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-The Project Gutenberg eBook, Eine langweilige Geschichte, by Anton
-Pavlovich Chekhov, Translated by Hermann Röhl
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-Title: Eine langweilige Geschichte
- Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes
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-Author: Anton Pavlovich Chekhov
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-Release Date: July 19, 2016 [eBook #52605]
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-Language: German
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-Character set encoding: UTF-8
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-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE***
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-E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
-(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by
-HathiTrust Digital Library (http://www.hathitrust.org/digital_library)
-
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-
-Note: Images of the original pages are available through
- HathiTrust Digital Library. See
- https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.a0008509630
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-Anmerkungen zur Transkription
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
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- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
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-ANTON TSCHECHOW
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-EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE
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-Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes
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-[Illustration]
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-Aus dem Russischen
-übertragen von H. Röhl
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-Im Insel-Verlag zu Leipzig
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-Gedruckt bei Breitkopf & Härtel in Leipzig
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-I
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-Es lebt in Rußland ein hochverdienter Professor, namens Nikolai
-Stepanowitsch *** (ich unterdrücke den Familiennamen), Geheimrat,
-Ritter pp.; er besitzt so viele russische und ausländische Orden, daß,
-wenn er Veranlassung hat sie anzulegen, die Studenten ihn mit der
-bunten Bilderwand in der Kirche vergleichen. Sein Bekanntenkreis ist
-ein höchst vornehmer; wenigstens hat es in den letzten fünfundzwanzig
-bis dreißig Jahren in Rußland keinen berühmten Gelehrten gegeben, mit
-dem er nicht näher bekannt gewesen wäre. Jetzt mag er sich mit niemand
-mehr anfreunden; aber wenn von der Vergangenheit die Rede sein soll,
-so schließen die lange Reihe seiner berühmten Freunde Männer wie
-Pirogow, Kawelin und der Dichter Nekrasow, die ihm ihre aufrichtige,
-warme Freundschaft schenkten. Er ist Ehrenmitglied aller russischen und
-dreier ausländischen Universitäten, usw. usw. Alles dies und vieles,
-was man noch hinzufügen könnte, bildet das, was man meinen Namen nennt.
-
-Dieser mein Name erfreut sich einer großen Popularität. In Rußland
-ist er jedem gebildeten Menschen bekannt, und im Auslande wird er auf
-den Kathedern mit den Beiworten »der bekannte« und »der verehrte«
-erwähnt. Er gehört zu jenen wenigen glücklichen Namen, die zu schmähen
-oder leichtfertig in den Mund zu nehmen beim Publikum und bei der
-Presse als schlechter Ton gilt. Und das ist auch nur in der Ordnung.
-Ist doch mit meinem Namen der Begriff eines berühmten, reich begabten
-und der Menschheit zweifellos nützlichen Mannes eng verbunden. Ich
-bin arbeitsam und ausdauernd wie ein Kamel, was von Wichtigkeit
-ist, und ich besitze Talent, was von noch größerer Wichtigkeit ist.
-Außerdem bin ich, beiläufig gesagt, ein wohlerzogener, bescheidener,
-ehrenhafter Mensch. Niemals habe ich meine Nase in Literatur und
-Politik hineingesteckt, habe nie durch Polemik mit Unwissenden populär
-zu werden gesucht, nie Reden bei Diners oder am Grabe von Kollegen
-gehalten. Überhaupt haftet an meinem Gelehrtennamen kein Flecken, und
-mein Name hat keinen Grund sich zu beklagen. Er ist glücklich.
-
-Der Träger dieses Namens, also mein Ich, ist ein Mann von
-zweiundsechzig Jahren, mit kahlem Kopfe, falschen Zähnen und einem
-unheilbaren Gesichtsschmerz, einem ~tic~. So glänzend und schön
-mein Name ist, ebenso trübselig und häßlich bin ich selbst. Kopf und
-Hände zittern mir vor Schwäche; mein Hals hat, wie bei der Heldin
-einer Turgenjewschen Erzählung, Ähnlichkeit mit dem Griffe eines
-Kontrabasses; die Brust ist eingefallen, der Rücken schmal. Wenn ich
-spreche oder Vorlesung halte, so zieht sich mein Mund schräg nach der
-Seite hin; wenn ich lächle, so bedeckt sich mein ganzes Gesicht mit
-greisenhaften, starren Runzeln. An meiner ganzen kläglichen Figur ist
-nichts, was Interesse erwecken könnte; nur etwa wenn ich an meinem
-Gesichtsschmerz krank bin, tritt bei mir ein gewisser besonderer
-Ausdruck hervor, der wohl bei jedem, der mich ansieht, den ernsten,
-bedeutsamen Gedanken hervorruft: »Wahrscheinlich wird dieser Mensch
-bald sterben.«
-
-Ich trage bei meinen Vorlesungen, wie früher, nicht schlecht vor;
-wie in früheren Zeiten vermag ich die Aufmerksamkeit der Hörer zwei
-Stunden lang zu fesseln. Über meiner Wärme für den Gegenstand, der
-Klarheit der Erörterung und dem guten Humor, den ich dabei entwickele,
-vergißt man fast die Mängel meiner Stimme, die trocken und scharf ist
-und etwas Singendes hat, wie man es sonst bei Frömmlern findet. Das
-Schreiben dagegen gelingt mir schlecht. Jener Teil meines Gehirnes,
-der die schriftstellerische Fähigkeit dirigieren soll, versagt den
-Dienst. Mein Gedächtnis ist schwach geworden, meinem Denken fehlt die
-nötige Folgerichtigkeit, und sobald ich meine Gedanken auf das Papier
-bringe, habe ich jedesmal die Empfindung, daß ich das Gefühl für ihre
-organische Verknüpfung verloren habe; die Konstruktion ist eintönig,
-die Ausgestaltung der Sätze gar zu bescheiden und ärmlich. Oft schreibe
-ich gar nicht das, was ich eigentlich beabsichtige; wenn ich das Ende
-schreibe, habe ich den Anfang nicht mehr im Kopfe. Oft kann ich mich
-auf die gewöhnlichsten Ausdrücke nicht besinnen, und ich muß immer
-erst große Energie aufwenden, um bei einem Schriftstück überflüssige
-Redensarten und unnötige Eingangssätze zu vermeiden; beides zeugt
-deutlich von einem Verfalle der geistigen Fähigkeiten. Und merkwürdig:
-je einfacher das betreffende Schriftstück ist, um so qualvollere
-Anstrengung kostet es mich. Bei der Abfassung eines wissenschaftlichen
-Aufsatzes fühle ich mich weit freier und fähiger als bei einem
-Gratulationsbriefe oder bei einem amtlichen Berichte. Noch eines: es
-wird mir leichter, Deutsch oder Englisch zu schreiben als Russisch.
-
-Was meine jetzige Lebensweise anlangt, so muß ich vor allem die
-Schlaflosigkeit erwähnen, an der ich in der letzten Zeit leide.
-Wenn mich jemand fragen wollte: »Was bildet jetzt den wichtigsten,
-den fundamentalen Zug deines Daseins?« so müßte ich antworten: die
-Schlaflosigkeit. Wie früher entkleide ich mich gewohnheitsmäßig
-pünktlich um Mitternacht und lege mich ins Bett. Ich schlafe schnell
-ein; aber zwischen eins und zwei wache ich auf, und zwar mit einem
-Gefühle, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen. Ich muß aufstehen
-und die Lampe anzünden. Eine oder zwei Stunden lang gehe ich dann
-im Zimmer von einer Ecke nach der anderen und betrachte die mir
-längst bekannten Bilder und Photographien. Wenn ich dieser Wanderung
-überdrüssig werde, setze ich mich an meinen Schreibtisch. Ich sitze
-unbeweglich, ohne etwas zu denken und ohne irgendwelchen Wunsch zu
-empfinden; liegt ein Buch vor mir, so ziehe ich es mechanisch zu mir
-heran und lese ohne alles Interesse. So habe ich neulich in einer
-einzigen Nacht mechanisch einen ganzen Roman mit dem sonderbaren
-Titel: »Was die Schwalbe sang« durchgelesen. Oder aber ich zwinge
-mich, um meinen Geist zu beschäftigen, bis tausend zu zählen, oder
-ich vergegenwärtige mir das Gesicht irgendeines meiner Kollegen und
-suche mich zu besinnen, in welchem Jahre und unter welchen Umständen
-er ins Amt getreten ist. Gern horche ich auch auf allerlei Geräusche.
-Bald redet zwei Zimmer von mir entfernt meine Tochter Lisa hastig
-etwas im Traume vor sich hin; bald geht meine Frau mit einer Kerze
-durch den Saal und läßt unfehlbar das Streichholzschächtelchen auf den
-Boden fallen; bald knackt ein zusammentrocknender Schrank, oder der
-Brenner an meiner Lampe beginnt unerwartet zu summen, -- und alle diese
-Geräusche haben, ich weiß nicht warum, für mich etwas Aufregendes.
-
-Wenn man in der Nacht nicht schläft, so ist man sich dabei jeden
-Augenblick bewußt, daß man sich nicht in normalem Zustande befindet,
-und daher warte ich mit Ungeduld auf den Morgen und den Tag, wo ich
-ein Recht habe nicht zu schlafen. Aber es vergeht viel qualvolle
-Zeit, bis auf dem Hofe der Hahn zu krähen beginnt. Dies ist mein
-erster Freudenbote. Sobald er kräht, weiß ich, daß nun in einer Stunde
-unten der Portier aufwachen und, ärgerlich hustend, zu irgendwelcher
-Verrichtung die Treppe heraufkommen wird. Und dann wird es draußen vor
-den Fenstern allmählich heller werden, auf der Straße werden Stimmen
-laut werden usw.
-
-Der Tag beginnt bei mir mit dem Eintreten meiner Frau. Sie kommt zu
-mir ins Zimmer im Unterrock, unfrisiert, aber bereits gewaschen und
-nach Eau de Cologne duftend. Sie macht ein Gesicht, als käme sie nur so
-zufällig herein, und sagt jedesmal ein und dasselbe:
-
-»Entschuldige, ich wollte nur einen Augenblick ... Hast du wieder nicht
-geschlafen?«
-
-Dann löscht sie die Lampe aus, setzt sich an den Tisch und beginnt
-zu reden. Obwohl ich kein Prophet bin, weiß ich im voraus, wovon sie
-sprechen wird. Es ist jeden Morgen dasselbe. Nachdem sie sich besorgt
-nach meinem Befinden erkundigt hat, fällt ihr gewöhnlich auf einmal
-unser Sohn ein, der als Offizier in Warschau steht. Am zwanzigsten
-jedes Monats schicken wir ihm fünfzig Rubel hin, und das dient nun als
-hauptsächlichstes Thema unseres Gespräches.
-
-»Es fällt uns ja freilich schwer,« sagt meine Frau seufzend, »aber
-solange er noch nicht auf eigenen Füßen stehen kann, ist es doch unsere
-Pflicht, ihn zu unterstützen. Der Junge wohnt an einem fremden Orte,
-und sein Gehalt ist nur klein ... Indessen, wenn du willst, können wir
-ihm ja im nächsten Monat statt fünfzig nur vierzig Rubel schicken. Was
-meinst du?«
-
-Aus der täglichen Erfahrung könnte meine Frau lernen, daß Ausgaben
-dadurch nicht kleiner werden, daß man oft von ihnen spricht; aber meine
-Frau läßt die Erfahrung nicht gelten und unterhält mich pünktlich jeden
-Morgen von unserem Offizier und davon, daß das Brot Gott sei Dank
-billiger geworden sei, der Zucker aber leider zwei Kopeken teurer, --
-und alles das in einem Tone, als ob sie mir eine Neuigkeit mitteilte.
-
-Ich höre zu und äußere mechanisch meine Beistimmung; aber
-wahrscheinlich infolge der schlaflosen Nacht kommen mir sonderbare,
-unnütze Gedanken. Ich sehe meine Frau an und wundere mich wie ein
-Kind. Verständnislos frage ich mich: ist diese alte, sehr korpulente,
-plumpe Frau mit dem stumpfen Ausdruck kleinlicher Sorge und Angst um
-das tägliche Brot, mit diesem von steten Gedanken an Schulden und Not
-verschleierten Blicke, diese Frau, die von weiter nichts zu reden weiß
-als von Ausgaben, und der nur die Wohlfeilheit der Lebensmittel ein
-Lächeln entlockt, ist diese Frau wirklich einmal jene schlanke Warja
-gewesen, in die ich mich leidenschaftlich verliebte wegen ihres guten,
-klaren Verstandes, wegen ihrer reinen Seele, wegen ihrer Schönheit
-und, wie Othello in Desdemona, wegen ihres »Mitleides« mit meiner
-Wissenschaft? Ist diese Frau wirklich jene meine Warja, die mir einst
-einen Sohn gebar?
-
-Ich blicke der fetten, plumpen alten Frau forschend in das Gesicht und
-suche in ihr meine Warja; aber von ihrem gesamten früheren Wesen ist
-nur die Angst um meine Gesundheit bestehen geblieben, und dann noch
-ihre wunderliche Art, mein Gehalt »unser Gehalt« zu nennen und meine
-Mütze »unsere Mütze«. Es ist mir schmerzlich, sie anzusehen, und um ihr
-wenigstens eine kleine Liebe anzutun, lasse ich sie sprechen, was sie
-mag, und schweige sogar still, wenn sie über andere Menschen ungerecht
-urteilt oder mir Vorwürfe macht, weil ich keine Praxis ausübe und keine
-Lehrbücher herausgebe.
-
-Unser Gespräch endet immer auf die gleiche Weise. Meiner Frau fällt zu
-ihrem Schrecken plötzlich ein, daß ich noch keinen Tee getrunken habe.
-
-»Was sitze ich hier?« sagt sie, sich erhebend. »Der Samowar steht
-längst auf dem Tische, und ich plaudere hier. Wie gedankenlos ich
-geworden bin, o Gott!«
-
-Sie geht schnell zur Tür, bleibt aber dort stehen, um zu sagen:
-
-»Wir sind Jegor noch seinen Lohn für fünf Monate schuldig. Du weißt es
-doch? Man darf mit der Lohnzahlung an die Dienstboten nicht nachlässig
-sein, das habe ich dir doch schon wer weiß wie oft gesagt! Zehn Rubel
-jeden Monat zu bezahlen ist viel leichter als fünfzig mit einem Mal für
-fünf Monate.«
-
-Wenn sie aus der Tür hinaus ist, bleibt sie wieder stehen und sagt:
-
-»Niemand tut mir so leid wie unsere arme Lisa. Das Kind besucht doch
-das Konservatorium und verkehrt stets in guter Gesellschaft; aber
-dabei ist ihre Toilette so kümmerlich. Ihr Pelz befindet sich in
-einem solchen Zustande, daß sie sich schämen muß, sich damit auf der
-Straße zu zeigen. Wäre sie aus anderer Familie, dann käme es ja nicht
-darauf an; aber so wissen doch alle Leute, daß ihr Vater ein berühmter
-Professor und Geheimrat ist!«
-
-Nachdem sie mir so meinen Ruf und Stand zum Vorwurfe gemacht hat, geht
-sie endlich fort. Auf diese Weise beginnt mein Tag. Und der weitere
-Verlauf ist nicht besser.
-
-Während ich Tee trinke, kommt meine Tochter Lisa zu mir ins Zimmer,
-in Pelz und Mützchen, die Notenmappe am Arm, völlig fertig, um ins
-Konservatorium zu gehen. Sie ist zweiundzwanzig Jahre alt. Nach ihrem
-Äußeren würde man sie für jünger halten; sie ist recht hübsch und hat
-einige Ähnlichkeit mit meiner Frau, wie diese in ihrer Jugend aussah.
-Sie küßt mir zärtlich die Schläfe und die Hand und sagt:
-
-»Guten Morgen, Papachen. Fühlst du dich wohl?«
-
-Als sie noch ein Kind war, aß sie sehr gern Gefrorenes, und ich
-mußte sie oft in die Konditorei führen. Eis war ihr der Maßstab
-für alles Schöne. Wenn sie mich loben wollte, so sagte sie: »Du
-bist von Sahneneis, Papa.« Von ihren Fingerchen hieß eines das
-Pistazienfingerchen, das andere das Sahnenfingerchen, das dritte das
-Himbeerfingerchen usw. Wenn sie morgens zu mir kam, um mir Guten Tag
-zu sagen, setzte ich sie gewöhnlich auf meinen Schoß, küßte ihre
-Fingerchen und sagte dabei:
-
-»Sahnenfingerchen, Pistazienfingerchen, Zitronenfingerchen ...«
-
-Auch jetzt küsse ich aus alter Gewohnheit Lisas Finger und murmele:
-
-»Pistazienfingerchen, Sahnenfingerchen, Zitronenfingerchen ...«; aber
-es hat nicht mehr den richtigen Klang. Ich bin kalt dabei, und darüber
-schäme ich mich. Wenn meine Tochter zu mir hereinkommt und mit den
-Lippen meine Schläfe berührt, so zucke ich zusammen, wie wenn mich eine
-Biene in die Schläfe stäche, lächle gezwungen und wende mein Gesicht
-ab. Seit ich an Schlaflosigkeit leide, bohrt in meinem Gehirn ein
-bestimmter Gedanke herum: meine Tochter sieht oft, daß ich, ein alter
-Mann, ein berühmter Professor, peinlich erröte, weil ich dem Diener
-Geld schulde; sie sieht, daß die Sorge um kleine Schulden mich oft
-zwingt, die Arbeit hinzuwerfen, ganze Stunden lang von einer Ecke nach
-der andern zu gehen und nachzudenken; aber warum ist sie nie hinter dem
-Rücken ihrer Mutter zu mir gekommen und hat mir zugeflüstert: »Vater,
-da sind meine Armbänder, meine Uhr, meine Ohrringe, meine Kleider. Trag
-das alles ins Leihhaus, wenn du Geld brauchst!«? Sie sieht doch, daß
-wir, ihre Mutter und ich, aus einem falschen Schamgefühle den Leuten
-unsere Armut zu verbergen suchen; warum verzichtet sie da nicht auf das
-kostspielige Vergnügen, Musik zu studieren? Annehmen würde ich ja weder
-die Uhr noch die Armbänder noch sonstige Opfer, Gott behüte; das liegt
-nicht in meinen Wünschen.
-
-Dabei denke ich dann auch an meinen Sohn, den Warschauer Offizier. Er
-ist ein verständiger, ehrenhafter, nüchterner Mensch. Aber mir genügt
-das nicht. Ich meine, wenn ich einen alten Vater hätte und wüßte, daß
-bei ihm Augenblicke vorkommen, wo er sich seiner Armut schämt, dann
-würde ich meine Offizierstelle jemand anders überlassen und selbst
-eine Erwerbstätigkeit ergreifen. Solche Gedanken über meine Kinder
-vergiften mir meine Seele. Was haben solche Gedanken für Zweck? Gegen
-Menschen gewöhnlichen Schlages nur deshalb ein böses Gefühl hegen, weil
-sie keine Helden sind, das kann nur ein engherziger oder verbitterter
-Mensch. Aber genug davon.
-
-Um dreiviertel zehn muß ich zu meinen lieben Studenten gehen, um ihnen
-eine Vorlesung zu halten. Ich kleide mich an und wandere auf dem Wege
-hin, der mir schon seit dreißig Jahren bekannt ist und für mich seine
-Geschichte hat. Hier steht ein großes, graues Haus mit einer Apotheke;
-da stand ehemals ein kleines Häuschen, und darin befand sich ein
-Bierlokal; in diesem Bierlokale überlegte ich meine Dissertation und
-schrieb ich meinen ersten Liebesbrief an Warja. Ich schrieb ihn mit
-Bleistift auf einen Bogen mit dem Kopfdruck: ~Historia morbi~. Da ist
-ein kleiner Viktualienladen; einstmals gehörte er einem Juden, der
-mir Zigaretten auf Kredit verkaufte, dann einer dicken Frau, die alle
-Studenten in ihr Herz geschlossen hatte, weil doch jeder von ihnen
-eine Mutter habe; jetzt sitzt ein rothaariger Kaufmann darin, ein sehr
-gleichmütiger Mensch, der aus einer kupfernen Kanne Tee trinkt. Und da
-ist ja auch schon das seit langer Zeit nicht renovierte Universitätstor
-und der sich langweilende Hausknecht in seinem Schafpelz und ein paar
-Besen und große Schneehaufen. Auf einen frischen jungen Menschen,
-der aus der Provinz kommt und die Vorstellung mitbringt, der Tempel
-der Wissenschaft werde auch in seiner äußeren Erscheinung ein Tempel
-sein, kann ein solches Tor keinen guten Eindruck machen. Überhaupt muß
-man sagen: die Baufälligkeit der Universitätsgebäude, die Dunkelheit
-der Korridore, die verstaubten, verräucherten Wände, der Mangel an
-Licht, das klägliche Aussehen der Stufen, der Kleiderhaken und der
-Bänke, dies alles nimmt in der Geschichte des russischen Pessimismus
-einen der ersten Plätze unter den prädisponierenden Ursachen ein. Da
-ist auch unser Universitätsgarten. Seit meiner eigenen Studentenzeit
-ist er, wie ich glaube, nicht besser und nicht schlechter geworden.
-Ich kann ihn nicht leiden. Es wäre weit verständiger, wenn statt
-der schwindsüchtigen Linden, der gelblichgrünen Akazien und des
-dürftigen, beschnittenen Flieders dort hohe Fichten und kräftige Eichen
-wüchsen. Der Student, dessen Stimmung meist durch seine Umgebung stark
-beeinflußt wird, muß da, wo er studiert, auf Schritt und Tritt nur
-Hohes, Kräftiges und Schönes sehen. Bewahre ihn Gott vor dem Anblick
-dürrer Bäume, zerbrochener Fensterscheiben, grau gewordener Wände und
-mit zerrissenem Wachstuch beschlagener Türen!
-
-Wenn ich mich derjenigen Tür des Universitätsgebäudes nähere, die zu
-meinen Räumen führt, so öffnet sie sich, und es begrüßt mich mein
-langjähriger Dienstgenosse, Altersgenosse und Namensvetter, der Portier
-Nikolai. Nachdem er mich eingelassen hat, räuspert er sich und sagt:
-
-»Es ist kalt heute, Euer Exzellenz!«
-
-Oder wenn mein Pelz naß ist, bemerkt er:
-
-»Es regnet heute, Euer Exzellenz!«
-
-Darauf läuft er vor mir her und öffnet auf meinem Wege alle Türen. In
-meinem Arbeitszimmer nimmt er mir behutsam den Pelz ab und teilt mir
-gleichzeitig schleunigst irgendeine Universitätsneuigkeit mit. Dank
-der nahen Bekanntschaft, die zwischen allen Universitätsportiers und
--pedellen besteht, weiß er alles, was in den vier Fakultäten, in der
-Kanzlei, im Arbeitszimmer des Rektors und in der Bibliothek vorgeht.
-Was bliebe ihm unbekannt? Zu Zeiten, wo bei uns z. B. der Rücktritt
-des Rektors oder eines Dekanes die brennende Tagesfrage bildet, höre
-ich manchmal, wie er im Gespräche mit jüngeren Pedellen die Kandidaten
-aufzählt und zugleich erläuternd bemerkt, den und den werde der
-Minister nicht bestätigen, der und der werde selbst verzichten, und wie
-er sich dann in phantastischen Einzelheiten ergeht über geheimnisvolle
-Schriftstücke, die in der Kanzlei eingegangen seien, über eine geheime
-Unterredung zwischen dem Minister und dem Kurator usw. Sieht man von
-diesen Einzelheiten ab, so erweist sich, daß er im allgemeinen fast
-immer recht hat. Die Charakteristiken, die er von einem jeden der
-Kandidaten gibt, sind originell, aber gleichfalls zutreffend. Wer
-etwa zu erfahren wünscht, in welchem Jahre jemand seine Dissertation
-verteidigt hat, ins Amt getreten ist, sich hat pensionieren lassen oder
-gestorben ist, der rufe das gewaltige Gedächtnis dieses ehemaligen
-Soldaten zu Hilfe; dieser wird nicht nur das Jahr, den Monat und den
-Tag angeben, sondern auch über die näheren Umstände Mitteilung machen,
-die das eine oder andere Ereignis begleitet haben. So sich erinnern
-kann nur, wer mit dem Herzen dabei ist.
