetischer als "Aschenbroedel", das sie noch am letzten
+Abend in Berlin gesehen haette, huebscher und poetischer koenne es ja
+doch nicht Sein. Da haette sie wirklich selber mitspielen moegen, wenn
+auch nur, um dem laecherlichen Pensionslehrer einen Kreidestrich auf
+den Ruecken zu machen. "Und wie reizend im letzten Akt 'Aschenbroedels
+Erwachen als Prinzessin' oder wenigstens als Graefin; wirklich, es
+war ganz wie ein Maerchen." In dieser Weise sprach sie oft, war meist
+ausgelassener als vordem und aergerte sich bloss ueber das bestaendige
+Tuscheln und Geheimtun der Freundinnen. "Ich wollte, sie haetten sich
+weniger wichtig und waeren mehr fuer mich da. Nachher bleiben sie doch
+bloss stecken, und ich muss mich um sie aengstigen und mich schaemen,
+dass es meine Freundinnen sind." So gingen Effis Spottreden, und es
+war ganz unverkennbar, dass sie sich um Polterabend und Hochzeit nicht
+allzusehr kuemmerte. Frau von Briest hatte so ihre Gedanken darueber,
+aber zu Sorgen kam es nicht, weil sich Effi, was doch ein gutes
+Zeichen war, ziemlich viel mit ihrer Zukunft beschaeftigte und sich,
+phantasiereich wie sie war, viertelstundenlang in Schilderungen ihres
+Kessiner Lebens erging, Schilderungen, in denen sich nebenher und
+sehr zur Erheiterung der Mama eine merkwuerdige Vorstellung von
+Hinterpommern aussprach oder vielleicht auch, mit kluger Berechnung,
+aussprechen sollte. Sie gefiel sich naemlich darin, Kessin als
+einen halbsibirischen Ort aufzufassen, wo Eis und Schnee nie recht
+aufhoerten.
+
+"Heute hat Goschenhofer das letzte geschickt", sagte Frau von Briest,
+als sie wie gewoehnlich in Front des Seitenfluegels mit Effi am
+Arbeitstisch sass, auf dem die Leinen- und Waeschevorraete bestaendig
+wuchsen, waehrend der Zeitungen, die bloss Platz wegnahmen, immer
+weniger wurden. "Ich hoffe, du hast nun alles, Effi. Wenn du aber noch
+kleine Wuensche hegst, so musst du sie jetzt aussprechen, womoeglich
+in dieser Stunde noch. Papa hat den Raps vorteilhaft verkauft und ist
+ungewoehnlich guter Laune."
+
+"Ungewoehnlich? Er ist immer in guter Laune."
+
+"In ungewoehnlich guter Laune", wiederholte die Mama. "Und sie muss
+genutzt werden. Sprich also. Mehrmals, als wir noch in Berlin waren,
+war es mir, als ob du doch nach dem einen oder anderen noch ein ganz
+besonderes Verlangen gehabt haettest."
+
+"Ja, liebe Mama, was soll ich da sagen. Eigentlich habe ich ja alles,
+was man braucht, ich meine, was man hier braucht. Aber da mir's nun
+mal bestimmt ist, so hoch noerdlich zu kommen ... ich bemerke, dass
+ich nichts dagegen habe, im Gegenteil, ich freue mich darauf, auf die
+Nordlichter und auf den helleren Glanz der Sterne ... da mir's nun mal
+so bestimmt ist, so haette ich wohl gern einen Pelz gehabt."
+
+"Aber Effi, Kind, das ist doch alles bloss leere Torheit. Du kommst ja
+nicht nach Petersburg oder nach Archangel."
+
+"Nein; aber ich bin doch auf dem Wege dahin..."
+
+"Gewiss, Kind. Auf dem Wege dahin bist du; aber was heisst das?
+Wenn du von hier nach Nauen faehrst, bist du auch auf dem Wege nach
+Russland. Im uebrigen, wenn du's wuenschst, so sollst du einen Pelz
+haben. Nur das lass mich im voraus sagen, ich rate dir davon ab. Ein
+Pelz ist fuer aeltere Personen, selbst deine alte Mama ist noch zu
+jung dafuer, und wenn du mit deinen siebzehn Jahren in Nerz oder
+Marder auftrittst, so glauben die Kessiner, es sei eine Maskerade."
+
+Das war am 2. September, dass sie so sprachen, ein Gespraech, das sich
+wohl fortgesetzt haette, wenn nicht gerade Sedantag gewesen waere.
+So aber wurden sie durch Trommel- und Pfeifenklang unterbrochen,
+und Effi, die schon vorher von dem beabsichtigten Aufzuge gehoert,
+aber es wieder vergessen hatte, stuerzte mit einem Male von dem
+gemeinschaftlichen Arbeitstisch fort und an Rondell und Teich vorueber
+auf einen kleinen, an die Kirchhofsmauer angebauten Balkon zu, zu dem
+sechs Stufen, nicht viel breiter als Leitersprossen, hinauffuehrten.
+Im Nu war sie oben, und richtig, da kam auch schon die ganze
+Schuljugend heran, Jahnke gravitaetisch am rechten Fluegel, waehrend
+ein kleiner Tambourmajor, weit voran, an der Spitze des Zuges
+marschierte, mit einem Gesichtsausdruck, als ob ihm oblaege, die
+Schlacht bei Sedan noch einmal zu schlagen. Effi winkte mit dem
+Taschentuch, und der Begruesste versaeumte nicht, mit seinem blanken
+Kugelstock zu salutieren.
+
+Eine Woche spaeter sassen Mutter und Tochter wieder am alten Fleck,
+auch wieder mit ihrer Arbeit beschaeftigt. Es war ein wunderschoener
+Tag; der in einem zierlichen Beet um die Sonnenuhr herum stehende
+Heliotrop bluehte noch, und die leise Brise, die ging, trug den Duft
+davon zu ihnen herueber.
+
+"Ach, wie wohl ich mich fuehle", sagte Effi, "so wohl und so
+gluecklich; ich kann mir den Himmel nicht schoener denken. Und am
+Ende, wer weiss, ob sie im Himmel so wundervollen Heliotrop haben."
+
+"Aber Effi, so darfst du nicht sprechen; das hast du von deinem Vater,
+dem nichts heilig ist und der neulich sogar sagte, Niemeyer saehe aus
+wie Lot. Unerhoert. Und was soll es nur heissen? Erstlich weiss er
+nicht, wie Lot ausgesehen hat, und zweitens ist es eine grenzenlose
+Ruecksichtslosigkeit gegen Hulda. Ein Glueck, dass Niemeyer nur die
+einzige Tochter hat, dadurch faellt es eigentlich in sich zusammen. In
+einem freilich hat er nur zu recht gehabt, in all und jedem, was er
+ueber 'Lots Frau', unsere gute Frau Pastorin, sagte, die uns denn auch
+wirklich wieder mit ihrer Torheit und Anmassung den ganzen Sedantag
+ruinierte. Wobei mir uebrigens einfaellt, dass wir, als Jahnke mit
+der Schule vorbeikam, in unserem Gespraech unterbrochen wurden -
+wenigstens kann ich mir nicht denken, dass der Pelz, von dem du damals
+sprachst, dein einziger Wunsch gewesen sein sollte. Lass mich also
+wissen, Schatz, was du noch weiter auf dem Herzen hast." "Nichts,
+Mama."
+
+"Wirklich nichts?"
+
+"Nein, wirklich nichts; ganz im Ernst ... Wenn es aber doch am Ende
+was sein sollte ..."
+
+"Nun ..."
+
+"... so muesste es ein japanischer Bettschirm sein, schwarz und
+goldene Voegel darauf, alle mit einem langen Kranichschnabel ... Und
+dann vielleicht noch eine Ampel fuer unser Schlafzimmer, mit rotem
+Schein."
+
+Frau von Briest schwieg.
+
+"Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas
+besonders Unpassendes gesagt haette."
+
+"Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon
+gewiss nicht. Denn ich kenne dich ja. Du bist eine phantastische
+kleine Person, malst dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus, und je
+farbenreicher sie sind, desto schoener und begehrlicher erscheinen sie
+dir. Ich sah das so recht, als wir die Reisesachen kauften. Und nun
+denkst du dir's ganz wundervoll, einen Bettschirm mit allerhand
+fabelhaftem Getier zu haben, alles im Halblicht einer roten Ampel.
+Es kommt dir vor wie ein Maerchen, und du moechtest eine Prinzessin
+sein."
+
+Effi nahm die Hand der Mama und kuesste sie. "Ja, Mama, so bin ich."
+
+"Ja, so bist du. Ich weiss es wohl. Aber meine liebe Effi, wir muessen
+vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach
+Kessin kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt,
+so lacht man ueber dergleichen. Und wenn man bloss lachte. Die, die
+dir ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter
+Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres."
+
+"Also nichts Japanisches und auch keine Ampel. Aber ich bekenne dir,
+ich hatte es mir so schoen und poetisch gedacht, alles in einem roten
+Schimmer zu sehen."
+
+Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf und kuesste Effi. "Du
+bist ein Kind. Schoen und poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die
+Wirklichkeit ist anders, und oft ist es gut, dass es statt Licht und
+Schimmer ein Dunkel gibt."
+
+Effi schien antworten zu wollen, aber in diesem Augenblick kam Wilke
+und brachte Briefe. Der eine war aus Kessin von Innstetten. "Ach, von
+Geert", sagte Effi, und waehrend sie den Brief beiseite steckte, fuhr
+sie in ruhigem Ton fort:
+
+"Aber das wirst du doch gestatten, dass ich den Fluegel schraeg in die
+Stube stelle. Daran liegt mir mehr als an einem Kamin, den mir Geert
+versprochen hat. Und das Bild von dir, das stell ich dann auf eine
+Staffelei; ganz ohne dich kann ich nicht sein. Ach, wie werd ich mich
+nach euch sehnen, vielleicht auf der Reise schon und dann in Kessin
+ganz gewiss. Es soll ja keine Garnison haben, nicht einmal einen
+Stabsarzt, und ein Glueck, dass es wenigstens ein Badeort ist.
+Vetter Briest, und daran will ich mich aufrichten, dessen Mutter und
+Schwester immer nach Warnemuende gehen - nun, ich sehe doch wirklich
+nicht ein, warum der die lieben Verwandten nicht auch einmal nach
+Kessin hin dirigieren sollte. Dirigieren, das klingt ohnehin so
+nach Generalstab, worauf er, glaub ich, ambiert. Und dann kommt er
+natuerlich mit und wohnt bei uns. Uebrigens haben die Kessiner, wie
+mir neulich erst wer erzaehlt hat, ein ziemlich grosses Dampfschiff,
+das zweimal die Woche nach Schweden hinueberfaehrt. Und auf dem Schiff
+ist dann Ball (sie haben da natuerlich auch Musik), und er tanzt sehr
+gut ..."
+
+"Wer?"
+
+"Nun, Dagobert."
+
+"Ich dachte, du meintest Innstetten. Aber jedenfalls ist es an der
+Zeit, endlich zu wissen, was er schreibt ... Du hast ja den Brief noch
+in der Tasche."
+
+"Richtig. Den haett ich fast vergessen." Und sie oeffnete den Brief
+und ueberflog ihn.
+
+"Nun, Effi, kein Wort? Du strahlst nicht und lachst nicht einmal,
+und er schreibt doch immer so heiter und unterhaltlich und gar nicht
+vaeterlich weise."
+
+"Das wuerde ich mir auch verbitten. Er hat sein Alter, und ich habe
+meine Jugend. Und ich wuerde ihm mit den Fingern drohen und ihm
+sagen: 'Geert, ueberlege, was besser ist.'" "Und dann wuerde er dir
+antworten: 'Was du hast, Effi, das ist das Bessere.' Denn er ist nicht
+nur ein Mann der feinsten Formen, er ist auch gerecht und verstaendig
+und weiss recht gut, was Jugend bedeutet. Er sagt sich das immer und
+stimmt sich auf das Jugendliche hin, und wenn er in der Ehe so bleibt,
+so werdet ihr eine Musterehe fuehren."
+
+"Ja, das glaube ich auch, Mama. Aber kannst du dir vorstellen, und ich
+schaeme mich fast, es zu sagen, ich bin nicht so sehr fuer das, was
+man eine Musterehe nennt."
+
+"Das sieht dir aehnlich. Und nun sage mir, wofuer bist du denn
+eigentlich?"
+
+"Ich bin... nun, ich bin fuer gleich und gleich und natuerlich auch
+fuer Zaertlichkeit und Liebe. Und wenn es Zaertlichkeit und Liebe
+nicht sein koennen, weil Liebe, wie Papa sagt, doch nur ein
+Papperlapapp ist (was ich aber nicht glaube), nun, dann bin ich
+fuer Reichtum und ein vornehmes Haus, ein ganz vornehmes, wo Prinz
+Friedrich Karl zur Jagd kommt, auf Elchwild oder Auerhahn, oder wo der
+alte Kaiser vorfaehrt und fuer jede Dame, auch fuer die jungen, ein
+gnaediges Wort hat. Und wenn wir dann in Berlin sind, dann bin ich
+fuer Hofball und Galaoper, immer dicht neben der grossen Mittelloge."
+
+"Sagst du das so bloss aus Uebermut und Laune?"
+
+"Nein, Mama, das ist mein voelliger Ernst. Liebe kommt zuerst, aber
+gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung -
+ja, Zerstreuung, immer was Neues, immer was, dass ich lachen oder
+weinen muss. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile."
+
+"Wie bist du da nur mit uns fertig geworden?"
+
+"Ach, Mama, wie du nur so was sagen kannst. Freilich, wenn im Winter
+die liebe Verwandtschaft vorgefahren kommt und sechs Stunden bleibt
+oder wohl auch noch laenger, und Tante Gundel und Tante Olga mich
+mustern und mich naseweis finden - und Tante Gundel hat es mir auch
+mal gesagt -, ja, da macht sich's mitunter nicht sehr huebsch, das
+muss ich zugeben. Aber sonst bin ich hier immer gluecklich gewesen, so
+gluecklich."
+
+Und waehrend sie das sagte, warf sie sich heftig weinend vor der Mama
+auf die Knie und kuesste ihre beiden Haende.
+
+"Steh auf, Effi. Das sind so Stimmungen, die ueber einen kommen,
+wenn man so jung ist wie du und vor der Hochzeit steht und vor dem
+Ungewissen. Aber nun lies mir den Brief vor, wenn er nicht was ganz
+Besonderes enthaelt oder vielleicht Geheimnisse."
+
+"Geheimnisse", lachte Effi und sprang in ploetzlich veraenderter
+Stimmung wieder auf. "Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf,
+aber das meiste koennte ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da,
+wo immer die landraetlichen Verordnungen stehen. Nun, Geert ist ja
+auch Landrat."
+
+"Lies, lies."
+
+"Liebe Effi! ... So faengt es naemlich immer an, und manchmal nennt er
+mich auch seine 'kleine Eva'."
+
+"Lies, lies ... Du sollst ja lesen."
+
+"Also: Liebe Effi! Je naeher wir unsrem Hochzeitstage kommen, je
+sparsamer werden Deine Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer
+zuerst nach Deiner Handschrift, aber wie Du weisst (und ich hab es ja
+auch nicht anders gewollt), in der Regel vergeblich. Im Hause sind
+jetzt die Handwerker, die die Zimmer, freilich nur wenige, fuer Dein
+Kommen herrichten sollen. Das Beste wird wohl erst geschehen, wenn wir
+auf der Reise sind. Tapezierer Madelung, der alles liefert, ist ein
+Original, von dem ich Dir mit naechstem erzaehle, vor allem aber, wie
+gluecklich ich bin ueber Dich, ueber meine suesse kleine Effi. Mir
+brennt hier der Boden unter den Fuessen, und dabei wird es in unserer
+guten Stadt immer stiller und einsamer. Der letzte Badegast ist
+gestern abgereist; er badete zuletzt bei neun Grad, und die
+Badewaerter waren immer froh, wenn er wieder heil heraus war. Denn sie
+fuerchteten einen Schlaganfall, was dann das Bad in Misskredit bringt,
+als ob die Wellen hier schlimmer waeren als woanders. Ich juble, wenn
+ich denke, dass ich in vier Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus
+nach dem Lido fahre oder nach Murano hin, wo sie Glasperlen machen und
+schoenen Schmuck. Und der schoenste sei fuer Dich. Viele Gruesse den
+Eltern und den zaertlichsten Kuss Dir von Deinem Geert." Effi faltete
+den Brief wieder zusammen, um ihn in das Kuvert zu stecken.
+
+"Das ist ein sehr huebscher Brief", sagte Frau von Briest, "und dass
+er in allem das richtige Mass haelt, das ist ein Vorzug mehr."
+
+"Ja, das rechte Mass, das haelt er."
+
+"Meine liebe Effi, lass mich eine Frage tun; wuenschtest du, dass
+der Brief nicht das richtige Mass hielte, wuenschtest du, dass er
+zaertlicher waere, vielleicht ueberschwenglich zaertlich?" "Nein,
+nein, Mama. Wahr und wahrhaftig nicht, das wuensche ich nicht. Da ist
+es doch besser so."
+
+"Da ist es doch besser so. Wie das nun wieder klingt. Du bist so
+sonderbar. Und dass du vorhin weintest. Hast du was auf deinem Herzen?
+Noch ist es Zeit. Liebst du Geert nicht?" "Warum soll ich ihn nicht
+lieben? Ich liebe Hulda, und ich liebe Bertha, und ich liebe Hertha.
+Und ich liebe auch den alten Niemeyer. Und dass ich euch liebe, davon
+spreche ich gar nicht erst. Ich liebe alle, die's gut mit mir meinen
+und guetig gegen mich sind und mich verwoehnen. Und Geert wird mich
+auch wohl verwoehnen. Natuerlich auf seine Art. Er will mir ja schon
+Schmuck schenken in Venedig. Er hat keine Ahnung davon, dass ich mir
+nichts aus Schmuck mache. Ich klettere lieber, und ich schaukle mich
+lieber, und am liebsten immer in der Furcht, dass es irgendwo reissen
+oder brechen und ich niederstuerzen koennte. Den Kopf wird es ja nicht
+gleich kosten."
+
+"Und liebst du vielleicht auch deinen Vetter Briest?" "Ja, sehr. Der
+erheitert mich immer."
+
+"Und haettest du Vetter Briest heiraten moegen?"
+
+"Heiraten? Um Gottes willen nicht. Er ist ja noch ein halber Junge.
+Geert ist ein Mann, ein schoener Mann, ein Mann, mit dem ich Staat
+machen kann und aus dem was wird in der Welt. Wo denkst du hin, Mama."
+
+"Nun, das ist recht, Effi, das freut mich. Aber du hast noch was auf
+der Seele."
+
+"Vielleicht."
+
+"Nun, sprich."
+
+"Sieh, Mama, dass er aelter ist als ich, das schadet nichts, das ist
+vielleicht recht gut: Er ist ja doch nicht alt und ist gesund und
+frisch und so soldatisch und so schneidig. Und ich koennte beinah
+sagen, ich waere ganz und gar fuer ihn, wenn er nur ... ja, wenn er
+nur ein bisschen anders waere."
+
+"Wie denn, Effi?"
+
+"Ja, wie. Nun, du darfst mich nicht auslachen. Es ist etwas, was ich
+erst ganz vor kurzem aufgehorcht habe, drueben im Pastorhause. Wir
+sprachen da von Innstetten, und mit einem Male zog der alte Niemeyer
+seine Stirn in Falten, aber in Respekts- und Bewunderungsfalten, und
+sagte: 'Ja, der Baron! Das ist ein Mann von Charakter, ein Mann von
+Prinzipien.'"
+
+"Das ist er auch, Effi."
+
+"Gewiss. Und ich glaube, Niemeyer sagte nachher sogar, er sei auch ein
+Mann von Grundsaetzen. Und das ist, glaub ich, noch etwas mehr. Ach,
+und ich... ich habe keine. Sieh, Mama, da liegt etwas, was mich quaelt
+und aengstigt. Er ist so lieb und gut gegen mich und so nachsichtig,
+aber ... ich fuerchte mich vor ihm."
+
+
+
+Fuenftes Kapitel
+
+Die Hohen-Cremmer Festtage lagen zurueck; alles war abgereist, auch
+das junge Paar, noch am Abend des Hochzeitstages.
+
+Der Polterabend hatte jeden zufriedengestellt, besonders die
+Mitspielenden, und Hulda war dabei das Entzuecken aller jungen
+Offiziere gewesen, sowohl der Rathenower Husaren wie der etwas
+kritischer gestimmten Kameraden vom Alexanderregiment. Ja, alles war
+gut und glatt verlaufen, fast ueber Erwarten. Nur Bertha und Hertha
+hatten so heftig geschluchzt, dass Jahnkes plattdeutsche Verse so
+gut wie verlorengegangen waren. Aber auch das hatte wenig geschadet.
+Einige feine Kenner waren sogar der Meinung gewesen, das sei das
+Wahre; Steckenbleiben und Schluchzen und Unverstaendlichkeit - in
+diesem Zeichen (und nun gar, wenn es so huebsche rotblonde Krauskoepfe
+waeren) werde immer am entschiedensten gesiegt. Eines ganz besonderen
+Triumphes hatte sich Vetter Briest in seiner selbstgedichteten Rolle
+ruehmen duerfen. Er war als Demuthscher Kommis erschienen, der in
+Erfahrung gebracht, die junge Braut habe vor, gleich nach der Hochzeit
+nach Italien zu reisen, weshalb er einen Reisekoffer abliefern wolle.
+Dieser Koffer entpuppte sich natuerlich als eine Riesenbonbonniere von
+Hoevel. Bis um drei Uhr war getanzt worden, bei welcher Gelegenheit
+der sich mehr und mehr in eine hoechste Champagnerstimmung
+hineinredende alte Briest allerlei Bemerkungen ueber den an manchen
+Hoefen immer noch ueblichen Fackeltanz und die merkwuerdige Sitte
+des Strumpfbandaustanzens gemacht hatte, Bemerkungen, die nicht
+abschliessen wollten und, sich immer mehr steigernd, am Ende so weit
+gingen, dass ihnen durchaus ein Riegel vorgeschoben werden musste.
+"Nimm dich zusammen, Briest", war ihm in ziemlich ernstem Ton
+von seiner Frau zugefluestert worden; "du stehst hier nicht, um
+Zweideutigkeiten zu sagen, sondern um die Honneurs des Hauses zu
+machen. Wir haben eben eine Hochzeit und nicht eine Jagdpartie."
+Worauf Briest geantwortet, er saehe darin keinen so grossen
+Unterschied; uebrigens sei er gluecklich. Auch der Hochzeitstag selbst
+war gut verlaufen. Niemeyer hatte vorzueglich gesprochen, und einer
+der alten Berliner Herren, der halb und halb zur Hofgesellschaft
+gehoerte, hatte sich auf dem Rueckweg von der Kirche zum Hochzeitshaus
+dahin geaeussert, es sei doch merkwuerdig, wie reich gesaet in einem
+Staate wie der unsrige die Talente seien. "Ich sehe darin einen
+Triumph unserer Schulen und vielleicht mehr noch unserer Philosophie.
+Wenn ich bedenke, dass dieser Niemeyer, ein alter Dorfpastor, der
+anfangs aussah wie ein Hospitalit ... ja, Freund, sagen Sie selbst,
+hat er nicht gesprochen wie ein Hofprediger? Dieser Takt und diese
+Kunst der Antithese, ganz wie Koegel, und an Gefuehl ihm noch ueber.
+Koegel ist zu kalt. Freilich, ein Mann in seiner Stellung muss kalt
+sein. Woran scheitert man denn im Leben ueberhaupt? Immer nur an der
+Waerme." Der noch unverheiratete, aber wohl eben deshalb zum vierten
+Male in einem "Verhaeltnis" stehende Wuerdentraeger, an den sich diese
+Worte gerichtet hatten, stimmte selbstverstaendlich zu. "Nur zu wahr,
+lieber Freund", sagte er. "Zuviel Waerme! ... ganz vorzueglich ...
+Uebrigens muss ich Ihnen nachher eine Geschichte erzaehlen."
+
+Der Tag nach der Hochzeit war ein heller Oktobertag. Die Morgensonne
+blinkte; trotzdem war es schon herbstlich frisch, und Briest, der eben
+gemeinschaftlich mit seiner Frau das Fruehstueck genommen, erhob sich
+von seinem Platz und stellte sich, beide Haende auf dem Ruecken, gegen
+das mehr und mehr verglimmende Kaminfeuer. Frau von Briest, eine
+Handarbeit in Haenden, rueckte gleichfalls naeher an den Kamin
+und sagte zu Wilke, der gerade eintrat, um den Fruehstueckstisch
+abzuraeumen: "Und nun, Wilke, wenn Sie drin im Saal, aber das geht
+vor, alles in Ordnung haben, dann sorgen Sie, dass die Torten nach
+drueben kommen, die Nusstorte zu Pastors und die Schuessel mit kleinen
+Kuchen zu Jahnkes. Und nehmen Sie sich mit den Glaesern in acht. Ich
+meine die duenngeschliffenen."
+
+Briest war schon bei der dritten Zigarette, sah sehr wohl aus und
+erklaerte, nichts bekomme einem so gut wie eine Hochzeit, natuerlich
+die eigene ausgenommen.
+
+"Ich weiss nicht, Briest, wie du zu solcher Bemerkung kommst. Mir war
+ganz neu, dass du darunter gelitten haben willst. Ich wuesste auch
+nicht warum."
+
+"Luise, du bist eine Spielverderberin. Aber ich nehme nichts uebel,
+auch nicht einmal so was. Im uebrigen, was wollen wir von uns
+sprechen, die wir nicht einmal eine Hochzeitsreise gemacht haben.
+Dein Vater war dagegen. Aber Effi macht nun eine Hochzeitsreise.
+Beneidenswert. Mit dem Zehnuhrzug ab. Sie muessen jetzt schon bei
+Regensburg sein, und ich nehme an, dass er ihr - selbstverstaendlich
+ohne auszusteigen - die Hauptkunstschaetze der Walhalla herzaehlt.
+Innstetten ist ein vorzueglicher Kerl, aber er hat so was von einem
+Kunstfex, und Effi, Gott, unsere arme Effi, ist ein Naturkind. Ich
+fuerchte, dass er sie mit seinem Kunstenthusiasmus etwas quaelen
+wird."
+
+"Jeder quaelt seine Frau. Und Kunstenthusiasmus ist noch lange nicht
+das Schlimmste."
+
+"Nein, gewiss nicht; jedenfalls wollen wir darueber nicht streiten; es
+ist ein weites Feld. Und dann sind auch die Menschen so verschieden.
+Du, nun ja, du haettest dazu getaugt. Ueberhaupt haettest du besser zu
+Innstetten gepasst als Effi. Schade, nun ist es zu spaet."
+
+"Ueberaus galant, abgesehen davon, dass es nicht passt. Unter
+allen Umstaenden aber, was gewesen ist, ist gewesen. Jetzt ist
+er mein Schwiegersohn, und es kann zu nichts fuehren, immer auf
+Jugendlichkeiten zurueckzuweisen."
+
+"Ich habe dich nur in eine animierte Stimmung bringen wollen."
+
+"Sehr guetig. Uebrigens nicht noetig. Ich bin in animierter Stimmung."
+
+"Und auch in guter?"
+
+"Ich kann es fast sagen. Aber du darfst sie nicht verderben. Nun, was
+hast du noch? Ich sehe, dass du was auf dem Herzen hast."
+
+"Gefiel dir Effi? Gefiel dir die ganze Geschichte? Sie war so
+sonderbar, halb wie ein Kind, und dann wieder sehr selbstbewusst und
+durchaus nicht so bescheiden, wie sie's solchem Manne gegenueber sein
+muesste. Das kann doch nur so zusammenhaengen, dass sie noch nicht
+recht weiss, was sie an ihm hat. Oder ist es einfach, dass sie ihn
+nicht recht liebt? Das waere schlimm. Denn bei all seinen Vorzuegen,
+er ist nicht der Mann, sich diese Liebe mit leichter Manier zu
+gewinnen."
+
+Frau von Briest schwieg und zaehlte die Stiche auf dem Kanevas.
+
+Endlich sagte sie: "Was du da sagst, Briest, ist das Gescheiteste, was
+ich seit drei Tagen von dir gehoert habe, deine Rede bei Tisch mit
+eingerechnet. Ich habe auch so meine Bedenken gehabt. Aber ich glaube,
+wir koennen uns beruhigen."
+
+"Hat sie dir ihr Herz ausgeschuettet?"
+
+"So moecht ich es nicht nennen. Sie hat wohl das Beduerfnis zu
+sprechen, aber sie hat nicht das Beduerfnis, sich so recht von Herzen
+auszusprechen, und macht vieles in sich selber ab; sie ist mitteilsam
+und verschlossen zugleich, beinah versteckt; ueberhaupt ein ganz
+eigenes Gemisch."
+
+"Ich bin ganz deiner Meinung. Aber wenn sie dir nichts gesagt hat,
+woher weisst du's?"
+
+"Ich sagte nur, sie habe mir nicht ihr Herz ausgeschuettet. Solche
+Generalbeichte, so alles von der Seele herunter, das liegt nicht in
+ihr. Es fuhr alles bloss ruckweise und ploetzlich aus ihr heraus, und
+dann war es wieder vorueber. Aber gerade weil es so ungewollt und wie
+von ungefaehr aus ihrer Seele kam, deshalb war es mir so wichtig."
+
+"Und wann war es denn und bei welcher Gelegenheit?"
+
+"Es werden jetzt gerade drei Wochen sein, und wir sassen im Garten,
+mit allerhand Ausstattungsdingen, grossen und kleinen, beschaeftigt,
+als Wilke einen Brief von Innstetten brachte. Sie steckte ihn zu sich,
+und ich musste sie eine Viertelstunde spaeter erst erinnern, dass sie
+ja einen Brief habe. Dann las sie ihn, aber verzog kaum eine Miene.
+Ich bekenne dir, dass mir bang ums Herz dabei wurde, so bang, dass ich
+gern eine Gewissheit haben wollte, so viel, wie man in diesen Dingen
+haben kann."
+
+"Sehr wahr, sehr wahr." "Was meinst du damit?"
+
+"Nun, ich meine nur ... Aber das ist ja ganz gleich. Sprich nur
+weiter; ich bin ganz Ohr."
+
+"Ich fragte also rundheraus, wie's stuende, und weil ich bei ihrem
+eigenen Charakter einen feierlichen Ton vermeiden und alles so leicht
+wie moeglich, ja beinah scherzhaft nehmen wollte, so warf ich die
+Frage hin, ob sie vielleicht den Vetter Briest, der ihr in Berlin sehr
+stark den Hof gemacht hatte, ob sie den vielleicht lieber heiraten
+wuerde ..."
+
+"Und?"
+
+"Da haettest du sie sehen sollen. Ihre naechste Antwort war ein
+schnippisches Lachen. Der Vetter sei doch eigentlich nur ein grosser
+Kadett in Leutnantsuniform. Und einen Kadetten koenne sie nicht einmal
+lieben, geschweige heiraten. Und dann sprach sie von Innstetten, der
+ihr mit einem Male der Traeger aller maennlichen Tugenden war."
+
+"Und wie erklaerst du dir das?"
+
+"Ganz einfach. So geweckt und temperamentvoll und beinahe
+leidenschaftlich sie ist, oder vielleicht auch, weil sie es ist, sie
+gehoert nicht zu denen, die so recht eigentlich auf Liebe gestellt
+sind, wenigstens nicht auf das, was den Namen ehrlich verdient.
+Sie redet zwar davon, sogar mit Nachdruck und einem gewissen
+Ueberzeugungston, aber doch nur, weil sie irgendwo gelesen hat, Liebe
+sei nun mal das Hoechste, das Schoenste, das Herrlichste. Vielleicht
+hat sie's auch bloss von der sentimentalen Person, der Hulda, gehoert
+und spricht es ihr nach. Aber sie empfindet nicht viel dabei. Wohl
+moeglich, dass es alles mal kommt, Gott verhuete es, aber noch ist es
+nicht da."
+
+"Und was ist da? Was hat sie?"
+
+"Sie hat nach meinem und auch nach ihrem eigenen Zeugnis zweierlei:
+Vergnuegungssucht und Ehrgeiz.
+
+"Nun, das kann passieren. Da bin ich beruhigt."
+
+"Ich nicht. Innstetten ist ein Karrieremacher - von Streber will ich
+nicht sprechen, das ist er auch nicht, dazu ist er zu wirklich vornehm
+-, also Karrieremacher, und das wird Effis Ehrgeiz befriedigen."
+
+"Nun also. Das ist doch gut."
+
+"Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Haelfte. Ihr Ehrgeiz wird
+befriedigt werden, aber ob auch ihr Hang nach Spiel und Abenteuer?
+Ich bezweifle. Fuer die stuendliche kleine Zerstreuung und Anregung,
+fuer alles, was die Langeweile bekaempft, diese Todfeindin einer
+geistreichen kleinen Person, dafuer wird Innstetten sehr schlecht
+sorgen. Er wird sie nicht in einer geistigen Ode lassen, dazu ist er
+zu klug und zu weltmaennisch, aber er wird sie auch nicht sonderlich
+amuesieren. Und was das Schlimmste ist, er wird sich nicht einmal
+recht mit der Frage beschaeftigen, wie das wohl anzufangen sei. Das
+wird eine Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt
+wird sie's merken, und dann wird es sie beleidigen. Und dann weiss ich
+nicht, was geschieht. Denn so weich und nachgiebig sie ist, sie hat
+auch was Rabiates und laesst es auf alles ankommen."
+
+In diesem Augenblick trat Wilke vom Saal her ein und meldete, dass er
+alles nachgezaehlt und alles vollzaehlig gefunden habe; nur von den
+feinen Weinglaesern sei eins zerbrochen, aber schon gestern, als das
+Hoch ausgebracht wurde - Fraeulein Hulda habe mit Leutnant Nienkerken
+zu scharf angestossen.
+
+"Versteht sich, von alter Zeit her immer im Schlaf, und unterm
+Holunderbaum ist es natuerlich nicht besser geworden. Eine alberne
+Person, und ich begreife Nienkerken nicht." "Ich begreife ihn
+vollkommen."
+
+"Er kann sie doch nicht heiraten." "Nein."
+
+"Also zu was?"
+
+"Ein weites Feld, Luise."
+
+Dies war am Tage nach der Hochzeit. Drei Tage spaeter kam eine kleine
+gekritzelte Karte aus Muenchen, die Namen alle nur mit zwei Buchstaben
+angedeutet. "Liebe Mama! Heute vormittag die Pinakothek besucht. Geert
+wollte auch noch nach dem andern hinueber, das ich hier nicht nenne,
+weil ich wegen der Rechtschreibung in Zweifel bin, und fragen mag ich
+ihn nicht. Er ist uebrigens engelsgut gegen mich und erklaert mir
+alles. Ueberhaupt alles sehr schoen, aber anstrengend. In Italien
+wird es wohl nachlassen und besser werden. Wir wohnen in den 'Vier
+Jahreszeiten', was Geert veranlasste, mir zu sagen, draussen sei
+Herbst, aber er habe in mir den Fruehling. Ich finde es sehr sinnig.
+Er ist ueberhaupt sehr aufmerksam. Freilich, ich muss es auch sein,
+namentlich wenn er was sagt oder erklaert. Er weiss uebrigens alles
+so gut, dass er nicht einmal nachzuschlagen braucht. Mit Entzuecken
+spricht er von Euch, namentlich von Mama. Hulda findet er etwas
+zierig; aber der alte Niemeyer hat es ihm ganz angetan. Tausend
+Gruesse von Eurer ganz berauschten, aber auch etwas mueden Effi."
+
+Solche Karten trafen nun taeglich ein, aus Innsbruck, aus Verona, aus
+Vicenza, aus Padua, eine jede fing an: "Wir haben heute vormittag die
+hiesige beruehmte Galerie besucht", oder wenn es nicht die Galerie
+war, so war es eine Arena oder irgendeine Kirche "Santa Maria" mit
+einem Zunamen. Aus Padua kam, zugleich mit der Karte, noch ein
+wirklicher Brief. "Gestern waren wir in Vicenza. Vicenza muss man
+sehen wegen des Palladio; Geert sagte mir, dass in ihm alles Moderne
+wurzele. Natuerlich nur in bezug auf Baukunst. Hier in Padua (wo wir
+heute frueh ankamen) sprach er im Hotelwagen etliche Male vor sich
+hin: 'Er liegt in Padua begraben', und war ueberrascht, als er von mir
+vernahm, dass ich diese Worte noch nie gehoert haette. Schliesslich
+aber sagte er, es sei eigentlich ganz gut und ein Vorzug, dass ich
+nichts davon wuesste. Er ist ueberhaupt sehr gerecht. Und vor allem
+ist er engelsgut gegen mich und gar nicht ueberheblich und auch gar
+nicht alt. Ich habe noch immer das Ziehen in den Fuessen, und das
+Nachschlagen und das lange Stehen vor den Bildern strengt mich an.
+Aber es muss ja sein. Ich freue mich sehr auf Venedig. Da bleiben wir
+fuenf Tage, ja vielleicht eine ganze Woche. Geert hat mir schon von
+den Tauben auf dem Markusplatz vorgeschwaermt, und dass man sich da
+Tueten mit Erbsen kauft und dann die schoenen Tiere damit fuettert. Es
+soll Bilder geben, die das darstellen, schoene blonde Maedchen, 'ein
+Typus wie Hulda', sagte er. Wobei mir denn auch die Jahnkeschen
+Maedchen einfallen. Ach, ich gaebe was drum, wenn ich mit ihnen auf
+unserem Hof auf einer Wagendeichsel sitzen und unsere Tauben fuettern
+koennte. Die Pfauentaube mit dem starken Kropf duerft ihr aber nicht
+schlachten, die will ich noch wiedersehen. Ach, es ist so schoen hier.
+Es soll auch das Schoenste sein. Eure glueckliche, aber etwas muede
+Effi."
+
+Frau von Briest, als sie den Brief vorgelesen hatte, sagte:
+
+"Das arme Kind. Sie hat Sehnsucht."
+
+"Ja", sagte Briest, "sie hat Sehnsucht. Diese verwuenschte Reiserei
+..."
+
+"Warum sagst du das jetzt? Du haettest es ja hindern koennen. Aber das
+ist so deine Art, hinterher den Weisen zu spielen. Wenn das Kind in
+den Brunnen gefallen ist, decken die Ratsherren den Brunnen zu."
+
+"Ach, Luise, komme mir doch nicht mit solchen Geschichten. Effi ist
+unser Kind, aber seit dem 3. Oktober ist sie Baronin Innstetten. Und
+wenn ihr Mann, unser Herr Schwiegersohn, eine Hochzeitsreise machen
+und bei der Gelegenheit jede Galerie neu katalogisieren will, so
+kann ich ihn daran nicht hindern. Das ist eben das, was man sich
+verheiraten nennt."
+
+"Also jetzt gibst du das zu. Mir gegenueber hast du's immer
+bestritten, immer bestritten, dass die Frau in einer Zwangslage sei."
+
+"Ja, Luise, das hab ich. Aber wozu das jetzt. Das ist wirklich ein zu
+weites Feld."
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Mitte November - sie waren bis Capri und Sorrent gekommen - lief
+Innstettens Urlaub ab, und es entsprach seinem Charakter und seinen
+Gewohnheiten, genau Zeit und Stunde zu halten.
+
+Am 14. frueh traf er denn auch mit dem Kurierzug in Berlin ein, wo
+Vetter Briest ihn und die Cousine begruesste und vorschlug, die zwei
+bis zum Abgang des Stettiner Zuges noch zur Verfuegung bleibenden
+Stunden zum Besuch des St.-Privat-Panoramas zu benutzen und diesem
+Panoramabesuch ein kleines Gabelfruehstueck folgen zu lassen. Beides
+wurde dankbar akzeptiert. Um Mittag war man wieder auf dem Bahnhof und
+nahm hier, nachdem, wie herkoemmlich, die gluecklicherweise nie ernst
+gemeinte Aufforderung, "doch auch mal herueberzukommen", ebenso von
+Effi wie von Innstetten ausgesprochen worden war, unter herzlichem
+Haendeschuetteln Abschied voneinander. Noch als der Zug sich schon in
+Bewegung setzte, gruesste Effi vom Coupe aus. Dann machte sie sich's
+bequem und schloss die Augen; nur von Zeit zu Zeit richtete sie sich
+wieder auf und reichte Innstetten die Hand.
+
+Es war eine angenehme Fahrt, und puenktlich erreichte der Zug den
+Bahnhof Klein-Tantow, von dem aus eine Chaussee nach dem noch zwei
+Meilen entfernten Kessin hinueberfuehrte. Bei Sommerzeit, namentlich
+waehrend der Bademonate, benutzte man statt der Chaussee lieber den
+Wasserweg und fuhr auf einem alten Raddampfer das Fluesschen Kessine,
+dem Kessin selbst seinen Namen verdankte, hinunter; am 1. Oktober
+aber stellte der "Phoenix", von dem seit langem vergeblich gewuenscht
+wurde, dass er in einer passagierfreien Stunde sich seines Namens
+entsinnen und verbrennen moege, regelmaessig seine Fahrten ein,
+weshalb denn auch Innstetten bereits von Stettin aus an seinen
+Kutscher Kruse telegrafiert hatte: "Fuenf Uhr Bahnhof Klein-Tantow.
+Bei gutem Wetter offener Wagen."
+
+Und nun war gutes Wetter, und Kruse hielt in offenem Gefaehrt am
+Bahnhof und begruesste die Ankommenden mit dem vorschriftsmaessigen
+Anstand eines herrschaftlichen Kutschers. "Nun, Kruse, alles in
+Ordnung?"
+
+"Zu Befehl, Herr Landrat."
+
+"Dann, Effi, bitte, steig ein." Und waehrend Effi dem nachkam und
+einer von den Bahnhofsleuten einen kleinen Handkoffer vorn beim
+Kutscher unterbrachte, gab Innstetten Weisung, den Rest des Gepaecks
+mit dem Omnibus nachzuschicken. Gleich danach nahm auch er seinen
+Platz, bat, sich Populaer machend, einen der Umstehenden um Feuer und
+rief Kruse zu: "Nun vorwaerts, Kruse." Und ueber die Schienenweg, die
+vielgleisig an der Uebergangsstelle lagen, ging es in Schraeglinie den
+Bahndamm hinunter und gleich danach an einem schon an der Chaussee
+gelegenen Gasthaus vorueber, das den Namen "Zum Fuersten Bismarck"
+fuehrte. Denn an ebendieser Stelle gabelte der Weg und zweigte, wie
+rechts nach Kessin, so links nach Varzin hin ab. Vor dem Gasthof stand
+ein mittelgrosser, breitschultriger Mann in Pelz und Pelzmuetze, welch
+letztere er, als der Herr Landrat vorueberfuhr, mit vieler Wuerde vom
+Haupte nahm. "Wer war denn das?" sagte Effi, die durch alles, was sie
+sah, aufs hoechste interessiert und schon deshalb bei bester Laune
+war. "Er sah ja aus wie ein Starost, wobei ich freilich bekennen muss,
+nie einen Starosten gesehen zu haben."
+
+"Was auch nicht schadet, Effi Du hast es trotzdem sehr gut getroffen.
+Er sieht wirklich aus wie ein Starost und ist auch so was. Er ist
+naemlich ein halber Pole, heisst Golchowski, und wenn wir hier Wahl
+haben oder eine Jagd, dann ist er obenauf. Eigentlich ein ganz
+unsicherer Passagier, dem ich nicht ueber den Weg traue und der wohl
+viel auf dem Gewissen hat. Er spielt sich aber auf den Loyalen hin
+aus, und wenn die Varziner Herrschaften hier vorueberkommen, moechte
+er sich am liebsten vor den Wagen werfen. Ich weiss, dass er dem
+Fuersten auch widerlich ist. Aber was hilft's? Wir duerfen es nicht
+mit ihm verderben, weil wir ihn brauchen. Er hat hier die ganze Gegend
+in der Tasche und versteht die Wahlmache wie kein anderer, gilt auch
+fuer wohlhabend. Dabei leiht er auf Wucher, was sonst die Polen nicht
+tun; in der Regel das Gegenteil."
+
+"Er sah aber gut aus."
+
+"Ja, gut aussehen tut er. Gut aussehen tun die meisten hier. Ein
+huebscher Schlag Menschen. Aber das ist auch das Beste, was man von
+ihnen sagen kann. Eure maerkischen Leute sehen unscheinbarer aus und
+verdriesslicher, und in ihrer Haltung sind sie weniger respektvoll,
+eigentlich gar nicht, aber ihr Ja ist Ja und Nein ist Nein, und man
+kann sich auf sie verlassen. Hier ist alles unsicher."
+
+"Warum sagst du mir das? Ich muss nun doch hier mit ihnen leben."
+
+"Du nicht, du wirst nicht viel von ihnen hoeren und sehen. Denn Stadt
+und Land sind hier sehr verschieden, und du wirst nur unsere Staedter
+kennenlernen, unsere guten Kessiner."
+
+"Unsere guten Kessiner. Ist es Spott, oder sind wie wirklich so gut?"
+
+"Dass sie wirklich gut sind, will ich nicht gerade behaupten, aber sie
+sind doch anders als die andern; ja, sie haben gar keine Aehnlichkeit
+mit der Landbevoelkerung hier."
+
+"Und wie kommt das?"
+
+"Weil es eben ganz andere Menschen sind, ihrer Abstammung nach und
+ihren Beziehungen nach. Was du hier landeinwaerts findest, das sind
+sogenannte Kaschuben, von denen du vielleicht gehoert hast, slawische
+Leute, die hier schon tausend Jahre sitzen und wahrscheinlich noch
+viel laenger. Alles aber, was hier an der Kueste hin in den kleinen
+See- und Handelsstaedten wohnt, das sind von weither Eingewanderte,
+die sich um das kaschubische Hinterland wenig kuemmern, weil sie wenig
+davon haben und auf etwas ganz anderes angewiesen sind. Worauf sie
+angewiesen sind, das sind die Gegenden, mit denen sie Handel treiben,
+und da sie das mit aller Welt tun und mit aller Welt in Verbindung
+stehen, so findest du zwischen ihnen auch Menschen aus aller Welt
+Ecken und Enden. Auch in unserem guten Kessin, trotzdem es eigentlich
+nur ein Nest ist."
+
+Aber das ist ja entzueckend, Geert. Du sprichst immer von Nest, und
+nun finde ich, wenn du nicht uebertrieben hast, eine ganz neue Welt
+hier. Allerlei Exotisches. Nicht wahr, so was Aehnliches meintest du
+doch?" Er nickte.
+
+"Eine ganz neue Welt, sag ich, vielleicht einen Neger oder einen
+Tuerken oder vielleicht sogar einen Chinesen."
+
+"Auch einen Chinesen. Wie gut du raten kannst. Es ist moeglich, dass
+wir wirklich noch einen haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt;
+jetzt ist er tot und auf einem kleinen eingegitterten Stueck Erde
+begraben, dicht neben dem Kirchhof. Wenn du nicht furchtsam bist,
+will ich dir bei Gelegenheit mal sein Grab zeigen; es liegt zwischen
+den Duenen, bloss Strandhafer drumrum und dann und wann ein paar
+Immortellen, und immer hoert man das Meer. Es ist sehr schoen und sehr
+schauerlich."
+
+"Ja, schauerlich, und ich moechte wohl mehr davon wissen. Aber doch
+lieber nicht, ich habe dann immer gleich Visionen und Traeume und
+moechte doch nicht, wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe,
+gleich einen Chinesen an mein Bett treten sehen."
+
+"Das wird er auch nicht."
+
+"Das wird er auch nicht. Hoer, das klingt ja sonderbar, als ob es doch
+moeglich waere. Du willst mir Kessin interessant machen, aber du gehst
+darin ein bisschen weit. Und solche fremde Leute habt ihr viele in
+Kessin?"
+
+"Sehr viele. Die ganze Stadt besteht aus solchen Fremden, aus
+Menschen, deren Eltern oder Grosseltern noch ganz woanders sassen."
+
+"Hoechst merkwuerdig. Bitte, sag mir mehr davon. Aber nicht wieder was
+Gruseliges. Ein Chinese, find ich, hat immer was Gruseliges."
+
+"Ja, das hat er", lachte Geert. "Aber der Rest ist, Gott sei Dank, von
+ganz anderer Art, lauter manierliche Leute, vielleicht ein bisschen zu
+sehr Kaufmann, ein bisschen zu sehr auf ihren Vorteil bedacht und mit
+Wechseln von zweifelhaftem Wert immer bei der Hand. Ja, man muss sich
+vorsehen mit ihnen. Aber sonst ganz gemuetlich. Und damit du siehst,
+dass ich dir nichts vorgemacht habe, will ich dir nur so eine kleine
+Probe geben, so eine Art Register oder Personenverzeichnis."
+
+"Ja, Geert, das tu."
+
+"Da haben wir beispielsweise keine fuenfzig Schritt von uns,
+und unsere Gaerten stossen sogar zusammen, den Maschinen- und
+Baggermeister Macpherson, einen richtigen Schotten und Hochlaender."
+
+"Und traegt sich auch noch so?"
+
+"Nein, Gott sei Dank nicht, denn es ist ein verhutzeltes Maennchen,
+auf das weder sein Clan noch Walter Scott besonders stolz sein
+wuerden. Und dann haben wir in demselben Haus, wo dieser Macpherson
+wohnt, auch noch einen alten Wundarzt, Beza mit Namen, eigentlich
+bloss Barbier; der stammt aus Lissabon, gerade daher, wo auch der
+beruehmte General de Meza herstammt - Meza, Beza, du hoerst die
+Landesverwandtschaft heraus. Und dann haben wir flussaufwaerts am
+Bollwerk - das ist naemlich der Kai, wo die Schiffe liegen - einen
+Goldschmied namens Stedingk, der aus einer alten schwedischen Familie
+stammt; ja, ich glaube, es gibt sogar Reichsgrafen, die so heissen,
+und des weiteren, und damit will ich dann vorlaeufig abschliessen,
+haben wir den guten alten Doktor Hannemann, der natuerlich ein Daene
+ist und lange in Island war und sogar ein kleines Buch geschrieben hat
+ueber den letzten Ausbruch des Hekla oder Krabla."
+
+"Das ist ja aber grossartig, Geert. Das ist ja wie sechs Romane, damit
+kann man ja gar nicht fertig werden. Es klingt erst spiessbuergerlich
+und ist doch hinterher ganz apart. Und dann muesst ihr ja doch auch
+Menschen haben, schon weil es eine Seestadt ist, die nicht bloss
+Chirurgen oder Barbiere sind oder sonst dergleichen. Ihr muesst doch
+auch Kapitaene haben, irgendeinen fliegenden Hollaender oder ..."
+
+"Da hast du ganz recht. Wir haben sogar einen Kapitaen, der war
+Seeraeuber unter den Schwarzflaggen."
+
+"Kenn ich nicht. Was sind Schwarzflaggen?"
+
+"Das sind Leute weit dahinten in Tonkin und an der Suedsee ... Seit er
+aber wieder unter Menschen ist, hat er auch wieder die besten Formen
+und ist ganz unterhaltlich."
+
+"Ich wuerde mich aber doch vor ihm fuerchten."
+
+"Was du nicht noetig hast, zu keiner Zeit, und auch dann nicht, wenn
+ich ueber Land bin oder zum Tee beim Fuersten, denn zu allem andern,
+was wir haben, haben wir ja Gott sei Dank auch Rollo ..."
+
+"Rollo?"
+
+"Ja, Rollo. Du denkst dabei, vorausgesetzt, dass du bei Niemeyer oder
+Jahnke von dergleichen gehoert hast, an den Normannenherzog, und
+unserer hat auch so was. Es ist aber bloss ein Neufundlaender, ein
+wunderschoenes Tier, das mich liebt und dich auch lieben wird. Denn
+Rollo ist ein Kenner. Und solange du den um dich hast, so lange bist
+du sicher und kann nichts an dich heran, kein Lebendiger und kein
+Toter. Aber sieh mal den Mond da drueben. Ist es nicht schoen?"
+
+Effi, die, still in sich versunken, jedes Wort halb aengstlich, halb
+begierig eingesogen hatte, richtete sich jetzt auf und sah nach rechts
+hinueber, wo der Mond, unter weissem, aber rasch hinschwindendem
+Gewoelk, eben aufgegangen war. Kupferfarben stand die grosse Scheibe
+hinter einem Erlengehoelz und warf ihr Licht auf eine breite
+Wasserflaeche, die die Kessine hier bildete. Oder vielleicht war es
+auch schon ein Haff, an dem das Meer draussen seinen Anteil hatte.
+
+Effi war wie benommen. "Ja, du hast recht, Geert, wie schoen; aber
+es hat zugleich so was Unheimliches. In Italien habe ich nie solchen
+Eindruck gehabt, auch nicht, als wir von Mestre nach Venedig
+hinueberfuhren. Da war auch Wasser und Sumpf und Mondschein, und ich
+dachte, die Bruecke wuerde brechen; aber es war nicht so gespenstig.
+Woran liegt es nur? Ist es doch das Noerdliche?"
+
+Innstetten lachte. "Wir sind hier fuenfzehn Meilen noerdlicher als
+in Hohen-Cremmen, und eh der erste Eisbaer kommt, musst du noch eine
+Weile warten. Ich glaube, du bist nervoes von der langen Reise und
+dazu das St.-Privat-Panorama und die Geschichte von dem Chinesen."
+
+"Du hast mir ja gar keine erzaehlt."
+
+"Nein, ich hab ihn nur eben genannt. Aber ein Chinese ist schon an und
+fuer sich eine Geschichte ..."
+
+"Ja", lachte sie.
+
+"Und jedenfalls hast du's bald ueberstanden. Siehst du da vor dir das
+kleine Haus mit dem Licht? Es ist eine Schmiede. Da biegt der Weg. Und
+wenn wir die Biegung gemacht haben, dann siehst du schon den Turm von
+Kessin oder richtiger beide..."
+
+"Hat es denn zwei?"
+
+"Ja, Kessin nimmt sich auf. Es hat jetzt auch eine katholische
+Kirche."
+
+Eine halbe Stunde spaeter hielt der Wagen an der ganz am
+entgegengesetzten Ende der Stadt gelegenen landraetlichen Wohnung,
+einem einfachen, etwas altmodischen Fachwerkhaus, das mit seiner Front
+auf die nach den Seebaedern hinausfuehrende Hauptstrasse, mit seinem
+Giebel aber auf ein zwischen der Stadt und den Duenen liegendes
+Waeldchen, das die "Plantage" hiess, herniederblickte.
+
+Dies altmodische Fachwerkhaus war uebrigens nur Innstettens
+Privatwohnung, nicht das eigentliche Landratsamt, welches letztere,
+schraeg gegenueber, an der anderen Seite der Strasse lag.
+
+Kruse hatte nicht noetig, durch einen dreimaligen Peitschenknips die
+Ankunft zu vermelden; laengst hatte man von Tuer und Fenstern aus nach
+den Herrschaften ausgeschaut, und ehe noch der Wagen heran war, waren
+bereits alle Hausinsassen auf dem die ganze Breite des Buergersteigs
+einnehmenden Schwellstein versammelt, vorauf Rollo, der im selben
+Augenblick, wo der Wagen hielt, diesen zu umkreisen begann. Innstetten
+war zunaechst seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich und
+ging dann, dieser den Arm reichend, unter freundlichem Gruss an der
+Dienerschaft vorueber, die nun dem jungen Paar in den mit praechtigen
+alten Wandschraenken umstandenen Hausflur folgte. Das Hausmaedchen,
+eine huebsche, nicht mehr ganz jugendliche Person, die ihre stattliche
+Fuelle fast ebenso gut kleidete wie das zierliche Muetzchen auf
+dem blonden Haar, war der gnaedigen Frau beim Ablegen von Muff und
+Mantel behilflich und bueckte sich eben, um ihr auch die mit Pelz
+gefuetterten Gummistiefel auszuziehen. Aber ehe sie noch dazu kommen
+konnte, sagte Innstetten: "Es wird das beste sein, ich stelle dir
+gleich hier unsere gesamte Hausgenossenschaft vor, mit Ausnahme
+der Frau Kruse, die sich - ich vermute sie wieder bei ihrem
+unvermeidlichen schwarzen Huhn - nicht gerne sehen laesst." Alles
+laechelte. "Aber lassen wir Frau Kruse ... Dies hier ist mein alter
+Friedrich, der schon mit mir auf der Universitaet war ... Nicht
+wahr, Friedrich, gute Zeiten damals ... Und dies hier ist Johanna,
+maerkische Landsmaennin von dir, wenn du, was aus Pasewalker Gegend
+stammt, noch fuer voll gelten lassen willst, und dies ist Christel,
+der wir mittags und abends unser leibliches Wohl anvertrauen und die
+zu kochen versteht, das kann ich dir versichern. Und dies hier ist
+Rollo. Nun, Rollo, wie geht's?"
+
+Rollo schien nur auf diese spezielle Ansprache gewartet zu haben,
+denn im selben Augenblick, wo er seinen Namen hoerte, gab er einen
+Freudenblaff, richtete sich auf und legte die Pfoten auf seines Herrn
+Schulter.
+
+"Schon gut, Rollo, schon gut. Aber sieh da, das ist die Frau; ich hab
+ihr von dir erzaehlt und ihr gesagt, dass du ein schoenes Tier seist
+und sie schuetzen wuerdest." Und nun liess Rollo ab und setzte
+sich vor Innstetten nieder, zugleich neugierig zu der jungen Frau
+aufblickend. Und als diese ihm die Hand hinhielt, umschmeichelte er
+sie.
+
+Effi hatte waehrend dieser Vorstellungsszene Zeit gefunden, sich
+umzuschauen. Sie war wie gebannt von allem, was sie sah, und dabei
+geblendet von der Fuelle von Licht. In der vorderen Flurhaelfte
+brannten vier, fuenf Wandleuchter, die Leuchten selbst sehr primitiv,
+von blossem Weissblech, was aber den Glanz und die Helle nur
+noch steigerte. Zwei mit roten Schleiern bedeckte Astrallampen,
+Hochzeitsgeschenk von Niemeyer, standen auf einem zwischen zwei
+Eichenschraenken angebrachten Klapptisch, in Front davon das Teezeug,
+dessen Laempchen unter dem Kessel schon angezuendet war. Aber noch
+viel, viel anderes und zum Teil sehr Sonderbares kam zu dem allen
+hinzu. Quer ueber den Flur fort liefen drei die Flurdecke in ebenso
+viele Felder teilende Balken; an dem vordersten hing ein Schiff mit
+vollen Segeln, hohem Hinterdeck und Kanonenluken, waehrend weiterhin
+ein riesiger Fisch in der Luft zu schwimmen schien. Effi nahm ihren
+Schirm, den sie noch in Haenden hielt, und stiess leis an das Ungetuem
+an, so dass es sich in eine langsam schaukelnde Bewegung setzte.
+
+"Was ist das, Geert?" fragte sie.
+
+"Das ist ein Haifisch."
+
+"Und ganz dahinten das, was aussieht wie eine grosse Zigarre vor einem
+Tabaksladen?"
+
+"Das ist ein junges Krokodil. Aber das kannst du dir alles morgen viel
+besser und genauer ansehen; jetzt komm und lass uns eine Tasse Tee
+nehmen. Denn trotz aller Plaids und Decken wirst du gefroren haben. Es
+war zuletzt empfindlich kalt."
+
+Er bot nun Effi den Arm, und waehrend sich die beiden Maedchen
+zurueckzogen und nur Friedrich und Rollo folgten, trat man, nach links
+hin, in des Hausherrn Wohn- und Arbeitszimmer ein. Effi war hier
+aehnlich ueberrascht wie draussen im Flur; aber ehe sie sich darueber
+aeussern konnte, schlug Innstetten eine Portiere zurueck, hinter der
+ein zweites, etwas groesseres Zimmer, mit Blick auf Hof und Garten,
+gelegen war. "Das, Effi, ist nun also dein. Friedrich und Johanna
+haben es, so gut es ging, nach meinen Anordnungen herrichten muessen.
+Ich finde es ganz ertraeglich und wuerde mich freuen, wenn es dir auch
+gefiele."
+
+Sie nahm ihren Arm aus dem seinigen und hob sich auf die Fussspitzen,
+um ihm einen herzlichen Kuss zu geben.
+
+"Ich armes kleines Ding, wie du mich verwoehnst. Dieser Fluegel und
+dieser Teppich, ich glaube gar, es ist ein tuerkischer, und das Bassin
+mit den Fischchen und dazu der Blumentisch. Verwoehnung, wohin ich
+sehe."
+
+"Ja, meine liebe Effi, das musst du dir nun schon gefallen lassen,
+dafuer ist man jung und huebsch und liebenswuerdig, was die Kessiner
+wohl auch schon erfahren haben werden, Gott weiss woher. Denn an dem
+Blumentisch wenigstens bin ich unschuldig. Friedrich, wo kommt der
+Blumentisch her?" "Apotheker Gieshuebler ... Es liegt auch eine Karte
+bei." "Ah, Gieshuebler, Alonzo Gieshuebler", sagte Innstetten und
+reichte lachend und in beinahe ausgelassener Laune die Karte mit dem
+etwas fremdartig klingenden Vornamen zu Effi hinueber. "Gieshuebler,
+von dem hab ich dir zu erzaehlen vergessen - beilaeufig, er fuehrt
+auch den Doktortitel, hat's aber nicht gern, wenn man ihn dabei nennt,
+das aergere, so meint er, die richtigen Doktoren bloss, und darin wird
+er wohl recht haben. Nun, ich denke, du wirst ihn kennenlernen, und
+zwar bald; er ist unsere beste Nummer hier, Schoengeist und Original
+und vor allem Seele von Mensch, was doch immer die Hauptsache bleibt.
+Aber lassen wir das alles und setzen uns und nehmen unsern Tee. Wo
+soll es sein? Hier bei dir oder drin bei mir? Denn eine weitere Wahl
+gibt es nicht. Eng und klein ist meine Huette."
+
+Sie setzte sich ohne Besinnen auf ein kleines Ecksofa. "Heute bleiben
+wir hier, heute bist du bei mir zu Gast. Oder lieber so: den Tee
+regelmaessig bei mir, das Fruehstueck bei dir; dann kommt jeder zu
+seinem Recht, und ich bin neugierig, wo mir's am besten gefallen
+wird."
+
+"Das ist eine Morgen- und Abendfrage."
+
+"Gewiss. Aber wie sie sich stellt, oder richtiger, wie wir uns dazu
+stellen, das ist es eben."
+
+Und sie lachte und schmiegte sich an ihn und wollte ihm die Hand
+kuessen.
+
+"Nein, Effi, um Himmels willen nicht, nicht so. Mir liegt nicht daran,
+die Respektsperson zu sein, das bin ich fuer die Kessiner. Fuer dich
+bin ich ..."
+
+"Nun was?"
+
+"Ach lass. Ich werde mich hueten, es zu sagen."
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Es war schon heller Tag, als Effi am andern Morgen erwachte. Sie
+hatte Muehe, sich zurechtzufinden. Wo war sie? Richtig, in Kessin, im
+Hause des Landrats von Innstetten, und sie war seine Frau, Baronin
+Innstetten. Und sich aufrichtend, sah sie sich neugierig um; am Abend
+vorher war sie zu muede gewesen, um alles, was sie da halb fremdartig,
+halb altmodisch umgab, genauer in Augenschein zu nehmen. Zwei Saeulen
+stuetzten den Deckenbalken, und gruene Vorhaenge schlossen den
+alkovenartigen Schlafraum, in welchem die Betten standen, von dem
+Rest des Zimmers ab; nur in der Mitte fehlte der Vorhang oder
+war zurueckgeschlagen, was ihr von ihrem Bett aus eine bequeme
+Orientierung gestattete. Da, zwischen den zwei Fenstern, stand der
+schmale, bis hoch hinaufreichende Trumeau, waehrend rechts daneben,
+und schon an der Flurwand hin, der grosse schwarze Kachelofen
+aufragte, der noch (soviel hatte sie schon am Abend vorher bemerkt)
+nach alter Sitte von aussen her geheizt wurde. Sie fuehlte jetzt, wie
+seine Waerme herueberstroemte.
+
+Wie schoen es doch war, im eigenen Hause zu sein; soviel Behagen
+hatte sie waehrend der ganzen Reise nicht empfunden, nicht einmal in
+Sorrent.
+
+Aber wo war Innstetten? Alles still um sie her, niemand da. Sie hoerte
+nur den Ticktackschlag einer kleinen Penduele und dann und wann einen
+dumpfen Ton im Ofen, woraus sie schloss, dass vom Flur her ein paar
+neue Scheite nachgeschoben wuerden. Allmaehlich entsann sie sich auch,
+dass Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen
+hatte, nach der sie dann auch nicht lange mehr zu suchen brauchte;
+dicht neben ihrem Kissen war der kleine weisse Elfenbeinknopf, auf den
+sie nun leise drueckte.
+
+Gleich danach erschien Johanna. "Gnaedige Frau haben befohlen."
+
+"Ach, Johanna, ich glaube, ich habe mich verschlafen. Es muss schon
+spaet sein."
+
+"Eben neun."
+
+"Und der Herr ...", es wollte ihr nicht gluecken, so ohne ,weiteres
+von ihrem "Mann" zu sprechen ..., "der Herr, er muss sehr leise
+gemacht haben; ich habe nichts gehoert."
+
+"Das hat er gewiss. Und gnaed'ge Frau werden fest geschlafen haben.
+Nach der langen Reise ..."
+
+"Ja, das hab ich. Und der Herr, ist er immer so frueh auf?" Immer,
+gnaed'ge Frau. Darin ist er streng; er kann das lange sch1afen nicht
+leiden, und wenn er drueben in sein Zimmer tritt, da muss der Ofen
+warm sein, und der Kaffee darf auch nicht auf sich warten lassen."
+
+"Da hat er also schon gefruehstueckt?"
+
+"Oh, nicht doch, gnaed'ge Frau ... der gnaed'ge Herr..."
+
+Effi fuehlte, dass sie die Frage nicht haette tun und die Vermutung,
+Innstetten koenne nicht auf sie gewartet haben, lieber nicht haette
+aussprechen sollen. Es lag ihr denn auch daran, diesen ihren Fehler,
+so gut es ging, wieder auszugleichen, und als sie sich erhoben und vor
+dem Trumeau Platz genommen hatte, nahm sie das Gespraech wieder auf
+und sagte: "Der Herr hat uebrigens ganz recht. Immer frueh auf,
+das war auch Regel in meiner Eltern Haus. Wo die Leute den Morgen
+verschlafen, da gibt es den ganzen Tag keine Ordnung mehr. Aber der
+Herr wird es so streng mit mir nicht nehmen; eine ganze Weile hab
+ich diese Nacht nicht schlafen koennen und habe mich sogar ein wenig
+geaengstigt."
+
+"Was ich hoeren muss, gnaed'ge Frau! Was war es denn?"
+
+"Es war ueber mir ein ganz sonderbarer Ton, nicht laut, aber doch sehr
+eindringlich. Erst klang es, wie wenn lange Schleppenkleider ueber die
+Diele hinschleiften, und in meiner Erregung war es mir ein paarmal,
+als ob ich kleine weisse Atlasschuhe saehe. Es war, als tanze man
+oben, aber ganz leise." Johanna, waehrend das Gespraech so ging, sah
+ueber die Schulter der jungen Frau fort in den hohen, schmalen Spiegel
+hinein, um die Mienen Effis besser beobachten zu koennen. Dann sagte
+sie: "Ja, das ist oben im Saal. Frueher hoerten wir es in der Kueche
+auch. Aber jetzt hoeren wir es nicht mehr; wir haben uns daran
+gewoehnt."
+
+"Ist es denn etwas Besonderes damit?"
+
+"O Gott bewahre, nicht im geringsten. Eine Weile wusste man nicht
+recht, woher es kaeme, und der Herr Prediger machte ein verlegenes
+Gesicht, trotzdem Doktor Gieshuebler immer nur darueber lachte. Nun
+aber wissen wir, dass es die Gardinen sind. Der Saal ist etwas multrig
+und stockig, und deshalb stehen immer die Fenster auf, wenn nicht
+gerade Sturm ist. Und da ist denn fast immer ein starker Zug oben und
+fegt die alten weissen Gardinen, die ausserdem viel zu lang sind,
+ueber die Dielen hin und her. Das klingt dann so wie seidne Kleider
+oder auch wie Atlasschuhe, wie die gnaed'ge Frau eben bemerkte."
+
+"Natuerlich ist es das. Aber ich begreife nur nicht, warum dann die
+Gardinen nicht abgenommen werden. Oder man koennte sie ja kuerzer
+machen. Es ist ein so sonderbares Geraeusch, das einem auf die Nerven
+faellt. Und nun, Johanna, bitte, geben Sie mir noch das kleine
+Tuch, und tupfen Sie mir die Stirn. Oder nehmen Sie lieber den
+Rafraichisseur aus meiner Reisetasche ... Ach, das ist schoen und
+erfrischt mich. Nun werde ich hinuebergehen. Er ist doch noch da, oder
+war er schon aus?"
+
+"Der gnaed'ge Herr war schon aus, ich glaube, drueben auf dem Amt.
+Aber seit einer Viertelstunde ist er zurueck. Ich werde Friedrich
+sagen, dass er das Fruehstueck bringt."
+
+Und damit verliess Johanna das Zimmer, waehrend Effi noch einen
+Blick in den Spiegel tat und dann ueber den Flur fort, der bei der
+Tagesbeleuchtung viel von seinem Zauber vom Abend vorher eingebuesst
+hatte, bei Geert eintrat.
+
+Dieser sass an seinem Schreibtisch, einem etwas schwerfaelligen
+Zylinderbuero, das er aber, als Erbstueck aus dem elterlichen Hause,
+nicht missen mochte.
+
+Effi stand hinter ihm und umarmte und kuesste ihn, noch eh euch von
+seinem Platz erheben konnte.
+
+"Schon?"
+
+"Schon, sagst du. Natuerlich um mich zu verspotten."
+
+Innstetten schuettelte den Kopf. "Wie werd ich das?" Effi fand aber
+ein Gefallen daran, sich anzuklagen, und wollte von den Versicherungen
+ihres Mannes, dass sein "schon" ganz aufrichtig gemeint gewesen sei,
+nichts hoeren. "Du musst von der Reise her wissen, dass ich morgens
+nie habe warten lassen. Im Laufe des Tages, nun ja, da ist es etwas
+anderes. Es ist wahr, ich bin nicht sehr puenktlich, aber ich bin
+keine Langschlaeferin. Darin, denk ich, haben mich die Eltern gut
+erzogen."
+
+"Darin? In allem, meine suesse Effi."
+
+"Das sagst du so, weil wir noch in den Flitterwochen sind ... aber
+nein, wir sind ja schon heraus. Um Himmels willen, Geert, daran habe
+ich noch gar nicht gedacht, wir sind ja schon ueber sechs Wochen
+verheiratet, sechs Wochen und einen Tag. Ja, das ist etwas anderes,
+da nehme ich es nicht mehr als Schmeichelei, da nehme ich es als
+Wahrheit."
+
+In diesem Augenblick trat Friedrich ein und brachte den Kaffee.
+Der Fruehstueckstisch stand in Schraeglinie vor einem Meinen,
+rechtwinkligen Sofa, das gerade die eine Ecke des Wohnzimmers
+ausfuellte. Hier setzten sich beide. "Der Kaffee ist ja vorzueglich",
+sagte Effi, waehrend sie zugleich das Zimmer und seine Einrichtung
+musterte. "Das ist noch Hotelkaffee oder wie der bei Bottegone ...
+erinnerst du dich noch, in Florenz, mit dem Blick auf den Dom. Davor
+muss ich der Mama schreiben, solchen Kaffee haben wir in Hohen-Cremmen
+nicht. Ueberhaupt, Geert, ich sehe nun erst, wie vornehm ich mich
+verheiratet habe. Bei uns konnte alles nur so gerade passieren."
+
+"Torheit, Effi. Ich habe nie eine bessere Hausfuehrung gesehen als bei
+euch."
+
+"Und dann, wie du wohnst. Als Papa sich den neuen Gewehrschrank
+angeschafft und ueber seinem Schreibtisch einen Bueffelkopf und dicht
+darunter den alten Wrangel angebracht hatte (er war naemlich mal
+Adjutant bei dem Alten), da dacht er wunder was er getan; aber wenn
+ich mich hier umsehe, daneben ist unsere ganze Hohen-Cremmener
+Herrlichkeit ja bloss duerftig und alltaeglich. Ich weiss gar nicht,
+womit ich das alles vergleichen soll; schon gestern abend, als ich
+nur so fluechtig darueber hinsah, kamen mir allerhand Gedanken." "Und
+welche, wenn ich fragen darf?"
+
+"Ja, welche. Du darfst aber nicht drueber lachen. Ich habe mal ein
+Bilderbuch gehabt, wo ein persischer oder indischer Fuerst (denn
+er trug einen Turban) mit untergeschlagenen Beinen auf einem roten
+Seidenkissen sass, und in seinem Ruecken war ausserdem noch eine
+grosse rote Seidenrolle, die links und rechts ganz bauschig zum
+Vorschein kam, und die Wand hinter dem indischen Fuersten starrte
+von Schwertern und Dolchen und Parderfellen und Schilden und langen
+tuerkischen Flinten. Und sieh, ganz so sieht es hier bei dir aus,
+und wenn du noch die Beine unterschlaegst, ist die Aehnlichkeit
+vollkommen."
+
+"Effi, du bist ein entzueckendes, liebes Geschoepf. Du weisst gar
+nicht, wie sehr ich's finde und wie gern ich dir in jedem Augenblick
+zeigen moechte, dass ich's finde."
+
+"Nun, dazu ist ja noch vollauf Zeit; ich bin ja erst siebzehn und habe
+noch nicht vor zu sterben."
+
+"Wenigstens nicht vor mir. Freilich, wenn ich dann stuerbe, naehme ich
+dich am liebsten mit. Ich will dich keinem andern lassen; was meinst
+du dazu?"
+
+"Das muss ich mir doch noch ueberlegen. Oder lieber, lassen wir's
+ueberhaupt. Ich spreche nicht gern von Tod, ich bin fuer Leben. Und
+nun sage mir, wie leben wir hier? Du hast mir unterwegs allerlei
+Sonderbares von Stadt und Land erzaehlt, aber wie wir selber hier
+leben werden, davon kein Wort. Dass hier alles anders ist als in
+Hohen-Cremmen und Schwantikow, das seh ich wohl, aber wir muessen doch
+in dem 'guten Kessin', wie du's immer nennst, auch etwas wie Umgang
+und Gesellschaft haben koennen. Habt ihr denn Leute von Familie in der
+Stadt?"
+
+"Nein, meine liebe Effi; nach dieser Seite hin gehst du grossen
+Enttaeuschungen entgegen. In der Naehe haben wir ein paar Adlige, die
+du kennenlernen wirst, aber hier in der Stadt ist gar nichts."
+
+"Gar nichts? Das kann ich nicht glauben. Ihr seid doch bis zu
+dreitausend Menschen, und unter dreitausend Menschen muss es doch
+ausser so kleinen Leuten wie Barbier Beza (so hiess er ja wohl) doch
+auch noch eine Elite geben, Honoratioren oder dergleichen."
+
+Innstetten lachte. "Ja, Honoratioren, die gibt es. Aber bei Licht
+besehen ist es nicht viel damit. Natuerlich haben wir einen Prediger
+und einen Amtsrichter und einen Rektor und einen Lotsenkommandeur, und
+von solchen beamteten Leuten findet sich schliesslich wohl ein ganzes
+Dutzend zusammen, aber die meisten davon: gute Menschen und schlechte
+Musikanten. Und was dann noch bleibt, das sind bloss Konsuln."
+
+"Bloss Konsuln. Ich bitte dich, Geert, wie kannst du nur sagen 'bloss
+Konsuln'. Das ist doch etwas sehr Hohes und Grosses, und ich moecht
+beinah sagen Furchtbares. Konsuln, das sind doch die mit dem
+Rutenbuendel, draus, glaub ich, ein Beil heraussah."
+
+"Nicht ganz, Effi Die heissen Liktoren."
+
+"Richtig, die heissen Liktoren. Aber Konsuln ist doch auch etwas sehr
+Vornehmes und Hochgesetzliches. Brutus war doch ein Konsul."
+
+"Ja, Brutus war ein Konsul. Aber unsere sind ihm nicht sehr aehnlich
+und begnuegen sich damit, mit Zucker und Kaffee zu handeln oder eine
+Kiste mit Apfelsinen aufzubrechen, und verkaufen dir dann das Stueck
+pro zehn Pfennige."
+
+"Nicht moeglich."
+
+"Sogar gewiss. Es sind kleine, pfiffige Kaufleute, die, wenn
+fremdlaendische Schiffe hier einlaufen und in irgendeiner
+Geschaeftsfrage nicht recht aus noch ein wissen, dann mit ihrem
+Rat zur Hand sind, und wenn sie diesen Rat gegeben und irgendeinem
+hollaendischen oder portugiesischen Schiff einen Dienst geleistet
+haben, so werden sie zuletzt zu beglaubigten Vertretern solcher
+fremder Staaten, und gerade so viele Botschafter und Gesandte, wie wir
+in Berlin haben, so viele Konsuln haben wir auch in Kessin, und wenn
+irgendein Festtag ist, und es gibt hier viele Festtage, dann werden
+alle Wimpel gehisst, und haben wir gerade eine grelle Morgensonne, so
+siehst du an solchem Tag ganz Europa von unsern Daechern flaggen und
+das Sternenbanner und den chinesischen Drachen dazu."
+
+"Du bist in einer spoettischen Laune, Geert, und magst auch wohl recht
+haben. Aber ich, fuer meine kleine Person, muss dir gestehen, dass ich
+dies alles entzueckend finde und dass unsere havellaendischen Staedte
+daneben verschwinden. Wenn sie da Kaisers Geburtstag feiern, so flaggt
+es immer bloss schwarz und weiss und allenfalls ein bisschen rot
+dazwischen, aber das kann sich doch nicht vergleichen mit der Welt von
+Flaggen, von der du sprichst. Ueberhaupt, wie ich dir schon sagte, ich
+finde immer wieder und wieder, es hat alles so was Fremdlaendisches
+hier, und ich habe noch nichts gehoert und gesehen, was mich nicht in
+eine gewisse Verwunderung gesetzt haette, gleich gestern abend das
+merkwuerdige Schiff draussen im Flur und dahinter der Haifisch und das
+Krokodil und hier dein eigenes Zimmer. Alles so orientalisch, und ich
+muss es wiederholen, alles wie bei einem indischen Fuersten ..."
+
+"Meinetwegen. Ich gratuliere, Fuerstin ..."
+
+"Und dann oben der Saal mit seinen langen Gardinen, die ueber die
+Diele hinfegen."
+
+"Aber was weisst du denn von dem Saal, Effi?"
+
+"Nichts, als was ich dir eben gesagt habe. Wohl eine Stunde lang, als
+ich in der Nacht aufwachte, war es mir, als ob ich Schuhe auf der
+Erde schleifen hoerte und als wuerde getanzt und fast auch wie Musik.
+Aber alles ganz leise. Und das hab ich dann heute frueh an Johanna
+erzaehlt, bloss um mich zu entschuldigen, dass ich hinterher so lange
+geschlafen. Und da sagte sie mir, das sei von den langen Gardinen oben
+im Saal. Ich denke, wir machen kurzen Prozess damit und schneiden die
+Gardinen etwas ab oder schliessen wenigstens die Fenster; es wird
+ohnehin bald stuermisch genug werden. Mitte November ist ja die Zeit."
+
+Innstetten sah in einer kleinen Verlegenheit vor sich hin und schien
+schwankend, ob er auf all das antworten solle. Schliesslich entschied
+er sich fuer Schweigen. "Du hast ganz recht, Effi, wir wollen die
+langen Gardinen oben kuerzer machen. Aber es eilt nicht damit, um
+so weniger, als es nicht sicher ist, ob es hilft. Es kann auch was
+anderes sein, im Rauchfang oder der Wurm im Holz oder ein Iltis. Wir
+haben naemlich hier Iltisse. Jedenfalls aber, eh wir Aenderungen
+vornehmen, musst du dich in unserem Hauswesen erst umsehen, natuerlich
+unter meiner Fuehrung; in einer Viertelstunde zwingen wir's. Und dann
+machst du Toilette, nur ein ganz klein wenig, denn eigentlich bist du
+so am reizendsten - Toilette fuer unseren Freund Gieshuebler; es ist
+jetzt zehn vorueber, und ich muesste mich sehr in ihm irren, wenn er
+nicht um elf oder doch spaetestens um die Mittagsstunde hier antreten
+und dir seinen Respekt devotest zu Fuessen legen sollte. Das ist
+naemlich die Sprache, drin er sich ergeht. Uebrigens, wie ich dir
+schon sagte, ein kapitaler Mann, der dein Freund werden wird, wenn ich
+ihn und dich recht kenne."
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Elf war es laengst vorueber; aber Gieshuebler hatte sich noch immer
+nicht sehen lassen. "Ich kann nicht laenger warten", hatte Geert
+gesagt, den der Dienst abrief. "Wenn Gieshuebler noch erscheint, so
+sei moeglichst entgegenkommend, dann wird es vorzueglich gehen; er
+darf nicht verlegen werden; ist er befangen, so kann er kein Wort
+finden oder sagt die sonderbarsten Dinge; weisst du ihn aber in
+Zutrauen und gute Laune zu bringen, dann redet er wie ein Buch. Nun,
+du wirst es schon machen. Erwarte mich nicht vor drei; es gibt drueben
+allerlei zu tun. Und das mit dem Saal oben wollen wir noch ueberlegen;
+es wird aber wohl am besten sein, wir lassen es beim alten."
+
+Damit ging Innstetten und liess seine junge Frau allein. Diese sass,
+etwas zurueckgelehnt, in einem lauschigen Winkel am Fenster und
+stuetzte sich, waehrend sie hinaussah, mit ihrem linken Arm auf ein
+kleines Seitenbrett, das aus dem Zylinderbuero herausgezogen war. Die
+Strasse war die Hauptverkehrsstrasse nach dem Strand hin, weshalb denn
+auch in Sommerzeit ein reges Leben hier herrschte, jetzt aber, um
+Mitte November, war alles leer und still, und nur ein paar arme
+Kinder, deren Eltern in etlichen ganz am aeussersten Rand der
+"Plantage" gelegenen Strohdachhaeusern wohnten, klappten in ihren
+Holzpantinen an dem Innstettenschen Hause vorueber. Effi empfand aber
+nichts von dieser Einsamkeit, denn ihre Phantasie war noch immer bei
+den wunderlichen Dingen, die sie, kurz vorher, waehrend ihrer Umschau
+haltenden Musterung im Hause gesehen hatte. Diese Musterung hatte mit
+der Kueche begonnen, deren Herd eine moderne Konstruktion aufwies,
+waehrend an der Decke hin, und zwar bis in die Maedchenstube hinein,
+ein elektrischer Draht lief - beides vor kurzem erst hergerichtet.
+Effi war erfreut gewesen, als ihr Innstetten davon erzaehlt hatte,
+dann aber waren sie von der Kueche wieder in den Flur zurueck- und von
+diesem in den Hof hinausgetreten, der in seiner ersten Haelfte nicht
+viel mehr als ein zwischen zwei Seitenfluegeln hinlaufender ziemlich
+schmaler Gang war. In diesen Fluegeln war alles untergebracht, was
+sonst noch zu Haushalt und Wirtschaftsfuehrung gehoerte, rechts
+Maedchenstube, Bedientenstube, Rollkammer, links eine zwischen
+Pferdestall und Wagenremise gelegene, von der Familie Kruse bewohnte
+Kutscherwohnung. Ueber dieser, in einem Verschlag, waren die Huehner
+einlogiert, und eine Dachklappe ueber dem Pferdestall bildete den Aus-
+und Einschlupf fuer die Tauben. All dies hatte sich Effi mit vielem
+Interesse angesehen, aber dies Interesse sah sich doch weit ueberholt,
+als sie, nach ihrer Rueckkehr vom Hof ins Vorderhaus, unter
+Innstettens Fuehrung die nach oben fuehrende Treppe hinaufgestiegen
+war. Diese war schief, baufaellig, dunkel; der Flur dagegen, auf den
+sie muendete, wirkte beinah heiter, weil er viel Licht und einen guten
+landschaftlichen Ausblick hatte: nach der einen Seite hin, ueber die
+Daecher des Stadtrandes und die "Plantage" fort, auf eine hoch auf
+einer Duene stehende hollaendische Windmuehle, nach der anderen Seite
+hin auf die Kessine, die hier, unmittelbar vor ihrer Einmuendung,
+ziemlich breit war und einen stattlichen Eindruck machte. Diesem
+Eindruck konnte man sich unmoeglich entziehen, und Effi hatte denn
+auch nicht gesaeumt, ihrer Freude lebhaften Ausdruck zu geben. "Ja,
+sehr schoen, sehr malerisch", hatte Innstetten, ,ohne weiter darauf
+einzugehen, geantwortet und dann eine mit ihren Fluegeln etwas schief
+haengende Doppeltuer geoeffnet, die nach rechts hin in den sogenannten
+Saal fuehrte. Dieser lief durch die ganze Etage; Vorder- und
+Hinterfenster standen offen, und die mehr erwaehnten langen Gardinen
+bewegten sich in dem starken Luftzug hin und her. In der Mitte der
+einen Laengswand sprang ein Kamin vor mit einer grossen Steinplatte,
+waehrend an der Wand gegenueber ein paar blecherne Leuchter hingen,
+jeder mit zwei Lichtoeffnungen, ganz so wie unten im Flur, aber alles
+stumpf und ungepflegt. Effi war einigermassen enttaeuscht, sprach es
+auch aus und erklaerte, statt des oeden und aermlichen Saals doch
+lieber die Zimmer an der gegenuebergelegenen Flurseite sehen zu
+wollen. "Da ist nun eigentlich vollends nichts", hatte Innstetten
+geantwortet, aber doch die Tueren geoeffnet. Es befanden sich hier
+vier einfenstrige Zimmer, alle gelb getuencht, gerade wie der Saal
+und ebenfalls ganz leer. Nur in einem standen drei Binsenstuehle,
+die durchgesessen waren, und an die Lehne des einen war ein kleines,
+nur einen halber Finger langes Bildchen geklebt, das einen Chinesen
+darstellte, blauer Rock mit gelben Pluderhosen und einen flachen
+Hut auf dem Kopf. Effi sah es und sagte: "Was soll der Chinese?"
+Innstetten selbst schien von dem Bildchen ueberrascht und versicherte,
+dass er es nicht wisse. "Das hat Christel angeklebt oder Johanna.
+Spielerei. Du kannst sehen, es ist aus einer Fibel herausgeschnitten."
+Effi fand es auch und war nur verwundert, dass Innstetten alles so
+ernsthaft nahm, als ob es doch etwas sei. Dann hatte sie noch einmal
+einen Blick in den Saal getan und sich dabei dahin geaeussert, wie es
+doch eigentlich schade sei, dass das alles leerstehe. "Wir haben unten
+ja nur drei Zimmer, und wenn uns wer besucht, so wissen wir nicht
+aus noch ein. Meinst du nicht, dass man aus dem Saal zwei huebsche
+Fremdenzimmer machen koennte? Das waere so was fuer die Mama; nach
+hinten heraus koennte sie schlafen und haette den Blick auf den
+Fluss und die beiden Molen, und vorn haette sie die Stadt und die
+hollaendische Windmuehle. In Hohen-Cremmen haben wir noch immer bloss
+eine Bockmuehle. Nun sage, was meinst du dazu? Naechsten Mai wird doch
+die Mama wohl kommen."
+
+Innstetten war mit allem einverstanden gewesen und hatte nur zum
+Schluss gesagt: "Alles ganz gut. Aber es ist doch am Ende besser, wir
+logieren die Mama drueben ein, auf dem Landratsamt; die ganze erste
+Etage steht da leer, geradeso wie hier, und sie ist da noch mehr fuer
+sich."
+
+Das war so das Resultat des ersten Umgangs im Hause gewesen; dann
+hatte Effi drueben ihre Toilette gemacht, nicht ganz so schnell, wie
+Innstetten angenommen, und nun sass sie in ihres Gatten Zimmer und
+beschaeftigte sich in ihren Gedanken abwechselnd mit dem kleinen
+Chinesen oben und mit Gieshuebler, der noch immer nicht kam. Vor einer
+Viertelstunde war freilich ein kleiner, schiefschultriger und fast
+schon so gut wie verwachsener Herr in einem kurzen eleganten Pelzrock
+und einem hohen, sehr glatt gebuersteten Zylinder an der anderen
+Seite der Strasse vorbeigegangen und hatte nach ihrem Fenster
+hinuebergesehen. Aber das konnte Gieshuebler wohl nicht gewesen
+sein! Nein, dieser schiefschultrige Herr, der zugleich etwas so
+Distinguiertes hatte, das musste der Herr Gerichtspraesident gewesen
+sein, und sie entsann sich auch wirklich, in einer Gesellschaft bei
+Tante Therese mal einen solchen gesehen zu haben, bis ihr mit einem
+Male einfiel, dass Kessin bloss einen Amtsrichter habe.
+
+Waehrend sie diesen Betrachtungen noch nachging, wurde der Gegenstand
+derselben, der augenscheinlich erst eine Morgen- oder vielleicht auch
+eine Ermutigungspromenade um die Plantage herum gemacht hatte, wieder
+sichtbar, und eine Minute spaeter erschien Friedrich, um Apotheker
+Gieshuebler anzumelden.
+
+"Ich lasse sehr bitten."
+
+Der armen jungen Frau schlug das Herz, weil es das erste Mal war, dass
+sie sich als Hausfrau und noch dazu als erste Frau der Stadt zu zeigen
+hatte.
+
+Friedrich half Gieshuebler den Pelzrock ablegen und oeffnete dann
+wieder die Tuer.
+
+Effi reichte dem verlegen Eintretenden die Hand, die dieser mit einem
+gewissen Ungestuem kuesste. Die junge Frau schien sofort einen grossen
+Eindruck auf ihn gemacht zu haben.
+
+"Mein Mann hat mir bereits gesagt ... Aber ich empfange Sie hier in
+meines Mannes Zimmer ... er ist drueben auf dem Amt und kann jeden
+Augenblick zurueck sein ... Darf ich Sie bitten, bei mir eintreten zu
+wollen?"
+
+Gieshuebler folgte der voranschreitenden Effi ins Nebenzimmer, wo
+diese auf einen der Fauteuils wies, waehrend sie sich selbst ins Sofa
+setzte. "Dass ich Ihnen sagen koennte, welche Freude Sie mir gestern
+durch die schoenen Blumen und Ihre Karte gemacht haben. Ich hoerte
+sofort auf, mich hier als eine Fremde zu fuehlen, und als ich dies
+Innstetten aussprach, sagte er mir, wir wuerden ueberhaupt gute
+Freunde sein."
+
+"Sagte er so? Der gute Herr Landrat. Ja, der Herr Landrat und Sie,
+meine gnaedigste Frau, da sind, das bitte ich sagen zu duerfen, zwei
+liebe Menschen zueinander gekommen. Denn wie Ihr Herr Gemahl ist, das
+weiss ich, und wie Sie sind, meine gnaedigste Frau, das sehe ich."
+
+"Wenn Sie nur nicht mit zu freundlichen Augen sehen. Ich bin so sehr
+jung. Und Jugend ..."
+
+"Ach, meine gnaedigste Frau, sagen Sie nichts gegen die Jugend. Die
+Jugend, auch in ihren Fehlern ist sie noch schoen und liebenswuerdig,
+und das Alter, auch in seinen Tugenden taugt es nicht viel.
+Persoenlich kann ich in dieser Frage freilich nicht mitsprechen, vom
+Alter wohl, aber von der Jugend nicht, denn ich bin eigentlich nie
+jung gewesen. Personen meines Schlages sind nie jung. Ich darf wohl
+sagen, das ist das traurigste von der Sache. Man hat keinen rechten
+Mut, man hat kein Vertrauen zu sich selbst, man wagt kaum, eine Dame
+zum Tanz aufzufordern, weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will,
+und so gehen die Jahre hin, und man wird alt, und das Leben war arm
+und leer."
+
+Effi gab ihm die Hand. "Ach, Sie duerfen so was nicht sagen. Wir
+Frauen sind gar nicht so schlecht."
+
+"O nein, gewiss nicht ..."
+
+"Und wenn ich mir so zurueckrufe", fuhr Effi fort, "was ich alles
+erlebt habe ... viel ist es nicht, denn ich bin wenig herausgekommen
+und habe fast immer auf dem Lande gelebt ... aber wenn ich es mir
+zurueckrufe, so finde ich doch, dass wir immer das lieben, was
+liebenswert ist. Und dann sehe ich doch auch gleich, dass Sie anders
+sind als andere, dafuer haben wir Frauen ein scharfes Auge. Vielleicht
+ist es auch der Name, der in Ihrem Falle mitwirkt. Das war immer eine
+Lieblingsbehauptung unseres alten Pastors Niemeyer; der Name, so
+liebte er zu sagen, besonders der Taufname, habe was geheimnisvoll
+Bestimmendes, und Alonzo Gieshuebler, so mein ich, schliesst eine ganz
+neue Welt vor einem auf, ja, fast moecht ich sagen duerfen, Alonzo ist
+ein romantischer Name, ein Preziosaname."
+
+Gieshuebler laechelte mit einem ganz ungemeinen Behagen und fand den
+Mut, seinen fuer seine Verhaeltnisse viel zu hohen Zylinder, den er
+bis dahin in der Hand gedreht hatte, beiseite zu stellen. "Ja, meine
+gnaedigste Frau, da treffen Sie's."
+
+"Oh, ich verstehe. Ich habe von den Konsuln gehoert, deren Kessin so
+viele haben soll, und in dem Hause des spanischen Konsuls hat Ihr
+Herr Vater mutmasslich die Tochter eines seemaennischen Kapitanos
+kennengelernt, wie ich annehme, irgendeine schoene Andalusierin.
+Andalusierinnen sind immer schoen."
+
+"Ganz wie Sie vermuten, meine Gnaedigste. Und meine Mutter war
+wirklich eine schoene Frau, so schlecht es mir persoenlich zusteht,
+die Beweisfuehrung zu uebernehmen. Aber als Ihr Herr Gemahl vor
+drei Jahren hierherkam, lebte sie noch und hatte noch ganz die
+Feueraugen. Er wird es mir bestaetigen. Ich persoenlich bin mehr ins
+Gieshueblersche geschlagen, Leute von wenig Exterieur, aber sonst
+leidlich im Stande. Wir sitzen hier schon in der vierten Generation,
+volle hundert Jahre, und wenn es einen Apothekeradel gaebe..."
+
+"So wuerden Sie ihn beanspruchen duerfen. Und ich meinerseits nehme ihn
+fuer bewiesen an und sogar fuer bewiesen ohne jede Einschraenkung. Uns
+aus den alten Familien wird das am leichtesten, weil wir, so wenigstens
+bin ich von meinem Vater und auch von meiner Mutter her erzogen, jede
+gute Gesinnung, sie komme, woher sie wolle, mit Freudigkeit gelten
+lassen. Ich bin eine geborene Briest und stamme von dem Briest ab, der
+am Tag vor der Fehrbelliner Schlacht den Ueberfall von Rathenow
+ausfuehrte, wovon Sie vielleicht einmal gehoert haben..."
+
+"O gewiss, meine Gnaedigste, das ist ja meine Spezialitaet."
+
+"Eine Briest also. Und mein Vater, da reichen keine hundert Male, dass
+er zu mir gesagt hat: Effi (so heisse ich naemlich), Effi hier sitzt es,
+bloss hier, und als Froben das Pferd tauschte, da war er von Adel, und
+als Luther sagte, 'hier stehe ich', da war er erst recht von Adel. Und
+ich denke, Herr Gieshuebler, Innstetten hatte ganz recht, als er mir
+versicherte, wir wurden gute Freundschaft halten."
+
+Gieshuebler haette nun am liebsten gleich eine Liebeserklaerung gemacht
+und gebeten, dass er als Cid oder irgend sonst ein Campeador fuer sie
+kaempfen und sterben koenne. Da dies alles aber nicht ging und sein Herz
+es nicht mehr aushalten konnte, so stand er auf, suchte nach seinem Hut,
+den er auch gluecklicherweise gleich fand, und zog sich, nach
+wiederholtem Handkuss, rasch zurueck, ohne weiter ein Wort gesagt zu
+haben.
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+So war Effis erster Tag in Kessin gewesen. Innstetten gab ihr noch
+eine halbe Woche Zeit, sich einzurichten und die verschiedensten
+Briefe nach Hohen-Cremmen zu schreiben, an die Mama, an Hulda und die
+Zwillinge; dann aber hatten die Stadtbesuche begonnen, die zum Teil
+(es regnete gerade so, dass man sich diese Ungewoehnlichkeit schon
+gestatten konnte) in einer geschlossenen Kutsche gemacht wurden. Als
+man damit fertig war, kam der Landadel an die Reihe. Das dauerte
+laenger, da sich bei den meist grossen Entfernungen an jedem Tag
+nur eine Visite machen liess. Zuerst war man bei den Borckes in
+Rothenmoor, dann ging es nach Morgnitz, Dabergotz und Kroschentin,
+wo man bei den Ahlemanns, den Jatzkows und den Grasenabbs den
+pflichtschuldigen Besuch abstattete. Noch ein paar andere folgten,
+unter denen auch der alte Baron von Gueldenklee auf Papenhagen war.
+Der Eindruck, den Effi empfing, war ueberall derselbe: mittelmaessige
+Menschen von meist zweifelhafter Liebenswuerdigkeit, die, waehrend
+sie vorgaben, ueber Bismarck und die Kronprinzessin zu sprechen,
+eigentlich nur Effis Toilette musterten, die von einigen als zu
+praetentioes fuer eine so jugendliche Dame, von andern als zuwenig
+dezent fuer eine Dame von gesellschaftlicher Stellung befunden wurde.
+Man merke doch an allem die Berliner Schule: Sinn fuer Aeusserliches
+und eine merkwuerdige Verlegenheit und Unsicherheit bei Beruehrung
+grosser Fragen. In Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den
+Familien in Morgnitz und Dabergotz war sie fuer "rationalistisch
+angekraenkelt", bei den Grasenabbs in Kroschentin aber rundweg fuer
+eine "Atheistin" erklaert worden. Allerdings hatte die alte Frau von
+Grasenabb, eine Sueddeutsche (geborene Stiefel von Stiefelstein),
+einen schwachen Versuch gemacht, Effi wenigstens fuer den Deismus zu
+retten; Sidonie von Grasenabb aber, eine dreiundvierzigjaehrige alte
+Jungfer, war barsch dazwischengefahren: "Ich sage dir, Mutter, einfach
+Atheistin, kein Zollbreit weniger, und dabei bleibt es", worauf
+die Alte, die sich vor ihrer eigenen Tochter fuerchtete, klueglich
+geschwiegen hatte.
+
+Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen gedauert, und es war
+am 2. Dezember, als man zu schon spaeter Stunde von dem letzten dieser
+Besuche nach Kessin zurueckkehrte. Dieser letzte Besuch hatte den
+Gueldenklees auf Papenhagen gegolten, bei welcher Gelegenheit
+Innstetten dem Schicksal nicht entgangen war, mit dem alten
+Gueldenklee politisieren zu muessen. "Ja, teuerster Landrat, wenn ich
+so den Wechsel der Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter oder
+ungefaehr so lange, ja, da war auch ein 2. Dezember, und der gute
+Louis und Napoleonsneffe - wenn er so was war und nicht eigentlich
+ganz woanders herstammte -, der kartaetschte damals auf die Pariser
+Kanaille. Na, das mag ihm verziehen sein, fuer so was war er der
+rechte Mann, und ich halte zu dem Satz: 'Jeder hat es gerade so
+gut und so schlecht, wie er's verdient.' Aber dass er nachher alle
+Schaetzung verlor und Anno siebzig so mir nichts, dir nichts auch mit
+uns anbinden wollte, sehen Sie, Baron, das war, ja wie sag ich, das
+war eine Insolenz. Es ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser
+Alter da oben laesst sich nicht spotten, der steht zu uns."
+
+"Ja", sagte Innstetten, der klug genug war, auf solche Philistereien
+anscheinend ernsthaft einzugehen, "der Held und Eroberer von
+Saarbruecken wusste nicht, was er tat. Aber Sie duerfen nicht zu
+streng mit ihm persoenlich abrechnen. Wer ist am Ende Herr in seinem
+Hause? Niemand. Ich richte mich auch schon darauf ein, die Zuegel der
+Regierung in andere Haende zu legen, und Louis Napoleon, nun, der war
+vollends ein Stueck Wachs in den Haenden seiner katholischen Frau,
+oder sagen wir lieber, seiner jesuitischen Frau."
+
+"Wachs in den Haenden seiner Frau, die ihm dann eine Nase drehte.
+Natuerlich, Innstetten, das war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe
+doch nicht etwa retten? Er ist und bleibt gerichtet. An und fuer sich
+ist es uebrigens noch gar nicht mal erwiesen", und sein Blick suchte
+bei diesen Worten etwas aengstlich nach dem Auge seiner Ehehaelfte,
+"ob nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein Vorzug gelten kann; nur
+freilich, die Frau muss danach sein. Aber wer war diese Frau? Sie war
+ueberhaupt keine Frau, im guenstigsten Fall war sie eine Dame, das
+sagt alles; 'Dame' hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie
+- ueber deren Verhaeltnis zu dem juedischen Bankier ich hier gern
+hingehe, denn ich hasse Tugendhochmut - hatte was vom Cafe chantant,
+und wenn die Stadt, in der sie lebte, das Babel war, so war sie das
+Weib von Babel. Ich mag mich nicht deutlicher ausdruecken, denn ich
+weiss", und er verneigte sich gegen Effi, "was ich deutschen Frauen
+schuldig bin. Um Vergebung, meine Gnaedigste, dass ich diese Dinge
+vor Ihren Ohren ueberhaupt beruehrt habe." So war die Unterhaltung
+gegangen, nachdem man vorher von Wahl, Nobiling und Raps gesprochen
+hatte, und nun sassen Innstetten und Effi wieder daheim und plauderten
+noch eine halbe Stunde. Die beiden Maedchen im Hause waren schon zu
+Bett, denn es war nah an Mitternacht.
+
+Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab;
+Effi war noch in ihrer Gesellschaftstoilette; Faecher und Handschuhe
+lagen neben ihr. "Ja", sagte Innstetten, waehrend er sein
+Aufundabschreiten im Zimmer unterbrach, "diesen Tag muessten wir nun
+wohl eigentlich feiern, und ich weiss nur noch nicht, womit. Soll
+ich dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch draussen in
+Bewegung setzen oder dich im Triumph ueber den Flur tragen? Etwas muss
+doch geschehen, denn du musst wissen, das war nun heute die letzte
+Visite."
+
+"Gott sei Dank war sie's", sagte Effi. "Aber das Gefuehl, dass wir
+nun Ruhe haben, ist, denk ich, gerade Feier genug. Nur einen Kuss
+koenntest du mir geben. Aber daran denkst du nicht. Auf dem ganzen
+weiten Weg nicht geruehrt, frostig wie ein Schneemann. Und immer nur
+die Zigarre."
+
+"Lass, ich werde mich schon bessern und will vorlaeufig nur wissen,
+wie stehst du zu dieser ganzen Umgangs- und Verkehrsfrage? Fuehlst
+du dich zu dem einen oder andern hingezogen? Haben die Borckes die
+Grasenabbs geschlagen oder umgekehrt, oder haeltst du's mit dem alten
+Gueldenklee? Was er da ueber die Eugenie sagte, machte doch einen sehr
+edlen und reinen Eindruck."
+
+"Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant! Ich lerne Sie von einer
+ganz neuen Seite kennen."
+
+"Und wenn's unser Adel nicht tut", fuhr Innstetten fort, ohne sich
+stoeren zu lassen, "wie stehst du zu den Kessiner Stadthonoratioren?
+Wie stehst du zur Ressource? Daran haengt doch am Ende Leben und
+Sterben. Ich habe dich da neulich mit unserem reserveleutnantlichen
+Amtsrichter sprechen sehen, einem zierlichen Maennchen, mit dem sich
+vielleicht durchkommen liesse, wenn er nur endlich von der Vorstellung
+loskoennte, die Wiedereroberung von Le Bourget durch sein Erscheinen
+in der Flanke zustande gebracht zu haben. Und seine Frau! Sie gilt als
+die beste Bostonspielerin und hat auch die huebschesten Anlegemarken.
+Also nochmals, Effi, wie wird es werden in Kessin? Wirst du dich
+einleben? Wirst du populaer werden und mir die Majoritaet sichern,
+wenn ich in den Reichstag will? Oder bist du fuer Einsiedlertum, fuer
+Abschluss von der Kessiner Menschheit, so Stadt wie Land?"
+
+"Ich werde mich wohl fuer Einsiedlertum entschliessen, wenn mich
+die Mohrenapotheke nicht herausreisst. Bei Sidonie werd ich dadurch
+freilich noch etwas tiefer sinken, aber darauf muss ich es ankommen
+lassen; dieser Kampf muss eben gekaempft werden. Ich steh und falle
+mit Gieshuebler. Es klingt etwas komisch, aber er ist wirklich der
+einzige, mit dem sich ein Wort reden laesst, der einzige richtige
+Mensch hier."
+
+"Das ist er", sagte Innstetten. "Wie gut du zu waehlen verstehst."
+
+"Haette ich sonst dich?" sagte Effi und haengte sich an seinen Arm.
+
+Das war am 2. Dezember. Eine Woche spaeter war Bismarck in Varzin,
+und nun wusste Innstetten, dass bis Weihnachten, und vielleicht noch
+darueber hinaus, an ruhige Tage fuer ihn gar nicht mehr zu denken sei.
+Der Fuerst hatte noch von Versailles her eine Vorliebe fuer ihn und
+lud ihn, wenn Besuch da war, haeufig zu Tisch, aber auch allein, denn
+der jugendliche, durch Haltung und Klugheit gleich ausgezeichnete
+Landrat stand ebenso in Gunst bei der Fuerstin.
+
+Zum 14. erfolgte die erste Einladung. Es lag Schnee, weshalb
+Innstetten die fast zweistuendige Fahrt bis an den Bahnhof, von wo
+noch eine Stunde Eisenbahn war, im Schlitten zu machen vorhatte.
+"Warte nicht auf mich, Effi. Vor Mitternacht kann ich nicht zurueck
+sein; wahrscheinlich wird es zwei oder noch spaeter. Ich stoere dich
+aber nicht. Gehab dich wohl, und auf Wiedersehen morgen frueh." Und
+damit stieg er ein, und die beiden isabellfarbenen Graditzer jagten im
+Fluge durch die Stadt hin und dann landeinwaerts auf den Bahnhof zu.
+
+Das war die erste lange Trennung, fast auf zwoelf Stunden. Arme
+Effi. Wie sollte sie den Abend verbringen? Frueh zu Bett, das war
+gefaehrlich, dann wachte sie auf und konnte nicht wieder einschlafen
+und horchte auf alles. Nein, erst recht muede werden und dann ein
+fester Schlaf, das war das beste. Sie schrieb einen Brief an die Mama
+und ging dann zu Frau Kruse, deren gemuetskranker Zustand - sie hatte
+das schwarze Huhn oft bis in die Nacht hinein auf ihrem Schoss - ihr
+Teilnahme einfloesste. Die Freundlichkeit indessen, die sich darin
+aussprach, wurde von der in ihrer ueberheizten Stube sitzenden und
+nur still und stumm vor sich hinbruetenden Frau keinen Augenblick
+erwidert, weshalb Effi, als sie wahrnahm, dass ihr Besuch mehr als
+Stoerung wie als Freude empfunden wurde, wieder ging und nur noch
+fragte, ob die Kranke etwas haben wolle. Diese lehnte aber alles ab.
+
+Inzwischen war es Abend geworden, und die Lampe brannte schon. Effi
+stellte sich ans Fenster ihres Zimmers und sah auf das Waeldchen
+hinaus, auf dessen Zweigen der glitzernde Schnee lag. Sie war von dem
+Bilde ganz in Anspruch genommen und kuemmerte sich nicht um das, was
+hinter ihr in dem Zimmer vorging. Als sie sich wieder umsah, bemerkte
+sie, dass Friedrich still und geraeuschlos ein Kuvert gelegt und ein
+Kabarett auf den Sofatisch gestellt hatte. "Ja so, Abendbrot ...
+Da werd ich mich nun wohl setzen muessen." Aber es wollte nicht
+schmecken, und so stand sie wieder auf und las den an die Mama
+geschriebenen Brief noch einmal durch. Hatte sie schon vorher ein
+Gefuehl der Einsamkeit gehabt, so jetzt doppelt. Was haette sie darum
+gegeben, wenn die beiden Jahnkeschen Rotkoepfe jetzt eingetreten
+waeren oder selbst Hulda. Die war freilich immer so sentimental und
+beschaeftigte sich meist nur mit ihren Triumphen; aber so zweifelhaft
+und anfechtbar diese Triumphe waren, sie haette sich in diesem
+Augenblick doch gern davon erzaehlen lassen. Schliesslich klappte sie
+den Fluegel auf, um zu spielen; aber es ging nicht. "Nein, dabei werd
+ich vollends melancholisch; lieber lesen." Und so suchte sie nach
+einem Buch. Das erste, was ihr zu Haenden kam, war ein dickes rotes
+Reisehandbuch, alter Jahrgang, vielleicht schon aus Innstettens
+Leutnantstagen her. "Ja, darin will ich lesen; es gibt nichts
+Beruhigenderes als solche Buecher. Das Gefaehrliche sind bloss immer
+die Karten; aber vor diesem Augenpulver, das ich hasse, werd ich mich
+schon hueten." Und so schlug sie denn auf gut Glueck auf: Seite 153.
+Nebenan hoerte sie das Ticktack der Uhr und draussen Rollo, der, seit
+es dunkel war, seinen Platz in der Remise aufgegeben und sich, wie
+jeden Abend, so auch heute wieder, auf die grosse geflochtene Matte,
+die vor dem Schlafzimmer lag, ausgestreckt hatte. Das Bewusstsein
+seiner Naehe minderte das Gefuehl ihrer Verlassenheit, ja, sie kam
+fast in Stimmung, und so begann sie denn auch unverzueglich zu lesen.
+Auf der gerade vor ihr aufgeschlagenen Seite war von der "Eremitage",
+dem bekannten markgraeflichen Lustschloss in der Naehe von Bayreuth,
+die Rede; das lockte sie, Bayreuth, Richard Wagner, und so las sie
+denn: Unter den Bildern in der Eremitage nennen wir noch eins, das
+nicht durch seine Schoenheit, wohl aber durch sein Alter und durch die
+Person, die es darstellt, ein Interesse beansprucht. Es ist dies ein
+stark nachgedunkeltes Frauenportraet, kleiner Kopf, mit herben, etwas
+unheimlichen Gesichtszuegen und einer Halskrause, die den Kopf zu
+tragen scheint. Einige meinen, es sei eine alte Markgraefin aus dem
+Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts, andere sind der Ansicht, es sei
+die Graefin von Orlamuende; darin aber sind beide einig, dass es das
+Bildnis der Dame sei, die seither in der Geschichte der Hohenzollern
+unter dem Namen der "weissen Frau" eine gewisse Beruehmtheit erlangt
+hat.
+
+"Das hab ich gut getroffen", sagte Effi, waehrend sie das Buch
+beiseite schob; "ich will mir die Nerven beruhigen, und das erste, was
+ich lese, ist die Geschichte von der 'weissen Frau', vor der ich mich
+gefuerchtet habe, solange ich denken kann. Aber da nun das Gruseln mal
+da ist, will ich doch auch zu Ende lesen."
+
+Und sie schlug wieder auf und las weiter: ... Ebendies alte Portraet
+(dessen Original in der Hohenzollernschen Familiengeschichte solche
+Rolle spielt) spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte
+des Schlosses Eremitage, was wohl damit zusammenhaengt, dass es an
+einer dem Fremden unsichtbaren Tapetentuer haengt, hinter der sich
+eine vom Souterrain her hinauffuehrende Treppe befindet. Es heisst,
+dass, als Napoleon hier uebernachtete, die "weisse Frau" aus dem
+Rahmen herausgetreten und auf sein Bett zugeschritten sei. Der Kaiser,
+entsetzt auffahrend, habe nach seinem Adjutanten gerufen und bis
+an sein Lebensende mit Entruestung von diesem "maudit chateau"
+gesprochen.
+
+"Ich muss es aufgeben, mich durch Lektuere beruhigen zu wollen",
+sagte Effi. "Lese ich weiter, so komm ich gewiss noch nach einem
+Kellergewoelbe, wo der Teufel auf einem Weinfass davongeritten ist.
+Es gibt, glaub ich, in Deutschland viel dergleichen, und in einem
+Reisehandbuch muss es sich natuerlich alles zusammenfinden. Ich will
+also lieber wieder die Augen schliessen und mir, so gut es geht,
+meinen Polterabend vorstellen: die Zwillinge, wie sie vor Traenen
+nicht weiterkonnten, und dazu den Vetter Briest, der, als sich alles
+verlegen anblickte, mit erstaunlicher Wuerde behauptete, solche
+Traenen oeffneten einem das Paradies. Er war wirklich scharmant und
+immer so uebermuetig ... Und nun ich! Und gerade hier. Ach, ich
+tauge doch gar nicht fuer eine grosse Dame. Die Mama, ja, die haette
+hierhergepasst, die haette, wie's einer Landraetin zukommt, den Ton
+angegeben, und Sidonie Grasenabb waere ganz Huldigung gegen sie
+gewesen und haette sich ueber ihren Glauben oder Unglauben nicht
+gross beunruhigt. Aber ich ... ich bin ein Kind und werd es auch wohl
+bleiben. Einmal hab ich gehoert, das sei ein Glueck. Aber ich weiss
+doch nicht, ob das wahr ist. Man muss doch immer dahin passen, wohin
+man nun mal gestellt ist." In diesem Augenblick kam Friedrich, um den
+Tisch abzuraeumen. "Wie spaet ist es, Friedrich?"
+
+"Es geht auf neun, gnaed'ge Frau."
+
+"Nun, das laesst sich hoeren. Schicken Sie mir Johanna."
+
+"Gnaed'ge Frau haben befohlen."
+
+"Ja, Johanna. Ich will zu Bett gehen. Es ist eigentlich noch frueh.
+Aber ich bin so allein. Bitte, tun Sie den Brief erst ein, und wenn
+Sie wieder da sind, nun, dann wird es wohl Zeit sein. Und wenn auch
+nicht."
+
+Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinueber. Richtig,
+auf der Binsenmatte lag Rollo. Als er Effi kommen sah, erhob er sich,
+um den Platz freizugeben, und strich mit seinem Behang an ihrer Hand
+hin. Dann legte er sich wieder nieder.
+
+Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt hinuebergegangen, um
+da den Brief einzustecken. Sie hatte sich drueben nicht sonderlich
+beeilt, vielmehr vorgezogen, mit der Frau Paaschen, des Amtsdieners
+Frau, ein Gespraech zu fuehren. Natuerlich ueber die junge Frau.
+
+"Wie ist sie denn?" fragte die Paaschen.
+
+"Sehr jung ist sie."
+
+"Nun, das ist kein Unglueck, eher umgekehrt. Die Jungen, und das ist
+eben das Gute, stehen immer bloss vorm Spiegel und zupfen und stecken
+sich was vor und sehen nicht viel und hoeren nicht viel und sind noch
+nicht so, dass sie draussen immer die Lichtstuempfe zaehlen und einem
+nicht goennen, dass man einen Kuss kriegt, bloss weil sie selber
+keinen mehr kriegen."
+
+"Ja", sagte Johanna, "so war meine vorige Madam, und ganz ohne Not.
+Aber davon hat unsere Gnaed'ge nichts."
+
+"Ist er denn sehr zaertlich?"
+
+"Oh, sehr. Das koennen Sie doch wohl denken." "Aber dass er sie so
+allein laesst ..."
+
+"Ja, liebe Paaschen, Sie duerfen nicht vergessen ... der Fuerst. Und
+dann, er ist ja doch am Ende Landrat. Und vielleicht will er auch noch
+hoeher."
+
+"Gewiss will er. Und er wird auch noch. Er hat so was. Paaschen sagt
+es auch immer, und er kennt seine Leute."
+
+Waehrend dieses Ganges drueben nach dem Amt hinueber war wohl eine
+Viertelstunde vergangen, und als Johanna wieder zurueck war, sass
+Effi schon vor dem Trumeau und wartete. "Sie sind lange geblieben,
+Johanna."
+
+"Ja, gnaed'ge Frau ... Gnaed'ge Frau wollen entschuldigen ... Ich traf
+drueben die Frau Paaschen, und da hab ich mich ein wenig verweilt. Es
+ist so still hier. Man ist immer froh, wenn man einen Menschen trifft,
+mit dem man ein Wort sprechen kann. Christel ist eine sehr gute
+Person, aber sie spricht nicht, und Friedrich ist so dusig und auch so
+vorsichtig und will mit der Sprache nie recht heraus. Gewiss, man muss
+auch schweigen koennen, und die Paaschen, die so neugierig und so ganz
+gewoehnlich ist, ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack; aber
+man hat es doch gern, wenn man mal was hoert und sieht."
+
+Effi seufzte. "Ja, Johanna, das ist auch das beste ..."
+
+"Gnaed'ge Frau haben so schoenes Haar, so lang und so seidenweich."
+
+"Ja, es ist sehr weich. Aber das ist nicht gut, Johanna. Wie das Haar
+ist, ist der Charakter."
+
+"Gewiss, gnaed'ge Frau. Und ein weicher Charakter ist doch besser als
+ein harter. Ich habe auch weiches Haar."
+
+"Ja, Johanna. Und Sie haben auch blondes. Das haben die Maenner am
+liebsten."
+
+"Ach, das ist doch sehr verschieden, gnaed'ge Frau. Manche sind doch
+auch fuer das schwarze."
+
+"Freilich", lachte Effi, "das habe ich auch schon gefunden. Es wird
+wohl an was anderem liegen. Aber die, die blond sind, die haben auch
+immer einen weissen Teint, Sie auch, Johanna, und ich moechte mich
+wohl verwetten, dass Sie viel Nachstellung haben. Ich bin noch sehr
+jung, aber das weiss ich doch auch. Und dann habe ich eine Freundin,
+die war auch so blond, ganz flachsblond, noch blonder als Sie, und war
+eine Predigertochter ..."
+
+"Ja, denn ..."
+
+"Aber ich bitte Sie, Johanna, was meinen Sie mit 'ja denn'? Das klingt
+ja ganz anzueglich und sonderbar, und Sie werden doch nichts gegen
+Predigerstoechter haben ... Es war ein sehr huebsches Maedchen, was
+selbst unsere Offiziere - wir hatten naemlich Offiziere, noch dazu
+rote Husaren - auch immer fanden, und verstand sich dabei sehr gut
+auf Toilette, schwarzes Sammetmieder und eine Blume, Rose oder auch
+Heliotrop, und wenn sie nicht so vorstehende grosse Augen gehabt
+haette ... ach, die haetten Sie sehen sollen, Johanna, wenigstens so
+gross (und Effi zog unter Lachen an ihrem rechten Augenlid), so waere
+sie geradezu eine Schoenheit gewesen. Sie hiess Hulda, Hulda Niemeyer,
+und wir waren nicht einmal so ganz intim; aber wenn ich sie jetzt hier
+haette und sie da saesse, da in der kleinen Sofaecke, so wollte ich
+bis Mitternacht mit ihr plaudern oder noch laenger. Ich habe solche
+Sehnsucht, und...", und dabei zog sie Johannas Kopf dicht an sich
+heran, "... ich habe solche Angst."
+
+"Ach, das gibt sich, gnaed'ge Frau, die hatten wir alle." "Die hattet
+ihr alle? Was soll das heissen, Johanna?"
+
+"... Und wenn die gnaed'ge Frau wirklich solche Angst haben, so kann
+ich mir ja ein Lager hier machen. Ich nehme die Strohmatte und kehre
+einen Stuhl um, dass ich eine Kopflehne habe, und dann schlafe ich
+hier, bis morgen frueh oder bis der gnaed'ge Herr wieder da ist."
+
+"Er will mich nicht stoeren. Das hat er mir eigens versprochen."
+
+"Oder ich setze mich bloss in die Sofaecke."
+
+"Ja, das ginge vielleicht. Aber nein, es geht auch nicht. Der Herr
+darf nicht wissen, dass ich mich aengstige, das liebt er nicht. Er
+will immer, dass ich tapfer und entschlossen bin, so wie er. Und das
+kann ich nicht; ich war immer etwas anfaellig ... Aber freilich, ich
+sehe wohl ein, ich muss mich bezwingen und ihm in solchen Stuecken und
+ueberhaupt zu Willen sein ... Und dann habe ich ja auch Rollo. Der
+liegt ja vor der Tuerschwelle."
+
+Johanna nickte zu jedem Wort und zuendete dann das Licht an, das auf
+Effis Nachttisch stand. Dann nahm sie die Lampe. "Befehlen gnaed'ge
+Frau noch etwas?"
+
+"Nein, Johanna. Die Laeden sind doch fest geschlossen?" "Bloss
+angelegt, gnaed'ge Frau. Es ist sonst so dunkel und so stickig."
+
+"Gut, gut."
+
+Und nun entfernte sich Johanna; Effi aber ging auf ihr Bett zu und
+wickelte sich in ihre Decken.
+
+Sie liess das Licht brennen, weil sie gewillt war, nicht gleich
+einzuschlafen, vielmehr vorhatte, wie vorhin ihren Polterabend,
+so jetzt ihre Hochzeitsreise zu rekapitulieren und alles an sich
+vorueberziehen zu lassen. Aber es kam anders, wie sie gedacht, und
+als sie bis Verona war und nach dem Hause der Julia Capulet suchte,
+fielen ihr schon die Augen zu. Das Stuempfchen Licht in dem kleinen
+Silberleuchter brannte allmaehlich nieder, und nun flackerte es noch
+einmal auf und erlosch. Effi schlief eine Weile ganz fest. Aber mit
+einem Male fuhr sie mit einem lauten Schrei aus ihrem Schlaf auf, ja,
+sie hoerte selber noch den Aufschrei und auch, wie Rollo draussen
+anschlug - "wau, wau", klang es den Flur entlang, dumpf und selber
+beinahe aengstlich. Ihr war, als ob ihr das Herz stillstaende; sie
+konnte nicht rufen, und in diesem Augenblick huschte was an ihr
+vorbei, und die nach dem Flur hinausfuehrende Tuer sprang auf. Aber
+ebendieser Moment hoechster Angst war auch der ihrer Befreiung, denn
+statt etwas Schrecklichem kam jetzt Rollo auf sie zu, suchte mit
+seinem Kopf nach ihrer Hand und legte sich, als er diese gefunden,
+auf den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder. Effi selber
+aber hatte mit der anderen Hand dreimal auf den Knopf der Klingel
+gedrueckt, und keine halbe Minute, so war Johanna da, barfuessig,
+den Rock ueber dem Arm und ein grosses kariertes Tuch ueber Kopf und
+Schulter geschlagen. "Gott sei Dank, Johanna, dass Sie da sind."
+
+"Was war denn, gnaed'ge Frau? Gnaed'ge Frau haben getraeumt."
+
+"Ja, getraeumt. Es muss so was gewesen sein ... aber es war doch auch
+noch was anderes." - "Was denn, gnaed'ge Frau?" "Ich schlief ganz
+fest, und mit einem Male fuhr ich auf und schrie ... vielleicht, dass
+es ein Alpdruck war ... Alpdruck ist in unserer Familie, mein Papa hat
+es auch und aengstigt uns damit, und nur die Mama sagt immer, er solle
+sich nicht so gehenlassen; aber das ist leicht gesagt ... Ich fuhr
+also auf aus dem Schlaf und schrie, und als ich mich umsah, so gut es
+eben ging in dem Dunkel, da strich was an meinem Bett vorbei, gerade
+da, wo Sie jetzt stehen, Johanna, und dann war es weg. Und wenn ich
+mich recht frage, was es war ...""Nun, was denn, gnaed'ge Frau?"
+
+"Und wenn ich mich recht frage ... ich mag es nicht sagen, Johanna ...
+aber ich glaube, der Chinese."
+
+"Der von oben?" Und Johanna versuchte zu lachen. "Unser kleiner
+Chinese, den wir an die Stuhllehne geklebt haben, Christel und ich?
+Ach, gnaed'ge Frau haben getraeumt, und wenn Sie schon wach waren, so
+war es doch alles noch aus dem Traum."
+
+"Ich wuerd es glauben. Aber es war genau derselbe Augenblick, wo Rollo
+draussen anschlug, der muss es also auch gesehen haben, und dann flog
+die Tuer auf, und das gute, treue Tier sprang auf mich los, als ob es
+mich zu retten kaeme. Ach, meine liebe Johanna, es war entsetzlich.
+Und ich so allein und so jung. Ach, wenn ich doch wen hier haette, bei
+dem ich weinen koennte. Aber so weit von Hause ... Ach, von Hause ..."
+"Der Herr kann jede Stunde kommen."
+
+"Nein, er soll nicht kommen; er soll mich nicht so sehen. Er wuerde
+mich vielleicht auslachen, und das koennt ich ihm nie verzeihen. Denn
+es war so furchtbar, Johanna ... Sie muessen nun hierbleiben ... Aber
+lassen Sie Christel schlafen und Friedrich auch. Es soll es keiner
+wissen."
+
+"Oder vielleicht kann ich auch die Frau Kruse holen; die schlaeft doch
+nicht, die sitzt die ganze Nacht da."
+
+"Nein, nein, die ist selber so was. Das mit dem schwarzen Huhn, das
+ist auch sowas; die darf nicht kommen. Nein, Johanna, Sie bleiben
+allein hier. Und wie gut, dass Sie die Laeden nur angelegt. Stossen
+Sie sie auf, recht laut, dass ich einen Ton hoere, einen menschlichen
+Ton ... ich muss es so nennen, wenn es auch sonderbar klingt ... und
+dann machen Sie das Fenster ein wenig auf, dass ich Luft und Licht
+habe." Johanna tat, wie ihr geheissen, und Effi fiel in ihre Kissen
+zurueck und bald danach in einen lethargischen Schlaf.
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+Innstetten war erst sechs Uhr frueh von Varzin zurueckgekommen und
+hatte sich, Rollos Liebkosungen abwehrend, so leise wie moeglich in
+sein Zimmer zurueckgezogen. Er machte sich's hier bequem und duldete
+nur, dass ihn Friedrich mit einer Reisedecke zudeckte.
+
+"Wecke mich um neun!"
+
+Und um diese Stunde war er denn auch geweckt worden. Er stand rasch
+auf und sagte: "Bring das Fruehstueck!"
+
+"Die gnaedige Frau schlaeft noch."
+
+"Aber es ist ja schon spaet. Ist etwas passiert?"
+
+"Ich weiss es nicht; ich weiss nur, Johanna hat die Nacht ueber im
+Zimmer der gnaedigen Frau schlafen muessen."
+
+"Nun, dann schicke Johanna."
+
+Diese kam denn auch. Sie hatte denselben rosigen Teint wie immer,
+schien sich also die Vorgaenge der Nacht nicht sonderlich zu Gemuete
+genommen zu haben.
+
+"Was ist das mit der gnaed'gen Frau? Friedrich sagt mir, es Sei was
+passiert und Sie haetten drueben geschlafen."
+
+"Ja, Herr Baron. Gnaed'ge Frau klingelte dreimal ganz rasch
+hintereinander, dass ich gleich dachte, es bedeutet was. Und so war es
+auch. Sie hat wohl getraeumt, aber vielleicht war es auch das andere."
+
+"Welches andere?"
+
+"Ach, der gnaed'ge Herr wissen ja."
+
+"Ich weiss nichts. Jedenfalls muss ein Ende damit gemacht werden. Und
+wie fanden Sie die Frau?"
+
+"Sie war wie ausser sich und hielt das Halsband von Rollo, der neben
+dem Bett der gnaed'gen Frau stand, fest umklammert. Und das Tier
+aengstigte sich auch."
+
+"Und was hatte sie getraeumt oder meinetwegen auch, was hatte sie
+gehoert oder gesehen? Was sagte sie?"
+
+"Es sei so hingeschlichen, dicht an ihr vorbei." "Was? Wer?"
+
+"Der von oben. Der aus dem Saal oder aus der kleinen Kammer."
+
+"Unsinn, sag ich. Immer wieder das alberne Zeug; ich mag davon nicht
+mehr hoeren. Und dann blieben Sie bei der Frau?"
+
+"Ja, gnaed'ger Herr. Ich machte mir ein Lager an der Erde dicht neben
+ihr. Und ich musste ihre Hand halten, und dann schlief sie ein."
+
+"Und sie schlaeft noch?" "Ganz fest."
+
+"Das ist mir aengstlich, Johanna. Man kann sich gesund schlafen, aber
+auch krank. Wir muessen sie wecken, natuerlich vorsichtig, dass sie
+nicht wieder erschrickt. Und Friedrich soll das Fruehstueck nicht
+bringen; ich will warten, bis die gnaed'ge Frau da ist. Und machen
+Sie's geschickt."
+
+Eine halbe Stunde spaeter kam Effi. Sie sah reizend aus, ganz blass,
+und stuetzte sich auf Johanna. Als sie aber Innstettens ansichtig
+wurde, stuerzte sie auf ihn zu und umarmte und kuesste ihn. Und dabei
+liefen ihr die Traenen uebers Gesicht. "Ach, Geert, Gott sei Dank,
+dass du da bist. Nun ist alles wieder gut. Du darfst nicht wieder
+fort, du darfst mich nicht wieder allein lassen."
+
+"Meine liebe Effi ... Stellen Sie hin, Friedrich, ich werde schon
+alles zurechtmachen ... Meine liebe Effi, ich lasse dich ja nicht
+allein aus Ruecksichtslosigkeit oder Laune, sondern weil es so sein
+muss; ich habe keine Wahl, ich bin ein Mann im Dienst, ich kann zum
+Fuersten oder auch zur Fuerstin nicht sagen: Durchlaucht, ich kann
+nicht kommen, meine Frau ist so allein, oder meine Frau fuerchtet
+sich. Wenn ich das sagte, wuerden wir in einem ziemlich komischen
+Licht dastehen, ich gewiss und du auch. Aber nimm erst eine Tasse
+Kaffee."
+
+Effi trank, was sie sichtlich belebte. Dann ergriff sie wieder ihres
+Mannes Hand und sagte: "Du sollst recht haben; ich sehe ein, das geht
+nicht. Und dann wollen wir ja auch hoeher hinauf. Ich sage wir, denn
+ich bin eigentlich begieriger danach als du ..."
+
+"So sind alle Frauen", lachte Innstetten.
+
+"Also abgemacht; du nimmst die Einladungen an nach wie vor, und ich
+bleibe hier und warte auf meinen 'hohen Herrn', wobei mir Hulda unterm
+Holunderbaum einfaellt. Wie's ihr wohl gehen mag?"
+
+"Damen wie Hulda geht es immer gut. Aber was wolltest du noch sagen?"
+
+"Ich wollte sagen, ich bleibe hier und auch allein, wenn es sein muss.
+Aber nicht in diesem Hause. Lass uns die Wohnung wechseln. Es gibt so
+huebsche Haeuser am Bollwerk, eins zwischen Konsul Martens und Konsul
+Gruetzmacher und eins am Markt, gerade gegenueber von Gieshuebler;
+warum koennen wir da nicht wohnen? Warum gerade hier? Ich habe, wenn
+wir Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft gehoert, dass in
+Berlin Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben
+oder wegen einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher
+Kleinigkeiten willen geschieht ..."
+
+"Kleinigkeiten? Portiersfrau? Das sage nicht ..."
+
+"Wenn das um solcher Dinge willen moeglich ist, so muss es doch auch
+hier moeglich sein, wo du Landrat bist und die Leute dir zu Willen
+sind und viele selbst zu Dank verpflichtet. Gieshuebler wuerde uns
+gewiss dabei behilflich sein, wenn auch nur um meinetwegen, denn er
+wird Mitleid mit mir haben. Und nun sage, Geert, wollen wir dies
+verwunschene Haus aufgeben, dies Haus mit dem ..."
+
+"... Chinesen, willst du sagen. Du siehst, Effi, man kann das
+furchtbare Wort aussprechen, ohne dass er erscheint. Was du da gesehen
+hast oder was da, wie du meinst, an deinem Bett vorueberschlich,
+das war der kleine Chinese, den die Maedchen oben an die Stuhllehne
+geklebt haben; ich wette, dass er einen blauen Rock anhatte und einen
+ganz flachen Deckelhut mit einem blanken Knopf oben."
+
+Sie nickte.
+
+"Nun, siehst du, Traum, Sinnestaeuschung. Und dann wird dir Johanna
+wohl gestern abend was erzaehlt haben, von der Hochzeit hier oben ..."
+
+"Nein."
+
+"Desto besser."
+
+"Kein Wort hat sie mir erzaehlt. Aber ich sehe doch aus dem allen,
+dass es hier etwas Sonderbares gibt. Und dann das Krokodil; es ist
+alles so unheimlich."
+
+"Den ersten Abend, als du das Krokodil sahst, fandest du's
+maerchenhaft ..."
+
+"Ja, damals ..."
+
+"... Und dann, Effi, kann ich hier nicht gut fort, auch wenn es
+moeglich waere, das Haus zu verkaufen oder einen Tausch zu machen. Es
+ist damit ganz wie mit einer Absage nach Varzin hin. Ich kann hier in
+der Stadt die Leute nicht sagen lassen, Landrat Innstetten verkauft
+sein Haus, weil seine Frau den aufgeklebten kleinen Chinesen als Spuk
+an ihrem Bett gesehen hat. Dann bin ich verloren, Effi. Von solcher
+Laecherlichkeit kann man sich nie wieder erholen."
+
+"Ja, Geert, bist du denn so sicher, dass es so was nicht gibt?" "Will
+ich nicht behaupten. Es ist eine Sache, die man glauben und noch
+besser nicht glauben kann. Aber angenommen, es gaebe dergleichen,
+was schadet es? Dass in der Luft Bazillen herumfliegen, von denen du
+gehoert haben wirst, ist viel schlimmer und gefaehrlicher als diese
+ganze Geistertummelage. Vorausgesetzt, dass sie sich tummeln, dass so
+was wirklich existiert. Und dann bin ich ueberrascht, solcher Furcht
+und Abneigung gerade bei dir zu begegnen, bei einer Briest Das ist ja,
+wie wenn du aus einem kleinen Buergerhause stammtest. Spuk ist ein
+Vorzug, wie Stammbaum und dergleichen, und ich kenne Familien, die
+sich ebensogern ihr Wappen nehmen liessen als ihre 'weisse Frau', die
+natuerlich auch eine schwarze sein kann."
+
+Effi schwieg.
+
+"Nun, Effi. Keine Antwort?"
+
+"Was soll ich antworten? Ich habe dir nachgegeben und mich willig
+gezeigt, aber ich finde doch, dass du deinerseits teilnahmsvoller sein
+koenntest. Wenn du wuesstest, wie mir gerade danach verlangt. Ich habe
+sehr gelitten, wirklich sehr, und als ich dich sah, da dacht ich, nun
+wuerd ich frei werden von meiner Angst. Aber du sagst mir bloss, dass
+du nicht Lust haettest, dich laecherlich zu machen, nicht vor dem
+Fuersten und auch nicht vor der Stadt. Das ist ein geringer Trost. Ich
+finde es wenig und um so weniger, als du dir schliesslich auch noch
+widersprichst und nicht bloss persoenlich an diese Dinge zu glauben
+scheinst, sondern auch noch einen adligen Spukstolz von mir forderst.
+Nun, den hab ich nicht. Und wenn du von Familien sprichst, denen ihr
+Spuk soviel wert sei wie ihr Wappen, so ist das Geschmackssache: Mir
+gilt mein Wappen mehr. Gott sei Dank haben wir Briests keinen Spuk.
+Die Briests waren immer sehr gute Leute, und damit haengt es wohl
+zusammen."
+
+Der Streit haette wohl noch angedauert und vielleicht zu einer ersten
+ernstlichen Verstimmung gefuehrt, wenn Friedrich nicht eingetreten
+waere, um der gnaedigen Frau einen Brief zu uebergeben. "Von Herrn
+Gieshuebler. Der Bote wartet auf Antwort."
+
+Aller Unmut auf Effis Antlitz war sofort verschwunden; schon bloss
+Gieshueblers Namen zu hoeren tat Effi wohl, und ihr Wohlgefuehl
+steigerte sich, als sie jetzt den Brief musterte. Zunaechst war es
+gar kein Brief, sondern ein Billett, die Adresse "Frau Baronin von
+Innstetten, geb. von Briest" in wundervoller Kanzleihandschrift und
+statt des Siegels ein aufgeklebtes rundes Bildchen, eine Lyra, darin
+ein Stab steckte. Dieser Stab konnte aber auch ein Pfeil sein. Sie
+reichte das Billett ihrem Mann, der es ebenfalls bewunderte. "Nun lies
+aber."
+
+Und nun loeste Effi die Oblate und las: "Hochverehrteste Frau,
+gnaedigste Frau Baronin! Gestatten Sie mir, meinem respektvollsten
+Vormittagsgruss eine ganz gehorsamste Bitte hinzufuegen zu duerfen.
+Mit dem Mittagszug wird eine vieljaehrige liebe Freundin von mir, eine
+Tochter unserer Guten Stadt Kessin, Fraeulein Marietta Trippelli, hier
+eintreffen und bis morgen frueh unter uns weilen. Am 17. will sie in
+Petersburg sein, um daselbst bis Mitte Januar zu konzertieren. Fuerst
+Kotschukoff oeffnet ihr auch diesmal wieder sein gastliches Haus. In
+ihrer immer gleichen Guete gegen mich hat die Trippelli mir zugesagt,
+den heutigen Abend bei mir zubringen und einige Lieder ganz nach
+meiner Wahl (denn sie kennt keine Schwierigkeiten) vortragen zu
+wollen. Koennten sich Frau Baronin dazu verstehen, diesem Musikabend
+beizuwohnen? Sieben Uhr. Ihr Herr Gemahl, auf dessen Erscheinen ich
+mit Sicherheit rechne, wird meine gehorsamste Bitte unterstuetzen.
+Anwesend nur Pastor Lindequist (der begleitet) und natuerlich die
+verwitwete Frau Pastorin Trippel. In vorzueglicher Ergebenheit A.
+Gieshuebler."
+
+"Nun -", sagte Innstetten, "ja oder nein?"
+
+"Natuerlich ja. Das wird mich herausreissen. Und dann kann ich doch
+meinem lieben Gieshuebler nicht gleich bei seiner ersten Einladung
+einen Korb geben."
+
+"Einverstanden. Also Friedrich, sagen Sie Mirambo, der doch wohl das
+Billett gebracht haben wird, wir wuerden die Ehre haben." Friedrich
+ging.
+
+Als er fort war, fragte Effi: "Wer ist Mirambo?"
+
+"Der echte Mirambo ist Raeuberhauptmann in Afrika -Tanganjika-See,
+wenn deine Geographie so weit reicht -, unserer aber ist bloss
+Gieshueblers Kohlenprovisor und Faktotum und wird heute abend in Frack
+und baumwollenen Handschuhen sehr wahrscheinlich aufwarten."
+
+Es war ganz ersichtlich, dass der kleine Zwischenfall auf Effi
+guenstig eingewirkt und ihr ein gut Teil ihrer Leichtlebigkeit
+zurueckgegeben hatte, Innstetten aber wollte das Seine tun, diese
+Rekonvaleszens zu steigern. "Ich freue mich, dass du ja gesagt hast
+und so rasch und ohne Besinnen, und nun moecht ich dir noch einen
+Vorschlag machen, um dich ganz wieder in Ordnung zu bringen. Ich sehe
+wohl, es schleicht dir von der Nacht her etwas nach, das zu meiner
+Effi nicht passt, das durchaus wieder fort muss, und dazu gibt es
+nichts Besseres als frische Luft. Das Wetter ist prachtvoll, frisch
+und milde zugleich, kaum dass ein Lueftchen geht; was meinst du, wenn
+wir eine Spazierfahrt machten, aber eine lange, nicht bloss so durch
+die Plantage hin, und natuerlich im Schlitten und das Gelaeut auf und
+die weissen Schneedecken, und wenn wir dann um vier zurueck sind, dann
+ruhst du dich aus, und um sieben sind wir bei Gieshuebler und hoeren
+die Trippelli."
+
+Effi nahm seine Hand. "Wie gut du bist, Geert, und wie nachsichtig.
+Denn ich muss dir ja kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich
+vorgekommen sein; erst das mit meiner Angst und dann hinterher, dass
+ich dir einen Hausverkauf, und was noch schlimmer ist, das mit dem
+Fuersten ansinne. Du sollst ihm den Stuhl vor die Tuer setzen - es
+ist zum Lachen. Denn schliesslich ist er doch der Mann, der ueber uns
+entscheidet. Auch ueber mich. Du glaubst gar nicht, wie ehrgeizig ich
+bin. Ich habe dich eigentlich bloss aus Ehrgeiz geheiratet. Aber du
+musst nicht solch ernstes Gesicht dabei machen. Ich liebe dich ja ...
+wie heisst es doch, wenn man einen Zweig abbricht und die Blaetter
+abreisst? Von Herzen mit Schmerzen, ueber alle Massen."
+
+Und sie lachte hell auf. "Und nun sage mir", fuhr sie fort, als
+Innstetten noch immer schwieg, wo soll es hingehen?" "Ich habe mir
+gedacht, nach der Bahnstation, aber auf einem Umweg, und dann auf der
+Chaussee zurueck. Und auf der Station essen wir oder noch besser bei
+Golchowski, in dem Gasthof 'Zum Fuersten Bismarck', dran wir, wenn du
+dich vielleicht erinnerst, am Tag unserer Ankunft vorueberkamen. Solch
+Vorsprechen wirkt immer gut, und ich habe dann mit dem Starosten von
+Effis Gnaden ein Wahlgespraech, und wenn er auch persoenlich nicht
+viel taugt, seine Wirtschaft haelt er in Ordnung und seine Kueche noch
+besser. Auf Essen und Trinken verstehen sich die Leute hier."
+
+Es war gegen elf, dass sie dies Gespraech fuehrten. Um zwoelf hielt
+Kruse mit dem Schlitten vor der Tuer, und Effi stieg ein. Johanna
+wollte Fusssack und Pelze bringen, aber Effi hatte nach allem, was
+noch auf ihr lag, so sehr das Beduerfnis nach frischer Luft, dass sie
+alles zurueckwies und nur eine doppelte Decke nahm. Innstetten aber
+sagte zu Kruse: "Kruse, wir wollen nun also nach dem Bahnhof, wo wir
+zwei beide heute frueh schon mal waren. Die Leute werden sich wundern,
+aber es schadet nichts. Ich denke, wir fahren hier an der Plantage
+entlang und dann links auf den Kroschentiner Kirchturm zu. Lassen Sie
+die Pferde laufen. Um eins muessen wir am Bahnhof sein."
+
+Und so ging die Fahrt. Ueber den weissen Daechern der Stadt stand der
+Rauch, denn die Luftbewegung war gering. Auch Utpatels Muehle drehte
+sich nur langsam, und im Fluge fuhren sie daran vorueber, dicht
+am Kirchhofe hin, dessen Berberitzenstraeucher ueber das Gitter
+hinauswuchsen und mit ihren Spitzen Effi streiften, so dass der Schnee
+auf ihre Reisedecke fiel. Auf der anderen Seite des Weges war ein
+eingefriedeter Platz, nicht viel groesser als ein Gartenbeet, und
+innerhalb nichts sichtbar als eine junge Kiefer, die mitten daraus
+hervorragte.
+
+"Liegt da auch wer begraben?" fragte Effi. "Ja, der Chinese."
+
+Effi fuhr zusammen; es war ihr wie ein Stich. Aber sie hatte doch
+Kraft genug, sich zu beherrschen, und fragte mit anscheinender Ruhe:
+
+"Unserer?"
+
+"Ja, unserer. Auf dem Gemeindekirchhof war er natuerlich nicht
+unterzubringen, und da hat denn Kapitaen Thomsen, der so was wie sein
+Freund war, diese Stelle gekauft und ihn hier begraben lassen. Es ist
+auch ein Stein da mit Inschrift. Alles natuerlich vor meiner Zeit.
+Aber es wird noch immer davon gesprochen."
+
+"Also ist es doch was damit. Eine Geschichte. Du sagtest schon heute
+frueh so was. Und es wird am Ende das beste sein, ich hoere, was es
+ist. Solange ich es nicht weiss, bin ich, trotz aller guten Vorsaetze,
+noch immer ein Opfer meiner Vorstellungen. Erzaehle mir das Wirkliche.
+Die Wirklichkeit kann mich nicht so quaelen wie meine Phantasie."
+
+"Bravo, Effi Ich wollte nicht davon sprechen. Aber nun macht es sich
+so von selbst, und das ist gut. Uebrigens ist es eigentlich gar
+nichts."
+
+"Mir gleich; gar nichts oder viel oder wenig. Fange nur an."
+
+"Ja, das ist leicht gesagt. Der Anfang ist immer das schwerste, auch
+bei Geschichten. Nun, ich denke, ich beginne mit Kapitaen Thomsen."
+
+"Gut, gut."
+
+"Also Thomsen, den ich dir schon genannt habe, war viele Jahre lang
+ein sogenannter Chinafahrer, immer mit Reisfracht zwischen Schanghai
+und Singapur, und mochte wohl schon sechzig sein, als er hier ankam.
+Ich weiss nicht, ob er hier geboren war oder ob er andere Beziehungen
+hier hatte. Kurz und gut, er war nun da und verkaufte sein Schiff,
+einen alten Kasten, draus er nicht viel herausschlug, und kaufte sich
+ein Haus, dasselbe, drin wir jetzt wohnen. Denn er war draussen in der
+Welt ein vermoegender Mann geworden. Und von daher schreibt sich auch
+das Krokodil und der Haifisch und natuerlich auch das Schiff ... Also
+Thomsen war nun da, ein sehr adretter Mann (so wenigstens hat man mir
+gesagt) und wohlgelitten. Auch beim Buergermeister Kirstein, vor allem
+bei dem damaligen Pastor in Kessin, einem Berliner, der kurz vor
+Thomsen auch hierhergekommen war und viel Anfeindung hatte."
+
+"Glaub ich. Ich merke das auch; sie sind hier so streng und
+selbstgerecht. Ich glaube, das ist pommersch."
+
+"Ja und nein, je nachdem. Es gibt auch Gegenden, wo sie gar nicht
+streng sind und wo's drunter und drueber geht... Aber sieh nur, Effi,
+da haben wir gerade den Kroschentiner Kirchturm dicht vor uns. Wollen
+wir nicht den Bahnhof aufgeben und lieber bei der alten Frau von
+Grasenabb vorfahren? Sidonie, wenn ich recht berichtet bin, ist nicht
+zu Hause. Wir koennten es also wagen ..."
+
+"Ich bitte dich, Geert, wo denkst du hin? Es ist ja himmlisch, so
+hinzufliegen, und ich fuehle ordentlich, wie mir so frei wird und wie
+alle Angst von mir abfaellt. Und nun soll ich das alles aufgeben,
+bloss um den alten Leuten eine Stippvisite zu machen und ihnen sehr
+wahrscheinlich eine Verlegenheit zu schaffen. Um Gottes willen nicht.
+Und dann will ich vor allem auch die Geschichte hoeren. Also wir waren
+bei Kapitaen Thomsen, den ich mir als einen Daenen oder Englaender
+denke, sehr sauber, mit weissen Vatermoerdern und ganz weisser Waesche
+..."
+
+"Ganz richtig. So soll er gewesen sein. Und mit ihm war eine junge
+Person von etwa zwanzig, von der einige sagen, sie sei seine Nichte
+gewesen, aber die meisten sagen, seine Enkelin, was uebrigens den
+Jahren nach kaum moeglich. Und ausser der Enkelin oder der Nichte war
+da auch noch ein Chinese, derselbe, der da zwischen den Duenen liegt
+und an dessen Grab wir eben voruebergekommen sind."
+
+"Gut, gut."
+
+"Also dieser Chinese war Diener bei Thomsen, und Thomsen hielt so
+grosse Stuecke auf ihn, dass er eigentlich mehr Freund als Diener war.
+Und das ging so Jahr und Tag. Da mit einem Male hiess es, Thomsens
+Enkelin, die, glaub ich, Nina hiess, solle sich, nach des Alten
+Wunsch, verheiraten, auch mit einem Kapitaen. Und richtig, so war es
+auch. Es gab eine grosse Hochzeit im Hause, der Berliner Pastor tat
+sie zusammen, und Mueller Utpatel, der ein Konventikler war, und
+Gieshuebler, dem man in der Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht
+recht traute, waren geladen und vor allem viele Kapitaene mit ihren
+Frauen und Toechtern. Und wie man sich denken kann, es ging hoch her.
+Am Abend aber war Tanz, und die Braut tanzte mit jedem und zuletzt
+auch mit dem Chinesen. Da mit einemmal hiess es, sie sei fort, die
+Braut naemlich. Und sie war auch wirklich fort, irgendwohin, und
+niemand weiss, was da vorgefallen. Und nach vierzehn Tagen starb der
+Chinese; Thomsen kaufte die Stelle, die ich dir gezeigt habe, und da
+wurd er begraben. Der Berliner Pastor aber soll gesagt haben, man
+haette ihn auch ruhig auf dem christlichen Kirchhof begraben koennen,
+denn der Chinese sei ein sehr guter Mensch gewesen und geradesogut wie
+die anderen. Wen er mit den 'anderen' eigentlich gemeint hat, sagte
+mir Gieshuebler, das wisse man nicht recht."
+
+"Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar gegen den Pastor; so
+was darf man nicht aussprechen, weil es gewagt und unpassend ist. Das
+wuerde selbst Niemeyer nicht gesagt haben."
+
+"Und das ist auch dem armen Pastor, der uebrigens Trippel hiess,
+sehr verdacht worden, so dass es eigentlich ein Glueck war, dass er
+drueberhin starb, sonst haette er seine Stelle verloren. Denn die
+Stadt, trotzdem sie ihn gewaehlt, war doch auch gegen ihn, geradeso
+wie du, und das Konsistorium natuerlich erst recht."
+
+"Trippel, sagst du? Dann haengt er am Ende mit der Frau Pastor Trippel
+zusammen, die wir heute abend sehen sollen?" "Natuerlich haengt er mit
+der zusammen. Er war ihr Mann und ist der Vater von der Trippelli."
+
+Effi lachte. "Von der Trippelli! Nun sehe ich erst klar in allem. Dass
+sie in Kessin geboren, schrieb ja schon Gieshuebler; aber ich dachte,
+sie sei die Tochter von einem italienischen Konsul. Wir haben ja so
+viele fremdlaendische Namen hier. Und nun ist sie gut deutsch und
+stammt von Trippel. Ist sie denn so vorzueglich, dass sie wagen
+konnte, sich so zu italienisieren?"
+
+"Dem Mutigen gehoert die Welt. Uebrigens ist sie ganz tuechtig. Sie
+war ein paar Jahre lang in Paris bei der beruehmten Viardot, wo
+sie auch den russischen Fuersten kennenlernte, denn die russischen
+Fuersten sind sehr aufgeklaert, ueber kleine Standesvorurteile weg,
+und Kotschukoff und Gieshuebler - den sie uebrigens 'Onkel' nennt, und
+man kann fast von ihm sagen, er sei der geborene Onkel -, diese beiden
+sind es recht eigentlich, die die kleine Marie Trippel zu dem gemacht
+haben, was sie jetzt ist. Gieshuebler war es, durch den sie nach Paris
+kam, und Kotschukoff hat sie dann in die Trippelli transponiert."
+
+"Ach, Geert, wie reizend ist das alles, und welch Alltagsleben habe
+ich doch in Hohen-Cremmen gefuehrt! Nie was Apartes."
+
+Innstetten nahm ihre Hand und sagte: "So darfst du nicht sprechen,
+Effi. Spuk, dazu kann man sich stellen, wie man will. Aber huete
+dich vor dem Aparten oder was man so das Aparte nennt. Was dir so
+verlockend erscheint - und ich rechne auch ein Leben dahin, wie's die
+Trippelli fuehrt -, das bezahlt man in der Regel mit seinem Glueck.
+Ich weiss wohl, wie sehr du dein Hohen-Cremmen liebst und daran
+haengst, aber du spottest doch auch oft darueber und hast keine Ahnung
+davon, was stille Tage, wie die Hohen-Cremmer, bedeuten."
+
+"Doch, doch", sagte sie. "Ich weiss es wohl. Ich hoere nur gern einmal
+von etwas anderem, und dann wandelt mich die Lust an, mit dabeizusein.
+Aber du hast ganz recht. Und eigentlich hab ich doch eine Sehnsucht
+nach Ruh und Frieden."
+
+Innstetten drohte ihr mit dem Finger. "Meine einzig liebe Effi, das
+denkst du dir nun auch wieder so aus. Immer Phantasien, mal so, mal
+so."
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+Die Fahrt verlief ganz wie geplant. Um ein Uhr hielt der Schlitten
+unten am Bahndamm vor dem Gasthaus "Zum Fuersten Bismarck", und
+Golchowski, gluecklich, den Landrat bei sich zu sehen, war beflissen,
+ein vorzuegliches Dejeuner herzurichten. Als zuletzt das Dessert und
+der Ungarwein aufgetragen wurden, rief Innstetten den von Zeit zu Zeit
+erscheinenden und nach der Ordnung sehenden Wirt heran und bat ihn,
+sich mit an den Tisch zu setzen und ihnen was zu erzaehlen. Dazu war
+Golchowski denn auch der rechte Mann; auf zwei Meilen in der Runde
+wurde kein Ei gelegt, von dem er nicht wusste. Das zeigte sich auch
+heute wieder. Sidonie Grasenabb, Innstetten hatte recht vermutet, war,
+wie vorige Weihnachten, so auch diesmal wieder auf vier Wochen zu
+"Hofpredigers" gereist; Frau von Palleske, so hiess es weiter, habe
+ihre Jungfer wegen einer fatalen Geschichte Knall und Fall entlassen
+muessen, und mit dem alten Fraude steh es schlecht - es werde zwar in
+Kurs gesetzt, er sei bloss ausgeglitten, aber es sei ein Schlaganfall
+gewesen, und der Sohn, der in Lissa bei den Husaren stehe, werde jede
+Stunde erwartet. Nach diesem Geplaenkel war man dann, zu Ernsthafterem
+uebergehend, auf Varzin gekommen. "Ja", sagte Golchowski, "wenn man
+sich den Fuersten so als Papiermueller denkt! Es ist doch alles sehr
+merkwuerdig; eigentlich kann er die Schreiberei nicht leiden und das
+bedruckte Papier erst recht nicht, und nun legt er doch selber eine
+Papiermuehle an."
+
+"Schon recht, lieber Golchowski", sagte Innstetten, "aber aus solchen
+Widerspruechen kommt man im Leben nicht heraus. Und da hilft auch kein
+Fuerst und keine Groesse."
+
+"Nein, nein, da hilft keine Groesse."
+
+Wahrscheinlich, dass sich dies Gespraech ueber den Fuersten noch
+fortgesetzt haette, wenn nicht in ebendiesem Augenblicke die von der
+Bahn her herueberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug
+angemeldet haette. Innstetten sah nach der Uhr. "Welcher Zug ist das,
+Golchowski?"
+
+"Das ist der Danziger Schnellzug; er haelt hier nicht, aber ich gehe
+doch immer hinauf und zaehle die Wagen, und mitunter steht auch einer
+am Fenster, den ich kenne. Hier, gleich hinter meinem Hofe, fuehrt
+eine Treppe den Damm hinauf, Waerterhaus 417 ..."
+
+"Oh, das wollen wir uns zunutze machen", sagte Effi. "Ich sehe so gern
+Zuege ..."
+
+"Dann ist es die hoechste Zeit, gnaed'ge Frau."
+
+Und so machten sich denn alle drei auf den Weg und stellten sich,
+als sie oben waren, in einem neben dem Waerterhaus gelegenen
+Gartenstreifen auf, der jetzt freilich unter Schnee lag, aber doch
+eine freigeschaufelte Stelle hatte. Der Bahnwaerter stand schon
+da, die Fahne in der Hand. Und jetzt jagte der Zug ueber das
+Bahnhofsgeleise hin und im naechsten Augenblick an dem Haeuschen und
+an dem Gartenstreifen vorueber. Effi war so erregt, dass sie nichts
+sah und nur dem letzten Wagen, auf dessen Hoehe ein Bremser sass, ganz
+wie benommen nachblickte.
+
+"Sechs Uhr fuenfzig ist er in Berlin", sagte Innstetten, "und noch
+eine Stunde spaeter, so koennen ihn die Hohen-Cremmer, wenn der Wind
+so steht, in der Ferne vorbeiklappern hoeren. Moechtest du mit, Effi?"
+
+Sie sagte nichts. Als er aber zu ihr hinueberblickte, sah er, dass
+eine Traene in ihrem Auge stand.
+
+Effi war, als der Zug vorbeijagte, von einer herzlichen Sehnsucht
+erfasst worden. So gut es ihr ging, sie fuehlte sich trotzdem wie in
+einer fremden Welt. Wenn sie sich eben noch an dem einen oder andern
+entzueckt hatte, so kam ihr doch gleich nachher zum Bewusstsein, was
+ihr fehlte. Da drueben lag Varzin, und da nach der anderen Seite hin
+blitzte der Kroschentiner Kirchturm auf und weithin der Morgenitzer,
+und da sassen die Grasenabbs und die Borckes, nicht die Bellings und
+nicht die Briests. "Ja, die!" Innstetten hatte ganz recht gehabt mit
+dem raschen Wechsel ihrer Stimmung, und sie sah jetzt wieder alles,
+was zuruecklag, wie in einer Verklaerung. Aber so gewiss sie voll
+Sehnsucht dem Zug nachgesehen, sie war doch andererseits viel zu
+beweglichen Gemuets, um lange dabei zu verweilen, und schon auf
+der Heimfahrt, als der rote Ball der niedergehenden Sonne seinen
+Schimmer ueber den Schnee ausgoss, fuehlte sie sich wieder freier;
+alles erschien ihr schoen und frisch, und als sie, nach Kessin
+zurueckgekehrt, fast mit dem Glockenschlag sieben in den
+Gieshueblerschen Flur eintrat, war ihr nicht bloss behaglich, sondern
+beinah uebermuetig zu Sinn, wozu die das Haus durchziehende Baldrian-
+und Veilchenwurzelluft das ihrige beitragen mochte.
+
+Puenktlich waren Innstetten und Frau erschienen, aber trotz
+dieser Puenktlichkeit immer noch hinter den anderen Geladenen
+zurueckgeblieben; Pastor Lindequist, die alte Frau Trippel und die
+Trippelli selbst waren schon da. Gieshuebler - im blauen Frack mit
+mattgoldenen Knoepfen, dazu Pincenez an einem breiten, schwarzen
+Bande, das wie ein Ordensband auf der blendendweissen Piqueweste lag
+-, Gieshuebler konnte seiner Erregung nur mit Muehe Herr werden. "Darf
+ich die Herrschaften miteinander bekannt machen: Baron und Baronin
+Innstetten, Frau Pastor Trippel, Fraeulein Marietta Trippelli." Pastor
+Lindequist, den alle kannten, stand laechelnd beiseite.
+
+Die Trippelli, Anfang der Dreissig, stark maennlich und von
+ausgesprochen humoristischem Typus, hatte bis zu dem Momente der
+Vorstellung den Sofaehrenplatz innegehabt. Nach der Vorstellung aber
+sagte sie, waehrend sie auf einen in der Naehe stehenden Stuhl mit
+hoher Lehne zuschritt: "Ich bitte Sie nunmehro, gnaed'ge Frau, die
+Buerden und Faehrlichkeiten Ihres Amtes auf sich nehmen zu wollen.
+Denn von 'Faehrlichkeiten'" - und sie wies auf das Sofa - "wird sich
+in diesem Falle wohl sprechen lassen. Ich habe Gieshuebler schon vor
+Jahr und Tag darauf aufmerksam gemacht, aber leider vergeblich; so gut
+er ist, so eigensinnig ist er auch."
+
+"Aber Marietta ..."
+
+"Dieses Sofa naemlich, dessen Geburt um wenigstens fuenfzig Jahre
+zurueckliegt, ist noch nach einem altmodischen Versenkungsprinzip
+gebaut, und wer sich ihm anvertraut, ohne vorher einen Kissenturm
+untergeschoben zu haben, sinkt ins Bodenlose, jedenfalls aber gerade
+tief genug, um die Knie wie ein Monument aufragen zu lassen." All dies
+wurde seitens der Trippelli mit ebensoviel Bonhomie wie Sicherheit
+hingesprochen, in einem Ton, der ausdruecken sollte: "Du bist die
+Baronin Innstetten, ich bin die Trippelli."
+
+Gieshuebler liebte seine Kuenstlerfreundin enthusiastisch und dachte
+hoch von ihren Talenten; aber all seine Begeisterung konnte ihn doch
+nicht blind gegen die Tatsache machen, dass ihr von gesellschaftlicher
+Feinheit nur ein bescheidenes Mass zuteil geworden war. Und diese
+Feinheit war gerade das, was er persoenlich kultivierte. "Liebe
+Marietta", nahm er das Wort, "Sie haben eine so reizend heitere
+Behandlung solcher Fragen; aber was mein Sofa betrifft, so haben
+Sie wirklich unrecht, und jeder Sachverstaendige mag zwischen uns
+entscheiden. Selbst ein Mann wie Fuerst Kotschukoff ..."
+
+"Ach, ich bitt Sie, Gieshuebler, lassen Sie doch den. Immer
+Kotschukoff. Sie werden mich bei der gnaed'gen Frau hier noch in den
+Verdacht bringen, als ob ich bei diesem Fuersten - der uebrigens nur
+zu den kleineren zaehlt und nicht mehr als tausend Seelen hat, das
+heisst hatte (frueher, wo die Rechnung noch nach Seelen ging) -, als
+ob ich stolz waere, seine tausendundeinste Seele zu sein. Nein, es
+liegt wirklich anders; 'immer freiweg', Sie kennen meine Devise,
+Gieshuebler. Kotschukoff ist ein guter Kamerad und mein Freund, aber
+von Kunst und aehnlichen Sachen versteht er gar nichts, von Musik
+gewiss nicht, wiewohl er Messen und Oratorien komponiert - die meisten
+russischen Fuersten, wenn sie Kunst treiben, fallen ein bisschen nach
+der geistlichen oder orthodoxen Seite hin -, und zu den vielen Dingen,
+von denen er nichts versteht, gehoeren auch unbedingt Einrichtungs-
+und Tapezierfragen. Er ist gerade vornehm genug, um sich alles als
+schoen aufreden zu lassen, was bunt aussieht und viel Geld kostet."
+
+Innstetten amuesierte sich, und Pastor Lindequist war in einem
+allersichtlichsten Behagen. Die gute alte Trippel aber geriet ueber
+den ungenierten Ton ihrer Tochter aus einer Verlegenheit in die
+andere, waehrend Gieshuebler es fuer angezeigt hielt, eine so
+schwierig werdende Unterhaltung zu kupieren. Dazu waren etliche
+Gesangspiecen das beste. Dass Marietta Lieder von anfechtbarem Inhalt
+waehlen wuerde, war nicht anzunehmen, und selbst wenn dies sein
+sollte, so war ihre Vortragskunst so gross, dass der Inhalt dadurch
+geadelt wurde. "Liebe Marietta", nahm er also das Wort, "ich habe
+unser kleines Mahl zu acht Uhr bestellt. Wir haetten also noch
+dreiviertel Stunden, wenn Sie nicht vielleicht vorziehen, waehrend
+Tisch ein heitres Lied zu singen oder vielleicht erst, wenn wir von
+Tisch aufgestanden sind ..."
+
+"Ich bitte Sie, Gieshuebler! Sie, der Mann der Aesthetik. Es gibt
+nichts Unaesthetischeres als einen Gesangsvortrag mit vollem Magen.
+Ausserdem - und ich weiss, Sie sind ein Mann der ausgesuchten Kueche,
+ja Gourmand -, ausserdem schmeckt es besser, wenn man die Sache
+hinter sich hat. Erst Kunst und dann Nusseis, das ist die richtige
+Reihenfolge."
+
+"Also ich darf Ihnen die Noten bringen, Marietta?"
+
+"Noten bringen. Ja, was heisst das, Gieshuebler? Wie ich Sie kenne,
+werden Sie ganze Schraenke voll Noten haben, und ich kann Ihnen doch
+nicht den ganzen Bock und Bote vorspielen. Noten! Was fuer Noten,
+Gieshuebler, darauf kommt es an. Und dann, dass es richtig liegt,
+Altstimme ..."
+
+"Nun, ich werde schon bringen."
+
+Und er machte sich an einem Schrank zu schaffen, ein Fach nach dem
+anderen herausziehend, waehrend die Trippelli ihren Stuhl weiter links
+um den Tisch herum schob, so dass sie nun dicht neben Effi sass.
+
+"Ich bin neugierig, was er bringen wird", sagte sie. Effi geriet dabei
+in eine kleine Verlegenheit.
+
+"Ich moechte annehmen", antwortete sie befangen, "etwas von Gluck,
+etwas ausgesprochen Dramatisches ... Ueberhaupt, mein gnaediges
+Fraeulein, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, ich bin
+ueberrascht zu hoeren, dass Sie lediglich Konzertsaengerin sind. Ich
+daechte, dass Sie, wie wenige, fuer die Buehne berufen sein muessten.
+Ihre Erscheinung, Ihre Kraft, Ihr Organ ... ich habe noch so wenig
+derart kennengelernt, immer nur auf kurzen Besuchen in Berlin ... und
+dann war ich noch ein halbes Kind. Aber ich daechte, 'Orpheus' oder
+'Chrimhild' oder die 'Vestalin'."
+
+Die Trippelli wiegte den Kopf und sah in Abgruende, kam aber zu keiner
+Entgegnung, weil eben jetzt Gieshuebler wieder erschien und ein halbes
+Dutzend Notenhefte vorlegte, die seine Freundin in rascher Reihenfolge
+durch die Hand gleiten liess. "'Erlkoenig' ... ah, bah; 'Baechlein,
+lass dein Rauschen sein ...' Aber Gieshuebler, ich bitte Sie, Sie sind
+ein Murmeltier, Sie haben sieben Jahre lang geschlafen ... Und hier
+Loewesche Balladen; auch nicht gerade das Neueste.
+
+'Glocken von Speyer' ... Ach, dies ewige Bim-Bam, das beinah einer
+Kulissenreisserei gleichkommt, ist geschmacklos und abgestanden. Aber
+hier, 'Ritter Olaf' ... nun, das geht."
+
+Und sie stand auf, und waehrend der Pastor begleitete, sang sie den
+"Olaf" mit grosser Sicherheit und Bravour und erntete allgemeinen
+Beifall.
+
+Es wurde dann noch aehnlich Romantisches gefunden, einiges aus dem
+"Fliegenden Hollaender" und aus "Zampa", dann der "Heideknabe", lauter
+Sachen, die sie mit ebensoviel Virtuositaet wie Seelenruhe vortrug,
+waehrend Effi von Text und Komposition wie benommen war.
+
+Als die Trippelli mit dem "Heideknaben" fertig war, sagte sie: "Nun
+ist es genug", eine Erklaerung, die so bestimmt von ihr abgegeben
+wurde, dass weder Gieshuebler noch ein anderer den Mut hatte, mit
+weiteren Bitten in sie zu dringen. Am wenigsten Effi Diese sagte nur,
+als Gieshueblers Freundin wieder neben ihr sass: "Dass ich Ihnen doch
+sagen koennte, mein gnaedigstes Fraeulein, wie dankbar ich Ihnen bin!
+Alles so schoen, so sicher, so gewandt. Aber eines, wenn Sie mir
+verzeihen, bewundere ich fast noch mehr, das ist die Ruhe, womit
+Sie diese Sachen vorzutragen wissen. Ich bin so leicht Eindruecken
+hingegeben, und wenn ich die kleinste Gespenstergeschichte hoere, so
+zittere ich und kann mich kaum wieder zurechtfinden. Und Sie tragen
+das so maechtig und erschuetternd vor und sind selbst ganz heiter und
+guter Dinge."
+
+"Ja, meine gnaedigste Frau, das ist in der Kunst nicht anders. Und
+nun gar erst auf dem Theater, vor dem ich uebrigens gluecklicherweise
+bewahrt geblieben bin. Denn so gewiss ich mich persoenlich gegen seine
+Versuchungen gefeit fuehle - es verdirbt den Ruf, also das Beste, was
+man hat. Im uebrigen stumpft man ab, wie mir Kolleginnen hundertfach
+versichert haben. Da wird vergiftet und erstochen, und der toten Julia
+fluestert Romeo einen Kalauer ins Ohr oder wohl auch eine Malice, oder
+er drueckt ihr einen kleinen Liebesbrief in die Hand."
+
+"Es ist mir unbegreiflich. Und um bei dem stehenzubleiben, was ich
+Ihnen diesen Abend verdanke, beispielsweise bei dem Gespenstischen im
+'Olaf', ich versichere Ihnen, wenn ich einen aengstlichen Traum habe
+oder wenn ich glaube, ueber mir hoerte ich ein leises Tanzen oder
+Musizieren, waehrend doch niemand da ist, oder es schleicht wer an
+meinem Bett vorbei, so bin ich ausser mir und kann es tagelang nicht
+vergessen."
+
+"Ja, meine gnaedige Frau, was Sie da schildern und beschreiben, das
+ist auch etwas anderes, das ist ja wirklich oder kann wenigstens etwas
+Wirkliches sein. Ein Gespenst, das durch die Ballade geht, da graule
+ich mich gar nicht, aber ein Gespenst, das durch meine Stube geht, ist
+mir, geradeso wie andern, sehr unangenehm. Darin empfinden wir also
+ganz gleich."
+
+"Haben Sie denn dergleichen auch einmal erlebt?"
+
+"Gewiss. Und noch dazu bei Kotschukoff. Und ich habe mir auch
+ausbedungen, dass ich diesmal anders schlafe, vielleicht mit der
+englischen Gouvernante zusammen. Das ist naemlich eine Quaekerin, und
+da ist man sicher."
+
+"Und Sie halten dergleichen fuer moeglich?"
+
+"Meine gnaedigste Frau, wenn man so alt ist wie ich und viel
+rumgestossen wurde und in Russland war und sogar auch ein halbes
+Jahr in Rumaenien, da haelt man alles fuer moeglich. Es gibt so viel
+schlechte Menschen, und das andere findet sich dann auch, das gehoert
+dann sozusagen mit dazu."
+
+Effi horchte auf.
+
+"Ich bin", fuhr die Trippelli fort, "aus einer sehr aufgeklaerten
+Familie (bloss mit Mutter war es immer nicht so recht), und doch sagte
+mir mein Vater, als das mit dem Psychographen aufkam: 'Hoere, Mane,
+das ist was.' Und er hat recht gehabt, es ist auch was damit.
+Ueberhaupt, man ist links und rechts umlauert, hinten und vorn. Sie
+werden das noch kennenlernen."
+
+In diesem Augenblick trat Gieshuebler heran und bot Effi den Arm,
+Innstetten fuehrte Marietta, dann folgten Pastor Lindequist und die
+verwitwete Trippel. So ging man zu Tisch.
+
+
+
+Zoelftes Kapitel
+
+Es war spaet, als man aufbrach. Schon bald nach zehn hatte Effi zu
+Gieshuebler gesagt, es sei nun wohl Zeit; Fraeulein Trippelli, die
+den Zug nicht versaeumen duerfe, muesse ja schon um sechs von Kessin
+aufbrechen; die danebenstehende Trippelli aber, die diese Worte
+gehoert, hatte mit der ihr eigenen ungenierten Beredsamkeit gegen
+solche zarte Ruecksichtnahme protestiert. "Ach, meine gnaedigste Frau,
+Sie glauben, dass unsereins einen regelmaessigen Schlaf braucht, das
+trifft aber nicht zu; was wir regelmaessig brauchen, heisst Beifall
+und hohe Preise. Ja, lachen Sie nur. Ausserdem (so was lernt man)
+kann ich auch im Coupe schlafen, in jeder Situation und sogar auf der
+linken Seite, und brauche nicht einmal das Kleid aufzumachen. Freilich
+bin ich auch nie eingepresst; Brust und Lunge muessen immer frei
+sein und vor allem das Herz. Ja, meine gnaedigste Frau, das ist die
+Hauptsache. Und dann das Kapitel Schlaf ueberhaupt - die Menge tut es
+nicht, was entscheidet, ist die Qualitaet; ein guter Nicker von fuenf
+Minuten ist besser als fuenf Stunden unruhige Rumdreherei, mal links,
+mal rechts. Uebrigens schlaeft man in Russland wundervoll, trotz des
+starken Tees. Es muss die Luft machen oder das spaete Diner oder weil
+man so verwoehnt wird. Sorgen gibt es in Russland nicht; darin - im
+Geldpunkt sind beide gleich - ist Russland noch besser als Amerika."
+
+Nach dieser Erklaerung der Trippelli hatte Effi von allen Mahnungen
+zum Aufbruch Abstand genommen, und so war Mitternacht herangekommen.
+Man trennte sich heiter und herzlich und mit einer gewissen
+Vertraulichkeit. Der Weg von der Mohrenapotheke bis zur landraetlichen
+Wohnung war ziemlich weit; er kuerzte sich aber dadurch, dass Pastor
+Lindequist bat, Innstetten und Frau eine Strecke begleiten zu
+duerfen; ein Spaziergang unterm Sternenhimmel sei das beste, um ueber
+Gieshueblers Rheinwein hinwegzukommen. Unterwegs wurde man natuerlich
+nicht muede, die verschiedensten Trippelliana heranzuziehen; Effi
+begann mit dem, was ihr in Erinnerung geblieben, und gleich nach
+ihr kam der Pastor an die Reihe. Dieser, ein Ironikus, hatte die
+Trippelli, wie nach vielem sehr Weltlichen, so schliesslich auch nach
+ihrer kirchlichen Richtung gefragt und dabei von ihr in Erfahrung
+gebracht, dass sie nur eine Richtung kenne, die orthodoxe. Ihr Vater
+sei freilich ein Rationalist gewesen, fast schon ein Freigeist,
+weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf dem Gemeindekirchhof
+gehabt haette; sie ihrerseits sei aber ganz entgegengesetzter Ansicht,
+trotzdem sie persoenlich des grossen Vorzugs geniesse, gar nichts zu
+glauben. Aber sie sei sich in ihrem entschiedenen Nichtglauben doch
+auch jeden Augenblick bewusst, dass das ein Spezialluxus sei, den
+man sich nur als Privatperson gestatten koenne. Staatlich hoere
+der Spass auf, und wenn ihr das Kultusministerium oder gar ein
+Konsistorialregiment unterstuende, so wuerde sie mit unnachsichtiger
+Strenge vorgehen. "Ich fuehle so was von einem Torquemada in mir."
+Innstetten war sehr erheitert und erzaehlte seinerseits, dass er etwas
+so Heikles, wie das Dogmatische, geflissentlich vermieden, aber dafuer
+das Moralische desto mehr in den Vordergrund gestellt habe. Hauptthema
+sei das Verfuehrerische gewesen, das bestaendige Gefaehrdetsein, das
+in allem oeffentlichen Auftreten liege, worauf die Trippelli leichthin
+und nur mit Betonung der zweiten Satzhaelfte geantwortet habe: "Ja,
+bestaendig gefaehrdet; am meisten die Stimme."
