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-Project Gutenberg's Abaellino der große Bandit, by Heinrich Zschokke
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Abaellino der große Bandit
-
-Author: Heinrich Zschokke
-
-Release Date: August 4, 2016 [EBook #52718]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABAELLINO DER GROßE BANDIT ***
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-
-Produced by Jens Sadowski. This file was produced from
-images generously made available by SLUB: Sächsische
-Landesbibliothek -- Staats- und Universitätsbibliothek
-Dresden
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- Abaellino
- der große Bandit.
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- von
- J h d z.
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- F. P. Kybnitz.
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- Frankfurt und Leipzig,
- 1794
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- Vorrede.
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-Troz dem, daß man in unserm Decennio nur romantische Szenen der Vorwelt,
-Rittergeschichten, Sagen der Vorzeit, Begebenheiten aus den Tagen des
-Faustrechts lesen will, schreib ich doch, wenn ich denn einmal etwas zum
-Lesen schreiben will, nichts davon. Ich habe den Grundsaz, der
-Schriftsteller müsse sich nie nach den Launen der Leser, sondern der
-Leser nach den Launen des Dichters bequemen. All unsre Romanschreiber,
-die dem Publikum mit Rittermärchen aufwarten, haben eine große
-Aehnlichkeit mit den Musikanten, die nach der Laune der Tänzer bald eine
-Menuet leiern, bald einen Walzer geigen müssen.
-
-Sobald ich nun einmahl den Einfall habe _meinen_ Lesern etwas zu
-erzählen; so ists mir gleichviel, _was_ ich ihnen erzähle, aber mehr
-darauf denk' ich _wie_ ich ihnen erzähle. Es gilt mir gleichviel, ob ich
-ihnen ein morgenländisches oder abendländisches Märchen, eine Lüge oder
-Wahrheit vorschwazze, aber in allen diesen Plaudereien bemühe ich mich
-die Natur, wie sie _ist_, oder sein _könnte_, darzustellen. Ich nehme
-gewisse Karaktere und führe sie durch eine Reihe von Situazionen, und
-beobachte, wie sie sich in all diesen Verhältnissen ausnehmen. Darüber
-freu' ich mich selber.
-
-Aber diese Karaktere, so genau ich sie auch immerhin zeichnen mag,
-pflegen gewöhnlich am Ende der Geschichte ganz anders dazustehn, als im
-Anfang. Nun muß man darüber nicht böse werden und denken: die Karaktere
-werden sich untreu! nein. Ein andres ists mit der Schilderung des
-Menschen im Roman, und ein andres in dem _Drama_.
-
-Das Drama umfaßt, wenn es regelmäßig ist, nur einen kurzen Zeitraum. In
-einem Tage oder drei Stunden verwandeln sich die Menschen nicht so
-leicht -- hier kann sich ihr Karakter von der ersten bis zur lezten
-Szene gleich bleiben; hier veranlassen die Karaktere gewisse Ereignisse,
-Handlungen, und große Begebenheiten.
-
-Aber im Roman veranlassen und bilden gewisse Ereignisse und
-Begebenheiten den Karakter des Menschen, wiewohl auch dieser Einfluß auf
-jene hat; das menschliche Gemüth wenn es durch eine Reihe von
-Begebenheiten geführt wird, nimmt von der Farbe einer jeden etwas an
-sich, diese vermischet sich endlich und daher oft der bunte Karakter
-mancher Menschen. Drängt sich der Sterbliche durch viele schwarze
-Situazionen, kein Wunder, wenn seine Gemüthsstimmung zulezt dunkel und
-ernst wird; wird er geführt durch rosenfarbne Verhältnisse, wer wundert
-sich dann noch über seinen frohen Humor?
-
-Aber nicht genug, daß ich Menschenkaraktere unter allerlei
-Gesichtspunkten und Verhältnissen betrachte: so hab ich auch das einzig
-mögliche Prinzip jeder psychologischen Aesthetik, den Zwek der edlen
-Kunst stets vor mir, wodurch die Künste allein zur möglich erhabensten
-Stufe der Vollkommenheit emporgeführt werden können:
-
- _Regelmäßige Mittheilung guter Empfindungen._
-
-Und erreiche ich diesen Zwek, errege ich in meinen Lesern nur dann und
-wann das moralische Gefühl, jenes reine Wohlgefallen an große,
-tugendhafte Handlungen und Gesinnungen, schwillt von Liebe, Mitleid und
-Freundschaft nur _ein_ Busen; spricht nur _ein_ Leser zu sich selber:
-handle in _deinen_ Verhältnissen, bei deiner Erziehung, bei deinen
-Kenntnissen so gut, so schön, als dieser, oder jener in dieser
-Erzählung; fache ich nur einem Herzen den Enthusiasmus für Sittlichkeit
-und Tugend an, dann -- dann hab ich überwunden, dann ruf' ich: Triumph!
-auch die mir sparsam zugemessenen Augenblikke der Einsamkeit und
-Erhohlung von ernstern Geschäften sind meinen Mitbrüdern wohlthätig
-geworden!
-
-So, meine Leser, kleid' ich in das Gewand der Fabel _Natur_ und
-_Wahrheit_, und bezielte jeder Dichter diesen herrlichen Gegenstand,
-wahrlich: so würden wir nicht so viel unleidliches, geistloses Gewäsch
-anhören müssen, woran sich heuer unsre entnervten Knaben und Mädchen bas
-ergözzen; so würden unsre Kunstrichter und Rezensenten nicht auf die
-Fabel, sondern auf ihren innern Werth, nicht auf das ^Continens^ sondern
-das ^Contentum^ sehn. Der Dichter ist in dieser Rüksicht zu beurtheilen
-wie ein Maler, der Ideale oder Wirklichkeiten, Menschen mit Flügeln,
-oder im Uiberrok hinzeichnet, nicht um der Flügeln, oder um des
-Uiberroks willen, sondern um Empfindungen des Guten, Edlen und Schönen
-im Zuschauer zu entwikkeln.
-
-Leute, die mich persönlich kennen, dürften mir auch hier wieder den
-Vorwurf machen: warum schreiben Sie nichts solideres, nichts
-nüzlicheres?
-
-Antwort: sobald ich fühle, etwas Neues, Gutes, Nüzliches in andern
-Disziplinen der menschlichen Erkenntniß anzeigen zu können, werde ich
-nicht dazu träge sein. Aber das Sprüchwort: ^quid valeant humeri, quid
-ferre recusent^ bedenk' ich auch hier.
-
-Der Dichter ist überdies, wenn er den Zwek seiner Bestimmung erreicht,
-der menschlichen Gesellschaft so nützlich, als der Staatsmann im
-Ministerio und der Gelehrte auf dem Katheder. Ein elender Dichter im
-Gegentheil ist eine eben so große Null in der Schöpfung, als das Genie
-eines Holzhakkers im Ministerio und ein geistloser Kohlkopf auf dem
-Katheder.
-
-Ich wünschte gern durch Winke guter Kunstrichter das erhabne Ziel des
-Dichters erreichen zu können -- also keinen Vorwurf darüber, daß ich --
-nur einen _Roman_ schrieb! --
-
- Amen!
-
-
-
-
- Innhalt.
-
-
-
- Erstes Buch.
- Erstes Kapitel.
- Venedig. S. 1.
- Zweites Kapitel.
- Die Banditen. 8.
- Drittes Kapitel.
- Die Banditenwohnung. 12.
- Viertes Kapitel.
- Banditenphilosophie. 17.
- Fünftes Kapitel.
- Die Einsamkeit. 23.
- Sechstes Kapitel.
- Rosamunde, die schöne Nichte des Dogen. 27.
- Siebentes Kapitel.
- Fortsezzung. 33.
- Achtes Kapitel.
- Entdekkungen. 36.
- Neuntes Kapitel.
- Mollas Häuschen. 45.
-
- Zweites Buch.
- Erstes Kapitel.
- Der Geburtstag. 56.
- Zweites Kapitel.
- Flodoard. 68.
- Drittes Kapitel.
- Neuer Lärm. 76.
- Viertes Kapitel.
- Das Veilchen. 81.
- Fünftes Kapitel.
- Abaellino. 92.
- Sechstes Kapitel.
- Die Entdekkung. 97.
-
- Drittes Buch.
- Erstes Kapitel.
- Flodoard und Rosamunde. 104.
- Zweites Kapitel.
- Ein fürchterliches Versprechen. 111.
- Drittes Kapitel.
- Die nächtliche Verschwörung. 121.
- Viertes Kapitel.
- Der wichtige Tag. 127.
- Fünftes Kapitel.
- Höllenangst. 134.
- Sechstes Kapitel.
- Geistererscheinungen. 140.
- Siebentes Kapitel.
- Nachschrift. 156.
-
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-
-
- Abaellino, der große Bandit.
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-
-
- Erstes Buch.
-
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-
- Erstes Kapitel.
- Venedig.
-
-
-Es war Abend. Ungeheure Wolkenstreifen, halb vom Schimmer des Mondes
-erleuchtet, bogen sich rippenförmig am Horizont hinab und durch ihnen
-schwamm der Vollmond in stiller Majestät hin, und sah sich verherrlicht
-von jeder Welle des adriatischen Meers. Still wars umher, leise tanzten
-die Wogen am Winde, leise hauchte der Nachtwind über die todten Palläste
-Venedigs hin.
-
-Da sas noch ein junger Mann, einsam und traurig in der
-Mitternachtsstunde am _langen_ Kanal; bald hob er das Auge zu den
-stolzen Zinnen und Thürmen von Venedig empor, bald senkte er den Blik in
-die Wellen. Nach einer Weile sprach er:
-
-»Verdammt! da sizze ich nun in Venedig, und weis nicht, wie weiter! Was
-soll daraus werden? Alles schläft, nur ich nicht. Der Doge wälzt sich
-auf seinem Dunenlager, der Bettler auf seinem Strohbett -- und ich lieg
-hier auf der kalten, nakten Erde. Der elendeste Gondelier, der ärmste
-Bootsknecht kennt am Tage seine Arbeiten und Nachts seine Ruhestatt, und
-ich -- und ich -- o es ist ein schrekliches Schiksal, das mit mir sein
-Spiel treibt! --«
-
-Er fing an seine Taschen zu untersuchen, mit den Fingern jede Falte des
-Kleides zu biegen, und zu visitiren.
-
-»Auch keinen Heller! -- und mich hungert doch!«
-
-Er besah seinen Degen im Mondschein und seufzte: »Nein, alter, treuer
-Gefährte, dich verkauf ich nicht; sollst mein bleiben und wenn ich
-verhungerte. Nicht wahr, damahls wars noch goldne Zeit, als dich
-_Emmoine_ mir gab, mir das Bandelier über die Achseln warf, und ich dich
-und Emmoinen küßte -- (Pause) Sie ist nun tod, wir beide leben noch!«
-
-Er wischte sich eine Thräne von den Wimpern.
-
-»Nein, das war keine Thräne; die Nachtluft geht kühl und da wird das
-Auge leicht nas. (Lächelnd) Hm, ich weinen! -- _weinen_! ha, ha, ha! --«
-
-Der Unglükliche, dies schien er, wenigstens seinen Reden nach zu sein,
-stämmte den Ellbogen auf die Erde, wollte mit den Zähnen knirschen --
-und pfiff. -- »Ich müßte nicht Ich sein, dachte er bei sich: wenn ich
-kleinmüthig würde unter dem Fluch des Schiksals.«
-
-In dem Augenblik hörte er in der Nachbarschaft ein Geräusch. Er sah in
-einem vom Monde halbhellen Nebengäschen einen Kerl auf und
-niederschleichen.
-
-»Den führt mir Gott zu -- ich will -- ich will betteln! Betteln ist
-keine Schande, aber neapolitanische Schurkereien schänden. Auch, der
-Bettler kann _gros_ denken.«
-
-Mit diesen Worten sprang er auf und ging in die Winkelstraße. In eben
-den Moment trat von der andern Seite ein Mensch in diese Gasse. Der
-schleichende Kerl trat mit einemmale in den Schatten zurük, als
-verstekte er sich vor dem Ankommenden.
-
-»Was soll das bedeuten?« dachte unser Bettler: »ist der Schleicher dort
-etwa ein unbefugter Handlanger des Todes? haben ihn auch Vettern und
-Basen bestochen, um das Geld desto ruhiger in Besiz zu nehmen, was dem
-armen Schelm izt noch angehört, der dort so unbefangen herschlendert?
-warte!«
-
-Er zog sich in den Schatten zurük und schlich dem Lauerer nahe, der
-keine Bewegung machte. Der fremde Mann war schon dem Lauerer und unserem
-Bettler vorüber, als jener mit bangen Schritten rasch hinter ihn her
-schlich, die rechte Hand erhob, worinn ein Dolch schimmerte, und eh' er
-sich versah von dem _Bettler_ zu Boden gestürzt wurde.
-
-Der _fremde Herr_ drehte sich um; der _Bandit_ sprang auf und entfloh;
-der Bettler lachte.
-
-»Was war das?« fragte der _Fremde_?
-
-»»Ein Spas, der Euch, mein Herr, das Leben rettete.««
-
-»Mir? Wie so?«
-
-»»Die flüchtige Massette schlich hinter Euch her wie ein lauernder Kater
-und hatte den Dolch schon gehoben. -- Ich dachte Ihr gäbet mir dafür ein
-Stück Geld, denn bey meiner armen Seele, mich hungert und dürstet und
-friert.««
-
-»Euch Spitzbuben, und eure Kniffe kennt man; Ihr habt euch zu dem Spas
-beredet, um mir die Börse abzuplündern und einen großen Dank für mein
-gerettetes Leben dazu. Geht mir, geht, und grellt die Leichtgläubigkeit
-des Dogen selber, nur an Buonarotti wagt euch nicht!«
-
-Der arme, hungernde Bettler stand bestürzt da und sah den pfiffigen
-Herrn an.
-
-»Nein, so wahr ich lebe, Herr, ich lüge Euch nichts vor -- es ist mein
-Ernst, ich sterbe die Nacht vor Hunger.«
-
-»»Geht, sag ich Euch, oder -- --«« der Unbarmherzige zog bey diesen
-Worten ein geheimes Schiesgewehr hervor und drohte.
-
-»Donner und Wetter, bezahlt man in Venedig die guten Thaten so?«
-
-»»Die Sbirren sind in der Nähe, wie Ihr wißt, also -- --««
-
-»Zum Teufel, seht Ihr mich denn für einen Banditen an?«
-
-»»Ich sage Euch, mache keinen Lärmen!««
-
-»Hört, Buonarotti heißt Ihr? ich will mir doch den Namen des zweiten
-Schurken aufschreiben, den ich in Venedig kennen lernte. (Mit
-schreklicher Stimme) Und wenn du, Buonarotti, jemals den Namen
-_Abaellino_ hören solltest, dann zittre!«
-
-_Abaellino_ drehte sich um und verlies den Unerbittlichen.
-
-
-
-
- Zweites Kapitel.
- Die Banditen.
-
-
-Der Unglükliche durchkreuzte izt Venedig, er haderte mit dem Schiksal,
-lachte und fluchte, stand zuweilen still, als übersänn' er einen großen
-Plan, eilte zuweilen fort, als flög er ihn zu vollführen.
-
-An einem Ekstein der prächtigen Signoria gelehnt, überdachte er die
-ganze Summe seines Elendes. Es schien sein irres Auge Trost zu suchen,
-aber er fand ihn nicht.
-
-»Das Schiksal bat mich zum Abentheurer oder gar zum Bösewicht verdammt!
-tief er in einer Ekstase seines Mismuths: denn warum muß der Sohn des
-reichsten Neapolitaners als Bettler, die Barmherzigkeit der Venetianer
-anflehen? Ich, der ich Geist und Kraft zu großen Thaten in mir fühle,
-muß hier umherschleichen und darauf sinnen, wodurch ich mir das Leben
-wider den Hunger bewahre. Menschen, die ich sonst satt fütterte, die an
-meiner Tafel im Cyprier ihre Mükkenseelen berauschten und die
-Lekkerbissen fremder Welttheile von meinen Schüsseln naschten, werfen
-mir jezt keine verschimmelte Brodrinde zu. -- O, das ist abscheulich,
-abscheulich von Menschen und vom Himmel! --« Er schwieg, schlug die Arme
-untereinander und seufzte: »Doch, nein, so ists recht, ich will alle
-Grade des menschlichen Elendes durchwandern, und allenthalben mir gleich
-bleiben, und allenthalben gros sein. -- Jezt bin ich nicht mehr der Graf
-Obizzo, um den Neapel einst buhlte -- ich bin der _Bettler Abaellino_.
-Ein Bettler! in der Ordnung menschlicher Stände der lezte, aber doch --
-im alphabetischen Namenverzeichnis aller Hungerer, Pflastertreter und
-Taugenichtse der _erste_!«
-
-Ein Geräusch entstand. _Abaellino_ horchte umher, er war den Schleicher
-gewahr, den er vor einer halben Stunde zu Boden geworfen hatte, in
-Gesellschaft dreier andern. -- Sie suchten. »Und sie suchen dich!« sagte
-Abaellino leise zu sich selber, und gieng ein paar Schritt vor, und
-pfiff ihnen.
-
-Die Kerls blieben stehn. Sie besprachen sich unter einander und schienen
-unentschlossen zu sein.
-
-_Abaellino_ pfiff zum andernmal.
-
-»Er ists!« hörte er einen von ihnen deutlich genug sprechen -- und in
-dem Augenblik kamen sie langsam gegen ihn angewandert.
-
-Abaellino blieb stehn, und zog den Degen. Die drey Verkappten standen
-einige Schritte von ihm entfernt.
-
-»Was soll das? he, warum ziehst du Gauch den Degen?« fragte einer von
-ihnen.
-
-»»Wir müssen uns nicht zu nahe kommen, denn Ihr guten Leute lebt vom
-Leben anderer, ich kenn' euch;«« antwortete Abaellino.
-
-Ein Kerl. Galt nicht dein Pfeifen _uns_?
-
-Abaellino. Nun ja.
-
-Ein Kerl. Was willst du?
-
-Abaellino. Hört, ich bin ein armer Schelm, gebt mir doch von eurer Beute
-ein Allmosen.
-
-Ein Kerl. Allmosen? ha, ha, ha! mein Seel, das ist lustig! Allmosen von
-uns! doch, es gefällt mir, warum nicht?
-
-Abaellino. Oder strekt mir funfzig Zechinen vor, ich will mich zu euch
-in den Dienst geben und die Schuld abarbeiten.
-
-Ein andrer. Wer bist du denn?
-
-Abaellino. Zur Stunde der ärmste Schlucker in der Republik. Kräfte hab
-ich, und lägen drei Panzer vor einem Herz, ich durchbohr' es; und Augen,
-daß ich in egyptische Finsternis nicht fehlstoßen würde.
-
-Ein dritter. Warum warfst du mich vorhin nieder?
-
-Abällino. Geld zu verdienen; aber der Kerl gab mir für sein Leben keinen
-rothen Heller.
-
-Ein andrer. Das gefällt mir! meinsts redlich?
-
-Abällino. Die Verzweiflung lügt nicht.
-
-Der dritte. Kerl, wenn du aber ein Schurke wärst!
-
-Abaellino. So wären wir nicht weit von einander -- und eure Dolche sind
-ja immer geschliffen.
-
-Die drei gefährlichen Burschen sprachen leise mit einander und stekten
-ihre Gewehre ein.
-
-»Na, komm zu uns, hier auf der Straße läßt sichs nicht gut von gewissen
-Sachen reden.« Sprach einer.
-
-»»Aber weh euch, wenn einer feindseelig wider mich handelt! Du Kerl,
-vergieb mir, daß ich dir vorhin die Rippen etwas zerdrükte -- es soll
-nicht wieder geschehn! Ich will euer Gesell werden!«« sagte Abaellino.
-
-»Auf Ehre, riefen alle; wir thun dir nichts Leides; der ist unser Feind,
-der dir übel thut, ein Kerl wie du, gefällt uns! komm!«
-
-Sie giengen, _Abaellino_ in ihrer Mitte. Mistrauisch schielte er von
-allen Seiten, aber in den Banditen schien kein böser Gedanke zu
-erwachen, Sie führten ihn seitwärts, gelangten an einen Kanal, sie
-banden eine Gondel los, sezten sich ein und ruderten zur entlegensten
-Spitze Venedigs. Man stieg aus; durchkroch verschiedne enge Straßen;
-klopfte endlich an ein niedliches Haus; ein junges Weib schlos auf,
-führte die Herrn in ein simples, aber reinliches Zimmer und beantlizte
-den bestürzten halbfrohen, halbängstlichen Abaellino, der noch immer
-nicht wußte, woran er war, und immer noch an der Sicherheit der
-Banditenparole zweifelte.
-
-
-
-
- Drittes Kapitel.
- Die Banditenwohnung.
-
-
-Die drey Herrn vermehrten sich bald durch zwei Neuankommende, die ihren
-unbekannten Gast von allen Seiten betrachteten.
-
-»Nun laß dich doch beschauen!« riefen die Führer und Bekannten des
-Abaellino, und stellten sich beym Schimmer einer brennenden Lampe um ihn
-her.
-
-»Pfui, ein häslicher Bube!« rief _Molla_, so hies die Wirthin und drehte
-sich von ihm hinweg und Abaellino wälzte einen gräslichen Blik auf sie
-hin.
-
-»Kerl, sezte ein andrer hinzu: dich hat die Natur schon zum Banditen
-gestämpelt; welchem Zuchthause bist du entronnen, welcher Galeere hast
-du Valet gesagt?«
-
-_Abaellino_ stämmte die Arme in die Seite. »Desto besser, sagte er mit
-einer heisern, fürchterlichen Stimme: so darf der Himmel zu meiner
-künftigen Lebensart nicht sauer sehn, wenn er mich selber dazu
-geschaffen hat.«
-
-Die fünf Herrn giengen beiseite und besprachen sich mit einander; den
-Stof ihrer Unterhaltung können wir leicht errathen. Abaellino warf sich
-schweigend auf einen Sessel.
-
-Nach einigen Minuten kamen sie wieder zu ihm. Der stärkste und wildeste
-von ihnen trat hervor, und redete Abaellino'n an.
-
-»Höre, Venedig ernährt fünf Banditen, wie du sie hier siehst, und für
-den sechsten, der du bist, wird sich auch Brod finden. Ich bin _Matteo_
-und der älteste von allen, der Rothkopf dort heißt _Baluzzo_, der mit
-dem glimmernden Kazzenauge da ist _Thomas_, ein Erzschelm; der Kerl
-dort, dem du die Rippen zerschelltest, ist _Petrini_, und der Wicht, der
-da bei der Molla steht, mit den dikken Mohrenlippen, ist _Struzza_. Jezt
-kennst du uns alle. Wir wollen dich zünftig machen, weil du ein armer
-Teufel bist; aber höre, bist du auch ein ehrlicher Kerl?«
-
-Abaellino lächelte, oder vielmehr grinste, und brummte: mich hungert!
-
-»Bist du ein ehrlicher Kerl?«
-
-»»Das soll die Folge entscheiden.««
-
-»Sieh, Bursch, die erste Treulosigkeit kostet dir das Leben. Wirf dich
-dem Dogen in den Schoos und umschanze dich mit aller Macht der Republik,
-wir ermorden dich im Arm des Dogen, hinter hundert Kanonen. Sez dich auf
-den Hochaltar, wir schleppen dich vom Kruzifix hinweg und ermorden dich.
--- Kerl, besinne dich, wir sind _Banditen_!«
-
-»»Das weis ich. Aber gebt mir nur Essen, dann will ich plaudern, so viel
-ihr wollt. Ich habe seit vier und zwanzig Stunden fasten müssen.««
-
-_Molla_ dekte einen kleinen Tisch, trug nach ihrem besten Vermögen auf
-und füllte die silbernen Becher mit herrlichem Wein.
-
-»Wenn er nur leidlicher, nur wie andre Menschenkinder aussähe!« brummte
-sie: »aber seiner Mutter ist gewiß in ihrer Schwangerschaft der Teufel
-erschienen, und da kam denn die abscheuliche Larve zur Welt!«
-
-_Abaellino_ lies sich nicht stöhren, sondern aß und trank als wollte er
-sich für ein halbes Jahr satt essen. Die Banditen sahn ihm mit
-Wohlgefallen zu, und stießen auf die glükliche Eroberung an, die sie
-hier gemacht hatten.
-
-Will sich der Leser diesen Abaellino denken, so stelle er sich einen
-jungen, starken Kerl vor, von dem man sagen würde, er sei schön geformt,
-wenn nicht das häslichste Gesicht, welches je ein Karrikaturmaler
-ersonnen, oder _Milton_ dem häslichsten seiner gefallenen Engel
-aufgesezt, die übrigen Schönheiten entstellte. Schwarz und glänzend,
-aber weich und lang flog sein Haar verwildert ihm um den braunen Hals
-und um das gelbe Gesicht. Der Mund schien in einer ewigen Verzerrung zu
-grinsen und dehnte sich bis zu den Ohren aus; die Augen lagen tief ins
-Fleisch vergraben und zeigten fast immer das Weisse; die gröbsten Züge,
-die je ein Holzschnittsgesicht aufzuweisen hat, traf man hier in einer
-abscheulichen Zusammensezzung an, und verlegen war man, ob diese
-widerliche Physiognomie Dummheit oder Tükke des Herzens, oder beides
-zugleich verrieth.
-
-»Nun bin ich satt!« brüllte _Abaellino_, und stürzte den vollen
-Weinbecher hinter. »Was habt ihr nun zu fragen, ich bin bereit zu
-antworten.«
-
-»Ich dächte, hub _Matteo_ an: ich dächte, du legtest einmahl ein
-Probestük von deiner Stärke ab, denn diese kömmt bei uns sehr in
-Anschlag. Bist du gewandt im Ringen.«
-
-»»Ich weis nicht.««
-
-»Molla, sezz' alles beiseite! -- Abaellino, mit wem nimmst du's unter
-uns auf? wen glaubst du so niederschmeisen zu können, wie den Poeten da,
-den Petrini?«
-
-»»Euch alle, wie ihr da seid, und ein halbes Duzzend solcher Lumpenbunde
-dazu!«« rief Abaellino, warf den Degen auf den Tisch, sprang auf und
-schielte die Bande an.
-
-Die Kerls lachten.
-
-»Na, macht das Probestük!« rief Abällino! was zaudert ihr.