-
-Er ist der Hüter der Universitätstradition. Von seinen Vorgängern im
-Portieramt hat er viele Legenden aus dem Universitätsleben geerbt; zu
-diesem Schatze hat er dann viel eigenes Gut hinzugefügt, das er in
-seiner Dienstzeit erworben hat, und wenn jemand ein Verlangen danach
-äußert, so erzählt er ihm eine Menge langer und kurzer Geschichten. Er
-kann von außerordentlich klugen Männern erzählen, die »alles wußten«,
-von merkwürdig arbeitsfähigen Professoren, die ganze Wochen lang nicht
-schliefen, von zahlreichen Märtyrern und Opfern der Wissenschaft;
-das Gute triumphiert in seinen Erzählungen immer über das Böse, der
-Schwache besiegt den Starken, der Kluge den Dummen, der Bescheidene den
-Stolzen, der Junge den Alten. Man braucht ja nicht gerade alle diese
-Legenden und Erdichtungen für bare Münze zu nehmen; aber man filtriere
-sie, und es wird als Rückstand etwas Brauchbares auf dem Filter
-bleiben: unsere guten Traditionen und die Namen wahrer, allgemein
-anerkannter Geistesheroen.
-
-Was man in der sogenannten besseren Gesellschaft unserer Stadt
-über die Welt der Gelehrten weiß, das sind lediglich Anekdoten
-über außergewöhnliche Zerstreutheit alter Professoren, sowie zwei
-oder drei Witze, die bald auf Gruber, bald auf mich, bald auf
-Babuchin zurückgeführt werden. Für die gebildete Gesellschaft ist
-das eigentlich etwas wenig. Wenn diese Kreise die Wissenschaft, die
-Gelehrten und die Studenten so liebten, wie es Nikolai tut, so würde
-die hiesige Literatur schon längst ganze Heldengedichte, Erzählungen
-und Biographien aus diesem Gebiete besitzen, deren sie jetzt leider
-ermangelt.
-
-Nachdem Nikolai mir seine Neuigkeit mitgeteilt hat, nimmt sein Gesicht
-einen sehr ernsten Ausdruck an, und es entspinnt sich zwischen uns ein
-fachmännisches Gespräch. Wenn ein Fremder dabei mit anhörte, wie flott
-Nikolai die Terminologie handhabt, so könnte er vielleicht gar denken,
-das sei ein als Portier maskierter Gelehrter. Aber beiläufig gesagt:
-die Gerüchte über die Gelehrsamkeit der Universitätsunterbeamten sind
-stark übertrieben. Allerdings kennt Nikolai über hundert lateinische
-Benennungen, versteht sich darauf, ein Skelett zusammenzufügen,
-unter Umständen auch ein Präparat herzustellen, die Studenten durch
-irgendein langes, gelehrtes Zitat zum Lachen zu bringen; aber z. B. die
-so einfache Lehre vom Blutumlaufe ist ihm jetzt noch ebenso dunkel wie
-vor zwanzig Jahren.
-
-An einem Tische in meinem Arbeitszimmer sitzt, tief über ein Buch
-oder ein Präparat gebeugt, mein Prosektor Peter Ignatjewitsch, ein
-fleißiger, bescheidener, aber talentloser Mensch, etwa fünfunddreißig
-Jahre alt, aber schon kahlköpfig und dickbäuchig. Arbeiten tut er
-vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein; er liest eine große Menge
-und hat für alles Gelesene ein vorzügliches Gedächtnis. In dieser
-Hinsicht ist er Goldes wert; aber im übrigen ist er ein Lastpferd
-oder, wie man sich auch auszudrücken pflegt, ein gelehrter Dummkopf.
-Die charakteristischen Merkmale des Lastpferdes, durch die dieses
-sich von einem talentvollen Manne unterscheidet, sind folgende:
-sein Gesichtskreis ist eng und scharf begrenzt, da er eben nur ein
-Spezialfach umfaßt; außerhalb seines Spezialfaches ist ein solcher Mann
-naiv wie ein Kind. Ich erinnere mich, daß ich eines Morgens in das
-Arbeitszimmer hereinkam und sagte:
-
-»Denken Sie sich, dieses Unglück! Es heißt, Skobelew sei gestorben.«
-
-Nikolai bekreuzte sich, Peter Ignatjewitsch aber sah mich an und fragte:
-
-»Was für ein Skobelew?«
-
-Ein andermal (es war etwas früher) teilte ich ihm mit, daß Professor
-Perow gestorben sei. Der gute Peter Ignatjewitsch fragte:
-
-»Worüber hat er denn gelesen?«
-
-Und wenn dicht vor seinen Ohren die Patti zu singen anfinge, wenn
-Chinesenhorden über Rußland herfielen, wenn ein Erdbeben stattfände,
-so würde er vermutlich kein Glied rühren und seelenruhig mit
-zusammengekniffenem Auge in sein Mikroskop hineinsehen. Mit einem
-Worte: was kümmert ihn Hekuba? Ich würde viel darum geben, einmal zu
-sehen, wie dieser trockene Stock bei seiner Frau schläft.
-
-Ein zweiter Charakterzug eines solchen Menschen ist: ein fanatischer
-Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft und namentlich alles
-dessen, was die Deutschen schreiben. Er hat ein festes Vertrauen zu
-sich selbst und zu seinen Präparaten, kennt nach seiner Überzeugung
-den Zweck des Menschenlebens und weiß absolut nichts von jenen
-Zweifeln und Enttäuschungen, von denen talentvolle Männer graue Haare
-bekommen. Er hegt einen sklavischen Respekt vor Autoritäten; das
-Bedürfnis, selbständig zu denken, kennt er nicht. Ihn zu einer andern
-Ansicht zu bringen ist schwer, mit ihm zu disputieren unmöglich. Man
-disputiere einmal mit einem Menschen, der fest überzeugt ist, die
-beste Wissenschaft sei die Medizin, die besten Menschen die Ärzte, die
-besten Traditionen die medizinischen. In Wirklichkeit hat sich von der
-recht üblen Vergangenheit der Medizin nur ein einziger traditioneller
-Brauch erhalten: die weiße Krawatte, die die Doktoren jetzt tragen,
-und für einen Gelehrten und überhaupt für einen Gebildeten gibt
-es nur allgemein akademische Traditionen, ohne jede Scheidung in
-medizinische, juristische usw.; aber Peter Ignatjewitsch kann sich
-nicht entschließen, das zuzugeben, und ist bereit, mit einem anders
-Gesinnten darüber bis zum Jüngsten Tage zu debattieren.
-
-Seine Zukunft kann ich mir klar vorstellen. Er wird im Laufe seines
-ganzen Lebens mehrere hundert außerordentlich saubere Präparate
-anfertigen, viele trockene, sehr korrekte Referate schreiben, etwa ein
-Dutzend gewissenhafte Übersetzungen herstellen; aber das Pulver wird er
-nicht erfinden. Zum Pulvererfinden gehören Phantasie, Erfindungsgabe,
-Kombinationssinn, und von solchen Dingen besitzt Peter Ignatjewitsch
-nichts. Kurz, er ist in der Wissenschaft nicht ein Hausherr, sondern
-ein Arbeitsmann.
-
-Wir drei, ich, Peter Ignatjewitsch und Nikolai, sprechen halblaut
-miteinander. Es ist uns nicht recht behaglich zumute. Es ist doch
-ein besonderes Gefühl, wenn man auf der anderen Seite der Tür die
-Zuhörerschar wie ein Meer lärmen hört. In diesen ganzen dreißig Jahren
-habe ich mich an dieses Gefühl nicht gewöhnt und empfinde es jeden
-Morgen mit Mißbehagen. Nervös knöpfe ich mir den Rock zu, richte an
-Nikolai überflüssige Fragen und ärgere mich über mich selbst. Es sieht
-ganz so aus, als ob ich feige wäre; aber es ist nicht Feigheit, sondern
-etwas anderes, was ich weder zu benennen noch zu beschreiben imstande
-bin.
-
-Ohne daß es nötig wäre, sehe ich nach der Uhr und sage:
-
-»Nun, wie ist's? Wir müssen gehen.«
-
-Und wir schreiten in folgender Ordnung einher: voran geht Nikolai mit
-den Präparaten oder den großen Abbildungen, hinter ihm ich, und hinter
-mir wandelt, den Kopf bescheiden gebeugt, das Lastpferd; oder aber
-es wird, wenn es nötig ist, vor uns her auf einer Bahre ein Leichnam
-getragen, hinter dem Leichnam geht Nikolai usw. Bei meinem Erscheinen
-stehen die Studenten auf; dann setzen sie sich wieder, und das Getöse
-des Meeres verstummt plötzlich. Es tritt Windstille ein.
-
-Ich weiß, worüber ich zu sprechen habe; aber ich weiß nicht, wie
-ich sprechen und womit ich anfangen und aufhören werde. In meinem
-Kopfe ist kein einziger fertiger Satz vorhanden. Aber ich brauche
-nur meinen Hörsaal anzusehen (er ist amphitheatralisch gebaut) und
-die herkömmlichen Worte: »In der vorigen Vorlesung sind wir bei ...
-stehen geblieben«, zu sprechen, so kommen die Sätze in langer Reihe aus
-meinem Innern herausgeströmt, und nun bin ich im Zuge! Ich rede mit
-unaufhaltsamer Schnelligkeit und großer Wärme, und man möchte glauben,
-daß es keine Gewalt gebe, die den Lauf meiner Rede unterbrechen könnte.
-Um gut vorzutragen, d. h. so, daß das Interesse der Zuhörer geweckt
-wird und sie Nutzen davon haben, muß man außer dem Talente auch noch
-eine gewisse Kunstfertigkeit und Erfahrung besitzen; man muß eine klare
-Vorstellung von der eigenen Kraft, von der Persönlichkeit der Zuhörer
-und von dem Gegenstande des Vortrages haben. Außerdem muß man ein
-energischer Mensch sein, muß scharf beobachten und darf keinen Teil des
-Gesichtsfeldes auch nur für eine Sekunde aus den Augen verlieren.
-
-Ein guter Kapellmeister verrichtet, wenn er den Gedanken eines
-Komponisten zu Gehör bringt, zwanzig verschiedene Dinge zu gleicher
-Zeit: er liest die Partitur, schwingt den Taktstock, beobachtet den
-Sänger, macht eine Bewegung zur Seite hin bald nach der Trommel, bald
-nach dem Waldhorn usw. Ebenso mache auch ich es, wenn ich vortrage. Vor
-mir habe ich hundertfünfzig Gesichter, von denen keines dem anderen
-ähnlich ist, und dreihundert Augen, die mir gerade ins Gesicht schauen.
-Mein Ziel ist, diese vielköpfige Hydra zu besiegen. Wenn ich während
-meines Vortrages in jedem Augenblicke eine klare Vorstellung von dem
-Grade der Aufmerksamkeit und des Verständnisses meiner Zuhörer habe,
-dann sind diese in meiner Gewalt. Ein anderer Gegner steckt in mir
-selbst. Dies ist die endlose Mannigfaltigkeit der Formen, Erscheinungen
-und Gesetze und die dadurch bedingte Fülle eigener und fremder
-Gedanken. In jedem Augenblick muß ich die Geschicklichkeit besitzen,
-aus diesem gewaltigen Material das Wichtigste und Notwendigste
-herauszugreifen und ebenso schnell, wie meine Rede dahinfließt, meine
-Gedanken in eine solche Form zu kleiden, daß sie dem Verständnis der
-vielköpfigen Zuhörerschaft angemessen ist und deren Interesse erwecken
-kann, wobei genau darauf zu achten ist, daß die Gedanken nicht so, wie
-sie sich angehäuft haben, sondern in einer gewissen Ordnung übermittelt
-werden, die zu einer regelrechten Komposition des Gemäldes, das ich
-entwerfen will, unerläßlich ist. Ferner gebe ich mir Mühe, dafür zu
-sorgen, daß mein Vortrag sprachlich korrekt, die Definitionen kurz und
-bestimmt, der Satzbau möglichst einfach und schön sei. Jeden Augenblick
-muß ich mich selbst zügeln und mir ins Gedächtnis zurückrufen, daß ich
-nur eine Stunde und vierzig Minuten zur Verfügung habe. Kurz, es ist
-genug zu tun. Ich muß mich gleichzeitig als Gelehrter, als Pädagog und
-als Redner betätigen, und es wäre ein schlimmes Ding, wenn der Redner
-in mir über den Pädagogen und Gelehrten den Sieg davontrüge, oder
-umgekehrt.
-
-Man trägt eine Viertelstunde, eine halbe Stunde vor, und da
-bemerkt man, daß die Studenten nach der Zimmerdecke und nach Peter
-Ignatjewitsch zu blicken anfangen, und daß einer sein Taschentuch
-hervorholt, ein anderer sich bequemer hinsetzt, ein dritter über
-seine eigenen Gedanken lächelt. Das sind Anzeichen dafür, daß die
-Aufmerksamkeit müde und stumpf wird. Dagegen müssen Maßregeln ergriffen
-werden. Ich benutze die erste geeignete Gelegenheit, um irgendein
-Späßchen anzubringen. Alle hundertfünfzig Gesichter verziehen sich zu
-einem breiten Lächeln, die Augen leuchten vergnügt auf, das Brausen des
-Meeres läßt sich für kurze Zeit wieder vernehmen. Ich lache ebenfalls.
-Die Aufmerksamkeit ist wieder angefrischt, und ich kann fortfahren.
-
-Kein Sport, keine Zerstreuungen und Spiele haben mir jemals einen
-solchen Genuß gewährt wie das Halten von Vorlesungen. Nur bei den
-Vorlesungen konnte ich mich ganz meinem Affekte überlassen und
-verstand, daß die Eingebung nicht eine Erfindung der Dichter ist,
-sondern tatsächlich existiert. Und ich glaube, Herkules hat nach der
-großartigsten seiner Heldentaten nicht eine so wonnige Ermattung
-empfunden, wie ich sie jedesmal nach einer Vorlesung durchmachte.
-
-So war das früher. Jetzt dagegen empfinde ich bei den Vorlesungen nur
-Qual. Es vergeht keine halbe Stunde, so beginne ich in den Beinen und
-Schultern eine unüberwindliche Schwäche zu fühlen; ich setze mich auf
-den Stuhl; aber im Sitzen vorzutragen ist mir ungewohnt; eine Minute
-darauf stehe ich wieder auf und fahre stehend fort; dann setze ich mich
-von neuem hin. Die Mundhöhle wird mir trocken, die Stimme heiser, der
-Kopf schwindlig. Um den Zuhörern meinen Zustand zu verbergen, trinke
-ich öfters Wasser, huste, schneuze mich oft, als ob mir ein Schnupfen
-lästig wäre, mache an unpassenden Stellen Späße und schließe zuletzt
-die Vorlesung früher, als es in der Ordnung ist. Aber hauptsächlich
-schäme ich mich.
-
-Gewissen und Verstand sagen mir, daß das Beste, was ich jetzt tun
-könnte, wäre: den Studenten eine Abschiedsvorlesung zu halten, ihnen
-Lebewohl zu sagen, ihnen alles Gute für ihren weiteren Lebensweg zu
-wünschen und meinen Platz jemandem abzutreten, der jünger und kräftiger
-ist als ich. Aber Gott möge mich richten: es fehlt mir der Mut, so
-zu handeln, wie mich mein Gewissen handeln heißt. Unglücklicherweise
-bin ich weder ein Philosoph noch ein Theologe. Ich weiß ganz genau,
-daß ich nicht mehr länger als ein halbes Jahr leben werde; man sollte
-nun meinen, jetzt müßten mich vor allem die Fragen nach den Visionen,
-die meinen Schlaf im Grabe vielleicht heimsuchen werden, und nach dem
-dunklen Dasein im Jenseits beschäftigen. Aber merkwürdigerweise will
-meine Seele von diesen Fragen nichts wissen, obwohl der Verstand die
-hohe Wichtigkeit derselben anerkennt. Wie vor zwanzig bis dreißig
-Jahren, so interessiert mich auch jetzt vor dem Tode ausschließlich
-die Wissenschaft. Wenn ich meinen letzten Seufzer ausstoße, so werde
-ich doch noch an dem Glauben festhalten, daß die Wissenschaft das
-Wichtigste, Schönste und Notwendigste im Leben ist, daß sie immer die
-höchste Offenbarung der Liebe gewesen ist und sein wird, und daß nur
-durch sie der Mensch die Natur und sich selbst besiegen kann. Dieser
-Glaube ist vielleicht naiv und mangelhaft begründet; aber ich kann
-nichts dafür, daß ich diesen Glauben habe und keinen andern; und diesen
-Glauben in mir zu zerstören, dazu bin ich außerstande.
-
-Aber darum handelt es sich nicht. Ich bitte nur, man wolle meine
-Schwäche nachsichtig beurteilen und es sich klar machen, daß, wenn
-man einen Menschen, den die Veränderungen des Knochenmarkes mehr
-interessieren als das Endziel des Weltgebäudes, von seinem Katheder
-und von seinen Schülern wegreißt, dies dasselbe bedeutet, wie wenn
-man, ohne zu warten, bis er gestorben ist, ihn in einen Sarg legen und
-diesen zunageln wollte.
-
-Infolge der Schlaflosigkeit und des anstrengenden Kampfes mit der
-zunehmenden Schwäche begegnet mir etwas ganz Seltsames. Mitten in der
-Vorlesung steigen mir plötzlich die Tränen in die Kehle, die Augen
-fangen mir an zu jucken, und ich empfinde den leidenschaftlichen,
-hysterischen Wunsch, die Arme nach vorn zu strecken und laut zu
-klagen. Ich möchte es laut hinausschreien, daß das Schicksal mich, den
-berühmten Mann, zum Tode verurteilt hat, daß nach ungefähr einem halben
-Jahre hier in diesem Auditorium schon ein anderer walten wird. Ich
-möchte es hinausschreien, daß ich vergiftet bin; neue Gedanken, die ich
-früher nicht gekannt habe, haben meine letzten Lebenstage vergiftet und
-stechen fortdauernd mein Gehirn wie Moskitos. Und meine Lage erscheint
-mir bei solchen Anfällen so furchtbar, daß ich wünsche, alle meine
-Hörer möchten einen entsetzlichen Schreck bekommen, von ihren Plätzen
-aufspringen und in panischer Angst mit verzweifeltem Geschrei zum
-Ausgang hinstürzen.
-
-Es ist nicht leicht, solche Augenblicke zu durchleben.
-
-
-
-
-II
-
-
-Nach der Vorlesung sitze ich bei mir zu Hause und arbeite. Ich lese
-Zeitschriften und Dissertationen oder bereite mich auf die folgende
-Vorlesung vor; manchmal schreibe ich auch etwas. Ich arbeite mit
-Unterbrechungen, da ich dabei Besucher empfangen muß.
-
-Die Klingel ertönt. Ein Kollege ist gekommen, um mit mir etwas
-Geschäftliches zu besprechen. Er tritt mit Hut und Stock in mein
-Zimmer, streckt mir in jeder Hand einen dieser Gegenstände entgegen und
-sagt:
-
-»Ich komme nur auf einen Augenblick, nur auf einen Augenblick! Bleiben
-Sie sitzen, Kollege! Nur zwei Worte!«
-
-Zunächst suchen wir einander zu zeigen, daß wir beide außerordentlich
-höfliche Menschen und beide sehr erfreut sind, einander zu sehen.
-Ich nötige ihn in einen Lehnsessel, und er sucht mich zum Sitzen zu
-veranlassen; dabei streicheln wir uns wechselseitig behutsam an der
-Rocktaille und berühren die Knöpfe des andern; es sieht so aus, als ob
-wir einander betasteten, uns aber hierbei zu verbrennen fürchteten.
-Wir lachen beide, obwohl wir nichts Lächerliches sagen. Nachdem wir
-zum Sitzen gekommen sind, beugen wir uns mit den Köpfen zueinander und
-beginnen halblaut zu reden. Mögen wir einander auch noch so freundlich
-gesinnt sein, es ist dennoch unumgänglich nötig, daß wir unsere
-Reden mit allerlei chinesischen Phrasen vergolden, als da sind: »Sie
-beliebten sehr richtig zu bemerken«, oder: »Wie ich schon die Ehre
-hatte Ihnen zu sagen«, und es ist unumgänglich nötig, daß wir lachen,
-wenn einer von uns einen Witz macht, mag er auch noch so geringwertig
-sein. Nach Beendigung des geschäftlichen Gespräches steht der Kollege
-mit einer hastigen Bewegung auf, weist mit seinem Hute nach meiner
-Arbeit hin und beginnt sich zu empfehlen. Wieder betasten wir uns
-gegenseitig und lachen dabei. Ich begleite ihn bis ins Vorzimmer; hier
-bin ich meinem Kollegen beim Anziehen des Pelzes behilflich; aber er
-wehrt sich in jeder Weise gegen diese hohe Ehre. Wenn dann Jegor die
-Tür öffnet, versichert mir der Kollege, ich würde mich erkälten; ich
-aber tue, als hätte ich vor, sogar bis auf die Straße hinter ihm her zu
-gehen. Und wenn ich dann endlich in mein Arbeitszimmer zurückkehre, so
-fährt mein Gesicht, wohl infolge des Beharrungsvermögens, immer noch
-fort zu lächeln.
-
-Nach einem Weilchen klingelt es wieder. Es tritt jemand ins Vorzimmer,
-zieht sich lange aus und hustet. Jegor meldet, es sei ein Student
-da. Ich sage: »Ich lasse bitten.« Einen Augenblick darauf tritt ein
-junger Mensch von angenehmem Äußern in mein Zimmer. Schon seit einem
-Jahre stehen wir beide miteinander auf gespanntem Fuße: er gibt bei
-mir im Examen abscheulich schlechte Antworten, und ich erteile ihm das
-Prädikat Nicht genügend. Solcher jungen Leute, die ich, um studentisch
-zu reden, durchplumpsen oder durchrasseln lasse, sammeln sich bei
-mir im Laufe eines Jahres ungefähr sieben Stück an. Diejenigen unter
-ihnen, die das Examen wegen Unfähigkeit oder wegen Krankheit nicht
-bestehen, tragen ihr Kreuz gewöhnlich mit Geduld und machen nicht den
-Versuch, mich umzustimmen; dagegen neigen die Sanguiniker dazu, zu
-mir ins Haus zu kommen und mit mir zu feilschen und zu handeln; das
-sind leichtlebige Naturen, denen die Nötigung, das Examen noch einmal
-abzulegen, den Appetit verdirbt und an regelmäßigem Besuche der Oper
-hinderlich ist. Den ersteren gegenüber übe ich gern Nachsicht; aber die
-zweite Sorte lasse ich ein ganzes Jahr lang durchfallen.
-
-»Nehmen Sie Platz,« sage ich zu dem Besucher. »Was bringen Sie?«
-
-»Entschuldigen Sie die Störung, Herr Professor,« beginnt er stotternd
-und ohne mir ins Gesicht zu sehen. »Ich hätte nicht gewagt, Sie zu
-belästigen, wenn ich nicht ... Ich habe bei Ihnen schon fünfmal das
-Examen gemacht und ... und bin durchgefallen. Ich bitte Sie inständig,
-haben Sie die Güte und geben Sie mir Genügend; denn ...«
-
-Die Begründung, die alle Faulpelze zu ihren Gunsten vorbringen, ist
-immer ein und dieselbe: sie hätten das Examen in allen Fächern sehr
-gut bestanden, nur in meinem seien sie durchgefallen, und dies sei um
-so erstaunlicher, da sie gerade in meinem Fache immer sehr fleißig
-studiert hätten und gut darin Bescheid wüßten; sie seien nur infolge
-irgendeines unbegreiflichen Mißverständnisses durchgefallen.
-
-»Entschuldigen Sie, lieber Freund,« sage ich zu dem Besucher, »genügend
-kann ich Ihnen nicht geben. Repetieren Sie noch ein bißchen, und kommen
-Sie dann wieder! Dann wollen wir sehen.«
-
-Es tritt in dem Gespräche eine Pause ein. Es reizt mich, den Studenten
-ein bißchen zu quälen, zur Strafe dafür, daß er das Bier und die Oper
-mehr liebt als die Wissenschaft, und ich sage mit einem Seufzer:
-
-»Meiner Ansicht nach ist das Beste, was Sie jetzt tun können, ganz aus
-der medizinischen Fakultät auszutreten. Wenn es Ihnen bei Ihren Anlagen
-schlechterdings nicht gelingen will, das Examen zu bestehen, so haben
-Sie offenbar weder die Neigung noch den Beruf dazu, Arzt zu werden.«
-
-Das Gesicht des Sanguinikers zieht sich in die Länge.