+
+Unter solchem Geplauder war, ehe man sich trennte, der Trippelli-Abend
+noch einmal an ihnen voruebergezogen, und erst drei Tage spaeter
+hatte sich Gieshueblers Freundin durch ein von Petersburg aus an Effi
+gerichtetes Telegramm noch einmal in Erinnerung gebracht. Es lautete:
+Madame la Baronne d'Innstetten, nee de Briest. Bien arrivee. Prince
+K. a la gare. Plus epris de moi que jamais. Mille fois merci de votre
+bon accueil. Compliments empresses a Monsieur le Baron. Marietta
+Trippelli.
+
+Innstetten war entzueckt und gab diesem Entzuecken lebhafteren
+Ausdruck, als Effi begreifen konnte.
+
+"Ich verstehe dich nicht, Geert."
+
+"Weil du die Trippelli nicht verstehst. Mich entzueckt die Echtheit;
+alles da, bis auf das Puenktchen ueberm i."
+
+"Du nimmst also alles als eine Komoedie?"
+
+"Aber als was sonst? Alles berechnet fuer dort und fuer hier, fuer
+Kotschukoff und fuer Gieshuebler. Gieshuebler wird wohl eine Stiftung
+machen, vielleicht auch bloss ein Legat fuer die Trippelli."
+
+Die musikalische Soiree bei Gieshuebler hatte Mitte Dezember
+stattgefunden, gleich danach begannen die Vorbereitungen fuer
+Weihnachten, und Effi, die sonst schwer ueber diese Tage hingekommen
+waere, segnete es, dass sie selber einen Hausstand hatte, dessen
+Ansprueche befriedigt werden mussten. Es galt nachsinnen, fragen,
+anschaffen, und das alles liess truebe Gedanken nicht aufkommen. Am
+Tage vor Heiligabend trafen Geschenke von den Eltern aus Hohen-Cremmen
+ein, und mit in die Kiste waren allerhand Kleinigkeiten aus dem
+Kantorhause gepackt: wunderschoene Reinetten von einem Baum, den Effi
+und Jahnke vor mehreren Jahren gemeinschaftlich okuliert hatten, und
+dazu braune Puls- und Kniewaermer von Bertha und Hertha. Hulda schrieb
+nur wenige Zeilen, weil sie, wie sie sich entschuldigte, fuer X noch
+eine Reisedecke zu stricken habe. "Was einfach nicht wahr ist", sagte
+Effi. "Ich wette, X. existiert gar nicht. Dass sie nicht davon lassen
+kann, sich mit Anbetern zu umgeben die nicht da sind!" Und so kam
+Heiligabend heran. Innstetten selbst baute auf fuer seine junge Frau,
+der Baum brannte, und ein kleiner Engel schwebte oben in Lueften Auch
+eine Krippe war da mit huebschen Transparenten und Inschriften, deren
+eine sich in leiser Andeutung auf ein dem Innstettenschen Hause
+fuer naechstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog. Effi las es und
+erroetete. Dann ging sie auf Innstetten zu, um ihm zu danken, aber
+eh sie dies konnte, flog, nach altpommerschem Weihnachtsbrauch, ein
+Julklapp in den Hausflur: eine grosse Kiste, drin eine Welt von
+Dingen steckte. Zuletzt fand man die Hauptsache, ein zierliches, mit
+allerlei japanischen Bildchen ueberklebtes Morsellenkaestchen, dessen
+eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen beigegeben war. Es hiess
+da:
+
+ Drei Koenige kamen zum Heiligenchrist,
+ Mohrenkoenig einer gewesen ist -
+ Ein Mohrenapothekerlein
+ Erscheinet heute mit Spezerein,
+ Doch statt Weihrauch und Myrrhen, die nicht zur Stelle,
+ Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle.
+
+Effi las es zwei-, dreimal und freute sich darueber. "Die Huldigungen
+eines guten Menschen haben doch etwas besonders Wohltuendes. Meinst
+du nicht auch, Geert?" "Gewiss meine ich das. Es ist eigentlich das
+einzige, was einem Freude macht oder wenigstens Freude machen sollte.
+Denn jeder steckt noch so nebenher in allerhand dummem Zeuge drin. Ich
+auch. Aber freilich, man ist, wie man ist." Der erste Feiertag war
+Kirchtag, am zweiten war man bei Borckes draussen, alles zugegen, mit
+Ausnahme von Grasenabbs, die nicht kommen wollten, weil Sidonie nicht
+da sei, was man als Entschuldigung allseitig ziemlich sonderlich fand.
+Einige tuschelten sogar: "Umgekehrt; gerade deshalb haetten sie kommen
+sollen." Am Silvester war Ressourcenball, auf dem Effi nicht fehlen
+durfte und auch nicht wollte, denn der Ball gab ihr Gelegenheit,
+endlich einmal die ganze Stadtflora beisammen zu sehen. Johanna hatte
+mit den Vorbereitungen zum Ballstaate fuer ihre Gnaed'ge vollauf
+zu tun, Gieshuebler, der, wie alles, so auch ein Treibhaus hatte,
+schickte Kamelien, und Innstetten, so knapp bemessen die Zeit fuer
+ihn war, fuhr am Nachmittage noch ueber Land nach Papenhagen, wo drei
+Scheunen abgebrannt waren.
+
+Es war ganz still im Hause. Christel, beschaeftigungslos, hatte sich
+schlaefrig eine Fussbank an den Herd gerueckt, und Effi zog sich in
+ihr Schlafzimmer zurueck, wo sie sich, zwischen Spiegel und Sofa, an
+einen kleinen, eigens zu diesem Zweck zurechtgemachten Schreibtisch
+setzte, um von hier aus an die Mama zu schreiben, der sie fuer
+Weihnachtsbrief und Weihnachtsgeschenke bis dahin bloss in einer Karte
+gedankt, sonst aber seit Wochen keine Nachricht gegeben hatte.
+
+Kessin, 31. Dezember. Meine liebe Mama! Das wird nun wohl ein langer
+Schreibebrief werden, denn ich habe - die Karte rechnet nicht -
+lange nichts von mir hoeren lassen. Als ich das letztemal schrieb,
+steckte ich noch in den Weihnachtsvorbereitungen, jetzt liegen die
+Weihnachtstage schon zurueck. Innstetten und mein guter Freund
+Gieshuebler hatten alles aufgeboten, mir den Heiligen Abend so
+angenehm wie moeglich zu machen, aber ich fuehlte mich doch ein wenig
+einsam und bangte mich nach Euch. Ueberhaupt, soviel Ursache ich
+habe, zu danken und froh und gluecklich zu sein, ich kann ein Gefuehl
+des Alleinseins nicht ganz loswerden, und wenn ich mich frueher,
+vielleicht mehr als noetig, ueber Huldas ewige Gefuehlstraene mokiert
+habe, so werde ich jetzt dafuer bestraft und habe selber mit dieser
+Traene zu kaempfen. Denn Innstetten darf es nicht sehen. Ich bin aber
+sicher, dass das alles besser werden wird, wenn unser Hausstand sich
+mehr belebt, und das wird der Fall sein, meine liebe Mama. Was ich
+neulich andeutete, das ist nun Gewissheit, und Innstetten bezeugt mir
+taeglich seine Freude darueber. Wie gluecklich ich selber im Hinblick
+darauf bin, brauche ich nicht erst zu versichern, schon weil ich dann
+Leben und Zerstreuung um mich her haben werde oder, wie Geert sich
+ausdrueckt, ein "liebes Spielzeug". Mit diesem Wort wird er wohl recht
+haben, aber er sollte es lieber nicht gebrauchen, weil es mir immer
+einen kleinen Stich gibt und mich daran erinnert, wie jung ich bin
+und dass ich noch halb in die Kinderstube gehoere. Diese Vorstellung
+verlaesst mich nicht (Geert meint, es sei krankhaft) und bringt es
+zuwege, dass das, was mein hoechstes Glueck sein sollte, doch fast
+noch mehr eine bestaendige Verlegenheit fuer mich ist. Ja, meine
+liebe Mama, als die guten Flemmingschen Damen sich neulich nach allem
+moeglichen erkundigten, war mir zumut, als stuende ich schlecht
+vorbereitet in einem Examen, und ich glaube auch, dass ich recht
+dumm geantwortet habe. Verdriesslich war ich auch. Denn manches,
+was wie Teilnahme aussieht, ist doch bloss Neugier und wirkt um so
+zudringlicher, als ich ja noch lange, bis in den Sommer hinein, auf
+das frohe Ereignis zu warten habe. Ich denke, die ersten Julitage.
+Dann musst Du kommen, oder noch besser, sobald ich einigermassen
+wieder bei Wege bin, komme ich, nehme hier Urlaub und mache mich
+auf nach Hohen-Cremmen. Ach, wie ich mich darauf freue und auf die
+havellaendische Luft - hier ist es fast immer rauh und kalt -, und
+dann jeden Tag eine Fahrt ins Luch, alles rot und gelb, und ich sehe
+schon, wie das Kind die Haende danach streckt, denn es wird doch wohl
+fuehlen, dass es eigentlich da zu Hause ist. Aber das schreibe ich nur
+Dir. Innstetten darf nicht davon wissen, und auch Dir gegenueber muss
+ich mich wie entschuldigen, dass ich mit dem Kinde nach Hohen-Cremmen
+will und mich heute schon anmelde, statt Dich, meine liebe Mama,
+dringend und herzlich nach Kessin hin einzuladen, das ja doch
+jeden Sommer fuenfzehnhundert Badegaeste hat und Schiffe mit allen
+moeglichen Flaggen und sogar ein Duenenhotel. Aber dass ich so wenig
+Gastlichkeit zeige, das macht nicht, dass ich ungastlich waere, so
+sehr bin ich nicht aus der Art geschlagen, das macht einfach unser
+landraetliches Haus, das, soviel Huebsches und Apartes es hat, doch
+eigentlich gar kein richtiges Haus ist, sondern nur eine Wohnung fuer
+zwei Menschen, und auch das kaum, denn wir haben nicht einmal ein
+Esszimmer, was doch genant ist, wenn ein paar Personen zu Besuch sich
+einstellen. Wir haben freilich noch Raeumlichkeiten im ersten Stock,
+einen grossen Saal und vier kleine Zimmer, aber sie haben alle etwas
+wenig Einladendes, und ich wuerde sie Rumpelkammer nennen, wenn sich
+etwas Geruempel darin vorfaende; sie sind aber ganz leer, ein paar
+Binsenstuehle abgerechnet, und machen, das mindeste zu sagen, einen
+sehr sonderbaren Eindruck. Nun wirst Du wohl meinen, das alles sei
+ja leicht zu aendern. Aber es ist nicht zu aendern; denn das Haus,
+das wir bewohnen, ist ... ist ein Spukhaus; da ist es heraus. Ich
+beschwoere Dich uebrigens, mir auf diese meine Mitteilung nicht zu
+antworten, denn ich zeige Innstetten immer Eure Briefe, und er waere
+ausser sich, wenn er erfuehre, dass ich Dir das geschrieben. Ich
+haette es auch nicht getan, und zwar um so weniger, als ich seit
+vielen Wochen in Ruhe geblieben bin und aufgehoert habe, mich zu
+aengstigen; aber Johanna sagt mir, es kaeme immer mal wieder,
+namentlich wenn wer Neues im Hause erschiene. Und ich kann Dich doch
+einer solchen Gefahr oder, Wenn das zuviel gesagt ist, einer solchen
+eigentuemlichen und unbequemen Stoerung nicht aussetzen! Mit der
+Sache selber will ich Dich heute nicht behelligen, jedenfalls nicht
+ausfuehrlich. Es ist eine Geschichte von einem alten Kapitaen, einem
+sogenannten Chinafahrer, und seiner Enkelin, die mit einem hiesigen
+jungen Kapitaen eine kurze Zeit verlobt war und an ihrem Hochzeitstage
+ploetzlich verschwand. Das moechte hingehn. Aber was wichtiger ist,
+ein junger Chinese, den ihr Vater aus China mit zurueckgebracht hatte
+und der erst der Diener und dann der Freund des Alten war, der starb
+kurze Zeit danach und ist an einer einsamen Stelle neben dem Kirchhof
+begraben worden. Ich bin neulich da voruebergefahren, wandte mich aber
+rasch ab und sah nach der andern Seite, weil ich glaube, ich haette
+ihn sonst auf dem Grabe sitzen sehen. Denn ach, meine liebe Mama,
+ich habe ihn einmal wirklich gesehen, oder es ist mir wenigstens so
+vorgekommen, als ich fest schlief und Innstetten auf Besuch beim
+Fuersten war. Es war schrecklich; ich moechte so was nicht wieder
+erleben. Und in ein solches Haus, so huebsch es sonst ist (es ist
+sonderbarerweise gemuetlich und unheimlich zugleich), kann ich Dich
+doch nicht gut einladen. Und Innstetten, trotzdem ich ihm schliesslich
+in vielen Stuecken zustimmte, hat sich dabei, soviel moechte ich sagen
+duerfen, auch nicht ganz richtig benommen. Er verlangte von mir, ich
+solle das alles als Alten-Weiber-Unsinn ansehn und darueber lachen,
+aber mit einemmal schien er doch auch wieder selber daran zu glauben
+und stellte mir zugleich die sonderbare Zumutung, einen solchen
+Hausspuk als etwas Vornehmes und Altadliges anzusehen. Das kann ich
+aber nicht und will es auch nicht. Er ist in diesem Punkt, so guetig
+er sonst ist, nicht guetig und nachsichtig genug gegen mich. Denn dass
+es etwas damit ist, das weiss ich von Johanna und weiss es auch von
+unserer Frau Kruse. Das ist naemlich unsere Kutscherfrau, die mit
+einem schwarzen Huhn bestaendig in einer ueberheizten Stube sitzt.
+Dies allein schon ist aengstlich genug. Und nun weisst Du, warum ich
+kommen will, wenn es erst soweit ist. Ach, waere es nur erst soweit.
+Es sind so viele Gruende, warum ich es wuensche. Heute abend haben
+wir Silvesterball, und Gieshuebler - der einzige nette Mensch hier,
+trotzdem er eine hohe Schulter hat oder eigentlich schon etwas mehr
+-, Gieshuebler hat mir Kamelien geschickt. Ich werde doch vielleicht
+tanzen. Unser Arzt sagt, es wuerde mir nichts schaden, im Gegenteil.
+Und Innstetten, was mich fast ueberraschte, hat auch eingewilligt. Und
+nun gruesse und kuesse Papa und all die andern Lieben. Glueckauf zum
+neuen Jahr. Deine Effi.
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+Der Silvesterball hatte bis an den fruehen Morgen gedauert, und Effi
+war ausgiebig bewundert worden, freilich nicht ganz so anstandslos
+wie das Kamelienbukett, von dem man wusste, dass es aus dem
+Gieshueblerschen Treibhaus kam. Im uebrigen blieb auch nach dem
+Silvesterball alles beim alten, kaum dass Versuche gesellschaftlicher
+Annaeherung gemacht worden waeren, und so kam es denn, dass der
+Winter als recht lange dauernd empfunden wurde. Besuche seitens
+der benachbarten Adelsfamilien fanden nur selten statt, und dem
+pflichtschuldigen Gegenbesuch ging in einem halben Trauerton jedesmal
+die Bemerkung voraus: "Ja, Geert, wenn es durchaus sein muss, aber ich
+vergehe vor Langeweile." Worte, denen Innstetten nur immer zustimmte.
+Was an solchen Besuchsnachmittagen ueber Familie, Kinder, auch
+Landwirtschaft gesagt wurde, mochte gehen; wenn dann aber die
+kirchlichen Fragen an die Reihe kamen und die mitanwesenden Pastoren
+wie kleine Paepste behandelt wurden oder sich auch wohl selbst als
+solche ansahen, dann riss Effi der Faden der Geduld, und sie dachte
+mit Wehmut an Niemeyer, der immer zurueckhaltend und anspruchslos war,
+trotzdem es bei jeder groesseren Feierlichkeit hiess, er habe das
+Zeug, an den "Dom" berufen zu werden. Mit den Borckes, den Flemmings,
+den Grasenabbs, so freundlich die Familien, von Sidonie Grasenabb
+abgesehen, gesinnt waren - es wollte mit allen nicht so recht gehen,
+und es haette mit Freude, Zerstreuung und auch nur leidlichem
+Sich-behaglich-Fuehlen manchmal recht schlimm gestanden, wenn
+Gieshuebler nicht gewesen waere. Der sorgte fuer Effi wie eine kleine
+Vorsehung, und sie wusste es ihm auch Dank. Natuerlich war er neben
+allem andern auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser, ganz
+zu schweigen, dass er an der Spitze des Journalzirkels stand, und
+so verging denn fast kein Tag, wo nicht Mirambo ein grosses weisses
+Kuvert gebracht haette mit allerhand Blaettern und Zeitungen, in
+denen die betreffenden Stellen angestrichen waren, meist eine kleine,
+feine Bleistiftlinie, mitunter aber auch dick mit Blaustift und ein
+Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben. Und dabei liess er es nicht
+bewenden; er schickte auch Feigen und Datteln, Schokoladentafeln in
+Satineepapier und ein rotes Baendchen drum, und wenn etwas besonders
+Schoenes in seinem Treibhaus bluehte, so brachte er es selbst und
+hatte dann eine glueckliche Plauderstunde mit der ihm so sympathischen
+jungen Frau, fuer die er alle schoenen Liebesgefuehle durch- und
+nebeneinander hatte, die des Vaters und Onkels, des Lehrers und
+Verehrers. Effi war geruehrt von dem allen und schrieb oefters
+darueber nach Hohen-Cremmen, so dass die Mama sie mit ihrer "Liebe zum
+Alchimisten" zu necken begann; aber diese wohlgemeinten Neckereien
+verfehlten ihren Zweck, ja beruehrten sie beinahe schmerzlich, weil
+ihr, wenn auch unklar, dabei zum Bewusstsein kam, was ihr in ihrer Ehe
+eigentlich fehlte: Huldigungen, Anregungen, kleine Aufmerksamkeiten.
+Innstetten war lieb und gut, aber ein Liebhaber war er nicht. Er hatte
+das Gefuehl, Effi zu lieben, und das gute Gewissen, dass es so sei,
+liess ihn von besonderen Anstrengungen absehen. Es war fast zur Regel
+geworden, dass er sich, wenn Friedrich die Lampe brachte, aus seiner
+Frau Zimmer in sein eigenes zurueckzog. "Ich habe da noch eine
+verzwickte Geschichte zu erledigen." Und damit ging er. Die Portiere
+blieb freilich zurueckgeschlagen, so dass Effi das Blaettern in dem
+Aktenstueck oder das Kritzeln seiner Feder hoeren konnte, aber das war
+auch alles. Rollo kam dann wohl und legte sich vor sie hin auf den
+Kaminteppich, als ob er sagen wolle: "Muss nur mal wieder nach dir
+sehen; ein anderer tut's doch nicht." Und dann beugte sie sich nieder
+und sagte leise: "Ja, Rollo, wir sind allein." Um neun erschien dann
+Innstetten wieder zum Tee, meist die Zeitung in der Hand, sprach
+vom Fuersten, der wieder viel Aerger habe, zumal ueber diesen Eugen
+Richter, dessen Haltung und Sprache ganz unqualifizierbar seien, und
+ging dann die Ernennungen und Ordensverleihungen durch, von denen er
+die meisten beanstandete. Zuletzt sprach er von den Wahlen, und dass
+es ein Glueck sei, einem Kreis vorzustehen, in dem es noch Respekt
+gaebe. War er damit durch, so bat er Effi, dass sie was spiele, aus
+Lohengrin oder aus der Walkuere, denn er war ein Wagnerschwaermer. Was
+ihn zu diesem hinuebergefuehrt hatte, war ungewiss; einige sagten,
+seine Nerven, denn so nuechtern er schien, eigentlich war er nervoes;
+andere schoben es auf Wagners Stellung zur Judenfrage. Wahrscheinlich
+hatten beide recht. Um zehn war Innstetten dann abgespannt und erging
+sich in ein paar wohlgemeinten, aber etwas mueden Zaertlichkeiten, die
+sich Effi gefallen liess, ohne sie recht zu erwidern.
+
+So verging der Winter, der April kam, und in dem Garten hinter dem
+Hof begann es zu gruenen, worueber sich Effi freute; sie konnte gar
+nicht abwarten, dass der Sommer komme mit seinen Spaziergaengen
+am Strand und seinen Badegaesten. Wenn sie so zurueckblickte, der
+Trippelli-Abend bei Gieshuebler und dann der Silvesterball, ja, das
+ging, das war etwas Huebsches gewesen; aber die Monate, die dann
+gefolgt waren, die hatten doch viel zu wuenschen uebriggelassen, und
+vor allem waren sie so monoton gewesen, dass sie sogar mal an die Mama
+geschrieben hatte: "Kannst Du Dir denken, Mama, dass ich mich mit
+unsrem Spuk beinah ausgesoehnt habe? Natuerlich die schreckliche
+Nacht, wo Geert drueben beim Fuersten war, die moechte ich nicht noch
+einmal durchmachen, nein, gewiss nicht; aber immer das Alleinsein und
+so gar nichts erleben, das hat doch auch sein Schweres, und wenn ich
+dann in der Nacht aufwache, dann horche ich mitunter hinauf, ob ich
+nicht die Schuhe schleifen hoere, und wenn alles still bleibt, so bin
+ich fast wie enttaeuscht und sage mir: Wenn es doch nur wiederkaeme,
+nur nicht zu arg und nicht zu nah."
+
+Das war im Februar, dass Effi so schrieb, und nun war beinahe Mai.
+Drueben in der Plantage belebte sich's schon wieder, und man hoerte
+die Finken schlagen. Und in derselben Woche war es auch, dass die
+Stoerche kamen, und einer schwebte langsam ueber ihr Haus hin und
+liess sich dann auf einer Scheune nieder, die neben Utpatels Muehle
+stand. Das war seine alte Raststaette. Auch ueber dies Ereignis
+berichtete Effi, die jetzt ueberhaupt haeufiger nach Hohen-Cremmen
+schrieb, und es war in demselben Brief, dass es am Schluss hiess:
+"Etwas, meine liebe Mama, haette ich beinah vergessen: den neuen
+Landwehrbezirkskommandeur, den wir nun schon beinah vier Wochen hier
+haben. Ja, haben wir ihn wirklich? Das ist die Frage, und eine Frage
+von Wichtigkeit dazu, sosehr Du darueber lachen wirst und auch lachen
+musst, weil Du den gesellschaftlichen Notstand nicht kennst, in dem
+wir uns nach wie vor befinden. Oder wenigstens ich, die ich mich mit
+dem Adel hier nicht gut zurechtfinden kann. Vielleicht meine Schuld.
+Aber das ist gleich. Tatsache bleibt: Notstand, und deshalb sah ich,
+durch all diese Winterwochen hin, dem neuen Bezirkskommandeur wie
+einem Trost- und Rettungsbringer entgegen. Sein Vorgaenger war ein
+Greuel, von schlechten Manieren und noch schlechteren Sitten, und zum
+Ueberfluss auch noch immer schlecht bei Kasse. Wir haben all die Zeit
+ueber unter ihm gelitten, Innstetten noch mehr als ich, und als wir
+Anfang April hoerten, Major von Crampas sei da, das ist naemlich der
+Name des neuen, da fielen wir uns in die Arme, als koenne uns nichts
+Schlimmes mehr in diesem lieben Kessin passieren. Aber, wie schon kurz
+erwaehnt, es scheint, trotzdem er da ist, wieder nichts werden zu
+wollen. Crampas ist verheiratet, zwei Kinder von zehn und acht Jahren,
+die Frau ein Jahr aelter als er, also sagen wir fuenfundvierzig. Das
+wuerde nun an und fuer sich nicht viel schaden, warum soll ich mich
+nicht mit einer muetterlichen Freundin wundervoll unterhalten koennen?
+Die Trippelli war auch nahe an Dreissig, und es ging ganz gut. Aber
+mit der Frau von Crampas, uebrigens keine Geborene, kann es nichts
+werden. Sie ist immer verstimmt, beinahe melancholisch (aehnlich wie
+unsere Frau Kruse, an die sie mich ueberhaupt erinnert), und das
+alles aus Eifersucht. Er, Crampas, soll naemlich ein Mann vieler
+Verhaeltnisse sein, ein Damenmann, etwas, was mir immer laecherlich
+ist und mir auch in diesem Falle laecherlich sein wuerde, wenn er
+nicht um eben solcher Dinge willen ein Duell mit einem Kameraden
+gehabt haette. Der linke Arm wurde ihm dicht unter der Schulter
+zerschmettert, und man sieht es sofort, trotzdem die Operation, wie
+mir Innstetten erzaehlt (ich glaube, sie nennen es Resektion, damals
+noch von Wilms ausgefuehrt), als ein Meisterstueck der Kunst geruehmt
+wurde. Beide, Herr und Frau von Crampas, waren vor vierzehn Tagen
+bei uns, um uns ihren Besuch zu machen; es war eine sehr peinliche
+Situation, denn Frau von Crampas beobachtete ihren Mann so, dass er in
+eine halbe und ich in eine ganze Verlegenheit kam. Dass er selbst sehr
+anders sein kann, ausgelassen und uebermuetig, davon ueberzeugte ich
+mich, als er vor drei Tagen mit Innstetten allein war und ich, von
+meinem Zimmer her, dem Gang ihrer Unterhaltung folgen konnte. Nachher
+sprach auch ich ihn. Vollkommener Kavalier, ungewoehnlich gewandt.
+Innstetten war waehrend des Krieges in derselben Brigade mit ihm, und
+sie haben sich im Norden von Paris bei Graf Groeben oefter gesehen.
+Ja, meine liebe Mama, das waere nun also etwas gewesen, um in Kessin
+ein neues Leben beginnen zu koennen; er, der Major, hat auch nicht die
+pommerschen Vorurteile, trotzdem er in Schwedisch-Pommern zu Hause
+sein soll. Aber die Frau! Ohne sie geht es natuerlich nicht, und mit
+ihr erst recht nicht."
+
+Effi hatte ganz recht gehabt, und es kam wirklich zu keiner weiteren
+Annaeherung mit dem Crampasschen Paar. Man sah sich mal bei
+der Borckeschen Familie draussen, ein andermal ganz fluechtig
+auf dem Bahnhof und wenige Tage spaeter auf einer Boots- und
+Vergnuegungsfahrt, die nach einem am Breitling gelegenen grossen
+Buchen- und Eichenwald, der "Der Schnatermann" hiess, gemacht wurde;
+es kam aber ueber kurze Begruessungen nicht hinaus, und Effi war froh,
+als Anfang Juni die Saison sich ankuendigte. Freilich fehlte es noch
+an Badegaesten, die vor Johanni ueberhaupt nur in Einzelexemplaren
+einzutreffen pflegten, aber schon die Vorbereitungen waren eine
+Zerstreuung. In der Plantage wurden Karussell und Scheibenstaende
+hergerichtet, die Schiffersleute kalfaterten und strichen ihre Boote,
+jede kleine Wohnung erhielt neue Gardinen, die Zimmer, die feucht
+lagen, also den Schwamm unter der Diele hatten, wurden ausgeschwefelt
+und dann gelueftet.
+
+Auch in Effis eigener Wohnung, freilich um eines anderen Ankoemmlings
+als der Badegaeste willen, war alles in einer gewissen Erregung;
+selbst Frau Kruse wollte mittun, so gut es ging. Aber davor erschrak
+Effi lebhaft und sagte: "Geert, dass nur die Frau Kruse nichts
+anfasst; da kann nichts werden, und ich aengstige mich schon gerade
+genug."
+
+Innstetten versprach auch alles, Christel und Johanna haetten ja Zeit
+genug, und um seiner jungen Frau Gedanken ueberhaupt in eine andere
+Richtung zu bringen, liess er das Thema der Vorbereitungen ganz fallen
+und fragte statt dessen, ob sie schon bemerkt habe, dass drueben ein
+Badegast eingezogen sei, nicht gerade der erste, aber doch einer der
+ersten.
+
+"Ein Herr?"
+
+"Nein, eine Dame, die schon frueher hier war, jedesmal in derselben
+Wohnung. Und sie kommt immer so frueh, weil sie's nicht leiden kann,
+wenn alles schon so voll ist."
+
+"Das kann ich ihr nicht verdenken. Und wer ist es denn?" "Die
+verwitwete Registrator Rode."
+
+"Sonderbar. Ich habe mir Registratorwitwen immer arm gedacht."
+
+"Ja", lachte Innstetten, "das ist die Regel. Aber hier hast du eine
+Ausnahme. Jedenfalls hat sie mehr als ihre Witwenpension. Sie kommt
+immer mit viel Gepaeck, unendlich viel mehr, als sie gebraucht, und
+scheint ueberhaupt eine ganz eigene Frau, wunderlich, kraenklich und
+namentlich schwach auf den Fuessen. Sie misstraut sich deshalb auch
+und hat immer eine aeltliche Dienerin um sich, die kraeftig genug ist,
+sie zu schuetzen oder sie zu tragen, wenn ihr was passiert. Diesmal
+hat sie eine neue. Aber doch wieder eine ganz ramassierte Person,
+aehnlich wie die Trippelli, nur noch staerker."
+
+"Oh, die hab ich schon gesehen. Gute braune Augen, die einen treu und
+zuversichtlich ansehen. Aber ein klein bisschen dumm." - "Richtig, das
+ist sie."
+
+Das war Mitte Juni, dass Innstetten und Effi dies Gespraech hatten.
+Von da ab brachte jeder Tag Zuzug, und nach dem Bollwerk hin
+spazierengehen, um daselbst die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten,
+wurde, wie immer um diese Zeit, eine Art Tagesbeschaeftigung fuer die
+Kessiner. Effi freilich, weil Innstetten sie nicht begleiten konnte,
+musste darauf verzichten, aber sie hatte doch wenigstens die Freude,
+die nach dem Strand und dem Strandhotel hinausfuehrende, sonst so
+menschenleere Strasse sich beleben zu sehen, und war denn auch,
+um immer wieder Zeuge davon zu sein, viel mehr als sonst in ihrem
+Schlafzimmer, von dessen Fenstern aus sich alles am besten beobachten
+liess. Johanna stand dann neben ihr und gab Antwort auf ziemlich
+alles, was sie wissen wollte; denn da die meisten alljaehrlich
+wiederkehrende Gaeste waren, so konnte das Maedchen nicht bloss die
+Namen nennen, sondern mitunter auch eine Geschichte dazu geben.
+
+Das alles war unterhaltlich und erheiternd fuer Effi. Gerade am
+Johannistag aber traf es sich, dass kurz vor elf Uhr vormittags, wo
+sonst der Verkehr vom Dampfschiff her am buntesten vorueberflutete,
+statt der mit Ehepaaren, Kindern und Reisekoffern besetzten Droschken
+aus der Mitte der Stadt her ein schwarz verhangener Wagen (dem sich
+zwei Trauerkutschen anschlossen) die zur Plantage fuehrende Strasse
+herunterkam und vor dem der landraetlichen Wohnung gegenueber
+gelegenen Hause hielt. Die verwitwete Frau Registrator Rode war
+naemlich drei Tage vorher gestorben, und nach Eintreffen der in aller
+Kuerze benachrichtigten Berliner Verwandten war seitens ebendieser
+beschlossen worden, die Tote nicht nach Berlin hin ueberzufuehren,
+sondern auf dem Kessiner Duenenkirchhof begraben zu wollen. Effi stand
+am Fenster und sah neugierig auf die sonderbar feierliche Szene,
+die sich drueben abspielte. Die zum Begraebnis von Berlin her
+Eingetroffenen waren zwei Neffen mit ihren Frauen, alle gegen Vierzig,
+etwas mehr oder weniger, und von beneidenswert gesunder Gesichtsfarbe.
+Die Neffen, in gutsitzenden Fracks, konnten passieren, und die
+nuechterne Geschaeftsmaessigkeit, die sich in ihrem gesamten Tun
+ausdrueckte, war im Grunde mehr kleidsam als stoerend. Aber die beiden
+Frauen! Sie waren ganz ersichtlich bemueht, den Kessinern zu zeigen,
+was eigentlich Trauer sei, und trugen denn auch lange, bis an die
+Erde reichende schwarze Kreppschleier, die zugleich ihr Gesicht
+verhuellten. Und nun wurde der Sarg, auf dem einige Kraenze und sogar
+ein Palmwedel lagen, auf den Wagen gestellt, und die beiden Ehepaare
+setzten sich in die Kutschen. In die erste - gemeinschaftlich mit dem
+einen der beiden leidtragenden Paare - stieg auch Lindequist, hinter
+der zweiten Kutsche aber ging die Hauswirtin und neben dieser die
+stattliche Person, die die Verstorbene zur Aushilfe mit nach Kessin
+gebracht hatte. Letztere war sehr aufgeregt und schien durchaus
+ehrlich darin, wenn dies Aufgeregtsein auch vielleicht nicht gerade
+Trauer war; der sehr heftig schluchzenden Hauswirtin aber, einer
+Witwe, sah man dagegen fast allzu deutlich an, dass sie sich
+bestaendig die Moeglichkeit eines Extrageschenkes berechnete, trotzdem
+sie in der bevorzugten und von anderen Wirtinnen auch sehr beneideten
+Lage war, die fuer den ganzen Sommer vermietete Wohnung noch einmal
+vermieten zu koennen.
+
+Effi, als der Zug sich in Bewegung setzte, ging in ihren hinter dem
+Hof gelegenen Garten, um hier, zwischen den Buchsbaumbeeten, den
+Eindruck des Lieb- und Leblosen, den die ganze Szene drueben auf
+sie gemacht hatte, wieder loszuwerden. Als dies aber nicht gluecken
+wollte, kam ihr die Lust, statt ihrer eintoenigen Gartenpromenade
+lieber einen weiteren Spaziergang zu machen, und zwar um so mehr, als
+ihr der Arzt gesagt hatte, viel Bewegung im Freien sei das Beste, was
+sie bei dem, was ihr bevorstaende, tun koenne. Johanna, die mit im
+Garten war, brachte ihr denn auch Umhang, Hut und Entoutcas, und mit
+einem freundlichen "Guten Tag" trat Effi aus dem Hause heraus und ging
+auf das Waeldchen zu, neben dessen breitem chaussierten Mittelweg ein
+schmalerer Fusssteig auf die Duenen und das am Strand gelegene Hotel
+zulief. Unterwegs standen Baenke, von denen sie jede benutzte, denn
+das Gehen griff sie an, und um so mehr, als inzwischen die heisse
+Mittagsstunde herangekommen war. Aber wenn sie sass und von ihrem
+bequemen Platz aus die Wagen und die Damen in Toilette beobachtete,
+die da hinausfuhren, so belebte sie sich wieder. Denn Heiteres sehen,
+war ihr wie Lebensluft. Als das Waeldchen aufhoerte, kam freilich noch
+eine allerschlimmste Wegstelle - Sand und wieder Sand, und nirgends
+eine Spur von Schatten; aber gluecklicherweise waren hier Bohlen und
+Bretter gelegt, und so kam sie, wenn auch erhitzt und muede, doch
+in guter Laune bei dem Strandhotel an. Drinnen im Saal wurde schon
+gegessen, aber hier draussen um sie her war alles still und leer, was
+ihr in diesem Augenblick denn auch das liebste war. Sie liess sich ein
+Glas Sherry und eine Flasche Biliner Wasser bringen und sah auf das
+Meer hinaus, das im hellen Sonnenlichte schimmerte, waehrend es am
+Ufer in kleinen Wellen brandete. "Da drueben liegt Bornholm und
+dahinter Wisby, wovon mir Jahnke vor Zeiten immer Wunderdinge
+vorschwaermte. Und hinter Wisby kommt Stockholm, wo das Stockholmer
+Blutbad war, und dann kommen die grossen Stroeme und dann das Nordkap
+und dann die Mitternachtssonne." Und im Augenblick erfasste sie eine
+Sehnsucht, das alles zu sehen. Aber dann gedachte sie wieder dessen,
+was ihr so nahe bevorstand, und sie erschrak fast. "Es ist eine
+Suende, dass ich so leichtsinnig bin und solche Gedanken habe und
+mich wegtraeume, waehrend ich doch an das naechste denken muesste.
+Vielleicht bestraft es sich auch noch, und alles stirbt hin, das Kind
+und ich. Und der Wagen und die zwei Kutschen, die halten dann nicht
+drueben vor dem Hause, die halten dann bei uns ... Nein, nein, ich mag
+hier nicht sterben, ich will hier nicht begraben sein, ich will nach
+Hohen-Cremmen. Und Lindequist, so gut er ist - aber Niemeyer ist mir
+lieber; er hat mich getauft und eingesegnet und getraut, und Niemeyer
+soll mich auch begraben." Und dabei fiel eine Traene auf ihre Hand.
+Dann aber lachte sie wieder. "Ich lebe ja noch und bin erst siebzehn,
+und Niemeyer ist siebenundfuenfzig."
+
+In dem Esssaal hoerte sie das Geklapper des Geschirrs. Aber mit einem
+Male war es ihr, als ob die Stuehle geschoben wuerden; vielleicht
+stand man schon auf, und sie wollte jede Begegnung vermeiden. So erhob
+sie sich auch ihrerseits rasch wieder von ihrem Platz, um auf einem
+Umweg nach der Stadt zurueckzukehren. Dieser Umweg fuehrte sie dicht
+an dem Duenenkirchhof vorueber, und weil der Torweg des Kirchhofs
+gerade offenstand, trat sie ein. Alles bluehte hier, Schmetterlinge
+flogen ueber die Graeber hin, und hoch in den Lueften standen ein paar
+Moewen. Es war so still und schoen, und sie haette hier gleich bei
+den ersten Graebern verweilen moegen; aber weil die Sonne mit jedem
+Augenblick heisser niederbrannte, ging sie hoeher hinauf, auf einen
+schattigen Gang zu, den Haengeweiden und etliche an den Graebern
+stehende Trauereschen bildeten. Als sie bis an das Ende dieses Ganges
+gekommen, sah sie zur Rechten einen frisch aufgeworfenen Sandhuegel,
+mit vier, fuenf Kraenzen darauf, und dicht daneben eine schon
+ausserhalb der Baumreihe stehende Bank, darauf die gute, robuste
+Person sass, die an der Seite der Hauswirtin dem Sarge der verwitweten
+Registratorin als letzte Leidtragende gefolgt war. Effi erkannte sie
+sofort wieder und war in ihrem Herzen bewegt, die gute, treue Person,
+denn dafuer musste sie sie halten, in sengender Sonnenhitze hier
+vorzufinden. Seit dem Begraebnis waren wohl an zwei Stunden vergangen.
+"Es ist eine heisse Stelle, die Sie sich da ausgesucht haben", sagte
+Effi, "viel zu heiss. Und wenn ein Unglueck kommen soll, dann haben
+Sie den Sonnenstich." "Das waere auch das beste." "Wie das?" - "Dann
+waer ich aus der Welt." "Ich meine, das darf man nicht sagen, auch
+wenn man ungluecklich ist oder wenn einem wer gestorben ist, den
+man liebhatte. Sie hatten sie wohl sehr lieb?" "Ich? Die? I, Gott
+bewahre." "Sie sind aber doch sehr traurig. Das muss doch einen Grund
+haben." "Den hat es auch, gnaedigste Frau." "Kennen Sie mich?" "Ja.
+Sie sind die Frau Landraetin von drueben. Und ich habe mit der Alten
+immer von Ihnen gesprochen. Zuletzt konnte sie nicht mehr, weil sie
+keine rechte Luft mehr hatte, denn es sass ihr hier und wird wohl
+Wasser gewesen sein; aber solange sie noch reden konnte, redete sie
+immerzu. Es war ne richtige Berlinsche ..." - "Gute Frau?" "Nein; wenn
+ich das sagen wollte, muesst ich luegen. Da liegt sie nun, und man
+soll von einem Toten nichts Schlimmes sagen, und erst recht nicht,
+wenn er so kaum seine Ruhe hat. Na, die wird sie ja wohl haben! Aber
+sie taugte nichts und war zaenkisch und geizig, und fuer mich hat sie
+auch nicht gesorgt. Und die Verwandtschaft, die da gestern von Berlin
+gekommen ... gezankt haben sie sich bis in die sinkende Nacht ... na,
+die taugt auch nichts, die taugt erst recht nichts. Lauter schlechtes
+Volk, happig und gierig und hartherzig, und haben mir barsch und
+unfreundlich und mit allerlei Redensarten meinen Lohn ausgezahlt,
+bloss weil sie mussten und weil es bloss noch sechs Tage sind bis
+zum Vierteljahresersten. Sonst haette ich nichts gekriegt oder bloss
+halb oder bloss ein Viertel. Nichts aus freien Stuecken. Und einen
+eingerissenen Fuenfmarkschein haben sie mir gegeben, dass ich nach
+Berlin zurueckreisen kann; na, es reicht so gerade fuer die vierte
+Klasse, und ich werde wohl auf meinem Koffer sitzen muessen. Aber ich
+will auch gar nicht; ich will hier sitzen bleiben und warten, bis ich
+sterbe ... Gott, ich dachte nun mal Ruhe zu haben und haette auch
+ausgehalten bei der Alten. Und nun ist es wieder nichts und soll mich
+wieder rumstossen lassen. Und kattolsch bin ich auch noch. Ach, ich
+hab es satt und laeg am liebsten, wo die Alte liegt, und sie koennte
+meinetwegen weiterleben ... Sie haette gerne noch weitergelebt; solche
+Menschenschikanierer, die nich mal Luft haben, die leben immer am
+liebsten."
+
+Rollo, der Effi begleitet hatte, hatte sich mittlerweile vor die
+Person hingesetzt, die Zunge weit heraus, und sah sie an. Als sie
+jetzt schwieg, erhob er sich, ging einen Schritt vor und legte seinen
+Kopf auf ihre Knie.
+
+Mit einem Male war die Person wie verwandelt. "Gott, das bedeutet mir
+was. Das is ja 'ne Kreatur, die mich leiden kann, die mich freundlich
+ansieht und ihren Kopf auf meine Knie legt. Gott, das ist lange her,
+dass ich so was gehabt habe. Nu, mein Alterchen, wie heisst du denn?
+Du bist ja ein Prachtkerl." - "Rollo", sagte Effi.
+
+"Rollo; das ist sonderbar. Aber der Name tut nichts. Ich habe auch
+einen sonderbaren Namen, das heisst Vornamen. Und einen andern hat
+unsereins ja nicht."
+
+"Wie heissen Sie denn?" - "Ich heisse Roswitha." "Ja, das ist selten,
+das ist ja ..."
+
+"Ja, ganz recht, gnaedige Frau, das ist ein kattolscher Name. Und das
+kommt auch noch dazu, dass ich eine Kattolsche bin.
+
+Aus'n Eichsfeld. Und das Kattolsche, das macht es einem immer noch
+schwerer und saurer. Viele wollen keine Kattolsche, weil sie so viel
+in die Kirche rennen. 'Immer in die Beichte; und die Hauptsache sagen
+sie doch nich' - Gott, wie oft hab ich das hoeren muessen, erst als
+ich in Giebichenstein im Dienst war und dann in Berlin. Ich bin
+aber eine schlechte Katholikin und bin ganz davon abgekommen, und
+vielleicht geht es mir deshalb so schlecht; ja, man darf nich von
+seinem Glauben lassen und muss alles ordentlich mitmachen."
+
+"Roswitha", wiederholte Effi den Namen und setzte sich zu ihr auf die
+Bank. "Was haben Sie nun vor?"
+
+"Ach, gnaed'ge Frau, was soll ich vorhaben. Ich habe gar nichts vor.
+Wahr und wahrhaftig, ich moechte hier sitzen bleiben und warten, bis
+ich tot umfalle. Das waere mir das liebste. Und dann wuerden die Leute
+noch denken, ich haette die Alte so geliebt wie ein treuer Hund und
+haette von ihrem Grab nicht weggewollt und waere da gestorben. Aber
+das ist falsch, fuer solche Alte stirbt man nicht; ich will bloss
+sterben, weil ich nicht leben kann."
+
+"Ich will Sie was fragen, Roswitha. Sind Sie, was man so 'kinderlieb'
+nennt? Waren Sie schon mal bei kleinen Kindern?"
+
+"Gewiss war ich. Das ist ja mein Bestes und Schoenstes. Solche alte
+Berlinsche - Gott verzeih mir die Suende, denn sie ist nun tot und
+steht vor Gottes Thron und kann mich da verklagen -, solche Alte, wie
+die da, ja, das ist schrecklich, was man da alles tun muss, und steht
+einem hier vor Brust und Magen, aber solch kleines, liebes Ding, solch
+Dingelchen wie ne Puppe, das einen mit seinen Guckaeugelchen ansieht,
+ja, das ist was, da geht einem das Herz auf. Als ich in Halle war, da
+war ich Amme bei der Frau Salzdirektorin, und in Giebichenstein, wo
+ich nachher hinkam, da hab ich Zwillinge mit der Flasche grossgezogen;
+ja, gnaed'ge Frau, das versteh ich, da drin bin ich wie zu Hause."
+
+"Nun, wissen Sie was, Roswitha, Sie sind eine gute, treue Person, das
+seh ich Ihnen an, ein bisschen gradezu, aber das schadet nichts, das
+sind mitunter die Besten, und ich habe gleich ein Zutrauen zu Ihnen
+gefasst. Wollen Sie mit zu mir kommen? Mir ist, als haette Gott Sie
+mir geschickt. Ich erwarte nun bald ein Kleines, Gott gebe mir seine
+Hilfe dazu, und wenn das Kind da ist, dann muss es gepflegt und
+abgewartet werden und vielleicht auch gepaeppelt. Man kann das ja
+nicht wissen, wiewohl ich es anders wuensche. Was meinen Sie, wollen
+Sie mit zu mir kommen? Ich kann mir nicht denken, dass ich mich in
+Ihnen irre."
+
+Roswitha war aufgesprungen und hatte die Hand der jungen Frau
+ergriffen und kuesste sie mit Ungestuem. "Ach, es ist doch ein Gott im
+Himmel, und wenn die Not am groessten ist, ist die Hilfe am naechsten.
+Sie sollen sehn, gnaed'ge Frau, es geht; ich bin eine ordentliche
+Person und habe gute Zeugnisse. Das koennen Sie sehn, wenn ich Ihnen
+mein Buch bringe. Gleich den ersten Tag, als ich die gnaed'ge Frau
+sah, da dacht ich: 'Ja, wenn du mal solchen Dienst haettest.' Und nun
+soll ich ihn haben. O du lieber Gott, o du heil'ge Jungfrau Maria, wer
+mir das gesagt haette, wie wir die Alte hier unter der Erde hatten
+und die Verwandten machten, dass sie wieder fortkamen, und mich hier
+sitzenliessen."
+
+"Ja, unverhofft kommt oft, Roswitha, und mitunter auch im Guten. Und
+nun wollen wir gehen. Rollo wird schon ungeduldig und laeuft immer auf
+das Tor zu."
+
+Roswitha war gleich bereit, trat aber noch einmal an das Grab,
+brummelte was vor sich hin und machte ein Kreuz. Und dann gingen sie
+den schattigen Gang hinunter und wieder auf das Kirchhofstor zu.
+
+Drueben lag die eingegitterte Stelle, deren weisser Stein in der
+Nachmittagssonne blinkte und blitzte. Effi konnte jetzt ruhiger
+hinsehen. Eine Weile noch fuehrte der Weg zwischen Duenen hin,
+bis sie, dicht vor Utpatels Muehle, den Aussenrand des Waeldchens
+erreichte. Da bog sie links ein, und unter Benutzung einer
+schraeglaufenden Allee, die die "Reeperbahn" hiess, ging sie mit
+Roswitha auf die landraetliche Wohnung zu.
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+Keine Viertelstunde, so war die Wohnung erreicht. Als beide hier
+in den kuehlen Flur traten, war Roswitha beim Anblick all des
+Sonderbaren, das da herumhing, wie befangen; Effi aber liess sie nicht
+zu weiteren Betrachtungen kommen und sagte: "Roswitha, nun gehen Sie
+da hinein. Das ist das Zimmer, wo wir schlafen. Ich will erst zu
+meinem Mann nach dem Landratsamt hinueber - das grosse Haus da neben
+dem kleinen, in dem Sie gewohnt haben - und will ihm sagen, dass ich
+Sie zur Pflege haben moechte bei dem Kinde. Er wird wohl mit allem
+einverstanden sein, aber ich muss doch erst seine Zustimmung haben.
+Und wenn ich die habe, dann muessen wir ihn ausquartieren, und Sie
+schlafen mit mir in dem Alkoven. Ich denke, wir werden uns schon
+vertragen."
+
+Innstetten, als er erfuhr, um was sich's handle, sagte rasch und
+in guter Laune: "Das hast du recht gemacht, Effi, und wenn ihr
+Gesindebuch nicht zu schlimme Sachen sagt, so nehmen wir sie auf ihr
+gutes Gesicht hin. Es ist doch, Gott sei Dank, selten, dass einen das
+taeuscht."
+
+Effi war sehr gluecklich, so wenig Schwierigkeiten zu begegnen, und
+sagte: "Nun wird es gehen. Ich fuerchte mich jetzt nicht mehr."
+
+"Um was, Effi?"
+
+"Ach, du weisst ja ... Aber Einbildungen sind das schlimmste, mitunter
+schlimmer als alles."
+
+Roswitha zog in selbiger Stunde noch mit ihren paar Habseligkeiten
+in das landraetliche Haus hinueber und richtete sich in dem kleinen
+Alkoven ein. Als der Tag um war, ging sie frueh zu Bett und schlief,
+ermuedet wie sie war, gleich ein. Am andern Morgen erkundigte sich
+Effi - die seit einiger Zeit (denn es war gerade Vollmond) wieder in
+Aengsten lebte -, wie Roswitha geschlafen und ob sie nichts gehoert
+habe.
+
+"Was?" fragte diese.
+
+"Oh, nichts. Ich meine nur so; so was, wie wenn ein Besen fegt oder
+wie wenn einer ueber die Diele schlittert."
+
+Roswitha lachte, was auf ihre junge Herrin einen besonders guten
+Eindruck machte. Effi war fest protestantisch erzogen und wuerde sehr
+erschrocken gewesen sein, wenn man an und in ihr was Katholisches
+entdeckt haette; trotzdem glaubte sie, dass der Katholizismus
+uns gegen solche Dinge "wie da oben" besser schuetze; ja, diese
+Betrachtung hatte bei dem Plan, Roswitha ins Haus zu nehmen, ganz
+erheblich mitgewirkt.
+
+Man lebte sich schnell ein, denn Effi hatte ganz den liebenswuerdigen
+Zug der meisten maerkischen Landfraeulein, sich gern allerlei
+kleine Geschichten erzaehlen zu lassen, und die verstorbene Frau
+Registratorin und ihr Geiz und ihre Neffen und ihre Frauen boten einen
+unerschoepflichen Stoff. Auch Johanna hoerte dabei gerne zu.
+
+Diese, wenn Effi bei den drastischen Stellen oft laut lachte,
+laechelte freilich und verwunderte sich im stillen, dass die gnaedige
+Frau an all dem dummen Zeug soviel Gefallen finde; diese Verwunderung
+aber, die mit einem starken Ueberlegenheitsgefuehl Hand in Hand
+ging, war doch auch wieder ein Glueck und sorgte dafuer, dass keine
+Rangstreitigkeiten aufkommen konnten. Roswitha war einfach die
+komische Figur, und Neid gegen sie zu hegen waere fuer Johanna nichts
+anderes gewesen, wie wenn sie Rollo um seine Freundschaftsstellung
+beneidet haette.
+
+So verging eine Woche, plauderhaft und beinahe gemuetlich, weil Effi
+dem, was ihr persoenlich bevorstand, ungeaengstigter als frueher
+entgegensah. Auch glaubte sie nicht, dass es so nahe sei. Den neunten
+Tag aber war es mit dem Plaudern und den Gemuetlichkeiten vorbei; da
+gab es ein Laufen und Rennen, Innstetten selbst kam ganz aus seiner
+gewohnten Reserve heraus, und am Morgen des 3. Juli stand neben Effis
+Bett eine Wiege. Doktor Hannemann patschelte der jungen Frau die Hand
+und sagte: "Wir haben heute den Tag von Koeniggraetz; schade, dass es
+ein Maedchen ist. Aber das andere kann ja nachkommen, und die Preussen
+haben viele Siegestage." Roswitha mochte wohl Aehnliches denken,
+freute sich indessen vorlaeufig ganz uneingeschraenkt ueber das, was
+da war, und nannte das Kind ohne weiteres "Luett-Annie", was der
+jungen Mutter als ein Zeichen galt. Es muesse doch wohl eine Eingebung
+gewesen sein, dass Roswitha gerade auf diesen Namen gekommen sei.
+Selbst Innstetten wusste nichts dagegen zu sagen, und so wurde von
+Klein Annie gesprochen, lange bevor der Tauftag da war. Effi, die von
+Mitte August an bei den Eltern in Hohen-Cremmen sein wollte, haette
+die Taufe gern bis dahin verschoben. Aber es liess sich nichts tun;
+Innstetten konnte nicht Urlaub nehmen, und so wurde denn der 15.
+August, trotzdem es der Napoleonstag war (was denn auch von seiten
+einiger Familien beanstandet wurde), fuer diesen Taufakt festgesetzt,
+natuerlich in der Kirche. Das sich anschliessende Festmahl, weil
+das landraetliche Haus keinen Saal hatte, fand in dem grossen
+Ressourcen-Hotel am Bollwerk statt, und der gesamte Nachbaradel war
+geladen und auch erschienen. Pastor Lindequist liess Mutter und Kind
+in einem liebenswuerdigen und allseitig bewunderten Toaste leben, bei
+welcher Gelegenheit Sidonie von Grasenabb zu ihrem Nachbar, einem
+adligen Assessor von der strengen Richtung, bemerkte: "Ja, seine
+Kasualreden, das geht. Aber seine Predigten kann er vor Gott und
+Menschen nicht verantworten; er ist ein Halber, einer von denen, die
+verworfen sind, weil sie lau sind. Ich mag das Bibelwort hier nicht
+woertlich zitieren." Gleich danach nahm auch der alte Herr von Borcke
+das Wort, um Innstetten leben zu lassen. "Meine Herrschaften, es sind
+schwere Zeiten, in denen wir leben, Auflehnung, Trotz, Indisziplin
+wohin wir blicken. Aber solange wir noch Maenner haben, und ich darf
+hinzusetzen, Frauen und Muetter (und hier verbeugte er sich mit einer
+eleganten Handbewegung gegen Effi) ... solange wir noch Maenner haben
+wie Baron Innstetten, den ich stolz bin, meinen Freund nennen zu
+duerfen, so lange geht es noch, so lange haelt unser altes Preussen
+noch. Ja, meine Freunde, Pommern und Brandenburg, damit zwingen wir's
+und zertreten dem Drachen der Revolution das giftige Haupt. Fest und
+treu, so siegen wir. Die Katholiken, unsere Brueder, die wir, auch
+wenn wir sie bekaempfen, achten muessen, haben den 'Felsen Petri', wir
+aber haben den 'Rocher de bronce'. Baron Innstetten, er lebe hoch!"
+Innstetten dankte ganz kurz. Effi sagte zu dem neben ihr sitzenden
+Major von Crampas, das mit dem "Felsen Petri" sei wahrscheinlich eine
+Huldigung gegen Roswitha gewesen; sie werde nachher an den alten
+Justizrat Gadebusch herantreten und ihn fragen, ob er nicht Ihrer
+Meinung sei. Crampas nahm diese Bemerkung unerklaerlicherweise fuer
+Ernst und riet von einer Anfrage bei dem Justizrat ab, was Effi
+ungemein erheiterte. "Ich habe Sie doch fuer einen besseren
+Seelenleser gehalten." "Ach, meine Gnaedigste, bei schoenen jungen
+Frauen, die noch nicht achtzehn sind, scheitert alle Lesekunst."
+
+"Sie verderben sich vollends, Major. Sie koennen mich eine Grossmutter
+nennen, aber Anspielungen darauf, dass ich noch nicht achtzehn bin,
+das kann Ihnen nie verziehen werden."
+
+Als man von Tisch aufgestanden war, kam der Spaetnachmittagsdampfer
+die Kessine herunter und legte an der Landungsbruecke, gegenueber dem
+Hotel, an. Effi sass mit Crampas und Gieshuebler beim Kaffee, alle
+Fenster auf, und sah dem Schauspiel drueben zu. "Morgen frueh um neun
+fuehrt mich dasselbe Schiff den Fluss hinauf, und zu Mittag bin ich in
+Berlin, und am Abend bin ich in Hohen-Cremmen, und Roswitha geht neben
+mir und haelt das Kind auf dem Arm. Hoffentlich schreit es nicht. Ach,
+wie mir schon heute zumute ist! Lieber Gieshuebler, sind Sie auch mal
+so froh gewesen, Ihr elterliches Haus wiederzusehen?"
+
+"Ja, ich kenne das auch, gnaedigste Frau. Nur bloss, ich brachte kein
+Anniechen mit, weil ich keins hatte."
+
+"Kommt noch", sagte Crampas. "Stossen Sie an, Gieshuebler; Sie sind
+der einzige vernuenftige Mensch hier."
+
+"Aber, Herr Major, wir haben ja bloss noch den Kognak." "Desto
+besser."
+
+
+
+Fuenfzehntes Kapitel
+
+Mitte August war Effi abgereist, Ende September war sie wieder in
+Kessin. Manchmal in den zwischenliegenden sechs Wochen hatte sie's
+zurueckverlangt; als sie aber wieder da war und in den dunklen Flur
+eintrat, auf den nur von der Treppenstiege her ein etwas fahles Licht
+fiel, wurde ihr mit einemmal wieder bang, und sie sagte leise: "Solch
+fahles, gelbes Licht gibt es in Hohen-Cremmen gar nicht."
+
+Ja, ein paarmal waehrend ihrer Hohen-Cremmer Tage hatte sie Sehnsucht
+nach dem "verwunschenen Hause" gehabt, alles in allem aber war ihr
+doch das Leben daheim voller Glueck und Zufriedenheit gewesen. Mit
+Hulda freilich, die's nicht verwinden konnte, noch immer auf Mann
+oder Braeutigam warten zu muessen, hatte sie sich nicht recht stellen
+koennen, desto besser dagegen mit den Zwillingen, und mehr als einmal,
+wenn sie mit ihnen Ball oder Krocket gespielt hatte, war ihr's ganz
+aus dem Sinn gekommen, ueberhaupt verheiratet zu sein. Das waren dann
+glueckliche Viertelstunden gewesen. Am liebsten aber hatte sie wie
+frueher auf dem durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und
+in dem Gefuehl "jetzt stuerz ich" etwas eigentuemlich Prickelndes,
+einen Schauer suesser Gefahr empfunden. Sprang sie dann schliesslich
+von der Schaukel ab, so begleitete sie die beiden Maedchen bis an die
+Bank vor dem Schulhause und erzaehlte, wenn sie dasassen, dem alsbald
+hinzukommenden Jahnke von ihrem Leben in Kessin, das halb hanseatisch
+und halb skandinavisch und jedenfalls sehr anders als in Schwantikow
+und Hohen-Cremmen sei.
+
+Das waren so die taeglichen kleinen Zerstreuungen, an die sich
+gelegentlich auch Fahrten in das sommerliche Luch schlossen, meist im
+Jagdwagen; allem voran aber standen fuer Effi doch die Plaudereien,
+die sie beinahe jeden Morgen mit der Mama hatte. Sie sassen dann oben
+in der luftigen grossen Stube, Roswitha wiegte das Kind und sang in
+einem thueringischen Platt allerlei Wiegenlieder, die niemand recht
+verstand, vielleicht sie selber nicht; Effi und Frau von Briest aber
+rueckten ans offene Fenster und sahen, waehrend sie sprachen, auf den
+Park hinunter, auf die Sonnenuhr oder auf die Libellen, die beinahe
+regungslos ueber dem Tisch standen, oder auch auf den Fliesengang, wo
+Herr von Briest neben dem Treppenvorbau sass und die Zeitungen las.
+Immer wenn er umschlug, nahm er zuvor den Kneifer ab und gruesste
+zu Frau und Tochter hinauf. Kam dann das letzte Blatt an die Reihe,
+das in der Regel der "Anzeiger fuers Havelland" war, so ging Effi
+hinunter, um sich entweder zu ihm zu setzen oder um mit ihm durch
+Garten und Park zu schlendern. Einmal bei solcher Gelegenheit traten
+sie, von dem Kiesweg her, an ein kleines, zur Seite stehendes Denkmal
+heran, das schon Briests Grossvater zur Erinnerung an die Schlacht von
+Waterloo hatte aufrichten lassen, eine verrostete Pyramide mit einem
+gegossenen Bluecher in Front und einem dito Wellington auf der
+Rueckseite.
+
+"Hast du nun solche Spaziergaenge auch in Kessin", sagte Briest, "und
+begleitet dich Innstetten auch und erzaehlt dir allerlei?"
+
+"Nein, Papa, solche Spaziergaenge habe ich nicht. Das ist
+ausgeschlossen denn wir haben bloss einen kleinen Garten hinter
+dem Haus, der eigentlich kaum ein Garten ist, bloss ein paar
+Buchsbaumrabatten und Gemuesebeete mit drei, vier Obstbaeumen drin.
+Innstetten hat keinen Sinn dafuer und denkt wohl auch nicht sehr lange
+mehr in Kessin zu bleiben."
+
+"Aber Kind, du musst doch Bewegung haben und frische Luft, daran bist
+du doch gewoehnt."
+
+"Hab ich auch. Unser Haus liegt an einem Waeldchen, das sie die
+Plantage nennen. Und da geh ich denn viel spazieren und Rollo mit
+mir."
+
+"Immer Rollo", lachte Briest. "Wenn man's nicht anders wuesste, so
+sollte man beinah glauben, Rollo sei dir mehr ans Herz gewachsen als
+Mann und Kind."
+
+"Ach, Papa, das waere ja schrecklich, wenn's auch freilich -soviel
+muss ich zugeben - eine Zeit gegeben hat, wo's ohne Rollo gar nicht
+gegangen waere. Das war damals ... nun, du weisst schon ... Da hat er
+mich so gut wie gerettet, oder ich habe mir's wenigstens eingebildet,
+und seitdem ist er mein guter Freund und mein ganz besonderer Verlass.
+Aber er ist doch bloss ein Hund. Und erst kommen doch natuerlich die
+Menschen."
+
+"Ja, das sagt man immer, aber ich habe da doch so meine Zweifel. Das
+mit der Kreatur, damit hat's doch seine eigene Bewandtnis, und was
+da das Richtige ist, darueber sind die Akten noch nicht geschlossen.
+Glaube mir, Effi, das ist auch ein weites Feld. Wenn ich mir so denke,
+da verunglueckt einer auf dem Wasser oder gar auf dem schuelbrigen
+Eis, und solch ein Hund, sagen wir, so einer wie dein Rollo, ist
+dabei, ja, der ruht nicht eher, als bis er den Verunglueckten wieder
+an Land hat. Und wenn der Verunglueckte schon tot ist, dann legt er
+sich neben den Toten hin und blafft und winselt so lange, bis wer
+kommt, und wenn keiner kommt, dann bleibt er bei dem Toten liegen, bis
+er selber tot ist. Und das tut solch Tier immer. Und nun nimm dagegen
+die Menschheit! Gott, vergib mir die Suende, aber mitunter ist mir's
+doch, als ob die Kreatur besser waere als der Mensch."
+
+"Aber, Papa, wenn ich das Innstetten wiedererzaehlte ...""Nein, das tu
+lieber nicht, Effi ..."
+
+"Rollo wuerde mich ja natuerlich retten, aber Innstetten wuerde mich
+auch retten. Er ist ja ein Mann von Ehre."
+
+"Das ist er."
+
+"Und liebt mich."
+
+"Versteht sich, versteht sich. Und wo Liebe ist, da ist auch
+Gegenliebe. Das ist nun mal so. Mich wundert nur, dass er nicht mal
+Urlaub genommen hat und ruebergeflitzt ist. Wenn man eine so junge
+Frau hat ..."
+
+Effi erroetete, weil sie geradeso dachte. Sie mochte es aber nicht
+einraeumen. "Innstetten ist so gewissenhaft und will, glaub ich, gut
+angeschrieben sein und hat so seine Plaene fuer die Zukunft; Kessin
+ist doch bloss eine Station. Und dann am Ende, ich lauf ihm ja nicht
+fort. Er hat mich ja. Wenn man zu zaertlich ist ... und dazu der
+Unterschied der Jahre ... da laecheln die Leute bloss."
+
+"Ja, das tun sie, Effi. Aber darauf muss man's ankommen lassen.
+Uebrigens sage nichts darueber, auch nicht zu Mama. Es ist so schwer,
+was man tun und lassen soll. Das ist auch ein weites Feld."
+
+Gespraeche wie diese waren waehrend Effis Besuch im elterlichen Hause
+mehr als einmal gefuehrt worden, hatten aber gluecklicherweise nicht
+lange nachgewirkt, und ebenso war auch der etwas melancholische
+Eindruck rasch verflogen, den das erste Wiederbetreten ihres Kessiner
+Hauses auf Effi gemacht hatte. Innstetten zeigte sich voll kleiner
+Aufmerksamkeiten, und als der Tee genommen und alle Stadt- und
+Liebesgeschichten in heiterster Stimmung durchgesprochen waren,
+haengte sich Effi zaertlich an seinen Arm, um drueben ihre Plaudereien
+mit ihm fortzusetzen und noch einige Anekdoten von der Trippelli zu
+hoeren, die neuerdings wieder mit Gieshuebler in einer lebhaften
+Korrespondenz gestanden hatte, was immer gleichbedeutend mit einer
+neuen Belastung ihres nie ausgeglichenen Kontos war. Effi war bei
+diesem Gespraech sehr ausgelassen, fuehlte sich ganz als junge Frau
+und war froh, die nach der Gesindestube hin ausquartierte Roswitha auf
+unbestimmte Zeit los zu sein.
+
+Am anderen Morgen sagte sie: "Das Wetter ist schoen und mild, und ich
+hoffe, die Veranda nach der Plantage hinaus ist noch in gutem Stande,
+und wir koennen uns ins Freie setzen und da das Fruehstueck nehmen. In
+unsere Zimmer kommen wir ohnehin noch frueh genug, und der Kessiner
+Winter ist wirklich um vier Wochen zu lang."
+
+Innstetten war sehr einverstanden. Die Veranda, von der Effi
+gesprochen und die vielleicht richtiger ein Zelt genannt worden waere,
+war schon im Sommer hergerichtet worden, drei, vier Wochen vor Effis
+Abreise nach Hohen-Cremmen, und bestand aus einem grossen, gedielten
+Podium, vorn offen, mit einer maechtigen Markise zu Haeupten, waehrend
+links und rechts breite Leinwandvorhaenge waren, die sich mit Hilfe
+von Ringen an einer Eisenstange hin und her schieben liessen. Es war
+ein reizender Platz, den ganzen Sommer ueber von allen Badegaesten,
+die hier vorueber mussten, bewundert.
+
+Effi hatte sich in einen Schaukelstuhl gelehnt und sagte, waehrend
+sie das Kaffeebrett von der Seite her ihrem Manne zuschob: "Geert, du
+koenntest heute den liebenswuerdigen Wirt machen; ich fuer mein Teil
+find es so schoen in diesem Schaukelstuhl, dass ich nicht aufstehen
+mag. Also strenge dich an, und wenn du dich recht freust, mich wieder
+hier zu haben, so werd ich mich auch zu revanchieren wissen." Und
+dabei zupfte sie die weisse Damastdecke zurecht und legte ihre Hand
+darauf, die Innstetten nahm und kuesste.
+
+"Wie bist du nur eigentlich ohne mich fertig geworden?"
+
+"Schlecht genug, Effi."
+
+"Das sagst du so hin und machst ein betruebtes Gesicht, und ist doch
+eigentlich alles nicht wahr."
+
+"Aber Effi ...
+
+"Was ich dir beweisen will. Denn wenn du ein bisschen Sehnsucht
+nach deinem Kinde gehabt haettest - von mir selber will ich nicht
+sprechen, was ist man am Ende solchem hohen Herrn, der so lange Jahre
+Junggeselle war und es nicht eilig hatte ..."
+
+"Nun?"
+
+"Ja, Geert, wenn du nur ein bisschen Sehnsucht gehabt haettest, so
+haettest du mich nicht sechs Wochen mutterwindallein in Hohen-Cremmen
+sitzen lassen wie eine Witwe, und nichts da als Niemeyer und Jahnke
+und mal die Schwantikower. Und von den Rathenowern ist niemand
+gekommen, als ob sie sich vor mir gefuerchtet haetten oder als ob ich
+zu alt geworden sei."
+
+"Ach, Effi, wie du nur sprichst. Weisst du, dass du eine kleine
+Kokette bist?"
+
+"Gott sei Dank, dass du das sagst. Das ist fuer euch das Beste, was
+man sein kann. Und du bist nichts anderes als die anderen, wenn du
+auch so feierlich und ehrsam tust. Ich weiss es recht gut, Geert ...
+Eigentlich bist du ..."
+
+"Nun, was?"
+
+"Nun, ich will es lieber nicht sagen. Aber ich kenne dich recht
+gut; du bist eigentlich, wie der Schwantikower Onkel mal sagte, ein
+Zaertlichkeitsmensch und unterm Liebesstern geboren, und Onkel Belling
+hatte ganz recht, als er das sagte. Du willst es bloss nicht zeigen
+und denkst, es schickt sich nicht und verdirbt einem die Karriere. Hab
+ich's getroffen?"
+
+Innstetten lachte. "Ein bisschen getroffen hast du's. Weisst du was,
+Effi, du kommst mir ganz anders vor. Bis Anniechen da war, warst du
+ein Kind. Aber mit einemmal ..."
+
+"Nun?"
+
+"Mit einemmal bist du wie vertauscht. Aber es steht dir, du gefaellst
+mir sehr, Effi. Weisst du was?"
+
+"Nun?"
+
+"Du hast was Verfuehrerisches."
+
+"Ach, mein einziger Geert, das ist ja herrlich, was du da sagst; nun
+wird mir erst recht wohl ums Herz ... Gib mir noch eine halbe Tasse
+... Weisst du denn, dass ich mir das immer gewuenscht habe? Wir
+muessen verfuehrerisch sein, sonst sind wir gar nichts ..."
+
+"Hast du das aus dir?"
+
+"Ich koennt es wohl auch aus mir haben. Aber ich hab es von Niemeyer
+..."
+
+"Von Niemeyer! O du himmlischer Vater, ist das ein Pastor. Nein,
+solche gibt es hier nicht. Aber wie kam denn der dazu? Das ist ja, als
+ob es irgendein Don Juan oder Herzensbrecher gesprochen haette."
+
+"Ja, wer weiss", lachte Effi ... "Aber kommt da nicht Crampas? Und vom
+Strand her. Er wird doch nicht gebadet haben? Am 27. September ..."
+
+"Er macht oefter solche Sachen. Reine Renommisterei."
+
+Derweilen war Crampas bis in naechste Naehe gekommen und gruesste.
+
+"Guten Morgen", rief Innstetten ihm zu. "Nur naeher, nur naeher."
+
+Crampas trat heran. Er war in Zivil und kuesste der in ihrem
+Schaukelstuhl sich weiter wiegenden Effi die Hand. "Entschuldigen Sie
+mich, Major, dass ich so schlecht die Honneurs des Hauses mache; aber
+die Veranda ist kein Haus, und zehn Uhr frueh ist eigentlich gar keine
+Zeit. Da wird man formlos oder, wenn Sie wollen, intim. Und nun setzen
+Sie sich, und geben Sie Rechenschaft von Ihrem Tun. Denn an Ihrem Haar
+(ich wuenschte Ihnen, dass es mehr waere) sieht man deutlich, dass Sie
+gebadet haben."
+
+Er nickte.
+
+"Unverantwortlich", sagte Innstetten, halb ernst-, halb scherzhaft.
+"Da haben Sie nun selber vor vier Wochen die Geschichte mit dem
+Bankier Heinersdorf erlebt, der auch dachte, das Meer und der
+grandiose Wellenschlag wuerden ihn um seiner Million willen
+respektieren. Aber die Goetter sind eifersuechtig untereinander, und
+Neptun stellte sich ohne weiteres gegen Pluto oder doch wenigstens
+gegen Heinersdorf."
+
+Crampas lachte.
+
+"Ja, eine Million Mark! Lieber Innstetten, wenn ich die haette, da
+haett ich es am Ende nicht gewagt; denn so schoen das Wetter ist,
+das Wasser hatte nur neun Grad. Aber unsereins mit seiner Million
+Unterbilanz, gestatten Sie mir diese kleine Renommage, unsereins kann
+sich so was ohne Furcht vor der Goetter Eifersucht erlauben. Und dann
+muss einen das Sprichwort troesten: 'Wer fuer den Strick geboren ist,
+kann im Wasser nicht umkommen.'"
+
+"Aber, Major, Sie werden sich doch nicht etwas so Urprosaisches, ich
+moechte beinah sagen, an den Hals reden wollen. Allerdings glauben
+manche, dass ... ich meine das, wovon Sie eben gesprochen haben ...
+dass ihn jeder mehr oder weniger verdiene. Trotzdem, Major ... fuer
+einen Major ..."
+
+"Ist es keine herkoemmliche Todesart. Zugegeben, meine Gnaedigste.
+Nicht herkoemmlich und in meinem Fall auch nicht einmal sehr
+wahrscheinlich - also alles bloss Zitat oder noch richtiger facon de
+parler. Und doch steckt etwas Aufrichtiggemeintes dahinter, wenn ich
+da eben sagte, die See werde mir nichts anhaben. Es steht mir naemlich
+fest, dass ich einen richtigen und hoffentlich ehrlichen Soldatentod
+sterben werde. Zunaechst bloss Zigeunerprophezeiung, aber mit Resonanz
+im eigenen Gewissen."
+
+Innstetten lachte. "Das wird seine Schwierigkeiten haben, Crampas,
+wenn Sie nicht vorhaben, beim Grosstuerken oder unterm chinesischen
+Drachen Dienst zu nehmen. Da schlaegt man sich jetzt herum. Hier ist
+die Geschichte, glauben Sie mir, auf dreissig Jahre vorbei, und wer
+seinen Soldatentod sterben will ..."
+
+"Der muss sich erst bei Bismarck einen Krieg bestellen. Weiss ich
+alles, Innstetten. Aber das ist doch fuer Sie eine Kleinigkeit. Jetzt
+haben wir Ende September; in zehn Wochen spaetestens ist der Fuerst
+wieder in Varzin, und da er ein liking fuer Sie hat - mit der
+volkstuemlicheren Wendung will ich zurueckhalten, um nicht direkt vor
+Ihren Pistolenlauf zu kommen -, so werden Sie einem alten Kameraden
+von Vionville her doch wohl ein bisschen Krieg besorgen koennen. Der
+Fuerst ist auch nur ein Mensch, und Zureden hilft."
+
+Effi hatte waehrend dieses Gespraechs einige Brotkuegelchen gedreht,
+wuerfelte damit und legte sie zu Figuren zusammen, um so anzuzeigen,
+dass ihr ein Wechsel des Themas wuenschenswert waere. Trotzdem schien
+Innstetten auf Crampas scherzhafte Bemerkungen antworten zu wollen,
+was denn Effi bestimmte, lieber direkt einzugreifen. "Ich sehe nicht
+ein, Major, warum wir uns mit Ihrer Todesart beschaeftigen sollen; das
+Leben ist uns naeher und zunaechst auch eine viel ernstere Sache."
+
+Crampas nickte.
+
+"Das ist recht, dass Sie mir recht geben. Wie soll man hier leben?
+Das ist vorlaeufig die Frage, das ist wichtiger als alles andere.
+Gieshuebler hat mir darueber geschrieben, und wenn es nicht indiskret
+und eitel waere, denn es steht noch allerlei nebenher darin, so zeigte
+ich Ihnen den Brief ... Innstetten braucht ihn nicht zu lesen, der
+hat keinen Sinn fuer dergleichen ... beilaeufig eine Handschrift
+wie gestochen und Ausdrucksformen, als waere unser Freund statt am
+Kessiner Alten Markt an einem altfranzoesischen Hofe erzogen worden.
+Und dass er verwachsen ist und weisse Jabots traegt wie kein anderer
+Mensch mehr - ich weiss nur nicht, wo er die Plaetterin hernimmt
+-, das passt alles so vorzueglich. Nun, also Gieshuebler hat mir
+von Plaenen fuer die Ressourcenabende geschrieben und von einem
+Entrepreneur namens Crampas. Sehen Sie, Major, das gefaellt mir besser
+als der Soldatentod oder gar der andere."
+
+"Mir persoenlich nicht minder. Und es muss ein Prachtwinter werden,
+wenn wir uns der Unterstuetzung der gnaedigen Frau versichert halten
+duerften. Die Trippelli kommt."
+
+"Die Trippelli? Dann bin ich ueberfluessig."
+
+"Mitnichten, gnaedigste Frau. Die Trippelli kann nicht von Sonntag
+bis wieder Sonntag singen, es waere zuviel fuer sie und fuer uns;
+Abwechslung ist des Lebens Reiz, eine Wahrheit, die freilich jede
+glueckliche Ehe zu widerlegen scheint."
+
+"Wenn es glueckliche Ehen gibt, die meinige ausgenommen ...", und sie
+reichte Innstetten die Hand.
+
+"Abwechslung also", fuhr Crampas fort. "Und diese fuer uns und unsere
+Ressource zu gewinnen, deren Vizevorstand zu sein ich zur Zeit die
+Ehre habe, dazu braucht es aller bewaehrten Kraefte. Wenn wir uns
+zusammentun, so muessen wir das ganze Nest auf den Kopf stellen. Die
+Theaterstuecke sind schon ausgesucht: 'Krieg im Frieden', 'Monsieur
+Herkules', 'Jugendliebe' von Wildbrandt, vielleicht auch 'Euphrosyne'
+von Gensichen. Sie die Euphrosyne, ich der alte Goethe. Sie sollen
+staunen, wie gut ich den Dichterfuersten tragiere ... wenn 'tragieren'
+das richtige Wort ist."
+
+"Kein Zweifel. Hab ich doch inzwischen aus dem Brief meines
+alchimistischen Geheimkorrespondenten erfahren, dass Sie neben
+vielem anderen gelegentlich auch Dichter sind. Anfangs habe ich mich
+gewundert. ..."
+
+"Denn Sie haben es mir nicht angesehen."
+
+"Nein. Aber seit ich weiss, dass Sie bei neun Grad baden, bin ich
+anderen Sinnes geworden ... neun Grad Ostsee, das geht ueber den
+kastalischen Quell ..."
+
+"Dessen Temperatur unbekannt ist."
+
+"Nicht fuer mich; wenigstens wird mich niemand widerlegen. Aber nun
+muss ich aufstehen. Da kommt ja Roswitha mit Luett-Annie."
+
+Und sie erhob sich rasch und ging auf Roswitha zu, nahm ihr das Kind
+aus dem Arm und hielt es stolz und gluecklich in die Hoehe.
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+Die Tage waren schoen und blieben es bis in den Oktober hinein. Eine
+Folge davon war, dass die halbzeltartige Veranda draussen zu ihrem
+Recht kam, so sehr, dass sich wenigstens die Vormittagsstunden
+regelmaessig darin abspielten. Gegen elf kam dann wohl der Major, um
+sich zunaechst nach dem Befinden der gnaedigen Frau zu erkundigen und
+mit ihr ein wenig zu medisieren, was er wundervoll verstand, danach
+aber mit Innstetten einen Ausritt zu verabreden, oft landeinwaerts,
+die Kessine hinauf bis an den Breitling, noch haeufiger auf die Molen
+zu. Effi, wenn die Herren fort waren, spielte mit dem Kind oder
+durchblaetterte die von Gieshuebler nach wie vor ihr zugeschickten
+Zeitungen und Journale, schrieb auch wohl einen Brief an die Mama oder
+sagte: "Roswitha, wir wollen mit Annie spazierenfahren", und dann
+spannte sich Roswitha vor den Korbwagen und fuhr, waehrend Effi
+hinterherging, ein paar hundert Schritt in das Waeldchen hinein, auf
+eine Stelle zu, wo Kastanien ausgestreut lagen, die man nun auflas, um
+sie dem Kind als Spielzeug zu geben. In die Stadt kam Effi wenig; es
+war niemand recht da, mit dem sie haette plaudern koennen, nachdem ein
+Versuch, mit der Frau von Crampas auf einen Umgangsfuss zu kommen,
+aufs neue gescheitert war. Die Majorin war und blieb menschenscheu.
+
+Das ging so wochenlang, bis Effi ploetzlich den Wunsch aeusserte, mit
+ausreiten zu duerfen; sie habe nun mal die Passion, und es sei doch
+zuviel verlangt, bloss um des Geredes der Kessiner willen auf etwas
+zu verzichten, das einem so viel wert sei. Der Major fand die Sache
+kapital, und Innstetten, dem es augenscheinlich weniger passte so
+wenig, dass er immer wieder hervorhob, es werde sich kein Damenpferd
+finden lassen -, Innstetten musste nachgeben, als Crampas versicherte,
+das solle seine Sorge sein. Und richtig, was man wuenschte, fand sich
+auch, und Effi war selig, am Strand hinjagen zu koennen, jetzt wo
+"Damenbad" und "Herrenbad" keine scheidenden Schreckensworte mehr
+waren. Meist war auch Rollo mit von der Partie, und weil es sich ein
+paarmal ereignet hatte, dass man am Strand zu rasten oder auch eine
+Strecke Wegs zu Fuss zu machen wuenschte, so kam man ueberein, sich
+von entsprechender Dienerschaft begleiten zu lassen, zu welchem Behufe
+des Majors Bursche, ein alter Treptower Ulan, der Knut hiess, und
+Innstettens Kutscher Kruse zu Reitknechten umgewandelt wurden,
+allerdings ziemlich unvollkommen, indem sie, zu Effis Leidwesen, in
+eine Phantasielivree gesteckt wurden, darin der eigentliche Beruf
+beider noch nachspukte.
+
+Mitte Oktober war schon heran, als man, so herausstaffiert, zum
+erstenmal in voller Kavalkade aufbrach, in Front Innstetten und
+Crampas, Effi zwischen ihnen, dann Kruse und Knut und zuletzt Rollo,
+der aber bald, weil ihm das Nachtrotten missfiel, allen vorauf war.
+Als man das jetzt oede Strandhotel passiert und bald danach, sich
+rechts haltend, auf dem von einer maessigen Brandung ueberschaeumten
+Strandwege den diesseitigen Molendamm erreicht hatte, verspuerte man
+Lust, abzusteigen und einen Spaziergang bis an den Kopf der Mole
+zu machen. Effi war die erste aus dem Sattel. Zwischen den beiden
+Steindaemmen floss die Kessine breit und ruhig dem Meere zu, das wie
+eine sonnenbeschienene Flaeche, darauf nur hier und da eine leichte
+Welle kraeuselte, vor ihnen lag.
+
+Effi war noch nie hier draussen gewesen, denn als sie vorigen November
+in Kessin eintraf, war schon Sturmzeit, und als der Sommer kam,
+war sie nicht mehr imstande, weite Gaenge zu machen. Sie war jetzt
+entzueckt, fand alles gross und herrlich, erging sich in kraenkenden
+Vergleichen zwischen dem Luch und dem Meer und ergriff, sooft die
+Gelegenheit dazu sich bot, ein Stueck angeschwemmtes Holz, um es nach
+links hin in die See oder nach rechts hin in die Kessine zu werfen.
+Rollo war immer gluecklich, im Dienste seiner Herrin sich nachstuerzen
+zu koennen; mit einemmal aber wurde seine Aufmerksamkeit nach einer
+ganz anderen Seite hin abgezogen, und sich vorsichtig, ja beinahe
+aengstlich vorwaerts schleichend, sprang er ploetzlich auf einen in
+Front sichtbar werdenden Gegenstand zu, freilich vergeblich, denn im
+selben Augenblick glitt von einem sonnenbeschienenen und mit gruenem
+Tang ueberwachsenen Stein eine Robbe glatt und geraeuschlos in das nur
+etwa fuenf Schritt entfernte Meer hinunter. Eine kurze Weile noch sah
+man den Kopf, dann tauchte auch dieser unter.
+
+Alle waren erregt, und Crampas phantasierte von Robbenjagd und dass
+man das naechste Mal die Buechse mitnehmen muesse, "denn die Dinger
+haben ein festes Fell".
+
+"Geht nicht", sagte Innstetten; "Hafenpolizei."
+
+"Wenn ich so was hoere", lachte der Major. "Hafenpolizei! Die drei
+Behoerden, die wir hier haben, werden doch wohl untereinander die
+Augen zudruecken koennen. Muss denn alles so furchtbar gesetzlich
+sein? Gesetzlichkeiten sind langweilig."
+
+Effi klatschte in die Haende.
+
+"Ja, Crampas, Sie kleidet das, und Effi, wie Sie sehen, klatscht Ihnen
+Beifall. Natuerlich; die Weiber schreien sofort nach einem Schutzmann,
+aber von Gesetz wollen sie nichts wissen."
+
+"Das ist so Frauenrecht von alter Zeit her, und wir werden's nicht
+aendern, Innstetten."
+
+"Nein", lachte dieser, "und ich will es auch nicht. Auf Mohrenwaesche
+lasse ich mich nicht ein. Aber einer wie Sie, Crampas, der unter der
+Fahne der Disziplin grossgeworden ist und recht gut weiss, dass es
+ohne Zucht und Ordnung nicht geht, ein Mann wie Sie, der sollte doch
+eigentlich so was nicht reden, auch nicht einmal im Spass. Indessen,
+ich weiss schon, Sie haben einen himmlischen Kehr-mich-nicht-Drang und
+denken, der Himmel wird nicht gleich einstuerzen. Nein, gleich nicht.
+Aber mal kommt es."
+
+Crampas wurde einen Augenblick verlegen, weil er glaubte, das alles
+sei mit einer gewissen Absicht gesprochen, was aber nicht der Fall
+war. Innstetten hielt nur einen seiner kleinen moralischen Vortraege,
+zu denen er ueberhaupt hinneigte. "Da lob ich mir Gieshuebler", sagte
+er einlenkend, "immer Kavalier und dabei doch Grundsaetze."
+
+Der Major hatte sich mittlerweile wieder zurechtgefunden und sagte in
+seinem alten Ton: "Ja, Gieshuebler; der beste Kerl von der Welt und,
+wenn moeglich, noch bessere Grundsaetze. Aber am Ende woher? Warum?
+Weil er einen 'Verdruss' hat. Wer gerade gewachsen ist, ist fuer
+Leichtsinn. Ueberhaupt ohne Leichtsinn ist das ganze Leben keinen
+Schuss Pulver wert."
+
+"Nun hoeren Sie, Crampas, gerade so viel kommt mitunter dabei heraus."
+Und dabei sah er auf des Majors linken, etwas gekuerzten Arm. Effi
+hatte von diesem Gespraech wenig gehoert. Sie war dicht an die Stelle
+getreten, wo die Robbe gelegen, und Rollo stand neben ihr. Dann
+sahen beide, von dem Stein weg, auf das Meer und warteten, ob die
+"Seejungfrau" noch einmal sichtbar werden wuerde.
+
+Ende Oktober begann die Wahlkampagne, was Innstetten hinderte, sich
+ferner an den Ausfluegen zu beteiligen und auch Crampas und Effi
+haetten jetzt um der lieben Kessiner willen wohl verzichten muessen,
+wenn nicht Knut und Kruse als eine Art Ehrengarde gewesen waeren.
+So kam es, dass sich die Spazierritte bis in den November hinein
+fortsetzten
+
+Ein Wetterumschlag war freilich eingetreten, ein andauern der Nordwest
+trieb Wolkenmassen heran, und das Meer schaeumte maechtig, aber Regen
+und Kaelte fehlten noch und so waren diese Ausfluege bei grauem
+Himmel und laermender Brandung fast noch schoener, als sie vorher bei
+Sonnenschein und stiller See gewesen waren. Rollo jagte vorauf, dann
+und wann von der Gischt ueberspritzt, und der Schleier von Effis
+Reithut flatterte im Wind. Dabei zu sprechen war fast unmoeglich; wenn
+man dann aber, vom Meer fort, in die schutzgebenden Duenen oder noch
+besser in den weiter zurueckgelegenen Kiefernwald einlenkte, so wurd
+es still, Effis Schleier flatterte nicht mehr, und die Enge des Wegs
+zwang die beiden Reiter dicht nebeneinander. Das war dann die Zeit,
+wo man - schon um der Knorren und Wurzeln willen im Schritt reitend
+- die Gespraeche, die der Brandungslaerm unterbrochen hatte, wieder
+aufnehmen konnte. Crampas, ein guter Causeur, erzaehlte dann Kriegs-
+und Regimentsgeschichten, auch Anekdoten und kleine Charakterzuege von
+Innstetten, der mit seinem Ernst und seiner Zugeknoepftheit in den
+uebermuetigen Kreis der Kameraden nie recht hineingepasst habe, so
+dass er eigentlich immer mehr respektiert als geliebt worden sei.
+
+"Das kann ich mir denken", sagte Effi, "ein Glueck nur, dass der
+Respekt die Hauptsache ist."
+
+"Ja, zu seiner Zeit. Aber er passt doch nicht immer. Und zu dem allen
+kam noch eine mystische Richtung, die mitunter Anstoss gab, einmal
+weil Soldaten ueberhaupt nicht sehr fuer derlei Dinge sind, und dann
+weil wir die Vorstellung unterhalten, vielleicht mit Unrecht, dass er
+doch nicht ganz so dazu staende, wie er's uns einreden wollte."
+
+"Mystische Richtung?" sagte Effi. "Ja, Major, was verstehen Sie
+darunter? Er kann doch keine Konventikel abgehalten und den Propheten
+gespielt haben. Auch nicht einmal den aus der Oper ... ich habe seinen
+Namen vergessen."
+
+"Nein, so weit ging er nicht. Aber es ist vielleicht besser, davon
+abzubrechen. Ich moechte nicht hinter seinem Ruecken etwas sagen, was
+falsch ausgelegt werden koennte. Zudem sind es Dinge, die sich sehr
+gut auch in seiner Gegenwart verhandeln lassen. Dinge, die nur, man
+mag wollen oder nicht, zu was Sonderbarem aufgebauscht werden, wenn
+er nicht dabei ist und nicht jeden Augenblick eingreifen und uns
+widerlegen oder meinetwegen auch auslachen kann."
+
+"Aber das ist ja grausam, Major. Wie koennen Sie meine Neugier so auf
+die Folter spannen. Erst ist es was, und dann ist es wieder nichts.
+Und Mystik! Ist er denn ein Geisterseher?"
+
+"Ein Geisterseher! Das will ich nicht gerade sagen. Aber er hatte eine
+Vorliebe, uns Spukgeschichten zu erzaehlen. Und wenn er uns dann in
+grosse Aufregung versetzt und manchen auch wohl geaengstigt hatte,
+dann war es mit einem Male wieder, als habe er sich ueber alle die
+Leichtglaeubigen bloss mokieren wollen. Und kurz und gut, einmal kam
+es, dass ich ihm auf den Kopf zusagte: 'Ach was, Innstetten, das ist
+ja alles bloss Komoedie. Mich taeuschen Sie nicht. Sie treiben Ihr
+Spiel mit uns. Eigentlich glauben Sie's gradsowenig wie wir, aber
+Sie wollen sich interessant machen und haben eine Vorstellung davon,
+dass Ungewoehnlichkeiten nach oben hin besser empfehlen. In hoeheren
+Karrieren will man keine Alltagsmenschen. Und da Sie so was vorhaben,
+so haben Sie sich was Apartes ausgesucht und sind bei der Gelegenheit
+auf den Spuk gefallen.'"
+
+Effi sagte kein Wort, was dem Major zuletzt bedruecklich wurde. "Sie
+schweigen, gnaedigste Frau."
+
+"Ja."
+
+"Darf ich fragen warum? Hab ich Anstoss gegeben? Oder finden Sie's
+unritterlich, einen abwesenden Freund, ich muss das trotz aller
+Verwahrungen einraeumen, ein klein wenig zu hecheln? Aber da tun
+Sie mir trotz alledem Unrecht. Das alles soll ganz ungeniert seine
+Fortsetzung vor seinen Ohren haben, und ich will ihm dabei jedes Wort
+wiederholen, was ich jetzt eben gesagt habe."
+
+"Glaub es." Und nun brach Effi ihr Schweigen und erzaehlte, was sie
+alles in ihrem Hause erlebt und wie sonderlich sich Innstetten damals
+dazu gestellt habe. "Er sagte nicht ja und nicht nein, und ich bin
+nicht klug aus ihm geworden."
+
+"Also ganz der alte", lachte Crampas. "So war er damals auch schon,
+als wir in Liancourt und dann spaeter in Beauvais mit ihm in Quartier
+lagen. Er wohnte da in einem alten bischoeflichen Palast - beilaeufig,
+was Sie vielleicht interessieren wird, war es ein Bischof von
+Beauvais, gluecklicherweise 'Cochon' mit Namen, der die Jungfrau von
+Orleans zum Feuertod verurteilte -, und da verging denn kein Tag, das
+heisst keine Nacht, wo Innstetten nicht Unglaubliches erlebt hatte.
+Freilich immer nur so halb. Es konnte auch nichts sein. Und nach
+diesem Prinzip arbeitet er noch, wie ich sehe."
+
+"Gut, gut. Und nun ein ernstes Wort, Crampas, auf das ich mir eine
+ernste Antwort erbitte: Wie erklaeren Sie sich dies alles?"
+
+"Ja, meine gnaedigste Frau ..."
+
+"Keine Ausweichungen, Major. Dies alles ist sehr wichtig fuer mich. Er
+ist Ihr Freund, und ich bin Ihre Freundin. Ich will wissen, wie haengt
+dies zusammen? Was denkt er sich dabei?"
+
+"Ja, meine gnaedigste Frau, Gott sieht ins Herz, aber ein Major vom
+Landwehrbezirkskommando, der sieht in gar nichts. Wie soll ich solche
+psychologischen Raetsel loesen? Ich bin ein einfacher Mann."
+
+"Ach, Crampas, reden Sie nicht so toericht. Ich bin zu jung, um
+eine grosse Menschenkennerin zu sein; aber ich muesste noch vor
+der Einsegnung und beinah vor der Taufe stehen, um Sie fuer einen
+einfachen Mann zu halten. Sie sind das Gegenteil davon, Sie sind
+gefaehrlich ..."
+
+"Das Schmeichelhafteste, was einem guten Vierziger mit einem a.D. auf
+der Karte gesagt werden kann. Und nun also, was sich Innstetten dabei
+denkt ..."
+
+Effi nickte.
+
+"Ja, wenn ich durchaus sprechen soll, er denkt sich dabei, dass ein
+Mann wie Landrat Baron Innstetten, der jeden Tag Ministerialdirektor
+oder dergleichen werden kann (denn glauben Sie mir, er ist hoch
+hinaus), dass ein Mann wie Baron Innstetten nicht in einem
+gewoehnlichen Hause wohnen kann, nicht in einer solchen Kate, wie die
+landraetliche Wohnung, ich bitte um Vergebung, gnaedigste Frau, doch
+eigentlich ist. Da hilft er denn nach. Ein Spukhaus ist nie was
+Gewoehnliches ... Das ist das eine."
+
+"Das eine? Mein Gott, haben Sie noch etwas?" "Ja."
+
+"Nun denn, ich bin ganz Ohr. Aber wenn es sein kann, lassen Sie's was
+Gutes sein."
+
+"Dessen bin ich nicht ganz sicher. Es ist etwas Heikles, beinah
+Gewagtes, und ganz besonders vor Ihren Ohren, gnaedigste Frau."
+
+"Das macht mich nur um so neugieriger."
+
+"Gut denn. Also Innstetten, meine gnaedigste Frau, hat ausser seinem
+brennenden Verlangen, es koste, was es wolle, ja, wenn es sein muss,
+unter Heranziehung eines Spuks, seine Karriere zu machen, noch eine
+zweite Passion: Er operiert naemlich immer erzieherisch, ist der
+geborene Paedagog, und haette, links Basedow und rechts Pestalozzi
+(aber doch kirchlicher als beide), eigentlich nach Schnepfenthal oder
+Bunzlau hingepasst."
+
+"Und will er mich auch erziehen? Erziehen durch Spuk?"
+
+"Erziehen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber doch erziehen
+auf einem Umweg."
+
+"Ich verstehe Sie nicht."
+
+"Eine junge Frau ist eine junge Frau, und ein Landrat ist ein Landrat.
+Er kutschiert oft im Kreise umher, und dann ist das Haus allein und
+unbewohnt. Aber solch Spuk ist wie ein Cherub mit dem Schwert ..."
+
+"Ah, da sind wir wieder aus dem Wald heraus", sagte Effi.
+
+"Und da ist Utpatels Muehle. Wir muessen nur noch an dem Kirchhof
+vorueber."
+
+Gleich danach passierten sie den Hohlweg zwischen dem Kirchhof und
+der eingegitterten Stelle, und Effi sah nach dem Stein und der Tanne
+hinueber, wo der Chinese lag.
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+Es schlug zwei Uhr, als man zurueck war. Crampas verabschiedete
+sich und ritt in die Stadt hinein, bis er vor seiner am Marktplatz
+gelegenen Wohnung hielt. Effi ihrerseits kleidete sich um und
+versuchte zu schlafen; es wollte aber nicht gluecken, denn ihre
+Verstimmung war noch groesser als ihre Muedigkeit. Dass Innstetten
+sich seinen Spuk parat hielt, um ein nicht ganz gewoehnliches Haus zu
+bewohnen, das mochte hingehen, das stimmte zu seinem Hange, sich von
+der grossen Menge zu unterscheiden; aber das andere, dass er den
+Spuk als Erziehungsmittel brauchte, das war doch arg und beinahe
+beleidigend. Und "Erziehungsmittel", darueber war sie sich klar,
+sagte nur die kleinere Haelfte; was Crampas gemeint hatte, war viel,
+viel mehr, war eine Art Angelapparat aus Kalkuel. Es fehlte jede
+Herzensguete darin und grenzte schon fast an Grausamkeit. Das Blut
+stieg ihr zu Kopf, und sie ballte ihre kleine Hand und wollte Plaene
+schmieden; aber mit einem Male musste sie wieder lachen. "Ich
+Kindskopf! Wer buergt mir denn dafuer, dass Crampas recht hat! Crampas
+ist unterhaltlich, weil er medisant ist, aber er ist unzuverlaessig
+und ein blosser Haselant, der schliesslich Innstetten nicht das Wasser
+reicht."
+
+In diesem Augenblick fuhr Innstetten vor, der heute frueher zurueckkam
+als gewoehnlich. Effi sprang auf, um ihn schon im Flur zu begruessen,
+und war um so zaertlicher, je mehr sie das Gefuehl hatte, etwas
+gutmachen zu muessen. Aber ganz konnte sie das, was Crampas gesagt
+hatte, doch nicht verwinden, und inmitten ihrer Zaertlichkeiten und
+waehrend sie mit anscheinendem Interesse zuhoerte, klang es in ihr
+immer wieder: "Also Spuk aus Berechnung, Spuk, um dich in Ordnung zu
+halten."
+
+Zuletzt indessen vergass sie's und liess sich unbefangen von ihm
+erzaehlen.
+
+Inzwischen war Mitte November herangekommen, und der bis zum Sturm
+sich steigernde Nordwester stand anderthalb Tage lang so hart auf die
+Molen, dass die mehr und mehr zurueckgestaute Kessine das Bollwerk
+ueberstieg und in die Strassen trat. Aber nachdem sich's ausgetobt,
+legte sich das Unwetter, und es kamen noch ein paar sonnige
+Spaetherbsttage.
+
+"Wer weiss, wie lange sie dauern", sagte Effi zu Crampas, und so
+beschloss man, am naechsten Vormittag noch einmal auszureiten;
+auch Innstetten, der einen freien Tag hatte, wollte mit. Es sollte
+zunaechst wieder bis an die Mole gehen; da wollte man dann absteigen,
+ein wenig am Strand promenieren und schliesslich im Schutz der Duenen,
+wo's windstill war, ein Fruehstueck nehmen.
+
+Um die festgesetzte Stunde ritt Crampas vor dem landraetlichen Hause
+vor; Kruse hielt schon das Pferd der gnaedigen Frau, die sich rasch
+in den Sattel hob und noch im Aufsteigen Innstetten entschuldigte,
+der nun doch verhindert sei: Letzte Nacht wieder grosses Feuer in
+Morgenitz - das dritte seit drei Wochen, also angelegt -, da habe er
+hingemusst, sehr zu seinem Leidwesen, denn er habe sich auf diesen
+Ausritt, der wohl der letzte in diesem Herbst sein werde, wirklich
+gefreut.
+
+Crampas sprach sein Bedauern aus, vielleicht nur, um was zu sagen,
+vielleicht aber auch aufrichtig, denn so ruecksichtslos er im Punkte
+chevaleresker Liebesabenteuer war, so sehr war er auch wieder guter
+Kamerad. Natuerlich alles ganz oberflaechlich. Einem Freunde helfen
+und fuenf Minuten spaeter ihn betruegen, das waren Dinge, die sich mit
+seinem Ehrbegriff sehr wohl vertrugen. Er tat das eine und das andere
+mit unglaublicher Bonhomie.
+
+Der Ritt ging wie gewoehnlich durch die Plantage hin. Rollo war wieder
+vorauf, dann kamen Crampas und Effi, dann Kruse.
+
+Knut fehlte.
+
+"Wo haben Sie Knut gelassen?" "Er hat einen Ziegenpeter."
+
+"Merkwuerdig", lachte Effi. "Eigentlich sah er schon immer so aus."
+
+"Sehr richtig. Aber Sie sollten ihn jetzt sehen! Oder doch lieber
+nicht. Ziegenpeter ist ansteckend, schon bloss durch Anblick."
+
+"Glaub ich nicht."
+
+"Junge Frauen glauben vieles nicht."
+
+"Und dann glauben sie wieder vieles, was sie besser nicht glaubten."
+
+"An meine Adresse?" "Nein."
+
+"Schade."
+
+"Wie dies 'schade' Sie kleidet. Ich glaube wirklich, Major, Sie
+hielten es fuer ganz in Ordnung, wenn ich Ihnen eine Liebeserklaerung
+machte."
+
+"So weit will ich nicht gehen. Aber ich moechte den sehen, der sich
+dergleichen nicht wuenschte. Gedanken und Wuensche sind zollfrei."
+
+"Das fragt sich. Und dann ist doch immer noch ein Unterschied zwischen
+Gedanken und Wuenschen. Gedanken sind in der Regel etwas, das noch im
+Hintergrund liegt, Wuensche aber liegen meist schon auf der Lippe."
+
+"Nur nicht gerade diesen Vergleich."
+
+"Ach, Crampas, Sie sind ... Sie sind ..."
+
+"Ein Narr."
+
+"Nein. Auch darin uebertreiben Sie wieder. Aber Sie sind etwas
+anderes. In Hohen-Cremmen sagten wir immer, und ich mit, das Eitelste,
+was es gaebe, das sei ein Husarenfaehnrich von achtzehn ..."
+
+"Und jetzt?"
+
+"Und jetzt sag ich, das Eitelste, was es gibt, ist ein
+Landwehrbezirksmajor von zweiundvierzig."
+
+"... wobei die zwei Jahre, die Sie mir gnaedigst erlassen, alles
+wiedergutmachen - kuess' die Hand."
+
+"Ja, kuess' die Hand. Das ist so recht das Wort, das fuer Sie passt.
+Das ist wienerisch. Und die Wiener, die hab ich kennengelernt in
+Karlsbad, vor vier Jahren, wo sie mir vierzehnjaehrigem Dinge den Hof
+machten. Was ich da alles gehoert habe!"
+
+"Gewiss nicht mehr, als recht war."
+
+"Wenn das zutraefe, waere das, was mir schmeicheln soll, ziemlich
+ungezogen ... Aber sehen Sie da die Bojen, wie die schwimmen und
+tanzen. Die kleinen roten Fahnen sind eingezogen. Immer wenn ich
+diesen Sommer die paar Mal, wo ich mich bis an den Strand hinauswagte,
+die roten Fahnen sah, sagte ich mir: Da liegt Vineta, da muss es
+liegen, das sind die Turmspitzen ..."
+
+"Das macht, weil Sie das Heinesche Gedicht kennen." "Welches?"
+
+"Nun, das von Vineta."
+
+"Nein, das kenne ich nicht; ich kenne ueberhaupt nur wenig. Leider."
+
+"Und haben doch Gieshuebler und den Journalzirkel! Uebrigens hat Heine
+dem Gedicht einen anderen Namen gegeben, ich glaube 'Seegespenst' oder
+so aehnlich. Aber Vineta hat er gemeint. Und er selber - verzeihen
+Sie, wenn ich Ihnen so ohne weiteres den Inhalt hier wiedergebe -,
+der Dichter also, waehrend er die Stelle passiert, liegt auf einem
+Schiffsdeck und sieht hinunter und sieht da schmale, mittelalterliche
+Strassen und trippelnde Frauen in Kapotthueten, und alle haben ein
+Gesangbuch in Haenden und wollen zur Kirche, und alle Glocken laeuten.
+Und als er das hoert, da fasst ihn eine Sehnsucht, auch mit in die
+Kirche zu gehen, wenn auch bloss um der Kapotthuete willen, und vor
+Verlangen schreit er auf und will sich hinunterstuerzen. Aber im
+selben Augenblick packt ihn der Kapitaen am Bein und ruft ihm zu:
+'Doktor, sind Sie des Teufels?"
+
+"Das ist ja allerliebst. Das moecht ich lesen. Ist es lang?"
+
+"Nein, es ist eigentlich kurz, etwas laenger als 'Du hast Diamanten
+und Perlen' oder 'Deine weichen Lilienfinger' ...",
+
+und er beruehrte leise ihre Hand. "Aber lang oder kurz,
+welche Schilderungskraft, welche Anschaulichkeit! Er ist mein
+Lieblingsdichter, und ich kann ihn auswendig, sowenig ich mir sonst,
+trotz gelegentlich eigener Versuendigungen, aus der Dichterei mache.
+Bei Heine liegt es aber anders: Alles ist Leben, und vor allem
+versteht er sich auf die Liebe, die doch die Hauptsache bleibt. Er ist
+uebrigens nicht einseitig darin ..."
+
+"Wie meinen Sie das?"
+
+"Ich meine, er ist nicht bloss fuer die Liebe ..."
+
+"Nun, wenn er diese Einseitigkeit auch haette, das waere am Ende noch
+nicht das schlimmste. Wofuer ist er denn sonst noch?"
+
+"Er ist auch sehr fuer das Romantische, was freilich gleich nach der
+Liebe kommt und nach Meinung einiger sogar damit zusammenfaellt. Was
+ich aber nicht glaube. Denn in seinen spaeteren Gedichten, die man
+denn auch die 'romantischen' genannt hat, oder eigentlich hat er es
+selber getan, in diesen romantischen Dichtungen wird in einem fort
+hingerichtet, allerdings vielfach aus Liebe. Aber doch meist aus
+anderen groeberen Motiven, wohin ich in erster Reihe die Politik. die
+fast immer groeblich ist, rechne. Karl Stuart zum Beispiel traegt in
+einer dieser Romanzen seinen Kopf unterm Arm, und noch fataler ist die
+Geschichte vom Vitzliputzli ..."
+
+"Von wem?"
+
+"Vom Vitzliputzli. Vitzliputzli ist naemlich ein mexikanischer Gott,
+und als die Mexikaner zwanzig oder dreissig Spanier gefangengenommen
+hatten, mussten diese zwanzig oder dreissig dem Vitzliputzli geopfert
+werden. Das war da nicht anders, Landessitte, Kultus, und ging auch
+alles im Handumdrehen, Bauch auf, Herz raus ..."
+
+"Nein, Crampas, so duerfen Sie nicht weitersprechen. Das ist indezent
+und degoutant zugleich. Und das alles so ziemlich in demselben
+Augenblick, wo wir fruehstuecken wollen."
+
+"Ich fuer meine Person sehe mich dadurch unbeeinflusst und stelle
+meinen Appetit ueberhaupt nur in Abhaengigkeit vom Menue."
+
+Waehrend dieser Worte waren sie, ganz wie's das Programm wollte, vom
+Strand her bis an eine schon halb im Schutz der Duenen aufgeschlagene
+Bank, mit einem aeusserst primitiven Tisch davor, gekommen, zwei
+Pfosten mit einem Brett darueber. Kruse, der voraufgeritten, hatte
+hier bereits serviert; Teebroetchen und Aufschnitt von kaltem
+Braten, dazu Rotwein und neben der Flasche zwei huebsche, zierliche
+Trinkglaeser, klein und mit Goldrand, wie man sie in Badeorten kauft
+oder von Glashuetten als Erinnerung mitbringt.
+
+Und nun stieg man ab. Kruse, der die Zuegel seines eigenen Pferdes um
+eine Krueppelkiefer geschlungen hatte, ging mit den beiden anderen
+Pferden auf und ab, waehrend sich Crampas und Effi, die durch eine
+schmale Duenenoeffnung einen freien Blick auf Strand und Mole hatten,
+vor dem gedeckten Tisch niederliessen.
+
+Ueber das von den Sturmtagen her noch bewegte Meer goss die schon halb
+winterliche Novembersonne ihr fahles Licht aus, und die Brandung ging
+hoch. Dann und wann kam ein Windzug und trieb den Schaum bis dicht an
+sie heran. Strandhafer stand umher, und das helle Gelb der Immortellen
+hob sich, trotz der Farbenverwandtschaft, von dem gelben Sand, darauf
+sie wuchsen, scharf ab. Effi machte die Wirtin. "Es tut mir leid,
+Major, Ihnen diese Broetchen in einem Korbdeckel praesentieren zu
+muessen ..."
+
+"Ein Korbdeckel ist kein Korb ..."
+
+"... indessen Kruse hat es so gewollt. Da bist du ja auch, Rollo. Auf
+dich ist unser Vorrat aber nicht eingerichtet. Was machen wir mit
+Rollo?"
+
+"Ich denke, wir geben ihm alles; ich meinerseits schon aus
+Dankbarkeit. Denn sehen Sie, teuerste Effi ..."
+
+Effi sah ihn an.
+
+Denn sehen Sie, gnaedigste Frau, Rollo erinnert mich wieder an das,
+was ich Ihnen noch als Fortsetzung oder Seitenstueck zum Vitzliputzli
+erzaehlen wollte - nur viel pikanter, weil Liebesgeschichte. Haben Sie
+mal von einem gewissen Pedro dem Grausamen gehoert?"
+
+"So dunkel."
+
+"Eine Art Blaubartskoenig."
+
+"Das ist gut. Von so einem hoert man immer am liebsten, und ich weiss
+noch, dass wir von meiner Freundin Hulda Niemeyer, deren Namen Sie
+ja kennen, immer behaupteten, sie wisse nichts von Geschichte, mit
+Ausnahme der sechs Frauen von Heinrich dem Achten, diesem englischen
+Blaubart, wenn das Wort fuer ihn reicht. Und wirklich, diese sechs
+kannte sie auswendig. Und dabei haetten Sie hoeren sollen, wie sie
+die Namen aussprach, namentlich den von der Mutter der Elisabeth -
+so schrecklich verlegen, als waere sie nun an der Reihe ... Aber nun
+bitte, die Geschichte von Don Pedro ..."
+
+"Nun also, an Don Pedros Hofe war ein schoener, schwarzer spanischer
+Ritter, der das Kreuz von Kalatrava - was ungefaehr soviel bedeutet
+wie Schwarzer Adler und Pour-le-merite zusammengenommen - auf seiner
+Brust trug. Dies Kreuz gehoerte mit dazu, das mussten sie immer
+tragen, und dieser Kalatravaritter, den die Koenigin natuerlich
+heimlich liebte ..."
+
+"Warum natuerlich?"
+
+"Weil wir in Spanien sind." "Ach so."
+
+"Und dieser Kalatravaritter, sag ich, hatte einen wunderschoenen Hund,
+einen Neufundlaender, wiewohl es die noch gar nicht gab, denn es
+war grade hundert Jahre vor der Entdeckung von Amerika. Einen
+wunderschoenen Hund also, sagen wir wie Rollo ..."
+
+Rollo schlug an, als er seinen Namen hoerte, und wedelte mit dem
+Schweif.
+
+"Das ging so machen Tag. Aber das mit der heimlichen Liebe, die wohl
+nicht ganz heimlich blieb, das wurde dem Koenig doch zuviel, und weil
+er den schoenen Kalatravaritter ueberhaupt nicht recht leiden mochte -
+denn er war nicht bloss grausam, er war auch ein Neidhammel, oder wenn
+das Wort fuer einen Koenig und noch mehr fuer meine liebenswuerdige
+Zuhoererin, Frau Effi, nicht recht passen sollte, wenigstens ein
+Neidling -, so beschloss er, den Kalatravaritter fuer die heimliche
+Liebe heimlich hinrichten zu lassen."
+
+"Kann ich ihm nicht verdenken."
+
+"Ich weiss doch nicht, meine Gnaedigste. Hoeren Sie nur weiter. Etwas
+geht schon, aber es war zuviel; der Koenig, find ich, ging um ein
+Erkleckliches zu weit. Er heuchelte naemlich, dass er dem Ritter wegen
+seiner Kriegs- und Heldentaten ein Fest veranstalten wolle, und da gab
+es denn eine lange, lange Tafel, und alle Granden des Reichs sassen
+an dieser Tafel, und in der Mitte sass der Koenig, und ihm gegenueber
+war der Platz fuer den, dem dies alles galt, also fuer den
+Kalatravaritter, fuer den an diesem Tage zu Feiernden. Und weil der,
+trotzdem man schon eine ganze Weile seiner gewartet hatte, noch immer
+nicht kommen wollte, so musste schliesslich die Festlichkeit ohne ihn
+begonnen werden, und es blieb ein leerer Platz - ein leerer Platz
+gerade gegenueber dem Koenig." "Und nun?"
+
+"Und nun denken Sie, meine gnaedigste Frau, wie der Koenig, dieser
+Pedro, sich eben erheben will, um gleisnerisch sein Bedauern
+auszusprechen, dass sein 'lieber Gast' noch immer fehle, da hoert man
+auf der Treppe draussen einen Aufschrei der entsetzten Dienerschaften,
+und ehe noch irgendwer weiss, was geschehen ist, jagt etwas an der
+langen Festtafel entlang, und nun springt es auf den Stuhl und setzt
+ein abgeschlagenes Haupt auf den leergebliebenen Platz, und ueber
+ebendieses Haupt hinweg starrt Rollo auf sein Gegenueber, den Koenig.
+Rollo hatte seinen Herrn auf seinem letzten Gang begleitet, und im
+selben Augenblick, wo das Beil fiel, hatte das treue Tier das fallende
+Haupt gepackt, und da war er nun, unser Freund Rollo, an der langen
+Festtafel und verklagte den koeniglichen Moerder."
+
+Effi war ganz still geworden. Endlich sagte sie: "Crampas, das ist in
+seiner Art sehr schoen, und weil es sehr schoen ist, will ich es Ihnen
+verzeihen. Aber Sie koennten doch Besseres und zugleich mir Lieberes
+tun, wenn Sie mir andere Geschichten erzaehlten. Auch von Heine. Heine
+wird doch nicht bloss von Vitzliputzli und Don Pedro und Ihrem Rollo
+- denn meiner haette so was nicht getan - gedichtet haben. Komm,
+Rollo! Armes Tier, ich kann dich gar nicht mehr ansehen, ohne an den
+Kalatravaritter zu denken, den die Koenigin heimlich liebte ... Rufen
+Sie, bitte, Kruse, dass er die Sachen hier wieder in die Halfter
+steckt, und wenn wir zurueckreiten, muessen Sie mir was anderes
+erzaehlen, ganz was anderes."
+
+Kruse kam. Als er aber die Glaeser nehmen wollte, sagte Crampas:
+"Kruse, das eine Glas, das da, das lassen Sie stehen. Das werde ich
+selber nehmen."
+
+"Zu Befehl, Herr Major."
+
+Effi, die dies mit angehoert hatte, schuettelte den Kopf. Dann lachte
+sie. "Crampas, was faellt Ihnen nur eigentlich ein? Kruse ist dumm
+genug, ueber die Sache nicht weiter nachzudenken, und wenn er darueber
+nachdenkt, so findet er gluecklicherweise nichts. Aber das berechtigt
+Sie doch nicht, dies Glas, dies Dreissigpfennigglas aus der
+Josefinenhuette ..."
+
+"Dass Sie so spoettisch den Preis nennen, laesst mich seinen Wert um
+so tiefer empfinden."
+
+"Immer derselbe. Sie haben so viel von einem Humoristen, aber doch von
+ganz sonderbarer Art. Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie vor
+- es ist zum Lachen, und ich geniere mich fast, es auszusprechen -,
+so haben Sie vor, sich vor der Zeit auf den Koenig von Thule hin
+auszuspielen."
+
+Er nickte mit einem Anflug von Schelmerei.
+
+"Nun denn, meinetwegen. Jeder traegt seine Kappe; Sie wissen, welche.
+Nur das muss ich Ihnen doch sagen duerfen, die Rolle, die Sie mir
+dabei zudiktieren, ist mir zu wenig schmeichelhaft. Ich mag nicht als
+Reimwort auf Ihren Koenig von Thule herumlaufen. Behalten Sie das
+Glas, aber bitte, ziehen Sie nicht Schluesse daraus, die mich
+kompromittieren. Ich werde Innstetten davon erzaehlen."
+
+"Das werden Sie nicht tun, meine gnaedigste Frau." "Warum nicht?"
+
+"Innstetten ist nicht der Mann, solche Dinge so zu sehen, wie sie
+gesehen sein wollen."
+
+Sie sah ihn einen Augenblick scharf an. Dann aber schlug sie verwirrt
+und fast verlegen die Augen nieder.
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel
+
+Effi war unzufrieden mit sich und freute sich, dass es nunmehr
+feststand, diese gemeinschaftlichen Ausfluege fuer die ganze
+Winterdauer auf sich beruhen zu lassen. Ueberlegte sie, was waehrend
+all dieser Wochen und Tage gesprochen, beruehrt und angedeutet war,
+so fand sie nichts, um dessentwillen sie sich direkte Vorwuerfe zu
+machen gehabt haette. Crampas war ein kluger Mann, welterfahren,
+humoristisch, frei, frei auch im Guten, und es waere kleinlich und
+kuemmerlich gewesen, wenn sie sich ihm gegenueber aufgesteift und
+jeden Augenblick die Regeln strengen Anstandes befolgt haette. Nein,
+sie konnte sich nicht tadeln, auf seinen Ton eingegangen zu sein, und
+doch hatte sie ganz leise das Gefuehl einer ueberstandenen Gefahr und
+beglueckwuenschte sich, dass das alles nun mutmasslich hinter ihr
+laege. Denn an ein haeufigeres Sichsehen en famille war nicht wohl
+zu denken, das war durch die Crampasschen Hauszustaende so gut wie
+ausgeschlossen, und Begegnungen bei den benachbarten adligen Familien,
+die freilich fuer den Winter in Sicht standen, konnten immer nur sehr
+vereinzelt und sehr fluechtige sein. Effi rechnete sich dies alles mit
+wachsender Befriedigung heraus und fand schliesslich, dass ihr der
+Verzicht auf das, was sie dem Verkehr mit dem Major verdankte, nicht
+allzu schwer ankommen wuerde. Dazu kam noch, dass Innstetten ihr
+mitteilte, seine Fahrten nach Varzin wuerden in diesem Jahre
+fortfallen: der Fuerst gehe nach Friedrichsruh, das ihm immer lieber
+zu werden scheine; nach der einen Seite hin bedauere er das, nach der
+anderen sei es ihm lieb - er koenne sich nun ganz seinem Hause widmen,
+und wenn es ihr recht waere, so wollten sie die italienische Reise, an
+der Hand seiner Aufzeichnungen, noch einmal durchmachen. Eine solche
+Rekapitulation sei eigentlich die Hauptsache, dadurch mache man sich
+alles erst dauernd zu eigen, und selbst Dinge, die man nur fluechtig
+gesehen und von denen man kaum wisse, dass man sie in seiner Seele
+beherberge, kaemen einem durch solche nachtraeglichen Studien erst
+voll zu Bewusstsein und Besitz. Er fuehrte das noch weiter aus und
+fuegte hinzu, dass ihn Gieshuebler, der den ganzen "italienischen
+Stiefel" bis Palermo kenne, gebeten habe, mit dabeisein zu duerfen.
+Effi, der ein ganz gewoehnlicher Plauderabend ohne den "italienischen
+Stiefel" (es sollten sogar Fotografien herumgereicht werden)
+viel, viel lieber gewesen waere, antwortete mit einer gewissen
+Gezwungenheit; Innstetten indessen, ganz erfuellt von seinem Plan,
+merkte nichts und fuhr fort: "Natuerlich ist nicht bloss Gieshuebler
+zugegen, auch Roswitha und Annie muessen dabeisein, und wenn ich mir
+dann denke, dass wir den Canale grande hinauffahren und hoeren dabei
+ganz in der Ferne die Gondoliere singen, waehrend drei Schritt von uns
+Roswitha sich ueber Annie beugt und 'Buhkueken von Halberstadt' oder
+so was Aehnliches zum besten gibt, so koennen das schoene Winterabende
+werden, und du sitzt dabei und strickst mir eine grosse Winterkappe.
+Was meinst du dazu, Effi?"
+
+Solche Abende wurden nicht bloss geplant, sie nahmen auch ihren
+Anfang, und sie wuerden sich aller Wahrscheinlichkeit nach ueber viele
+Wochen hin ausgedehnt haben, wenn nicht der unschuldige, harmlose
+Gieshuebler, trotz groesster Abgeneigtheit gegen zweideutiges Handeln,
+dennoch im Dienste zweier Herren gestanden haette. Der eine, dem
+er diente, war Innstetten, der andere war Crampas, und wenn er der
+Innstettenschen Aufforderung zu den italienischen Abenden, schon um
+Effis willen, auch mit aufrichtigster Freude Folge leistete, so war
+die Freude, mit der er Crampas gehorchte, doch noch eine groessere.
+Nach einem Crampasschen Plan naemlich sollte noch vor Weihnachten "Ein
+Schritt vom Wege" aufgefuehrt werden, und als man vor dem dritten
+italienischen Abend stand, nahm Gieshuebler die Gelegenheit wahr, mit
+Effi, die die Rolle der Ella spielen sollte, darueber zu sprechen.
+
+Effi war wie elektrisiert; was wollten Padua, Vicenza daneben
+bedeuten! Effi war nicht fuer Aufgewaermtheiten; Frisches war es,
+wonach sie sich sehnte, Wechsel der Dinge. Aber als ob eine Stimme ihr
+zugerufen haette: "Sieh dich vor!", so fragte sie doch, inmitten ihrer
+freudigen Erregung:
+
+"Ist es der Major, der den Plan aufgebracht hat?"
+
+"Ja. Sie wissen, gnaedigste Frau, dass er einstimmig in das
+Vergnuegungskomitee gewaehlt wurde. Wir duerfen uns endlich einen
+huebschen Winter in der Ressource versprechen. Er ist ja wie
+geschaffen dazu."
+
+"Und wird er auch mitspielen?"
+
+"Nein, das hat er abgelehnt. Ich muss sagen, leider. Denn er kann ja
+alles und wuerde den Arthur von Schmettwitz ganz vorzueglich geben. Er
+hat nur die Regie uebernommen."
+
+"Desto schlimmer."
+
+"Desto schlimmer?" wiederholte Gieshuebler.
+
+"Oh, Sie duerfen das nicht so feierlich nehmen; das ist nur so eine
+Redensart, die eigentlich das Gegenteil bedeutet. Auf der anderen
+Seite freilich, der Major hat so was Gewaltsames, er nimmt einem die
+Dinge gern ueber den Kopf fort. Und man muss dann spielen, wie er
+will, und nicht, wie man selber will."
+
+Sie sprach noch so weiter und verwickelte sich immer mehr in
+Widersprueche.
+
+Der "Schritt vom Wege" kam wirklich zustande, und gerade weil man nur
+noch gute vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war
+ausgeschlossen), so strengte sich alles an, und es ging vorzueglich;
+die Mitspielenden, vor allem Effi, ernteten reichen Beifall. Crampas
+hatte sich wirklich mit der Regie begnuegt, und so streng er gegen
+alle anderen war, so wenig hatte er auf den Proben in Effis Spiel
+hineingeredet. Entweder waren ihm von seiten Gieshueblers Mitteilungen
+ueber das mit Effi gehabte Gespraech gemacht worden, oder er hatte es
+auch aus sich selber bemerkt, dass Effi beflissen war, sich von ihm
+zurueckzuziehen. Und er war klug und Frauenkenner genug, um den
+natuerlichen Entwicklungsgang, den er nach seinen Erfahrungen nur zu
+gut kannte, nicht zu stoeren.
+
+Am Theaterabend in der Ressource trennte man sich spaet, und
+Mitternacht war vorueber, als Innstetten und Effi wieder zu Hause
+bei sich eintrafen. Johanna war noch auf, um behilflich zu sein, und
+Innstetten, der auf seine junge Frau nicht wenig eitel war, erzaehlte
+Johanna, wie reizend die gnaedige Frau ausgesehen und wie gut sie
+gespielt habe. Schade, dass er nicht vorher daran gedacht, Christel
+und sie selber und auch die alte Unke, die Kruse, haetten von der
+Musikgalerie her sehr gut zusehen koennen; es seien viele dagewesen.
+Dann ging Johanna, und Effi, die muede war, legte sich nieder.
+Innstetten aber, der noch plaudern wollte, schob einen Stuhl heran und
+setzte sich an das Bett seiner Frau, diese freundlich ansehend und
+ihre Hand in der seinen haltend.
+
+"Ja, Effi, das war ein huebscher Abend. Ich habe mich amuesiert
+ueber das huebsche Stueck. Und denke dir, der Dichter ist ein
+Kammergerichtsrat, eigentlich kaum zu glauben. Und noch dazu aus
+Koenigsberg. Aber worueber ich mich am meisten gefreut, das war doch
+meine entzueckende kleine Frau, die allen die Koepfe verdreht hat."
+
+"Ach, Geert, sprich nicht so. Ich bin schon gerade eitel genug."
+
+"Eitel genug, das wird wohl richtig sein. Aber doch lange nicht so
+eitel wie die anderen. Und das ist zu deinen sieben Schoenheiten ..."
+
+"Sieben Schoenheiten haben alle."
+
+"... Ich habe mich auch bloss versprochen, du kannst die Zahl gut mit
+sich selbst multiplizieren."
+
+"Wie galant du bist, Geert. Wenn ich dich nicht kennte, koennt ich
+mich fuerchten. Oder lauert wirklich was dahinter?" "Hast du ein
+schlechtes Gewissen? Selber hinter der Tuer gestanden?"
+
+"Ach, Geert, ich aengstige mich wirklich." Und sie richtete sich im
+Bett in die Hoeh und sah ihn starr an. "Soll ich noch nach Johanna
+klingeln, dass sie uns Tee bringt? Du hast es so gern vor dem
+Schlafengehen."
+
+Er kuesste ihr die Hand. "Nein, Effi. Nach Mitternacht kann auch der
+Kaiser keine Tasse Tee mehr verlangen, und du weisst, ich mag die
+Leute nicht mehr in Anspruch nehmen als noetig. Nein, ich will nichts,
+als dich ansehen und mich freuen, dass ich dich habe. So manchmal
+empfindet man's doch staerker, welchen Schatz man hat. Du koenntest
+ja auch so sein wie die arme Frau Crampas; das ist eine schreckliche
+Frau, gegen keinen freundlich, und dich haette sie vom Erdboden
+vertilgen moegen."
+
+"Ach, ich bitte dich, Geert, das bildest du dir wieder ein. Die arme
+Frau! Mir ist nichts aufgefallen."
+
+"Weil du fuer derlei keine Augen hast. Aber es war so, wie ich dir
+sage, und der arme Crampas war wie befangen dadurch und mied dich
+immer und sah dich kaum an. Was doch ganz unnatuerlich ist; denn
+erstens ist er ueberhaupt ein Damenmann, und nun gar Damen wie du, das
+ist seine besondere Passion. Und ich wette auch, dass es keiner besser
+weiss als meine kleine Frau selber. Wenn ich daran denke, wie, Pardon,
+das Geschnatter hin und her ging, wenn er morgens in die Veranda kam
+oder wenn wir am Strande ritten oder auf der Mole spazierengingen. Es
+ist, wie ich dir sage, er traute sich heute nicht, er fuerchtete sich
+vor seiner Frau. Und ich kann es ihm nicht verdenken. Die Majorin ist
+so etwas wie unsere Frau Kruse, und wenn ich zwischen beiden waehlen
+muesste, ich wuesste nicht wen."
+
+"Ich wuesst es schon; es ist doch ein Unterschied zwischen den beiden.
+Die arme Majorin ist ungluecklich, die Kruse ist unheimlich."
+
+"Und da bist du doch mehr fuer das Unglueckliche?" "Ganz entschieden."
+
+"Nun hoere, das ist Geschmackssache. Man merkt, dass du noch nicht
+ungluecklich warst. Uebrigens hat Crampas ein Talent, die arme Frau zu
+eskamotieren. Er erfindet immer etwas, sie zu Hause zu lassen."
+
+"Aber heute war sie doch da."
+
+"Ja, heute. Da ging es nicht anders. Aber ich habe mit ihm eine Partie
+zu Oberfoerster Ring verabredet, er, Gieshuebler und der Pastor, auf
+den dritten Feiertag, und da haettest du sehen sollen, mit welcher
+Geschicklichkeit er bewies, dass sie, die Frau, zu Hause bleiben
+muesse."
+
+"Sind es denn nur Herren?"
+
+"O bewahre. Da wuerd ich mich auch bedanken. Du bist mit dabei und
+noch zwei, drei andere Damen, die von den Guetern ungerechnet."
+
+"Aber dann ist es doch auch haesslich von ihm, ich meine von Crampas,
+und so was bestraft sich immer."
+
+"Ja, mal kommt es. Aber ich glaube, unser Freund haelt zu denen, die
+sich ueber das, was kommt, keine grauen Haare wachsen lassen."
+
+"Haeltst du ihn fuer schlecht?"
+
+"Nein, fuer schlecht nicht. Beinah im Gegenteil, jedenfalls hat er
+gute Seiten. Aber er ist so'n halber Pole, kein rechter Verlass,
+eigentlich in nichts, am wenigsten mit Frauen. Eine Spielernatur. Er
+spielt nicht am Spieltisch, aber er hasardiert im Leben in einem fort,
+und man muss ihm auf die Finger sehen."
+
+"Es ist mir doch lieb, dass du mir das sagst. Ich werde mich vorsehen
+mit ihm."
+
+"Das tu. Aber nicht zu sehr; dann hilft es nichts. Unbefangenheit
+ist immer das beste, natuerlich das allerbeste ist Charakter und
+Festigkeit und, wenn ich solch steifleinenes Wort brauchen darf, eine
+reine Seele."
+
+Sie sah ihn gross an. Dann sagte sie: "Ja, gewiss. Aber nun sprich
+nicht mehr, und noch dazu lauter Dinge, die mich nicht recht froh
+machen koennen. Weisst du, mir ist, als hoerte ich oben das Tanzen.
+Sonderbar, dass es immer wiederkommt. Ich dachte, du haettest mit dem
+allem nur so gespasst."
+
+"Das will ich doch nicht sagen, Effi. Aber so oder so, man muss nur in
+Ordnung sein und sich nicht zu fuerchten brauchen."
+
+Effi nickte und dachte mit einem Male wieder an die Worte, die ihr
+Crampas ueber ihren Mann als "Erzieher" gesagt hatte.
+
+Der Heilige Abend kam und verging aehnlich wie das Jahr vorher; aus
+Hohen-Cremmen kamen Geschenke und Briefe; Gieshuebler war wieder mit
+einem Huldigungsvers zur Stelle, und Vetter Briest sandte eine Karte:
+Schneelandschaft mit Telegrafenstangen, auf deren Draht geduckt ein
+Voegelchen sass. Auch fuer Annie war aufgebaut: ein Baum mit Lichtern,
+und das Kind griff mit seinen Haendchen danach. Innstetten, unbefangen
+und heiter, schien sich seines haeuslichen Gluecks zu freuen und
+beschaeftigte sich viel mit dem Kinde. Roswitha war erstaunt, den
+gnaedigen Herrn so zaertlich und zugleich so aufgeraeumt zu sehen.
+Auch Effi sprach viel und lachte viel, es kam ihr aber nicht aus
+innerster Seele. Sie fuehlte sich bedrueckt und wusste nur nicht, wen
+sie dafuer verantwortlich machen sollte, Innstetten oder sich selber.
+Von Crampas war kein Weihnachtsgruss eingetroffen; eigentlich war es
+ihr lieb, aber auch wieder nicht, seine Huldigungen erfuellten sie mit
+einem gewissen Bangen, und seine Gleichgueltigkeiten verstimmten sie;
+sie sah ein, es war nicht alles so, wie's sein sollte.
+
+"Du bist so unruhig", sagte Innstetten nach einer Weile.
+
+"Ja. Alle Welt hat es so gut mit mir gemeint, am meisten du; das
+bedrueckt mich, weil ich fuehle, dass ich es nicht verdiene."
+
+"Damit darf man sich nicht quaelen, Effi. Zuletzt ist es doch so: Was
+man empfaengt, das hat man auch verdient."
+
+Effi hoerte scharf hin, und ihr schlechtes Gewissen liess sie selber
+fragen, ob er das absichtlich in so zweideutiger Form gesagt habe.
+
+Spaet gegen Abend kam Pastor Lindequist, um zu gratulieren und noch
+wegen der Partie nach der Oberfoersterei Uvagla hin anzufragen, die
+natuerlich eine Schlittenpartie werden muesse. Crampas habe ihm einen
+Platz in seinem Schlitten angeboten, aber weder der Major noch sein
+Bursche, der, wie alles, auch das Kutschieren uebernehmen solle,
+kenne den Weg, und so wuerde es sich vielleicht empfehlen, die Fahrt
+gemeinschaftlich zu machen, wobei dann der landraetliche Schlitten die
+Tete zu nehmen und der Crampassche zu folgen haette. Wahrscheinlich
+auch der Gieshueblersche. Denn mit der Wegkenntnis Mirambos, dem sich
+unerklaerlicherweise Freund Alonzo, der doch sonst so vorsichtig,
+anvertrauen wolle, stehe es wahrscheinlich noch schlechter als mit der
+des sommersprossigen Treptower Ulanen. Innstetten, den diese kleinen
+Verlegenheiten erheiterten, war mit Lindequists Vorschlag durchaus
+einverstanden und ordnete die Sache dahin, dass er puenktlich um zwei
+Uhr ueber den Marktplatz fahren und ohne alles Saeumen die Fuehrung
+des Zuges in die Hand nehmen werde.
+
+Nach diesem Uebereinkommen wurde denn auch verfahren, und als
+Innstetten Punkt zwei Uhr den Marktplatz passierte, gruesste Crampas
+zunaechst von seinem Schlitten aus zu Effi hinueber und schloss sich
+dann dem Innstettenschen an. Der Pastor sass neben ihm. Gieshueblers
+Schlitten, mit Gieshuebler selbst und Doktor Hannemann, folgte, jener
+in einem eleganten Bueffelrock und Marderbesatz, dieser in einem
+Baerenpelz, dem man ansah, dass er wenigstens dreissig Dienstjahre
+zaehlte. Hannemann war naemlich in seiner Jugend Schiffschirurgus auf
+einem Groenlandfahrer gewesen. Mirambo sass vorn, etwas aufgeregt
+wegen Unkenntnis im Kutschieren, ganz wie Lindequist vermutet hatte.
+
+Schon nach zwei Minuten war man an Utpatels Muehle vorbei.
+
+Zwischen Kessin und Uvagla (wo der Sage nach ein Wendentempel
+gestanden) lag ein nur etwa tausend Schritt breiter, aber wohl
+anderthalb Meilen langer Waldstreifen, der an seiner rechten
+Laengsseite das Meer, an seiner linken, bis weit an den Horizont hin,
+ein grosses, ueberaus fruchtbares und gut angebautes Stueck Land
+hatte. Hier, an der Binnenseite, flogen jetzt die drei Schlitten hin,
+in einiger Entfernung ein paar alte Kutschwagen vor sich, in denen
+aller Wahrscheinlichkeit nach andere nach der Oberfoersterei hin
+eingeladene Gaeste sassen. Einer dieser Wagen war an seinen altmodisch
+hohen Raedern deutlich zu erkennen, es war der Papenhagensche.
+Natuerlich. Gueldenklee galt als der beste Redner des Kreises (noch
+besser als Borcke, ja selbst besser als Grasenabb) und durfte bei
+Festlichkeiten nicht leicht fehlen. Die Fahrt ging rasch - auch die
+herrschaftlichen Kutscher strengten sich an und wollten sich nicht
+ueberholen lassen -, so dass man schon um drei vor der Oberfoersterei
+hielt. Ring, ein stattlicher, militaerisch dreinschauender Herr
+von Mitte Fuenfzig, der den ersten Feldzug in Schleswig noch unter
+Wrangel und Bonin mitgemacht und sich bei Erstuermung des Danewerks
+ausgezeichnet hatte, stand in der Tuer und empfing seine Gaeste,
+die, nachdem sie abgelegt und die Frau des Hauses begruesst hatten,
+zunaechst vor einem langgedeckten Kaffeetisch Platz nahmen, auf dem
+kunstvoll aufgeschichtete Kuchenpyramiden standen. Die Oberfoersterin,
+eine von Natur sehr aengstliche, zum mindesten aber sehr befangene
+Frau, zeigte sich auch als Wirtin so, was den ueberaus eitlen
+Oberfoerster, der fuer Sicherheit und Schneidigkeit war, ganz
+augenscheinlich verdross. Zum Glueck kam sein Unmut zu keinem
+Ausbruch, denn von dem, was seine Frau vermissen liess, hatten
+seine Toechter desto mehr, bildhuebsche Backfische von vierzehn und
+dreizehn, die ganz nach dem Vater schlugen. Besonders die aeltere,
+Cora, kokettierte sofort mit Innstetten und Crampas, und beide gingen
+auch darauf ein. Effi aergerte sich darueber und schaemte sich dann
+wieder, dass sie sich geaergert habe. Sie sass neben Sidonie von
+Grasenabb und sagte: "Sonderbar, so bin ich auch gewesen, als ich
+vierzehn war."
+
+Effi rechnete darauf, dass Sidonie dies bestreiten oder doch
+wenigstens Einschraenkungen machen wuerde. Statt dessen sagte diese:
+"Das kann ich mir denken."
+
+"Und wie der Vater sie verzieht", fuhr Effi halb verlegen und nur, um
+doch was zu sagen, fort.
+
+Sidonie nickte. "Da liegt es. Keine Zucht. Das ist die Signatur
+unserer Zeit."
+
+Effi brach nun ab.
+
+Der Kaffee war bald genommen, und man stand auf, um noch einen
+halbstuendigen Spaziergang in den umliegenden Wald zu machen,
+zunaechst auf ein Gehege zu, drin Wild eingezaeunt war. Cora oeffnete
+das Gatter, und kaum, dass sie eingetreten, so kamen auch schon die
+Rehe auf sie zu. Es war eigentlich reizend, ganz wie ein Maerchen.
+Aber die Eitelkeit des jungen Dinges, das sich bewusst war, ein
+lebendes Bild zu stellen, liess doch einen reinen Eindruck nicht
+aufkommen, am wenigsten bei Effi. "Nein", sagte sie zu sich selber,
+"so bin ich doch nicht gewesen. Vielleicht hat es mir auch an Zucht
+gefehlt, wie diese furchtbare Sidonie mir eben andeutete, vielleicht
+auch anderes noch. Man war zu Haus zu guetig gegen mich, man liebte
+mich zu sehr. Aber das darf ich doch wohl sagen, ich habe mich nie
+geziert. Das war immer Huldas Sache. Darum gefiel sie mir auch nicht,
+als ich diesen Sommer sie wiedersah.
+
+Auf dem Rueckwege vom Wald nach der Oberfoersterei begann es zu
+schneien. Crampas gesellte sich zu Effi und sprach ihr sein Bedauern
+aus, dass er noch nicht Gelegenheit gehabt habe, sie zu begruessen.
+Zugleich wies er auf die grossen, schweren Schneeflocken, die fielen,
+und sagte: "Wenn das so weitergeht, so schneien wir hier ein."
+
+"Das waere nicht das Schlimmste. Mit dem Eingeschneitwerden verbinde
+ich von langer Zeit her eine freundliche Vorstellung, eine Vorstellung
+von Schutz und Beistand."
+
+"Das ist mir neu, meine gnaedigste Frau."
+
+"Ja", fuhr Effi fort und versuchte zu lachen, "mit den Vorstellungen
+ist es ein eigen Ding, man macht sie sich nicht bloss nach dem, was
+man persoenlich erfahren hat, auch nach dem, was man irgendwo gehoert
+oder ganz zufaellig weiss. Sie sind so belesen, Major, aber mit
+einem Gedicht - freilich keinem Heineschen, keinem 'Seegespenst' und
+keinem 'Vitzliputzli' - bin ich Ihnen, wie mir scheint, doch voraus.
+Dies Gedicht heisst die 'Gottesmauer', und ich hab es bei unserm
+Hohen-Cremmer Pastor vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ganz
+klein war, auswendig gelernt."
+
+"Gottesmauer", wiederholte Crampas. "Ein huebscher Titel, und wie
+verhaelt es sich damit?"
+
+"Eine kleine Geschichte, nur ganz kurz. Da war irgendwo Krieg, ein
+Winterfeldzug, und eine alte Witwe, die sich vor dem Feinde maechtig
+fuerchtete, betete zu Gott, er moege doch 'eine Mauer um sie bauen',
+um sie vor dem Landesfeinde zu schuetzen. Und da liess Gott das Haus
+einschneien, und der Feind zog daran vorueber."
+
+Crampas war sichtlich betroffen und wechselte das Gespraech.
+
+Als es dunkelte, waren alle wieder in der Oberfoersterei zurueck.
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel
+
+Gleich nach sieben ging man zu Tisch, und alles freute sich, dass der
+Weihnachtsbaum, eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne, noch
+einmal angesteckt wurde. Crampas, der das Ringsche Haus noch nicht
+kannte, war helle Bewunderung. Der Damast, die Weinkuehler, das
+reiche Silbergeschirr, alles wirkte herrschaftlich, weit ueber
+oberfoersterliche Durchschnittsverhaeltnisse hinaus, was darin seinen
+Grund hatte, dass Rings Frau, so scheu und verlegen sie war, aus einem
+reichen Danziger Kornhaendlerhause stammte. Von daher ruehrten auch
+die meisten der ringsumher haengenden Bilder: der Kornhaendler und
+seine Frau, der Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem
+beruehmten Memlingschen Altarbild in der Danziger Marienkirche.
+Kloster Olivia war zweimal da, einmal in Oel und einmal in Kork
+geschnitzt. Ausserdem befand sich ueber dem Buefett ein sehr
+nachgedunkeltes Portraet des alten Nettelbeck, das noch aus dem
+bescheidenen Mobiliar des erst vor anderthalb Jahren verstorbenen
+Ringschen Amtsvorgaengers herruehrte. Niemand hatte damals bei der
+gewoehnlich stattfindenden Auktion das Bild des Alten haben wollen,
+bis Innstetten, der sich ueber diese Missachtung aergerte, darauf
+geboten hatte. Da hatte sich denn auch Ring patriotisch besonnen, und
+der alte Kolbergverteidiger war der Oberfoersterei verblieben.
+
+Das Nettelbeckbild liess ziemlich viel zu wuenschen uebrig; sonst aber
+verriet alles, wie schon angedeutet, eine beinahe an Glanz streifende
+Wohlhabenheit, und dem entsprach denn auch das Mahl, das aufgetragen
+wurde. Jeder hatte mehr oder weniger seine Freude daran, mit Ausnahme
+Sidoniens. Diese sass zwischen Innstetten und Lindequist und sagte,
+als sie Coras ansichtig wurde: "Da ist ja wieder dies unausstehliche
+Balg, diese Cora. Sehen Sie nur, Innstetten, wie sie die kleinen
+Weinglaeser praesentiert, ein wahres Kunststueck, sie koennte jeden
+Augenblick Kellnerin werden. Ganz unertraeglich. Und dazu die Blicke
+von Ihrem Freund Crampas! Das ist so die rechte Saat! Ich frage Sie,
+was soll dabei herauskommen?"
+
+Innstetten, der ihr eigentlich zustimmte, fand trotzdem den Ton, in
+dem das alles gesagt wurde, so verletzend herbe dass er spoettisch
+bemerkte: "Ja, meine Gnaedigste, was dabei herauskommen soll? Ich
+weiss es auch nicht" - worauf sich Sidonie von ihm ab- und ihrem
+Nachbarn zur Linken zuwandte:
+
+"Sagen Sie, Pastor, ist diese vierzehnjaehrige Kokette schon im
+Unterricht bei Ihnen?"
+
+"Ja, mein gnaediges Fraeulein."
+
+"Dann muessen Sie mir die Bemerkung verzeihen, dass Sie sie nicht
+in die richtige Schule genommen haben. Ich weiss wohl, es haelt das
+heutzutage sehr schwer, aber ich weiss auch, dass die, denen die
+Fuersorge fuer junge Seelen obliegt, es vielfach an dem rechten Ernst
+fehlen lassen. Es bleibt dabei, die Hauptschuld tragen die Eltern und
+Erzieher."
+
+Lindequist, denselben Ton anschlagend wie Innstetten, antwortete, dass
+das alles sehr richtig, der Geist der Zeit aber zu maechtig sei.
+
+"Geist der Zeit!" sagte Sidonie. "Kommen Sie mir nicht damit. Das
+kann ich nicht hoeren, das ist der Ausdruck hoechster Schwaeche,
+Bankrotterklaerung. Ich kenne das; nie scharf zufassen wollen, immer
+dem Unbequemen aus dem Wege gehen. Denn Pflicht ist unbequem. Und so
+wird nur allzuleicht vergessen, dass das uns anvertraute Gut auch mal
+von uns zurueckgefordert wird. Eingreifen, lieber Pastor, Zucht. Das
+Fleisch ist schwach, gewiss, aber ..."
+
+In diesem Augenblick kam ein englisches Roastbeef, von dem Sidonie
+ziemlich ausgiebig nahm, ohne Lindequists Laecheln dabei zu bemerken.
+Und weil sie's nicht bemerkte, so durfte es auch nicht wundernehmen,
+dass sie mit viel Unbefangenheit fortfuhr: "Es kann uebrigens alles,
+was Sie hier sehen, nicht wohl anders sein; alles ist schief und
+verfahren von Anfang an. Ring, Ring - wenn ich nicht irre, hat es
+drueben in Schweden oder da herum mal einen Sagenkoenig dieses Namens
+gegeben. Nun sehen Sie, benimmt er sich nicht, als ob er von dem
+abstamme? Und seine Mutter, die ich noch gekannt habe, war eine
+Plaettfrau in Koeslin."
+
+"Ich kann darin nichts Schlimmes finden."
+
+"Schlimmes finden? Ich auch nicht. Und jedenfalls gibt es Schlimmeres.
+Aber soviel muss ich doch von Ihnen, als einem geweihten Diener der
+Kirche, gewaertigen duerfen, dass Sie die gesellschaftlichen Ordnungen
+gelten lassen. Ein Oberfoerster ist ein bisschen mehr als ein
+Foerster, und ein Foerster hat nicht solche Weinkuehler und solch
+Silberzeug; das alles ist ungehoerig und zieht dann solche Kinder
+gross wie dies Fraeulein Cora."
+
+Sidonie, jedesmal bereit, irgendwas Schreckliches zu prophezeien, wenn
+sie, vom Geist ueberkommen, die Schalen ihres Zorns ausschuettete,
+wuerde sich auch heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft
+gesteigert haben, wenn nicht in ebendiesem Augenblick die dampfende
+Punschbowle - womit die Weihnachtsreunions bei Ring immer abschlossen
+- auf der Tafel erschienen waere, dazu Krausgebackenes, das, geschickt
+uebereinandergetuermt, noch weit ueber die vor einigen Stunden
+aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs. Und nun trat auch Ring
+selbst, der sich bis dahin etwas zurueckgehalten hatte, mit einer
+gewissen strahlenden Feierlichkeit in Aktion und begann die vor ihm
+stehenden Glaeser, grosse geschliffene Roemer, in virtuosem Bogensturz
+zu fuellen, ein Einschenkekunststueck, das die stets schlagfertige
+Frau von Padden, die heute leider fehlte, mal als "Ringsche Fuellung
+en cascade" bezeichnet hatte. Rotgolden woelbte sich dabei der Strahl,
+und kein Tropfen durfte verlorengehen. So war es auch heute wieder.
+Zuletzt aber, als jeder, was ihm zukam, in Haenden hielt - auch Cora,
+die sich mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf "Onkel
+Crampas'" Schoss gesetzt hatte -, erhob sich der alte Papenhagner, um,
+wie herkoemmlich bei Festlichkeiten der Art, einen Toast auf seinen
+lieben Oberfoerster auszubringen. Es gaebe viele Ringe, so etwa begann
+er, Jahresringe, Gardinenringe, Trauringe, und was nun gar - denn auch
+davon duerfe sich am Ende wohl sprechen lassen - die Verlobungsringe
+angehe, so sei gluecklicherweise die Gewaehr gegeben, dass einer davon
+in kuerzester Frist in diesem Hause sichtbar werden und den Ringfinger
+(und zwar hier in einem doppelten Sinne den Ringfinger) eines kleinen
+huebschen Paetschelchens zieren werde...
+
+"Unerhoert", raunte Sidonie dem Pastor zu.
+
+"Ja, meine Freunde", fuhr Gueldenklee mit gehobener Stimme fort,
+"viele Ringe gibt es, und es gibt sogar eine Geschichte, die wir
+alle kennen, die die Geschichte von den 'drei Ringen' heisst, eine
+Judengeschichte, die, wie der ganze liberale Krimskrams, nichts wie
+Verwirrung und Unheil gestiftet hat und noch stiftet. Gott bessere es.
+Und nun lassen Sie mich schliessen, um Ihre Geduld und Nachsicht nicht
+ueber Gebuehr in Anspruch zu nehmen. Ich bin nicht fuer diese drei
+Ringe, meine Lieben, ich bin vielmehr fuer einen Ring, fuer einen
+Ring, der so recht ein Ring ist, wie er sein soll, ein Ring, der alles
+Gute, was wir in unsrem altpommerschen Kessiner Kreise haben, alles,
+was noch mit Gott fuer Koenig und Vaterland einsteht - und es sind
+ihrer noch einige (lauter Jubel) -, an diesem seinem gastlichen Tisch
+vereinigt sieht. Fuer diesen Ring bin ich. Er lebe hoch!"
+
+Alles stimmte ein und umdraengte Ring, der, solange das dauerte, das
+Amt des "Einschenkens en cascade" an den ihm gegenuebersitzenden
+Crampas abtreten musste; der Hauslehrer aber stuerzte von seinem Platz
+am unteren Ende der Tafel an das Klavier und schlug die ersten Takte
+des Preussenliedes an, worauf alles stehend und feierlich einfiel:
+"Ich bin ein Preusse ... will ein Preusse sein."
+
+"Es ist doch etwas Schoenes", sagte gleich nach der ersten Strophe der
+alte Borcke zu Innstetten, "so was hat man in anderen Laendern nicht."
+
+"Nein", antwortete Innstetten, der von solchem Patriotismus nicht viel
+hielt, "in anderen Laendern hat man was anderes."
+
+Man sang alle Strophen durch, dann hiess es, die Wagen seien
+vorgefahren, und gleich danach erhob sich alles, um die Pferde nicht
+warten zu lassen. Denn diese Ruecksicht "auf die Pferde" ging auch im
+Kreise Kessin allem anderen vor. Im Hausflur standen zwei huebsche
+Maegde, Ring hielt auf dergleichen, um den Herrschaften beim Anziehen
+ihrer Pelze behilflich zu sein. Alles war heiter angeregt, einige mehr
+als das, und das Einsteigen in die verschiedenen Gefaehrte schien sich
+schnell und ohne Stoerung vollziehen zu sollen, als es mit einemmal
+hiess, der Gieshueblersche Schlitten sei nicht da. Gieshuebler selbst
+war viel zu artig, um gleich Unruhe zu zeigen oder gar Laerm zu
+machen; endlich aber, weil doch wer das Wort nehmen musste, fragte
+Crampas, was es denn eigentlich sei.
+
+"Mirambo kann nicht fahren", sagte der Hofknecht; "das linke Pferd hat
+ihn beim Anspannen vor das Schienbein geschlagen. Er liegt im Stall
+und schreit."
+
+Nun wurde natuerlich nach Doktor Hannemann gerufen, der denn
+auch hinausging und nach fuenf Minuten mit echter Chirurgenruhe
+versicherte: ja, Mirambo muesse zurueckbleiben; es sei vorlaeufig in
+der Sache nichts zu machen als stilliegen und kuehlen. Uebrigens von
+Bedenklichem keine Rede. Das war nun einigermassen ein Trost, aber
+schaffte doch die Verlegenheit, wie der Gieshueblersche Schlitten
+zurueckzufahren sei, nicht aus der Welt, bis Innstetten erklaerte,
+dass er fuer Mirambo einzutreten und das Zwiegestirn von Doktor und
+Apotheker persoenlich gluecklich heimzusteuern gedenke. Lachend und
+unter ziemlich angeheiterten Scherzen gegen den verbindlichsten aller
+Landraete, der sich, um hilfreich zu sein, sogar von seiner jungen
+Frau trennen wolle, wurde dem Vorschlag zugestimmt, und Innstetten,
+mit Gieshuebler und dem Doktor im Fond, nahm jetzt wieder die Tete.
+Crampas und Lindequist folgten unmittelbar. Und als gleich danach auch
+Kruse mit dem landraetlichen Schlitten vorfuhr, trat Sidonie laechelnd
+an Effi heran und bat diese, da ja nun ein Platz frei sei, mit ihr
+fahren zu duerfen. "In unserer Kutsche ist es immer so stickig;
+mein Vater liebt das. Und ausserdem, ich moechte so gerne mit Ihnen
+plaudern. Aber nur bis Quappendorf. Wo der Morgnitzer Weg abzweigt,
+steig ich aus und muss dann wieder in unseren unbequemen Kasten. Und
+Papa raucht auch noch."
+
+Effi war wenig erfreut ueber diese Begleitung und haette die Fahrt
+lieber allein gemacht; aber ihr blieb keine Wahl, und so stieg denn
+das Fraeulein ein, und kaum dass beide Damen ihre Plaetze genommen
+hatten, so gab Kruse den Pferden auch schon einen Peitschenknips, und
+von der oberfoersterlichen Rampe her, von der man einen praechtigen
+Ausblick auf das Meer hatte, ging es die ziemlich steile Duene
+hinunter auf den Strandweg zu, der, eine Meile lang, in beinahe
+gerader Linie bis an das Kessiner Strandhotel und von dort aus, rechts
+einbiegend, durch die Plantage hin in die Stadt fuehrte.
+
+Der Schneefall hatte schon seit ein paar Stunden aufgehoert, die Luft
+war frisch, und auf das weite dunkelnde Meer fiel der matte Schein der
+Mondsichel. Kruse fuhr hart am Wasser hin, mitunter den Schaum der
+Brandung durchschneidend, und Effi, die etwas froestelte, wickelte
+sich fester in ihren Mantel und schwieg noch immer und mit Absicht.
+Sie wusste recht gut, dass das mit der "stickigen Kutsche" bloss ein
+Vorwand gewesen und dass sich Sidonie nur zu ihr gesetzt hatte, um ihr
+etwas Unangenehmes zu sagen. Und das kam immer noch frueh genug. Zudem
+war sie wirklich muede, vielleicht von dem Spaziergange im Walde,
+vielleicht auch von dem oberfoersterlichen Punsch, dem sie, auf
+Zureden der neben ihr sitzenden Frau von Flemming, tapfer zugesprochen
+hatte. Sie tat denn auch, als ob sie schliefe, schloss die Augen und
+neigte den Kopf immer mehr nach links.
+
+"Sie sollten sich nicht so sehr nach links beugen, meine gnaedigste
+Frau. Faehrt der Schlitten auf einen Stein, so fliegen Sie hinaus. Ihr
+Schlitten hat ohnehin kein Schutzleder und, wie ich sehe, auch nicht
+einmal die Haken dazu."
+
+"Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben so was Prosaisches.
+Und dann, wenn ich hinausfloege, mir waer es recht, am liebsten gleich
+in die Brandung. Freilich ein etwas kaltes Bad, aber was tut's ...
+Uebrigens, hoeren Sie nichts?"
+
+"Nein."
+
+"Hoeren Sie nicht etwas wie Musik?" "Orgel?"
+
+"Nein, nicht Orgel. Da wuerd ich denken, es sei das Meer. Aber es ist
+etwas anderes, ein unendlich feiner Ton, fast wie menschliche Stimme
+..."
+
+"Das sind Sinnestaeuschungen", sagte Sidonie, die jetzt den richtigen
+Einsetzmoment gekommen glaubte. "Sie sind nervenkrank. Sie hoeren
+Stimmen. Gebe Gott, dass Sie auch die richtige Stimme hoeren."
+
+"Ich hoere ... nun, gewiss, es ist Torheit, ich weiss, sonst wuerd ich
+mir einbilden, ich haette die Meerfrauen singen hoeren ... Aber, ich
+bitte Sie, was ist das? Es blitzt ja bis hoch in den Himmel hinauf.
+Das muss ein Nordlicht sein."
+
+"Ja", sagte Sidonie. "Gnaedigste Frau tun ja, als ob es ein Weltwunder
+waere. Das ist es nicht. Und wenn es dergleichen waere, wir haben
+uns vor Naturkultus zu hueten. Uebrigens ein wahres Glueck, dass wir
+ausser Gefahr sind, unsern Freund Oberfoerster, diesen eitelsten aller
+Sterblichen, ueber dies Nordlicht sprechen zu hoeren. Ich wette, dass
+er sich einbilden wuerde, das tue ihm der Himmel zu Gefallen, um sein
+Fest noch festlicher zu machen. Er ist ein Narr. Gueldenklee konnte
+Besseres tun, als ihn feiern. Und dabei spielt er sich auf den
+Kirchlichen aus und hat auch neulich eine Altardecke geschenkt.
+Vielleicht, dass Cora daran mitgestickt hat. Diese Unechten sind
+schuld an allem, denn ihre Weltlichkeit liegt immer obenauf und wird
+denen mit angerechnet, die's ernst mit dem Heil ihrer Seele meinen."
+
+"Es ist so schwer, ins Herz zu sehen!"
+
+"Ja. Das ist es. Aber bei manchem ist es auch ganz leicht." Und dabei
+sah sie die junge Frau mit beinahe ungezogener Eindringlichkeit an.
+Effi schwieg und wandte sich ungeduldig zur Seite.
+
+"Bei manchem, sag ich, ist es ganz leicht", wiederholte Sidonie, die
+ihren Zweck erreicht hatte und deshalb ruhig laechelnd fortfuhr. "Und
+zu diesen leichten Raetseln gehoert unser Oberfoerster. Wer seine
+Kinder so erzieht, den beklag ich, aber das eine Gute hat es, es
+liegt bei ihm alles klar da. Und wie bei ihm selbst, so bei den
+Toechtern. Cora geht nach Amerika und wird Millionaerin oder
+Methodistenpredigerin; in jedem Fall ist sie verloren. Ich habe noch
+keine Vierzehnjaehrige gesehen ..."
+
+In diesem Augenblick hielt der Schlitten, und als sich beide Damen
+umsahen, um in Erfahrung zu bringen, was es denn eigentlich sei,
+bemerkten sie, dass rechts von ihnen, in etwa dreissig Schritt
+Abstand, auch die beiden anderen Schlitten hielten - am weitesten nach
+rechts der von Innstetten gefuehrte, naeher heran der Crampassche.
+
+"Was ist?" fragte Effi.
+
+Kruse wandte sich halb herum und sagte: "Der Schloon, gnaed'ge Frau."
+
+"Der Schloon? Was ist das? Ich sehe nichts."
+
+Kruse wiegte den Kopf hin und her, wie wenn er ausdruecken wollte,
+dass die Frage leichter gestellt als beantwortet sei.
+
+Worin er auch recht hatte. Denn was der Schloon sei, das war nicht
+so mit drei Worten zu sagen. Kruse fand aber in seiner Verlegenheit
+alsbald Hilfe bei dem gnaedigen Fraeulein, das hier mit allem Bescheid
+wusste und natuerlich auch mit dem Schloon.
+
+"Ja, meine gnaedigste Frau", sagte Sidonie, "da steht es schlimm. Fuer
+mich hat es nicht viel auf sich, ich komme bequem durch; denn wenn
+erst die Wagen heran sind, die haben hohe Raeder, und unsere Pferde
+sind ausserdem daran gewoehnt. Aber mit solchem Schlitten ist es was
+anderes; die versinken im Schloon, und Sie werden wohl oder uebel
+einen Umweg machen muessen."
+
+"Versinken! Ich bitte Sie, mein gnaedigstes Fraeulein, ich sehe noch
+immer nicht klar. Ist denn der Schloon ein Abgrund oder irgendwas,
+drin man mit Mann und Maus zugrunde gehen muss? Ich kann mir so was
+hierzulande gar nicht denken."
+
+"Und doch ist es so was, nur freilich im kleinen; dieser Schloon
+ist eigentlich bloss ein kuemmerliches Rinnsal, das hier rechts vom
+Gothener See herunterkommt und sich durch die Duenen schleicht. Und
+im Sommer trocknet es mitunter ganz aus, und Sie fahren dann ruhig
+drueber hin und wissen es nicht einmal."
+
+"Und im Winter?"
+
+"Ja, im Winter, da ist es was anderes; nicht immer, aber doch oft. Da
+wird es dann ein Sog."
+
+"Mein Gott, was sind das nur alles fuer Namen und Woerter!"
+
+"... Da wird es ein Sog, und am staerksten immer dann, wenn der Wind
+nach dem Lande hin steht. Dann drueckt der Wind das Meerwasser in das
+kleine Rinnsal hinein, aber nicht so, dass man es sehen kann. Und das
+ist das Schlimmste von der Sache, darin steckt die eigentliche Gefahr.
+Alles geht naemlich unterirdisch vor sich, und der ganze Strandsand
+ist dann bis tief hinunter mit Wasser durchsetzt und gefuellt. Und
+wenn man dann ueber solche Sandstelle weg will, die keine mehr ist,
+dann sinkt man ein, als ob es ein Sumpf oder ein Moor waere."
+
+"Das kenn ich", sagte Effi lebhaft. "Das ist wie in unsrem Luch",
+und inmitten all ihrer Aengstlichkeit wurde ihr mit einem Male ganz
+wehmuetig freudig zu Sinn.
+
+Waehrend das Gespraech noch so ging und sich fortsetzte, war Crampas
+aus seinem Schlitten ausgestiegen und auf den am aeussersten Fluegel
+haltenden Gieshueblerschen zugeschritten, um hier mit Innstetten zu
+verabreden, was nun wohl eigentlich zu tun sei. Knut, so meldete er,
+wolle die Durchfahrt riskieren, aber Knut sei dumm und verstehe nichts
+von der Sache; nur solche, die hier zu Hause seien, muessten die
+Entscheidung treffen. Innstetten - sehr zu Crampas' Ueberraschung
+- war auch fuers "Riskieren", es muesse durchaus noch mal versucht
+werden ... er wisse schon, die Geschichte wiederholte sich jedesmal:
+Die Leute hier haetten einen Aberglauben und vorweg eine Furcht,
+waehrend es doch eigentlich wenig zu bedeuten habe. Nicht Knut, der
+wisse nicht Bescheid, wohl aber Kruse solle noch einmal einen Anlauf
+nehmen und Crampas derweilen bei den Damen einsteigen (ein kleiner
+Ruecksitz sei ja noch da), um bei der Hand zu sein, wenn der Schlitten
+umkippe. Das sei doch schliesslich das Schlimmste, was geschehen
+koenne.
+
+Mit dieser Innstettenschen Botschaft erschien jetzt Crampas bei den
+beiden Damen und nahm, als er lachend seinen Auftrag ausgefuehrt
+hatte, ganz nach empfangener Order den kleinen Sitzplatz ein, der
+eigentlich nichts als eine mit Tuch ueberzogene Leiste war, und rief
+Kruse zu: "Nun, vorwaerts, Kruse."
+
+Dieser hatte denn auch die Pferde bereits um hundert Schritte
+zurueckgezoppt und hoffte, scharf anfahrend, den Schlitten gluecklich
+durchbringen zu koennen; im selben Augenblick aber, wo die Pferde den
+Schloon auch nur beruehrten, sanken sie bis ueber die Knoechel in den
+Sand ein, so dass sie nur mit Muehe nach rueckwaerts wieder heraus
+konnten.
+
+"Es geht nicht", sagte Crampas, und Kruse nickte.
+
+Waehrend sich dies abspielte, waren endlich auch die Kutschen
+herangekommen, die Grasenabbsche vorauf, und als Sidonie, nach kurzem
+Dank gegen Effi, sich verabschiedet und dem seine tuerkische Pfeife
+rauchenden Vater gegenueber ihren Rueckplatz eingenommen hatte, ging
+es mit dem Wagen ohne weiteres auf den Schloon zu; die Pferde sanken
+tief ein, aber die Raeder liessen alle Gefahr leicht ueberwinden, und
+ehe eine halbe Minute vorueber war, trabten auch schon die Grasenabbs
+drueben weiter. Die andern Kutschen folgten. Effi sah ihnen nicht ohne
+Neid nach. Indessen nicht lange, denn auch fuer die Schlittenfahrer
+war in der zwischenliegenden Zeit Rat geschafft worden, und zwar
+einfach dadurch, dass sich Innstetten entschlossen hatte, statt aller
+weiteren Forcierung das friedlichere Mittel eines Umwegs zu waehlen.
+Also genau das, was Sidonie gleich anfangs in Sicht gestellt hatte.
+Vom rechten Fluegel her klang des Landrats bestimmte Weisung herueber,
+vorlaeufig diesseits zu bleiben und ihm durch die Duenen hin bis
+an eine weiter hinauf gelegene Bohlenbruecke zu folgen. Als beide
+Kutscher, Knut und Kruse, so verstaendigt waren, trat der Major, der,
+um Sidonie zu helfen, gleichzeitig mit dieser ausgestiegen war, wieder
+an Effi heran und sagte: "Ich kann Sie nicht allein lassen, gnaed'ge
+Frau."
+
+Effi war einen Augenblick unschluessig, rueckte dann aber rasch von
+der einen Seite nach der anderen hinueber, und Crampas nahm links
+neben ihr Platz.
+
+All dies haette vielleicht missdeutet werden koennen, Crampas
+selbst aber war zu sehr Frauenkenner, um es sich bloss in Eitelkeit
+zurechtzulegen. Er sah deutlich, dass Effi nur tat, was nach Lage der
+Sache das einzig Richtige war. Es war unmoeglich fuer sie, sich seine
+Gegenwart zu verbitten. Und so ging es denn im Fluge den beiden
+anderen Schlitten nach, immer dicht an dem Wasserlauf hin, an dessen
+anderem Ufer dunkle Waldmassen aufragten. Effi sah hinueber und nahm
+an, dass schliesslich an dem landeinwaerts gelegenen Aussenrand des
+Waldes hin die Weiterfahrt gehen wuerde, genau also den Weg entlang,
+auf dem man in frueher Nachmittagsstunde gekommen war. Innstetten
+aber hatte sich inzwischen einen anderen Plan gemacht, und im selben
+Augenblick, wo sein Schlitten die Bohlenbruecke passierte, bog er,
+statt den Aussenweg zu waehlen, in einen schmaleren Weg ein, der
+mitten durch die dichte Waldmasse hindurchfuehrte. Effi schrak
+zusammen. Bis dahin waren Luft und Licht um sie her gewesen, aber
+jetzt war es damit vorbei, und die dunklen Kronen woelbten sich
+ueber ihr. Ein Zittern ueberkam sie, und sie schob die Finger fest
+ineinander, um sich einen Halt zu geben Gedanken und Bilder jagten
+sich, und eines dieser Bilder war das Muetterchen in dem Gedichte, das
+die "Gottesmauer" hiess, und wie das Muetterchen, so betete auch sie
+jetzt, dass Gott eine Mauer um sie her bauen moege. Zwei, drei Male
+kam es auch ueber ihre Lippen, aber mit einemmal fuehlte sie, dass es
+tote Worte waren. Sie fuerchtete sich und war doch zugleich wie in
+einem Zauberbann und wollte auch nicht heraus.
+
+"Effi", klang es jetzt leise an ihr Ohr, und sie hoerte, dass seine
+Stimme zitterte. Dann nahm er ihre Hand und loeste die Finger, die sie
+noch immer geschlossen hielt, und ueberdeckte sie mit heissen Kuessen.
+Es war ihr, als wandle sie eine Ohnmacht an.
+
+Als sie die Augen wieder oeffnete, war man aus dem Wald heraus, und in
+geringer Entfernung vor sich hoerte sie das Gelaeut der vorauseilenden
+Schlitten. Immer vernehmlicher klang es, und als man, dicht vor
+Utpatels Muehle, von den Duenen her in die Stadt einbog, lagen rechts
+die kleinen Haeuser mit ihren Schneedaechern neben ihnen.
+
+Effi blickte sich um, und im naechsten Augenblick hielt der Schlitten
+vor dem landraetlichen Hause.
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel
+
+Innstetten, der Effi, als er sie aus dem Schlitten hob, scharf
+beobachtete, aber doch ein Sprechen ueber die sonderbare Fahrt zu
+zweien vermieden hatte, war am anderen Morgen frueh auf und suchte
+seiner Verstimmung, die noch nachwirkte, so gut es ging, Herr zu
+werden.
+
+"Du hast gut geschlafen?" sagte er, als Effi zum Fruehstueck kam.
+
+"Ja."
+
+"Wohl dir. Ich kann dasselbe von mir nicht sagen. Ich traeumte, dass
+du mit dem Schlitten im Schloon verunglueckt seist, und Crampas muehte
+sich, dich zu retten; ich muss es so nennen, aber er versank mit dir."
+
+"Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es verbirgt sich ein
+Vorwurf dahinter, und ich ahne, weshalb."
+
+"Sehr merkwuerdig."
+
+"Du bist nicht einverstanden damit, dass Crampas kam und uns seine
+Hilfe anbot."
+
+"Uns?"
+
+"Ja, uns. Sidonien und mir. Du musst durchaus vergessen haben, dass
+der Major in deinem Auftrag kam. Und als er mir erst gegenuebersass,
+beilaeufig jaemmerlich genug auf der elenden schmalen Leiste, sollte
+ich ihn da ausweisen, als die Grasenabbs kamen und mit einem Male die
+Fahrt weiterging? Ich haette mich laecherlich gemacht, und dagegen
+bist du doch so empfindlich. Erinnere dich, dass wir unter deiner
+Zustimmung viele Male gemeinschaftlich spazierengeritten sind, und nun
+sollte ich nicht gemeinschaftlich mit ihm fahren? Es ist falsch, so
+hiess es bei uns zu Haus, einem Edelmanne Misstrauen zu zeigen."
+
+"Einem Edelmanne", sagte Innstetten mit Betonung.
+
+"Ist er keiner? Du hast ihn selbst einen Kavalier genannt, sogar einen
+perfekten Kavalier."
+
+"Ja", fuhr Innstetten fort, und seine Stimme wurde freundlicher,
+trotzdem ein leiser Spott noch darin nachklang. "Kavalier, das ist er,
+und ein perfekter Kavalier, das ist er nun schon ganz gewiss. Aber
+Edelmann! Meine liebe Effi, ein Edelmann sieht anders aus. Hast du
+schon etwas Edles an ihm bemerkt? Ich nicht."
+
+Effi sah vor sich hin und schwieg.
+
+"Es scheint, wir sind gleicher Meinung. Im uebrigen, wie du schon
+sagtest, bin ich selber schuld; von einem Fauxpas mag ich nicht
+sprechen, das ist in diesem Zusammenhang kein gutes Wort. Also selber
+schuld, und es soll nicht wieder vorkommen, soweit ich's hindern kann.
+Aber auch du, wenn ich dir raten darf, sei auf deiner Hut. Er ist ein
+Mann der Ruecksichtslosigkeiten und hat so seine Ansichten ueber junge
+Frauen. Ich kenne ihn von frueher."
+
+"Ich werde mir deine Worte gesagt sein lassen. Nur soviel, ich glaube,
+du verkennst ihn."
+
+"Ich verkenne ihn nicht."
+
+"Oder mich", sagte sie mit einer Kraftanstrengung und versuchte seinem
+Blick zu begegnen.
+
+"Auch dich nicht, meine liebe Effi Du bist eine reizende kleine Frau,
+aber Festigkeit ist nicht eben deine Spezialitaet."
+
+Er erhob sich, um zu gehen. Als er bis an die Tuer gegangen war,
+trat Friedrich ein, um ein Gieshueblersches Billett abzugeben, das
+natuerlich an die gnaedige Frau gerichtet war.
+
+Effi nahm es. "Eine Geheimkorrespondenz mit Gieshueb1er", sagte sie;
+"Stoff zu neuer Eifersucht fuer meinen gestrengen Herrn. Oder nicht?"
+
+"Nein, nicht ganz, meine liebe Effi. Ich begehe die Torheit, zwischen
+Crampas und Gieshuebler einen Unterschied zu machen. Sie sind
+sozusagen nicht von gleichem Karat; nach Karat berechnet man naemlich
+den reinen Goldeswert, unter Umstaenden auch der Menschen. Mir
+persoenlich, um auch das noch zu sagen, ist Gieshueblers weisses
+Jabot, trotzdem kein Mensch mehr Jabots traegt, erheblich lieber
+als Crampas' rot-blonder Sappeurbart. Aber ich bezweifle, dass dies
+weiblicher Geschmack ist."
+
+"Du haeltst uns fuer schwaecher, als wir sind."
+
+"Eine Troestung von praktisch ausserordentlicher Geringfuegigkeit.
+Aber lassen wir das. Lies lieber."
+
+Und Effi las: "Darf ich mich nach der gnaed'gen Frau Befinden
+erkundigen? Ich weiss nur, dass Sie dem Schloon gluecklich entronnen
+sind; aber es blieb auch durch den Wald immer noch Faehrlichkeit
+genug. Eben kommt Doktor Hannemann von Uvagla zurueck und beruhigt
+mich ueber Mirambo; gestern habe er die Sache fuer bedenklicher
+angesehen, als er uns habe sagen wollen, heute nicht mehr. Es war
+eine reizende Fahrt. - In drei Tagen feiern wir Silvester. Auf eine
+Festlichkeit wie die vorjaehrige muessen wir verzichten; aber einen
+Ball haben wir natuerlich, und Sie erscheinen zu sehen wuerde die
+Tanzwelt begluecken und nicht am wenigsten Ihren respektvollst
+ergebenen Alonzo G."
+
+Effi lachte. "Nun, was sagst du?"
+
+"Nach wie vor nur das eine, dass ich dich lieber mit Gieshuebler als
+mit Crampas sehe."
+
+"Weil du den Crampas zu schwer und den Gieshuebler zu leicht nimmst."
+
+Innstetten drohte ihr scherzhaft mit dem Finger.
