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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Abaellino der große Bandit - -Author: Heinrich Zschokke - -Release Date: August 4, 2016 [EBook #52718] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABAELLINO DER GROßE BANDIT *** - - - - -Produced by Jens Sadowski. This file was produced from -images generously made available by SLUB: Sächsische -Landesbibliothek -- Staats- und Universitätsbibliothek -Dresden - - - - - - - - - - Abaellino - der große Bandit. - - - von - J h d z. - - F. P. Kybnitz. - - Frankfurt und Leipzig, - 1794 - - - - - Vorrede. - - -Troz dem, daß man in unserm Decennio nur romantische Szenen der Vorwelt, -Rittergeschichten, Sagen der Vorzeit, Begebenheiten aus den Tagen des -Faustrechts lesen will, schreib ich doch, wenn ich denn einmal etwas zum -Lesen schreiben will, nichts davon. Ich habe den Grundsaz, der -Schriftsteller müsse sich nie nach den Launen der Leser, sondern der -Leser nach den Launen des Dichters bequemen. All unsre Romanschreiber, -die dem Publikum mit Rittermärchen aufwarten, haben eine große -Aehnlichkeit mit den Musikanten, die nach der Laune der Tänzer bald eine -Menuet leiern, bald einen Walzer geigen müssen. - -Sobald ich nun einmahl den Einfall habe _meinen_ Lesern etwas zu -erzählen; so ists mir gleichviel, _was_ ich ihnen erzähle, aber mehr -darauf denk' ich _wie_ ich ihnen erzähle. Es gilt mir gleichviel, ob ich -ihnen ein morgenländisches oder abendländisches Märchen, eine Lüge oder -Wahrheit vorschwazze, aber in allen diesen Plaudereien bemühe ich mich -die Natur, wie sie _ist_, oder sein _könnte_, darzustellen. Ich nehme -gewisse Karaktere und führe sie durch eine Reihe von Situazionen, und -beobachte, wie sie sich in all diesen Verhältnissen ausnehmen. Darüber -freu' ich mich selber. - -Aber diese Karaktere, so genau ich sie auch immerhin zeichnen mag, -pflegen gewöhnlich am Ende der Geschichte ganz anders dazustehn, als im -Anfang. Nun muß man darüber nicht böse werden und denken: die Karaktere -werden sich untreu! nein. Ein andres ists mit der Schilderung des -Menschen im Roman, und ein andres in dem _Drama_. - -Das Drama umfaßt, wenn es regelmäßig ist, nur einen kurzen Zeitraum. In -einem Tage oder drei Stunden verwandeln sich die Menschen nicht so -leicht -- hier kann sich ihr Karakter von der ersten bis zur lezten -Szene gleich bleiben; hier veranlassen die Karaktere gewisse Ereignisse, -Handlungen, und große Begebenheiten. - -Aber im Roman veranlassen und bilden gewisse Ereignisse und -Begebenheiten den Karakter des Menschen, wiewohl auch dieser Einfluß auf -jene hat; das menschliche Gemüth wenn es durch eine Reihe von -Begebenheiten geführt wird, nimmt von der Farbe einer jeden etwas an -sich, diese vermischet sich endlich und daher oft der bunte Karakter -mancher Menschen. Drängt sich der Sterbliche durch viele schwarze -Situazionen, kein Wunder, wenn seine Gemüthsstimmung zulezt dunkel und -ernst wird; wird er geführt durch rosenfarbne Verhältnisse, wer wundert -sich dann noch über seinen frohen Humor? - -Aber nicht genug, daß ich Menschenkaraktere unter allerlei -Gesichtspunkten und Verhältnissen betrachte: so hab ich auch das einzig -mögliche Prinzip jeder psychologischen Aesthetik, den Zwek der edlen -Kunst stets vor mir, wodurch die Künste allein zur möglich erhabensten -Stufe der Vollkommenheit emporgeführt werden können: - - _Regelmäßige Mittheilung guter Empfindungen._ - -Und erreiche ich diesen Zwek, errege ich in meinen Lesern nur dann und -wann das moralische Gefühl, jenes reine Wohlgefallen an große, -tugendhafte Handlungen und Gesinnungen, schwillt von Liebe, Mitleid und -Freundschaft nur _ein_ Busen; spricht nur _ein_ Leser zu sich selber: -handle in _deinen_ Verhältnissen, bei deiner Erziehung, bei deinen -Kenntnissen so gut, so schön, als dieser, oder jener in dieser -Erzählung; fache ich nur einem Herzen den Enthusiasmus für Sittlichkeit -und Tugend an, dann -- dann hab ich überwunden, dann ruf' ich: Triumph! -auch die mir sparsam zugemessenen Augenblikke der Einsamkeit und -Erhohlung von ernstern Geschäften sind meinen Mitbrüdern wohlthätig -geworden! - -So, meine Leser, kleid' ich in das Gewand der Fabel _Natur_ und -_Wahrheit_, und bezielte jeder Dichter diesen herrlichen Gegenstand, -wahrlich: so würden wir nicht so viel unleidliches, geistloses Gewäsch -anhören müssen, woran sich heuer unsre entnervten Knaben und Mädchen bas -ergözzen; so würden unsre Kunstrichter und Rezensenten nicht auf die -Fabel, sondern auf ihren innern Werth, nicht auf das ^Continens^ sondern -das ^Contentum^ sehn. Der Dichter ist in dieser Rüksicht zu beurtheilen -wie ein Maler, der Ideale oder Wirklichkeiten, Menschen mit Flügeln, -oder im Uiberrok hinzeichnet, nicht um der Flügeln, oder um des -Uiberroks willen, sondern um Empfindungen des Guten, Edlen und Schönen -im Zuschauer zu entwikkeln. - -Leute, die mich persönlich kennen, dürften mir auch hier wieder den -Vorwurf machen: warum schreiben Sie nichts solideres, nichts -nüzlicheres? - -Antwort: sobald ich fühle, etwas Neues, Gutes, Nüzliches in andern -Disziplinen der menschlichen Erkenntniß anzeigen zu können, werde ich -nicht dazu träge sein. Aber das Sprüchwort: ^quid valeant humeri, quid -ferre recusent^ bedenk' ich auch hier. - -Der Dichter ist überdies, wenn er den Zwek seiner Bestimmung erreicht, -der menschlichen Gesellschaft so nützlich, als der Staatsmann im -Ministerio und der Gelehrte auf dem Katheder. Ein elender Dichter im -Gegentheil ist eine eben so große Null in der Schöpfung, als das Genie -eines Holzhakkers im Ministerio und ein geistloser Kohlkopf auf dem -Katheder. - -Ich wünschte gern durch Winke guter Kunstrichter das erhabne Ziel des -Dichters erreichen zu können -- also keinen Vorwurf darüber, daß ich -- -nur einen _Roman_ schrieb! -- - - Amen! - - - - - Innhalt. - - - - Erstes Buch. - Erstes Kapitel. - Venedig. S. 1. - Zweites Kapitel. - Die Banditen. 8. - Drittes Kapitel. - Die Banditenwohnung. 12. - Viertes Kapitel. - Banditenphilosophie. 17. - Fünftes Kapitel. - Die Einsamkeit. 23. - Sechstes Kapitel. - Rosamunde, die schöne Nichte des Dogen. 27. - Siebentes Kapitel. - Fortsezzung. 33. - Achtes Kapitel. - Entdekkungen. 36. - Neuntes Kapitel. - Mollas Häuschen. 45. - - Zweites Buch. - Erstes Kapitel. - Der Geburtstag. 56. - Zweites Kapitel. - Flodoard. 68. - Drittes Kapitel. - Neuer Lärm. 76. - Viertes Kapitel. - Das Veilchen. 81. - Fünftes Kapitel. - Abaellino. 92. - Sechstes Kapitel. - Die Entdekkung. 97. - - Drittes Buch. - Erstes Kapitel. - Flodoard und Rosamunde. 104. - Zweites Kapitel. - Ein fürchterliches Versprechen. 111. - Drittes Kapitel. - Die nächtliche Verschwörung. 121. - Viertes Kapitel. - Der wichtige Tag. 127. - Fünftes Kapitel. - Höllenangst. 134. - Sechstes Kapitel. - Geistererscheinungen. 140. - Siebentes Kapitel. - Nachschrift. 156. - - - - - Abaellino, der große Bandit. - - - - - - Erstes Buch. - - - - - Erstes Kapitel. - Venedig. - - -Es war Abend. Ungeheure Wolkenstreifen, halb vom Schimmer des Mondes -erleuchtet, bogen sich rippenförmig am Horizont hinab und durch ihnen -schwamm der Vollmond in stiller Majestät hin, und sah sich verherrlicht -von jeder Welle des adriatischen Meers. Still wars umher, leise tanzten -die Wogen am Winde, leise hauchte der Nachtwind über die todten Palläste -Venedigs hin. - -Da sas noch ein junger Mann, einsam und traurig in der -Mitternachtsstunde am _langen_ Kanal; bald hob er das Auge zu den -stolzen Zinnen und Thürmen von Venedig empor, bald senkte er den Blik in -die Wellen. Nach einer Weile sprach er: - -»Verdammt! da sizze ich nun in Venedig, und weis nicht, wie weiter! Was -soll daraus werden? Alles schläft, nur ich nicht. Der Doge wälzt sich -auf seinem Dunenlager, der Bettler auf seinem Strohbett -- und ich lieg -hier auf der kalten, nakten Erde. Der elendeste Gondelier, der ärmste -Bootsknecht kennt am Tage seine Arbeiten und Nachts seine Ruhestatt, und -ich -- und ich -- o es ist ein schrekliches Schiksal, das mit mir sein -Spiel treibt! --« - -Er fing an seine Taschen zu untersuchen, mit den Fingern jede Falte des -Kleides zu biegen, und zu visitiren. - -»Auch keinen Heller! -- und mich hungert doch!« - -Er besah seinen Degen im Mondschein und seufzte: »Nein, alter, treuer -Gefährte, dich verkauf ich nicht; sollst mein bleiben und wenn ich -verhungerte. Nicht wahr, damahls wars noch goldne Zeit, als dich -_Emmoine_ mir gab, mir das Bandelier über die Achseln warf, und ich dich -und Emmoinen küßte -- (Pause) Sie ist nun tod, wir beide leben noch!« - -Er wischte sich eine Thräne von den Wimpern. - -»Nein, das war keine Thräne; die Nachtluft geht kühl und da wird das -Auge leicht nas. (Lächelnd) Hm, ich weinen! -- _weinen_! ha, ha, ha! --« - -Der Unglükliche, dies schien er, wenigstens seinen Reden nach zu sein, -stämmte den Ellbogen auf die Erde, wollte mit den Zähnen knirschen -- -und pfiff. -- »Ich müßte nicht Ich sein, dachte er bei sich: wenn ich -kleinmüthig würde unter dem Fluch des Schiksals.« - -In dem Augenblik hörte er in der Nachbarschaft ein Geräusch. Er sah in -einem vom Monde halbhellen Nebengäschen einen Kerl auf und -niederschleichen. - -»Den führt mir Gott zu -- ich will -- ich will betteln! Betteln ist -keine Schande, aber neapolitanische Schurkereien schänden. Auch, der -Bettler kann _gros_ denken.« - -Mit diesen Worten sprang er auf und ging in die Winkelstraße. In eben -den Moment trat von der andern Seite ein Mensch in diese Gasse. Der -schleichende Kerl trat mit einemmale in den Schatten zurük, als -verstekte er sich vor dem Ankommenden. - -»Was soll das bedeuten?« dachte unser Bettler: »ist der Schleicher dort -etwa ein unbefugter Handlanger des Todes? haben ihn auch Vettern und -Basen bestochen, um das Geld desto ruhiger in Besiz zu nehmen, was dem -armen Schelm izt noch angehört, der dort so unbefangen herschlendert? -warte!« - -Er zog sich in den Schatten zurük und schlich dem Lauerer nahe, der -keine Bewegung machte. Der fremde Mann war schon dem Lauerer und unserem -Bettler vorüber, als jener mit bangen Schritten rasch hinter ihn her -schlich, die rechte Hand erhob, worinn ein Dolch schimmerte, und eh' er -sich versah von dem _Bettler_ zu Boden gestürzt wurde. - -Der _fremde Herr_ drehte sich um; der _Bandit_ sprang auf und entfloh; -der Bettler lachte. - -»Was war das?« fragte der _Fremde_? - -»»Ein Spas, der Euch, mein Herr, das Leben rettete.«« - -»Mir? Wie so?« - -»»Die flüchtige Massette schlich hinter Euch her wie ein lauernder Kater -und hatte den Dolch schon gehoben. -- Ich dachte Ihr gäbet mir dafür ein -Stück Geld, denn bey meiner armen Seele, mich hungert und dürstet und -friert.«« - -»Euch Spitzbuben, und eure Kniffe kennt man; Ihr habt euch zu dem Spas -beredet, um mir die Börse abzuplündern und einen großen Dank für mein -gerettetes Leben dazu. Geht mir, geht, und grellt die Leichtgläubigkeit -des Dogen selber, nur an Buonarotti wagt euch nicht!« - -Der arme, hungernde Bettler stand bestürzt da und sah den pfiffigen -Herrn an. - -»Nein, so wahr ich lebe, Herr, ich lüge Euch nichts vor -- es ist mein -Ernst, ich sterbe die Nacht vor Hunger.« - -»»Geht, sag ich Euch, oder -- --«« der Unbarmherzige zog bey diesen -Worten ein geheimes Schiesgewehr hervor und drohte. - -»Donner und Wetter, bezahlt man in Venedig die guten Thaten so?« - -»»Die Sbirren sind in der Nähe, wie Ihr wißt, also -- --«« - -»Zum Teufel, seht Ihr mich denn für einen Banditen an?« - -»»Ich sage Euch, mache keinen Lärmen!«« - -»Hört, Buonarotti heißt Ihr? ich will mir doch den Namen des zweiten -Schurken aufschreiben, den ich in Venedig kennen lernte. (Mit -schreklicher Stimme) Und wenn du, Buonarotti, jemals den Namen -_Abaellino_ hören solltest, dann zittre!« - -_Abaellino_ drehte sich um und verlies den Unerbittlichen. - - - - - Zweites Kapitel. - Die Banditen. - - -Der Unglükliche durchkreuzte izt Venedig, er haderte mit dem Schiksal, -lachte und fluchte, stand zuweilen still, als übersänn' er einen großen -Plan, eilte zuweilen fort, als flög er ihn zu vollführen. - -An einem Ekstein der prächtigen Signoria gelehnt, überdachte er die -ganze Summe seines Elendes. Es schien sein irres Auge Trost zu suchen, -aber er fand ihn nicht. - -»Das Schiksal bat mich zum Abentheurer oder gar zum Bösewicht verdammt! -tief er in einer Ekstase seines Mismuths: denn warum muß der Sohn des -reichsten Neapolitaners als Bettler, die Barmherzigkeit der Venetianer -anflehen? Ich, der ich Geist und Kraft zu großen Thaten in mir fühle, -muß hier umherschleichen und darauf sinnen, wodurch ich mir das Leben -wider den Hunger bewahre. Menschen, die ich sonst satt fütterte, die an -meiner Tafel im Cyprier ihre Mükkenseelen berauschten und die -Lekkerbissen fremder Welttheile von meinen Schüsseln naschten, werfen -mir jezt keine verschimmelte Brodrinde zu. -- O, das ist abscheulich, -abscheulich von Menschen und vom Himmel! --« Er schwieg, schlug die Arme -untereinander und seufzte: »Doch, nein, so ists recht, ich will alle -Grade des menschlichen Elendes durchwandern, und allenthalben mir gleich -bleiben, und allenthalben gros sein. -- Jezt bin ich nicht mehr der Graf -Obizzo, um den Neapel einst buhlte -- ich bin der _Bettler Abaellino_. -Ein Bettler! in der Ordnung menschlicher Stände der lezte, aber doch -- -im alphabetischen Namenverzeichnis aller Hungerer, Pflastertreter und -Taugenichtse der _erste_!« - -Ein Geräusch entstand. _Abaellino_ horchte umher, er war den Schleicher -gewahr, den er vor einer halben Stunde zu Boden geworfen hatte, in -Gesellschaft dreier andern. -- Sie suchten. »Und sie suchen dich!« sagte -Abaellino leise zu sich selber, und gieng ein paar Schritt vor, und -pfiff ihnen. - -Die Kerls blieben stehn. Sie besprachen sich unter einander und schienen -unentschlossen zu sein. - -_Abaellino_ pfiff zum andernmal. - -»Er ists!« hörte er einen von ihnen deutlich genug sprechen -- und in -dem Augenblik kamen sie langsam gegen ihn angewandert. - -Abaellino blieb stehn, und zog den Degen. Die drey Verkappten standen -einige Schritte von ihm entfernt. - -»Was soll das? he, warum ziehst du Gauch den Degen?« fragte einer von -ihnen. - -»»Wir müssen uns nicht zu nahe kommen, denn Ihr guten Leute lebt vom -Leben anderer, ich kenn' euch;«« antwortete Abaellino. - -Ein Kerl. Galt nicht dein Pfeifen _uns_? - -Abaellino. Nun ja. - -Ein Kerl. Was willst du? - -Abaellino. Hört, ich bin ein armer Schelm, gebt mir doch von eurer Beute -ein Allmosen. - -Ein Kerl. Allmosen? ha, ha, ha! mein Seel, das ist lustig! Allmosen von -uns! doch, es gefällt mir, warum nicht? - -Abaellino. Oder strekt mir funfzig Zechinen vor, ich will mich zu euch -in den Dienst geben und die Schuld abarbeiten. - -Ein andrer. Wer bist du denn? - -Abaellino. Zur Stunde der ärmste Schlucker in der Republik. Kräfte hab -ich, und lägen drei Panzer vor einem Herz, ich durchbohr' es; und Augen, -daß ich in egyptische Finsternis nicht fehlstoßen würde. - -Ein dritter. Warum warfst du mich vorhin nieder? - -Abällino. Geld zu verdienen; aber der Kerl gab mir für sein Leben keinen -rothen Heller. - -Ein andrer. Das gefällt mir! meinsts redlich? - -Abällino. Die Verzweiflung lügt nicht. - -Der dritte. Kerl, wenn du aber ein Schurke wärst! - -Abaellino. So wären wir nicht weit von einander -- und eure Dolche sind -ja immer geschliffen. - -Die drei gefährlichen Burschen sprachen leise mit einander und stekten -ihre Gewehre ein. - -»Na, komm zu uns, hier auf der Straße läßt sichs nicht gut von gewissen -Sachen reden.« Sprach einer. - -»»Aber weh euch, wenn einer feindseelig wider mich handelt! Du Kerl, -vergieb mir, daß ich dir vorhin die Rippen etwas zerdrükte -- es soll -nicht wieder geschehn! Ich will euer Gesell werden!«« sagte Abaellino. - -»Auf Ehre, riefen alle; wir thun dir nichts Leides; der ist unser Feind, -der dir übel thut, ein Kerl wie du, gefällt uns! komm!« - -Sie giengen, _Abaellino_ in ihrer Mitte. Mistrauisch schielte er von -allen Seiten, aber in den Banditen schien kein böser Gedanke zu -erwachen, Sie führten ihn seitwärts, gelangten an einen Kanal, sie -banden eine Gondel los, sezten sich ein und ruderten zur entlegensten -Spitze Venedigs. Man stieg aus; durchkroch verschiedne enge Straßen; -klopfte endlich an ein niedliches Haus; ein junges Weib schlos auf, -führte die Herrn in ein simples, aber reinliches Zimmer und beantlizte -den bestürzten halbfrohen, halbängstlichen Abaellino, der noch immer -nicht wußte, woran er war, und immer noch an der Sicherheit der -Banditenparole zweifelte. - - - - - Drittes Kapitel. - Die Banditenwohnung. - - -Die drey Herrn vermehrten sich bald durch zwei Neuankommende, die ihren -unbekannten Gast von allen Seiten betrachteten. - -»Nun laß dich doch beschauen!« riefen die Führer und Bekannten des -Abaellino, und stellten sich beym Schimmer einer brennenden Lampe um ihn -her. - -»Pfui, ein häslicher Bube!« rief _Molla_, so hies die Wirthin und drehte -sich von ihm hinweg und Abaellino wälzte einen gräslichen Blik auf sie -hin. - -»Kerl, sezte ein andrer hinzu: dich hat die Natur schon zum Banditen -gestämpelt; welchem Zuchthause bist du entronnen, welcher Galeere hast -du Valet gesagt?« - -_Abaellino_ stämmte die Arme in die Seite. »Desto besser, sagte er mit -einer heisern, fürchterlichen Stimme: so darf der Himmel zu meiner -künftigen Lebensart nicht sauer sehn, wenn er mich selber dazu -geschaffen hat.« - -Die fünf Herrn giengen beiseite und besprachen sich mit einander; den -Stof ihrer Unterhaltung können wir leicht errathen. Abaellino warf sich -schweigend auf einen Sessel. - -Nach einigen Minuten kamen sie wieder zu ihm. Der stärkste und wildeste -von ihnen trat hervor, und redete Abaellino'n an. - -»Höre, Venedig ernährt fünf Banditen, wie du sie hier siehst, und für -den sechsten, der du bist, wird sich auch Brod finden. Ich bin _Matteo_ -und der älteste von allen, der Rothkopf dort heißt _Baluzzo_, der mit -dem glimmernden Kazzenauge da ist _Thomas_, ein Erzschelm; der Kerl -dort, dem du die Rippen zerschelltest, ist _Petrini_, und der Wicht, der -da bei der Molla steht, mit den dikken Mohrenlippen, ist _Struzza_. Jezt -kennst du uns alle. Wir wollen dich zünftig machen, weil du ein armer -Teufel bist; aber höre, bist du auch ein ehrlicher Kerl?« - -Abaellino lächelte, oder vielmehr grinste, und brummte: mich hungert! - -»Bist du ein ehrlicher Kerl?« - -»»Das soll die Folge entscheiden.«« - -»Sieh, Bursch, die erste Treulosigkeit kostet dir das Leben. Wirf dich -dem Dogen in den Schoos und umschanze dich mit aller Macht der Republik, -wir ermorden dich im Arm des Dogen, hinter hundert Kanonen. Sez dich auf -den Hochaltar, wir schleppen dich vom Kruzifix hinweg und ermorden dich. --- Kerl, besinne dich, wir sind _Banditen_!« - -»»Das weis ich. Aber gebt mir nur Essen, dann will ich plaudern, so viel -ihr wollt. Ich habe seit vier und zwanzig Stunden fasten müssen.«« - -_Molla_ dekte einen kleinen Tisch, trug nach ihrem besten Vermögen auf -und füllte die silbernen Becher mit herrlichem Wein. - -»Wenn er nur leidlicher, nur wie andre Menschenkinder aussähe!« brummte -sie: »aber seiner Mutter ist gewiß in ihrer Schwangerschaft der Teufel -erschienen, und da kam denn die abscheuliche Larve zur Welt!« - -_Abaellino_ lies sich nicht stöhren, sondern aß und trank als wollte er -sich für ein halbes Jahr satt essen. Die Banditen sahn ihm mit -Wohlgefallen zu, und stießen auf die glükliche Eroberung an, die sie -hier gemacht hatten. - -Will sich der Leser diesen Abaellino denken, so stelle er sich einen -jungen, starken Kerl vor, von dem man sagen würde, er sei schön geformt, -wenn nicht das häslichste Gesicht, welches je ein Karrikaturmaler -ersonnen, oder _Milton_ dem häslichsten seiner gefallenen Engel -aufgesezt, die übrigen Schönheiten entstellte. Schwarz und glänzend, -aber weich und lang flog sein Haar verwildert ihm um den braunen Hals -und um das gelbe Gesicht. Der Mund schien in einer ewigen Verzerrung zu -grinsen und dehnte sich bis zu den Ohren aus; die Augen lagen tief ins -Fleisch vergraben und zeigten fast immer das Weisse; die gröbsten Züge, -die je ein Holzschnittsgesicht aufzuweisen hat, traf man hier in einer -abscheulichen Zusammensezzung an, und verlegen war man, ob diese -widerliche Physiognomie Dummheit oder Tükke des Herzens, oder beides -zugleich verrieth. - -»Nun bin ich satt!« brüllte _Abaellino_, und stürzte den vollen -Weinbecher hinter. »Was habt ihr nun zu fragen, ich bin bereit zu -antworten.« - -»Ich dächte, hub _Matteo_ an: ich dächte, du legtest einmahl ein -Probestük von deiner Stärke ab, denn diese kömmt bei uns sehr in -Anschlag. Bist du gewandt im Ringen.« - -»»Ich weis nicht.«« - -»Molla, sezz' alles beiseite! -- Abaellino, mit wem nimmst du's unter -uns auf? wen glaubst du so niederschmeisen zu können, wie den Poeten da, -den Petrini?« - -»»Euch alle, wie ihr da seid, und ein halbes Duzzend solcher Lumpenbunde -dazu!«« rief Abaellino, warf den Degen auf den Tisch, sprang auf und -schielte die Bande an. - -Die Kerls lachten. - -»Na, macht das Probestük!« rief Abällino! was zaudert ihr. - -»Hör, Bursche, entgegnete _Matteo_: versuchs mit mir allein; und fühle -erst, wer wir sind! denkst du, es stehn hier Knaben, oder saftlose -Süsherrchen, die ihre Kraft in den Eiderdunen verschwizzen, oder feilen -Mezzen vergeuden, oder dem Onan opfern?« - -Abaellino lachte. -- _Matteo_ wurde wild; die übrigen jauchzten. - -»Halloh!« rief Abaellino: »ich habe Lust zu rasen, macht euch gefaßt!« -und in einen Klumpen stürzte er zusammen, warf den Riesen Matteo über -sich hin, wie eine Puppe, schleuderte den Baluzzo rechts, den Petrini -links, kehrte dem Thomas das oberst zu unterst, und strekte den Struzza -unter die Bänke. - -Drei Minuten lagen die Ueberwundnen ohne sich zu regen am Erdboden -umher, und Abaellino jauchzte und die bestürzte Molla zitterte bei dem -schreklichen Schauspiel. - -»Beim heiligen Klas! rief _Matteo_ und rieb sich die mürben Schenkel: -der ist unser Meister! Molla, dem Kerl ein gutes Nachtlager!« - -»»Er hat mit dem Teufel einen Bund!«« murmelte _Thomas_, und renkte die -verschobne Gelenke in ihre Fugen. - -Niemand war nach einem neuen Probestük lüstern; spät wars in der Nacht, -oder vielmehr, es graute der Morgen schon über das Meer empor und jeder -begab sich in sein Schlafgemach. - - - - - Viertes Kapitel. - Banditenphilosophie. - - -_Abaellino_, dieser furchtbare Riese, konnte nicht lange, ohne sich eine -unbegränzte Hochachtung von allen seinen Spiesgesellen zu erwerben, in -der Mitte dieser Leute leben. Jeder liebte, jeder schäzte ihn, wegen -seiner Banditentalente, wozu nicht allein die ungeheure Kraft seines -Körpers, sondern auch seine Klugheit, sein Wiz zu dummen Streichen -gehörte. Auch die kleine _Molla_ hätte ihn wohl geliebt, aber -- er war -gar zu häslich. - -_Matteo_ war, wie Abaellino nun bald erfuhr, der Herr dieser -gefährlichen Bande. Er war ein raffinirender Bösewicht, unerschrokken -vor jeder Gefahr, wizzig und schlau und gewissenloser, als ein -französischer Finanzpächter. Er empfing die Beute und die Bezahlung, -welche seine Untergebnen täglich einbrachten, gab davon jedem sein Theil -und behielt für sich selbst nie mehr, als jeder andre bekam. Die Zahl -derer, welche er schon in die andre Welt befördert hatte, war schon zu -gros, als daß er sie angeben konnte. Sein größtes Vergnügen war, in -einsamen Stunden diese Mordgeschichten zu erzählen, um durch sein -Beispiel die andern zu begeistern. Er hatte seine besondre Rüstkammer; -hier fand man Dolche von verschiednen Gestalten, mit und ohne -Widerhaken, breit, zwei- drei- und vierschneidig. Hier fand man -Windbüchsen, Terzerole, Pistolen gros und klein; Gifte verschiedner Art -und verschiedner Wirkung; Kleider zu allen möglichen Verkappungen; -Mönchs- Juden- Taglöhner- Senatoren- Soldaten- Bettlertrachten. - -Eines Tages rief er den Abaellino zu sich. »Höre, sagte er: Du wirst ein -braver Kerl werden, das seh ich voraus. Fange nun auch an, das Brod, was -wir dir geben, selber zu verdienen. -- Hier hast du einen Dolch vom -feinsten Stahl; du läßt dir jeden Zoll daran bezahlen. Stichst du nur -_einen_ Zoll tief in das Fleisch deines Gegners, so foderst du von dem, -der dich besoldete, eine Guinee. Zwei Zoll, zehn Guineen; drei Zoll -zwanzig, der ganze Dolch so viel du selber willst -- das ist so die -Taxe. Hier hast du einen gläsernen Dolch; an ihn hängt der unfehlbare -Tod dessen, dem er ins Fleisch gestossen wird -- kaum ist der Stich -geschehn, so brichst du ihn in der Wunde ab, das Fleisch schließt sich -über die abgebrochne Spizze zusammen, die bis zum Auferstehungstage -darin ihr Quartier behält. -- Hier dieser metallne Dolch bewahrt in -seiner Höhlung ein subtiles Gift; stoß ihn, wem du willst, in den Leib, -drükke hart an diese Feder, und du sprüzzest in eben den Augenblik den -Tod in die Adern des Verwundeten. -- Nimm die Dolche, ich gebe sie dir -zum Geschenk, ein Kapital, das goldne, schwere Zinsen trägt!« - -_Abaellino_ nahm die Mordinstrumente mit einem leisen Schauer in die -Hand. -- - -»Ihr müßt euch doch schon ein großes Vermögen zusammengestohlen haben!« - -»»Schurke, entgegnete Matteo beleidigt: wer stiehlt unter uns. Hältst du -uns für Straßenräuber, Beutelschneider, oder für Verwandte dieses -Lumpengesindels?«« - -»Vielmehr für noch etwas ärgers; denn offenherzig gesprochen, Matteo, -jene plündern doch nur die Schränke und Geldbörsen, die sich immer -wieder füllen lassen, aber wir nehmen dem Menschen ein Kleinod, das er -nur einmahl hat und einmal nur verlieren kann. Sind wir nicht noch -tausendmahl ärgere Räuber?« - -»Beim heiligen Klas, Abaellino, ich glaube, du willst moralisiren?« - -»»Ha, ha, ha, ha!«« - -»»Nun was schwazzest du da?«« - -»Höre, Matteo, noch eine Frage: wie finden wir uns dereinst mit dem -Weltrichter ab?« - -»»Ha, ha, ha!«« - -»Glaube nicht, daß es dem Abaellino am Muth fehlt; sieh, ich will auf -deinen Befehl das halbe Venedig erwürgen, aber -- --« - -»»Närrchen, als Bandit mußt du dich über die Fabel von Tugend und Sünde -hinweg sezzen. Was ist Tugend, was ist Laster? nichts, als ein Etwas, -welches die Landesverfassung, Gewohnheit, Sitte, Erziehung geheiligt -hat; und was _Menschen_ heiligen, können auch Menschen _entheiligen_; -hätte der Senat die freimüthigen Urtheile über die venetianische Polizei -nicht verboten: so wäre die Aeusserung solcher Urtheile keine Sünde. -Gott frägt nicht nach Menschensazzungen, sondern nach seinem Willen. Wen -er von uns zur Seligkeit bestimmt hat, der wird einmal selig, und wen er -verdammt hat, der bleibt verdammt in alle Ewigkeit, und wenn er gleich -nach menschlicher Meinung ein Heiliger wäre. Also über die Sorgen sezz' -dich hinweg. Wir sind Menschen, so gut wie der Doge und seine Senatoren; -wir können so gut, wie sie Gesezze geben, und aufheben, und bestimmen, -was Sünde und Tugend sein soll.«« - -_Abaellino_ lächelte. - -»»Sagst du, wir treiben ein ehrloses Gewerbe? was ist Ehre? ein Wort, -ein leerer Schall und ein leeres Hirngespinnst. Der Knikker sagt: Ehre -ist es reich zu sein, und die Goldstükke zu Tausenden zählen zu können. -Ehre, sagt der Wollüstling, ist es von jedem Mädchen angebetet zu werden -und jedes schöne Weib zu besiegen. Nein, sagt der Feldherr, Städte zu -erobern, Armeen zu schlagen, Dörfer zu verheeren, das bringt Ehre. Der -Gelehrte sezt seinen Ruhm in die Menge der Folianten die er geschrieben, -oder gelesen hat; der Kesselflikker in die Kunst Scherben wieder genau -zusammen zu kitten; die Nonne in der großen Zahl ihrer Andachtsübungen; -die Weltdame in die Menge ihrer Vergötterer; die Republik in die Größe -ihrer Provinzen und so, Freundchen, sezt jeder seine Ehren in etwas -anders. Warum ist es ehrlos, wenn wir uns in unsrer Kunst Glanz und -Vollkommenheit erringen.«« - -»Schade, an dir verliert der Lehrstuhl einen braven Philosophen.« - -»»Meinst du? sieh nur Abaellino, ich bin im Kloster erzogen; mein Vater -war ein Prälat in Lukka, meine Mutter eine keusche Nonne vom Orden der -Urselinerinnen. Da hab ich studieren sollen, mein Vater wollte mich zu -einem Kirchenlicht machen, aber ich fühlte mich zu einer -Mordbrennerfakkel tauglicher. Als ich bei dem alten Pater _Hieronimus_ -die Moral studierte, sagte er mir oft, _Selbstliebe_ sei das große -Triebrad aller menschlichen Handlungen, das Urprincip jeder Sittenlehre. -Hieronimus hatte Recht. Gott schuf aus Selbstliebe das unermeßliche -Universum, um sich selber zu verherrlichen, und verherrlicht zu sehn; -jedes Thier handelt den Naturgesezzen gemäs, nach dem ehrwürdigen -Grundsaz der Selbstliebe -- jeder Mensch ordnet seine Thaten diesem -großen Gesez unter, und wer hat nun wider die Sittlichkeit unsers -Geschäfts etwas einzuwenden, da wir eben dem Gesez gehorchen, dem das -Universum Gehorsam leistet? -- Mit einem Worte, zittre nicht vor den -Selbstgespinnsten deiner Einbildungskraft!«« - - - - - Fünftes Kapitel. - Die Einsamkeit. - - -Schon über sechs Wochen war _Abaellino_ in Venedig, aber noch hatte er -von seinen Dolchen keinen Gebrauch machen können oder wollen. Denn -theils war er in den Straßen, Schlupfwinkeln, Pallästen und Kajütten -Venedigs zu unbekannt, theils fehlten ihm auch noch Kunden, deren -mörderische Aufträge er hätte executiren können. - -Diese Geschäftlosigkeit ekelte ihm, er wollte handeln und konnte nicht. - -Melancholisch schlich er umher, und seufzte. Er besuchte die -öffentlichen Pläzze Venedigs, die Wirthshäuser, Garten- und Lustpläzze, -aber nirgends fand er, was er suchte -- Ruhe. - -An einem Abend hatte er sich in einem Garten verspätet, der auf einer -niedlichen Insel Venedigs gelegen war. Er schlich von Laube zu Laube, -sezte sich am Ufer des Meeres nieder und sah dem Spiel der Wellen im -Schein des Mondes zu. - -»So ein schöner Abend wars vor zwei Jahren, da ich Emmoinen den ersten -Kuß raubte, und Emmoine mir Liebe schwor!« seufzte er, und schwieg und -wehmüthige Empfindungen stiegen in ihm auf. - -Es war so stille. Kein Lüftchen bog die Hälmchen des Grases; aber in -_Abaellinos_ Busen stürmte es. - -»Hätt' ich es vor zwei Jahren träumen können, daß ich einmahl in Venedig -als Bandit meine Rolle spielen würde? O wo sind die goldnen Hofnungen, -die lieblichen Pläne, welche meine Jugend umgaukelten? -- Ich bin ein -Bandit, noch weniger, als ein Bettler! --« - -»Wenn mein grauer Vater oft im Enthusiasmus mich umschlang und rief: -Sohn, du wirst den Namen Obizzo glänzend machen! Gott, wie bebte ich da, -was dacht ich, was empfand ich, was wollt' da nicht alles! und der Vater -ist tod, und sein Sohn -- -- ein venetianischer Bandit! -- wenn meine -Lehrer mich bewunderten und liebkoseten, und sie entzükt mir zuriefen: -Graf, ihr verewiget einst das alte Geschlecht von Obizzo! ha, was -versprach ich mir da nicht in seliger Trunkenheit von der Zukunft! -- -Als mich Emmoinna von einer schönen That zu sich heimkehren sah, und sie -die Arme mir entgegenstrekte und mich an ihren Busen schlos und mir ins -Ohr lispelte: wer sollte den großen Obizzo nicht lieben, -- -- oh, oh! -hinweg ihr Bilder der Vergangenheit, euer Erscheinen führt zum -Wahnsinn!« - -Er schwieg, bis die Lippen zusammen, hielt die flache Hand vor die Stirn -und krallte die andre zusammen. - -»Ein Meuchelmörder, ein Diener der Niederträchtigkeit und Büberei, einer -der größten Schurken, den die venetianische Sonne bescheint ist -- der -_große Obizzo_! -- pfui! -- und doch hat mich das Schiksal selber zu -diesem unseligen Loose verdammt. --« - -Plözlich sprang er nach einem langen Stillschweigen auf, sein Auge -funkelte, seine Miene verwandelte sich, sein Odem flog lauter. - -»Ja, beim Himmel, ja, gros konnt' ich als Graf Obizzo nicht sein, aber -wer wehrt mirs, gros, als Bandit, zu werden? -- Vater, mein Vater!« rief -er und sank von ungewöhnlichen Gefühlen bestürmt nieder auf die Kniee, -und strekte die Finger empor zum Himmel, als zu einem Eide: - -»Geist meines Vaters, Geist meiner Emmoina, ich will eurer nicht unwerth -sein! hört mich, wenn ihr mich umschweben dürfet, hört mich, ich will -auch als Bandit meinen Ursprung nicht verläugnen, eure Hofnungen, mit -denen ihr aus dieser Welt schiedet, nicht vernichten -- o, so wahr ich -lebe, ich will der _einzige_ meiner elenden Zunft sein und werden, und -die Nachwelt soll den Namen verehren, den ich verherrlichen kann. --« - -Er berührte mit seiner Stirn den Erdboden und weinte. Die Zweige -lispelten leise im Abendwinde um ihn her, leise lispelten die Gebüsche -und das dunkle Schilf am Gestade. - -Länger als eine Viertelstunde verharrte er in dieser Situazion. Große -Gedanken flogen vor seinem Geiste vorüber; über ungeheuern Plänen -schwindelte er und er sprang auf sie zu realisiren. - -»Mit fünf erbärmlichen Gaunern mach ich kein Complot wider die -Menschheit. Ich allein muß die Republik zittern machen, und jene -meuchelmörderischen Buben sollen in acht Tagen hängen. Fünf Banditen -soll Venedig nicht füttern, aber einen, _einen einzigen_, und dieser -soll dem Dogen die Spizze bieten, soll über Recht und Unrecht in der -Republik wachen. Ehe acht Tage verfliegen, soll der Staat gereinigt sein -von dem Auswurf des menschlichen Geschlechts, und dann steh ich noch -allein da. An mich allein müssen sich alle jene Schurken von Venedig -wenden, welche meine Spiesgesellen vormahls zum Morde der Rechtschaffnen -gedungen haben. Ich lerne nun die feigen Mörder, die vornehmen Buben -kennen, die den Matteo sonst und seine Knechte bezahlten -- ha, -Abaellino! Abaellino! -- --« - -Er taumelte, trunken von seinen Hofnungen durch den Garten, rief einen -Gondelier herbei, sezte sich in die Gondel und eilte zu der Wohnung der -kleinen _Molla_, wo alles schon im Arm des Traumgotts hingestorben lag. - - - - - Sechstes Kapitel. - Rosamunde, die schöne Nichte des Dogen. - - -»Hör Bursche!« sprach _Matteo_ am folgenden Morgen zum Abaellino: »heute -sollst du dein Probestük in der Kunst machen!« - -»»Heute?«« murmelte _Abaellino_ durch die Zähne: »Wem gilts?« - -»Es ist freilich nur ein Weib, allein man muß jedem den Anfang -erleichtern. Ich will dich selber begleiten, und sehn, wie du dich bei -dieser Probearbeit benehmen wirst!« - -»»Hm!«« sagte _Abaellino_, und maß den Matteo vom Wirbel bis zu den -Sohlen. - -»Heut Nachmittag um die vierte Stunde gehn wir mit einander, gut -gekleidet in den Garten von Dolabella, auf der Südseite von Venedig. -Hier pflegt die Nichte des Dogen Andreas Gritti, die schöne Rosamunde -von Corfu zu baden, und nach dem Bade allein zu lustwandeln. Und dann -- -nun weißt du's.« - -»»Und du begleitest mich?«« - -»Ich will von deiner ersten That ein Zuschauer sein; so pfleg ichs zu -halten bei jedem! --« - -»»Wie tief der Stos?«« - -»Bis aufs Leben! die Bezahlung ist fürstlich; ich empfange sie nach -Rosamundens Tode.« - -Es wurde alles übrige verabredet. Der Nachmittag erschien. Es schlug in -der benachbarten Benediktinerkirche vier Uhr, und Matteo und Abaellino -machten sich auf den Weg. - -Sie kamen in den Dolabellischen Garten, der heut ungewöhnlich volkreich -war; Menschen beiderlei Geschlechts durchirrten die umbüschten Gänge; in -allen Lauben sassen die Edlen von Venedig; in allen Winkeln seufzten -liebende Paare der angenehmern Dämmerung des Abends entgegen; und von -jeder Seite scholl Vokal- und Instrumentalmusik um das schwelgende Ohr. - -_Abaellino_ mischte sich unter die Spaziergänger; er hatte seinen Kopf -in eine ehrwürdige Perükke verstekt, die Attitüde eines podagrischen -Alten angenommen und schlich so an einem Krükkenstok durch die -Versammlung. Seine goldreiche Kleidung verschaffte ihm allenthalben -Zutritt, jeder lies sich mit ihm in Gespräche über Witterung, Kommerz -der Republik und die Kriege der Ausländer ein, und Abaellino wußte -angenehm zu unterhalten. - -So erfuhr er nun auch, daß Rosamunde im Garten sei, wie sie sich heut -gekleidet, und in welcher Gegend sie wandele. - -Sogleich schlich er dahin. _Matteo_ verfolgte ihn auf den Fus. - -In einer entlegnen Laube sas die größte Schönheit Venedigs, _Rosamunde -von Corfu_. - -_Abaellino_ näherte sich der Laube; er wankte vor dem Eingang derselben, -als ein Ohnmächtiger umher, und erregte Rosamundens Aufmerksamkeit. -»Ach!« seufzte er: »ist denn niemand, der sich eines schwachen Greises -erbarmet?« - -Die schöne Nichte des Dogen sprang eilig hervor aus der Laube, dem alten -Mann zu helfen. »Was ist Euch, lieber Vater?« fragte sie mit einer süßen -Stimme, und besorgtem Blik. - -Abaellino winkte mit der Hand zur Laube hin; Rosamunde führte ihn hinein -und sezte ihn auf ein Rasenbänkchen. - -»Gottes Lohn!« stammelte Abaellino mit schwacher Stimme, und sah -Rosamunden ins Auge und erröthete. - -_Rosamunde_ stand schweigend vor dem verlarvten Banditen und zitterte in -zärtlicher Sorge -- und diese Bekümmernis macht das schöne weibliche -Geschöpf noch schöner. -- Bebend bog sie sich mit dem halben, schlanken -Leibe über ihren gedungnen Mörder und fragte nach einer Weile: »ists -Euch besser?« - -»Besser!« stammelte der Betrüger mit matten Lippen. -- »Ihr seid die -edle Rosamunde von Corfu, des Dogen Nichte?« - -»Wohl bin ichs, lieber Alter!« - -»»O, Fräulein, da hab ich Euch etwas wichtiges zu entdekken -- ach, du -lieber Gott, wie können die Menschen so grausam sein -- seht nur, man -steht Euch nach Euerm Leben.«« - -Das Mädchen bebte erblassend zurük. - -»Wollt ihr Euern Mörder kennen lernen? -- Ihr sollt nicht sterben, aber -thut mir den Gefallen und verhaltet euch ganz still!« - -_Rosamunde_ wußte nicht, was sie zu den Worten des Greises denken -sollte; es wurd ihr bange in der Gesellschaft dieses alten Mannes. - -»Fürchtet nichts, Fräulein, fürchtet nichts, seid unbesorgt. -- Der -Mörder soll vor euern Augen sterben.« - -_Rosamunde_ machte eine Bewegung, als wollte sie entfliehn. Aber -plözlich verwandelte sich der schwache Greis vor ihren Augen. Er der vor -einer Minute ohnmächtig nur lallen konnte, und zitternd da sas, sprang -auf wie ein Riese und hielt sie zurük in seinen Arm. - -»Um Gotteswillen, laßt mich!« rief sie. - -»»Fräulein, seid sorglos, ich beschüzze euch!«« entgegnete Abaellino -nahm ein kleines Blech in den Mund und pfiff. - -Plözlich sprang der lauernde Matteo aus einem Gesträuch hervor und in -die Laube hinein. Abaellino zog den Dolch, schleuderte Rosamunden hinter -sich, gieng dem Matteo einen Schritt entgegen und stieß ihm das Messer -ins Herz. - -Ohne einen Laut von sich zu geben, stürzte der Banditenhauptmann zu -Abaellinos Füßen nieder und röchelte und gab nach vielen gräslichen -Verzukkungen den Geist auf. - -Jezt sah der Mörder Matteo's hinter sich, und erblikte Rosamunden -halbohnmächtig auf der Rasenbank. - -»Nun ist dein Leben gerettet, schöne Rosamunde, sagte er: da liegt der -Schurke, der mich zu deiner Ermordung hieher führte. Sei ruhig, geh hin -zu deinem Oheim Andreas Gritti, und sage, Abaellino habe dein Leben -erhalten!« - -_Rosamunde_ konnte nicht sprechen. Bebend strekte sie ihre Arme aus, -ergrif Abaellinos Hand und küßte sie mit stummer Dankbarkeit. - -_Abaellino_ sah die schöne Leidende an, und wer konnte hier gefühllos -bleiben? Man denke sich ein Mädchen, das kaum neunzehn Sommer dieses -Lebens gesehen hatte; den schlanken Gliederbau verstekt in ein weises, -tausendfaltiges leichtes Gewand, mit einem großen, blauen Augenpaar, aus -welchem die reinste Unschuld sprach, einer Stirn, weis wie Elfenbein, -über welcher das schwarze lokkigte Haar sanftgeringelt herabquoll, -Wangen, die der Schrek izt gebleicht hatte, Lippen, die nie ein -Verführer mit seinem Kusse vergiftet, einen Busen, den der keusche -Flornebel vergebens verbergen wollte. Man denke sich dieses Geschöpf, -woran die liebende Natur nichts vergas, um es zum Ideal weiblicher -Schönheit zu erheben -- und man wirds dem ungestümen Abaellino nicht -verargen, wenn er einige Minuten entgeistert dastand und sich um die -Ruhe seines Herzens betrog. -- - -»O, bei Gott! rief er: Rosamunde, du bist schön, schön wie Emmoina! --« -Er bog sich über sie hin und drükte einen brennenden Kuß auf ihre blasse -Wange. - -»»Geh, schreklicher Mensch!«« lispelte sie. - -»Ach, Rosamunde, warum bist du so schön, und warum bin ich -- weißt du -wer dich küßte, geh, und sage dem Dogen laut: _der Bandit Abaellino_!« - -Er sprachs und verschwand aus der Laube. - - - - - Siebentes Kapitel. - Fortsezzung. - - -Und in der That hatte _Abaellino_ Ursach zu eilen; denn wenige Minuten, -nachdem er die Laube verlassen hatte, verirrten sich mehrere -Spaziergänger in dieser Gegend her, die bald den ermordeten Matteo, und -die todtenblasse Rosamunde erblikten. - -Man versammelte sich um die Laube: es strömten immer mehrere Personen -herbei und _Rosamunde_ mußte fast jedem die Begebenheit der vergangnen -Augenblicke erzählen. - -Es befanden sich unter den Herbeieilenden verschiedne Hofleute des -Andreas Gritti; man rief ihre Gesellschaftsdamen und Zofen herbei, rief -ihrer Gondel und so begab sich das arme Mädchen in den Pallast ihres -Oheims zurük. - -Vergebens hielt man alle andern Gondeln an, vergebens untersuchte man -alle Gäste des Dolabellischen Gartens, der sogenannte Bandit Abaellino -war verschwunden. -- - -Der Ruf dieser Geschichte flog durch ganz Venedig; jedermann bewunderte -Abaellinos That, bedauerte die arme Rosamunde, verfluchte denjenigen, -der den Matteo zu ihrem Morde besoldet hatte, und suchte alle diese -unzusammenhängenden Fragmente mit dem Kitt der Hypothesen, so gut, wie -gewisse deutsche Philosophen ihre Systeme, zusammenzuflikken. - -Am Ende entspann sich hieraus der schönste Stoff zu einem -abentheuerlichen Roman, oder Trauerspiel, betitelt: _Die Gewalt der -Schönheit_. Denn Abaellino hätte wahrscheinlich Rosamunden den Dolch ins -Herz gestossen, meinten die venetianischen Damen und Herrn, wäre -Rosamunde minder schön gewesen. - -Zulezt beneideten die Venetianerinnen Rosamunden sogar um das -Abentheuer; man fieng schon an über den Kus des Banditen zu medisiren. -Hm! sagten einige: was kann die schöne Rosamunde ihrem Erretter nicht in -der Angst erlaubt haben! -- Und wird, riefen andere: und wird der Kerl -mit einem schönen Mädchen, dem er das Leben erhielt, allein sich mit -einem einzigen Kusse begnügt haben? -- Freilich! entgegnete man: -Banditen pflegen sonst so sehr galant nicht zu sein und in der Liebe zu -platonisiren! -- - -Mit einem Worte, Rosamunde und der häsliche Abaellino waren so lange der -Gegenstand müßiger Schwäzzer und Schwäzzerinnen, bis man endlich die -Nichte des Andreas Gritti die _Banditenbraut_ betitelte. - -Keiner aber war aufgebrachter, als der Doge. Er gab sogleich Befehl, man -solle wachsamer als je auf alle und jede verdächtige Personen sein; die -Nachtwachen wurden verstärkt, es wurden alltäglich Spione ausgesandt, -aber vergebens, man entdekte keine Spur von den Banditen. - - - - - Achtes Kapitel. - Entdekkungen. - - -»Verdammt!« rief am andern Tage der wilde _Parozzi_, ein venetianischer -Nobile erstern Ranges, und ging mit großen Schritten durch sein Gemach: -»Verdammt sei die Ungeschiklichkeit des Schurken! aber in der That, ich -begreif es noch gar nicht, wie sich das alles zugetragen hat! -- Weis -man von meinen Plänen? hat Bembi Rosamundens Liebe? Wer hat den -Abaellino wider den Matteo ausgeschikt? -- Bembi vielleicht? -- gewis! --- Und wird der Doge nun nicht fragen: wer hat Mörder wider meine Nichte -ausgesandt? wer kann es anders gewesen sein, als _Parozzi_, der -unglükliche Liebhaber, dem die schöne Rosamunde einen Korb gab, und -Andreas Gritti unhold ist? wird man sagen. -- Pfui! -- Parozzi -- -Parozzi! und wenn der schlaue Gritti all deine Pläne entdekte, wenn er -wüßte, daß du an der Spizze mehrerer Leichtsinnigen -- Leichtsinnigen? -ja doch, was sind die Knaben anders, die um der Ruthe zu entgehn, den -Eltern das Haus übern Kopf anzünden wollen? -- Parozzi, wenn das alles -dem Gritti verrathen würde!« - -Er wurde in seinen Betrachtungen gestört. _Memmo_, _Falieri_ und -_Contarino_ traten herein, drei junge Venetianer vom besten Adel, -Parozzis tägliche Gesellschafter, am Geist und Körper verdorbne -Menschen, Springinsfelde, Bonvivants, die allen Wucherern in Venedig -mehr schuldig waren, als sie jemals mit ihrem väterlichen Erbe bezahlen -konnten. - -»Aber, Brüderchen, rief Memmo, dem das Laster in der grauen -Gesichtsfarbe, dem trüben Blik und den rothblauen Ringen um den Augen -verrieth; um des Himmels Willen, ich bin ausser mir, hast du den Matteo -wider die Nichte des Andreas Gritti ausgeschikt?« - -»»Ich?«« sagte Parozzi, und drehte sich um, um die Todtenblässe zu -verstekken, die ihm über das Gesicht flog: »»kein Gedanke -- ich glaube, -du schwärmst!