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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Eine langweilige Geschichte - Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes - - -Author: Anton Pavlovich Chekhov - - - -Release Date: July 19, 2016 [eBook #52605] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE*** - - -E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team -(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by -HathiTrust Digital Library (http://www.hathitrust.org/digital_library) - - - -Note: Images of the original pages are available through - HathiTrust Digital Library. See - https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.a0008509630 - - -Anmerkungen zur Transkription - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - -ANTON TSCHECHOW - -EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE - -Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes - - - - - - - -[Illustration] - -Aus dem Russischen -übertragen von H. Röhl - -Im Insel-Verlag zu Leipzig - -Gedruckt bei Breitkopf & Härtel in Leipzig - - - - -I - - -Es lebt in Rußland ein hochverdienter Professor, namens Nikolai -Stepanowitsch *** (ich unterdrücke den Familiennamen), Geheimrat, -Ritter pp.; er besitzt so viele russische und ausländische Orden, daß, -wenn er Veranlassung hat sie anzulegen, die Studenten ihn mit der -bunten Bilderwand in der Kirche vergleichen. Sein Bekanntenkreis ist -ein höchst vornehmer; wenigstens hat es in den letzten fünfundzwanzig -bis dreißig Jahren in Rußland keinen berühmten Gelehrten gegeben, mit -dem er nicht näher bekannt gewesen wäre. Jetzt mag er sich mit niemand -mehr anfreunden; aber wenn von der Vergangenheit die Rede sein soll, -so schließen die lange Reihe seiner berühmten Freunde Männer wie -Pirogow, Kawelin und der Dichter Nekrasow, die ihm ihre aufrichtige, -warme Freundschaft schenkten. Er ist Ehrenmitglied aller russischen und -dreier ausländischen Universitäten, usw. usw. Alles dies und vieles, -was man noch hinzufügen könnte, bildet das, was man meinen Namen nennt. - -Dieser mein Name erfreut sich einer großen Popularität. In Rußland -ist er jedem gebildeten Menschen bekannt, und im Auslande wird er auf -den Kathedern mit den Beiworten »der bekannte« und »der verehrte« -erwähnt. Er gehört zu jenen wenigen glücklichen Namen, die zu schmähen -oder leichtfertig in den Mund zu nehmen beim Publikum und bei der -Presse als schlechter Ton gilt. Und das ist auch nur in der Ordnung. -Ist doch mit meinem Namen der Begriff eines berühmten, reich begabten -und der Menschheit zweifellos nützlichen Mannes eng verbunden. Ich -bin arbeitsam und ausdauernd wie ein Kamel, was von Wichtigkeit -ist, und ich besitze Talent, was von noch größerer Wichtigkeit ist. -Außerdem bin ich, beiläufig gesagt, ein wohlerzogener, bescheidener, -ehrenhafter Mensch. Niemals habe ich meine Nase in Literatur und -Politik hineingesteckt, habe nie durch Polemik mit Unwissenden populär -zu werden gesucht, nie Reden bei Diners oder am Grabe von Kollegen -gehalten. Überhaupt haftet an meinem Gelehrtennamen kein Flecken, und -mein Name hat keinen Grund sich zu beklagen. Er ist glücklich. - -Der Träger dieses Namens, also mein Ich, ist ein Mann von -zweiundsechzig Jahren, mit kahlem Kopfe, falschen Zähnen und einem -unheilbaren Gesichtsschmerz, einem ~tic~. So glänzend und schön -mein Name ist, ebenso trübselig und häßlich bin ich selbst. Kopf und -Hände zittern mir vor Schwäche; mein Hals hat, wie bei der Heldin -einer Turgenjewschen Erzählung, Ähnlichkeit mit dem Griffe eines -Kontrabasses; die Brust ist eingefallen, der Rücken schmal. Wenn ich -spreche oder Vorlesung halte, so zieht sich mein Mund schräg nach der -Seite hin; wenn ich lächle, so bedeckt sich mein ganzes Gesicht mit -greisenhaften, starren Runzeln. An meiner ganzen kläglichen Figur ist -nichts, was Interesse erwecken könnte; nur etwa wenn ich an meinem -Gesichtsschmerz krank bin, tritt bei mir ein gewisser besonderer -Ausdruck hervor, der wohl bei jedem, der mich ansieht, den ernsten, -bedeutsamen Gedanken hervorruft: »Wahrscheinlich wird dieser Mensch -bald sterben.« - -Ich trage bei meinen Vorlesungen, wie früher, nicht schlecht vor; -wie in früheren Zeiten vermag ich die Aufmerksamkeit der Hörer zwei -Stunden lang zu fesseln. Über meiner Wärme für den Gegenstand, der -Klarheit der Erörterung und dem guten Humor, den ich dabei entwickele, -vergißt man fast die Mängel meiner Stimme, die trocken und scharf ist -und etwas Singendes hat, wie man es sonst bei Frömmlern findet. Das -Schreiben dagegen gelingt mir schlecht. Jener Teil meines Gehirnes, -der die schriftstellerische Fähigkeit dirigieren soll, versagt den -Dienst. Mein Gedächtnis ist schwach geworden, meinem Denken fehlt die -nötige Folgerichtigkeit, und sobald ich meine Gedanken auf das Papier -bringe, habe ich jedesmal die Empfindung, daß ich das Gefühl für ihre -organische Verknüpfung verloren habe; die Konstruktion ist eintönig, -die Ausgestaltung der Sätze gar zu bescheiden und ärmlich. Oft schreibe -ich gar nicht das, was ich eigentlich beabsichtige; wenn ich das Ende -schreibe, habe ich den Anfang nicht mehr im Kopfe. Oft kann ich mich -auf die gewöhnlichsten Ausdrücke nicht besinnen, und ich muß immer -erst große Energie aufwenden, um bei einem Schriftstück überflüssige -Redensarten und unnötige Eingangssätze zu vermeiden; beides zeugt -deutlich von einem Verfalle der geistigen Fähigkeiten. Und merkwürdig: -je einfacher das betreffende Schriftstück ist, um so qualvollere -Anstrengung kostet es mich. Bei der Abfassung eines wissenschaftlichen -Aufsatzes fühle ich mich weit freier und fähiger als bei einem -Gratulationsbriefe oder bei einem amtlichen Berichte. Noch eines: es -wird mir leichter, Deutsch oder Englisch zu schreiben als Russisch. - -Was meine jetzige Lebensweise anlangt, so muß ich vor allem die -Schlaflosigkeit erwähnen, an der ich in der letzten Zeit leide. -Wenn mich jemand fragen wollte: »Was bildet jetzt den wichtigsten, -den fundamentalen Zug deines Daseins?« so müßte ich antworten: die -Schlaflosigkeit. Wie früher entkleide ich mich gewohnheitsmäßig -pünktlich um Mitternacht und lege mich ins Bett. Ich schlafe schnell -ein; aber zwischen eins und zwei wache ich auf, und zwar mit einem -Gefühle, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen. Ich muß aufstehen -und die Lampe anzünden. Eine oder zwei Stunden lang gehe ich dann -im Zimmer von einer Ecke nach der anderen und betrachte die mir -längst bekannten Bilder und Photographien. Wenn ich dieser Wanderung -überdrüssig werde, setze ich mich an meinen Schreibtisch. Ich sitze -unbeweglich, ohne etwas zu denken und ohne irgendwelchen Wunsch zu -empfinden; liegt ein Buch vor mir, so ziehe ich es mechanisch zu mir -heran und lese ohne alles Interesse. So habe ich neulich in einer -einzigen Nacht mechanisch einen ganzen Roman mit dem sonderbaren -Titel: »Was die Schwalbe sang« durchgelesen. Oder aber ich zwinge -mich, um meinen Geist zu beschäftigen, bis tausend zu zählen, oder -ich vergegenwärtige mir das Gesicht irgendeines meiner Kollegen und -suche mich zu besinnen, in welchem Jahre und unter welchen Umständen -er ins Amt getreten ist. Gern horche ich auch auf allerlei Geräusche. -Bald redet zwei Zimmer von mir entfernt meine Tochter Lisa hastig -etwas im Traume vor sich hin; bald geht meine Frau mit einer Kerze -durch den Saal und läßt unfehlbar das Streichholzschächtelchen auf den -Boden fallen; bald knackt ein zusammentrocknender Schrank, oder der -Brenner an meiner Lampe beginnt unerwartet zu summen, -- und alle diese -Geräusche haben, ich weiß nicht warum, für mich etwas Aufregendes. - -Wenn man in der Nacht nicht schläft, so ist man sich dabei jeden -Augenblick bewußt, daß man sich nicht in normalem Zustande befindet, -und daher warte ich mit Ungeduld auf den Morgen und den Tag, wo ich -ein Recht habe nicht zu schlafen. Aber es vergeht viel qualvolle -Zeit, bis auf dem Hofe der Hahn zu krähen beginnt. Dies ist mein -erster Freudenbote. Sobald er kräht, weiß ich, daß nun in einer Stunde -unten der Portier aufwachen und, ärgerlich hustend, zu irgendwelcher -Verrichtung die Treppe heraufkommen wird. Und dann wird es draußen vor -den Fenstern allmählich heller werden, auf der Straße werden Stimmen -laut werden usw. - -Der Tag beginnt bei mir mit dem Eintreten meiner Frau. Sie kommt zu -mir ins Zimmer im Unterrock, unfrisiert, aber bereits gewaschen und -nach Eau de Cologne duftend. Sie macht ein Gesicht, als käme sie nur so -zufällig herein, und sagt jedesmal ein und dasselbe: - -»Entschuldige, ich wollte nur einen Augenblick ... Hast du wieder nicht -geschlafen?