+
+Drei Tage spaeter war Silvester. Effi erschien in einer reizenden
+Balltoilette, einem Geschenk, das ihr der Weihnachtstisch gebracht
+hatte; sie tanzte aber nicht, sondern nahm ihren Platz bei den alten
+Damen, fuer die, ganz in der Naehe der Musikempore, die Fauteuils
+gestellt waren. Von den adligen Familien, mit denen Innstettens
+vorzugsweise verkehrten, war niemand da, weil kurz vorher ein kleines
+Zerwuerfnis mit dem staedtischen Ressourcenvorstand, der, namentlich
+seitens des alten Gueldenklee, mal wieder "destruktiver Tendenzen"
+beschuldigt worden war, stattgefunden hatte; drei, vier andere adlige
+Familien aber, die nicht Mitglieder der Ressource, sondern immer
+nur geladene Gaeste waren und deren Gueter an der anderen Seite der
+Kessine lagen, waren aus zum Teil weiter Entfernung ueber das Flusseis
+gekommen und freuten sich, an dem Fest teilnehmen zu koennen. Effi
+sass zwischen der alten Ritterschaftsraetin von Padden und einer etwas
+juengeren Frau von Titzewitz.
+
+Die Ritterschaftsraetin, eine vorzuegliche alte Dame, war in allen
+Stuecken ein Original und suchte das, was die Natur, besonders durch
+starke Backenknochenbildung, nach der wendisch-heidnischen Seite hin
+fuer sie getan hatte, durch christlich-germanische Glaubensstrenge
+wieder in Ausgleich zu bringen.
+
+In dieser Strenge ging sie so weit, dass selbst Sidonie von Grasenabb
+eine Art Esprit fort neben ihr war, wogegen sie freilich - vielleicht
+weil sich die Radegaster und die Swantowiter Linie des Hauses in ihr
+vereinigten - ueber jenen alten Paddenhumor verfuegte, der von langer
+Zeit her wie ein Segen auf der Familie ruhte und jeden, der mit
+derselben in Beruehrung kam, auch wenn es Gegner in Politik und Kirche
+waren, herzlich erfreute.
+
+"Nun, Kind", sagte die Ritterschaftsraetin, "wie geht es Ihnen denn
+eigentlich?"
+
+"Gut, gnaedigste Frau; ich habe einen sehr ausgezeichneten Mann."
+
+"Weiss ich. Aber das hilft nicht immer. Ich hatte auch einen
+ausgezeichneten Mann. Wie steht es hier? Keine Anfechtungen?"
+
+Effi erschrak und war zugleich wie geruehrt.
+
+Es lag etwas ungemein Erquickliches in dem freien und natuerlichen
+Ton, in dem die alte Dame sprach, und dass es eine so fromme Frau war,
+das machte die Sache nur noch erquicklicher.
+
+"Ach, gnaedigste Frau ..."
+
+"Da kommt es schon. Ich kenne das. Immer dasselbe. Darin aendern die
+Zeiten nichts. Und vielleicht ist es auch recht gut so. Denn worauf es
+ankommt, meine liebe junge Frau, das ist das Kaempfen. Man muss immer
+ringen mit dem natuerlichen Menschen. Und wenn man sich dann so unter
+hat und beinah schreien moechte, weil's weh tut, dann jubeln die
+lieben Engel!"
+
+"Ach, gnaedigste Frau. Es ist oft recht schwer."
+
+"Freilich ist es schwer. Aber je schwerer, desto besser. Darueber
+muessen Sie sich freuen. Das mit dem Fleisch, das bleibt, und ich habe
+Enkel und Enkelinnen, da seh ich es jeden Tag. Aber im Glauben sich
+unterkriegen, meine liebe Frau, darauf kommt es an, das ist das Wahre.
+Das hat uns unser alter Martin Luther zur Erkenntnis gebracht, der
+Gottesmann. Kennen Sie seine Tischreden?"
+
+"Nein, gnaedigste Frau."
+
+"Die werde ich Ihnen schicken."
+
+In diesem Augenblick trat Major Crampas an Effi heran und bat, sich
+nach ihrem Befinden erkundigen zu duerfen. Effi war wie mit Blut
+uebergossen; aber ehe sie noch antworten konnte, sagte Crampas: "Darf
+ich Sie bitten, gnaedigste Frau, mich den Damen vorstellen zu wollen?"
+
+Effi nannte nun Crampas' Namen, der seinerseits schon vorher
+vollkommen orientiert war und in leichtem Geplauder alle Paddens und
+Titzewitze, von denen er je gehoert hatte, Revue passieren liess.
+Zugleich entschuldigte er sich, den Herrschaften jenseits der Kessine
+noch immer nicht seinen Besuch gemacht und seine Frau vorgestellt zu
+haben; aber es sei sonderbar, welche trennende Macht das Wasser habe.
+Es sei dasselbe wie mit dem Canal La Manche ...
+
+"Wie?" fragte die alte Titzewitz.
+
+Crampas seinerseits hielt es fuer unangebracht, Aufklaerungen zu
+geben, die doch zu nichts gefuehrt haben wuerden, und fuhr fort: "Auf
+zwanzig Deutsche, die nach Frankreich gehen, kommt noch nicht einer,
+der nach England geht. Das macht das Wasser; ich wiederhole, das
+Wasser hat eine scheidende Kraft."
+
+Frau von Padden, die darin mit feinem Instinkt etwas Anzuegliches
+witterte, wollte fuer das Wasser eintreten, Crampas aber sprach mit
+immer wachsendem Redefluss weiter und lenkte die Aufmerksamkeit der
+Damen auf ein schoenes Fraeulein von Stojentin, "das ohne Zweifel
+die Ballkoenigin" sei, wobei sein Blick uebrigens Effi bewundernd
+streifte. Dann empfahl er sich rasch unter Verbeugung gegen alle drei.
+"Schoener Mann", sagte die Padden. "Verkehrt er in Ihrem Hause?"
+
+"Fluechtig."
+
+"Wirklich", wiederholte die Padden, "ein schoener Mann. Ein bisschen
+zu sicher. Und Hochmut kommt vor dem Fall ... Aber sehen Sie nur, da
+tritt er wirklich mit der Grete Stojentin an. Eigentlich ist er doch
+zu alt; wenigstens Mitte Vierzig."
+
+"Er wird vierundvierzig."
+
+"Ei, ei, Sie scheinen ihn ja gut zu kennen."
+
+Es kam Effi sehr zupass, dass das neue Jahr gleich in seinem Anfang
+allerlei Aufregungen brachte. Seit Silvesternacht ging ein scharfer
+Nordost, der sich in den naechsten Tagen fast bis zum Sturm steigerte,
+und am 3. Januar nachmittags hiess es, dass ein Schiff draussen mit
+der Einfahrt nicht zustande gekommen und hundert Schritt vor der Mole
+gescheitert sei; es sei ein englisches, von Sunderland her, und soweit
+sich erkennen lasse, sieben Mann an Bord; die Lotsen koennten beim
+Ausfahren, trotz aller Anstrengung, nicht um die Mole herum, und
+vom Strand aus ein Boot abzulassen, daran sei nun vollends nicht zu
+denken, die Brandung sei viel zu stark. Das klang traurig genug.
+Aber Johanna, die die Nachricht brachte, hatte doch auch Trost
+bei der Hand: Konsul Eschrich, mit dem Rettungsapparat und der
+Raketenbatterie, sei schon unterwegs, und es wuerde gewiss gluecken;
+die Entfernung sei nicht voll so weit wie Anno 75, wo's doch auch
+gegangen, und sie haetten damals sogar den Pudel mit gerettet, und es
+waere ordentlich ruehrend gewesen, wie sich das Tier gefreut und die
+Kapitaensfrau und das liebe kleine Kind, nicht viel groesser als
+Anniechen, immer wieder mit seiner roten Zunge geleckt habe.
+
+"Geert, da muss ich mit hinaus, das muss ich sehen", hatte Effi sofort
+erklaert, und beide waren aufgebrochen, um nicht zu spaet zu kommen,
+und hatten denn auch den rechten Moment abgepasst; denn im Augenblick,
+als sie von der Plantage her den Strand erreichten, fiel der erste
+Schuss, und sie sahen ganz deutlich, wie die Rakete mit dem Fangseil
+unter dem Sturmgewoelk hinflog und ueber das Schiff hinweg jenseits
+niederfiel. Alle Haende regten sich sofort an Bord, und nun holten sie
+mit Hilfe der kleinen Leine das dickere Tau samt dem Korb heran, und
+nicht lange, so kam der Korb in einer Art Kreislauf wieder zurueck,
+und einer der Matrosen, ein schlanker, bildhuebscher Mensch mit
+einer wachsleinenen Kappe, war geborgen an Land und wurde neugierig
+ausgefragt, waehrend der Korb aufs neue seinen Weg machte, zunaechst
+den zweiten und dann den dritten heranzuholen und so fort. Alle wurden
+gerettet, und Effi haette sich, als sie nach einer halben Stunde mit
+ihrem Manne wieder heimging, in die Duenen werfen und sich ausweinen
+moegen. Ein schoenes Gefuehl hatte wieder Platz in ihrem Herzen
+gefunden, und es beglueckte sie unendlich, dass es so war.
+
+Das war am 3. gewesen. Schon am 5. kam ihr eine neue Aufregung,
+freilich ganz anderer Art. Innstetten hatte Gieshuebler, der
+natuerlich auch Stadtrat und Magistratsmitglied war, beim Herauskommen
+aus dem Rathaus getroffen und im Gespraech mit ihm erfahren, dass
+seitens des Kriegsministeriums angefragt worden sei, wie sich die
+Stadtbehoerden eventuell zur Garnisonsfrage zu stellen gedaechten.
+Bei noetigem Entgegenkommen, also bei Bereitwilligkeit zu Stall- und
+Kasernenbauten, koennten ihnen zwei Schwadronen Husaren zugesagt
+werden. "Nun, Effi, was sagst du dazu?" Effi war wie benommen. All das
+unschuldige Glueck ihrer Kinderjahre stand mit einemmal wieder vor
+ihrer Seele, und im Augenblick war es ihr, als ob rote Husaren - denn
+es waren auch rote wie daheim in Hohen-Cremmen - so recht eigentlich
+die Hueter von Paradies und Unschuld seien. Und dabei schwieg sie noch
+immer.
+
+"Du sagst ja nichts, Effi."
+
+"Ja, sonderbar, Geert. Aber es beglueckt mich so, dass ich vor Freude
+nichts sagen kann. Wird es denn auch sein? Werden sie denn auch
+kommen?"
+
+"Damit hat's freilich noch gute Wege, ja, Gieshuebler meinte sogar,
+die Vaeter der Stadt, seine Kollegen, verdienten es gar nicht. Statt
+einfach ueber die Ehre, und wenn nicht ueber die Ehre, so doch
+wenigstens ueber den Vorteil einig und gluecklich zu sein, waeren sie
+mit allerlei 'Wenns' und 'Abers' gekommen und haetten geknausert wegen
+der neuen Bauten: Ja, Pefferkuechler Michelsen habe sogar gesagt, es
+verderbe die Sitten der Stadt, und wer eine Tochter habe, der moege
+sich vorsehen und Gitterfenster anschaffen.
+
+"Es ist nicht zu glauben. Ich habe nie manierlichere Leute gesehen als
+unsere Husaren; wirklich, Geert. Nun, du weisst es ja selbst. Und nun
+will dieser Michelsen alles vergittern. Hat er denn Toechter?"
+
+"Gewiss; sogar drei. Aber sie sind saemtlich hors concours." Effi
+lachte so herzlich, wie sie seit langem nicht mehr gelacht hatte. Doch
+es war von keiner Dauer, und als Innstetten ging und sie allein liess,
+setzte sie sich an die Wiege des Kindes, und ihre Traenen fielen auf
+die Kissen. Es brach wieder ueber sie herein, und sie fuehlte, dass
+sie wie eine Gefangene sei und nicht mehr heraus koenne.
+
+Sie litt schwer darunter und wollte sich befreien. Aber wiewohl sie
+starker Empfindungen faehig war, so war sie doch keine starke Natur;
+ihr fehlte die Nachhaltigkeit, und alle guten Anwandlungen gingen
+wieder vorueber. So trieb sie denn weiter, heute, weil sie's nicht
+aendern konnte, morgen, weil sie's nicht aendern wollte. Das
+Verbotene, das Geheimnisvolle hatte seine Macht ueber sie.
+
+So kam es, dass sie sich, von Natur frei und offen, in ein verstecktes
+Komoedienspiel mehr und mehr hineinlebte. Mitunter erschrak sie, wie
+leicht es ihr wurde. Nur in einem blieb sie sich gleich: Sie sah alles
+klar und beschoenigte nichts. Einmal trat sie spaetabends vor den
+Spiegel in ihrer Schlafstube; die Lichter und Schatten flogen hin und
+her, und Rollo schlug draussen an, und im selben Augenblick war es
+ihr, als saehe ihr wer ueber die Schulter. Aber sie besann sich rasch.
+"Ich weiss schon, was es ist; es war nicht der", und sie wies mit dem
+Finger nach dem Spukzimmer oben. "Es war was anderes ... mein Gewissen
+... Effi, du bist verloren."
+
+Es ging aber doch weiter so, die Kugel war im Rollen, und was an einem
+Tage geschah, machte das Tun des andern zur Notwendigkeit. Um die
+Mitte des Monats kamen Einladungen aufs Land. Ueber die dabei
+innezuhaltende Reihenfolge hatten sich die vier Familien, mit denen
+Innstettens vorzugsweise verkehrten, geeinigt: Die Borckes sollten
+beginnen, die Flemmings und Grasenabbs folgten, die Gueldenklees
+schlossen ab. Immer eine Woche dazwischen. Alle vier Einladungen kamen
+am selben Tag; sie sollten ersichtlich den Eindruck des Ordentlichen
+und Wohlerwogenen machen, auch wohl den einer besonderen
+freundschaftlichen Zusammengehoerigkeit.
+
+"Ich werde nicht dabeisein, Geert, und du musst mich der Kur halber,
+in der ich nun seit Wochen stehe, von vornherein entschuldigen."
+
+Innstetten lachte. "Kur. Ich soll es auf die Kur schieben. Das ist das
+Vorgebliche; das Eigentliche heisst: du willst nicht." "Nein, es ist
+doch mehr Ehrlichkeit dabei, als du zugeben willst. Du hast selbst
+gewollt, dass ich den Doktor zu Rate ziehe. Das hab ich getan, und nun
+muss ich doch seinem Rat folgen. Der gute Doktor, er haelt mich fuer
+bleichsuechtig, sonderbar genug, und du weisst, dass ich jeden Tag
+von dem Eisenwasser trinke. Wenn du dir ein Borckesches Diner dazu
+vorstellst, vielleicht mit Presskopf und Aal in Aspik, so musst du den
+Eindruck haben, es waere mein Tod. Und so wirst du dich doch zu deiner
+Effi nicht stellen wollen. Freilich, mitunter ist es mir ..."
+
+"Ich bitte dich, Effi ..."
+
+"... Uebrigens freu ich mich, und das ist das einzige Gute dabei, dich
+jedesmal, wenn du faehrst, eine Strecke Wegs begleiten zu koennen, bis
+an die Muehle gewiss oder bis an den Kirchhof oder auch bis an die
+Waldecke, da, wo der Morgnitzer Querweg einmuendet. Und dann steig
+ich ab und schlendere wieder zurueck. In den Duenen ist es immer am
+schoensten."
+
+Innstetten war einverstanden, und als drei Tage spaeter der Wagen
+vorfuhr, stieg Effi mit auf und gab ihrem Manne das Geleit bis an die
+Waldecke. "Hier lass halten, Geert. Du faehrst nun links weiter, ich
+gehe rechts bis an den Strand und durch die Plantage zurueck. Es ist
+etwas weit, aber doch nicht zu weit. Doktor Hannemann sagt mir jeden
+Tag, Bewegung sei alles, Bewegung und frische Luft. Und ich glaube
+beinah, dass er recht hat. Empfiehl mich all den Herrschaften; nur bei
+Sidonie kannst du schweigen."
+
+Die Fahrten, auf denen Effi ihren Gatten bis an die Waldecke
+begleitete, wiederholten sich allwoechentlich; aber auch in der
+zwischenliegenden Zeit hielt Effi darauf, dass sie der aerztlichen
+Verordnung streng nachkam. Es verging kein Tag, wo sie nicht ihren
+vorgeschriebenen Spaziergang gemacht haette, meist nachmittags, wenn
+sich Innstetten in seine Zeitungen zu vertiefen begann. Das Wetter war
+schoen, eine milde, frische Luft, der Himmel bedeckt. Sie ging in der
+Regel allein und sagte zu Roswitha: "Roswitha, ich gehe nun also die
+Chaussee hinunter und dann rechts an den Platz mit dem Karussell; da
+will ich auf dich warten, da hole mich ab. Und dann gehen wir durch
+die Birkenallee oder durch die Reeperbahn wieder zurueck. Aber komme
+nur, wenn Annie schlaeft. Und wenn sie nicht schlaeft, so schicke
+Johanna. Oder lass es lieber ganz; es ist nicht noetig, ich finde mich
+schon zurecht."
+
+Den ersten Tag, als es so verabredet war, trafen sie sich auch
+wirklich. Effi sass auf einer an einem langen Holzschuppen sich
+hinziehenden Bank und sah nach einem niedrigen Fachwerkhaus hinueber,
+gelb mit schwarzgestrichenen Balken, einer Wirtschaft fuer kleine
+Buerger, die hier ihr Glas Bier tranken oder Solo spielten. Es
+dunkelte noch kaum, die Fenster aber waren schon hell, und ihr
+Lichtschimmer fiel auf die Schneemassen und etliche zur Seite stehende
+Baeume. "Sieh, Roswitha, wie schoen das aussieht."
+
+Ein paar Tage wiederholte sich das. Meist aber, wenn Roswitha bei dem
+Karussell und dem Holzschuppen ankam, war niemand da, und wenn sie
+dann zurueckkam und in den Hausflur eintrat, kam ihr Effi schon
+entgegen und sagte:
+
+"Wo du nur bleibst, Roswitha, ich bin schon lange wieder hier."
+
+In dieser Art ging es durch Wochen hin. Das mit den Husaren hatte
+sich wegen der Schwierigkeiten, die die Buergerschaft machte, so
+gut wie zerschlagen; aber da die Verhandlungen noch nicht geradezu
+abgeschlossen waren und neuerdings durch eine andere Behoerde, das
+Generalkommando, gingen, so war Crampas nach Stettin berufen worden,
+wo man seine Meinung in dieser Angelegenheit hoeren wollte. Von dort
+schrieb er den zweiten Tag an Innstetten:
+
+"Pardon, Innstetten, dass ich mich auf franzoesisch empfohlen. Es
+kam alles so schnell. Ich werde uebrigens die Sache hinauszuspinnen
+suchen, denn man ist froh, einmal draussen zu sein. Empfehlen Sie mich
+der gnaedigen Frau, meiner liebenswuerdigen Goennerin."
+
+Er las es Effi vor. Diese blieb ruhig. Endlich sagte sie: "Es ist
+recht gut so."
+
+"Wie meinst du das?"
+
+"Dass er fort ist. Er sagt eigentlich immer dasselbe. Wenn er wieder
+da ist, wird er wenigstens voruebergehend was Neues zu sagen haben."
+
+Innstettens Blick flog scharf ueber sie hin. Aber er sah nichts, und
+sein Verdacht beruhigte sich wieder. "Ich will auch fort", sagte er
+nach einer Weile, "sogar nach Berlin; vielleicht kann ich dann, wie
+Crampas, auch mal was Neues mitbringen. Meine liebe Effi will immer
+gern was Neues hoeren; sie langweilt sich in unserm guten Kessin. Ich
+werde gegen acht Tage fort sein, vielleicht noch einen Tag laenger.
+Und aengstige dich nicht ... es wird ja wohl nicht wiederkommen ...
+du weisst schon, das da oben ... Und wenn doch, du hast ja Rollo und
+Roswitha."
+
+Effi laechelte vor sich hin, und es mischte sich etwas von Wehmut
+mit ein. Sie musste des Tages gedenken, wo Crampas ihr zum erstenmal
+gesagt hatte, dass er mit dem Spuk und ihrer Furcht eine Komoedie
+spiele. Der grosse Erzieher! Aber hatte er nicht recht? War die
+Komoedie nicht am Platz? Und allerhand Widerstreitendes, Gutes und
+Boeses, ging ihr durch den Kopf.
+
+Den dritten Tag reiste Innstetten ab.
+
+Ueber das, was er in Berlin vorhabe, hatte er nichts gesagt.
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel
+
+Innstetten war erst vier Tage fort, als Crampas von Stettin wieder
+eintraf und die Nachricht brachte, man haette hoeheren Orts
+die Absicht, zwei Schwadronen nach Kessin zu legen, endgueltig
+fallenlassen; es gaebe so viele kleine Staedte, die sich um eine
+Kavalleriegarnison, und nun gar um Bluechersche Husaren, bewuerben,
+dass man gewohnt sei, bei solchem Anerbieten einem herzlichen
+Entgegenkommen, aber nicht einem zoegernden zu begegnen. Als Crampas
+das mitteilte, machte der Magistrat ein ziemlich verlegenes Gesicht;
+nur Gieshuebler, weil er der Philisterei seiner Kollegen eine
+Niederlage goennte, triumphierte. Seitens der kleinen Leute griff beim
+Bekanntwerden der Nachricht eine gewisse Verstimmung Platz, ja selbst
+einige Konsuls mit Toechtern waren momentan unzufrieden; im ganzen
+aber kam man rasch ueber die Sache hin, vielleicht weil die
+nebenherlaufende Frage, was Innstetten in Berlin vorhabe, die Kessiner
+Bevoelkerung oder doch wenigstens die Honoratiorenschaft der Stadt
+mehr interessierte. Diese wollte den ueberaus wohl gelittenen Landrat
+nicht gern verlieren, und doch gingen darueber ganz ausschweifende
+Geruechte, die von Gieshuebler, wenn er nicht ihr Erfinder war,
+wenigstens genaehrt und weiterverbreitet wurden. Unter anderem hiess
+es, Innstetten wuerde als Fuehrer einer Gesandtschaft nach Marokko
+gehen, und zwar mit Geschenken, unter denen nicht bloss die
+herkoemmliche Vase mit Sanssouci und dem Neuen Palais, sondern
+vor allem auch eine grosse Eismaschine sei. Das letztere erschien
+mit Ruecksicht auf die marokkanischen Temperaturverhaeltnisse so
+wahrscheinlich, dass das Ganze geglaubt wurde.
+
+Effi hoerte auch davon. Die Tage, wo sie sich darueber erheitert
+haette, lagen noch nicht allzuweit zurueck; aber in der
+Seelenstimmung, in der sie sich seit Schluss des Jahres befand, war
+sie nicht mehr faehig, unbefangen und ausgelassen ueber derlei Dinge
+zu lachen. Ihre Gesichtszuege hatten einen ganz anderen Ausdruck
+angenommen, und das halb ruehrend, halb schelmisch Kindliche, was sie
+noch als Frau gehabt hatte, war hin. Die Spaziergaenge nach dem Strand
+und der Plantage, die sie, waehrend Crampas in Stettin war, aufgegeben
+hatte, nahm sie nach seiner Rueckkehr wieder auf und liess sich auch
+durch unguenstige Witterung nicht davon abhalten. Es wurde wie frueher
+bestimmt, dass ihr Roswitha bis an den Ausgang der Reeperbahn oder bis
+in die Naehe des Kirchhofs entgegenkommen solle, sie verfehlten sich
+aber noch haeufiger als frueher. "Ich koennte dich schelten, Roswitha,
+dass du mich nie findest. Aber es hat nichts auf sich; ich aengstige
+mich nicht mehr, auch nicht einmal am Kirchhof, und im Wald bin ich
+noch keiner Menschenseele begegnet."
+
+Es war am Tage vor Innstettens Rueckkehr von Berlin, dass Effi das
+sagte. Roswitha machte nicht viel davon und beschaeftigte sich lieber
+damit, Girlanden ueber den Tueren anzubringen; auch der Haifisch bekam
+einen Fichtenzweig und sah noch merkwuerdiger aus als gewoehnlich.
+Effi sagte: "Das ist recht, Roswitha; er wird sich freuen ueber all
+das Gruen, wenn er morgen wieder da ist. Ob ich heute wohl noch gehe?
+Doktor Hannemann besteht darauf und meint in einem fort, ich naehme es
+nicht ernst genug, sonst muesste ich besser aussehen; ich habe aber
+keine rechte Lust heut, es nieselt, und der Himmel ist so grau."
+
+"Ich werde der gnaed'gen Frau den Regenmantel bringen."
+
+"Das tu! Aber komme heute nicht nach, wir treffen uns ja doch nicht",
+und sie lachte. "Wirklich, du bist gar nicht findig, Roswitha. Und ich
+mag nicht, dass du dich erkaeltest, und alles um nichts."
+
+Roswitha blieb denn auch zu Haus, und weil Annie schlief, ging sie zu
+Kruses, um mit der Frau zu plaudern. "Liebe Frau Kruse", sagte sie,
+"Sie wollten mir ja das mit dem Chinesen noch erzaehlen. Gestern kam
+die Johanna dazwischen, die tut immer so vornehm, fuer die ist so was
+nichts. Ich glaube aber doch, dass es was gewesen ist, ich meine mit
+dem Chinesen und mit Thomsens Nichte, wenn es nicht seine Enkelin
+war."
+
+Die Kruse nickte.
+
+"Entweder", fuhr Roswitha fort, "war es eine unglueckliche Liebe (die
+Kruse nickte wieder), oder es kann auch eine glueckliche gewesen sein,
+und der Chinese konnte es bloss nicht aushalten, dass es alles mit
+einemmal so wieder vorbei sein sollte. Denn die Chinesen sind doch
+auch Menschen, und es wird wohl alles ebenso mit ihnen sein wie mit
+uns." "Alles", versicherte die Kruse und wollte dies eben durch ihre
+Geschichte bestaetigen, als ihr Mann eintrat und sagte: "Mutter, du
+koenntest mir die Flasche mit dem Lederlack geben; ich muss doch das
+Sielenzeug blank haben, wenn der Herr morgen wieder da ist; der sieht
+alles, und wenn er auch nichts sagt, so merkt man doch, dass er's
+gesehen hat."
+
+"Ich bringe es Ihnen raus, Kruse", sagte Roswitha. "Ihre Frau will mir
+bloss noch was erzaehlen; aber es ist gleich aus, und dann komm ich
+und bring es."
+
+Roswitha, die Flasche mit dem Lack in der Hand, kam denn auch ein
+paar Minuten danach auf den Hof hinaus und stellte sich neben das
+Sielenzeug, das Kruse eben ueber den Gartenzaun gelegt hatte. "Gott",
+sagte er, waehrend er ihr die Flasche aus der Hand nahm, "viel hilft
+es ja nicht, es nieselt in einem weg, und die Blaenke vergeht doch
+wieder. Aber ich denke, alles muss seine Ordnung haben."
+
+"Das muss es. Und dann, Kruse, es ist ja doch auch ein richtiger Lack,
+das kann ich gleich sehen, und was ein richtiger Lack ist, der klebt
+nicht lange, der muss gleich trocknen. Und wenn es dann morgen nebelt
+oder nass faellt, dann schadet es nichts mehr. Aber das muss ich doch
+sagen, das mit dem Chinesen ist eine merkwuerdige Geschichte."
+
+Kruse lachte. "Unsinn is es, Roswitha. Und meine Frau, statt aufs
+Richtige zu sehen, erzaehlt immer so was, un wenn ich ein reines Hemd
+anziehen will, fehlt ein Knopp. Un so is es nu schon, solange wir hier
+sind. Sie hat immer bloss solche Geschichten in ihrem Kopp und dazu
+das schwarze Huhn. Un das schwarze Huhn legt nich mal Eier. Un am
+Ende, wovon soll es auch Eier legen? Es kommt ja nich ,raus, und vons
+blosse Kikeriki kann doch so was nich kommen. Das is von keinem Huhn
+nich zu verlangen."
+
+"Hoeren Sie, Kruse, das werde ich Ihrer Frau wiedererzaehlen. Ich habe
+Sie immer fuer einen anstaendigen Menschen gehalten, und nun sagen Sie
+so was wie das da von Kikeriki. Die Mannsleute sind doch immer noch
+schlimmer, als man denkt. Un eigentlich muesst ich nu gleich den
+Pinsel hier nehmen und Ihnen einen schwarzen Schnurrbart anmalen."
+
+"Nu, von Ihnen, Roswitha, kann man sich das schon gefallen lassen",
+und Kruse, der meist den Wuerdigen spielte, schien in einen mehr und
+mehr schaekrigen Ton uebergehen zu wollen, als er ploetzlich der
+gnaedigen Frau ansichtig wurde, die heute von der anderen Seite
+der Plantage herkam und in ebendiesem Augenblicke den Gartenzaun
+passierte.
+
+"Guten Tag, Roswitha, du bist ja so ausgelassen. Was macht denn
+Annie?"
+
+"Sie schlaeft, gnaed'ge Frau."
+
+Aber Roswitha, als sie das sagte, war doch rot geworden und ging,
+rasch abbrechend, auf das Haus zu, um der gnaedigen Frau beim
+Umkleiden behilflich zu sein. Denn ob Johanna da war, das war die
+Frage. Die steckte jetzt viel auf dem "Amt" drueben, weil es zu Haus
+weniger zu tun gab, und Friedrich und Christel waren ihr zu langweilig
+und wussten nie was.
+
+Annie schlief noch. Effi beugte sich ueber die Wiege, liess sich dann
+Hut und Regenmantel abnehmen und setzte sich auf das kleine Sofa in
+ihrer Schlafstube. Das feuchte Haar strich sie langsam zurueck, legte
+die Fuesse auf einen niedrigen Stuhl, den Roswitha herangeschoben,
+und sagte, waehrend sie sichtlich das Ruhebehagen nach einem ziemlich
+langen Spaziergang genoss: "Ich muss dich darauf aufmerksam machen,
+Roswitha, dass Kruse verheiratet ist."
+
+"Ich weiss, gnaed'ge Frau."
+
+"Ja, was weiss man nicht alles und handelt doch, als ob man es nicht
+wuesste. Das kann nie was werden."
+
+"Es soll ja auch nichts werden, gnaed'ge Frau ..."
+
+"Denn wenn du denkst, sie sei krank, da machst du die Rechnung ohne
+den Wirt. Die Kranken leben am laengsten. Und dann hat sie das
+schwarze Huhn. Vor dem huete dich, das weiss alles und plaudert alles
+aus. Ich weiss nicht, ich habe einen Schauder davor. Und ich wette,
+dass das alles da oben mit dem Huhn zusammenhaengt."
+
+"Ach, das glaub ich nicht. Aber schrecklich ist es doch. Und Kruse,
+der immer gegen seine Frau ist, kann es mir nicht ausreden."
+
+"Was sagte der?"
+
+"Er sagte, es seien bloss Maeuse."
+
+"Nun, Maeuse, das ist auch gerade schlimm genug. Ich kann keine Maeuse
+leiden. Aber ich sah ja deutlich, wie du mit dem Kruse schwatztest
+und vertraulich tatst, und ich glaube sogar, du wolltest ihm einen
+Schnurrbart anmalen. Das ist doch schon sehr viel. Und nachher sitzt
+du da. Du bist ja noch eine schmucke Person und hast so was. Aber sieh
+dich vor, soviel kann ich dir bloss sagen. Wie war es denn eigentlich
+das erstemal mit dir? Ist es so, dass du mir's erzaehlen kannst?"
+
+"Ach, ich kann schon. Aber schrecklich war es. Und weil es so
+schrecklich war, drum koennen gnaed'ge Frau auch ganz ruhig sein, von
+wegen dem Kruse. Wem es so gegangen ist wie mir, der hat genug davon
+und passt auf. Mitunter traeume ich noch davon, und dann bin ich den
+andern Tag wie zerschlagen. Solche grausame Angst ..."
+
+Effi hatte sich aufgerichtet und stuetzte den Kopf auf ihren Arm. "Nun
+erzaehle. Wie kann es denn gewesen sein? Es ist ja mit euch, das weiss
+ich noch von Hause her, immer dieselbe Geschichte ..."
+
+"Ja, zuerst is es wohl immer dasselbe, und ich will mir auch nicht
+einbilden, dass es mit mir was Besonderes war, ganz und gar nicht.
+Aber wie sie's mir dann auf den Kopf zusagten und ich mit einem Male
+sagen musste: 'ja, es ist so', ja, das war schrecklich. Die Mutter,
+na, das ging noch, aber der Vater, der die Dorfschmiede hatte, der war
+streng und wuetend, und als er's hoerte, da kam er mit einer Stange
+auf mich los, die er eben aus dem Feuer genommen hatte, und wollte
+mich umbringen. Und ich schrie laut auf und lief auf den Boden und
+versteckte mich, und da lag ich und zitterte und kam erst wieder nach
+unten, als sie mich riefen und sagten, ich solle nur kommen. Und dann
+hatte ich noch eine juengere Schwester, die wies immer auf mich hin
+und sagte 'Pfui'. Und dann, wie das Kind kommen sollte, ging ich in
+eine Scheune nebenan, weil ich mir's bei uns nicht getraute. Da fanden
+mich fremde Leute halb tot und trugen mich ins Haus und in mein Bett.
+Und den dritten Tag nahmen sie mir das Kind fort, und als ich nachher
+fragte, wo es sei, da hiess es, es sei gut aufgehoben. Ach, gnaedigste
+Frau, die heil'ge Mutter Gottes bewahre Sie vor solchem Elend."
+
+Effi fuhr auf und sah Roswitha mit grossen Augen an. Aber sie war
+doch mehr erschrocken als empoert. "Was du nur sprichst! Ich bin ja
+doch eine verheiratete Frau. So was darfst du nicht sagen, das ist
+ungehoerig, das passt sich nicht."
+
+"Ach, gnaedigste Frau ..."
+
+"Erzaehle mir lieber, was aus dir wurde. Das Kind hatten sie dir
+genommen. Soweit warst du ..."
+
+"Und dann, nach ein paar Tagen, da kam wer aus Erfurt, der fuhr bei
+dem Schulzen vor und fragte, ob da nicht eine Amme sei. Da sagte der
+Schulze 'ja'. Gott lohne es ihm, und der fremde Herr nahm mich gleich
+mit, und von da an hab ich bessere Tage gehabt; selbst bei der
+Registratorin war es doch immer noch zum Aushalten, und zuletzt bin
+ich zu Ihnen gekommen, gnaedigste Frau. Und das war das Beste, das
+Allerbeste." Und als sie das sagte, trat sie an das Sofa heran und
+kuesste Effi die Hand.
+
+"Roswitha, du musst mir nicht immer die Hand kuessen, ich mag das
+nicht. Und nimm dich nur in acht mit dem Kruse. Du bist doch sonst
+eine so gute und verstaendige Person ... Mit einem Ehemann ... das tut
+nie gut."
+
+"Ach, gnaed'ge Frau, Gott und seine Heiligen fuehren uns wunderbar,
+und das Unglueck, das uns trifft, das hat doch auch sein Glueck. Und
+wen es nicht bessert, dem is nich zu helfen ... Ich kann eigentlich
+die Mannsleute gut leiden ..."
+
+"Siehst du, Roswitha, siehst du."
+
+"Aber wenn es mal wieder so ueber mich kaeme, mit dem Kruse, das is
+ja nichts, und ich koennte nicht mehr anders, da lief ich gleich
+ins Wasser. Es war zu schrecklich. Alles. Und was nur aus dem armen
+Wurm geworden is? Ich glaube nicht, dass es noch lebt; sie haben es
+umkommen lassen, aber ich bin doch schuld." Und sie warf sich vor
+Annies Wiege nieder und wiegte das Kind hin und her und sang in einem
+fort ihr "Buhkueken von Halberstadt".
+
+"Lass", sagte Effi. "Singe nicht mehr; ich habe Kopfweh. Aber bringe
+mir die Zeitungen. Oder hat Gieshuebler vielleicht die Journale
+geschickt?"
+
+"Das hat er. Und die Modezeitung lag obenauf. Da haben wir drin
+geblaettert, ich und Johanna, eh sie rueber ging. Johanna aergert sich
+immer, dass sie so was nicht haben kann. Soll ich die Modezeitung
+bringen?"
+
+"Ja, die bringe und bring auch die Lampe."
+
+Roswitha ging, und Effi, als sie allein war, sagte: "Womit man sich
+nicht alles hilft? Eine huebsche Dame mit einem Muff und eine mit
+einem Halbschleier; Modepuppen. Aber es ist das Beste, mich auf andre
+Gedanken zu bringen."
+
+Im Laufe des andern Vormittags kam ein Telegramm von Innstetten, worin
+er mitteilte, dass er erst mit dem zweiten Zug kommen, also nicht vor
+Abend in Kessin eintreffen werde.
+
+Der Tag verging in ewiger Unruhe; gluecklicherweise kam Gieshuebler
+im Laufe des Nachmittags und half ueber eine Stunde weg. Endlich um
+sieben Uhr fuhr der Wagen vor, Effi trat hinaus, und man begruesste
+sich. Innstetten war in einer ihm sonst fremden Erregung, und so kam
+es, dass er die Verlegenheit nicht sah, die sich in Effis Herzlichkeit
+mischte. Drinnen im Flur brannten die Lampen und Lichter, und das
+Teezeug, das Friedrich schon auf einen der zwischen den Schraenken
+stehenden Tische gestellt hatte, reflektierte den Lichterglanz.
+
+"Das sieht ja ganz so aus wie damals, als wir hier ankamen. Weisst du
+noch, Effi?"
+
+Sie nickte.
+
+"Nur der Haifisch mit seinem Fichtenzweig verhaelt sich heute ruhiger,
+und auch Rollo spielt den Zurueckhaltenden und legt mir nicht mehr die
+Pfoten auf die Schulter. Was ist das mit dir, Rollo?"
+
+Rollo strich an seinem Herrn vorbei und wedelte.
+
+"Der ist nicht recht zufrieden, entweder mit mir nicht oder mit
+andern. Nun, ich will annehmen, mit mir. Jedenfalls lass uns
+eintreten." Und er trat in sein Zimmer und bat Effi, waehrend er sich
+aufs Sofa niederliess, neben ihm Platz zu nehmen. "Es war so huebsch
+in Berlin, ueber Erwarten; aber in all meiner Freude habe ich mich
+immer zurueckgesehnt. Und wie gut du aussiehst! Ein bisschen blass und
+ein bisschen veraendert, aber es kleidet dich."
+
+Effi wurde rot.
+
+"Und nun wirst du auch noch rot. Aber es ist, wie ich dir sage. Du
+hattest so was von einem verwoehnten Kind, mit einemmal siehst du aus
+wie eine Frau."
+
+"Das hoer ich gern, Geert, aber ich glaube, du sagst es nur so."
+
+"Nein, nein, du kannst es dir gutschreiben, wenn es etwas Gutes ist
+..."
+
+"Ich daechte doch."
+
+"Und nun rate, von wem ich dir Gruesse bringe."
+
+"Das ist nicht schwer, Geert. Ausserdem, wir Frauen, zu denen ich
+mich, seitdem du wieder da bist, ja rechnen darf (und sie reichte ihm
+die Hand und lachte), wir Frauen, wir raten leicht. Wir sind nicht so
+schwerfaellig wie ihr."
+
+"Nun, von wem?"
+
+"Nun, natuerlich von Vetter Briest. Er ist ja der einzige, den ich in
+Berlin kenne, die Tanten abgerechnet, die du nicht aufgesucht haben
+wirst und die viel zu neidisch sind, um mich gruessen zu lassen. Hast
+du nicht auch gefunden, alle alten Tanten sind neidisch?"
+
+"Ja, Effi, das ist wahr. Und dass du das sagst, das ist ganz meine
+alte Effi wieder. Denn du musst wissen, die alte Effi, die noch aussah
+wie ein Kind, nun, die war auch nach meinem Geschmack. Gradeso wie die
+jetzige gnaed'ge Frau." "Meinst du? Und wenn du dich zwischen beiden
+entscheiden solltest ..."
+
+"Das ist eine Doktorfrage, darauf lasse ich mich nicht ein. Aber da
+bringt Friedrich den Tee. Wie hat's mich nach dieser Stunde verlangt!
+Und hab es auch ausgesprochen, sogar zu deinem Vetter Briest, als wir
+bei Dressel sassen und in Champagner dein Wohl tranken ... Die Ohren
+muessen dir geklungen haben ... Und weisst du, was dein Vetter dabei
+sagte?"
+
+"Gewiss was Albernes. Darin ist er gross."
+
+"Das ist der schwaerzeste Undank, den ich all mein Lebtag erlebt habe.
+'Lassen wir Effi leben', sagte er, 'meine schoene Cousine ... Wissen
+Sie, Innstetten, dass ich Sie am liebsten fordern und totschiessen
+moechte? Denn Effi ist ein Engel, und Sie haben mich um diesen Engel
+gebracht.' Und dabei sah er so ernst und wehmuetig aus, dass man's
+beinah haette glauben koennen."
+
+"Oh, diese Stimmung kenne ich an ihm. Bei der wievielten wart ihr?"
+
+"Ich hab es nicht mehr gegenwaertig, und vielleicht haette ich es auch
+damals nicht mehr sagen koennen. Aber das glaub ich, dass es ihm ganz
+ernst war. Und vielleicht waere es auch das Richtige gewesen. Glaubst
+du nicht, dass du mit ihm haettest leben koennen?"
+
+"Leben koennen. Das ist wenig, Geert. Aber beinah moecht ich sagen,
+ich haette auch nicht einmal mit ihm leben koennen."
+
+"Warum nicht? Er ist wirklich ein liebenswuerdiger und netter Mensch
+und auch ganz gescheit."
+
+"Ja, das ist er ..."
+
+"Aber ..."
+
+"Aber er ist dalbrig. Und das ist keine Eigenschaft, die wir Frauen
+lieben, auch nicht einmal dann, wenn wir noch halbe Kinder sind,
+wohin du mich immer gerechnet hast und vielleicht, trotz meiner
+Fortschritte, auch jetzt noch rechnest. Das Dalbrige, das ist nicht
+unsre Sache. Maenner muessen Maenner sein."
+
+"Gut, dass du das sagst. Alle Teufel, da muss man sich ja
+zusammennehmen. Und ich kann von Glueck sagen, dass ich von so was,
+das wie Zusammennehmen aussieht oder wenigstens ein Zusammennehmen in
+Zukunft fordert, so gut wie direkt herkomme ... Sag, wie denkst du dir
+ein Ministerium?"
+
+"Ein Ministerium? Nun, das kann zweierlei sein. Es koennen Menschen
+sein, kluge, vornehme Herren, die den Staat regieren, und es kann auch
+bloss ein Haus sein, ein Palazzo, ein Palazzo Strozzi oder Pitti oder,
+wenn die nicht passen, irgendein andrer. Du siehst, ich habe meine
+italienische Reise nicht umsonst gemacht."
+
+"Und koenntest du dich entschliessen, in solchem Palazzo zu wohnen?
+Ich meine in solchem Ministerium?"
+
+"Um Gottes willen, Geert, sie haben dich doch nicht zum Minister
+gemacht? Gieshuebler sagte so was. Und der Fuerst kann alles. Gott,
+der hat es am Ende durchgesetzt, und ich bin erst achtzehn."
+
+Innstetten lachte. "Nein, Effi, nicht Minister, so weit sind wir noch
+nicht. Aber vielleicht kommen noch allerhand Gaben in mir heraus, und
+dann ist es nicht unmoeglich." "Also jetzt noch nicht, noch nicht
+Minister?"
+
+"Nein. Und wir werden, die Wahrheit zu sagen, auch nicht einmal in
+einem Ministerium wohnen, aber ich werde taeglich ins Ministerium
+gehen, wie ich jetzt in unser Landratsamt gehe, und werde dem Minister
+Vortrag halten und mit ihm reisen, wenn er die Provinzialbehoerden
+inspiziert. Und du wirst eine Ministerialraetin sein und in Berlin
+leben, und in einem halben Jahre wirst du kaum noch wissen, dass du
+hier in Kessin gewesen bist und nichts gehabt hast als Gieshuebler und
+die Duenen und die Plantage."
+
+Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer groesser; um
+ihre Mundwinkel war ein nervoeses Zucken, und ihr ganzer zarter
+Koerper zitterte. Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitz vor
+Innstetten nieder, umklammerte seine Knie und sagte in einem Ton, wie
+wenn sie betete: "Gott sei Dank!"
+
+Innstetten verfaerbte sich. Was war das? Etwas, was seit Wochen
+fluechtig, aber doch immer sich erneuernd ueber ihn kam, war wieder da
+und sprach so deutlich aus seinem Auge, dass Effi davor erschrak. Sie
+hatte sich durch ein schoenes Gefuehl, das nicht viel was andres als
+ein Bekenntnis ihrer Schuld war, hinreissen lassen und dabei mehr
+gesagt, als sie sagen durfte. Sie musste das wieder ausgleichen,
+musste was finden, irgendeinen Ausweg, es koste, was es wolle.
+
+"Steh auf, Effi. Was hast du?"
+
+Effi erhob sich rasch. Aber sie nahm ihren Platz auf dem Sofa
+nicht wieder ein, sondern schob einen Stuhl mit hoher Lehne heran,
+augenscheinlich weil sie nicht Kraft genug fuehlte, sich ohne Stuetze
+zu halten.
+
+"Was hast du?" wiederholte Innstetten. "Ich dachte, du haettest hier
+glueckliche Tage verlebt. Und nun rufst du 'Gott sei Dank', als ob
+dir hier alles nur ein Schrecknis gewesen waere. War ich dir ein
+Schrecknis? Oder war es was andres? Sprich?"
+
+"Dass du noch fragen kannst, Geert", sagte sie, waehrend sie mit einer
+aeussersten Anstrengung das Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte.
+"Glueckliche Tage! Ja, gewiss, glueckliche Tage, aber doch auch andre.
+Nie bin ich die Angst hier ganz losgeworden, nie. Noch keine vierzehn
+Tage, dass es mir wieder ueber die Schulter sah, dasselbe Gesicht,
+derselbe fahle Teint. Und diese letzten Naechte, wo du fort warst, war
+es auch wieder da, nicht das Gesicht, aber es schlurrte wieder, und
+Rollo schlug wieder an, und Roswitha, die's auch gehoert, kam an
+mein Bett und setzte sich zu mir, und erst, als es schon daemmerte,
+schliefen wir wieder ein. Es ist ein Spukhaus, und ich hab es auch
+glauben sollen, das mit dem Spuk -denn du bist ein Erzieher. Ja,
+Geert, das bist du. Aber lass es sein, wie's will, soviel weiss
+ich, ich habe mich ein ganzes Jahr lang und laenger in diesem Hause
+gefuerchtet, und wenn ich von hier fortkomme, so wird es, denke ich,
+von mir abfallen, und ich werde wieder frei sein."
+
+Innstetten hatte kein Auge von ihr gelassen und war jedem Worte
+gefolgt. Was sollte das heissen: "du bist ein Erzieher"? Und dann das
+andere, was vorausging: "und ich hab es auch glauben sollen, das mit
+dem Spuk". Was war das alles? Wo kam das her? Und er fuehlte seinen
+leisen Argwohn sich wieder regen und fester einnisten. Aber er hatte
+lange genug gelebt, um zu wissen, dass alle Zeichen truegen und dass
+wir in unsrer Eifersucht, trotz ihrer hundert Augen, oft noch mehr in
+die Irre gehen als in der Blindheit unseres Vertrauens. Es konnte ja
+so sein, wie sie sagte.
+
+Und wenn es so war, warum sollte sie nicht ausrufen: "Gott sei Dank!"
+
+Und so, rasch alle Moeglichkeiten ins Auge fassend, wurde er seines
+Argwohns wieder Herr und reichte ihr die Hand ueber en Tisch hin:
+"Verzeih mir, Effi, aber ich war so sehr ueberrascht von dem allen.
+Freilich wohl meine Schuld. Ich bin immer zu sehr mit mir beschaeftigt
+gewesen. Wir Maenner sind alle Egoisten. Aber das soll nun anders
+werden. Ein Gutes hat Berlin gewiss: Spukhaeuser gibt es da nicht. Wo
+sollen die auch herkommen? Und nun lass uns hinuebergehen, dass ich
+Annie sehe; Roswitha verklagt mich sonst als einen unzaertlichen
+Vater."
+
+Effi war unter diesen Worten allmaehlich ruhiger geworden, und das
+Gefuehl, aus einer selbstgeschaffenen Gefahr sich gluecklich befreit
+zu haben, gab ihr die Spannkraft und gute Haltung wieder zurueck.
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Kapitel
+
+Am andern Morgen nahmen beide gemeinschaftlich ihr etwas verspaetetes
+Fruehstueck. Innstetten hatte seine Missstimmung und Schlimmeres
+ueberwunden, und Effi lebte so ganz dem Gefuehl ihrer Befreiung, dass
+sie nicht bloss die Faehigkeit einer gewissen erkuenstelten Laune,
+sondern fast auch ihre fruehere Unbefangenheit wiedergewonnen hatte.
+Sie war noch in Kessin, und doch war ihr schon zumute, als laege es
+weit hinter ihr.
+
+"Ich habe mir's ueberlegt, Effi", sagte Innstetten, "du hast nicht so
+ganz unrecht mit allem, was du gegen unser Haus hier gesagt hast. Fuer
+Kapitaen Thomsen war es gerade gut genug, aber nicht fuer eine junge
+verwoehnte Frau; alles altmodisch, kein Platz. Da sollst du's in
+Berlin besser haben, auch einen Saal, aber einen andern als hier, und
+auf Flur und Treppe hohe bunte Glasfenster, Kaiser Wilhelm mit Zepter
+und Krone oder auch was Kirchliches, heilige Elisabeth oder Jungfrau
+Maria. Sagen wir Jungfrau Maria, das sind wir Roswitha schuldig."
+
+Effi lachte. "So soll es sein. Aber wer sucht uns eine Wohnung? Ich
+kann doch nicht Vetter Briest auf die Suche schicken. Oder gar die
+Tanten! Die finden alles gut genug." "Ja, das Wohnungssuchen. Das
+macht einem keiner zu Dank. Ich denke, da musst du selber hin."
+
+"Und wann meinst du?" "Mitte Maerz."
+
+"Oh, das ist viel zu spaet, Geert, dann ist ja alles fort. Die guten
+Wohnungen werden schwerlich auf uns warten!" "Ist schon recht. Aber
+ich bin erst seit gestern wieder hier und kann doch nicht sagen 'reise
+morgen'. Das wuerde mich schlecht kleiden und passt mir auch wenig;
+ich bin froh, dass ich dich wiederhabe."
+
+"Nein", sagte sie, waehrend sie das Kaffeegeschirr, um eine
+aufsteigende Verlegenheit zu verbergen, ziemlich geraeuschvoll
+zusammenrueckte, "nein, so soll's auch nicht sein, nicht heut und
+nicht morgen, aber doch in den naechsten Tagen. Und wenn ich etwas
+finde, so bin ich rasch wieder zurueck. Aber noch eins, Roswitha und
+Annie muessen mit. Am schoensten waer es, du auch. Aber ich sehe ein,
+das geht nicht. Und ich denke, die Trennung soll nicht lange dauern.
+Ich weiss auch schon, wo ich miete ..."
+
+"Nun?"
+
+"Das bleibt mein Geheimnis. Ich will auch ein Geheimnis haben. Damit
+will ich dich dann ueberraschen." In diesem Augenblick trat Friedrich
+ein, um die Postsachen abzugeben. Das meiste war Dienstliches und
+Zeitungen. "Ah, da ist auch ein Brief fuer dich", sagte Innstetten.
+"Und wenn ich nicht irre, die Handschrift der Mama." Effi nahm den
+Brief. "Ja, von der Mama. Aber das ist ja nicht der Friesacker
+Poststempel; sieh nur, das heisst ja deutlich Berlin."
+
+"Freilich", lachte Innstetten. "Du tust, als ob es ein Wunder waere.
+Die Mama wird in Berlin sein und hat ihrem Liebling von ihrem Hotel
+aus einen Brief geschrieben." "Ja", sagte Effi, "so wird es sein. Aber
+ich aengstige mich doch beinah und kann keinen rechten Trost darin
+finden, dass Hulda Niemeyer immer sagte: Wenn man sich aengstigt, ist
+es besser, als wenn man hofft. Was meinst du dazu?"
+
+"Fuer eine Pastorstochter nicht ganz auf der Hoehe. Aber nun lies den
+Brief. Hier ist ein Papiermesser."
+
+Effi schnitt das Kuvert auf und las: "Meine liebe Effi. Seit 24
+Stunden bin ich hier in Berlin; Konsultationen bei Schweigger. Als er
+mich sieht, beglueckwuenscht er mich, und als ich erstaunt ihn frage,
+wozu, erfahre ich, dass Ministerialdirektor Wuellersdorf bei ihm
+gewesen und ihm erzaehlt habe: Innstetten sei ins Ministerium berufen.
+Ich bin ein wenig aergerlich, dass man dergleichen von einem Dritten
+erfahren muss. Aber in meinem Stolz und meiner Freude sei Euch
+verziehen. Ich habe es uebrigens immer gewusst (schon als 1. noch bei
+den Rathenowern war), dass etwas aus ihm werden wuerde. Nun kommt es
+Dir zugute. Natuerlich muesst Ihr eine Wohnung haben und eine andere
+Einrichtung. Wenn Du, meine liebe Effi, glaubst, meines Rates dabei
+beduerfen zu koennen, so komme, so rasch es Dir Deine Zeit erlaubt.
+Ich bleibe acht Tage hier in Kur, und wenn es nicht anschlaegt,
+vielleicht noch etwas laenger; Schweigger drueckt sich unbestimmt
+darueber aus. Ich habe eine Privatwohnung in der Schadowstrasse
+genommen; neben dem meinigen sind noch Zimmer frei. Was es mit meinem
+Auge ist, darueber muendlich; vorlaeufig beschaeftigt mich nur Eure
+Zukunft. Briest wird unendlich gluecklich sein, er tut immer so
+gleichgueltig gegen dergleichen, eigentlich haengt er aber mehr
+daran als ich. Gruesse Innstetten, kuesse Annie, die Du vielleicht
+mitbringst. Wie immer Deine Dich zaertlich liebende Mutter Luise von
+B."
+
+Effi legte den Brief aus der Hand und sagte nichts. Was sie zu
+tun habe, das stand bei ihr fest; aber sie wollte es nicht selber
+aussprechen. Innstetten sollte damit kommen, und dann wollte sie
+zoegernd ja sagen. Innstetten ging auch wirklich in die Falle.
+
+"Nun, Effi, du bleibst so ruhig."
+
+"Ach, Geert, es hat alles so seine zwei Seiten. Auf der einen Seite
+beglueckt es mich, die Mama wiederzusehen, und vielleicht sogar schon
+in wenigen Tagen. Aber es spricht auch so vieles dagegen."
+
+"Was?"
+
+"Die Mama, wie du weisst, ist sehr bestimmt und kennt nur ihren eignen
+Willen. Dem Papa gegenueber hat sie alles durchsetzen koennen. Aber
+ich moechte gern eine Wohnung haben, die nach meinem Geschmack ist,
+und eine neue Einrichtung, die mir gefaellt."
+
+Innstetten lachte. "Und das ist alles?"
+
+"Nun, es waere grade genug. Aber es ist nicht alles." Und nun nahm sie
+sich zusammen und sah ihn an und sagte: "Und dann, Geert, ich moechte
+nicht gleich wieder von dir fort." "Schelm, das sagst du so, weil du
+meine Schwaeche kennst. Aber wir sind alle so eitel, und ich will es
+glauben. Ich will es glauben und doch zugleich auch den Heroischen
+spielen, den Entsagenden. Reise, sobald du's fuer noetig haeltst und
+vor deinem Herzen verantworten kannst."
+
+"So darfst du nicht sprechen, Geert. Was heisst das 'vor meinem
+Herzen verantworten'. Damit schiebst du mir, halb gewaltsam, eine
+Zaertlichkeitsrolle zu, und ich muss dir dann aus reiner Kokettene
+sagen: 'Ach, Geert, dann reise ich nie.' Oder doch so etwas
+Aehnliches."
+
+Innstetten drohte ihr mit dem Finger. "Effi, du bist mir zu fein. Ich
+dachte immer, du waerst ein Kind, und ich sehe nun, dass du das Mass
+hast wie alle andern. Aber lassen wir das, oder wie dein Papa immer
+sagte: 'Das ist ein zu weites Feld.' Sage lieber, wann willst du
+fort?"
+
+"Heute haben wir Dienstag. Sagen wir also Freitag mittag mit dem
+Schiff. Dann bin ich am Abend in Berlin."
+
+"Abgemacht. Und wann zurueck?"
+
+"Nun, sagen wir Montag abend. Das sind dann drei Tage." "Geht nicht.
+Das ist zu frueh. In drei Tagen kannst du's nicht zwingen. Und so
+rasch laesst dich die Mama auch nicht fort." "Also auf Diskretion."
+
+"Gut." Und damit erhob sich Innstetten, um nach dem Landratsamte
+hinueberzugehen.
+
+Die Tage bis zur Abreise vergingen wie im Fluge. Roswitha war sehr
+gluecklich. "Ach, gnaedigste Frau, Kessin, nun ja ... aber Berlin ist
+es nicht. Und die Pferdebahn. Und wenn es dann so klingelt und man
+nicht weiss, ob man links oder rechts soll, und mitunter ist mir schon
+gewesen, als ginge alles grad ueber mich weg. Nein, so was ist hier
+nicht. Ich glaube, manchen Tag sehen wir keine sechs Menschen. Und
+immer bloss die Duenen und draussen die See. Und das rauscht und
+rauscht, aber weiter ist es auch nichts."
+
+"Ja, Roswitha, du hast recht. Es rauscht und rauscht immer, aber
+es ist kein richtiges Leben. Und dann kommen einem allerhand dumme
+Gedanken. Das kannst du doch nicht bestreiten, das mit dem Kruse war
+nicht in der Richtigkeit." "Ach, gnaedigste Frau ..."
+
+"Nun, ich will nicht weiter nachforschen. Du wirst es natuerlich nicht
+zugeben. Und nimm nur nicht zu wenig Sachen mit. Deine Sachen kannst
+du eigentlich ganz mitnehmen und Annies auch."
+
+"Ich denke, wir kommen noch mal wieder."
+
+"Ja, ich. Der Herr wuenscht es. Aber ihr koennt vielleicht dableiben,
+bei meiner Mutter. Sorge nur, dass sie Anniechen nicht zu sehr
+verwoehnt. Gegen mich war sie mitunter streng, aber ein Enkelkind ..."
+
+"Und dann ist Anniechen ja auch so zum Anbeissen. Da muss ja jeder
+zaertlich sein."
+
+Das war am Donnerstag, am Tag vor der Abreise. Innstetten war ueber
+Land gefahren und wurde erst gegen Abend zurueckerwartet.
+
+Am Nachmittag ging Effi in die Stadt, bis auf den Marktplatz, und trat
+hier in die Apotheke und bat um eine Flasche Sal volatile. "Man weiss
+nie, mit wem man reist", sagte sie zu dem alten Gehilfen, mit dem sie
+auf dem Plauderfusse stand und der sie anschwaermte wie Gieshuebler
+selbst.
+
+"Ist der Herr Doktor zu Hause?" fragte sie weiter, als sie das
+Flaeschchen eingesteckt hatte.
+
+"Gewiss, gnaedige Frau; er ist hier nebenan und liest die Zeitungen."
+
+"Ich werde ihn doch nicht stoeren?" "Oh, nie."
+
+Und Effi trat ein. Es war eine kleine, hohe Stube, mit Regalen
+ringsherum, auf denen allerlei Kolben und Retorten standen; nur an
+der einen Wand befanden sich alphabetisch geordnete, vorn mit einem
+Eisenringe versehene Kaesten, in denen die Rezepte lagen.
+
+Gieshuebler war beglueckt und verlegen. "Welche Ehre. Hier unter
+meinen Retorten. Darf ich die gnaedige Frau auffordern, einen
+Augenblick Platz zu nehmen?"
+
+"Gewiss, lieber Gieshuebler. Aber auch wirklich nur einen Augenblick.
+Ich will Ihnen adieu sagen."
+
+"Aber meine gnaedigste Frau, Sie kommen ja doch wieder. Ich habe
+gehoert, nur auf drei, vier Tage ..."
+
+"Ja, lieber Freund, ich soll wiederkommen, und es ist sogar
+verabredet, dass ich spaetestens in einer Woche wieder in Kessin bin.
+Aber ich koennte doch auch nicht wiederkommen. Muss ich Ihnen sagen,
+welche tausend Moeglichkeiten es gibt ... Ich sehe, Sie wollen mir
+sagen, dass ich noch zu jung sei ..., auch Junge koennen sterben. Und
+dann so vieles andre noch. Und da will ich doch lieber Abschied nehmen
+von Ihnen, als waer es fuer immer."
+
+"Aber meine gnaedigste Frau ..."
+
+"Als waer es fuer immer. Und ich will Ihnen danken, lieber
+Gieshuebler. Denn Sie waren das Beste hier; natuerlich, weil Sie der
+Beste waren. Und wenn ich hundert Jahre alt wuerde, so werde ich Sie
+nicht vergessen. Ich habe mich hier mitunter einsam gefuehlt, und
+mitunter war mir so schwer ums Herz, schwerer, als Sie wissen koennen;
+ich habe es nicht immer richtig eingerichtet; aber wenn ich Sie
+gesehen habe, vom ersten Tag an, dann habe ich mich immer wohler
+gefuehlt und auch besser."
+
+"Aber meine gnaedigste Frau."
+
+"Und dafuer wollte ich Ihnen danken. Ich habe mir eben ein Flaeschchen
+mit Sal volatile gekauft; im Coupe sind mitunter so merkwuerdige
+Menschen und wollen einem nicht mal erlauben, dass man ein Fenster
+aufmacht; und wenn mir dann vielleicht - denn es steigt einem ja
+ordentlich zu Kopf, ich meine das Salz - die Augen uebergehen, dann
+will ich an Sie denken. Adieu, lieber Freund, und gruessen Sie Ihre
+Freundin, die Trippelli. Ich habe in den letzten Wochen oefter an sie
+gedacht und an Fuerst Kotschukoff. Ein eigentuemliches Verhaeltnis
+bleibt es doch. Aber ich kann mich hineinfinden ... Und lassen Sie
+einmal von sich hoeren. Oder ich werde schreiben." Damit ging Effi.
+Gieshuebler begleitete sie bis auf den Platz hinaus. Er war wie
+benommen, so sehr, dass er ueber manches Raetselhafte, was sie
+gesprochen, ganz hinwegsah.
+
+Effi ging wieder nach Haus. "Bringen Sie mir die Lampe, Johanna",
+sagte sie, "aber in mein Schlafzimmer. Und dann eine Tasse Tee. Ich
+hab es so kalt und kann nicht warten, bis der Herr wieder da ist."
+
+Beides kam. Effi sass schon an ihrem kleinen Schreibtisch, einen
+Briefbogen vor sich, die Feder in der Hand. "Bitte, Johanna, den Tee
+auf den Tisch da."
+
+Als Johanna das Zimmer wieder verlassen hatte, schloss Effi sich ein,
+sah einen Augenblick in den Spiegel und setzte sich dann wieder.
+
+Und nun schrieb sie: "Ich reise morgen mit dem Schiff, und dies sind
+Abschiedszeilen. Innstetten erwartet mich in wenigen Tagen zurueck,
+aber ich komme nicht wieder ... Warum ich nicht wiederkomme, Sie
+wissen es ... Es waere das beste gewesen, ich haette dies Stueck Erde
+nie gesehen. Ich beschwoere Sie, dies nicht als einen Vorwurf zu
+fassen; alle Schuld ist bei mir. Blick ich auf Ihr Haus ..., Ihr Tun
+mag entschuldbar sein, nicht das meine. Meine Schuld ist sehr schwer,
+aber vielleicht kann ich noch heraus. Dass wir hier abberufen wurden,
+ist mir wie ein Zeichen, dass ich noch zu Gnaden angenommen werden
+kann. Vergessen Sie das Geschehene, vergessen Sie mich. Ihre Effi."
+
+Sie ueberflog die Zeilen noch einmal, am fremdesten war ihr das "Sie";
+aber auch das musste sein; es sollte ausdruecken, dass keine Bruecke
+mehr da sei. Und nun schob sie die Zeilen in ein Kuvert und ging auf
+ein Haus zu, zwischen dem Kirchhof und der Waldecke. Ein duenner Rauch
+stieg aus dem halb eingefallenen Schornstein. Da gab sie die Zeilen
+ab.
+
+Als sie wieder zurueck war, war Innstetten schon da, und sie setzte
+sich zu ihm und erzaehlte ihm von Gieshuebler und dem Sal volatile.
+
+Innstetten lachte. "Wo hast du nur dein Latein her, Effi?"
+
+Das Schiff, ein leichtes Segelschiff (die Dampfboote gingen nur
+sommers), fuhr um zwoelf. Schon eine Viertelstunde vorher waren Effi
+und Innstetten an Bord; auch Roswitha und Annie.
+
+Das Gepaeck war groesser, als es fuer einen auf so wenige Tage
+geplanten Ausflug geboten schien. Innstetten sprach mit dem Kapitaen;
+Effi, in einem Regenmantel und hellgrauem Reisehut, stand auf dem
+Hinterdeck, nahe am Steuer, und musterte von hier aus das Bollwerk und
+die huebsche Haeuserreihe, die dem Zuge des Bollwerks folgte. Gerade
+der Landungsbruecke gegenueber lag Hoppensacks Hotel, ein drei Stock
+hohes Gebaeude, von dessen Giebeldach eine gelbe Flagge, mit Kreuz
+und Krone darin, schlaff in der stillen, etwas nebeligen Luft
+herniederhing. Effi sah eine Weile nach der Flagge hinauf, liess dann
+aber ihr Auge wieder abwaerts gleiten und verweilte zuletzt auf einer
+Anzahl von Personen, die neugierig am Bollwerk herumstanden. In diesem
+Augenblick wurde gelaeutet. Effi war ganz eigen zumut; das Schiff
+setzte sich langsam in Bewegung, und als sie die Landungsbruecke noch
+einmal musterte, sah sie, dass Crampas in vorderster Reihe stand. Sie
+erschrak bei seinem Anblick und freute sich doch auch. Er seinerseits,
+in seiner ganzen Haltung veraendert, war sichtlich bewegt und gruesste
+ernst zu ihr hinueber, ein Gruss, den sie ebenso, aber doch zugleich
+in grosser Freundlichkeit erwiderte; dabei lag etwas Bittendes in
+ihrem Auge. Dann ging sie rasch auf die Kajuete zu, wo sich Roswitha
+mit Annie schon eingerichtet hatte. Hier in dem etwas stickigen Raum
+blieb sie, bis man aus dem Fluss in die weite Bucht des Breitling
+eingefahren war; da kam Innstetten und rief sie nach oben, dass sie
+sich an dem herrlichen Anblick erfreue, den die Landschaft gerade an
+dieser Stelle bot. Sie ging dann auch hinauf. Ueber dem Wasserspiegel
+hingen graue Wolken, und nur dann und wann schoss ein halb
+umschleierter Sonnenblick aus dem Gewoelk hervor. Effi gedachte des
+Tages, wo sie, vor jetzt Fuenfvierteljahren, im offenen Wagen am Ufer
+ebendieses Breitlings hin entlanggefahren war. Eine kurze Spanne Zeit,
+und das Leben oft so still und einsam. Und doch, was war alles seitdem
+geschehen!
+
+So fuhr man die Wasserstrasse hinauf und war um zwei an der Station
+oder doch ganz in Naehe derselben. Als man gleich danach das Gasthaus
+des "Fuersten Bismarck" passierte, stand auch Golchowski wieder in der
+Tuer und versaeumte nicht, den Herrn Landrat und die gnaedige Frau bis
+an die Stufen der Boeschung zu geleiten. Oben war der Zug noch nicht
+angemeldet, und Effi und Innstetten schritten auf dem Bahnsteig auf
+und ab. Ihr Gespraech drehte sich um die Wohnungsfrage; man war einig
+ueber den Stadtteil, und dass es zwischen dem Tiergarten und dem
+Zoologischen Garten sein muesse. "Ich will den Finkenschlag hoeren und
+die Papageien auch", sagte Innstetten, und Effi stimmte ihm zu.
+
+Nun aber hoerte man das Signal, und der Zug lief ein; der
+Bahnhofsinspektor war voller Entgegenkommen, und Effi erhielt ein
+Coupe fuer sich. Noch ein Haendedruck, ein Wehen mit dem Tuch, und der
+Zug setzte sich wieder in Bewegung.
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Kapitel
+
+Auf dem Friedrichstrassen-Bahnhof war ein Gedraenge; aber trotzdem,
+Effi hatte schon vom Coupe aus die Mama erkannt und neben ihr den
+Vetter Briest. Die Freude des Wiedersehens war gross, das Warten in
+der Gepaeckhalle stellte die Geduld auf keine allzu harte Probe,
+und nach wenig mehr als fuenf Minuten rollte die Droschke neben dem
+Pferdebahngleise hin in die Dorotheenstrasse hinein und auf die
+Schadowstrasse zu, an deren naechstgelegener Ecke sich die "Pension"
+befand. Roswitha war entzueckt und freute sich ueber Annie, die die
+Haendchen nach den Lichtern ausstreckte.
+
+Nun war man da. Effi erhielt ihre zwei Zimmer, die nicht, wie
+erwartet, neben denen der Frau von Briest, aber doch auf demselben
+Korridor lagen, und als alles seinen Platz und Stand hatte und Annie
+in einem Bettchen mit Gitter gluecklich untergebracht war, erschien
+Effi wieder im Zimmer der Mama, einem kleinen Salon mit Kamin, drin
+ein schwaches Feuer brannte; denn es war mildes, beinah warmes Wetter.
+
+Auf dem runden Tische mit gruener Schirmlampe waren drei Kuverts
+gelegt, und auf einem Nebentischchen stand das Teezeug.
+
+"Du wohnst ja reizend, Mama", sagte Effi, waehrend sie dem Sofa
+gegenueber Platz nahm, aber nur um sich gleich danach an dem Teetisch
+zu schaffen zu machen. "Darf ich wieder die Rolle des Teefraeuleins
+uebernehmen?"
+
+"Gewiss, meine liebe Effi Aber nur fuer Dagobert und dich selbst. Ich
+meinerseits muss verzichten, was mir beinah schwerfaellt."
+
+"Ich verstehe, deiner Augen halber. Aber nun sage mir, Mama, was ist
+es damit? In der Droschke, die noch dazu so klapperte, haben wir immer
+nur von Innstetten und unserer grossen Karriere gesprochen, viel
+zuviel, und das geht nicht so weiter; glaube mir, deine Augen sind
+mir wichtiger, und in einem finde ich sie, Gott sei Dank, ganz
+unveraendert, du siehst mich immer noch so freundlich an wie frueher."
+
+Und sie eilte auf die Mama zu und kuesste ihr die Hand. "Effi, du bist
+so stuermisch. Ganz die alte."
+
+"Ach nein, Mama. Nicht die alte. Ich wollte, es waere so. Man aendert
+sich in der Ehe."
+
+Vetter Briest lachte. "Cousine, ich merke nicht viel davon; du bist
+noch huebscher geworden, das ist alles. Und mit dem Stuermischen wird
+es wohl auch noch nicht vorbei sein."
+
+"Ganz der Vetter", versicherte die Mama; Effi selbst aber wollte
+davon nichts hoeren und sagte: "Dagobert, du bist alles, nur kein
+Menschenkenner. Es ist sonderbar. Ihr Offiziere seid keine guten
+Menschenkenner, die jungen gewiss nicht. Ihr guckt euch immer nur
+selber an oder eure Rekruten, und die von der Kavallerie haben auch
+noch ihre Pferde. Die wissen nun vollends nichts."
+
+"Aber Cousine, wo hast du denn diese ganze Weisheit her? Du kennst
+ja keine Offiziere. Kessin, so habe ich gelesen, hat ja auf die ihm
+zugedachten Husaren verzichtet, ein Fall, der uebrigens einzig in
+der Weltgeschichte dasteht. Und willst du von alten Zeiten sprechen?
+Du warst ja noch ein halbes Kind, als die Rathenower zu euch
+herueberkamen."
+
+"Ich koennte dir erwidern, dass Kinder am besten beobachten. Aber ich
+mag nicht, das sind ja alles bloss Allotria. Ich will wissen, wie's
+mit Mamas Augen steht."
+
+Frau von Briest erzaehlte nun, dass es der Augenarzt fuer Blutandrang
+nach dem Gehirn ausgegeben habe. Daher kaeme das Flimmern. Es muesse
+mit Diaet gezwungen werden; Bier, Kaffee, Tee - alles gestrichen und
+gelegentlich eine lokale Blutentziehung, dann wuerde es bald besser
+werden. "Er sprach so von vierzehn Tagen. Aber ich kenne die
+Doktorangaben; vierzehn Tage heisst sechs Wochen, und ich werde
+noch hier sein, wenn Innstetten kommt und ihr in eure neue Wohnung
+einzieht. Ich will auch nicht leugnen, dass das das Beste von der
+Sache ist und mich ueber die mutmasslich lange Kurdauer schon vorweg
+troestet. Sucht euch nur recht was Huebsches. Ich habe mir Landgrafen-
+oder Keithstrasse gedacht, elegant und doch nicht allzu teuer. Denn
+ihr werdet euch einschraenken muessen. Innstettens Stellung ist sehr
+ehrenvoll, aber sie wirft nicht allzuviel ab. Und Briest klagt auch.
+Die Preise gehen herunter, und er erzaehlt mir jeden Tag, wenn
+nicht Schutzzoelle kaemen, so muesste er mit einem Bettelsack von
+Hohen-Cremmen abziehen. Du weisst, er uebertreibt gern. Aber nun lange
+zu, Dagobert, und wenn es sein kann, erzaehle uns was Huebsches.
+Krankheitsberichte sind immer langweilig, und die liebsten Menschen
+hoeren bloss zu, weil es nicht anders geht. Effi wird wohl auch gern
+eine Geschichte hoeren, etwas aus den Fliegenden Blaettern oder aus
+dem Kladderadatsch. Er soll aber nicht mehr so gut sein."
+
+"Oh, er ist noch ebensogut wie frueher. Sie haben immer noch
+Strudelwitz und Prudelwitz, und da macht es sich von selber."
+
+"Mein Liebling ist Karlchen Miessnick und Wippchen von Bernau."
+
+"Ja, das sind die Besten. Aber Wippchen, der uebrigens - Pardon,
+schoene Cousine - keine Kladderadatschfigur ist, Wippchen hat
+gegenwaertig nichts zu tun, es ist ja kein Krieg mehr. Leider.
+Unsereins moechte doch auch mal an die Reihe kommen und hier diese
+schreckliche Leere", und er strich vom Knopfloch nach der Achsel
+hinueber, "endlich loswerden." "Ach, das sind ja bloss Eitelkeiten.
+Erzaehle lieber. Was ist denn jetzt dran?"
+
+"Ja, Cousine, das ist ein eigen Ding. Das ist nicht fuer jedermann.
+Jetzt haben wir naemlich die Bibelwitze."
+
+"Die Bibelwitze? Was soll das heissen? ... Bibel und Witze gehoeren
+nicht zusammen."
+
+"Eben deshalb sagte ich, es sei nicht fuer jedermann. Aber ob
+zulaessig oder nicht, sie stehen jetzt hoch im Preis. Modesache, wie
+Kiebitzeier."
+
+"Nun, wenn es nicht zu toll ist, so gib uns eine Probe. Geht es?"
+
+"Gewiss geht es. Und ich moechte sogar hinzusetzen duerfen, du triffst
+es besonders gut. Was jetzt naemlich kursiert, ist etwas hervorragend
+Feines, weil es als Kombination auftritt und in die einfache
+Bibelstelle noch das dativisch Wrangelsche mit einmischt. Die
+Fragestellung - alle diese Witze treten naemlich in Frageform auf
+- ist uebrigens in vorliegendem Falle von grosser Simplizitaet und
+lautet: 'Wer war der erste Kutscher?' Und nun rate."
+
+"Nun, vielleicht Apollo."
+
+"Sehr gut. Du bist doch ein Daus, Effi. Ich waere nicht darauf
+gekommen. Aber trotzdem, du triffst damit nicht ins Schwarze."
+
+"Nun, wer war es denn?"
+
+"Der erste Kutscher war 'Leid'. Denn schon im Buche Hiob heisst es:
+'Leid soll mir nicht widerfahren', oder auch 'wieder fahren' in zwei
+Woertern und mit einem e."
+
+Effi wiederholte kopfschuettelnd den Satz, auch die Zubemerkung,
+konnte sich aber trotz aller Muehe nicht drin zurechtfinden; sie
+gehoerte ganz ausgesprochen zu den Bevorzugten, die fuer derlei Dinge
+durchaus kein Organ haben, und so kam denn Vetter Briest in die nicht
+beneidenswerte Situation, immer erneut erst auf den Gleichklang und
+dann auch wieder auf den Unterschied von 'widerfahren' und 'wieder
+fahren' hinweisen zu muessen.
+
+"Ach, nun versteh ich. Und du musst mir verzeihen, dass es so lange
+gedauert hat. Aber es ist wirklich zu dumm."
+
+"Ja, dumm ist es", sagte Dagobert kleinlaut.
+
+"Dumm und unpassend und kann einem Berlin ordentlich verleiden. Da
+geht man nun aus Kessin fort, um wieder unter Menschen zu sein, und
+das erste, was man hoert, ist ein Bibelwitz. Auch Mama schweigt, und
+das sagt genug. Ich will dir aber doch den Rueckzug erleichtern ..."
+
+"Das tu, Cousine."
+
+"... den Rueckzug erleichtern und es ganz ernsthaft als ein gutes
+Zeichen nehmen, dass mir, als erstes hier, von meinem Vetter Dagobert
+gesagt wurde: 'Leid soll mir nicht widerfahren.' Sonderbar, Vetter, so
+schwach die Sache als Witz ist, ich bin dir doch dankbar dafuer."
+
+Dagobert, kaum aus der Schlinge heraus, versuchte ueber Effis
+Feierlichkeit zu spoetteln, liess aber ab davon, als er sah, dass es
+sie verdross.
+
+Bald nach zehn Uhr brach er auf und versprach, am anderen Tage
+wiederzukommen, um nach den Befehlen zu fragen.
+
+Und gleich nachdem er gegangen, zog sich auch Effi in ihre Zimmer
+zurueck.
+
+Am andern Tage war das schoenste Wetter, und Mutter und Tochter
+brachen frueh auf, zunaechst nach der Augenklinik, wo Effi im
+Vorzimmer verblieb und sich mit dem Durchblaettern eines Albums
+beschaeftigte. Dann ging es nach dem Tiergarten und bis in die Naehe
+des "Zoologischen", um dort herum nach einer Wohnung zu suchen. Es
+traf sich auch wirklich so, dass man in der Keithstrasse, worauf sich
+ihre Wuensche von Anfang an gerichtet hatten, etwas durchaus Passendes
+ausfindig machte, nur dass es ein Neubau war, feucht und noch
+unfertig. "Es wird nicht gehen, liebe Effi", sagte Frau von Briest,
+"schon einfach Gesundheitsruecksichten werden es verbieten. Und dann,
+ein Geheimrat ist kein Trockenwohner."
+
+Effi, so sehr ihr die Wohnung gefiel, war um so einverstandener mit
+diesem Bedenken, als ihr an einer raschen Erledigung ueberhaupt nicht
+lag, ganz im Gegenteil: "Zeit gewonnen, alles gewonnen", und so war
+ihr denn ein Hinausschieben der ganzen Angelegenheit eigentlich das
+Liebste, was ihr begegnen konnte. "Wir wollen diese Wohnung aber doch
+im Auge behalten, Mama, sie liegt so schoen und ist im wesentlichen
+das, was ich mir gewuenscht habe." Dann fuhren beide Damen in die
+Stadt zurueck, assen im Restaurant, das man ihnen empfohlen, und waren
+am Abend in der Oper, wozu der Arzt unter der Bedingung, dass Frau von
+Briest mehr hoeren als sehen wolle, die Erlaubnis gegeben hatte.
+
+Die naechsten Tage nahmen einen aehnlichen Verlauf; man war aufrichtig
+erfreut, sich wiederzuhaben und nach so langer Zeit wieder ausgiebig
+miteinander plaudern zu koennen. Effi, die sich nicht bloss auf
+Zuhoeren und Erzaehlen, sondern, wenn ihr am wohlsten war, auch auf
+Medisieren ganz vorzueglich verstand, geriet mehr als einmal in ihren
+alten Uebermut, und die Mama schrieb nach Hause, wie gluecklich
+sie sei, das "Kind" wieder so heiter und lachlustig zu finden; es
+wiederhole sich ihnen allen die schoene Zeit von vor fast zwei Jahren,
+wo man die Ausstattung besorgt habe. Auch Vetter Briest sei ganz der
+alte. Das war nun auch wirklich der Fall, nur mit dem Unterschied,
+dass er sich seltener sehen liess als vordem und auf die Frage nach
+dem "Warum" anscheinend ernsthaft versicherte: "Du bist mir zu
+gefaehrlich, Cousine." Das gab dann jedesmal ein Lachen bei Mutter und
+Tochter, und Effi sagte: "Dagobert, du bist freilich noch sehr jung,
+aber zu solcher Form des Courmachers doch nicht mehr jung genug."
+
+So waren schon beinahe vierzehn Tage vergangen. Innstetten schrieb
+immer dringlicher und wurde ziemlich spitz, fast auch gegen die
+Schwiegermama, so dass Effi einsah, ein weiteres Hinausschieben sei
+nicht mehr gut moeglich und es muesse nun wirklich gemietet werden.
+Aber was dann? Bis zum Umzug nach Berlin waren immer noch drei Wochen,
+und Innstetten drang auf rasche Rueckkehr. Es gab also nur ein Mittel:
+Sie musste wieder eine Komoedie spielen, musste krank werden.
+
+Das kam ihr aus mehr als einem Grunde nicht leicht an; aber es musste
+sein, und als ihr das feststand, stand ihr auch fest, wie die Rolle,
+bis in die kleinsten Einzelheiten hinein, gespielt werden muesse.
+
+"Mama, Innstetten, wie du siehst, wird ueber mein Ausbleiben
+empfindlich. Ich denke, wir geben also nach und mieten heute noch.
+Und morgen reise ich. Ach, es wird mir so schwer, mich von dir zu
+trennen."
+
+Frau von Briest war einverstanden. "Und welche Wohnung wirst du
+waehlen?"
+
+"Natuerlich die erste, die in der Keithstrasse, die mir von Anfang
+an so gut gefiel und dir auch. Sie wird wohl noch nicht ganz
+ausgetrocknet sein, aber es ist ja das Sommerhalbjahr, was
+einigermassen ein Trost ist. Und wird es mit der Feuchtigkeit zu arg
+und kommt ein bisschen Rheumatismus, so hab ich ja schliesslich immer
+noch Hohen-Cremmen."
+
+"Kind, beruf es nicht; ein Rheumatismus ist mitunter da, man weiss
+nicht wie."
+
+Diese Worte der Mama kamen Effi sehr zupass. Sie mietete denselben
+Vormittag noch und schrieb eine Karte an Innstetten, dass sie den
+naechsten Tag zurueckwolle. Gleich danach wurden auch wirklich die
+Koffer gepackt und alle Vorbereitungen getroffen. Als dann aber der
+andere Morgen da war, liess Effi die Mama an ihr Bett rufen und sagte:
+"Mama, ich kann nicht reisen. Ich habe ein solches Reissen und Ziehen,
+es schmerzt mich ueber den ganzen Ruecken hin, und ich glaube beinah,
+es ist ein Rheumatismus. Ich haette nicht gedacht, dass das so
+schmerzhaft sei."
+
+"Siehst du, was ich dir gesagt habe; man soll den Teufel nicht an die
+Wand malen. Gestern hast du noch leichtsinnig darueber gesprochen,
+und heute ist es schon da. Wenn ich Schweigger sehe, werde ich ihn
+fragen, was du tun sollst." "Nein, nicht Schweigger. Der ist ja ein
+Spezialist. Das geht nicht, und er koennte es am Ende uebelnehmen, in
+so was anderem zu Rate gezogen zu werden. Ich denke, das beste ist,
+wir warten es ab. Es kann ja auch voruebergehen. Ich werde den
+ganzen Tag ueber von Tee und Sodawasser leben, und wenn ich dann
+transpiriere, komm ich vielleicht drueber hin."
+
+Frau von Briest drueckte ihre Zustimmung aus, bestand aber darauf,
+dass sie sich gut verpflege. Dass man nichts geniessen muesse, wie das
+frueher Mode war, das sei ganz falsch und schwaeche bloss; in diesem
+Punkt stehe sie ganz zu der jungen Schule: tuechtig essen.
+
+Effi sog sich nicht wenig Trost aus diesen Anschauungen, schrieb ein
+Telegramm an Innstetten, worin sie von dem "leidigen Zwischenfall" und
+einer aergerlichen, aber doch nur momentanen Behinderung sprach, und
+sagte dann zu Roswitha: "Roswitha, du musst mir nun auch Buecher
+besorgen; es wird nicht schwerhalten, ich will alte, ganz alte."
+
+"Gewiss, gnaed'ge Frau. Die Leihbibliothek ist ja gleich hier nebenan.
+Was soll ich besorgen?"
+
+"Ich will es aufschreiben, allerlei zur Auswahl, denn mitunter haben
+sie nicht das eine, was man grade haben will." Roswitha brachte
+Bleistift und Papier, und Effi schrieb auf:
+
+Walter Scott, Ivanhoe oder Quentin Durward; Cooper, Der Spion;
+Dickens, David Copperfield; Willibald Alexis, Die Hosen des Herrn von
+Bredow.
+
+Roswitha las den Zettel durch und schnitt in der anderen Stube die
+letzte Zeile fort; sie genierte sich ihret- und ihrer Frau wegen, den
+Zettel in seiner urspruenglichen Gestalt abzugeben.
+
+Ohne besondere Vorkommnisse verging der Tag. Am andern Morgen war
+es nicht besser und am dritten auch nicht. "Effi, das geht so nicht
+laenger. Wenn so was einreisst, dann wird man's nicht wieder los;
+wovor die Doktoren am meisten warnen und mit Recht, das sind solche
+Verschleppungen."
+
+Effi seufzte. "Ja, Mama, aber wen sollen wir nehmen? Nur keinen
+jungen; ich weiss nicht, aber es wuerde mich genieren."
+
+"Ein junger Doktor ist immer genant, und wenn er es nicht ist, desto
+schlimmer. Aber du kannst dich beruhigen; ich komme mit einem ganz
+alten, der mich schon behandelt hat, als ich noch in der Heckerschen
+Pension war, also vor etlichen zwanzig Jahren. Und damals war er nah
+an Fuenfzig und hatte schoenes graues Haar, ganz kraus. Er war ein
+Damenmann, aber in den richtigen Grenzen. Aerzte, die das vergessen,
+gehen unter, und es kann auch nicht anders sein; unsere Frauen,
+wenigstens die aus der Gesellschaft, haben immer noch einen guten
+Fond."
+
+"Meinst du? Ich freue mich immer, so was Gutes zu hoeren. Denn
+mitunter hoert man doch auch andres. Und schwer mag es wohl oft sein.
+Und wie heisst denn der alte Geheimrat? Ich nehme an, dass es ein
+Geheimrat ist."
+
+"Geheimrat Rummschuettel."
+
+Effi lachte herzlich. "Rummschuettel! Und als Arzt fuer jemanden, der
+sich nicht ruehren kann."
+
+"Effi, du sprichst so sonderbar. Grosse Schmerzen kannst du nicht
+haben."
+
+"Nein, in diesem Augenblick nicht; es wechselt bestaendig."
+
+Am anderen Morgen erschien Geheimrat Rummschuettel. Frau von Briest
+empfing ihn, und als er Effi sah, war sein erstes Wort: "Ganz die
+Mama."
+
+Diese wollte den Vergleich ablehnen und meinte, zwanzig Jahre und
+drueber seien doch eine lange Zeit; Rummschuettel blieb aber bei
+seiner Behauptung, zugleich versichernd: nicht jeder Kopf praege sich
+ihm ein, aber wenn er ueberhaupt erst einen Eindruck empfangen habe,
+so bleibe der auch fuer immer. "Und nun, meine gnaedigste Frau von
+Innstetten, wo fehlt es, wo sollen wir helfen?"
+
+"Ach, Herr Geheimrat, ich komme in Verlegenheit, Ihnen auszudruecken,
+was es ist. Es wechselt bestaendig. In diesem Augenblick ist es wie
+weggeflogen. Anfangs habe ich an Rheumatisches gedacht, aber ich
+moecht beinah glauben, es sei eine Neuralgie, Schmerzen den Ruecken
+entlang, und dann kann ich mich nicht aufrichten. Mein Papa leidet an
+Neuralgie, da hab ich es frueher beobachten koennen. Vielleicht ein
+Erbstueck von ihm."
+
+"Sehr wahrscheinlich", sagte Rummschuettel, der den Puls gefuehlt
+und die Patientin leicht, aber doch scharf beobachtet hatte. "Sehr
+wahrscheinlich, meine gnaedigste Frau." Was er aber still zu sich
+selber sagte, das lautete: "Schulkrank und mit Virtuositaet gespielt;
+Evastochter comme il faut." Er liess jedoch nichts davon merken,
+sondern sagte mit allem wuenschenswerten Ernst: "Ruhe und Waerme
+sind das Beste, was ich anraten kann. Eine Medizin, uebrigens nichts
+Schlimmes, wird das Weitere tun."
+
+Und er erhob sich, um das Rezept aufzuschreiben: Aqua Amygdalarum
+amararum eine halbe Unze, Syrupus florum Aurantii zwei Unzen.
+"Hiervon, meine gnaedigste Frau, bitte ich Sie, alle zwei Stunden
+einen halben Teeloeffel voll nehmen zu wollen. Es wird Ihre Nerven
+beruhigen. Und worauf ich noch dringen moechte: keine geistigen
+Anstrengungen, keine Besuche, keine Lektuere." Dabei wies er auf das
+neben ihr liegende Buch.
+
+"Es ist Scott."
+
+"Oh, dagegen ist nichts einzuwenden. Das beste sind
+Reisebeschreibungen. Ich spreche morgen wieder vor."
+
+Effi hatte sich wundervoll gehalten, ihre Rolle gut durchgespielt. Als
+sie wieder allein war - die Mama begleitete den Geheimrat -, schoss
+ihr trotzdem das Blut zu Kopf; sie hatte recht gut bemerkt, dass er
+ihrer Komoedie mit einer Komoedie begegnet war. Er war offenbar ein
+ueberaus lebensgewandter Herr, der alles recht gut sah, aber nicht
+alles sehen wollte, vielleicht weil er wusste, dass dergleichen auch
+mal zu respektieren sein koenne. Denn gab es nicht zu respektierende
+Komoedien, war nicht die, die er selber spielte, eine solche? Bald
+danach kam die Mama zurueck, und Mutter und Tochter ergingen sich in
+Lobeserhebungen ueber den feinen alten Herrn, der trotz seiner beinah
+Siebzig noch etwas Jugendliches habe. "Schicke nur gleich Roswitha
+nach der Apotheke ... Du sollst aber nur alle drei Stunden nehmen,
+hat er mir draussen noch eigens gesagt. So war er schon damals, er
+verschrieb nicht oft und nicht viel; aber immer Energisches, und es
+half auch gleich."
+
+Rummschuettel kam den zweiten Tag und dann jeden dritten, weil er sah,
+welche Verlegenheit sein Kommen der jungen Frau bereitete. Dies nahm
+ihn fuer sie ein, und sein Urteil stand ihm nach dem dritten Besuch
+fest: "Hier liegt etwas vor, was die Frau zwingt, so zu handeln, wie
+sie handelt." Ueber solche Dinge den Empfindlichen zu spielen, lag
+laengst hinter ihm.
+
+Als Rummschuettel seinen vierten Besuch machte, fand er Effi auf, in
+einem Schaukelstuhl sitzend, ein Buch in der Hand, Annie neben ihr.
+
+"Ah, meine gnaedigste Frau! Hocherfreut. Ich schiebe es nicht auf die
+Arznei; das schoene Wetter, die hellen, frischen Maerztage, da faellt
+die Krankheit ab. Ich beglueckwuensche Sie. Und die Frau Mama?"
+
+"Sie ist ausgegangen, Herr Geheimrat, in die Keithstrasse, wo wir
+gemietet haben. Ich erwarte nun innerhalb weniger Tage meinen Mann,
+den ich mich, wenn in unserer Wohnung erst alles in Ordnung sein wird,
+herzlich freue, Ihnen vorstellen zu koennen. Denn ich darf doch wohl
+hoffen, dass Sie auch in Zukunft sich meiner annehmen werden."
+
+Er verbeugte sich.
+
+"Die neue Wohnung", fuhr sie fort, "ein Neubau, macht mir freilich
+Sorge. Glauben Sie, Herr Geheimrat, dass die feuchten Waende ..."
+
+"Nicht im geringsten, meine gnaedigste Frau. Lassen Sie drei, vier
+Tage lang tuechtig heizen und immer Tueren und Fenster auf, da koennen
+Sie's wagen, auf meine Verantwortung. Und mit Ihrer Neuralgie, das war
+nicht von solcher Bedeutung. Aber ich freue mich Ihrer Vorsicht, die
+mir Gelegenheit gegeben hat, eine alte Bekanntschaft zu erneuern und
+eine neue zu machen."
+
+Er wiederholte seine Verbeugung, sah noch Annie freundlich in die
+Augen und verabschiedete sich unter Empfehlungen an die Mama.
+
+Kaum dass er fort war, so setzte sich Effi an den Schreibtisch und
+schrieb: "Lieber Innstetten! Eben war Rummschuettel hier und hat mich
+aus der Kur entlassen. Ich koennte nun reisen, morgen etwa; aber heut
+ist schon der 24., und am 28. willst Du hier eintreffen. Angegriffen
+bin ich ohnehin noch. Ich denke, Du wirst einverstanden sein, wenn ich
+die Reise ganz aufgebe. Die Sachen sind ja ohnehin schon unterwegs,
+und wir wuerden, wenn ich kaeme, in Hoppensacks Hotel wie Fremde leben
+muessen. Auch der Kostenpunkt ist in Betracht zu ziehen, die Ausgaben
+werden sich ohnehin haeufen; unter anderem ist Rummschuettel zu
+honorieren, wenn er uns auch als Arzt verbleibt. Uebrigens ein sehr
+liebenswuerdiger alter Herr. Er gilt aerztlich nicht fuer ersten
+Ranges, 'Damendoktor', sagen seine Gegner und Neider. Aber dies Wort
+umschliesst doch auch ein Lob; es kann eben nicht jeder mit uns
+umgehen. Dass ich von den Kessinern nicht persoenlich Abschied nehme,
+hat nicht viel auf sich. Bei Gieshuebler war ich. Die Frau Majorin hat
+sich immer ablehnend gegen mich verhalten, ablehnend bis zur Unart;
+bleibt noch der Pastor und Doktor Hannemann und Crampas. Empfiehl
+mich letzterem. An die Familien auf dem Lande schicke ich Karten;
+Gueldenklees, wie Du mir schreibst, sind in Italien (was sie da
+wollen, weiss ich nicht), und so bleiben nur die drei andern.
+Entschuldige mich, so gut es geht. Du bist ja der Mann der Formen und
+weisst das richtige Wort zu treffen. An Frau Von Padden, die mir am
+Silvesterabend so ausserordentlich gut gefiel, schreibe ich vielleicht
+selber noch und spreche ihr mein Bedauern aus. Lass mich in einem
+Telegramm wissen, ob Du mit allem einverstanden bist. Wie immer Deine
+Effi."
+
+Effi brachte selber den Brief zur Post, als ob sie dadurch die Antwort
+beschleunigen koenne, und am naechsten Vormittag traf denn auch das
+erbetene Telegramm von Innstetten ein: "Einverstanden mit allem." Ihr
+Herz jubelte, sie eilte hinunter und auf den naechsten Droschkenstand
+zu: "Keithstrasse Ic." Und erst die Linden und dann die
+Tiergartenstrasse hinunter flog die Droschke, und nun hielt sie vor
+der neuen Wohnung.
+
+Oben standen die den Tag vorher eingetroffenen Sachen noch bunt
+durcheinander, aber es stoerte sie nicht, und als sie auf den breiten,
+aufgemauerten Balkon hinaustrat, lag jenseits der Kanalbruecke der
+Tiergarten vor ihr, dessen Baeume schon ueberall einen gruenen
+Schimmer zeigten. Darueber aber ein klarer blauer Himmel und eine
+lachende Sonne.
+
+Sie zitterte vor Erregung und atmete hoch auf. Dann trat sie vom
+Balkon her wieder ueber die Tuerschwelle zurueck, hob den Blick und
+faltete die Haende.
+
+"Nun, mit Gott, ein neues Leben! Es soll anders werden."
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Kapitel
+
+Drei Tage danach, ziemlich spaet, um die neunte Stunde, traf
+Innstetten in Berlin ein. Alles war am Bahnhof: Effi, die Mama, der
+Vetter; der Empfang war herzlich, am herzlichsten von seiten Effis,
+und man hatte bereits eine Welt von Dingen durchgesprochen, als der
+Wagen, den man genommen, vor der neuen Wohnung in der Keithstrasse
+hielt. "Ach, da hast du gut gewaehlt, Effi", sagte Innstetten, als
+er in das Vestibuel eintrat, "kein Haifisch, kein Krokodil und
+hoffentlich auch kein Spuk."
+
+"Nein, Geert, damit ist es nun vorbei. Nun bricht eine andere Zeit an,
+und ich fuerchte mich nicht mehr und will auch besser sein als frueher
+und dir mehr zu Willen leben." Alles das fluesterte sie ihm zu,
+waehrend sie die teppichbedeckte Treppe bis in den zweiten Stock
+hinanstiegen. Der Vetter fuehrte die Mama.
+
+Oben fehlte noch manches, aber fuer einen wohnlichen Eindruck war doch
+gesorgt, und Innstetten sprach seine Freude darueber aus. "Effi, du
+bist doch ein kleines Genie"; aber diese lehnte das Lob ab und zeigte
+auf die Mama, die habe das eigentliche Verdienst. "Hier muss es
+stehen", so habe es unerbittlich geheissen, und immer habe sie's
+getroffen, wodurch natuerlich viel Zeit gespart und die gute Laune
+nie gestoert worden sei. Zuletzt kam auch Roswitha, um den Herrn zu
+begruessen, bei welcher Gelegenheit sie sagte, Fraeulein Annie liesse
+sich fuer heute entschuldigen - ein kleiner Witz, auf den sie stolz
+war und mit dem sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte.
+
+Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch, und als
+Innstetten sich ein Glas Wein eingeschenkt und "auf glueckliche Tage"
+mit allen angestossen hatte, nahm er Effis Hand und sagte: "Aber Effi,
+nun erzaehle mir, was war das mit deiner Krankheit?"
+
+"Ach, lassen wir doch das, nicht der Rede wert; ein bisschen
+schmerzhaft und eine rechte Stoerung, weil es einen Strich durch
+unsere Plaene machte. Aber mehr war es nicht, und nun ist es vorbei.
+Rummschuettel hat sich bewaehrt, ein feiner, liebenswuerdiger alter
+Herr, wie ich dir, glaub ich, schon schrieb. In seiner Wissenschaft
+soll er nicht gerade glaenzen, aber Mama sagt, das sei ein Vorzug. Und
+sie wird wohl recht haben, wie in allen Stuecken. Unser guter Doktor
+Hannemann war auch kein Licht und traf es doch immer. Und nun sag, was
+macht Gieshuebler und die anderen alle?"
+
+"Ja, wer sind die anderen alle? Crampas laesst sich der gnaed'gen Frau
+empfehlen ..."
+
+"Ah, sehr artig."
+
+"Und der Pastor will dir desgleichen empfohlen sein; nur die
+Herrschaften auf dem Lande waren ziemlich nuechtern und schienen auch
+mich fuer deinen Abschied ohne Abschied verantwortlich machen zu
+wollen. Unsere Freundin Sidonie war sogar spitz, und nur die gute Frau
+von Padden, zu der ich eigens vorgestern noch hinueberfuhr, freute
+sich aufrichtig ueber deinen Gruss und deine Liebeserklaerung an sie.
+Du seist eine reizende Frau, sagte sie, aber ich sollte dich gut
+hueten. Und als ich ihr erwiderte, du faendest schon, dass ich mehr
+ein Erzieher als ein Ehemann sei, sagte sie halblaut und beinahe wie
+abwesend: 'Ein junges Laemmchen, weiss wie Schnee.' Und dann brach sie
+ab."
+
+Vetter Briest lachte. "'Ein junges Laemmchen, weiss wie Schnee.' Da
+hoerst du's, Cousine." Und er wollte sie zu necken fortfahren, gab es
+aber auf, als er sah, dass sie sich verfaerbte.
+
+Das Gespraech, das meist zurueckliegende Verhaeltnisse beruehrte,
+spann sich noch eine Weile weiter, und Effi erfuhr zuletzt aus diesem
+und jenem, was Innstetten mitteilte, dass sich von dem ganzen Kessiner
+Hausstand nur Johanna bereit erklaert habe, die Uebersiedlung nach
+Berlin mitzumachen. Sie sei natuerlich noch zurueckgeblieben, werde
+aber in zwei, drei Tagen mit dem Rest der Sachen eintreffen; er sei
+froh ueber ihren Entschluss, denn sie sei immer die Brauchbarste
+gewesen und von einem ausgesprochenen grossstaedtischen Schick.
+Vielleicht ein bisschen zu sehr. Christel und Friedrich haetten sich
+beide fuer zu alt erklaert, und mit Kruse zu verhandeln, habe sich
+von vornherein verboten. "Was soll uns ein Kutscher hier?" schloss
+Innstetten. "Pferd und Wagen, das sind tempi passati, mit diesem Luxus
+ist es in Berlin vorbei. Nicht einmal das schwarze Huhn haetten wir
+unterbringen koennen. Oder unterschaetze ich die Wohnung?"
+
+Effi schuettelte den Kopf, und als eine kleine Pause eintrat, erhob
+sich die Mama; es sei bald elf, und sie habe noch einen weiten Weg,
+uebrigens solle sie niemand begleiten, der Droschkenstand sei ja nah
+- ein Ansinnen, das Vetter Briest natuerlich ablehnte. Bald darauf
+trennte man sich, nachdem noch ein Rendezvous fuer den anderen
+Vormittag verabredet war.
+
+Effi war ziemlich frueh auf und hatte - die Luft war beinahe
+sommerlich warm - den Kaffeetisch bis nahe an die geoeffnete
+Balkontuer ruecken lassen, und als Innstetten nun auch erschien, trat
+sie mit ihm auf den Balkon hinaus und sagte: "Nun, was sagst du? Du
+wolltest den Finkenschlag aus dem Tiergarten hoeren und die Papageien
+aus dem Zoologischen.
+
+Ich weiss nicht, ob beide dir den Gefallen tun werden, aber moeglich
+ist es. Hoerst du wohl? Das kam von drueben, drueben aus dem kleinen
+Park. Es ist nicht der eigentliche Tiergarten, aber doch beinah."
+
+Innstetten war entzueckt und von einer Dankbarkeit, als ob Effi ihm
+das alles persoenlich herangezaubert habe. Dann setzten sie sich, und
+nun kam auch Annie. Roswitha verlangte, dass Innstetten eine grosse
+Veraenderung an dem Kinde finden solle, was er denn auch schliesslich
+tat. Und dann plauderten sie weiter, abwechselnd ueber die Kessiner
+und die in Berlin zu machenden Visiten und ganz zuletzt auch ueber
+eine Sommerreise. Mitten im Gespraech aber mussten sie abbrechen, um
+rechtzeitig beim Rendezvous erscheinen zu koennen.
+
+Man traf sich, wie verabredet, bei Helms, gegenueber dem Roten
+Schloss, besuchte verschiedene Laeden, ass bei Hiller und war bei
+guter Zeit wieder zu Haus. Es war ein gelungenes Beisammensein
+gewesen. Innstetten herzlich froh, das grossstaedtische Leben wieder
+mitmachen und auf sich wirken lassen zu koennen. Tags darauf, am 1.
+April, begab er sich in das Kanzlerpalais, um sich einzuschreiben
+(eine persoenliche Gratulation unterliess er aus Ruecksicht), und ging
+dann aufs Ministerium, um sich da zu melden. Er wurde auch angenommen,
+trotzdem es ein geschaeftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger
+Tag war, ja, sah sich seitens seines Chefs durch besonders
+entgegenkommende Liebenswuerdigkeit ausgezeichnet. Er wisse, was er an
+ihm habe, und sei sicher, ihr Einvernehmen nie gestoert zu sehen.
+
+Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten. Ein aufrichtiges
+Bedauern war es fuer Effi, die Mama, nachdem diese, wie gleich
+anfaenglich vermutet, fast sechs Wochen lang in Kur gewesen, nach
+Hohen-Cremmen zurueckkehren zu sehen, ein Bedauern, das nur dadurch
+einigermassen gemildert wurde, dass sich Johanna denselben Tag noch
+in Berlin einstellte. Das war immerhin was, und wenn die huebsche
+Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahe stand wie die ganz
+selbstsuchtslose und unendlich gutmuetige Roswitha, so war sie doch
+gleichmaessig angesehen, ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen
+Herrin, weil sie sehr geschickt und brauchbar und der Maennerwelt
+gegenueber von einer ausgesprochenen und selbstbewussten
+Reserviertheit war. Einem Kessiner on dit zufolge liessen sich die
+Wurzeln ihrer Existenz auf eine laengst pensionierte Groesse der
+Garnison Pasewalk zurueckfuehren, woraus man sich auch ihre vornehme
+Gesinnung, ihr schoenes blondes Haar und die besondere Plastik ihrer
+Gesamterscheinung erklaeren wollte. Johanna selbst teilte die Freude,
+die man allerseits ueber ihr Eintreffen empfand, und war durchaus
+einverstanden damit, als Hausmaedchen und Jungfer, ganz wie frueher,
+den Dienst bei Effi zu uebernehmen, waehrend Roswitha, die der
+Christel in beinahe Jahresfrist ihre Kochkuenste so ziemlich abgelernt
+hatte, dem Kuechendepartement vorstehen sollte. Annies Abwartung und
+Pflege fiel Effi selber zu, worueber Roswitha freilich lachte. Denn
+sie kannte die jungen Frauen.
+
+Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus. Er war
+gluecklicher als vordem in Kessin, weil ihm nicht entging, dass Effi
+sich unbefangener und heiterer gab. Und das konnte sie, weil sie sich
+freier fuehlte. Wohl blickte das Vergangene noch in ihr Leben hinein,
+aber es aengstigte sie nicht mehr oder doch um vieles seltener und
+voruebergehender, und alles, was davon noch in ihr nachzitterte, gab
+ihrer Haltung einen eigenen Reiz. In jeglichem, was sie tat, lag etwas
+Wehmuetiges, wie eine Abbitte, und es haette sie gluecklich gemacht,
+dies alles noch deutlicher zeigen zu koennen. Aber das verbot sich
+freilich.
+
+Das gesellschaftliche Leben der grossen Stadt war, als sie waehrend
+der ersten Aprilwochen ihre Besuche machten, noch nicht vorueber, wohl
+aber im Erloeschen, und so kam es fuer sie zu keiner rechten Teilnahme
+mehr daran. In der zweiten Haelfte des Mai starb es dann ganz hin, und
+mehr noch als vorher war man gluecklich, sich in der Mittagsstunde,
+wenn Innstetten von seinem Ministerium kam, im Tiergarten treffen oder
+nachmittags einen Spaziergang nach dem Charlottenburger Schlossgarten
+machen zu koennen. Effi sah sich, wenn sie die lange Front zwischen
+dem Schloss und den Orangeriebaeumen auf und ab schritt, immer
+wieder die massenhaft dort stehenden roemischen Kaiser an, fand
+eine merkwuerdige Aehnlichkeit zwischen Nero und Titus, sammelte
+Tannenaepfel, die von den Trauertannen gefallen waren, und ging dann,
+Arm in Arm mit ihrem Manne, bis auf das nach der Spree hin einsam
+gelegene "Belvedere" zu.
+
+"Da drin soll es auch einmal gespukt haben", sagte sie.
+
+"Nein, bloss Geistererscheinungen."
+
+"Das ist dasselbe."
+
+"Ja, zuweilen", sagte Innstetten. "Aber eigentlich ist doch ein
+Unterschied. Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens
+soll es hier in dem 'Belvedere' so gewesen sein, wie Vetter Briest
+erst gestern noch erzaehlte -, Spuk aber wird nie gemacht, Spuk ist
+natuerlich."
+
+"Also glaubst du doch dran?"
+
+"Gewiss glaub ich dran. Es gibt so was. Nur an das, was wir in Kessin
+davon hatten, glaub ich nicht recht. Hat dir denn Johanna schon ihren
+Chinesen gezeigt?"
+
+"Welchen?"
+
+"Nun, unsern. Sie hat ihn, ehe sie unser altes Haus verliess, oben von
+der Stuhllehne abgeloest und ihn ins Portemonnaie gelegt. Als ich mir
+neulich ein Markstueck bei ihr wechselte, hab ich ihn gesehen. Und sie
+hat es mir auch verlegen bestaetigt."
+
+"Ach, Geert, das haettest du mir nicht sagen sollen. Nun ist doch
+wieder so was in unserm Hause."
+
+"Sag ihr, dass sie ihn verbrennt."
+
+"Nein, das mag ich auch nicht, und das hilft auch nichts. Aber ich
+will Roswitha bitten ..."
+
+"Um was? Ah, ich verstehe schon, ich ahne, was du vorhast. Die soll
+ein Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun. Ist es
+so was?"
+
+Effi nickte.
+
+"Nun, tu, was du willst. Aber sag es niemandem."
+
+Effi meinte dann schliesslich, es lieber doch lassen zu wollen, und
+unter allerhand kleinem Geplauder, in welchem die Reiseplaene fuer den
+Sommer mehr und mehr Platz gewannen, fuhren sie bis an den "Grossen
+Stern" zurueck und gingen dann durch die Korso-Allee und die breite
+Friedrich-Wilhelm-Strasse auf ihre Wohnung zu.
+
+Sie hatten vor, schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische
+Gebirge zu gehen, wo gerade in diesem Jahr wieder die Oberammergauer
+Spiele stattfanden. Es liess sich aber nicht tun; Geheimrat von
+Wuellesdorf, den Innstetten schon von frueher her kannte und der jetzt
+sein Spezialkollege war, erkrankte ploetzlich, und Innstetten musste
+bleiben und ihn vertreten. Erst Mitte August war alles wieder
+beglichen und damit die Reisemoeglichkeit gegeben; es war aber nun zu
+spaet geworden, um noch nach Oberammergau zu gehen, und so entschied
+man sich fuer einen Aufenthalt auf Ruegen. "Zunaechst natuerlich
+Stralsund, mit Schill, den du kennst, und mit Scheele, den du nicht
+kennst und der den Sauerstoff entdeckte, was man aber nicht zu wissen
+braucht. Und dann von Stralsund nach Bergen und dem Rugard, von wo
+man, wie mir Wuellersdorf sagte, die ganze Insel uebersehen kann, und
+dann zwischen dem Grossen und Kleinen Jasmunder-Bodden hin, bis nach
+Sassnitz. Denn nach Ruegen reisen heisst nach Sassnitz reisen. Binz
+ginge vielleicht auch noch, aber da sind - ich muss Wuellersdorf noch
+einmal zitieren - so viele kleine Steinchen und Muschelschalen am
+Strand, und wir wollen doch baden."
+
+Effi war einverstanden mit allem, was von seiten Innstettens geplant
+wurde, vor allem auch damit, dass der ganze Hausstand auf vier Wochen
+aufgeloest und Roswitha mit Annie nach Hohen-Cremmen, Johanna aber zu
+ihrem etwas juengeren Halbbruder reisen sollte, der bei Pasewalk eine
+Schneidemuehle hatte. So war alles gut untergebracht. Mit Beginn der
+naechsten Woche brach man denn auch wirklich auf, und am selben Abend
+noch war man in Sassnitz. Ueber dem Gasthaus stand "Hotel Fahrenheit".
+"Die Preise hoffentlich nach Reaumur", setzte Innstetten, als er
+den Namen las, hinzu, und in bester Laune machten beide noch einen
+Abendspaziergang an dem Klippenstrand hin und sahen von einem
+Felsenvorsprung aus auf die stille, vom Mondschein ueberzitterte
+Bucht. Effi war entzueckt. "Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja
+Sorrent. Ja, hier bleiben wir. Aber natuerlich nicht im Hotel; die
+Kellner sind mir zu vornehm, und man geniert sich, um eine Flasche
+Sodawasser zu bitten ..."
+
+"Ja, lauter Attaches. Es wird sich aber wohl eine Privatwohnung finden
+lassen."
+
+"Denk ich auch. Und wir wollen gleich morgen danach aussehen."
+
+Schoen wie der Abend war der Morgen, und man nahm das Fruehstueck im
+Freien. Innstetten empfing etliche Briefe, die schnell erledigt werden
+mussten, und so beschloss Effi, die fuer sie freigewordene Stunde
+sofort zur Wohnungssuche zu benutzen. Sie ging erst an einer
+eingepferchten Wiese, dann an Haeusergruppen und Haferfeldern vorueber
+und bog zuletzt in einen Weg ein, der schluchtartig auf das Meer
+zulief. Da, wo dieser Schluchtenweg den Strand traf, stand ein von
+hohen Buchen ueberschattetes Gasthaus, nicht so vornehm wie das
+Fahrenheitsche, mehr ein blosses Restaurant, in dem, der fruehen
+Stunde halber, noch alles leer war. Effi nahm an einem Aussichtspunkt
+Platz, und kaum dass sie von dem Sherry, den sie bestellt, genippt
+hatte, so trat auch schon der Wirt an sie heran, um halb aus Neugier
+und halb aus Artigkeit ein Gespraech mit ihr anzuknuepfen.
+
+"Es gefaellt uns sehr gut hier", sagte sie, "meinem Manne und mir;
+welch praechtiger Blick ueber die Bucht, und wir sind nur in Sorge
+wegen einer Wohnung."
+
+"Ja, gnaedigste Frau, das wird schwerhalten ..."
+
+"Es ist aber schon spaet im Jahr ..."
+
+"Trotzdem. Hier in Sassnitz ist sicherlich nichts zu finden, dafuer
+moecht ich mich verbuergen; aber weiterhin am Strand, wo das naechste
+Dorf anfaengt, Sie koennen die Daecher von hier aus blinken sehen, da
+moecht es vielleicht sein."
+
+"Und wie heisst das Dorf?" "Crampas."
+
+Effi glaubte nicht recht gehoert zu haben. "Crampas", wiederholte sie
+mit Anstrengung. "Ich habe den Namen als Ortsnamen nie gehoert ... Und
+sonst nichts in der Naehe?"
+
+"Nein, gnaedigste Frau. Hier herum nichts. Aber hoeher hinauf, nach
+Norden zu, da kommen noch wieder Doerfer, und in dem Gasthause, das
+dicht neben Stubbenkammer liegt, wird man Ihnen gewiss Auskunft geben
+koennen. Es werden dort von solchen, die gerne noch vermieten wollen,
+immer Adressen abgegeben."
+
+Effi war froh, das Gespraech allein gefuehrt zu haben, und als sie
+bald danach ihrem Manne Bericht erstattet und nur den Namen des an
+Sassnitz angrenzenden Dorfes verschwiegen hatte, sagte dieser: "Nun,
+wenn es hier herum nichts gibt, so wird es das beste sein, wir nehmen
+einen Wagen (wodurch man sich beilaeufig einem Hotel immer empfiehlt)
+und uebersiedeln ohne weiteres da hoeher hinauf, nach Stubbenkammer
+hin. Irgendwas Idyllisches mit einer Geissblattlaube wird sich da wohl
+finden lassen, und finden wir nichts, so bleibt uns immer noch das
+Hotel selbst. Eins ist schliesslich wie das andere."
+
+Effi war einverstanden, und gegen Mittag schon erreichten sie das
+neben Stubbenkammer gelegene Gasthaus, von dem Innstetten eben
+gesprochen, und bestellten daselbst einen Imbiss. "Aber erst nach
+einer halben Stunde; wir haben vor, zunaechst noch einen Spaziergang
+zu machen und uns den Herthasee anzusehen. Ein Fuehrer ist doch wohl
+da?"
+
+Dies wurde bejaht, und ein Mann von mittleren Jahren trat alsbald an
+unsere Reisenden heran. Er sah so wichtig und feierlich aus, als ob er
+mindestens ein Adjunkt bei dem alten Herthadienst gewesen waere.
+
+Der von hohen Baeumen umstandene See lag ganz in der Naehe, Binsen
+saeumten ihn ein, und auf der stillen, schwarzen Wasserflaeche
+schwammen zahlreiche Mummeln.
+
+"Es sieht wirklich nach so was aus", sagte Effi, "nach Herthadienst."
+
+"Ja, gnaed'ge Frau ... Dessen sind auch noch die Steine Zeugen."
+
+"Welche Steine?"
+
+"Die Opfersteine."
+
+Und waehrend sich das Gespraech in dieser Weise fortsetzte, traten
+alle drei vom See her an eine senkrechte, abgestochene Kies- und
+Lehmwand heran, an die sich etliche glattpolierte Steine lehnten, alle
+mit einer flachen Hoehlung und etlichen nach unten laufenden Rinnen.
+
+"Und was bezwecken die?"
+
+"Dass es besser abliefe, gnaed'ge Frau."
+
+"Lass uns gehen", sagte Effi, und den Arm ihres Mannes nehmend, ging
+sie mit ihm wieder auf das Gasthaus zurueck, wo nun, an einer Stelle
+mit weitem Ausblick auf das Meer, das vorher bestellte Fruehstueck
+aufgetragen wurde. Die Bucht lag im Sonnenlicht vor ihnen, einzelne
+Segelboote glitten darueber hin, und um die benachbarten Klippen
+haschten sich die Moewen. Es war sehr schoen, auch Effi fand es;
+aber wenn sie dann ueber die glitzernde Flaeche hinwegsah, bemerkte
+sie, nach Sueden zu, wieder die hell aufleuchtenden Daecher des
+langgestreckten Dorfes, dessen Name sie heute frueh so sehr erschreckt
+hatte.
+
+Innstetten, wenn auch ohne Wissen und Ahnung dessen, was in ihr
+vorging, sah doch deutlich, dass es ihr an aller Lust und Freude
+gebrach. "Es tut mir leid, Effi, dass du der Sache nicht recht froh
+wirst. Du kannst den Herthasee nicht vergessen und noch weniger die
+Steine."
+
+Sie nickte. "Es ist so, wie du sagst. Und ich muss dir bekennen, ich
+habe nichts in meinem Leben gesehen, was mich so traurig gestimmt
+haette. Wir wollen das Wohnungssuchen ganz aufgeben; ich kann hier
+nicht bleiben."
+
+"Und gestern war es dir noch der Golf von Neapel und alles moegliche
+Schoene."
+
+"Ja, gestern."
+
+"Und heute? Heute keine Spur mehr von Sorrent?"
+
+"Eine Spur noch, aber auch nur eine Spur; es ist Sorrent, als ob es
+sterben wollte."
+
+"Gut dann, Effi", sagte Innstetten und reichte ihr die Hand.
+
+"Ich will dich mit Ruegen nicht quaelen, und so geben wir's denn
+auf. Abgemacht. Es ist nicht noetig, dass wir uns an Stubbenkammer
+anklammern oder an Sassnitz oder da weiter hinunter. Aber wohin?"
+
+"Ich denke, wir bleiben noch einen Tag und warten das Dampfschiff ab,
+das, wenn ich nicht irre, morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen
+hinueberfaehrt. Da soll es ja so vergnueglich sein, und ich kann dir
+gar nicht sagen, wie sehr ich mich nach etwas Vergnueglichem sehne.
+Hier ist mir, als ob ich in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen
+koennte und ueberhaupt nie gelacht haette, und du weisst doch, wie
+gern ich lache."
+
+Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem Zustand, und das um
+so lieber, als er ihr in vielem recht gab. Es war wirklich alles
+schwermuetig, so schoen es war.
+
+Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff ab und trafen am
+dritten Tag in aller Fruehe in Kopenhagen ein, wo sie auf Kongens
+Nytorv Wohnung nahmen. Zwei Stunden spaeter waren sie schon im
+Thorwaldsen-Museum, und Effi sagte: "Ja, Geert, das ist schoen, und
+ich bin gluecklich, dass wir uns hierher auf den Weg gemacht haben."
+Bald danach gingen sie zu Tisch und machten an der Table d'hote die
+Bekanntschaft einer ihnen gegenuebersitzenden juetlaendischen Familie,
+deren bildschoene Tochter, Thora von Penz, ebenso Innstettens wie
+Effis beinah bewundernde Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm. Effi
+konnte sich nicht satt sehen an den grossen blauen Augen und dem
+flachsblonden Haar, und als man sich nach anderthalb Stunden von Tisch
+erhob, wurde seitens der Penzschen Familie - die leider, denselben Tag
+noch, Kopenhagen wieder verlassen musste - die Hoffnung ausgesprochen,
+das junge preussische Paar mit naechstem in Schloss Aggerhuus (eine
+halbe Meile vom Limfjord) begruessen zu duerfen, eine Einladung, die
+von den Innstettens auch ohne langes Zoegern angenommen wurde. So
+vergingen die Stunden im Hotel. Aber damit war es nicht genug des
+Guten an diesem merkwuerdigen Tag, von dem Effi denn auch versicherte,
+dass er im Kalender rot angestrichen werden muesse.
+
+Der Abend brachte, das Mass des Gluecks voll zu machen, eine
+Vorstellung im Tivoli-Theater: eine italienische Pantomime, Arlequin
+und Colombine.
+
+Effi war wie berauscht von den kleinen Schelmereien, und als sie spaet
+am Abend nach ihrem Hotel zurueckkehrten, sagte sie: "Weisst du,
+Geert, nun fuehl ich doch, dass ich allmaehlich wieder zu mir komme.
+Von der schoenen Thora will ich gar nicht erst sprechen; aber wenn ich
+bedenke, heute vormittag Thorwaldsen und heute abend diese Colombine
+..."
+
+"... Die dir im Grunde doch noch lieber war als Thorwaldsen..."
+
+"Offen gestanden, ja. Ich habe nun mal den Sinn fuer dergleichen.
+Unser gutes Kessin war ein Unglueck fuer mich. Alles fiel mir da auf
+die Nerven. Ruegen beinah auch. Ich denke, wir bleiben noch ein paar
+Tage hier in Kopenhagen, natuerlich mit Ausflug nach Frederiksborg
+und Helsingoer, und dann nach Juetland hinueber; ich freue mich
+aufrichtig, die schoene Thora wiederzusehen, und wenn ich ein Mann
+waere, so verliebte ich mich in sie."
+
+Innstetten lachte. "Du weisst noch nicht, was ich tue."
+
+"Waer mir schon recht. Dann gibt es einen Wettstreit, und du sollst
+sehen, dann hab ich auch noch meine Kraefte."
+
+"Das brauchst du mir nicht erst zu versichern."
+
+So verlief denn auch die Reise. Drueben in Juetland fuhren sie den
+Limfjord hinauf, bis Schloss Aggerhuus, wo sie drei Tage bei der
+Penzschen Familie verblieben, und kehrten dann mit vielen Stationen
+und kuerzeren und laengeren Aufenthalten in Viborg, Flensburg, Kiel
+ueber Hamburg (das ihnen ungemein gefiel) in die Heimat zurueck -
+nicht direkt nach Berlin in die Keithstrasse, wohl aber vorher nach
+Hohen-Cremmen, wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben
+wollte, fuer Innstetten bedeutete das nur wenige Tage, da sein Urlaub
+abgelaufen war, Effi blieb aber noch eine Woche laenger und sprach es
+aus, erst zum dritten Oktober, ihrem Hochzeitstag, wieder zu Hause
+eintreffen zu wollen.
+
+Annie war in der Landluft praechtig gediehen, und was Roswitha geplant
+hatte, dass sie der Mama in Stiefelchen entgegenlaufen sollte, das
+gelang auch vollkommen. Briest gab sich als zaertlicher Grossvater,
+warnte vor zuviel Liebe, noch mehr vor zuviel Strenge, und war in
+allem der alte. Eigentlich aber galt all seine Zaertlichkeit doch nur
+Effi, mit der er sich in seinem Gemuet immer beschaeftigte, zumeist
+auch, wenn er mit seiner Frau allein war.
+
+"Wie findest du Effi?"
+
+"Lieb und gut wie immer. Wir koennen Gott nicht genug danken, eine so
+liebenswuerdige Tochter zu haben. Und wie dankbar sie fuer alles ist
+und immer so gluecklich, wieder unter unserm Dach zu sein."
+
+"Ja", sagte Briest, "sie hat von dieser Tugend mehr, als mir lieb ist.
+Eigentlich ist es, als waere dies hier immer noch ihre Heimstaette.
+Sie hat doch den Mann und das Kind, und der Mann ist ein Juwel, und
+das Kind ist ein Engel, aber dabei tut sie, als waere Hohen-Cremmen
+immer noch die Hauptsache fuer sie, und Mann und Kind kaemen gegen uns
+beide nicht an. Sie ist eine praechtige Tochter, aber sie ist es mir
+zu sehr. Es aengstigt mich ein bisschen. Und ist auch ungerecht gegen
+Innstetten. Wie steht es denn eigentlich damit?"
+
+"Ja, Briest, was meinst du?"
+
+"Nun, ich meine, was ich meine, und du weisst auch was. Ist sie
+gluecklich? Oder ist da doch irgendwas im Wege? Von Anfang an war
+mir's so, als ob sie ihn mehr schaetze als liebe. Und das ist in
+meinen Augen ein schlimm Ding. Liebe haelt auch nicht immer vor, aber
+Schaetzung gewiss nicht. Eigentlich aergern sich die Weiber, wenn sie
+wen schaetzen muessen; erst aergern sie sich, und dann langweilen sie
+sich, und zuletzt lachen sie."
+
+"Hast du so was an dir selber erfahren?"
+
+"Das will ich nicht sagen. Dazu stand ich nicht hoch genug in der
+Schaetzung. Aber schrauben wir uns nicht weiter, Luise. Sage, wie
+steht es?"
+
+"Ja, Briest, du kommst immer auf diese Dinge zurueck. Da reicht ja
+kein dutzendmal, dass wir darueber gesprochen und unsere Meinungen
+ausgetauscht haben, und immer bist du wieder da mit deinem
+Alleswissenwollen und fragst dabei so schrecklich naiv, als ob ich in
+alle Tiefen saehe. Was hast du nur fuer Vorstellungen von einer jungen
+Frau und ganz speziell von deiner Tochter? Glaubst du, dass das alles
+so plan daliegt? Oder dass ich ein Orakel bin (ich kann mich nicht
+gleich auf den Namen der Person besinnen) oder dass ich die Wahrheit
+sofort klipp und klar in den Haenden halte, wenn mir Effi ihr Herz
+ausgeschuettet hat? Oder was man wenigstens so nennt. Denn was heisst
+ausschuetten? Das Eigentliche bleibt doch zurueck. Sie wird sich
+hueten, mich in ihre Geheimnisse einzuweihen. Ausserdem, ich weiss
+nicht, von wem sie's hat, sie ist ... ja, sie ist eine sehr schlaue
+kleine Person, und diese Schlauheit an ihr ist um so gefaehrlicher,
+weil sie so sehr liebenswuerdig ist."
+
+"Also das gibst du doch zu ... liebenswuerdig. Und auch gut?"
+
+"Auch gut. Das heisst voll Herzensguete. Wie's sonst steht, da bin ich
+mir doch nicht sicher; ich glaube, sie hat einen Zug, den lieben Gott
+einen guten Mann sein zu lassen und sich zu troesten, er werde wohl
+nicht allzu streng mit ihr sein."
+
+"Meinst du?"
+
+"Ja, das meine ich. Uebrigens glaube ich, dass sich vieles gebessert
+hat. Ihr Charakter ist, wie er ist, aber die Verhaeltnisse liegen seit
+ihrer Uebersiedlung um vieles guenstiger, und sie leben sich mehr und
+mehr ineinander ein. Sie hat mir so was gesagt, und was mir wichtiger
+ist, ich hab es auch bestaetigt gefunden, mit Augen gesehen."
+
+"Nun, was sagte sie?"
+
+"Sie sagte: 'Mama, es geht jetzt besser. Innstetten war immer ein
+vortrefflicher Mann, so einer, wie's nicht viele gibt, aber ich konnte
+nicht recht an ihn heran, er hatte so was Fremdes. Und fremd war er
+auch in seiner Zaertlichkeit. Ja, dann am meisten; es hat Zeiten
+gegeben, wo ich mich davor fuerchtete."
+
+"Kenn ich, kenn' ich."
+
+"Was soll das heissen, Briest? Soll ich mich gefuerchtet haben, oder
+willst du dich gefuerchtet haben? Ich finde beides gleich laecherlich
+..."
+
+"Du wolltest von Effi erzaehlen."
+
+"Nun also, sie gestand mir, dass dies Gefuehl des Fremden sie
+verlassen habe, was sie sehr gluecklich mache. Kessin sei nicht der
+rechte Platz fuer sie gewesen, das spukige Haus und die Menschen da,
+die einen zu fromm, die andern zu platt; aber seit ihrer Uebersiedlung
+nach Berlin fuehle sie sich ganz an ihrem Platz. Er sei der beste
+Mensch, etwas zu alt fuer sie und zu gut fuer sie, aber sie sei nun
+ueber den Berg. Sie brauchte diesen Ausdruck, der mir allerdings
+auffiel."
+
+"Wieso? Er ist nicht ganz auf der Hoehe, ich meine der Ausdruck. Aber
+..."
+
+"Es steckt etwas dahinter. Und sie hat mir das auch andeuten wollen."
+
+"Meinst du?"
+
+"Ja, Briest; du glaubst immer, sie koenne kein Wasser trueben. Aber
+darin irrst du. Sie laesst sich gern treiben, und wenn die Welle gut
+ist, dann ist sie auch selber gut. Kampf und Widerstand sind nicht
+ihre Sache."
+
+Roswitha kam mit Annie, und so brach das Gespraech ab.
+
+Dies Gespraech fuehrten Briest und Frau an demselben Tag, wo
+Innstetten von Hohen-Cremmen nach Berlin hin abgereist war, Effi auf
+wenigstens noch eine Woche zuruecklassend. Er wusste, dass es nichts
+Schoeneres fuer sie gab, als so sorglos in einer weichen Stimmung
+hintraeumen zu koennen, immer freundliche Worte zu hoeren und die
+Versicherung, wie liebenswuerdig sie sei. Ja, das war das, was ihr vor
+allem wohltat, und sie genoss es auch diesmal wieder in vollen Zuegen
+und aufs dankbarste, trotzdem jede Zerstreuung fehlte; Besuch kam
+selten, weil es seit ihrer Verheiratung, wenigstens fuer die junge
+Welt, an dem rechten Anziehungspunkt gebrach, und selbst die Pfarre
+und die Schule waren nicht mehr das, was sie noch vor Jahr und Tag
+gewesen waren. Zumal im Schulhaus stand alles halb leer. Die Zwillinge
+hatten sich im Fruehjahr an zwei Lehrer in der Naehe von Genthin
+verheiratet, grosse Doppelhochzeit mit Festbericht im "Anzeiger fuers
+Havelland", und Hulda war in Friesack zur Pflege einer alten Erbtante,
+die sich uebrigens, wie gewoehnlich in solchen Faellen, um sehr viel
+langlebiger erwies, als Niemeyers angenommen hatten. Hulda schrieb
+aber trotzdem immer zufriedene Briefe, nicht weil sie wirklich
+zufrieden war (im Gegenteil), sondern weil sie den Verdacht nicht
+aufkommen lassen wollte, dass es einem so ausgezeichneten Wesen anders
+als sehr gut ergehen koenne. Niemeyer, ein schwacher Vater, zeigte die
+Briefe mit Stolz und Freude, waehrend der ebenfalls ganz in seinen
+Toechtern lebende Jahnke sich herausgerechnet hatte, dass beide
+junge Frauen am selben Tage, und zwar am Weihnachtsheiligabend, ihre
+Niederkunft halten wuerden. Effi lachte herzlich und drueckte dem
+Grossvater in spe zunaechst den Wunsch aus, bei beiden Enkeln zu
+Gevatter geladen zu werden, liess dann aber die Familienthemata fallen
+und erzaehlte von "Kjoebenhavn" und Helsingoer, vom Limfjord und
+Schloss Aggerhuus und vor allem von Thora von Penz, die, wie sie
+nur sagen koenne, "typisch skandinavisch" gewesen sei, blauaeugig,
+flachsen und immer in einer roten Plueschtaille, wobei sich Jahnke
+verklaerte und einmal ueber das andere sagte: "Ja, so sind sie; rein
+germanisch, viel deutscher als die Deutschen."
+
+An ihrem Hochzeitstag, dem dritten Oktober, wollte Effi wieder in
+Berlin sein. Nun war es der Abend vorher, und unter dem Vorgeben,
+dass sie packen und alles zur Rueckreise vorbereiten wolle, hatte sie
+sich schon verhaeltnismaessig frueh auf ihr Zimmer zurueckgezogen.
+Eigentlich lag ihr aber nur daran, allein zu sein; so gern sie
+plauderte, so hatte sie doch auch Stunden, wo sie sich nach Ruhe
+sehnte.
+
+Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer lagen nach dem Garten
+hinaus; in dem kleineren schliefen Roswitha und Annie, die Tuer nur
+angelehnt, in dem groesseren, das sie selber innehatte, ging sie auf
+und ab; die unteren Fensterfluegel waren geoeffnet, und die kleinen
+weissen Gardinen bauschten sich in dem Zug, der ging, und fielen dann
+langsam ueber die Stuhllehne, bis ein neuer Zugwind kam und sie wieder
+frei machte. Dabei war es so hell, dass man die Unterschriften unter
+den ueber dem Sofa haengenden und in schmale Goldleisten eingerahmten
+Bildern deutlich lesen konnte:
+
+"Der Sturm auf Dueppel, Schanze V" und daneben: "Koenig Wilhelm und
+Graf Bismarck auf der Hoehe von Lipa". Effi schuettelte den Kopf und
+laechelte. "Wenn ich wieder hier bin, bitt ich mir andere Bilder aus;
+ich kann so was Kriegerisches nicht leiden." Und nun schloss sie
+das eine Fenster und setzte sich an das andere, dessen Fluegel sie
+offenliess. Wie tat ihr das alles so wohl. Neben dem Kirchturm stand
+der Mond und warf sein Licht auf den Rasenplatz mit der Sonnenuhr
+und den Heliotropbeeten. Alles schimmerte silbern, und neben den
+Schattenstreifen lagen weisse Lichtstreifen, so weiss, als laege
+Leinwand auf der Bleiche. Weiterhin aber standen die hohen
+Rhabarberstauden wieder, die Blaetter herbstlich gelb, und sie musste
+des Tages gedenken, nun erst wenig ueber zwei Jahre, wo sie hier
+mit Hulda und den Jahnkeschen Maedchen gespielt hatte. Und dann
+war sie, als der Besuch kam, die kleine Steintreppe neben der Bank
+hinaufgestiegen, und eine Stunde spaeter war sie Braut.
+
+Sie erhob sich und ging auf die Tuer zu und horchte: Roswitha schlief
+schon und Annie auch.
+
+Und mit einem Male, waehrend sie das Kind so vor sich hatte, traten
+ungerufen allerlei Bilder aus den Kessiner Tagen wieder vor ihre
+Seele: das landraetliche Haus mit seinem Giebel und die Veranda mit
+dem Blick auf die Plantage, und sie sass im Schaukelstuhl und wiegte
+sich; und nun trat Crampas an sie heran, um sie zu begruessen, und
+dann kam Roswitha mit dem Kinde, und sie nahm es und hob es hoch in
+die Hoehe und kuesste es.
+
+"Das war der erste Tag; da fing es an." Und waehrend sie dem nachhing,
+verliess sie das Zimmer, drin die beiden schliefen, und setzte sich
+wieder an das offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus.
+
+"Ich kann es nicht loswerden", sagte sie. "Und was das schlimmste ist
+und mich ganz irre macht an mir selbst ..."
+
+In diesem Augenblick setzte die Turmuhr drueben ein, und Effi zaehlte
+die Schlaege.
+
+"Zehn ... Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin. Und wir
+sprechen davon, dass unser Hochzeitstag sei, und er sagt mir Liebes
+und Freundliches und vielleicht Zaertliches. Und ich sitze dabei und
+hoere es und habe die Schuld auf meiner Seele."
+
+Und sie stuetzte den Kopf auf ihre Hand und starrte vor sich hin und
+schwieg.
+
+"Und ich habe die Schuld auf meiner Seele", wiederholte sie. "Ja, da
+hab ich sie. Aber lastet sie auch auf meiner Seele? Nein. Und das ist
+es, warum ich vor mir selbst erschrecke. Was da lastet, das ist etwas
+ganz anderes - Angst, Todesangst und die ewige Furcht: Es kommt doch
+am Ende noch an den Tag. Und dann ausser der Angst ... Scham. Ich
+schaeme mich. Aber wie ich nicht die rechte Reue habe, so hab ich auch
+nicht die rechte Scham. Ich schaeme mich bloss von wegen dem ewigen
+Lug und Trug; immer war es mein Stolz, dass ich nicht luegen koenne
+und auch nicht zu luegen brauche, luegen ist so gemein, und nun habe
+ich doch immer luegen muessen, vor ihm und vor aller Welt, im grossen
+und im kleinen, und Rummschuettel hat es gemerkt und hat die Achseln
+gezuckt, und wer weiss, was er von mir denkt, jedenfalls nicht das
+Beste. Ja, Angst quaelt mich und dazu Scham ueber mein Luegenspiel.
+Aber Scham ueber meine Schuld, die hab ich nicht oder doch nicht so
+recht oder doch nicht genug, und das bringt mich um, dass ich sie
+nicht habe. Wenn alle Weiber so sind, dann ist es schrecklich, und
+wenn sie nicht so sind, wie ich hoffe, dann steht es schlecht um mich,
+dann ist etwas nicht in Ordnung in meiner Seele, dann fehlt mir das
+richtige Gefuehl. Und das hat mir der alte Niemeyer in seinen guten
+Tagen noch, als ich noch ein halbes Kind war, mal gesagt: auf ein
+richtiges Gefuehl, darauf kaeme es an, und wenn man das habe, dann
+koenne einem das Schlimmste nicht passieren, und wenn man es nicht
+habe, dann sei man in einer ewigen Gefahr, und das, was man den
+Teufel nenne, das habe dann eine sichere Macht ueber uns. Um Gottes
+Barmherzigkeit willen, steht es so mit mir?"
+
+Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte bitterlich. Als sie
+sich wieder aufrichtete, war sie ruhiger geworden und sah wieder in
+den Garten hinaus. Alles war so still, und ein leiser, feiner Ton, wie
+wenn es regnete, traf von den Platanen her ihr Ohr.
+
+So verging eine Weile. Herueber von der Dorfstrasse klang ein
+Geplaerr: der alte Nachtwaechter Kulicke rief die Stunden ab, und
+als er zuletzt schwieg, vernahm sie von fernher, aber immer naeher
+kommend, das Rasseln des Zuges, der auf eine halbe Meile Entfernung an
+Hohen-Cremmen vorueberfuhr. Dann wurde der Laerm wieder schwaecher,
+endlich erstarb er ganz, und nur der Mondschein lag noch auf dem
+Grasplatz, und nur auf die Platanen rauschte es nach wie vor wie
+leiser Regen nieder. Aber es war nur die Nachtluft, die ging.
+
+
+
+Fuenfundzwanzigstes Kapitel
+
+Am andern Abend war Effi wieder in Berlin, und Innstetten empfing sie
+am Bahnhof, mit ihm Rollo, der, als sie plaudernd durch den Tiergarten
+hinfuhren, nebenher trabte.
+
+"Ich dachte schon, du wuerdest nicht Wort halten."
+
+"Aber Geert, ich werde doch Wort halten, das ist doch das erste."
+
+"Sage das nicht. Immer Wort halten ist sehr viel. Und mitunter kann
+man auch nicht. Denke doch zurueck. Ich erwartete dich damals in
+Kessin, als du die Wohnung mietetest, und wer nicht kam, war Effi."
+
+"Ja, das war was anderes."
+
+Sie mochte nicht sagen "ich war krank", und Innstetten hoerte drueber
+hin. Er hatte seinen Kopf auch voll anderer Dinge, die sich auf sein
+Amt und seine gesellschaftliche Stellung bezogen. "Eigentlich, Effi,
+faengt unser Berliner Leben nun erst an. Als wir im April hier
+einzogen, damals ging es mit der Saison auf die Neige, kaum noch, dass
+wir unsere Besuche machen konnten, und Wuellersdorf, der einzige,
+dem wir naherstanden - nun, der ist leider Junggeselle. Von Juni an
+schlaeft dann alles ein, und die heruntergelassenen Rollos verkuenden
+einem schon auf hundert Schritt 'Alles ausgeflogen'; ob wahr oder
+nicht, macht keinen Unterschied ... Ja, was blieb da noch? Mal mit
+Vetter Briest sprechen, mal bei Hiller essen, das ist kein richtiges
+Berliner Leben. Aber nun soll es anders werden. Ich habe mir die Namen
+aller Raete notiert, die noch mobil genug sind, um ein Haus zu machen.
+Und wir wollen es auch, wollen auch ein Haus machen, und wenn der
+Winter dann da ist, dann soll es im ganzen Ministerium heissen: 'Ja,
+die liebenswuerdigste Frau, die wir jetzt haben, das ist doch die Frau
+von Innstetten.'"
+
+"Ach, Geert, ich kenne dich ja gar nicht wieder, du sprichst ja wie
+ein Courmacher."
+
+"Es ist unser Hochzeitstag, und da musst du mir schon was zugute
+halten."
+
+Innstetten war ernsthaft gewillt, auf das stille Leben, das er
+in seiner landraetlichen Stellung gefuehrt, ein gesellschaftlich
+angeregteres folgen zu lassen, um seinet- und noch mehr um Effis
+willen; es liess sich aber anfangs nur schwach und vereinzelt damit
+an, die rechte Zeit war noch nicht gekommen, und das Beste, was man
+zunaechst von dem neuen Leben hatte, war genauso wie waehrend des
+zurueckliegenden Halbjahres ein Leben im Hause. Wuellersdorf kam oft,
+auch Vetter Briest, und waren die da, so schickte man zu Gizickis
+hinauf, einem jungen Ehepaar, das ueber ihnen wohnte. Gizicki selbst
+war Landgerichtsrat, seine kluge, aufgeweckte Frau ein Fraeulein
+von Schmettau. Mitunter wurde musiziert, kurze Zeit sogar ein Whist
+versucht; man gab es aber wieder auf, weil man fand, dass eine
+Plauderei gemuetlicher waere. Gizickis hatten bis vor kurzem in einer
+kleinen oberschlesischen Stadt gelebt, und Wuellersdorf war sogar,
+freilich vor einer Reihe von Jahren schon, in den verschiedensten
+kleinen Nestern der Provinz Posen gewesen, weshalb er denn auch den
+bekannten Spottvers:
+
+ Schrimm
+ Ist schlimm,
+ Rogasen
+ Zum Rasen,
+ Aber weh dir nach Samter
+ Verdammter -
+
+mit ebensoviel Emphase wie Vorliebe zu zitieren pflegte.
+
+Niemand erheiterte sich dabei mehr als Effi, was dann meistens
+Veranlassung wurde, kleinstaedtische Geschichten in Huelle und Fuelle
+folgen zu lassen. Auch Kessin mit Gieshuebler und der Trippelli,
+Oberfoerster Ring und Sidonie Grasenabb kam dann wohl an die Reihe,
+wobei sich Innstetten, wenn er guter Laune war, nicht leicht genugtun
+konnte. "Ja", so hiess es dann wohl, "unser gutes Kessin! Das muss ich
+zugeben, es war eigentlich reich an Figuren, obenan Crampas, Major
+Crampas, ganz Beau und halber Barbarossa, den meine Frau, ich weiss
+nicht, soll ich sagen unbegreiflicher- oder begreiflicherweise, stark
+in Affektion genommen hatte ..."
+
+"Sagen wir begreiflicherweise", warf Wuellersdorf ein, "denn ich nehme
+an, dass er Ressourcenvorstand war und Komoedie spielte, Liebhaber
+oder Bonvivants. Und vielleicht noch mehr, vielleicht war er auch ein
+Tenor."
+
+Innstetten bestaetigte das eine wie das andere, und Effi suchte
+lachend darauf einzugehen, aber es gelang ihr nur mit Anstrengung,
+und wenn dann die Gaeste gingen und Innstetten sich in sein Zimmer
+zurueckzog, um noch einen Stoss Akten abzuarbeiten, so fuehlte sie
+sich immer aufs neue von den alten Vorstellungen gequaelt, und es war
+ihr zu Sinn, als ob ihr ein Schatten nachginge.
+
+Solche Beaengstigungen blieben ihr auch. Aber sie kamen doch seltener
+und schwaecher, was bei der Art, wie sich ihr Leben gestaltete, nicht
+wundernehmen konnte. Die Liebe, mit der ihr nicht nur Innstetten,
+sondern auch fernerstehende Personen begegneten, und nicht zum
+wenigsten die beinah zaertliche Freundschaft, die die Ministerin, eine
+selbst noch junge Frau, fuer sie an den Tag legte - all das liess die
+Sorgen und Aengste zurueckliegender Tage sich wenigstens mindern,
+und als ein zweites Jahr ins Land gegangen war und die Kaiserin,
+bei Gelegenheit einer neuen Stiftung, die "Frau Geheimraetin" mit
+ausgewaehlt und in die Zahl der Ehrendamen eingereiht, der alte Kaiser
+Wilhelm aber auf dem Hofball gnaedige, huldvolle Worte an die schoene
+junge Frau, von der er schon gehoert habe, gerichtet hatte, da fiel es
+allmaehlich von ihr ab. Es war einmal gewesen, aber weit, weit weg,
+wie auf einem andern Stern, und alles loeste sich wie ein Nebelbild
+und wurde Traum.
+
+Die Hohen-Cremmener kamen dann und wann auf Besuch und freuten
+sich des Gluecks der Kinder, Annie wuchs heran - "schoen wie die
+Grossmutter", sagte der alte Briest -, und wenn es an dem klaren
+Himmel eine Wolke gab, so war es die, dass es, wie man nun beinahe
+annehmen musste, bei Klein Annie sein Bewenden haben werde; Haus
+Innstetten (denn es gab nicht einmal Namensvettern) stand also
+mutmasslich auf dem Aussterbeetat. Briest, der den Fortbestand anderer
+Familien obenhin behandelte, weil er eigentlich nur an die Briests
+glaubte, scherzte mitunter darueber und sagte: "Ja, Innstetten,
+wenn das so weitergeht, so wird Annie seinerzeit wohl einen Bankier
+heiraten (hoffentlich einen christlichen, wenn's deren dann noch
+gibt), und mit Ruecksicht auf das alte freiherrliche Geschlecht der
+Innstetten wird dann Seine Majestaet Annies Haute-finance-Kinder unter
+dem Namen 'von der Innstetten' im Gothaischen Kalender, oder was
+weniger wichtig ist, in der preussischen Geschichte fortleben lassen."
+- Ausfuehrungen, die von Innstetten selbst immer mit einer kleinen
+Verlegenheit, von Frau von Briest mit Achselzucken, von Effi dagegen
+mit Heiterkeit aufgenommen wurden. Denn so adelsstolz sie war, so war
+sie's doch nur fuer ihre Person, und ein eleganter und welterfahrener
+und vor allem sehr, sehr reicher Bankierschwiegersohn waere durchaus
+nicht gegen ihre Wuensche gewesen.
+
+Ja, Effi nahm die Erbfolgefrage leicht, wie junge, reizende Frauen das
+tun; als aber eine lange, lange Zeit - sie waren schon im siebenten
+Jahr in ihrer neuen Stellung - vergangen war, wurde der alte
+Rummschuettel, der auf dem Gebiet der Gynaekologie nicht ganz ohne
+Ruf war, durch Frau von Briest doch schliesslich zu Rate gezogen. Er
+verordnete Schwalbach. Weil aber Effi seit letztem Winter auch an
+katarrhalischen Affektionen litt und ein paarmal sogar auf Lunge
+hin behorcht worden war, so hiess es abschliessend: "Also zunaechst
+Schwalbach, meine Gnaedigste, sagen wir drei Wochen, und dann
+ebensolange Ems. Bei der Emser Kur kann aber der Geheimrat zugegen
+sein. Bedeutet mithin alles in allem drei Wochen Trennung. Mehr kann
+ich fuer Sie nicht tun, lieber Innstetten."
+
+Damit war man denn auch einverstanden, und zwar sollte Effi, dahin
+ging ein weiterer Beschluss, die Reise mit einer Geheimraetin Zwicker
+zusammen machen, wie Briest sagte, "zum Schutz dieser letzteren",
+worin er nicht ganz unrecht hatte, da die Zwicker, trotz guter
+Vierzig, eines Schutzes erheblich beduerftiger war als Effi
+Innstetten, der wieder viel mit Vertretung zu tun hatte, beklagte,
+dass er, von Schwalbach gar nicht zu reden, wahrscheinlich auch auf
+gemeinschaftliche Tage in Ems werde verzichten muessen. Im uebrigen
+wurde der 24. Juni (Johannistag) als Abreisetag festgesetzt, und
+Roswitha half der gnaedigen Frau beim Packen und Aufschreiben der
+Waesche. Effi hatte noch immer die alte Liebe fuer sie, war doch
+Roswitha die einzige, mit der sie von all dem Zurueckliegenden, von
+Kessin und Crampas, von dem Chinesen und Kapitaen Thomsens Nichte frei
+und unbefangen reden konnte.
+
+"Sage, Roswitha, du bist doch eigentlich katholisch. Gehst du denn nie
+zur Beichte?"
+
+"Nein."
+
+"Warum nicht?"
+
+"Ich bin frueher gegangen. Aber das Richtige hab ich doch nicht
+gesagt."
+
+"Das ist sehr unrecht. Dann freilich kann es nicht helfen."
+
+"Ach, gnaedigste Frau, bei mir im Dorf machten es alle so. Und welche
+waren, die kicherten bloss."
+
+"Hast du denn nie empfunden, dass es ein Glueck ist, wenn man etwas
+auf der Seele hat, dass es runter kann?"
+
+"Nein, gnaedigste Frau. Angst habe ich wohl gehabt, als mein Vater
+damals mit dem gluehenden Eisen auf mich loskam; ja, das war eine
+grosse Furcht, aber weiter war es nichts."
+
+"Nicht vor Gott?"
+
+"Nicht so recht, gnaedigste Frau. Wenn man sich vor seinem Vater so
+fuerchtet, wie ich mich gefuerchtet habe, dann fuerchtet man sich
+nicht so sehr vor Gott. Ich habe bloss immer gedacht, der liebe Gott
+sei gut und werde mir armem Wurm schon helfen."
+
+Effi laechelte und brach ab und fand es auch natuerlich, dass die arme
+Roswitha so sprach, wie sie sprach. Sie sagte aber doch: "Weisst du,
+Roswitha, wenn ich wiederkomme, muessen wir doch noch mal ernstlich
+drueber reden. Es war doch eigentlich eine grosse Suende."
+
+"Das mit dem Kinde und dass es verhungert ist? Ja, gnaedigste Frau,
+das war es. Aber ich war es ja nicht, das waren ja die anderen ... Und
+dann ist es auch schon so sehr lange her."
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Kapitel
+
+Effi war nun schon in die fuenfte Woche fort und schrieb glueckliche,
+beinahe uebermuetige Briefe, namentlich seit ihrem Eintreffen in Ems,
+wo man doch unter Menschen sei, das heisst unter Maennern, von denen
+sich in Schwalbach nur ausnahmsweise was gezeigt habe. Geheimraetin
+Zwicker, ihre Reisegefaehrtin, habe freilich die Frage nach dem
+Kurgemaessen dieser Zutat aufgeworfen und sich aufs entschiedenste
+dagegen ausgesprochen, alles natuerlich mit einem Gesichtsausdruck,
+der so ziemlich das Gegenteil versichert habe; die Zwicker sei
+reizend, etwas frei, wahrscheinlich sogar mit einer Vergangenheit,
+aber hoechst amuesant, und man koenne viel, sehr viel von ihr lernen;
+nie habe sie sich, trotz ihrer Fuenfundzwanzig, so als Kind gefuehlt,
+wie nach der Bekanntschaft mit dieser Dame. Dabei sei sie so belesen,
+auch in fremder Literatur, und als sie, Effi beispielsweise neulich
+von Nana gesprochen und dabei gefragt habe, ob es denn wirklich so
+schrecklich sei, habe die Zwicker geantwortet: "Ach, meine liebe
+Baronin, was heisst schrecklich? Da gibt es noch ganz anderes." - "Sie
+schien mich auch", so schloss Effi ihren Brief, "mit diesem 'anderen'
+bekannt machen zu wollen. Ich habe es aber abgelehnt, weil ich weiss,
+dass Du die Unsitte unserer Zeit aus diesem und aehnlichem herleitest,
+und wohl mit Recht. Leicht ist es mir aber nicht geworden. Dazu kommt
+noch, dass Ems in einem Kessel liegt. Wir leiden hier ausserordentlich
+unter der Hitze."
+
+Innstetten hatte diesen letzten Brief mit geteilten Empfindungen
+gelesen, etwas erheitert, aber doch auch ein wenig missmutig. Die
+Zwicker war keine Frau fuer Effi, der nun mal ein Zug innewohnte, sich
+nach links hin treiben zu lassen; er gab es aber auf, irgendwas in
+diesem Sinne zu schreiben, einmal weil er sie nicht verstimmen wollte,
+mehr noch, weil er sich sagte, dass es doch nichts helfen wuerde.
+Dabei sah er der Rueckkehr seiner Frau mit Sehnsucht entgegen und
+beklagte des Dienstes nicht bloss "immer gleichgestellte", sondern
+jetzt, wo jeder Ministerialrat fort war oder fort wollte, leider auch
+auf Doppelstunden gestellte Uhr.
+
+Ja, Innstetten sehnte sich nach Unterbrechung von Arbeit und
+Einsamkeit, und verwandte Gefuehle hegte man draussen in der Kueche,
+wo Annie, wenn die Schulstunden hinter ihr lagen, ihre Zeit am
+liebsten verbrachte, was insoweit ganz natuerlich war, als Roswitha
+und Johanna nicht nur das kleine Fraeulein in gleichem Masse liebten,
+sondern auch untereinander nach wie vor auf dem besten Fusse standen.
+Diese Freundschaft der beiden Maedchen war ein Lieblingsgespraech
+zwischen den verschiedenen Freunden des Hauses, und Landgerichtsrat
+Gizicki sagte dann wohl zu Wuellersdorf: "Ich sehe darin nur eine neue
+Bestaetigung des alten Weisheitssatzes: 'Lasst fette Leute um mich
+sein'; Caesar war eben ein Menschenkenner und wusste, dass Dinge
+wie Behaglichkeit und Umgaenglichkeit eigentlich nur beim Embonpomt
+sind." Von einem solchen liess sich denn nun bei beiden Maedchen auch
+wirklich sprechen, nur mit dem Unterschied, dass das in diesem Falle
+nicht gut zu umgehende Fremdwort bei Roswitha schon stark eine
+Beschoenigung, bei Johanna dagegen einfach die zutreffende Bezeichnung
+war. Diese letztere durfte man naemlich nicht eigentlich korpulent
+nennen, sie war nur prall und drall und sah jederzeit mit einer
+eigenen, ihr uebrigens durchaus kleidenden Siegermiene gradlinig und
+blauaeugig ueber ihre Normalbueste fort. Von Haltung und Anstand
+getragen, lebte sie ganz in dem Hochgefuehl, die Dienerin eines guten
+Hauses zu sein, wobei sie das Ueberlegenheitsbewusstsein ueber die
+halb baeuerisch gebliebene Roswitha in einem so hohen Masse hatte,
+dass sie, was gelegentlich vorkam, die momentan bevorzugte Stellung
+dieser nur belaechelte. Diese Bevorzugung - nun ja, wenn's dann mal
+so sein sollte, war eine kleine liebenswuerdige Sonderbarkeit der
+gnaedigen Frau, die man der guten alten Roswitha mit ihrer ewigen
+Geschichte "von dem Vater mit der gluehenden Eisenstange" schon
+goennen konnte. "Wenn man sich besser haelt, so kann dergleichen nicht
+vorkommen." Das alles dachte sie, sprach's aber nicht aus. Es war eben
+ein freundliches Miteinanderleben. Was aber wohl ganz besonders fuer
+Frieden und gutes Einvernehmen sorgte, das war der Umstand, dass man
+sich nach einem stillen Uebereinkommen in die Behandlung und fast
+auch Erziehung Annies geteilt hatte. Roswitha hatte das poetische
+Departement, die Maerchen- und Geschichtenerzaehlung, Johanna dagegen
+das des Anstands, eine Teilung, die hueben und drueben so fest
+gewurzelt stand, dass Kompetenzkonflikte kaum vorkamen, wobei der
+Charakter Annies, die eine ganz entschiedene Neigung hatte, das
+vornehme Fraeulein zu betonen, allerdings mithalf, eine Rolle, bei der
+sie keine bessere Lehrerin als Johanna haben konnte.
+
+Noch einmal also: Beide Maedchen waren gleichwertig in Annies Augen.
+
+In diesen Tagen aber, wo man sich auf die Rueckkehr Effis
+vorbereitete, war Roswitha der Rivalin mal wieder um einen Pas
+voraus, weil ihr, und zwar als etwas ihr Zustaendiges, die ganze
+Begruessungsangelegenheit zugefallen war. Diese Begruessung zerfiel
+in zwei Hauptteile: Girlande mit Kranz und dann, abschliessend,
+Gedichtvortrag. Kranz und Girlande - nachdem man ueber "W." oder "E.
+v. I." eine Zeitlang geschwankt - hatten zuletzt keine sonderlichen
+Schwierigkeiten gemacht ("W", in Vergissmeinnicht geflochten, war
+bevorzugt worden), aber desto groessere Verlegenheit schien die
+Gedichtfrage heraufbeschwoeren zu sollen und waere vielleicht ganz
+unbeglichen geblieben, wenn Roswitha nicht den Mut gehabt haette,
+den von einer Gerichtssitzung heimkehrenden Landgerichtsrat auf
+der zweiten Treppe zu stellen und ihm mit einem auf einen "Vers"
+gerichteten Ansinnen mutig entgegenzutreten. Gizicki, ein sehr
+guetiger Herr, hatte sofort alles versprochen, und noch am selben
+Spaetnachmittag war seitens seiner Koechin der gewuenschte Vers, und
+zwar folgenden Inhalts, abgegeben worden:
+
+ Mama, wir erwarten dich lange schon,
+ Durch Wochen und Tage und Stunden,
+ Nun gruessen wir dich von Flur und Balkon
+ Und haben Kraenze gewunden.
+ Nun lacht Papa voll Freudigkeit,
+ Denn die gattin- und mutterlose Zeit
+ Ist endlich von ihm genommen,
+ Und Roswitha lacht und Johanna dazu,
+ Und Annie springt aus ihrem Schuh
+ Und ruft: willkommen, willkommen.
+
+Es versteht sich von selbst, dass die Strophe noch an demselben
+Abend auswendig gelernt, aber doch nebenher auch auf ihre Schoenheit
+beziehungsweise Nichtschoenheit kritisch geprueft worden war. Das
+Betonen von Gattin und Mutter, so hatte sich Johanna geaeussert,
+erscheine zunaechst freilich in der Ordnung; aber es laege doch auch
+etwas darin, was Anstoss erregen koenne, und sie persoenlich wuerde
+sich als "Gattin und Mutter" dadurch verletzt fuehlen. Annie, durch
+diese Bemerkung einigermassen geaengstigt, versprach, das Gedicht am
+andern Tag der Klassenlehrerin vorlegen zu wollen, und kam mit dem
+Bemerken zurueck, das Fraeulein sei mit "Gattin und Mutter" durchaus
+einverstanden, aber desto mehr gegen "Roswitha und Johanna" gewesen -
+worauf Roswitha erklaert hatte: Das Fraeulein sei eine dumme Gans; das
+kaeme davon, wenn man zuviel gelernt habe.
+
+Es war an einem Mittwoch, dass die Maedchen und Annie das vorstehende
+Gespraech gefuehrt und den Streit um die bemaengelte Zeile beigelegt
+hatten. Am andern Morgen - ein erwarteter Brief Effis hatte noch
+den mutmasslich erst in den Schluss der naechsten Woche fallenden
+Ankunftstag festzustellen- ging Innstetten auf das Ministerium. Jetzt
+war Mittag heran, die Schule aus, und als Annie, ihre Mappe auf dem
+Ruecken, eben vom Kanal her auf die Keithstrasse zuschritt, traf sie
+Roswitha vor ihrer Wohnung.
+
+"Nun lass sehen", sagte Annie, "wer am ehesten von uns die Treppe
+heraufkommt." Roswitha wollte von diesem Wettlauf nichts wissen, aber
+Annie jagte voran, geriet, oben angekommen, ins Stolpern und fiel
+dabei so ungluecklich, dass sie mit der Stirn auf den dicht an der
+Treppe befindlichen Abkratzer aufschlug und stark blutete. Roswitha,
+muehevoll nachkeuchend, riss jetzt die Klingel, und als Johanna das
+etwas veraengstigte Kind hereingetragen hatte, beratschlagte man, was
+nun wohl zu machen sei. "Wir wollen nach dem Doktor schicken ... wir
+wollen nach dem gnaedigen Herrn schicken ... des Portiers Lene muss ja
+jetzt auch aus der Schule wieder da sein." Es wurde aber alles wieder
+verworfen, weil es zu lange dauere, man muesse gleich was tun, und so
+packte man denn das Kind aufs Sofa und begann mit kaltem Wasser zu
+kuehlen. Alles ging auch gut, so dass man sich zu beruhigen begann.
+"Und nun wollen wir sie verbinden", sagte schliesslich Roswitha. "Da
+muss ja noch die lange Binde sein, die die gnaedige Frau letzten
+Winter zuschnitt, als sie sich auf dem Eis den Fuss verknickt hatte
+..."
+
+"Freilich, freilich", sagte Johanna, "bloss wo die Binde hernehmen?
+... Richtig, da faellt mir ein, die liegt im Naehtisch. Er wird wohl
+zu sein, aber das Schloss ist Spielerei; holen Sie nur das Stemmeisen,
+Roswitha, wir wollen den Deckel aufbrechen." Und nun wuchteten
+sie auch wirklich den Deckel ab und begannen in den Faechern
+herumzukramen, oben und unten, die zusammengerollte Binde jedoch
+wollte sich nicht finden lassen. "Ich weiss aber doch, dass ich sie
+gesehen habe", sagte Roswitha, und waehrend sie halb aergerlich immer
+weiter suchte, flog alles, was ihr dabei zu Haenden kam, auf das
+breite Fensterbrett: Naehzeug, Nadelkissen, Rollen mit Zwirn und
+Seide, kleine vertrocknete Veilchenstraeusschen, Karten, Billetts,
+zuletzt ein kleines Konvolut von Briefen, das unter dem dritten
+Einsatz gelegen hatte, ganz unten, mit einem roten Seidenfaden
+umwickelt. Aber die Binde hatte man noch immer nicht.
+
+In diesem Augenblick trat Innstetten ein.
+
+"Gott", sagte Roswitha und stellte sich erschrocken neben das Kind.
+"Es ist nichts, gnaediger Herr; Annie ist auf das Kratzeisen gefallen
+... Gott, was wird die gnaedige Frau sagen. Und doch ist es ein
+Glueck, dass sie nicht mit dabei war." Innstetten hatte mittlerweile
+die vorlaeufig aufgelegte Kompresse fortgenommen und sah, dass es ein
+tiefer Riss, sonst aber ungefaehrlich war. "Es ist nicht schlimm",
+sagte er; "trotzdem, Roswitha, wir muessen sehen, dass Rummschuettel
+kommt. Lene kann ja gehen, die wird jetzt Zeit haben. Aber was in
+aller Welt ist denn das da mit dem Naehtisch?"
+
+Und nun erzaehlte Roswitha, wie sie nach der gerollten Binde gesucht
+haetten; aber sie wolle es nun aufgeben und lieber eine neue Leinwand
+schneiden.
+
+Innstetten war einverstanden und setzte sich, als bald danach beide
+Maedchen das Zimmer verlassen hatten, zu dem Kind. "Du bist so wild,
+Annie, das hast du von der Mama. Immer wie ein Wirbelwind. Aber dabei
+kommt nichts heraus oder hoechstens so was." Und er wies auf die Wunde
+und gab ihr einen Kuss. "Du hast aber nicht geweint, das ist brav, und
+darum will ich dir die Wildheit verzeihen ... Ich denke, der Doktor
+wird in einer Stunde hier sein; tu nur alles, was er sagt, und wenn er
+dich verbunden hat, so zerre nicht und ruecke und druecke nicht daran,
+dann heilt es schnell, und wenn die Mama dann kommt, dann ist alles
+wieder in Ordnung oder doch beinah. Ein Glueck ist es aber doch, dass
+es noch bis naechste Woche dauert, Ende naechster Woche, so schreibt
+sie mir; eben habe ich einen Brief von ihr bekommen; sie laesst dich
+gruessen und freut sich, dich wiederzusehen."
+
+"Du koenntest mir den Brief eigentlich vorlesen, Papa." "Das will ich
+gern."
+
+Aber eh er dazu kam, kam Johanna, um zu sagen, dass das Essen
+aufgetragen sei. Annie, trotz ihrer Wunde, stand mit auf, und Vater
+und Tochter setzten sich zu Tisch.
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Kapitel
+
+Innstetten und Annie sassen sich eine Weile stumm gegenueber; endlich
+als ihm die Stille peinlich wurde, tat er ein paar Fragen ueber die
+Schulvorsteherin und welche Lehrerin sie eigentlich am liebsten habe.
+Annie antwortete auch, aber ohne rechte Lust, weil sie fuehlte, dass
+Innstetten wenig bei der Sache war. Es wurde erst besser, als Johanna
+nach dem zweiten Gericht ihrem Anniechen zufluesterte, es gaebe noch
+was. Und wirklich, die gute Roswitha, die dem Liebling an diesem
+Unglueckstag was schuldig zu sein glaubte, hatte noch ein uebriges
+getan und sich zu einer Omelette mit Apfelschnitten aufgeschwungen.
+
+Annie wurde bei diesem Anblicke denn auch etwas redseliger, und ebenso
+zeigte sich Innstettens Stimmung gebessert, als es gleich danach
+klingelte und Geheimrat Rummschuettel eintrat. Ganz zufaellig. Er
+sprach nur vor, ohne jede Ahnung, dass man nach ihm geschickt und um
+seinen Besuch gebeten habe. Mit den aufgelegten Kompressen war er
+zufrieden. "Lassen Sie noch etwas Bleiwasser holen und Annie morgen
+zu Hause bleiben. Ueberhaupt Ruhe." Dann fragte er noch nach der
+gnaedigen Frau und wie die Nachrichten aus Ems seien; er werde den
+andern Tag wiederkommen und nachsehen.
+
+Als man von Tisch aufgestanden und in das nebenan gelegene Zimmer
+- dasselbe, wo man mit so viel Eifer und doch vergebens nach dem
+Verbandstueck gesucht hatte - eingetreten war, wurde Annie wieder auf
+das Sofa gebettet. Johanna kam und setzte sich zu dem Kind, waehrend
+Innstetten die zahllosen Dinge, die bunt durcheinandergewuerfelt
+noch auf dem Fensterbrett umher wieder in den Naehtisch einzuraeumen
+begann. Dann und wann wusste er sich nicht recht Rat und musste
+fragen.
+
+"Wo haben die Briefe gelegen, Johanna?"
+
+"Ganz zuunterst", sagte diese, "hier in diesem Fach."
+
+Und waehrend so Frage und Antwort ging, betrachtete Innstetten
+etwas aufmerksamer als vorher das kleine, mit einem roten Faden
+zusammengebundene Paket, das mehr aus einer Anzahl zusammengelegter
+Zettel als auch Briefen zu bestehen schien. Er fuhr, als waere es
+ein Spiel Karten, mit dem Daumen und Zeigefinger an der Seite des
+Paeckchens hin, und einige Zeilen, eigentlich nur vereinzelte Worte,
+flogen dabei an seinem Auge vorueber. Von deutlichem Erkennen konnte
+keine Rede sein, aber es kam ihm doch so vor, als habe er die
+Schriftzuege schon irgendwo gesehen. Ob er nachsehen solle?
+
+"Johanna, Sie koennten uns den Kaffee bringen. Annie trinkt auch eine
+halbe Tasse. Der Doktor hat's nicht verboten, und was nicht verboten
+ist, ist erlaubt."
+
+Als er das sagte, wand er den roten Faden ab und liess, waehrend
+Johanna das Zimmer verliess, den ganzen Inhalt des Paeckchens rasch
+durch die Finger gleiten. Nur zwei, drei Briefe waren adressiert: "An
+Frau Landrat von Innstetten." Er erkannte jetzt auch die Handschrift;
+es war die des Majors. Innstetten wusste nichts von einer
+Korrespondenz zwischen Crampas und Effi, und in seinem Kopf begann
+sich alles zu drehen. Er steckte das Paket zu sich und ging in sein
+Zimmer zurueck. Etliche Minuten spaeter, und Johanna, zum Zeichen,
+dass der Kaffee da sei, klopfte leise an die Tuer. Innstetten
+antwortete auch, aber dabei blieb es; sonst alles still. Erst nach
+einer Viertelstunde hoerte man wieder sein Aufundabschreiten auf dem
+Teppich.
+
+"Was nur Papa hat?" sagte Johanna zu Annie. "Der Doktor hat ihm doch
+gesagt, es sei nichts."
+
+Das Aufundabschreiten nebenan wollte kein Ende nehmen. Endlich
+erschien Innstetten wieder im Nebenzimmer und sagte: "Johanna, achten
+Sie auf Annie und dass sie ruhig auf dem Sofa bleibt. Ich will eine
+Stunde gehen oder vielleicht zwei."
+
+Dann sah er das Kind aufmerksam an und entfernte sich. "Hast du
+gesehen, Johanna, wie Papa aussah?"
+
+"Ja, Annie. Er muss einen grossen Aerger gehabt haben. Er war ganz
+blass. So hab ich ihn noch nie gesehen."
+
+Es vergingen Stunden. Die Sonne war schon unter, und nur ein roter
+Widerschein lag noch ueber den Daechern drueben, als Innstetten wieder
+zurueckkam. Er gab Annie die Hand, fragte, wie's ihr gehe, und ordnete
+dann an, dass ihm Johanna die Lampe in sein Zimmer bringe. Die Lampe
+kam auch. In dem gruenen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale
+mit Fotografien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin,
+damals, als man den Wichertschen "Schritt vom Wege" aufgefuehrt hatte,
+fuer die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren. Innstetten
+drehte den Schirm langsam von links nach rechts und musterte jedes
+einzelne Bildnis. Dann liess er ab davon, oeffnete, weil er es schwuel
+fand, die Balkontuer und nahm schliesslich das Briefpaket wieder zur
+Hand.
+
+Es schien, dass er gleich beim ersten Durchsehen ein paar davon
+ausgewaehlt und obenauf gelegt hatte. Diese las er jetzt noch einmal
+mit halblauter Stimme.
+
+"Sei heute nachmittag wieder in den Duenen, hinter der Muehle. Bei der
+alten Adermann koennen wir uns ruhig sprechen, das Haus ist abgelegen
+genug. Du musst Dich nicht um alles so bangen. Wir haben auch ein
+Recht. Und wenn Du Dir das eindringlich sagst, wird, denke ich, alle
+Furcht von Dir abfallen. Das Leben waere nicht des Lebens wert,
+wenn das alles gelten sollte, was zufaellig gilt. Alles Beste liegt
+jenseits davon. Lerne Dich daran freuen."
+
+"...Fort, so schreibst Du, Flucht. Unmoeglich. Ich kann meine Frau
+nicht im Stich lassen, zu allem andern auch noch in Not. Es geht
+nicht, und wir muessen es leicht nehmen, sonst sind wir arm und
+verloren. Leichtsinn ist das Beste, was wir haben. Alles ist
+Schicksal. Es hat so sein sollen. Und moechtest Du, dass es anders
+waere, dass wir uns nie gesehen haetten?"
+
+Dann kam der dritte Brief.
+
+"...Sei heute noch einmal an der alten Stelle. Wie sollen meine Tage
+hier verlaufen ohne Dich! In diesem oeden Nest. Ich bin ausser mir,
+und nur darin hast Du recht: Es ist die Rettung, und wir muessen
+schliesslich doch die Hand segnen, die diese Trennung ueber uns
+verhaengt."
+
+Innstetten hatte die Briefe kaum wieder beiseite geschoben, als
+draussen die Klingel ging. Gleich danach meldete Johanna: "Geheimrat
+Wuellersdorf."
+
+Wuellersdorf trat ein und sah auf den ersten Blick, dass etwas
+vorgefallen sein muesse.
+
+"Pardon, Wuellersdorf", empfing ihn Innstetten, "dass ich Sie gebeten
+habe, noch gleich heute bei mir vorzusprechen. Ich stoere niemand gern
+in seiner Abendruhe, am wenigsten einen geplagten Ministerialrat. Es
+ging aber nicht anders. Ich bitte Sie, machen Sie sich's bequem. Und
+hier eine Zigarre."
+
+Wuellersdorf setzte sich. Innstetten ging wieder auf und ab und waere
+bei der ihn verzehrenden Unruhe gern in Bewegung geblieben, sah aber,
+dass das nicht gehe. So nahm er denn auch seinerseits eine Zigarre,
+setzte sich Wuellersdorf gegenueber und versuchte ruhig zu sein. "Es
+ist", begann er, "um zweier Dinge willen, dass ich Sie habe bitten
+lassen: erst um eine Forderung zu ueberbringen und zweitens um
+hinterher, in der Sache selbst, mein Sekundant zu sein; das eine ist
+nicht angenehm und das andere noch weniger. Und nun Ihre Antwort."
+
+"Sie wissen, Innstetten, Sie haben ueber mich zu verfuegen. Aber eh
+ich die Sache kenne, verzeihen Sie mir die naive Vorfrage: Muss es
+sein? Wir sind doch ueber die Jahre weg, Sie, um die Pistole in die
+Hand zu nehmen, und ich, um dabei mitzumachen. Indessen missverstehen
+Sie mich nicht, alles dies soll kein Nein sein. Wie koennte ich Ihnen
+etwas abschlagen. Aber nun sagen Sie, was ist es?"
+
+"Es handelt sich um einen Galan meiner Frau, der zugleich mein Freund
+war oder doch beinah."
+
+Wuellersdorf sah Innstetten an. "Innstetten, das ist nicht moeglich."
+
+"Es ist mehr als moeglich, es ist gewiss. Lesen Sie."
+
+Wuellersdorf flog drueber hin. "Die sind an Ihre Frau gerichtet?"
+
+"Ja. Ich fand sie heut in ihrem Naehtisch." "Und wer hat sie
+geschrieben?"
+
+"Major Crampas."
+
+"Also Dinge, die sich abgespielt, als Sie noch in Kessin waren?"
+
+Innstetten nickte.
+
+"Liegt also sechs Jahre zurueck oder noch ein halb Jahr laenger."
+
+"Ja."