«« - -Memmo. Wahrhaftig, ich spreche im ganzen Ernst; frag nur den Falieri, -der kann dir mehr erzählen. - -Falieri. Höre, Parozzi, der Procurator _Sylvio_ hats dem Dogen als eine -heilige Wahrheit beschworen, daß kein andrer, als du, den Matteo zu -Rosamundens Ermordung bestellt habest. - -Parozzi. Nun, und ich sage euch, der Kerl raset. - -Contarino. Aber nimm du dich in Acht. Gritti ist fürchterlich. - -Falieri. Der Doge ist der elendeste Gauch von der Welt; er kann ein ganz -guter Soldat sein, aber Kopf hat er nicht. - -Contarino. Und ich schwöre dirs, Gritti ist wild wie ein Löwe und schlau -wie ein Fuchs. - -Falieri. Durch das verdammte Kleeblat, davon er der Stiel ist, der es um -sich zusammen hält. Man nehme ihm den Sylvio, Conari, und Dandoli, so -wird er dastehn, wie ein Schulknabe im Examen, dem mans Concept -gestohlen hat. - -Parozzi. Falieri hat Recht. - -Memmo. Ja, wahrhaftig. - -Falieri. Und stolz ist der Gritti, wie ein Bauer, dem man ein -Purpurkleid angezogen hat. Bei Gott, er ist unleidlich. Bemerkt ihr denn -gar nicht, wie er täglich seinen Hofstaat vermehrt? - -Memmo. So wahr ich lebe, du hast Recht. - -Contarino. Und welche Gewalt er sich allenthalben anmaßt? Die Signoria, -die Quaranti, die Procuratoren di St. Marco, die Avogadori wollen und -wünschen nichts anders, als was dem Gritti gefällt. Alle hängen sie an -dem Faden seiner Launen wie Marionetten, die ihre Holzköpfe schütteln -oder verneigen, nachdem sie gezogen werden. - -Parozzi. Und das Volk vergöttert diesen Gritti. - -Memmo. Ja, das ist eben das schlimmste. - -Falieri. Aber ich will verdammt sein, wenn sich das Spiel nicht bald -dreht. - -Contarino. Ja, nur angefangen, Leute. Aber was thun wir? da liegen wir -in den Weinhäusern und Bordellen, saufen und spielen, stürzen uns in ein -Meer von Schulden hinein, wo zulezt der beste Schwimmer ertrinken muß. -Laßt uns den Anfang machen -- laßt uns werben, laßt uns angreifen, die -Verhältnisse müssen sich ändern, oder es geht in dieser Welt mit uns -nicht gut. - -Memmo. (seufzend) Freilich, freilich, die Gläubiger zerklopfen mir schon -seit einem halben Jahr die Thüren, wekken mich des Morgens aus dem -Schlaf und lullen mich des Abends mit ihren Klagen wieder ein. - -Parozzi. Ha, ha, ha! nun ihr wißt ja, wie mirs geht! -- - -Falieri. Hätten wir minder flott gelebt: so würden wir izt ruhig sizzen -können in unsern Pallästen, und -- Aber izt -- - -Parozzi. Nun, wahrhaftig, ich glaube Falieri hält uns eine Buspredigt. - -Contarino. So machens die alten Sünder sammt und sonders, wenn sie nicht -mehr sündigen können, dann geloben sie hoch und theuer Reue und -Besserung. Nein, ich bin zufrieden mit meinen Ausschweifungen; ich seh -doch daraus, daß ich kein Alltagsmensch bin, der mit seinem Pflegma -hinter dem Ofen zusammenschurrt, Federn spizt, Männerchen malt und vor -ungewöhnlichen Einfällen schaudert. Die Natur hat mich einmal zum -Wildfang geboren, und ich will meine Bestimmung erfüllen. -- Brächte der -Himmel nicht zuweilen Geister wie die unsrigen hervor: so würden die -Menschen endlich einschlafen. Aber wir treiben die alte Ordnung aus -ihren Fugen, und die Menschen aus ihrem Schnekkengang, geben einer -Million Müßiggänger Räthsel auf, jagen einige hundert neue Ideen durch -die Köpfe der großen Menge, verursachen allgemeine Gährung und sind -zulezt der Welt so nüzlich, wie ein Sturmwind der trägen, sich selbst -vergiftenden Natur. - -Falieri. Prächtige Floskeln, so wahr ich Falieri heiße; Contarino; das -alte Rom vermißt dich. -- Allein Jammer und Schade, daß an dem Geklimper -deiner Worte so wenig Realitäten hängen! -- siehst du, inzwischen du -vielleicht mit deinem Rednertalent barmherzigen Ohren ermüdet hast, hat -Falieri gehandelt. Der Kardinal Grimaldi ist mit der Regierung -unzufrieden, Gott weis es, wodurch ihn Gritti wider sich aufgehezt hat --- kurz Grimaldi ist von unsrer Parthei. - -Parozzi. (erstaunt und froh) Falieri, bist du toll -- der Kardinal -Grimaldi? - -Falieri. Und er hängt an uns mit Leib und Seele. Freilich, ich habe ihm -viel von unsern edeln Absichten, von unserm Patriotismus, von unsrer -Freiheitsliebe vorneindbeuteln müssen, aber Grimaldi -- ist ein Pfaffe, -das heißt, ein Gauner! und so taugt er für uns. - -Contarino. (reicht dem Falieri die Hand) Bravo, -- Herr Bruder, wir -spielen den Katilina zu Venedig! -- Was mich betrifft, so hab auch ich -gehandelt. Zwar hab ich für uns noch keinen großen Fang gethan, aber -doch besizze ich ein großes allmächtiges Nez, womit ich den besten Theil -Venedigs zu unsern Plänen zusammenfischen werde. -- Ihr kennt doch die -Markise Almeria? - -Parozzi. Hält nicht jeder von uns eine Liste der Venetianerinnen, und -wir sollten ^No. I^ vergessen haben? - -Falieri. Almeria und Rosamunde, die Losung aller Venetianer. - -Contarino. Almeria ist mein. - -Falieri. Was? - -Memmo. (durch die Zähne) Pest! - -Parozzi. Almeria? - -Contarino. Nun, gafft ihr mich nicht an, als weissagt ich euch den -Einsturz des Himmels? -- Kurz, ich bin Almeriens Favorit, und mit ihr -aufs innigste vertraut. Aber unsre Liebschaft wird verdekt gehalten; was -ich will, will auch sie, und wie sie pfeift, so tanzt Venedigs halber -Adel. - -Parozzi. Contarino, du bist unser Meister. - -Contarino. Und nun ahndet ihr doch nicht, welche Macht ich in den Händen -habe? - -Parozzi. Ich schäme mich vor euch, denn noch hab ich nichts gethan. Wär' -Rosamunde ermordet: so würd' ich, wenigstens euch vorlügen können, daß -ich sie für mein Geld habe in den Himmel bringen lassen, damit Gritti -den Hamen verlöre, womit er Venedigs erste Männer an sich gefangen hält. -Lebt Rosamunde nicht mehr: so verliert Gritti allen Reiz; die -glänzendsten Häuser werden von ihm ablassen, wenn ihre Hofnung zu Grabe -geht, sich mit dem Gritti durch Rosamundens Verheurathung zu verbinden. -Sie erbt einmahl vom Dogen. - -Memmo. Und damit ich eurer würdig sei, will ich -- Geld schaffen. Mein -alter, grämlicher Oheim hinterläßt mir dem Universalerben volle Kisten --- und der alte Filz, kann ja sterben, wenns mir gefällt. - -Falieri. Er hätte längst sterben können. - -Memmo. Ich war nur zu ängstlich -- wahrhaftig Leutchen, ihr glaubts -nicht, ich bin zuweilen so hypochondrisch, daß es mir ist, als hätt' ich -Gewissensbisse. - -Contarino. Freund, nimm einen guten Rath an. -- Geh ins Kloster! - -Memmo. He, he, he, he! - -Falieri. Wir müssen die alten Freunde, -- Matteo's Gesellschaft -aufsuchen; die Gauner lassen sich jezt nirgends wittern. - -Parozzi. Und vor allen Dingen muß das Kleeblatt des Dogen verdorren oder -abgerissen werden. - -Contarino. Vortrefliche Vorsäzze! wahrhaftig, wenn sie nur so schnell -erreicht, als geträumt wären. -- Kurz, Freunde, wir begraben entweder -unser Elend unter den Ruinen der alten Staatsverfassung, oder wir -befestigen dieselbe noch mehr durch unsere Todtenschädel. -- In beiden -Fällen erlangen wir Ruhe. Die Noth hat uns mit ihrer Geissel nun -hinaufgepeitscht auf den lezten Gipfel ihres Felsen, wo wir entweder uns -durch einen Geniestreich erretten, oder von der andern Seite in den -Abgrund ewiger Vergessenheit und Schande hinunterschwindeln müssen. -- -Laßt uns izt nur raffiniren: woher Geld zu den nöthigsten Unkosten und -woher Theilnehmer an unsern Plänen? Geht hin, und erobert die -berühmtesten Mezzen Venedigs, auf deren Altären der Staatsmann, Mönch -und Bürger opfert. Was wir mit aller Beredsamkeit, Banditen mit ihren -Dolchen, Prinzen mit ihren Geldbörsen nicht vermögen, kann solch eine -Phryne mit einem einzigen Blik. Wo der Wiz des Pfaffen scheitert und die -Gewalt des Kriminalrichters ohnmächtig wird, kann noch ein Kus, ein -süsses Versprechen Wunder thun. An dem wollüstigen Busen solcher Weiber -schläft endlich die wachsamste Treue ein: ein Kus von solchem Weibe -thaut der stummen Verschwiegenheit die Lippen auf und eine Schäferstunde -kann die heiligsten Grundsäzze zu Grabe läuten. - -Oder will euch das Glük bei den Weibern nicht wohl, oder fürchtet ihr -euch selber in den Nezzen verwirren zu können, die ihr für andere -ausspannt: so versuchts mit den Pfaffen. Schmeichelt den Stolz dieser -Hochmüthigen, malt ihnen auf das leere Blatt der Zukunft Kardinalshüte, -Patriarcheninsuln, Bischofsstäbe und Pontificalien. Ich schwör es euch, -sie haschen zu, und ihr habt sie in eurer Gewalt. Sie, die -Gewissensräthe der bigotten Venetianer, lenken Mann und Weib, Edelmann -und Bettler, Gondolier und Dogen, Gelehrte und Laien am Zaum des -Aberglaubens. Habt ihr die Pfaffen für euch: so könnt ihr Tonnen Goldes -ersparen, um die Gewissen zu bestechen, denn sie handeln mit dem lieben -Gott in Compagnie, und verschenken nach ihrem Gefallen bald die ewige -Seligkeit bald die höllische Verdammnis. - - - - - Neuntes Kapitel. - Mollas Häuschen. - - -Kaum hatte _Abaellino_ die berüchtigte That vollbracht, die nun allen -Venetianern Stoff zum Plaudern gab: so entwischte er so glüklich, daß -man auch nicht den geringsten Umstand vorfinden konnte, der ihn, als dem -Thäter verrathen, oder die Spuren seiner Flucht entdekken konnte. - -Er kam an Molla's Häuschen -- es war schon gegen Abend. Molla öffnete -die Thür und er begab sich ins Zimmer. »Wo sind die andern?« fragte er -in einem wilden Ton. _Molla_ erschrak: - -»Sie schlafen schon seit dem Mittag. Wahrscheinlich wollen sie in der -Nacht auf die Jagd gehn.« -- - -_Abaellino_ warf sich gedankenvoll auf einen Sessel. - -»Aber du bist ja so düster, Abaellino? sieh nur, du wirst dadurch so -häslich. Weg mit den Falten von der Stirn, sie entstellen dich noch -mehr.« - -_Abaellino_ antwortete ihr nicht. - -»Aber ich fürchte mich endlich vor dir. Sei doch freundlich du Riese! -ich fange wirklich schon an dir gut zu werden, und deinen Anblik zu -ertragen und« -- -- -- - -»»Wekke die Schläfer!«« brummte der Bandit. - -»Ei, laß sie doch schlafen, die trägen Kerls, fürchtest du dich denn mit -mir allein zu sein? Seh ich denn so schreklich aus, wie du? -- sieh mich -doch einmal an.« - -Sie stellte sich in ihrer kleinen, runden Figur vor ihm hin, und -schielte lächelnd mit lüsternen Augen zu ihm hinüber. -- Molla war in -der That nicht häslich; ihr Stumpfnäschen, ihr brennendes Auge, ihr -blondes Haar, das hinter der Haube wild über den vollen Busen -herabstürzte, der in diesen Augenblikken ohnedies nur sehr leicht bedekt -war, machte sie niedlich. Allein Molla wußte auch, daß sie ein -Stumpfnäschen, einen sprechenden Blik, ein blondes Haar, und einen -vollen Busen hatte. Und ihr Karakter war daher -- wie der Karakter der -meisten Mädchen und Weiber in einem gewissen Alter, in allen Ständen. -Ein Mädchen, die es ihrem Spiegel und ihren Schmeichlern glaubt, es sei -schön, ist auf dem halben Wege, ihre Unschuld zu verlieren. -- Molla -übrigens war weder Mädchen noch Weib, sondern -- -- -- was viele ihres -Alters und Geschlechts sind. - -»Aber sei doch nicht so tükkisch, lieber Abaellino!« sagte sie und sezte -sich dicht neben ihn nieder und strich ihm mit ihrer runden Hand die -schwarzen Lokken von der Stirn. - -»»Wekke die Schläfer!«« rief _Abaellino_, und stierte sie verdrüslich -an. - -»Ei, ich glaube gar, der Schelm will trozzen!« sagte sie und stand auf, -warf sich auf seinen Schoos, sah ihn in die Augen -- und das Halstuch -fiel ab. - -»Bösewicht! rief sie, was machst du?« - -_Abaellino_ konnte sich des Lächelns nicht erwehren. - -»Lache nur noch!« sagte sie lächelnd und faltete die Stirn, um zornig zu -scheinen, vergab ihm aber bald die nicht begangne Sünde, schlang ihre -Arme um ihn und drükte ihn an sich. - -»»Du bist ein gutes Mädgen, Molla!«« entgegnete er, sties sie sanft -zurük und stand auf: »»in einer halben Stunde wollen wir uns beide mehr -erzählen, jezt rufe die Schnarcher herbei, ich muß sie sprechen!«« - -_Molla_ entfernte sich schweigend und drohte ihm im Zurüksehn mit dem -Zeigefinger. - -_Abaellino_ gieng mit starken Schritten durchs Zimmer, den Kopf auf die -Brust gesenkt, die Arme untereinander geschlagen. »Der erste Schritt,« -dachte er bei sich! »der erste Schritt ist gethan; ein moralisches -Ungeheuer weniger in der Welt. Ich habe in diesem Morde nicht gesündigt, -sondern mich geheiliget. -- Gott, steh mir bei, ich habe ein großes Werk -vor mir. -- Ach, und dann soll Rosamunde der Lohn meiner Mühseligkeiten --- Rosamunde? die Nichte des Dogen dem verworfnen Abaellino -- o, in -Ewigkeit geht es hier nicht gut zu Ende. Aber welch ein toller Einfall, -ein Mädchen beim ersten Anblik -- -- Aber auch nur eine Rosamunde kann -durch ihr erstes Erscheinen fesseln. -- Rosamunde und Emmoina! -- -- -Doch es ist schön nach Unmöglichkeiten zu haschen, es belustigen Träume -wenigstens, und der arme Abaellino bedarf Belustigung. O wüßte die Welt, -was Abaellino vollführen wird, ach sie würde ihn gewis lieben und -bemitleiden! --« - -_Molla_ trat herein. Ihr nach folgten schlaftrunken, gähnend und schlaff -Thomas, Baluzzo, Petrini und Struzza. - -»Reibt euch den Schlaf von den Augen, und überzeugt euch, daß ihr -wachend seid, denn ihr sollt etwas hören, was ihr kaum im Traume glauben -würdet.« - -Alle sahn ihn gleichgültig an. »Nun was ists denn?« fragte _Thomas_ und -dehnte sich schläfrig. - -»Nichts mehr und nichts weniger, als daß unser braver, schlauer, tapfrer -Matteo -- _ermordet_ ist.« - -»»Wie? -- ermordet!«« lallte jeder und starrte den Hiobsboten mit -erschroknen Blikken an, und Molla schlug die Hände über den Kopf -zusammen und sank kreischend auf den Sessel nieder, auf welchem sie vor -wenigen Minuten noch um Abaellinos Zärtlichkeit buhlte. - -Es herrschte eine allgemeine Stille. - -»Donner und Wetter!« rief endlich Struzza und trat ein paar Schritt -zurük. - -Thomas. Von wem? - -Baluzzo. Wo? - -Petrini. Diesen Nachmittag? - -Abaellino. Vor einigen Stunden im Dolabellischen Garten, wo er die -Nichte des Dogen aufgesucht hatte -- wer ihn ermordet, das weis der -Himmel. - -Molla. (heulend) Der arme Matteo. - -Abaellino. Morgen um diese Zeit findet ihr seinen Leichnam auf dem -Rabenstein. - -Petrini. Hat man ihn denn erkannt? - -Abaellino. Freilich. - -Molla. Der arme Matteo! - -Thomas. Ein verdammter Streich! - -Baluzzo. Verflucht, das hat ihn nicht geahndet, da er von uns ging, und -uns allen nicht. - -Abaellino. Nun, ihr scheint darüber bestürzt zu sein? -- - -Struzza. Ich kann mich noch nicht erhohlen -- Der Schrek hätte mich fast -zu Boden geschlagen. - -Abaellino. Ei, beileibe, ich lachte, als ich die Botschaft erfuhr. So -früh schon am Ziele! dacht ich. - -Thomas. Was? - -Baluzzo. Ich sähe darinn nichts lächerliches wahrhaftig! - -Abaellino. Ihr fürchtet euch doch nicht davor, eine Gabe zu empfangen, -die ihr selber so gern austheilt? -- Wohin strebt ihr? was dürfen wir am -Ende unsrer Arbeiten zum Dank fodern, als Galgen und Rad und -Scheiterhaufen? welche Monumente dürfen wir für unsre Thaten fodern: als -Schandsäulen und Rabensteine? Wem es gelüstet auf dem großen Welttheater -die Rolle des Banditen zuspielen, der muß vor dem Tode nicht schaudern, -er komme in Gesellschaft des Arztes, oder des Henkers. Also lustig! - -Thomas. Das sei hier der Gottseibeiuns, ich kanns nicht sein. - -Struzza. Mir klappern die Zähne. - -Petrini. Hör', Abaellino, laß uns ein vernünftiges Wort mit einander -sprechen. Dein Wiz wird hier fürchterlich. - -Abaellino. Ha, ha, ha, ha! - -Molla. Ach du armer, unglükseliger Matteo! - -Abaellino. Nicht doch, Molla, mein Schäzchen, wer wollte so sehr -verrathen, daß man ein Weib sei. Komm und laß uns das Gespräch -fortsezzen, das ich vorhin zerriß. Sez dich zu mir und gieb mir ein -Mäulchen. -- - -Molla. Geh, Ungeheuer. - -Abaellino. Hat Liebchen die Laune verloren? Nun wohl, sie wird schon -zurükkehren, und wer weis, wie es dann um die meinige steht. - -Baluzzo. Daß dich der Geier fasse, Abaellino, du bist unausstehlich! - -Abaellino. Bist du eifersüchtig? Ho, ho, befürchte nichts! - -Baluzzo. Verdammt seist du mit deinem hirnlosen Gewäsch; saalbadre ein -andermahl. Jezt laß uns überlegen, was zu thun sei? - -Petrini. Freilich, es ist hier nicht die Zeit zum Spassen. - -Thomas. Abaellino, ich halte dich für einen gewizten Kerl, gieb Rath, -was sollen wir thun? - -Abaellino. (nach einer Pause) Nichts oder vieles. Entweder wir bleiben, -_was_ wir sind, und wo wir sind, morden für Geld und gute Worte einem -Schurken zum Gefallen jeden ehrlichen Mann, lassen uns zulezt hängen, -rädern, braten, an die Galeeren schmieden, kreuzigen und köpfen, je -nachdem es der blinden Justiz behagt, oder -- -- - -Einige. Oder? - -Abaellino. Oder wir theilen unsern Raub, verlassen die Republik, -beginnen ein ehrliches Leben, und söhnen den Himmel wieder mit uns aus. -Seht, ihr habt izt soviel, daß ihr zeitlebens nicht in die verlegne -Frage gerathen dürfet: woher nehmen wir Brod? -- Ihr kauft euch in einem -fernen Lande eine Villa, oder ein Wirthshaus, oder treibt Handel, oder -ein Gewerbe, welches euch besser gefällt, als die Meuchelmörderei. Ihr -mustert die Schönen, wählt euch ein Weibchen, zeugt Söhne und Töchter, -eßt und trinkt und wezt die Scharten aus, durch eure Ehrlichkeit, die -ihr durch Büberei schluget. - -Thomas. Ha, ha, ha! - -Abaellino. Was ihr thut, will auch ich thun, in eurer Gesellschaft laß -ich mich entweder hängen und rädern, oder zum ehrlichen Kerl machen. -- -Nun wählt! - -Thomas. Ein alberner Rath! - -Baluzzo. Die Wahl hält nicht schwer. - -Abaellino. Ich sollt' es auch glauben. - -Thomas. Wir bleiben beisammen, und treiben nach wie vor unser altes -Gewerbe. Das bringt Geld und ein flottes Leben. - -Petrini. Mein Seel, Kerl, du sprichst mir aus dem Herzen. - -Thomas. Wir sind zwar Banditen, aber doch ehrliche Kerls, und der Donner -über den, der dies läugnet. Vor allen Dingen aber müssen wir uns einige -Tage eingezogen halten, damit wir nicht etwa verrathen werden, denn der -Doge hat gewis izt seine Spione allenthalben. Dann aber schleichen wir -uns, erkundigen uns nach dem Mörder Matteo's und erdrosseln ihn zum -warnenden Beispiel ^gratis^. - -Alle. Bravo! bravissimo! - -Petrini. Und du, Thomas, bist dafür von heut an unser Meister. - -Baluzzo. Ja, an Matteo's Stelle. - -Alle. Ja, ja! - -Abaellino. Und ich sage, als ein braver Gesell hierzu mein herzliches -_Amen_. - - - - - Zweites Buch. - - - - - Erstes Kapitel. - Der Geburtstag. - - -In ängstlicher Einsamkeit, eingeriegelt in ihren dumpfen Kammern, -betrauerten die Banditen den Tod ihres Matteo; jeder Schlag an ihre -Thüren machte sie zittern; jedes Geräusch auf der Straße machte sie -grausen. - -Fröhlicher aber und herrlicher gings im herzoglichen Pallast einher. Der -_Doge_ feierte den Geburtstag seiner schönen Nichte Rosamunde, und -Venedigs Adel, die Gesandten und hohen Fremden machten mit ihrer -Gegenwart dieses Fest zum glänzendsten in seiner Art. - -Keine Herrlichkeit war hier gespart, keine Quelle der Freude -verschlossen geblieben. Ueppig buhlten alle Künste um den Vorrang; -Venedigs erste Dichter besangen diesen Tag schöner, als je, denn sie -sangen Rosamunden; die Tonkünstler und Virtuosen verschwendeten hier die -Allmacht der Musik, denn es galt Rosamunden; alle athmeten Seligkeit, -alles schwelgte in der seltnen Verbindung jeder Freude; der Geist des -Vergnügens umschwebte den Greis und den Jüngling, die Matrone und das -Mädchen. - -Selten hatte man den alten Dogen heiterer erblikt, als an diesem Tage. -Er war ganz Leben, die fröhlichste Laune schwebte um seinen Lippen; -gnädig und herablassend lies er niemanden seine Hoheit beahnden. Er -scherzte bald mit den Damen, schwärmte bald unter den Masken umher, die -den Ball glänzend machten, spielte bald mit den Feldherrn und Admiralen -der Republik im Schach, überwand und lies sich überwinden, bald nekte er -Rosamunden, und warnte sie, ihr Herz zu bewahren. - -_Dandoli_, _Sylvio_ und _Canari_, seine treuen Freunde und Räthe -vergaßen ihr graues Alter; mischten sich unter die jungen -Venetianerinnen und trugen scherzend jeder ihre Liebe an, nekten und -ließen sich nekken. - -»Als wir vor _Scardona_ lagen, Canari, und die Türken uns dort den Sieg -so schwer machten, da waren wir nicht so vergnügt, als an diesem Abend. -Nicht so?« rief _Andreas Gritti_ dem alten Canari zu, der in eben dem -Augenblik in das Seitenzimmer hinein trat, worin sich der Doge mit -seiner Nichte allein befand. - -»Warlich nicht, gnädigster Herr aber es ruht sich nach solchen Arbeiten -schön! -- Ich denke noch immer mit frohem Schauder an den neblichten -Novemberabend, da wir Scardona eroberten und den halben Mond von den -Stadtmauern hinunterstürzten! Bei Gott, unsre Venetianer fochten wie die -Löwen!« - -Gritti. Nun, alter Kriegsgefährte, trinkt; wir haben uns Ruhe -erstritten. - -Canari. Ruh und Lorbeern. -- O, bei Gott, ich bin glüklich und glüklich -ist jeder der unter euern Fahnen gefochten. Ihr, gnädigster Herr, habt -mich verewigt; wer hätte in der Welt an Canari gedacht, wenn Canari -nicht mit dem großen Gritti gefochten hätte, und in Sicilien und -Dalmatien die ewigen Trophäen der Republik Venedig aufgepflanzt hätte -mit dem großen Gritti. - -Gritti. (sanftlächelnd) Der Cyprier besticht eure Fantasie, braver -Canari. - -Canari. Freilich sollt ich euch nun wohl nicht gradezu den Großen -nennen, und in eurem Beisein loben, aber ich bin alt, und mag mich nicht -verstellen; mögen das unsre jungen Hofschranzen thun, die noch nicht im -Pulverdampf da standen und für Venedig und Andreas Gritti fochten. -- - -Gritti. Alter Schwärmer! -- wird der deutsche Kaiser auch so denken? - -Canari. Wenn Karl der fünfte nicht betrogen wird, oder sein Stolz noch -die Größe eines andern ertragen kann: so muß er bekennen: Ich fürchte -den Gritti von Venedig, aber auch er nur allein ist mir auf Erden -überlegen! bei Gott, das muß Karl. - -Gritti. Sollte ihn die Antwort beleidigen, die ich seinem Gesandten gab, -da er mir die Gefangennehmung des Königs von Frankreichs notifizirte? -- - -Canari. O, gewiß, gnädigster Herr, gewiß. Aber sei es auch. Venedig -zittert, so lange Gritti lebt, nicht. -- Aber gnädigster Herr, wenn ihr -einmal werdet heimgegangen sein zur ewigen Ruhe und eure Helden mit -euch! O, Venedig, Venedig, ich fürchte deine goldne Zeit neiget sich zum -Untergange! - -Gritti. Lassen nicht unsre jungen Offiziere vieles hoffen? - -Canari. Ach was sind die meisten? Helden in den Feldern der Liebe; -Helden hinter den Pokalen; entnervte Jünglinge, schlaff an Körper und -Geist. Doch halt, -- nein! o, wenn man alt wird, oder neben einen -Andreas Gritti steht, da vergißt man doch so leicht das wichtigste. -- -Ich habe eine Bitte an euch, mein Doge, eine große Bitte. - -Gritti. Ich bin neugierig. - -Canari. Seit acht Tagen befindet sich hier ein junger florentinischer -Edelmann, Flodoard heißt er, ein herrlicher, vielversprechender Mann. - -Gritti. Nun? - -Canari. Sein verstorbner Vater war mein sehr guter Freund, er ist nun -gestorben, der alte ehrliche Graf. Er diente in seiner Jugend mit mir -auf einem Schiffe, hat manchen Türkenkopf hinweggesäbelt. -- Es war ein -braver Soldat! - -Gritti. Ihr vergeßt seinen Sohn. - -Canari. Sein Sohn hält sich jezt in Venedig auf und will in Dienste der -Republik gehn. Ich bitte bei euch für ihn, stellt den jungen Mann irgend -wo an; er wird einmal Venedigs Stolz sein, wenn unsre Asche vom Winde -verweht ist. Ja, bei Gott, das wird er! - -Gritti. Hat er Kopf? - -Canari. Kopf und Herz, wie sein Vater. Wollt ihr ihn sehn, ihn sprechen? -er ist unter den Masken dort im großen Saale. -- Noch eins -- er hat von -den Banditen gehört, die in Venedig umherspuken, das erste Probestük -seiner Schlauheit will er euch dadurch ablegen, daß er dieß unsichtbare -Gesindel, dem unsre Polizei vergebens nachspürt, dem Criminalgericht in -die Hände spielt. - -Gritti. (verwundert) Wie ist das möglich? Graf Flodoard heißt er? sagt -diesem Flodoard, ich verlange ihn zu sprechen. - -Canari. O, nun hab ich schon die Hälfte oder alles gewonnen. Denn -Flodoarden sehn, und nicht lieben, hält so schwer, als einen Blik ins -Paradies thun und ohne Lüsternheit zu verbleiben. Flodoarden sehn und -ihn hassen ist so unmöglich, wie den Blindgebohrnen das Tagslicht zu -hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm der Staar vom Auge -gezogen, wird. - -Gritti. (lächelnd) Ich habe meinen alten Canari nie so schwärmerisch -gefunden, als diesen Abend. - -Canari. O, bei Gott, gnädigster Herr, die Flodoarde waren seit den -frühsten Zeiten gros. Ihres Geschlechts Stamm trug schon damals -herrliche Zweige, als das Geschlecht der Gritti, Canari, Dandoli und -Falieris noch unter den wilden Gesträuchen keimte. Und ich glaube, jede -Ceder grünt noch und giebt berühmte Zweige von sich, wenn unsre Familien -rings umher ausgestorben sind, wie dürres, schwaches Pflanzwerk. - -Gritti. Zeiget mir doch den Wundermann! - -Canari. (im Aufstehn.) Ich werd ihn herbeirufen. Ach, es thut mir wohl -meinen alten verstorbnen Waffenbruder Flodoard in seinem Sohn wieder -lieben zu können. -- Und, ihr edle Donna, hütet euch! hütet euch! (geht -ab) - -Rosamunde. Führt nur euern Helden vor, ihr habt meine Neugierde -gespannt. - -Gritti. Warum sonderst du dich so lange von den Tänzern ab, Rosamunde? - -Rosamunde. Ich bin ermüdet, und jezt fesselt mich noch die Neugier, den -hochgepriesenen Flodoard zu sehn. -- Ach, lieber Oheim, mir deucht, ich -kenne ihn schon. Unter allen Masken zeichnet sich vorzüglich eine -griechische aus, und zeichnet sich so aus, daß man sie mit dem -flüchtigsten Blik unter tausenden erkennt. Eine schlanke, große Gestalt, -in jeder Bewegung so angenehm, -- und tanzt so treflich. - -Gritti. (lächelnd mit dem Finger drohend) Nichte! Nichte! - -Rosamunde. O, fürwahr, lieber Oheim ich lüge nicht -- aber doch kann es -sein, daß der florentinische Flodoard und der Grieche zwei Personen -- --- seht, Oheim, seht dort hinunter, da, da steht der Grieche! - -Gritti. Und Canari neben ihm. -- Sie kommen! Nun, du bist im Errathen -glüklich -- -- - -Der Doge hatte kaum seine Worte vollendet, als der alte _Canari_ -hereintrath, einen schlanken Griechen an seiner Hand führend. - -»Seht hier den Grafen Flodoard, der um eure Gnade bittet!« sagte Canari, -und _Flodoard_ entblößte ehrerbietig sein Haupte, zog die Larve vom -Gesicht und verneigte sich tief vor Venedigs großen Dogen. - -Gritti. Ihr wollet in die Dienste unsrer Republik treten? - -Flodoard. Wenn. Ew. Durchlaucht mich für dieselben würdig finden. - -Gritti. Canari versprach mir viel Gutes von euch. Warum hat euch euer -Vaterland nicht behalten? - -Flodoard. Weil dort kein Gritti lebt. - -Gritti. Bestätigt es sich, daß ihr die Banditen in Venedig aufgespürt -habt? - -Flodoard. Ich zweifle nicht daran sie aufspüren, und sie euren Gerichten -überliefern zu können. - -Gritti. Das wäre in der That von einem Fremdling viel. Ich bin begierig -zu wissen ob ihr Wort halten könnet. - -Flodoard. Morgen oder Uebermorgen Durchlauchtigster Herr, hab ich mein -Versprechen erfüllt. - -Gritti. Und das verspreche ihr so fest? Wißt ihr was es heißt, Banditen -zu fangen? dies Gesindel ist unsichtbar und allgegenwärtig, man sieht es -allenthalben, und nirgends, und noch ist es den Polizeibedienten der -Republik nicht möglich gewesen diese Brut zu erhaschen, wiewohl kein -Winkel in Venedig existirt, den unsre Spione nicht kennen, nicht -durchstöbern. - -Flodoard. Ich schäzze mich glüklich dem großen Dogen von Venedig mich -durch solches Probestük empfehlen zu können. - -Gritti. Wenn ihrs vollbracht habt, dann kommt zu mir. Jezt wollen wir -uns der Freude überlassen, der dieser Tag geheiligt ist. -- Führt meine -Nichte zum Tanz, wenn ihr wollet. - -Flodoard. Ein angenehmer Befehl. -- - -Rosamunde stand an den Sessel ihres ehrwürdigen Oheims gelehnt, und -musterte den Grafen, und dachte an Canari's Worte: ihn sehn und ihn -nicht lieben hält so schwer, als einen Blik ins Paradies werfen, ohne -lüstern zu werden. Und Rosamunde gab dem alten Canari recht. Ein helles -Roth überflog sie, da der Oheim den Befehl gab, sie war verlegen, und -wußte nicht, ob sie vor oder zurüktreten müßte. - -Und wären manche meiner Leserinnen in Rosamundens Stelle gewesen, so -zweifle ich gar nicht, daß sie in gleiche Verlegenheit gerathen wären. -Denn eine Gestalt, wie die Gestalt des Flodoard, ein Gesicht mit einer -so empfehlenden Physiognomie, mit solchen karakteristischen Zügen, die -dem Künstler nichts mehr übrig ließen, wenn er das Ideal männlicher -Schönheit darstellen wollte, Züge, welche laut sprachen, dieser Jüngling -trägt ein Heldenherz im Busen -- ach, die können ein armes, schwaches, -unbefangnes Mädchen leicht in Verlegenheit sezzen. - -Flodoard nahm Rosamundens Hand und führte sie in den Saal der Tänzer. -Hier drehte, hier schwang sich alles nach den Harmonien des rauschenden -Orchesters in lieblichen Gruppen beim Schimmer der brennenden Kerzen. -Aber Flodoard gieng bebend und bebend Rosamunde an Flodoards Hand vor -den Reihen der Tänzer vorüber -- sie verloren sich bis zum fernsten Ende -des herzoglichen Saals und blieben sprachlos an einem Fenster stehn, und -sahn sich an, und sahn zu den Tänzern, und dann zum Mond hin und -vergaßen sich und Tänzer und Mond und waren jeder allein mit sich -beschäftigt. - -»Fräulein, sagte _Flodoard_ endlich nach langem Stillschweigen: das heiß -ich unglüklich sein!« - -»»Unglüklich? Ich verstehe euch nicht, Herr Graf, wer ist denn -unglüklich?«« entgegnete die schöne Rosamunde, und sah dem Jüngling ins -Auge, und lächelte sanft. - -»Der, der in Elysium hineintritt und mit allem fremd ist; der, dem da -dürstet, und den Pokal vor sich sieht, welcher nicht für ihn gefüllt -ist.« - -»»Seid ihr der Fremdling in Elysium etwa, oder der Dürstige neben dem -Pokal, der nicht für ihn gefüllt ist? Es scheint, als wolltet ihr, daß -ich eure Worte so verstände.«« - -»Ihr habt es verstanden, schöne Rosamunde. Und, sagt, bin ich nicht -recht sehr unglüklich?« - -»»Wo ist denn das Elysium, in welchem ihr fremd wäret?«« - -»Um Rosamunden ist Elysium.« - -Rosamunde schlug die Augen nieder. - -»Seid ihr böse? hat euch diese Offenherzigkeit gekränkt?« fuhr Flodoard -schnell fort, und zog schüchtern ihre schöne Hand an sich. -- - -»»Herr Graf, Florenz ist eure Vaterstadt? in Venedig haßt man -Galanterien dieser Art. Wenigstens haß _ich_ sie, und von euch wünsch -ich sie am wenigsten zu hören.«« Sagte Rosamunde. - -»Nein, Fräulein, so wahr ich lebe, hier lauschte hinter den Worten keine -Schmeichelei.« - -»»Dort tritt der Doge in den Saal -- Canari und Sylvio neben ihm, er -wird uns im Tanze vermuthen. Kommt zu den Tänzern!«« - -Flodoard folgte ihr schweigend. Der Tanz begann. -- Himmel, wie schön -war Rosamunde, wenn sie um Flodoarden nach den süssen Akzenten der Musik -hinschwebte -- wie schön war Flodoard, wenn er durch die unabsehbare -Reihe der Tanzenden hinflog, und sein Auge Rosamunden suchte! Er war -entlarvt noch und baarhäuptig, aber jedes Auge glitschte ab von den -Federhüten und Helmen, und hin zu dem wilden hochfliegenden schwarzen -Haargekräusel des schönen Flodoard. -- Im Saal erhob sich ein Geflüster; -die Tänzerinnen vergaßen ihre Touren, und die Herzen ihren gewöhnlichen -Takt. - - - - - Zweites Kapitel. - Flodoard. - - -Einige Abende nachher sas _Parozzi_ mit dem _Memmo_ und _Falieri_ auf -seinem Zimmer, trübe leuchteten die Kerzen, trübe und stürmisch wars -draußen am Himmel und düster wars in der Seele dieser Wüstlinge. - -Parozzi. (nach einer langen Stille) Seid ihr eingeschlafen? He, Falieri, -Memmo, trinkt doch. - -Memmo. (verdrüslich) Ach! - -Falieri. Dein Wein schmekt mir heut wie Galle. - -Parozzi. Die verdammten Schurken! - -Memmo. Du meinst die Banditen? - -Parozzi. Keiner läßt sich wittern. Es ist bis zum sterben ärgerlich. - -Falieri. Und die Zeit verstreicht, unsre Pläne werden verrathen, und wir -sizzen dann in den venetianischen Staatskerkern dem Pöbel zum -Hohngelächter. - -(abermahlige Stille) - -Parozzi. (seufzend) Flodoard! Flodoard! - -Falieri. Der Kardinal Grimaldi erwartet mich noch diesen Abend. - -Memmo. Nun ich denke Contarino kann nicht mehr lange ausbleiben. - -Falieri. Er schwelgt gewis in diesen Augenblikken bei Almerien und -vergißt Gott, uns, die Republik und Banditen. - -Parozzi. Also ihr kennt den Flodoard nicht? - -Memmo. Ich kenne ihn nur von Rosamundens Geburtsfest. - -Falieri. Parozzi ist eifersüchtig. - -Parozzi. O wahrhaftig nicht. Mag Rosamunde ihre Hand dem deutschen -Kaiser oder dem ärmsten Gondelier in Venedig schenken, es wird mir -gleichgültig sein. - -Falieri. Ha, ha, ha, ha! - -Memmo. Aber gestehn muß es der Neid, daß Flodoard der schönste Mann -unterm Monde ist. -- Bei Gott, wär ich ein Weib, ich müßte ihn lieben. - -Parozzi. Nun ja, wenn die Weiber Närrinnen deines Kalibers wären, und -auf die Schale mehr, als auf den Kern achteten -- -- - -Memmo. Wie denn die Weiber einmal sind. - -Falieri. Der alte Canari scheint mit dem Flodoard schon seit alten -Zeiten bekannt gewesen zu sein. - -Memmo. Freilich, der Graukopf hat ihn ja dem Dogen vorgeführt. - -Parozzi. (knirschend) Brüder, es nimmt ein trauriges Ende. - -Memmo. (seufzend) Dem Himmel seys geklagt. - -Parozzi. Still! -- es wird unten gepocht. - -Memmo. Contarino ist's. Nun werden wir bald hören, ob er die Banditen -gefunden. - -Falieri. (aufspringend) Es ist sein Gang. - -Die Thür sprang auf. Contarino in einen Mantel verhüllt, trat herein. -»Guten Abend!« sagte er und warf den Mantel ab -- und Parozzi, Memmo und -Falieri bebten erschrokken zurük, und riefen: Du blutest! was hast du -gemacht. - -»Kleinigkeiten« rief Contarino: »He, ist Wein da? gießt mir den ersten -besten Becher voll, mich dürstet!« - -Memmo. Aber Herzensbrüderchen, du bist sehr erhizt. - -Contarino. (trinkt den Becher leer) Gift! Gift! schenkt ein. - -Falieri. (gießt den Becher voll) Du blutest! - -Contarino. Das weis ich; meine Schuld ists nicht. - -Parozzi. Laß dich verbinden und dann erzähle! was ist vorgefallen? - -Contarino. (trinkt) tausend Spas! he, füllt den Pokal! - -Memmo. Nun, da stehn mir die Sinne still, - -Contarino. Nicht so? Siehst du, Memmo, dafür bin ich auch Contarino, und -nicht Memmo. -- Die Wunde blutet zwar, aber gewiß sie ist nicht -gefährlich. (reißt das Wamms auf und entblößt die Brust) da, seht her, -was ists mehr, als ein Hieb von zwei Zoll Länge durchs Fleisch. - -Memmo. (schaudernd) Brr, ein gräslicher Anblik. - -Parozzi. (hohlt Pflaster herbei und verbindet die Wunde, nachdem er sie -ausgewaschen.) - -Contarino. Vater Horaz hat recht! der Philosoph ist alles was er sein -will, Schuster und König und Wundarzt. Da sehe mir einer den Philosoph -Parozzi, mit welcher Grandezza er mich zu bepflastern weis. -- Magst -Dank haben. Nun, Leutchen, sezt euch um mich her in einen Kreis, ich hab -euch wunderliche Geschichten zu erzählen. - -Falieri. Erzähle. - -Contarino. Ich gieng um die Abenddämmerung aus, die Banditen -aufzusuchen. Ich kannte die Kerls von Person nicht, und sie mich eben so -wenig. Ein abentheuerliches Unternehmen, werdet ihr sagen: Allein, ich -thats, um euch zu überführen, man könne alles, wenn man nur können -_will_. Ich hatte schon Notizen genug, und siehe da, in meiner -Verkleidung lies ich mich mit einem Gondelier ins Gespräch ein. Ich -merkte fast, daß er von dem Aufenthalt der Bravo's etwas wisse, ich -rükte mit Geld und guten Worten näher, er desgleichen, zulezt erfuhr -ich, daß er selber eines des saubern Gelichters sei. Ich schloß mit ihm -einen Kontrakt, er fuhr mich auf seiner Gondel durch ganz Venedig, bald -links, bald rechts, zulezt wußt ich in der Dunkelheit selber nicht mehr, -in welchem Viertel der Stadt ich mich befände. Er verband mir endlich -sogar die Augen und ich mußte mirs gefallen lassen. -- Nach einer -Viertelstunde, hielt er die Gondel an, befahl mir auszusteigen, führte -mich durch ein paar Straßen in ein Haus, und da in eine enge kleine -Stube. Hier riß er mir die Binde von den Augen, ich sah mich in der -Mitte von drei fremden Kerln und einer Weibsperson. - -Falieri. Ein Wetterkerl der Contarino. - -Contarino. Hier war keine Zeit zu verlieren: sondern ich warf mein Geld -auf den Tisch, versprach ihnen goldne Berge und machte sie mit gewissen -Tagen, Stunden und Zeichen bekannt, durch welche wir uns irgendwo -zusammenfinden wollten. Gab ihnen zugleich den Befehl, den Canari, -Sylvio und Dandoli aus dem Wege zu räumen. - -Alle. Bravo! - -Contarino. Kurz, es gieng alles glüklich von Statten; aber plözlich -wurden wir durch einen unerwarteten Besuch gestört. - -Parozzi. Nun? - -Memmo. (ängstlich) Um Gotteswillen -- -- - -Contarino. Man klopfte. Die Weibsperson sprang hinaus, öffnete die Thür -und kam todtenblaß wieder zurükgestürzt in unser Zimmer und rief: -flieht! flieht! - -Falieri. Nun? - -Contarino. Bewafnet und bewehrt traten Polizeioffiziere und Sbirren -herein, und an ihrer Spizze der Fremdling von Florenz mit dem Degen in -der Faust. - -Alle. Flodoard? Flodoard? - -Contarino. Flodoard! - -Falieri. Welcher Teufel führt den dahin? - -Parozzi. Hagel und Wetter, warum war ich nicht bei dir! - -Memmo. Da siehst du nun, Parozzi, da siehst du's, daß Flodoard kein -feiges Weiberherz hat? - -Falieri. Still, laß ihn erzählen! - -Contarino. Wir standen, wie angedonnert, da, und keiner rührte sich. Im -Namen der Republik und des Dogen, ergebt euch! schrie Flodoard! Der -Satan ergiebt sich dir eher, als wir! rief ihm mein Gondelier zu und -grif nach einem Degen; die andern rissen die Flinten von der Wand und -ich zog die Klinge und schlug die Lampen um, damit keiner den andern -sähe. Aber der Mond schimmerte trüb durch die Fensterscheiben. -- Ich -dachte, hier wirds heißen: mit gefangen mit gehangen! und gieng dem -Flodoard mit der Klinge zu Leibe. Aber meine Schläge glitten jedesmal -von seinem Säbel ab, der wie ein Bliz um ihn herumflirrte. Ich schlug -wie ein Rasender um mich her, aber hier ward meine Kunst zu Schanden, -und eh ichs mir versah schlizte er mir die Brust auf. Ich fühlte die -Wunde, sprang zurük, es fielen ein paar Schüsse, im Pulverbliz erkannte -ich eine unbesezte Nebenthür, ich entwischte glüklich in die eine -Kammer, schlug mit einem Faustschlag ein Fenster durch, sprang hinunter, -lief einen Hofraum durch, überkletterte ein Paar Zäune, kam an den -Kanal, ein Gondelier fuhr mich zum Marcusplaz und nun rannt ich zu Fus -hieher. Da habt ihr das vermaledeite Abentheuer! - -Parozzi. (aufspringend) Ich werde rasend. - -Falieri. Alles, alles geht mit uns den fürchterlichen Krebsgang! - -Memmo. Der Himmel warnt uns! - -Contarino. Kleinigkeiten! So muß es sein. Je mehr Hindernisse, je größer -mein Muth! - -Falieri. Haben dich die Banditen erkannt? - -Contarino. Nein, sie wissen nicht wer ich bin, noch wer sie zum Morde -des herzoglichen Kleeblatts besolden wollte. - -Memmo. Ich danke Gott, daß du so glüklich davon gekommen bist. - -Falieri. Aber wie hat Flodoard den Aufenthalt der Banditen erfahren, da -er doch in Venedig fremd ist? - -Contarino. Wahrscheinlich durchs Ohngefähr, wie ich. -- Aber meine -Brustwunde soll er noch bezahlen! - -Falieri. Flodoard macht sich zu schnell merkwürdig. - -Parozzi. (hebt den Becher auf) Sein Tod! - -Contarino. (trinkt) Gift für ihn! - -Falieri. Ich muß mit ihm bekannter werden. - -Contarino. He, Memmo, schaff Geld! wann fährt dein Alter dahin? - -Memmo. Morgen Abend! -- - - - - - Drittes Kapitel. - Neuer Lärmen. - - -Der schöne Fremdling von Florenz war seit dem Geburtsfest der Rosamunde -von Korfu das tägliche Gespräch und der ewige Gedanke aller -Venetianerinnen geworden, die irgend nur entlegne Ansprüche auf -Schönheit und Eroberungen machen konnten. Manches Mädchen schlief jezt -unruhiger, und träumte jezt schwerer, manche vermählte Donna stellte -jezt Vergleichungen an und seufzte; manche eingezogne Spröde besuchte -jezt die vorzüglichsten Spaziergänge und Gärten Venedigs, wo Flodoard -sich etwa sehn lassen dürfte. - -Allein seit der Zeit, daß eben dieser Flodoard an der Spizze der Sbirren -die Banditen in ihrem Neste überfallen und mit Lebensgefahr gefangen -genommen hatte, wurde er nun auch der Aufmerksamkeit der Männer -würdiger. Man bewunderte nicht sowohl seine Entschlossenheit, seine -Kühnheit, als vielmehr die Schlauheit, durch welche er die Wohnung der -Bravo's erspäht und die scharfsichtige weltberühmte Polizei der -Venetianer beschämt hatte. - -Der Doge _Andreas Gritti_ zog ihn nun öfterer zu sich in Gesellschaft, -und fieng an, diesem wunderbaren jungen Mann mit vorzüglicher -Hochachtung zu begegnen. Er machte ihm ein königliches Geschenk für -seine That, wodurch er der Republik so nüzlich geworden war, und erhob -ihn zu einer ansehnlichen Civilcharge. - -Allein bescheiden lehnte der liebenswürdige Florentiner diese -Ehrenbezeugungen von sich ab. Er bat den Dogen ihm noch ein Jahr -wenigstens zu erlauben, frei und unabhängig in Venedig leben zu dürfen; -dann wolle er selber um ein Amt anhalten. -- - -_Flodoard_ wohnte in dem prächtigen Pallast des alten Canari, aber lebte -hier sehr eingezogen, studierte in den Schriften der Alten und Neuern, -verschloß sich Tagelang in seinen Zimmern, und erschien selten nur auf -den gewöhnlichen Promenaden. - -Aber _Canari_, der _Doge_, wie auch _Sylvio_ und _Dandoli_, Männer, die -Venedigs Ruhm für Jahrhunderte gegründet hatten und glänzend erhielten, -Männer, in deren Gesellschaft man sich aus dem Zirkel der -Alltagsmenschen gerissen fand und im Umgang mit höhern Wesen zu leben -glaubte, Männer, die den ausserordentlichen Jüngling Flodoard jezt in -ihre Mitte aufnahmen, um ihn zum großen Mann auszubilden; _Canari_, -_Gritti_, _Sylvio_ und _Dandoli_ sag ich bemerkten leicht, daß Flodoards -Heiterkeit ein verstelltes Wesen sei, daß ein geheimer Gram an seinem -Herzen nage. - -Vergebens durchforschte ihn Canari, der ihn, wie seinen eignen Sohn -liebte, vergebens heiterte ihn der ehrwürdige Doge auf -- Flodoard -blieb, wie er war, schwermüthig. - -Und _Rosamunde_? Rosamunde hätte kein Mädchen sein müssen, wenn sie -heiter geblieben wäre: düster und melancholisch schlich sie umher, sie -ward blas und immer blässer, der Doge, der sie zärtlich liebte, wurde -besorgt für ihre Gesundheit, -- Rosamunde wurde zulezt wirklich krank -und schwach, die venetianischen Aerzte verschwendeten hier umsonst ihre -Kunst, Rosamunde mußte das Bett hüten und fieberte. - -In dieser Unruhe, worin sich der Doge und seine Lieblinge befanden, -erfuhren sie eines Morgens etwas, welches ihre Sorgen allerdings aufs -höchste treiben mußte. Denn eine solche Verwegenheit war bisher in -Venedig unerhört gewesen, als diejenige war, welche jezt begangen ward. - -Die durch den Flodoard gefangenen Banditen, _Petrini_, _Struzza_, -_Thomas_ und _Baluzzo_ lebten längst in gefänglichem Verhaft, mußten ein -tägliches Verhör dulden und sahn mit jedem Tage ihrer Todesstunde -entgegen -- jezt glaubten Gritti und seine Vertrauten, es sei nichts -mehr für die öffentliche Ruhe zu fürchten und Venedig gesäubert von all -dem Gesindel, welches sich zu Werkzeugen des Lasters gebrauchen läßt -- -als mit einemmahle an den vorzüglichsten Statüen, Straßenekken und -öffentlichen Gebäuden folgende Addresse angeschlagen gefunden wurde. - - Venetianer! - - Struzza, Thomas, Matteo, Petrini, und Baluzzo, die bravsten - Männer von der Welt, die, wenn sie an der Spizze einer Armee - gestanden hätten, Helden heißen würden und izt als Banditen - der Staatsetikette zum Opfer gebracht worden sind, existiren für - euch zwar nicht mehr, aber mit Leib und Seele noch einer, - dessen Name diesem Blatte unterschrieben steht. Lächerlich ist - mir Venedigs Polizei, lächerlich der Stolz des schlauen Flodoard, - der meine Brüder zur Schlachtbank hinschleppte. Ich lebe noch! - Wer meiner bedarf, der suche mich, er wird mich allenthalben - finden, wer mir verrätherisch nachspürt, wird mich nirgends sehn! - -- Venetianer, ihr versteht mich! Wehe dem, der mich verfolgt; - sein Leben und sein Tod ruhn in meiner Hand. -- Ich bin der - venetianische Bandit - - _Abaellino_. - -»Hundert Zechinen!« rief der brave Doge von Venedig: »hundert Zechinen -dem, der mir das Ungeheuer entdekt, und tausend dem, der mir es -liefert!« -- - -Allein umsonst flogen die Spione der Polizei umher; sie trafen keinen -_Abaellino_. Umsonst paßten jezt alle Müßiggänger, Pflastertreter, -Lungrer und Banqueroteurs auf, um tausend Zechinen zu gewinnen, -Abaellino machte ihren Wiz zu Schanden. - -Aber allenthalben wollte man izt den Abaellino gesehn haben, der eine in -der Gestalt eines Greises, der andre in der eines Knaben, der dritte in -einem Weiberrok, der vierte in der Mönchskutte; es hatte ihn jeder -gesehn und keiner. - - - - - Viertes Kapitel. - Das Veilchen. - - -Ich erzählte den Lesern im Anfang des vorigen Kapitels, daß _Flodoard_ -so traurig und Rosamunde so düster geworden wären, aber das _warum?_ hab -ich ihnen noch nicht entdekt. - -_Flodoard_, der sonst so heiter und die Seele der Gesellschaften gewesen -war, fing seit einem _gewissen Tage_ an, ernster zu werden, und von eben -dem Tage an verlor auch die fröhliche Rosamunde ihren Humor. - -An diesem Tage nämlich führte die Hand des launenhaften Ohngefährs, oder -die Göttin Liebe, die nun zuweilen auch ihre Grillen hat, Rosamunden in -ihren Oheimes Garten, der nur den Vertrauten des Dogen offen stand, und -in welchem er selber in stiller Einsamkeit oft am Abend eines schwülen -Tages ausruhte. - -_Rosamunde_ gieng hier die breiten, sandigen Wege auf und nieder, tief -in Betrachtungen verloren. Sie rupfte die unschuldigen Blätter von den -Hekken ab, und streute sie gedankenlos vor sich hin; blieb zuweilen -plözlich stehn, gieng dann wieder einige Schritte vor, blieb wieder -stehn, sah bald den blauen Himmel, bald die Erde an: zuweilen schwoll -ihr schöner Busen stürmisch empor, zuweilen flog ein halbunterdrükter -Seufzer über ihre kleinen Lippen. -- - -»Aber er ist doch schön!« sprach sie leise, und starrte schmachtend vor -sich hin, als sähe ihr Auge ein Etwas, das gewöhnlichen Blikken -verschleiert ist. - -»Doch _Iduella_ hat auch Recht!« fuhr sie dann wieder fort, und sah böse -aus, als wenn Iduella Unrecht gehabt hätte. - -Diese _Iduella_ war ihre Gouvernantin Freundin und Vertraute, eine der -würdigsten Damen ihres Geschlechts. Rosamunde hatte nämlich ihre Eltern -früh verloren. Die Mutter starb, da Rosamunde kaum den Mutternamen -lallen konnte, und ihr Vater _Guiscardo_ von _Korfu_, Kommandeur eines -venetianischen Schiffes, war vor acht Jahren mit seinem Schiffe in einem -Seetreffen wider die Türken untergegangen, da er noch ein Mann in den -besten Jahren war. _Iduella_ wurde nun die Erzieherin und Mutter -Rosamundens, und nun Freundin und Vertraute ihrer kleinen Geheimnisse. - -Indem nun Rosamunde noch mit sich selber plauderte, trat die ehrwürdige -_Iduella_ aus einem Seitengang hervor. - -Rosamunde. (bestürzt) Bist du auch hier? - -Iduella. (sanftlächelnd) Nun ja, du nennst mich ja gewöhnlich deinen -Schuzgeist, und Schuzgeister müssen nie von ihren Lieblingen fern sein. - -Rosamunde. Höre, Iduella, ich habe deine Reden überdacht, und gefunden, -daß sie zwar richtig und sehr weise gesprochen sind, allein -- -- - -Iduella. Was deine Vernunft bejaht, verneint dein Herz? - -Rosamunde. Gewis. - -Iduella. Ich tadle dich auch gar nicht, liebes Kind, sondern ich habe -dir ja selber gestanden, daß, wär ich in deinem Alter, und ein Flodoard -erschiene, und bettelte oder bettelte nicht um meine Gunst, ich ihm -gewis nicht böse sein würde. -- Flodoard bleibt unstreitig ein -angenehmer, und, für jedes Mädchen von Geschmak, sehr gefährlicher -junger Mann. Er hat viel Einnehmendes in seiner Gestalt, viel Reiz in -seinem Umgang, viel schöne Züge in seinem Karakter -- -- aber er ist ein -armer Edelmann, dem der Doge von Venedig unmöglich seine Nichte zur -Gemahlin geben kann und wird. - -Rosamunde. (lächelnd) Ei, wer spricht denn von Gemahlin werden? ich will -ihm ja nur -- -- nur gut sein. - -Iduella. So? also, würdest du zufrieden sein, wenn Flodoard sich mit -einer andern Venetianerin -- -- -- - -Rosamunde. (schnell) O das thut er gewiß nicht. - -Iduella. (lächelnd) Liebes Kind, du willst dich so gern selbst betrügen. -Aber thu es nicht. Ein Mädchen, welches liebt, verknüpft mit den -Gedanken an ihre Liebe zugleich den Wunsch einer ewigen Verbindung. Und -den Wunsch darfst du hier gar nicht hegen, ohne deinen Oheim zu -beleidigen, der, er mag der beste Mann von der Welt sein, doch dem -eisernen Gesez der Politik und Etikette gehorchen muß. - -Rosamunde. Ja, ja, ich weis das sehr gut. Sieh nur, ich will ihn auch -nicht lieben, sondern, ich will nur seine _Freundin_ sein. Und er -verdiente gewiß, daß ich ihm gut bin; ach, glaube nur Flodoard verdient -noch weit mehr. - -Iduella. Und Freundschaft und Liebe, -- o, Rosamunde, du kennst diese -Gäste nicht. Freundschaft und Liebe vertauschen oft ihre Masken unter -einander. Die Liebe hängt oft den Mantel der Freundschaft um, wenn man -sie in ihrer eigenthümlichen Gestalt nicht dulden will. -- Mit einem -Worte, liebes Kind, denk an deinen Oheim, denke daran wieviel du ihm -schuldig bist, und opfre ihm eine Grille deines Herzens auf. - -Rosamunde. Ja, ich glaube beinah selber, daß nur eine vorübergehende -Laune bei mir ist. Ich will den Flodoard nicht mehr lieben. Du kannst -dich darauf verlassen. -- Ich bin ihm jezt gar nicht mehr gut, wenn ich -daran denke, daß er mich von meinem lieben Oheim abwendig machen will. - -Iduella. (lächelnd) Solltest du so viele Gewalt über deine rebellischen -Empfindungen haben? - -Rosamunde. Gewiß. Es wird sich zeigen. Ich bin ihm gar nicht mehr gut, -dem Verführer. - -Iduella. (mit einem scharfen Blik auf sie) _Gar nicht mehr gut?_ - -Rosamunde. (seitwärts blikkend) I nun ja, wohl noch _etwas_; denn hassen -kann ich doch den armen Flodoard nicht; das hat er nicht verschuldet. - -Iduella. Nun, wir sprechen uns wieder. Vergiß deinen schnellen Vorsatz -nicht so rasch, als er dir auflog. Ich will einen Besuch ablegen; die -Gondel erwartet mich. - -Iduella verlor sich in den Gängen des Gartens und Rosamunde schlich -langsam umher und träumte und dachte, wünschte und verdammte, sehnte -sich wonach und wollte sich nicht das Ziel ihrer Sehnsucht gestehn. - -Es war ein heißer Sommernachmittag, und Rosamunde sah sich um nach einem -schattigten Pläzchen. Sie suchte die Fontaine auf, neben welcher eine -kleine Rasenbank angelegt war, worüber die zauberischen Hände der Kunst -und Natur ein Nez von Jasmin und Epheu gewebt hatten. Dieß Pläzchen -suchte sie auf; sie kam zur Fontaine, drehte sich um die Hekken und -- -ach! erröthend flog sie zurük, denn _Flodoard_ sas auf dem Rasenbänkchen -unter dem Jasmin- und Epheunez neben der Fontaine und las in einem -Bündel Schriften. - -Rosamunde wußte nicht ob sie fliehn, oder stehn bleiben müsse. -- -_Flodoard_ sprang auf, so bestürzt er auch war, und rettete sie aus der -Verlegenheit, indem er ihr die Hand küßte. - -Jezt, wenn sie nicht wider allen guten Ton sündigen wollte, _mußte_ sie -stehn bleiben. - -Flodoard behielt ihre Hand in der seinen -- was konnte sie davor, daß er -auf den sehr natürlichen Einfall kam? die Hand zurükzuziehn? -- je nun, -er that ja der Hand nichts zu leide, und schien in ihrem Besiz so -glüklich zu sein -- und wie konnte Rosamunde die namenlose Grausamkeit -begehn, und jemanden ein Glük rauben, das ihrem Glükke nicht -widersprach? - -»Fräulein, sagte Flodoard, um doch etwas zu sagen; der schöne Nachmittag -ists werth, daß man ihn im Freien verlebt!« - -»»Aber ich störe Euch im Studieren, Herr Graf.«« - -»Wird man gestört in seiner Pflicht, wenn sich uns eine angenehmre -aufdringet?« - -Nun war das Gespräch zu Ende. Sie sahn sich beide an, schlugen beide die -Augen nieder, sahn beide umher nach Luft, Beeten, Himmel, Bäumen und -Blumen, suchten Stoff für ein Gespräch und je ämsiger sie suchten, je -weniger fanden sie, und in der peinlichsten Verlegenheit verflogen zwei -kostbare Minuten. - -»Ach ein niedliches Veilchen!