« - -Dann löscht sie die Lampe aus, setzt sich an den Tisch und beginnt -zu reden. Obwohl ich kein Prophet bin, weiß ich im voraus, wovon sie -sprechen wird. Es ist jeden Morgen dasselbe. Nachdem sie sich besorgt -nach meinem Befinden erkundigt hat, fällt ihr gewöhnlich auf einmal -unser Sohn ein, der als Offizier in Warschau steht. Am zwanzigsten -jedes Monats schicken wir ihm fünfzig Rubel hin, und das dient nun als -hauptsächlichstes Thema unseres Gespräches. - -»Es fällt uns ja freilich schwer,« sagt meine Frau seufzend, »aber -solange er noch nicht auf eigenen Füßen stehen kann, ist es doch unsere -Pflicht, ihn zu unterstützen. Der Junge wohnt an einem fremden Orte, -und sein Gehalt ist nur klein ... Indessen, wenn du willst, können wir -ihm ja im nächsten Monat statt fünfzig nur vierzig Rubel schicken. Was -meinst du?« - -Aus der täglichen Erfahrung könnte meine Frau lernen, daß Ausgaben -dadurch nicht kleiner werden, daß man oft von ihnen spricht; aber meine -Frau läßt die Erfahrung nicht gelten und unterhält mich pünktlich jeden -Morgen von unserem Offizier und davon, daß das Brot Gott sei Dank -billiger geworden sei, der Zucker aber leider zwei Kopeken teurer, -- -und alles das in einem Tone, als ob sie mir eine Neuigkeit mitteilte. - -Ich höre zu und äußere mechanisch meine Beistimmung; aber -wahrscheinlich infolge der schlaflosen Nacht kommen mir sonderbare, -unnütze Gedanken. Ich sehe meine Frau an und wundere mich wie ein -Kind. Verständnislos frage ich mich: ist diese alte, sehr korpulente, -plumpe Frau mit dem stumpfen Ausdruck kleinlicher Sorge und Angst um -das tägliche Brot, mit diesem von steten Gedanken an Schulden und Not -verschleierten Blicke, diese Frau, die von weiter nichts zu reden weiß -als von Ausgaben, und der nur die Wohlfeilheit der Lebensmittel ein -Lächeln entlockt, ist diese Frau wirklich einmal jene schlanke Warja -gewesen, in die ich mich leidenschaftlich verliebte wegen ihres guten, -klaren Verstandes, wegen ihrer reinen Seele, wegen ihrer Schönheit -und, wie Othello in Desdemona, wegen ihres »Mitleides« mit meiner -Wissenschaft? Ist diese Frau wirklich jene meine Warja, die mir einst -einen Sohn gebar? - -Ich blicke der fetten, plumpen alten Frau forschend in das Gesicht und -suche in ihr meine Warja; aber von ihrem gesamten früheren Wesen ist -nur die Angst um meine Gesundheit bestehen geblieben, und dann noch -ihre wunderliche Art, mein Gehalt »unser Gehalt« zu nennen und meine -Mütze »unsere Mütze«. Es ist mir schmerzlich, sie anzusehen, und um ihr -wenigstens eine kleine Liebe anzutun, lasse ich sie sprechen, was sie -mag, und schweige sogar still, wenn sie über andere Menschen ungerecht -urteilt oder mir Vorwürfe macht, weil ich keine Praxis ausübe und keine -Lehrbücher herausgebe. - -Unser Gespräch endet immer auf die gleiche Weise. Meiner Frau fällt zu -ihrem Schrecken plötzlich ein, daß ich noch keinen Tee getrunken habe. - -»Was sitze ich hier?« sagt sie, sich erhebend. »Der Samowar steht -längst auf dem Tische, und ich plaudere hier. Wie gedankenlos ich -geworden bin, o Gott!« - -Sie geht schnell zur Tür, bleibt aber dort stehen, um zu sagen: - -»Wir sind Jegor noch seinen Lohn für fünf Monate schuldig. Du weißt es -doch? Man darf mit der Lohnzahlung an die Dienstboten nicht nachlässig -sein, das habe ich dir doch schon wer weiß wie oft gesagt! Zehn Rubel -jeden Monat zu bezahlen ist viel leichter als fünfzig mit einem Mal für -fünf Monate.« - -Wenn sie aus der Tür hinaus ist, bleibt sie wieder stehen und sagt: - -»Niemand tut mir so leid wie unsere arme Lisa. Das Kind besucht doch -das Konservatorium und verkehrt stets in guter Gesellschaft; aber -dabei ist ihre Toilette so kümmerlich. Ihr Pelz befindet sich in -einem solchen Zustande, daß sie sich schämen muß, sich damit auf der -Straße zu zeigen. Wäre sie aus anderer Familie, dann käme es ja nicht -darauf an; aber so wissen doch alle Leute, daß ihr Vater ein berühmter -Professor und Geheimrat ist!« - -Nachdem sie mir so meinen Ruf und Stand zum Vorwurfe gemacht hat, geht -sie endlich fort. Auf diese Weise beginnt mein Tag. Und der weitere -Verlauf ist nicht besser. - -Während ich Tee trinke, kommt meine Tochter Lisa zu mir ins Zimmer, -in Pelz und Mützchen, die Notenmappe am Arm, völlig fertig, um ins -Konservatorium zu gehen. Sie ist zweiundzwanzig Jahre alt. Nach ihrem -Äußeren würde man sie für jünger halten; sie ist recht hübsch und hat -einige Ähnlichkeit mit meiner Frau, wie diese in ihrer Jugend aussah. -Sie küßt mir zärtlich die Schläfe und die Hand und sagt: - -»Guten Morgen, Papachen. Fühlst du dich wohl?« - -Als sie noch ein Kind war, aß sie sehr gern Gefrorenes, und ich -mußte sie oft in die Konditorei führen. Eis war ihr der Maßstab -für alles Schöne. Wenn sie mich loben wollte, so sagte sie: »Du -bist von Sahneneis, Papa.« Von ihren Fingerchen hieß eines das -Pistazienfingerchen, das andere das Sahnenfingerchen, das dritte das -Himbeerfingerchen usw. Wenn sie morgens zu mir kam, um mir Guten Tag -zu sagen, setzte ich sie gewöhnlich auf meinen Schoß, küßte ihre -Fingerchen und sagte dabei: - -»Sahnenfingerchen, Pistazienfingerchen, Zitronenfingerchen ...« - -Auch jetzt küsse ich aus alter Gewohnheit Lisas Finger und murmele: - -»Pistazienfingerchen, Sahnenfingerchen, Zitronenfingerchen ...«; aber -es hat nicht mehr den richtigen Klang. Ich bin kalt dabei, und darüber -schäme ich mich. Wenn meine Tochter zu mir hereinkommt und mit den -Lippen meine Schläfe berührt, so zucke ich zusammen, wie wenn mich eine -Biene in die Schläfe stäche, lächle gezwungen und wende mein Gesicht -ab. Seit ich an Schlaflosigkeit leide, bohrt in meinem Gehirn ein -bestimmter Gedanke herum: meine Tochter sieht oft, daß ich, ein alter -Mann, ein berühmter Professor, peinlich erröte, weil ich dem Diener -Geld schulde; sie sieht, daß die Sorge um kleine Schulden mich oft -zwingt, die Arbeit hinzuwerfen, ganze Stunden lang von einer Ecke nach -der andern zu gehen und nachzudenken; aber warum ist sie nie hinter dem -Rücken ihrer Mutter zu mir gekommen und hat mir zugeflüstert: »Vater, -da sind meine Armbänder, meine Uhr, meine Ohrringe, meine Kleider. Trag -das alles ins Leihhaus, wenn du Geld brauchst!«? Sie sieht doch, daß -wir, ihre Mutter und ich, aus einem falschen Schamgefühle den Leuten -unsere Armut zu verbergen suchen; warum verzichtet sie da nicht auf das -kostspielige Vergnügen, Musik zu studieren? Annehmen würde ich ja weder -die Uhr noch die Armbänder noch sonstige Opfer, Gott behüte; das liegt -nicht in meinen Wünschen. - -Dabei denke ich dann auch an meinen Sohn, den Warschauer Offizier. Er -ist ein verständiger, ehrenhafter, nüchterner Mensch. Aber mir genügt -das nicht. Ich meine, wenn ich einen alten Vater hätte und wüßte, daß -bei ihm Augenblicke vorkommen, wo er sich seiner Armut schämt, dann -würde ich meine Offizierstelle jemand anders überlassen und selbst -eine Erwerbstätigkeit ergreifen. Solche Gedanken über meine Kinder -vergiften mir meine Seele. Was haben solche Gedanken für Zweck? Gegen -Menschen gewöhnlichen Schlages nur deshalb ein böses Gefühl hegen, weil -sie keine Helden sind, das kann nur ein engherziger oder verbitterter -Mensch. Aber genug davon. - -Um dreiviertel zehn muß ich zu meinen lieben Studenten gehen, um ihnen -eine Vorlesung zu halten. Ich kleide mich an und wandere auf dem Wege -hin, der mir schon seit dreißig Jahren bekannt ist und für mich seine -Geschichte hat. Hier steht ein großes, graues Haus mit einer Apotheke; -da stand ehemals ein kleines Häuschen, und darin befand sich ein -Bierlokal; in diesem Bierlokale überlegte ich meine Dissertation und -schrieb ich meinen ersten Liebesbrief an Warja. Ich schrieb ihn mit -Bleistift auf einen Bogen mit dem Kopfdruck: ~Historia morbi~. Da ist -ein kleiner Viktualienladen; einstmals gehörte er einem Juden, der -mir Zigaretten auf Kredit verkaufte, dann einer dicken Frau, die alle -Studenten in ihr Herz geschlossen hatte, weil doch jeder von ihnen -eine Mutter habe; jetzt sitzt ein rothaariger Kaufmann darin, ein sehr -gleichmütiger Mensch, der aus einer kupfernen Kanne Tee trinkt. Und da -ist ja auch schon das seit langer Zeit nicht renovierte Universitätstor -und der sich langweilende Hausknecht in seinem Schafpelz und ein paar -Besen und große Schneehaufen. Auf einen frischen jungen Menschen, -der aus der Provinz kommt und die Vorstellung mitbringt, der Tempel -der Wissenschaft werde auch in seiner äußeren Erscheinung ein Tempel -sein, kann ein solches Tor keinen guten Eindruck machen. Überhaupt muß -man sagen: die Baufälligkeit der Universitätsgebäude, die Dunkelheit -der Korridore, die verstaubten, verräucherten Wände, der Mangel an -Licht, das klägliche Aussehen der Stufen, der Kleiderhaken und der -Bänke, dies alles nimmt in der Geschichte des russischen Pessimismus -einen der ersten Plätze unter den prädisponierenden Ursachen ein. Da -ist auch unser Universitätsgarten. Seit meiner eigenen Studentenzeit -ist er, wie ich glaube, nicht besser und nicht schlechter geworden. -Ich kann ihn nicht leiden. Es wäre weit verständiger, wenn statt -der schwindsüchtigen Linden, der gelblichgrünen Akazien und des -dürftigen, beschnittenen Flieders dort hohe Fichten und kräftige Eichen -wüchsen. Der Student, dessen Stimmung meist durch seine Umgebung stark -beeinflußt wird, muß da, wo er studiert, auf Schritt und Tritt nur -Hohes, Kräftiges und Schönes sehen. Bewahre ihn Gott vor dem Anblick -dürrer Bäume, zerbrochener Fensterscheiben, grau gewordener Wände und -mit zerrissenem Wachstuch beschlagener Türen! - -Wenn ich mich derjenigen Tür des Universitätsgebäudes nähere, die zu -meinen Räumen führt, so öffnet sie sich, und es begrüßt mich mein -langjähriger Dienstgenosse, Altersgenosse und Namensvetter, der Portier -Nikolai. Nachdem er mich eingelassen hat, räuspert er sich und sagt: - -»Es ist kalt heute, Euer Exzellenz!