-
-»Hör, Bursche, entgegnete _Matteo_: versuchs mit mir allein; und fühle
-erst, wer wir sind! denkst du, es stehn hier Knaben, oder saftlose
-Süsherrchen, die ihre Kraft in den Eiderdunen verschwizzen, oder feilen
-Mezzen vergeuden, oder dem Onan opfern?«
-
-Abaellino lachte. -- _Matteo_ wurde wild; die übrigen jauchzten.
-
-»Halloh!« rief Abaellino: »ich habe Lust zu rasen, macht euch gefaßt!«
-und in einen Klumpen stürzte er zusammen, warf den Riesen Matteo über
-sich hin, wie eine Puppe, schleuderte den Baluzzo rechts, den Petrini
-links, kehrte dem Thomas das oberst zu unterst, und strekte den Struzza
-unter die Bänke.
-
-Drei Minuten lagen die Ueberwundnen ohne sich zu regen am Erdboden
-umher, und Abaellino jauchzte und die bestürzte Molla zitterte bei dem
-schreklichen Schauspiel.
-
-»Beim heiligen Klas! rief _Matteo_ und rieb sich die mürben Schenkel:
-der ist unser Meister! Molla, dem Kerl ein gutes Nachtlager!«
-
-»»Er hat mit dem Teufel einen Bund!«« murmelte _Thomas_, und renkte die
-verschobne Gelenke in ihre Fugen.
-
-Niemand war nach einem neuen Probestük lüstern; spät wars in der Nacht,
-oder vielmehr, es graute der Morgen schon über das Meer empor und jeder
-begab sich in sein Schlafgemach.
-
-
-
-
- Viertes Kapitel.
- Banditenphilosophie.
-
-
-_Abaellino_, dieser furchtbare Riese, konnte nicht lange, ohne sich eine
-unbegränzte Hochachtung von allen seinen Spiesgesellen zu erwerben, in
-der Mitte dieser Leute leben. Jeder liebte, jeder schäzte ihn, wegen
-seiner Banditentalente, wozu nicht allein die ungeheure Kraft seines
-Körpers, sondern auch seine Klugheit, sein Wiz zu dummen Streichen
-gehörte. Auch die kleine _Molla_ hätte ihn wohl geliebt, aber -- er war
-gar zu häslich.
-
-_Matteo_ war, wie Abaellino nun bald erfuhr, der Herr dieser
-gefährlichen Bande. Er war ein raffinirender Bösewicht, unerschrokken
-vor jeder Gefahr, wizzig und schlau und gewissenloser, als ein
-französischer Finanzpächter. Er empfing die Beute und die Bezahlung,
-welche seine Untergebnen täglich einbrachten, gab davon jedem sein Theil
-und behielt für sich selbst nie mehr, als jeder andre bekam. Die Zahl
-derer, welche er schon in die andre Welt befördert hatte, war schon zu
-gros, als daß er sie angeben konnte. Sein größtes Vergnügen war, in
-einsamen Stunden diese Mordgeschichten zu erzählen, um durch sein
-Beispiel die andern zu begeistern. Er hatte seine besondre Rüstkammer;
-hier fand man Dolche von verschiednen Gestalten, mit und ohne
-Widerhaken, breit, zwei- drei- und vierschneidig. Hier fand man
-Windbüchsen, Terzerole, Pistolen gros und klein; Gifte verschiedner Art
-und verschiedner Wirkung; Kleider zu allen möglichen Verkappungen;
-Mönchs- Juden- Taglöhner- Senatoren- Soldaten- Bettlertrachten.
-
-Eines Tages rief er den Abaellino zu sich. »Höre, sagte er: Du wirst ein
-braver Kerl werden, das seh ich voraus. Fange nun auch an, das Brod, was
-wir dir geben, selber zu verdienen. -- Hier hast du einen Dolch vom
-feinsten Stahl; du läßt dir jeden Zoll daran bezahlen. Stichst du nur
-_einen_ Zoll tief in das Fleisch deines Gegners, so foderst du von dem,
-der dich besoldete, eine Guinee. Zwei Zoll, zehn Guineen; drei Zoll
-zwanzig, der ganze Dolch so viel du selber willst -- das ist so die
-Taxe. Hier hast du einen gläsernen Dolch; an ihn hängt der unfehlbare
-Tod dessen, dem er ins Fleisch gestossen wird -- kaum ist der Stich
-geschehn, so brichst du ihn in der Wunde ab, das Fleisch schließt sich
-über die abgebrochne Spizze zusammen, die bis zum Auferstehungstage
-darin ihr Quartier behält. -- Hier dieser metallne Dolch bewahrt in
-seiner Höhlung ein subtiles Gift; stoß ihn, wem du willst, in den Leib,
-drükke hart an diese Feder, und du sprüzzest in eben den Augenblik den
-Tod in die Adern des Verwundeten. -- Nimm die Dolche, ich gebe sie dir
-zum Geschenk, ein Kapital, das goldne, schwere Zinsen trägt!«
-
-_Abaellino_ nahm die Mordinstrumente mit einem leisen Schauer in die
-Hand. --
-
-»Ihr müßt euch doch schon ein großes Vermögen zusammengestohlen haben!«
-
-»»Schurke, entgegnete Matteo beleidigt: wer stiehlt unter uns. Hältst du
-uns für Straßenräuber, Beutelschneider, oder für Verwandte dieses
-Lumpengesindels?««
-
-»Vielmehr für noch etwas ärgers; denn offenherzig gesprochen, Matteo,
-jene plündern doch nur die Schränke und Geldbörsen, die sich immer
-wieder füllen lassen, aber wir nehmen dem Menschen ein Kleinod, das er
-nur einmahl hat und einmal nur verlieren kann. Sind wir nicht noch
-tausendmahl ärgere Räuber?«
-
-»Beim heiligen Klas, Abaellino, ich glaube, du willst moralisiren?«
-
-»»Ha, ha, ha, ha!««
-
-»»Nun was schwazzest du da?««
-
-»Höre, Matteo, noch eine Frage: wie finden wir uns dereinst mit dem
-Weltrichter ab?«
-
-»»Ha, ha, ha!««
-
-»Glaube nicht, daß es dem Abaellino am Muth fehlt; sieh, ich will auf
-deinen Befehl das halbe Venedig erwürgen, aber -- --«
-
-»»Närrchen, als Bandit mußt du dich über die Fabel von Tugend und Sünde
-hinweg sezzen. Was ist Tugend, was ist Laster? nichts, als ein Etwas,
-welches die Landesverfassung, Gewohnheit, Sitte, Erziehung geheiligt
-hat; und was _Menschen_ heiligen, können auch Menschen _entheiligen_;
-hätte der Senat die freimüthigen Urtheile über die venetianische Polizei
-nicht verboten: so wäre die Aeusserung solcher Urtheile keine Sünde.
-Gott frägt nicht nach Menschensazzungen, sondern nach seinem Willen. Wen
-er von uns zur Seligkeit bestimmt hat, der wird einmal selig, und wen er
-verdammt hat, der bleibt verdammt in alle Ewigkeit, und wenn er gleich
-nach menschlicher Meinung ein Heiliger wäre. Also über die Sorgen sezz'
-dich hinweg. Wir sind Menschen, so gut wie der Doge und seine Senatoren;
-wir können so gut, wie sie Gesezze geben, und aufheben, und bestimmen,
-was Sünde und Tugend sein soll.««
-
-_Abaellino_ lächelte.
-
-»»Sagst du, wir treiben ein ehrloses Gewerbe? was ist Ehre? ein Wort,
-ein leerer Schall und ein leeres Hirngespinnst. Der Knikker sagt: Ehre
-ist es reich zu sein, und die Goldstükke zu Tausenden zählen zu können.
-Ehre, sagt der Wollüstling, ist es von jedem Mädchen angebetet zu werden
-und jedes schöne Weib zu besiegen. Nein, sagt der Feldherr, Städte zu
-erobern, Armeen zu schlagen, Dörfer zu verheeren, das bringt Ehre. Der
-Gelehrte sezt seinen Ruhm in die Menge der Folianten die er geschrieben,
-oder gelesen hat; der Kesselflikker in die Kunst Scherben wieder genau
-zusammen zu kitten; die Nonne in der großen Zahl ihrer Andachtsübungen;
-die Weltdame in die Menge ihrer Vergötterer; die Republik in die Größe
-ihrer Provinzen und so, Freundchen, sezt jeder seine Ehren in etwas
-anders. Warum ist es ehrlos, wenn wir uns in unsrer Kunst Glanz und
-Vollkommenheit erringen.««
-
-»Schade, an dir verliert der Lehrstuhl einen braven Philosophen.«
-
-»»Meinst du? sieh nur Abaellino, ich bin im Kloster erzogen; mein Vater
-war ein Prälat in Lukka, meine Mutter eine keusche Nonne vom Orden der
-Urselinerinnen. Da hab ich studieren sollen, mein Vater wollte mich zu
-einem Kirchenlicht machen, aber ich fühlte mich zu einer
-Mordbrennerfakkel tauglicher. Als ich bei dem alten Pater _Hieronimus_
-die Moral studierte, sagte er mir oft, _Selbstliebe_ sei das große
-Triebrad aller menschlichen Handlungen, das Urprincip jeder Sittenlehre.
-Hieronimus hatte Recht. Gott schuf aus Selbstliebe das unermeßliche
-Universum, um sich selber zu verherrlichen, und verherrlicht zu sehn;
-jedes Thier handelt den Naturgesezzen gemäs, nach dem ehrwürdigen
-Grundsaz der Selbstliebe -- jeder Mensch ordnet seine Thaten diesem
-großen Gesez unter, und wer hat nun wider die Sittlichkeit unsers
-Geschäfts etwas einzuwenden, da wir eben dem Gesez gehorchen, dem das
-Universum Gehorsam leistet? -- Mit einem Worte, zittre nicht vor den
-Selbstgespinnsten deiner Einbildungskraft!««
-
-
-
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- Fünftes Kapitel.
- Die Einsamkeit.
-
-
-Schon über sechs Wochen war _Abaellino_ in Venedig, aber noch hatte er
-von seinen Dolchen keinen Gebrauch machen können oder wollen. Denn
-theils war er in den Straßen, Schlupfwinkeln, Pallästen und Kajütten
-Venedigs zu unbekannt, theils fehlten ihm auch noch Kunden, deren
-mörderische Aufträge er hätte executiren können.
-
-Diese Geschäftlosigkeit ekelte ihm, er wollte handeln und konnte nicht.
-
-Melancholisch schlich er umher, und seufzte. Er besuchte die
-öffentlichen Pläzze Venedigs, die Wirthshäuser, Garten- und Lustpläzze,
-aber nirgends fand er, was er suchte -- Ruhe.
-
-An einem Abend hatte er sich in einem Garten verspätet, der auf einer
-niedlichen Insel Venedigs gelegen war. Er schlich von Laube zu Laube,
-sezte sich am Ufer des Meeres nieder und sah dem Spiel der Wellen im
-Schein des Mondes zu.
-
-»So ein schöner Abend wars vor zwei Jahren, da ich Emmoinen den ersten
-Kuß raubte, und Emmoine mir Liebe schwor!« seufzte er, und schwieg und
-wehmüthige Empfindungen stiegen in ihm auf.
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-Es war so stille. Kein Lüftchen bog die Hälmchen des Grases; aber in
-_Abaellinos_ Busen stürmte es.
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-»Hätt' ich es vor zwei Jahren träumen können, daß ich einmahl in Venedig
-als Bandit meine Rolle spielen würde? O wo sind die goldnen Hofnungen,
-die lieblichen Pläne, welche meine Jugend umgaukelten? -- Ich bin ein
-Bandit, noch weniger, als ein Bettler! --«
-
-»Wenn mein grauer Vater oft im Enthusiasmus mich umschlang und rief:
-Sohn, du wirst den Namen Obizzo glänzend machen! Gott, wie bebte ich da,
-was dacht ich, was empfand ich, was wollt' da nicht alles! und der Vater
-ist tod, und sein Sohn -- -- ein venetianischer Bandit! -- wenn meine
-Lehrer mich bewunderten und liebkoseten, und sie entzükt mir zuriefen:
-Graf, ihr verewiget einst das alte Geschlecht von Obizzo! ha, was
-versprach ich mir da nicht in seliger Trunkenheit von der Zukunft! --
-Als mich Emmoinna von einer schönen That zu sich heimkehren sah, und sie
-die Arme mir entgegenstrekte und mich an ihren Busen schlos und mir ins
-Ohr lispelte: wer sollte den großen Obizzo nicht lieben, -- -- oh, oh!
-hinweg ihr Bilder der Vergangenheit, euer Erscheinen führt zum
-Wahnsinn!«
-
-Er schwieg, bis die Lippen zusammen, hielt die flache Hand vor die Stirn
-und krallte die andre zusammen.
-
-»Ein Meuchelmörder, ein Diener der Niederträchtigkeit und Büberei, einer
-der größten Schurken, den die venetianische Sonne bescheint ist -- der
-_große Obizzo_! -- pfui! -- und doch hat mich das Schiksal selber zu
-diesem unseligen Loose verdammt. --«
-
-Plözlich sprang er nach einem langen Stillschweigen auf, sein Auge
-funkelte, seine Miene verwandelte sich, sein Odem flog lauter.
-
-»Ja, beim Himmel, ja, gros konnt' ich als Graf Obizzo nicht sein, aber
-wer wehrt mirs, gros, als Bandit, zu werden? -- Vater, mein Vater!« rief
-er und sank von ungewöhnlichen Gefühlen bestürmt nieder auf die Kniee,
-und strekte die Finger empor zum Himmel, als zu einem Eide:
-
-»Geist meines Vaters, Geist meiner Emmoina, ich will eurer nicht unwerth
-sein! hört mich, wenn ihr mich umschweben dürfet, hört mich, ich will
-auch als Bandit meinen Ursprung nicht verläugnen, eure Hofnungen, mit
-denen ihr aus dieser Welt schiedet, nicht vernichten -- o, so wahr ich
-lebe, ich will der _einzige_ meiner elenden Zunft sein und werden, und
-die Nachwelt soll den Namen verehren, den ich verherrlichen kann. --«
-
-Er berührte mit seiner Stirn den Erdboden und weinte. Die Zweige
-lispelten leise im Abendwinde um ihn her, leise lispelten die Gebüsche
-und das dunkle Schilf am Gestade.
-
-Länger als eine Viertelstunde verharrte er in dieser Situazion. Große
-Gedanken flogen vor seinem Geiste vorüber; über ungeheuern Plänen
-schwindelte er und er sprang auf sie zu realisiren.
-
-»Mit fünf erbärmlichen Gaunern mach ich kein Complot wider die
-Menschheit. Ich allein muß die Republik zittern machen, und jene
-meuchelmörderischen Buben sollen in acht Tagen hängen. Fünf Banditen
-soll Venedig nicht füttern, aber einen, _einen einzigen_, und dieser
-soll dem Dogen die Spizze bieten, soll über Recht und Unrecht in der
-Republik wachen. Ehe acht Tage verfliegen, soll der Staat gereinigt sein
-von dem Auswurf des menschlichen Geschlechts, und dann steh ich noch
-allein da. An mich allein müssen sich alle jene Schurken von Venedig
-wenden, welche meine Spiesgesellen vormahls zum Morde der Rechtschaffnen
-gedungen haben. Ich lerne nun die feigen Mörder, die vornehmen Buben
-kennen, die den Matteo sonst und seine Knechte bezahlten -- ha,
-Abaellino! Abaellino! -- --«
-
-Er taumelte, trunken von seinen Hofnungen durch den Garten, rief einen
-Gondelier herbei, sezte sich in die Gondel und eilte zu der Wohnung der
-kleinen _Molla_, wo alles schon im Arm des Traumgotts hingestorben lag.
-
-
-
-
- Sechstes Kapitel.
- Rosamunde, die schöne Nichte des Dogen.
-
-
-»Hör Bursche!« sprach _Matteo_ am folgenden Morgen zum Abaellino: »heute
-sollst du dein Probestük in der Kunst machen!«
-
-»»Heute?«« murmelte _Abaellino_ durch die Zähne: »Wem gilts?«
-
-»Es ist freilich nur ein Weib, allein man muß jedem den Anfang
-erleichtern. Ich will dich selber begleiten, und sehn, wie du dich bei
-dieser Probearbeit benehmen wirst!«
-
-»»Hm!«« sagte _Abaellino_, und maß den Matteo vom Wirbel bis zu den
-Sohlen.
-
-»Heut Nachmittag um die vierte Stunde gehn wir mit einander, gut
-gekleidet in den Garten von Dolabella, auf der Südseite von Venedig.
-Hier pflegt die Nichte des Dogen Andreas Gritti, die schöne Rosamunde
-von Corfu zu baden, und nach dem Bade allein zu lustwandeln. Und dann --
-nun weißt du's.«
-
-»»Und du begleitest mich?««
-
-»Ich will von deiner ersten That ein Zuschauer sein; so pfleg ichs zu
-halten bei jedem! --«
-
-»»Wie tief der Stos?««
-
-»Bis aufs Leben! die Bezahlung ist fürstlich; ich empfange sie nach
-Rosamundens Tode.«
-
-Es wurde alles übrige verabredet. Der Nachmittag erschien. Es schlug in
-der benachbarten Benediktinerkirche vier Uhr, und Matteo und Abaellino
-machten sich auf den Weg.
-
-Sie kamen in den Dolabellischen Garten, der heut ungewöhnlich volkreich
-war; Menschen beiderlei Geschlechts durchirrten die umbüschten Gänge; in
-allen Lauben sassen die Edlen von Venedig; in allen Winkeln seufzten
-liebende Paare der angenehmern Dämmerung des Abends entgegen; und von
-jeder Seite scholl Vokal- und Instrumentalmusik um das schwelgende Ohr.
-
-_Abaellino_ mischte sich unter die Spaziergänger; er hatte seinen Kopf
-in eine ehrwürdige Perükke verstekt, die Attitüde eines podagrischen
-Alten angenommen und schlich so an einem Krükkenstok durch die
-Versammlung. Seine goldreiche Kleidung verschaffte ihm allenthalben
-Zutritt, jeder lies sich mit ihm in Gespräche über Witterung, Kommerz
-der Republik und die Kriege der Ausländer ein, und Abaellino wußte
-angenehm zu unterhalten.
-
-So erfuhr er nun auch, daß Rosamunde im Garten sei, wie sie sich heut
-gekleidet, und in welcher Gegend sie wandele.
-
-Sogleich schlich er dahin. _Matteo_ verfolgte ihn auf den Fus.
-
-In einer entlegnen Laube sas die größte Schönheit Venedigs, _Rosamunde
-von Corfu_.
-
-_Abaellino_ näherte sich der Laube; er wankte vor dem Eingang derselben,
-als ein Ohnmächtiger umher, und erregte Rosamundens Aufmerksamkeit.
-»Ach!« seufzte er: »ist denn niemand, der sich eines schwachen Greises
-erbarmet?«
-
-Die schöne Nichte des Dogen sprang eilig hervor aus der Laube, dem alten
-Mann zu helfen. »Was ist Euch, lieber Vater?« fragte sie mit einer süßen
-Stimme, und besorgtem Blik.
-
-Abaellino winkte mit der Hand zur Laube hin; Rosamunde führte ihn hinein
-und sezte ihn auf ein Rasenbänkchen.
-
-»Gottes Lohn!« stammelte Abaellino mit schwacher Stimme, und sah
-Rosamunden ins Auge und erröthete.
-
-_Rosamunde_ stand schweigend vor dem verlarvten Banditen und zitterte in
-zärtlicher Sorge -- und diese Bekümmernis macht das schöne weibliche
-Geschöpf noch schöner. -- Bebend bog sie sich mit dem halben, schlanken
-Leibe über ihren gedungnen Mörder und fragte nach einer Weile: »ists
-Euch besser?«
-
-»Besser!« stammelte der Betrüger mit matten Lippen. -- »Ihr seid die
-edle Rosamunde von Corfu, des Dogen Nichte?«
-
-»Wohl bin ichs, lieber Alter!«
-
-»»O, Fräulein, da hab ich Euch etwas wichtiges zu entdekken -- ach, du
-lieber Gott, wie können die Menschen so grausam sein -- seht nur, man
-steht Euch nach Euerm Leben.««
-
-Das Mädchen bebte erblassend zurük.
-
-»Wollt ihr Euern Mörder kennen lernen? -- Ihr sollt nicht sterben, aber
-thut mir den Gefallen und verhaltet euch ganz still!«
-
-_Rosamunde_ wußte nicht, was sie zu den Worten des Greises denken
-sollte; es wurd ihr bange in der Gesellschaft dieses alten Mannes.
-
-»Fürchtet nichts, Fräulein, fürchtet nichts, seid unbesorgt. -- Der
-Mörder soll vor euern Augen sterben.«
-
-_Rosamunde_ machte eine Bewegung, als wollte sie entfliehn. Aber
-plözlich verwandelte sich der schwache Greis vor ihren Augen. Er der vor
-einer Minute ohnmächtig nur lallen konnte, und zitternd da sas, sprang
-auf wie ein Riese und hielt sie zurük in seinen Arm.
-
-»Um Gotteswillen, laßt mich!« rief sie.
-
-»»Fräulein, seid sorglos, ich beschüzze euch!«« entgegnete Abaellino
-nahm ein kleines Blech in den Mund und pfiff.
-
-Plözlich sprang der lauernde Matteo aus einem Gesträuch hervor und in
-die Laube hinein. Abaellino zog den Dolch, schleuderte Rosamunden hinter
-sich, gieng dem Matteo einen Schritt entgegen und stieß ihm das Messer
-ins Herz.
-
-Ohne einen Laut von sich zu geben, stürzte der Banditenhauptmann zu
-Abaellinos Füßen nieder und röchelte und gab nach vielen gräslichen
-Verzukkungen den Geist auf.
-
-Jezt sah der Mörder Matteo's hinter sich, und erblikte Rosamunden
-halbohnmächtig auf der Rasenbank.
-
-»Nun ist dein Leben gerettet, schöne Rosamunde, sagte er: da liegt der
-Schurke, der mich zu deiner Ermordung hieher führte. Sei ruhig, geh hin
-zu deinem Oheim Andreas Gritti, und sage, Abaellino habe dein Leben
-erhalten!«
-
-_Rosamunde_ konnte nicht sprechen. Bebend strekte sie ihre Arme aus,
-ergrif Abaellinos Hand und küßte sie mit stummer Dankbarkeit.
-
-_Abaellino_ sah die schöne Leidende an, und wer konnte hier gefühllos
-bleiben? Man denke sich ein Mädchen, das kaum neunzehn Sommer dieses
-Lebens gesehen hatte; den schlanken Gliederbau verstekt in ein weises,
-tausendfaltiges leichtes Gewand, mit einem großen, blauen Augenpaar, aus
-welchem die reinste Unschuld sprach, einer Stirn, weis wie Elfenbein,
-über welcher das schwarze lokkigte Haar sanftgeringelt herabquoll,
-Wangen, die der Schrek izt gebleicht hatte, Lippen, die nie ein
-Verführer mit seinem Kusse vergiftet, einen Busen, den der keusche
-Flornebel vergebens verbergen wollte. Man denke sich dieses Geschöpf,
-woran die liebende Natur nichts vergas, um es zum Ideal weiblicher
-Schönheit zu erheben -- und man wirds dem ungestümen Abaellino nicht
-verargen, wenn er einige Minuten entgeistert dastand und sich um die
-Ruhe seines Herzens betrog. --
-
-»O, bei Gott! rief er: Rosamunde, du bist schön, schön wie Emmoina! --«
-Er bog sich über sie hin und drükte einen brennenden Kuß auf ihre blasse
-Wange.
-
-»»Geh, schreklicher Mensch!«« lispelte sie.
-
-»Ach, Rosamunde, warum bist du so schön, und warum bin ich -- weißt du
-wer dich küßte, geh, und sage dem Dogen laut: _der Bandit Abaellino_!«
-
-Er sprachs und verschwand aus der Laube.
-
-
-
-
- Siebentes Kapitel.
- Fortsezzung.
-
-
-Und in der That hatte _Abaellino_ Ursach zu eilen; denn wenige Minuten,
-nachdem er die Laube verlassen hatte, verirrten sich mehrere
-Spaziergänger in dieser Gegend her, die bald den ermordeten Matteo, und
-die todtenblasse Rosamunde erblikten.
-
-Man versammelte sich um die Laube: es strömten immer mehrere Personen
-herbei und _Rosamunde_ mußte fast jedem die Begebenheit der vergangnen
-Augenblicke erzählen.
-
-Es befanden sich unter den Herbeieilenden verschiedne Hofleute des
-Andreas Gritti; man rief ihre Gesellschaftsdamen und Zofen herbei, rief
-ihrer Gondel und so begab sich das arme Mädchen in den Pallast ihres
-Oheims zurük.
-
-Vergebens hielt man alle andern Gondeln an, vergebens untersuchte man
-alle Gäste des Dolabellischen Gartens, der sogenannte Bandit Abaellino
-war verschwunden. --
-
-Der Ruf dieser Geschichte flog durch ganz Venedig; jedermann bewunderte
-Abaellinos That, bedauerte die arme Rosamunde, verfluchte denjenigen,
-der den Matteo zu ihrem Morde besoldet hatte, und suchte alle diese
-unzusammenhängenden Fragmente mit dem Kitt der Hypothesen, so gut, wie
-gewisse deutsche Philosophen ihre Systeme, zusammenzuflikken.
-
-Am Ende entspann sich hieraus der schönste Stoff zu einem
-abentheuerlichen Roman, oder Trauerspiel, betitelt: _Die Gewalt der
-Schönheit_. Denn Abaellino hätte wahrscheinlich Rosamunden den Dolch ins
-Herz gestossen, meinten die venetianischen Damen und Herrn, wäre
-Rosamunde minder schön gewesen.
-
-Zulezt beneideten die Venetianerinnen Rosamunden sogar um das
-Abentheuer; man fieng schon an über den Kus des Banditen zu medisiren.