« rief plözlich Rosamunde, um doch etwas -vorzunehmen, und sprang hin, bükte sich und pflükte das Blümchen, -welches sie gewiß zu jeher andern Zeit nicht gepflükt haben würde. - -»»Eine schöne Blume!«« sagte _Flodoard_ und ärgerte sich über diese -leeren Worte. - -»Eine herrliche Farbe!« fuhr _Rosamunde_ fort: »_Violet_, roth und blau -so schön unter einander gemischt, wie kein Maler die Farben mischen -kann.« - -»»Und ein bedeutungsvolles Blümchen! sezte er hinzu: _Roth_ die Farbe -der Freude, _Blau_ die Farbe der Freundschaft und -- -- ach, wie -glüklich wäre der Mann, Rosamunde, dem ihr die Blume gäbet! -- -Freundschaft und Seeligkeit hängen unauflöslich aneinander, Freundschaft -und Seeligkeit sind inniger vermischt, als dieß Roth und Blau des -bedeutungsvollen Veilchens!«« - -»Was ihr nicht über eine simple Blume schönes zu sagen wißt!« - -»»Aber, wem wird einstens Rosamunde _das_ geben, was diese Blume -bezeichnet? -- doch, eine alberne Frage -- ich weis auch gar nicht, wie -ich heut beschaffen bin -- verzeiht mir den lächerlichen Vorwiz, -Fräulein!«« - -Er war still. Rosamunde war still; Stille herrschte am Himmel und auf -Erden, aber nicht im Herzen der Liebenden. - -Aber wenn sie auch ihrer Zunge gebieten konnten, daß sie nicht Verräther -der geheimen Leidenschaft wurde, wenn gleich die Lippen Rosamundens -nicht gestanden: du bist es, Flodoard, dem dies Veilchen von mir gegeben -werden soll; wenn gleich Flodoards Mund nicht fragte: Rosamunde, gieb -mir die Blume und das was sie bedeutet! o so schwiegen doch ihre Augen -nicht. Diese treulosen Dollmetscher heimlicher Gefühle bekannten hier -mehr, als das Herz sich selber eingestand. -- - -Flodoard und Rosamunde standen in süsse Quaalen versunken vor einander -da; ihre Blikke ruhten auf einander und wurden die Herolde der -wachsenden Empfindung. Mit einem namenlosen schwärmerischen Lächeln -starrte die unschuldige Rosamunde den auserkornen Liebling an; und -schüchtern zweifelnd studierte der schöne Jüngling dieß Lächeln -Rosamundens. Und er verstand es; und das Herz pochte lauter, und rascher -flog sein Odem. - -Rosamunde bebte; ihr Busen erhob sich ungestümmer; sie wurd es gewahr -und ein liebliches Roth der Schaamhaftigkeit strömte über ihr Angesicht -hinab. - -Ach, eine Ewigkeit so dazustehn, sich spiegeln zu können im liebenden -Auge des Geliebten, hören zu können die leisen Seufzer der Sehnsucht, -berechnen zu können am Aufwallen und Sinken des Busens, die Ebbe und -Flut der Empfindungen -- dieß ist der erste Himmel, zu welchem die Liebe -führt. - -»Rosamunde!« seufzte Flodoard unwillkührlich, und unwillkührlich -lispelte sie: »Flodoard!« - -»Gieb mir das Veilchen, o mir!« stammelte er, und zitterte nicht vor -seiner kühnen Foderung. - -Rosamunde hielt die Blume fest. - -»Fodre, fodre dafür eine Königskrone, ich will sie dir stehlen. -Rosamunde, mir die Blume!« - -Sie sah den Bittenden an und schwieg. - -»Mein Glük, meine Ruhe, mein Leben hängt an dieser Blume. So wahr ein -Gott lebt, ich thue dann Verzicht auf alles, was die Erde Schönes -trägt!« - -Die Blume schwankte in ihrer schönen Hand. - -»Du erhörst mich, Rosamunde? Ich bettle nicht umsonst?« - -Bei dem Wort _betteln_ fiel ihr Iduella ein. Wo bleibt dein Versprechen, -dein Vorsaz? sagte sie zu sich selber: flieh, flieh! du wirst dir und -Iduellen und deinem Oheim treulos. - -Und sie zerriß die Blume. - -»Ich verstehe euch, Flodoard, sagte sie: aber gebt eure Pläne auf -- und -so wie jezt laßt uns nimmer in diesem Leben wieder beisammen stehn.« - -Sie sprachs, drehte sich um und lies den armen Flodoard angedonnert -stehn. - - - - - Fünftes Kapitel. - Abaellino. - - -Kaum war sie auf ihrem Zimmer, o so beweinte sie auch schon ihre -Heldenthat. -- Es that ihr wehe, ihn so beleidigt zu haben. Sie dachte -sich den armen Jüngling, wie er nun nach ihrer Flucht dagestanden habe, -niedergeschlagen, hoffnungslos mit nassen Augen. Sie sah ihn im Geiste -sich härmen, und trostlos jammern; sah ihn, wie er nun freudenlos -umherschlich, die Mörderin seiner Seelenruhe verdammte, dem Grabe -entgegen hoffte und sich demselben mit jeder Thräne, die er ihrentwillen -verweinte, näherte; sie hörte schon im Geiste die Nachricht: Flodoard -ist gestorben! sah nun schon das Volk um seine Gruft versammelt weinen, -um ihn, den das halbe Venedig anbetete, und die ganze Stadt und seine -Feinde selbst bewunderten. - -»Nein, nein!« rief sie: »das war eine erbärmliche Heldenthat! nein, -Flodoard, ich habe es nicht so gemeint, als ich sprach, ich liebe dich -doch, ich will dich lieben, und wenn auch Iduella zürnt, und mein Oheim -mich hasset!« - -Einige Tage nachher erfuhr sie, daß Flodoard allen seinen Bekannten sehr -verwandelt erscheine, daß er melancholisch umherirre und sich in den -Zirkeln der Freude nur selten hineinmische. - -Dies war ihrem weichen Herzen eine schrekliche Post. -- Sie floh in die -Einsamkeit ihres Gemachs, weinte sich satt, und büßte mit tausend -Thränen der Reue ihr Verbrechen. - -Niemand kannte ihrer Schwermuth Quelle niemand ihrer Krankheit Ursprung. -Darf es uns noch wundern, wenn Rosamunde zulezt die ängstlichen Sorgen -den alten Oheims wekte, und jeder um ihr Leben zitterte. Darf es uns -noch wundern, wenn Flodoard sich mit seinem Seelengram den Augen der -Welt entzog und vergebens den harten Kampf mit einer Leidenschaft -begann, welche schon jede andre Empfindung in ihre Wirbel verschlungen -hatte? - -Doch wir verlassen Rosamundens Krankenbett auf einige Augenblikke und -besuchen zur Abwechslung die Wohnung der Rebellen, die in ihren Planen -immer weiter rükten, immer zahlreicher, immer mächtiger und für den -alten Andreas Gritti und sein Venedig fürchterlicher wurden. - -_Parozzi_, _Memmo_, _Contarino_, _Falieri_ die Häupter der werdenden -Verschwörung versammelten sich jezt öfter im Pallast des Kardinal -_Grimaldi_, wo sie ihre Entwürfe zur Staatsveränderung Venedigs -gemeinsam spannen. -- Jeder handelte hier angetrieben von seinem -Privatintresse; der eine um seiner ungeheuer angelaufnen Schulden mit -einemmale quitt zu werden, der andre um seinem Ehrgeiz ein Opfer zu -bringen, der dritte um Rache zu üben für gewisse längst vergährte -Kränkungen, der vierte um seine Rechte ausgebreiteter zu machen u. s. f. - -Diese schreklichen Menschen, welche nichts geringers als entweder -Venedigs Umsturz, oder Erfüllung ihrer überspannten Foderungen -verlangten, hatten um so mehr zur Ausführung ihrer Schwindeleien Muth, -da der größte Theil des venetianischen Pöbels, der über die neuen -Auflagen und Steuern klagte, sich an sie schlos. - -Reich genug an Menschen, reich genug an Geldern, um die fürchterlichen -Projekte zu realisiren, reich genug an kühnen, verwegnen, schlauen -Männern, die fähig genug waren Revoluzionen anzuzetteln und -durchzuführen, sahn sie schon stolz herab auf den guten Doge Andreas -Gritti, der von diesem höllischen Komplot nichts beahndete. - -Allein ein fürchterlicher Schall wars ihren Ohren, als man die arme -Sünderglokke läutete und die gefangnen Banditen zum Richtplaz führte, -auf welche sie einen großen Theil ihrer Hofnungen gesezt hatten. Desto -froher aber machte sie der Stolz des verwegnen Banditen _Abaellino_, der -öffentlich aufzuschlagen sich erkühnte, er lebe noch in Venedig, und man -solle nicht verzagen. - -Der Tollkopf ist ein Mann für uns, riefen alle entzükt, und jezt lag -alles daran den verwegnen Menschen in ihre Verschwörung zu verzetteln. - -Es gelang ihnen wirklich. Abaellino fand sich zuweilen bei ihnen ein, -aber er war in seinen Foderungen eben so vermessen, als in seinen -Versprechungen. - -Alle verlangten zuerst den Tod des Prokurator Sylvio, ein Mann, der zu -den wärmsten Freunden des Dogen gehörte, ein Mann, vor dessen Falkenblik -sich ihr lichtscheues Gewissen fürchtete, und der den Kardinal Grimaldi -bei dem Dogen verdrängt hatte. - -Aber _Abaellino_ verlangte für das Leben dieses einzigen ungeheure -Goldsummen. - -»Ich versprech' es euch, sagte er, als ein ehrlicher Kerl, daß wenn ihr -mir mein Geld gebt, der Prokurator Sylvio in der andern Stunde die Augen -auf immer schließt. Er hänge am Himmel, oder verkerkere sich in der -Hölle, ich finde ihn, und treffe ihn.« - -Was sollte man thun. Handeln ließ sich Abaellino nicht; der Kardinal -wollte so gern seinem Ziele näher rükken, über Sylvios Grab aber führte -sein Weg. - -_Abaellino_ empfieng das Geld, und am andern Morgen fehlte der -verehrungswürdige Sylvio, der Liebling den, braven Gritti, der Stolz -Venedigs in der Gesellschaft der Lebendigen. - -»Ein fürchterlicher Kerl, der Abaellino!« riefen die Verschwornen, und -feierten triumphirend an der Tafel des Kardinals das Todesfest des -Prokurators. - -Der Doge war bestürzt und lange ausser sich vor Schrek. Er sezte eine -große Prämie darauf, wer denjenigen entdekken würde, der den Freund des -Dogen aus der Welt geschafft hätte. -- -- - -Es wurde dieser Wille des Dogen an allen Straßenekken ausgerufen, in der -ganzen Republik bekannt gemacht, und einige Morgen nachher fand man -folgenden Zettel angeschlagen an die Hauptpforte der venetianischen -Signoria: - - Venetianer! - - Bemüht euch nicht den Preis zu verdienen, der auf meine - Entdekkung gesezt ist. Ich selber bekenne hiemit: _Abaellino_ war - _Sylvios Mörder, und wer ihn hascht, den will er königlich - belohnen._ - - Abaellino. - - - - - Sechstes Kapitel. - Die Entdekkung. - - -Ich darfs gewiß meinen Lesern nicht erst erzälen, daß Venedig ob dieser -Frechheit ausser sich war. Nie hatte noch ein Mensch so etwas gewagt, -nie einer so voll stolzen Uibermuthes der berühmten Polizei Venedigs und -der Gewalt des Dogen gespottet. Alles gerieth in Bewegung, die -Patrouillen wurden verdoppelt, die Wachen verstärkt, die Sbirren -umhergesandt, und niemand sah und hörte und spürte etwas von dem -Abaellino. - -Die Pfaffen predigten von dem stolzen Verbrecher, und riefen die -schlummernde Rache Gottes auf, solchen Greuel zu rügen. Die Damen -zitterten vor dem Namen Abaellino's, denn wer konnte ihnen dafür stehn, -daß er sie nicht, wie ehmals Rosamunden, zu seiner Braut einweihte. Die -alten Mütterchen behaupteten fest, Abaellino hab sich dem Teufel -verkauft und mit dessen Beistand spotte er der gerechten Wuth aller -frommen Venetianer. Kardinal Grimaldi, Parozzi und seine Gesellen waren -stolz auf diesen furchtbaren Bundesgenossen, und pochten jezt schon -lauter und sahen eine Zukunft voller Triumphe. Die verwaiste Familie des -ermordeten Sylvio rief Fluch herab auf den Mörder, und jede Thräne, -welche sie verweinte, wünschten sie in ein Schwefelmeer verwandeln zu -können, worinn sie den Abaellino hinabstürzen könnten. Der Doge und -seine Getreuen betrauerten lange ihren verlornen Freund und schwuren -nicht eher zu rasten, bis sie den heillosen Verbrecher ertappt, und -schreklich bestraft haben würden. - -»Aber bei alle dem, sagte _Andreas Gritti_: bei alle dem muß ich dennoch -gestehn, der Abaellino ist ein seltner Mensch, der, wenn er vielleicht -an der Spizze eines Heers stände, die halbe Welt erobern würde. Ich -möchte wenigstens den Mann nur einmal sehen! - -Ich will deinen Wunsch erfüllen! sagte eines Abends, da _Gritti_ allein -in dem Garten seiner Familie auf und niederwandelte, ein unbekannter -Mensch zu ihm: Ich will deinen Wunsch erfüllen. Sieh hier den -_Abaellino_, den Freund des erschlagnen Sylvio und deinen und der -Republik allgetreusten Diener! --« - -_Gritti_ sah auf und bebte zurük. Eine, halb in ihren Mantel vermummte -Gestalt, mit dem scheuslichsten Angesicht von der Welt, stand vor ihm -und röchelte ihm diese Worte zu. Er, der in den Feld- und Seeschlachten -nie gezittert, und von keiner Gefahr aus seiner Gleichmüthigkeit gestört -war, er, der tapfre Doge verlor in diesem Augenblik auf einige Minuten -seine Geistesgegenwart. Sprachlos starrte er den Banditen an, der -furchtlos vor ihm da stand, und nicht von der Majestät des Ersten in -Venedig gerührt wurde. - -_Abaellino_ grinste ihn freundlich an. - -»Du bist ein fürchterlicher -- ein abscheulicher Mensch!« sprach -_Gritti_ indem er sich wieder sammelte. - -»_Fürchterlich?_« entgegnete der Bandit: »das freut mich! -- -_Abscheulich?_ das möcht ich nicht sagen. Freilich mein Aushängeschild -zeugt von einem abscheulichen Handwerke, aber Doge, was meinst du? -vielleicht sind wir beide die größten Männer Venedigs, du in deiner, ich -in meiner Art!« - -Der Doge lächelte unwillig. - -»O!« fuhr _Abaellino_ fort: »lächle nicht so ungläubig. Erlaub es -immerhin, daß ich mich, als Bandit, mit einem Dogen vergleiche; ich -denke immer, man darf sich mit _dem_ vergleichen, mit wem man sich -messen darf! --« - -Der Doge machte eine Bewegung ihn zu verlassen. - -»Nicht doch!« rief der Bandit schmunzelnd: »das Ohngefähr führt solch -ein Paar großer Männer nicht sobald wieder auf diesen kleinen Landstrich -zusammen. Bleib doch!« - -»Höre Abaellino,« redete ihn der Doge an, mit aller Hoheit, die in -seiner Gewalt stand: »Du hast große Talente vom Himmel empfangen, warum -wucherst du mit denselben nicht besser. -- Ich verkündige dir völlige -Verzeihung und Amnestie über alles das, was geschehen ist, unter der -Bedingung, daß du mir den nennst, der dich zu Syivios Mörder gedungen, -und daß du das Gebiet der Republik verlassest. --« - -»Hi, hi!« entgegnete Abaellino: »Über die Grillen bin ich längst -hinweggesprungen. Menschen können für meine Sünden keinen Ablaß -ertheilen, und an jenem Tage, wenn alle Menschen ihren Schuldbrief -vorzeigen, werd' ich auch den meinigen aufzeigen können. Den Namen -dessen, der mich zu Sylvios Mord bezahlte, wirst du, aber nur heute -nicht erfahren. Ich soll das Gebiet der Republik räumen? -- warum? aus -Furcht vor dir? hi, hi! aus Furcht vor der Republik? -- ha, die fürchtet -den Abaellino, aber Abaellino sie nicht! Doch unter einer Bedingung -könnt' ichs vielleicht thun -- --« - -»Und die wäre?« fragte der _Doge_: »willst du zehntausend Goldstükke? ---« - -»Ich gäbe dir selber gern zehntausend Goldstükke, wenn du deine -häßlichen Worte ungesagt machen könntest. -- Nein, gieb mir deine Nichte -_Rosamunde_, die, Tochter des _Guiscardo_ von _Korfu_ zur Gemahlin!« - -»Unmensch!« - -»Hi, hi! Geduld! -- Du willst nicht? --« - -»Fodre Geld und Gut, ich gäbe dirs. Und wenn die Republik eine Million -an dich verlöre, sie gewönne dabei, wenn du ihre Luft nicht mehr -verpesten wolltest!« - -»Wahrhaftig? -- sieh eine halbe Million beinah hab ich schon wieder -bekommen für das Leben deiner treusten Freunde, für Kanaris und Dandolis -Kopf! gieb mir Rosamunden, oder -- --« - -»Schurke!« - -»In vier und zwanzig Stunden sind Kanari und Dandoli zum Teufel! sag, -Abaellino hats gesagt!« - -Bei diesen Worten zog der Bandit ein Terzerol hervor, schos es in die -Luft ab -- der _Herzog_ prallte zurük, und als er sich umsah, war -_Abaellino_ verschwunden. - -An eben demselben Abend, oder vielmehr in der Mitternachtsstunde stand -Abaellino im Pallaste des Kardinal _Grimaldi_ unter den Verschwornen. -_Parozzi_, _Memmo_, _Falieri_, _Kontarino_, welche wir schon kennen und -andre ihres saubern Gelichters waren gegenwärtig. - -Man sas eben bei Tische und schwenkte die vollen Pokale. _Grimaldi_ -erzählte, wie er sich beim Dogen eingeschmeichelt und den Parozzi, Memmo -Kontarino und Falieri empfohlen hätte; _Kontarino_ prahlte mit der -erledigten Procuratorstelle, wie sie ihm gewiß nicht entgehn würde, -_Parozzi_ zweifelte gar nicht an Dandolis oder Kanaris Stelle beim -Herzog Plaz nehmen zu können, wenn sie nur erst hingerichtet sein würden -und -- in dem Augenblik stand _Abaellino_ vor ihnen. - -»Na, rief er: Wein her! das Werk war vollbracht! Dandoli und Kanari -sizzen jezt beim Teufel zum Nachtmahl! --« - -Alle sprangen erstaunt auf. - -»Und den Dogen hab ich persönlich Wahrheiten gesagt. Seid ihr nun -zufrieden mit mir, ihr Bluthunde?« - -»Flodoarden noch!« schrie jauchzend _Parozzi_, und _Abaellino_ rief: -Brr! Brr! - - - - - Drittes Buch. - - - - - Erstes Kapitel. - Flodoard und Rosamunde. - - -_Rosamunde_, Venedigs Liebling, war krank: _Iduella_ seufzte sich müde -am Lager der schönen Elwin und seufzte sich wach daran. _Rosamunde_ war -krank, ein stiller Seelenharm nagte an der Blüte ihrer Reize, -- ach, -sie liebte den edeln _Flodoard_; aber wer hätte Flodoarden auch _hassen_ -können. -- Sein Heldenwuchs, sein schönes Angesicht, sein -schwärmerischer Blik, sein ganzes Wesen predigte laut: seht hier den -Favoriten der Natur -- und Rosamunde? -- Rosamunde liebte die Natur so -sehr! - -Aber _Flodoard_ war auch kränklich. Er schlos sich oft ein: vermied alle -Gesellschaften, oder reiste zur Erheiterung seines Geistes durch die -Städte der Republik. Oft war er Wochenlang abwesend, und wenn er dann -wieder kam, o, wie sehnsuchtsvoll erwartete ihn dann jeder -Familiencirkel, in welchen er eingeweiht war! - -Jezt war er drei Wochen von Venedig abwesend gewesen. Niemand wußte von -ihm, in welchen Gegenden er umherschwärmte. Der Doge hätte ihn so gern -jezt gehabt, um sich nach so vielen Fatalitäten etwas in seiner -Gesellschaft zu zerstreuen, und -- wie gerufen -- erschien er nun. - -»Lieber Flodoard!« seufzte der _Doge_, als _Flodoard_ zu ihm in das -Zimmer trat: »ihr müßt euch nicht nicht so lange von uns entfernen. Ich -bin jezt ein verwaister Mann. Ihr wißt doch schon, daß mein Kanari, mein -Dandoli --« -- -- - -»Alles« entgegnete _Flodoard_ mit verbißnem Schmerz. - -»Es schleicht der Teufel durch Venedig, unter dem Namen _Abaellino's_, -und raubt mir alles, was mir theuer ist. Flodoard, ich zitterte auch -schon für euch. -- Wir haben vieles, vieles mit einander zu reden, aber -jezt gebricht mir die Zeit. Es hat sich ein Fremder melden lassen; ich -muß ihn empfangen. Aber --« -- - -In diesem Augenblik schwankte _Rosamunde_ aus einem Nebenzimmer herein. -Sie sah Flodoarden und bebte seitwärts. Flodoard schlug die Augen nieder -und begrüßte bebend die holde Nichte des bekümmerten Dogen. - -»In einer halben Stunde werd' ich euch rufen lassen;« fuhr der Herzog -fort; »unterhaltet meine kranke Nichte.« - -Der ehrwürdige _Gritti_ verlies den bestürzten Jüngling. _Rosamunde_ -trat an ein Fenster. Flodoard schlich ihr langsam nach. - -Verlegen standen sie beide da -- sahen bald hinaus auf den St. -Markusplaz, bald nach den herrlichen Gemälden des herzoglichen Zimmers, -bald auf ihre Fingerspizzen. - -»Ihr zürnet noch?« stammelte endlich Flodoard, und dachte an die fatale -Gartenscene. - -»Ich zürne nicht,« antwortete Rosamunde, und ein schönes Roth flog über -die blassen Wangen. - -Flodoard. (mit festerer Stimme) Und ihr habt mir meine Sünde ganz -vergeben? - -Rosamunde. (vor sich nieder lächelnd) _Sünde?_ -- nun ja, ganz vergeben. --- Ein Sterbender muß ja gern verzeihn, damit Gott in seinem Gericht -auch gern verzeihe. Und ich bin eine Sterbende -- ich fühl es. - -Flodoard. Sennora! - -Rosamunde. Zweifelt nicht. Seit gestern hab ich zwar das Krankenlager -verlassen, aber, es ahndet' mir, ich werd' es bald wieder aufsuchen, um -es nie wieder zu verlassen. Und darum -- darum bitt ich auch von euch -Verzeihung, wenn ich euch gekränkt haben sollte. - -Flodoard. (schweigt) - -Rosamunde. Ihr scheinet sehr rachsüchtig, sehr unversöhnlich zu sein. - -Flodoard. (lächelt sie wehmüthig an) - -Rosamunde. (ihm die Hand reichend) Nun, Signor, alles vergessen? - -Flodoard. Nein, nein! das kann ich nicht. Ich kann nichts vergessen, was -ich mit euch gelebt habe. Ich will nichts vergessen, die Auftritte sind -mir zu heilig. -- Aber verzeihen? (indem er ihre Hand an seinen Mund -drükt) Ach, wollte Gott, ihr hättet mich recht sehr beleidigt, theure -Sennora, recht sehr beleidigt, dann könnt ich euch auch sehr vieles -verzeihn -- aber jezt kann ich nichts vergeben. (lange Pause) - -Rosamunde. Ihr habt wohl viel umhergeschwärmt seit den lezten Wochen. - -Flodoard. Viel. - -Rosamunde. Und hattet vieles Vergnügen? - -Flodoard. (schnell) Warum nicht? man sprach ja allenthalben mit mir von -Rosamunden. - -Rosamunde. (mit einem strafenden Blik und sanften Ton) Flodoard? - -Flodoard. Und wißt ihr, welchen Plan ich nun habe? - -Rosamunde. Wieder fortzureisen? - -Flodoard. Getroffen, und zwar um nie wieder nach Venedig heimzukehren. - -Rosamunde. (überrascht) Nicht doch, Flodoard! Flodoard, das solltet ihr -können? (vor ihren Worten erröthend. ) Ihr -- ihr scherzt! - -Flodoard. So wahr Gott lebt, ich habe nie ernster gesprochen! - -Rosamunde. (mit einem intressanten Blik) Nein, Flodoard, ich glaub es -euch in Ewigkeit nicht. - -Flodoard. Hab ich schon allen Glauben bei euch verloren? - -Rosamunde. Und wohin wollt ihr, wenn ich darum fragen darf? - -Flodoard. Nach Maltha, und mit den Malthesern wider die Korsaren. Der -Himmel wirds doch geben, daß ich mich zum Kommandeur eines Schiffs -aufschwinge -- das Schiff führe dann den Namen _Rosamunde_, und das -Schlachtgeschrei sei _Rosamunde_! Ich hin dann gewiß unüberwindlich! -- - -Rosamunde. Ihr spottet bitter, aber bei Gott, das hat Rosamunde um euch -nicht verdient. - -Flodoard. Spott? -- ich euch verspotten? -- wahrhaftig ich spotte nicht, -die Zeitungen mögen über Jahr und Tag mich und diese Stunde -rechtfertigen. - -Rosamunde. (ihn anstarrend) Ihr treibt es weit mit euern Wiz. - -Flodoard. (lächelnd) Nun ja, und wem verdank' ich diesen Wiz? kurz und -gut, Sennora, ich verlasse Venedig, um euch keine unangenehme -Augenblikke zu schaffen. Vielleicht sehn mich die türkischen Freibeuter -lieber. - -Rosamunde. Man sollte auf euch Jagd machen; ihr freibeutert nur zu sehr -und selbst auf festem Lande. - -Flodoard. Gott weis es, und bin ein sehr unglüklicher Freibeuter auf -festem Lande, denn ich gerathe da in Gefangenschaft, wo ich zu siegen -träumte. - -Rosamunde. (ausweichend) Und ihr könntet den Dogen verlassen, der euch -so sehr schäzt? - -Flodoard. Die Liebe des Dogen ist mir theuer. Aber, bei Gott, Rosamunde, -sie macht mich nicht glüklich, und wenn man mir Königreiche zu Füssen -legte, sie machten mich nicht glüklich -- - -Rosamunde. Bedürft ihr zu euerm Glük soviel? - -Flodoard. Viel, unendlich viel! -- ich habe darum gebettelt -- (indem er -sie anstarrt und ihre Hand heftig drükt) ich habe darum gebettelt -- -Rosamunde, und man hat mirs abgeschlagen. - -Rosamunde. Ihr seid ein Schwärmer! - -Flodoard. (sich näher an sie schließend) Rosamunde! - -Rosamunde. (zitternd) Was wollt ihr? - -Flodoard. (halbleise) Mein Glük! - -Rosamunde. (sieht ihn ein Weilchen an, zieht ihn zu sich, stößt ihn -wieder zurük) Geht! geht! um Gotteswillen geht! -- - -Flodoard. (wandelt langsam und traurig mit untereinander geschlagnen -Atmen durchs Zimmer) - -Rosamunde. (schwankt ihm nach, nimmt seine Hand -- sinkt an seine Brust) -Flodoard! - - - - - Zweites Kapitel. - Ein fürchterliches Versprechen. - - -Heil dem glüklichen _Flodoard_, er hatte überwunden! er hielt das -liebende Mädchen in seinen Armen fest, und glaubte eine Gottheit zu -umarmen. Fest schlang sich Rosamundens Hand um Flodoardens Nakken; er -war der ihrige, dem sie so manche Thräne geweint, so manchen Seufzer -geseufzt, so manchen Traum geträumt hatte. - -Dicht in einander verschlungen, standen sie da, eine herrliche Gruppe -für den Pinsel einer Angelika Kaufmann -- und die Engel Gottes schwebten -unsichtbar über die Liebe dieser Heiligen. - -Nur einmahl schlägt unter allen tausend Stunden des Lebens dem -Sterblichen eine _solche_ Stunde: Heil dem, der sie noch erwartet, Heil -dem, der sie noch genießet! Man sage immerhin, es ist doch nur -Gaukelspiel der entzükten Einbildungskraft, ein leicht verdunstender -Rausch der Sinnlichkeit -- o, nennt mir unterm Mond eine Seeligkeit, -welcher die Einbildungskraft ihren Zauber nicht leiht! -- - -Flodoard und Rosamunde vergaßen nun zum erstenmahle, daß sie Menschen -wären. Das Zimmer um ihnen her ward zum Himmel; die Erde der Altar -Gottes, ihre Seufzer, ihre Küsse wurden Lobgesänge dessen, der das -Hochgefühl der Liebe gab! - -»Ich bin dir gut!« lispelte Rosamunde und gedachte nicht ihrer Iduella: -»ach, ich bin dir nur zu gut, Flodoard! --« - -Der _Jüngling_ antwortete nichts. _Rosamunde_ stammelte ein leises, Ach! -und Lippe glühte an Lippe, Busen stürmte an Busen, Arme hingen gewunden -um Arme. - -Und -- plözlich eröffnete sich die Seitenthür. - -Der Doge _Andreas Gritti_ trat schon wieder herein. Der erwartete Fremde -war, Kränklichkeiten halber, nicht erschienen. -- - -_Flodoard_ und _Rosamunde_ hörten den Hereinkommenden nicht. - -_Gritti_ stand bestürzt da, er sah der Scene einige Augenblikke zu, -seine Mienen verzogen sich in ein sanftes Lächeln, er drehte sich um und -ging wieder zurük. - -Das Geräusch seines Kleides an der hohen Flügelthür erwekte die Trunknen -aus ihrem Wonnetraum. _Rosamunde_ riß sich mit Entsezzen los; _Flodoard_ -verlor seine Geistesgegenwart aber keineswegs. - -»Gnädigster Herr!« rief er dem Dogen nach -- -- - -Der _Herzog_ wandte sich um und _Flodoard_ lag zu seinen Füssen. - -Gritti sah mit stiller Würde und mit Ernst auf den Knieenden hernieder. - -»Ich mag eure Vertheidigung nicht hören!« sagte der Doge mit steigender -Stimme. - -»Nein,« entgegnete _Flodoard_, mit festem Tone: »nein, gnädigster Herr, -_ich_ bedarf keiner Vertheidigung, daß ich Rosamunden liebe, wohl muß -sich _der_ vertheidigen, der sie _nicht_ liebte! Ists aber ein -Verbrechen, daß ich Rosamunden anbete, o so mag mich Gott von dieser -Sünde frei sprechen, weil er Rosamunden so schön erschuf.« -- - -»Ihr scheint auf eure wizzige Apologie vielen Fleiß verwandt zu haben; -aber sie verfehlt ihren Zwek,« versezte _Gritti_. - -»Ich sag es noch einmahl, gnädigster Herr!« erwiederte _Flodoard_, und -stand auf: »entschuldigen will ich mich nicht. Aber ich will mehr, ich -bitte bei euch um Rosamunden.« - -Gritti stierte den Kühnen mit einem fremden Blik an. - -»Freilich, gnädigster Herr, freilich bin ich ein armer Edelmann, und es -scheinet Verwegenheit zu sein, wenn ein solcher um die Nichte des -Venetianischen Doge buhlt. Aber, beim Himmel, ich glaube der große -Gritti wird seine Rosamunde nicht an Männer verschenken, die nur mit -Goldstükken, Grafschaften, und Titeln prahlen, oder sich in den Glanz -ihrer Ahnen verhüllen, wenn sie nicht selber glänzen. -- Ich gesteh es -freilich, noch besizze ich keine Verdienste, die mich eurer Rosamunde -würdig machen könnten, aber ich will sie mir erwerben. -- --« - -Der Doge drehte sich unwillig um. _Rosamunde_ flog herbei und schlang -ihren Arm um Grittis gebeugten Nakken. -- - -»Zürnet nicht!« rief sie und verbarg ihr bethräntes Antliz an dem Busen -ihres Oheims. - -»Fodert!« rief _Flodoard_; »was muß ich sein, was soll ich thun, um -Rosamunden zu erhalten von euch. Fodert, es soll mir das Schwerste ein -Kinderspiel werden. Beim Himmel, ich wünschte Venedig läge unter der -gräslichsten Gefahr, oder euer Leben würde von zehntausend Dolchen -bedroht -- dann dürft ich hoffen Rosamunden zu verdienen. Ich rettete -Venedig und schlüge zehntausend Klingen zurük. --« - -Gritti lächelte bitter. »Ich habe,« sagte er: »ich habe der Republik -viele Jahre gedient; ich habe Leben und Blut gewagt, ich erwartete -wenigstens zur Belohnung ein sanftes, glükseliges Alter -- aber ich habe -mich betrogen. Meine alten Freunde werden mir durch Banditen geraubt und --- ihr, Flodoard, ihr nehmt mir nun noch diese einzige, die bisher meine -lezte Freude war. -- -- Höre, Rosamunde, liebst du den Flodoard -wirklich?« - -Flodoard zitterte. _Rosamunde_ ergriff des Jünglings Hand und -- -schwieg. - -Gritti wandte sich aus Rosamundens Arme, und gieng langsam mit tiefem -Ernste im Zimmer auf und nieder. Rosamunde warf sich auf einen -benachbarten Sessel; und weinte. _Flodoard_ beobachtete den Dogen. - -So verstrichen einige Minuten. Es herrschte im Zimmer eine feierliche -Stille; _Gritti_ schien mit einem fürchterlichen Entschlusse schwanger -zu gehn. Bekümmert erwarteten die Liebenden den Ausgang der Geschichte. - -Plözlich blieb der Doge in der Mitte des Zimmers stehn. »Flodoard!« -sprach er, und Flodoard nahte sich ihm ehrerbietig: »Flodoard, ich habe -den Entschluß gefaßt: Liebt euch meine Rosamunde, wohl, so mag sie es -thun; ich will der Wahl ihren Herzens keine Schranken bauen. Aber -Rosamunde ist mir viel zu theuer, als daß ich sie dem ersten besten -überlassen könnte, der sie fodert. Der Mann, dem ich Rosamunden lasse, -muß Rosamundens werth sein; sie soll eine Belohnung seiner Verdienste -werden. Noch habt ihr euch nur geringe Verdienste um unsern Staat -erworben -- es ist jezt Gelegenheit da, euch ein sehr großes zu -verschaffen. Schafft mir den Mörder Sylvios, Kanaris und Dandoli's -- -schafft mir den fürchterlichen Banditenkönig _Abaellino_ tod oder -lebendig! --« - -Flodoard trat bei dieser Foderung, an deren Erfüllung sein Wohl und Weh -hieng, erblassend zurük. »Gnädigster Herr -- --« stammelte er. - -»Ich weis, fuhr _Andreas Gritti_ fort: ich weis sehr gut, welch eine -Foderung ich wage, wenn ich den _Abaellino_ fodre. Lieber will ich -selber mich durch eine türkische Flotte schlagen und das Admiralschiff -aus ihrer Mitte stehlen, als diesen Abaellino fangen, der mit der Hölle -einen Bund geschlossen zu haben scheint, der allenthalben und nirgends -ist, den viele gesehn haben und den keiner kennt, der den Wiz unserer -Staatsinquisitoren, des Collegiums der zehn Männer und ihrer Spione zu -Schanden macht; vor dem jeder edle Venetianer zitiert, vor dessen Dolch -ich selber auf meinem Throne nicht sicher bin. -- Ich weis es, was ich -fodre, aber, Flodoard, ich weis auch, was ich gebe. Ihr seid verlegen? --- Ihr schweiget? -- Flodoard, ich habe euch lange genug beobachtet, ich -habe in euch Spuren eines wahrhaft großen Geistes entdekt -- darum wag -ich die Foderung, ists einer vermögend, den Abaellino zu fassen, so -glaub ich seid ihrs. -- Nun?« - -Flodoard gieng schweigend vor sich umher; ein fürchterliches Wagestük -wars, das er unternehmen sollte, wehe, wenn Abaellino sein Vorhaben -erfuhr! aber _Rosamunde_ war der _Preis_! Er warf einen Blik auf das -Mädchen, und sein Plan war entworfen, alles zu wagen. - -Er gieng zum Dogen. - -Gritti. (sanft) Nun, Flodoard? - -Flodoard. (mit großem Nachdruk) Erhalt' ich warlich dann Rosamunden, -wann ich euch den Abaellino überliefre? -- - -Gritti. Nicht eher. - -Rosamunde. Flodoard! Flodoard! das Spiel endet sich schreklich -- hüte -dich selber vor Abaellinos Dolch! - -Flodoard. (indem er mit den Zähnen knirscht) Still! -- (gefaßt) -Gnädigster Herr, gebt mit eure Herzogliche Hand darauf. - -Gritti. Ich schwör es euch, Flodoard, schafft ihr mir den schreklichen -Feind der Republik lebendig oder tod, so geb ich euch Rosamunden mit -fürstlicher Aussteuer zur Gemahlin! - -Flodoard. (hält schweigend die Hand hin) - -Gritti. Hier empfangt meine Herzogliche Rechte. - -Flodoard ging in Gedanken verloren durch das Zimmer. Im Thurme der St. -Markuskirche schlug es fünf Uhr. - -»Der Abend übereilt uns!« tief _Flodoard_ »wohlan so sei's; in _vier und -zwanzig Stunden_ überliefr' ich euch den fürchterlichen Banditen -Abaellino.« - -Gritti. (betroffen) Junger Mensch, versprecht weniger und leistet mehr. - -Flodoard. (ernst und fest) Es gehe wie es gehe, ich halte entweder mein -Wort, oder trete nimmermehr wieder über die Schwelle eures Pallastes. -Ich habe Spuren und sichre Merkmahle von dem Bösewicht -- entweder spiel -ich morgen um diese Zeit ein Lustspiel, oder es werde in Gottesnamen ein -Trauerspiel! - -Gritti. Uebereilung ist gefährlich. - -Flodoard. (mit Stolz) Ueber die Jahre der Uebereilung denk ich in meinem -Leben hinweggesprungen zu sein. -- - -Rosamunde. (seine Hand fassend) Flodoard, Flodoard besinnet euch. Mein -Oheim liebt euch, -- nehmet euch vor Abaellinos Dolch in Acht! - -Flodoard. Eben deswegen muß alles in vier und zwanzig Stunden, oder nie -gethan werden. Wohlan, gnädigster Herr, ich will beweisen, daß die Liebe -alles wagen kann -- -- - -Gritti. _Wagen_ freilich, aber ob _erringen_? - -Flodoard. (dem man eine wachsende Verlegenheit ansieht) Macht mich nicht -kleinmüthig, gnädigster Herr, seht, ich will euch bessern Muth geben. -Habet die Gnade morgen Nachmittag in diesem Zimmer große Gesellschaft -zusammenzubitten, Damen und Herrn, denn gewinn' ich morgen den Sieg, so -erleb ich ein großes Fest. Ladet vorzüglich die Beisizzer des -ehrwürdigen Gerichts der zehn Männer ein, damit sie doch den Abaellino -von Angesicht zu Angesicht kennen lernen, mit dem sie so lange vergebens -im Kriege lebten. - -Gritti. (sieht ihn lange bedenklich an, endlich:) Sie sollen erscheinen. - -Flodoard. Und ihr habt ja wohl, wenn ich nicht irre, einige neue Freunde -an dem Kardinal Grimaldi, dem Nobile Kontarino, Memmo, Falieri und -Parozzi erhalten. Sie sind auch meine Freunde vor kurzer Zeit geworden; -ich wünschte sie wären morgen gegenwärtig. - -Gritti. Sie sollen gegenwärtig sein. - -Flodoard. Aber noch eins. Sagt niemanden früher die Ursach der -Zusammenkunft, ehe sie nicht alle angekommen sind. Dann stellt rings um -eueren Pallast Wache mit geladnen Gewehren und selbst vor den Thüren -dieses Zimmers, mit dem strengen Befehl, jeden herein, niemanden, bei -Todesstrafe, heraus zu lassen. Denn vor Abaellino ist niemand sicher. - -Gritti. Es wird geschehn. - -Flodoard. Morgen mit dem Glokkenschlage fünf, oder nie, sehn wir uns -wieder! - -Flodoard empfahl sich schnell. _Rosamunde_ bebte am Arme des Herzogs und -_Gritti_ schüttelte den Kopf. - - - - - Drittes Kapitel. - Die nächtliche Verschwörung. - - -»Juchheisa!« rief in der Mitternachtsstunde _Parozzi_ im Zimmer des -Kardinals _Grimaldi_, wo das ganze höllische Complot wieder beisammen -war: die Sachen gehn treflich. Flodoard ist heut angekommen und -Abaellino schon richtig bezahlt! - -Grimaldi. Der Flodoard ist ein Schlaukopf, ich wünschte lieber, er -bliebe am Leben und schlüge sich zu unsrer Parthei. Ich sage euch, -Flodoard ist ein Schlaukopf! - -Parozzi. Wie die Vagabonden immer sind. - -Memmo. Und stolz ist er, stolz, als wär er Venedigs Herrgott. - -Falieri. Rosamunde, wie ich erfahren habe, soll ihm nicht unhold sein. - -Parozzi. O, Geduld, Abaellino bricht ihm den Hals, dann kann er mit dem -Teufel und seiner Grosmutter liebeln. - -Kontarino. Uebrigens hab ich troz aller Kundschaft seinetwegen in -Florenz wenig erfahren. Es sollen einmahl, schreibt man mir, es sollen -einmahl Flodoardo's in Florenz existirt, aber sich längst von da hinweg -begeben haben, man wisse nicht, wohin? und zu dieser Familie Flodoardo -müsse denn wohl unser Vagabond gehören. - -Grimaldi. Der Doge hat euch also sämmtlich auf morgen Nachmittag zu sich -eingeladen? - -Alle. Wahrhaftig! wahrhaftig! - -Grimaldi. (mit Selbstgefühl) Das freut mich, das freut mich. Ich sehe -mit Vergnügen, daß meine Empfehlung bei ihm so vieles gewirkt hat. -- -Und morgen Abend ist bei ihm Ball mit Masken, wie mir sein Kammerdiener -sagte? - -Falieri. Freilich! - -Memmo. Wenn er nur nicht um unsre Verschwörung weis -- ich wäre des -Todes! - -Grimaldi. Er kann unmöglich davon wissen. - -Memmo. Ei, zum Teufel, jeder Beutelschneider, Pflastertreter, -Abentheurer, Bettler und wie das Lumpengesindel heissen mag, welches -unsre Armee ausmacht, weis davon und er sollte noch nichts gewittert -haben? - -Kontarino. Du Narr, da gehts ihm, wie betrognen Ehemännern; jedermann -weis, daß sie Hörner tragen, nur sie selber haben keine Notiz davon. -Aber, wahrhaftig, wir müssen nun den Anfang machen, unsre Projekte zu -realisiren, oder wir werden endlich verrathen. -- - -Falieri. Du hast recht, Bruder. - -Parozzi. Die Misvergnügten, die sich auf unsre Seite geschlagen haben, -sinds zufrieden, wenn der Betteltanz in dieser Nacht vor sich gienge. - -Kontarino. Ich nehme morgen den Dogen auf mich, und steche ihn nieder. -Dann ergeh es, wie es wolle. Entweder wir sind dann aus allen -Bedrängnissen durch allgemeinen Aufruhr der Republik gerettet, oder wir -seegeln mit vollem Winde aus dieser vermaledeiten Zeitlichkeit ab. - -Parozzi. Wir versehn uns alle mit Gewehr. - -Grimaldi. Das Kollegium der Zehnmänner ist sammt und sonders morgen -gegenwärtig -- -- - -Falieri. Alle müssen sie niedergemacht werden! - -Memmo. Wenns nur zulezt nicht schreklich für uns selber abläuft. - -Kontarino. Ei, du verdammter feiger Knabe, bleib zu Hause hinterm Ofen; -aber sind wir durchgedrungen, so komm nicht und fodre deine Geldsummen -wieder. - -Memmo. Bei meiner Seel, Kontarino, an Muth fehlts mir nicht; willst du, -ich messe mich mit dir in diesem Augenblik mit der Klinge. Aber dein -unseeliger Hitzkopf fehlt mir. - -Grimaldi. Und wenn alles verdorben ist, so macht es die Kirche wieder -gut und das große Wort Sr. Heiligkeit. - -Memmo. Aber wo sind denn die Briefe vom Pabst? - -Grimaldi. (wirft ihm zwei Papiere vor) Lies, ungläubiger Thomas! - -Memmo. Donner und Wetter, wir treiben also eine privilegirte Schurkerei! --- - -Grimaldi. Der Pabst muß uns schüzzen, ich sage, er _muß_, denn wir -vertheidigen als gute Christen die Gerechtsame seines Stuhls in der -Republik Venedig -- schon das kann euch eine Quelle des Muths werden, -wenn in der lezten Noth alles scheitern sollte. Keine Hand darf euch -verlezzen! - -Kontarino. Höre, Parozzi, es bleibt nach unsrer Abrede dabei, du -bestellst unsre Bundesgenossen mit Waffen und Wehr in deine Behausung. -Um Mitternacht verläßt du den Ball, und bemächtigst dich des Arsenals. -Der Hauptmann Sebilli ist unser, und hält dort die Wache. - -Grimaldi. Der Schiffkapitain Adormo wird auf das Signal der Sturmglokke -zu uns stossen mit seinen Leuten. - -Falieri. Es kann gar nicht fehlen! - -Kontarino. Macht nur die Verwirrung so gros, als möglich, Freunde und -Feinde müssen durcheinander wüthen, keiner muß wissen woher der Aufruhr, -warum, und wohin! -- - -Parozzi. Bei meiner Seele, ich danke Gott, daß es endlich so weit -gediehen ist. - -Falieri. Hast du die weißen Armbinden unter unsre Leute ausgetheilt, -Parozzi? - -Parozzi. Schon vorgestern. - -Kontarino. Halloh, Brüder, die Kelche gefüllt! so wie jezt sizzen wir -nicht sobald wieder beisammen, als nach vollbrachter Arbeit! -- - -Memmo. Laßt uns noch einmahl alles weislich überlegen! - -Kontarino. Pfui! Ueberlegung ist das Kind der kalten Vernunft, und diese -gilt in der Rebellion nicht. Hier spricht die Verzweiflung. Nur erst das -Werk begonnen, das Staatssystem Venedigs mit Heldenmuth über einander -geworfen, bis keiner mehr weis, wer Herr, und wer Unterthan sei, dann -kann die Ueberlegung kommen, um zu rathen, wie weiter! -- lustig, -eingeschenkt! -- Der Doge bietet uns durch seinen Ball die Hand -- ha, -ha, ha! - -Parozzi. Den Abaellino müssen wir nothwendig vorher sprechen. - -Kontarino. (schwänkt den Weinbecher) Es lebe Abaellino! - -Alle. (trinkend) Abaellino! Abaellino! - -Grimaldi. Und glüklichen Ausgang der künftigen Nacht! - -Memmo. Ja, wohl! ja wohl! - -Alle. Ein glüklicher Ausgang! - -Parozzi. Wo sizzen wie übermorgen Nacht? - - - - - Viertes Kapitel. - Der wichtige Tag. - - -Am folgenden Morgen war alles so ruhig in Venedig, als wäre nichts -geschehn, und doch war es gewiß, daß dieser Tag einer der merkwürdigsten -in diesem Staate werden mußte. - -Im Herzoglichen Pallaste war alles schon sehr früh erwacht. Der -bekümmerte _Gritti_ verlies ungewöhnlich zeitig das Nachtlager, auf -welchem er sich dießmal schlaflos und sorgenvoll hin und her gewälzt -hatte. _Rosamunde_ hatte vom schönen Flodoard geträumt und wachend sezte -sie ihre Träumereien fort. _Iduella_ hatte unruhig geschlafen; sie -liebte Rosamunden zu sehr und wußte schon welch ein intressanter Tag für -das arme liebende Geschöpf der heutige werden würde. Aber Rosamunde war -ungemein heiter; sie scherzte mit Iduellen, sezte sich zu ihrer Harfe -und sang sich das Lied ihres Lieblingsdichters: - - Liebe, Liebe, Kind des Himmels, - Aller Welten Königin, - Durch die Graun des Weltgetümmels - Warst du meine Führerin. - Früh hat mich dein Arm umschlungen, - Früh dein holder Geist bezwungen, - Früh dein Rosenmund geküßt. - - In dem Morgentraum des Lebens - Sog des Lebens erste Lust - Stiller Wonne, frohen Lebens - Lieb o Lieb an deiner Brust! - Ach, von deinem Arm geschaukelt, - Deinen Tändelein umgaukelt - Froh zu früh der Morgentraum! - - Deinen Namen, deinen Stämpel - Trägt die Schöpfung immerdar; - Sieh, der Himmel ist dein Tempel - und die Erde dein Altar -- - Ja, so lange meine Augen - Noch den Reiz der Schöpfung saugen, - Bet' ich dich, o Liebe, an! - -Aber _Rosamundens_ selige Laune verschwand, als der Mittag heranrükte -und vorüberzog. Aengstlich wankte sie hier und dahin; ihr Herz klopfte -ungestüm, in Erwartung fürchterlicher Auftritte. - -Schon versammelten sich die Vornehmen Venedigs im Pallast ihres Oheims, -schon war der schrekliche Nachmittag da, und der Doge sandte Iduellen an -sie ab, in den großen Saal sie zu führen, wo die Herrn und Damen ihrer -harrten. - -»Gott! o mein Gott!« rief sie leise: »laß alles wohlgelingen.« - -Blas wie eine Leiche trat sie in das Zimmer, in welchem sie gestern -ihren Flodoard Liebe bekannt hatte und Flodoard -- war noch nicht da. - -Die Gesellschaft war glänzend und heiter gestimmt; man sprach von -Stadtnovellen, europäischen Staatsangelegenheiten. _Kontarino_ und -_Grimaldi_ unterhielten sich mit dem Dogen; _Memmo_, _Falieri_ und -_Parozzi_ standen in einem Winkel schweigend beisammen. - -Draussen wars trübe und dunkel; es stürmte der Wind in den Wellen des -Kanals und den Wetterfahnen der Palläste am Markusplaz; ein Regenschauer -folgte dem andern. - -Es schlug vier Uhr. Rosamunde ward blässer, als vorher. _Gritti_ befahl -dem Kammerdiener etwas leise ins Ohr. Man hörte bald darauf Männer von -aussen wanken, und Waffen klirren an den Thüren des Saals. - -Eine plözliche Stille herrschte durch die Gesellschaft. Die jungen -Nobili stokten in ihren Liebeserklärungen vor den Damen; die Damen -vergaßen ihre Modeneuigkeiten; die Staatsmänner starrten sich an und -brachen ihre politischen Discourse ab. - -Der Doge trat langsam in die Mitte der Versammlung. Jedes Auge wandte -sich zu ihm. Hoch schlug den Verschwornen das Herz. - -»Wundert euch nicht, meine Lieben, über jene seltsamen Anstalten!« -redete _Andreas Gritti_, Venedigs Herzog, sie an: »Es hat nichts zu -bedeuten, was dem Vergnügen dieser Gesellschaft gefährlich sein könnte. -Euch allen wird der Bandit _Abaellino_ bekannt sein, der Mörder des -braven Prokurator Sylvio und meiner getreuen Räthe Kanari und Dandoli. -Dieser, vor welchem jeder rechtschaffne Republikaner zittern muß, dem -nichts heilig und ehrwürdig heißt, der allen Troz bietet, die ihm -drohen, -- dieser höllische Auswurf wird vielleicht binnen einer Stunde -in diesem Saale vor unsern Augen erscheinen!« - -Alle. (erstaunt) Abaellino? Abaellino? - -Grimaldi. Freiwillig? - -Gritti. Nein, freiwillig in der That nicht. Aber Flodoard von Florenz -hat gelobt unsrer Republik diesen wichtigen Dienst mit Gefahr seines -Lebens zu leisten, es koste was es wolle, den Abaellino zu fangen, und -hieher zu bringen. - -Einer der Beisizzer des Zehengerichts. Viel, unendlich viel gelobt! - -Ein andrer. Ich zweifle an der Vollführung des Gelübdes! - -Ein dritter. Aber bei Gott, Flodoard machte sich uns die Republik zu -großen Schuldnern. - -Ein Vierter. Wahrhaftig, wie soll der Staat dem Flodoard vergelten. - -Gritti. Die Vergeltung übernehm ich allein. Flodoard hat um die Hand -meiner Nichte angehalten -- ich gebe sie ihm. - -Alle. (sehn sich schweigend unter einander an, theils mit Blikken der -höchsten Zufriedenheit, theils des Erstaunens) - -Falieri. (leise) Parozzi, was meinest du? - -Memmo. Ich habe das kalte Fieber, so wahr Gott lebt! - -Parozzi. (heimlich lachend) Abaellino wird sich fangen lassen! -- - -Kontarino. Meine Herrn, hat einer von euch schon den Abaellino von -Angesicht zu Angesicht gesehn? - -Einige. Wir nicht! wir nicht! - -Ein andrer. Es ist ein Gespenst, der nur dann und wann und sehr -unverhoft und ungebeten erscheint. - -Rosamunde. Ich vergesse das Ungeheuer nicht -- (sie erzählt einigen -Damen leise) - -Gritti. Und wie er mir erschienen ist, wird euch bekannt sein. - -Memmo. (zu einigen Senatoren) Ich habe mir von dem Ungeheuer tausend -Wunderdinge erzählen lassen -- er ist der Teufel in menschlicher Gestalt --- ich halte nicht für gut, daß man ihn in diese Versammlung bringt, -denn er ist fähig hier ohne Gnade einen nach dem andern zu erwürgen. - -Mehrere Damen. Gott bewahre, in dieses Zimmer? - -Kontarino. Die Hauptsache ist, ob ihm Flodoard, oder er den Flodoard -besiegt. Und ich geh eine schwere Wette darauf ein, daß Flodoard -unverrichteter Sache abzieht. - -Ein Senator. Und ich halte die Wette mit, daß nur ein einziger Mann in -Venedig es unternehmen darf den Abaellino zu fangen -- und der eine ist -_Flodoard von Florenz_; eben der, von dem ich längst prophezeit habe, er -werde in den Jahrbüchern der Welt einmahl eine glänzende Rolle spielen --- - -Ein andrer. Ihr habt recht, Sennor, ich bin erstaunt über ihn, als ich -zum erstenmahle in seine Gesellschaft trat. - -Kontarino. Tausend Zechinen! Abaellino läßt sich nicht greifen, oder er -wäre denn gestorben. - -Der erste Senator. (hizzig) Tausend Zechinen, Flodoard hascht ihn -- - -Gritti. Und liefert ihn tod oder lebendig. - -Kontarino. Ihr, edle Venetianer, seid Zeugen: (er reicht dem Senator die -Hand) (sie geben sich die Hände.) - -Senator. Die Wette gilt. - -Kontarino. (lachend) Ich danke euch für die tausend Zechinen, Sennor! -Abaellino ist ein feiner Gauch -- gewiß Flodoard hat Ursach sich zu -hüten. - -Grimaldi. Hat Flodoard die Sbirren zur Hülfe? - -Gritti. Keinen, als sich selber. Seit gestern ist er nun schon abwesend, -um auf den Banditen Jagd zu machen. - -Grimaldi. (mit einem triumphirenden Lächeln zu Parozzi) Glük zu, Sennor! - -Parozzi. (mit einer erfurchtsvollen Verbeugung) Gewiß, Ew. Eminenz -prophezeien wahr. - -Memmo. Ich lebe wieder auf. Nun, nun! man wird doch sehen! - -Drei und zwanzig Stunden waren vorüber, seit dem Gelübde des kühnen -Flodoard -- die vier und zwanzigste brach an und er kam noch nicht. - - - - - Fünftes Kapitel. - Höllenangst. - - -Der Doge wurde unruhig. Der Senator fieng an für seine tausend Zechinen -zu zittern, und _Kontarino_ und seine Parthei lachten schadenfroh, wie -wohl Kontarino laut bekannte: er wünsche lieber tausend Zechinen und -zwei tausend zu verlieren, weil mit der Gefangenschaft Abaellinos die -allgemeine Sicherheit der Republik gewönne. - -Es schlug im Thurme der St. Markuskirche fünf Uhr -- Rosamunde bebte; -Todesschweis perlte von ihrer schönen Stirn. _Flodoard_ kam noch nicht. - -Der alte _Andreas Gritti_ liebte Flodoarden wirklich -- jezt schauderte -er zum erstenmal vor dem Gedanken, daß Abaellinos Dolch gesiegt haben -könne. - -Rosamunde gieng zum Herzog, sie schien ihm etwas sagen zu wollen, aber -die Angst lähmte ihre Zunge, eine Thräne quoll in ihrem Auge hervor. Sie -verbarg die Angst und ihre Thräne so meisterhaft, als es sich immer hier -thun lies -- in einem Winkel warf sie sich auf einen Sessel nieder, rang -die Hände und ihre Seufzer flehten Hülfe von dem barmherzigen _Gott_. - -Die übrige Gesellschaft trippelte in sichtbarer Verlegenheit umher; man -wollte fröhlich sein, aber auch nicht einmal der Schein der Fröhlichkeit -konnte affektirt werden. - -So verflos wieder eine Stunde, und _Flodoard_ kam nicht. - -Jezt brach die Abendsonne lächelnd hinter den Regengewölken hervor, ein -Strahl der sinkenden Tageskönigin fiel auf Rosamunden -- und Rosamunde -wurde, sie wußte nicht, warum? froh. - -Kontarino. Um fünf Uhr wollte Flodoard den Abaellino liefern! -- es sind -anderthalb Stunden darüber. - -Senator. Wenn er ihn nur liefert, mögen dann auch anderthalb Wochen -darüber sein. - -Gritti. Nein! -- still! -- ich höre draussen Geräusch. -- -- - -Die Flügelthüren sprangen auf und _Flodoard_ trat allein herein im -Reisekleide und Regenmantel. Wild und wüst flog sein Haar, düster rollte -sein Auge durch die Gesellschaft. Er ris den Federhut vom Kopf herab und -begrüßte die Versammlung. - -Alles drehte sich zu ihm hin, jeder Mund schien zehn Fragen zu haben, -jedes Auge studierte seine Mienen. - -»Jesus! schrie _Memmo_: mir ahndet was!« - -»Seid ohne Sorgen, Sennor!