« - -Oder wenn mein Pelz naß ist, bemerkt er: - -»Es regnet heute, Euer Exzellenz!« - -Darauf läuft er vor mir her und öffnet auf meinem Wege alle Türen. In -meinem Arbeitszimmer nimmt er mir behutsam den Pelz ab und teilt mir -gleichzeitig schleunigst irgendeine Universitätsneuigkeit mit. Dank -der nahen Bekanntschaft, die zwischen allen Universitätsportiers und --pedellen besteht, weiß er alles, was in den vier Fakultäten, in der -Kanzlei, im Arbeitszimmer des Rektors und in der Bibliothek vorgeht. -Was bliebe ihm unbekannt? Zu Zeiten, wo bei uns z. B. der Rücktritt -des Rektors oder eines Dekanes die brennende Tagesfrage bildet, höre -ich manchmal, wie er im Gespräche mit jüngeren Pedellen die Kandidaten -aufzählt und zugleich erläuternd bemerkt, den und den werde der -Minister nicht bestätigen, der und der werde selbst verzichten, und wie -er sich dann in phantastischen Einzelheiten ergeht über geheimnisvolle -Schriftstücke, die in der Kanzlei eingegangen seien, über eine geheime -Unterredung zwischen dem Minister und dem Kurator usw. Sieht man von -diesen Einzelheiten ab, so erweist sich, daß er im allgemeinen fast -immer recht hat. Die Charakteristiken, die er von einem jeden der -Kandidaten gibt, sind originell, aber gleichfalls zutreffend. Wer -etwa zu erfahren wünscht, in welchem Jahre jemand seine Dissertation -verteidigt hat, ins Amt getreten ist, sich hat pensionieren lassen oder -gestorben ist, der rufe das gewaltige Gedächtnis dieses ehemaligen -Soldaten zu Hilfe; dieser wird nicht nur das Jahr, den Monat und den -Tag angeben, sondern auch über die näheren Umstände Mitteilung machen, -die das eine oder andere Ereignis begleitet haben. So sich erinnern -kann nur, wer mit dem Herzen dabei ist. - -Er ist der Hüter der Universitätstradition. Von seinen Vorgängern im -Portieramt hat er viele Legenden aus dem Universitätsleben geerbt; zu -diesem Schatze hat er dann viel eigenes Gut hinzugefügt, das er in -seiner Dienstzeit erworben hat, und wenn jemand ein Verlangen danach -äußert, so erzählt er ihm eine Menge langer und kurzer Geschichten. Er -kann von außerordentlich klugen Männern erzählen, die »alles wußten«, -von merkwürdig arbeitsfähigen Professoren, die ganze Wochen lang nicht -schliefen, von zahlreichen Märtyrern und Opfern der Wissenschaft; -das Gute triumphiert in seinen Erzählungen immer über das Böse, der -Schwache besiegt den Starken, der Kluge den Dummen, der Bescheidene den -Stolzen, der Junge den Alten. Man braucht ja nicht gerade alle diese -Legenden und Erdichtungen für bare Münze zu nehmen; aber man filtriere -sie, und es wird als Rückstand etwas Brauchbares auf dem Filter -bleiben: unsere guten Traditionen und die Namen wahrer, allgemein -anerkannter Geistesheroen. - -Was man in der sogenannten besseren Gesellschaft unserer Stadt -über die Welt der Gelehrten weiß, das sind lediglich Anekdoten -über außergewöhnliche Zerstreutheit alter Professoren, sowie zwei -oder drei Witze, die bald auf Gruber, bald auf mich, bald auf -Babuchin zurückgeführt werden. Für die gebildete Gesellschaft ist -das eigentlich etwas wenig. Wenn diese Kreise die Wissenschaft, die -Gelehrten und die Studenten so liebten, wie es Nikolai tut, so würde -die hiesige Literatur schon längst ganze Heldengedichte, Erzählungen -und Biographien aus diesem Gebiete besitzen, deren sie jetzt leider -ermangelt. - -Nachdem Nikolai mir seine Neuigkeit mitgeteilt hat, nimmt sein Gesicht -einen sehr ernsten Ausdruck an, und es entspinnt sich zwischen uns ein -fachmännisches Gespräch. Wenn ein Fremder dabei mit anhörte, wie flott -Nikolai die Terminologie handhabt, so könnte er vielleicht gar denken, -das sei ein als Portier maskierter Gelehrter. Aber beiläufig gesagt: -die Gerüchte über die Gelehrsamkeit der Universitätsunterbeamten sind -stark übertrieben. Allerdings kennt Nikolai über hundert lateinische -Benennungen, versteht sich darauf, ein Skelett zusammenzufügen, -unter Umständen auch ein Präparat herzustellen, die Studenten durch -irgendein langes, gelehrtes Zitat zum Lachen zu bringen; aber z. B. die -so einfache Lehre vom Blutumlaufe ist ihm jetzt noch ebenso dunkel wie -vor zwanzig Jahren. - -An einem Tische in meinem Arbeitszimmer sitzt, tief über ein Buch -oder ein Präparat gebeugt, mein Prosektor Peter Ignatjewitsch, ein -fleißiger, bescheidener, aber talentloser Mensch, etwa fünfunddreißig -Jahre alt, aber schon kahlköpfig und dickbäuchig. Arbeiten tut er -vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein; er liest eine große Menge -und hat für alles Gelesene ein vorzügliches Gedächtnis. In dieser -Hinsicht ist er Goldes wert; aber im übrigen ist er ein Lastpferd -oder, wie man sich auch auszudrücken pflegt, ein gelehrter Dummkopf. -Die charakteristischen Merkmale des Lastpferdes, durch die dieses -sich von einem talentvollen Manne unterscheidet, sind folgende: -sein Gesichtskreis ist eng und scharf begrenzt, da er eben nur ein -Spezialfach umfaßt; außerhalb seines Spezialfaches ist ein solcher Mann -naiv wie ein Kind. Ich erinnere mich, daß ich eines Morgens in das -Arbeitszimmer hereinkam und sagte: - -»Denken Sie sich, dieses Unglück! Es heißt, Skobelew sei gestorben.« - -Nikolai bekreuzte sich, Peter Ignatjewitsch aber sah mich an und fragte: - -»Was für ein Skobelew?« - -Ein andermal (es war etwas früher) teilte ich ihm mit, daß Professor -Perow gestorben sei. Der gute Peter Ignatjewitsch fragte: - -»Worüber hat er denn gelesen?« - -Und wenn dicht vor seinen Ohren die Patti zu singen anfinge, wenn -Chinesenhorden über Rußland herfielen, wenn ein Erdbeben stattfände, -so würde er vermutlich kein Glied rühren und seelenruhig mit -zusammengekniffenem Auge in sein Mikroskop hineinsehen. Mit einem -Worte: was kümmert ihn Hekuba? Ich würde viel darum geben, einmal zu -sehen, wie dieser trockene Stock bei seiner Frau schläft. - -Ein zweiter Charakterzug eines solchen Menschen ist: ein fanatischer -Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft und namentlich alles -dessen, was die Deutschen schreiben. Er hat ein festes Vertrauen zu -sich selbst und zu seinen Präparaten, kennt nach seiner Überzeugung -den Zweck des Menschenlebens und weiß absolut nichts von jenen -Zweifeln und Enttäuschungen, von denen talentvolle Männer graue Haare -bekommen. Er hegt einen sklavischen Respekt vor Autoritäten; das -Bedürfnis, selbständig zu denken, kennt er nicht. Ihn zu einer andern -Ansicht zu bringen ist schwer, mit ihm zu disputieren unmöglich. Man -disputiere einmal mit einem Menschen, der fest überzeugt ist, die -beste Wissenschaft sei die Medizin, die besten Menschen die Ärzte, die -besten Traditionen die medizinischen. In Wirklichkeit hat sich von der -recht üblen Vergangenheit der Medizin nur ein einziger traditioneller -Brauch erhalten: die weiße Krawatte, die die Doktoren jetzt tragen, -und für einen Gelehrten und überhaupt für einen Gebildeten gibt -es nur allgemein akademische Traditionen, ohne jede Scheidung in -medizinische, juristische usw.; aber Peter Ignatjewitsch kann sich -nicht entschließen, das zuzugeben, und ist bereit, mit einem anders -Gesinnten darüber bis zum Jüngsten Tage zu debattieren. - -Seine Zukunft kann ich mir klar vorstellen. Er wird im Laufe seines -ganzen Lebens mehrere hundert außerordentlich saubere Präparate -anfertigen, viele trockene, sehr korrekte Referate schreiben, etwa ein -Dutzend gewissenhafte Übersetzungen herstellen; aber das Pulver wird er -nicht erfinden. Zum Pulvererfinden gehören Phantasie, Erfindungsgabe, -Kombinationssinn, und von solchen Dingen besitzt Peter Ignatjewitsch -nichts. Kurz, er ist in der Wissenschaft nicht ein Hausherr, sondern -ein Arbeitsmann. - -Wir drei, ich, Peter Ignatjewitsch und Nikolai, sprechen halblaut -miteinander. Es ist uns nicht recht behaglich zumute. Es ist doch -ein besonderes Gefühl, wenn man auf der anderen Seite der Tür die -Zuhörerschar wie ein Meer lärmen hört. In diesen ganzen dreißig Jahren -habe ich mich an dieses Gefühl nicht gewöhnt und empfinde es jeden -Morgen mit Mißbehagen. Nervös knöpfe ich mir den Rock zu, richte an -Nikolai überflüssige Fragen und ärgere mich über mich selbst. Es sieht -ganz so aus, als ob ich feige wäre; aber es ist nicht Feigheit, sondern -etwas anderes, was ich weder zu benennen noch zu beschreiben imstande -bin. - -Ohne daß es nötig wäre, sehe ich nach der Uhr und sage: - -»Nun, wie ist's? Wir müssen gehen.