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-The Project Gutenberg eBook, Eine langweilige Geschichte, by Anton
-Pavlovich Chekhov, Translated by Hermann Röhl
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-
-Title: Eine langweilige Geschichte
- Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes
-
-
-Author: Anton Pavlovich Chekhov
-
-
-
-Release Date: July 19, 2016 [eBook #52605]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE***
-
-
-E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
-(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by
-HathiTrust Digital Library (http://www.hathitrust.org/digital_library)
-
-
-
-Note: Images of the original pages are available through
- HathiTrust Digital Library. See
- https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.a0008509630
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
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-ANTON TSCHECHOW
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-EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE
-
-Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes
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-[Illustration]
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-Aus dem Russischen
-übertragen von H. Röhl
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-Im Insel-Verlag zu Leipzig
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-Gedruckt bei Breitkopf & Härtel in Leipzig
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-I
-
-
-Es lebt in Rußland ein hochverdienter Professor, namens Nikolai
-Stepanowitsch *** (ich unterdrücke den Familiennamen), Geheimrat,
-Ritter pp.; er besitzt so viele russische und ausländische Orden, daß,
-wenn er Veranlassung hat sie anzulegen, die Studenten ihn mit der
-bunten Bilderwand in der Kirche vergleichen. Sein Bekanntenkreis ist
-ein höchst vornehmer; wenigstens hat es in den letzten fünfundzwanzig
-bis dreißig Jahren in Rußland keinen berühmten Gelehrten gegeben, mit
-dem er nicht näher bekannt gewesen wäre. Jetzt mag er sich mit niemand
-mehr anfreunden; aber wenn von der Vergangenheit die Rede sein soll,
-so schließen die lange Reihe seiner berühmten Freunde Männer wie
-Pirogow, Kawelin und der Dichter Nekrasow, die ihm ihre aufrichtige,
-warme Freundschaft schenkten. Er ist Ehrenmitglied aller russischen und
-dreier ausländischen Universitäten, usw. usw. Alles dies und vieles,
-was man noch hinzufügen könnte, bildet das, was man meinen Namen nennt.
-
-Dieser mein Name erfreut sich einer großen Popularität. In Rußland
-ist er jedem gebildeten Menschen bekannt, und im Auslande wird er auf
-den Kathedern mit den Beiworten »der bekannte« und »der verehrte«
-erwähnt. Er gehört zu jenen wenigen glücklichen Namen, die zu schmähen
-oder leichtfertig in den Mund zu nehmen beim Publikum und bei der
-Presse als schlechter Ton gilt. Und das ist auch nur in der Ordnung.
-Ist doch mit meinem Namen der Begriff eines berühmten, reich begabten
-und der Menschheit zweifellos nützlichen Mannes eng verbunden. Ich
-bin arbeitsam und ausdauernd wie ein Kamel, was von Wichtigkeit
-ist, und ich besitze Talent, was von noch größerer Wichtigkeit ist.
-Außerdem bin ich, beiläufig gesagt, ein wohlerzogener, bescheidener,
-ehrenhafter Mensch. Niemals habe ich meine Nase in Literatur und
-Politik hineingesteckt, habe nie durch Polemik mit Unwissenden populär
-zu werden gesucht, nie Reden bei Diners oder am Grabe von Kollegen
-gehalten. Überhaupt haftet an meinem Gelehrtennamen kein Flecken, und
-mein Name hat keinen Grund sich zu beklagen. Er ist glücklich.
-
-Der Träger dieses Namens, also mein Ich, ist ein Mann von
-zweiundsechzig Jahren, mit kahlem Kopfe, falschen Zähnen und einem
-unheilbaren Gesichtsschmerz, einem ~tic~. So glänzend und schön
-mein Name ist, ebenso trübselig und häßlich bin ich selbst. Kopf und
-Hände zittern mir vor Schwäche; mein Hals hat, wie bei der Heldin
-einer Turgenjewschen Erzählung, Ähnlichkeit mit dem Griffe eines
-Kontrabasses; die Brust ist eingefallen, der Rücken schmal. Wenn ich
-spreche oder Vorlesung halte, so zieht sich mein Mund schräg nach der
-Seite hin; wenn ich lächle, so bedeckt sich mein ganzes Gesicht mit
-greisenhaften, starren Runzeln. An meiner ganzen kläglichen Figur ist
-nichts, was Interesse erwecken könnte; nur etwa wenn ich an meinem
-Gesichtsschmerz krank bin, tritt bei mir ein gewisser besonderer
-Ausdruck hervor, der wohl bei jedem, der mich ansieht, den ernsten,
-bedeutsamen Gedanken hervorruft: »Wahrscheinlich wird dieser Mensch
-bald sterben.«
-
-Ich trage bei meinen Vorlesungen, wie früher, nicht schlecht vor;
-wie in früheren Zeiten vermag ich die Aufmerksamkeit der Hörer zwei
-Stunden lang zu fesseln. Über meiner Wärme für den Gegenstand, der
-Klarheit der Erörterung und dem guten Humor, den ich dabei entwickele,
-vergißt man fast die Mängel meiner Stimme, die trocken und scharf ist
-und etwas Singendes hat, wie man es sonst bei Frömmlern findet. Das
-Schreiben dagegen gelingt mir schlecht. Jener Teil meines Gehirnes,
-der die schriftstellerische Fähigkeit dirigieren soll, versagt den
-Dienst. Mein Gedächtnis ist schwach geworden, meinem Denken fehlt die
-nötige Folgerichtigkeit, und sobald ich meine Gedanken auf das Papier
-bringe, habe ich jedesmal die Empfindung, daß ich das Gefühl für ihre
-organische Verknüpfung verloren habe; die Konstruktion ist eintönig,
-die Ausgestaltung der Sätze gar zu bescheiden und ärmlich. Oft schreibe
-ich gar nicht das, was ich eigentlich beabsichtige; wenn ich das Ende
-schreibe, habe ich den Anfang nicht mehr im Kopfe. Oft kann ich mich
-auf die gewöhnlichsten Ausdrücke nicht besinnen, und ich muß immer
-erst große Energie aufwenden, um bei einem Schriftstück überflüssige
-Redensarten und unnötige Eingangssätze zu vermeiden; beides zeugt
-deutlich von einem Verfalle der geistigen Fähigkeiten. Und merkwürdig:
-je einfacher das betreffende Schriftstück ist, um so qualvollere
-Anstrengung kostet es mich. Bei der Abfassung eines wissenschaftlichen
-Aufsatzes fühle ich mich weit freier und fähiger als bei einem
-Gratulationsbriefe oder bei einem amtlichen Berichte. Noch eines: es
-wird mir leichter, Deutsch oder Englisch zu schreiben als Russisch.
-
-Was meine jetzige Lebensweise anlangt, so muß ich vor allem die
-Schlaflosigkeit erwähnen, an der ich in der letzten Zeit leide.
-Wenn mich jemand fragen wollte: »Was bildet jetzt den wichtigsten,
-den fundamentalen Zug deines Daseins?« so müßte ich antworten: die
-Schlaflosigkeit. Wie früher entkleide ich mich gewohnheitsmäßig
-pünktlich um Mitternacht und lege mich ins Bett. Ich schlafe schnell
-ein; aber zwischen eins und zwei wache ich auf, und zwar mit einem
-Gefühle, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen. Ich muß aufstehen
-und die Lampe anzünden. Eine oder zwei Stunden lang gehe ich dann
-im Zimmer von einer Ecke nach der anderen und betrachte die mir
-längst bekannten Bilder und Photographien. Wenn ich dieser Wanderung
-überdrüssig werde, setze ich mich an meinen Schreibtisch. Ich sitze
-unbeweglich, ohne etwas zu denken und ohne irgendwelchen Wunsch zu
-empfinden; liegt ein Buch vor mir, so ziehe ich es mechanisch zu mir
-heran und lese ohne alles Interesse. So habe ich neulich in einer
-einzigen Nacht mechanisch einen ganzen Roman mit dem sonderbaren
-Titel: »Was die Schwalbe sang« durchgelesen. Oder aber ich zwinge
-mich, um meinen Geist zu beschäftigen, bis tausend zu zählen, oder
-ich vergegenwärtige mir das Gesicht irgendeines meiner Kollegen und
-suche mich zu besinnen, in welchem Jahre und unter welchen Umständen
-er ins Amt getreten ist. Gern horche ich auch auf allerlei Geräusche.
-Bald redet zwei Zimmer von mir entfernt meine Tochter Lisa hastig
-etwas im Traume vor sich hin; bald geht meine Frau mit einer Kerze
-durch den Saal und läßt unfehlbar das Streichholzschächtelchen auf den
-Boden fallen; bald knackt ein zusammentrocknender Schrank, oder der
-Brenner an meiner Lampe beginnt unerwartet zu summen, -- und alle diese
-Geräusche haben, ich weiß nicht warum, für mich etwas Aufregendes.
-
-Wenn man in der Nacht nicht schläft, so ist man sich dabei jeden
-Augenblick bewußt, daß man sich nicht in normalem Zustande befindet,
-und daher warte ich mit Ungeduld auf den Morgen und den Tag, wo ich
-ein Recht habe nicht zu schlafen. Aber es vergeht viel qualvolle
-Zeit, bis auf dem Hofe der Hahn zu krähen beginnt. Dies ist mein
-erster Freudenbote. Sobald er kräht, weiß ich, daß nun in einer Stunde
-unten der Portier aufwachen und, ärgerlich hustend, zu irgendwelcher
-Verrichtung die Treppe heraufkommen wird. Und dann wird es draußen vor
-den Fenstern allmählich heller werden, auf der Straße werden Stimmen
-laut werden usw.
-
-Der Tag beginnt bei mir mit dem Eintreten meiner Frau. Sie kommt zu
-mir ins Zimmer im Unterrock, unfrisiert, aber bereits gewaschen und
-nach Eau de Cologne duftend. Sie macht ein Gesicht, als käme sie nur so
-zufällig herein, und sagt jedesmal ein und dasselbe:
-
-»Entschuldige, ich wollte nur einen Augenblick ... Hast du wieder nicht
-geschlafen?«
-
-Dann löscht sie die Lampe aus, setzt sich an den Tisch und beginnt
-zu reden. Obwohl ich kein Prophet bin, weiß ich im voraus, wovon sie
-sprechen wird. Es ist jeden Morgen dasselbe. Nachdem sie sich besorgt
-nach meinem Befinden erkundigt hat, fällt ihr gewöhnlich auf einmal
-unser Sohn ein, der als Offizier in Warschau steht. Am zwanzigsten
-jedes Monats schicken wir ihm fünfzig Rubel hin, und das dient nun als
-hauptsächlichstes Thema unseres Gespräches.
-
-»Es fällt uns ja freilich schwer,« sagt meine Frau seufzend, »aber
-solange er noch nicht auf eigenen Füßen stehen kann, ist es doch unsere
-Pflicht, ihn zu unterstützen. Der Junge wohnt an einem fremden Orte,
-und sein Gehalt ist nur klein ... Indessen, wenn du willst, können wir
-ihm ja im nächsten Monat statt fünfzig nur vierzig Rubel schicken. Was
-meinst du?«
-
-Aus der täglichen Erfahrung könnte meine Frau lernen, daß Ausgaben
-dadurch nicht kleiner werden, daß man oft von ihnen spricht; aber meine
-Frau läßt die Erfahrung nicht gelten und unterhält mich pünktlich jeden
-Morgen von unserem Offizier und davon, daß das Brot Gott sei Dank
-billiger geworden sei, der Zucker aber leider zwei Kopeken teurer, --
-und alles das in einem Tone, als ob sie mir eine Neuigkeit mitteilte.
-
-Ich höre zu und äußere mechanisch meine Beistimmung; aber
-wahrscheinlich infolge der schlaflosen Nacht kommen mir sonderbare,
-unnütze Gedanken. Ich sehe meine Frau an und wundere mich wie ein
-Kind. Verständnislos frage ich mich: ist diese alte, sehr korpulente,
-plumpe Frau mit dem stumpfen Ausdruck kleinlicher Sorge und Angst um
-das tägliche Brot, mit diesem von steten Gedanken an Schulden und Not
-verschleierten Blicke, diese Frau, die von weiter nichts zu reden weiß
-als von Ausgaben, und der nur die Wohlfeilheit der Lebensmittel ein
-Lächeln entlockt, ist diese Frau wirklich einmal jene schlanke Warja
-gewesen, in die ich mich leidenschaftlich verliebte wegen ihres guten,
-klaren Verstandes, wegen ihrer reinen Seele, wegen ihrer Schönheit
-und, wie Othello in Desdemona, wegen ihres »Mitleides« mit meiner
-Wissenschaft? Ist diese Frau wirklich jene meine Warja, die mir einst
-einen Sohn gebar?
-
-Ich blicke der fetten, plumpen alten Frau forschend in das Gesicht und
-suche in ihr meine Warja; aber von ihrem gesamten früheren Wesen ist
-nur die Angst um meine Gesundheit bestehen geblieben, und dann noch
-ihre wunderliche Art, mein Gehalt »unser Gehalt« zu nennen und meine
-Mütze »unsere Mütze«. Es ist mir schmerzlich, sie anzusehen, und um ihr
-wenigstens eine kleine Liebe anzutun, lasse ich sie sprechen, was sie
-mag, und schweige sogar still, wenn sie über andere Menschen ungerecht
-urteilt oder mir Vorwürfe macht, weil ich keine Praxis ausübe und keine
-Lehrbücher herausgebe.
-
-Unser Gespräch endet immer auf die gleiche Weise. Meiner Frau fällt zu
-ihrem Schrecken plötzlich ein, daß ich noch keinen Tee getrunken habe.
-
-»Was sitze ich hier?« sagt sie, sich erhebend. »Der Samowar steht
-längst auf dem Tische, und ich plaudere hier. Wie gedankenlos ich
-geworden bin, o Gott!«
-
-Sie geht schnell zur Tür, bleibt aber dort stehen, um zu sagen:
-
-»Wir sind Jegor noch seinen Lohn für fünf Monate schuldig. Du weißt es
-doch? Man darf mit der Lohnzahlung an die Dienstboten nicht nachlässig
-sein, das habe ich dir doch schon wer weiß wie oft gesagt! Zehn Rubel
-jeden Monat zu bezahlen ist viel leichter als fünfzig mit einem Mal für
-fünf Monate.«
-
-Wenn sie aus der Tür hinaus ist, bleibt sie wieder stehen und sagt:
-
-»Niemand tut mir so leid wie unsere arme Lisa. Das Kind besucht doch
-das Konservatorium und verkehrt stets in guter Gesellschaft; aber
-dabei ist ihre Toilette so kümmerlich. Ihr Pelz befindet sich in
-einem solchen Zustande, daß sie sich schämen muß, sich damit auf der
-Straße zu zeigen. Wäre sie aus anderer Familie, dann käme es ja nicht
-darauf an; aber so wissen doch alle Leute, daß ihr Vater ein berühmter
-Professor und Geheimrat ist!«
-
-Nachdem sie mir so meinen Ruf und Stand zum Vorwurfe gemacht hat, geht
-sie endlich fort. Auf diese Weise beginnt mein Tag. Und der weitere
-Verlauf ist nicht besser.
-
-Während ich Tee trinke, kommt meine Tochter Lisa zu mir ins Zimmer,
-in Pelz und Mützchen, die Notenmappe am Arm, völlig fertig, um ins
-Konservatorium zu gehen. Sie ist zweiundzwanzig Jahre alt. Nach ihrem
-Äußeren würde man sie für jünger halten; sie ist recht hübsch und hat
-einige Ähnlichkeit mit meiner Frau, wie diese in ihrer Jugend aussah.
-Sie küßt mir zärtlich die Schläfe und die Hand und sagt:
-
-»Guten Morgen, Papachen. Fühlst du dich wohl?«
-
-Als sie noch ein Kind war, aß sie sehr gern Gefrorenes, und ich
-mußte sie oft in die Konditorei führen. Eis war ihr der Maßstab
-für alles Schöne. Wenn sie mich loben wollte, so sagte sie: »Du
-bist von Sahneneis, Papa.« Von ihren Fingerchen hieß eines das
-Pistazienfingerchen, das andere das Sahnenfingerchen, das dritte das
-Himbeerfingerchen usw. Wenn sie morgens zu mir kam, um mir Guten Tag
-zu sagen, setzte ich sie gewöhnlich auf meinen Schoß, küßte ihre
-Fingerchen und sagte dabei:
-
-»Sahnenfingerchen, Pistazienfingerchen, Zitronenfingerchen ...«
-
-Auch jetzt küsse ich aus alter Gewohnheit Lisas Finger und murmele:
-
-»Pistazienfingerchen, Sahnenfingerchen, Zitronenfingerchen ...«; aber
-es hat nicht mehr den richtigen Klang. Ich bin kalt dabei, und darüber
-schäme ich mich. Wenn meine Tochter zu mir hereinkommt und mit den
-Lippen meine Schläfe berührt, so zucke ich zusammen, wie wenn mich eine
-Biene in die Schläfe stäche, lächle gezwungen und wende mein Gesicht
-ab. Seit ich an Schlaflosigkeit leide, bohrt in meinem Gehirn ein
-bestimmter Gedanke herum: meine Tochter sieht oft, daß ich, ein alter
-Mann, ein berühmter Professor, peinlich erröte, weil ich dem Diener
-Geld schulde; sie sieht, daß die Sorge um kleine Schulden mich oft
-zwingt, die Arbeit hinzuwerfen, ganze Stunden lang von einer Ecke nach
-der andern zu gehen und nachzudenken; aber warum ist sie nie hinter dem
-Rücken ihrer Mutter zu mir gekommen und hat mir zugeflüstert: »Vater,
-da sind meine Armbänder, meine Uhr, meine Ohrringe, meine Kleider. Trag
-das alles ins Leihhaus, wenn du Geld brauchst!«? Sie sieht doch, daß
-wir, ihre Mutter und ich, aus einem falschen Schamgefühle den Leuten
-unsere Armut zu verbergen suchen; warum verzichtet sie da nicht auf das
-kostspielige Vergnügen, Musik zu studieren? Annehmen würde ich ja weder
-die Uhr noch die Armbänder noch sonstige Opfer, Gott behüte; das liegt
-nicht in meinen Wünschen.
-
-Dabei denke ich dann auch an meinen Sohn, den Warschauer Offizier. Er
-ist ein verständiger, ehrenhafter, nüchterner Mensch. Aber mir genügt
-das nicht. Ich meine, wenn ich einen alten Vater hätte und wüßte, daß
-bei ihm Augenblicke vorkommen, wo er sich seiner Armut schämt, dann
-würde ich meine Offizierstelle jemand anders überlassen und selbst
-eine Erwerbstätigkeit ergreifen. Solche Gedanken über meine Kinder
-vergiften mir meine Seele. Was haben solche Gedanken für Zweck? Gegen
-Menschen gewöhnlichen Schlages nur deshalb ein böses Gefühl hegen, weil
-sie keine Helden sind, das kann nur ein engherziger oder verbitterter
-Mensch. Aber genug davon.
-
-Um dreiviertel zehn muß ich zu meinen lieben Studenten gehen, um ihnen
-eine Vorlesung zu halten. Ich kleide mich an und wandere auf dem Wege
-hin, der mir schon seit dreißig Jahren bekannt ist und für mich seine
-Geschichte hat. Hier steht ein großes, graues Haus mit einer Apotheke;
-da stand ehemals ein kleines Häuschen, und darin befand sich ein
-Bierlokal; in diesem Bierlokale überlegte ich meine Dissertation und
-schrieb ich meinen ersten Liebesbrief an Warja. Ich schrieb ihn mit
-Bleistift auf einen Bogen mit dem Kopfdruck: ~Historia morbi~. Da ist
-ein kleiner Viktualienladen; einstmals gehörte er einem Juden, der
-mir Zigaretten auf Kredit verkaufte, dann einer dicken Frau, die alle
-Studenten in ihr Herz geschlossen hatte, weil doch jeder von ihnen
-eine Mutter habe; jetzt sitzt ein rothaariger Kaufmann darin, ein sehr
-gleichmütiger Mensch, der aus einer kupfernen Kanne Tee trinkt. Und da
-ist ja auch schon das seit langer Zeit nicht renovierte Universitätstor
-und der sich langweilende Hausknecht in seinem Schafpelz und ein paar
-Besen und große Schneehaufen. Auf einen frischen jungen Menschen,
-der aus der Provinz kommt und die Vorstellung mitbringt, der Tempel
-der Wissenschaft werde auch in seiner äußeren Erscheinung ein Tempel
-sein, kann ein solches Tor keinen guten Eindruck machen. Überhaupt muß
-man sagen: die Baufälligkeit der Universitätsgebäude, die Dunkelheit
-der Korridore, die verstaubten, verräucherten Wände, der Mangel an
-Licht, das klägliche Aussehen der Stufen, der Kleiderhaken und der
-Bänke, dies alles nimmt in der Geschichte des russischen Pessimismus
-einen der ersten Plätze unter den prädisponierenden Ursachen ein. Da
-ist auch unser Universitätsgarten. Seit meiner eigenen Studentenzeit
-ist er, wie ich glaube, nicht besser und nicht schlechter geworden.
-Ich kann ihn nicht leiden. Es wäre weit verständiger, wenn statt
-der schwindsüchtigen Linden, der gelblichgrünen Akazien und des
-dürftigen, beschnittenen Flieders dort hohe Fichten und kräftige Eichen
-wüchsen. Der Student, dessen Stimmung meist durch seine Umgebung stark
-beeinflußt wird, muß da, wo er studiert, auf Schritt und Tritt nur
-Hohes, Kräftiges und Schönes sehen. Bewahre ihn Gott vor dem Anblick
-dürrer Bäume, zerbrochener Fensterscheiben, grau gewordener Wände und
-mit zerrissenem Wachstuch beschlagener Türen!
-
-Wenn ich mich derjenigen Tür des Universitätsgebäudes nähere, die zu
-meinen Räumen führt, so öffnet sie sich, und es begrüßt mich mein
-langjähriger Dienstgenosse, Altersgenosse und Namensvetter, der Portier
-Nikolai. Nachdem er mich eingelassen hat, räuspert er sich und sagt:
-
-»Es ist kalt heute, Euer Exzellenz!«
-
-Oder wenn mein Pelz naß ist, bemerkt er:
-
-»Es regnet heute, Euer Exzellenz!«
-
-Darauf läuft er vor mir her und öffnet auf meinem Wege alle Türen. In
-meinem Arbeitszimmer nimmt er mir behutsam den Pelz ab und teilt mir
-gleichzeitig schleunigst irgendeine Universitätsneuigkeit mit. Dank
-der nahen Bekanntschaft, die zwischen allen Universitätsportiers und
--pedellen besteht, weiß er alles, was in den vier Fakultäten, in der
-Kanzlei, im Arbeitszimmer des Rektors und in der Bibliothek vorgeht.
-Was bliebe ihm unbekannt? Zu Zeiten, wo bei uns z. B. der Rücktritt
-des Rektors oder eines Dekanes die brennende Tagesfrage bildet, höre
-ich manchmal, wie er im Gespräche mit jüngeren Pedellen die Kandidaten
-aufzählt und zugleich erläuternd bemerkt, den und den werde der
-Minister nicht bestätigen, der und der werde selbst verzichten, und wie
-er sich dann in phantastischen Einzelheiten ergeht über geheimnisvolle
-Schriftstücke, die in der Kanzlei eingegangen seien, über eine geheime
-Unterredung zwischen dem Minister und dem Kurator usw. Sieht man von
-diesen Einzelheiten ab, so erweist sich, daß er im allgemeinen fast
-immer recht hat. Die Charakteristiken, die er von einem jeden der
-Kandidaten gibt, sind originell, aber gleichfalls zutreffend. Wer
-etwa zu erfahren wünscht, in welchem Jahre jemand seine Dissertation
-verteidigt hat, ins Amt getreten ist, sich hat pensionieren lassen oder
-gestorben ist, der rufe das gewaltige Gedächtnis dieses ehemaligen
-Soldaten zu Hilfe; dieser wird nicht nur das Jahr, den Monat und den
-Tag angeben, sondern auch über die näheren Umstände Mitteilung machen,
-die das eine oder andere Ereignis begleitet haben. So sich erinnern
-kann nur, wer mit dem Herzen dabei ist.
-
-Er ist der Hüter der Universitätstradition. Von seinen Vorgängern im
-Portieramt hat er viele Legenden aus dem Universitätsleben geerbt; zu
-diesem Schatze hat er dann viel eigenes Gut hinzugefügt, das er in
-seiner Dienstzeit erworben hat, und wenn jemand ein Verlangen danach
-äußert, so erzählt er ihm eine Menge langer und kurzer Geschichten. Er
-kann von außerordentlich klugen Männern erzählen, die »alles wußten«,
-von merkwürdig arbeitsfähigen Professoren, die ganze Wochen lang nicht
-schliefen, von zahlreichen Märtyrern und Opfern der Wissenschaft;
-das Gute triumphiert in seinen Erzählungen immer über das Böse, der
-Schwache besiegt den Starken, der Kluge den Dummen, der Bescheidene den
-Stolzen, der Junge den Alten. Man braucht ja nicht gerade alle diese
-Legenden und Erdichtungen für bare Münze zu nehmen; aber man filtriere
-sie, und es wird als Rückstand etwas Brauchbares auf dem Filter
-bleiben: unsere guten Traditionen und die Namen wahrer, allgemein
-anerkannter Geistesheroen.
-
-Was man in der sogenannten besseren Gesellschaft unserer Stadt
-über die Welt der Gelehrten weiß, das sind lediglich Anekdoten
-über außergewöhnliche Zerstreutheit alter Professoren, sowie zwei
-oder drei Witze, die bald auf Gruber, bald auf mich, bald auf
-Babuchin zurückgeführt werden. Für die gebildete Gesellschaft ist
-das eigentlich etwas wenig. Wenn diese Kreise die Wissenschaft, die
-Gelehrten und die Studenten so liebten, wie es Nikolai tut, so würde
-die hiesige Literatur schon längst ganze Heldengedichte, Erzählungen
-und Biographien aus diesem Gebiete besitzen, deren sie jetzt leider
-ermangelt.
-
-Nachdem Nikolai mir seine Neuigkeit mitgeteilt hat, nimmt sein Gesicht
-einen sehr ernsten Ausdruck an, und es entspinnt sich zwischen uns ein
-fachmännisches Gespräch. Wenn ein Fremder dabei mit anhörte, wie flott
-Nikolai die Terminologie handhabt, so könnte er vielleicht gar denken,
-das sei ein als Portier maskierter Gelehrter. Aber beiläufig gesagt:
-die Gerüchte über die Gelehrsamkeit der Universitätsunterbeamten sind
-stark übertrieben. Allerdings kennt Nikolai über hundert lateinische
-Benennungen, versteht sich darauf, ein Skelett zusammenzufügen,
-unter Umständen auch ein Präparat herzustellen, die Studenten durch
-irgendein langes, gelehrtes Zitat zum Lachen zu bringen; aber z. B. die
-so einfache Lehre vom Blutumlaufe ist ihm jetzt noch ebenso dunkel wie
-vor zwanzig Jahren.
-
-An einem Tische in meinem Arbeitszimmer sitzt, tief über ein Buch
-oder ein Präparat gebeugt, mein Prosektor Peter Ignatjewitsch, ein
-fleißiger, bescheidener, aber talentloser Mensch, etwa fünfunddreißig
-Jahre alt, aber schon kahlköpfig und dickbäuchig. Arbeiten tut er
-vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein; er liest eine große Menge
-und hat für alles Gelesene ein vorzügliches Gedächtnis. In dieser
-Hinsicht ist er Goldes wert; aber im übrigen ist er ein Lastpferd
-oder, wie man sich auch auszudrücken pflegt, ein gelehrter Dummkopf.
-Die charakteristischen Merkmale des Lastpferdes, durch die dieses
-sich von einem talentvollen Manne unterscheidet, sind folgende:
-sein Gesichtskreis ist eng und scharf begrenzt, da er eben nur ein
-Spezialfach umfaßt; außerhalb seines Spezialfaches ist ein solcher Mann
-naiv wie ein Kind. Ich erinnere mich, daß ich eines Morgens in das
-Arbeitszimmer hereinkam und sagte:
-
-»Denken Sie sich, dieses Unglück! Es heißt, Skobelew sei gestorben.«
-
-Nikolai bekreuzte sich, Peter Ignatjewitsch aber sah mich an und fragte:
-
-»Was für ein Skobelew?«
-
-Ein andermal (es war etwas früher) teilte ich ihm mit, daß Professor
-Perow gestorben sei. Der gute Peter Ignatjewitsch fragte:
-
-»Worüber hat er denn gelesen?«
-
-Und wenn dicht vor seinen Ohren die Patti zu singen anfinge, wenn
-Chinesenhorden über Rußland herfielen, wenn ein Erdbeben stattfände,
-so würde er vermutlich kein Glied rühren und seelenruhig mit
-zusammengekniffenem Auge in sein Mikroskop hineinsehen. Mit einem
-Worte: was kümmert ihn Hekuba? Ich würde viel darum geben, einmal zu
-sehen, wie dieser trockene Stock bei seiner Frau schläft.
-
-Ein zweiter Charakterzug eines solchen Menschen ist: ein fanatischer
-Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft und namentlich alles
-dessen, was die Deutschen schreiben. Er hat ein festes Vertrauen zu
-sich selbst und zu seinen Präparaten, kennt nach seiner Überzeugung
-den Zweck des Menschenlebens und weiß absolut nichts von jenen
-Zweifeln und Enttäuschungen, von denen talentvolle Männer graue Haare
-bekommen. Er hegt einen sklavischen Respekt vor Autoritäten; das
-Bedürfnis, selbständig zu denken, kennt er nicht. Ihn zu einer andern
-Ansicht zu bringen ist schwer, mit ihm zu disputieren unmöglich. Man
-disputiere einmal mit einem Menschen, der fest überzeugt ist, die
-beste Wissenschaft sei die Medizin, die besten Menschen die Ärzte, die
-besten Traditionen die medizinischen. In Wirklichkeit hat sich von der
-recht üblen Vergangenheit der Medizin nur ein einziger traditioneller
-Brauch erhalten: die weiße Krawatte, die die Doktoren jetzt tragen,
-und für einen Gelehrten und überhaupt für einen Gebildeten gibt
-es nur allgemein akademische Traditionen, ohne jede Scheidung in
-medizinische, juristische usw.; aber Peter Ignatjewitsch kann sich
-nicht entschließen, das zuzugeben, und ist bereit, mit einem anders
-Gesinnten darüber bis zum Jüngsten Tage zu debattieren.
-
-Seine Zukunft kann ich mir klar vorstellen. Er wird im Laufe seines
-ganzen Lebens mehrere hundert außerordentlich saubere Präparate
-anfertigen, viele trockene, sehr korrekte Referate schreiben, etwa ein
-Dutzend gewissenhafte Übersetzungen herstellen; aber das Pulver wird er
-nicht erfinden. Zum Pulvererfinden gehören Phantasie, Erfindungsgabe,
-Kombinationssinn, und von solchen Dingen besitzt Peter Ignatjewitsch
-nichts. Kurz, er ist in der Wissenschaft nicht ein Hausherr, sondern
-ein Arbeitsmann.
-
-Wir drei, ich, Peter Ignatjewitsch und Nikolai, sprechen halblaut
-miteinander. Es ist uns nicht recht behaglich zumute. Es ist doch
-ein besonderes Gefühl, wenn man auf der anderen Seite der Tür die
-Zuhörerschar wie ein Meer lärmen hört. In diesen ganzen dreißig Jahren
-habe ich mich an dieses Gefühl nicht gewöhnt und empfinde es jeden
-Morgen mit Mißbehagen. Nervös knöpfe ich mir den Rock zu, richte an
-Nikolai überflüssige Fragen und ärgere mich über mich selbst. Es sieht
-ganz so aus, als ob ich feige wäre; aber es ist nicht Feigheit, sondern
-etwas anderes, was ich weder zu benennen noch zu beschreiben imstande
-bin.
-
-Ohne daß es nötig wäre, sehe ich nach der Uhr und sage:
-
-»Nun, wie ist's? Wir müssen gehen.«
-
-Und wir schreiten in folgender Ordnung einher: voran geht Nikolai mit
-den Präparaten oder den großen Abbildungen, hinter ihm ich, und hinter
-mir wandelt, den Kopf bescheiden gebeugt, das Lastpferd; oder aber
-es wird, wenn es nötig ist, vor uns her auf einer Bahre ein Leichnam
-getragen, hinter dem Leichnam geht Nikolai usw. Bei meinem Erscheinen
-stehen die Studenten auf; dann setzen sie sich wieder, und das Getöse
-des Meeres verstummt plötzlich. Es tritt Windstille ein.
-
-Ich weiß, worüber ich zu sprechen habe; aber ich weiß nicht, wie
-ich sprechen und womit ich anfangen und aufhören werde. In meinem
-Kopfe ist kein einziger fertiger Satz vorhanden. Aber ich brauche
-nur meinen Hörsaal anzusehen (er ist amphitheatralisch gebaut) und
-die herkömmlichen Worte: »In der vorigen Vorlesung sind wir bei ...
-stehen geblieben«, zu sprechen, so kommen die Sätze in langer Reihe aus
-meinem Innern herausgeströmt, und nun bin ich im Zuge! Ich rede mit
-unaufhaltsamer Schnelligkeit und großer Wärme, und man möchte glauben,
-daß es keine Gewalt gebe, die den Lauf meiner Rede unterbrechen könnte.
-Um gut vorzutragen, d. h. so, daß das Interesse der Zuhörer geweckt
-wird und sie Nutzen davon haben, muß man außer dem Talente auch noch
-eine gewisse Kunstfertigkeit und Erfahrung besitzen; man muß eine klare
-Vorstellung von der eigenen Kraft, von der Persönlichkeit der Zuhörer
-und von dem Gegenstande des Vortrages haben. Außerdem muß man ein
-energischer Mensch sein, muß scharf beobachten und darf keinen Teil des
-Gesichtsfeldes auch nur für eine Sekunde aus den Augen verlieren.
-
-Ein guter Kapellmeister verrichtet, wenn er den Gedanken eines
-Komponisten zu Gehör bringt, zwanzig verschiedene Dinge zu gleicher
-Zeit: er liest die Partitur, schwingt den Taktstock, beobachtet den
-Sänger, macht eine Bewegung zur Seite hin bald nach der Trommel, bald
-nach dem Waldhorn usw. Ebenso mache auch ich es, wenn ich vortrage. Vor
-mir habe ich hundertfünfzig Gesichter, von denen keines dem anderen
-ähnlich ist, und dreihundert Augen, die mir gerade ins Gesicht schauen.
-Mein Ziel ist, diese vielköpfige Hydra zu besiegen. Wenn ich während
-meines Vortrages in jedem Augenblicke eine klare Vorstellung von dem
-Grade der Aufmerksamkeit und des Verständnisses meiner Zuhörer habe,
-dann sind diese in meiner Gewalt. Ein anderer Gegner steckt in mir
-selbst. Dies ist die endlose Mannigfaltigkeit der Formen, Erscheinungen
-und Gesetze und die dadurch bedingte Fülle eigener und fremder
-Gedanken. In jedem Augenblick muß ich die Geschicklichkeit besitzen,
-aus diesem gewaltigen Material das Wichtigste und Notwendigste
-herauszugreifen und ebenso schnell, wie meine Rede dahinfließt, meine
-Gedanken in eine solche Form zu kleiden, daß sie dem Verständnis der
-vielköpfigen Zuhörerschaft angemessen ist und deren Interesse erwecken
-kann, wobei genau darauf zu achten ist, daß die Gedanken nicht so, wie
-sie sich angehäuft haben, sondern in einer gewissen Ordnung übermittelt
-werden, die zu einer regelrechten Komposition des Gemäldes, das ich
-entwerfen will, unerläßlich ist. Ferner gebe ich mir Mühe, dafür zu
-sorgen, daß mein Vortrag sprachlich korrekt, die Definitionen kurz und
-bestimmt, der Satzbau möglichst einfach und schön sei. Jeden Augenblick
-muß ich mich selbst zügeln und mir ins Gedächtnis zurückrufen, daß ich
-nur eine Stunde und vierzig Minuten zur Verfügung habe. Kurz, es ist
-genug zu tun. Ich muß mich gleichzeitig als Gelehrter, als Pädagog und
-als Redner betätigen, und es wäre ein schlimmes Ding, wenn der Redner
-in mir über den Pädagogen und Gelehrten den Sieg davontrüge, oder
-umgekehrt.
-
-Man trägt eine Viertelstunde, eine halbe Stunde vor, und da
-bemerkt man, daß die Studenten nach der Zimmerdecke und nach Peter
-Ignatjewitsch zu blicken anfangen, und daß einer sein Taschentuch
-hervorholt, ein anderer sich bequemer hinsetzt, ein dritter über
-seine eigenen Gedanken lächelt. Das sind Anzeichen dafür, daß die
-Aufmerksamkeit müde und stumpf wird. Dagegen müssen Maßregeln ergriffen
-werden. Ich benutze die erste geeignete Gelegenheit, um irgendein
-Späßchen anzubringen. Alle hundertfünfzig Gesichter verziehen sich zu
-einem breiten Lächeln, die Augen leuchten vergnügt auf, das Brausen des
-Meeres läßt sich für kurze Zeit wieder vernehmen. Ich lache ebenfalls.
-Die Aufmerksamkeit ist wieder angefrischt, und ich kann fortfahren.
-
-Kein Sport, keine Zerstreuungen und Spiele haben mir jemals einen
-solchen Genuß gewährt wie das Halten von Vorlesungen. Nur bei den
-Vorlesungen konnte ich mich ganz meinem Affekte überlassen und
-verstand, daß die Eingebung nicht eine Erfindung der Dichter ist,
-sondern tatsächlich existiert. Und ich glaube, Herkules hat nach der
-großartigsten seiner Heldentaten nicht eine so wonnige Ermattung
-empfunden, wie ich sie jedesmal nach einer Vorlesung durchmachte.
-
-So war das früher. Jetzt dagegen empfinde ich bei den Vorlesungen nur
-Qual. Es vergeht keine halbe Stunde, so beginne ich in den Beinen und
-Schultern eine unüberwindliche Schwäche zu fühlen; ich setze mich auf
-den Stuhl; aber im Sitzen vorzutragen ist mir ungewohnt; eine Minute
-darauf stehe ich wieder auf und fahre stehend fort; dann setze ich mich
-von neuem hin. Die Mundhöhle wird mir trocken, die Stimme heiser, der
-Kopf schwindlig. Um den Zuhörern meinen Zustand zu verbergen, trinke
-ich öfters Wasser, huste, schneuze mich oft, als ob mir ein Schnupfen
-lästig wäre, mache an unpassenden Stellen Späße und schließe zuletzt
-die Vorlesung früher, als es in der Ordnung ist. Aber hauptsächlich
-schäme ich mich.
-
-Gewissen und Verstand sagen mir, daß das Beste, was ich jetzt tun
-könnte, wäre: den Studenten eine Abschiedsvorlesung zu halten, ihnen
-Lebewohl zu sagen, ihnen alles Gute für ihren weiteren Lebensweg zu
-wünschen und meinen Platz jemandem abzutreten, der jünger und kräftiger
-ist als ich. Aber Gott möge mich richten: es fehlt mir der Mut, so
-zu handeln, wie mich mein Gewissen handeln heißt. Unglücklicherweise
-bin ich weder ein Philosoph noch ein Theologe. Ich weiß ganz genau,
-daß ich nicht mehr länger als ein halbes Jahr leben werde; man sollte
-nun meinen, jetzt müßten mich vor allem die Fragen nach den Visionen,
-die meinen Schlaf im Grabe vielleicht heimsuchen werden, und nach dem
-dunklen Dasein im Jenseits beschäftigen. Aber merkwürdigerweise will
-meine Seele von diesen Fragen nichts wissen, obwohl der Verstand die
-hohe Wichtigkeit derselben anerkennt. Wie vor zwanzig bis dreißig
-Jahren, so interessiert mich auch jetzt vor dem Tode ausschließlich
-die Wissenschaft. Wenn ich meinen letzten Seufzer ausstoße, so werde
-ich doch noch an dem Glauben festhalten, daß die Wissenschaft das
-Wichtigste, Schönste und Notwendigste im Leben ist, daß sie immer die
-höchste Offenbarung der Liebe gewesen ist und sein wird, und daß nur
-durch sie der Mensch die Natur und sich selbst besiegen kann. Dieser
-Glaube ist vielleicht naiv und mangelhaft begründet; aber ich kann
-nichts dafür, daß ich diesen Glauben habe und keinen andern; und diesen
-Glauben in mir zu zerstören, dazu bin ich außerstande.
-
-Aber darum handelt es sich nicht. Ich bitte nur, man wolle meine
-Schwäche nachsichtig beurteilen und es sich klar machen, daß, wenn
-man einen Menschen, den die Veränderungen des Knochenmarkes mehr
-interessieren als das Endziel des Weltgebäudes, von seinem Katheder
-und von seinen Schülern wegreißt, dies dasselbe bedeutet, wie wenn
-man, ohne zu warten, bis er gestorben ist, ihn in einen Sarg legen und
-diesen zunageln wollte.
-
-Infolge der Schlaflosigkeit und des anstrengenden Kampfes mit der
-zunehmenden Schwäche begegnet mir etwas ganz Seltsames. Mitten in der
-Vorlesung steigen mir plötzlich die Tränen in die Kehle, die Augen
-fangen mir an zu jucken, und ich empfinde den leidenschaftlichen,
-hysterischen Wunsch, die Arme nach vorn zu strecken und laut zu
-klagen. Ich möchte es laut hinausschreien, daß das Schicksal mich, den
-berühmten Mann, zum Tode verurteilt hat, daß nach ungefähr einem halben
-Jahre hier in diesem Auditorium schon ein anderer walten wird. Ich
-möchte es hinausschreien, daß ich vergiftet bin; neue Gedanken, die ich
-früher nicht gekannt habe, haben meine letzten Lebenstage vergiftet und
-stechen fortdauernd mein Gehirn wie Moskitos. Und meine Lage erscheint
-mir bei solchen Anfällen so furchtbar, daß ich wünsche, alle meine
-Hörer möchten einen entsetzlichen Schreck bekommen, von ihren Plätzen
-aufspringen und in panischer Angst mit verzweifeltem Geschrei zum
-Ausgang hinstürzen.
-
-Es ist nicht leicht, solche Augenblicke zu durchleben.
-
-
-
-
-II
-
-
-Nach der Vorlesung sitze ich bei mir zu Hause und arbeite. Ich lese
-Zeitschriften und Dissertationen oder bereite mich auf die folgende
-Vorlesung vor; manchmal schreibe ich auch etwas. Ich arbeite mit
-Unterbrechungen, da ich dabei Besucher empfangen muß.
-
-Die Klingel ertönt. Ein Kollege ist gekommen, um mit mir etwas
-Geschäftliches zu besprechen. Er tritt mit Hut und Stock in mein
-Zimmer, streckt mir in jeder Hand einen dieser Gegenstände entgegen und
-sagt:
-
-»Ich komme nur auf einen Augenblick, nur auf einen Augenblick! Bleiben
-Sie sitzen, Kollege! Nur zwei Worte!«
-
-Zunächst suchen wir einander zu zeigen, daß wir beide außerordentlich
-höfliche Menschen und beide sehr erfreut sind, einander zu sehen.
-Ich nötige ihn in einen Lehnsessel, und er sucht mich zum Sitzen zu
-veranlassen; dabei streicheln wir uns wechselseitig behutsam an der
-Rocktaille und berühren die Knöpfe des andern; es sieht so aus, als ob
-wir einander betasteten, uns aber hierbei zu verbrennen fürchteten.
-Wir lachen beide, obwohl wir nichts Lächerliches sagen. Nachdem wir
-zum Sitzen gekommen sind, beugen wir uns mit den Köpfen zueinander und
-beginnen halblaut zu reden. Mögen wir einander auch noch so freundlich
-gesinnt sein, es ist dennoch unumgänglich nötig, daß wir unsere
-Reden mit allerlei chinesischen Phrasen vergolden, als da sind: »Sie
-beliebten sehr richtig zu bemerken«, oder: »Wie ich schon die Ehre
-hatte Ihnen zu sagen«, und es ist unumgänglich nötig, daß wir lachen,
-wenn einer von uns einen Witz macht, mag er auch noch so geringwertig
-sein. Nach Beendigung des geschäftlichen Gespräches steht der Kollege
-mit einer hastigen Bewegung auf, weist mit seinem Hute nach meiner
-Arbeit hin und beginnt sich zu empfehlen. Wieder betasten wir uns
-gegenseitig und lachen dabei. Ich begleite ihn bis ins Vorzimmer; hier
-bin ich meinem Kollegen beim Anziehen des Pelzes behilflich; aber er
-wehrt sich in jeder Weise gegen diese hohe Ehre. Wenn dann Jegor die
-Tür öffnet, versichert mir der Kollege, ich würde mich erkälten; ich
-aber tue, als hätte ich vor, sogar bis auf die Straße hinter ihm her zu
-gehen. Und wenn ich dann endlich in mein Arbeitszimmer zurückkehre, so
-fährt mein Gesicht, wohl infolge des Beharrungsvermögens, immer noch
-fort zu lächeln.
-
-Nach einem Weilchen klingelt es wieder. Es tritt jemand ins Vorzimmer,
-zieht sich lange aus und hustet. Jegor meldet, es sei ein Student
-da. Ich sage: »Ich lasse bitten.« Einen Augenblick darauf tritt ein
-junger Mensch von angenehmem Äußern in mein Zimmer. Schon seit einem
-Jahre stehen wir beide miteinander auf gespanntem Fuße: er gibt bei
-mir im Examen abscheulich schlechte Antworten, und ich erteile ihm das
-Prädikat Nicht genügend. Solcher jungen Leute, die ich, um studentisch
-zu reden, durchplumpsen oder durchrasseln lasse, sammeln sich bei
-mir im Laufe eines Jahres ungefähr sieben Stück an. Diejenigen unter
-ihnen, die das Examen wegen Unfähigkeit oder wegen Krankheit nicht
-bestehen, tragen ihr Kreuz gewöhnlich mit Geduld und machen nicht den
-Versuch, mich umzustimmen; dagegen neigen die Sanguiniker dazu, zu
-mir ins Haus zu kommen und mit mir zu feilschen und zu handeln; das
-sind leichtlebige Naturen, denen die Nötigung, das Examen noch einmal
-abzulegen, den Appetit verdirbt und an regelmäßigem Besuche der Oper
-hinderlich ist. Den ersteren gegenüber übe ich gern Nachsicht; aber die
-zweite Sorte lasse ich ein ganzes Jahr lang durchfallen.
-
-»Nehmen Sie Platz,« sage ich zu dem Besucher. »Was bringen Sie?«
-
-»Entschuldigen Sie die Störung, Herr Professor,« beginnt er stotternd
-und ohne mir ins Gesicht zu sehen. »Ich hätte nicht gewagt, Sie zu
-belästigen, wenn ich nicht ... Ich habe bei Ihnen schon fünfmal das
-Examen gemacht und ... und bin durchgefallen. Ich bitte Sie inständig,
-haben Sie die Güte und geben Sie mir Genügend; denn ...«
-
-Die Begründung, die alle Faulpelze zu ihren Gunsten vorbringen, ist
-immer ein und dieselbe: sie hätten das Examen in allen Fächern sehr
-gut bestanden, nur in meinem seien sie durchgefallen, und dies sei um
-so erstaunlicher, da sie gerade in meinem Fache immer sehr fleißig
-studiert hätten und gut darin Bescheid wüßten; sie seien nur infolge
-irgendeines unbegreiflichen Mißverständnisses durchgefallen.
-
-»Entschuldigen Sie, lieber Freund,« sage ich zu dem Besucher, »genügend
-kann ich Ihnen nicht geben. Repetieren Sie noch ein bißchen, und kommen
-Sie dann wieder! Dann wollen wir sehen.«
-
-Es tritt in dem Gespräche eine Pause ein. Es reizt mich, den Studenten
-ein bißchen zu quälen, zur Strafe dafür, daß er das Bier und die Oper
-mehr liebt als die Wissenschaft, und ich sage mit einem Seufzer:
-
-»Meiner Ansicht nach ist das Beste, was Sie jetzt tun können, ganz aus
-der medizinischen Fakultät auszutreten. Wenn es Ihnen bei Ihren Anlagen
-schlechterdings nicht gelingen will, das Examen zu bestehen, so haben
-Sie offenbar weder die Neigung noch den Beruf dazu, Arzt zu werden.«
-
-Das Gesicht des Sanguinikers zieht sich in die Länge.
-
-»Verzeihen Sie, Herr Professor,« erwidert er lächelnd, »aber das würde
-doch von meiner Seite wenigstens sehr sonderbar sein. Fünf Jahre zu
-studieren und dann auf einmal abzuspringen!«
-
-»Nun ja, gewiß! Aber es ist doch besser, fünf Jahre zu verlieren, als
-nachher das ganze Leben lang eine Tätigkeit auszuüben, die man nicht
-liebt.«
-
-Aber sogleich fängt er mir auch an leid zu tun, und ich beeile mich
-hinzuzufügen:
-
-»Handeln Sie übrigens, wie es Ihnen gut scheint! Also arbeiten Sie noch
-ein bißchen, und kommen Sie dann wieder!«
-
-»Wann?« fragt der Faulpelz in dumpfem Tone.
-
-»Wann Sie wollen. Meinetwegen morgen.«
-
-Und in seinen gutmütigen Augen lese ich den Gedanken: »Kommen könnte
-ich schon; aber du Racker würdest mich ja doch wieder durchfallen
-lassen!«
-
-»Gewiß,« sage ich, »Sie werden nicht gelehrter dadurch werden, wenn Sie
-sich noch fünfzehnmal von mir examinieren lassen; aber es wird zu Ihrer
-Charakterbildung beitragen. Und das ist doch auch ein schöner Gewinn.«
-
-Es folgt wieder eine Pause. Ich erhebe mich und warte, daß der Besucher
-fortgeht; aber er bleibt stehen, blickt nach dem Fenster hin, zupft an
-seinem Bärtchen und überlegt. Die Sache beginnt langweilig zu werden.