+
+Wuellersdorf schwieg. Nach einer Weile sagte Innstetten: "Es sieht
+fast so aus, Wuellersdorf, als ob die sechs oder sieben Jahre
+einen Eindruck auf Sie machten. Es gibt eine Verjaehrungstheorie,
+natuerlich, aber ich weiss doch nicht, ob wir hier einen Fall haben,
+diese Theorie gelten zu lassen."
+
+"Ich weiss es auch nicht", sagte Wuellersdorf. "Und ich bekenne Ihnen
+offen, um diese Frage scheint sich hier alles zu drehen."
+
+Innstetten sah ihn gross an. "Sie sagen das in vollem Ernst?" "In
+vollem Ernst. Es ist keine Sache, sich in jeu d'esprit oder in
+dialektischen Spitzfindigkeiten zu versuchen."
+
+"Ich bin neugierig, wie Sie das meinen. Sagen Sie mir offen, wie
+stehen Sie dazu?"
+
+"Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglueck ist hin.
+Aber wenn Sie den Liebhaber totschiessen, ist Ihr Lebensglueck
+sozusagen doppelt hin, und zu dem Schmerz ueber empfangenes Leid kommt
+noch der Schmerz ueber getanes Leid. Alles dreht sich um die Frage,
+muessen Sie's durchaus tun? Fuehlen Sie sich so verletzt, beleidigt,
+empoert, dass einer weg muss, er oder Sie? Steht es so?"
+
+"Ich weiss es nicht."
+
+"Sie muessen es wissen."
+
+Innstetten war aufgesprungen, trat ans Fenster und tippte voll
+nervoeser Erregung an die Scheiben. Dann wandte er sich rasch wieder,
+ging auf Wuellersdorf zu und sagte: "Nein, so steht es nicht."
+
+"Wie steht es denn?"
+
+"Es steht so, dass ich unendlich ungluecklich bin; ich bin gekraenkt,
+schaendlich hintergangen, aber trotzdem, ich bin ohne jedes Gefuehl
+von Hass oder gar von Durst nach Rache. Und wenn ich mich frage, warum
+nicht, so kann ich zunaechst nichts anderes finden als die Jahre. Man
+spricht immer von unsuehnbarer Schuld; vor Gott ist es gewiss falsch,
+aber vor den Menschen auch. Ich haette nie geglaubt, dass die Zeit,
+rein als Zeit, so wirken koenne. Und dann als zweites: Ich liebe meine
+Frau, ja, seltsam zu sagen, ich liebe sie noch, und so furchtbar
+ich alles finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer
+Liebenswuerdigkeit, eines ihr eigenen heiteren Scharmes, dass ich
+mich, mir selbst zum Trotz, in meinem letzten Herzenswinkel zum
+Verzeihen geneigt fuehle."
+
+Wuellersdorf nickte. "Kann ganz folgen, Innstetten, wuerde mir
+vielleicht ebenso gehen. Aber wenn Sie so zu der Sache stehen und mir
+sagen: 'Ich liebe diese Frau so sehr, dass ich ihr alles verzeihen
+kann', und wenn wir dann das andere hinzunehmen, dass alles weit, weit
+zurueckliegt, wie ein Geschehnis auf einem andern Stern, ja, wenn es
+so liegt, Innstetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte?"
+
+"Weil es trotzdem sein muss. Ich habe mir's hin und her ueberlegt. Man
+ist nicht bloss ein einzelner Mensch, man gehoert einem Ganzen an,
+und auf das Ganze haben wir bestaendig Ruecksicht zu nehmen, wir sind
+durchaus abhaengig von ihm. Ginge es, in Einsamkeit zu leben, so
+koennt ich es gehen lassen; ich truege dann die mir aufgepackte Last,
+das rechte Glueck waere hin, aber es muessen so viele leben ohne dies
+'rechte Glueck', und ich wuerde es auch muessen und - auch koennen.
+Man braucht nicht gluecklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen
+Anspruch darauf, und den, der einem das Glueck genommen hat, den
+braucht man nicht notwendig aus der Welt zu schaffen. Man kann ihn,
+wenn man weltabgewandt weiterexistieren will, auch laufen lassen. Aber
+im Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun
+mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewoehnt haben, alles
+zu beurteilen, die andern und uns selbst. Und dagegen zu verstossen
+geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es
+selbst und koennen es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch
+den Kopf. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen solche Vorlesung halte, die
+schliesslich doch nur sagt, was sich jeder selber hundertmal gesagt
+hat. Aber freilich, wer kann was Neues sagen! Also noch einmal, nichts
+von Hass oder dergleichen, und um eines Glueckes willen, das mir
+genommen wurde, mag ich nicht Blut an den Haenden haben; aber jenes,
+wenn Sie wollen, uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt
+nicht nach Scharm und nicht nach Liebe und nicht nach Verjaehrung. Ich
+habe keine Wahl. Ich muss."
+
+"Ich weiss doch nicht, Innstetten ..."
+
+Innstetten laechelte. "Sie sollen selbst entscheiden, Wuellersdorf. Es
+ist jetzt zehn Uhr. Vor sechs Stunden, diese Konzession will ich Ihnen
+vorweg machen, hatt' ich das Spiel noch in der Hand, konnt' ich noch
+das eine und noch das andere, da war noch ein Ausweg. Jetzt nicht
+mehr, jetzt stecke ich in einer Sackgasse. Wenn Sie wollen, so bin ich
+selber schuld daran; ich haette mich besser beherrschen und bewachen,
+alles in mir verbergen, alles im eignen Herzen auskaempfen sollen.
+Aber es kam mir zu ploetzlich, zu stark, und so kann ich mir kaum
+einen Vorwurf machen, meine Nerven nicht geschickter in Ordnung
+gehalten zu haben. Ich ging zu Ihnen und schrieb Ihnen einen Zettel,
+und damit war das Spiel aus meiner Hand. Von dem Augenblick an hatte
+mein Unglueck und, was schwerer wiegt, der Fleck auf meiner Ehre einen
+halben Mitwisser und nach den ersten Worten, die wir hier gewechselt,
+hat es einen ganzen. Und weil dieser Mitwisser da ist, kann ich nicht
+mehr zurueck."
+
+"Ich weiss doch nicht", wiederholte Wuellersdorf. "Ich mag nicht gerne
+zu der alten abgestandenen Phrase greifen, aber doch laesst sich's
+nicht besser sagen: Innstetten, es ruht alles in mir wie in einem
+Grabe."
+
+"Ja, Wuellersdorf, so heisst es immer. Aber es gibt keine
+Verschwiegenheit. Und wenn Sie's wahrmachen und gegen andere die
+Verschwiegenheit selber sind, so wissen Sie es, und es rettet mich
+nicht vor Ihnen, dass Sie mir eben Ihre Zustimmung ausgedrueckt und
+mir sogar gesagt haben: ich kann Ihnen in allem folgen. Ich bin,
+und dabei bleibt es, von diesem Augenblick an ein Gegenstand Ihrer
+Teilnahme (schon nicht etwas sehr Angenehmes), und jedes Wort, das Sie
+mich mit meiner Frau wechseln hoeren, unterliegt Ihrer Kontrolle, Sie
+moegen wollen oder nicht, und wenn meine Frau von Treue spricht oder,
+wie Frauen tun, ueber eine andere zu Gericht sitzt, so weiss ich
+nicht, wo ich mit meinen Blicken hin soll. Und ereignet sich's gar,
+dass ich in irgendeiner ganz alltaeglichen Beleidigungssache zum Guten
+rede, "weil ja der dolus fehle" oder so was Aehnliches, so geht ein
+Laecheln ueber Ihr Gesicht, oder es zuckt wenigstens darin, und in
+Ihrer Seele klingt es: 'Der gute Innstetten, er hat doch eine wahre
+Passion, alle Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu
+untersuchen, und das richtige Quantum Stickstoff findet er nie. Er ist
+noch nie an einer Sache erstickt.' ... Habe ich recht, Wuellersdorf,
+oder nicht?"
+
+Wuellersdorf war aufgestanden. "Ich finde es furchtbar, dass Sie recht
+haben, aber Sie haben recht. Ich quaele Sie nicht laenger mit meinem
+'Muss es sein?'. Die Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge
+verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die andern wollen. Das
+mit dem 'Gottesgericht', wie manche hochtrabend versichern, ist
+freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist
+ein Goetzendienst, aber wir muessen uns ihm unterwerfen, solange der
+Goetze gilt."
+
+Innstetten nickte.
+
+Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander, und es wurde
+festgestellt, Wuellersdorf solle noch denselben Abend abreisen. Ein
+Nachtzug ging um zwoelf.
+
+Dann trennten sie sich mit einem kurzen: "Auf Wiedersehen in Kessin."
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Kapitel
+
+Am andern Abend, wie verabredet, reiste Innstetten. Er benutzte
+denselben Zug, den am Tag vorher Wuellersdorf benutzt hatte, und war
+bald nach fuenf Uhr frueh auf der Bahnstation, von wo der Weg nach
+Kessin links abzweigte. Wie immer, solange die Saison dauerte, ging
+auch heute, gleich nach Eintreffen des Zuges, das mehrerwaehnte
+Dampfschiff, dessen erstes Laeuten Innstetten schon hoerte, als er die
+letzten Stufen der vom Bahndamm hinabfuehrenden Treppe erreicht hatte.
+Der Weg bis zur Anlegestelle war keine drei Minuten; er schritt darauf
+zu und begruesste den Kapitaen, der etwas verlegen war, also im Laufe
+des gestrigen Tages von der ganzen Sache schon gehoert haben musste,
+und nahm dann seinen Platz in der Naehe des Steuers. Gleich danach
+loeste sich das Schiff vom Brueckensteg los; das Wetter war herrlich,
+helle Morgensonne, nur wenig Passagiere an Bord. Innstetten gedachte
+des Tages, als er, mit Effi von der Hochzeitsreise zurueckkehrend,
+hier am Ufer der Kessine hin in offenem Wagen gefahren war ein grauer
+Novembertag damals, aber er selber froh im Herzen; nun hatte sich's
+verkehrt: Das Licht lag draussen, und der Novembertag war in ihm.
+Viele, viele Male war er dann des Weges hier gekommen, und der
+Frieden, der sich ueber die Felder breitete, das Zuchtvieh in den
+Koppeln, das aufhorchte, wenn er vorueberfuhr, die Leute bei der
+Arbeit, die Fruchtbarkeit der Aecker, das alles hatte seinem Sinne
+wohlgetan, und jetzt, in hartem Gegensatz dazu, war er froh, als etwas
+Gewoelk heranzog und den lachenden blauen Himmel leise zu trueben
+begann. So fuhren sie den Fluss hinab, und bald nachdem sie die
+praechtige Wasserflaeche des Breitling passiert, kam der Kessiner
+Kirchturm in Sicht und gleich danach auch das Bollwerk und die lange
+Haeuserreihe mit Schiffen und Booten davor. Und nun waren sie heran.
+Innstetten verabschiedete sich von dem Kapitaen und schritt auf den
+Steg zu, den man, bequemeren Aussteigens halber, herangerollt hatte.
+Wuellersdorf war schon da. Beide begruessten sich, ohne zunaechst
+ein Wort zu sprechen, und gingen dann, quer ueber den Damm, auf den
+Hoppensackschen Gasthof zu, wo sie unter einem Zeltdach Platz nahmen.
+
+"Ich habe mich gestern frueh hier einquartiert", sagte Wuellersdorf,
+der nicht gleich mit den Sachlichkeiten beginnen wollte. "Wenn man
+bedenkt, dass Kessin ein Nest ist, ist es erstaunlich, ein so gutes
+Hotel hier zu finden. Ich bezweifle nicht, dass mein Freund, der
+Oberkellner, drei Sprachen spricht; seinem Scheitel und seiner
+ausgeschnittnen Weste nach koennen wir dreist auf vier rechnen ...
+Jean, bitte, wollen Sie uns Kaffee und Kognak bringen."
+
+Innstetten begriff vollkommen, warum Wuellersdorf diesen Ton anschlug,
+war auch damit einverstanden, konnte aber seiner Unruhe nicht ganz
+Herr werden und zog unwillkuerlich die Uhr.
+
+"Wir haben Zeit", sagte Wuellersdorf. "Noch anderthalb Stunden oder
+doch beinah. Ich habe den Wagen auf acht ein Viertel bestellt; wir
+fahren nicht laenger als zehn Minuten." "Und wo?"
+
+"Crampas schlug erst ein Waldeck vor, gleich hinter dem Kirchhof. Aber
+dann unterbrach er sich und sagte: 'Nein, da nicht.' Und dann haben
+wir uns ueber eine Stelle zwischen den Duenen geeinigt. Hart am
+Strand; die vorderste Duene hat einen Einschnitt, und man sieht aufs
+Meer."
+
+Innstetten laechelte. "Crampas scheint sich einen Schoenheitspunkt
+ausgesucht zu haben. Er hatte immer die Allueren dazu. Wie benahm er
+sich?"
+
+"Wundervoll."
+
+"Uebermuetig? Frivol?"
+
+"Nicht das eine und nicht das andere. Ich bekenne Ihnen offen,
+Innstetten, dass es mich erschuetterte. Als ich Ihren Namen nannte,
+wurde er totenblass und rang nach Fassung, und um seine Mundwinkel sah
+ich ein Zittern. Aber all das dauerte nur einen Augenblick, dann hatte
+er sich wieder gefasst, und von da an war alles an ihm wehmuetige
+Resignation. Es ist mir ganz sicher, er hat das Gefuehl, aus der Sache
+nicht heil herauszukommen, und will auch nicht. Wenn ich ihn richtig
+beurteile, er lebt gern und ist zugleich gleichgueltig gegen das
+Leben. Er nimmt alles mit und weiss doch, dass es nicht viel damit
+ist."
+
+"Wer wird ihm sekundieren? Oder sag ich lieber, wen wird er
+mitbringen?"
+
+"Das war, als er sich wieder gefunden hatte, seine Hauptsorge. Er
+nannte zwei, drei Adlige aus der Naehe, liess sie dann aber wieder
+fallen, sie seien zu alt und zu fromm, er werde nach Treptow hin
+telegrafieren an seinen Freund Buddenbrook. Und der ist auch gekommen,
+famoser Mann, schneidig und doch zugleich wie ein Kind. Er konnte sich
+nicht beruhigen und ging in groesster Erregung auf und ab. Aber als
+ich ihm alles gesagt hatte, sagte er geradeso wie wir: 'Sie haben
+recht, es muss sein!'"
+
+Der Kaffee kam. Man nahm eine Zigarre, und Wuellersdorf war wieder
+darauf aus, das Gespraech auf mehr gleichgueltige Dinge zu lenken.
+
+"Ich wundere mich, dass keiner von den Kessinern sich einfindet, Sie
+zu begruessen. Ich weiss doch, dass Sie sehr beliebt gewesen sind. Und
+nun gar Ihr Freund Gieshuebler..."
+
+Innstetten laechelte. "Da verkennen Sie die Leute hier an der Kueste;
+halb Philister und halb Pfiffici, nicht sehr nach meinem Geschmack;
+aber eine Tugend haben sie, sie sind alle sehr manierlich. Und nun gar
+mein alter Gieshuebler. Natuerlich weiss jeder, um was sich's handelt;
+aber eben deshalb huetet man sich, den Neugierigen zu spielen."
+
+In diesem Augenblick wurde von links her ein zurueckgeschlagener
+Chaisewagen sichtbar, der, weil es noch vor der bestimmten Zeit war,
+langsam herankam.
+
+"Ist das unser?" fragte Innstetten.
+
+"Mutmasslich."
+
+Und gleich danach hielt der Wagen vor dem Hotel, und Innstetten und
+Wuellersdorf erhoben sich.
+
+Wuellersdorf trat an den Kutscher heran und sagte: "Nach der Mole."
+
+Die Mole lag nach der entgegengesetzten Strandseite, rechts statt
+links, und die falsche Weisung wurde nur gegeben, um etwaigen
+Zwischenfaellen, die doch immerhin moeglich waren, vorzubeugen. Im
+uebrigen, ob man sich nun weiter draussen nach rechts oder links zu
+halten vorhatte, durch die Plantage musste man jedenfalls, und so
+fuehrte denn der Weg unvermeidlich an Innstettens alter Wohnung
+vorueber. Das Haus lag noch stiller da als frueher; ziemlich
+vernachlaessigt sah's in den Parterreraeumen aus; wie mocht es erst da
+oben sein! Und das Gefuehl des Unheimlichen, das Innstetten an Effi so
+oft bekaempft oder auch wohl belaechelt hatte, jetzt ueberkam es ihn
+selbst, und er war froh, als sie dran vorueber waren.
+
+"Da hab ich gewohnt", sagte er zu Wuellersdorf.
+
+"Es sieht sonderbar aus, etwas oed und verlassen."
+
+"Mag auch wohl. In der Stadt galt es als ein Spukhaus, und wie's heute
+daliegt, kann ich den Leuten nicht unrecht geben."
+
+"Was war es denn damit?"
+
+"Ach, dummes Zeug: alter Schiffskapitaen mit Enkelin oder Nichte, die
+eines schoenen Tages verschwand, und dann ein Chinese, der vielleicht
+ein Liebhaber war, und auf dem Flur ein kleiner Haifisch und ein
+Krokodil, beides an Strippen und immer in Bewegung. Wundervoll zu
+erzaehlen, aber nicht jetzt. Es spukt einem doch allerhand anderes im
+Kopf." "Sie vergessen, es kann auch alles glatt ablaufen."
+
+"Darf nicht. Und vorhin, Wuellersdorf, als Sie von Crampas sprachen,
+sprachen Sie selber anders davon."
+
+Bald danach hatte man die Plantage passiert, und der Kutscher wollte
+jetzt rechts einbiegen auf die Mole zu. "Fahren Sie lieber links. Das
+mit der Mole kann nachher kommen." Und der Kutscher bog links in eine
+breite Fahrstrasse ein, die hinter dem Herrenbade grade auf den Wald
+zulief. Als sie bis auf dreihundert Schritt an diesen heran waren,
+liess Wuellersdorf den Wagen halten, und beide gingen nun, immer durch
+mahlenden Sand hin, eine ziemlich breite Fahrstrasse hinunter, die
+die hier dreifache Duenenreihe senkrecht durchschnitt. Ueberall zur
+Seite standen dichte Bueschel von Strandhafer, um diesen herum aber
+Immortellen und ein paar blutrote Nelken. Innstetten bueckte sich und
+steckte sich eine der Nelken ins Knopfloch. "Die Immortellen nachher."
+
+So gingen sie fuenf Minuten. Als sie bis an die ziemlich tiefe Senkung
+gekommen waren, die zwischen den beiden vordersten Duenenreihen
+hinlief, sahen sie, nach links hin, schon die Gegenpartei: Crampas und
+Buddenbrook und mit ihnen den guten Doktor Hannemann, der seinen Hut
+in der Hand hielt, so dass das weisse Haar im Winde flatterte.
+
+Innstetten und Wuellersdorf gingen die Sandschlucht hinauf,
+Buddenbrook kam ihnen entgegen. Man begruesste sich, worauf beide
+Sekundanten beiseite traten, um noch ein kurzes sachliches Gespraech
+zu fuehren. Es lief darauf hinaus, dass man a tempo avancieren und auf
+zehn Schritt Distanz feuern solle. Dann kehrte Buddenbrook an seinen
+Platz zurueck; alles erledigte sich rasch; und die Schuesse fielen.
+Crampas stuerzte.
+
+Innstetten, einige Schritte zuruecktretend, wandte sich ab von der
+Szene. Wuellersdorf aber war auf Buddenbrook zugeschritten, und beide
+warteten jetzt auf den Ausspruch des Doktors, der die Achseln zuckte.
+
+Zugleich deutete Crampas durch eine Handbewegung an, dass er etwas
+sagen wollte. Wuellersdorf beugte sich zu ihm nieder, nickte
+zustimmend zu den paar Worten, die kaum hoerbar von des Sterbenden
+Lippen kamen, und ging dann auf Innstetten zu.
+
+"Crampas will Sie noch sprechen, Innstetten. Sie muessen ihm zu Willen
+sein. Er hat keine drei Minuten Leben mehr."
+
+Innstetten trat an Crampas heran.
+
+"Wollen Sie ..." Das waren seine letzten Worte.
+
+Noch ein schmerzlicher und doch beinah freundlicher Schimmer in seinem
+Antlitz, und dann war es vorbei.
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Kapitel
+
+Am Abend desselben Tages traf Innstetten wieder in Berlin ein. Er
+war mit dem Wagen, den er innerhalb der Duenen an dem Querwege
+zurueckgelassen hatte, direkt nach der Bahnstation gefahren, ohne
+Kessin noch einmal zu beruehren, dabei den beiden Sekundanten die
+Meldung an die Behoerden ueberlassend. Unterwegs (er war allein im
+Coupe) hing er, alles noch mal ueberdenkend, dem Geschehenen nach; es
+waren dieselben Gedanken wie zwei Tage zuvor, nur dass sie jetzt den
+umgekehrten Gang gingen und mit der Ueberzeugtheit von seinem Recht
+und seiner Pflicht anfingen, um mit Zweifeln daran aufzuhoeren.
+"Schuld, wenn sie ueberhaupt was ist, ist nicht an Ort und Stunde
+gebunden und kann nicht hinfaellig werden von heute auf morgen. Schuld
+verlangt Suehne; das hat einen Sinn. Aber Verjaehrung ist etwas
+Halbes, etwas Schwaechliches, zum mindesten was Prosaisches." Und er
+richtete sich an dieser Vorstellung auf und wiederholte sich's, dass
+es gekommen sei, wie's habe kommen muessen. Aber im selben Augenblick,
+wo dies fuer ihn feststand, warf er's auch wieder um. "Es muss eine
+Verjaehrung geben, Verjaehrung ist das einzig Vernuenftige; ob es
+nebenher auch noch prosaisch ist, ist gleichgueltig; das Vernuenftige
+ist meist prosaisch. Ich bin jetzt fuenfundvierzig. Wenn ich die
+Briefe fuenfundzwanzig Jahre spaeter gefunden haette, so waer ich
+siebzig. Dann haette Wuellersdorf gesagt: 'Innstetten, seien Sie kein
+Narr.' Und wenn es Wuellersdorf nicht gesagt haette, so haette es
+Buddenbrook gesagt, und wenn auch der nicht, so ich selbst. Dies ist
+mir klar. Treibt man etwas auf die Spitze, so uebertreibt man und hat
+die Laecherlichkeit. Kein Zweifel. Aber wo faengt es an? Wo liegt die
+Grenze? Zehn Jahre verlangen noch ein Duell, und da heisst es Ehre,
+und nach elf Jahren oder vielleicht schon bei zehnundeinhalb heisst es
+Unsinn. Die Grenze, die Grenze. Wo ist sie? War sie da? War sie schon
+ueberschritten? Wenn ich mir seinen letzten Blick vergegenwaertige,
+resigniert und in seinem Elend doch noch ein Laecheln, so hiess der
+Blick: 'Innstetten, Prinzipienreiterei ... Sie konnten es mir ersparen
+und sich selber auch.' Und er hatte vielleicht recht. Mir klingt so
+was in der Seele. Ja, wenn ich voll toedlichem Hass gewesen waere,
+wenn mir hier ein tiefes Rachegefuehl gesessen haette ... Rache
+ist nichts Schoenes, aber was Menschliches und hat ein natuerlich
+menschliches Recht. So aber war alles einer Vorstellung, einem Begriff
+zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe Komoedie. Und diese
+Komoedie muss ich nun fortsetzen und muss Effi wegschicken und sie
+ruinieren und mich mit ... Ich musste die Briefe verbrennen, und die
+Welt durfte nie davon erfahren. Und wenn sie dann kam, ahnungslos, so
+musste ich ihr sagen: 'Da ist dein Platz', und musste mich innerlich
+von ihr scheiden. Nicht vor der Welt. Es gibt so viele Leben, die
+keine sind, und so viele Ehen, die keine sind ... dann war das Glueck
+hin, aber ich haette das Auge mit seinem Frageblick und mit seiner
+stummen, leisen Anklage nicht vor mir."
+
+Kurz vor zehn hielt Innstetten vor seiner Wohnung. Er stieg die
+Treppen hinauf und zog die Glocke; Johanna kam und oeffnete.
+
+"Wie steht es mit Annie?"
+
+"Gut, gnaed'ger Herr. Sie schlaeft noch nicht ... Wenn der gnaed'ge
+Herr ..."
+
+"Nein, nein, das regt sie bloss auf. Ich sehe sie lieber morgen frueh.
+Bringen Sie mir ein Glas Tee, Johanna. Wer war hier?"
+
+"Nur der Doktor."
+
+Und nun war Innstetten wieder allein. Er ging auf und ab, wie er's zu
+tun liebte. "Sie wissen schon alles; Roswitha ist dumm, aber Johanna
+ist eine kluge Person. Und wenn sie's nicht mit Bestimmtheit wissen,
+so haben sie sich's zurechtgelegt und wissen es doch. Es ist
+merkwuerdig, was alles zum Zeichen wird und Geschichten ausplaudert,
+als waere jeder mit dabeigewesen."
+
+Johanna brachte den Tee. Innstetten trank. Er war nach der
+Ueberanstrengung todmuede und schlief ein.
+
+Innstetten war zu guter Zeit auf. Er sah Annie, sprach ein paar Worte
+mit ihr, lobte sie, dass sie eine gute Kranke sei, und ging dann aufs
+Ministerium, um seinem Chef von allem Vorgefallenen Meldung zu machen.
+Der Minister war sehr gnaedig. "Ja, Innstetten, wohl dem, der aus
+allem, was das Leben uns bringen kann, heil herauskommt; Sie hat's
+getroffen." Er fand alles, was geschehen, in der Ordnung und
+ueberliess Innstetten das Weitere.
+
+Erst spaet nachmittags war Innstetten wieder in seiner Wohnung, in
+der er ein paar Zeilen von Wuellersdorf vorfand. "Heute frueh wieder
+eingetroffen. Eine Welt von Dingen erlebt: Schmerzliches, Ruehrendes;
+Gieshuebler an der Spitze. Der liebenswuerdigste Bucklige, den ich je
+gesehen. Von Ihnen sprach er nicht allzuviel, aber die Frau, die Frau!
+Er konnte sich nicht beruhigen, und zuletzt brach der kleine Mann in
+Traenen aus. Was alles vorkommt. Es waere zu wuenschen, dass es mehr
+Gieshuebler gaebe. Es gibt aber mehr andere. Und dann die Szene im
+Hause des Majors ... furchtbar. Kein Wort davon. Man hat wieder mal
+gelernt: aufpassen. Ich sehe Sie morgen. Ihr W."
+
+Innstetten war ganz erschuettert, als er gelesen. Er setzte sich
+und schrieb seinerseits ein paar Briefe. Als er damit zu Ende war,
+klingelte er: "Johanna, die Briefe in den Kasten."
+
+Johanna nahm die Briefe und wollte gehen.
+
+"... Und dann, Johanna, noch eins: Die Frau kommt nicht wieder. Sie
+werden von anderen erfahren, warum nicht. Annie darf nichts wissen,
+wenigstens jetzt nicht. Das arme Kind. Sie muessen es ihr allmaehlich
+beibringen, dass sie keine Mutter mehr hat. Ich kann es nicht. Aber
+machen Sie's gescheit. Und dass Roswitha nicht alles verdirbt."
+
+Johanna stand einen Augenblick ganz wie benommen da. Dann ging sie auf
+Innstetten zu und kuesste ihm die Hand. Als sie wieder draussen in der
+Kueche war, war sie von Stolz und Ueberlegenheit ganz erfuellt, ja
+beinah von Glueck. Der gnaedige Herr hatte ihr nicht nur alles gesagt,
+sondern am Schluss auch noch hinzugesetzt: "Und dass Roswitha nicht
+alles verdirbt." Das war die Hauptsache, und ohne dass es ihr an
+gutem Herzen und selbst an Teilnahme mit der Frau gefehlt haette,
+beschaeftigte sie doch, ueber jedes andere hinaus, der Triumph einer
+gewissen Intimitaetsstellung zum gnaedigen Herrn.
+
+Unter gewoehnlichen Umstaenden waere ihr denn auch die Herauskehrung
+und Geltendmachung dieses Triumphes ein leichtes gewesen, aber heute
+traf sich's so wenig guenstig fuer sie, dass ihre Rivalin, ohne
+Vertrauensperson gewesen zu sein, sich doch als die Eingeweihtere
+zeigen sollte. Der Portier unten hatte naemlich, so ziemlich um
+dieselbe Zeit, wo dies spielte, Roswitha in seine kleine Stube
+hineingerufen und ihr gleich beim Eintreten ein Zeitungsblatt zum
+Lesen zugeschoben. "Da, Roswitha, das ist was fuer Sie; Sie koennen es
+mir nachher wieder runterbringen. Es ist bloss das Fremdenblatt; aber
+Lene ist schon hin und holt das Kleine Journal. Da wird wohl schon
+mehr drinstehen; die wissen immer alles. Hoeren Sie, Roswitha, wer so
+was gedacht haette."
+
+Roswitha, sonst nicht allzu neugierig, hatte sich doch nach dieser
+Ansprache so rasch wie moeglich die Hintertreppe hinaufbegeben und war
+mit dem Lesen gerade fertig, als Johanna dazukam.
+
+Diese legte die Briefe, die ihr Innstetten eben gegeben, auf den
+Tisch, ueberflog die Adressen oder tat wenigstens so (denn sie wusste
+laengst, an wen sie gerichtet waren) und sagte mit gut erkuenstelter
+Ruhe: "Einer ist nach Hohen-Cremmen."
+
+"Das kann ich mir denken", sagte Roswitha.
+
+Johanna war nicht wenig erstaunt ueber diese Bemerkung. "Der Herr
+schreibt sonst nie nach Hohen-Cremmen."
+
+"Ja, sonst. Aber jetzt ... Denken Sie sich, das hat mir eben der
+Portier unten gegeben."
+
+Johanna nahm das Blatt und las nun halblaut eine mit einem dicken
+Tintenstrich markierte Stelle: "Wie wir kurz vor Redaktionsschluss
+von gut unterrichteter Seite her vernehmen, hat gestern frueh in dem
+Badeort Kessin in Hinterpommern ein Duell zwischen dem Ministerialrat
+v. I. (Keithstrasse) und dem Major von Crampas stattgefunden. Major
+von Crampas fiel. Es heisst, dass Beziehungen zwischen ihm und der
+Raetin, einer schoenen und noch sehr jungen Frau, bestanden haben
+sollen."
+
+"Was solche Blaetter auch alles schreiben", sagte Johanna, die
+verstimmt war, ihre Neuigkeit ueberholt zu sehen.
+
+"Ja", sagte Roswitha. "Und das lesen nun die Menschen und
+verschimpfieren mir meine liebe, arme Frau. Und der arme Major. Nun
+ist er tot."
+
+"Ja, Roswitha, was denken Sie sich eigentlich? Soll er nicht tot sein?
+Oder soll lieber unser gnaediger Herr tot sein?"
+
+"Nein, Johanna, unser gnaed'ger Herr, der soll auch leben, alles soll
+leben. Ich bin nicht fuer Totschiessen und kann nicht mal das Knallen
+hoeren. Aber bedenken Sie doch, Johanna, das ist ja nun schon eine
+halbe Ewigkeit her, und die Briefe, die mir gleich so sonderbar
+aussahen, weil sie die rote Strippe hatten und drei- oder viermal
+umwickelt und dann eingeknotet und keine Schleife - die sahen ja schon
+ganz gelb aus, so lange ist es her. Wir sind ja nun schon ueber sechs
+Jahre hier, und wie kann man wegen solcher alten Geschichten ..."
+
+"Ach, Roswitha, Sie reden, wie Sie's verstehen. Und bei Licht besehen
+sind Sie schuld. Von den Briefen kommt es her. Warum kamen Sie mit dem
+Stemmeisen und brachen den Naehtisch auf, was man nie darf; man darf
+kein Schloss aufbrechen, was ein anderer zugeschlossen hat."
+
+"Aber, Johanna, das ist doch wirklich zu schlecht von Ihnen, mir so
+was auf den Kopf zuzusagen, und Sie wissen doch, dass Sie schuld sind
+und dass Sie wie naerrisch in die Kueche stuerzten und mir sagten, der
+Naehtisch muesse aufgemacht werden, da waere die Bandage drin, und da
+bin ich mit dem Stemmeisen gekommen, und nun soll ich schuld sein.
+Nein, ich sage ..."
+
+"Nun, ich will es nicht gesagt haben, Roswitha. Nur, Sie sollen mir
+nicht kommen und sagen: der arme Major. Was heisst der arme Major! Der
+ganze arme Major taugte nichts; wer solchen rotblonden Schnurrbart hat
+und immer wribbelt, der taugt nie was und richtet bloss Schaden an.
+Und wenn man immer in vornehmen Haeusern gedient hat ... aber das
+haben Sie nicht, Roswitha, das fehlt Ihnen eben ... dann weiss man
+auch, was sich passt und schickt und was Ehre ist, und weiss auch,
+dass, wenn so was vorkommt, dann geht es nicht anders, und dann kommt
+das, was man eine Forderung nennt, und dann wird einer totgeschossen."
+
+"Ach, das weiss ich auch; ich bin nicht so dumm, wie Sie mich immer
+machen wollen. Aber wenn es so lange her ist ..." "Ja, Roswitha, mit
+Ihrem ewigen 'so lange her'; daran sieht man ja eben, dass Sie nichts
+davon verstehen. Sie erzaehlen immer die alte Geschichte von Ihrem
+Vater mit dem gluehenden Eisen und wie er damit auf Sie losgekommen,
+und jedesmal, wenn ich einen gluehenden Bolzen eintue, muss ich auch
+wirklich immer an Ihren Vater denken und sehe immer, wie er Sie wegen
+des Kindes, das ja nun tot ist, totmachen will. Ja, Roswitha, davon
+sprechen Sie in einem fort, und es fehlt bloss noch, dass Sie
+Anniechen auch die Geschichte erzaehlen, und wenn Anniechen
+eingesegnet wird, dann wird sie's auch gewiss erfahren, und vielleicht
+denselben Tag noch; und das aergert mich, dass Sie das alles erlebt
+haben, und Ihr Vater war doch bloss ein Dorfschmied und hat Pferde
+beschlagen oder einen Radreifen belegt, und nun kommen Sie und
+verlangen von unserm gnaed'gen Herrn, dass er sich das alles ruhig
+gefallen laesst, bloss weil es so lange her ist. Was heisst lange her?
+Sechs Jahre ist nicht lange her. Und unsre gnaed'ge Frau - die aber
+nicht wiederkommt, der gnaed'ge Herr hat es mir eben gesagt -, unsre
+gnaed'ge Frau wird erst sechsundzwanzig, und im August ist ihr
+Geburtstag, und da kommen Sie mir mit 'lange her'. Und wenn sie
+sechsunddreissig waere, ich sage Ihnen, bis sechsunddreissig muss man
+erst recht aufpassen, und wenn der gnaed'ge Herr nichts getan haette,
+dann haetten ihn die vornehmen Leute 'geschnitten'. Aber das Wort
+kennen Sie gar nicht, Roswitha, davon wissen Sie nichts."
+
+"Nein, davon weiss ich nichts, will auch nicht; aber das weiss ich,
+Johanna, dass Sie in den gnaed'gen Herrn verliebt sind." Johanna
+schlug eine krampfhafte Lache auf.
+
+"Ja, lachen Sie nur. Ich seh es schon lange. Sie haben so was. Und ein
+Glueck, dass unser gnaed'ger Herr keine Augen dafuer hat ... Die arme
+Frau, die arme Frau."
+
+Johanna lag daran, Frieden zu schliessen. "Lassen Sie's gut sein,
+Roswitha. Sie haben wieder Ihren Koller; aber ich weiss schon, den
+haben alle vom Lande."
+
+"Kann schon sein."
+
+"Ich will jetzt nur die Briefe forttragen und unten sehen, ob der
+Portier vielleicht schon die andere Zeitung hat. Ich habe doch recht
+verstanden, dass er Lene danach geschickt hat? Und es muss auch mehr
+darin stehen; das hier ist ja so gut wie gar nichts."
+
+
+
+Dreissigstes Kapitel
+
+Effi und die Geheimraetin Zwicker waren seit fast drei Wochen in Ems
+und bewohnten daselbst das Erdgeschoss einer reizenden kleinen Villa.
+In ihrem zwischen ihren zwei Wohnzimmern gelegenen gemeinschaftlichen
+Salon mit Blick auf den Garten stand ein Palisanderfluegel, auf dem
+Effi dann und wann eine Sonate, die Zwicker dann und wann einen
+Walzer spielte; sie war ganz unmusikalisch und beschraenkte sich im
+wesentlichen darauf, fuer Niemann als Tannhaeuser zu schwaermen.
+
+Es war ein herrlicher Morgen; in dem kleinen Garten zwitscherten die
+Voegel, und aus dem angrenzenden Hause, drin sich ein "Lokal" befand,
+hoerte man, trotz der fruehen Stunde, bereits das Zusammenschlagen
+der Billardbaelle. Beide Damen hatten ihr Fruehstueck nicht im Salon
+selbst, sondern auf einem ein paar Fuss hoch aufgemauerten und mit
+Kies bestreuten Vorplatz eingenommen, von dem aus drei Stufen nach
+dem Garten hinunterfuehrten; die Markise, ihnen zu Haeupten, war
+aufgezogen, um den Genuss der frischen Luft in nichts zu beschraenken,
+und sowohl Effi wie die Geheimraetin waren ziemlich emsig bei ihrer
+Handarbeit. Nur dann und wann wurden ein paar Worte gewechselt.
+
+"Ich begreife nicht", sagte Effi, "dass ich schon seit vier Tagen
+keinen Brief habe; er schreibt sonst taeglich. Ob Annie krank ist?
+Oder er selbst?"
+
+Die Zwicker laechelte: "Sie werden erfahren, liebe Freundin, dass er
+gesund ist, ganz gesund."
+
+Effi fuehlte sich durch den Ton, in dem dies gesagt wurde, wenig
+angenehm beruehrt und schien antworten zu wollen, aber in ebendiesem
+Augenblicke trat das aus der Umgegend von Bonn stammende Hausmaedchen,
+das sich von Jugend an daran gewoehnt hatte, die mannigfachsten
+Erscheinungen des Lebens an Bonner Studenten und Bonner Husaren
+zu messen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus, um hier den
+Fruehstueckstisch abzuraeumen. Sie hiess Afra.
+
+"Afra", sagte Effi, "es muss doch schon neun sein; war der Postbote
+noch nicht da?"
+
+"Nein, noch nicht, gnaed'ge Frau." "Woran liegt es?"
+
+"Natuerlich an dem Postboten; er ist aus dem Siegenschen und hat
+keinen Schneid. Ich hab's ihm auch schon gesagt, das sei die 'reine
+Lodderei'. Und wie ihm das Haar sitzt; ich glaube, er weiss gar nicht,
+was ein Scheitel ist."
+
+"Afra, Sie sind mal wieder zu streng. Denken Sie doch: Postbote, und
+so tagaus, tagein bei der ewigen Hitze ..."
+
+"Ist schon recht, gnaed'ge Frau. Aber es gibt doch andere, die
+zwingen's; wo's drinsteckt, da geht es auch." Und waehrend sie noch so
+sprach, nahm sie das Tablett geschickt auf ihre fuenf Fingerspitzen
+und stieg die Stufen hinunter, um durch den Garten hin den naeheren
+Weg in die Kueche zu nehmen.
+
+"Eine huebsche Person", sagte die Zwicker. "Und so quick und kasch,
+und ich moechte fast sagen, von einer natuerlichen Anmut. Wissen Sie,
+liebe Baronin, dass mich diese Afra...
+
+uebrigens ein wundervoller Name, und es soll sogar eine heilige Afra
+gegeben haben, aber ich glaube nicht, dass unsere davon abstammt ..."
+
+"Und nun, liebe Geheimraetin, vertiefen Sie sich wieder in Ihr
+Nebenthema, das diesmal Afra heisst, und vergessen darueber ganz, was
+Sie eigentlich sagen wollten ..."
+
+"Doch nicht, liebe Freundin, oder ich finde mich wenigstens wieder
+zurueck. Ich wollte sagen, dass mich diese Afra ganz ungemein an die
+stattliche Person erinnert, die ich in Ihrem Hause ..."
+
+"Ja, Sie haben recht. Es ist eine Aehnlichkeit da. Nur, unser Berliner
+Hausmaedchen ist doch erheblich huebscher und namentlich ihr Haar viel
+schoener und voller. Ich habe so schoenes flachsenes Haar, wie unsere
+Johanna hat, ueberhaupt noch nicht gesehen. Ein bisschen davon sieht
+man ja wohl, aber solche Fuelle ..."
+
+Die Zwicker laechelte. "Das ist wirklich selten, dass man eine
+junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres
+Hausmaedchens sprechen hoert. Und nun auch noch von der Fuelle! Wissen
+Sie, dass ich das ruehrend finde? Denn eigentlich ist man doch bei der
+Wahl der Maedchen in einer bestaendigen Verlegenheit. Huebsch sollen
+sie sein, weil es jeden Besucher, wenigstens die Maenner, stoert,
+eine lange Stakete mit griesem Teint und schwarzen Raendern in der
+Tueroeffnung erscheinen zu sehen, und ein wahres Glueck, dass die
+Korridore meistens so dunkel sind. Aber nimmt man wieder zu viel
+Ruecksicht auf solche Hausrepraesentation und den sogenannten ersten
+Eindruck, und schenkt man wohl gar noch einer solchen huebschen Person
+eine weisse Taendelschuerze nach der andern, so hat man eigentlich
+keine ruhige Stunde mehr und fragt sich, wenn man nicht zu eitel ist
+und nicht zu viel Vertrauen zu sich selber hat, ob da nicht Remedur
+geschaffen werden muesse. Remedur war naemlich ein Lieblingswort
+von Zwicker, womit er mich oft gelangweilt hat; aber freilich, alle
+Geheimraete haben solche Lieblingsworte."
+
+Effi hoerte mit sehr geteilten Empfindungen zu. Wenn die Geheimraetin
+nur ein bisschen anders gewesen waere, so haette dies alles reizend
+sein koennen, aber da sie nun mal war, wie sie war, so fuehlte sich
+Effi wenig angenehm von dem beruehrt, was sie sonst vielleicht einfach
+erheitert haette.
+
+"Das ist schon recht, liebe Freundin, was Sie da von den Geheimraeten
+sagen. Innstetten hat sich auch dergleichen angewoehnt, lacht aber
+immer, wenn ich ihn daraufhin ansehe, und entschuldigt sich hinterher
+wegen der Aktenausdruecke. Ihr Herr Gemahl war freilich schon laenger
+im Dienst und ueberhaupt wohl aelter ..."
+
+"Um ein geringes", sagte die Geheimraetin spitz und ablehnend.
+
+"Und alles in allem kann ich mich in Befuerchtungen, wie Sie sie
+aussprechen, nicht recht zurechtfinden. Das, was man gute Sitte nennt,
+ist doch immer noch eine Macht ..."
+
+"Meinen Sie?"
+
+Und ich kann mir namentlich nicht denken, dass es gerade Ihnen,
+liebe Freundin, beschieden gewesen sein solle, solche Sorgen und
+Befuerchtungen durchzumachen. Sie haben, Verzeihung, dass ich diesen
+Punkt hier so offen beruehre, gerade das, was die Maenner einen
+'Scharm' nennen, Sie sind heiter, fesselnd, anregend, und wenn es
+nicht indiskret ist, so moecht ich angesichts dieser Ihrer Vorzuege
+wohl fragen duerfen, stuetzt sich das, was Sie da sagen, auf allerlei
+Schmerzliches, das Sie persoenlich erlebt haben?"
+
+"Schmerzliches?" sagte die Zwicker. "Ach, meine liebe, gnaedigste
+Frau, Schmerzliches, das ist ein zu grosses Wort, auch dann noch, wenn
+man vielleicht wirklich manches erlebt hat. Schmerzlich ist einfach
+zuviel, viel zuviel. Und dann hat man doch schliesslich auch seine
+Hilfsmittel und Gegenkraefte. Sie duerfen dergleichen nicht zu
+tragisch nehmen."
+
+"Ich kann mir keine rechte Vorstellung von dem machen, was Sie
+anzudeuten belieben. Nicht, als ob ich nicht wuesste, was Suende
+sei, das weiss ich auch; aber es ist doch ein Unterschied, ob man so
+hineingeraet in allerlei schlechte Gedanken oder ob einem derlei Dinge
+zur halben oder auch wohl zur ganzen Lebensgewohnheit werden. Und nun
+gar im eigenen Hause ..."
+
+"Davon will ich nicht sprechen, das will ich nicht so direkt gesagt
+haben, obwohl ich, offen gestanden, auch nach dieser Seite hin voller
+Misstrauen bin oder, wie ich jetzt sagen muss, war; denn es liegt
+ja alles zurueck. Aber da gibt es Aussengebiete. Haben Sie von
+Landpartien gehoert?"
+
+"Gewiss. Und ich wollte wohl, Innstetten haette mehr Sinn dafuer ..."
+
+"Ueberlegen Sie sich das, liebe Freundin. Zwicker sass immer in
+Saatwinkel. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn ich das Wort hoere, gibt es
+mir noch jetzt einen Stich ins Herz. Ueberhaupt diese Vergnuegungsorte
+in der Umgegend unseres lieben alten Berlin! Denn ich liebe Berlin
+trotz alledem. Aber schon die blossen Namen der dabei in Frage
+kommenden Ortschaften umschliessen eine Welt von Angst und Sorge. Sie
+laecheln. Und doch, sagen Sie selbst, liebe Freundin, was koennen Sie
+von einer grossen Stadt und ihren Sittlichkeitszustaenden erwarten,
+wenn Sie beinah unmittelbar vor den Toren derselben (denn zwischen
+Charlottenburg und Berlin ist kein rechter Unterschied mehr), auf
+kaum tausend Schritte zusammengedraengt, einem Pichelsberg, einem
+Pichelsdorf und einem Pichelswerder begegnen. Dreimal Pichel ist
+zuviel. Sie koennen die ganze Welt absuchen, das finden Sie nicht
+wieder."
+
+Effi nickte.
+
+"Und das alles", fuhr die Zwicker fort, "geschieht am gruenen Holz der
+Havelseite. Das alles liegt nach Westen zu, da haben Sie Kultur und
+hoehere Gesittung. Aber nun gehen Sie, meine Gnaedigste, nach der
+anderen Seite hin, die Spree hinauf. Ich spreche nicht von Treptow
+und Stralau, das sind Bagatellen, Harmlosigkeiten, aber wenn Sie die
+Spezialkarte zur Hand nehmen wollen, da begegnen Sie neben mindestens
+sonderbaren Namen wie Kiekebusch, wie Wuhlheide - Sie haetten hoeren
+sollen, wie Zwicker das Wort aussprach - Namen von geradezu brutalem
+Charakter, mit denen ich Ihr Ohr nicht verletzen will. Aber natuerlich
+sind das gerade die Plaetze, die bevorzugt werden. Ich hasse diese
+Landpartien, die sich das Volksgemuet als eine Kremserpartie mit 'Ich
+bin ein Preusse' vorstellt, in Wahrheit aber schlummern hier die Keime
+einer sozialen Revolution. Wenn ich sage 'soziale Revolution', so
+meine ich natuerlich moralische Revolution, alles andere ist bereits
+wieder ueberholt, und schon Zwicker sagte mir noch in seinen letzten
+Tagen: 'Glaube mir, Sophie, Saturn frisst seine Kinder.' Und Zwicker,
+welche Maengel und Gebrechen er haben mochte, das bin ich ihm
+schuldig, er war ein philosophischer Kopf und hatte ein natuerliches
+Gefuehl fuer historische Entwicklung ... Aber ich sehe, meine liebe
+Frau von Innstetten, so artig sie sonst ist, hoert nur noch mit halbem
+Ohr zu; natuerlich, der Postbote hat sich drueben blicken lassen, und
+da fliegt denn das Herz hinueber und nimmt die Liebesworte vorweg aus
+dem Brief heraus ... Nun, Boeselager, was bringen Sie?"
+
+Der Angeredete war mittlerweile bis an den Tisch herangetreten und
+packte aus: mehrere Zeitungen, zwei Friseuranzeigen und zuletzt auch
+einen grossen eingeschriebenen Brief an Frau Baronin von Innstetten,
+geb. von Briest.
+
+Die Empfaengerin unterschrieb, und nun ging der Postbote wieder.
+Die Zwicker aber ueberflog die Friseuranzeigen und lachte ueber die
+Preisermaessigung von Shampooing.
+
+Effi hoerte nicht hin; sie drehte den ihrerseits empfangenen Brief
+zwischen den Fingern und hatte eine ihr unerklaerliche Scheu, ihn zu
+oeffnen. Eingeschrieben und mit zwei grossen Siegeln und ein dickes
+Kuvert. Was bedeutete das? Poststempel: "Hohen-Cremmen", und die
+Adresse von der Handschrift der Mutter. Von Innstetten, es war der
+fuenfte Tag, keine Zeile.
+
+Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttergriff und schnitt die
+Laengsseite des Briefes langsam auf. Und nun harrte ihrer eine neue
+Ueberraschung. Der Briefbogen, ja, das waren eng beschriebene Zeilen
+von der Mama, darin eingelegt aber waren Geldscheine mit einem breiten
+Papierstreifen drumherum, auf dem mit Rotstift, und zwar von des
+Vaters Hand, der Betrag der eingelegten Summe verzeichnet war. Sie
+schob das Konvolut zurueck und begann zu lesen, waehrend sie sich in
+den Schaukelstuhl zuruecklehnte. Aber sie kam nicht weit, die Zeilen
+entfielen ihr, und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort. Dann
+bueckte sie sich und nahm den Brief wieder auf. "Was ist Ihnen, liebe
+Freundin? Schlechte Nachrichten?" Effi nickte, gab aber weiter keine
+Antwort und bat nur, ihr ein Glas Wasser reichen zu wollen. Als sie
+getrunken, sagte sie: "Es wird voruebergehen, liebe Geheimraetin, aber
+ich moechte mich doch einen Augenblick zurueckziehen ... Wenn Sie mir
+Afra schicken koennten."
+
+Und nun erhob sie sich und trat in den Salon zurueck, wo sie sichtlich
+froh war, einen Halt gewonnen und sich an dem Palisanderfluegel
+entlangfuehlen zu koennen. So kam sie bis an ihr nach rechts hin
+gelegenes Zimmer, und als sie hier, tappend und suchend, die Tuer
+geoeffnet und das Bett an der Wand gegenueber erreicht hatte, brach
+sie ohnmaechtig zusammen.
+
+
+
+Einunddreissgstes Kapitel
+
+Minuten vergingen. Als Effi sich wieder erholt hatte, setzte sie sich
+auf einen am Fenster stehenden Stuhl und sah auf die stille Strasse
+hinaus. Wenn da doch Laerm und Streit gewesen waere; aber nur der
+Sonnenschein lag auf dem chaussierten Wege und dazwischen die
+Schatten, die das Gitter und die Baeume warfen. Das Gefuehl des
+Alleinseins in der Welt ueberkam sie mit seiner ganzen Schwere. Vor
+einer Stunde noch eine glueckliche Frau, Liebling aller, die sie
+kannten, und nun ausgestossen. Sie hatte nur erst den Anfang des
+Briefes gelesen, aber genug, um ihre Lage klar vor Augen zu haben.
+Wohin?
+
+Sie hatte keine Antwort darauf, und doch war sie voll tiefer
+Sehnsucht, aus dem herauszukommen, was sie hier umgab, also fort von
+dieser Geheimraetin, der das alles bloss ein "interessanter Fall" war
+und deren Teilnahme, wenn etwas davon existierte, sicher an das Mass
+ihrer Neugier nicht heranreichte.
+
+"Wohin?"
+
+Auf dem Tisch vor ihr lag der Brief; aber ihr fehlte der Mut,
+weiterzulesen. Endlich sagte sie: "Wovor bange ich mich noch? Was kann
+noch gesagt werden, das ich mir nicht schon selber sagte? Der, um den
+all dies kam, ist tot, eine Rueckkehr in mein Haus gibt es nicht, in
+ein paar Wochen wird die Scheidung ausgesprochen sein, und das Kind
+wird man dem Vater lassen. Natuerlich. Ich bin schuldig, und eine
+Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen. Und wovon auch? Mich selbst
+werde ich wohl durchbringen. Ich will sehen, was die Mama darueber
+schreibt, wie sie sich mein Leben denkt."
+
+Und unter diesen Worten nahm sie den Brief wieder, um auch den Schluss
+zu lesen.
+
+"... Und nun Deine Zukunft, meine liebe Effi. Du wirst Dich auf Dich
+selbst stellen muessen und darfst dabei, soweit aeussere Mittel
+mitsprechen, unserer Unterstuetzung sicher sein. Du wirst am besten
+in Berlin leben (in einer grossen Stadt vertut sich dergleichen am
+besten) und wirst da zu den vielen gehoeren, die sich um freie Luft
+und lichte Sonne gebracht haben. Du wirst einsam leben, und wenn Du
+das nicht willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphaere herabsteigen
+muessen. Die Welt, in der Du gelebt hast, wird Dir verschlossen sein.
+Und was das Traurigste fuer uns und fuer Dich ist (auch fuer Dich,
+wie wir Dich zu kennen vermeinen) - auch das elterliche Haus wird
+Dir verschlossen sein, wir koennen Dir keinen stillen Platz in
+Hohen-Cremmen anbieten, keine Zuflucht in unserem Hause, denn es
+hiesse das, dies Haus von aller Welt abschliessen, und das zu tun,
+sind wir entschieden nicht geneigt. Nicht weil wir zu sehr an der Welt
+hingen und ein Abschiednehmen von dem, was sich 'Gesellschaft' nennt,
+uns als etwas unbedingt Unertraegliches erschiene; nein, nicht
+deshalb, sondern einfach, weil wir Farbe bekennen und vor aller Welt,
+ich kann Dir das Wort nicht ersparen, unsere Verurteilung Deines
+Tuns, des Tuns unseres einzigen und von uns so sehr geliebten Kindes,
+aussprechen wollen ..." Effi konnte nicht weiterlesen; ihre Augen
+fuellten sich mit Traenen, und nachdem sie vergeblich dagegen
+angekaempft hatte, brach sie zuletzt in ein heftiges Schluchzen und
+Weinen aus, darin sich ihr Herz erleichterte.
+
+Nach einer halben Stunde klopfte es, und auf Effis "Herein" erschien
+die Geheimraetin.
+
+"Darf ich eintreten?"
+
+"Gewiss, liebe Geheimraetin", sagte Effi, die jetzt, leicht zugedeckt
+und die Haende gefaltet, auf dem Sofa lag. "Ich bin erschoepft und
+habe mich hier eingerichtet, so gut es ging. Darf ich Sie bitten, sich
+einen Stuhl zu nehmen."
+
+Die Geheimraetin setzte sich so, dass der Tisch, mit einer
+Blumenschale darauf, zwischen ihr und Effi war. Effi zeigte keine
+Spur von Verlegenheit und aenderte nichts in ihrer Haltung, nicht
+einmal die gefalteten Haende. Mit einem Male war es ihr vollkommen
+gleichgueltig, was die Frau dachte; nur fort wollte sie.
+
+"Sie haben eine traurige Nachricht empfangen, liebe gnaedigste Frau
+..."
+
+"Mehr als traurig", sagte Effi. "Jedenfalls traurig genug, um unserem
+Beisammensein ein rasches Ende zu machen. Ich muss noch heute fort."
+
+"Ich moechte nicht zudringlich erscheinen, aber ist es etwas mit
+Annie?"
+
+"Nein, nicht mit Annie. Die Nachrichten kamen ueberhaupt nicht aus
+Berlin, es waren Zeilen meiner Mama. Sie hat Sorgen um mich, und es
+liegt mir daran, sie zu zerstreuen, oder wenn ich das nicht kann,
+wenigstens an Ort und Stelle zu sein."
+
+"Mir nur zu begreiflich, so sehr ich es beklage, diese letzten Emser
+Tage nun ohne Sie verbringen zu sollen. Darf ich Ihnen meine Dienste
+zur Verfuegung stellen?"
+
+Ehe Effi darauf antworten konnte, trat Afra ein und meldete, dass man
+sich eben zum Lunch versammle. Die Herrschaften seien alle sehr in
+Aufregung: Der Kaiser kaeme wahrscheinlich auf drei Wochen, und am
+Schluss seien grosse Manoever, und die Bonner Husaren kaemen auch.
+
+Die Zwicker ueberschlug sofort, ob es sich verlohnen wuerde, bis dahin
+zu bleiben, kam zu einem entschiedenen "Ja" und ging dann, um Effis
+Ausbleiben beim Lunch zu entschuldigen.
+
+Als gleich danach auch Afra gehen wollte, sagte Effi: "Und dann, Afra,
+wenn Sie frei sind, kommen Sie wohl noch eine Viertelstunde zu mir,
+um mir beim Packen behilflich zu sein. Ich will heute noch mit dem
+Siebenuhrzug fort."
+
+"Heute noch? Ach, gnaedigste Frau, das ist doch aber schade. Nun
+fangen ja die schoenen Tage erst an."
+
+Effi laechelte.
+
+Die Zwicker, die noch allerlei zu hoeren hoffte, hatte sich nur mit
+Muehe bestimmen lassen, der "Frau Baronin" beim Abschied nicht das
+Geleit zu geben. Auf einem Bahnhof, so hatte Effi versichert, sei
+man immer so zerstreut und nur mit seinem Platz und seinem Gepaeck
+beschaeftigt; gerade Personen, die man liebhabe, von denen naehme man
+gern vorher Abschied. Die Zwicker bestaetigte das, trotzdem sie das
+Vorgeschuetzte darin sehr wohl herausfuehlte; sie hatte hinter allen
+Tueren gestanden und wusste gleich, was echt und unecht war.
+
+Afra begleitete Effi zum Bahnhof und liess sich fest versprechen, dass
+die Frau Baronin im naechsten Sommer wiederkommen wolle; wer mal in
+Ems gewesen, der komme immer wieder. Ems sei das Schoenste, ausser
+Bonn.
+
+Die Zwicker hatte sich mittlerweile zum Briefschreiben niedergesetzt,
+nicht an dem etwas wackligen Rokokosekretaer im Salon, sondern
+draussen auf der Veranda, an demselben Tisch, an dem sie kaum zehn
+Stunden zuvor mit Effi das Fruehstueck genommen hatte.
+
+Sie freute sich auf den Brief, der einer befreundeten, zur Zeit in
+Reichenhall weilenden Berliner Dame zugute kommen sollte. Beider
+Seelen hatten sich laengst gefunden und gipfelten in einer der ganzen
+Maennerwelt geltenden starken Skepsis; sie fanden die Maenner durchweg
+weit zurueckbleibend hinter dem, was billigerweise gefordert werden
+koenne, die sogenannten "forschen" am meisten. "Die, die vor
+Verlegenheit nicht wissen, wo sie hinsehen sollen, sind, nach einem
+kurzen Vorstudium, immer noch die besten, aber die eigentlichen Don
+Juans erweisen sich jedesmal als eine Enttaeuschung. Wo soll es am
+Ende auch herkommen." Das waren so Weisheitssaetze, die zwischen den
+zwei Freundinnen ausgetauscht wurden.
+
+Die Zwicker war schon auf dem zweiten Bogen und fuhr in ihrem mehr als
+dankbaren Thema, das natuerlich "Effi" hiess, eben wie folgt fort:
+"Alles in allem war sie sehr zu leiden, artig, anscheinend offen, ohne
+jeden Adelsduenkel (oder doch gross in der Kunst, ihn zu verbergen)
+und immer interessiert, wenn man ihr etwas Interessantes erzaehlte,
+wovon ich, wie ich Dir nicht zu versichern brauche, den ausgiebigsten
+Gebrauch machte. Nochmals also, reizende junge Frau, fuenfundzwanzig
+oder nicht viel mehr. Und doch habe ich dem Frieden nie getraut und
+traue ihm auch in diesem Augenblick noch nicht, ja, jetzt vielleicht
+am wenigsten. Die Geschichte heute mit dem Briefe - da steckt eine
+wirkliche Geschichte dahinter. Dessen bin ich so gut wie sicher. Es
+waere das erste Mal, dass ich mich in solcher Sache geirrt haette.
+Dass sie mit Vorliebe von den Berliner Modepredigern sprach und das
+Mass der Gottseligkeit jedes einzelnen feststellte, das und der
+gelegentliche Gretchenblick, der jedesmal versicherte, kein
+Waesserchen trueben zu koennen - alle diese Dinge haben mich in
+meinem Glauben ... Aber da kommt eben unsere Afra, von der ich Dir,
+glaube ich, schon schrieb, eine huebsche Person, und packt mir ein
+Zeitungsblatt auf den Tisch, das ihr, wie sie sagt, unsere Frau Wirtin
+fuer mich gegeben habe; die blau angestrichene Stelle. Nun verzeih,
+wenn ich diese Stelle erst lese ...
+
+Nachschrift. Das Zeitungsblatt war interessant genug und kam wie
+gerufen. Ich schneide die blau angestrichene Stelle heraus und lege
+sie diesen Zeilen bei. Du siehst daraus, dass ich mich nicht geirrt
+habe. Wer mag nur der Crampas sein?
+
+Es ist unglaublich - erst selber Zettel und Briefe schreiben und dann
+auch noch die des anderen aufbewahren! Wozu gibt es Oefen und Kamine?
+Solange wenigstens, wie dieser Duellunsinn noch existiert, darf
+dergleichen nicht vorkommen; einem kommenden Geschlecht kann diese
+Briefschreibepassion (weil dann gefahrlos geworden) vielleicht
+freigegeben werden. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Uebrigens
+bin ich voll Mitleid mit der jungen Baronin und finde, eitel wie man
+nun mal ist, meinen einzigen Trost darin, mich in der Sache selbst
+nicht getaeuscht zu haben. Und der Fall lag nicht so ganz gewoehnlich.
+Ein schwaecherer Diagnostiker haette sich doch vielleicht hinters
+Licht fuehren lassen.
+
+Wie immer Deine Sophie."
+
+
+
+Zweiunddreissigstes Kapitel
+
+Drei Jahre waren vergangen, und Effi bewohnte seit fast ebenso langer
+Zeit eine kleine Wohnung in der Koeniggraetzer Strasse, zwischen
+Askanischem Platz und Halleschem Tor: ein Vorder- und Hinterzimmer
+und hinter diesem die Kueche mit Maedchengelass, alles so
+durchschnittsmaessig und alltaeglich wie nur moeglich. Und doch war es
+eine apart huebsche Wohnung, die jedem, der sie sah, angenehm auffiel,
+am meisten vielleicht dem alten Geheimrat Rummschuettel, der, dann
+und wann vorsprechend, der armen jungen Frau nicht bloss die nun weit
+zurueckliegende Rheumatismus- und Neuralgiekomoedie sondern auch
+alles, was seitdem sonst noch vorgekommen war, laengst verziehen
+hatte, wenn es fuer ihn der Verzeihung ueberhaupt bedurfte. Denn
+Rummschuettel kannte noch ganz anderes.
+
+Er war jetzt ausgangs Siebzig, aber wenn Effi, die seit einiger Zeit
+ziemlich viel kraenkelte, ihn brieflich um seinen Besuch bat, so war
+er am anderen Vormittag auch da und wollte von Entschuldigungen, dass
+es so hoch sei, nichts wissen. "Nur keine Entschuldigungen, meine
+liebe gnaedigste Frau; denn erstens ist es mein Metier, und zweitens
+bin ich gluecklich und beinahe stolz, die drei Treppen so gut
+noch steigen zu koennen. Wenn ich nicht fuerchten muesste, Sie zu
+belaestigen - denn ich komme doch schliesslich als Arzt und nicht
+als Naturfreund und Landschaftsschwaermer -, so kaeme ich wohl noch
+oefter, bloss um Sie zu sehen und mich hier etliche Minuten an Ihr
+Hinterfenster zu setzen. Ich glaube, Sie wuerdigen den Ausblick nicht
+genug."
+
+"O doch, doch", sagte Effi; Rummschuettel aber liess sich nicht
+stoeren und fuhr fort: "Bitte, meine gnaedigste Frau, treten Sie hier
+heran, nur einen Augenblick, oder erlauben Sie mir, dass ich Sie bis
+an das Fenster fuehre. Wieder ganz herrlich heute. Sehen Sie doch nur
+die verschiedenen Bahndaemme, drei, nein, vier, und wie es bestaendig
+darauf hin und her gleitet ... und nun verschwindet der Zug da wieder
+hinter einer Baumgruppe. Wirklich herrlich. Und wie die Sonne den
+weissen Rauch durchleuchtet! Waere der Matthaeikirchhof nicht
+unmittelbar dahinter, so waere es ideal."
+
+"Ich sehe gern Kirchhoefe."
+
+"Ja, Sie duerfen das sagen. Aber unsereins! Unsereinem kommt
+unabweislich immer die Frage, koennten hier nicht vielleicht einige
+weniger liegen? Im uebrigen, meine gnaedigste Frau, bin ich mit Ihnen
+zufrieden und beklage nur, dass Sie von Ems nichts wissen wollen; Ems
+bei Ihren katarrhalischen Affektionen, wuerde Wunder ..."
+
+Effi schwieg.
+
+"Ems wuerde Wunder tun. Aber da Sie's nicht moegen (und ich finde
+mich darin zurecht), so trinken Sie den Brunnen hier. In drei Minuten
+sind Sie im Prinz Albrechtschen Garten, und wenn auch die Musik
+und die Toiletten und all die Zerstreuungen einer regelrechten
+Brunnenpromenade fehlen, der Brunnen selbst ist doch die Hauptsache."
+
+Effi war einverstanden, und Rummschuettel nahm Hut und Stock. Aber
+er trat noch einmal an das Fenster heran. "Ich hoere von einer
+Terrassierung des Kreuzbergs sprechen, Gott segne die Stadtverwaltung,
+und wenn dann erst die kahle Stelle da hinten mehr in Gruen stehen
+wird ... Eine reizende Wohnung. Ich koennte Sie fast beneiden ... Und
+was ich schon laengst einmal sagen wollte, meine gnaedige Frau, Sie
+schreiben mir immer einen so liebenswuerdigen Brief. Nun, wer freute
+sich dessen nicht? Aber es ist doch jedesmal eine Muehe ... Schicken
+Sie mir doch einfach Roswitha."
+
+Effi dankte ihm, und so schieden sie.
+
+"Schicken Sie mir doch einfach Roswitha ..." hatte Rummschuettel
+gesagt. Ja, war denn Roswitha bei Effi? War sie denn statt in der
+Keith- in der Koeniggraetzer Strasse? Gewiss war sie's, und zwar sehr
+lange schon, gerade so lange, wie Effi selbst in der Koeniggraetzer
+Strasse wohnte. Schon drei Tage vor diesem Einzug hatte sich Roswitha
+bei ihrer lieben gnaedigen Frau sehen lassen, und das war ein
+grosser Tag fuer beide gewesen, so sehr, dass dieses Tages hier noch
+nachtraeglich gedacht werden muss.
+
+Effi hatte damals, als der elterliche Absagebrief aus Hohen-Cremmen
+kam und sie mit dem Abendzug von Ems nach Berlin zurueckreiste, nicht
+gleich eine selbstaendige Wohnung genommen, sondern es mit einem
+Unterkommen in einem Pensionat versucht. Es war ihr damit auch
+leidlich geglueckt. Die beiden Damen, die dem Pensionat vorstanden,
+waren gebildet und voll Ruecksicht und hatten es laengst verlernt,
+neugierig zu sein. Es kam da so vieles zusammen, dass ein
+Eindringenwollen in die Geheimnisse jedes einzelnen viel zu
+umstaendlich gewesen waere. Dergleichen hinderte nur den
+Geschaeftsgang. Effi, die die mit den Augen angestellten Kreuzverhoere
+der Zwicker noch in Erinnerung hatte, fuehlte sich denn auch von
+dieser Zurueckhaltung der Pensionsdamen sehr angenehm beruehrt; als
+aber vierzehn Tage vorueber waren, empfand sie doch deutlich, dass die
+hier herrschende Gesamtatmosphaere, die physische wie die moralische,
+nicht wohl ertragbar fuer sie sei. Bei Tisch waren sie meist zu
+sieben, und zwar ausser Effi und der einen Pensionsvorsteherin (die
+andere leitete draussen das Wirtschaftliche) zwei die Hochschule
+besuchende Englaenderinnen, eine adelige Dame aus Sachsen, eine sehr
+huebsche galizische Juedin, von der niemand wusste, was sie eigentlich
+vorhatte, und eine Kantorstochter aus Polzin in Pommern, die Malerin
+werden wollte. Das war eine schlimme Zusammensetzung, und die
+gegenseitigen Ueberheblichkeiten, bei denen die Englaenderinnen
+merkwuerdigerweise nicht absolut obenan standen, sondern mit der vom
+hoechsten Malergefuehl erfuellten Polzinerin um die Palme rangen,
+waren unerquicklich; dennoch waere Effi, die sich passiv verhielt,
+ueber den Druck, den diese geistige Atmosphaere uebte, hinweggekommen,
+wenn nicht, rein physisch und aeusserlich, die sich hinzugesellende
+Pensionsluft gewesen waere. Woraus sich diese eigentlich
+zusammensetzte, war vielleicht ueberhaupt unerforschlich, aber dass
+sie der sehr empfindlichen Effi den Atem raubte, war nur zu gewiss,
+und so sah sie sich, aus diesem aeusserlichen Grunde, sehr bald
+schon zur Aus- und Umschau nach einer anderen Wohnung gezwungen, die
+sie denn auch in verhaeltnismaessiger Naehe fand. Es war dies die
+vorgeschilderte Wohnung in der Koeniggraetzer Strasse. Sie sollte
+dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahres beziehen, hatte das Noetige
+dazu beschafft und zaehlte waehrend der letzten Septembertage die
+Stunden bis zur Erloesung aus dem Pensionat.
+
+An einem dieser letzten Tage - sie hatte sich eine Viertelstunde zuvor
+aus dem Esszimmer zurueckgezogen und gedachte sich eben auf einem mit
+einem grossblumigen Wollstoff ueberzogenen Seegrassofa auszuruhen -
+wurde leise an ihre Tuer geklopft.
+
+"Herein."
+
+Das eine Hausmaedchen, eine kraenklich aussehende Person von Mitte
+Dreissig, die durch bestaendigen Aufenthalt auf dem Korridor des
+Pensionats den hier lagernden Dunstkreis ueberallhin in ihren
+Falten mitschleppte, trat ein und sagte: Die gnaedige Frau moechte
+entschuldigen, aber es wolle sie jemand sprechen.
+
+"Wer?"
+
+"Eine Frau."
+
+"Und hat sie ihren Namen genannt?" "Ja, Roswitha."
+
+Und siehe da, kaum dass Effi diesen Namen gehoert hatte, so
+schuettelte sie den Halbschlaf von sich und sprang auf und lief auf
+den Korridor hinaus, um Roswitha bei beiden Haenden zu fassen und in
+ihr Zimmer zu ziehen.
+
+"Roswitha. Du. Ist das eine Freude. Was bringst du? Natuerlich was
+Gutes. Ein so gutes altes Gesicht kann nur was Gutes bringen. Ach, wie
+gluecklich ich bin, ich koennte dir einen Kuss geben; ich haette nicht
+gedacht, dass ich noch solche Freude haben koennte. Mein gutes altes
+Herz, wie geht es dir denn? Weisst du noch, wie's damals war, als der
+Chinese spukte? Das waren glueckliche Zeiten. Ich habe damals gedacht,
+es waeren unglueckliche, weil ich das Harte des Lebens noch nicht
+kannte. Seitdem habe ich es kennengelernt. Ach, Spuk ist lange nicht
+das Schlimmste! Komm, meine gute Roswitha, komm, setz dich hier zu mir
+und erzaehle mir ... Ach, ich habe solche Sehnsucht. Was macht Annie?"
+
+Roswitha konnte kaum reden und sah sich in dem sonderbaren Zimmer um,
+dessen grau und verstaubt aussehende Waende in schmale Goldleisten
+gefasst waren. Endlich aber fand sie sich und sagte, dass der gnaedige
+Herr nun wieder aus Glatz zurueck sei; der alte Kaiser habe gesagt,
+sechs Wochen in solchem Falle sei gerade genug, und auf den Tag,
+wo der gnaedige Herr wieder da sein wuerde, darauf habe sie bloss
+gewartet, wegen Annie, die doch eine Aufsicht haben muesse. Denn
+Johanna sei wohl eine sehr propre Person, aber sie sei doch noch zu
+huebsch und beschaeftige sich noch zu viel mit sich selbst und denke
+vielleicht Gott weiss was alles. Aber nun, wo der gnaedige Herr wieder
+aufpassen und in allem nach dem Rechten sehen koenne, da habe sie
+sich's doch antun wollen und mal sehen, wie's der gnaedigen Frau gehe
+...
+
+"Das ist recht, Roswitha ..."
+
+Und habe mal sehen wollen, ob der gnaedigen Frau was fehle und ob
+sie sie vielleicht brauche, dann wolle sie gleich hierbleiben und
+beispringen und alles machen und dafuer sorgen, dass es der gnaedigen
+Frau wieder gutgehe.
+
+Effi hatte sich in die Sofaecke zurueckgelehnt und die Augen
+geschlossen. Aber mit eins richtete sie sich auf und sagte: "Ja,
+Roswitha, was du da sagst, das ist ein Gedanke; das ist was. Denn du
+musst wissen, ich bleibe hier nicht in dieser Pension, ich habe da
+weiterhin eine Wohnung gemietet und auch Einrichtung besorgt, und in
+drei Tagen will ich da einziehen. Und wenn ich da mit dir ankaeme und
+zu dir sagen koennte: 'Nein, Roswitha, da nicht, der Schrank muss
+dahin und der Spiegel da', ja, das waere was, das sollte mir schon
+gefallen. Und wenn wir dann muede von all der Plackerei waeren, dann
+sagte ich: 'Nun, Roswitha, gehe da hinueber und hole uns eine Karaffe
+Spatenbraeu, denn wenn man gearbeitet hat, dann will man doch auch
+trinken, und wenn du kannst, so bring uns auch etwas Gutes aus
+dem Habsburger Hof mit, du kannst ja das Geschirr nachher wieder
+herueberbringen' - ja, Roswitha, wenn ich mir das denke, da wird mir
+ordentlich leichter ums Herz. Aber ich muss dich doch fragen, hast du
+dir auch alles ueberlegt? Von Annie will ich nicht sprechen, an der
+du doch haengst, sie ist ja fast wie dein eigen Kind - aber trotzdem,
+fuer Annie wird schon gesorgt werden, und die Johanna haengt ja auch
+an ihr. Also davon nichts. Aber bedenke, wie sich alles veraendert
+hat, wenn du wieder zu mir willst. Ich bin nicht mehr wie damals; ich
+habe jetzt eine ganz kleine Wohnung genommen, und der Portier wird
+sich wohl nicht sehr um dich und um mich bemuehen. Und wir werden
+eine sehr kleine Wirtschaft haben, immer das, was wir sonst unser
+Donnerstagessen nannten, weil da reingemacht wurde. Weisst du noch?
+Und weisst du noch, wie der gute Gieshuebler mal dazukam und sich zu
+uns setzen musste, und wie er dann sagte: So was Delikates habe er
+noch nie gegessen. Du wirst dich noch erinnern, er war immer so
+schrecklich artig, denn eigentlich war er doch der einzige Mensch
+in der Stadt, der von Essen was verstand. Die andern fanden alles
+schoen."
+
+Roswitha freute sich ueber jedes Wort und sah schon alles in bestem
+Gange, bis Effi wieder sagte: "Hast du dir das alles ueberlegt? Denn
+du bist doch - ich muss das sagen, wiewohl es meine eigne Wirtschaft
+war -, du bist doch nun durch viele Jahre hin verwoehnt, und es kam
+nie darauf an, wir hatten es nicht noetig, sparsam zu sein; aber jetzt
+muss ich sparsam sein, denn ich bin arm und habe nur, was man mir
+gibt, du weisst, von Hohen-Cremmen her. Meine Eltern sind sehr gut
+gegen mich, soweit sie's koennen, aber sie sind nicht reich. Und nun
+sage, was meinst du?"
+
+"Dass ich naechsten Sonnabend mit meinem Koffer anziehe, nicht am
+Abend, sondern gleich am Morgen, und dass ich da bin, wenn das
+Einrichten losgeht. Denn ich kann doch ganz anders zufassen wie die
+gnaedige Frau."
+
+"Sage das nicht, Roswitha. Ich kann es auch. Wenn man muss, kann man
+alles."
+
+"Und dann, gnaedigste Frau, Sie brauchen sich wegen meiner nicht zu
+fuerchten, als ob ich mal denken koennte: 'fuer Roswitha ist das nicht
+gut genug'. Fuer Roswitha ist alles gut, was sie mit der gnaedigen
+Frau teilen muss, und am liebsten, wenn es was Trauriges ist. Ja,
+darauf freue ich mich schon ordentlich. Dann sollen Sie mal sehen, das
+verstehe ich. Und wenn ich es nicht verstuende, dann wollte ich es
+schon lernen. Denn, gnaedige Frau, das hab' ich nicht vergessen, als
+ich da auf dem Kirchhof sass, mutterwindallein, und bei mir dachte,
+nun waere es doch wohl das beste, ich laege da gleich mit in der
+Reihe. Wer kam da? Wer hat mich da bei Leben erhalten? Ach, ich habe
+so viel durchzumachen gehabt. Als mein Vater damals mit der gluehenden
+Stange auf mich loskam ..."
+
+"Ich weiss schon, Roswitha ..."
+
+"Ja, das war schlimm genug. Aber als ich da auf dem Kirchhof sass,
+so ganz arm und verlassen, das war doch noch schlimmer. Und da kam
+die gnaedige Frau. Und ich will nicht selig werden, wenn ich das
+vergesse."
+
+Und dabei stand sie auf und ging aufs Fenster zu. "Sehen Sie, gnaedige
+Frau, den muessen Sie doch auch noch sehen."
+
+Und nun trat auch Effi heran.
+
+Drueben, auf der anderen Seite der Strasse, sass Rollo und sah nach
+den Fenstern der Pension hinauf.
+
+Wenige Tage danach bezog Effi, von Roswitha unterstuetzt, ihre Wohnung
+in der Koeniggraetzer Strasse, darin es ihr von Anfang an gefiel.
+Umgang fehlte freilich, aber sie hatte waehrend ihrer Pensionstage
+von dem Verkehr mit Menschen so wenig Erfreuliches gehabt, dass ihr
+das Alleinsein nicht schwerfiel, wenigstens anfaenglich nicht. Mit
+Roswitha liess sich allerdings kein aesthetisches Gespraech fuehren,
+auch nicht mal sprechen ueber das, was in der Zeitung stand; aber wenn
+es einfach menschliche Dinge betraf und Effi mit einem "ach, Roswitha,
+mich aengstigt es wieder ..." ihren Satz begann, dann wusste die treue
+Seele jedesmal gut zu antworten und hatte immer Trost und meist auch
+Rat.
+
+Bis Weihnachten ging es vorzueglich; aber der Heiligabend verlief
+schon recht traurig, und als das neue Jahr herankam, begann Effi ganz
+schwermuetig zu werden. Es war nicht kalt, nur grau und regnerisch,
+und wenn die Tage kurz waren, so waren die Abende desto laenger. Was
+tun? Sie las, sie stickte, sie legte Patience, sie spielte Chopin,
+aber diese Notturnos waren auch nicht angetan, viel Licht in ihr Leben
+zu tragen, und wenn Roswitha mit dem Teebrett kam und ausser dem
+Teezeug auch noch zwei Tellerchen mit einem Ei und einem in kleine
+Scheiben geschnittenen Wiener Schnitzel auf den Tisch setzte, sagte
+Effi, waehrend sie das Piano schloss: "Ruecke heran, Roswitha. Leiste
+mir Gesellschaft."
+
+Roswitha kam denn auch. "Ich weiss schon, die gnaedige Frau haben
+wieder zuviel gespielt; dann sehen Sie immer so aus und haben rote
+Flecke. Der Geheimrat hat es doch verboten."
+
+"Ach, Roswitha, der Geheimrat hat leicht verbieten, und du hast es
+auch leicht, all das nachzusprechen. Aber was soll ich denn machen?
+Ich kann doch nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der
+Christuskirche hin uebersehen. Sonntags, beim Abendgottesdienst, wenn
+die Fenster beleuchtet sind, sehe ich ja immer hinueber; aber es hilft
+mir auch nichts, mir wird dann immer noch schwerer ums Herz."
+
+"Ja, gnaedige Frau, dann sollten Sie mal hineingehen. Einmal waren Sie
+ja schon drueben."
+
+"O schon oefters. Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er predigt
+ganz gut und ist ein sehr kluger Mann, und ich waere froh, wenn ich
+das Hundertste davon wuesste. Aber es ist doch alles bloss, wie wenn
+ich ein Buch lese; und wenn er dann so laut spricht und herumficht und
+seine schwarzen Locken schuettelt, dann bin ich aus meiner Andacht
+heraus."
+
+"Heraus?"
+
+Effi lachte. "Du meinst, ich war noch gar nicht drin. Und es wird
+wohl so sein. Aber an wem liegt das? Das liegt doch nicht an mir. Er
+spricht immer soviel vom Alten Testament. Und wenn es auch ganz gut
+ist, es erbaut mich nicht. Ueberhaupt all das Zuhoeren; es ist nicht
+das Rechte. Sieh, ich muesste so viel zu tun haben, dass ich nicht
+ein noch aus wuesste. Das waere was fuer mich. Da gibt es so Vereine,
+wo junge Maedchen die Wirtschaft lernen, oder Naehschulen oder
+Kindergaertnerinnen. Hast du nie davon gehoert?"
+
+"Ja, ich habe mal davon gehoert. Anniechen sollte mal in einen
+Kindergarten."
+
+"Nun, siehst du, du weisst es besser als ich. Und in solchen Verein,
+wo man sich nuetzlich machen kann, da moechte ich eintreten. Aber
+daran ist gar nicht zu denken; die Damen nehmen mich nicht an und
+koennen es auch nicht. Und das ist das schrecklichste, dass einem die
+Welt so zu ist und dass es sich einem sogar verbietet, bei Gutem mit
+dabeizusein. Ich kann nicht mal armen Kindern eine Nachhilfestunde
+geben ..."
+
+"Das waere auch nichts fuer Sie, gnaedige Frau; die Kinder haben immer
+so fettige Stiefel an, und wenn es nasses Wetter ist'- das ist dann
+solch Dunst und Schmook, das halten die gnaedige Frau gar nicht aus."
+
+Effi laechelte. "Du wirst wohl recht haben, Roswitha; aber es ist
+schlimm, dass du recht hast, und ich sehe daran, dass ich noch zu viel
+von dem alten Menschen in mir habe und dass es mir noch zu gut geht."
+
+Davon wollte aber Roswitha nichts wissen. "Wer so gut ist wie gnaedige
+Frau, dem kann es gar nicht zu gut gehen. Und Sie muessen nur nicht
+immer so was Trauriges spielen, und mitunter denke ich mir, es wird
+alles noch wieder gut, und es wird sich schon was finden."
+
+Und es fand sich auch was. Effi, trotz der Kantorstochter aus Polzin,
+deren Kuenstlerduenkel ihr immer noch als etwas Schreckliches
+vorschwebte, wollte Malerin werden, und wiewohl sie selber darueber
+lachte, weil sie sich bewusst war, ueber eine unterste Stufe des
+Dilettantismus nie hinauskommen zu koennen, so griff sie doch mit
+Passion danach, weil sie nun eine Beschaeftigung hatte, noch dazu
+eine, die, weil still und geraeuschlos, ganz nach ihrem Herzen war.
+Sie meldete sich denn auch bei einem ganz alten Malerprofessor, der in
+der maerkischen Aristokratie sehr bewandert und zugleich so fromm war,
+dass ihm Effi von Anfang an ans Herz gewachsen erschien. Hier, so
+gingen wohl seine Gedanken, war eine Seele zu retten, und so kam er
+ihr, als ob sie seine Tochter gewesen waere, mit einer ganz besonderen
+Liebenswuerdigkeit entgegen. Effi war sehr gluecklich darueber, und
+der Tag ihrer ersten Malstunde bezeichnete fuer sie einen Wendepunkt
+zum Guten Ihr armes Leben war nun nicht so arm mehr, und Roswitha
+triumphierte, dass sie recht gehabt und sich nun doch etwas gefunden
+habe.
+
+Das ging so Jahr und Tag und darueber hinaus. Aber dass sie nun wieder
+eine Beruehrung mit den Menschen hatte, wie sie's beglueckte, so liess
+es auch wieder den Wunsch in ihr entstehen, dass diese Beruehrungen
+sich erneuern und mehren moechten. Sehnsucht nach Hohen-Cremmen
+erfasste sie mitunter mit einer wahren Leidenschaft, und noch
+leidenschaftlicher sehnte sie sich danach, Annie wiederzusehen. Es war
+doch ihr Kind, und wenn sie dem nachhing und sich gleichzeitig der
+Trippelli erinnerte, die mal gesagt hatte, die Welt sei so klein,
+und in Mittelafrika koenne man sicher sein, ploetzlich einem alten
+Bekannten zu begegnen, so war sie mit Recht verwundert, Annie noch nie
+getroffen zu haben. Aber auch das sollte sich eines Tages aendern. Sie
+kam aus der Malstunde, dicht am Zoologischen Garten, und stieg, nahe
+dem Halteplatz, in einen die lange Kurfuerstenstrasse passierenden
+Pferdebahnwagen ein. Es war sehr heiss, und die herabgelassenen
+Vorhaenge, die bei dem starken Luftzuge, der ging, hin und her
+bauschten, taten ihr wohl. Sie lehnte sich in die dem Vorderperron
+zugekehrte Ecke und musterte eben mehrere in eine Glasscheibe
+eingebrannte Sofas, blau mit Quasten und Puscheln daran, als sie -
+der Wagen war gerade in einem langsamen Fahren - drei Schulkinder
+aufspringen sah, die Mappen auf dem Ruecken, mit kleinen spitzen
+Hueten, zwei blond und ausgelassen, die dritte dunkel und ernst. Es
+war Annie. Effi fuhr heftig zusammen, und eine Begegnung mit dem Kinde
+zu haben, wonach sie sich doch so lange gesehnt, erfuellte sie jetzt
+mit einer wahren Todesangst. Was tun? Rasch entschlossen oeffnete sie
+die Tuer zu dem Vorderperron, auf dem niemand stand als der Kutscher,
+und bat diesen, sie bei der naechsten Haltestelle vorn absteigen zu
+lassen. "Is verboten, Fraeulein", sagte der Kutscher; sie gab ihm aber
+ein Geldstueck und sah ihn so bittend an, dass der gutmutige Mensch
+anderen Sinnes wurde und vor sich hin sagte: "Sind soll es eigentlich
+nich; aber es wird ja woll mal gehen." Und als der Wagen hielt, nahm
+er das Gitter aus, und Effi sprang ab.
+
+Noch in grosser Erregung kam Effi nach Hause.
+
+"Denke dir, Roswitha, ich habe Annie gesehen." Und nun erzaehlte sie
+von der Begegnung in dem Pferdebahnwagen. Roswitha war unzufrieden,
+dass Mutter und Tochter keine Wiedersehensszene gefeiert hatten, und
+liess sich nur ungern ueberzeugen, dass das in Gegenwart so vieler
+Menschen nicht wohl angegangen sei. Dann musste Effi erzaehlen, wie
+Annie ausgesehen habe, und als sie das mit muetterlichem Stolz getan,
+sagte Roswitha: "Ja, sie ist so halb und halb. Das Huebsche und, wenn
+ich es sagen darf, das Sonderbare, das hat sie von der Mama; aber das
+Ernste, das ist ganz der Papa. Und wenn ich mir so alles ueberlege,
+ist die doch wohl mehr wie der gnaedige Herr."
+
+"Gott sei Dank!" sagte Effi.
+
+"Na, gnaed'ge Frau, das ist nu doch auch noch die Frage. Und da wird
+ja wohl mancher sein, der mehr fuer die Mama ist." "Glaubst du,
+Roswitha? Ich glaube es nicht."
+
+"Na, na, ich lasse mir nichts vormachen, und ich glaube, die gnaedige
+Frau weiss auch ganz gut, wie's eigentlich ist und was die Maenner am
+liebsten haben."
+
+"Ach, sprich nicht davon, Roswitha."
+
+Damit brach das Gespraech ab und wurde auch nicht wieder aufgenommen.
+Aber Effi, wenn sie's auch vermied, grade ueber Annie mit Roswitha zu
+sprechen, konnte die Begegnung in ihrem Herzen doch nicht verwinden
+und litt unter der Vorstellung, vor ihrem eigenen Kind geflohen zu
+sein. Es quaelte sie bis zur Beschaemung, und das Verlangen nach einer
+Begegnung mit Annie steigerte sich bis zum Krankhaften. An Innstetten
+schreiben und ihn darum bitten, das war nicht moeglich. Ihrer Schuld
+war sie sich wohl bewusst, sie naehrte das Gefuehl davon mit einer
+halb leidenschaftlichen Geflissentlichkeit; aber inmitten ihres
+Schuldbewusstseins fuehlte sie sich andererseits auch von einer
+gewissen Auflehnung gegen Innstetten erfuellt. Sie sagte sich, er
+hatte recht und noch einmal und noch einmal, und zuletzt hatte er
+doch unrecht. Alles Geschehene lag so weit zurueck, ein neues Leben
+hatte begonnen; er haette es koennen verbluten lassen, statt dessen
+verblutete der arme Crampas.
+
+Nein, an Innstetten schreiben, das ging nicht; aber Annie wollte
+sie sehen und sprechen und an ihr Herz druecken, und nachdem sie's
+tagelang ueberlegt hatte, stand ihr fest, wie's am besten zu machen
+sei.
+
+Gleich am andern Vormittag kleidete sie sich sorgfaeltig in ein
+dezentes Schwarz und ging auf die Linden zu, sich hier bei der
+Ministerin melden zu lassen. Sie schickte ihre Karte herein, auf der
+nur stand: Effi von Innstetten geb. von Briest. Alles andere war
+fortgelassen, auch die Baronin. "Exzellenz lassen bitten", und Effi
+folgte dem Diener bis in ein Vorzimmer, wo sie sich niederliess und
+trotz der Erregung, in der sie sich befand, den Bilderschmuck an den
+Waenden musterte. Da war zunaechst Guido Renis Aurora, gegenueber
+aber hingen englische Kupferstiche, Stiche nach Benjamin West, in der
+bekannten Aquatinta-Manier von viel Licht und Schatten. Eines der
+Bilder war Koenig Lear im Unwetter auf der Heide.
+
+Effi hatte ihre Musterung kaum beendet, als die Tuer des angrenzenden
+Zimmers sich oeffnete und eine grosse, schlanke Dame von einem sofort
+fuer sie einnehmenden Ausdruck auf die Bittstellerin zutrat und ihr
+die Hand reichte. "Meine liebe, gnaedigste Frau", sagte sie, "welche
+Freude fuer mich, Sie wiederzusehen ..."
+
+Und waehrend sie das sagte, schritt sie auf das Sofa zu und zog Effi,
+waehrend sie selber Platz nahm, zu sich nieder.
+
+Effi war bewegt durch die sich in allem aussprechende Herzensguete.
+Keine Spur von Ueberheblichkeit oder Vorwurf, nur menschlich schoene
+Teilnahme. "Womit kann ich Ihnen dienen?" nahm die Ministerin noch
+einmal das Wort.
+
+Um Effis Mund zuckte es. Endlich sagte sie. "Was mich herfuehrt, ist
+eine Bitte, deren Erfuellung Exzellenz vielleicht moeglich machen. Ich
+habe eine zehnjaehrige Tochter, die ich seit drei Jahren nicht gesehen
+habe und gern wiedersehen moechte."
+
+Die Ministerin nahm Effis Hand und sah sie freundlich an. "Wenn ich
+sage, in drei Jahren nicht gesehen, so ist das nicht ganz richtig. Vor
+drei Tagen habe ich sie wiedergesehen." Und nun schilderte Effi mit
+grosser Lebendigkeit die Begegnung, die sie mit Annie gehabt hatte.
+"Vor meinem eigenen Kinde auf der Flucht. Ich weiss wohl, man liegt,
+wie man sich bettet, und ich will nichts aendern in meinem Leben. Wie
+es ist, so ist es recht; ich habe es nicht anders gewollt. Aber das
+mit dem Kinde, das ist doch zu hart, und so habe ich denn den Wunsch,
+es dann und wann sehen zu duerfen, nicht heimlich und verstohlen,
+sondern mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten."
+
+"Unter Wissen und Zustimmung aller Beteiligten", wiederholte die
+Ministerin Effis Worte. "Das heisst also unter Zustimmung Ihres Herrn
+Gemahls. Ich sehe, dass seine Erziehung dahin geht, das Kind von der
+Mutter fernzuhalten, ein Verfahren, ueber das ich mir kein Urteil
+erlaube. Vielleicht, dass er recht hat; verzeihen Sie mir diese
+Bemerkung, gnaedige Frau."
+
+Effi nickte.
+
+"Sie finden sich selbst in der Haltung Ihres Herrn Gemahls zurecht und
+verlangen nur, dass einem natuerlichen Gefuehl, wohl dem schoensten
+unserer Gefuehle (wenigstens wir Frauen werden uns darin finden), sein
+Recht werde. Treff ich es darin?"
+
+"In allem."
+
+"Und so soll ich denn die Erlaubnis zu gelegentlichen Begegnungen
+erwirken, in Ihrem Hause, wo Sie versuchen koennen, sich das Herz
+Ihres Kindes zurueckzuerobern."
+
+Effi drueckte noch einmal ihre Zustimmung aus, waehrend die Ministerin
+fortfuhr: "Ich werde also tun, meine gnaedigste Frau, was Ich tun
+kann. Aber wir werden es nicht eben leicht haben. Ihr Herr Gemahl,
+verzeihen Sie, dass ich ihn nach wie vor so nenne, ist ein Mann der
+nicht nach Stimmungen und Laune, sondern nach Grundsaetzen handelt
+und diese fallenzulassen oder auch nur momentan aufzugeben, wird
+ihn hart ankommen. Laeg' es nicht so, so waere seine Handlungs- und
+Erziehungsweise laengst eine andere gewesen. Das, was hart fuer Ihr
+Herz ist, haelt er fuer richtig."
+
+"So meinen Exzellenz vielleicht, es waere besser, meine Bitte
+zurueckzunehmen?"
+
+"Doch nicht. Ich wollte nur das Tun Ihres Herrn Gemahls erklaeren, um
+nicht zu sagen rechtfertigen, und wollte zugleich die Schwierigkeiten
+andeuten, auf die wir aller Wahrscheinlichkeit nach stossen werden.
+Aber ich denke, wir zwingen es trotzdem. Denn wir Frauen, wenn wir's
+klug einleiten und den Bogen nicht ueberspannen, wissen mancherlei
+durchzusetzen. Zudem gehoert Ihr Herr Gemahl zu meinen besonderen
+Verehrern, und er wird mir eine Bitte, die ich an ihn richte, nicht
+wohl abschlagen. Wir haben morgen einen kleinen Zirkel, auf dem ich
+ihn sehe, und uebermorgen frueh haben Sie ein paar Zeilen von mir, die
+Ihnen sagen werden, ob ich's klug, das heisst gluecklich eingeleitet
+oder nicht. Ich denke, wir siegen in der Sache, und Sie werden Ihr
+Kind wiedersehen und sich seiner freuen. Es soll ein sehr schoenes
+Maedchen sein. Nicht zu verwundern."
+
+
+
+Dreiunddreissigstes Kapitel
+
+Am zweitfolgenden Tage trafen, wie versprochen, einige Zeilen ein, und
+Effi las: "Es freut mich, liebe gnaedige Frau, Ihnen gute Nachricht
+geben zu koennen. Alles ging nach Wunsch; Ihr Herr Gemahl ist zu
+sehr Mann von Welt, um einer Dame eine von ihr vorgetragene Bitte
+abschlagen zu koennen; zugleich aber - auch das darf ich Ihnen nicht
+verschweigen -, ich sah deutlich, dass sein 'Ja' nicht dem entsprach,
+was er fuer klug und recht haelt. Aber kritteln wir nicht, wo wir uns
+freuen sollen. Ihre Annie, so haben wir es verabredet, wird ueber
+Mittag kommen, und ein guter Stern stehe ueber Ihrem Wiedersehen."
+
+Es war mit der zweiten Post, dass Effi diese Zeilen empfing, und bis
+zu Annies Erscheinen waren mutmasslich keine zwei Stunden mehr. Eine
+kurze Zeit, aber immer noch zu lang, und Effi schritt in Unruhe durch
+beide Zimmer und dann wieder in die Kueche, wo sie mit Roswitha von
+allem moeglichen sprach: von dem Efeu drueben an der Christuskirche,
+naechstes Jahr wuerden die Fenster wohl ganz zugewachsen sein, von dem
+Portier, der den Gashahn wieder so schlecht zugeschraubt habe (sie
+wuerden doch noch naechstens in die Luft fliegen), und dass sie das
+Petroleum doch lieber wieder aus der grossen Lampenhandlung Unter den
+Linden als aus der Anhaltstrasse holen solle - von allem moeglichen
+sprach sie, nur von Annie nicht, weil sie die Furcht nicht aufkommen
+lassen wollte, die trotz der Zeilen der Ministerin, oder vielleicht
+auch um dieser Zeilen willen, in ihr lebte.
+
+Nun war Mittag. Endlich wurde geklingelt, schuechtern, und Roswitha
+ging, um durch das Guckloch zu sehen. Richtig, es war Annie. Roswitha
+gab dem Kinde einen Kuss, sprach aber sonst kein Wort, und ganz leise,
+wie wenn ein Kranker im Hause waere, fuehrte sie das Kind vom Korridor
+her erst in die Hinterstube und dann bis an die nach vorn fuehrende
+Tuer.
+
+"Da geh hinein, Annie." Und unter diesen Worten, sie wollte nicht
+stoeren, liess sie das Kind allein und ging wieder auf die Kueche zu.
+
+Effi stand am andern Ende des Zimmers, den Ruecken gegen den
+Spiegelpfeiler, als das Kind eintrat. "Annie!" Aber Annie blieb an
+der nur angelehnten Tuer stehen, halb verlegen, aber halb auch mit
+Vorbedacht, und so eilte denn Effi auf das Kind zu, hob es in die
+Hoehe und kuesste es.
+
+"Annie, mein suesses Kind, wie freue ich mich. Komm, erzaehle mir",
+und dabei nahm sie Annie bei der Hand und ging auf das Sofa zu, um
+sich da zu setzen. Annie stand aufrecht und griff, waehrend sie die
+Mutter immer noch scheu ansah, mit der Linken nach dem Zipfel der
+herabhaengenden Tischdecke. "Weisst du wohl, Annie, dass ich dich
+einmal gesehen habe?"
+
+"Ja, mir war es auch so."
+
+"Und nun erzaehle mir recht viel. Wie gross du geworden bist! Und das
+ist die Narbe da; Roswitha hat mir davon erzaehlt. Du warst immer so
+wild und ausgelassen beim Spielen. Das hast du von deiner Mama, die
+war auch so. Und in der Schule? Ich denke mir, du bist immer die
+Erste, du siehst mir so aus, als muesstest du eine Musterschuelerin
+sein und immer die besten Zensuren nach Hause bringen. Ich habe auch
+gehoert, dass dich das Fraeulein von Wedelstaedt so gelobt haben soll.
+Das ist recht; ich war auch so ehrgeizig, aber ich hatte nicht solche
+gute Schule. Mythologie war immer mein Bestes. Worin bist du denn am
+besten?"
+
+"Ich weiss es nicht."
+
+"Oh, du wirst es schon wissen. Das weiss man. Worin hast du denn die
+beste Zensur?"
+
+"In der Religion."
+
+"Nun, siehst du, da weiss ich es doch. Ja, das ist sehr schoen; ich
+war nicht so gut darin, aber es wird wohl auch an dem Unterricht
+gelegen haben. Wir hatten bloss einen Kandidaten."
+
+"Wir hatten auch einen Kandidaten." "Und der ist fort?"
+
+Annie nickte.
+
+"Warum ist er fort?"
+
+"Ich weiss es nicht. Wir haben nun wieder den Prediger." "Den ihr alle
+sehr liebt."
+
+"Ja; zwei aus der ersten Klasse wollen auch uebertreten." "Ah, ich
+verstehe; das ist schoen. Und was macht Johanna?" "Johanna hat mich
+bis vor das Haus begleitet ..."
+
+"Und warum hast du sie nicht mit heraufgebracht?"
+
+"Sie sagte, sie wolle lieber unten bleiben und an der Kirche drueben
+warten."
+
+"Und da sollst du sie wohl abholen?" "Ja."
+
+"Nun, sie wird da hoffentlich nicht ungeduldig werden. Es ist ein
+kleiner Vorgarten da, und die Fenster sind schon halb von Efeu
+ueberwachsen, als ob es eine alte Kirche waere."
+
+"Ich moechte sie aber doch nicht gerne warten lassen ..." "Ach, ich
+sehe, du bist sehr ruecksichtsvoll, und darueber werde ich mich wohl
+freuen muessen. Man muss es nur richtig einteilen ... Und nun sage mir
+noch, was macht Rollo?"
+
+"Rollo ist sehr gut. Aber Papa sagt, er wuerde so faul; er liegt immer
+in der Sonne."
+
+"Das glaub ich. So war er schon, als du noch ganz klein warst ...
+Und nun sage mir, Annie - denn heute haben wir uns ja bloss so mal
+wiedergesehen -, wirst du mich oefter besuchen?"
+
+"O gewiss, wenn ich darf."
+
+"Wir koennen dann in dem Prinz Albrechtschen Garten spazierengehen."
+
+"O gewiss, wenn ich darf."
+
+"Oder wir gehen zu Schilling und essen Eis, Ananas- oder Vanilleeis,
+das ass ich immer am liebsten."
+
+"O gewiss, wenn ich darf."
+
+Und bei diesem dritten "wenn ich darf" war das Mass voll; Effi sprang
+auf, und ein Blick, in dem es wie Empoerung aufflammte, traf das Kind.
+"Ich glaube, es ist die hoechste Zeit, Annie; Johanna wird sonst
+ungeduldig." Und sie zog die Klingel. Roswitha, die schon im
+Nebenzimmer war, trat gleich ein. "Roswitha, gib Annie das Geleit bis
+drueben zur Kirche. Johanna wartet da. Hoffentlich hat sie sich nicht
+erkaeltet. Es sollte mir leid tun. Gruesse Johanna."
+
+Und nun gingen beide.
+
+Kaum aber, dass Roswitha draussen die Tuer ins Schloss gezogen hatte,
+so riss Effi, weil sie zu ersticken drohte, ihr Kleid auf und verfiel
+in ein krampfhaftes Lachen. "So also sieht ein Wiedersehen aus", und
+dabei stuerzte sie nach vorn, oeffnete die Fensterfluegel und suchte
+nach etwas, das ihr beistehe. Und sie fand auch was in der Not ihres
+Herzens. Da neben dem Fenster war ein Buecherbrett, ein paar Baende
+von Schiller und Koerner darauf, und auf den Gedichtbuechern, die alle
+gleiche Hoehe hatten, lag eine Bibel und ein Gesangbuch. Sie griff
+danach, weil sie was haben musste, vor dem sie knien und beten konnte,
+und legte Bibel und Gesangbuch auf den Tischrand, gerade da, wo Annie
+gestanden hatte, und mit einem heftigen Ruck warf sie sich davor
+nieder und sprach halblaut vor sich hin: "O du Gott im Himmel, vergib
+mir, was ich getan; ich war ein Kind ... Aber nein, nein, ich war kein
+Kind, ich war alt genug, um zu wissen, was ich tat. Ich hab es auch
+gewusst, und ich will meine Schuld nicht kleiner machen, ... aber das
+ist zuviel. Denn das hier, mit dem Kinde, das bist nicht du, Gott, der
+mich strafen will, das ist er, bloss er! Ich habe geglaubt, dass er
+ein edles Herz habe, und habe mich immer klein neben ihm gefuehlt;
+aber jetzt weiss ich, dass er es ist, er ist klein. Und weil er klein
+ist, ist er grausam. Alles, was klein ist, ist grausam. Das hat er dem
+Kinde beigebracht, ein Schulmeister war er immer, Crampas hat ihn so
+genannt, spoettisch damals, aber er hat recht gehabt. '0 gewiss, wenn
+ich darf.' Du brauchst nicht zu duerfen; ich will euch nicht mehr,
+ich hasse euch, auch mein eigen Kind. Was zuviel ist, ist zuviel. Ein
+Streber war er, weiter nichts. - Ehre, Ehre, Ehre ... und dann hat er
+den armen Kerl totgeschossen, den ich nicht einmal liebte und den ich
+vergessen hatte, weil ich ihn nicht liebte. Dummheit war alles, und
+nun Blut und Mord. Und ich schuld. Und nun schickt er mir das Kind,
+weil er einer Ministerin nichts abschlagen kann, und ehe er das Kind
+schickt, richtet er's ab wie einen Papagei und bringt ihm die Phrase
+bei 'wenn ich darf'. Mich ekelt, was ich getan; aber was mich noch
+mehr ekelt, das ist eure Tugend. Weg mit euch. Ich muss leben, aber
+ewig wird es ja wohl nicht dauern."
+
+Als Roswitha wiederkam, lag Effi am Boden, das Gesicht abgewandt, wie
+leblos.
+
+
+
+Vierunddreissigstes Kapitel
+
+Rummschuettel, als er gerufen wurde, fand Effis Zustand nicht
+unbedenklich. Das Hektische, das er seit Jahr und Tag an ihr
+beobachtete, trat ihm ausgesprochener als frueher entgegen, und was
+schlimmer war, auch die ersten Zeichen eines Nervenleidens waren da.
+Seine ruhig freundliche Weise aber, der er einen Beisatz von Laune zu
+geben wusste, tat Effi wohl, und sie war ruhig, solange Rummschuettel
+um sie war. Als er schliesslich ging, begleitete Roswitha den alten
+Herrn bis in den Vorflur und sagte: "Gott, Herr Geheimrat, mir ist so
+bange; wenn es nu mal wiederkommt, und es kann doch; Gott - da hab'
+ich ja keine ruhige Stunde mehr. Es war aber doch auch zuviel, das mit
+dem Kind. Die arme gnaedige Frau. Und noch so jung, wo manche erst
+anfangen."
+
+"Lassen Sie nur, Roswitha. Kann noch alles wieder werden. Aber sie
+muss fort. Wir wollen schon sehen. Andere Luft, andere Menschen."
+
+Den zweiten Tag danach traf ein Brief in Hohen-Cremmen ein, der
+lautete: "Gnaedigste Frau! Meine alten freundschaftlichen Beziehungen
+zu den Haeusern Briest und Belling und nicht zum wenigsten die
+herzliche Liebe, die ich zu Ihrer Frau Tochter hege, werden diese
+Zeilen rechtfertigen. Es geht so nicht weiter. Ihre Frau Tochter, wenn
+nicht etwas geschieht, das sie der Einsamkeit und dem Schmerzlichen
+ihres nun seit Jahren gefuehrten Lebens entreisst, wird schnell
+hinsiechen. Eine Disposition zu Phtisis war immer da, weshalb ich
+schon vorjahren Ems verordnete; zu diesem alten Uebel hat sich nun ein
+neues gesellt: Ihre Nerven zehren sich auf. Dem Einhalt zu tun, ist
+ein Luftwechsel noetig. Aber wohin? Es wuerde nicht schwer sein, in
+den schlesischen Baedern eine Auswahl zu treffen, Salzbrunn gut, und
+Reinerz, wegen der Nervenkomplikation, noch besser. Aber es darf
+nur Hohen-Cremmen sein. Denn, meine gnaedigste Frau, was Ihrer Frau
+Tochter Genesung bringen kann, ist nicht Luft allein; sie siecht
+hin, weil sie nichts hat als Roswitha. Dienertreue ist schoen,
+aber Elternliebe ist besser. Verzeihen Sie einem alten Manne dies
+Sicheinmischen in Dinge, die jenseits seines aerztlichen Berufes
+liegen. Und doch auch wieder nicht, denn es ist schliesslich auch der
+Arzt, der hier spricht und seiner Pflicht nach, verzeihen Sie dies
+Wort, Forderungen stellt ... Ich habe so viel vom Leben gesehen ...
+aber nichts mehr in diesem Sinne. Mit der Bitte, mich Ihrem Herrn
+Gemahl empfehlen zu wollen, in vorzueglicher Ergebenheit Doktor
+Rummschuettel." Frau von Briest hatte den Brief ihrem Manne
+vorgelesen; beide sassen auf dem schattigen Steinfliesengang, den
+Gartensaal im Ruecken, das Rondell mit der Sonnenuhr vor sich. Der
+um die Fenster sich rankende wilde Wein bewegte sich leise in dem
+Luftzug, der ging, und ueber dem Wasser standen ein paar Libellen im
+hellen Sonnenschein.
+
+Briest schwieg und trommelte mit dem Finger auf dem Teebrett. "Bitte,
+trommle nicht; sprich lieber."
+
+"Ach, Luise, was soll ich sagen. Dass ich trommle, sagt gerade genug.
+Du weisst seit Jahr und Tag, wie ich darueber denke. Damals, als
+Innstettens Brief kam, ein Blitz aus heiterem Himmel, damals war ich
+deiner Meinung. Aber das ist nun schon wieder eine halbe Ewigkeit her;
+soll ich hier bis an mein Lebensende den Grossinquisitor spielen? Ich
+kann dir sagen, ich hab es seit langem satt ..."
+
+"Mache mir keine Vorwuerfe, Briest; ich liebe sie so wie du,
+vielleicht noch mehr, jeder hat seine Art. Aber man lebt doch nicht
+bloss in der Welt, um schwach und zaertlich zu sein und alles mit
+Nachsicht zu behandeln, was gegen Gesetz und Gebot ist und was die
+Menschen verurteilen und, vorlaeufig wenigstens, auch noch - mit Recht
+verurteilen."
+
+"Ach was. Eins geht vor."
+
+"Natuerlich, eins geht vor; aber was ist das eine?"
+
+"Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Und wenn man gar bloss eines hat
+..."
+
+"Dann ist es vorbei mit Katechismus und Moral und mit dem Anspruch der
+'Gesellschaft'."
+
+"Ach, Luise, komme mir mit Katechismus, soviel du willst; aber komme
+mir nicht mit 'Gesellschaft'."
+
+"Es ist sehr schwer, sich ohne Gesellschaft zu behelfen." "Ohne Kind
+auch. Und dann glaube mir, Luise, die 'Gesellschaft', wenn sie nur
+will, kann auch ein Auge zudruecken. Und ich stehe so zu der Sache:
+Kommen die Rathenower, so ist es gut, und kommen sie nicht, so ist es
+auch gut. Ich werde ganz einfach telegrafieren: 'Effi komm.' Bist du
+einverstanden?" Sie stand auf und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
+"Natuerlich bin ich's. Du solltest mir nur keinen Vorwurf machen. Ein
+leichter Schritt ist es nicht. Und unser Leben wird von Stund an ein
+anderes."
+
+"Ich kann's aushalten. Der Raps steht gut, und im Herbst kann ich
+einen Hasen hetzen. Und der Rotwein schmeckt mir noch. Und wenn ich
+das Kind erst wieder im Hause habe, dann schmeckt er mir noch besser
+... Und nun will ich das Telegramm schicken."
+
+Effi war nun schon ueber ein halbes Jahr in Hohen-Cremmen; sie
+bewohnte die beiden Zimmer im ersten Stock, die sie schon frueher,
+wenn sie zu Besuch da war, bewohnt hatte; das groessere war fuer sie
+persoenlich hergerichtet, nebenan schlief Roswitha. Was Rummschuettel
+von diesem Aufenthalt und all dem andern Guten erwartet hatte, das
+hatte sich auch erfuellt, soweit sich's erfuellen konnte. Das Huesteln
+liess nach, der herbe Zug, der das so guetige Gesicht um ein gut Teil
+seines Liebreizes gebracht hatte, schwand wieder hin, und es kamen
+Tage, wo sie wieder lachen konnte. Von Kessin und allem, was da
+zuruecklag, wurde wenig gesprochen, mit alleiniger Ausnahme von Frau
+von Padden und natuerlich von Gieshuebler, fuer den der alte Briest
+eine lebhafte Vorliebe hatte. "Dieser Alonzo, dieser Preciosaspanier,
+der einen Mirambo beherbergt und eine Trippelli grosszieht - ja, das
+muss ein Genie sein, das lass ich mir nicht ausreden." Und dann musste
+sich Effi bequemen, ihm den ganzen Gieshuebler, mit dem Hut in der
+Hand und seinen endlosen Artigkeitsverbeugungen, vorzuspielen, was
+sie, bei dem ihr eigenen Nachahmungstalent, sehr gut konnte, trotzdem
+aber ungern tat, weil sie's allemal als ein Unrecht gegen den guten
+und lieben Menschen empfand. - Von Innstetten und Annie war nie die
+Rede, wiewohl feststand, dass Annie Erbtochter sei und Hohen-Cremmen
+ihr zufallen wuerde. Ja, Effi lebte wieder auf, und die Mama, die nach
+Frauenart nicht ganz abgeneigt war, die ganze Sache, so schmerzlich
+sie blieb, als einen interessanten Fall anzusehen, wetteiferte mit
+ihrem Manne in Liebes- und Aufmerksamkeitsbezeugungen.
+
+"Solchen Winter haben wir lange nicht gehabt", sagte Briest. Und dann
+erhob sich Effi von ihrem Platz und streichelte ihm das spaerliche
+Haar aus der Stirn. Aber so schoen das alles war, auf Effis Gesundheit
+hin angesehen, war es doch alles nur Schein, in Wahrheit ging die
+Krankheit weiter und zehrte still das Leben auf. Wenn Effi - die
+wieder, wie damals an ihrem Verlobungstag mit Innstetten, ein blau und
+weiss gestreiftes Kittelkleid mit einem losen Guertel trug - rasch
+und elastisch auf die Eltern zutrat, um ihnen einen guten Morgen zu
+bieten, so sahen sich diese freudig verwundert an, freudig verwundert,
+aber doch auch wehmuetig, weil ihnen nicht entgehen konnte, dass
+es nicht die helle Jugend, sondern eine Verklaertheit war, was der
+schlanken Erscheinung und den leuchtenden Augen diesen eigentuemlichen
+Ausdruck gab. Alle, die schaerfer zusahen, sahen dies, nur Effi selbst
+sah es nicht und lebte ganz dem Gluecksgefuehle, wieder an dieser fuer
+sie so freundlich friedreichen Stelle zu sein, in Versoehnung mit
+denen, die sie immer geliebt hatte und von denen sie immer geliebt
+worden war, auch in den Jahren ihres Elends und ihrer Verbannung.
+
+Sie beschaeftigte sich mit allerlei Wirtschaftlichem und sorgte fuer
+Ausschmueckung und kleine Verbesserungen im Haushalt. Ihr Sinn fuer
+das Schoene liess sie darin immer das Richtige treffen. Lesen aber
+und vor allem die Beschaeftigung mit den Kuensten hatte sie ganz
+aufgegeben. "Ich habe davon so viel gehabt, dass ich froh bin, die
+Haende in den Schoss legen zu koennen." Es erinnerte sie auch wohl zu
+sehr an ihre traurigen Tage. Sie bildete statt dessen die Kunst aus,
+still und entzueckt auf die Natur zu blicken, und wenn das Laub von
+den Platanen fiel, wenn die Sonnenstrahlen auf dem Eis des kleinen
+Teiches blitzten oder die ersten Krokus aus dem noch halb winterlichen
+Rondell aufbluehten - das tat ihr wohl, und auf all das konnte sie
+stundenlang blicken und dabei vergessen, was ihr das Leben versagt,
+oder richtiger wohl, um was sie sich selbst gebracht hatte.
+
+Besuch blieb nicht ganz aus, nicht alle stellten sich gegen sie; ihren
+Hauptverkehr aber hatte sie doch in Schulhaus und Pfarre. Dass im
+Schulhaus die Toechter ausgeflogen waren, schadete nicht viel, es
+wuerde nicht mehr so recht gegangen sein; aber zu Jahnke selbst - der
+nicht bloss ganz Schwedisch-Pommern, sondern auch die Kessiner Gegend
+als skandinavisches Vorland ansah und bestaendig darauf bezuegliche
+Fragen stellte -, zu diesem alten Freunde stand sie besser denn je.
+"Ja, Jahnke, wir hatten ein Dampfschiff, und wie ich Ihnen, glaub'
+ich, schon einmal schrieb oder vielleicht auch schon mal erzaehlt
+habe, beinahe waer ich wirklich ,rueber nach Wisby gekommen. Denken
+Sie sich, beinahe nach Wisby. Es ist komisch, aber ich kann eigentlich
+von vielem in meinem Leben sagen, 'beinah'."
+
+"Schade, schade", sagte Jahnke.
+
+"Ja, freilich schade. Aber auf Ruegen bin ich wirklich umhergefahren.
+Und das waere so was fuer Sie gewesen, Jahnke. Denken Sie sich, Arkona
+mit einem grossen Wendenlagerplatz, der noch sichtbar sein soll;
+denn ich bin nicht hingekommen; aber nicht allzuweit davon ist der
+Herthasee mit weissen und gelben Mummeln. Ich habe da viel an Ihre
+Hertha denken muessen ..."
+
+"Nun, ja, ja, Hertha ... Aber Sie wollten von dem Herthasee sprechen
+..."
+
+"Ja, das wollt' ich ... Und denken Sie sich, Jahnke, dicht an dem
+See standen zwei grosse Opfersteine, blank und noch die Rinnen drin,
+in denen vordem das Blut ablief. Ich habe von der Zeit an einen
+Widerwillen gegen die Wenden."
+
+"Ach, gnaed'ge Frau verzeihen. Aber das waren ja keine Wenden. Das mit
+den Opfersteinen und mit dem Herthasee, das war ja schon viel, viel
+frueher, ganz vor Christum natum; reine Germanen, von denen wir alle
+abstammen ..."
+
+"Versteht sich", lachte Effi, "von denen wir alle abstammen, die
+Jahnkes gewiss und vielleicht auch die Briests."
+
+Und dann liess sie Ruegen und den Herthasee fallen und fragte nach
+seinen Enkeln und welche ihm lieber waeren; die von Bertha oder die
+von Hertha Ja, Effi stand gut zu Jahnke. Aber trotz seiner intimen
+Stellung zu Herthasee, Skandinavien und Wisby war er doch nur
+ein einfacher Mann, und so konnte es nicht ausbleiben, dass der
+vereinsamten jungen Frau die Plaudereien mit Niemeyer um vieles lieber
+waren. Im Herbst, solange sich im Parke promenieren liess, hatte sie
+denn auch die Huelle und Fuelle davon; mit dem Eintreten des Winters
+aber kam eine mehrmonatige Unterbrechung, weil sie das Predigerhaus
+selbst nicht gern betrat; Frau Pastor Niemeyer war immer eine sehr
+unangenehme Frau gewesen und schlug jetzt vollends hohe Toene an,
+trotzdem sie nach Ansicht der Gemeinde selber nicht ganz einwandfrei
+war.
+
+Das ging so den ganzen Winter durch, sehr zu Effis Leidwesen. Als dann
+aber, Anfang April, die Straeucher einen gruenen Rand zeigten und die
+Parkwege rasch abtrockneten, da wurden auch die Spaziergaenge wieder
+aufgenommen.
+
+Einmal gingen sie auch wieder so. Von fernher hoerte man den Kuckuck,
+und Effi zaehlte, wie viele Male er rief. Sie hatte sich an Niemeyers
+Arm gehaengt und sagte: "Ja, da ruft der Kuckuck. Ich mag ihn nicht
+befragen. Sagen Sie, Freund, was halten Sie vom Leben?"
+
+"Ach, liebe Effi, mit solchen Doktorfragen darfst du mir nicht kommen.
+Da musst du dich an einen Philosophen wenden oder ein Ausschreiben
+an eine Fakultaet machen. Was ich vom Leben halte? Viel und wenig.
+Mitunter ist es recht viel, und mitunter ist es recht wenig."
+
+"Das ist recht, Freund, das gefaellt mir; mehr brauch' ich nicht zu
+wissen." Und als sie das so sagte, waren sie bis an die Schaukel
+gekommen. Sie sprang hinauf mit einer Behendigkeit wie in ihren
+juengsten Maedchentagen, und ehe sich noch der Alte, der ihr zusah,
+von seinem halben Schreck erholen konnte, huckte sie schon zwischen
+den zwei Stricken nieder und setzte das Schaukelbrett durch ein
+geschicktes Auf- und Niederschnellen ihres Koerpers in Bewegung. Ein
+paar Sekunden noch, und sie flog durch die Luft, und bloss mit einer
+Hand sich haltend, riss sie mit der andern ein kleines Seidentuch von
+Brust und Hals und schwenkte es wie in Glueck und Uebermut. Dann liess
+sie die Schaukel wieder langsam gehen und sprang herab und nahm wieder
+Niemeyers Arm.
+
+"Effi, du bist doch noch immer, wie du frueher warst."
+
+"Nein. Ich wollte, es waere so. Aber es liegt ganz zurueck, und ich
+hab es nur noch einmal versuchen wollen. Ach, wie schoen es war, und
+wie mir die Luft wohltat; mir war, als floeg ich in den Himmel. Ob
+ich wohl hineinkomme? Sagen Sie mir's Freund, Sie muessen es wissen.
+Bitte, bitte ..."
+
+Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten Haende und gab ihr einen
+Kuss auf die Stirn und sagte: "Ja, Effi, du wirst."
+
+
+
+Fuenfunddreissigstes Kapitel
+
+Effi war den ganzen Tag draussen im Park, weil sie das Luftbeduerfnis
+hatte; der alte Friesacker Doktor Wiesike war auch einverstanden
+damit, gab ihr aber in diesem Stueck doch zu viel Freiheit, zu tun,
+was sie wolle, so dass sie sich waehrend der kalten Tage im Mai heftig
+erkaeltete: Sie wurde fiebrig, hustete viel, und der Doktor, der
+sonst jeden dritten Tag herueberkam, kam jetzt taeglich und war in
+Verlegenheit, wie er der Sache beikommen solle, denn die Schlaf- und
+Hustenmittel, nach denen Effi verlangte, konnten ihr des Fiebers
+halber nicht gegeben werden.
+
+"Doktor", sagte der alte Briest, "was wird aus der Geschichte? Sie
+kennen sie ja von klein auf, haben sie geholt. Mir gefaellt das alles
+nicht; sie nimmt sichtlich ab, und die roten Flecke und der Glanz in
+den Augen, wenn sie mich mit einem Male so fragend ansieht. Was meinen
+Sie? Was wird? Muss sie sterben?"
+
+Wiesike wiegte den Kopf langsam hin und her. "Das will ich nicht
+sagen, Herr von Briest Dass sie so fiebert, gefaellt mir nicht. Aber
+wir werden es schon wieder runter kriegen, dann muss sie nach der
+Schweiz oder nach Mentone. Reine Luft und freundliche Eindruecke, die
+das Alte vergessen machen ..."
+
+"Lethe, Lethe."
+
+"Ja, Lethe", laechelte Wiesike. "Schade, dass uns die alten Schweden,
+die Griechen, bloss das Wort hinterlassen haben und nicht zugleich
+auch die Quelle selbst ..."
+
+"Oder wenigstens das Rezept dazu; Waesser werden ja jetzt nachgemacht.
+Alle Wetter, Wiesike, das waer ein Geschaeft, wenn wir hier so ein
+Sanatorium anlegen koennten: Friesack als Vergessenheitsquelle. Nun,
+vorlaeufig wollen wir's mit der Riviera versuchen. Mentone ist ja
+wohl Riviera? Die Kornpreise sind zwar in diesem Augenblicke wieder
+schlecht, aber was sein muss, muss sein. Ich werde mit meiner Frau
+darueber sprechen."
+
+Das tat er denn auch und fand sofort seiner Frau Zustimmung, deren in
+letzter Zeit - wohl unter dem Eindruck zurueckgezogenen Lebens - stark
+erwachte Lust, auch mal den Sueden zu sehen, seinem Vorschlage zu
+Hilfe kam. Aber Effi selbst wollte nichts davon wissen. "Wie gut ihr
+gegen mich seid. Und ich bin egoistisch genug, ich wuerde das Opfer
+auch annehmen, wenn ich mir etwas davon verspraeche. Mir steht es aber
+fest, dass es mir bloss schaden wuerde."
+
+"Das redest du dir ein, Effi."
+
+"Nein. Ich bin so reizbar geworden; alles aergert mich. Nicht hier bei
+euch. Ihr verwoehnt mich und raeumt mir alles aus dem Wege. Aber auf
+einer Reise, da geht das nicht, da laesst sich das Unangenehme nicht
+so beiseite tun; mit dem Schaffner faengt es an, und mit dem Kellner
+hoert es auf. Wenn ich mir die sueffisanten Gesichter bloss vorstelle,
+so wird mir schon ganz heiss. Nein, nein, lasst mich hier. Ich mag
+nicht mehr weg von Hohen-Cremmen, hier ist meine Stelle. Der Heliotrop
+unten auf dem Rondell, um die Sonnenuhr herum, ist mir lieber als
+Mentone."
+
+Nach diesem Gespraech liess man den Plan wieder fallen, und Wiesike,
+soviel er sich von Italien versprochen hatte, sagte: "Das muessen wir
+respektieren, denn das sind keine Launen; solche Kranken haben ein
+sehr feines Gefuehl und wissen mit merkwuerdiger Sicherheit, was ihnen
+hilft und was nicht. Und was Frau Effi da gesagt hat von Schaffner und
+Kellner, das ist doch auch eigentlich ganz richtig, und es gibt keine
+Luft, die so viel Heilkraft haette, den Hotelaerger (wenn man sich
+ueberhaupt darueber aergert) zu balancieren. Also lassen wir sie hier;
+wenn es nicht das beste ist, so ist es gewiss nicht das schlechteste."
+
+Das bestaetigte sich denn auch. Effi erholte sich, nahm um ein
+geringes wieder zu (der alte Briest gehoerte zu den Wiegefanatikern)
+und verlor ein gut Teil ihrer Reizbarkeit. Dabei war aber ihr
+Luftbeduerfnis in einem bestaendigen Wachsen, und zumal wenn Westwind
+ging und graues Gewoelk am Himmel zog, verbrachte sie viele Stunden im
+Freien. An solchen Tagen ging sie wohl auch auf die Felder hinaus und
+ins Luch, oft eine halbe Meile weit, und setzte sich, wenn sie muede
+geworden, auf einen Huerdenzaun und sah, in Traeume verloren, auf die
+Ranunkeln und roten Ampferstauden, die sich im Winde bewegten.
+
+"Du gehst immer so allein", sagte Frau von Briest. "Unter unseren
+Leuten bist du sicher; aber es schleicht auch so viel fremdes Gesindel
+umher."
+
+Das machte doch einen Eindruck auf Effi, die an Gefahr nie gedacht
+hatte, und als sie mit Roswitha allein war, sagte sie: "Dich kann ich
+nicht gut mitnehmen, Roswitha; du bist zu dick und nicht mehr fest auf
+den Fuessen."
+
+"Nu, gnaed'ge Frau, so schlimm ist es doch noch nicht. Ich koennte ja
+doch noch heiraten."
+
+"Natuerlich", lachte Effi. "Das kann man immer noch. Aber weisst du,
+Roswitha, wenn ich einen Hund haette, der mich begleitete. Papas
+Jagdhund hat gar kein Attachement fuer mich, Jagdhunde sind so dumm,
+und er ruehrt sich immer erst, wenn der Jaeger oder der Gaertner die
+Flinte vom Riegel nimmt. Ich muss jetzt oft an Rollo denken."
+
+"Ja", sagte Roswitha, "so was wie Rollo haben sie hier gar nicht. Aber
+damit will ich nichts gegen 'hier' gesagt haben. Hohen-Cremmen ist
+sehr gut."
+
+Es war drei, vier Tage nach diesem Gespraeche zwischen Effi und
+Roswitha, dass Innstetten um eine Stunde frueher in sein Arbeitszimmer
+trat als gewoehnlich. Die Morgensonne, die sehr hell schien, hatte ihn
+geweckt, und weil er fuehlen mochte, dass er nicht wieder einschlafen
+wuerde, war er aufgestanden, um sich an eine Arbeit zu machen, die
+schon seit geraumer Zeit der Erledigung harrte.
+
+Nun war es eine Viertelstunde nach acht, und er klingelte. Johanna
+brachte das Fruehstueckstablett, auf dem neben der Kreuzzeitung
+und der Norddeutschen Allgemeinen auch noch zwei Briefe lagen. Er
+ueberflog die Adressen und erkannte an der Handschrift, dass der eine
+vom Minister war. Aber der andere? Der Poststempel war nicht deutlich
+zu lesen, und das "Sr. Wohlgeboren Herrn Baron von Innstetten"
+bezeugte eine glueckliche Unvertrautheit mit den landesueblichen
+Titulaturen. Dem entsprachen auch die Schriftzuege von sehr primitivem
+Charakter. Aber die Wohnungsangabe war wieder merkwuerdig genau: W.
+Keithstrasse I C, zwei Treppen hoch.
+
+Innstetten war Beamter genug, um den Brief von "Exzellenz" zuerst zu
+erbrechen. "Mein lieber Innstetten! Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu
+koennen, dass Seine Majestaet Ihre Ernennung zu unterzeichnen geruht
+haben, und gratuliere Ihnen aufrichtig dazu." Innstetten war erfreut
+ueber die liebenswuerdigen Zeilen des Ministers, fast mehr als ueber
+die Ernennung selbst. Denn was das Hoeherhinaufklimmen auf der Leiter
+anging, so war er seit dem Morgen in Kessin, wo Crampas mit einem
+Blick, den er immer vor Augen hatte, Abschied von ihm genommen, etwas
+kritisch gegen derlei Dinge geworden. Er mass seitdem mit anderem
+Mass, sah alles anders an. Auszeichnung, was war es am Ende? Mehr als
+einmal hatte er waehrend der ihm immer freudloser dahinfliessenden
+Tage einer halbvergessenen Ministerialanekdote aus den Zeiten des
+aelteren Ladenberg her gedenken muessen, der, als er nach langem
+Warten den Roten Adlerorden empfing, ihn wuetend und mit dem Ausruf
+beiseite warf: "Da liege, bis du schwarz wirst." Wahrscheinlich war er
+dann hinterher auch "schwarz" geworden, aber um viele Tage zu spaet
+und sicherlich ohne rechte Befriedigung fuer den Empfaenger.
+
+Alles, was uns Freude machen soll, ist an Zeit und Umstaende gebunden,
+und was uns heute noch beglueckt, ist morgen wertlos. Innstetten
+empfand das tief, und so gewiss ihm an Ehren und Gunstbezeugungen von
+oberster Stelle her lag, wenigstens gelegen hatte, so gewiss stand
+ihm jetzt fest, es kaeme bei dem glaenzenden Schein der Dinge nicht
+viel heraus, und das, was man "das Glueck" nenne, wenn's ueberhaupt
+existiere, sei was anderes als dieser Schein. "Das Glueck, wenn mir
+recht ist, liegt in zweierlei: darin, dass man ganz da steht, wo
+man hingehoert (aber welcher Beamte kann das von sich sagen), und
+zum zweiten und besten in einem behaglichen Abwickeln des ganz
+Alltaeglichen, also darin, dass man ausgeschlafen hat und dass die
+neuen Stiefel nicht druecken. Wenn einem die 720 Minuten eines
+zwoelfstuendigen Tages ohne besonderen Aerger vergehen, so laesst sich
+von einem gluecklichen Tage sprechen." In einer Stimmung, die derlei
+schmerzlichen Betrachtungen nachhing, war Innstetten auch heute
+wieder. Er nahm nun den zweiten Brief. Als er ihn gelesen, fuhr er
+ueber seine Stirn und empfand schmerzlich, dass es ein Glueck gebe,
+dass er es gehabt, aber dass er es nicht mehr habe und nicht mehr
+haben koenne.
+
+Johanna trat ein und meldete: "Geheimrat Wuellersdorf." Dieser stand
+schon auf der Tuerschwelle. "Gratuliere, Innstetten."
+
+"Ihnen glaub ich's; die anderen werden sich aergern. Im uebrigen ..."
+
+"Im uebrigen. Sie werden doch in diesem Augenblick nicht kritteln
+wollen."
+
+"Nein. Die Gnade Seiner Majestaet beschaemt mich, und die wohlwollende
+Gesinnung des Ministers, dem ich das alles verdanke, fast noch mehr."
+
+"Aber ..."
+
+"Aber ich habe mich zu freuen verlernt. Wenn ich es einem anderen als
+Ihnen sagte, so wuerde solche Rede fuer redensartlich gelten. Sie
+aber, Sie finden sich darin zurecht. Sehen Sie sich hier um; wie leer
+und oede ist das alles. Wenn die Johanna eintritt, ein sogenanntes
+Juwel, so wird mir angst und bange. Dieses Sich-in-Szene-Setzen
+(und Innstetten ahmte Johannas Haltung nach), diese halb komische
+Buestenplastik, die wie mit einem Spezialanspruch auftritt, ich weiss
+nicht, ob an die Menschheit oder an mich - ich finde das alles so
+trist und elend, und es waere zum Totschiessen, wenn es nicht so
+laecherlich waere."
+
+"Lieber Innstetten, in dieser Stimmung wollen Sie Ministerialdirektor
+werden?"
+
+"Ah, bah. Kann es anders sein? Lesen Sie, diese Zeilen habe ich eben
+bekommen."
+
+Wuellersdorf nahm den zweiten Brief mit dem unleserlichen Poststempel,
+amuesierte sich ueber das "Wohlgeboren" und trat dann ans Fenster, um
+bequemer lesen zu koennen.
+
+"Gnaed'ger Herr! Sie werden sich wohl am Ende wundern, dass ich Ihnen
+schreibe, aber es ist wegen Rollo. Anniechen hat uns schon voriges
+Jahr gesagt: Rollo waere jetzt so faul; aber das tut hier nichts, er
+kann hier so faul sein, wie er will, je fauler, je besser. Und die
+gnaed'ge Frau moechte es doch so gern. Sie sagt immer, wenn sie ins
+Luch oder ueber Feld geht: 'Ich fuerchte mich eigentlich, Roswitha,
+weil ich da so allein bin; aber wer soll mich begleiten? Rollo, ja,
+das ginge; der ist mir auch nicht gram. Das ist der Vorteil, dass sich
+die Tiere nicht so drum kuemmern.' Das sind die Worte der gnaed'gen
+Frau, und weiter will ich nichts sagen und den gnaed'gen Herrn bloss
+noch bitten, mein Anniechen zu gruessen. Und auch die Johanna. Von
+Ihrer treu ergebenen Dienerin
+
+Roswitha Gellenhagen"
+
+"Ja", sagte Wuellersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete,
+"die ist uns ueber."
+
+"Finde ich auch."
+
+"Und das ist auch der Grund, dass Ihnen alles andere so fraglich
+erscheint."
+
+"Sie treffen's. Es geht mir schon lange durch den Kopf, und diese
+schlichten Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht
+gewollten Anklage haben mich wieder vollends aus dem Haeuschen
+gebracht. Es quaelt mich seit Jahr und Tag schon, und ich moechte aus
+dieser ganzen Geschichte heraus; nichts gefaellt mir mehr; je mehr man
+mich auszeichnet, je mehr fuehle ich, dass dies alles nichts ist. Mein
+Leben ist verpfuscht, und so hab ich mir im stillen ausgedacht, ich
+muesste mit all den Strebungen und Eitelkeiten ueberhaupt nichts mehr
+zu tun haben und mein Schulmeistertum, was ja wohl mein Eigentliches
+ist, als ein hoeherer Sittendirektor verwenden koennen. Es hat
+ja dergleichen gegeben. Ich muesste also, wenn's ginge, solche
+schrecklich beruehmte Figur werden, wie beispielsweise der Doktor
+Wichern im Rauhen Hause zu Hamburg gewesen ist, dieser Mirakelmensch,
+der alle Verbrecher mit seinem Blick und seiner Froemmigkeit baendigte
+..."
+
+"Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das wuerde gehen."
+
+"Nein, es geht auch nicht. Auch das nicht mal. Mir ist eben alles
+verschlossen. Wie soll ich einen Totschlaeger an seiner Seele packen?
+Dazu muss man selber intakt sein. Und wenn man's nicht mehr ist und
+selber so was an den Fingerspitzen hat, dann muss man wenigstens vor
+seinen zu bekehrenden Confratres den wahnsinnigen Buesser spielen und
+eine Riesenzerknirschung zum besten geben koennen."
+
+Wuellersdorf nickte.
+
+Nun, sehen Sie, Sie nicken. Aber das alles kann ich nicht mehr. Den
+Mann im Buesserhemd bring ich nicht mehr heraus und den Derwisch oder
+Fakir, der unter Selbstanklagen sich zu Tode tanzt, erst recht nicht.
+Und da hab ich mir denn, weil das alles nicht geht, als ein Bestes
+herausgekluegelt: weg von hier, weg und hin unter lauter pechschwarze
+Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen. Diese Gluecklichen! Denn
+gerade das, dieser ganze Krimskrams ist doch an allem schuld. Aus
+Passion, was am Ende gehen moechte, tut man dergleichen nicht. Also
+blossen Vorstellungen zuliebe ... Vorstellungen! ... Und da klappt
+denn einer zusammen, und man klappt selber nach. Bloss noch
+schlimmer."
+
+"Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einfaelle. Quer durch Afrika,
+was soll das heissen? Das ist fuer 'nen Leutnant, der Schulden
+hat. Aber ein Mann wie Sie! Wollen Sie mit einem roten Fes einem
+Palaver praesidieren oder mit einem Schwiegersohn von Koenig Mtesa
+Blutfreundschaft schliessen? Oder wollen Sie sich in einem Tropenhelm,
+mit sechs Loechern oben, am Kongo entlangtasten, bis Sie bei Kamerun
+oder da herum wieder herauskommen? Unmoeglich!"
+
+"Unmoeglich? Warum? Und wenn unmoeglich, was dann?" "Einfach
+hierbleiben und Resignation ueben. Wer ist denn unbedrueckt? Wer sagte
+nicht jeden Tag: 'Eigentlich eine sehr fragwuerdige Geschichte.'
+Sie wissen, ich habe auch mein Paeckchen zu tragen, nicht gerade
+das Ihrige, aber nicht viel leichter. Es ist Torheit mit dem
+Im-Urwald-Umherkriechen oder In-einem-Termitenhuegel-Naechtigen; wer's
+mag, der mag es, aber fuer unserem ist es nichts. In der Bresche
+stehen und aushalten, bis man faellt, das ist das beste. Vorher aber
+im kleinen und kleinsten so viel herausschlagen wie moeglich und ein
+Auge dafuer haben, wenn die Veilchen bluehen oder das Luisendenkmal in
+Blumen steht oder die kleinen Maedchen mit hohen Schnuerstiefeln ueber
+die Korde springen. Oder auch wohl nach Potsdam fahren und in die
+Friedenskirche gehen, wo Kaiser Friedrich liegt und wo sie jetzt eben
+anfangen, ihm ein Grabhaus zu bauen. Und wenn Sie da stehen, dann
+ueberlegen Sie sich das Leben von dem, und wenn Sie dann nicht
+beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu helfen."
+
+"Gut, gut. Aber das Jahr ist lang, und jeder einzelne Tag ... und dann
+der Abend."
+
+"Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu werden. Da haben wir
+'Sardanapal' oder 'Coppelia' mit der del Era, und wenn es damit aus
+ist, dann haben wir Siechen. Nicht zu verachten. Drei Seidel beruhigen
+jedesmal. Es gibt immer noch viele, sehr viele, die zu der ganzen
+Sache nicht anders stehen wie wir, und einer, dem auch viel verquer
+gegangen war, sagte mir mal: 'Glauben Sie mir, Wuellersdorf, es geht
+ueberhaupt nicht ohne 'Hilfskonstruktionen'.' Der das sagte, war ein
+Baumeister und musste es also wissen. Und er hatte recht mit seinem
+Satz. Es vergeht kein Tag, der mich nicht an die 'Hilfskonstruktionen'
+gemahnte."
+
+Wuellersdorf, als er sich so expektoriert, nahm Hut und Stock.
+Innstetten aber, der sich bei diesen Worten seines Freundes seiner
+eigenen voraufgegangenen Betrachtungen ueber das "kleine Glueck"
+erinnert haben mochte, nickte halb zustimmend und laechelte vor sich
+hin.
+
+"Und wohin gehen Sie nun, Wuellersdorf? Es ist noch zu frueh fuer das
+Ministerium."
+
+"Ich schenk es mir heute ganz. Erst noch eine Stunde Spaziergang
+am Kanal hin bis an die Charlottenburger Schleuse und dann wieder
+zurueck. Und dann ein kleines Vorsprechen bei Huth, Potsdamer Strasse,
+die kleine Holztreppe vorsichtig hinauf. Unten ist ein Blumenladen."
+
+"Und das freut Sie? Das genuegt Ihnen?"
+
+"Das will ich nicht gerade sagen. Aber es hilft ein bisschen. Ich
+finde da verschiedene Stammgaeste, Fruehschoppler, deren Namen ich
+klueglich verschweige. Der eine erzaehlt dann vom Herzog von Ratibor,
+der andere vom Fuerstbischof Kopp und der dritte wohl gar von
+Bismarck. Ein bisschen faellt immer ab. Dreiviertel stimmt nicht, aber
+wenn es nur witzig ist, krittelt man nicht lange dran herum und hoert
+dankbar zu." Und damit ging er.
+
+
+
+Sechsunddreissigstes Kapitel
+
+Der Mai war schoen, der Juni noch schoener, und Effi, nachdem ein
+erstes schmerzliches Gefuehl, das Rollos Eintreffen in ihr geweckt
+hatte, gluecklich ueberwunden war, war voll Freude, das treue Tier
+wieder um sich zu haben. Roswitha wurde belobt, und der alte Briest
+erging sich seiner Frau gegenueber in Worten der Anerkennung fuer
+Innstetten, der ein Kavalier sei, nicht kleinlich und immer das Herz
+auf dem rechten Fleck gehabt habe. "Schade, dass die dumme Geschichte
+dazwischenfahren musste. Eigentlich war es doch ein Musterpaar." Der
+einzige, der bei dem Wiedersehen ruhig blieb, war Rollo selbst, weil
+er entweder kein Organ fuer Zeitmass hatte oder die Trennung als eine
+Unordnung ansah, die nun einfach wieder behoben sei. Dass er alt
+geworden, wirkte wohl auch mit dabei. Mit seinen Zaertlichkeiten
+blieb er sparsam, wie er beim Wiedersehen sparsam mit seinen
+Freudenbezeugungen gewesen war, aber in seiner Treue war er womoeglich
+noch gewachsen. Er wich seiner Herrin nicht von der Seite. Den
+Jagdhund behandelte er wohlwollend, aber doch als ein Wesen auf
+niederer Stufe. Nachts lag er vor Effis Tuer auf der Binsenmatte,
+morgens, wenn das Fruehstueck im Freien genommen wurde, neben der
+Sonnenuhr, immer ruhig, immer schlaefrig, und nur wenn sich Effi vom
+Fruehstueckstisch erhob und auf den Flur zuschritt und hier erst den
+Strohhut und dann den Sonnenschirm vom Staender nahm, kam ihm seine
+Jugend wieder, und ohne sich darum zu kuemmern, ob seine Kraft auf
+eine grosse oder kleine Probe gestellt werden wuerde, jagte er die
+Dorfstrasse hinauf und wieder herunter und beruhigte sich erst, wenn
+sie zwischen den ersten Feldern waren. Effi, der freie Luft noch mehr
+galt als landschaftliche Schoenheit, vermied die kleinen Waldpartien
+und hielt meist die grosse, zunaechst von uralten Ruestern und dann,
+wo die Chaussee begann, von Pappeln besetzte grosse Strasse, die nach
+der Bahnhofsstation fuehrte, wohl eine Stunde Wegs. An allem freute
+sie sich, atmete beglueckt den Duft ein, der von den Raps- und
+Kleefeldern herueberkam, oder folgte dem Aufsteigen der Lerchen und
+zaehlte die Ziehbrunnen und Troege, daran das Vieh zur Traenke ging.
+Dabei klang ein leises Laeuten zu ihr herueber. Und dann war ihr
+zu Sinn, als muesse sie die Augen schliessen und in einem suessen
+Vergessen hinuebergehen. In Naehe der Station, hart an der Chaussee,
+lag eine Chausseewalze. Das war ihr taeglicher Rastplatz, von dem
+aus sie das Treiben auf dem Bahndamm verfolgen konnte; Zuege kamen
+und gingen, und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen, die sich einen
+Augenblick wie deckten und dann nach links und rechts hin wieder
+auseinandergingen, bis sie hinter Dorf und Waeldchen verschwanden.
+Rollo sass dann neben ihr, an ihrem Fruehstueck teilnehmend, und wenn
+er den letzten Bissen aufgefangen hatte, fuhr er, wohl um sich dankbar
+zu bezeigen, irgendeine Ackerfurche wie ein Rasender hinauf und hielt
+nur inne, wenn ein paar beim Brueten gestoerte Rebhuehner dicht neben
+ihm aus einer Nachbarfurche aufflogen.
+
+"Wie schoen dieser Sommer! Dass ich noch so gluecklich sein koennte,
+liebe Mama, vor einem Jahr haette ich's nicht gedacht" - das sagte
+Effi jeden Tag, wenn sie mit der Mama um den Teich schritt oder einen
+Fruehapfel vom Zweig brach und tapfer einbiss. Denn sie hatte die
+schoensten Zaehne. Frau von Briest streichelte ihr dann die Hand und
+sagte: "Werde nur erst wieder gesund, Effi, ganz gesund; das Glueck
+findet sich dann; nicht das alte, aber ein neues. Es gibt Gott sei
+Dank viele Arten von Glueck. Und du sollst sehen, wir werden schon
+etwas finden fuer dich."
+
+"Ihr seid so gut. Und eigentlich hab ich doch auch euer Leben
+geaendert und euch vor der Zeit zu alten Leuten gemacht." "Ach, meine
+liebe Effi, davon sprich nicht. Als es kam, da dacht ich ebenso. Jetzt
+weiss ich, dass unsere Stille besser ist als der Laerm und das laute
+Getriebe von vordem. Und wenn du so fortfaehrst, koennen wir noch
+reisen. Als Wiesike Mentone vorschlug, da warst du krank und reizbar
+und hattest, weil du krank warst, ganz recht mit dem, was du von den
+Schaffnern und Kellnern sagtest; aber wenn du wieder festere Nerven
+hast, dann geht es, dann aergert man sich nicht mehr, dann lacht man
+ueber die grossen Allueren und das gekraeuselte Haar. Und dann das
+blaue Meer und weisse Segel und die Felsen ganz mit rotem Kaktus
+ueberwachsen - ich habe es noch nicht gesehen, aber ich denke es mir
+so. Und ich moechte es wohl kennenlernen."
+
+So verging der Sommer, und die Sternschnuppennaechte lagen schon
+zurueck. Effi hatte waehrend dieser Naechte bis ueber Mitternacht
+hinaus am Fenster gesessen und sich nicht muede sehen koennen. "Ich
+war immer eine schwache Christin; aber ob wir doch vielleicht von da
+oben stammen und, wenn es hier vorbei ist, in unsere himmlische Heimat
+zurueckkehren, zu den Sternen oben oder noch drueber hinaus! Ich weiss
+es nicht, ich will es auch nicht wissen, ich habe nur die Sehnsucht."
+Arme Effi, du hattest zu den Himmelwundern zu lange hinaufgesehen und
+darueber nachgedacht, und das Ende war, dass die Nachtluft und die
+Nebel, die vom Teich her aufstiegen, sie wieder aufs Krankenbett
+warfen, und als Wiesike gerufen wurde und sie gesehen hatte, nahm er
+Briest beiseite und sagte: "Wird nichts mehr; machen Sie sich auf ein
+baldiges Ende gefasst." Er hatte nur zu wahr gesprochen, und wenige
+Tage danach, es war noch nicht spaet und die zehnte Stunde noch nicht
+heran, da kam Roswitha nach unten und sagte zu Frau von Briest:
+"Gnaedigste Frau, mit der gnaedigen Frau oben ist es schlimm; sie
+spricht immer so still vor sich hin, und mitunter ist es, als ob sie
+bete, sie will es aber nicht wahrhaben, und ich weiss nicht, mir ist,
+als ob es jede Stunde vorbei sein koennte."
+
+"Will sie mich sprechen?"
+
+"Sie hat es nicht gesagt. Aber ich glaube, sie moechte es. Sie wissen
+ja, wie sie ist; sie will Sie nicht stoeren und aengstlich machen.
+Aber es waere doch wohl gut."
+
+"Es ist gut, Roswitha", sagte Frau von Briest, "ich werde kommen."
+
+Und ehe die Uhr noch einsetzte, stieg Frau von Briest die Treppe
+hinauf und trat bei Effi ein. Das Fenster stand offen, und sie lag auf
+einer Chaiselongue, die neben dem Fenster stand.
+
+Frau von Briest schob einen kleinen schwarzen Stuhl mit drei goldenen
+Staebchen in der Ebenholzlehne heran, nahm Effis Hand und sagte:
+"Wie geht es dir, Effi? Roswitha sagt, du seiest so fiebrig." "Ach,
+Roswitha nimmt alles so aengstlich. Ich sah ihr an, sie glaubt, ich
+sterbe. Nun, ich weiss nicht. Aber sie denkt, es soll es jeder so
+aengstlich nehmen wie sie selbst."
+
+"Bist du so ruhig ueber Sterben, liebe Effi?" "Ganz ruhig, Mama."
+
+"Taeuschst du dich darin nicht? Alles haengt am Leben und die Jugend
+erst recht. Und du bist noch so jung, liebe Effi."
+
+Effi schwieg eine Weile. Dann sagte sie: "Du weisst, ich habe nicht
+viel gelesen, und Innstetten wunderte sich oft darueber, und es war
+ihm nicht recht."
+
+Es war das erste Mal, dass sie Innstettens Namen nannte, was einen
+grossen Eindruck auf die Mama machte und dieser klar zeigte, dass es
+zu Ende sei.
+
+"Aber ich glaube", nahm Frau von Briest das Wort, "du wolltest mir was
+erzaehlen."
+
+"Ja, das wollte ich, weil du davon sprachst, ich sei noch so jung.
+Freilich bin ich noch jung. Aber das schadet nichts. Es war noch in
+gluecklichen Tagen, da las mir Innstetten abends vor; er hatte sehr
+viele Buecher, und in einem hiess es: Es sei wer von einer froehlichen
+Tafel abgerufen worden, und am anderen Tag habe der Abgerufene
+gefragt, wie's denn nachher gewesen sei. Da habe man ihm geantwortet:
+'Ach, es war noch allerlei; aber eigentlich haben Sie nichts
+versaeumt.' Sieh, Mama, diese Worte haben sich mir eingepraegt - es
+hat nicht viel zu bedeuten, wenn man von der Tafel etwas frueher
+abgerufen wird."
+
+Frau von Briest schwieg. Effi aber schob sich etwas hoeher hinauf
+und sagte dann: "Und da ich nun mal von alten Zeiten und auch von
+Innstetten gesprochen habe, muss ich dir doch noch etwas sagen, liebe
+Mama."
+
+"Du regst dich auf, Effi."
+
+"Nein, nein; etwas von der Seele heruntersprechen, das regt mich nicht
+auf, das macht still. Und da wollte ich dir denn sagen: Ich sterbe mit
+Gott und Menschen versoehnt, auch versoehnt mit ihm."
+
+"Warst du denn in deiner Seele in so grosser Bitterkeit mit ihm?
+Eigentlich, verzeih mir, meine liebe Effi, dass ich das jetzt noch
+sage, eigentlich hast du doch euer Leid heraufbeschworen."
+
+Effi nickte. "Ja, Mama. Und traurig, dass es so ist. Aber als dann all
+das Schreckliche kam, und zuletzt das mit Annie, du weisst schon, da
+hab ich doch, wenn ich das laecherliche Wort gebrauchen darf, den
+Spiess umgekehrt und habe mich ganz ernsthaft in den Gedanken
+hineingelebt, er sei schuld, weil er nuechtern und berechnend gewesen
+sei und zuletzt auch noch grausam. Und da sind Verwuenschungen gegen
+ihn ueber meine Lippen gekommen."
+
+"Und das bedrueckt dich jetzt?"
+
+"Ja. Und es liegt mir daran, dass er erfaehrt, wie mir hier in meinen
+Krankheitstagen, die doch fast meine schoensten gewesen sind, wie mir
+hier klargeworden, dass er in allem recht gehandelt. In der Geschichte
+mit dem armen Crampas - ja, was sollte er am Ende anders tun? Und
+dann, womit er mich am tiefsten verletzte, dass er mein eigen Kind in
+einer Art Abwehr gegen mich erzogen hat, so hart es mir ankommt und so
+weh es mir tut, er hat auch darin recht gehabt. Lass ihn das wissen,
+dass ich in dieser Ueberzeugung gestorben bin. Es wird ihn troesten,
+aufrichten, vielleicht versoehnen. Denn er hatte viel Gutes in seiner
+Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe
+ist."
+
+Frau von Briest sah, dass Effi erschoepft war und zu schlafen schien
+oder schlafen wollte. Sie erhob sich leise von ihrem Platz und ging.
+Indessen kaum dass sie fort war, erhob sich auch Effi und setzte
+sich an das offene Fenster, um noch einmal die kuehle Nachtluft
+einzusaugen. Die Sterne flimmerten, und im Park regte sich kein Blatt.
+Aber je laenger sie hinaushorchte, je deutlicher hoerte sie wieder,
+dass es wie ein feines Rieseln auf die Platanen niederfiel. Ein
+Gefuehl der Befreiung ueberkam sie. "Ruhe, Ruhe."
+
+Es war einen Monat spaeter, und der September ging auf die Neige. Das
+Wetter war schoen, aber das Laub im Park zeigte schon viel Rot und
+Gelb, und seit den Aequinoktien, die die drei Sturmtage gebracht
+hatten, lagen die Blaetter ueberallhin ausgestreut.
+
+Auf dem Rondell hatte sich eine kleine Veraenderung vollzogen, die
+Sonnenuhr war fort, und an der Stelle, wo sie gestanden hatte, lag
+seit gestern eine weisse Marmorplatte, darauf stand nichts als "Effi
+Briest" und darunter ein Kreuz. Das war Effis letzte Bitte gewesen:
+"Ich moechte auf meinem Stein meinen alten Namen wiederhaben; ich habe
+dem andern keine Ehre gemacht." Und es war ihr versprochen worden.
+Ja, gestern war die Marmorplatte gekommen und aufgelegt worden, und
+angesichts der Stelle sassen nun wieder Briest und Frau und sahen
+darauf hin und auf den Heliotrop, den man geschont und der den Stein
+jetzt einrahmte. Rollo lag daneben, den Kopf in die Pfoten gesteckt.
+Wilke, dessen Gamaschen immer weiter wurden, brachte das Fruehstueck
+und die Post, und der alte Briest sagte: "Wilke, bestelle den kleinen
+Wagen. Ich will mit der Frau ueber Land fahren."
+
+Frau von Briest hatte mittlerweile den Kaffee eingeschenkt und sah
+nach dem Rondell und seinem Blumenbeet. "Sieh, Briest, Rollo liegt
+wieder vor dem Stein. Es ist ihm doch noch tiefer gegangen als uns. Er
+frisst auch nicht mehr."
+
+"Ja, Luise, die Kreatur. Das ist ja, was ich immer sage. Es ist nicht
+so viel mit uns, wie wir glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am
+Ende ist es doch das beste."
+
+"Sprich nicht so. Wenn du so philosophierst ... nimm es mir nicht
+uebel, Briest, dazu reicht es bei dir nicht aus. Du hast deinen guten
+Verstand, aber du kannst doch nicht an solche Fragen ..."
+
+"Eigentlich nicht."
+
+"Und wenn denn schon ueberhaupt Fragen gestellt werden sollen, da gibt
+es ganz andere, Briest, und ich kann dir sagen, es vergeht kein Tag,
+seit das arme Kind da liegt, wo mir solche Fragen nicht gekommen waren
+..."
+
+"Welche Fragen?"
+
+"Ob wir nicht doch vielleicht schuld sind?" "Unsinn, Luise. Wie meinst
+du das?"
+
+"Ob wir sie nicht anders in Zucht haetten nehmen muessen.
+
+Gerade wir. Denn Niemeyer ist doch eigentlich eine Null, weil er alles
+in Zweifel laesst. Und dann, Briest, so leid es mir tut ... deine
+bestaendigen Zweideutigkeiten ... und zuletzt, womit ich mich selbst
+anklage, denn ich will nicht schadlos ausgehen in dieser Sache, ob sie
+nicht doch vielleicht zu jung war?"
+
+Rollo, der bei diesen Worten aufwachte, schuettelte den Kopf langsam
+hin und her, und Briest sagte ruhig: "Ach, Luise, lass ... das ist ein
+zu weites Feld."
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, EFFI BRIEST ***
+
+This file should be named 7effi10.txt or 7effi10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7effi11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7effi10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04
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+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
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+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
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+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
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+donate.
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+ways.
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+
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+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
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+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/old/7effi10.zip b/old/7effi10.zip
new file mode 100644
index 0000000..4949a3a
--- /dev/null
+++ b/old/7effi10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8effi10.txt b/old/8effi10.txt
new file mode 100644
index 0000000..f6d9f8d
--- /dev/null
+++ b/old/8effi10.txt
@@ -0,0 +1,11804 @@
+The Project Gutenberg EBook of Effi Briest, by Theodor Fontane
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Effi Briest
+
+Author: Theodor Fontane
+
+Release Date: March, 2004 [EBook #5323]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on July 1, 2002]
+[Most recently updated January 16, 2009]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, EFFI BRIEST ***
+
+
+
+
+This eBook was prepared by Gunther Olesch from a source file
+at Project Gutenberg of DE created by Joerg Steinbrenner for PG-DE.
+
+
+
+Effi Briest
+
+Theodor Fontane
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie
+von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller
+Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park-
+und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen
+breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang
+und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer
+Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden
+besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung
+und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in
+kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen
+weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der
+Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings
+erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel
+und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten
+umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches
+mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel
+gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an
+je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief
+stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb
+versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.
+
+Auch die Front des Herrenhauses - eine mit Aloekübeln und ein paar
+Gartenstühlen besetzte Rampe - gewährte bei bewölktem Himmel einen
+angenehmen und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufenthalt; an
+Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz
+entschieden bevorzugt, besonders von Frau und Tochter des Hauses,
+die denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten liegenden
+Fliesengange saßen, in ihrem Rücken ein paar offene, von wildem Wein
+umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren
+vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenflügels
+hinaufführten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleißig bei
+der Arbeit, die der Herstellung eines aus Einzelquadraten
+zusammenzusetzenden Altarteppichs galt; ungezählte Wollsträhnen und
+Seidendocken lagen auf einem großen, runden Tisch bunt durcheinander,
+dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und eine mit
+großen schönen Stachelbeeren gefüllte Majolikaschale. Rasch und sicher
+ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber während die Mutter kein
+Auge von der Arbeit ließ, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi
+führte, von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter
+allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus
+der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war ersichtlich, daß
+sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische gezogenen Übungen
+mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann so dastand
+und, langsam die Arme hebend, die Handflächen hoch über dem Kopf
+zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf,
+aber immer nur flüchtig und verstohlen, weil sie nicht zeigen
+wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung
+mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug ein blau und
+weiß gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein
+fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab;
+der Hals war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter
+Matrosenkragen. In allem, was sie tat, paarten sich Übermut und
+Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche
+Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten. Man nannte sie
+die »Kleine«, was sie sich nur gefallen lassen mußte, weil die schöne,
+schlanke Mama noch um eine Handbreit höher war.
+
+Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und
+rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer
+Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: »Effi,
+eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer
+am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, daß du so was
+möchtest.«
+
+»Vielleicht, Mama. Aber wenn es so wäre, wer wäre schuld? Von wem hab
+ich es? Doch nur von dir. Oder meinst du, von Papa? Da mußt du nun
+selber lachen. Und dann, warum steckst du mich in diesen Hänger, in
+diesen Jungenkittel? Mitunter denk ich, ich komme noch wieder in kurze
+Kleider. Und wenn ich die erst wiederhabe, dann knicks ich auch wieder
+wie ein Backfisch, und wenn dann die Rathenower herüberkommen, setze
+ich mich auf Oberst Goetzes Schoß und reite hopp, hopp. Warum auch
+nicht? Drei Viertel ist er Onkel und nur ein Viertel Courmacher. Du
+bist schuld. Warum kriege ich keine Staatskleider? Warum machst du
+keine Dame aus mir?«
+
+»Möchtest du's?«
+
+»Nein.« Und dabei lief sie auf die Mama zu und umarmte sie stürmisch
+und küßte sie.
+
+»Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich
+immer, wenn ich dich so sehe ...« Und die Mama schien ernstlich
+willens, in Äußerung ihrer Sorgen und Ängste fortzufahren. Aber sie
+kam nicht weit damit, weil in ebendiesem Augenblick drei junge Mädchen
+aus der kleinen, in der Kirchhofsmauer angebrachten Eisentür in den
+Garten eintraten und einen Kiesweg entlang auf das Rondell und die
+Sonnenuhr zuschritten. Alle drei grüßten mit ihren Sonnenschirmen zu
+Effi herüber und eilten dann auf Frau von Briest zu, um dieser die
+Hand zu küssen. Diese tat rasch ein paar Fragen und lud dann die
+Mädchen ein, ihnen oder doch wenigstens Effi auf eine halbe Stunde
+Gesellschaft zu leisten. »Ich habe ohnehin noch zu tun, und junges
+Volk ist am liebsten unter sich. Gehabt euch wohl.« Und dabei stieg
+sie die vom Garten in den Seitenflügel führende Steintreppe hinauf.
+
+Und da war nun die Jugend wirklich allein.
+
+Zwei der jungen Mädchen - kleine, rundliche Persönchen, zu deren
+krausem, rotblondem Haar ihre Sommersprossen und ihre gute Laune ganz
+vorzüglich paßten - waren Töchter des auf Hansa, Skandinavien und
+Fritz Reuter eingeschworenen Kantors Jahnke, der denn auch, unter
+Anlehnung an seinen mecklenburgischen Landsmann und Lieblingsdichter
+und nach dem Vorbilde von Mining und Lining, seinen eigenen Zwillingen
+die Namen Bertha und Hertha gegeben hatte. Die dritte junge Dame war
+Hulda Niemeyer, Pastor Niemeyers einziges Kind; sie war damenhafter
+als die beiden anderen, dafür aber langweilig und eingebildet, eine
+lymphatische Blondine, mit etwas vorspringenden, blöden Augen, die
+trotzdem beständig nach was zu suchen schienen, weshalb denn auch
+Klitzing von den Husaren gesagt hatte: »Sieht sie nicht aus, als
+erwarte sie jeden Augenblick den Engel Gabriel?« Effi fand, daß der
+etwas kritische Klitzing nur zu sehr recht habe, vermied es aber
+trotzdem, einen Unterschied zwischen den drei Freundinnen zu machen.
+Am wenigsten war ihr in diesem Augenblick danach zu Sinn, und während
+sie die Arme auf den Tisch stemmte, sagte sie: »Diese langweilige
+Stickerei. Gott sei Dank, daß ihr da seid.« »Aber deine Mama haben wir
+vertrieben«, sagte Hulda. »Nicht doch. Wie sie euch schon sagte, sie
+wäre doch gegangen; sie erwartet nämlich Besuch, einen alten Freund
+aus ihren Mädchentagen her, von dem ich euch nachher erzählen muß,
+eine Liebesgeschichte mit Held und Heldin und zuletzt mit Entsagung.
+Ihr werdet Augen machen und euch wundern. Übrigens habe ich Mamas
+alten Freund schon drüben in Schwantikow gesehen; er ist Landrat, gute
+Figur und sehr männlich.«
+
+»Das ist die Hauptsache«, sagte Hertha.
+
+»Freilich ist das die Hauptsache, 'Weiber weiblich, Männer männlich' -
+das ist, wie ihr wißt, einer von Papas Lieblingssätzen. Und nun helft
+mir erst Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst gibt es wieder
+eine Strafpredigt.«
+
+Im Nu waren die Docken in den Korb gepackt, und als alle wieder
+saßen, sagte Hulda: »Nun aber, Effi, nun ist es Zeit, nun die
+Liebesgeschichte mit Entsagung. Oder ist es nicht so schlimm?«
+
+»Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm. Aber ehe Hertha nicht
+von den Stachelbeeren genommen, eher kann ich nicht anfangen - sie
+läßt ja kein Auge davon. Übrigens nimm, soviel du willst, wir können
+ja hinterher neue pflücken; nur wirf die Schalen weit weg oder noch
+besser, lege sie hier auf die Zeitungsbeilage, wir machen dann eine
+Tüte daraus und schaffen alles beiseite. Mama kann es nicht leiden,
+wenn die Schlusen so überall herumliegen, und sagt immer, man könne
+dabei ausgleiten und ein Bein brechen.«
+
+»Glaub ich nicht«, sagte Hertha, während sie den Stachelbeeren fleißig
+zusprach.
+
+»Ich auch nicht«, bestätigte Effi. »Denkt doch mal nach, ich falle
+jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts
+gebrochen. Was ein richtiges Bein ist, das bricht nicht so leicht,
+meines gewiß nicht und deines auch nicht, Hertha. Was meinst du,
+Hulda?«
+
+»Man soll sein Schicksal nicht versuchen; Hochmut kommt vor dem Fall.«
+
+»Immer Gouvernante; du bist doch die geborene alte Jungfer.«
+
+»Und hoffe mich doch noch zu verheiraten. Und vielleicht eher als du.«
+
+»Meinetwegen. Denkst du, daß ich darauf warte? Das fehlte noch.
+Übrigens, ich kriege schon einen und vielleicht bald. Da ist mir nicht
+bange. Neulich erst hat mir der kleine Ventivegni von drüben gesagt:
+'Fräulein Effi, was gilt die Wette, wir sind hier noch in diesem Jahre
+zu Polterabend und Hochzeit.'«
+
+»Und was sagtest du da?«
+
+»'Wohl möglich', sagte ich, 'wohl möglich; Hulda ist die Älteste und
+kann sich jeden Tag verheiraten.' Aber er wollte davon nichts wissen
+und sagte: 'Nein, bei einer anderen jungen Dame, die geradeso brünett
+ist, wie Fräulein Hulda blond ist.' Und dabei sah er mich ganz
+ernsthaft an... Aber ich komme vom Hundertsten aufs Tausendste und
+vergesse die Geschichte.«
+
+»Ja, du brichst immer wieder ab; am Ende willst du nicht.« »Oh, ich
+will schon, aber freilich, ich breche immer wieder ab, weil es alles
+ein bißchen sonderbar ist, ja beinah romantisch.«
+
+»Aber du sagtest doch, er sei Landrat.«
+
+»Allerdings, Landrat. Und er heißt Geert von Innstetten, Baron von
+Innstetten.«
+
+Alle drei lachten.
+
+»Warum lacht ihr?« sagte Effi pikiert. »Was soll das heißen?«
+
+»Ach, Effi, wir wollen dich ja nicht beleidigen und auch den Baron
+nicht. Innstetten, sagtest du? Und Geert? So heißt doch hier kein
+Mensch. Freilich, die adeligen Namen haben oft so was Komisches.«
+
+»Ja, meine Liebe, das haben sie. Dafür sind es eben Adelige. Die
+dürfen sich das gönnen, und je weiter zurück, ich meine der Zeit nach,
+desto mehr dürfen sie sich's gönnen. Aber davon versteht ihr nichts,
+was ihr mir nicht übelnehmen dürft. Wir bleiben doch gute Freunde.
+Geert von Innstetten also und Baron. Er ist geradeso alt wie Mama, auf
+den Tag.«
+
+»Und wie alt ist denn eigentlich deine Mama?« »Achtunddreißig.«
+
+»Ein schönes Alter.«
+
+»Ist es auch, namentlich wenn man noch so aussieht wie die Mama. Sie
+ist doch eigentlich eine schöne Frau, findet ihr nicht auch? Und
+wie sie alles so weg hat, immer so sicher und dabei so fein und nie
+unpassend wie Papa. Wenn ich ein junger Leutnant wäre, so würd ich
+mich in die Mama verlieben.«
+
+»Aber Effi, wie kannst du nur so was sagen«, sagte Hulda. »Das ist ja
+gegen das vierte Gebot.«
+
+»Unsinn. Wie kann das gegen das vierte Gebot sein? Ich glaube, Mama
+würde sich freuen, wenn sie wüßte, daß ich so was gesagt habe.«
+
+»Kann schon sein«, unterbrach hierauf Hertha. »Aber nun endlich die
+Geschichte.«
+
+»Nun, gib dich zufrieden, ich fange schon an ... Also Baron
+Innstetten! Als er noch keine zwanzig war, stand er drüben bei den
+Rathenowern und verkehrte viel auf den Gütern hier herum, und am
+liebsten war er in Schwantikow drüben bei meinem Großvater Belling.
+Natürlich war es nicht des Großvaters wegen, daß er so oft drüben war,
+und wenn die Mama davon erzählt, so kann jeder leicht sehen, um wen es
+eigentlich war. Und ich glaube, es war auch gegenseitig.« »Und wie kam
+es nachher?«
+
+»Nun, es kam, wie's kommen mußte, wie's immer kommt. Er war ja
+noch viel zu jung, und als mein Papa sich einfand, der schon
+Ritterschaftsrat war und Hohen-Cremmen hatte, da war kein langes
+Besinnen mehr, und sie nahm ihn und wurde Frau von Briest ... Und das
+andere, was sonst noch kam, nun, das wißt ihr ... das andere bin ich.«
+
+»Ja, das andere bist du, Effi«, sagte Bertha. »Gott sei Dank; wir
+hätten dich nicht, wenn es anders gekommen wäre. Und nun sage, was tat
+Innstetten, was wurde aus ihm? Das Leben hat er sich nicht genommen,
+sonst könntet ihr ihn heute nicht erwarten.«
+
+»Nein, das Leben hat er sich nicht genommen. Aber ein bißchen war es
+doch so was.«
+
+»Hat er einen Versuch gemacht?«
+
+»Auch das nicht. Aber er mochte doch nicht länger hier in der Nähe
+bleiben, und das ganze Soldatenleben überhaupt muß ihm damals wie
+verleidet gewesen sein. Es war ja auch Friedenszeit. Kurz und gut, er
+nahm den Abschied und fing an, Juristerei zu studieren, wie Papa sagt,
+mit einem 'wahren Biereifer'; nur als der Siebziger Krieg kam, trat er
+wieder ein, aber bei den Perlebergern statt bei seinem alten Regiment,
+und hat auch das Kreuz. Natürlich, denn er ist sehr schneidig. Und
+gleich nach dem Kriege saß er wieder bei seinen Akten, und es heißt,
+Bismarck halte große Stücke von ihm und auch der Kaiser, und so kam es
+denn, daß er Landrat wurde, Landrat im Kessiner Kreise.«
+
+»Was ist Kessin? Ich kenne hier kein Kessin.«
+
+»Nein, hier in unserer Gegend liegt es nicht; es liegt eine hübsche
+Strecke von hier fort in Pommern, in Hinterpommern sogar, was aber
+nichts sagen will, weil es ein Badeort ist (alles da herum ist
+Badeort), und die Ferienreise, die Baron Innstetten jetzt macht, ist
+eigentlich eine Vetternreise oder doch etwas Ähnliches. Er will hier
+alte Freundschaft und Verwandtschaft wiedersehen.«
+
+»Hat er denn hier Verwandte?«
+
+»Ja und nein, wie man's nehmen will. Innstettens gibt es hier nicht,
+gibt es, glaub ich, überhaupt nicht mehr. Aber er hat hier entfernte
+Vettern von der Mutter Seite her, und vor allem hat er wohl
+Schwantikow und das Bellingsche Haus wiedersehen wollen, an das ihn
+so viele Erinnerungen knüpfen. Da war er denn vorgestern drüben, und
+heute will er hier in Hohen-Cremmen sein.«
+
+»Und was sagt dein Vater dazu?«
+
+»Gar nichts. Der ist nicht so. Und dann kennt er ja doch die Mama. Er
+neckt sie bloß.«
+
+In diesem Augenblick schlug es Mittag, und ehe es noch ausgeschlagen,
+erschien Wilke, das alte Briestsche Haus- und Familienfaktotum, um an
+Fräulein Effi zu bestellen: Die gnädige Frau ließe bitten, daß das
+gnädige Fräulein zu rechter Zeit auch Toilette mache; gleich nach
+eins würde der Herr Baron wohl vorfahren. Und während Wilke dies
+noch vermeldete, begann er auch schon auf dem Arbeitstisch der Damen
+abzuräumen und griff dabei zunächst nach dem Zeitungsblatt, auf dem
+die Stachelbeerschalen lagen.
+
+»Nein, Wilke, nicht so; das mit den Schlusen, das ist unsere Sache...
+Hertha, du mußt nun die Tüte machen und einen Stein hineintun, daß
+alles besser versinken kann. Und dann wollen wir in einem langen
+Trauerzug aufbrechen und die Tüte auf offener See begraben.«
+
+Wilke schmunzelte. Is doch ein Daus, unser Fräulein, so etwa gingen
+seine Gedanken. Effi aber, während sie die Tüte mitten auf die rasch
+zusammengeraffte Tischdecke legte, sagte: »Nun fassen wir alle vier
+an, jeder an einem Zipfel, und singen was Trauriges.«
+
+»Ja, das sagst du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?«
+
+»Irgendwas; es ist ganz gleich, es muß nur einen Reim auf 'u' haben;
+'u' ist immer Trauervokal. Also singen wir:
+
+ Flut, Flut,
+ Mach alles wieder gut ...«
+
+Und während Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle
+vier auf den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte
+Boot und ließen von diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tüte
+langsam in den Teich niedergleiten.
+
+»Hertha, nun ist deine Schuld versenkt«, sagte Effi, »wobei mir
+übrigens einfällt, so vom Boot aus sollen früher auch arme,
+unglückliche Frauen versenkt worden sein, natürlich wegen Untreue.«
+
+»Aber doch nicht hier.«
+
+»Nein, nicht hier«, lachte Effi, »hier kommt sowas nicht vor. Aber
+in Konstantinopel, und du mußt ja, wie mir eben einfällt, auch davon
+wissen, so gut wie ich, du bist ja mit dabeigewesen, als uns Kandidat
+Holzapfel in der Geographiestunde davon erzählte.«
+
+»Ja«, sagte Hulda, »der erzählte immer so was. Aber so was vergißt man
+doch wieder.«
+
+»Ich nicht. Ich behalte so was.«
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Sie sprachen noch eine Weile so weiter, wobei sie sich ihrer
+gemeinschaftlichen Schulstunden und einer ganzen Reihe Holzapfelscher
+Unpassendheiten mit Empörung und Behagen erinnerten. Ja, man konnte
+sich nicht genug tun damit, bis Hulda mit einem Male sagte: »Nun aber
+ist es höchste Zeit, Effi; du siehst ja aus, ja, wie sag ich nur,
+du siehst ja aus, wie wenn du vom Kirschenpflücken kämst, alles
+zerknittert und zerknautscht; das Leinenzeug macht immer so viele
+Falten, und der große weiße Klappkragen ... ja, wahrhaftig, jetzt hab
+ich es, du siehst aus wie ein Schiffsjunge.«
+
+»Midshipman, wenn ich bitten darf. Etwas muß ich doch von meinem Adel
+haben. Übrigens, Midshipman oder Schiffsjunge, Papa hat mir erst
+neulich wieder einen Mastbaum versprochen, hier dicht neben der
+Schaukel, mit Rahen und einer Strickleiter. Wahrhaftig, das sollte mir
+gefallen, und den Wimpel oben selbst anzumachen, das ließ' ich mir
+nicht nehmen. Und du, Hulda, du kämst dann von der anderen Seite her
+herauf, und oben in der Luft wollten wir hurra rufen und uns einen Kuß
+geben. Alle Wetter, das sollte schmecken.« »'Alle Wetter ...', wie das
+nun wieder klingt ... Du sprichst wirklich wie ein Midshipman. Ich
+werde mich aber hüten, dir nachzuklettern, ich bin nicht so waghalsig.