« murmelte _Kontarino_. - -»Edle Venetianer, sprach Flodoard, und seine Sprache war die Stimme des -Helden: wahrscheinlich hat unser Durchlauchtigster Herr euch die Ursach -dieser Zusammenkunft gemeldet -- ich will jezt eure Sorgen lösen. Aber -vorher frag ich noch einmahl, gnädigster Herr, wird Flodoard Rosamunden -zur Gemahlin erhalten, wenn er den Abaellino in eure Hände liefert?« - -Gritti. (ihn mit den Augen messend) Habt ihr den Abaellino? - -Flodoard. Empfang ich Rosamunden? - -Gritti. Ohne Widerspruch, ja! ihr empfangt sie mit einem fürstlichen -Brautschaz. - -Flodoard. Ihr Edeln von Venedig, ihr habt das Wort des Dogen gehört! - -Viele Senatoren. Wir haben's gehört! - -Flodoard. (indem er drei Schritt durch den Saal macht) Wohlan, -Abaellino, ist in meiner und eurer Gewalt! - -Alle. (im wilden Tumult) Hilf Himmel! -- Wo ist er! -- Jesus Sohn -Gottes! -- Abaellino! - -Gritti. Tod oder lebendig? - -Einige. Tod oder lebendig, Sennor? - -Flodoard. (ernst) lebendig! - -Alle (in sprachloser Verwunderung oder mit Entsezzen ihm nachlallend): -Lebendig! lebendig! - -Grimaldi. (mit der Hand über die Stirn fahrend) Lebendig! - -Kontarino. Das geht ins weite. - -Rosamunde. (Iduellens Hand küssend) Hörst du, Iduella! Iduella! -lebendig! - -Senator. Sennor Kontarino, tausend Zechinen! - -Kontarino. (durch die Zähne) Mit Vergnügen! - -Flodoard. (mit einem schweren Seufzer) O gnädigster Herr -- -- - -Gritti. (sanftlächelnd) Die Republik ist deine Schuldnerin, mein Sohn. - -Einige Senatoren. Und wir danken euch jezt, heldenmüthiger Florentiner, -für eure unbegreifliche Heldenthat. Die Republik wird vergelten. - -Flodoard. (den Arm traurig nach Rosamunden ausstrekkend) Dort, seht sie -dort meine Vergeltung. - -Gritti. (mit Freudestrahlenden Antliz) Führe den Bluthund Abaellino -hieher -- ich kenne ihn. Es war eine Zeit, da sagte er zu mir: Herzog, -ich messe mich mit dir, die Erde trägt selten auf einem so schmalen -Strich Landes zwei so große Männer -- führe doch den grossen Mann -hieher! - -Senatoren. Wo ist er? wo ist er? - -Einige Damen. (in schreklicher Furcht) Um Gotteswillen -- -- - -Flodoard. (schmerzhaft lächelnd) Fürchtet euch nicht mehr vor ihm, -schöne Venetianerinnen, er hat ja nun seine Braut! (indem er auf -Rosamunden deutet) - -Falieri. (erblassend) Ist er hier schon im Pallast? - -Flodoard. Hier im Pallast. - -Ein Senator. Warum laßt Ihr uns so lange in banger Erwartung schweben? - -Flodoard. (führt den Dogen zu einem Lehnsessel) Wohlan, so mag die -Komödie beginnen! -- Abaellino soll erscheinen. Tretet alle an die -Seiten! - -Wie von einem Sturmwind fortgerissen flog alt und jung erschrokken zurük -nach den Wänden. Allen klopfte hoch das Herz; keinen aber mehr, als den -Verschwornen, die mit Höllenangst der Erscheinung Abaellinos -entgegenharrten. - -Der Doge _Andreas_ sas ernst und ruhig in seinem Stuhle, wie ein Richter -zum Gericht des Banditenfürsten. Einzeln, in besondern Gruppen standen -die Anwesenden mit verschiednem Mienenspiel da -- wie am -Weltgerichtsmorgen die Schatten der Seeligen und Verdammten einst -untereinandergemischt, und doch grell von einander verschieden dastehn -werden. Die schöne _Rosamunde_ lehnte sich in ruhiger Engelsunschuld an -Iduellens Achsel und musterte mit durstgen Augen ihren großen Liebling. -Die Verschwornen mit langen, bleichen Gesichtern und hin stierenden -Augen formirten den Hintergrund. Dumpfe Stille waltete über die -Versammlung; kein Odemgeräusche störte sie. - -»Und nun soll der schrekliche Abaellino vor euch erscheinen; zittert -nicht, er wird keinen verlezzen!« rief _Flodoard_ aus, drehte sich um, -ging zur Flügelthür, wischte sich über das Gesicht, warf den Mantel ab, -kehrte wieder um -- und wie durch ein Gaukelspiel, war _Flodoard_ in -_Abaellino_ verwandelt! -- - - - - - Sechstes Kapitel. - Geistererscheinungen. - - -Ein lautes Zetergeschrei scholl plözlich durch den Saal -- _Rosamunde_ -stürzte ohnmächtig zusammen, die _Verschwornen_ schnappten nach Luft, -die _Damen_ kreuzigten und segneten sich, die _Senatoren_ standen leblos -wie steinerne Puppen umher und _Andreas Gritti_ verlor im Schrek Gehör -und Gesicht. - -_Abaellino_ stand ruhig da in seiner ganzen furchtbaren Häßlichkeit, in -seinem Banditenhabit, mit dem Gürtel voller Pistolen und Dolche, mit dem -abscheulichen verzerrten, gelben Gesicht, über dem rechten Auge ein -Pflaster, das linke hinter Fleischrunzeln halb verschwollen. Er grinste -nach einer Minute rings umher, und trat dann ·zum erstarrten Doge. - -»He!« rief er mit heisrer, grölzender Stimme: »kennt ihr noch den -Abaellino, hier ist er, mit Leib und Seele ist er hier, gnädiger Herr, -um seine Braut einzuhohlen!« - -_Andreas Gritti_ seufzte tief auf, starrte den Ausbund der Hölle mit -einem schreklichen Blik an und rief: »so bin ich noch nie hintergangen!« - -»Wache! Wache!« schrie _Grimaldi_, der Kardinal, und _Abaellino_ zog -eine Pistole hervor aus dem Gürtel, spannte den Hahn und drohte zu ihm -herüber: »der erste,« rief er, »der erste, der Wache schreit, oder eine -Bewegung macht, ist in dieser Minute des Todes. Glaubt ihr, daß ich mich -selber hier überliefern, selber die Wachen an den Thüren bestellt haben -würde, wenn ich mich vor ihnen fürchtete, oder wenn ich euch entrinnen -wollte? Ja, ich will euer Gefangner sein, aber ohne Gewalt; ich will -euer Gefangner sein, dazu bin ich hier erschienen. Fangen soll den -Abaellino kein Mensch, er muß selber kommen, um sich seinen Richtern zu -überantworten. Oder glaubt ihr, der Abaellino sei der gewöhnlichen -Bravo's einer, der vor den Sbirren läuft, aus Armuth oder Leidenschaft -meuchelmordet? nein, beim Himmel, nein, der bin ich nicht! war ich -Bandit, so war ich Bandit aus Grundsäzzen! --« - -Gritti. (die Hände zusammenwerfend) Großer Gott, ist es möglich? - -Ein schauerliches Stillschweigen wohnte im Saale. Jeder gehorchte der -Stimme des großen Banditen, der mit der Majestät des höllischen -Monarchen durch den Saal schritt, wenn anders der Teufel Majestät -besizzen kann. - -_Rosamunde_ schlug die Augen auf -- ihr erster Blik haftete auf den -verwandelten _Flodoard_. - -»O!« rief sie: »Allbarmherziger, es ist nicht möglich -- es ist ein -satanisches Blendwerk!« - -Abaellino. (zu ihr tretend) Nein, kein Blendwerk, Rosamunde; dieser -Bandit Abaellino ist dein Flodoard von Florenz. - -Rosamunde. Geh, geh, entsezlicher Lügner, es ist nicht möglich! -- du -und Flodoard, Seraph und Satan! wer schmilzt die zusammen? Flodoard -handelte gros und gut, wie ein Halbgott -- ich habe von ihm gelernt -tugendhaft zu handeln. Er war ohne Leidenschaft, zu jeder schönen That -willig. Elend und Kummer ertrug er um des Guten willen, die Thränen der -Leidenden abzutroknen -- das waren seine Triumpfe! -- Höllischer -Bösewicht, den die Schaaren der Ermordeten vor Gottes Richterstuhl -längst verklagt haben, prahle nicht mit Flodoards Namen. - -Abaellino. (mit Stolz) Rosamunde, du bist -- -- -- ein Weib. Sieh her, -ich und dein Flodoard sind eins -- sieh her! sieh her! - -Abaellino riß das Pflaster vom Auge, rieb mit seinen Tuch im Gesicht -umher, faltete die verzognen Mienen in ihre natürliche Ordnung zurük, -strich die schwarzen Haare von der Stirn, und siehe da, der schöne -Flodoard stand in Abaellinos Banditentracht vor den Augen der -Versammlung. - -Abaellino. Sieh, Rosamunde, siebenmahl will ich mein Gesicht noch -verwandeln vor deinen Augen, und so täuschend, daß du mich in Ewigkeit -nicht erkennen solltest. Aber dieß Gesicht ist Flodoards Angesicht, ich -will es vor der Hand beibehalten. - -Grimaldi. Entsezlich! - -Die Senatoren. (durch einander murmelnd) Unerhört! Schreklich! - -Abaellino. (liebreich zu Rosamunden) Nun? -- versöhnst du dich mit mir? - -Rosamunde. (ihn anstarrend) Flodoard, du bist kein Mensch! - -Abaellino. (sich zu ihr hinabbeugend) Rosamunde -- Rosamunde -- bist du -mein? - -Rosamunde. (mit schaudernder Verlegenheit) Flodoard -- ach, daß ich dich -nie gesehn, nie geliebt hätte! - -Abaellino. Willst du nun noch die Braut Flodoards -- die Banditenbraut -sein? - -Rosamunde. (sieht ihn schweigend an, mit sich selber im fürchterlichen -Kampf.) - -Abaellino. Sieh, Mädchen, um deinetwillen hab ich mich selber verrathen --- selber hingeliefert -- -- ach, Rosamunde, ich könnte noch mehr thun! --- doch still! Rosamunde, nur eine Sylbe laß mich hören von deiner -Lippe, nur ein armseliges Nein, oder Ja! Rosamunde, liebst du mich noch? --- -- - -Rosamunde antwortete nicht. Ihr Auge sah zu ihm empor, schuldlos und -liebevoll, wie das Auge eines Engels, und ihr Blik bekannte dem -verführerischen Bösewicht, Liebe. Ihr Busen stürmte ungestüm -- ungestüm -wie das Meer der Gedanken und Empfindungen in ihrer Seele. Sie sank in -_Iduellens_ Arm zurük und _Iduella_ weinte eine mitleidige Thräne auf -ihren Liebling herab. - -Der _Doge_ sprang in diesem Augenblik wild vom Sessel auf; sein Auge -blizte Wuth, seine Unterlippe zog sich höher hinauf; sein Odem flog -heftiger. -- Die Senatoren sahn ihn, warfen sich ihm vor und hielten ihn -gewaltsam zurük. _Abaellino_ inzwischen gieng ihm mit befremdender Kälte -entgegen, und bat ihn sich zu beruhigen. - -»Werdet ihr mir euer Wort halten, gnädigster Herr? -- ihr gabt es mir, -des sind jene edeln Venetianer und Venetianerinnen Zeuge.« - -Gritti. (wild) Abscheulicher Bösewicht, dein Plan ist fein, boshaft und -schreklich angelegt, mich zu betrügen. Sagt, Venetianer, bin ich -verpflichtet, einem solchen fürchterlichen Gauner Wort zu halten? Da -geht er hin und spielt eine betrügerische blutige Rolle: mordet Venedigs -bravste Männer für Lohn, um mit dem Blutgelde in Venedig Aufwand zu -machen. Dann kömmt der abgefeimte Abentheurer unter der Maske eines -Biedermanns, verführt meine unglükliche Rosamunde zur Liebe, fodert mir -das Mädchen ab, unter der Bedingung den Abaellino zu schaffen -- stellt -sich dann selber ein, verlangt die Erfüllung meines Versprechens und -erwartet schlau genug zugleich Amnestie seiner Verbrechen. -- Sagt, -Venetianer, darf ich dem Bösewicht Wort halten. - -Alle. Nimmermehr, nimmermehr! - -Abaellino. (mit Ernst) Auch dem Fürsten der Finsternis müsset ihr euer -Versprechen halten, wenn ihrs einmahl von euch gabet. O, Pfui, pfui, -Abaellino, so hast du dich denn schreklich verrechnet: mit Biedermännern -glaubt ich zu handeln, pfui, und ich lies mich betrügen! -- (mit -schreklichem Ernst) Noch einmahl und zum leztenmahle: soll das -herzogliche Wort gebrochen sein? - -Gritti. (richterlich) Entwaffnet euch. - -Abaellino. Und ihr wollt mich verstoßen -- ich habe mich umsonst in eure -Hände geliefert? - -Gritti. Dem braven Flodoard hätt ich Rosamunden nicht verweigert, aber -dem Mörder Abaellino hab ich nichts in der Welt versprochen. - -Abaellino. Hi, hi! meine Mordthaten drükken euch ja nicht, sondern mich; -dereinst will ich die Sache vor dem Richter der Welt schon ausfechten. - -Grimaldi. (zum Doge) Welche Gotteslästerung! - -Abaellino. O, Herr Kardinal, bittet doch für mich -- ihr kennt mich ja, -ich bin ein guter Kerl. - -Grimaldi. (mit Zorn und geistlicher Hoheit) Elender, was hab ich mit dir -zu schaffen? - -Abaellino. Soll ich also wahrhaftig verdammt werden? He da, nimmt sich -keiner von euch des armen Abaellino an? (Eine Pause) Alle schweigen? -gut, so eile denn alles zu Ende mit mir! - -Rosamunde. (aufspringend, und zu den Füssen des Dogen) Gnade! Gnade! -Barmherzigkeit für ihn! - -Abaellino. (mit Seeligkeit) Oh, oh! ein Engel betet für mich in der -leztcn Stunde. - -Rosamunde. Erbarmen für ihn, mein Vater, Erbarmen für ihn! war er ein -Sünder, so richte Gott über ihn! -- ach, ich liebe ihn noch! - -Gritti. (sie von sich stoßend) Weg, Geschöpf, ich kenne dich nicht! - -Abaellino. (steht mit verschränkten Armen da und weidet sich an der -Szene) - -Rosamunde. (auf dem Erdboden sich halb erhebend) Habet ihr mit ihm kein -Erbarmen, so habet es nur mit mir nicht. Richtet ihr ihn, so richtet -mich zuvor! -- -- Vater, -- Vater! verstoßet mich nicht. - -Gritti. (zum Abaellino im ernsten Ton) Entwaffnet euch! - -Abaellino. Und ihr könnt es kalten Auges ansehn, wie sich dies Lamm zu -euern Füssen windet? -- geht, ihr habt sie nie geliebt, diese Rosamunde. --- (Er hebt sie vom Boden auf und trägt sie zu Iduellen) Jezt ist sie -mein! -- ich sag es euch, jezt ist sie mein, und der Tod soll uns erst -von einander scheiden. - -Venetianer, es scheinet als wollet ihr jezt Gericht über mich halten, es -scheint, als wolltet ihr den Stab über mich brechen -- wohlan, es sei -euch erlaubt! aber zuvor will ich mit mehrern von euch erst richten. - -Seht hier, ich bin der Mörder Sylvios, der Mörder Dandolis, der Mörder -Kanari's! ich leugne es nicht; wollt ihr nun die Herren kennen lernen, -die mich dazu besoldeten -- so seht, Venetianer, seht auf jene Schurken -da -- ein, zwei, drei, vier -- Grimaldi, Parozzi, Memmo, Falieri und -Kontarino. -- Diese laßt in Verhaft nehmen. - -Versteinert und entgeistert standen die genannten da -- das -verrätherische Gewissen blinzelte durch die starren Augen, durch die -bleichen Wangen hervor und Abaellino wurde von keinem widerlegt. - -»Was ist das?« frugen sich die Senatoren erschrokken untereinander. - -»Ein schändlicher Gaunerkniff!« lallte der Kardinal _Grimaldi_, -»rachsüchtig will nun der Boshafte uns in seinen Prozeß verwikkeln, da -er sieht, daß ihm nichts zu seiner verlornen Freiheit verhilft!« - -Kontarino. (sich ermannend) Er war in seinem Leben der größte Bösewicht -und will es nun auch im Tode sein. - -Abaellino. (mit Majestät) Schweigt! ich kenne euer ganzes Komplot, kenne -eure Proscriptionslisten, kenne euern Anhang, und indem wir hier mit -einander sprechen, nimmt man die Herrn mit den _weissen Armbinden_ -gefangen, die in der kommenden Nacht Venedig umdrehn sollten. -- -Vertheidigt euch nicht. - -Gritti. (erstaunend) Was soll das sein? - -Abaellino. Nichts mehr und nichts weniger, gnädigster Herr, als eine -enthüllte Verschwörung wider den Staat und euer Leben. -- Seht, so -erhält euch ein Bandit zur Dankbarkeit euer Leben, weil ihr ihm bald das -seinige rauben werdet. - -Ein Senator. (zu den Angeklagten) Edle Venetianer, ihr schweiget. - -Abaellino. Hier sind alle Vertheidigungen fruchtlos -- ihre Bande ist -auf meinem Befehl jezt desarmirt, und in die Gefängnisse des Staats -vertheilt -- besuchet sie, da werdet ihr mehr erfahren. -- Uebrigens -bildet euch nicht ein, daß ich um und in diesen herzoglichen Pallast die -bewaffneten Soldaten um des fürchterlichen Banditen Abaellinos willen -hinstellte, nein, sondern um jene Helden dort in engere Verwahrung zu -führen. -- - -Und nun, Venetianer, ich habe mit Gefahr meines Lebens den Staat -gerettet, ich habe mich als Bandit in die Versammlungen der Gottlosen -gewagt, habe Sturm und Regen, Frost und Hizze ertragen, habe, wenn ihr -schliefet, für Venedig gewacht, und ich darf noch auf keine Belohnung -Ansprüche, machen? Das alles hab ich für Rosamunde von Korfu gethan, und -ihr wollt sie mir verweigern; ich habe euch euer Leben, euch das Leben -eurer Weiber und Kinder erhalten -- Menschen, Menschen und ihr wollt mir -das meinige rauben. -- - -Seht doch, wie jene Bösewichter dastehn, von Gott verdammt und ihrem -innern Richter. Oeffnet sich wohl ein Mund zur Rechtfertigung? widerlegt -mich einer auch nur mit einem Kopfschütteln? -- Ich will euch von meiner -Ehrlichkeit noch besser überzeugen. (Indem er sich zu den Verschwornen -wendet.) He da, bekennet die Wahrheit -- derjenige, der sie unter euch -zum ersten gesteht, soll Gnade erhalten im Gericht, das versprech ich, -der Bandit Abaellino. - -Die Verschwornen schwiegen. Endlich nahte sich _Memmo_ einem der -Senatoren zitternd. -- »Venetianer!« lallte er: »Abaellino lüget nicht!« --- - -»Er lüget! er lüget!« riefen mit einemmahle _Falieri_, _Grimaldi_, -_Kontarino_ und _Parozzi_. - -Still! schrie Abaellino und fürchterlicher Grimm blizte aus seinen -Gebehrden: »Still! laßt mich sprechen -- oder besser noch, laßt die -Geister der Ermordeten sprechen. Hollah, ho!« schrie der Fürchterliche -und sprengte die Flügelthüren voneinander und siehe die längst -beweinten, längst betrauerten Edeln traten herein, _Sylvio_, _Kanari_ -und _Dandoli_! - -»Verrätherei!« brüllte _Kontarino_ und sties sich einen verborgen -gehabten Dolch ins Herz. - -Welch ein Auftritt! - -Weinend sank _Andreas Gritti_ in den Arm seiner todgewähnten Freunde; -weinend schlang das lebende Kleeblatt großer Männer sich um den Freund -und Waffenbruder und Herzog. -- Erst in den Wohnungen des Himmels -glaubten sich diese schönen Seelen, diese Helden, wieder finden zu -können, und sie fanden sich nun auf Erden wieder zusammen. Sie die -einstens als Jünglinge mit einander aufwuchsen, mit einander für das -Wohl ihres Vaterlandes fochten, hingen jezt als Greise hier umeinander. -Gerührt standen die Zuschauer da, und die alten ehrwürdigen Senatoren -konnten sich bei dieser heiligen Szene der Thränen nicht erwehren. Man -hörte und sah in dieser seeligen Trunkenheit nichts -- hörte und sah -nicht, daß die Verschwornen und der Selbstmörder _Kontarino_ der Wache -überliefert wurden -- hörte und sah nicht Rosamunden, die sich -schluchzend an die Brust des schönen _Abaellino_ warf und überlaut -schrie: Dieser -- _dieser ist kein Mörder_! - -Aber man ermannte sich endlich. Die Besonnenheit kehrte zurük. -- »Heil -dem Erretter der Republik!« schrie man und weinte man laut und umringte -den Abaellino. - -Abaellino, vor einigen Minuten noch von allen verdammt, stand hehr und -gros unter der entzükten Menge da, wie ein Gott, und an ihm hinauf -schlang sich die schöne Rosamunde. - -»Ich bin nicht Abaellino, nicht Flodoard von Florenz,« sprach er sanft -lächelnd: »ich bin der vertriebne Graf Obizzo von Neapel. Ich kam hieher -als ein Bettler; Banditen nahmen mich in ihren Bund auf, und ich ergrif -mit Freuden ihr unseeliges Gewerbe, theils um Venedig von dieser -Menschenklasse selber zu reinigen, theils um auch diejenigen Buben -kennen zu lernen, in deren Solde diese Meuchelmörder standen. Ich -überlieferte euch die Banditen, und ihren Anführer ermordete ich vor -Rosamunden mit eigner Hand. Ich war in Venedig der einzige Bandit; an -mich mußten sich alle Schurken wenden; ich lernte sie und ihre Pläne -kennen und ihr kennt sie jezt auch. _Sylvio_, _Kanari_ und _Dandoli_ -sollten hingerichtet werden -- wollten diese Männer nicht durch die -Dolche andrer fallen: so mußten sie mit mir flüchten. Ich brachte sie -durch Gewalt, Güte und List an einen Ort, wo sie sicher vor jeder -Entdekkung waren, bis zum heutigen Tage. Sie entwarfen mit mir Pläne für -die Zukunft und wie man die Verschwornen fassen müsse -- das alles ist -jezt ausgeführt und nun Venetianer, wollt ihr mich noch verdammen?« - -»_Dich verdammen?_« riefen Doge, Senatoren und Nobili, und jeder ris ihn -an sich, und drükte ihn nassen Auges an sein Herz. - -»O!« rief _Andreas Gritti_, indem er seine Augen trocknete: »ich gebe -meine herzogliche Müzze dahin, wenn ich ein Bandit werden konnte, wie -du! -- _Grosser Bandit_, du hast mich überwunden, du bist größer, als -ich! Nimm hin meine Rosamunde, nimm hin; etwas bessers hab ich nicht, -sie gilt mir theuerer, als ein Kaiserthum -- nimm sie hin!« - -»Abaellino!« jauchzte _Rosamunde_, und küßte den schönen Banditen mit -Glut. - -»Rosamunde!« rief _Abaellino_ und vergas in dieser Umarmung die ganze -Welt. - - - - - Siebentes Kapitel. - Nachschrift. - - -Freilich wär es so unrecht nicht, wenn man sich jezt zwischen den Graf -Obizzo der schönen Rosamunde und dem alten Doge hinsezzen, und Obizzo's -Erzählung von seiner Herkunft und seinen ehmahligen Abentheuern, die ihn -nach Venedig trieben, mit anhören könnte -- allein hier sind vorläufig -nur zwei Fragen zu beantworten, die alles entscheiden. _Erstlich:_ hört -man mir gern zu, wenn ich Märchen erzähle? -- _Zweitens:_ Hab ich auch -Zeit genug übrig Märchen zu erzählen? -- - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im -Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, -wurden ^so^ markiert. - -Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des -Originales wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche -Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 13]: - ... und der Wicht, der da bei der Molda steht, ... - ... und der Wicht, der da bei der Molla steht, ... - - [S. 21]: - ... wird einmal selig, und wenn er verdammt hat, ... - ... wird einmal selig, und wen er verdammt hat, ... - - [S. 22]: - ... der großen Zahl ihrer Andachstübungen; die Weltdame ... - ... der großen Zahl ihrer Andachtsübungen; die Weltdame ... - - [S. 29]: - ... Abbaellino mischte sich unter die Spaziergänger; ... - ... Abaellino mischte sich unter die Spaziergänger; ... - - [S. 34]: - ... den Dolch ins Herz gestossen, meinten die venetiaschen ... - ... den Dolch ins Herz gestossen, meinten die venetianischen ... - - [S. 37]: - ... du den Matteo wider die Nichte des Andreas Griti - ausgeschikt?« ... - ... du den Matteo wider die Nichte des Andreas Gritti - ausgeschikt?« ... - - [S. 38]: - ... Parrozi. Falieri hat Recht. ... - ... Parozzi. Falieri hat Recht. ... - - [S. 50]: - ... und sank kreischend auf den Sessell nieder, ... - ... und sank kreischend auf den Sessel nieder, ... - - [S. 54]: - ... Balluzo. Die Wahl hält nicht schwer. ... - ... Baluzzo. Die Wahl hält nicht schwer. ... - - [S. 55]: - ... Balluzo. Ja, an Matteo's Stelle. ... - ... Baluzzo. Ja, an Matteo's Stelle. ... - - [S. 55]: - ... Abellino. Und ich sage, als ein braver Gesell ... - ... Abaellino. Und ich sage, als ein braver Gesell ... - - [S. 61]: - ... hassen, daß er zum erstenmahl erblikt, da ihm ... - ... hassen, das er zum erstenmahl erblikt, da ihm ... - - [S. 91]: - ... Sieh sah den Bittenden an und schwieg. ... - ... Sie sah den Bittenden an und schwieg. ... - - [S. 117]: - ... Geistes endekt -- darum wag ich die Foderung, ... - ... Geistes entdekt -- darum wag ich die Foderung, ... - - - - - - -End of Project Gutenberg's Abaellino der große Bandit, by Heinrich Zschokke - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABAELLINO DER GROßE BANDIT *** - -***** This file should be named 52718-8.txt or 52718-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/7/1/52718/ - -Produced by Jens Sadowski. 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P. Kybnitz, Frankfurt und Leipzig" --> - <!-- DATE="1794" --> - <!-- COVER="images/cover-page.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; margin-right:15%; } - -div.titlematter { page-break-before:always; } - -h1.title { margin-top:0.5em; margin-bottom:1em; text-align:center; letter-spacing:0.2em; } -h1.title .line2 { font-size:0.8em; } -p.aut { text-indent:0; text-align:center; line-height:2em; margin-bottom:2em; - letter-spacing:0.2em; } -p.aut .line1 { font-size:0.8em; } -p.printer { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:3em; padding-left:8em; } -p.pub { text-indent:0; text-align:center; letter-spacing:0.2em; line-height:1.5em; } -p.pub .line1 { border-top:2px solid black; display:inline-block; } -p.tit { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:6em; - letter-spacing:0.2em; page-break-before:always; } -p.tit .line1 { font-size:1.5em; } - -h2.part { text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; - page-break-before:always; } -h3.chapter { text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; } -h3.chapter .line2 { font-size:0.8em; } - -p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } -p.first { text-indent:0; } -p.noindent { text-indent:0; } -span.firstchar { font-size:2em; } -span.prefirstchar { font-size:0.5em; } -p.center { text-indent:0; text-align:center; } -div.letter { margin:1em; } -p.adr { text-indent:0; margin-left:3em; font-size:1.1em; } -p.sign { text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; } - -/* poetry */ -div.poem-container { text-align:center; } -div.poem-container div.poem { display:inline-block; } -div.stanza { text-align:left; text-indent:0; margin-top:1em; margin-bottom:1em; - font-size:0.8em; } -.stanza .verse { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } - -/* drama: c=character, d=direction */ -div.drama { margin-top:1em; margin-bottom:1em; } -div.drama p { margin-left:1em; text-indent:-1em; } -div.drama p.cnt { text-indent:1em; } -div.drama p.d { text-indent:0em; text-align:center; } -span.c { font-size:1.11em; } -div.drama span.d { font-size:0.8em; } - -/* TOC table */ -div.table { text-align:center; } -table.toc { margin-left:auto; margin-right:auto; text-align:center; } -table.toc td { vertical-align:top; text-align:left; font-size:0.8em; } -table.toc tr.c td.col1 { font-size:1em; text-align:center; } -table.toc td.col_page { text-align:right; width:3em; } - -/* "emphasis"--used for spaced out text */ -em { letter-spacing:.2em; margin-right:-0.2em; font-style:normal; } - -/* antiqua--use to mark alternative font for foreign language parts if so desired */ -.antiqua { font-family:"Courier New", monospace; } - -.underline { text-decoration: underline; } - -a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } -a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } -a:hover { text-decoration: underline; } -a:active { text-decoration: underline; } - -/* Transcriber's note */ -.trnote { font-family:sans-serif; font-size:0.8em; background-color: #ccc; - color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; - page-break-before:always; margin-top:3em; } -.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } -.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } -.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } -.trnote ul li { list-style-type: square; } -span.handheld-only { display:none; } - -/* page numbers */ -a[title].pagenum { position: absolute; right: 1%; } -a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; - letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; - font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; - border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; - display: inline; } - -div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; margin-left:auto; - margin-right:auto; margin-top:0; margin-bottom:0; } - -@media handheld { - body { margin-left:0; margin-right:0; } - div.poem-container div.poem { display:block; margin-left:2em; } - em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; } - a.pagenum { display:none; } - a.pagenum:after { display:none; } - span.handheld-only { display:inline; } -} - -</style> -</head> - -<body> - - -<pre> - -Project Gutenberg's Abaellino der große Bandit, by Heinrich Zschokke - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Abaellino der große Bandit - -Author: Heinrich Zschokke - -Release Date: August 4, 2016 [EBook #52718] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABAELLINO DER GROßE BANDIT *** - - - - -Produced by Jens Sadowski. This file was produced from -images generously made available by SLUB: Sächsische -Landesbibliothek -- Staats- und Universitätsbibliothek -Dresden - - - - - - -</pre> - - -<div class="titlematter"> -<h1 class="title"> -<span class="line1">Abaellino</span><br /> -<span class="line2">der große Bandit.</span> -</h1> - -<p class="aut"> -<span class="line1">von</span><br /> -<span class="line2">J h d z.</span> -</p> - -<p class="printer"> -F. P. Kybnitz. -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Frankfurt und Leipzig,</span><br /> -<span class="line2">1794</span> -</p> - -</div> - -<h2 class="part" id="part-1"> -Vorrede. -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">T</span>roz dem, daß man in unserm Decennio nur -romantische Szenen der Vorwelt, Rittergeschichten, -Sagen der Vorzeit, Begebenheiten -aus den Tagen des Faustrechts lesen will, -schreib ich doch, wenn ich denn einmal etwas -zum Lesen schreiben will, nichts davon. Ich -habe den Grundsaz, der Schriftsteller müsse -sich nie nach den Launen der Leser, sondern -der Leser nach den Launen des Dichters bequemen. -All unsre Romanschreiber, die dem -Publikum mit Rittermärchen aufwarten, haben -eine große Aehnlichkeit mit den Musikanten, -die nach der Laune der Tänzer bald -eine Menuet leiern, bald einen Walzer geigen -müssen. -</p> - -<p> -Sobald ich nun einmahl den Einfall habe -<em>meinen</em> Lesern etwas zu erzählen; so ists -mir gleichviel, <em>was</em> ich ihnen erzähle, aber -mehr darauf denk’ ich <em>wie</em> ich ihnen erzähle. -Es gilt mir gleichviel, ob ich ihnen ein morgenländisches -oder abendländisches Märchen, eine -Lüge oder Wahrheit vorschwazze, aber in -allen diesen Plaudereien bemühe ich mich die -Natur, wie sie <em>ist</em>, oder sein <em>könnte</em>, darzustellen. -Ich nehme gewisse Karaktere und -führe sie durch eine Reihe von Situazionen, -und beobachte, wie sie sich in all diesen Verhältnissen -ausnehmen. Darüber freu’ ich mich -selber. -</p> - -<p> -Aber diese Karaktere, so genau ich sie auch -immerhin zeichnen mag, pflegen gewöhnlich -am Ende der Geschichte ganz anders dazustehn, -als im Anfang. Nun muß man darüber -nicht böse werden und denken: die Karaktere -werden sich untreu! nein. Ein andres -ists mit der Schilderung des Menschen im -Roman, und ein andres in dem <em>Drama</em>. -</p> - -<p> -Das Drama umfaßt, wenn es regelmäßig -ist, nur einen kurzen Zeitraum. In einem -Tage oder drei Stunden verwandeln sich die -Menschen nicht so leicht — hier kann sich ihr -Karakter von der ersten bis zur lezten Szene -gleich bleiben; hier veranlassen die Karaktere -gewisse Ereignisse, Handlungen, und große -Begebenheiten. -</p> - -<p> -Aber im Roman veranlassen und bilden gewisse -Ereignisse und Begebenheiten den Karakter -des Menschen, wiewohl auch dieser Einfluß -auf jene hat; das menschliche Gemüth -wenn es durch eine Reihe von Begebenheiten -geführt wird, nimmt von der Farbe einer jeden -etwas an sich, diese vermischet sich endlich und -daher oft der bunte Karakter mancher Menschen. -Drängt sich der Sterbliche durch viele -schwarze Situazionen, kein Wunder, wenn seine -Gemüthsstimmung zulezt dunkel und ernst -wird; wird er geführt durch rosenfarbne Verhältnisse, -wer wundert sich dann noch über -seinen frohen Humor? -</p> - -<p> -Aber nicht genug, daß ich Menschenkaraktere -unter allerlei Gesichtspunkten und Verhältnissen -betrachte: so hab ich auch das einzig -mögliche Prinzip jeder psychologischen Aesthetik, -den Zwek der edlen Kunst stets vor mir, -wodurch die Künste allein zur möglich erhabensten -Stufe der Vollkommenheit emporgeführt -werden können: -</p> - -<p class="center"> -<em>Regelmäßige Mittheilung guter -Empfindungen.</em> -</p> - -<p> -Und erreiche ich diesen Zwek, errege ich in -meinen Lesern nur dann und wann das moralische -Gefühl, jenes reine Wohlgefallen an -große, tugendhafte Handlungen und Gesinnungen, -schwillt von Liebe, Mitleid und -Freundschaft nur <em>ein</em> Busen; spricht nur <em>ein</em> -Leser zu sich selber: handle in <em>deinen</em> Verhältnissen, -bei deiner Erziehung, bei deinen -Kenntnissen so gut, so schön, als dieser, oder -jener in dieser Erzählung; fache ich nur einem -Herzen den Enthusiasmus für Sittlichkeit und -Tugend an, dann — dann hab ich überwunden, -dann ruf’ ich: Triumph! auch die mir -sparsam zugemessenen Augenblikke der Einsamkeit -und Erhohlung von ernstern Geschäften -sind meinen Mitbrüdern wohlthätig geworden! -</p> - -<p> -So, meine Leser, kleid’ ich in das Gewand -der Fabel <em>Natur</em> und <em>Wahrheit</em>, und bezielte -jeder Dichter diesen herrlichen Gegenstand, -wahrlich: so würden wir nicht so viel -unleidliches, geistloses Gewäsch anhören müssen, -woran sich heuer unsre entnervten Knaben -und Mädchen bas ergözzen; so würden unsre -Kunstrichter und Rezensenten nicht auf die Fabel, -sondern auf ihren innern Werth, nicht auf -das <span class="antiqua">Continens</span> sondern das <span class="antiqua">Contentum</span> sehn. -Der Dichter ist in dieser Rüksicht zu beurtheilen -wie ein Maler, der Ideale oder Wirklichkeiten, -Menschen mit Flügeln, oder im Uiberrok -hinzeichnet, nicht um der Flügeln, oder -um des Uiberroks willen, sondern um Empfindungen -des Guten, Edlen und Schönen -im Zuschauer zu entwikkeln. -</p> - -<p> -Leute, die mich persönlich kennen, dürften -mir auch hier wieder den Vorwurf machen: -warum schreiben Sie nichts solideres, nichts -nüzlicheres? -</p> - -<p> -Antwort: sobald ich fühle, etwas Neues, -Gutes, Nüzliches in andern Disziplinen der -menschlichen Erkenntniß anzeigen zu können, -werde ich nicht dazu träge sein. Aber das -Sprüchwort: <span class="antiqua">quid valeant humeri, quid ferre -recusent</span> bedenk’ ich auch hier. -</p> - -<p> -Der Dichter ist überdies, wenn er den Zwek -seiner Bestimmung erreicht, der menschlichen -Gesellschaft so nützlich, als der Staatsmann im -Ministerio und der Gelehrte auf dem Katheder. -Ein elender Dichter im Gegentheil ist eine eben -so große Null in der Schöpfung, als das Genie -eines Holzhakkers im Ministerio und ein -geistloser Kohlkopf auf dem Katheder. -</p> - -<p> -Ich wünschte gern durch Winke guter -Kunstrichter das erhabne Ziel des Dichters erreichen -zu können — also keinen Vorwurf -darüber, daß ich — nur einen <em>Roman</em> -schrieb! — -</p> - -<p class="center"> -Amen! -</p> - -<h2 class="part" id="part-2"> -Innhalt. -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Erstes Buch.</td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Erstes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Venedig.</td> - <td class="col_page">S. <a href="#page-1">1.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Zweites Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Banditen.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-8">8.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Drittes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Banditenwohnung.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-12">12.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Viertes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Banditenphilosophie.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-17">17.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Fünftes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Einsamkeit.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-23">23.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Sechstes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Rosamunde, die schöne Nichte des Dogen.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-27">27.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Siebentes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Fortsezzung.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-33">33.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Achtes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Entdekkungen.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-36">36.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Neuntes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Mollas Häuschen.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-45">45.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Zweites Buch.</td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Erstes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der Geburtstag.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-56">56.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Zweites Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Flodoard.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-68">68.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Drittes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Neuer Lärm.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-76">76.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Viertes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Das Veilchen.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-81">81.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Fünftes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Abaellino.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-92">92.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Sechstes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Entdekkung.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-97">97.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Drittes Buch.</td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Erstes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Flodoard und Rosamunde.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-104">104.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Zweites Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ein fürchterliches Versprechen.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-111">111.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Drittes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die nächtliche Verschwörung.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-121">121.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Viertes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der wichtige Tag.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-127">127.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Fünftes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Höllenangst.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-134">134.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Sechstes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Geistererscheinungen.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-140">140.</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Siebentes Kapitel.</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Nachschrift.</td> - <td class="col_page"><a href="#page-156">156.</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<p class="tit"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -<span class="line1">Abaellino,</span><br /> -<span class="line2">der</span><br /> -<span class="line3">große Bandit.</span> -</p> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -Erstes Buch. -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-1"> -<span class="line1">Erstes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Venedig.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>s war Abend. Ungeheure Wolkenstreifen, halb -vom Schimmer des Mondes erleuchtet, bogen sich -rippenförmig am Horizont hinab und durch ihnen -schwamm der Vollmond in stiller Majestät hin, und -sah sich verherrlicht von jeder Welle des adriatischen -Meers. Still wars umher, leise tanzten die Wogen -am Winde, leise hauchte der Nachtwind über die -todten Palläste Venedigs hin. -</p> - -<p> -Da sas noch ein junger Mann, einsam und traurig -in der Mitternachtsstunde am <em>langen</em> Kanal; -bald hob er das Auge zu den stolzen Zinnen und Thürmen -von Venedig empor, bald senkte er den Blik in -die Wellen. Nach einer Weile sprach er: -</p> - -<p> -„Verdammt! da sizze ich nun in Venedig, und -weis nicht, wie weiter! Was soll daraus werden? -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -Alles schläft, nur ich nicht. Der Doge -wälzt sich auf seinem Dunenlager, der Bettler -auf seinem Strohbett — und ich lieg hier auf -der kalten, nakten Erde. Der elendeste Gondelier, -der ärmste Bootsknecht kennt am Tage seine -Arbeiten und Nachts seine Ruhestatt, und -ich — und ich — o es ist ein schrekliches -Schiksal, das mit mir sein Spiel treibt! —“ -</p> - -<p> -Er fing an seine Taschen zu untersuchen, mit den -Fingern jede Falte des Kleides zu biegen, und zu visitiren. -</p> - -<p> -„Auch keinen Heller! — und mich hungert -doch!“ -</p> - -<p> -Er besah seinen Degen im Mondschein und seufzte: -„Nein, alter, treuer Gefährte, dich verkauf -ich nicht; sollst mein bleiben und wenn ich verhungerte. -Nicht wahr, damahls wars noch goldne -Zeit, als dich <em>Emmoine</em> mir gab, mir das -Bandelier über die Achseln warf, und ich dich und -Emmoinen küßte — (Pause) Sie ist nun tod, -wir beide leben noch!“ -</p> - -<p> -Er wischte sich eine Thräne von den Wimpern. -</p> - -<p> -„Nein, das war keine Thräne; die Nachtluft -geht kühl und da wird das Auge leicht nas. (Lächelnd) -Hm, ich weinen! — <em>weinen</em>! ha, -ha, ha! —“ -</p> - -<p> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Der Unglükliche, dies schien er, wenigstens seinen -Reden nach zu sein, stämmte den Ellbogen auf -die Erde, wollte mit den Zähnen knirschen — und -pfiff. — „Ich müßte nicht Ich sein, dachte er bei -sich: wenn ich kleinmüthig würde unter dem Fluch -des Schiksals.“ -</p> - -<p> -In dem Augenblik hörte er in der Nachbarschaft -ein Geräusch. Er sah in einem vom Monde halbhellen -Nebengäschen einen Kerl auf und niederschleichen. -</p> - -<p> -„Den führt mir Gott zu — ich will — ich -will betteln! Betteln ist keine Schande, aber -neapolitanische Schurkereien schänden. Auch, der -Bettler kann <em>gros</em> denken.“ -</p> - -<p> -Mit diesen Worten sprang er auf und ging in die -Winkelstraße. In eben den Moment trat von der -andern Seite ein Mensch in diese Gasse. Der schleichende -Kerl trat mit einemmale in den Schatten zurük, -als verstekte er sich vor dem Ankommenden. -</p> - -<p> -„Was soll das bedeuten?“ dachte unser Bettler: -„ist der Schleicher dort etwa ein unbefugter -Handlanger des Todes? haben ihn auch Vettern -und Basen bestochen, um das Geld desto ruhiger in -Besiz zu nehmen, was dem armen Schelm izt -noch angehört, der dort so unbefangen herschlendert? -warte!“ -</p> - -<p> -Er zog sich in den Schatten zurük und schlich dem -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -Lauerer nahe, der keine Bewegung machte. Der -fremde Mann war schon dem Lauerer und unserem -Bettler vorüber, als jener mit bangen Schritten -rasch hinter ihn her schlich, die rechte Hand erhob, -worinn ein Dolch schimmerte, und eh’ er sich versah -von dem <em>Bettler</em> zu Boden gestürzt wurde. -</p> - -<p> -Der <em>fremde Herr</em> drehte sich um; der -<em>Bandit</em> sprang auf und entfloh; der Bettler -lachte. -</p> - -<p> -„Was war das?“ fragte der <em>Fremde</em>? -</p> - -<p> -„„Ein Spas, der Euch, mein Herr, das Leben -rettete.““ -</p> - -<p> -„Mir? Wie so?“ -</p> - -<p> -„„Die flüchtige Massette schlich hinter Euch -her wie ein lauernder Kater und hatte den Dolch -schon gehoben. — Ich dachte Ihr gäbet mir dafür -ein Stück Geld, denn bey meiner armen -Seele, mich hungert und dürstet und friert.““ -</p> - -<p> -„Euch Spitzbuben, und eure Kniffe kennt man; -Ihr habt euch zu dem Spas beredet, um mir die -Börse abzuplündern und einen großen Dank für -mein gerettetes Leben dazu. Geht mir, geht, und -grellt die Leichtgläubigkeit des Dogen selber, -nur an Buonarotti wagt euch nicht!“ -</p> - -<p> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -Der arme, hungernde Bettler stand bestürzt -da und sah den pfiffigen Herrn an. -</p> - -<p> -„Nein, so wahr ich lebe, Herr, ich lüge Euch -nichts vor — es ist mein Ernst, ich sterbe die -Nacht vor Hunger.“ -</p> - -<p> -„„Geht, sag ich Euch, oder — —““ -der Unbarmherzige zog bey diesen Worten ein geheimes -Schiesgewehr hervor und drohte. -</p> - -<p> -„Donner und Wetter, bezahlt man in Venedig -die guten Thaten so?“ -</p> - -<p> -„„Die Sbirren sind in der Nähe, wie Ihr -wißt, also — —““ -</p> - -<p> -„Zum Teufel, seht Ihr mich denn für einen Banditen -an?“ -</p> - -<p> -„„Ich sage Euch, mache keinen Lärmen!““ -</p> - -<p> -„Hört, Buonarotti heißt Ihr? ich will mir -doch den Namen des zweiten Schurken aufschreiben, -den ich in Venedig kennen lernte. (Mit -schreklicher Stimme) Und wenn du, Buonarotti, -jemals den Namen <em>Abaellino</em> hören solltest, -dann zittre!“ -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> drehte sich um und verlies den Unerbittlichen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-2"> -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -<span class="line1">Zweites Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Die Banditen.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Unglükliche durchkreuzte izt Venedig, er haderte -mit dem Schiksal, lachte und fluchte, stand -zuweilen still, als übersänn’ er einen großen Plan, -eilte zuweilen fort, als flög er ihn zu vollführen. -</p> - -<p> -An einem Ekstein der prächtigen Signoria gelehnt, -überdachte er die ganze Summe seines Elendes. -Es schien sein irres Auge Trost zu suchen, aber er -fand ihn nicht. -</p> - -<p> -„Das Schiksal bat mich zum Abentheurer oder -gar zum Bösewicht verdammt! tief er in einer Ekstase -seines Mismuths: denn warum muß der -Sohn des reichsten Neapolitaners als Bettler, -die Barmherzigkeit der Venetianer anflehen? -Ich, der ich Geist und Kraft zu großen Thaten -in mir fühle, muß hier umherschleichen und darauf -sinnen, wodurch ich mir das Leben wider den -Hunger bewahre. Menschen, die ich sonst satt fütterte, -die an meiner Tafel im Cyprier ihre Mükkenseelen -berauschten und die Lekkerbissen fremder -Welttheile von meinen Schüsseln naschten, werfen -mir jezt keine verschimmelte Brodrinde zu. — -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -O, das ist abscheulich, abscheulich von Menschen -und vom Himmel! —“ Er schwieg, schlug -die Arme untereinander und seufzte: „Doch, -nein, so ists recht, ich will alle Grade des menschlichen -Elendes durchwandern, und allenthalben -mir gleich bleiben, und allenthalben gros sein. — -Jezt bin ich nicht mehr der Graf Obizzo, um -den Neapel einst buhlte — ich bin der <em>Bettler -Abaellino</em>. Ein Bettler! in der Ordnung -menschlicher Stände der lezte, aber doch -— im alphabetischen Namenverzeichnis aller -Hungerer, Pflastertreter und Taugenichtse der -<em>erste</em>!“ -</p> - -<p> -Ein Geräusch entstand. <em>Abaellino</em> horchte -umher, er war den Schleicher gewahr, den er vor -einer halben Stunde zu Boden geworfen hatte, in -Gesellschaft dreier andern. — Sie suchten. „Und -sie suchen dich!“ sagte Abaellino leise zu sich selber, -und gieng ein paar Schritt vor, und pfiff -ihnen. -</p> - -<p> -Die Kerls blieben stehn. Sie besprachen sich unter -einander und schienen unentschlossen zu sein. -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> pfiff zum andernmal. -</p> - -<p> -„Er ists!“ hörte er einen von ihnen deutlich -genug sprechen — und in dem Augenblik kamen -sie langsam gegen ihn angewandert. -</p> - -<p> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -<span class="c">Abaellino</span> blieb stehn, und zog den Degen. -Die drey Verkappten standen einige Schritte von -ihm entfernt. -</p> - -<p> -„Was soll das? he, warum ziehst du Gauch -den Degen?“ fragte einer von ihnen. -</p> - -<p> -„„Wir müssen uns nicht zu nahe kommen, denn -Ihr guten Leute lebt vom Leben anderer, ich kenn’ -euch;““ antwortete Abaellino. -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Ein Kerl.</span> Galt nicht dein Pfeifen <em>uns</em>? -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Nun ja. -</p> - -<p> -<span class="c">Ein Kerl.</span> Was willst du? -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Hört, ich bin ein armer Schelm, gebt -mir doch von eurer Beute ein Allmosen. -</p> - -<p> -<span class="c">Ein Kerl.</span> Allmosen? ha, ha, ha! mein Seel, -das ist lustig! Allmosen von uns! doch, es gefällt -mir, warum nicht? -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Oder strekt mir funfzig Zechinen vor, -ich will mich zu euch in den Dienst geben und -die Schuld abarbeiten. -</p> - -<p> -<span class="c">Ein andrer.</span> Wer bist du denn? -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Zur Stunde der ärmste Schlucker in -der Republik. Kräfte hab ich, und lägen drei -Panzer vor einem Herz, ich durchbohr’ es; und -Augen, daß ich in egyptische Finsternis nicht -fehlstoßen würde. -</p> - -<p> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -<span class="c">Ein dritter.</span> Warum warfst du mich vorhin -nieder? -</p> - -<p> -<span class="c">Abällino.</span> Geld zu verdienen; aber der Kerl -gab mir für sein Leben keinen rothen Heller. -</p> - -<p> -<span class="c">Ein andrer.</span> Das gefällt mir! meinsts redlich? -</p> - -<p> -<span class="c">Abällino.</span> Die Verzweiflung lügt nicht. -</p> - -<p> -<span class="c">Der dritte.</span> Kerl, wenn du aber ein Schurke -wärst! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> So wären wir nicht weit von einander -— und eure Dolche sind ja immer geschliffen. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Die drei gefährlichen Burschen sprachen leise -mit einander und stekten ihre Gewehre ein. -</p> - -<p> -„Na, komm zu uns, hier auf der Straße läßt -sichs nicht gut von gewissen Sachen reden.“ -Sprach einer. -</p> - -<p> -„„Aber weh euch, wenn einer feindseelig wider -mich handelt! Du Kerl, vergieb mir, daß -ich dir vorhin die Rippen etwas zerdrükte — -es soll nicht wieder geschehn! Ich will euer Gesell -werden!““ sagte Abaellino. -</p> - -<p> -„Auf Ehre, riefen alle; wir thun dir nichts -Leides; der ist unser Feind, der dir übel thut, -ein Kerl wie du, gefällt uns! komm!“ -</p> - -<p> -Sie giengen, <em>Abaellino</em> in ihrer Mitte. Mistrauisch -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -schielte er von allen Seiten, aber in den -Banditen schien kein böser Gedanke zu erwachen, -Sie führten ihn seitwärts, gelangten an einen Kanal, -sie banden eine Gondel los, sezten sich ein und -ruderten zur entlegensten Spitze Venedigs. Man -stieg aus; durchkroch verschiedne enge Straßen; -klopfte endlich an ein niedliches Haus; ein junges -Weib schlos auf, führte die Herrn in ein simples, -aber reinliches Zimmer und beantlizte den bestürzten -halbfrohen, halbängstlichen Abaellino, der noch -immer nicht wußte, woran er war, und immer noch -an der Sicherheit der Banditenparole zweifelte. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-3"> -<span class="line1">Drittes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Die Banditenwohnung.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie drey Herrn vermehrten sich bald durch zwei -Neuankommende, die ihren unbekannten Gast von -allen Seiten betrachteten. -</p> - -<p> -„Nun laß dich doch beschauen!“ riefen die -Führer und Bekannten des Abaellino, und stellten -sich beym Schimmer einer brennenden Lampe um -ihn her. -</p> - -<p> -„Pfui, ein häslicher Bube!“ rief <em>Molla</em>, so -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -hies die Wirthin und drehte sich von ihm hinweg und -Abaellino wälzte einen gräslichen Blik auf sie hin. -</p> - -<p> -„Kerl, sezte ein andrer hinzu: dich hat die Natur -schon zum Banditen gestämpelt; welchem -Zuchthause bist du entronnen, welcher Galeere -hast du Valet gesagt?“ -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> stämmte die Arme in die Seite. -„Desto besser, sagte er mit einer heisern, fürchterlichen -Stimme: so darf der Himmel zu meiner künftigen -Lebensart nicht sauer sehn, wenn er mich -selber dazu geschaffen hat.“ -</p> - -<p> -Die fünf Herrn giengen beiseite und besprachen -sich mit einander; den Stof ihrer Unterhaltung können -wir leicht errathen. Abaellino warf sich schweigend -auf einen Sessel. -</p> - -<p> -Nach einigen Minuten kamen sie wieder zu ihm. -Der stärkste und wildeste von ihnen trat hervor, und -redete Abaellino’n an. -</p> - -<p> -„Höre, Venedig ernährt fünf Banditen, wie -du sie hier siehst, und für den sechsten, der du bist, -wird sich auch Brod finden. Ich bin <em>Matteo</em> -und der älteste von allen, der Rothkopf dort heißt -<em>Baluzzo</em>, der mit dem glimmernden Kazzenauge -da ist <em>Thomas</em>, ein Erzschelm; der Kerl -dort, dem du die Rippen zerschelltest, ist <em>Petrini</em>, -und der Wicht, der da bei der <a id="corr-1"></a>Molla steht, -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -mit den dikken Mohrenlippen, ist <em>Struzza</em>. Jezt -kennst du uns alle. Wir wollen dich zünftig machen, -weil du ein armer Teufel bist; aber höre, -bist du auch ein ehrlicher Kerl?“ -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino</span> lächelte, oder vielmehr grinste, und -brummte: mich hungert! -</p> - -<p> -„Bist du ein ehrlicher Kerl?“ -</p> - -<p> -„„Das soll die Folge entscheiden.““ -</p> - -<p> -„Sieh, Bursch, die erste Treulosigkeit kostet dir -das Leben. Wirf dich dem Dogen in den Schoos -und umschanze dich mit aller Macht der Republik, -wir ermorden dich im Arm des Dogen, hinter -hundert Kanonen. Sez dich auf den Hochaltar, -wir schleppen dich vom Kruzifix hinweg und -ermorden dich. — Kerl, besinne dich, wir sind -<em>Banditen</em>!“ -</p> - -<p> -„„Das weis ich. Aber gebt mir nur Essen, -dann will ich plaudern, so viel ihr wollt. Ich habe -seit vier und zwanzig Stunden fasten müssen.““ -</p> - -<p> -<em>Molla</em> dekte einen kleinen Tisch, trug nach ihrem -besten Vermögen auf und füllte die silbernen -Becher mit herrlichem Wein. -</p> - -<p> -„Wenn er nur leidlicher, nur wie andre Menschenkinder -aussähe!“ brummte sie: „aber seiner -Mutter ist gewiß in ihrer Schwangerschaft der -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -Teufel erschienen, und da kam denn die abscheuliche -Larve zur Welt!“ -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> lies sich nicht stöhren, sondern aß -und trank als wollte er sich für ein halbes Jahr satt -essen. Die Banditen sahn ihm mit Wohlgefallen zu, -und stießen auf die glükliche Eroberung an, die sie -hier gemacht hatten. -</p> - -<p> -Will sich der Leser diesen Abaellino denken, so -stelle er sich einen jungen, starken Kerl vor, von dem -man sagen würde, er sei schön geformt, wenn nicht das -häslichste Gesicht, welches je ein Karrikaturmaler -ersonnen, oder <em>Milton</em> dem häslichsten seiner -gefallenen Engel aufgesezt, die übrigen Schönheiten -entstellte. Schwarz und glänzend, aber weich -und lang flog sein Haar verwildert ihm um den braunen -Hals und um das gelbe Gesicht. Der Mund -schien in einer ewigen Verzerrung zu grinsen und dehnte -sich bis zu den Ohren aus; die Augen lagen tief ins -Fleisch vergraben und zeigten fast immer das Weisse; -die gröbsten Züge, die je ein Holzschnittsgesicht aufzuweisen -hat, traf man hier in einer abscheulichen Zusammensezzung -an, und verlegen war man, ob diese -widerliche Physiognomie Dummheit oder Tükke des -Herzens, oder beides zugleich verrieth. -</p> - -<p> -„Nun bin ich satt!“ brüllte <em>Abaellino</em>, und -stürzte den vollen Weinbecher hinter. „Was habt -ihr nun zu fragen, ich bin bereit zu antworten.“ -</p> - -<p> -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -„Ich dächte, hub <em>Matteo</em> an: ich dächte, du -legtest einmahl ein Probestük von deiner Stärke -ab, denn diese kömmt bei uns sehr in Anschlag. -Bist du gewandt im Ringen.“ -</p> - -<p> -„„Ich weis nicht.““ -</p> - -<p> -„Molla, sezz’ alles beiseite! — Abaellino, mit -wem nimmst du’s unter uns auf? wen glaubst -du so niederschmeisen zu können, wie den Poeten da, -den Petrini?“ -</p> - -<p> -„„Euch alle, wie ihr da seid, und ein halbes -Duzzend solcher Lumpenbunde dazu!““ -rief Abaellino, warf den Degen auf den Tisch, -sprang auf und schielte die Bande an. -</p> - -<p> -Die Kerls lachten. -</p> - -<p> -„Na, macht das Probestük!“ rief Abällino! -was zaudert ihr. -</p> - -<p> -„Hör, Bursche, entgegnete <em>Matteo</em>: versuchs -mit mir allein; und fühle erst, wer wir -sind! denkst du, es stehn hier Knaben, oder -saftlose Süsherrchen, die ihre Kraft in den -Eiderdunen verschwizzen, oder feilen Mezzen -vergeuden, oder dem Onan opfern?“ -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino</span> lachte. — <em>Matteo</em> wurde wild; -die übrigen jauchzten. -</p> - -<p> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -„Halloh!“ rief Abaellino: „ich habe Lust zu rasen, -macht euch gefaßt!“ und in einen Klumpen -stürzte er zusammen, warf den Riesen Matteo über -sich hin, wie eine Puppe, schleuderte den Baluzzo -rechts, den Petrini links, kehrte dem Thomas das -oberst zu unterst, und strekte den Struzza unter die -Bänke. -</p> - -<p> -Drei Minuten lagen die Ueberwundnen ohne sich -zu regen am Erdboden umher, und Abaellino jauchzte -und die bestürzte Molla zitterte bei dem schreklichen -Schauspiel. -</p> - -<p> -„Beim heiligen Klas! rief <em>Matteo</em> und rieb -sich die mürben Schenkel: der ist unser Meister! -Molla, dem Kerl ein gutes Nachtlager!“ -</p> - -<p> -„„Er hat mit dem Teufel einen Bund!““ -murmelte <em>Thomas</em>, und renkte die verschobne Gelenke -in ihre Fugen. -</p> - -<p> -Niemand war nach einem neuen Probestük lüstern; -spät wars in der Nacht, oder vielmehr, es -graute der Morgen schon über das Meer empor und -jeder begab sich in sein Schlafgemach. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-4"> -<span class="line1">Viertes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Banditenphilosophie.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<em><span class="firstchar">A</span>baellino</em>, dieser furchtbare Riese, konnte -nicht lange, ohne sich eine unbegränzte Hochachtung -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -von allen seinen Spiesgesellen zu erwerben, in der -Mitte dieser Leute leben. Jeder liebte, jeder schäzte -ihn, wegen seiner Banditentalente, wozu nicht allein -die ungeheure Kraft seines Körpers, sondern -auch seine Klugheit, sein Wiz zu dummen Streichen -gehörte. Auch die kleine <em>Molla</em> hätte ihn wohl -geliebt, aber — er war gar zu häslich. -</p> - -<p> -<em>Matteo</em> war, wie Abaellino nun bald erfuhr, -der Herr dieser gefährlichen Bande. Er war ein raffinirender -Bösewicht, unerschrokken vor jeder Gefahr, -wizzig und schlau und gewissenloser, als ein französischer -Finanzpächter. Er empfing die Beute und die -Bezahlung, welche seine Untergebnen täglich einbrachten, -gab davon jedem sein Theil und behielt für -sich selbst nie mehr, als jeder andre bekam. Die -Zahl derer, welche er schon in die andre Welt befördert -hatte, war schon zu gros, als daß er sie angeben -konnte. Sein größtes Vergnügen war, in einsamen -Stunden diese Mordgeschichten zu erzählen, um -durch sein Beispiel die andern zu begeistern. Er hatte -seine besondre Rüstkammer; hier fand man Dolche -von verschiednen Gestalten, mit und ohne Widerhaken, -breit, zwei- drei- und vierschneidig. Hier -fand man Windbüchsen, Terzerole, Pistolen gros -und klein; Gifte verschiedner Art und verschiedner -Wirkung; Kleider zu allen möglichen Verkappungen; -Mönchs- Juden- Taglöhner- Senatoren- -Soldaten- Bettlertrachten. -</p> - -<p> -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -Eines Tages rief er den Abaellino zu sich. „Höre, -sagte er: Du wirst ein braver Kerl werden, das seh -ich voraus. Fange nun auch an, das Brod, -was wir dir geben, selber zu verdienen. — Hier -hast du einen Dolch vom feinsten Stahl; du -läßt dir jeden Zoll daran bezahlen. Stichst du nur -<em>einen</em> Zoll tief in das Fleisch deines Gegners, -so foderst du von dem, der dich besoldete, eine Guinee. -Zwei Zoll, zehn Guineen; drei Zoll zwanzig, -der ganze Dolch so viel du selber willst — -das ist so die Taxe. Hier hast du einen gläsernen -Dolch; an ihn hängt der unfehlbare Tod dessen, -dem er ins Fleisch gestossen wird — kaum ist -der Stich geschehn, so brichst du ihn in der Wunde -ab, das Fleisch schließt sich über die abgebrochne -Spizze zusammen, die bis zum Auferstehungstage -darin ihr Quartier behält. — Hier dieser -metallne Dolch bewahrt in seiner Höhlung ein -subtiles Gift; stoß ihn, wem du willst, in den -Leib, drükke hart an diese Feder, und du sprüzzest -in eben den Augenblik den Tod in die Adern -des Verwundeten. — Nimm die Dolche, ich -gebe sie dir zum Geschenk, ein Kapital, das goldne, -schwere Zinsen trägt!“ -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> nahm die Mordinstrumente mit einem -leisen Schauer in die Hand. — -</p> - -<p> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -„Ihr müßt euch doch schon ein großes Vermögen -zusammengestohlen haben!“ -</p> - -<p> -„„Schurke, entgegnete Matteo beleidigt: wer -stiehlt unter uns. Hältst du uns für Straßenräuber, -Beutelschneider, oder für Verwandte -dieses Lumpengesindels?““ -</p> - -<p> -„Vielmehr für noch etwas ärgers; denn offenherzig -gesprochen, Matteo, jene plündern doch -nur die Schränke und Geldbörsen, die sich immer -wieder füllen lassen, aber wir nehmen dem -Menschen ein Kleinod, das er nur einmahl hat -und einmal nur verlieren kann. Sind wir nicht -noch tausendmahl ärgere Räuber?“ -</p> - -<p> -„Beim heiligen Klas, Abaellino, ich glaube, -du willst moralisiren?“ -</p> - -<p> -„„Ha, ha, ha, ha!““ -</p> - -<p> -„„Nun was schwazzest du da?““ -</p> - -<p> -„Höre, Matteo, noch eine Frage: wie finden -wir uns dereinst mit dem Weltrichter ab?“ -</p> - -<p> -„„Ha, ha, ha!““ -</p> - -<p> -„Glaube nicht, daß es dem Abaellino am Muth -fehlt; sieh, ich will auf deinen Befehl das halbe -Venedig erwürgen, aber — —“ -</p> - -<p> -„„Närrchen, als Bandit mußt du dich über die -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Fabel von Tugend und Sünde hinweg sezzen. -Was ist Tugend, was ist Laster? nichts, als -ein Etwas, welches die Landesverfassung, Gewohnheit, -Sitte, Erziehung geheiligt hat; und -was <em>Menschen</em> heiligen, können auch Menschen -<em>entheiligen</em>; hätte der Senat die freimüthigen -Urtheile über die venetianische Polizei -nicht verboten: so wäre die Aeusserung solcher -Urtheile keine Sünde. Gott frägt nicht nach -Menschensazzungen, sondern nach seinem Willen. -Wen er von uns zur Seligkeit bestimmt hat, der -wird einmal selig, und <a id="corr-11"></a>wen er verdammt hat, -der bleibt verdammt in alle Ewigkeit, und wenn -er gleich nach menschlicher Meinung ein Heiliger -wäre. Also über die Sorgen sezz’ dich hinweg. -Wir sind Menschen, so gut wie der Doge und seine -Senatoren; wir können so gut, wie sie Gesezze -geben, und aufheben, und bestimmen, was -Sünde und Tugend sein soll.““ -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> lächelte. -</p> - -<p> -„„Sagst du, wir treiben ein ehrloses Gewerbe? -was ist Ehre? ein Wort, ein leerer Schall und -ein leeres Hirngespinnst. Der Knikker sagt: Ehre -ist es reich zu sein, und die Goldstükke zu Tausenden -zählen zu können. Ehre, sagt der Wollüstling, -ist es von jedem Mädchen angebetet zu werden -und jedes schöne Weib zu besiegen. Nein, -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -sagt der Feldherr, Städte zu erobern, Armeen -zu schlagen, Dörfer zu verheeren, das bringt -Ehre. Der Gelehrte sezt seinen Ruhm in die -Menge der Folianten die er geschrieben, oder gelesen -hat; der Kesselflikker in die Kunst Scherben -wieder genau zusammen zu kitten; die Nonne in -der großen Zahl ihrer <a id="corr-12"></a>Andachtsübungen; die Weltdame -in die Menge ihrer Vergötterer; die Republik -in die Größe ihrer Provinzen und so, Freundchen, -sezt jeder seine Ehren in etwas anders. -Warum ist es ehrlos, wenn wir uns in unsrer -Kunst Glanz und Vollkommenheit erringen.““ -</p> - -<p> -„Schade, an dir verliert der Lehrstuhl einen -braven Philosophen.“ -</p> - -<p> -„„Meinst du? sieh nur Abaellino, ich bin im -Kloster erzogen; mein Vater war ein Prälat in -Lukka, meine Mutter eine keusche Nonne vom Orden -der Urselinerinnen. Da hab ich studieren sollen, -mein Vater wollte mich zu einem Kirchenlicht -machen, aber ich fühlte mich zu einer Mordbrennerfakkel -tauglicher. Als ich bei dem alten Pater -<em>Hieronimus</em> die Moral studierte, sagte -er mir oft, <em>Selbstliebe</em> sei das große Triebrad -aller menschlichen Handlungen, das Urprincip jeder -Sittenlehre. Hieronimus hatte Recht. Gott -schuf aus Selbstliebe das unermeßliche Universum, -um sich selber zu verherrlichen, und verherrlicht zu -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -sehn; jedes Thier handelt den Naturgesezzen gemäs, -nach dem ehrwürdigen Grundsaz der Selbstliebe -— jeder Mensch ordnet seine Thaten diesem -großen Gesez unter, und wer hat nun wider -die Sittlichkeit unsers Geschäfts etwas einzuwenden, -da wir eben dem Gesez gehorchen, dem das -Universum Gehorsam leistet? — Mit einem -Worte, zittre nicht vor den Selbstgespinnsten deiner -Einbildungskraft!““ -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-5"> -<span class="line1">Fünftes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Die Einsamkeit.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">S</span>chon über sechs Wochen war <em>Abaellino</em> in -Venedig, aber noch hatte er von seinen Dolchen keinen -Gebrauch machen können oder wollen. Denn -theils war er in den Straßen, Schlupfwinkeln, Pallästen -und Kajütten Venedigs zu unbekannt, theils -fehlten ihm auch noch Kunden, deren mörderische Aufträge -er hätte executiren können. -</p> - -<p> -Diese Geschäftlosigkeit ekelte ihm, er wollte handeln -und konnte nicht. -</p> - -<p> -Melancholisch schlich er umher, und seufzte. Er -besuchte die öffentlichen Pläzze Venedigs, die Wirthshäuser, -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -Garten- und Lustpläzze, aber nirgends -fand er, was er suchte — Ruhe. -</p> - -<p> -An einem Abend hatte er sich in einem Garten verspätet, -der auf einer niedlichen Insel Venedigs gelegen -war. Er schlich von Laube zu Laube, sezte sich -am Ufer des Meeres nieder und sah dem Spiel der -Wellen im Schein des Mondes zu. -</p> - -<p> -„So ein schöner Abend wars vor zwei Jahren, -da ich Emmoinen den ersten Kuß raubte, und -Emmoine mir Liebe schwor!“ seufzte er, und -schwieg und wehmüthige Empfindungen stiegen in -ihm auf. -</p> - -<p> -Es war so stille. Kein Lüftchen bog die Hälmchen -des Grases; aber in <em>Abaellinos</em> Busen stürmte -es. -</p> - -<p> -„Hätt’ ich es vor zwei Jahren träumen können, -daß ich einmahl in Venedig als Bandit meine Rolle -spielen würde? O wo sind die goldnen Hofnungen, -die lieblichen Pläne, welche meine Jugend -umgaukelten? — Ich bin ein Bandit, noch weniger, -als ein Bettler! —“ -</p> - -<p> -„Wenn mein grauer Vater oft im Enthusiasmus -mich umschlang und rief: Sohn, du wirst den -Namen Obizzo glänzend machen! Gott, wie bebte -ich da, was dacht ich, was empfand ich, was -wollt’ da nicht alles! und der Vater ist tod, -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -und sein Sohn — — ein venetianischer Bandit! -— wenn meine Lehrer mich bewunderten -und liebkoseten, und sie entzükt mir zuriefen: -Graf, ihr verewiget einst das alte Geschlecht von -Obizzo! ha, was versprach ich mir da nicht in -seliger Trunkenheit von der Zukunft! — Als -mich Emmoinna von einer schönen That zu sich -heimkehren sah, und sie die Arme mir entgegenstrekte -und mich an ihren Busen schlos und mir -ins Ohr lispelte: wer sollte den großen Obizzo -nicht lieben, — — oh, oh! hinweg ihr Bilder -der Vergangenheit, euer Erscheinen führt zum -Wahnsinn!“ -</p> - -<p> -Er schwieg, bis die Lippen zusammen, hielt -die flache Hand vor die Stirn und krallte die andre -zusammen. -</p> - -<p> -„Ein Meuchelmörder, ein Diener der Niederträchtigkeit -und Büberei, einer der größten Schurken, -den die venetianische Sonne bescheint ist — -der <em>große Obizzo</em>! — pfui! — und -doch hat mich das Schiksal selber zu diesem unseligen -Loose verdammt. —“ -</p> - -<p> -Plözlich sprang er nach einem langen Stillschweigen -auf, sein Auge funkelte, seine Miene verwandelte -sich, sein Odem flog lauter. -</p> - -<p> -„Ja, beim Himmel, ja, gros konnt’ ich als -Graf Obizzo nicht sein, aber wer wehrt mirs, gros, -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -als Bandit, zu werden? — Vater, mein Vater!“ -rief er und sank von ungewöhnlichen Gefühlen -bestürmt nieder auf die Kniee, und strekte die -Finger empor zum Himmel, als zu einem Eide: -</p> - -<p> -„Geist meines Vaters, Geist meiner Emmoina, -ich will eurer nicht unwerth sein! hört mich, wenn -ihr mich umschweben dürfet, hört mich, ich -will auch als Bandit meinen Ursprung nicht verläugnen, -eure Hofnungen, mit denen ihr aus dieser -Welt schiedet, nicht vernichten — o, so wahr -ich lebe, ich will der <em>einzige</em> meiner elenden Zunft -sein und werden, und die Nachwelt soll den Namen -verehren, den ich verherrlichen kann. —“ -</p> - -<p> -Er berührte mit seiner Stirn den Erdboden und -weinte. Die Zweige lispelten leise im Abendwinde -um ihn her, leise lispelten die Gebüsche und das -dunkle Schilf am Gestade. -</p> - -<p> -Länger als eine Viertelstunde verharrte er in dieser -Situazion. Große Gedanken flogen vor seinem -Geiste vorüber; über ungeheuern Plänen schwindelte -er und er sprang auf sie zu realisiren. -</p> - -<p> -„Mit fünf erbärmlichen Gaunern mach ich kein -Complot wider die Menschheit. Ich allein muß -die Republik zittern machen, und jene meuchelmörderischen -Buben sollen in acht Tagen hängen. -Fünf Banditen soll Venedig nicht füttern, aber -einen, <em>einen einzigen</em>, und dieser soll dem -Dogen die Spizze bieten, soll über Recht und Unrecht -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -in der Republik wachen. Ehe acht Tage verfliegen, -soll der Staat gereinigt sein von dem -Auswurf des menschlichen Geschlechts, und dann -steh ich noch allein da. An mich allein müssen sich -alle jene Schurken von Venedig wenden, welche -meine Spiesgesellen vormahls zum Morde der -Rechtschaffnen gedungen haben. Ich lerne nun -die feigen Mörder, die vornehmen Buben kennen, -die den Matteo sonst und seine Knechte bezahlten -— ha, Abaellino! Abaellino! — —“ -</p> - -<p> -Er taumelte, trunken von seinen Hofnungen -durch den Garten, rief einen Gondelier herbei, -sezte sich in die Gondel und eilte zu der Wohnung -der kleinen <em>Molla</em>, wo alles schon im Arm des -Traumgotts hingestorben lag. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-6"> -<span class="line1">Sechstes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Rosamunde, die schöne Nichte des Dogen.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>H</span>ör Bursche!“ sprach <em>Matteo</em> am folgenden -Morgen zum Abaellino: „heute sollst du dein -Probestük in der Kunst machen!“ -</p> - -<p> -„„Heute?““ murmelte <em>Abaellino</em> durch -die Zähne: „Wem gilts?“ -</p> - -<p> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -„Es ist freilich nur ein Weib, allein man muß jedem -den Anfang erleichtern. Ich will dich selber -begleiten, und sehn, wie du dich bei dieser Probearbeit -benehmen wirst!“ -</p> - -<p> -„„Hm!““ sagte <em>Abaellino</em>, und maß den -Matteo vom Wirbel bis zu den Sohlen. -</p> - -<p> -„Heut Nachmittag um die vierte Stunde gehn -wir mit einander, gut gekleidet in den Garten von -Dolabella, auf der Südseite von Venedig. Hier -pflegt die Nichte des Dogen Andreas Gritti, die -schöne Rosamunde von Corfu zu baden, und -nach dem Bade allein zu lustwandeln. Und dann -— nun weißt du’s.“ -</p> - -<p> -„„Und du begleitest mich?““ -</p> - -<p> -„Ich will von deiner ersten That ein Zuschauer -sein; so pfleg ichs zu halten bei jedem! —“ -</p> - -<p> -„„Wie tief der Stos?““ -</p> - -<p> -„Bis aufs Leben! die Bezahlung ist fürstlich; -ich empfange sie nach Rosamundens Tode.“ -</p> - -<p> -Es wurde alles übrige verabredet. Der Nachmittag -erschien. Es schlug in der benachbarten Benediktinerkirche -vier Uhr, und Matteo und Abaellino -machten sich auf den Weg. -</p> - -<p> -Sie kamen in den Dolabellischen Garten, der -heut ungewöhnlich volkreich war; Menschen beiderlei -Geschlechts durchirrten die umbüschten Gänge; -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -in allen Lauben sassen die Edlen von Venedig; in allen -Winkeln seufzten liebende Paare der angenehmern -Dämmerung des Abends entgegen; und von -jeder Seite scholl Vokal- und Instrumentalmusik um -das schwelgende Ohr. -</p> - -<p> -<em><a id="corr-16"></a>Abaellino</em> mischte sich unter die Spaziergänger; -er hatte seinen Kopf in eine ehrwürdige Perükke -verstekt, die Attitüde eines podagrischen Alten -angenommen und schlich so an einem Krükkenstok durch -die Versammlung. Seine goldreiche Kleidung verschaffte -ihm allenthalben Zutritt, jeder lies sich mit -ihm in Gespräche über Witterung, Kommerz der -Republik und die Kriege der Ausländer ein, und -Abaellino wußte angenehm zu unterhalten. -</p> - -<p> -So erfuhr er nun auch, daß Rosamunde im Garten -sei, wie sie sich heut gekleidet, und in welcher Gegend -sie wandele. -</p> - -<p> -Sogleich schlich er dahin. <em>Matteo</em> verfolgte -ihn auf den Fus. -</p> - -<p> -In einer entlegnen Laube sas die größte Schönheit -Venedigs, <em>Rosamunde von Corfu</em>. -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> näherte sich der Laube; er wankte -vor dem Eingang derselben, als ein Ohnmächtiger -umher, und erregte Rosamundens Aufmerksamkeit. -„Ach!“ seufzte er: „ist denn niemand, -der sich eines schwachen Greises erbarmet?“ -</p> - -<p> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -Die schöne Nichte des Dogen sprang eilig hervor -aus der Laube, dem alten Mann zu helfen. „Was -ist Euch, lieber Vater?“ fragte sie mit einer süßen -Stimme, und besorgtem Blik. -</p> - -<p> -Abaellino winkte mit der Hand zur Laube hin; -Rosamunde führte ihn hinein und sezte ihn auf ein -Rasenbänkchen. -</p> - -<p> -„Gottes Lohn!“ stammelte Abaellino mit schwacher -Stimme, und sah Rosamunden ins Auge und -erröthete. -</p> - -<p> -<em>Rosamunde</em> stand schweigend vor dem verlarvten -Banditen und zitterte in zärtlicher Sorge — -und diese Bekümmernis macht das schöne weibliche -Geschöpf noch schöner. — Bebend bog sie sich mit -dem halben, schlanken Leibe über ihren gedungnen -Mörder und fragte nach einer Weile: „ists Euch -besser?“ -</p> - -<p> -„Besser!“ stammelte der Betrüger mit matten -Lippen. — „Ihr seid die edle Rosamunde von -Corfu, des Dogen Nichte?“ -</p> - -<p> -„Wohl bin ichs, lieber Alter!“ -</p> - -<p> -„„O, Fräulein, da hab ich Euch etwas wichtiges -zu entdekken — ach, du lieber Gott, wie können -die Menschen so grausam sein — seht nur, -man steht Euch nach Euerm Leben.““ -</p> - -<p> -Das Mädchen bebte erblassend zurük. -</p> - -<p> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -„Wollt ihr Euern Mörder kennen lernen? — -Ihr sollt nicht sterben, aber thut mir den Gefallen -und verhaltet euch ganz still!“ -</p> - -<p> -<em>Rosamunde</em> wußte nicht, was sie zu den -Worten des Greises denken sollte; es wurd ihr -bange in der Gesellschaft dieses alten Mannes. -</p> - -<p> -„Fürchtet nichts, Fräulein, fürchtet nichts, seid -unbesorgt. — Der Mörder soll vor euern Augen -sterben.“ -</p> - -<p> -<em>Rosamunde</em> machte eine Bewegung, als -wollte sie entfliehn. Aber plözlich verwandelte sich -der schwache Greis vor ihren Augen. Er der vor -einer Minute ohnmächtig nur lallen konnte, und zitternd -da sas, sprang auf wie ein Riese und hielt sie zurük -in seinen Arm. -</p> - -<p> -„Um Gotteswillen, laßt mich!“ rief sie. -</p> - -<p> -„„Fräulein, seid sorglos, ich beschüzze euch!““ -entgegnete Abaellino nahm ein kleines Blech in den -Mund und pfiff. -</p> - -<p> -Plözlich sprang der lauernde Matteo aus einem -Gesträuch hervor und in die Laube hinein. Abaellino -zog den Dolch, schleuderte Rosamunden hinter -sich, gieng dem Matteo einen Schritt entgegen und -stieß ihm das Messer ins Herz. -</p> - -<p> -Ohne einen Laut von sich zu geben, stürzte der -Banditenhauptmann zu Abaellinos Füßen nieder -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -und röchelte und gab nach vielen gräslichen Verzukkungen -den Geist auf. -</p> - -<p> -Jezt sah der Mörder Matteo’s hinter sich, und -erblikte Rosamunden halbohnmächtig auf der Rasenbank. -</p> - -<p> -„Nun ist dein Leben gerettet, schöne Rosamunde, -sagte er: da liegt der Schurke, der mich zu -deiner Ermordung hieher führte. Sei ruhig, -geh hin zu deinem Oheim Andreas Gritti, und -sage, Abaellino habe dein Leben erhalten!“ -</p> - -<p> -<em>Rosamunde</em> konnte nicht sprechen. Bebend -strekte sie ihre Arme aus, ergrif Abaellinos Hand und -küßte sie mit stummer Dankbarkeit. -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> sah die schöne Leidende an, und wer -konnte hier gefühllos bleiben? Man denke sich ein -Mädchen, das kaum neunzehn Sommer dieses Lebens -gesehen hatte; den schlanken Gliederbau verstekt -in ein weises, tausendfaltiges leichtes Gewand, -mit einem großen, blauen Augenpaar, aus welchem -die reinste Unschuld sprach, einer Stirn, weis wie -Elfenbein, über welcher das schwarze lokkigte Haar -sanftgeringelt herabquoll, Wangen, die der Schrek -izt gebleicht hatte, Lippen, die nie ein Verführer mit seinem -Kusse vergiftet, einen Busen, den der keusche Flornebel -vergebens verbergen wollte. Man denke sich dieses -Geschöpf, woran die liebende Natur nichts vergas, -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -um es zum Ideal weiblicher Schönheit zu erheben -— und man wirds dem ungestümen Abaellino -nicht verargen, wenn er einige Minuten entgeistert -dastand und sich um die Ruhe seines Herzens betrog. -— -</p> - -<p> -„O, bei Gott! rief er: Rosamunde, du bist -schön, schön wie Emmoina! —“ Er bog sich -über sie hin und drükte einen brennenden Kuß auf -ihre blasse Wange. -</p> - -<p> -„„Geh, schreklicher Mensch!““ lispelte sie. -</p> - -<p> -„Ach, Rosamunde, warum bist du so schön, -und warum bin ich — weißt du wer dich küßte, -geh, und sage dem Dogen laut: <em>der Bandit -Abaellino</em>!“ -</p> - -<p> -Er sprachs und verschwand aus der Laube. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-7"> -<span class="line1">Siebentes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Fortsezzung.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span>nd in der That hatte <em>Abaellino</em> Ursach zu eilen; -denn wenige Minuten, nachdem er die Laube -verlassen hatte, verirrten sich mehrere Spaziergänger -in dieser Gegend her, die bald den ermordeten Matteo, -und die todtenblasse Rosamunde erblikten. -</p> - -<p> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -Man versammelte sich um die Laube: es strömten -immer mehrere Personen herbei und <em>Rosamunde</em> -mußte fast jedem die Begebenheit der vergangnen -Augenblicke erzählen. -</p> - -<p> -Es befanden sich unter den Herbeieilenden verschiedne -Hofleute des Andreas Gritti; man rief ihre -Gesellschaftsdamen und Zofen herbei, rief ihrer -Gondel und so begab sich das arme Mädchen in den -Pallast ihres Oheims zurük. -</p> - -<p> -Vergebens hielt man alle andern Gondeln an, -vergebens untersuchte man alle Gäste des Dolabellischen -Gartens, der sogenannte Bandit Abaellino -war verschwunden. — -</p> - -<p> -Der Ruf dieser Geschichte flog durch ganz -Venedig; jedermann bewunderte Abaellinos That, -bedauerte die arme Rosamunde, verfluchte denjenigen, -der den Matteo zu ihrem Morde besoldet hatte, -und suchte alle diese unzusammenhängenden Fragmente -mit dem Kitt der Hypothesen, so gut, wie -gewisse deutsche Philosophen ihre Systeme, zusammenzuflikken. -</p> - -<p> -Am Ende entspann sich hieraus der schönste -Stoff zu einem abentheuerlichen Roman, oder Trauerspiel, -betitelt: <em>Die Gewalt der Schönheit</em>. -Denn Abaellino hätte wahrscheinlich Rosamunden -den Dolch ins Herz gestossen, meinten die <a id="corr-20"></a>venetianischen -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Damen und Herrn, wäre Rosamunde minder -schön gewesen. -</p> - -<p> -Zulezt beneideten die Venetianerinnen Rosamunden -sogar um das Abentheuer; man fieng schon an -über den Kus des Banditen zu medisiren. Hm! sagten -einige: was kann die schöne Rosamunde ihrem Erretter -nicht in der Angst erlaubt haben! — Und wird, riefen -andere: und wird der Kerl mit einem schönen Mädchen, -dem er das Leben erhielt, allein sich mit einem -einzigen Kusse begnügt haben? — Freilich! entgegnete -man: Banditen pflegen sonst so sehr galant -nicht zu sein und in der Liebe zu platonisiren! — -</p> - -<p> -Mit einem Worte, Rosamunde und der häsliche -Abaellino waren so lange der Gegenstand müßiger -Schwäzzer und Schwäzzerinnen, bis man endlich die -Nichte des Andreas Gritti die <em>Banditenbraut</em> -betitelte. -</p> - -<p> -Keiner aber war aufgebrachter, als der Doge. -Er gab sogleich Befehl, man solle wachsamer als je -auf alle und jede verdächtige Personen sein; die Nachtwachen -wurden verstärkt, es wurden alltäglich Spione -ausgesandt, aber vergebens, man entdekte keine -Spur von den Banditen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-8"> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -<span class="line1">Achtes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Entdekkungen.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>V</span>erdammt!“ rief am andern Tage der wilde -<em>Parozzi</em>, ein venetianischer Nobile erstern Ranges, -und ging mit großen Schritten durch sein Gemach: -„Verdammt sei die Ungeschiklichkeit des Schurken! -aber in der That, ich begreif es noch gar nicht, -wie sich das alles zugetragen hat! — Weis man -von meinen Plänen? hat Bembi Rosamundens -Liebe? Wer hat den Abaellino wider den Matteo -ausgeschikt? — Bembi vielleicht? — gewis! -— Und wird der Doge nun nicht fragen: -wer hat Mörder wider meine Nichte ausgesandt? -wer kann es anders gewesen sein, als <em>Parozzi</em>, -der unglükliche Liebhaber, dem die schöne Rosamunde -einen Korb gab, und Andreas Gritti -unhold ist? wird man sagen. — Pfui! — -Parozzi — Parozzi! und wenn der schlaue Gritti -all deine Pläne entdekte, wenn er wüßte, daß du -an der Spizze mehrerer Leichtsinnigen — Leichtsinnigen? -ja doch, was sind die Knaben anders, die -um der Ruthe zu entgehn, den Eltern das Haus -übern Kopf anzünden wollen? — Parozzi, -wenn das alles dem Gritti verrathen würde!“ -</p> - -<p> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Er wurde in seinen Betrachtungen gestört. -<em>Memmo</em>, <em>Falieri</em> und <em>Contarino</em> traten -herein, drei junge Venetianer vom besten Adel, Parozzis -tägliche Gesellschafter, am Geist und Körper -verdorbne Menschen, Springinsfelde, Bonvivants, -die allen Wucherern in Venedig mehr schuldig waren, -als sie jemals mit ihrem väterlichen Erbe bezahlen -konnten. -</p> - -<p> -„Aber, Brüderchen, rief Memmo, dem das Laster -in der grauen Gesichtsfarbe, dem trüben Blik -und den rothblauen Ringen um den Augen verrieth; -um des Himmels Willen, ich bin ausser mir, hast -du den Matteo wider die Nichte des Andreas <a id="corr-22"></a>Gritti ausgeschikt?“ -</p> - -<p> -„„Ich?““ sagte Parozzi, und drehte sich -um, um die Todtenblässe zu verstekken, die ihm über -das Gesicht flog: „„kein Gedanke — ich glaube, -du schwärmst!““ -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Memmo.</span> Wahrhaftig, ich spreche im ganzen Ernst; -frag nur den Falieri, der kann dir mehr erzählen. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Höre, Parozzi, der Procurator <em>Sylvio</em> -hats dem Dogen als eine heilige Wahrheit beschworen, -daß kein andrer, als du, den Matteo -zu Rosamundens Ermordung bestellt habest. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Nun, und ich sage euch, der Kerl raset. -</p> - -<p> -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -<span class="c">Contarino.</span> Aber nimm du dich in Acht. Gritti ist -fürchterlich. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Der Doge ist der elendeste Gauch von -der Welt; er kann ein ganz guter Soldat sein, -aber Kopf hat er nicht. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Und ich schwöre dirs, Gritti ist wild -wie ein Löwe und schlau wie ein Fuchs. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Durch das verdammte Kleeblat, davon er -der Stiel ist, der es um sich zusammen hält. Man -nehme ihm den Sylvio, Conari, und Dandoli, -so wird er dastehn, wie ein Schulknabe im Examen, -dem mans Concept gestohlen hat. -</p> - -<p> -<span class="c"><a id="corr-24"></a>Parozzi.</span> Falieri hat Recht. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Ja, wahrhaftig. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Und stolz ist der Gritti, wie ein Bauer, -dem man ein Purpurkleid angezogen hat. Bei -Gott, er ist unleidlich. Bemerkt ihr denn gar nicht, -wie er täglich seinen Hofstaat vermehrt? -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> So wahr ich lebe, du hast Recht. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Und welche Gewalt er sich allenthalben -anmaßt? Die Signoria, die Quaranti, -die Procuratoren di St. Marco, die Avogadori -wollen und wünschen nichts anders, als was -dem Gritti gefällt. Alle hängen sie an dem Faden -seiner Launen wie Marionetten, die ihre Holzköpfe -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -schütteln oder verneigen, nachdem sie gezogen -werden. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Und das Volk vergöttert diesen Gritti. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Ja, das ist eben das schlimmste. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Aber ich will verdammt sein, wenn sich -das Spiel nicht bald dreht. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Ja, nur angefangen, Leute. Aber -was thun wir? da liegen wir in den Weinhäusern -und Bordellen, saufen und spielen, stürzen -uns in ein Meer von Schulden hinein, wo -zulezt der beste Schwimmer ertrinken muß. Laßt -uns den Anfang machen — laßt uns werben, -laßt uns angreifen, die Verhältnisse müssen sich -ändern, oder es geht in dieser Welt mit uns -nicht gut. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> (<span class="d">seufzend</span>) Freilich, freilich, die Gläubiger -zerklopfen mir schon seit einem halben Jahr -die Thüren, wekken mich des Morgens aus dem -Schlaf und lullen mich des Abends mit ihren -Klagen wieder ein. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Ha, ha, ha! nun ihr wißt ja, wie -mirs geht! — -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Hätten wir minder flott gelebt: so würden -wir izt ruhig sizzen können in unsern Pallästen, -und — Aber izt — -</p> - -<p> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -<span class="c">Parozzi.</span> Nun, wahrhaftig, ich glaube Falieri -hält uns eine Buspredigt. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> So machens die alten Sünder -sammt und sonders, wenn sie nicht mehr sündigen -können, dann geloben sie hoch und theuer -Reue und Besserung. Nein, ich bin zufrieden -mit meinen Ausschweifungen; ich seh doch -daraus, daß ich kein Alltagsmensch bin, der -mit seinem Pflegma hinter dem Ofen zusammenschurrt, -Federn spizt, Männerchen malt -und vor ungewöhnlichen Einfällen schaudert. -Die Natur hat mich einmal zum Wildfang geboren, -und ich will meine Bestimmung erfüllen. -— Brächte der Himmel nicht zuweilen -Geister wie die unsrigen hervor: so würden die -Menschen endlich einschlafen. Aber wir treiben -die alte Ordnung aus ihren Fugen, und -die Menschen aus ihrem Schnekkengang, geben -einer Million Müßiggänger Räthsel auf, -jagen einige hundert neue Ideen durch die -Köpfe der großen Menge, verursachen allgemeine -Gährung und sind zulezt der Welt so -nüzlich, wie ein Sturmwind der trägen, sich -selbst vergiftenden Natur. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Prächtige Floskeln, so wahr ich Falieri -heiße; Contarino; das alte Rom vermißt -dich. — Allein Jammer und Schade, daß -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -an dem Geklimper deiner Worte so wenig Realitäten -hängen! — siehst du, inzwischen du -vielleicht mit deinem Rednertalent barmherzigen -Ohren ermüdet hast, hat Falieri gehandelt. -Der Kardinal Grimaldi ist mit der Regierung -unzufrieden, Gott weis es, wodurch ihn Gritti -wider sich aufgehezt hat — kurz Grimaldi ist -von unsrer Parthei. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> (<span class="d">erstaunt und froh</span>) Falieri, bist du -toll — der Kardinal Grimaldi? -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Und er hängt an uns mit Leib und -Seele. Freilich, ich habe ihm viel von unsern -edeln Absichten, von unserm Patriotismus, -von unsrer Freiheitsliebe vorneindbeuteln müssen, -aber Grimaldi — ist ein Pfaffe, das -heißt, ein Gauner! und so taugt er für uns. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> (<span class="d">reicht dem Falieri die Hand</span>) Bravo, — -Herr Bruder, wir spielen den Katilina zu Venedig! -— Was mich betrifft, so hab auch ich -gehandelt. Zwar hab ich für uns noch keinen -großen Fang gethan, aber doch besizze ich ein -großes allmächtiges Nez, womit ich den besten -Theil Venedigs zu unsern Plänen zusammenfischen -werde. — Ihr kennt doch die Markise -Almeria? -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Hält nicht jeder von uns eine Liste der Venetianerinnen, -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -und wir sollten <span class="antiqua">No. I</span> vergessen -haben? -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Almeria und Rosamunde, die Losung aller -Venetianer. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Almeria ist mein. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Was? -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> (<span class="d">durch die Zähne</span>) Pest! -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Almeria? -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Nun, gafft ihr mich nicht an, als -weissagt ich euch den Einsturz des Himmels? -— Kurz, ich bin Almeriens Favorit, und -mit ihr aufs innigste vertraut. Aber unsre -Liebschaft wird verdekt gehalten; was ich will, -will auch sie, und wie sie pfeift, so tanzt Venedigs -halber Adel. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Contarino, du bist unser Meister. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Und nun ahndet ihr doch nicht, welche -Macht ich in den Händen habe? -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Ich schäme mich vor euch, denn noch -hab ich nichts gethan. Wär’ Rosamunde ermordet: -so würd’ ich, wenigstens euch vorlügen -können, daß ich sie für mein Geld habe in den -Himmel bringen lassen, damit Gritti den Hamen -verlöre, womit er Venedigs erste Männer -an sich gefangen hält. Lebt Rosamunde -nicht mehr: so verliert Gritti allen Reiz; -die glänzendsten Häuser werden von ihm ablassen, -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -wenn ihre Hofnung zu Grabe geht, sich -mit dem Gritti durch Rosamundens Verheurathung -zu verbinden. Sie erbt einmahl vom -Dogen. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Und damit ich eurer würdig sei, will -ich — Geld schaffen. Mein alter, grämlicher -Oheim hinterläßt mir dem Universalerben -volle Kisten — und der alte Filz, kann ja sterben, -wenns mir gefällt. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Er hätte längst sterben können. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Ich war nur zu ängstlich — wahrhaftig -Leutchen, ihr glaubts nicht, ich bin zuweilen -so hypochondrisch, daß es mir ist, als -hätt’ ich Gewissensbisse. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Freund, nimm einen guten Rath an. -— Geh ins Kloster! -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> He, he, he, he! -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Wir müssen die alten Freunde, — -Matteo’s Gesellschaft aufsuchen; die Gauner lassen -sich jezt nirgends wittern. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Und vor allen Dingen muß das Kleeblatt -des Dogen verdorren oder abgerissen -werden. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Vortrefliche Vorsäzze! wahrhaftig, -wenn sie nur so schnell erreicht, als geträumt wären. -— Kurz, Freunde, wir begraben entweder -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -unser Elend unter den Ruinen der alten Staatsverfassung, -oder wir befestigen dieselbe noch mehr -durch unsere Todtenschädel. — In beiden Fällen -erlangen wir Ruhe. Die Noth hat uns mit -ihrer Geissel nun hinaufgepeitscht auf den lezten -Gipfel ihres Felsen, wo wir entweder uns durch -einen Geniestreich erretten, oder von der andern -Seite in den Abgrund ewiger Vergessenheit und -Schande hinunterschwindeln müssen. — Laßt -uns izt nur raffiniren: woher Geld zu den nöthigsten -Unkosten und woher Theilnehmer an unsern -Plänen? Geht hin, und erobert die berühmtesten -Mezzen Venedigs, auf deren Altären der -Staatsmann, Mönch und Bürger opfert. Was -wir mit aller Beredsamkeit, Banditen mit ihren -Dolchen, Prinzen mit ihren Geldbörsen nicht -vermögen, kann solch eine Phryne mit einem einzigen -Blik. Wo der Wiz des Pfaffen scheitert und -die Gewalt des Kriminalrichters ohnmächtig -wird, kann noch ein Kus, ein süsses Versprechen -Wunder thun. An dem wollüstigen Busen solcher -Weiber schläft endlich die wachsamste Treue ein: -ein Kus von solchem Weibe thaut der stummen -Verschwiegenheit die Lippen auf und eine Schäferstunde -kann die heiligsten Grundsäzze zu Grabe -läuten. -</p> - -<p class="cnt"> -Oder will euch das Glük bei den Weibern -nicht wohl, oder fürchtet ihr euch selber in den -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Nezzen verwirren zu können, die ihr für andere -ausspannt: so versuchts mit den Pfaffen. -Schmeichelt den Stolz dieser Hochmüthigen, -malt ihnen auf das leere Blatt der Zukunft -Kardinalshüte, Patriarcheninsuln, Bischofsstäbe -und Pontificalien. Ich schwör es euch, sie -haschen zu, und ihr habt sie in eurer Gewalt. -Sie, die Gewissensräthe der bigotten Venetianer, -lenken Mann und Weib, Edelmann und -Bettler, Gondolier und Dogen, Gelehrte und -Laien am Zaum des Aberglaubens. Habt -ihr die Pfaffen für euch: so könnt ihr Tonnen -Goldes ersparen, um die Gewissen zu bestechen, -denn sie handeln mit dem lieben Gott -in Compagnie, und verschenken nach ihrem Gefallen -bald die ewige Seligkeit bald die höllische -Verdammnis. -</p> - -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-9"> -<span class="line1">Neuntes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Mollas Häuschen.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">K</span>aum hatte <em>Abaellino</em> die berüchtigte That -vollbracht, die nun allen Venetianern Stoff zum -Plaudern gab: so entwischte er so glüklich, daß -man auch nicht den geringsten Umstand vorfinden -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -konnte, der ihn, als dem Thäter verrathen, oder -die Spuren seiner Flucht entdekken konnte. -</p> - -<p> -Er kam an Molla’s Häuschen — es war -schon gegen Abend. Molla öffnete die Thür und er -begab sich ins Zimmer. „Wo sind die andern?“ -fragte er in einem wilden Ton. <em>Molla</em> erschrak: -</p> - -<p> -„Sie schlafen schon seit dem Mittag. Wahrscheinlich -wollen sie in der Nacht auf die -Jagd gehn.“ — -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> warf sich gedankenvoll auf einen -Sessel. -</p> - -<p> -„Aber du bist ja so düster, Abaellino? sieh nur, -du wirst dadurch so häslich. Weg mit den Falten -von der Stirn, sie entstellen dich noch mehr.“ -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> antwortete ihr nicht. -</p> - -<p> -„Aber ich fürchte mich endlich vor dir. Sei -doch freundlich du Riese! ich fange wirklich schon an -dir gut zu werden, und deinen Anblik zu ertragen -und“ — — — -</p> - -<p> -„„Wekke die Schläfer!““ brummte der -Bandit. -</p> - -<p> -„Ei, laß sie doch schlafen, die trägen Kerls, -fürchtest du dich denn mit mir allein zu sein? Seh -ich denn so schreklich aus, wie du? — sieh mich -doch einmal an.“ -</p> - -<p> -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Sie stellte sich in ihrer kleinen, runden Figur -vor ihm hin, und schielte lächelnd mit lüsternen -Augen zu ihm hinüber. — Molla war in der That -nicht häslich; ihr Stumpfnäschen, ihr brennendes -Auge, ihr blondes Haar, das hinter der Haube wild -über den vollen Busen herabstürzte, der in diesen -Augenblikken ohnedies nur sehr leicht bedekt war, -machte sie niedlich. Allein Molla wußte auch, daß -sie ein Stumpfnäschen, einen sprechenden Blik, ein -blondes Haar, und einen vollen Busen hatte. Und -ihr Karakter war daher — wie der Karakter der -meisten Mädchen und Weiber in einem gewissen Alter, -in allen Ständen. Ein Mädchen, die es ihrem -Spiegel und ihren Schmeichlern glaubt, es sei -schön, ist auf dem halben Wege, ihre Unschuld zu -verlieren. — Molla übrigens war weder Mädchen -noch Weib, sondern — — — was viele -ihres Alters und Geschlechts sind. -</p> - -<p> -„Aber sei doch nicht so tükkisch, lieber Abaellino!“ -sagte sie und sezte sich dicht neben ihn nieder -und strich ihm mit ihrer runden Hand die schwarzen -Lokken von der Stirn. -</p> - -<p> -„„Wekke die Schläfer!““ rief <em>Abaellino</em>, -und stierte sie verdrüslich an. -</p> - -<p> -„Ei, ich glaube gar, der Schelm will trozzen!“ -sagte sie und stand auf, warf sich auf seinen Schoos, -sah ihn in die Augen — und das Halstuch fiel ab. -</p> - -<p> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -„Bösewicht! rief sie, was machst du?