-
-Die Stimme des Sanguinikers ist angenehm und volltönend, seine
-Augen verständig und etwas spöttisch, das Gesicht seelengut, vom
-vielen Biertrinken und dem langen Herumliegen auf dem Sofa ein wenig
-aufgedunsen; anscheinend könnte er mir viel Interessantes über die
-Oper, über seine Liebesabenteuer und über die Kommilitonen, die er gern
-hat, erzählen; aber leider ist es nicht üblich, von dergleichen zu
-sprechen. Ich würde es ganz gern hören.
-
-»Herr Professor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn Sie mir Genügend
-geben, so werde ich ...«
-
-Sowie das Gespräch beim Ehrenworte angelangt ist, winke ich abwehrend
-mit den Händen und setze mich an den Tisch. Der Student denkt noch eine
-Minute lang nach und sagt dann niedergeschlagen:
-
-»Dann also adieu ... Entschuldigen Sie!«
-
-»Adieu, lieber Freund. Möge es Ihnen gut gehen!«
-
-Er geht unentschlossen in das Vorzimmer und zieht sich dort langsam an;
-nachdem er auf die Straße hinausgetreten ist, denkt er wahrscheinlich
-nochmals lange nach. Aber da ihm nichts weiter einfällt als mit
-Bezug auf mich »Alter Satan!« vor sich hinzumurmeln, geht er in ein
-schlechtes Restaurant, um Bier zu trinken und Mittagbrot zu essen, und
-dann nach Hause, um zu schlafen. Friede deiner Asche, du ehrlicher
-Freund der Arbeit!
-
-Es klingelt zum dritten Male. In mein Zimmer tritt ein junger Arzt
-in einem neuen, schwarzen Anzuge, mit einer goldenen Brille und
-selbstverständlich mit einer weißen Krawatte. Er stellt sich vor.
-Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und frage, was zu seinen Diensten
-steht. Nicht ohne eine gewisse Erregung beginnt der junge Priester der
-Wissenschaft mir zu erzählen, er habe in diesem Jahre sein Doktorexamen
-bestanden und müsse jetzt nur noch eine Dissertation schreiben. Er
-möchte gern bei mir, unter meiner Leitung, arbeiten, und ich würde
-ihn zu großem Dank verpflichten, wenn ich ihm ein Thema für seine
-Dissertation angeben wollte.
-
-»Ich freue mich sehr, Ihnen nützlich sein zu können, Herr Kollege,«
-sage ich. »Aber lassen Sie uns zunächst darüber einig werden, was denn
-eigentlich eine Dissertation ist. Unter diesem Worte pflegt man doch
-eine Abhandlung zu verstehen, die ein Produkt selbständigen Schaffens
-darstellt. Nicht wahr? Eine Abhandlung aber, die über ein fremdes Thema
-und unter fremder Leitung geschrieben ist, die nennt man anders ...«
-
-Der Doktorand schweigt. Ich werde hitzig und springe von meinem Stuhle
-auf.
-
-»Ich begreife nicht, warum die Herren alle zu mir kommen!« rufe
-ich ärgerlich. »Bin ich denn ein Händler? Ich habe keine Themata
-feil! Zum tausendundersten Male bitte ich Sie alle, mich in Ruhe zu
-lassen! Entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit; aber die Sache ist mir
-wahrhaftig schließlich zum Ekel geworden!«
-
-Der Doktorand schweigt, und nur in der Gegend der Backenknochen
-erscheint auf seinem Gesicht eine leichte Röte. Seine Miene drückt eine
-hohe Achtung vor meinem berühmten Namen und vor meiner Gelehrsamkeit
-aus; aber an seinen Augen sehe ich, daß er mich wegen meines erregten
-Tones und wegen meiner kläglichen Gestalt und wegen meiner nervösen
-Bewegungen geringschätzt. Ich erscheine ihm in meinem Zorne als ein
-wunderlicher Geselle.
-
-»Ich bin kein Händler!« wiederhole ich ärgerlich. »Es ist doch auch
-wunderlich: warum wollen Sie denn nicht selbständig sein? Warum ist
-Ihnen denn die Freiheit so zuwider?«
-
-Ich rede viel; er aber schweigt dauernd. Schließlich beruhige ich mich
-allmählich und gebe natürlich nach. Der Doktorand wird von mir ein
-Thema erhalten, das keinen Dreier wert ist, wird unter meiner Aufsicht
-eine Dissertation schreiben, von der niemand etwas hat, wird mit Würde
-die langweilige Disputation überstehen und einen akademischen Grad
-erhalten, der ihm nichts nützt.
-
-Manchmal wird meine Klingel einmal nach dem andern in Bewegung gesetzt,
-ohne Ende; aber hier beschränke ich mich darauf, nur noch einen vierten
-Besuch zu erwähnen. Es klingelt zum viertenmal, und ich höre bekannte
-Schritte, das Rascheln eines Frauenkleides und eine liebe Stimme ...
-
-Vor achtzehn Jahren starb ein Kollege von mir, ein Augenarzt, und
-hinterließ eine siebenjährige Tochter Katja und etwa sechzigtausend
-Rubel. In seinem Testamente hatte er mich als Vormund eingesetzt.
-Bis zu ihrem zehnten Lebensjahre lebte Katja in meiner Familie; dann
-gab ich sie in ein Erziehungsinstitut, und sie verlebte bei mir nur
-die Sommermonate, wo sie Ferien hatte. Mich mit ihrer Erziehung zu
-beschäftigen, dazu hatte ich keine Zeit; ich beobachtete das Mädchen
-nur in meinen Mußestunden und kann daher über ihre Kindheit nur sehr
-wenig sagen.
-
-Das Erste, was mir im Gedächtnis haftet und mir eine liebe Erinnerung
-bildet, ist die außerordentliche Zutraulichkeit, mit der sie in
-mein Haus eintrat, mit der sie sich in Krankheitsfällen von den
-Ärzten behandeln ließ, und die überhaupt immer auf ihrem Gesichtchen
-leuchtete. Manchmal saß sie mit verbundener Backe irgendwo in einem
-Eckchen, und dann konnte man sicher sein, daß sie irgend etwas mit
-Aufmerksamkeit betrachtete. Und ob sie nun zu solchen Zeiten zusah,
-wie ich schrieb und in Büchern blätterte, oder wie meine Frau in
-der Wirtschaft tätig war, oder wie die Köchin in der Küche die
-Kartoffeln wusch, oder wie der Hund spielte: immer drückten dabei
-ihre Augen unabänderlich einen und denselben Gedanken aus: »Alles,
-was in dieser Welt geschieht, ist schön und vernünftig.« Sie war
-wißbegierig und sprach sehr gern mit mir. Oft saß sie am Tische mir
-gegenüber, verfolgte mit den Augen meine Bewegungen und stellte Fragen.
-Es interessierte sie, zu wissen, was ich läse, und was ich in der
-Universität täte, und ob ich mich vor den Leichen nicht fürchtete, und
-was ich mit meinem Gehalt anfinge.
-
-»Prügeln sich die Studenten in der Universität?« fragte sie.
-
-»Ja, das tun sie, liebes Kind.«
-
-»Und lassen Sie sie dafür zur Strafe knien?«
-
-»Ja, das tue ich.«
-
-Und es kam ihr komisch vor, daß die Studenten sich prügelten und ich
-sie knien ließe, und sie lachte herzlich darüber. Sie war ein sanftes,
-geduldiges, seelengutes Kind. Nicht selten bekam ich zu sehen, wie
-man ihr etwas wegnahm, sie ohne Grund bestrafte oder ihre Wißbegierde
-nicht befriedigte; dann gesellte sich zu dem ständigen Ausdrucke von
-Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte noch ein Ausdruck von Traurigkeit,
-aber weiter nichts. Ich verstand nicht, sie gebührend in Schutz zu
-nehmen, und nur wenn ich ihre Traurigkeit sah, regte sich in mir das
-Verlangen, sie an mich zu ziehen und im Tone einer alten Kinderfrau
-bedauernd zu ihr zu sagen:
-
-»O du meine liebe Waise!«
-
-Ich besinne mich auch, daß sie Freude daran hatte, sich gut zu kleiden
-und sich mit Parfüm zu bespritzen. In dieser Hinsicht hatte sie mit mir
-Ähnlichkeit. Auch ich habe schöne Garderobe und gute Parfüms sehr gern.
-
-Ich bedaure, daß ich keine Zeit und Lust hatte, den Beginn und die
-Entwickelung einer Leidenschaft zu verfolgen, in deren Bann Katja schon
-im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren vollständig hineingeraten
-war. Ich meine ihre leidenschaftliche Liebe zum Theater. Wenn sie
-für die Ferienzeit aus dem Institute zu uns kam und bei uns lebte,
-sprach sie von nichts mit solchem Vergnügen und solcher Wärme wie
-von Theaterstücken und Schauspielern. Sie ermüdete uns durch ihre
-beständigen Gespräche über das Theater. Meine Frau und meine Kinder
-hörten ihr nicht mehr zu. Nur ich hatte nicht den Mut, ihr meine
-Aufmerksamkeit zu verweigern. Wenn bei ihr der Wunsch rege wurde,
-ihren Enthusiasmus mit jemandem zu teilen, so kam sie zu mir in mein
-Arbeitszimmer und sagte in flehendem Tone:
-
-»Nikolai Stepanowitsch, erlauben Sie mir, mit Ihnen ein bißchen vom
-Theater zu reden?«
-
-Ich wies auf die Uhr und sagte: »Ich gewähre dir eine halbe Stunde.
-Fang an!«
-
-Später brachte sie ganze Dutzende von Porträts der von ihr angebeteten
-Schauspieler und Schauspielerinnen mit; darauf versuchte sie einige
-Male, bei Liebhabervorstellungen mitzuwirken, und schließlich, als
-sie die Schule durchgemacht hatte, erklärte sie mir, sie sei zur
-Schauspielerin geboren.
-
-Ich habe Katjas Schwärmerei für das Theater nie geteilt. Meine Ansicht
-ist die: wenn ein Stück gut ist, so braucht man, damit es den richtigen
-Eindruck macht, nicht erst die Schauspieler zu bemühen; man kann sich
-mit der Lektüre begnügen; wenn das Stück aber schlecht ist, so ist kein
-Spiel imstande, ein gutes daraus zu machen.
-
-In meiner Jugend habe ich häufig das Theater besucht, und jetzt nimmt
-meine Familie zweimal im Jahre eine Loge und schleppt mich auch
-mit hin, »zum Auslüften«. Das reicht ja freilich nicht dazu aus,
-um mich zu einem Urteil über das Theater zu berechtigen; aber ich
-will doch ein paar Worte darüber sagen. Meiner Ansicht nach ist das
-Theater nicht besser geworden, als es vor dreißig bis vierzig Jahren
-war. Wie früher kann ich weder in den Korridoren des Theaters noch
-im Foyer ein einfaches Glas Wasser bekommen. Wie früher nehmen mich
-die Theaterdiener für meinen Pelz in eine Geldstrafe von zwanzig
-Kopeken, obwohl doch in dem Tragen warmer Kleidung zur Winterszeit
-nichts Anstößiges liegt. Wie früher spielt in den Zwischenakten ohne
-jeden Anlaß die Musik und fügt zu dem durch das Stück hervorgerufenen
-Eindruck einen neuen, unerbetenen hinzu. Wie früher gehen die Männer
-in den Zwischenakten zum Büfett, um alkoholische Getränke zu genießen.
-Wenn so in Kleinigkeiten kein Fortschritt sichtbar ist, so würde ich
-ihn auch in wichtigeren Dingen vergebens suchen. Wenn ein Schauspieler,
-der sich vom Kopf bis zu den Füßen in die Traditionen und Vorurteile
-des Theaterwesens verstrickt hat, seine Bemühung darauf richtet, den
-ganz schlichten, gewöhnlichen Monolog »Sein oder nicht sein« nicht in
-schlichter Art, sondern aus einem unerfindlichen Grunde mit obligatem
-Zischen und mit Krämpfen im ganzen Körper vorzutragen, oder wenn er
-mir um jeden Preis einzureden sucht, daß Tschazki[1], der sich so viel
-mit Dummköpfen unterhält und eine dumme Frauensperson liebt, ein sehr
-verständiger Mensch und »Verstand schafft Leiden« ein interessantes
-Stück sei, dann weht mich von der Bühne ebenderselbe öde Geist an,
-der mir schon vor vierzig Jahren langweilig war, als man mich mit
-klassisch sein sollender Heulerei und An-die-Brust-schlagen regalierte.
-Und jedesmal komme ich aus dem Theater mit konservativerer Gesinnung
-heraus, als ich hineingegangen bin.
-
-Der empfindsamen, leichtgläubigen Menge kann man einreden, daß das
-Theater in seinem jetzigen Zustande eine Bildungsstätte sei. Aber
-wer da weiß, was eine Bildungsstätte im wahren Sinne des Wortes ist,
-den fängt man nicht mit diesem Köder. Wie die Sache nach fünfzig bis
-hundert Jahren aussehen wird, weiß ich nicht; unter den gegenwärtigen
-Verhältnissen jedoch kann das Theater nur als Mittel zur Zerstreuung
-dienen. Aber diese Zerstreuung kommt der menschlichen Gesellschaft
-auf die Dauer denn doch etwas zu teuer zu stehen. Denn sie entzieht
-dem Staate Tausende von jungen, gesunden, talentvollen Männern und
-Frauen, die, wenn sie sich nicht dem Theater gewidmet hätten, gute
-Ärzte, Landwirte, Lehrerinnen und Offiziere sein könnten; sie entzieht
-dem Publikum die Abendstunden, die beste Zeit zu geistiger Arbeit und
-geselliger Unterhaltung. Ich rede gar nicht einmal von den Geldausgaben
-und von dem sittlichen Schaden, den der Zuschauer erleidet, wenn er
-sieht, wie auf der Bühne Mord, Ehebruch und Verleumdung in unrichtiger
-Weise behandelt werden.
-
-Katja aber war ganz anderer Meinung. Sie beteuerte mir, das Theater
-stehe, auch in seinem jetzigen Zustande, hoch über allen Auditorien und
-Büchern und über allem, was es in der Welt gebe. Das Theater sei eine
-Macht, die alle Künste in sich vereinige, und die Schauspieler seien
-Missionare der wahren Bildung. Keine Kunst und keine Wissenschaft sei
-für sich allein imstande, so stark und so sicher auf die menschliche
-Seele zu wirken wie die Bühne, und daher erfreue sich mit gutem Grunde
-selbst ein Schauspieler mittleren Ranges im Lande einer weit größeren
-Popularität als der trefflichste Gelehrte oder Künstler. Und keine
-andere gemeinnützige Tätigkeit könne einen solchen Genuß und eine
-solche Befriedigung gewähren wie die schauspielerische.
-
-Und eines schönen Tages trat Katja in eine Schauspielertruppe ein und
-reiste weg, ich glaube nach Ufa; sie nahm eine bedeutende Geldsumme,
-eine Unmenge buntschillernder Hoffnungen und eine ideale Auffassung
-ihres Berufes mit.
-
-Ihre ersten Briefe von der Fahrt waren bewundernswürdig. Ich las sie
-und war geradezu erstaunt, wie diese kleinen Papierbogen so viel
-Jugendfrische, seelische Reinheit, heilige Naivität und gleichzeitig
-so viel feine sachliche Urteile, die einem guten Männerverstande Ehre
-gemacht hätten, enthalten konnten. Die Wolga, die Natur, die Städte,
-die sie besuchte, die Kollegen, was sie an Erfolgen und Mißerfolgen
-erlebte, alles das schilderte sie nicht sowohl, sondern sie besang es;
-jede Zeile atmete die Zutraulichkeit, die ich auf ihrem Gesichte zu
-sehen gewohnt gewesen war, -- und dabei eine Masse von orthographischen
-Fehlern, und die Interpunktionszeichen fehlten fast vollständig.
-
-Es verging kein halbes Jahr, da empfing ich einen im höchsten Grade
-poetischen, schwärmerischen Brief, der mit den Worten begann: »Ich
-habe mich verliebt.« Beigelegt war diesem Briefe eine Photographie,
-die einen jungen Mann mit glatt rasiertem Gesichte darstellte, einen
-breitkrempigen Hut auf dem Kopfe, ein Plaid über die Schulter geworfen.
-Die darauf folgenden Briefe waren ebenso prächtig wie die früheren;
-aber es tauchten in ihnen schon zahlreichere Interpunktionszeichen
-auf, die orthographischen Fehler waren verschwunden, und alles an
-ihnen deutete auf die Mitarbeiterschaft eines Mannes hin. Katja
-begann mir solche Dinge zu schreiben: es würde ein guter Gedanke
-sein, irgendwo an der Wolga ein großes Theater zu erbauen, und zwar
-jedenfalls auf Aktien, und zu diesem Unternehmen reiche Kaufleute und
-Dampfschiffsreeder heranzuziehen; Geld werde auf diese Art in Menge
-zur Verfügung stehen; die Einnahmen würden ganz gewaltige sein; die
-Schauspieler würden auf Grund eines Gesellschaftsvertrages spielen.
-Vielleicht war das alles wirklich ein guter Gedanke; aber es schien
-mir, daß solche Pläne nur aus dem Kopfe eines Mannes hervorgegangen
-sein könnten.
-
-Wie dem auch sein mochte, anderthalb bis zwei Jahre lang schien alles
-gut und nach Wunsch zu gehen: Katja liebte, sie glaubte an ihren Beruf
-und war glücklich; aber dann begann ich in ihren Briefen deutliche
-Anzeichen des Niederganges wahrzunehmen. Dies fing damit an, daß Katja
-sich bei mir über ihre Kollegen beklagte; das ist immer das erste und
-mißlichste Symptom; wenn ein junger Gelehrter oder Schriftsteller bei
-Ausübung seiner Tätigkeit sich über andere Gelehrte oder Schriftsteller
-bitter beklagt, so bedeutet das, daß er bereits müde geworden ist
-und zu seiner Berufsarbeit nicht mehr taugt. Katja schrieb mir, ihre
-Kollegen kämen nicht zu den Proben und könnten ihre Rollen niemals
-ordentlich; an dem Dringen auf Ausführung abgeschmackter Stücke und
-an ihrer Art, sich auf der Bühne zu benehmen, merke man bei einem
-jeden von ihnen eine völlige Mißachtung des Publikums; den einzigen
-Gegenstand ihres Gespräches bildeten die Einnahmen, und im Interesse
-der Einnahmen erniedrigten sich die dramatischen Schauspielerinnen
-zum Singen von Chansons, und die Tragöden sängen Couplets, deren
-Inhalt Späße über betrogene Ehemänner und über die Schwangerschaft
-treuloser Gattinnen bildeten. Überhaupt müsse man sich wundern, daß das
-Bühnenwesen in der Provinz noch nicht vollständig zugrunde gegangen sei
-und sich auf einer so schwachen, morschen Grundlage halten könne.
-
-Als Antwort schickte ich Katja einen langen und, wie ich bekennen
-muß, sehr langweiligen Brief. Unter anderem schrieb ich ihr: »Ich
-habe nicht selten Gelegenheit gehabt, mit älteren Schauspielern zu
-reden, vornehm denkenden Männern, die mir ihr freundliches Wohlwollen
-zuwandten; aus den Gesprächen mit ihnen konnte ich entnehmen, daß die
-Art ihrer Tätigkeit nicht sowohl von ihrem eigenen Urteil und ihrem
-freien Willen als vielmehr von der Mode und der Stimmung des Publikums
-abhing; selbst die besten unter ihnen mußten ihr Leben lang bald in
-Tragödien, bald in Operetten, bald in Pariser Schwänken, bald in
-Feerien spielen, und hatten dabei doch immer gleichmäßig das Gefühl,
-daß sie auf geradem Wege wanderten und Nutzen stifteten. Somit hat man,
-wie du siehst, die Ursache des Übels nicht bei den Schauspielern zu
-suchen, sondern tiefer, in der Kunst selbst und in dem Verhältnisse des
-ganzen Publikums zur Kunst.« Dieser mein Brief hatte nur den Erfolg,
-Katja in heftige Erregung zu versetzen. Sie antwortete mir: »Wir beide,
-Sie und ich, reden von ganz verschiedenen Dingen. Ich schrieb Ihnen
-nicht von den vornehm denkenden Männern, die Ihnen ihr freundliches
-Wohlwollen zuwandten, sondern von einer Gaunerbande, die von vornehmer
-Gesinnung nichts weiß. Es ist eine Horde von Wilden, die nur deswegen
-auf die Bühne geraten sind, weil man sie an keiner andern Stelle
-angenommen haben würde, und die sich lediglich aus Unverschämtheit
-Künstler nennen. Kein einziges Talent ist darunter, wohl aber viele
-Unbegabte, Trunkenbolde, Intriganten und Zwischenträger. Ich kann Ihnen
-gar nicht sagen, wie es mich schmerzt, daß die Kunst, die ich so sehr
-liebe, in die Hände dieser mir verhaßten Menschen geraten ist, und wie
-weh es mir tut, daß die besten Menschen das Übel nur von fern sehen,
-nicht näher herantreten mögen und, statt sich der Sache anzunehmen, in
-schwerfälligem Stile Gemeinplätze und Moralpredigten schreiben, die
-niemandem etwas nützen können ...« und so weiter, immer in demselben
-Tone.
-
-Es verging wieder einige Zeit, da erhielt ich folgenden Brief: »Ich bin
-in unmenschlicher Weise betrogen worden. Ich kann nicht weiterleben.
-Verfügen Sie über mein Geld, wie Sie es für angemessen halten! Ich habe
-Sie geliebt wie einen Vater und als meinen einzigen Freund. Verzeihen
-Sie mir!«
-
-Es hatte sich herausgestellt, daß auch ihr »Er« zu der »Horde von
-Wilden« gehörte. Später konnte ich aus einigen Andeutungen erraten,
-daß sie einen Versuch gemacht hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie
-hatte versucht, sich zu vergiften. Ich mußte annehmen, daß sie darauf
-ernstlich krank geworden war, da ich den nächsten Brief schon aus Jalta
-erhielt, wohin sie wahrscheinlich von den Ärzten geschickt worden war.
-Dieser enthielt die Bitte, ihr möglichst schnell tausend Rubel nach
-Jalta zu schicken, und schloß folgendermaßen: »Entschuldigen Sie, daß
-dieser Brief so trübe klingt. Ich habe gestern mein Kind begraben.«
-Nachdem sie in der Krim etwa ein Jahr lang gelebt hatte, kehrte sie
-nach Hause zurück.
-
-Ihr Umherreisen von Ort zu Ort hatte ungefähr vier Jahre gedauert, und
-während dieser ganzen vier Jahre hatte ich, wie ich eingestehen muß,
-ihr gegenüber eine sonderbare, ziemlich klägliche Rolle gespielt. Als
-sie mir zuerst erklärt hatte, sie wolle Schauspielerin werden, und
-mir dann von ihrer Liebe geschrieben hatte, und als sie periodisch
-von Verschwendungssucht ergriffen worden war und ich ihr häufig auf
-ihr Verlangen bald tausend, bald zweitausend Rubel hatte schicken
-müssen, und als sie mir von ihrer Absicht zu sterben und dann von
-dem Tode ihres Kindes geschrieben hatte, da hatte ich jedesmal nicht
-recht gewußt, was ich tun sollte, und meine ganze Anteilnahme an ihrem
-Geschick hatte sich nur darin geäußert, daß ich viel nachdachte und ihr
-umfängliche, langweilige Briefe schrieb, die ich gut und gern hätte
-ungeschrieben lassen können. Und dabei sollte ich ihr doch eigentlich
-den leiblichen Vater ersetzen und liebte sie auch wirklich wie eine
-Tochter!
-
-Jetzt wohnt Katja nur eine halbe Werst von mir entfernt. Sie hat
-sich eine Wohnung von fünf Zimmern gemietet und sich darin ziemlich
-komfortabel und nach ihrem persönlichen Geschmack eingerichtet. Wenn
-jemand ihre Einrichtung charakterisieren wollte, so müßte er als das
-bedeutsamste Moment die Trägheit bezeichnen. Da sind für den trägen
-Körper weiche Chaiselongues und weiche Sessel, für die trägen Füße
-weiche Teppiche, für das träge Auge blasse, trübe, matte Farben, für
-den trägen Geist an den Wänden eine Unmasse billiger, buntbemalter
-Fächer und kleiner Bilder, bei denen der dargestellte Gegenstand hinter
-der Originalität der Ausführung zurücktritt, eine Menge von Tischchen
-und Regalen, die mit unnützen, wertlosen Dingen ganz vollgestellt sind,
-formlose Lappen statt der Vorhänge usw. Diese ganze Einrichtung mit
-der sich darin bekundenden Scheu vor hellen Farben, vor Symmetrie und
-vor freiem Raum zeugt nicht nur von seelischer Trägheit, sondern auch
-von einer Verbildung des natürlichen Geschmacks. Ganze Tage lang liegt
-Katja auf einer Chaiselongue und liest Bücher, vorzugsweise Romane und
-Novellen. Das Haus verläßt sie nur einmal am Tage, nachmittags, um mich
-zu besuchen.
-
-Ich arbeite; Katja aber sitzt nicht weit von mir auf dem Sofa, schweigt
-und wickelt sich in ihren Schal, als ob sie fröre. Sei es, weil sie
-mir sympathisch ist, oder weil ich an ihre Besuche noch von der Zeit
-her gewöhnt bin, wo sie als Mädchen so oft in meinem Zimmer war: ihre
-Anwesenheit hindert mich nicht, meine Aufmerksamkeit auf meine Arbeit
-zu konzentrieren. Ab und zu richte ich mechanisch irgendeine Frage an
-sie, und sie gibt mir eine sehr kurze Antwort; oder ich wende mich,
-um mich einen Augenblick zu erholen, zu ihr und sehe, wie sie, in
-Gedanken versunken, in irgendein medizinisches Journal oder in eine
-Zeitung blickt. Und dabei bemerke ich, daß der frühere Ausdruck von
-Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte nicht mehr vorhanden ist. Ihr Gesicht
-sieht jetzt kalt, gleichgültig und zerstreut aus, wie bei Reisenden,
-die lange auf den Zug warten müssen. Gekleidet ist sie wie früher schön
-und einfach, aber nachlässig; man sieht, daß ihrer Toilette und ihrer
-Frisur die Chaiselongues und Schaukelstühle, auf denen sie tagelang
-umherliegt, nicht gut bekommen. Auch ist sie nicht mehr wißbegierig,
-wie sie es doch früher war. Sie richtet an mich keine Fragen mehr; es
-ist, als hätte sie im Leben schon alles durchgemacht und erwartete
-nicht mehr etwas Neues zu hören.
-
-Kurz vor vier Uhr macht sich im Saale und im Salon eine Bewegung
-bemerklich. Es ist Lisa, die aus dem Konservatorium gekommen ist
-und ein paar Freundinnen mitgebracht hat. Man hört, wie sie Klavier
-spielen, ihre Stimmen versuchen und lachen. Im Eßzimmer deckt Jegor den
-Tisch und klappert mit dem Geschirr.
-
-»Leben Sie wohl,« sagt Katja. »Zu Ihren Damen gehe ich heute nicht
-mehr hinein; sie müssen mich schon entschuldigen; ich habe keine Zeit.
-Besuchen Sie mich!«
-
-Während ich sie bis ins Vorzimmer begleite, blickt sie mich unzufrieden
-vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagt ärgerlich:
-
-»Aber Sie werden immer magerer! Warum gebrauchen Sie keine Kur? Ich
-werde mich an Sergei Fedorowitsch wenden und ihn herschicken. Der soll
-Sie gründlich untersuchen.«
-
-»Das ist nicht nötig, Katja.«
-
-»Ich begreife nicht, wie Ihre Angehörigen das mitansehen können! Es ist
-geradezu eine Sünde!«
-
-Sie zieht mit heftigen Bewegungen ihren Pelz an, wobei aus ihrer
-nachlässig hergestellten Frisur mit Sicherheit zwei oder drei
-Haarnadeln auf den Fußboden fallen. Die Frisur wieder zurechtzumachen,
-ist sie zu träge, hat auch keine Zeit dazu; sie schiebt die
-heruntergefallenen Locken unordentlich unter ihr Mützchen und geht.
-
-Wenn ich in das Eßzimmer trete, fragt mich meine Frau:
-
-»Katja ist eben bei dir gewesen? Warum ist sie denn nicht zu uns
-hereingekommen? Das ist doch geradezu sonderbar ...«
-
-»Aber Mama!« sagt Lisa in vorwurfsvollem Tone. »Wenn sie nicht will,
-dann läßt sie es bleiben. Wir werden sie doch nicht auf den Knien darum
-bitten!«
-
-»Jedenfalls ist es eine arge Nichtachtung. Sitzt da drei Stunden lang
-in Papas Arbeitszimmer und denkt nicht an uns. Na, aber wie es ihr
-beliebt!«
-
-Warja und Lisa hassen Katja. Dieser Haß ist mir unverständlich, und
-wahrscheinlich muß man, um ihn zu verstehen, ein Weib sein. Ich möchte
-mich mit meinem Kopfe dafür verbürgen, daß unter den hundertfünfzig
-jungen Männern, die ich fast täglich in meinem Auditorium sehe, und
-den hundert älteren, mit denen ich jede Woche zusammenkomme, sich kaum
-einer findet, der für diesen Haß und Abscheu gegen Katjas Vergangenheit
-(weil sie nämlich ein uneheliches Kind gehabt hat) ein Verständnis
-besäße; und gleichzeitig kann ich mich auf kein weibliches Wesen unter
-den Frauen und jungen Mädchen meiner Bekanntschaft besinnen, das nicht,
-sei es bewußt, sei es instinktiv, gegen eine solche Geschlechtsgenossin
-von jenen Gefühlen des Hasses und Abscheus erfüllt wäre. Und das kommt
-nicht etwa daher, daß die Frau keuscher und reiner ist als der Mann;
-denn wenn Keuschheit und Reinheit mit solchen boshaften Gefühlen
-verbunden sind, so sind sie nur wenig besser als das Laster. Sondern
-ich erkläre mir das einfach aus der Rückständigkeit der Frau. Wenn der
-heutige Mann beim Anblick eines solchen Unglücks ein wehmütiges Gefühl
-des Mitleids empfindet und sein Gewissen ihn peinigt, so lassen mich
-diese Empfindungen eher auf eine hohe Stufe der Kultur und Sittlichkeit
-schließen als jener Haß und Abscheu. Das heutige Weib besitzt noch
-dieselbe Neigung zum Weinen und dieselbe Härte des Herzens wie das Weib
-des Mittelalters. Und meines Erachtens handeln diejenigen ganz richtig,
-die den Frauen raten, ihrer Bildung dieselbe Richtung zu geben wie die
-Männer.
-
-Meine Frau kann Katja auch deswegen nicht leiden, weil sie
-Schauspielerin gewesen ist, ferner wegen ihrer Undankbarkeit und wegen
-ihres Stolzes und wegen ihres exzentrischen Benehmens und wegen all der
-zahlreichen Laster, die eine Frau immer an einer andern herauszufinden
-versteht.
-
-Außer mir und meiner Familie pflegen bei uns noch zwei oder drei
-Freundinnen meiner Tochter zu Mittag zu speisen, sowie ein Herr
-Alexander Adolfowitsch Gnecker, ein Verehrer Lisas, der sich um
-ihre Hand bewirbt. Er ist ein junger Mann, kaum dreißig Jahre alt,
-blond, von mittlerer Statur, sehr wohlgenährt, breitschultrig, mit
-einem rötlichen Backenbart an den Ohren und einem dunkelgefärbten
-Schnurrbärtchen, das seinem vollen, glatten Gesichte das Aussehen
-einer Spielzeugfigur verleiht. Er trägt ein sehr kurzes Jackett, eine
-bunte Weste, großkarierte Beinkleider, die oben sehr weit und unten
-sehr eng sind, und gelbe Halbstiefel ohne Absätze. Seine Augen stehen
-hervor wie bei einem Krebse; die Krawatte hat mit einem Krebsschwanze
-Ähnlichkeit, und es will mir sogar so vorkommen, als ob dieser ganze
-junge Mensch nach Krebssuppe röche. Er ist bei uns täglich zu Besuch;
-aber niemand in meiner Familie weiß, von welcher Herkunft er ist,
-wo er seine Bildung genossen hat, und wo er die Mittel zum Leben
-herbekommt. Er spielt kein Instrument und singt nicht, hat aber doch
-eine gewisse Beziehung sowohl zur Instrumentalmusik als auch zum
-Gesange; er verkauft irgendwo für irgend jemand Klaviere, hält sich oft
-im Konservatorium auf, ist mit allen Berühmtheiten bekannt und hat bei
-Konzerten allerlei zu arrangieren. Er urteilt über Musik mit großer
-Bestimmtheit, und wie ich bemerkt habe, schließen sich alle seinem
-Urteile willig an.
-
-Wie reiche Leute immer ein paar Parasiten um sich haben, so ist es auch
-mit der Wissenschaft und mit der Kunst. Es gibt wohl auf der Welt
-keine Kunst oder Wissenschaft, die von Fremdkörpern, in der Art dieses
-Herrn Gnecker, frei wäre. Ich bin kein Musiker und irre mich vielleicht
-hinsichtlich dieses Herrn, den ich zudem nur wenig kenne; aber die
-autoritative Würde, mit der er am Flügel steht und zuhört, wenn jemand
-singt oder spielt, kommt mir gar zu verdächtig vor.
-
-Man mag hundertmal ein Gentleman und Geheimrat sein, aber wenn man
-eine Tochter hat, so kann man sich durch nichts vor dem Spießbürgertum
-sichern, das einem durch die Courmacherei, den Heiratsantrag und die
-Hochzeit ins Haus hineingetragen wird und einem die Stimmung verdirbt.
-So kann ich mich z. B. schlechterdings nicht mit der feierlichen Miene
-abfinden, die meine Frau jedesmal annimmt, wenn Herr Gnecker bei uns
-sitzt, auch nicht mit den Flaschen Lafitte, Portwein und Sherry, die
-nur seinetwegen auf den Tisch kommen, um ihn durch den Augenschein zu
-überzeugen, wie behaglich und luxuriös wir leben. Ich kann auch Lisas
-abgebrochenes Lachen nicht vertragen, das sie sich im Konservatorium
-angewöhnt hat, und ihre Manier, die Augen zusammenzukneifen, wenn
-Herren bei uns zu Besuch sind. Und vor allen Dingen kann ich absolut
-nicht begreifen, warum da tagtäglich ein Mensch in mein Haus kommt
-und mit mir zu Mittag speist, der zu meinen Gewohnheiten, zu meiner
-Wissenschaft, zu meiner ganzen Lebensweise nicht im geringsten paßt
-und mit denjenigen Menschen, die ich gern habe, nicht die geringste
-Ähnlichkeit besitzt. Meine Frau und die Dienerschaft flüstern heimlich,
-das sei »ein Freiersmann«; aber ich habe trotzdem kein Verständnis
-für seine Anwesenheit; sie erregt bei mir eine solche Verwunderung,
-als hätte sich ein Zulukaffer zu mir an den Tisch gesetzt. Und ebenso
-seltsam kommt es mir vor, daß meine Tochter, die ich für ein Kind
-anzusehen gewohnt bin, diese Krawatte und diese Augen und diese weichen
-Backen liebt ...
-
-Früher machte das Mittagessen mir Freude oder ließ mich gleichgültig;
-aber jetzt erregt es mir nur Langeweile und macht mich nervös. Seit
-ich Exzellenz geworden und eine Zeitlang Dekan der Fakultät gewesen
-bin, hat meine Familie es aus einem mir unverständlichen Grunde für
-nötig befunden, das Menü und die gesamte Ordnung unseres Mittagessens
-vollständig umzuändern. Statt der einfachen Gerichte, an die ich
-mich gewöhnt hatte, als ich noch Student und praktischer Arzt war,
-bekomme ich jetzt eine Püree-Suppe, in der irgendwelche weiße Klütern
-schwimmen, und Nieren in Madeira zu essen. Mein Generalsrang und
-meine Berühmtheit haben mich auf immer der Kohlsuppe beraubt und der
-schmackhaften Piroggen und des Gänsebratens mit Äpfeln und des Brassens
-mit Grütze. Sie haben mich auch des Stubenmädchens Agascha beraubt,
-einer geschwätzigen, lachlustigen alten Person, statt deren jetzt
-beim Mittagessen Jegor serviert, ein dummer, hochmütiger Bursche, mit
-einem weißen Handschuh auf der rechten Hand. Die Pausen zwischen den
-Gerichten sind nur kurz, erscheinen aber außerordentlich lang, weil wir
-nichts haben, womit wir sie ausfüllen könnten. Es fehlt die frühere
-Heiterkeit, die ungezwungenen Gespräche, die Scherze, das Gelächter,
-die gegenseitigen Zärtlichkeiten und jene Freude, die ehemals die
-Kinder und meine Frau und ich schon darüber zu empfinden pflegten, daß
-wir uns im Eßzimmer zusammenfanden; für mich, einen vielbeschäftigten
-Mann, war das Mittagessen eine Zeit der Erholung, des Wiedersehens
-mit den Meinen, und für meine Frau und die Kinder war es eine wenn
-auch kurze, so doch vergnügte und fröhliche Feierzeit, wo sie wußten,
-daß ich für eine halbe Stunde nicht der Wissenschaft und nicht den
-Studenten, sondern einzig und allein ihnen und sonst niemandem gehörte.
-Jetzt kann ich nicht mehr das Kunststück ausführen, mich an einem
-einzigen Gläschen zu betrinken, und Agascha ist nicht mehr da, und der
-Brassen mit Grütze ist nicht mehr da, und auch der Lärm fehlt, der
-immer die kleinen aufregenden Ereignisse beim Mittagessen begleitete,
-wenn z. B. der Hund und die Katze sich unter dem Tische bissen oder
-das Tuch, das sich Katja um die Backe gebunden hatte, ihr in den
-Suppenteller fiel.
-
-Die jetzige Mittagsmahlzeit zu schildern ist ebenso unerfreulich wie
-sie wirklich durchzumachen. Auf dem Gesichte meiner Frau liegt eine
-gewisse Feierlichkeit, eine gekünstelte Würde und der gewöhnliche
-sorgenvolle Ausdruck. Unruhig blickt sie auf unsere Teller und sagt:
-»Ich sehe, der Braten schmeckt euch nicht. Sagt doch die Wahrheit:
-er schmeckt euch wirklich nicht?« Und ich bin dann genötigt zu
-antworten: »Du machst dir unnütze Sorge, liebe Frau; der Braten
-schmeckt sehr gut.« Und dann sie wieder: »Du willst mich immer
-verteidigen, Nikolai Stepanowitsch, und sagst nie, was Du wirklich
-denkst. Warum hat denn Alexander Adolfowitsch so wenig gegessen?« Und
-in dieser Art geht es während des ganzen Mittagessens weiter. Lisa
-lacht in ihrer abgebrochenen Manier und kneift die Augen zusammen.
-Ich sehe meine Frau und meine Tochter an und werde mir gerade jetzt
-beim Mittagessen vollständig klar darüber, daß das innere Leben der
-beiden schon längst meiner Beobachtung entschlüpft ist. Ich habe ein
-Gefühl, als hätte ich früher einmal mit meiner richtigen Familie
-zu Hause gelebt, wäre aber jetzt bei einer fremden Dame, nicht bei
-meiner richtigen Frau, zum Mittagessen und sähe da ein fremdes junges
-Mädchen, nicht meine richtige Lisa, vor mir. Mit beiden ist eine starke
-Veränderung vorgegangen, und ich habe diesen langen Veränderungsprozeß
-gewissermaßen verschlafen, und so ist es denn kein Wunder, daß ich
-jetzt nichts begreife. Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen?
-Ich weiß es nicht. Möglicherweise rührt das ganze Unglück daher, daß
-Gott meiner Frau und meiner Tochter nicht so viel Kraft verliehen hat
-wie mir. Ich war von meiner Kindheit an gewöhnt, äußeren Einflüssen
-Widerstand zu leisten, und habe mich hinlänglich abgehärtet; solche
-Katastrophen im Leben wie das Berühmtwerden, die Erlangung des
-Generalsranges, der Übergang von einem auskömmlichen Leben zu einem
-Leben, das die Mittel übersteigt, der Eintritt in den Verkehr mit
-vornehmen Leuten, und mehr dergleichen, all das hat mich daher kaum
-berührt, und ich bin heil und unversehrt geblieben; aber auf meine
-Frau und Lisa, die schwach und nicht abgehärtet waren, ist dies alles
-zusammengestürzt wie eine große Schneewand und hat sie erdrückt.
-
-Die jungen Damen und Herr Gnecker reden über Fugen, über Kontrapunkt,
-über Sänger und Pianisten, über Bach und Brahms; meine Frau aber,
-welche in den Verdacht der Unwissenheit auf musikalischem Gebiete
-zu kommen fürchtet, lächelt interessiert und murmelt: »Ganz reizend
-... Wirklich? Gewiß, gewiß ...« Herr Gnecker ißt tüchtig, macht
-wohlanständige Scherze und hört nachsichtig die Bemerkungen der
-jungen Damen an. Mitunter bekundet er das Bestreben, ein schlechtes
-Französisch zu sprechen, und dann hält er (ich weiß nicht warum) für
-nötig, mich ~votre excellence~ zu titulieren.
-
-Ich aber bin ärgerlich. Augenscheinlich geniere ich sie alle, und sie
-genieren mich. Nie habe ich früher etwas von Feindschaft gegen einen
-andern Stand gewußt; jetzt aber quält mich tatsächlich etwas von dieser
-Art. Ich bemühe mich, an Herrn Gnecker nur schlechte Eigenschaften
-herauszufinden, finde solche auch wirklich bald und bin mißgestimmt
-darüber, daß da als Bewerber um die Hand meiner Tochter ein Mensch
-sitzt, der einem ganz andern Kreise angehört als ich. Seine Anwesenheit
-hat auch noch in einer andern Hinsicht einen schlechten Einfluß auf
-mich. Gewöhnlich, wenn ich allein bin oder mich in Gesellschaft von
-Leuten befinde, die mir sympathisch sind, denke ich gar nicht an meine
-Verdienste, oder wenn mir doch der Gedanke an sie kommt, so erscheinen
-sie mir so geringfügig, als wäre ich erst gestern ein Gelehrter
-geworden; aber in Gegenwart solcher Leute, wie Herr Gnecker, kommen
-mir meine Verdienste wie ein sehr hoher Berg vor, dessen Gipfel in den
-Wolken verschwindet, und an dessen Fuße, für das Auge kaum sichtbar,
-die Menschen von der Art des Herrn Gnecker sich herumbewegen.
-
-Nach Tische gehe ich in mein Arbeitszimmer und rauche dort ein
-Pfeifchen, das einzige während des ganzen Tages; mehr ist von meiner
-früheren schlechten Gewohnheit, vom frühen Morgen bis in die Nacht
-hinein zu paffen, nicht übriggeblieben. Während ich rauche, kommt meine
-Frau zu mir herein und setzt sich hin, um mit mir zu reden. Gerade so
-wie am Vormittage weiß ich auch jetzt, wovon unser Gespräch handeln
-wird.
-
-»Ich habe mit dir etwas Ernstes zu besprechen, Nikolai Stepanowitsch,«
-beginnt sie. »Ich wollte von Lisa reden. Warum wendest du darauf keine
-Aufmerksamkeit?«
-
-»Was meinst du damit?«
-
-»Du tust, als ob du nichts merktest; aber das ist doch ein falsches
-Benehmen. Man darf die Sache nicht so gehen lassen, ohne sich darum zu
-kümmern. Gnecker hat ernste Absichten auf Lisa. Was sagst du dazu?«
-
-»Daß er ein schlechter Mensch ist, kann ich nicht sagen, da ich
-ihn nicht kenne; aber daß er mir nicht gefällt, habe ich dir schon
-tausendmal gesagt.«
-
-»Aber es ist unrecht ... es ist unrecht ...«
-
-Sie steht auf und geht in großer Erregung auf und ab.
-
-»Es ist unrecht, einer ernsten Sache gegenüber einen solchen Standpunkt
-einzunehmen,« sagt sie. »Wenn es sich um das Lebensglück der Tochter
-handelt, dann muß man alles Persönliche ausschalten. Ich weiß, daß er
-dir nicht gefällt ... Das kann ja sein ... Aber wenn wir ihn jetzt
-abweisen und die Sache verhindern, dann ist zu befürchten, daß Lisa
-uns ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen wird. Es wimmelt heutzutage
-nicht von Freiern, und es kann leicht kommen, daß sich ihr keine andere
-Partie mehr bietet. Er liebt Lisa sehr, und anscheinend findet auch sie
-an ihm Gefallen. Er hat ja allerdings keine gesicherte Stellung; aber
-was ist da zu machen? So Gott will, wird er schon mit der Zeit irgendwo
-ankommen. Er ist aus guter Familie und reich.«
-
-»Woher weißt du das?«
-
-»Er hat es gesagt. Sein Vater besitzt in Charkow ein großes Haus und in
-der Nähe von Charkow ein Gut. Kurz gesagt, Nikolai Stepanowitsch, du
-mußt unbedingt nach Charkow reisen.«
-
-»Warum?«
-
-»Du mußt da Erkundigungen anstellen. Du bist ja dort mit einigen
-Professoren bekannt; die werden dir behilflich sein. Ich würde selbst
-hinfahren; aber ich bin ein Weib. Ich kann es nicht.«
-
-»Ich reise nicht nach Charkow,« erwidere ich mürrisch.
-
-Meine Frau bekommt einen Schreck, und auf ihrem Gesichte erscheint ein
-Ausdruck qualvollen Schmerzes.
-
-»Um Gottes willen, Nikolai Stepanowitsch!« fleht sie mich schluchzend
-an. »Um Gottes willen, nimm mir diese schwere Sorge von der Seele! Ich
-leide darunter entsetzlich!«
-
-Wie ich sie so ansehe, tut sie mir leid.
-
-»Nun gut, Warja,« sage ich freundlich. »Wenn du es wünschest, will ich
-meinetwegen nach Charkow fahren und alles tun, was du möchtest.«
-
-Sie drückt das Taschentuch gegen die Augen und geht auf ihr Zimmer, um
-zu weinen. Ich bleibe allein.
-
-Nach einiger Zeit bringt man mir Licht. Von den Sesseln und dem
-Lampenschirm lagern sich auf den Wänden und auf dem Fußboden die mir
-längst bekannten, längst zuwider gewordenen Schatten, und wenn ich sie
-ansehe, so will es mir scheinen, daß es schon Nacht sei, und daß meine
-nichtswürdige Schlaflosigkeit schon beginne. Ich lege mich ins Bett;
-dann stehe ich wieder auf und wandere im Zimmer auf und ab; dann lege
-ich mich wieder hin ... Gewöhnlich erreicht nach dem Mittagessen, vor
-dem Abend, meine nervöse Erregung ihren höchsten Grad. Ich fange ohne
-Veranlassung zu weinen an und stecke den Kopf unter das Kopfkissen.
-In solchen Augenblicken fürchte ich mich davor, daß jemand eintreten
-könnte; ich fürchte, plötzlich zu sterben, schäme mich meiner Tränen,
-und meine ganze Seele ist von einem allgemeinen, unerträglichen
-Schmerz erfüllt. Ich fühle, daß ich nicht länger imstande bin, meine
-Lampe, meine Bücher, die Schatten auf dem Fußboden anzusehen und die
-aus dem Salon herübertönenden Stimmen anzuhören. Eine unsichtbare,
-unbegreifliche Macht zieht mich gewaltsam aus meiner Wohnung hinaus.
-Ich springe auf, kleide mich hastig an und gehe vorsichtig, damit
-meine Hausgenossen es nicht gewahr werden, auf die Straße. Wo soll ich
-hingehen?
-
-Die Antwort auf diese Frage steckt schon längst fertig in meinem
-Gehirn: zu Katja.
-
-
-
-
-III
-
-
-Sie liegt wie gewöhnlich auf dem türkischen Sofa oder einer
-Chaiselongue und liest ein Buch. Sobald sie mich erblickt, hebt sie
-träge den Kopf in die Höhe, setzt sich aufrecht und streckt mir die
-Hand entgegen.
-
-»Immer liegst du,« sage ich, nachdem ich ein Weilchen geschwiegen
-und mich erholt habe. »Das ist ungesund. Du solltest dir irgendeine
-Tätigkeit zurechtmachen.«
-
-»Was sagen Sie?«
-
-»Ich sage, du solltest dir irgendeine Tätigkeit zurechtmachen.«
-
-»Was für eine Tätigkeit? Eine Frau kann weiter nichts sein als entweder
-einfache Arbeiterin oder Schauspielerin.«
-
-»Nun gut: wenn du also nicht Arbeiterin sein kannst, so werde wieder
-Schauspielerin.«
-
-Sie schweigt.
-
-»Du solltest heiraten,« sage ich halb im Scherz.
-
-»Ich wüßte nicht, wen. Und es liegt mir auch nichts daran.«
-
-»So, wie du lebst, das ist kein Leben.«
-
-»Ohne Mann? Große Sache! Männer könnte ich haben, soviel ich wollte,
-wenn ich nur Lust hätte.«
-
-»Das ist häßlich, Katja.«
-
-»Was ist häßlich?«
-
-»Was du da eben gesagt hast.«
-
-Da sie merkt, daß ich mich verletzt fühle, möchte sie den üblen
-Eindruck wieder gutmachen und sagt:
-
-»Kommen Sie! Wir wollen anderswohin gehen. Dorthin.«
-
-Sie führt mich in ein kleines, sehr behagliches Zimmerchen und sagt,
-indem sie auf einen Schreibtisch hinweist:
-
-»Da! Ich habe ihn für Sie angeschafft. Hier können Sie arbeiten. Kommen
-Sie alle Tage her und bringen Sie Ihre Arbeit mit! Dort bei Ihnen zu
-Hause stört man Sie doch nur. Wollen Sie hier arbeiten? Ja? Wollen Sie?«
-
-Um sie nicht durch eine abschlägige Antwort zu kränken, erwidere
-ich ihr, ich würde bei ihr arbeiten, und das Zimmer gefalle mir
-außerordentlich. Darauf lassen wir uns beide in dem gemütlichen
-Zimmerchen nieder und fangen an, uns zu unterhalten.