-Hm! sagten einige: was kann die schöne Rosamunde ihrem Erretter nicht in
-der Angst erlaubt haben! -- Und wird, riefen andere: und wird der Kerl
-mit einem schönen Mädchen, dem er das Leben erhielt, allein sich mit
-einem einzigen Kusse begnügt haben? -- Freilich! entgegnete man:
-Banditen pflegen sonst so sehr galant nicht zu sein und in der Liebe zu
-platonisiren! --
-
-Mit einem Worte, Rosamunde und der häsliche Abaellino waren so lange der
-Gegenstand müßiger Schwäzzer und Schwäzzerinnen, bis man endlich die
-Nichte des Andreas Gritti die _Banditenbraut_ betitelte.
-
-Keiner aber war aufgebrachter, als der Doge. Er gab sogleich Befehl, man
-solle wachsamer als je auf alle und jede verdächtige Personen sein; die
-Nachtwachen wurden verstärkt, es wurden alltäglich Spione ausgesandt,
-aber vergebens, man entdekte keine Spur von den Banditen.
-
-
-
-
- Achtes Kapitel.
- Entdekkungen.
-
-
-»Verdammt!« rief am andern Tage der wilde _Parozzi_, ein venetianischer
-Nobile erstern Ranges, und ging mit großen Schritten durch sein Gemach:
-»Verdammt sei die Ungeschiklichkeit des Schurken! aber in der That, ich
-begreif es noch gar nicht, wie sich das alles zugetragen hat! -- Weis
-man von meinen Plänen? hat Bembi Rosamundens Liebe? Wer hat den
-Abaellino wider den Matteo ausgeschikt? -- Bembi vielleicht? -- gewis!
--- Und wird der Doge nun nicht fragen: wer hat Mörder wider meine Nichte
-ausgesandt? wer kann es anders gewesen sein, als _Parozzi_, der
-unglükliche Liebhaber, dem die schöne Rosamunde einen Korb gab, und
-Andreas Gritti unhold ist? wird man sagen. -- Pfui! -- Parozzi --
-Parozzi! und wenn der schlaue Gritti all deine Pläne entdekte, wenn er
-wüßte, daß du an der Spizze mehrerer Leichtsinnigen -- Leichtsinnigen?
-ja doch, was sind die Knaben anders, die um der Ruthe zu entgehn, den
-Eltern das Haus übern Kopf anzünden wollen? -- Parozzi, wenn das alles
-dem Gritti verrathen würde!«
-
-Er wurde in seinen Betrachtungen gestört. _Memmo_, _Falieri_ und
-_Contarino_ traten herein, drei junge Venetianer vom besten Adel,
-Parozzis tägliche Gesellschafter, am Geist und Körper verdorbne
-Menschen, Springinsfelde, Bonvivants, die allen Wucherern in Venedig
-mehr schuldig waren, als sie jemals mit ihrem väterlichen Erbe bezahlen
-konnten.
-
-»Aber, Brüderchen, rief Memmo, dem das Laster in der grauen
-Gesichtsfarbe, dem trüben Blik und den rothblauen Ringen um den Augen
-verrieth; um des Himmels Willen, ich bin ausser mir, hast du den Matteo
-wider die Nichte des Andreas Gritti ausgeschikt?«
-
-»»Ich?«« sagte Parozzi, und drehte sich um, um die Todtenblässe zu
-verstekken, die ihm über das Gesicht flog: »»kein Gedanke -- ich glaube,
-du schwärmst!««
-
-Memmo. Wahrhaftig, ich spreche im ganzen Ernst; frag nur den Falieri,
-der kann dir mehr erzählen.
-
-Falieri. Höre, Parozzi, der Procurator _Sylvio_ hats dem Dogen als eine
-heilige Wahrheit beschworen, daß kein andrer, als du, den Matteo zu
-Rosamundens Ermordung bestellt habest.
-
-Parozzi. Nun, und ich sage euch, der Kerl raset.
-
-Contarino. Aber nimm du dich in Acht. Gritti ist fürchterlich.
-
-Falieri. Der Doge ist der elendeste Gauch von der Welt; er kann ein ganz
-guter Soldat sein, aber Kopf hat er nicht.
-
-Contarino. Und ich schwöre dirs, Gritti ist wild wie ein Löwe und schlau
-wie ein Fuchs.
-
-Falieri. Durch das verdammte Kleeblat, davon er der Stiel ist, der es um
-sich zusammen hält. Man nehme ihm den Sylvio, Conari, und Dandoli, so
-wird er dastehn, wie ein Schulknabe im Examen, dem mans Concept
-gestohlen hat.
-
-Parozzi. Falieri hat Recht.
-
-Memmo. Ja, wahrhaftig.
-
-Falieri. Und stolz ist der Gritti, wie ein Bauer, dem man ein
-Purpurkleid angezogen hat. Bei Gott, er ist unleidlich. Bemerkt ihr denn
-gar nicht, wie er täglich seinen Hofstaat vermehrt?
-
-Memmo. So wahr ich lebe, du hast Recht.
-
-Contarino. Und welche Gewalt er sich allenthalben anmaßt? Die Signoria,
-die Quaranti, die Procuratoren di St. Marco, die Avogadori wollen und
-wünschen nichts anders, als was dem Gritti gefällt. Alle hängen sie an
-dem Faden seiner Launen wie Marionetten, die ihre Holzköpfe schütteln
-oder verneigen, nachdem sie gezogen werden.
-
-Parozzi. Und das Volk vergöttert diesen Gritti.
-
-Memmo. Ja, das ist eben das schlimmste.
-
-Falieri. Aber ich will verdammt sein, wenn sich das Spiel nicht bald
-dreht.
-
-Contarino. Ja, nur angefangen, Leute. Aber was thun wir? da liegen wir
-in den Weinhäusern und Bordellen, saufen und spielen, stürzen uns in ein
-Meer von Schulden hinein, wo zulezt der beste Schwimmer ertrinken muß.
-Laßt uns den Anfang machen -- laßt uns werben, laßt uns angreifen, die
-Verhältnisse müssen sich ändern, oder es geht in dieser Welt mit uns
-nicht gut.
-
-Memmo. (seufzend) Freilich, freilich, die Gläubiger zerklopfen mir schon
-seit einem halben Jahr die Thüren, wekken mich des Morgens aus dem
-Schlaf und lullen mich des Abends mit ihren Klagen wieder ein.
-
-Parozzi. Ha, ha, ha! nun ihr wißt ja, wie mirs geht! --
-
-Falieri. Hätten wir minder flott gelebt: so würden wir izt ruhig sizzen
-können in unsern Pallästen, und -- Aber izt --
-
-Parozzi. Nun, wahrhaftig, ich glaube Falieri hält uns eine Buspredigt.
-
-Contarino. So machens die alten Sünder sammt und sonders, wenn sie nicht
-mehr sündigen können, dann geloben sie hoch und theuer Reue und
-Besserung. Nein, ich bin zufrieden mit meinen Ausschweifungen; ich seh
-doch daraus, daß ich kein Alltagsmensch bin, der mit seinem Pflegma
-hinter dem Ofen zusammenschurrt, Federn spizt, Männerchen malt und vor
-ungewöhnlichen Einfällen schaudert. Die Natur hat mich einmal zum
-Wildfang geboren, und ich will meine Bestimmung erfüllen. -- Brächte der
-Himmel nicht zuweilen Geister wie die unsrigen hervor: so würden die
-Menschen endlich einschlafen. Aber wir treiben die alte Ordnung aus
-ihren Fugen, und die Menschen aus ihrem Schnekkengang, geben einer
-Million Müßiggänger Räthsel auf, jagen einige hundert neue Ideen durch
-die Köpfe der großen Menge, verursachen allgemeine Gährung und sind
-zulezt der Welt so nüzlich, wie ein Sturmwind der trägen, sich selbst
-vergiftenden Natur.
-
-Falieri. Prächtige Floskeln, so wahr ich Falieri heiße; Contarino; das
-alte Rom vermißt dich. -- Allein Jammer und Schade, daß an dem Geklimper
-deiner Worte so wenig Realitäten hängen! -- siehst du, inzwischen du
-vielleicht mit deinem Rednertalent barmherzigen Ohren ermüdet hast, hat
-Falieri gehandelt. Der Kardinal Grimaldi ist mit der Regierung
-unzufrieden, Gott weis es, wodurch ihn Gritti wider sich aufgehezt hat
--- kurz Grimaldi ist von unsrer Parthei.
-
-Parozzi. (erstaunt und froh) Falieri, bist du toll -- der Kardinal
-Grimaldi?
-
-Falieri. Und er hängt an uns mit Leib und Seele. Freilich, ich habe ihm
-viel von unsern edeln Absichten, von unserm Patriotismus, von unsrer
-Freiheitsliebe vorneindbeuteln müssen, aber Grimaldi -- ist ein Pfaffe,
-das heißt, ein Gauner! und so taugt er für uns.
-
-Contarino. (reicht dem Falieri die Hand) Bravo, -- Herr Bruder, wir
-spielen den Katilina zu Venedig! -- Was mich betrifft, so hab auch ich
-gehandelt. Zwar hab ich für uns noch keinen großen Fang gethan, aber
-doch besizze ich ein großes allmächtiges Nez, womit ich den besten Theil
-Venedigs zu unsern Plänen zusammenfischen werde. -- Ihr kennt doch die
-Markise Almeria?
-
-Parozzi. Hält nicht jeder von uns eine Liste der Venetianerinnen, und
-wir sollten ^No. I^ vergessen haben?
-
-Falieri. Almeria und Rosamunde, die Losung aller Venetianer.
-
-Contarino. Almeria ist mein.
-
-Falieri. Was?
-
-Memmo. (durch die Zähne) Pest!
-
-Parozzi. Almeria?
-
-Contarino. Nun, gafft ihr mich nicht an, als weissagt ich euch den
-Einsturz des Himmels? -- Kurz, ich bin Almeriens Favorit, und mit ihr
-aufs innigste vertraut. Aber unsre Liebschaft wird verdekt gehalten; was
-ich will, will auch sie, und wie sie pfeift, so tanzt Venedigs halber
-Adel.
-
-Parozzi. Contarino, du bist unser Meister.
-
-Contarino. Und nun ahndet ihr doch nicht, welche Macht ich in den Händen
-habe?
-
-Parozzi. Ich schäme mich vor euch, denn noch hab ich nichts gethan. Wär'
-Rosamunde ermordet: so würd' ich, wenigstens euch vorlügen können, daß
-ich sie für mein Geld habe in den Himmel bringen lassen, damit Gritti
-den Hamen verlöre, womit er Venedigs erste Männer an sich gefangen hält.
-Lebt Rosamunde nicht mehr: so verliert Gritti allen Reiz; die
-glänzendsten Häuser werden von ihm ablassen, wenn ihre Hofnung zu Grabe
-geht, sich mit dem Gritti durch Rosamundens Verheurathung zu verbinden.
-Sie erbt einmahl vom Dogen.
-
-Memmo. Und damit ich eurer würdig sei, will ich -- Geld schaffen. Mein
-alter, grämlicher Oheim hinterläßt mir dem Universalerben volle Kisten
--- und der alte Filz, kann ja sterben, wenns mir gefällt.
-
-Falieri. Er hätte längst sterben können.
-
-Memmo. Ich war nur zu ängstlich -- wahrhaftig Leutchen, ihr glaubts
-nicht, ich bin zuweilen so hypochondrisch, daß es mir ist, als hätt' ich
-Gewissensbisse.
-
-Contarino. Freund, nimm einen guten Rath an. -- Geh ins Kloster!
-
-Memmo. He, he, he, he!
-
-Falieri. Wir müssen die alten Freunde, -- Matteo's Gesellschaft
-aufsuchen; die Gauner lassen sich jezt nirgends wittern.
-
-Parozzi. Und vor allen Dingen muß das Kleeblatt des Dogen verdorren oder
-abgerissen werden.
-
-Contarino. Vortrefliche Vorsäzze! wahrhaftig, wenn sie nur so schnell
-erreicht, als geträumt wären. -- Kurz, Freunde, wir begraben entweder
-unser Elend unter den Ruinen der alten Staatsverfassung, oder wir
-befestigen dieselbe noch mehr durch unsere Todtenschädel. -- In beiden
-Fällen erlangen wir Ruhe. Die Noth hat uns mit ihrer Geissel nun
-hinaufgepeitscht auf den lezten Gipfel ihres Felsen, wo wir entweder uns
-durch einen Geniestreich erretten, oder von der andern Seite in den
-Abgrund ewiger Vergessenheit und Schande hinunterschwindeln müssen. --
-Laßt uns izt nur raffiniren: woher Geld zu den nöthigsten Unkosten und
-woher Theilnehmer an unsern Plänen? Geht hin, und erobert die
-berühmtesten Mezzen Venedigs, auf deren Altären der Staatsmann, Mönch
-und Bürger opfert. Was wir mit aller Beredsamkeit, Banditen mit ihren
-Dolchen, Prinzen mit ihren Geldbörsen nicht vermögen, kann solch eine
-Phryne mit einem einzigen Blik. Wo der Wiz des Pfaffen scheitert und die
-Gewalt des Kriminalrichters ohnmächtig wird, kann noch ein Kus, ein
-süsses Versprechen Wunder thun. An dem wollüstigen Busen solcher Weiber
-schläft endlich die wachsamste Treue ein: ein Kus von solchem Weibe
-thaut der stummen Verschwiegenheit die Lippen auf und eine Schäferstunde
-kann die heiligsten Grundsäzze zu Grabe läuten.
-
-Oder will euch das Glük bei den Weibern nicht wohl, oder fürchtet ihr
-euch selber in den Nezzen verwirren zu können, die ihr für andere
-ausspannt: so versuchts mit den Pfaffen. Schmeichelt den Stolz dieser
-Hochmüthigen, malt ihnen auf das leere Blatt der Zukunft Kardinalshüte,
-Patriarcheninsuln, Bischofsstäbe und Pontificalien. Ich schwör es euch,
-sie haschen zu, und ihr habt sie in eurer Gewalt. Sie, die
-Gewissensräthe der bigotten Venetianer, lenken Mann und Weib, Edelmann
-und Bettler, Gondolier und Dogen, Gelehrte und Laien am Zaum des
-Aberglaubens. Habt ihr die Pfaffen für euch: so könnt ihr Tonnen Goldes
-ersparen, um die Gewissen zu bestechen, denn sie handeln mit dem lieben
-Gott in Compagnie, und verschenken nach ihrem Gefallen bald die ewige
-Seligkeit bald die höllische Verdammnis.
-
-
-
-
- Neuntes Kapitel.
- Mollas Häuschen.
-
-
-Kaum hatte _Abaellino_ die berüchtigte That vollbracht, die nun allen
-Venetianern Stoff zum Plaudern gab: so entwischte er so glüklich, daß
-man auch nicht den geringsten Umstand vorfinden konnte, der ihn, als dem
-Thäter verrathen, oder die Spuren seiner Flucht entdekken konnte.
-
-Er kam an Molla's Häuschen -- es war schon gegen Abend. Molla öffnete
-die Thür und er begab sich ins Zimmer. »Wo sind die andern?« fragte er
-in einem wilden Ton. _Molla_ erschrak:
-
-»Sie schlafen schon seit dem Mittag. Wahrscheinlich wollen sie in der
-Nacht auf die Jagd gehn.« --
-
-_Abaellino_ warf sich gedankenvoll auf einen Sessel.
-
-»Aber du bist ja so düster, Abaellino? sieh nur, du wirst dadurch so
-häslich. Weg mit den Falten von der Stirn, sie entstellen dich noch
-mehr.«
-
-_Abaellino_ antwortete ihr nicht.
-
-»Aber ich fürchte mich endlich vor dir. Sei doch freundlich du Riese!
-ich fange wirklich schon an dir gut zu werden, und deinen Anblik zu
-ertragen und« -- -- --
-
-»»Wekke die Schläfer!«« brummte der Bandit.
-
-»Ei, laß sie doch schlafen, die trägen Kerls, fürchtest du dich denn mit
-mir allein zu sein? Seh ich denn so schreklich aus, wie du? -- sieh mich
-doch einmal an.«
-
-Sie stellte sich in ihrer kleinen, runden Figur vor ihm hin, und
-schielte lächelnd mit lüsternen Augen zu ihm hinüber. -- Molla war in
-der That nicht häslich; ihr Stumpfnäschen, ihr brennendes Auge, ihr
-blondes Haar, das hinter der Haube wild über den vollen Busen
-herabstürzte, der in diesen Augenblikken ohnedies nur sehr leicht bedekt
-war, machte sie niedlich. Allein Molla wußte auch, daß sie ein
-Stumpfnäschen, einen sprechenden Blik, ein blondes Haar, und einen
-vollen Busen hatte. Und ihr Karakter war daher -- wie der Karakter der
-meisten Mädchen und Weiber in einem gewissen Alter, in allen Ständen.
-Ein Mädchen, die es ihrem Spiegel und ihren Schmeichlern glaubt, es sei
-schön, ist auf dem halben Wege, ihre Unschuld zu verlieren. -- Molla
-übrigens war weder Mädchen noch Weib, sondern -- -- -- was viele ihres
-Alters und Geschlechts sind.
-
-»Aber sei doch nicht so tükkisch, lieber Abaellino!« sagte sie und sezte
-sich dicht neben ihn nieder und strich ihm mit ihrer runden Hand die
-schwarzen Lokken von der Stirn.
-
-»»Wekke die Schläfer!«« rief _Abaellino_, und stierte sie verdrüslich
-an.
-
-»Ei, ich glaube gar, der Schelm will trozzen!« sagte sie und stand auf,
-warf sich auf seinen Schoos, sah ihn in die Augen -- und das Halstuch
-fiel ab.
-
-»Bösewicht! rief sie, was machst du?«
-
-_Abaellino_ konnte sich des Lächelns nicht erwehren.
-
-»Lache nur noch!« sagte sie lächelnd und faltete die Stirn, um zornig zu
-scheinen, vergab ihm aber bald die nicht begangne Sünde, schlang ihre
-Arme um ihn und drükte ihn an sich.
-
-»»Du bist ein gutes Mädgen, Molla!«« entgegnete er, sties sie sanft
-zurük und stand auf: »»in einer halben Stunde wollen wir uns beide mehr
-erzählen, jezt rufe die Schnarcher herbei, ich muß sie sprechen!««
-
-_Molla_ entfernte sich schweigend und drohte ihm im Zurüksehn mit dem
-Zeigefinger.
-
-_Abaellino_ gieng mit starken Schritten durchs Zimmer, den Kopf auf die
-Brust gesenkt, die Arme untereinander geschlagen. »Der erste Schritt,«
-dachte er bei sich! »der erste Schritt ist gethan; ein moralisches
-Ungeheuer weniger in der Welt. Ich habe in diesem Morde nicht gesündigt,
-sondern mich geheiliget. -- Gott, steh mir bei, ich habe ein großes Werk
-vor mir. -- Ach, und dann soll Rosamunde der Lohn meiner Mühseligkeiten
--- Rosamunde? die Nichte des Dogen dem verworfnen Abaellino -- o, in
-Ewigkeit geht es hier nicht gut zu Ende. Aber welch ein toller Einfall,
-ein Mädchen beim ersten Anblik -- -- Aber auch nur eine Rosamunde kann
-durch ihr erstes Erscheinen fesseln. -- Rosamunde und Emmoina! -- --
-Doch es ist schön nach Unmöglichkeiten zu haschen, es belustigen Träume
-wenigstens, und der arme Abaellino bedarf Belustigung. O wüßte die Welt,
-was Abaellino vollführen wird, ach sie würde ihn gewis lieben und
-bemitleiden! --«
-
-_Molla_ trat herein. Ihr nach folgten schlaftrunken, gähnend und schlaff
-Thomas, Baluzzo, Petrini und Struzza.
-
-»Reibt euch den Schlaf von den Augen, und überzeugt euch, daß ihr
-wachend seid, denn ihr sollt etwas hören, was ihr kaum im Traume glauben
-würdet.«
-
-Alle sahn ihn gleichgültig an. »Nun was ists denn?« fragte _Thomas_ und
-dehnte sich schläfrig.
-
-»Nichts mehr und nichts weniger, als daß unser braver, schlauer, tapfrer
-Matteo -- _ermordet_ ist.«
-
-»»Wie? -- ermordet!«« lallte jeder und starrte den Hiobsboten mit
-erschroknen Blikken an, und Molla schlug die Hände über den Kopf
-zusammen und sank kreischend auf den Sessel nieder, auf welchem sie vor
-wenigen Minuten noch um Abaellinos Zärtlichkeit buhlte.
-
-Es herrschte eine allgemeine Stille.
-
-»Donner und Wetter!« rief endlich Struzza und trat ein paar Schritt
-zurük.
-
-Thomas. Von wem?
-
-Baluzzo. Wo?
-
-Petrini. Diesen Nachmittag?
-
-Abaellino. Vor einigen Stunden im Dolabellischen Garten, wo er die
-Nichte des Dogen aufgesucht hatte -- wer ihn ermordet, das weis der
-Himmel.
-
-Molla. (heulend) Der arme Matteo.
-
-Abaellino. Morgen um diese Zeit findet ihr seinen Leichnam auf dem
-Rabenstein.
-
-Petrini. Hat man ihn denn erkannt?
-
-Abaellino. Freilich.
-
-Molla. Der arme Matteo!
-
-Thomas. Ein verdammter Streich!
-
-Baluzzo. Verflucht, das hat ihn nicht geahndet, da er von uns ging, und
-uns allen nicht.
-
-Abaellino. Nun, ihr scheint darüber bestürzt zu sein? --
-
-Struzza. Ich kann mich noch nicht erhohlen -- Der Schrek hätte mich fast
-zu Boden geschlagen.
-
-Abaellino. Ei, beileibe, ich lachte, als ich die Botschaft erfuhr. So
-früh schon am Ziele! dacht ich.
-
-Thomas. Was?
-
-Baluzzo. Ich sähe darinn nichts lächerliches wahrhaftig!
-
-Abaellino. Ihr fürchtet euch doch nicht davor, eine Gabe zu empfangen,
-die ihr selber so gern austheilt? -- Wohin strebt ihr? was dürfen wir am
-Ende unsrer Arbeiten zum Dank fodern, als Galgen und Rad und
-Scheiterhaufen? welche Monumente dürfen wir für unsre Thaten fodern: als
-Schandsäulen und Rabensteine? Wem es gelüstet auf dem großen Welttheater
-die Rolle des Banditen zuspielen, der muß vor dem Tode nicht schaudern,
-er komme in Gesellschaft des Arztes, oder des Henkers. Also lustig!
-
-Thomas. Das sei hier der Gottseibeiuns, ich kanns nicht sein.
-
-Struzza. Mir klappern die Zähne.
-
-Petrini. Hör', Abaellino, laß uns ein vernünftiges Wort mit einander
-sprechen. Dein Wiz wird hier fürchterlich.
-
-Abaellino. Ha, ha, ha, ha!
-
-Molla. Ach du armer, unglükseliger Matteo!
-
-Abaellino. Nicht doch, Molla, mein Schäzchen, wer wollte so sehr
-verrathen, daß man ein Weib sei. Komm und laß uns das Gespräch
-fortsezzen, das ich vorhin zerriß. Sez dich zu mir und gieb mir ein
-Mäulchen. --
-
-Molla. Geh, Ungeheuer.
-
-Abaellino. Hat Liebchen die Laune verloren? Nun wohl, sie wird schon
-zurükkehren, und wer weis, wie es dann um die meinige steht.
-
-Baluzzo. Daß dich der Geier fasse, Abaellino, du bist unausstehlich!
-
-Abaellino. Bist du eifersüchtig? Ho, ho, befürchte nichts!
-
-Baluzzo. Verdammt seist du mit deinem hirnlosen Gewäsch; saalbadre ein
-andermahl. Jezt laß uns überlegen, was zu thun sei?
-
-Petrini. Freilich, es ist hier nicht die Zeit zum Spassen.
-
-Thomas. Abaellino, ich halte dich für einen gewizten Kerl, gieb Rath,
-was sollen wir thun?
-
-Abaellino. (nach einer Pause) Nichts oder vieles. Entweder wir bleiben,
-_was_ wir sind, und wo wir sind, morden für Geld und gute Worte einem
-Schurken zum Gefallen jeden ehrlichen Mann, lassen uns zulezt hängen,
-rädern, braten, an die Galeeren schmieden, kreuzigen und köpfen, je
-nachdem es der blinden Justiz behagt, oder -- --
-
-Einige. Oder?
-
-Abaellino. Oder wir theilen unsern Raub, verlassen die Republik,
-beginnen ein ehrliches Leben, und söhnen den Himmel wieder mit uns aus.
-Seht, ihr habt izt soviel, daß ihr zeitlebens nicht in die verlegne
-Frage gerathen dürfet: woher nehmen wir Brod? -- Ihr kauft euch in einem
-fernen Lande eine Villa, oder ein Wirthshaus, oder treibt Handel, oder
-ein Gewerbe, welches euch besser gefällt, als die Meuchelmörderei. Ihr
-mustert die Schönen, wählt euch ein Weibchen, zeugt Söhne und Töchter,
-eßt und trinkt und wezt die Scharten aus, durch eure Ehrlichkeit, die
-ihr durch Büberei schluget.
-
-Thomas. Ha, ha, ha!
-
-Abaellino. Was ihr thut, will auch ich thun, in eurer Gesellschaft laß
-ich mich entweder hängen und rädern, oder zum ehrlichen Kerl machen. --
-Nun wählt!
-
-Thomas. Ein alberner Rath!
-
-Baluzzo. Die Wahl hält nicht schwer.
-
-Abaellino. Ich sollt' es auch glauben.
-
-Thomas. Wir bleiben beisammen, und treiben nach wie vor unser altes
-Gewerbe. Das bringt Geld und ein flottes Leben.
-
-Petrini. Mein Seel, Kerl, du sprichst mir aus dem Herzen.
-
-Thomas. Wir sind zwar Banditen, aber doch ehrliche Kerls, und der Donner
-über den, der dies läugnet. Vor allen Dingen aber müssen wir uns einige
-Tage eingezogen halten, damit wir nicht etwa verrathen werden, denn der
-Doge hat gewis izt seine Spione allenthalben. Dann aber schleichen wir
-uns, erkundigen uns nach dem Mörder Matteo's und erdrosseln ihn zum
-warnenden Beispiel ^gratis^.
-
-Alle. Bravo! bravissimo!
-
-Petrini. Und du, Thomas, bist dafür von heut an unser Meister.
-
-Baluzzo. Ja, an Matteo's Stelle.
-
-Alle. Ja, ja!
-
-Abaellino. Und ich sage, als ein braver Gesell hierzu mein herzliches
-_Amen_.