“ -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> konnte sich des Lächelns nicht -erwehren. -</p> - -<p> -„Lache nur noch!“ sagte sie lächelnd und faltete -die Stirn, um zornig zu scheinen, vergab ihm -aber bald die nicht begangne Sünde, schlang ihre -Arme um ihn und drükte ihn an sich. -</p> - -<p> -„„Du bist ein gutes Mädgen, Molla!““ -entgegnete er, sties sie sanft zurük und stand auf: -„„in einer halben Stunde wollen wir uns beide -mehr erzählen, jezt rufe die Schnarcher herbei, -ich muß sie sprechen!““ -</p> - -<p> -<em>Molla</em> entfernte sich schweigend und drohte -ihm im Zurüksehn mit dem Zeigefinger. -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> gieng mit starken Schritten durchs -Zimmer, den Kopf auf die Brust gesenkt, die -Arme untereinander geschlagen. „Der erste -Schritt,“ dachte er bei sich! „der erste Schritt -ist gethan; ein moralisches Ungeheuer weniger -in der Welt. Ich habe in diesem Morde -nicht gesündigt, sondern mich geheiliget. — -Gott, steh mir bei, ich habe ein großes Werk -vor mir. — Ach, und dann soll Rosamunde -der Lohn meiner Mühseligkeiten — Rosamunde? -die Nichte des Dogen dem verworfnen -Abaellino — o, in Ewigkeit geht es hier -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -nicht gut zu Ende. Aber welch ein toller Einfall, ein -Mädchen beim ersten Anblik — — Aber auch -nur eine Rosamunde kann durch ihr erstes Erscheinen -fesseln. — Rosamunde und Emmoina! -— — Doch es ist schön nach Unmöglichkeiten -zu haschen, es belustigen Träume wenigstens, -und der arme Abaellino bedarf Belustigung. -O wüßte die Welt, was Abaellino vollführen -wird, ach sie würde ihn gewis lieben und -bemitleiden! —“ -</p> - -<p> -<em>Molla</em> trat herein. Ihr nach folgten schlaftrunken, -gähnend und schlaff Thomas, Baluzzo, -Petrini und Struzza. -</p> - -<p> -„Reibt euch den Schlaf von den Augen, und -überzeugt euch, daß ihr wachend seid, denn ihr -sollt etwas hören, was ihr kaum im Traume glauben -würdet.“ -</p> - -<p> -Alle sahn ihn gleichgültig an. „Nun was -ists denn?“ fragte <em>Thomas</em> und dehnte sich -schläfrig. -</p> - -<p> -„Nichts mehr und nichts weniger, als daß -unser braver, schlauer, tapfrer Matteo — <em>ermordet</em> -ist.“ -</p> - -<p> -„„Wie? — ermordet!““ lallte jeder -und starrte den Hiobsboten mit erschroknen Blikken -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -an, und Molla schlug die Hände über den Kopf zusammen -und sank kreischend auf den <a id="corr-26"></a>Sessel nieder, -auf welchem sie vor wenigen Minuten noch um Abaellinos -Zärtlichkeit buhlte. -</p> - -<p> -Es herrschte eine allgemeine Stille. -</p> - -<p> -„Donner und Wetter!“ rief endlich Struzza -und trat ein paar Schritt zurük. -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Thomas.</span> Von wem? -</p> - -<p> -<span class="c">Baluzzo.</span> Wo? -</p> - -<p> -<span class="c">Petrini.</span> Diesen Nachmittag? -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Vor einigen Stunden im Dolabellischen -Garten, wo er die Nichte des Dogen aufgesucht -hatte — wer ihn ermordet, das weis der -Himmel. -</p> - -<p> -<span class="c">Molla.</span> (<span class="d">heulend</span>) Der arme Matteo. -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Morgen um diese Zeit findet ihr seinen -Leichnam auf dem Rabenstein. -</p> - -<p> -<span class="c">Petrini.</span> Hat man ihn denn erkannt? -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Freilich. -</p> - -<p> -<span class="c">Molla.</span> Der arme Matteo! -</p> - -<p> -<span class="c">Thomas.</span> Ein verdammter Streich! -</p> - -<p> -<span class="c">Baluzzo.</span> Verflucht, das hat ihn nicht geahndet, -da er von uns ging, und uns allen nicht. -</p> - -<p> -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -<span class="c">Abaellino.</span> Nun, ihr scheint darüber bestürzt zu -sein? — -</p> - -<p> -<span class="c">Struzza.</span> Ich kann mich noch nicht erhohlen — -Der Schrek hätte mich fast zu Boden geschlagen. -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Ei, beileibe, ich lachte, als ich die -Botschaft erfuhr. So früh schon am Ziele! -dacht ich. -</p> - -<p> -<span class="c">Thomas.</span> Was? -</p> - -<p> -<span class="c">Baluzzo.</span> Ich sähe darinn nichts lächerliches -wahrhaftig! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Ihr fürchtet euch doch nicht davor, eine -Gabe zu empfangen, die ihr selber so gern -austheilt? — Wohin strebt ihr? was dürfen -wir am Ende unsrer Arbeiten zum Dank fodern, -als Galgen und Rad und Scheiterhaufen? welche -Monumente dürfen wir für unsre Thaten fodern: -als Schandsäulen und Rabensteine? -Wem es gelüstet auf dem großen Welttheater -die Rolle des Banditen zuspielen, der muß vor -dem Tode nicht schaudern, er komme in Gesellschaft -des Arztes, oder des Henkers. Also lustig! -</p> - -<p> -<span class="c">Thomas.</span> Das sei hier der Gottseibeiuns, ich -kanns nicht sein. -</p> - -<p> -<span class="c">Struzza.</span> Mir klappern die Zähne. -</p> - -<p> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -<span class="c">Petrini.</span> Hör’, Abaellino, laß uns ein vernünftiges -Wort mit einander sprechen. Dein Wiz -wird hier fürchterlich. -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Ha, ha, ha, ha! -</p> - -<p> -<span class="c">Molla.</span> Ach du armer, unglükseliger Matteo! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Nicht doch, Molla, mein Schäzchen, -wer wollte so sehr verrathen, daß man ein Weib -sei. Komm und laß uns das Gespräch fortsezzen, -das ich vorhin zerriß. Sez dich zu mir und -gieb mir ein Mäulchen. — -</p> - -<p> -<span class="c">Molla.</span> Geh, Ungeheuer. -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Hat Liebchen die Laune verloren? -Nun wohl, sie wird schon zurükkehren, und -wer weis, wie es dann um die meinige steht. -</p> - -<p> -<span class="c">Baluzzo.</span> Daß dich der Geier fasse, Abaellino, du -bist unausstehlich! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Bist du eifersüchtig? Ho, ho, befürchte -nichts! -</p> - -<p> -<span class="c">Baluzzo.</span> Verdammt seist du mit deinem hirnlosen -Gewäsch; saalbadre ein andermahl. Jezt -laß uns überlegen, was zu thun sei? -</p> - -<p> -<span class="c">Petrini.</span> Freilich, es ist hier nicht die Zeit zum -Spassen. -</p> - -<p> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -<span class="c">Thomas.</span> Abaellino, ich halte dich für einen gewizten -Kerl, gieb Rath, was sollen wir thun? -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> (<span class="d">nach einer Pause</span>) Nichts oder vieles. -Entweder wir bleiben, <em>was</em> wir sind, und wo -wir sind, morden für Geld und gute Worte einem -Schurken zum Gefallen jeden ehrlichen -Mann, lassen uns zulezt hängen, rädern, braten, -an die Galeeren schmieden, kreuzigen und -köpfen, je nachdem es der blinden Justiz behagt, -oder — — -</p> - -<p> -<span class="c">Einige.</span> Oder? -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Oder wir theilen unsern Raub, -verlassen die Republik, beginnen ein ehrliches -Leben, und söhnen den Himmel wieder mit -uns aus. Seht, ihr habt izt soviel, daß ihr -zeitlebens nicht in die verlegne Frage gerathen -dürfet: woher nehmen wir Brod? — -Ihr kauft euch in einem fernen Lande eine Villa, -oder ein Wirthshaus, oder treibt Handel, -oder ein Gewerbe, welches euch besser gefällt, -als die Meuchelmörderei. Ihr mustert -die Schönen, wählt euch ein Weibchen, zeugt -Söhne und Töchter, eßt und trinkt und wezt -die Scharten aus, durch eure Ehrlichkeit, die -ihr durch Büberei schluget. -</p> - -<p> -<span class="c">Thomas.</span> Ha, ha, ha! -</p> - -<p> -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -<span class="c">Abaellino.</span> Was ihr thut, will auch ich thun, -in eurer Gesellschaft laß ich mich entweder hängen -und rädern, oder zum ehrlichen Kerl machen. -— Nun wählt! -</p> - -<p> -<span class="c">Thomas.</span> Ein alberner Rath! -</p> - -<p> -<span class="c"><a id="corr-27"></a>Baluzzo.</span> Die Wahl hält nicht schwer. -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Ich sollt’ es auch glauben. -</p> - -<p> -<span class="c">Thomas.</span> Wir bleiben beisammen, und treiben -nach wie vor unser altes Gewerbe. Das bringt -Geld und ein flottes Leben. -</p> - -<p> -<span class="c">Petrini.</span> Mein Seel, Kerl, du sprichst mir aus -dem Herzen. -</p> - -<p> -<span class="c">Thomas.</span> Wir sind zwar Banditen, aber doch ehrliche -Kerls, und der Donner über den, der -dies läugnet. Vor allen Dingen aber müssen -wir uns einige Tage eingezogen halten, damit -wir nicht etwa verrathen werden, denn der -Doge hat gewis izt seine Spione allenthalben. -Dann aber schleichen wir uns, erkundigen uns -nach dem Mörder Matteo’s und erdrosseln ihn -zum warnenden Beispiel <span class="antiqua">gratis</span>. -</p> - -<p> -<span class="c">Alle.</span> Bravo! bravissimo! -</p> - -<p> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -<span class="c">Petrini.</span> Und du, Thomas, bist dafür von heut -an unser Meister. -</p> - -<p> -<span class="c"><a id="corr-28"></a>Baluzzo.</span> Ja, an Matteo’s Stelle. -</p> - -<p> -<span class="c">Alle.</span> Ja, ja! -</p> - -<p> -<span class="c"><a id="corr-29"></a>Abaellino.</span> Und ich sage, als ein braver Gesell -hierzu mein herzliches <em>Amen</em>. -</p> - -</div> - -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -Zweites Buch. -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-1"> -<span class="line1">Erstes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Der Geburtstag.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n ängstlicher Einsamkeit, eingeriegelt in ihren -dumpfen Kammern, betrauerten die Banditen -den Tod ihres Matteo; jeder Schlag an ihre -Thüren machte sie zittern; jedes Geräusch auf -der Straße machte sie grausen. -</p> - -<p> -Fröhlicher aber und herrlicher gings im herzoglichen -Pallast einher. Der <em>Doge</em> feierte den -Geburtstag seiner schönen Nichte Rosamunde, und -Venedigs Adel, die Gesandten und hohen Fremden -machten mit ihrer Gegenwart dieses Fest zum -glänzendsten in seiner Art. -</p> - -<p> -Keine Herrlichkeit war hier gespart, keine Quelle -der Freude verschlossen geblieben. Ueppig buhlten -alle Künste um den Vorrang; Venedigs erste -Dichter besangen diesen Tag schöner, als je, denn -sie sangen Rosamunden; die Tonkünstler und Virtuosen -verschwendeten hier die Allmacht der Musik, -denn es galt Rosamunden; alle athmeten Seligkeit, -alles schwelgte in der seltnen Verbindung jeder -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Freude; der Geist des Vergnügens umschwebte den -Greis und den Jüngling, die Matrone und das -Mädchen. -</p> - -<p> -Selten hatte man den alten Dogen heiterer -erblikt, als an diesem Tage. Er war ganz -Leben, die fröhlichste Laune schwebte um seinen Lippen; -gnädig und herablassend lies er niemanden -seine Hoheit beahnden. Er scherzte bald mit den -Damen, schwärmte bald unter den Masken umher, -die den Ball glänzend machten, spielte bald -mit den Feldherrn und Admiralen der Republik -im Schach, überwand und lies sich überwinden, -bald nekte er Rosamunden, und warnte sie, ihr -Herz zu bewahren. -</p> - -<p> -<em>Dandoli</em>, <em>Sylvio</em> und <em>Canari</em>, seine -treuen Freunde und Räthe vergaßen ihr graues -Alter; mischten sich unter die jungen Venetianerinnen -und trugen scherzend jeder ihre Liebe -an, nekten und ließen sich nekken. -</p> - -<p> -„Als wir vor <em>Scardona</em> lagen, Canari, -und die Türken uns dort den Sieg so schwer -machten, da waren wir nicht so vergnügt, als -an diesem Abend. Nicht so?“ rief <em>Andreas -Gritti</em> dem alten Canari zu, der in eben dem -Augenblik in das Seitenzimmer hinein trat, worin -sich der Doge mit seiner Nichte allein befand. -</p> - -<p> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -„Warlich nicht, gnädigster Herr aber es ruht -sich nach solchen Arbeiten schön! — Ich denke -noch immer mit frohem Schauder an den neblichten -Novemberabend, da wir Scardona eroberten -und den halben Mond von den Stadtmauern -hinunterstürzten! Bei Gott, unsre Venetianer -fochten wie die Löwen!“ -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Gritti.</span> Nun, alter Kriegsgefährte, trinkt; wir -haben uns Ruhe erstritten. -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> Ruh und Lorbeern. — O, bei Gott, ich -bin glüklich und glüklich ist jeder der unter euern -Fahnen gefochten. Ihr, gnädigster Herr, habt mich -verewigt; wer hätte in der Welt an Canari gedacht, -wenn Canari nicht mit dem großen Gritti -gefochten hätte, und in Sicilien und Dalmatien -die ewigen Trophäen der Republik Venedig aufgepflanzt -hätte mit dem großen Gritti. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">sanftlächelnd</span>) Der Cyprier besticht eure -Fantasie, braver Canari. -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> Freilich sollt ich euch nun wohl nicht gradezu -den Großen nennen, und in eurem Beisein loben, -aber ich bin alt, und mag mich nicht -verstellen; mögen das unsre jungen Hofschranzen -thun, die noch nicht im Pulverdampf da standen -und für Venedig und Andreas Gritti fochten. — -</p> - -<p> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -<span class="c">Gritti.</span> Alter Schwärmer! — wird der deutsche -Kaiser auch so denken? -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> Wenn Karl der fünfte nicht betrogen -wird, oder sein Stolz noch die Größe eines andern -ertragen kann: so muß er bekennen: Ich fürchte -den Gritti von Venedig, aber auch er nur allein ist -mir auf Erden überlegen! bei Gott, das muß -Karl. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Sollte ihn die Antwort beleidigen, die ich -seinem Gesandten gab, da er mir die Gefangennehmung -des Königs von Frankreichs notifizirte? -— -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> O, gewiß, gnädigster Herr, gewiß. -Aber sei es auch. Venedig zittert, so lange Gritti -lebt, nicht. — Aber gnädigster Herr, wenn -ihr einmal werdet heimgegangen sein zur ewigen -Ruhe und eure Helden mit euch! O, Venedig, -Venedig, ich fürchte deine goldne Zeit neiget sich -zum Untergange! -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Lassen nicht unsre jungen Offiziere vieles -hoffen? -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> Ach was sind die meisten? Helden in -den Feldern der Liebe; Helden hinter den Pokalen; -entnervte Jünglinge, schlaff an Körper und -Geist. Doch halt, — nein! o, wenn man alt -wird, oder neben einen Andreas Gritti steht, da -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -vergißt man doch so leicht das wichtigste. — -Ich habe eine Bitte an euch, mein Doge, eine -große Bitte. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Ich bin neugierig. -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> Seit acht Tagen befindet sich hier ein -junger florentinischer Edelmann, Flodoard heißt -er, ein herrlicher, vielversprechender Mann. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Nun? -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> Sein verstorbner Vater war mein sehr -guter Freund, er ist nun gestorben, der alte ehrliche -Graf. Er diente in seiner Jugend mit mir auf einem -Schiffe, hat manchen Türkenkopf hinweggesäbelt. -— Es war ein braver Soldat! -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Ihr vergeßt seinen Sohn. -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> Sein Sohn hält sich jezt in Venedig auf -und will in Dienste der Republik gehn. Ich bitte -bei euch für ihn, stellt den jungen Mann irgend -wo an; er wird einmal Venedigs Stolz sein, -wenn unsre Asche vom Winde verweht ist. Ja, -bei Gott, das wird er! -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Hat er Kopf? -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> Kopf und Herz, wie sein Vater. Wollt -ihr ihn sehn, ihn sprechen? er ist unter -den Masken dort im großen Saale. — Noch -eins — er hat von den Banditen gehört, die in -Venedig umherspuken, das erste Probestük seiner -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Schlauheit will er euch dadurch ablegen, daß er -dieß unsichtbare Gesindel, dem unsre Polizei -vergebens nachspürt, dem Criminalgericht in die -Hände spielt. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">verwundert</span>) Wie ist das möglich? Graf -Flodoard heißt er? sagt diesem Flodoard, ich -verlange ihn zu sprechen. -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> O, nun hab ich schon die Hälfte oder alles -gewonnen. Denn Flodoarden sehn, und nicht -lieben, hält so schwer, als einen Blik ins Paradies -thun und ohne Lüsternheit zu verbleiben. -Flodoarden sehn und ihn hassen ist so unmöglich, -wie den Blindgebohrnen das Tagslicht zu -hassen, <a id="corr-30"></a>das er zum erstenmahl erblikt, da ihm -der Staar vom Auge gezogen, wird. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">lächelnd</span>) Ich habe meinen alten Canari -nie so schwärmerisch gefunden, als diesen -Abend. -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> O, bei Gott, gnädigster Herr, die Flodoarde -waren seit den frühsten Zeiten gros. -Ihres Geschlechts Stamm trug schon damals -herrliche Zweige, als das Geschlecht der -Gritti, Canari, Dandoli und Falieris noch -unter den wilden Gesträuchen keimte. Und -ich glaube, jede Ceder grünt noch und giebt berühmte -Zweige von sich, wenn unsre Familien -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -rings umher ausgestorben sind, wie dürres, -schwaches Pflanzwerk. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Zeiget mir doch den Wundermann! -</p> - -<p> -<span class="c">Canari.</span> (<span class="d">im Aufstehn.</span>) Ich werd ihn herbeirufen. -Ach, es thut mir wohl meinen alten verstorbnen -Waffenbruder Flodoard in seinem Sohn -wieder lieben zu können. — Und, ihr -edle Donna, hütet euch! hütet euch! (<span class="d">geht ab</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Führt nur euern Helden vor, ihr habt -meine Neugierde gespannt. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Warum sonderst du dich so lange von den -Tänzern ab, Rosamunde? -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Ich bin ermüdet, und jezt fesselt -mich noch die Neugier, den hochgepriesenen -Flodoard zu sehn. — Ach, lieber Oheim, mir -deucht, ich kenne ihn schon. Unter allen Masken -zeichnet sich vorzüglich eine griechische aus, -und zeichnet sich so aus, daß man sie mit dem -flüchtigsten Blik unter tausenden erkennt. Eine -schlanke, große Gestalt, in jeder Bewegung -so angenehm, — und tanzt so treflich. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">lächelnd mit dem Finger drohend</span>) Nichte! -Nichte! -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> O, fürwahr, lieber Oheim ich lüge -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -nicht — aber doch kann es sein, daß der florentinische -Flodoard und der Grieche zwei Personen -— — seht, Oheim, seht dort hinunter, -da, da steht der Grieche! -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Und Canari neben ihm. — Sie kommen! -Nun, du bist im Errathen glüklich — — -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Der Doge hatte kaum seine Worte vollendet, -als der alte <em>Canari</em> hereintrath, einen schlanken -Griechen an seiner Hand führend. -</p> - -<p> -„Seht hier den Grafen Flodoard, der um -eure Gnade bittet!“ sagte Canari, und <em>Flodoard</em> -entblößte ehrerbietig sein Haupte, zog die -Larve vom Gesicht und verneigte sich tief vor Venedigs -großen Dogen. -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Gritti.</span> Ihr wollet in die Dienste unsrer Republik -treten? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Wenn. Ew. Durchlaucht mich für dieselben -würdig finden. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Canari versprach mir viel Gutes von euch. -Warum hat euch euer Vaterland nicht behalten? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Weil dort kein Gritti lebt. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Bestätigt es sich, daß ihr die Banditen in -Venedig aufgespürt habt? -</p> - -<p> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -<span class="c">Flodoard.</span> Ich zweifle nicht daran sie aufspüren, -und sie euren Gerichten überliefern zu können. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Das wäre in der That von einem Fremdling -viel. Ich bin begierig zu wissen ob ihr -Wort halten könnet. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Morgen oder Uebermorgen Durchlauchtigster -Herr, hab ich mein Versprechen erfüllt. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Und das verspreche ihr so fest? Wißt ihr -was es heißt, Banditen zu fangen? dies Gesindel -ist unsichtbar und allgegenwärtig, man -sieht es allenthalben, und nirgends, und noch -ist es den Polizeibedienten der Republik nicht -möglich gewesen diese Brut zu erhaschen, wiewohl -kein Winkel in Venedig existirt, den unsre -Spione nicht kennen, nicht durchstöbern. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Ich schäzze mich glüklich dem großen -Dogen von Venedig mich durch solches Probestük -empfehlen zu können. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Wenn ihrs vollbracht habt, dann kommt -zu mir. Jezt wollen wir uns der Freude überlassen, -der dieser Tag geheiligt ist. — Führt -meine Nichte zum Tanz, wenn ihr wollet. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Ein angenehmer Befehl. — -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -<span class="c">Rosamunde</span> stand an den Sessel ihres ehrwürdigen -Oheims gelehnt, und musterte den Grafen, -und dachte an Canari’s Worte: ihn sehn und -ihn nicht lieben hält so schwer, als einen Blik ins -Paradies werfen, ohne lüstern zu werden. Und -Rosamunde gab dem alten Canari recht. Ein -helles Roth überflog sie, da der Oheim den Befehl -gab, sie war verlegen, und wußte nicht, -ob sie vor oder zurüktreten müßte. -</p> - -<p> -Und wären manche meiner Leserinnen in Rosamundens -Stelle gewesen, so zweifle ich gar nicht, -daß sie in gleiche Verlegenheit gerathen wären. -Denn eine Gestalt, wie die Gestalt des Flodoard, -ein Gesicht mit einer so empfehlenden Physiognomie, -mit solchen karakteristischen Zügen, die dem -Künstler nichts mehr übrig ließen, wenn er das -Ideal männlicher Schönheit darstellen wollte, Züge, -welche laut sprachen, dieser Jüngling trägt -ein Heldenherz im Busen — ach, die können ein -armes, schwaches, unbefangnes Mädchen leicht in -Verlegenheit sezzen. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard</span> nahm Rosamundens Hand und -führte sie in den Saal der Tänzer. Hier drehte, -hier schwang sich alles nach den Harmonien des -rauschenden Orchesters in lieblichen Gruppen beim -Schimmer der brennenden Kerzen. Aber Flodoard -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -gieng bebend und bebend Rosamunde an Flodoards -Hand vor den Reihen der Tänzer vorüber -— sie verloren sich bis zum fernsten Ende des -herzoglichen Saals und blieben sprachlos an einem -Fenster stehn, und sahn sich an, und sahn zu den -Tänzern, und dann zum Mond hin und vergaßen -sich und Tänzer und Mond und waren jeder allein -mit sich beschäftigt. -</p> - -<p> -„Fräulein, sagte <em>Flodoard</em> endlich nach -langem Stillschweigen: das heiß ich unglüklich -sein!“ -</p> - -<p> -„„Unglüklich? Ich verstehe euch nicht, -Herr Graf, wer ist denn unglüklich?““ -entgegnete die schöne Rosamunde, und sah dem -Jüngling ins Auge, und lächelte sanft. -</p> - -<p> -„Der, der in Elysium hineintritt und -mit allem fremd ist; der, dem da dürstet, und -den Pokal vor sich sieht, welcher nicht für -ihn gefüllt ist.“ -</p> - -<p> -„„Seid ihr der Fremdling in Elysium -etwa, oder der Dürstige neben dem Pokal, der -nicht für ihn gefüllt ist? Es scheint, als wolltet -ihr, daß ich eure Worte so verstände.““ -</p> - -<p> -„Ihr habt es verstanden, schöne Rosamunde. -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Und, sagt, bin ich nicht recht sehr unglüklich?“ -</p> - -<p> -„„Wo ist denn das Elysium, in welchem -ihr fremd wäret?““ -</p> - -<p> -„Um Rosamunden ist Elysium.“ -</p> - -<p> -Rosamunde schlug die Augen nieder. -</p> - -<p> -„Seid ihr böse? hat euch diese Offenherzigkeit -gekränkt?“ fuhr Flodoard schnell fort, -und zog schüchtern ihre schöne Hand an sich. — -</p> - -<p> -„„Herr Graf, Florenz ist eure Vaterstadt? -in Venedig haßt man Galanterien dieser -Art. Wenigstens haß <em>ich</em> sie, und von -euch wünsch ich sie am wenigsten zu hören.““ -Sagte Rosamunde. -</p> - -<p> -„Nein, Fräulein, so wahr ich lebe, hier -lauschte hinter den Worten keine Schmeichelei.“ -</p> - -<p> -„„Dort tritt der Doge in den Saal -— Canari und Sylvio neben ihm, er wird -uns im Tanze vermuthen. Kommt zu den -Tänzern!““ -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard</span> folgte ihr schweigend. Der -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Tanz begann. — Himmel, wie schön war Rosamunde, -wenn sie um Flodoarden nach den süssen -Akzenten der Musik hinschwebte — wie schön -war Flodoard, wenn er durch die unabsehbare -Reihe der Tanzenden hinflog, und sein Auge -Rosamunden suchte! Er war entlarvt noch und -baarhäuptig, aber jedes Auge glitschte ab von -den Federhüten und Helmen, und hin zu dem -wilden hochfliegenden schwarzen Haargekräusel des -schönen Flodoard. — Im Saal erhob sich ein -Geflüster; die Tänzerinnen vergaßen ihre Touren, -und die Herzen ihren gewöhnlichen Takt. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-2"> -<span class="line1">Zweites Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Flodoard.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>inige Abende nachher sas <em>Parozzi</em> mit dem -<em>Memmo</em> und <em>Falieri</em> auf seinem Zimmer, trübe -leuchteten die Kerzen, trübe und stürmisch -wars draußen am Himmel und düster wars in -der Seele dieser Wüstlinge. -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Parozzi.</span> (<span class="d">nach einer langen Stille</span>) Seid ihr eingeschlafen? -He, Falieri, Memmo, trinkt doch. -</p> - -<p> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -<span class="c">Memmo.</span> (<span class="d">verdrüslich</span>) Ach! -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Dein Wein schmekt mir heut wie Galle. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Die verdammten Schurken! -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Du meinst die Banditen? -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Keiner läßt sich wittern. Es ist bis -zum sterben ärgerlich. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Und die Zeit verstreicht, unsre Pläne -werden verrathen, und wir sizzen dann in den -venetianischen Staatskerkern dem Pöbel zum -Hohngelächter. -</p> - -<p class="d"> -(<span class="d">abermahlige Stille</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> (<span class="d">seufzend</span>) Flodoard! Flodoard! -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Der Kardinal Grimaldi erwartet mich -noch diesen Abend. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Nun ich denke Contarino kann nicht -mehr lange ausbleiben. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Er schwelgt gewis in diesen Augenblikken -bei Almerien und vergißt Gott, uns, die -Republik und Banditen. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Also ihr kennt den Flodoard nicht? -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Ich kenne ihn nur von Rosamundens -Geburtsfest. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Parozzi ist eifersüchtig. -</p> - -<p> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -<span class="c">Parozzi.</span> O wahrhaftig nicht. Mag Rosamunde -ihre Hand dem deutschen Kaiser oder dem ärmsten -Gondelier in Venedig schenken, es wird -mir gleichgültig sein. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Ha, ha, ha, ha! -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Aber gestehn muß es der Neid, daß -Flodoard der schönste Mann unterm Monde -ist. — Bei Gott, wär ich ein Weib, ich müßte -ihn lieben. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Nun ja, wenn die Weiber Närrinnen -deines Kalibers wären, und auf die Schale mehr, -als auf den Kern achteten — — -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Wie denn die Weiber einmal sind. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Der alte Canari scheint mit dem Flodoard -schon seit alten Zeiten bekannt gewesen zu -sein. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Freilich, der Graukopf hat ihn ja dem -Dogen vorgeführt. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> (<span class="d">knirschend</span>) Brüder, es nimmt ein trauriges -Ende. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> (<span class="d">seufzend</span>) Dem Himmel seys geklagt. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Still! — es wird unten gepocht. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Contarino ist’s. Nun werden wir bald -hören, ob er die Banditen gefunden. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> (<span class="d">aufspringend</span>) Es ist sein Gang. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Die Thür sprang auf. Contarino in einen Mantel -verhüllt, trat herein. „Guten Abend!“ sagte -er und warf den Mantel ab — und Parozzi, -Memmo und Falieri bebten erschrokken zurük, und -riefen: Du blutest! was hast du gemacht. -</p> - -<p> -„Kleinigkeiten“ rief Contarino: „He, ist -Wein da? gießt mir den ersten besten Becher voll, -mich dürstet!“ -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Memmo.</span> Aber Herzensbrüderchen, du bist sehr erhizt. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> (<span class="d">trinkt den Becher leer</span>) Gift! Gift! -schenkt ein. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> (<span class="d">gießt den Becher voll</span>) Du blutest! -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Das weis ich; meine Schuld ists nicht. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Laß dich verbinden und dann erzähle! -was ist vorgefallen? -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> (<span class="d">trinkt</span>) tausend Spas! he, füllt den -Pokal! -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Nun, da stehn mir die Sinne still, -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Nicht so? Siehst du, Memmo, dafür bin -ich auch Contarino, und nicht Memmo. — Die -Wunde blutet zwar, aber gewiß sie ist nicht gefährlich. -(<span class="d">reißt das Wamms auf und entblößt die -Brust</span>) da, seht her, was ists mehr, als ein Hieb -von zwei Zoll Länge durchs Fleisch. -</p> - -<p> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -<span class="c">Memmo.</span> (<span class="d">schaudernd</span>) Brr, ein gräslicher Anblik. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> (<span class="d">hohlt Pflaster herbei und verbindet die -Wunde, nachdem er sie ausgewaschen.</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Vater Horaz hat recht! der Philosoph -ist alles was er sein will, Schuster und König -und Wundarzt. Da sehe mir einer den Philosoph -Parozzi, mit welcher Grandezza er mich zu -bepflastern weis. — Magst Dank haben. -Nun, Leutchen, sezt euch um mich her in einen -Kreis, ich hab euch wunderliche Geschichten zu -erzählen. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Erzähle. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Ich gieng um die Abenddämmerung -aus, die Banditen aufzusuchen. Ich kannte die -Kerls von Person nicht, und sie mich eben so -wenig. Ein abentheuerliches Unternehmen, werdet -ihr sagen: Allein, ich thats, um euch zu überführen, -man könne alles, wenn man nur können -<em>will</em>. Ich hatte schon Notizen genug, und -siehe da, in meiner Verkleidung lies ich mich mit -einem Gondelier ins Gespräch ein. Ich merkte -fast, daß er von dem Aufenthalt der Bravo’s etwas -wisse, ich rükte mit Geld und guten Worten -näher, er desgleichen, zulezt erfuhr ich, daß er -selber eines des saubern Gelichters sei. Ich schloß -mit ihm einen Kontrakt, er fuhr mich auf seiner -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Gondel durch ganz Venedig, bald links, bald -rechts, zulezt wußt ich in der Dunkelheit selber -nicht mehr, in welchem Viertel der Stadt ich mich -befände. Er verband mir endlich sogar die Augen -und ich mußte mirs gefallen lassen. — Nach einer -Viertelstunde, hielt er die Gondel an, befahl -mir auszusteigen, führte mich durch ein paar -Straßen in ein Haus, und da in eine enge kleine -Stube. Hier riß er mir die Binde von den Augen, -ich sah mich in der Mitte von drei fremden -Kerln und einer Weibsperson. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Ein Wetterkerl der Contarino. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Hier war keine Zeit zu verlieren: sondern -ich warf mein Geld auf den Tisch, versprach -ihnen goldne Berge und machte sie mit gewissen -Tagen, Stunden und Zeichen bekannt, durch -welche wir uns irgendwo zusammenfinden wollten. -Gab ihnen zugleich den Befehl, den Canari, Sylvio -und Dandoli aus dem Wege zu räumen. -</p> - -<p> -<span class="c">Alle.</span> Bravo! -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Kurz, es gieng alles glüklich von Statten; -aber plözlich wurden wir durch einen unerwarteten -Besuch gestört. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Nun? -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> (<span class="d">ängstlich</span>) Um Gotteswillen — — -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Man klopfte. Die Weibsperson sprang -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -hinaus, öffnete die Thür und kam todtenblaß wieder -zurükgestürzt in unser Zimmer und rief: flieht! -flieht! -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Nun? -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Bewafnet und bewehrt traten Polizeioffiziere -und Sbirren herein, und an ihrer Spizze -der Fremdling von Florenz mit dem Degen in -der Faust. -</p> - -<p> -<span class="c">Alle.</span> Flodoard? Flodoard? -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Flodoard! -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Welcher Teufel führt den dahin? -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Hagel und Wetter, warum war ich nicht -bei dir! -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Da siehst du nun, Parozzi, da siehst -du’s, daß Flodoard kein feiges Weiberherz hat? -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Still, laß ihn erzählen! -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Wir standen, wie angedonnert, da, -und keiner rührte sich. Im Namen der Republik -und des Dogen, ergebt euch! schrie Flodoard! -Der Satan ergiebt sich dir eher, als wir! rief -ihm mein Gondelier zu und grif nach einem Degen; -die andern rissen die Flinten von der Wand -und ich zog die Klinge und schlug die Lampen um, -damit keiner den andern sähe. Aber der Mond -schimmerte trüb durch die Fensterscheiben. — -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -Ich dachte, hier wirds heißen: mit gefangen -mit gehangen! und gieng dem Flodoard mit der -Klinge zu Leibe. Aber meine Schläge glitten jedesmal -von seinem Säbel ab, der wie ein Bliz -um ihn herumflirrte. Ich schlug wie ein Rasender -um mich her, aber hier ward meine Kunst zu -Schanden, und eh ichs mir versah schlizte er mir -die Brust auf. Ich fühlte die Wunde, sprang -zurük, es fielen ein paar Schüsse, im Pulverbliz -erkannte ich eine unbesezte Nebenthür, ich entwischte -glüklich in die eine Kammer, schlug mit einem -Faustschlag ein Fenster durch, sprang hinunter, -lief einen Hofraum durch, überkletterte ein -Paar Zäune, kam an den Kanal, ein Gondelier -fuhr mich zum Marcusplaz und nun rannt -ich zu Fus hieher. Da habt ihr das vermaledeite -Abentheuer! -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> (<span class="d">aufspringend</span>) Ich werde rasend. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Alles, alles geht mit uns den fürchterlichen -Krebsgang! -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Der Himmel warnt uns! -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Kleinigkeiten! So muß es sein. Je -mehr Hindernisse, je größer mein Muth! -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Haben dich die Banditen erkannt? -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Nein, sie wissen nicht wer ich bin, noch -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -wer sie zum Morde des herzoglichen Kleeblatts -besolden wollte. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Ich danke Gott, daß du so glüklich davon -gekommen bist. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Aber wie hat Flodoard den Aufenthalt der -Banditen erfahren, da er doch in Venedig fremd -ist? -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> Wahrscheinlich durchs Ohngefähr, -wie ich. — Aber meine Brustwunde soll er noch -bezahlen! -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Flodoard macht sich zu schnell merkwürdig. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> (<span class="d">hebt den Becher auf</span>) Sein Tod! -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> (<span class="d">trinkt</span>) Gift für ihn! -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Ich muß mit ihm bekannter werden. -</p> - -<p> -<span class="c">Contarino.</span> He, Memmo, schaff Geld! wann -fährt dein Alter dahin? -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Morgen Abend! — -</p> - -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-3"> -<span class="line1">Drittes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Neuer Lärmen.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er schöne Fremdling von Florenz war seit -dem Geburtsfest der Rosamunde von Korfu das -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -tägliche Gespräch und der ewige Gedanke aller Venetianerinnen -geworden, die irgend nur entlegne -Ansprüche auf Schönheit und Eroberungen machen -konnten. Manches Mädchen schlief jezt unruhiger, -und träumte jezt schwerer, manche vermählte -Donna stellte jezt Vergleichungen an und -seufzte; manche eingezogne Spröde besuchte jezt -die vorzüglichsten Spaziergänge und Gärten Venedigs, -wo Flodoard sich etwa sehn lassen dürfte. -</p> - -<p> -Allein seit der Zeit, daß eben dieser Flodoard -an der Spizze der Sbirren die Banditen in -ihrem Neste überfallen und mit Lebensgefahr gefangen -genommen hatte, wurde er nun auch der -Aufmerksamkeit der Männer würdiger. Man bewunderte -nicht sowohl seine Entschlossenheit, seine -Kühnheit, als vielmehr die Schlauheit, durch welche -er die Wohnung der Bravo’s erspäht und die -scharfsichtige weltberühmte Polizei der Venetianer -beschämt hatte. -</p> - -<p> -Der Doge <em>Andreas Gritti</em> zog ihn -nun öfterer zu sich in Gesellschaft, und fieng an, diesem -wunderbaren jungen Mann mit vorzüglicher -Hochachtung zu begegnen. Er machte ihm ein königliches -Geschenk für seine That, wodurch er der -Republik so nüzlich geworden war, und erhob ihn zu -einer ansehnlichen Civilcharge. -</p> - -<p> -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Allein bescheiden lehnte der liebenswürdige -Florentiner diese Ehrenbezeugungen von sich ab. -Er bat den Dogen ihm noch ein Jahr wenigstens zu -erlauben, frei und unabhängig in Venedig leben zu -dürfen; dann wolle er selber um ein Amt anhalten. -— -</p> - -<p> -<em>Flodoard</em> wohnte in dem prächtigen Pallast -des alten Canari, aber lebte hier sehr eingezogen, -studierte in den Schriften der Alten und Neuern, -verschloß sich Tagelang in seinen Zimmern, und erschien -selten nur auf den gewöhnlichen Promenaden. -</p> - -<p> -Aber <em>Canari</em>, der <em>Doge</em>, wie auch <em>Sylvio</em> -und <em>Dandoli</em>, Männer, die Venedigs Ruhm -für Jahrhunderte gegründet hatten und glänzend -erhielten, Männer, in deren Gesellschaft man sich -aus dem Zirkel der Alltagsmenschen gerissen fand -und im Umgang mit höhern Wesen zu leben -glaubte, Männer, die den ausserordentlichen Jüngling -Flodoard jezt in ihre Mitte aufnahmen, um -ihn zum großen Mann auszubilden; <em>Canari</em>, -<em>Gritti</em>, <em>Sylvio</em> und <em>Dandoli</em> sag ich -bemerkten leicht, daß Flodoards Heiterkeit ein verstelltes -Wesen sei, daß ein geheimer Gram an seinem -Herzen nage. -</p> - -<p> -Vergebens durchforschte ihn Canari, der -ihn, wie seinen eignen Sohn liebte, vergebens heiterte -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -ihn der ehrwürdige Doge auf — Flodoard -blieb, wie er war, schwermüthig. -</p> - -<p> -Und <em>Rosamunde</em>? Rosamunde hätte kein -Mädchen sein müssen, wenn sie heiter geblieben -wäre: düster und melancholisch schlich sie umher, -sie ward blas und immer blässer, der Doge, der -sie zärtlich liebte, wurde besorgt für ihre Gesundheit, -— Rosamunde wurde zulezt wirklich krank -und schwach, die venetianischen Aerzte verschwendeten -hier umsonst ihre Kunst, Rosamunde mußte -das Bett hüten und fieberte. -</p> - -<p> -In dieser Unruhe, worin sich der Doge und seine -Lieblinge befanden, erfuhren sie eines Morgens -etwas, welches ihre Sorgen allerdings aufs höchste -treiben mußte. Denn eine solche Verwegenheit -war bisher in Venedig unerhört gewesen, als diejenige -war, welche jezt begangen ward. -</p> - -<p> -Die durch den Flodoard gefangenen Banditen, -<em>Petrini</em>, <em>Struzza</em>, <em>Thomas</em> und <em>Baluzzo</em> -lebten längst in gefänglichem Verhaft, -mußten ein tägliches Verhör dulden und sahn mit -jedem Tage ihrer Todesstunde entgegen — -jezt glaubten Gritti und seine Vertrauten, es -sei nichts mehr für die öffentliche Ruhe zu -fürchten und Venedig gesäubert von all dem Gesindel, -welches sich zu Werkzeugen des Lasters gebrauchen -läßt — als mit einemmahle an den -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -vorzüglichsten Statüen, Straßenekken und öffentlichen -Gebäuden folgende Addresse angeschlagen -gefunden wurde. -</p> - -<div class="letter"> -<p class="adr"> -Venetianer! -</p> - -<p class="noindent"> -Struzza, Thomas, Matteo, Petrini, und -Baluzzo, die bravsten Männer von der Welt, -die, wenn sie an der Spizze einer Armee gestanden -hätten, Helden heißen würden und izt -als Banditen der Staatsetikette zum Opfer gebracht -worden sind, existiren für euch zwar nicht -mehr, aber mit Leib und Seele noch einer, -dessen Name diesem Blatte unterschrieben steht. -Lächerlich ist mir Venedigs Polizei, lächerlich -der Stolz des schlauen Flodoard, der meine -Brüder zur Schlachtbank hinschleppte. Ich lebe -noch! Wer meiner bedarf, der suche mich, -er wird mich allenthalben finden, wer mir verrätherisch -nachspürt, wird mich nirgends sehn! -— Venetianer, ihr versteht mich! Wehe dem, -der mich verfolgt; sein Leben und sein Tod -ruhn in meiner Hand. — Ich bin der venetianische -Bandit -</p> - -<p class="sign"> -<em>Abaellino</em>. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -„Hundert Zechinen!“ rief der brave Doge -von Venedig: „hundert Zechinen dem, der mir -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -das Ungeheuer entdekt, und tausend dem, der -mir es liefert!“ — -</p> - -<p> -Allein umsonst flogen die Spione der Polizei -umher; sie trafen keinen <em>Abaellino</em>. Umsonst -paßten jezt alle Müßiggänger, Pflastertreter, -Lungrer und Banqueroteurs auf, um tausend -Zechinen zu gewinnen, Abaellino machte ihren -Wiz zu Schanden. -</p> - -<p> -Aber allenthalben wollte man izt den Abaellino -gesehn haben, der eine in der Gestalt eines -Greises, der andre in der eines Knaben, der -dritte in einem Weiberrok, der vierte in der -Mönchskutte; es hatte ihn jeder gesehn und -keiner. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-4"> -<span class="line1">Viertes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Das Veilchen.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch erzählte den Lesern im Anfang des vorigen -Kapitels, daß <em>Flodoard</em> so traurig und Rosamunde -so düster geworden wären, aber das <em>warum?</em> -hab ich ihnen noch nicht entdekt. -</p> - -<p> -<em>Flodoard</em>, der sonst so heiter und die -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Seele der Gesellschaften gewesen war, fing seit -einem <em>gewissen Tage</em> an, ernster zu werden, -und von eben dem Tage an verlor auch die fröhliche -Rosamunde ihren Humor. -</p> - -<p> -An diesem Tage nämlich führte die Hand -des launenhaften Ohngefährs, oder die Göttin Liebe, -die nun zuweilen auch ihre Grillen hat, Rosamunden -in ihren Oheimes Garten, der nur den -Vertrauten des Dogen offen stand, und in welchem -er selber in stiller Einsamkeit oft am Abend -eines schwülen Tages ausruhte. -</p> - -<p> -<em>Rosamunde</em> gieng hier die breiten, sandigen -Wege auf und nieder, tief in Betrachtungen -verloren. Sie rupfte die unschuldigen Blätter -von den Hekken ab, und streute sie gedankenlos -vor sich hin; blieb zuweilen plözlich stehn, gieng -dann wieder einige Schritte vor, blieb wieder stehn, -sah bald den blauen Himmel, bald die Erde an: -zuweilen schwoll ihr schöner Busen stürmisch empor, -zuweilen flog ein halbunterdrükter Seufzer -über ihre kleinen Lippen. — -</p> - -<p> -„Aber er ist doch schön!“ sprach sie leise, -und starrte schmachtend vor sich hin, als sähe -ihr Auge ein Etwas, das gewöhnlichen Blikken -verschleiert ist. -</p> - -<p> -„Doch <em>Iduella</em> hat auch Recht!“ -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -fuhr sie dann wieder fort, und sah böse aus, -als wenn Iduella Unrecht gehabt hätte. -</p> - -<p> -Diese <em>Iduella</em> war ihre Gouvernantin -Freundin und Vertraute, eine der würdigsten -Damen ihres Geschlechts. Rosamunde hatte -nämlich ihre Eltern früh verloren. Die Mutter -starb, da Rosamunde kaum den Mutternamen -lallen konnte, und ihr Vater <em>Guiscardo</em> von -<em>Korfu</em>, Kommandeur eines venetianischen Schiffes, -war vor acht Jahren mit seinem Schiffe in -einem Seetreffen wider die Türken untergegangen, -da er noch ein Mann in den besten Jahren war. -<em>Iduella</em> wurde nun die Erzieherin und Mutter -Rosamundens, und nun Freundin und Vertraute -ihrer kleinen Geheimnisse. -</p> - -<p> -Indem nun Rosamunde noch mit sich selber -plauderte, trat die ehrwürdige <em>Iduella</em> aus -einem Seitengang hervor. -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">bestürzt</span>) Bist du auch hier? -</p> - -<p> -<span class="c">Iduella.</span> (<span class="d">sanftlächelnd</span>) Nun ja, du nennst mich -ja gewöhnlich deinen Schuzgeist, und Schuzgeister -müssen nie von ihren Lieblingen fern sein. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Höre, Iduella, ich habe deine Reden -überdacht, und gefunden, daß sie zwar -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -richtig und sehr weise gesprochen sind, allein -— — -</p> - -<p> -<span class="c">Iduella.</span> Was deine Vernunft bejaht, verneint -dein Herz? -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Gewis. -</p> - -<p> -<span class="c">Iduella.</span> Ich tadle dich auch gar nicht, liebes -Kind, sondern ich habe dir ja selber gestanden, -daß, wär ich in deinem Alter, und ein Flodoard -erschiene, und bettelte oder bettelte nicht -um meine Gunst, ich ihm gewis nicht böse sein -würde. — Flodoard bleibt unstreitig ein angenehmer, -und, für jedes Mädchen von Geschmak, -sehr gefährlicher junger Mann. Er hat -viel Einnehmendes in seiner Gestalt, viel Reiz -in seinem Umgang, viel schöne Züge in seinem -Karakter — — aber er ist ein armer Edelmann, -dem der Doge von Venedig unmöglich -seine Nichte zur Gemahlin geben kann und -wird. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">lächelnd</span>) Ei, wer spricht denn von -Gemahlin werden? ich will ihm ja nur — — -nur gut sein. -</p> - -<p> -<span class="c">Iduella.</span> So? also, würdest du zufrieden sein, -wenn Flodoard sich mit einer andern Venetianerin -— — — -</p> - -<p> -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">schnell</span>) O das thut er gewiß nicht. -</p> - -<p> -<span class="c">Iduella.