-
-Die Wärme, die anheimelnde Umgebung und die Anwesenheit eines mir
-sympathischen Menschen erwecken in mir jetzt nicht wie in früheren
-Zeiten ein Gefühl des Vergnügens, sondern einen starken Drang zu klagen
-und zu murren. Ich habe die Vorstellung, wenn ich murre und klage, wird
-mir leichter ums Herz werden.
-
-»Es ist ein übles Ding, mein liebes Kind!« beginne ich mit einem
-Seufzer. »Ein sehr übles Ding ...«
-
-»Was denn?«
-
-»Ich will dir sagen, um was es sich handelt, meine Liebe. Das schönste
-und heiligste Recht der Könige ist das Recht der Begnadigung. Und
-ich bin mir immer wie ein König vorgekommen, da ich dieses Recht in
-unbegrenztem Maße ausübte. Ich habe nie über jemand den Stab gebrochen,
-bin nachsichtig gewesen und habe gern allen Menschen rings um mich
-herum verziehen. Wo andere protestierten und empört waren, da habe ich
-nur durch Ratschläge und Überredung zu wirken gesucht. Mein ganzes
-Leben hindurch ist mein Bestreben nur darauf gerichtet gewesen, meiner
-Familie, den Studenten, den Kollegen, den Dienstboten den Verkehr
-mit mir erträglich zu machen. Und dieses mein Betragen den Menschen
-gegenüber hat, das weiß ich, auf alle, die mit mir zu tun hatten,
-erzieherisch gewirkt. Aber jetzt bin ich kein König mehr. In meiner
-Seele bildet sich eine Gesinnung heraus, die nur für Sklavenseelen
-paßt; in meinem Kopfe wimmelt es Tag und Nacht von bösen Gedanken,
-und in meinem Herzen hat sich ein ganzer Schwarm von Empfindungen
-eingenistet, wie ich sie früher nie gekannt habe. Ich hasse, verachte,
-bin mißvergnügt und empört und fürchte mich. Ich bin über die Maßen
-streng, anspruchsvoll, reizbar, unliebenswürdig und argwöhnisch
-geworden. Selbst Dinge, die mir früher lediglich Anlaß gaben, einen
-munteren Scherz zu machen und gutmütig zu lachen, rufen jetzt bei mir
-ein drückendes, beängstigendes Gefühl hervor. Auch meine Logik hat sich
-geändert: früher richtete sich meine Verachtung nur gegen das Geld;
-jetzt aber hege ich ein feindseliges Gefühl gegen die Reichen, als ob
-diese irgendwelche Schuld träfe; früher haßte ich Gewalttätigkeit und
-Willkür; aber jetzt hasse ich die Menschen, die gewalttätig verfahren,
-als ob sie allein schuld wären und nicht vielmehr wir alle, die wir
-einander nicht zu erziehen verstehen. Woher kommt das? Wenn diese
-neuen Gedanken und neuen Empfindungen in einer Veränderung meiner
-Überzeugungen ihren Ursprung haben, welchen Grund mag dann diese
-Veränderung haben? Ist die Welt schlechter geworden und ich besser,
-oder war ich früher blind und achtlos? Wenn aber diese Veränderung
-von einem allgemeinen Verfall meiner körperlichen und geistigen
-Kräfte herrührt (ich bin ja tatsächlich krank und verliere täglich an
-Gewicht), dann ist meine Lage eine ganz klägliche, dann sind meine
-neuen Gedanken nicht normal, sondern krankhaft, und ich muß mich ihrer
-schämen und sie für völlig wertlos erachten ...«
-
-»Ihre Krankheit hat damit nichts zu tun,« unterbricht mich Katja; »es
-sind Ihnen einfach die Augen aufgegangen; das ist das Ganze. So haben
-Sie erblickt, was Sie früher aus irgendwelchem Grunde nicht wahrnehmen
-wollten. Meiner Ansicht nach ist vor allen Dingen notwendig, daß Sie
-sich von Ihrer Familie trennen und von ihr fortgehen.«
-
-»Du redest Torheiten.«
-
-»Sie lieben sie nicht mehr; wozu da noch heucheln? Und ist denn das
-eine Familie für Sie? Ganz wertlose Geschöpfe! Wenn sie heute stürben,
-so würde sie schon morgen kein Mensch mehr vermissen.«
-
-Katja verachtet meine Frau und meine Tochter ebenso stark, wie diese
-beiden sie hassen. Man darf in unserer Zeit ja kaum von einem Rechte
-der Menschen reden, einander zu verachten. Aber wenn man sich auf
-Katjas Standpunkt stellt und das Vorhandensein eines solchen Rechtes
-behauptet, dann muß man allerdings sagen, daß sie mit demselben Rechte
-meine Frau und Lisa verachtet, mit welchem diese sie hassen.
-
-»Ganz wertlose Geschöpfe!« sagt sie noch einmal. »Haben Sie heute
-zu Mittag gegessen? Mich wundert nur, daß Ihre Angehörigen nicht
-vergessen haben, Sie zu Tisch zu rufen, daß sie überhaupt noch an Ihre
-Existenz denken.«
-
-»Katja,« sage ich in strengem Tone, »ich bitte dich zu schweigen.«
-
-»Meinen Sie denn, daß es mir Vergnügen macht, von ihnen zu reden? Ich
-wäre froh, wenn ich sie überhaupt nicht kennte. Hören Sie auf mich,
-teurer Freund: lassen Sie alles im Stich, und reisen Sie weg! Reisen
-Sie ins Ausland! Je eher, um so besser.«
-
-»Was für Unsinn! Und die Universität?«
-
-»Lassen Sie auch die Universität im Stich! Was haben Sie von der?
-Etwas Gescheites kommt ja doch nicht dabei heraus. Da halten Sie nun
-schon dreißig Jahre lang Vorlesungen, und was ist aus Ihren Schülern
-geworden? Haben Sie etwa viele berühmte Gelehrte herangebildet?
-Zählen Sie sie doch einmal zusammen! Und um die Zahl dieser Ärzte
-zu vermehren, die die Unwissenheit der Patienten ausbeuten und
-Hunderttausende von Rubeln zusammenscharren, dazu bedarf es keines
-talentvollen, herzensguten Menschen. Sie sind hier völlig entbehrlich.«
-
-»Mein Gott, was hast du für eine scharfe Zunge!« sage ich erschrocken.
-»Was für eine scharfe Zunge! Schweig still, sonst gehe ich fort. Ich
-verstehe mich nicht darauf, auf deine bissigen Reden zu antworten.«
-
-Das Stubenmädchen tritt ein und ruft uns zum Tee. Beim Samowar
-wendet sich unser Gespräch glücklicherweise anderen Gegenständen zu.
-Nachdem ich bereits zur Genüge geklagt habe, bekomme ich Lust, der
-andern Schwäche, die mein Alter mit sich gebracht hat, freien Lauf
-zu lassen, dem Umherkramen in Erinnerungen. Ich erzähle Katja aus
-meiner Vergangenheit und teile ihr zu meinem eigenen größten Erstaunen
-allerlei Einzelheiten mit, von denen ich gar nicht geahnt habe, daß
-sie sich noch in meinem Gedächtnis erhalten haben. Sie aber hört mir
-gerührt, stolz, mit angehaltenem Atem zu. Besondere Freude macht es
-mir, ihr davon zu erzählen, wie ich ehemals Seminarschüler war, und wie
-es das Ziel meiner Sehnsucht war, die Universität zu beziehen.
-
-»Manchmal ging ich in unserem Seminargarten spazieren,« erzähle ich.
-»Da trug der Wind aus irgendeiner fernen Schenke die Töne einer
-quiekenden Harmonika und eines Liedes herüber, oder es jagte an dem
-Zaune des Seminargartens eine Troika mit Schellengeklingel vorbei, und
-dies genügte vollständig, um plötzlich ein Gefühl des Glückes nicht
-nur in meiner Brust, sondern auch in meinem Bauche, in den Beinen,
-in den Händen hervorzurufen. Ich horchte nach der Harmonika oder dem
-verklingenden Schellengeläute hin und stellte mir vor, ich sei Arzt,
-und malte mir Bilder aus, eines immer schöner als das andere. Und nun
-sind, wie du siehst, meine Träume in Erfüllung gegangen. Ich habe
-mehr erreicht, als ich zu hoffen wagte. Dreißig Jahre lang bin ich
-ein beliebter Professor gewesen, habe vortreffliche Kollegen gehabt
-und mich eines ehrenvollen Renommees erfreut. Ich habe geliebt, habe
-aus leidenschaftlicher Liebe geheiratet; es sind mir Kinder geboren.
-Kurz, wenn ich zurückblicke, so erscheint mir mein ganzes Leben wie
-eine hübsche, talentvolle Komposition. Jetzt bleibt mir nur noch eines
-zu tun: dafür zu sorgen, daß ich das Finale nicht verderbe. Zu diesem
-Zwecke muß ich in einer menschenwürdigen Weise sterben. Wenn der Tod
-wirklich eine Gefahr ist, so muß ich ihm so entgegentreten, wie es
-sich für einen Lehrer, für einen Gelehrten und für den Bürger eines
-christlichen Staates ziemt: mutig und ruhigen Herzens. Aber ich werde
-das Finale verderben. Ich bin nahe daran, zu ertrinken, komme zu dir
-hergelaufen und bitte um Hilfe; du aber sagst zu mir: ›Ertrinken Sie
-nur; das muß so sein!‹«
-
-Aber in diesem Augenblick ertönt im Vorzimmer die Klingel. Wir beide,
-Katja und ich, erkennen diese Art zu klingeln und sagen:
-
-»Das ist gewiß Michail Fedorowitsch.«
-
-Und wirklich tritt einen Augenblick darauf mein Kollege, der Philologe
-Michail Fedorowitsch, ins Zimmer, ein hochgewachsener, wohlgebildeter
-Mann von etwa fünfzig Jahren, mit dichtem, grauem Haar, schwarzen
-Brauen und glatt rasiertem Gesicht. Er ist ein guter Mensch und ein
-vorzüglicher Kollege. Er stammt aus einer alten Adelsfamilie, die eine
-recht glückliche Vergangenheit hat, viele talentvolle Männer zu ihren
-Mitgliedern zählt und in der Geschichte unserer Literatur und Bildung
-eine bedeutende Rolle spielt. Auch er selbst ist klug, talentvoll
-und hochgebildet, aber nicht frei von Sonderbarkeiten. Bis zu einem
-gewissen Grade sind wir ja alle seltsame, wunderliche Käuze; aber seine
-Sonderbarkeiten zeigen sich ausschließlich seinen Bekannten gegenüber
-und sind für diese nicht ungefährlich. Unter seinen Bekannten kenne ich
-nicht wenige, die über seinen Sonderbarkeiten gar kein Auge für seine
-zahlreichen guten Eigenschaften haben.
-
-Als er zu uns ins Zimmer tritt, zieht er langsam die Handschuhe aus und
-sagt mit seiner weichen, tiefen Stimme:
-
-»Guten Abend. Sie sind beim Tee? Das kommt mir sehr zupaß. Es ist
-nichtswürdig kalt draußen.«
-
-Dann setzt er sich an den Tisch, nimmt sich ein Glas und beginnt
-sogleich zu reden. Das Charakteristischste an seiner Art zu reden ist
-sein beständig scherzhafter Ton, eine Art Mischung von Philosophie
-und Possenreißerei, wie bei den Shakespearischen Totengräbern. Er
-redet immer über ernste Dinge, aber niemals in ernster Art. Seine
-Urteile sind immer scharf und spöttisch; aber infolge des weichen,
-gleichmäßigen, scherzhaften Tones verletzen die Schärfe und der Spott
-nicht das Ohr des Hörers, und man gewöhnt sich bald daran. Jeden Abend
-bringt er fünf bis sechs Anekdoten aus dem Universitätsleben mit und
-fängt sie meist zu erzählen an, sobald er sich an den Tisch setzt.
-
-»Mein Gott!« seufzt er und bewegt dabei spöttisch seine schwarzen
-Augenbrauen. »Was gibt es doch für komische Gesellen auf der Welt!«
-
-»Wieso?« fragt Katja.
-
-»Ich komme heute aus meiner Vorlesung und treffe auf der Treppe diesen
-alten Idioten, unsern N. N. Er steigt die Treppe hinauf, hält wie
-gewöhnlich sein Pferdekinn nach vorn gestreckt und sucht jemand, dem er
-über seine Migräne, über seine Frau und über die Studenten, die seine
-Vorlesungen nicht besuchen wollen, etwas vorklagen kann. ›Na,‹ denke
-ich, ›gesehen hat er mich nun einmal; jetzt bin ich geliefert, es wird
-mir schlimm ergehen ...‹«
-
-Und so fort, immer in derselben Art. Oder er beginnt so:
-
-»Gestern war ich in der öffentlichen Vorlesung unseres Kollegen Z.
-Ich wundere mich, wie unsere ~alma mater~ es übers Herz bringen kann,
-dem Publikum (mit Verlaub gesagt) solche Tölpel und patentierten
-Holzköpfe zu präsentieren wie diesen Z. Er ist ja doch ein Dummrian
-erster Klasse! Ich bitte Sie, in ganz Europa findet man bei Tage mit
-der Laterne kein zweites derartiges Exemplar! Stellen Sie sich das nur
-einmal vor: er liest, als wenn er Kandiszucker lutschte! Zju, zju,
-zju ... Er bekam es mit der Angst, konnte sein Manuskript schlecht
-lesen, und die dürftigen Gedanken krochen nur ganz langsam dahin, mit
-der Geschwindigkeit eines radfahrenden Archimandriten; und, was die
-Hauptsache war, man konnte absolut nicht verstehen, was er eigentlich
-sagen wollte. Es herrschte eine furchtbare Langeweile, so daß die
-Fliegen davon starben. Diese Langeweile läßt sich nur mit derjenigen
-vergleichen, die in unserer Aula bei dem jährlichen Aktus herrscht,
-wenn die herkömmliche Rede gehalten wird. Hol sie der Teufel!«
-
-Und dann fährt er mit einem scharfen Übergange fort:
-
-»Vor drei Jahren (hier unser Nikolai Stepanowitsch wird sich noch daran
-erinnern) hatte ich diese Rede zu halten. Es war heiß und schwül, die
-Uniform kniff mich unter den Armen, -- es war zum Krepieren! Ich las
-eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb Stunden, zwei Stunden. ›Na,‹
-dachte ich, ›Gott sei Dank, jetzt sind es nur noch zehn Seiten.‹ Und
-ganz am Schluß hatte ich vier Seiten, die ich gut und gern ungelesen
-lassen konnte, und ich nahm mir vor, sie wegzulassen. ›Also dann
-bleiben nur noch sechs,‹ dachte ich. Aber denken Sie sich: ich warf
-einen flüchtigen Blick nach den Zuhörern und sah, daß da in der ersten
-Reihe nebeneinander ein General mit einem Ordensbande und ein Bischof
-saßen. Die armen Kerle waren ganz starr vor Langerweile und rissen
-krampfhaft die Augen auf, um nicht einzuschlafen; aber sie bemühten
-sich trotzdem, ihren Gesichtern den Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit
-zu geben, und taten, als ob sie meine Vorlesung verständen und Genuß
-davon hätten. ›Na,‹ dachte ich, ›wenn es euch so viel Vergnügen macht,
-dann will ich es euch gründlich geben! Euch zum Possen!‹ Und ich las
-auch noch die ganzen vier letzten Seiten mit.«
-
-Wenn er spricht, so lächeln bei ihm, wie überhaupt bei spottlustigen
-Leuten, nur die Augen und die Brauen. In seinen Augen liegt zu solcher
-Zeit nichts von Haß oder Bosheit, wohl aber viel Witz und jene
-besondere fuchsartige Schlauheit, die man nur bei Menschen mit sehr
-gut entwickelter Beobachtungsgabe bemerken kann. Von seinen Augen
-möchte ich ferner erwähnen, daß ich an ihnen noch eine besondere
-Eigentümlichkeit wahrgenommen habe. Jedesmal wenn er von Katja ein
-gefülltes Glas hinnimmt oder eine von ihr gemachte Bemerkung anhört
-oder ihr mit dem Blicke folgt, wenn sie einmal für kurze Zeit das
-Zimmer verläßt, bemerke ich in seinem Blicke etwas Sanftes, Flehendes,
-Reines ...
-
-Das Stubenmädchen nimmt den Samowar fort und stellt ein großes Stück
-Käse, allerlei Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein auf den Tisch,
-einen ziemlich schlechten Wein, an dem aber Katja, als sie in der
-Krim wohnte, Geschmack gewonnen hat. Michail Fedorowitsch nimmt von
-einer Etagère zwei Spiele Karten und legt Patience. Nach seiner
-Versicherung erfordern einige Arten von Patience viel Kombinationssinn
-und Aufmerksamkeit; aber trotzdem redet er während des Legens munter
-weiter. Katja verfolgt aufmerksam seine Manipulationen mit den Karten
-und ist ihm mehr durch Mimik als durch Worte behilflich. Von dem Weine
-trinkt sie den ganzen Abend über nicht mehr als zwei Gläser, und ich
-trinke ein Viertel Glas; der übrige Teil der Flasche entfällt auf
-Michail Fedorowitsch, der viel trinken kann, ohne daß es ihm in den
-Kopf steigt.
-
-Während des Patiencelegens disputieren wir über allerlei Fragen,
-namentlich höherer Art, wobei das, was wir beide am meisten lieben, am
-schlimmsten wegkommt, nämlich die Wissenschaft.
-
-»Die Wissenschaft ist, Gott sei Dank, am Ende ihres Daseins angelangt,«
-sagt Michail Fedorowitsch; er spricht in einzelnen Absätzen. »Mit der
-geht es auf die Neige. Ja, ja. Die Menschheit verspürt bereits das
-Bedürfnis, etwas anderes an die Stelle der Wissenschaft zu setzen.
-Die Wissenschaft ist auf einem Boden von falschen Vorstellungen
-entsprossen, hat sich von falschen Vorstellungen genährt und bildet
-jetzt eine ebensolche Quintessenz von falschen Vorstellungen, wie
-ihre abgelebten Großmütter: Alchimie, Metaphysik und Philosophie. Und
-wirklich, was hat sie der Menschheit gegeben? Zwischen den gelehrten
-Europäern und den aller Wissenschaft entbehrenden Chinesen ist doch der
-Unterschied nur ein minimaler, rein äußerlicher. Die Chinesen haben
-keine Wissenschaft gekannt; aber was haben sie dadurch verloren?«
-
-»Auch die Fliegen kennen keine Wissenschaft,« entgegne ich, »aber was
-folgt daraus?«
-
-»Sie ärgern sich ganz unnötigerweise, Nikolai Stepanowitsch. Ich
-rede ja so nur hier, wo wir unter uns sind. Ich bin vorsichtiger,
-als Sie meinen, und werde das nicht öffentlich aussprechen, Gott
-behüte. Die große Menge ist in der falschen Vorstellung befangen,
-die Wissenschaften und Künste ständen höher als Ackerbau, Handel und
-Gewerbe. Unsere Sekte lebt von dieser falschen Vorstellung, und es
-ist nicht meine und Ihre Sache, diese Vorstellung zu zerstören. Gott
-behüte!« Während des Patiencelegens bekommt auch die Jugend gehörig
-etwas ab.
-
-»Unsere Hörerschaft ist heutzutage einer argen Verflachung anheim
-gefallen,« bemerkt Michail Fedorowitsch seufzend. »Ich will gar nicht
-einmal von Idealen und solchen Dingen reden; wenn sie nur wenigstens zu
-arbeiten und vernünftig zu denken verständen! Da trifft das Wort zu:
-›Ich schaue nur mit Schmerz das heutige Geschlecht.‹«
-
-»Ja, die jetzige Generation ist entsetzlich verflacht,« stimmt ihm
-Katja bei. »Sagen Sie, haben Sie in den letzten fünf, zehn Jahren unter
-Ihren Hörern auch nur einen einzigen hervorragenden Menschen gehabt?«
-
-»Ich weiß nicht, wie es damit bei andern Professoren steht; aber unter
-meinen eigenen Hörern kann ich mich auf keinen solchen besinnen.«
-
-»Ich habe in meinem Leben viele Studenten, viele junge Gelehrte, viele
-Schauspieler kennen gelernt; aber nie habe ich das Glück gehabt, ich
-will gar nicht einmal sagen einem Geistesheros oder einem Talente,
-sondern nur ganz einfach einem interessanten Menschen darunter zu
-begegnen. Alles grau, talentlos, voll Dünkel und Anmaßung ...«
-
-Alle diese Gespräche über Verflachung wirken auf mich jedesmal ebenso,
-wie wenn ich unversehens häßliche Bemerkungen über meine Tochter
-erlauschte. Es ist mir verdrießlich, daß die Anklagen sich so allgemein
-gegen die ganze Jugend richten und sich auf solche längst abgenutzten
-Schlagwörter gründen, wie es die Redensarten von Verflachung und von
-einem Mangel an Idealen und der Hinweis auf die schöne Vergangenheit
-sind. Jede Anklage, auch wenn sie in Damengesellschaft vorgebracht
-wird, muß möglichst präzise formuliert sein; sonst ist es eben keine
-Anklage, sondern eine leere, anständiger Menschen unwürdige Verleumdung.
-
-Ich bin ein alter Mann und stehe schon dreißig Jahre in meinem
-Amte; aber ich bemerke weder eine Verflachung noch einen Mangel an
-Idealen und kann nicht finden, daß es jetzt in dieser Hinsicht übler
-bestellt wäre als früher. Mein Portier Nikolai, dessen Erfahrung
-auf diesem Gebiet nicht ohne Wert ist, sagt, die heutigen Studenten
-seien nicht besser und nicht schlechter als die früheren. Wenn mich
-jemand fragte, was mir an meinen jetzigen Hörern mißfalle, so würde
-ich keine zusammenfassende Antwort geben, sondern einige Punkte mit
-hinlänglicher Präzision aufzählen. Die Mängel meiner Studenten
-kenne ich genau und brauche daher nicht zu nebelhaften, allgemeinen
-Schlagworten meine Zuflucht zu nehmen. Mir mißfällt, daß sie Tabak
-rauchen, alkoholische Getränke genießen und spät heiraten; ferner
-daß sie gedankenlos in den Tag hineinleben und oft eine solche
-Gleichgültigkeit zeigen, daß sie unter sich Hungernde dulden und an
-den Verein zur Unterstützung bedürftiger Studenten ihre fälligen
-Beiträge nicht bezahlen. Sie verstehen die neueren Sprachen nicht
-und können sich auf russisch nicht korrekt ausdrücken; erst gestern
-klagte mir mein Kollege, der Hygieniker, er müsse die Zeitdauer seiner
-Vorlesung verdoppeln, weil sie so wenig Physik verständen und mit
-der Meteorologie gar nicht Bescheid wüßten. Sie lassen sich in ihren
-Ansichten gern von den Schriftstellern der neuesten Zeit leiten,
-aber keineswegs von den besten; dagegen stehen sie Klassikern wie
-Shakespeare, Marc Aurel, Epiktet, Pascal völlig kühl gegenüber. In
-dieser Unfähigkeit, das Große vom Kleinen zu unterscheiden, zeigt
-sich am allermeisten das Unpraktische ihres Wesens. Alle schwierigen
-Fragen, die mehr oder weniger eine soziale Bedeutung haben, wie z. B.
-die Frage der Freizügigkeit, entscheiden sie durch Abstimmungslisten
-statt auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung und Erfahrung,
-wiewohl dieser Weg ihnen durchaus zugänglich ist und ihrem Berufe am
-meisten entsprechen würde. Gern werden sie Präparatoren, Assistenten,
-Laboranten, Repetenten, und es kommt ihnen nicht darauf an, in solchen
-Stellungen bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahre zu verbleiben, obwohl
-Selbständigkeit, Freiheitssinn und persönliche Initiative in der
-Wissenschaft nicht minder notwendig sind als beispielsweise in der
-Kunst oder im Handel. Ich habe Schüler und Hörer, aber keine Gehilfen
-und Nachfolger, und daher mag ich sie zwar gern leiden und habe für sie
-alle Teilnahme, aber ich bin nicht stolz auf sie. Usw. usw. ...
-
-Solche Mängel, wieviel ihrer auch sein mögen, können eine
-pessimistische oder zornige Stimmung nur bei kleinmütigen, ängstlichen
-Menschen erzeugen. Alle diese Mängel sind ihrem ganzen Wesen nach
-nur zufällig und vorübergehend und hängen durchaus von den gesamten
-Lebensverhältnissen ab; ein paar Jahrzehnte genügen, damit sie
-verschwinden oder, da es nun einmal ohne Mängel nicht geht, ihren
-Platz andern neuen Mängeln abtreten, die dann ihrerseits wieder den
-Kleinmütigen einen Schreck einjagen werden. Die Studentensünden
-ärgern mich oft; aber dieser Ärger will nichts besagen im Vergleiche
-mit der Freude, die ich nun schon dreißig Jahre lang empfinde, wenn
-ich mit meinen Schülern ein Gespräch führe, ihnen Vorlesungen halte,
-ihr Verhalten untereinander beobachte und sie mit Angehörigen anderer
-Kreise vergleiche.
-
-Michail Fedorowitsch führt Lästerreden, Katja hört ihm zu, und beide
-merken nicht, in was für einen tiefen Abgrund ein anscheinend so
-unschuldiges Vergnügen wie das Aburteilen über den Nächsten sie
-allmählich hineinzieht. Sie fühlen nicht, wie ein harmloses Gespräch
-Schritt für Schritt in Verspottung und Verhöhnung übergeht, und wie sie
-beide sogar die Kunstgriffe der Verleumdung zu gebrauchen anfangen.
-
-»Es gibt doch gar zu komische Kunden,« sagt Michail Fedorowitsch.
-»Gestern komme ich zu unserem Jegor Petrowitsch und treffe dort einen
-Studiosus, einen von Ihren Medizinern, ich glaube aus dem dritten
-Kursus. Ein Gesicht hatte er so im Stile des Kritikers Dobroljubow,
-auf der Stirn den Stempel tiefen Denkens. Wir kamen miteinander ins
-Gespräch. ›Ja, junger Mann,‹ sage ich, ›es passieren die wunderbarsten
-Dinge. Da habe ich gelesen, daß ein Deutscher (seinen Namen habe ich
-vergessen) aus dem menschlichen Gehirn ein neues Alkaloid, Idiotin,
-gewonnen hat.‹ Was meinen Sie? Er glaubte es, und es malte sich sogar
-auf seinem Gesicht eine Art von Respekt: ›Ja, das ist eine Leistung
-unserer Berufsgenossen!‹ Und neulich komme ich ins Theater und setze
-mich auf meinen Platz. Gerade vor mir in der nächsten Reihe sitzen zwei
-junge Männer, der eine ›einer von unsere Lait‹ und anscheinend Jurist,
-der andere mit strubbligem Kopf ein Mediziner. Der Mediziner war
-betrunken wie ein Schuster und achtete gar nicht auf das, was auf der
-Bühne vorging. Er schlief, und der Kopf fiel ihm fortwährend nach vorn.
-Aber sowie ein Schauspieler laut einen Monolog sprach oder überhaupt
-die Stimme erhob, fuhr mein Mediziner zusammen, stieß seinen Nachbar
-in die Seite und fragte: ›Was hat er gesagt? Etwas Moralisches?‹
-›Ja, etwas Moralisches,‹ antwortete der Jude. ›Bravo!‹ brüllte der
-Mediziner. ›Sehr gut! Bravo!‹ Sehen Sie, dieser betrunkene Tölpel war
-nicht um der Kunst willen, sondern um der moralischen Gedanken willen
-ins Theater gekommen. Moralische Gedanken, das war ihm ein Bedürfnis.«
-
-Katja hört zu und lacht. Sie hat eine ganz sonderbare Art zu
-lachen: Einatmen und Ausatmen wechseln schnell und mit rhythmischer
-Regelmäßigkeit miteinander ab, ähnlich wie wenn sie Harmonika spielte,
-und dabei lachen auf ihrem Gesichte nur die Nasenflügel. Mir wird ganz
-schwach zumute, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ganz außer mir,
-werde ich blutrot, springe von meinem Platze auf und schreie:
-
-»So schweigt doch endlich! Was sitzt ihr da wie zwei Kröten und
-vergiftet die Luft mit eurem Atem? Laßt's genug sein!«
-
-Und ohne abzuwarten, bis sie mit ihren Lästerreden aufhören, schicke
-ich mich an, nach Hause zu gehen. Auch ist es schon Zeit: zehn Uhr
-durch.
-
-»Ich bleibe noch ein Weilchen hier,« sagt Michail Fedorowitsch;
-»gestatten Sie, Jekaterina Wladimirowna?«
-
-»Gewiß,« antwortet Katja.
-
-»~Bene.~ Dann lassen Sie also, bitte, noch ein Fläschchen bringen!«
-
-Beide begleiten mich mit Licht in das Vorzimmer, und während ich mir
-den Pelz anziehe, sagt Michail Fedorowitsch:
-
-»Sie sind in der letzten Zeit furchtbar abgemagert und gealtert,
-Nikolai Stepanowitsch. Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?«
-
-»Ja, ein wenig.«
-
-»Und dabei unternimmt er keine Kur ...« fügt Katja unwillig hinzu.
-
-»Aber warum denn nicht? Das ist ja unverantwortlich. Den Vorsichtigen
-behütet Gott, lieber Freund. Empfehlen Sie mich Ihren Angehörigen, und
-entschuldigen Sie mich bei ihnen, daß ich nicht hinkomme. In diesen
-Tagen, vor meiner Abreise ins Ausland, werde ich vorsprechen, um
-Lebewohl zu sagen. Ganz bestimmt! Ich reise in der nächsten Woche.«
-
-Ich gehe von Katja in gereizter Stimmung weg, erschreckt durch das
-Gespräch über meine Krankheit und unzufrieden mit mir selbst. Ich lege
-mir die Frage vor: Soll ich mich wirklich von einem meiner Kollegen
-behandeln lassen? Und sogleich male ich mir auch aus, wie der Kollege,
-nachdem er mich untersucht hat, schweigend von mir weg zum Fenster
-geht, eine Weile nachdenkt, sich dann zu mir umwendet und, indem er
-sich Mühe gibt, mich nicht auf seinem Gesichte die Wahrheit lesen
-zu lassen, in gleichgültigem Tone sagt: »Vorläufig sehe ich nichts
-Besonderes; aber doch möchte ich Ihnen raten, Herr Kollege, Ihre
-Tätigkeit zu unterbrechen.« Und das wird mich dann der letzten Hoffnung
-berauben.
-
-Wo gäbe es jemand, der nicht hoffte? Seht, wo ich mir selbst die
-Diagnose stelle und mich selbst behandle, hoffe ich zeitweilig, daß
-mich meine Unwissenheit täuscht und ich mich hinsichtlich des Eiweißes
-und des Zuckers irre, die ich bei mir finde, und hinsichtlich des
-Herzens und hinsichtlich der Anschwellungen, die ich schon zweimal
-bei mir morgens entdeckt habe; jetzt, wo ich mit dem Eifer eines
-Hypochonders die Lehrbücher der Therapie durchblättere und täglich mit
-der Arznei wechsle, jetzt meine ich immer, ich würde noch auf irgend
-etwas Tröstliches stoßen. Dieses ganze Benehmen ist kleinlich.
-
-Mag der Himmel mit Wolken bedeckt sein oder mögen Mond und Sterne an
-ihm glänzen, jedesmal, wenn ich nach Hause zurückkehre, blicke ich
-zu ihm hinauf und denke daran, daß mir bald der Tod kommen wird. Man
-könnte meinen, meine Gedanken müßten zu dieser Zeit tief sein wie der
-Himmel und klar und großartig; aber nein! Ich denke an mich selbst,
-an meine Frau, an Lisa, an Herrn Gnecker, an die Studenten, an die
-Menschen überhaupt; ich denke häßlich und kleinlich, mache vor mir
-selbst Winkelzüge, und meine Weltanschauung in solchen Augenblicken
-läßt sich mit den Worten ausdrücken, die der berühmte Araktschejew
-in einem seiner intimen Briefe schrieb: »Alles Gute in der Welt kann
-nicht ohne Schlechtes sein, und gibt es immer mehr Schlechtes als
-Gutes.« Das heißt: alles ist garstig, und das Leben ist zwecklos, und
-die zweiundsechzig Jahre, die ich bereits gelebt habe, muß ich als
-verloren betrachten. Ich ertappe mich auf diesen Gedanken und suche mir
-einzureden, sie seien nur zufällig und vorübergehend in meinem Kopfe
-vorhanden und säßen da nicht tief; aber sogleich denke ich wieder:
-
-»Wenn es so ist, warum zieht es mich denn jeden Abend zu diesen beiden
-Kröten hin?«
-
-Und ich schwöre es mir zu, nie wieder zu Katja hinzugehen, obwohl ich
-weiß, daß ich morgen doch wieder zu ihr gehen werde.
-
-Nachdem ich an meiner Haustüre die Klingel gezogen habe, und während
-ich dann die Treppe hinaufsteige, fühle ich, daß ich keine Familie
-mehr habe und nicht einmal den Wunsch hege, sie wiederzugewinnen. Es
-ist offenbar, daß die neuen Araktschejewschen Gedanken sich nicht
-nur so zufällig und nur für kurze Zeit bei mir eingefunden, sondern
-mein ganzes Wesen in Besitz genommen haben. Mit krankem Gewissen,
-niedergeschlagen, träge, kaum die Glieder bewegend, als ob ich viele
-Zentner an Gewicht zugenommen hätte, lege ich mich ins Bett und schlafe
-bald ein.
-
-Aber dann folgt die Schlaflosigkeit.
-
-
-
-
-IV
-
-
-Der Sommer kommt heran, und das Leben ändert sich.
-
-Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir in mein Zimmer und sagt in
-scherzendem Tone:
-
-»Wollen Euer Exzellenz kommen! Es ist alles bereit.«
-
-Man führt meine Exzellenz auf die Straße, läßt sie in eine Droschke
-steigen und fährt mit ihr davon. Beim Fahren lese ich aus Langerweile
-die Schilder von rechts nach links. Aus dem Worte ~traktir~[2] wird
-dann Ritkart. Das wäre ein passender Name für eine freiherrliche
-Familie: Baronesse Ritkart. Weiter geht die Fahrt zwischen Feldern hin
-an einem Kirchhof vorbei, der aber auf mich gar keinen Eindruck macht,
-obwohl ich bald auf ihm liegen werde; dann fahre ich durch einen Wald
-und wieder zwischen Feldern. Alles sehr uninteressant. Nach einer
-zweistündigen Fahrt wird meine Exzellenz in die untere Etage eines
-Landhauses geführt und in einem kleinen, sehr freundlichen Zimmerchen
-mit himmelblauen Tapeten einquartiert.
-
-In der Nacht leide ich wie früher an Schlaflosigkeit; am Morgen aber
-kann ich lange Zeit nicht recht wach werden, höre auch meine Frau
-nicht aufstehen, sondern mache, im Bette liegend, ohne zu schlafen,
-eine Art Dämmerzustand durch, bei dem man nur ein halbes Bewußtsein
-hat und zwar weiß, daß man nicht schläft, aber doch träumt. Um Mittag
-stehe ich auf und setze mich gewohnheitsmäßig an meinen Schreibtisch;
-aber ich arbeite nicht, sondern zerstreue mich durch die Lektüre
-französischer Bücher in gelben Umschlägen, die mir Katja schickt.
-Es wäre ja freilich patriotischer, russische Autoren zu lesen; aber
-offen gestanden, ich verspüre zu diesen keine besondere Neigung. Von
-zwei bis drei etwas älteren Schriftstellern abgesehen, kommt mir die
-ganze moderne russische Literatur nicht wie eine wirkliche Literatur,
-sondern wie ein Zweig einer Hausindustrie vor, die nur dazu da ist,
-daß man sie fördert, deren Erzeugnisse man aber nur ungern benutzt.
-Selbst das beste von den materiellen Erzeugnissen der Hausindustrie
-kann man nicht »gut« nennen und kann es nicht aufrichtig loben, ohne
-ein »aber« hinzuzufügen; und dasselbe muß ich auch von allen jenen
-literarischen Neuheiten sagen, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn
-Jahren gelesen habe: nicht eine darunter ist »gut«, und bei keiner geht
-es ohne ein »aber«. Manche sind verständig und moralisch, aber nicht
-talentvoll; andere talentvoll und moralisch, aber nicht verständig;
-wieder andere endlich talentvoll und verständig, aber nicht moralisch.
-
-Ich will nicht sagen, daß die französischen Bücher zugleich talentvoll
-und verständig und moralisch wären. Auch sie befriedigen mich nicht.
-Aber sie sind nicht so langweilig wie die russischen, und man
-findet in ihnen nicht selten das wichtigste Moment schöpferischer
-Tätigkeit: ein Gefühl der persönlichen Freiheit, das bei den
-russischen Schriftstellern fehlt. Ich besinne mich auf keine einzige
-russische Novität, bei der der Verfasser sich nicht gleich von der
-ersten Seite an bemüht zeigte, sich durch alle möglichen mit seinem
-Gewissen abgeschlossenen Abmachungen und Verträge zu binden. Der eine
-scheut sich, von einem nackten Körper zu reden; ein anderer hat sich
-durch den selbstauferlegten Zwang zu psychologischen Erörterungen
-an Händen und Füßen gebunden; ein dritter bedarf »eines warmen
-Verhältnisses zur Menschheit«; ein vierter schmiert absichtlich
-ganze Seiten mit Naturschilderungen voll, um nicht in den Verdacht
-der Tendenzschriftstellerei zu kommen. Der eine möchte in seinen
-Schriften um jeden Preis eine bürgerliche, der andere um jeden Preis
-eine aristokratische Gesinnung an den Tag legen usw. Absichtlichkeit,
-Behutsamkeit, Querköpfigkeit, aber keine Freiheit, kein Mut, so zu
-schreiben, wie man möchte, und infolgedessen auch keine schöpferische
-Kraft.
-
-Alles dies bezieht sich auf die sogenannte schöne Literatur.
-
-Was nun russische Abhandlungen ernsten Inhalts anlangt, z. B. über
-Nationalökonomie, über Kunst u. dgl., so ist der Grund, weshalb ich
-sie nicht lese, einfach meine Zaghaftigkeit. Als kleines Kind und
-als Knabe empfand ich eine eigentümliche Furcht vor Portiers und
-Theaterdienern, und diese Furcht ist mir bis auf den heutigen Tag
-geblieben; ich fürchte mich auch jetzt noch vor ihnen. Man sagt,
-furchtbar erscheine nur das, was man nicht verstehe. Und es ist auch
-wirklich sehr schwer zu verstehen, warum die Portiers und Theaterdiener
-eine solche Grandezza, Aufgeblasenheit und majestätische Unhöflichkeit
-an den Tag legen. Wenn ich ernste russische Abhandlungen lese, empfinde
-ich eine ganz ähnliche unbestimmte Furcht. Die gewaltige Wichtigtuerei,
-der scherzhafte Ton der Überlegenheit, die familiäre Manier, in
-der auswärtige Autoren behandelt werden, die Geschicklichkeit, mit
-Würde leeres Stroh zu dreschen: alles dies ist mir unverständlich
-und beängstigend und gleicht so gar nicht der Bescheidenheit und
-dem vornehm-ruhigen Tone, an den ich bei der Lektüre der Schriften
-unserer älteren Ärzte und Naturforscher gewöhnt bin. Und nicht nur
-solche ernsten Abhandlungen, die ursprünglich russisch geschrieben
-sind, sondern auch solche, die ins Russische übersetzt sind, zu lesen
-fällt mir schwer. Der hoffärtige, herablassende Ton der Vorworte,
-die Unmenge von Anmerkungen des Übersetzers, die mich hindern, meine
-Aufmerksamkeit auf die Sache zu konzentrieren, die Fragezeichen und
-eingeklammerten ~sic~, die der Übersetzer mit freigebiger Hand über die
-ganze Abhandlung oder über das ganze Buch ausstreut, erscheinen mir wie
-ein Attentat auf die Person des Verfassers und auf meine, des Lesers,
-Selbständigkeit.
-
-Ich war einmal zu einer Verhandlung des Bezirksgerichtes als
-Sachverständiger zugezogen; in einer Pause machte mich ein anderer
-Sachverständiger, ein Kollege von mir, auf das grobe Benehmen des
-Staatsanwaltes gegen die Angeklagten aufmerksam, unter denen sich
-zwei gebildete Frauen befanden. Ich glaube, ich machte mich keiner
-Übertreibung schuldig, als ich meinem Kollegen antwortete, dieses
-Benehmen sei nicht gröber als das, welches die Verfasser ernster
-Abhandlungen wechselseitig zur Anwendung brächten. Und tatsächlich
-ist dieses Benehmen so grob, daß man davon nur mit einer peinlichen
-Empfindung reden kann. Sie benehmen sich untereinander und gegen die
-Schriftsteller, deren Werke sie kritisieren, entweder so übermäßig
-respektvoll, daß sie dabei ihre eigene Würde nicht wahren, oder sie
-behandeln sie umgekehrt weit dreister, als ich in meinen Gedanken
-und in diesen Aufzeichnungen meinen künftigen Schwiegersohn Herrn
-Gnecker behandle. Beschuldigungen der Unzurechnungsfähigkeit,
-unlauterer Absichten, ja sogar aller möglichen Kriminalverbrechen
-bilden den gewöhnlichen Schmuck ernster Abhandlungen. Und nun gar die
-Art, in der sich unsere jungen Ärzte in ihren kleinen Aufsätzen mit
-Vorliebe ausdrücken, das ist das Nonplusultra! Ein solches Benehmen
-muß unvermeidlich in der Darstellungsweise der jungen Generationen
-unserer belletristischen Schriftsteller seinen Reflex finden, und
-daher wundere ich mich gar nicht darüber, daß in den Novitäten, die
-unsere belletristische Literatur in den letzten zehn bis fünfzehn
-Jahren hervorgebracht hat, die Helden viel Branntwein trinken und die
-Keuschheit der Heldinnen zu wünschen übrig läßt.
-
-Ich lese französische Bücher und blicke ab und zu nach dem
-offenstehenden Fenster hin; dort sehe ich die Zacken meines
-Gartenzaunes, zwei oder drei kümmerliche Bäume und weiterhin hinter dem
-Zaune einen Weg, ein Feld und dann einen breiten Streifen Nadelwald.
-Oft beobachte ich mit Vergnügen, wie zwei Kinder, ein Knabe und ein
-Mädchen, beide blondhaarig und in zerrissenen Kleidern, an dem Zaune
-in die Höhe klettern und sich über meine Glatze lustig machen. In
-ihren glänzenden Äuglein lese ich deutlich die Worte: »Guck mal, ein
-Kahlkopf!« Das sind hier fast die einzigen Menschen, die sich weder um
-meine Berühmtheit noch um meinen Rang kümmern.
-
-Besucher stellen sich jetzt nicht alle Tage ein. Ich erwähne nur
-die Besuche Nikolais und Peter Ignatjewitschs. Nikolai kommt
-gewöhnlich an Sonn- und Festtagen zu mir, angeblich in geschäftlichen
-Angelegenheiten, hauptsächlich aber um mich wiederzusehen. Er kommt
-stark angeheitert, was bei ihm im Winter nie vorkommt.
-
-»Nun, was bringst du?« frage ich ihn, wenn ich zu ihm auf den Flur
-hinaustrete.
-
-»Euer Exzellenz!« sagt er, indem er die Hand aufs Herz drückt und mich
-entzückt wie ein Verliebter anblickt. »Euer Exzellenz! Gott straf mich!
-Der Donner soll mich gleich auf dem Fleck rühren! ~Gaudeamus igitur
-juvenestus!~«
-
-Und er küßt mich eifrig auf die Schulter, auf die Rockärmel, auf die
-Knöpfe.
-
-»Ist in der Stadt alles bei uns in Ordnung« frage ich ihn.
-
-»Euer Exzellenz! Beim heiligen Gott ...«
-
-Er schwört unaufhörlich ohne jeden Anlaß; ich werde seiner bald
-überdrüssig und schicke ihn in die Küche, wo er Mittagessen erhält.
-Peter Ignatjewitsch kommt gleichfalls an Sonn- und Festtagen zu mir,
-speziell um mich zu besuchen, und zum Zwecke des Gedankenaustausches.
-Er sitzt gewöhnlich bei mir in meinem Zimmer am Tische, bescheiden,
-sauber, vernünftig, und erlaubt sich nicht, ein Bein über das andere zu
-schlagen oder die Ellbogen auf den Tisch zu bringen; und die ganze Zeit
-über erzählt er mir mit seiner leisen, gleichmäßigen Stimme geläufig
-und buchmäßig allerlei nach seiner Meinung sehr interessante und
-amüsante Neuigkeiten, die er in Journalen und Büchern gelesen hat. Alle
-diese Neuigkeiten haben untereinander eine große Ähnlichkeit und lassen
-sich auf folgenden Typus zurückführen: ein Franzose hat behauptet,
-eine Entdeckung gemacht zu haben; ein anderer, ein Deutscher, hat ihn
-der Unredlichkeit überführt durch den Nachweis, daß diese Entdeckung
-schon im Jahre 1870 von einem Amerikaner gemacht worden ist; und
-ein dritter, ebenfalls ein Deutscher, ist klüger gewesen als sie
-beide, indem er gezeigt hat, daß sie sich arg blamiert und unter dem
-Mikroskop Luftbläschen für dunkles Pigment gehalten haben. Peter
-Ignatjewitsch erzählt sogar dann, wenn er es darauf anlegt, mich zum
-Lachen zu bringen, langsam und umständlich, als ob er eine Dissertation
-verteidigte, mit detaillierter Aufzählung der literarischen Quellen,
-die er benutzt hat, und bemüht sich, in den Zahlen, in den Nummern der
-Journale und in den Namen jeden Irrtum zu vermeiden, wobei er nicht
-einfach Petit sagt, sondern stets Jean Jacques Petit. Manchmal bleibt
-er bei uns zum Mittagessen, und dann erzählt er während der ganzen
-Mahlzeit jene selben amüsanten Geschichten, die auf alle Tischgenossen
-niederdrückend wirken. Wenn Herr Gnecker und Lisa in seiner Gegenwart
-das Gespräch auf Fugen und Kontrapunkt, auf Brahms und Bach bringen,
-so schlägt er bescheiden die Augen nieder und wird verlegen; er schämt
-sich, daß in Anwesenheit so ernsthafter Leute, wie ich und er, von so
-unwürdigen Dingen gesprochen wird.
-
-Bei meiner jetzigen Gemütsverfassung genügen mir fünf Minuten, um
-seiner so überdrüssig zu werden, als hätte ich ihn schon eine ganze
-Ewigkeit gesehen und angehört. Ich hasse den armen Kerl. Von seiner
-leisen, gleichmäßigen Stimme und buchmäßigen Ausdrucksweise wird mir
-ganz schwach, seine Erzählungen machen mich stumpfsinnig. Er hegt
-gegen mich die treueste Gesinnung und redet mit mir lediglich, um
-mir Vergnügen zu bereiten, und ich lohne es ihm damit, daß ich ihm
-hartnäckig ins Gesicht sehe, als ob ich ihn hypnotisieren wollte, und
-dabei denke: »Scher dich weg, scher dich weg, scher dich weg!« Aber er
-reagiert nicht auf meine schweigende Aufforderung, sondern sitzt und
-sitzt und sitzt ...
-
-Solange er bei mir sitzt, kann ich schlechterdings nicht von dem
-Gedanken loskommen: »Sehr möglich, daß, wenn ich sterbe, er meine
-Stelle bekommt«, und mein armes Auditorium erscheint mir dann wie
-eine Oase, in der der Bach vertrocknet ist, und ich bin gegen Peter
-Ignatjewitsch unliebenswürdig, schweigsam, mürrisch, als wäre er an
-diesen meinen Gedanken schuld und nicht vielmehr ich selbst. Wenn er
-anfängt, nach seiner Gewohnheit die deutschen Gelehrten zu preisen, so
-mache ich nicht mehr wie früher gutmütige Scherze, sondern ich brumme
-verdrießlich:
-
-»Ihre Deutschen sind Esel.«
-
-Mein Benehmen hat Ähnlichkeit mit dem des verstorbenen Professors
-Nikita Krylow, der sich einmal in Reval mit Pirogow zusammen badete,
-sich über das sehr kalte Wasser ärgerte und nun schimpfte: »Diese
-Schufte, die Deutschen!« Ich benehme mich gegen Peter Ignatjewitsch
-häßlich, und erst wenn er fortgeht und ich durch das Fenster sehe, wie
-sein grauer Hut hinter dem Gartenzaun vorbeistreift, möchte ich ihn
-anrufen und zu ihm sagen:
-
-»Verzeihen Sie mir, lieber Freund!«
-
-Das Mittagessen verläuft jetzt bei uns langweiliger als im Winter. Eben
-jener Herr Gnecker, den ich jetzt hasse und verachte, ißt bei uns fast
-täglich mit. Früher duldete ich schweigend seine Anwesenheit; aber
-jetzt richte ich an seine Adresse Stichelreden, über die meine Frau und
-Lisa rot werden. Von meinem Ingrimm hingerissen, rede ich oft geradezu
-Dummheiten und weiß nicht einmal recht, warum ich sie rede. So kam es
-einmal vor, daß ich Herrn Gnecker lange verächtlich ansah und ohne jede
-Veranlassung plötzlich herausstieß:
-
- »Der Aar schwebt wohl einmal hinab zum Hühnervolke,
- Doch schwingt sich nie das Huhn zu jenem in die Wolke.«
-
-Und das Ärgerlichste ist, daß bei solchen Gelegenheiten das Huhn
-Gnecker sich weit verständiger benimmt als der Aar Professor. Da er
-weiß, daß meine Frau und meine Tochter auf seiner Seite stehen, so
-beobachtet er folgende Taktik: er beantwortet meine Stichelreden mit
-herablassendem Schweigen, welches besagt: »Der Alte ist verrückt
-geworden; wozu da lange mit ihm reden?« oder er macht sich in
-gutmütiger Weise über mich lustig. Es ist wirklich erstaunlich, bis zu
-welchem Grade der Mensch verflachen kann: ich bin imstande, während
-des ganzen Mittagessens mich in Gedanken darüber zu ergehen, wie Herr
-Gnecker sich als Abenteurer entpuppen wird, wie Lisa und meine Frau
-ihren Irrtum einsehen werden, und wie ich sie dann damit aufziehen
-werde. Solchen und ähnlichen törichten Gedanken überlasse ich mich zu
-einer Zeit, wo ich doch schon mit einem Fuße im Grabe stehe!