-
-
-
-
- Zweites Buch.
-
-
-
-
- Erstes Kapitel.
- Der Geburtstag.
-
-
-In ängstlicher Einsamkeit, eingeriegelt in ihren dumpfen Kammern,
-betrauerten die Banditen den Tod ihres Matteo; jeder Schlag an ihre
-Thüren machte sie zittern; jedes Geräusch auf der Straße machte sie
-grausen.
-
-Fröhlicher aber und herrlicher gings im herzoglichen Pallast einher. Der
-_Doge_ feierte den Geburtstag seiner schönen Nichte Rosamunde, und
-Venedigs Adel, die Gesandten und hohen Fremden machten mit ihrer
-Gegenwart dieses Fest zum glänzendsten in seiner Art.
-
-Keine Herrlichkeit war hier gespart, keine Quelle der Freude
-verschlossen geblieben. Ueppig buhlten alle Künste um den Vorrang;
-Venedigs erste Dichter besangen diesen Tag schöner, als je, denn sie
-sangen Rosamunden; die Tonkünstler und Virtuosen verschwendeten hier die
-Allmacht der Musik, denn es galt Rosamunden; alle athmeten Seligkeit,
-alles schwelgte in der seltnen Verbindung jeder Freude; der Geist des
-Vergnügens umschwebte den Greis und den Jüngling, die Matrone und das
-Mädchen.
-
-Selten hatte man den alten Dogen heiterer erblikt, als an diesem Tage.
-Er war ganz Leben, die fröhlichste Laune schwebte um seinen Lippen;
-gnädig und herablassend lies er niemanden seine Hoheit beahnden. Er
-scherzte bald mit den Damen, schwärmte bald unter den Masken umher, die
-den Ball glänzend machten, spielte bald mit den Feldherrn und Admiralen
-der Republik im Schach, überwand und lies sich überwinden, bald nekte er
-Rosamunden, und warnte sie, ihr Herz zu bewahren.
-
-_Dandoli_, _Sylvio_ und _Canari_, seine treuen Freunde und Räthe
-vergaßen ihr graues Alter; mischten sich unter die jungen
-Venetianerinnen und trugen scherzend jeder ihre Liebe an, nekten und
-ließen sich nekken.
-
-»Als wir vor _Scardona_ lagen, Canari, und die Türken uns dort den Sieg
-so schwer machten, da waren wir nicht so vergnügt, als an diesem Abend.
-Nicht so?« rief _Andreas Gritti_ dem alten Canari zu, der in eben dem
-Augenblik in das Seitenzimmer hinein trat, worin sich der Doge mit
-seiner Nichte allein befand.
-
-»Warlich nicht, gnädigster Herr aber es ruht sich nach solchen Arbeiten
-schön! -- Ich denke noch immer mit frohem Schauder an den neblichten
-Novemberabend, da wir Scardona eroberten und den halben Mond von den
-Stadtmauern hinunterstürzten! Bei Gott, unsre Venetianer fochten wie die
-Löwen!«
-
-Gritti. Nun, alter Kriegsgefährte, trinkt; wir haben uns Ruhe
-erstritten.
-
-Canari. Ruh und Lorbeern. -- O, bei Gott, ich bin glüklich und glüklich
-ist jeder der unter euern Fahnen gefochten. Ihr, gnädigster Herr, habt
-mich verewigt; wer hätte in der Welt an Canari gedacht, wenn Canari
-nicht mit dem großen Gritti gefochten hätte, und in Sicilien und
-Dalmatien die ewigen Trophäen der Republik Venedig aufgepflanzt hätte
-mit dem großen Gritti.
-
-Gritti. (sanftlächelnd) Der Cyprier besticht eure Fantasie, braver
-Canari.
-
-Canari. Freilich sollt ich euch nun wohl nicht gradezu den Großen
-nennen, und in eurem Beisein loben, aber ich bin alt, und mag mich nicht
-verstellen; mögen das unsre jungen Hofschranzen thun, die noch nicht im
-Pulverdampf da standen und für Venedig und Andreas Gritti fochten. --
-
-Gritti. Alter Schwärmer! -- wird der deutsche Kaiser auch so denken?
-
-Canari. Wenn Karl der fünfte nicht betrogen wird, oder sein Stolz noch
-die Größe eines andern ertragen kann: so muß er bekennen: Ich fürchte
-den Gritti von Venedig, aber auch er nur allein ist mir auf Erden
-überlegen! bei Gott, das muß Karl.
-
-Gritti. Sollte ihn die Antwort beleidigen, die ich seinem Gesandten gab,
-da er mir die Gefangennehmung des Königs von Frankreichs notifizirte? --
-
-Canari. O, gewiß, gnädigster Herr, gewiß. Aber sei es auch. Venedig
-zittert, so lange Gritti lebt, nicht. -- Aber gnädigster Herr, wenn ihr
-einmal werdet heimgegangen sein zur ewigen Ruhe und eure Helden mit
-euch! O, Venedig, Venedig, ich fürchte deine goldne Zeit neiget sich zum
-Untergange!
-
-Gritti. Lassen nicht unsre jungen Offiziere vieles hoffen?
-
-Canari. Ach was sind die meisten? Helden in den Feldern der Liebe;
-Helden hinter den Pokalen; entnervte Jünglinge, schlaff an Körper und
-Geist. Doch halt, -- nein! o, wenn man alt wird, oder neben einen
-Andreas Gritti steht, da vergißt man doch so leicht das wichtigste. --
-Ich habe eine Bitte an euch, mein Doge, eine große Bitte.
-
-Gritti. Ich bin neugierig.
-
-Canari. Seit acht Tagen befindet sich hier ein junger florentinischer
-Edelmann, Flodoard heißt er, ein herrlicher, vielversprechender Mann.
-
-Gritti. Nun?
-
-Canari. Sein verstorbner Vater war mein sehr guter Freund, er ist nun
-gestorben, der alte ehrliche Graf. Er diente in seiner Jugend mit mir
-auf einem Schiffe, hat manchen Türkenkopf hinweggesäbelt. -- Es war ein
-braver Soldat!
-
-Gritti. Ihr vergeßt seinen Sohn.
-
-Canari. Sein Sohn hält sich jezt in Venedig auf und will in Dienste der
-Republik gehn. Ich bitte bei euch für ihn, stellt den jungen Mann irgend
-wo an; er wird einmal Venedigs Stolz sein, wenn unsre Asche vom Winde
-verweht ist. Ja, bei Gott, das wird er!
-
-Gritti. Hat er Kopf?
-
-Canari. Kopf und Herz, wie sein Vater. Wollt ihr ihn sehn, ihn sprechen?
-er ist unter den Masken dort im großen Saale. -- Noch eins -- er hat von
-den Banditen gehört, die in Venedig umherspuken, das erste Probestük
-seiner Schlauheit will er euch dadurch ablegen, daß er dieß unsichtbare
-Gesindel, dem unsre Polizei vergebens nachspürt, dem Criminalgericht in
-die Hände spielt.
-
-Gritti. (verwundert) Wie ist das möglich? Graf Flodoard heißt er? sagt
-diesem Flodoard, ich verlange ihn zu sprechen.
-
-Canari. O, nun hab ich schon die Hälfte oder alles gewonnen. Denn
-Flodoarden sehn, und nicht lieben, hält so schwer, als einen Blik ins
-Paradies thun und ohne Lüsternheit zu verbleiben. Flodoarden sehn und
-ihn hassen ist so unmöglich, wie den Blindgebohrnen das Tagslicht zu
-hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm der Staar vom Auge
-gezogen, wird.
-
-Gritti. (lächelnd) Ich habe meinen alten Canari nie so schwärmerisch
-gefunden, als diesen Abend.
-
-Canari. O, bei Gott, gnädigster Herr, die Flodoarde waren seit den
-frühsten Zeiten gros. Ihres Geschlechts Stamm trug schon damals
-herrliche Zweige, als das Geschlecht der Gritti, Canari, Dandoli und
-Falieris noch unter den wilden Gesträuchen keimte. Und ich glaube, jede
-Ceder grünt noch und giebt berühmte Zweige von sich, wenn unsre Familien
-rings umher ausgestorben sind, wie dürres, schwaches Pflanzwerk.
-
-Gritti. Zeiget mir doch den Wundermann!
-
-Canari. (im Aufstehn.) Ich werd ihn herbeirufen. Ach, es thut mir wohl
-meinen alten verstorbnen Waffenbruder Flodoard in seinem Sohn wieder
-lieben zu können. -- Und, ihr edle Donna, hütet euch! hütet euch! (geht
-ab)
-
-Rosamunde. Führt nur euern Helden vor, ihr habt meine Neugierde
-gespannt.
-
-Gritti. Warum sonderst du dich so lange von den Tänzern ab, Rosamunde?
-
-Rosamunde. Ich bin ermüdet, und jezt fesselt mich noch die Neugier, den
-hochgepriesenen Flodoard zu sehn. -- Ach, lieber Oheim, mir deucht, ich
-kenne ihn schon. Unter allen Masken zeichnet sich vorzüglich eine
-griechische aus, und zeichnet sich so aus, daß man sie mit dem
-flüchtigsten Blik unter tausenden erkennt. Eine schlanke, große Gestalt,
-in jeder Bewegung so angenehm, -- und tanzt so treflich.
-
-Gritti. (lächelnd mit dem Finger drohend) Nichte! Nichte!
-
-Rosamunde. O, fürwahr, lieber Oheim ich lüge nicht -- aber doch kann es
-sein, daß der florentinische Flodoard und der Grieche zwei Personen --
--- seht, Oheim, seht dort hinunter, da, da steht der Grieche!
-
-Gritti. Und Canari neben ihm. -- Sie kommen! Nun, du bist im Errathen
-glüklich -- --
-
-Der Doge hatte kaum seine Worte vollendet, als der alte _Canari_
-hereintrath, einen schlanken Griechen an seiner Hand führend.
-
-»Seht hier den Grafen Flodoard, der um eure Gnade bittet!« sagte Canari,
-und _Flodoard_ entblößte ehrerbietig sein Haupte, zog die Larve vom
-Gesicht und verneigte sich tief vor Venedigs großen Dogen.
-
-Gritti. Ihr wollet in die Dienste unsrer Republik treten?
-
-Flodoard. Wenn. Ew. Durchlaucht mich für dieselben würdig finden.
-
-Gritti. Canari versprach mir viel Gutes von euch. Warum hat euch euer
-Vaterland nicht behalten?
-
-Flodoard. Weil dort kein Gritti lebt.
-
-Gritti. Bestätigt es sich, daß ihr die Banditen in Venedig aufgespürt
-habt?
-
-Flodoard. Ich zweifle nicht daran sie aufspüren, und sie euren Gerichten
-überliefern zu können.
-
-Gritti. Das wäre in der That von einem Fremdling viel. Ich bin begierig
-zu wissen ob ihr Wort halten könnet.
-
-Flodoard. Morgen oder Uebermorgen Durchlauchtigster Herr, hab ich mein
-Versprechen erfüllt.
-
-Gritti. Und das verspreche ihr so fest? Wißt ihr was es heißt, Banditen
-zu fangen? dies Gesindel ist unsichtbar und allgegenwärtig, man sieht es
-allenthalben, und nirgends, und noch ist es den Polizeibedienten der
-Republik nicht möglich gewesen diese Brut zu erhaschen, wiewohl kein
-Winkel in Venedig existirt, den unsre Spione nicht kennen, nicht
-durchstöbern.
-
-Flodoard. Ich schäzze mich glüklich dem großen Dogen von Venedig mich
-durch solches Probestük empfehlen zu können.
-
-Gritti. Wenn ihrs vollbracht habt, dann kommt zu mir. Jezt wollen wir
-uns der Freude überlassen, der dieser Tag geheiligt ist. -- Führt meine
-Nichte zum Tanz, wenn ihr wollet.
-
-Flodoard. Ein angenehmer Befehl. --
-
-Rosamunde stand an den Sessel ihres ehrwürdigen Oheims gelehnt, und
-musterte den Grafen, und dachte an Canari's Worte: ihn sehn und ihn
-nicht lieben hält so schwer, als einen Blik ins Paradies werfen, ohne
-lüstern zu werden. Und Rosamunde gab dem alten Canari recht. Ein helles
-Roth überflog sie, da der Oheim den Befehl gab, sie war verlegen, und
-wußte nicht, ob sie vor oder zurüktreten müßte.
-
-Und wären manche meiner Leserinnen in Rosamundens Stelle gewesen, so
-zweifle ich gar nicht, daß sie in gleiche Verlegenheit gerathen wären.
-Denn eine Gestalt, wie die Gestalt des Flodoard, ein Gesicht mit einer
-so empfehlenden Physiognomie, mit solchen karakteristischen Zügen, die
-dem Künstler nichts mehr übrig ließen, wenn er das Ideal männlicher
-Schönheit darstellen wollte, Züge, welche laut sprachen, dieser Jüngling
-trägt ein Heldenherz im Busen -- ach, die können ein armes, schwaches,
-unbefangnes Mädchen leicht in Verlegenheit sezzen.
-
-Flodoard nahm Rosamundens Hand und führte sie in den Saal der Tänzer.
-Hier drehte, hier schwang sich alles nach den Harmonien des rauschenden
-Orchesters in lieblichen Gruppen beim Schimmer der brennenden Kerzen.
-Aber Flodoard gieng bebend und bebend Rosamunde an Flodoards Hand vor
-den Reihen der Tänzer vorüber -- sie verloren sich bis zum fernsten Ende
-des herzoglichen Saals und blieben sprachlos an einem Fenster stehn, und
-sahn sich an, und sahn zu den Tänzern, und dann zum Mond hin und
-vergaßen sich und Tänzer und Mond und waren jeder allein mit sich
-beschäftigt.
-
-»Fräulein, sagte _Flodoard_ endlich nach langem Stillschweigen: das heiß
-ich unglüklich sein!«
-
-»»Unglüklich? Ich verstehe euch nicht, Herr Graf, wer ist denn
-unglüklich?«« entgegnete die schöne Rosamunde, und sah dem Jüngling ins
-Auge, und lächelte sanft.
-
-»Der, der in Elysium hineintritt und mit allem fremd ist; der, dem da
-dürstet, und den Pokal vor sich sieht, welcher nicht für ihn gefüllt
-ist.«
-
-»»Seid ihr der Fremdling in Elysium etwa, oder der Dürstige neben dem
-Pokal, der nicht für ihn gefüllt ist? Es scheint, als wolltet ihr, daß
-ich eure Worte so verstände.««
-
-»Ihr habt es verstanden, schöne Rosamunde. Und, sagt, bin ich nicht
-recht sehr unglüklich?«
-
-»»Wo ist denn das Elysium, in welchem ihr fremd wäret?««
-
-»Um Rosamunden ist Elysium.«
-
-Rosamunde schlug die Augen nieder.
-
-»Seid ihr böse? hat euch diese Offenherzigkeit gekränkt?« fuhr Flodoard
-schnell fort, und zog schüchtern ihre schöne Hand an sich. --
-
-»»Herr Graf, Florenz ist eure Vaterstadt? in Venedig haßt man
-Galanterien dieser Art. Wenigstens haß _ich_ sie, und von euch wünsch
-ich sie am wenigsten zu hören.«« Sagte Rosamunde.
-
-»Nein, Fräulein, so wahr ich lebe, hier lauschte hinter den Worten keine
-Schmeichelei.«
-
-»»Dort tritt der Doge in den Saal -- Canari und Sylvio neben ihm, er
-wird uns im Tanze vermuthen. Kommt zu den Tänzern!««
-
-Flodoard folgte ihr schweigend. Der Tanz begann. -- Himmel, wie schön
-war Rosamunde, wenn sie um Flodoarden nach den süssen Akzenten der Musik
-hinschwebte -- wie schön war Flodoard, wenn er durch die unabsehbare
-Reihe der Tanzenden hinflog, und sein Auge Rosamunden suchte! Er war
-entlarvt noch und baarhäuptig, aber jedes Auge glitschte ab von den
-Federhüten und Helmen, und hin zu dem wilden hochfliegenden schwarzen
-Haargekräusel des schönen Flodoard. -- Im Saal erhob sich ein Geflüster;
-die Tänzerinnen vergaßen ihre Touren, und die Herzen ihren gewöhnlichen
-Takt.
-
-
-
-
- Zweites Kapitel.
- Flodoard.
-
-
-Einige Abende nachher sas _Parozzi_ mit dem _Memmo_ und _Falieri_ auf
-seinem Zimmer, trübe leuchteten die Kerzen, trübe und stürmisch wars
-draußen am Himmel und düster wars in der Seele dieser Wüstlinge.
-
-Parozzi. (nach einer langen Stille) Seid ihr eingeschlafen? He, Falieri,
-Memmo, trinkt doch.
-
-Memmo. (verdrüslich) Ach!
-
-Falieri. Dein Wein schmekt mir heut wie Galle.
-
-Parozzi. Die verdammten Schurken!
-
-Memmo. Du meinst die Banditen?
-
-Parozzi. Keiner läßt sich wittern. Es ist bis zum sterben ärgerlich.
-
-Falieri. Und die Zeit verstreicht, unsre Pläne werden verrathen, und wir
-sizzen dann in den venetianischen Staatskerkern dem Pöbel zum
-Hohngelächter.
-
-(abermahlige Stille)
-
-Parozzi. (seufzend) Flodoard! Flodoard!
-
-Falieri. Der Kardinal Grimaldi erwartet mich noch diesen Abend.
-
-Memmo. Nun ich denke Contarino kann nicht mehr lange ausbleiben.
-
-Falieri. Er schwelgt gewis in diesen Augenblikken bei Almerien und
-vergißt Gott, uns, die Republik und Banditen.
-
-Parozzi. Also ihr kennt den Flodoard nicht?
-
-Memmo. Ich kenne ihn nur von Rosamundens Geburtsfest.
-
-Falieri. Parozzi ist eifersüchtig.
-
-Parozzi. O wahrhaftig nicht. Mag Rosamunde ihre Hand dem deutschen
-Kaiser oder dem ärmsten Gondelier in Venedig schenken, es wird mir
-gleichgültig sein.
-
-Falieri. Ha, ha, ha, ha!
-
-Memmo. Aber gestehn muß es der Neid, daß Flodoard der schönste Mann
-unterm Monde ist. -- Bei Gott, wär ich ein Weib, ich müßte ihn lieben.
-
-Parozzi. Nun ja, wenn die Weiber Närrinnen deines Kalibers wären, und
-auf die Schale mehr, als auf den Kern achteten -- --
-
-Memmo. Wie denn die Weiber einmal sind.
-
-Falieri. Der alte Canari scheint mit dem Flodoard schon seit alten
-Zeiten bekannt gewesen zu sein.
-
-Memmo. Freilich, der Graukopf hat ihn ja dem Dogen vorgeführt.
-
-Parozzi. (knirschend) Brüder, es nimmt ein trauriges Ende.
-
-Memmo. (seufzend) Dem Himmel seys geklagt.
-
-Parozzi. Still! -- es wird unten gepocht.
-
-Memmo. Contarino ist's. Nun werden wir bald hören, ob er die Banditen
-gefunden.
-
-Falieri. (aufspringend) Es ist sein Gang.
-
-Die Thür sprang auf. Contarino in einen Mantel verhüllt, trat herein.
-»Guten Abend!« sagte er und warf den Mantel ab -- und Parozzi, Memmo und
-Falieri bebten erschrokken zurük, und riefen: Du blutest! was hast du
-gemacht.
-
-»Kleinigkeiten« rief Contarino: »He, ist Wein da? gießt mir den ersten
-besten Becher voll, mich dürstet!«
-
-Memmo. Aber Herzensbrüderchen, du bist sehr erhizt.
-
-Contarino. (trinkt den Becher leer) Gift! Gift! schenkt ein.
-
-Falieri. (gießt den Becher voll) Du blutest!
-
-Contarino. Das weis ich; meine Schuld ists nicht.
-
-Parozzi. Laß dich verbinden und dann erzähle! was ist vorgefallen?
-
-Contarino. (trinkt) tausend Spas! he, füllt den Pokal!
-
-Memmo. Nun, da stehn mir die Sinne still,
-
-Contarino. Nicht so? Siehst du, Memmo, dafür bin ich auch Contarino, und
-nicht Memmo. -- Die Wunde blutet zwar, aber gewiß sie ist nicht
-gefährlich. (reißt das Wamms auf und entblößt die Brust) da, seht her,
-was ists mehr, als ein Hieb von zwei Zoll Länge durchs Fleisch.
-
-Memmo. (schaudernd) Brr, ein gräslicher Anblik.
-
-Parozzi. (hohlt Pflaster herbei und verbindet die Wunde, nachdem er sie
-ausgewaschen.)
-
-Contarino. Vater Horaz hat recht! der Philosoph ist alles was er sein
-will, Schuster und König und Wundarzt. Da sehe mir einer den Philosoph
-Parozzi, mit welcher Grandezza er mich zu bepflastern weis. -- Magst
-Dank haben. Nun, Leutchen, sezt euch um mich her in einen Kreis, ich hab
-euch wunderliche Geschichten zu erzählen.
-
-Falieri. Erzähle.
-
-Contarino. Ich gieng um die Abenddämmerung aus, die Banditen
-aufzusuchen. Ich kannte die Kerls von Person nicht, und sie mich eben so
-wenig. Ein abentheuerliches Unternehmen, werdet ihr sagen: Allein, ich
-thats, um euch zu überführen, man könne alles, wenn man nur können
-_will_. Ich hatte schon Notizen genug, und siehe da, in meiner
-Verkleidung lies ich mich mit einem Gondelier ins Gespräch ein. Ich
-merkte fast, daß er von dem Aufenthalt der Bravo's etwas wisse, ich
-rükte mit Geld und guten Worten näher, er desgleichen, zulezt erfuhr
-ich, daß er selber eines des saubern Gelichters sei. Ich schloß mit ihm
-einen Kontrakt, er fuhr mich auf seiner Gondel durch ganz Venedig, bald
-links, bald rechts, zulezt wußt ich in der Dunkelheit selber nicht mehr,
-in welchem Viertel der Stadt ich mich befände. Er verband mir endlich
-sogar die Augen und ich mußte mirs gefallen lassen. -- Nach einer
-Viertelstunde, hielt er die Gondel an, befahl mir auszusteigen, führte
-mich durch ein paar Straßen in ein Haus, und da in eine enge kleine
-Stube. Hier riß er mir die Binde von den Augen, ich sah mich in der
-Mitte von drei fremden Kerln und einer Weibsperson.
-
-Falieri. Ein Wetterkerl der Contarino.
-
-Contarino. Hier war keine Zeit zu verlieren: sondern ich warf mein Geld
-auf den Tisch, versprach ihnen goldne Berge und machte sie mit gewissen
-Tagen, Stunden und Zeichen bekannt, durch welche wir uns irgendwo
-zusammenfinden wollten. Gab ihnen zugleich den Befehl, den Canari,
-Sylvio und Dandoli aus dem Wege zu räumen.
-
-Alle. Bravo!
-
-Contarino. Kurz, es gieng alles glüklich von Statten; aber plözlich
-wurden wir durch einen unerwarteten Besuch gestört.
-
-Parozzi. Nun?
-
-Memmo. (ängstlich) Um Gotteswillen -- --
-
-Contarino. Man klopfte. Die Weibsperson sprang hinaus, öffnete die Thür
-und kam todtenblaß wieder zurükgestürzt in unser Zimmer und rief:
-flieht! flieht!
-
-Falieri. Nun?
-
-Contarino. Bewafnet und bewehrt traten Polizeioffiziere und Sbirren
-herein, und an ihrer Spizze der Fremdling von Florenz mit dem Degen in
-der Faust.
-
-Alle. Flodoard? Flodoard?
-
-Contarino. Flodoard!
-
-Falieri. Welcher Teufel führt den dahin?
-
-Parozzi. Hagel und Wetter, warum war ich nicht bei dir!
-
-Memmo. Da siehst du nun, Parozzi, da siehst du's, daß Flodoard kein
-feiges Weiberherz hat?
-
-Falieri. Still, laß ihn erzählen!
-
-Contarino. Wir standen, wie angedonnert, da, und keiner rührte sich. Im
-Namen der Republik und des Dogen, ergebt euch! schrie Flodoard! Der
-Satan ergiebt sich dir eher, als wir! rief ihm mein Gondelier zu und
-grif nach einem Degen; die andern rissen die Flinten von der Wand und
-ich zog die Klinge und schlug die Lampen um, damit keiner den andern
-sähe. Aber der Mond schimmerte trüb durch die Fensterscheiben. -- Ich
-dachte, hier wirds heißen: mit gefangen mit gehangen! und gieng dem
-Flodoard mit der Klinge zu Leibe. Aber meine Schläge glitten jedesmal
-von seinem Säbel ab, der wie ein Bliz um ihn herumflirrte. Ich schlug
-wie ein Rasender um mich her, aber hier ward meine Kunst zu Schanden,
-und eh ichs mir versah schlizte er mir die Brust auf. Ich fühlte die
-Wunde, sprang zurük, es fielen ein paar Schüsse, im Pulverbliz erkannte
-ich eine unbesezte Nebenthür, ich entwischte glüklich in die eine
-Kammer, schlug mit einem Faustschlag ein Fenster durch, sprang hinunter,
-lief einen Hofraum durch, überkletterte ein Paar Zäune, kam an den
-Kanal, ein Gondelier fuhr mich zum Marcusplaz und nun rannt ich zu Fus
-hieher. Da habt ihr das vermaledeite Abentheuer!
-
-Parozzi. (aufspringend) Ich werde rasend.
-
-Falieri. Alles, alles geht mit uns den fürchterlichen Krebsgang!
-
-Memmo. Der Himmel warnt uns!
-
-Contarino. Kleinigkeiten! So muß es sein. Je mehr Hindernisse, je größer
-mein Muth!
-
-Falieri. Haben dich die Banditen erkannt?
-
-Contarino. Nein, sie wissen nicht wer ich bin, noch wer sie zum Morde
-des herzoglichen Kleeblatts besolden wollte.
-
-Memmo. Ich danke Gott, daß du so glüklich davon gekommen bist.
-
-Falieri. Aber wie hat Flodoard den Aufenthalt der Banditen erfahren, da
-er doch in Venedig fremd ist?
-
-Contarino. Wahrscheinlich durchs Ohngefähr, wie ich. -- Aber meine
-Brustwunde soll er noch bezahlen!