+Jahnke hat ganz recht, wenn er immer sagt, du hättest zuviel von
+dem Bellingschen in dir, von deiner Mama her. Ich bin bloß ein
+Pastorskind.«
+
+»Ach, geh mir. Stille Wasser sind tief. Weißt du noch, wie du damals,
+als Vetter Briest als Kadett hier war, aber doch schon groß genug, wie
+du damals auf dem Scheunendach entlangrutschtest. Und warum? Nun, ich
+will es nicht verraten. Aber kommt, wir wollen uns schaukeln, auf
+jeder Seite zwei; reißen wird es ja wohl nicht, oder wenn ihr nicht
+Lust habt, denn ihr macht wieder lange Gesichter, dann wollen wir
+Anschlag spielen. Eine Viertelstunde hab ich noch. Ich mag noch nicht
+hineingehen, und alles bloß, um einem Landrat guten Tag zu sagen, noch
+dazu einem Landrat aus Hinterpommern. Altlich ist er auch, er könnte
+ja beinah mein Vater sein, und wenn er wirklich in einer Seestadt
+wohnt, Kessin soll ja so was sein, nun, da muß ich ihm in diesem
+Matrosenkostüm eigentlich am besten gefallen und muß ihm beinah wie
+eine große Aufmerksamkeit vorkommen. Fürsten, wenn sie wen empfangen,
+soviel weiß ich von meinem Papa her, legen auch immer die Uniform aus
+der Gegend des anderen an. Also nun nicht ängstlich ... rasch, rasch,
+ich fliege aus, und neben der Bank hier ist frei.«
+
+Hulda wollte noch ein paar Einschränkungen machen, aber Effi war schon
+den nächsten Kiesweg hinauf, links hin, rechts hin, bis sie mit einem
+Male verschwunden war.
+
+»Effi, das gilt nicht; wo bist du? Wir spielen nicht Versteck, wir
+spielen Anschlag«, und unter diesen und ähnlichen Vorwürfen eilten die
+Freundinnen ihr nach, weit über das Rondell und die beiden seitwärts
+stehenden Platanen hinaus, bis die Verschwundene mit einem Male aus
+ihrem Versteck hervorbrach und mühelos, weil sie schon im Rücken ihrer
+Verfolger war, mit »eins, zwei, drei« den Freiplatz neben der Bank
+erreichte.
+
+»Wo warst du?«
+
+»Hinter den Rhabarberstauden; die haben so große Blätter, noch größer
+als ein Feigenblatt ...«
+
+»Pfui ...«
+
+»Nein, pfui für euch, weil ihr verspielt habt. Hulda, mit ihren großen
+Augen, sah wieder nichts, immer ungeschickt.« Und dabei flog Effi
+von neuem über das Rondell hin, auf den Teich zu, vielleicht weil
+sie vorhatte, sich erst hinter einer dort aufwachsenden dichten
+Haselnußhecke zu verstecken, um dann, von dieser aus, mit einem weiten
+Umweg um Kirchhof und Fronthaus, wieder bis an den Seitenflügel und
+seinen Freiplatz zu kommen. Alles war gut berechnet; aber freilich,
+ehe sie noch halb um den Teich herum war, hörte sie schon vom Hause
+her ihren Namen rufen und sah, während sie sich umwandte, die Mama,
+die, von der Steintreppe her, mit ihrem Taschentuch winkte. Noch einen
+Augenblick, und Effi stand vor ihr.
+
+»Nun bist du doch noch in deinem Kittel, und der Besuch ist da. Nie
+hältst du Zeit.«
+
+»Ich halte schon Zeit, aber der Besuch hat nicht Zeit gehalten. Es ist
+noch nicht eins; noch lange nicht«, und sich nach den Zwillingen hin
+umwendend (Hulda war noch weiter zurück), rief sie diesen zu: »Spielt
+nur weiter; ich bin gleich wieder da.«
+
+Schon im nächsten Augenblick trat Effi mit der Mama in den großen
+Gartensaal, der fast den ganzen Raum des Seitenflügels füllte.
+
+»Mama, du darfst mich nicht schelten. Es ist wirklich erst halb. Warum
+kommt er so früh? Kavaliere kommen nicht zu spät, aber noch weniger zu
+früh.«
+
+Frau von Briest war in sichtlicher Verlegenheit; Effi aber schmiegte
+sich liebkosend an sie und sagte: »Verzeih, ich will mich nun
+eilen; du weißt, ich kann auch rasch sein, und in fünf Minuten ist
+Aschenputtel in eine Prinzessin verwandelt. So lange kann er warten
+oder mit dem Papa plaudern.«
+
+Und der Mama zunickend, wollte sie leichten Fußes eine kleine eiserne
+Stiege hinauf, die aus dem Saal in den Oberstock hinaufführte. Frau
+von Briest aber, die unter Umständen auch unkonventionell sein konnte,
+hielt plötzlich die schon forteilende Effi zurück, warf einen Blick
+auf das jugendlich reizende Geschöpf, das, noch erhitzt von der
+Aufregung des Spiels, wie ein Bild frischesten Lebens vor ihr stand,
+und sagte beinahe vertraulich: »Es ist am Ende das beste, du bleibst,
+wie du bist. Ja, bleibe so. Du siehst gerade sehr gut aus. Und wenn
+es auch nicht wäre, du siehst so unvorbereitet aus, so gar nicht
+zurechtgemacht, und darauf kommt es in diesem Augenblick an. Ich muß
+dir nämlich sagen, meine süße Effi ...«, und sie nahm ihres Kindes
+beide Hände, »... ich muß dir nämlich sagen ...«
+
+»Aber Mama, was hast du nur? Mir wird ja ganz angst und bange.«
+
+»... Ich muß dir nämlich sagen, Effi, daß Baron Innstetten eben um
+deine Hand angehalten hat.«
+
+»Um meine Hand angehalten? Und im Ernst?«
+
+»Es ist keine Sache, um einen Scherz daraus zu machen. Du hast ihn
+vorgestern gesehen, und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. Er
+ist freilich älter als du, was alles in allem ein Glück ist, dazu ein
+Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn du nicht
+nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so
+stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du
+wirst deine Mama weit überholen.«
+
+Effi schwieg und suchte nach einer Antwort. Aber ehe sie diese finden
+konnte, hörte sie schon des Vaters Stimme von dem angrenzenden,
+noch im Fronthause gelegenen Hinterzimmer her, und gleich danach
+überschritt Ritterschaftsrat von Briest, ein wohlkonservierter
+Fünfziger von ausgesprochener Bonhomie, die Gartensalonschwelle - mit
+ihm Baron Innstetten, schlank, brünett und von militärischer Haltung.
+
+Effi, als sie seiner ansichtig wurde, kam in ein nervöses Zittern;
+aber nicht auf lange, denn im selben Augenblick fast, wo sich
+Innstetten unter freundlicher Verneigung ihr näherte, wurden an
+dem mittleren der weit offenstehenden und von wildem Wein halb
+überwachsenen Fenster die rotblonden Köpfe der Zwillinge sichtbar, und
+Hertha, die Ausgelassenste, rief in den Saal hinein: »Effi, komm.«
+
+Dann duckte sie sich, und beide Schwestern sprangen von der Banklehne,
+darauf sie gestanden, wieder in den Garten hinab, und man hörte nur
+noch ihr leises Kichern und Lachen.
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Noch an demselben Tage hatte sich Baron Innstetten mit Effi Briest
+verlobt. Der joviale Brautvater, der sich nicht leicht in seiner
+Feierlichkeitsrolle zurechtfand, hatte bei dem Verlobungsmahl, das
+folgte, das junge Paar leben lassen, was auf Frau von Briest, die
+dabei der nun um kaum achtzehn Jahre zurückliegenden Zeit gedenken
+mochte, nicht ohne herzbeweglichen Eindruck geblieben war. Aber nicht
+auf lange; sie hatte es nicht sein können, nun war es statt ihrer die
+Tochter - alles in allem ebensogut oder vielleicht noch besser. Denn
+mit Briest ließ sich leben, trotzdem er ein wenig prosaisch war und
+dann und wann einen kleinen frivolen Zug hatte. Gegen Ende der Tafel,
+das Eis wurde schon herumgereicht, nahm der alte Ritterschaftsrat
+noch einmal das Wort, um in einer zweiten Ansprache das allgemeine
+Familien-Du zu proponieren. Er umarmte dabei Innstetten und gab ihm
+einen Kuß auf die linke Backe. Hiermit war aber die Sache für ihn noch
+nicht abgeschlossen, vielmehr fuhr er fort, außer dem »Du« zugleich
+intimere Namen und Titel für den Hausverkehr zu empfehlen, eine
+Art Gemütlichkeitsrangliste aufzustellen, natürlich unter Wahrung
+berechtigter, weil wohlerworbener Eigentümlichkeiten. Für seine Frau,
+so hieß es, würde der Fortbestand von »Mama« (denn es gäbe auch
+junge Mamas) wohl das beste sein, während er für seine Person, unter
+Verzicht auf den Ehrentitel »Papa«, das einfache Briest entschieden
+bevorzugen müsse, schon weil es so hübsch kurz sei. Und was nun die
+Kinder angehe - bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem nur etwa
+um ein Dutzend Jahre jüngeren Innstetten, einen Ruck geben mußte -,
+nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert. Geert, wenn er nicht irre,
+habe die Bedeutung von einem schlank aufgeschossenen Stamm, und Effi
+sei dann also der Efeu, der sich darumzuranken habe. Das Brautpaar
+sah sich bei diesen Worten etwas verlegen an. Effi zugleich mit einem
+Ausdruck kindlicher Heiterkeit, Frau von Briest aber sagte: »Briest,
+sprich, was du willst, und formuliere deine Toaste nach Gefallen,
+nur poetische Bilder, wenn ich bitten darf, laß beiseite, das liegt
+jenseits deiner Sphäre.« Zurechtweisende Worte, die bei Briest mehr
+Zustimmung als Ablehnung gefunden hatten. »Es ist möglich, daß du
+recht hast, Luise.«
+
+Gleich nach Aufhebung der Tafel beurlaubte sich Effi, um einen Besuch
+drüben bei Pastors zu machen. Unterwegs sagte sie sich: »Ich glaube,
+Hulda wird sich ärgern. Nun bin ich ihr doch zuvorgekommen - sie war
+immer zu eitel und eingebildet.« Aber Effi traf es mit ihrer Erwartung
+nicht ganz; Hulda, durchaus Haltung bewahrend, benahm sich sehr gut
+und überließ die Bezeugung von Unmut und Ärger ihrer Mutter, der Frau
+Pastorin, die denn auch sehr sonderbare Bemerkungen machte. »Ja, ja,
+so geht es. Natürlich. Wenn's die Mutter nicht sein konnte, muß es
+die Tochter Sein. Das kennt man. Alte Familien halten immer zusammen,
+und wo was is, da kommt was dazu.« Der alte Niemeyer kam in arge
+Verlegenheit über diese fortgesetzten Spitzen Redensarten ohne Bildung
+und Anstand und beklagte mal wieder, eine Wirtschafterin geheiratet zu
+haben.
+
+Von Pastors ging Effi natürlich auch zu Kantor Jahnkes; die Zwillinge
+hatten schon nach ihr ausgeschaut und empfingen sie im Vorgarten.
+
+»Nun, Effi«, sagte Hertha, während alle drei zwischen den rechts und
+links blühenden Studentenblumen auf und ab schritten, »nun, Effi, wie
+ist dir eigentlich?«
+
+»Wie mir ist? Oh, ganz gut. Wir nennen uns auch schon du und bei
+Vornamen. Er heißt nämlich Geert, was ich euch, wie mir einfällt, auch
+schon gesagt habe.«
+
+»Ja, das hast du. Mir ist aber doch so bange dabei. Ist es denn auch
+der Richtige?«
+
+»Gewiß ist es der Richtige. Das verstehst du nicht, Hertha. Jeder ist
+der Richtige. Natürlich muß er von Adel sein und eine Stellung haben
+und gut aussehen.«
+
+»Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du doch ganz anders.«
+
+»Ja, sonst.«
+
+»Und bist du auch schon ganz glücklich?«
+
+»Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glücklich.
+Wenigstens denk ich es mir so.«
+
+»Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bißchen
+genant?«
+
+»Ja, ein bißchen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich
+denke, ich werde darüber wegkommen.«
+
+Nach diesem im Pfarr- und Kantorhause gemachten Besuche, der
+keine halbe Stunde gedauert hatte, war Effi wieder nach drüben
+zurückgekehrt, wo man auf der Gartenveranda eben den Kaffee nehmen
+wollte. Schwiegervater und Schwiegersohn gingen auf dem Kieswege
+zwischen den zwei Platanen auf und ab. Briest sprach von dem
+Schwierigen einer landrätlichen Stellung; sie sei ihm verschiedentlich
+angetragen worden, aber er habe jedesmal gedankt. »So nach meinem
+eigenen Willen schalten und walten zu können ist mir immer das liebste
+gewesen, jedenfalls lieber - Pardon, Innstetten -, als so die Blicke
+beständig nach oben richten zu müssen. Man hat dann bloß immer Sinn
+und Merk für hohe und höchste Vorgesetzte. Das ist nichts für mich.
+Hier leb ich so freiweg und freue mich über jedes grüne Blatt und über
+den wilden Wein, der da drüben in die Fenster wächst.«
+
+Er sprach noch mehr dergleichen, allerhand Antibeamtliches, und
+entschuldigte sich von Zeit zu Zeit mit einem kurzen, verschiedentlich
+wiederkehrenden »Pardon, Innstetten«. Dieser nickte mechanisch
+zustimmend, war aber eigentlich wenig bei der Sache, sah vielmehr wie
+gebannt immer aufs neue nach dem drüben am Fenster rankenden wilden
+Wein hinüber, von dem Briest eben gesprochen, und während er dem
+nachhing, war es ihm, als säh' er wieder die rotblonden Mädchenköpfe
+zwischen den Weinranken und höre dabei den übermütigen Zuruf: »Effi,
+komm.«
+
+Er glaubte nicht an Zeichen und ähnliches, im Gegenteil, wies alles
+Abergläubische weit zurück. Aber er konnte trotzdem von den zwei
+Worten nicht los, und während Briest immer weiterperorierte, war es
+ihm beständig, als wäre der kleine Hergang doch mehr als ein bloßer
+Zufall gewesen.
+
+Innstetten, der nur einen kurzen Urlaub genommen, war schon am
+folgenden Tag wieder abgereist, nachdem er versprochen, jeden Tag
+schreiben zu wollen. »Ja, das mußt du«, hatte Effi gesagt, ein Wort,
+das ihr von Herzen kam, da sie seit Jahren nichts Schöneres kannte als
+beispielsweise den Empfang vieler Geburtstagsbriefe. Jeder mußte ihr
+zu diesem Tag schreiben. In den Brief eingestreute Wendungen, etwa wie
+»Gertrud und Klara senden Dir mit mir ihre herzlichsten Glückwünsche«,
+waren verpönt; Gertrud und Klara, wenn sie Freundinnen sein wollten,
+hatten dafür zu Sorgen, daß ein Brief mit selbständiger Marke daläge,
+womöglich - denn ihr Geburtstag fiel noch in die Reisezeit mit einer
+fremden, aus der Schweiz oder Karlsbad.
+
+Innstetten, wie versprochen, schrieb wirklich jeden Tag; was aber den
+Empfang seiner Briefe ganz besonders angenehm machte, war der Umstand,
+daß er allwöchentlich nur einmal einen ganz kleinen Antwortbrief
+erwartete. Den erhielt er dann auch, voll reizend nichtigen und
+ihn jedesmal entzückenden Inhalts. Was es von ernsteren Dingen
+zu besprechen gab, das verhandelte Frau von Briest mit ihrem
+Schwiegersohn: Festsetzungen wegen der Hochzeit, Ausstattungs- und
+Wirtschaftseinrichtungsfragen. Innstetten, schon an die drei Jahre
+im Amt, war in seinem Kessiner Hause nicht glänzend, aber doch sehr
+standesgemäß eingerichtet, und es empfahl sich, in der Korrespondenz
+mit ihm ein Bild von allem, was da war, zu gewinnen, um nichts
+Unnützes anzuschaffen. Schließlich, als Frau von Briest über all diese
+Dinge genugsam unterrichtet war, wurde seitens Mutter und Tochter eine
+Reise nach Berlin beschlossen, um, wie Briest sich ausdrückte, den
+»Trousseau« für Prinzessin Effi zusammenzukaufen. Effi freute sich
+sehr auf den Aufenthalt in Berlin, um so mehr, als der Vater darein
+gewilligt hatte, im Hotel du Nord Wohnung zu nehmen. Was es koste,
+könne ja von der Ausstattung abgezogen werden; Innstetten habe ohnehin
+alles. Effi ganz im Gegensatz zu der solche »Mesquinerien« ein für
+allemal sich verbittenden Mama - hatte dem Vater, ohne jede Sorge
+darum, ob er's scherz- oder ernsthaft gemeint hatte, freudig
+zugestimmt und beschäftigte sich in ihren Gedanken viel, viel mehr mit
+dem Eindruck, den sie beide, Mutter und Tochter, bei ihrem Erscheinen
+an der Table d'hôte machen würden, als mit Spinn und Mencke,
+Goschenhofer und ähnlichen Firmen, die vorläufig notiert worden waren.
+Und diesen ihren heiteren Phantasien entsprach denn auch ihre Haltung,
+als die große Berliner Woche nun wirklich da war. Vetter Briest vom
+Alexanderregiment, ein ungemein ausgelassener junger Leutnant, der
+die »Fliegenden Blätter« hielt und über die besten Witze Buch führte,
+stellte sich den Damen für jede dienstfreie Stunde zur Verfügung,
+und so saßen sie denn mit ihm bei Kranzler am Eckfenster oder zu
+statthafter Zeit auch wohl im Café Bauer und fuhren nachmittags in den
+Zoologischen Garten, um da die Giraffen zu sehen, von denen Vetter
+Briest, der übrigens Dagobert hieß, mit Vorliebe behauptete, sie sähen
+aus wie adlige alte Jungfern. Jeder Tag verlief programmäßig, und
+am dritten oder vierten Tag gingen sie, wie vorgeschrieben, in die
+Nationalgalerie, weil Vetter Dagobert seiner Cousine die »Insel der
+Seligen« zeigen wollte. Fräulein Cousine stehe zwar auf dem Punkte,
+sich zu verheiraten, es sei aber doch vielleicht gut, die »Insel der
+Seligen« schon vorher kennengelernt zu haben. Die Tante gab ihm einen
+Schlag mit dem Fächer, begleitete diesen Schlag aber mit einem so
+gnädigen Blick, daß er keine Veranlassung hatte, den Ton zu ändern.
+Es waren himmlische Tage für alle drei, nicht zum wenigsten
+für den Vetter, der so wundervoll zu chaperonnieren und kleine
+Differenzen immer rasch auszugleichen verstand. An solchen
+Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter war nun,
+wie das so geht, all die Zeit über kein Mangel, aber sie traten
+glücklicherweise nie bei den zu machenden Einkäufen hervor. Ob man
+von einer Sache sechs oder drei Dutzend erstand, Effi war mit allem
+gleichmäßig einverstanden, und wenn dann auf dem Heimweg von dem Preis
+der eben eingekauften Gegenstände gesprochen wurde, so verwechselte
+sie regelmäßig die Zahlen. Frau von Briest, sonst so kritisch, auch
+ihrem eigenen geliebten Kinde gegenüber, nahm dies anscheinend
+mangelnde Interesse nicht nur von der leichten Seite, sondern erkannte
+sogar einen Vorzug darin. Alle diese Dinge, so sagte sie sich,
+bedeuten Effi nicht viel. Effi ist anspruchslos; sie lebt in ihren
+Vorstellungen und Träumen, und wenn die Prinzessin Friedrich Karl
+vorüberfährt und sie von ihrem Wagen aus freundlich grüßt, so gilt ihr
+das mehr als eine ganze Truhe voll Weißzeug.
+
+Das alles war auch richtig, aber doch nur halb. An dem Besitze mehr
+oder weniger alltäglicher Dinge lag Effi nicht viel, aber wenn sie mit
+der Mama die Linden hinauf- und hinunterging und nach Musterung der
+schönsten Schaufenster in den Demuthschen Laden eintrat, um für die
+gleich nach der Hochzeit geplante italienische Reise allerlei Einkäufe
+zu machen, so zeigte sich ihr wahrer Charakter. Nur das Eleganteste
+gefiel ihr, und wenn sie das Beste nicht haben konnte, so verzichtete
+sie auf das Zweitbeste, weil ihr dies Zweite nun nichts mehr
+bedeutete. Ja, sie konnte verzichten, darin hatte die Mama recht, und
+in diesem Verzichtenkönnen lag etwas von Anspruchslosigkeit; wenn es
+aber ausnahmsweise mal wirklich etwas zu besitzen galt, so mußte dies
+immer was ganz Apartes sein. Und darin war sie anspruchsvoll.
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Vetter Dagobert war am Bahnhof, als die Damen ihre Rückreise nach
+Hohen-Cremmen antraten. Es waren glückliche Tage gewesen, vor
+allem auch darin, daß man nicht unter unbequemer und beinahe
+unstandesgemäßer Verwandtschaft gelitten hatte. »Für Tante Therese«,
+so hatte Effi gleich nach der Ankunft gesagt, »müssen wir diesmal
+inkognito bleiben. Es geht nicht, daß sie hier ins Hotel kommt.
+Entweder Hotel du Nord oder Tante Therese; beides zusammen paßt
+nicht.« Die Mama hatte sich schließlich einverstanden damit erklärt,
+ja, dem Liebling zur Besiegelung des Einverständnisses einen Kuß auf
+die Stirn gegeben.
+
+Mit Vetter Dagobert war das natürlich etwas ganz anderes gewesen, der
+hatte nicht bloß den Gardepli, der hatte vor allem auch mit Hilfe
+jener eigentümlich guten Laune, wie sie bei den Alexanderoffizieren
+beinahe traditionell geworden, sowohl Mutter wie Tochter von Anfang
+an anzuregen und aufzuheitern gewußt, und diese gute Stimmung dauerte
+bis zuletzt. »Dagobert«, so hieß es noch beim Abschied, »du kommst
+also zu meinem Polterabend, und natürlich mit Cortège. Denn
+nach den Aufführungen (aber kommt mir nicht mit Dienstmann oder
+Mausefallenhändler) ist Ball. Und du mußt bedenken, mein erster
+großer Ball ist vielleicht auch mein letzter. Unter sechs Kameraden
+- natürlich beste Tänzer - wird gar nicht angenommen. Und mit dem
+Frühzug könnt ihr wieder zurück.« Der Vetter versprach alles, und so
+trennte man sich.
+
+Gegen Mittag trafen beide Damen an ihrer havelländischen Bahnstation
+ein, mitten im Luch, und fuhren in einer halben Stunde nach
+Hohen-Cremmen hinüber. Briest war sehr froh, Frau und Tochter wieder
+zu Hause zu haben, und stellte Fragen über Fragen, deren Beantwortung
+er meist nicht abwartete. Statt dessen erging er sich in Mitteilung
+dessen, was er inzwischen erlebt. »Ihr habt mir da vorhin von der
+Nationalgalerie gesprochen und von der 'Insel der Seligen' - nun, wir
+haben hier, während ihr fort wart, auch so was gehabt: unser Inspektor
+Pink und die Gärtnersfrau. Natürlich habe ich Pink entlassen müssen,
+übrigens ungern. Es ist sehr fatal, daß solche Geschichten fast immer
+in die Erntezeit fallen. Und Pink war sonst ein ungewöhnlich tüchtiger
+Mann, hier leider am unrechten Fleck. Aber lassen wir das; Wilke wird
+schon unruhig.«
+
+Bei Tische hörte Briest besser zu; das gute Einvernehmen mit dem
+Vetter, von dem ihm viel erzählt wurde, hatte seinen Beifall, weniger
+das Verhalten gegen Tante Therese. Man sah aber deutlich, daß er
+inmitten seiner Mißbilligung sich eigentlich darüber freute; denn ein
+kleiner Schabernack entsprach ganz seinem Geschmack, und Tante Therese
+war wirklich eine lächerliche Figur. Er hob sein Glas und stieß mit
+Frau und Tochter an. Auch als nach Tisch einzelne der hübschesten
+Einkäufe von ihm ausgepackt und seiner Beurteilung unterbreitet
+wurden, verriet er viel Interesse, das selbst noch anhielt oder
+wenigstens nicht ganz hinstarb, als er die Rechnung überflog. »Etwas
+teuer, oder sagen wir lieber sehr teuer; indessen es tut nichts. Es
+hat alles so viel Schick, ich möchte sagen so viel Animierendes, daß
+ich deutlich fühle, wenn du mir solchen Koffer und solche Reisedecke
+zu Weihnachten schenkst, so sind wir zu Ostern auch in Rom und machen
+nach achtzehn Jahren unsere Hochzeitsreise. Was meinst du, Luise?
+Wollen wir nachexerzieren? Spät kommt ihr, doch ihr kommt.«
+
+Frau von Briest machte eine Handbewegung, wie wenn sie sagen wollte:
+»Unverbesserlich«, und überließ ihn im übrigen seiner eigenen
+Beschämung, die aber nicht groß war.
+
+Ende August war da, der Hochzeitstag (3. Oktober) rückte näher,
+und sowohl im Herrenhause wie in der Pfarre und Schule war man
+unausgesetzt bei den Vorbereitungen zum Polterabend. Jahnke, getreu
+seiner Fritz-Reuter-Passion, hatte sich's als etwas besonders
+»Sinniges« ausgedacht, Bertha und Hertha als Lining und Mining
+auftreten zu lassen, natürlich plattdeutsch, während Hulda das
+Käthchen von Heilbronn in der Holunderbaumszene darstellen sollte,
+Leutnant Engelbrecht von den Husaren als Wetter vom Strahl. Niemeyer,
+der sich den Vater der Idee nennen durfte, hatte keinen Augenblick
+gesäumt, auch die versäumte Nutzanwendung auf Innstetten und Effi
+hinzuzudichten. Er selbst war mit seiner Arbeit zufrieden und hörte,
+gleich nach der Leseprobe, von allen Beteiligten viel Freundliches
+darüber, freilich mit Ausnahme seines Patronatsherrn und alten
+Freundes Briest, der, als er die Mischung von Kleist und Niemeyer
+mit angehört hatte, lebhaft protestierte, wenn auch keineswegs aus
+literarischen Gründen. »Hoher Herr und immer wieder Hoher Herr - was
+soll das? Das leitet in die Irre, das verschiebt alles. Innstetten,
+unbestritten, ist ein famoses Menschenexemplar, Mann von Charakter
+und Schneid, aber die Briests - verzeih den Berolinismus, Luise-, die
+Briests sind schließlich auch nicht von schlechten Eltern. Wir sind
+doch nun mal eine historische Familie, laß mich hinzufügen Gott sei
+Dank, und die Innstettens sind es nicht; die Innstettens sind bloß
+alt, meinetwegen Uradel, aber was heißt Uradel? Ich will nicht, daß
+eine Briest oder doch mindestens eine Polterabendfigur, in der jeder
+das Widerspiel unserer Effi erkennen muß - ich will nicht, daß eine
+Briest mittelbar oder unmittelbar in einem fort von 'Hoher Herr'
+spricht. Da müßte denn doch Innstetten wenigstens ein verkappter
+Hohenzoller sein, es gibt ja dergleichen. Das ist er aber nicht, und
+so kann ich nur wiederholen, es verschiebt die Situation.«
+
+Und wirklich, Briest hielt mit besonderer Zähigkeit eine ganze
+Zeitlang an dieser Anschauung fest. Erst nach der zweiten Probe,
+wo das »Käthchen«, schon halb im Kostüm, ein sehr eng anliegendes
+Sammetmieder trug, ließ er sich - der es auch sonst nicht an
+Huldigungen gegen Hulda fehlen ließ - zu der Bemerkung hinreißen,
+das Käthchen liege sehr gut da, welche Wendung einer Waffenstreckung
+ziemlich gleichkam oder doch zu solcher hinüberleitete. Daß alle diese
+Dinge vor Effi geheimgehalten wurden, braucht nicht erst gesagt zu
+werden. Bei mehr Neugier auf seiten dieser letzteren wäre das nun
+freilich ganz unmöglich gewesen, aber Effi hatte so wenig Verlangen,
+in die Vorbereitungen und geplanten Überraschungen einzudringen, daß
+sie der Mama mit allem Nachdruck erklärte, sie könne es abwarten,
+und Wenn diese dann zweifelte, so schloß Effi mit der wiederholten
+Versicherung: Es wäre wirklich so, die Mama könne es glauben. Und
+warum auch nicht? Es sei ja doch alles nur Theateraufführung und
+hübscher und poetischer als »Aschenbrödel«, das sie noch am letzten
+Abend in Berlin gesehen hätte, hübscher und poetischer könne es ja
+doch nicht Sein. Da hätte sie wirklich selber mitspielen mögen, wenn
+auch nur, um dem lächerlichen Pensionslehrer einen Kreidestrich auf
+den Rücken zu machen. »Und wie reizend im letzten Akt 'Aschenbrödels
+Erwachen als Prinzessin' oder wenigstens als Gräfin; wirklich, es
+war ganz wie ein Märchen.« In dieser Weise sprach sie oft, war meist
+ausgelassener als vordem und ärgerte sich bloß über das beständige
+Tuscheln und Geheimtun der Freundinnen. »Ich wollte, sie hätten sich
+weniger wichtig und wären mehr für mich da. Nachher bleiben sie doch
+bloß stecken, und ich muß mich um sie ängstigen und mich schämen, daß
+es meine Freundinnen sind.« So gingen Effis Spottreden, und es war
+ganz unverkennbar, daß sie sich um Polterabend und Hochzeit nicht
+allzusehr kümmerte. Frau von Briest hatte so ihre Gedanken darüber,
+aber zu Sorgen kam es nicht, weil sich Effi, was doch ein gutes
+Zeichen war, ziemlich viel mit ihrer Zukunft beschäftigte und sich,
+phantasiereich wie sie war, viertelstundenlang in Schilderungen ihres
+Kessiner Lebens erging, Schilderungen, in denen sich nebenher und
+sehr zur Erheiterung der Mama eine merkwürdige Vorstellung von
+Hinterpommern aussprach oder vielleicht auch, mit kluger Berechnung,
+aussprechen sollte. Sie gefiel sich nämlich darin, Kessin als
+einen halbsibirischen Ort aufzufassen, wo Eis und Schnee nie recht
+aufhörten.
+
+»Heute hat Goschenhofer das letzte geschickt«, sagte Frau von Briest,
+als sie wie gewöhnlich in Front des Seitenflügels mit Effi am
+Arbeitstisch saß, auf dem die Leinen- und Wäschevorräte beständig
+wuchsen, während der Zeitungen, die bloß Platz wegnahmen, immer
+weniger wurden. »Ich hoffe, du hast nun alles, Effi. Wenn du aber noch
+kleine Wünsche hegst, so mußt du sie jetzt aussprechen, womöglich in
+dieser Stunde noch. Papa hat den Raps vorteilhaft verkauft und ist
+ungewöhnlich guter Laune.«
+
+»Ungewöhnlich? Er ist immer in guter Laune.«
+
+»In ungewöhnlich guter Laune«, wiederholte die Mama. »Und sie muß
+genutzt werden. Sprich also. Mehrmals, als wir noch in Berlin waren,
+war es mir, als ob du doch nach dem einen oder anderen noch ein ganz
+besonderes Verlangen gehabt hättest.«
+
+»Ja, liebe Mama, was soll ich da sagen. Eigentlich habe ich ja alles,
+was man braucht, ich meine, was man hier braucht. Aber da mir's nun
+mal bestimmt ist, so hoch nördlich zu kommen ... ich bemerke, daß ich
+nichts dagegen habe, im Gegenteil, ich freue mich darauf, auf die
+Nordlichter und auf den helleren Glanz der Sterne ... da mir's nun mal
+so bestimmt ist, so hätte ich wohl gern einen Pelz gehabt.«
+
+»Aber Effi, Kind, das ist doch alles bloß leere Torheit. Du kommst ja
+nicht nach Petersburg oder nach Archangel.«
+
+»Nein; aber ich bin doch auf dem Wege dahin...«
+
+»Gewiß, Kind. Auf dem Wege dahin bist du; aber was heißt das? Wenn du
+von hier nach Nauen fährst, bist du auch auf dem Wege nach Rußland. Im
+übrigen, wenn du's wünschst, so sollst du einen Pelz haben. Nur das
+laß mich im voraus sagen, ich rate dir davon ab. Ein Pelz ist für
+ältere Personen, selbst deine alte Mama ist noch zu jung dafür, und
+wenn du mit deinen siebzehn Jahren in Nerz oder Marder auftrittst, so
+glauben die Kessiner, es sei eine Maskerade.«
+
+Das war am 2. September, daß sie so sprachen, ein Gespräch, das sich
+wohl fortgesetzt hätte, wenn nicht gerade Sedantag gewesen wäre. So
+aber wurden sie durch Trommel- und Pfeifenklang unterbrochen, und
+Effi, die schon vorher von dem beabsichtigten Aufzuge gehört,
+aber es wieder vergessen hatte, stürzte mit einem Male von dem
+gemeinschaftlichen Arbeitstisch fort und an Rondell und Teich vorüber
+auf einen kleinen, an die Kirchhofsmauer angebauten Balkon zu, zu dem
+sechs Stufen, nicht viel breiter als Leitersprossen, hinaufführten. Im
+Nu war sie oben, und richtig, da kam auch schon die ganze Schuljugend
+heran, Jahnke gravitätisch am rechten Flügel, während ein kleiner
+Tambourmajor, weit voran, an der Spitze des Zuges marschierte, mit
+einem Gesichtsausdruck, als ob ihm obläge, die Schlacht bei Sedan noch
+einmal zu schlagen. Effi winkte mit dem Taschentuch, und der Begrüßte
+versäumte nicht, mit seinem blanken Kugelstock zu salutieren.
+
+Eine Woche später saßen Mutter und Tochter wieder am alten Fleck, auch
+wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt. Es war ein wunderschöner Tag; der
+in einem zierlichen Beet um die Sonnenuhr herum stehende Heliotrop
+blühte noch, und die leise Brise, die ging, trug den Duft davon zu
+ihnen herüber.
+
+»Ach, wie wohl ich mich fühle«, sagte Effi, »so wohl und so glücklich;
+ich kann mir den Himmel nicht schöner denken. Und am Ende, wer weiß,
+ob sie im Himmel so wundervollen Heliotrop haben.«
+
+»Aber Effi, so darfst du nicht sprechen; das hast du von deinem Vater,
+dem nichts heilig ist und der neulich sogar sagte, Niemeyer sähe
+aus wie Lot. Unerhört. Und was soll es nur heißen? Erstlich weiß er
+nicht, wie Lot ausgesehen hat, und zweitens ist es eine grenzenlose
+Rücksichtslosigkeit gegen Hulda. Ein Glück, daß Niemeyer nur die
+einzige Tochter hat, dadurch fällt es eigentlich in sich zusammen. In
+einem freilich hat er nur zu recht gehabt, in all und jedem, was er
+über 'Lots Frau', unsere gute Frau Pastorin, sagte, die uns denn auch
+wirklich wieder mit ihrer Torheit und Anmaßung den ganzen Sedantag
+ruinierte. Wobei mir übrigens einfällt, daß wir, als Jahnke mit der
+Schule vorbeikam, in unserem Gespräch unterbrochen wurden - wenigstens
+kann ich mir nicht denken, daß der Pelz, von dem du damals sprachst,
+dein einziger Wunsch gewesen sein sollte. Laß mich also wissen,
+Schatz, was du noch weiter auf dem Herzen hast.« »Nichts, Mama.«
+
+»Wirklich nichts?«
+
+»Nein, wirklich nichts; ganz im Ernst ... Wenn es aber doch am Ende
+was sein sollte ...«
+
+»Nun ...«
+
+»... so müßte es ein japanischer Bettschirm sein, schwarz und goldene
+Vögel darauf, alle mit einem langen Kranichschnabel ... Und dann
+vielleicht noch eine Ampel für unser Schlafzimmer, mit rotem Schein.«
+
+Frau von Briest schwieg.
+
+»Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas
+besonders Unpassendes gesagt hätte.«
+
+»Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewiß
+nicht. Denn ich kenne dich ja. Du bist eine phantastische kleine
+Person, malst dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus, und je
+farbenreicher sie sind, desto schöner und begehrlicher erscheinen sie
+dir. Ich sah das so recht, als wir die Reisesachen kauften. Und nun
+denkst du dir's ganz wundervoll, einen Bettschirm mit allerhand
+fabelhaftem Getier zu haben, alles im Halblicht einer roten Ampel. Es
+kommt dir vor wie ein Märchen, und du möchtest eine Prinzessin sein.«
+
+Effi nahm die Hand der Mama und küßte sie. »Ja, Mama, so bin ich.«
+
+»Ja, so bist du. Ich weiß es wohl. Aber meine liebe Effi, wir müssen
+vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach
+Kessin kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt,
+so lacht man über dergleichen. Und wenn man bloß lachte. Die, die dir
+ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter
+Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres.«
+
+»Also nichts Japanisches und auch keine Ampel. Aber ich bekenne dir,
+ich hatte es mir so schön und poetisch gedacht, alles in einem roten
+Schimmer zu sehen.«
+
+Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf und küßte Effi. »Du bist ein
+Kind. Schön und poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die Wirklichkeit
+ist anders, und oft ist es gut, daß es statt Licht und Schimmer ein
+Dunkel gibt.«
+
+Effi schien antworten zu wollen, aber in diesem Augenblick kam Wilke
+und brachte Briefe. Der eine war aus Kessin von Innstetten. »Ach, von
+Geert«, sagte Effi, und während sie den Brief beiseite steckte, fuhr
+sie in ruhigem Ton fort:
+
+»Aber das wirst du doch gestatten, daß ich den Flügel schräg in die
+Stube stelle. Daran liegt mir mehr als an einem Kamin, den mir Geert
+versprochen hat. Und das Bild von dir, das stell ich dann auf eine
+Staffelei; ganz ohne dich kann ich nicht sein. Ach, wie werd ich mich
+nach euch sehnen, vielleicht auf der Reise schon und dann in Kessin
+ganz gewiß. Es soll ja keine Garnison haben, nicht einmal einen
+Stabsarzt, und ein Glück, daß es wenigstens ein Badeort ist. Vetter
+Briest, und daran will ich mich aufrichten, dessen Mutter und
+Schwester immer nach Warnemünde gehen - nun, ich sehe doch wirklich
+nicht ein, warum der die lieben Verwandten nicht auch einmal nach
+Kessin hin dirigieren sollte. Dirigieren, das klingt ohnehin so
+nach Generalstab, worauf er, glaub ich, ambiert. Und dann kommt er
+natürlich mit und wohnt bei uns. Übrigens haben die Kessiner, wie mir
+neulich erst wer erzählt hat, ein ziemlich großes Dampfschiff, das
+zweimal die Woche nach Schweden hinüberfährt. Und auf dem Schiff ist
+dann Ball (sie haben da natürlich auch Musik), und er tanzt sehr
+gut ...«
+
+»Wer?«
+
+»Nun, Dagobert.«
+
+»Ich dachte, du meintest Innstetten. Aber jedenfalls ist es an der
+Zeit, endlich zu wissen, was er schreibt ... Du hast ja den Brief noch
+in der Tasche.«
+
+»Richtig. Den hätt ich fast vergessen.« Und sie öffnete den Brief und
+überflog ihn.
+
+»Nun, Effi, kein Wort? Du strahlst nicht und lachst nicht einmal,
+und er schreibt doch immer so heiter und unterhaltlich und gar nicht
+väterlich weise.«
+
+»Das würde ich mir auch verbitten. Er hat sein Alter, und ich habe
+meine Jugend. Und ich würde ihm mit den Fingern drohen und ihm sagen:
+'Geert, überlege, was besser ist.'« »Und dann würde er dir antworten:
+'Was du hast, Effi, das ist das Bessere.' Denn er ist nicht nur ein
+Mann der feinsten Formen, er ist auch gerecht und verständig und weiß
+recht gut, was Jugend bedeutet. Er sagt sich das immer und stimmt sich
+auf das Jugendliche hin, und wenn er in der Ehe so bleibt, so werdet
+ihr eine Musterehe führen.«
+
+»Ja, das glaube ich auch, Mama. Aber kannst du dir vorstellen, und ich
+schäme mich fast, es zu sagen, ich bin nicht so sehr für das, was man
+eine Musterehe nennt.«
+
+»Das sieht dir ähnlich. Und nun sage mir, wofür bist du denn
+eigentlich?«
+
+»Ich bin... nun, ich bin für gleich und gleich und natürlich auch für
+Zärtlichkeit und Liebe. Und wenn es Zärtlichkeit und Liebe nicht sein
+können, weil Liebe, wie Papa sagt, doch nur ein Papperlapapp ist
+(was ich aber nicht glaube), nun, dann bin ich für Reichtum und ein
+vornehmes Haus, ein ganz vornehmes, wo Prinz Friedrich Karl zur Jagd
+kommt, auf Elchwild oder Auerhahn, oder wo der alte Kaiser vorfährt
+und für jede Dame, auch für die jungen, ein gnädiges Wort hat. Und
+wenn wir dann in Berlin sind, dann bin ich für Hofball und Galaoper,
+immer dicht neben der großen Mittelloge.«
+
+»Sagst du das so bloß aus Übermut und Laune?«
+
+»Nein, Mama, das ist mein völliger Ernst. Liebe kommt zuerst, aber
+gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung
+- ja, Zerstreuung, immer was Neues, immer was, daß ich lachen oder
+weinen muß. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile.«
+
+»Wie bist du da nur mit uns fertig geworden?«
+
+»Ach, Mama, wie du nur so was sagen kannst. Freilich, wenn im Winter
+die liebe Verwandtschaft vorgefahren kommt und sechs Stunden bleibt
+oder wohl auch noch länger, und Tante Gundel und Tante Olga mich
+mustern und mich naseweis finden - und Tante Gundel hat es mir auch
+mal gesagt -, ja, da macht sich's mitunter nicht sehr hübsch, das
+muß ich zugeben. Aber sonst bin ich hier immer glücklich gewesen, so
+glücklich.«
+
+Und während sie das sagte, warf sie sich heftig weinend vor der Mama
+auf die Knie und küßte ihre beiden Hände.
+
+»Steh auf, Effi. Das sind so Stimmungen, die über einen kommen,
+wenn man so jung ist wie du und vor der Hochzeit steht und vor dem
+Ungewissen. Aber nun lies mir den Brief vor, wenn er nicht was ganz
+Besonderes enthält oder vielleicht Geheimnisse.«
+
+»Geheimnisse«, lachte Effi und sprang in plötzlich veränderter
+Stimmung wieder auf. »Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf,
+aber das meiste könnte ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da,
+wo immer die landrätlichen Verordnungen stehen. Nun, Geert ist ja auch
+Landrat.«
+
+»Lies, lies.«
+
+»Liebe Effi! ... So fängt es nämlich immer an, und manchmal nennt er
+mich auch seine 'kleine Eva'.«
+
+»Lies, lies ... Du sollst ja lesen.«
+
+»Also: Liebe Effi! Je näher wir unsrem Hochzeitstage kommen, je
+sparsamer werden Deine Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer
+zuerst nach Deiner Handschrift, aber wie Du weißt (und ich hab es ja
+auch nicht anders gewollt), in der Regel vergeblich. Im Hause sind
+jetzt die Handwerker, die die Zimmer, freilich nur wenige, für Dein
+Kommen herrichten sollen. Das Beste wird wohl erst geschehen, wenn wir
+auf der Reise sind. Tapezierer Madelung, der alles liefert, ist ein
+Original, von dem ich Dir mit nächstem erzähle, vor allem aber, wie
+glücklich ich bin über Dich, über meine süße kleine Effi. Mir brennt
+hier der Boden unter den Füßen, und dabei wird es in unserer guten
+Stadt immer stiller und einsamer. Der letzte Badegast ist gestern
+abgereist; er badete zuletzt bei neun Grad, und die Badewärter waren
+immer froh, wenn er wieder heil heraus war. Denn sie fürchteten einen
+Schlaganfall, was dann das Bad in Mißkredit bringt, als ob die Wellen
+hier schlimmer wären als woanders. Ich juble, wenn ich denke, daß ich
+in vier Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus nach dem Lido fahre
+oder nach Murano hin, wo sie Glasperlen machen und schönen Schmuck.
+Und der schönste sei für Dich. Viele Grüße den Eltern und den
+zärtlichsten Kuß Dir von Deinem Geert.« Effi faltete den Brief wieder
+zusammen, um ihn in das Kuvert zu stecken.
+
+»Das ist ein sehr hübscher Brief«, sagte Frau von Briest, »und daß er
+in allem das richtige Maß hält, das ist ein Vorzug mehr.«
+
+»Ja, das rechte Maß, das hält er.«
+
+»Meine liebe Effi, laß mich eine Frage tun; wünschtest du, daß der
+Brief nicht das richtige Maß hielte, wünschtest du, daß er zärtlicher
+wäre, vielleicht überschwenglich zärtlich?« »Nein, nein, Mama. Wahr
+und wahrhaftig nicht, das wünsche ich nicht. Da ist es doch besser
+so.«
+
+»Da ist es doch besser so. Wie das nun wieder klingt. Du bist so
+sonderbar. Und daß du vorhin weintest. Hast du was auf deinem Herzen?
+Noch ist es Zeit. Liebst du Geert nicht?« »Warum soll ich ihn nicht
+lieben? Ich liebe Hulda, und ich liebe Bertha, und ich liebe Hertha.
+Und ich liebe auch den alten Niemeyer. Und daß ich euch liebe, davon
+spreche ich gar nicht erst. Ich liebe alle, die's gut mit mir meinen
+und gütig gegen mich sind und mich verwöhnen. Und Geert wird mich auch
+wohl verwöhnen. Natürlich auf seine Art. Er will mir ja schon Schmuck
+schenken in Venedig. Er hat keine Ahnung davon, daß ich mir nichts aus
+Schmuck mache. Ich klettere lieber, und ich schaukle mich lieber, und
+am liebsten immer in der Furcht, daß es irgendwo reißen oder brechen
+und ich niederstürzen könnte. Den Kopf wird es ja nicht gleich
+kosten.«
+
+»Und liebst du vielleicht auch deinen Vetter Briest?« »Ja, sehr. Der
+erheitert mich immer.«
+
+»Und hättest du Vetter Briest heiraten mögen?«
+
+»Heiraten? Um Gottes willen nicht. Er ist ja noch ein halber Junge.
+Geert ist ein Mann, ein schöner Mann, ein Mann, mit dem ich Staat
+machen kann und aus dem was wird in der Welt. Wo denkst du hin, Mama.«
+
+»Nun, das ist recht, Effi, das freut mich. Aber du hast noch was auf
+der Seele.«
+
+»Vielleicht.«
+
+»Nun, sprich.«
+
+»Sieh, Mama, daß er älter ist als ich, das schadet nichts, das ist
+vielleicht recht gut: Er ist ja doch nicht alt und ist gesund und
+frisch und so soldatisch und so schneidig. Und ich könnte beinah
+sagen, ich wäre ganz und gar für ihn, wenn er nur ... ja, wenn er nur
+ein bißchen anders wäre.«
+
+»Wie denn, Effi?«
+
+»Ja, wie. Nun, du darfst mich nicht auslachen. Es ist etwas, was ich
+erst ganz vor kurzem aufgehorcht habe, drüben im Pastorhause. Wir
+sprachen da von Innstetten, und mit einem Male zog der alte Niemeyer
+seine Stirn in Falten, aber in Respekts- und Bewunderungsfalten, und
+sagte: 'Ja, der Baron! Das ist ein Mann von Charakter, ein Mann von
+Prinzipien.'«
+
+»Das ist er auch, Effi.«
+
+»Gewiß. Und ich glaube, Niemeyer sagte nachher sogar, er sei auch ein
+Mann von Grundsätzen. Und das ist, glaub ich, noch etwas mehr. Ach,
+und ich... ich habe keine. Sieh, Mama, da liegt etwas, was mich quält
+und ängstigt. Er ist so lieb und gut gegen mich und so nachsichtig,
+aber ... ich fürchte mich vor ihm.«
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Die Hohen-Cremmer Festtage lagen zurück; alles war abgereist, auch das
+junge Paar, noch am Abend des Hochzeitstages.
+
+Der Polterabend hatte jeden zufriedengestellt, besonders die
+Mitspielenden, und Hulda war dabei das Entzücken aller jungen
+Offiziere gewesen, sowohl der Rathenower Husaren wie der etwas
+kritischer gestimmten Kameraden vom Alexanderregiment. Ja, alles war
+gut und glatt verlaufen, fast über Erwarten. Nur Bertha und Hertha
+hatten so heftig geschluchzt, daß Jahnkes plattdeutsche Verse so gut
+wie verlorengegangen waren. Aber auch das hatte wenig geschadet.
+Einige feine Kenner waren sogar der Meinung gewesen, das sei das
+Wahre; Steckenbleiben und Schluchzen und Unverständlichkeit - in
+diesem Zeichen (und nun gar, wenn es so hübsche rotblonde Krausköpfe
+wären) werde immer am entschiedensten gesiegt. Eines ganz besonderen
+Triumphes hatte sich Vetter Briest in seiner selbstgedichteten Rolle
+rühmen dürfen. Er war als Demuthscher Kommis erschienen, der in
+Erfahrung gebracht, die junge Braut habe vor, gleich nach der Hochzeit
+nach Italien zu reisen, weshalb er einen Reisekoffer abliefern wolle.
+Dieser Koffer entpuppte sich natürlich als eine Riesenbonbonniere von
+Hövel. Bis um drei Uhr war getanzt worden, bei welcher Gelegenheit der
+sich mehr und mehr in eine höchste Champagnerstimmung hineinredende
+alte Briest allerlei Bemerkungen über den an manchen Höfen
+immer noch üblichen Fackeltanz und die merkwürdige Sitte des
+Strumpfbandaustanzens gemacht hatte, Bemerkungen, die nicht
+abschließen wollten und, sich immer mehr steigernd, am Ende so weit
+gingen, daß ihnen durchaus ein Riegel vorgeschoben werden mußte. »Nimm
+dich zusammen, Briest«, war ihm in ziemlich ernstem Ton von seiner
+Frau zugeflüstert worden; »du stehst hier nicht, um Zweideutigkeiten
+zu sagen, sondern um die Honneurs des Hauses zu machen. Wir haben eben
+eine Hochzeit und nicht eine Jagdpartie.« Worauf Briest geantwortet,
+er sähe darin keinen so großen Unterschied; übrigens sei er glücklich.
+Auch der Hochzeitstag selbst war gut verlaufen. Niemeyer hatte
+vorzüglich gesprochen, und einer der alten Berliner Herren, der halb
+und halb zur Hofgesellschaft gehörte, hatte sich auf dem Rückweg von
+der Kirche zum Hochzeitshaus dahin geäußert, es sei doch merkwürdig,
+wie reich gesät in einem Staate wie der unsrige die Talente seien.
+»Ich sehe darin einen Triumph unserer Schulen und vielleicht mehr noch
+unserer Philosophie. Wenn ich bedenke, daß dieser Niemeyer, ein alter
+Dorfpastor, der anfangs aussah wie ein Hospitalit ... ja, Freund,
+sagen Sie selbst, hat er nicht gesprochen wie ein Hofprediger? Dieser
+Takt und diese Kunst der Antithese, ganz wie Kögel, und an Gefühl ihm
+noch über. Kögel ist zu kalt. Freilich, ein Mann in seiner Stellung
+muß kalt sein. Woran scheitert man denn im Leben überhaupt? Immer nur
+an der Wärme.« Der noch unverheiratete, aber wohl eben deshalb zum
+vierten Male in einem »Verhältnis« stehende Würdenträger, an den sich
+diese Worte gerichtet hatten, stimmte selbstverständlich zu. »Nur zu
+wahr, lieber Freund«, sagte er. »Zuviel Wärme! ... ganz vorzüglich ...
+Übrigens muß ich Ihnen nachher eine Geschichte erzählen.«
+
+Der Tag nach der Hochzeit war ein heller Oktobertag. Die Morgensonne
+blinkte; trotzdem war es schon herbstlich frisch, und Briest, der eben
+gemeinschaftlich mit seiner Frau das Frühstück genommen, erhob sich
+von seinem Platz und stellte sich, beide Hände auf dem Rücken, gegen
+das mehr und mehr verglimmende Kaminfeuer. Frau von Briest, eine
+Handarbeit in Händen, rückte gleichfalls näher an den Kamin und sagte
+zu Wilke, der gerade eintrat, um den Frühstückstisch abzuräumen: »Und
+nun, Wilke, wenn Sie drin im Saal, aber das geht vor, alles in Ordnung
+haben, dann sorgen Sie, daß die Torten nach drüben kommen, die
+Nußtorte zu Pastors und die Schüssel mit kleinen Kuchen zu Jahnkes.
+Und nehmen Sie sich mit den Gläsern in acht. Ich meine die
+dünngeschliffenen.«
+
+Briest war schon bei der dritten Zigarette, sah sehr wohl aus und
+erklärte, nichts bekomme einem so gut wie eine Hochzeit, natürlich die
+eigene ausgenommen.
+
+»Ich weiß nicht, Briest, wie du zu solcher Bemerkung kommst. Mir war
+ganz neu, daß du darunter gelitten haben willst. Ich wüßte auch nicht
+warum.«
+
+»Luise, du bist eine Spielverderberin. Aber ich nehme nichts übel,
+auch nicht einmal so was. Im übrigen, was wollen wir von uns sprechen,
+die wir nicht einmal eine Hochzeitsreise gemacht haben. Dein Vater war
+dagegen. Aber Effi macht nun eine Hochzeitsreise. Beneidenswert. Mit
+dem Zehnuhrzug ab. Sie müssen jetzt schon bei Regensburg sein, und
+ich nehme an, daß er ihr - selbstverständlich ohne auszusteigen -
+die Hauptkunstschätze der Walhalla herzählt. Innstetten ist ein
+vorzüglicher Kerl, aber er hat so was von einem Kunstfex, und Effi,
+Gott, unsere arme Effi, ist ein Naturkind. Ich fürchte, daß er sie mit
+seinem Kunstenthusiasmus etwas quälen wird.«
+
+»Jeder quält seine Frau. Und Kunstenthusiasmus ist noch lange nicht
+das Schlimmste.«
+
+»Nein, gewiß nicht; jedenfalls wollen wir darüber nicht streiten; es
+ist ein weites Feld. Und dann sind auch die Menschen so verschieden.
+Du, nun ja, du hättest dazu getaugt. Überhaupt hättest du besser zu
+Innstetten gepaßt als Effi. Schade, nun ist es zu spät.«
+
+»Überaus galant, abgesehen davon, daß es nicht paßt. Unter allen
+Umständen aber, was gewesen ist, ist gewesen. Jetzt ist er
+mein Schwiegersohn, und es kann zu nichts führen, immer auf
+Jugendlichkeiten zurückzuweisen.«
+
+»Ich habe dich nur in eine animierte Stimmung bringen wollen.«
+
+»Sehr gütig. Übrigens nicht nötig. Ich bin in animierter Stimmung.«
+
+»Und auch in guter?«
+
+»Ich kann es fast sagen. Aber du darfst sie nicht verderben. Nun, was
+hast du noch? Ich sehe, daß du was auf dem Herzen hast.«
+
+»Gefiel dir Effi? Gefiel dir die ganze Geschichte? Sie war so
+sonderbar, halb wie ein Kind, und dann wieder sehr selbstbewußt und
+durchaus nicht so bescheiden, wie sie's solchem Manne gegenüber sein
+müßte. Das kann doch nur so zusammenhängen, daß sie noch nicht recht
+weiß, was sie an ihm hat. Oder ist es einfach, daß sie ihn nicht recht
+liebt? Das wäre schlimm. Denn bei all seinen Vorzügen, er ist nicht
+der Mann, sich diese Liebe mit leichter Manier zu gewinnen.«
+
+Frau von Briest schwieg und zählte die Stiche auf dem Kanevas.
+
+Endlich sagte sie: »Was du da sagst, Briest, ist das Gescheiteste,
+was ich seit drei Tagen von dir gehört habe, deine Rede bei Tisch mit
+eingerechnet. Ich habe auch so meine Bedenken gehabt. Aber ich glaube,
+wir können uns beruhigen.«
+
+»Hat sie dir ihr Herz ausgeschüttet?«
+
+»So möcht ich es nicht nennen. Sie hat wohl das Bedürfnis zu
+sprechen, aber sie hat nicht das Bedürfnis, sich so recht von Herzen
+auszusprechen, und macht vieles in sich selber ab; sie ist mitteilsam
+und verschlossen zugleich, beinah versteckt; überhaupt ein ganz
+eigenes Gemisch.«
+
+»Ich bin ganz deiner Meinung. Aber wenn sie dir nichts gesagt hat,
+woher weißt du's?«
+
+»Ich sagte nur, sie habe mir nicht ihr Herz ausgeschüttet. Solche
+Generalbeichte, so alles von der Seele herunter, das liegt nicht in
+ihr. Es fuhr alles bloß ruckweise und plötzlich aus ihr heraus, und
+dann war es wieder vorüber. Aber gerade weil es so ungewollt und wie
+von ungefähr aus ihrer Seele kam, deshalb war es mir so wichtig.«
+
+»Und wann war es denn und bei welcher Gelegenheit?«
+
+»Es werden jetzt gerade drei Wochen sein, und wir saßen im Garten, mit
+allerhand Ausstattungsdingen, großen und kleinen, beschäftigt, als
+Wilke einen Brief von Innstetten brachte. Sie steckte ihn zu sich,
+und ich mußte sie eine Viertelstunde später erst erinnern, daß sie ja
+einen Brief habe. Dann las sie ihn, aber verzog kaum eine Miene. Ich
+bekenne dir, daß mir bang ums Herz dabei wurde, so bang, daß ich gern
+eine Gewißheit haben wollte, so viel, wie man in diesen Dingen haben
+kann.«
+
+»Sehr wahr, sehr wahr.« »Was meinst du damit?«
+
+»Nun, ich meine nur ... Aber das ist ja ganz gleich. Sprich nur
+weiter; ich bin ganz Ohr.«
+
+»Ich fragte also rundheraus, wie's stünde, und weil ich bei ihrem
+eigenen Charakter einen feierlichen Ton vermeiden und alles so leicht
+wie möglich, ja beinah scherzhaft nehmen wollte, so warf ich die Frage
+hin, ob sie vielleicht den Vetter Briest, der ihr in Berlin sehr
+stark den Hof gemacht hatte, ob sie den vielleicht lieber heiraten
+würde ...«
+
+»Und?«
+
+»Da hättest du sie sehen sollen. Ihre nächste Antwort war ein
+schnippisches Lachen. Der Vetter sei doch eigentlich nur ein großer
+Kadett in Leutnantsuniform. Und einen Kadetten könne sie nicht einmal
+lieben, geschweige heiraten. Und dann sprach sie von Innstetten, der
+ihr mit einem Male der Träger aller männlichen Tugenden war.«
+
+»Und wie erklärst du dir das?«
+
+»Ganz einfach. So geweckt und temperamentvoll und beinahe
+leidenschaftlich sie ist, oder vielleicht auch, weil sie es ist, sie
+gehört nicht zu denen, die so recht eigentlich auf Liebe gestellt
+sind, wenigstens nicht auf das, was den Namen ehrlich verdient.
+Sie redet zwar davon, sogar mit Nachdruck und einem gewissen
+Überzeugungston, aber doch nur, weil sie irgendwo gelesen hat, Liebe
+sei nun mal das Höchste, das Schönste, das Herrlichste. Vielleicht
+hat sie's auch bloß von der sentimentalen Person, der Hulda, gehört
+und spricht es ihr nach. Aber sie empfindet nicht viel dabei. Wohl
+möglich, daß es alles mal kommt, Gott verhüte es, aber noch ist es
+nicht da.«
+
+»Und was ist da? Was hat sie?«
+
+»Sie hat nach meinem und auch nach ihrem eigenen Zeugnis zweierlei:
+Vergnügungssucht und Ehrgeiz.
+
+»Nun, das kann passieren. Da bin ich beruhigt.«
+
+»Ich nicht. Innstetten ist ein Karrieremacher - von Streber will
+ich nicht sprechen, das ist er auch nicht, dazu ist er zu wirklich
+vornehm -, also Karrieremacher, und das wird Effis Ehrgeiz
+befriedigen.«
+
+»Nun also. Das ist doch gut.«
+
+»Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Hälfte. Ihr Ehrgeiz wird
+befriedigt werden, aber ob auch ihr Hang nach Spiel und Abenteuer?
+Ich bezweifle. Für die stündliche kleine Zerstreuung und Anregung,
+für alles, was die Langeweile bekämpft, diese Todfeindin einer
+geistreichen kleinen Person, dafür wird Innstetten sehr schlecht
+sorgen. Er wird sie nicht in einer geistigen Ode lassen, dazu ist er
+zu klug und zu weltmännisch, aber er wird sie auch nicht sonderlich
+amüsieren. Und was das Schlimmste ist, er wird sich nicht einmal recht
+mit der Frage beschäftigen, wie das wohl anzufangen sei. Das wird eine
+Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt wird sie's
+merken, und dann wird es sie beleidigen. Und dann weiß ich nicht, was
+geschieht. Denn so weich und nachgiebig sie ist, sie hat auch was
+Rabiates und läßt es auf alles ankommen.«
+
+In diesem Augenblick trat Wilke vom Saal her ein und meldete, daß er
+alles nachgezählt und alles vollzählig gefunden habe; nur von den
+feinen Weingläsern sei eins zerbrochen, aber schon gestern, als das
+Hoch ausgebracht wurde - Fräulein Hulda habe mit Leutnant Nienkerken
+zu scharf angestoßen.
+
+»Versteht sich, von alter Zeit her immer im Schlaf, und unterm
+Holunderbaum ist es natürlich nicht besser geworden. Eine alberne
+Person, und ich begreife Nienkerken nicht.« »Ich begreife ihn
+vollkommen.«
+
+»Er kann sie doch nicht heiraten.« »Nein.«
+
+»Also zu was?«
+
+»Ein weites Feld, Luise.«
+
+Dies war am Tage nach der Hochzeit. Drei Tage später kam eine kleine
+gekritzelte Karte aus München, die Namen alle nur mit zwei Buchstaben
+angedeutet. »Liebe Mama! Heute vormittag die Pinakothek besucht. Geert
+wollte auch noch nach dem andern hinüber, das ich hier nicht nenne,
+weil ich wegen der Rechtschreibung in Zweifel bin, und fragen mag ich
+ihn nicht. Er ist übrigens engelsgut gegen mich und erklärt mir alles.
+Überhaupt alles sehr schön, aber anstrengend. In Italien wird es wohl
+nachlassen und besser werden. Wir wohnen in den 'Vier Jahreszeiten',
+was Geert veranlaßte, mir zu sagen, draußen sei Herbst, aber er habe
+in mir den Frühling. Ich finde es sehr sinnig. Er ist überhaupt sehr
+aufmerksam. Freilich, ich muß es auch sein, namentlich wenn er was
+sagt oder erklärt. Er weiß übrigens alles so gut, daß er nicht einmal
+nachzuschlagen braucht. Mit Entzücken spricht er von Euch, namentlich
+von Mama. Hulda findet er etwas zierig; aber der alte Niemeyer hat es
+ihm ganz angetan. Tausend Grüße von Eurer ganz berauschten, aber auch
+etwas müden Effi.«
+
+Solche Karten trafen nun täglich ein, aus Innsbruck, aus Verona, aus
+Vicenza, aus Padua, eine jede fing an: »Wir haben heute vormittag die
+hiesige berühmte Galerie besucht«, oder wenn es nicht die Galerie war,
+so war es eine Arena oder irgendeine Kirche »Santa Maria« mit einem
+Zunamen. Aus Padua kam, zugleich mit der Karte, noch ein wirklicher
+Brief. »Gestern waren wir in Vicenza. Vicenza muß man sehen wegen des
+Palladio; Geert sagte mir, daß in ihm alles Moderne wurzele. Natürlich
+nur in bezug auf Baukunst. Hier in Padua (wo wir heute früh ankamen)
+sprach er im Hotelwagen etliche Male vor sich hin: 'Er liegt in Padua
+begraben', und war überrascht, als er von mir vernahm, daß ich diese
+Worte noch nie gehört hätte. Schließlich aber sagte er, es sei
+eigentlich ganz gut und ein Vorzug, daß ich nichts davon wüßte. Er ist
+überhaupt sehr gerecht. Und vor allem ist er engelsgut gegen mich und
+gar nicht überheblich und auch gar nicht alt. Ich habe noch immer das
+Ziehen in den Füßen, und das Nachschlagen und das lange Stehen vor den
+Bildern strengt mich an. Aber es muß ja sein. Ich freue mich sehr auf
+Venedig. Da bleiben wir fünf Tage, ja vielleicht eine ganze Woche.
+Geert hat mir schon von den Tauben auf dem Markusplatz vorgeschwärmt,
+und daß man sich da Tüten mit Erbsen kauft und dann die schönen Tiere
+damit füttert. Es soll Bilder geben, die das darstellen, schöne blonde
+Mädchen, 'ein Typus wie Hulda', sagte er. Wobei mir denn auch die
+Jahnkeschen Mädchen einfallen. Ach, ich gäbe was drum, wenn ich mit
+ihnen auf unserem Hof auf einer Wagendeichsel sitzen und unsere Tauben
+füttern könnte. Die Pfauentaube mit dem starken Kropf dürft ihr aber
+nicht schlachten, die will ich noch wiedersehen. Ach, es ist so schön
+hier. Es soll auch das Schönste sein. Eure glückliche, aber etwas müde
+Effi.«
+
+Frau von Briest, als sie den Brief vorgelesen hatte, sagte:
+
+»Das arme Kind. Sie hat Sehnsucht.«
+
+»Ja«, sagte Briest, »sie hat Sehnsucht. Diese verwünschte
+Reiserei ...«
+
+»Warum sagst du das jetzt? Du hättest es ja hindern können. Aber das
+ist so deine Art, hinterher den Weisen zu spielen. Wenn das Kind in
+den Brunnen gefallen ist, decken die Ratsherren den Brunnen zu.«
+
+»Ach, Luise, komme mir doch nicht mit solchen Geschichten. Effi ist
+unser Kind, aber seit dem 3. Oktober ist sie Baronin Innstetten. Und
+wenn ihr Mann, unser Herr Schwiegersohn, eine Hochzeitsreise machen
+und bei der Gelegenheit jede Galerie neu katalogisieren will, so
+kann ich ihn daran nicht hindern. Das ist eben das, was man sich
+verheiraten nennt.«
+
+»Also jetzt gibst du das zu. Mir gegenüber hast du's immer bestritten,
+immer bestritten, daß die Frau in einer Zwangslage sei.«
+
+»Ja, Luise, das hab ich. Aber wozu das jetzt. Das ist wirklich ein zu
+weites Feld.«
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Mitte November - sie waren bis Capri und Sorrent gekommen - lief
+Innstettens Urlaub ab, und es entsprach seinem Charakter und seinen
+Gewohnheiten, genau Zeit und Stunde zu halten.
+
+Am 14. früh traf er denn auch mit dem Kurierzug in Berlin ein, wo
+Vetter Briest ihn und die Cousine begrüßte und vorschlug, die zwei
+bis zum Abgang des Stettiner Zuges noch zur Verfügung bleibenden
+Stunden zum Besuch des St.-Privat-Panoramas zu benutzen und diesem
+Panoramabesuch ein kleines Gabelfrühstück folgen zu lassen. Beides
+wurde dankbar akzeptiert. Um Mittag war man wieder auf dem Bahnhof und
+nahm hier, nachdem, wie herkömmlich, die glücklicherweise nie ernst
+gemeinte Aufforderung, »doch auch mal herüberzukommen«, ebenso von
+Effi wie von Innstetten ausgesprochen worden war, unter herzlichem
+Händeschütteln Abschied voneinander. Noch als der Zug sich schon in
+Bewegung setzte, grüßte Effi vom Coupé aus. Dann machte sie sich's
+bequem und schloß die Augen; nur von Zeit zu Zeit richtete sie sich
+wieder auf und reichte Innstetten die Hand.
+
+Es war eine angenehme Fahrt, und pünktlich erreichte der Zug den
+Bahnhof Klein-Tantow, von dem aus eine Chaussee nach dem noch zwei
+Meilen entfernten Kessin hinüberführte. Bei Sommerzeit, namentlich
+während der Bademonate, benutzte man statt der Chaussee lieber den
+Wasserweg und fuhr auf einem alten Raddampfer das Flüßchen Kessine,
+dem Kessin selbst seinen Namen verdankte, hinunter; am 1. Oktober aber
+stellte der »Phönix«, von dem seit langem vergeblich gewünscht wurde,
+daß er in einer passagierfreien Stunde sich seines Namens entsinnen
+und verbrennen möge, regelmäßig seine Fahrten ein, weshalb denn
+auch Innstetten bereits von Stettin aus an seinen Kutscher Kruse
+telegrafiert hatte: »Fünf Uhr Bahnhof Klein-Tantow. Bei gutem Wetter
+offener Wagen.«
+
+Und nun war gutes Wetter, und Kruse hielt in offenem Gefährt am
+Bahnhof und begrüßte die Ankommenden mit dem vorschriftsmäßigen
+Anstand eines herrschaftlichen Kutschers. »Nun, Kruse, alles in
+Ordnung?«
+
+»Zu Befehl, Herr Landrat.«
+
+»Dann, Effi, bitte, steig ein.« Und während Effi dem nachkam und einer
+von den Bahnhofsleuten einen kleinen Handkoffer vorn beim Kutscher
+unterbrachte, gab Innstetten Weisung, den Rest des Gepäcks mit dem
+Omnibus nachzuschicken. Gleich danach nahm auch er seinen Platz, bat,
+sich Populär machend, einen der Umstehenden um Feuer und rief Kruse
+zu: »Nun vorwärts, Kruse.« Und über die Schienenweg, die vielgleisig
+an der Übergangsstelle lagen, ging es in Schräglinie den Bahndamm
+hinunter und gleich danach an einem schon an der Chaussee gelegenen
+Gasthaus vorüber, das den Namen »Zum Fürsten Bismarck« führte. Denn an
+ebendieser Stelle gabelte der Weg und zweigte, wie rechts nach Kessin,
+so links nach Varzin hin ab. Vor dem Gasthof stand ein mittelgroßer,
+breitschultriger Mann in Pelz und Pelzmütze, welch letztere er, als
+der Herr Landrat vorüberfuhr, mit vieler Würde vom Haupte nahm. »Wer
+war denn das?« sagte Effi, die durch alles, was sie sah, aufs höchste
+interessiert und schon deshalb bei bester Laune war. »Er sah ja aus
+wie ein Starost, wobei ich freilich bekennen muß, nie einen Starosten
+gesehen zu haben.«
+
+»Was auch nicht schadet, Effi Du hast es trotzdem sehr gut getroffen.
+Er sieht wirklich aus wie ein Starost und ist auch so was. Er ist
+nämlich ein halber Pole, heißt Golchowski, und wenn wir hier Wahl
+haben oder eine Jagd, dann ist er obenauf. Eigentlich ein ganz
+unsicherer Passagier, dem ich nicht über den Weg traue und der wohl
+viel auf dem Gewissen hat. Er spielt sich aber auf den Loyalen hin
+aus, und wenn die Varziner Herrschaften hier vorüberkommen, möchte er
+sich am liebsten vor den Wagen werfen. Ich weiß, daß er dem Fürsten
+auch widerlich ist. Aber was hilft's? Wir dürfen es nicht mit ihm
+verderben, weil wir ihn brauchen. Er hat hier die ganze Gegend in der
+Tasche und versteht die Wahlmache wie kein anderer, gilt auch für
+wohlhabend. Dabei leiht er auf Wucher, was sonst die Polen nicht tun;
+in der Regel das Gegenteil.«
+
+»Er sah aber gut aus.«
+
+»Ja, gut aussehen tut er. Gut aussehen tun die meisten hier. Ein
+hübscher Schlag Menschen. Aber das ist auch das Beste, was man von
+ihnen sagen kann. Eure märkischen Leute sehen unscheinbarer aus und
+verdrießlicher, und in ihrer Haltung sind sie weniger respektvoll,
+eigentlich gar nicht, aber ihr Ja ist Ja und Nein ist Nein, und man
+kann sich auf sie verlassen. Hier ist alles unsicher.«
+
+»Warum sagst du mir das? Ich muß nun doch hier mit ihnen leben.«
+
+»Du nicht, du wirst nicht viel von ihnen hören und sehen. Denn Stadt
+und Land sind hier sehr verschieden, und du wirst nur unsere Städter
+kennenlernen, unsere guten Kessiner.«
+
+»Unsere guten Kessiner. Ist es Spott, oder sind wie wirklich so gut?«
+
+»Daß sie wirklich gut sind, will ich nicht gerade behaupten, aber sie
+sind doch anders als die andern; ja, sie haben gar keine Ähnlichkeit
+mit der Landbevölkerung hier.«
+
+»Und wie kommt das?«
+
+»Weil es eben ganz andere Menschen sind, ihrer Abstammung nach und
+ihren Beziehungen nach. Was du hier landeinwärts findest, das sind
+sogenannte Kaschuben, von denen du vielleicht gehört hast, slawische
+Leute, die hier schon tausend Jahre sitzen und wahrscheinlich noch
+viel länger. Alles aber, was hier an der Küste hin in den kleinen See-
+und Handelsstädten wohnt, das sind von weither Eingewanderte, die sich
+um das kaschubische Hinterland wenig kümmern, weil sie wenig davon
+haben und auf etwas ganz anderes angewiesen sind. Worauf sie
+angewiesen sind, das sind die Gegenden, mit denen sie Handel treiben,
+und da sie das mit aller Welt tun und mit aller Welt in Verbindung
+stehen, so findest du zwischen ihnen auch Menschen aus aller Welt
+Ecken und Enden. Auch in unserem guten Kessin, trotzdem es eigentlich
+nur ein Nest ist.«
+
+Aber das ist ja entzückend, Geert. Du sprichst immer von Nest, und nun
+finde ich, wenn du nicht übertrieben hast, eine ganz neue Welt hier.
+Allerlei Exotisches. Nicht wahr, so was Ähnliches meintest du doch?«
+Er nickte.
+
+»Eine ganz neue Welt, sag ich, vielleicht einen Neger oder einen
+Türken oder vielleicht sogar einen Chinesen.«
+
+»Auch einen Chinesen. Wie gut du raten kannst. Es ist möglich, daß wir
+wirklich noch einen haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt;
+jetzt ist er tot und auf einem kleinen eingegitterten Stück Erde
+begraben, dicht neben dem Kirchhof. Wenn du nicht furchtsam bist,
+will ich dir bei Gelegenheit mal sein Grab zeigen; es liegt zwischen
+den Dünen, bloß Strandhafer drumrum und dann und wann ein paar
+Immortellen, und immer hört man das Meer. Es ist sehr schön und sehr
+schauerlich.«
+
+»Ja, schauerlich, und ich möchte wohl mehr davon wissen. Aber doch
+lieber nicht, ich habe dann immer gleich Visionen und Träume und
+möchte doch nicht, wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe,
+gleich einen Chinesen an mein Bett treten sehen.«
+
+»Das wird er auch nicht.«
+
+»Das wird er auch nicht. Hör, das klingt ja sonderbar, als ob es doch
+möglich wäre. Du willst mir Kessin interessant machen, aber du gehst
+darin ein bißchen weit. Und solche fremde Leute habt ihr viele in
+Kessin?«
+
+»Sehr viele. Die ganze Stadt besteht aus solchen Fremden, aus
+Menschen, deren Eltern oder Großeltern noch ganz woanders saßen.«
+
+»Höchst merkwürdig. Bitte, sag mir mehr davon. Aber nicht wieder was
+Gruseliges. Ein Chinese, find ich, hat immer was Gruseliges.«
+
+»Ja, das hat er«, lachte Geert. »Aber der Rest ist, Gott sei Dank, von
+ganz anderer Art, lauter manierliche Leute, vielleicht ein bißchen zu
+sehr Kaufmann, ein bißchen zu sehr auf ihren Vorteil bedacht und mit
+Wechseln von zweifelhaftem Wert immer bei der Hand. Ja, man muß sich
+vorsehen mit ihnen. Aber sonst ganz gemütlich. Und damit du siehst,
+daß ich dir nichts vorgemacht habe, will ich dir nur so eine kleine
+Probe geben, so eine Art Register oder Personenverzeichnis.«
+
+»Ja, Geert, das tu.«
+
+»Da haben wir beispielsweise keine fünfzig Schritt von uns, und
+unsere Gärten stoßen sogar zusammen, den Maschinen- und Baggermeister
+Macpherson, einen richtigen Schotten und Hochländer.«
+
+»Und trägt sich auch noch so?«
+
+»Nein, Gott sei Dank nicht, denn es ist ein verhutzeltes Männchen, auf
+das weder sein Clan noch Walter Scott besonders stolz sein würden. Und
+dann haben wir in demselben Haus, wo dieser Macpherson wohnt, auch
+noch einen alten Wundarzt, Beza mit Namen, eigentlich bloß Barbier;
+der stammt aus Lissabon, gerade daher, wo auch der berühmte General de
+Meza herstammt - Meza, Beza, du hörst die Landesverwandtschaft heraus.
+Und dann haben wir flußaufwärts am Bollwerk - das ist nämlich der Kai,
+wo die Schiffe liegen - einen Goldschmied namens Stedingk, der aus
+einer alten schwedischen Familie stammt; ja, ich glaube, es gibt sogar
+Reichsgrafen, die so heißen, und des weiteren, und damit will ich dann
+vorläufig abschließen, haben wir den guten alten Doktor Hannemann, der
+natürlich ein Däne ist und lange in Island war und sogar ein kleines
+Buch geschrieben hat über den letzten Ausbruch des Hekla oder Krabla.«
+
+»Das ist ja aber großartig, Geert. Das ist ja wie sechs Romane, damit
+kann man ja gar nicht fertig werden. Es klingt erst spießbürgerlich
+und ist doch hinterher ganz apart. Und dann müßt ihr ja doch auch
+Menschen haben, schon weil es eine Seestadt ist, die nicht bloß
+Chirurgen oder Barbiere sind oder sonst dergleichen. Ihr müßt doch
+auch Kapitäne haben, irgendeinen fliegenden Holländer oder ...«
+
+»Da hast du ganz recht. Wir haben sogar einen Kapitän, der war
+Seeräuber unter den Schwarzflaggen.«
+
+»Kenn ich nicht. Was sind Schwarzflaggen?«
+
+»Das sind Leute weit dahinten in Tonkin und an der Südsee ... Seit er
+aber wieder unter Menschen ist, hat er auch wieder die besten Formen
+und ist ganz unterhaltlich.«
+
+»Ich würde mich aber doch vor ihm fürchten.«
+
+»Was du nicht nötig hast, zu keiner Zeit, und auch dann nicht, wenn
+ich über Land bin oder zum Tee beim Fürsten, denn zu allem andern, was
+wir haben, haben wir ja Gott sei Dank auch Rollo ...«
+
+»Rollo?«
+
+»Ja, Rollo. Du denkst dabei, vorausgesetzt, daß du bei Niemeyer oder
+Jahnke von dergleichen gehört hast, an den Normannenherzog, und
+unserer hat auch so was. Es ist aber bloß ein Neufundländer, ein
+wunderschönes Tier, das mich liebt und dich auch lieben wird. Denn
+Rollo ist ein Kenner. Und solange du den um dich hast, so lange bist
+du sicher und kann nichts an dich heran, kein Lebendiger und kein
+Toter. Aber sieh mal den Mond da drüben. Ist es nicht schön?«
+
+Effi, die, still in sich versunken, jedes Wort halb ängstlich, halb
+begierig eingesogen hatte, richtete sich jetzt auf und sah nach rechts
+hinüber, wo der Mond, unter weißem, aber rasch hinschwindendem Gewölk,
+eben aufgegangen war. Kupferfarben stand die große Scheibe hinter
+einem Erlengehölz und warf ihr Licht auf eine breite Wasserfläche, die
+die Kessine hier bildete. Oder vielleicht war es auch schon ein Haff,
+an dem das Meer draußen seinen Anteil hatte.
+
+Effi war wie benommen. »Ja, du hast recht, Geert, wie schön; aber es
+hat zugleich so was Unheimliches. In Italien habe ich nie solchen
+Eindruck gehabt, auch nicht, als wir von Mestre nach Venedig
+hinüberfuhren. Da war auch Wasser und Sumpf und Mondschein, und ich
+dachte, die Brücke würde brechen; aber es war nicht so gespenstig.
+Woran liegt es nur? Ist es doch das Nördliche?«
+
+Innstetten lachte. »Wir sind hier fünfzehn Meilen nördlicher als in
+Hohen-Cremmen, und eh der erste Eisbär kommt, mußt du noch eine Weile
+warten. Ich glaube, du bist nervös von der langen Reise und dazu das
+St.-Privat-Panorama und die Geschichte von dem Chinesen.«
+
+»Du hast mir ja gar keine erzählt.«
+
+»Nein, ich hab ihn nur eben genannt. Aber ein Chinese ist schon an und
+für sich eine Geschichte ...«
+
+»Ja«, lachte sie.
+
+»Und jedenfalls hast du's bald überstanden. Siehst du da vor dir das
+kleine Haus mit dem Licht? Es ist eine Schmiede. Da biegt der Weg. Und
+wenn wir die Biegung gemacht haben, dann siehst du schon den Turm von
+Kessin oder richtiger beide...«
+
+»Hat es denn zwei?«
+
+»Ja, Kessin nimmt sich auf. Es hat jetzt auch eine katholische
+Kirche.«
+
+Eine halbe Stunde später hielt der Wagen an der ganz am
+entgegengesetzten Ende der Stadt gelegenen landrätlichen Wohnung,
+einem einfachen, etwas altmodischen Fachwerkhaus, das mit seiner Front
+auf die nach den Seebädern hinausführende Hauptstraße, mit seinem
+Giebel aber auf ein zwischen der Stadt und den Dünen liegendes
+Wäldchen, das die »Plantage« hieß, herniederblickte.
+
+Dies altmodische Fachwerkhaus war übrigens nur Innstettens
+Privatwohnung, nicht das eigentliche Landratsamt, welches letztere,
+schräg gegenüber, an der anderen Seite der Straße lag.
+
+Kruse hatte nicht nötig, durch einen dreimaligen Peitschenknips die
+Ankunft zu vermelden; längst hatte man von Tür und Fenstern aus nach
+den Herrschaften ausgeschaut, und ehe noch der Wagen heran war, waren
+bereits alle Hausinsassen auf dem die ganze Breite des Bürgersteigs
+einnehmenden Schwellstein versammelt, vorauf Rollo, der im selben
+Augenblick, wo der Wagen hielt, diesen zu umkreisen begann. Innstetten
+war zunächst seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich und
+ging dann, dieser den Arm reichend, unter freundlichem Gruß an der
+Dienerschaft vorüber, die nun dem jungen Paar in den mit prächtigen
+alten Wandschränken umstandenen Hausflur folgte. Das Hausmädchen, eine
+hübsche, nicht mehr ganz jugendliche Person, die ihre stattliche Fülle
+fast ebenso gut kleidete wie das zierliche Mützchen auf dem blonden
+Haar, war der gnädigen Frau beim Ablegen von Muff und Mantel
+behilflich und bückte sich eben, um ihr auch die mit Pelz gefütterten
+Gummistiefel auszuziehen. Aber ehe sie noch dazu kommen konnte, sagte
+Innstetten: »Es wird das beste sein, ich stelle dir gleich hier unsere
+gesamte Hausgenossenschaft vor, mit Ausnahme der Frau Kruse, die sich
+- ich vermute sie wieder bei ihrem unvermeidlichen schwarzen Huhn -
+nicht gerne sehen läßt.« Alles lächelte. »Aber lassen wir Frau Kruse
+... Dies hier ist mein alter Friedrich, der schon mit mir auf der
+Universität war ... Nicht wahr, Friedrich, gute Zeiten damals ... Und
+dies hier ist Johanna, märkische Landsmännin von dir, wenn du, was
+aus Pasewalker Gegend stammt, noch für voll gelten lassen willst, und
+dies ist Christel, der wir mittags und abends unser leibliches Wohl
+anvertrauen und die zu kochen versteht, das kann ich dir versichern.
+Und dies hier ist Rollo. Nun, Rollo, wie geht's?«
+
+Rollo schien nur auf diese spezielle Ansprache gewartet zu haben,
+denn im selben Augenblick, wo er seinen Namen hörte, gab er einen
+Freudenblaff, richtete sich auf und legte die Pfoten auf seines Herrn
+Schulter.
+
+»Schon gut, Rollo, schon gut. Aber sieh da, das ist die Frau; ich hab
+ihr von dir erzählt und ihr gesagt, daß du ein schönes Tier seist
+und sie schützen würdest.« Und nun ließ Rollo ab und setzte sich vor
+Innstetten nieder, zugleich neugierig zu der jungen Frau aufblickend.
+Und als diese ihm die Hand hinhielt, umschmeichelte er sie.
+
+Effi hatte während dieser Vorstellungsszene Zeit gefunden, sich
+umzuschauen. Sie war wie gebannt von allem, was sie sah, und dabei
+geblendet von der Fülle von Licht. In der vorderen Flurhälfte brannten
+vier, fünf Wandleuchter, die Leuchten selbst sehr primitiv, von bloßem
+Weißblech, was aber den Glanz und die Helle nur noch steigerte. Zwei
+mit roten Schleiern bedeckte Astrallampen, Hochzeitsgeschenk von
+Niemeyer, standen auf einem zwischen zwei Eichenschränken angebrachten
+Klapptisch, in Front davon das Teezeug, dessen Lämpchen unter dem
+Kessel schon angezündet war. Aber noch viel, viel anderes und zum
+Teil sehr Sonderbares kam zu dem allen hinzu. Quer über den Flur fort
+liefen drei die Flurdecke in ebenso viele Felder teilende Balken; an
+dem vordersten hing ein Schiff mit vollen Segeln, hohem Hinterdeck
+und Kanonenluken, während weiterhin ein riesiger Fisch in der Luft
+zu schwimmen schien. Effi nahm ihren Schirm, den sie noch in Händen
+hielt, und stieß leis an das Ungetüm an, so daß es sich in eine
+langsam schaukelnde Bewegung setzte.
+
+»Was ist das, Geert?« fragte sie.
+
+»Das ist ein Haifisch.«
+
+»Und ganz dahinten das, was aussieht wie eine große Zigarre vor einem
+Tabaksladen?«
+
+»Das ist ein junges Krokodil. Aber das kannst du dir alles morgen viel
+besser und genauer ansehen; jetzt komm und laß uns eine Tasse Tee
+nehmen. Denn trotz aller Plaids und Decken wirst du gefroren haben. Es
+war zuletzt empfindlich kalt.«
+
+Er bot nun Effi den Arm, und während sich die beiden Mädchen
+zurückzogen und nur Friedrich und Rollo folgten, trat man, nach links
+hin, in des Hausherrn Wohn- und Arbeitszimmer ein. Effi war hier
+ähnlich überrascht wie draußen im Flur; aber ehe sie sich darüber
+äußern konnte, schlug Innstetten eine Portiere zurück, hinter der ein
+zweites, etwas größeres Zimmer, mit Blick auf Hof und Garten, gelegen
+war. »Das, Effi, ist nun also dein. Friedrich und Johanna haben es, so
+gut es ging, nach meinen Anordnungen herrichten müssen. Ich finde es
+ganz erträglich und würde mich freuen, wenn es dir auch gefiele.«
+
+Sie nahm ihren Arm aus dem seinigen und hob sich auf die Fußspitzen,
+um ihm einen herzlichen Kuß zu geben.
+
+»Ich armes kleines Ding, wie du mich verwöhnst. Dieser Flügel und
+dieser Teppich, ich glaube gar, es ist ein türkischer, und das Bassin
+mit den Fischchen und dazu der Blumentisch. Verwöhnung, wohin ich
+sehe.«
+
+»Ja, meine liebe Effi, das mußt du dir nun schon gefallen lassen,
+dafür ist man jung und hübsch und liebenswürdig, was die Kessiner
+wohl auch schon erfahren haben werden, Gott weiß woher. Denn an dem
+Blumentisch wenigstens bin ich unschuldig. Friedrich, wo kommt der
+Blumentisch her?« »Apotheker Gieshübler ... Es liegt auch eine Karte
+bei.« »Ah, Gieshübler, Alonzo Gieshübler«, sagte Innstetten und
+reichte lachend und in beinahe ausgelassener Laune die Karte mit dem
+etwas fremdartig klingenden Vornamen zu Effi hinüber. »Gieshübler, von
+dem hab ich dir zu erzählen vergessen - beiläufig, er führt auch den
+Doktortitel, hat's aber nicht gern, wenn man ihn dabei nennt, das
+ärgere, so meint er, die richtigen Doktoren bloß, und darin wird er
+wohl recht haben. Nun, ich denke, du wirst ihn kennenlernen, und zwar
+bald; er ist unsere beste Nummer hier, Schöngeist und Original und vor
+allem Seele von Mensch, was doch immer die Hauptsache bleibt. Aber
+lassen wir das alles und setzen uns und nehmen unsern Tee. Wo soll es
+sein? Hier bei dir oder drin bei mir? Denn eine weitere Wahl gibt es
+nicht. Eng und klein ist meine Hütte.«
+
+Sie setzte sich ohne Besinnen auf ein kleines Ecksofa. »Heute bleiben
+wir hier, heute bist du bei mir zu Gast. Oder lieber so: den Tee
+regelmäßig bei mir, das Frühstück bei dir; dann kommt jeder zu seinem
+Recht, und ich bin neugierig, wo mir's am besten gefallen wird.«
+
+»Das ist eine Morgen- und Abendfrage.«
+
+»Gewiß. Aber wie sie sich stellt, oder richtiger, wie wir uns dazu
+stellen, das ist es eben.«
+
+Und sie lachte und schmiegte sich an ihn und wollte ihm die Hand
+küssen.
+
+»Nein, Effi, um Himmels willen nicht, nicht so. Mir liegt nicht daran,
+die Respektsperson zu sein, das bin ich für die Kessiner. Für dich bin
+ich ...«
+
+»Nun was?«
+
+»Ach laß. Ich werde mich hüten, es zu sagen.«
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Es war schon heller Tag, als Effi am andern Morgen erwachte. Sie
+hatte Mühe, sich zurechtzufinden. Wo war sie? Richtig, in Kessin, im
+Hause des Landrats von Innstetten, und sie war seine Frau, Baronin
+Innstetten. Und sich aufrichtend, sah sie sich neugierig um; am Abend
+vorher war sie zu müde gewesen, um alles, was sie da halb fremdartig,
+halb altmodisch umgab, genauer in Augenschein zu nehmen. Zwei
+Säulen stützten den Deckenbalken, und grüne Vorhänge schlossen den
+alkovenartigen Schlafraum, in welchem die Betten standen, von dem
+Rest des Zimmers ab; nur in der Mitte fehlte der Vorhang oder war
+zurückgeschlagen, was ihr von ihrem Bett aus eine bequeme Orientierung
+gestattete. Da, zwischen den zwei Fenstern, stand der schmale, bis
+hoch hinaufreichende Trumeau, während rechts daneben, und schon an der
+Flurwand hin, der große schwarze Kachelofen aufragte, der noch (soviel
+hatte sie schon am Abend vorher bemerkt) nach alter Sitte von außen
+her geheizt wurde. Sie fühlte jetzt, wie seine Wärme herüberströmte.
+
+Wie schön es doch war, im eigenen Hause zu sein; soviel Behagen hatte
+sie während der ganzen Reise nicht empfunden, nicht einmal in Sorrent.
+
+Aber wo war Innstetten? Alles still um sie her, niemand da. Sie hörte
+nur den Ticktackschlag einer kleinen Pendüle und dann und wann einen
+dumpfen Ton im Ofen, woraus sie schloß, daß vom Flur her ein paar neue
+Scheite nachgeschoben würden. Allmählich entsann sie sich auch, daß
+Geert am Abend vorher von einer elektrischen Klingel gesprochen hatte,
+nach der sie dann auch nicht lange mehr zu suchen brauchte; dicht
+neben ihrem Kissen war der kleine weiße Elfenbeinknopf, auf den sie
+nun leise drückte.
+
+Gleich danach erschien Johanna. »Gnädige Frau haben befohlen.«
+
+»Ach, Johanna, ich glaube, ich habe mich verschlafen. Es muß schon
+spät sein.«
+
+»Eben neun.«
+
+»Und der Herr ...«, es wollte ihr nicht glücken, so ohne ,weiteres von
+ihrem »Mann« zu sprechen ..., »der Herr, er muß sehr leise gemacht
+haben; ich habe nichts gehört.«
+
+»Das hat er gewiß. Und gnäd'ge Frau werden fest geschlafen haben. Nach
+der langen Reise ...«
+
+»Ja, das hab ich. Und der Herr, ist er immer so früh auf?« Immer,
+gnäd'ge Frau. Darin ist er streng; er kann das lange sch1afen nicht
+leiden, und wenn er drüben in sein Zimmer tritt, da muß der Ofen warm
+sein, und der Kaffee darf auch nicht auf sich warten lassen.«
+
+»Da hat er also schon gefrühstückt?«
+
+»Oh, nicht doch, gnäd'ge Frau ... der gnäd'ge Herr...«
+
+Effi fühlte, daß sie die Frage nicht hätte tun und die Vermutung,
+Innstetten könne nicht auf sie gewartet haben, lieber nicht hätte
+aussprechen sollen. Es lag ihr denn auch daran, diesen ihren Fehler,
+so gut es ging, wieder auszugleichen, und als sie sich erhoben und vor
+dem Trumeau Platz genommen hatte, nahm sie das Gespräch wieder auf und
+sagte: »Der Herr hat übrigens ganz recht. Immer früh auf, das war auch
+Regel in meiner Eltern Haus. Wo die Leute den Morgen verschlafen, da
+gibt es den ganzen Tag keine Ordnung mehr. Aber der Herr wird es so
+streng mit mir nicht nehmen; eine ganze Weile hab ich diese Nacht
+nicht schlafen können und habe mich sogar ein wenig geängstigt.«
+
+»Was ich hören muß, gnäd'ge Frau! Was war es denn?«
+
+»Es war über mir ein ganz sonderbarer Ton, nicht laut, aber doch sehr
+eindringlich. Erst klang es, wie wenn lange Schleppenkleider über die
+Diele hinschleiften, und in meiner Erregung war es mir ein paarmal,
+als ob ich kleine weiße Atlasschuhe sähe. Es war, als tanze man oben,
+aber ganz leise.« Johanna, während das Gespräch so ging, sah über die
+Schulter der jungen Frau fort in den hohen, schmalen Spiegel hinein,
+um die Mienen Effis besser beobachten zu können. Dann sagte sie: »Ja,
+das ist oben im Saal. Früher hörten wir es in der Küche auch. Aber
+jetzt hören wir es nicht mehr; wir haben uns daran gewöhnt.«
+
+»Ist es denn etwas Besonderes damit?«
+
+»O Gott bewahre, nicht im geringsten. Eine Weile wußte man nicht
+recht, woher es käme, und der Herr Prediger machte ein verlegenes
+Gesicht, trotzdem Doktor Gieshübler immer nur darüber lachte. Nun aber
+wissen wir, daß es die Gardinen sind. Der Saal ist etwas multrig und
+stockig, und deshalb stehen immer die Fenster auf, wenn nicht gerade
+Sturm ist. Und da ist denn fast immer ein starker Zug oben und fegt
+die alten weißen Gardinen, die außerdem viel zu lang sind, über die
+Dielen hin und her. Das klingt dann so wie seidne Kleider oder auch
+wie Atlasschuhe, wie die gnäd'ge Frau eben bemerkte.«
+
+»Natürlich ist es das. Aber ich begreife nur nicht, warum dann die
+Gardinen nicht abgenommen werden. Oder man könnte sie ja kürzer
+machen. Es ist ein so sonderbares Geräusch, das einem auf die Nerven
+fällt. Und nun, Johanna, bitte, geben Sie mir noch das kleine
+Tuch, und tupfen Sie mir die Stirn. Oder nehmen Sie lieber den
+Rafraichisseur aus meiner Reisetasche ... Ach, das ist schön und
+erfrischt mich. Nun werde ich hinübergehen. Er ist doch noch da, oder
+war er schon aus?«
+
+»Der gnäd'ge Herr war schon aus, ich glaube, drüben auf dem Amt. Aber
+seit einer Viertelstunde ist er zurück. Ich werde Friedrich sagen, daß
+er das Frühstück bringt.«
+
+Und damit verließ Johanna das Zimmer, während Effi noch einen
+Blick in den Spiegel tat und dann über den Flur fort, der bei der
+Tagesbeleuchtung viel von seinem Zauber vom Abend vorher eingebüßt
+hatte, bei Geert eintrat.
+
+Dieser saß an seinem Schreibtisch, einem etwas schwerfälligen
+Zylinderbüro, das er aber, als Erbstück aus dem elterlichen Hause,
+nicht missen mochte.
+
+Effi stand hinter ihm und umarmte und küßte ihn, noch eh euch von
+seinem Platz erheben konnte.
+
+»Schon?«
+
+»Schon, sagst du. Natürlich um mich zu verspotten.«
+
+Innstetten schüttelte den Kopf. »Wie werd ich das?« Effi fand aber ein
+Gefallen daran, sich anzuklagen, und wollte von den Versicherungen
+ihres Mannes, daß sein »schon« ganz aufrichtig gemeint gewesen sei,
+nichts hören. »Du mußt von der Reise her wissen, daß ich morgens
+nie habe warten lassen. Im Laufe des Tages, nun ja, da ist es etwas
+anderes. Es ist wahr, ich bin nicht sehr pünktlich, aber ich bin keine
+Langschläferin. Darin, denk ich, haben mich die Eltern gut erzogen.«
+
+»Darin? In allem, meine süße Effi.«
+
+»Das sagst du so, weil wir noch in den Flitterwochen sind ... aber
+nein, wir sind ja schon heraus. Um Himmels willen, Geert, daran habe
+ich noch gar nicht gedacht, wir sind ja schon über sechs Wochen
+verheiratet, sechs Wochen und einen Tag. Ja, das ist etwas anderes,
+da nehme ich es nicht mehr als Schmeichelei, da nehme ich es als
+Wahrheit.«
+
+In diesem Augenblick trat Friedrich ein und brachte den Kaffee. Der
+Frühstückstisch stand in Schräglinie vor einem Meinen, rechtwinkligen
+Sofa, das gerade die eine Ecke des Wohnzimmers ausfüllte. Hier setzten
+sich beide. »Der Kaffee ist ja vorzüglich«, sagte Effi, während sie
+zugleich das Zimmer und seine Einrichtung musterte. »Das ist noch
+Hotelkaffee oder wie der bei Bottegone ... erinnerst du dich noch, in
+Florenz, mit dem Blick auf den Dom. Davor muß ich der Mama schreiben,
+solchen Kaffee haben wir in Hohen-Cremmen nicht. Überhaupt, Geert, ich
+sehe nun erst, wie vornehm ich mich verheiratet habe. Bei uns konnte
+alles nur so gerade passieren.«
+
+»Torheit, Effi. Ich habe nie eine bessere Hausführung gesehen als bei
+euch.«
+
+»Und dann, wie du wohnst. Als Papa sich den neuen Gewehrschrank
+angeschafft und über seinem Schreibtisch einen Büffelkopf und dicht
+darunter den alten Wrangel angebracht hatte (er war nämlich mal
+Adjutant bei dem Alten), da dacht er wunder was er getan; aber wenn
+ich mich hier umsehe, daneben ist unsere ganze Hohen-Cremmener
+Herrlichkeit ja bloß dürftig und alltäglich. Ich weiß gar nicht, womit
+ich das alles vergleichen soll; schon gestern abend, als ich nur so
+flüchtig darüber hinsah, kamen mir allerhand Gedanken.« »Und welche,
+wenn ich fragen darf?«
+
+»Ja, welche. Du darfst aber nicht drüber lachen. Ich habe mal ein
+Bilderbuch gehabt, wo ein persischer oder indischer Fürst (denn er
+trug einen Turban) mit untergeschlagenen Beinen auf einem roten
+Seidenkissen saß, und in seinem Rücken war außerdem noch eine große
+rote Seidenrolle, die links und rechts ganz bauschig zum Vorschein
+kam, und die Wand hinter dem indischen Fürsten starrte von Schwertern
+und Dolchen und Parderfellen und Schilden und langen türkischen
+Flinten. Und sieh, ganz so sieht es hier bei dir aus, und wenn du noch
+die Beine unterschlägst, ist die Ähnlichkeit vollkommen.«
+
+»Effi, du bist ein entzückendes, liebes Geschöpf. Du weißt gar nicht,
+wie sehr ich's finde und wie gern ich dir in jedem Augenblick zeigen
+möchte, daß ich's finde.«
+
+»Nun, dazu ist ja noch vollauf Zeit; ich bin ja erst siebzehn und habe
+noch nicht vor zu sterben.«
+
+»Wenigstens nicht vor mir. Freilich, wenn ich dann stürbe, nähme ich
+dich am liebsten mit. Ich will dich keinem andern lassen; was meinst
+du dazu?«
+
+»Das muß ich mir doch noch überlegen. Oder lieber, lassen wir's
+überhaupt. Ich spreche nicht gern von Tod, ich bin für Leben. Und
+nun sage mir, wie leben wir hier? Du hast mir unterwegs allerlei
+Sonderbares von Stadt und Land erzählt, aber wie wir selber hier
+leben werden, davon kein Wort. Daß hier alles anders ist als in
+Hohen-Cremmen und Schwantikow, das seh ich wohl, aber wir müssen doch
+in dem 'guten Kessin', wie du's immer nennst, auch etwas wie Umgang
+und Gesellschaft haben können. Habt ihr denn Leute von Familie in der
+Stadt?«
+
+»Nein, meine liebe Effi; nach dieser Seite hin gehst du großen
+Enttäuschungen entgegen. In der Nähe haben wir ein paar Adlige, die du
+kennenlernen wirst, aber hier in der Stadt ist gar nichts.«
+
+»Gar nichts? Das kann ich nicht glauben. Ihr seid doch bis zu
+dreitausend Menschen, und unter dreitausend Menschen muß es doch außer
+so kleinen Leuten wie Barbier Beza (so hieß er ja wohl) doch auch noch
+eine Elite geben, Honoratioren oder dergleichen.«
+
+Innstetten lachte. »Ja, Honoratioren, die gibt es. Aber bei Licht
+besehen ist es nicht viel damit. Natürlich haben wir einen Prediger
+und einen Amtsrichter und einen Rektor und einen Lotsenkommandeur, und
+von solchen beamteten Leuten findet sich schließlich wohl ein ganzes
+Dutzend zusammen, aber die meisten davon: gute Menschen und schlechte
+Musikanten. Und was dann noch bleibt, das sind bloß Konsuln.«
+
+»Bloß Konsuln. Ich bitte dich, Geert, wie kannst du nur sagen 'bloß
+Konsuln'. Das ist doch etwas sehr Hohes und Großes, und ich möcht
+beinah sagen Furchtbares. Konsuln, das sind doch die mit dem
+Rutenbündel, draus, glaub ich, ein Beil heraussah.«
+
+»Nicht ganz, Effi Die heißen Liktoren.«
+
+»Richtig, die heißen Liktoren. Aber Konsuln ist doch auch etwas sehr
+Vornehmes und Hochgesetzliches. Brutus war doch ein Konsul.«
+
+»Ja, Brutus war ein Konsul. Aber unsere sind ihm nicht sehr ähnlich
+und begnügen sich damit, mit Zucker und Kaffee zu handeln oder eine
+Kiste mit Apfelsinen aufzubrechen, und verkaufen dir dann das Stück
+pro zehn Pfennige.«
+
+»Nicht möglich.«
+
+»Sogar gewiß. Es sind kleine, pfiffige Kaufleute, die, wenn
+fremdländische Schiffe hier einlaufen und in irgendeiner
+Geschäftsfrage nicht recht aus noch ein wissen, dann mit ihrem Rat
+zur Hand sind, und wenn sie diesen Rat gegeben und irgendeinem
+holländischen oder portugiesischen Schiff einen Dienst geleistet
+haben, so werden sie zuletzt zu beglaubigten Vertretern solcher
+fremder Staaten, und gerade so viele Botschafter und Gesandte, wie wir
+in Berlin haben, so viele Konsuln haben wir auch in Kessin, und wenn
+irgendein Festtag ist, und es gibt hier viele Festtage, dann werden
+alle Wimpel gehißt, und haben wir gerade eine grelle Morgensonne, so
+siehst du an solchem Tag ganz Europa von unsern Dächern flaggen und
+das Sternenbanner und den chinesischen Drachen dazu.«
+
+»Du bist in einer spöttischen Laune, Geert, und magst auch wohl recht
+haben. Aber ich, für meine kleine Person, muß dir gestehen, daß ich
+dies alles entzückend finde und daß unsere havelländischen Städte
+daneben verschwinden. Wenn sie da Kaisers Geburtstag feiern, so
+flaggt es immer bloß schwarz und weiß und allenfalls ein bißchen rot
+dazwischen, aber das kann sich doch nicht vergleichen mit der Welt von
+Flaggen, von der du sprichst. Überhaupt, wie ich dir schon sagte, ich
+finde immer wieder und wieder, es hat alles so was Fremdländisches
+hier, und ich habe noch nichts gehört und gesehen, was mich nicht in
+eine gewisse Verwunderung gesetzt hätte, gleich gestern abend das
+merkwürdige Schiff draußen im Flur und dahinter der Haifisch und das
+Krokodil und hier dein eigenes Zimmer. Alles so orientalisch, und ich
+muß es wiederholen, alles wie bei einem indischen Fürsten ...«
+
+»Meinetwegen. Ich gratuliere, Fürstin ...«
+
+»Und dann oben der Saal mit seinen langen Gardinen, die über die Diele
+hinfegen.«
+
+»Aber was weißt du denn von dem Saal, Effi?«
+
+»Nichts, als was ich dir eben gesagt habe. Wohl eine Stunde lang, als
+ich in der Nacht aufwachte, war es mir, als ob ich Schuhe auf der Erde
+schleifen hörte und als würde getanzt und fast auch wie Musik. Aber
+alles ganz leise. Und das hab ich dann heute früh an Johanna erzählt,
+bloß um mich zu entschuldigen, daß ich hinterher so lange geschlafen.
+Und da sagte sie mir, das sei von den langen Gardinen oben im Saal.
+Ich denke, wir machen kurzen Prozeß damit und schneiden die Gardinen
+etwas ab oder schließen wenigstens die Fenster; es wird ohnehin bald
+stürmisch genug werden. Mitte November ist ja die Zeit.«
+
+Innstetten sah in einer kleinen Verlegenheit vor sich hin und schien
+schwankend, ob er auf all das antworten solle. Schließlich entschied
+er sich für Schweigen. »Du hast ganz recht, Effi, wir wollen die
+langen Gardinen oben kürzer machen. Aber es eilt nicht damit, um
+so weniger, als es nicht sicher ist, ob es hilft. Es kann auch was
+anderes sein, im Rauchfang oder der Wurm im Holz oder ein Iltis.
+Wir haben nämlich hier Iltisse. Jedenfalls aber, eh wir Änderungen
+vornehmen, mußt du dich in unserem Hauswesen erst umsehen, natürlich
+unter meiner Führung; in einer Viertelstunde zwingen wir's. Und dann
+machst du Toilette, nur ein ganz klein wenig, denn eigentlich bist du
+so am reizendsten - Toilette für unseren Freund Gieshübler; es ist
+jetzt zehn vorüber, und ich müßte mich sehr in ihm irren, wenn er
+nicht um elf oder doch spätestens um die Mittagsstunde hier antreten
+und dir seinen Respekt devotest zu Füßen legen sollte. Das ist nämlich
+die Sprache, drin er sich ergeht. Übrigens, wie ich dir schon sagte,
+ein kapitaler Mann, der dein Freund werden wird, wenn ich ihn und dich
+recht kenne.«
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Elf war es längst vorüber; aber Gieshübler hatte sich noch immer nicht
+sehen lassen. »Ich kann nicht länger warten«, hatte Geert gesagt, den
+der Dienst abrief. »Wenn Gieshübler noch erscheint, so sei möglichst
+entgegenkommend, dann wird es vorzüglich gehen; er darf nicht verlegen
+werden; ist er befangen, so kann er kein Wort finden oder sagt die
+sonderbarsten Dinge; weißt du ihn aber in Zutrauen und gute Laune zu
+bringen, dann redet er wie ein Buch. Nun, du wirst es schon machen.
+Erwarte mich nicht vor drei; es gibt drüben allerlei zu tun. Und das
+mit dem Saal oben wollen wir noch überlegen; es wird aber wohl am
+besten sein, wir lassen es beim alten.«
+
+Damit ging Innstetten und ließ seine junge Frau allein. Diese saß,
+etwas zurückgelehnt, in einem lauschigen Winkel am Fenster und stützte
+sich, während sie hinaussah, mit ihrem linken Arm auf ein kleines
+Seitenbrett, das aus dem Zylinderbüro herausgezogen war. Die Straße
+war die Hauptverkehrsstraße nach dem Strand hin, weshalb denn auch
+in Sommerzeit ein reges Leben hier herrschte, jetzt aber, um Mitte
+November, war alles leer und still, und nur ein paar arme Kinder,
+deren Eltern in etlichen ganz am äußersten Rand der »Plantage«
+gelegenen Strohdachhäusern wohnten, klappten in ihren Holzpantinen an
+dem Innstettenschen Hause vorüber. Effi empfand aber nichts von dieser
+Einsamkeit, denn ihre Phantasie war noch immer bei den wunderlichen
+Dingen, die sie, kurz vorher, während ihrer Umschau haltenden
+Musterung im Hause gesehen hatte. Diese Musterung hatte mit der Küche
+begonnen, deren Herd eine moderne Konstruktion aufwies, während an der
+Decke hin, und zwar bis in die Mädchenstube hinein, ein elektrischer
+Draht lief - beides vor kurzem erst hergerichtet. Effi war erfreut
+gewesen, als ihr Innstetten davon erzählt hatte, dann aber waren sie
+von der Küche wieder in den Flur zurück- und von diesem in den Hof
+hinausgetreten, der in seiner ersten Hälfte nicht viel mehr als ein
+zwischen zwei Seitenflügeln hinlaufender ziemlich schmaler Gang war.
+In diesen Flügeln war alles untergebracht, was sonst noch zu Haushalt
+und Wirtschaftsführung gehörte, rechts Mädchenstube, Bedientenstube,
+Rollkammer, links eine zwischen Pferdestall und Wagenremise gelegene,
+von der Familie Kruse bewohnte Kutscherwohnung. Über dieser, in einem
+Verschlag, waren die Hühner einlogiert, und eine Dachklappe über dem
+Pferdestall bildete den Aus- und Einschlupf für die Tauben. All dies
+hatte sich Effi mit vielem Interesse angesehen, aber dies Interesse
+sah sich doch weit überholt, als sie, nach ihrer Rückkehr vom Hof ins
+Vorderhaus, unter Innstettens Führung die nach oben führende Treppe
+hinaufgestiegen war. Diese war schief, baufällig, dunkel; der Flur
+dagegen, auf den sie mündete, wirkte beinah heiter, weil er viel Licht
+und einen guten landschaftlichen Ausblick hatte: nach der einen Seite
+hin, über die Dächer des Stadtrandes und die »Plantage« fort, auf eine
+hoch auf einer Düne stehende holländische Windmühle, nach der anderen
+Seite hin auf die Kessine, die hier, unmittelbar vor ihrer Einmündung,
+ziemlich breit war und einen stattlichen Eindruck machte. Diesem
+Eindruck konnte man sich unmöglich entziehen, und Effi hatte denn auch
+nicht gesäumt, ihrer Freude lebhaften Ausdruck zu geben. »Ja, sehr
+schön, sehr malerisch«, hatte Innstetten, ,ohne weiter darauf
+einzugehen, geantwortet und dann eine mit ihren Flügeln etwas schief
+hängende Doppeltür geöffnet, die nach rechts hin in den sogenannten
+Saal führte. Dieser lief durch die ganze Etage; Vorder- und
+Hinterfenster standen offen, und die mehr erwähnten langen Gardinen
+bewegten sich in dem starken Luftzug hin und her. In der Mitte der
+einen Längswand sprang ein Kamin vor mit einer großen Steinplatte,
+während an der Wand gegenüber ein paar blecherne Leuchter hingen,
+jeder mit zwei Lichtöffnungen, ganz so wie unten im Flur, aber alles
+stumpf und ungepflegt. Effi war einigermaßen enttäuscht, sprach es
+auch aus und erklärte, statt des öden und ärmlichen Saals doch lieber
+die Zimmer an der gegenübergelegenen Flurseite sehen zu wollen. »Da
+ist nun eigentlich vollends nichts«, hatte Innstetten geantwortet,
+aber doch die Türen geöffnet. Es befanden sich hier vier einfenstrige
+Zimmer, alle gelb getüncht, gerade wie der Saal und ebenfalls ganz
+leer. Nur in einem standen drei Binsenstühle, die durchgesessen waren,
+und an die Lehne des einen war ein kleines, nur einen halber Finger
+langes Bildchen geklebt, das einen Chinesen darstellte, blauer Rock
+mit gelben Pluderhosen und einen flachen Hut auf dem Kopf. Effi sah es
+und sagte: »Was soll der Chinese?« Innstetten selbst schien von dem
+Bildchen überrascht und versicherte, daß er es nicht wisse. »Das hat
+Christel angeklebt oder Johanna. Spielerei. Du kannst sehen, es ist
+aus einer Fibel herausgeschnitten.« Effi fand es auch und war nur
+verwundert, daß Innstetten alles so ernsthaft nahm, als ob es doch
+etwas sei. Dann hatte sie noch einmal einen Blick in den Saal getan
+und sich dabei dahin geäußert, wie es doch eigentlich schade sei, daß
+das alles leerstehe. »Wir haben unten ja nur drei Zimmer, und wenn uns
+wer besucht, so wissen wir nicht aus noch ein. Meinst du nicht, daß
+man aus dem Saal zwei hübsche Fremdenzimmer machen könnte? Das wäre so
+was für die Mama; nach hinten heraus könnte sie schlafen und hätte den
+Blick auf den Fluß und die beiden Molen, und vorn hätte sie die Stadt
+und die holländische Windmühle. In Hohen-Cremmen haben wir noch immer
+bloß eine Bockmühle. Nun sage, was meinst du dazu? Nächsten Mai wird
+doch die Mama wohl kommen.«
+
+Innstetten war mit allem einverstanden gewesen und hatte nur zum
+Schluß gesagt: »Alles ganz gut. Aber es ist doch am Ende besser, wir
+logieren die Mama drüben ein, auf dem Landratsamt; die ganze erste
+Etage steht da leer, geradeso wie hier, und sie ist da noch mehr für
+sich.«
+
+Das war so das Resultat des ersten Umgangs im Hause gewesen; dann
+hatte Effi drüben ihre Toilette gemacht, nicht ganz so schnell, wie
+Innstetten angenommen, und nun saß sie in ihres Gatten Zimmer und
+beschäftigte sich in ihren Gedanken abwechselnd mit dem kleinen
+Chinesen oben und mit Gieshübler, der noch immer nicht kam. Vor einer
+Viertelstunde war freilich ein kleiner, schiefschultriger und fast
+schon so gut wie verwachsener Herr in einem kurzen eleganten Pelzrock
+und einem hohen, sehr glatt gebürsteten Zylinder an der anderen Seite
+der Straße vorbeigegangen und hatte nach ihrem Fenster hinübergesehen.
+Aber das konnte Gieshübler wohl nicht gewesen sein! Nein, dieser
+schiefschultrige Herr, der zugleich etwas so Distinguiertes hatte, das
+mußte der Herr Gerichtspräsident gewesen sein, und sie entsann sich
+auch wirklich, in einer Gesellschaft bei Tante Therese mal einen
+solchen gesehen zu haben, bis ihr mit einem Male einfiel, daß Kessin
+bloß einen Amtsrichter habe.
+
+Während sie diesen Betrachtungen noch nachging, wurde der Gegenstand
+derselben, der augenscheinlich erst eine Morgen- oder vielleicht auch
+eine Ermutigungspromenade um die Plantage herum gemacht hatte, wieder
+sichtbar, und eine Minute später erschien Friedrich, um Apotheker
+Gieshübler anzumelden.
+
+»Ich lasse sehr bitten.«
+
+Der armen jungen Frau schlug das Herz, weil es das erste Mal war, daß
+sie sich als Hausfrau und noch dazu als erste Frau der Stadt zu zeigen
+hatte.
+
+Friedrich half Gieshübler den Pelzrock ablegen und öffnete dann wieder
+die Tür.
+
+Effi reichte dem verlegen Eintretenden die Hand, die dieser mit einem
+gewissen Ungestüm küßte. Die junge Frau schien sofort einen großen
+Eindruck auf ihn gemacht zu haben.
+
+»Mein Mann hat mir bereits gesagt ... Aber ich empfange Sie hier in
+meines Mannes Zimmer ... er ist drüben auf dem Amt und kann jeden
+Augenblick zurück sein ... Darf ich Sie bitten, bei mir eintreten zu
+wollen?«
+
+Gieshübler folgte der voranschreitenden Effi ins Nebenzimmer, wo diese
+auf einen der Fauteuils wies, während sie sich selbst ins Sofa setzte.
+»Daß ich Ihnen sagen könnte, welche Freude Sie mir gestern durch die
+schönen Blumen und Ihre Karte gemacht haben. Ich hörte sofort auf,
+mich hier als eine Fremde zu fühlen, und als ich dies Innstetten
+aussprach, sagte er mir, wir würden überhaupt gute Freunde sein.«
+
+»Sagte er so? Der gute Herr Landrat. Ja, der Herr Landrat und Sie,
+meine gnädigste Frau, da sind, das bitte ich sagen zu dürfen, zwei
+liebe Menschen zueinander gekommen. Denn wie Ihr Herr Gemahl ist, das
+weiß ich, und wie Sie sind, meine gnädigste Frau, das sehe ich.«
+
+»Wenn Sie nur nicht mit zu freundlichen Augen sehen. Ich bin so sehr
+jung. Und Jugend ...«
+
+»Ach, meine gnädigste Frau, sagen Sie nichts gegen die Jugend. Die
+Jugend, auch in ihren Fehlern ist sie noch schön und liebenswürdig,
+und das Alter, auch in seinen Tugenden taugt es nicht viel. Persönlich
+kann ich in dieser Frage freilich nicht mitsprechen, vom Alter wohl,
+aber von der Jugend nicht, denn ich bin eigentlich nie jung gewesen.
+Personen meines Schlages sind nie jung. Ich darf wohl sagen, das ist
+das traurigste von der Sache. Man hat keinen rechten Mut, man hat
+kein Vertrauen zu sich selbst, man wagt kaum, eine Dame zum Tanz
+aufzufordern, weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will, und so
+gehen die Jahre hin, und man wird alt, und das Leben war arm und
+leer.«
+
+Effi gab ihm die Hand. »Ach, Sie dürfen so was nicht sagen. Wir Frauen
+sind gar nicht so schlecht.«
+
+»O nein, gewiß nicht ...«
+
+»Und wenn ich mir so zurückrufe«, fuhr Effi fort, »was ich alles
+erlebt habe ... viel ist es nicht, denn ich bin wenig herausgekommen
+und habe fast immer auf dem Lande gelebt ... aber wenn ich es
+mir zurückrufe, so finde ich doch, daß wir immer das lieben, was
+liebenswert ist. Und dann sehe ich doch auch gleich, daß Sie anders
+sind als andere, dafür haben wir Frauen ein scharfes Auge. Vielleicht
+ist es auch der Name, der in Ihrem Falle mitwirkt. Das war immer eine
+Lieblingsbehauptung unseres alten Pastors Niemeyer; der Name, so
+liebte er zu sagen, besonders der Taufname, habe was geheimnisvoll
+Bestimmendes, und Alonzo Gieshübler, so mein ich, schließt eine ganz
+neue Welt vor einem auf, ja, fast möcht ich sagen dürfen, Alonzo ist
+ein romantischer Name, ein Preziosaname.«
+
+Gieshübler lächelte mit einem ganz ungemeinen Behagen und fand den
+Mut, seinen für seine Verhältnisse viel zu hohen Zylinder, den er
+bis dahin in der Hand gedreht hatte, beiseite zu stellen. »Ja, meine
+gnädigste Frau, da treffen Sie's.«
+
+»Oh, ich verstehe. Ich habe von den Konsuln gehört, deren Kessin so
+viele haben soll, und in dem Hause des spanischen Konsuls hat Ihr
+Herr Vater mutmaßlich die Tochter eines seemännischen Kapitanos
+kennengelernt, wie ich annehme, irgendeine schöne Andalusierin.
+Andalusierinnen sind immer schön.«
+
+»Ganz wie Sie vermuten, meine Gnädigste. Und meine Mutter war wirklich
+eine schöne Frau, so schlecht es mir persönlich zusteht, die
+Beweisführung zu übernehmen. Aber als Ihr Herr Gemahl vor drei Jahren
+hierherkam, lebte sie noch und hatte noch ganz die Feueraugen. Er wird
+es mir bestätigen. Ich persönlich bin mehr ins Gieshüblersche
+geschlagen, Leute von wenig Exterieur, aber sonst leidlich im Stande.
+Wir sitzen hier schon in der vierten Generation, volle hundert Jahre,
+und wenn es einen Apothekeradel gäbe...«
+
+»So würden Sie ihn beanspruchen dürfen. Und ich meinerseits nehme ihn
+für bewiesen an und sogar für bewiesen ohne jede Einschränkung. Uns
+aus den alten Familien wird das am leichtesten, weil wir, so
+wenigstens bin ich von meinem Vater und auch von meiner Mutter her
+erzogen, jede gute Gesinnung, sie komme, woher sie wolle, mit
+Freudigkeit gelten lassen. Ich bin eine geborene Briest und stamme von
+dem Briest ab, der am Tag vor der Fehrbelliner Schlacht den Überfall
+von Rathenow ausführte, wovon Sie vielleicht einmal gehört haben...«
+
+»O gewiß, meine Gnädigste, das ist ja meine Spezialität.«
+
+»Eine Briest also. Und mein Vater, da reichen keine hundert Male, daß
+er zu mir gesagt hat: Effi (so heiße ich nämlich), Effi hier sitzt es,
+bloß hier, und als Froben das Pferd tauschte, da war er von Adel, und
+als Luther sagte, 'hier stehe ich', da war er erst recht von Adel. Und
+ich denke, Herr Gieshübler, Innstetten hatte ganz recht, als er mir
+versicherte, wir wurden gute Freundschaft halten.«
+
+Gieshübler hätte nun am liebsten gleich eine Liebeserklärung gemacht
+und gebeten, daß er als Cid oder irgend sonst ein Campeador für sie
+kämpfen und sterben könne. Da dies alles aber nicht ging und sein Herz
+es nicht mehr aushalten konnte, so stand er auf, suchte nach seinem
+Hut, den er auch glücklicherweise gleich fand, und zog sich, nach
+wiederholtem Handkuß, rasch zurück, ohne weiter ein Wort gesagt zu
+haben.
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+So war Effis erster Tag in Kessin gewesen. Innstetten gab ihr noch
+eine halbe Woche Zeit, sich einzurichten und die verschiedensten
+Briefe nach Hohen-Cremmen zu schreiben, an die Mama, an Hulda und die
+Zwillinge; dann aber hatten die Stadtbesuche begonnen, die zum Teil
+(es regnete gerade so, daß man sich diese Ungewöhnlichkeit schon
+gestatten konnte) in einer geschlossenen Kutsche gemacht wurden. Als
+man damit fertig war, kam der Landadel an die Reihe. Das dauerte
+länger, da sich bei den meist großen Entfernungen an jedem Tag nur
+eine Visite machen ließ. Zuerst war man bei den Borckes in Rothenmoor,
+dann ging es nach Morgnitz, Dabergotz und Kroschentin, wo man bei
+den Ahlemanns, den Jatzkows und den Grasenabbs den pflichtschuldigen
+Besuch abstattete. Noch ein paar andere folgten, unter denen auch
+der alte Baron von Güldenklee auf Papenhagen war. Der Eindruck, den
+Effi empfing, war überall derselbe: mittelmäßige Menschen von meist
+zweifelhafter Liebenswürdigkeit, die, während sie vorgaben, über
+Bismarck und die Kronprinzessin zu sprechen, eigentlich nur Effis
+Toilette musterten, die von einigen als zu prätentiös für eine so
+jugendliche Dame, von andern als zuwenig dezent für eine Dame von
+gesellschaftlicher Stellung befunden wurde. Man merke doch an allem
+die Berliner Schule: Sinn für Äußerliches und eine merkwürdige
+Verlegenheit und Unsicherheit bei Berührung großer Fragen. In
+Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz
+und Dabergotz war sie für »rationalistisch angekränkelt«, bei den
+Grasenabbs in Kroschentin aber rundweg für eine »Atheistin« erklärt
+worden. Allerdings hatte die alte Frau von Grasenabb, eine Süddeutsche
+(geborene Stiefel von Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht,
+Effi wenigstens für den Deismus zu retten; Sidonie von Grasenabb
+aber, eine dreiundvierzigjährige alte Jungfer, war barsch
+dazwischengefahren: »Ich sage dir, Mutter, einfach Atheistin, kein
+Zollbreit weniger, und dabei bleibt es«, worauf die Alte, die sich vor
+ihrer eigenen Tochter fürchtete, klüglich geschwiegen hatte.
+
+Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen gedauert, und es war
+am 2. Dezember, als man zu schon später Stunde von dem letzten dieser
+Besuche nach Kessin zurückkehrte. Dieser letzte Besuch hatte den
+Güldenklees auf Papenhagen gegolten, bei welcher Gelegenheit
+Innstetten dem Schicksal nicht entgangen war, mit dem alten Güldenklee
+politisieren zu müssen. »Ja, teuerster Landrat, wenn ich so den
+Wechsel der Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter oder
+ungefähr so lange, ja, da war auch ein 2. Dezember, und der gute Louis
+und Napoleonsneffe - wenn er so was war und nicht eigentlich ganz
+woanders herstammte -, der kartätschte damals auf die Pariser
+Kanaille. Na, das mag ihm verziehen sein, für so was war er der rechte
+Mann, und ich halte zu dem Satz: 'Jeder hat es gerade so gut und so
+schlecht, wie er's verdient.' Aber daß er nachher alle Schätzung
+verlor und Anno siebzig so mir nichts, dir nichts auch mit uns
+anbinden wollte, sehen Sie, Baron, das war, ja wie sag ich, das war
+eine Insolenz. Es ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser Alter da
+oben läßt sich nicht spotten, der steht zu uns.«
+
+»Ja«, sagte Innstetten, der klug genug war, auf solche Philistereien
+anscheinend ernsthaft einzugehen, »der Held und Eroberer von
+Saarbrücken wußte nicht, was er tat. Aber Sie dürfen nicht zu streng
+mit ihm persönlich abrechnen. Wer ist am Ende Herr in seinem Hause?
+Niemand. Ich richte mich auch schon darauf ein, die Zügel der
+Regierung in andere Hände zu legen, und Louis Napoleon, nun, der war
+vollends ein Stück Wachs in den Händen seiner katholischen Frau, oder
+sagen wir lieber, seiner jesuitischen Frau.«
+
+»Wachs in den Händen seiner Frau, die ihm dann eine Nase drehte.
+Natürlich, Innstetten, das war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe
+doch nicht etwa retten? Er ist und bleibt gerichtet. An und für sich
+ist es übrigens noch gar nicht mal erwiesen«, und sein Blick suchte
+bei diesen Worten etwas ängstlich nach dem Auge seiner Ehehälfte, »ob
+nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein Vorzug gelten kann; nur
+freilich, die Frau muß danach sein. Aber wer war diese Frau? Sie war
+überhaupt keine Frau, im günstigsten Fall war sie eine Dame, das sagt
+alles; 'Dame' hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie -
+über deren Verhältnis zu dem jüdischen Bankier ich hier gern hingehe,
+denn ich hasse Tugendhochmut - hatte was vom Café chantant, und wenn
+die Stadt, in der sie lebte, das Babel war, so war sie das Weib von
+Babel. Ich mag mich nicht deutlicher ausdrücken, denn ich weiß«, und
+er verneigte sich gegen Effi, »was ich deutschen Frauen schuldig bin.
+Um Vergebung, meine Gnädigste, daß ich diese Dinge vor Ihren Ohren
+überhaupt berührt habe.« So war die Unterhaltung gegangen, nachdem man
+vorher von Wahl, Nobiling und Raps gesprochen hatte, und nun saßen
+Innstetten und Effi wieder daheim und plauderten noch eine halbe
+Stunde. Die beiden Mädchen im Hause waren schon zu Bett, denn es war
+nah an Mitternacht.
+
+Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab;
+Effi war noch in ihrer Gesellschaftstoilette; Fächer und Handschuhe
+lagen neben ihr. »Ja«, sagte Innstetten, während er sein
+Aufundabschreiten im Zimmer unterbrach, »diesen Tag müßten wir nun
+wohl eigentlich feiern, und ich weiß nur noch nicht, womit. Soll
+ich dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch draußen in
+Bewegung setzen oder dich im Triumph über den Flur tragen? Etwas muß
+doch geschehen, denn du mußt wissen, das war nun heute die letzte
+Visite.«
+
+»Gott sei Dank war sie's«, sagte Effi. »Aber das Gefühl, daß wir nun
+Ruhe haben, ist, denk ich, gerade Feier genug. Nur einen Kuß könntest
+du mir geben. Aber daran denkst du nicht. Auf dem ganzen weiten Weg
+nicht gerührt, frostig wie ein Schneemann. Und immer nur die Zigarre.«
+
+»Laß, ich werde mich schon bessern und will vorläufig nur wissen, wie
+stehst du zu dieser ganzen Umgangs- und Verkehrsfrage? Fühlst du dich
+zu dem einen oder andern hingezogen? Haben die Borckes die Grasenabbs
+geschlagen oder umgekehrt, oder hältst du's mit dem alten Güldenklee?
+Was er da über die Eugenie sagte, machte doch einen sehr edlen und
+reinen Eindruck.«
+
+»Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant! Ich lerne Sie von einer
+ganz neuen Seite kennen.«
+
+»Und wenn's unser Adel nicht tut«, fuhr Innstetten fort, ohne sich
+stören zu lassen, »wie stehst du zu den Kessiner Stadthonoratioren?
+Wie stehst du zur Ressource? Daran hängt doch am Ende Leben und
+Sterben. Ich habe dich da neulich mit unserem reserveleutnantlichen
+Amtsrichter sprechen sehen, einem zierlichen Männchen, mit dem sich
+vielleicht durchkommen ließe, wenn er nur endlich von der Vorstellung
+loskönnte, die Wiedereroberung von Le Bourget durch sein Erscheinen in
+der Flanke zustande gebracht zu haben. Und seine Frau! Sie gilt als
+die beste Bostonspielerin und hat auch die hübschesten Anlegemarken.
+Also nochmals, Effi, wie wird es werden in Kessin? Wirst du dich
+einleben? Wirst du populär werden und mir die Majorität sichern,
+wenn ich in den Reichstag will? Oder bist du für Einsiedlertum, für
+Abschluß von der Kessiner Menschheit, so Stadt wie Land?«
+
+»Ich werde mich wohl für Einsiedlertum entschließen, wenn mich die
+Mohrenapotheke nicht herausreißt. Bei Sidonie werd ich dadurch
+freilich noch etwas tiefer sinken, aber darauf muß ich es ankommen
+lassen; dieser Kampf muß eben gekämpft werden. Ich steh und falle mit
+Gieshübler. Es klingt etwas komisch, aber er ist wirklich der einzige,
+mit dem sich ein Wort reden läßt, der einzige richtige Mensch hier.«
+
+»Das ist er«, sagte Innstetten. »Wie gut du zu wählen verstehst.«
+
+»Hätte ich sonst dich?« sagte Effi und hängte sich an seinen Arm.
+
+Das war am 2. Dezember. Eine Woche später war Bismarck in Varzin, und
+nun wußte Innstetten, daß bis Weihnachten, und vielleicht noch darüber
+hinaus, an ruhige Tage für ihn gar nicht mehr zu denken sei. Der Fürst
+hatte noch von Versailles her eine Vorliebe für ihn und lud ihn,
+wenn Besuch da war, häufig zu Tisch, aber auch allein, denn der
+jugendliche, durch Haltung und Klugheit gleich ausgezeichnete Landrat
+stand ebenso in Gunst bei der Fürstin.
+
+Zum 14. erfolgte die erste Einladung. Es lag Schnee, weshalb
+Innstetten die fast zweistündige Fahrt bis an den Bahnhof, von wo noch
+eine Stunde Eisenbahn war, im Schlitten zu machen vorhatte. »Warte
+nicht auf mich, Effi. Vor Mitternacht kann ich nicht zurück sein;
+wahrscheinlich wird es zwei oder noch später. Ich störe dich aber
+nicht. Gehab dich wohl, und auf Wiedersehen morgen früh.« Und damit
+stieg er ein, und die beiden isabellfarbenen Graditzer jagten im Fluge
+durch die Stadt hin und dann landeinwärts auf den Bahnhof zu.
+
+Das war die erste lange Trennung, fast auf zwölf Stunden. Arme Effi.
+Wie sollte sie den Abend verbringen? Früh zu Bett, das war gefährlich,
+dann wachte sie auf und konnte nicht wieder einschlafen und horchte
+auf alles. Nein, erst recht müde werden und dann ein fester Schlaf,
+das war das beste. Sie schrieb einen Brief an die Mama und ging dann
+zu Frau Kruse, deren gemütskranker Zustand - sie hatte das schwarze
+Huhn oft bis in die Nacht hinein auf ihrem Schoß - ihr Teilnahme
+einflößte. Die Freundlichkeit indessen, die sich darin aussprach,
+wurde von der in ihrer überheizten Stube sitzenden und nur still und
+stumm vor sich hinbrütenden Frau keinen Augenblick erwidert, weshalb
+Effi, als sie wahrnahm, daß ihr Besuch mehr als Störung wie als Freude
+empfunden wurde, wieder ging und nur noch fragte, ob die Kranke etwas
+haben wolle. Diese lehnte aber alles ab.
+
+Inzwischen war es Abend geworden, und die Lampe brannte schon. Effi
+stellte sich ans Fenster ihres Zimmers und sah auf das Wäldchen
+hinaus, auf dessen Zweigen der glitzernde Schnee lag. Sie war von dem
+Bilde ganz in Anspruch genommen und kümmerte sich nicht um das, was
+hinter ihr in dem Zimmer vorging. Als sie sich wieder umsah, bemerkte
+sie, daß Friedrich still und geräuschlos ein Kuvert gelegt und ein
+Kabarett auf den Sofatisch gestellt hatte. »Ja so, Abendbrot ... Da
+werd ich mich nun wohl setzen müssen.« Aber es wollte nicht schmecken,
+und so stand sie wieder auf und las den an die Mama geschriebenen
+Brief noch einmal durch. Hatte sie schon vorher ein Gefühl der
+Einsamkeit gehabt, so jetzt doppelt. Was hätte sie darum gegeben, wenn
+die beiden Jahnkeschen Rotköpfe jetzt eingetreten wären oder selbst
+Hulda. Die war freilich immer so sentimental und beschäftigte sich
+meist nur mit ihren Triumphen; aber so zweifelhaft und anfechtbar
+diese Triumphe waren, sie hätte sich in diesem Augenblick doch gern
+davon erzählen lassen. Schließlich klappte sie den Flügel auf, um
+zu spielen; aber es ging nicht. »Nein, dabei werd ich vollends
+melancholisch; lieber lesen.« Und so suchte sie nach einem Buch. Das
+erste, was ihr zu Händen kam, war ein dickes rotes Reisehandbuch,
+alter Jahrgang, vielleicht schon aus Innstettens Leutnantstagen her.
+»Ja, darin will ich lesen; es gibt nichts Beruhigenderes als solche
+Bücher. Das Gefährliche sind bloß immer die Karten; aber vor diesem
+Augenpulver, das ich hasse, werd ich mich schon hüten.« Und so schlug
+sie denn auf gut Glück auf: Seite 153. Nebenan hörte sie das Ticktack
+der Uhr und draußen Rollo, der, seit es dunkel war, seinen Platz in
+der Remise aufgegeben und sich, wie jeden Abend, so auch heute wieder,
+auf die große geflochtene Matte, die vor dem Schlafzimmer lag,
+ausgestreckt hatte. Das Bewußtsein seiner Nähe minderte das Gefühl
+ihrer Verlassenheit, ja, sie kam fast in Stimmung, und so begann
+sie denn auch unverzüglich zu lesen. Auf der gerade vor ihr
+aufgeschlagenen Seite war von der »Eremitage«, dem bekannten
+markgräflichen Lustschloß in der Nähe von Bayreuth, die Rede; das
+lockte sie, Bayreuth, Richard Wagner, und so las sie denn: Unter den
+Bildern in der Eremitage nennen wir noch eins, das nicht durch seine
+Schönheit, wohl aber durch sein Alter und durch die Person, die
+es darstellt, ein Interesse beansprucht. Es ist dies ein stark
+nachgedunkeltes Frauenporträt, kleiner Kopf, mit herben, etwas
+unheimlichen Gesichtszügen und einer Halskrause, die den Kopf zu
+tragen scheint. Einige meinen, es sei eine alte Markgräfin aus dem
+Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, andere sind der Ansicht, es sei die
+Gräfin von Orlamünde; darin aber sind beide einig, daß es das Bildnis
+der Dame sei, die seither in der Geschichte der Hohenzollern unter dem
+Namen der »weißen Frau« eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.
+
+»Das hab ich gut getroffen«, sagte Effi, während sie das Buch beiseite
+schob; »ich will mir die Nerven beruhigen, und das erste, was ich
+lese, ist die Geschichte von der 'weißen Frau', vor der ich mich
+gefürchtet habe, solange ich denken kann. Aber da nun das Gruseln mal
+da ist, will ich doch auch zu Ende lesen.«
+
+Und sie schlug wieder auf und las weiter: ... Ebendies alte Porträt
+(dessen Original in der Hohenzollernschen Familiengeschichte solche
+Rolle spielt) spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte
+des Schlosses Eremitage, was wohl damit zusammenhängt, daß es an
+einer dem Fremden unsichtbaren Tapetentür hängt, hinter der sich eine
+vom Souterrain her hinaufführende Treppe befindet. Es heißt, daß,
+als Napoleon hier übernachtete, die »weiße Frau« aus dem Rahmen
+herausgetreten und auf sein Bett zugeschritten sei. Der Kaiser,
+entsetzt auffahrend, habe nach seinem Adjutanten gerufen und bis an
+sein Lebensende mit Entrüstung von diesem »maudit château« gesprochen.
+
+»Ich muß es aufgeben, mich durch Lektüre beruhigen zu wollen«,
+sagte Effi. »Lese ich weiter, so komm ich gewiß noch nach einem
+Kellergewölbe, wo der Teufel auf einem Weinfaß davongeritten ist.
+Es gibt, glaub ich, in Deutschland viel dergleichen, und in einem
+Reisehandbuch muß es sich natürlich alles zusammenfinden. Ich will
+also lieber wieder die Augen schließen und mir, so gut es geht, meinen
+Polterabend vorstellen: die Zwillinge, wie sie vor Tränen nicht
+weiterkonnten, und dazu den Vetter Briest, der, als sich alles
+verlegen anblickte, mit erstaunlicher Würde behauptete, solche Tränen
+öffneten einem das Paradies. Er war wirklich scharmant und immer so
+übermütig ... Und nun ich! Und gerade hier. Ach, ich tauge doch gar
+nicht für eine große Dame. Die Mama, ja, die hätte hierhergepaßt, die
+hätte, wie's einer Landrätin zukommt, den Ton angegeben, und Sidonie
+Grasenabb wäre ganz Huldigung gegen sie gewesen und hätte sich über
+ihren Glauben oder Unglauben nicht groß beunruhigt. Aber ich ... ich
+bin ein Kind und werd es auch wohl bleiben. Einmal hab ich gehört,
+das sei ein Glück. Aber ich weiß doch nicht, ob das wahr ist. Man muß
+doch immer dahin passen, wohin man nun mal gestellt ist.« In diesem
+Augenblick kam Friedrich, um den Tisch abzuräumen. »Wie spät ist es,
+Friedrich?«
+
+»Es geht auf neun, gnäd'ge Frau.«
+
+»Nun, das läßt sich hören. Schicken Sie mir Johanna.«
+
+»Gnäd'ge Frau haben befohlen.«
+
+»Ja, Johanna. Ich will zu Bett gehen. Es ist eigentlich noch früh.
+Aber ich bin so allein. Bitte, tun Sie den Brief erst ein, und wenn
+Sie wieder da sind, nun, dann wird es wohl Zeit sein. Und wenn auch
+nicht.«
+
+Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinüber. Richtig, auf
+der Binsenmatte lag Rollo. Als er Effi kommen sah, erhob er sich, um
+den Platz freizugeben, und strich mit seinem Behang an ihrer Hand hin.
+Dann legte er sich wieder nieder.
+
+Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt hinübergegangen, um da den
+Brief einzustecken. Sie hatte sich drüben nicht sonderlich beeilt,
+vielmehr vorgezogen, mit der Frau Paaschen, des Amtsdieners Frau, ein
+Gespräch zu führen. Natürlich über die junge Frau.
+
+»Wie ist sie denn?« fragte die Paaschen.
+
+»Sehr jung ist sie.«
+
+»Nun, das ist kein Unglück, eher umgekehrt. Die Jungen, und das ist
+eben das Gute, stehen immer bloß vorm Spiegel und zupfen und stecken
+sich was vor und sehen nicht viel und hören nicht viel und sind noch
+nicht so, daß sie draußen immer die Lichtstümpfe zählen und einem
+nicht gönnen, daß man einen Kuß kriegt, bloß weil sie selber keinen
+mehr kriegen.«
+
+»Ja«, sagte Johanna, »so war meine vorige Madam, und ganz ohne Not.
+Aber davon hat unsere Gnäd'ge nichts.«
+
+»Ist er denn sehr zärtlich?«
+
+»Oh, sehr. Das können Sie doch wohl denken.« »Aber daß er sie so
+allein läßt ...«
+
+»Ja, liebe Paaschen, Sie dürfen nicht vergessen ... der Fürst. Und
+dann, er ist ja doch am Ende Landrat. Und vielleicht will er auch noch
+höher.«
+
+»Gewiß will er. Und er wird auch noch. Er hat so was. Paaschen sagt es
+auch immer, und er kennt seine Leute.«
+
+Während dieses Ganges drüben nach dem Amt hinüber war wohl eine
+Viertelstunde vergangen, und als Johanna wieder zurück war, saß
+Effi schon vor dem Trumeau und wartete. »Sie sind lange geblieben,
+Johanna.«
+
+»Ja, gnäd'ge Frau ... Gnäd'ge Frau wollen entschuldigen ... Ich traf
+drüben die Frau Paaschen, und da hab ich mich ein wenig verweilt. Es
+ist so still hier. Man ist immer froh, wenn man einen Menschen trifft,
+mit dem man ein Wort sprechen kann. Christel ist eine sehr gute
+Person, aber sie spricht nicht, und Friedrich ist so dusig und auch so
+vorsichtig und will mit der Sprache nie recht heraus. Gewiß, man muß
+auch schweigen können, und die Paaschen, die so neugierig und so ganz
+gewöhnlich ist, ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack; aber
+man hat es doch gern, wenn man mal was hört und sieht.«
+
+Effi seufzte. »Ja, Johanna, das ist auch das beste ...«
+
+»Gnäd'ge Frau haben so schönes Haar, so lang und so seidenweich.«
+
+»Ja, es ist sehr weich. Aber das ist nicht gut, Johanna. Wie das Haar
+ist, ist der Charakter.«
+
+»Gewiß, gnäd'ge Frau. Und ein weicher Charakter ist doch besser als
+ein harter. Ich habe auch weiches Haar.«
+
+»Ja, Johanna. Und Sie haben auch blondes. Das haben die Männer am
+liebsten.«
+
+»Ach, das ist doch sehr verschieden, gnäd'ge Frau. Manche sind doch
+auch für das schwarze.«
+
+»Freilich«, lachte Effi, »das habe ich auch schon gefunden. Es wird
+wohl an was anderem liegen. Aber die, die blond sind, die haben auch
+immer einen weißen Teint, Sie auch, Johanna, und ich möchte mich wohl
+verwetten, daß Sie viel Nachstellung haben. Ich bin noch sehr jung,
+aber das weiß ich doch auch. Und dann habe ich eine Freundin, die war
+auch so blond, ganz flachsblond, noch blonder als Sie, und war eine
+Predigertochter ...«
+
+»Ja, denn ...«
+
+»Aber ich bitte Sie, Johanna, was meinen Sie mit 'ja denn'? Das klingt
+ja ganz anzüglich und sonderbar, und Sie werden doch nichts gegen
+Predigerstöchter haben ... Es war ein sehr hübsches Mädchen, was
+selbst unsere Offiziere - wir hatten nämlich Offiziere, noch dazu rote
+Husaren - auch immer fanden, und verstand sich dabei sehr gut auf
+Toilette, schwarzes Sammetmieder und eine Blume, Rose oder auch
+Heliotrop, und wenn sie nicht so vorstehende große Augen gehabt hätte
+... ach, die hätten Sie sehen sollen, Johanna, wenigstens so groß (und
+Effi zog unter Lachen an ihrem rechten Augenlid), so wäre sie geradezu
+eine Schönheit gewesen. Sie hieß Hulda, Hulda Niemeyer, und wir waren
+nicht einmal so ganz intim; aber wenn ich sie jetzt hier hätte und sie
+da säße, da in der kleinen Sofaecke, so wollte ich bis Mitternacht mit
+ihr plaudern oder noch länger. Ich habe solche Sehnsucht, und...«, und
+dabei zog sie Johannas Kopf dicht an sich heran, »... ich habe solche
+Angst.«
+
+»Ach, das gibt sich, gnäd'ge Frau, die hatten wir alle.« »Die hattet
+ihr alle? Was soll das heißen, Johanna?«
+
+»... Und wenn die gnäd'ge Frau wirklich solche Angst haben, so kann
+ich mir ja ein Lager hier machen. Ich nehme die Strohmatte und kehre
+einen Stuhl um, daß ich eine Kopflehne habe, und dann schlafe ich
+hier, bis morgen früh oder bis der gnäd'ge Herr wieder da ist.«
+
+»Er will mich nicht stören. Das hat er mir eigens versprochen.«
+
+»Oder ich setze mich bloß in die Sofaecke.«
+
+»Ja, das ginge vielleicht. Aber nein, es geht auch nicht. Der Herr
+darf nicht wissen, daß ich mich ängstige, das liebt er nicht. Er will
+immer, daß ich tapfer und entschlossen bin, so wie er. Und das kann
+ich nicht; ich war immer etwas anfällig ... Aber freilich, ich sehe
+wohl ein, ich muß mich bezwingen und ihm in solchen Stücken und
+überhaupt zu Willen sein ... Und dann habe ich ja auch Rollo. Der
+liegt ja vor der Türschwelle.«
+
+Johanna nickte zu jedem Wort und zündete dann das Licht an, das auf
+Effis Nachttisch stand. Dann nahm sie die Lampe. »Befehlen gnäd'ge
+Frau noch etwas?«
+
+»Nein, Johanna. Die Läden sind doch fest geschlossen?« »Bloß angelegt,
+gnäd'ge Frau. Es ist sonst so dunkel und so stickig.«
+
+»Gut, gut.«
+
+Und nun entfernte sich Johanna; Effi aber ging auf ihr Bett zu und
+wickelte sich in ihre Decken.
+
+Sie ließ das Licht brennen, weil sie gewillt war, nicht gleich
+einzuschlafen, vielmehr vorhatte, wie vorhin ihren Polterabend,
+so jetzt ihre Hochzeitsreise zu rekapitulieren und alles an sich
+vorüberziehen zu lassen. Aber es kam anders, wie sie gedacht, und
+als sie bis Verona war und nach dem Hause der Julia Capulet suchte,
+fielen ihr schon die Augen zu. Das Stümpfchen Licht in dem kleinen
+Silberleuchter brannte allmählich nieder, und nun flackerte es noch
+einmal auf und erlosch. Effi schlief eine Weile ganz fest. Aber mit
+einem Male fuhr sie mit einem lauten Schrei aus ihrem Schlaf auf,
+ja, sie hörte selber noch den Aufschrei und auch, wie Rollo draußen
+anschlug - »wau, wau«, klang es den Flur entlang, dumpf und selber
+beinahe ängstlich. Ihr war, als ob ihr das Herz stillstände; sie
+konnte nicht rufen, und in diesem Augenblick huschte was an ihr
+vorbei, und die nach dem Flur hinausführende Tür sprang auf. Aber
+ebendieser Moment höchster Angst war auch der ihrer Befreiung, denn
+statt etwas Schrecklichem kam jetzt Rollo auf sie zu, suchte mit
+seinem Kopf nach ihrer Hand und legte sich, als er diese gefunden, auf
+den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder. Effi selber aber
+hatte mit der anderen Hand dreimal auf den Knopf der Klingel gedrückt,
+und keine halbe Minute, so war Johanna da, barfüßig, den Rock über dem
+Arm und ein großes kariertes Tuch über Kopf und Schulter geschlagen.
+»Gott sei Dank, Johanna, daß Sie da sind.«
+
+»Was war denn, gnäd'ge Frau? Gnäd'ge Frau haben geträumt.«
+
+»Ja, geträumt. Es muß so was gewesen sein ... aber es war doch auch
+noch was anderes.« - »Was denn, gnäd'ge Frau?« »Ich schlief ganz fest,
+und mit einem Male fuhr ich auf und schrie ... vielleicht, daß es ein
+Alpdruck war ... Alpdruck ist in unserer Familie, mein Papa hat es
+auch und ängstigt uns damit, und nur die Mama sagt immer, er solle
+sich nicht so gehenlassen; aber das ist leicht gesagt ... Ich fuhr
+also auf aus dem Schlaf und schrie, und als ich mich umsah, so gut es
+eben ging in dem Dunkel, da strich was an meinem Bett vorbei, gerade
+da, wo Sie jetzt stehen, Johanna, und dann war es weg. Und wenn ich
+mich recht frage, was es war ...«»Nun, was denn, gnäd'ge Frau?«
+
+»Und wenn ich mich recht frage ... ich mag es nicht sagen, Johanna ...
+aber ich glaube, der Chinese.«
+
+»Der von oben?« Und Johanna versuchte zu lachen. »Unser kleiner
+Chinese, den wir an die Stuhllehne geklebt haben, Christel und ich?
+Ach, gnäd'ge Frau haben geträumt, und wenn Sie schon wach waren, so
+war es doch alles noch aus dem Traum.«
+
+»Ich würd es glauben. Aber es war genau derselbe Augenblick, wo Rollo
+draußen anschlug, der muß es also auch gesehen haben, und dann flog
+die Tür auf, und das gute, treue Tier sprang auf mich los, als ob es
+mich zu retten käme. Ach, meine liebe Johanna, es war entsetzlich. Und
+ich so allein und so jung. Ach, wenn ich doch wen hier hätte, bei dem
+ich weinen könnte. Aber so weit von Hause ... Ach, von Hause ...« »Der
+Herr kann jede Stunde kommen.«
+
+»Nein, er soll nicht kommen; er soll mich nicht so sehen. Er würde
+mich vielleicht auslachen, und das könnt ich ihm nie verzeihen. Denn
+es war so furchtbar, Johanna ... Sie müssen nun hierbleiben ... Aber
+lassen Sie Christel schlafen und Friedrich auch. Es soll es keiner
+wissen.«
+
+»Oder vielleicht kann ich auch die Frau Kruse holen; die schläft doch
+nicht, die sitzt die ganze Nacht da.«
+
+»Nein, nein, die ist selber so was. Das mit dem schwarzen Huhn, das
+ist auch sowas; die darf nicht kommen. Nein, Johanna, Sie bleiben
+allein hier. Und wie gut, daß Sie die Läden nur angelegt. Stoßen Sie
+sie auf, recht laut, daß ich einen Ton höre, einen menschlichen Ton
+... ich muß es so nennen, wenn es auch sonderbar klingt ... und dann
+machen Sie das Fenster ein wenig auf, daß ich Luft und Licht habe.«
+Johanna tat, wie ihr geheißen, und Effi fiel in ihre Kissen zurück und
+bald danach in einen lethargischen Schlaf.
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+Innstetten war erst sechs Uhr früh von Varzin zurückgekommen und hatte
+sich, Rollos Liebkosungen abwehrend, so leise wie möglich in sein
+Zimmer zurückgezogen. Er machte sich's hier bequem und duldete nur,
+daß ihn Friedrich mit einer Reisedecke zudeckte.
+
+»Wecke mich um neun!«
+
+Und um diese Stunde war er denn auch geweckt worden. Er stand rasch
+auf und sagte: »Bring das Frühstück!«
+
+»Die gnädige Frau schläft noch.«
+
+»Aber es ist ja schon spät. Ist etwas passiert?«
+
+»Ich weiß es nicht; ich weiß nur, Johanna hat die Nacht über im Zimmer
+der gnädigen Frau schlafen müssen.«
+
+»Nun, dann schicke Johanna.«
+
+Diese kam denn auch. Sie hatte denselben rosigen Teint wie immer,
+schien sich also die Vorgänge der Nacht nicht sonderlich zu Gemüte
+genommen zu haben.
+
+»Was ist das mit der gnäd'gen Frau? Friedrich sagt mir, es Sei was
+passiert und Sie hätten drüben geschlafen.«
+
+»Ja, Herr Baron. Gnäd'ge Frau klingelte dreimal ganz rasch
+hintereinander, daß ich gleich dachte, es bedeutet was. Und so war es
+auch. Sie hat wohl geträumt, aber vielleicht war es auch das andere.«
+
+»Welches andere?«
+
+»Ach, der gnäd'ge Herr wissen ja.«
+
+»Ich weiß nichts. Jedenfalls muß ein Ende damit gemacht werden. Und
+wie fanden Sie die Frau?«
+
+»Sie war wie außer sich und hielt das Halsband von Rollo, der neben
+dem Bett der gnäd'gen Frau stand, fest umklammert. Und das Tier
+ängstigte sich auch.«
+
+»Und was hatte sie geträumt oder meinetwegen auch, was hatte sie
+gehört oder gesehen? Was sagte sie?«
+
+»Es sei so hingeschlichen, dicht an ihr vorbei.« »Was? Wer?«
+
+»Der von oben. Der aus dem Saal oder aus der kleinen Kammer.«
+
+»Unsinn, sag ich. Immer wieder das alberne Zeug; ich mag davon nicht
+mehr hören. Und dann blieben Sie bei der Frau?«
+
+»Ja, gnäd'ger Herr. Ich machte mir ein Lager an der Erde dicht neben
+ihr. Und ich mußte ihre Hand halten, und dann schlief sie ein.«
+
+»Und sie schläft noch?« »Ganz fest.«
+
+»Das ist mir ängstlich, Johanna. Man kann sich gesund schlafen, aber
+auch krank. Wir müssen sie wecken, natürlich vorsichtig, daß sie nicht
+wieder erschrickt. Und Friedrich soll das Frühstück nicht bringen; ich
+will warten, bis die gnäd'ge Frau da ist. Und machen Sie's geschickt.«
+
+Eine halbe Stunde später kam Effi. Sie sah reizend aus, ganz blaß, und
+stützte sich auf Johanna. Als sie aber Innstettens ansichtig wurde,
+stürzte sie auf ihn zu und umarmte und küßte ihn. Und dabei liefen ihr
+die Tränen übers Gesicht. »Ach, Geert, Gott sei Dank, daß du da bist.
+Nun ist alles wieder gut. Du darfst nicht wieder fort, du darfst mich
+nicht wieder allein lassen.«
+
+»Meine liebe Effi ... Stellen Sie hin, Friedrich, ich werde schon
+alles zurechtmachen ... Meine liebe Effi, ich lasse dich ja nicht
+allein aus Rücksichtslosigkeit oder Laune, sondern weil es so sein
+muß; ich habe keine Wahl, ich bin ein Mann im Dienst, ich kann zum
+Fürsten oder auch zur Fürstin nicht sagen: Durchlaucht, ich kann nicht
+kommen, meine Frau ist so allein, oder meine Frau fürchtet sich. Wenn
+ich das sagte, würden wir in einem ziemlich komischen Licht dastehen,
+ich gewiß und du auch. Aber nimm erst eine Tasse Kaffee.«
+
+Effi trank, was sie sichtlich belebte. Dann ergriff sie wieder ihres
+Mannes Hand und sagte: »Du sollst recht haben; ich sehe ein, das geht
+nicht. Und dann wollen wir ja auch höher hinauf. Ich sage wir, denn
+ich bin eigentlich begieriger danach als du ...«
+
+»So sind alle Frauen«, lachte Innstetten.
+
+»Also abgemacht; du nimmst die Einladungen an nach wie vor, und ich
+bleibe hier und warte auf meinen 'hohen Herrn', wobei mir Hulda unterm
+Holunderbaum einfällt. Wie's ihr wohl gehen mag?«
+
+»Damen wie Hulda geht es immer gut. Aber was wolltest du noch sagen?«
+
+»Ich wollte sagen, ich bleibe hier und auch allein, wenn es sein muß.
+Aber nicht in diesem Hause. Laß uns die Wohnung wechseln. Es gibt so
+hübsche Häuser am Bollwerk, eins zwischen Konsul Martens und Konsul
+Grützmacher und eins am Markt, gerade gegenüber von Gieshübler; warum
+können wir da nicht wohnen? Warum gerade hier? Ich habe, wenn wir
+Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft gehört, daß in Berlin
+Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben oder wegen
+einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher Kleinigkeiten
+willen geschieht ...«
+
+»Kleinigkeiten? Portiersfrau? Das sage nicht ...«
+
+»Wenn das um solcher Dinge willen möglich ist, so muß es doch auch
+hier möglich sein, wo du Landrat bist und die Leute dir zu Willen sind
+und viele selbst zu Dank verpflichtet. Gieshübler würde uns gewiß
+dabei behilflich sein, wenn auch nur um meinetwegen, denn er
+wird Mitleid mit mir haben. Und nun sage, Geert, wollen wir dies
+verwunschene Haus aufgeben, dies Haus mit dem ...«
+
+»... Chinesen, willst du sagen. Du siehst, Effi, man kann das
+furchtbare Wort aussprechen, ohne daß er erscheint. Was du da gesehen
+hast oder was da, wie du meinst, an deinem Bett vorüberschlich, das
+war der kleine Chinese, den die Mädchen oben an die Stuhllehne geklebt
+haben; ich wette, daß er einen blauen Rock anhatte und einen ganz
+flachen Deckelhut mit einem blanken Knopf oben.«
+
+Sie nickte.
+
+»Nun, siehst du, Traum, Sinnestäuschung. Und dann wird dir Johanna
+wohl gestern abend was erzählt haben, von der Hochzeit hier oben ...«
+
+»Nein.«
+
+»Desto besser.«
+
+»Kein Wort hat sie mir erzählt. Aber ich sehe doch aus dem allen, daß
+es hier etwas Sonderbares gibt. Und dann das Krokodil; es ist alles so
+unheimlich.«
+
+»Den ersten Abend, als du das Krokodil sahst, fandest du's
+märchenhaft ...«
+
+»Ja, damals ...«
+
+»... Und dann, Effi, kann ich hier nicht gut fort, auch wenn es
+möglich wäre, das Haus zu verkaufen oder einen Tausch zu machen. Es
+ist damit ganz wie mit einer Absage nach Varzin hin. Ich kann hier in
+der Stadt die Leute nicht sagen lassen, Landrat Innstetten verkauft
+sein Haus, weil seine Frau den aufgeklebten kleinen Chinesen als Spuk
+an ihrem Bett gesehen hat. Dann bin ich verloren, Effi. Von solcher
+Lächerlichkeit kann man sich nie wieder erholen.«
+
+»Ja, Geert, bist du denn so sicher, daß es so was nicht gibt?« »Will
+ich nicht behaupten. Es ist eine Sache, die man glauben und noch
+besser nicht glauben kann. Aber angenommen, es gäbe dergleichen, was
+schadet es? Daß in der Luft Bazillen herumfliegen, von denen du gehört
+haben wirst, ist viel schlimmer und gefährlicher als diese ganze
+Geistertummelage. Vorausgesetzt, daß sie sich tummeln, daß so was
+wirklich existiert. Und dann bin ich überrascht, solcher Furcht und
+Abneigung gerade bei dir zu begegnen, bei einer Briest Das ist ja, wie
+wenn du aus einem kleinen Bürgerhause stammtest. Spuk ist ein Vorzug,
+wie Stammbaum und dergleichen, und ich kenne Familien, die sich
+ebensogern ihr Wappen nehmen ließen als ihre 'weiße Frau', die
+natürlich auch eine schwarze sein kann.«
+
+Effi schwieg.
+
+»Nun, Effi. Keine Antwort?«
+
+»Was soll ich antworten? Ich habe dir nachgegeben und mich willig
+gezeigt, aber ich finde doch, daß du deinerseits teilnahmsvoller sein
+könntest. Wenn du wüßtest, wie mir gerade danach verlangt. Ich habe
+sehr gelitten, wirklich sehr, und als ich dich sah, da dacht ich, nun
+würd ich frei werden von meiner Angst. Aber du sagst mir bloß, daß du
+nicht Lust hättest, dich lächerlich zu machen, nicht vor dem Fürsten
+und auch nicht vor der Stadt. Das ist ein geringer Trost. Ich
+finde es wenig und um so weniger, als du dir schließlich auch noch
+widersprichst und nicht bloß persönlich an diese Dinge zu glauben
+scheinst, sondern auch noch einen adligen Spukstolz von mir forderst.
+Nun, den hab ich nicht. Und wenn du von Familien sprichst, denen ihr
+Spuk soviel wert sei wie ihr Wappen, so ist das Geschmackssache: Mir
+gilt mein Wappen mehr. Gott sei Dank haben wir Briests keinen Spuk.
+Die Briests waren immer sehr gute Leute, und damit hängt es wohl
+zusammen.«
+
+Der Streit hätte wohl noch angedauert und vielleicht zu einer ersten
+ernstlichen Verstimmung geführt, wenn Friedrich nicht eingetreten
+wäre, um der gnädigen Frau einen Brief zu übergeben. »Von Herrn
+Gieshübler. Der Bote wartet auf Antwort.«
+
+Aller Unmut auf Effis Antlitz war sofort verschwunden; schon bloß
+Gieshüblers Namen zu hören tat Effi wohl, und ihr Wohlgefühl steigerte
+sich, als sie jetzt den Brief musterte. Zunächst war es gar kein
+Brief, sondern ein Billett, die Adresse »Frau Baronin von Innstetten,
+geb. von Briest« in wundervoller Kanzleihandschrift und statt des
+Siegels ein aufgeklebtes rundes Bildchen, eine Lyra, darin ein Stab
+steckte. Dieser Stab konnte aber auch ein Pfeil sein. Sie reichte das
+Billett ihrem Mann, der es ebenfalls bewunderte. »Nun lies aber.«
+
+Und nun löste Effi die Oblate und las: »Hochverehrteste Frau,
+gnädigste Frau Baronin! Gestatten Sie mir, meinem respektvollsten
+Vormittagsgruß eine ganz gehorsamste Bitte hinzufügen zu dürfen. Mit
+dem Mittagszug wird eine vieljährige liebe Freundin von mir, eine
+Tochter unserer Guten Stadt Kessin, Fräulein Marietta Trippelli, hier
+eintreffen und bis morgen früh unter uns weilen. Am 17. will sie in
+Petersburg sein, um daselbst bis Mitte Januar zu konzertieren. Fürst
+Kotschukoff öffnet ihr auch diesmal wieder sein gastliches Haus. In
+ihrer immer gleichen Güte gegen mich hat die Trippelli mir zugesagt,
+den heutigen Abend bei mir zubringen und einige Lieder ganz nach
+meiner Wahl (denn sie kennt keine Schwierigkeiten) vortragen zu
+wollen. Könnten sich Frau Baronin dazu verstehen, diesem Musikabend
+beizuwohnen? Sieben Uhr. Ihr Herr Gemahl, auf dessen Erscheinen ich
+mit Sicherheit rechne, wird meine gehorsamste Bitte unterstützen.
+Anwesend nur Pastor Lindequist (der begleitet) und natürlich die
+verwitwete Frau Pastorin Trippel. In vorzüglicher Ergebenheit A.
+Gieshübler.«
+
+»Nun -«, sagte Innstetten, »ja oder nein?«
+
+»Natürlich ja. Das wird mich herausreißen. Und dann kann ich doch
+meinem lieben Gieshübler nicht gleich bei seiner ersten Einladung
+einen Korb geben.«
+
+»Einverstanden. Also Friedrich, sagen Sie Mirambo, der doch wohl das
+Billett gebracht haben wird, wir würden die Ehre haben.« Friedrich
+ging.
+
+Als er fort war, fragte Effi: »Wer ist Mirambo?«
+
+»Der echte Mirambo ist Räuberhauptmann in Afrika -Tanganjika-See, wenn
+deine Geographie so weit reicht -, unserer aber ist bloß Gieshüblers
+Kohlenprovisor und Faktotum und wird heute abend in Frack und
+baumwollenen Handschuhen sehr wahrscheinlich aufwarten.«
+
+Es war ganz ersichtlich, daß der kleine Zwischenfall auf Effi günstig
+eingewirkt und ihr ein gut Teil ihrer Leichtlebigkeit zurückgegeben
+hatte, Innstetten aber wollte das Seine tun, diese Rekonvaleszens zu
+steigern. »Ich freue mich, daß du ja gesagt hast und so rasch und ohne
+Besinnen, und nun möcht ich dir noch einen Vorschlag machen, um dich
+ganz wieder in Ordnung zu bringen. Ich sehe wohl, es schleicht dir von
+der Nacht her etwas nach, das zu meiner Effi nicht paßt, das durchaus
+wieder fort muß, und dazu gibt es nichts Besseres als frische Luft.
+Das Wetter ist prachtvoll, frisch und milde zugleich, kaum daß ein
+Lüftchen geht; was meinst du, wenn wir eine Spazierfahrt machten, aber
+eine lange, nicht bloß so durch die Plantage hin, und natürlich im
+Schlitten und das Geläut auf und die weißen Schneedecken, und wenn wir
+dann um vier zurück sind, dann ruhst du dich aus, und um sieben sind
+wir bei Gieshübler und hören die Trippelli.«
+
+Effi nahm seine Hand. »Wie gut du bist, Geert, und wie nachsichtig.
+Denn ich muß dir ja kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich
+vorgekommen sein; erst das mit meiner Angst und dann hinterher, daß
+ich dir einen Hausverkauf, und was noch schlimmer ist, das mit dem
+Fürsten ansinne. Du sollst ihm den Stuhl vor die Tür setzen - es
+ist zum Lachen. Denn schließlich ist er doch der Mann, der über uns
+entscheidet. Auch über mich. Du glaubst gar nicht, wie ehrgeizig ich
+bin. Ich habe dich eigentlich bloß aus Ehrgeiz geheiratet. Aber du
+mußt nicht solch ernstes Gesicht dabei machen. Ich liebe dich ja ...
+wie heißt es doch, wenn man einen Zweig abbricht und die Blätter
+abreißt? Von Herzen mit Schmerzen, über alle Maßen.«
+
+Und sie lachte hell auf. »Und nun sage mir«, fuhr sie fort, als
+Innstetten noch immer schwieg, wo soll es hingehen?« »Ich habe mir
+gedacht, nach der Bahnstation, aber auf einem Umweg, und dann auf der
+Chaussee zurück. Und auf der Station essen wir oder noch besser bei
+Golchowski, in dem Gasthof 'Zum Fürsten Bismarck', dran wir, wenn du
+dich vielleicht erinnerst, am Tag unserer Ankunft vorüberkamen. Solch
+Vorsprechen wirkt immer gut, und ich habe dann mit dem Starosten von
+Effis Gnaden ein Wahlgespräch, und wenn er auch persönlich nicht
+viel taugt, seine Wirtschaft hält er in Ordnung und seine Küche noch
+besser. Auf Essen und Trinken verstehen sich die Leute hier.«
+
+Es war gegen elf, daß sie dies Gespräch führten. Um zwölf hielt Kruse
+mit dem Schlitten vor der Tür, und Effi stieg ein. Johanna wollte
+Fußsack und Pelze bringen, aber Effi hatte nach allem, was noch auf
+ihr lag, so sehr das Bedürfnis nach frischer Luft, daß sie alles
+zurückwies und nur eine doppelte Decke nahm. Innstetten aber sagte zu
+Kruse: »Kruse, wir wollen nun also nach dem Bahnhof, wo wir zwei beide
+heute früh schon mal waren. Die Leute werden sich wundern, aber es
+schadet nichts. Ich denke, wir fahren hier an der Plantage entlang und
+dann links auf den Kroschentiner Kirchturm zu. Lassen Sie die Pferde
+laufen. Um eins müssen wir am Bahnhof sein.«
+
+Und so ging die Fahrt. Über den weißen Dächern der Stadt stand der
+Rauch, denn die Luftbewegung war gering. Auch Utpatels Mühle drehte
+sich nur langsam, und im Fluge fuhren sie daran vorüber, dicht
+am Kirchhofe hin, dessen Berberitzensträucher über das Gitter
+hinauswuchsen und mit ihren Spitzen Effi streiften, so daß der Schnee
+auf ihre Reisedecke fiel. Auf der anderen Seite des Weges war ein
+eingefriedeter Platz, nicht viel größer als ein Gartenbeet, und
+innerhalb nichts sichtbar als eine junge Kiefer, die mitten daraus
+hervorragte.
+
+»Liegt da auch wer begraben?« fragte Effi. »Ja, der Chinese.«
+
+Effi fuhr zusammen; es war ihr wie ein Stich. Aber sie hatte doch
+Kraft genug, sich zu beherrschen, und fragte mit anscheinender Ruhe:
+
+»Unserer?«
+
+»Ja, unserer. Auf dem Gemeindekirchhof war er natürlich nicht
+unterzubringen, und da hat denn Kapitän Thomsen, der so was wie sein
+Freund war, diese Stelle gekauft und ihn hier begraben lassen. Es ist
+auch ein Stein da mit Inschrift. Alles natürlich vor meiner Zeit. Aber
+es wird noch immer davon gesprochen.«
+
+»Also ist es doch was damit. Eine Geschichte. Du sagtest schon heute
+früh so was. Und es wird am Ende das beste sein, ich höre, was es ist.
+Solange ich es nicht weiß, bin ich, trotz aller guten Vorsätze, noch
+immer ein Opfer meiner Vorstellungen. Erzähle mir das Wirkliche. Die
+Wirklichkeit kann mich nicht so quälen wie meine Phantasie.«
+
+»Bravo, Effi Ich wollte nicht davon sprechen. Aber nun macht es
+sich so von selbst, und das ist gut. Übrigens ist es eigentlich gar
+nichts.«
+
+»Mir gleich; gar nichts oder viel oder wenig. Fange nur an.«
+
+»Ja, das ist leicht gesagt. Der Anfang ist immer das schwerste, auch
+bei Geschichten. Nun, ich denke, ich beginne mit Kapitän Thomsen.«
+
+»Gut, gut.«
+
+»Also Thomsen, den ich dir schon genannt habe, war viele Jahre lang
+ein sogenannter Chinafahrer, immer mit Reisfracht zwischen Schanghai
+und Singapur, und mochte wohl schon sechzig sein, als er hier ankam.
+Ich weiß nicht, ob er hier geboren war oder ob er andere Beziehungen
+hier hatte. Kurz und gut, er war nun da und verkaufte sein Schiff,
+einen alten Kasten, draus er nicht viel herausschlug, und kaufte sich
+ein Haus, dasselbe, drin wir jetzt wohnen. Denn er war draußen in der
+Welt ein vermögender Mann geworden. Und von daher schreibt sich auch
+das Krokodil und der Haifisch und natürlich auch das Schiff ... Also
+Thomsen war nun da, ein sehr adretter Mann (so wenigstens hat man mir
+gesagt) und wohlgelitten. Auch beim Bürgermeister Kirstein, vor allem
+bei dem damaligen Pastor in Kessin, einem Berliner, der kurz vor
+Thomsen auch hierhergekommen war und viel Anfeindung hatte.«
+
+»Glaub ich. Ich merke das auch; sie sind hier so streng und
+selbstgerecht. Ich glaube, das ist pommersch.«
+
+»Ja und nein, je nachdem. Es gibt auch Gegenden, wo sie gar nicht
+streng sind und wo's drunter und drüber geht... Aber sieh nur, Effi,
+da haben wir gerade den Kroschentiner Kirchturm dicht vor uns. Wollen
+wir nicht den Bahnhof aufgeben und lieber bei der alten Frau von
+Grasenabb vorfahren? Sidonie, wenn ich recht berichtet bin, ist nicht
+zu Hause. Wir könnten es also wagen ...«
+
+»Ich bitte dich, Geert, wo denkst du hin? Es ist ja himmlisch, so
+hinzufliegen, und ich fühle ordentlich, wie mir so frei wird und wie
+alle Angst von mir abfällt. Und nun soll ich das alles aufgeben,
+bloß um den alten Leuten eine Stippvisite zu machen und ihnen sehr
+wahrscheinlich eine Verlegenheit zu schaffen. Um Gottes willen nicht.
+Und dann will ich vor allem auch die Geschichte hören. Also wir waren
+bei Kapitän Thomsen, den ich mir als einen Dänen oder Engländer denke,
+sehr sauber, mit weißen Vatermördern und ganz weißer Wäsche ...«
+
+»Ganz richtig. So soll er gewesen sein. Und mit ihm war eine junge
+Person von etwa zwanzig, von der einige sagen, sie sei seine Nichte
+gewesen, aber die meisten sagen, seine Enkelin, was übrigens den
+Jahren nach kaum möglich. Und außer der Enkelin oder der Nichte war da
+auch noch ein Chinese, derselbe, der da zwischen den Dünen liegt und
+an dessen Grab wir eben vorübergekommen sind.«
+
+»Gut, gut.«
+
+»Also dieser Chinese war Diener bei Thomsen, und Thomsen hielt so
+große Stücke auf ihn, daß er eigentlich mehr Freund als Diener war.
+Und das ging so Jahr und Tag. Da mit einem Male hieß es, Thomsens
+Enkelin, die, glaub ich, Nina hieß, solle sich, nach des Alten Wunsch,
+verheiraten, auch mit einem Kapitän. Und richtig, so war es auch.