-
-Jetzt kommen auch Mißhelligkeiten vor, von denen ich früher nur durch
-Hörensagen einen Begriff hatte. Wie beschämend es auch für mich ist, so
-will ich doch einen derartigen Vorfall erzählen, der sich neulich nach
-dem Mittagessen zutrug.
-
-Ich saß in meinem Zimmer und rauchte eine Pfeife. Da kam wie gewöhnlich
-meine Frau herein, setzte sich hin und fing an davon zu reden, daß es
-doch gut wäre, wenn ich jetzt, solange es noch warm sei und ich freie
-Zeit hätte, nach Charkow reisen und mich dort erkundigen wollte, was
-unser Herr Gnecker für ein Mensch sei.
-
-»Schön, ich werde hinreisen,« erwiderte ich.
-
-Meine Frau war mit mir zufrieden, stand auf und ging zur Tür, kehrte
-aber sogleich wieder zurück und sagte:
-
-»Bei der Gelegenheit möchte ich dir noch eine Bitte aussprechen. Ich
-weiß, du wirst ärgerlich werden; aber es ist meine Pflicht, dich zu
-warnen. Nimm es nicht übel, Nikolai Stepanowitsch, aber alle unsere
-Bekannten und Nachbarn fangen schon an darüber zu reden, daß du so
-viel bei Katja verkehrst. Sie ist ja klug und gebildet, das stelle ich
-nicht in Abrede, und man verbringt in ihrer Gesellschaft die Zeit sehr
-angenehm; aber du mußt selbst zugeben, es ist einigermaßen sonderbar,
-wenn ein Mann in deinen Jahren und in deiner gesellschaftlichen
-Stellung an ihrer Gesellschaft Vergnügen findet. Und außerdem ist ihr
-Renommee von der Art, daß ...«
-
-Alles Blut strömte plötzlich von meinem Gehirn fort, Funken sprühten
-mir aus den Augen; ich sprang auf, griff mir an den Kopf, stampfte mit
-den Füßen und schrie mit entstellter Stimme:
-
-»Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe!«
-
-Mein Gesicht mußte wohl schrecklich aussehen und meine Stimme seltsam
-klingen; denn meine Frau wurde auf einmal ganz blaß und schrie mit
-gleichfalls fremdartig klingender, verzweifelter Stimme laut auf.
-Auf unser Geschrei kamen Lisa, Herr Gnecker und dann auch Jegor
-herbeigelaufen.
-
-»Laßt mich in Ruhe!« schrie ich. »Geht hinaus! Laßt mich in Ruhe!«
-
-Die Füße wurden mir taub, als ob sie gar nicht da wären; ich fühlte,
-wie ich jemandem in die Arme sank; dann hörte ich eine kurze Zeit
-Weinen und fiel in eine Ohnmacht, die zwei bis drei Stunden dauerte.
-
-Jetzt von Katja. Sie besucht mich täglich gegen Abend, und das muß
-natürlich den Bekannten und Nachbarn auffallen. Sie kommt angefahren,
-tritt nur auf einen Augenblick bei mir ein und nimmt mich dann mit auf
-ihre Spazierfahrt. Sie hat ein eigenes Pferd und einen neuen ~char à
-banc~, den sie sich in diesem Sommer gekauft hat. Überhaupt lebt sie
-auf großem Fuße: sie hat sich ein teures Landhaus mit großem Garten
-für sich allein gemietet und ihr ganzes Mobiliar aus der Stadt dorthin
-schaffen lassen, hält sich zwei Stubenmädchen und einen Kutscher ...
-Oft frage ich sie:
-
-»Katja, wovon wirst du leben, wenn du das väterliche Geld vergeudet
-haben wirst?«
-
-»Das wollen wir später sehen,« antwortet sie.
-
-»Dieses Geld, liebes Kind, würde wohl eine etwas rücksichtsvollere
-Behandlung verdienen. Es ist von einem braven Manne durch ehrliche
-Arbeit erworben.«
-
-»Das haben Sie mir schon früher gesagt. Ich weiß es.«
-
-Zuerst fahren wir zwischen Feldern hin, dann durch den Nadelwald, den
-ich von meinem Fenster aus sehen kann. Die Natur erscheint mir ebenso
-schön wie früher, obwohl mir der Böse zuflüstert, daß alle diese Tannen
-und Fichten, diese Vögel und weißen Wolken am Himmel, wenn ich nach
-drei bis vier Monaten tot sein werde, von meinem Fehlen nichts merken
-werden. Katja findet Vergnügen daran, das Pferd selbst zu lenken, und
-sie freut sich, daß es schönes Wetter ist und ich neben ihr sitze. Sie
-ist guter Laune und führt keine bissigen Reden.
-
-»Sie sind ein sehr guter Mensch, Nikolai Stepanowitsch,« sagt sie. »Sie
-sind ein seltenes Exemplar, und es gibt keinen Schauspieler, der Sie
-spielen könnte. Mich oder z. B. Michail Fedorowitsch kann selbst ein
-schlechter Schauspieler kopieren, Sie aber niemand. Und ich beneide
-Sie, gewaltig beneide ich Sie! Denn ich, was bin ich? Was bin ich?«
-
-Sie denkt einen Augenblick nach und fragt mich dann:
-
-»Nikolai Stepanowitsch, ich bin ja doch wohl eine negative Erscheinung,
-nicht wahr?«
-
-»Ja«, antworte ich.
-
-»Hm ... Was soll ich denn aber nun tun?«
-
-Was soll ich ihr erwidern? Es ist leicht zu sagen: »Arbeite!« oder:
-»Gib deine Habe den Armen!« oder: »Erkenne dich selbst!«, und weil das
-eben so leicht zu sagen ist, so weiß ich nicht, was ich ihr erwidern
-soll.
-
-Meine Kollegen, die Therapeuten, geben in der Lehre von der Behandlung
-der Kranken den Rat, man solle jeden einzelnen Fall individuell
-behandeln. Wer diesen Rat befolgt, wird sich überzeugen, daß die
-Mittel, die in den Lehrbüchern schablonenmäßig als die besten und als
-durchaus brauchbar empfohlen werden, sich in den Einzelfällen als
-völlig unbrauchbar erweisen. Dasselbe gilt auch von seelischen Leiden.
-
-Aber irgend etwas muß ich ihr doch antworten, und so sage ich denn:
-
-»Du hast zuviel freie Zeit, meine Liebe. Du mußt dich mit etwas
-beschäftigen. Wirklich, warum willst du nicht wieder Schauspielerin
-werden, wenn du doch einen inneren Beruf dazu hast?«
-
-»Ich kann es nicht.«
-
-»Dein Ton und deine Art machen den Eindruck, als ob du dir wie ein
-Opfer vorkommst. Das gefällt mir nicht, meine Liebe. Du trägst selbst
-die Schuld. Erinnere dich nur: du begannst damit, dich über die
-Schauspieler und ihre Art zu ärgern, hast aber nichts getan, um diese
-und andere Menschen zu bessern. Du hast mit dem Schlechten nicht
-gerungen, sondern bist vorzeitig müde geworden und bist nicht ein Opfer
-des Ringens, sondern deiner Kraftlosigkeit. Nun freilich, du warst
-damals noch jung und unerfahren; aber jetzt kann alles einen anderen
-Verlauf nehmen. Wirklich, geh zur Bühne! Da wirst du arbeiten, der
-heiligen Kunst dienen ...«
-
-»Reden Sie nicht, was Sie selbst nicht meinen, Nikolai Stepanowitsch!«
-unterbricht mich Katja. »Lassen Sie uns ein für allemal die Verabredung
-treffen: wir wollen über Schauspieler reden, über Schauspielerinnen,
-über Schriftsteller; die Kunst aber wollen wir aus dem Spiele lassen.
-Sie sind ein prächtiger Mensch, ein seltener Mensch; aber Sie besitzen
-nicht so viel Verständnis für die Kunst, daß Sie sie mit gutem Gewissen
-›die heilige Kunst‹ nennen dürften. Sie haben für die Kunst keinen
-Sinn und kein Gefühl. Ihr ganzes Leben lang sind Sie mit Ihrer Arbeit
-beschäftigt gewesen und haben keine Zeit gehabt, sich dieses Gefühl
-zu erwerben. Überhaupt ... ich kann diese Gespräche über Kunst nicht
-leiden!« fuhr sie nervös fort; »ich kann sie nicht leiden! Die Kunst
-ist so schon hinlänglich profaniert worden. Ich mag nichts weiter
-hören!«
-
-»Wer hat die Kunst profaniert?«
-
-»Die Schauspieler haben die Kunst profaniert durch ihre Trunksucht, die
-Zeitungen durch eine gar zu familiäre Stellungnahme ihr gegenüber, die
-verständigen Leute durch ihre Philosophie.«
-
-»Die Philosophie hat damit nichts zu schaffen.«
-
-»O doch. Wenn jemand über einen Gegenstand philosophiert, so bedeutet
-das, daß er kein Verständnis für ihn hat.«
-
-Damit das Gespräch nicht zu scharf wird, beeile ich mich, das Thema zu
-wechseln, und schweige dann längere Zeit. Erst in dem Augenblicke, wo
-wir aus dem Walde herausfahren und die Richtung nach Katjas Landhause
-einschlagen, kehre ich wieder zu dem früheren Gegenstande zurück und
-frage:
-
-»Du hast mir immer noch nicht geantwortet: Warum willst du nicht wieder
-Schauspielerin werden?«
-
-»Nikolai Stepanowitsch, das ist aber doch gar zu grausam von Ihnen!«
-ruft sie aus und wird plötzlich dunkelrot. »Wollen Sie wirklich,
-daß ich Ihnen laut die Wahrheit sage? Nun, wenn Sie es wünschen,
-meinetwegen: ich besitze kein Talent. Ich besitze kein Talent, wohl
-aber einen großen Ehrgeiz! Das ist der Grund!«
-
-Nachdem sie mir dieses Geständnis gemacht hat, wendet sie das Gesicht
-von mir weg und zieht, um das Zittern ihrer Hände zu verbergen, stark
-an den Zügeln.
-
-Als wir uns ihrem Landhause nähern, sehen wir schon von weitem Michail
-Fedorowitsch, der am Tore auf und ab geht und ungeduldig auf uns
-wartet.
-
-»Wieder dieser Michail Fedorowitsch!« sagt Katja ärgerlich. »Bitte,
-schaffen Sie ihn mir vom Halse! Ich bin seiner überdrüssig; er ist
-schal geworden ... Ich mag ihn nicht!«
-
-Michail Fedorowitsch sollte schon längst im Auslande sein; aber er
-schiebt seine Abreise von einer Woche zur andern auf. In der letzten
-Zeit sind mit ihm einige Veränderungen vorgegangen: er ist magerer
-geworden, wird vom Weine berauscht, was früher bei ihm nie der Fall
-war, und seine schwarzen Augenbrauen beginnen grau zu werden. Wenn
-unser ~char à banc~ am Tore hält, macht er aus seiner Freude und
-seiner Ungeduld kein Hehl. Mit großer Beflissenheit ist er Katja und
-mir beim Aussteigen behilflich, stellt eilig allerlei Fragen, lacht
-und reibt sich die Hände; und jener sanfte, flehende, reine Ausdruck,
-den ich früher nur in seinem Blicke wahrnahm, hat sich jetzt über sein
-ganzes Gesicht ausgebreitet. Er freut sich, und gleichzeitig schämt
-er sich seiner Freude, schämt sich dieser Gewohnheit, Katja jeden
-Abend zu besuchen, und hält es für nötig, sein Kommen durch irgendeine
-handgreifliche Abgeschmacktheit zu motivieren, von dieser Art: »Ich kam
-gerade vorbei, als ich mir etwas besorgen wollte, und da dachte ich:
-ich will doch auf einen Augenblick herangehen.«
-
-Wir gehen alle drei in die Wohnung; zuerst trinken wir Tee; dann
-erscheinen auf dem Tische die mir längst bekannten zwei Spiele
-Karten, ein großes Stück Käse, Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein.
-Die Themata unserer Gespräche sind keine neuen, sondern immer noch
-dieselben wie im Winter. Die Universität und die Studenten und die
-Literatur und das Theater müssen tüchtig herhalten; die Luft wird von
-den Lästerreden dichter und schwüler, und es vergiften sie jetzt nicht
-mehr zwei Kröten mit ihrem Atem wie im Winter, sondern drei. Außer dem
-samtweichen Lachen eines Baritons und einem andern Lachen, das wie eine
-Harmonika klingt, hört das Stubenmädchen, das uns bedient, noch ein
-drittes, unangenehm knarrendes Lachen, so wie in den Vaudevilles die
-Generale lachen: »He-he-he!«
-
-
-
-
-V
-
-
-Es kommen manchmal schreckliche Nächte vor, mit Blitz und Donner, Regen
-und Wind, die das Volk Sperlingsnächte nennt, weil die Sperlinge dabei
-vor Angst aus den Nestern herauskommen. Eine solche Sperlingsnacht
-habe ich in meinem eigenen Leben durchgemacht ...
-
-Ich wache nach Mitternacht auf und springe plötzlich vom Bette in die
-Höhe. Aus einem unverständlichen Grunde glaube ich, daß ich im nächsten
-Augenblick sterben werde. Warum glaube ich das? Im Körper habe ich
-keine derartige Empfindung, die auf ein schnelles Ende hinwiese; aber
-auf meiner Seele lastet eine solche Angst, als ob ich auf einmal den
-riesigen roten Schein einer entsetzlichen Feuersbrunst erblicke.
-
-Ich zünde schnell Licht an, trinke Wasser unmittelbar aus der Karaffe
-und eile dann zum offenen Fenster. Draußen ist herrliches Wetter. Es
-duftet nach Heu und sonst noch nach etwas Schönem. Ich sehe die Zacken
-des Gartenzaunes, die verschlafenen, kümmerlichen Bäume am Fenster, den
-Weg, den dunklen Waldstreifen; an dem wolkenlosen Himmel steht ruhig
-der sehr helle Mond. Tiefe Stille; kein Blatt regt sich. Mir scheint,
-daß alles mich anschaut und lauscht, wie ich sterben werde ...
-
-Mir ist bange zumute. Ich schließe das Fenster und laufe wieder zum
-Bette hin. Ich fühle mir den Puls, und da ich ihn an der Hand nicht
-finde, suche ich ihn an den Schläfen, dann am Kinn und wieder an der
-Hand; alles ist an mir kalt und schlüpfrig von Schweiß. Mein Atem wird
-schneller und schneller; der ganze Körper zittert; alle inneren Teile
-sind in Bewegung; auf dem Gesicht und auf der Glatze habe ich ein
-Gefühl, als ob sich ein Spinngewebe darauf lege.
-
-Was soll ich tun? Soll ich die Meinigen rufen? Nein, das hat keinen
-Zweck. Ich wüßte gar nicht, was meine Frau und Lisa tun sollten, wenn
-sie zu mir herein kämen.
-
-Ich stecke den Kopf unter das Kissen, schließe die Augen und warte,
-warte ... Mich friert am Rücken; es ist mir, als zöge er sich nach
-innen hinein, und ich habe ein Gefühl, als werde der Tod sich mir
-jedenfalls von hinten nahen, ganz leise ...
-
-»Kwi, kwi!« ertönt auf einmal ein Kreischen in der nächtlichen Stille,
-und ich weiß nicht, wo es ist, ob in meiner Brust oder auf der Straße.
-
-»Kwi, kwi!«
-
-Mein Gott, wie entsetzlich! Ich möchte gern noch mehr Wasser trinken;
-aber ich fürchte mich, auch nur die Augen aufzumachen und den Kopf
-in die Höhe zu heben. Ich habe eine sinnlose, animalische Angst und
-kann gar nicht begreifen, warum ich mich eigentlich fürchte: weil ich
-weiterleben möchte, oder weil mir ein neuer Schmerz bevorsteht, den ich
-noch nicht kenne?
-
-Oben, in dem Zimmer über mir, klingt es halb wie Stöhnen, halb wie
-Lachen. Ich lausche. Nach einer kleinen Weile sind auf der Treppe
-Schritte zu hören. Es kommt jemand eilig herunter, steigt aber dann
-wieder hinauf. Eine Minute später werden die Schritte wieder unten
-vernehmbar; es bleibt jemand an meiner Tür stehen und horcht.
-
-»Wer ist da?« rufe ich.
-
-Die Tür öffnet sich; mit einem kühnen Entschlusse mache ich die Augen
-auf und sehe meine Frau vor mir. Ihr Gesicht ist blaß, ihre Augen
-verweint.
-
-»Du schläfst nicht, Nikolai Stepanowitsch?« fragte sie.
-
-»Was willst du?«
-
-»Um Gottes willen, komm doch mit zu Lisa und sieh sie dir einmal an. Es
-muß ihr etwas zugestoßen sein ...«
-
-»Gut ... gern ...« murmele ich, sehr zufrieden damit, daß ich nicht
-mehr allein bin. »Gut ... den Augenblick.«
-
-Ich gehe hinter meiner Frau her, höre an, was sie mir mitteilt, und
-verstehe vor Aufregung nichts davon. Das Licht, das sie trägt, läßt auf
-den Treppenstufen helle Flecke umherhüpfen und unsere langen Schatten
-sich zitternd bewegen; meine Füße verwickeln sich in den Schößen meines
-Schlafrockes; ich kann kaum atmen, und es ist mir, als ob mich jemand
-verfolgte und mich am Rücken packen wollte. »Jetzt werde ich gleich
-hier auf dieser Treppe sterben,« denke ich. »Gleich diesen Augenblick
-...« Aber da sind wir schon die Treppe hinaufgestiegen, haben bereits
-den dunklen Korridor mit dem italienischen Fenster passiert und treten
-in Lisas Zimmer. Sie sitzt im bloßen Hemde auf dem Bette, läßt die
-nackten Beine herunterhängen und stöhnt.
-
-»Ach mein Gott ... ach mein Gott!« murmelt sie und kneift, von unserem
-Lichte geblendet, die Augen zusammen. »Ich kann nicht, ich kann
-nicht ...«
-
-»Lisa, mein Kind,« sage ich, »was fehlt dir?«
-
-Sobald sie mich erblickt, schreit sie auf und fällt mir um den Hals.
-
-»Mein guter Papa ...« schluchzt sie. »Mein lieber Papa ... Mein süßer,
-bester Papa! ... Ich weiß nicht, was mit mir ist ... Mir ist so schwer
-ums Herz!«
-
-Sie umarmt mich, küßt mich und stammelt zärtliche Koseworte, wie ich
-sie von ihr gehört habe, als sie noch ein kleines Kind war.
-
-»Beruhige dich, mein Kind! Gott möge dir beistehen!« sage ich. »Du mußt
-nicht weinen. Mir ist selbst traurig zumute.«
-
-Ich gebe mir Mühe, sie zuzudecken, meine Frau reicht ihr zu trinken,
-und wir beide bewegen uns ungeschickt an ihrem Bette umher, so daß wir
-einander stoßen: mit meiner Schulter stoße ich an die Schulter meiner
-Frau, und in diesem Augenblicke schießt mir die Erinnerung durch den
-Kopf, wie wir früher einmal unsere Kinder zusammen gebadet haben.
-
-»Hilf ihr doch, hilf ihr doch!« fleht mich meine Frau an. »Gib ihr doch
-etwas zum Einnehmen!«
-
-Aber was kann ich tun? Gar nichts. Dem Mädchen lastet etwas Schweres
-auf der Seele; aber ich begreife nichts davon, weiß nichts und kann nur
-murmeln:
-
-»Es ist nichts Schlimmes, nichts Schlimmes ... Das wird vorübergehen
-... Schlaf nur, schlaf! ...«
-
-Gerade in diesem Augenblick ertönt auf einmal auf unserem Hofe
-Hundegeheul, anfangs leise und unentschlossen, dann laut, zweistimmig.
-Ich habe solchen Vorzeichen wie Hundegeheul und Eulenruf nie
-irgendwelche Bedeutung beigemessen; aber jetzt krampft sich mein Herz
-schmerzlich zusammen, und ich beeile mich, mir über dieses Geheul klar
-zu werden.
-
-»Dummes Zeug ...« denke ich. »Der Einfluß eines Organismus auf
-einen andern. Meine starke nervöse Spannung hat sich auf meine Frau
-und auf Lisa und auf den Hund übertragen, weiter nichts ... Durch
-eine derartige Übertragung lassen sich alle Vorahnungen und alles
-Vorhersehen erklären ...«
-
-Als ich bald darauf in mein Zimmer zurückkehre, um für Lisa ein Rezept
-zu schreiben, denke ich nicht mehr an meinen nahe bevorstehenden Tod,
-sondern empfinde nur ein drückendes, widerwärtiges Gefühl am Herzen, so
-daß es mir sogar leid tut, daß ich nicht plötzlich gestorben bin. Lange
-stehe ich regungslos mitten im Zimmer und überlege, was ich wohl meiner
-Tochter verschreiben könnte; aber das Stöhnen in dem über mir gelegenen
-Zimmer verstummt, und so entscheide ich mich denn dafür, nichts zu
-verschreiben; aber ich bleibe trotzdem stehen ...
-
-Es herrscht eine Totenstille, eine solche Stille, daß, wie sich einmal
-ein Schriftsteller ausgedrückt hat, sie einem sogar in den Ohren
-klingt. Die Zeit vergeht nur ganz langsam; die Streifen des Mondlichtes
-auf dem Fensterbrette ändern ihre Lage nicht, gerade wie wenn sie
-erstarrt wären ... Bis zur Morgendämmerung ist es noch lange hin.
-
-Aber da knarrt das Pförtchen im Gartenzaun; es schleicht jemand herein,
-bricht von einem der dürftigen Bäume einen Zweig ab und klopft damit
-vorsichtig ans Fenster.
-
-»Nikolai Stepanowitsch!« höre ich eine Stimme flüstern; »Nikolai
-Stepanowitsch!«
-
-Ich öffne das Fenster und glaube zu träumen: unter dem Fenster, sich
-gegen die Wand drückend, steht eine Frau in schwarzem Kleide, hell vom
-Monde beleuchtet, und blickt mich mit großen Augen an. Ihr im Mondlicht
-blaß, streng und seltsam erscheinendes Gesicht sieht wie von Marmor
-aus; ihr Kinn zittert.
-
-»Ich bin es,« sagt sie. »Ich ... Katja!«
-
-Bei Mondlicht erscheinen alle Frauenaugen groß und schwarz, und die
-Menschen größer und blasser; dies ist wohl der Grund, weshalb ich sie
-im ersten Augenblicke nicht erkannt hatte.
-
-»Was willst du?«
-
-»Verzeihen Sie,« sagt sie. »Mir wurde plötzlich, ich weiß nicht warum,
-so unerträglich schwer ums Herz ... Ich konnte es nicht aushalten
-und fuhr hierher ... Ich sah Licht hinter Ihrem Fenster ... und da
-entschloß ich mich, anzuklopfen ... Entschuldigen Sie ... Ach, wenn Sie
-wüßten, wie schrecklich mir zumute war! Was tun Sie denn jetzt?«
-
-»Nichts ... Ich kann nicht schlafen.«
-
-»Ich hatte eine Art Ahnung. Aber das ist ja dummes Zeug.«
-
-Ihre Brauen ziehen sich in die Höhe, ihre Augen glänzen von Tränen, und
-auf ihrem ganzen Gesichte strahlt wie ein helles Licht jener Ausdruck
-von Zutraulichkeit auf, der mir so wohl bekannt ist, den ich aber so
-lange nicht mehr gesehen habe.
-
-»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie in flehendem Tone und streckt beide
-Hände nach mir hin. »Teurer Freund, ich bitte Sie ... ich flehe Sie an
-... Wenn Sie meine Freundschaft und Verehrung für Sie nicht verachten,
-so erfüllen Sie mir eine Bitte!«
-
-»Was für eine Bitte?«
-
-»Nehmen Sie das Geld, das ich noch besitze, von mir an!«
-
-»Aber was sind das für Einfälle! Was soll ich mit deinem Gelde?«
-
-»Fahren Sie irgendwohin, um eine Kur zu gebrauchen! ... Sie haben eine
-Kur durchaus nötig. Wollen Sie es annehmen? Ja? Lieber, Guter, ja?«
-
-Sie sieht mir in gespannter Erwartung ins Gesicht und wiederholt:
-
-»Ja? Wollen Sie es annehmen?«
-
-»Nein, meine Liebe, das nehme ich nicht an ...«, antworte ich; »ich
-danke dir.«
-
-Sie wendet mir den Rücken zu und läßt den Kopf herunterhängen.
-Wahrscheinlich habe ich bei der abschlägigen Antwort mich eines Tones
-bedient, durch den ein weiteres Gespräch über die Geldangelegenheit
-unmöglich gemacht wurde.
-
-»Fahre wieder nach Hause,« sage ich, »und lege dich schlafen! Morgen
-sehen wir uns wieder.«
-
-»Also Sie halten mich nicht für Ihre Freundin?« fragt sie
-niedergeschlagen.
-
-»Das habe ich nicht gesagt. Aber von deinem Gelde kann ich jetzt keinen
-Gebrauch machen.«
-
-»Verzeihen Sie!« erwidert sie und läßt dabei die Stimme um eine ganze
-Oktave sinken. »Ich verstehe Sie. Einer Frau, wie ich, verpflichtet zu
-sein, einer ehemaligen Schauspielerin, das ist ... Nun, dann leben Sie
-wohl! ...«
-
-Sie geht so schnell fort, daß ich nicht einmal Zeit habe, ihr Lebewohl
-zu sagen.
-
-
-
-
-VI
-
-
-Ich bin in Charkow.
-
-Da ich doch keinen Nutzen davon hätte, gegen meine jetzige
-Gemütsverfassung anzukämpfen, und auch gar nicht dazu imstande bin, so
-habe ich beschlossen, daß meine letzten Lebenstage wenigstens nach der
-formellen Seite hin vorwurfsfrei sein sollen; wenn ich meiner Familie
-gegenüber im Unrecht bin (und ich bin mir recht wohl bewußt, daß dem
-so ist), so will ich wenigstens bemüht sein, so zu handeln, wie sie es
-wünscht. Ich sollte nach Charkow reisen; nun, so bin ich denn jetzt
-in Charkow. Zudem bin ich in der letzten Zeit gegen alles dermaßen
-gleichgültig geworden, daß es mir wirklich ganz einerlei ist, wohin ich
-reise, ob nach Charkow oder nach Paris oder nach Berditschew.
-
-Ich bin um zwölf Uhr mittags hier angekommen und in einem Hotel nicht
-weit vom Dom eingekehrt. Im Waggon bin ich arg durchgerüttelt worden,
-auch zog es empfindlich; jetzt sitze ich auf dem Bette, halte mir den
-Kopf und warte auf meinen ~tic douloureux~. Ich sollte eigentlich heute
-zu den Professoren fahren, mit denen ich bekannt bin; aber ich habe
-keine Lust und keine Kraft dazu.
-
-Der Kellner, ein älterer Mann, tritt herein und fragt, ob ich
-Bettwäsche bei mir führe. Ich halte ihn etwa fünf Minuten lang zurück
-und lege ihm einige Fragen über Herrn Gnecker vor, um dessentwillen ich
-hierher gekommen bin. Es stellt sich heraus, daß der Kellner, obwohl er
-ein geborener Charkower ist und in dieser Stadt wie in seiner eigenen
-Westentasche Bescheid weiß, kein Haus kennt, das sich im Besitz einer
-Familie Gnecker befände. Ich erkundige mich nach einem Gute einer
-solchen Familie, aber mit demselben Resultate.
-
-Auf dem Korridor schlägt die Uhr eins, dann zwei, dann drei. Die
-letzten Monate meines Lebens, in denen ich auf den Tod warte, kommen
-mir weit länger vor als mein ganzes Leben. Auch habe ich es früher nie
-verstanden, mit der Langsamkeit der Zeit so zufrieden zu sein, wie
-jetzt. Wenn ich früher manchmal auf dem Bahnhofe auf einen Zug wartete
-oder als Mitglied der Prüfungskommission beim Examen saß, erschien mir
-eine Viertelstunde wie eine Ewigkeit; jetzt dagegen kann ich die ganze
-Nacht hindurch, ohne mich zu rühren, auf dem Bette sitzen und ganz
-gleichmütig daran denken, daß morgen eine ebensolche lange, farblose
-Nacht kommen wird, und übermorgen wieder eine ...
-
-Im Korridor schlägt es fünf Uhr, sechs, sieben. Es wird dunkel.
-
-In der Backe fühle ich ein dumpfes Ziehen: damit fängt der
-Gesichtsschmerz, der ~tic~, an. Um mich mit Gedanken zu beschäftigen,
-versetze ich mich auf meinen früheren Standpunkt, als ich noch nicht
-so teilnahmlos war, und frage mich: warum sitze ich, ein berühmter
-Mann, ein Geheimrat, in diesem kleinen Hotelzimmer, auf diesem Bette
-mit der fremden, grauen Bettdecke? Warum sehe ich diese billige,
-blecherne Waschschüssel an und höre, wie auf dem Korridor eine elende
-Uhr tickt? Entspricht denn etwa alles dies meiner Berühmtheit und der
-hohen Stellung, die ich in der Welt einnehme? Und auf diese Frage
-besteht meine Antwort in einem Lächeln. Ich lächle über die Naivität,
-mit der ich einst in meiner Jugend die Bedeutung der Berühmtheit und
-der exklusiven Stellung, welche berühmte Männer anscheinend genießen,
-weit überschätzte. Ich bin berühmt, mein Name wird mit Ehrerbietung
-genannt, mein Bild hat in der Niwa[3] und in der Allgemeinen
-Illustrierten Zeitung gestanden, meine Biographie habe ich sogar in
-einer deutschen Zeitschrift gelesen: und was habe ich nun von alledem?
-Ich sitze mutterseelenallein in einer fremden Stadt, auf einem fremden
-Bette und reibe mit der Hand meine kranke Backe. Familiengezänk,
-Hartherzigkeit von Gläubigern, Grobheit der Eisenbahnbeamten, die
-Unbequemlichkeiten des Paßwesens, die teure und ungesunde Kost in den
-Bahnhofsrestaurationen, die allgemeine Unhöflichkeit und Grobheit im
-Verkehr, alles dies und vieles andere, dessen Aufzählung zu lang werden
-würde, berührt mich nicht weniger als jeden beliebigen Kleinbürger,
-den niemand kennt als die Bewohner seiner Gasse. Worin kommt denn die
-Exklusivität meiner Stellung zum Ausdruck? Und wenn ich tausendmal ein
-berühmter Mann bin, ein hervorragender Geist, auf den das Vaterland
-stolz ist, -- nun ja, man druckt in allen Zeitungen Bulletins über
-meine Krankheit ab, und es gehen mir durch die Post teilnehmende
-Zuschriften von Kollegen, von Schülern und aus dem Publikum zu; aber
-alles dies hindert mich nicht, auf einem fremden Bette, in Gram und
-Kummer, in völliger Vereinsamung zu sterben. Gewiß, es trifft niemanden
-dabei eine Schuld; aber obwohl es fast wie eine Sünde klingt: ich habe
-an der Popularität meines Namens keine Freude. Es kommt mir vor, als
-hätte mich diese Popularität betrogen.
-
-Um zehn Uhr schlafe ich ein; trotz meines Gesichtsschmerzes schlafe ich
-fest und würde lange geschlafen haben, wenn ich nicht aufgeweckt worden
-wäre. Bald nach ein Uhr wird plötzlich an meine Tür geklopft.
-
-»Wer ist da?«
-
-»Eine Depesche.«
-
-»Das hätte auch bis morgen Zeit gehabt,« sage ich ärgerlich, als ich
-die Depesche von dem Kellner in Empfang nehme. »Nun werde ich nicht zum
-zweitenmal einschlafen.«
-
-»Verzeihen Sie! Ich sah, daß bei Ihnen Licht brannte, und glaubte, Sie
-schliefen noch nicht.«
-
-Ich öffne die Depesche und sehe vor allem nach der Unterschrift: von
-meiner Frau. Was will sie?
-
-»Gestern hat sich Gnecker mit Lisa heimlich trauen lassen. Komm zurück!«
-
-Ich lese diese Depesche und bekomme einen Schreck, der allerdings
-nicht lange dauert. Worüber ich erschrecke, das ist nicht der Schritt,
-den Lisa und Gnecker unternommen haben, sondern der Gleichmut, mit
-dem ich die Nachricht von ihrer Verheiratung aufnehme. Man sagt, die
-Philosophen und die wahren Weisen seien gleichmütig. Das ist nicht
-wahr; der Gleichmut ist eine Paralyse der Seele, ein vorzeitiger Tod.
-
-Ich lege mich wieder ins Bett und überlege, mit was für Gedanken
-ich mich wohl beschäftigen könnte. Worüber soll ich nachdenken? Mir
-scheint, es sei schon alles von mir durchdacht worden, und es gebe
-nichts, was jetzt imstande wäre, meine Denktätigkeit anzuregen.
-
-Als es hell wird, sitze ich auf dem Bette, umfasse die Knie mit den
-Händen und versuche aus Langerweile mich selbst zu erkennen. »Erkenne
-dich selbst!« das ist ein schöner, nützlicher Rat; schade nur, daß die
-Alten nicht daran gedacht haben, die Mittel anzugeben, wie man sich
-dieses Rates bedienen könne.
-
-Wenn mich früher die Lust ankam, das Wesen irgend jemandes oder mein
-eigenes zu erkennen, so richtete ich mein Augenmerk nicht auf die
-Handlungen, bei denen ja alles von den äußeren Umständen abhängt,
-sondern auf die Wünsche. Sage mir, was du wünschest, und ich werde dir
-sagen, wer du bist.
-
-Auch jetzt prüfe ich mich selbst: was möchte ich?
-
-Ich möchte, daß unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Freunde und unsere
-Schüler an uns nicht den Namen, das Aushängeschild und das Etikett
-liebten, sondern die Menschen, die gewöhnlichen Menschen. Was noch? Ich
-möchte Gehilfen und Nachfolger haben. Was noch? Ich möchte nach etwa
-hundert Jahren erwachen und wenigstens einen kurzen Blick auf den Stand
-der Wissenschaft werfen. Ich möchte noch zehn Jahre leben ... Was noch
-weiter?
-
-Weiter nichts. Ich überlege, überlege lange und kann nichts mehr
-ersinnen. Und wie lange ich auch überlege, und wohin ich auch meine
-Gedanken richten würde, das ist mir klar, daß meinen Wünschen etwas
-sehr Wesentliches, gerade das Wichtigste fehlen würde. Meinem
-leidenschaftlichen Interesse für die Wissenschaft, meinem Wunsche
-weiterzuleben, diesem Sitzen auf dem fremden Bette und dem Versuche,
-mich selbst zu erkennen, allen Gedanken, Gefühlen und Begriffen, die
-ich mir über alle Dinge bilde, alledem fehlt das gemeinsame Band, durch
-das alles erst zu einem einheitlichen Ganzen verknüpft werden würde.
-Jedes Gefühl und jeder Gedanke führt in mir sein Sonderdasein, und in
-allen meinen Urteilen über die Wissenschaft, über das Theater, über
-die Literatur, über meine Schüler und in all den Bildern, die meine
-Einbildungskraft entwirft, würde selbst der geschickteste Psychologe
-nicht das finden, was man die Gesamtidee oder den »Gott im lebendigen
-Menschen« nennt.
-
-Wenn aber das fehlt, so ist alles andere nichtig und wertlos.
-
-Bei solcher Armut haben ein ernstes körperliches Leiden, die Furcht
-vor dem Tode, die Einwirkung äußerer Umstände und anderer Menschen
-ausgereicht, um alles das, was ich früher für meine Weltanschauung
-hielt, und worin ich den Inhalt und die Freude meines Lebens erblickte,
-völlig umzustürzen und in Trümmer zu legen. Daher ist es kein Wunder,
-daß ich mir die letzten Monate meines Lebens durch Gedanken und Gefühle
-verdunkelt habe, die nur eines Sklaven und Barbaren würdig sind, und
-daß ich jetzt teilnahmlos hier sitze und auf den Tagesanbruch nicht
-achte. Wenn im Menschen nicht das vorhanden ist, was höher und stärker
-ist als alle äußeren Einwirkungen, dann genügt wahrhaftig schon ein
-tüchtiger Schnupfen, um ihn das Gleichgewicht verlieren und in jedem
-Vogel eine Eule sehen, in jedem Ton ein Hundegeheul hören zu lassen.
-Und sein ganzer Pessimismus oder Optimismus mit seinen großen und
-kleinen Gedanken hat in solchen Zeiten lediglich die Bedeutung eines
-Symptoms, aber keine reelle Wirkung.
-
-Ich bin besiegt. Wenn es so steht, dann hat es weiter keinen Zweck,
-nachzudenken und zu reden. Ich werde so sitzen bleiben und schweigend
-abwarten, was da kommen wird.
-
-Am Morgen bringt mir der Kellner Tee und die soeben erschienene Nummer
-des Lokalblattes. Mechanisch überfliege ich die Annoncen auf der
-ersten Seite, den Leitartikel, die Auszüge aus anderen Zeitungen und
-Journalen, die Tageschronik. Und in dieser letzteren finde ich unter
-anderm folgende Notiz: »Gestern ist unser berühmter Gelehrter, der
-hochverdiente Professor Nikolai Stepanowitsch ***, mit dem Kurierzuge
-in Charkow eingetroffen und im Hotel *** abgestiegen.«
-
-Offenbar sind berühmte Namen dazu geschaffen, ein Sonderleben neben
-ihren Trägern zu führen. Jetzt wandert mein Name ungestört in Charkow
-umher; nach drei Monaten wird er in goldenen Buchstaben auf meinem
-Grabdenkmal blitzen wie die Sonne, während ich selbst bereits unter
-einer Moosdecke liegen werde.
-
-Ein leichtes Klopfen an der Tür; es will jemand zu mir.
-
-»Wer ist da? Herein!«
-
-Die Tür öffnet sich; erstaunt trete ich einen Schritt zurück und
-schlage eiligst die Schöße meines Schlafrocks übereinander. Vor mir
-steht Katja.
-
-»Guten Morgen!« sagt sie, noch ganz außer Atem vom Treppensteigen. »Das
-haben Sie wohl nicht erwartet? Ich bin auch ... bin auch hergekommen.«
-
-Sie setzt sich und fährt stockend und ohne mich anzusehen fort:
-
-»Warum sagen Sie mir nicht Guten Tag? Ich bin auch hergekommen ...
-heute ... Ich erfuhr, daß Sie in diesem Hotel abgestiegen seien, und da
-bin ich zu Ihnen hergekommen.«
-
-»Ich freue mich sehr, dich zu sehen,« sage ich achselzuckend. »Aber
-ich bin erstaunt ... Du erscheinst hier so plötzlich wie vom Himmel
-gefallen. Warum bist du denn eigentlich hier?«
-
-»Ich? Nun, ohne besonderen Anlaß ... Ich habe mich einfach aufgesetzt
-und bin hergefahren.«
-
-Stillschweigen. Auf einmal steht sie mit einer raschen, heftigen
-Bewegung auf und tritt auf mich zu.
-
-»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie; sie ist ganz blaß geworden und
-drückt die Hände gegen die Brust. »Nikolai Stepanowitsch! Ich kann so
-nicht mehr weiterleben! Ich kann es nicht! Um Gottes willen, sagen Sie
-mir schnell, augenblicklich: was soll ich tun? Sagen Sie mir: was soll
-ich tun?«
-
-»Was kann ich dir sagen?« erwidere ich verwundert. »Ich kann dir nichts
-sagen.«
-
-»Sagen Sie es mir doch, ich flehe Sie an!« fährt sie, schwer atmend und
-am ganzen Leibe zitternd, fort. »Ich schwöre Ihnen, daß ich so nicht
-weiterleben kann! Meine Kraft ist zu Ende!«
-
-Sie fällt auf einen Stuhl nieder und beginnt zu schluchzen. Sie hat den
-Kopf zurückgeworfen, ringt die Hände und stampft mit den Füßen; der Hut
-ist ihr vom Kopfe gefallen und schaukelt am Gummibande; das Haar ist
-ihr in Unordnung geraten.
-
-»Helfen Sie mir! Helfen Sie mir!« fleht sie. »Ich kann nicht mehr!«
-
-Sie holt das Taschentuch aus ihrem Reisetäschchen hervor und zieht
-damit zugleich ein paar Briefe heraus, die dann von ihren Knien auf
-den Fußboden fallen. Ich hebe sie auf, erkenne bei einem derselben die
-Handschrift Michail Fedorowitschs und lese zufällig ein Stück von einem
-Worte: »leidenschaft...«
-
-»Ich kann dir nichts sagen, Katja,« wiederhole ich.
-
-»Helfen Sie mir!« schluchzt sie, ergreift meine Hand und küßt sie. »Sie
-sind ja doch mein Vater, mein einziger Freund! Sie sind ja klug und
-gebildet und haben lange gelebt! Sie sind Lehrer gewesen! Sagen Sie mir
-doch: was soll ich tun?«
-
-»Auf Ehre und Gewissen, Katja: ich weiß nicht ...«
-
-Ich bin fassungslos, verlegen, von ihrem Schluchzen gerührt und kann
-mich kaum auf den Beinen halten.
-
-»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich mit einem gezwungenen
-Lächeln. »Hör doch auf zu weinen!«
-
-Und unmittelbar darauf füge ich mit leiserer Stimme hinzu: »Ich werde
-bald nicht mehr sein, Katja ...«
-
-»Nur ein Wort, nur ein einziges Wort!« ruft sie weinend und streckt die
-Hände nach mir aus. »Was soll ich tun?«
-
-»Eine wunderliche Person bist du, wahrhaftig,« murmle ich. »Es ist mir
-unbegreiflich! Sonst so verständig ... und nun zerfließt du auf einmal
-in Tränen ...«
-
-Es tritt ein Stillschweigen ein. Katja bringt ihr Haar in Ordnung und
-setzt den Hut auf; dann knittert sie die Briefe achtlos zusammen und
-schiebt sie in die Reisetasche; alles das tut sie schweigend und ohne
-Hast. Ihr Gesicht, ihre Brust und ihre Handschuhe sind noch feucht von
-Tränen; aber der Ausdruck ihres Gesichtes ist bereits streng und fest
-... Ich sehe sie an und schäme mich, daß ich glücklicher bin als sie.
-Der Mangel dessen, was meine Kollegen, die Philosophen, die Gesamtidee
-nennen, ist mir erst kurz vor meinem Tode, beim Niedergange meiner
-Tage, zum Bewußtsein gekommen; die Seele der armen Katja aber hat
-bisher nie das Gefühl des Geborgenseins kennen gelernt und wird es ihr
-ganzes Leben lang nicht kennen lernen!
-
-»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich.
-
-»Nein, danke,« antwortet sie kühl.
-
-Es vergeht noch eine Minute unter beiderseitigem Stillschweigen.
-
-»Charkow gefällt mir nicht,« beginne ich dann. »Es macht alles so einen
-grauen Eindruck. Eine graue Stadt.«
-
-»Ja, das ist wohl richtig ... Eine häßliche Stadt ... Ich bin nur auf
-kurze Zeit hier ... Auf der Durchreise. Ich fahre heute noch weiter.«
-
-»Wohin?«
-
-»Nach der Krim ... ich wollte sagen: nach dem Kaukasus.«
-
-»So. Auf lange?«
-
-»Ich weiß nicht.«
-
-Katja steht auf und reicht mir mit einem kalten Lächeln und ohne mich
-anzusehen die Hand.
-
-Ich möchte sie fragen: »Dann bist du also zu meinem Begräbnisse nicht
-da?« Aber sie sieht mich nicht an, und ihre Hand liegt so kühl in der
-meinen, als ob sie mir eine Fremde wäre. Ich begleite sie schweigend
-bis an die Tür ... Nun hat sie mein Zimmer verlassen und geht den
-langen Korridor entlang, ohne sich umzusehen. Sie weiß, daß ich ihr
-nachschaue, und wird sich wohl an der Ecke noch einmal umblicken.
-
-Nein, sie hat sich nicht umgeblickt. Das letzte Stück ihres schwarzen
-Kleides ist verschwunden, ihre Schritte sind verhallt ... Lebewohl, du
-mein Teuerstes auf der Welt!
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
- [1] In Gribojedows Lustspiel: »Verstand schafft Leiden«. Anm. des
- Übers.
-
- [2] = Restaurant. Anmerkung des Übersetzers.
-
- [3] Eine sehr verbreitete illustrierte Wochenschrift, einigermaßen
- ähnlich der Gartenlaube. Anm. des Übers.
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE***
-
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Eine langweilige Geschichte, by Anton Pavlovich Chekhov</title>
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-<h1>The Project Gutenberg eBook, Eine langweilige Geschichte, by Anton
-Pavlovich Chekhov, Translated by Hermann Röhl</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States
-and most other parts of the world at no cost and with almost no
-restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not
-located in the United States, you'll have to check the laws of the
-country where you are located before using this ebook.</p>
-<p>Title: Eine langweilige Geschichte</p>
-<p> Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes</p>
-<p>Author: Anton Pavlovich Chekhov</p>
-<p>Release Date: July 19, 2016 [eBook #52605]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: UTF-8</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE***</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<h4>E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team<br />
- (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br />
- from page images generously made available by<br />
- HathiTrust Digital Library<br />
- (<a href="http://www.hathitrust.org/digital_library">http://www.hathitrust.org/digital_library</a>)</h4>
-<p>&nbsp;</p>
-<table border="0" style="background-color: #ccccff;margin: 0 auto;" cellpadding="10">
- <tr>
- <td valign="top">
- Note:
- </td>
- <td>
- Images of the original pages are available through
- HathiTrust Digital Library. See
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- </td>
- </tr>
-</table>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am <a href="#tnextra">Ende
-des Buches</a>.</p>
-</div>
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">
-Anton Tschechow</p>
-<h1>Eine langweilige Geschichte</h1>
-<p class="center larger">
-Aus den Aufzeichnungen<br />
-eines alten Mannes</p>
-<div class="figcenter">
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-</div>
-<p class="center">
-Aus dem Russischen<br />
-übertragen von H. Röhl</p>
-<p class="center larger p2">
-Im Insel-Verlag zu Leipzig
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<p class="center">Gedruckt bei Breitkopf &amp; Härtel in Leipzig</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p>
-
-<h2 id="I">I</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es lebt in Rußland ein hochverdienter Professor, namens Nikolai
-Stepanowitsch *** (ich unterdrücke den Familiennamen), Geheimrat,
-Ritter pp.; er besitzt so viele russische und ausländische
-Orden, daß, wenn er Veranlassung hat sie anzulegen, die Studenten
-ihn mit der bunten Bilderwand in der Kirche vergleichen. Sein
-Bekanntenkreis ist ein höchst vornehmer; wenigstens hat es in den
-letzten fünfundzwanzig bis dreißig Jahren in Rußland keinen berühmten
-Gelehrten gegeben, mit dem er nicht näher bekannt gewesen
-wäre. Jetzt mag er sich mit niemand mehr anfreunden; aber wenn
-von der Vergangenheit die Rede sein soll, so schließen die lange
-Reihe seiner berühmten Freunde Männer wie Pirogow, Kawelin
-und der Dichter Nekrasow, die ihm ihre aufrichtige, warme Freundschaft
-schenkten. Er ist Ehrenmitglied aller russischen und dreier ausländischen
-Universitäten, usw. usw. Alles dies und vieles, was man
-noch hinzufügen könnte, bildet das, was man meinen Namen nennt.</p>
-
-<p>Dieser mein Name erfreut sich einer großen Popularität. In Rußland
-ist er jedem gebildeten Menschen bekannt, und im Auslande
-wird er auf den Kathedern mit den Beiworten »der bekannte« und
-»der verehrte« erwähnt. Er gehört zu jenen wenigen glücklichen
-Namen, die zu schmähen oder leichtfertig in den Mund zu nehmen
-beim Publikum und bei der Presse als schlechter Ton gilt. Und
-das ist auch nur in der Ordnung. Ist doch mit meinem Namen
-der Begriff eines berühmten, reich begabten und der Menschheit
-zweifellos nützlichen Mannes eng verbunden. Ich bin arbeitsam
-und ausdauernd wie ein Kamel, was von Wichtigkeit ist, und ich
-besitze Talent, was von noch größerer Wichtigkeit ist. Außerdem
-bin ich, beiläufig gesagt, ein wohlerzogener, bescheidener, ehrenhafter
-Mensch. Niemals habe ich meine Nase in Literatur und Politik
-hineingesteckt, habe nie durch Polemik mit Unwissenden populär
-zu werden gesucht, nie Reden bei Diners oder am Grabe von Kollegen
-gehalten. Überhaupt haftet an meinem Gelehrtennamen kein
-Flecken, und mein Name hat keinen Grund sich zu beklagen. Er
-ist glücklich.</p>
-
-<p>Der Träger dieses Namens, also mein Ich, ist ein Mann von zweiundsechzig
-Jahren, mit kahlem Kopfe, falschen Zähnen und einem
-unheilbaren Gesichtsschmerz, einem <em class="antiqua">tic</em>. So glänzend und schön<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-mein Name ist, ebenso trübselig und häßlich bin ich selbst. Kopf
-und Hände zittern mir vor Schwäche; mein Hals hat, wie bei der
-Heldin einer Turgenjewschen Erzählung, Ähnlichkeit mit dem Griffe
-eines Kontrabasses; die Brust ist eingefallen, der Rücken schmal.