-
-Falieri. Flodoard macht sich zu schnell merkwürdig.
-
-Parozzi. (hebt den Becher auf) Sein Tod!
-
-Contarino. (trinkt) Gift für ihn!
-
-Falieri. Ich muß mit ihm bekannter werden.
-
-Contarino. He, Memmo, schaff Geld! wann fährt dein Alter dahin?
-
-Memmo. Morgen Abend! --
-
-
-
-
- Drittes Kapitel.
- Neuer Lärmen.
-
-
-Der schöne Fremdling von Florenz war seit dem Geburtsfest der Rosamunde
-von Korfu das tägliche Gespräch und der ewige Gedanke aller
-Venetianerinnen geworden, die irgend nur entlegne Ansprüche auf
-Schönheit und Eroberungen machen konnten. Manches Mädchen schlief jezt
-unruhiger, und träumte jezt schwerer, manche vermählte Donna stellte
-jezt Vergleichungen an und seufzte; manche eingezogne Spröde besuchte
-jezt die vorzüglichsten Spaziergänge und Gärten Venedigs, wo Flodoard
-sich etwa sehn lassen dürfte.
-
-Allein seit der Zeit, daß eben dieser Flodoard an der Spizze der Sbirren
-die Banditen in ihrem Neste überfallen und mit Lebensgefahr gefangen
-genommen hatte, wurde er nun auch der Aufmerksamkeit der Männer
-würdiger. Man bewunderte nicht sowohl seine Entschlossenheit, seine
-Kühnheit, als vielmehr die Schlauheit, durch welche er die Wohnung der
-Bravo's erspäht und die scharfsichtige weltberühmte Polizei der
-Venetianer beschämt hatte.
-
-Der Doge _Andreas Gritti_ zog ihn nun öfterer zu sich in Gesellschaft,
-und fieng an, diesem wunderbaren jungen Mann mit vorzüglicher
-Hochachtung zu begegnen. Er machte ihm ein königliches Geschenk für
-seine That, wodurch er der Republik so nüzlich geworden war, und erhob
-ihn zu einer ansehnlichen Civilcharge.
-
-Allein bescheiden lehnte der liebenswürdige Florentiner diese
-Ehrenbezeugungen von sich ab. Er bat den Dogen ihm noch ein Jahr
-wenigstens zu erlauben, frei und unabhängig in Venedig leben zu dürfen;
-dann wolle er selber um ein Amt anhalten. --
-
-_Flodoard_ wohnte in dem prächtigen Pallast des alten Canari, aber lebte
-hier sehr eingezogen, studierte in den Schriften der Alten und Neuern,
-verschloß sich Tagelang in seinen Zimmern, und erschien selten nur auf
-den gewöhnlichen Promenaden.
-
-Aber _Canari_, der _Doge_, wie auch _Sylvio_ und _Dandoli_, Männer, die
-Venedigs Ruhm für Jahrhunderte gegründet hatten und glänzend erhielten,
-Männer, in deren Gesellschaft man sich aus dem Zirkel der
-Alltagsmenschen gerissen fand und im Umgang mit höhern Wesen zu leben
-glaubte, Männer, die den ausserordentlichen Jüngling Flodoard jezt in
-ihre Mitte aufnahmen, um ihn zum großen Mann auszubilden; _Canari_,
-_Gritti_, _Sylvio_ und _Dandoli_ sag ich bemerkten leicht, daß Flodoards
-Heiterkeit ein verstelltes Wesen sei, daß ein geheimer Gram an seinem
-Herzen nage.
-
-Vergebens durchforschte ihn Canari, der ihn, wie seinen eignen Sohn
-liebte, vergebens heiterte ihn der ehrwürdige Doge auf -- Flodoard
-blieb, wie er war, schwermüthig.
-
-Und _Rosamunde_? Rosamunde hätte kein Mädchen sein müssen, wenn sie
-heiter geblieben wäre: düster und melancholisch schlich sie umher, sie
-ward blas und immer blässer, der Doge, der sie zärtlich liebte, wurde
-besorgt für ihre Gesundheit, -- Rosamunde wurde zulezt wirklich krank
-und schwach, die venetianischen Aerzte verschwendeten hier umsonst ihre
-Kunst, Rosamunde mußte das Bett hüten und fieberte.
-
-In dieser Unruhe, worin sich der Doge und seine Lieblinge befanden,
-erfuhren sie eines Morgens etwas, welches ihre Sorgen allerdings aufs
-höchste treiben mußte. Denn eine solche Verwegenheit war bisher in
-Venedig unerhört gewesen, als diejenige war, welche jezt begangen ward.
-
-Die durch den Flodoard gefangenen Banditen, _Petrini_, _Struzza_,
-_Thomas_ und _Baluzzo_ lebten längst in gefänglichem Verhaft, mußten ein
-tägliches Verhör dulden und sahn mit jedem Tage ihrer Todesstunde
-entgegen -- jezt glaubten Gritti und seine Vertrauten, es sei nichts
-mehr für die öffentliche Ruhe zu fürchten und Venedig gesäubert von all
-dem Gesindel, welches sich zu Werkzeugen des Lasters gebrauchen läßt --
-als mit einemmahle an den vorzüglichsten Statüen, Straßenekken und
-öffentlichen Gebäuden folgende Addresse angeschlagen gefunden wurde.
-
- Venetianer!
-
- Struzza, Thomas, Matteo, Petrini, und Baluzzo, die bravsten
- Männer von der Welt, die, wenn sie an der Spizze einer Armee
- gestanden hätten, Helden heißen würden und izt als Banditen
- der Staatsetikette zum Opfer gebracht worden sind, existiren für
- euch zwar nicht mehr, aber mit Leib und Seele noch einer,
- dessen Name diesem Blatte unterschrieben steht. Lächerlich ist
- mir Venedigs Polizei, lächerlich der Stolz des schlauen Flodoard,
- der meine Brüder zur Schlachtbank hinschleppte. Ich lebe noch!
- Wer meiner bedarf, der suche mich, er wird mich allenthalben
- finden, wer mir verrätherisch nachspürt, wird mich nirgends sehn!
- -- Venetianer, ihr versteht mich! Wehe dem, der mich verfolgt;
- sein Leben und sein Tod ruhn in meiner Hand. -- Ich bin der
- venetianische Bandit
-
- _Abaellino_.
-
-»Hundert Zechinen!« rief der brave Doge von Venedig: »hundert Zechinen
-dem, der mir das Ungeheuer entdekt, und tausend dem, der mir es
-liefert!« --
-
-Allein umsonst flogen die Spione der Polizei umher; sie trafen keinen
-_Abaellino_. Umsonst paßten jezt alle Müßiggänger, Pflastertreter,
-Lungrer und Banqueroteurs auf, um tausend Zechinen zu gewinnen,
-Abaellino machte ihren Wiz zu Schanden.
-
-Aber allenthalben wollte man izt den Abaellino gesehn haben, der eine in
-der Gestalt eines Greises, der andre in der eines Knaben, der dritte in
-einem Weiberrok, der vierte in der Mönchskutte; es hatte ihn jeder
-gesehn und keiner.
-
-
-
-
- Viertes Kapitel.
- Das Veilchen.
-
-
-Ich erzählte den Lesern im Anfang des vorigen Kapitels, daß _Flodoard_
-so traurig und Rosamunde so düster geworden wären, aber das _warum?_ hab
-ich ihnen noch nicht entdekt.
-
-_Flodoard_, der sonst so heiter und die Seele der Gesellschaften gewesen
-war, fing seit einem _gewissen Tage_ an, ernster zu werden, und von eben
-dem Tage an verlor auch die fröhliche Rosamunde ihren Humor.
-
-An diesem Tage nämlich führte die Hand des launenhaften Ohngefährs, oder
-die Göttin Liebe, die nun zuweilen auch ihre Grillen hat, Rosamunden in
-ihren Oheimes Garten, der nur den Vertrauten des Dogen offen stand, und
-in welchem er selber in stiller Einsamkeit oft am Abend eines schwülen
-Tages ausruhte.
-
-_Rosamunde_ gieng hier die breiten, sandigen Wege auf und nieder, tief
-in Betrachtungen verloren. Sie rupfte die unschuldigen Blätter von den
-Hekken ab, und streute sie gedankenlos vor sich hin; blieb zuweilen
-plözlich stehn, gieng dann wieder einige Schritte vor, blieb wieder
-stehn, sah bald den blauen Himmel, bald die Erde an: zuweilen schwoll
-ihr schöner Busen stürmisch empor, zuweilen flog ein halbunterdrükter
-Seufzer über ihre kleinen Lippen. --
-
-»Aber er ist doch schön!« sprach sie leise, und starrte schmachtend vor
-sich hin, als sähe ihr Auge ein Etwas, das gewöhnlichen Blikken
-verschleiert ist.
-
-»Doch _Iduella_ hat auch Recht!« fuhr sie dann wieder fort, und sah böse
-aus, als wenn Iduella Unrecht gehabt hätte.
-
-Diese _Iduella_ war ihre Gouvernantin Freundin und Vertraute, eine der
-würdigsten Damen ihres Geschlechts. Rosamunde hatte nämlich ihre Eltern
-früh verloren. Die Mutter starb, da Rosamunde kaum den Mutternamen
-lallen konnte, und ihr Vater _Guiscardo_ von _Korfu_, Kommandeur eines
-venetianischen Schiffes, war vor acht Jahren mit seinem Schiffe in einem
-Seetreffen wider die Türken untergegangen, da er noch ein Mann in den
-besten Jahren war. _Iduella_ wurde nun die Erzieherin und Mutter
-Rosamundens, und nun Freundin und Vertraute ihrer kleinen Geheimnisse.
-
-Indem nun Rosamunde noch mit sich selber plauderte, trat die ehrwürdige
-_Iduella_ aus einem Seitengang hervor.
-
-Rosamunde. (bestürzt) Bist du auch hier?
-
-Iduella. (sanftlächelnd) Nun ja, du nennst mich ja gewöhnlich deinen
-Schuzgeist, und Schuzgeister müssen nie von ihren Lieblingen fern sein.
-
-Rosamunde. Höre, Iduella, ich habe deine Reden überdacht, und gefunden,
-daß sie zwar richtig und sehr weise gesprochen sind, allein -- --
-
-Iduella. Was deine Vernunft bejaht, verneint dein Herz?
-
-Rosamunde. Gewis.
-
-Iduella. Ich tadle dich auch gar nicht, liebes Kind, sondern ich habe
-dir ja selber gestanden, daß, wär ich in deinem Alter, und ein Flodoard
-erschiene, und bettelte oder bettelte nicht um meine Gunst, ich ihm
-gewis nicht böse sein würde. -- Flodoard bleibt unstreitig ein
-angenehmer, und, für jedes Mädchen von Geschmak, sehr gefährlicher
-junger Mann. Er hat viel Einnehmendes in seiner Gestalt, viel Reiz in
-seinem Umgang, viel schöne Züge in seinem Karakter -- -- aber er ist ein
-armer Edelmann, dem der Doge von Venedig unmöglich seine Nichte zur
-Gemahlin geben kann und wird.
-
-Rosamunde. (lächelnd) Ei, wer spricht denn von Gemahlin werden? ich will
-ihm ja nur -- -- nur gut sein.
-
-Iduella. So? also, würdest du zufrieden sein, wenn Flodoard sich mit
-einer andern Venetianerin -- -- --
-
-Rosamunde. (schnell) O das thut er gewiß nicht.
-
-Iduella. (lächelnd) Liebes Kind, du willst dich so gern selbst betrügen.
-Aber thu es nicht. Ein Mädchen, welches liebt, verknüpft mit den
-Gedanken an ihre Liebe zugleich den Wunsch einer ewigen Verbindung. Und
-den Wunsch darfst du hier gar nicht hegen, ohne deinen Oheim zu
-beleidigen, der, er mag der beste Mann von der Welt sein, doch dem
-eisernen Gesez der Politik und Etikette gehorchen muß.
-
-Rosamunde. Ja, ja, ich weis das sehr gut. Sieh nur, ich will ihn auch
-nicht lieben, sondern, ich will nur seine _Freundin_ sein. Und er
-verdiente gewiß, daß ich ihm gut bin; ach, glaube nur Flodoard verdient
-noch weit mehr.
-
-Iduella. Und Freundschaft und Liebe, -- o, Rosamunde, du kennst diese
-Gäste nicht. Freundschaft und Liebe vertauschen oft ihre Masken unter
-einander. Die Liebe hängt oft den Mantel der Freundschaft um, wenn man
-sie in ihrer eigenthümlichen Gestalt nicht dulden will. -- Mit einem
-Worte, liebes Kind, denk an deinen Oheim, denke daran wieviel du ihm
-schuldig bist, und opfre ihm eine Grille deines Herzens auf.
-
-Rosamunde. Ja, ich glaube beinah selber, daß nur eine vorübergehende
-Laune bei mir ist. Ich will den Flodoard nicht mehr lieben. Du kannst
-dich darauf verlassen. -- Ich bin ihm jezt gar nicht mehr gut, wenn ich
-daran denke, daß er mich von meinem lieben Oheim abwendig machen will.
-
-Iduella. (lächelnd) Solltest du so viele Gewalt über deine rebellischen
-Empfindungen haben?
-
-Rosamunde. Gewiß. Es wird sich zeigen. Ich bin ihm gar nicht mehr gut,
-dem Verführer.
-
-Iduella. (mit einem scharfen Blik auf sie) _Gar nicht mehr gut?_
-
-Rosamunde. (seitwärts blikkend) I nun ja, wohl noch _etwas_; denn hassen
-kann ich doch den armen Flodoard nicht; das hat er nicht verschuldet.
-
-Iduella. Nun, wir sprechen uns wieder. Vergiß deinen schnellen Vorsatz
-nicht so rasch, als er dir auflog. Ich will einen Besuch ablegen; die
-Gondel erwartet mich.
-
-Iduella verlor sich in den Gängen des Gartens und Rosamunde schlich
-langsam umher und träumte und dachte, wünschte und verdammte, sehnte
-sich wonach und wollte sich nicht das Ziel ihrer Sehnsucht gestehn.
-
-Es war ein heißer Sommernachmittag, und Rosamunde sah sich um nach einem
-schattigten Pläzchen. Sie suchte die Fontaine auf, neben welcher eine
-kleine Rasenbank angelegt war, worüber die zauberischen Hände der Kunst
-und Natur ein Nez von Jasmin und Epheu gewebt hatten. Dieß Pläzchen
-suchte sie auf; sie kam zur Fontaine, drehte sich um die Hekken und --
-ach! erröthend flog sie zurük, denn _Flodoard_ sas auf dem Rasenbänkchen
-unter dem Jasmin- und Epheunez neben der Fontaine und las in einem
-Bündel Schriften.
-
-Rosamunde wußte nicht ob sie fliehn, oder stehn bleiben müsse. --
-_Flodoard_ sprang auf, so bestürzt er auch war, und rettete sie aus der
-Verlegenheit, indem er ihr die Hand küßte.
-
-Jezt, wenn sie nicht wider allen guten Ton sündigen wollte, _mußte_ sie
-stehn bleiben.
-
-Flodoard behielt ihre Hand in der seinen -- was konnte sie davor, daß er
-auf den sehr natürlichen Einfall kam? die Hand zurükzuziehn? -- je nun,
-er that ja der Hand nichts zu leide, und schien in ihrem Besiz so
-glüklich zu sein -- und wie konnte Rosamunde die namenlose Grausamkeit
-begehn, und jemanden ein Glük rauben, das ihrem Glükke nicht
-widersprach?
-
-»Fräulein, sagte Flodoard, um doch etwas zu sagen; der schöne Nachmittag
-ists werth, daß man ihn im Freien verlebt!«
-
-»»Aber ich störe Euch im Studieren, Herr Graf.««
-
-»Wird man gestört in seiner Pflicht, wenn sich uns eine angenehmre
-aufdringet?«
-
-Nun war das Gespräch zu Ende. Sie sahn sich beide an, schlugen beide die
-Augen nieder, sahn beide umher nach Luft, Beeten, Himmel, Bäumen und
-Blumen, suchten Stoff für ein Gespräch und je ämsiger sie suchten, je
-weniger fanden sie, und in der peinlichsten Verlegenheit verflogen zwei
-kostbare Minuten.
-
-»Ach ein niedliches Veilchen!« rief plözlich Rosamunde, um doch etwas
-vorzunehmen, und sprang hin, bükte sich und pflükte das Blümchen,
-welches sie gewiß zu jeher andern Zeit nicht gepflükt haben würde.
-
-»»Eine schöne Blume!«« sagte _Flodoard_ und ärgerte sich über diese
-leeren Worte.
-
-»Eine herrliche Farbe!« fuhr _Rosamunde_ fort: »_Violet_, roth und blau
-so schön unter einander gemischt, wie kein Maler die Farben mischen
-kann.«
-
-»»Und ein bedeutungsvolles Blümchen! sezte er hinzu: _Roth_ die Farbe
-der Freude, _Blau_ die Farbe der Freundschaft und -- -- ach, wie
-glüklich wäre der Mann, Rosamunde, dem ihr die Blume gäbet! --
-Freundschaft und Seeligkeit hängen unauflöslich aneinander, Freundschaft
-und Seeligkeit sind inniger vermischt, als dieß Roth und Blau des
-bedeutungsvollen Veilchens!««
-
-»Was ihr nicht über eine simple Blume schönes zu sagen wißt!«
-
-»»Aber, wem wird einstens Rosamunde _das_ geben, was diese Blume
-bezeichnet? -- doch, eine alberne Frage -- ich weis auch gar nicht, wie
-ich heut beschaffen bin -- verzeiht mir den lächerlichen Vorwiz,
-Fräulein!««
-
-Er war still. Rosamunde war still; Stille herrschte am Himmel und auf
-Erden, aber nicht im Herzen der Liebenden.
-
-Aber wenn sie auch ihrer Zunge gebieten konnten, daß sie nicht Verräther
-der geheimen Leidenschaft wurde, wenn gleich die Lippen Rosamundens
-nicht gestanden: du bist es, Flodoard, dem dies Veilchen von mir gegeben
-werden soll; wenn gleich Flodoards Mund nicht fragte: Rosamunde, gieb
-mir die Blume und das was sie bedeutet! o so schwiegen doch ihre Augen
-nicht. Diese treulosen Dollmetscher heimlicher Gefühle bekannten hier
-mehr, als das Herz sich selber eingestand. --
-
-Flodoard und Rosamunde standen in süsse Quaalen versunken vor einander
-da; ihre Blikke ruhten auf einander und wurden die Herolde der
-wachsenden Empfindung. Mit einem namenlosen schwärmerischen Lächeln
-starrte die unschuldige Rosamunde den auserkornen Liebling an; und
-schüchtern zweifelnd studierte der schöne Jüngling dieß Lächeln
-Rosamundens. Und er verstand es; und das Herz pochte lauter, und rascher
-flog sein Odem.
-
-Rosamunde bebte; ihr Busen erhob sich ungestümmer; sie wurd es gewahr
-und ein liebliches Roth der Schaamhaftigkeit strömte über ihr Angesicht
-hinab.
-
-Ach, eine Ewigkeit so dazustehn, sich spiegeln zu können im liebenden
-Auge des Geliebten, hören zu können die leisen Seufzer der Sehnsucht,
-berechnen zu können am Aufwallen und Sinken des Busens, die Ebbe und
-Flut der Empfindungen -- dieß ist der erste Himmel, zu welchem die Liebe
-führt.
-
-»Rosamunde!« seufzte Flodoard unwillkührlich, und unwillkührlich
-lispelte sie: »Flodoard!«
-
-»Gieb mir das Veilchen, o mir!« stammelte er, und zitterte nicht vor
-seiner kühnen Foderung.
-
-Rosamunde hielt die Blume fest.
-
-»Fodre, fodre dafür eine Königskrone, ich will sie dir stehlen.
-Rosamunde, mir die Blume!«
-
-Sie sah den Bittenden an und schwieg.
-
-»Mein Glük, meine Ruhe, mein Leben hängt an dieser Blume. So wahr ein
-Gott lebt, ich thue dann Verzicht auf alles, was die Erde Schönes
-trägt!«
-
-Die Blume schwankte in ihrer schönen Hand.
-
-»Du erhörst mich, Rosamunde? Ich bettle nicht umsonst?«
-
-Bei dem Wort _betteln_ fiel ihr Iduella ein. Wo bleibt dein Versprechen,
-dein Vorsaz? sagte sie zu sich selber: flieh, flieh! du wirst dir und
-Iduellen und deinem Oheim treulos.
-
-Und sie zerriß die Blume.
-
-»Ich verstehe euch, Flodoard, sagte sie: aber gebt eure Pläne auf -- und
-so wie jezt laßt uns nimmer in diesem Leben wieder beisammen stehn.«
-
-Sie sprachs, drehte sich um und lies den armen Flodoard angedonnert
-stehn.
-
-
-
-
- Fünftes Kapitel.
- Abaellino.
-
-
-Kaum war sie auf ihrem Zimmer, o so beweinte sie auch schon ihre
-Heldenthat. -- Es that ihr wehe, ihn so beleidigt zu haben. Sie dachte
-sich den armen Jüngling, wie er nun nach ihrer Flucht dagestanden habe,
-niedergeschlagen, hoffnungslos mit nassen Augen. Sie sah ihn im Geiste
-sich härmen, und trostlos jammern; sah ihn, wie er nun freudenlos
-umherschlich, die Mörderin seiner Seelenruhe verdammte, dem Grabe
-entgegen hoffte und sich demselben mit jeder Thräne, die er ihrentwillen
-verweinte, näherte; sie hörte schon im Geiste die Nachricht: Flodoard
-ist gestorben! sah nun schon das Volk um seine Gruft versammelt weinen,
-um ihn, den das halbe Venedig anbetete, und die ganze Stadt und seine
-Feinde selbst bewunderten.
-
-»Nein, nein!« rief sie: »das war eine erbärmliche Heldenthat! nein,
-Flodoard, ich habe es nicht so gemeint, als ich sprach, ich liebe dich
-doch, ich will dich lieben, und wenn auch Iduella zürnt, und mein Oheim
-mich hasset!«
-
-Einige Tage nachher erfuhr sie, daß Flodoard allen seinen Bekannten sehr
-verwandelt erscheine, daß er melancholisch umherirre und sich in den
-Zirkeln der Freude nur selten hineinmische.
-
-Dies war ihrem weichen Herzen eine schrekliche Post. -- Sie floh in die
-Einsamkeit ihres Gemachs, weinte sich satt, und büßte mit tausend
-Thränen der Reue ihr Verbrechen.
-
-Niemand kannte ihrer Schwermuth Quelle niemand ihrer Krankheit Ursprung.
-Darf es uns noch wundern, wenn Rosamunde zulezt die ängstlichen Sorgen
-den alten Oheims wekte, und jeder um ihr Leben zitterte. Darf es uns
-noch wundern, wenn Flodoard sich mit seinem Seelengram den Augen der
-Welt entzog und vergebens den harten Kampf mit einer Leidenschaft
-begann, welche schon jede andre Empfindung in ihre Wirbel verschlungen
-hatte?
-
-Doch wir verlassen Rosamundens Krankenbett auf einige Augenblikke und
-besuchen zur Abwechslung die Wohnung der Rebellen, die in ihren Planen
-immer weiter rükten, immer zahlreicher, immer mächtiger und für den
-alten Andreas Gritti und sein Venedig fürchterlicher wurden.
-
-_Parozzi_, _Memmo_, _Contarino_, _Falieri_ die Häupter der werdenden
-Verschwörung versammelten sich jezt öfter im Pallast des Kardinal
-_Grimaldi_, wo sie ihre Entwürfe zur Staatsveränderung Venedigs
-gemeinsam spannen. -- Jeder handelte hier angetrieben von seinem
-Privatintresse; der eine um seiner ungeheuer angelaufnen Schulden mit
-einemmale quitt zu werden, der andre um seinem Ehrgeiz ein Opfer zu
-bringen, der dritte um Rache zu üben für gewisse längst vergährte
-Kränkungen, der vierte um seine Rechte ausgebreiteter zu machen u. s. f.
-
-Diese schreklichen Menschen, welche nichts geringers als entweder
-Venedigs Umsturz, oder Erfüllung ihrer überspannten Foderungen
-verlangten, hatten um so mehr zur Ausführung ihrer Schwindeleien Muth,
-da der größte Theil des venetianischen Pöbels, der über die neuen
-Auflagen und Steuern klagte, sich an sie schlos.
-
-Reich genug an Menschen, reich genug an Geldern, um die fürchterlichen
-Projekte zu realisiren, reich genug an kühnen, verwegnen, schlauen
-Männern, die fähig genug waren Revoluzionen anzuzetteln und
-durchzuführen, sahn sie schon stolz herab auf den guten Doge Andreas
-Gritti, der von diesem höllischen Komplot nichts beahndete.
-
-Allein ein fürchterlicher Schall wars ihren Ohren, als man die arme
-Sünderglokke läutete und die gefangnen Banditen zum Richtplaz führte,
-auf welche sie einen großen Theil ihrer Hofnungen gesezt hatten. Desto
-froher aber machte sie der Stolz des verwegnen Banditen _Abaellino_, der
-öffentlich aufzuschlagen sich erkühnte, er lebe noch in Venedig, und man
-solle nicht verzagen.
-
-Der Tollkopf ist ein Mann für uns, riefen alle entzükt, und jezt lag
-alles daran den verwegnen Menschen in ihre Verschwörung zu verzetteln.
-
-Es gelang ihnen wirklich. Abaellino fand sich zuweilen bei ihnen ein,
-aber er war in seinen Foderungen eben so vermessen, als in seinen
-Versprechungen.
-
-Alle verlangten zuerst den Tod des Prokurator Sylvio, ein Mann, der zu
-den wärmsten Freunden des Dogen gehörte, ein Mann, vor dessen Falkenblik
-sich ihr lichtscheues Gewissen fürchtete, und der den Kardinal Grimaldi
-bei dem Dogen verdrängt hatte.
-
-Aber _Abaellino_ verlangte für das Leben dieses einzigen ungeheure
-Goldsummen.
-
-»Ich versprech' es euch, sagte er, als ein ehrlicher Kerl, daß wenn ihr
-mir mein Geld gebt, der Prokurator Sylvio in der andern Stunde die Augen
-auf immer schließt. Er hänge am Himmel, oder verkerkere sich in der
-Hölle, ich finde ihn, und treffe ihn.«
-
-Was sollte man thun. Handeln ließ sich Abaellino nicht; der Kardinal
-wollte so gern seinem Ziele näher rükken, über Sylvios Grab aber führte
-sein Weg.