« - -Und wir schreiten in folgender Ordnung einher: voran geht Nikolai mit -den Präparaten oder den großen Abbildungen, hinter ihm ich, und hinter -mir wandelt, den Kopf bescheiden gebeugt, das Lastpferd; oder aber -es wird, wenn es nötig ist, vor uns her auf einer Bahre ein Leichnam -getragen, hinter dem Leichnam geht Nikolai usw. Bei meinem Erscheinen -stehen die Studenten auf; dann setzen sie sich wieder, und das Getöse -des Meeres verstummt plötzlich. Es tritt Windstille ein. - -Ich weiß, worüber ich zu sprechen habe; aber ich weiß nicht, wie -ich sprechen und womit ich anfangen und aufhören werde. In meinem -Kopfe ist kein einziger fertiger Satz vorhanden. Aber ich brauche -nur meinen Hörsaal anzusehen (er ist amphitheatralisch gebaut) und -die herkömmlichen Worte: »In der vorigen Vorlesung sind wir bei ... -stehen geblieben«, zu sprechen, so kommen die Sätze in langer Reihe aus -meinem Innern herausgeströmt, und nun bin ich im Zuge! Ich rede mit -unaufhaltsamer Schnelligkeit und großer Wärme, und man möchte glauben, -daß es keine Gewalt gebe, die den Lauf meiner Rede unterbrechen könnte. -Um gut vorzutragen, d. h. so, daß das Interesse der Zuhörer geweckt -wird und sie Nutzen davon haben, muß man außer dem Talente auch noch -eine gewisse Kunstfertigkeit und Erfahrung besitzen; man muß eine klare -Vorstellung von der eigenen Kraft, von der Persönlichkeit der Zuhörer -und von dem Gegenstande des Vortrages haben. Außerdem muß man ein -energischer Mensch sein, muß scharf beobachten und darf keinen Teil des -Gesichtsfeldes auch nur für eine Sekunde aus den Augen verlieren. - -Ein guter Kapellmeister verrichtet, wenn er den Gedanken eines -Komponisten zu Gehör bringt, zwanzig verschiedene Dinge zu gleicher -Zeit: er liest die Partitur, schwingt den Taktstock, beobachtet den -Sänger, macht eine Bewegung zur Seite hin bald nach der Trommel, bald -nach dem Waldhorn usw. Ebenso mache auch ich es, wenn ich vortrage. Vor -mir habe ich hundertfünfzig Gesichter, von denen keines dem anderen -ähnlich ist, und dreihundert Augen, die mir gerade ins Gesicht schauen. -Mein Ziel ist, diese vielköpfige Hydra zu besiegen. Wenn ich während -meines Vortrages in jedem Augenblicke eine klare Vorstellung von dem -Grade der Aufmerksamkeit und des Verständnisses meiner Zuhörer habe, -dann sind diese in meiner Gewalt. Ein anderer Gegner steckt in mir -selbst. Dies ist die endlose Mannigfaltigkeit der Formen, Erscheinungen -und Gesetze und die dadurch bedingte Fülle eigener und fremder -Gedanken. In jedem Augenblick muß ich die Geschicklichkeit besitzen, -aus diesem gewaltigen Material das Wichtigste und Notwendigste -herauszugreifen und ebenso schnell, wie meine Rede dahinfließt, meine -Gedanken in eine solche Form zu kleiden, daß sie dem Verständnis der -vielköpfigen Zuhörerschaft angemessen ist und deren Interesse erwecken -kann, wobei genau darauf zu achten ist, daß die Gedanken nicht so, wie -sie sich angehäuft haben, sondern in einer gewissen Ordnung übermittelt -werden, die zu einer regelrechten Komposition des Gemäldes, das ich -entwerfen will, unerläßlich ist. Ferner gebe ich mir Mühe, dafür zu -sorgen, daß mein Vortrag sprachlich korrekt, die Definitionen kurz und -bestimmt, der Satzbau möglichst einfach und schön sei. Jeden Augenblick -muß ich mich selbst zügeln und mir ins Gedächtnis zurückrufen, daß ich -nur eine Stunde und vierzig Minuten zur Verfügung habe. Kurz, es ist -genug zu tun. Ich muß mich gleichzeitig als Gelehrter, als Pädagog und -als Redner betätigen, und es wäre ein schlimmes Ding, wenn der Redner -in mir über den Pädagogen und Gelehrten den Sieg davontrüge, oder -umgekehrt. - -Man trägt eine Viertelstunde, eine halbe Stunde vor, und da -bemerkt man, daß die Studenten nach der Zimmerdecke und nach Peter -Ignatjewitsch zu blicken anfangen, und daß einer sein Taschentuch -hervorholt, ein anderer sich bequemer hinsetzt, ein dritter über -seine eigenen Gedanken lächelt. Das sind Anzeichen dafür, daß die -Aufmerksamkeit müde und stumpf wird. Dagegen müssen Maßregeln ergriffen -werden. Ich benutze die erste geeignete Gelegenheit, um irgendein -Späßchen anzubringen. Alle hundertfünfzig Gesichter verziehen sich zu -einem breiten Lächeln, die Augen leuchten vergnügt auf, das Brausen des -Meeres läßt sich für kurze Zeit wieder vernehmen. Ich lache ebenfalls. -Die Aufmerksamkeit ist wieder angefrischt, und ich kann fortfahren. - -Kein Sport, keine Zerstreuungen und Spiele haben mir jemals einen -solchen Genuß gewährt wie das Halten von Vorlesungen. Nur bei den -Vorlesungen konnte ich mich ganz meinem Affekte überlassen und -verstand, daß die Eingebung nicht eine Erfindung der Dichter ist, -sondern tatsächlich existiert. Und ich glaube, Herkules hat nach der -großartigsten seiner Heldentaten nicht eine so wonnige Ermattung -empfunden, wie ich sie jedesmal nach einer Vorlesung durchmachte. - -So war das früher. Jetzt dagegen empfinde ich bei den Vorlesungen nur -Qual. Es vergeht keine halbe Stunde, so beginne ich in den Beinen und -Schultern eine unüberwindliche Schwäche zu fühlen; ich setze mich auf -den Stuhl; aber im Sitzen vorzutragen ist mir ungewohnt; eine Minute -darauf stehe ich wieder auf und fahre stehend fort; dann setze ich mich -von neuem hin. Die Mundhöhle wird mir trocken, die Stimme heiser, der -Kopf schwindlig. Um den Zuhörern meinen Zustand zu verbergen, trinke -ich öfters Wasser, huste, schneuze mich oft, als ob mir ein Schnupfen -lästig wäre, mache an unpassenden Stellen Späße und schließe zuletzt -die Vorlesung früher, als es in der Ordnung ist. Aber hauptsächlich -schäme ich mich. - -Gewissen und Verstand sagen mir, daß das Beste, was ich jetzt tun -könnte, wäre: den Studenten eine Abschiedsvorlesung zu halten, ihnen -Lebewohl zu sagen, ihnen alles Gute für ihren weiteren Lebensweg zu -wünschen und meinen Platz jemandem abzutreten, der jünger und kräftiger -ist als ich. Aber Gott möge mich richten: es fehlt mir der Mut, so -zu handeln, wie mich mein Gewissen handeln heißt. Unglücklicherweise -bin ich weder ein Philosoph noch ein Theologe. Ich weiß ganz genau, -daß ich nicht mehr länger als ein halbes Jahr leben werde; man sollte -nun meinen, jetzt müßten mich vor allem die Fragen nach den Visionen, -die meinen Schlaf im Grabe vielleicht heimsuchen werden, und nach dem -dunklen Dasein im Jenseits beschäftigen. Aber merkwürdigerweise will -meine Seele von diesen Fragen nichts wissen, obwohl der Verstand die -hohe Wichtigkeit derselben anerkennt. Wie vor zwanzig bis dreißig -Jahren, so interessiert mich auch jetzt vor dem Tode ausschließlich -die Wissenschaft. Wenn ich meinen letzten Seufzer ausstoße, so werde -ich doch noch an dem Glauben festhalten, daß die Wissenschaft das -Wichtigste, Schönste und Notwendigste im Leben ist, daß sie immer die -höchste Offenbarung der Liebe gewesen ist und sein wird, und daß nur -durch sie der Mensch die Natur und sich selbst besiegen kann. Dieser -Glaube ist vielleicht naiv und mangelhaft begründet; aber ich kann -nichts dafür, daß ich diesen Glauben habe und keinen andern; und diesen -Glauben in mir zu zerstören, dazu bin ich außerstande. - -Aber darum handelt es sich nicht. Ich bitte nur, man wolle meine -Schwäche nachsichtig beurteilen und es sich klar machen, daß, wenn -man einen Menschen, den die Veränderungen des Knochenmarkes mehr -interessieren als das Endziel des Weltgebäudes, von seinem Katheder -und von seinen Schülern wegreißt, dies dasselbe bedeutet, wie wenn -man, ohne zu warten, bis er gestorben ist, ihn in einen Sarg legen und -diesen zunageln wollte. - -Infolge der Schlaflosigkeit und des anstrengenden Kampfes mit der -zunehmenden Schwäche begegnet mir etwas