-Wenn ich spreche oder Vorlesung halte, so zieht sich mein Mund
-schräg nach der Seite hin; wenn ich lächle, so bedeckt sich mein
-ganzes Gesicht mit greisenhaften, starren Runzeln. An meiner
-ganzen kläglichen Figur ist nichts, was Interesse erwecken könnte;
-nur etwa wenn ich an meinem Gesichtsschmerz krank bin, tritt bei
-mir ein gewisser besonderer Ausdruck hervor, der wohl bei jedem,
-der mich ansieht, den ernsten, bedeutsamen Gedanken hervorruft:
-»Wahrscheinlich wird dieser Mensch bald sterben.«</p>
-
-<p>Ich trage bei meinen Vorlesungen, wie früher, nicht schlecht vor;
-wie in früheren Zeiten vermag ich die Aufmerksamkeit der Hörer
-zwei Stunden lang zu fesseln. Über meiner Wärme für den Gegenstand,
-der Klarheit der Erörterung und dem guten Humor, den ich
-dabei entwickele, vergißt man fast die Mängel meiner Stimme,
-die trocken und scharf ist und etwas Singendes hat, wie man es
-sonst bei Frömmlern findet. Das Schreiben dagegen gelingt mir
-schlecht. Jener Teil meines Gehirnes, der die schriftstellerische Fähigkeit
-dirigieren soll, versagt den Dienst. Mein Gedächtnis ist schwach
-geworden, meinem Denken fehlt die nötige Folgerichtigkeit, und
-sobald ich meine Gedanken auf das Papier bringe, habe ich jedesmal
-die Empfindung, daß ich das Gefühl für ihre organische Verknüpfung
-verloren habe; die Konstruktion ist eintönig, die Ausgestaltung
-der Sätze gar zu bescheiden und ärmlich. Oft schreibe ich
-gar nicht das, was ich eigentlich beabsichtige; wenn ich das Ende
-schreibe, habe ich den Anfang nicht mehr im Kopfe. Oft kann ich
-mich auf die gewöhnlichsten Ausdrücke nicht besinnen, und ich muß
-immer erst große Energie aufwenden, um bei einem Schriftstück
-überflüssige Redensarten und unnötige Eingangssätze zu vermeiden;
-beides zeugt deutlich von einem Verfalle der geistigen Fähigkeiten.
-Und merkwürdig: je einfacher das betreffende Schriftstück ist, um
-so qualvollere Anstrengung kostet es mich. Bei der Abfassung eines
-wissenschaftlichen Aufsatzes fühle ich mich weit freier und fähiger
-als bei einem Gratulationsbriefe oder bei einem amtlichen Berichte.
-Noch eines: es wird mir leichter, Deutsch oder Englisch zu schreiben
-als Russisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<p>Was meine jetzige Lebensweise anlangt, so muß ich vor allem die
-Schlaflosigkeit erwähnen, an der ich in der letzten Zeit leide. Wenn
-mich jemand fragen wollte: »Was bildet jetzt den wichtigsten, den
-fundamentalen Zug deines Daseins?« so müßte ich antworten:
-die Schlaflosigkeit. Wie früher entkleide ich mich gewohnheitsmäßig
-pünktlich um Mitternacht und lege mich ins Bett. Ich schlafe schnell
-ein; aber zwischen eins und zwei wache ich auf, und zwar mit einem
-Gefühle, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen. Ich muß aufstehen
-und die Lampe anzünden. Eine oder zwei Stunden lang gehe
-ich dann im Zimmer von einer Ecke nach der anderen und betrachte
-die mir längst bekannten Bilder und Photographien. Wenn ich dieser
-Wanderung überdrüssig werde, setze ich mich an meinen Schreibtisch.
-Ich sitze unbeweglich, ohne etwas zu denken und ohne irgendwelchen
-Wunsch zu empfinden; liegt ein Buch vor mir, so ziehe ich
-es mechanisch zu mir heran und lese ohne alles Interesse. So habe
-ich neulich in einer einzigen Nacht mechanisch einen ganzen Roman
-mit dem sonderbaren Titel: »Was die Schwalbe sang« durchgelesen.
-Oder aber ich zwinge mich, um meinen Geist zu beschäftigen, bis
-tausend zu zählen, oder ich vergegenwärtige mir das Gesicht irgendeines
-meiner Kollegen und suche mich zu besinnen, in welchem Jahre
-und unter welchen Umständen er ins Amt getreten ist. Gern horche
-ich auch auf allerlei Geräusche. Bald redet zwei Zimmer von mir entfernt
-meine Tochter Lisa hastig etwas im Traume vor sich hin; bald
-geht meine Frau mit einer Kerze durch den Saal und läßt unfehlbar
-das Streichholzschächtelchen auf den Boden fallen; bald knackt ein
-zusammentrocknender Schrank, oder der Brenner an meiner Lampe
-beginnt unerwartet zu summen, &ndash; und alle diese Geräusche haben,
-ich weiß nicht warum, für mich etwas Aufregendes.</p>
-
-<p>Wenn man in der Nacht nicht schläft, so ist man sich dabei jeden
-Augenblick bewußt, daß man sich nicht in normalem Zustande befindet,
-und daher warte ich mit Ungeduld auf den Morgen und den
-Tag, wo ich ein Recht habe nicht zu schlafen. Aber es vergeht viel
-qualvolle Zeit, bis auf dem Hofe der Hahn zu krähen beginnt. Dies
-ist mein erster Freudenbote. Sobald er kräht, weiß ich, daß nun
-in einer Stunde unten der Portier aufwachen und, ärgerlich
-hustend, zu irgendwelcher Verrichtung die Treppe heraufkommen
-wird. Und dann wird es draußen vor den Fenstern allmählich heller
-werden, auf der Straße werden Stimmen laut werden usw.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>Der Tag beginnt bei mir mit dem Eintreten meiner Frau. Sie
-kommt zu mir ins Zimmer im Unterrock, unfrisiert, aber bereits
-gewaschen und nach Eau de Cologne duftend. Sie macht ein Gesicht,
-als käme sie nur so zufällig herein, und sagt jedesmal ein und
-dasselbe:</p>
-
-<p>»Entschuldige, ich wollte nur einen Augenblick … Hast du wieder
-nicht geschlafen?«</p>
-
-<p>Dann löscht sie die Lampe aus, setzt sich an den Tisch und beginnt
-zu reden. Obwohl ich kein Prophet bin, weiß ich im voraus, wovon
-sie sprechen wird. Es ist jeden Morgen dasselbe. Nachdem
-sie sich besorgt nach meinem Befinden erkundigt hat, fällt ihr gewöhnlich
-auf einmal unser Sohn ein, der als Offizier in Warschau
-steht. Am zwanzigsten jedes Monats schicken wir ihm fünfzig Rubel
-hin, und das dient nun als hauptsächlichstes Thema unseres Gespräches.</p>
-
-<p>»Es fällt uns ja freilich schwer,« sagt meine Frau seufzend, »aber
-solange er noch nicht auf eigenen Füßen stehen kann, ist es doch
-unsere Pflicht, ihn zu unterstützen. Der Junge wohnt an einem
-fremden Orte, und sein Gehalt ist nur klein … Indessen, wenn du
-willst, können wir ihm ja im nächsten Monat statt fünfzig nur
-vierzig Rubel schicken. Was meinst du?«</p>
-
-<p>Aus der täglichen Erfahrung könnte meine Frau lernen, daß Ausgaben
-dadurch nicht kleiner werden, daß man oft von ihnen spricht;
-aber meine Frau läßt die Erfahrung nicht gelten und unterhält
-mich pünktlich jeden Morgen von unserem Offizier und davon, daß
-das Brot Gott sei Dank billiger geworden sei, der Zucker aber leider
-zwei Kopeken teurer, &ndash; und alles das in einem Tone, als ob sie
-mir eine Neuigkeit mitteilte.</p>
-
-<p>Ich höre zu und äußere mechanisch meine Beistimmung; aber wahrscheinlich
-infolge der schlaflosen Nacht kommen mir sonderbare, unnütze
-Gedanken. Ich sehe meine Frau an und wundere mich wie
-ein Kind. Verständnislos frage ich mich: ist diese alte, sehr korpulente,
-plumpe Frau mit dem stumpfen Ausdruck kleinlicher Sorge
-und Angst um das tägliche Brot, mit diesem von steten Gedanken
-an Schulden und Not verschleierten Blicke, diese Frau, die von weiter
-nichts zu reden weiß als von Ausgaben, und der nur die Wohlfeilheit
-der Lebensmittel ein Lächeln entlockt, ist diese Frau wirklich
-einmal jene schlanke Warja gewesen, in die ich mich leidenschaftlich<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-verliebte wegen ihres guten, klaren Verstandes, wegen ihrer reinen
-Seele, wegen ihrer Schönheit und, wie Othello in Desdemona,
-wegen ihres »Mitleides« mit meiner Wissenschaft? Ist diese Frau
-wirklich jene meine Warja, die mir einst einen Sohn gebar?</p>
-
-<p>Ich blicke der fetten, plumpen alten Frau forschend in das Gesicht
-und suche in ihr meine Warja; aber von ihrem gesamten früheren
-Wesen ist nur die Angst um meine Gesundheit bestehen geblieben,
-und dann noch ihre wunderliche Art, mein Gehalt »unser Gehalt«
-zu nennen und meine Mütze »unsere Mütze«. Es ist mir schmerzlich,
-sie anzusehen, und um ihr wenigstens eine kleine Liebe anzutun,
-lasse ich sie sprechen, was sie mag, und schweige sogar still, wenn
-sie über andere Menschen ungerecht urteilt oder mir Vorwürfe macht,
-weil ich keine Praxis ausübe und keine Lehrbücher herausgebe.</p>
-
-<p>Unser Gespräch endet immer auf die gleiche Weise. Meiner Frau
-fällt zu ihrem Schrecken plötzlich ein, daß ich noch keinen Tee getrunken
-habe.</p>
-
-<p>»Was sitze ich hier?« sagt sie, sich erhebend. »Der Samowar steht
-längst auf dem Tische, und ich plaudere hier. Wie gedankenlos ich
-geworden bin, o Gott!«</p>
-
-<p>Sie geht schnell zur Tür, bleibt aber dort stehen, um zu sagen:</p>
-
-<p>»Wir sind Jegor noch seinen Lohn für fünf Monate schuldig. Du
-weißt es doch? Man darf mit der Lohnzahlung an die Dienstboten
-nicht nachlässig sein, das habe ich dir doch schon wer weiß wie oft
-gesagt! Zehn Rubel jeden Monat zu bezahlen ist viel leichter als
-fünfzig mit einem Mal für fünf Monate.«</p>
-
-<p>Wenn sie aus der Tür hinaus ist, bleibt sie wieder stehen und sagt:</p>
-
-<p>»Niemand tut mir so leid wie unsere arme Lisa. Das Kind besucht
-doch das Konservatorium und verkehrt stets in guter Gesellschaft;
-aber dabei ist ihre Toilette so kümmerlich. Ihr Pelz befindet sich
-in einem solchen Zustande, daß sie sich schämen muß, sich damit auf
-der Straße zu zeigen. Wäre sie aus anderer Familie, dann käme
-es ja nicht darauf an; aber so wissen doch alle Leute, daß ihr Vater
-ein berühmter Professor und Geheimrat ist!«</p>
-
-<p>Nachdem sie mir so meinen Ruf und Stand zum Vorwurfe gemacht
-hat, geht sie endlich fort. Auf diese Weise beginnt mein Tag.
-Und der weitere Verlauf ist nicht besser.</p>
-
-<p>Während ich Tee trinke, kommt meine Tochter Lisa zu mir ins
-Zimmer, in Pelz und Mützchen, die Notenmappe am Arm, völlig<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-fertig, um ins Konservatorium zu gehen. Sie ist zweiundzwanzig
-Jahre alt. Nach ihrem Äußeren würde man sie für jünger halten;
-sie ist recht hübsch und hat einige Ähnlichkeit mit meiner Frau, wie
-diese in ihrer Jugend aussah. Sie küßt mir zärtlich die Schläfe
-und die Hand und sagt:</p>
-
-<p>»Guten Morgen, Papachen. Fühlst du dich wohl?«</p>
-
-<p>Als sie noch ein Kind war, aß sie sehr gern Gefrorenes, und ich
-mußte sie oft in die Konditorei führen. Eis war ihr der Maßstab
-für alles Schöne. Wenn sie mich loben wollte, so sagte sie: »Du
-bist von Sahneneis, Papa.« Von ihren Fingerchen hieß eines das
-Pistazienfingerchen, das andere das Sahnenfingerchen, das dritte
-das Himbeerfingerchen usw. Wenn sie morgens zu mir kam, um
-mir Guten Tag zu sagen, setzte ich sie gewöhnlich auf meinen Schoß,
-küßte ihre Fingerchen und sagte dabei:</p>
-
-<p>»Sahnenfingerchen, Pistazienfingerchen, Zitronenfingerchen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Auch jetzt küsse ich aus alter Gewohnheit Lisas Finger und murmele:</p>
-
-<p>»Pistazienfingerchen, Sahnenfingerchen, Zitronenfingerchen …«;
-aber es hat nicht mehr den richtigen Klang. Ich bin kalt dabei, und
-darüber schäme ich mich. Wenn meine Tochter zu mir hereinkommt
-und mit den Lippen meine Schläfe berührt, so zucke ich zusammen,
-wie wenn mich eine Biene in die Schläfe stäche, lächle gezwungen
-und wende mein Gesicht ab. Seit ich an Schlaflosigkeit leide, bohrt
-in meinem Gehirn ein bestimmter Gedanke herum: meine Tochter
-sieht oft, daß ich, ein alter Mann, ein berühmter Professor, peinlich
-erröte, weil ich dem Diener Geld schulde; sie sieht, daß die Sorge
-um kleine Schulden mich oft zwingt, die Arbeit hinzuwerfen, ganze
-Stunden lang von einer Ecke nach der andern zu gehen und nachzudenken;
-aber warum ist sie nie hinter dem Rücken ihrer Mutter
-zu mir gekommen und hat mir zugeflüstert: »Vater, da sind meine
-Armbänder, meine Uhr, meine Ohrringe, meine Kleider. Trag das
-alles ins Leihhaus, wenn du Geld brauchst!«? Sie sieht doch, daß
-wir, ihre Mutter und ich, aus einem falschen Schamgefühle den
-Leuten unsere Armut zu verbergen suchen; warum verzichtet sie da
-nicht auf das kostspielige Vergnügen, Musik zu studieren? Annehmen
-würde ich ja weder die Uhr noch die Armbänder noch sonstige Opfer,
-Gott behüte; das liegt nicht in meinen Wünschen.</p>
-
-<p>Dabei denke ich dann auch an meinen Sohn, den Warschauer Offizier.
-Er ist ein verständiger, ehrenhafter, nüchterner Mensch. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-mir genügt das nicht. Ich meine, wenn ich einen alten Vater hätte
-und wüßte, daß bei ihm Augenblicke vorkommen, wo er sich seiner
-Armut schämt, dann würde ich meine Offizierstelle jemand anders
-überlassen und selbst eine Erwerbstätigkeit ergreifen. Solche Gedanken
-über meine Kinder vergiften mir meine Seele. Was haben
-solche Gedanken für Zweck? Gegen Menschen gewöhnlichen Schlages
-nur deshalb ein böses Gefühl hegen, weil sie keine Helden sind,
-das kann nur ein engherziger oder verbitterter Mensch. Aber genug
-davon.</p>
-
-<p>Um dreiviertel zehn muß ich zu meinen lieben Studenten gehen, um
-ihnen eine Vorlesung zu halten. Ich kleide mich an und wandere
-auf dem Wege hin, der mir schon seit dreißig Jahren bekannt ist
-und für mich seine Geschichte hat. Hier steht ein großes, graues
-Haus mit einer Apotheke; da stand ehemals ein kleines Häuschen,
-und darin befand sich ein Bierlokal; in diesem Bierlokale überlegte
-ich meine Dissertation und schrieb ich meinen ersten Liebesbrief an
-Warja. Ich schrieb ihn mit Bleistift auf einen Bogen mit dem
-Kopfdruck: <em class="antiqua">Historia morbi</em>. Da ist ein kleiner Viktualienladen;
-einstmals gehörte er einem Juden, der mir Zigaretten auf Kredit
-verkaufte, dann einer dicken Frau, die alle Studenten in ihr Herz
-geschlossen hatte, weil doch jeder von ihnen eine Mutter habe; jetzt
-sitzt ein rothaariger Kaufmann darin, ein sehr gleichmütiger Mensch,
-der aus einer kupfernen Kanne Tee trinkt. Und da ist ja auch schon
-das seit langer Zeit nicht renovierte Universitätstor und der sich
-langweilende Hausknecht in seinem Schafpelz und ein paar Besen
-und große Schneehaufen. Auf einen frischen jungen Menschen, der
-aus der Provinz kommt und die Vorstellung mitbringt, der Tempel
-der Wissenschaft werde auch in seiner äußeren Erscheinung ein
-Tempel sein, kann ein solches Tor keinen guten Eindruck machen.
-Überhaupt muß man sagen: die Baufälligkeit der Universitätsgebäude,
-die Dunkelheit der Korridore, die verstaubten, verräucherten
-Wände, der Mangel an Licht, das klägliche Aussehen der Stufen,
-der Kleiderhaken und der Bänke, dies alles nimmt in der Geschichte
-des russischen Pessimismus einen der ersten Plätze unter den prädisponierenden
-Ursachen ein. Da ist auch unser Universitätsgarten.
-Seit meiner eigenen Studentenzeit ist er, wie ich glaube, nicht besser
-und nicht schlechter geworden. Ich kann ihn nicht leiden. Es wäre
-weit verständiger, wenn statt der schwindsüchtigen Linden, der gelblichgrünen<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-Akazien und des dürftigen, beschnittenen Flieders dort
-hohe Fichten und kräftige Eichen wüchsen. Der Student, dessen
-Stimmung meist durch seine Umgebung stark beeinflußt wird, muß
-da, wo er studiert, auf Schritt und Tritt nur Hohes, Kräftiges
-und Schönes sehen. Bewahre ihn Gott vor dem Anblick dürrer
-Bäume, zerbrochener Fensterscheiben, grau gewordener Wände und
-mit zerrissenem Wachstuch beschlagener Türen!</p>
-
-<p>Wenn ich mich derjenigen Tür des Universitätsgebäudes nähere,
-die zu meinen Räumen führt, so öffnet sie sich, und es begrüßt mich
-mein langjähriger Dienstgenosse, Altersgenosse und Namensvetter,
-der Portier Nikolai. Nachdem er mich eingelassen hat, räuspert er
-sich und sagt:</p>
-
-<p>»Es ist kalt heute, Euer Exzellenz!«</p>
-
-<p>Oder wenn mein Pelz naß ist, bemerkt er:</p>
-
-<p>»Es regnet heute, Euer Exzellenz!«</p>
-
-<p>Darauf läuft er vor mir her und öffnet auf meinem Wege alle
-Türen. In meinem Arbeitszimmer nimmt er mir behutsam den
-Pelz ab und teilt mir gleichzeitig schleunigst irgendeine Universitätsneuigkeit
-mit. Dank der nahen Bekanntschaft, die zwischen
-allen Universitätsportiers und -pedellen besteht, weiß er alles, was
-in den vier Fakultäten, in der Kanzlei, im Arbeitszimmer des Rektors
-und in der Bibliothek vorgeht. Was bliebe ihm unbekannt?
-Zu Zeiten, wo bei uns z. B. der Rücktritt des Rektors oder eines
-Dekanes die brennende Tagesfrage bildet, höre ich manchmal, wie
-er im Gespräche mit jüngeren Pedellen die Kandidaten aufzählt
-und zugleich erläuternd bemerkt, den und den werde der Minister
-nicht bestätigen, der und der werde selbst verzichten, und wie er sich
-dann in phantastischen Einzelheiten ergeht über geheimnisvolle
-Schriftstücke, die in der Kanzlei eingegangen seien, über eine geheime
-Unterredung zwischen dem Minister und dem Kurator usw.
-Sieht man von diesen Einzelheiten ab, so erweist sich, daß er im
-allgemeinen fast immer recht hat. Die Charakteristiken, die er von
-einem jeden der Kandidaten gibt, sind originell, aber gleichfalls zutreffend.
-Wer etwa zu erfahren wünscht, in welchem Jahre jemand
-seine Dissertation verteidigt hat, ins Amt getreten ist, sich hat pensionieren
-lassen oder gestorben ist, der rufe das gewaltige Gedächtnis
-dieses ehemaligen Soldaten zu Hilfe; dieser wird nicht nur das
-Jahr, den Monat und den Tag angeben, sondern auch über die<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-näheren Umstände Mitteilung machen, die das eine oder andere Ereignis
-begleitet haben. So sich erinnern kann nur, wer mit dem
-Herzen dabei ist.</p>
-
-<p>Er ist der Hüter der Universitätstradition. Von seinen Vorgängern
-im Portieramt hat er viele Legenden aus dem Universitätsleben
-geerbt; zu diesem Schatze hat er dann viel eigenes Gut hinzugefügt,
-das er in seiner Dienstzeit erworben hat, und wenn jemand ein Verlangen
-danach äußert, so erzählt er ihm eine Menge langer und
-kurzer Geschichten. Er kann von außerordentlich klugen Männern
-erzählen, die »alles wußten«, von merkwürdig arbeitsfähigen Professoren,
-die ganze Wochen lang nicht schliefen, von zahlreichen
-Märtyrern und Opfern der Wissenschaft; das Gute triumphiert in
-seinen Erzählungen immer über das Böse, der Schwache besiegt
-den Starken, der Kluge den Dummen, der Bescheidene den Stolzen,
-der Junge den Alten. Man braucht ja nicht gerade alle diese Legenden
-und Erdichtungen für bare Münze zu nehmen; aber man filtriere
-sie, und es wird als Rückstand etwas Brauchbares auf dem
-Filter bleiben: unsere guten Traditionen und die Namen wahrer,
-allgemein anerkannter Geistesheroen.</p>
-
-<p>Was man in der sogenannten besseren Gesellschaft unserer Stadt
-über die Welt der Gelehrten weiß, das sind lediglich Anekdoten über
-außergewöhnliche Zerstreutheit alter Professoren, sowie zwei oder
-drei Witze, die bald auf Gruber, bald auf mich, bald auf Babuchin
-zurückgeführt werden. Für die gebildete Gesellschaft ist das eigentlich
-etwas wenig. Wenn diese Kreise die Wissenschaft, die Gelehrten
-und die Studenten so liebten, wie es Nikolai tut, so würde
-die hiesige Literatur schon längst ganze Heldengedichte, Erzählungen
-und Biographien aus diesem Gebiete besitzen, deren sie jetzt leider
-ermangelt.</p>
-
-<p>Nachdem Nikolai mir seine Neuigkeit mitgeteilt hat, nimmt sein
-Gesicht einen sehr ernsten Ausdruck an, und es entspinnt sich zwischen
-uns ein fachmännisches Gespräch. Wenn ein Fremder dabei
-mit anhörte, wie flott Nikolai die Terminologie handhabt, so könnte
-er vielleicht gar denken, das sei ein als Portier maskierter Gelehrter.
-Aber beiläufig gesagt: die Gerüchte über die Gelehrsamkeit der
-Universitätsunterbeamten sind stark übertrieben. Allerdings kennt
-Nikolai über hundert lateinische Benennungen, versteht sich darauf,
-ein Skelett zusammenzufügen, unter Umständen auch ein Präparat<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-herzustellen, die Studenten durch irgendein langes, gelehrtes Zitat
-zum Lachen zu bringen; aber z. B. die so einfache Lehre vom Blutumlaufe
-ist ihm jetzt noch ebenso dunkel wie vor zwanzig Jahren.</p>
-
-<p>An einem Tische in meinem Arbeitszimmer sitzt, tief über ein Buch
-oder ein Präparat gebeugt, mein Prosektor Peter Ignatjewitsch, ein
-fleißiger, bescheidener, aber talentloser Mensch, etwa fünfunddreißig
-Jahre alt, aber schon kahlköpfig und dickbäuchig. Arbeiten tut er
-vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein; er liest eine große
-Menge und hat für alles Gelesene ein vorzügliches Gedächtnis. In
-dieser Hinsicht ist er Goldes wert; aber im übrigen ist er ein Lastpferd
-oder, wie man sich auch auszudrücken pflegt, ein gelehrter
-Dummkopf. Die charakteristischen Merkmale des Lastpferdes, durch
-die dieses sich von einem talentvollen Manne unterscheidet, sind
-folgende: sein Gesichtskreis ist eng und scharf begrenzt, da er eben
-nur ein Spezialfach umfaßt; außerhalb seines Spezialfaches ist
-ein solcher Mann naiv wie ein Kind. Ich erinnere mich, daß ich
-eines Morgens in das Arbeitszimmer hereinkam und sagte:</p>
-
-<p>»Denken Sie sich, dieses Unglück! Es heißt, Skobelew sei gestorben.«</p>
-
-<p>Nikolai bekreuzte sich, Peter Ignatjewitsch aber sah mich an und
-fragte:</p>
-
-<p>»Was für ein Skobelew?«</p>
-
-<p>Ein andermal (es war etwas früher) teilte ich ihm mit, daß Professor
-Perow gestorben sei. Der gute Peter Ignatjewitsch fragte:</p>
-
-<p>»Worüber hat er denn gelesen?«</p>
-
-<p>Und wenn dicht vor seinen Ohren die Patti zu singen anfinge, wenn
-Chinesenhorden über Rußland herfielen, wenn ein Erdbeben stattfände,
-so würde er vermutlich kein Glied rühren und seelenruhig
-mit zusammengekniffenem Auge in sein Mikroskop hineinsehen. Mit
-einem Worte: was kümmert ihn Hekuba? Ich würde viel darum
-geben, einmal zu sehen, wie dieser trockene Stock bei seiner Frau
-schläft.</p>
-
-<p>Ein zweiter Charakterzug eines solchen Menschen ist: ein fanatischer
-Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft und namentlich
-alles dessen, was die Deutschen schreiben. Er hat ein festes Vertrauen
-zu sich selbst und zu seinen Präparaten, kennt nach seiner
-Überzeugung den Zweck des Menschenlebens und weiß absolut nichts
-von jenen Zweifeln und Enttäuschungen, von denen talentvolle
-Männer graue Haare bekommen. Er hegt einen sklavischen Respekt<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-vor Autoritäten; das Bedürfnis, selbständig zu denken, kennt er
-nicht. Ihn zu einer andern Ansicht zu bringen ist schwer, mit ihm
-zu disputieren unmöglich. Man disputiere einmal mit einem Menschen,
-der fest überzeugt ist, die beste Wissenschaft sei die Medizin,
-die besten Menschen die Ärzte, die besten Traditionen die medizinischen.
-In Wirklichkeit hat sich von der recht üblen Vergangenheit
-der Medizin nur ein einziger traditioneller Brauch erhalten: die
-weiße Krawatte, die die Doktoren jetzt tragen, und für einen Gelehrten
-und überhaupt für einen Gebildeten gibt es nur allgemein
-akademische Traditionen, ohne jede Scheidung in medizinische, juristische
-usw.; aber Peter Ignatjewitsch kann sich nicht entschließen,
-das zuzugeben, und ist bereit, mit einem anders Gesinnten darüber
-bis zum Jüngsten Tage zu debattieren.</p>
-
-<p>Seine Zukunft kann ich mir klar vorstellen. Er wird im Laufe
-seines ganzen Lebens mehrere hundert außerordentlich saubere Präparate
-anfertigen, viele trockene, sehr korrekte Referate schreiben,
-etwa ein Dutzend gewissenhafte Übersetzungen herstellen; aber das
-Pulver wird er nicht erfinden. Zum Pulvererfinden gehören Phantasie,
-Erfindungsgabe, Kombinationssinn, und von solchen Dingen
-besitzt Peter Ignatjewitsch nichts. Kurz, er ist in der Wissenschaft
-nicht ein Hausherr, sondern ein Arbeitsmann.</p>
-
-<p>Wir drei, ich, Peter Ignatjewitsch und Nikolai, sprechen halblaut
-miteinander. Es ist uns nicht recht behaglich zumute. Es ist doch
-ein besonderes Gefühl, wenn man auf der anderen Seite der Tür
-die Zuhörerschar wie ein Meer lärmen hört. In diesen ganzen dreißig
-Jahren habe ich mich an dieses Gefühl nicht gewöhnt und empfinde
-es jeden Morgen mit Mißbehagen. Nervös knöpfe ich mir den
-Rock zu, richte an Nikolai überflüssige Fragen und ärgere mich über
-mich selbst. Es sieht ganz so aus, als ob ich feige wäre; aber es ist
-nicht Feigheit, sondern etwas anderes, was ich weder zu benennen
-noch zu beschreiben imstande bin.</p>
-
-<p>Ohne daß es nötig wäre, sehe ich nach der Uhr und sage:</p>
-
-<p>»Nun, wie ist's? Wir müssen gehen.«</p>
-
-<p>Und wir schreiten in folgender Ordnung einher: voran geht Nikolai
-mit den Präparaten oder den großen Abbildungen, hinter ihm ich,
-und hinter mir wandelt, den Kopf bescheiden gebeugt, das Lastpferd;
-oder aber es wird, wenn es nötig ist, vor uns her auf einer Bahre
-ein Leichnam getragen, hinter dem Leichnam geht Nikolai usw. Bei<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-meinem Erscheinen stehen die Studenten auf; dann setzen sie sich
-wieder, und das Getöse des Meeres verstummt plötzlich. Es tritt
-Windstille ein.</p>
-
-<p>Ich weiß, worüber ich zu sprechen habe; aber ich weiß nicht, wie
-ich sprechen und womit ich anfangen und aufhören werde. In
-meinem Kopfe ist kein einziger fertiger Satz vorhanden. Aber ich
-brauche nur meinen Hörsaal anzusehen (er ist amphitheatralisch
-gebaut) und die herkömmlichen Worte: »In der vorigen Vorlesung
-sind wir bei … stehen geblieben«, zu sprechen, so kommen die
-Sätze in langer Reihe aus meinem Innern herausgeströmt, und nun
-bin ich im Zuge! Ich rede mit unaufhaltsamer Schnelligkeit und
-großer Wärme, und man möchte glauben, daß es keine Gewalt gebe,
-die den Lauf meiner Rede unterbrechen könnte. Um gut vorzutragen,
-d. h. so, daß das Interesse der Zuhörer geweckt wird und sie Nutzen
-davon haben, muß man außer dem Talente auch noch eine gewisse
-Kunstfertigkeit und Erfahrung besitzen; man muß eine klare Vorstellung
-von der eigenen Kraft, von der Persönlichkeit der Zuhörer
-und von dem Gegenstande des Vortrages haben. Außerdem muß
-man ein energischer Mensch sein, muß scharf beobachten und darf
-keinen Teil des Gesichtsfeldes auch nur für eine Sekunde aus den
-Augen verlieren.</p>
-
-<p>Ein guter Kapellmeister verrichtet, wenn er den Gedanken eines
-Komponisten zu Gehör bringt, zwanzig verschiedene Dinge zu gleicher
-Zeit: er liest die Partitur, schwingt den Taktstock, beobachtet
-den Sänger, macht eine Bewegung zur Seite hin bald nach der
-Trommel, bald nach dem Waldhorn usw. Ebenso mache auch ich
-es, wenn ich vortrage. Vor mir habe ich hundertfünfzig Gesichter,
-von denen keines dem anderen ähnlich ist, und dreihundert Augen,
-die mir gerade ins Gesicht schauen. Mein Ziel ist, diese vielköpfige
-Hydra zu besiegen. Wenn ich während meines Vortrages in jedem
-Augenblicke eine klare Vorstellung von dem Grade der Aufmerksamkeit
-und des Verständnisses meiner Zuhörer habe, dann sind
-diese in meiner Gewalt. Ein anderer Gegner steckt in mir selbst.
-Dies ist die endlose Mannigfaltigkeit der Formen, Erscheinungen
-und Gesetze und die dadurch bedingte Fülle eigener und fremder
-Gedanken. In jedem Augenblick muß ich die Geschicklichkeit besitzen,
-aus diesem gewaltigen Material das Wichtigste und Notwendigste
-herauszugreifen und ebenso schnell, wie meine Rede dahinfließt,<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-meine Gedanken in eine solche Form zu kleiden, daß sie dem Verständnis
-der vielköpfigen Zuhörerschaft angemessen ist und deren
-Interesse erwecken kann, wobei genau darauf zu achten ist, daß die
-Gedanken nicht so, wie sie sich angehäuft haben, sondern in einer
-gewissen Ordnung übermittelt werden, die zu einer regelrechten
-Komposition des Gemäldes, das ich entwerfen will, unerläßlich ist.
-Ferner gebe ich mir Mühe, dafür zu sorgen, daß mein Vortrag
-sprachlich korrekt, die Definitionen kurz und bestimmt, der Satzbau
-möglichst einfach und schön sei. Jeden Augenblick muß ich mich
-selbst zügeln und mir ins Gedächtnis zurückrufen, daß ich nur eine
-Stunde und vierzig Minuten zur Verfügung habe. Kurz, es ist
-genug zu tun. Ich muß mich gleichzeitig als Gelehrter, als Pädagog
-und als Redner betätigen, und es wäre ein schlimmes Ding,
-wenn der Redner in mir über den Pädagogen und Gelehrten den
-Sieg davontrüge, oder umgekehrt.</p>
-
-<p>Man trägt eine Viertelstunde, eine halbe Stunde vor, und da bemerkt
-man, daß die Studenten nach der Zimmerdecke und nach
-Peter Ignatjewitsch zu blicken anfangen, und daß einer sein Taschentuch
-hervorholt, ein anderer sich bequemer hinsetzt, ein dritter
-über seine eigenen Gedanken lächelt. Das sind Anzeichen dafür,
-daß die Aufmerksamkeit müde und stumpf wird. Dagegen müssen
-Maßregeln ergriffen werden. Ich benutze die erste geeignete Gelegenheit,
-um irgendein Späßchen anzubringen. Alle hundertfünfzig
-Gesichter verziehen sich zu einem breiten Lächeln, die Augen
-leuchten vergnügt auf, das Brausen des Meeres läßt sich für kurze
-Zeit wieder vernehmen. Ich lache ebenfalls. Die Aufmerksamkeit
-ist wieder angefrischt, und ich kann fortfahren.</p>
-
-<p>Kein Sport, keine Zerstreuungen und Spiele haben mir jemals
-einen solchen Genuß gewährt wie das Halten von Vorlesungen.
-Nur bei den Vorlesungen konnte ich mich ganz meinem Affekte
-überlassen und verstand, daß die Eingebung nicht eine Erfindung
-der Dichter ist, sondern tatsächlich existiert. Und ich glaube, Herkules
-hat nach der großartigsten seiner Heldentaten nicht eine so
-wonnige Ermattung empfunden, wie ich sie jedesmal nach einer
-Vorlesung durchmachte.</p>
-
-<p>So war das früher. Jetzt dagegen empfinde ich bei den Vorlesungen
-nur Qual. Es vergeht keine halbe Stunde, so beginne ich in den
-Beinen und Schultern eine unüberwindliche Schwäche zu fühlen;<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-ich setze mich auf den Stuhl; aber im Sitzen vorzutragen ist mir ungewohnt;
-eine Minute darauf stehe ich wieder auf und fahre stehend
-fort; dann setze ich mich von neuem hin. Die Mundhöhle wird
-mir trocken, die Stimme heiser, der Kopf schwindlig. Um den Zuhörern
-meinen Zustand zu verbergen, trinke ich öfters Wasser, huste,
-schneuze mich oft, als ob mir ein Schnupfen lästig wäre, mache an
-unpassenden Stellen Späße und schließe zuletzt die Vorlesung früher,
-als es in der Ordnung ist. Aber hauptsächlich schäme ich mich.</p>
-
-<p>Gewissen und Verstand sagen mir, daß das Beste, was ich jetzt tun
-könnte, wäre: den Studenten eine Abschiedsvorlesung zu halten, ihnen
-Lebewohl zu sagen, ihnen alles Gute für ihren weiteren Lebensweg
-zu wünschen und meinen Platz jemandem abzutreten, der jünger und
-kräftiger ist als ich. Aber Gott möge mich richten: es fehlt mir
-der Mut, so zu handeln, wie mich mein Gewissen handeln heißt.
-Unglücklicherweise bin ich weder ein Philosoph noch ein Theologe.
-Ich weiß ganz genau, daß ich nicht mehr länger als ein halbes
-Jahr leben werde; man sollte nun meinen, jetzt müßten mich vor
-allem die Fragen nach den Visionen, die meinen Schlaf im Grabe
-vielleicht heimsuchen werden, und nach dem dunklen Dasein im
-Jenseits beschäftigen. Aber merkwürdigerweise will meine Seele
-von diesen Fragen nichts wissen, obwohl der Verstand die hohe
-Wichtigkeit derselben anerkennt. Wie vor zwanzig bis dreißig Jahren,
-so interessiert mich auch jetzt vor dem Tode ausschließlich die
-Wissenschaft. Wenn ich meinen letzten Seufzer ausstoße, so werde
-ich doch noch an dem Glauben festhalten, daß die Wissenschaft das
-Wichtigste, Schönste und Notwendigste im Leben ist, daß sie immer
-die höchste Offenbarung der Liebe gewesen ist und sein wird, und
-daß nur durch sie der Mensch die Natur und sich selbst besiegen kann.
-Dieser Glaube ist vielleicht naiv und mangelhaft begründet; aber ich
-kann nichts dafür, daß ich diesen Glauben habe und keinen andern;
-und diesen Glauben in mir zu zerstören, dazu bin ich außerstande.</p>
-
-<p>Aber darum handelt es sich nicht. Ich bitte nur, man wolle meine
-Schwäche nachsichtig beurteilen und es sich klar machen, daß, wenn
-man einen Menschen, den die Veränderungen des Knochenmarkes
-mehr interessieren als das Endziel des Weltgebäudes, von seinem
-Katheder und von seinen Schülern wegreißt, dies dasselbe bedeutet,
-wie wenn man, ohne zu warten, bis er gestorben ist, ihn in einen
-Sarg legen und diesen zunageln wollte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p>
-
-<p>Infolge der Schlaflosigkeit und des anstrengenden Kampfes mit der
-zunehmenden Schwäche begegnet mir etwas ganz Seltsames. Mitten
-in der Vorlesung steigen mir plötzlich die Tränen in die Kehle, die
-Augen fangen mir an zu jucken, und ich empfinde den leidenschaftlichen,
-hysterischen Wunsch, die Arme nach vorn zu strecken und laut
-zu klagen. Ich möchte es laut hinausschreien, daß das Schicksal
-mich, den berühmten Mann, zum Tode verurteilt hat, daß nach ungefähr
-einem halben Jahre hier in diesem Auditorium schon ein anderer
-walten wird. Ich möchte es hinausschreien, daß ich vergiftet bin;
-neue Gedanken, die ich früher nicht gekannt habe, haben meine letzten
-Lebenstage vergiftet und stechen fortdauernd mein Gehirn wie Moskitos.
-Und meine Lage erscheint mir bei solchen Anfällen so furchtbar,
-daß ich wünsche, alle meine Hörer möchten einen entsetzlichen Schreck
-bekommen, von ihren Plätzen aufspringen und in panischer Angst
-mit verzweifeltem Geschrei zum Ausgang hinstürzen.</p>
-
-<p>Es ist nicht leicht, solche Augenblicke zu durchleben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="II">II</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Nach der Vorlesung sitze ich bei mir zu Hause und arbeite. Ich lese
-Zeitschriften und Dissertationen oder bereite mich auf die folgende
-Vorlesung vor; manchmal schreibe ich auch etwas. Ich arbeite mit
-Unterbrechungen, da ich dabei Besucher empfangen muß.</p>
-
-<p>Die Klingel ertönt. Ein Kollege ist gekommen, um mit mir etwas Geschäftliches
-zu besprechen. Er tritt mit Hut und Stock in mein Zimmer,
-streckt mir in jeder Hand einen dieser Gegenstände entgegen und sagt:</p>
-
-<p>»Ich komme nur auf einen Augenblick, nur auf einen Augenblick!
-Bleiben Sie sitzen, Kollege! Nur zwei Worte!«</p>
-
-<p>Zunächst suchen wir einander zu zeigen, daß wir beide außerordentlich
-höfliche Menschen und beide sehr erfreut sind, einander zu sehen.
-Ich nötige ihn in einen Lehnsessel, und er sucht mich zum Sitzen
-zu veranlassen; dabei streicheln wir uns wechselseitig behutsam an
-der Rocktaille und berühren die Knöpfe des andern; es sieht so aus,
-als ob wir einander betasteten, uns aber hierbei zu verbrennen fürchteten.
-Wir lachen beide, obwohl wir nichts Lächerliches sagen. Nachdem
-wir zum Sitzen gekommen sind, beugen wir uns mit den Köpfen
-zueinander und beginnen halblaut zu reden. Mögen wir einander
-auch noch so freundlich gesinnt sein, es ist dennoch unumgänglich<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-nötig, daß wir unsere Reden mit allerlei chinesischen Phrasen vergolden,
-als da sind: »Sie beliebten sehr richtig zu bemerken«, oder:
-»Wie ich schon die Ehre hatte Ihnen zu sagen«, und es ist unumgänglich
-nötig, daß wir lachen, wenn einer von uns einen Witz
-macht, mag er auch noch so geringwertig sein. Nach Beendigung
-des geschäftlichen Gespräches steht der Kollege mit einer hastigen
-Bewegung auf, weist mit seinem Hute nach meiner Arbeit hin und
-beginnt sich zu empfehlen. Wieder betasten wir uns gegenseitig
-und lachen dabei. Ich begleite ihn bis ins Vorzimmer; hier bin ich
-meinem Kollegen beim Anziehen des Pelzes behilflich; aber er
-wehrt sich in jeder Weise gegen diese hohe Ehre. Wenn dann Jegor
-die Tür öffnet, versichert mir der Kollege, ich würde mich erkälten;
-ich aber tue, als hätte ich vor, sogar bis auf die Straße hinter ihm
-her zu gehen. Und wenn ich dann endlich in mein Arbeitszimmer
-zurückkehre, so fährt mein Gesicht, wohl infolge des Beharrungsvermögens,
-immer noch fort zu lächeln.</p>
-
-<p>Nach einem Weilchen klingelt es wieder. Es tritt jemand ins Vorzimmer,
-zieht sich lange aus und hustet. Jegor meldet, es sei ein
-Student da. Ich sage: »Ich lasse bitten.« Einen Augenblick darauf
-tritt ein junger Mensch von angenehmem Äußern in mein Zimmer.
-Schon seit einem Jahre stehen wir beide miteinander auf gespanntem
-Fuße: er gibt bei mir im Examen abscheulich schlechte Antworten,
-und ich erteile ihm das Prädikat Nicht genügend. Solcher
-jungen Leute, die ich, um studentisch zu reden, durchplumpsen oder
-durchrasseln lasse, sammeln sich bei mir im Laufe eines Jahres
-ungefähr sieben Stück an. Diejenigen unter ihnen, die das Examen
-wegen Unfähigkeit oder wegen Krankheit nicht bestehen, tragen
-ihr Kreuz gewöhnlich mit Geduld und machen nicht den Versuch,
-mich umzustimmen; dagegen neigen die Sanguiniker dazu, zu mir
-ins Haus zu kommen und mit mir zu feilschen und zu handeln; das
-sind leichtlebige Naturen, denen die Nötigung, das Examen noch
-einmal abzulegen, den Appetit verdirbt und an regelmäßigem Besuche
-der Oper hinderlich ist. Den ersteren gegenüber übe ich gern
-Nachsicht; aber die zweite Sorte lasse ich ein ganzes Jahr lang
-durchfallen.</p>
-
-<p>»Nehmen Sie Platz,« sage ich zu dem Besucher. »Was bringen Sie?«</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie die Störung, Herr Professor,« beginnt er stotternd
-und ohne mir ins Gesicht zu sehen. »Ich hätte nicht gewagt,<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-Sie zu belästigen, wenn ich nicht … Ich habe bei Ihnen schon
-fünfmal das Examen gemacht und … und bin durchgefallen.
-Ich bitte Sie inständig, haben Sie die Güte und geben Sie mir
-Genügend; denn&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Begründung, die alle Faulpelze zu ihren Gunsten vorbringen, ist
-immer ein und dieselbe: sie hätten das Examen in allen Fächern sehr
-gut bestanden, nur in meinem seien sie durchgefallen, und dies sei um
-so erstaunlicher, da sie gerade in meinem Fache immer sehr fleißig
-studiert hätten und gut darin Bescheid wüßten; sie seien nur infolge
-irgendeines unbegreiflichen Mißverständnisses durchgefallen.</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie, lieber Freund,« sage ich zu dem Besucher,
-»genügend kann ich Ihnen nicht geben. Repetieren Sie noch ein
-bißchen, und kommen Sie dann wieder! Dann wollen wir sehen.«</p>
-
-<p>Es tritt in dem Gespräche eine Pause ein. Es reizt mich, den
-Studenten ein bißchen zu quälen, zur Strafe dafür, daß er das
-Bier und die Oper mehr liebt als die Wissenschaft, und ich sage
-mit einem Seufzer:</p>
-
-<p>»Meiner Ansicht nach ist das Beste, was Sie jetzt tun können,
-ganz aus der medizinischen Fakultät auszutreten. Wenn es Ihnen
-bei Ihren Anlagen schlechterdings nicht gelingen will, das Examen
-zu bestehen, so haben Sie offenbar weder die Neigung noch den Beruf
-dazu, Arzt zu werden.«</p>
-
-<p>Das Gesicht des Sanguinikers zieht sich in die Länge.</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie, Herr Professor,« erwidert er lächelnd, »aber das
-würde doch von meiner Seite wenigstens sehr sonderbar sein. Fünf
-Jahre zu studieren und dann auf einmal abzuspringen!«</p>
-
-<p>»Nun ja, gewiß! Aber es ist doch besser, fünf Jahre zu verlieren,
-als nachher das ganze Leben lang eine Tätigkeit auszuüben, die
-man nicht liebt.«</p>
-
-<p>Aber sogleich fängt er mir auch an leid zu tun, und ich beeile mich
-hinzuzufügen:</p>
-
-<p>»Handeln Sie übrigens, wie es Ihnen gut scheint! Also arbeiten
-Sie noch ein bißchen, und kommen Sie dann wieder!«</p>
-
-<p>»Wann?« fragt der Faulpelz in dumpfem Tone.</p>
-
-<p>»Wann Sie wollen. Meinetwegen morgen.«</p>
-
-<p>Und in seinen gutmütigen Augen lese ich den Gedanken: »Kommen
-könnte ich schon; aber du Racker würdest mich ja doch wieder durchfallen
-lassen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p>
-
-<p>»Gewiß,« sage ich, »Sie werden nicht gelehrter dadurch werden,
-wenn Sie sich noch fünfzehnmal von mir examinieren lassen; aber
-es wird zu Ihrer Charakterbildung beitragen. Und das ist doch auch
-ein schöner Gewinn.«</p>
-
-<p>Es folgt wieder eine Pause. Ich erhebe mich und warte, daß der
-Besucher fortgeht; aber er bleibt stehen, blickt nach dem Fenster hin,
-zupft an seinem Bärtchen und überlegt. Die Sache beginnt langweilig
-zu werden.</p>
-
-<p>Die Stimme des Sanguinikers ist angenehm und volltönend, seine
-Augen verständig und etwas spöttisch, das Gesicht seelengut, vom
-vielen Biertrinken und dem langen Herumliegen auf dem Sofa ein
-wenig aufgedunsen; anscheinend könnte er mir viel Interessantes
-über die Oper, über seine Liebesabenteuer und über die Kommilitonen,
-die er gern hat, erzählen; aber leider ist es nicht üblich, von
-dergleichen zu sprechen. Ich würde es ganz gern hören.</p>
-
-<p>»Herr Professor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn Sie mir
-Genügend geben, so werde ich&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sowie das Gespräch beim Ehrenworte angelangt ist, winke ich abwehrend
-mit den Händen und setze mich an den Tisch. Der Student
-denkt noch eine Minute lang nach und sagt dann niedergeschlagen:</p>
-
-<p>»Dann also adieu … Entschuldigen Sie!«</p>
-
-<p>»Adieu, lieber Freund. Möge es Ihnen gut gehen!«</p>
-
-<p>Er geht unentschlossen in das Vorzimmer und zieht sich dort langsam
-an; nachdem er auf die Straße hinausgetreten ist, denkt er
-wahrscheinlich nochmals lange nach. Aber da ihm nichts weiter
-einfällt als mit Bezug auf mich »Alter Satan!« vor sich hinzumurmeln,
-geht er in ein schlechtes Restaurant, um Bier zu trinken
-und Mittagbrot zu essen, und dann nach Hause, um zu schlafen.
-Friede deiner Asche, du ehrlicher Freund der Arbeit!</p>
-
-<p>Es klingelt zum dritten Male. In mein Zimmer tritt ein junger
-Arzt in einem neuen, schwarzen Anzuge, mit einer goldenen Brille
-und selbstverständlich mit einer weißen Krawatte. Er stellt sich vor.
-Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und frage, was zu seinen Diensten
-steht. Nicht ohne eine gewisse Erregung beginnt der junge Priester
-der Wissenschaft mir zu erzählen, er habe in diesem Jahre sein Doktorexamen
-bestanden und müsse jetzt nur noch eine Dissertation
-schreiben. Er möchte gern bei mir, unter meiner Leitung, arbeiten,<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-und ich würde ihn zu großem Dank verpflichten, wenn ich ihm ein
-Thema für seine Dissertation angeben wollte.</p>
-
-<p>»Ich freue mich sehr, Ihnen nützlich sein zu können, Herr Kollege,«
-sage ich. »Aber lassen Sie uns zunächst darüber einig werden, was
-denn eigentlich eine Dissertation ist. Unter diesem Worte pflegt
-man doch eine Abhandlung zu verstehen, die ein Produkt selbständigen
-Schaffens darstellt. Nicht wahr? Eine Abhandlung aber,
-die über ein fremdes Thema und unter fremder Leitung geschrieben
-ist, die nennt man anders&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Doktorand schweigt. Ich werde hitzig und springe von meinem
-Stuhle auf.</p>
-
-<p>»Ich begreife nicht, warum die Herren alle zu mir kommen!« rufe
-ich ärgerlich. »Bin ich denn ein Händler? Ich habe keine Themata
-feil! Zum tausendundersten Male bitte ich Sie alle, mich in Ruhe
-zu lassen! Entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit; aber die Sache
-ist mir wahrhaftig schließlich zum Ekel geworden!«</p>
-
-<p>Der Doktorand schweigt, und nur in der Gegend der Backenknochen
-erscheint auf seinem Gesicht eine leichte Röte. Seine
-Miene drückt eine hohe Achtung vor meinem berühmten Namen
-und vor meiner Gelehrsamkeit aus; aber an seinen Augen sehe ich,
-daß er mich wegen meines erregten Tones und wegen meiner kläglichen
-Gestalt und wegen meiner nervösen Bewegungen geringschätzt.
-Ich erscheine ihm in meinem Zorne als ein wunderlicher
-Geselle.</p>
-
-<p>»Ich bin kein Händler!« wiederhole ich ärgerlich. »Es ist doch auch
-wunderlich: warum wollen Sie denn nicht selbständig sein? Warum
-ist Ihnen denn die Freiheit so zuwider?«</p>
-
-<p>Ich rede viel; er aber schweigt dauernd. Schließlich beruhige ich mich
-allmählich und gebe natürlich nach. Der Doktorand wird von mir
-ein Thema erhalten, das keinen Dreier wert ist, wird unter meiner
-Aufsicht eine Dissertation schreiben, von der niemand etwas hat,
-wird mit Würde die langweilige Disputation überstehen und einen
-akademischen Grad erhalten, der ihm nichts nützt.</p>
-
-<p>Manchmal wird meine Klingel einmal nach dem andern in Bewegung
-gesetzt, ohne Ende; aber hier beschränke ich mich darauf, nur
-noch einen vierten Besuch zu erwähnen. Es klingelt zum viertenmal,
-und ich höre bekannte Schritte, das Rascheln eines Frauenkleides
-und eine liebe Stimme&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p>
-
-<p>Vor achtzehn Jahren starb ein Kollege von mir, ein Augenarzt,
-und hinterließ eine siebenjährige Tochter Katja und etwa sechzigtausend
-Rubel. In seinem Testamente hatte er mich als Vormund
-eingesetzt. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahre lebte Katja in meiner
-Familie; dann gab ich sie in ein Erziehungsinstitut, und sie verlebte
-bei mir nur die Sommermonate, wo sie Ferien hatte. Mich mit
-ihrer Erziehung zu beschäftigen, dazu hatte ich keine Zeit; ich beobachtete
-das Mädchen nur in meinen Mußestunden und kann daher
-über ihre Kindheit nur sehr wenig sagen.</p>
-
-<p>Das Erste, was mir im Gedächtnis haftet und mir eine liebe Erinnerung
-bildet, ist die außerordentliche Zutraulichkeit, mit der sie in
-mein Haus eintrat, mit der sie sich in Krankheitsfällen von den
-Ärzten behandeln ließ, und die überhaupt immer auf ihrem Gesichtchen
-leuchtete. Manchmal saß sie mit verbundener Backe irgendwo
-in einem Eckchen, und dann konnte man sicher sein, daß sie irgend
-etwas mit Aufmerksamkeit betrachtete. Und ob sie nun zu solchen
-Zeiten zusah, wie ich schrieb und in Büchern blätterte, oder wie
-meine Frau in der Wirtschaft tätig war, oder wie die Köchin in der
-Küche die Kartoffeln wusch, oder wie der Hund spielte: immer
-drückten dabei ihre Augen unabänderlich einen und denselben Gedanken
-aus: »Alles, was in dieser Welt geschieht, ist schön und vernünftig.«
-Sie war wißbegierig und sprach sehr gern mit mir. Oft
-saß sie am Tische mir gegenüber, verfolgte mit den Augen meine
-Bewegungen und stellte Fragen. Es interessierte sie, zu wissen,
-was ich läse, und was ich in der Universität täte, und ob ich mich
-vor den Leichen nicht fürchtete, und was ich mit meinem Gehalt
-anfinge.</p>
-
-<p>»Prügeln sich die Studenten in der Universität?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Ja, das tun sie, liebes Kind.«</p>
-
-<p>»Und lassen Sie sie dafür zur Strafe knien?«</p>
-
-<p>»Ja, das tue ich.«</p>
-
-<p>Und es kam ihr komisch vor, daß die Studenten sich prügelten und
-ich sie knien ließe, und sie lachte herzlich darüber. Sie war ein
-sanftes, geduldiges, seelengutes Kind. Nicht selten bekam ich zu
-sehen, wie man ihr etwas wegnahm, sie ohne Grund bestrafte
-oder ihre Wißbegierde nicht befriedigte; dann gesellte sich zu dem
-ständigen Ausdrucke von Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte noch
-ein Ausdruck von Traurigkeit, aber weiter nichts. Ich verstand<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-nicht, sie gebührend in Schutz zu nehmen, und nur wenn ich ihre
-Traurigkeit sah, regte sich in mir das Verlangen, sie an mich zu
-ziehen und im Tone einer alten Kinderfrau bedauernd zu ihr zu sagen:</p>
-
-<p>»O du meine liebe Waise!«</p>
-
-<p>Ich besinne mich auch, daß sie Freude daran hatte, sich gut zu
-kleiden und sich mit Parfüm zu bespritzen. In dieser Hinsicht hatte
-sie mit mir Ähnlichkeit. Auch ich habe schöne Garderobe und gute
-Parfüms sehr gern.</p>
-
-<p>Ich bedaure, daß ich keine Zeit und Lust hatte, den Beginn und die
-Entwickelung einer Leidenschaft zu verfolgen, in deren Bann Katja
-schon im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren vollständig
-hineingeraten war. Ich meine ihre leidenschaftliche Liebe zum
-Theater. Wenn sie für die Ferienzeit aus dem Institute zu uns
-kam und bei uns lebte, sprach sie von nichts mit solchem Vergnügen
-und solcher Wärme wie von Theaterstücken und Schauspielern. Sie
-ermüdete uns durch ihre beständigen Gespräche über das Theater.
-Meine Frau und meine Kinder hörten ihr nicht mehr zu. Nur ich
-hatte nicht den Mut, ihr meine Aufmerksamkeit zu verweigern.
-Wenn bei ihr der Wunsch rege wurde, ihren Enthusiasmus mit jemandem
-zu teilen, so kam sie zu mir in mein Arbeitszimmer und
-sagte in flehendem Tone:</p>
-
-<p>»Nikolai Stepanowitsch, erlauben Sie mir, mit Ihnen ein bißchen
-vom Theater zu reden?«</p>
-
-<p>Ich wies auf die Uhr und sagte: »Ich gewähre dir eine halbe
-Stunde. Fang an!«</p>
-
-<p>Später brachte sie ganze Dutzende von Porträts der von ihr angebeteten
-Schauspieler und Schauspielerinnen mit; darauf versuchte
-sie einige Male, bei Liebhabervorstellungen mitzuwirken, und schließlich,
-als sie die Schule durchgemacht hatte, erklärte sie mir, sie sei
-zur Schauspielerin geboren.</p>
-
-<p>Ich habe Katjas Schwärmerei für das Theater nie geteilt. Meine
-Ansicht ist die: wenn ein Stück gut ist, so braucht man, damit es
-den richtigen Eindruck macht, nicht erst die Schauspieler zu bemühen;
-man kann sich mit der Lektüre begnügen; wenn das Stück aber
-schlecht ist, so ist kein Spiel imstande, ein gutes daraus zu machen.</p>
-
-<p>In meiner Jugend habe ich häufig das Theater besucht, und jetzt
-nimmt meine Familie zweimal im Jahre eine Loge und schleppt
-mich auch mit hin, »zum Auslüften«. Das reicht ja freilich nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-dazu aus, um mich zu einem Urteil über das Theater zu berechtigen;
-aber ich will doch ein paar Worte darüber sagen. Meiner Ansicht
-nach ist das Theater nicht besser geworden, als es vor dreißig bis
-vierzig Jahren war. Wie früher kann ich weder in den Korridoren
-des Theaters noch im Foyer ein einfaches Glas Wasser bekommen.
-Wie früher nehmen mich die Theaterdiener für meinen Pelz in eine
-Geldstrafe von zwanzig Kopeken, obwohl doch in dem Tragen warmer
-Kleidung zur Winterszeit nichts Anstößiges liegt. Wie früher spielt
-in den Zwischenakten ohne jeden Anlaß die Musik und fügt zu dem
-durch das Stück hervorgerufenen Eindruck einen neuen, unerbetenen
-hinzu. Wie früher gehen die Männer in den Zwischenakten zum
-Büfett, um alkoholische Getränke zu genießen. Wenn so in Kleinigkeiten
-kein Fortschritt sichtbar ist, so würde ich ihn auch in wichtigeren
-Dingen vergebens suchen. Wenn ein Schauspieler, der sich
-vom Kopf bis zu den Füßen in die Traditionen und Vorurteile des
-Theaterwesens verstrickt hat, seine Bemühung darauf richtet, den
-ganz schlichten, gewöhnlichen Monolog »Sein oder nicht sein«
-nicht in schlichter Art, sondern aus einem unerfindlichen Grunde
-mit obligatem Zischen und mit Krämpfen im ganzen Körper vorzutragen,
-oder wenn er mir um jeden Preis einzureden sucht, daß
-Tschazki<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, der sich so viel mit Dummköpfen unterhält und eine
-dumme Frauensperson liebt, ein sehr verständiger Mensch und
-»Verstand schafft Leiden« ein interessantes Stück sei, dann weht
-mich von der Bühne ebenderselbe öde Geist an, der mir schon vor
-vierzig Jahren langweilig war, als man mich mit klassisch sein
-sollender Heulerei und An-die-Brust-schlagen regalierte. Und jedesmal
-komme ich aus dem Theater mit konservativerer Gesinnung
-heraus, als ich hineingegangen bin.</p>
-
-<p>Der empfindsamen, leichtgläubigen Menge kann man einreden, daß
-das Theater in seinem jetzigen Zustande eine Bildungsstätte sei.
-Aber wer da weiß, was eine Bildungsstätte im wahren Sinne des
-Wortes ist, den fängt man nicht mit diesem Köder. Wie die Sache
-nach fünfzig bis hundert Jahren aussehen wird, weiß ich nicht;
-unter den gegenwärtigen Verhältnissen jedoch kann das Theater
-nur als Mittel zur Zerstreuung dienen. Aber diese Zerstreuung
-kommt der menschlichen Gesellschaft auf die Dauer denn doch<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-etwas zu teuer zu stehen. Denn sie entzieht dem Staate Tausende
-von jungen, gesunden, talentvollen Männern und Frauen, die,
-wenn sie sich nicht dem Theater gewidmet hätten, gute Ärzte, Landwirte,
-Lehrerinnen und Offiziere sein könnten; sie entzieht dem
-Publikum die Abendstunden, die beste Zeit zu geistiger Arbeit und
-geselliger Unterhaltung. Ich rede gar nicht einmal von den Geldausgaben
-und von dem sittlichen Schaden, den der Zuschauer erleidet,
-wenn er sieht, wie auf der Bühne Mord, Ehebruch und Verleumdung
-in unrichtiger Weise behandelt werden.</p>
-
-<p>Katja aber war ganz anderer Meinung. Sie beteuerte mir, das
-Theater stehe, auch in seinem jetzigen Zustande, hoch über allen
-Auditorien und Büchern und über allem, was es in der Welt gebe.
-Das Theater sei eine Macht, die alle Künste in sich vereinige, und
-die Schauspieler seien Missionare der wahren Bildung. Keine Kunst
-und keine Wissenschaft sei für sich allein imstande, so stark und so sicher
-auf die menschliche Seele zu wirken wie die Bühne, und daher erfreue
-sich mit gutem Grunde selbst ein Schauspieler mittleren
-Ranges im Lande einer weit größeren Popularität als der trefflichste
-Gelehrte oder Künstler. Und keine andere gemeinnützige
-Tätigkeit könne einen solchen Genuß und eine solche Befriedigung
-gewähren wie die schauspielerische.</p>
-
-<p>Und eines schönen Tages trat Katja in eine Schauspielertruppe
-ein und reiste weg, ich glaube nach Ufa; sie nahm eine bedeutende
-Geldsumme, eine Unmenge buntschillernder Hoffnungen und eine
-ideale Auffassung ihres Berufes mit.</p>
-
-<p>Ihre ersten Briefe von der Fahrt waren bewundernswürdig. Ich las
-sie und war geradezu erstaunt, wie diese kleinen Papierbogen so viel
-Jugendfrische, seelische Reinheit, heilige Naivität und gleichzeitig so
-viel feine sachliche Urteile, die einem guten Männerverstande Ehre gemacht
-hätten, enthalten konnten. Die Wolga, die Natur, die Städte,
-die sie besuchte, die Kollegen, was sie an Erfolgen und Mißerfolgen erlebte,
-alles das schilderte sie nicht sowohl, sondern sie besang es; jede
-Zeile atmete die Zutraulichkeit, die ich auf ihrem Gesichte zu sehen gewohnt
-gewesen war, &ndash; und dabei eine Masse von orthographischen
-Fehlern, und die Interpunktionszeichen fehlten fast vollständig.</p>
-
-<p>Es verging kein halbes Jahr, da empfing ich einen im höchsten
-Grade poetischen, schwärmerischen Brief, der mit den Worten begann:
-»Ich habe mich verliebt.« Beigelegt war diesem Briefe eine<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-Photographie, die einen jungen Mann mit glatt rasiertem Gesichte
-darstellte, einen breitkrempigen Hut auf dem Kopfe, ein Plaid über
-die Schulter geworfen. Die darauf folgenden Briefe waren ebenso
-prächtig wie die früheren; aber es tauchten in ihnen schon zahlreichere
-Interpunktionszeichen auf, die orthographischen Fehler
-waren verschwunden, und alles an ihnen deutete auf die Mitarbeiterschaft
-eines Mannes hin. Katja begann mir solche Dinge
-zu schreiben: es würde ein guter Gedanke sein, irgendwo an der
-Wolga ein großes Theater zu erbauen, und zwar jedenfalls auf
-Aktien, und zu diesem Unternehmen reiche Kaufleute und Dampfschiffsreeder
-heranzuziehen; Geld werde auf diese Art in Menge zur
-Verfügung stehen; die Einnahmen würden ganz gewaltige sein; die
-Schauspieler würden auf Grund eines Gesellschaftsvertrages
-spielen. Vielleicht war das alles wirklich ein guter Gedanke; aber
-es schien mir, daß solche Pläne nur aus dem Kopfe eines Mannes
-hervorgegangen sein könnten.</p>
-
-<p>Wie dem auch sein mochte, anderthalb bis zwei Jahre lang schien
-alles gut und nach Wunsch zu gehen: Katja liebte, sie glaubte an
-ihren Beruf und war glücklich; aber dann begann ich in ihren
-Briefen deutliche Anzeichen des Niederganges wahrzunehmen. Dies
-fing damit an, daß Katja sich bei mir über ihre Kollegen beklagte;
-das ist immer das erste und mißlichste Symptom; wenn ein
-junger Gelehrter oder Schriftsteller bei Ausübung seiner Tätigkeit
-sich über andere Gelehrte oder Schriftsteller bitter beklagt, so bedeutet
-das, daß er bereits müde geworden ist und zu seiner Berufsarbeit
-nicht mehr taugt. Katja schrieb mir, ihre Kollegen kämen
-nicht zu den Proben und könnten ihre Rollen niemals ordentlich;
-an dem Dringen auf Ausführung abgeschmackter Stücke und an
-ihrer Art, sich auf der Bühne zu benehmen, merke man bei einem
-jeden von ihnen eine völlige Mißachtung des Publikums; den einzigen
-Gegenstand ihres Gespräches bildeten die Einnahmen, und im
-Interesse der Einnahmen erniedrigten sich die dramatischen Schauspielerinnen
-zum Singen von Chansons, und die Tragöden sängen
-Couplets, deren Inhalt Späße über betrogene Ehemänner und über
-die Schwangerschaft treuloser Gattinnen bildeten. Überhaupt müsse
-man sich wundern, daß das Bühnenwesen in der Provinz noch nicht
-vollständig zugrunde gegangen sei und sich auf einer so schwachen,
-morschen Grundlage halten könne.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>Als Antwort schickte ich Katja einen langen und, wie ich bekennen
-muß, sehr langweiligen Brief. Unter anderem schrieb ich ihr: »Ich
-habe nicht selten Gelegenheit gehabt, mit älteren Schauspielern zu
-reden, vornehm denkenden Männern, die mir ihr freundliches
-Wohlwollen zuwandten; aus den Gesprächen mit ihnen konnte
-ich entnehmen, daß die Art ihrer Tätigkeit nicht sowohl von ihrem
-eigenen Urteil und ihrem freien Willen als vielmehr von der
-Mode und der Stimmung des Publikums abhing; selbst die besten
-unter ihnen mußten ihr Leben lang bald in Tragödien, bald in Operetten,
-bald in Pariser Schwänken, bald in Feerien spielen, und
-hatten dabei doch immer gleichmäßig das Gefühl, daß sie auf geradem
-Wege wanderten und Nutzen stifteten. Somit hat man,
-wie du siehst, die Ursache des Übels nicht bei den Schauspielern
-zu suchen, sondern tiefer, in der Kunst selbst und in dem Verhältnisse
-des ganzen Publikums zur Kunst.« Dieser mein Brief
-hatte nur den Erfolg, Katja in heftige Erregung zu versetzen. Sie
-antwortete mir: »Wir beide, Sie und ich, reden von ganz verschiedenen
-Dingen. Ich schrieb Ihnen nicht von den vornehm
-denkenden Männern, die Ihnen ihr freundliches Wohlwollen zuwandten,
-sondern von einer Gaunerbande, die von vornehmer
-Gesinnung nichts weiß. Es ist eine Horde von Wilden, die nur
-deswegen auf die Bühne geraten sind, weil man sie an keiner
-andern Stelle angenommen haben würde, und die sich lediglich
-aus Unverschämtheit Künstler nennen. Kein einziges Talent ist
-darunter, wohl aber viele Unbegabte, Trunkenbolde, Intriganten
-und Zwischenträger. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es
-mich schmerzt, daß die Kunst, die ich so sehr liebe, in die Hände
-dieser mir verhaßten Menschen geraten ist, und wie weh es mir
-tut, daß die besten Menschen das Übel nur von fern sehen, nicht
-näher herantreten mögen und, statt sich der Sache anzunehmen,
-in schwerfälligem Stile Gemeinplätze und Moralpredigten schreiben,
-die niemandem etwas nützen können …« und so weiter, immer
-in demselben Tone.</p>
-
-<p>Es verging wieder einige Zeit, da erhielt ich folgenden Brief: »Ich
-bin in unmenschlicher Weise betrogen worden. Ich kann nicht
-weiterleben. Verfügen Sie über mein Geld, wie Sie es für angemessen
-halten! Ich habe Sie geliebt wie einen Vater und als
-meinen einzigen Freund. Verzeihen Sie mir!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>Es hatte sich herausgestellt, daß auch ihr »Er« zu der »Horde von
-Wilden« gehörte. Später konnte ich aus einigen Andeutungen erraten,
-daß sie einen Versuch gemacht hatte, sich das Leben zu
-nehmen. Sie hatte versucht, sich zu vergiften. Ich mußte annehmen,
-daß sie darauf ernstlich krank geworden war, da ich den
-nächsten Brief schon aus Jalta erhielt, wohin sie wahrscheinlich
-von den Ärzten geschickt worden war. Dieser enthielt die Bitte,
-ihr möglichst schnell tausend Rubel nach Jalta zu schicken, und
-schloß folgendermaßen: »Entschuldigen Sie, daß dieser Brief so
-trübe klingt. Ich habe gestern mein Kind begraben.« Nachdem sie
-in der Krim etwa ein Jahr lang gelebt hatte, kehrte sie nach Hause
-zurück.</p>
-
-<p>Ihr Umherreisen von Ort zu Ort hatte ungefähr vier Jahre gedauert,
-und während dieser ganzen vier Jahre hatte ich, wie ich
-eingestehen muß, ihr gegenüber eine sonderbare, ziemlich klägliche
-Rolle gespielt. Als sie mir zuerst erklärt hatte, sie wolle Schauspielerin
-werden, und mir dann von ihrer Liebe geschrieben hatte,
-und als sie periodisch von Verschwendungssucht ergriffen worden
-war und ich ihr häufig auf ihr Verlangen bald tausend, bald
-zweitausend Rubel hatte schicken müssen, und als sie mir von
-ihrer Absicht zu sterben und dann von dem Tode ihres Kindes geschrieben
-hatte, da hatte ich jedesmal nicht recht gewußt, was ich
-tun sollte, und meine ganze Anteilnahme an ihrem Geschick hatte
-sich nur darin geäußert, daß ich viel nachdachte und ihr umfängliche,
-langweilige Briefe schrieb, die ich gut und gern hätte ungeschrieben
-lassen können. Und dabei sollte ich ihr doch eigentlich
-den leiblichen Vater ersetzen und liebte sie auch wirklich wie eine
-Tochter!</p>
-
-<p>Jetzt wohnt Katja nur eine halbe Werst von mir entfernt. Sie hat
-sich eine Wohnung von fünf Zimmern gemietet und sich darin ziemlich
-komfortabel und nach ihrem persönlichen Geschmack eingerichtet.
-Wenn jemand ihre Einrichtung charakterisieren wollte, so müßte
-er als das bedeutsamste Moment die Trägheit bezeichnen. Da sind
-für den trägen Körper weiche Chaiselongues und weiche Sessel, für
-die trägen Füße weiche Teppiche, für das träge Auge blasse, trübe,
-matte Farben, für den trägen Geist an den Wänden eine Unmasse
-billiger, buntbemalter Fächer und kleiner Bilder, bei denen der dargestellte
-Gegenstand hinter der Originalität der Ausführung zurücktritt,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-eine Menge von Tischchen und Regalen, die mit unnützen,
-wertlosen Dingen ganz vollgestellt sind, formlose Lappen statt der
-Vorhänge usw. Diese ganze Einrichtung mit der sich darin bekundenden
-Scheu vor hellen Farben, vor Symmetrie und vor freiem
-Raum zeugt nicht nur von seelischer Trägheit, sondern auch von
-einer Verbildung des natürlichen Geschmacks. Ganze Tage lang
-liegt Katja auf einer Chaiselongue und liest Bücher, vorzugsweise
-Romane und Novellen. Das Haus verläßt sie nur einmal am
-Tage, nachmittags, um mich zu besuchen.</p>
-
-<p>Ich arbeite; Katja aber sitzt nicht weit von mir auf dem Sofa,
-schweigt und wickelt sich in ihren Schal, als ob sie fröre. Sei es,
-weil sie mir sympathisch ist, oder weil ich an ihre Besuche noch von
-der Zeit her gewöhnt bin, wo sie als Mädchen so oft in meinem
-Zimmer war: ihre Anwesenheit hindert mich nicht, meine Aufmerksamkeit
-auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ab und zu richte ich
-mechanisch irgendeine Frage an sie, und sie gibt mir eine sehr kurze
-Antwort; oder ich wende mich, um mich einen Augenblick zu erholen,
-zu ihr und sehe, wie sie, in Gedanken versunken, in irgendein
-medizinisches Journal oder in eine Zeitung blickt. Und dabei
-bemerke ich, daß der frühere Ausdruck von Zutraulichkeit auf ihrem
-Gesichte nicht mehr vorhanden ist. Ihr Gesicht sieht jetzt kalt,
-gleichgültig und zerstreut aus, wie bei Reisenden, die lange auf den
-Zug warten müssen. Gekleidet ist sie wie früher schön und einfach,
-aber nachlässig; man sieht, daß ihrer Toilette und ihrer Frisur die
-Chaiselongues und Schaukelstühle, auf denen sie tagelang umherliegt,
-nicht gut bekommen. Auch ist sie nicht mehr wißbegierig, wie
-sie es doch früher war. Sie richtet an mich keine Fragen mehr; es
-ist, als hätte sie im Leben schon alles durchgemacht und erwartete
-nicht mehr etwas Neues zu hören.</p>
-
-<p>Kurz vor vier Uhr macht sich im Saale und im Salon eine Bewegung
-bemerklich. Es ist Lisa, die aus dem Konservatorium
-gekommen ist und ein paar Freundinnen mitgebracht hat. Man
-hört, wie sie Klavier spielen, ihre Stimmen versuchen und lachen.
-Im Eßzimmer deckt Jegor den Tisch und klappert mit dem Geschirr.</p>
-
-<p>»Leben Sie wohl,« sagt Katja. »Zu Ihren Damen gehe ich heute
-nicht mehr hinein; sie müssen mich schon entschuldigen; ich habe
-keine Zeit. Besuchen Sie mich!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>Während ich sie bis ins Vorzimmer begleite, blickt sie mich unzufrieden
-vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagt ärgerlich:</p>
-
-<p>»Aber Sie werden immer magerer! Warum gebrauchen Sie keine
-Kur? Ich werde mich an Sergei Fedorowitsch wenden und ihn
-herschicken. Der soll Sie gründlich untersuchen.«</p>
-
-<p>»Das ist nicht nötig, Katja.«</p>
-
-<p>»Ich begreife nicht, wie Ihre Angehörigen das mitansehen können!
-Es ist geradezu eine Sünde!«</p>
-
-<p>Sie zieht mit heftigen Bewegungen ihren Pelz an, wobei aus ihrer
-nachlässig hergestellten Frisur mit Sicherheit zwei oder drei Haarnadeln
-auf den Fußboden fallen. Die Frisur wieder zurechtzumachen,
-ist sie zu träge, hat auch keine Zeit dazu; sie schiebt die heruntergefallenen
-Locken unordentlich unter ihr Mützchen und geht.</p>
-
-<p>Wenn ich in das Eßzimmer trete, fragt mich meine Frau:</p>
-
-<p>»Katja ist eben bei dir gewesen? Warum ist sie denn nicht zu uns
-hereingekommen? Das ist doch geradezu sonderbar&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Aber Mama!« sagt Lisa in vorwurfsvollem Tone. »Wenn sie
-nicht will, dann läßt sie es bleiben. Wir werden sie doch nicht auf
-den Knien darum bitten!«</p>
-
-<p>»Jedenfalls ist es eine arge Nichtachtung. Sitzt da drei Stunden
-lang in Papas Arbeitszimmer und denkt nicht an uns. Na, aber
-wie es ihr beliebt!«</p>
-
-<p>Warja und Lisa hassen Katja. Dieser Haß ist mir unverständlich,
-und wahrscheinlich muß man, um ihn zu verstehen, ein Weib sein.
-Ich möchte mich mit meinem Kopfe dafür verbürgen, daß unter
-den hundertfünfzig jungen Männern, die ich fast täglich in meinem
-Auditorium sehe, und den hundert älteren, mit denen ich jede Woche
-zusammenkomme, sich kaum einer findet, der für diesen Haß und
-Abscheu gegen Katjas Vergangenheit (weil sie nämlich ein uneheliches
-Kind gehabt hat) ein Verständnis besäße; und gleichzeitig
-kann ich mich auf kein weibliches Wesen unter den Frauen und
-jungen Mädchen meiner Bekanntschaft besinnen, das nicht, sei es
-bewußt, sei es instinktiv, gegen eine solche Geschlechtsgenossin von
-jenen Gefühlen des Hasses und Abscheus erfüllt wäre. Und das
-kommt nicht etwa daher, daß die Frau keuscher und reiner ist als
-der Mann; denn wenn Keuschheit und Reinheit mit solchen boshaften
-Gefühlen verbunden sind, so sind sie nur wenig besser als
-das Laster. Sondern ich erkläre mir das einfach aus der Rückständigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-der Frau. Wenn der heutige Mann beim Anblick eines
-solchen Unglücks ein wehmütiges Gefühl des Mitleids empfindet
-und sein Gewissen ihn peinigt, so lassen mich diese Empfindungen
-eher auf eine hohe Stufe der Kultur und Sittlichkeit schließen als
-jener Haß und Abscheu. Das heutige Weib besitzt noch dieselbe
-Neigung zum Weinen und dieselbe Härte des Herzens wie das Weib
-des Mittelalters. Und meines Erachtens handeln diejenigen ganz
-richtig, die den Frauen raten, ihrer Bildung dieselbe Richtung zu
-geben wie die Männer.</p>
-
-<p>Meine Frau kann Katja auch deswegen nicht leiden, weil sie Schauspielerin
-gewesen ist, ferner wegen ihrer Undankbarkeit und wegen
-ihres Stolzes und wegen ihres exzentrischen Benehmens und wegen
-all der zahlreichen Laster, die eine Frau immer an einer andern
-herauszufinden versteht.</p>
-
-<p>Außer mir und meiner Familie pflegen bei uns noch zwei oder drei
-Freundinnen meiner Tochter zu Mittag zu speisen, sowie ein Herr
-Alexander Adolfowitsch Gnecker, ein Verehrer Lisas, der sich um ihre
-Hand bewirbt. Er ist ein junger Mann, kaum dreißig Jahre alt,
-blond, von mittlerer Statur, sehr wohlgenährt, breitschultrig, mit
-einem rötlichen Backenbart an den Ohren und einem dunkelgefärbten
-Schnurrbärtchen, das seinem vollen, glatten Gesichte das Aussehen
-einer Spielzeugfigur verleiht. Er trägt ein sehr kurzes Jackett,
-eine bunte Weste, großkarierte Beinkleider, die oben sehr weit und
-unten sehr eng sind, und gelbe Halbstiefel ohne Absätze. Seine Augen
-stehen hervor wie bei einem Krebse; die Krawatte hat mit einem
-Krebsschwanze Ähnlichkeit, und es will mir sogar so vorkommen,
-als ob dieser ganze junge Mensch nach Krebssuppe röche. Er ist
-bei uns täglich zu Besuch; aber niemand in meiner Familie weiß,
-von welcher Herkunft er ist, wo er seine Bildung genossen hat, und
-wo er die Mittel zum Leben herbekommt. Er spielt kein Instrument
-und singt nicht, hat aber doch eine gewisse Beziehung sowohl zur
-Instrumentalmusik als auch zum Gesange; er verkauft irgendwo für
-irgend jemand Klaviere, hält sich oft im Konservatorium auf, ist mit
-allen Berühmtheiten bekannt und hat bei Konzerten allerlei zu arrangieren.
-Er urteilt über Musik mit großer Bestimmtheit, und wie
-ich bemerkt habe, schließen sich alle seinem Urteile willig an.</p>
-
-<p>Wie reiche Leute immer ein paar Parasiten um sich haben, so ist es
-auch mit der Wissenschaft und mit der Kunst. Es gibt wohl auf<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-der Welt keine Kunst oder Wissenschaft, die von Fremdkörpern, in
-der Art dieses Herrn Gnecker, frei wäre. Ich bin kein Musiker und
-irre mich vielleicht hinsichtlich dieses Herrn, den ich zudem nur wenig
-kenne; aber die autoritative Würde, mit der er am Flügel steht und
-zuhört, wenn jemand singt oder spielt, kommt mir gar zu verdächtig
-vor.</p>
-
-<p>Man mag hundertmal ein Gentleman und Geheimrat sein, aber
-wenn man eine Tochter hat, so kann man sich durch nichts vor dem
-Spießbürgertum sichern, das einem durch die Courmacherei, den
-Heiratsantrag und die Hochzeit ins Haus hineingetragen wird und
-einem die Stimmung verdirbt. So kann ich mich z. B. schlechterdings
-nicht mit der feierlichen Miene abfinden, die meine Frau
-jedesmal annimmt, wenn Herr Gnecker bei uns sitzt, auch nicht mit
-den Flaschen Lafitte, Portwein und Sherry, die nur seinetwegen
-auf den Tisch kommen, um ihn durch den Augenschein zu überzeugen,
-wie behaglich und luxuriös wir leben. Ich kann auch Lisas abgebrochenes
-Lachen nicht vertragen, das sie sich im Konservatorium
-angewöhnt hat, und ihre Manier, die Augen zusammenzukneifen,
-wenn Herren bei uns zu Besuch sind. Und vor allen Dingen kann
-ich absolut nicht begreifen, warum da tagtäglich ein Mensch in mein
-Haus kommt und mit mir zu Mittag speist, der zu meinen Gewohnheiten,
-zu meiner Wissenschaft, zu meiner ganzen Lebensweise
-nicht im geringsten paßt und mit denjenigen Menschen, die ich gern
-habe, nicht die geringste Ähnlichkeit besitzt. Meine Frau und die
-Dienerschaft flüstern heimlich, das sei »ein Freiersmann«; aber ich
-habe trotzdem kein Verständnis für seine Anwesenheit; sie erregt bei
-mir eine solche Verwunderung, als hätte sich ein Zulukaffer zu mir
-an den Tisch gesetzt. Und ebenso seltsam kommt es mir vor, daß
-meine Tochter, die ich für ein Kind anzusehen gewohnt bin, diese
-Krawatte und diese Augen und diese weichen Backen liebt&nbsp;…</p>
-
-<p>Früher machte das Mittagessen mir Freude oder ließ mich gleichgültig;
-aber jetzt erregt es mir nur Langeweile und macht mich
-nervös. Seit ich Exzellenz geworden und eine Zeitlang Dekan
-der Fakultät gewesen bin, hat meine Familie es aus einem mir
-unverständlichen Grunde für nötig befunden, das Menü und die
-gesamte Ordnung unseres Mittagessens vollständig umzuändern.
-Statt der einfachen Gerichte, an die ich mich gewöhnt hatte, als
-ich noch Student und praktischer Arzt war, bekomme ich jetzt eine<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-Püree-Suppe, in der irgendwelche weiße Klütern schwimmen, und
-Nieren in Madeira zu essen. Mein Generalsrang und meine Berühmtheit
-haben mich auf immer der Kohlsuppe beraubt und der
-schmackhaften Piroggen und des Gänsebratens mit Äpfeln und des
-Brassens mit Grütze. Sie haben mich auch des Stubenmädchens
-Agascha beraubt, einer geschwätzigen, lachlustigen alten Person,
-statt deren jetzt beim Mittagessen Jegor serviert, ein dummer, hochmütiger
-Bursche, mit einem weißen Handschuh auf der rechten
-Hand. Die Pausen zwischen den Gerichten sind nur kurz, erscheinen
-aber außerordentlich lang, weil wir nichts haben, womit wir sie
-ausfüllen könnten. Es fehlt die frühere Heiterkeit, die ungezwungenen
-Gespräche, die Scherze, das Gelächter, die gegenseitigen Zärtlichkeiten
-und jene Freude, die ehemals die Kinder und meine Frau
-und ich schon darüber zu empfinden pflegten, daß wir uns im Eßzimmer
-zusammenfanden; für mich, einen vielbeschäftigten Mann,
-war das Mittagessen eine Zeit der Erholung, des Wiedersehens mit
-den Meinen, und für meine Frau und die Kinder war es eine wenn
-auch kurze, so doch vergnügte und fröhliche Feierzeit, wo sie wußten,
-daß ich für eine halbe Stunde nicht der Wissenschaft und nicht den
-Studenten, sondern einzig und allein ihnen und sonst niemandem
-gehörte. Jetzt kann ich nicht mehr das Kunststück ausführen, mich
-an einem einzigen Gläschen zu betrinken, und Agascha ist nicht
-mehr da, und der Brassen mit Grütze ist nicht mehr da, und auch
-der Lärm fehlt, der immer die kleinen aufregenden Ereignisse beim
-Mittagessen begleitete, wenn z. B. der Hund und die Katze sich
-unter dem Tische bissen oder das Tuch, das sich Katja um die Backe
-gebunden hatte, ihr in den Suppenteller fiel.</p>
-
-<p>Die jetzige Mittagsmahlzeit zu schildern ist ebenso unerfreulich wie
-sie wirklich durchzumachen. Auf dem Gesichte meiner Frau liegt
-eine gewisse Feierlichkeit, eine gekünstelte Würde und der gewöhnliche
-sorgenvolle Ausdruck. Unruhig blickt sie auf unsere Teller
-und sagt: »Ich sehe, der Braten schmeckt euch nicht. Sagt doch die
-Wahrheit: er schmeckt euch wirklich nicht?« Und ich bin dann genötigt
-zu antworten: »Du machst dir unnütze Sorge, liebe Frau;
-der Braten schmeckt sehr gut.« Und dann sie wieder: »Du willst
-mich immer verteidigen, Nikolai Stepanowitsch, und sagst nie, was
-Du wirklich denkst. Warum hat denn Alexander Adolfowitsch so
-wenig gegessen?« Und in dieser Art geht es während des ganzen<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-Mittagessens weiter. Lisa lacht in ihrer abgebrochenen Manier und
-kneift die Augen zusammen. Ich sehe meine Frau und meine Tochter
-an und werde mir gerade jetzt beim Mittagessen vollständig klar
-darüber, daß das innere Leben der beiden schon längst meiner Beobachtung
-entschlüpft ist. Ich habe ein Gefühl, als hätte ich früher
-einmal mit meiner richtigen Familie zu Hause gelebt, wäre aber jetzt
-bei einer fremden Dame, nicht bei meiner richtigen Frau, zum
-Mittagessen und sähe da ein fremdes junges Mädchen, nicht meine
-richtige Lisa, vor mir. Mit beiden ist eine starke Veränderung vorgegangen,
-und ich habe diesen langen Veränderungsprozeß gewissermaßen
-verschlafen, und so ist es denn kein Wunder, daß ich jetzt
-nichts begreife. Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen? Ich
-weiß es nicht. Möglicherweise rührt das ganze Unglück daher, daß
-Gott meiner Frau und meiner Tochter nicht so viel Kraft verliehen
-hat wie mir. Ich war von meiner Kindheit an gewöhnt, äußeren
-Einflüssen Widerstand zu leisten, und habe mich hinlänglich abgehärtet;
-solche Katastrophen im Leben wie das Berühmtwerden, die
-Erlangung des Generalsranges, der Übergang von einem auskömmlichen
-Leben zu einem Leben, das die Mittel übersteigt, der Eintritt
-in den Verkehr mit vornehmen Leuten, und mehr dergleichen, all
-das hat mich daher kaum berührt, und ich bin heil und unversehrt
-geblieben; aber auf meine Frau und Lisa, die schwach und nicht
-abgehärtet waren, ist dies alles zusammengestürzt wie eine große
-Schneewand und hat sie erdrückt.</p>
-
-<p>Die jungen Damen und Herr Gnecker reden über Fugen, über Kontrapunkt,
-über Sänger und Pianisten, über Bach und Brahms;
-meine Frau aber, welche in den Verdacht der Unwissenheit auf
-musikalischem Gebiete zu kommen fürchtet, lächelt interessiert und
-murmelt: »Ganz reizend … Wirklich? Gewiß, gewiß …« Herr
-Gnecker ißt tüchtig, macht wohlanständige Scherze und hört nachsichtig
-die Bemerkungen der jungen Damen an. Mitunter bekundet
-er das Bestreben, ein schlechtes Französisch zu sprechen, und dann
-hält er (ich weiß nicht warum) für nötig, mich <em class="antiqua">votre excellence</em>
-zu titulieren.</p>
-
-<p>Ich aber bin ärgerlich. Augenscheinlich geniere ich sie alle, und sie
-genieren mich. Nie habe ich früher etwas von Feindschaft gegen
-einen andern Stand gewußt; jetzt aber quält mich tatsächlich etwas
-von dieser Art. Ich bemühe mich, an Herrn Gnecker nur schlechte<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-Eigenschaften herauszufinden, finde solche auch wirklich bald und
-bin mißgestimmt darüber, daß da als Bewerber um die Hand meiner
-Tochter ein Mensch sitzt, der einem ganz andern Kreise angehört
-als ich. Seine Anwesenheit hat auch noch in einer andern
-Hinsicht einen schlechten Einfluß auf mich. Gewöhnlich, wenn ich
-allein bin oder mich in Gesellschaft von Leuten befinde, die mir
-sympathisch sind, denke ich gar nicht an meine Verdienste, oder wenn
-mir doch der Gedanke an sie kommt, so erscheinen sie mir so geringfügig,
-als wäre ich erst gestern ein Gelehrter geworden;
-aber in Gegenwart solcher Leute, wie Herr Gnecker, kommen
-mir meine Verdienste wie ein sehr hoher Berg vor, dessen Gipfel
-in den Wolken verschwindet, und an dessen Fuße, für das Auge
-kaum sichtbar, die Menschen von der Art des Herrn Gnecker sich
-herumbewegen.</p>
-
-<p>Nach Tische gehe ich in mein Arbeitszimmer und rauche dort ein
-Pfeifchen, das einzige während des ganzen Tages; mehr ist von
-meiner früheren schlechten Gewohnheit, vom frühen Morgen bis
-in die Nacht hinein zu paffen, nicht übriggeblieben. Während ich
-rauche, kommt meine Frau zu mir herein und setzt sich hin, um mit
-mir zu reden. Gerade so wie am Vormittage weiß ich auch jetzt,
-wovon unser Gespräch handeln wird.</p>
-
-<p>»Ich habe mit dir etwas Ernstes zu besprechen, Nikolai Stepanowitsch,«
-beginnt sie. »Ich wollte von Lisa reden. Warum wendest
-du darauf keine Aufmerksamkeit?«</p>
-
-<p>»Was meinst du damit?«</p>
-
-<p>»Du tust, als ob du nichts merktest; aber das ist doch ein falsches
-Benehmen. Man darf die Sache nicht so gehen lassen, ohne sich
-darum zu kümmern. Gnecker hat ernste Absichten auf Lisa. Was
-sagst du dazu?«</p>
-
-<p>»Daß er ein schlechter Mensch ist, kann ich nicht sagen, da ich ihn
-nicht kenne; aber daß er mir nicht gefällt, habe ich dir schon tausendmal
-gesagt.«</p>
-
-<p>»Aber es ist unrecht … es ist unrecht&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie steht auf und geht in großer Erregung auf und ab.</p>
-
-<p>»Es ist unrecht, einer ernsten Sache gegenüber einen solchen Standpunkt
-einzunehmen,« sagt sie. »Wenn es sich um das Lebensglück
-der Tochter handelt, dann muß man alles Persönliche ausschalten.
-Ich weiß, daß er dir nicht gefällt … Das kann ja sein … Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-wenn wir ihn jetzt abweisen und die Sache verhindern, dann ist zu
-befürchten, daß Lisa uns ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen
-wird. Es wimmelt heutzutage nicht von Freiern, und es kann
-leicht kommen, daß sich ihr keine andere Partie mehr bietet. Er liebt
-Lisa sehr, und anscheinend findet auch sie an ihm Gefallen. Er hat
-ja allerdings keine gesicherte Stellung; aber was ist da zu machen?
-So Gott will, wird er schon mit der Zeit irgendwo ankommen.
-Er ist aus guter Familie und reich.«</p>
-
-<p>»Woher weißt du das?«</p>
-
-<p>»Er hat es gesagt. Sein Vater besitzt in Charkow ein großes Haus
-und in der Nähe von Charkow ein Gut. Kurz gesagt, Nikolai
-Stepanowitsch, du mußt unbedingt nach Charkow reisen.«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Du mußt da Erkundigungen anstellen. Du bist ja dort mit einigen
-Professoren bekannt; die werden dir behilflich sein. Ich würde
-selbst hinfahren; aber ich bin ein Weib. Ich kann es nicht.«</p>
-
-<p>»Ich reise nicht nach Charkow,« erwidere ich mürrisch.</p>
-
-<p>Meine Frau bekommt einen Schreck, und auf ihrem Gesichte erscheint
-ein Ausdruck qualvollen Schmerzes.</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Nikolai Stepanowitsch!« fleht sie mich schluchzend
-an. »Um Gottes willen, nimm mir diese schwere Sorge von
-der Seele! Ich leide darunter entsetzlich!«</p>
-
-<p>Wie ich sie so ansehe, tut sie mir leid.</p>
-
-<p>»Nun gut, Warja,« sage ich freundlich. »Wenn du es wünschest,
-will ich meinetwegen nach Charkow fahren und alles tun, was du
-möchtest.«</p>
-
-<p>Sie drückt das Taschentuch gegen die Augen und geht auf ihr Zimmer,
-um zu weinen. Ich bleibe allein.</p>
-
-<p>Nach einiger Zeit bringt man mir Licht. Von den Sesseln und dem
-Lampenschirm lagern sich auf den Wänden und auf dem Fußboden
-die mir längst bekannten, längst zuwider gewordenen Schatten,
-und wenn ich sie ansehe, so will es mir scheinen, daß es schon Nacht
-sei, und daß meine nichtswürdige Schlaflosigkeit schon beginne.
-Ich lege mich ins Bett; dann stehe ich wieder auf und wandere im
-Zimmer auf und ab; dann lege ich mich wieder hin … Gewöhnlich
-erreicht nach dem Mittagessen, vor dem Abend, meine nervöse
-Erregung ihren höchsten Grad. Ich fange ohne Veranlassung zu
-weinen an und stecke den Kopf unter das Kopfkissen. In solchen<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-Augenblicken fürchte ich mich davor, daß jemand eintreten könnte;
-ich fürchte, plötzlich zu sterben, schäme mich meiner Tränen, und
-meine ganze Seele ist von einem allgemeinen, unerträglichen
-Schmerz erfüllt. Ich fühle, daß ich nicht länger imstande bin,
-meine Lampe, meine Bücher, die Schatten auf dem Fußboden anzusehen
-und die aus dem Salon herübertönenden Stimmen anzuhören.
-Eine unsichtbare, unbegreifliche Macht zieht mich gewaltsam
-aus meiner Wohnung hinaus. Ich springe auf, kleide mich hastig
-an und gehe vorsichtig, damit meine Hausgenossen es nicht gewahr
-werden, auf die Straße. Wo soll ich hingehen?</p>
-
-<p>Die Antwort auf diese Frage steckt schon längst fertig in meinem
-Gehirn: zu Katja.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="III">III</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Sie liegt wie gewöhnlich auf dem türkischen Sofa oder einer Chaiselongue
-und liest ein Buch. Sobald sie mich erblickt, hebt sie träge
-den Kopf in die Höhe, setzt sich aufrecht und streckt mir die Hand
-entgegen.</p>
-
-<p>»Immer liegst du,« sage ich, nachdem ich ein Weilchen geschwiegen
-und mich erholt habe. »Das ist ungesund. Du solltest dir irgendeine
-Tätigkeit zurechtmachen.«</p>
-
-<p>»Was sagen Sie?«</p>
-
-<p>»Ich sage, du solltest dir irgendeine Tätigkeit zurechtmachen.«</p>
-
-<p>»Was für eine Tätigkeit? Eine Frau kann weiter nichts sein als
-entweder einfache Arbeiterin oder Schauspielerin.«</p>
-
-<p>»Nun gut: wenn du also nicht Arbeiterin sein kannst, so werde
-wieder Schauspielerin.«</p>
-
-<p>Sie schweigt.</p>
-
-<p>»Du solltest heiraten,« sage ich halb im Scherz.</p>
-
-<p>»Ich wüßte nicht, wen. Und es liegt mir auch nichts daran.«</p>
-
-<p>»So, wie du lebst, das ist kein Leben.«</p>
-
-<p>»Ohne Mann? Große Sache! Männer könnte ich haben, soviel
-ich wollte, wenn ich nur Lust hätte.«</p>
-
-<p>»Das ist häßlich, Katja.«</p>
-
-<p>»Was ist häßlich?«</p>
-
-<p>»Was du da eben gesagt hast.«</p>
-
-<p>Da sie merkt, daß ich mich verletzt fühle, möchte sie den üblen Eindruck
-wieder gutmachen und sagt:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p>
-
-<p>»Kommen Sie! Wir wollen anderswohin gehen. Dorthin.«</p>
-
-<p>Sie führt mich in ein kleines, sehr behagliches Zimmerchen und
-sagt, indem sie auf einen Schreibtisch hinweist:</p>
-
-<p>»Da! Ich habe ihn für Sie angeschafft. Hier können Sie arbeiten.
-Kommen Sie alle Tage her und bringen Sie Ihre Arbeit mit!
-Dort bei Ihnen zu Hause stört man Sie doch nur. Wollen Sie
-hier arbeiten? Ja? Wollen Sie?«</p>
-
-<p>Um sie nicht durch eine abschlägige Antwort zu kränken, erwidere
-ich ihr, ich würde bei ihr arbeiten, und das Zimmer gefalle mir außerordentlich.