-
-_Abaellino_ empfieng das Geld, und am andern Morgen fehlte der
-verehrungswürdige Sylvio, der Liebling den, braven Gritti, der Stolz
-Venedigs in der Gesellschaft der Lebendigen.
-
-»Ein fürchterlicher Kerl, der Abaellino!« riefen die Verschwornen, und
-feierten triumphirend an der Tafel des Kardinals das Todesfest des
-Prokurators.
-
-Der Doge war bestürzt und lange ausser sich vor Schrek. Er sezte eine
-große Prämie darauf, wer denjenigen entdekken würde, der den Freund des
-Dogen aus der Welt geschafft hätte. -- --
-
-Es wurde dieser Wille des Dogen an allen Straßenekken ausgerufen, in der
-ganzen Republik bekannt gemacht, und einige Morgen nachher fand man
-folgenden Zettel angeschlagen an die Hauptpforte der venetianischen
-Signoria:
-
- Venetianer!
-
- Bemüht euch nicht den Preis zu verdienen, der auf meine
- Entdekkung gesezt ist. Ich selber bekenne hiemit: _Abaellino_ war
- _Sylvios Mörder, und wer ihn hascht, den will er königlich
- belohnen._
-
- Abaellino.
-
-
-
-
- Sechstes Kapitel.
- Die Entdekkung.
-
-
-Ich darfs gewiß meinen Lesern nicht erst erzälen, daß Venedig ob dieser
-Frechheit ausser sich war. Nie hatte noch ein Mensch so etwas gewagt,
-nie einer so voll stolzen Uibermuthes der berühmten Polizei Venedigs und
-der Gewalt des Dogen gespottet. Alles gerieth in Bewegung, die
-Patrouillen wurden verdoppelt, die Wachen verstärkt, die Sbirren
-umhergesandt, und niemand sah und hörte und spürte etwas von dem
-Abaellino.
-
-Die Pfaffen predigten von dem stolzen Verbrecher, und riefen die
-schlummernde Rache Gottes auf, solchen Greuel zu rügen. Die Damen
-zitterten vor dem Namen Abaellino's, denn wer konnte ihnen dafür stehn,
-daß er sie nicht, wie ehmals Rosamunden, zu seiner Braut einweihte. Die
-alten Mütterchen behaupteten fest, Abaellino hab sich dem Teufel
-verkauft und mit dessen Beistand spotte er der gerechten Wuth aller
-frommen Venetianer. Kardinal Grimaldi, Parozzi und seine Gesellen waren
-stolz auf diesen furchtbaren Bundesgenossen, und pochten jezt schon
-lauter und sahen eine Zukunft voller Triumphe. Die verwaiste Familie des
-ermordeten Sylvio rief Fluch herab auf den Mörder, und jede Thräne,
-welche sie verweinte, wünschten sie in ein Schwefelmeer verwandeln zu
-können, worinn sie den Abaellino hinabstürzen könnten. Der Doge und
-seine Getreuen betrauerten lange ihren verlornen Freund und schwuren
-nicht eher zu rasten, bis sie den heillosen Verbrecher ertappt, und
-schreklich bestraft haben würden.
-
-»Aber bei alle dem, sagte _Andreas Gritti_: bei alle dem muß ich dennoch
-gestehn, der Abaellino ist ein seltner Mensch, der, wenn er vielleicht
-an der Spizze eines Heers stände, die halbe Welt erobern würde. Ich
-möchte wenigstens den Mann nur einmal sehen!
-
-Ich will deinen Wunsch erfüllen! sagte eines Abends, da _Gritti_ allein
-in dem Garten seiner Familie auf und niederwandelte, ein unbekannter
-Mensch zu ihm: Ich will deinen Wunsch erfüllen. Sieh hier den
-_Abaellino_, den Freund des erschlagnen Sylvio und deinen und der
-Republik allgetreusten Diener! --«
-
-_Gritti_ sah auf und bebte zurük. Eine, halb in ihren Mantel vermummte
-Gestalt, mit dem scheuslichsten Angesicht von der Welt, stand vor ihm
-und röchelte ihm diese Worte zu. Er, der in den Feld- und Seeschlachten
-nie gezittert, und von keiner Gefahr aus seiner Gleichmüthigkeit gestört
-war, er, der tapfre Doge verlor in diesem Augenblik auf einige Minuten
-seine Geistesgegenwart. Sprachlos starrte er den Banditen an, der
-furchtlos vor ihm da stand, und nicht von der Majestät des Ersten in
-Venedig gerührt wurde.
-
-_Abaellino_ grinste ihn freundlich an.
-
-»Du bist ein fürchterlicher -- ein abscheulicher Mensch!« sprach
-_Gritti_ indem er sich wieder sammelte.
-
-»_Fürchterlich?_« entgegnete der Bandit: »das freut mich! --
-_Abscheulich?_ das möcht ich nicht sagen. Freilich mein Aushängeschild
-zeugt von einem abscheulichen Handwerke, aber Doge, was meinst du?
-vielleicht sind wir beide die größten Männer Venedigs, du in deiner, ich
-in meiner Art!«
-
-Der Doge lächelte unwillig.
-
-»O!« fuhr _Abaellino_ fort: »lächle nicht so ungläubig. Erlaub es
-immerhin, daß ich mich, als Bandit, mit einem Dogen vergleiche; ich
-denke immer, man darf sich mit _dem_ vergleichen, mit wem man sich
-messen darf! --«
-
-Der Doge machte eine Bewegung ihn zu verlassen.
-
-»Nicht doch!« rief der Bandit schmunzelnd: »das Ohngefähr führt solch
-ein Paar großer Männer nicht sobald wieder auf diesen kleinen Landstrich
-zusammen. Bleib doch!«
-
-»Höre Abaellino,« redete ihn der Doge an, mit aller Hoheit, die in
-seiner Gewalt stand: »Du hast große Talente vom Himmel empfangen, warum
-wucherst du mit denselben nicht besser. -- Ich verkündige dir völlige
-Verzeihung und Amnestie über alles das, was geschehen ist, unter der
-Bedingung, daß du mir den nennst, der dich zu Syivios Mörder gedungen,
-und daß du das Gebiet der Republik verlassest. --«
-
-»Hi, hi!« entgegnete Abaellino: »Über die Grillen bin ich längst
-hinweggesprungen. Menschen können für meine Sünden keinen Ablaß
-ertheilen, und an jenem Tage, wenn alle Menschen ihren Schuldbrief
-vorzeigen, werd' ich auch den meinigen aufzeigen können. Den Namen
-dessen, der mich zu Sylvios Mord bezahlte, wirst du, aber nur heute
-nicht erfahren. Ich soll das Gebiet der Republik räumen? -- warum? aus
-Furcht vor dir? hi, hi! aus Furcht vor der Republik? -- ha, die fürchtet
-den Abaellino, aber Abaellino sie nicht! Doch unter einer Bedingung
-könnt' ichs vielleicht thun -- --«
-
-»Und die wäre?« fragte der _Doge_: »willst du zehntausend Goldstükke?
---«
-
-»Ich gäbe dir selber gern zehntausend Goldstükke, wenn du deine
-häßlichen Worte ungesagt machen könntest. -- Nein, gieb mir deine Nichte
-_Rosamunde_, die, Tochter des _Guiscardo_ von _Korfu_ zur Gemahlin!«
-
-»Unmensch!«
-
-»Hi, hi! Geduld! -- Du willst nicht? --«
-
-»Fodre Geld und Gut, ich gäbe dirs. Und wenn die Republik eine Million
-an dich verlöre, sie gewönne dabei, wenn du ihre Luft nicht mehr
-verpesten wolltest!«
-
-»Wahrhaftig? -- sieh eine halbe Million beinah hab ich schon wieder
-bekommen für das Leben deiner treusten Freunde, für Kanaris und Dandolis
-Kopf! gieb mir Rosamunden, oder -- --«
-
-»Schurke!«
-
-»In vier und zwanzig Stunden sind Kanari und Dandoli zum Teufel! sag,
-Abaellino hats gesagt!«
-
-Bei diesen Worten zog der Bandit ein Terzerol hervor, schos es in die
-Luft ab -- der _Herzog_ prallte zurük, und als er sich umsah, war
-_Abaellino_ verschwunden.
-
-An eben demselben Abend, oder vielmehr in der Mitternachtsstunde stand
-Abaellino im Pallaste des Kardinal _Grimaldi_ unter den Verschwornen.
-_Parozzi_, _Memmo_, _Falieri_, _Kontarino_, welche wir schon kennen und
-andre ihres saubern Gelichters waren gegenwärtig.
-
-Man sas eben bei Tische und schwenkte die vollen Pokale. _Grimaldi_
-erzählte, wie er sich beim Dogen eingeschmeichelt und den Parozzi, Memmo
-Kontarino und Falieri empfohlen hätte; _Kontarino_ prahlte mit der
-erledigten Procuratorstelle, wie sie ihm gewiß nicht entgehn würde,
-_Parozzi_ zweifelte gar nicht an Dandolis oder Kanaris Stelle beim
-Herzog Plaz nehmen zu können, wenn sie nur erst hingerichtet sein würden
-und -- in dem Augenblik stand _Abaellino_ vor ihnen.
-
-»Na, rief er: Wein her! das Werk war vollbracht! Dandoli und Kanari
-sizzen jezt beim Teufel zum Nachtmahl! --«
-
-Alle sprangen erstaunt auf.
-
-»Und den Dogen hab ich persönlich Wahrheiten gesagt. Seid ihr nun
-zufrieden mit mir, ihr Bluthunde?«
-
-»Flodoarden noch!« schrie jauchzend _Parozzi_, und _Abaellino_ rief:
-Brr! Brr!
-
-
-
-
- Drittes Buch.
-
-
-
-
- Erstes Kapitel.
- Flodoard und Rosamunde.
-
-
-_Rosamunde_, Venedigs Liebling, war krank: _Iduella_ seufzte sich müde
-am Lager der schönen Elwin und seufzte sich wach daran. _Rosamunde_ war
-krank, ein stiller Seelenharm nagte an der Blüte ihrer Reize, -- ach,
-sie liebte den edeln _Flodoard_; aber wer hätte Flodoarden auch _hassen_
-können. -- Sein Heldenwuchs, sein schönes Angesicht, sein
-schwärmerischer Blik, sein ganzes Wesen predigte laut: seht hier den
-Favoriten der Natur -- und Rosamunde? -- Rosamunde liebte die Natur so
-sehr!
-
-Aber _Flodoard_ war auch kränklich. Er schlos sich oft ein: vermied alle
-Gesellschaften, oder reiste zur Erheiterung seines Geistes durch die
-Städte der Republik. Oft war er Wochenlang abwesend, und wenn er dann
-wieder kam, o, wie sehnsuchtsvoll erwartete ihn dann jeder
-Familiencirkel, in welchen er eingeweiht war!
-
-Jezt war er drei Wochen von Venedig abwesend gewesen. Niemand wußte von
-ihm, in welchen Gegenden er umherschwärmte. Der Doge hätte ihn so gern
-jezt gehabt, um sich nach so vielen Fatalitäten etwas in seiner
-Gesellschaft zu zerstreuen, und -- wie gerufen -- erschien er nun.
-
-»Lieber Flodoard!« seufzte der _Doge_, als _Flodoard_ zu ihm in das
-Zimmer trat: »ihr müßt euch nicht nicht so lange von uns entfernen. Ich
-bin jezt ein verwaister Mann. Ihr wißt doch schon, daß mein Kanari, mein
-Dandoli --« -- --
-
-»Alles« entgegnete _Flodoard_ mit verbißnem Schmerz.
-
-»Es schleicht der Teufel durch Venedig, unter dem Namen _Abaellino's_,
-und raubt mir alles, was mir theuer ist. Flodoard, ich zitterte auch
-schon für euch. -- Wir haben vieles, vieles mit einander zu reden, aber
-jezt gebricht mir die Zeit. Es hat sich ein Fremder melden lassen; ich
-muß ihn empfangen. Aber --« --
-
-In diesem Augenblik schwankte _Rosamunde_ aus einem Nebenzimmer herein.
-Sie sah Flodoarden und bebte seitwärts. Flodoard schlug die Augen nieder
-und begrüßte bebend die holde Nichte des bekümmerten Dogen.
-
-»In einer halben Stunde werd' ich euch rufen lassen;« fuhr der Herzog
-fort; »unterhaltet meine kranke Nichte.«
-
-Der ehrwürdige _Gritti_ verlies den bestürzten Jüngling. _Rosamunde_
-trat an ein Fenster. Flodoard schlich ihr langsam nach.
-
-Verlegen standen sie beide da -- sahen bald hinaus auf den St.
-Markusplaz, bald nach den herrlichen Gemälden des herzoglichen Zimmers,
-bald auf ihre Fingerspizzen.
-
-»Ihr zürnet noch?« stammelte endlich Flodoard, und dachte an die fatale
-Gartenscene.
-
-»Ich zürne nicht,« antwortete Rosamunde, und ein schönes Roth flog über
-die blassen Wangen.
-
-Flodoard. (mit festerer Stimme) Und ihr habt mir meine Sünde ganz
-vergeben?
-
-Rosamunde. (vor sich nieder lächelnd) _Sünde?_ -- nun ja, ganz vergeben.
--- Ein Sterbender muß ja gern verzeihn, damit Gott in seinem Gericht
-auch gern verzeihe. Und ich bin eine Sterbende -- ich fühl es.
-
-Flodoard. Sennora!
-
-Rosamunde. Zweifelt nicht. Seit gestern hab ich zwar das Krankenlager
-verlassen, aber, es ahndet' mir, ich werd' es bald wieder aufsuchen, um
-es nie wieder zu verlassen. Und darum -- darum bitt ich auch von euch
-Verzeihung, wenn ich euch gekränkt haben sollte.
-
-Flodoard. (schweigt)
-
-Rosamunde. Ihr scheinet sehr rachsüchtig, sehr unversöhnlich zu sein.
-
-Flodoard. (lächelt sie wehmüthig an)
-
-Rosamunde. (ihm die Hand reichend) Nun, Signor, alles vergessen?
-
-Flodoard. Nein, nein! das kann ich nicht. Ich kann nichts vergessen, was
-ich mit euch gelebt habe. Ich will nichts vergessen, die Auftritte sind
-mir zu heilig. -- Aber verzeihen? (indem er ihre Hand an seinen Mund
-drükt) Ach, wollte Gott, ihr hättet mich recht sehr beleidigt, theure
-Sennora, recht sehr beleidigt, dann könnt ich euch auch sehr vieles
-verzeihn -- aber jezt kann ich nichts vergeben. (lange Pause)
-
-Rosamunde. Ihr habt wohl viel umhergeschwärmt seit den lezten Wochen.
-
-Flodoard. Viel.
-
-Rosamunde. Und hattet vieles Vergnügen?
-
-Flodoard. (schnell) Warum nicht? man sprach ja allenthalben mit mir von
-Rosamunden.
-
-Rosamunde. (mit einem strafenden Blik und sanften Ton) Flodoard?
-
-Flodoard. Und wißt ihr, welchen Plan ich nun habe?
-
-Rosamunde. Wieder fortzureisen?
-
-Flodoard. Getroffen, und zwar um nie wieder nach Venedig heimzukehren.
-
-Rosamunde. (überrascht) Nicht doch, Flodoard! Flodoard, das solltet ihr
-können? (vor ihren Worten erröthend. ) Ihr -- ihr scherzt!
-
-Flodoard. So wahr Gott lebt, ich habe nie ernster gesprochen!
-
-Rosamunde. (mit einem intressanten Blik) Nein, Flodoard, ich glaub es
-euch in Ewigkeit nicht.
-
-Flodoard. Hab ich schon allen Glauben bei euch verloren?
-
-Rosamunde. Und wohin wollt ihr, wenn ich darum fragen darf?
-
-Flodoard. Nach Maltha, und mit den Malthesern wider die Korsaren. Der
-Himmel wirds doch geben, daß ich mich zum Kommandeur eines Schiffs
-aufschwinge -- das Schiff führe dann den Namen _Rosamunde_, und das
-Schlachtgeschrei sei _Rosamunde_! Ich hin dann gewiß unüberwindlich! --
-
-Rosamunde. Ihr spottet bitter, aber bei Gott, das hat Rosamunde um euch
-nicht verdient.
-
-Flodoard. Spott? -- ich euch verspotten? -- wahrhaftig ich spotte nicht,
-die Zeitungen mögen über Jahr und Tag mich und diese Stunde
-rechtfertigen.
-
-Rosamunde. (ihn anstarrend) Ihr treibt es weit mit euern Wiz.
-
-Flodoard. (lächelnd) Nun ja, und wem verdank' ich diesen Wiz? kurz und
-gut, Sennora, ich verlasse Venedig, um euch keine unangenehme
-Augenblikke zu schaffen. Vielleicht sehn mich die türkischen Freibeuter
-lieber.
-
-Rosamunde. Man sollte auf euch Jagd machen; ihr freibeutert nur zu sehr
-und selbst auf festem Lande.
-
-Flodoard. Gott weis es, und bin ein sehr unglüklicher Freibeuter auf
-festem Lande, denn ich gerathe da in Gefangenschaft, wo ich zu siegen
-träumte.
-
-Rosamunde. (ausweichend) Und ihr könntet den Dogen verlassen, der euch
-so sehr schäzt?
-
-Flodoard. Die Liebe des Dogen ist mir theuer. Aber, bei Gott, Rosamunde,
-sie macht mich nicht glüklich, und wenn man mir Königreiche zu Füssen
-legte, sie machten mich nicht glüklich --
-
-Rosamunde. Bedürft ihr zu euerm Glük soviel?
-
-Flodoard. Viel, unendlich viel! -- ich habe darum gebettelt -- (indem er
-sie anstarrt und ihre Hand heftig drükt) ich habe darum gebettelt --
-Rosamunde, und man hat mirs abgeschlagen.
-
-Rosamunde. Ihr seid ein Schwärmer!
-
-Flodoard. (sich näher an sie schließend) Rosamunde!
-
-Rosamunde. (zitternd) Was wollt ihr?
-
-Flodoard. (halbleise) Mein Glük!
-
-Rosamunde. (sieht ihn ein Weilchen an, zieht ihn zu sich, stößt ihn
-wieder zurük) Geht! geht! um Gotteswillen geht! --
-
-Flodoard. (wandelt langsam und traurig mit untereinander geschlagnen
-Atmen durchs Zimmer)
-
-Rosamunde. (schwankt ihm nach, nimmt seine Hand -- sinkt an seine Brust)
-Flodoard!
-
-
-
-
- Zweites Kapitel.
- Ein fürchterliches Versprechen.
-
-
-Heil dem glüklichen _Flodoard_, er hatte überwunden! er hielt das
-liebende Mädchen in seinen Armen fest, und glaubte eine Gottheit zu
-umarmen. Fest schlang sich Rosamundens Hand um Flodoardens Nakken; er
-war der ihrige, dem sie so manche Thräne geweint, so manchen Seufzer
-geseufzt, so manchen Traum geträumt hatte.
-
-Dicht in einander verschlungen, standen sie da, eine herrliche Gruppe
-für den Pinsel einer Angelika Kaufmann -- und die Engel Gottes schwebten
-unsichtbar über die Liebe dieser Heiligen.
-
-Nur einmahl schlägt unter allen tausend Stunden des Lebens dem
-Sterblichen eine _solche_ Stunde: Heil dem, der sie noch erwartet, Heil
-dem, der sie noch genießet! Man sage immerhin, es ist doch nur
-Gaukelspiel der entzükten Einbildungskraft, ein leicht verdunstender
-Rausch der Sinnlichkeit -- o, nennt mir unterm Mond eine Seeligkeit,
-welcher die Einbildungskraft ihren Zauber nicht leiht! --
-
-Flodoard und Rosamunde vergaßen nun zum erstenmahle, daß sie Menschen
-wären. Das Zimmer um ihnen her ward zum Himmel; die Erde der Altar
-Gottes, ihre Seufzer, ihre Küsse wurden Lobgesänge dessen, der das
-Hochgefühl der Liebe gab!
-
-»Ich bin dir gut!« lispelte Rosamunde und gedachte nicht ihrer Iduella:
-»ach, ich bin dir nur zu gut, Flodoard! --«
-
-Der _Jüngling_ antwortete nichts. _Rosamunde_ stammelte ein leises, Ach!
-und Lippe glühte an Lippe, Busen stürmte an Busen, Arme hingen gewunden
-um Arme.
-
-Und -- plözlich eröffnete sich die Seitenthür.
-
-Der Doge _Andreas Gritti_ trat schon wieder herein. Der erwartete Fremde
-war, Kränklichkeiten halber, nicht erschienen. --
-
-_Flodoard_ und _Rosamunde_ hörten den Hereinkommenden nicht.
-
-_Gritti_ stand bestürzt da, er sah der Scene einige Augenblikke zu,
-seine Mienen verzogen sich in ein sanftes Lächeln, er drehte sich um und
-ging wieder zurük.
-
-Das Geräusch seines Kleides an der hohen Flügelthür erwekte die Trunknen
-aus ihrem Wonnetraum. _Rosamunde_ riß sich mit Entsezzen los; _Flodoard_
-verlor seine Geistesgegenwart aber keineswegs.
-
-»Gnädigster Herr!« rief er dem Dogen nach -- --
-
-Der _Herzog_ wandte sich um und _Flodoard_ lag zu seinen Füssen.
-
-Gritti sah mit stiller Würde und mit Ernst auf den Knieenden hernieder.
-
-»Ich mag eure Vertheidigung nicht hören!« sagte der Doge mit steigender
-Stimme.
-
-»Nein,« entgegnete _Flodoard_, mit festem Tone: »nein, gnädigster Herr,
-_ich_ bedarf keiner Vertheidigung, daß ich Rosamunden liebe, wohl muß
-sich _der_ vertheidigen, der sie _nicht_ liebte! Ists aber ein
-Verbrechen, daß ich Rosamunden anbete, o so mag mich Gott von dieser
-Sünde frei sprechen, weil er Rosamunden so schön erschuf.« --
-
-»Ihr scheint auf eure wizzige Apologie vielen Fleiß verwandt zu haben;
-aber sie verfehlt ihren Zwek,« versezte _Gritti_.
-
-»Ich sag es noch einmahl, gnädigster Herr!« erwiederte _Flodoard_, und
-stand auf: »entschuldigen will ich mich nicht. Aber ich will mehr, ich
-bitte bei euch um Rosamunden.«
-
-Gritti stierte den Kühnen mit einem fremden Blik an.
-
-»Freilich, gnädigster Herr, freilich bin ich ein armer Edelmann, und es
-scheinet Verwegenheit zu sein, wenn ein solcher um die Nichte des
-Venetianischen Doge buhlt. Aber, beim Himmel, ich glaube der große
-Gritti wird seine Rosamunde nicht an Männer verschenken, die nur mit
-Goldstükken, Grafschaften, und Titeln prahlen, oder sich in den Glanz
-ihrer Ahnen verhüllen, wenn sie nicht selber glänzen. -- Ich gesteh es
-freilich, noch besizze ich keine Verdienste, die mich eurer Rosamunde
-würdig machen könnten, aber ich will sie mir erwerben. -- --«
-
-Der Doge drehte sich unwillig um. _Rosamunde_ flog herbei und schlang
-ihren Arm um Grittis gebeugten Nakken. --
-
-»Zürnet nicht!« rief sie und verbarg ihr bethräntes Antliz an dem Busen
-ihres Oheims.
-
-»Fodert!« rief _Flodoard_; »was muß ich sein, was soll ich thun, um
-Rosamunden zu erhalten von euch. Fodert, es soll mir das Schwerste ein
-Kinderspiel werden. Beim Himmel, ich wünschte Venedig läge unter der
-gräslichsten Gefahr, oder euer Leben würde von zehntausend Dolchen
-bedroht -- dann dürft ich hoffen Rosamunden zu verdienen. Ich rettete
-Venedig und schlüge zehntausend Klingen zurük. --«
-
-Gritti lächelte bitter. »Ich habe,« sagte er: »ich habe der Republik
-viele Jahre gedient; ich habe Leben und Blut gewagt, ich erwartete
-wenigstens zur Belohnung ein sanftes, glükseliges Alter -- aber ich habe
-mich betrogen. Meine alten Freunde werden mir durch Banditen geraubt und
--- ihr, Flodoard, ihr nehmt mir nun noch diese einzige, die bisher meine
-lezte Freude war. -- -- Höre, Rosamunde, liebst du den Flodoard
-wirklich?«
-
-Flodoard zitterte. _Rosamunde_ ergriff des Jünglings Hand und --
-schwieg.
-
-Gritti wandte sich aus Rosamundens Arme, und gieng langsam mit tiefem
-Ernste im Zimmer auf und nieder. Rosamunde warf sich auf einen
-benachbarten Sessel; und weinte. _Flodoard_ beobachtete den Dogen.
-
-So verstrichen einige Minuten. Es herrschte im Zimmer eine feierliche
-Stille; _Gritti_ schien mit einem fürchterlichen Entschlusse schwanger
-zu gehn. Bekümmert erwarteten die Liebenden den Ausgang der Geschichte.
-
-Plözlich blieb der Doge in der Mitte des Zimmers stehn. »Flodoard!«
-sprach er, und Flodoard nahte sich ihm ehrerbietig: »Flodoard, ich habe
-den Entschluß gefaßt: Liebt euch meine Rosamunde, wohl, so mag sie es
-thun; ich will der Wahl ihren Herzens keine Schranken bauen. Aber
-Rosamunde ist mir viel zu theuer, als daß ich sie dem ersten besten
-überlassen könnte, der sie fodert. Der Mann, dem ich Rosamunden lasse,
-muß Rosamundens werth sein; sie soll eine Belohnung seiner Verdienste
-werden. Noch habt ihr euch nur geringe Verdienste um unsern Staat
-erworben -- es ist jezt Gelegenheit da, euch ein sehr großes zu
-verschaffen. Schafft mir den Mörder Sylvios, Kanaris und Dandoli's --
-schafft mir den fürchterlichen Banditenkönig _Abaellino_ tod oder
-lebendig! --«
-
-Flodoard trat bei dieser Foderung, an deren Erfüllung sein Wohl und Weh
-hieng, erblassend zurük. »Gnädigster Herr -- --« stammelte er.