ganz Seltsames. Mitten in der -Vorlesung steigen mir plötzlich die Tränen in die Kehle, die Augen -fangen mir an zu jucken, und ich empfinde den leidenschaftlichen, -hysterischen Wunsch, die Arme nach vorn zu strecken und laut zu -klagen. Ich möchte es laut hinausschreien, daß das Schicksal mich, den -berühmten Mann, zum Tode verurteilt hat, daß nach ungefähr einem halben -Jahre hier in diesem Auditorium schon ein anderer walten wird. Ich -möchte es hinausschreien, daß ich vergiftet bin; neue Gedanken, die ich -früher nicht gekannt habe, haben meine letzten Lebenstage vergiftet und -stechen fortdauernd mein Gehirn wie Moskitos. Und meine Lage erscheint -mir bei solchen Anfällen so furchtbar, daß ich wünsche, alle meine -Hörer möchten einen entsetzlichen Schreck bekommen, von ihren Plätzen -aufspringen und in panischer Angst mit verzweifeltem Geschrei zum -Ausgang hinstürzen. - -Es ist nicht leicht, solche Augenblicke zu durchleben. - - - - -II - - -Nach der Vorlesung sitze ich bei mir zu Hause und arbeite. Ich lese -Zeitschriften und Dissertationen oder bereite mich auf die folgende -Vorlesung vor; manchmal schreibe ich auch etwas. Ich arbeite mit -Unterbrechungen, da ich dabei Besucher empfangen muß. - -Die Klingel ertönt. Ein Kollege ist gekommen, um mit mir etwas -Geschäftliches zu besprechen. Er tritt mit Hut und Stock in mein -Zimmer, streckt mir in jeder Hand einen dieser Gegenstände entgegen und -sagt: - -»Ich komme nur auf einen Augenblick, nur auf einen Augenblick! Bleiben -Sie sitzen, Kollege! Nur zwei Worte!« - -Zunächst suchen wir einander zu zeigen, daß wir beide außerordentlich -höfliche Menschen und beide sehr erfreut sind, einander zu sehen. -Ich nötige ihn in einen Lehnsessel, und er sucht mich zum Sitzen zu -veranlassen; dabei streicheln wir uns wechselseitig behutsam an der -Rocktaille und berühren die Knöpfe des andern; es sieht so aus, als ob -wir einander betasteten, uns aber hierbei zu verbrennen fürchteten. -Wir lachen beide, obwohl wir nichts Lächerliches sagen. Nachdem wir -zum Sitzen gekommen sind, beugen wir uns mit den Köpfen zueinander und -beginnen halblaut zu reden. Mögen wir einander auch noch so freundlich -gesinnt sein, es ist dennoch unumgänglich nötig, daß wir unsere -Reden mit allerlei chinesischen Phrasen vergolden, als da sind: »Sie -beliebten sehr richtig zu bemerken«, oder: »Wie ich schon die Ehre -hatte Ihnen zu sagen«, und es ist unumgänglich nötig, daß wir lachen, -wenn einer von uns einen Witz macht, mag er auch noch so geringwertig -sein. Nach Beendigung des geschäftlichen Gespräches steht der Kollege -mit einer hastigen Bewegung auf, weist mit seinem Hute nach meiner -Arbeit hin und beginnt sich zu empfehlen. Wieder betasten wir uns -gegenseitig und lachen dabei. Ich begleite ihn bis ins Vorzimmer; hier -bin ich meinem Kollegen beim Anziehen des Pelzes behilflich; aber er -wehrt sich in jeder Weise gegen diese hohe Ehre. Wenn dann Jegor die -Tür öffnet, versichert mir der Kollege, ich würde mich erkälten; ich -aber tue, als hätte ich vor, sogar bis auf die Straße hinter ihm her zu -gehen. Und wenn ich dann endlich in mein Arbeitszimmer zurückkehre, so -fährt mein Gesicht, wohl infolge des Beharrungsvermögens, immer noch -fort zu lächeln. - -Nach einem Weilchen klingelt es wieder. Es tritt jemand ins Vorzimmer, -zieht sich lange aus und hustet. Jegor meldet, es sei ein Student -da. Ich sage: »Ich lasse bitten.« Einen Augenblick darauf tritt ein -junger Mensch von angenehmem Äußern in mein Zimmer. Schon seit einem -Jahre stehen wir beide miteinander auf gespanntem Fuße: er gibt bei -mir im Examen abscheulich schlechte Antworten, und ich erteile ihm das -Prädikat Nicht genügend. Solcher jungen Leute, die ich, um studentisch -zu reden, durchplumpsen oder durchrasseln lasse, sammeln sich bei -mir im Laufe eines Jahres ungefähr sieben Stück an. Diejenigen unter -ihnen, die das Examen wegen Unfähigkeit oder wegen Krankheit nicht -bestehen, tragen ihr Kreuz gewöhnlich mit Geduld und machen nicht den -Versuch, mich umzustimmen; dagegen neigen die Sanguiniker dazu, zu -mir ins Haus zu kommen und mit mir zu feilschen und zu handeln; das -sind leichtlebige Naturen, denen die Nötigung, das Examen noch einmal -abzulegen, den Appetit verdirbt und an regelmäßigem Besuche der Oper -hinderlich ist. Den ersteren gegenüber übe ich gern Nachsicht; aber die -zweite Sorte lasse ich ein ganzes Jahr lang durchfallen. - -»Nehmen Sie Platz,« sage ich zu dem Besucher. »Was bringen Sie?« - -»Entschuldigen Sie die Störung, Herr Professor,« beginnt er stotternd -und ohne mir ins Gesicht zu sehen. »Ich hätte nicht gewagt, Sie zu -belästigen, wenn ich nicht ... Ich habe bei Ihnen schon fünfmal das -Examen gemacht und ... und bin durchgefallen. Ich bitte Sie inständig, -haben Sie die Güte und geben Sie mir Genügend; denn ...« - -Die Begründung, die alle Faulpelze zu ihren Gunsten vorbringen, ist -immer ein und dieselbe: sie hätten das Examen in allen Fächern sehr -gut bestanden, nur in meinem seien sie durchgefallen, und dies sei um -so erstaunlicher, da sie gerade in meinem Fache immer sehr fleißig -studiert hätten und gut darin Bescheid wüßten; sie seien nur infolge -irgendeines unbegreiflichen Mißverständnisses durchgefallen. - -»Entschuldigen Sie, lieber Freund,« sage ich zu dem Besucher, »genügend -kann ich Ihnen nicht geben. Repetieren Sie noch ein bißchen, und kommen -Sie dann wieder! Dann wollen wir sehen.« - -Es tritt in dem Gespräche eine Pause ein. Es reizt mich, den Studenten -ein bißchen zu quälen, zur Strafe dafür, daß er das Bier und die Oper -mehr liebt als die Wissenschaft, und ich sage mit einem Seufzer: - -»Meiner Ansicht nach ist das Beste, was Sie jetzt tun können, ganz aus -der medizinischen Fakultät auszutreten. Wenn es Ihnen bei Ihren Anlagen -schlechterdings nicht gelingen will, das Examen zu bestehen, so haben -Sie offenbar weder die Neigung noch den Beruf dazu, Arzt zu werden.« - -Das Gesicht des Sanguinikers zieht sich in die Länge. - -»Verzeihen Sie, Herr Professor,« erwidert er lächelnd, »aber das würde -doch von meiner Seite wenigstens sehr sonderbar sein. Fünf Jahre zu -studieren und dann auf einmal abzuspringen!« - -»Nun ja, gewiß! Aber es ist doch besser, fünf Jahre zu verlieren, als -nachher das ganze Leben lang eine Tätigkeit auszuüben, die man nicht -liebt.« - -Aber sogleich fängt er mir auch an leid zu tun, und ich beeile mich -hinzuzufügen: - -»Handeln Sie übrigens, wie es Ihnen gut scheint! Also arbeiten Sie noch -ein bißchen, und kommen Sie dann wieder!« - -»Wann?« fragt der Faulpelz in dumpfem Tone. - -»Wann Sie wollen. Meinetwegen morgen.« - -Und in seinen gutmütigen Augen lese ich den Gedanken: »Kommen könnte -ich schon; aber du Racker würdest mich ja doch wieder durchfallen -lassen!« - -»Gewiß,« sage ich, »Sie werden nicht gelehrter dadurch werden, wenn Sie -sich noch fünfzehnmal von mir examinieren lassen; aber es wird zu Ihrer -Charakterbildung beitragen. Und das ist doch auch ein schöner Gewinn.« - -Es folgt wieder eine Pause. Ich erhebe mich und warte, daß der Besucher -fortgeht; aber er bleibt stehen, blickt nach dem Fenster hin, zupft an -seinem Bärtchen und überlegt. Die Sache beginnt langweilig zu werden. - -Die Stimme des Sanguinikers ist angenehm und volltönend, seine -Augen verständig und etwas spöttisch, das Gesicht seelengut, vom -vielen Biertrinken und dem langen Herumliegen auf dem Sofa ein wenig -aufgedunsen; anscheinend könnte er mir viel Interessantes über die -Oper, über seine Liebesabenteuer und über die Kommilitonen, die er gern -hat, erzählen; aber leider ist es nicht üblich, von dergleichen zu -sprechen. Ich würde es ganz gern hören. - -»Herr Professor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn Sie mir Genügend -geben, so werde ich ...« - -Sowie das Gespräch beim Ehrenworte angelangt ist, winke ich abwehrend -mit den Händen und setze mich an den Tisch. Der Student denkt noch eine -Minute lang nach und sagt dann niedergeschlagen: - -»Dann also adieu ... Entschuldigen Sie!« - -»Adieu, lieber Freund. Möge es Ihnen gut gehen!« - -Er geht unentschlossen in das Vorzimmer und zieht sich dort langsam an; -nachdem er auf die Straße hinausgetreten ist, denkt er wahrscheinlich -nochmals lange nach. Aber da ihm nichts weiter einfällt als mit -Bezug auf mich »Alter Satan!