-Darauf lassen wir uns beide in dem gemütlichen Zimmerchen
-nieder und fangen an, uns zu unterhalten.</p>
-
-<p>Die Wärme, die anheimelnde Umgebung und die Anwesenheit eines
-mir sympathischen Menschen erwecken in mir jetzt nicht wie in früheren
-Zeiten ein Gefühl des Vergnügens, sondern einen starken Drang
-zu klagen und zu murren. Ich habe die Vorstellung, wenn ich murre
-und klage, wird mir leichter ums Herz werden.</p>
-
-<p>»Es ist ein übles Ding, mein liebes Kind!« beginne ich mit einem
-Seufzer. »Ein sehr übles Ding&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was denn?«</p>
-
-<p>»Ich will dir sagen, um was es sich handelt, meine Liebe. Das
-schönste und heiligste Recht der Könige ist das Recht der Begnadigung.
-Und ich bin mir immer wie ein König vorgekommen, da
-ich dieses Recht in unbegrenztem Maße ausübte. Ich habe nie über
-jemand den Stab gebrochen, bin nachsichtig gewesen und habe gern
-allen Menschen rings um mich herum verziehen. Wo andere protestierten
-und empört waren, da habe ich nur durch Ratschläge und
-Überredung zu wirken gesucht. Mein ganzes Leben hindurch ist mein
-Bestreben nur darauf gerichtet gewesen, meiner Familie, den Studenten,
-den Kollegen, den Dienstboten den Verkehr mit mir erträglich
-zu machen. Und dieses mein Betragen den Menschen gegenüber
-hat, das weiß ich, auf alle, die mit mir zu tun hatten, erzieherisch
-gewirkt. Aber jetzt bin ich kein König mehr. In meiner
-Seele bildet sich eine Gesinnung heraus, die nur für Sklavenseelen
-paßt; in meinem Kopfe wimmelt es Tag und Nacht von bösen
-Gedanken, und in meinem Herzen hat sich ein ganzer Schwarm
-von Empfindungen eingenistet, wie ich sie früher nie gekannt habe.
-Ich hasse, verachte, bin mißvergnügt und empört und fürchte mich.
-Ich bin über die Maßen streng, anspruchsvoll, reizbar, unliebenswürdig<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-und argwöhnisch geworden. Selbst Dinge, die mir früher
-lediglich Anlaß gaben, einen munteren Scherz zu machen und gutmütig
-zu lachen, rufen jetzt bei mir ein drückendes, beängstigendes
-Gefühl hervor. Auch meine Logik hat sich geändert: früher richtete
-sich meine Verachtung nur gegen das Geld; jetzt aber hege ich ein
-feindseliges Gefühl gegen die Reichen, als ob diese irgendwelche
-Schuld träfe; früher haßte ich Gewalttätigkeit und Willkür; aber
-jetzt hasse ich die Menschen, die gewalttätig verfahren, als ob sie
-allein schuld wären und nicht vielmehr wir alle, die wir einander
-nicht zu erziehen verstehen. Woher kommt das? Wenn diese neuen
-Gedanken und neuen Empfindungen in einer Veränderung meiner
-Überzeugungen ihren Ursprung haben, welchen Grund mag dann
-diese Veränderung haben? Ist die Welt schlechter geworden und ich
-besser, oder war ich früher blind und achtlos? Wenn aber diese Veränderung
-von einem allgemeinen Verfall meiner körperlichen und
-geistigen Kräfte herrührt (ich bin ja tatsächlich krank und verliere
-täglich an Gewicht), dann ist meine Lage eine ganz klägliche, dann
-sind meine neuen Gedanken nicht normal, sondern krankhaft, und
-ich muß mich ihrer schämen und sie für völlig wertlos erachten&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ihre Krankheit hat damit nichts zu tun,« unterbricht mich Katja;
-»es sind Ihnen einfach die Augen aufgegangen; das ist das Ganze.
-So haben Sie erblickt, was Sie früher aus irgendwelchem Grunde
-nicht wahrnehmen wollten. Meiner Ansicht nach ist vor allen
-Dingen notwendig, daß Sie sich von Ihrer Familie trennen und
-von ihr fortgehen.«</p>
-
-<p>»Du redest Torheiten.«</p>
-
-<p>»Sie lieben sie nicht mehr; wozu da noch heucheln? Und ist denn das
-eine Familie für Sie? Ganz wertlose Geschöpfe! Wenn sie heute
-stürben, so würde sie schon morgen kein Mensch mehr vermissen.«</p>
-
-<p>Katja verachtet meine Frau und meine Tochter ebenso stark, wie
-diese beiden sie hassen. Man darf in unserer Zeit ja kaum von
-einem Rechte der Menschen reden, einander zu verachten. Aber
-wenn man sich auf Katjas Standpunkt stellt und das Vorhandensein
-eines solchen Rechtes behauptet, dann muß man allerdings
-sagen, daß sie mit demselben Rechte meine Frau und Lisa verachtet,
-mit welchem diese sie hassen.</p>
-
-<p>»Ganz wertlose Geschöpfe!« sagt sie noch einmal. »Haben Sie
-heute zu Mittag gegessen? Mich wundert nur, daß Ihre Angehörigen<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-nicht vergessen haben, Sie zu Tisch zu rufen, daß sie überhaupt
-noch an Ihre Existenz denken.«</p>
-
-<p>»Katja,« sage ich in strengem Tone, »ich bitte dich zu schweigen.«</p>
-
-<p>»Meinen Sie denn, daß es mir Vergnügen macht, von ihnen zu
-reden? Ich wäre froh, wenn ich sie überhaupt nicht kennte. Hören
-Sie auf mich, teurer Freund: lassen Sie alles im Stich, und reisen
-Sie weg! Reisen Sie ins Ausland! Je eher, um so besser.«</p>
-
-<p>»Was für Unsinn! Und die Universität?«</p>
-
-<p>»Lassen Sie auch die Universität im Stich! Was haben Sie von
-der? Etwas Gescheites kommt ja doch nicht dabei heraus. Da
-halten Sie nun schon dreißig Jahre lang Vorlesungen, und was ist
-aus Ihren Schülern geworden? Haben Sie etwa viele berühmte
-Gelehrte herangebildet? Zählen Sie sie doch einmal zusammen!
-Und um die Zahl dieser Ärzte zu vermehren, die die Unwissenheit
-der Patienten ausbeuten und Hunderttausende von Rubeln zusammenscharren,
-dazu bedarf es keines talentvollen, herzensguten
-Menschen. Sie sind hier völlig entbehrlich.«</p>
-
-<p>»Mein Gott, was hast du für eine scharfe Zunge!« sage ich erschrocken.
-»Was für eine scharfe Zunge! Schweig still, sonst gehe
-ich fort. Ich verstehe mich nicht darauf, auf deine bissigen Reden
-zu antworten.«</p>
-
-<p>Das Stubenmädchen tritt ein und ruft uns zum Tee. Beim Samowar
-wendet sich unser Gespräch glücklicherweise anderen Gegenständen
-zu. Nachdem ich bereits zur Genüge geklagt habe, bekomme
-ich Lust, der andern Schwäche, die mein Alter mit sich gebracht
-hat, freien Lauf zu lassen, dem Umherkramen in Erinnerungen.
-Ich erzähle Katja aus meiner Vergangenheit und teile ihr zu meinem
-eigenen größten Erstaunen allerlei Einzelheiten mit, von denen
-ich gar nicht geahnt habe, daß sie sich noch in meinem Gedächtnis
-erhalten haben. Sie aber hört mir gerührt, stolz, mit angehaltenem
-Atem zu. Besondere Freude macht es mir, ihr davon zu erzählen,
-wie ich ehemals Seminarschüler war, und wie es das Ziel meiner
-Sehnsucht war, die Universität zu beziehen.</p>
-
-<p>»Manchmal ging ich in unserem Seminargarten spazieren,« erzähle
-ich. »Da trug der Wind aus irgendeiner fernen Schenke die Töne
-einer quiekenden Harmonika und eines Liedes herüber, oder es jagte
-an dem Zaune des Seminargartens eine Troika mit Schellengeklingel
-vorbei, und dies genügte vollständig, um plötzlich ein Gefühl<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-des Glückes nicht nur in meiner Brust, sondern auch in meinem
-Bauche, in den Beinen, in den Händen hervorzurufen. Ich horchte
-nach der Harmonika oder dem verklingenden Schellengeläute hin
-und stellte mir vor, ich sei Arzt, und malte mir Bilder aus, eines
-immer schöner als das andere. Und nun sind, wie du siehst, meine
-Träume in Erfüllung gegangen. Ich habe mehr erreicht, als ich
-zu hoffen wagte. Dreißig Jahre lang bin ich ein beliebter Professor
-gewesen, habe vortreffliche Kollegen gehabt und mich eines ehrenvollen
-Renommees erfreut. Ich habe geliebt, habe aus leidenschaftlicher
-Liebe geheiratet; es sind mir Kinder geboren. Kurz, wenn ich
-zurückblicke, so erscheint mir mein ganzes Leben wie eine hübsche,
-talentvolle Komposition. Jetzt bleibt mir nur noch eines zu tun:
-dafür zu sorgen, daß ich das Finale nicht verderbe. Zu diesem
-Zwecke muß ich in einer menschenwürdigen Weise sterben. Wenn
-der Tod wirklich eine Gefahr ist, so muß ich ihm so entgegentreten,
-wie es sich für einen Lehrer, für einen Gelehrten und für den Bürger
-eines christlichen Staates ziemt: mutig und ruhigen Herzens.
-Aber ich werde das Finale verderben. Ich bin nahe daran, zu ertrinken,
-komme zu dir hergelaufen und bitte um Hilfe; du aber
-sagst zu mir: ›Ertrinken Sie nur; das muß so sein!‹«</p>
-
-<p>Aber in diesem Augenblick ertönt im Vorzimmer die Klingel. Wir
-beide, Katja und ich, erkennen diese Art zu klingeln und sagen:</p>
-
-<p>»Das ist gewiß Michail Fedorowitsch.«</p>
-
-<p>Und wirklich tritt einen Augenblick darauf mein Kollege, der Philologe
-Michail Fedorowitsch, ins Zimmer, ein hochgewachsener, wohlgebildeter
-Mann von etwa fünfzig Jahren, mit dichtem, grauem
-Haar, schwarzen Brauen und glatt rasiertem Gesicht. Er ist ein
-guter Mensch und ein vorzüglicher Kollege. Er stammt aus einer
-alten Adelsfamilie, die eine recht glückliche Vergangenheit hat, viele
-talentvolle Männer zu ihren Mitgliedern zählt und in der Geschichte
-unserer Literatur und Bildung eine bedeutende Rolle spielt.
-Auch er selbst ist klug, talentvoll und hochgebildet, aber nicht frei
-von Sonderbarkeiten. Bis zu einem gewissen Grade sind wir ja
-alle seltsame, wunderliche Käuze; aber seine Sonderbarkeiten zeigen
-sich ausschließlich seinen Bekannten gegenüber und sind für diese
-nicht ungefährlich. Unter seinen Bekannten kenne ich nicht wenige,
-die über seinen Sonderbarkeiten gar kein Auge für seine zahlreichen
-guten Eigenschaften haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p>
-
-<p>Als er zu uns ins Zimmer tritt, zieht er langsam die Handschuhe
-aus und sagt mit seiner weichen, tiefen Stimme:</p>
-
-<p>»Guten Abend. Sie sind beim Tee? Das kommt mir sehr zupaß.
-Es ist nichtswürdig kalt draußen.«</p>
-
-<p>Dann setzt er sich an den Tisch, nimmt sich ein Glas und beginnt
-sogleich zu reden. Das Charakteristischste an seiner Art zu reden ist
-sein beständig scherzhafter Ton, eine Art Mischung von Philosophie
-und Possenreißerei, wie bei den Shakespearischen Totengräbern. Er
-redet immer über ernste Dinge, aber niemals in ernster Art. Seine
-Urteile sind immer scharf und spöttisch; aber infolge des weichen,
-gleichmäßigen, scherzhaften Tones verletzen die Schärfe und der
-Spott nicht das Ohr des Hörers, und man gewöhnt sich bald daran.
-Jeden Abend bringt er fünf bis sechs Anekdoten aus dem Universitätsleben
-mit und fängt sie meist zu erzählen an, sobald er sich an
-den Tisch setzt.</p>
-
-<p>»Mein Gott!« seufzt er und bewegt dabei spöttisch seine schwarzen
-Augenbrauen. »Was gibt es doch für komische Gesellen auf der
-Welt!«</p>
-
-<p>»Wieso?« fragt Katja.</p>
-
-<p>»Ich komme heute aus meiner Vorlesung und treffe auf der Treppe
-diesen alten Idioten, unsern N. N. Er steigt die Treppe hinauf,
-hält wie gewöhnlich sein Pferdekinn nach vorn gestreckt und sucht
-jemand, dem er über seine Migräne, über seine Frau und über die
-Studenten, die seine Vorlesungen nicht besuchen wollen, etwas
-vorklagen kann. ›Na,‹ denke ich, ›gesehen hat er mich nun einmal;
-jetzt bin ich geliefert, es wird mir schlimm ergehen&nbsp;…‹«</p>
-
-<p>Und so fort, immer in derselben Art. Oder er beginnt so:</p>
-
-<p>»Gestern war ich in der öffentlichen Vorlesung unseres Kollegen Z.
-Ich wundere mich, wie unsere <em class="antiqua">alma mater</em> es übers Herz bringen
-kann, dem Publikum (mit Verlaub gesagt) solche Tölpel und
-patentierten Holzköpfe zu präsentieren wie diesen Z. Er ist ja doch
-ein Dummrian erster Klasse! Ich bitte Sie, in ganz Europa findet
-man bei Tage mit der Laterne kein zweites derartiges Exemplar!
-Stellen Sie sich das nur einmal vor: er liest, als wenn er Kandiszucker
-lutschte! Zju, zju, zju … Er bekam es mit der Angst,
-konnte sein Manuskript schlecht lesen, und die dürftigen Gedanken
-krochen nur ganz langsam dahin, mit der Geschwindigkeit eines
-radfahrenden Archimandriten; und, was die Hauptsache war, man<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-konnte absolut nicht verstehen, was er eigentlich sagen wollte. Es
-herrschte eine furchtbare Langeweile, so daß die Fliegen davon
-starben. Diese Langeweile läßt sich nur mit derjenigen vergleichen,
-die in unserer Aula bei dem jährlichen Aktus herrscht, wenn die
-herkömmliche Rede gehalten wird. Hol sie der Teufel!«</p>
-
-<p>Und dann fährt er mit einem scharfen Übergange fort:</p>
-
-<p>»Vor drei Jahren (hier unser Nikolai Stepanowitsch wird sich noch
-daran erinnern) hatte ich diese Rede zu halten. Es war heiß und
-schwül, die Uniform kniff mich unter den Armen, &ndash; es war zum
-Krepieren! Ich las eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb
-Stunden, zwei Stunden. ›Na,‹ dachte ich, ›Gott sei Dank, jetzt
-sind es nur noch zehn Seiten.‹ Und ganz am Schluß hatte ich vier
-Seiten, die ich gut und gern ungelesen lassen konnte, und ich nahm
-mir vor, sie wegzulassen. ›Also dann bleiben nur noch sechs,‹
-dachte ich. Aber denken Sie sich: ich warf einen flüchtigen Blick
-nach den Zuhörern und sah, daß da in der ersten Reihe nebeneinander
-ein General mit einem Ordensbande und ein Bischof saßen.
-Die armen Kerle waren ganz starr vor Langerweile und rissen
-krampfhaft die Augen auf, um nicht einzuschlafen; aber sie bemühten
-sich trotzdem, ihren Gesichtern den Ausdruck gespannter
-Aufmerksamkeit zu geben, und taten, als ob sie meine Vorlesung
-verständen und Genuß davon hätten. ›Na,‹ dachte ich, ›wenn es
-euch so viel Vergnügen macht, dann will ich es euch gründlich
-geben! Euch zum Possen!‹ Und ich las auch noch die ganzen vier
-letzten Seiten mit.«</p>
-
-<p>Wenn er spricht, so lächeln bei ihm, wie überhaupt bei spottlustigen
-Leuten, nur die Augen und die Brauen. In seinen Augen liegt zu
-solcher Zeit nichts von Haß oder Bosheit, wohl aber viel Witz und
-jene besondere fuchsartige Schlauheit, die man nur bei Menschen
-mit sehr gut entwickelter Beobachtungsgabe bemerken kann. Von
-seinen Augen möchte ich ferner erwähnen, daß ich an ihnen noch
-eine besondere Eigentümlichkeit wahrgenommen habe. Jedesmal
-wenn er von Katja ein gefülltes Glas hinnimmt oder eine von ihr
-gemachte Bemerkung anhört oder ihr mit dem Blicke folgt, wenn
-sie einmal für kurze Zeit das Zimmer verläßt, bemerke ich in seinem
-Blicke etwas Sanftes, Flehendes, Reines&nbsp;…</p>
-
-<p>Das Stubenmädchen nimmt den Samowar fort und stellt ein
-großes Stück Käse, allerlei Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-auf den Tisch, einen ziemlich schlechten Wein, an dem aber Katja, als
-sie in der Krim wohnte, Geschmack gewonnen hat. Michail Fedorowitsch
-nimmt von einer Etagère zwei Spiele Karten und legt Patience.
-Nach seiner Versicherung erfordern einige Arten von Patience viel
-Kombinationssinn und Aufmerksamkeit; aber trotzdem redet er während
-des Legens munter weiter. Katja verfolgt aufmerksam seine
-Manipulationen mit den Karten und ist ihm mehr durch Mimik als
-durch Worte behilflich. Von dem Weine trinkt sie den ganzen Abend
-über nicht mehr als zwei Gläser, und ich trinke ein Viertel Glas;
-der übrige Teil der Flasche entfällt auf Michail Fedorowitsch, der
-viel trinken kann, ohne daß es ihm in den Kopf steigt.</p>
-
-<p>Während des Patiencelegens disputieren wir über allerlei Fragen,
-namentlich höherer Art, wobei das, was wir beide am meisten lieben,
-am schlimmsten wegkommt, nämlich die Wissenschaft.</p>
-
-<p>»Die Wissenschaft ist, Gott sei Dank, am Ende ihres Daseins angelangt,«
-sagt Michail Fedorowitsch; er spricht in einzelnen Absätzen.
-»Mit der geht es auf die Neige. Ja, ja. Die Menschheit
-verspürt bereits das Bedürfnis, etwas anderes an die Stelle der
-Wissenschaft zu setzen. Die Wissenschaft ist auf einem Boden
-von falschen Vorstellungen entsprossen, hat sich von falschen Vorstellungen
-genährt und bildet jetzt eine ebensolche Quintessenz von
-falschen Vorstellungen, wie ihre abgelebten Großmütter: Alchimie,
-Metaphysik und Philosophie. Und wirklich, was hat sie der Menschheit
-gegeben? Zwischen den gelehrten Europäern und den aller
-Wissenschaft entbehrenden Chinesen ist doch der Unterschied nur
-ein minimaler, rein äußerlicher. Die Chinesen haben keine Wissenschaft
-gekannt; aber was haben sie dadurch verloren?«</p>
-
-<p>»Auch die Fliegen kennen keine Wissenschaft,« entgegne ich, »aber
-was folgt daraus?«</p>
-
-<p>»Sie ärgern sich ganz unnötigerweise, Nikolai Stepanowitsch. Ich
-rede ja so nur hier, wo wir unter uns sind. Ich bin vorsichtiger, als
-Sie meinen, und werde das nicht öffentlich aussprechen, Gott behüte.
-Die große Menge ist in der falschen Vorstellung befangen, die Wissenschaften
-und Künste ständen höher als Ackerbau, Handel und Gewerbe.
-Unsere Sekte lebt von dieser falschen Vorstellung, und es ist nicht
-meine und Ihre Sache, diese Vorstellung zu zerstören. Gott behüte!«
-Während des Patiencelegens bekommt auch die Jugend gehörig etwas
-ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p>
-
-<p>»Unsere Hörerschaft ist heutzutage einer argen Verflachung anheim
-gefallen,« bemerkt Michail Fedorowitsch seufzend. »Ich will
-gar nicht einmal von Idealen und solchen Dingen reden; wenn sie
-nur wenigstens zu arbeiten und vernünftig zu denken verständen!
-Da trifft das Wort zu: ›Ich schaue nur mit Schmerz das heutige
-Geschlecht.‹«</p>
-
-<p>»Ja, die jetzige Generation ist entsetzlich verflacht,« stimmt ihm
-Katja bei. »Sagen Sie, haben Sie in den letzten fünf, zehn Jahren
-unter Ihren Hörern auch nur einen einzigen hervorragenden
-Menschen gehabt?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, wie es damit bei andern Professoren steht; aber
-unter meinen eigenen Hörern kann ich mich auf keinen solchen besinnen.«</p>
-
-<p>»Ich habe in meinem Leben viele Studenten, viele junge Gelehrte,
-viele Schauspieler kennen gelernt; aber nie habe ich das Glück gehabt,
-ich will gar nicht einmal sagen einem Geistesheros oder einem
-Talente, sondern nur ganz einfach einem interessanten Menschen
-darunter zu begegnen. Alles grau, talentlos, voll Dünkel und Anmaßung&nbsp;…«</p>
-
-<p>Alle diese Gespräche über Verflachung wirken auf mich jedesmal
-ebenso, wie wenn ich unversehens häßliche Bemerkungen über meine
-Tochter erlauschte. Es ist mir verdrießlich, daß die Anklagen sich
-so allgemein gegen die ganze Jugend richten und sich auf solche
-längst abgenutzten Schlagwörter gründen, wie es die Redensarten
-von Verflachung und von einem Mangel an Idealen und der Hinweis
-auf die schöne Vergangenheit sind. Jede Anklage, auch wenn
-sie in Damengesellschaft vorgebracht wird, muß möglichst präzise
-formuliert sein; sonst ist es eben keine Anklage, sondern eine leere,
-anständiger Menschen unwürdige Verleumdung.</p>
-
-<p>Ich bin ein alter Mann und stehe schon dreißig Jahre in meinem
-Amte; aber ich bemerke weder eine Verflachung noch einen Mangel
-an Idealen und kann nicht finden, daß es jetzt in dieser Hinsicht
-übler bestellt wäre als früher. Mein Portier Nikolai, dessen Erfahrung
-auf diesem Gebiet nicht ohne Wert ist, sagt, die heutigen
-Studenten seien nicht besser und nicht schlechter als die früheren.
-Wenn mich jemand fragte, was mir an meinen jetzigen Hörern
-mißfalle, so würde ich keine zusammenfassende Antwort geben,
-sondern einige Punkte mit hinlänglicher Präzision aufzählen. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-Mängel meiner Studenten kenne ich genau und brauche daher nicht
-zu nebelhaften, allgemeinen Schlagworten meine Zuflucht zu
-nehmen. Mir mißfällt, daß sie Tabak rauchen, alkoholische Getränke
-genießen und spät heiraten; ferner daß sie gedankenlos in
-den Tag hineinleben und oft eine solche Gleichgültigkeit zeigen,
-daß sie unter sich Hungernde dulden und an den Verein zur Unterstützung
-bedürftiger Studenten ihre fälligen Beiträge nicht bezahlen.
-Sie verstehen die neueren Sprachen nicht und können sich auf
-russisch nicht korrekt ausdrücken; erst gestern klagte mir mein Kollege,
-der Hygieniker, er müsse die Zeitdauer seiner Vorlesung verdoppeln,
-weil sie so wenig Physik verständen und mit der Meteorologie
-gar nicht Bescheid wüßten. Sie lassen sich in ihren Ansichten
-gern von den Schriftstellern der neuesten Zeit leiten, aber keineswegs
-von den besten; dagegen stehen sie Klassikern wie Shakespeare,
-Marc Aurel, Epiktet, Pascal völlig kühl gegenüber. In dieser Unfähigkeit,
-das Große vom Kleinen zu unterscheiden, zeigt sich am
-allermeisten das Unpraktische ihres Wesens. Alle schwierigen Fragen,
-die mehr oder weniger eine soziale Bedeutung haben, wie z. B. die
-Frage der Freizügigkeit, entscheiden sie durch Abstimmungslisten
-statt auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung und Erfahrung,
-wiewohl dieser Weg ihnen durchaus zugänglich ist und ihrem Berufe
-am meisten entsprechen würde. Gern werden sie Präparatoren,
-Assistenten, Laboranten, Repetenten, und es kommt ihnen nicht
-darauf an, in solchen Stellungen bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahre
-zu verbleiben, obwohl Selbständigkeit, Freiheitssinn und persönliche
-Initiative in der Wissenschaft nicht minder notwendig sind
-als beispielsweise in der Kunst oder im Handel. Ich habe Schüler
-und Hörer, aber keine Gehilfen und Nachfolger, und daher mag
-ich sie zwar gern leiden und habe für sie alle Teilnahme, aber ich
-bin nicht stolz auf sie. Usw. usw.&nbsp;…</p>
-
-<p>Solche Mängel, wieviel ihrer auch sein mögen, können eine pessimistische
-oder zornige Stimmung nur bei kleinmütigen, ängstlichen
-Menschen erzeugen. Alle diese Mängel sind ihrem ganzen Wesen
-nach nur zufällig und vorübergehend und hängen durchaus von
-den gesamten Lebensverhältnissen ab; ein paar Jahrzehnte genügen,
-damit sie verschwinden oder, da es nun einmal ohne Mängel nicht
-geht, ihren Platz andern neuen Mängeln abtreten, die dann ihrerseits
-wieder den Kleinmütigen einen Schreck einjagen werden. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-Studentensünden ärgern mich oft; aber dieser Ärger will nichts
-besagen im Vergleiche mit der Freude, die ich nun schon dreißig
-Jahre lang empfinde, wenn ich mit meinen Schülern ein Gespräch
-führe, ihnen Vorlesungen halte, ihr Verhalten untereinander beobachte
-und sie mit Angehörigen anderer Kreise vergleiche.</p>
-
-<p>Michail Fedorowitsch führt Lästerreden, Katja hört ihm zu, und
-beide merken nicht, in was für einen tiefen Abgrund ein anscheinend
-so unschuldiges Vergnügen wie das Aburteilen über den Nächsten
-sie allmählich hineinzieht. Sie fühlen nicht, wie ein harmloses Gespräch
-Schritt für Schritt in Verspottung und Verhöhnung übergeht,
-und wie sie beide sogar die Kunstgriffe der Verleumdung zu
-gebrauchen anfangen.</p>
-
-<p>»Es gibt doch gar zu komische Kunden,« sagt Michail Fedorowitsch.
-»Gestern komme ich zu unserem Jegor Petrowitsch und treffe dort
-einen Studiosus, einen von Ihren Medizinern, ich glaube aus dem
-dritten Kursus. Ein Gesicht hatte er so im Stile des Kritikers
-Dobroljubow, auf der Stirn den Stempel tiefen Denkens. Wir
-kamen miteinander ins Gespräch. ›Ja, junger Mann,‹ sage ich,
-›es passieren die wunderbarsten Dinge. Da habe ich gelesen, daß
-ein Deutscher (seinen Namen habe ich vergessen) aus dem menschlichen
-Gehirn ein neues Alkaloid, Idiotin, gewonnen hat.‹ Was
-meinen Sie? Er glaubte es, und es malte sich sogar auf seinem
-Gesicht eine Art von Respekt: ›Ja, das ist eine Leistung unserer
-Berufsgenossen!‹ Und neulich komme ich ins Theater und setze
-mich auf meinen Platz. Gerade vor mir in der nächsten Reihe
-sitzen zwei junge Männer, der eine ›einer von unsere Lait‹ und anscheinend
-Jurist, der andere mit strubbligem Kopf ein Mediziner.
-Der Mediziner war betrunken wie ein Schuster und achtete gar
-nicht auf das, was auf der Bühne vorging. Er schlief, und der
-Kopf fiel ihm fortwährend nach vorn. Aber sowie ein Schauspieler
-laut einen Monolog sprach oder überhaupt die Stimme erhob, fuhr
-mein Mediziner zusammen, stieß seinen Nachbar in die Seite und
-fragte: ›Was hat er gesagt? Etwas Moralisches?‹ ›Ja, etwas
-Moralisches,‹ antwortete der Jude. ›Bravo!‹ brüllte der Mediziner.
-›Sehr gut! Bravo!‹ Sehen Sie, dieser betrunkene Tölpel war nicht
-um der Kunst willen, sondern um der moralischen Gedanken
-willen ins Theater gekommen. Moralische Gedanken, das war ihm
-ein Bedürfnis.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>Katja hört zu und lacht. Sie hat eine ganz sonderbare Art zu
-lachen: Einatmen und Ausatmen wechseln schnell und mit rhythmischer
-Regelmäßigkeit miteinander ab, ähnlich wie wenn sie Harmonika
-spielte, und dabei lachen auf ihrem Gesichte nur die Nasenflügel.
-Mir wird ganz schwach zumute, und ich weiß nicht, was
-ich sagen soll. Ganz außer mir, werde ich blutrot, springe von
-meinem Platze auf und schreie:</p>
-
-<p>»So schweigt doch endlich! Was sitzt ihr da wie zwei Kröten und
-vergiftet die Luft mit eurem Atem? Laßt's genug sein!«</p>
-
-<p>Und ohne abzuwarten, bis sie mit ihren Lästerreden aufhören,
-schicke ich mich an, nach Hause zu gehen. Auch ist es schon Zeit:
-zehn Uhr durch.</p>
-
-<p>»Ich bleibe noch ein Weilchen hier,« sagt Michail Fedorowitsch;
-»gestatten Sie, Jekaterina Wladimirowna?«</p>
-
-<p>»Gewiß,« antwortet Katja.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Bene.</em> Dann lassen Sie also, bitte, noch ein Fläschchen bringen!«</p>
-
-<p>Beide begleiten mich mit Licht in das Vorzimmer, und während
-ich mir den Pelz anziehe, sagt Michail Fedorowitsch:</p>
-
-<p>»Sie sind in der letzten Zeit furchtbar abgemagert und gealtert,
-Nikolai Stepanowitsch. Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?«</p>
-
-<p>»Ja, ein wenig.«</p>
-
-<p>»Und dabei unternimmt er keine Kur …« fügt Katja unwillig
-hinzu.</p>
-
-<p>»Aber warum denn nicht? Das ist ja unverantwortlich. Den Vorsichtigen
-behütet Gott, lieber Freund. Empfehlen Sie mich Ihren
-Angehörigen, und entschuldigen Sie mich bei ihnen, daß ich nicht
-hinkomme. In diesen Tagen, vor meiner Abreise ins Ausland,
-werde ich vorsprechen, um Lebewohl zu sagen. Ganz bestimmt!
-Ich reise in der nächsten Woche.«</p>
-
-<p>Ich gehe von Katja in gereizter Stimmung weg, erschreckt durch
-das Gespräch über meine Krankheit und unzufrieden mit mir selbst.
-Ich lege mir die Frage vor: Soll ich mich wirklich von einem
-meiner Kollegen behandeln lassen? Und sogleich male ich mir auch
-aus, wie der Kollege, nachdem er mich untersucht hat, schweigend
-von mir weg zum Fenster geht, eine Weile nachdenkt, sich dann zu
-mir umwendet und, indem er sich Mühe gibt, mich nicht auf seinem
-Gesichte die Wahrheit lesen zu lassen, in gleichgültigem Tone
-sagt: »Vorläufig sehe ich nichts Besonderes; aber doch möchte ich<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-Ihnen raten, Herr Kollege, Ihre Tätigkeit zu unterbrechen.« Und
-das wird mich dann der letzten Hoffnung berauben.</p>
-
-<p>Wo gäbe es jemand, der nicht hoffte? Seht, wo ich mir selbst die
-Diagnose stelle und mich selbst behandle, hoffe ich zeitweilig, daß
-mich meine Unwissenheit täuscht und ich mich hinsichtlich des Eiweißes
-und des Zuckers irre, die ich bei mir finde, und hinsichtlich
-des Herzens und hinsichtlich der Anschwellungen, die ich schon zweimal
-bei mir morgens entdeckt habe; jetzt, wo ich mit dem Eifer
-eines Hypochonders die Lehrbücher der Therapie durchblättere und
-täglich mit der Arznei wechsle, jetzt meine ich immer, ich würde
-noch auf irgend etwas Tröstliches stoßen. Dieses ganze Benehmen
-ist kleinlich.</p>
-
-<p>Mag der Himmel mit Wolken bedeckt sein oder mögen Mond und
-Sterne an ihm glänzen, jedesmal, wenn ich nach Hause zurückkehre,
-blicke ich zu ihm hinauf und denke daran, daß mir bald der
-Tod kommen wird. Man könnte meinen, meine Gedanken müßten
-zu dieser Zeit tief sein wie der Himmel und klar und großartig;
-aber nein! Ich denke an mich selbst, an meine Frau, an Lisa, an
-Herrn Gnecker, an die Studenten, an die Menschen überhaupt; ich
-denke häßlich und kleinlich, mache vor mir selbst Winkelzüge, und
-meine Weltanschauung in solchen Augenblicken läßt sich mit den
-Worten ausdrücken, die der berühmte Araktschejew in einem seiner
-intimen Briefe schrieb: »Alles Gute in der Welt kann nicht ohne
-Schlechtes sein, und gibt es immer mehr Schlechtes als Gutes.«
-Das heißt: alles ist garstig, und das Leben ist zwecklos, und die
-zweiundsechzig Jahre, die ich bereits gelebt habe, muß ich als verloren
-betrachten. Ich ertappe mich auf diesen Gedanken und suche
-mir einzureden, sie seien nur zufällig und vorübergehend in meinem
-Kopfe vorhanden und säßen da nicht tief; aber sogleich denke ich
-wieder:</p>
-
-<p>»Wenn es so ist, warum zieht es mich denn jeden Abend zu diesen
-beiden Kröten hin?«</p>
-
-<p>Und ich schwöre es mir zu, nie wieder zu Katja hinzugehen, obwohl
-ich weiß, daß ich morgen doch wieder zu ihr gehen werde.</p>
-
-<p>Nachdem ich an meiner Haustüre die Klingel gezogen habe, und
-während ich dann die Treppe hinaufsteige, fühle ich, daß ich keine
-Familie mehr habe und nicht einmal den Wunsch hege, sie wiederzugewinnen.
-Es ist offenbar, daß die neuen Araktschejewschen<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-Gedanken sich nicht nur so zufällig und nur für kurze Zeit bei mir
-eingefunden, sondern mein ganzes Wesen in Besitz genommen
-haben. Mit krankem Gewissen, niedergeschlagen, träge, kaum die
-Glieder bewegend, als ob ich viele Zentner an Gewicht zugenommen
-hätte, lege ich mich ins Bett und schlafe bald ein.</p>
-
-<p>Aber dann folgt die Schlaflosigkeit.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="IV">IV</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Der Sommer kommt heran, und das Leben ändert sich.</p>
-
-<p>Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir in mein Zimmer und
-sagt in scherzendem Tone:</p>
-
-<p>»Wollen Euer Exzellenz kommen! Es ist alles bereit.«</p>
-
-<p>Man führt meine Exzellenz auf die Straße, läßt sie in eine Droschke
-steigen und fährt mit ihr davon. Beim Fahren lese ich aus Langerweile
-die Schilder von rechts nach links. Aus dem Worte <em class="antiqua">traktir</em><a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>
-wird dann Ritkart. Das wäre ein passender Name für eine freiherrliche
-Familie: Baronesse Ritkart. Weiter geht die Fahrt
-zwischen Feldern hin an einem Kirchhof vorbei, der aber auf mich
-gar keinen Eindruck macht, obwohl ich bald auf ihm liegen werde;
-dann fahre ich durch einen Wald und wieder zwischen Feldern.
-Alles sehr uninteressant. Nach einer zweistündigen Fahrt wird
-meine Exzellenz in die untere Etage eines Landhauses geführt und
-in einem kleinen, sehr freundlichen Zimmerchen mit himmelblauen
-Tapeten einquartiert.</p>
-
-<p>In der Nacht leide ich wie früher an Schlaflosigkeit; am Morgen
-aber kann ich lange Zeit nicht recht wach werden, höre auch meine
-Frau nicht aufstehen, sondern mache, im Bette liegend, ohne zu
-schlafen, eine Art Dämmerzustand durch, bei dem man nur ein
-halbes Bewußtsein hat und zwar weiß, daß man nicht schläft, aber
-doch träumt. Um Mittag stehe ich auf und setze mich gewohnheitsmäßig
-an meinen Schreibtisch; aber ich arbeite nicht, sondern zerstreue
-mich durch die Lektüre französischer Bücher in gelben Umschlägen,
-die mir Katja schickt. Es wäre ja freilich patriotischer,
-russische Autoren zu lesen; aber offen gestanden, ich verspüre zu
-diesen keine besondere Neigung. Von zwei bis drei etwas älteren
-Schriftstellern abgesehen, kommt mir die ganze moderne russische<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-Literatur nicht wie eine wirkliche Literatur, sondern wie ein Zweig
-einer Hausindustrie vor, die nur dazu da ist, daß man sie fördert,
-deren Erzeugnisse man aber nur ungern benutzt. Selbst das beste
-von den materiellen Erzeugnissen der Hausindustrie kann man
-nicht »gut« nennen und kann es nicht aufrichtig loben, ohne ein
-»aber« hinzuzufügen; und dasselbe muß ich auch von allen jenen
-literarischen Neuheiten sagen, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn
-Jahren gelesen habe: nicht eine darunter ist »gut«, und bei
-keiner geht es ohne ein »aber«. Manche sind verständig und
-moralisch, aber nicht talentvoll; andere talentvoll und moralisch,
-aber nicht verständig; wieder andere endlich talentvoll und verständig,
-aber nicht moralisch.</p>
-
-<p>Ich will nicht sagen, daß die französischen Bücher zugleich talentvoll
-und verständig und moralisch wären. Auch sie befriedigen mich
-nicht. Aber sie sind nicht so langweilig wie die russischen, und man
-findet in ihnen nicht selten das wichtigste Moment schöpferischer
-Tätigkeit: ein Gefühl der persönlichen Freiheit, das bei den russischen
-Schriftstellern fehlt. Ich besinne mich auf keine einzige
-russische Novität, bei der der Verfasser sich nicht gleich von der
-ersten Seite an bemüht zeigte, sich durch alle möglichen mit seinem
-Gewissen abgeschlossenen Abmachungen und Verträge zu binden.
-Der eine scheut sich, von einem nackten Körper zu reden; ein anderer
-hat sich durch den selbstauferlegten Zwang zu psychologischen
-Erörterungen an Händen und Füßen gebunden; ein dritter bedarf
-»eines warmen Verhältnisses zur Menschheit«; ein vierter schmiert
-absichtlich ganze Seiten mit Naturschilderungen voll, um nicht in
-den Verdacht der Tendenzschriftstellerei zu kommen. Der eine
-möchte in seinen Schriften um jeden Preis eine bürgerliche, der
-andere um jeden Preis eine aristokratische Gesinnung an den Tag
-legen usw. Absichtlichkeit, Behutsamkeit, Querköpfigkeit, aber keine
-Freiheit, kein Mut, so zu schreiben, wie man möchte, und infolgedessen
-auch keine schöpferische Kraft.</p>
-
-<p>Alles dies bezieht sich auf die sogenannte schöne Literatur.</p>
-
-<p>Was nun russische Abhandlungen ernsten Inhalts anlangt, z. B.
-über Nationalökonomie, über Kunst u. dgl., so ist der Grund, weshalb
-ich sie nicht lese, einfach meine Zaghaftigkeit. Als kleines
-Kind und als Knabe empfand ich eine eigentümliche Furcht vor
-Portiers und Theaterdienern, und diese Furcht ist mir bis auf den<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-heutigen Tag geblieben; ich fürchte mich auch jetzt noch vor ihnen.
-Man sagt, furchtbar erscheine nur das, was man nicht verstehe.
-Und es ist auch wirklich sehr schwer zu verstehen, warum die
-Portiers und Theaterdiener eine solche Grandezza, Aufgeblasenheit
-und majestätische Unhöflichkeit an den Tag legen. Wenn ich ernste
-russische Abhandlungen lese, empfinde ich eine ganz ähnliche unbestimmte
-Furcht. Die gewaltige Wichtigtuerei, der scherzhafte
-Ton der Überlegenheit, die familiäre Manier, in der auswärtige
-Autoren behandelt werden, die Geschicklichkeit, mit Würde leeres
-Stroh zu dreschen: alles dies ist mir unverständlich und beängstigend
-und gleicht so gar nicht der Bescheidenheit und dem vornehm-ruhigen
-Tone, an den ich bei der Lektüre der Schriften unserer
-älteren Ärzte und Naturforscher gewöhnt bin. Und nicht nur
-solche ernsten Abhandlungen, die ursprünglich russisch geschrieben
-sind, sondern auch solche, die ins Russische übersetzt sind, zu lesen
-fällt mir schwer. Der hoffärtige, herablassende Ton der Vorworte,
-die Unmenge von Anmerkungen des Übersetzers, die mich hindern,
-meine Aufmerksamkeit auf die Sache zu konzentrieren, die Fragezeichen
-und eingeklammerten <em class="antiqua">sic</em>, die der Übersetzer mit freigebiger
-Hand über die ganze Abhandlung oder über das ganze Buch ausstreut,
-erscheinen mir wie ein Attentat auf die Person des Verfassers
-und auf meine, des Lesers, Selbständigkeit.</p>
-
-<p>Ich war einmal zu einer Verhandlung des Bezirksgerichtes als
-Sachverständiger zugezogen; in einer Pause machte mich ein anderer
-Sachverständiger, ein Kollege von mir, auf das grobe Benehmen
-des Staatsanwaltes gegen die Angeklagten aufmerksam,
-unter denen sich zwei gebildete Frauen befanden. Ich glaube, ich
-machte mich keiner Übertreibung schuldig, als ich meinem Kollegen
-antwortete, dieses Benehmen sei nicht gröber als das, welches die
-Verfasser ernster Abhandlungen wechselseitig zur Anwendung
-brächten. Und tatsächlich ist dieses Benehmen so grob, daß man
-davon nur mit einer peinlichen Empfindung reden kann. Sie benehmen
-sich untereinander und gegen die Schriftsteller, deren Werke
-sie kritisieren, entweder so übermäßig respektvoll, daß sie dabei ihre
-eigene Würde nicht wahren, oder sie behandeln sie umgekehrt weit
-dreister, als ich in meinen Gedanken und in diesen Aufzeichnungen
-meinen künftigen Schwiegersohn Herrn Gnecker behandle. Beschuldigungen
-der Unzurechnungsfähigkeit, unlauterer Absichten,<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-ja sogar aller möglichen Kriminalverbrechen bilden den gewöhnlichen
-Schmuck ernster Abhandlungen. Und nun gar die Art, in
-der sich unsere jungen Ärzte in ihren kleinen Aufsätzen mit Vorliebe
-ausdrücken, das ist das Nonplusultra! Ein solches Benehmen
-muß unvermeidlich in der Darstellungsweise der jungen
-Generationen unserer belletristischen Schriftsteller seinen Reflex
-finden, und daher wundere ich mich gar nicht darüber, daß in den
-Novitäten, die unsere belletristische Literatur in den letzten zehn
-bis fünfzehn Jahren hervorgebracht hat, die Helden viel Branntwein
-trinken und die Keuschheit der Heldinnen zu wünschen übrig
-läßt.</p>
-
-<p>Ich lese französische Bücher und blicke ab und zu nach dem offenstehenden
-Fenster hin; dort sehe ich die Zacken meines Gartenzaunes,
-zwei oder drei kümmerliche Bäume und weiterhin hinter
-dem Zaune einen Weg, ein Feld und dann einen breiten Streifen
-Nadelwald. Oft beobachte ich mit Vergnügen, wie zwei Kinder,
-ein Knabe und ein Mädchen, beide blondhaarig und in zerrissenen
-Kleidern, an dem Zaune in die Höhe klettern und sich über meine
-Glatze lustig machen. In ihren glänzenden Äuglein lese ich deutlich
-die Worte: »Guck mal, ein Kahlkopf!« Das sind hier fast die einzigen
-Menschen, die sich weder um meine Berühmtheit noch um
-meinen Rang kümmern.</p>
-
-<p>Besucher stellen sich jetzt nicht alle Tage ein. Ich erwähne nur die
-Besuche Nikolais und Peter Ignatjewitschs. Nikolai kommt gewöhnlich
-an Sonn- und Festtagen zu mir, angeblich in geschäftlichen
-Angelegenheiten, hauptsächlich aber um mich wiederzusehen.
-Er kommt stark angeheitert, was bei ihm im Winter nie vorkommt.</p>
-
-<p>»Nun, was bringst du?« frage ich ihn, wenn ich zu ihm auf den
-Flur hinaustrete.</p>
-
-<p>»Euer Exzellenz!« sagt er, indem er die Hand aufs Herz drückt
-und mich entzückt wie ein Verliebter anblickt. »Euer Exzellenz!
-Gott straf mich! Der Donner soll mich gleich auf dem Fleck rühren!
-<em class="antiqua">Gaudeamus igitur juvenestus!</em>«</p>
-
-<p>Und er küßt mich eifrig auf die Schulter, auf die Rockärmel, auf
-die Knöpfe.</p>
-
-<p>»Ist in der Stadt alles bei uns in Ordnung« frage ich ihn.</p>
-
-<p>»Euer Exzellenz! Beim heiligen Gott&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>Er schwört unaufhörlich ohne jeden Anlaß; ich werde seiner bald
-überdrüssig und schicke ihn in die Küche, wo er Mittagessen erhält.
-Peter Ignatjewitsch kommt gleichfalls an Sonn- und Festtagen zu
-mir, speziell um mich zu besuchen, und zum Zwecke des Gedankenaustausches.
-Er sitzt gewöhnlich bei mir in meinem Zimmer am
-Tische, bescheiden, sauber, vernünftig, und erlaubt sich nicht, ein
-Bein über das andere zu schlagen oder die Ellbogen auf den Tisch
-zu bringen; und die ganze Zeit über erzählt er mir mit seiner leisen,
-gleichmäßigen Stimme geläufig und buchmäßig allerlei nach seiner
-Meinung sehr interessante und amüsante Neuigkeiten, die er in
-Journalen und Büchern gelesen hat. Alle diese Neuigkeiten haben
-untereinander eine große Ähnlichkeit und lassen sich auf folgenden
-Typus zurückführen: ein Franzose hat behauptet, eine Entdeckung
-gemacht zu haben; ein anderer, ein Deutscher, hat ihn der Unredlichkeit
-überführt durch den Nachweis, daß diese Entdeckung schon
-im Jahre 1870 von einem Amerikaner gemacht worden ist; und
-ein dritter, ebenfalls ein Deutscher, ist klüger gewesen als sie beide,
-indem er gezeigt hat, daß sie sich arg blamiert und unter dem
-Mikroskop Luftbläschen für dunkles Pigment gehalten haben.
-Peter Ignatjewitsch erzählt sogar dann, wenn er es darauf anlegt,
-mich zum Lachen zu bringen, langsam und umständlich, als ob er
-eine Dissertation verteidigte, mit detaillierter Aufzählung der literarischen
-Quellen, die er benutzt hat, und bemüht sich, in den
-Zahlen, in den Nummern der Journale und in den Namen jeden
-Irrtum zu vermeiden, wobei er nicht einfach Petit sagt, sondern
-stets Jean Jacques Petit. Manchmal bleibt er bei uns zum Mittagessen,
-und dann erzählt er während der ganzen Mahlzeit jene
-selben amüsanten Geschichten, die auf alle Tischgenossen niederdrückend
-wirken. Wenn Herr Gnecker und Lisa in seiner Gegenwart
-das Gespräch auf Fugen und Kontrapunkt, auf Brahms und
-Bach bringen, so schlägt er bescheiden die Augen nieder und wird
-verlegen; er schämt sich, daß in Anwesenheit so ernsthafter Leute,
-wie ich und er, von so unwürdigen Dingen gesprochen wird.</p>
-
-<p>Bei meiner jetzigen Gemütsverfassung genügen mir fünf Minuten,
-um seiner so überdrüssig zu werden, als hätte ich ihn schon eine
-ganze Ewigkeit gesehen und angehört. Ich hasse den armen Kerl.
-Von seiner leisen, gleichmäßigen Stimme und buchmäßigen Ausdrucksweise
-wird mir ganz schwach, seine Erzählungen machen mich<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-stumpfsinnig. Er hegt gegen mich die treueste Gesinnung und redet
-mit mir lediglich, um mir Vergnügen zu bereiten, und ich lohne
-es ihm damit, daß ich ihm hartnäckig ins Gesicht sehe, als ob ich
-ihn hypnotisieren wollte, und dabei denke: »Scher dich weg, scher
-dich weg, scher dich weg!« Aber er reagiert nicht auf meine
-schweigende Aufforderung, sondern sitzt und sitzt und sitzt&nbsp;…</p>
-
-<p>Solange er bei mir sitzt, kann ich schlechterdings nicht von dem
-Gedanken loskommen: »Sehr möglich, daß, wenn ich sterbe, er
-meine Stelle bekommt«, und mein armes Auditorium erscheint
-mir dann wie eine Oase, in der der Bach vertrocknet ist, und ich bin
-gegen Peter Ignatjewitsch unliebenswürdig, schweigsam, mürrisch,
-als wäre er an diesen meinen Gedanken schuld und nicht vielmehr
-ich selbst. Wenn er anfängt, nach seiner Gewohnheit die deutschen
-Gelehrten zu preisen, so mache ich nicht mehr wie früher gutmütige
-Scherze, sondern ich brumme verdrießlich:</p>
-
-<p>»Ihre Deutschen sind Esel.«</p>
-
-<p>Mein Benehmen hat Ähnlichkeit mit dem des verstorbenen Professors
-Nikita Krylow, der sich einmal in Reval mit Pirogow zusammen
-badete, sich über das sehr kalte Wasser ärgerte und nun
-schimpfte: »Diese Schufte, die Deutschen!« Ich benehme mich
-gegen Peter Ignatjewitsch häßlich, und erst wenn er fortgeht und
-ich durch das Fenster sehe, wie sein grauer Hut hinter dem Gartenzaun
-vorbeistreift, möchte ich ihn anrufen und zu ihm sagen:</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie mir, lieber Freund!«</p>
-
-<p>Das Mittagessen verläuft jetzt bei uns langweiliger als im Winter.