-
-»Verzeihen Sie, Herr Professor,« erwidert er lächelnd, »aber das würde
-doch von meiner Seite wenigstens sehr sonderbar sein. Fünf Jahre zu
-studieren und dann auf einmal abzuspringen!«
-
-»Nun ja, gewiß! Aber es ist doch besser, fünf Jahre zu verlieren, als
-nachher das ganze Leben lang eine Tätigkeit auszuüben, die man nicht
-liebt.«
-
-Aber sogleich fängt er mir auch an leid zu tun, und ich beeile mich
-hinzuzufügen:
-
-»Handeln Sie übrigens, wie es Ihnen gut scheint! Also arbeiten Sie noch
-ein bißchen, und kommen Sie dann wieder!«
-
-»Wann?« fragt der Faulpelz in dumpfem Tone.
-
-»Wann Sie wollen. Meinetwegen morgen.«
-
-Und in seinen gutmütigen Augen lese ich den Gedanken: »Kommen könnte
-ich schon; aber du Racker würdest mich ja doch wieder durchfallen
-lassen!«
-
-»Gewiß,« sage ich, »Sie werden nicht gelehrter dadurch werden, wenn Sie
-sich noch fünfzehnmal von mir examinieren lassen; aber es wird zu Ihrer
-Charakterbildung beitragen. Und das ist doch auch ein schöner Gewinn.«
-
-Es folgt wieder eine Pause. Ich erhebe mich und warte, daß der Besucher
-fortgeht; aber er bleibt stehen, blickt nach dem Fenster hin, zupft an
-seinem Bärtchen und überlegt. Die Sache beginnt langweilig zu werden.
-
-Die Stimme des Sanguinikers ist angenehm und volltönend, seine
-Augen verständig und etwas spöttisch, das Gesicht seelengut, vom
-vielen Biertrinken und dem langen Herumliegen auf dem Sofa ein wenig
-aufgedunsen; anscheinend könnte er mir viel Interessantes über die
-Oper, über seine Liebesabenteuer und über die Kommilitonen, die er gern
-hat, erzählen; aber leider ist es nicht üblich, von dergleichen zu
-sprechen. Ich würde es ganz gern hören.
-
-»Herr Professor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn Sie mir Genügend
-geben, so werde ich ...«
-
-Sowie das Gespräch beim Ehrenworte angelangt ist, winke ich abwehrend
-mit den Händen und setze mich an den Tisch. Der Student denkt noch eine
-Minute lang nach und sagt dann niedergeschlagen:
-
-»Dann also adieu ... Entschuldigen Sie!«
-
-»Adieu, lieber Freund. Möge es Ihnen gut gehen!«
-
-Er geht unentschlossen in das Vorzimmer und zieht sich dort langsam an;
-nachdem er auf die Straße hinausgetreten ist, denkt er wahrscheinlich
-nochmals lange nach. Aber da ihm nichts weiter einfällt als mit
-Bezug auf mich »Alter Satan!« vor sich hinzumurmeln, geht er in ein
-schlechtes Restaurant, um Bier zu trinken und Mittagbrot zu essen, und
-dann nach Hause, um zu schlafen. Friede deiner Asche, du ehrlicher
-Freund der Arbeit!
-
-Es klingelt zum dritten Male. In mein Zimmer tritt ein junger Arzt
-in einem neuen, schwarzen Anzuge, mit einer goldenen Brille und
-selbstverständlich mit einer weißen Krawatte. Er stellt sich vor.
-Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und frage, was zu seinen Diensten
-steht. Nicht ohne eine gewisse Erregung beginnt der junge Priester der
-Wissenschaft mir zu erzählen, er habe in diesem Jahre sein Doktorexamen
-bestanden und müsse jetzt nur noch eine Dissertation schreiben. Er
-möchte gern bei mir, unter meiner Leitung, arbeiten, und ich würde
-ihn zu großem Dank verpflichten, wenn ich ihm ein Thema für seine
-Dissertation angeben wollte.
-
-»Ich freue mich sehr, Ihnen nützlich sein zu können, Herr Kollege,«
-sage ich. »Aber lassen Sie uns zunächst darüber einig werden, was denn
-eigentlich eine Dissertation ist. Unter diesem Worte pflegt man doch
-eine Abhandlung zu verstehen, die ein Produkt selbständigen Schaffens
-darstellt. Nicht wahr? Eine Abhandlung aber, die über ein fremdes Thema
-und unter fremder Leitung geschrieben ist, die nennt man anders ...«
-
-Der Doktorand schweigt. Ich werde hitzig und springe von meinem Stuhle
-auf.
-
-»Ich begreife nicht, warum die Herren alle zu mir kommen!« rufe
-ich ärgerlich. »Bin ich denn ein Händler? Ich habe keine Themata
-feil! Zum tausendundersten Male bitte ich Sie alle, mich in Ruhe zu
-lassen! Entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit; aber die Sache ist mir
-wahrhaftig schließlich zum Ekel geworden!«
-
-Der Doktorand schweigt, und nur in der Gegend der Backenknochen
-erscheint auf seinem Gesicht eine leichte Röte. Seine Miene drückt eine
-hohe Achtung vor meinem berühmten Namen und vor meiner Gelehrsamkeit
-aus; aber an seinen Augen sehe ich, daß er mich wegen meines erregten
-Tones und wegen meiner kläglichen Gestalt und wegen meiner nervösen
-Bewegungen geringschätzt. Ich erscheine ihm in meinem Zorne als ein
-wunderlicher Geselle.
-
-»Ich bin kein Händler!« wiederhole ich ärgerlich. »Es ist doch auch
-wunderlich: warum wollen Sie denn nicht selbständig sein? Warum ist
-Ihnen denn die Freiheit so zuwider?«
-
-Ich rede viel; er aber schweigt dauernd. Schließlich beruhige ich mich
-allmählich und gebe natürlich nach. Der Doktorand wird von mir ein
-Thema erhalten, das keinen Dreier wert ist, wird unter meiner Aufsicht
-eine Dissertation schreiben, von der niemand etwas hat, wird mit Würde
-die langweilige Disputation überstehen und einen akademischen Grad
-erhalten, der ihm nichts nützt.
-
-Manchmal wird meine Klingel einmal nach dem andern in Bewegung gesetzt,
-ohne Ende; aber hier beschränke ich mich darauf, nur noch einen vierten
-Besuch zu erwähnen. Es klingelt zum viertenmal, und ich höre bekannte
-Schritte, das Rascheln eines Frauenkleides und eine liebe Stimme ...
-
-Vor achtzehn Jahren starb ein Kollege von mir, ein Augenarzt, und
-hinterließ eine siebenjährige Tochter Katja und etwa sechzigtausend
-Rubel. In seinem Testamente hatte er mich als Vormund eingesetzt.
-Bis zu ihrem zehnten Lebensjahre lebte Katja in meiner Familie; dann
-gab ich sie in ein Erziehungsinstitut, und sie verlebte bei mir nur
-die Sommermonate, wo sie Ferien hatte. Mich mit ihrer Erziehung zu
-beschäftigen, dazu hatte ich keine Zeit; ich beobachtete das Mädchen
-nur in meinen Mußestunden und kann daher über ihre Kindheit nur sehr
-wenig sagen.
-
-Das Erste, was mir im Gedächtnis haftet und mir eine liebe Erinnerung
-bildet, ist die außerordentliche Zutraulichkeit, mit der sie in
-mein Haus eintrat, mit der sie sich in Krankheitsfällen von den
-Ärzten behandeln ließ, und die überhaupt immer auf ihrem Gesichtchen
-leuchtete. Manchmal saß sie mit verbundener Backe irgendwo in einem
-Eckchen, und dann konnte man sicher sein, daß sie irgend etwas mit
-Aufmerksamkeit betrachtete. Und ob sie nun zu solchen Zeiten zusah,
-wie ich schrieb und in Büchern blätterte, oder wie meine Frau in
-der Wirtschaft tätig war, oder wie die Köchin in der Küche die
-Kartoffeln wusch, oder wie der Hund spielte: immer drückten dabei
-ihre Augen unabänderlich einen und denselben Gedanken aus: »Alles,
-was in dieser Welt geschieht, ist schön und vernünftig.« Sie war
-wißbegierig und sprach sehr gern mit mir. Oft saß sie am Tische mir
-gegenüber, verfolgte mit den Augen meine Bewegungen und stellte Fragen.
-Es interessierte sie, zu wissen, was ich läse, und was ich in der
-Universität täte, und ob ich mich vor den Leichen nicht fürchtete, und
-was ich mit meinem Gehalt anfinge.
-
-»Prügeln sich die Studenten in der Universität?« fragte sie.
-
-»Ja, das tun sie, liebes Kind.«
-
-»Und lassen Sie sie dafür zur Strafe knien?«
-
-»Ja, das tue ich.«
-
-Und es kam ihr komisch vor, daß die Studenten sich prügelten und ich
-sie knien ließe, und sie lachte herzlich darüber. Sie war ein sanftes,
-geduldiges, seelengutes Kind. Nicht selten bekam ich zu sehen, wie
-man ihr etwas wegnahm, sie ohne Grund bestrafte oder ihre Wißbegierde
-nicht befriedigte; dann gesellte sich zu dem ständigen Ausdrucke von
-Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte noch ein Ausdruck von Traurigkeit,
-aber weiter nichts. Ich verstand nicht, sie gebührend in Schutz zu
-nehmen, und nur wenn ich ihre Traurigkeit sah, regte sich in mir das
-Verlangen, sie an mich zu ziehen und im Tone einer alten Kinderfrau
-bedauernd zu ihr zu sagen:
-
-»O du meine liebe Waise!«
-
-Ich besinne mich auch, daß sie Freude daran hatte, sich gut zu kleiden
-und sich mit Parfüm zu bespritzen. In dieser Hinsicht hatte sie mit mir
-Ähnlichkeit. Auch ich habe schöne Garderobe und gute Parfüms sehr gern.
-
-Ich bedaure, daß ich keine Zeit und Lust hatte, den Beginn und die
-Entwickelung einer Leidenschaft zu verfolgen, in deren Bann Katja schon
-im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren vollständig hineingeraten
-war. Ich meine ihre leidenschaftliche Liebe zum Theater. Wenn sie
-für die Ferienzeit aus dem Institute zu uns kam und bei uns lebte,
-sprach sie von nichts mit solchem Vergnügen und solcher Wärme wie
-von Theaterstücken und Schauspielern. Sie ermüdete uns durch ihre
-beständigen Gespräche über das Theater. Meine Frau und meine Kinder
-hörten ihr nicht mehr zu. Nur ich hatte nicht den Mut, ihr meine
-Aufmerksamkeit zu verweigern. Wenn bei ihr der Wunsch rege wurde,
-ihren Enthusiasmus mit jemandem zu teilen, so kam sie zu mir in mein
-Arbeitszimmer und sagte in flehendem Tone:
-
-»Nikolai Stepanowitsch, erlauben Sie mir, mit Ihnen ein bißchen vom
-Theater zu reden?«
-
-Ich wies auf die Uhr und sagte: »Ich gewähre dir eine halbe Stunde.
-Fang an!«
-
-Später brachte sie ganze Dutzende von Porträts der von ihr angebeteten
-Schauspieler und Schauspielerinnen mit; darauf versuchte sie einige
-Male, bei Liebhabervorstellungen mitzuwirken, und schließlich, als
-sie die Schule durchgemacht hatte, erklärte sie mir, sie sei zur
-Schauspielerin geboren.
-
-Ich habe Katjas Schwärmerei für das Theater nie geteilt. Meine Ansicht
-ist die: wenn ein Stück gut ist, so braucht man, damit es den richtigen
-Eindruck macht, nicht erst die Schauspieler zu bemühen; man kann sich
-mit der Lektüre begnügen; wenn das Stück aber schlecht ist, so ist kein
-Spiel imstande, ein gutes daraus zu machen.
-
-In meiner Jugend habe ich häufig das Theater besucht, und jetzt nimmt
-meine Familie zweimal im Jahre eine Loge und schleppt mich auch
-mit hin, »zum Auslüften«. Das reicht ja freilich nicht dazu aus,
-um mich zu einem Urteil über das Theater zu berechtigen; aber ich
-will doch ein paar Worte darüber sagen. Meiner Ansicht nach ist das
-Theater nicht besser geworden, als es vor dreißig bis vierzig Jahren
-war. Wie früher kann ich weder in den Korridoren des Theaters noch
-im Foyer ein einfaches Glas Wasser bekommen. Wie früher nehmen mich
-die Theaterdiener für meinen Pelz in eine Geldstrafe von zwanzig
-Kopeken, obwohl doch in dem Tragen warmer Kleidung zur Winterszeit
-nichts Anstößiges liegt. Wie früher spielt in den Zwischenakten ohne
-jeden Anlaß die Musik und fügt zu dem durch das Stück hervorgerufenen
-Eindruck einen neuen, unerbetenen hinzu. Wie früher gehen die Männer
-in den Zwischenakten zum Büfett, um alkoholische Getränke zu genießen.
-Wenn so in Kleinigkeiten kein Fortschritt sichtbar ist, so würde ich
-ihn auch in wichtigeren Dingen vergebens suchen. Wenn ein Schauspieler,
-der sich vom Kopf bis zu den Füßen in die Traditionen und Vorurteile
-des Theaterwesens verstrickt hat, seine Bemühung darauf richtet, den
-ganz schlichten, gewöhnlichen Monolog »Sein oder nicht sein« nicht in
-schlichter Art, sondern aus einem unerfindlichen Grunde mit obligatem
-Zischen und mit Krämpfen im ganzen Körper vorzutragen, oder wenn er
-mir um jeden Preis einzureden sucht, daß Tschazki[1], der sich so viel
-mit Dummköpfen unterhält und eine dumme Frauensperson liebt, ein sehr
-verständiger Mensch und »Verstand schafft Leiden« ein interessantes
-Stück sei, dann weht mich von der Bühne ebenderselbe öde Geist an,
-der mir schon vor vierzig Jahren langweilig war, als man mich mit
-klassisch sein sollender Heulerei und An-die-Brust-schlagen regalierte.
-Und jedesmal komme ich aus dem Theater mit konservativerer Gesinnung
-heraus, als ich hineingegangen bin.
-
-Der empfindsamen, leichtgläubigen Menge kann man einreden, daß das
-Theater in seinem jetzigen Zustande eine Bildungsstätte sei. Aber
-wer da weiß, was eine Bildungsstätte im wahren Sinne des Wortes ist,
-den fängt man nicht mit diesem Köder. Wie die Sache nach fünfzig bis
-hundert Jahren aussehen wird, weiß ich nicht; unter den gegenwärtigen
-Verhältnissen jedoch kann das Theater nur als Mittel zur Zerstreuung
-dienen. Aber diese Zerstreuung kommt der menschlichen Gesellschaft
-auf die Dauer denn doch etwas zu teuer zu stehen. Denn sie entzieht
-dem Staate Tausende von jungen, gesunden, talentvollen Männern und
-Frauen, die, wenn sie sich nicht dem Theater gewidmet hätten, gute
-Ärzte, Landwirte, Lehrerinnen und Offiziere sein könnten; sie entzieht
-dem Publikum die Abendstunden, die beste Zeit zu geistiger Arbeit und
-geselliger Unterhaltung. Ich rede gar nicht einmal von den Geldausgaben
-und von dem sittlichen Schaden, den der Zuschauer erleidet, wenn er
-sieht, wie auf der Bühne Mord, Ehebruch und Verleumdung in unrichtiger
-Weise behandelt werden.
-
-Katja aber war ganz anderer Meinung. Sie beteuerte mir, das Theater
-stehe, auch in seinem jetzigen Zustande, hoch über allen Auditorien und
-Büchern und über allem, was es in der Welt gebe. Das Theater sei eine
-Macht, die alle Künste in sich vereinige, und die Schauspieler seien
-Missionare der wahren Bildung. Keine Kunst und keine Wissenschaft sei
-für sich allein imstande, so stark und so sicher auf die menschliche
-Seele zu wirken wie die Bühne, und daher erfreue sich mit gutem Grunde
-selbst ein Schauspieler mittleren Ranges im Lande einer weit größeren
-Popularität als der trefflichste Gelehrte oder Künstler. Und keine
-andere gemeinnützige Tätigkeit könne einen solchen Genuß und eine
-solche Befriedigung gewähren wie die schauspielerische.
-
-Und eines schönen Tages trat Katja in eine Schauspielertruppe ein und
-reiste weg, ich glaube nach Ufa; sie nahm eine bedeutende Geldsumme,
-eine Unmenge buntschillernder Hoffnungen und eine ideale Auffassung
-ihres Berufes mit.
-
-Ihre ersten Briefe von der Fahrt waren bewundernswürdig. Ich las sie
-und war geradezu erstaunt, wie diese kleinen Papierbogen so viel
-Jugendfrische, seelische Reinheit, heilige Naivität und gleichzeitig
-so viel feine sachliche Urteile, die einem guten Männerverstande Ehre
-gemacht hätten, enthalten konnten. Die Wolga, die Natur, die Städte,
-die sie besuchte, die Kollegen, was sie an Erfolgen und Mißerfolgen
-erlebte, alles das schilderte sie nicht sowohl, sondern sie besang es;
-jede Zeile atmete die Zutraulichkeit, die ich auf ihrem Gesichte zu
-sehen gewohnt gewesen war, -- und dabei eine Masse von orthographischen
-Fehlern, und die Interpunktionszeichen fehlten fast vollständig.
-
-Es verging kein halbes Jahr, da empfing ich einen im höchsten Grade
-poetischen, schwärmerischen Brief, der mit den Worten begann: »Ich
-habe mich verliebt.« Beigelegt war diesem Briefe eine Photographie,
-die einen jungen Mann mit glatt rasiertem Gesichte darstellte, einen
-breitkrempigen Hut auf dem Kopfe, ein Plaid über die Schulter geworfen.
-Die darauf folgenden Briefe waren ebenso prächtig wie die früheren;
-aber es tauchten in ihnen schon zahlreichere Interpunktionszeichen
-auf, die orthographischen Fehler waren verschwunden, und alles an
-ihnen deutete auf die Mitarbeiterschaft eines Mannes hin. Katja
-begann mir solche Dinge zu schreiben: es würde ein guter Gedanke
-sein, irgendwo an der Wolga ein großes Theater zu erbauen, und zwar
-jedenfalls auf Aktien, und zu diesem Unternehmen reiche Kaufleute und
-Dampfschiffsreeder heranzuziehen; Geld werde auf diese Art in Menge
-zur Verfügung stehen; die Einnahmen würden ganz gewaltige sein; die
-Schauspieler würden auf Grund eines Gesellschaftsvertrages spielen.
-Vielleicht war das alles wirklich ein guter Gedanke; aber es schien
-mir, daß solche Pläne nur aus dem Kopfe eines Mannes hervorgegangen
-sein könnten.
-
-Wie dem auch sein mochte, anderthalb bis zwei Jahre lang schien alles
-gut und nach Wunsch zu gehen: Katja liebte, sie glaubte an ihren Beruf
-und war glücklich; aber dann begann ich in ihren Briefen deutliche
-Anzeichen des Niederganges wahrzunehmen. Dies fing damit an, daß Katja
-sich bei mir über ihre Kollegen beklagte; das ist immer das erste und
-mißlichste Symptom; wenn ein junger Gelehrter oder Schriftsteller bei
-Ausübung seiner Tätigkeit sich über andere Gelehrte oder Schriftsteller
-bitter beklagt, so bedeutet das, daß er bereits müde geworden ist
-und zu seiner Berufsarbeit nicht mehr taugt. Katja schrieb mir, ihre
-Kollegen kämen nicht zu den Proben und könnten ihre Rollen niemals
-ordentlich; an dem Dringen auf Ausführung abgeschmackter Stücke und
-an ihrer Art, sich auf der Bühne zu benehmen, merke man bei einem
-jeden von ihnen eine völlige Mißachtung des Publikums; den einzigen
-Gegenstand ihres Gespräches bildeten die Einnahmen, und im Interesse
-der Einnahmen erniedrigten sich die dramatischen Schauspielerinnen
-zum Singen von Chansons, und die Tragöden sängen Couplets, deren
-Inhalt Späße über betrogene Ehemänner und über die Schwangerschaft
-treuloser Gattinnen bildeten. Überhaupt müsse man sich wundern, daß das
-Bühnenwesen in der Provinz noch nicht vollständig zugrunde gegangen sei
-und sich auf einer so schwachen, morschen Grundlage halten könne.
-
-Als Antwort schickte ich Katja einen langen und, wie ich bekennen
-muß, sehr langweiligen Brief. Unter anderem schrieb ich ihr: »Ich
-habe nicht selten Gelegenheit gehabt, mit älteren Schauspielern zu
-reden, vornehm denkenden Männern, die mir ihr freundliches Wohlwollen
-zuwandten; aus den Gesprächen mit ihnen konnte ich entnehmen, daß die
-Art ihrer Tätigkeit nicht sowohl von ihrem eigenen Urteil und ihrem
-freien Willen als vielmehr von der Mode und der Stimmung des Publikums
-abhing; selbst die besten unter ihnen mußten ihr Leben lang bald in
-Tragödien, bald in Operetten, bald in Pariser Schwänken, bald in
-Feerien spielen, und hatten dabei doch immer gleichmäßig das Gefühl,
-daß sie auf geradem Wege wanderten und Nutzen stifteten. Somit hat man,
-wie du siehst, die Ursache des Übels nicht bei den Schauspielern zu
-suchen, sondern tiefer, in der Kunst selbst und in dem Verhältnisse des
-ganzen Publikums zur Kunst.« Dieser mein Brief hatte nur den Erfolg,
-Katja in heftige Erregung zu versetzen. Sie antwortete mir: »Wir beide,
-Sie und ich, reden von ganz verschiedenen Dingen. Ich schrieb Ihnen
-nicht von den vornehm denkenden Männern, die Ihnen ihr freundliches
-Wohlwollen zuwandten, sondern von einer Gaunerbande, die von vornehmer
-Gesinnung nichts weiß. Es ist eine Horde von Wilden, die nur deswegen
-auf die Bühne geraten sind, weil man sie an keiner andern Stelle
-angenommen haben würde, und die sich lediglich aus Unverschämtheit
-Künstler nennen. Kein einziges Talent ist darunter, wohl aber viele
-Unbegabte, Trunkenbolde, Intriganten und Zwischenträger. Ich kann Ihnen
-gar nicht sagen, wie es mich schmerzt, daß die Kunst, die ich so sehr
-liebe, in die Hände dieser mir verhaßten Menschen geraten ist, und wie
-weh es mir tut, daß die besten Menschen das Übel nur von fern sehen,
-nicht näher herantreten mögen und, statt sich der Sache anzunehmen, in
-schwerfälligem Stile Gemeinplätze und Moralpredigten schreiben, die
-niemandem etwas nützen können ...« und so weiter, immer in demselben
-Tone.
-
-Es verging wieder einige Zeit, da erhielt ich folgenden Brief: »Ich bin
-in unmenschlicher Weise betrogen worden. Ich kann nicht weiterleben.
-Verfügen Sie über mein Geld, wie Sie es für angemessen halten! Ich habe
-Sie geliebt wie einen Vater und als meinen einzigen Freund. Verzeihen
-Sie mir!«
-
-Es hatte sich herausgestellt, daß auch ihr »Er« zu der »Horde von
-Wilden« gehörte. Später konnte ich aus einigen Andeutungen erraten,
-daß sie einen Versuch gemacht hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie
-hatte versucht, sich zu vergiften. Ich mußte annehmen, daß sie darauf
-ernstlich krank geworden war, da ich den nächsten Brief schon aus Jalta
-erhielt, wohin sie wahrscheinlich von den Ärzten geschickt worden war.
-Dieser enthielt die Bitte, ihr möglichst schnell tausend Rubel nach
-Jalta zu schicken, und schloß folgendermaßen: »Entschuldigen Sie, daß
-dieser Brief so trübe klingt. Ich habe gestern mein Kind begraben.«
-Nachdem sie in der Krim etwa ein Jahr lang gelebt hatte, kehrte sie
-nach Hause zurück.
-
-Ihr Umherreisen von Ort zu Ort hatte ungefähr vier Jahre gedauert, und
-während dieser ganzen vier Jahre hatte ich, wie ich eingestehen muß,
-ihr gegenüber eine sonderbare, ziemlich klägliche Rolle gespielt. Als
-sie mir zuerst erklärt hatte, sie wolle Schauspielerin werden, und
-mir dann von ihrer Liebe geschrieben hatte, und als sie periodisch
-von Verschwendungssucht ergriffen worden war und ich ihr häufig auf
-ihr Verlangen bald tausend, bald zweitausend Rubel hatte schicken
-müssen, und als sie mir von ihrer Absicht zu sterben und dann von
-dem Tode ihres Kindes geschrieben hatte, da hatte ich jedesmal nicht
-recht gewußt, was ich tun sollte, und meine ganze Anteilnahme an ihrem
-Geschick hatte sich nur darin geäußert, daß ich viel nachdachte und ihr
-umfängliche, langweilige Briefe schrieb, die ich gut und gern hätte
-ungeschrieben lassen können. Und dabei sollte ich ihr doch eigentlich
-den leiblichen Vater ersetzen und liebte sie auch wirklich wie eine
-Tochter!