+Es gab eine große Hochzeit im Hause, der Berliner Pastor tat
+sie zusammen, und Müller Utpatel, der ein Konventikler war, und
+Gieshübler, dem man in der Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht
+recht traute, waren geladen und vor allem viele Kapitäne mit ihren
+Frauen und Töchtern. Und wie man sich denken kann, es ging hoch her.
+Am Abend aber war Tanz, und die Braut tanzte mit jedem und zuletzt
+auch mit dem Chinesen. Da mit einemmal hieß es, sie sei fort, die
+Braut nämlich. Und sie war auch wirklich fort, irgendwohin, und
+niemand weiß, was da vorgefallen. Und nach vierzehn Tagen starb der
+Chinese; Thomsen kaufte die Stelle, die ich dir gezeigt habe, und da
+wurd er begraben. Der Berliner Pastor aber soll gesagt haben, man
+hätte ihn auch ruhig auf dem christlichen Kirchhof begraben können,
+denn der Chinese sei ein sehr guter Mensch gewesen und geradesogut wie
+die anderen. Wen er mit den 'anderen' eigentlich gemeint hat, sagte
+mir Gieshübler, das wisse man nicht recht.«
+
+»Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar gegen den Pastor; so
+was darf man nicht aussprechen, weil es gewagt und unpassend ist. Das
+würde selbst Niemeyer nicht gesagt haben.«
+
+»Und das ist auch dem armen Pastor, der übrigens Trippel hieß, sehr
+verdacht worden, so daß es eigentlich ein Glück war, daß er drüberhin
+starb, sonst hätte er seine Stelle verloren. Denn die Stadt, trotzdem
+sie ihn gewählt, war doch auch gegen ihn, geradeso wie du, und das
+Konsistorium natürlich erst recht.«
+
+»Trippel, sagst du? Dann hängt er am Ende mit der Frau Pastor Trippel
+zusammen, die wir heute abend sehen sollen?« »Natürlich hängt er mit
+der zusammen. Er war ihr Mann und ist der Vater von der Trippelli.«
+
+Effi lachte. »Von der Trippelli! Nun sehe ich erst klar in allem. Daß
+sie in Kessin geboren, schrieb ja schon Gieshübler; aber ich dachte,
+sie sei die Tochter von einem italienischen Konsul. Wir haben ja so
+viele fremdländische Namen hier. Und nun ist sie gut deutsch und
+stammt von Trippel. Ist sie denn so vorzüglich, daß sie wagen konnte,
+sich so zu italienisieren?«
+
+»Dem Mutigen gehört die Welt. Übrigens ist sie ganz tüchtig. Sie war
+ein paar Jahre lang in Paris bei der berühmten Viardot, wo sie auch
+den russischen Fürsten kennenlernte, denn die russischen Fürsten sind
+sehr aufgeklärt, über kleine Standesvorurteile weg, und Kotschukoff
+und Gieshübler - den sie übrigens 'Onkel' nennt, und man kann fast von
+ihm sagen, er sei der geborene Onkel -, diese beiden sind es recht
+eigentlich, die die kleine Marie Trippel zu dem gemacht haben, was
+sie jetzt ist. Gieshübler war es, durch den sie nach Paris kam, und
+Kotschukoff hat sie dann in die Trippelli transponiert.«
+
+»Ach, Geert, wie reizend ist das alles, und welch Alltagsleben habe
+ich doch in Hohen-Cremmen geführt! Nie was Apartes.«
+
+Innstetten nahm ihre Hand und sagte: »So darfst du nicht sprechen,
+Effi. Spuk, dazu kann man sich stellen, wie man will. Aber hüte
+dich vor dem Aparten oder was man so das Aparte nennt. Was dir so
+verlockend erscheint - und ich rechne auch ein Leben dahin, wie's die
+Trippelli führt -, das bezahlt man in der Regel mit seinem Glück. Ich
+weiß wohl, wie sehr du dein Hohen-Cremmen liebst und daran hängst,
+aber du spottest doch auch oft darüber und hast keine Ahnung davon,
+was stille Tage, wie die Hohen-Cremmer, bedeuten.«
+
+»Doch, doch«, sagte sie. »Ich weiß es wohl. Ich höre nur gern einmal
+von etwas anderem, und dann wandelt mich die Lust an, mit dabeizusein.
+Aber du hast ganz recht. Und eigentlich hab ich doch eine Sehnsucht
+nach Ruh und Frieden.«
+
+Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Meine einzig liebe Effi, das
+denkst du dir nun auch wieder so aus. Immer Phantasien, mal so, mal
+so.«
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+Die Fahrt verlief ganz wie geplant. Um ein Uhr hielt der Schlitten
+unten am Bahndamm vor dem Gasthaus »Zum Fürsten Bismarck«, und
+Golchowski, glücklich, den Landrat bei sich zu sehen, war beflissen,
+ein vorzügliches Dejeuner herzurichten. Als zuletzt das Dessert und
+der Ungarwein aufgetragen wurden, rief Innstetten den von Zeit zu Zeit
+erscheinenden und nach der Ordnung sehenden Wirt heran und bat ihn,
+sich mit an den Tisch zu setzen und ihnen was zu erzählen. Dazu war
+Golchowski denn auch der rechte Mann; auf zwei Meilen in der Runde
+wurde kein Ei gelegt, von dem er nicht wußte. Das zeigte sich auch
+heute wieder. Sidonie Grasenabb, Innstetten hatte recht vermutet, war,
+wie vorige Weihnachten, so auch diesmal wieder auf vier Wochen zu
+»Hofpredigers« gereist; Frau von Palleske, so hieß es weiter, habe
+ihre Jungfer wegen einer fatalen Geschichte Knall und Fall entlassen
+müssen, und mit dem alten Fraude steh es schlecht - es werde zwar in
+Kurs gesetzt, er sei bloß ausgeglitten, aber es sei ein Schlaganfall
+gewesen, und der Sohn, der in Lissa bei den Husaren stehe, werde jede
+Stunde erwartet. Nach diesem Geplänkel war man dann, zu Ernsthafterem
+übergehend, auf Varzin gekommen. »Ja«, sagte Golchowski, »wenn man
+sich den Fürsten so als Papiermüller denkt! Es ist doch alles sehr
+merkwürdig; eigentlich kann er die Schreiberei nicht leiden und das
+bedruckte Papier erst recht nicht, und nun legt er doch selber eine
+Papiermühle an.«
+
+»Schon recht, lieber Golchowski«, sagte Innstetten, »aber aus solchen
+Widersprüchen kommt man im Leben nicht heraus. Und da hilft auch kein
+Fürst und keine Größe.«
+
+»Nein, nein, da hilft keine Größe.«
+
+Wahrscheinlich, daß sich dies Gespräch über den Fürsten noch
+fortgesetzt hätte, wenn nicht in ebendiesem Augenblicke die von der
+Bahn her herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug
+angemeldet hätte. Innstetten sah nach der Uhr. »Welcher Zug ist das,
+Golchowski?«
+
+»Das ist der Danziger Schnellzug; er hält hier nicht, aber ich gehe
+doch immer hinauf und zähle die Wagen, und mitunter steht auch einer
+am Fenster, den ich kenne. Hier, gleich hinter meinem Hofe, führt eine
+Treppe den Damm hinauf, Wärterhaus 417 ...«
+
+»Oh, das wollen wir uns zunutze machen«, sagte Effi. »Ich sehe so gern
+Züge ...«
+
+»Dann ist es die höchste Zeit, gnäd'ge Frau.«
+
+Und so machten sich denn alle drei auf den Weg und stellten sich, als
+sie oben waren, in einem neben dem Wärterhaus gelegenen Gartenstreifen
+auf, der jetzt freilich unter Schnee lag, aber doch eine
+freigeschaufelte Stelle hatte. Der Bahnwärter stand schon da, die
+Fahne in der Hand. Und jetzt jagte der Zug über das Bahnhofsgeleise
+hin und im nächsten Augenblick an dem Häuschen und an dem
+Gartenstreifen vorüber. Effi war so erregt, daß sie nichts sah und nur
+dem letzten Wagen, auf dessen Höhe ein Bremser saß, ganz wie benommen
+nachblickte.
+
+»Sechs Uhr fünfzig ist er in Berlin«, sagte Innstetten, »und noch
+eine Stunde später, so können ihn die Hohen-Cremmer, wenn der Wind so
+steht, in der Ferne vorbeiklappern hören. Möchtest du mit, Effi?«
+
+Sie sagte nichts. Als er aber zu ihr hinüberblickte, sah er, daß eine
+Träne in ihrem Auge stand.
+
+Effi war, als der Zug vorbeijagte, von einer herzlichen Sehnsucht
+erfaßt worden. So gut es ihr ging, sie fühlte sich trotzdem wie in
+einer fremden Welt. Wenn sie sich eben noch an dem einen oder andern
+entzückt hatte, so kam ihr doch gleich nachher zum Bewußtsein, was
+ihr fehlte. Da drüben lag Varzin, und da nach der anderen Seite hin
+blitzte der Kroschentiner Kirchturm auf und weithin der Morgenitzer,
+und da saßen die Grasenabbs und die Borckes, nicht die Bellings und
+nicht die Briests. »Ja, die!« Innstetten hatte ganz recht gehabt mit
+dem raschen Wechsel ihrer Stimmung, und sie sah jetzt wieder alles,
+was zurücklag, wie in einer Verklärung. Aber so gewiß sie voll
+Sehnsucht dem Zug nachgesehen, sie war doch andererseits viel zu
+beweglichen Gemüts, um lange dabei zu verweilen, und schon auf der
+Heimfahrt, als der rote Ball der niedergehenden Sonne seinen Schimmer
+über den Schnee ausgoß, fühlte sie sich wieder freier; alles erschien
+ihr schön und frisch, und als sie, nach Kessin zurückgekehrt, fast
+mit dem Glockenschlag sieben in den Gieshüblerschen Flur eintrat, war
+ihr nicht bloß behaglich, sondern beinah übermütig zu Sinn, wozu die
+das Haus durchziehende Baldrian- und Veilchenwurzelluft das ihrige
+beitragen mochte.
+
+Pünktlich waren Innstetten und Frau erschienen, aber trotz dieser
+Pünktlichkeit immer noch hinter den anderen Geladenen zurückgeblieben;
+Pastor Lindequist, die alte Frau Trippel und die Trippelli selbst
+waren schon da. Gieshübler - im blauen Frack mit mattgoldenen
+Knöpfen, dazu Pincenez an einem breiten, schwarzen Bande, das wie ein
+Ordensband auf der blendendweißen Piquéweste lag -, Gieshübler konnte
+seiner Erregung nur mit Mühe Herr werden. »Darf ich die Herrschaften
+miteinander bekannt machen: Baron und Baronin Innstetten, Frau Pastor
+Trippel, Fräulein Marietta Trippelli.« Pastor Lindequist, den alle
+kannten, stand lächelnd beiseite.
+
+Die Trippelli, Anfang der Dreißig, stark männlich und von
+ausgesprochen humoristischem Typus, hatte bis zu dem Momente der
+Vorstellung den Sofaehrenplatz innegehabt. Nach der Vorstellung aber
+sagte sie, während sie auf einen in der Nähe stehenden Stuhl mit hoher
+Lehne zuschritt: »Ich bitte Sie nunmehro, gnäd'ge Frau, die Bürden
+und Fährlichkeiten Ihres Amtes auf sich nehmen zu wollen. Denn von
+'Fährlichkeiten'« - und sie wies auf das Sofa - »wird sich in diesem
+Falle wohl sprechen lassen. Ich habe Gieshübler schon vor Jahr und Tag
+darauf aufmerksam gemacht, aber leider vergeblich; so gut er ist, so
+eigensinnig ist er auch.«
+
+»Aber Marietta ...«
+
+»Dieses Sofa nämlich, dessen Geburt um wenigstens fünfzig Jahre
+zurückliegt, ist noch nach einem altmodischen Versenkungsprinzip
+gebaut, und wer sich ihm anvertraut, ohne vorher einen Kissenturm
+untergeschoben zu haben, sinkt ins Bodenlose, jedenfalls aber gerade
+tief genug, um die Knie wie ein Monument aufragen zu lassen.« All dies
+wurde seitens der Trippelli mit ebensoviel Bonhomie wie Sicherheit
+hingesprochen, in einem Ton, der ausdrücken sollte: »Du bist die
+Baronin Innstetten, ich bin die Trippelli.«
+
+Gieshübler liebte seine Künstlerfreundin enthusiastisch und dachte
+hoch von ihren Talenten; aber all seine Begeisterung konnte ihn doch
+nicht blind gegen die Tatsache machen, daß ihr von gesellschaftlicher
+Feinheit nur ein bescheidenes Maß zuteil geworden war. Und diese
+Feinheit war gerade das, was er persönlich kultivierte. »Liebe
+Marietta«, nahm er das Wort, »Sie haben eine so reizend heitere
+Behandlung solcher Fragen; aber was mein Sofa betrifft, so haben
+Sie wirklich unrecht, und jeder Sachverständige mag zwischen uns
+entscheiden. Selbst ein Mann wie Fürst Kotschukoff ...«
+
+»Ach, ich bitt Sie, Gieshübler, lassen Sie doch den. Immer
+Kotschukoff. Sie werden mich bei der gnäd'gen Frau hier noch in den
+Verdacht bringen, als ob ich bei diesem Fürsten - der übrigens nur zu
+den kleineren zählt und nicht mehr als tausend Seelen hat, das heißt
+hatte (früher, wo die Rechnung noch nach Seelen ging) -, als ob ich
+stolz wäre, seine tausendundeinste Seele zu sein. Nein, es liegt
+wirklich anders; 'immer freiweg', Sie kennen meine Devise, Gieshübler.
+Kotschukoff ist ein guter Kamerad und mein Freund, aber von Kunst
+und ähnlichen Sachen versteht er gar nichts, von Musik gewiß nicht,
+wiewohl er Messen und Oratorien komponiert - die meisten russischen
+Fürsten, wenn sie Kunst treiben, fallen ein bißchen nach der
+geistlichen oder orthodoxen Seite hin -, und zu den vielen Dingen, von
+denen er nichts versteht, gehören auch unbedingt Einrichtungs- und
+Tapezierfragen. Er ist gerade vornehm genug, um sich alles als schön
+aufreden zu lassen, was bunt aussieht und viel Geld kostet.«
+
+Innstetten amüsierte sich, und Pastor Lindequist war in einem
+allersichtlichsten Behagen. Die gute alte Trippel aber geriet über den
+ungenierten Ton ihrer Tochter aus einer Verlegenheit in die andere,
+während Gieshübler es für angezeigt hielt, eine so schwierig werdende
+Unterhaltung zu kupieren. Dazu waren etliche Gesangspiecen das
+beste. Daß Marietta Lieder von anfechtbarem Inhalt wählen würde,
+war nicht anzunehmen, und selbst wenn dies sein sollte, so war ihre
+Vortragskunst so groß, daß der Inhalt dadurch geadelt wurde. »Liebe
+Marietta«, nahm er also das Wort, »ich habe unser kleines Mahl zu acht
+Uhr bestellt. Wir hätten also noch dreiviertel Stunden, wenn Sie nicht
+vielleicht vorziehen, während Tisch ein heitres Lied zu singen oder
+vielleicht erst, wenn wir von Tisch aufgestanden sind ...«
+
+»Ich bitte Sie, Gieshübler! Sie, der Mann der Ästhetik. Es gibt nichts
+Unästhetischeres als einen Gesangsvortrag mit vollem Magen. Außerdem -
+und ich weiß, Sie sind ein Mann der ausgesuchten Küche, ja Gourmand -,
+außerdem schmeckt es besser, wenn man die Sache hinter sich hat. Erst
+Kunst und dann Nußeis, das ist die richtige Reihenfolge.«
+
+»Also ich darf Ihnen die Noten bringen, Marietta?«
+
+»Noten bringen. Ja, was heißt das, Gieshübler? Wie ich Sie kenne,
+werden Sie ganze Schränke voll Noten haben, und ich kann Ihnen doch
+nicht den ganzen Bock und Bote vorspielen. Noten! Was für Noten,
+Gieshübler, darauf kommt es an. Und dann, daß es richtig liegt,
+Altstimme ...«
+
+»Nun, ich werde schon bringen.«
+
+Und er machte sich an einem Schrank zu schaffen, ein Fach nach dem
+anderen herausziehend, während die Trippelli ihren Stuhl weiter links
+um den Tisch herum schob, so daß sie nun dicht neben Effi saß.
+
+»Ich bin neugierig, was er bringen wird«, sagte sie. Effi geriet dabei
+in eine kleine Verlegenheit.
+
+»Ich möchte annehmen«, antwortete sie befangen, »etwas von Gluck,
+etwas ausgesprochen Dramatisches ... Überhaupt, mein gnädiges
+Fräulein, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, ich bin überrascht
+zu hören, daß Sie lediglich Konzertsängerin sind. Ich dächte, daß Sie,
+wie wenige, für die Bühne berufen sein müßten. Ihre Erscheinung, Ihre
+Kraft, Ihr Organ ... ich habe noch so wenig derart kennengelernt,
+immer nur auf kurzen Besuchen in Berlin ... und dann war ich noch ein
+halbes Kind. Aber ich dächte, 'Orpheus' oder 'Chrimhild' oder die
+'Vestalin'.«
+
+Die Trippelli wiegte den Kopf und sah in Abgründe, kam aber zu keiner
+Entgegnung, weil eben jetzt Gieshübler wieder erschien und ein halbes
+Dutzend Notenhefte vorlegte, die seine Freundin in rascher Reihenfolge
+durch die Hand gleiten ließ. »'Erlkönig' ... ah, bah; 'Bächlein, laß
+dein Rauschen sein ...' Aber Gieshübler, ich bitte Sie, Sie sind
+ein Murmeltier, Sie haben sieben Jahre lang geschlafen ... Und hier
+Loewesche Balladen; auch nicht gerade das Neueste.
+
+'Glocken von Speyer' ... Ach, dies ewige Bim-Bam, das beinah einer
+Kulissenreißerei gleichkommt, ist geschmacklos und abgestanden. Aber
+hier, 'Ritter Olaf' ... nun, das geht.«
+
+Und sie stand auf, und während der Pastor begleitete, sang sie den
+»Olaf« mit großer Sicherheit und Bravour und erntete allgemeinen
+Beifall.
+
+Es wurde dann noch ähnlich Romantisches gefunden, einiges aus dem
+»Fliegenden Holländer« und aus »Zampa«, dann der »Heideknabe«, lauter
+Sachen, die sie mit ebensoviel Virtuosität wie Seelenruhe vortrug,
+während Effi von Text und Komposition wie benommen war.
+
+Als die Trippelli mit dem »Heideknaben« fertig war, sagte sie: »Nun
+ist es genug«, eine Erklärung, die so bestimmt von ihr abgegeben
+wurde, daß weder Gieshübler noch ein anderer den Mut hatte, mit
+weiteren Bitten in sie zu dringen. Am wenigsten Effi Diese sagte nur,
+als Gieshüblers Freundin wieder neben ihr saß: »Daß ich Ihnen doch
+sagen könnte, mein gnädigstes Fräulein, wie dankbar ich Ihnen bin!
+Alles so schön, so sicher, so gewandt. Aber eines, wenn Sie mir
+verzeihen, bewundere ich fast noch mehr, das ist die Ruhe, womit
+Sie diese Sachen vorzutragen wissen. Ich bin so leicht Eindrücken
+hingegeben, und wenn ich die kleinste Gespenstergeschichte höre, so
+zittere ich und kann mich kaum wieder zurechtfinden. Und Sie tragen
+das so mächtig und erschütternd vor und sind selbst ganz heiter und
+guter Dinge.«
+
+»Ja, meine gnädigste Frau, das ist in der Kunst nicht anders. Und
+nun gar erst auf dem Theater, vor dem ich übrigens glücklicherweise
+bewahrt geblieben bin. Denn so gewiß ich mich persönlich gegen seine
+Versuchungen gefeit fühle - es verdirbt den Ruf, also das Beste, was
+man hat. Im übrigen stumpft man ab, wie mir Kolleginnen hundertfach
+versichert haben. Da wird vergiftet und erstochen, und der toten Julia
+flüstert Romeo einen Kalauer ins Ohr oder wohl auch eine Malice, oder
+er drückt ihr einen kleinen Liebesbrief in die Hand.«
+
+»Es ist mir unbegreiflich. Und um bei dem stehenzubleiben, was ich
+Ihnen diesen Abend verdanke, beispielsweise bei dem Gespenstischen im
+'Olaf', ich versichere Ihnen, wenn ich einen ängstlichen Traum habe
+oder wenn ich glaube, über mir hörte ich ein leises Tanzen oder
+Musizieren, während doch niemand da ist, oder es schleicht wer an
+meinem Bett vorbei, so bin ich außer mir und kann es tagelang nicht
+vergessen.«
+
+»Ja, meine gnädige Frau, was Sie da schildern und beschreiben, das ist
+auch etwas anderes, das ist ja wirklich oder kann wenigstens etwas
+Wirkliches sein. Ein Gespenst, das durch die Ballade geht, da graule
+ich mich gar nicht, aber ein Gespenst, das durch meine Stube geht, ist
+mir, geradeso wie andern, sehr unangenehm. Darin empfinden wir also
+ganz gleich.«
+
+»Haben Sie denn dergleichen auch einmal erlebt?«
+
+»Gewiß. Und noch dazu bei Kotschukoff. Und ich habe mir auch
+ausbedungen, daß ich diesmal anders schlafe, vielleicht mit der
+englischen Gouvernante zusammen. Das ist nämlich eine Quäkerin, und da
+ist man sicher.«
+
+»Und Sie halten dergleichen für möglich?«
+
+»Meine gnädigste Frau, wenn man so alt ist wie ich und viel
+rumgestoßen wurde und in Rußland war und sogar auch ein halbes Jahr
+in Rumänien, da hält man alles für möglich. Es gibt so viel schlechte
+Menschen, und das andere findet sich dann auch, das gehört dann
+sozusagen mit dazu.«
+
+Effi horchte auf.
+
+»Ich bin«, fuhr die Trippelli fort, »aus einer sehr aufgeklärten
+Familie (bloß mit Mutter war es immer nicht so recht), und doch sagte
+mir mein Vater, als das mit dem Psychographen aufkam: 'Höre, Mane, das
+ist was.' Und er hat recht gehabt, es ist auch was damit. Überhaupt,
+man ist links und rechts umlauert, hinten und vorn. Sie werden das
+noch kennenlernen.«
+
+In diesem Augenblick trat Gieshübler heran und bot Effi den Arm,
+Innstetten führte Marietta, dann folgten Pastor Lindequist und die
+verwitwete Trippel. So ging man zu Tisch.
+
+
+
+Zölftes Kapitel
+
+Es war spät, als man aufbrach. Schon bald nach zehn hatte Effi zu
+Gieshübler gesagt, es sei nun wohl Zeit; Fräulein Trippelli, die
+den Zug nicht versäumen dürfe, müsse ja schon um sechs von Kessin
+aufbrechen; die danebenstehende Trippelli aber, die diese Worte
+gehört, hatte mit der ihr eigenen ungenierten Beredsamkeit gegen
+solche zarte Rücksichtnahme protestiert. »Ach, meine gnädigste Frau,
+Sie glauben, daß unsereins einen regelmäßigen Schlaf braucht, das
+trifft aber nicht zu; was wir regelmäßig brauchen, heißt Beifall und
+hohe Preise. Ja, lachen Sie nur. Außerdem (so was lernt man) kann ich
+auch im Coupé schlafen, in jeder Situation und sogar auf der linken
+Seite, und brauche nicht einmal das Kleid aufzumachen. Freilich bin
+ich auch nie eingepreßt; Brust und Lunge müssen immer frei sein und
+vor allem das Herz. Ja, meine gnädigste Frau, das ist die Hauptsache.
+Und dann das Kapitel Schlaf überhaupt - die Menge tut es nicht, was
+entscheidet, ist die Qualität; ein guter Nicker von fünf Minuten ist
+besser als fünf Stunden unruhige Rumdreherei, mal links, mal rechts.
+Übrigens schläft man in Rußland wundervoll, trotz des starken Tees.
+Es muß die Luft machen oder das späte Diner oder weil man so verwöhnt
+wird. Sorgen gibt es in Rußland nicht; darin - im Geldpunkt sind beide
+gleich - ist Rußland noch besser als Amerika.«
+
+Nach dieser Erklärung der Trippelli hatte Effi von allen Mahnungen
+zum Aufbruch Abstand genommen, und so war Mitternacht herangekommen.
+Man trennte sich heiter und herzlich und mit einer gewissen
+Vertraulichkeit. Der Weg von der Mohrenapotheke bis zur landrätlichen
+Wohnung war ziemlich weit; er kürzte sich aber dadurch, daß Pastor
+Lindequist bat, Innstetten und Frau eine Strecke begleiten zu
+dürfen; ein Spaziergang unterm Sternenhimmel sei das beste, um über
+Gieshüblers Rheinwein hinwegzukommen. Unterwegs wurde man natürlich
+nicht müde, die verschiedensten Trippelliana heranzuziehen; Effi
+begann mit dem, was ihr in Erinnerung geblieben, und gleich nach
+ihr kam der Pastor an die Reihe. Dieser, ein Ironikus, hatte die
+Trippelli, wie nach vielem sehr Weltlichen, so schließlich auch nach
+ihrer kirchlichen Richtung gefragt und dabei von ihr in Erfahrung
+gebracht, daß sie nur eine Richtung kenne, die orthodoxe. Ihr Vater
+sei freilich ein Rationalist gewesen, fast schon ein Freigeist,
+weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf dem Gemeindekirchhof
+gehabt hätte; sie ihrerseits sei aber ganz entgegengesetzter Ansicht,
+trotzdem sie persönlich des großen Vorzugs genieße, gar nichts zu
+glauben. Aber sie sei sich in ihrem entschiedenen Nichtglauben doch
+auch jeden Augenblick bewußt, daß das ein Spezialluxus sei, den
+man sich nur als Privatperson gestatten könne. Staatlich höre
+der Spaß auf, und wenn ihr das Kultusministerium oder gar ein
+Konsistorialregiment unterstünde, so würde sie mit unnachsichtiger
+Strenge vorgehen. »Ich fühle so was von einem Torquemada in mir.«
+Innstetten war sehr erheitert und erzählte seinerseits, daß er etwas
+so Heikles, wie das Dogmatische, geflissentlich vermieden, aber dafür
+das Moralische desto mehr in den Vordergrund gestellt habe. Hauptthema
+sei das Verführerische gewesen, das beständige Gefährdetsein, das in
+allem öffentlichen Auftreten liege, worauf die Trippelli leichthin
+und nur mit Betonung der zweiten Satzhälfte geantwortet habe: »Ja,
+beständig gefährdet; am meisten die Stimme.«
+
+Unter solchem Geplauder war, ehe man sich trennte, der Trippelli-Abend
+noch einmal an ihnen vorübergezogen, und erst drei Tage später hatte
+sich Gieshüblers Freundin durch ein von Petersburg aus an Effi
+gerichtetes Telegramm noch einmal in Erinnerung gebracht. Es lautete:
+Madame la Baronne d'Innstetten, née de Briest. Bien arrivée. Prince
+K. à la gare. Plus épris de moi que jamais. Mille fois merci de votre
+bon accueil. Compliments empressés à Monsieur le Baron. Marietta
+Trippelli.
+
+Innstetten war entzückt und gab diesem Entzücken lebhafteren Ausdruck,
+als Effi begreifen konnte.
+
+»Ich verstehe dich nicht, Geert.«
+
+»Weil du die Trippelli nicht verstehst. Mich entzückt die Echtheit;
+alles da, bis auf das Pünktchen überm i.«
+
+»Du nimmst also alles als eine Komödie?«
+
+»Aber als was sonst? Alles berechnet für dort und für hier, für
+Kotschukoff und für Gieshübler. Gieshübler wird wohl eine Stiftung
+machen, vielleicht auch bloß ein Legat für die Trippelli.«
+
+Die musikalische Soiree bei Gieshübler hatte Mitte Dezember
+stattgefunden, gleich danach begannen die Vorbereitungen für
+Weihnachten, und Effi, die sonst schwer über diese Tage hingekommen
+wäre, segnete es, daß sie selber einen Hausstand hatte, dessen
+Ansprüche befriedigt werden mußten. Es galt nachsinnen, fragen,
+anschaffen, und das alles ließ trübe Gedanken nicht aufkommen. Am Tage
+vor Heiligabend trafen Geschenke von den Eltern aus Hohen-Cremmen ein,
+und mit in die Kiste waren allerhand Kleinigkeiten aus dem Kantorhause
+gepackt: wunderschöne Reinetten von einem Baum, den Effi und Jahnke
+vor mehreren Jahren gemeinschaftlich okuliert hatten, und dazu braune
+Puls- und Kniewärmer von Bertha und Hertha. Hulda schrieb nur wenige
+Zeilen, weil sie, wie sie sich entschuldigte, für X noch eine
+Reisedecke zu stricken habe. »Was einfach nicht wahr ist«, sagte
+Effi. »Ich wette, X. existiert gar nicht. Daß sie nicht davon lassen
+kann, sich mit Anbetern zu umgeben die nicht da sind!« Und so kam
+Heiligabend heran. Innstetten selbst baute auf für seine junge Frau,
+der Baum brannte, und ein kleiner Engel schwebte oben in Lüften Auch
+eine Krippe war da mit hübschen Transparenten und Inschriften, deren
+eine sich in leiser Andeutung auf ein dem Innstettenschen Hause für
+nächstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog. Effi las es und errötete.
+Dann ging sie auf Innstetten zu, um ihm zu danken, aber eh sie dies
+konnte, flog, nach altpommerschem Weihnachtsbrauch, ein Julklapp in
+den Hausflur: eine große Kiste, drin eine Welt von Dingen steckte.
+Zuletzt fand man die Hauptsache, ein zierliches, mit allerlei
+japanischen Bildchen überklebtes Morsellenkästchen, dessen
+eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen beigegeben war. Es hieß
+da:
+
+ Drei Könige kamen zum Heiligenchrist,
+ Mohrenkönig einer gewesen ist -
+ Ein Mohrenapothekerlein
+ Erscheinet heute mit Spezerein,
+ Doch statt Weihrauch und Myrrhen, die nicht zur Stelle,
+ Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle.
+
+Effi las es zwei-, dreimal und freute sich darüber. »Die Huldigungen
+eines guten Menschen haben doch etwas besonders Wohltuendes. Meinst
+du nicht auch, Geert?« »Gewiß meine ich das. Es ist eigentlich das
+einzige, was einem Freude macht oder wenigstens Freude machen sollte.
+Denn jeder steckt noch so nebenher in allerhand dummem Zeuge drin. Ich
+auch. Aber freilich, man ist, wie man ist.« Der erste Feiertag war
+Kirchtag, am zweiten war man bei Borckes draußen, alles zugegen, mit
+Ausnahme von Grasenabbs, die nicht kommen wollten, weil Sidonie nicht
+da sei, was man als Entschuldigung allseitig ziemlich sonderlich fand.
+Einige tuschelten sogar: »Umgekehrt; gerade deshalb hätten sie kommen
+sollen.« Am Silvester war Ressourcenball, auf dem Effi nicht fehlen
+durfte und auch nicht wollte, denn der Ball gab ihr Gelegenheit,
+endlich einmal die ganze Stadtflora beisammen zu sehen. Johanna hatte
+mit den Vorbereitungen zum Ballstaate für ihre Gnäd'ge vollauf zu tun,
+Gieshübler, der, wie alles, so auch ein Treibhaus hatte, schickte
+Kamelien, und Innstetten, so knapp bemessen die Zeit für ihn war,
+fuhr am Nachmittage noch über Land nach Papenhagen, wo drei Scheunen
+abgebrannt waren.
+
+Es war ganz still im Hause. Christel, beschäftigungslos, hatte sich
+schläfrig eine Fußbank an den Herd gerückt, und Effi zog sich in ihr
+Schlafzimmer zurück, wo sie sich, zwischen Spiegel und Sofa, an einen
+kleinen, eigens zu diesem Zweck zurechtgemachten Schreibtisch setzte,
+um von hier aus an die Mama zu schreiben, der sie für Weihnachtsbrief
+und Weihnachtsgeschenke bis dahin bloß in einer Karte gedankt, sonst
+aber seit Wochen keine Nachricht gegeben hatte.
+
+Kessin, 31. Dezember. Meine liebe Mama! Das wird nun wohl ein langer
+Schreibebrief werden, denn ich habe - die Karte rechnet nicht -
+lange nichts von mir hören lassen. Als ich das letztemal schrieb,
+steckte ich noch in den Weihnachtsvorbereitungen, jetzt liegen
+die Weihnachtstage schon zurück. Innstetten und mein guter Freund
+Gieshübler hatten alles aufgeboten, mir den Heiligen Abend so angenehm
+wie möglich zu machen, aber ich fühlte mich doch ein wenig einsam und
+bangte mich nach Euch. Überhaupt, soviel Ursache ich habe, zu danken
+und froh und glücklich zu sein, ich kann ein Gefühl des Alleinseins
+nicht ganz loswerden, und wenn ich mich früher, vielleicht mehr als
+nötig, über Huldas ewige Gefühlsträne mokiert habe, so werde ich jetzt
+dafür bestraft und habe selber mit dieser Träne zu kämpfen. Denn
+Innstetten darf es nicht sehen. Ich bin aber sicher, daß das alles
+besser werden wird, wenn unser Hausstand sich mehr belebt, und das
+wird der Fall sein, meine liebe Mama. Was ich neulich andeutete, das
+ist nun Gewißheit, und Innstetten bezeugt mir täglich seine Freude
+darüber. Wie glücklich ich selber im Hinblick darauf bin, brauche ich
+nicht erst zu versichern, schon weil ich dann Leben und Zerstreuung
+um mich her haben werde oder, wie Geert sich ausdrückt, ein »liebes
+Spielzeug«. Mit diesem Wort wird er wohl recht haben, aber er sollte
+es lieber nicht gebrauchen, weil es mir immer einen kleinen Stich gibt
+und mich daran erinnert, wie jung ich bin und daß ich noch halb in die
+Kinderstube gehöre. Diese Vorstellung verläßt mich nicht (Geert meint,
+es sei krankhaft) und bringt es zuwege, daß das, was mein höchstes
+Glück sein sollte, doch fast noch mehr eine beständige Verlegenheit
+für mich ist. Ja, meine liebe Mama, als die guten Flemmingschen Damen
+sich neulich nach allem möglichen erkundigten, war mir zumut, als
+stünde ich schlecht vorbereitet in einem Examen, und ich glaube auch,
+daß ich recht dumm geantwortet habe. Verdrießlich war ich auch. Denn
+manches, was wie Teilnahme aussieht, ist doch bloß Neugier und wirkt
+um so zudringlicher, als ich ja noch lange, bis in den Sommer hinein,
+auf das frohe Ereignis zu warten habe. Ich denke, die ersten Julitage.
+Dann mußt Du kommen, oder noch besser, sobald ich einigermaßen
+wieder bei Wege bin, komme ich, nehme hier Urlaub und mache mich
+auf nach Hohen-Cremmen. Ach, wie ich mich darauf freue und auf die
+havelländische Luft - hier ist es fast immer rauh und kalt -, und dann
+jeden Tag eine Fahrt ins Luch, alles rot und gelb, und ich sehe schon,
+wie das Kind die Hände danach streckt, denn es wird doch wohl fühlen,
+daß es eigentlich da zu Hause ist. Aber das schreibe ich nur Dir.
+Innstetten darf nicht davon wissen, und auch Dir gegenüber muß ich
+mich wie entschuldigen, daß ich mit dem Kinde nach Hohen-Cremmen will
+und mich heute schon anmelde, statt Dich, meine liebe Mama, dringend
+und herzlich nach Kessin hin einzuladen, das ja doch jeden Sommer
+fünfzehnhundert Badegäste hat und Schiffe mit allen möglichen Flaggen
+und sogar ein Dünenhotel. Aber daß ich so wenig Gastlichkeit zeige,
+das macht nicht, daß ich ungastlich wäre, so sehr bin ich nicht aus
+der Art geschlagen, das macht einfach unser landrätliches Haus, das,
+soviel Hübsches und Apartes es hat, doch eigentlich gar kein richtiges
+Haus ist, sondern nur eine Wohnung für zwei Menschen, und auch das
+kaum, denn wir haben nicht einmal ein Eßzimmer, was doch genant ist,
+wenn ein paar Personen zu Besuch sich einstellen. Wir haben freilich
+noch Räumlichkeiten im ersten Stock, einen großen Saal und vier kleine
+Zimmer, aber sie haben alle etwas wenig Einladendes, und ich würde sie
+Rumpelkammer nennen, wenn sich etwas Gerümpel darin vorfände; sie sind
+aber ganz leer, ein paar Binsenstühle abgerechnet, und machen, das
+mindeste zu sagen, einen sehr sonderbaren Eindruck. Nun wirst Du
+wohl meinen, das alles sei ja leicht zu ändern. Aber es ist nicht zu
+ändern; denn das Haus, das wir bewohnen, ist ... ist ein Spukhaus;
+da ist es heraus. Ich beschwöre Dich übrigens, mir auf diese meine
+Mitteilung nicht zu antworten, denn ich zeige Innstetten immer Eure
+Briefe, und er wäre außer sich, wenn er erführe, daß ich Dir das
+geschrieben. Ich hätte es auch nicht getan, und zwar um so weniger,
+als ich seit vielen Wochen in Ruhe geblieben bin und aufgehört habe,
+mich zu ängstigen; aber Johanna sagt mir, es käme immer mal wieder,
+namentlich wenn wer Neues im Hause erschiene. Und ich kann Dich doch
+einer solchen Gefahr oder, Wenn das zuviel gesagt ist, einer solchen
+eigentümlichen und unbequemen Störung nicht aussetzen! Mit der
+Sache selber will ich Dich heute nicht behelligen, jedenfalls nicht
+ausführlich. Es ist eine Geschichte von einem alten Kapitän, einem
+sogenannten Chinafahrer, und seiner Enkelin, die mit einem hiesigen
+jungen Kapitän eine kurze Zeit verlobt war und an ihrem Hochzeitstage
+plötzlich verschwand. Das möchte hingehn. Aber was wichtiger ist, ein
+junger Chinese, den ihr Vater aus China mit zurückgebracht hatte und
+der erst der Diener und dann der Freund des Alten war, der starb
+kurze Zeit danach und ist an einer einsamen Stelle neben dem Kirchhof
+begraben worden. Ich bin neulich da vorübergefahren, wandte mich aber
+rasch ab und sah nach der andern Seite, weil ich glaube, ich hätte
+ihn sonst auf dem Grabe sitzen sehen. Denn ach, meine liebe Mama,
+ich habe ihn einmal wirklich gesehen, oder es ist mir wenigstens so
+vorgekommen, als ich fest schlief und Innstetten auf Besuch beim
+Fürsten war. Es war schrecklich; ich möchte so was nicht wieder
+erleben. Und in ein solches Haus, so hübsch es sonst ist (es ist
+sonderbarerweise gemütlich und unheimlich zugleich), kann ich Dich
+doch nicht gut einladen. Und Innstetten, trotzdem ich ihm schließlich
+in vielen Stücken zustimmte, hat sich dabei, soviel möchte ich sagen
+dürfen, auch nicht ganz richtig benommen. Er verlangte von mir, ich
+solle das alles als Alten-Weiber-Unsinn ansehn und darüber lachen,
+aber mit einemmal schien er doch auch wieder selber daran zu glauben
+und stellte mir zugleich die sonderbare Zumutung, einen solchen
+Hausspuk als etwas Vornehmes und Altadliges anzusehen. Das kann ich
+aber nicht und will es auch nicht. Er ist in diesem Punkt, so gütig er
+sonst ist, nicht gütig und nachsichtig genug gegen mich. Denn daß es
+etwas damit ist, das weiß ich von Johanna und weiß es auch von unserer
+Frau Kruse. Das ist nämlich unsere Kutscherfrau, die mit einem
+schwarzen Huhn beständig in einer überheizten Stube sitzt. Dies allein
+schon ist ängstlich genug. Und nun weißt Du, warum ich kommen will,
+wenn es erst soweit ist. Ach, wäre es nur erst soweit. Es sind
+so viele Gründe, warum ich es wünsche. Heute abend haben wir
+Silvesterball, und Gieshübler - der einzige nette Mensch hier,
+trotzdem er eine hohe Schulter hat oder eigentlich schon etwas
+mehr -, Gieshübler hat mir Kamelien geschickt. Ich werde doch
+vielleicht tanzen. Unser Arzt sagt, es würde mir nichts schaden,
+im Gegenteil. Und Innstetten, was mich fast überraschte, hat auch
+eingewilligt. Und nun grüße und küsse Papa und all die andern Lieben.
+Glückauf zum neuen Jahr. Deine Effi.
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+Der Silvesterball hatte bis an den frühen Morgen gedauert, und Effi
+war ausgiebig bewundert worden, freilich nicht ganz so anstandslos wie
+das Kamelienbukett, von dem man wußte, daß es aus dem Gieshüblerschen
+Treibhaus kam. Im übrigen blieb auch nach dem Silvesterball alles beim
+alten, kaum daß Versuche gesellschaftlicher Annäherung gemacht worden
+wären, und so kam es denn, daß der Winter als recht lange dauernd
+empfunden wurde. Besuche seitens der benachbarten Adelsfamilien fanden
+nur selten statt, und dem pflichtschuldigen Gegenbesuch ging in einem
+halben Trauerton jedesmal die Bemerkung voraus: »Ja, Geert, wenn es
+durchaus sein muß, aber ich vergehe vor Langeweile.« Worte, denen
+Innstetten nur immer zustimmte. Was an solchen Besuchsnachmittagen
+über Familie, Kinder, auch Landwirtschaft gesagt wurde, mochte gehen;
+wenn dann aber die kirchlichen Fragen an die Reihe kamen und die
+mitanwesenden Pastoren wie kleine Päpste behandelt wurden oder sich
+auch wohl selbst als solche ansahen, dann riß Effi der Faden der
+Geduld, und sie dachte mit Wehmut an Niemeyer, der immer zurückhaltend
+und anspruchslos war, trotzdem es bei jeder größeren Feierlichkeit
+hieß, er habe das Zeug, an den »Dom« berufen zu werden. Mit den
+Borckes, den Flemmings, den Grasenabbs, so freundlich die Familien,
+von Sidonie Grasenabb abgesehen, gesinnt waren - es wollte mit allen
+nicht so recht gehen, und es hätte mit Freude, Zerstreuung und auch
+nur leidlichem Sich-behaglich-Fühlen manchmal recht schlimm gestanden,
+wenn Gieshübler nicht gewesen wäre. Der sorgte für Effi wie eine
+kleine Vorsehung, und sie wußte es ihm auch Dank. Natürlich war er
+neben allem andern auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser,
+ganz zu schweigen, daß er an der Spitze des Journalzirkels stand, und
+so verging denn fast kein Tag, wo nicht Mirambo ein großes weißes
+Kuvert gebracht hätte mit allerhand Blättern und Zeitungen, in denen
+die betreffenden Stellen angestrichen waren, meist eine kleine,
+feine Bleistiftlinie, mitunter aber auch dick mit Blaustift und ein
+Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben. Und dabei ließ er es nicht
+bewenden; er schickte auch Feigen und Datteln, Schokoladentafeln in
+Satineepapier und ein rotes Bändchen drum, und wenn etwas besonders
+Schönes in seinem Treibhaus blühte, so brachte er es selbst und hatte
+dann eine glückliche Plauderstunde mit der ihm so sympathischen jungen
+Frau, für die er alle schönen Liebesgefühle durch- und nebeneinander
+hatte, die des Vaters und Onkels, des Lehrers und Verehrers. Effi war
+gerührt von dem allen und schrieb öfters darüber nach Hohen-Cremmen,
+so daß die Mama sie mit ihrer »Liebe zum Alchimisten« zu necken
+begann; aber diese wohlgemeinten Neckereien verfehlten ihren Zweck,
+ja berührten sie beinahe schmerzlich, weil ihr, wenn auch unklar,
+dabei zum Bewußtsein kam, was ihr in ihrer Ehe eigentlich fehlte:
+Huldigungen, Anregungen, kleine Aufmerksamkeiten. Innstetten war lieb
+und gut, aber ein Liebhaber war er nicht. Er hatte das Gefühl, Effi zu
+lieben, und das gute Gewissen, daß es so sei, ließ ihn von besonderen
+Anstrengungen absehen. Es war fast zur Regel geworden, daß er sich,
+wenn Friedrich die Lampe brachte, aus seiner Frau Zimmer in sein
+eigenes zurückzog. »Ich habe da noch eine verzwickte Geschichte
+zu erledigen.« Und damit ging er. Die Portiere blieb freilich
+zurückgeschlagen, so daß Effi das Blättern in dem Aktenstück oder das
+Kritzeln seiner Feder hören konnte, aber das war auch alles. Rollo kam
+dann wohl und legte sich vor sie hin auf den Kaminteppich, als ob er
+sagen wolle: »Muß nur mal wieder nach dir sehen; ein anderer tut's
+doch nicht.« Und dann beugte sie sich nieder und sagte leise: »Ja,
+Rollo, wir sind allein.« Um neun erschien dann Innstetten wieder zum
+Tee, meist die Zeitung in der Hand, sprach vom Fürsten, der wieder
+viel Ärger habe, zumal über diesen Eugen Richter, dessen Haltung und
+Sprache ganz unqualifizierbar seien, und ging dann die Ernennungen
+und Ordensverleihungen durch, von denen er die meisten beanstandete.
+Zuletzt sprach er von den Wahlen, und daß es ein Glück sei, einem
+Kreis vorzustehen, in dem es noch Respekt gäbe. War er damit durch, so
+bat er Effi, daß sie was spiele, aus Lohengrin oder aus der Walküre,
+denn er war ein Wagnerschwärmer. Was ihn zu diesem hinübergeführt
+hatte, war ungewiß; einige sagten, seine Nerven, denn so nüchtern
+er schien, eigentlich war er nervös; andere schoben es auf Wagners
+Stellung zur Judenfrage. Wahrscheinlich hatten beide recht. Um
+zehn war Innstetten dann abgespannt und erging sich in ein paar
+wohlgemeinten, aber etwas müden Zärtlichkeiten, die sich Effi gefallen
+ließ, ohne sie recht zu erwidern.
+
+So verging der Winter, der April kam, und in dem Garten hinter dem Hof
+begann es zu grünen, worüber sich Effi freute; sie konnte gar nicht
+abwarten, daß der Sommer komme mit seinen Spaziergängen am Strand und
+seinen Badegästen. Wenn sie so zurückblickte, der Trippelli-Abend bei
+Gieshübler und dann der Silvesterball, ja, das ging, das war etwas
+Hübsches gewesen; aber die Monate, die dann gefolgt waren, die hatten
+doch viel zu wünschen übriggelassen, und vor allem waren sie so
+monoton gewesen, daß sie sogar mal an die Mama geschrieben hatte:
+»Kannst Du Dir denken, Mama, daß ich mich mit unsrem Spuk beinah
+ausgesöhnt habe? Natürlich die schreckliche Nacht, wo Geert drüben
+beim Fürsten war, die möchte ich nicht noch einmal durchmachen, nein,
+gewiß nicht; aber immer das Alleinsein und so gar nichts erleben, das
+hat doch auch sein Schweres, und wenn ich dann in der Nacht aufwache,
+dann horche ich mitunter hinauf, ob ich nicht die Schuhe schleifen
+höre, und wenn alles still bleibt, so bin ich fast wie enttäuscht und
+sage mir: Wenn es doch nur wiederkäme, nur nicht zu arg und nicht zu
+nah.«
+
+Das war im Februar, daß Effi so schrieb, und nun war beinahe Mai.
+Drüben in der Plantage belebte sich's schon wieder, und man hörte die
+Finken schlagen. Und in derselben Woche war es auch, daß die Störche
+kamen, und einer schwebte langsam über ihr Haus hin und ließ sich dann
+auf einer Scheune nieder, die neben Utpatels Mühle stand. Das war
+seine alte Raststätte. Auch über dies Ereignis berichtete Effi, die
+jetzt überhaupt häufiger nach Hohen-Cremmen schrieb, und es war in
+demselben Brief, daß es am Schluß hieß: »Etwas, meine liebe Mama,
+hätte ich beinah vergessen: den neuen Landwehrbezirkskommandeur,
+den wir nun schon beinah vier Wochen hier haben. Ja, haben wir ihn
+wirklich? Das ist die Frage, und eine Frage von Wichtigkeit dazu,
+sosehr Du darüber lachen wirst und auch lachen mußt, weil Du den
+gesellschaftlichen Notstand nicht kennst, in dem wir uns nach wie vor
+befinden. Oder wenigstens ich, die ich mich mit dem Adel hier nicht
+gut zurechtfinden kann. Vielleicht meine Schuld. Aber das ist gleich.
+Tatsache bleibt: Notstand, und deshalb sah ich, durch all diese
+Winterwochen hin, dem neuen Bezirkskommandeur wie einem Trost-
+und Rettungsbringer entgegen. Sein Vorgänger war ein Greuel, von
+schlechten Manieren und noch schlechteren Sitten, und zum Überfluß
+auch noch immer schlecht bei Kasse. Wir haben all die Zeit über unter
+ihm gelitten, Innstetten noch mehr als ich, und als wir Anfang April
+hörten, Major von Crampas sei da, das ist nämlich der Name des neuen,
+da fielen wir uns in die Arme, als könne uns nichts Schlimmes mehr
+in diesem lieben Kessin passieren. Aber, wie schon kurz erwähnt, es
+scheint, trotzdem er da ist, wieder nichts werden zu wollen. Crampas
+ist verheiratet, zwei Kinder von zehn und acht Jahren, die Frau ein
+Jahr älter als er, also sagen wir fünfundvierzig. Das würde nun an
+und für sich nicht viel schaden, warum soll ich mich nicht mit einer
+mütterlichen Freundin wundervoll unterhalten können? Die Trippelli
+war auch nahe an Dreißig, und es ging ganz gut. Aber mit der Frau von
+Crampas, übrigens keine Geborene, kann es nichts werden. Sie ist immer
+verstimmt, beinahe melancholisch (ähnlich wie unsere Frau Kruse,
+an die sie mich überhaupt erinnert), und das alles aus Eifersucht.
+Er, Crampas, soll nämlich ein Mann vieler Verhältnisse sein, ein
+Damenmann, etwas, was mir immer lächerlich ist und mir auch in diesem
+Falle lächerlich sein würde, wenn er nicht um eben solcher Dinge
+willen ein Duell mit einem Kameraden gehabt hätte. Der linke Arm wurde
+ihm dicht unter der Schulter zerschmettert, und man sieht es sofort,
+trotzdem die Operation, wie mir Innstetten erzählt (ich glaube, sie
+nennen es Resektion, damals noch von Wilms ausgeführt), als ein
+Meisterstück der Kunst gerühmt wurde. Beide, Herr und Frau von
+Crampas, waren vor vierzehn Tagen bei uns, um uns ihren Besuch zu
+machen; es war eine sehr peinliche Situation, denn Frau von Crampas
+beobachtete ihren Mann so, daß er in eine halbe und ich in eine ganze
+Verlegenheit kam. Daß er selbst sehr anders sein kann, ausgelassen
+und übermütig, davon überzeugte ich mich, als er vor drei Tagen mit
+Innstetten allein war und ich, von meinem Zimmer her, dem Gang ihrer
+Unterhaltung folgen konnte. Nachher sprach auch ich ihn. Vollkommener
+Kavalier, ungewöhnlich gewandt. Innstetten war während des Krieges in
+derselben Brigade mit ihm, und sie haben sich im Norden von Paris bei
+Graf Gröben öfter gesehen. Ja, meine liebe Mama, das wäre nun also
+etwas gewesen, um in Kessin ein neues Leben beginnen zu können; er,
+der Major, hat auch nicht die pommerschen Vorurteile, trotzdem er in
+Schwedisch-Pommern zu Hause sein soll. Aber die Frau! Ohne sie geht es
+natürlich nicht, und mit ihr erst recht nicht.«
+
+Effi hatte ganz recht gehabt, und es kam wirklich zu keiner weiteren
+Annäherung mit dem Crampasschen Paar. Man sah sich mal bei der
+Borckeschen Familie draußen, ein andermal ganz flüchtig auf dem
+Bahnhof und wenige Tage später auf einer Boots- und Vergnügungsfahrt,
+die nach einem am Breitling gelegenen großen Buchen- und Eichenwald,
+der »Der Schnatermann« hieß, gemacht wurde; es kam aber über kurze
+Begrüßungen nicht hinaus, und Effi war froh, als Anfang Juni die
+Saison sich ankündigte. Freilich fehlte es noch an Badegästen, die vor
+Johanni überhaupt nur in Einzelexemplaren einzutreffen pflegten, aber
+schon die Vorbereitungen waren eine Zerstreuung. In der Plantage
+wurden Karussell und Scheibenstände hergerichtet, die Schiffersleute
+kalfaterten und strichen ihre Boote, jede kleine Wohnung erhielt neue
+Gardinen, die Zimmer, die feucht lagen, also den Schwamm unter der
+Diele hatten, wurden ausgeschwefelt und dann gelüftet.
+
+Auch in Effis eigener Wohnung, freilich um eines anderen Ankömmlings
+als der Badegäste willen, war alles in einer gewissen Erregung; selbst
+Frau Kruse wollte mittun, so gut es ging. Aber davor erschrak Effi
+lebhaft und sagte: »Geert, daß nur die Frau Kruse nichts anfaßt; da
+kann nichts werden, und ich ängstige mich schon gerade genug.«
+
+Innstetten versprach auch alles, Christel und Johanna hätten ja Zeit
+genug, und um seiner jungen Frau Gedanken überhaupt in eine andere
+Richtung zu bringen, ließ er das Thema der Vorbereitungen ganz fallen
+und fragte statt dessen, ob sie schon bemerkt habe, daß drüben ein
+Badegast eingezogen sei, nicht gerade der erste, aber doch einer der
+ersten.
+
+»Ein Herr?«
+
+»Nein, eine Dame, die schon früher hier war, jedesmal in derselben
+Wohnung. Und sie kommt immer so früh, weil sie's nicht leiden kann,
+wenn alles schon so voll ist.«
+
+»Das kann ich ihr nicht verdenken. Und wer ist es denn?« »Die
+verwitwete Registrator Rode.«
+
+»Sonderbar. Ich habe mir Registratorwitwen immer arm gedacht.«
+
+»Ja«, lachte Innstetten, »das ist die Regel. Aber hier hast du eine
+Ausnahme. Jedenfalls hat sie mehr als ihre Witwenpension. Sie kommt
+immer mit viel Gepäck, unendlich viel mehr, als sie gebraucht, und
+scheint überhaupt eine ganz eigene Frau, wunderlich, kränklich und
+namentlich schwach auf den Füßen. Sie mißtraut sich deshalb auch und
+hat immer eine ältliche Dienerin um sich, die kräftig genug ist, sie
+zu schützen oder sie zu tragen, wenn ihr was passiert. Diesmal hat sie
+eine neue. Aber doch wieder eine ganz ramassierte Person, ähnlich wie
+die Trippelli, nur noch stärker.«
+
+»Oh, die hab ich schon gesehen. Gute braune Augen, die einen treu und
+zuversichtlich ansehen. Aber ein klein bißchen dumm.« - »Richtig, das
+ist sie.«
+
+Das war Mitte Juni, daß Innstetten und Effi dies Gespräch hatten.
+Von da ab brachte jeder Tag Zuzug, und nach dem Bollwerk hin
+spazierengehen, um daselbst die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten,
+wurde, wie immer um diese Zeit, eine Art Tagesbeschäftigung für die
+Kessiner. Effi freilich, weil Innstetten sie nicht begleiten konnte,
+mußte darauf verzichten, aber sie hatte doch wenigstens die Freude,
+die nach dem Strand und dem Strandhotel hinausführende, sonst so
+menschenleere Straße sich beleben zu sehen, und war denn auch, um
+immer wieder Zeuge davon zu sein, viel mehr als sonst in ihrem
+Schlafzimmer, von dessen Fenstern aus sich alles am besten beobachten
+ließ. Johanna stand dann neben ihr und gab Antwort auf ziemlich alles,
+was sie wissen wollte; denn da die meisten alljährlich wiederkehrende
+Gäste waren, so konnte das Mädchen nicht bloß die Namen nennen,
+sondern mitunter auch eine Geschichte dazu geben.
+
+Das alles war unterhaltlich und erheiternd für Effi. Gerade am
+Johannistag aber traf es sich, daß kurz vor elf Uhr vormittags, wo
+sonst der Verkehr vom Dampfschiff her am buntesten vorüberflutete,
+statt der mit Ehepaaren, Kindern und Reisekoffern besetzten Droschken
+aus der Mitte der Stadt her ein schwarz verhangener Wagen (dem sich
+zwei Trauerkutschen anschlossen) die zur Plantage führende Straße
+herunterkam und vor dem der landrätlichen Wohnung gegenüber gelegenen
+Hause hielt. Die verwitwete Frau Registrator Rode war nämlich drei
+Tage vorher gestorben, und nach Eintreffen der in aller Kürze
+benachrichtigten Berliner Verwandten war seitens ebendieser
+beschlossen worden, die Tote nicht nach Berlin hin überzuführen,
+sondern auf dem Kessiner Dünenkirchhof begraben zu wollen. Effi stand
+am Fenster und sah neugierig auf die sonderbar feierliche Szene, die
+sich drüben abspielte. Die zum Begräbnis von Berlin her Eingetroffenen
+waren zwei Neffen mit ihren Frauen, alle gegen Vierzig, etwas mehr
+oder weniger, und von beneidenswert gesunder Gesichtsfarbe. Die
+Neffen, in gutsitzenden Fracks, konnten passieren, und die nüchterne
+Geschäftsmäßigkeit, die sich in ihrem gesamten Tun ausdrückte, war im
+Grunde mehr kleidsam als störend. Aber die beiden Frauen! Sie waren
+ganz ersichtlich bemüht, den Kessinern zu zeigen, was eigentlich
+Trauer sei, und trugen denn auch lange, bis an die Erde reichende
+schwarze Kreppschleier, die zugleich ihr Gesicht verhüllten. Und nun
+wurde der Sarg, auf dem einige Kränze und sogar ein Palmwedel lagen,
+auf den Wagen gestellt, und die beiden Ehepaare setzten sich in die
+Kutschen. In die erste - gemeinschaftlich mit dem einen der beiden
+leidtragenden Paare - stieg auch Lindequist, hinter der zweiten
+Kutsche aber ging die Hauswirtin und neben dieser die stattliche
+Person, die die Verstorbene zur Aushilfe mit nach Kessin gebracht
+hatte. Letztere war sehr aufgeregt und schien durchaus ehrlich darin,
+wenn dies Aufgeregtsein auch vielleicht nicht gerade Trauer war;
+der sehr heftig schluchzenden Hauswirtin aber, einer Witwe, sah man
+dagegen fast allzu deutlich an, daß sie sich beständig die Möglichkeit
+eines Extrageschenkes berechnete, trotzdem sie in der bevorzugten und
+von anderen Wirtinnen auch sehr beneideten Lage war, die für den
+ganzen Sommer vermietete Wohnung noch einmal vermieten zu können.
+
+Effi, als der Zug sich in Bewegung setzte, ging in ihren hinter dem
+Hof gelegenen Garten, um hier, zwischen den Buchsbaumbeeten, den
+Eindruck des Lieb- und Leblosen, den die ganze Szene drüben auf sie
+gemacht hatte, wieder loszuwerden. Als dies aber nicht glücken wollte,
+kam ihr die Lust, statt ihrer eintönigen Gartenpromenade lieber einen
+weiteren Spaziergang zu machen, und zwar um so mehr, als ihr der Arzt
+gesagt hatte, viel Bewegung im Freien sei das Beste, was sie bei
+dem, was ihr bevorstände, tun könne. Johanna, die mit im Garten
+war, brachte ihr denn auch Umhang, Hut und Entoutcas, und mit einem
+freundlichen »Guten Tag« trat Effi aus dem Hause heraus und ging auf
+das Wäldchen zu, neben dessen breitem chaussierten Mittelweg ein
+schmalerer Fußsteig auf die Dünen und das am Strand gelegene Hotel
+zulief. Unterwegs standen Bänke, von denen sie jede benutzte, denn
+das Gehen griff sie an, und um so mehr, als inzwischen die heiße
+Mittagsstunde herangekommen war. Aber wenn sie saß und von ihrem
+bequemen Platz aus die Wagen und die Damen in Toilette beobachtete,
+die da hinausfuhren, so belebte sie sich wieder. Denn Heiteres sehen,
+war ihr wie Lebensluft. Als das Wäldchen aufhörte, kam freilich noch
+eine allerschlimmste Wegstelle - Sand und wieder Sand, und nirgends
+eine Spur von Schatten; aber glücklicherweise waren hier Bohlen und
+Bretter gelegt, und so kam sie, wenn auch erhitzt und müde, doch
+in guter Laune bei dem Strandhotel an. Drinnen im Saal wurde schon
+gegessen, aber hier draußen um sie her war alles still und leer, was
+ihr in diesem Augenblick denn auch das liebste war. Sie ließ sich ein
+Glas Sherry und eine Flasche Biliner Wasser bringen und sah auf das
+Meer hinaus, das im hellen Sonnenlichte schimmerte, während es am Ufer
+in kleinen Wellen brandete. »Da drüben liegt Bornholm und dahinter
+Wisby, wovon mir Jahnke vor Zeiten immer Wunderdinge vorschwärmte.
+Und hinter Wisby kommt Stockholm, wo das Stockholmer Blutbad war,
+und dann kommen die großen Ströme und dann das Nordkap und dann die
+Mitternachtssonne.« Und im Augenblick erfaßte sie eine Sehnsucht, das
+alles zu sehen. Aber dann gedachte sie wieder dessen, was ihr so nahe
+bevorstand, und sie erschrak fast. »Es ist eine Sünde, daß ich so
+leichtsinnig bin und solche Gedanken habe und mich wegträume, während
+ich doch an das nächste denken müßte. Vielleicht bestraft es sich auch
+noch, und alles stirbt hin, das Kind und ich. Und der Wagen und die
+zwei Kutschen, die halten dann nicht drüben vor dem Hause, die halten
+dann bei uns ... Nein, nein, ich mag hier nicht sterben, ich will hier
+nicht begraben sein, ich will nach Hohen-Cremmen. Und Lindequist, so
+gut er ist - aber Niemeyer ist mir lieber; er hat mich getauft und
+eingesegnet und getraut, und Niemeyer soll mich auch begraben.« Und
+dabei fiel eine Träne auf ihre Hand. Dann aber lachte sie wieder.
+»Ich lebe ja noch und bin erst siebzehn, und Niemeyer ist
+siebenundfünfzig.«
+
+In dem Eßsaal hörte sie das Geklapper des Geschirrs. Aber mit einem
+Male war es ihr, als ob die Stühle geschoben würden; vielleicht stand
+man schon auf, und sie wollte jede Begegnung vermeiden. So erhob sie
+sich auch ihrerseits rasch wieder von ihrem Platz, um auf einem Umweg
+nach der Stadt zurückzukehren. Dieser Umweg führte sie dicht an dem
+Dünenkirchhof vorüber, und weil der Torweg des Kirchhofs gerade
+offenstand, trat sie ein. Alles blühte hier, Schmetterlinge flogen
+über die Gräber hin, und hoch in den Lüften standen ein paar Möwen.
+Es war so still und schön, und sie hätte hier gleich bei den ersten
+Gräbern verweilen mögen; aber weil die Sonne mit jedem Augenblick
+heißer niederbrannte, ging sie höher hinauf, auf einen schattigen Gang
+zu, den Hängeweiden und etliche an den Gräbern stehende Trauereschen
+bildeten. Als sie bis an das Ende dieses Ganges gekommen, sah sie zur
+Rechten einen frisch aufgeworfenen Sandhügel, mit vier, fünf Kränzen
+darauf, und dicht daneben eine schon außerhalb der Baumreihe stehende
+Bank, darauf die gute, robuste Person saß, die an der Seite der
+Hauswirtin dem Sarge der verwitweten Registratorin als letzte
+Leidtragende gefolgt war. Effi erkannte sie sofort wieder und war in
+ihrem Herzen bewegt, die gute, treue Person, denn dafür mußte sie sie
+halten, in sengender Sonnenhitze hier vorzufinden. Seit dem Begräbnis
+waren wohl an zwei Stunden vergangen. »Es ist eine heiße Stelle, die
+Sie sich da ausgesucht haben«, sagte Effi, »viel zu heiß. Und wenn ein
+Unglück kommen soll, dann haben Sie den Sonnenstich.« »Das wäre auch
+das beste.« »Wie das?« - »Dann wär ich aus der Welt.« »Ich meine, das
+darf man nicht sagen, auch wenn man unglücklich ist oder wenn einem
+wer gestorben ist, den man liebhatte. Sie hatten sie wohl sehr lieb?«
+»Ich? Die? I, Gott bewahre.« »Sie sind aber doch sehr traurig. Das muß
+doch einen Grund haben.« »Den hat es auch, gnädigste Frau.« »Kennen
+Sie mich?« »Ja. Sie sind die Frau Landrätin von drüben. Und ich habe
+mit der Alten immer von Ihnen gesprochen. Zuletzt konnte sie nicht
+mehr, weil sie keine rechte Luft mehr hatte, denn es saß ihr hier und
+wird wohl Wasser gewesen sein; aber solange sie noch reden konnte,
+redete sie immerzu. Es war ne richtige Berlinsche ...« - »Gute Frau?«
+»Nein; wenn ich das sagen wollte, müßt ich lügen. Da liegt sie nun,
+und man soll von einem Toten nichts Schlimmes sagen, und erst recht
+nicht, wenn er so kaum seine Ruhe hat. Na, die wird sie ja wohl haben!
+Aber sie taugte nichts und war zänkisch und geizig, und für mich hat
+sie auch nicht gesorgt. Und die Verwandtschaft, die da gestern von
+Berlin gekommen ... gezankt haben sie sich bis in die sinkende Nacht
+... na, die taugt auch nichts, die taugt erst recht nichts. Lauter
+schlechtes Volk, happig und gierig und hartherzig, und haben mir
+barsch und unfreundlich und mit allerlei Redensarten meinen Lohn
+ausgezahlt, bloß weil sie mußten und weil es bloß noch sechs Tage sind
+bis zum Vierteljahresersten. Sonst hätte ich nichts gekriegt oder
+bloß halb oder bloß ein Viertel. Nichts aus freien Stücken. Und einen
+eingerissenen Fünfmarkschein haben sie mir gegeben, daß ich nach
+Berlin zurückreisen kann; na, es reicht so gerade für die vierte
+Klasse, und ich werde wohl auf meinem Koffer sitzen müssen. Aber ich
+will auch gar nicht; ich will hier sitzen bleiben und warten, bis
+ich sterbe ... Gott, ich dachte nun mal Ruhe zu haben und hätte auch
+ausgehalten bei der Alten. Und nun ist es wieder nichts und soll mich
+wieder rumstoßen lassen. Und kattolsch bin ich auch noch. Ach, ich
+hab es satt und läg am liebsten, wo die Alte liegt, und sie könnte
+meinetwegen weiterleben ... Sie hätte gerne noch weitergelebt; solche
+Menschenschikanierer, die nich mal Luft haben, die leben immer am
+liebsten.«
+
+Rollo, der Effi begleitet hatte, hatte sich mittlerweile vor die
+Person hingesetzt, die Zunge weit heraus, und sah sie an. Als sie
+jetzt schwieg, erhob er sich, ging einen Schritt vor und legte seinen
+Kopf auf ihre Knie.
+
+Mit einem Male war die Person wie verwandelt. »Gott, das bedeutet mir
+was. Das is ja 'ne Kreatur, die mich leiden kann, die mich freundlich
+ansieht und ihren Kopf auf meine Knie legt. Gott, das ist lange her,
+daß ich so was gehabt habe. Nu, mein Alterchen, wie heißt du denn? Du
+bist ja ein Prachtkerl.« - »Rollo«, sagte Effi.
+
+»Rollo; das ist sonderbar. Aber der Name tut nichts. Ich habe auch
+einen sonderbaren Namen, das heißt Vornamen. Und einen andern hat
+unsereins ja nicht.«
+
+»Wie heißen Sie denn?« - »Ich heiße Roswitha.« »Ja, das ist selten,
+das ist ja ...«
+
+»Ja, ganz recht, gnädige Frau, das ist ein kattolscher Name. Und das
+kommt auch noch dazu, daß ich eine Kattolsche bin.
+
+Aus'n Eichsfeld. Und das Kattolsche, das macht es einem immer noch
+schwerer und saurer. Viele wollen keine Kattolsche, weil sie so viel
+in die Kirche rennen. 'Immer in die Beichte; und die Hauptsache sagen
+sie doch nich' - Gott, wie oft hab ich das hören müssen, erst als ich
+in Giebichenstein im Dienst war und dann in Berlin. Ich bin aber eine
+schlechte Katholikin und bin ganz davon abgekommen, und vielleicht
+geht es mir deshalb so schlecht; ja, man darf nich von seinem Glauben
+lassen und muß alles ordentlich mitmachen.«
+
+»Roswitha«, wiederholte Effi den Namen und setzte sich zu ihr auf die
+Bank. »Was haben Sie nun vor?«
+
+»Ach, gnäd'ge Frau, was soll ich vorhaben. Ich habe gar nichts vor.
+Wahr und wahrhaftig, ich möchte hier sitzen bleiben und warten, bis
+ich tot umfalle. Das wäre mir das liebste. Und dann würden die Leute
+noch denken, ich hätte die Alte so geliebt wie ein treuer Hund und
+hätte von ihrem Grab nicht weggewollt und wäre da gestorben. Aber das
+ist falsch, für solche Alte stirbt man nicht; ich will bloß sterben,
+weil ich nicht leben kann.«
+
+»Ich will Sie was fragen, Roswitha. Sind Sie, was man so 'kinderlieb'
+nennt? Waren Sie schon mal bei kleinen Kindern?«
+
+»Gewiß war ich. Das ist ja mein Bestes und Schönstes. Solche alte
+Berlinsche - Gott verzeih mir die Sünde, denn sie ist nun tot und
+steht vor Gottes Thron und kann mich da verklagen -, solche Alte, wie
+die da, ja, das ist schrecklich, was man da alles tun muß, und steht
+einem hier vor Brust und Magen, aber solch kleines, liebes Ding, solch
+Dingelchen wie ne Puppe, das einen mit seinen Guckäugelchen ansieht,
+ja, das ist was, da geht einem das Herz auf. Als ich in Halle war, da
+war ich Amme bei der Frau Salzdirektorin, und in Giebichenstein, wo
+ich nachher hinkam, da hab ich Zwillinge mit der Flasche großgezogen;
+ja, gnäd'ge Frau, das versteh ich, da drin bin ich wie zu Hause.«
+
+»Nun, wissen Sie was, Roswitha, Sie sind eine gute, treue Person, das
+seh ich Ihnen an, ein bißchen gradezu, aber das schadet nichts, das
+sind mitunter die Besten, und ich habe gleich ein Zutrauen zu Ihnen
+gefaßt. Wollen Sie mit zu mir kommen? Mir ist, als hätte Gott Sie mir
+geschickt. Ich erwarte nun bald ein Kleines, Gott gebe mir seine Hilfe
+dazu, und wenn das Kind da ist, dann muß es gepflegt und abgewartet
+werden und vielleicht auch gepäppelt. Man kann das ja nicht wissen,
+wiewohl ich es anders wünsche. Was meinen Sie, wollen Sie mit zu mir
+kommen? Ich kann mir nicht denken, daß ich mich in Ihnen irre.«
+
+Roswitha war aufgesprungen und hatte die Hand der jungen Frau
+ergriffen und küßte sie mit Ungestüm. »Ach, es ist doch ein Gott im
+Himmel, und wenn die Not am größten ist, ist die Hilfe am nächsten.
+Sie sollen sehn, gnäd'ge Frau, es geht; ich bin eine ordentliche
+Person und habe gute Zeugnisse. Das können Sie sehn, wenn ich Ihnen
+mein Buch bringe. Gleich den ersten Tag, als ich die gnäd'ge Frau sah,
+da dacht ich: 'Ja, wenn du mal solchen Dienst hättest.' Und nun soll
+ich ihn haben. O du lieber Gott, o du heil'ge Jungfrau Maria, wer mir
+das gesagt hätte, wie wir die Alte hier unter der Erde hatten und
+die Verwandten machten, daß sie wieder fortkamen, und mich hier
+sitzenließen.«
+
+»Ja, unverhofft kommt oft, Roswitha, und mitunter auch im Guten. Und
+nun wollen wir gehen. Rollo wird schon ungeduldig und läuft immer auf
+das Tor zu.«
+
+Roswitha war gleich bereit, trat aber noch einmal an das Grab,
+brummelte was vor sich hin und machte ein Kreuz. Und dann gingen sie
+den schattigen Gang hinunter und wieder auf das Kirchhofstor zu.
+
+Drüben lag die eingegitterte Stelle, deren weißer Stein in der
+Nachmittagssonne blinkte und blitzte. Effi konnte jetzt ruhiger
+hinsehen. Eine Weile noch führte der Weg zwischen Dünen hin, bis sie,
+dicht vor Utpatels Mühle, den Außenrand des Wäldchens erreichte. Da
+bog sie links ein, und unter Benutzung einer schräglaufenden Allee,
+die die »Reeperbahn« hieß, ging sie mit Roswitha auf die landrätliche
+Wohnung zu.
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+Keine Viertelstunde, so war die Wohnung erreicht. Als beide hier in
+den kühlen Flur traten, war Roswitha beim Anblick all des Sonderbaren,
+das da herumhing, wie befangen; Effi aber ließ sie nicht zu weiteren
+Betrachtungen kommen und sagte: »Roswitha, nun gehen Sie da hinein.
+Das ist das Zimmer, wo wir schlafen. Ich will erst zu meinem Mann nach
+dem Landratsamt hinüber - das große Haus da neben dem kleinen, in dem
+Sie gewohnt haben - und will ihm sagen, daß ich Sie zur Pflege haben
+möchte bei dem Kinde. Er wird wohl mit allem einverstanden sein, aber
+ich muß doch erst seine Zustimmung haben. Und wenn ich die habe, dann
+müssen wir ihn ausquartieren, und Sie schlafen mit mir in dem Alkoven.
+Ich denke, wir werden uns schon vertragen.«
+
+Innstetten, als er erfuhr, um was sich's handle, sagte rasch und
+in guter Laune: »Das hast du recht gemacht, Effi, und wenn ihr
+Gesindebuch nicht zu schlimme Sachen sagt, so nehmen wir sie auf ihr
+gutes Gesicht hin. Es ist doch, Gott sei Dank, selten, daß einen das
+täuscht.«
+
+Effi war sehr glücklich, so wenig Schwierigkeiten zu begegnen, und
+sagte: »Nun wird es gehen. Ich fürchte mich jetzt nicht mehr.«
+
+»Um was, Effi?«
+
+»Ach, du weißt ja ... Aber Einbildungen sind das schlimmste, mitunter
+schlimmer als alles.«
+
+Roswitha zog in selbiger Stunde noch mit ihren paar Habseligkeiten in
+das landrätliche Haus hinüber und richtete sich in dem kleinen Alkoven
+ein. Als der Tag um war, ging sie früh zu Bett und schlief, ermüdet
+wie sie war, gleich ein. Am andern Morgen erkundigte sich Effi - die
+seit einiger Zeit (denn es war gerade Vollmond) wieder in Ängsten
+lebte -, wie Roswitha geschlafen und ob sie nichts gehört habe.
+
+»Was?« fragte diese.
+
+»Oh, nichts. Ich meine nur so; so was, wie wenn ein Besen fegt oder
+wie wenn einer über die Diele schlittert.«
+
+Roswitha lachte, was auf ihre junge Herrin einen besonders guten
+Eindruck machte. Effi war fest protestantisch erzogen und würde sehr
+erschrocken gewesen sein, wenn man an und in ihr was Katholisches
+entdeckt hätte; trotzdem glaubte sie, daß der Katholizismus uns gegen
+solche Dinge »wie da oben« besser schütze; ja, diese Betrachtung hatte
+bei dem Plan, Roswitha ins Haus zu nehmen, ganz erheblich mitgewirkt.
+
+Man lebte sich schnell ein, denn Effi hatte ganz den liebenswürdigen
+Zug der meisten märkischen Landfräulein, sich gern allerlei kleine
+Geschichten erzählen zu lassen, und die verstorbene Frau Registratorin
+und ihr Geiz und ihre Neffen und ihre Frauen boten einen
+unerschöpflichen Stoff. Auch Johanna hörte dabei gerne zu.
+
+Diese, wenn Effi bei den drastischen Stellen oft laut lachte, lächelte
+freilich und verwunderte sich im stillen, daß die gnädige Frau an all
+dem dummen Zeug soviel Gefallen finde; diese Verwunderung aber, die
+mit einem starken Überlegenheitsgefühl Hand in Hand ging, war doch
+auch wieder ein Glück und sorgte dafür, daß keine Rangstreitigkeiten
+aufkommen konnten. Roswitha war einfach die komische Figur, und Neid
+gegen sie zu hegen wäre für Johanna nichts anderes gewesen, wie wenn
+sie Rollo um seine Freundschaftsstellung beneidet hätte.
+
+So verging eine Woche, plauderhaft und beinahe gemütlich, weil
+Effi dem, was ihr persönlich bevorstand, ungeängstigter als früher
+entgegensah. Auch glaubte sie nicht, daß es so nahe sei. Den neunten
+Tag aber war es mit dem Plaudern und den Gemütlichkeiten vorbei; da
+gab es ein Laufen und Rennen, Innstetten selbst kam ganz aus seiner
+gewohnten Reserve heraus, und am Morgen des 3. Juli stand neben Effis
+Bett eine Wiege. Doktor Hannemann patschelte der jungen Frau die Hand
+und sagte: »Wir haben heute den Tag von Königgrätz; schade, daß es ein
+Mädchen ist. Aber das andere kann ja nachkommen, und die Preußen haben
+viele Siegestage.« Roswitha mochte wohl Ähnliches denken, freute sich
+indessen vorläufig ganz uneingeschränkt über das, was da war, und
+nannte das Kind ohne weiteres »Lütt-Annie«, was der jungen Mutter als
+ein Zeichen galt. Es müsse doch wohl eine Eingebung gewesen sein, daß
+Roswitha gerade auf diesen Namen gekommen sei. Selbst Innstetten wußte
+nichts dagegen zu sagen, und so wurde von Klein Annie gesprochen,
+lange bevor der Tauftag da war. Effi, die von Mitte August an bei den
+Eltern in Hohen-Cremmen sein wollte, hätte die Taufe gern bis dahin
+verschoben. Aber es ließ sich nichts tun; Innstetten konnte nicht
+Urlaub nehmen, und so wurde denn der 15. August, trotzdem es
+der Napoleonstag war (was denn auch von seiten einiger Familien
+beanstandet wurde), für diesen Taufakt festgesetzt, natürlich in der
+Kirche. Das sich anschließende Festmahl, weil das landrätliche Haus
+keinen Saal hatte, fand in dem großen Ressourcen-Hotel am Bollwerk
+statt, und der gesamte Nachbaradel war geladen und auch erschienen.
+Pastor Lindequist ließ Mutter und Kind in einem liebenswürdigen und
+allseitig bewunderten Toaste leben, bei welcher Gelegenheit Sidonie
+von Grasenabb zu ihrem Nachbar, einem adligen Assessor von der
+strengen Richtung, bemerkte: »Ja, seine Kasualreden, das geht. Aber
+seine Predigten kann er vor Gott und Menschen nicht verantworten; er
+ist ein Halber, einer von denen, die verworfen sind, weil sie lau
+sind. Ich mag das Bibelwort hier nicht wörtlich zitieren.« Gleich
+danach nahm auch der alte Herr von Borcke das Wort, um Innstetten
+leben zu lassen. »Meine Herrschaften, es sind schwere Zeiten, in denen
+wir leben, Auflehnung, Trotz, Indisziplin wohin wir blicken. Aber
+solange wir noch Männer haben, und ich darf hinzusetzen, Frauen und
+Mütter (und hier verbeugte er sich mit einer eleganten Handbewegung
+gegen Effi) ... solange wir noch Männer haben wie Baron Innstetten,
+den ich stolz bin, meinen Freund nennen zu dürfen, so lange geht es
+noch, so lange hält unser altes Preußen noch. Ja, meine Freunde,
+Pommern und Brandenburg, damit zwingen wir's und zertreten dem Drachen
+der Revolution das giftige Haupt. Fest und treu, so siegen wir. Die
+Katholiken, unsere Brüder, die wir, auch wenn wir sie bekämpfen,
+achten müssen, haben den 'Felsen Petri', wir aber haben den 'Rocher de
+bronce'. Baron Innstetten, er lebe hoch!« Innstetten dankte ganz kurz.
+Effi sagte zu dem neben ihr sitzenden Major von Crampas, das mit
+dem »Felsen Petri« sei wahrscheinlich eine Huldigung gegen Roswitha
+gewesen; sie werde nachher an den alten Justizrat Gadebusch
+herantreten und ihn fragen, ob er nicht Ihrer Meinung sei. Crampas
+nahm diese Bemerkung unerklärlicherweise für Ernst und riet von einer
+Anfrage bei dem Justizrat ab, was Effi ungemein erheiterte. »Ich
+habe Sie doch für einen besseren Seelenleser gehalten.« »Ach, meine
+Gnädigste, bei schönen jungen Frauen, die noch nicht achtzehn sind,
+scheitert alle Lesekunst.«
+
+»Sie verderben sich vollends, Major. Sie können mich eine Großmutter
+nennen, aber Anspielungen darauf, daß ich noch nicht achtzehn bin, das
+kann Ihnen nie verziehen werden.«
+
+Als man von Tisch aufgestanden war, kam der Spätnachmittagsdampfer die
+Kessine herunter und legte an der Landungsbrücke, gegenüber dem Hotel,
+an. Effi saß mit Crampas und Gieshübler beim Kaffee, alle Fenster auf,
+und sah dem Schauspiel drüben zu. »Morgen früh um neun führt mich
+dasselbe Schiff den Fluß hinauf, und zu Mittag bin ich in Berlin, und
+am Abend bin ich in Hohen-Cremmen, und Roswitha geht neben mir und
+hält das Kind auf dem Arm. Hoffentlich schreit es nicht. Ach, wie mir
+schon heute zumute ist! Lieber Gieshübler, sind Sie auch mal so froh
+gewesen, Ihr elterliches Haus wiederzusehen?«
+
+»Ja, ich kenne das auch, gnädigste Frau. Nur bloß, ich brachte kein
+Anniechen mit, weil ich keins hatte.«
+
+»Kommt noch«, sagte Crampas. »Stoßen Sie an, Gieshübler; Sie sind der
+einzige vernünftige Mensch hier.«
+
+»Aber, Herr Major, wir haben ja bloß noch den Kognak.« »Desto besser.«
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+Mitte August war Effi abgereist, Ende September war sie wieder in
+Kessin. Manchmal in den zwischenliegenden sechs Wochen hatte sie's
+zurückverlangt; als sie aber wieder da war und in den dunklen Flur
+eintrat, auf den nur von der Treppenstiege her ein etwas fahles Licht
+fiel, wurde ihr mit einemmal wieder bang, und sie sagte leise: »Solch
+fahles, gelbes Licht gibt es in Hohen-Cremmen gar nicht.«
+
+Ja, ein paarmal während ihrer Hohen-Cremmer Tage hatte sie Sehnsucht
+nach dem »verwunschenen Hause« gehabt, alles in allem aber war ihr
+doch das Leben daheim voller Glück und Zufriedenheit gewesen. Mit
+Hulda freilich, die's nicht verwinden konnte, noch immer auf Mann oder
+Bräutigam warten zu müssen, hatte sie sich nicht recht stellen können,
+desto besser dagegen mit den Zwillingen, und mehr als einmal, wenn
+sie mit ihnen Ball oder Krocket gespielt hatte, war ihr's ganz aus
+dem Sinn gekommen, überhaupt verheiratet zu sein. Das waren dann
+glückliche Viertelstunden gewesen. Am liebsten aber hatte sie wie
+früher auf dem durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und
+in dem Gefühl »jetzt stürz ich« etwas eigentümlich Prickelndes, einen
+Schauer süßer Gefahr empfunden. Sprang sie dann schließlich von der
+Schaukel ab, so begleitete sie die beiden Mädchen bis an die Bank
+vor dem Schulhause und erzählte, wenn sie dasaßen, dem alsbald
+hinzukommenden Jahnke von ihrem Leben in Kessin, das halb hanseatisch
+und halb skandinavisch und jedenfalls sehr anders als in Schwantikow
+und Hohen-Cremmen sei.
+
+Das waren so die täglichen kleinen Zerstreuungen, an die sich
+gelegentlich auch Fahrten in das sommerliche Luch schlossen, meist im
+Jagdwagen; allem voran aber standen für Effi doch die Plaudereien, die
+sie beinahe jeden Morgen mit der Mama hatte. Sie saßen dann oben in
+der luftigen großen Stube, Roswitha wiegte das Kind und sang in einem
+thüringischen Platt allerlei Wiegenlieder, die niemand recht verstand,
+vielleicht sie selber nicht; Effi und Frau von Briest aber rückten ans
+offene Fenster und sahen, während sie sprachen, auf den Park hinunter,
+auf die Sonnenuhr oder auf die Libellen, die beinahe regungslos über
+dem Tisch standen, oder auch auf den Fliesengang, wo Herr von Briest
+neben dem Treppenvorbau saß und die Zeitungen las. Immer wenn er
+umschlug, nahm er zuvor den Kneifer ab und grüßte zu Frau und Tochter
+hinauf. Kam dann das letzte Blatt an die Reihe, das in der Regel der
+»Anzeiger fürs Havelland« war, so ging Effi hinunter, um sich entweder
+zu ihm zu setzen oder um mit ihm durch Garten und Park zu schlendern.
+Einmal bei solcher Gelegenheit traten sie, von dem Kiesweg her, an
+ein kleines, zur Seite stehendes Denkmal heran, das schon Briests
+Großvater zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo hatte aufrichten
+lassen, eine verrostete Pyramide mit einem gegossenen Blücher in Front
+und einem dito Wellington auf der Rückseite.
+
+»Hast du nun solche Spaziergänge auch in Kessin«, sagte Briest, »und
+begleitet dich Innstetten auch und erzählt dir allerlei?«
+
+»Nein, Papa, solche Spaziergänge habe ich nicht. Das ist
+ausgeschlossen denn wir haben bloß einen kleinen Garten hinter
+dem Haus, der eigentlich kaum ein Garten ist, bloß ein paar
+Buchsbaumrabatten und Gemüsebeete mit drei, vier Obstbäumen drin.
+Innstetten hat keinen Sinn dafür und denkt wohl auch nicht sehr lange
+mehr in Kessin zu bleiben.«
+
+»Aber Kind, du mußt doch Bewegung haben und frische Luft, daran bist
+du doch gewöhnt.«
+
+»Hab ich auch. Unser Haus liegt an einem Wäldchen, das sie die
+Plantage nennen. Und da geh ich denn viel spazieren und Rollo mit
+mir.«
+
+»Immer Rollo«, lachte Briest. »Wenn man's nicht anders wüßte, so
+sollte man beinah glauben, Rollo sei dir mehr ans Herz gewachsen als
+Mann und Kind.«
+
+»Ach, Papa, das wäre ja schrecklich, wenn's auch freilich -soviel
+muß ich zugeben - eine Zeit gegeben hat, wo's ohne Rollo gar nicht
+gegangen wäre. Das war damals ... nun, du weißt schon ... Da hat er
+mich so gut wie gerettet, oder ich habe mir's wenigstens eingebildet,
+und seitdem ist er mein guter Freund und mein ganz besonderer Verlaß.
+Aber er ist doch bloß ein Hund. Und erst kommen doch natürlich die
+Menschen.«
+
+»Ja, das sagt man immer, aber ich habe da doch so meine Zweifel. Das
+mit der Kreatur, damit hat's doch seine eigene Bewandtnis, und was
+da das Richtige ist, darüber sind die Akten noch nicht geschlossen.
+Glaube mir, Effi, das ist auch ein weites Feld. Wenn ich mir so denke,
+da verunglückt einer auf dem Wasser oder gar auf dem schülbrigen Eis,
+und solch ein Hund, sagen wir, so einer wie dein Rollo, ist dabei, ja,
+der ruht nicht eher, als bis er den Verunglückten wieder an Land hat.
+Und wenn der Verunglückte schon tot ist, dann legt er sich neben den
+Toten hin und blafft und winselt so lange, bis wer kommt, und wenn
+keiner kommt, dann bleibt er bei dem Toten liegen, bis er selber
+tot ist. Und das tut solch Tier immer. Und nun nimm dagegen die
+Menschheit! Gott, vergib mir die Sünde, aber mitunter ist mir's doch,
+als ob die Kreatur besser wäre als der Mensch.«
+
+»Aber, Papa, wenn ich das Innstetten wiedererzählte ...«»Nein, das tu
+lieber nicht, Effi ...«
+
+»Rollo würde mich ja natürlich retten, aber Innstetten würde mich auch
+retten. Er ist ja ein Mann von Ehre.«
+
+»Das ist er.«
+
+»Und liebt mich.«
+
+»Versteht sich, versteht sich. Und wo Liebe ist, da ist auch
+Gegenliebe. Das ist nun mal so. Mich wundert nur, daß er nicht mal
+Urlaub genommen hat und rübergeflitzt ist. Wenn man eine so junge Frau
+hat ...«
+
+Effi errötete, weil sie geradeso dachte. Sie mochte es aber nicht
+einräumen. »Innstetten ist so gewissenhaft und will, glaub ich, gut
+angeschrieben sein und hat so seine Pläne für die Zukunft; Kessin ist
+doch bloß eine Station. Und dann am Ende, ich lauf ihm ja nicht fort.
+Er hat mich ja. Wenn man zu zärtlich ist ... und dazu der Unterschied
+der Jahre ... da lächeln die Leute bloß.«
+
+»Ja, das tun sie, Effi. Aber darauf muß man's ankommen lassen.
+Übrigens sage nichts darüber, auch nicht zu Mama. Es ist so schwer,
+was man tun und lassen soll. Das ist auch ein weites Feld.«
+
+Gespräche wie diese waren während Effis Besuch im elterlichen Hause
+mehr als einmal geführt worden, hatten aber glücklicherweise nicht
+lange nachgewirkt, und ebenso war auch der etwas melancholische
+Eindruck rasch verflogen, den das erste Wiederbetreten ihres Kessiner
+Hauses auf Effi gemacht hatte. Innstetten zeigte sich voll kleiner
+Aufmerksamkeiten, und als der Tee genommen und alle Stadt- und
+Liebesgeschichten in heiterster Stimmung durchgesprochen waren, hängte
+sich Effi zärtlich an seinen Arm, um drüben ihre Plaudereien mit ihm
+fortzusetzen und noch einige Anekdoten von der Trippelli zu hören,
+die neuerdings wieder mit Gieshübler in einer lebhaften Korrespondenz
+gestanden hatte, was immer gleichbedeutend mit einer neuen Belastung
+ihres nie ausgeglichenen Kontos war. Effi war bei diesem Gespräch sehr
+ausgelassen, fühlte sich ganz als junge Frau und war froh, die nach
+der Gesindestube hin ausquartierte Roswitha auf unbestimmte Zeit los
+zu sein.
+
+Am anderen Morgen sagte sie: »Das Wetter ist schön und mild, und ich
+hoffe, die Veranda nach der Plantage hinaus ist noch in gutem Stande,
+und wir können uns ins Freie setzen und da das Frühstück nehmen. In
+unsere Zimmer kommen wir ohnehin noch früh genug, und der Kessiner
+Winter ist wirklich um vier Wochen zu lang.«
+
+Innstetten war sehr einverstanden. Die Veranda, von der Effi
+gesprochen und die vielleicht richtiger ein Zelt genannt worden wäre,
+war schon im Sommer hergerichtet worden, drei, vier Wochen vor Effis
+Abreise nach Hohen-Cremmen, und bestand aus einem großen, gedielten
+Podium, vorn offen, mit einer mächtigen Markise zu Häupten, während
+links und rechts breite Leinwandvorhänge waren, die sich mit Hilfe von
+Ringen an einer Eisenstange hin und her schieben ließen. Es war ein
+reizender Platz, den ganzen Sommer über von allen Badegästen, die hier
+vorüber mußten, bewundert.
+
+Effi hatte sich in einen Schaukelstuhl gelehnt und sagte, während sie
+das Kaffeebrett von der Seite her ihrem Manne zuschob: »Geert, du
+könntest heute den liebenswürdigen Wirt machen; ich für mein Teil find
+es so schön in diesem Schaukelstuhl, daß ich nicht aufstehen mag. Also
+strenge dich an, und wenn du dich recht freust, mich wieder hier zu
+haben, so werd ich mich auch zu revanchieren wissen.« Und dabei zupfte
+sie die weiße Damastdecke zurecht und legte ihre Hand darauf, die
+Innstetten nahm und küßte.
+
+»Wie bist du nur eigentlich ohne mich fertig geworden?«
+
+»Schlecht genug, Effi.«
+
+»Das sagst du so hin und machst ein betrübtes Gesicht, und ist doch
+eigentlich alles nicht wahr.«
+
+»Aber Effi ...
+
+»Was ich dir beweisen will. Denn wenn du ein bißchen Sehnsucht nach
+deinem Kinde gehabt hättest - von mir selber will ich nicht sprechen,
+was ist man am Ende solchem hohen Herrn, der so lange Jahre
+Junggeselle war und es nicht eilig hatte ...«
+
+»Nun?«
+
+»Ja, Geert, wenn du nur ein bißchen Sehnsucht gehabt hättest, so
+hättest du mich nicht sechs Wochen mutterwindallein in Hohen-Cremmen
+sitzen lassen wie eine Witwe, und nichts da als Niemeyer und Jahnke
+und mal die Schwantikower. Und von den Rathenowern ist niemand
+gekommen, als ob sie sich vor mir gefürchtet hätten oder als ob ich zu
+alt geworden sei.«
+
+»Ach, Effi, wie du nur sprichst. Weißt du, daß du eine kleine Kokette
+bist?«
+
+»Gott sei Dank, daß du das sagst. Das ist für euch das Beste, was man
+sein kann. Und du bist nichts anderes als die anderen, wenn du auch so
+feierlich und ehrsam tust. Ich weiß es recht gut, Geert ... Eigentlich
+bist du ...«
+
+»Nun, was?«
+
+»Nun, ich will es lieber nicht sagen. Aber ich kenne dich recht
+gut; du bist eigentlich, wie der Schwantikower Onkel mal sagte, ein
+Zärtlichkeitsmensch und unterm Liebesstern geboren, und Onkel Belling
+hatte ganz recht, als er das sagte. Du willst es bloß nicht zeigen und
+denkst, es schickt sich nicht und verdirbt einem die Karriere. Hab
+ich's getroffen?«
+
+Innstetten lachte. »Ein bißchen getroffen hast du's. Weißt du was,
+Effi, du kommst mir ganz anders vor. Bis Anniechen da war, warst du
+ein Kind. Aber mit einemmal ...«
+
+»Nun?«
+
+»Mit einemmal bist du wie vertauscht. Aber es steht dir, du gefällst
+mir sehr, Effi. Weißt du was?«
+
+»Nun?«
+
+»Du hast was Verführerisches.«
+
+»Ach, mein einziger Geert, das ist ja herrlich, was du da sagst; nun
+wird mir erst recht wohl ums Herz ... Gib mir noch eine halbe Tasse
+... Weißt du denn, daß ich mir das immer gewünscht habe? Wir müssen
+verführerisch sein, sonst sind wir gar nichts ...«
+
+»Hast du das aus dir?«
+
+»Ich könnt es wohl auch aus mir haben. Aber ich hab es von
+Niemeyer ...«
+
+»Von Niemeyer! O du himmlischer Vater, ist das ein Pastor. Nein,
+solche gibt es hier nicht. Aber wie kam denn der dazu? Das ist ja, als
+ob es irgendein Don Juan oder Herzensbrecher gesprochen hätte.«
+
+»Ja, wer weiß«, lachte Effi ... »Aber kommt da nicht Crampas? Und vom
+Strand her. Er wird doch nicht gebadet haben? Am 27. September ...«
+
+»Er macht öfter solche Sachen. Reine Renommisterei.«
+
+Derweilen war Crampas bis in nächste Nähe gekommen und grüßte.
+
+»Guten Morgen«, rief Innstetten ihm zu. »Nur näher, nur näher.«
+
+Crampas trat heran. Er war in Zivil und küßte der in ihrem
+Schaukelstuhl sich weiter wiegenden Effi die Hand. »Entschuldigen Sie
+mich, Major, daß ich so schlecht die Honneurs des Hauses mache; aber
+die Veranda ist kein Haus, und zehn Uhr früh ist eigentlich gar keine
+Zeit. Da wird man formlos oder, wenn Sie wollen, intim. Und nun setzen
+Sie sich, und geben Sie Rechenschaft von Ihrem Tun. Denn an Ihrem Haar
+(ich wünschte Ihnen, daß es mehr wäre) sieht man deutlich, daß Sie
+gebadet haben.«
+
+Er nickte.
+
+»Unverantwortlich«, sagte Innstetten, halb ernst-, halb scherzhaft.
+»Da haben Sie nun selber vor vier Wochen die Geschichte mit dem
+Bankier Heinersdorf erlebt, der auch dachte, das Meer und der
+grandiose Wellenschlag würden ihn um seiner Million willen
+respektieren. Aber die Götter sind eifersüchtig untereinander, und
+Neptun stellte sich ohne weiteres gegen Pluto oder doch wenigstens
+gegen Heinersdorf.«
+
+Crampas lachte.
+
+»Ja, eine Million Mark! Lieber Innstetten, wenn ich die hätte, da hätt
+ich es am Ende nicht gewagt; denn so schön das Wetter ist, das Wasser
+hatte nur neun Grad. Aber unsereins mit seiner Million Unterbilanz,
+gestatten Sie mir diese kleine Renommage, unsereins kann sich so was
+ohne Furcht vor der Götter Eifersucht erlauben. Und dann muß einen das
+Sprichwort trösten: 'Wer für den Strick geboren ist, kann im Wasser
+nicht umkommen.'«
+
+»Aber, Major, Sie werden sich doch nicht etwas so Urprosaisches, ich
+möchte beinah sagen, an den Hals reden wollen. Allerdings glauben
+manche, daß ... ich meine das, wovon Sie eben gesprochen haben ... daß
+ihn jeder mehr oder weniger verdiene. Trotzdem, Major ... für einen
+Major ...«
+
+»Ist es keine herkömmliche Todesart. Zugegeben, meine Gnädigste. Nicht
+herkömmlich und in meinem Fall auch nicht einmal sehr wahrscheinlich
+- also alles bloß Zitat oder noch richtiger façon de parler. Und doch
+steckt etwas Aufrichtiggemeintes dahinter, wenn ich da eben sagte,
+die See werde mir nichts anhaben. Es steht mir nämlich fest, daß ich
+einen richtigen und hoffentlich ehrlichen Soldatentod sterben werde.
+Zunächst bloß Zigeunerprophezeiung, aber mit Resonanz im eigenen
+Gewissen.«
+
+Innstetten lachte. »Das wird seine Schwierigkeiten haben, Crampas,
+wenn Sie nicht vorhaben, beim Großtürken oder unterm chinesischen
+Drachen Dienst zu nehmen. Da schlägt man sich jetzt herum. Hier ist
+die Geschichte, glauben Sie mir, auf dreißig Jahre vorbei, und wer
+seinen Soldatentod sterben will ...«
+
+»Der muß sich erst bei Bismarck einen Krieg bestellen. Weiß ich alles,
+Innstetten. Aber das ist doch für Sie eine Kleinigkeit. Jetzt haben
+wir Ende September; in zehn Wochen spätestens ist der Fürst wieder in
+Varzin, und da er ein liking für Sie hat - mit der volkstümlicheren
+Wendung will ich zurückhalten, um nicht direkt vor Ihren Pistolenlauf
+zu kommen -, so werden Sie einem alten Kameraden von Vionville her
+doch wohl ein bißchen Krieg besorgen können. Der Fürst ist auch nur
+ein Mensch, und Zureden hilft.«
+
+Effi hatte während dieses Gesprächs einige Brotkügelchen gedreht,
+würfelte damit und legte sie zu Figuren zusammen, um so anzuzeigen,
+daß ihr ein Wechsel des Themas wünschenswert wäre. Trotzdem schien
+Innstetten auf Crampas scherzhafte Bemerkungen antworten zu wollen,
+was denn Effi bestimmte, lieber direkt einzugreifen. »Ich sehe nicht
+ein, Major, warum wir uns mit Ihrer Todesart beschäftigen sollen; das
+Leben ist uns näher und zunächst auch eine viel ernstere Sache.«
+
+Crampas nickte.
+
+»Das ist recht, daß Sie mir recht geben. Wie soll man hier leben?
+Das ist vorläufig die Frage, das ist wichtiger als alles andere.
+Gieshübler hat mir darüber geschrieben, und wenn es nicht indiskret
+und eitel wäre, denn es steht noch allerlei nebenher darin, so zeigte
+ich Ihnen den Brief ... Innstetten braucht ihn nicht zu lesen, der
+hat keinen Sinn für dergleichen ... beiläufig eine Handschrift wie
+gestochen und Ausdrucksformen, als wäre unser Freund statt am Kessiner
+Alten Markt an einem altfranzösischen Hofe erzogen worden. Und daß er
+verwachsen ist und weiße Jabots trägt wie kein anderer Mensch mehr -
+ich weiß nur nicht, wo er die Plätterin hernimmt -, das paßt alles
+so vorzüglich. Nun, also Gieshübler hat mir von Plänen für die
+Ressourcenabende geschrieben und von einem Entrepreneur namens
+Crampas. Sehen Sie, Major, das gefällt mir besser als der Soldatentod
+oder gar der andere.«
+
+»Mir persönlich nicht minder. Und es muß ein Prachtwinter werden, wenn
+wir uns der Unterstützung der gnädigen Frau versichert halten dürften.
+Die Trippelli kommt.«
+
+»Die Trippelli? Dann bin ich überflüssig.«
+
+»Mitnichten, gnädigste Frau. Die Trippelli kann nicht von Sonntag bis
+wieder Sonntag singen, es wäre zuviel für sie und für uns; Abwechslung
+ist des Lebens Reiz, eine Wahrheit, die freilich jede glückliche Ehe
+zu widerlegen scheint.«
+
+»Wenn es glückliche Ehen gibt, die meinige ausgenommen ...«, und sie
+reichte Innstetten die Hand.
+
+»Abwechslung also«, fuhr Crampas fort. »Und diese für uns und unsere
+Ressource zu gewinnen, deren Vizevorstand zu sein ich zur Zeit die
+Ehre habe, dazu braucht es aller bewährten Kräfte. Wenn wir uns
+zusammentun, so müssen wir das ganze Nest auf den Kopf stellen. Die
+Theaterstücke sind schon ausgesucht: 'Krieg im Frieden', 'Monsieur
+Herkules', 'Jugendliebe' von Wildbrandt, vielleicht auch 'Euphrosyne'
+von Gensichen. Sie die Euphrosyne, ich der alte Goethe. Sie sollen
+staunen, wie gut ich den Dichterfürsten tragiere ... wenn 'tragieren'
+das richtige Wort ist.«
+
+»Kein Zweifel. Hab ich doch inzwischen aus dem Brief meines
+alchimistischen Geheimkorrespondenten erfahren, daß Sie neben vielem
+anderen gelegentlich auch Dichter sind. Anfangs habe ich mich
+gewundert. ...«
+
+»Denn Sie haben es mir nicht angesehen.«
+
+»Nein. Aber seit ich weiß, daß Sie bei neun Grad baden, bin ich
+anderen Sinnes geworden ... neun Grad Ostsee, das geht über den
+kastalischen Quell ...«
+
+»Dessen Temperatur unbekannt ist.«
+
+»Nicht für mich; wenigstens wird mich niemand widerlegen. Aber nun muß
+ich aufstehen. Da kommt ja Roswitha mit Lütt-Annie.«
+
+Und sie erhob sich rasch und ging auf Roswitha zu, nahm ihr das Kind
+aus dem Arm und hielt es stolz und glücklich in die Höhe.
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+Die Tage waren schön und blieben es bis in den Oktober hinein. Eine
+Folge davon war, daß die halbzeltartige Veranda draußen zu ihrem Recht
+kam, so sehr, daß sich wenigstens die Vormittagsstunden regelmäßig
+darin abspielten. Gegen elf kam dann wohl der Major, um sich zunächst
+nach dem Befinden der gnädigen Frau zu erkundigen und mit ihr ein
+wenig zu medisieren, was er wundervoll verstand, danach aber mit
+Innstetten einen Ausritt zu verabreden, oft landeinwärts, die Kessine
+hinauf bis an den Breitling, noch häufiger auf die Molen zu. Effi,
+wenn die Herren fort waren, spielte mit dem Kind oder durchblätterte
+die von Gieshübler nach wie vor ihr zugeschickten Zeitungen und
+Journale, schrieb auch wohl einen Brief an die Mama oder sagte:
+»Roswitha, wir wollen mit Annie spazierenfahren«, und dann spannte
+sich Roswitha vor den Korbwagen und fuhr, während Effi hinterherging,
+ein paar hundert Schritt in das Wäldchen hinein, auf eine Stelle zu,
+wo Kastanien ausgestreut lagen, die man nun auflas, um sie dem Kind
+als Spielzeug zu geben. In die Stadt kam Effi wenig; es war niemand
+recht da, mit dem sie hätte plaudern können, nachdem ein Versuch,
+mit der Frau von Crampas auf einen Umgangsfuß zu kommen, aufs neue
+gescheitert war. Die Majorin war und blieb menschenscheu.
+
+Das ging so wochenlang, bis Effi plötzlich den Wunsch äußerte, mit
+ausreiten zu dürfen; sie habe nun mal die Passion, und es sei doch
+zuviel verlangt, bloß um des Geredes der Kessiner willen auf etwas
+zu verzichten, das einem so viel wert sei. Der Major fand die Sache
+kapital, und Innstetten, dem es augenscheinlich weniger paßte so
+wenig, daß er immer wieder hervorhob, es werde sich kein Damenpferd
+finden lassen -, Innstetten mußte nachgeben, als Crampas versicherte,
+das solle seine Sorge sein. Und richtig, was man wünschte, fand sich
+auch, und Effi war selig, am Strand hinjagen zu können, jetzt wo
+»Damenbad« und »Herrenbad« keine scheidenden Schreckensworte mehr
+waren. Meist war auch Rollo mit von der Partie, und weil es sich ein
+paarmal ereignet hatte, daß man am Strand zu rasten oder auch eine
+Strecke Wegs zu Fuß zu machen wünschte, so kam man überein, sich von
+entsprechender Dienerschaft begleiten zu lassen, zu welchem Behufe
+des Majors Bursche, ein alter Treptower Ulan, der Knut hieß, und
+Innstettens Kutscher Kruse zu Reitknechten umgewandelt wurden,
+allerdings ziemlich unvollkommen, indem sie, zu Effis Leidwesen, in
+eine Phantasielivree gesteckt wurden, darin der eigentliche Beruf
+beider noch nachspukte.
+
+Mitte Oktober war schon heran, als man, so herausstaffiert, zum
+erstenmal in voller Kavalkade aufbrach, in Front Innstetten und
+Crampas, Effi zwischen ihnen, dann Kruse und Knut und zuletzt Rollo,
+der aber bald, weil ihm das Nachtrotten mißfiel, allen vorauf war. Als
+man das jetzt öde Strandhotel passiert und bald danach, sich rechts
+haltend, auf dem von einer mäßigen Brandung überschäumten Strandwege
+den diesseitigen Molendamm erreicht hatte, verspürte man Lust,
+abzusteigen und einen Spaziergang bis an den Kopf der Mole zu machen.
+Effi war die erste aus dem Sattel. Zwischen den beiden Steindämmen
+floß die Kessine breit und ruhig dem Meere zu, das wie eine
+sonnenbeschienene Fläche, darauf nur hier und da eine leichte Welle
+kräuselte, vor ihnen lag.
+
+Effi war noch nie hier draußen gewesen, denn als sie vorigen November
+in Kessin eintraf, war schon Sturmzeit, und als der Sommer kam,
+war sie nicht mehr imstande, weite Gänge zu machen. Sie war jetzt
+entzückt, fand alles groß und herrlich, erging sich in kränkenden
+Vergleichen zwischen dem Luch und dem Meer und ergriff, sooft die
+Gelegenheit dazu sich bot, ein Stück angeschwemmtes Holz, um es nach
+links hin in die See oder nach rechts hin in die Kessine zu werfen.
+Rollo war immer glücklich, im Dienste seiner Herrin sich nachstürzen
+zu können; mit einemmal aber wurde seine Aufmerksamkeit nach einer
+ganz anderen Seite hin abgezogen, und sich vorsichtig, ja beinahe
+ängstlich vorwärts schleichend, sprang er plötzlich auf einen in Front
+sichtbar werdenden Gegenstand zu, freilich vergeblich, denn im selben
+Augenblick glitt von einem sonnenbeschienenen und mit grünem Tang
+überwachsenen Stein eine Robbe glatt und geräuschlos in das nur etwa
+fünf Schritt entfernte Meer hinunter. Eine kurze Weile noch sah man
+den Kopf, dann tauchte auch dieser unter.
+
+Alle waren erregt, und Crampas phantasierte von Robbenjagd und daß man
+das nächste Mal die Büchse mitnehmen müsse, »denn die Dinger haben ein
+festes Fell«.
+
+»Geht nicht«, sagte Innstetten; »Hafenpolizei.«
+
+»Wenn ich so was höre«, lachte der Major. »Hafenpolizei! Die drei
+Behörden, die wir hier haben, werden doch wohl untereinander die
+Augen zudrücken können. Muß denn alles so furchtbar gesetzlich sein?
+Gesetzlichkeiten sind langweilig.«
+
+Effi klatschte in die Hände.
+
+»Ja, Crampas, Sie kleidet das, und Effi, wie Sie sehen, klatscht Ihnen
+Beifall. Natürlich; die Weiber schreien sofort nach einem Schutzmann,
+aber von Gesetz wollen sie nichts wissen.«
+
+»Das ist so Frauenrecht von alter Zeit her, und wir werden's nicht
+ändern, Innstetten.«
+
+»Nein«, lachte dieser, »und ich will es auch nicht. Auf Mohrenwäsche
+lasse ich mich nicht ein. Aber einer wie Sie, Crampas, der unter der
+Fahne der Disziplin großgeworden ist und recht gut weiß, daß es ohne
+Zucht und Ordnung nicht geht, ein Mann wie Sie, der sollte doch
+eigentlich so was nicht reden, auch nicht einmal im Spaß. Indessen,
+ich weiß schon, Sie haben einen himmlischen Kehr-mich-nicht-Drang und
+denken, der Himmel wird nicht gleich einstürzen. Nein, gleich nicht.
+Aber mal kommt es.«
+
+Crampas wurde einen Augenblick verlegen, weil er glaubte, das alles
+sei mit einer gewissen Absicht gesprochen, was aber nicht der Fall
+war. Innstetten hielt nur einen seiner kleinen moralischen Vorträge,
+zu denen er überhaupt hinneigte. »Da lob ich mir Gieshübler«, sagte er
+einlenkend, »immer Kavalier und dabei doch Grundsätze.«
+
+Der Major hatte sich mittlerweile wieder zurechtgefunden und sagte in
+seinem alten Ton: »Ja, Gieshübler; der beste Kerl von der Welt und,
+wenn möglich, noch bessere Grundsätze. Aber am Ende woher? Warum? Weil
+er einen 'Verdruß' hat. Wer gerade gewachsen ist, ist für Leichtsinn.
+Überhaupt ohne Leichtsinn ist das ganze Leben keinen Schuß Pulver
+wert.«
+
+»Nun hören Sie, Crampas, gerade so viel kommt mitunter dabei heraus.«
+Und dabei sah er auf des Majors linken, etwas gekürzten Arm. Effi
+hatte von diesem Gespräch wenig gehört. Sie war dicht an die Stelle
+getreten, wo die Robbe gelegen, und Rollo stand neben ihr. Dann
+sahen beide, von dem Stein weg, auf das Meer und warteten, ob die
+»Seejungfrau« noch einmal sichtbar werden würde.
+
+Ende Oktober begann die Wahlkampagne, was Innstetten hinderte, sich
+ferner an den Ausflügen zu beteiligen und auch Crampas und Effi hätten
+jetzt um der lieben Kessiner willen wohl verzichten müssen, wenn nicht
+Knut und Kruse als eine Art Ehrengarde gewesen wären. So kam es, daß
+sich die Spazierritte bis in den November hinein fortsetzten
+
+Ein Wetterumschlag war freilich eingetreten, ein andauern der Nordwest
+trieb Wolkenmassen heran, und das Meer schäumte mächtig, aber Regen
+und Kälte fehlten noch und so waren diese Ausflüge bei grauem
+Himmel und lärmender Brandung fast noch schöner, als sie vorher bei
+Sonnenschein und stiller See gewesen waren. Rollo jagte vorauf, dann
+und wann von der Gischt überspritzt, und der Schleier von Effis
+Reithut flatterte im Wind. Dabei zu sprechen war fast unmöglich; wenn
+man dann aber, vom Meer fort, in die schutzgebenden Dünen oder noch
+besser in den weiter zurückgelegenen Kiefernwald einlenkte, so wurd
+es still, Effis Schleier flatterte nicht mehr, und die Enge des Wegs
+zwang die beiden Reiter dicht nebeneinander. Das war dann die Zeit, wo
+man - schon um der Knorren und Wurzeln willen im Schritt reitend - die
+Gespräche, die der Brandungslärm unterbrochen hatte, wieder aufnehmen
+konnte. Crampas, ein guter Causeur, erzählte dann Kriegs- und
+Regimentsgeschichten, auch Anekdoten und kleine Charakterzüge von
+Innstetten, der mit seinem Ernst und seiner Zugeknöpftheit in den
+übermütigen Kreis der Kameraden nie recht hineingepaßt habe, so daß er
+eigentlich immer mehr respektiert als geliebt worden sei.
+
+»Das kann ich mir denken«, sagte Effi, »ein Glück nur, daß der Respekt
+die Hauptsache ist.«
+
+»Ja, zu seiner Zeit. Aber er paßt doch nicht immer. Und zu dem allen
+kam noch eine mystische Richtung, die mitunter Anstoß gab, einmal weil
+Soldaten überhaupt nicht sehr für derlei Dinge sind, und dann weil wir
+die Vorstellung unterhalten, vielleicht mit Unrecht, daß er doch nicht
+ganz so dazu stände, wie er's uns einreden wollte.«
+
+»Mystische Richtung?« sagte Effi. »Ja, Major, was verstehen Sie
+darunter? Er kann doch keine Konventikel abgehalten und den Propheten
+gespielt haben. Auch nicht einmal den aus der Oper ... ich habe seinen
+Namen vergessen.«
+
+»Nein, so weit ging er nicht. Aber es ist vielleicht besser, davon
+abzubrechen. Ich möchte nicht hinter seinem Rücken etwas sagen, was
+falsch ausgelegt werden könnte. Zudem sind es Dinge, die sich sehr gut
+auch in seiner Gegenwart verhandeln lassen. Dinge, die nur, man mag
+wollen oder nicht, zu was Sonderbarem aufgebauscht werden, wenn
+er nicht dabei ist und nicht jeden Augenblick eingreifen und uns
+widerlegen oder meinetwegen auch auslachen kann.«
+
+»Aber das ist ja grausam, Major. Wie können Sie meine Neugier so auf
+die Folter spannen. Erst ist es was, und dann ist es wieder nichts.
+Und Mystik! Ist er denn ein Geisterseher?«
+
+»Ein Geisterseher! Das will ich nicht gerade sagen. Aber er hatte eine
+Vorliebe, uns Spukgeschichten zu erzählen. Und wenn er uns dann in
+große Aufregung versetzt und manchen auch wohl geängstigt hatte,
+dann war es mit einem Male wieder, als habe er sich über alle die
+Leichtgläubigen bloß mokieren wollen. Und kurz und gut, einmal kam es,
+daß ich ihm auf den Kopf zusagte: 'Ach was, Innstetten, das ist ja
+alles bloß Komödie. Mich täuschen Sie nicht. Sie treiben Ihr Spiel mit
+uns. Eigentlich glauben Sie's gradsowenig wie wir, aber Sie wollen
+sich interessant machen und haben eine Vorstellung davon, daß
+Ungewöhnlichkeiten nach oben hin besser empfehlen. In höheren
+Karrieren will man keine Alltagsmenschen. Und da Sie so was vorhaben,
+so haben Sie sich was Apartes ausgesucht und sind bei der Gelegenheit
+auf den Spuk gefallen.'«
+
+Effi sagte kein Wort, was dem Major zuletzt bedrücklich wurde. »Sie
+schweigen, gnädigste Frau.«
+
+»Ja.«
+
+»Darf ich fragen warum? Hab ich Anstoß gegeben? Oder finden Sie's
+unritterlich, einen abwesenden Freund, ich muß das trotz aller
+Verwahrungen einräumen, ein klein wenig zu hecheln? Aber da tun
+Sie mir trotz alledem Unrecht. Das alles soll ganz ungeniert seine
+Fortsetzung vor seinen Ohren haben, und ich will ihm dabei jedes Wort
+wiederholen, was ich jetzt eben gesagt habe.«
+
+»Glaub es.« Und nun brach Effi ihr Schweigen und erzählte, was sie
+alles in ihrem Hause erlebt und wie sonderlich sich Innstetten damals
+dazu gestellt habe. »Er sagte nicht ja und nicht nein, und ich bin
+nicht klug aus ihm geworden.«
+
+»Also ganz der alte«, lachte Crampas. »So war er damals auch schon,
+als wir in Liancourt und dann später in Beauvais mit ihm in Quartier
+lagen. Er wohnte da in einem alten bischöflichen Palast - beiläufig,
+was Sie vielleicht interessieren wird, war es ein Bischof von
+Beauvais, glücklicherweise 'Cochon' mit Namen, der die Jungfrau von
+Orleans zum Feuertod verurteilte -, und da verging denn kein Tag, das
+heißt keine Nacht, wo Innstetten nicht Unglaubliches erlebt hatte.
+Freilich immer nur so halb. Es konnte auch nichts sein. Und nach
+diesem Prinzip arbeitet er noch, wie ich sehe.«
+
+»Gut, gut. Und nun ein ernstes Wort, Crampas, auf das ich mir eine
+ernste Antwort erbitte: Wie erklären Sie sich dies alles?«
+
+»Ja, meine gnädigste Frau ...«
+
+»Keine Ausweichungen, Major. Dies alles ist sehr wichtig für mich. Er
+ist Ihr Freund, und ich bin Ihre Freundin. Ich will wissen, wie hängt
+dies zusammen? Was denkt er sich dabei?«
+
+»Ja, meine gnädigste Frau, Gott sieht ins Herz, aber ein Major vom
+Landwehrbezirkskommando, der sieht in gar nichts. Wie soll ich solche
+psychologischen Rätsel lösen? Ich bin ein einfacher Mann.«
+
+»Ach, Crampas, reden Sie nicht so töricht. Ich bin zu jung, um eine
+große Menschenkennerin zu sein; aber ich müßte noch vor der Einsegnung
+und beinah vor der Taufe stehen, um Sie für einen einfachen Mann zu
+halten. Sie sind das Gegenteil davon, Sie sind gefährlich ...«
+
+»Das Schmeichelhafteste, was einem guten Vierziger mit einem a.D. auf
+der Karte gesagt werden kann. Und nun also, was sich Innstetten dabei
+denkt ...«
+
+Effi nickte.
+
+»Ja, wenn ich durchaus sprechen soll, er denkt sich dabei, daß ein
+Mann wie Landrat Baron Innstetten, der jeden Tag Ministerialdirektor
+oder dergleichen werden kann (denn glauben Sie mir, er ist hoch
+hinaus), daß ein Mann wie Baron Innstetten nicht in einem gewöhnlichen
+Hause wohnen kann, nicht in einer solchen Kate, wie die landrätliche
+Wohnung, ich bitte um Vergebung, gnädigste Frau, doch eigentlich ist.
+Da hilft er denn nach. Ein Spukhaus ist nie was Gewöhnliches ... Das
+ist das eine.«
+
+»Das eine? Mein Gott, haben Sie noch etwas?« »Ja.«
+
+»Nun denn, ich bin ganz Ohr. Aber wenn es sein kann, lassen Sie's was
+Gutes sein.«
+
+»Dessen bin ich nicht ganz sicher. Es ist etwas Heikles, beinah
+Gewagtes, und ganz besonders vor Ihren Ohren, gnädigste Frau.«
+
+»Das macht mich nur um so neugieriger.«
+
+»Gut denn. Also Innstetten, meine gnädigste Frau, hat außer seinem
+brennenden Verlangen, es koste, was es wolle, ja, wenn es sein muß,
+unter Heranziehung eines Spuks, seine Karriere zu machen, noch eine
+zweite Passion: Er operiert nämlich immer erzieherisch, ist der
+geborene Pädagog, und hätte, links Basedow und rechts Pestalozzi
+(aber doch kirchlicher als beide), eigentlich nach Schnepfenthal oder
+Bunzlau hingepaßt.«
+
+»Und will er mich auch erziehen? Erziehen durch Spuk?«
+
+»Erziehen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber doch erziehen
+auf einem Umweg.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht.«
+
+»Eine junge Frau ist eine junge Frau, und ein Landrat ist ein Landrat.
+Er kutschiert oft im Kreise umher, und dann ist das Haus allein und
+unbewohnt. Aber solch Spuk ist wie ein Cherub mit dem Schwert ...«
+
+»Ah, da sind wir wieder aus dem Wald heraus«, sagte Effi.
+
+»Und da ist Utpatels Mühle. Wir müssen nur noch an dem Kirchhof
+vorüber.«
+
+Gleich danach passierten sie den Hohlweg zwischen dem Kirchhof und
+der eingegitterten Stelle, und Effi sah nach dem Stein und der Tanne
+hinüber, wo der Chinese lag.
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+Es schlug zwei Uhr, als man zurück war. Crampas verabschiedete
+sich und ritt in die Stadt hinein, bis er vor seiner am Marktplatz
+gelegenen Wohnung hielt. Effi ihrerseits kleidete sich um und
+versuchte zu schlafen; es wollte aber nicht glücken, denn ihre
+Verstimmung war noch größer als ihre Müdigkeit. Daß Innstetten sich
+seinen Spuk parat hielt, um ein nicht ganz gewöhnliches Haus zu
+bewohnen, das mochte hingehen, das stimmte zu seinem Hange, sich
+von der großen Menge zu unterscheiden; aber das andere, daß er den
+Spuk als Erziehungsmittel brauchte, das war doch arg und beinahe
+beleidigend. Und »Erziehungsmittel«, darüber war sie sich klar, sagte
+nur die kleinere Hälfte; was Crampas gemeint hatte, war viel, viel
+mehr, war eine Art Angelapparat aus Kalkül. Es fehlte jede Herzensgüte
+darin und grenzte schon fast an Grausamkeit. Das Blut stieg ihr zu
+Kopf, und sie ballte ihre kleine Hand und wollte Pläne schmieden; aber
+mit einem Male mußte sie wieder lachen. »Ich Kindskopf! Wer bürgt mir
+denn dafür, daß Crampas recht hat! Crampas ist unterhaltlich, weil er
+medisant ist, aber er ist unzuverlässig und ein bloßer Haselant, der
+schließlich Innstetten nicht das Wasser reicht.«
+
+In diesem Augenblick fuhr Innstetten vor, der heute früher zurückkam
+als gewöhnlich. Effi sprang auf, um ihn schon im Flur zu begrüßen, und
+war um so zärtlicher, je mehr sie das Gefühl hatte, etwas gutmachen zu
+müssen. Aber ganz konnte sie das, was Crampas gesagt hatte, doch nicht
+verwinden, und inmitten ihrer Zärtlichkeiten und während sie mit
+anscheinendem Interesse zuhörte, klang es in ihr immer wieder: »Also
+Spuk aus Berechnung, Spuk, um dich in Ordnung zu halten.«
+
+Zuletzt indessen vergaß sie's und ließ sich unbefangen von ihm
+erzählen.
+
+Inzwischen war Mitte November herangekommen, und der bis zum Sturm
+sich steigernde Nordwester stand anderthalb Tage lang so hart auf
+die Molen, daß die mehr und mehr zurückgestaute Kessine das Bollwerk
+überstieg und in die Straßen trat. Aber nachdem sich's ausgetobt,
+legte sich das Unwetter, und es kamen noch ein paar sonnige
+Spätherbsttage.
+
+»Wer weiß, wie lange sie dauern«, sagte Effi zu Crampas, und so
+beschloß man, am nächsten Vormittag noch einmal auszureiten; auch
+Innstetten, der einen freien Tag hatte, wollte mit. Es sollte zunächst
+wieder bis an die Mole gehen; da wollte man dann absteigen, ein wenig
+am Strand promenieren und schließlich im Schutz der Dünen, wo's
+windstill war, ein Frühstück nehmen.
+
+Um die festgesetzte Stunde ritt Crampas vor dem landrätlichen Hause
+vor; Kruse hielt schon das Pferd der gnädigen Frau, die sich rasch in
+den Sattel hob und noch im Aufsteigen Innstetten entschuldigte, der
+nun doch verhindert sei: Letzte Nacht wieder großes Feuer in Morgenitz
+- das dritte seit drei Wochen, also angelegt -, da habe er hingemußt,
+sehr zu seinem Leidwesen, denn er habe sich auf diesen Ausritt, der
+wohl der letzte in diesem Herbst sein werde, wirklich gefreut.
+
+Crampas sprach sein Bedauern aus, vielleicht nur, um was zu sagen,
+vielleicht aber auch aufrichtig, denn so rücksichtslos er im Punkte
+chevaleresker Liebesabenteuer war, so sehr war er auch wieder guter
+Kamerad. Natürlich alles ganz oberflächlich. Einem Freunde helfen und
+fünf Minuten später ihn betrügen, das waren Dinge, die sich mit seinem
+Ehrbegriff sehr wohl vertrugen. Er tat das eine und das andere mit
+unglaublicher Bonhomie.
+
+Der Ritt ging wie gewöhnlich durch die Plantage hin. Rollo war wieder
+vorauf, dann kamen Crampas und Effi, dann Kruse.
+
+Knut fehlte.
+
+»Wo haben Sie Knut gelassen?« »Er hat einen Ziegenpeter.«
+
+»Merkwürdig«, lachte Effi. »Eigentlich sah er schon immer so aus.«
+
+»Sehr richtig. Aber Sie sollten ihn jetzt sehen! Oder doch lieber
+nicht. Ziegenpeter ist ansteckend, schon bloß durch Anblick.«
+
+»Glaub ich nicht.«
+
+»Junge Frauen glauben vieles nicht.«
+
+»Und dann glauben sie wieder vieles, was sie besser nicht glaubten.«
+
+»An meine Adresse?« »Nein.«
+
+»Schade.«
+
+»Wie dies 'schade' Sie kleidet. Ich glaube wirklich, Major, Sie
+hielten es für ganz in Ordnung, wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung
+machte.«
+
+»So weit will ich nicht gehen. Aber ich möchte den sehen, der sich
+dergleichen nicht wünschte. Gedanken und Wünsche sind zollfrei.«
+
+»Das fragt sich. Und dann ist doch immer noch ein Unterschied zwischen
+Gedanken und Wünschen. Gedanken sind in der Regel etwas, das noch im
+Hintergrund liegt, Wünsche aber liegen meist schon auf der Lippe.«
+
+»Nur nicht gerade diesen Vergleich.«
+
+»Ach, Crampas, Sie sind ... Sie sind ...«
+
+»Ein Narr.«
+
+»Nein. Auch darin übertreiben Sie wieder. Aber Sie sind etwas anderes.
+In Hohen-Cremmen sagten wir immer, und ich mit, das Eitelste, was es
+gäbe, das sei ein Husarenfähnrich von achtzehn ...«
+
+»Und jetzt?«
+
+»Und jetzt sag ich, das Eitelste, was es gibt, ist ein
+Landwehrbezirksmajor von zweiundvierzig.«
+
+»... wobei die zwei Jahre, die Sie mir gnädigst erlassen, alles
+wiedergutmachen - küss' die Hand.«
+
+»Ja, küss' die Hand. Das ist so recht das Wort, das für Sie paßt. Das
+ist wienerisch. Und die Wiener, die hab ich kennengelernt in Karlsbad,
+vor vier Jahren, wo sie mir vierzehnjährigem Dinge den Hof machten.
+Was ich da alles gehört habe!«
+
+»Gewiß nicht mehr, als recht war.«
+
+»Wenn das zuträfe, wäre das, was mir schmeicheln soll, ziemlich
+ungezogen ... Aber sehen Sie da die Bojen, wie die schwimmen und
+tanzen. Die kleinen roten Fahnen sind eingezogen. Immer wenn ich
+diesen Sommer die paar Mal, wo ich mich bis an den Strand hinauswagte,
+die roten Fahnen sah, sagte ich mir: Da liegt Vineta, da muß es
+liegen, das sind die Turmspitzen ...«
+
+»Das macht, weil Sie das Heinesche Gedicht kennen.« »Welches?«
+
+»Nun, das von Vineta.«
+
+»Nein, das kenne ich nicht; ich kenne überhaupt nur wenig. Leider.«
+
+»Und haben doch Gieshübler und den Journalzirkel! Übrigens hat Heine
+dem Gedicht einen anderen Namen gegeben, ich glaube 'Seegespenst' oder
+so ähnlich. Aber Vineta hat er gemeint. Und er selber - verzeihen Sie,
+wenn ich Ihnen so ohne weiteres den Inhalt hier wiedergebe -, der
+Dichter also, während er die Stelle passiert, liegt auf einem
+Schiffsdeck und sieht hinunter und sieht da schmale, mittelalterliche
+Straßen und trippelnde Frauen in Kapotthüten, und alle haben ein
+Gesangbuch in Händen und wollen zur Kirche, und alle Glocken läuten.
+Und als er das hört, da faßt ihn eine Sehnsucht, auch mit in die
+Kirche zu gehen, wenn auch bloß um der Kapotthüte willen, und vor
+Verlangen schreit er auf und will sich hinunterstürzen. Aber im selben
+Augenblick packt ihn der Kapitän am Bein und ruft ihm zu: 'Doktor,
+sind Sie des Teufels?«
+
+»Das ist ja allerliebst. Das möcht ich lesen. Ist es lang?«
+
+»Nein, es ist eigentlich kurz, etwas länger als 'Du hast Diamanten und
+Perlen' oder 'Deine weichen Lilienfinger' ...«,
+
+und er berührte leise ihre Hand. »Aber lang oder kurz, welche
+Schilderungskraft, welche Anschaulichkeit! Er ist mein
+Lieblingsdichter, und ich kann ihn auswendig, sowenig ich mir sonst,
+trotz gelegentlich eigener Versündigungen, aus der Dichterei mache.
+Bei Heine liegt es aber anders: Alles ist Leben, und vor allem
+versteht er sich auf die Liebe, die doch die Hauptsache bleibt. Er ist
+übrigens nicht einseitig darin ...«
+
+»Wie meinen Sie das?«
+
+»Ich meine, er ist nicht bloß für die Liebe ...«
+
+»Nun, wenn er diese Einseitigkeit auch hätte, das wäre am Ende noch
+nicht das schlimmste. Wofür ist er denn sonst noch?«
+
+»Er ist auch sehr für das Romantische, was freilich gleich nach der
+Liebe kommt und nach Meinung einiger sogar damit zusammenfällt. Was
+ich aber nicht glaube. Denn in seinen späteren Gedichten, die man
+denn auch die 'romantischen' genannt hat, oder eigentlich hat er es
+selber getan, in diesen romantischen Dichtungen wird in einem fort
+hingerichtet, allerdings vielfach aus Liebe. Aber doch meist aus
+anderen gröberen Motiven, wohin ich in erster Reihe die Politik. die
+fast immer gröblich ist, rechne. Karl Stuart zum Beispiel trägt in
+einer dieser Romanzen seinen Kopf unterm Arm, und noch fataler ist die
+Geschichte vom Vitzliputzli ...«
+
+»Von wem?«
+
+»Vom Vitzliputzli. Vitzliputzli ist nämlich ein mexikanischer Gott,
+und als die Mexikaner zwanzig oder dreißig Spanier gefangengenommen
+hatten, mußten diese zwanzig oder dreißig dem Vitzliputzli geopfert
+werden. Das war da nicht anders, Landessitte, Kultus, und ging auch
+alles im Handumdrehen, Bauch auf, Herz raus ...«
+
+»Nein, Crampas, so dürfen Sie nicht weitersprechen. Das ist indezent
+und degoutant zugleich. Und das alles so ziemlich in demselben
+Augenblick, wo wir frühstücken wollen.«
+
+»Ich für meine Person sehe mich dadurch unbeeinflußt und stelle meinen
+Appetit überhaupt nur in Abhängigkeit vom Menü.«
+
+Während dieser Worte waren sie, ganz wie's das Programm wollte, vom
+Strand her bis an eine schon halb im Schutz der Dünen aufgeschlagene
+Bank, mit einem äußerst primitiven Tisch davor, gekommen, zwei Pfosten
+mit einem Brett darüber. Kruse, der voraufgeritten, hatte hier bereits
+serviert; Teebrötchen und Aufschnitt von kaltem Braten, dazu Rotwein
+und neben der Flasche zwei hübsche, zierliche Trinkgläser, klein und
+mit Goldrand, wie man sie in Badeorten kauft oder von Glashütten als
+Erinnerung mitbringt.
+
+Und nun stieg man ab. Kruse, der die Zügel seines eigenen Pferdes um
+eine Krüppelkiefer geschlungen hatte, ging mit den beiden anderen
+Pferden auf und ab, während sich Crampas und Effi, die durch eine
+schmale Dünenöffnung einen freien Blick auf Strand und Mole hatten,
+vor dem gedeckten Tisch niederließen.
+
+Über das von den Sturmtagen her noch bewegte Meer goß die schon halb
+winterliche Novembersonne ihr fahles Licht aus, und die Brandung ging
+hoch. Dann und wann kam ein Windzug und trieb den Schaum bis dicht an
+sie heran. Strandhafer stand umher, und das helle Gelb der Immortellen
+hob sich, trotz der Farbenverwandtschaft, von dem gelben Sand, darauf
+sie wuchsen, scharf ab. Effi machte die Wirtin. »Es tut mir leid,
+Major, Ihnen diese Brötchen in einem Korbdeckel präsentieren zu
+müssen ...«
+
+»Ein Korbdeckel ist kein Korb ...«
+
+»... indessen Kruse hat es so gewollt. Da bist du ja auch, Rollo. Auf
+dich ist unser Vorrat aber nicht eingerichtet. Was machen wir mit
+Rollo?«
+
+»Ich denke, wir geben ihm alles; ich meinerseits schon aus
+Dankbarkeit. Denn sehen Sie, teuerste Effi ...«
+
+Effi sah ihn an.
+
+Denn sehen Sie, gnädigste Frau, Rollo erinnert mich wieder an das,
+was ich Ihnen noch als Fortsetzung oder Seitenstück zum Vitzliputzli
+erzählen wollte - nur viel pikanter, weil Liebesgeschichte. Haben Sie
+mal von einem gewissen Pedro dem Grausamen gehört?«
+
+»So dunkel.«
+
+»Eine Art Blaubartskönig.«
+
+»Das ist gut. Von so einem hört man immer am liebsten, und ich weiß
+noch, daß wir von meiner Freundin Hulda Niemeyer, deren Namen Sie
+ja kennen, immer behaupteten, sie wisse nichts von Geschichte, mit
+Ausnahme der sechs Frauen von Heinrich dem Achten, diesem englischen
+Blaubart, wenn das Wort für ihn reicht. Und wirklich, diese sechs
+kannte sie auswendig. Und dabei hätten Sie hören sollen, wie sie die
+Namen aussprach, namentlich den von der Mutter der Elisabeth - so
+schrecklich verlegen, als wäre sie nun an der Reihe ... Aber nun
+bitte, die Geschichte von Don Pedro ...«
+
+»Nun also, an Don Pedros Hofe war ein schöner, schwarzer spanischer
+Ritter, der das Kreuz von Kalatrava - was ungefähr soviel bedeutet wie
+Schwarzer Adler und Pour-le-mérite zusammengenommen - auf seiner Brust
+trug. Dies Kreuz gehörte mit dazu, das mußten sie immer tragen, und
+dieser Kalatravaritter, den die Königin natürlich heimlich liebte ...«
+
+»Warum natürlich?«
+
+»Weil wir in Spanien sind.« »Ach so.«
+
+»Und dieser Kalatravaritter, sag ich, hatte einen wunderschönen Hund,
+einen Neufundländer, wiewohl es die noch gar nicht gab, denn es
+war grade hundert Jahre vor der Entdeckung von Amerika. Einen
+wunderschönen Hund also, sagen wir wie Rollo ...«
+
+Rollo schlug an, als er seinen Namen hörte, und wedelte mit dem
+Schweif.
+
+»Das ging so machen Tag. Aber das mit der heimlichen Liebe, die wohl
+nicht ganz heimlich blieb, das wurde dem König doch zuviel, und weil
+er den schönen Kalatravaritter überhaupt nicht recht leiden mochte
+- denn er war nicht bloß grausam, er war auch ein Neidhammel, oder
+wenn das Wort für einen König und noch mehr für meine liebenswürdige
+Zuhörerin, Frau Effi, nicht recht passen sollte, wenigstens ein
+Neidling -, so beschloß er, den Kalatravaritter für die heimliche
+Liebe heimlich hinrichten zu lassen.«
+
+»Kann ich ihm nicht verdenken.«
+
+»Ich weiß doch nicht, meine Gnädigste. Hören Sie nur weiter. Etwas
+geht schon, aber es war zuviel; der König, find ich, ging um ein
+Erkleckliches zu weit. Er heuchelte nämlich, daß er dem Ritter wegen
+seiner Kriegs- und Heldentaten ein Fest veranstalten wolle, und da gab
+es denn eine lange, lange Tafel, und alle Granden des Reichs saßen an
+dieser Tafel, und in der Mitte saß der König, und ihm gegenüber war
+der Platz für den, dem dies alles galt, also für den Kalatravaritter,
+für den an diesem Tage zu Feiernden. Und weil der, trotzdem man schon
+eine ganze Weile seiner gewartet hatte, noch immer nicht kommen
+wollte, so mußte schließlich die Festlichkeit ohne ihn begonnen
+werden, und es blieb ein leerer Platz - ein leerer Platz gerade
+gegenüber dem König.« »Und nun?«
+
+»Und nun denken Sie, meine gnädigste Frau, wie der König, dieser
+Pedro, sich eben erheben will, um gleisnerisch sein Bedauern
+auszusprechen, daß sein 'lieber Gast' noch immer fehle, da hört man
+auf der Treppe draußen einen Aufschrei der entsetzten Dienerschaften,
+und ehe noch irgendwer weiß, was geschehen ist, jagt etwas an der
+langen Festtafel entlang, und nun springt es auf den Stuhl und setzt
+ein abgeschlagenes Haupt auf den leergebliebenen Platz, und über
+ebendieses Haupt hinweg starrt Rollo auf sein Gegenüber, den König.
+Rollo hatte seinen Herrn auf seinem letzten Gang begleitet, und im
+selben Augenblick, wo das Beil fiel, hatte das treue Tier das fallende
+Haupt gepackt, und da war er nun, unser Freund Rollo, an der langen
+Festtafel und verklagte den königlichen Mörder.«
+
+Effi war ganz still geworden. Endlich sagte sie: »Crampas, das ist in
+seiner Art sehr schön, und weil es sehr schön ist, will ich es Ihnen
+verzeihen. Aber Sie könnten doch Besseres und zugleich mir Lieberes
+tun, wenn Sie mir andere Geschichten erzählten. Auch von Heine. Heine
+wird doch nicht bloß von Vitzliputzli und Don Pedro und Ihrem Rollo -
+denn meiner hätte so was nicht getan - gedichtet haben. Komm, Rollo!
+Armes Tier, ich kann dich gar nicht mehr ansehen, ohne an den
+Kalatravaritter zu denken, den die Königin heimlich liebte ... Rufen
+Sie, bitte, Kruse, daß er die Sachen hier wieder in die Halfter
+steckt, und wenn wir zurückreiten, müssen Sie mir was anderes
+erzählen, ganz was anderes.«
+
+Kruse kam. Als er aber die Gläser nehmen wollte, sagte Crampas:
+»Kruse, das eine Glas, das da, das lassen Sie stehen. Das werde ich
+selber nehmen.«
+
+»Zu Befehl, Herr Major.«
+
+Effi, die dies mit angehört hatte, schüttelte den Kopf. Dann lachte
+sie. »Crampas, was fällt Ihnen nur eigentlich ein? Kruse ist dumm
+genug, über die Sache nicht weiter nachzudenken, und wenn er darüber
+nachdenkt, so findet er glücklicherweise nichts. Aber das berechtigt
+Sie doch nicht, dies Glas, dies Dreißigpfennigglas aus der
+Josefinenhütte ...«
+
+»Daß Sie so spöttisch den Preis nennen, läßt mich seinen Wert um so
+tiefer empfinden.«
+
+»Immer derselbe. Sie haben so viel von einem Humoristen, aber doch von
+ganz sonderbarer Art. Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie vor
+- es ist zum Lachen, und ich geniere mich fast, es auszusprechen -,
+so haben Sie vor, sich vor der Zeit auf den König von Thule hin
+auszuspielen.«
+
+Er nickte mit einem Anflug von Schelmerei.
+
+»Nun denn, meinetwegen. Jeder trägt seine Kappe; Sie wissen, welche.
+Nur das muß ich Ihnen doch sagen dürfen, die Rolle, die Sie mir dabei
+zudiktieren, ist mir zu wenig schmeichelhaft. Ich mag nicht als
+Reimwort auf Ihren König von Thule herumlaufen. Behalten Sie das
+Glas, aber bitte, ziehen Sie nicht Schlüsse daraus, die mich
+kompromittieren. Ich werde Innstetten davon erzählen.«
+
+»Das werden Sie nicht tun, meine gnädigste Frau.« »Warum nicht?«
+
+»Innstetten ist nicht der Mann, solche Dinge so zu sehen, wie sie
+gesehen sein wollen.«
+
+Sie sah ihn einen Augenblick scharf an. Dann aber schlug sie verwirrt
+und fast verlegen die Augen nieder.
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel
+
+Effi war unzufrieden mit sich und freute sich, daß es nunmehr
+feststand, diese gemeinschaftlichen Ausflüge für die ganze Winterdauer
+auf sich beruhen zu lassen. Überlegte sie, was während all dieser
+Wochen und Tage gesprochen, berührt und angedeutet war, so fand sie
+nichts, um dessentwillen sie sich direkte Vorwürfe zu machen gehabt
+hätte. Crampas war ein kluger Mann, welterfahren, humoristisch, frei,
+frei auch im Guten, und es wäre kleinlich und kümmerlich gewesen, wenn
+sie sich ihm gegenüber aufgesteift und jeden Augenblick die Regeln
+strengen Anstandes befolgt hätte. Nein, sie konnte sich nicht tadeln,
+auf seinen Ton eingegangen zu sein, und doch hatte sie ganz leise das
+Gefühl einer überstandenen Gefahr und beglückwünschte sich, daß das
+alles nun mutmaßlich hinter ihr läge. Denn an ein häufigeres Sichsehen
+en famille war nicht wohl zu denken, das war durch die Crampasschen
+Hauszustände so gut wie ausgeschlossen, und Begegnungen bei den
+benachbarten adligen Familien, die freilich für den Winter in Sicht
+standen, konnten immer nur sehr vereinzelt und sehr flüchtige sein.
+Effi rechnete sich dies alles mit wachsender Befriedigung heraus und
+fand schließlich, daß ihr der Verzicht auf das, was sie dem Verkehr
+mit dem Major verdankte, nicht allzu schwer ankommen würde. Dazu kam
+noch, daß Innstetten ihr mitteilte, seine Fahrten nach Varzin würden
+in diesem Jahre fortfallen: der Fürst gehe nach Friedrichsruh, das
+ihm immer lieber zu werden scheine; nach der einen Seite hin bedauere
+er das, nach der anderen sei es ihm lieb - er könne sich nun ganz
+seinem Hause widmen, und wenn es ihr recht wäre, so wollten sie die
+italienische Reise, an der Hand seiner Aufzeichnungen, noch einmal
+durchmachen. Eine solche Rekapitulation sei eigentlich die Hauptsache,
+dadurch mache man sich alles erst dauernd zu eigen, und selbst Dinge,
+die man nur flüchtig gesehen und von denen man kaum wisse, daß man sie
+in seiner Seele beherberge, kämen einem durch solche nachträglichen
+Studien erst voll zu Bewußtsein und Besitz. Er führte das noch weiter
+aus und fügte hinzu, daß ihn Gieshübler, der den ganzen »italienischen
+Stiefel« bis Palermo kenne, gebeten habe, mit dabeisein zu dürfen.
+Effi, der ein ganz gewöhnlicher Plauderabend ohne den »italienischen
+Stiefel« (es sollten sogar Fotografien herumgereicht werden) viel,
+viel lieber gewesen wäre, antwortete mit einer gewissen Gezwungenheit;
+Innstetten indessen, ganz erfüllt von seinem Plan, merkte nichts und
+fuhr fort: »Natürlich ist nicht bloß Gieshübler zugegen, auch Roswitha
+und Annie müssen dabeisein, und wenn ich mir dann denke, daß wir den
+Canale grande hinauffahren und hören dabei ganz in der Ferne die
+Gondoliere singen, während drei Schritt von uns Roswitha sich über
+Annie beugt und 'Buhküken von Halberstadt' oder so was Ähnliches zum
+besten gibt, so können das schöne Winterabende werden, und du sitzt
+dabei und strickst mir eine große Winterkappe. Was meinst du dazu,
+Effi?«
+
+Solche Abende wurden nicht bloß geplant, sie nahmen auch ihren Anfang,
+und sie würden sich aller Wahrscheinlichkeit nach über viele Wochen
+hin ausgedehnt haben, wenn nicht der unschuldige, harmlose Gieshübler,
+trotz größter Abgeneigtheit gegen zweideutiges Handeln, dennoch im
+Dienste zweier Herren gestanden hätte. Der eine, dem er diente, war
+Innstetten, der andere war Crampas, und wenn er der Innstettenschen
+Aufforderung zu den italienischen Abenden, schon um Effis willen, auch
+mit aufrichtigster Freude Folge leistete, so war die Freude, mit der
+er Crampas gehorchte, doch noch eine größere. Nach einem Crampasschen
+Plan nämlich sollte noch vor Weihnachten »Ein Schritt vom Wege«
+aufgeführt werden, und als man vor dem dritten italienischen Abend
+stand, nahm Gieshübler die Gelegenheit wahr, mit Effi, die die Rolle
+der Ella spielen sollte, darüber zu sprechen.
+
+Effi war wie elektrisiert; was wollten Padua, Vicenza daneben
+bedeuten! Effi war nicht für Aufgewärmtheiten; Frisches war es, wonach
+sie sich sehnte, Wechsel der Dinge. Aber als ob eine Stimme ihr
+zugerufen hätte: »Sieh dich vor!«, so fragte sie doch, inmitten ihrer
+freudigen Erregung:
+
+»Ist es der Major, der den Plan aufgebracht hat?«
+
+»Ja. Sie wissen, gnädigste Frau, daß er einstimmig in das
+Vergnügungskomitee gewählt wurde. Wir dürfen uns endlich einen
+hübschen Winter in der Ressource versprechen. Er ist ja wie geschaffen
+dazu.«
+
+»Und wird er auch mitspielen?«
+
+»Nein, das hat er abgelehnt. Ich muß sagen, leider. Denn er kann ja
+alles und würde den Arthur von Schmettwitz ganz vorzüglich geben. Er
+hat nur die Regie übernommen.«
+
+»Desto schlimmer.«
+
+»Desto schlimmer?« wiederholte Gieshübler.
+
+»Oh, Sie dürfen das nicht so feierlich nehmen; das ist nur so eine
+Redensart, die eigentlich das Gegenteil bedeutet. Auf der anderen
+Seite freilich, der Major hat so was Gewaltsames, er nimmt einem die
+Dinge gern über den Kopf fort. Und man muß dann spielen, wie er will,
+und nicht, wie man selber will.«
+
+Sie sprach noch so weiter und verwickelte sich immer mehr in
+Widersprüche.
+
+Der »Schritt vom Wege« kam wirklich zustande, und gerade weil man nur
+noch gute vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war
+ausgeschlossen), so strengte sich alles an, und es ging vorzüglich;
+die Mitspielenden, vor allem Effi, ernteten reichen Beifall. Crampas
+hatte sich wirklich mit der Regie begnügt, und so streng er gegen
+alle anderen war, so wenig hatte er auf den Proben in Effis Spiel
+hineingeredet. Entweder waren ihm von seiten Gieshüblers Mitteilungen
+über das mit Effi gehabte Gespräch gemacht worden, oder er hatte es
+auch aus sich selber bemerkt, daß Effi beflissen war, sich von ihm
+zurückzuziehen. Und er war klug und Frauenkenner genug, um den
+natürlichen Entwicklungsgang, den er nach seinen Erfahrungen nur zu
+gut kannte, nicht zu stören.
+
+Am Theaterabend in der Ressource trennte man sich spät, und
+Mitternacht war vorüber, als Innstetten und Effi wieder zu Hause bei
+sich eintrafen. Johanna war noch auf, um behilflich zu sein, und
+Innstetten, der auf seine junge Frau nicht wenig eitel war, erzählte
+Johanna, wie reizend die gnädige Frau ausgesehen und wie gut sie
+gespielt habe. Schade, daß er nicht vorher daran gedacht, Christel
+und sie selber und auch die alte Unke, die Kruse, hätten von der
+Musikgalerie her sehr gut zusehen können; es seien viele dagewesen.
+Dann ging Johanna, und Effi, die müde war, legte sich nieder.
+Innstetten aber, der noch plaudern wollte, schob einen Stuhl heran und
+setzte sich an das Bett seiner Frau, diese freundlich ansehend und
+ihre Hand in der seinen haltend.
+
+»Ja, Effi, das war ein hübscher Abend. Ich habe mich amüsiert über das
+hübsche Stück. Und denke dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat,
+eigentlich kaum zu glauben. Und noch dazu aus Königsberg. Aber worüber
+ich mich am meisten gefreut, das war doch meine entzückende kleine
+Frau, die allen die Köpfe verdreht hat.«
+
+»Ach, Geert, sprich nicht so. Ich bin schon gerade eitel genug.«
+
+»Eitel genug, das wird wohl richtig sein. Aber doch lange nicht so
+eitel wie die anderen. Und das ist zu deinen sieben Schönheiten ...«
+
+»Sieben Schönheiten haben alle.«
+
+»... Ich habe mich auch bloß versprochen, du kannst die Zahl gut mit
+sich selbst multiplizieren.«
+
+»Wie galant du bist, Geert. Wenn ich dich nicht kennte, könnt ich mich
+fürchten. Oder lauert wirklich was dahinter?« »Hast du ein schlechtes
+Gewissen? Selber hinter der Tür gestanden?«
+
+»Ach, Geert, ich ängstige mich wirklich.« Und sie richtete sich im
+Bett in die Höh und sah ihn starr an. »Soll ich noch nach Johanna
+klingeln, daß sie uns Tee bringt? Du hast es so gern vor dem
+Schlafengehen.«
+
+Er küßte ihr die Hand. »Nein, Effi. Nach Mitternacht kann auch der
+Kaiser keine Tasse Tee mehr verlangen, und du weißt, ich mag die Leute
+nicht mehr in Anspruch nehmen als nötig. Nein, ich will nichts, als
+dich ansehen und mich freuen, daß ich dich habe. So manchmal empfindet
+man's doch stärker, welchen Schatz man hat. Du könntest ja auch so
+sein wie die arme Frau Crampas; das ist eine schreckliche Frau, gegen
+keinen freundlich, und dich hätte sie vom Erdboden vertilgen mögen.«
+
+»Ach, ich bitte dich, Geert, das bildest du dir wieder ein. Die arme
+Frau! Mir ist nichts aufgefallen.«
+
+»Weil du für derlei keine Augen hast. Aber es war so, wie ich dir
+sage, und der arme Crampas war wie befangen dadurch und mied dich
+immer und sah dich kaum an. Was doch ganz unnatürlich ist; denn
+erstens ist er überhaupt ein Damenmann, und nun gar Damen wie du, das
+ist seine besondere Passion. Und ich wette auch, daß es keiner besser
+weiß als meine kleine Frau selber. Wenn ich daran denke, wie, Pardon,
+das Geschnatter hin und her ging, wenn er morgens in die Veranda kam
+oder wenn wir am Strande ritten oder auf der Mole spazierengingen. Es
+ist, wie ich dir sage, er traute sich heute nicht, er fürchtete sich
+vor seiner Frau. Und ich kann es ihm nicht verdenken. Die Majorin ist
+so etwas wie unsere Frau Kruse, und wenn ich zwischen beiden wählen
+müßte, ich wüßte nicht wen.«
+
+»Ich wüßt es schon; es ist doch ein Unterschied zwischen den beiden.
+Die arme Majorin ist unglücklich, die Kruse ist unheimlich.«
+
+»Und da bist du doch mehr für das Unglückliche?« »Ganz entschieden.«
+
+»Nun höre, das ist Geschmackssache. Man merkt, daß du noch nicht
+unglücklich warst. Übrigens hat Crampas ein Talent, die arme Frau zu
+eskamotieren. Er erfindet immer etwas, sie zu Hause zu lassen.«
+
+»Aber heute war sie doch da.«
+
+»Ja, heute. Da ging es nicht anders. Aber ich habe mit ihm eine Partie
+zu Oberförster Ring verabredet, er, Gieshübler und der Pastor, auf
+den dritten Feiertag, und da hättest du sehen sollen, mit welcher
+Geschicklichkeit er bewies, daß sie, die Frau, zu Hause bleiben
+müsse.«
+
+»Sind es denn nur Herren?«
+
+»O bewahre. Da würd ich mich auch bedanken. Du bist mit dabei und noch
+zwei, drei andere Damen, die von den Gütern ungerechnet.«
+
+»Aber dann ist es doch auch häßlich von ihm, ich meine von Crampas,
+und so was bestraft sich immer.«
+
+»Ja, mal kommt es. Aber ich glaube, unser Freund hält zu denen, die
+sich über das, was kommt, keine grauen Haare wachsen lassen.«
+
+»Hältst du ihn für schlecht?«
+
+»Nein, für schlecht nicht. Beinah im Gegenteil, jedenfalls hat er gute
+Seiten. Aber er ist so'n halber Pole, kein rechter Verlaß, eigentlich
+in nichts, am wenigsten mit Frauen. Eine Spielernatur. Er spielt nicht
+am Spieltisch, aber er hasardiert im Leben in einem fort, und man muß
+ihm auf die Finger sehen.«
+
+»Es ist mir doch lieb, daß du mir das sagst. Ich werde mich vorsehen
+mit ihm.«
+
+»Das tu. Aber nicht zu sehr; dann hilft es nichts. Unbefangenheit ist
+immer das beste, natürlich das allerbeste ist Charakter und Festigkeit
+und, wenn ich solch steifleinenes Wort brauchen darf, eine reine
+Seele.«
+
+Sie sah ihn groß an. Dann sagte sie: »Ja, gewiß. Aber nun sprich nicht
+mehr, und noch dazu lauter Dinge, die mich nicht recht froh machen
+können. Weißt du, mir ist, als hörte ich oben das Tanzen. Sonderbar,
+daß es immer wiederkommt. Ich dachte, du hättest mit dem allem nur so
+gespaßt.«
+
+»Das will ich doch nicht sagen, Effi. Aber so oder so, man muß nur in
+Ordnung sein und sich nicht zu fürchten brauchen.«
+
+Effi nickte und dachte mit einem Male wieder an die Worte, die ihr
+Crampas über ihren Mann als »Erzieher« gesagt hatte.
+
+Der Heilige Abend kam und verging ähnlich wie das Jahr vorher; aus
+Hohen-Cremmen kamen Geschenke und Briefe; Gieshübler war wieder mit
+einem Huldigungsvers zur Stelle, und Vetter Briest sandte eine Karte:
+Schneelandschaft mit Telegrafenstangen, auf deren Draht geduckt ein
+Vögelchen saß. Auch für Annie war aufgebaut: ein Baum mit Lichtern,
+und das Kind griff mit seinen Händchen danach. Innstetten, unbefangen
+und heiter, schien sich seines häuslichen Glücks zu freuen und
+beschäftigte sich viel mit dem Kinde. Roswitha war erstaunt, den
+gnädigen Herrn so zärtlich und zugleich so aufgeräumt zu sehen. Auch
+Effi sprach viel und lachte viel, es kam ihr aber nicht aus innerster
+Seele. Sie fühlte sich bedrückt und wußte nur nicht, wen sie dafür
+verantwortlich machen sollte, Innstetten oder sich selber. Von Crampas
+war kein Weihnachtsgruß eingetroffen; eigentlich war es ihr lieb, aber
+auch wieder nicht, seine Huldigungen erfüllten sie mit einem gewissen
+Bangen, und seine Gleichgültigkeiten verstimmten sie; sie sah ein, es
+war nicht alles so, wie's sein sollte.
+
+»Du bist so unruhig«, sagte Innstetten nach einer Weile.
+
+»Ja. Alle Welt hat es so gut mit mir gemeint, am meisten du; das
+bedrückt mich, weil ich fühle, daß ich es nicht verdiene.«
+
+»Damit darf man sich nicht quälen, Effi. Zuletzt ist es doch so: Was
+man empfängt, das hat man auch verdient.«
+
+Effi hörte scharf hin, und ihr schlechtes Gewissen ließ sie selber
+fragen, ob er das absichtlich in so zweideutiger Form gesagt habe.
+
+Spät gegen Abend kam Pastor Lindequist, um zu gratulieren und noch
+wegen der Partie nach der Oberförsterei Uvagla hin anzufragen, die
+natürlich eine Schlittenpartie werden müsse. Crampas habe ihm einen
+Platz in seinem Schlitten angeboten, aber weder der Major noch sein
+Bursche, der, wie alles, auch das Kutschieren übernehmen solle,
+kenne den Weg, und so würde es sich vielleicht empfehlen, die Fahrt
+gemeinschaftlich zu machen, wobei dann der landrätliche Schlitten die
+Tete zu nehmen und der Crampassche zu folgen hätte. Wahrscheinlich
+auch der Gieshüblersche. Denn mit der Wegkenntnis Mirambos, dem sich
+unerklärlicherweise Freund Alonzo, der doch sonst so vorsichtig,
+anvertrauen wolle, stehe es wahrscheinlich noch schlechter als mit der
+des sommersprossigen Treptower Ulanen. Innstetten, den diese kleinen
+Verlegenheiten erheiterten, war mit Lindequists Vorschlag durchaus
+einverstanden und ordnete die Sache dahin, daß er pünktlich um zwei
+Uhr über den Marktplatz fahren und ohne alles Säumen die Führung des
+Zuges in die Hand nehmen werde.
+
+Nach diesem Übereinkommen wurde denn auch verfahren, und als
+Innstetten Punkt zwei Uhr den Marktplatz passierte, grüßte Crampas
+zunächst von seinem Schlitten aus zu Effi hinüber und schloß sich
+dann dem Innstettenschen an. Der Pastor saß neben ihm. Gieshüblers
+Schlitten, mit Gieshübler selbst und Doktor Hannemann, folgte, jener
+in einem eleganten Büffelrock und Marderbesatz, dieser in einem
+Bärenpelz, dem man ansah, daß er wenigstens dreißig Dienstjahre
+zählte. Hannemann war nämlich in seiner Jugend Schiffschirurgus auf
+einem Grönlandfahrer gewesen. Mirambo saß vorn, etwas aufgeregt wegen
+Unkenntnis im Kutschieren, ganz wie Lindequist vermutet hatte.
+
+Schon nach zwei Minuten war man an Utpatels Mühle vorbei.
+
+Zwischen Kessin und Uvagla (wo der Sage nach ein Wendentempel
+gestanden) lag ein nur etwa tausend Schritt breiter, aber wohl
+anderthalb Meilen langer Waldstreifen, der an seiner rechten
+Längsseite das Meer, an seiner linken, bis weit an den Horizont hin,
+ein großes, überaus fruchtbares und gut angebautes Stück Land hatte.
+Hier, an der Binnenseite, flogen jetzt die drei Schlitten hin, in
+einiger Entfernung ein paar alte Kutschwagen vor sich, in denen aller
+Wahrscheinlichkeit nach andere nach der Oberförsterei hin eingeladene
+Gäste saßen. Einer dieser Wagen war an seinen altmodisch hohen Rädern
+deutlich zu erkennen, es war der Papenhagensche. Natürlich. Güldenklee
+galt als der beste Redner des Kreises (noch besser als Borcke, ja
+selbst besser als Grasenabb) und durfte bei Festlichkeiten nicht
+leicht fehlen. Die Fahrt ging rasch - auch die herrschaftlichen
+Kutscher strengten sich an und wollten sich nicht überholen lassen -,
+so daß man schon um drei vor der Oberförsterei hielt. Ring, ein
+stattlicher, militärisch dreinschauender Herr von Mitte Fünfzig,
+der den ersten Feldzug in Schleswig noch unter Wrangel und Bonin
+mitgemacht und sich bei Erstürmung des Danewerks ausgezeichnet hatte,
+stand in der Tür und empfing seine Gäste, die, nachdem sie abgelegt
+und die Frau des Hauses begrüßt hatten, zunächst vor einem
+langgedeckten Kaffeetisch Platz nahmen, auf dem kunstvoll
+aufgeschichtete Kuchenpyramiden standen. Die Oberförsterin, eine von
+Natur sehr ängstliche, zum mindesten aber sehr befangene Frau, zeigte
+sich auch als Wirtin so, was den überaus eitlen Oberförster, der für
+Sicherheit und Schneidigkeit war, ganz augenscheinlich verdroß. Zum
+Glück kam sein Unmut zu keinem Ausbruch, denn von dem, was seine
+Frau vermissen ließ, hatten seine Töchter desto mehr, bildhübsche
+Backfische von vierzehn und dreizehn, die ganz nach dem Vater
+schlugen. Besonders die ältere, Cora, kokettierte sofort mit
+Innstetten und Crampas, und beide gingen auch darauf ein. Effi ärgerte
+sich darüber und schämte sich dann wieder, daß sie sich geärgert habe.
+Sie saß neben Sidonie von Grasenabb und sagte: »Sonderbar, so bin ich
+auch gewesen, als ich vierzehn war.«
+
+Effi rechnete darauf, daß Sidonie dies bestreiten oder doch wenigstens
+Einschränkungen machen würde. Statt dessen sagte diese: »Das kann ich
+mir denken.«
+
+»Und wie der Vater sie verzieht«, fuhr Effi halb verlegen und nur, um
+doch was zu sagen, fort.
+
+Sidonie nickte. »Da liegt es. Keine Zucht. Das ist die Signatur
+unserer Zeit.«
+
+Effi brach nun ab.
+
+Der Kaffee war bald genommen, und man stand auf, um noch einen
+halbstündigen Spaziergang in den umliegenden Wald zu machen, zunächst
+auf ein Gehege zu, drin Wild eingezäunt war. Cora öffnete das Gatter,
+und kaum, daß sie eingetreten, so kamen auch schon die Rehe auf
+sie zu. Es war eigentlich reizend, ganz wie ein Märchen. Aber die
+Eitelkeit des jungen Dinges, das sich bewußt war, ein lebendes Bild zu
+stellen, ließ doch einen reinen Eindruck nicht aufkommen, am wenigsten
+bei Effi. »Nein«, sagte sie zu sich selber, »so bin ich doch nicht
+gewesen. Vielleicht hat es mir auch an Zucht gefehlt, wie diese
+furchtbare Sidonie mir eben andeutete, vielleicht auch anderes noch.
+Man war zu Haus zu gütig gegen mich, man liebte mich zu sehr. Aber das
+darf ich doch wohl sagen, ich habe mich nie geziert. Das war immer
+Huldas Sache. Darum gefiel sie mir auch nicht, als ich diesen Sommer
+sie wiedersah.
+
+Auf dem Rückwege vom Wald nach der Oberförsterei begann es zu
+schneien. Crampas gesellte sich zu Effi und sprach ihr sein Bedauern
+aus, daß er noch nicht Gelegenheit gehabt habe, sie zu begrüßen.
+Zugleich wies er auf die großen, schweren Schneeflocken, die fielen,
+und sagte: »Wenn das so weitergeht, so schneien wir hier ein.«
+
+»Das wäre nicht das Schlimmste. Mit dem Eingeschneitwerden verbinde
+ich von langer Zeit her eine freundliche Vorstellung, eine Vorstellung
+von Schutz und Beistand.«
+
+»Das ist mir neu, meine gnädigste Frau.«
+
+»Ja«, fuhr Effi fort und versuchte zu lachen, »mit den Vorstellungen
+ist es ein eigen Ding, man macht sie sich nicht bloß nach dem, was
+man persönlich erfahren hat, auch nach dem, was man irgendwo gehört
+oder ganz zufällig weiß. Sie sind so belesen, Major, aber mit einem
+Gedicht - freilich keinem Heineschen, keinem 'Seegespenst' und
+keinem 'Vitzliputzli' - bin ich Ihnen, wie mir scheint, doch voraus.
+Dies Gedicht heißt die 'Gottesmauer', und ich hab es bei unserm
+Hohen-Cremmer Pastor vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ganz
+klein war, auswendig gelernt.«
+
+»Gottesmauer«, wiederholte Crampas. »Ein hübscher Titel, und wie
+verhält es sich damit?«
+
+»Eine kleine Geschichte, nur ganz kurz. Da war irgendwo Krieg, ein
+Winterfeldzug, und eine alte Witwe, die sich vor dem Feinde mächtig
+fürchtete, betete zu Gott, er möge doch 'eine Mauer um sie bauen',
+um sie vor dem Landesfeinde zu schützen. Und da ließ Gott das Haus
+einschneien, und der Feind zog daran vorüber.«
+
+Crampas war sichtlich betroffen und wechselte das Gespräch.
+
+Als es dunkelte, waren alle wieder in der Oberförsterei zurück.
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel
+
+Gleich nach sieben ging man zu Tisch, und alles freute sich, daß der
+Weihnachtsbaum, eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne, noch
+einmal angesteckt wurde. Crampas, der das Ringsche Haus noch nicht
+kannte, war helle Bewunderung. Der Damast, die Weinkühler, das
+reiche Silbergeschirr, alles wirkte herrschaftlich, weit über
+oberförsterliche Durchschnittsverhältnisse hinaus, was darin seinen
+Grund hatte, daß Rings Frau, so scheu und verlegen sie war, aus einem
+reichen Danziger Kornhändlerhause stammte. Von daher rührten auch die
+meisten der ringsumher hängenden Bilder: der Kornhändler und seine
+Frau, der Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem berühmten
+Memlingschen Altarbild in der Danziger Marienkirche. Kloster Olivia
+war zweimal da, einmal in Öl und einmal in Kork geschnitzt. Außerdem
+befand sich über dem Büfett ein sehr nachgedunkeltes Porträt des
+alten Nettelbeck, das noch aus dem bescheidenen Mobiliar des erst vor
+anderthalb Jahren verstorbenen Ringschen Amtsvorgängers herrührte.
+Niemand hatte damals bei der gewöhnlich stattfindenden Auktion das
+Bild des Alten haben wollen, bis Innstetten, der sich über diese
+Mißachtung ärgerte, darauf geboten hatte. Da hatte sich denn auch
+Ring patriotisch besonnen, und der alte Kolbergverteidiger war der
+Oberförsterei verblieben.
+
+Das Nettelbeckbild ließ ziemlich viel zu wünschen übrig; sonst aber
+verriet alles, wie schon angedeutet, eine beinahe an Glanz streifende
+Wohlhabenheit, und dem entsprach denn auch das Mahl, das aufgetragen
+wurde. Jeder hatte mehr oder weniger seine Freude daran, mit Ausnahme
+Sidoniens. Diese saß zwischen Innstetten und Lindequist und sagte, als
+sie Coras ansichtig wurde: »Da ist ja wieder dies unausstehliche Balg,
+diese Cora. Sehen Sie nur, Innstetten, wie sie die kleinen Weingläser
+präsentiert, ein wahres Kunststück, sie könnte jeden Augenblick
+Kellnerin werden. Ganz unerträglich. Und dazu die Blicke von Ihrem
+Freund Crampas! Das ist so die rechte Saat! Ich frage Sie, was soll
+dabei herauskommen?«
+
+Innstetten, der ihr eigentlich zustimmte, fand trotzdem den Ton, in
+dem das alles gesagt wurde, so verletzend herbe daß er spöttisch
+bemerkte: »Ja, meine Gnädigste, was dabei herauskommen soll? Ich weiß
+es auch nicht« - worauf sich Sidonie von ihm ab- und ihrem Nachbarn
+zur Linken zuwandte:
+
+»Sagen Sie, Pastor, ist diese vierzehnjährige Kokette schon im
+Unterricht bei Ihnen?«
+
+»Ja, mein gnädiges Fräulein.«
+
+»Dann müssen Sie mir die Bemerkung verzeihen, daß Sie sie nicht in die
+richtige Schule genommen haben. Ich weiß wohl, es hält das heutzutage
+sehr schwer, aber ich weiß auch, daß die, denen die Fürsorge für junge
+Seelen obliegt, es vielfach an dem rechten Ernst fehlen lassen. Es
+bleibt dabei, die Hauptschuld tragen die Eltern und Erzieher.«
+
+Lindequist, denselben Ton anschlagend wie Innstetten, antwortete, daß
+das alles sehr richtig, der Geist der Zeit aber zu mächtig sei.
+
+»Geist der Zeit!« sagte Sidonie. »Kommen Sie mir nicht damit. Das
+kann ich nicht hören, das ist der Ausdruck höchster Schwäche,
+Bankrotterklärung. Ich kenne das; nie scharf zufassen wollen, immer
+dem Unbequemen aus dem Wege gehen. Denn Pflicht ist unbequem. Und so
+wird nur allzuleicht vergessen, daß das uns anvertraute Gut auch mal
+von uns zurückgefordert wird. Eingreifen, lieber Pastor, Zucht. Das
+Fleisch ist schwach, gewiß, aber ...«
+
+In diesem Augenblick kam ein englisches Roastbeef, von dem Sidonie
+ziemlich ausgiebig nahm, ohne Lindequists Lächeln dabei zu bemerken.
+Und weil sie's nicht bemerkte, so durfte es auch nicht wundernehmen,
+daß sie mit viel Unbefangenheit fortfuhr: »Es kann übrigens alles, was
+Sie hier sehen, nicht wohl anders sein; alles ist schief und verfahren
+von Anfang an. Ring, Ring - wenn ich nicht irre, hat es drüben in
+Schweden oder da herum mal einen Sagenkönig dieses Namens gegeben.
+Nun sehen Sie, benimmt er sich nicht, als ob er von dem abstamme?
+Und seine Mutter, die ich noch gekannt habe, war eine Plättfrau in
+Köslin.«
+
+»Ich kann darin nichts Schlimmes finden.«
+
+»Schlimmes finden? Ich auch nicht. Und jedenfalls gibt es Schlimmeres.
+Aber soviel muß ich doch von Ihnen, als einem geweihten Diener der
+Kirche, gewärtigen dürfen, daß Sie die gesellschaftlichen Ordnungen
+gelten lassen. Ein Oberförster ist ein bißchen mehr als ein Förster,
+und ein Förster hat nicht solche Weinkühler und solch Silberzeug;
+das alles ist ungehörig und zieht dann solche Kinder groß wie dies
+Fräulein Cora.«
+
+Sidonie, jedesmal bereit, irgendwas Schreckliches zu prophezeien, wenn
+sie, vom Geist überkommen, die Schalen ihres Zorns ausschüttete, würde
+sich auch heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft gesteigert
+haben, wenn nicht in ebendiesem Augenblick die dampfende Punschbowle
+- womit die Weihnachtsreunions bei Ring immer abschlossen - auf
+der Tafel erschienen wäre, dazu Krausgebackenes, das, geschickt
+übereinandergetürmt, noch weit über die vor einigen Stunden
+aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs. Und nun trat auch Ring
+selbst, der sich bis dahin etwas zurückgehalten hatte, mit einer
+gewissen strahlenden Feierlichkeit in Aktion und begann die vor ihm
+stehenden Gläser, große geschliffene Römer, in virtuosem Bogensturz zu
+füllen, ein Einschenkekunststück, das die stets schlagfertige Frau von
+Padden, die heute leider fehlte, mal als »Ringsche Füllung en cascade«
+bezeichnet hatte. Rotgolden wölbte sich dabei der Strahl, und kein
+Tropfen durfte verlorengehen. So war es auch heute wieder. Zuletzt
+aber, als jeder, was ihm zukam, in Händen hielt - auch Cora, die sich
+mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf »Onkel Crampas'«
+Schoß gesetzt hatte -, erhob sich der alte Papenhagner, um, wie
+herkömmlich bei Festlichkeiten der Art, einen Toast auf seinen lieben
+Oberförster auszubringen. Es gäbe viele Ringe, so etwa begann er,
+Jahresringe, Gardinenringe, Trauringe, und was nun gar - denn auch
+davon dürfe sich am Ende wohl sprechen lassen - die Verlobungsringe
+angehe, so sei glücklicherweise die Gewähr gegeben, daß einer davon
+in kürzester Frist in diesem Hause sichtbar werden und den Ringfinger
+(und zwar hier in einem doppelten Sinne den Ringfinger) eines kleinen
+hübschen Pätschelchens zieren werde...
+
+»Unerhört«, raunte Sidonie dem Pastor zu.
+
+»Ja, meine Freunde«, fuhr Güldenklee mit gehobener Stimme fort, »viele
+Ringe gibt es, und es gibt sogar eine Geschichte, die wir alle kennen,
+die die Geschichte von den 'drei Ringen' heißt, eine Judengeschichte,
+die, wie der ganze liberale Krimskrams, nichts wie Verwirrung und
+Unheil gestiftet hat und noch stiftet. Gott bessere es. Und nun lassen
+Sie mich schließen, um Ihre Geduld und Nachsicht nicht über Gebühr in
+Anspruch zu nehmen. Ich bin nicht für diese drei Ringe, meine Lieben,
+ich bin vielmehr für einen Ring, für einen Ring, der so recht ein Ring
+ist, wie er sein soll, ein Ring, der alles Gute, was wir in unsrem
+altpommerschen Kessiner Kreise haben, alles, was noch mit Gott für
+König und Vaterland einsteht - und es sind ihrer noch einige (lauter
+Jubel) -, an diesem seinem gastlichen Tisch vereinigt sieht. Für
+diesen Ring bin ich. Er lebe hoch!«
+
+Alles stimmte ein und umdrängte Ring, der, solange das dauerte, das
+Amt des »Einschenkens en cascade« an den ihm gegenübersitzenden
+Crampas abtreten mußte; der Hauslehrer aber stürzte von seinem Platz
+am unteren Ende der Tafel an das Klavier und schlug die ersten Takte
+des Preußenliedes an, worauf alles stehend und feierlich einfiel: »Ich
+bin ein Preuße ... will ein Preuße sein.«
+
+»Es ist doch etwas Schönes«, sagte gleich nach der ersten Strophe der
+alte Borcke zu Innstetten, »so was hat man in anderen Ländern nicht.«
+
+»Nein«, antwortete Innstetten, der von solchem Patriotismus nicht viel
+hielt, »in anderen Ländern hat man was anderes.«
+
+Man sang alle Strophen durch, dann hieß es, die Wagen seien
+vorgefahren, und gleich danach erhob sich alles, um die Pferde nicht
+warten zu lassen. Denn diese Rücksicht »auf die Pferde« ging auch im
+Kreise Kessin allem anderen vor. Im Hausflur standen zwei hübsche
+Mägde, Ring hielt auf dergleichen, um den Herrschaften beim Anziehen
+ihrer Pelze behilflich zu sein. Alles war heiter angeregt, einige mehr
+als das, und das Einsteigen in die verschiedenen Gefährte schien sich
+schnell und ohne Störung vollziehen zu sollen, als es mit einemmal
+hieß, der Gieshüblersche Schlitten sei nicht da. Gieshübler selbst war
+viel zu artig, um gleich Unruhe zu zeigen oder gar Lärm zu machen;
+endlich aber, weil doch wer das Wort nehmen mußte, fragte Crampas, was
+es denn eigentlich sei.