« vor sich hinzumurmeln, geht er in ein -schlechtes Restaurant, um Bier zu trinken und Mittagbrot zu essen, und -dann nach Hause, um zu schlafen. Friede deiner Asche, du ehrlicher -Freund der Arbeit! - -Es klingelt zum dritten Male. In mein Zimmer tritt ein junger Arzt -in einem neuen, schwarzen Anzuge, mit einer goldenen Brille und -selbstverständlich mit einer weißen Krawatte. Er stellt sich vor. -Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und frage, was zu seinen Diensten -steht. Nicht ohne eine gewisse Erregung beginnt der junge Priester der -Wissenschaft mir zu erzählen, er habe in diesem Jahre sein Doktorexamen -bestanden und müsse jetzt nur noch eine Dissertation schreiben. Er -möchte gern bei mir, unter meiner Leitung, arbeiten, und ich würde -ihn zu großem Dank verpflichten, wenn ich ihm ein Thema für seine -Dissertation angeben wollte. - -»Ich freue mich sehr, Ihnen nützlich sein zu können, Herr Kollege,« -sage ich. »Aber lassen Sie uns zunächst darüber einig werden, was denn -eigentlich eine Dissertation ist. Unter diesem Worte pflegt man doch -eine Abhandlung zu verstehen, die ein Produkt selbständigen Schaffens -darstellt. Nicht wahr? Eine Abhandlung aber, die über ein fremdes Thema -und unter fremder Leitung geschrieben ist, die nennt man anders ...« - -Der Doktorand schweigt. Ich werde hitzig und springe von meinem Stuhle -auf. - -»Ich begreife nicht, warum die Herren alle zu mir kommen!« rufe -ich ärgerlich. »Bin ich denn ein Händler? Ich habe keine Themata -feil! Zum tausendundersten Male bitte ich Sie alle, mich in Ruhe zu -lassen! Entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit; aber die Sache ist mir -wahrhaftig schließlich zum Ekel geworden!« - -Der Doktorand schweigt, und nur in der Gegend der Backenknochen -erscheint auf seinem Gesicht eine leichte Röte. Seine Miene drückt eine -hohe Achtung vor meinem berühmten Namen und vor meiner Gelehrsamkeit -aus; aber an seinen Augen sehe ich, daß er mich wegen meines erregten -Tones und wegen meiner kläglichen Gestalt und wegen meiner nervösen -Bewegungen geringschätzt. Ich erscheine ihm in meinem Zorne als ein -wunderlicher Geselle. - -»Ich bin kein Händler!« wiederhole ich ärgerlich. »Es ist doch auch -wunderlich: warum wollen Sie denn nicht selbständig sein? Warum ist -Ihnen denn die Freiheit so zuwider?« - -Ich rede viel; er aber schweigt dauernd. Schließlich beruhige ich mich -allmählich und gebe natürlich nach. Der Doktorand wird von mir ein -Thema erhalten, das keinen Dreier wert ist, wird unter meiner Aufsicht -eine Dissertation schreiben, von der niemand etwas hat, wird mit Würde -die langweilige Disputation überstehen und einen akademischen Grad -erhalten, der ihm nichts nützt. - -Manchmal wird meine Klingel einmal nach dem andern in Bewegung gesetzt, -ohne Ende; aber hier beschränke ich mich darauf, nur noch einen vierten -Besuch zu erwähnen. Es klingelt zum viertenmal, und ich höre bekannte -Schritte, das Rascheln eines Frauenkleides und eine liebe Stimme ... - -Vor achtzehn Jahren starb ein Kollege von mir, ein Augenarzt, und -hinterließ eine siebenjährige Tochter Katja und etwa sechzigtausend -Rubel. In seinem Testamente hatte er mich als Vormund eingesetzt. -Bis zu ihrem zehnten Lebensjahre lebte Katja in meiner Familie; dann -gab ich sie in ein Erziehungsinstitut, und sie verlebte bei mir nur -die Sommermonate, wo sie Ferien hatte. Mich mit ihrer Erziehung zu -beschäftigen, dazu hatte ich keine Zeit; ich beobachtete das Mädchen -nur in meinen Mußestunden und kann daher über ihre Kindheit nur sehr -wenig sagen. - -Das Erste, was mir im Gedächtnis haftet und mir eine liebe Erinnerung -bildet, ist die außerordentliche Zutraulichkeit, mit der sie in -mein Haus eintrat, mit der sie sich in Krankheitsfällen von den -Ärzten behandeln ließ, und die überhaupt immer auf ihrem Gesichtchen -leuchtete. Manchmal saß sie mit verbundener Backe irgendwo in einem -Eckchen, und dann konnte man sicher sein, daß sie irgend etwas mit -Aufmerksamkeit betrachtete. Und ob sie nun zu solchen Zeiten zusah, -wie ich schrieb und in Büchern blätterte, oder wie meine Frau in -der Wirtschaft tätig war, oder wie die Köchin in der Küche die -Kartoffeln wusch, oder wie der Hund spielte: immer drückten dabei -ihre Augen unabänderlich einen und denselben Gedanken aus: »Alles, -was in dieser Welt geschieht, ist schön und vernünftig.« Sie war -wißbegierig und sprach sehr gern mit mir. Oft saß sie am Tische mir -gegenüber, verfolgte mit den Augen meine Bewegungen und stellte Fragen. -Es interessierte sie, zu wissen, was ich läse, und was ich in der -Universität täte, und ob ich mich vor den Leichen nicht fürchtete, und -was ich mit meinem Gehalt anfinge. - -»Prügeln sich die Studenten in der Universität?« fragte sie. - -»Ja, das tun sie, liebes Kind.« - -»Und lassen Sie sie dafür zur Strafe knien?« - -»Ja, das tue ich.« - -Und es kam ihr komisch vor, daß die Studenten sich prügelten und ich -sie knien ließe, und sie lachte herzlich darüber. Sie war ein sanftes, -geduldiges, seelengutes Kind. Nicht selten bekam ich zu sehen, wie -man ihr etwas wegnahm, sie ohne Grund bestrafte oder ihre Wißbegierde -nicht befriedigte; dann gesellte sich zu dem ständigen Ausdrucke von -Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte noch ein Ausdruck von Traurigkeit, -aber weiter nichts. Ich verstand nicht, sie gebührend in Schutz zu -nehmen, und nur wenn ich ihre Traurigkeit sah, regte sich in mir das -Verlangen, sie an mich zu ziehen und im Tone einer alten Kinderfrau -bedauernd zu ihr zu sagen: - -»O du meine liebe Waise!« - -Ich besinne mich auch, daß sie Freude daran hatte, sich gut zu kleiden -und sich mit Parfüm zu bespritzen. In dieser Hinsicht hatte sie mit mir -Ähnlichkeit. Auch ich habe schöne Garderobe und gute Parfüms sehr gern. - -Ich bedaure, daß ich keine Zeit und Lust hatte, den Beginn und die -Entwickelung einer Leidenschaft zu verfolgen, in deren Bann Katja schon -im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren vollständig hineingeraten -war. Ich meine ihre leidenschaftliche Liebe zum Theater. Wenn sie -für die Ferienzeit aus dem Institute zu uns kam und bei uns lebte, -sprach sie von nichts mit solchem Vergnügen und solcher Wärme wie -von Theaterstücken und Schauspielern. Sie ermüdete uns durch ihre -beständigen Gespräche über das Theater. Meine Frau und meine Kinder -hörten ihr nicht mehr zu. Nur ich hatte nicht den Mut, ihr meine -Aufmerksamkeit zu verweigern. Wenn bei ihr der Wunsch rege wurde, -ihren Enthusiasmus mit jemandem zu teilen, so kam sie zu mir in mein -Arbeitszimmer und sagte in flehendem Tone: - -»Nikolai Stepanowitsch, erlauben Sie mir, mit Ihnen ein bißchen vom -Theater zu reden?« - -Ich wies auf die Uhr und sagte: »Ich gewähre dir eine halbe Stunde. -Fang an!« - -Später brachte sie ganze Dutzende von Porträts der von ihr angebeteten -Schauspieler und Schauspielerinnen mit; darauf versuchte sie einige -Male, bei Liebhabervorstellungen mitzuwirken, und schließlich, als -sie die Schule durchgemacht hatte, erklärte sie mir, sie sei zur -Schauspielerin geboren. - -Ich habe Katjas Schwärmerei für das Theater nie geteilt. Meine Ansicht -ist die: wenn ein Stück gut ist, so braucht man, damit es den richtigen -Eindruck macht, nicht erst die Schauspieler zu bemühen; man kann sich -mit der Lektüre begnügen; wenn das Stück aber schlecht ist, so ist kein -Spiel imstande, ein gutes daraus zu machen. - -In meiner Jugend habe ich häufig das Theater besucht, und jetzt nimmt -meine Familie zweimal im Jahre eine Loge und schleppt mich auch -mit hin, »zum Auslüften«. Das reicht ja freilich nicht dazu aus, -um mich zu einem Urteil über das Theater zu berechtigen; aber ich -will doch ein paar Worte darüber sagen. Meiner Ansicht nach ist das -Theater nicht besser geworden, als es vor dreißig bis vierzig Jahren -war. Wie früher kann ich weder in den Korridoren des Theaters noch -im Foyer ein einfaches Glas Wasser bekommen. Wie früher nehmen mich -die Theaterdiener für meinen Pelz in eine Geldstrafe von zwanzig -Kopeken, obwohl doch in dem Tragen warmer Kleidung zur Winterszeit -nichts Anstößiges liegt. Wie früher spielt in den Zwischenakten ohne -jeden Anlaß die Musik und fügt zu dem durch das Stück hervorgerufenen -Eindruck einen neuen, unerbetenen hinzu. Wie früher gehen die Männer -in den Zwischenakten zum Büfett, um alkoholische Getränke zu genießen. -Wenn so in Kleinigkeiten kein Fortschritt sichtbar ist, so würde ich -ihn auch in wichtigeren Dingen vergebens suchen. Wenn ein Schauspieler, -der sich vom Kopf bis zu den Füßen in die Traditionen und Vorurteile -des Theaterwesens verstrickt hat, seine Bemühung darauf richtet, den -ganz schlichten, gewöhnlichen Monolog »Sein oder nicht sein« nicht in -schlichter Art, sondern aus einem unerfindlichen Grunde mit obligatem -Zischen und mit Krämpfen im ganzen Körper vorzutragen, oder wenn er -mir um jeden Preis einzureden sucht, daß Tschazki[1], der sich so viel -mit Dummköpfen unterhält und eine