-
-Jetzt wohnt Katja nur eine halbe Werst von mir entfernt. Sie hat
-sich eine Wohnung von fünf Zimmern gemietet und sich darin ziemlich
-komfortabel und nach ihrem persönlichen Geschmack eingerichtet. Wenn
-jemand ihre Einrichtung charakterisieren wollte, so müßte er als das
-bedeutsamste Moment die Trägheit bezeichnen. Da sind für den trägen
-Körper weiche Chaiselongues und weiche Sessel, für die trägen Füße
-weiche Teppiche, für das träge Auge blasse, trübe, matte Farben, für
-den trägen Geist an den Wänden eine Unmasse billiger, buntbemalter
-Fächer und kleiner Bilder, bei denen der dargestellte Gegenstand hinter
-der Originalität der Ausführung zurücktritt, eine Menge von Tischchen
-und Regalen, die mit unnützen, wertlosen Dingen ganz vollgestellt sind,
-formlose Lappen statt der Vorhänge usw. Diese ganze Einrichtung mit
-der sich darin bekundenden Scheu vor hellen Farben, vor Symmetrie und
-vor freiem Raum zeugt nicht nur von seelischer Trägheit, sondern auch
-von einer Verbildung des natürlichen Geschmacks. Ganze Tage lang liegt
-Katja auf einer Chaiselongue und liest Bücher, vorzugsweise Romane und
-Novellen. Das Haus verläßt sie nur einmal am Tage, nachmittags, um mich
-zu besuchen.
-
-Ich arbeite; Katja aber sitzt nicht weit von mir auf dem Sofa, schweigt
-und wickelt sich in ihren Schal, als ob sie fröre. Sei es, weil sie
-mir sympathisch ist, oder weil ich an ihre Besuche noch von der Zeit
-her gewöhnt bin, wo sie als Mädchen so oft in meinem Zimmer war: ihre
-Anwesenheit hindert mich nicht, meine Aufmerksamkeit auf meine Arbeit
-zu konzentrieren. Ab und zu richte ich mechanisch irgendeine Frage an
-sie, und sie gibt mir eine sehr kurze Antwort; oder ich wende mich,
-um mich einen Augenblick zu erholen, zu ihr und sehe, wie sie, in
-Gedanken versunken, in irgendein medizinisches Journal oder in eine
-Zeitung blickt. Und dabei bemerke ich, daß der frühere Ausdruck von
-Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte nicht mehr vorhanden ist. Ihr Gesicht
-sieht jetzt kalt, gleichgültig und zerstreut aus, wie bei Reisenden,
-die lange auf den Zug warten müssen. Gekleidet ist sie wie früher schön
-und einfach, aber nachlässig; man sieht, daß ihrer Toilette und ihrer
-Frisur die Chaiselongues und Schaukelstühle, auf denen sie tagelang
-umherliegt, nicht gut bekommen. Auch ist sie nicht mehr wißbegierig,
-wie sie es doch früher war. Sie richtet an mich keine Fragen mehr; es
-ist, als hätte sie im Leben schon alles durchgemacht und erwartete
-nicht mehr etwas Neues zu hören.
-
-Kurz vor vier Uhr macht sich im Saale und im Salon eine Bewegung
-bemerklich. Es ist Lisa, die aus dem Konservatorium gekommen ist
-und ein paar Freundinnen mitgebracht hat. Man hört, wie sie Klavier
-spielen, ihre Stimmen versuchen und lachen. Im Eßzimmer deckt Jegor den
-Tisch und klappert mit dem Geschirr.
-
-»Leben Sie wohl,« sagt Katja. »Zu Ihren Damen gehe ich heute nicht
-mehr hinein; sie müssen mich schon entschuldigen; ich habe keine Zeit.
-Besuchen Sie mich!«
-
-Während ich sie bis ins Vorzimmer begleite, blickt sie mich unzufrieden
-vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagt ärgerlich:
-
-»Aber Sie werden immer magerer! Warum gebrauchen Sie keine Kur? Ich
-werde mich an Sergei Fedorowitsch wenden und ihn herschicken. Der soll
-Sie gründlich untersuchen.«
-
-»Das ist nicht nötig, Katja.«
-
-»Ich begreife nicht, wie Ihre Angehörigen das mitansehen können! Es ist
-geradezu eine Sünde!«
-
-Sie zieht mit heftigen Bewegungen ihren Pelz an, wobei aus ihrer
-nachlässig hergestellten Frisur mit Sicherheit zwei oder drei
-Haarnadeln auf den Fußboden fallen. Die Frisur wieder zurechtzumachen,
-ist sie zu träge, hat auch keine Zeit dazu; sie schiebt die
-heruntergefallenen Locken unordentlich unter ihr Mützchen und geht.
-
-Wenn ich in das Eßzimmer trete, fragt mich meine Frau:
-
-»Katja ist eben bei dir gewesen? Warum ist sie denn nicht zu uns
-hereingekommen? Das ist doch geradezu sonderbar ...«
-
-»Aber Mama!« sagt Lisa in vorwurfsvollem Tone. »Wenn sie nicht will,
-dann läßt sie es bleiben. Wir werden sie doch nicht auf den Knien darum
-bitten!«
-
-»Jedenfalls ist es eine arge Nichtachtung. Sitzt da drei Stunden lang
-in Papas Arbeitszimmer und denkt nicht an uns. Na, aber wie es ihr
-beliebt!«
-
-Warja und Lisa hassen Katja. Dieser Haß ist mir unverständlich, und
-wahrscheinlich muß man, um ihn zu verstehen, ein Weib sein. Ich möchte
-mich mit meinem Kopfe dafür verbürgen, daß unter den hundertfünfzig
-jungen Männern, die ich fast täglich in meinem Auditorium sehe, und
-den hundert älteren, mit denen ich jede Woche zusammenkomme, sich kaum
-einer findet, der für diesen Haß und Abscheu gegen Katjas Vergangenheit
-(weil sie nämlich ein uneheliches Kind gehabt hat) ein Verständnis
-besäße; und gleichzeitig kann ich mich auf kein weibliches Wesen unter
-den Frauen und jungen Mädchen meiner Bekanntschaft besinnen, das nicht,
-sei es bewußt, sei es instinktiv, gegen eine solche Geschlechtsgenossin
-von jenen Gefühlen des Hasses und Abscheus erfüllt wäre. Und das kommt
-nicht etwa daher, daß die Frau keuscher und reiner ist als der Mann;
-denn wenn Keuschheit und Reinheit mit solchen boshaften Gefühlen
-verbunden sind, so sind sie nur wenig besser als das Laster. Sondern
-ich erkläre mir das einfach aus der Rückständigkeit der Frau. Wenn der
-heutige Mann beim Anblick eines solchen Unglücks ein wehmütiges Gefühl
-des Mitleids empfindet und sein Gewissen ihn peinigt, so lassen mich
-diese Empfindungen eher auf eine hohe Stufe der Kultur und Sittlichkeit
-schließen als jener Haß und Abscheu. Das heutige Weib besitzt noch
-dieselbe Neigung zum Weinen und dieselbe Härte des Herzens wie das Weib
-des Mittelalters. Und meines Erachtens handeln diejenigen ganz richtig,
-die den Frauen raten, ihrer Bildung dieselbe Richtung zu geben wie die
-Männer.
-
-Meine Frau kann Katja auch deswegen nicht leiden, weil sie
-Schauspielerin gewesen ist, ferner wegen ihrer Undankbarkeit und wegen
-ihres Stolzes und wegen ihres exzentrischen Benehmens und wegen all der
-zahlreichen Laster, die eine Frau immer an einer andern herauszufinden
-versteht.
-
-Außer mir und meiner Familie pflegen bei uns noch zwei oder drei
-Freundinnen meiner Tochter zu Mittag zu speisen, sowie ein Herr
-Alexander Adolfowitsch Gnecker, ein Verehrer Lisas, der sich um
-ihre Hand bewirbt. Er ist ein junger Mann, kaum dreißig Jahre alt,
-blond, von mittlerer Statur, sehr wohlgenährt, breitschultrig, mit
-einem rötlichen Backenbart an den Ohren und einem dunkelgefärbten
-Schnurrbärtchen, das seinem vollen, glatten Gesichte das Aussehen
-einer Spielzeugfigur verleiht. Er trägt ein sehr kurzes Jackett, eine
-bunte Weste, großkarierte Beinkleider, die oben sehr weit und unten
-sehr eng sind, und gelbe Halbstiefel ohne Absätze. Seine Augen stehen
-hervor wie bei einem Krebse; die Krawatte hat mit einem Krebsschwanze
-Ähnlichkeit, und es will mir sogar so vorkommen, als ob dieser ganze
-junge Mensch nach Krebssuppe röche. Er ist bei uns täglich zu Besuch;
-aber niemand in meiner Familie weiß, von welcher Herkunft er ist,
-wo er seine Bildung genossen hat, und wo er die Mittel zum Leben
-herbekommt. Er spielt kein Instrument und singt nicht, hat aber doch
-eine gewisse Beziehung sowohl zur Instrumentalmusik als auch zum
-Gesange; er verkauft irgendwo für irgend jemand Klaviere, hält sich oft
-im Konservatorium auf, ist mit allen Berühmtheiten bekannt und hat bei
-Konzerten allerlei zu arrangieren. Er urteilt über Musik mit großer
-Bestimmtheit, und wie ich bemerkt habe, schließen sich alle seinem
-Urteile willig an.
-
-Wie reiche Leute immer ein paar Parasiten um sich haben, so ist es auch
-mit der Wissenschaft und mit der Kunst. Es gibt wohl auf der Welt
-keine Kunst oder Wissenschaft, die von Fremdkörpern, in der Art dieses
-Herrn Gnecker, frei wäre. Ich bin kein Musiker und irre mich vielleicht
-hinsichtlich dieses Herrn, den ich zudem nur wenig kenne; aber die
-autoritative Würde, mit der er am Flügel steht und zuhört, wenn jemand
-singt oder spielt, kommt mir gar zu verdächtig vor.
-
-Man mag hundertmal ein Gentleman und Geheimrat sein, aber wenn man
-eine Tochter hat, so kann man sich durch nichts vor dem Spießbürgertum
-sichern, das einem durch die Courmacherei, den Heiratsantrag und die
-Hochzeit ins Haus hineingetragen wird und einem die Stimmung verdirbt.
-So kann ich mich z. B. schlechterdings nicht mit der feierlichen Miene
-abfinden, die meine Frau jedesmal annimmt, wenn Herr Gnecker bei uns
-sitzt, auch nicht mit den Flaschen Lafitte, Portwein und Sherry, die
-nur seinetwegen auf den Tisch kommen, um ihn durch den Augenschein zu
-überzeugen, wie behaglich und luxuriös wir leben. Ich kann auch Lisas
-abgebrochenes Lachen nicht vertragen, das sie sich im Konservatorium
-angewöhnt hat, und ihre Manier, die Augen zusammenzukneifen, wenn
-Herren bei uns zu Besuch sind. Und vor allen Dingen kann ich absolut
-nicht begreifen, warum da tagtäglich ein Mensch in mein Haus kommt
-und mit mir zu Mittag speist, der zu meinen Gewohnheiten, zu meiner
-Wissenschaft, zu meiner ganzen Lebensweise nicht im geringsten paßt
-und mit denjenigen Menschen, die ich gern habe, nicht die geringste
-Ähnlichkeit besitzt. Meine Frau und die Dienerschaft flüstern heimlich,
-das sei »ein Freiersmann«; aber ich habe trotzdem kein Verständnis
-für seine Anwesenheit; sie erregt bei mir eine solche Verwunderung,
-als hätte sich ein Zulukaffer zu mir an den Tisch gesetzt. Und ebenso
-seltsam kommt es mir vor, daß meine Tochter, die ich für ein Kind
-anzusehen gewohnt bin, diese Krawatte und diese Augen und diese weichen
-Backen liebt ...
-
-Früher machte das Mittagessen mir Freude oder ließ mich gleichgültig;
-aber jetzt erregt es mir nur Langeweile und macht mich nervös. Seit
-ich Exzellenz geworden und eine Zeitlang Dekan der Fakultät gewesen
-bin, hat meine Familie es aus einem mir unverständlichen Grunde für
-nötig befunden, das Menü und die gesamte Ordnung unseres Mittagessens
-vollständig umzuändern. Statt der einfachen Gerichte, an die ich
-mich gewöhnt hatte, als ich noch Student und praktischer Arzt war,
-bekomme ich jetzt eine Püree-Suppe, in der irgendwelche weiße Klütern
-schwimmen, und Nieren in Madeira zu essen. Mein Generalsrang und
-meine Berühmtheit haben mich auf immer der Kohlsuppe beraubt und der
-schmackhaften Piroggen und des Gänsebratens mit Äpfeln und des Brassens
-mit Grütze. Sie haben mich auch des Stubenmädchens Agascha beraubt,
-einer geschwätzigen, lachlustigen alten Person, statt deren jetzt
-beim Mittagessen Jegor serviert, ein dummer, hochmütiger Bursche, mit
-einem weißen Handschuh auf der rechten Hand. Die Pausen zwischen den
-Gerichten sind nur kurz, erscheinen aber außerordentlich lang, weil wir
-nichts haben, womit wir sie ausfüllen könnten. Es fehlt die frühere
-Heiterkeit, die ungezwungenen Gespräche, die Scherze, das Gelächter,
-die gegenseitigen Zärtlichkeiten und jene Freude, die ehemals die
-Kinder und meine Frau und ich schon darüber zu empfinden pflegten, daß
-wir uns im Eßzimmer zusammenfanden; für mich, einen vielbeschäftigten
-Mann, war das Mittagessen eine Zeit der Erholung, des Wiedersehens
-mit den Meinen, und für meine Frau und die Kinder war es eine wenn
-auch kurze, so doch vergnügte und fröhliche Feierzeit, wo sie wußten,
-daß ich für eine halbe Stunde nicht der Wissenschaft und nicht den
-Studenten, sondern einzig und allein ihnen und sonst niemandem gehörte.
-Jetzt kann ich nicht mehr das Kunststück ausführen, mich an einem
-einzigen Gläschen zu betrinken, und Agascha ist nicht mehr da, und der
-Brassen mit Grütze ist nicht mehr da, und auch der Lärm fehlt, der
-immer die kleinen aufregenden Ereignisse beim Mittagessen begleitete,
-wenn z. B. der Hund und die Katze sich unter dem Tische bissen oder
-das Tuch, das sich Katja um die Backe gebunden hatte, ihr in den
-Suppenteller fiel.
-
-Die jetzige Mittagsmahlzeit zu schildern ist ebenso unerfreulich wie
-sie wirklich durchzumachen. Auf dem Gesichte meiner Frau liegt eine
-gewisse Feierlichkeit, eine gekünstelte Würde und der gewöhnliche
-sorgenvolle Ausdruck. Unruhig blickt sie auf unsere Teller und sagt:
-»Ich sehe, der Braten schmeckt euch nicht. Sagt doch die Wahrheit:
-er schmeckt euch wirklich nicht?« Und ich bin dann genötigt zu
-antworten: »Du machst dir unnütze Sorge, liebe Frau; der Braten
-schmeckt sehr gut.« Und dann sie wieder: »Du willst mich immer
-verteidigen, Nikolai Stepanowitsch, und sagst nie, was Du wirklich
-denkst. Warum hat denn Alexander Adolfowitsch so wenig gegessen?« Und
-in dieser Art geht es während des ganzen Mittagessens weiter. Lisa
-lacht in ihrer abgebrochenen Manier und kneift die Augen zusammen.
-Ich sehe meine Frau und meine Tochter an und werde mir gerade jetzt
-beim Mittagessen vollständig klar darüber, daß das innere Leben der
-beiden schon längst meiner Beobachtung entschlüpft ist. Ich habe ein
-Gefühl, als hätte ich früher einmal mit meiner richtigen Familie
-zu Hause gelebt, wäre aber jetzt bei einer fremden Dame, nicht bei
-meiner richtigen Frau, zum Mittagessen und sähe da ein fremdes junges
-Mädchen, nicht meine richtige Lisa, vor mir. Mit beiden ist eine starke
-Veränderung vorgegangen, und ich habe diesen langen Veränderungsprozeß
-gewissermaßen verschlafen, und so ist es denn kein Wunder, daß ich
-jetzt nichts begreife. Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen?
-Ich weiß es nicht. Möglicherweise rührt das ganze Unglück daher, daß
-Gott meiner Frau und meiner Tochter nicht so viel Kraft verliehen hat
-wie mir. Ich war von meiner Kindheit an gewöhnt, äußeren Einflüssen
-Widerstand zu leisten, und habe mich hinlänglich abgehärtet; solche
-Katastrophen im Leben wie das Berühmtwerden, die Erlangung des
-Generalsranges, der Übergang von einem auskömmlichen Leben zu einem
-Leben, das die Mittel übersteigt, der Eintritt in den Verkehr mit
-vornehmen Leuten, und mehr dergleichen, all das hat mich daher kaum
-berührt, und ich bin heil und unversehrt geblieben; aber auf meine
-Frau und Lisa, die schwach und nicht abgehärtet waren, ist dies alles
-zusammengestürzt wie eine große Schneewand und hat sie erdrückt.
-
-Die jungen Damen und Herr Gnecker reden über Fugen, über Kontrapunkt,
-über Sänger und Pianisten, über Bach und Brahms; meine Frau aber,
-welche in den Verdacht der Unwissenheit auf musikalischem Gebiete
-zu kommen fürchtet, lächelt interessiert und murmelt: »Ganz reizend
-... Wirklich? Gewiß, gewiß ...« Herr Gnecker ißt tüchtig, macht
-wohlanständige Scherze und hört nachsichtig die Bemerkungen der
-jungen Damen an. Mitunter bekundet er das Bestreben, ein schlechtes
-Französisch zu sprechen, und dann hält er (ich weiß nicht warum) für
-nötig, mich ~votre excellence~ zu titulieren.
-
-Ich aber bin ärgerlich. Augenscheinlich geniere ich sie alle, und sie
-genieren mich. Nie habe ich früher etwas von Feindschaft gegen einen
-andern Stand gewußt; jetzt aber quält mich tatsächlich etwas von dieser
-Art. Ich bemühe mich, an Herrn Gnecker nur schlechte Eigenschaften
-herauszufinden, finde solche auch wirklich bald und bin mißgestimmt
-darüber, daß da als Bewerber um die Hand meiner Tochter ein Mensch
-sitzt, der einem ganz andern Kreise angehört als ich. Seine Anwesenheit
-hat auch noch in einer andern Hinsicht einen schlechten Einfluß auf
-mich. Gewöhnlich, wenn ich allein bin oder mich in Gesellschaft von
-Leuten befinde, die mir sympathisch sind, denke ich gar nicht an meine
-Verdienste, oder wenn mir doch der Gedanke an sie kommt, so erscheinen
-sie mir so geringfügig, als wäre ich erst gestern ein Gelehrter
-geworden; aber in Gegenwart solcher Leute, wie Herr Gnecker, kommen
-mir meine Verdienste wie ein sehr hoher Berg vor, dessen Gipfel in den
-Wolken verschwindet, und an dessen Fuße, für das Auge kaum sichtbar,
-die Menschen von der Art des Herrn Gnecker sich herumbewegen.
-
-Nach Tische gehe ich in mein Arbeitszimmer und rauche dort ein
-Pfeifchen, das einzige während des ganzen Tages; mehr ist von meiner
-früheren schlechten Gewohnheit, vom frühen Morgen bis in die Nacht
-hinein zu paffen, nicht übriggeblieben. Während ich rauche, kommt meine
-Frau zu mir herein und setzt sich hin, um mit mir zu reden. Gerade so
-wie am Vormittage weiß ich auch jetzt, wovon unser Gespräch handeln
-wird.
-
-»Ich habe mit dir etwas Ernstes zu besprechen, Nikolai Stepanowitsch,«
-beginnt sie. »Ich wollte von Lisa reden. Warum wendest du darauf keine
-Aufmerksamkeit?«
-
-»Was meinst du damit?«
-
-»Du tust, als ob du nichts merktest; aber das ist doch ein falsches
-Benehmen. Man darf die Sache nicht so gehen lassen, ohne sich darum zu
-kümmern. Gnecker hat ernste Absichten auf Lisa. Was sagst du dazu?«
-
-»Daß er ein schlechter Mensch ist, kann ich nicht sagen, da ich
-ihn nicht kenne; aber daß er mir nicht gefällt, habe ich dir schon
-tausendmal gesagt.«
-
-»Aber es ist unrecht ... es ist unrecht ...«
-
-Sie steht auf und geht in großer Erregung auf und ab.
-
-»Es ist unrecht, einer ernsten Sache gegenüber einen solchen Standpunkt
-einzunehmen,« sagt sie. »Wenn es sich um das Lebensglück der Tochter
-handelt, dann muß man alles Persönliche ausschalten. Ich weiß, daß er
-dir nicht gefällt ... Das kann ja sein ... Aber wenn wir ihn jetzt
-abweisen und die Sache verhindern, dann ist zu befürchten, daß Lisa
-uns ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen wird. Es wimmelt heutzutage
-nicht von Freiern, und es kann leicht kommen, daß sich ihr keine andere
-Partie mehr bietet. Er liebt Lisa sehr, und anscheinend findet auch sie
-an ihm Gefallen. Er hat ja allerdings keine gesicherte Stellung; aber
-was ist da zu machen? So Gott will, wird er schon mit der Zeit irgendwo
-ankommen. Er ist aus guter Familie und reich.«
-
-»Woher weißt du das?«
-
-»Er hat es gesagt. Sein Vater besitzt in Charkow ein großes Haus und in
-der Nähe von Charkow ein Gut. Kurz gesagt, Nikolai Stepanowitsch, du
-mußt unbedingt nach Charkow reisen.«
-
-»Warum?«
-
-»Du mußt da Erkundigungen anstellen. Du bist ja dort mit einigen
-Professoren bekannt; die werden dir behilflich sein. Ich würde selbst
-hinfahren; aber ich bin ein Weib. Ich kann es nicht.«
-
-»Ich reise nicht nach Charkow,« erwidere ich mürrisch.
-
-Meine Frau bekommt einen Schreck, und auf ihrem Gesichte erscheint ein
-Ausdruck qualvollen Schmerzes.
-
-»Um Gottes willen, Nikolai Stepanowitsch!« fleht sie mich schluchzend
-an. »Um Gottes willen, nimm mir diese schwere Sorge von der Seele! Ich
-leide darunter entsetzlich!«
-
-Wie ich sie so ansehe, tut sie mir leid.
-
-»Nun gut, Warja,« sage ich freundlich. »Wenn du es wünschest, will ich
-meinetwegen nach Charkow fahren und alles tun, was du möchtest.«
-
-Sie drückt das Taschentuch gegen die Augen und geht auf ihr Zimmer, um
-zu weinen. Ich bleibe allein.
-
-Nach einiger Zeit bringt man mir Licht. Von den Sesseln und dem
-Lampenschirm lagern sich auf den Wänden und auf dem Fußboden die mir
-längst bekannten, längst zuwider gewordenen Schatten, und wenn ich sie
-ansehe, so will es mir scheinen, daß es schon Nacht sei, und daß meine
-nichtswürdige Schlaflosigkeit schon beginne. Ich lege mich ins Bett;
-dann stehe ich wieder auf und wandere im Zimmer auf und ab; dann lege
-ich mich wieder hin ... Gewöhnlich erreicht nach dem Mittagessen, vor
-dem Abend, meine nervöse Erregung ihren höchsten Grad. Ich fange ohne
-Veranlassung zu weinen an und stecke den Kopf unter das Kopfkissen.
-In solchen Augenblicken fürchte ich mich davor, daß jemand eintreten
-könnte; ich fürchte, plötzlich zu sterben, schäme mich meiner Tränen,
-und meine ganze Seele ist von einem allgemeinen, unerträglichen
-Schmerz erfüllt. Ich fühle, daß ich nicht länger imstande bin, meine
-Lampe, meine Bücher, die Schatten auf dem Fußboden anzusehen und die
-aus dem Salon herübertönenden Stimmen anzuhören. Eine unsichtbare,
-unbegreifliche Macht zieht mich gewaltsam aus meiner Wohnung hinaus.