+
+»Mirambo kann nicht fahren«, sagte der Hofknecht; »das linke Pferd hat
+ihn beim Anspannen vor das Schienbein geschlagen. Er liegt im Stall
+und schreit.«
+
+Nun wurde natürlich nach Doktor Hannemann gerufen, der denn auch
+hinausging und nach fünf Minuten mit echter Chirurgenruhe versicherte:
+ja, Mirambo müsse zurückbleiben; es sei vorläufig in der Sache nichts
+zu machen als stilliegen und kühlen. Übrigens von Bedenklichem keine
+Rede. Das war nun einigermaßen ein Trost, aber schaffte doch die
+Verlegenheit, wie der Gieshüblersche Schlitten zurückzufahren sei,
+nicht aus der Welt, bis Innstetten erklärte, daß er für Mirambo
+einzutreten und das Zwiegestirn von Doktor und Apotheker persönlich
+glücklich heimzusteuern gedenke. Lachend und unter ziemlich
+angeheiterten Scherzen gegen den verbindlichsten aller Landräte, der
+sich, um hilfreich zu sein, sogar von seiner jungen Frau trennen
+wolle, wurde dem Vorschlag zugestimmt, und Innstetten, mit Gieshübler
+und dem Doktor im Fond, nahm jetzt wieder die Tete. Crampas und
+Lindequist folgten unmittelbar. Und als gleich danach auch Kruse mit
+dem landrätlichen Schlitten vorfuhr, trat Sidonie lächelnd an Effi
+heran und bat diese, da ja nun ein Platz frei sei, mit ihr fahren zu
+dürfen. »In unserer Kutsche ist es immer so stickig; mein Vater liebt
+das. Und außerdem, ich möchte so gerne mit Ihnen plaudern. Aber nur
+bis Quappendorf. Wo der Morgnitzer Weg abzweigt, steig ich aus und muß
+dann wieder in unseren unbequemen Kasten. Und Papa raucht auch noch.«
+
+Effi war wenig erfreut über diese Begleitung und hätte die Fahrt
+lieber allein gemacht; aber ihr blieb keine Wahl, und so stieg denn
+das Fräulein ein, und kaum daß beide Damen ihre Plätze genommen
+hatten, so gab Kruse den Pferden auch schon einen Peitschenknips, und
+von der oberförsterlichen Rampe her, von der man einen prächtigen
+Ausblick auf das Meer hatte, ging es die ziemlich steile Düne hinunter
+auf den Strandweg zu, der, eine Meile lang, in beinahe gerader Linie
+bis an das Kessiner Strandhotel und von dort aus, rechts einbiegend,
+durch die Plantage hin in die Stadt führte.
+
+Der Schneefall hatte schon seit ein paar Stunden aufgehört, die Luft
+war frisch, und auf das weite dunkelnde Meer fiel der matte Schein der
+Mondsichel. Kruse fuhr hart am Wasser hin, mitunter den Schaum der
+Brandung durchschneidend, und Effi, die etwas fröstelte, wickelte sich
+fester in ihren Mantel und schwieg noch immer und mit Absicht. Sie
+wußte recht gut, daß das mit der »stickigen Kutsche« bloß ein Vorwand
+gewesen und daß sich Sidonie nur zu ihr gesetzt hatte, um ihr etwas
+Unangenehmes zu sagen. Und das kam immer noch früh genug. Zudem
+war sie wirklich müde, vielleicht von dem Spaziergange im Walde,
+vielleicht auch von dem oberförsterlichen Punsch, dem sie, auf Zureden
+der neben ihr sitzenden Frau von Flemming, tapfer zugesprochen hatte.
+Sie tat denn auch, als ob sie schliefe, schloß die Augen und neigte
+den Kopf immer mehr nach links.
+
+»Sie sollten sich nicht so sehr nach links beugen, meine gnädigste
+Frau. Fährt der Schlitten auf einen Stein, so fliegen Sie hinaus. Ihr
+Schlitten hat ohnehin kein Schutzleder und, wie ich sehe, auch nicht
+einmal die Haken dazu.«
+
+»Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben so was Prosaisches.
+Und dann, wenn ich hinausflöge, mir wär es recht, am liebsten gleich
+in die Brandung. Freilich ein etwas kaltes Bad, aber was tut's ...
+Übrigens, hören Sie nichts?«
+
+»Nein.«
+
+»Hören Sie nicht etwas wie Musik?« »Orgel?«
+
+»Nein, nicht Orgel. Da würd ich denken, es sei das Meer. Aber es
+ist etwas anderes, ein unendlich feiner Ton, fast wie menschliche
+Stimme ...«
+
+»Das sind Sinnestäuschungen«, sagte Sidonie, die jetzt den richtigen
+Einsetzmoment gekommen glaubte. »Sie sind nervenkrank. Sie hören
+Stimmen. Gebe Gott, daß Sie auch die richtige Stimme hören.«
+
+»Ich höre ... nun, gewiß, es ist Torheit, ich weiß, sonst würd ich mir
+einbilden, ich hätte die Meerfrauen singen hören ... Aber, ich bitte
+Sie, was ist das? Es blitzt ja bis hoch in den Himmel hinauf. Das muß
+ein Nordlicht sein.«
+
+»Ja«, sagte Sidonie. »Gnädigste Frau tun ja, als ob es ein Weltwunder
+wäre. Das ist es nicht. Und wenn es dergleichen wäre, wir haben uns
+vor Naturkultus zu hüten. Übrigens ein wahres Glück, daß wir außer
+Gefahr sind, unsern Freund Oberförster, diesen eitelsten aller
+Sterblichen, über dies Nordlicht sprechen zu hören. Ich wette, daß er
+sich einbilden würde, das tue ihm der Himmel zu Gefallen, um sein Fest
+noch festlicher zu machen. Er ist ein Narr. Güldenklee konnte Besseres
+tun, als ihn feiern. Und dabei spielt er sich auf den Kirchlichen aus
+und hat auch neulich eine Altardecke geschenkt. Vielleicht, daß Cora
+daran mitgestickt hat. Diese Unechten sind schuld an allem, denn ihre
+Weltlichkeit liegt immer obenauf und wird denen mit angerechnet, die's
+ernst mit dem Heil ihrer Seele meinen.«
+
+»Es ist so schwer, ins Herz zu sehen!«
+
+»Ja. Das ist es. Aber bei manchem ist es auch ganz leicht.« Und dabei
+sah sie die junge Frau mit beinahe ungezogener Eindringlichkeit an.
+Effi schwieg und wandte sich ungeduldig zur Seite.
+
+»Bei manchem, sag ich, ist es ganz leicht«, wiederholte Sidonie, die
+ihren Zweck erreicht hatte und deshalb ruhig lächelnd fortfuhr. »Und
+zu diesen leichten Rätseln gehört unser Oberförster. Wer seine Kinder
+so erzieht, den beklag ich, aber das eine Gute hat es, es liegt bei
+ihm alles klar da. Und wie bei ihm selbst, so bei den Töchtern. Cora
+geht nach Amerika und wird Millionärin oder Methodistenpredigerin;
+in jedem Fall ist sie verloren. Ich habe noch keine Vierzehnjährige
+gesehen ...«
+
+In diesem Augenblick hielt der Schlitten, und als sich beide Damen
+umsahen, um in Erfahrung zu bringen, was es denn eigentlich sei,
+bemerkten sie, daß rechts von ihnen, in etwa dreißig Schritt Abstand,
+auch die beiden anderen Schlitten hielten - am weitesten nach rechts
+der von Innstetten geführte, näher heran der Crampassche.
+
+»Was ist?« fragte Effi.
+
+Kruse wandte sich halb herum und sagte: »Der Schloon, gnäd'ge Frau.«
+
+»Der Schloon? Was ist das? Ich sehe nichts.«
+
+Kruse wiegte den Kopf hin und her, wie wenn er ausdrücken wollte, daß
+die Frage leichter gestellt als beantwortet sei.
+
+Worin er auch recht hatte. Denn was der Schloon sei, das war nicht
+so mit drei Worten zu sagen. Kruse fand aber in seiner Verlegenheit
+alsbald Hilfe bei dem gnädigen Fräulein, das hier mit allem Bescheid
+wußte und natürlich auch mit dem Schloon.
+
+»Ja, meine gnädigste Frau«, sagte Sidonie, »da steht es schlimm. Für
+mich hat es nicht viel auf sich, ich komme bequem durch; denn wenn
+erst die Wagen heran sind, die haben hohe Räder, und unsere Pferde
+sind außerdem daran gewöhnt. Aber mit solchem Schlitten ist es was
+anderes; die versinken im Schloon, und Sie werden wohl oder übel einen
+Umweg machen müssen.«
+
+»Versinken! Ich bitte Sie, mein gnädigstes Fräulein, ich sehe noch
+immer nicht klar. Ist denn der Schloon ein Abgrund oder irgendwas,
+drin man mit Mann und Maus zugrunde gehen muß? Ich kann mir so was
+hierzulande gar nicht denken.«
+
+»Und doch ist es so was, nur freilich im kleinen; dieser Schloon ist
+eigentlich bloß ein kümmerliches Rinnsal, das hier rechts vom Gothener
+See herunterkommt und sich durch die Dünen schleicht. Und im Sommer
+trocknet es mitunter ganz aus, und Sie fahren dann ruhig drüber hin
+und wissen es nicht einmal.«
+
+»Und im Winter?«
+
+»Ja, im Winter, da ist es was anderes; nicht immer, aber doch oft. Da
+wird es dann ein Sog.«
+
+»Mein Gott, was sind das nur alles für Namen und Wörter!«
+
+»... Da wird es ein Sog, und am stärksten immer dann, wenn der Wind
+nach dem Lande hin steht. Dann drückt der Wind das Meerwasser in das
+kleine Rinnsal hinein, aber nicht so, daß man es sehen kann. Und das
+ist das Schlimmste von der Sache, darin steckt die eigentliche Gefahr.
+Alles geht nämlich unterirdisch vor sich, und der ganze Strandsand ist
+dann bis tief hinunter mit Wasser durchsetzt und gefüllt. Und wenn man
+dann über solche Sandstelle weg will, die keine mehr ist, dann sinkt
+man ein, als ob es ein Sumpf oder ein Moor wäre.«
+
+»Das kenn ich«, sagte Effi lebhaft. »Das ist wie in unsrem Luch«,
+und inmitten all ihrer Ängstlichkeit wurde ihr mit einem Male ganz
+wehmütig freudig zu Sinn.
+
+Während das Gespräch noch so ging und sich fortsetzte, war Crampas
+aus seinem Schlitten ausgestiegen und auf den am äußersten Flügel
+haltenden Gieshüblerschen zugeschritten, um hier mit Innstetten zu
+verabreden, was nun wohl eigentlich zu tun sei. Knut, so meldete
+er, wolle die Durchfahrt riskieren, aber Knut sei dumm und verstehe
+nichts von der Sache; nur solche, die hier zu Hause seien, müßten die
+Entscheidung treffen. Innstetten - sehr zu Crampas' Überraschung - war
+auch fürs »Riskieren«, es müsse durchaus noch mal versucht werden ...
+er wisse schon, die Geschichte wiederholte sich jedesmal: Die Leute
+hier hätten einen Aberglauben und vorweg eine Furcht, während es
+doch eigentlich wenig zu bedeuten habe. Nicht Knut, der wisse nicht
+Bescheid, wohl aber Kruse solle noch einmal einen Anlauf nehmen und
+Crampas derweilen bei den Damen einsteigen (ein kleiner Rücksitz sei
+ja noch da), um bei der Hand zu sein, wenn der Schlitten umkippe. Das
+sei doch schließlich das Schlimmste, was geschehen könne.
+
+Mit dieser Innstettenschen Botschaft erschien jetzt Crampas bei den
+beiden Damen und nahm, als er lachend seinen Auftrag ausgeführt hatte,
+ganz nach empfangener Order den kleinen Sitzplatz ein, der eigentlich
+nichts als eine mit Tuch überzogene Leiste war, und rief Kruse zu:
+»Nun, vorwärts, Kruse.«
+
+Dieser hatte denn auch die Pferde bereits um hundert Schritte
+zurückgezoppt und hoffte, scharf anfahrend, den Schlitten glücklich
+durchbringen zu können; im selben Augenblick aber, wo die Pferde den
+Schloon auch nur berührten, sanken sie bis über die Knöchel in den
+Sand ein, so daß sie nur mit Mühe nach rückwärts wieder heraus
+konnten.
+
+»Es geht nicht«, sagte Crampas, und Kruse nickte.
+
+Während sich dies abspielte, waren endlich auch die Kutschen
+herangekommen, die Grasenabbsche vorauf, und als Sidonie, nach kurzem
+Dank gegen Effi, sich verabschiedet und dem seine türkische Pfeife
+rauchenden Vater gegenüber ihren Rückplatz eingenommen hatte, ging es
+mit dem Wagen ohne weiteres auf den Schloon zu; die Pferde sanken tief
+ein, aber die Räder ließen alle Gefahr leicht überwinden, und ehe eine
+halbe Minute vorüber war, trabten auch schon die Grasenabbs drüben
+weiter. Die andern Kutschen folgten. Effi sah ihnen nicht ohne Neid
+nach. Indessen nicht lange, denn auch für die Schlittenfahrer war in
+der zwischenliegenden Zeit Rat geschafft worden, und zwar einfach
+dadurch, daß sich Innstetten entschlossen hatte, statt aller weiteren
+Forcierung das friedlichere Mittel eines Umwegs zu wählen. Also genau
+das, was Sidonie gleich anfangs in Sicht gestellt hatte. Vom rechten
+Flügel her klang des Landrats bestimmte Weisung herüber, vorläufig
+diesseits zu bleiben und ihm durch die Dünen hin bis an eine weiter
+hinauf gelegene Bohlenbrücke zu folgen. Als beide Kutscher, Knut
+und Kruse, so verständigt waren, trat der Major, der, um Sidonie zu
+helfen, gleichzeitig mit dieser ausgestiegen war, wieder an Effi heran
+und sagte: »Ich kann Sie nicht allein lassen, gnäd'ge Frau.«
+
+Effi war einen Augenblick unschlüssig, rückte dann aber rasch von der
+einen Seite nach der anderen hinüber, und Crampas nahm links neben ihr
+Platz.
+
+All dies hätte vielleicht mißdeutet werden können, Crampas selbst aber
+war zu sehr Frauenkenner, um es sich bloß in Eitelkeit zurechtzulegen.
+Er sah deutlich, daß Effi nur tat, was nach Lage der Sache das einzig
+Richtige war. Es war unmöglich für sie, sich seine Gegenwart zu
+verbitten. Und so ging es denn im Fluge den beiden anderen Schlitten
+nach, immer dicht an dem Wasserlauf hin, an dessen anderem Ufer dunkle
+Waldmassen aufragten. Effi sah hinüber und nahm an, daß schließlich an
+dem landeinwärts gelegenen Außenrand des Waldes hin die Weiterfahrt
+gehen würde, genau also den Weg entlang, auf dem man in früher
+Nachmittagsstunde gekommen war. Innstetten aber hatte sich inzwischen
+einen anderen Plan gemacht, und im selben Augenblick, wo sein
+Schlitten die Bohlenbrücke passierte, bog er, statt den Außenweg zu
+wählen, in einen schmaleren Weg ein, der mitten durch die dichte
+Waldmasse hindurchführte. Effi schrak zusammen. Bis dahin waren Luft
+und Licht um sie her gewesen, aber jetzt war es damit vorbei, und die
+dunklen Kronen wölbten sich über ihr. Ein Zittern überkam sie, und sie
+schob die Finger fest ineinander, um sich einen Halt zu geben Gedanken
+und Bilder jagten sich, und eines dieser Bilder war das Mütterchen in
+dem Gedichte, das die »Gottesmauer« hieß, und wie das Mütterchen, so
+betete auch sie jetzt, daß Gott eine Mauer um sie her bauen möge.
+Zwei, drei Male kam es auch über ihre Lippen, aber mit einemmal fühlte
+sie, daß es tote Worte waren. Sie fürchtete sich und war doch zugleich
+wie in einem Zauberbann und wollte auch nicht heraus.
+
+»Effi«, klang es jetzt leise an ihr Ohr, und sie hörte, daß seine
+Stimme zitterte. Dann nahm er ihre Hand und löste die Finger, die sie
+noch immer geschlossen hielt, und überdeckte sie mit heißen Küssen. Es
+war ihr, als wandle sie eine Ohnmacht an.
+
+Als sie die Augen wieder öffnete, war man aus dem Wald heraus, und in
+geringer Entfernung vor sich hörte sie das Geläut der vorauseilenden
+Schlitten. Immer vernehmlicher klang es, und als man, dicht vor
+Utpatels Mühle, von den Dünen her in die Stadt einbog, lagen rechts
+die kleinen Häuser mit ihren Schneedächern neben ihnen.
+
+Effi blickte sich um, und im nächsten Augenblick hielt der Schlitten
+vor dem landrätlichen Hause.
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel
+
+Innstetten, der Effi, als er sie aus dem Schlitten hob, scharf
+beobachtete, aber doch ein Sprechen über die sonderbare Fahrt zu
+zweien vermieden hatte, war am anderen Morgen früh auf und suchte
+seiner Verstimmung, die noch nachwirkte, so gut es ging, Herr zu
+werden.
+
+»Du hast gut geschlafen?« sagte er, als Effi zum Frühstück kam.
+
+»Ja.«
+
+»Wohl dir. Ich kann dasselbe von mir nicht sagen. Ich träumte, daß
+du mit dem Schlitten im Schloon verunglückt seist, und Crampas mühte
+sich, dich zu retten; ich muß es so nennen, aber er versank mit dir.«
+
+»Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es verbirgt sich ein
+Vorwurf dahinter, und ich ahne, weshalb.«
+
+»Sehr merkwürdig.«
+
+»Du bist nicht einverstanden damit, daß Crampas kam und uns seine
+Hilfe anbot.«
+
+»Uns?«
+
+»Ja, uns. Sidonien und mir. Du mußt durchaus vergessen haben, daß
+der Major in deinem Auftrag kam. Und als er mir erst gegenübersaß,
+beiläufig jämmerlich genug auf der elenden schmalen Leiste, sollte
+ich ihn da ausweisen, als die Grasenabbs kamen und mit einem Male die
+Fahrt weiterging? Ich hätte mich lächerlich gemacht, und dagegen bist
+du doch so empfindlich. Erinnere dich, daß wir unter deiner Zustimmung
+viele Male gemeinschaftlich spazierengeritten sind, und nun sollte ich
+nicht gemeinschaftlich mit ihm fahren? Es ist falsch, so hieß es bei
+uns zu Haus, einem Edelmanne Mißtrauen zu zeigen.«
+
+»Einem Edelmanne«, sagte Innstetten mit Betonung.
+
+»Ist er keiner? Du hast ihn selbst einen Kavalier genannt, sogar einen
+perfekten Kavalier.«
+
+»Ja«, fuhr Innstetten fort, und seine Stimme wurde freundlicher,
+trotzdem ein leiser Spott noch darin nachklang. »Kavalier, das ist
+er, und ein perfekter Kavalier, das ist er nun schon ganz gewiß. Aber
+Edelmann! Meine liebe Effi, ein Edelmann sieht anders aus. Hast du
+schon etwas Edles an ihm bemerkt? Ich nicht.«
+
+Effi sah vor sich hin und schwieg.
+
+»Es scheint, wir sind gleicher Meinung. Im übrigen, wie du schon
+sagtest, bin ich selber schuld; von einem Fauxpas mag ich nicht
+sprechen, das ist in diesem Zusammenhang kein gutes Wort. Also selber
+schuld, und es soll nicht wieder vorkommen, soweit ich's hindern kann.
+Aber auch du, wenn ich dir raten darf, sei auf deiner Hut. Er ist ein
+Mann der Rücksichtslosigkeiten und hat so seine Ansichten über junge
+Frauen. Ich kenne ihn von früher.«
+
+»Ich werde mir deine Worte gesagt sein lassen. Nur soviel, ich glaube,
+du verkennst ihn.«
+
+»Ich verkenne ihn nicht.«
+
+»Oder mich«, sagte sie mit einer Kraftanstrengung und versuchte seinem
+Blick zu begegnen.
+
+»Auch dich nicht, meine liebe Effi Du bist eine reizende kleine Frau,
+aber Festigkeit ist nicht eben deine Spezialität.«
+
+Er erhob sich, um zu gehen. Als er bis an die Tür gegangen war, trat
+Friedrich ein, um ein Gieshüblersches Billett abzugeben, das natürlich
+an die gnädige Frau gerichtet war.
+
+Effi nahm es. »Eine Geheimkorrespondenz mit Gieshüb1er«, sagte sie;
+»Stoff zu neuer Eifersucht für meinen gestrengen Herrn. Oder nicht?«
+
+»Nein, nicht ganz, meine liebe Effi. Ich begehe die Torheit, zwischen
+Crampas und Gieshübler einen Unterschied zu machen. Sie sind sozusagen
+nicht von gleichem Karat; nach Karat berechnet man nämlich den reinen
+Goldeswert, unter Umständen auch der Menschen. Mir persönlich, um
+auch das noch zu sagen, ist Gieshüblers weißes Jabot, trotzdem kein
+Mensch mehr Jabots trägt, erheblich lieber als Crampas' rot-blonder
+Sappeurbart. Aber ich bezweifle, daß dies weiblicher Geschmack ist.«
+
+»Du hältst uns für schwächer, als wir sind.«
+
+»Eine Tröstung von praktisch außerordentlicher Geringfügigkeit. Aber
+lassen wir das. Lies lieber.«
+
+Und Effi las: »Darf ich mich nach der gnäd'gen Frau Befinden
+erkundigen? Ich weiß nur, daß Sie dem Schloon glücklich entronnen
+sind; aber es blieb auch durch den Wald immer noch Fährlichkeit genug.
+Eben kommt Doktor Hannemann von Uvagla zurück und beruhigt mich über
+Mirambo; gestern habe er die Sache für bedenklicher angesehen, als er
+uns habe sagen wollen, heute nicht mehr. Es war eine reizende Fahrt.
+- In drei Tagen feiern wir Silvester. Auf eine Festlichkeit wie die
+vorjährige müssen wir verzichten; aber einen Ball haben wir natürlich,
+und Sie erscheinen zu sehen würde die Tanzwelt beglücken und nicht am
+wenigsten Ihren respektvollst ergebenen Alonzo G.«
+
+Effi lachte. »Nun, was sagst du?«
+
+»Nach wie vor nur das eine, daß ich dich lieber mit Gieshübler als mit
+Crampas sehe.«
+
+»Weil du den Crampas zu schwer und den Gieshübler zu leicht nimmst.«
+
+Innstetten drohte ihr scherzhaft mit dem Finger.
+
+Drei Tage später war Silvester. Effi erschien in einer reizenden
+Balltoilette, einem Geschenk, das ihr der Weihnachtstisch gebracht
+hatte; sie tanzte aber nicht, sondern nahm ihren Platz bei den alten
+Damen, für die, ganz in der Nähe der Musikempore, die Fauteuils
+gestellt waren. Von den adligen Familien, mit denen Innstettens
+vorzugsweise verkehrten, war niemand da, weil kurz vorher ein kleines
+Zerwürfnis mit dem städtischen Ressourcenvorstand, der, namentlich
+seitens des alten Güldenklee, mal wieder »destruktiver Tendenzen«
+beschuldigt worden war, stattgefunden hatte; drei, vier andere adlige
+Familien aber, die nicht Mitglieder der Ressource, sondern immer nur
+geladene Gäste waren und deren Güter an der anderen Seite der Kessine
+lagen, waren aus zum Teil weiter Entfernung über das Flußeis gekommen
+und freuten sich, an dem Fest teilnehmen zu können. Effi saß zwischen
+der alten Ritterschaftsrätin von Padden und einer etwas jüngeren Frau
+von Titzewitz.
+
+Die Ritterschaftsrätin, eine vorzügliche alte Dame, war in allen
+Stücken ein Original und suchte das, was die Natur, besonders durch
+starke Backenknochenbildung, nach der wendisch-heidnischen Seite hin
+für sie getan hatte, durch christlich-germanische Glaubensstrenge
+wieder in Ausgleich zu bringen.
+
+In dieser Strenge ging sie so weit, daß selbst Sidonie von Grasenabb
+eine Art Esprit fort neben ihr war, wogegen sie freilich - vielleicht
+weil sich die Radegaster und die Swantowiter Linie des Hauses in ihr
+vereinigten - über jenen alten Paddenhumor verfügte, der von langer
+Zeit her wie ein Segen auf der Familie ruhte und jeden, der mit
+derselben in Berührung kam, auch wenn es Gegner in Politik und Kirche
+waren, herzlich erfreute.
+
+»Nun, Kind«, sagte die Ritterschaftsrätin, »wie geht es Ihnen denn
+eigentlich?«
+
+»Gut, gnädigste Frau; ich habe einen sehr ausgezeichneten Mann.«
+
+»Weiß ich. Aber das hilft nicht immer. Ich hatte auch einen
+ausgezeichneten Mann. Wie steht es hier? Keine Anfechtungen?«
+
+Effi erschrak und war zugleich wie gerührt.
+
+Es lag etwas ungemein Erquickliches in dem freien und natürlichen Ton,
+in dem die alte Dame sprach, und daß es eine so fromme Frau war, das
+machte die Sache nur noch erquicklicher.
+
+»Ach, gnädigste Frau ...«
+
+»Da kommt es schon. Ich kenne das. Immer dasselbe. Darin ändern die
+Zeiten nichts. Und vielleicht ist es auch recht gut so. Denn worauf es
+ankommt, meine liebe junge Frau, das ist das Kämpfen. Man muß immer
+ringen mit dem natürlichen Menschen. Und wenn man sich dann so unter
+hat und beinah schreien möchte, weil's weh tut, dann jubeln die lieben
+Engel!«
+
+»Ach, gnädigste Frau. Es ist oft recht schwer.«
+
+»Freilich ist es schwer. Aber je schwerer, desto besser. Darüber
+müssen Sie sich freuen. Das mit dem Fleisch, das bleibt, und ich habe
+Enkel und Enkelinnen, da seh ich es jeden Tag. Aber im Glauben sich
+unterkriegen, meine liebe Frau, darauf kommt es an, das ist das Wahre.
+Das hat uns unser alter Martin Luther zur Erkenntnis gebracht, der
+Gottesmann. Kennen Sie seine Tischreden?«
+
+»Nein, gnädigste Frau.«
+
+»Die werde ich Ihnen schicken.«
+
+In diesem Augenblick trat Major Crampas an Effi heran und bat, sich
+nach ihrem Befinden erkundigen zu dürfen. Effi war wie mit Blut
+übergossen; aber ehe sie noch antworten konnte, sagte Crampas: »Darf
+ich Sie bitten, gnädigste Frau, mich den Damen vorstellen zu wollen?«
+
+Effi nannte nun Crampas' Namen, der seinerseits schon vorher
+vollkommen orientiert war und in leichtem Geplauder alle Paddens
+und Titzewitze, von denen er je gehört hatte, Revue passieren ließ.
+Zugleich entschuldigte er sich, den Herrschaften jenseits der Kessine
+noch immer nicht seinen Besuch gemacht und seine Frau vorgestellt zu
+haben; aber es sei sonderbar, welche trennende Macht das Wasser habe.
+Es sei dasselbe wie mit dem Canal La Manche ...
+
+»Wie?« fragte die alte Titzewitz.
+
+Crampas seinerseits hielt es für unangebracht, Aufklärungen zu geben,
+die doch zu nichts geführt haben würden, und fuhr fort: »Auf zwanzig
+Deutsche, die nach Frankreich gehen, kommt noch nicht einer, der nach
+England geht. Das macht das Wasser; ich wiederhole, das Wasser hat
+eine scheidende Kraft.«
+
+Frau von Padden, die darin mit feinem Instinkt etwas Anzügliches
+witterte, wollte für das Wasser eintreten, Crampas aber sprach mit
+immer wachsendem Redefluß weiter und lenkte die Aufmerksamkeit der
+Damen auf ein schönes Fräulein von Stojentin, »das ohne Zweifel die
+Ballkönigin« sei, wobei sein Blick übrigens Effi bewundernd streifte.
+Dann empfahl er sich rasch unter Verbeugung gegen alle drei. »Schöner
+Mann«, sagte die Padden. »Verkehrt er in Ihrem Hause?«
+
+»Flüchtig.«
+
+»Wirklich«, wiederholte die Padden, »ein schöner Mann. Ein bißchen
+zu sicher. Und Hochmut kommt vor dem Fall ... Aber sehen Sie nur, da
+tritt er wirklich mit der Grete Stojentin an. Eigentlich ist er doch
+zu alt; wenigstens Mitte Vierzig.«
+
+»Er wird vierundvierzig.«
+
+»Ei, ei, Sie scheinen ihn ja gut zu kennen.«
+
+Es kam Effi sehr zupaß, daß das neue Jahr gleich in seinem Anfang
+allerlei Aufregungen brachte. Seit Silvesternacht ging ein scharfer
+Nordost, der sich in den nächsten Tagen fast bis zum Sturm steigerte,
+und am 3. Januar nachmittags hieß es, daß ein Schiff draußen mit der
+Einfahrt nicht zustande gekommen und hundert Schritt vor der Mole
+gescheitert sei; es sei ein englisches, von Sunderland her, und soweit
+sich erkennen lasse, sieben Mann an Bord; die Lotsen könnten beim
+Ausfahren, trotz aller Anstrengung, nicht um die Mole herum, und
+vom Strand aus ein Boot abzulassen, daran sei nun vollends nicht zu
+denken, die Brandung sei viel zu stark. Das klang traurig genug.
+Aber Johanna, die die Nachricht brachte, hatte doch auch Trost
+bei der Hand: Konsul Eschrich, mit dem Rettungsapparat und der
+Raketenbatterie, sei schon unterwegs, und es würde gewiß glücken;
+die Entfernung sei nicht voll so weit wie Anno 75, wo's doch auch
+gegangen, und sie hätten damals sogar den Pudel mit gerettet, und
+es wäre ordentlich rührend gewesen, wie sich das Tier gefreut und
+die Kapitänsfrau und das liebe kleine Kind, nicht viel größer als
+Anniechen, immer wieder mit seiner roten Zunge geleckt habe.
+
+»Geert, da muß ich mit hinaus, das muß ich sehen«, hatte Effi sofort
+erklärt, und beide waren aufgebrochen, um nicht zu spät zu kommen, und
+hatten denn auch den rechten Moment abgepaßt; denn im Augenblick, als
+sie von der Plantage her den Strand erreichten, fiel der erste Schuß,
+und sie sahen ganz deutlich, wie die Rakete mit dem Fangseil unter dem
+Sturmgewölk hinflog und über das Schiff hinweg jenseits niederfiel.
+Alle Hände regten sich sofort an Bord, und nun holten sie mit Hilfe
+der kleinen Leine das dickere Tau samt dem Korb heran, und nicht
+lange, so kam der Korb in einer Art Kreislauf wieder zurück, und
+einer der Matrosen, ein schlanker, bildhübscher Mensch mit einer
+wachsleinenen Kappe, war geborgen an Land und wurde neugierig
+ausgefragt, während der Korb aufs neue seinen Weg machte, zunächst den
+zweiten und dann den dritten heranzuholen und so fort. Alle wurden
+gerettet, und Effi hätte sich, als sie nach einer halben Stunde mit
+ihrem Manne wieder heimging, in die Dünen werfen und sich ausweinen
+mögen. Ein schönes Gefühl hatte wieder Platz in ihrem Herzen gefunden,
+und es beglückte sie unendlich, daß es so war.
+
+Das war am 3. gewesen. Schon am 5. kam ihr eine neue Aufregung,
+freilich ganz anderer Art. Innstetten hatte Gieshübler, der natürlich
+auch Stadtrat und Magistratsmitglied war, beim Herauskommen aus dem
+Rathaus getroffen und im Gespräch mit ihm erfahren, daß seitens des
+Kriegsministeriums angefragt worden sei, wie sich die Stadtbehörden
+eventuell zur Garnisonsfrage zu stellen gedächten. Bei nötigem
+Entgegenkommen, also bei Bereitwilligkeit zu Stall- und
+Kasernenbauten, könnten ihnen zwei Schwadronen Husaren zugesagt
+werden. »Nun, Effi, was sagst du dazu?« Effi war wie benommen. All
+das unschuldige Glück ihrer Kinderjahre stand mit einemmal wieder vor
+ihrer Seele, und im Augenblick war es ihr, als ob rote Husaren - denn
+es waren auch rote wie daheim in Hohen-Cremmen - so recht eigentlich
+die Hüter von Paradies und Unschuld seien. Und dabei schwieg sie noch
+immer.
+
+»Du sagst ja nichts, Effi.«
+
+»Ja, sonderbar, Geert. Aber es beglückt mich so, daß ich vor Freude
+nichts sagen kann. Wird es denn auch sein? Werden sie denn auch
+kommen?«
+
+»Damit hat's freilich noch gute Wege, ja, Gieshübler meinte sogar,
+die Väter der Stadt, seine Kollegen, verdienten es gar nicht.
+Statt einfach über die Ehre, und wenn nicht über die Ehre, so doch
+wenigstens über den Vorteil einig und glücklich zu sein, wären sie
+mit allerlei 'Wenns' und 'Abers' gekommen und hätten geknausert wegen
+der neuen Bauten: Ja, Pefferküchler Michelsen habe sogar gesagt, es
+verderbe die Sitten der Stadt, und wer eine Tochter habe, der möge
+sich vorsehen und Gitterfenster anschaffen.
+
+»Es ist nicht zu glauben. Ich habe nie manierlichere Leute gesehen als
+unsere Husaren; wirklich, Geert. Nun, du weißt es ja selbst. Und nun
+will dieser Michelsen alles vergittern. Hat er denn Töchter?«
+
+»Gewiß; sogar drei. Aber sie sind sämtlich hors concours.« Effi lachte
+so herzlich, wie sie seit langem nicht mehr gelacht hatte. Doch es war
+von keiner Dauer, und als Innstetten ging und sie allein ließ, setzte
+sie sich an die Wiege des Kindes, und ihre Tränen fielen auf die
+Kissen. Es brach wieder über sie herein, und sie fühlte, daß sie wie
+eine Gefangene sei und nicht mehr heraus könne.
+
+Sie litt schwer darunter und wollte sich befreien. Aber wiewohl sie
+starker Empfindungen fähig war, so war sie doch keine starke Natur;
+ihr fehlte die Nachhaltigkeit, und alle guten Anwandlungen gingen
+wieder vorüber. So trieb sie denn weiter, heute, weil sie's nicht
+ändern konnte, morgen, weil sie's nicht ändern wollte. Das Verbotene,
+das Geheimnisvolle hatte seine Macht über sie.
+
+So kam es, daß sie sich, von Natur frei und offen, in ein verstecktes
+Komödienspiel mehr und mehr hineinlebte. Mitunter erschrak sie, wie
+leicht es ihr wurde. Nur in einem blieb sie sich gleich: Sie sah
+alles klar und beschönigte nichts. Einmal trat sie spätabends vor den
+Spiegel in ihrer Schlafstube; die Lichter und Schatten flogen hin und
+her, und Rollo schlug draußen an, und im selben Augenblick war es ihr,
+als sähe ihr wer über die Schulter. Aber sie besann sich rasch. »Ich
+weiß schon, was es ist; es war nicht der«, und sie wies mit dem Finger
+nach dem Spukzimmer oben. »Es war was anderes ... mein Gewissen ...
+Effi, du bist verloren.«
+
+Es ging aber doch weiter so, die Kugel war im Rollen, und was an
+einem Tage geschah, machte das Tun des andern zur Notwendigkeit. Um
+die Mitte des Monats kamen Einladungen aufs Land. Über die dabei
+innezuhaltende Reihenfolge hatten sich die vier Familien, mit denen
+Innstettens vorzugsweise verkehrten, geeinigt: Die Borckes sollten
+beginnen, die Flemmings und Grasenabbs folgten, die Güldenklees
+schlossen ab. Immer eine Woche dazwischen. Alle vier Einladungen kamen
+am selben Tag; sie sollten ersichtlich den Eindruck des Ordentlichen
+und Wohlerwogenen machen, auch wohl den einer besonderen
+freundschaftlichen Zusammengehörigkeit.
+
+»Ich werde nicht dabeisein, Geert, und du mußt mich der Kur halber, in
+der ich nun seit Wochen stehe, von vornherein entschuldigen.«
+
+Innstetten lachte. »Kur. Ich soll es auf die Kur schieben. Das ist das
+Vorgebliche; das Eigentliche heißt: du willst nicht.« »Nein, es ist
+doch mehr Ehrlichkeit dabei, als du zugeben willst. Du hast selbst
+gewollt, daß ich den Doktor zu Rate ziehe. Das hab ich getan, und nun
+muß ich doch seinem Rat folgen. Der gute Doktor, er hält mich für
+bleichsüchtig, sonderbar genug, und du weißt, daß ich jeden Tag
+von dem Eisenwasser trinke. Wenn du dir ein Borckesches Diner dazu
+vorstellst, vielleicht mit Preßkopf und Aal in Aspik, so mußt du den
+Eindruck haben, es wäre mein Tod. Und so wirst du dich doch zu deiner
+Effi nicht stellen wollen. Freilich, mitunter ist es mir ...«
+
+»Ich bitte dich, Effi ...«
+
+»... Übrigens freu ich mich, und das ist das einzige Gute dabei, dich
+jedesmal, wenn du fährst, eine Strecke Wegs begleiten zu können, bis
+an die Mühle gewiß oder bis an den Kirchhof oder auch bis an die
+Waldecke, da, wo der Morgnitzer Querweg einmündet. Und dann steig
+ich ab und schlendere wieder zurück. In den Dünen ist es immer am
+schönsten.«
+
+Innstetten war einverstanden, und als drei Tage später der Wagen
+vorfuhr, stieg Effi mit auf und gab ihrem Manne das Geleit bis an die
+Waldecke. »Hier laß halten, Geert. Du fährst nun links weiter, ich
+gehe rechts bis an den Strand und durch die Plantage zurück. Es ist
+etwas weit, aber doch nicht zu weit. Doktor Hannemann sagt mir jeden
+Tag, Bewegung sei alles, Bewegung und frische Luft. Und ich glaube
+beinah, daß er recht hat. Empfiehl mich all den Herrschaften; nur bei
+Sidonie kannst du schweigen.«
+
+Die Fahrten, auf denen Effi ihren Gatten bis an die Waldecke
+begleitete, wiederholten sich allwöchentlich; aber auch in der
+zwischenliegenden Zeit hielt Effi darauf, daß sie der ärztlichen
+Verordnung streng nachkam. Es verging kein Tag, wo sie nicht ihren
+vorgeschriebenen Spaziergang gemacht hätte, meist nachmittags, wenn
+sich Innstetten in seine Zeitungen zu vertiefen begann. Das Wetter war
+schön, eine milde, frische Luft, der Himmel bedeckt. Sie ging in der
+Regel allein und sagte zu Roswitha: »Roswitha, ich gehe nun also die
+Chaussee hinunter und dann rechts an den Platz mit dem Karussell; da
+will ich auf dich warten, da hole mich ab. Und dann gehen wir durch
+die Birkenallee oder durch die Reeperbahn wieder zurück. Aber komme
+nur, wenn Annie schläft. Und wenn sie nicht schläft, so schicke
+Johanna. Oder laß es lieber ganz; es ist nicht nötig, ich finde mich
+schon zurecht.«
+
+Den ersten Tag, als es so verabredet war, trafen sie sich auch
+wirklich. Effi saß auf einer an einem langen Holzschuppen sich
+hinziehenden Bank und sah nach einem niedrigen Fachwerkhaus hinüber,
+gelb mit schwarzgestrichenen Balken, einer Wirtschaft für kleine
+Bürger, die hier ihr Glas Bier tranken oder Solo spielten. Es dunkelte
+noch kaum, die Fenster aber waren schon hell, und ihr Lichtschimmer
+fiel auf die Schneemassen und etliche zur Seite stehende Bäume. »Sieh,
+Roswitha, wie schön das aussieht.«
+
+Ein paar Tage wiederholte sich das. Meist aber, wenn Roswitha bei dem
+Karussell und dem Holzschuppen ankam, war niemand da, und wenn sie
+dann zurückkam und in den Hausflur eintrat, kam ihr Effi schon
+entgegen und sagte:
+
+»Wo du nur bleibst, Roswitha, ich bin schon lange wieder hier.«
+
+In dieser Art ging es durch Wochen hin. Das mit den Husaren hatte
+sich wegen der Schwierigkeiten, die die Bürgerschaft machte, so
+gut wie zerschlagen; aber da die Verhandlungen noch nicht geradezu
+abgeschlossen waren und neuerdings durch eine andere Behörde, das
+Generalkommando, gingen, so war Crampas nach Stettin berufen worden,
+wo man seine Meinung in dieser Angelegenheit hören wollte. Von dort
+schrieb er den zweiten Tag an Innstetten:
+
+»Pardon, Innstetten, daß ich mich auf französisch empfohlen. Es kam
+alles so schnell. Ich werde übrigens die Sache hinauszuspinnen suchen,
+denn man ist froh, einmal draußen zu sein. Empfehlen Sie mich der
+gnädigen Frau, meiner liebenswürdigen Gönnerin.«
+
+Er las es Effi vor. Diese blieb ruhig. Endlich sagte sie: »Es ist
+recht gut so.«
+
+»Wie meinst du das?«
+
+»Daß er fort ist. Er sagt eigentlich immer dasselbe. Wenn er wieder da
+ist, wird er wenigstens vorübergehend was Neues zu sagen haben.«
+
+Innstettens Blick flog scharf über sie hin. Aber er sah nichts, und
+sein Verdacht beruhigte sich wieder. »Ich will auch fort«, sagte er
+nach einer Weile, »sogar nach Berlin; vielleicht kann ich dann, wie
+Crampas, auch mal was Neues mitbringen. Meine liebe Effi will immer
+gern was Neues hören; sie langweilt sich in unserm guten Kessin. Ich
+werde gegen acht Tage fort sein, vielleicht noch einen Tag länger.
+Und ängstige dich nicht ... es wird ja wohl nicht wiederkommen ...
+du weißt schon, das da oben ... Und wenn doch, du hast ja Rollo und
+Roswitha.«
+
+Effi lächelte vor sich hin, und es mischte sich etwas von Wehmut mit
+ein. Sie mußte des Tages gedenken, wo Crampas ihr zum erstenmal gesagt
+hatte, daß er mit dem Spuk und ihrer Furcht eine Komödie spiele. Der
+große Erzieher! Aber hatte er nicht recht? War die Komödie nicht am
+Platz? Und allerhand Widerstreitendes, Gutes und Böses, ging ihr durch
+den Kopf.
+
+Den dritten Tag reiste Innstetten ab.
+
+Über das, was er in Berlin vorhabe, hatte er nichts gesagt.
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel
+
+Innstetten war erst vier Tage fort, als Crampas von Stettin wieder
+eintraf und die Nachricht brachte, man hätte höheren Orts die Absicht,
+zwei Schwadronen nach Kessin zu legen, endgültig fallenlassen; es gäbe
+so viele kleine Städte, die sich um eine Kavalleriegarnison, und nun
+gar um Blüchersche Husaren, bewürben, daß man gewohnt sei, bei solchem
+Anerbieten einem herzlichen Entgegenkommen, aber nicht einem zögernden
+zu begegnen. Als Crampas das mitteilte, machte der Magistrat ein
+ziemlich verlegenes Gesicht; nur Gieshübler, weil er der Philisterei
+seiner Kollegen eine Niederlage gönnte, triumphierte. Seitens der
+kleinen Leute griff beim Bekanntwerden der Nachricht eine gewisse
+Verstimmung Platz, ja selbst einige Konsuls mit Töchtern waren
+momentan unzufrieden; im ganzen aber kam man rasch über die Sache
+hin, vielleicht weil die nebenherlaufende Frage, was Innstetten in
+Berlin vorhabe, die Kessiner Bevölkerung oder doch wenigstens die
+Honoratiorenschaft der Stadt mehr interessierte. Diese wollte den
+überaus wohl gelittenen Landrat nicht gern verlieren, und doch gingen
+darüber ganz ausschweifende Gerüchte, die von Gieshübler, wenn er
+nicht ihr Erfinder war, wenigstens genährt und weiterverbreitet
+wurden. Unter anderem hieß es, Innstetten würde als Führer einer
+Gesandtschaft nach Marokko gehen, und zwar mit Geschenken, unter denen
+nicht bloß die herkömmliche Vase mit Sanssouci und dem Neuen Palais,
+sondern vor allem auch eine große Eismaschine sei. Das letztere
+erschien mit Rücksicht auf die marokkanischen Temperaturverhältnisse
+so wahrscheinlich, daß das Ganze geglaubt wurde.
+
+Effi hörte auch davon. Die Tage, wo sie sich darüber erheitert hätte,
+lagen noch nicht allzuweit zurück; aber in der Seelenstimmung, in der
+sie sich seit Schluß des Jahres befand, war sie nicht mehr fähig,
+unbefangen und ausgelassen über derlei Dinge zu lachen. Ihre
+Gesichtszüge hatten einen ganz anderen Ausdruck angenommen, und das
+halb rührend, halb schelmisch Kindliche, was sie noch als Frau gehabt
+hatte, war hin. Die Spaziergänge nach dem Strand und der Plantage,
+die sie, während Crampas in Stettin war, aufgegeben hatte, nahm sie
+nach seiner Rückkehr wieder auf und ließ sich auch durch ungünstige
+Witterung nicht davon abhalten. Es wurde wie früher bestimmt, daß ihr
+Roswitha bis an den Ausgang der Reeperbahn oder bis in die Nähe des
+Kirchhofs entgegenkommen solle, sie verfehlten sich aber noch häufiger
+als früher. »Ich könnte dich schelten, Roswitha, daß du mich nie
+findest. Aber es hat nichts auf sich; ich ängstige mich nicht mehr,
+auch nicht einmal am Kirchhof, und im Wald bin ich noch keiner
+Menschenseele begegnet.«
+
+Es war am Tage vor Innstettens Rückkehr von Berlin, daß Effi das
+sagte. Roswitha machte nicht viel davon und beschäftigte sich lieber
+damit, Girlanden über den Türen anzubringen; auch der Haifisch bekam
+einen Fichtenzweig und sah noch merkwürdiger aus als gewöhnlich. Effi
+sagte: »Das ist recht, Roswitha; er wird sich freuen über all das
+Grün, wenn er morgen wieder da ist. Ob ich heute wohl noch gehe?
+Doktor Hannemann besteht darauf und meint in einem fort, ich nähme
+es nicht ernst genug, sonst müßte ich besser aussehen; ich habe aber
+keine rechte Lust heut, es nieselt, und der Himmel ist so grau.«
+
+»Ich werde der gnäd'gen Frau den Regenmantel bringen.«
+
+»Das tu! Aber komme heute nicht nach, wir treffen uns ja doch nicht«,
+und sie lachte. »Wirklich, du bist gar nicht findig, Roswitha. Und ich
+mag nicht, daß du dich erkältest, und alles um nichts.«
+
+Roswitha blieb denn auch zu Haus, und weil Annie schlief, ging sie zu
+Kruses, um mit der Frau zu plaudern. »Liebe Frau Kruse«, sagte sie,
+»Sie wollten mir ja das mit dem Chinesen noch erzählen. Gestern kam
+die Johanna dazwischen, die tut immer so vornehm, für die ist so was
+nichts. Ich glaube aber doch, daß es was gewesen ist, ich meine mit
+dem Chinesen und mit Thomsens Nichte, wenn es nicht seine Enkelin
+war.«
+
+Die Kruse nickte.
+
+»Entweder«, fuhr Roswitha fort, »war es eine unglückliche Liebe (die
+Kruse nickte wieder), oder es kann auch eine glückliche gewesen sein,
+und der Chinese konnte es bloß nicht aushalten, daß es alles mit
+einemmal so wieder vorbei sein sollte. Denn die Chinesen sind doch
+auch Menschen, und es wird wohl alles ebenso mit ihnen sein wie mit
+uns.« »Alles«, versicherte die Kruse und wollte dies eben durch ihre
+Geschichte bestätigen, als ihr Mann eintrat und sagte: »Mutter, du
+könntest mir die Flasche mit dem Lederlack geben; ich muß doch das
+Sielenzeug blank haben, wenn der Herr morgen wieder da ist; der sieht
+alles, und wenn er auch nichts sagt, so merkt man doch, daß er's
+gesehen hat.«
+
+»Ich bringe es Ihnen raus, Kruse«, sagte Roswitha. »Ihre Frau will mir
+bloß noch was erzählen; aber es ist gleich aus, und dann komm ich und
+bring es.«
+
+Roswitha, die Flasche mit dem Lack in der Hand, kam denn auch ein
+paar Minuten danach auf den Hof hinaus und stellte sich neben das
+Sielenzeug, das Kruse eben über den Gartenzaun gelegt hatte. »Gott«,
+sagte er, während er ihr die Flasche aus der Hand nahm, »viel hilft es
+ja nicht, es nieselt in einem weg, und die Blänke vergeht doch wieder.
+Aber ich denke, alles muß seine Ordnung haben.«
+
+»Das muß es. Und dann, Kruse, es ist ja doch auch ein richtiger Lack,
+das kann ich gleich sehen, und was ein richtiger Lack ist, der klebt
+nicht lange, der muß gleich trocknen. Und wenn es dann morgen nebelt
+oder naß fällt, dann schadet es nichts mehr. Aber das muß ich doch
+sagen, das mit dem Chinesen ist eine merkwürdige Geschichte.«
+
+Kruse lachte. »Unsinn is es, Roswitha. Und meine Frau, statt aufs
+Richtige zu sehen, erzählt immer so was, un wenn ich ein reines Hemd
+anziehen will, fehlt ein Knopp. Un so is es nu schon, solange wir hier
+sind. Sie hat immer bloß solche Geschichten in ihrem Kopp und dazu das
+schwarze Huhn. Un das schwarze Huhn legt nich mal Eier. Un am Ende,
+wovon soll es auch Eier legen? Es kommt ja nich ,raus, und vons bloße
+Kikeriki kann doch so was nich kommen. Das is von keinem Huhn nich zu
+verlangen.«
+
+»Hören Sie, Kruse, das werde ich Ihrer Frau wiedererzählen. Ich habe
+Sie immer für einen anständigen Menschen gehalten, und nun sagen Sie
+so was wie das da von Kikeriki. Die Mannsleute sind doch immer noch
+schlimmer, als man denkt. Un eigentlich müßt ich nu gleich den Pinsel
+hier nehmen und Ihnen einen schwarzen Schnurrbart anmalen.«
+
+»Nu, von Ihnen, Roswitha, kann man sich das schon gefallen lassen«,
+und Kruse, der meist den Würdigen spielte, schien in einen mehr und
+mehr schäkrigen Ton übergehen zu wollen, als er plötzlich der gnädigen
+Frau ansichtig wurde, die heute von der anderen Seite der Plantage
+herkam und in ebendiesem Augenblicke den Gartenzaun passierte.
+
+»Guten Tag, Roswitha, du bist ja so ausgelassen. Was macht denn
+Annie?«
+
+»Sie schläft, gnäd'ge Frau.«
+
+Aber Roswitha, als sie das sagte, war doch rot geworden und ging,
+rasch abbrechend, auf das Haus zu, um der gnädigen Frau beim Umkleiden
+behilflich zu sein. Denn ob Johanna da war, das war die Frage. Die
+steckte jetzt viel auf dem »Amt« drüben, weil es zu Haus weniger zu
+tun gab, und Friedrich und Christel waren ihr zu langweilig und wußten
+nie was.
+
+Annie schlief noch. Effi beugte sich über die Wiege, ließ sich dann
+Hut und Regenmantel abnehmen und setzte sich auf das kleine Sofa in
+ihrer Schlafstube. Das feuchte Haar strich sie langsam zurück, legte
+die Füße auf einen niedrigen Stuhl, den Roswitha herangeschoben, und
+sagte, während sie sichtlich das Ruhebehagen nach einem ziemlich
+langen Spaziergang genoß: »Ich muß dich darauf aufmerksam machen,
+Roswitha, daß Kruse verheiratet ist.«
+
+»Ich weiß, gnäd'ge Frau.«
+
+»Ja, was weiß man nicht alles und handelt doch, als ob man es nicht
+wüßte. Das kann nie was werden.«
+
+»Es soll ja auch nichts werden, gnäd'ge Frau ...«
+
+»Denn wenn du denkst, sie sei krank, da machst du die Rechnung ohne
+den Wirt. Die Kranken leben am längsten. Und dann hat sie das schwarze
+Huhn. Vor dem hüte dich, das weiß alles und plaudert alles aus. Ich
+weiß nicht, ich habe einen Schauder davor. Und ich wette, daß das
+alles da oben mit dem Huhn zusammenhängt.«
+
+»Ach, das glaub ich nicht. Aber schrecklich ist es doch. Und Kruse,
+der immer gegen seine Frau ist, kann es mir nicht ausreden.«
+
+»Was sagte der?«
+
+»Er sagte, es seien bloß Mäuse.«
+
+»Nun, Mäuse, das ist auch gerade schlimm genug. Ich kann keine Mäuse
+leiden. Aber ich sah ja deutlich, wie du mit dem Kruse schwatztest
+und vertraulich tatst, und ich glaube sogar, du wolltest ihm einen
+Schnurrbart anmalen. Das ist doch schon sehr viel. Und nachher sitzt
+du da. Du bist ja noch eine schmucke Person und hast so was. Aber sieh
+dich vor, soviel kann ich dir bloß sagen. Wie war es denn eigentlich
+das erstemal mit dir? Ist es so, daß du mir's erzählen kannst?«
+
+»Ach, ich kann schon. Aber schrecklich war es. Und weil es so
+schrecklich war, drum können gnäd'ge Frau auch ganz ruhig sein, von
+wegen dem Kruse. Wem es so gegangen ist wie mir, der hat genug davon
+und paßt auf. Mitunter träume ich noch davon, und dann bin ich den
+andern Tag wie zerschlagen. Solche grausame Angst ...«
+
+Effi hatte sich aufgerichtet und stützte den Kopf auf ihren Arm. »Nun
+erzähle. Wie kann es denn gewesen sein? Es ist ja mit euch, das weiß
+ich noch von Hause her, immer dieselbe Geschichte ...«
+
+»Ja, zuerst is es wohl immer dasselbe, und ich will mir auch nicht
+einbilden, daß es mit mir was Besonderes war, ganz und gar nicht. Aber
+wie sie's mir dann auf den Kopf zusagten und ich mit einem Male sagen
+mußte: 'ja, es ist so', ja, das war schrecklich. Die Mutter, na, das
+ging noch, aber der Vater, der die Dorfschmiede hatte, der war streng
+und wütend, und als er's hörte, da kam er mit einer Stange auf mich
+los, die er eben aus dem Feuer genommen hatte, und wollte mich
+umbringen. Und ich schrie laut auf und lief auf den Boden und
+versteckte mich, und da lag ich und zitterte und kam erst wieder nach
+unten, als sie mich riefen und sagten, ich solle nur kommen. Und dann
+hatte ich noch eine jüngere Schwester, die wies immer auf mich hin und
+sagte 'Pfui'. Und dann, wie das Kind kommen sollte, ging ich in eine
+Scheune nebenan, weil ich mir's bei uns nicht getraute. Da fanden mich
+fremde Leute halb tot und trugen mich ins Haus und in mein Bett. Und
+den dritten Tag nahmen sie mir das Kind fort, und als ich nachher
+fragte, wo es sei, da hieß es, es sei gut aufgehoben. Ach, gnädigste
+Frau, die heil'ge Mutter Gottes bewahre Sie vor solchem Elend.«
+
+Effi fuhr auf und sah Roswitha mit großen Augen an. Aber sie war doch
+mehr erschrocken als empört. »Was du nur sprichst! Ich bin ja doch
+eine verheiratete Frau. So was darfst du nicht sagen, das ist
+ungehörig, das paßt sich nicht.«
+
+»Ach, gnädigste Frau ...«
+
+»Erzähle mir lieber, was aus dir wurde. Das Kind hatten sie dir
+genommen. Soweit warst du ...«
+
+»Und dann, nach ein paar Tagen, da kam wer aus Erfurt, der fuhr bei
+dem Schulzen vor und fragte, ob da nicht eine Amme sei. Da sagte der
+Schulze 'ja'. Gott lohne es ihm, und der fremde Herr nahm mich gleich
+mit, und von da an hab ich bessere Tage gehabt; selbst bei der
+Registratorin war es doch immer noch zum Aushalten, und zuletzt bin
+ich zu Ihnen gekommen, gnädigste Frau. Und das war das Beste, das
+Allerbeste.« Und als sie das sagte, trat sie an das Sofa heran und
+küßte Effi die Hand.
+
+»Roswitha, du mußt mir nicht immer die Hand küssen, ich mag das nicht.
+Und nimm dich nur in acht mit dem Kruse. Du bist doch sonst eine so
+gute und verständige Person ... Mit einem Ehemann ... das tut nie
+gut.«
+
+»Ach, gnäd'ge Frau, Gott und seine Heiligen führen uns wunderbar, und
+das Unglück, das uns trifft, das hat doch auch sein Glück. Und wen
+es nicht bessert, dem is nich zu helfen ... Ich kann eigentlich die
+Mannsleute gut leiden ...«
+
+»Siehst du, Roswitha, siehst du.«
+
+»Aber wenn es mal wieder so über mich käme, mit dem Kruse, das is
+ja nichts, und ich könnte nicht mehr anders, da lief ich gleich ins
+Wasser. Es war zu schrecklich. Alles. Und was nur aus dem armen Wurm
+geworden is? Ich glaube nicht, daß es noch lebt; sie haben es umkommen
+lassen, aber ich bin doch schuld.« Und sie warf sich vor Annies Wiege
+nieder und wiegte das Kind hin und her und sang in einem fort ihr
+»Buhküken von Halberstadt«.
+
+»Laß«, sagte Effi. »Singe nicht mehr; ich habe Kopfweh. Aber bringe
+mir die Zeitungen. Oder hat Gieshübler vielleicht die Journale
+geschickt?«
+
+»Das hat er. Und die Modezeitung lag obenauf. Da haben wir drin
+geblättert, ich und Johanna, eh sie rüber ging. Johanna ärgert sich
+immer, daß sie so was nicht haben kann. Soll ich die Modezeitung
+bringen?«
+
+»Ja, die bringe und bring auch die Lampe.«
+
+Roswitha ging, und Effi, als sie allein war, sagte: »Womit man sich
+nicht alles hilft? Eine hübsche Dame mit einem Muff und eine mit
+einem Halbschleier; Modepuppen. Aber es ist das Beste, mich auf andre
+Gedanken zu bringen.«
+
+Im Laufe des andern Vormittags kam ein Telegramm von Innstetten, worin
+er mitteilte, daß er erst mit dem zweiten Zug kommen, also nicht vor
+Abend in Kessin eintreffen werde.
+
+Der Tag verging in ewiger Unruhe; glücklicherweise kam Gieshübler im
+Laufe des Nachmittags und half über eine Stunde weg. Endlich um sieben
+Uhr fuhr der Wagen vor, Effi trat hinaus, und man begrüßte sich.
+Innstetten war in einer ihm sonst fremden Erregung, und so kam es, daß
+er die Verlegenheit nicht sah, die sich in Effis Herzlichkeit mischte.
+Drinnen im Flur brannten die Lampen und Lichter, und das Teezeug, das
+Friedrich schon auf einen der zwischen den Schränken stehenden Tische
+gestellt hatte, reflektierte den Lichterglanz.
+
+»Das sieht ja ganz so aus wie damals, als wir hier ankamen. Weißt du
+noch, Effi?«
+
+Sie nickte.
+
+»Nur der Haifisch mit seinem Fichtenzweig verhält sich heute ruhiger,
+und auch Rollo spielt den Zurückhaltenden und legt mir nicht mehr die
+Pfoten auf die Schulter. Was ist das mit dir, Rollo?«
+
+Rollo strich an seinem Herrn vorbei und wedelte.
+
+»Der ist nicht recht zufrieden, entweder mit mir nicht oder mit
+andern. Nun, ich will annehmen, mit mir. Jedenfalls laß uns
+eintreten.« Und er trat in sein Zimmer und bat Effi, während er sich
+aufs Sofa niederließ, neben ihm Platz zu nehmen. »Es war so hübsch in
+Berlin, über Erwarten; aber in all meiner Freude habe ich mich immer
+zurückgesehnt. Und wie gut du aussiehst! Ein bißchen blaß und ein
+bißchen verändert, aber es kleidet dich.«
+
+Effi wurde rot.
+
+»Und nun wirst du auch noch rot. Aber es ist, wie ich dir sage. Du
+hattest so was von einem verwöhnten Kind, mit einemmal siehst du aus
+wie eine Frau.«
+
+»Das hör ich gern, Geert, aber ich glaube, du sagst es nur so.«
+
+»Nein, nein, du kannst es dir gutschreiben, wenn es etwas Gutes
+ist ...«
+
+»Ich dächte doch.«
+
+»Und nun rate, von wem ich dir Grüße bringe.«
+
+»Das ist nicht schwer, Geert. Außerdem, wir Frauen, zu denen ich mich,
+seitdem du wieder da bist, ja rechnen darf (und sie reichte ihm die
+Hand und lachte), wir Frauen, wir raten leicht. Wir sind nicht so
+schwerfällig wie ihr.«
+
+»Nun, von wem?«
+
+»Nun, natürlich von Vetter Briest. Er ist ja der einzige, den ich in
+Berlin kenne, die Tanten abgerechnet, die du nicht aufgesucht haben
+wirst und die viel zu neidisch sind, um mich grüßen zu lassen. Hast du
+nicht auch gefunden, alle alten Tanten sind neidisch?«
+
+»Ja, Effi, das ist wahr. Und daß du das sagst, das ist ganz meine alte
+Effi wieder. Denn du mußt wissen, die alte Effi, die noch aussah wie
+ein Kind, nun, die war auch nach meinem Geschmack. Gradeso wie die
+jetzige gnäd'ge Frau.« »Meinst du? Und wenn du dich zwischen beiden
+entscheiden solltest ...«
+
+»Das ist eine Doktorfrage, darauf lasse ich mich nicht ein. Aber da
+bringt Friedrich den Tee. Wie hat's mich nach dieser Stunde verlangt!
+Und hab es auch ausgesprochen, sogar zu deinem Vetter Briest, als wir
+bei Dressel saßen und in Champagner dein Wohl tranken ... Die Ohren
+müssen dir geklungen haben ... Und weißt du, was dein Vetter dabei
+sagte?«
+
+»Gewiß was Albernes. Darin ist er groß.«
+
+»Das ist der schwärzeste Undank, den ich all mein Lebtag erlebt habe.
+'Lassen wir Effi leben', sagte er, 'meine schöne Cousine ... Wissen
+Sie, Innstetten, daß ich Sie am liebsten fordern und totschießen
+möchte? Denn Effi ist ein Engel, und Sie haben mich um diesen Engel
+gebracht.' Und dabei sah er so ernst und wehmütig aus, daß man's
+beinah hätte glauben können.«
+
+»Oh, diese Stimmung kenne ich an ihm. Bei der wievielten wart ihr?«
+
+»Ich hab es nicht mehr gegenwärtig, und vielleicht hätte ich es auch
+damals nicht mehr sagen können. Aber das glaub ich, daß es ihm ganz
+ernst war. Und vielleicht wäre es auch das Richtige gewesen. Glaubst
+du nicht, daß du mit ihm hättest leben können?«
+
+»Leben können. Das ist wenig, Geert. Aber beinah möcht ich sagen, ich
+hätte auch nicht einmal mit ihm leben können.«
+
+»Warum nicht? Er ist wirklich ein liebenswürdiger und netter Mensch
+und auch ganz gescheit.«
+
+»Ja, das ist er ...«
+
+»Aber ...«
+
+»Aber er ist dalbrig. Und das ist keine Eigenschaft, die wir Frauen
+lieben, auch nicht einmal dann, wenn wir noch halbe Kinder sind,
+wohin du mich immer gerechnet hast und vielleicht, trotz meiner
+Fortschritte, auch jetzt noch rechnest. Das Dalbrige, das ist nicht
+unsre Sache. Männer müssen Männer sein.«
+
+»Gut, daß du das sagst. Alle Teufel, da muß man sich ja
+zusammennehmen. Und ich kann von Glück sagen, daß ich von so was, das
+wie Zusammennehmen aussieht oder wenigstens ein Zusammennehmen in
+Zukunft fordert, so gut wie direkt herkomme ... Sag, wie denkst du dir
+ein Ministerium?«
+
+»Ein Ministerium? Nun, das kann zweierlei sein. Es können Menschen
+sein, kluge, vornehme Herren, die den Staat regieren, und es kann auch
+bloß ein Haus sein, ein Palazzo, ein Palazzo Strozzi oder Pitti oder,
+wenn die nicht passen, irgendein andrer. Du siehst, ich habe meine
+italienische Reise nicht umsonst gemacht.«
+
+»Und könntest du dich entschließen, in solchem Palazzo zu wohnen? Ich
+meine in solchem Ministerium?«
+
+»Um Gottes willen, Geert, sie haben dich doch nicht zum Minister
+gemacht? Gieshübler sagte so was. Und der Fürst kann alles. Gott, der
+hat es am Ende durchgesetzt, und ich bin erst achtzehn.«
+
+Innstetten lachte. »Nein, Effi, nicht Minister, so weit sind wir noch
+nicht. Aber vielleicht kommen noch allerhand Gaben in mir heraus,
+und dann ist es nicht unmöglich.« »Also jetzt noch nicht, noch nicht
+Minister?«
+
+»Nein. Und wir werden, die Wahrheit zu sagen, auch nicht einmal in
+einem Ministerium wohnen, aber ich werde täglich ins Ministerium
+gehen, wie ich jetzt in unser Landratsamt gehe, und werde dem Minister
+Vortrag halten und mit ihm reisen, wenn er die Provinzialbehörden
+inspiziert. Und du wirst eine Ministerialrätin sein und in Berlin
+leben, und in einem halben Jahre wirst du kaum noch wissen, daß du
+hier in Kessin gewesen bist und nichts gehabt hast als Gieshübler und
+die Dünen und die Plantage.«
+
+Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer größer; um ihre
+Mundwinkel war ein nervöses Zucken, und ihr ganzer zarter Körper
+zitterte. Mit einem Male aber glitt sie von ihrem Sitz vor Innstetten
+nieder, umklammerte seine Knie und sagte in einem Ton, wie wenn sie
+betete: »Gott sei Dank!«
+
+Innstetten verfärbte sich. Was war das? Etwas, was seit Wochen
+flüchtig, aber doch immer sich erneuernd über ihn kam, war wieder da
+und sprach so deutlich aus seinem Auge, daß Effi davor erschrak. Sie
+hatte sich durch ein schönes Gefühl, das nicht viel was andres als ein
+Bekenntnis ihrer Schuld war, hinreißen lassen und dabei mehr gesagt,
+als sie sagen durfte. Sie mußte das wieder ausgleichen, mußte was
+finden, irgendeinen Ausweg, es koste, was es wolle.
+
+»Steh auf, Effi. Was hast du?«
+
+Effi erhob sich rasch. Aber sie nahm ihren Platz auf dem Sofa
+nicht wieder ein, sondern schob einen Stuhl mit hoher Lehne heran,
+augenscheinlich weil sie nicht Kraft genug fühlte, sich ohne Stütze zu
+halten.
+
+»Was hast du?« wiederholte Innstetten. »Ich dachte, du hättest hier
+glückliche Tage verlebt. Und nun rufst du 'Gott sei Dank', als ob
+dir hier alles nur ein Schrecknis gewesen wäre. War ich dir ein
+Schrecknis? Oder war es was andres? Sprich?«
+
+»Daß du noch fragen kannst, Geert«, sagte sie, während sie mit einer
+äußersten Anstrengung das Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte.
+»Glückliche Tage! Ja, gewiß, glückliche Tage, aber doch auch andre.
+Nie bin ich die Angst hier ganz losgeworden, nie. Noch keine vierzehn
+Tage, daß es mir wieder über die Schulter sah, dasselbe Gesicht,
+derselbe fahle Teint. Und diese letzten Nächte, wo du fort warst, war
+es auch wieder da, nicht das Gesicht, aber es schlurrte wieder, und
+Rollo schlug wieder an, und Roswitha, die's auch gehört, kam an
+mein Bett und setzte sich zu mir, und erst, als es schon dämmerte,
+schliefen wir wieder ein. Es ist ein Spukhaus, und ich hab es auch
+glauben sollen, das mit dem Spuk -denn du bist ein Erzieher. Ja,
+Geert, das bist du. Aber laß es sein, wie's will, soviel weiß ich, ich
+habe mich ein ganzes Jahr lang und länger in diesem Hause gefürchtet,
+und wenn ich von hier fortkomme, so wird es, denke ich, von mir
+abfallen, und ich werde wieder frei sein.«
+
+Innstetten hatte kein Auge von ihr gelassen und war jedem Worte
+gefolgt. Was sollte das heißen: »du bist ein Erzieher«? Und dann das
+andere, was vorausging: »und ich hab es auch glauben sollen, das mit
+dem Spuk«. Was war das alles? Wo kam das her? Und er fühlte seinen
+leisen Argwohn sich wieder regen und fester einnisten. Aber er hatte
+lange genug gelebt, um zu wissen, daß alle Zeichen trügen und daß wir
+in unsrer Eifersucht, trotz ihrer hundert Augen, oft noch mehr in die
+Irre gehen als in der Blindheit unseres Vertrauens. Es konnte ja so
+sein, wie sie sagte.
+
+Und wenn es so war, warum sollte sie nicht ausrufen: »Gott sei Dank!«
+
+Und so, rasch alle Möglichkeiten ins Auge fassend, wurde er seines
+Argwohns wieder Herr und reichte ihr die Hand über en Tisch hin:
+»Verzeih mir, Effi, aber ich war so sehr überrascht von dem allen.
+Freilich wohl meine Schuld. Ich bin immer zu sehr mit mir beschäftigt
+gewesen. Wir Männer sind alle Egoisten. Aber das soll nun anders
+werden. Ein Gutes hat Berlin gewiß: Spukhäuser gibt es da nicht. Wo
+sollen die auch herkommen? Und nun laß uns hinübergehen, daß ich Annie
+sehe; Roswitha verklagt mich sonst als einen unzärtlichen Vater.«
+
+Effi war unter diesen Worten allmählich ruhiger geworden, und das
+Gefühl, aus einer selbstgeschaffenen Gefahr sich glücklich befreit zu
+haben, gab ihr die Spannkraft und gute Haltung wieder zurück.
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Kapitel
+
+Am andern Morgen nahmen beide gemeinschaftlich ihr etwas verspätetes
+Frühstück. Innstetten hatte seine Mißstimmung und Schlimmeres
+überwunden, und Effi lebte so ganz dem Gefühl ihrer Befreiung, daß sie
+nicht bloß die Fähigkeit einer gewissen erkünstelten Laune, sondern
+fast auch ihre frühere Unbefangenheit wiedergewonnen hatte. Sie war
+noch in Kessin, und doch war ihr schon zumute, als läge es weit hinter
+ihr.
+
+»Ich habe mir's überlegt, Effi«, sagte Innstetten, »du hast nicht so
+ganz unrecht mit allem, was du gegen unser Haus hier gesagt hast. Für
+Kapitän Thomsen war es gerade gut genug, aber nicht für eine junge
+verwöhnte Frau; alles altmodisch, kein Platz. Da sollst du's in Berlin
+besser haben, auch einen Saal, aber einen andern als hier, und auf
+Flur und Treppe hohe bunte Glasfenster, Kaiser Wilhelm mit Zepter
+und Krone oder auch was Kirchliches, heilige Elisabeth oder Jungfrau
+Maria. Sagen wir Jungfrau Maria, das sind wir Roswitha schuldig.«
+
+Effi lachte. »So soll es sein. Aber wer sucht uns eine Wohnung? Ich
+kann doch nicht Vetter Briest auf die Suche schicken. Oder gar die
+Tanten! Die finden alles gut genug.« »Ja, das Wohnungssuchen. Das
+macht einem keiner zu Dank. Ich denke, da mußt du selber hin.«
+
+»Und wann meinst du?« »Mitte März.«
+
+»Oh, das ist viel zu spät, Geert, dann ist ja alles fort. Die guten
+Wohnungen werden schwerlich auf uns warten!« »Ist schon recht. Aber
+ich bin erst seit gestern wieder hier und kann doch nicht sagen 'reise
+morgen'. Das würde mich schlecht kleiden und paßt mir auch wenig; ich
+bin froh, daß ich dich wiederhabe.«
+
+»Nein«, sagte sie, während sie das Kaffeegeschirr, um eine
+aufsteigende Verlegenheit zu verbergen, ziemlich geräuschvoll
+zusammenrückte, »nein, so soll's auch nicht sein, nicht heut und nicht
+morgen, aber doch in den nächsten Tagen. Und wenn ich etwas finde, so
+bin ich rasch wieder zurück. Aber noch eins, Roswitha und Annie müssen
+mit. Am schönsten wär es, du auch. Aber ich sehe ein, das geht nicht.
+Und ich denke, die Trennung soll nicht lange dauern. Ich weiß auch
+schon, wo ich miete ...«
+
+»Nun?«
+
+»Das bleibt mein Geheimnis. Ich will auch ein Geheimnis haben. Damit
+will ich dich dann überraschen.« In diesem Augenblick trat Friedrich
+ein, um die Postsachen abzugeben. Das meiste war Dienstliches und
+Zeitungen. »Ah, da ist auch ein Brief für dich«, sagte Innstetten.
+»Und wenn ich nicht irre, die Handschrift der Mama.« Effi nahm den
+Brief. »Ja, von der Mama. Aber das ist ja nicht der Friesacker
+Poststempel; sieh nur, das heißt ja deutlich Berlin.«
+
+»Freilich«, lachte Innstetten. »Du tust, als ob es ein Wunder wäre.
+Die Mama wird in Berlin sein und hat ihrem Liebling von ihrem Hotel
+aus einen Brief geschrieben.« »Ja«, sagte Effi, »so wird es sein. Aber
+ich ängstige mich doch beinah und kann keinen rechten Trost darin
+finden, daß Hulda Niemeyer immer sagte: Wenn man sich ängstigt, ist es
+besser, als wenn man hofft. Was meinst du dazu?«
+
+»Für eine Pastorstochter nicht ganz auf der Höhe. Aber nun lies den
+Brief. Hier ist ein Papiermesser.«
+
+Effi schnitt das Kuvert auf und las: »Meine liebe Effi. Seit 24
+Stunden bin ich hier in Berlin; Konsultationen bei Schweigger. Als er
+mich sieht, beglückwünscht er mich, und als ich erstaunt ihn frage,
+wozu, erfahre ich, daß Ministerialdirektor Wüllersdorf bei ihm gewesen
+und ihm erzählt habe: Innstetten sei ins Ministerium berufen. Ich bin
+ein wenig ärgerlich, daß man dergleichen von einem Dritten erfahren
+muß. Aber in meinem Stolz und meiner Freude sei Euch verziehen. Ich
+habe es übrigens immer gewußt (schon als 1. noch bei den Rathenowern
+war), daß etwas aus ihm werden würde. Nun kommt es Dir zugute.
+Natürlich müßt Ihr eine Wohnung haben und eine andere Einrichtung.
+Wenn Du, meine liebe Effi, glaubst, meines Rates dabei bedürfen zu
+können, so komme, so rasch es Dir Deine Zeit erlaubt. Ich bleibe acht
+Tage hier in Kur, und wenn es nicht anschlägt, vielleicht noch etwas
+länger; Schweigger drückt sich unbestimmt darüber aus. Ich habe eine
+Privatwohnung in der Schadowstraße genommen; neben dem meinigen sind
+noch Zimmer frei. Was es mit meinem Auge ist, darüber mündlich;
+vorläufig beschäftigt mich nur Eure Zukunft. Briest wird unendlich
+glücklich sein, er tut immer so gleichgültig gegen dergleichen,
+eigentlich hängt er aber mehr daran als ich. Grüße Innstetten, küsse
+Annie, die Du vielleicht mitbringst. Wie immer Deine Dich zärtlich
+liebende Mutter Luise von B.«
+
+Effi legte den Brief aus der Hand und sagte nichts. Was sie zu
+tun habe, das stand bei ihr fest; aber sie wollte es nicht selber
+aussprechen. Innstetten sollte damit kommen, und dann wollte sie
+zögernd ja sagen. Innstetten ging auch wirklich in die Falle.
+
+»Nun, Effi, du bleibst so ruhig.«
+
+»Ach, Geert, es hat alles so seine zwei Seiten. Auf der einen Seite
+beglückt es mich, die Mama wiederzusehen, und vielleicht sogar schon
+in wenigen Tagen. Aber es spricht auch so vieles dagegen.«
+
+»Was?«
+
+»Die Mama, wie du weißt, ist sehr bestimmt und kennt nur ihren eignen
+Willen. Dem Papa gegenüber hat sie alles durchsetzen können. Aber ich
+möchte gern eine Wohnung haben, die nach meinem Geschmack ist, und
+eine neue Einrichtung, die mir gefällt.«
+
+Innstetten lachte. »Und das ist alles?«
+
+»Nun, es wäre grade genug. Aber es ist nicht alles.« Und nun nahm sie
+sich zusammen und sah ihn an und sagte: »Und dann, Geert, ich möchte
+nicht gleich wieder von dir fort.« »Schelm, das sagst du so, weil du
+meine Schwäche kennst. Aber wir sind alle so eitel, und ich will es
+glauben. Ich will es glauben und doch zugleich auch den Heroischen
+spielen, den Entsagenden. Reise, sobald du's für nötig hältst und vor
+deinem Herzen verantworten kannst.«
+
+»So darfst du nicht sprechen, Geert. Was heißt das 'vor meinem
+Herzen verantworten'. Damit schiebst du mir, halb gewaltsam, eine
+Zärtlichkeitsrolle zu, und ich muß dir dann aus reiner Kokettene
+sagen: 'Ach, Geert, dann reise ich nie.' Oder doch so etwas
+Ähnliches.«
+
+Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Effi, du bist mir zu fein. Ich
+dachte immer, du wärst ein Kind, und ich sehe nun, daß du das Maß hast
+wie alle andern. Aber lassen wir das, oder wie dein Papa immer sagte:
+'Das ist ein zu weites Feld.' Sage lieber, wann willst du fort?«
+
+»Heute haben wir Dienstag. Sagen wir also Freitag mittag mit dem
+Schiff. Dann bin ich am Abend in Berlin.«
+
+»Abgemacht. Und wann zurück?«
+
+»Nun, sagen wir Montag abend. Das sind dann drei Tage.« »Geht nicht.
+Das ist zu früh. In drei Tagen kannst du's nicht zwingen. Und so rasch
+läßt dich die Mama auch nicht fort.« »Also auf Diskretion.«
+
+»Gut.« Und damit erhob sich Innstetten, um nach dem Landratsamte
+hinüberzugehen.
+
+Die Tage bis zur Abreise vergingen wie im Fluge. Roswitha war sehr
+glücklich. »Ach, gnädigste Frau, Kessin, nun ja ... aber Berlin ist es
+nicht. Und die Pferdebahn. Und wenn es dann so klingelt und man nicht
+weiß, ob man links oder rechts soll, und mitunter ist mir schon
+gewesen, als ginge alles grad über mich weg. Nein, so was ist hier
+nicht. Ich glaube, manchen Tag sehen wir keine sechs Menschen. Und
+immer bloß die Dünen und draußen die See. Und das rauscht und rauscht,
+aber weiter ist es auch nichts.«
+
+»Ja, Roswitha, du hast recht. Es rauscht und rauscht immer, aber
+es ist kein richtiges Leben. Und dann kommen einem allerhand dumme
+Gedanken. Das kannst du doch nicht bestreiten, das mit dem Kruse war
+nicht in der Richtigkeit.« »Ach, gnädigste Frau ...«
+
+»Nun, ich will nicht weiter nachforschen. Du wirst es natürlich nicht
+zugeben. Und nimm nur nicht zu wenig Sachen mit. Deine Sachen kannst
+du eigentlich ganz mitnehmen und Annies auch.«
+
+»Ich denke, wir kommen noch mal wieder.«
+
+»Ja, ich. Der Herr wünscht es. Aber ihr könnt vielleicht dableiben,
+bei meiner Mutter. Sorge nur, daß sie Anniechen nicht zu sehr
+verwöhnt. Gegen mich war sie mitunter streng, aber ein Enkelkind ...«
+
+»Und dann ist Anniechen ja auch so zum Anbeißen. Da muß ja jeder
+zärtlich sein.«
+
+Das war am Donnerstag, am Tag vor der Abreise. Innstetten war über
+Land gefahren und wurde erst gegen Abend zurückerwartet.
+
+Am Nachmittag ging Effi in die Stadt, bis auf den Marktplatz, und trat
+hier in die Apotheke und bat um eine Flasche Sal volatile. »Man weiß
+nie, mit wem man reist«, sagte sie zu dem alten Gehilfen, mit dem
+sie auf dem Plauderfuße stand und der sie anschwärmte wie Gieshübler
+selbst.
+
+»Ist der Herr Doktor zu Hause?« fragte sie weiter, als sie das
+Fläschchen eingesteckt hatte.
+
+»Gewiß, gnädige Frau; er ist hier nebenan und liest die Zeitungen.«
+
+»Ich werde ihn doch nicht stören?« »Oh, nie.«
+
+Und Effi trat ein. Es war eine kleine, hohe Stube, mit Regalen
+ringsherum, auf denen allerlei Kolben und Retorten standen; nur an
+der einen Wand befanden sich alphabetisch geordnete, vorn mit einem
+Eisenringe versehene Kästen, in denen die Rezepte lagen.
+
+Gieshübler war beglückt und verlegen. »Welche Ehre. Hier unter meinen
+Retorten. Darf ich die gnädige Frau auffordern, einen Augenblick Platz
+zu nehmen?«
+
+»Gewiß, lieber Gieshübler. Aber auch wirklich nur einen Augenblick.
+Ich will Ihnen adieu sagen.«
+
+»Aber meine gnädigste Frau, Sie kommen ja doch wieder. Ich habe
+gehört, nur auf drei, vier Tage ...«
+
+»Ja, lieber Freund, ich soll wiederkommen, und es ist sogar
+verabredet, daß ich spätestens in einer Woche wieder in Kessin bin.
+Aber ich könnte doch auch nicht wiederkommen. Muß ich Ihnen sagen,
+welche tausend Möglichkeiten es gibt ... Ich sehe, Sie wollen mir
+sagen, daß ich noch zu jung sei ..., auch Junge können sterben. Und
+dann so vieles andre noch. Und da will ich doch lieber Abschied nehmen
+von Ihnen, als wär es für immer.«
+
+»Aber meine gnädigste Frau ...«
+
+»Als wär es für immer. Und ich will Ihnen danken, lieber Gieshübler.
+Denn Sie waren das Beste hier; natürlich, weil Sie der Beste waren.
+Und wenn ich hundert Jahre alt würde, so werde ich Sie nicht
+vergessen. Ich habe mich hier mitunter einsam gefühlt, und mitunter
+war mir so schwer ums Herz, schwerer, als Sie wissen können; ich habe
+es nicht immer richtig eingerichtet; aber wenn ich Sie gesehen habe,
+vom ersten Tag an, dann habe ich mich immer wohler gefühlt und auch
+besser.«
+
+»Aber meine gnädigste Frau.«
+
+»Und dafür wollte ich Ihnen danken. Ich habe mir eben ein Fläschchen
+mit Sal volatile gekauft; im Coupé sind mitunter so merkwürdige
+Menschen und wollen einem nicht mal erlauben, daß man ein Fenster
+aufmacht; und wenn mir dann vielleicht - denn es steigt einem ja
+ordentlich zu Kopf, ich meine das Salz - die Augen übergehen, dann
+will ich an Sie denken. Adieu, lieber Freund, und grüßen Sie Ihre
+Freundin, die Trippelli. Ich habe in den letzten Wochen öfter an sie
+gedacht und an Fürst Kotschukoff. Ein eigentümliches Verhältnis bleibt
+es doch. Aber ich kann mich hineinfinden ... Und lassen Sie einmal von
+sich hören. Oder ich werde schreiben.« Damit ging Effi. Gieshübler
+begleitete sie bis auf den Platz hinaus. Er war wie benommen, so sehr,
+daß er über manches Rätselhafte, was sie gesprochen, ganz hinwegsah.
+
+Effi ging wieder nach Haus. »Bringen Sie mir die Lampe, Johanna«,
+sagte sie, »aber in mein Schlafzimmer. Und dann eine Tasse Tee. Ich
+hab es so kalt und kann nicht warten, bis der Herr wieder da ist.«
+
+Beides kam. Effi saß schon an ihrem kleinen Schreibtisch, einen
+Briefbogen vor sich, die Feder in der Hand. »Bitte, Johanna, den Tee
+auf den Tisch da.«
+
+Als Johanna das Zimmer wieder verlassen hatte, schloß Effi sich ein,
+sah einen Augenblick in den Spiegel und setzte sich dann wieder.
+
+Und nun schrieb sie: »Ich reise morgen mit dem Schiff, und dies sind
+Abschiedszeilen. Innstetten erwartet mich in wenigen Tagen zurück,
+aber ich komme nicht wieder ... Warum ich nicht wiederkomme, Sie
+wissen es ... Es wäre das beste gewesen, ich hätte dies Stück Erde nie
+gesehen. Ich beschwöre Sie, dies nicht als einen Vorwurf zu fassen;
+alle Schuld ist bei mir. Blick ich auf Ihr Haus ..., Ihr Tun mag
+entschuldbar sein, nicht das meine. Meine Schuld ist sehr schwer, aber
+vielleicht kann ich noch heraus. Daß wir hier abberufen wurden, ist
+mir wie ein Zeichen, daß ich noch zu Gnaden angenommen werden kann.
+Vergessen Sie das Geschehene, vergessen Sie mich. Ihre Effi.«
+
+Sie überflog die Zeilen noch einmal, am fremdesten war ihr das »Sie«;
+aber auch das mußte sein; es sollte ausdrücken, daß keine Brücke mehr
+da sei. Und nun schob sie die Zeilen in ein Kuvert und ging auf ein
+Haus zu, zwischen dem Kirchhof und der Waldecke. Ein dünner Rauch
+stieg aus dem halb eingefallenen Schornstein. Da gab sie die Zeilen
+ab.
+
+Als sie wieder zurück war, war Innstetten schon da, und sie setzte
+sich zu ihm und erzählte ihm von Gieshübler und dem Sal volatile.
+
+Innstetten lachte. »Wo hast du nur dein Latein her, Effi?«
+
+Das Schiff, ein leichtes Segelschiff (die Dampfboote gingen nur
+sommers), fuhr um zwölf. Schon eine Viertelstunde vorher waren Effi
+und Innstetten an Bord; auch Roswitha und Annie.
+
+Das Gepäck war größer, als es für einen auf so wenige Tage geplanten
+Ausflug geboten schien. Innstetten sprach mit dem Kapitän; Effi, in
+einem Regenmantel und hellgrauem Reisehut, stand auf dem Hinterdeck,
+nahe am Steuer, und musterte von hier aus das Bollwerk und die
+hübsche Häuserreihe, die dem Zuge des Bollwerks folgte. Gerade der
+Landungsbrücke gegenüber lag Hoppensacks Hotel, ein drei Stock hohes
+Gebäude, von dessen Giebeldach eine gelbe Flagge, mit Kreuz und Krone
+darin, schlaff in der stillen, etwas nebeligen Luft herniederhing.
+Effi sah eine Weile nach der Flagge hinauf, ließ dann aber ihr Auge
+wieder abwärts gleiten und verweilte zuletzt auf einer Anzahl von
+Personen, die neugierig am Bollwerk herumstanden. In diesem Augenblick
+wurde geläutet. Effi war ganz eigen zumut; das Schiff setzte sich
+langsam in Bewegung, und als sie die Landungsbrücke noch einmal
+musterte, sah sie, daß Crampas in vorderster Reihe stand. Sie erschrak
+bei seinem Anblick und freute sich doch auch. Er seinerseits, in
+seiner ganzen Haltung verändert, war sichtlich bewegt und grüßte ernst
+zu ihr hinüber, ein Gruß, den sie ebenso, aber doch zugleich in großer
+Freundlichkeit erwiderte; dabei lag etwas Bittendes in ihrem Auge.
+Dann ging sie rasch auf die Kajüte zu, wo sich Roswitha mit Annie
+schon eingerichtet hatte. Hier in dem etwas stickigen Raum blieb sie,
+bis man aus dem Fluß in die weite Bucht des Breitling eingefahren
+war; da kam Innstetten und rief sie nach oben, daß sie sich an dem
+herrlichen Anblick erfreue, den die Landschaft gerade an dieser Stelle
+bot. Sie ging dann auch hinauf. Über dem Wasserspiegel hingen graue
+Wolken, und nur dann und wann schoß ein halb umschleierter Sonnenblick
+aus dem Gewölk hervor. Effi gedachte des Tages, wo sie, vor jetzt
+Fünfvierteljahren, im offenen Wagen am Ufer ebendieses Breitlings hin
+entlanggefahren war. Eine kurze Spanne Zeit, und das Leben oft so
+still und einsam. Und doch, was war alles seitdem geschehen!
+
+So fuhr man die Wasserstraße hinauf und war um zwei an der Station
+oder doch ganz in Nähe derselben. Als man gleich danach das Gasthaus
+des »Fürsten Bismarck« passierte, stand auch Golchowski wieder in der
+Tür und versäumte nicht, den Herrn Landrat und die gnädige Frau bis
+an die Stufen der Böschung zu geleiten. Oben war der Zug noch nicht
+angemeldet, und Effi und Innstetten schritten auf dem Bahnsteig auf
+und ab. Ihr Gespräch drehte sich um die Wohnungsfrage; man war einig
+über den Stadtteil, und daß es zwischen dem Tiergarten und dem
+Zoologischen Garten sein müsse. »Ich will den Finkenschlag hören und
+die Papageien auch«, sagte Innstetten, und Effi stimmte ihm zu.
+
+Nun aber hörte man das Signal, und der Zug lief ein; der
+Bahnhofsinspektor war voller Entgegenkommen, und Effi erhielt ein
+Coupé für sich. Noch ein Händedruck, ein Wehen mit dem Tuch, und der
+Zug setzte sich wieder in Bewegung.
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Kapitel
+
+Auf dem Friedrichstraßen-Bahnhof war ein Gedränge; aber trotzdem, Effi
+hatte schon vom Coupé aus die Mama erkannt und neben ihr den Vetter
+Briest. Die Freude des Wiedersehens war groß, das Warten in der
+Gepäckhalle stellte die Geduld auf keine allzu harte Probe, und
+nach wenig mehr als fünf Minuten rollte die Droschke neben dem
+Pferdebahngleise hin in die Dorotheenstraße hinein und auf die
+Schadowstraße zu, an deren nächstgelegener Ecke sich die »Pension«
+befand. Roswitha war entzückt und freute sich über Annie, die die
+Händchen nach den Lichtern ausstreckte.
+
+Nun war man da. Effi erhielt ihre zwei Zimmer, die nicht, wie
+erwartet, neben denen der Frau von Briest, aber doch auf demselben
+Korridor lagen, und als alles seinen Platz und Stand hatte und Annie
+in einem Bettchen mit Gitter glücklich untergebracht war, erschien
+Effi wieder im Zimmer der Mama, einem kleinen Salon mit Kamin, drin
+ein schwaches Feuer brannte; denn es war mildes, beinah warmes Wetter.
+
+Auf dem runden Tische mit grüner Schirmlampe waren drei Kuverts
+gelegt, und auf einem Nebentischchen stand das Teezeug.
+
+»Du wohnst ja reizend, Mama«, sagte Effi, während sie dem Sofa
+gegenüber Platz nahm, aber nur um sich gleich danach an dem Teetisch
+zu schaffen zu machen. »Darf ich wieder die Rolle des Teefräuleins
+übernehmen?«
+
+»Gewiß, meine liebe Effi Aber nur für Dagobert und dich selbst. Ich
+meinerseits muß verzichten, was mir beinah schwerfällt.«
+
+»Ich verstehe, deiner Augen halber. Aber nun sage mir, Mama, was ist
+es damit? In der Droschke, die noch dazu so klapperte, haben wir
+immer nur von Innstetten und unserer großen Karriere gesprochen, viel
+zuviel, und das geht nicht so weiter; glaube mir, deine Augen sind
+mir wichtiger, und in einem finde ich sie, Gott sei Dank, ganz
+unverändert, du siehst mich immer noch so freundlich an wie früher.«
+
+Und sie eilte auf die Mama zu und küßte ihr die Hand. »Effi, du bist
+so stürmisch. Ganz die alte.«
+
+»Ach nein, Mama. Nicht die alte. Ich wollte, es wäre so. Man ändert
+sich in der Ehe.«
+
+Vetter Briest lachte. »Cousine, ich merke nicht viel davon; du bist
+noch hübscher geworden, das ist alles. Und mit dem Stürmischen wird es
+wohl auch noch nicht vorbei sein.«
+
+»Ganz der Vetter«, versicherte die Mama; Effi selbst aber wollte
+davon nichts hören und sagte: »Dagobert, du bist alles, nur kein
+Menschenkenner. Es ist sonderbar. Ihr Offiziere seid keine guten
+Menschenkenner, die jungen gewiß nicht. Ihr guckt euch immer nur
+selber an oder eure Rekruten, und die von der Kavallerie haben auch
+noch ihre Pferde. Die wissen nun vollends nichts.«
+
+»Aber Cousine, wo hast du denn diese ganze Weisheit her? Du kennst
+ja keine Offiziere. Kessin, so habe ich gelesen, hat ja auf die ihm
+zugedachten Husaren verzichtet, ein Fall, der übrigens einzig in der
+Weltgeschichte dasteht. Und willst du von alten Zeiten sprechen?
+Du warst ja noch ein halbes Kind, als die Rathenower zu euch
+herüberkamen.«
+
+»Ich könnte dir erwidern, daß Kinder am besten beobachten. Aber ich
+mag nicht, das sind ja alles bloß Allotria. Ich will wissen, wie's mit
+Mamas Augen steht.«
+
+Frau von Briest erzählte nun, daß es der Augenarzt für Blutandrang
+nach dem Gehirn ausgegeben habe. Daher käme das Flimmern. Es müsse
+mit Diät gezwungen werden; Bier, Kaffee, Tee - alles gestrichen und
+gelegentlich eine lokale Blutentziehung, dann würde es bald besser
+werden. »Er sprach so von vierzehn Tagen. Aber ich kenne die
+Doktorangaben; vierzehn Tage heißt sechs Wochen, und ich werde
+noch hier sein, wenn Innstetten kommt und ihr in eure neue Wohnung
+einzieht. Ich will auch nicht leugnen, daß das das Beste von der Sache
+ist und mich über die mutmaßlich lange Kurdauer schon vorweg tröstet.
+Sucht euch nur recht was Hübsches. Ich habe mir Landgrafen- oder
+Keithstraße gedacht, elegant und doch nicht allzu teuer. Denn ihr
+werdet euch einschränken müssen. Innstettens Stellung ist sehr
+ehrenvoll, aber sie wirft nicht allzuviel ab. Und Briest klagt auch.
+Die Preise gehen herunter, und er erzählt mir jeden Tag, wenn nicht
+Schutzzölle kämen, so müßte er mit einem Bettelsack von Hohen-Cremmen
+abziehen. Du weißt, er übertreibt gern. Aber nun lange zu, Dagobert,
+und wenn es sein kann, erzähle uns was Hübsches. Krankheitsberichte
+sind immer langweilig, und die liebsten Menschen hören bloß zu, weil
+es nicht anders geht. Effi wird wohl auch gern eine Geschichte hören,
+etwas aus den Fliegenden Blättern oder aus dem Kladderadatsch. Er soll
+aber nicht mehr so gut sein.«
+
+»Oh, er ist noch ebensogut wie früher. Sie haben immer noch
+Strudelwitz und Prudelwitz, und da macht es sich von selber.«
+
+»Mein Liebling ist Karlchen Mießnick und Wippchen von Bernau.«
+
+»Ja, das sind die Besten. Aber Wippchen, der übrigens - Pardon, schöne
+Cousine - keine Kladderadatschfigur ist, Wippchen hat gegenwärtig
+nichts zu tun, es ist ja kein Krieg mehr. Leider. Unsereins möchte
+doch auch mal an die Reihe kommen und hier diese schreckliche Leere«,
+und er strich vom Knopfloch nach der Achsel hinüber, »endlich
+loswerden.« »Ach, das sind ja bloß Eitelkeiten. Erzähle lieber. Was
+ist denn jetzt dran?«
+
+»Ja, Cousine, das ist ein eigen Ding. Das ist nicht für jedermann.
+Jetzt haben wir nämlich die Bibelwitze.«
+
+»Die Bibelwitze? Was soll das heißen? ... Bibel und Witze gehören
+nicht zusammen.«
+
+»Eben deshalb sagte ich, es sei nicht für jedermann. Aber ob
+zulässig oder nicht, sie stehen jetzt hoch im Preis. Modesache, wie
+Kiebitzeier.«
+
+»Nun, wenn es nicht zu toll ist, so gib uns eine Probe. Geht es?«
+
+»Gewiß geht es. Und ich möchte sogar hinzusetzen dürfen, du triffst
+es besonders gut. Was jetzt nämlich kursiert, ist etwas hervorragend
+Feines, weil es als Kombination auftritt und in die einfache
+Bibelstelle noch das dativisch Wrangelsche mit einmischt. Die
+Fragestellung - alle diese Witze treten nämlich in Frageform auf - ist
+übrigens in vorliegendem Falle von großer Simplizität und lautet: 'Wer
+war der erste Kutscher?' Und nun rate.«
+
+»Nun, vielleicht Apollo.«
+
+»Sehr gut. Du bist doch ein Daus, Effi. Ich wäre nicht darauf
+gekommen. Aber trotzdem, du triffst damit nicht ins Schwarze.«
+
+»Nun, wer war es denn?«
+
+»Der erste Kutscher war 'Leid'. Denn schon im Buche Hiob heißt es:
+'Leid soll mir nicht widerfahren', oder auch 'wieder fahren' in zwei
+Wörtern und mit einem e.«
+
+Effi wiederholte kopfschüttelnd den Satz, auch die Zubemerkung, konnte
+sich aber trotz aller Mühe nicht drin zurechtfinden; sie gehörte ganz
+ausgesprochen zu den Bevorzugten, die für derlei Dinge durchaus kein
+Organ haben, und so kam denn Vetter Briest in die nicht beneidenswerte
+Situation, immer erneut erst auf den Gleichklang und dann auch wieder
+auf den Unterschied von 'widerfahren' und 'wieder fahren' hinweisen zu
+müssen.
+
+»Ach, nun versteh ich. Und du mußt mir verzeihen, daß es so lange
+gedauert hat. Aber es ist wirklich zu dumm.«
+
+»Ja, dumm ist es«, sagte Dagobert kleinlaut.
+
+»Dumm und unpassend und kann einem Berlin ordentlich verleiden. Da
+geht man nun aus Kessin fort, um wieder unter Menschen zu sein, und
+das erste, was man hört, ist ein Bibelwitz. Auch Mama schweigt, und
+das sagt genug. Ich will dir aber doch den Rückzug erleichtern ...«
+
+»Das tu, Cousine.«
+
+»... den Rückzug erleichtern und es ganz ernsthaft als ein gutes
+Zeichen nehmen, daß mir, als erstes hier, von meinem Vetter Dagobert
+gesagt wurde: 'Leid soll mir nicht widerfahren.' Sonderbar, Vetter, so
+schwach die Sache als Witz ist, ich bin dir doch dankbar dafür.«
+
+Dagobert, kaum aus der Schlinge heraus, versuchte über Effis
+Feierlichkeit zu spötteln, ließ aber ab davon, als er sah, daß es sie
+verdroß.
+
+Bald nach zehn Uhr brach er auf und versprach, am anderen Tage
+wiederzukommen, um nach den Befehlen zu fragen.
+
+Und gleich nachdem er gegangen, zog sich auch Effi in ihre Zimmer
+zurück.
+
+Am andern Tage war das schönste Wetter, und Mutter und Tochter brachen
+früh auf, zunächst nach der Augenklinik, wo Effi im Vorzimmer verblieb
+und sich mit dem Durchblättern eines Albums beschäftigte. Dann ging es
+nach dem Tiergarten und bis in die Nähe des »Zoologischen«, um dort
+herum nach einer Wohnung zu suchen. Es traf sich auch wirklich so,
+daß man in der Keithstraße, worauf sich ihre Wünsche von Anfang an
+gerichtet hatten, etwas durchaus Passendes ausfindig machte, nur
+daß es ein Neubau war, feucht und noch unfertig. »Es wird nicht
+gehen, liebe Effi«, sagte Frau von Briest, »schon einfach
+Gesundheitsrücksichten werden es verbieten. Und dann, ein Geheimrat
+ist kein Trockenwohner.«
+
+Effi, so sehr ihr die Wohnung gefiel, war um so einverstandener mit
+diesem Bedenken, als ihr an einer raschen Erledigung überhaupt nicht
+lag, ganz im Gegenteil: »Zeit gewonnen, alles gewonnen«, und so war
+ihr denn ein Hinausschieben der ganzen Angelegenheit eigentlich das
+Liebste, was ihr begegnen konnte. »Wir wollen diese Wohnung aber doch
+im Auge behalten, Mama, sie liegt so schön und ist im wesentlichen
+das, was ich mir gewünscht habe.« Dann fuhren beide Damen in die Stadt
+zurück, aßen im Restaurant, das man ihnen empfohlen, und waren am
+Abend in der Oper, wozu der Arzt unter der Bedingung, daß Frau von
+Briest mehr hören als sehen wolle, die Erlaubnis gegeben hatte.
+
+Die nächsten Tage nahmen einen ähnlichen Verlauf; man war aufrichtig
+erfreut, sich wiederzuhaben und nach so langer Zeit wieder ausgiebig
+miteinander plaudern zu können. Effi, die sich nicht bloß auf Zuhören
+und Erzählen, sondern, wenn ihr am wohlsten war, auch auf Medisieren
+ganz vorzüglich verstand, geriet mehr als einmal in ihren alten
+Übermut, und die Mama schrieb nach Hause, wie glücklich sie sei, das
+»Kind« wieder so heiter und lachlustig zu finden; es wiederhole sich
+ihnen allen die schöne Zeit von vor fast zwei Jahren, wo man die
+Ausstattung besorgt habe. Auch Vetter Briest sei ganz der alte. Das
+war nun auch wirklich der Fall, nur mit dem Unterschied, daß er sich
+seltener sehen ließ als vordem und auf die Frage nach dem »Warum«
+anscheinend ernsthaft versicherte: »Du bist mir zu gefährlich,
+Cousine.« Das gab dann jedesmal ein Lachen bei Mutter und Tochter,
+und Effi sagte: »Dagobert, du bist freilich noch sehr jung, aber zu
+solcher Form des Courmachers doch nicht mehr jung genug.«
+
+So waren schon beinahe vierzehn Tage vergangen. Innstetten schrieb
+immer dringlicher und wurde ziemlich spitz, fast auch gegen die
+Schwiegermama, so daß Effi einsah, ein weiteres Hinausschieben sei
+nicht mehr gut möglich und es müsse nun wirklich gemietet werden. Aber
+was dann? Bis zum Umzug nach Berlin waren immer noch drei Wochen, und
+Innstetten drang auf rasche Rückkehr. Es gab also nur ein Mittel: Sie
+mußte wieder eine Komödie spielen, mußte krank werden.
+
+Das kam ihr aus mehr als einem Grunde nicht leicht an; aber es mußte
+sein, und als ihr das feststand, stand ihr auch fest, wie die Rolle,
+bis in die kleinsten Einzelheiten hinein, gespielt werden müsse.
+
+»Mama, Innstetten, wie du siehst, wird über mein Ausbleiben
+empfindlich. Ich denke, wir geben also nach und mieten heute noch.
+Und morgen reise ich. Ach, es wird mir so schwer, mich von dir zu
+trennen.«
+
+Frau von Briest war einverstanden. »Und welche Wohnung wirst du
+wählen?«
+
+»Natürlich die erste, die in der Keithstraße, die mir von Anfang an so
+gut gefiel und dir auch. Sie wird wohl noch nicht ganz ausgetrocknet
+sein, aber es ist ja das Sommerhalbjahr, was einigermaßen ein Trost
+ist. Und wird es mit der Feuchtigkeit zu arg und kommt ein bißchen
+Rheumatismus, so hab ich ja schließlich immer noch Hohen-Cremmen.«
+
+»Kind, beruf es nicht; ein Rheumatismus ist mitunter da, man weiß
+nicht wie.«
+
+Diese Worte der Mama kamen Effi sehr zupaß. Sie mietete denselben
+Vormittag noch und schrieb eine Karte an Innstetten, daß sie den
+nächsten Tag zurückwolle. Gleich danach wurden auch wirklich die
+Koffer gepackt und alle Vorbereitungen getroffen. Als dann aber der
+andere Morgen da war, ließ Effi die Mama an ihr Bett rufen und sagte:
+»Mama, ich kann nicht reisen. Ich habe ein solches Reißen und Ziehen,
+es schmerzt mich über den ganzen Rücken hin, und ich glaube beinah, es
+ist ein Rheumatismus. Ich hätte nicht gedacht, daß das so schmerzhaft
+sei.«
+
+»Siehst du, was ich dir gesagt habe; man soll den Teufel nicht an die
+Wand malen. Gestern hast du noch leichtsinnig darüber gesprochen,
+und heute ist es schon da. Wenn ich Schweigger sehe, werde ich ihn
+fragen, was du tun sollst.« »Nein, nicht Schweigger. Der ist ja ein
+Spezialist. Das geht nicht, und er könnte es am Ende übelnehmen, in so
+was anderem zu Rate gezogen zu werden. Ich denke, das beste ist, wir
+warten es ab. Es kann ja auch vorübergehen. Ich werde den ganzen Tag
+über von Tee und Sodawasser leben, und wenn ich dann transpiriere,
+komm ich vielleicht drüber hin.«
+
+Frau von Briest drückte ihre Zustimmung aus, bestand aber darauf, daß
+sie sich gut verpflege. Daß man nichts genießen müsse, wie das früher
+Mode war, das sei ganz falsch und schwäche bloß; in diesem Punkt stehe
+sie ganz zu der jungen Schule: tüchtig essen.
+
+Effi sog sich nicht wenig Trost aus diesen Anschauungen, schrieb ein
+Telegramm an Innstetten, worin sie von dem »leidigen Zwischenfall«
+und einer ärgerlichen, aber doch nur momentanen Behinderung sprach,
+und sagte dann zu Roswitha: »Roswitha, du mußt mir nun auch Bücher
+besorgen; es wird nicht schwerhalten, ich will alte, ganz alte.«
+
+»Gewiß, gnäd'ge Frau. Die Leihbibliothek ist ja gleich hier nebenan.
+Was soll ich besorgen?«
+
+»Ich will es aufschreiben, allerlei zur Auswahl, denn mitunter haben
+sie nicht das eine, was man grade haben will.« Roswitha brachte
+Bleistift und Papier, und Effi schrieb auf:
+
+Walter Scott, Ivanhoe oder Quentin Durward; Cooper, Der Spion;
+Dickens, David Copperfield; Willibald Alexis, Die Hosen des Herrn von
+Bredow.
+
+Roswitha las den Zettel durch und schnitt in der anderen Stube die
+letzte Zeile fort; sie genierte sich ihret- und ihrer Frau wegen, den
+Zettel in seiner ursprünglichen Gestalt abzugeben.
+
+Ohne besondere Vorkommnisse verging der Tag. Am andern Morgen war
+es nicht besser und am dritten auch nicht. »Effi, das geht so nicht
+länger. Wenn so was einreißt, dann wird man's nicht wieder los;
+wovor die Doktoren am meisten warnen und mit Recht, das sind solche
+Verschleppungen.«
+
+Effi seufzte. »Ja, Mama, aber wen sollen wir nehmen? Nur keinen
+jungen; ich weiß nicht, aber es würde mich genieren.«
+
+»Ein junger Doktor ist immer genant, und wenn er es nicht ist, desto
+schlimmer. Aber du kannst dich beruhigen; ich komme mit einem ganz
+alten, der mich schon behandelt hat, als ich noch in der Heckerschen
+Pension war, also vor etlichen zwanzig Jahren. Und damals war er nah
+an Fünfzig und hatte schönes graues Haar, ganz kraus. Er war ein
+Damenmann, aber in den richtigen Grenzen. Ärzte, die das vergessen,
+gehen unter, und es kann auch nicht anders sein; unsere Frauen,
+wenigstens die aus der Gesellschaft, haben immer noch einen guten
+Fond.«
+
+»Meinst du? Ich freue mich immer, so was Gutes zu hören. Denn mitunter
+hört man doch auch andres. Und schwer mag es wohl oft sein. Und wie
+heißt denn der alte Geheimrat? Ich nehme an, daß es ein Geheimrat
+ist.«
+
+»Geheimrat Rummschüttel.«
+
+Effi lachte herzlich. »Rummschüttel! Und als Arzt für jemanden, der
+sich nicht rühren kann.«
+
+»Effi, du sprichst so sonderbar. Große Schmerzen kannst du nicht
+haben.«
+
+»Nein, in diesem Augenblick nicht; es wechselt beständig.«
+
+Am anderen Morgen erschien Geheimrat Rummschüttel. Frau von Briest
+empfing ihn, und als er Effi sah, war sein erstes Wort: »Ganz die
+Mama.«
+
+Diese wollte den Vergleich ablehnen und meinte, zwanzig Jahre und
+drüber seien doch eine lange Zeit; Rummschüttel blieb aber bei seiner
+Behauptung, zugleich versichernd: nicht jeder Kopf präge sich ihm ein,
+aber wenn er überhaupt erst einen Eindruck empfangen habe, so bleibe
+der auch für immer. »Und nun, meine gnädigste Frau von Innstetten, wo
+fehlt es, wo sollen wir helfen?«
+
+»Ach, Herr Geheimrat, ich komme in Verlegenheit, Ihnen auszudrücken,
+was es ist. Es wechselt beständig. In diesem Augenblick ist es wie
+weggeflogen. Anfangs habe ich an Rheumatisches gedacht, aber ich möcht
+beinah glauben, es sei eine Neuralgie, Schmerzen den Rücken entlang,
+und dann kann ich mich nicht aufrichten. Mein Papa leidet an
+Neuralgie, da hab ich es früher beobachten können. Vielleicht ein
+Erbstück von ihm.«
+
+»Sehr wahrscheinlich«, sagte Rummschüttel, der den Puls gefühlt
+und die Patientin leicht, aber doch scharf beobachtet hatte. »Sehr
+wahrscheinlich, meine gnädigste Frau.« Was er aber still zu sich
+selber sagte, das lautete: »Schulkrank und mit Virtuosität gespielt;
+Evastochter comme il faut.« Er ließ jedoch nichts davon merken,
+sondern sagte mit allem wünschenswerten Ernst: »Ruhe und Wärme sind
+das Beste, was ich anraten kann. Eine Medizin, übrigens nichts
+Schlimmes, wird das Weitere tun.«
+
+Und er erhob sich, um das Rezept aufzuschreiben: Aqua Amygdalarum
+amararum eine halbe Unze, Syrupus florum Aurantii zwei Unzen.
+»Hiervon, meine gnädigste Frau, bitte ich Sie, alle zwei Stunden einen
+halben Teelöffel voll nehmen zu wollen. Es wird Ihre Nerven beruhigen.
+Und worauf ich noch dringen möchte: keine geistigen Anstrengungen,
+keine Besuche, keine Lektüre.« Dabei wies er auf das neben ihr
+liegende Buch.
+
+»Es ist Scott.«
+
+»Oh, dagegen ist nichts einzuwenden. Das beste sind
+Reisebeschreibungen. Ich spreche morgen wieder vor.«
+
+Effi hatte sich wundervoll gehalten, ihre Rolle gut durchgespielt. Als
+sie wieder allein war - die Mama begleitete den Geheimrat -, schoß ihr
+trotzdem das Blut zu Kopf; sie hatte recht gut bemerkt, daß er ihrer
+Komödie mit einer Komödie begegnet war. Er war offenbar ein überaus
+lebensgewandter Herr, der alles recht gut sah, aber nicht alles
+sehen wollte, vielleicht weil er wußte, daß dergleichen auch mal zu
+respektieren sein könne. Denn gab es nicht zu respektierende Komödien,
+war nicht die, die er selber spielte, eine solche? Bald danach kam die
+Mama zurück, und Mutter und Tochter ergingen sich in Lobeserhebungen
+über den feinen alten Herrn, der trotz seiner beinah Siebzig noch
+etwas Jugendliches habe. »Schicke nur gleich Roswitha nach der
+Apotheke ... Du sollst aber nur alle drei Stunden nehmen, hat er mir
+draußen noch eigens gesagt. So war er schon damals, er verschrieb
+nicht oft und nicht viel; aber immer Energisches, und es half auch
+gleich.«
+
+Rummschüttel kam den zweiten Tag und dann jeden dritten, weil er sah,
+welche Verlegenheit sein Kommen der jungen Frau bereitete. Dies nahm
+ihn für sie ein, und sein Urteil stand ihm nach dem dritten Besuch
+fest: »Hier liegt etwas vor, was die Frau zwingt, so zu handeln, wie
+sie handelt.« Über solche Dinge den Empfindlichen zu spielen, lag
+längst hinter ihm.
+
+Als Rummschüttel seinen vierten Besuch machte, fand er Effi auf, in
+einem Schaukelstuhl sitzend, ein Buch in der Hand, Annie neben ihr.
+
+»Ah, meine gnädigste Frau! Hocherfreut. Ich schiebe es nicht auf die
+Arznei; das schöne Wetter, die hellen, frischen Märztage, da fällt die
+Krankheit ab. Ich beglückwünsche Sie. Und die Frau Mama?«
+
+»Sie ist ausgegangen, Herr Geheimrat, in die Keithstraße, wo wir
+gemietet haben. Ich erwarte nun innerhalb weniger Tage meinen Mann,
+den ich mich, wenn in unserer Wohnung erst alles in Ordnung sein wird,
+herzlich freue, Ihnen vorstellen zu können. Denn ich darf doch wohl
+hoffen, daß Sie auch in Zukunft sich meiner annehmen werden.«
+
+Er verbeugte sich.
+
+»Die neue Wohnung«, fuhr sie fort, »ein Neubau, macht mir freilich
+Sorge. Glauben Sie, Herr Geheimrat, daß die feuchten Wände ...«
+
+»Nicht im geringsten, meine gnädigste Frau. Lassen Sie drei, vier Tage
+lang tüchtig heizen und immer Türen und Fenster auf, da können Sie's
+wagen, auf meine Verantwortung. Und mit Ihrer Neuralgie, das war nicht
+von solcher Bedeutung. Aber ich freue mich Ihrer Vorsicht, die mir
+Gelegenheit gegeben hat, eine alte Bekanntschaft zu erneuern und eine
+neue zu machen.«
+
+Er wiederholte seine Verbeugung, sah noch Annie freundlich in die
+Augen und verabschiedete sich unter Empfehlungen an die Mama.
+
+Kaum daß er fort war, so setzte sich Effi an den Schreibtisch und
+schrieb: »Lieber Innstetten! Eben war Rummschüttel hier und hat mich
+aus der Kur entlassen. Ich könnte nun reisen, morgen etwa; aber heut
+ist schon der 24., und am 28. willst Du hier eintreffen. Angegriffen
+bin ich ohnehin noch. Ich denke, Du wirst einverstanden sein, wenn ich
+die Reise ganz aufgebe. Die Sachen sind ja ohnehin schon unterwegs,
+und wir würden, wenn ich käme, in Hoppensacks Hotel wie Fremde leben
+müssen. Auch der Kostenpunkt ist in Betracht zu ziehen, die Ausgaben
+werden sich ohnehin häufen; unter anderem ist Rummschüttel zu
+honorieren, wenn er uns auch als Arzt verbleibt. Übrigens ein sehr
+liebenswürdiger alter Herr. Er gilt ärztlich nicht für ersten
+Ranges, 'Damendoktor', sagen seine Gegner und Neider. Aber dies
+Wort umschließt doch auch ein Lob; es kann eben nicht jeder mit uns
+umgehen. Daß ich von den Kessinern nicht persönlich Abschied nehme,
+hat nicht viel auf sich. Bei Gieshübler war ich. Die Frau Majorin hat
+sich immer ablehnend gegen mich verhalten, ablehnend bis zur Unart;
+bleibt noch der Pastor und Doktor Hannemann und Crampas. Empfiehl
+mich letzterem. An die Familien auf dem Lande schicke ich Karten;
+Güldenklees, wie Du mir schreibst, sind in Italien (was sie da wollen,
+weiß ich nicht), und so bleiben nur die drei andern. Entschuldige
+mich, so gut es geht. Du bist ja der Mann der Formen und weißt
+das richtige Wort zu treffen. An Frau Von Padden, die mir am
+Silvesterabend so außerordentlich gut gefiel, schreibe ich vielleicht
+selber noch und spreche ihr mein Bedauern aus. Laß mich in einem
+Telegramm wissen, ob Du mit allem einverstanden bist. Wie immer Deine
+Effi.«
+
+Effi brachte selber den Brief zur Post, als ob sie dadurch die Antwort
+beschleunigen könne, und am nächsten Vormittag traf denn auch das
+erbetene Telegramm von Innstetten ein: »Einverstanden mit allem.« Ihr
+Herz jubelte, sie eilte hinunter und auf den nächsten Droschkenstand
+zu: »Keithstraße Ic.« Und erst die Linden und dann die
+Tiergartenstraße hinunter flog die Droschke, und nun hielt sie vor der
+neuen Wohnung.
+
+Oben standen die den Tag vorher eingetroffenen Sachen noch bunt
+durcheinander, aber es störte sie nicht, und als sie auf den breiten,
+aufgemauerten Balkon hinaustrat, lag jenseits der Kanalbrücke der
+Tiergarten vor ihr, dessen Bäume schon überall einen grünen Schimmer
+zeigten. Darüber aber ein klarer blauer Himmel und eine lachende
+Sonne.
+
+Sie zitterte vor Erregung und atmete hoch auf. Dann trat sie vom
+Balkon her wieder über die Türschwelle zurück, hob den Blick und
+faltete die Hände.
+
+»Nun, mit Gott, ein neues Leben! Es soll anders werden.«
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Kapitel
+
+Drei Tage danach, ziemlich spät, um die neunte Stunde, traf Innstetten
+in Berlin ein. Alles war am Bahnhof: Effi, die Mama, der Vetter; der
+Empfang war herzlich, am herzlichsten von seiten Effis, und man hatte
+bereits eine Welt von Dingen durchgesprochen, als der Wagen, den man
+genommen, vor der neuen Wohnung in der Keithstraße hielt. »Ach, da
+hast du gut gewählt, Effi«, sagte Innstetten, als er in das Vestibül
+eintrat, »kein Haifisch, kein Krokodil und hoffentlich auch kein
+Spuk.«
+
+»Nein, Geert, damit ist es nun vorbei. Nun bricht eine andere Zeit an,
+und ich fürchte mich nicht mehr und will auch besser sein als früher
+und dir mehr zu Willen leben.« Alles das flüsterte sie ihm zu, während
+sie die teppichbedeckte Treppe bis in den zweiten Stock hinanstiegen.
+Der Vetter führte die Mama.
+
+Oben fehlte noch manches, aber für einen wohnlichen Eindruck war doch
+gesorgt, und Innstetten sprach seine Freude darüber aus. »Effi, du
+bist doch ein kleines Genie«; aber diese lehnte das Lob ab und zeigte
+auf die Mama, die habe das eigentliche Verdienst. »Hier muß es
+stehen«, so habe es unerbittlich geheißen, und immer habe sie's
+getroffen, wodurch natürlich viel Zeit gespart und die gute Laune
+nie gestört worden sei. Zuletzt kam auch Roswitha, um den Herrn zu
+begrüßen, bei welcher Gelegenheit sie sagte, Fräulein Annie ließe sich
+für heute entschuldigen - ein kleiner Witz, auf den sie stolz war und
+mit dem sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte.
+
+Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch, und als
+Innstetten sich ein Glas Wein eingeschenkt und »auf glückliche Tage«
+mit allen angestoßen hatte, nahm er Effis Hand und sagte: »Aber Effi,
+nun erzähle mir, was war das mit deiner Krankheit?«
+
+»Ach, lassen wir doch das, nicht der Rede wert; ein bißchen
+schmerzhaft und eine rechte Störung, weil es einen Strich durch
+unsere Pläne machte. Aber mehr war es nicht, und nun ist es vorbei.
+Rummschüttel hat sich bewährt, ein feiner, liebenswürdiger alter Herr,
+wie ich dir, glaub ich, schon schrieb. In seiner Wissenschaft soll er
+nicht gerade glänzen, aber Mama sagt, das sei ein Vorzug. Und sie wird
+wohl recht haben, wie in allen Stücken. Unser guter Doktor Hannemann
+war auch kein Licht und traf es doch immer. Und nun sag, was macht
+Gieshübler und die anderen alle?«
+
+»Ja, wer sind die anderen alle? Crampas läßt sich der gnäd'gen Frau
+empfehlen ...«
+
+»Ah, sehr artig.«
+
+»Und der Pastor will dir desgleichen empfohlen sein; nur die
+Herrschaften auf dem Lande waren ziemlich nüchtern und schienen auch
+mich für deinen Abschied ohne Abschied verantwortlich machen zu
+wollen. Unsere Freundin Sidonie war sogar spitz, und nur die gute Frau
+von Padden, zu der ich eigens vorgestern noch hinüberfuhr, freute sich
+aufrichtig über deinen Gruß und deine Liebeserklärung an sie. Du seist
+eine reizende Frau, sagte sie, aber ich sollte dich gut hüten. Und als
+ich ihr erwiderte, du fändest schon, daß ich mehr ein Erzieher als ein
+Ehemann sei, sagte sie halblaut und beinahe wie abwesend: 'Ein junges
+Lämmchen, weiß wie Schnee.' Und dann brach sie ab.«
+
+Vetter Briest lachte. »'Ein junges Lämmchen, weiß wie Schnee.' Da
+hörst du's, Cousine.« Und er wollte sie zu necken fortfahren, gab es
+aber auf, als er sah, daß sie sich verfärbte.
+
+Das Gespräch, das meist zurückliegende Verhältnisse berührte, spann
+sich noch eine Weile weiter, und Effi erfuhr zuletzt aus diesem und
+jenem, was Innstetten mitteilte, daß sich von dem ganzen Kessiner
+Hausstand nur Johanna bereit erklärt habe, die Übersiedlung nach
+Berlin mitzumachen. Sie sei natürlich noch zurückgeblieben, werde aber
+in zwei, drei Tagen mit dem Rest der Sachen eintreffen; er sei froh
+über ihren Entschluß, denn sie sei immer die Brauchbarste gewesen
+und von einem ausgesprochenen großstädtischen Schick. Vielleicht ein
+bißchen zu sehr. Christel und Friedrich hätten sich beide für zu
+alt erklärt, und mit Kruse zu verhandeln, habe sich von vornherein
+verboten. »Was soll uns ein Kutscher hier?« schloß Innstetten. »Pferd
+und Wagen, das sind tempi passati, mit diesem Luxus ist es in Berlin
+vorbei. Nicht einmal das schwarze Huhn hätten wir unterbringen können.
+Oder unterschätze ich die Wohnung?«
+
+Effi schüttelte den Kopf, und als eine kleine Pause eintrat, erhob
+sich die Mama; es sei bald elf, und sie habe noch einen weiten Weg,
+übrigens solle sie niemand begleiten, der Droschkenstand sei ja nah
+- ein Ansinnen, das Vetter Briest natürlich ablehnte. Bald darauf
+trennte man sich, nachdem noch ein Rendezvous für den anderen
+Vormittag verabredet war.
+
+Effi war ziemlich früh auf und hatte - die Luft war beinahe sommerlich
+warm - den Kaffeetisch bis nahe an die geöffnete Balkontür rücken
+lassen, und als Innstetten nun auch erschien, trat sie mit ihm auf
+den Balkon hinaus und sagte: »Nun, was sagst du? Du wolltest den
+Finkenschlag aus dem Tiergarten hören und die Papageien aus dem
+Zoologischen.
+
+Ich weiß nicht, ob beide dir den Gefallen tun werden, aber möglich ist
+es. Hörst du wohl? Das kam von drüben, drüben aus dem kleinen Park. Es
+ist nicht der eigentliche Tiergarten, aber doch beinah.«
+
+Innstetten war entzückt und von einer Dankbarkeit, als ob Effi ihm
+das alles persönlich herangezaubert habe. Dann setzten sie sich, und
+nun kam auch Annie. Roswitha verlangte, daß Innstetten eine große
+Veränderung an dem Kinde finden solle, was er denn auch schließlich
+tat. Und dann plauderten sie weiter, abwechselnd über die Kessiner und
+die in Berlin zu machenden Visiten und ganz zuletzt auch über eine
+Sommerreise. Mitten im Gespräch aber mußten sie abbrechen, um
+rechtzeitig beim Rendezvous erscheinen zu können.
+
+Man traf sich, wie verabredet, bei Helms, gegenüber dem Roten Schloß,
+besuchte verschiedene Läden, aß bei Hiller und war bei guter Zeit
+wieder zu Haus. Es war ein gelungenes Beisammensein gewesen.
+Innstetten herzlich froh, das großstädtische Leben wieder mitmachen
+und auf sich wirken lassen zu können. Tags darauf, am 1. April, begab
+er sich in das Kanzlerpalais, um sich einzuschreiben (eine persönliche
+Gratulation unterließ er aus Rücksicht), und ging dann aufs
+Ministerium, um sich da zu melden. Er wurde auch angenommen, trotzdem
+es ein geschäftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger Tag war,
+ja, sah sich seitens seines Chefs durch besonders entgegenkommende
+Liebenswürdigkeit ausgezeichnet. Er wisse, was er an ihm habe, und sei
+sicher, ihr Einvernehmen nie gestört zu sehen.
+
+Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten. Ein aufrichtiges
+Bedauern war es für Effi, die Mama, nachdem diese, wie gleich
+anfänglich vermutet, fast sechs Wochen lang in Kur gewesen, nach
+Hohen-Cremmen zurückkehren zu sehen, ein Bedauern, das nur dadurch
+einigermaßen gemildert wurde, daß sich Johanna denselben Tag noch
+in Berlin einstellte. Das war immerhin was, und wenn die hübsche
+Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahe stand wie die ganz
+selbstsuchtslose und unendlich gutmütige Roswitha, so war sie doch
+gleichmäßig angesehen, ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen
+Herrin, weil sie sehr geschickt und brauchbar und der Männerwelt
+gegenüber von einer ausgesprochenen und selbstbewußten Reserviertheit
+war. Einem Kessiner on dit zufolge ließen sich die Wurzeln ihrer
+Existenz auf eine längst pensionierte Größe der Garnison Pasewalk
+zurückführen, woraus man sich auch ihre vornehme Gesinnung, ihr
+schönes blondes Haar und die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung
+erklären wollte. Johanna selbst teilte die Freude, die man allerseits
+über ihr Eintreffen empfand, und war durchaus einverstanden damit,
+als Hausmädchen und Jungfer, ganz wie früher, den Dienst bei Effi zu
+übernehmen, während Roswitha, die der Christel in beinahe Jahresfrist
+ihre Kochkünste so ziemlich abgelernt hatte, dem Küchendepartement
+vorstehen sollte. Annies Abwartung und Pflege fiel Effi selber zu,
+worüber Roswitha freilich lachte. Denn sie kannte die jungen Frauen.
+
+Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus. Er war
+glücklicher als vordem in Kessin, weil ihm nicht entging, daß Effi
+sich unbefangener und heiterer gab. Und das konnte sie, weil sie sich
+freier fühlte. Wohl blickte das Vergangene noch in ihr Leben hinein,
+aber es ängstigte sie nicht mehr oder doch um vieles seltener und
+vorübergehender, und alles, was davon noch in ihr nachzitterte, gab
+ihrer Haltung einen eigenen Reiz. In jeglichem, was sie tat, lag etwas
+Wehmütiges, wie eine Abbitte, und es hätte sie glücklich gemacht, dies
+alles noch deutlicher zeigen zu können. Aber das verbot sich freilich.
+
+Das gesellschaftliche Leben der großen Stadt war, als sie während der
+ersten Aprilwochen ihre Besuche machten, noch nicht vorüber, wohl aber
+im Erlöschen, und so kam es für sie zu keiner rechten Teilnahme mehr
+daran. In der zweiten Hälfte des Mai starb es dann ganz hin, und mehr
+noch als vorher war man glücklich, sich in der Mittagsstunde, wenn
+Innstetten von seinem Ministerium kam, im Tiergarten treffen oder
+nachmittags einen Spaziergang nach dem Charlottenburger Schloßgarten
+machen zu können. Effi sah sich, wenn sie die lange Front zwischen dem
+Schloß und den Orangeriebäumen auf und ab schritt, immer wieder die
+massenhaft dort stehenden römischen Kaiser an, fand eine merkwürdige
+Ähnlichkeit zwischen Nero und Titus, sammelte Tannenäpfel, die von
+den Trauertannen gefallen waren, und ging dann, Arm in Arm mit ihrem
+Manne, bis auf das nach der Spree hin einsam gelegene »Belvedere« zu.
+
+»Da drin soll es auch einmal gespukt haben«, sagte sie.
+
+»Nein, bloß Geistererscheinungen.«
+
+»Das ist dasselbe.«
+
+»Ja, zuweilen«, sagte Innstetten. »Aber eigentlich ist doch ein
+Unterschied. Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens
+soll es hier in dem 'Belvedere' so gewesen sein, wie Vetter Briest
+erst gestern noch erzählte -, Spuk aber wird nie gemacht, Spuk ist
+natürlich.«
+
+»Also glaubst du doch dran?«
+
+»Gewiß glaub ich dran. Es gibt so was. Nur an das, was wir in Kessin
+davon hatten, glaub ich nicht recht. Hat dir denn Johanna schon ihren
+Chinesen gezeigt?«
+
+»Welchen?«
+
+»Nun, unsern. Sie hat ihn, ehe sie unser altes Haus verließ, oben von
+der Stuhllehne abgelöst und ihn ins Portemonnaie gelegt. Als ich mir
+neulich ein Markstück bei ihr wechselte, hab ich ihn gesehen. Und sie
+hat es mir auch verlegen bestätigt.«
+
+»Ach, Geert, das hättest du mir nicht sagen sollen. Nun ist doch
+wieder so was in unserm Hause.«
+
+»Sag ihr, daß sie ihn verbrennt.«
+
+»Nein, das mag ich auch nicht, und das hilft auch nichts. Aber ich
+will Roswitha bitten ...«
+
+»Um was? Ah, ich verstehe schon, ich ahne, was du vorhast. Die soll
+ein Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun. Ist es
+so was?«
+
+Effi nickte.
+
+»Nun, tu, was du willst. Aber sag es niemandem.«
+
+Effi meinte dann schließlich, es lieber doch lassen zu wollen, und
+unter allerhand kleinem Geplauder, in welchem die Reisepläne für den
+Sommer mehr und mehr Platz gewannen, fuhren sie bis an den »Großen
+Stern« zurück und gingen dann durch die Korso-Allee und die breite
+Friedrich-Wilhelm-Straße auf ihre Wohnung zu.
+
+Sie hatten vor, schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische
+Gebirge zu gehen, wo gerade in diesem Jahr wieder die Oberammergauer
+Spiele stattfanden. Es ließ sich aber nicht tun; Geheimrat von
+Wüllesdorf, den Innstetten schon von früher her kannte und der jetzt
+sein Spezialkollege war, erkrankte plötzlich, und Innstetten mußte
+bleiben und ihn vertreten. Erst Mitte August war alles wieder
+beglichen und damit die Reisemöglichkeit gegeben; es war aber nun zu
+spät geworden, um noch nach Oberammergau zu gehen, und so entschied
+man sich für einen Aufenthalt auf Rügen. »Zunächst natürlich
+Stralsund, mit Schill, den du kennst, und mit Scheele, den du nicht
+kennst und der den Sauerstoff entdeckte, was man aber nicht zu wissen
+braucht. Und dann von Stralsund nach Bergen und dem Rugard, von wo
+man, wie mir Wüllersdorf sagte, die ganze Insel übersehen kann, und
+dann zwischen dem Großen und Kleinen Jasmunder-Bodden hin, bis nach
+Saßnitz. Denn nach Rügen reisen heißt nach Saßnitz reisen. Binz ginge
+vielleicht auch noch, aber da sind - ich muß Wüllersdorf noch einmal
+zitieren - so viele kleine Steinchen und Muschelschalen am Strand, und
+wir wollen doch baden.«
+
+Effi war einverstanden mit allem, was von seiten Innstettens geplant
+wurde, vor allem auch damit, daß der ganze Hausstand auf vier Wochen
+aufgelöst und Roswitha mit Annie nach Hohen-Cremmen, Johanna aber zu
+ihrem etwas jüngeren Halbbruder reisen sollte, der bei Pasewalk eine
+Schneidemühle hatte. So war alles gut untergebracht. Mit Beginn der
+nächsten Woche brach man denn auch wirklich auf, und am selben Abend
+noch war man in Saßnitz. Über dem Gasthaus stand »Hotel Fahrenheit«.
+»Die Preise hoffentlich nach Réaumur«, setzte Innstetten, als er
+den Namen las, hinzu, und in bester Laune machten beide noch einen
+Abendspaziergang an dem Klippenstrand hin und sahen von einem
+Felsenvorsprung aus auf die stille, vom Mondschein überzitterte Bucht.
+Effi war entzückt. »Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja Sorrent.
+Ja, hier bleiben wir. Aber natürlich nicht im Hotel; die Kellner sind
+mir zu vornehm, und man geniert sich, um eine Flasche Sodawasser zu
+bitten ...«
+
+»Ja, lauter Attachés. Es wird sich aber wohl eine Privatwohnung finden
+lassen.«
+
+»Denk ich auch. Und wir wollen gleich morgen danach aussehen.«
+
+Schön wie der Abend war der Morgen, und man nahm das Frühstück im
+Freien. Innstetten empfing etliche Briefe, die schnell erledigt werden
+mußten, und so beschloß Effi, die für sie freigewordene Stunde sofort
+zur Wohnungssuche zu benutzen. Sie ging erst an einer eingepferchten
+Wiese, dann an Häusergruppen und Haferfeldern vorüber und bog zuletzt
+in einen Weg ein, der schluchtartig auf das Meer zulief. Da, wo
+dieser Schluchtenweg den Strand traf, stand ein von hohen Buchen
+überschattetes Gasthaus, nicht so vornehm wie das Fahrenheitsche, mehr
+ein bloßes Restaurant, in dem, der frühen Stunde halber, noch alles
+leer war. Effi nahm an einem Aussichtspunkt Platz, und kaum daß sie
+von dem Sherry, den sie bestellt, genippt hatte, so trat auch schon
+der Wirt an sie heran, um halb aus Neugier und halb aus Artigkeit ein
+Gespräch mit ihr anzuknüpfen.
+
+»Es gefällt uns sehr gut hier«, sagte sie, »meinem Manne und mir;
+welch prächtiger Blick über die Bucht, und wir sind nur in Sorge wegen
+einer Wohnung.«
+
+»Ja, gnädigste Frau, das wird schwerhalten ...«
+
+»Es ist aber schon spät im Jahr ...«
+
+»Trotzdem. Hier in Saßnitz ist sicherlich nichts zu finden, dafür
+möcht ich mich verbürgen; aber weiterhin am Strand, wo das nächste
+Dorf anfängt, Sie können die Dächer von hier aus blinken sehen, da
+möcht es vielleicht sein.«
+
+»Und wie heißt das Dorf?« »Crampas.«
+
+Effi glaubte nicht recht gehört zu haben. »Crampas«, wiederholte sie
+mit Anstrengung. »Ich habe den Namen als Ortsnamen nie gehört ... Und
+sonst nichts in der Nähe?«
+
+»Nein, gnädigste Frau. Hier herum nichts. Aber höher hinauf, nach
+Norden zu, da kommen noch wieder Dörfer, und in dem Gasthause, das
+dicht neben Stubbenkammer liegt, wird man Ihnen gewiß Auskunft geben
+können. Es werden dort von solchen, die gerne noch vermieten wollen,
+immer Adressen abgegeben.«
+
+Effi war froh, das Gespräch allein geführt zu haben, und als sie bald
+danach ihrem Manne Bericht erstattet und nur den Namen des an Saßnitz
+angrenzenden Dorfes verschwiegen hatte, sagte dieser: »Nun, wenn es
+hier herum nichts gibt, so wird es das beste sein, wir nehmen einen
+Wagen (wodurch man sich beiläufig einem Hotel immer empfiehlt) und
+übersiedeln ohne weiteres da höher hinauf, nach Stubbenkammer hin.
+Irgendwas Idyllisches mit einer Geißblattlaube wird sich da wohl
+finden lassen, und finden wir nichts, so bleibt uns immer noch das
+Hotel selbst. Eins ist schließlich wie das andere.«
+
+Effi war einverstanden, und gegen Mittag schon erreichten sie das
+neben Stubbenkammer gelegene Gasthaus, von dem Innstetten eben
+gesprochen, und bestellten daselbst einen Imbiß. »Aber erst nach einer
+halben Stunde; wir haben vor, zunächst noch einen Spaziergang zu
+machen und uns den Herthasee anzusehen. Ein Führer ist doch wohl da?«
+
+Dies wurde bejaht, und ein Mann von mittleren Jahren trat alsbald an
+unsere Reisenden heran. Er sah so wichtig und feierlich aus, als ob er
+mindestens ein Adjunkt bei dem alten Herthadienst gewesen wäre.
+
+Der von hohen Bäumen umstandene See lag ganz in der Nähe, Binsen
+säumten ihn ein, und auf der stillen, schwarzen Wasserfläche schwammen
+zahlreiche Mummeln.
+
+»Es sieht wirklich nach so was aus«, sagte Effi, »nach Herthadienst.«
+
+»Ja, gnäd'ge Frau ... Dessen sind auch noch die Steine Zeugen.«
+
+»Welche Steine?«
+
+»Die Opfersteine.«
+
+Und während sich das Gespräch in dieser Weise fortsetzte, traten alle
+drei vom See her an eine senkrechte, abgestochene Kies- und Lehmwand
+heran, an die sich etliche glattpolierte Steine lehnten, alle mit
+einer flachen Höhlung und etlichen nach unten laufenden Rinnen.
+
+»Und was bezwecken die?«
+
+»Daß es besser abliefe, gnäd'ge Frau.«
+
+»Laß uns gehen«, sagte Effi, und den Arm ihres Mannes nehmend, ging
+sie mit ihm wieder auf das Gasthaus zurück, wo nun, an einer Stelle
+mit weitem Ausblick auf das Meer, das vorher bestellte Frühstück
+aufgetragen wurde. Die Bucht lag im Sonnenlicht vor ihnen, einzelne
+Segelboote glitten darüber hin, und um die benachbarten Klippen
+haschten sich die Möwen. Es war sehr schön, auch Effi fand es; aber
+wenn sie dann über die glitzernde Fläche hinwegsah, bemerkte sie, nach
+Süden zu, wieder die hell aufleuchtenden Dächer des langgestreckten
+Dorfes, dessen Name sie heute früh so sehr erschreckt hatte.
+
+Innstetten, wenn auch ohne Wissen und Ahnung dessen, was in ihr
+vorging, sah doch deutlich, daß es ihr an aller Lust und Freude
+gebrach. »Es tut mir leid, Effi, daß du der Sache nicht recht froh
+wirst. Du kannst den Herthasee nicht vergessen und noch weniger die
+Steine.«
+
+Sie nickte. »Es ist so, wie du sagst. Und ich muß dir bekennen, ich
+habe nichts in meinem Leben gesehen, was mich so traurig gestimmt
+hätte. Wir wollen das Wohnungssuchen ganz aufgeben; ich kann hier
+nicht bleiben.«
+
+»Und gestern war es dir noch der Golf von Neapel und alles mögliche
+Schöne.«
+
+»Ja, gestern.«
+
+»Und heute? Heute keine Spur mehr von Sorrent?«
+
+»Eine Spur noch, aber auch nur eine Spur; es ist Sorrent, als ob es
+sterben wollte.«
+
+»Gut dann, Effi«, sagte Innstetten und reichte ihr die Hand.
+
+»Ich will dich mit Rügen nicht quälen, und so geben wir's denn auf.
+Abgemacht. Es ist nicht nötig, daß wir uns an Stubbenkammer anklammern
+oder an Saßnitz oder da weiter hinunter. Aber wohin?«
+
+»Ich denke, wir bleiben noch einen Tag und warten das Dampfschiff ab,
+das, wenn ich nicht irre, morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen
+hinüberfährt. Da soll es ja so vergnüglich sein, und ich kann dir gar
+nicht sagen, wie sehr ich mich nach etwas Vergnüglichem sehne. Hier
+ist mir, als ob ich in meinem ganzen Leben nicht mehr lachen könnte
+und überhaupt nie gelacht hätte, und du weißt doch, wie gern ich
+lache.«
+
+Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem Zustand, und das um
+so lieber, als er ihr in vielem recht gab. Es war wirklich alles
+schwermütig, so schön es war.
+
+Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff ab und trafen am
+dritten Tag in aller Frühe in Kopenhagen ein, wo sie auf Kongens
+Nytorv Wohnung nahmen. Zwei Stunden später waren sie schon im
+Thorwaldsen-Museum, und Effi sagte: »Ja, Geert, das ist schön, und ich
+bin glücklich, daß wir uns hierher auf den Weg gemacht haben.« Bald
+danach gingen sie zu Tisch und machten an der Table d'hôte die
+Bekanntschaft einer ihnen gegenübersitzenden jütländischen Familie,
+deren bildschöne Tochter, Thora von Penz, ebenso Innstettens wie Effis
+beinah bewundernde Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm. Effi konnte
+sich nicht satt sehen an den großen blauen Augen und dem flachsblonden
+Haar, und als man sich nach anderthalb Stunden von Tisch erhob, wurde
+seitens der Penzschen Familie - die leider, denselben Tag noch,
+Kopenhagen wieder verlassen mußte - die Hoffnung ausgesprochen, das
+junge preußische Paar mit nächstem in Schloß Aggerhuus (eine halbe
+Meile vom Limfjord) begrüßen zu dürfen, eine Einladung, die von den
+Innstettens auch ohne langes Zögern angenommen wurde. So vergingen die
+Stunden im Hotel. Aber damit war es nicht genug des Guten an diesem
+merkwürdigen Tag, von dem Effi denn auch versicherte, daß er im
+Kalender rot angestrichen werden müsse.
+
+Der Abend brachte, das Maß des Glücks voll zu machen, eine Vorstellung
+im Tivoli-Theater: eine italienische Pantomime, Arlequin und
+Colombine.
+
+Effi war wie berauscht von den kleinen Schelmereien, und als sie spät
+am Abend nach ihrem Hotel zurückkehrten, sagte sie: »Weißt du, Geert,
+nun fühl ich doch, daß ich allmählich wieder zu mir komme. Von der
+schönen Thora will ich gar nicht erst sprechen; aber wenn ich bedenke,
+heute vormittag Thorwaldsen und heute abend diese Colombine ...«
+
+»... Die dir im Grunde doch noch lieber war als Thorwaldsen...«
+
+»Offen gestanden, ja. Ich habe nun mal den Sinn für dergleichen. Unser
+gutes Kessin war ein Unglück für mich. Alles fiel mir da auf die
+Nerven. Rügen beinah auch. Ich denke, wir bleiben noch ein paar Tage
+hier in Kopenhagen, natürlich mit Ausflug nach Frederiksborg und
+Helsingör, und dann nach Jütland hinüber; ich freue mich aufrichtig,
+die schöne Thora wiederzusehen, und wenn ich ein Mann wäre, so
+verliebte ich mich in sie.«
+
+Innstetten lachte. »Du weißt noch nicht, was ich tue.«
+
+»Wär mir schon recht. Dann gibt es einen Wettstreit, und du sollst
+sehen, dann hab ich auch noch meine Kräfte.«
+
+»Das brauchst du mir nicht erst zu versichern.«
+
+So verlief denn auch die Reise. Drüben in Jütland fuhren sie den
+Limfjord hinauf, bis Schloß Aggerhuus, wo sie drei Tage bei der
+Penzschen Familie verblieben, und kehrten dann mit vielen Stationen
+und kürzeren und längeren Aufenthalten in Viborg, Flensburg, Kiel
+über Hamburg (das ihnen ungemein gefiel) in die Heimat zurück -
+nicht direkt nach Berlin in die Keithstraße, wohl aber vorher nach
+Hohen-Cremmen, wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben
+wollte, für Innstetten bedeutete das nur wenige Tage, da sein Urlaub
+abgelaufen war, Effi blieb aber noch eine Woche länger und sprach es
+aus, erst zum dritten Oktober, ihrem Hochzeitstag, wieder zu Hause
+eintreffen zu wollen.
+
+Annie war in der Landluft prächtig gediehen, und was Roswitha geplant
+hatte, daß sie der Mama in Stiefelchen entgegenlaufen sollte, das
+gelang auch vollkommen. Briest gab sich als zärtlicher Großvater,
+warnte vor zuviel Liebe, noch mehr vor zuviel Strenge, und war in
+allem der alte. Eigentlich aber galt all seine Zärtlichkeit doch nur
+Effi, mit der er sich in seinem Gemüt immer beschäftigte, zumeist
+auch, wenn er mit seiner Frau allein war.
+
+»Wie findest du Effi?«
+
+»Lieb und gut wie immer. Wir können Gott nicht genug danken, eine so
+liebenswürdige Tochter zu haben. Und wie dankbar sie für alles ist und
+immer so glücklich, wieder unter unserm Dach zu sein.«
+
+»Ja«, sagte Briest, »sie hat von dieser Tugend mehr, als mir lieb ist.
+Eigentlich ist es, als wäre dies hier immer noch ihre Heimstätte. Sie
+hat doch den Mann und das Kind, und der Mann ist ein Juwel, und das
+Kind ist ein Engel, aber dabei tut sie, als wäre Hohen-Cremmen immer
+noch die Hauptsache für sie, und Mann und Kind kämen gegen uns beide
+nicht an. Sie ist eine prächtige Tochter, aber sie ist es mir zu sehr.
+Es ängstigt mich ein bißchen. Und ist auch ungerecht gegen Innstetten.
+Wie steht es denn eigentlich damit?«
+
+»Ja, Briest, was meinst du?«
+
+»Nun, ich meine, was ich meine, und du weißt auch was. Ist sie
+glücklich? Oder ist da doch irgendwas im Wege? Von Anfang an war mir's
+so, als ob sie ihn mehr schätze als liebe. Und das ist in meinen Augen
+ein schlimm Ding. Liebe hält auch nicht immer vor, aber Schätzung
+gewiß nicht. Eigentlich ärgern sich die Weiber, wenn sie wen schätzen
+müssen; erst ärgern sie sich, und dann langweilen sie sich, und
+zuletzt lachen sie.«
+
+»Hast du so was an dir selber erfahren?«
+
+»Das will ich nicht sagen. Dazu stand ich nicht hoch genug in der
+Schätzung. Aber schrauben wir uns nicht weiter, Luise. Sage, wie steht
+es?«
+
+»Ja, Briest, du kommst immer auf diese Dinge zurück. Da reicht ja
+kein dutzendmal, daß wir darüber gesprochen und unsere Meinungen
+ausgetauscht haben, und immer bist du wieder da mit deinem
+Alleswissenwollen und fragst dabei so schrecklich naiv, als ob ich in
+alle Tiefen sähe. Was hast du nur für Vorstellungen von einer jungen
+Frau und ganz speziell von deiner Tochter? Glaubst du, daß das alles
+so plan daliegt? Oder daß ich ein Orakel bin (ich kann mich nicht
+gleich auf den Namen der Person besinnen) oder daß ich die Wahrheit
+sofort klipp und klar in den Händen halte, wenn mir Effi ihr Herz
+ausgeschüttet hat? Oder was man wenigstens so nennt. Denn was heißt
+ausschütten? Das Eigentliche bleibt doch zurück. Sie wird sich hüten,
+mich in ihre Geheimnisse einzuweihen. Außerdem, ich weiß nicht, von
+wem sie's hat, sie ist ... ja, sie ist eine sehr schlaue kleine
+Person, und diese Schlauheit an ihr ist um so gefährlicher, weil sie
+so sehr liebenswürdig ist.«
+
+»Also das gibst du doch zu ... liebenswürdig. Und auch gut?«
+
+»Auch gut. Das heißt voll Herzensgüte. Wie's sonst steht, da bin ich
+mir doch nicht sicher; ich glaube, sie hat einen Zug, den lieben Gott
+einen guten Mann sein zu lassen und sich zu trösten, er werde wohl
+nicht allzu streng mit ihr sein.«
+
+»Meinst du?«
+
+»Ja, das meine ich. Übrigens glaube ich, daß sich vieles gebessert
+hat. Ihr Charakter ist, wie er ist, aber die Verhältnisse liegen seit
+ihrer Übersiedlung um vieles günstiger, und sie leben sich mehr und
+mehr ineinander ein. Sie hat mir so was gesagt, und was mir wichtiger
+ist, ich hab es auch bestätigt gefunden, mit Augen gesehen.«
+
+»Nun, was sagte sie?«
+
+»Sie sagte: 'Mama, es geht jetzt besser. Innstetten war immer ein
+vortrefflicher Mann, so einer, wie's nicht viele gibt, aber ich konnte
+nicht recht an ihn heran, er hatte so was Fremdes. Und fremd war
+er auch in seiner Zärtlichkeit. Ja, dann am meisten; es hat Zeiten
+gegeben, wo ich mich davor fürchtete.«
+
+»Kenn ich, kenn' ich.«
+
+»Was soll das heißen, Briest? Soll ich mich gefürchtet haben,
+oder willst du dich gefürchtet haben? Ich finde beides gleich
+lächerlich ...«
+
+»Du wolltest von Effi erzählen.«
+
+»Nun also, sie gestand mir, daß dies Gefühl des Fremden sie verlassen
+habe, was sie sehr glücklich mache. Kessin sei nicht der rechte Platz
+für sie gewesen, das spukige Haus und die Menschen da, die einen zu
+fromm, die andern zu platt; aber seit ihrer Übersiedlung nach Berlin
+fühle sie sich ganz an ihrem Platz. Er sei der beste Mensch, etwas zu
+alt für sie und zu gut für sie, aber sie sei nun über den Berg. Sie
+brauchte diesen Ausdruck, der mir allerdings auffiel.«
+
+»Wieso? Er ist nicht ganz auf der Höhe, ich meine der Ausdruck.
+Aber ...«
+
+»Es steckt etwas dahinter. Und sie hat mir das auch andeuten wollen.«
+
+»Meinst du?«
+
+»Ja, Briest; du glaubst immer, sie könne kein Wasser trüben. Aber
+darin irrst du. Sie läßt sich gern treiben, und wenn die Welle gut
+ist, dann ist sie auch selber gut. Kampf und Widerstand sind nicht
+ihre Sache.«
+
+Roswitha kam mit Annie, und so brach das Gespräch ab.
+
+Dies Gespräch führten Briest und Frau an demselben Tag, wo Innstetten
+von Hohen-Cremmen nach Berlin hin abgereist war, Effi auf wenigstens
+noch eine Woche zurücklassend. Er wußte, daß es nichts Schöneres
+für sie gab, als so sorglos in einer weichen Stimmung hinträumen zu
+können, immer freundliche Worte zu hören und die Versicherung, wie
+liebenswürdig sie sei. Ja, das war das, was ihr vor allem wohltat, und
+sie genoß es auch diesmal wieder in vollen Zügen und aufs dankbarste,
+trotzdem jede Zerstreuung fehlte; Besuch kam selten, weil es seit
+ihrer Verheiratung, wenigstens für die junge Welt, an dem rechten
+Anziehungspunkt gebrach, und selbst die Pfarre und die Schule waren
+nicht mehr das, was sie noch vor Jahr und Tag gewesen waren. Zumal
+im Schulhaus stand alles halb leer. Die Zwillinge hatten sich im
+Frühjahr an zwei Lehrer in der Nähe von Genthin verheiratet, große
+Doppelhochzeit mit Festbericht im »Anzeiger fürs Havelland«, und Hulda
+war in Friesack zur Pflege einer alten Erbtante, die sich übrigens,
+wie gewöhnlich in solchen Fällen, um sehr viel langlebiger erwies,
+als Niemeyers angenommen hatten. Hulda schrieb aber trotzdem immer
+zufriedene Briefe, nicht weil sie wirklich zufrieden war (im
+Gegenteil), sondern weil sie den Verdacht nicht aufkommen lassen
+wollte, daß es einem so ausgezeichneten Wesen anders als sehr gut
+ergehen könne. Niemeyer, ein schwacher Vater, zeigte die Briefe mit
+Stolz und Freude, während der ebenfalls ganz in seinen Töchtern
+lebende Jahnke sich herausgerechnet hatte, daß beide junge Frauen
+am selben Tage, und zwar am Weihnachtsheiligabend, ihre Niederkunft
+halten würden. Effi lachte herzlich und drückte dem Großvater in spe
+zunächst den Wunsch aus, bei beiden Enkeln zu Gevatter geladen zu
+werden, ließ dann aber die Familienthemata fallen und erzählte von
+»Kjöbenhavn« und Helsingör, vom Limfjord und Schloß Aggerhuus und
+vor allem von Thora von Penz, die, wie sie nur sagen könne, »typisch
+skandinavisch« gewesen sei, blauäugig, flachsen und immer in einer
+roten Plüschtaille, wobei sich Jahnke verklärte und einmal über das
+andere sagte: »Ja, so sind sie; rein germanisch, viel deutscher als
+die Deutschen.«
+
+An ihrem Hochzeitstag, dem dritten Oktober, wollte Effi wieder in
+Berlin sein. Nun war es der Abend vorher, und unter dem Vorgeben, daß
+sie packen und alles zur Rückreise vorbereiten wolle, hatte sie sich
+schon verhältnismäßig früh auf ihr Zimmer zurückgezogen. Eigentlich
+lag ihr aber nur daran, allein zu sein; so gern sie plauderte, so
+hatte sie doch auch Stunden, wo sie sich nach Ruhe sehnte.
+
+Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer lagen nach dem Garten
+hinaus; in dem kleineren schliefen Roswitha und Annie, die Tür nur
+angelehnt, in dem größeren, das sie selber innehatte, ging sie auf und
+ab; die unteren Fensterflügel waren geöffnet, und die kleinen weißen
+Gardinen bauschten sich in dem Zug, der ging, und fielen dann langsam
+über die Stuhllehne, bis ein neuer Zugwind kam und sie wieder frei
+machte. Dabei war es so hell, daß man die Unterschriften unter den
+über dem Sofa hängenden und in schmale Goldleisten eingerahmten
+Bildern deutlich lesen konnte:
+
+»Der Sturm auf Düppel, Schanze V« und daneben: »König Wilhelm und
+Graf Bismarck auf der Höhe von Lipa«. Effi schüttelte den Kopf und
+lächelte. »Wenn ich wieder hier bin, bitt ich mir andere Bilder aus;
+ich kann so was Kriegerisches nicht leiden.« Und nun schloß sie
+das eine Fenster und setzte sich an das andere, dessen Flügel sie
+offenließ. Wie tat ihr das alles so wohl. Neben dem Kirchturm stand
+der Mond und warf sein Licht auf den Rasenplatz mit der Sonnenuhr
+und den Heliotropbeeten. Alles schimmerte silbern, und neben den
+Schattenstreifen lagen weiße Lichtstreifen, so weiß, als läge Leinwand
+auf der Bleiche. Weiterhin aber standen die hohen Rhabarberstauden
+wieder, die Blätter herbstlich gelb, und sie mußte des Tages gedenken,
+nun erst wenig über zwei Jahre, wo sie hier mit Hulda und den
+Jahnkeschen Mädchen gespielt hatte. Und dann war sie, als der Besuch
+kam, die kleine Steintreppe neben der Bank hinaufgestiegen, und eine
+Stunde später war sie Braut.
+
+Sie erhob sich und ging auf die Tür zu und horchte: Roswitha schlief
+schon und Annie auch.
+
+Und mit einem Male, während sie das Kind so vor sich hatte, traten
+ungerufen allerlei Bilder aus den Kessiner Tagen wieder vor ihre
+Seele: das landrätliche Haus mit seinem Giebel und die Veranda mit dem
+Blick auf die Plantage, und sie saß im Schaukelstuhl und wiegte sich;
+und nun trat Crampas an sie heran, um sie zu begrüßen, und dann kam
+Roswitha mit dem Kinde, und sie nahm es und hob es hoch in die Höhe
+und küßte es.
+
+»Das war der erste Tag; da fing es an.« Und während sie dem nachhing,
+verließ sie das Zimmer, drin die beiden schliefen, und setzte sich
+wieder an das offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus.
+
+»Ich kann es nicht loswerden«, sagte sie. »Und was das schlimmste ist
+und mich ganz irre macht an mir selbst ...«
+
+In diesem Augenblick setzte die Turmuhr drüben ein, und Effi zählte
+die Schläge.
+
+»Zehn ... Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin. Und wir
+sprechen davon, daß unser Hochzeitstag sei, und er sagt mir Liebes und
+Freundliches und vielleicht Zärtliches. Und ich sitze dabei und höre
+es und habe die Schuld auf meiner Seele.«
+
+Und sie stützte den Kopf auf ihre Hand und starrte vor sich hin und
+schwieg.
+
+»Und ich habe die Schuld auf meiner Seele«, wiederholte sie. »Ja, da
+hab ich sie. Aber lastet sie auch auf meiner Seele? Nein. Und das ist
+es, warum ich vor mir selbst erschrecke. Was da lastet, das ist etwas
+ganz anderes - Angst, Todesangst und die ewige Furcht: Es kommt doch
+am Ende noch an den Tag. Und dann außer der Angst ... Scham. Ich
+schäme mich. Aber wie ich nicht die rechte Reue habe, so hab ich auch
+nicht die rechte Scham. Ich schäme mich bloß von wegen dem ewigen Lug
+und Trug; immer war es mein Stolz, daß ich nicht lügen könne und auch
+nicht zu lügen brauche, lügen ist so gemein, und nun habe ich doch
+immer lügen müssen, vor ihm und vor aller Welt, im großen und im
+kleinen, und Rummschüttel hat es gemerkt und hat die Achseln gezuckt,
+und wer weiß, was er von mir denkt, jedenfalls nicht das Beste. Ja,
+Angst quält mich und dazu Scham über mein Lügenspiel. Aber Scham über
+meine Schuld, die hab ich nicht oder doch nicht so recht oder doch
+nicht genug, und das bringt mich um, daß ich sie nicht habe. Wenn alle
+Weiber so sind, dann ist es schrecklich, und wenn sie nicht so sind,
+wie ich hoffe, dann steht es schlecht um mich, dann ist etwas nicht in
+Ordnung in meiner Seele, dann fehlt mir das richtige Gefühl. Und das
+hat mir der alte Niemeyer in seinen guten Tagen noch, als ich noch ein
+halbes Kind war, mal gesagt: auf ein richtiges Gefühl, darauf käme
+es an, und wenn man das habe, dann könne einem das Schlimmste nicht
+passieren, und wenn man es nicht habe, dann sei man in einer ewigen
+Gefahr, und das, was man den Teufel nenne, das habe dann eine sichere
+Macht über uns. Um Gottes Barmherzigkeit willen, steht es so mit mir?«
+
+Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte bitterlich. Als sie
+sich wieder aufrichtete, war sie ruhiger geworden und sah wieder in
+den Garten hinaus. Alles war so still, und ein leiser, feiner Ton, wie
+wenn es regnete, traf von den Platanen her ihr Ohr.
+
+So verging eine Weile. Herüber von der Dorfstraße klang ein Geplärr:
+der alte Nachtwächter Kulicke rief die Stunden ab, und als er
+zuletzt schwieg, vernahm sie von fernher, aber immer näher kommend,
+das Rasseln des Zuges, der auf eine halbe Meile Entfernung an
+Hohen-Cremmen vorüberfuhr. Dann wurde der Lärm wieder schwächer,
+endlich erstarb er ganz, und nur der Mondschein lag noch auf dem
+Grasplatz, und nur auf die Platanen rauschte es nach wie vor wie
+leiser Regen nieder. Aber es war nur die Nachtluft, die ging.
+
+
+
+Fünfundzwanzigstes Kapitel
+
+Am andern Abend war Effi wieder in Berlin, und Innstetten empfing sie
+am Bahnhof, mit ihm Rollo, der, als sie plaudernd durch den Tiergarten
+hinfuhren, nebenher trabte.
+
+»Ich dachte schon, du würdest nicht Wort halten.«
+
+»Aber Geert, ich werde doch Wort halten, das ist doch das erste.«
+
+»Sage das nicht. Immer Wort halten ist sehr viel. Und mitunter kann
+man auch nicht. Denke doch zurück. Ich erwartete dich damals in
+Kessin, als du die Wohnung mietetest, und wer nicht kam, war Effi.«
+
+»Ja, das war was anderes.«
+
+Sie mochte nicht sagen »ich war krank«, und Innstetten hörte drüber
+hin. Er hatte seinen Kopf auch voll anderer Dinge, die sich auf
+sein Amt und seine gesellschaftliche Stellung bezogen. »Eigentlich,
+Effi, fängt unser Berliner Leben nun erst an. Als wir im April hier
+einzogen, damals ging es mit der Saison auf die Neige, kaum noch,
+daß wir unsere Besuche machen konnten, und Wüllersdorf, der einzige,
+dem wir naherstanden - nun, der ist leider Junggeselle. Von Juni an
+schläft dann alles ein, und die heruntergelassenen Rollos verkünden
+einem schon auf hundert Schritt 'Alles ausgeflogen'; ob wahr oder
+nicht, macht keinen Unterschied ... Ja, was blieb da noch? Mal mit
+Vetter Briest sprechen, mal bei Hiller essen, das ist kein richtiges
+Berliner Leben. Aber nun soll es anders werden. Ich habe mir die Namen
+aller Räte notiert, die noch mobil genug sind, um ein Haus zu machen.
+Und wir wollen es auch, wollen auch ein Haus machen, und wenn der
+Winter dann da ist, dann soll es im ganzen Ministerium heißen: 'Ja,
+die liebenswürdigste Frau, die wir jetzt haben, das ist doch die Frau
+von Innstetten.'«
+
+»Ach, Geert, ich kenne dich ja gar nicht wieder, du sprichst ja wie
+ein Courmacher.«
+
+»Es ist unser Hochzeitstag, und da mußt du mir schon was zugute
+halten.«
+
+Innstetten war ernsthaft gewillt, auf das stille Leben, das er
+in seiner landrätlichen Stellung geführt, ein gesellschaftlich
+angeregteres folgen zu lassen, um seinet- und noch mehr um Effis
+willen; es ließ sich aber anfangs nur schwach und vereinzelt damit
+an, die rechte Zeit war noch nicht gekommen, und das Beste, was man
+zunächst von dem neuen Leben hatte, war genauso wie während des
+zurückliegenden Halbjahres ein Leben im Hause. Wüllersdorf kam oft,
+auch Vetter Briest, und waren die da, so schickte man zu Gizickis
+hinauf, einem jungen Ehepaar, das über ihnen wohnte. Gizicki selbst
+war Landgerichtsrat, seine kluge, aufgeweckte Frau ein Fräulein von
+Schmettau. Mitunter wurde musiziert, kurze Zeit sogar ein Whist
+versucht; man gab es aber wieder auf, weil man fand, daß eine
+Plauderei gemütlicher wäre. Gizickis hatten bis vor kurzem in einer
+kleinen oberschlesischen Stadt gelebt, und Wüllersdorf war sogar,
+freilich vor einer Reihe von Jahren schon, in den verschiedensten
+kleinen Nestern der Provinz Posen gewesen, weshalb er denn auch den
+bekannten Spottvers:
+
+ Schrimm
+ Ist schlimm,
+ Rogasen
+ Zum Rasen,
+ Aber weh dir nach Samter
+ Verdammter -
+
+mit ebensoviel Emphase wie Vorliebe zu zitieren pflegte.
+
+Niemand erheiterte sich dabei mehr als Effi, was dann meistens
+Veranlassung wurde, kleinstädtische Geschichten in Hülle und Fülle
+folgen zu lassen. Auch Kessin mit Gieshübler und der Trippelli,
+Oberförster Ring und Sidonie Grasenabb kam dann wohl an die Reihe,
+wobei sich Innstetten, wenn er guter Laune war, nicht leicht genugtun
+konnte. »Ja«, so hieß es dann wohl, »unser gutes Kessin! Das muß ich
+zugeben, es war eigentlich reich an Figuren, obenan Crampas, Major
+Crampas, ganz Beau und halber Barbarossa, den meine Frau, ich weiß
+nicht, soll ich sagen unbegreiflicher- oder begreiflicherweise, stark
+in Affektion genommen hatte ...«
+
+»Sagen wir begreiflicherweise«, warf Wüllersdorf ein, »denn ich nehme
+an, daß er Ressourcenvorstand war und Komödie spielte, Liebhaber oder
+Bonvivants. Und vielleicht noch mehr, vielleicht war er auch ein
+Tenor.«
+
+Innstetten bestätigte das eine wie das andere, und Effi suchte lachend
+darauf einzugehen, aber es gelang ihr nur mit Anstrengung, und wenn
+dann die Gäste gingen und Innstetten sich in sein Zimmer zurückzog, um
+noch einen Stoß Akten abzuarbeiten, so fühlte sie sich immer aufs neue
+von den alten Vorstellungen gequält, und es war ihr zu Sinn, als ob
+ihr ein Schatten nachginge.
+
+Solche Beängstigungen blieben ihr auch. Aber sie kamen doch seltener
+und schwächer, was bei der Art, wie sich ihr Leben gestaltete, nicht
+wundernehmen konnte. Die Liebe, mit der ihr nicht nur Innstetten,
+sondern auch fernerstehende Personen begegneten, und nicht zum
+wenigsten die beinah zärtliche Freundschaft, die die Ministerin, eine
+selbst noch junge Frau, für sie an den Tag legte - all das ließ die
+Sorgen und Ängste zurückliegender Tage sich wenigstens mindern, und
+als ein zweites Jahr ins Land gegangen war und die Kaiserin, bei
+Gelegenheit einer neuen Stiftung, die »Frau Geheimrätin« mit
+ausgewählt und in die Zahl der Ehrendamen eingereiht, der alte Kaiser
+Wilhelm aber auf dem Hofball gnädige, huldvolle Worte an die schöne
+junge Frau, von der er schon gehört habe, gerichtet hatte, da fiel es
+allmählich von ihr ab. Es war einmal gewesen, aber weit, weit weg, wie
+auf einem andern Stern, und alles löste sich wie ein Nebelbild und
+wurde Traum.
+
+Die Hohen-Cremmener kamen dann und wann auf Besuch und freuten sich
+des Glücks der Kinder, Annie wuchs heran - »schön wie die Großmutter«,
+sagte der alte Briest -, und wenn es an dem klaren Himmel eine Wolke
+gab, so war es die, daß es, wie man nun beinahe annehmen mußte, bei
+Klein Annie sein Bewenden haben werde; Haus Innstetten (denn es
+gab nicht einmal Namensvettern) stand also mutmaßlich auf dem
+Aussterbeetat. Briest, der den Fortbestand anderer Familien obenhin
+behandelte, weil er eigentlich nur an die Briests glaubte, scherzte
+mitunter darüber und sagte: »Ja, Innstetten, wenn das so weitergeht,
+so wird Annie seinerzeit wohl einen Bankier heiraten (hoffentlich
+einen christlichen, wenn's deren dann noch gibt), und mit Rücksicht
+auf das alte freiherrliche Geschlecht der Innstetten wird dann
+Seine Majestät Annies Haute-finance-Kinder unter dem Namen 'von der
+Innstetten' im Gothaischen Kalender, oder was weniger wichtig ist, in
+der preußischen Geschichte fortleben lassen.« - Ausführungen, die von
+Innstetten selbst immer mit einer kleinen Verlegenheit, von Frau von
+Briest mit Achselzucken, von Effi dagegen mit Heiterkeit aufgenommen
+wurden. Denn so adelsstolz sie war, so war sie's doch nur für ihre
+Person, und ein eleganter und welterfahrener und vor allem sehr, sehr
+reicher Bankierschwiegersohn wäre durchaus nicht gegen ihre Wünsche
+gewesen.
+
+Ja, Effi nahm die Erbfolgefrage leicht, wie junge, reizende Frauen das
+tun; als aber eine lange, lange Zeit - sie waren schon im siebenten
+Jahr in ihrer neuen Stellung - vergangen war, wurde der alte
+Rummschüttel, der auf dem Gebiet der Gynäkologie nicht ganz ohne
+Ruf war, durch Frau von Briest doch schließlich zu Rate gezogen. Er
+verordnete Schwalbach. Weil aber Effi seit letztem Winter auch an
+katarrhalischen Affektionen litt und ein paarmal sogar auf Lunge
+hin behorcht worden war, so hieß es abschließend: »Also zunächst
+Schwalbach, meine Gnädigste, sagen wir drei Wochen, und dann
+ebensolange Ems. Bei der Emser Kur kann aber der Geheimrat zugegen
+sein. Bedeutet mithin alles in allem drei Wochen Trennung. Mehr kann
+ich für Sie nicht tun, lieber Innstetten.«
+
+Damit war man denn auch einverstanden, und zwar sollte Effi, dahin
+ging ein weiterer Beschluß, die Reise mit einer Geheimrätin Zwicker
+zusammen machen, wie Briest sagte, »zum Schutz dieser letzteren«,
+worin er nicht ganz unrecht hatte, da die Zwicker, trotz guter
+Vierzig, eines Schutzes erheblich bedürftiger war als Effi Innstetten,
+der wieder viel mit Vertretung zu tun hatte, beklagte, daß er,
+von Schwalbach gar nicht zu reden, wahrscheinlich auch auf
+gemeinschaftliche Tage in Ems werde verzichten müssen. Im übrigen
+wurde der 24. Juni (Johannistag) als Abreisetag festgesetzt, und
+Roswitha half der gnädigen Frau beim Packen und Aufschreiben der
+Wäsche. Effi hatte noch immer die alte Liebe für sie, war doch
+Roswitha die einzige, mit der sie von all dem Zurückliegenden, von
+Kessin und Crampas, von dem Chinesen und Kapitän Thomsens Nichte frei
+und unbefangen reden konnte.
+
+»Sage, Roswitha, du bist doch eigentlich katholisch. Gehst du denn nie
+zur Beichte?«
+
+»Nein.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich bin früher gegangen. Aber das Richtige hab ich doch nicht
+gesagt.«
+
+»Das ist sehr unrecht. Dann freilich kann es nicht helfen.«
+
+»Ach, gnädigste Frau, bei mir im Dorf machten es alle so. Und welche
+waren, die kicherten bloß.«
+
+»Hast du denn nie empfunden, daß es ein Glück ist, wenn man etwas auf
+der Seele hat, daß es runter kann?«
+
+»Nein, gnädigste Frau. Angst habe ich wohl gehabt, als mein Vater
+damals mit dem glühenden Eisen auf mich loskam; ja, das war eine große
+Furcht, aber weiter war es nichts.«
+
+»Nicht vor Gott?«
+
+»Nicht so recht, gnädigste Frau. Wenn man sich vor seinem Vater so
+fürchtet, wie ich mich gefürchtet habe, dann fürchtet man sich nicht
+so sehr vor Gott. Ich habe bloß immer gedacht, der liebe Gott sei gut
+und werde mir armem Wurm schon helfen.«
+
+Effi lächelte und brach ab und fand es auch natürlich, daß die arme
+Roswitha so sprach, wie sie sprach. Sie sagte aber doch: »Weißt du,
+Roswitha, wenn ich wiederkomme, müssen wir doch noch mal ernstlich
+drüber reden. Es war doch eigentlich eine große Sünde.«
+
+»Das mit dem Kinde und daß es verhungert ist? Ja, gnädigste Frau, das
+war es. Aber ich war es ja nicht, das waren ja die anderen ... Und
+dann ist es auch schon so sehr lange her.«
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Kapitel
+
+Effi war nun schon in die fünfte Woche fort und schrieb glückliche,
+beinahe übermütige Briefe, namentlich seit ihrem Eintreffen in Ems, wo
+man doch unter Menschen sei, das heißt unter Männern, von denen sich
+in Schwalbach nur ausnahmsweise was gezeigt habe. Geheimrätin Zwicker,
+ihre Reisegefährtin, habe freilich die Frage nach dem Kurgemäßen
+dieser Zutat aufgeworfen und sich aufs entschiedenste dagegen
+ausgesprochen, alles natürlich mit einem Gesichtsausdruck, der so
+ziemlich das Gegenteil versichert habe; die Zwicker sei reizend,
+etwas frei, wahrscheinlich sogar mit einer Vergangenheit, aber höchst
+amüsant, und man könne viel, sehr viel von ihr lernen; nie habe sie
+sich, trotz ihrer Fünfundzwanzig, so als Kind gefühlt, wie nach der
+Bekanntschaft mit dieser Dame. Dabei sei sie so belesen, auch in
+fremder Literatur, und als sie, Effi beispielsweise neulich von Nana
+gesprochen und dabei gefragt habe, ob es denn wirklich so schrecklich
+sei, habe die Zwicker geantwortet: »Ach, meine liebe Baronin, was
+heißt schrecklich? Da gibt es noch ganz anderes.« - »Sie schien mich
+auch«, so schloß Effi ihren Brief, »mit diesem 'anderen' bekannt
+machen zu wollen. Ich habe es aber abgelehnt, weil ich weiß, daß Du
+die Unsitte unserer Zeit aus diesem und ähnlichem herleitest, und wohl
+mit Recht. Leicht ist es mir aber nicht geworden. Dazu kommt noch, daß
+Ems in einem Kessel liegt. Wir leiden hier außerordentlich unter der
+Hitze.«
+
+Innstetten hatte diesen letzten Brief mit geteilten Empfindungen
+gelesen, etwas erheitert, aber doch auch ein wenig mißmutig. Die
+Zwicker war keine Frau für Effi, der nun mal ein Zug innewohnte, sich
+nach links hin treiben zu lassen; er gab es aber auf, irgendwas in
+diesem Sinne zu schreiben, einmal weil er sie nicht verstimmen wollte,
+mehr noch, weil er sich sagte, daß es doch nichts helfen würde. Dabei
+sah er der Rückkehr seiner Frau mit Sehnsucht entgegen und beklagte
+des Dienstes nicht bloß »immer gleichgestellte«, sondern jetzt, wo
+jeder Ministerialrat fort war oder fort wollte, leider auch auf
+Doppelstunden gestellte Uhr.