dumme Frauensperson liebt, ein sehr -verständiger Mensch und »Verstand schafft Leiden« ein interessantes -Stück sei, dann weht mich von der Bühne ebenderselbe öde Geist an, -der mir schon vor vierzig Jahren langweilig war, als man mich mit -klassisch sein sollender Heulerei und An-die-Brust-schlagen regalierte. -Und jedesmal komme ich aus dem Theater mit konservativerer Gesinnung -heraus, als ich hineingegangen bin. - -Der empfindsamen, leichtgläubigen Menge kann man einreden, daß das -Theater in seinem jetzigen Zustande eine Bildungsstätte sei. Aber -wer da weiß, was eine Bildungsstätte im wahren Sinne des Wortes ist, -den fängt man nicht mit diesem Köder. Wie die Sache nach fünfzig bis -hundert Jahren aussehen wird, weiß ich nicht; unter den gegenwärtigen -Verhältnissen jedoch kann das Theater nur als Mittel zur Zerstreuung -dienen. Aber diese Zerstreuung kommt der menschlichen Gesellschaft -auf die Dauer denn doch etwas zu teuer zu stehen. Denn sie entzieht -dem Staate Tausende von jungen, gesunden, talentvollen Männern und -Frauen, die, wenn sie sich nicht dem Theater gewidmet hätten, gute -Ärzte, Landwirte, Lehrerinnen und Offiziere sein könnten; sie entzieht -dem Publikum die Abendstunden, die beste Zeit zu geistiger Arbeit und -geselliger Unterhaltung. Ich rede gar nicht einmal von den Geldausgaben -und von dem sittlichen Schaden, den der Zuschauer erleidet, wenn er -sieht, wie auf der Bühne Mord, Ehebruch und Verleumdung in unrichtiger -Weise behandelt werden. - -Katja aber war ganz anderer Meinung. Sie beteuerte mir, das Theater -stehe, auch in seinem jetzigen Zustande, hoch über allen Auditorien und -Büchern und über allem, was es in der Welt gebe. Das Theater sei eine -Macht, die alle Künste in sich vereinige, und die Schauspieler seien -Missionare der wahren Bildung. Keine Kunst und keine Wissenschaft sei -für sich allein imstande, so stark und so sicher auf die menschliche -Seele zu wirken wie die Bühne, und daher erfreue sich mit gutem Grunde -selbst ein Schauspieler mittleren Ranges im Lande einer weit größeren -Popularität als der trefflichste Gelehrte oder Künstler. Und keine -andere gemeinnützige Tätigkeit könne einen solchen Genuß und eine -solche Befriedigung gewähren wie die schauspielerische. - -Und eines schönen Tages trat Katja in eine Schauspielertruppe ein und -reiste weg, ich glaube nach Ufa; sie nahm eine bedeutende Geldsumme, -eine Unmenge buntschillernder Hoffnungen und eine ideale Auffassung -ihres Berufes mit. - -Ihre ersten Briefe von der Fahrt waren bewundernswürdig. Ich las sie -und war geradezu erstaunt, wie diese kleinen Papierbogen so viel -Jugendfrische, seelische Reinheit, heilige Naivität und gleichzeitig -so viel feine sachliche Urteile, die einem guten Männerverstande Ehre -gemacht hätten, enthalten konnten. Die Wolga, die Natur, die Städte, -die sie besuchte, die Kollegen, was sie an Erfolgen und Mißerfolgen -erlebte, alles das schilderte sie nicht sowohl, sondern sie besang es; -jede Zeile atmete die Zutraulichkeit, die ich auf ihrem Gesichte zu -sehen gewohnt gewesen war, -- und dabei eine Masse von orthographischen -Fehlern, und die Interpunktionszeichen fehlten fast vollständig. - -Es verging kein halbes Jahr, da empfing ich einen im höchsten Grade -poetischen, schwärmerischen Brief, der mit den Worten begann: »Ich -habe mich verliebt.« Beigelegt war diesem Briefe eine Photographie, -die einen jungen Mann mit glatt rasiertem Gesichte darstellte, einen -breitkrempigen Hut auf dem Kopfe, ein Plaid über die Schulter geworfen. -Die darauf folgenden Briefe waren ebenso prächtig wie die früheren; -aber es tauchten in ihnen schon zahlreichere Interpunktionszeichen -auf, die orthographischen Fehler waren verschwunden, und alles an -ihnen deutete auf die Mitarbeiterschaft eines Mannes hin. Katja -begann mir solche Dinge zu schreiben: es würde ein guter Gedanke -sein, irgendwo an der Wolga ein großes Theater zu erbauen, und zwar -jedenfalls auf Aktien, und zu diesem Unternehmen reiche Kaufleute und -Dampfschiffsreeder heranzuziehen; Geld werde auf diese Art in Menge -zur Verfügung stehen; die Einnahmen würden ganz gewaltige sein; die -Schauspieler würden auf Grund eines Gesellschaftsvertrages spielen. -Vielleicht war das alles wirklich ein guter Gedanke; aber es schien -mir, daß solche Pläne nur aus dem Kopfe eines Mannes hervorgegangen -sein könnten. - -Wie dem auch sein mochte, anderthalb bis zwei Jahre lang schien alles -gut und nach Wunsch zu gehen: Katja liebte, sie glaubte an ihren Beruf -und war glücklich; aber dann begann ich in ihren Briefen deutliche -Anzeichen des Niederganges wahrzunehmen. Dies fing damit an, daß Katja -sich bei mir über ihre Kollegen beklagte; das ist immer das erste und -mißlichste Symptom; wenn ein junger Gelehrter oder Schriftsteller bei -Ausübung seiner Tätigkeit sich über andere Gelehrte oder Schriftsteller -bitter beklagt, so bedeutet das, daß er bereits müde geworden ist -und zu seiner Berufsarbeit nicht mehr taugt. Katja schrieb mir, ihre -Kollegen kämen nicht zu den Proben und könnten ihre Rollen niemals -ordentlich; an dem Dringen auf Ausführung abgeschmackter Stücke und -an ihrer Art, sich auf der Bühne zu benehmen, merke man bei einem -jeden von ihnen eine völlige Mißachtung des Publikums; den einzigen -Gegenstand ihres Gespräches bildeten die Einnahmen, und im Interesse -der Einnahmen erniedrigten sich die dramatischen Schauspielerinnen -zum Singen von Chansons, und die Tragöden sängen Couplets, deren -Inhalt Späße über betrogene Ehemänner und über die Schwangerschaft -treuloser Gattinnen bildeten. Überhaupt müsse man sich wundern, daß das -Bühnenwesen in der Provinz noch nicht vollständig zugrunde gegangen sei -und sich auf einer so schwachen, morschen Grundlage halten könne. - -Als Antwort schickte ich Katja einen langen und, wie ich bekennen -muß, sehr langweiligen Brief. Unter anderem schrieb ich ihr: »Ich -habe nicht selten Gelegenheit gehabt, mit älteren Schauspielern zu -reden, vornehm denkenden Männern, die mir ihr freundliches Wohlwollen -zuwandten; aus den Gesprächen mit ihnen konnte ich entnehmen, daß die -Art ihrer Tätigkeit nicht sowohl von ihrem eigenen Urteil und ihrem -freien Willen als vielmehr von der Mode und der Stimmung des Publikums -abhing; selbst die besten unter ihnen mußten ihr Leben lang bald in -Tragödien, bald in Operetten, bald in Pariser Schwänken, bald in -Feerien spielen, und hatten dabei doch immer gleichmäßig das Gefühl, -daß sie auf geradem Wege wanderten und Nutzen stifteten. Somit hat man, -wie du siehst, die Ursache des Übels nicht bei den Schauspielern zu -suchen, sondern tiefer, in der Kunst selbst und in dem Verhältnisse des -ganzen Publikums zur Kunst.« Dieser mein Brief hatte nur den Erfolg, -Katja in heftige Erregung zu versetzen. Sie antwortete mir: »Wir beide, -Sie und ich, reden von ganz verschiedenen Dingen. Ich schrieb Ihnen -nicht von den vornehm denkenden Männern, die Ihnen ihr freundliches -Wohlwollen zuwandten, sondern von einer Gaunerbande, die von vornehmer -Gesinnung nichts weiß. Es ist eine Horde von Wilden, die nur deswegen -auf die Bühne geraten sind, weil man sie an keiner andern Stelle -angenommen haben würde, und die sich lediglich aus Unverschämtheit -Künstler nennen. Kein einziges Talent ist darunter, wohl aber viele -Unbegabte, Trunkenbolde, Intriganten und Zwischenträger. Ich kann Ihnen -gar nicht sagen, wie es mich schmerzt, daß die Kunst, die ich so sehr -liebe, in die Hände dieser mir verhaßten Menschen geraten ist, und wie -weh es mir tut, daß die besten Menschen das Übel nur von fern sehen, -nicht näher herantreten mögen und, statt sich der Sache anzunehmen, in -schwerfälligem Stile Gemeinplätze und Moralpredigten schreiben, die -niemandem etwas nützen können ...« und so weiter, immer in demselben -Tone. - -Es verging wieder einige Zeit, da erhielt ich folgenden Brief: »Ich bin -in unmenschlicher Weise betrogen worden. Ich kann nicht weiterleben. -Verfügen Sie über mein Geld, wie Sie es für angemessen halten! Ich habe -Sie geliebt wie einen Vater und als meinen einzigen Freund. Verzeihen -Sie mir!« - -Es hatte sich herausgestellt, daß auch ihr »Er« zu der »Horde von -Wilden« gehörte. Später konnte ich aus einigen Andeutungen erraten, -daß sie einen Versuch gemacht hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie -hatte versucht, sich zu vergiften. Ich mußte annehmen, daß sie darauf -ernstlich krank geworden war, da ich den nächsten Brief schon aus Jalta -erhielt, wohin sie wahrscheinlich von den Ärzten geschickt worden war. -Dieser enthielt die Bitte, ihr möglichst schnell tausend Rubel nach -Jalta zu schicken, und schloß folgendermaßen: »Entschuldigen Sie, daß -dieser Brief so trübe klingt. Ich habe gestern mein Kind begraben.