-Ich springe auf, kleide mich hastig an und gehe vorsichtig, damit
-meine Hausgenossen es nicht gewahr werden, auf die Straße. Wo soll ich
-hingehen?
-
-Die Antwort auf diese Frage steckt schon längst fertig in meinem
-Gehirn: zu Katja.
-
-
-
-
-III
-
-
-Sie liegt wie gewöhnlich auf dem türkischen Sofa oder einer
-Chaiselongue und liest ein Buch. Sobald sie mich erblickt, hebt sie
-träge den Kopf in die Höhe, setzt sich aufrecht und streckt mir die
-Hand entgegen.
-
-»Immer liegst du,« sage ich, nachdem ich ein Weilchen geschwiegen
-und mich erholt habe. »Das ist ungesund. Du solltest dir irgendeine
-Tätigkeit zurechtmachen.«
-
-»Was sagen Sie?«
-
-»Ich sage, du solltest dir irgendeine Tätigkeit zurechtmachen.«
-
-»Was für eine Tätigkeit? Eine Frau kann weiter nichts sein als entweder
-einfache Arbeiterin oder Schauspielerin.«
-
-»Nun gut: wenn du also nicht Arbeiterin sein kannst, so werde wieder
-Schauspielerin.«
-
-Sie schweigt.
-
-»Du solltest heiraten,« sage ich halb im Scherz.
-
-»Ich wüßte nicht, wen. Und es liegt mir auch nichts daran.«
-
-»So, wie du lebst, das ist kein Leben.«
-
-»Ohne Mann? Große Sache! Männer könnte ich haben, soviel ich wollte,
-wenn ich nur Lust hätte.«
-
-»Das ist häßlich, Katja.«
-
-»Was ist häßlich?«
-
-»Was du da eben gesagt hast.«
-
-Da sie merkt, daß ich mich verletzt fühle, möchte sie den üblen
-Eindruck wieder gutmachen und sagt:
-
-»Kommen Sie! Wir wollen anderswohin gehen. Dorthin.«
-
-Sie führt mich in ein kleines, sehr behagliches Zimmerchen und sagt,
-indem sie auf einen Schreibtisch hinweist:
-
-»Da! Ich habe ihn für Sie angeschafft. Hier können Sie arbeiten. Kommen
-Sie alle Tage her und bringen Sie Ihre Arbeit mit! Dort bei Ihnen zu
-Hause stört man Sie doch nur. Wollen Sie hier arbeiten? Ja? Wollen Sie?«
-
-Um sie nicht durch eine abschlägige Antwort zu kränken, erwidere
-ich ihr, ich würde bei ihr arbeiten, und das Zimmer gefalle mir
-außerordentlich. Darauf lassen wir uns beide in dem gemütlichen
-Zimmerchen nieder und fangen an, uns zu unterhalten.
-
-Die Wärme, die anheimelnde Umgebung und die Anwesenheit eines mir
-sympathischen Menschen erwecken in mir jetzt nicht wie in früheren
-Zeiten ein Gefühl des Vergnügens, sondern einen starken Drang zu klagen
-und zu murren. Ich habe die Vorstellung, wenn ich murre und klage, wird
-mir leichter ums Herz werden.
-
-»Es ist ein übles Ding, mein liebes Kind!« beginne ich mit einem
-Seufzer. »Ein sehr übles Ding ...«
-
-»Was denn?«
-
-»Ich will dir sagen, um was es sich handelt, meine Liebe. Das schönste
-und heiligste Recht der Könige ist das Recht der Begnadigung. Und
-ich bin mir immer wie ein König vorgekommen, da ich dieses Recht in
-unbegrenztem Maße ausübte. Ich habe nie über jemand den Stab gebrochen,
-bin nachsichtig gewesen und habe gern allen Menschen rings um mich
-herum verziehen. Wo andere protestierten und empört waren, da habe ich
-nur durch Ratschläge und Überredung zu wirken gesucht. Mein ganzes
-Leben hindurch ist mein Bestreben nur darauf gerichtet gewesen, meiner
-Familie, den Studenten, den Kollegen, den Dienstboten den Verkehr
-mit mir erträglich zu machen. Und dieses mein Betragen den Menschen
-gegenüber hat, das weiß ich, auf alle, die mit mir zu tun hatten,
-erzieherisch gewirkt. Aber jetzt bin ich kein König mehr. In meiner
-Seele bildet sich eine Gesinnung heraus, die nur für Sklavenseelen
-paßt; in meinem Kopfe wimmelt es Tag und Nacht von bösen Gedanken,
-und in meinem Herzen hat sich ein ganzer Schwarm von Empfindungen
-eingenistet, wie ich sie früher nie gekannt habe. Ich hasse, verachte,
-bin mißvergnügt und empört und fürchte mich. Ich bin über die Maßen
-streng, anspruchsvoll, reizbar, unliebenswürdig und argwöhnisch
-geworden. Selbst Dinge, die mir früher lediglich Anlaß gaben, einen
-munteren Scherz zu machen und gutmütig zu lachen, rufen jetzt bei mir
-ein drückendes, beängstigendes Gefühl hervor. Auch meine Logik hat sich
-geändert: früher richtete sich meine Verachtung nur gegen das Geld;
-jetzt aber hege ich ein feindseliges Gefühl gegen die Reichen, als ob
-diese irgendwelche Schuld träfe; früher haßte ich Gewalttätigkeit und
-Willkür; aber jetzt hasse ich die Menschen, die gewalttätig verfahren,
-als ob sie allein schuld wären und nicht vielmehr wir alle, die wir
-einander nicht zu erziehen verstehen. Woher kommt das? Wenn diese
-neuen Gedanken und neuen Empfindungen in einer Veränderung meiner
-Überzeugungen ihren Ursprung haben, welchen Grund mag dann diese
-Veränderung haben? Ist die Welt schlechter geworden und ich besser,
-oder war ich früher blind und achtlos? Wenn aber diese Veränderung
-von einem allgemeinen Verfall meiner körperlichen und geistigen
-Kräfte herrührt (ich bin ja tatsächlich krank und verliere täglich an
-Gewicht), dann ist meine Lage eine ganz klägliche, dann sind meine
-neuen Gedanken nicht normal, sondern krankhaft, und ich muß mich ihrer
-schämen und sie für völlig wertlos erachten ...«
-
-»Ihre Krankheit hat damit nichts zu tun,« unterbricht mich Katja; »es
-sind Ihnen einfach die Augen aufgegangen; das ist das Ganze. So haben
-Sie erblickt, was Sie früher aus irgendwelchem Grunde nicht wahrnehmen
-wollten. Meiner Ansicht nach ist vor allen Dingen notwendig, daß Sie
-sich von Ihrer Familie trennen und von ihr fortgehen.«
-
-»Du redest Torheiten.«
-
-»Sie lieben sie nicht mehr; wozu da noch heucheln? Und ist denn das
-eine Familie für Sie? Ganz wertlose Geschöpfe! Wenn sie heute stürben,
-so würde sie schon morgen kein Mensch mehr vermissen.«
-
-Katja verachtet meine Frau und meine Tochter ebenso stark, wie diese
-beiden sie hassen. Man darf in unserer Zeit ja kaum von einem Rechte
-der Menschen reden, einander zu verachten. Aber wenn man sich auf
-Katjas Standpunkt stellt und das Vorhandensein eines solchen Rechtes
-behauptet, dann muß man allerdings sagen, daß sie mit demselben Rechte
-meine Frau und Lisa verachtet, mit welchem diese sie hassen.
-
-»Ganz wertlose Geschöpfe!« sagt sie noch einmal. »Haben Sie heute
-zu Mittag gegessen? Mich wundert nur, daß Ihre Angehörigen nicht
-vergessen haben, Sie zu Tisch zu rufen, daß sie überhaupt noch an Ihre
-Existenz denken.«
-
-»Katja,« sage ich in strengem Tone, »ich bitte dich zu schweigen.«
-
-»Meinen Sie denn, daß es mir Vergnügen macht, von ihnen zu reden? Ich
-wäre froh, wenn ich sie überhaupt nicht kennte. Hören Sie auf mich,
-teurer Freund: lassen Sie alles im Stich, und reisen Sie weg! Reisen
-Sie ins Ausland! Je eher, um so besser.«
-
-»Was für Unsinn! Und die Universität?«
-
-»Lassen Sie auch die Universität im Stich! Was haben Sie von der?
-Etwas Gescheites kommt ja doch nicht dabei heraus. Da halten Sie nun
-schon dreißig Jahre lang Vorlesungen, und was ist aus Ihren Schülern
-geworden? Haben Sie etwa viele berühmte Gelehrte herangebildet?
-Zählen Sie sie doch einmal zusammen! Und um die Zahl dieser Ärzte
-zu vermehren, die die Unwissenheit der Patienten ausbeuten und
-Hunderttausende von Rubeln zusammenscharren, dazu bedarf es keines
-talentvollen, herzensguten Menschen. Sie sind hier völlig entbehrlich.«
-
-»Mein Gott, was hast du für eine scharfe Zunge!« sage ich erschrocken.
-»Was für eine scharfe Zunge! Schweig still, sonst gehe ich fort. Ich
-verstehe mich nicht darauf, auf deine bissigen Reden zu antworten.«
-
-Das Stubenmädchen tritt ein und ruft uns zum Tee. Beim Samowar
-wendet sich unser Gespräch glücklicherweise anderen Gegenständen zu.
-Nachdem ich bereits zur Genüge geklagt habe, bekomme ich Lust, der
-andern Schwäche, die mein Alter mit sich gebracht hat, freien Lauf
-zu lassen, dem Umherkramen in Erinnerungen. Ich erzähle Katja aus
-meiner Vergangenheit und teile ihr zu meinem eigenen größten Erstaunen
-allerlei Einzelheiten mit, von denen ich gar nicht geahnt habe, daß
-sie sich noch in meinem Gedächtnis erhalten haben. Sie aber hört mir
-gerührt, stolz, mit angehaltenem Atem zu. Besondere Freude macht es
-mir, ihr davon zu erzählen, wie ich ehemals Seminarschüler war, und wie
-es das Ziel meiner Sehnsucht war, die Universität zu beziehen.
-
-»Manchmal ging ich in unserem Seminargarten spazieren,« erzähle ich.
-»Da trug der Wind aus irgendeiner fernen Schenke die Töne einer
-quiekenden Harmonika und eines Liedes herüber, oder es jagte an dem
-Zaune des Seminargartens eine Troika mit Schellengeklingel vorbei, und
-dies genügte vollständig, um plötzlich ein Gefühl des Glückes nicht
-nur in meiner Brust, sondern auch in meinem Bauche, in den Beinen,
-in den Händen hervorzurufen. Ich horchte nach der Harmonika oder dem
-verklingenden Schellengeläute hin und stellte mir vor, ich sei Arzt,
-und malte mir Bilder aus, eines immer schöner als das andere. Und nun
-sind, wie du siehst, meine Träume in Erfüllung gegangen. Ich habe
-mehr erreicht, als ich zu hoffen wagte. Dreißig Jahre lang bin ich
-ein beliebter Professor gewesen, habe vortreffliche Kollegen gehabt
-und mich eines ehrenvollen Renommees erfreut. Ich habe geliebt, habe
-aus leidenschaftlicher Liebe geheiratet; es sind mir Kinder geboren.
-Kurz, wenn ich zurückblicke, so erscheint mir mein ganzes Leben wie
-eine hübsche, talentvolle Komposition. Jetzt bleibt mir nur noch eines
-zu tun: dafür zu sorgen, daß ich das Finale nicht verderbe. Zu diesem
-Zwecke muß ich in einer menschenwürdigen Weise sterben. Wenn der Tod
-wirklich eine Gefahr ist, so muß ich ihm so entgegentreten, wie es
-sich für einen Lehrer, für einen Gelehrten und für den Bürger eines
-christlichen Staates ziemt: mutig und ruhigen Herzens. Aber ich werde
-das Finale verderben. Ich bin nahe daran, zu ertrinken, komme zu dir
-hergelaufen und bitte um Hilfe; du aber sagst zu mir: ›Ertrinken Sie
-nur; das muß so sein!‹«
-
-Aber in diesem Augenblick ertönt im Vorzimmer die Klingel. Wir beide,
-Katja und ich, erkennen diese Art zu klingeln und sagen:
-
-»Das ist gewiß Michail Fedorowitsch.«
-
-Und wirklich tritt einen Augenblick darauf mein Kollege, der Philologe
-Michail Fedorowitsch, ins Zimmer, ein hochgewachsener, wohlgebildeter
-Mann von etwa fünfzig Jahren, mit dichtem, grauem Haar, schwarzen
-Brauen und glatt rasiertem Gesicht. Er ist ein guter Mensch und ein
-vorzüglicher Kollege. Er stammt aus einer alten Adelsfamilie, die eine
-recht glückliche Vergangenheit hat, viele talentvolle Männer zu ihren
-Mitgliedern zählt und in der Geschichte unserer Literatur und Bildung
-eine bedeutende Rolle spielt. Auch er selbst ist klug, talentvoll
-und hochgebildet, aber nicht frei von Sonderbarkeiten. Bis zu einem
-gewissen Grade sind wir ja alle seltsame, wunderliche Käuze; aber seine
-Sonderbarkeiten zeigen sich ausschließlich seinen Bekannten gegenüber
-und sind für diese nicht ungefährlich. Unter seinen Bekannten kenne ich
-nicht wenige, die über seinen Sonderbarkeiten gar kein Auge für seine
-zahlreichen guten Eigenschaften haben.
-
-Als er zu uns ins Zimmer tritt, zieht er langsam die Handschuhe aus und
-sagt mit seiner weichen, tiefen Stimme:
-
-»Guten Abend. Sie sind beim Tee? Das kommt mir sehr zupaß. Es ist
-nichtswürdig kalt draußen.«
-
-Dann setzt er sich an den Tisch, nimmt sich ein Glas und beginnt
-sogleich zu reden. Das Charakteristischste an seiner Art zu reden ist
-sein beständig scherzhafter Ton, eine Art Mischung von Philosophie
-und Possenreißerei, wie bei den Shakespearischen Totengräbern. Er
-redet immer über ernste Dinge, aber niemals in ernster Art. Seine
-Urteile sind immer scharf und spöttisch; aber infolge des weichen,
-gleichmäßigen, scherzhaften Tones verletzen die Schärfe und der Spott
-nicht das Ohr des Hörers, und man gewöhnt sich bald daran. Jeden Abend
-bringt er fünf bis sechs Anekdoten aus dem Universitätsleben mit und
-fängt sie meist zu erzählen an, sobald er sich an den Tisch setzt.
-
-»Mein Gott!« seufzt er und bewegt dabei spöttisch seine schwarzen
-Augenbrauen. »Was gibt es doch für komische Gesellen auf der Welt!«
-
-»Wieso?« fragt Katja.
-
-»Ich komme heute aus meiner Vorlesung und treffe auf der Treppe diesen
-alten Idioten, unsern N. N. Er steigt die Treppe hinauf, hält wie
-gewöhnlich sein Pferdekinn nach vorn gestreckt und sucht jemand, dem er
-über seine Migräne, über seine Frau und über die Studenten, die seine
-Vorlesungen nicht besuchen wollen, etwas vorklagen kann. ›Na,‹ denke
-ich, ›gesehen hat er mich nun einmal; jetzt bin ich geliefert, es wird
-mir schlimm ergehen ...‹«
-
-Und so fort, immer in derselben Art. Oder er beginnt so:
-
-»Gestern war ich in der öffentlichen Vorlesung unseres Kollegen Z.
-Ich wundere mich, wie unsere ~alma mater~ es übers Herz bringen kann,
-dem Publikum (mit Verlaub gesagt) solche Tölpel und patentierten
-Holzköpfe zu präsentieren wie diesen Z. Er ist ja doch ein Dummrian
-erster Klasse! Ich bitte Sie, in ganz Europa findet man bei Tage mit
-der Laterne kein zweites derartiges Exemplar! Stellen Sie sich das nur
-einmal vor: er liest, als wenn er Kandiszucker lutschte! Zju, zju,
-zju ... Er bekam es mit der Angst, konnte sein Manuskript schlecht
-lesen, und die dürftigen Gedanken krochen nur ganz langsam dahin, mit
-der Geschwindigkeit eines radfahrenden Archimandriten; und, was die
-Hauptsache war, man konnte absolut nicht verstehen, was er eigentlich
-sagen wollte. Es herrschte eine furchtbare Langeweile, so daß die
-Fliegen davon starben. Diese Langeweile läßt sich nur mit derjenigen
-vergleichen, die in unserer Aula bei dem jährlichen Aktus herrscht,
-wenn die herkömmliche Rede gehalten wird. Hol sie der Teufel!«
-
-Und dann fährt er mit einem scharfen Übergange fort:
-
-»Vor drei Jahren (hier unser Nikolai Stepanowitsch wird sich noch daran
-erinnern) hatte ich diese Rede zu halten. Es war heiß und schwül, die
-Uniform kniff mich unter den Armen, -- es war zum Krepieren! Ich las
-eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb Stunden, zwei Stunden. ›Na,‹
-dachte ich, ›Gott sei Dank, jetzt sind es nur noch zehn Seiten.‹ Und
-ganz am Schluß hatte ich vier Seiten, die ich gut und gern ungelesen
-lassen konnte, und ich nahm mir vor, sie wegzulassen. ›Also dann
-bleiben nur noch sechs,‹ dachte ich. Aber denken Sie sich: ich warf
-einen flüchtigen Blick nach den Zuhörern und sah, daß da in der ersten
-Reihe nebeneinander ein General mit einem Ordensbande und ein Bischof
-saßen. Die armen Kerle waren ganz starr vor Langerweile und rissen
-krampfhaft die Augen auf, um nicht einzuschlafen; aber sie bemühten
-sich trotzdem, ihren Gesichtern den Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit
-zu geben, und taten, als ob sie meine Vorlesung verständen und Genuß
-davon hätten. ›Na,‹ dachte ich, ›wenn es euch so viel Vergnügen macht,
-dann will ich es euch gründlich geben! Euch zum Possen!‹ Und ich las
-auch noch die ganzen vier letzten Seiten mit.«
-
-Wenn er spricht, so lächeln bei ihm, wie überhaupt bei spottlustigen
-Leuten, nur die Augen und die Brauen. In seinen Augen liegt zu solcher
-Zeit nichts von Haß oder Bosheit, wohl aber viel Witz und jene
-besondere fuchsartige Schlauheit, die man nur bei Menschen mit sehr
-gut entwickelter Beobachtungsgabe bemerken kann. Von seinen Augen
-möchte ich ferner erwähnen, daß ich an ihnen noch eine besondere
-Eigentümlichkeit wahrgenommen habe. Jedesmal wenn er von Katja ein
-gefülltes Glas hinnimmt oder eine von ihr gemachte Bemerkung anhört
-oder ihr mit dem Blicke folgt, wenn sie einmal für kurze Zeit das
-Zimmer verläßt, bemerke ich in seinem Blicke etwas Sanftes, Flehendes,
-Reines ...
-
-Das Stubenmädchen nimmt den Samowar fort und stellt ein großes Stück
-Käse, allerlei Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein auf den Tisch,
-einen ziemlich schlechten Wein, an dem aber Katja, als sie in der
-Krim wohnte, Geschmack gewonnen hat. Michail Fedorowitsch nimmt von
-einer Etagère zwei Spiele Karten und legt Patience. Nach seiner
-Versicherung erfordern einige Arten von Patience viel Kombinationssinn
-und Aufmerksamkeit; aber trotzdem redet er während des Legens munter
-weiter. Katja verfolgt aufmerksam seine Manipulationen mit den Karten
-und ist ihm mehr durch Mimik als durch Worte behilflich. Von dem Weine
-trinkt sie den ganzen Abend über nicht mehr als zwei Gläser, und ich
-trinke ein Viertel Glas; der übrige Teil der Flasche entfällt auf
-Michail Fedorowitsch, der viel trinken kann, ohne daß es ihm in den
-Kopf steigt.
-
-Während des Patiencelegens disputieren wir über allerlei Fragen,
-namentlich höherer Art, wobei das, was wir beide am meisten lieben, am
-schlimmsten wegkommt, nämlich die Wissenschaft.
-
-»Die Wissenschaft ist, Gott sei Dank, am Ende ihres Daseins angelangt,«
-sagt Michail Fedorowitsch; er spricht in einzelnen Absätzen. »Mit der
-geht es auf die Neige. Ja, ja. Die Menschheit verspürt bereits das
-Bedürfnis, etwas anderes an die Stelle der Wissenschaft zu setzen.
-Die Wissenschaft ist auf einem Boden von falschen Vorstellungen
-entsprossen, hat sich von falschen Vorstellungen genährt und bildet
-jetzt eine ebensolche Quintessenz von falschen Vorstellungen, wie
-ihre abgelebten Großmütter: Alchimie, Metaphysik und Philosophie. Und
-wirklich, was hat sie der Menschheit gegeben? Zwischen den gelehrten
-Europäern und den aller Wissenschaft entbehrenden Chinesen ist doch der
-Unterschied nur ein minimaler, rein äußerlicher. Die Chinesen haben
-keine Wissenschaft gekannt; aber was haben sie dadurch verloren?«
-
-»Auch die Fliegen kennen keine Wissenschaft,« entgegne ich, »aber was
-folgt daraus?«
-
-»Sie ärgern sich ganz unnötigerweise, Nikolai Stepanowitsch. Ich
-rede ja so nur hier, wo wir unter uns sind. Ich bin vorsichtiger,
-als Sie meinen, und werde das nicht öffentlich aussprechen, Gott
-behüte. Die große Menge ist in der falschen Vorstellung befangen,
-die Wissenschaften und Künste ständen höher als Ackerbau, Handel und
-Gewerbe. Unsere Sekte lebt von dieser falschen Vorstellung, und es
-ist nicht meine und Ihre Sache, diese Vorstellung zu zerstören. Gott
-behüte!« Während des Patiencelegens bekommt auch die Jugend gehörig
-etwas ab.
-
-»Unsere Hörerschaft ist heutzutage einer argen Verflachung anheim
-gefallen,« bemerkt Michail Fedorowitsch seufzend. »Ich will gar nicht
-einmal von Idealen und solchen Dingen reden; wenn sie nur wenigstens zu
-arbeiten und vernünftig zu denken verständen! Da trifft das Wort zu:
-›Ich schaue nur mit Schmerz das heutige Geschlecht.‹«
-
-»Ja, die jetzige Generation ist entsetzlich verflacht,« stimmt ihm
-Katja bei. »Sagen Sie, haben Sie in den letzten fünf, zehn Jahren unter
-Ihren Hörern auch nur einen einzigen hervorragenden Menschen gehabt?«
-
-»Ich weiß nicht, wie es damit bei andern Professoren steht; aber unter
-meinen eigenen Hörern kann ich mich auf keinen solchen besinnen.«
-
-»Ich habe in meinem Leben viele Studenten, viele junge Gelehrte, viele
-Schauspieler kennen gelernt; aber nie habe ich das Glück gehabt, ich
-will gar nicht einmal sagen einem Geistesheros oder einem Talente,
-sondern nur ganz einfach einem interessanten Menschen darunter zu
-begegnen. Alles grau, talentlos, voll Dünkel und Anmaßung ...«
-
-Alle diese Gespräche über Verflachung wirken auf mich jedesmal ebenso,
-wie wenn ich unversehens häßliche Bemerkungen über meine Tochter
-erlauschte. Es ist mir verdrießlich, daß die Anklagen sich so allgemein
-gegen die ganze Jugend richten und sich auf solche längst abgenutzten
-Schlagwörter gründen, wie es die Redensarten von Verflachung und von
-einem Mangel an Idealen und der Hinweis auf die schöne Vergangenheit
-sind. Jede Anklage, auch wenn sie in Damengesellschaft vorgebracht
-wird, muß möglichst präzise formuliert sein; sonst ist es eben keine
-Anklage, sondern eine leere, anständiger Menschen unwürdige Verleumdung.