-
-»Ich weis, fuhr _Andreas Gritti_ fort: ich weis sehr gut, welch eine
-Foderung ich wage, wenn ich den _Abaellino_ fodre. Lieber will ich
-selber mich durch eine türkische Flotte schlagen und das Admiralschiff
-aus ihrer Mitte stehlen, als diesen Abaellino fangen, der mit der Hölle
-einen Bund geschlossen zu haben scheint, der allenthalben und nirgends
-ist, den viele gesehn haben und den keiner kennt, der den Wiz unserer
-Staatsinquisitoren, des Collegiums der zehn Männer und ihrer Spione zu
-Schanden macht; vor dem jeder edle Venetianer zitiert, vor dessen Dolch
-ich selber auf meinem Throne nicht sicher bin. -- Ich weis es, was ich
-fodre, aber, Flodoard, ich weis auch, was ich gebe. Ihr seid verlegen?
--- Ihr schweiget? -- Flodoard, ich habe euch lange genug beobachtet, ich
-habe in euch Spuren eines wahrhaft großen Geistes entdekt -- darum wag
-ich die Foderung, ists einer vermögend, den Abaellino zu fassen, so
-glaub ich seid ihrs. -- Nun?«
-
-Flodoard gieng schweigend vor sich umher; ein fürchterliches Wagestük
-wars, das er unternehmen sollte, wehe, wenn Abaellino sein Vorhaben
-erfuhr! aber _Rosamunde_ war der _Preis_! Er warf einen Blik auf das
-Mädchen, und sein Plan war entworfen, alles zu wagen.
-
-Er gieng zum Dogen.
-
-Gritti. (sanft) Nun, Flodoard?
-
-Flodoard. (mit großem Nachdruk) Erhalt' ich warlich dann Rosamunden,
-wann ich euch den Abaellino überliefre? --
-
-Gritti. Nicht eher.
-
-Rosamunde. Flodoard! Flodoard! das Spiel endet sich schreklich -- hüte
-dich selber vor Abaellinos Dolch!
-
-Flodoard. (indem er mit den Zähnen knirscht) Still! -- (gefaßt)
-Gnädigster Herr, gebt mit eure Herzogliche Hand darauf.
-
-Gritti. Ich schwör es euch, Flodoard, schafft ihr mir den schreklichen
-Feind der Republik lebendig oder tod, so geb ich euch Rosamunden mit
-fürstlicher Aussteuer zur Gemahlin!
-
-Flodoard. (hält schweigend die Hand hin)
-
-Gritti. Hier empfangt meine Herzogliche Rechte.
-
-Flodoard ging in Gedanken verloren durch das Zimmer. Im Thurme der St.
-Markuskirche schlug es fünf Uhr.
-
-»Der Abend übereilt uns!« tief _Flodoard_ »wohlan so sei's; in _vier und
-zwanzig Stunden_ überliefr' ich euch den fürchterlichen Banditen
-Abaellino.«
-
-Gritti. (betroffen) Junger Mensch, versprecht weniger und leistet mehr.
-
-Flodoard. (ernst und fest) Es gehe wie es gehe, ich halte entweder mein
-Wort, oder trete nimmermehr wieder über die Schwelle eures Pallastes.
-Ich habe Spuren und sichre Merkmahle von dem Bösewicht -- entweder spiel
-ich morgen um diese Zeit ein Lustspiel, oder es werde in Gottesnamen ein
-Trauerspiel!
-
-Gritti. Uebereilung ist gefährlich.
-
-Flodoard. (mit Stolz) Ueber die Jahre der Uebereilung denk ich in meinem
-Leben hinweggesprungen zu sein. --
-
-Rosamunde. (seine Hand fassend) Flodoard, Flodoard besinnet euch. Mein
-Oheim liebt euch, -- nehmet euch vor Abaellinos Dolch in Acht!
-
-Flodoard. Eben deswegen muß alles in vier und zwanzig Stunden, oder nie
-gethan werden. Wohlan, gnädigster Herr, ich will beweisen, daß die Liebe
-alles wagen kann -- --
-
-Gritti. _Wagen_ freilich, aber ob _erringen_?
-
-Flodoard. (dem man eine wachsende Verlegenheit ansieht) Macht mich nicht
-kleinmüthig, gnädigster Herr, seht, ich will euch bessern Muth geben.
-Habet die Gnade morgen Nachmittag in diesem Zimmer große Gesellschaft
-zusammenzubitten, Damen und Herrn, denn gewinn' ich morgen den Sieg, so
-erleb ich ein großes Fest. Ladet vorzüglich die Beisizzer des
-ehrwürdigen Gerichts der zehn Männer ein, damit sie doch den Abaellino
-von Angesicht zu Angesicht kennen lernen, mit dem sie so lange vergebens
-im Kriege lebten.
-
-Gritti. (sieht ihn lange bedenklich an, endlich:) Sie sollen erscheinen.
-
-Flodoard. Und ihr habt ja wohl, wenn ich nicht irre, einige neue Freunde
-an dem Kardinal Grimaldi, dem Nobile Kontarino, Memmo, Falieri und
-Parozzi erhalten. Sie sind auch meine Freunde vor kurzer Zeit geworden;
-ich wünschte sie wären morgen gegenwärtig.
-
-Gritti. Sie sollen gegenwärtig sein.
-
-Flodoard. Aber noch eins. Sagt niemanden früher die Ursach der
-Zusammenkunft, ehe sie nicht alle angekommen sind. Dann stellt rings um
-eueren Pallast Wache mit geladnen Gewehren und selbst vor den Thüren
-dieses Zimmers, mit dem strengen Befehl, jeden herein, niemanden, bei
-Todesstrafe, heraus zu lassen. Denn vor Abaellino ist niemand sicher.
-
-Gritti. Es wird geschehn.
-
-Flodoard. Morgen mit dem Glokkenschlage fünf, oder nie, sehn wir uns
-wieder!
-
-Flodoard empfahl sich schnell. _Rosamunde_ bebte am Arme des Herzogs und
-_Gritti_ schüttelte den Kopf.
-
-
-
-
- Drittes Kapitel.
- Die nächtliche Verschwörung.
-
-
-»Juchheisa!« rief in der Mitternachtsstunde _Parozzi_ im Zimmer des
-Kardinals _Grimaldi_, wo das ganze höllische Complot wieder beisammen
-war: die Sachen gehn treflich. Flodoard ist heut angekommen und
-Abaellino schon richtig bezahlt!
-
-Grimaldi. Der Flodoard ist ein Schlaukopf, ich wünschte lieber, er
-bliebe am Leben und schlüge sich zu unsrer Parthei. Ich sage euch,
-Flodoard ist ein Schlaukopf!
-
-Parozzi. Wie die Vagabonden immer sind.
-
-Memmo. Und stolz ist er, stolz, als wär er Venedigs Herrgott.
-
-Falieri. Rosamunde, wie ich erfahren habe, soll ihm nicht unhold sein.
-
-Parozzi. O, Geduld, Abaellino bricht ihm den Hals, dann kann er mit dem
-Teufel und seiner Grosmutter liebeln.
-
-Kontarino. Uebrigens hab ich troz aller Kundschaft seinetwegen in
-Florenz wenig erfahren. Es sollen einmahl, schreibt man mir, es sollen
-einmahl Flodoardo's in Florenz existirt, aber sich längst von da hinweg
-begeben haben, man wisse nicht, wohin? und zu dieser Familie Flodoardo
-müsse denn wohl unser Vagabond gehören.
-
-Grimaldi. Der Doge hat euch also sämmtlich auf morgen Nachmittag zu sich
-eingeladen?
-
-Alle. Wahrhaftig! wahrhaftig!
-
-Grimaldi. (mit Selbstgefühl) Das freut mich, das freut mich. Ich sehe
-mit Vergnügen, daß meine Empfehlung bei ihm so vieles gewirkt hat. --
-Und morgen Abend ist bei ihm Ball mit Masken, wie mir sein Kammerdiener
-sagte?
-
-Falieri. Freilich!
-
-Memmo. Wenn er nur nicht um unsre Verschwörung weis -- ich wäre des
-Todes!
-
-Grimaldi. Er kann unmöglich davon wissen.
-
-Memmo. Ei, zum Teufel, jeder Beutelschneider, Pflastertreter,
-Abentheurer, Bettler und wie das Lumpengesindel heissen mag, welches
-unsre Armee ausmacht, weis davon und er sollte noch nichts gewittert
-haben?
-
-Kontarino. Du Narr, da gehts ihm, wie betrognen Ehemännern; jedermann
-weis, daß sie Hörner tragen, nur sie selber haben keine Notiz davon.
-Aber, wahrhaftig, wir müssen nun den Anfang machen, unsre Projekte zu
-realisiren, oder wir werden endlich verrathen. --
-
-Falieri. Du hast recht, Bruder.
-
-Parozzi. Die Misvergnügten, die sich auf unsre Seite geschlagen haben,
-sinds zufrieden, wenn der Betteltanz in dieser Nacht vor sich gienge.
-
-Kontarino. Ich nehme morgen den Dogen auf mich, und steche ihn nieder.
-Dann ergeh es, wie es wolle. Entweder wir sind dann aus allen
-Bedrängnissen durch allgemeinen Aufruhr der Republik gerettet, oder wir
-seegeln mit vollem Winde aus dieser vermaledeiten Zeitlichkeit ab.
-
-Parozzi. Wir versehn uns alle mit Gewehr.
-
-Grimaldi. Das Kollegium der Zehnmänner ist sammt und sonders morgen
-gegenwärtig -- --
-
-Falieri. Alle müssen sie niedergemacht werden!
-
-Memmo. Wenns nur zulezt nicht schreklich für uns selber abläuft.
-
-Kontarino. Ei, du verdammter feiger Knabe, bleib zu Hause hinterm Ofen;
-aber sind wir durchgedrungen, so komm nicht und fodre deine Geldsummen
-wieder.
-
-Memmo. Bei meiner Seel, Kontarino, an Muth fehlts mir nicht; willst du,
-ich messe mich mit dir in diesem Augenblik mit der Klinge. Aber dein
-unseeliger Hitzkopf fehlt mir.
-
-Grimaldi. Und wenn alles verdorben ist, so macht es die Kirche wieder
-gut und das große Wort Sr. Heiligkeit.
-
-Memmo. Aber wo sind denn die Briefe vom Pabst?
-
-Grimaldi. (wirft ihm zwei Papiere vor) Lies, ungläubiger Thomas!
-
-Memmo. Donner und Wetter, wir treiben also eine privilegirte Schurkerei!
---
-
-Grimaldi. Der Pabst muß uns schüzzen, ich sage, er _muß_, denn wir
-vertheidigen als gute Christen die Gerechtsame seines Stuhls in der
-Republik Venedig -- schon das kann euch eine Quelle des Muths werden,
-wenn in der lezten Noth alles scheitern sollte. Keine Hand darf euch
-verlezzen!
-
-Kontarino. Höre, Parozzi, es bleibt nach unsrer Abrede dabei, du
-bestellst unsre Bundesgenossen mit Waffen und Wehr in deine Behausung.
-Um Mitternacht verläßt du den Ball, und bemächtigst dich des Arsenals.
-Der Hauptmann Sebilli ist unser, und hält dort die Wache.
-
-Grimaldi. Der Schiffkapitain Adormo wird auf das Signal der Sturmglokke
-zu uns stossen mit seinen Leuten.
-
-Falieri. Es kann gar nicht fehlen!
-
-Kontarino. Macht nur die Verwirrung so gros, als möglich, Freunde und
-Feinde müssen durcheinander wüthen, keiner muß wissen woher der Aufruhr,
-warum, und wohin! --
-
-Parozzi. Bei meiner Seele, ich danke Gott, daß es endlich so weit
-gediehen ist.
-
-Falieri. Hast du die weißen Armbinden unter unsre Leute ausgetheilt,
-Parozzi?
-
-Parozzi. Schon vorgestern.
-
-Kontarino. Halloh, Brüder, die Kelche gefüllt! so wie jezt sizzen wir
-nicht sobald wieder beisammen, als nach vollbrachter Arbeit! --
-
-Memmo. Laßt uns noch einmahl alles weislich überlegen!
-
-Kontarino. Pfui! Ueberlegung ist das Kind der kalten Vernunft, und diese
-gilt in der Rebellion nicht. Hier spricht die Verzweiflung. Nur erst das
-Werk begonnen, das Staatssystem Venedigs mit Heldenmuth über einander
-geworfen, bis keiner mehr weis, wer Herr, und wer Unterthan sei, dann
-kann die Ueberlegung kommen, um zu rathen, wie weiter! -- lustig,
-eingeschenkt! -- Der Doge bietet uns durch seinen Ball die Hand -- ha,
-ha, ha!
-
-Parozzi. Den Abaellino müssen wir nothwendig vorher sprechen.
-
-Kontarino. (schwänkt den Weinbecher) Es lebe Abaellino!
-
-Alle. (trinkend) Abaellino! Abaellino!
-
-Grimaldi. Und glüklichen Ausgang der künftigen Nacht!
-
-Memmo. Ja, wohl! ja wohl!
-
-Alle. Ein glüklicher Ausgang!
-
-Parozzi. Wo sizzen wie übermorgen Nacht?
-
-
-
-
- Viertes Kapitel.
- Der wichtige Tag.
-
-
-Am folgenden Morgen war alles so ruhig in Venedig, als wäre nichts
-geschehn, und doch war es gewiß, daß dieser Tag einer der merkwürdigsten
-in diesem Staate werden mußte.
-
-Im Herzoglichen Pallaste war alles schon sehr früh erwacht. Der
-bekümmerte _Gritti_ verlies ungewöhnlich zeitig das Nachtlager, auf
-welchem er sich dießmal schlaflos und sorgenvoll hin und her gewälzt
-hatte. _Rosamunde_ hatte vom schönen Flodoard geträumt und wachend sezte
-sie ihre Träumereien fort. _Iduella_ hatte unruhig geschlafen; sie
-liebte Rosamunden zu sehr und wußte schon welch ein intressanter Tag für
-das arme liebende Geschöpf der heutige werden würde. Aber Rosamunde war
-ungemein heiter; sie scherzte mit Iduellen, sezte sich zu ihrer Harfe
-und sang sich das Lied ihres Lieblingsdichters:
-
- Liebe, Liebe, Kind des Himmels,
- Aller Welten Königin,
- Durch die Graun des Weltgetümmels
- Warst du meine Führerin.
- Früh hat mich dein Arm umschlungen,
- Früh dein holder Geist bezwungen,
- Früh dein Rosenmund geküßt.
-
- In dem Morgentraum des Lebens
- Sog des Lebens erste Lust
- Stiller Wonne, frohen Lebens
- Lieb o Lieb an deiner Brust!
- Ach, von deinem Arm geschaukelt,
- Deinen Tändelein umgaukelt
- Froh zu früh der Morgentraum!
-
- Deinen Namen, deinen Stämpel
- Trägt die Schöpfung immerdar;
- Sieh, der Himmel ist dein Tempel
- und die Erde dein Altar --
- Ja, so lange meine Augen
- Noch den Reiz der Schöpfung saugen,
- Bet' ich dich, o Liebe, an!
-
-Aber _Rosamundens_ selige Laune verschwand, als der Mittag heranrükte
-und vorüberzog. Aengstlich wankte sie hier und dahin; ihr Herz klopfte
-ungestüm, in Erwartung fürchterlicher Auftritte.
-
-Schon versammelten sich die Vornehmen Venedigs im Pallast ihres Oheims,
-schon war der schrekliche Nachmittag da, und der Doge sandte Iduellen an
-sie ab, in den großen Saal sie zu führen, wo die Herrn und Damen ihrer
-harrten.
-
-»Gott! o mein Gott!« rief sie leise: »laß alles wohlgelingen.«
-
-Blas wie eine Leiche trat sie in das Zimmer, in welchem sie gestern
-ihren Flodoard Liebe bekannt hatte und Flodoard -- war noch nicht da.
-
-Die Gesellschaft war glänzend und heiter gestimmt; man sprach von
-Stadtnovellen, europäischen Staatsangelegenheiten. _Kontarino_ und
-_Grimaldi_ unterhielten sich mit dem Dogen; _Memmo_, _Falieri_ und
-_Parozzi_ standen in einem Winkel schweigend beisammen.
-
-Draussen wars trübe und dunkel; es stürmte der Wind in den Wellen des
-Kanals und den Wetterfahnen der Palläste am Markusplaz; ein Regenschauer
-folgte dem andern.
-
-Es schlug vier Uhr. Rosamunde ward blässer, als vorher. _Gritti_ befahl
-dem Kammerdiener etwas leise ins Ohr. Man hörte bald darauf Männer von
-aussen wanken, und Waffen klirren an den Thüren des Saals.
-
-Eine plözliche Stille herrschte durch die Gesellschaft. Die jungen
-Nobili stokten in ihren Liebeserklärungen vor den Damen; die Damen
-vergaßen ihre Modeneuigkeiten; die Staatsmänner starrten sich an und
-brachen ihre politischen Discourse ab.
-
-Der Doge trat langsam in die Mitte der Versammlung. Jedes Auge wandte
-sich zu ihm. Hoch schlug den Verschwornen das Herz.
-
-»Wundert euch nicht, meine Lieben, über jene seltsamen Anstalten!«
-redete _Andreas Gritti_, Venedigs Herzog, sie an: »Es hat nichts zu
-bedeuten, was dem Vergnügen dieser Gesellschaft gefährlich sein könnte.
-Euch allen wird der Bandit _Abaellino_ bekannt sein, der Mörder des
-braven Prokurator Sylvio und meiner getreuen Räthe Kanari und Dandoli.
-Dieser, vor welchem jeder rechtschaffne Republikaner zittern muß, dem
-nichts heilig und ehrwürdig heißt, der allen Troz bietet, die ihm
-drohen, -- dieser höllische Auswurf wird vielleicht binnen einer Stunde
-in diesem Saale vor unsern Augen erscheinen!«
-
-Alle. (erstaunt) Abaellino? Abaellino?
-
-Grimaldi. Freiwillig?
-
-Gritti. Nein, freiwillig in der That nicht. Aber Flodoard von Florenz
-hat gelobt unsrer Republik diesen wichtigen Dienst mit Gefahr seines
-Lebens zu leisten, es koste was es wolle, den Abaellino zu fangen, und
-hieher zu bringen.
-
-Einer der Beisizzer des Zehengerichts. Viel, unendlich viel gelobt!
-
-Ein andrer. Ich zweifle an der Vollführung des Gelübdes!
-
-Ein dritter. Aber bei Gott, Flodoard machte sich uns die Republik zu
-großen Schuldnern.
-
-Ein Vierter. Wahrhaftig, wie soll der Staat dem Flodoard vergelten.
-
-Gritti. Die Vergeltung übernehm ich allein. Flodoard hat um die Hand
-meiner Nichte angehalten -- ich gebe sie ihm.
-
-Alle. (sehn sich schweigend unter einander an, theils mit Blikken der
-höchsten Zufriedenheit, theils des Erstaunens)
-
-Falieri. (leise) Parozzi, was meinest du?
-
-Memmo. Ich habe das kalte Fieber, so wahr Gott lebt!
-
-Parozzi. (heimlich lachend) Abaellino wird sich fangen lassen! --
-
-Kontarino. Meine Herrn, hat einer von euch schon den Abaellino von
-Angesicht zu Angesicht gesehn?
-
-Einige. Wir nicht! wir nicht!
-
-Ein andrer. Es ist ein Gespenst, der nur dann und wann und sehr
-unverhoft und ungebeten erscheint.
-
-Rosamunde. Ich vergesse das Ungeheuer nicht -- (sie erzählt einigen
-Damen leise)
-
-Gritti. Und wie er mir erschienen ist, wird euch bekannt sein.
-
-Memmo. (zu einigen Senatoren) Ich habe mir von dem Ungeheuer tausend
-Wunderdinge erzählen lassen -- er ist der Teufel in menschlicher Gestalt
--- ich halte nicht für gut, daß man ihn in diese Versammlung bringt,
-denn er ist fähig hier ohne Gnade einen nach dem andern zu erwürgen.
-
-Mehrere Damen. Gott bewahre, in dieses Zimmer?
-
-Kontarino. Die Hauptsache ist, ob ihm Flodoard, oder er den Flodoard
-besiegt. Und ich geh eine schwere Wette darauf ein, daß Flodoard
-unverrichteter Sache abzieht.
-
-Ein Senator. Und ich halte die Wette mit, daß nur ein einziger Mann in
-Venedig es unternehmen darf den Abaellino zu fangen -- und der eine ist
-_Flodoard von Florenz_; eben der, von dem ich längst prophezeit habe, er
-werde in den Jahrbüchern der Welt einmahl eine glänzende Rolle spielen
---
-
-Ein andrer. Ihr habt recht, Sennor, ich bin erstaunt über ihn, als ich
-zum erstenmahle in seine Gesellschaft trat.
-
-Kontarino. Tausend Zechinen! Abaellino läßt sich nicht greifen, oder er
-wäre denn gestorben.
-
-Der erste Senator. (hizzig) Tausend Zechinen, Flodoard hascht ihn --
-
-Gritti. Und liefert ihn tod oder lebendig.
-
-Kontarino. Ihr, edle Venetianer, seid Zeugen: (er reicht dem Senator die
-Hand) (sie geben sich die Hände.)
-
-Senator. Die Wette gilt.
-
-Kontarino. (lachend) Ich danke euch für die tausend Zechinen, Sennor!
-Abaellino ist ein feiner Gauch -- gewiß Flodoard hat Ursach sich zu
-hüten.
-
-Grimaldi. Hat Flodoard die Sbirren zur Hülfe?
-
-Gritti. Keinen, als sich selber. Seit gestern ist er nun schon abwesend,
-um auf den Banditen Jagd zu machen.
-
-Grimaldi. (mit einem triumphirenden Lächeln zu Parozzi) Glük zu, Sennor!
-
-Parozzi. (mit einer erfurchtsvollen Verbeugung) Gewiß, Ew. Eminenz
-prophezeien wahr.
-
-Memmo. Ich lebe wieder auf. Nun, nun! man wird doch sehen!
-
-Drei und zwanzig Stunden waren vorüber, seit dem Gelübde des kühnen
-Flodoard -- die vier und zwanzigste brach an und er kam noch nicht.
-
-
-
-
- Fünftes Kapitel.
- Höllenangst.
-
-
-Der Doge wurde unruhig. Der Senator fieng an für seine tausend Zechinen
-zu zittern, und _Kontarino_ und seine Parthei lachten schadenfroh, wie
-wohl Kontarino laut bekannte: er wünsche lieber tausend Zechinen und
-zwei tausend zu verlieren, weil mit der Gefangenschaft Abaellinos die
-allgemeine Sicherheit der Republik gewönne.
-
-Es schlug im Thurme der St. Markuskirche fünf Uhr -- Rosamunde bebte;
-Todesschweis perlte von ihrer schönen Stirn. _Flodoard_ kam noch nicht.
-
-Der alte _Andreas Gritti_ liebte Flodoarden wirklich -- jezt schauderte
-er zum erstenmal vor dem Gedanken, daß Abaellinos Dolch gesiegt haben
-könne.
-
-Rosamunde gieng zum Herzog, sie schien ihm etwas sagen zu wollen, aber
-die Angst lähmte ihre Zunge, eine Thräne quoll in ihrem Auge hervor. Sie
-verbarg die Angst und ihre Thräne so meisterhaft, als es sich immer hier
-thun lies -- in einem Winkel warf sie sich auf einen Sessel nieder, rang
-die Hände und ihre Seufzer flehten Hülfe von dem barmherzigen _Gott_.
-
-Die übrige Gesellschaft trippelte in sichtbarer Verlegenheit umher; man
-wollte fröhlich sein, aber auch nicht einmal der Schein der Fröhlichkeit
-konnte affektirt werden.
-
-So verflos wieder eine Stunde, und _Flodoard_ kam nicht.
-
-Jezt brach die Abendsonne lächelnd hinter den Regengewölken hervor, ein
-Strahl der sinkenden Tageskönigin fiel auf Rosamunden -- und Rosamunde
-wurde, sie wußte nicht, warum? froh.
-
-Kontarino. Um fünf Uhr wollte Flodoard den Abaellino liefern! -- es sind
-anderthalb Stunden darüber.
-
-Senator. Wenn er ihn nur liefert, mögen dann auch anderthalb Wochen
-darüber sein.
-
-Gritti. Nein! -- still! -- ich höre draussen Geräusch. -- --
-
-Die Flügelthüren sprangen auf und _Flodoard_ trat allein herein im
-Reisekleide und Regenmantel. Wild und wüst flog sein Haar, düster rollte
-sein Auge durch die Gesellschaft. Er ris den Federhut vom Kopf herab und
-begrüßte die Versammlung.
-
-Alles drehte sich zu ihm hin, jeder Mund schien zehn Fragen zu haben,
-jedes Auge studierte seine Mienen.
-
-»Jesus! schrie _Memmo_: mir ahndet was!«
-
-»Seid ohne Sorgen, Sennor!« murmelte _Kontarino_.
-
-»Edle Venetianer, sprach Flodoard, und seine Sprache war die Stimme des
-Helden: wahrscheinlich hat unser Durchlauchtigster Herr euch die Ursach
-dieser Zusammenkunft gemeldet -- ich will jezt eure Sorgen lösen. Aber
-vorher frag ich noch einmahl, gnädigster Herr, wird Flodoard Rosamunden
-zur Gemahlin erhalten, wenn er den Abaellino in eure Hände liefert?«
-
-Gritti. (ihn mit den Augen messend) Habt ihr den Abaellino?
-
-Flodoard. Empfang ich Rosamunden?
-
-Gritti. Ohne Widerspruch, ja! ihr empfangt sie mit einem fürstlichen
-Brautschaz.
-
-Flodoard. Ihr Edeln von Venedig, ihr habt das Wort des Dogen gehört!
-
-Viele Senatoren. Wir haben's gehört!
-
-Flodoard. (indem er drei Schritt durch den Saal macht) Wohlan,
-Abaellino, ist in meiner und eurer Gewalt!
-
-Alle. (im wilden Tumult) Hilf Himmel! -- Wo ist er! -- Jesus Sohn
-Gottes! -- Abaellino!
-
-Gritti. Tod oder lebendig?