-Eben jener Herr Gnecker, den ich jetzt hasse und verachte, ißt bei
-uns fast täglich mit. Früher duldete ich schweigend seine Anwesenheit;
-aber jetzt richte ich an seine Adresse Stichelreden, über
-die meine Frau und Lisa rot werden. Von meinem Ingrimm hingerissen,
-rede ich oft geradezu Dummheiten und weiß nicht einmal
-recht, warum ich sie rede. So kam es einmal vor, daß ich Herrn
-Gnecker lange verächtlich ansah und ohne jede Veranlassung plötzlich
-herausstieß:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Der Aar schwebt wohl einmal hinab zum Hühnervolke,<br /></span>
-<span class="i0">Doch schwingt sich nie das Huhn zu jenem in die Wolke.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Und das Ärgerlichste ist, daß bei solchen Gelegenheiten das Huhn
-Gnecker sich weit verständiger benimmt als der Aar Professor. Da
-er weiß, daß meine Frau und meine Tochter auf seiner Seite<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-stehen, so beobachtet er folgende Taktik: er beantwortet meine
-Stichelreden mit herablassendem Schweigen, welches besagt: »Der
-Alte ist verrückt geworden; wozu da lange mit ihm reden?« oder
-er macht sich in gutmütiger Weise über mich lustig. Es ist wirklich
-erstaunlich, bis zu welchem Grade der Mensch verflachen kann: ich
-bin imstande, während des ganzen Mittagessens mich in Gedanken
-darüber zu ergehen, wie Herr Gnecker sich als Abenteurer entpuppen
-wird, wie Lisa und meine Frau ihren Irrtum einsehen werden, und
-wie ich sie dann damit aufziehen werde. Solchen und ähnlichen
-törichten Gedanken überlasse ich mich zu einer Zeit, wo ich doch
-schon mit einem Fuße im Grabe stehe!</p>
-
-<p>Jetzt kommen auch Mißhelligkeiten vor, von denen ich früher nur
-durch Hörensagen einen Begriff hatte. Wie beschämend es auch
-für mich ist, so will ich doch einen derartigen Vorfall erzählen, der
-sich neulich nach dem Mittagessen zutrug.</p>
-
-<p>Ich saß in meinem Zimmer und rauchte eine Pfeife. Da kam wie
-gewöhnlich meine Frau herein, setzte sich hin und fing an davon
-zu reden, daß es doch gut wäre, wenn ich jetzt, solange es noch
-warm sei und ich freie Zeit hätte, nach Charkow reisen und mich
-dort erkundigen wollte, was unser Herr Gnecker für ein Mensch sei.</p>
-
-<p>»Schön, ich werde hinreisen,« erwiderte ich.</p>
-
-<p>Meine Frau war mit mir zufrieden, stand auf und ging zur Tür,
-kehrte aber sogleich wieder zurück und sagte:</p>
-
-<p>»Bei der Gelegenheit möchte ich dir noch eine Bitte aussprechen.
-Ich weiß, du wirst ärgerlich werden; aber es ist meine Pflicht,
-dich zu warnen. Nimm es nicht übel, Nikolai Stepanowitsch,
-aber alle unsere Bekannten und Nachbarn fangen schon an darüber
-zu reden, daß du so viel bei Katja verkehrst. Sie ist ja klug und
-gebildet, das stelle ich nicht in Abrede, und man verbringt in ihrer
-Gesellschaft die Zeit sehr angenehm; aber du mußt selbst zugeben,
-es ist einigermaßen sonderbar, wenn ein Mann in deinen Jahren
-und in deiner gesellschaftlichen Stellung an ihrer Gesellschaft
-Vergnügen findet. Und außerdem ist ihr Renommee von der Art,
-daß&nbsp;…«</p>
-
-<p>Alles Blut strömte plötzlich von meinem Gehirn fort, Funken
-sprühten mir aus den Augen; ich sprang auf, griff mir an
-den Kopf, stampfte mit den Füßen und schrie mit entstellter
-Stimme:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>»Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe!«</p>
-
-<p>Mein Gesicht mußte wohl schrecklich aussehen und meine Stimme
-seltsam klingen; denn meine Frau wurde auf einmal ganz blaß
-und schrie mit gleichfalls fremdartig klingender, verzweifelter
-Stimme laut auf. Auf unser Geschrei kamen Lisa, Herr Gnecker
-und dann auch Jegor herbeigelaufen.</p>
-
-<p>»Laßt mich in Ruhe!« schrie ich. »Geht hinaus! Laßt mich in Ruhe!«</p>
-
-<p>Die Füße wurden mir taub, als ob sie gar nicht da wären; ich
-fühlte, wie ich jemandem in die Arme sank; dann hörte ich eine
-kurze Zeit Weinen und fiel in eine Ohnmacht, die zwei bis drei
-Stunden dauerte.</p>
-
-<p>Jetzt von Katja. Sie besucht mich täglich gegen Abend, und das
-muß natürlich den Bekannten und Nachbarn auffallen. Sie
-kommt angefahren, tritt nur auf einen Augenblick bei mir ein und
-nimmt mich dann mit auf ihre Spazierfahrt. Sie hat ein eigenes
-Pferd und einen neuen <em class="antiqua">char à banc</em>, den sie sich in diesem Sommer
-gekauft hat. Überhaupt lebt sie auf großem Fuße: sie hat sich ein
-teures Landhaus mit großem Garten für sich allein gemietet und
-ihr ganzes Mobiliar aus der Stadt dorthin schaffen lassen, hält sich
-zwei Stubenmädchen und einen Kutscher … Oft frage ich sie:</p>
-
-<p>»Katja, wovon wirst du leben, wenn du das väterliche Geld vergeudet
-haben wirst?«</p>
-
-<p>»Das wollen wir später sehen,« antwortet sie.</p>
-
-<p>»Dieses Geld, liebes Kind, würde wohl eine etwas rücksichtsvollere
-Behandlung verdienen. Es ist von einem braven Manne durch
-ehrliche Arbeit erworben.«</p>
-
-<p>»Das haben Sie mir schon früher gesagt. Ich weiß es.«</p>
-
-<p>Zuerst fahren wir zwischen Feldern hin, dann durch den Nadelwald,
-den ich von meinem Fenster aus sehen kann. Die Natur erscheint
-mir ebenso schön wie früher, obwohl mir der Böse zuflüstert, daß
-alle diese Tannen und Fichten, diese Vögel und weißen Wolken am
-Himmel, wenn ich nach drei bis vier Monaten tot sein werde, von
-meinem Fehlen nichts merken werden. Katja findet Vergnügen
-daran, das Pferd selbst zu lenken, und sie freut sich, daß es schönes
-Wetter ist und ich neben ihr sitze. Sie ist guter Laune und führt
-keine bissigen Reden.</p>
-
-<p>»Sie sind ein sehr guter Mensch, Nikolai Stepanowitsch,« sagt
-sie. »Sie sind ein seltenes Exemplar, und es gibt keinen Schauspieler,<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-der Sie spielen könnte. Mich oder z. B. Michail Fedorowitsch
-kann selbst ein schlechter Schauspieler kopieren, Sie aber
-niemand. Und ich beneide Sie, gewaltig beneide ich Sie! Denn
-ich, was bin ich? Was bin ich?«</p>
-
-<p>Sie denkt einen Augenblick nach und fragt mich dann:</p>
-
-<p>»Nikolai Stepanowitsch, ich bin ja doch wohl eine negative Erscheinung,
-nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Ja«, antworte ich.</p>
-
-<p>»Hm … Was soll ich denn aber nun tun?«</p>
-
-<p>Was soll ich ihr erwidern? Es ist leicht zu sagen: »Arbeite!« oder:
-»Gib deine Habe den Armen!« oder: »Erkenne dich selbst!«, und
-weil das eben so leicht zu sagen ist, so weiß ich nicht, was ich ihr
-erwidern soll.</p>
-
-<p>Meine Kollegen, die Therapeuten, geben in der Lehre von der Behandlung
-der Kranken den Rat, man solle jeden einzelnen Fall individuell
-behandeln. Wer diesen Rat befolgt, wird sich überzeugen,
-daß die Mittel, die in den Lehrbüchern schablonenmäßig als die
-besten und als durchaus brauchbar empfohlen werden, sich in den
-Einzelfällen als völlig unbrauchbar erweisen. Dasselbe gilt auch
-von seelischen Leiden.</p>
-
-<p>Aber irgend etwas muß ich ihr doch antworten, und so sage ich
-denn:</p>
-
-<p>»Du hast zuviel freie Zeit, meine Liebe. Du mußt dich mit etwas
-beschäftigen. Wirklich, warum willst du nicht wieder Schauspielerin
-werden, wenn du doch einen inneren Beruf dazu
-hast?«</p>
-
-<p>»Ich kann es nicht.«</p>
-
-<p>»Dein Ton und deine Art machen den Eindruck, als ob du dir
-wie ein Opfer vorkommst. Das gefällt mir nicht, meine Liebe. Du
-trägst selbst die Schuld. Erinnere dich nur: du begannst damit,
-dich über die Schauspieler und ihre Art zu ärgern, hast aber
-nichts getan, um diese und andere Menschen zu bessern. Du hast
-mit dem Schlechten nicht gerungen, sondern bist vorzeitig müde
-geworden und bist nicht ein Opfer des Ringens, sondern deiner
-Kraftlosigkeit. Nun freilich, du warst damals noch jung und
-unerfahren; aber jetzt kann alles einen anderen Verlauf nehmen.
-Wirklich, geh zur Bühne! Da wirst du arbeiten, der heiligen Kunst
-dienen&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p>
-
-<p>»Reden Sie nicht, was Sie selbst nicht meinen, Nikolai Stepanowitsch!«
-unterbricht mich Katja. »Lassen Sie uns ein für allemal
-die Verabredung treffen: wir wollen über Schauspieler reden, über
-Schauspielerinnen, über Schriftsteller; die Kunst aber wollen wir
-aus dem Spiele lassen. Sie sind ein prächtiger Mensch, ein seltener
-Mensch; aber Sie besitzen nicht so viel Verständnis für die Kunst,
-daß Sie sie mit gutem Gewissen ›die heilige Kunst‹ nennen dürften.
-Sie haben für die Kunst keinen Sinn und kein Gefühl. Ihr ganzes
-Leben lang sind Sie mit Ihrer Arbeit beschäftigt gewesen und haben
-keine Zeit gehabt, sich dieses Gefühl zu erwerben. Überhaupt …
-ich kann diese Gespräche über Kunst nicht leiden!« fuhr sie nervös fort;
-»ich kann sie nicht leiden! Die Kunst ist so schon hinlänglich profaniert
-worden. Ich mag nichts weiter hören!«</p>
-
-<p>»Wer hat die Kunst profaniert?«</p>
-
-<p>»Die Schauspieler haben die Kunst profaniert durch ihre Trunksucht,
-die Zeitungen durch eine gar zu familiäre Stellungnahme
-ihr gegenüber, die verständigen Leute durch ihre Philosophie.«</p>
-
-<p>»Die Philosophie hat damit nichts zu schaffen.«</p>
-
-<p>»O doch. Wenn jemand über einen Gegenstand philosophiert, so
-bedeutet das, daß er kein Verständnis für ihn hat.«</p>
-
-<p>Damit das Gespräch nicht zu scharf wird, beeile ich mich, das
-Thema zu wechseln, und schweige dann längere Zeit. Erst in dem
-Augenblicke, wo wir aus dem Walde herausfahren und die Richtung
-nach Katjas Landhause einschlagen, kehre ich wieder zu dem früheren
-Gegenstande zurück und frage:</p>
-
-<p>»Du hast mir immer noch nicht geantwortet: Warum willst du
-nicht wieder Schauspielerin werden?«</p>
-
-<p>»Nikolai Stepanowitsch, das ist aber doch gar zu grausam von
-Ihnen!« ruft sie aus und wird plötzlich dunkelrot. »Wollen Sie
-wirklich, daß ich Ihnen laut die Wahrheit sage? Nun, wenn Sie
-es wünschen, meinetwegen: ich besitze kein Talent. Ich besitze kein
-Talent, wohl aber einen großen Ehrgeiz! Das ist der Grund!«</p>
-
-<p>Nachdem sie mir dieses Geständnis gemacht hat, wendet sie das
-Gesicht von mir weg und zieht, um das Zittern ihrer Hände zu verbergen,
-stark an den Zügeln.</p>
-
-<p>Als wir uns ihrem Landhause nähern, sehen wir schon von weitem
-Michail Fedorowitsch, der am Tore auf und ab geht und ungeduldig
-auf uns wartet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p>
-
-<p>»Wieder dieser Michail Fedorowitsch!« sagt Katja ärgerlich. »Bitte,
-schaffen Sie ihn mir vom Halse! Ich bin seiner überdrüssig; er ist
-schal geworden … Ich mag ihn nicht!«</p>
-
-<p>Michail Fedorowitsch sollte schon längst im Auslande sein; aber er
-schiebt seine Abreise von einer Woche zur andern auf. In der letzten
-Zeit sind mit ihm einige Veränderungen vorgegangen: er ist magerer
-geworden, wird vom Weine berauscht, was früher bei ihm nie der
-Fall war, und seine schwarzen Augenbrauen beginnen grau zu
-werden. Wenn unser <em class="antiqua">char à banc</em> am Tore hält, macht er aus
-seiner Freude und seiner Ungeduld kein Hehl. Mit großer Beflissenheit
-ist er Katja und mir beim Aussteigen behilflich, stellt eilig
-allerlei Fragen, lacht und reibt sich die Hände; und jener sanfte,
-flehende, reine Ausdruck, den ich früher nur in seinem Blicke wahrnahm,
-hat sich jetzt über sein ganzes Gesicht ausgebreitet. Er freut
-sich, und gleichzeitig schämt er sich seiner Freude, schämt sich dieser
-Gewohnheit, Katja jeden Abend zu besuchen, und hält es für nötig,
-sein Kommen durch irgendeine handgreifliche Abgeschmacktheit zu
-motivieren, von dieser Art: »Ich kam gerade vorbei, als ich mir
-etwas besorgen wollte, und da dachte ich: ich will doch auf einen
-Augenblick herangehen.«</p>
-
-<p>Wir gehen alle drei in die Wohnung; zuerst trinken wir Tee; dann
-erscheinen auf dem Tische die mir längst bekannten zwei Spiele
-Karten, ein großes Stück Käse, Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein.
-Die Themata unserer Gespräche sind keine neuen,
-sondern immer noch dieselben wie im Winter. Die Universität und
-die Studenten und die Literatur und das Theater müssen tüchtig
-herhalten; die Luft wird von den Lästerreden dichter und schwüler,
-und es vergiften sie jetzt nicht mehr zwei Kröten mit ihrem Atem
-wie im Winter, sondern drei. Außer dem samtweichen Lachen eines
-Baritons und einem andern Lachen, das wie eine Harmonika klingt,
-hört das Stubenmädchen, das uns bedient, noch ein drittes, unangenehm
-knarrendes Lachen, so wie in den Vaudevilles die Generale
-lachen: »He-he-he!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="V">V</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es kommen manchmal schreckliche Nächte vor, mit Blitz und
-Donner, Regen und Wind, die das Volk Sperlingsnächte nennt,
-weil die Sperlinge dabei vor Angst aus den Nestern herauskommen.<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-Eine solche Sperlingsnacht habe ich in meinem eigenen Leben
-durchgemacht&nbsp;…</p>
-
-<p>Ich wache nach Mitternacht auf und springe plötzlich vom Bette
-in die Höhe. Aus einem unverständlichen Grunde glaube ich, daß
-ich im nächsten Augenblick sterben werde. Warum glaube ich das?
-Im Körper habe ich keine derartige Empfindung, die auf ein
-schnelles Ende hinwiese; aber auf meiner Seele lastet eine solche
-Angst, als ob ich auf einmal den riesigen roten Schein einer entsetzlichen
-Feuersbrunst erblicke.</p>
-
-<p>Ich zünde schnell Licht an, trinke Wasser unmittelbar aus der
-Karaffe und eile dann zum offenen Fenster. Draußen ist herrliches
-Wetter. Es duftet nach Heu und sonst noch nach etwas Schönem.
-Ich sehe die Zacken des Gartenzaunes, die verschlafenen, kümmerlichen
-Bäume am Fenster, den Weg, den dunklen Waldstreifen; an
-dem wolkenlosen Himmel steht ruhig der sehr helle Mond. Tiefe
-Stille; kein Blatt regt sich. Mir scheint, daß alles mich anschaut
-und lauscht, wie ich sterben werde&nbsp;…</p>
-
-<p>Mir ist bange zumute. Ich schließe das Fenster und laufe wieder
-zum Bette hin. Ich fühle mir den Puls, und da ich ihn an der
-Hand nicht finde, suche ich ihn an den Schläfen, dann am Kinn
-und wieder an der Hand; alles ist an mir kalt und schlüpfrig von
-Schweiß. Mein Atem wird schneller und schneller; der ganze
-Körper zittert; alle inneren Teile sind in Bewegung; auf dem Gesicht
-und auf der Glatze habe ich ein Gefühl, als ob sich ein Spinngewebe
-darauf lege.</p>
-
-<p>Was soll ich tun? Soll ich die Meinigen rufen? Nein, das hat
-keinen Zweck. Ich wüßte gar nicht, was meine Frau und Lisa tun
-sollten, wenn sie zu mir herein kämen.</p>
-
-<p>Ich stecke den Kopf unter das Kissen, schließe die Augen und warte,
-warte … Mich friert am Rücken; es ist mir, als zöge er sich nach
-innen hinein, und ich habe ein Gefühl, als werde der Tod sich mir
-jedenfalls von hinten nahen, ganz leise&nbsp;…</p>
-
-<p>»Kwi, kwi!« ertönt auf einmal ein Kreischen in der nächtlichen
-Stille, und ich weiß nicht, wo es ist, ob in meiner Brust oder auf
-der Straße.</p>
-
-<p>»Kwi, kwi!«</p>
-
-<p>Mein Gott, wie entsetzlich! Ich möchte gern noch mehr Wasser
-trinken; aber ich fürchte mich, auch nur die Augen aufzumachen<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-und den Kopf in die Höhe zu heben. Ich habe eine sinnlose, animalische
-Angst und kann gar nicht begreifen, warum ich mich eigentlich
-fürchte: weil ich weiterleben möchte, oder weil mir ein neuer
-Schmerz bevorsteht, den ich noch nicht kenne?</p>
-
-<p>Oben, in dem Zimmer über mir, klingt es halb wie Stöhnen, halb
-wie Lachen. Ich lausche. Nach einer kleinen Weile sind auf der
-Treppe Schritte zu hören. Es kommt jemand eilig herunter, steigt
-aber dann wieder hinauf. Eine Minute später werden die Schritte
-wieder unten vernehmbar; es bleibt jemand an meiner Tür stehen
-und horcht.</p>
-
-<p>»Wer ist da?« rufe ich.</p>
-
-<p>Die Tür öffnet sich; mit einem kühnen Entschlusse mache ich die
-Augen auf und sehe meine Frau vor mir. Ihr Gesicht ist blaß, ihre
-Augen verweint.</p>
-
-<p>»Du schläfst nicht, Nikolai Stepanowitsch?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Was willst du?«</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, komm doch mit zu Lisa und sieh sie dir einmal
-an. Es muß ihr etwas zugestoßen sein&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Gut … gern …« murmele ich, sehr zufrieden damit, daß ich
-nicht mehr allein bin. »Gut … den Augenblick.«</p>
-
-<p>Ich gehe hinter meiner Frau her, höre an, was sie mir mitteilt, und
-verstehe vor Aufregung nichts davon. Das Licht, das sie trägt,
-läßt auf den Treppenstufen helle Flecke umherhüpfen und unsere
-langen Schatten sich zitternd bewegen; meine Füße verwickeln sich
-in den Schößen meines Schlafrockes; ich kann kaum atmen, und es
-ist mir, als ob mich jemand verfolgte und mich am Rücken packen
-wollte. »Jetzt werde ich gleich hier auf dieser Treppe sterben,«
-denke ich. »Gleich diesen Augenblick …« Aber da sind wir schon
-die Treppe hinaufgestiegen, haben bereits den dunklen Korridor mit
-dem italienischen Fenster passiert und treten in Lisas Zimmer. Sie
-sitzt im bloßen Hemde auf dem Bette, läßt die nackten Beine herunterhängen
-und stöhnt.</p>
-
-<p>»Ach mein Gott … ach mein Gott!« murmelt sie und kneift,
-von unserem Lichte geblendet, die Augen zusammen. »Ich kann
-nicht, ich kann nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Lisa, mein Kind,« sage ich, »was fehlt dir?«</p>
-
-<p>Sobald sie mich erblickt, schreit sie auf und fällt mir um den Hals.</p>
-
-<p>»Mein guter Papa …« schluchzt sie. »Mein lieber Papa …<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-Mein süßer, bester Papa! … Ich weiß nicht, was mit mir ist …
-Mir ist so schwer ums Herz!«</p>
-
-<p>Sie umarmt mich, küßt mich und stammelt zärtliche Koseworte,
-wie ich sie von ihr gehört habe, als sie noch ein kleines Kind
-war.</p>
-
-<p>»Beruhige dich, mein Kind! Gott möge dir beistehen!« sage ich.
-»Du mußt nicht weinen. Mir ist selbst traurig zumute.«</p>
-
-<p>Ich gebe mir Mühe, sie zuzudecken, meine Frau reicht ihr zu trinken,
-und wir beide bewegen uns ungeschickt an ihrem Bette umher,
-so daß wir einander stoßen: mit meiner Schulter stoße ich an die
-Schulter meiner Frau, und in diesem Augenblicke schießt mir die
-Erinnerung durch den Kopf, wie wir früher einmal unsere Kinder
-zusammen gebadet haben.</p>
-
-<p>»Hilf ihr doch, hilf ihr doch!« fleht mich meine Frau an. »Gib
-ihr doch etwas zum Einnehmen!«</p>
-
-<p>Aber was kann ich tun? Gar nichts. Dem Mädchen lastet etwas
-Schweres auf der Seele; aber ich begreife nichts davon, weiß nichts
-und kann nur murmeln:</p>
-
-<p>»Es ist nichts Schlimmes, nichts Schlimmes … Das wird vorübergehen
-… Schlaf nur, schlaf!&nbsp;…«</p>
-
-<p>Gerade in diesem Augenblick ertönt auf einmal auf unserem Hofe
-Hundegeheul, anfangs leise und unentschlossen, dann laut, zweistimmig.
-Ich habe solchen Vorzeichen wie Hundegeheul und Eulenruf
-nie irgendwelche Bedeutung beigemessen; aber jetzt krampft sich
-mein Herz schmerzlich zusammen, und ich beeile mich, mir über
-dieses Geheul klar zu werden.</p>
-
-<p>»Dummes Zeug …« denke ich. »Der Einfluß eines Organismus
-auf einen andern. Meine starke nervöse Spannung hat sich auf
-meine Frau und auf Lisa und auf den Hund übertragen, weiter
-nichts … Durch eine derartige Übertragung lassen sich alle Vorahnungen
-und alles Vorhersehen erklären&nbsp;…«</p>
-
-<p>Als ich bald darauf in mein Zimmer zurückkehre, um für Lisa ein
-Rezept zu schreiben, denke ich nicht mehr an meinen nahe bevorstehenden
-Tod, sondern empfinde nur ein drückendes, widerwärtiges
-Gefühl am Herzen, so daß es mir sogar leid tut, daß ich nicht plötzlich
-gestorben bin. Lange stehe ich regungslos mitten im Zimmer
-und überlege, was ich wohl meiner Tochter verschreiben könnte;
-aber das Stöhnen in dem über mir gelegenen Zimmer verstummt,<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-und so entscheide ich mich denn dafür, nichts zu verschreiben; aber
-ich bleibe trotzdem stehen&nbsp;…</p>
-
-<p>Es herrscht eine Totenstille, eine solche Stille, daß, wie sich einmal
-ein Schriftsteller ausgedrückt hat, sie einem sogar in den Ohren klingt.
-Die Zeit vergeht nur ganz langsam; die Streifen des Mondlichtes auf
-dem Fensterbrette ändern ihre Lage nicht, gerade wie wenn sie erstarrt
-wären … Bis zur Morgendämmerung ist es noch lange hin.</p>
-
-<p>Aber da knarrt das Pförtchen im Gartenzaun; es schleicht jemand
-herein, bricht von einem der dürftigen Bäume einen Zweig ab und
-klopft damit vorsichtig ans Fenster.</p>
-
-<p>»Nikolai Stepanowitsch!« höre ich eine Stimme flüstern; »Nikolai
-Stepanowitsch!«</p>
-
-<p>Ich öffne das Fenster und glaube zu träumen: unter dem Fenster,
-sich gegen die Wand drückend, steht eine Frau in schwarzem Kleide,
-hell vom Monde beleuchtet, und blickt mich mit großen Augen an.
-Ihr im Mondlicht blaß, streng und seltsam erscheinendes Gesicht
-sieht wie von Marmor aus; ihr Kinn zittert.</p>
-
-<p>»Ich bin es,« sagt sie. »Ich … Katja!«</p>
-
-<p>Bei Mondlicht erscheinen alle Frauenaugen groß und schwarz, und
-die Menschen größer und blasser; dies ist wohl der Grund, weshalb
-ich sie im ersten Augenblicke nicht erkannt hatte.</p>
-
-<p>»Was willst du?«</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie,« sagt sie. »Mir wurde plötzlich, ich weiß nicht
-warum, so unerträglich schwer ums Herz … Ich konnte es nicht
-aushalten und fuhr hierher … Ich sah Licht hinter Ihrem Fenster
-… und da entschloß ich mich, anzuklopfen … Entschuldigen
-Sie … Ach, wenn Sie wüßten, wie schrecklich mir zumute war!
-Was tun Sie denn jetzt?«</p>
-
-<p>»Nichts … Ich kann nicht schlafen.«</p>
-
-<p>»Ich hatte eine Art Ahnung. Aber das ist ja dummes Zeug.«</p>
-
-<p>Ihre Brauen ziehen sich in die Höhe, ihre Augen glänzen von Tränen,
-und auf ihrem ganzen Gesichte strahlt wie ein helles Licht
-jener Ausdruck von Zutraulichkeit auf, der mir so wohl bekannt ist,
-den ich aber so lange nicht mehr gesehen habe.</p>
-
-<p>»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie in flehendem Tone und streckt
-beide Hände nach mir hin. »Teurer Freund, ich bitte Sie … ich
-flehe Sie an … Wenn Sie meine Freundschaft und Verehrung
-für Sie nicht verachten, so erfüllen Sie mir eine Bitte!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>»Was für eine Bitte?«</p>
-
-<p>»Nehmen Sie das Geld, das ich noch besitze, von mir an!«</p>
-
-<p>»Aber was sind das für Einfälle! Was soll ich mit deinem
-Gelde?«</p>
-
-<p>»Fahren Sie irgendwohin, um eine Kur zu gebrauchen! … Sie
-haben eine Kur durchaus nötig. Wollen Sie es annehmen? Ja?
-Lieber, Guter, ja?«</p>
-
-<p>Sie sieht mir in gespannter Erwartung ins Gesicht und wiederholt:</p>
-
-<p>»Ja? Wollen Sie es annehmen?«</p>
-
-<p>»Nein, meine Liebe, das nehme ich nicht an …«, antworte ich;
-»ich danke dir.«</p>
-
-<p>Sie wendet mir den Rücken zu und läßt den Kopf herunterhängen.
-Wahrscheinlich habe ich bei der abschlägigen Antwort mich eines
-Tones bedient, durch den ein weiteres Gespräch über die Geldangelegenheit
-unmöglich gemacht wurde.</p>
-
-<p>»Fahre wieder nach Hause,« sage ich, »und lege dich schlafen! Morgen
-sehen wir uns wieder.«</p>
-
-<p>»Also Sie halten mich nicht für Ihre Freundin?« fragt sie niedergeschlagen.</p>
-
-<p>»Das habe ich nicht gesagt. Aber von deinem Gelde kann ich jetzt
-keinen Gebrauch machen.«</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie!« erwidert sie und läßt dabei die Stimme um eine
-ganze Oktave sinken. »Ich verstehe Sie. Einer Frau, wie ich, verpflichtet
-zu sein, einer ehemaligen Schauspielerin, das ist … Nun,
-dann leben Sie wohl!&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie geht so schnell fort, daß ich nicht einmal Zeit habe, ihr Lebewohl
-zu sagen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="VI">VI</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Ich bin in Charkow.</p>
-
-<p>Da ich doch keinen Nutzen davon hätte, gegen meine jetzige Gemütsverfassung
-anzukämpfen, und auch gar nicht dazu imstande bin, so
-habe ich beschlossen, daß meine letzten Lebenstage wenigstens nach
-der formellen Seite hin vorwurfsfrei sein sollen; wenn ich meiner
-Familie gegenüber im Unrecht bin (und ich bin mir recht wohl bewußt,
-daß dem so ist), so will ich wenigstens bemüht sein, so zu
-handeln, wie sie es wünscht. Ich sollte nach Charkow reisen; nun,<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-so bin ich denn jetzt in Charkow. Zudem bin ich in der letzten Zeit
-gegen alles dermaßen gleichgültig geworden, daß es mir wirklich
-ganz einerlei ist, wohin ich reise, ob nach Charkow oder nach Paris
-oder nach Berditschew.</p>
-
-<p>Ich bin um zwölf Uhr mittags hier angekommen und in einem Hotel
-nicht weit vom Dom eingekehrt. Im Waggon bin ich arg durchgerüttelt
-worden, auch zog es empfindlich; jetzt sitze ich auf dem
-Bette, halte mir den Kopf und warte auf meinen <em class="antiqua">tic douloureux</em>.
-Ich sollte eigentlich heute zu den Professoren fahren, mit denen ich
-bekannt bin; aber ich habe keine Lust und keine Kraft dazu.</p>
-
-<p>Der Kellner, ein älterer Mann, tritt herein und fragt, ob ich Bettwäsche
-bei mir führe. Ich halte ihn etwa fünf Minuten lang zurück
-und lege ihm einige Fragen über Herrn Gnecker vor, um dessentwillen
-ich hierher gekommen bin. Es stellt sich heraus, daß der
-Kellner, obwohl er ein geborener Charkower ist und in dieser Stadt
-wie in seiner eigenen Westentasche Bescheid weiß, kein Haus kennt,
-das sich im Besitz einer Familie Gnecker befände. Ich erkundige
-mich nach einem Gute einer solchen Familie, aber mit demselben
-Resultate.</p>
-
-<p>Auf dem Korridor schlägt die Uhr eins, dann zwei, dann drei. Die
-letzten Monate meines Lebens, in denen ich auf den Tod warte,
-kommen mir weit länger vor als mein ganzes Leben. Auch habe
-ich es früher nie verstanden, mit der Langsamkeit der Zeit so zufrieden
-zu sein, wie jetzt. Wenn ich früher manchmal auf dem
-Bahnhofe auf einen Zug wartete oder als Mitglied der Prüfungskommission
-beim Examen saß, erschien mir eine Viertelstunde wie
-eine Ewigkeit; jetzt dagegen kann ich die ganze Nacht hindurch,
-ohne mich zu rühren, auf dem Bette sitzen und ganz gleichmütig
-daran denken, daß morgen eine ebensolche lange, farblose Nacht
-kommen wird, und übermorgen wieder eine&nbsp;…</p>
-
-<p>Im Korridor schlägt es fünf Uhr, sechs, sieben. Es wird dunkel.</p>
-
-<p>In der Backe fühle ich ein dumpfes Ziehen: damit fängt der Gesichtsschmerz,
-der <em class="antiqua">tic</em>, an. Um mich mit Gedanken zu beschäftigen, versetze
-ich mich auf meinen früheren Standpunkt, als ich noch nicht
-so teilnahmlos war, und frage mich: warum sitze ich, ein berühmter
-Mann, ein Geheimrat, in diesem kleinen Hotelzimmer, auf diesem
-Bette mit der fremden, grauen Bettdecke? Warum sehe ich
-diese billige, blecherne Waschschüssel an und höre, wie auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-Korridor eine elende Uhr tickt? Entspricht denn etwa alles dies
-meiner Berühmtheit und der hohen Stellung, die ich in der Welt
-einnehme? Und auf diese Frage besteht meine Antwort in einem
-Lächeln. Ich lächle über die Naivität, mit der ich einst in meiner
-Jugend die Bedeutung der Berühmtheit und der exklusiven Stellung,
-welche berühmte Männer anscheinend genießen, weit überschätzte.
-Ich bin berühmt, mein Name wird mit Ehrerbietung genannt, mein
-Bild hat in der Niwa<a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> und in der Allgemeinen Illustrierten Zeitung
-gestanden, meine Biographie habe ich sogar in einer deutschen
-Zeitschrift gelesen: und was habe ich nun von alledem? Ich sitze
-mutterseelenallein in einer fremden Stadt, auf einem fremden
-Bette und reibe mit der Hand meine kranke Backe. Familiengezänk,
-Hartherzigkeit von Gläubigern, Grobheit der Eisenbahnbeamten,
-die Unbequemlichkeiten des Paßwesens, die teure und ungesunde
-Kost in den Bahnhofsrestaurationen, die allgemeine Unhöflichkeit
-und Grobheit im Verkehr, alles dies und vieles andere, dessen Aufzählung
-zu lang werden würde, berührt mich nicht weniger als
-jeden beliebigen Kleinbürger, den niemand kennt als die Bewohner
-seiner Gasse. Worin kommt denn die Exklusivität meiner Stellung
-zum Ausdruck? Und wenn ich tausendmal ein berühmter Mann
-bin, ein hervorragender Geist, auf den das Vaterland stolz ist, &ndash;
-nun ja, man druckt in allen Zeitungen Bulletins über meine
-Krankheit ab, und es gehen mir durch die Post teilnehmende Zuschriften
-von Kollegen, von Schülern und aus dem Publikum zu;
-aber alles dies hindert mich nicht, auf einem fremden Bette, in
-Gram und Kummer, in völliger Vereinsamung zu sterben. Gewiß,
-es trifft niemanden dabei eine Schuld; aber obwohl es fast wie
-eine Sünde klingt: ich habe an der Popularität meines Namens
-keine Freude. Es kommt mir vor, als hätte mich diese Popularität
-betrogen.</p>
-
-<p>Um zehn Uhr schlafe ich ein; trotz meines Gesichtsschmerzes schlafe
-ich fest und würde lange geschlafen haben, wenn ich nicht aufgeweckt
-worden wäre. Bald nach ein Uhr wird plötzlich an meine
-Tür geklopft.</p>
-
-<p>»Wer ist da?«</p>
-
-<p>»Eine Depesche.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p>
-
-<p>»Das hätte auch bis morgen Zeit gehabt,« sage ich ärgerlich, als
-ich die Depesche von dem Kellner in Empfang nehme. »Nun werde
-ich nicht zum zweitenmal einschlafen.«</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie! Ich sah, daß bei Ihnen Licht brannte, und glaubte,
-Sie schliefen noch nicht.«</p>
-
-<p>Ich öffne die Depesche und sehe vor allem nach der Unterschrift:
-von meiner Frau. Was will sie?</p>
-
-<p>»Gestern hat sich Gnecker mit Lisa heimlich trauen lassen. Komm
-zurück!«</p>
-
-<p>Ich lese diese Depesche und bekomme einen Schreck, der allerdings
-nicht lange dauert. Worüber ich erschrecke, das ist nicht der Schritt,
-den Lisa und Gnecker unternommen haben, sondern der Gleichmut,
-mit dem ich die Nachricht von ihrer Verheiratung aufnehme. Man
-sagt, die Philosophen und die wahren Weisen seien gleichmütig.
-Das ist nicht wahr; der Gleichmut ist eine Paralyse der Seele, ein
-vorzeitiger Tod.</p>
-
-<p>Ich lege mich wieder ins Bett und überlege, mit was für Gedanken
-ich mich wohl beschäftigen könnte. Worüber soll ich nachdenken?
-Mir scheint, es sei schon alles von mir durchdacht worden, und es
-gebe nichts, was jetzt imstande wäre, meine Denktätigkeit anzuregen.</p>
-
-<p>Als es hell wird, sitze ich auf dem Bette, umfasse die Knie mit den
-Händen und versuche aus Langerweile mich selbst zu erkennen.
-»Erkenne dich selbst!« das ist ein schöner, nützlicher Rat; schade
-nur, daß die Alten nicht daran gedacht haben, die Mittel anzugeben,
-wie man sich dieses Rates bedienen könne.</p>
-
-<p>Wenn mich früher die Lust ankam, das Wesen irgend jemandes
-oder mein eigenes zu erkennen, so richtete ich mein Augenmerk nicht
-auf die Handlungen, bei denen ja alles von den äußeren Umständen
-abhängt, sondern auf die Wünsche. Sage mir, was du wünschest,
-und ich werde dir sagen, wer du bist.</p>
-
-<p>Auch jetzt prüfe ich mich selbst: was möchte ich?</p>
-
-<p>Ich möchte, daß unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Freunde und
-unsere Schüler an uns nicht den Namen, das Aushängeschild und
-das Etikett liebten, sondern die Menschen, die gewöhnlichen Menschen.
-Was noch? Ich möchte Gehilfen und Nachfolger haben.
-Was noch? Ich möchte nach etwa hundert Jahren erwachen und
-wenigstens einen kurzen Blick auf den Stand der Wissenschaft
-werfen. Ich möchte noch zehn Jahre leben … Was noch weiter?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p>
-
-<p>Weiter nichts. Ich überlege, überlege lange und kann nichts mehr
-ersinnen. Und wie lange ich auch überlege, und wohin ich auch
-meine Gedanken richten würde, das ist mir klar, daß meinen Wünschen
-etwas sehr Wesentliches, gerade das Wichtigste fehlen würde.
-Meinem leidenschaftlichen Interesse für die Wissenschaft, meinem
-Wunsche weiterzuleben, diesem Sitzen auf dem fremden Bette und
-dem Versuche, mich selbst zu erkennen, allen Gedanken, Gefühlen
-und Begriffen, die ich mir über alle Dinge bilde, alledem fehlt
-das gemeinsame Band, durch das alles erst zu einem einheitlichen
-Ganzen verknüpft werden würde. Jedes Gefühl und jeder Gedanke
-führt in mir sein Sonderdasein, und in allen meinen Urteilen über
-die Wissenschaft, über das Theater, über die Literatur, über meine
-Schüler und in all den Bildern, die meine Einbildungskraft entwirft,
-würde selbst der geschickteste Psychologe nicht das finden,
-was man die Gesamtidee oder den »Gott im lebendigen Menschen«
-nennt.</p>
-
-<p>Wenn aber das fehlt, so ist alles andere nichtig und wertlos.</p>
-
-<p>Bei solcher Armut haben ein ernstes körperliches Leiden, die Furcht
-vor dem Tode, die Einwirkung äußerer Umstände und anderer
-Menschen ausgereicht, um alles das, was ich früher für meine
-Weltanschauung hielt, und worin ich den Inhalt und die Freude
-meines Lebens erblickte, völlig umzustürzen und in Trümmer zu
-legen. Daher ist es kein Wunder, daß ich mir die letzten Monate
-meines Lebens durch Gedanken und Gefühle verdunkelt habe, die
-nur eines Sklaven und Barbaren würdig sind, und daß ich jetzt
-teilnahmlos hier sitze und auf den Tagesanbruch nicht achte.
-Wenn im Menschen nicht das vorhanden ist, was höher und stärker
-ist als alle äußeren Einwirkungen, dann genügt wahrhaftig schon
-ein tüchtiger Schnupfen, um ihn das Gleichgewicht verlieren und
-in jedem Vogel eine Eule sehen, in jedem Ton ein Hundegeheul
-hören zu lassen. Und sein ganzer Pessimismus oder Optimismus
-mit seinen großen und kleinen Gedanken hat in solchen Zeiten lediglich
-die Bedeutung eines Symptoms, aber keine reelle Wirkung.</p>
-
-<p>Ich bin besiegt. Wenn es so steht, dann hat es weiter keinen Zweck,
-nachzudenken und zu reden. Ich werde so sitzen bleiben und schweigend
-abwarten, was da kommen wird.</p>
-
-<p>Am Morgen bringt mir der Kellner Tee und die soeben erschienene
-Nummer des Lokalblattes. Mechanisch überfliege ich die Annoncen<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-auf der ersten Seite, den Leitartikel, die Auszüge aus anderen Zeitungen
-und Journalen, die Tageschronik. Und in dieser letzteren
-finde ich unter anderm folgende Notiz: »Gestern ist unser berühmter
-Gelehrter, der hochverdiente Professor Nikolai Stepanowitsch ***,
-mit dem Kurierzuge in Charkow eingetroffen und im Hotel ***
-abgestiegen.«</p>
-
-<p>Offenbar sind berühmte Namen dazu geschaffen, ein Sonderleben
-neben ihren Trägern zu führen. Jetzt wandert mein Name
-ungestört in Charkow umher; nach drei Monaten wird er in
-goldenen Buchstaben auf meinem Grabdenkmal blitzen wie die
-Sonne, während ich selbst bereits unter einer Moosdecke liegen
-werde.</p>
-
-<p>Ein leichtes Klopfen an der Tür; es will jemand zu mir.</p>
-
-<p>»Wer ist da? Herein!«</p>
-
-<p>Die Tür öffnet sich; erstaunt trete ich einen Schritt zurück und
-schlage eiligst die Schöße meines Schlafrocks übereinander. Vor
-mir steht Katja.</p>
-
-<p>»Guten Morgen!« sagt sie, noch ganz außer Atem vom Treppensteigen.
-»Das haben Sie wohl nicht erwartet? Ich bin auch …
-bin auch hergekommen.«</p>
-
-<p>Sie setzt sich und fährt stockend und ohne mich anzusehen fort:</p>
-
-<p>»Warum sagen Sie mir nicht Guten Tag? Ich bin auch hergekommen
-… heute … Ich erfuhr, daß Sie in diesem Hotel abgestiegen
-seien, und da bin ich zu Ihnen hergekommen.«</p>
-
-<p>»Ich freue mich sehr, dich zu sehen,« sage ich achselzuckend. »Aber
-ich bin erstaunt … Du erscheinst hier so plötzlich wie vom Himmel
-gefallen. Warum bist du denn eigentlich hier?«</p>
-
-<p>»Ich? Nun, ohne besonderen Anlaß … Ich habe mich einfach
-aufgesetzt und bin hergefahren.«</p>
-
-<p>Stillschweigen. Auf einmal steht sie mit einer raschen, heftigen
-Bewegung auf und tritt auf mich zu.</p>
-
-<p>»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie; sie ist ganz blaß geworden und
-drückt die Hände gegen die Brust. »Nikolai Stepanowitsch! Ich kann
-so nicht mehr weiterleben! Ich kann es nicht! Um Gottes willen,
-sagen Sie mir schnell, augenblicklich: was soll ich tun? Sagen
-Sie mir: was soll ich tun?«</p>
-
-<p>»Was kann ich dir sagen?« erwidere ich verwundert. »Ich kann
-dir nichts sagen.«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>»Sagen Sie es mir doch, ich flehe Sie an!« fährt sie, schwer atmend
-und am ganzen Leibe zitternd, fort. »Ich schwöre Ihnen,
-daß ich so nicht weiterleben kann! Meine Kraft ist zu Ende!«</p>
-
-<p>Sie fällt auf einen Stuhl nieder und beginnt zu schluchzen. Sie
-hat den Kopf zurückgeworfen, ringt die Hände und stampft mit
-den Füßen; der Hut ist ihr vom Kopfe gefallen und schaukelt am
-Gummibande; das Haar ist ihr in Unordnung geraten.</p>
-
-<p>»Helfen Sie mir! Helfen Sie mir!« fleht sie. »Ich kann nicht
-mehr!«</p>
-
-<p>Sie holt das Taschentuch aus ihrem Reisetäschchen hervor und zieht
-damit zugleich ein paar Briefe heraus, die dann von ihren Knien
-auf den Fußboden fallen. Ich hebe sie auf, erkenne bei einem derselben
-die Handschrift Michail Fedorowitschs und lese zufällig ein
-Stück von einem Worte: »leidenschaft…«</p>
-
-<p>»Ich kann dir nichts sagen, Katja,« wiederhole ich.</p>
-
-<p>»Helfen Sie mir!« schluchzt sie, ergreift meine Hand und küßt
-sie. »Sie sind ja doch mein Vater, mein einziger Freund! Sie
-sind ja klug und gebildet und haben lange gelebt! Sie sind Lehrer
-gewesen! Sagen Sie mir doch: was soll ich tun?«</p>
-
-<p>»Auf Ehre und Gewissen, Katja: ich weiß nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ich bin fassungslos, verlegen, von ihrem Schluchzen gerührt und
-kann mich kaum auf den Beinen halten.</p>
-
-<p>»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich mit einem gezwungenen
-Lächeln. »Hör doch auf zu weinen!«</p>
-
-<p>Und unmittelbar darauf füge ich mit leiserer Stimme hinzu: »Ich
-werde bald nicht mehr sein, Katja&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nur ein Wort, nur ein einziges Wort!« ruft sie weinend und
-streckt die Hände nach mir aus. »Was soll ich tun?«</p>
-
-<p>»Eine wunderliche Person bist du, wahrhaftig,« murmle ich. »Es
-ist mir unbegreiflich! Sonst so verständig … und nun zerfließt
-du auf einmal in Tränen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Es tritt ein Stillschweigen ein. Katja bringt ihr Haar in Ordnung
-und setzt den Hut auf; dann knittert sie die Briefe achtlos zusammen
-und schiebt sie in die Reisetasche; alles das tut sie schweigend
-und ohne Hast. Ihr Gesicht, ihre Brust und ihre Handschuhe sind
-noch feucht von Tränen; aber der Ausdruck ihres Gesichtes ist bereits
-streng und fest … Ich sehe sie an und schäme mich, daß ich
-glücklicher bin als sie. Der Mangel dessen, was meine Kollegen,<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-die Philosophen, die Gesamtidee nennen, ist mir erst kurz vor meinem
-Tode, beim Niedergange meiner Tage, zum Bewußtsein
-gekommen; die Seele der armen Katja aber hat bisher nie das Gefühl
-des Geborgenseins kennen gelernt und wird es ihr ganzes
-Leben lang nicht kennen lernen!</p>
-
-<p>»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich.</p>
-
-<p>»Nein, danke,« antwortet sie kühl.</p>
-
-<p>Es vergeht noch eine Minute unter beiderseitigem Stillschweigen.</p>
-
-<p>»Charkow gefällt mir nicht,« beginne ich dann. »Es macht alles
-so einen grauen Eindruck. Eine graue Stadt.«</p>
-
-<p>»Ja, das ist wohl richtig … Eine häßliche Stadt … Ich bin
-nur auf kurze Zeit hier … Auf der Durchreise. Ich fahre heute
-noch weiter.«</p>
-
-<p>»Wohin?«</p>
-
-<p>»Nach der Krim … ich wollte sagen: nach dem Kaukasus.«</p>
-
-<p>»So. Auf lange?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht.«</p>
-
-<p>Katja steht auf und reicht mir mit einem kalten Lächeln und ohne
-mich anzusehen die Hand.</p>
-
-<p>Ich möchte sie fragen: »Dann bist du also zu meinem Begräbnisse
-nicht da?« Aber sie sieht mich nicht an, und ihre Hand liegt so
-kühl in der meinen, als ob sie mir eine Fremde wäre. Ich begleite
-sie schweigend bis an die Tür … Nun hat sie mein Zimmer verlassen
-und geht den langen Korridor entlang, ohne sich umzusehen.
-Sie weiß, daß ich ihr nachschaue, und wird sich wohl an der Ecke
-noch einmal umblicken.</p>
-
-<p>Nein, sie hat sich nicht umgeblickt. Das letzte Stück ihres schwarzen
-Kleides ist verschwunden, ihre Schritte sind verhallt … Lebewohl,
-du mein Teuerstes auf der Welt!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="footnotes">
-<h2 id="Fussnoten">Fußnoten</h2>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> In Gribojedows Lustspiel: »Verstand schafft Leiden«. Anm. des Übers.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> = Restaurant. Anmerkung des Übersetzers.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Eine sehr verbreitete illustrierte Wochenschrift, einigermaßen ähnlich der Gartenlaube.
-Anm. des Übers.</p></div>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-<p>&nbsp;</p>
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-</div>
-
-<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE***</p>
-<p>******* This file should be named 52605-h.htm or 52605-h.zip *******</p>
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-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.</p>
-
-<p>1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.</p>
-
-<p>1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.</p>
-
-<p>1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.</p>
-
-<p>1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:</p>
-
-<p>1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:</p>
-
-<blockquote><p>This eBook is for the use of anyone anywhere in the United
- States and most other parts of the world at no cost and with almost
- no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use
- it under the terms of the Project Gutenberg License included with
- this eBook or online
- at <a href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
- are not located in the United States, you'll have to check the laws
- of the country where you are located before using this
- ebook.</p></blockquote>
-
-<p>1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.</p>
-
-<p>1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.</p>
-
-<p>1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.</p>
-
-<p>1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.</p>
-
-<p>1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.</p>
-
-<p>1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.</p>
-
-<p>1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that</p>
-
-<ul>
-<li>You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."</li>
-
-<li>You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.</li>
-
-<li>You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.</li>
-
-<li>You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.</li>
-</ul>
-
-<p>1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.</p>
-
-<p>1.F.</p>
-
-<p>1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.</p>
-
-<p>1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.</p>
-
-<p>1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.</p>
-
-<p>1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.</p>
-
-<p>1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.</p>
-
-<p>1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause. </p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org.</p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact</p>
-
-<p>For additional contact information:</p>
-
-<p> Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org</p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
-</body>
-</html>
-
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