-
-Ich bin ein alter Mann und stehe schon dreißig Jahre in meinem
-Amte; aber ich bemerke weder eine Verflachung noch einen Mangel an
-Idealen und kann nicht finden, daß es jetzt in dieser Hinsicht übler
-bestellt wäre als früher. Mein Portier Nikolai, dessen Erfahrung
-auf diesem Gebiet nicht ohne Wert ist, sagt, die heutigen Studenten
-seien nicht besser und nicht schlechter als die früheren. Wenn mich
-jemand fragte, was mir an meinen jetzigen Hörern mißfalle, so würde
-ich keine zusammenfassende Antwort geben, sondern einige Punkte mit
-hinlänglicher Präzision aufzählen. Die Mängel meiner Studenten
-kenne ich genau und brauche daher nicht zu nebelhaften, allgemeinen
-Schlagworten meine Zuflucht zu nehmen. Mir mißfällt, daß sie Tabak
-rauchen, alkoholische Getränke genießen und spät heiraten; ferner
-daß sie gedankenlos in den Tag hineinleben und oft eine solche
-Gleichgültigkeit zeigen, daß sie unter sich Hungernde dulden und an
-den Verein zur Unterstützung bedürftiger Studenten ihre fälligen
-Beiträge nicht bezahlen. Sie verstehen die neueren Sprachen nicht
-und können sich auf russisch nicht korrekt ausdrücken; erst gestern
-klagte mir mein Kollege, der Hygieniker, er müsse die Zeitdauer seiner
-Vorlesung verdoppeln, weil sie so wenig Physik verständen und mit
-der Meteorologie gar nicht Bescheid wüßten. Sie lassen sich in ihren
-Ansichten gern von den Schriftstellern der neuesten Zeit leiten,
-aber keineswegs von den besten; dagegen stehen sie Klassikern wie
-Shakespeare, Marc Aurel, Epiktet, Pascal völlig kühl gegenüber. In
-dieser Unfähigkeit, das Große vom Kleinen zu unterscheiden, zeigt
-sich am allermeisten das Unpraktische ihres Wesens. Alle schwierigen
-Fragen, die mehr oder weniger eine soziale Bedeutung haben, wie z. B.
-die Frage der Freizügigkeit, entscheiden sie durch Abstimmungslisten
-statt auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung und Erfahrung,
-wiewohl dieser Weg ihnen durchaus zugänglich ist und ihrem Berufe am
-meisten entsprechen würde. Gern werden sie Präparatoren, Assistenten,
-Laboranten, Repetenten, und es kommt ihnen nicht darauf an, in solchen
-Stellungen bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahre zu verbleiben, obwohl
-Selbständigkeit, Freiheitssinn und persönliche Initiative in der
-Wissenschaft nicht minder notwendig sind als beispielsweise in der
-Kunst oder im Handel. Ich habe Schüler und Hörer, aber keine Gehilfen
-und Nachfolger, und daher mag ich sie zwar gern leiden und habe für sie
-alle Teilnahme, aber ich bin nicht stolz auf sie. Usw. usw. ...
-
-Solche Mängel, wieviel ihrer auch sein mögen, können eine
-pessimistische oder zornige Stimmung nur bei kleinmütigen, ängstlichen
-Menschen erzeugen. Alle diese Mängel sind ihrem ganzen Wesen nach
-nur zufällig und vorübergehend und hängen durchaus von den gesamten
-Lebensverhältnissen ab; ein paar Jahrzehnte genügen, damit sie
-verschwinden oder, da es nun einmal ohne Mängel nicht geht, ihren
-Platz andern neuen Mängeln abtreten, die dann ihrerseits wieder den
-Kleinmütigen einen Schreck einjagen werden. Die Studentensünden
-ärgern mich oft; aber dieser Ärger will nichts besagen im Vergleiche
-mit der Freude, die ich nun schon dreißig Jahre lang empfinde, wenn
-ich mit meinen Schülern ein Gespräch führe, ihnen Vorlesungen halte,
-ihr Verhalten untereinander beobachte und sie mit Angehörigen anderer
-Kreise vergleiche.
-
-Michail Fedorowitsch führt Lästerreden, Katja hört ihm zu, und beide
-merken nicht, in was für einen tiefen Abgrund ein anscheinend so
-unschuldiges Vergnügen wie das Aburteilen über den Nächsten sie
-allmählich hineinzieht. Sie fühlen nicht, wie ein harmloses Gespräch
-Schritt für Schritt in Verspottung und Verhöhnung übergeht, und wie sie
-beide sogar die Kunstgriffe der Verleumdung zu gebrauchen anfangen.
-
-»Es gibt doch gar zu komische Kunden,« sagt Michail Fedorowitsch.
-»Gestern komme ich zu unserem Jegor Petrowitsch und treffe dort einen
-Studiosus, einen von Ihren Medizinern, ich glaube aus dem dritten
-Kursus. Ein Gesicht hatte er so im Stile des Kritikers Dobroljubow,
-auf der Stirn den Stempel tiefen Denkens. Wir kamen miteinander ins
-Gespräch. ›Ja, junger Mann,‹ sage ich, ›es passieren die wunderbarsten
-Dinge. Da habe ich gelesen, daß ein Deutscher (seinen Namen habe ich
-vergessen) aus dem menschlichen Gehirn ein neues Alkaloid, Idiotin,
-gewonnen hat.‹ Was meinen Sie? Er glaubte es, und es malte sich sogar
-auf seinem Gesicht eine Art von Respekt: ›Ja, das ist eine Leistung
-unserer Berufsgenossen!‹ Und neulich komme ich ins Theater und setze
-mich auf meinen Platz. Gerade vor mir in der nächsten Reihe sitzen zwei
-junge Männer, der eine ›einer von unsere Lait‹ und anscheinend Jurist,
-der andere mit strubbligem Kopf ein Mediziner. Der Mediziner war
-betrunken wie ein Schuster und achtete gar nicht auf das, was auf der
-Bühne vorging. Er schlief, und der Kopf fiel ihm fortwährend nach vorn.
-Aber sowie ein Schauspieler laut einen Monolog sprach oder überhaupt
-die Stimme erhob, fuhr mein Mediziner zusammen, stieß seinen Nachbar
-in die Seite und fragte: ›Was hat er gesagt? Etwas Moralisches?‹
-›Ja, etwas Moralisches,‹ antwortete der Jude. ›Bravo!‹ brüllte der
-Mediziner. ›Sehr gut! Bravo!‹ Sehen Sie, dieser betrunkene Tölpel war
-nicht um der Kunst willen, sondern um der moralischen Gedanken willen
-ins Theater gekommen. Moralische Gedanken, das war ihm ein Bedürfnis.«
-
-Katja hört zu und lacht. Sie hat eine ganz sonderbare Art zu
-lachen: Einatmen und Ausatmen wechseln schnell und mit rhythmischer
-Regelmäßigkeit miteinander ab, ähnlich wie wenn sie Harmonika spielte,
-und dabei lachen auf ihrem Gesichte nur die Nasenflügel. Mir wird ganz
-schwach zumute, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ganz außer mir,
-werde ich blutrot, springe von meinem Platze auf und schreie:
-
-»So schweigt doch endlich! Was sitzt ihr da wie zwei Kröten und
-vergiftet die Luft mit eurem Atem? Laßt's genug sein!«
-
-Und ohne abzuwarten, bis sie mit ihren Lästerreden aufhören, schicke
-ich mich an, nach Hause zu gehen. Auch ist es schon Zeit: zehn Uhr
-durch.
-
-»Ich bleibe noch ein Weilchen hier,« sagt Michail Fedorowitsch;
-»gestatten Sie, Jekaterina Wladimirowna?«
-
-»Gewiß,« antwortet Katja.
-
-»~Bene.~ Dann lassen Sie also, bitte, noch ein Fläschchen bringen!«
-
-Beide begleiten mich mit Licht in das Vorzimmer, und während ich mir
-den Pelz anziehe, sagt Michail Fedorowitsch:
-
-»Sie sind in der letzten Zeit furchtbar abgemagert und gealtert,
-Nikolai Stepanowitsch. Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?«
-
-»Ja, ein wenig.«
-
-»Und dabei unternimmt er keine Kur ...« fügt Katja unwillig hinzu.
-
-»Aber warum denn nicht? Das ist ja unverantwortlich. Den Vorsichtigen
-behütet Gott, lieber Freund. Empfehlen Sie mich Ihren Angehörigen, und
-entschuldigen Sie mich bei ihnen, daß ich nicht hinkomme. In diesen
-Tagen, vor meiner Abreise ins Ausland, werde ich vorsprechen, um
-Lebewohl zu sagen. Ganz bestimmt! Ich reise in der nächsten Woche.«
-
-Ich gehe von Katja in gereizter Stimmung weg, erschreckt durch das
-Gespräch über meine Krankheit und unzufrieden mit mir selbst. Ich lege
-mir die Frage vor: Soll ich mich wirklich von einem meiner Kollegen
-behandeln lassen? Und sogleich male ich mir auch aus, wie der Kollege,
-nachdem er mich untersucht hat, schweigend von mir weg zum Fenster
-geht, eine Weile nachdenkt, sich dann zu mir umwendet und, indem er
-sich Mühe gibt, mich nicht auf seinem Gesichte die Wahrheit lesen
-zu lassen, in gleichgültigem Tone sagt: »Vorläufig sehe ich nichts
-Besonderes; aber doch möchte ich Ihnen raten, Herr Kollege, Ihre
-Tätigkeit zu unterbrechen.« Und das wird mich dann der letzten Hoffnung
-berauben.
-
-Wo gäbe es jemand, der nicht hoffte? Seht, wo ich mir selbst die
-Diagnose stelle und mich selbst behandle, hoffe ich zeitweilig, daß
-mich meine Unwissenheit täuscht und ich mich hinsichtlich des Eiweißes
-und des Zuckers irre, die ich bei mir finde, und hinsichtlich des
-Herzens und hinsichtlich der Anschwellungen, die ich schon zweimal
-bei mir morgens entdeckt habe; jetzt, wo ich mit dem Eifer eines
-Hypochonders die Lehrbücher der Therapie durchblättere und täglich mit
-der Arznei wechsle, jetzt meine ich immer, ich würde noch auf irgend
-etwas Tröstliches stoßen. Dieses ganze Benehmen ist kleinlich.
-
-Mag der Himmel mit Wolken bedeckt sein oder mögen Mond und Sterne an
-ihm glänzen, jedesmal, wenn ich nach Hause zurückkehre, blicke ich
-zu ihm hinauf und denke daran, daß mir bald der Tod kommen wird. Man
-könnte meinen, meine Gedanken müßten zu dieser Zeit tief sein wie der
-Himmel und klar und großartig; aber nein! Ich denke an mich selbst,
-an meine Frau, an Lisa, an Herrn Gnecker, an die Studenten, an die
-Menschen überhaupt; ich denke häßlich und kleinlich, mache vor mir
-selbst Winkelzüge, und meine Weltanschauung in solchen Augenblicken
-läßt sich mit den Worten ausdrücken, die der berühmte Araktschejew
-in einem seiner intimen Briefe schrieb: »Alles Gute in der Welt kann
-nicht ohne Schlechtes sein, und gibt es immer mehr Schlechtes als
-Gutes.« Das heißt: alles ist garstig, und das Leben ist zwecklos, und
-die zweiundsechzig Jahre, die ich bereits gelebt habe, muß ich als
-verloren betrachten. Ich ertappe mich auf diesen Gedanken und suche mir
-einzureden, sie seien nur zufällig und vorübergehend in meinem Kopfe
-vorhanden und säßen da nicht tief; aber sogleich denke ich wieder:
-
-»Wenn es so ist, warum zieht es mich denn jeden Abend zu diesen beiden
-Kröten hin?«
-
-Und ich schwöre es mir zu, nie wieder zu Katja hinzugehen, obwohl ich
-weiß, daß ich morgen doch wieder zu ihr gehen werde.
-
-Nachdem ich an meiner Haustüre die Klingel gezogen habe, und während
-ich dann die Treppe hinaufsteige, fühle ich, daß ich keine Familie
-mehr habe und nicht einmal den Wunsch hege, sie wiederzugewinnen. Es
-ist offenbar, daß die neuen Araktschejewschen Gedanken sich nicht
-nur so zufällig und nur für kurze Zeit bei mir eingefunden, sondern
-mein ganzes Wesen in Besitz genommen haben. Mit krankem Gewissen,
-niedergeschlagen, träge, kaum die Glieder bewegend, als ob ich viele
-Zentner an Gewicht zugenommen hätte, lege ich mich ins Bett und schlafe
-bald ein.
-
-Aber dann folgt die Schlaflosigkeit.
-
-
-
-
-IV
-
-
-Der Sommer kommt heran, und das Leben ändert sich.
-
-Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir in mein Zimmer und sagt in
-scherzendem Tone:
-
-»Wollen Euer Exzellenz kommen! Es ist alles bereit.«
-
-Man führt meine Exzellenz auf die Straße, läßt sie in eine Droschke
-steigen und fährt mit ihr davon. Beim Fahren lese ich aus Langerweile
-die Schilder von rechts nach links. Aus dem Worte ~traktir~[2] wird
-dann Ritkart. Das wäre ein passender Name für eine freiherrliche
-Familie: Baronesse Ritkart. Weiter geht die Fahrt zwischen Feldern hin
-an einem Kirchhof vorbei, der aber auf mich gar keinen Eindruck macht,
-obwohl ich bald auf ihm liegen werde; dann fahre ich durch einen Wald
-und wieder zwischen Feldern. Alles sehr uninteressant. Nach einer
-zweistündigen Fahrt wird meine Exzellenz in die untere Etage eines
-Landhauses geführt und in einem kleinen, sehr freundlichen Zimmerchen
-mit himmelblauen Tapeten einquartiert.
-
-In der Nacht leide ich wie früher an Schlaflosigkeit; am Morgen aber
-kann ich lange Zeit nicht recht wach werden, höre auch meine Frau
-nicht aufstehen, sondern mache, im Bette liegend, ohne zu schlafen,
-eine Art Dämmerzustand durch, bei dem man nur ein halbes Bewußtsein
-hat und zwar weiß, daß man nicht schläft, aber doch träumt. Um Mittag
-stehe ich auf und setze mich gewohnheitsmäßig an meinen Schreibtisch;
-aber ich arbeite nicht, sondern zerstreue mich durch die Lektüre
-französischer Bücher in gelben Umschlägen, die mir Katja schickt.
-Es wäre ja freilich patriotischer, russische Autoren zu lesen; aber
-offen gestanden, ich verspüre zu diesen keine besondere Neigung. Von
-zwei bis drei etwas älteren Schriftstellern abgesehen, kommt mir die
-ganze moderne russische Literatur nicht wie eine wirkliche Literatur,
-sondern wie ein Zweig einer Hausindustrie vor, die nur dazu da ist,
-daß man sie fördert, deren Erzeugnisse man aber nur ungern benutzt.
-Selbst das beste von den materiellen Erzeugnissen der Hausindustrie
-kann man nicht »gut« nennen und kann es nicht aufrichtig loben, ohne
-ein »aber« hinzuzufügen; und dasselbe muß ich auch von allen jenen
-literarischen Neuheiten sagen, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn
-Jahren gelesen habe: nicht eine darunter ist »gut«, und bei keiner geht
-es ohne ein »aber«. Manche sind verständig und moralisch, aber nicht
-talentvoll; andere talentvoll und moralisch, aber nicht verständig;
-wieder andere endlich talentvoll und verständig, aber nicht moralisch.
-
-Ich will nicht sagen, daß die französischen Bücher zugleich talentvoll
-und verständig und moralisch wären. Auch sie befriedigen mich nicht.
-Aber sie sind nicht so langweilig wie die russischen, und man
-findet in ihnen nicht selten das wichtigste Moment schöpferischer
-Tätigkeit: ein Gefühl der persönlichen Freiheit, das bei den
-russischen Schriftstellern fehlt. Ich besinne mich auf keine einzige
-russische Novität, bei der der Verfasser sich nicht gleich von der
-ersten Seite an bemüht zeigte, sich durch alle möglichen mit seinem
-Gewissen abgeschlossenen Abmachungen und Verträge zu binden. Der eine
-scheut sich, von einem nackten Körper zu reden; ein anderer hat sich
-durch den selbstauferlegten Zwang zu psychologischen Erörterungen
-an Händen und Füßen gebunden; ein dritter bedarf »eines warmen
-Verhältnisses zur Menschheit«; ein vierter schmiert absichtlich
-ganze Seiten mit Naturschilderungen voll, um nicht in den Verdacht
-der Tendenzschriftstellerei zu kommen. Der eine möchte in seinen
-Schriften um jeden Preis eine bürgerliche, der andere um jeden Preis
-eine aristokratische Gesinnung an den Tag legen usw. Absichtlichkeit,
-Behutsamkeit, Querköpfigkeit, aber keine Freiheit, kein Mut, so zu
-schreiben, wie man möchte, und infolgedessen auch keine schöpferische
-Kraft.
-
-Alles dies bezieht sich auf die sogenannte schöne Literatur.
-
-Was nun russische Abhandlungen ernsten Inhalts anlangt, z. B. über
-Nationalökonomie, über Kunst u. dgl., so ist der Grund, weshalb ich
-sie nicht lese, einfach meine Zaghaftigkeit. Als kleines Kind und
-als Knabe empfand ich eine eigentümliche Furcht vor Portiers und
-Theaterdienern, und diese Furcht ist mir bis auf den heutigen Tag
-geblieben; ich fürchte mich auch jetzt noch vor ihnen. Man sagt,
-furchtbar erscheine nur das, was man nicht verstehe. Und es ist auch
-wirklich sehr schwer zu verstehen, warum die Portiers und Theaterdiener
-eine solche Grandezza, Aufgeblasenheit und majestätische Unhöflichkeit
-an den Tag legen. Wenn ich ernste russische Abhandlungen lese, empfinde
-ich eine ganz ähnliche unbestimmte Furcht. Die gewaltige Wichtigtuerei,
-der scherzhafte Ton der Überlegenheit, die familiäre Manier, in
-der auswärtige Autoren behandelt werden, die Geschicklichkeit, mit
-Würde leeres Stroh zu dreschen: alles dies ist mir unverständlich
-und beängstigend und gleicht so gar nicht der Bescheidenheit und
-dem vornehm-ruhigen Tone, an den ich bei der Lektüre der Schriften
-unserer älteren Ärzte und Naturforscher gewöhnt bin. Und nicht nur
-solche ernsten Abhandlungen, die ursprünglich russisch geschrieben
-sind, sondern auch solche, die ins Russische übersetzt sind, zu lesen
-fällt mir schwer. Der hoffärtige, herablassende Ton der Vorworte,
-die Unmenge von Anmerkungen des Übersetzers, die mich hindern, meine
-Aufmerksamkeit auf die Sache zu konzentrieren, die Fragezeichen und
-eingeklammerten ~sic~, die der Übersetzer mit freigebiger Hand über die
-ganze Abhandlung oder über das ganze Buch ausstreut, erscheinen mir wie
-ein Attentat auf die Person des Verfassers und auf meine, des Lesers,
-Selbständigkeit.
-
-Ich war einmal zu einer Verhandlung des Bezirksgerichtes als
-Sachverständiger zugezogen; in einer Pause machte mich ein anderer
-Sachverständiger, ein Kollege von mir, auf das grobe Benehmen des
-Staatsanwaltes gegen die Angeklagten aufmerksam, unter denen sich
-zwei gebildete Frauen befanden. Ich glaube, ich machte mich keiner
-Übertreibung schuldig, als ich meinem Kollegen antwortete, dieses
-Benehmen sei nicht gröber als das, welches die Verfasser ernster
-Abhandlungen wechselseitig zur Anwendung brächten. Und tatsächlich
-ist dieses Benehmen so grob, daß man davon nur mit einer peinlichen
-Empfindung reden kann. Sie benehmen sich untereinander und gegen die
-Schriftsteller, deren Werke sie kritisieren, entweder so übermäßig
-respektvoll, daß sie dabei ihre eigene Würde nicht wahren, oder sie
-behandeln sie umgekehrt weit dreister, als ich in meinen Gedanken
-und in diesen Aufzeichnungen meinen künftigen Schwiegersohn Herrn
-Gnecker behandle. Beschuldigungen der Unzurechnungsfähigkeit,
-unlauterer Absichten, ja sogar aller möglichen Kriminalverbrechen
-bilden den gewöhnlichen Schmuck ernster Abhandlungen. Und nun gar die
-Art, in der sich unsere jungen Ärzte in ihren kleinen Aufsätzen mit
-Vorliebe ausdrücken, das ist das Nonplusultra! Ein solches Benehmen
-muß unvermeidlich in der Darstellungsweise der jungen Generationen
-unserer belletristischen Schriftsteller seinen Reflex finden, und
-daher wundere ich mich gar nicht darüber, daß in den Novitäten, die
-unsere belletristische Literatur in den letzten zehn bis fünfzehn
-Jahren hervorgebracht hat, die Helden viel Branntwein trinken und die
-Keuschheit der Heldinnen zu wünschen übrig läßt.
-
-Ich lese französische Bücher und blicke ab und zu nach dem
-offenstehenden Fenster hin; dort sehe ich die Zacken meines
-Gartenzaunes, zwei oder drei kümmerliche Bäume und weiterhin hinter dem
-Zaune einen Weg, ein Feld und dann einen breiten Streifen Nadelwald.
-Oft beobachte ich mit Vergnügen, wie zwei Kinder, ein Knabe und ein
-Mädchen, beide blondhaarig und in zerrissenen Kleidern, an dem Zaune
-in die Höhe klettern und sich über meine Glatze lustig machen. In
-ihren glänzenden Äuglein lese ich deutlich die Worte: »Guck mal, ein
-Kahlkopf!« Das sind hier fast die einzigen Menschen, die sich weder um
-meine Berühmtheit noch um meinen Rang kümmern.
-
-Besucher stellen sich jetzt nicht alle Tage ein. Ich erwähne nur
-die Besuche Nikolais und Peter Ignatjewitschs. Nikolai kommt
-gewöhnlich an Sonn- und Festtagen zu mir, angeblich in geschäftlichen
-Angelegenheiten, hauptsächlich aber um mich wiederzusehen. Er kommt
-stark angeheitert, was bei ihm im Winter nie vorkommt.
-
-»Nun, was bringst du?« frage ich ihn, wenn ich zu ihm auf den Flur
-hinaustrete.
-
-»Euer Exzellenz!« sagt er, indem er die Hand aufs Herz drückt und mich
-entzückt wie ein Verliebter anblickt. »Euer Exzellenz! Gott straf mich!
-Der Donner soll mich gleich auf dem Fleck rühren! ~Gaudeamus igitur
-juvenestus!~«
-
-Und er küßt mich eifrig auf die Schulter, auf die Rockärmel, auf die
-Knöpfe.
-
-»Ist in der Stadt alles bei uns in Ordnung« frage ich ihn.
-
-»Euer Exzellenz! Beim heiligen Gott ...«
-
-Er schwört unaufhörlich ohne jeden Anlaß; ich werde seiner bald
-überdrüssig und schicke ihn in die Küche, wo er Mittagessen erhält.
-Peter Ignatjewitsch kommt gleichfalls an Sonn- und Festtagen zu mir,
-speziell um mich zu besuchen, und zum Zwecke des Gedankenaustausches.
-Er sitzt gewöhnlich bei mir in meinem Zimmer am Tische, bescheiden,
-sauber, vernünftig, und erlaubt sich nicht, ein Bein über das andere zu
-schlagen oder die Ellbogen auf den Tisch zu bringen; und die ganze Zeit
-über erzählt er mir mit seiner leisen, gleichmäßigen Stimme geläufig
-und buchmäßig allerlei nach seiner Meinung sehr interessante und
-amüsante Neuigkeiten, die er in Journalen und Büchern gelesen hat. Alle
-diese Neuigkeiten haben untereinander eine große Ähnlichkeit und lassen
-sich auf folgenden Typus zurückführen: ein Franzose hat behauptet,
-eine Entdeckung gemacht zu haben; ein anderer, ein Deutscher, hat ihn
-der Unredlichkeit überführt durch den Nachweis, daß diese Entdeckung
-schon im Jahre 1870 von einem Amerikaner gemacht worden ist; und
-ein dritter, ebenfalls ein Deutscher, ist klüger gewesen als sie
-beide, indem er gezeigt hat, daß sie sich arg blamiert und unter dem
-Mikroskop Luftbläschen für dunkles Pigment gehalten haben. Peter
-Ignatjewitsch erzählt sogar dann, wenn er es darauf anlegt, mich zum
-Lachen zu bringen, langsam und umständlich, als ob er eine Dissertation
-verteidigte, mit detaillierter Aufzählung der literarischen Quellen,
-die er benutzt hat, und bemüht sich, in den Zahlen, in den Nummern der
-Journale und in den Namen jeden Irrtum zu vermeiden, wobei er nicht
-einfach Petit sagt, sondern stets Jean Jacques Petit. Manchmal bleibt
-er bei uns zum Mittagessen, und dann erzählt er während der ganzen
-Mahlzeit jene selben amüsanten Geschichten, die auf alle Tischgenossen
-niederdrückend wirken. Wenn Herr Gnecker und Lisa in seiner Gegenwart
-das Gespräch auf Fugen und Kontrapunkt, auf Brahms und Bach bringen,
-so schlägt er bescheiden die Augen nieder und wird verlegen; er schämt
-sich, daß in Anwesenheit so ernsthafter Leute, wie ich und er, von so
-unwürdigen Dingen gesprochen wird.