-
-Einige. Tod oder lebendig, Sennor?
-
-Flodoard. (ernst) lebendig!
-
-Alle (in sprachloser Verwunderung oder mit Entsezzen ihm nachlallend):
-Lebendig! lebendig!
-
-Grimaldi. (mit der Hand über die Stirn fahrend) Lebendig!
-
-Kontarino. Das geht ins weite.
-
-Rosamunde. (Iduellens Hand küssend) Hörst du, Iduella! Iduella!
-lebendig!
-
-Senator. Sennor Kontarino, tausend Zechinen!
-
-Kontarino. (durch die Zähne) Mit Vergnügen!
-
-Flodoard. (mit einem schweren Seufzer) O gnädigster Herr -- --
-
-Gritti. (sanftlächelnd) Die Republik ist deine Schuldnerin, mein Sohn.
-
-Einige Senatoren. Und wir danken euch jezt, heldenmüthiger Florentiner,
-für eure unbegreifliche Heldenthat. Die Republik wird vergelten.
-
-Flodoard. (den Arm traurig nach Rosamunden ausstrekkend) Dort, seht sie
-dort meine Vergeltung.
-
-Gritti. (mit Freudestrahlenden Antliz) Führe den Bluthund Abaellino
-hieher -- ich kenne ihn. Es war eine Zeit, da sagte er zu mir: Herzog,
-ich messe mich mit dir, die Erde trägt selten auf einem so schmalen
-Strich Landes zwei so große Männer -- führe doch den grossen Mann
-hieher!
-
-Senatoren. Wo ist er? wo ist er?
-
-Einige Damen. (in schreklicher Furcht) Um Gotteswillen -- --
-
-Flodoard. (schmerzhaft lächelnd) Fürchtet euch nicht mehr vor ihm,
-schöne Venetianerinnen, er hat ja nun seine Braut! (indem er auf
-Rosamunden deutet)
-
-Falieri. (erblassend) Ist er hier schon im Pallast?
-
-Flodoard. Hier im Pallast.
-
-Ein Senator. Warum laßt Ihr uns so lange in banger Erwartung schweben?
-
-Flodoard. (führt den Dogen zu einem Lehnsessel) Wohlan, so mag die
-Komödie beginnen! -- Abaellino soll erscheinen. Tretet alle an die
-Seiten!
-
-Wie von einem Sturmwind fortgerissen flog alt und jung erschrokken zurük
-nach den Wänden. Allen klopfte hoch das Herz; keinen aber mehr, als den
-Verschwornen, die mit Höllenangst der Erscheinung Abaellinos
-entgegenharrten.
-
-Der Doge _Andreas_ sas ernst und ruhig in seinem Stuhle, wie ein Richter
-zum Gericht des Banditenfürsten. Einzeln, in besondern Gruppen standen
-die Anwesenden mit verschiednem Mienenspiel da -- wie am
-Weltgerichtsmorgen die Schatten der Seeligen und Verdammten einst
-untereinandergemischt, und doch grell von einander verschieden dastehn
-werden. Die schöne _Rosamunde_ lehnte sich in ruhiger Engelsunschuld an
-Iduellens Achsel und musterte mit durstgen Augen ihren großen Liebling.
-Die Verschwornen mit langen, bleichen Gesichtern und hin stierenden
-Augen formirten den Hintergrund. Dumpfe Stille waltete über die
-Versammlung; kein Odemgeräusche störte sie.
-
-»Und nun soll der schrekliche Abaellino vor euch erscheinen; zittert
-nicht, er wird keinen verlezzen!« rief _Flodoard_ aus, drehte sich um,
-ging zur Flügelthür, wischte sich über das Gesicht, warf den Mantel ab,
-kehrte wieder um -- und wie durch ein Gaukelspiel, war _Flodoard_ in
-_Abaellino_ verwandelt! --
-
-
-
-
- Sechstes Kapitel.
- Geistererscheinungen.
-
-
-Ein lautes Zetergeschrei scholl plözlich durch den Saal -- _Rosamunde_
-stürzte ohnmächtig zusammen, die _Verschwornen_ schnappten nach Luft,
-die _Damen_ kreuzigten und segneten sich, die _Senatoren_ standen leblos
-wie steinerne Puppen umher und _Andreas Gritti_ verlor im Schrek Gehör
-und Gesicht.
-
-_Abaellino_ stand ruhig da in seiner ganzen furchtbaren Häßlichkeit, in
-seinem Banditenhabit, mit dem Gürtel voller Pistolen und Dolche, mit dem
-abscheulichen verzerrten, gelben Gesicht, über dem rechten Auge ein
-Pflaster, das linke hinter Fleischrunzeln halb verschwollen. Er grinste
-nach einer Minute rings umher, und trat dann ·zum erstarrten Doge.
-
-»He!« rief er mit heisrer, grölzender Stimme: »kennt ihr noch den
-Abaellino, hier ist er, mit Leib und Seele ist er hier, gnädiger Herr,
-um seine Braut einzuhohlen!«
-
-_Andreas Gritti_ seufzte tief auf, starrte den Ausbund der Hölle mit
-einem schreklichen Blik an und rief: »so bin ich noch nie hintergangen!«
-
-»Wache! Wache!« schrie _Grimaldi_, der Kardinal, und _Abaellino_ zog
-eine Pistole hervor aus dem Gürtel, spannte den Hahn und drohte zu ihm
-herüber: »der erste,« rief er, »der erste, der Wache schreit, oder eine
-Bewegung macht, ist in dieser Minute des Todes. Glaubt ihr, daß ich mich
-selber hier überliefern, selber die Wachen an den Thüren bestellt haben
-würde, wenn ich mich vor ihnen fürchtete, oder wenn ich euch entrinnen
-wollte? Ja, ich will euer Gefangner sein, aber ohne Gewalt; ich will
-euer Gefangner sein, dazu bin ich hier erschienen. Fangen soll den
-Abaellino kein Mensch, er muß selber kommen, um sich seinen Richtern zu
-überantworten. Oder glaubt ihr, der Abaellino sei der gewöhnlichen
-Bravo's einer, der vor den Sbirren läuft, aus Armuth oder Leidenschaft
-meuchelmordet? nein, beim Himmel, nein, der bin ich nicht! war ich
-Bandit, so war ich Bandit aus Grundsäzzen! --«
-
-Gritti. (die Hände zusammenwerfend) Großer Gott, ist es möglich?
-
-Ein schauerliches Stillschweigen wohnte im Saale. Jeder gehorchte der
-Stimme des großen Banditen, der mit der Majestät des höllischen
-Monarchen durch den Saal schritt, wenn anders der Teufel Majestät
-besizzen kann.
-
-_Rosamunde_ schlug die Augen auf -- ihr erster Blik haftete auf den
-verwandelten _Flodoard_.
-
-»O!« rief sie: »Allbarmherziger, es ist nicht möglich -- es ist ein
-satanisches Blendwerk!«
-
-Abaellino. (zu ihr tretend) Nein, kein Blendwerk, Rosamunde; dieser
-Bandit Abaellino ist dein Flodoard von Florenz.
-
-Rosamunde. Geh, geh, entsezlicher Lügner, es ist nicht möglich! -- du
-und Flodoard, Seraph und Satan! wer schmilzt die zusammen? Flodoard
-handelte gros und gut, wie ein Halbgott -- ich habe von ihm gelernt
-tugendhaft zu handeln. Er war ohne Leidenschaft, zu jeder schönen That
-willig. Elend und Kummer ertrug er um des Guten willen, die Thränen der
-Leidenden abzutroknen -- das waren seine Triumpfe! -- Höllischer
-Bösewicht, den die Schaaren der Ermordeten vor Gottes Richterstuhl
-längst verklagt haben, prahle nicht mit Flodoards Namen.
-
-Abaellino. (mit Stolz) Rosamunde, du bist -- -- -- ein Weib. Sieh her,
-ich und dein Flodoard sind eins -- sieh her! sieh her!
-
-Abaellino riß das Pflaster vom Auge, rieb mit seinen Tuch im Gesicht
-umher, faltete die verzognen Mienen in ihre natürliche Ordnung zurük,
-strich die schwarzen Haare von der Stirn, und siehe da, der schöne
-Flodoard stand in Abaellinos Banditentracht vor den Augen der
-Versammlung.
-
-Abaellino. Sieh, Rosamunde, siebenmahl will ich mein Gesicht noch
-verwandeln vor deinen Augen, und so täuschend, daß du mich in Ewigkeit
-nicht erkennen solltest. Aber dieß Gesicht ist Flodoards Angesicht, ich
-will es vor der Hand beibehalten.
-
-Grimaldi. Entsezlich!
-
-Die Senatoren. (durch einander murmelnd) Unerhört! Schreklich!
-
-Abaellino. (liebreich zu Rosamunden) Nun? -- versöhnst du dich mit mir?
-
-Rosamunde. (ihn anstarrend) Flodoard, du bist kein Mensch!
-
-Abaellino. (sich zu ihr hinabbeugend) Rosamunde -- Rosamunde -- bist du
-mein?
-
-Rosamunde. (mit schaudernder Verlegenheit) Flodoard -- ach, daß ich dich
-nie gesehn, nie geliebt hätte!
-
-Abaellino. Willst du nun noch die Braut Flodoards -- die Banditenbraut
-sein?
-
-Rosamunde. (sieht ihn schweigend an, mit sich selber im fürchterlichen
-Kampf.)
-
-Abaellino. Sieh, Mädchen, um deinetwillen hab ich mich selber verrathen
--- selber hingeliefert -- -- ach, Rosamunde, ich könnte noch mehr thun!
--- doch still! Rosamunde, nur eine Sylbe laß mich hören von deiner
-Lippe, nur ein armseliges Nein, oder Ja! Rosamunde, liebst du mich noch?
--- --
-
-Rosamunde antwortete nicht. Ihr Auge sah zu ihm empor, schuldlos und
-liebevoll, wie das Auge eines Engels, und ihr Blik bekannte dem
-verführerischen Bösewicht, Liebe. Ihr Busen stürmte ungestüm -- ungestüm
-wie das Meer der Gedanken und Empfindungen in ihrer Seele. Sie sank in
-_Iduellens_ Arm zurük und _Iduella_ weinte eine mitleidige Thräne auf
-ihren Liebling herab.
-
-Der _Doge_ sprang in diesem Augenblik wild vom Sessel auf; sein Auge
-blizte Wuth, seine Unterlippe zog sich höher hinauf; sein Odem flog
-heftiger. -- Die Senatoren sahn ihn, warfen sich ihm vor und hielten ihn
-gewaltsam zurük. _Abaellino_ inzwischen gieng ihm mit befremdender Kälte
-entgegen, und bat ihn sich zu beruhigen.
-
-»Werdet ihr mir euer Wort halten, gnädigster Herr? -- ihr gabt es mir,
-des sind jene edeln Venetianer und Venetianerinnen Zeuge.«
-
-Gritti. (wild) Abscheulicher Bösewicht, dein Plan ist fein, boshaft und
-schreklich angelegt, mich zu betrügen. Sagt, Venetianer, bin ich
-verpflichtet, einem solchen fürchterlichen Gauner Wort zu halten? Da
-geht er hin und spielt eine betrügerische blutige Rolle: mordet Venedigs
-bravste Männer für Lohn, um mit dem Blutgelde in Venedig Aufwand zu
-machen. Dann kömmt der abgefeimte Abentheurer unter der Maske eines
-Biedermanns, verführt meine unglükliche Rosamunde zur Liebe, fodert mir
-das Mädchen ab, unter der Bedingung den Abaellino zu schaffen -- stellt
-sich dann selber ein, verlangt die Erfüllung meines Versprechens und
-erwartet schlau genug zugleich Amnestie seiner Verbrechen. -- Sagt,
-Venetianer, darf ich dem Bösewicht Wort halten.
-
-Alle. Nimmermehr, nimmermehr!
-
-Abaellino. (mit Ernst) Auch dem Fürsten der Finsternis müsset ihr euer
-Versprechen halten, wenn ihrs einmahl von euch gabet. O, Pfui, pfui,
-Abaellino, so hast du dich denn schreklich verrechnet: mit Biedermännern
-glaubt ich zu handeln, pfui, und ich lies mich betrügen! -- (mit
-schreklichem Ernst) Noch einmahl und zum leztenmahle: soll das
-herzogliche Wort gebrochen sein?
-
-Gritti. (richterlich) Entwaffnet euch.
-
-Abaellino. Und ihr wollt mich verstoßen -- ich habe mich umsonst in eure
-Hände geliefert?
-
-Gritti. Dem braven Flodoard hätt ich Rosamunden nicht verweigert, aber
-dem Mörder Abaellino hab ich nichts in der Welt versprochen.
-
-Abaellino. Hi, hi! meine Mordthaten drükken euch ja nicht, sondern mich;
-dereinst will ich die Sache vor dem Richter der Welt schon ausfechten.
-
-Grimaldi. (zum Doge) Welche Gotteslästerung!
-
-Abaellino. O, Herr Kardinal, bittet doch für mich -- ihr kennt mich ja,
-ich bin ein guter Kerl.
-
-Grimaldi. (mit Zorn und geistlicher Hoheit) Elender, was hab ich mit dir
-zu schaffen?
-
-Abaellino. Soll ich also wahrhaftig verdammt werden? He da, nimmt sich
-keiner von euch des armen Abaellino an? (Eine Pause) Alle schweigen?
-gut, so eile denn alles zu Ende mit mir!
-
-Rosamunde. (aufspringend, und zu den Füssen des Dogen) Gnade! Gnade!
-Barmherzigkeit für ihn!
-
-Abaellino. (mit Seeligkeit) Oh, oh! ein Engel betet für mich in der
-leztcn Stunde.
-
-Rosamunde. Erbarmen für ihn, mein Vater, Erbarmen für ihn! war er ein
-Sünder, so richte Gott über ihn! -- ach, ich liebe ihn noch!
-
-Gritti. (sie von sich stoßend) Weg, Geschöpf, ich kenne dich nicht!
-
-Abaellino. (steht mit verschränkten Armen da und weidet sich an der
-Szene)
-
-Rosamunde. (auf dem Erdboden sich halb erhebend) Habet ihr mit ihm kein
-Erbarmen, so habet es nur mit mir nicht. Richtet ihr ihn, so richtet
-mich zuvor! -- -- Vater, -- Vater! verstoßet mich nicht.
-
-Gritti. (zum Abaellino im ernsten Ton) Entwaffnet euch!
-
-Abaellino. Und ihr könnt es kalten Auges ansehn, wie sich dies Lamm zu
-euern Füssen windet? -- geht, ihr habt sie nie geliebt, diese Rosamunde.
--- (Er hebt sie vom Boden auf und trägt sie zu Iduellen) Jezt ist sie
-mein! -- ich sag es euch, jezt ist sie mein, und der Tod soll uns erst
-von einander scheiden.
-
-Venetianer, es scheinet als wollet ihr jezt Gericht über mich halten, es
-scheint, als wolltet ihr den Stab über mich brechen -- wohlan, es sei
-euch erlaubt! aber zuvor will ich mit mehrern von euch erst richten.
-
-Seht hier, ich bin der Mörder Sylvios, der Mörder Dandolis, der Mörder
-Kanari's! ich leugne es nicht; wollt ihr nun die Herren kennen lernen,
-die mich dazu besoldeten -- so seht, Venetianer, seht auf jene Schurken
-da -- ein, zwei, drei, vier -- Grimaldi, Parozzi, Memmo, Falieri und
-Kontarino. -- Diese laßt in Verhaft nehmen.
-
-Versteinert und entgeistert standen die genannten da -- das
-verrätherische Gewissen blinzelte durch die starren Augen, durch die
-bleichen Wangen hervor und Abaellino wurde von keinem widerlegt.
-
-»Was ist das?« frugen sich die Senatoren erschrokken untereinander.
-
-»Ein schändlicher Gaunerkniff!« lallte der Kardinal _Grimaldi_,
-»rachsüchtig will nun der Boshafte uns in seinen Prozeß verwikkeln, da
-er sieht, daß ihm nichts zu seiner verlornen Freiheit verhilft!«
-
-Kontarino. (sich ermannend) Er war in seinem Leben der größte Bösewicht
-und will es nun auch im Tode sein.
-
-Abaellino. (mit Majestät) Schweigt! ich kenne euer ganzes Komplot, kenne
-eure Proscriptionslisten, kenne euern Anhang, und indem wir hier mit
-einander sprechen, nimmt man die Herrn mit den _weissen Armbinden_
-gefangen, die in der kommenden Nacht Venedig umdrehn sollten. --
-Vertheidigt euch nicht.
-
-Gritti. (erstaunend) Was soll das sein?
-
-Abaellino. Nichts mehr und nichts weniger, gnädigster Herr, als eine
-enthüllte Verschwörung wider den Staat und euer Leben. -- Seht, so
-erhält euch ein Bandit zur Dankbarkeit euer Leben, weil ihr ihm bald das
-seinige rauben werdet.
-
-Ein Senator. (zu den Angeklagten) Edle Venetianer, ihr schweiget.
-
-Abaellino. Hier sind alle Vertheidigungen fruchtlos -- ihre Bande ist
-auf meinem Befehl jezt desarmirt, und in die Gefängnisse des Staats
-vertheilt -- besuchet sie, da werdet ihr mehr erfahren. -- Uebrigens
-bildet euch nicht ein, daß ich um und in diesen herzoglichen Pallast die
-bewaffneten Soldaten um des fürchterlichen Banditen Abaellinos willen
-hinstellte, nein, sondern um jene Helden dort in engere Verwahrung zu
-führen. --
-
-Und nun, Venetianer, ich habe mit Gefahr meines Lebens den Staat
-gerettet, ich habe mich als Bandit in die Versammlungen der Gottlosen
-gewagt, habe Sturm und Regen, Frost und Hizze ertragen, habe, wenn ihr
-schliefet, für Venedig gewacht, und ich darf noch auf keine Belohnung
-Ansprüche, machen? Das alles hab ich für Rosamunde von Korfu gethan, und
-ihr wollt sie mir verweigern; ich habe euch euer Leben, euch das Leben
-eurer Weiber und Kinder erhalten -- Menschen, Menschen und ihr wollt mir
-das meinige rauben. --
-
-Seht doch, wie jene Bösewichter dastehn, von Gott verdammt und ihrem
-innern Richter. Oeffnet sich wohl ein Mund zur Rechtfertigung? widerlegt
-mich einer auch nur mit einem Kopfschütteln? -- Ich will euch von meiner
-Ehrlichkeit noch besser überzeugen. (Indem er sich zu den Verschwornen
-wendet.) He da, bekennet die Wahrheit -- derjenige, der sie unter euch
-zum ersten gesteht, soll Gnade erhalten im Gericht, das versprech ich,
-der Bandit Abaellino.
-
-Die Verschwornen schwiegen. Endlich nahte sich _Memmo_ einem der
-Senatoren zitternd. -- »Venetianer!« lallte er: »Abaellino lüget nicht!«
---
-
-»Er lüget! er lüget!« riefen mit einemmahle _Falieri_, _Grimaldi_,
-_Kontarino_ und _Parozzi_.
-
-Still! schrie Abaellino und fürchterlicher Grimm blizte aus seinen
-Gebehrden: »Still! laßt mich sprechen -- oder besser noch, laßt die
-Geister der Ermordeten sprechen. Hollah, ho!« schrie der Fürchterliche
-und sprengte die Flügelthüren voneinander und siehe die längst
-beweinten, längst betrauerten Edeln traten herein, _Sylvio_, _Kanari_
-und _Dandoli_!
-
-»Verrätherei!« brüllte _Kontarino_ und sties sich einen verborgen
-gehabten Dolch ins Herz.
-
-Welch ein Auftritt!
-
-Weinend sank _Andreas Gritti_ in den Arm seiner todgewähnten Freunde;
-weinend schlang das lebende Kleeblatt großer Männer sich um den Freund
-und Waffenbruder und Herzog. -- Erst in den Wohnungen des Himmels
-glaubten sich diese schönen Seelen, diese Helden, wieder finden zu
-können, und sie fanden sich nun auf Erden wieder zusammen. Sie die
-einstens als Jünglinge mit einander aufwuchsen, mit einander für das
-Wohl ihres Vaterlandes fochten, hingen jezt als Greise hier umeinander.
-Gerührt standen die Zuschauer da, und die alten ehrwürdigen Senatoren
-konnten sich bei dieser heiligen Szene der Thränen nicht erwehren. Man
-hörte und sah in dieser seeligen Trunkenheit nichts -- hörte und sah
-nicht, daß die Verschwornen und der Selbstmörder _Kontarino_ der Wache
-überliefert wurden -- hörte und sah nicht Rosamunden, die sich
-schluchzend an die Brust des schönen _Abaellino_ warf und überlaut
-schrie: Dieser -- _dieser ist kein Mörder_!
-
-Aber man ermannte sich endlich. Die Besonnenheit kehrte zurük. -- »Heil
-dem Erretter der Republik!« schrie man und weinte man laut und umringte
-den Abaellino.
-
-Abaellino, vor einigen Minuten noch von allen verdammt, stand hehr und
-gros unter der entzükten Menge da, wie ein Gott, und an ihm hinauf
-schlang sich die schöne Rosamunde.
-
-»Ich bin nicht Abaellino, nicht Flodoard von Florenz,« sprach er sanft
-lächelnd: »ich bin der vertriebne Graf Obizzo von Neapel. Ich kam hieher
-als ein Bettler; Banditen nahmen mich in ihren Bund auf, und ich ergrif
-mit Freuden ihr unseeliges Gewerbe, theils um Venedig von dieser
-Menschenklasse selber zu reinigen, theils um auch diejenigen Buben
-kennen zu lernen, in deren Solde diese Meuchelmörder standen. Ich
-überlieferte euch die Banditen, und ihren Anführer ermordete ich vor
-Rosamunden mit eigner Hand. Ich war in Venedig der einzige Bandit; an
-mich mußten sich alle Schurken wenden; ich lernte sie und ihre Pläne
-kennen und ihr kennt sie jezt auch. _Sylvio_, _Kanari_ und _Dandoli_
-sollten hingerichtet werden -- wollten diese Männer nicht durch die
-Dolche andrer fallen: so mußten sie mit mir flüchten. Ich brachte sie
-durch Gewalt, Güte und List an einen Ort, wo sie sicher vor jeder
-Entdekkung waren, bis zum heutigen Tage. Sie entwarfen mit mir Pläne für
-die Zukunft und wie man die Verschwornen fassen müsse -- das alles ist
-jezt ausgeführt und nun Venetianer, wollt ihr mich noch verdammen?«
-
-»_Dich verdammen?_« riefen Doge, Senatoren und Nobili, und jeder ris ihn
-an sich, und drükte ihn nassen Auges an sein Herz.
-
-»O!« rief _Andreas Gritti_, indem er seine Augen trocknete: »ich gebe
-meine herzogliche Müzze dahin, wenn ich ein Bandit werden konnte, wie
-du! -- _Grosser Bandit_, du hast mich überwunden, du bist größer, als
-ich! Nimm hin meine Rosamunde, nimm hin; etwas bessers hab ich nicht,
-sie gilt mir theuerer, als ein Kaiserthum -- nimm sie hin!«
-
-»Abaellino!« jauchzte _Rosamunde_, und küßte den schönen Banditen mit
-Glut.
-
-»Rosamunde!« rief _Abaellino_ und vergas in dieser Umarmung die ganze
-Welt.
-
-
-
-
- Siebentes Kapitel.
- Nachschrift.
-
-
-Freilich wär es so unrecht nicht, wenn man sich jezt zwischen den Graf
-Obizzo der schönen Rosamunde und dem alten Doge hinsezzen, und Obizzo's
-Erzählung von seiner Herkunft und seinen ehmahligen Abentheuern, die ihn
-nach Venedig trieben, mit anhören könnte -- allein hier sind vorläufig
-nur zwei Fragen zu beantworten, die alles entscheiden. _Erstlich:_ hört
-man mir gern zu, wenn ich Märchen erzähle? -- _Zweitens:_ Hab ich auch
-Zeit genug übrig Märchen zu erzählen? --
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des
-Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche
-Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 13]:
- ... und der Wicht, der da bei der Molda steht, ...
- ... und der Wicht, der da bei der Molla steht, ...
-
- [S. 21]:
- ... wird einmal selig, und wenn er verdammt hat, ...
- ... wird einmal selig, und wen er verdammt hat, ...
-
- [S. 22]:
- ... der großen Zahl ihrer Andachstübungen; die Weltdame ...
- ... der großen Zahl ihrer Andachtsübungen; die Weltdame ...
-
- [S. 29]:
- ... Abbaellino mischte sich unter die Spaziergänger; ...
- ... Abaellino mischte sich unter die Spaziergänger; ...
-
- [S. 34]:
- ... den Dolch ins Herz gestossen, meinten die venetiaschen ...
- ... den Dolch ins Herz gestossen, meinten die venetianischen ...
-
- [S. 37]:
- ... du den Matteo wider die Nichte des Andreas Griti
- ausgeschikt?« ...
- ... du den Matteo wider die Nichte des Andreas Gritti
- ausgeschikt?« ...
-
- [S. 38]:
- ... Parrozi. Falieri hat Recht. ...
- ... Parozzi. Falieri hat Recht. ...
-
- [S. 50]:
- ... und sank kreischend auf den Sessell nieder, ...
- ... und sank kreischend auf den Sessel nieder, ...
-
- [S. 54]:
- ... Balluzo. Die Wahl hält nicht schwer. ...
- ... Baluzzo. Die Wahl hält nicht schwer. ...
-
- [S. 55]:
- ... Balluzo. Ja, an Matteo's Stelle. ...
- ... Baluzzo. Ja, an Matteo's Stelle. ...
-
- [S. 55]:
- ... Abellino. Und ich sage, als ein braver Gesell ...
- ... Abaellino. Und ich sage, als ein braver Gesell ...
-
- [S. 61]:
- ... hassen, daß er zum erstenmahl erblikt, da ihm ...
- ... hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm ...
-
- [S. 91]:
- ... Sieh sah den Bittenden an und schwieg. ...
- ... Sie sah den Bittenden an und schwieg. ...
-
- [S. 117]:
- ... Geistes endekt -- darum wag ich die Foderung, ...
- ... Geistes entdekt -- darum wag ich die Foderung, ...
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Abaellino der große Bandit, by Heinrich Zschokke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABAELLINO DER GROßE BANDIT ***
-
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