+
+Ja, Innstetten sehnte sich nach Unterbrechung von Arbeit und
+Einsamkeit, und verwandte Gefühle hegte man draußen in der Küche, wo
+Annie, wenn die Schulstunden hinter ihr lagen, ihre Zeit am liebsten
+verbrachte, was insoweit ganz natürlich war, als Roswitha und Johanna
+nicht nur das kleine Fräulein in gleichem Maße liebten, sondern
+auch untereinander nach wie vor auf dem besten Fuße standen. Diese
+Freundschaft der beiden Mädchen war ein Lieblingsgespräch zwischen den
+verschiedenen Freunden des Hauses, und Landgerichtsrat Gizicki sagte
+dann wohl zu Wüllersdorf: »Ich sehe darin nur eine neue Bestätigung
+des alten Weisheitssatzes: 'Laßt fette Leute um mich sein'; Cäsar war
+eben ein Menschenkenner und wußte, daß Dinge wie Behaglichkeit und
+Umgänglichkeit eigentlich nur beim Embonpomt sind.« Von einem solchen
+ließ sich denn nun bei beiden Mädchen auch wirklich sprechen, nur
+mit dem Unterschied, daß das in diesem Falle nicht gut zu umgehende
+Fremdwort bei Roswitha schon stark eine Beschönigung, bei Johanna
+dagegen einfach die zutreffende Bezeichnung war. Diese letztere durfte
+man nämlich nicht eigentlich korpulent nennen, sie war nur prall und
+drall und sah jederzeit mit einer eigenen, ihr übrigens durchaus
+kleidenden Siegermiene gradlinig und blauäugig über ihre Normalbüste
+fort. Von Haltung und Anstand getragen, lebte sie ganz in dem
+Hochgefühl, die Dienerin eines guten Hauses zu sein, wobei sie das
+Überlegenheitsbewußtsein über die halb bäuerisch gebliebene Roswitha
+in einem so hohen Maße hatte, daß sie, was gelegentlich vorkam, die
+momentan bevorzugte Stellung dieser nur belächelte. Diese Bevorzugung
+- nun ja, wenn's dann mal so sein sollte, war eine kleine
+liebenswürdige Sonderbarkeit der gnädigen Frau, die man der guten
+alten Roswitha mit ihrer ewigen Geschichte »von dem Vater mit der
+glühenden Eisenstange« schon gönnen konnte. »Wenn man sich besser
+hält, so kann dergleichen nicht vorkommen.« Das alles dachte
+sie, sprach's aber nicht aus. Es war eben ein freundliches
+Miteinanderleben. Was aber wohl ganz besonders für Frieden und gutes
+Einvernehmen sorgte, das war der Umstand, daß man sich nach einem
+stillen Übereinkommen in die Behandlung und fast auch Erziehung
+Annies geteilt hatte. Roswitha hatte das poetische Departement, die
+Märchen- und Geschichtenerzählung, Johanna dagegen das des Anstands,
+eine Teilung, die hüben und drüben so fest gewurzelt stand, daß
+Kompetenzkonflikte kaum vorkamen, wobei der Charakter Annies, die eine
+ganz entschiedene Neigung hatte, das vornehme Fräulein zu betonen,
+allerdings mithalf, eine Rolle, bei der sie keine bessere Lehrerin als
+Johanna haben konnte.
+
+Noch einmal also: Beide Mädchen waren gleichwertig in Annies Augen.
+
+In diesen Tagen aber, wo man sich auf die Rückkehr Effis vorbereitete,
+war Roswitha der Rivalin mal wieder um einen Pas voraus, weil ihr,
+und zwar als etwas ihr Zuständiges, die ganze Begrüßungsangelegenheit
+zugefallen war. Diese Begrüßung zerfiel in zwei Hauptteile: Girlande
+mit Kranz und dann, abschließend, Gedichtvortrag. Kranz und Girlande
+- nachdem man über »W.« oder »E. v. I.« eine Zeitlang geschwankt -
+hatten zuletzt keine sonderlichen Schwierigkeiten gemacht (»W«, in
+Vergißmeinnicht geflochten, war bevorzugt worden), aber desto größere
+Verlegenheit schien die Gedichtfrage heraufbeschwören zu sollen und
+wäre vielleicht ganz unbeglichen geblieben, wenn Roswitha nicht
+den Mut gehabt hätte, den von einer Gerichtssitzung heimkehrenden
+Landgerichtsrat auf der zweiten Treppe zu stellen und ihm mit einem
+auf einen »Vers« gerichteten Ansinnen mutig entgegenzutreten. Gizicki,
+ein sehr gütiger Herr, hatte sofort alles versprochen, und noch am
+selben Spätnachmittag war seitens seiner Köchin der gewünschte Vers,
+und zwar folgenden Inhalts, abgegeben worden:
+
+ Mama, wir erwarten dich lange schon,
+ Durch Wochen und Tage und Stunden,
+ Nun grüßen wir dich von Flur und Balkon
+ Und haben Kränze gewunden.
+ Nun lacht Papa voll Freudigkeit,
+ Denn die gattin- und mutterlose Zeit
+ Ist endlich von ihm genommen,
+ Und Roswitha lacht und Johanna dazu,
+ Und Annie springt aus ihrem Schuh
+ Und ruft: willkommen, willkommen.
+
+Es versteht sich von selbst, daß die Strophe noch an demselben
+Abend auswendig gelernt, aber doch nebenher auch auf ihre Schönheit
+beziehungsweise Nichtschönheit kritisch geprüft worden war. Das
+Betonen von Gattin und Mutter, so hatte sich Johanna geäußert,
+erscheine zunächst freilich in der Ordnung; aber es läge doch auch
+etwas darin, was Anstoß erregen könne, und sie persönlich würde
+sich als »Gattin und Mutter« dadurch verletzt fühlen. Annie, durch
+diese Bemerkung einigermaßen geängstigt, versprach, das Gedicht am
+andern Tag der Klassenlehrerin vorlegen zu wollen, und kam mit dem
+Bemerken zurück, das Fräulein sei mit »Gattin und Mutter« durchaus
+einverstanden, aber desto mehr gegen »Roswitha und Johanna« gewesen -
+worauf Roswitha erklärt hatte: Das Fräulein sei eine dumme Gans; das
+käme davon, wenn man zuviel gelernt habe.
+
+Es war an einem Mittwoch, daß die Mädchen und Annie das vorstehende
+Gespräch geführt und den Streit um die bemängelte Zeile beigelegt
+hatten. Am andern Morgen - ein erwarteter Brief Effis hatte noch den
+mutmaßlich erst in den Schluß der nächsten Woche fallenden Ankunftstag
+festzustellen- ging Innstetten auf das Ministerium. Jetzt war Mittag
+heran, die Schule aus, und als Annie, ihre Mappe auf dem Rücken, eben
+vom Kanal her auf die Keithstraße zuschritt, traf sie Roswitha vor
+ihrer Wohnung.
+
+»Nun laß sehen«, sagte Annie, »wer am ehesten von uns die Treppe
+heraufkommt.« Roswitha wollte von diesem Wettlauf nichts wissen, aber
+Annie jagte voran, geriet, oben angekommen, ins Stolpern und fiel
+dabei so unglücklich, daß sie mit der Stirn auf den dicht an der
+Treppe befindlichen Abkratzer aufschlug und stark blutete. Roswitha,
+mühevoll nachkeuchend, riß jetzt die Klingel, und als Johanna das
+etwas verängstigte Kind hereingetragen hatte, beratschlagte man, was
+nun wohl zu machen sei. »Wir wollen nach dem Doktor schicken ... wir
+wollen nach dem gnädigen Herrn schicken ... des Portiers Lene muß ja
+jetzt auch aus der Schule wieder da sein.« Es wurde aber alles wieder
+verworfen, weil es zu lange dauere, man müsse gleich was tun, und so
+packte man denn das Kind aufs Sofa und begann mit kaltem Wasser zu
+kühlen. Alles ging auch gut, so daß man sich zu beruhigen begann. »Und
+nun wollen wir sie verbinden«, sagte schließlich Roswitha. »Da muß
+ja noch die lange Binde sein, die die gnädige Frau letzten Winter
+zuschnitt, als sie sich auf dem Eis den Fuß verknickt hatte ...«
+
+»Freilich, freilich«, sagte Johanna, »bloß wo die Binde hernehmen?
+... Richtig, da fällt mir ein, die liegt im Nähtisch. Er wird wohl zu
+sein, aber das Schloß ist Spielerei; holen Sie nur das Stemmeisen,
+Roswitha, wir wollen den Deckel aufbrechen.« Und nun wuchteten sie
+auch wirklich den Deckel ab und begannen in den Fächern herumzukramen,
+oben und unten, die zusammengerollte Binde jedoch wollte sich nicht
+finden lassen. »Ich weiß aber doch, daß ich sie gesehen habe«, sagte
+Roswitha, und während sie halb ärgerlich immer weiter suchte, flog
+alles, was ihr dabei zu Händen kam, auf das breite Fensterbrett:
+Nähzeug, Nadelkissen, Rollen mit Zwirn und Seide, kleine vertrocknete
+Veilchensträußchen, Karten, Billetts, zuletzt ein kleines Konvolut von
+Briefen, das unter dem dritten Einsatz gelegen hatte, ganz unten, mit
+einem roten Seidenfaden umwickelt. Aber die Binde hatte man noch immer
+nicht.
+
+In diesem Augenblick trat Innstetten ein.
+
+»Gott«, sagte Roswitha und stellte sich erschrocken neben das Kind.
+»Es ist nichts, gnädiger Herr; Annie ist auf das Kratzeisen gefallen
+... Gott, was wird die gnädige Frau sagen. Und doch ist es ein Glück,
+daß sie nicht mit dabei war.« Innstetten hatte mittlerweile die
+vorläufig aufgelegte Kompresse fortgenommen und sah, daß es ein tiefer
+Riß, sonst aber ungefährlich war. »Es ist nicht schlimm«, sagte er;
+»trotzdem, Roswitha, wir müssen sehen, daß Rummschüttel kommt. Lene
+kann ja gehen, die wird jetzt Zeit haben. Aber was in aller Welt ist
+denn das da mit dem Nähtisch?«
+
+Und nun erzählte Roswitha, wie sie nach der gerollten Binde gesucht
+hätten; aber sie wolle es nun aufgeben und lieber eine neue Leinwand
+schneiden.
+
+Innstetten war einverstanden und setzte sich, als bald danach beide
+Mädchen das Zimmer verlassen hatten, zu dem Kind. »Du bist so wild,
+Annie, das hast du von der Mama. Immer wie ein Wirbelwind. Aber dabei
+kommt nichts heraus oder höchstens so was.« Und er wies auf die Wunde
+und gab ihr einen Kuß. »Du hast aber nicht geweint, das ist brav, und
+darum will ich dir die Wildheit verzeihen ... Ich denke, der Doktor
+wird in einer Stunde hier sein; tu nur alles, was er sagt, und wenn er
+dich verbunden hat, so zerre nicht und rücke und drücke nicht daran,
+dann heilt es schnell, und wenn die Mama dann kommt, dann ist alles
+wieder in Ordnung oder doch beinah. Ein Glück ist es aber doch, daß es
+noch bis nächste Woche dauert, Ende nächster Woche, so schreibt sie
+mir; eben habe ich einen Brief von ihr bekommen; sie läßt dich grüßen
+und freut sich, dich wiederzusehen.«
+
+»Du könntest mir den Brief eigentlich vorlesen, Papa.« »Das will ich
+gern.«
+
+Aber eh er dazu kam, kam Johanna, um zu sagen, daß das Essen
+aufgetragen sei. Annie, trotz ihrer Wunde, stand mit auf, und Vater
+und Tochter setzten sich zu Tisch.
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Kapitel
+
+Innstetten und Annie saßen sich eine Weile stumm gegenüber; endlich
+als ihm die Stille peinlich wurde, tat er ein paar Fragen über die
+Schulvorsteherin und welche Lehrerin sie eigentlich am liebsten habe.
+Annie antwortete auch, aber ohne rechte Lust, weil sie fühlte, daß
+Innstetten wenig bei der Sache war. Es wurde erst besser, als Johanna
+nach dem zweiten Gericht ihrem Anniechen zuflüsterte, es gäbe noch
+was. Und wirklich, die gute Roswitha, die dem Liebling an diesem
+Unglückstag was schuldig zu sein glaubte, hatte noch ein übriges getan
+und sich zu einer Omelette mit Apfelschnitten aufgeschwungen.
+
+Annie wurde bei diesem Anblicke denn auch etwas redseliger, und ebenso
+zeigte sich Innstettens Stimmung gebessert, als es gleich danach
+klingelte und Geheimrat Rummschüttel eintrat. Ganz zufällig. Er sprach
+nur vor, ohne jede Ahnung, daß man nach ihm geschickt und um seinen
+Besuch gebeten habe. Mit den aufgelegten Kompressen war er zufrieden.
+»Lassen Sie noch etwas Bleiwasser holen und Annie morgen zu Hause
+bleiben. Überhaupt Ruhe.« Dann fragte er noch nach der gnädigen
+Frau und wie die Nachrichten aus Ems seien; er werde den andern Tag
+wiederkommen und nachsehen.
+
+Als man von Tisch aufgestanden und in das nebenan gelegene Zimmer
+- dasselbe, wo man mit so viel Eifer und doch vergebens nach dem
+Verbandstück gesucht hatte - eingetreten war, wurde Annie wieder auf
+das Sofa gebettet. Johanna kam und setzte sich zu dem Kind, während
+Innstetten die zahllosen Dinge, die bunt durcheinandergewürfelt noch
+auf dem Fensterbrett umher wieder in den Nähtisch einzuräumen begann.
+Dann und wann wußte er sich nicht recht Rat und mußte fragen.
+
+»Wo haben die Briefe gelegen, Johanna?«
+
+»Ganz zuunterst«, sagte diese, »hier in diesem Fach.«
+
+Und während so Frage und Antwort ging, betrachtete Innstetten
+etwas aufmerksamer als vorher das kleine, mit einem roten Faden
+zusammengebundene Paket, das mehr aus einer Anzahl zusammengelegter
+Zettel als auch Briefen zu bestehen schien. Er fuhr, als wäre es
+ein Spiel Karten, mit dem Daumen und Zeigefinger an der Seite des
+Päckchens hin, und einige Zeilen, eigentlich nur vereinzelte Worte,
+flogen dabei an seinem Auge vorüber. Von deutlichem Erkennen konnte
+keine Rede sein, aber es kam ihm doch so vor, als habe er die
+Schriftzüge schon irgendwo gesehen. Ob er nachsehen solle?
+
+»Johanna, Sie könnten uns den Kaffee bringen. Annie trinkt auch eine
+halbe Tasse. Der Doktor hat's nicht verboten, und was nicht verboten
+ist, ist erlaubt.«
+
+Als er das sagte, wand er den roten Faden ab und ließ, während Johanna
+das Zimmer verließ, den ganzen Inhalt des Päckchens rasch durch die
+Finger gleiten. Nur zwei, drei Briefe waren adressiert: »An Frau
+Landrat von Innstetten.« Er erkannte jetzt auch die Handschrift; es
+war die des Majors. Innstetten wußte nichts von einer Korrespondenz
+zwischen Crampas und Effi, und in seinem Kopf begann sich alles zu
+drehen. Er steckte das Paket zu sich und ging in sein Zimmer zurück.
+Etliche Minuten später, und Johanna, zum Zeichen, daß der Kaffee da
+sei, klopfte leise an die Tür. Innstetten antwortete auch, aber dabei
+blieb es; sonst alles still. Erst nach einer Viertelstunde hörte man
+wieder sein Aufundabschreiten auf dem Teppich.
+
+»Was nur Papa hat?« sagte Johanna zu Annie. »Der Doktor hat ihm doch
+gesagt, es sei nichts.«
+
+Das Aufundabschreiten nebenan wollte kein Ende nehmen. Endlich
+erschien Innstetten wieder im Nebenzimmer und sagte: »Johanna, achten
+Sie auf Annie und daß sie ruhig auf dem Sofa bleibt. Ich will eine
+Stunde gehen oder vielleicht zwei.«
+
+Dann sah er das Kind aufmerksam an und entfernte sich. »Hast du
+gesehen, Johanna, wie Papa aussah?«
+
+»Ja, Annie. Er muß einen großen Ärger gehabt haben. Er war ganz blaß.
+So hab ich ihn noch nie gesehen.«
+
+Es vergingen Stunden. Die Sonne war schon unter, und nur ein roter
+Widerschein lag noch über den Dächern drüben, als Innstetten wieder
+zurückkam. Er gab Annie die Hand, fragte, wie's ihr gehe, und ordnete
+dann an, daß ihm Johanna die Lampe in sein Zimmer bringe. Die Lampe
+kam auch. In dem grünen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale
+mit Fotografien, allerlei Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin,
+damals, als man den Wichertschen »Schritt vom Wege« aufgeführt hatte,
+für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren. Innstetten
+drehte den Schirm langsam von links nach rechts und musterte jedes
+einzelne Bildnis. Dann ließ er ab davon, öffnete, weil er es schwül
+fand, die Balkontür und nahm schließlich das Briefpaket wieder zur
+Hand.
+
+Es schien, daß er gleich beim ersten Durchsehen ein paar davon
+ausgewählt und obenauf gelegt hatte. Diese las er jetzt noch einmal
+mit halblauter Stimme.
+
+»Sei heute nachmittag wieder in den Dünen, hinter der Mühle. Bei der
+alten Adermann können wir uns ruhig sprechen, das Haus ist abgelegen
+genug. Du mußt Dich nicht um alles so bangen. Wir haben auch ein
+Recht. Und wenn Du Dir das eindringlich sagst, wird, denke ich, alle
+Furcht von Dir abfallen. Das Leben wäre nicht des Lebens wert, wenn
+das alles gelten sollte, was zufällig gilt. Alles Beste liegt jenseits
+davon. Lerne Dich daran freuen.«
+
+»...Fort, so schreibst Du, Flucht. Unmöglich. Ich kann meine Frau
+nicht im Stich lassen, zu allem andern auch noch in Not. Es geht
+nicht, und wir müssen es leicht nehmen, sonst sind wir arm und
+verloren. Leichtsinn ist das Beste, was wir haben. Alles ist
+Schicksal. Es hat so sein sollen. Und möchtest Du, daß es anders wäre,
+daß wir uns nie gesehen hätten?«
+
+Dann kam der dritte Brief.
+
+»...Sei heute noch einmal an der alten Stelle. Wie sollen meine Tage
+hier verlaufen ohne Dich! In diesem öden Nest. Ich bin außer mir,
+und nur darin hast Du recht: Es ist die Rettung, und wir müssen
+schließlich doch die Hand segnen, die diese Trennung über uns
+verhängt.«
+
+Innstetten hatte die Briefe kaum wieder beiseite geschoben, als
+draußen die Klingel ging. Gleich danach meldete Johanna: »Geheimrat
+Wüllersdorf.«
+
+Wüllersdorf trat ein und sah auf den ersten Blick, daß etwas
+vorgefallen sein müsse.
+
+»Pardon, Wüllersdorf«, empfing ihn Innstetten, »daß ich Sie gebeten
+habe, noch gleich heute bei mir vorzusprechen. Ich störe niemand gern
+in seiner Abendruhe, am wenigsten einen geplagten Ministerialrat. Es
+ging aber nicht anders. Ich bitte Sie, machen Sie sich's bequem. Und
+hier eine Zigarre.«
+
+Wüllersdorf setzte sich. Innstetten ging wieder auf und ab und wäre
+bei der ihn verzehrenden Unruhe gern in Bewegung geblieben, sah aber,
+daß das nicht gehe. So nahm er denn auch seinerseits eine Zigarre,
+setzte sich Wüllersdorf gegenüber und versuchte ruhig zu sein. »Es
+ist«, begann er, »um zweier Dinge willen, daß ich Sie habe bitten
+lassen: erst um eine Forderung zu überbringen und zweitens um
+hinterher, in der Sache selbst, mein Sekundant zu sein; das eine ist
+nicht angenehm und das andere noch weniger. Und nun Ihre Antwort.«
+
+»Sie wissen, Innstetten, Sie haben über mich zu verfügen. Aber eh ich
+die Sache kenne, verzeihen Sie mir die naive Vorfrage: Muß es sein?
+Wir sind doch über die Jahre weg, Sie, um die Pistole in die Hand zu
+nehmen, und ich, um dabei mitzumachen. Indessen mißverstehen Sie mich
+nicht, alles dies soll kein Nein sein. Wie könnte ich Ihnen etwas
+abschlagen. Aber nun sagen Sie, was ist es?«
+
+»Es handelt sich um einen Galan meiner Frau, der zugleich mein Freund
+war oder doch beinah.«
+
+Wüllersdorf sah Innstetten an. »Innstetten, das ist nicht möglich.«
+
+»Es ist mehr als möglich, es ist gewiß. Lesen Sie.«
+
+Wüllersdorf flog drüber hin. »Die sind an Ihre Frau gerichtet?«
+
+»Ja. Ich fand sie heut in ihrem Nähtisch.« »Und wer hat sie
+geschrieben?«
+
+»Major Crampas.«
+
+»Also Dinge, die sich abgespielt, als Sie noch in Kessin waren?«
+
+Innstetten nickte.
+
+»Liegt also sechs Jahre zurück oder noch ein halb Jahr länger.«
+
+»Ja.«
+
+Wüllersdorf schwieg. Nach einer Weile sagte Innstetten: »Es sieht fast
+so aus, Wüllersdorf, als ob die sechs oder sieben Jahre einen Eindruck
+auf Sie machten. Es gibt eine Verjährungstheorie, natürlich, aber ich
+weiß doch nicht, ob wir hier einen Fall haben, diese Theorie gelten zu
+lassen.«
+
+»Ich weiß es auch nicht«, sagte Wüllersdorf. »Und ich bekenne Ihnen
+offen, um diese Frage scheint sich hier alles zu drehen.«
+
+Innstetten sah ihn groß an. »Sie sagen das in vollem Ernst?« »In
+vollem Ernst. Es ist keine Sache, sich in jeu d'esprit oder in
+dialektischen Spitzfindigkeiten zu versuchen.«
+
+»Ich bin neugierig, wie Sie das meinen. Sagen Sie mir offen, wie
+stehen Sie dazu?«
+
+»Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglück ist hin.
+Aber wenn Sie den Liebhaber totschießen, ist Ihr Lebensglück sozusagen
+doppelt hin, und zu dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der
+Schmerz über getanes Leid. Alles dreht sich um die Frage, müssen Sie's
+durchaus tun? Fühlen Sie sich so verletzt, beleidigt, empört, daß
+einer weg muß, er oder Sie? Steht es so?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Sie müssen es wissen.«
+
+Innstetten war aufgesprungen, trat ans Fenster und tippte voll
+nervöser Erregung an die Scheiben. Dann wandte er sich rasch wieder,
+ging auf Wüllersdorf zu und sagte: »Nein, so steht es nicht.«
+
+»Wie steht es denn?«
+
+»Es steht so, daß ich unendlich unglücklich bin; ich bin gekränkt,
+schändlich hintergangen, aber trotzdem, ich bin ohne jedes Gefühl von
+Haß oder gar von Durst nach Rache. Und wenn ich mich frage, warum
+nicht, so kann ich zunächst nichts anderes finden als die Jahre. Man
+spricht immer von unsühnbarer Schuld; vor Gott ist es gewiß falsch,
+aber vor den Menschen auch. Ich hätte nie geglaubt, daß die Zeit, rein
+als Zeit, so wirken könne. Und dann als zweites: Ich liebe meine Frau,
+ja, seltsam zu sagen, ich liebe sie noch, und so furchtbar ich alles
+finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer Liebenswürdigkeit,
+eines ihr eigenen heiteren Scharmes, daß ich mich, mir selbst zum
+Trotz, in meinem letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt fühle.«
+
+Wüllersdorf nickte. »Kann ganz folgen, Innstetten, würde mir
+vielleicht ebenso gehen. Aber wenn Sie so zu der Sache stehen und mir
+sagen: 'Ich liebe diese Frau so sehr, daß ich ihr alles verzeihen
+kann', und wenn wir dann das andere hinzunehmen, daß alles weit, weit
+zurückliegt, wie ein Geschehnis auf einem andern Stern, ja, wenn es so
+liegt, Innstetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte?«
+
+»Weil es trotzdem sein muß. Ich habe mir's hin und her überlegt. Man
+ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an,
+und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind
+durchaus abhängig von ihm. Ginge es, in Einsamkeit zu leben, so könnt
+ich es gehen lassen; ich trüge dann die mir aufgepackte Last, das
+rechte Glück wäre hin, aber es müssen so viele leben ohne dies 'rechte
+Glück', und ich würde es auch müssen und - auch können. Man braucht
+nicht glücklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen Anspruch
+darauf, und den, der einem das Glück genommen hat, den braucht man
+nicht notwendig aus der Welt zu schaffen. Man kann ihn, wenn man
+weltabgewandt weiterexistieren will, auch laufen lassen. Aber im
+Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun
+mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu
+beurteilen, die andern und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen geht
+nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst
+und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.
+Verzeihen Sie, daß ich Ihnen solche Vorlesung halte, die schließlich
+doch nur sagt, was sich jeder selber hundertmal gesagt hat. Aber
+freilich, wer kann was Neues sagen! Also noch einmal, nichts von Haß
+oder dergleichen, und um eines Glückes willen, das mir genommen wurde,
+mag ich nicht Blut an den Händen haben; aber jenes, wenn Sie wollen,
+uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt nicht nach Scharm
+und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl.
+Ich muß.«
+
+»Ich weiß doch nicht, Innstetten ...«
+
+Innstetten lächelte. »Sie sollen selbst entscheiden, Wüllersdorf. Es
+ist jetzt zehn Uhr. Vor sechs Stunden, diese Konzession will ich Ihnen
+vorweg machen, hatt' ich das Spiel noch in der Hand, konnt' ich noch
+das eine und noch das andere, da war noch ein Ausweg. Jetzt nicht
+mehr, jetzt stecke ich in einer Sackgasse. Wenn Sie wollen, so bin ich
+selber schuld daran; ich hätte mich besser beherrschen und bewachen,
+alles in mir verbergen, alles im eignen Herzen auskämpfen sollen. Aber
+es kam mir zu plötzlich, zu stark, und so kann ich mir kaum einen
+Vorwurf machen, meine Nerven nicht geschickter in Ordnung gehalten zu
+haben. Ich ging zu Ihnen und schrieb Ihnen einen Zettel, und damit war
+das Spiel aus meiner Hand. Von dem Augenblick an hatte mein Unglück
+und, was schwerer wiegt, der Fleck auf meiner Ehre einen halben
+Mitwisser und nach den ersten Worten, die wir hier gewechselt, hat es
+einen ganzen. Und weil dieser Mitwisser da ist, kann ich nicht mehr
+zurück.«
+
+»Ich weiß doch nicht«, wiederholte Wüllersdorf. »Ich mag nicht gerne
+zu der alten abgestandenen Phrase greifen, aber doch läßt sich's nicht
+besser sagen: Innstetten, es ruht alles in mir wie in einem Grabe.«
+
+»Ja, Wüllersdorf, so heißt es immer. Aber es gibt keine
+Verschwiegenheit. Und wenn Sie's wahrmachen und gegen andere die
+Verschwiegenheit selber sind, so wissen Sie es, und es rettet mich
+nicht vor Ihnen, daß Sie mir eben Ihre Zustimmung ausgedrückt und mir
+sogar gesagt haben: ich kann Ihnen in allem folgen. Ich bin, und dabei
+bleibt es, von diesem Augenblick an ein Gegenstand Ihrer Teilnahme
+(schon nicht etwas sehr Angenehmes), und jedes Wort, das Sie mich mit
+meiner Frau wechseln hören, unterliegt Ihrer Kontrolle, Sie mögen
+wollen oder nicht, und wenn meine Frau von Treue spricht oder, wie
+Frauen tun, über eine andere zu Gericht sitzt, so weiß ich nicht, wo
+ich mit meinen Blicken hin soll. Und ereignet sich's gar, daß ich in
+irgendeiner ganz alltäglichen Beleidigungssache zum Guten rede, »weil
+ja der dolus fehle« oder so was Ähnliches, so geht ein Lächeln über
+Ihr Gesicht, oder es zuckt wenigstens darin, und in Ihrer Seele
+klingt es: 'Der gute Innstetten, er hat doch eine wahre Passion, alle
+Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu untersuchen,
+und das richtige Quantum Stickstoff findet er nie. Er ist noch nie an
+einer Sache erstickt.' ... Habe ich recht, Wüllersdorf, oder nicht?«
+
+Wüllersdorf war aufgestanden. »Ich finde es furchtbar, daß Sie recht
+haben, aber Sie haben recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem
+'Muß es sein?'. Die Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge
+verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die andern wollen. Das
+mit dem 'Gottesgericht', wie manche hochtrabend versichern, ist
+freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist
+ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der
+Götze gilt.«
+
+Innstetten nickte.
+
+Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander, und es wurde
+festgestellt, Wüllersdorf solle noch denselben Abend abreisen. Ein
+Nachtzug ging um zwölf.
+
+Dann trennten sie sich mit einem kurzen: »Auf Wiedersehen in Kessin.«
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Kapitel
+
+Am andern Abend, wie verabredet, reiste Innstetten. Er benutzte
+denselben Zug, den am Tag vorher Wüllersdorf benutzt hatte, und war
+bald nach fünf Uhr früh auf der Bahnstation, von wo der Weg nach
+Kessin links abzweigte. Wie immer, solange die Saison dauerte, ging
+auch heute, gleich nach Eintreffen des Zuges, das mehrerwähnte
+Dampfschiff, dessen erstes Läuten Innstetten schon hörte, als er die
+letzten Stufen der vom Bahndamm hinabführenden Treppe erreicht hatte.
+Der Weg bis zur Anlegestelle war keine drei Minuten; er schritt darauf
+zu und begrüßte den Kapitän, der etwas verlegen war, also im Laufe des
+gestrigen Tages von der ganzen Sache schon gehört haben mußte, und
+nahm dann seinen Platz in der Nähe des Steuers. Gleich danach löste
+sich das Schiff vom Brückensteg los; das Wetter war herrlich, helle
+Morgensonne, nur wenig Passagiere an Bord. Innstetten gedachte des
+Tages, als er, mit Effi von der Hochzeitsreise zurückkehrend, hier
+am Ufer der Kessine hin in offenem Wagen gefahren war ein grauer
+Novembertag damals, aber er selber froh im Herzen; nun hatte sich's
+verkehrt: Das Licht lag draußen, und der Novembertag war in ihm.
+Viele, viele Male war er dann des Weges hier gekommen, und der
+Frieden, der sich über die Felder breitete, das Zuchtvieh in den
+Koppeln, das aufhorchte, wenn er vorüberfuhr, die Leute bei der
+Arbeit, die Fruchtbarkeit der Äcker, das alles hatte seinem Sinne
+wohlgetan, und jetzt, in hartem Gegensatz dazu, war er froh, als
+etwas Gewölk heranzog und den lachenden blauen Himmel leise zu trüben
+begann. So fuhren sie den Fluß hinab, und bald nachdem sie die
+prächtige Wasserfläche des Breitling passiert, kam der Kessiner
+Kirchturm in Sicht und gleich danach auch das Bollwerk und die lange
+Häuserreihe mit Schiffen und Booten davor. Und nun waren sie heran.
+Innstetten verabschiedete sich von dem Kapitän und schritt auf den
+Steg zu, den man, bequemeren Aussteigens halber, herangerollt hatte.
+Wüllersdorf war schon da. Beide begrüßten sich, ohne zunächst ein
+Wort zu sprechen, und gingen dann, quer über den Damm, auf den
+Hoppensackschen Gasthof zu, wo sie unter einem Zeltdach Platz nahmen.
+
+»Ich habe mich gestern früh hier einquartiert«, sagte Wüllersdorf,
+der nicht gleich mit den Sachlichkeiten beginnen wollte. »Wenn man
+bedenkt, daß Kessin ein Nest ist, ist es erstaunlich, ein so gutes
+Hotel hier zu finden. Ich bezweifle nicht, daß mein Freund, der
+Oberkellner, drei Sprachen spricht; seinem Scheitel und seiner
+ausgeschnittnen Weste nach können wir dreist auf vier rechnen ...
+Jean, bitte, wollen Sie uns Kaffee und Kognak bringen.«
+
+Innstetten begriff vollkommen, warum Wüllersdorf diesen Ton anschlug,
+war auch damit einverstanden, konnte aber seiner Unruhe nicht ganz
+Herr werden und zog unwillkürlich die Uhr.
+
+»Wir haben Zeit«, sagte Wüllersdorf. »Noch anderthalb Stunden oder
+doch beinah. Ich habe den Wagen auf acht ein Viertel bestellt; wir
+fahren nicht länger als zehn Minuten.« »Und wo?«
+
+»Crampas schlug erst ein Waldeck vor, gleich hinter dem Kirchhof. Aber
+dann unterbrach er sich und sagte: 'Nein, da nicht.' Und dann haben
+wir uns über eine Stelle zwischen den Dünen geeinigt. Hart am Strand;
+die vorderste Düne hat einen Einschnitt, und man sieht aufs Meer.«
+
+Innstetten lächelte. »Crampas scheint sich einen Schönheitspunkt
+ausgesucht zu haben. Er hatte immer die Allüren dazu. Wie benahm er
+sich?«
+
+»Wundervoll.«
+
+»Übermütig? Frivol?«
+
+»Nicht das eine und nicht das andere. Ich bekenne Ihnen offen,
+Innstetten, daß es mich erschütterte. Als ich Ihren Namen nannte,
+wurde er totenblaß und rang nach Fassung, und um seine Mundwinkel
+sah ich ein Zittern. Aber all das dauerte nur einen Augenblick, dann
+hatte er sich wieder gefaßt, und von da an war alles an ihm wehmütige
+Resignation. Es ist mir ganz sicher, er hat das Gefühl, aus der Sache
+nicht heil herauszukommen, und will auch nicht. Wenn ich ihn richtig
+beurteile, er lebt gern und ist zugleich gleichgültig gegen das Leben.
+Er nimmt alles mit und weiß doch, daß es nicht viel damit ist.«
+
+»Wer wird ihm sekundieren? Oder sag ich lieber, wen wird er
+mitbringen?«
+
+»Das war, als er sich wieder gefunden hatte, seine Hauptsorge. Er
+nannte zwei, drei Adlige aus der Nähe, ließ sie dann aber wieder
+fallen, sie seien zu alt und zu fromm, er werde nach Treptow hin
+telegrafieren an seinen Freund Buddenbrook. Und der ist auch gekommen,
+famoser Mann, schneidig und doch zugleich wie ein Kind. Er konnte sich
+nicht beruhigen und ging in größter Erregung auf und ab. Aber als ich
+ihm alles gesagt hatte, sagte er geradeso wie wir: 'Sie haben recht,
+es muß sein!'«
+
+Der Kaffee kam. Man nahm eine Zigarre, und Wüllersdorf war wieder
+darauf aus, das Gespräch auf mehr gleichgültige Dinge zu lenken.
+
+»Ich wundere mich, daß keiner von den Kessinern sich einfindet, Sie zu
+begrüßen. Ich weiß doch, daß Sie sehr beliebt gewesen sind. Und nun
+gar Ihr Freund Gieshübler...«
+
+Innstetten lächelte. »Da verkennen Sie die Leute hier an der Küste;
+halb Philister und halb Pfiffici, nicht sehr nach meinem Geschmack;
+aber eine Tugend haben sie, sie sind alle sehr manierlich. Und nun gar
+mein alter Gieshübler. Natürlich weiß jeder, um was sich's handelt;
+aber eben deshalb hütet man sich, den Neugierigen zu spielen.«
+
+In diesem Augenblick wurde von links her ein zurückgeschlagener
+Chaisewagen sichtbar, der, weil es noch vor der bestimmten Zeit war,
+langsam herankam.
+
+»Ist das unser?« fragte Innstetten.
+
+»Mutmaßlich.«
+
+Und gleich danach hielt der Wagen vor dem Hotel, und Innstetten und
+Wüllersdorf erhoben sich.
+
+Wüllersdorf trat an den Kutscher heran und sagte: »Nach der Mole.«
+
+Die Mole lag nach der entgegengesetzten Strandseite, rechts statt
+links, und die falsche Weisung wurde nur gegeben, um etwaigen
+Zwischenfällen, die doch immerhin möglich waren, vorzubeugen. Im
+übrigen, ob man sich nun weiter draußen nach rechts oder links zu
+halten vorhatte, durch die Plantage mußte man jedenfalls, und so
+führte denn der Weg unvermeidlich an Innstettens alter Wohnung
+vorüber. Das Haus lag noch stiller da als früher; ziemlich
+vernachlässigt sah's in den Parterreräumen aus; wie mocht es erst da
+oben sein! Und das Gefühl des Unheimlichen, das Innstetten an Effi
+so oft bekämpft oder auch wohl belächelt hatte, jetzt überkam es ihn
+selbst, und er war froh, als sie dran vorüber waren.
+
+»Da hab ich gewohnt«, sagte er zu Wüllersdorf.
+
+»Es sieht sonderbar aus, etwas öd und verlassen.«
+
+»Mag auch wohl. In der Stadt galt es als ein Spukhaus, und wie's heute
+daliegt, kann ich den Leuten nicht unrecht geben.«
+
+»Was war es denn damit?«
+
+»Ach, dummes Zeug: alter Schiffskapitän mit Enkelin oder Nichte, die
+eines schönen Tages verschwand, und dann ein Chinese, der vielleicht
+ein Liebhaber war, und auf dem Flur ein kleiner Haifisch und ein
+Krokodil, beides an Strippen und immer in Bewegung. Wundervoll zu
+erzählen, aber nicht jetzt. Es spukt einem doch allerhand anderes im
+Kopf.« »Sie vergessen, es kann auch alles glatt ablaufen.«
+
+»Darf nicht. Und vorhin, Wüllersdorf, als Sie von Crampas sprachen,
+sprachen Sie selber anders davon.«
+
+Bald danach hatte man die Plantage passiert, und der Kutscher wollte
+jetzt rechts einbiegen auf die Mole zu. »Fahren Sie lieber links. Das
+mit der Mole kann nachher kommen.« Und der Kutscher bog links in eine
+breite Fahrstraße ein, die hinter dem Herrenbade grade auf den Wald
+zulief. Als sie bis auf dreihundert Schritt an diesen heran waren,
+ließ Wüllersdorf den Wagen halten, und beide gingen nun, immer durch
+mahlenden Sand hin, eine ziemlich breite Fahrstraße hinunter, die
+die hier dreifache Dünenreihe senkrecht durchschnitt. Überall zur
+Seite standen dichte Büschel von Strandhafer, um diesen herum aber
+Immortellen und ein paar blutrote Nelken. Innstetten bückte sich und
+steckte sich eine der Nelken ins Knopfloch. »Die Immortellen nachher.«
+
+So gingen sie fünf Minuten. Als sie bis an die ziemlich tiefe Senkung
+gekommen waren, die zwischen den beiden vordersten Dünenreihen
+hinlief, sahen sie, nach links hin, schon die Gegenpartei: Crampas und
+Buddenbrook und mit ihnen den guten Doktor Hannemann, der seinen Hut
+in der Hand hielt, so daß das weiße Haar im Winde flatterte.
+
+Innstetten und Wüllersdorf gingen die Sandschlucht hinauf, Buddenbrook
+kam ihnen entgegen. Man begrüßte sich, worauf beide Sekundanten
+beiseite traten, um noch ein kurzes sachliches Gespräch zu führen. Es
+lief darauf hinaus, daß man à tempo avancieren und auf zehn Schritt
+Distanz feuern solle. Dann kehrte Buddenbrook an seinen Platz zurück;
+alles erledigte sich rasch; und die Schüsse fielen. Crampas stürzte.
+
+Innstetten, einige Schritte zurücktretend, wandte sich ab von der
+Szene. Wüllersdorf aber war auf Buddenbrook zugeschritten, und beide
+warteten jetzt auf den Ausspruch des Doktors, der die Achseln zuckte.
+
+Zugleich deutete Crampas durch eine Handbewegung an, daß er etwas
+sagen wollte. Wüllersdorf beugte sich zu ihm nieder, nickte zustimmend
+zu den paar Worten, die kaum hörbar von des Sterbenden Lippen kamen,
+und ging dann auf Innstetten zu.
+
+»Crampas will Sie noch sprechen, Innstetten. Sie müssen ihm zu Willen
+sein. Er hat keine drei Minuten Leben mehr.«
+
+Innstetten trat an Crampas heran.
+
+»Wollen Sie ...« Das waren seine letzten Worte.
+
+Noch ein schmerzlicher und doch beinah freundlicher Schimmer in seinem
+Antlitz, und dann war es vorbei.
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Kapitel
+
+Am Abend desselben Tages traf Innstetten wieder in Berlin ein.
+Er war mit dem Wagen, den er innerhalb der Dünen an dem Querwege
+zurückgelassen hatte, direkt nach der Bahnstation gefahren, ohne
+Kessin noch einmal zu berühren, dabei den beiden Sekundanten die
+Meldung an die Behörden überlassend. Unterwegs (er war allein im
+Coupé) hing er, alles noch mal überdenkend, dem Geschehenen nach; es
+waren dieselben Gedanken wie zwei Tage zuvor, nur daß sie jetzt den
+umgekehrten Gang gingen und mit der Überzeugtheit von seinem Recht und
+seiner Pflicht anfingen, um mit Zweifeln daran aufzuhören. »Schuld,
+wenn sie überhaupt was ist, ist nicht an Ort und Stunde gebunden und
+kann nicht hinfällig werden von heute auf morgen. Schuld verlangt
+Sühne; das hat einen Sinn. Aber Verjährung ist etwas Halbes, etwas
+Schwächliches, zum mindesten was Prosaisches.« Und er richtete sich an
+dieser Vorstellung auf und wiederholte sich's, daß es gekommen sei,
+wie's habe kommen müssen. Aber im selben Augenblick, wo dies für ihn
+feststand, warf er's auch wieder um. »Es muß eine Verjährung geben,
+Verjährung ist das einzig Vernünftige; ob es nebenher auch noch
+prosaisch ist, ist gleichgültig; das Vernünftige ist meist prosaisch.
+Ich bin jetzt fünfundvierzig. Wenn ich die Briefe fünfundzwanzig Jahre
+später gefunden hätte, so wär ich siebzig. Dann hätte Wüllersdorf
+gesagt: 'Innstetten, seien Sie kein Narr.' Und wenn es Wüllersdorf
+nicht gesagt hätte, so hätte es Buddenbrook gesagt, und wenn auch der
+nicht, so ich selbst. Dies ist mir klar. Treibt man etwas auf die
+Spitze, so übertreibt man und hat die Lächerlichkeit. Kein Zweifel.
+Aber wo fängt es an? Wo liegt die Grenze? Zehn Jahre verlangen noch
+ein Duell, und da heißt es Ehre, und nach elf Jahren oder vielleicht
+schon bei zehnundeinhalb heißt es Unsinn. Die Grenze, die Grenze. Wo
+ist sie? War sie da? War sie schon überschritten? Wenn ich mir seinen
+letzten Blick vergegenwärtige, resigniert und in seinem Elend doch
+noch ein Lächeln, so hieß der Blick: 'Innstetten, Prinzipienreiterei
+... Sie konnten es mir ersparen und sich selber auch.' Und er hatte
+vielleicht recht. Mir klingt so was in der Seele. Ja, wenn ich voll
+tödlichem Haß gewesen wäre, wenn mir hier ein tiefes Rachegefühl
+gesessen hätte ... Rache ist nichts Schönes, aber was Menschliches
+und hat ein natürlich menschliches Recht. So aber war alles einer
+Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte,
+halbe Komödie. Und diese Komödie muß ich nun fortsetzen und muß Effi
+wegschicken und sie ruinieren und mich mit ... Ich mußte die Briefe
+verbrennen, und die Welt durfte nie davon erfahren. Und wenn sie dann
+kam, ahnungslos, so mußte ich ihr sagen: 'Da ist dein Platz', und
+mußte mich innerlich von ihr scheiden. Nicht vor der Welt. Es gibt so
+viele Leben, die keine sind, und so viele Ehen, die keine sind ...
+dann war das Glück hin, aber ich hätte das Auge mit seinem Frageblick
+und mit seiner stummen, leisen Anklage nicht vor mir.«
+
+Kurz vor zehn hielt Innstetten vor seiner Wohnung. Er stieg die
+Treppen hinauf und zog die Glocke; Johanna kam und öffnete.
+
+»Wie steht es mit Annie?«
+
+»Gut, gnäd'ger Herr. Sie schläft noch nicht ... Wenn der gnäd'ge
+Herr ...«
+
+»Nein, nein, das regt sie bloß auf. Ich sehe sie lieber morgen früh.
+Bringen Sie mir ein Glas Tee, Johanna. Wer war hier?«
+
+»Nur der Doktor.«
+
+Und nun war Innstetten wieder allein. Er ging auf und ab, wie er's zu
+tun liebte. »Sie wissen schon alles; Roswitha ist dumm, aber Johanna
+ist eine kluge Person. Und wenn sie's nicht mit Bestimmtheit wissen,
+so haben sie sich's zurechtgelegt und wissen es doch. Es ist
+merkwürdig, was alles zum Zeichen wird und Geschichten ausplaudert,
+als wäre jeder mit dabeigewesen.«
+
+Johanna brachte den Tee. Innstetten trank. Er war nach der
+Überanstrengung todmüde und schlief ein.
+
+Innstetten war zu guter Zeit auf. Er sah Annie, sprach ein paar Worte
+mit ihr, lobte sie, daß sie eine gute Kranke sei, und ging dann aufs
+Ministerium, um seinem Chef von allem Vorgefallenen Meldung zu machen.
+Der Minister war sehr gnädig. »Ja, Innstetten, wohl dem, der aus
+allem, was das Leben uns bringen kann, heil herauskommt; Sie hat's
+getroffen.« Er fand alles, was geschehen, in der Ordnung und überließ
+Innstetten das Weitere.
+
+Erst spät nachmittags war Innstetten wieder in seiner Wohnung, in
+der er ein paar Zeilen von Wüllersdorf vorfand. »Heute früh wieder
+eingetroffen. Eine Welt von Dingen erlebt: Schmerzliches, Rührendes;
+Gieshübler an der Spitze. Der liebenswürdigste Bucklige, den ich je
+gesehen. Von Ihnen sprach er nicht allzuviel, aber die Frau, die Frau!
+Er konnte sich nicht beruhigen, und zuletzt brach der kleine Mann
+in Tränen aus. Was alles vorkommt. Es wäre zu wünschen, daß es mehr
+Gieshübler gäbe. Es gibt aber mehr andere. Und dann die Szene im Hause
+des Majors ... furchtbar. Kein Wort davon. Man hat wieder mal gelernt:
+aufpassen. Ich sehe Sie morgen. Ihr W.«
+
+Innstetten war ganz erschüttert, als er gelesen. Er setzte sich
+und schrieb seinerseits ein paar Briefe. Als er damit zu Ende war,
+klingelte er: »Johanna, die Briefe in den Kasten.«
+
+Johanna nahm die Briefe und wollte gehen.
+
+»... Und dann, Johanna, noch eins: Die Frau kommt nicht wieder. Sie
+werden von anderen erfahren, warum nicht. Annie darf nichts wissen,
+wenigstens jetzt nicht. Das arme Kind. Sie müssen es ihr allmählich
+beibringen, daß sie keine Mutter mehr hat. Ich kann es nicht. Aber
+machen Sie's gescheit. Und daß Roswitha nicht alles verdirbt.«
+
+Johanna stand einen Augenblick ganz wie benommen da. Dann ging sie auf
+Innstetten zu und küßte ihm die Hand. Als sie wieder draußen in der
+Küche war, war sie von Stolz und Überlegenheit ganz erfüllt, ja beinah
+von Glück. Der gnädige Herr hatte ihr nicht nur alles gesagt, sondern
+am Schluß auch noch hinzugesetzt: »Und daß Roswitha nicht alles
+verdirbt.« Das war die Hauptsache, und ohne daß es ihr an gutem Herzen
+und selbst an Teilnahme mit der Frau gefehlt hätte, beschäftigte
+sie doch, über jedes andere hinaus, der Triumph einer gewissen
+Intimitätsstellung zum gnädigen Herrn.
+
+Unter gewöhnlichen Umständen wäre ihr denn auch die Herauskehrung
+und Geltendmachung dieses Triumphes ein leichtes gewesen, aber
+heute traf sich's so wenig günstig für sie, daß ihre Rivalin, ohne
+Vertrauensperson gewesen zu sein, sich doch als die Eingeweihtere
+zeigen sollte. Der Portier unten hatte nämlich, so ziemlich um
+dieselbe Zeit, wo dies spielte, Roswitha in seine kleine Stube
+hineingerufen und ihr gleich beim Eintreten ein Zeitungsblatt zum
+Lesen zugeschoben. »Da, Roswitha, das ist was für Sie; Sie können es
+mir nachher wieder runterbringen. Es ist bloß das Fremdenblatt; aber
+Lene ist schon hin und holt das Kleine Journal. Da wird wohl schon
+mehr drinstehen; die wissen immer alles. Hören Sie, Roswitha, wer so
+was gedacht hätte.«
+
+Roswitha, sonst nicht allzu neugierig, hatte sich doch nach dieser
+Ansprache so rasch wie möglich die Hintertreppe hinaufbegeben und war
+mit dem Lesen gerade fertig, als Johanna dazukam.
+
+Diese legte die Briefe, die ihr Innstetten eben gegeben, auf den
+Tisch, überflog die Adressen oder tat wenigstens so (denn sie wußte
+längst, an wen sie gerichtet waren) und sagte mit gut erkünstelter
+Ruhe: »Einer ist nach Hohen-Cremmen.«
+
+»Das kann ich mir denken«, sagte Roswitha.
+
+Johanna war nicht wenig erstaunt über diese Bemerkung. »Der Herr
+schreibt sonst nie nach Hohen-Cremmen.«
+
+»Ja, sonst. Aber jetzt ... Denken Sie sich, das hat mir eben der
+Portier unten gegeben.«
+
+Johanna nahm das Blatt und las nun halblaut eine mit einem dicken
+Tintenstrich markierte Stelle: »Wie wir kurz vor Redaktionsschluß
+von gut unterrichteter Seite her vernehmen, hat gestern früh in dem
+Badeort Kessin in Hinterpommern ein Duell zwischen dem Ministerialrat
+v. I. (Keithstraße) und dem Major von Crampas stattgefunden. Major von
+Crampas fiel. Es heißt, daß Beziehungen zwischen ihm und der Rätin,
+einer schönen und noch sehr jungen Frau, bestanden haben sollen.«
+
+»Was solche Blätter auch alles schreiben«, sagte Johanna, die
+verstimmt war, ihre Neuigkeit überholt zu sehen.
+
+»Ja«, sagte Roswitha. »Und das lesen nun die Menschen und
+verschimpfieren mir meine liebe, arme Frau. Und der arme Major. Nun
+ist er tot.«
+
+»Ja, Roswitha, was denken Sie sich eigentlich? Soll er nicht tot sein?
+Oder soll lieber unser gnädiger Herr tot sein?«
+
+»Nein, Johanna, unser gnäd'ger Herr, der soll auch leben, alles soll
+leben. Ich bin nicht für Totschießen und kann nicht mal das Knallen
+hören. Aber bedenken Sie doch, Johanna, das ist ja nun schon eine
+halbe Ewigkeit her, und die Briefe, die mir gleich so sonderbar
+aussahen, weil sie die rote Strippe hatten und drei- oder viermal
+umwickelt und dann eingeknotet und keine Schleife - die sahen ja schon
+ganz gelb aus, so lange ist es her. Wir sind ja nun schon über sechs
+Jahre hier, und wie kann man wegen solcher alten Geschichten ...«
+
+»Ach, Roswitha, Sie reden, wie Sie's verstehen. Und bei Licht besehen
+sind Sie schuld. Von den Briefen kommt es her. Warum kamen Sie mit dem
+Stemmeisen und brachen den Nähtisch auf, was man nie darf; man darf
+kein Schloß aufbrechen, was ein anderer zugeschlossen hat.«
+
+»Aber, Johanna, das ist doch wirklich zu schlecht von Ihnen, mir so
+was auf den Kopf zuzusagen, und Sie wissen doch, daß Sie schuld sind
+und daß Sie wie närrisch in die Küche stürzten und mir sagten, der
+Nähtisch müsse aufgemacht werden, da wäre die Bandage drin, und da bin
+ich mit dem Stemmeisen gekommen, und nun soll ich schuld sein. Nein,
+ich sage ...«
+
+»Nun, ich will es nicht gesagt haben, Roswitha. Nur, Sie sollen mir
+nicht kommen und sagen: der arme Major. Was heißt der arme Major! Der
+ganze arme Major taugte nichts; wer solchen rotblonden Schnurrbart hat
+und immer wribbelt, der taugt nie was und richtet bloß Schaden an. Und
+wenn man immer in vornehmen Häusern gedient hat ... aber das haben Sie
+nicht, Roswitha, das fehlt Ihnen eben ... dann weiß man auch, was sich
+paßt und schickt und was Ehre ist, und weiß auch, daß, wenn so was
+vorkommt, dann geht es nicht anders, und dann kommt das, was man eine
+Forderung nennt, und dann wird einer totgeschossen.«
+
+»Ach, das weiß ich auch; ich bin nicht so dumm, wie Sie mich immer
+machen wollen. Aber wenn es so lange her ist ...« »Ja, Roswitha, mit
+Ihrem ewigen 'so lange her'; daran sieht man ja eben, daß Sie nichts
+davon verstehen. Sie erzählen immer die alte Geschichte von Ihrem
+Vater mit dem glühenden Eisen und wie er damit auf Sie losgekommen,
+und jedesmal, wenn ich einen glühenden Bolzen eintue, muß ich auch
+wirklich immer an Ihren Vater denken und sehe immer, wie er Sie wegen
+des Kindes, das ja nun tot ist, totmachen will. Ja, Roswitha, davon
+sprechen Sie in einem fort, und es fehlt bloß noch, daß Sie Anniechen
+auch die Geschichte erzählen, und wenn Anniechen eingesegnet wird,
+dann wird sie's auch gewiß erfahren, und vielleicht denselben Tag
+noch; und das ärgert mich, daß Sie das alles erlebt haben, und Ihr
+Vater war doch bloß ein Dorfschmied und hat Pferde beschlagen oder
+einen Radreifen belegt, und nun kommen Sie und verlangen von unserm
+gnäd'gen Herrn, daß er sich das alles ruhig gefallen läßt, bloß weil
+es so lange her ist. Was heißt lange her? Sechs Jahre ist nicht
+lange her. Und unsre gnäd'ge Frau - die aber nicht wiederkommt, der
+gnäd'ge Herr hat es mir eben gesagt -, unsre gnäd'ge Frau wird erst
+sechsundzwanzig, und im August ist ihr Geburtstag, und da kommen Sie
+mir mit 'lange her'. Und wenn sie sechsunddreißig wäre, ich sage
+Ihnen, bis sechsunddreißig muß man erst recht aufpassen, und wenn der
+gnäd'ge Herr nichts getan hätte, dann hätten ihn die vornehmen Leute
+'geschnitten'. Aber das Wort kennen Sie gar nicht, Roswitha, davon
+wissen Sie nichts.«
+
+»Nein, davon weiß ich nichts, will auch nicht; aber das weiß ich,
+Johanna, daß Sie in den gnäd'gen Herrn verliebt sind.« Johanna schlug
+eine krampfhafte Lache auf.
+
+»Ja, lachen Sie nur. Ich seh es schon lange. Sie haben so was. Und
+ein Glück, daß unser gnäd'ger Herr keine Augen dafür hat ... Die arme
+Frau, die arme Frau.«
+
+Johanna lag daran, Frieden zu schließen. »Lassen Sie's gut sein,
+Roswitha. Sie haben wieder Ihren Koller; aber ich weiß schon, den
+haben alle vom Lande.«
+
+»Kann schon sein.«
+
+»Ich will jetzt nur die Briefe forttragen und unten sehen, ob der
+Portier vielleicht schon die andere Zeitung hat. Ich habe doch recht
+verstanden, daß er Lene danach geschickt hat? Und es muß auch mehr
+darin stehen; das hier ist ja so gut wie gar nichts.«
+
+
+
+Dreißigstes Kapitel
+
+Effi und die Geheimrätin Zwicker waren seit fast drei Wochen in Ems
+und bewohnten daselbst das Erdgeschoß einer reizenden kleinen Villa.
+In ihrem zwischen ihren zwei Wohnzimmern gelegenen gemeinschaftlichen
+Salon mit Blick auf den Garten stand ein Palisanderflügel, auf dem
+Effi dann und wann eine Sonate, die Zwicker dann und wann einen
+Walzer spielte; sie war ganz unmusikalisch und beschränkte sich im
+wesentlichen darauf, für Niemann als Tannhäuser zu schwärmen.
+
+Es war ein herrlicher Morgen; in dem kleinen Garten zwitscherten die
+Vögel, und aus dem angrenzenden Hause, drin sich ein »Lokal« befand,
+hörte man, trotz der frühen Stunde, bereits das Zusammenschlagen der
+Billardbälle. Beide Damen hatten ihr Frühstück nicht im Salon selbst,
+sondern auf einem ein paar Fuß hoch aufgemauerten und mit Kies
+bestreuten Vorplatz eingenommen, von dem aus drei Stufen nach dem
+Garten hinunterführten; die Markise, ihnen zu Häupten, war aufgezogen,
+um den Genuß der frischen Luft in nichts zu beschränken, und sowohl
+Effi wie die Geheimrätin waren ziemlich emsig bei ihrer Handarbeit.
+Nur dann und wann wurden ein paar Worte gewechselt.
+
+»Ich begreife nicht«, sagte Effi, »daß ich schon seit vier Tagen
+keinen Brief habe; er schreibt sonst täglich. Ob Annie krank ist? Oder
+er selbst?«
+
+Die Zwicker lächelte: »Sie werden erfahren, liebe Freundin, daß er
+gesund ist, ganz gesund.«
+
+Effi fühlte sich durch den Ton, in dem dies gesagt wurde, wenig
+angenehm berührt und schien antworten zu wollen, aber in ebendiesem
+Augenblicke trat das aus der Umgegend von Bonn stammende Hausmädchen,
+das sich von Jugend an daran gewöhnt hatte, die mannigfachsten
+Erscheinungen des Lebens an Bonner Studenten und Bonner Husaren
+zu messen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus, um hier den
+Frühstückstisch abzuräumen. Sie hieß Afra.
+
+»Afra«, sagte Effi, »es muß doch schon neun sein; war der Postbote
+noch nicht da?«
+
+»Nein, noch nicht, gnäd'ge Frau.« »Woran liegt es?«
+
+»Natürlich an dem Postboten; er ist aus dem Siegenschen und hat
+keinen Schneid. Ich hab's ihm auch schon gesagt, das sei die 'reine
+Lodderei'. Und wie ihm das Haar sitzt; ich glaube, er weiß gar nicht,
+was ein Scheitel ist.«
+
+»Afra, Sie sind mal wieder zu streng. Denken Sie doch: Postbote, und
+so tagaus, tagein bei der ewigen Hitze ...«
+
+»Ist schon recht, gnäd'ge Frau. Aber es gibt doch andere, die
+zwingen's; wo's drinsteckt, da geht es auch.« Und während sie noch so
+sprach, nahm sie das Tablett geschickt auf ihre fünf Fingerspitzen und
+stieg die Stufen hinunter, um durch den Garten hin den näheren Weg in
+die Küche zu nehmen.
+
+»Eine hübsche Person«, sagte die Zwicker. »Und so quick und kasch, und
+ich möchte fast sagen, von einer natürlichen Anmut. Wissen Sie, liebe
+Baronin, daß mich diese Afra...
+
+übrigens ein wundervoller Name, und es soll sogar eine heilige Afra
+gegeben haben, aber ich glaube nicht, daß unsere davon abstammt ...«
+
+»Und nun, liebe Geheimrätin, vertiefen Sie sich wieder in Ihr
+Nebenthema, das diesmal Afra heißt, und vergessen darüber ganz, was
+Sie eigentlich sagen wollten ...«
+
+»Doch nicht, liebe Freundin, oder ich finde mich wenigstens wieder
+zurück. Ich wollte sagen, daß mich diese Afra ganz ungemein an die
+stattliche Person erinnert, die ich in Ihrem Hause ...«
+
+»Ja, Sie haben recht. Es ist eine Ähnlichkeit da. Nur, unser Berliner
+Hausmädchen ist doch erheblich hübscher und namentlich ihr Haar viel
+schöner und voller. Ich habe so schönes flachsenes Haar, wie unsere
+Johanna hat, überhaupt noch nicht gesehen. Ein bißchen davon sieht man
+ja wohl, aber solche Fülle ...«
+
+Die Zwicker lächelte. »Das ist wirklich selten, daß man eine
+junge Frau mit solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres
+Hausmädchens sprechen hört. Und nun auch noch von der Fülle! Wissen
+Sie, daß ich das rührend finde? Denn eigentlich ist man doch bei der
+Wahl der Mädchen in einer beständigen Verlegenheit. Hübsch sollen sie
+sein, weil es jeden Besucher, wenigstens die Männer, stört, eine lange
+Stakete mit griesem Teint und schwarzen Rändern in der Türöffnung
+erscheinen zu sehen, und ein wahres Glück, daß die Korridore meistens
+so dunkel sind. Aber nimmt man wieder zu viel Rücksicht auf solche
+Hausrepräsentation und den sogenannten ersten Eindruck, und
+schenkt man wohl gar noch einer solchen hübschen Person eine weiße
+Tändelschürze nach der andern, so hat man eigentlich keine ruhige
+Stunde mehr und fragt sich, wenn man nicht zu eitel ist und nicht zu
+viel Vertrauen zu sich selber hat, ob da nicht Remedur geschaffen
+werden müsse. Remedur war nämlich ein Lieblingswort von Zwicker, womit
+er mich oft gelangweilt hat; aber freilich, alle Geheimräte haben
+solche Lieblingsworte.«
+
+Effi hörte mit sehr geteilten Empfindungen zu. Wenn die Geheimrätin
+nur ein bißchen anders gewesen wäre, so hätte dies alles reizend sein
+können, aber da sie nun mal war, wie sie war, so fühlte sich Effi
+wenig angenehm von dem berührt, was sie sonst vielleicht einfach
+erheitert hätte.
+
+»Das ist schon recht, liebe Freundin, was Sie da von den Geheimräten
+sagen. Innstetten hat sich auch dergleichen angewöhnt, lacht aber
+immer, wenn ich ihn daraufhin ansehe, und entschuldigt sich hinterher
+wegen der Aktenausdrücke. Ihr Herr Gemahl war freilich schon länger im
+Dienst und überhaupt wohl älter ...«
+
+»Um ein geringes«, sagte die Geheimrätin spitz und ablehnend.
+
+»Und alles in allem kann ich mich in Befürchtungen, wie Sie sie
+aussprechen, nicht recht zurechtfinden. Das, was man gute Sitte nennt,
+ist doch immer noch eine Macht ...«
+
+»Meinen Sie?«
+
+Und ich kann mir namentlich nicht denken, daß es gerade Ihnen,
+liebe Freundin, beschieden gewesen sein solle, solche Sorgen und
+Befürchtungen durchzumachen. Sie haben, Verzeihung, daß ich diesen
+Punkt hier so offen berühre, gerade das, was die Männer einen 'Scharm'
+nennen, Sie sind heiter, fesselnd, anregend, und wenn es nicht
+indiskret ist, so möcht ich angesichts dieser Ihrer Vorzüge wohl
+fragen dürfen, stützt sich das, was Sie da sagen, auf allerlei
+Schmerzliches, das Sie persönlich erlebt haben?«
+
+»Schmerzliches?« sagte die Zwicker. »Ach, meine liebe, gnädigste Frau,
+Schmerzliches, das ist ein zu großes Wort, auch dann noch, wenn man
+vielleicht wirklich manches erlebt hat. Schmerzlich ist einfach
+zuviel, viel zuviel. Und dann hat man doch schließlich auch seine
+Hilfsmittel und Gegenkräfte. Sie dürfen dergleichen nicht zu tragisch
+nehmen.«
+
+»Ich kann mir keine rechte Vorstellung von dem machen, was Sie
+anzudeuten belieben. Nicht, als ob ich nicht wüßte, was Sünde sei, das
+weiß ich auch; aber es ist doch ein Unterschied, ob man so hineingerät
+in allerlei schlechte Gedanken oder ob einem derlei Dinge zur halben
+oder auch wohl zur ganzen Lebensgewohnheit werden. Und nun gar im
+eigenen Hause ...«
+
+»Davon will ich nicht sprechen, das will ich nicht so direkt gesagt
+haben, obwohl ich, offen gestanden, auch nach dieser Seite hin voller
+Mißtrauen bin oder, wie ich jetzt sagen muß, war; denn es liegt ja
+alles zurück. Aber da gibt es Außengebiete. Haben Sie von Landpartien
+gehört?«
+
+»Gewiß. Und ich wollte wohl, Innstetten hätte mehr Sinn dafür ...«
+
+»Überlegen Sie sich das, liebe Freundin. Zwicker saß immer in
+Saatwinkel. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn ich das Wort höre, gibt es
+mir noch jetzt einen Stich ins Herz. Überhaupt diese Vergnügungsorte
+in der Umgegend unseres lieben alten Berlin! Denn ich liebe Berlin
+trotz alledem. Aber schon die bloßen Namen der dabei in Frage
+kommenden Ortschaften umschließen eine Welt von Angst und Sorge. Sie
+lächeln. Und doch, sagen Sie selbst, liebe Freundin, was können Sie
+von einer großen Stadt und ihren Sittlichkeitszuständen erwarten,
+wenn Sie beinah unmittelbar vor den Toren derselben (denn zwischen
+Charlottenburg und Berlin ist kein rechter Unterschied mehr), auf
+kaum tausend Schritte zusammengedrängt, einem Pichelsberg, einem
+Pichelsdorf und einem Pichelswerder begegnen. Dreimal Pichel ist
+zuviel. Sie können die ganze Welt absuchen, das finden Sie nicht
+wieder.«
+
+Effi nickte.
+
+»Und das alles«, fuhr die Zwicker fort, »geschieht am grünen Holz der
+Havelseite. Das alles liegt nach Westen zu, da haben Sie Kultur und
+höhere Gesittung. Aber nun gehen Sie, meine Gnädigste, nach der
+anderen Seite hin, die Spree hinauf. Ich spreche nicht von Treptow
+und Stralau, das sind Bagatellen, Harmlosigkeiten, aber wenn Sie die
+Spezialkarte zur Hand nehmen wollen, da begegnen Sie neben mindestens
+sonderbaren Namen wie Kiekebusch, wie Wuhlheide - Sie hätten hören
+sollen, wie Zwicker das Wort aussprach - Namen von geradezu brutalem
+Charakter, mit denen ich Ihr Ohr nicht verletzen will. Aber natürlich
+sind das gerade die Plätze, die bevorzugt werden. Ich hasse diese
+Landpartien, die sich das Volksgemüt als eine Kremserpartie mit 'Ich
+bin ein Preuße' vorstellt, in Wahrheit aber schlummern hier die Keime
+einer sozialen Revolution. Wenn ich sage 'soziale Revolution', so
+meine ich natürlich moralische Revolution, alles andere ist bereits
+wieder überholt, und schon Zwicker sagte mir noch in seinen letzten
+Tagen: 'Glaube mir, Sophie, Saturn frißt seine Kinder.' Und Zwicker,
+welche Mängel und Gebrechen er haben mochte, das bin ich ihm schuldig,
+er war ein philosophischer Kopf und hatte ein natürliches Gefühl
+für historische Entwicklung ... Aber ich sehe, meine liebe Frau von
+Innstetten, so artig sie sonst ist, hört nur noch mit halbem Ohr zu;
+natürlich, der Postbote hat sich drüben blicken lassen, und da fliegt
+denn das Herz hinüber und nimmt die Liebesworte vorweg aus dem Brief
+heraus ... Nun, Böselager, was bringen Sie?«
+
+Der Angeredete war mittlerweile bis an den Tisch herangetreten und
+packte aus: mehrere Zeitungen, zwei Friseuranzeigen und zuletzt auch
+einen großen eingeschriebenen Brief an Frau Baronin von Innstetten,
+geb. von Briest.
+
+Die Empfängerin unterschrieb, und nun ging der Postbote wieder.
+Die Zwicker aber überflog die Friseuranzeigen und lachte über die
+Preisermäßigung von Shampooing.
+
+Effi hörte nicht hin; sie drehte den ihrerseits empfangenen Brief
+zwischen den Fingern und hatte eine ihr unerklärliche Scheu, ihn zu
+öffnen. Eingeschrieben und mit zwei großen Siegeln und ein dickes
+Kuvert. Was bedeutete das? Poststempel: »Hohen-Cremmen«, und die
+Adresse von der Handschrift der Mutter. Von Innstetten, es war der
+fünfte Tag, keine Zeile.
+
+Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttergriff und schnitt die
+Längsseite des Briefes langsam auf. Und nun harrte ihrer eine neue
+Überraschung. Der Briefbogen, ja, das waren eng beschriebene Zeilen
+von der Mama, darin eingelegt aber waren Geldscheine mit einem breiten
+Papierstreifen drumherum, auf dem mit Rotstift, und zwar von des
+Vaters Hand, der Betrag der eingelegten Summe verzeichnet war. Sie
+schob das Konvolut zurück und begann zu lesen, während sie sich in
+den Schaukelstuhl zurücklehnte. Aber sie kam nicht weit, die Zeilen
+entfielen ihr, und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort. Dann
+bückte sie sich und nahm den Brief wieder auf. »Was ist Ihnen, liebe
+Freundin? Schlechte Nachrichten?« Effi nickte, gab aber weiter keine
+Antwort und bat nur, ihr ein Glas Wasser reichen zu wollen. Als sie
+getrunken, sagte sie: »Es wird vorübergehen, liebe Geheimrätin, aber
+ich möchte mich doch einen Augenblick zurückziehen ... Wenn Sie mir
+Afra schicken könnten.«
+
+Und nun erhob sie sich und trat in den Salon zurück, wo sie sichtlich
+froh war, einen Halt gewonnen und sich an dem Palisanderflügel
+entlangfühlen zu können. So kam sie bis an ihr nach rechts hin
+gelegenes Zimmer, und als sie hier, tappend und suchend, die Tür
+geöffnet und das Bett an der Wand gegenüber erreicht hatte, brach sie
+ohnmächtig zusammen.
+
+
+
+Einunddreißgstes Kapitel
+
+Minuten vergingen. Als Effi sich wieder erholt hatte, setzte sie sich
+auf einen am Fenster stehenden Stuhl und sah auf die stille Straße
+hinaus. Wenn da doch Lärm und Streit gewesen wäre; aber nur der
+Sonnenschein lag auf dem chaussierten Wege und dazwischen die
+Schatten, die das Gitter und die Bäume warfen. Das Gefühl des
+Alleinseins in der Welt überkam sie mit seiner ganzen Schwere. Vor
+einer Stunde noch eine glückliche Frau, Liebling aller, die sie
+kannten, und nun ausgestoßen. Sie hatte nur erst den Anfang des
+Briefes gelesen, aber genug, um ihre Lage klar vor Augen zu haben.
+Wohin?
+
+Sie hatte keine Antwort darauf, und doch war sie voll tiefer
+Sehnsucht, aus dem herauszukommen, was sie hier umgab, also fort von
+dieser Geheimrätin, der das alles bloß ein »interessanter Fall« war
+und deren Teilnahme, wenn etwas davon existierte, sicher an das Maß
+ihrer Neugier nicht heranreichte.
+
+»Wohin?«
+
+Auf dem Tisch vor ihr lag der Brief; aber ihr fehlte der Mut,
+weiterzulesen. Endlich sagte sie: »Wovor bange ich mich noch? Was kann
+noch gesagt werden, das ich mir nicht schon selber sagte? Der, um den
+all dies kam, ist tot, eine Rückkehr in mein Haus gibt es nicht, in
+ein paar Wochen wird die Scheidung ausgesprochen sein, und das Kind
+wird man dem Vater lassen. Natürlich. Ich bin schuldig, und eine
+Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen. Und wovon auch? Mich selbst
+werde ich wohl durchbringen. Ich will sehen, was die Mama darüber
+schreibt, wie sie sich mein Leben denkt.«
+
+Und unter diesen Worten nahm sie den Brief wieder, um auch den Schluß
+zu lesen.
+
+»... Und nun Deine Zukunft, meine liebe Effi. Du wirst Dich auf
+Dich selbst stellen müssen und darfst dabei, soweit äußere Mittel
+mitsprechen, unserer Unterstützung sicher sein. Du wirst am besten in
+Berlin leben (in einer großen Stadt vertut sich dergleichen am besten)
+und wirst da zu den vielen gehören, die sich um freie Luft und lichte
+Sonne gebracht haben. Du wirst einsam leben, und wenn Du das nicht
+willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphäre herabsteigen müssen. Die
+Welt, in der Du gelebt hast, wird Dir verschlossen sein. Und was das
+Traurigste für uns und für Dich ist (auch für Dich, wie wir Dich zu
+kennen vermeinen) - auch das elterliche Haus wird Dir verschlossen
+sein, wir können Dir keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen anbieten,
+keine Zuflucht in unserem Hause, denn es hieße das, dies Haus
+von aller Welt abschließen, und das zu tun, sind wir entschieden
+nicht geneigt. Nicht weil wir zu sehr an der Welt hingen und ein
+Abschiednehmen von dem, was sich 'Gesellschaft' nennt, uns als etwas
+unbedingt Unerträgliches erschiene; nein, nicht deshalb, sondern
+einfach, weil wir Farbe bekennen und vor aller Welt, ich kann Dir das
+Wort nicht ersparen, unsere Verurteilung Deines Tuns, des Tuns unseres
+einzigen und von uns so sehr geliebten Kindes, aussprechen wollen ...«
+Effi konnte nicht weiterlesen; ihre Augen füllten sich mit Tränen, und
+nachdem sie vergeblich dagegen angekämpft hatte, brach sie zuletzt
+in ein heftiges Schluchzen und Weinen aus, darin sich ihr Herz
+erleichterte.
+
+Nach einer halben Stunde klopfte es, und auf Effis »Herein« erschien
+die Geheimrätin.
+
+»Darf ich eintreten?«
+
+»Gewiß, liebe Geheimrätin«, sagte Effi, die jetzt, leicht zugedeckt
+und die Hände gefaltet, auf dem Sofa lag. »Ich bin erschöpft und habe
+mich hier eingerichtet, so gut es ging. Darf ich Sie bitten, sich
+einen Stuhl zu nehmen.«
+
+Die Geheimrätin setzte sich so, daß der Tisch, mit einer Blumenschale
+darauf, zwischen ihr und Effi war. Effi zeigte keine Spur von
+Verlegenheit und änderte nichts in ihrer Haltung, nicht einmal die
+gefalteten Hände. Mit einem Male war es ihr vollkommen gleichgültig,
+was die Frau dachte; nur fort wollte sie.
+
+»Sie haben eine traurige Nachricht empfangen, liebe gnädigste
+Frau ...«
+
+»Mehr als traurig«, sagte Effi. »Jedenfalls traurig genug, um unserem
+Beisammensein ein rasches Ende zu machen. Ich muß noch heute fort.«
+
+»Ich möchte nicht zudringlich erscheinen, aber ist es etwas mit
+Annie?«
+
+»Nein, nicht mit Annie. Die Nachrichten kamen überhaupt nicht aus
+Berlin, es waren Zeilen meiner Mama. Sie hat Sorgen um mich, und es
+liegt mir daran, sie zu zerstreuen, oder wenn ich das nicht kann,
+wenigstens an Ort und Stelle zu sein.«
+
+»Mir nur zu begreiflich, so sehr ich es beklage, diese letzten Emser
+Tage nun ohne Sie verbringen zu sollen. Darf ich Ihnen meine Dienste
+zur Verfügung stellen?«
+
+Ehe Effi darauf antworten konnte, trat Afra ein und meldete, daß man
+sich eben zum Lunch versammle. Die Herrschaften seien alle sehr in
+Aufregung: Der Kaiser käme wahrscheinlich auf drei Wochen, und am
+Schluß seien große Manöver, und die Bonner Husaren kämen auch.
+
+Die Zwicker überschlug sofort, ob es sich verlohnen würde, bis dahin
+zu bleiben, kam zu einem entschiedenen »Ja« und ging dann, um Effis
+Ausbleiben beim Lunch zu entschuldigen.
+
+Als gleich danach auch Afra gehen wollte, sagte Effi: »Und dann, Afra,
+wenn Sie frei sind, kommen Sie wohl noch eine Viertelstunde zu mir,
+um mir beim Packen behilflich zu sein. Ich will heute noch mit dem
+Siebenuhrzug fort.«
+
+»Heute noch? Ach, gnädigste Frau, das ist doch aber schade. Nun fangen
+ja die schönen Tage erst an.«
+
+Effi lächelte.
+
+Die Zwicker, die noch allerlei zu hören hoffte, hatte sich nur mit
+Mühe bestimmen lassen, der »Frau Baronin« beim Abschied nicht das
+Geleit zu geben. Auf einem Bahnhof, so hatte Effi versichert, sei
+man immer so zerstreut und nur mit seinem Platz und seinem Gepäck
+beschäftigt; gerade Personen, die man liebhabe, von denen nähme man
+gern vorher Abschied. Die Zwicker bestätigte das, trotzdem sie das
+Vorgeschützte darin sehr wohl herausfühlte; sie hatte hinter allen
+Türen gestanden und wußte gleich, was echt und unecht war.
+
+Afra begleitete Effi zum Bahnhof und ließ sich fest versprechen, daß
+die Frau Baronin im nächsten Sommer wiederkommen wolle; wer mal in Ems
+gewesen, der komme immer wieder. Ems sei das Schönste, außer Bonn.
+
+Die Zwicker hatte sich mittlerweile zum Briefschreiben niedergesetzt,
+nicht an dem etwas wackligen Rokokosekretär im Salon, sondern draußen
+auf der Veranda, an demselben Tisch, an dem sie kaum zehn Stunden
+zuvor mit Effi das Frühstück genommen hatte.
+
+Sie freute sich auf den Brief, der einer befreundeten, zur Zeit in
+Reichenhall weilenden Berliner Dame zugute kommen sollte. Beider
+Seelen hatten sich längst gefunden und gipfelten in einer der ganzen
+Männerwelt geltenden starken Skepsis; sie fanden die Männer durchweg
+weit zurückbleibend hinter dem, was billigerweise gefordert werden
+könne, die sogenannten »forschen« am meisten. »Die, die vor
+Verlegenheit nicht wissen, wo sie hinsehen sollen, sind, nach einem
+kurzen Vorstudium, immer noch die besten, aber die eigentlichen Don
+Juans erweisen sich jedesmal als eine Enttäuschung. Wo soll es am Ende
+auch herkommen.« Das waren so Weisheitssätze, die zwischen den zwei
+Freundinnen ausgetauscht wurden.
+
+Die Zwicker war schon auf dem zweiten Bogen und fuhr in ihrem mehr
+als dankbaren Thema, das natürlich »Effi« hieß, eben wie folgt fort:
+»Alles in allem war sie sehr zu leiden, artig, anscheinend offen, ohne
+jeden Adelsdünkel (oder doch groß in der Kunst, ihn zu verbergen) und
+immer interessiert, wenn man ihr etwas Interessantes erzählte, wovon
+ich, wie ich Dir nicht zu versichern brauche, den ausgiebigsten
+Gebrauch machte. Nochmals also, reizende junge Frau, fünfundzwanzig
+oder nicht viel mehr. Und doch habe ich dem Frieden nie getraut und
+traue ihm auch in diesem Augenblick noch nicht, ja, jetzt vielleicht
+am wenigsten. Die Geschichte heute mit dem Briefe - da steckt eine
+wirkliche Geschichte dahinter. Dessen bin ich so gut wie sicher. Es
+wäre das erste Mal, daß ich mich in solcher Sache geirrt hätte. Daß
+sie mit Vorliebe von den Berliner Modepredigern sprach und das Maß der
+Gottseligkeit jedes einzelnen feststellte, das und der gelegentliche
+Gretchenblick, der jedesmal versicherte, kein Wässerchen trüben zu
+können - alle diese Dinge haben mich in meinem Glauben ... Aber da
+kommt eben unsere Afra, von der ich Dir, glaube ich, schon schrieb,
+eine hübsche Person, und packt mir ein Zeitungsblatt auf den Tisch,
+das ihr, wie sie sagt, unsere Frau Wirtin für mich gegeben habe; die
+blau angestrichene Stelle. Nun verzeih, wenn ich diese Stelle erst
+lese ...
+
+Nachschrift. Das Zeitungsblatt war interessant genug und kam wie
+gerufen. Ich schneide die blau angestrichene Stelle heraus und lege
+sie diesen Zeilen bei. Du siehst daraus, daß ich mich nicht geirrt
+habe. Wer mag nur der Crampas sein?
+
+Es ist unglaublich - erst selber Zettel und Briefe schreiben und dann
+auch noch die des anderen aufbewahren! Wozu gibt es Öfen und Kamine?
+Solange wenigstens, wie dieser Duellunsinn noch existiert, darf
+dergleichen nicht vorkommen; einem kommenden Geschlecht kann diese
+Briefschreibepassion (weil dann gefahrlos geworden) vielleicht
+freigegeben werden. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Übrigens
+bin ich voll Mitleid mit der jungen Baronin und finde, eitel wie man
+nun mal ist, meinen einzigen Trost darin, mich in der Sache selbst
+nicht getäuscht zu haben. Und der Fall lag nicht so ganz gewöhnlich.
+Ein schwächerer Diagnostiker hätte sich doch vielleicht hinters Licht
+führen lassen.
+
+Wie immer Deine Sophie.«
+
+
+
+Zweiunddreißigstes Kapitel
+
+Drei Jahre waren vergangen, und Effi bewohnte seit fast ebenso
+langer Zeit eine kleine Wohnung in der Königgrätzer Straße, zwischen
+Askanischem Platz und Halleschem Tor: ein Vorder- und Hinterzimmer und
+hinter diesem die Küche mit Mädchengelaß, alles so durchschnittsmäßig
+und alltäglich wie nur möglich. Und doch war es eine apart hübsche
+Wohnung, die jedem, der sie sah, angenehm auffiel, am meisten
+vielleicht dem alten Geheimrat Rummschüttel, der, dann und wann
+vorsprechend, der armen jungen Frau nicht bloß die nun weit
+zurückliegende Rheumatismus- und Neuralgiekomödie sondern auch alles,
+was seitdem sonst noch vorgekommen war, längst verziehen hatte, wenn
+es für ihn der Verzeihung überhaupt bedurfte. Denn Rummschüttel kannte
+noch ganz anderes.
+
+Er war jetzt ausgangs Siebzig, aber wenn Effi, die seit einiger Zeit
+ziemlich viel kränkelte, ihn brieflich um seinen Besuch bat, so war er
+am anderen Vormittag auch da und wollte von Entschuldigungen, daß es
+so hoch sei, nichts wissen. »Nur keine Entschuldigungen, meine liebe
+gnädigste Frau; denn erstens ist es mein Metier, und zweitens bin ich
+glücklich und beinahe stolz, die drei Treppen so gut noch steigen
+zu können. Wenn ich nicht fürchten müßte, Sie zu belästigen - denn
+ich komme doch schließlich als Arzt und nicht als Naturfreund und
+Landschaftsschwärmer -, so käme ich wohl noch öfter, bloß um Sie zu
+sehen und mich hier etliche Minuten an Ihr Hinterfenster zu setzen.
+Ich glaube, Sie würdigen den Ausblick nicht genug.«
+
+»O doch, doch«, sagte Effi; Rummschüttel aber ließ sich nicht stören
+und fuhr fort: »Bitte, meine gnädigste Frau, treten Sie hier heran,
+nur einen Augenblick, oder erlauben Sie mir, daß ich Sie bis an das
+Fenster führe. Wieder ganz herrlich heute. Sehen Sie doch nur die
+verschiedenen Bahndämme, drei, nein, vier, und wie es beständig darauf
+hin und her gleitet ... und nun verschwindet der Zug da wieder hinter
+einer Baumgruppe. Wirklich herrlich. Und wie die Sonne den weißen
+Rauch durchleuchtet! Wäre der Matthäikirchhof nicht unmittelbar
+dahinter, so wäre es ideal.«
+
+»Ich sehe gern Kirchhöfe.«
+
+»Ja, Sie dürfen das sagen. Aber unsereins! Unsereinem kommt
+unabweislich immer die Frage, könnten hier nicht vielleicht einige
+weniger liegen? Im übrigen, meine gnädigste Frau, bin ich mit Ihnen
+zufrieden und beklage nur, daß Sie von Ems nichts wissen wollen; Ems
+bei Ihren katarrhalischen Affektionen, würde Wunder ...«
+
+Effi schwieg.
+
+»Ems würde Wunder tun. Aber da Sie's nicht mögen (und ich finde mich
+darin zurecht), so trinken Sie den Brunnen hier. In drei Minuten
+sind Sie im Prinz Albrechtschen Garten, und wenn auch die Musik
+und die Toiletten und all die Zerstreuungen einer regelrechten
+Brunnenpromenade fehlen, der Brunnen selbst ist doch die Hauptsache.«
+
+Effi war einverstanden, und Rummschüttel nahm Hut und Stock. Aber
+er trat noch einmal an das Fenster heran. »Ich höre von einer
+Terrassierung des Kreuzbergs sprechen, Gott segne die Stadtverwaltung,
+und wenn dann erst die kahle Stelle da hinten mehr in Grün stehen
+wird ... Eine reizende Wohnung. Ich könnte Sie fast beneiden ... Und
+was ich schon längst einmal sagen wollte, meine gnädige Frau, Sie
+schreiben mir immer einen so liebenswürdigen Brief. Nun, wer freute
+sich dessen nicht? Aber es ist doch jedesmal eine Mühe ... Schicken
+Sie mir doch einfach Roswitha.«
+
+Effi dankte ihm, und so schieden sie.
+
+»Schicken Sie mir doch einfach Roswitha ...« hatte Rummschüttel
+gesagt. Ja, war denn Roswitha bei Effi? War sie denn statt in der
+Keith- in der Königgrätzer Straße? Gewiß war sie's, und zwar sehr
+lange schon, gerade so lange, wie Effi selbst in der Königgrätzer
+Straße wohnte. Schon drei Tage vor diesem Einzug hatte sich Roswitha
+bei ihrer lieben gnädigen Frau sehen lassen, und das war ein
+großer Tag für beide gewesen, so sehr, daß dieses Tages hier noch
+nachträglich gedacht werden muß.
+
+Effi hatte damals, als der elterliche Absagebrief aus Hohen-Cremmen
+kam und sie mit dem Abendzug von Ems nach Berlin zurückreiste, nicht
+gleich eine selbständige Wohnung genommen, sondern es mit einem
+Unterkommen in einem Pensionat versucht. Es war ihr damit auch
+leidlich geglückt. Die beiden Damen, die dem Pensionat vorstanden,
+waren gebildet und voll Rücksicht und hatten es längst verlernt,
+neugierig zu sein. Es kam da so vieles zusammen, daß ein
+Eindringenwollen in die Geheimnisse jedes einzelnen viel zu
+umständlich gewesen wäre. Dergleichen hinderte nur den Geschäftsgang.
+Effi, die die mit den Augen angestellten Kreuzverhöre der Zwicker noch
+in Erinnerung hatte, fühlte sich denn auch von dieser Zurückhaltung
+der Pensionsdamen sehr angenehm berührt; als aber vierzehn Tage
+vorüber waren, empfand sie doch deutlich, daß die hier herrschende
+Gesamtatmosphäre, die physische wie die moralische, nicht wohl
+ertragbar für sie sei. Bei Tisch waren sie meist zu sieben, und zwar
+außer Effi und der einen Pensionsvorsteherin (die andere leitete
+draußen das Wirtschaftliche) zwei die Hochschule besuchende
+Engländerinnen, eine adelige Dame aus Sachsen, eine sehr hübsche
+galizische Jüdin, von der niemand wußte, was sie eigentlich vorhatte,
+und eine Kantorstochter aus Polzin in Pommern, die Malerin werden
+wollte. Das war eine schlimme Zusammensetzung, und die gegenseitigen
+Überheblichkeiten, bei denen die Engländerinnen merkwürdigerweise
+nicht absolut obenan standen, sondern mit der vom höchsten Malergefühl
+erfüllten Polzinerin um die Palme rangen, waren unerquicklich; dennoch
+wäre Effi, die sich passiv verhielt, über den Druck, den diese
+geistige Atmosphäre übte, hinweggekommen, wenn nicht, rein physisch
+und äußerlich, die sich hinzugesellende Pensionsluft gewesen wäre.
+Woraus sich diese eigentlich zusammensetzte, war vielleicht überhaupt
+unerforschlich, aber daß sie der sehr empfindlichen Effi den Atem
+raubte, war nur zu gewiß, und so sah sie sich, aus diesem äußerlichen
+Grunde, sehr bald schon zur Aus- und Umschau nach einer anderen
+Wohnung gezwungen, die sie denn auch in verhältnismäßiger Nähe fand.
+Es war dies die vorgeschilderte Wohnung in der Königgrätzer Straße.
+Sie sollte dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahres beziehen, hatte
+das Nötige dazu beschafft und zählte während der letzten Septembertage
+die Stunden bis zur Erlösung aus dem Pensionat.
+
+An einem dieser letzten Tage - sie hatte sich eine Viertelstunde zuvor
+aus dem Eßzimmer zurückgezogen und gedachte sich eben auf einem mit
+einem großblumigen Wollstoff überzogenen Seegrassofa auszuruhen -
+wurde leise an ihre Tür geklopft.
+
+»Herein.«
+
+Das eine Hausmädchen, eine kränklich aussehende Person von Mitte
+Dreißig, die durch beständigen Aufenthalt auf dem Korridor des
+Pensionats den hier lagernden Dunstkreis überallhin in ihren
+Falten mitschleppte, trat ein und sagte: Die gnädige Frau möchte
+entschuldigen, aber es wolle sie jemand sprechen.
+
+»Wer?«
+
+»Eine Frau.«
+
+»Und hat sie ihren Namen genannt?« »Ja, Roswitha.«
+
+Und siehe da, kaum daß Effi diesen Namen gehört hatte, so schüttelte
+sie den Halbschlaf von sich und sprang auf und lief auf den Korridor
+hinaus, um Roswitha bei beiden Händen zu fassen und in ihr Zimmer zu
+ziehen.
+
+»Roswitha. Du. Ist das eine Freude. Was bringst du? Natürlich was
+Gutes. Ein so gutes altes Gesicht kann nur was Gutes bringen. Ach, wie
+glücklich ich bin, ich könnte dir einen Kuß geben; ich hätte nicht
+gedacht, daß ich noch solche Freude haben könnte. Mein gutes altes
+Herz, wie geht es dir denn? Weißt du noch, wie's damals war, als der
+Chinese spukte? Das waren glückliche Zeiten. Ich habe damals gedacht,
+es wären unglückliche, weil ich das Harte des Lebens noch nicht
+kannte. Seitdem habe ich es kennengelernt. Ach, Spuk ist lange nicht
+das Schlimmste! Komm, meine gute Roswitha, komm, setz dich hier zu mir
+und erzähle mir ... Ach, ich habe solche Sehnsucht. Was macht Annie?«
+
+Roswitha konnte kaum reden und sah sich in dem sonderbaren Zimmer um,
+dessen grau und verstaubt aussehende Wände in schmale Goldleisten
+gefaßt waren. Endlich aber fand sie sich und sagte, daß der gnädige
+Herr nun wieder aus Glatz zurück sei; der alte Kaiser habe gesagt,
+sechs Wochen in solchem Falle sei gerade genug, und auf den Tag, wo
+der gnädige Herr wieder da sein würde, darauf habe sie bloß gewartet,
+wegen Annie, die doch eine Aufsicht haben müsse. Denn Johanna sei
+wohl eine sehr propre Person, aber sie sei doch noch zu hübsch und
+beschäftige sich noch zu viel mit sich selbst und denke vielleicht
+Gott weiß was alles. Aber nun, wo der gnädige Herr wieder aufpassen
+und in allem nach dem Rechten sehen könne, da habe sie sich's doch
+antun wollen und mal sehen, wie's der gnädigen Frau gehe ...
+
+»Das ist recht, Roswitha ...«
+
+Und habe mal sehen wollen, ob der gnädigen Frau was fehle und ob
+sie sie vielleicht brauche, dann wolle sie gleich hierbleiben und
+beispringen und alles machen und dafür sorgen, daß es der gnädigen
+Frau wieder gutgehe.
+
+Effi hatte sich in die Sofaecke zurückgelehnt und die Augen
+geschlossen. Aber mit eins richtete sie sich auf und sagte: »Ja,
+Roswitha, was du da sagst, das ist ein Gedanke; das ist was. Denn du
+mußt wissen, ich bleibe hier nicht in dieser Pension, ich habe da
+weiterhin eine Wohnung gemietet und auch Einrichtung besorgt, und in
+drei Tagen will ich da einziehen. Und wenn ich da mit dir ankäme und
+zu dir sagen könnte: 'Nein, Roswitha, da nicht, der Schrank muß dahin
+und der Spiegel da', ja, das wäre was, das sollte mir schon gefallen.
+Und wenn wir dann müde von all der Plackerei wären, dann sagte ich:
+'Nun, Roswitha, gehe da hinüber und hole uns eine Karaffe Spatenbräu,
+denn wenn man gearbeitet hat, dann will man doch auch trinken, und
+wenn du kannst, so bring uns auch etwas Gutes aus dem Habsburger Hof
+mit, du kannst ja das Geschirr nachher wieder herüberbringen' - ja,
+Roswitha, wenn ich mir das denke, da wird mir ordentlich leichter ums
+Herz. Aber ich muß dich doch fragen, hast du dir auch alles überlegt?
+Von Annie will ich nicht sprechen, an der du doch hängst, sie ist ja
+fast wie dein eigen Kind - aber trotzdem, für Annie wird schon gesorgt
+werden, und die Johanna hängt ja auch an ihr. Also davon nichts. Aber
+bedenke, wie sich alles verändert hat, wenn du wieder zu mir willst.
+Ich bin nicht mehr wie damals; ich habe jetzt eine ganz kleine Wohnung
+genommen, und der Portier wird sich wohl nicht sehr um dich und um
+mich bemühen. Und wir werden eine sehr kleine Wirtschaft haben, immer
+das, was wir sonst unser Donnerstagessen nannten, weil da reingemacht
+wurde. Weißt du noch? Und weißt du noch, wie der gute Gieshübler mal
+dazukam und sich zu uns setzen mußte, und wie er dann sagte: So was
+Delikates habe er noch nie gegessen. Du wirst dich noch erinnern,
+er war immer so schrecklich artig, denn eigentlich war er doch der
+einzige Mensch in der Stadt, der von Essen was verstand. Die andern
+fanden alles schön.«
+
+Roswitha freute sich über jedes Wort und sah schon alles in bestem
+Gange, bis Effi wieder sagte: »Hast du dir das alles überlegt? Denn
+du bist doch - ich muß das sagen, wiewohl es meine eigne Wirtschaft
+war -, du bist doch nun durch viele Jahre hin verwöhnt, und es kam nie
+darauf an, wir hatten es nicht nötig, sparsam zu sein; aber jetzt muß
+ich sparsam sein, denn ich bin arm und habe nur, was man mir gibt, du
+weißt, von Hohen-Cremmen her. Meine Eltern sind sehr gut gegen mich,
+soweit sie's können, aber sie sind nicht reich. Und nun sage, was
+meinst du?«
+
+»Daß ich nächsten Sonnabend mit meinem Koffer anziehe, nicht am Abend,
+sondern gleich am Morgen, und daß ich da bin, wenn das Einrichten
+losgeht. Denn ich kann doch ganz anders zufassen wie die gnädige
+Frau.«
+
+»Sage das nicht, Roswitha. Ich kann es auch. Wenn man muß, kann man
+alles.«
+
+»Und dann, gnädigste Frau, Sie brauchen sich wegen meiner nicht zu
+fürchten, als ob ich mal denken könnte: 'für Roswitha ist das nicht
+gut genug'. Für Roswitha ist alles gut, was sie mit der gnädigen Frau
+teilen muß, und am liebsten, wenn es was Trauriges ist. Ja, darauf
+freue ich mich schon ordentlich. Dann sollen Sie mal sehen, das
+verstehe ich. Und wenn ich es nicht verstünde, dann wollte ich es
+schon lernen. Denn, gnädige Frau, das hab' ich nicht vergessen, als
+ich da auf dem Kirchhof saß, mutterwindallein, und bei mir dachte, nun
+wäre es doch wohl das beste, ich läge da gleich mit in der Reihe. Wer
+kam da? Wer hat mich da bei Leben erhalten? Ach, ich habe so viel
+durchzumachen gehabt. Als mein Vater damals mit der glühenden Stange
+auf mich loskam ...«
+
+»Ich weiß schon, Roswitha ...«
+
+»Ja, das war schlimm genug. Aber als ich da auf dem Kirchhof saß, so
+ganz arm und verlassen, das war doch noch schlimmer. Und da kam die
+gnädige Frau. Und ich will nicht selig werden, wenn ich das vergesse.«
+
+Und dabei stand sie auf und ging aufs Fenster zu. »Sehen Sie, gnädige
+Frau, den müssen Sie doch auch noch sehen.«
+
+Und nun trat auch Effi heran.
+
+Drüben, auf der anderen Seite der Straße, saß Rollo und sah nach den
+Fenstern der Pension hinauf.
+
+Wenige Tage danach bezog Effi, von Roswitha unterstützt, ihre Wohnung
+in der Königgrätzer Straße, darin es ihr von Anfang an gefiel. Umgang
+fehlte freilich, aber sie hatte während ihrer Pensionstage von dem
+Verkehr mit Menschen so wenig Erfreuliches gehabt, daß ihr das
+Alleinsein nicht schwerfiel, wenigstens anfänglich nicht. Mit Roswitha
+ließ sich allerdings kein ästhetisches Gespräch führen, auch nicht
+mal sprechen über das, was in der Zeitung stand; aber wenn es einfach
+menschliche Dinge betraf und Effi mit einem »ach, Roswitha, mich
+ängstigt es wieder ...« ihren Satz begann, dann wußte die treue Seele
+jedesmal gut zu antworten und hatte immer Trost und meist auch Rat.
+
+Bis Weihnachten ging es vorzüglich; aber der Heiligabend verlief
+schon recht traurig, und als das neue Jahr herankam, begann Effi ganz
+schwermütig zu werden. Es war nicht kalt, nur grau und regnerisch, und
+wenn die Tage kurz waren, so waren die Abende desto länger. Was tun?
+Sie las, sie stickte, sie legte Patience, sie spielte Chopin, aber
+diese Notturnos waren auch nicht angetan, viel Licht in ihr Leben zu
+tragen, und wenn Roswitha mit dem Teebrett kam und außer dem Teezeug
+auch noch zwei Tellerchen mit einem Ei und einem in kleine Scheiben
+geschnittenen Wiener Schnitzel auf den Tisch setzte, sagte Effi,
+während sie das Piano schloß: »Rücke heran, Roswitha. Leiste mir
+Gesellschaft.«
+
+Roswitha kam denn auch. »Ich weiß schon, die gnädige Frau haben wieder
+zuviel gespielt; dann sehen Sie immer so aus und haben rote Flecke.
+Der Geheimrat hat es doch verboten.«
+
+»Ach, Roswitha, der Geheimrat hat leicht verbieten, und du hast es
+auch leicht, all das nachzusprechen. Aber was soll ich denn machen?
+Ich kann doch nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der
+Christuskirche hin übersehen. Sonntags, beim Abendgottesdienst, wenn
+die Fenster beleuchtet sind, sehe ich ja immer hinüber; aber es hilft
+mir auch nichts, mir wird dann immer noch schwerer ums Herz.«
+
+»Ja, gnädige Frau, dann sollten Sie mal hineingehen. Einmal waren Sie
+ja schon drüben.«
+
+»O schon öfters. Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er predigt
+ganz gut und ist ein sehr kluger Mann, und ich wäre froh, wenn ich das
+Hundertste davon wüßte. Aber es ist doch alles bloß, wie wenn ich ein
+Buch lese; und wenn er dann so laut spricht und herumficht und seine
+schwarzen Locken schüttelt, dann bin ich aus meiner Andacht heraus.«
+
+»Heraus?«
+
+Effi lachte. »Du meinst, ich war noch gar nicht drin. Und es wird
+wohl so sein. Aber an wem liegt das? Das liegt doch nicht an mir. Er
+spricht immer soviel vom Alten Testament. Und wenn es auch ganz gut
+ist, es erbaut mich nicht. Überhaupt all das Zuhören; es ist nicht
+das Rechte. Sieh, ich müßte so viel zu tun haben, daß ich nicht
+ein noch aus wüßte. Das wäre was für mich. Da gibt es so Vereine,
+wo junge Mädchen die Wirtschaft lernen, oder Nähschulen oder
+Kindergärtnerinnen. Hast du nie davon gehört?«
+
+»Ja, ich habe mal davon gehört. Anniechen sollte mal in einen
+Kindergarten.«
+
+»Nun, siehst du, du weißt es besser als ich. Und in solchen Verein, wo
+man sich nützlich machen kann, da möchte ich eintreten. Aber daran ist
+gar nicht zu denken; die Damen nehmen mich nicht an und können es auch
+nicht. Und das ist das schrecklichste, daß einem die Welt so zu ist
+und daß es sich einem sogar verbietet, bei Gutem mit dabeizusein. Ich
+kann nicht mal armen Kindern eine Nachhilfestunde geben ...«
+
+»Das wäre auch nichts für Sie, gnädige Frau; die Kinder haben immer so
+fettige Stiefel an, und wenn es nasses Wetter ist'- das ist dann solch
+Dunst und Schmook, das halten die gnädige Frau gar nicht aus.«
+
+Effi lächelte. »Du wirst wohl recht haben, Roswitha; aber es ist
+schlimm, daß du recht hast, und ich sehe daran, daß ich noch zu viel
+von dem alten Menschen in mir habe und daß es mir noch zu gut geht.«
+
+Davon wollte aber Roswitha nichts wissen. »Wer so gut ist wie gnädige
+Frau, dem kann es gar nicht zu gut gehen. Und Sie müssen nur nicht
+immer so was Trauriges spielen, und mitunter denke ich mir, es wird
+alles noch wieder gut, und es wird sich schon was finden.«
+
+Und es fand sich auch was. Effi, trotz der Kantorstochter aus
+Polzin, deren Künstlerdünkel ihr immer noch als etwas Schreckliches
+vorschwebte, wollte Malerin werden, und wiewohl sie selber darüber
+lachte, weil sie sich bewußt war, über eine unterste Stufe des
+Dilettantismus nie hinauskommen zu können, so griff sie doch mit
+Passion danach, weil sie nun eine Beschäftigung hatte, noch dazu eine,
+die, weil still und geräuschlos, ganz nach ihrem Herzen war. Sie
+meldete sich denn auch bei einem ganz alten Malerprofessor, der in der
+märkischen Aristokratie sehr bewandert und zugleich so fromm war, daß
+ihm Effi von Anfang an ans Herz gewachsen erschien. Hier, so gingen
+wohl seine Gedanken, war eine Seele zu retten, und so kam er ihr,
+als ob sie seine Tochter gewesen wäre, mit einer ganz besonderen
+Liebenswürdigkeit entgegen. Effi war sehr glücklich darüber, und
+der Tag ihrer ersten Malstunde bezeichnete für sie einen Wendepunkt
+zum Guten Ihr armes Leben war nun nicht so arm mehr, und Roswitha
+triumphierte, daß sie recht gehabt und sich nun doch etwas gefunden
+habe.
+
+Das ging so Jahr und Tag und darüber hinaus. Aber daß sie nun wieder
+eine Berührung mit den Menschen hatte, wie sie's beglückte, so ließ es
+auch wieder den Wunsch in ihr entstehen, daß diese Berührungen sich
+erneuern und mehren möchten. Sehnsucht nach Hohen-Cremmen erfaßte sie
+mitunter mit einer wahren Leidenschaft, und noch leidenschaftlicher
+sehnte sie sich danach, Annie wiederzusehen. Es war doch ihr Kind, und
+wenn sie dem nachhing und sich gleichzeitig der Trippelli erinnerte,
+die mal gesagt hatte, die Welt sei so klein, und in Mittelafrika könne
+man sicher sein, plötzlich einem alten Bekannten zu begegnen, so war
+sie mit Recht verwundert, Annie noch nie getroffen zu haben. Aber auch
+das sollte sich eines Tages ändern. Sie kam aus der Malstunde, dicht
+am Zoologischen Garten, und stieg, nahe dem Halteplatz, in einen die
+lange Kurfürstenstraße passierenden Pferdebahnwagen ein. Es war sehr
+heiß, und die herabgelassenen Vorhänge, die bei dem starken Luftzuge,
+der ging, hin und her bauschten, taten ihr wohl. Sie lehnte sich in
+die dem Vorderperron zugekehrte Ecke und musterte eben mehrere in eine
+Glasscheibe eingebrannte Sofas, blau mit Quasten und Puscheln daran,
+als sie - der Wagen war gerade in einem langsamen Fahren - drei
+Schulkinder aufspringen sah, die Mappen auf dem Rücken, mit kleinen
+spitzen Hüten, zwei blond und ausgelassen, die dritte dunkel und
+ernst. Es war Annie. Effi fuhr heftig zusammen, und eine Begegnung mit
+dem Kinde zu haben, wonach sie sich doch so lange gesehnt, erfüllte
+sie jetzt mit einer wahren Todesangst. Was tun? Rasch entschlossen
+öffnete sie die Tür zu dem Vorderperron, auf dem niemand stand als
+der Kutscher, und bat diesen, sie bei der nächsten Haltestelle vorn
+absteigen zu lassen. »Is verboten, Fräulein«, sagte der Kutscher;
+sie gab ihm aber ein Geldstück und sah ihn so bittend an, daß der
+gutmutige Mensch anderen Sinnes wurde und vor sich hin sagte: »Sind
+soll es eigentlich nich; aber es wird ja woll mal gehen.« Und als der
+Wagen hielt, nahm er das Gitter aus, und Effi sprang ab.
+
+Noch in großer Erregung kam Effi nach Hause.
+
+»Denke dir, Roswitha, ich habe Annie gesehen.« Und nun erzählte sie
+von der Begegnung in dem Pferdebahnwagen. Roswitha war unzufrieden,
+daß Mutter und Tochter keine Wiedersehensszene gefeiert hatten, und
+ließ sich nur ungern überzeugen, daß das in Gegenwart so vieler
+Menschen nicht wohl angegangen sei. Dann mußte Effi erzählen, wie
+Annie ausgesehen habe, und als sie das mit mütterlichem Stolz getan,
+sagte Roswitha: »Ja, sie ist so halb und halb. Das Hübsche und, wenn
+ich es sagen darf, das Sonderbare, das hat sie von der Mama; aber das
+Ernste, das ist ganz der Papa. Und wenn ich mir so alles überlege, ist
+die doch wohl mehr wie der gnädige Herr.«
+
+»Gott sei Dank!« sagte Effi.
+
+»Na, gnäd'ge Frau, das ist nu doch auch noch die Frage. Und da wird ja
+wohl mancher sein, der mehr für die Mama ist.« »Glaubst du, Roswitha?
+Ich glaube es nicht.«
+
+»Na, na, ich lasse mir nichts vormachen, und ich glaube, die gnädige
+Frau weiß auch ganz gut, wie's eigentlich ist und was die Männer am
+liebsten haben.«
+
+»Ach, sprich nicht davon, Roswitha.«
+
+Damit brach das Gespräch ab und wurde auch nicht wieder aufgenommen.
+Aber Effi, wenn sie's auch vermied, grade über Annie mit Roswitha zu
+sprechen, konnte die Begegnung in ihrem Herzen doch nicht verwinden
+und litt unter der Vorstellung, vor ihrem eigenen Kind geflohen zu
+sein. Es quälte sie bis zur Beschämung, und das Verlangen nach einer
+Begegnung mit Annie steigerte sich bis zum Krankhaften. An Innstetten
+schreiben und ihn darum bitten, das war nicht möglich. Ihrer Schuld
+war sie sich wohl bewußt, sie nährte das Gefühl davon mit einer
+halb leidenschaftlichen Geflissentlichkeit; aber inmitten ihres
+Schuldbewußtseins fühlte sie sich andererseits auch von einer gewissen
+Auflehnung gegen Innstetten erfüllt. Sie sagte sich, er hatte recht
+und noch einmal und noch einmal, und zuletzt hatte er doch unrecht.
+Alles Geschehene lag so weit zurück, ein neues Leben hatte begonnen;
+er hätte es können verbluten lassen, statt dessen verblutete der arme
+Crampas.
+
+Nein, an Innstetten schreiben, das ging nicht; aber Annie wollte sie
+sehen und sprechen und an ihr Herz drücken, und nachdem sie's tagelang
+überlegt hatte, stand ihr fest, wie's am besten zu machen sei.
+
+Gleich am andern Vormittag kleidete sie sich sorgfältig in ein
+dezentes Schwarz und ging auf die Linden zu, sich hier bei der
+Ministerin melden zu lassen. Sie schickte ihre Karte herein, auf der
+nur stand: Effi von Innstetten geb. von Briest. Alles andere war
+fortgelassen, auch die Baronin. »Exzellenz lassen bitten«, und Effi
+folgte dem Diener bis in ein Vorzimmer, wo sie sich niederließ und
+trotz der Erregung, in der sie sich befand, den Bilderschmuck an den
+Wänden musterte. Da war zunächst Guido Renis Aurora, gegenüber aber
+hingen englische Kupferstiche, Stiche nach Benjamin West, in der
+bekannten Aquatinta-Manier von viel Licht und Schatten. Eines der
+Bilder war König Lear im Unwetter auf der Heide.
+
+Effi hatte ihre Musterung kaum beendet, als die Tür des angrenzenden
+Zimmers sich öffnete und eine große, schlanke Dame von einem sofort
+für sie einnehmenden Ausdruck auf die Bittstellerin zutrat und ihr die
+Hand reichte. »Meine liebe, gnädigste Frau«, sagte sie, »welche Freude
+für mich, Sie wiederzusehen ...«
+
+Und während sie das sagte, schritt sie auf das Sofa zu und zog Effi,
+während sie selber Platz nahm, zu sich nieder.
+
+Effi war bewegt durch die sich in allem aussprechende Herzensgüte.
+Keine Spur von Überheblichkeit oder Vorwurf, nur menschlich schöne
+Teilnahme. »Womit kann ich Ihnen dienen?« nahm die Ministerin noch
+einmal das Wort.
+
+Um Effis Mund zuckte es. Endlich sagte sie. »Was mich herführt, ist
+eine Bitte, deren Erfüllung Exzellenz vielleicht möglich machen. Ich
+habe eine zehnjährige Tochter, die ich seit drei Jahren nicht gesehen
+habe und gern wiedersehen möchte.«
+
+Die Ministerin nahm Effis Hand und sah sie freundlich an. »Wenn ich
+sage, in drei Jahren nicht gesehen, so ist das nicht ganz richtig. Vor
+drei Tagen habe ich sie wiedergesehen.« Und nun schilderte Effi mit
+großer Lebendigkeit die Begegnung, die sie mit Annie gehabt hatte.
+»Vor meinem eigenen Kinde auf der Flucht. Ich weiß wohl, man liegt,
+wie man sich bettet, und ich will nichts ändern in meinem Leben. Wie
+es ist, so ist es recht; ich habe es nicht anders gewollt. Aber das
+mit dem Kinde, das ist doch zu hart, und so habe ich denn den Wunsch,
+es dann und wann sehen zu dürfen, nicht heimlich und verstohlen,
+sondern mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten.«
+
+»Unter Wissen und Zustimmung aller Beteiligten«, wiederholte die
+Ministerin Effis Worte. »Das heißt also unter Zustimmung Ihres Herrn
+Gemahls. Ich sehe, daß seine Erziehung dahin geht, das Kind von der
+Mutter fernzuhalten, ein Verfahren, über das ich mir kein Urteil
+erlaube. Vielleicht, daß er recht hat; verzeihen Sie mir diese
+Bemerkung, gnädige Frau.«
+
+Effi nickte.
+
+»Sie finden sich selbst in der Haltung Ihres Herrn Gemahls zurecht
+und verlangen nur, daß einem natürlichen Gefühl, wohl dem schönsten
+unserer Gefühle (wenigstens wir Frauen werden uns darin finden), sein
+Recht werde. Treff ich es darin?«
+
+»In allem.«
+
+»Und so soll ich denn die Erlaubnis zu gelegentlichen Begegnungen
+erwirken, in Ihrem Hause, wo Sie versuchen können, sich das Herz Ihres
+Kindes zurückzuerobern.«
+
+Effi drückte noch einmal ihre Zustimmung aus, während die Ministerin
+fortfuhr: »Ich werde also tun, meine gnädigste Frau, was Ich tun kann.
+Aber wir werden es nicht eben leicht haben. Ihr Herr Gemahl, verzeihen
+Sie, daß ich ihn nach wie vor so nenne, ist ein Mann der nicht nach
+Stimmungen und Laune, sondern nach Grundsätzen handelt und diese
+fallenzulassen oder auch nur momentan aufzugeben, wird ihn
+hart ankommen. Läg' es nicht so, so wäre seine Handlungs- und
+Erziehungsweise längst eine andere gewesen. Das, was hart für Ihr Herz
+ist, hält er für richtig.«
+
+»So meinen Exzellenz vielleicht, es wäre besser, meine Bitte
+zurückzunehmen?«
+
+»Doch nicht. Ich wollte nur das Tun Ihres Herrn Gemahls erklären, um
+nicht zu sagen rechtfertigen, und wollte zugleich die Schwierigkeiten
+andeuten, auf die wir aller Wahrscheinlichkeit nach stoßen werden.
+Aber ich denke, wir zwingen es trotzdem. Denn wir Frauen, wenn wir's
+klug einleiten und den Bogen nicht überspannen, wissen mancherlei
+durchzusetzen. Zudem gehört Ihr Herr Gemahl zu meinen besonderen
+Verehrern, und er wird mir eine Bitte, die ich an ihn richte, nicht
+wohl abschlagen. Wir haben morgen einen kleinen Zirkel, auf dem ich
+ihn sehe, und übermorgen früh haben Sie ein paar Zeilen von mir, die
+Ihnen sagen werden, ob ich's klug, das heißt glücklich eingeleitet
+oder nicht. Ich denke, wir siegen in der Sache, und Sie werden Ihr
+Kind wiedersehen und sich seiner freuen. Es soll ein sehr schönes
+Mädchen sein. Nicht zu verwundern.«
+
+
+
+Dreiunddreißigstes Kapitel
+
+Am zweitfolgenden Tage trafen, wie versprochen, einige Zeilen ein, und
+Effi las: »Es freut mich, liebe gnädige Frau, Ihnen gute Nachricht
+geben zu können. Alles ging nach Wunsch; Ihr Herr Gemahl ist zu
+sehr Mann von Welt, um einer Dame eine von ihr vorgetragene Bitte
+abschlagen zu können; zugleich aber - auch das darf ich Ihnen nicht
+verschweigen -, ich sah deutlich, daß sein 'Ja' nicht dem entsprach,
+was er für klug und recht hält. Aber kritteln wir nicht, wo wir uns
+freuen sollen. Ihre Annie, so haben wir es verabredet, wird über
+Mittag kommen, und ein guter Stern stehe über Ihrem Wiedersehen.«
+
+Es war mit der zweiten Post, daß Effi diese Zeilen empfing, und bis zu
+Annies Erscheinen waren mutmaßlich keine zwei Stunden mehr. Eine kurze
+Zeit, aber immer noch zu lang, und Effi schritt in Unruhe durch beide
+Zimmer und dann wieder in die Küche, wo sie mit Roswitha von allem
+möglichen sprach: von dem Efeu drüben an der Christuskirche, nächstes
+Jahr würden die Fenster wohl ganz zugewachsen sein, von dem Portier,
+der den Gashahn wieder so schlecht zugeschraubt habe (sie würden doch
+noch nächstens in die Luft fliegen), und daß sie das Petroleum doch
+lieber wieder aus der großen Lampenhandlung Unter den Linden als aus
+der Anhaltstraße holen solle - von allem möglichen sprach sie, nur von
+Annie nicht, weil sie die Furcht nicht aufkommen lassen wollte, die
+trotz der Zeilen der Ministerin, oder vielleicht auch um dieser Zeilen
+willen, in ihr lebte.
+
+Nun war Mittag. Endlich wurde geklingelt, schüchtern, und Roswitha
+ging, um durch das Guckloch zu sehen. Richtig, es war Annie. Roswitha
+gab dem Kinde einen Kuß, sprach aber sonst kein Wort, und ganz leise,
+wie wenn ein Kranker im Hause wäre, führte sie das Kind vom Korridor
+her erst in die Hinterstube und dann bis an die nach vorn führende
+Tür.
+
+»Da geh hinein, Annie.« Und unter diesen Worten, sie wollte nicht
+stören, ließ sie das Kind allein und ging wieder auf die Küche zu.
+
+Effi stand am andern Ende des Zimmers, den Rücken gegen den
+Spiegelpfeiler, als das Kind eintrat. »Annie!« Aber Annie blieb an
+der nur angelehnten Tür stehen, halb verlegen, aber halb auch mit
+Vorbedacht, und so eilte denn Effi auf das Kind zu, hob es in die Höhe
+und küßte es.
+
+»Annie, mein süßes Kind, wie freue ich mich. Komm, erzähle mir«,
+und dabei nahm sie Annie bei der Hand und ging auf das Sofa zu, um
+sich da zu setzen. Annie stand aufrecht und griff, während sie die
+Mutter immer noch scheu ansah, mit der Linken nach dem Zipfel der
+herabhängenden Tischdecke. »Weißt du wohl, Annie, daß ich dich einmal
+gesehen habe?«
+
+»Ja, mir war es auch so.«
+
+»Und nun erzähle mir recht viel. Wie groß du geworden bist! Und das
+ist die Narbe da; Roswitha hat mir davon erzählt. Du warst immer so
+wild und ausgelassen beim Spielen. Das hast du von deiner Mama, die
+war auch so. Und in der Schule? Ich denke mir, du bist immer die
+Erste, du siehst mir so aus, als müßtest du eine Musterschülerin
+sein und immer die besten Zensuren nach Hause bringen. Ich habe auch
+gehört, daß dich das Fräulein von Wedelstädt so gelobt haben soll.
+Das ist recht; ich war auch so ehrgeizig, aber ich hatte nicht solche
+gute Schule. Mythologie war immer mein Bestes. Worin bist du denn am
+besten?«
+
+»Ich weiß es nicht.«
+
+»Oh, du wirst es schon wissen. Das weiß man. Worin hast du denn die
+beste Zensur?«
+
+»In der Religion.«
+
+»Nun, siehst du, da weiß ich es doch. Ja, das ist sehr schön; ich war
+nicht so gut darin, aber es wird wohl auch an dem Unterricht gelegen
+haben. Wir hatten bloß einen Kandidaten.«
+
+»Wir hatten auch einen Kandidaten.« »Und der ist fort?«
+
+Annie nickte.
+
+»Warum ist er fort?«
+
+»Ich weiß es nicht. Wir haben nun wieder den Prediger.« »Den ihr alle
+sehr liebt.«
+
+»Ja; zwei aus der ersten Klasse wollen auch übertreten.« »Ah, ich
+verstehe; das ist schön. Und was macht Johanna?« »Johanna hat mich bis
+vor das Haus begleitet ...«
+
+»Und warum hast du sie nicht mit heraufgebracht?«
+
+»Sie sagte, sie wolle lieber unten bleiben und an der Kirche drüben
+warten.«
+
+»Und da sollst du sie wohl abholen?« »Ja.«
+
+»Nun, sie wird da hoffentlich nicht ungeduldig werden. Es ist ein
+kleiner Vorgarten da, und die Fenster sind schon halb von Efeu
+überwachsen, als ob es eine alte Kirche wäre.«
+
+»Ich möchte sie aber doch nicht gerne warten lassen ...« »Ach, ich
+sehe, du bist sehr rücksichtsvoll, und darüber werde ich mich wohl
+freuen müssen. Man muß es nur richtig einteilen ... Und nun sage mir
+noch, was macht Rollo?«
+
+»Rollo ist sehr gut. Aber Papa sagt, er würde so faul; er liegt immer
+in der Sonne.«
+
+»Das glaub ich. So war er schon, als du noch ganz klein warst ...
+Und nun sage mir, Annie - denn heute haben wir uns ja bloß so mal
+wiedergesehen -, wirst du mich öfter besuchen?«
+
+»O gewiß, wenn ich darf.«
+
+»Wir können dann in dem Prinz Albrechtschen Garten spazierengehen.«
+
+»O gewiß, wenn ich darf.«
+
+»Oder wir gehen zu Schilling und essen Eis, Ananas- oder Vanilleeis,
+das aß ich immer am liebsten.«
+
+»O gewiß, wenn ich darf.«
+
+Und bei diesem dritten »wenn ich darf« war das Maß voll; Effi sprang
+auf, und ein Blick, in dem es wie Empörung aufflammte, traf das Kind.
+»Ich glaube, es ist die höchste Zeit, Annie; Johanna wird sonst
+ungeduldig.« Und sie zog die Klingel. Roswitha, die schon im
+Nebenzimmer war, trat gleich ein. »Roswitha, gib Annie das Geleit bis
+drüben zur Kirche. Johanna wartet da. Hoffentlich hat sie sich nicht
+erkältet. Es sollte mir leid tun. Grüße Johanna.«
+
+Und nun gingen beide.
+
+Kaum aber, daß Roswitha draußen die Tür ins Schloß gezogen hatte, so
+riß Effi, weil sie zu ersticken drohte, ihr Kleid auf und verfiel in
+ein krampfhaftes Lachen. »So also sieht ein Wiedersehen aus«, und
+dabei stürzte sie nach vorn, öffnete die Fensterflügel und suchte
+nach etwas, das ihr beistehe. Und sie fand auch was in der Not ihres
+Herzens. Da neben dem Fenster war ein Bücherbrett, ein paar Bände
+von Schiller und Körner darauf, und auf den Gedichtbüchern, die alle
+gleiche Höhe hatten, lag eine Bibel und ein Gesangbuch. Sie griff
+danach, weil sie was haben mußte, vor dem sie knien und beten konnte,
+und legte Bibel und Gesangbuch auf den Tischrand, gerade da, wo Annie
+gestanden hatte, und mit einem heftigen Ruck warf sie sich davor
+nieder und sprach halblaut vor sich hin: »O du Gott im Himmel, vergib
+mir, was ich getan; ich war ein Kind ... Aber nein, nein, ich war kein
+Kind, ich war alt genug, um zu wissen, was ich tat. Ich hab es auch
+gewußt, und ich will meine Schuld nicht kleiner machen, ... aber das
+ist zuviel. Denn das hier, mit dem Kinde, das bist nicht du, Gott, der
+mich strafen will, das ist er, bloß er! Ich habe geglaubt, daß er ein
+edles Herz habe, und habe mich immer klein neben ihm gefühlt; aber
+jetzt weiß ich, daß er es ist, er ist klein. Und weil er klein ist,
+ist er grausam. Alles, was klein ist, ist grausam. Das hat er dem
+Kinde beigebracht, ein Schulmeister war er immer, Crampas hat ihn so
+genannt, spöttisch damals, aber er hat recht gehabt. '0 gewiß, wenn
+ich darf.' Du brauchst nicht zu dürfen; ich will euch nicht mehr, ich
+hasse euch, auch mein eigen Kind. Was zuviel ist, ist zuviel. Ein
+Streber war er, weiter nichts. - Ehre, Ehre, Ehre ... und dann hat er
+den armen Kerl totgeschossen, den ich nicht einmal liebte und den ich
+vergessen hatte, weil ich ihn nicht liebte. Dummheit war alles, und
+nun Blut und Mord. Und ich schuld. Und nun schickt er mir das Kind,
+weil er einer Ministerin nichts abschlagen kann, und ehe er das Kind
+schickt, richtet er's ab wie einen Papagei und bringt ihm die Phrase
+bei 'wenn ich darf'. Mich ekelt, was ich getan; aber was mich noch
+mehr ekelt, das ist eure Tugend. Weg mit euch. Ich muß leben, aber
+ewig wird es ja wohl nicht dauern.«
+
+Als Roswitha wiederkam, lag Effi am Boden, das Gesicht abgewandt, wie
+leblos.
+
+
+
+Vierunddreißigstes Kapitel
+
+Rummschüttel, als er gerufen wurde, fand Effis Zustand nicht
+unbedenklich. Das Hektische, das er seit Jahr und Tag an ihr
+beobachtete, trat ihm ausgesprochener als früher entgegen, und was
+schlimmer war, auch die ersten Zeichen eines Nervenleidens waren da.
+Seine ruhig freundliche Weise aber, der er einen Beisatz von Laune zu
+geben wußte, tat Effi wohl, und sie war ruhig, solange Rummschüttel um
+sie war. Als er schließlich ging, begleitete Roswitha den alten Herrn
+bis in den Vorflur und sagte: »Gott, Herr Geheimrat, mir ist so bange;
+wenn es nu mal wiederkommt, und es kann doch; Gott - da hab' ich
+ja keine ruhige Stunde mehr. Es war aber doch auch zuviel, das mit
+dem Kind. Die arme gnädige Frau. Und noch so jung, wo manche erst
+anfangen.«
+
+»Lassen Sie nur, Roswitha. Kann noch alles wieder werden. Aber sie muß
+fort. Wir wollen schon sehen. Andere Luft, andere Menschen.«
+
+Den zweiten Tag danach traf ein Brief in Hohen-Cremmen ein, der
+lautete: »Gnädigste Frau! Meine alten freundschaftlichen Beziehungen
+zu den Häusern Briest und Belling und nicht zum wenigsten die
+herzliche Liebe, die ich zu Ihrer Frau Tochter hege, werden diese
+Zeilen rechtfertigen. Es geht so nicht weiter. Ihre Frau Tochter, wenn
+nicht etwas geschieht, das sie der Einsamkeit und dem Schmerzlichen
+ihres nun seit Jahren geführten Lebens entreißt, wird schnell
+hinsiechen. Eine Disposition zu Phtisis war immer da, weshalb ich
+schon vorjahren Ems verordnete; zu diesem alten Übel hat sich nun ein
+neues gesellt: Ihre Nerven zehren sich auf. Dem Einhalt zu tun, ist
+ein Luftwechsel nötig. Aber wohin? Es würde nicht schwer sein, in
+den schlesischen Bädern eine Auswahl zu treffen, Salzbrunn gut, und
+Reinerz, wegen der Nervenkomplikation, noch besser. Aber es darf nur
+Hohen-Cremmen sein. Denn, meine gnädigste Frau, was Ihrer Frau Tochter
+Genesung bringen kann, ist nicht Luft allein; sie siecht hin, weil sie
+nichts hat als Roswitha. Dienertreue ist schön, aber Elternliebe ist
+besser. Verzeihen Sie einem alten Manne dies Sicheinmischen in Dinge,
+die jenseits seines ärztlichen Berufes liegen. Und doch auch wieder
+nicht, denn es ist schließlich auch der Arzt, der hier spricht und
+seiner Pflicht nach, verzeihen Sie dies Wort, Forderungen stellt ...
+Ich habe so viel vom Leben gesehen ... aber nichts mehr in diesem
+Sinne. Mit der Bitte, mich Ihrem Herrn Gemahl empfehlen zu wollen, in
+vorzüglicher Ergebenheit Doktor Rummschüttel.« Frau von Briest hatte
+den Brief ihrem Manne vorgelesen; beide saßen auf dem schattigen
+Steinfliesengang, den Gartensaal im Rücken, das Rondell mit der
+Sonnenuhr vor sich. Der um die Fenster sich rankende wilde Wein
+bewegte sich leise in dem Luftzug, der ging, und über dem Wasser
+standen ein paar Libellen im hellen Sonnenschein.
+
+Briest schwieg und trommelte mit dem Finger auf dem Teebrett. »Bitte,
+trommle nicht; sprich lieber.«
+
+»Ach, Luise, was soll ich sagen. Daß ich trommle, sagt gerade genug.
+Du weißt seit Jahr und Tag, wie ich darüber denke. Damals, als
+Innstettens Brief kam, ein Blitz aus heiterem Himmel, damals war ich
+deiner Meinung. Aber das ist nun schon wieder eine halbe Ewigkeit her;
+soll ich hier bis an mein Lebensende den Großinquisitor spielen? Ich
+kann dir sagen, ich hab es seit langem satt ...«
+
+»Mache mir keine Vorwürfe, Briest; ich liebe sie so wie du, vielleicht
+noch mehr, jeder hat seine Art. Aber man lebt doch nicht bloß in der
+Welt, um schwach und zärtlich zu sein und alles mit Nachsicht zu
+behandeln, was gegen Gesetz und Gebot ist und was die Menschen
+verurteilen und, vorläufig wenigstens, auch noch - mit Recht
+verurteilen.«
+
+»Ach was. Eins geht vor.«
+
+»Natürlich, eins geht vor; aber was ist das eine?«
+
+»Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Und wenn man gar bloß eines
+hat ...«
+
+»Dann ist es vorbei mit Katechismus und Moral und mit dem Anspruch der
+'Gesellschaft'.«
+
+»Ach, Luise, komme mir mit Katechismus, soviel du willst; aber komme
+mir nicht mit 'Gesellschaft'.«
+
+»Es ist sehr schwer, sich ohne Gesellschaft zu behelfen.« »Ohne Kind
+auch. Und dann glaube mir, Luise, die 'Gesellschaft', wenn sie nur
+will, kann auch ein Auge zudrücken. Und ich stehe so zu der Sache:
+Kommen die Rathenower, so ist es gut, und kommen sie nicht, so ist es
+auch gut. Ich werde ganz einfach telegrafieren: 'Effi komm.' Bist du
+einverstanden?« Sie stand auf und gab ihm einen Kuß auf die Stirn.
+»Natürlich bin ich's. Du solltest mir nur keinen Vorwurf machen. Ein
+leichter Schritt ist es nicht. Und unser Leben wird von Stund an ein
+anderes.«
+
+»Ich kann's aushalten. Der Raps steht gut, und im Herbst kann ich
+einen Hasen hetzen. Und der Rotwein schmeckt mir noch. Und wenn ich
+das Kind erst wieder im Hause habe, dann schmeckt er mir noch besser
+... Und nun will ich das Telegramm schicken.«
+
+Effi war nun schon über ein halbes Jahr in Hohen-Cremmen; sie bewohnte
+die beiden Zimmer im ersten Stock, die sie schon früher, wenn sie
+zu Besuch da war, bewohnt hatte; das größere war für sie persönlich
+hergerichtet, nebenan schlief Roswitha. Was Rummschüttel von diesem
+Aufenthalt und all dem andern Guten erwartet hatte, das hatte sich
+auch erfüllt, soweit sich's erfüllen konnte. Das Hüsteln ließ nach,
+der herbe Zug, der das so gütige Gesicht um ein gut Teil seines
+Liebreizes gebracht hatte, schwand wieder hin, und es kamen Tage, wo
+sie wieder lachen konnte. Von Kessin und allem, was da zurücklag,
+wurde wenig gesprochen, mit alleiniger Ausnahme von Frau von Padden
+und natürlich von Gieshübler, für den der alte Briest eine lebhafte
+Vorliebe hatte. »Dieser Alonzo, dieser Preciosaspanier, der einen
+Mirambo beherbergt und eine Trippelli großzieht - ja, das muß ein
+Genie sein, das laß ich mir nicht ausreden.« Und dann mußte sich Effi
+bequemen, ihm den ganzen Gieshübler, mit dem Hut in der Hand und
+seinen endlosen Artigkeitsverbeugungen, vorzuspielen, was sie, bei dem
+ihr eigenen Nachahmungstalent, sehr gut konnte, trotzdem aber ungern
+tat, weil sie's allemal als ein Unrecht gegen den guten und lieben
+Menschen empfand. - Von Innstetten und Annie war nie die Rede, wiewohl
+feststand, daß Annie Erbtochter sei und Hohen-Cremmen ihr zufallen
+würde. Ja, Effi lebte wieder auf, und die Mama, die nach Frauenart
+nicht ganz abgeneigt war, die ganze Sache, so schmerzlich sie blieb,
+als einen interessanten Fall anzusehen, wetteiferte mit ihrem Manne in
+Liebes- und Aufmerksamkeitsbezeugungen.
+
+»Solchen Winter haben wir lange nicht gehabt«, sagte Briest. Und dann
+erhob sich Effi von ihrem Platz und streichelte ihm das spärliche
+Haar aus der Stirn. Aber so schön das alles war, auf Effis Gesundheit
+hin angesehen, war es doch alles nur Schein, in Wahrheit ging die
+Krankheit weiter und zehrte still das Leben auf. Wenn Effi - die
+wieder, wie damals an ihrem Verlobungstag mit Innstetten, ein blau
+und weiß gestreiftes Kittelkleid mit einem losen Gürtel trug - rasch
+und elastisch auf die Eltern zutrat, um ihnen einen guten Morgen zu
+bieten, so sahen sich diese freudig verwundert an, freudig verwundert,
+aber doch auch wehmütig, weil ihnen nicht entgehen konnte, daß es
+nicht die helle Jugend, sondern eine Verklärtheit war, was der
+schlanken Erscheinung und den leuchtenden Augen diesen eigentümlichen
+Ausdruck gab. Alle, die schärfer zusahen, sahen dies, nur Effi selbst
+sah es nicht und lebte ganz dem Glücksgefühle, wieder an dieser für
+sie so freundlich friedreichen Stelle zu sein, in Versöhnung mit
+denen, die sie immer geliebt hatte und von denen sie immer geliebt
+worden war, auch in den Jahren ihres Elends und ihrer Verbannung.
+
+Sie beschäftigte sich mit allerlei Wirtschaftlichem und sorgte für
+Ausschmückung und kleine Verbesserungen im Haushalt. Ihr Sinn für das
+Schöne ließ sie darin immer das Richtige treffen. Lesen aber und vor
+allem die Beschäftigung mit den Künsten hatte sie ganz aufgegeben.
+»Ich habe davon so viel gehabt, daß ich froh bin, die Hände in den
+Schoß legen zu können.« Es erinnerte sie auch wohl zu sehr an ihre
+traurigen Tage. Sie bildete statt dessen die Kunst aus, still und
+entzückt auf die Natur zu blicken, und wenn das Laub von den Platanen
+fiel, wenn die Sonnenstrahlen auf dem Eis des kleinen Teiches blitzten
+oder die ersten Krokus aus dem noch halb winterlichen Rondell
+aufblühten - das tat ihr wohl, und auf all das konnte sie stundenlang
+blicken und dabei vergessen, was ihr das Leben versagt, oder richtiger
+wohl, um was sie sich selbst gebracht hatte.
+
+Besuch blieb nicht ganz aus, nicht alle stellten sich gegen sie; ihren
+Hauptverkehr aber hatte sie doch in Schulhaus und Pfarre. Daß im
+Schulhaus die Töchter ausgeflogen waren, schadete nicht viel, es würde
+nicht mehr so recht gegangen sein; aber zu Jahnke selbst - der nicht
+bloß ganz Schwedisch-Pommern, sondern auch die Kessiner Gegend als
+skandinavisches Vorland ansah und beständig darauf bezügliche Fragen
+stellte -, zu diesem alten Freunde stand sie besser denn je. »Ja,
+Jahnke, wir hatten ein Dampfschiff, und wie ich Ihnen, glaub' ich,
+schon einmal schrieb oder vielleicht auch schon mal erzählt habe,
+beinahe wär ich wirklich ,rüber nach Wisby gekommen. Denken Sie sich,
+beinahe nach Wisby. Es ist komisch, aber ich kann eigentlich von
+vielem in meinem Leben sagen, 'beinah'.«
+
+»Schade, schade«, sagte Jahnke.
+
+»Ja, freilich schade. Aber auf Rügen bin ich wirklich umhergefahren.
+Und das wäre so was für Sie gewesen, Jahnke. Denken Sie sich, Arkona
+mit einem großen Wendenlagerplatz, der noch sichtbar sein soll;
+denn ich bin nicht hingekommen; aber nicht allzuweit davon ist der
+Herthasee mit weißen und gelben Mummeln. Ich habe da viel an Ihre
+Hertha denken müssen ...«
+
+»Nun, ja, ja, Hertha ... Aber Sie wollten von dem Herthasee
+sprechen ...«
+
+»Ja, das wollt' ich ... Und denken Sie sich, Jahnke, dicht an dem
+See standen zwei große Opfersteine, blank und noch die Rinnen drin,
+in denen vordem das Blut ablief. Ich habe von der Zeit an einen
+Widerwillen gegen die Wenden.«
+
+»Ach, gnäd'ge Frau verzeihen. Aber das waren ja keine Wenden. Das mit
+den Opfersteinen und mit dem Herthasee, das war ja schon viel, viel
+früher, ganz vor Christum natum; reine Germanen, von denen wir alle
+abstammen ...«
+
+»Versteht sich«, lachte Effi, »von denen wir alle abstammen, die
+Jahnkes gewiß und vielleicht auch die Briests.«
+
+Und dann ließ sie Rügen und den Herthasee fallen und fragte nach
+seinen Enkeln und welche ihm lieber wären; die von Bertha oder die
+von Hertha Ja, Effi stand gut zu Jahnke. Aber trotz seiner intimen
+Stellung zu Herthasee, Skandinavien und Wisby war er doch nur
+ein einfacher Mann, und so konnte es nicht ausbleiben, daß der
+vereinsamten jungen Frau die Plaudereien mit Niemeyer um vieles lieber
+waren. Im Herbst, solange sich im Parke promenieren ließ, hatte sie
+denn auch die Hülle und Fülle davon; mit dem Eintreten des Winters
+aber kam eine mehrmonatige Unterbrechung, weil sie das Predigerhaus
+selbst nicht gern betrat; Frau Pastor Niemeyer war immer eine sehr
+unangenehme Frau gewesen und schlug jetzt vollends hohe Töne an,
+trotzdem sie nach Ansicht der Gemeinde selber nicht ganz einwandfrei
+war.
+
+Das ging so den ganzen Winter durch, sehr zu Effis Leidwesen. Als dann
+aber, Anfang April, die Sträucher einen grünen Rand zeigten und die
+Parkwege rasch abtrockneten, da wurden auch die Spaziergänge wieder
+aufgenommen.
+
+Einmal gingen sie auch wieder so. Von fernher hörte man den Kuckuck,
+und Effi zählte, wie viele Male er rief. Sie hatte sich an Niemeyers
+Arm gehängt und sagte: »Ja, da ruft der Kuckuck. Ich mag ihn nicht
+befragen. Sagen Sie, Freund, was halten Sie vom Leben?«
+
+»Ach, liebe Effi, mit solchen Doktorfragen darfst du mir nicht kommen.
+Da mußt du dich an einen Philosophen wenden oder ein Ausschreiben
+an eine Fakultät machen. Was ich vom Leben halte? Viel und wenig.
+Mitunter ist es recht viel, und mitunter ist es recht wenig.«
+
+»Das ist recht, Freund, das gefällt mir; mehr brauch' ich nicht zu
+wissen.« Und als sie das so sagte, waren sie bis an die Schaukel
+gekommen. Sie sprang hinauf mit einer Behendigkeit wie in ihren
+jüngsten Mädchentagen, und ehe sich noch der Alte, der ihr zusah,
+von seinem halben Schreck erholen konnte, huckte sie schon zwischen
+den zwei Stricken nieder und setzte das Schaukelbrett durch ein
+geschicktes Auf- und Niederschnellen ihres Körpers in Bewegung. Ein
+paar Sekunden noch, und sie flog durch die Luft, und bloß mit einer
+Hand sich haltend, riß sie mit der andern ein kleines Seidentuch von
+Brust und Hals und schwenkte es wie in Glück und Übermut. Dann ließ
+sie die Schaukel wieder langsam gehen und sprang herab und nahm wieder
+Niemeyers Arm.
+
+»Effi, du bist doch noch immer, wie du früher warst.«
+
+»Nein. Ich wollte, es wäre so. Aber es liegt ganz zurück, und ich hab
+es nur noch einmal versuchen wollen. Ach, wie schön es war, und wie
+mir die Luft wohltat; mir war, als flög ich in den Himmel. Ob ich wohl
+hineinkomme? Sagen Sie mir's Freund, Sie müssen es wissen. Bitte,
+bitte ...«
+
+Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten Hände und gab ihr einen
+Kuß auf die Stirn und sagte: »Ja, Effi, du wirst.«
+
+
+
+Fünfunddreißigstes Kapitel
+
+Effi war den ganzen Tag draußen im Park, weil sie das Luftbedürfnis
+hatte; der alte Friesacker Doktor Wiesike war auch einverstanden
+damit, gab ihr aber in diesem Stück doch zu viel Freiheit, zu tun,
+was sie wolle, so daß sie sich während der kalten Tage im Mai heftig
+erkältete: Sie wurde fiebrig, hustete viel, und der Doktor, der
+sonst jeden dritten Tag herüberkam, kam jetzt täglich und war in
+Verlegenheit, wie er der Sache beikommen solle, denn die Schlaf- und
+Hustenmittel, nach denen Effi verlangte, konnten ihr des Fiebers
+halber nicht gegeben werden.
+
+»Doktor«, sagte der alte Briest, »was wird aus der Geschichte? Sie
+kennen sie ja von klein auf, haben sie geholt. Mir gefällt das alles
+nicht; sie nimmt sichtlich ab, und die roten Flecke und der Glanz in
+den Augen, wenn sie mich mit einem Male so fragend ansieht. Was meinen
+Sie? Was wird? Muß sie sterben?«
+
+Wiesike wiegte den Kopf langsam hin und her. »Das will ich nicht
+sagen, Herr von Briest Daß sie so fiebert, gefällt mir nicht. Aber wir
+werden es schon wieder runter kriegen, dann muß sie nach der Schweiz
+oder nach Mentone. Reine Luft und freundliche Eindrücke, die das Alte
+vergessen machen ...«
+
+»Lethe, Lethe.«
+
+»Ja, Lethe«, lächelte Wiesike. »Schade, daß uns die alten Schweden,
+die Griechen, bloß das Wort hinterlassen haben und nicht zugleich auch
+die Quelle selbst ...«
+
+»Oder wenigstens das Rezept dazu; Wässer werden ja jetzt nachgemacht.
+Alle Wetter, Wiesike, das wär ein Geschäft, wenn wir hier so ein
+Sanatorium anlegen könnten: Friesack als Vergessenheitsquelle. Nun,
+vorläufig wollen wir's mit der Riviera versuchen. Mentone ist ja
+wohl Riviera? Die Kornpreise sind zwar in diesem Augenblicke wieder
+schlecht, aber was sein muß, muß sein. Ich werde mit meiner Frau
+darüber sprechen.«
+
+Das tat er denn auch und fand sofort seiner Frau Zustimmung, deren in
+letzter Zeit - wohl unter dem Eindruck zurückgezogenen Lebens - stark
+erwachte Lust, auch mal den Süden zu sehen, seinem Vorschlage zu Hilfe
+kam. Aber Effi selbst wollte nichts davon wissen. »Wie gut ihr gegen
+mich seid. Und ich bin egoistisch genug, ich würde das Opfer auch
+annehmen, wenn ich mir etwas davon verspräche. Mir steht es aber fest,
+daß es mir bloß schaden würde.«
+
+»Das redest du dir ein, Effi.«
+
+»Nein. Ich bin so reizbar geworden; alles ärgert mich. Nicht hier bei
+euch. Ihr verwöhnt mich und räumt mir alles aus dem Wege. Aber auf
+einer Reise, da geht das nicht, da läßt sich das Unangenehme nicht so
+beiseite tun; mit dem Schaffner fängt es an, und mit dem Kellner hört
+es auf. Wenn ich mir die süffisanten Gesichter bloß vorstelle, so wird
+mir schon ganz heiß. Nein, nein, laßt mich hier. Ich mag nicht mehr
+weg von Hohen-Cremmen, hier ist meine Stelle. Der Heliotrop unten auf
+dem Rondell, um die Sonnenuhr herum, ist mir lieber als Mentone.«
+
+Nach diesem Gespräch ließ man den Plan wieder fallen, und Wiesike,
+soviel er sich von Italien versprochen hatte, sagte: »Das müssen wir
+respektieren, denn das sind keine Launen; solche Kranken haben ein
+sehr feines Gefühl und wissen mit merkwürdiger Sicherheit, was ihnen
+hilft und was nicht. Und was Frau Effi da gesagt hat von Schaffner und
+Kellner, das ist doch auch eigentlich ganz richtig, und es gibt keine
+Luft, die so viel Heilkraft hätte, den Hotelärger (wenn man sich
+überhaupt darüber ärgert) zu balancieren. Also lassen wir sie hier;
+wenn es nicht das beste ist, so ist es gewiß nicht das schlechteste.«
+
+Das bestätigte sich denn auch. Effi erholte sich, nahm um ein geringes
+wieder zu (der alte Briest gehörte zu den Wiegefanatikern) und verlor
+ein gut Teil ihrer Reizbarkeit. Dabei war aber ihr Luftbedürfnis in
+einem beständigen Wachsen, und zumal wenn Westwind ging und graues
+Gewölk am Himmel zog, verbrachte sie viele Stunden im Freien. An
+solchen Tagen ging sie wohl auch auf die Felder hinaus und ins Luch,
+oft eine halbe Meile weit, und setzte sich, wenn sie müde geworden,
+auf einen Hürdenzaun und sah, in Träume verloren, auf die Ranunkeln
+und roten Ampferstauden, die sich im Winde bewegten.
+
+»Du gehst immer so allein«, sagte Frau von Briest. »Unter unseren
+Leuten bist du sicher; aber es schleicht auch so viel fremdes Gesindel
+umher.«
+
+Das machte doch einen Eindruck auf Effi, die an Gefahr nie gedacht
+hatte, und als sie mit Roswitha allein war, sagte sie: »Dich kann ich
+nicht gut mitnehmen, Roswitha; du bist zu dick und nicht mehr fest auf
+den Füßen.«
+
+»Nu, gnäd'ge Frau, so schlimm ist es doch noch nicht. Ich könnte ja
+doch noch heiraten.«
+
+»Natürlich«, lachte Effi. »Das kann man immer noch. Aber weißt du,
+Roswitha, wenn ich einen Hund hätte, der mich begleitete. Papas
+Jagdhund hat gar kein Attachement für mich, Jagdhunde sind so dumm,
+und er rührt sich immer erst, wenn der Jäger oder der Gärtner die
+Flinte vom Riegel nimmt. Ich muß jetzt oft an Rollo denken.«
+
+»Ja«, sagte Roswitha, »so was wie Rollo haben sie hier gar nicht. Aber
+damit will ich nichts gegen 'hier' gesagt haben. Hohen-Cremmen ist
+sehr gut.«
+
+Es war drei, vier Tage nach diesem Gespräche zwischen Effi und
+Roswitha, daß Innstetten um eine Stunde früher in sein Arbeitszimmer
+trat als gewöhnlich. Die Morgensonne, die sehr hell schien, hatte ihn
+geweckt, und weil er fühlen mochte, daß er nicht wieder einschlafen
+würde, war er aufgestanden, um sich an eine Arbeit zu machen, die
+schon seit geraumer Zeit der Erledigung harrte.
+
+Nun war es eine Viertelstunde nach acht, und er klingelte. Johanna
+brachte das Frühstückstablett, auf dem neben der Kreuzzeitung und der
+Norddeutschen Allgemeinen auch noch zwei Briefe lagen. Er überflog die
+Adressen und erkannte an der Handschrift, daß der eine vom Minister
+war. Aber der andere? Der Poststempel war nicht deutlich zu lesen,
+und das »Sr. Wohlgeboren Herrn Baron von Innstetten« bezeugte eine
+glückliche Unvertrautheit mit den landesüblichen Titulaturen. Dem
+entsprachen auch die Schriftzüge von sehr primitivem Charakter. Aber
+die Wohnungsangabe war wieder merkwürdig genau: W. Keithstraße I C,
+zwei Treppen hoch.
+
+Innstetten war Beamter genug, um den Brief von »Exzellenz« zuerst zu
+erbrechen. »Mein lieber Innstetten! Ich freue mich, Ihnen mitteilen
+zu können, daß Seine Majestät Ihre Ernennung zu unterzeichnen geruht
+haben, und gratuliere Ihnen aufrichtig dazu.« Innstetten war erfreut
+über die liebenswürdigen Zeilen des Ministers, fast mehr als über
+die Ernennung selbst. Denn was das Höherhinaufklimmen auf der Leiter
+anging, so war er seit dem Morgen in Kessin, wo Crampas mit einem
+Blick, den er immer vor Augen hatte, Abschied von ihm genommen, etwas
+kritisch gegen derlei Dinge geworden. Er maß seitdem mit anderem Maß,
+sah alles anders an. Auszeichnung, was war es am Ende? Mehr als einmal
+hatte er während der ihm immer freudloser dahinfließenden Tage einer
+halbvergessenen Ministerialanekdote aus den Zeiten des älteren
+Ladenberg her gedenken müssen, der, als er nach langem Warten den
+Roten Adlerorden empfing, ihn wütend und mit dem Ausruf beiseite warf:
+»Da liege, bis du schwarz wirst.« Wahrscheinlich war er dann hinterher
+auch »schwarz« geworden, aber um viele Tage zu spät und sicherlich
+ohne rechte Befriedigung für den Empfänger.
+
+Alles, was uns Freude machen soll, ist an Zeit und Umstände gebunden,
+und was uns heute noch beglückt, ist morgen wertlos. Innstetten
+empfand das tief, und so gewiß ihm an Ehren und Gunstbezeugungen von
+oberster Stelle her lag, wenigstens gelegen hatte, so gewiß stand
+ihm jetzt fest, es käme bei dem glänzenden Schein der Dinge nicht
+viel heraus, und das, was man »das Glück« nenne, wenn's überhaupt
+existiere, sei was anderes als dieser Schein. »Das Glück, wenn mir
+recht ist, liegt in zweierlei: darin, daß man ganz da steht, wo
+man hingehört (aber welcher Beamte kann das von sich sagen), und
+zum zweiten und besten in einem behaglichen Abwickeln des ganz
+Alltäglichen, also darin, daß man ausgeschlafen hat und daß die neuen
+Stiefel nicht drücken. Wenn einem die 720 Minuten eines zwölfstündigen
+Tages ohne besonderen Ärger vergehen, so läßt sich von einem
+glücklichen Tage sprechen.« In einer Stimmung, die derlei
+schmerzlichen Betrachtungen nachhing, war Innstetten auch heute
+wieder. Er nahm nun den zweiten Brief. Als er ihn gelesen, fuhr er
+über seine Stirn und empfand schmerzlich, daß es ein Glück gebe, daß
+er es gehabt, aber daß er es nicht mehr habe und nicht mehr haben
+könne.
+
+Johanna trat ein und meldete: »Geheimrat Wüllersdorf.« Dieser stand
+schon auf der Türschwelle. »Gratuliere, Innstetten.«
+
+»Ihnen glaub ich's; die anderen werden sich ärgern. Im übrigen ...«
+
+»Im übrigen. Sie werden doch in diesem Augenblick nicht kritteln
+wollen.«
+
+»Nein. Die Gnade Seiner Majestät beschämt mich, und die wohlwollende
+Gesinnung des Ministers, dem ich das alles verdanke, fast noch mehr.«
+
+»Aber ...«
+
+»Aber ich habe mich zu freuen verlernt. Wenn ich es einem anderen als
+Ihnen sagte, so würde solche Rede für redensartlich gelten. Sie aber,
+Sie finden sich darin zurecht. Sehen Sie sich hier um; wie leer und
+öde ist das alles. Wenn die Johanna eintritt, ein sogenanntes Juwel,
+so wird mir angst und bange. Dieses Sich-in-Szene-Setzen (und
+Innstetten ahmte Johannas Haltung nach), diese halb komische
+Büstenplastik, die wie mit einem Spezialanspruch auftritt, ich weiß
+nicht, ob an die Menschheit oder an mich - ich finde das alles so
+trist und elend, und es wäre zum Totschießen, wenn es nicht so
+lächerlich wäre.«
+
+»Lieber Innstetten, in dieser Stimmung wollen Sie Ministerialdirektor
+werden?«
+
+»Ah, bah. Kann es anders sein? Lesen Sie, diese Zeilen habe ich eben
+bekommen.«
+
+Wüllersdorf nahm den zweiten Brief mit dem unleserlichen Poststempel,
+amüsierte sich über das »Wohlgeboren« und trat dann ans Fenster, um
+bequemer lesen zu können.
+
+»Gnäd'ger Herr! Sie werden sich wohl am Ende wundern, daß ich Ihnen
+schreibe, aber es ist wegen Rollo. Anniechen hat uns schon voriges
+Jahr gesagt: Rollo wäre jetzt so faul; aber das tut hier nichts, er
+kann hier so faul sein, wie er will, je fauler, je besser. Und die
+gnäd'ge Frau möchte es doch so gern. Sie sagt immer, wenn sie ins Luch
+oder über Feld geht: 'Ich fürchte mich eigentlich, Roswitha, weil ich
+da so allein bin; aber wer soll mich begleiten? Rollo, ja, das ginge;
+der ist mir auch nicht gram. Das ist der Vorteil, daß sich die Tiere
+nicht so drum kümmern.' Das sind die Worte der gnäd'gen Frau, und
+weiter will ich nichts sagen und den gnäd'gen Herrn bloß noch bitten,
+mein Anniechen zu grüßen. Und auch die Johanna. Von Ihrer treu
+ergebenen Dienerin
+
+Roswitha Gellenhagen«
+
+»Ja«, sagte Wüllersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete,
+»die ist uns über.«
+
+»Finde ich auch.«
+
+»Und das ist auch der Grund, daß Ihnen alles andere so fraglich
+erscheint.«
+
+»Sie treffen's. Es geht mir schon lange durch den Kopf, und diese
+schlichten Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht
+gewollten Anklage haben mich wieder vollends aus dem Häuschen
+gebracht. Es quält mich seit Jahr und Tag schon, und ich möchte aus
+dieser ganzen Geschichte heraus; nichts gefällt mir mehr; je mehr man
+mich auszeichnet, je mehr fühle ich, daß dies alles nichts ist. Mein
+Leben ist verpfuscht, und so hab ich mir im stillen ausgedacht, ich
+müßte mit all den Strebungen und Eitelkeiten überhaupt nichts mehr zu
+tun haben und mein Schulmeistertum, was ja wohl mein Eigentliches ist,
+als ein höherer Sittendirektor verwenden können. Es hat ja dergleichen
+gegeben. Ich müßte also, wenn's ginge, solche schrecklich berühmte
+Figur werden, wie beispielsweise der Doktor Wichern im Rauhen Hause
+zu Hamburg gewesen ist, dieser Mirakelmensch, der alle Verbrecher mit
+seinem Blick und seiner Frömmigkeit bändigte ...«
+
+»Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das würde gehen.«
+
+»Nein, es geht auch nicht. Auch das nicht mal. Mir ist eben alles
+verschlossen. Wie soll ich einen Totschläger an seiner Seele packen?
+Dazu muß man selber intakt sein. Und wenn man's nicht mehr ist und
+selber so was an den Fingerspitzen hat, dann muß man wenigstens vor
+seinen zu bekehrenden Confratres den wahnsinnigen Büßer spielen und
+eine Riesenzerknirschung zum besten geben können.«
+
+Wüllersdorf nickte.
+
+Nun, sehen Sie, Sie nicken. Aber das alles kann ich nicht mehr. Den
+Mann im Büßerhemd bring ich nicht mehr heraus und den Derwisch oder
+Fakir, der unter Selbstanklagen sich zu Tode tanzt, erst recht nicht.
+Und da hab ich mir denn, weil das alles nicht geht, als ein Bestes
+herausgeklügelt: weg von hier, weg und hin unter lauter pechschwarze
+Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen. Diese Glücklichen! Denn
+gerade das, dieser ganze Krimskrams ist doch an allem schuld. Aus
+Passion, was am Ende gehen möchte, tut man dergleichen nicht. Also
+bloßen Vorstellungen zuliebe ... Vorstellungen! ... Und da klappt denn
+einer zusammen, und man klappt selber nach. Bloß noch schlimmer.«
+
+»Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einfälle. Quer durch Afrika,
+was soll das heißen? Das ist für 'nen Leutnant, der Schulden
+hat. Aber ein Mann wie Sie! Wollen Sie mit einem roten Fes einem
+Palaver präsidieren oder mit einem Schwiegersohn von König Mtesa
+Blutfreundschaft schließen? Oder wollen Sie sich in einem Tropenhelm,
+mit sechs Löchern oben, am Kongo entlangtasten, bis Sie bei Kamerun
+oder da herum wieder herauskommen? Unmöglich!«
+
+»Unmöglich? Warum? Und wenn unmöglich, was dann?« »Einfach hierbleiben
+und Resignation üben. Wer ist denn unbedrückt? Wer sagte nicht jeden
+Tag: 'Eigentlich eine sehr fragwürdige Geschichte.' Sie wissen, ich
+habe auch mein Päckchen zu tragen, nicht gerade das Ihrige, aber nicht
+viel leichter. Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder
+In-einem-Termitenhügel-Nächtigen; wer's mag, der mag es, aber für
+unserem ist es nichts. In der Bresche stehen und aushalten, bis man
+fällt, das ist das beste. Vorher aber im kleinen und kleinsten so viel
+herausschlagen wie möglich und ein Auge dafür haben, wenn die Veilchen
+blühen oder das Luisendenkmal in Blumen steht oder die kleinen Mädchen
+mit hohen Schnürstiefeln über die Korde springen. Oder auch wohl nach
+Potsdam fahren und in die Friedenskirche gehen, wo Kaiser Friedrich
+liegt und wo sie jetzt eben anfangen, ihm ein Grabhaus zu bauen. Und
+wenn Sie da stehen, dann überlegen Sie sich das Leben von dem, und
+wenn Sie dann nicht beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu
+helfen.«
+
+»Gut, gut. Aber das Jahr ist lang, und jeder einzelne Tag ... und dann
+der Abend.«
+
+»Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu werden. Da haben wir
+'Sardanapal' oder 'Coppelia' mit der del Era, und wenn es damit aus
+ist, dann haben wir Siechen. Nicht zu verachten. Drei Seidel beruhigen
+jedesmal. Es gibt immer noch viele, sehr viele, die zu der ganzen
+Sache nicht anders stehen wie wir, und einer, dem auch viel verquer
+gegangen war, sagte mir mal: 'Glauben Sie mir, Wüllersdorf, es geht
+überhaupt nicht ohne 'Hilfskonstruktionen'.' Der das sagte, war ein
+Baumeister und mußte es also wissen. Und er hatte recht mit seinem
+Satz. Es vergeht kein Tag, der mich nicht an die 'Hilfskonstruktionen'
+gemahnte.«
+
+Wüllersdorf, als er sich so expektoriert, nahm Hut und Stock.
+Innstetten aber, der sich bei diesen Worten seines Freundes seiner
+eigenen voraufgegangenen Betrachtungen über das »kleine Glück«
+erinnert haben mochte, nickte halb zustimmend und lächelte vor sich
+hin.
+
+»Und wohin gehen Sie nun, Wüllersdorf? Es ist noch zu früh für das
+Ministerium.«
+
+»Ich schenk es mir heute ganz. Erst noch eine Stunde Spaziergang am
+Kanal hin bis an die Charlottenburger Schleuse und dann wieder zurück.
+Und dann ein kleines Vorsprechen bei Huth, Potsdamer Straße, die
+kleine Holztreppe vorsichtig hinauf. Unten ist ein Blumenladen.«
+
+»Und das freut Sie? Das genügt Ihnen?«
+
+»Das will ich nicht gerade sagen. Aber es hilft ein bißchen. Ich finde
+da verschiedene Stammgäste, Frühschoppler, deren Namen ich klüglich
+verschweige. Der eine erzählt dann vom Herzog von Ratibor, der andere
+vom Fürstbischof Kopp und der dritte wohl gar von Bismarck. Ein
+bißchen fällt immer ab. Dreiviertel stimmt nicht, aber wenn es nur
+witzig ist, krittelt man nicht lange dran herum und hört dankbar zu.«
+Und damit ging er.
+
+
+
+Sechsunddreißigstes Kapitel
+
+Der Mai war schön, der Juni noch schöner, und Effi, nachdem ein erstes
+schmerzliches Gefühl, das Rollos Eintreffen in ihr geweckt hatte,
+glücklich überwunden war, war voll Freude, das treue Tier wieder um
+sich zu haben. Roswitha wurde belobt, und der alte Briest erging sich
+seiner Frau gegenüber in Worten der Anerkennung für Innstetten, der
+ein Kavalier sei, nicht kleinlich und immer das Herz auf dem rechten
+Fleck gehabt habe. »Schade, daß die dumme Geschichte dazwischenfahren
+mußte. Eigentlich war es doch ein Musterpaar.« Der einzige, der bei
+dem Wiedersehen ruhig blieb, war Rollo selbst, weil er entweder kein
+Organ für Zeitmaß hatte oder die Trennung als eine Unordnung ansah,
+die nun einfach wieder behoben sei. Daß er alt geworden, wirkte wohl
+auch mit dabei. Mit seinen Zärtlichkeiten blieb er sparsam, wie er
+beim Wiedersehen sparsam mit seinen Freudenbezeugungen gewesen war,
+aber in seiner Treue war er womöglich noch gewachsen. Er wich seiner
+Herrin nicht von der Seite. Den Jagdhund behandelte er wohlwollend,
+aber doch als ein Wesen auf niederer Stufe. Nachts lag er vor Effis
+Tür auf der Binsenmatte, morgens, wenn das Frühstück im Freien
+genommen wurde, neben der Sonnenuhr, immer ruhig, immer schläfrig,
+und nur wenn sich Effi vom Frühstückstisch erhob und auf den Flur
+zuschritt und hier erst den Strohhut und dann den Sonnenschirm vom
+Ständer nahm, kam ihm seine Jugend wieder, und ohne sich darum zu
+kümmern, ob seine Kraft auf eine große oder kleine Probe gestellt
+werden würde, jagte er die Dorfstraße hinauf und wieder herunter und
+beruhigte sich erst, wenn sie zwischen den ersten Feldern waren. Effi,
+der freie Luft noch mehr galt als landschaftliche Schönheit, vermied
+die kleinen Waldpartien und hielt meist die große, zunächst von
+uralten Rüstern und dann, wo die Chaussee begann, von Pappeln besetzte
+große Straße, die nach der Bahnhofsstation führte, wohl eine Stunde
+Wegs. An allem freute sie sich, atmete beglückt den Duft ein, der von
+den Raps- und Kleefeldern herüberkam, oder folgte dem Aufsteigen der
+Lerchen und zählte die Ziehbrunnen und Tröge, daran das Vieh zur
+Tränke ging. Dabei klang ein leises Läuten zu ihr herüber. Und dann
+war ihr zu Sinn, als müsse sie die Augen schließen und in einem süßen
+Vergessen hinübergehen. In Nähe der Station, hart an der Chaussee, lag
+eine Chausseewalze. Das war ihr täglicher Rastplatz, von dem aus sie
+das Treiben auf dem Bahndamm verfolgen konnte; Züge kamen und gingen,
+und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen, die sich einen Augenblick wie
+deckten und dann nach links und rechts hin wieder auseinandergingen,
+bis sie hinter Dorf und Wäldchen verschwanden. Rollo saß dann neben
+ihr, an ihrem Frühstück teilnehmend, und wenn er den letzten Bissen
+aufgefangen hatte, fuhr er, wohl um sich dankbar zu bezeigen,
+irgendeine Ackerfurche wie ein Rasender hinauf und hielt nur inne,
+wenn ein paar beim Brüten gestörte Rebhühner dicht neben ihm aus einer
+Nachbarfurche aufflogen.
+
+»Wie schön dieser Sommer! Daß ich noch so glücklich sein könnte, liebe
+Mama, vor einem Jahr hätte ich's nicht gedacht« - das sagte Effi jeden
+Tag, wenn sie mit der Mama um den Teich schritt oder einen Frühapfel
+vom Zweig brach und tapfer einbiß. Denn sie hatte die schönsten Zähne.
+Frau von Briest streichelte ihr dann die Hand und sagte: »Werde nur
+erst wieder gesund, Effi, ganz gesund; das Glück findet sich dann;
+nicht das alte, aber ein neues. Es gibt Gott sei Dank viele Arten von
+Glück. Und du sollst sehen, wir werden schon etwas finden für dich.«
+
+»Ihr seid so gut. Und eigentlich hab ich doch auch euer Leben geändert
+und euch vor der Zeit zu alten Leuten gemacht.« »Ach, meine liebe
+Effi, davon sprich nicht. Als es kam, da dacht ich ebenso. Jetzt weiß
+ich, daß unsere Stille besser ist als der Lärm und das laute Getriebe
+von vordem. Und wenn du so fortfährst, können wir noch reisen. Als
+Wiesike Mentone vorschlug, da warst du krank und reizbar und hattest,
+weil du krank warst, ganz recht mit dem, was du von den Schaffnern und
+Kellnern sagtest; aber wenn du wieder festere Nerven hast, dann geht
+es, dann ärgert man sich nicht mehr, dann lacht man über die großen
+Allüren und das gekräuselte Haar. Und dann das blaue Meer und weiße
+Segel und die Felsen ganz mit rotem Kaktus überwachsen - ich habe es
+noch nicht gesehen, aber ich denke es mir so. Und ich möchte es wohl
+kennenlernen.«
+
+So verging der Sommer, und die Sternschnuppennächte lagen schon
+zurück. Effi hatte während dieser Nächte bis über Mitternacht hinaus
+am Fenster gesessen und sich nicht müde sehen können. »Ich war immer
+eine schwache Christin; aber ob wir doch vielleicht von da oben
+stammen und, wenn es hier vorbei ist, in unsere himmlische Heimat
+zurückkehren, zu den Sternen oben oder noch drüber hinaus! Ich weiß
+es nicht, ich will es auch nicht wissen, ich habe nur die Sehnsucht.«
+Arme Effi, du hattest zu den Himmelwundern zu lange hinaufgesehen
+und darüber nachgedacht, und das Ende war, daß die Nachtluft und die
+Nebel, die vom Teich her aufstiegen, sie wieder aufs Krankenbett
+warfen, und als Wiesike gerufen wurde und sie gesehen hatte, nahm er
+Briest beiseite und sagte: »Wird nichts mehr; machen Sie sich auf ein
+baldiges Ende gefaßt.« Er hatte nur zu wahr gesprochen, und wenige
+Tage danach, es war noch nicht spät und die zehnte Stunde noch nicht
+heran, da kam Roswitha nach unten und sagte zu Frau von Briest:
+»Gnädigste Frau, mit der gnädigen Frau oben ist es schlimm; sie
+spricht immer so still vor sich hin, und mitunter ist es, als ob sie
+bete, sie will es aber nicht wahrhaben, und ich weiß nicht, mir ist,
+als ob es jede Stunde vorbei sein könnte.«
+
+»Will sie mich sprechen?«
+
+»Sie hat es nicht gesagt. Aber ich glaube, sie möchte es. Sie wissen
+ja, wie sie ist; sie will Sie nicht stören und ängstlich machen. Aber
+es wäre doch wohl gut.«
+
+»Es ist gut, Roswitha«, sagte Frau von Briest, »ich werde kommen.«
+
+Und ehe die Uhr noch einsetzte, stieg Frau von Briest die Treppe
+hinauf und trat bei Effi ein. Das Fenster stand offen, und sie lag auf
+einer Chaiselongue, die neben dem Fenster stand.
+
+Frau von Briest schob einen kleinen schwarzen Stuhl mit drei goldenen
+Stäbchen in der Ebenholzlehne heran, nahm Effis Hand und sagte:
+»Wie geht es dir, Effi? Roswitha sagt, du seiest so fiebrig.« »Ach,
+Roswitha nimmt alles so ängstlich. Ich sah ihr an, sie glaubt, ich
+sterbe. Nun, ich weiß nicht. Aber sie denkt, es soll es jeder so
+ängstlich nehmen wie sie selbst.«
+
+»Bist du so ruhig über Sterben, liebe Effi?« »Ganz ruhig, Mama.«
+
+»Täuschst du dich darin nicht? Alles hängt am Leben und die Jugend
+erst recht. Und du bist noch so jung, liebe Effi.«
+
+Effi schwieg eine Weile. Dann sagte sie: »Du weißt, ich habe nicht
+viel gelesen, und Innstetten wunderte sich oft darüber, und es war ihm
+nicht recht.«
+
+Es war das erste Mal, daß sie Innstettens Namen nannte, was einen
+großen Eindruck auf die Mama machte und dieser klar zeigte, daß es zu
+Ende sei.
+
+»Aber ich glaube«, nahm Frau von Briest das Wort, »du wolltest mir was
+erzählen.«
+
+»Ja, das wollte ich, weil du davon sprachst, ich sei noch so jung.
+Freilich bin ich noch jung. Aber das schadet nichts. Es war noch in
+glücklichen Tagen, da las mir Innstetten abends vor; er hatte sehr
+viele Bücher, und in einem hieß es: Es sei wer von einer fröhlichen
+Tafel abgerufen worden, und am anderen Tag habe der Abgerufene
+gefragt, wie's denn nachher gewesen sei. Da habe man ihm geantwortet:
+'Ach, es war noch allerlei; aber eigentlich haben Sie nichts
+versäumt.' Sieh, Mama, diese Worte haben sich mir eingeprägt - es hat
+nicht viel zu bedeuten, wenn man von der Tafel etwas früher abgerufen
+wird.«
+
+Frau von Briest schwieg. Effi aber schob sich etwas höher hinauf
+und sagte dann: »Und da ich nun mal von alten Zeiten und auch von
+Innstetten gesprochen habe, muß ich dir doch noch etwas sagen, liebe
+Mama.«
+
+»Du regst dich auf, Effi.«
+
+»Nein, nein; etwas von der Seele heruntersprechen, das regt mich nicht
+auf, das macht still. Und da wollte ich dir denn sagen: Ich sterbe mit
+Gott und Menschen versöhnt, auch versöhnt mit ihm.«
+
+»Warst du denn in deiner Seele in so großer Bitterkeit mit ihm?
+Eigentlich, verzeih mir, meine liebe Effi, daß ich das jetzt noch
+sage, eigentlich hast du doch euer Leid heraufbeschworen.«
+
+Effi nickte. »Ja, Mama. Und traurig, daß es so ist. Aber als dann all
+das Schreckliche kam, und zuletzt das mit Annie, du weißt schon, da
+hab ich doch, wenn ich das lächerliche Wort gebrauchen darf, den Spieß
+umgekehrt und habe mich ganz ernsthaft in den Gedanken hineingelebt,
+er sei schuld, weil er nüchtern und berechnend gewesen sei und zuletzt
+auch noch grausam. Und da sind Verwünschungen gegen ihn über meine
+Lippen gekommen.«
+
+»Und das bedrückt dich jetzt?«
+
+»Ja. Und es liegt mir daran, daß er erfährt, wie mir hier in meinen
+Krankheitstagen, die doch fast meine schönsten gewesen sind, wie mir
+hier klargeworden, daß er in allem recht gehandelt. In der Geschichte
+mit dem armen Crampas - ja, was sollte er am Ende anders tun? Und
+dann, womit er mich am tiefsten verletzte, daß er mein eigen Kind in
+einer Art Abwehr gegen mich erzogen hat, so hart es mir ankommt und so
+weh es mir tut, er hat auch darin recht gehabt. Laß ihn das wissen,
+daß ich in dieser Überzeugung gestorben bin. Es wird ihn trösten,
+aufrichten, vielleicht versöhnen. Denn er hatte viel Gutes in seiner
+Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe
+ist.«
+
+Frau von Briest sah, daß Effi erschöpft war und zu schlafen schien
+oder schlafen wollte. Sie erhob sich leise von ihrem Platz und ging.
+Indessen kaum daß sie fort war, erhob sich auch Effi und setzte sich
+an das offene Fenster, um noch einmal die kühle Nachtluft einzusaugen.
+Die Sterne flimmerten, und im Park regte sich kein Blatt. Aber je
+länger sie hinaushorchte, je deutlicher hörte sie wieder, daß es
+wie ein feines Rieseln auf die Platanen niederfiel. Ein Gefühl der
+Befreiung überkam sie. »Ruhe, Ruhe.«
+
+Es war einen Monat später, und der September ging auf die Neige. Das
+Wetter war schön, aber das Laub im Park zeigte schon viel Rot und
+Gelb, und seit den Äquinoktien, die die drei Sturmtage gebracht
+hatten, lagen die Blätter überallhin ausgestreut.
+
+Auf dem Rondell hatte sich eine kleine Veränderung vollzogen, die
+Sonnenuhr war fort, und an der Stelle, wo sie gestanden hatte, lag
+seit gestern eine weiße Marmorplatte, darauf stand nichts als »Effi
+Briest« und darunter ein Kreuz. Das war Effis letzte Bitte gewesen:
+»Ich möchte auf meinem Stein meinen alten Namen wiederhaben; ich habe
+dem andern keine Ehre gemacht.« Und es war ihr versprochen worden.
+Ja, gestern war die Marmorplatte gekommen und aufgelegt worden, und
+angesichts der Stelle saßen nun wieder Briest und Frau und sahen
+darauf hin und auf den Heliotrop, den man geschont und der den Stein
+jetzt einrahmte. Rollo lag daneben, den Kopf in die Pfoten gesteckt.
+Wilke, dessen Gamaschen immer weiter wurden, brachte das Frühstück
+und die Post, und der alte Briest sagte: »Wilke, bestelle den kleinen
+Wagen. Ich will mit der Frau über Land fahren.«
+
+Frau von Briest hatte mittlerweile den Kaffee eingeschenkt und sah
+nach dem Rondell und seinem Blumenbeet. »Sieh, Briest, Rollo liegt
+wieder vor dem Stein. Es ist ihm doch noch tiefer gegangen als uns. Er
+frißt auch nicht mehr.«
+
+»Ja, Luise, die Kreatur. Das ist ja, was ich immer sage. Es ist nicht
+so viel mit uns, wie wir glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am
+Ende ist es doch das beste.«
+
+»Sprich nicht so. Wenn du so philosophierst ... nimm es mir nicht
+übel, Briest, dazu reicht es bei dir nicht aus. Du hast deinen guten
+Verstand, aber du kannst doch nicht an solche Fragen ...«
+
+»Eigentlich nicht.«
+
+»Und wenn denn schon überhaupt Fragen gestellt werden sollen, da gibt
+es ganz andere, Briest, und ich kann dir sagen, es vergeht kein Tag,
+seit das arme Kind da liegt, wo mir solche Fragen nicht gekommen
+waren ...«
+
+»Welche Fragen?«
+
+»Ob wir nicht doch vielleicht schuld sind?« »Unsinn, Luise. Wie meinst
+du das?«
+
+»Ob wir sie nicht anders in Zucht hätten nehmen müssen.
+
+Gerade wir. Denn Niemeyer ist doch eigentlich eine Null, weil er
+alles in Zweifel läßt. Und dann, Briest, so leid es mir tut ... deine
+beständigen Zweideutigkeiten ... und zuletzt, womit ich mich selbst
+anklage, denn ich will nicht schadlos ausgehen in dieser Sache, ob sie
+nicht doch vielleicht zu jung war?«
+
+Rollo, der bei diesen Worten aufwachte, schüttelte den Kopf langsam
+hin und her, und Briest sagte ruhig: »Ach, Luise, laß ... das ist ein
+zu weites Feld.«
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, EFFI BRIEST ***
+
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+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+
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+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04
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+Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
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+ 2500 2000 December
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+10000 2004 January*
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