</span> (<span class="d">lächelnd</span>) Liebes Kind, du willst dich -so gern selbst betrügen. Aber thu es nicht. -Ein Mädchen, welches liebt, verknüpft mit den -Gedanken an ihre Liebe zugleich den Wunsch -einer ewigen Verbindung. Und den Wunsch -darfst du hier gar nicht hegen, ohne deinen -Oheim zu beleidigen, der, er mag der beste -Mann von der Welt sein, doch dem eisernen -Gesez der Politik und Etikette gehorchen -muß. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Ja, ja, ich weis das sehr gut. -Sieh nur, ich will ihn auch nicht lieben, -sondern, ich will nur seine <em>Freundin</em> sein. -Und er verdiente gewiß, daß ich ihm gut -bin; ach, glaube nur Flodoard verdient noch -weit mehr. -</p> - -<p> -<span class="c">Iduella.</span> Und Freundschaft und Liebe, — o, -Rosamunde, du kennst diese Gäste nicht. -Freundschaft und Liebe vertauschen oft ihre -Masken unter einander. Die Liebe hängt oft -den Mantel der Freundschaft um, wenn man -sie in ihrer eigenthümlichen Gestalt nicht dulden -will. — Mit einem Worte, liebes Kind, -denk an deinen Oheim, denke daran wieviel -du ihm schuldig bist, und opfre ihm eine Grille -deines Herzens auf. -</p> - -<p> -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -<span class="c">Rosamunde.</span> Ja, ich glaube beinah selber, daß -nur eine vorübergehende Laune bei mir ist. Ich -will den Flodoard nicht mehr lieben. Du kannst dich -darauf verlassen. — Ich bin ihm jezt gar nicht -mehr gut, wenn ich daran denke, daß er mich -von meinem lieben Oheim abwendig machen will. -</p> - -<p> -<span class="c">Iduella.</span> (<span class="d">lächelnd</span>) Solltest du so viele Gewalt -über deine rebellischen Empfindungen haben? -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde. Gewiß.</span> Es wird sich zeigen. Ich -bin ihm gar nicht mehr gut, dem Verführer. -</p> - -<p> -<span class="c">Iduella.</span> (<span class="d">mit einem scharfen Blik auf sie</span>) <em>Gar -nicht mehr gut?</em> -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">seitwärts blikkend</span>) I nun ja, wohl -noch <em>etwas</em>; denn hassen kann ich doch den armen -Flodoard nicht; das hat er nicht verschuldet. -</p> - -<p> -<span class="c">Iduella.</span> Nun, wir sprechen uns wieder. Vergiß -deinen schnellen Vorsatz nicht so rasch, als er dir -auflog. Ich will einen Besuch ablegen; die Gondel -erwartet mich. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -<span class="c">Iduella</span> verlor sich in den Gängen des Gartens -und Rosamunde schlich langsam umher und -träumte und dachte, wünschte und verdammte, -sehnte sich wonach und wollte sich nicht das Ziel ihrer -Sehnsucht gestehn. -</p> - -<p> -Es war ein heißer Sommernachmittag, und -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Rosamunde sah sich um nach einem schattigten Pläzchen. -Sie suchte die Fontaine auf, neben welcher -eine kleine Rasenbank angelegt war, worüber die -zauberischen Hände der Kunst und Natur ein Nez von -Jasmin und Epheu gewebt hatten. Dieß Pläzchen -suchte sie auf; sie kam zur Fontaine, drehte -sich um die Hekken und — ach! erröthend flog sie -zurük, denn <em>Flodoard</em> sas auf dem Rasenbänkchen -unter dem Jasmin- und Epheunez neben der -Fontaine und las in einem Bündel Schriften. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde</span> wußte nicht ob sie fliehn, oder -stehn bleiben müsse. — <em>Flodoard</em> sprang auf, -so bestürzt er auch war, und rettete sie aus der Verlegenheit, -indem er ihr die Hand küßte. -</p> - -<p> -Jezt, wenn sie nicht wider allen guten Ton -sündigen wollte, <em>mußte</em> sie stehn bleiben. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard</span> behielt ihre Hand in der seinen — -was konnte sie davor, daß er auf den sehr natürlichen -Einfall kam? die Hand zurükzuziehn? — je -nun, er that ja der Hand nichts zu leide, und schien -in ihrem Besiz so glüklich zu sein — und wie konnte -Rosamunde die namenlose Grausamkeit begehn, -und jemanden ein Glük rauben, das ihrem Glükke -nicht widersprach? -</p> - -<p> -„Fräulein, sagte Flodoard, um doch etwas -zu sagen; der schöne Nachmittag ists werth, daß -man ihn im Freien verlebt!“ -</p> - -<p> -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -„„Aber ich störe Euch im Studieren, Herr -Graf.““ -</p> - -<p> -„Wird man gestört in seiner Pflicht, wenn sich -uns eine angenehmre aufdringet?“ -</p> - -<p> -Nun war das Gespräch zu Ende. Sie sahn -sich beide an, schlugen beide die Augen nieder, sahn -beide umher nach Luft, Beeten, Himmel, Bäumen -und Blumen, suchten Stoff für ein Gespräch -und je ämsiger sie suchten, je weniger fanden sie, -und in der peinlichsten Verlegenheit verflogen zwei -kostbare Minuten. -</p> - -<p> -„Ach ein niedliches Veilchen!“ rief plözlich -Rosamunde, um doch etwas vorzunehmen, und -sprang hin, bükte sich und pflükte das Blümchen, -welches sie gewiß zu jeher andern Zeit nicht gepflükt -haben würde. -</p> - -<p> -„„Eine schöne Blume!““ sagte <em>Flodoard</em> -und ärgerte sich über diese leeren Worte. -</p> - -<p> -„Eine herrliche Farbe!“ fuhr <em>Rosamunde</em> -fort: „<em>Violet</em>, roth und blau so schön -unter einander gemischt, wie kein Maler die -Farben mischen kann.“ -</p> - -<p> -„„Und ein bedeutungsvolles Blümchen! sezte -er hinzu: <em>Roth</em> die Farbe der Freude, <em>Blau</em> -die Farbe der Freundschaft und — — ach, -wie glüklich wäre der Mann, Rosamunde, dem -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -ihr die Blume gäbet! — Freundschaft und Seeligkeit -hängen unauflöslich aneinander, Freundschaft -und Seeligkeit sind inniger vermischt, als -dieß Roth und Blau des bedeutungsvollen Veilchens!““ -</p> - -<p> -„Was ihr nicht über eine simple Blume -schönes zu sagen wißt!“ -</p> - -<p> -„„Aber, wem wird einstens Rosamunde <em>das</em> -geben, was diese Blume bezeichnet? — doch, -eine alberne Frage — ich weis auch gar nicht, -wie ich heut beschaffen bin — verzeiht mir den -lächerlichen Vorwiz, Fräulein!““ -</p> - -<p> -Er war still. Rosamunde war still; Stille -herrschte am Himmel und auf Erden, aber nicht im -Herzen der Liebenden. -</p> - -<p> -Aber wenn sie auch ihrer Zunge gebieten konnten, -daß sie nicht Verräther der geheimen Leidenschaft -wurde, wenn gleich die Lippen Rosamundens nicht -gestanden: du bist es, Flodoard, dem dies Veilchen -von mir gegeben werden soll; wenn gleich Flodoards -Mund nicht fragte: Rosamunde, gieb mir die Blume -und das was sie bedeutet! o so schwiegen doch ihre -Augen nicht. Diese treulosen Dollmetscher heimlicher -Gefühle bekannten hier mehr, als das Herz sich selber -eingestand. — -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard</span> und <span class="c">Rosamunde</span> standen in süsse -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Quaalen versunken vor einander da; ihre Blikke ruhten -auf einander und wurden die Herolde der wachsenden -Empfindung. Mit einem namenlosen schwärmerischen -Lächeln starrte die unschuldige Rosamunde -den auserkornen Liebling an; und schüchtern zweifelnd -studierte der schöne Jüngling dieß Lächeln Rosamundens. -Und er verstand es; und das Herz pochte -lauter, und rascher flog sein Odem. -</p> - -<p> -Rosamunde bebte; ihr Busen erhob sich ungestümmer; -sie wurd es gewahr und ein liebliches -Roth der Schaamhaftigkeit strömte über ihr Angesicht -hinab. -</p> - -<p> -Ach, eine Ewigkeit so dazustehn, sich spiegeln -zu können im liebenden Auge des Geliebten, hören -zu können die leisen Seufzer der Sehnsucht, berechnen -zu können am Aufwallen und Sinken des Busens, -die Ebbe und Flut der Empfindungen — dieß -ist der erste Himmel, zu welchem die Liebe führt. -</p> - -<p> -„Rosamunde!“ seufzte Flodoard unwillkührlich, -und unwillkührlich lispelte sie: „Flodoard!“ -</p> - -<p> -„Gieb mir das Veilchen, o mir!“ stammelte -er, und zitterte nicht vor seiner kühnen Foderung. -</p> - -<p> -Rosamunde hielt die Blume fest. -</p> - -<p> -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -„Fodre, fodre dafür eine Königskrone, ich -will sie dir stehlen. Rosamunde, mir die Blume!“ -</p> - -<p> -<a id="corr-34"></a>Sie sah den Bittenden an und schwieg. -</p> - -<p> -„Mein Glük, meine Ruhe, mein Leben hängt -an dieser Blume. So wahr ein Gott lebt, ich -thue dann Verzicht auf alles, was die Erde Schönes -trägt!“ -</p> - -<p> -Die Blume schwankte in ihrer schönen Hand. -</p> - -<p> -„Du erhörst mich, Rosamunde? Ich bettle -nicht umsonst?“ -</p> - -<p> -Bei dem Wort <em>betteln</em> fiel ihr Iduella ein. -Wo bleibt dein Versprechen, dein Vorsaz? sagte sie -zu sich selber: flieh, flieh! du wirst dir und Iduellen -und deinem Oheim treulos. -</p> - -<p> -Und sie zerriß die Blume. -</p> - -<p> -„Ich verstehe euch, Flodoard, sagte sie: -aber gebt eure Pläne auf — und so wie jezt laßt -uns nimmer in diesem Leben wieder beisammen -stehn.“ -</p> - -<p> -Sie sprachs, drehte sich um und lies den armen -Flodoard angedonnert stehn. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-5"> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -<span class="line1">Fünftes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Abaellino.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">K</span>aum war sie auf ihrem Zimmer, o so beweinte -sie auch schon ihre Heldenthat. — Es that ihr -wehe, ihn so beleidigt zu haben. Sie dachte sich den -armen Jüngling, wie er nun nach ihrer Flucht dagestanden -habe, niedergeschlagen, hoffnungslos mit -nassen Augen. Sie sah ihn im Geiste sich härmen, -und trostlos jammern; sah ihn, wie er nun freudenlos -umherschlich, die Mörderin seiner Seelenruhe -verdammte, dem Grabe entgegen hoffte und -sich demselben mit jeder Thräne, die er ihrentwillen -verweinte, näherte; sie hörte schon im Geiste die -Nachricht: Flodoard ist gestorben! sah nun schon -das Volk um seine Gruft versammelt weinen, um -ihn, den das halbe Venedig anbetete, und die ganze -Stadt und seine Feinde selbst bewunderten. -</p> - -<p> -„Nein, nein!“ rief sie: „das war eine -erbärmliche Heldenthat! nein, Flodoard, ich habe -es nicht so gemeint, als ich sprach, ich liebe dich -doch, ich will dich lieben, und wenn auch Iduella -zürnt, und mein Oheim mich hasset!“ -</p> - -<p> -Einige Tage nachher erfuhr sie, daß Flodoard -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -allen seinen Bekannten sehr verwandelt -erscheine, daß er melancholisch umherirre und sich -in den Zirkeln der Freude nur selten hineinmische. -</p> - -<p> -Dies war ihrem weichen Herzen eine schrekliche -Post. — Sie floh in die Einsamkeit ihres -Gemachs, weinte sich satt, und büßte mit tausend -Thränen der Reue ihr Verbrechen. -</p> - -<p> -Niemand kannte ihrer Schwermuth Quelle -niemand ihrer Krankheit Ursprung. Darf es uns -noch wundern, wenn Rosamunde zulezt die ängstlichen -Sorgen den alten Oheims wekte, und jeder -um ihr Leben zitterte. Darf es uns noch -wundern, wenn Flodoard sich mit seinem Seelengram -den Augen der Welt entzog und vergebens -den harten Kampf mit einer Leidenschaft -begann, welche schon jede andre Empfindung in -ihre Wirbel verschlungen hatte? -</p> - -<p> -Doch wir verlassen Rosamundens Krankenbett -auf einige Augenblikke und besuchen zur Abwechslung -die Wohnung der Rebellen, die in ihren -Planen immer weiter rükten, immer zahlreicher, -immer mächtiger und für den alten Andreas -Gritti und sein Venedig fürchterlicher wurden. -</p> - -<p> -<em>Parozzi</em>, <em>Memmo</em>, <em>Contarino</em>, -<em>Falieri</em> die Häupter der werdenden Verschwörung -versammelten sich jezt öfter im Pallast des -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Kardinal <em>Grimaldi</em>, wo sie ihre Entwürfe zur -Staatsveränderung Venedigs gemeinsam spannen. -— Jeder handelte hier angetrieben von seinem -Privatintresse; der eine um seiner ungeheuer -angelaufnen Schulden mit einemmale quitt zu -werden, der andre um seinem Ehrgeiz ein Opfer zu -bringen, der dritte um Rache zu üben für gewisse -längst vergährte Kränkungen, der vierte um -seine Rechte ausgebreiteter zu machen u. s. f. -</p> - -<p> -Diese schreklichen Menschen, welche nichts -geringers als entweder Venedigs Umsturz, oder -Erfüllung ihrer überspannten Foderungen verlangten, -hatten um so mehr zur Ausführung ihrer -Schwindeleien Muth, da der größte Theil des -venetianischen Pöbels, der über die neuen Auflagen -und Steuern klagte, sich an sie schlos. -</p> - -<p> -Reich genug an Menschen, reich genug an -Geldern, um die fürchterlichen Projekte zu realisiren, -reich genug an kühnen, verwegnen, schlauen -Männern, die fähig genug waren Revoluzionen -anzuzetteln und durchzuführen, sahn sie schon stolz -herab auf den guten Doge Andreas Gritti, der -von diesem höllischen Komplot nichts beahndete. -</p> - -<p> -Allein ein fürchterlicher Schall wars ihren -Ohren, als man die arme Sünderglokke läutete -und die gefangnen Banditen zum Richtplaz führte, -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -auf welche sie einen großen Theil ihrer Hofnungen -gesezt hatten. Desto froher aber machte sie -der Stolz des verwegnen Banditen <em>Abaellino</em>, -der öffentlich aufzuschlagen sich erkühnte, er lebe -noch in Venedig, und man solle nicht verzagen. -</p> - -<p> -Der Tollkopf ist ein Mann für uns, riefen -alle entzükt, und jezt lag alles daran den verwegnen -Menschen in ihre Verschwörung zu verzetteln. -</p> - -<p> -Es gelang ihnen wirklich. Abaellino fand -sich zuweilen bei ihnen ein, aber er war in seinen -Foderungen eben so vermessen, als in seinen Versprechungen. -</p> - -<p> -Alle verlangten zuerst den Tod des Prokurator -Sylvio, ein Mann, der zu den wärmsten -Freunden des Dogen gehörte, ein Mann, vor dessen -Falkenblik sich ihr lichtscheues Gewissen fürchtete, -und der den Kardinal Grimaldi bei dem Dogen -verdrängt hatte. -</p> - -<p> -Aber <em>Abaellino</em> verlangte für das Leben -dieses einzigen ungeheure Goldsummen. -</p> - -<p> -„Ich versprech’ es euch, sagte er, als ein -ehrlicher Kerl, daß wenn ihr mir mein Geld gebt, -der Prokurator Sylvio in der andern Stunde -die Augen auf immer schließt. Er hänge am Himmel, -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -oder verkerkere sich in der Hölle, ich finde -ihn, und treffe ihn.“ -</p> - -<p> -Was sollte man thun. Handeln ließ sich -Abaellino nicht; der Kardinal wollte so gern seinem -Ziele näher rükken, über Sylvios Grab aber führte -sein Weg. -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> empfieng das Geld, und am -andern Morgen fehlte der verehrungswürdige Sylvio, -der Liebling den, braven Gritti, der Stolz -Venedigs in der Gesellschaft der Lebendigen. -</p> - -<p> -„Ein fürchterlicher Kerl, der Abaellino!“ -riefen die Verschwornen, und feierten triumphirend -an der Tafel des Kardinals das Todesfest des -Prokurators. -</p> - -<p> -Der Doge war bestürzt und lange ausser sich -vor Schrek. Er sezte eine große Prämie darauf, -wer denjenigen entdekken würde, der den Freund -des Dogen aus der Welt geschafft hätte. — — -</p> - -<p> -Es wurde dieser Wille des Dogen an allen -Straßenekken ausgerufen, in der ganzen Republik -bekannt gemacht, und einige Morgen nachher -fand man folgenden Zettel angeschlagen an -die Hauptpforte der venetianischen Signoria: -</p> - -<div class="letter"> -<p class="adr"> -Venetianer! -</p> - -<p class="noindent"> -Bemüht euch nicht den Preis zu verdienen, -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -der auf meine Entdekkung gesezt ist. Ich selber -bekenne hiemit: <em>Abaellino</em> war <em>Sylvios Mörder, -und wer ihn hascht, den -will er königlich belohnen.</em> -</p> - -<p class="sign"> -Abaellino. -</p> - -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-6"> -<span class="line1">Sechstes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Die Entdekkung.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>ch darfs gewiß meinen Lesern nicht erst erzälen, -daß Venedig ob dieser Frechheit ausser sich war. Nie -hatte noch ein Mensch so etwas gewagt, nie einer so -voll stolzen Uibermuthes der berühmten Polizei Venedigs -und der Gewalt des Dogen gespottet. Alles -gerieth in Bewegung, die Patrouillen wurden verdoppelt, -die Wachen verstärkt, die Sbirren umhergesandt, -und niemand sah und hörte und spürte etwas -von dem Abaellino. -</p> - -<p> -Die Pfaffen predigten von dem stolzen Verbrecher, -und riefen die schlummernde Rache Gottes -auf, solchen Greuel zu rügen. Die Damen zitterten -vor dem Namen Abaellino’s, denn wer konnte ihnen -dafür stehn, daß er sie nicht, wie ehmals Rosamunden, -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -zu seiner Braut einweihte. Die alten -Mütterchen behaupteten fest, Abaellino hab sich dem -Teufel verkauft und mit dessen Beistand spotte er der -gerechten Wuth aller frommen Venetianer. Kardinal -Grimaldi, Parozzi und seine Gesellen waren stolz -auf diesen furchtbaren Bundesgenossen, und pochten -jezt schon lauter und sahen eine Zukunft voller Triumphe. -Die verwaiste Familie des ermordeten Sylvio -rief Fluch herab auf den Mörder, und jede Thräne, -welche sie verweinte, wünschten sie in ein Schwefelmeer -verwandeln zu können, worinn sie den Abaellino -hinabstürzen könnten. Der Doge und seine Getreuen -betrauerten lange ihren verlornen Freund und -schwuren nicht eher zu rasten, bis sie den heillosen -Verbrecher ertappt, und schreklich bestraft haben würden. -</p> - -<p> -„Aber bei alle dem, sagte <em>Andreas Gritti</em>: -bei alle dem muß ich dennoch gestehn, der -Abaellino ist ein seltner Mensch, der, wenn er -vielleicht an der Spizze eines Heers stände, die -halbe Welt erobern würde. Ich möchte wenigstens -den Mann nur einmal sehen! -</p> - -<p> -Ich will deinen Wunsch erfüllen! sagte eines -Abends, da <em>Gritti</em> allein in dem Garten seiner -Familie auf und niederwandelte, ein unbekannter -Mensch zu ihm: Ich will deinen Wunsch erfüllen. -Sieh hier den <em>Abaellino</em>, den Freund des erschlagnen -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Sylvio und deinen und der Republik allgetreusten -Diener! —“ -</p> - -<p> -<em>Gritti</em> sah auf und bebte zurük. Eine, halb -in ihren Mantel vermummte Gestalt, mit dem scheuslichsten -Angesicht von der Welt, stand vor ihm und -röchelte ihm diese Worte zu. Er, der in den Feld- -und Seeschlachten nie gezittert, und von keiner Gefahr -aus seiner Gleichmüthigkeit gestört war, er, -der tapfre Doge verlor in diesem Augenblik auf einige -Minuten seine Geistesgegenwart. Sprachlos starrte -er den Banditen an, der furchtlos vor ihm da -stand, und nicht von der Majestät des Ersten -in Venedig gerührt wurde. -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> grinste ihn freundlich an. -</p> - -<p> -„Du bist ein fürchterlicher — ein abscheulicher -Mensch!“ sprach <em>Gritti</em> indem -er sich wieder sammelte. -</p> - -<p> -„<em>Fürchterlich?</em>“ entgegnete der Bandit: -„das freut mich! — <em>Abscheulich?</em> das -möcht ich nicht sagen. Freilich mein Aushängeschild -zeugt von einem abscheulichen Handwerke, -aber Doge, was meinst du? vielleicht -sind wir beide die größten Männer Venedigs, -du in deiner, ich in meiner Art!“ -</p> - -<p> -Der Doge lächelte unwillig. -</p> - -<p> -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -„O!“ fuhr <em>Abaellino</em> fort: „lächle -nicht so ungläubig. Erlaub es immerhin, daß -ich mich, als Bandit, mit einem Dogen vergleiche; -ich denke immer, man darf sich mit <em>dem</em> -vergleichen, mit wem man sich messen darf! —“ -</p> - -<p> -Der Doge machte eine Bewegung ihn zu verlassen. -</p> - -<p> -„Nicht doch!“ rief der Bandit schmunzelnd: -„das Ohngefähr führt solch ein Paar großer -Männer nicht sobald wieder auf diesen kleinen -Landstrich zusammen. Bleib doch!“ -</p> - -<p> -„Höre Abaellino,“ redete ihn der Doge -an, mit aller Hoheit, die in seiner Gewalt stand: -„Du hast große Talente vom Himmel empfangen, -warum wucherst du mit denselben nicht besser. — -Ich verkündige dir völlige Verzeihung und Amnestie -über alles das, was geschehen ist, unter -der Bedingung, daß du mir den nennst, der dich -zu Syivios Mörder gedungen, und daß du das -Gebiet der Republik verlassest. —“ -</p> - -<p> -„Hi, hi!“ entgegnete Abaellino: „Über -die Grillen bin ich längst hinweggesprungen. -Menschen können für meine Sünden keinen Ablaß -ertheilen, und an jenem Tage, wenn alle -Menschen ihren Schuldbrief vorzeigen, werd’ ich -auch den meinigen aufzeigen können. Den -Namen dessen, der mich zu Sylvios Mord -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -bezahlte, wirst du, aber nur heute nicht erfahren. -Ich soll das Gebiet der Republik -räumen? — warum? aus Furcht vor dir? -hi, hi! aus Furcht vor der Republik? — -ha, die fürchtet den Abaellino, aber Abaellino -sie nicht! Doch unter einer Bedingung könnt’ -ichs vielleicht thun — —“ -</p> - -<p> -„Und die wäre?“ fragte der <em>Doge</em>: -„willst du zehntausend Goldstükke? —“ -</p> - -<p> -„Ich gäbe dir selber gern zehntausend -Goldstükke, wenn du deine häßlichen Worte -ungesagt machen könntest. — Nein, gieb -mir deine Nichte <em>Rosamunde</em>, die, Tochter -des <em>Guiscardo</em> von <em>Korfu</em> zur Gemahlin!“ -</p> - -<p> -„Unmensch!“ -</p> - -<p> -„Hi, hi! Geduld! — Du willst nicht? —“ -</p> - -<p> -„Fodre Geld und Gut, ich gäbe dirs. -Und wenn die Republik eine Million an dich -verlöre, sie gewönne dabei, wenn du ihre -Luft nicht mehr verpesten wolltest!“ -</p> - -<p> -„Wahrhaftig? — sieh eine halbe Million -beinah hab ich schon wieder bekommen für -das Leben deiner treusten Freunde, für Kanaris -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -und Dandolis Kopf! gieb mir Rosamunden, -oder — —“ -</p> - -<p> -„Schurke!“ -</p> - -<p> -„In vier und zwanzig Stunden sind -Kanari und Dandoli zum Teufel! sag, Abaellino -hats gesagt!“ -</p> - -<p> -Bei diesen Worten zog der Bandit ein -Terzerol hervor, schos es in die Luft ab — der -<em>Herzog</em> prallte zurük, und als er sich umsah, war -<em>Abaellino</em> verschwunden. -</p> - -<p> -An eben demselben Abend, oder vielmehr in -der Mitternachtsstunde stand Abaellino im Pallaste -des Kardinal <em>Grimaldi</em> unter den Verschwornen. -<em>Parozzi</em>, <em>Memmo</em>, <em>Falieri</em>, <em>Kontarino</em>, -welche wir schon kennen und andre ihres -saubern Gelichters waren gegenwärtig. -</p> - -<p> -Man sas eben bei Tische und schwenkte die vollen -Pokale. <em>Grimaldi</em> erzählte, wie er sich beim -Dogen eingeschmeichelt und den Parozzi, Memmo -Kontarino und Falieri empfohlen hätte; <em>Kontarino</em> -prahlte mit der erledigten Procuratorstelle, -wie sie ihm gewiß nicht entgehn würde, <em>Parozzi</em> -zweifelte gar nicht an Dandolis oder Kanaris -Stelle beim Herzog Plaz nehmen zu können, wenn -sie nur erst hingerichtet sein würden und — in dem -Augenblik stand <em>Abaellino</em> vor ihnen. -</p> - -<p> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -„Na, rief er: Wein her! das Werk war -vollbracht! Dandoli und Kanari sizzen jezt beim -Teufel zum Nachtmahl! —“ -</p> - -<p> -Alle sprangen erstaunt auf. -</p> - -<p> -„Und den Dogen hab ich persönlich Wahrheiten -gesagt. Seid ihr nun zufrieden mit mir, ihr -Bluthunde?“ -</p> - -<p> -„Flodoarden noch!“ schrie jauchzend <em>Parozzi</em>, -und <em>Abaellino</em> rief: Brr! Brr! -</p> - -<h2 class="part" id="part-5"> -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Drittes Buch. -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-1"> -<span class="line1">Erstes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Flodoard und Rosamunde.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<em><span class="firstchar">R</span>osamunde</em>, Venedigs Liebling, war krank: -<em>Iduella</em> seufzte sich müde am Lager der schönen -Elwin und seufzte sich wach daran. <em>Rosamunde</em> -war krank, ein stiller Seelenharm nagte -an der Blüte ihrer Reize, — ach, sie liebte den -edeln <em>Flodoard</em>; aber wer hätte Flodoarden -auch <em>hassen</em> können. — Sein Heldenwuchs, -sein schönes Angesicht, sein schwärmerischer Blik, -sein ganzes Wesen predigte laut: seht hier den Favoriten -der Natur — und Rosamunde? — -Rosamunde liebte die Natur so sehr! -</p> - -<p> -Aber <em>Flodoard</em> war auch kränklich. Er -schlos sich oft ein: vermied alle Gesellschaften, oder -reiste zur Erheiterung seines Geistes durch die Städte -der Republik. Oft war er Wochenlang abwesend, -und wenn er dann wieder kam, o, wie sehnsuchtsvoll -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -erwartete ihn dann jeder Familiencirkel, in welchen -er eingeweiht war! -</p> - -<p> -Jezt war er drei Wochen von Venedig abwesend -gewesen. Niemand wußte von ihm, in welchen -Gegenden er umherschwärmte. Der Doge hätte -ihn so gern jezt gehabt, um sich nach so vielen Fatalitäten -etwas in seiner Gesellschaft zu zerstreuen, -und — wie gerufen — erschien er nun. -</p> - -<p> -„Lieber Flodoard!“ seufzte der <em>Doge</em>, als -<em>Flodoard</em> zu ihm in das Zimmer trat: „ihr -müßt euch nicht nicht so lange von uns entfernen. -Ich bin jezt ein verwaister Mann. Ihr -wißt doch schon, daß mein Kanari, mein Dandoli -—“ — — -</p> - -<p> -„Alles“ entgegnete <em>Flodoard</em> mit verbißnem -Schmerz. -</p> - -<p> -„Es schleicht der Teufel durch Venedig, unter -dem Namen <em>Abaellino’s</em>, und raubt mir alles, -was mir theuer ist. Flodoard, ich zitterte auch schon -für euch. — Wir haben vieles, vieles mit einander zu -reden, aber jezt gebricht mir die Zeit. Es hat sich ein -Fremder melden lassen; ich muß ihn empfangen. -Aber —“ — -</p> - -<p> -In diesem Augenblik schwankte <em>Rosamunde</em> -aus einem Nebenzimmer herein. Sie sah Flodoarden -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -und bebte seitwärts. Flodoard schlug die Augen -nieder und begrüßte bebend die holde Nichte des -bekümmerten Dogen. -</p> - -<p> -„In einer halben Stunde werd’ ich euch rufen -lassen;“ fuhr der Herzog fort; „unterhaltet -meine kranke Nichte.“ -</p> - -<p> -Der ehrwürdige <em>Gritti</em> verlies den bestürzten -Jüngling. <em>Rosamunde</em> trat an ein -Fenster. Flodoard schlich ihr langsam nach. -</p> - -<p> -Verlegen standen sie beide da — sahen -bald hinaus auf den St. Markusplaz, bald nach -den herrlichen Gemälden des herzoglichen Zimmers, -bald auf ihre Fingerspizzen. -</p> - -<p> -„Ihr zürnet noch?“ stammelte endlich Flodoard, -und dachte an die fatale Gartenscene. -</p> - -<p> -„Ich zürne nicht,“ antwortete Rosamunde, -und ein schönes Roth flog über die blassen -Wangen. -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">mit festerer Stimme</span>) Und ihr habt -mir meine Sünde ganz vergeben? -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">vor sich nieder lächelnd</span>) <em>Sünde?</em> -— nun ja, ganz vergeben. — Ein Sterbender -muß ja gern verzeihn, damit Gott in -seinem Gericht auch gern verzeihe. Und ich -bin eine Sterbende — ich fühl es. -</p> - -<p> -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -<span class="c">Flodoard.</span> Sennora! -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Zweifelt nicht. Seit gestern hab -ich zwar das Krankenlager verlassen, aber, es -ahndet’ mir, ich werd’ es bald wieder aufsuchen, -um es nie wieder zu verlassen. Und -darum — darum bitt ich auch von euch Verzeihung, -wenn ich euch gekränkt haben sollte. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">schweigt</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Ihr scheinet sehr rachsüchtig, sehr -unversöhnlich zu sein. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">lächelt sie wehmüthig an</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">ihm die Hand reichend</span>) Nun, Signor, -alles vergessen? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Nein, nein! das kann ich nicht. -Ich kann nichts vergessen, was ich mit euch -gelebt habe. Ich will nichts vergessen, die -Auftritte sind mir zu heilig. — Aber verzeihen? -(<span class="d">indem er ihre Hand an seinen Mund drükt</span>) -Ach, wollte Gott, ihr hättet mich recht sehr -beleidigt, theure Sennora, recht sehr beleidigt, -dann könnt ich euch auch sehr vieles verzeihn -— aber jezt kann ich nichts vergeben. -(<span class="d">lange Pause</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Ihr habt wohl viel umhergeschwärmt -seit den lezten Wochen. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Viel. -</p> - -<p> -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -<span class="c">Rosamunde.</span> Und hattet vieles Vergnügen? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">schnell</span>) Warum nicht? man sprach -ja allenthalben mit mir von Rosamunden. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">mit einem strafenden Blik und sanften -Ton</span>) Flodoard? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Und wißt ihr, welchen Plan ich nun -habe? -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Wieder fortzureisen? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Getroffen, und zwar um nie wieder -nach Venedig heimzukehren. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">überrascht</span>) Nicht doch, Flodoard! -Flodoard, das solltet ihr können? (<span class="d">vor ihren -Worten erröthend. </span>) Ihr — ihr scherzt! -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> So wahr Gott lebt, ich habe nie ernster -gesprochen! -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">mit einem intressanten Blik</span>) Nein, -Flodoard, ich glaub es euch in Ewigkeit nicht. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Hab ich schon allen Glauben bei euch -verloren? -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Und wohin wollt ihr, wenn ich -darum fragen darf? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Nach Maltha, und mit den Malthesern -wider die Korsaren. Der Himmel wirds -doch geben, daß ich mich zum Kommandeur eines -Schiffs aufschwinge — das Schiff -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -führe dann den Namen <em>Rosamunde</em>, und -das Schlachtgeschrei sei <em>Rosamunde</em>! Ich -hin dann gewiß unüberwindlich! — -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Ihr spottet bitter, aber bei Gott, -das hat Rosamunde um euch nicht verdient. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Spott? — ich euch verspotten? — -wahrhaftig ich spotte nicht, die Zeitungen mögen -über Jahr und Tag mich und diese Stunde rechtfertigen. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">ihn anstarrend</span>) Ihr treibt es weit -mit euern Wiz. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">lächelnd</span>) Nun ja, und wem verdank’ -ich diesen Wiz? kurz und gut, Sennora, ich verlasse -Venedig, um euch keine unangenehme Augenblikke -zu schaffen. Vielleicht sehn mich die -türkischen Freibeuter lieber. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Man sollte auf euch Jagd machen; -ihr freibeutert nur zu sehr und selbst auf -festem Lande. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Gott weis es, und bin ein sehr unglüklicher -Freibeuter auf festem Lande, denn -ich gerathe da in Gefangenschaft, wo ich zu -siegen träumte. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">ausweichend</span>) Und ihr könntet den -Dogen verlassen, der euch so sehr schäzt? -</p> - -<p> -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -<span class="c">Flodoard.</span> Die Liebe des Dogen ist mir theuer. -Aber, bei Gott, Rosamunde, sie macht mich -nicht glüklich, und wenn man mir Königreiche -zu Füssen legte, sie machten mich nicht glüklich -— -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Bedürft ihr zu euerm Glük soviel? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Viel, unendlich viel! — ich habe -darum gebettelt — (<span class="d">indem er sie anstarrt und -ihre Hand heftig drükt</span>) ich habe darum gebettelt -— Rosamunde, und man hat mirs abgeschlagen. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Ihr seid ein Schwärmer! -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">sich näher an sie schließend</span>) Rosamunde! -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">zitternd</span>) Was wollt ihr? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">halbleise</span>) Mein Glük! -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">sieht ihn ein Weilchen an, zieht ihn -zu sich, stößt ihn wieder zurük</span>) Geht! geht! um -Gotteswillen geht! — -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">wandelt langsam und traurig mit untereinander -geschlagnen Atmen durchs Zimmer</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">schwankt ihm nach, nimmt seine Hand -— sinkt an seine Brust</span>) Flodoard! -</p> - -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-2"> -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -<span class="line1">Zweites Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Ein fürchterliches Versprechen.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span>eil dem glüklichen <em>Flodoard</em>, er hatte überwunden! -er hielt das liebende Mädchen in seinen -Armen fest, und glaubte eine Gottheit zu umarmen. -Fest schlang sich Rosamundens Hand um -Flodoardens Nakken; er war der ihrige, dem sie -so manche Thräne geweint, so manchen Seufzer geseufzt, -so manchen Traum geträumt hatte. -</p> - -<p> -Dicht in einander verschlungen, standen sie -da, eine herrliche Gruppe für den Pinsel einer Angelika -Kaufmann — und die Engel Gottes -schwebten unsichtbar über die Liebe dieser Heiligen. -</p> - -<p> -Nur einmahl schlägt unter allen tausend -Stunden des Lebens dem Sterblichen eine <em>solche</em> -Stunde: Heil dem, der sie noch erwartet, -Heil dem, der sie noch genießet! Man -sage immerhin, es ist doch nur Gaukelspiel -der entzükten Einbildungskraft, ein leicht verdunstender -Rausch der Sinnlichkeit — o, nennt mir -unterm Mond eine Seeligkeit, welcher die Einbildungskraft -ihren Zauber nicht leiht! — -</p> - -<p> -Flodoard und Rosamunde vergaßen nun -zum erstenmahle, daß sie Menschen wären. Das -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -Zimmer um ihnen her ward zum Himmel; die -Erde der Altar Gottes, ihre Seufzer, ihre Küsse -wurden Lobgesänge dessen, der das Hochgefühl der -Liebe gab! -</p> - -<p> -„Ich bin dir gut!“ lispelte Rosamunde -und gedachte nicht ihrer Iduella: „ach, ich -bin dir nur zu gut, Flodoard! —“ -</p> - -<p> -Der <em>Jüngling</em> antwortete nichts. <em>Rosamunde</em> -stammelte ein leises, Ach! und Lippe -glühte an Lippe, Busen stürmte an Busen, Arme -hingen gewunden um Arme. -</p> - -<p> -Und — plözlich eröffnete sich die Seitenthür. -</p> - -<p> -Der Doge <em>Andreas Gritti</em> trat schon -wieder herein. Der erwartete Fremde war, Kränklichkeiten -halber, nicht erschienen. — -</p> - -<p> -<em>Flodoard</em> und <em>Rosamunde</em> hörten -den Hereinkommenden nicht. -</p> - -<p> -<em>Gritti</em> stand bestürzt da, er sah der Scene -einige Augenblikke zu, seine Mienen verzogen -sich in ein sanftes Lächeln, er drehte sich um und -ging wieder zurük. -</p> - -<p> -Das Geräusch seines Kleides an der hohen -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -Flügelthür erwekte die Trunknen aus ihrem -Wonnetraum. <em>Rosamunde</em> riß sich mit Entsezzen -los; <em>Flodoard</em> verlor seine Geistesgegenwart -aber keineswegs. -</p> - -<p> -„Gnädigster Herr!“ rief er dem Dogen -nach — — -</p> - -<p> -Der <em>Herzog</em> wandte sich um und <em>Flodoard</em> -lag zu seinen Füssen. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti</span> sah mit stiller Würde und mit Ernst -auf den Knieenden hernieder. -</p> - -<p> -„Ich mag eure Vertheidigung nicht hören!“ -sagte der Doge mit steigender Stimme. -</p> - -<p> -„Nein,“ entgegnete <em>Flodoard</em>, mit festem -Tone: „nein, gnädigster Herr, <em>ich</em> bedarf -keiner Vertheidigung, daß ich Rosamunden liebe, -wohl muß sich <em>der</em> vertheidigen, der sie <em>nicht</em> -liebte! Ists aber ein Verbrechen, daß ich Rosamunden -anbete, o so mag mich Gott von dieser Sünde -frei sprechen, weil er Rosamunden so schön erschuf.“ -— -</p> - -<p> -„Ihr scheint auf eure wizzige Apologie vielen -Fleiß verwandt zu haben; aber sie verfehlt ihren -Zwek,“ versezte <em>Gritti</em>. -</p> - -<p> -„Ich sag es noch einmahl, gnädigster Herr!“ -erwiederte <em>Flodoard</em>, und stand auf: „entschuldigen -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -will ich mich nicht. Aber ich will mehr, -ich bitte bei euch um Rosamunden.“ -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti</span> stierte den Kühnen mit einem fremden -Blik an. -</p> - -<p> -„Freilich, gnädigster Herr, freilich bin ich ein -armer Edelmann, und es scheinet Verwegenheit zu -sein, wenn ein solcher um die Nichte des Venetianischen -Doge buhlt. Aber, beim Himmel, ich glaube der -große Gritti wird seine Rosamunde nicht an -Männer verschenken, die nur mit Goldstükken, Grafschaften, -und Titeln prahlen, oder sich in den Glanz -ihrer Ahnen verhüllen, wenn sie nicht selber glänzen. -— Ich gesteh es freilich, noch besizze ich keine -Verdienste, die mich eurer Rosamunde würdig machen -könnten, aber ich will sie mir erwerben. — —“ -</p> - -<p> -Der Doge drehte sich unwillig um. <em>Rosamunde</em> -flog herbei und schlang ihren Arm um -Grittis gebeugten Nakken. — -</p> - -<p> -„Zürnet nicht!“ rief sie und verbarg ihr bethräntes -Antliz an dem Busen ihres Oheims. -</p> - -<p> -„Fodert!“ rief <em>Flodoard</em>; „was muß -ich sein, was soll ich thun, um Rosamunden zu erhalten -von euch. Fodert, es soll mir das Schwerste -ein Kinderspiel werden. Beim Himmel, ich wünschte -Venedig läge unter der gräslichsten Gefahr, oder -euer Leben würde von zehntausend Dolchen bedroht -— dann dürft ich hoffen Rosamunden zu -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -verdienen. Ich rettete Venedig und schlüge zehntausend -Klingen zurük. —“ -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti</span> lächelte bitter. „Ich habe,“ sagte -er: „ich habe der Republik viele Jahre gedient; ich -habe Leben und Blut gewagt, ich erwartete wenigstens -zur Belohnung ein sanftes, glükseliges -Alter — aber ich habe mich betrogen. Meine -alten Freunde werden mir durch Banditen geraubt -und — ihr, Flodoard, ihr nehmt mir -nun noch diese einzige, die bisher meine lezte -Freude war. — — Höre, Rosamunde, liebst -du den Flodoard wirklich?“ -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard</span> zitterte. <em>Rosamunde</em> ergriff -des Jünglings Hand und — schwieg. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti</span> wandte sich aus Rosamundens Arme, -und gieng langsam mit tiefem Ernste im Zimmer -auf und nieder. Rosamunde warf sich auf einen benachbarten -Sessel; und weinte. <em>Flodoard</em> beobachtete -den Dogen. -</p> - -<p> -So verstrichen einige Minuten. Es herrschte -im Zimmer eine feierliche Stille; <em>Gritti</em> schien -mit einem fürchterlichen Entschlusse schwanger zu -gehn. Bekümmert erwarteten die Liebenden den -Ausgang der Geschichte. -</p> - -<p> -Plözlich blieb der Doge in der Mitte des -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -Zimmers stehn. „Flodoard!“ sprach er, und -Flodoard nahte sich ihm ehrerbietig: „Flodoard, -ich habe den Entschluß gefaßt: Liebt euch meine -Rosamunde, wohl, so mag sie es thun; ich -will der Wahl ihren Herzens keine Schranken -bauen. Aber Rosamunde ist mir viel zu theuer, -als daß ich sie dem ersten besten überlassen könnte, -der sie fodert. Der Mann, dem ich Rosamunden -lasse, muß Rosamundens werth sein; -sie soll eine Belohnung seiner Verdienste werden. -Noch habt ihr euch nur geringe Verdienste um -unsern Staat erworben — es ist jezt Gelegenheit -da, euch ein sehr großes zu verschaffen. Schafft -mir den Mörder Sylvios, Kanaris und Dandoli’s -— schafft mir den fürchterlichen Banditenkönig -<em>Abaellino</em> tod oder lebendig! —“ -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard</span> trat bei dieser Foderung, an deren -Erfüllung sein Wohl und Weh hieng, erblassend -zurük. „Gnädigster Herr — —“ stammelte -er. -</p> - -<p> -„Ich weis, fuhr <em>Andreas Gritti</em> -fort: ich weis sehr gut, welch eine Foderung ich -wage, wenn ich den <em>Abaellino</em> fodre. Lieber will -ich selber mich durch eine türkische Flotte schlagen -und das Admiralschiff aus ihrer Mitte stehlen, als -diesen Abaellino fangen, der mit der Hölle einen -Bund geschlossen zu haben scheint, der allenthalben -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -und nirgends ist, den viele gesehn haben und den -keiner kennt, der den Wiz unserer Staatsinquisitoren, -des Collegiums der zehn Männer und -ihrer Spione zu Schanden macht; vor dem jeder edle -Venetianer zitiert, vor dessen Dolch ich selber auf -meinem Throne nicht sicher bin. — Ich weis es, -was ich fodre, aber, Flodoard, ich weis auch, was -ich gebe. Ihr seid verlegen? — Ihr schweiget? -— Flodoard, ich habe euch lange genug beobachtet, -ich habe in euch Spuren eines wahrhaft großen -Geistes <a id="corr-39"></a>entdekt — darum wag ich die Foderung, -ists einer vermögend, den Abaellino zu fassen, so -glaub ich seid ihrs. — Nun?“ -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard</span> gieng schweigend vor sich umher; -ein fürchterliches Wagestük wars, das er unternehmen -sollte, wehe, wenn Abaellino sein Vorhaben erfuhr! -aber <em>Rosamunde</em> war der <em>Preis</em>! Er -warf einen Blik auf das Mädchen, und sein Plan -war entworfen, alles zu wagen. -</p> - -<p> -Er gieng zum Dogen. -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">sanft</span>) Nun, Flodoard? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">mit großem Nachdruk</span>) Erhalt’ ich -warlich dann Rosamunden, wann ich euch den -Abaellino überliefre? — -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Nicht eher. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Flodoard! Flodoard! das Spiel -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -endet sich schreklich — hüte dich selber vor Abaellinos -Dolch! -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">indem er mit den Zähnen knirscht</span>) Still! -— (<span class="d">gefaßt</span>) Gnädigster Herr, gebt mit eure -Herzogliche Hand darauf. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Ich schwör es euch, Flodoard, schafft ihr -mir den schreklichen Feind der Republik lebendig -oder tod, so geb ich euch Rosamunden -mit fürstlicher Aussteuer zur Gemahlin! -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">hält schweigend die Hand hin</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Hier empfangt meine Herzogliche Rechte. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -<span class="c">Flodoard</span> ging in Gedanken verloren durch das -Zimmer. Im Thurme der St. Markuskirche -schlug es fünf Uhr. -</p> - -<p> -„Der Abend übereilt uns!“ tief <em>Flodoard</em> -„wohlan so sei’s; in <em>vier und zwanzig -Stunden</em> überliefr’ ich euch den fürchterlichen -Banditen Abaellino.“ -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">betroffen</span>) Junger Mensch, versprecht -weniger und leistet mehr. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">ernst und fest</span>) Es gehe wie es gehe, -ich halte entweder mein Wort, oder trete nimmermehr -wieder über die Schwelle eures Pallastes. -Ich habe Spuren und sichre Merkmahle -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -von dem Bösewicht — entweder spiel -ich morgen um diese Zeit ein Lustspiel, oder -es werde in Gottesnamen ein Trauerspiel! -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Uebereilung ist gefährlich. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">mit Stolz</span>) Ueber die Jahre der -Uebereilung denk ich in meinem Leben hinweggesprungen -zu sein. — -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">seine Hand fassend</span>) Flodoard, Flodoard -besinnet euch. Mein Oheim liebt euch, -— nehmet euch vor Abaellinos Dolch in -Acht! -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Eben deswegen muß alles in vier und -zwanzig Stunden, oder nie gethan werden. -Wohlan, gnädigster Herr, ich will beweisen, -daß die Liebe alles wagen kann — — -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> <em>Wagen</em> freilich, aber ob <em>erringen</em>? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">dem man eine wachsende Verlegenheit -ansieht</span>) Macht mich nicht kleinmüthig, gnädigster -Herr, seht, ich will euch bessern Muth geben. -Habet die Gnade morgen Nachmittag -in diesem Zimmer große Gesellschaft zusammenzubitten, -Damen und Herrn, denn gewinn’ -ich morgen den Sieg, so erleb ich ein großes -Fest. Ladet vorzüglich die Beisizzer des ehrwürdigen -Gerichts der zehn Männer ein, damit -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -sie doch den Abaellino von Angesicht zu Angesicht -kennen lernen, mit dem sie so lange vergebens -im Kriege lebten. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">sieht ihn lange bedenklich an, endlich:</span>) -Sie sollen erscheinen. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Und ihr habt ja wohl, wenn ich nicht -irre, einige neue Freunde an dem Kardinal -Grimaldi, dem Nobile Kontarino, Memmo, -Falieri und Parozzi erhalten. Sie sind auch -meine Freunde vor kurzer Zeit geworden; ich -wünschte sie wären morgen gegenwärtig. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Sie sollen gegenwärtig sein. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Aber noch eins. Sagt niemanden früher -die Ursach der Zusammenkunft, ehe sie nicht -alle angekommen sind. Dann stellt rings um -eueren Pallast Wache mit geladnen Gewehren -und selbst vor den Thüren dieses Zimmers, mit -dem strengen Befehl, jeden herein, niemanden, -bei Todesstrafe, heraus zu lassen. Denn vor -Abaellino ist niemand sicher. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Es wird geschehn. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Morgen mit dem Glokkenschlage fünf, -oder nie, sehn wir uns wieder! -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -<span class="c">Flodoard</span> empfahl sich schnell. <em>Rosamunde</em> -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -bebte am Arme des Herzogs und <em>Gritti</em> -schüttelte den Kopf. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-3"> -<span class="line1">Drittes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Die nächtliche Verschwörung.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">„</span>J</span>uchheisa!“ rief in der Mitternachtsstunde <em>Parozzi</em> -im Zimmer des Kardinals <em>Grimaldi</em>, -wo das ganze höllische Complot wieder beisammen -war: die Sachen gehn treflich. Flodoard ist -heut angekommen und Abaellino schon richtig -bezahlt! -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Grimaldi.</span> Der Flodoard ist ein Schlaukopf, -ich wünschte lieber, er bliebe am Leben und -schlüge sich zu unsrer Parthei. Ich sage euch, -Flodoard ist ein Schlaukopf! -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Wie die Vagabonden immer sind. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Und stolz ist er, stolz, als wär er Venedigs -Herrgott. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Rosamunde, wie ich erfahren habe, soll -ihm nicht unhold sein. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> O, Geduld, Abaellino bricht ihm -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -den Hals, dann kann er mit dem Teufel und -seiner Grosmutter liebeln. -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Uebrigens hab ich troz aller Kundschaft -seinetwegen in Florenz wenig erfahren. -Es sollen einmahl, schreibt man mir, es sollen -einmahl Flodoardo’s in Florenz existirt, -aber sich längst von da hinweg begeben haben, -man wisse nicht, wohin? und zu dieser Familie -Flodoardo müsse denn wohl unser Vagabond -gehören. -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> Der Doge hat euch also sämmtlich -auf morgen Nachmittag zu sich eingeladen? -</p> - -<p> -<span class="c">Alle.</span> Wahrhaftig! wahrhaftig! -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> (<span class="d">mit Selbstgefühl</span>) Das freut mich, -das freut mich. Ich sehe mit Vergnügen, daß -meine Empfehlung bei ihm so vieles gewirkt -hat. — Und morgen Abend ist bei ihm Ball -mit Masken, wie mir sein Kammerdiener -sagte? -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Freilich! -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Wenn er nur nicht um unsre Verschwörung -weis — ich wäre des Todes! -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> Er kann unmöglich davon wissen. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Ei, zum Teufel, jeder Beutelschneider, -Pflastertreter, Abentheurer, Bettler und -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -wie das Lumpengesindel heissen mag, welches -unsre Armee ausmacht, weis davon und er -sollte noch nichts gewittert haben? -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Du Narr, da gehts ihm, wie betrognen -Ehemännern; jedermann weis, daß -sie Hörner tragen, nur sie selber haben keine -Notiz davon. Aber, wahrhaftig, wir müssen -nun den Anfang machen, unsre Projekte zu realisiren, -oder wir werden endlich verrathen. — -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Du hast recht, Bruder. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Die Misvergnügten, die sich auf unsre -Seite geschlagen haben, sinds zufrieden, wenn -der Betteltanz in dieser Nacht vor sich gienge. -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Ich nehme morgen den Dogen auf -mich, und steche ihn nieder. Dann ergeh es, wie -es wolle. Entweder wir sind dann aus allen Bedrängnissen -durch allgemeinen Aufruhr der Republik -gerettet, oder wir seegeln mit vollem Winde -aus dieser vermaledeiten Zeitlichkeit ab. -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Wir versehn uns alle mit Gewehr. -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> Das Kollegium der Zehnmänner ist -sammt und sonders morgen gegenwärtig — — -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Alle müssen sie niedergemacht werden! -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Wenns nur zulezt nicht schreklich für uns -selber abläuft. -</p> - -<p> -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -<span class="c">Kontarino.</span> Ei, du verdammter feiger Knabe, -bleib zu Hause hinterm Ofen; aber sind wir -durchgedrungen, so komm nicht und fodre deine -Geldsummen wieder. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Bei meiner Seel, Kontarino, an Muth -fehlts mir nicht; willst du, ich messe mich mit -dir in diesem Augenblik mit der Klinge. Aber dein -unseeliger Hitzkopf fehlt mir. -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> Und wenn alles verdorben ist, so macht -es die Kirche wieder gut und das große Wort Sr. -Heiligkeit. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Aber wo sind denn die Briefe vom -Pabst? -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> (<span class="d">wirft ihm zwei Papiere vor</span>) Lies, ungläubiger -Thomas! -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Donner und Wetter, wir treiben also -eine privilegirte Schurkerei! — -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> Der Pabst muß uns schüzzen, ich sage, -er <em>muß</em>, denn wir vertheidigen als gute Christen -die Gerechtsame seines Stuhls in der Republik -Venedig — schon das kann euch eine -Quelle des Muths werden, wenn in der lezten -Noth alles scheitern sollte. Keine Hand darf -euch verlezzen! -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Höre, Parozzi, es bleibt nach unsrer -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Abrede dabei, du bestellst unsre Bundesgenossen -mit Waffen und Wehr in deine Behausung. -Um Mitternacht verläßt du den Ball, -und bemächtigst dich des Arsenals. Der Hauptmann -Sebilli ist unser, und hält dort die -Wache. -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> Der Schiffkapitain Adormo wird auf -das Signal der Sturmglokke zu uns stossen mit -seinen Leuten. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Es kann gar nicht fehlen! -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Macht nur die Verwirrung so gros, -als möglich, Freunde und Feinde müssen durcheinander -wüthen, keiner muß wissen woher -der Aufruhr, warum, und wohin! — -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Bei meiner Seele, ich danke Gott, daß -es endlich so weit gediehen ist. -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> Hast du die weißen Armbinden unter unsre -Leute ausgetheilt, Parozzi? -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Schon vorgestern. -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Halloh, Brüder, die Kelche gefüllt! -so wie jezt sizzen wir nicht sobald wieder beisammen, -als nach vollbrachter Arbeit! — -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Laßt uns noch einmahl alles weislich -überlegen! -</p> - -<p> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -<span class="c">Kontarino.</span> Pfui! Ueberlegung ist das Kind -der kalten Vernunft, und diese gilt in der Rebellion -nicht. Hier spricht die Verzweiflung. -Nur erst das Werk begonnen, das Staatssystem -Venedigs mit Heldenmuth über einander -geworfen, bis keiner mehr weis, wer Herr, -und wer Unterthan sei, dann kann die Ueberlegung -kommen, um zu rathen, wie weiter! -— lustig, eingeschenkt! — Der Doge bietet -uns durch seinen Ball die Hand — ha, -ha, ha! -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Den Abaellino müssen wir nothwendig -vorher sprechen. -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> (<span class="d">schwänkt den Weinbecher</span>) Es lebe -Abaellino! -</p> - -<p> -<span class="c">Alle.</span> (<span class="d">trinkend</span>) Abaellino! Abaellino! -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> Und glüklichen Ausgang der künftigen -Nacht! -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Ja, wohl! ja wohl! -</p> - -<p> -<span class="c">Alle.</span> Ein glüklicher Ausgang! -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> Wo sizzen wie übermorgen Nacht? -</p> - -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-4"> -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -<span class="line1">Viertes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Der wichtige Tag.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>m folgenden Morgen war alles so ruhig in Venedig, -als wäre nichts geschehn, und doch war -es gewiß, daß dieser Tag einer der merkwürdigsten -in diesem Staate werden mußte. -</p> - -<p> -Im Herzoglichen Pallaste war alles schon -sehr früh erwacht. Der bekümmerte <em>Gritti</em> verlies -ungewöhnlich zeitig das Nachtlager, auf -welchem er sich dießmal schlaflos und sorgenvoll -hin und her gewälzt hatte. <em>Rosamunde</em> -hatte vom schönen Flodoard geträumt und wachend -sezte sie ihre Träumereien fort. <em>Iduella</em> -hatte unruhig geschlafen; sie liebte Rosamunden -zu sehr und wußte schon welch ein intressanter Tag -für das arme liebende Geschöpf der heutige werden -würde. Aber Rosamunde war ungemein heiter; -sie scherzte mit Iduellen, sezte sich zu ihrer -Harfe und sang sich das Lied ihres Lieblingsdichters: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Liebe, Liebe, Kind des Himmels,</p> - <p class="verse">Aller Welten Königin,</p> - <p class="verse">Durch die Graun des Weltgetümmels</p> - <p class="verse">Warst du meine Führerin.</p> - <p class="verse">Früh hat mich dein Arm umschlungen,</p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> - <p class="verse">Früh dein holder Geist bezwungen,</p> - <p class="verse">Früh dein Rosenmund geküßt.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">In dem Morgentraum des Lebens</p> - <p class="verse">Sog des Lebens erste Lust</p> - <p class="verse">Stiller Wonne, frohen Lebens</p> - <p class="verse">Lieb o Lieb an deiner Brust!</p> - <p class="verse">Ach, von deinem Arm geschaukelt,</p> - <p class="verse">Deinen Tändelein umgaukelt</p> - <p class="verse">Froh zu früh der Morgentraum!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Deinen Namen, deinen Stämpel</p> - <p class="verse">Trägt die Schöpfung immerdar;</p> - <p class="verse">Sieh, der Himmel ist dein Tempel</p> - <p class="verse">und die Erde dein Altar —</p> - <p class="verse">Ja, so lange meine Augen</p> - <p class="verse">Noch den Reiz der Schöpfung saugen,</p> - <p class="verse">Bet’ ich dich, o Liebe, an!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Aber <em>Rosamundens</em> selige Laune verschwand, -als der Mittag heranrükte und vorüberzog. -Aengstlich wankte sie hier und dahin; ihr Herz -klopfte ungestüm, in Erwartung fürchterlicher Auftritte. -</p> - -<p> -Schon versammelten sich die Vornehmen Venedigs -im Pallast ihres Oheims, schon war der -schrekliche Nachmittag da, und der Doge sandte -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -Iduellen an sie ab, in den großen Saal sie zu -führen, wo die Herrn und Damen ihrer harrten. -</p> - -<p> -„Gott! o mein Gott!“ rief sie leise: „laß -alles wohlgelingen.“ -</p> - -<p> -Blas wie eine Leiche trat sie in das Zimmer, -in welchem sie gestern ihren Flodoard Liebe bekannt -hatte und Flodoard — war noch nicht da. -</p> - -<p> -Die Gesellschaft war glänzend und heiter gestimmt; -man sprach von Stadtnovellen, europäischen -Staatsangelegenheiten. <em>Kontarino</em> und -<em>Grimaldi</em> unterhielten sich mit dem Dogen; -<em>Memmo</em>, <em>Falieri</em> und <em>Parozzi</em> standen in einem -Winkel schweigend beisammen. -</p> - -<p> -Draussen wars trübe und dunkel; es stürmte -der Wind in den Wellen des Kanals und den Wetterfahnen -der Palläste am Markusplaz; ein Regenschauer -folgte dem andern. -</p> - -<p> -Es schlug vier Uhr. Rosamunde ward blässer, -als vorher. <em>Gritti</em> befahl dem Kammerdiener -etwas leise ins Ohr. Man hörte bald darauf -Männer von aussen wanken, und Waffen klirren an -den Thüren des Saals. -</p> - -<p> -Eine plözliche Stille herrschte durch die Gesellschaft. -Die jungen Nobili stokten in ihren Liebeserklärungen -vor den Damen; die Damen vergaßen -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -ihre Modeneuigkeiten; die Staatsmänner starrten -sich an und brachen ihre politischen Discourse ab. -</p> - -<p> -Der Doge trat langsam in die Mitte der Versammlung. -Jedes Auge wandte sich zu ihm. Hoch -schlug den Verschwornen das Herz. -</p> - -<p> -„Wundert euch nicht, meine Lieben, über -jene seltsamen Anstalten!“ redete <em>Andreas -Gritti</em>, Venedigs Herzog, sie an: „Es hat -nichts zu bedeuten, was dem Vergnügen dieser -Gesellschaft gefährlich sein könnte. Euch allen -wird der Bandit <em>Abaellino</em> bekannt sein, -der Mörder des braven Prokurator Sylvio und -meiner getreuen Räthe Kanari und Dandoli. -Dieser, vor welchem jeder rechtschaffne Republikaner -zittern muß, dem nichts heilig und ehrwürdig -heißt, der allen Troz bietet, die ihm drohen, -— dieser höllische Auswurf wird vielleicht -binnen einer Stunde in diesem Saale vor unsern -Augen erscheinen!“ -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Alle.</span> (<span class="d">erstaunt</span>) Abaellino? Abaellino? -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> Freiwillig? -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Nein, freiwillig in der That nicht. Aber -Flodoard von Florenz hat gelobt unsrer Republik -diesen wichtigen Dienst mit Gefahr seines Lebens -zu leisten, es koste was es wolle, den Abaellino zu -fangen, und hieher zu bringen. -</p> - -<p> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -<span class="c">Einer der Beisizzer des Zehengerichts.</span> Viel, -unendlich viel gelobt! -</p> - -<p> -<span class="c">Ein andrer.</span> Ich zweifle an der Vollführung des -Gelübdes! -</p> - -<p> -<span class="c">Ein dritter.</span> Aber bei Gott, Flodoard machte sich -uns die Republik zu großen Schuldnern. -</p> - -<p> -<span class="c">Ein Vierter.</span> Wahrhaftig, wie soll der Staat -dem Flodoard vergelten. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Die Vergeltung übernehm ich allein. Flodoard -hat um die Hand meiner Nichte angehalten -— ich gebe sie ihm. -</p> - -<p> -<span class="c">Alle.</span> (<span class="d">sehn sich schweigend unter einander an, theils -mit Blikken der höchsten Zufriedenheit, theils des Erstaunens</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Falieri.</span> (<span class="d">leise</span>) Parozzi, was meinest du? -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Ich habe das kalte Fieber, so wahr -Gott lebt! -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> (<span class="d">heimlich lachend</span>) Abaellino wird sich -fangen lassen! — -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Meine Herrn, hat einer von euch schon -den Abaellino von Angesicht zu Angesicht gesehn? -</p> - -<p> -<span class="c">Einige.</span> Wir nicht! wir nicht! -</p> - -<p> -<span class="c">Ein andrer.</span> Es ist ein Gespenst, der nur dann und -wann und sehr unverhoft und ungebeten erscheint. -</p> - -<p> -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -<span class="c">Rosamunde.</span> Ich vergesse das Ungeheuer nicht — -(<span class="d">sie erzählt einigen Damen leise</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Und wie er mir erschienen ist, wird euch -bekannt sein. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> (<span class="d">zu einigen Senatoren</span>) Ich habe mir -von dem Ungeheuer tausend Wunderdinge erzählen -lassen — er ist der Teufel in menschlicher -Gestalt — ich halte nicht für gut, daß man -ihn in diese Versammlung bringt, denn er ist fähig -hier ohne Gnade einen nach dem andern zu -erwürgen. -</p> - -<p> -<span class="c">Mehrere Damen.</span> Gott bewahre, in dieses Zimmer? -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Die Hauptsache ist, ob ihm Flodoard, -oder er den Flodoard besiegt. Und ich geh eine -schwere Wette darauf ein, daß Flodoard unverrichteter -Sache abzieht. -</p> - -<p> -<span class="c">Ein Senator.</span> Und ich halte die Wette mit, daß -nur ein einziger Mann in Venedig es unternehmen -darf den Abaellino zu fangen — und der -eine ist <em>Flodoard von Florenz</em>; eben -der, von dem ich längst prophezeit habe, er werde -in den Jahrbüchern der Welt einmahl eine -glänzende Rolle spielen — -</p> - -<p> -<span class="c">Ein andrer.</span> Ihr habt recht, Sennor, ich bin -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -erstaunt über ihn, als ich zum erstenmahle in -seine Gesellschaft trat. -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Tausend Zechinen! Abaellino läßt sich -nicht greifen, oder er wäre denn gestorben. -</p> - -<p> -<span class="c">Der erste Senator.</span> (<span class="d">hizzig</span>) Tausend Zechinen, -Flodoard hascht ihn — -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Und liefert ihn tod oder lebendig. -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Ihr, edle Venetianer, seid Zeugen: -(<span class="d">er reicht dem Senator die Hand</span>) (<span class="d">sie geben sich -die Hände.</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Senator.</span> Die Wette gilt. -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> (<span class="d">lachend</span>) Ich danke euch für die tausend -Zechinen, Sennor! Abaellino ist ein feiner -Gauch — gewiß Flodoard hat Ursach sich zu -hüten. -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> Hat Flodoard die Sbirren zur Hülfe? -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Keinen, als sich selber. Seit gestern ist er -nun schon abwesend, um auf den Banditen Jagd -zu machen. -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> (<span class="d">mit einem triumphirenden Lächeln zu Parozzi</span>) -Glük zu, Sennor! -</p> - -<p> -<span class="c">Parozzi.</span> (<span class="d">mit einer erfurchtsvollen Verbeugung</span>) -Gewiß, Ew. Eminenz prophezeien wahr. -</p> - -<p> -<span class="c">Memmo.</span> Ich lebe wieder auf. Nun, nun! man -wird doch sehen! -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -Drei und zwanzig Stunden waren vorüber, -seit dem Gelübde des kühnen Flodoard — die vier -und zwanzigste brach an und er kam noch nicht. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-5"> -<span class="line1">Fünftes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Höllenangst.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Doge wurde unruhig. Der Senator fieng an -für seine tausend Zechinen zu zittern, und <em>Kontarino</em> -und seine Parthei lachten schadenfroh, wie -wohl Kontarino laut bekannte: er wünsche lieber -tausend Zechinen und zwei tausend zu verlieren, weil -mit der Gefangenschaft Abaellinos die allgemeine -Sicherheit der Republik gewönne. -</p> - -<p> -Es schlug im Thurme der St. Markuskirche -fünf Uhr — Rosamunde bebte; Todesschweis -perlte von ihrer schönen Stirn. <em>Flodoard</em> kam -noch nicht. -</p> - -<p> -Der alte <em>Andreas Gritti</em> liebte Flodoarden -wirklich — jezt schauderte er zum erstenmal -vor dem Gedanken, daß Abaellinos Dolch gesiegt -haben könne. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde</span> gieng zum Herzog, sie schien ihm -etwas sagen zu wollen, aber die Angst lähmte ihre -Zunge, eine Thräne quoll in ihrem Auge hervor. -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Sie verbarg die Angst und ihre Thräne so meisterhaft, -als es sich immer hier thun lies — in einem -Winkel warf sie sich auf einen Sessel nieder, rang -die Hände und ihre Seufzer flehten Hülfe von dem -barmherzigen <em>Gott</em>. -</p> - -<p> -Die übrige Gesellschaft trippelte in sichtbarer -Verlegenheit umher; man wollte fröhlich sein, -aber auch nicht einmal der Schein der Fröhlichkeit -konnte affektirt werden. -</p> - -<p> -So verflos wieder eine Stunde, und <em>Flodoard</em> -kam nicht. -</p> - -<p> -Jezt brach die Abendsonne lächelnd hinter -den Regengewölken hervor, ein Strahl der sinkenden -Tageskönigin fiel auf Rosamunden — und -Rosamunde wurde, sie wußte nicht, warum? -froh. -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Kontarino.</span> Um fünf Uhr wollte Flodoard den -Abaellino liefern! — es sind anderthalb Stunden -darüber. -</p> - -<p> -<span class="c">Senator.</span> Wenn er ihn nur liefert, mögen dann -auch anderthalb Wochen darüber sein. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Nein! — still! — ich höre draussen -Geräusch. — — -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Die Flügelthüren sprangen auf und <em>Flodoard</em> -trat allein herein im Reisekleide und Regenmantel. -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Wild und wüst flog sein Haar, düster -rollte sein Auge durch die Gesellschaft. Er ris den -Federhut vom Kopf herab und begrüßte die Versammlung. -</p> - -<p> -Alles drehte sich zu ihm hin, jeder Mund -schien zehn Fragen zu haben, jedes Auge studierte -seine Mienen. -</p> - -<p> -„Jesus! schrie <em>Memmo</em>: mir ahndet -was!“ -</p> - -<p> -„Seid ohne Sorgen, Sennor!“ murmelte -<em>Kontarino</em>. -</p> - -<p> -„Edle Venetianer, sprach Flodoard, und seine -Sprache war die Stimme des Helden: wahrscheinlich -hat unser Durchlauchtigster Herr euch die -Ursach dieser Zusammenkunft gemeldet — ich will -jezt eure Sorgen lösen. Aber vorher frag ich -noch einmahl, gnädigster Herr, wird Flodoard -Rosamunden zur Gemahlin erhalten, wenn er -den Abaellino in eure Hände liefert?“ -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">ihn mit den Augen messend</span>) Habt ihr den -Abaellino? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Empfang ich Rosamunden? -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Ohne Widerspruch, ja! ihr empfangt -sie mit einem fürstlichen Brautschaz. -</p> - -<p> -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -<span class="c">Flodoard.</span> Ihr Edeln von Venedig, ihr habt -das Wort des Dogen gehört! -</p> - -<p> -<span class="c">Viele Senatoren.</span> Wir haben’s gehört! -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">indem er drei Schritt durch den Saal -macht</span>) Wohlan, Abaellino, ist in meiner und -eurer Gewalt! -</p> - -<p> -<span class="c">Alle.</span> (<span class="d">im wilden Tumult</span>) Hilf Himmel! — -Wo ist er! — Jesus Sohn Gottes! — -Abaellino! -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Tod oder lebendig? -</p> - -<p> -<span class="c">Einige.</span> Tod oder lebendig, Sennor? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">ernst</span>) lebendig! -</p> - -<p> -<span class="c">Alle</span> (<span class="d">in sprachloser Verwunderung oder mit Entsezzen -ihm nachlallend</span>): Lebendig! lebendig! -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> (<span class="d">mit der Hand über die Stirn fahrend</span>) -Lebendig! -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> Das geht ins weite. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">Iduellens Hand küssend</span>) Hörst du, -Iduella! Iduella! lebendig! -</p> - -<p> -<span class="c">Senator.</span> Sennor Kontarino, tausend Zechinen! -</p> - -<p> -<span class="c">Kontarino.</span> (<span class="d">durch die Zähne</span>) Mit Vergnügen! -</p> - -<p> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">mit einem schweren Seufzer</span>) O gnädigster -Herr — — -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">sanftlächelnd</span>) Die Republik ist deine -Schuldnerin, mein Sohn. -</p> - -<p> -<span class="c">Einige Senatoren.</span> Und wir danken euch jezt, -heldenmüthiger Florentiner, für eure unbegreifliche -Heldenthat. Die Republik wird vergelten. -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">den Arm traurig nach Rosamunden ausstrekkend</span>) -Dort, seht sie dort meine Vergeltung. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">mit Freudestrahlenden Antliz</span>) Führe den -Bluthund Abaellino hieher — ich kenne ihn. -Es war eine Zeit, da sagte er zu mir: Herzog, -ich messe mich mit dir, die Erde trägt -selten auf einem so schmalen Strich Landes -zwei so große Männer — führe doch den grossen -Mann hieher! -</p> - -<p> -<span class="c">Senatoren.</span> Wo ist er? wo ist er? -</p> - -<p> -<span class="c">Einige Damen.</span> (<span class="d">in schreklicher Furcht</span>) Um Gotteswillen -— — -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">schmerzhaft lächelnd</span>) Fürchtet euch -nicht mehr vor ihm, schöne Venetianerinnen, -er hat ja nun seine Braut! (<span class="d">indem er auf Rosamunden deutet</span>) -</p> - -<p> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -<span class="c">Falieri.</span> (<span class="d">erblassend</span>) Ist er hier schon im Pallast? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> Hier im Pallast. -</p> - -<p> -<span class="c">Ein Senator.</span> Warum laßt Ihr uns so lange -in banger Erwartung schweben? -</p> - -<p> -<span class="c">Flodoard.</span> (<span class="d">führt den Dogen zu einem Lehnsessel</span>) -Wohlan, so mag die Komödie beginnen! — -Abaellino soll erscheinen. Tretet alle an die -Seiten! -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Wie von einem Sturmwind fortgerissen flog -alt und jung erschrokken zurük nach den Wänden. -Allen klopfte hoch das Herz; keinen aber mehr, -als den Verschwornen, die mit Höllenangst der -Erscheinung Abaellinos entgegenharrten. -</p> - -<p> -Der Doge <em>Andreas</em> sas ernst und ruhig -in seinem Stuhle, wie ein Richter zum Gericht -des Banditenfürsten. Einzeln, in besondern -Gruppen standen die Anwesenden mit verschiednem -Mienenspiel da — wie am Weltgerichtsmorgen -die Schatten der Seeligen und Verdammten -einst untereinandergemischt, und doch -grell von einander verschieden dastehn werden. -Die schöne <em>Rosamunde</em> lehnte sich in ruhiger -Engelsunschuld an Iduellens Achsel und musterte -mit durstgen Augen ihren großen Liebling. Die -Verschwornen mit langen, bleichen Gesichtern und -hin stierenden Augen formirten den Hintergrund. -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -Dumpfe Stille waltete über die Versammlung; -kein Odemgeräusche störte sie. -</p> - -<p> -„Und nun soll der schrekliche Abaellino vor -euch erscheinen; zittert nicht, er wird keinen -verlezzen!“ rief <em>Flodoard</em> aus, drehte -sich um, ging zur Flügelthür, wischte sich über -das Gesicht, warf den Mantel ab, kehrte wieder -um — und wie durch ein Gaukelspiel, war -<em>Flodoard</em> in <em>Abaellino</em> verwandelt! — -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-6"> -<span class="line1">Sechstes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Geistererscheinungen.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>in lautes Zetergeschrei scholl plözlich durch den -Saal — <em>Rosamunde</em> stürzte ohnmächtig -zusammen, die <em>Verschwornen</em> schnappten nach -Luft, die <em>Damen</em> kreuzigten und segneten sich, -die <em>Senatoren</em> standen leblos wie steinerne -Puppen umher und <em>Andreas Gritti</em> verlor -im Schrek Gehör und Gesicht. -</p> - -<p> -<em>Abaellino</em> stand ruhig da in seiner ganzen -furchtbaren Häßlichkeit, in seinem Banditenhabit, -mit dem Gürtel voller Pistolen und -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -Dolche, mit dem abscheulichen verzerrten, gelben -Gesicht, über dem rechten Auge ein Pflaster, -das linke hinter Fleischrunzeln halb verschwollen. -Er grinste nach einer Minute rings umher, und -trat dann ·zum erstarrten Doge. -</p> - -<p> -„He!“ rief er mit heisrer, grölzender -Stimme: „kennt ihr noch den Abaellino, hier -ist er, mit Leib und Seele ist er hier, gnädiger -Herr, um seine Braut einzuhohlen!“ -</p> - -<p> -<em>Andreas Gritti</em> seufzte tief auf, -starrte den Ausbund der Hölle mit einem schreklichen -Blik an und rief: „so bin ich noch nie -hintergangen!“ -</p> - -<p> -„Wache! Wache!“ schrie <em>Grimaldi</em>, -der Kardinal, und <em>Abaellino</em> zog eine Pistole -hervor aus dem Gürtel, spannte den Hahn und -drohte zu ihm herüber: „der erste,“ rief er, -„der erste, der Wache schreit, oder eine Bewegung -macht, ist in dieser Minute des Todes. -Glaubt ihr, daß ich mich selber hier überliefern, -selber die Wachen an den Thüren bestellt haben -würde, wenn ich mich vor ihnen fürchtete, oder -wenn ich euch entrinnen wollte? Ja, ich will euer Gefangner -sein, aber ohne Gewalt; ich will euer -Gefangner sein, dazu bin ich hier erschienen. -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -Fangen soll den Abaellino kein Mensch, er muß -selber kommen, um sich seinen Richtern zu überantworten. -Oder glaubt ihr, der Abaellino sei -der gewöhnlichen Bravo’s einer, der vor den -Sbirren läuft, aus Armuth oder Leidenschaft meuchelmordet? -nein, beim Himmel, nein, der bin ich -nicht! war ich Bandit, so war ich Bandit aus -Grundsäzzen! —“ -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">die Hände zusammenwerfend</span>) Großer Gott, -ist es möglich? -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Ein schauerliches Stillschweigen wohnte im -Saale. Jeder gehorchte der Stimme des großen -Banditen, der mit der Majestät des höllischen -Monarchen durch den Saal schritt, wenn anders -der Teufel Majestät besizzen kann. -</p> - -<p> -<em>Rosamunde</em> schlug die Augen auf — -ihr erster Blik haftete auf den verwandelten <em>Flodoard</em>. -</p> - -<p> -„O!“ rief sie: „Allbarmherziger, es -ist nicht möglich — es ist ein satanisches Blendwerk!“ -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Abaellino.</span> (<span class="d">zu ihr tretend</span>) Nein, kein Blendwerk, -Rosamunde; dieser Bandit Abaellino ist -dein Flodoard von Florenz. -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> Geh, geh, entsezlicher Lügner, es -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -ist nicht möglich! — du und Flodoard, Seraph -und Satan! wer schmilzt die zusammen? -Flodoard handelte gros und gut, wie ein Halbgott -— ich habe von ihm gelernt tugendhaft zu -handeln. Er war ohne Leidenschaft, zu jeder schönen -That willig. Elend und Kummer ertrug er -um des Guten willen, die Thränen der Leidenden -abzutroknen — das waren seine Triumpfe! — -Höllischer Bösewicht, den die Schaaren der Ermordeten -vor Gottes Richterstuhl längst verklagt -haben, prahle nicht mit Flodoards Namen. -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> (<span class="d">mit Stolz</span>) Rosamunde, du bist — -— — ein Weib. Sieh her, ich und dein Flodoard -sind eins — sieh her! sieh her! -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -<span class="c">Abaellino</span> riß das Pflaster vom Auge, rieb -mit seinen Tuch im Gesicht umher, faltete die verzognen -Mienen in ihre natürliche Ordnung zurük, -strich die schwarzen Haare von der Stirn, und siehe -da, der schöne Flodoard stand in Abaellinos Banditentracht -vor den Augen der Versammlung. -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Abaellino.</span> Sieh, Rosamunde, siebenmahl will ich -mein Gesicht noch verwandeln vor deinen Augen, -und so täuschend, daß du mich in Ewigkeit nicht -erkennen solltest. Aber dieß Gesicht ist Flodoards -Angesicht, ich will es vor der Hand beibehalten. -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> Entsezlich! -</p> - -<p> -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -<span class="c">Die Senatoren.</span> (<span class="d">durch einander murmelnd</span>) -Unerhört! Schreklich! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> (<span class="d">liebreich zu Rosamunden</span>) Nun? — -versöhnst du dich mit mir? -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">ihn anstarrend</span>) Flodoard, du bist -kein Mensch! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> (<span class="d">sich zu ihr hinabbeugend</span>) Rosamunde -— Rosamunde — bist du mein? -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">mit schaudernder Verlegenheit</span>) -Flodoard — ach, daß ich dich nie gesehn, nie -geliebt hätte! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Willst du nun noch die Braut Flodoards -— die Banditenbraut sein? -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">sieht ihn schweigend an, mit sich selber -im fürchterlichen Kampf.</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Sieh, Mädchen, um deinetwillen hab -ich mich selber verrathen — selber hingeliefert -— — ach, Rosamunde, ich könnte noch mehr -thun! — doch still! Rosamunde, nur eine -Sylbe laß mich hören von deiner Lippe, nur -ein armseliges Nein, oder Ja! Rosamunde, -liebst du mich noch? — — -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -<span class="c">Rosamunde</span> antwortete nicht. Ihr Auge sah zu -ihm empor, schuldlos und liebevoll, wie das -Auge eines Engels, und ihr Blik bekannte dem -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -verführerischen Bösewicht, Liebe. Ihr Busen -stürmte ungestüm — ungestüm wie das Meer -der Gedanken und Empfindungen in ihrer Seele. -Sie sank in <em>Iduellens</em> Arm zurük und <em>Iduella</em> -weinte eine mitleidige Thräne auf ihren Liebling -herab. -</p> - -<p> -Der <em>Doge</em> sprang in diesem Augenblik wild -vom Sessel auf; sein Auge blizte Wuth, seine -Unterlippe zog sich höher hinauf; sein Odem flog -heftiger. — Die Senatoren sahn ihn, warfen -sich ihm vor und hielten ihn gewaltsam zurük. -<em>Abaellino</em> inzwischen gieng ihm mit befremdender -Kälte entgegen, und bat ihn sich zu beruhigen. -</p> - -<p> -„Werdet ihr mir euer Wort halten, gnädigster -Herr? — ihr gabt es mir, des sind jene -edeln Venetianer und Venetianerinnen -Zeuge.“ -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">wild</span>) Abscheulicher Bösewicht, dein -Plan ist fein, boshaft und schreklich angelegt, -mich zu betrügen. Sagt, Venetianer, -bin ich verpflichtet, einem solchen fürchterlichen -Gauner Wort zu halten? Da geht er hin -und spielt eine betrügerische blutige Rolle: -mordet Venedigs bravste Männer für Lohn, -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -um mit dem Blutgelde in Venedig Aufwand -zu machen. Dann kömmt der abgefeimte -Abentheurer unter der Maske eines Biedermanns, -verführt meine unglükliche Rosamunde -zur Liebe, fodert mir das Mädchen ab, unter -der Bedingung den Abaellino zu schaffen -— stellt sich dann selber ein, verlangt die -Erfüllung meines Versprechens und erwartet -schlau genug zugleich Amnestie seiner Verbrechen. -— Sagt, Venetianer, darf ich dem Bösewicht -Wort halten. -</p> - -<p> -<span class="c">Alle.</span> Nimmermehr, nimmermehr! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> (<span class="d">mit Ernst</span>) Auch dem Fürsten der -Finsternis müsset ihr euer Versprechen halten, -wenn ihrs einmahl von euch gabet. O, Pfui, -pfui, Abaellino, so hast du dich denn schreklich -verrechnet: mit Biedermännern glaubt ich zu -handeln, pfui, und ich lies mich betrügen! — -(<span class="d">mit schreklichem Ernst</span>) Noch einmahl und zum -leztenmahle: soll das herzogliche Wort gebrochen -sein? -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">richterlich</span>) Entwaffnet euch. -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Und ihr wollt mich verstoßen — ich -habe mich umsonst in eure Hände geliefert? -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> Dem braven Flodoard hätt ich Rosamunden -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -nicht verweigert, aber dem Mörder -Abaellino hab ich nichts in der Welt versprochen. -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Hi, hi! meine Mordthaten drükken -euch ja nicht, sondern mich; dereinst will ich -die Sache vor dem Richter der Welt schon -ausfechten. -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> (<span class="d">zum Doge</span>) Welche Gotteslästerung! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> O, Herr Kardinal, bittet doch für -mich — ihr kennt mich ja, ich bin ein guter -Kerl. -</p> - -<p> -<span class="c">Grimaldi.</span> (<span class="d">mit Zorn und geistlicher Hoheit</span>) -Elender, was hab ich mit dir zu schaffen? -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Soll ich also wahrhaftig verdammt -werden? He da, nimmt sich keiner von euch -des armen Abaellino an? (<span class="d">Eine Pause</span>) Alle -schweigen? gut, so eile denn alles zu Ende -mit mir! -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">aufspringend, und zu den Füssen des -Dogen</span>) Gnade! Gnade! Barmherzigkeit -für ihn! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> (<span class="d">mit Seeligkeit</span>) Oh, oh! ein Engel -betet für mich in der leztcn Stunde. -</p> - -<p> -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -<span class="c">Rosamunde.</span> Erbarmen für ihn, mein Vater, -Erbarmen für ihn! war er ein Sünder, so -richte Gott über ihn! — ach, ich liebe ihn noch! -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">sie von sich stoßend</span>) Weg, Geschöpf, ich -kenne dich nicht! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> (<span class="d">steht mit verschränkten Armen da und -weidet sich an der Szene</span>) -</p> - -<p> -<span class="c">Rosamunde.</span> (<span class="d">auf dem Erdboden sich halb erhebend</span>) -Habet ihr mit ihm kein Erbarmen, so habet -es nur mit mir nicht. Richtet ihr ihn, so richtet -mich zuvor! — — Vater, — Vater! -verstoßet mich nicht. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">zum Abaellino im ernsten Ton</span>) Entwaffnet -euch! -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Und ihr könnt es kalten Auges ansehn, -wie sich dies Lamm zu euern Füssen windet? -— geht, ihr habt sie nie geliebt, diese -Rosamunde. — (<span class="d">Er hebt sie vom Boden auf -und trägt sie zu Iduellen</span>) Jezt ist sie mein! — -ich sag es euch, jezt ist sie mein, und der Tod -soll uns erst von einander scheiden. -</p> - -<p class="cnt"> -Venetianer, es scheinet als wollet ihr jezt -Gericht über mich halten, es scheint, als wolltet -ihr den Stab über mich brechen — wohlan, -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -es sei euch erlaubt! aber zuvor will ich mit -mehrern von euch erst richten. -</p> - -<p class="cnt"> -Seht hier, ich bin der Mörder Sylvios, -der Mörder Dandolis, der Mörder Kanari’s! -ich leugne es nicht; wollt ihr nun die -Herren kennen lernen, die mich dazu besoldeten -— so seht, Venetianer, seht auf jene -Schurken da — ein, zwei, drei, vier — -Grimaldi, Parozzi, Memmo, Falieri und Kontarino. -— Diese laßt in Verhaft nehmen. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Versteinert und entgeistert standen die genannten -da — das verrätherische Gewissen blinzelte -durch die starren Augen, durch die bleichen -Wangen hervor und Abaellino wurde von keinem -widerlegt. -</p> - -<p> -„Was ist das?“ frugen sich die Senatoren -erschrokken untereinander. -</p> - -<p> -„Ein schändlicher Gaunerkniff!“ lallte der -Kardinal <em>Grimaldi</em>, „rachsüchtig will nun -der Boshafte uns in seinen Prozeß verwikkeln, -da er sieht, daß ihm nichts zu seiner verlornen -Freiheit verhilft!“ -</p> - -<div class="drama"> -<p class="noindent"> -<span class="c">Kontarino.</span> (<span class="d">sich ermannend</span>) Er war in seinem -Leben der größte Bösewicht und will es nun auch -im Tode sein. -</p> - -<p> -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -<span class="c">Abaellino.</span> (<span class="d">mit Majestät</span>) Schweigt! ich kenne euer -ganzes Komplot, kenne eure Proscriptionslisten, -kenne euern Anhang, und indem wir -hier mit einander sprechen, nimmt man die -Herrn mit den <em>weissen Armbinden</em> gefangen, -die in der kommenden Nacht Venedig -umdrehn sollten. — Vertheidigt euch nicht. -</p> - -<p> -<span class="c">Gritti.</span> (<span class="d">erstaunend</span>) Was soll das sein? -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Nichts mehr und nichts weniger, gnädigster -Herr, als eine enthüllte Verschwörung -wider den Staat und euer Leben. — Seht, -so erhält euch ein Bandit zur Dankbarkeit euer -Leben, weil ihr ihm bald das seinige rauben -werdet. -</p> - -<p> -<span class="c">Ein Senator.</span> (<span class="d">zu den Angeklagten</span>) Edle Venetianer, -ihr schweiget. -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino.</span> Hier sind alle Vertheidigungen fruchtlos -— ihre Bande ist auf meinem Befehl -jezt desarmirt, und in die Gefängnisse des -Staats vertheilt — besuchet sie, da werdet -ihr mehr erfahren. — Uebrigens bildet -euch nicht ein, daß ich um und in diesen herzoglichen -Pallast die bewaffneten Soldaten um -des fürchterlichen Banditen Abaellinos willen -hinstellte, nein, sondern um jene Helden dort -in engere Verwahrung zu führen. — -</p> - -<p class="cnt"> -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -Und nun, Venetianer, ich habe mit Gefahr -meines Lebens den Staat gerettet, ich habe mich -als Bandit in die Versammlungen der Gottlosen -gewagt, habe Sturm und Regen, Frost und -Hizze ertragen, habe, wenn ihr schliefet, für Venedig -gewacht, und ich darf noch auf keine Belohnung -Ansprüche, machen? Das alles hab ich -für Rosamunde von Korfu gethan, und ihr wollt -sie mir verweigern; ich habe euch euer Leben, -euch das Leben eurer Weiber und Kinder erhalten -— Menschen, Menschen und ihr wollt mir -das meinige rauben. — -</p> - -<p class="cnt"> -Seht doch, wie jene Bösewichter dastehn, von -Gott verdammt und ihrem innern Richter. Oeffnet -sich wohl ein Mund zur Rechtfertigung? -widerlegt mich einer auch nur mit einem Kopfschütteln? -— Ich will euch von meiner Ehrlichkeit -noch besser überzeugen. (<span class="d">Indem er sich zu -den Verschwornen wendet.</span>) He da, bekennet die -Wahrheit — derjenige, der sie unter euch zum -ersten gesteht, soll Gnade erhalten im Gericht, -das versprech ich, der Bandit Abaellino. -</p> - -</div> - -<p class="noindent"> -Die Verschwornen schwiegen. Endlich nahte -sich <em>Memmo</em> einem der Senatoren zitternd. — -„Venetianer!“ lallte er: „Abaellino lüget -nicht!“ — -</p> - -<p> -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -„Er lüget! er lüget!“ riefen mit einemmahle -<em>Falieri</em>, <em>Grimaldi</em>, <em>Kontarino</em> und -<em>Parozzi</em>. -</p> - -<p> -Still! schrie Abaellino und fürchterlicher Grimm -blizte aus seinen Gebehrden: „Still! laßt -mich sprechen — oder besser noch, laßt die Geister -der Ermordeten sprechen. Hollah, ho!“ -schrie der Fürchterliche und sprengte die Flügelthüren -voneinander und siehe die längst beweinten, -längst betrauerten Edeln traten herein, <em>Sylvio</em>, -<em>Kanari</em> und <em>Dandoli</em>! -</p> - -<p> -„Verrätherei!“ brüllte <em>Kontarino</em> und -sties sich einen verborgen gehabten Dolch ins Herz. -</p> - -<p> -Welch ein Auftritt! -</p> - -<p> -Weinend sank <em>Andreas Gritti</em> in den -Arm seiner todgewähnten Freunde; weinend -schlang das lebende Kleeblatt großer Männer sich -um den Freund und Waffenbruder und Herzog. -— Erst in den Wohnungen des Himmels glaubten -sich diese schönen Seelen, diese Helden, wieder -finden zu können, und sie fanden sich nun auf Erden -wieder zusammen. Sie die einstens als Jünglinge -mit einander aufwuchsen, mit einander für -das Wohl ihres Vaterlandes fochten, hingen jezt -als Greise hier umeinander. Gerührt standen die -Zuschauer da, und die alten ehrwürdigen Senatoren -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -konnten sich bei dieser heiligen Szene der Thränen -nicht erwehren. Man hörte und sah in dieser -seeligen Trunkenheit nichts — hörte und sah nicht, -daß die Verschwornen und der Selbstmörder <em>Kontarino</em> -der Wache überliefert wurden — hörte -und sah nicht Rosamunden, die sich schluchzend an -die Brust des schönen <em>Abaellino</em> warf und überlaut -schrie: Dieser — <em>dieser ist kein Mörder</em>! -</p> - -<p> -Aber man ermannte sich endlich. Die Besonnenheit -kehrte zurük. — „Heil dem Erretter der -Republik!“ schrie man und weinte man laut und -umringte den Abaellino. -</p> - -<p> -<span class="c">Abaellino</span>, vor einigen Minuten noch von allen -verdammt, stand hehr und gros unter der entzükten -Menge da, wie ein Gott, und an ihm hinauf -schlang sich die schöne Rosamunde. -</p> - -<p> -„Ich bin nicht Abaellino, nicht Flodoard von -Florenz,“ sprach er sanft lächelnd: „ich bin der -vertriebne Graf Obizzo von Neapel. Ich kam -hieher als ein Bettler; Banditen nahmen mich -in ihren Bund auf, und ich ergrif mit Freuden -ihr unseeliges Gewerbe, theils um Venedig -von dieser Menschenklasse selber zu reinigen, theils -um auch diejenigen Buben kennen zu lernen, in -deren Solde diese Meuchelmörder standen. Ich -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -überlieferte euch die Banditen, und ihren Anführer -ermordete ich vor Rosamunden mit eigner -Hand. Ich war in Venedig der einzige Bandit; -an mich mußten sich alle Schurken wenden; -ich lernte sie und ihre Pläne kennen und -ihr kennt sie jezt auch. <em>Sylvio</em>, <em>Kanari</em> -und <em>Dandoli</em> sollten hingerichtet werden — -wollten diese Männer nicht durch die Dolche -andrer fallen: so mußten sie mit mir flüchten. -Ich brachte sie durch Gewalt, Güte und List -an einen Ort, wo sie sicher vor jeder Entdekkung -waren, bis zum heutigen Tage. Sie -entwarfen mit mir Pläne für die Zukunft und -wie man die Verschwornen fassen müsse — das -alles ist jezt ausgeführt und nun Venetianer, -wollt ihr mich noch verdammen?“ -</p> - -<p> -„<em>Dich verdammen?</em>“ riefen Doge, Senatoren -und Nobili, und jeder ris ihn an sich, -und drükte ihn nassen Auges an sein Herz. -</p> - -<p> -„O!“ rief <em>Andreas Gritti</em>, indem er -seine Augen trocknete: „ich gebe meine herzogliche -Müzze dahin, wenn ich ein Bandit werden konnte, -wie du! — <em>Grosser Bandit</em>, du hast -mich überwunden, du bist größer, als ich! Nimm -hin meine Rosamunde, nimm hin; etwas bessers -hab ich nicht, sie gilt mir theuerer, als ein Kaiserthum -— nimm sie hin!“ -</p> - -<p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -„Abaellino!“ jauchzte <em>Rosamunde</em>, und -küßte den schönen Banditen mit Glut. -</p> - -<p> -„Rosamunde!“ rief <em>Abaellino</em> und vergas -in dieser Umarmung die ganze Welt. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-7"> -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -<span class="line1">Siebentes Kapitel.</span><br /> -<span class="line2">Nachschrift.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">F</span>reilich wär es so unrecht nicht, wenn man sich -jezt zwischen den Graf Obizzo der schönen Rosamunde -und dem alten Doge hinsezzen, und Obizzo’s -Erzählung von seiner Herkunft und seinen ehmahligen -Abentheuern, die ihn nach Venedig trieben, -mit anhören könnte — allein hier sind vorläufig -nur zwei Fragen zu beantworten, die alles -entscheiden. <em>Erstlich:</em> hört man mir gern zu, -wenn ich Märchen erzähle? — <em>Zweitens:</em> -Hab ich auch Zeit genug übrig Märchen zu erzählen? — -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. <span class="handheld-only">Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.</span> -Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer -<span class="antiqua">anderen Schriftart</span> markiert. -</p> - -<p> -Die kräftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des Originales -wurden unverändert beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden -korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... und der Wicht, der da bei der <span class="underline">Molda</span> steht, ...<br /> -... und der Wicht, der da bei der <a href="#corr-1"><span class="underline">Molla</span></a> steht, ...<br /> -</li> - -<li> -... wird einmal selig, und <span class="underline">wenn</span> er verdammt hat, ...<br /> -... wird einmal selig, und <a href="#corr-11"><span class="underline">wen</span></a> er verdammt hat, ...<br /> -</li> - -<li> -... der großen Zahl ihrer <span class="underline">Andachst</span>übungen; die Weltdame ...<br /> -... der großen Zahl ihrer <a href="#corr-12"><span class="underline">Andachts</span></a>übungen; die Weltdame ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Abbaellino</span> mischte sich unter die Spaziergänger; ...<br /> -... <a href="#corr-16"><span class="underline">Abaellino</span></a> mischte sich unter die Spaziergänger; ...<br /> -</li> - -<li> -... den Dolch ins Herz gestossen, meinten die <span class="underline">venetiaschen</span> ...<br /> -... den Dolch ins Herz gestossen, meinten die <a href="#corr-20"><span class="underline">venetianischen</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... du den Matteo wider die Nichte des Andreas <span class="underline">Griti</span> ausgeschikt?“ ...<br /> -... du den Matteo wider die Nichte des Andreas <a href="#corr-22"><span class="underline">Gritti</span></a> ausgeschikt?“ ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Parrozi</span>. Falieri hat Recht. ...<br /> -... <a href="#corr-24"><span class="underline">Parozzi</span></a>. Falieri hat Recht. ...<br /> -</li> - -<li> -... und sank kreischend auf den <span class="underline">Sessell</span> nieder, ...<br /> -... und sank kreischend auf den <a href="#corr-26"><span class="underline">Sessel</span></a> nieder, ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Balluzo</span>. Die Wahl hält nicht schwer. ...<br /> -... <a href="#corr-27"><span class="underline">Baluzzo</span></a>. Die Wahl hält nicht schwer. ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Balluzo</span>. Ja, an Matteo’s Stelle. ...<br /> -... <a href="#corr-28"><span class="underline">Baluzzo</span></a>. Ja, an Matteo’s Stelle. ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Abellino</span>. Und ich sage, als ein braver Gesell ...<br /> -... <a href="#corr-29"><span class="underline">Abaellino</span></a>. Und ich sage, als ein braver Gesell ...<br /> -</li> - -<li> -... hassen, <span class="underline">daß</span> er zum erstenmahl erblikt, da ihm ...<br /> -... hassen, <a href="#corr-30"><span class="underline">das</span></a> er zum erstenmahl erblikt, da ihm ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Sieh</span> sah den Bittenden an und schwieg. ...<br /> -... <a href="#corr-34"><span class="underline">Sie</span></a> sah den Bittenden an und schwieg. ...<br /> -</li> - -<li> -... Geistes <span class="underline">endekt</span> — darum wag ich die Foderung, ...<br /> -... Geistes <a href="#corr-39"><span class="underline">entdekt</span></a> — darum wag ich die Foderung, ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Abaellino der große Bandit, by Heinrich Zschokke - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABAELLINO DER GROßE BANDIT *** - -***** This file should be named 52718-h.htm or 52718-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/7/1/52718/ - -Produced by Jens Sadowski. 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