-
-Bei meiner jetzigen Gemütsverfassung genügen mir fünf Minuten, um
-seiner so überdrüssig zu werden, als hätte ich ihn schon eine ganze
-Ewigkeit gesehen und angehört. Ich hasse den armen Kerl. Von seiner
-leisen, gleichmäßigen Stimme und buchmäßigen Ausdrucksweise wird mir
-ganz schwach, seine Erzählungen machen mich stumpfsinnig. Er hegt
-gegen mich die treueste Gesinnung und redet mit mir lediglich, um
-mir Vergnügen zu bereiten, und ich lohne es ihm damit, daß ich ihm
-hartnäckig ins Gesicht sehe, als ob ich ihn hypnotisieren wollte, und
-dabei denke: »Scher dich weg, scher dich weg, scher dich weg!« Aber er
-reagiert nicht auf meine schweigende Aufforderung, sondern sitzt und
-sitzt und sitzt ...
-
-Solange er bei mir sitzt, kann ich schlechterdings nicht von dem
-Gedanken loskommen: »Sehr möglich, daß, wenn ich sterbe, er meine
-Stelle bekommt«, und mein armes Auditorium erscheint mir dann wie
-eine Oase, in der der Bach vertrocknet ist, und ich bin gegen Peter
-Ignatjewitsch unliebenswürdig, schweigsam, mürrisch, als wäre er an
-diesen meinen Gedanken schuld und nicht vielmehr ich selbst. Wenn er
-anfängt, nach seiner Gewohnheit die deutschen Gelehrten zu preisen, so
-mache ich nicht mehr wie früher gutmütige Scherze, sondern ich brumme
-verdrießlich:
-
-»Ihre Deutschen sind Esel.«
-
-Mein Benehmen hat Ähnlichkeit mit dem des verstorbenen Professors
-Nikita Krylow, der sich einmal in Reval mit Pirogow zusammen badete,
-sich über das sehr kalte Wasser ärgerte und nun schimpfte: »Diese
-Schufte, die Deutschen!« Ich benehme mich gegen Peter Ignatjewitsch
-häßlich, und erst wenn er fortgeht und ich durch das Fenster sehe, wie
-sein grauer Hut hinter dem Gartenzaun vorbeistreift, möchte ich ihn
-anrufen und zu ihm sagen:
-
-»Verzeihen Sie mir, lieber Freund!«
-
-Das Mittagessen verläuft jetzt bei uns langweiliger als im Winter. Eben
-jener Herr Gnecker, den ich jetzt hasse und verachte, ißt bei uns fast
-täglich mit. Früher duldete ich schweigend seine Anwesenheit; aber
-jetzt richte ich an seine Adresse Stichelreden, über die meine Frau und
-Lisa rot werden. Von meinem Ingrimm hingerissen, rede ich oft geradezu
-Dummheiten und weiß nicht einmal recht, warum ich sie rede. So kam es
-einmal vor, daß ich Herrn Gnecker lange verächtlich ansah und ohne jede
-Veranlassung plötzlich herausstieß:
-
- »Der Aar schwebt wohl einmal hinab zum Hühnervolke,
- Doch schwingt sich nie das Huhn zu jenem in die Wolke.«
-
-Und das Ärgerlichste ist, daß bei solchen Gelegenheiten das Huhn
-Gnecker sich weit verständiger benimmt als der Aar Professor. Da er
-weiß, daß meine Frau und meine Tochter auf seiner Seite stehen, so
-beobachtet er folgende Taktik: er beantwortet meine Stichelreden mit
-herablassendem Schweigen, welches besagt: »Der Alte ist verrückt
-geworden; wozu da lange mit ihm reden?« oder er macht sich in
-gutmütiger Weise über mich lustig. Es ist wirklich erstaunlich, bis zu
-welchem Grade der Mensch verflachen kann: ich bin imstande, während
-des ganzen Mittagessens mich in Gedanken darüber zu ergehen, wie Herr
-Gnecker sich als Abenteurer entpuppen wird, wie Lisa und meine Frau
-ihren Irrtum einsehen werden, und wie ich sie dann damit aufziehen
-werde. Solchen und ähnlichen törichten Gedanken überlasse ich mich zu
-einer Zeit, wo ich doch schon mit einem Fuße im Grabe stehe!
-
-Jetzt kommen auch Mißhelligkeiten vor, von denen ich früher nur durch
-Hörensagen einen Begriff hatte. Wie beschämend es auch für mich ist, so
-will ich doch einen derartigen Vorfall erzählen, der sich neulich nach
-dem Mittagessen zutrug.
-
-Ich saß in meinem Zimmer und rauchte eine Pfeife. Da kam wie gewöhnlich
-meine Frau herein, setzte sich hin und fing an davon zu reden, daß es
-doch gut wäre, wenn ich jetzt, solange es noch warm sei und ich freie
-Zeit hätte, nach Charkow reisen und mich dort erkundigen wollte, was
-unser Herr Gnecker für ein Mensch sei.
-
-»Schön, ich werde hinreisen,« erwiderte ich.
-
-Meine Frau war mit mir zufrieden, stand auf und ging zur Tür, kehrte
-aber sogleich wieder zurück und sagte:
-
-»Bei der Gelegenheit möchte ich dir noch eine Bitte aussprechen. Ich
-weiß, du wirst ärgerlich werden; aber es ist meine Pflicht, dich zu
-warnen. Nimm es nicht übel, Nikolai Stepanowitsch, aber alle unsere
-Bekannten und Nachbarn fangen schon an darüber zu reden, daß du so
-viel bei Katja verkehrst. Sie ist ja klug und gebildet, das stelle ich
-nicht in Abrede, und man verbringt in ihrer Gesellschaft die Zeit sehr
-angenehm; aber du mußt selbst zugeben, es ist einigermaßen sonderbar,
-wenn ein Mann in deinen Jahren und in deiner gesellschaftlichen
-Stellung an ihrer Gesellschaft Vergnügen findet. Und außerdem ist ihr
-Renommee von der Art, daß ...«
-
-Alles Blut strömte plötzlich von meinem Gehirn fort, Funken sprühten
-mir aus den Augen; ich sprang auf, griff mir an den Kopf, stampfte mit
-den Füßen und schrie mit entstellter Stimme:
-
-»Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe!«
-
-Mein Gesicht mußte wohl schrecklich aussehen und meine Stimme seltsam
-klingen; denn meine Frau wurde auf einmal ganz blaß und schrie mit
-gleichfalls fremdartig klingender, verzweifelter Stimme laut auf.
-Auf unser Geschrei kamen Lisa, Herr Gnecker und dann auch Jegor
-herbeigelaufen.
-
-»Laßt mich in Ruhe!« schrie ich. »Geht hinaus! Laßt mich in Ruhe!«
-
-Die Füße wurden mir taub, als ob sie gar nicht da wären; ich fühlte,
-wie ich jemandem in die Arme sank; dann hörte ich eine kurze Zeit
-Weinen und fiel in eine Ohnmacht, die zwei bis drei Stunden dauerte.
-
-Jetzt von Katja. Sie besucht mich täglich gegen Abend, und das muß
-natürlich den Bekannten und Nachbarn auffallen. Sie kommt angefahren,
-tritt nur auf einen Augenblick bei mir ein und nimmt mich dann mit auf
-ihre Spazierfahrt. Sie hat ein eigenes Pferd und einen neuen ~char à
-banc~, den sie sich in diesem Sommer gekauft hat. Überhaupt lebt sie
-auf großem Fuße: sie hat sich ein teures Landhaus mit großem Garten
-für sich allein gemietet und ihr ganzes Mobiliar aus der Stadt dorthin
-schaffen lassen, hält sich zwei Stubenmädchen und einen Kutscher ...
-Oft frage ich sie:
-
-»Katja, wovon wirst du leben, wenn du das väterliche Geld vergeudet
-haben wirst?«
-
-»Das wollen wir später sehen,« antwortet sie.
-
-»Dieses Geld, liebes Kind, würde wohl eine etwas rücksichtsvollere
-Behandlung verdienen. Es ist von einem braven Manne durch ehrliche
-Arbeit erworben.«
-
-»Das haben Sie mir schon früher gesagt. Ich weiß es.«
-
-Zuerst fahren wir zwischen Feldern hin, dann durch den Nadelwald, den
-ich von meinem Fenster aus sehen kann. Die Natur erscheint mir ebenso
-schön wie früher, obwohl mir der Böse zuflüstert, daß alle diese Tannen
-und Fichten, diese Vögel und weißen Wolken am Himmel, wenn ich nach
-drei bis vier Monaten tot sein werde, von meinem Fehlen nichts merken
-werden. Katja findet Vergnügen daran, das Pferd selbst zu lenken, und
-sie freut sich, daß es schönes Wetter ist und ich neben ihr sitze. Sie
-ist guter Laune und führt keine bissigen Reden.
-
-»Sie sind ein sehr guter Mensch, Nikolai Stepanowitsch,« sagt sie. »Sie
-sind ein seltenes Exemplar, und es gibt keinen Schauspieler, der Sie
-spielen könnte. Mich oder z. B. Michail Fedorowitsch kann selbst ein
-schlechter Schauspieler kopieren, Sie aber niemand. Und ich beneide
-Sie, gewaltig beneide ich Sie! Denn ich, was bin ich? Was bin ich?«
-
-Sie denkt einen Augenblick nach und fragt mich dann:
-
-»Nikolai Stepanowitsch, ich bin ja doch wohl eine negative Erscheinung,
-nicht wahr?«
-
-»Ja«, antworte ich.
-
-»Hm ... Was soll ich denn aber nun tun?«
-
-Was soll ich ihr erwidern? Es ist leicht zu sagen: »Arbeite!« oder:
-»Gib deine Habe den Armen!« oder: »Erkenne dich selbst!«, und weil das
-eben so leicht zu sagen ist, so weiß ich nicht, was ich ihr erwidern
-soll.
-
-Meine Kollegen, die Therapeuten, geben in der Lehre von der Behandlung
-der Kranken den Rat, man solle jeden einzelnen Fall individuell
-behandeln. Wer diesen Rat befolgt, wird sich überzeugen, daß die
-Mittel, die in den Lehrbüchern schablonenmäßig als die besten und als
-durchaus brauchbar empfohlen werden, sich in den Einzelfällen als
-völlig unbrauchbar erweisen. Dasselbe gilt auch von seelischen Leiden.
-
-Aber irgend etwas muß ich ihr doch antworten, und so sage ich denn:
-
-»Du hast zuviel freie Zeit, meine Liebe. Du mußt dich mit etwas
-beschäftigen. Wirklich, warum willst du nicht wieder Schauspielerin
-werden, wenn du doch einen inneren Beruf dazu hast?«
-
-»Ich kann es nicht.«
-
-»Dein Ton und deine Art machen den Eindruck, als ob du dir wie ein
-Opfer vorkommst. Das gefällt mir nicht, meine Liebe. Du trägst selbst
-die Schuld. Erinnere dich nur: du begannst damit, dich über die
-Schauspieler und ihre Art zu ärgern, hast aber nichts getan, um diese
-und andere Menschen zu bessern. Du hast mit dem Schlechten nicht
-gerungen, sondern bist vorzeitig müde geworden und bist nicht ein Opfer
-des Ringens, sondern deiner Kraftlosigkeit. Nun freilich, du warst
-damals noch jung und unerfahren; aber jetzt kann alles einen anderen
-Verlauf nehmen. Wirklich, geh zur Bühne! Da wirst du arbeiten, der
-heiligen Kunst dienen ...«
-
-»Reden Sie nicht, was Sie selbst nicht meinen, Nikolai Stepanowitsch!«
-unterbricht mich Katja. »Lassen Sie uns ein für allemal die Verabredung
-treffen: wir wollen über Schauspieler reden, über Schauspielerinnen,
-über Schriftsteller; die Kunst aber wollen wir aus dem Spiele lassen.
-Sie sind ein prächtiger Mensch, ein seltener Mensch; aber Sie besitzen
-nicht so viel Verständnis für die Kunst, daß Sie sie mit gutem Gewissen
-›die heilige Kunst‹ nennen dürften. Sie haben für die Kunst keinen
-Sinn und kein Gefühl. Ihr ganzes Leben lang sind Sie mit Ihrer Arbeit
-beschäftigt gewesen und haben keine Zeit gehabt, sich dieses Gefühl
-zu erwerben. Überhaupt ... ich kann diese Gespräche über Kunst nicht
-leiden!« fuhr sie nervös fort; »ich kann sie nicht leiden! Die Kunst
-ist so schon hinlänglich profaniert worden. Ich mag nichts weiter
-hören!«
-
-»Wer hat die Kunst profaniert?«
-
-»Die Schauspieler haben die Kunst profaniert durch ihre Trunksucht, die
-Zeitungen durch eine gar zu familiäre Stellungnahme ihr gegenüber, die
-verständigen Leute durch ihre Philosophie.«
-
-»Die Philosophie hat damit nichts zu schaffen.«
-
-»O doch. Wenn jemand über einen Gegenstand philosophiert, so bedeutet
-das, daß er kein Verständnis für ihn hat.«
-
-Damit das Gespräch nicht zu scharf wird, beeile ich mich, das Thema zu
-wechseln, und schweige dann längere Zeit. Erst in dem Augenblicke, wo
-wir aus dem Walde herausfahren und die Richtung nach Katjas Landhause
-einschlagen, kehre ich wieder zu dem früheren Gegenstande zurück und
-frage:
-
-»Du hast mir immer noch nicht geantwortet: Warum willst du nicht wieder
-Schauspielerin werden?«
-
-»Nikolai Stepanowitsch, das ist aber doch gar zu grausam von Ihnen!«
-ruft sie aus und wird plötzlich dunkelrot. »Wollen Sie wirklich,
-daß ich Ihnen laut die Wahrheit sage? Nun, wenn Sie es wünschen,
-meinetwegen: ich besitze kein Talent. Ich besitze kein Talent, wohl
-aber einen großen Ehrgeiz! Das ist der Grund!«
-
-Nachdem sie mir dieses Geständnis gemacht hat, wendet sie das Gesicht
-von mir weg und zieht, um das Zittern ihrer Hände zu verbergen, stark
-an den Zügeln.
-
-Als wir uns ihrem Landhause nähern, sehen wir schon von weitem Michail
-Fedorowitsch, der am Tore auf und ab geht und ungeduldig auf uns
-wartet.
-
-»Wieder dieser Michail Fedorowitsch!« sagt Katja ärgerlich. »Bitte,
-schaffen Sie ihn mir vom Halse! Ich bin seiner überdrüssig; er ist
-schal geworden ... Ich mag ihn nicht!«
-
-Michail Fedorowitsch sollte schon längst im Auslande sein; aber er
-schiebt seine Abreise von einer Woche zur andern auf. In der letzten
-Zeit sind mit ihm einige Veränderungen vorgegangen: er ist magerer
-geworden, wird vom Weine berauscht, was früher bei ihm nie der Fall
-war, und seine schwarzen Augenbrauen beginnen grau zu werden. Wenn
-unser ~char à banc~ am Tore hält, macht er aus seiner Freude und
-seiner Ungeduld kein Hehl. Mit großer Beflissenheit ist er Katja und
-mir beim Aussteigen behilflich, stellt eilig allerlei Fragen, lacht
-und reibt sich die Hände; und jener sanfte, flehende, reine Ausdruck,
-den ich früher nur in seinem Blicke wahrnahm, hat sich jetzt über sein
-ganzes Gesicht ausgebreitet. Er freut sich, und gleichzeitig schämt
-er sich seiner Freude, schämt sich dieser Gewohnheit, Katja jeden
-Abend zu besuchen, und hält es für nötig, sein Kommen durch irgendeine
-handgreifliche Abgeschmacktheit zu motivieren, von dieser Art: »Ich kam
-gerade vorbei, als ich mir etwas besorgen wollte, und da dachte ich:
-ich will doch auf einen Augenblick herangehen.«
-
-Wir gehen alle drei in die Wohnung; zuerst trinken wir Tee; dann
-erscheinen auf dem Tische die mir längst bekannten zwei Spiele
-Karten, ein großes Stück Käse, Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein.
-Die Themata unserer Gespräche sind keine neuen, sondern immer noch
-dieselben wie im Winter. Die Universität und die Studenten und die
-Literatur und das Theater müssen tüchtig herhalten; die Luft wird von
-den Lästerreden dichter und schwüler, und es vergiften sie jetzt nicht
-mehr zwei Kröten mit ihrem Atem wie im Winter, sondern drei. Außer dem
-samtweichen Lachen eines Baritons und einem andern Lachen, das wie eine
-Harmonika klingt, hört das Stubenmädchen, das uns bedient, noch ein
-drittes, unangenehm knarrendes Lachen, so wie in den Vaudevilles die
-Generale lachen: »He-he-he!«
-
-
-
-
-V
-
-
-Es kommen manchmal schreckliche Nächte vor, mit Blitz und Donner, Regen
-und Wind, die das Volk Sperlingsnächte nennt, weil die Sperlinge dabei
-vor Angst aus den Nestern herauskommen. Eine solche Sperlingsnacht
-habe ich in meinem eigenen Leben durchgemacht ...
-
-Ich wache nach Mitternacht auf und springe plötzlich vom Bette in die
-Höhe. Aus einem unverständlichen Grunde glaube ich, daß ich im nächsten
-Augenblick sterben werde. Warum glaube ich das? Im Körper habe ich
-keine derartige Empfindung, die auf ein schnelles Ende hinwiese; aber
-auf meiner Seele lastet eine solche Angst, als ob ich auf einmal den
-riesigen roten Schein einer entsetzlichen Feuersbrunst erblicke.
-
-Ich zünde schnell Licht an, trinke Wasser unmittelbar aus der Karaffe
-und eile dann zum offenen Fenster. Draußen ist herrliches Wetter. Es
-duftet nach Heu und sonst noch nach etwas Schönem. Ich sehe die Zacken
-des Gartenzaunes, die verschlafenen, kümmerlichen Bäume am Fenster, den
-Weg, den dunklen Waldstreifen; an dem wolkenlosen Himmel steht ruhig
-der sehr helle Mond. Tiefe Stille; kein Blatt regt sich. Mir scheint,
-daß alles mich anschaut und lauscht, wie ich sterben werde ...
-
-Mir ist bange zumute. Ich schließe das Fenster und laufe wieder zum
-Bette hin. Ich fühle mir den Puls, und da ich ihn an der Hand nicht
-finde, suche ich ihn an den Schläfen, dann am Kinn und wieder an der
-Hand; alles ist an mir kalt und schlüpfrig von Schweiß. Mein Atem wird
-schneller und schneller; der ganze Körper zittert; alle inneren Teile
-sind in Bewegung; auf dem Gesicht und auf der Glatze habe ich ein
-Gefühl, als ob sich ein Spinngewebe darauf lege.
-
-Was soll ich tun? Soll ich die Meinigen rufen? Nein, das hat keinen
-Zweck. Ich wüßte gar nicht, was meine Frau und Lisa tun sollten, wenn
-sie zu mir herein kämen.
-
-Ich stecke den Kopf unter das Kissen, schließe die Augen und warte,
-warte ... Mich friert am Rücken; es ist mir, als zöge er sich nach
-innen hinein, und ich habe ein Gefühl, als werde der Tod sich mir
-jedenfalls von hinten nahen, ganz leise ...
-
-»Kwi, kwi!« ertönt auf einmal ein Kreischen in der nächtlichen Stille,
-und ich weiß nicht, wo es ist, ob in meiner Brust oder auf der Straße.
-
-»Kwi, kwi!«
-
-Mein Gott, wie entsetzlich! Ich möchte gern noch mehr Wasser trinken;
-aber ich fürchte mich, auch nur die Augen aufzumachen und den Kopf
-in die Höhe zu heben. Ich habe eine sinnlose, animalische Angst und
-kann gar nicht begreifen, warum ich mich eigentlich fürchte: weil ich
-weiterleben möchte, oder weil mir ein neuer Schmerz bevorsteht, den ich
-noch nicht kenne?
-
-Oben, in dem Zimmer über mir, klingt es halb wie Stöhnen, halb wie
-Lachen. Ich lausche. Nach einer kleinen Weile sind auf der Treppe
-Schritte zu hören. Es kommt jemand eilig herunter, steigt aber dann
-wieder hinauf. Eine Minute später werden die Schritte wieder unten
-vernehmbar; es bleibt jemand an meiner Tür stehen und horcht.
-
-»Wer ist da?« rufe ich.
-
-Die Tür öffnet sich; mit einem kühnen Entschlusse mache ich die Augen
-auf und sehe meine Frau vor mir. Ihr Gesicht ist blaß, ihre Augen
-verweint.
-
-»Du schläfst nicht, Nikolai Stepanowitsch?« fragte sie.
-
-»Was willst du?«
-
-»Um Gottes willen, komm doch mit zu Lisa und sieh sie dir einmal an. Es
-muß ihr etwas zugestoßen sein ...«
-
-»Gut ... gern ...« murmele ich, sehr zufrieden damit, daß ich nicht
-mehr allein bin. »Gut ... den Augenblick.«
-
-Ich gehe hinter meiner Frau her, höre an, was sie mir mitteilt, und
-verstehe vor Aufregung nichts davon. Das Licht, das sie trägt, läßt auf
-den Treppenstufen helle Flecke umherhüpfen und unsere langen Schatten
-sich zitternd bewegen; meine Füße verwickeln sich in den Schößen meines
-Schlafrockes; ich kann kaum atmen, und es ist mir, als ob mich jemand
-verfolgte und mich am Rücken packen wollte. »Jetzt werde ich gleich
-hier auf dieser Treppe sterben,« denke ich. »Gleich diesen Augenblick
-...« Aber da sind wir schon die Treppe hinaufgestiegen, haben bereits
-den dunklen Korridor mit dem italienischen Fenster passiert und treten
-in Lisas Zimmer. Sie sitzt im bloßen Hemde auf dem Bette, läßt die
-nackten Beine herunterhängen und stöhnt.
-
-»Ach mein Gott ... ach mein Gott!« murmelt sie und kneift, von unserem
-Lichte geblendet, die Augen zusammen. »Ich kann nicht, ich kann
-nicht ...«
-
-»Lisa, mein Kind,« sage ich, »was fehlt dir?«
-
-Sobald sie mich erblickt, schreit sie auf und fällt mir um den Hals.
-
-»Mein guter Papa ...« schluchzt sie. »Mein lieber Papa ... Mein süßer,
-bester Papa! ... Ich weiß nicht, was mit mir ist ... Mir ist so schwer
-ums Herz!«
-
-Sie umarmt mich, küßt mich und stammelt zärtliche Koseworte, wie ich
-sie von ihr gehört habe, als sie noch ein kleines Kind war.
-
-»Beruhige dich, mein Kind! Gott möge dir beistehen!« sage ich. »Du mußt
-nicht weinen. Mir ist selbst traurig zumute.«
-
-Ich gebe mir Mühe, sie zuzudecken, meine Frau reicht ihr zu trinken,
-und wir beide bewegen uns ungeschickt an ihrem Bette umher, so daß wir
-einander stoßen: mit meiner Schulter stoße ich an die Schulter meiner
-Frau, und in diesem Augenblicke schießt mir die Erinnerung durch den
-Kopf, wie wir früher einmal unsere Kinder zusammen gebadet haben.
-
-»Hilf ihr doch, hilf ihr doch!« fleht mich meine Frau an. »Gib ihr doch
-etwas zum Einnehmen!«
-
-Aber was kann ich tun? Gar nichts. Dem Mädchen lastet etwas Schweres
-auf der Seele; aber ich begreife nichts davon, weiß nichts und kann nur
-murmeln:
-
-»Es ist nichts Schlimmes, nichts Schlimmes ... Das wird vorübergehen
-... Schlaf nur, schlaf! ...«
-
-Gerade in diesem Augenblick ertönt auf einmal auf unserem Hofe
-Hundegeheul, anfangs leise und unentschlossen, dann laut, zweistimmig.
-Ich habe solchen Vorzeichen wie Hundegeheul und Eulenruf nie
-irgendwelche Bedeutung beigemessen; aber jetzt krampft sich mein Herz
-schmerzlich zusammen, und ich beeile mich, mir über dieses Geheul klar
-zu werden.
-
-»Dummes Zeug ...« denke ich. »Der Einfluß eines Organismus auf
-einen andern. Meine starke nervöse Spannung hat sich auf meine Frau
-und auf Lisa und auf den Hund übertragen, weiter nichts ... Durch
-eine derartige Übertragung lassen sich alle Vorahnungen und alles
-Vorhersehen erklären ...«
-
-Als ich bald darauf in mein Zimmer zurückkehre, um für Lisa ein Rezept
-zu schreiben, denke ich nicht mehr an meinen nahe bevorstehenden Tod,
-sondern empfinde nur ein drückendes, widerwärtiges Gefühl am Herzen, so
-daß es mir sogar leid tut, daß ich nicht plötzlich gestorben bin. Lange
-stehe ich regungslos mitten im Zimmer und überlege, was ich wohl meiner
-Tochter verschreiben könnte; aber das Stöhnen in dem über mir gelegenen
-Zimmer verstummt, und so entscheide ich mich denn dafür, nichts zu
-verschreiben; aber ich bleibe trotzdem stehen ...
-
-Es herrscht eine Totenstille, eine solche Stille, daß, wie sich einmal
-ein Schriftsteller ausgedrückt hat, sie einem sogar in den Ohren
-klingt. Die Zeit vergeht nur ganz langsam; die Streifen des Mondlichtes
-auf dem Fensterbrette ändern ihre Lage nicht, gerade wie wenn sie
-erstarrt wären ... Bis zur Morgendämmerung ist es noch lange hin.
-
-Aber da knarrt das Pförtchen im Gartenzaun; es schleicht jemand herein,
-bricht von einem der dürftigen Bäume einen Zweig ab und klopft damit
-vorsichtig ans Fenster.
-
-»Nikolai Stepanowitsch!« höre ich eine Stimme flüstern; »Nikolai
-Stepanowitsch!«
-
-Ich öffne das Fenster und glaube zu träumen: unter dem Fenster, sich
-gegen die Wand drückend, steht eine Frau in schwarzem Kleide, hell vom
-Monde beleuchtet, und blickt mich mit großen Augen an. Ihr im Mondlicht
-blaß, streng und seltsam erscheinendes Gesicht sieht wie von Marmor
-aus; ihr Kinn zittert.
-
-»Ich bin es,« sagt sie. »Ich ... Katja!«
-
-Bei Mondlicht erscheinen alle Frauenaugen groß und schwarz, und die
-Menschen größer und blasser; dies ist wohl der Grund, weshalb ich sie
-im ersten Augenblicke nicht erkannt hatte.
-
-»Was willst du?«
-
-»Verzeihen Sie,« sagt sie. »Mir wurde plötzlich, ich weiß nicht warum,
-so unerträglich schwer ums Herz ... Ich konnte es nicht aushalten
-und fuhr hierher ... Ich sah Licht hinter Ihrem Fenster ... und da
-entschloß ich mich, anzuklopfen ... Entschuldigen Sie ... Ach, wenn Sie
-wüßten, wie schrecklich mir zumute war! Was tun Sie denn jetzt?«
-
-»Nichts ... Ich kann nicht schlafen.«
-
-»Ich hatte eine Art Ahnung. Aber das ist ja dummes Zeug.«
-
-Ihre Brauen ziehen sich in die Höhe, ihre Augen glänzen von Tränen, und
-auf ihrem ganzen Gesichte strahlt wie ein helles Licht jener Ausdruck
-von Zutraulichkeit auf, der mir so wohl bekannt ist, den ich aber so
-lange nicht mehr gesehen habe.
-
-»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie in flehendem Tone und streckt beide
-Hände nach mir hin. »Teurer Freund, ich bitte Sie ... ich flehe Sie an
-... Wenn Sie meine Freundschaft und Verehrung für Sie nicht verachten,
-so erfüllen Sie mir eine Bitte!«
-
-»Was für eine Bitte?«
-
-»Nehmen Sie das Geld, das ich noch besitze, von mir an!«
-
-»Aber was sind das für Einfälle! Was soll ich mit deinem Gelde?«
-
-»Fahren Sie irgendwohin, um eine Kur zu gebrauchen! ... Sie haben eine
-Kur durchaus nötig. Wollen Sie es annehmen? Ja? Lieber, Guter, ja?«
-
-Sie sieht mir in gespannter Erwartung ins Gesicht und wiederholt:
-
-»Ja? Wollen Sie es annehmen?«
-
-»Nein, meine Liebe, das nehme ich nicht an ...«, antworte ich; »ich
-danke dir.«
-
-Sie wendet mir den Rücken zu und läßt den Kopf herunterhängen.
-Wahrscheinlich habe ich bei der abschlägigen Antwort mich eines Tones
-bedient, durch den ein weiteres Gespräch über die Geldangelegenheit
-unmöglich gemacht wurde.
-
-»Fahre wieder nach Hause,« sage ich, »und lege dich schlafen! Morgen
-sehen wir uns wieder.«
-
-»Also Sie halten mich nicht für Ihre Freundin?« fragt sie
-niedergeschlagen.
-
-»Das habe ich nicht gesagt. Aber von deinem Gelde kann ich jetzt keinen
-Gebrauch machen.«
-
-»Verzeihen Sie!« erwidert sie und läßt dabei die Stimme um eine ganze
-Oktave sinken. »Ich verstehe Sie. Einer Frau, wie ich, verpflichtet zu
-sein, einer ehemaligen Schauspielerin, das ist ... Nun, dann leben Sie
-wohl! ...«
-
-Sie geht so schnell fort, daß ich nicht einmal Zeit habe, ihr Lebewohl
-zu sagen.
-
-
-
-
-VI
-
-
-Ich bin in Charkow.
-
-Da ich doch keinen Nutzen davon hätte, gegen meine jetzige
-Gemütsverfassung anzukämpfen, und auch gar nicht dazu imstande bin, so
-habe ich beschlossen, daß meine letzten Lebenstage wenigstens nach der
-formellen Seite hin vorwurfsfrei sein sollen; wenn ich meiner Familie
-gegenüber im Unrecht bin (und ich bin mir recht wohl bewußt, daß dem
-so ist), so will ich wenigstens bemüht sein, so zu handeln, wie sie es
-wünscht. Ich sollte nach Charkow reisen; nun, so bin ich denn jetzt
-in Charkow. Zudem bin ich in der letzten Zeit gegen alles dermaßen
-gleichgültig geworden, daß es mir wirklich ganz einerlei ist, wohin ich
-reise, ob nach Charkow oder nach Paris oder nach Berditschew.
-
-Ich bin um zwölf Uhr mittags hier angekommen und in einem Hotel nicht
-weit vom Dom eingekehrt. Im Waggon bin ich arg durchgerüttelt worden,
-auch zog es empfindlich; jetzt sitze ich auf dem Bette, halte mir den
-Kopf und warte auf meinen ~tic douloureux~. Ich sollte eigentlich heute
-zu den Professoren fahren, mit denen ich bekannt bin; aber ich habe
-keine Lust und keine Kraft dazu.
-
-Der Kellner, ein älterer Mann, tritt herein und fragt, ob ich
-Bettwäsche bei mir führe. Ich halte ihn etwa fünf Minuten lang zurück
-und lege ihm einige Fragen über Herrn Gnecker vor, um dessentwillen ich
-hierher gekommen bin. Es stellt sich heraus, daß der Kellner, obwohl er
-ein geborener Charkower ist und in dieser Stadt wie in seiner eigenen
-Westentasche Bescheid weiß, kein Haus kennt, das sich im Besitz einer
-Familie Gnecker befände. Ich erkundige mich nach einem Gute einer
-solchen Familie, aber mit demselben Resultate.
-
-Auf dem Korridor schlägt die Uhr eins, dann zwei, dann drei. Die
-letzten Monate meines Lebens, in denen ich auf den Tod warte, kommen
-mir weit länger vor als mein ganzes Leben. Auch habe ich es früher nie
-verstanden, mit der Langsamkeit der Zeit so zufrieden zu sein, wie
-jetzt. Wenn ich früher manchmal auf dem Bahnhofe auf einen Zug wartete
-oder als Mitglied der Prüfungskommission beim Examen saß, erschien mir
-eine Viertelstunde wie eine Ewigkeit; jetzt dagegen kann ich die ganze
-Nacht hindurch, ohne mich zu rühren, auf dem Bette sitzen und ganz
-gleichmütig daran denken, daß morgen eine ebensolche lange, farblose
-Nacht kommen wird, und übermorgen wieder eine ...
-
-Im Korridor schlägt es fünf Uhr, sechs, sieben. Es wird dunkel.
-
-In der Backe fühle ich ein dumpfes Ziehen: damit fängt der
-Gesichtsschmerz, der ~tic~, an. Um mich mit Gedanken zu beschäftigen,
-versetze ich mich auf meinen früheren Standpunkt, als ich noch nicht
-so teilnahmlos war, und frage mich: warum sitze ich, ein berühmter
-Mann, ein Geheimrat, in diesem kleinen Hotelzimmer, auf diesem Bette
-mit der fremden, grauen Bettdecke? Warum sehe ich diese billige,
-blecherne Waschschüssel an und höre, wie auf dem Korridor eine elende
-Uhr tickt? Entspricht denn etwa alles dies meiner Berühmtheit und der
-hohen Stellung, die ich in der Welt einnehme? Und auf diese Frage
-besteht meine Antwort in einem Lächeln. Ich lächle über die Naivität,
-mit der ich einst in meiner Jugend die Bedeutung der Berühmtheit und
-der exklusiven Stellung, welche berühmte Männer anscheinend genießen,
-weit überschätzte. Ich bin berühmt, mein Name wird mit Ehrerbietung
-genannt, mein Bild hat in der Niwa[3] und in der Allgemeinen
-Illustrierten Zeitung gestanden, meine Biographie habe ich sogar in
-einer deutschen Zeitschrift gelesen: und was habe ich nun von alledem?
-Ich sitze mutterseelenallein in einer fremden Stadt, auf einem fremden
-Bette und reibe mit der Hand meine kranke Backe. Familiengezänk,
-Hartherzigkeit von Gläubigern, Grobheit der Eisenbahnbeamten, die
-Unbequemlichkeiten des Paßwesens, die teure und ungesunde Kost in den
-Bahnhofsrestaurationen, die allgemeine Unhöflichkeit und Grobheit im
-Verkehr, alles dies und vieles andere, dessen Aufzählung zu lang werden
-würde, berührt mich nicht weniger als jeden beliebigen Kleinbürger,
-den niemand kennt als die Bewohner seiner Gasse. Worin kommt denn die
-Exklusivität meiner Stellung zum Ausdruck? Und wenn ich tausendmal ein
-berühmter Mann bin, ein hervorragender Geist, auf den das Vaterland
-stolz ist, -- nun ja, man druckt in allen Zeitungen Bulletins über
-meine Krankheit ab, und es gehen mir durch die Post teilnehmende
-Zuschriften von Kollegen, von Schülern und aus dem Publikum zu; aber
-alles dies hindert mich nicht, auf einem fremden Bette, in Gram und
-Kummer, in völliger Vereinsamung zu sterben. Gewiß, es trifft niemanden
-dabei eine Schuld; aber obwohl es fast wie eine Sünde klingt: ich habe
-an der Popularität meines Namens keine Freude. Es kommt mir vor, als
-hätte mich diese Popularität betrogen.
-
-Um zehn Uhr schlafe ich ein; trotz meines Gesichtsschmerzes schlafe ich
-fest und würde lange geschlafen haben, wenn ich nicht aufgeweckt worden
-wäre. Bald nach ein Uhr wird plötzlich an meine Tür geklopft.
-
-»Wer ist da?«
-
-»Eine Depesche.«
-
-»Das hätte auch bis morgen Zeit gehabt,« sage ich ärgerlich, als ich
-die Depesche von dem Kellner in Empfang nehme. »Nun werde ich nicht zum
-zweitenmal einschlafen.«
-
-»Verzeihen Sie! Ich sah, daß bei Ihnen Licht brannte, und glaubte, Sie
-schliefen noch nicht.«
-
-Ich öffne die Depesche und sehe vor allem nach der Unterschrift: von
-meiner Frau. Was will sie?
-
-»Gestern hat sich Gnecker mit Lisa heimlich trauen lassen. Komm zurück!«
-
-Ich lese diese Depesche und bekomme einen Schreck, der allerdings
-nicht lange dauert. Worüber ich erschrecke, das ist nicht der Schritt,
-den Lisa und Gnecker unternommen haben, sondern der Gleichmut, mit
-dem ich die Nachricht von ihrer Verheiratung aufnehme. Man sagt, die
-Philosophen und die wahren Weisen seien gleichmütig. Das ist nicht
-wahr; der Gleichmut ist eine Paralyse der Seele, ein vorzeitiger Tod.
-
-Ich lege mich wieder ins Bett und überlege, mit was für Gedanken
-ich mich wohl beschäftigen könnte. Worüber soll ich nachdenken? Mir
-scheint, es sei schon alles von mir durchdacht worden, und es gebe
-nichts, was jetzt imstande wäre, meine Denktätigkeit anzuregen.
-
-Als es hell wird, sitze ich auf dem Bette, umfasse die Knie mit den
-Händen und versuche aus Langerweile mich selbst zu erkennen. »Erkenne
-dich selbst!« das ist ein schöner, nützlicher Rat; schade nur, daß die
-Alten nicht daran gedacht haben, die Mittel anzugeben, wie man sich
-dieses Rates bedienen könne.
-
-Wenn mich früher die Lust ankam, das Wesen irgend jemandes oder mein
-eigenes zu erkennen, so richtete ich mein Augenmerk nicht auf die
-Handlungen, bei denen ja alles von den äußeren Umständen abhängt,
-sondern auf die Wünsche. Sage mir, was du wünschest, und ich werde dir
-sagen, wer du bist.
-
-Auch jetzt prüfe ich mich selbst: was möchte ich?
-
-Ich möchte, daß unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Freunde und unsere
-Schüler an uns nicht den Namen, das Aushängeschild und das Etikett
-liebten, sondern die Menschen, die gewöhnlichen Menschen. Was noch? Ich
-möchte Gehilfen und Nachfolger haben. Was noch? Ich möchte nach etwa
-hundert Jahren erwachen und wenigstens einen kurzen Blick auf den Stand
-der Wissenschaft werfen. Ich möchte noch zehn Jahre leben ... Was noch
-weiter?
-
-Weiter nichts. Ich überlege, überlege lange und kann nichts mehr
-ersinnen. Und wie lange ich auch überlege, und wohin ich auch meine
-Gedanken richten würde, das ist mir klar, daß meinen Wünschen etwas
-sehr Wesentliches, gerade das Wichtigste fehlen würde. Meinem
-leidenschaftlichen Interesse für die Wissenschaft, meinem Wunsche
-weiterzuleben, diesem Sitzen auf dem fremden Bette und dem Versuche,
-mich selbst zu erkennen, allen Gedanken, Gefühlen und Begriffen, die
-ich mir über alle Dinge bilde, alledem fehlt das gemeinsame Band, durch
-das alles erst zu einem einheitlichen Ganzen verknüpft werden würde.
-Jedes Gefühl und jeder Gedanke führt in mir sein Sonderdasein, und in
-allen meinen Urteilen über die Wissenschaft, über das Theater, über
-die Literatur, über meine Schüler und in all den Bildern, die meine
-Einbildungskraft entwirft, würde selbst der geschickteste Psychologe
-nicht das finden, was man die Gesamtidee oder den »Gott im lebendigen
-Menschen« nennt.
-
-Wenn aber das fehlt, so ist alles andere nichtig und wertlos.
-
-Bei solcher Armut haben ein ernstes körperliches Leiden, die Furcht
-vor dem Tode, die Einwirkung äußerer Umstände und anderer Menschen
-ausgereicht, um alles das, was ich früher für meine Weltanschauung
-hielt, und worin ich den Inhalt und die Freude meines Lebens erblickte,
-völlig umzustürzen und in Trümmer zu legen. Daher ist es kein Wunder,
-daß ich mir die letzten Monate meines Lebens durch Gedanken und Gefühle
-verdunkelt habe, die nur eines Sklaven und Barbaren würdig sind, und
-daß ich jetzt teilnahmlos hier sitze und auf den Tagesanbruch nicht
-achte. Wenn im Menschen nicht das vorhanden ist, was höher und stärker
-ist als alle äußeren Einwirkungen, dann genügt wahrhaftig schon ein
-tüchtiger Schnupfen, um ihn das Gleichgewicht verlieren und in jedem
-Vogel eine Eule sehen, in jedem Ton ein Hundegeheul hören zu lassen.
-Und sein ganzer Pessimismus oder Optimismus mit seinen großen und
-kleinen Gedanken hat in solchen Zeiten lediglich die Bedeutung eines
-Symptoms, aber keine reelle Wirkung.
-
-Ich bin besiegt. Wenn es so steht, dann hat es weiter keinen Zweck,
-nachzudenken und zu reden. Ich werde so sitzen bleiben und schweigend
-abwarten, was da kommen wird.
-
-Am Morgen bringt mir der Kellner Tee und die soeben erschienene Nummer
-des Lokalblattes. Mechanisch überfliege ich die Annoncen auf der
-ersten Seite, den Leitartikel, die Auszüge aus anderen Zeitungen und
-Journalen, die Tageschronik. Und in dieser letzteren finde ich unter
-anderm folgende Notiz: »Gestern ist unser berühmter Gelehrter, der
-hochverdiente Professor Nikolai Stepanowitsch ***, mit dem Kurierzuge
-in Charkow eingetroffen und im Hotel *** abgestiegen.«
-
-Offenbar sind berühmte Namen dazu geschaffen, ein Sonderleben neben
-ihren Trägern zu führen. Jetzt wandert mein Name ungestört in Charkow
-umher; nach drei Monaten wird er in goldenen Buchstaben auf meinem
-Grabdenkmal blitzen wie die Sonne, während ich selbst bereits unter
-einer Moosdecke liegen werde.
-
-Ein leichtes Klopfen an der Tür; es will jemand zu mir.
-
-»Wer ist da? Herein!«
-
-Die Tür öffnet sich; erstaunt trete ich einen Schritt zurück und
-schlage eiligst die Schöße meines Schlafrocks übereinander. Vor mir
-steht Katja.
-
-»Guten Morgen!« sagt sie, noch ganz außer Atem vom Treppensteigen. »Das
-haben Sie wohl nicht erwartet? Ich bin auch ... bin auch hergekommen.«
-
-Sie setzt sich und fährt stockend und ohne mich anzusehen fort:
-
-»Warum sagen Sie mir nicht Guten Tag? Ich bin auch hergekommen ...
-heute ... Ich erfuhr, daß Sie in diesem Hotel abgestiegen seien, und da
-bin ich zu Ihnen hergekommen.«
-
-»Ich freue mich sehr, dich zu sehen,« sage ich achselzuckend. »Aber
-ich bin erstaunt ... Du erscheinst hier so plötzlich wie vom Himmel
-gefallen. Warum bist du denn eigentlich hier?«
-
-»Ich? Nun, ohne besonderen Anlaß ... Ich habe mich einfach aufgesetzt
-und bin hergefahren.«
-
-Stillschweigen. Auf einmal steht sie mit einer raschen, heftigen
-Bewegung auf und tritt auf mich zu.
-
-»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie; sie ist ganz blaß geworden und
-drückt die Hände gegen die Brust. »Nikolai Stepanowitsch! Ich kann so
-nicht mehr weiterleben! Ich kann es nicht! Um Gottes willen, sagen Sie
-mir schnell, augenblicklich: was soll ich tun? Sagen Sie mir: was soll
-ich tun?«
-
-»Was kann ich dir sagen?« erwidere ich verwundert. »Ich kann dir nichts
-sagen.«
-
-»Sagen Sie es mir doch, ich flehe Sie an!« fährt sie, schwer atmend und
-am ganzen Leibe zitternd, fort. »Ich schwöre Ihnen, daß ich so nicht
-weiterleben kann! Meine Kraft ist zu Ende!«
-
-Sie fällt auf einen Stuhl nieder und beginnt zu schluchzen. Sie hat den
-Kopf zurückgeworfen, ringt die Hände und stampft mit den Füßen; der Hut
-ist ihr vom Kopfe gefallen und schaukelt am Gummibande; das Haar ist
-ihr in Unordnung geraten.
-
-»Helfen Sie mir! Helfen Sie mir!« fleht sie. »Ich kann nicht mehr!«
-
-Sie holt das Taschentuch aus ihrem Reisetäschchen hervor und zieht
-damit zugleich ein paar Briefe heraus, die dann von ihren Knien auf
-den Fußboden fallen. Ich hebe sie auf, erkenne bei einem derselben die
-Handschrift Michail Fedorowitschs und lese zufällig ein Stück von einem
-Worte: »leidenschaft...«
-
-»Ich kann dir nichts sagen, Katja,« wiederhole ich.
-
-»Helfen Sie mir!« schluchzt sie, ergreift meine Hand und küßt sie. »Sie
-sind ja doch mein Vater, mein einziger Freund! Sie sind ja klug und
-gebildet und haben lange gelebt! Sie sind Lehrer gewesen! Sagen Sie mir
-doch: was soll ich tun?«
-
-»Auf Ehre und Gewissen, Katja: ich weiß nicht ...«
-
-Ich bin fassungslos, verlegen, von ihrem Schluchzen gerührt und kann
-mich kaum auf den Beinen halten.
-
-»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich mit einem gezwungenen
-Lächeln. »Hör doch auf zu weinen!«
-
-Und unmittelbar darauf füge ich mit leiserer Stimme hinzu: »Ich werde
-bald nicht mehr sein, Katja ...«
-
-»Nur ein Wort, nur ein einziges Wort!« ruft sie weinend und streckt die
-Hände nach mir aus. »Was soll ich tun?«
-
-»Eine wunderliche Person bist du, wahrhaftig,« murmle ich. »Es ist mir
-unbegreiflich! Sonst so verständig ... und nun zerfließt du auf einmal
-in Tränen ...«
-
-Es tritt ein Stillschweigen ein. Katja bringt ihr Haar in Ordnung und
-setzt den Hut auf; dann knittert sie die Briefe achtlos zusammen und
-schiebt sie in die Reisetasche; alles das tut sie schweigend und ohne
-Hast. Ihr Gesicht, ihre Brust und ihre Handschuhe sind noch feucht von
-Tränen; aber der Ausdruck ihres Gesichtes ist bereits streng und fest
-... Ich sehe sie an und schäme mich, daß ich glücklicher bin als sie.
-Der Mangel dessen, was meine Kollegen, die Philosophen, die Gesamtidee
-nennen, ist mir erst kurz vor meinem Tode, beim Niedergange meiner
-Tage, zum Bewußtsein gekommen; die Seele der armen Katja aber hat
-bisher nie das Gefühl des Geborgenseins kennen gelernt und wird es ihr
-ganzes Leben lang nicht kennen lernen!
-
-»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich.
-
-»Nein, danke,« antwortet sie kühl.
-
-Es vergeht noch eine Minute unter beiderseitigem Stillschweigen.
-
-»Charkow gefällt mir nicht,« beginne ich dann. »Es macht alles so einen
-grauen Eindruck. Eine graue Stadt.«
-
-»Ja, das ist wohl richtig ... Eine häßliche Stadt ... Ich bin nur auf
-kurze Zeit hier ... Auf der Durchreise. Ich fahre heute noch weiter.«
-
-»Wohin?«
-
-»Nach der Krim ... ich wollte sagen: nach dem Kaukasus.«
-
-»So. Auf lange?«
-
-»Ich weiß nicht.«
-
-Katja steht auf und reicht mir mit einem kalten Lächeln und ohne mich
-anzusehen die Hand.
-
-Ich möchte sie fragen: »Dann bist du also zu meinem Begräbnisse nicht
-da?« Aber sie sieht mich nicht an, und ihre Hand liegt so kühl in der
-meinen, als ob sie mir eine Fremde wäre. Ich begleite sie schweigend
-bis an die Tür ... Nun hat sie mein Zimmer verlassen und geht den
-langen Korridor entlang, ohne sich umzusehen. Sie weiß, daß ich ihr
-nachschaue, und wird sich wohl an der Ecke noch einmal umblicken.
-
-Nein, sie hat sich nicht umgeblickt. Das letzte Stück ihres schwarzen
-Kleides ist verschwunden, ihre Schritte sind verhallt ... Lebewohl, du
-mein Teuerstes auf der Welt!
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
- [1] In Gribojedows Lustspiel: »Verstand schafft Leiden«. Anm. des
- Übers.
-
- [2] = Restaurant. Anmerkung des Übersetzers.
-
- [3] Eine sehr verbreitete illustrierte Wochenschrift, einigermaßen
- ähnlich der Gartenlaube. Anm. des Übers.
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE***
-
-
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