« -Nachdem sie in der Krim etwa ein Jahr lang gelebt hatte, kehrte sie -nach Hause zurück. - -Ihr Umherreisen von Ort zu Ort hatte ungefähr vier Jahre gedauert, und -während dieser ganzen vier Jahre hatte ich, wie ich eingestehen muß, -ihr gegenüber eine sonderbare, ziemlich klägliche Rolle gespielt. Als -sie mir zuerst erklärt hatte, sie wolle Schauspielerin werden, und -mir dann von ihrer Liebe geschrieben hatte, und als sie periodisch -von Verschwendungssucht ergriffen worden war und ich ihr häufig auf -ihr Verlangen bald tausend, bald zweitausend Rubel hatte schicken -müssen, und als sie mir von ihrer Absicht zu sterben und dann von -dem Tode ihres Kindes geschrieben hatte, da hatte ich jedesmal nicht -recht gewußt, was ich tun sollte, und meine ganze Anteilnahme an ihrem -Geschick hatte sich nur darin geäußert, daß ich viel nachdachte und ihr -umfängliche, langweilige Briefe schrieb, die ich gut und gern hätte -ungeschrieben lassen können. Und dabei sollte ich ihr doch eigentlich -den leiblichen Vater ersetzen und liebte sie auch wirklich wie eine -Tochter! - -Jetzt wohnt Katja nur eine halbe Werst von mir entfernt. Sie hat -sich eine Wohnung von fünf Zimmern gemietet und sich darin ziemlich -komfortabel und nach ihrem persönlichen Geschmack eingerichtet. Wenn -jemand ihre Einrichtung charakterisieren wollte, so müßte er als das -bedeutsamste Moment die Trägheit bezeichnen. Da sind für den trägen -Körper weiche Chaiselongues und weiche Sessel, für die trägen Füße -weiche Teppiche, für das träge Auge blasse, trübe, matte Farben, für -den trägen Geist an den Wänden eine Unmasse billiger, buntbemalter -Fächer und kleiner Bilder, bei denen der dargestellte Gegenstand hinter -der Originalität der Ausführung zurücktritt, eine Menge von Tischchen -und Regalen, die mit unnützen, wertlosen Dingen ganz vollgestellt sind, -formlose Lappen statt der Vorhänge usw. Diese ganze Einrichtung mit -der sich darin bekundenden Scheu vor hellen Farben, vor Symmetrie und -vor freiem Raum zeugt nicht nur von seelischer Trägheit, sondern auch -von einer Verbildung des natürlichen Geschmacks. Ganze Tage lang liegt -Katja auf einer Chaiselongue und liest Bücher, vorzugsweise Romane und -Novellen. Das Haus verläßt sie nur einmal am Tage, nachmittags, um mich -zu besuchen. - -Ich arbeite; Katja aber sitzt nicht weit von mir auf dem Sofa, schweigt -und wickelt sich in ihren Schal, als ob sie fröre. Sei es, weil sie -mir sympathisch ist, oder weil ich an ihre Besuche noch von der Zeit -her gewöhnt bin, wo sie als Mädchen so oft in meinem Zimmer war: ihre -Anwesenheit hindert mich nicht, meine Aufmerksamkeit auf meine Arbeit -zu konzentrieren. Ab und zu richte ich mechanisch irgendeine Frage an -sie, und sie gibt mir eine sehr kurze Antwort; oder ich wende mich, -um mich einen Augenblick zu erholen, zu ihr und sehe, wie sie, in -Gedanken versunken, in irgendein medizinisches Journal oder in eine -Zeitung blickt. Und dabei bemerke ich, daß der frühere Ausdruck von -Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte nicht mehr vorhanden ist. Ihr Gesicht -sieht jetzt kalt, gleichgültig und zerstreut aus, wie bei Reisenden, -die lange auf den Zug warten müssen. Gekleidet ist sie wie früher schön -und einfach, aber nachlässig; man sieht, daß ihrer Toilette und ihrer -Frisur die Chaiselongues und Schaukelstühle, auf denen sie tagelang -umherliegt, nicht gut bekommen. Auch ist sie nicht mehr wißbegierig, -wie sie es doch früher war. Sie richtet an mich keine Fragen mehr; es -ist, als hätte sie im Leben schon alles durchgemacht und erwartete -nicht mehr etwas Neues zu hören. - -Kurz vor vier Uhr macht sich im Saale und im Salon eine Bewegung -bemerklich. Es ist Lisa, die aus dem Konservatorium gekommen ist -und ein paar Freundinnen mitgebracht hat. Man hört, wie sie Klavier -spielen, ihre Stimmen versuchen und lachen. Im Eßzimmer deckt Jegor den -Tisch und klappert mit dem Geschirr. - -»Leben Sie wohl,« sagt Katja. »Zu Ihren Damen gehe ich heute nicht -mehr hinein; sie müssen mich schon entschuldigen; ich habe keine Zeit. -Besuchen Sie mich!« - -Während ich sie bis ins Vorzimmer begleite, blickt sie mich unzufrieden -vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagt ärgerlich: - -»Aber Sie werden immer magerer! Warum gebrauchen Sie keine Kur? Ich -werde mich an Sergei Fedorowitsch wenden und ihn herschicken. Der soll -Sie gründlich untersuchen.« - -»Das ist nicht nötig, Katja.« - -»Ich begreife nicht, wie Ihre Angehörigen das mitansehen können! Es ist -geradezu eine Sünde!« - -Sie zieht mit heftigen Bewegungen ihren Pelz an, wobei aus ihrer -nachlässig hergestellten Frisur mit Sicherheit zwei oder drei -Haarnadeln auf den Fußboden fallen. Die Frisur wieder zurechtzumachen, -ist sie zu träge, hat auch keine Zeit dazu; sie schiebt die -heruntergefallenen Locken unordentlich unter ihr Mützchen und geht. - -Wenn ich in das Eßzimmer trete, fragt mich meine Frau: - -»Katja ist eben bei dir gewesen? Warum ist sie denn nicht zu uns -hereingekommen? Das ist doch geradezu sonderbar ...« - -»Aber Mama!« sagt Lisa in vorwurfsvollem Tone. »Wenn sie nicht will, -dann läßt sie es bleiben. Wir werden sie doch nicht auf den Knien darum -bitten!« - -»Jedenfalls ist es eine arge Nichtachtung. Sitzt da drei Stunden lang -in Papas Arbeitszimmer und denkt nicht an uns. Na, aber wie es ihr -beliebt!« - -Warja und Lisa hassen Katja. Dieser Haß ist mir unverständlich, und -wahrscheinlich muß man, um ihn zu verstehen, ein Weib sein. Ich möchte -mich mit meinem Kopfe dafür verbürgen, daß unter den hundertfünfzig -jungen Männern, die ich fast täglich in meinem Auditorium sehe, und -den hundert älteren, mit denen ich jede Woche zusammenkomme, sich kaum -einer findet, der für diesen Haß und Abscheu gegen Katjas Vergangenheit -(weil sie nämlich ein uneheliches Kind gehabt hat) ein Verständnis -besäße; und gleichzeitig kann ich mich auf kein weibliches Wesen unter -den Frauen und jungen Mädchen meiner Bekanntschaft besinnen, das nicht, -sei es bewußt, sei es instinktiv, gegen eine solche Geschlechtsgenossin -von jenen Gefühlen des Hasses und Abscheus erfüllt wäre. Und das kommt -nicht etwa daher, daß die Frau keuscher und reiner ist als der Mann; -denn wenn Keuschheit und Reinheit mit solchen boshaften Gefühlen -verbunden sind, so sind sie nur wenig besser als das Laster. Sondern -ich erkläre mir das einfach aus der Rückständigkeit der Frau. Wenn der -heutige Mann beim Anblick eines solchen Unglücks ein wehmütiges Gefühl -des Mitleids empfindet und sein Gewissen ihn peinigt, so lassen mich -diese Empfindungen eher auf eine hohe Stufe der Kultur und Sittlichkeit -schließen als jener Haß und Abscheu. Das heutige Weib besitzt noch -dieselbe Neigung zum Weinen und dieselbe Härte des Herzens wie das Weib -des Mittelalters. Und meines Erachtens handeln diejenigen ganz richtig, -die den Frauen raten, ihrer Bildung dieselbe Richtung zu geben wie die -Männer. - -Meine Frau kann Katja auch deswegen nicht leiden, weil sie -Schauspielerin gewesen ist, ferner wegen ihrer Undankbarkeit und wegen -ihres Stolzes und wegen ihres exzentrischen Benehmens und wegen all der -zahlreichen Laster, die eine Frau immer an einer andern herauszufinden -versteht. - -Außer mir und meiner Familie pflegen bei uns noch zwei oder drei -Freundinnen meiner Tochter zu Mittag zu speisen, sowie ein Herr -Alexander Adolfowitsch Gnecker, ein Verehrer Lisas, der sich um -ihre Hand bewirbt. Er ist ein junger Mann, kaum dreißig Jahre alt, -blond, von mittlerer Statur, sehr wohlgenährt, breitschultrig, mit -einem rötlichen Backenbart an den Ohren und einem dunkelgefärbten -Schnurrbärtchen, das seinem vollen, glatten Gesichte das Aussehen -einer Spielzeugfigur verleiht. Er trägt ein sehr kurzes Jackett, eine -bunte Weste, großkarierte Beinkleider, die oben sehr weit und unten -sehr eng sind, und gelbe Halbstiefel ohne Absätze. Seine Augen stehen -hervor wie bei einem Krebse; die Krawatte hat mit einem Krebsschwanze -Ähnlichkeit, und es will mir sogar so vorkommen, als ob dieser ganze -junge Mensch nach Krebssuppe röche. Er ist bei uns täglich zu Besuch; -aber niemand in meiner Familie weiß, von welcher Herkunft er ist, -wo er seine Bildung genossen hat, und wo er die Mittel zum Leben -herbekommt. Er spielt kein Instrument und singt nicht, hat aber doch -eine gewisse Beziehung sowohl zur Instrumentalmusik als auch zum -Gesange; er verkauft irgendwo für irgend jemand Klaviere, hält sich oft -im Konservatorium auf, ist mit allen Berühmtheiten bekannt und hat bei -Konzerten allerlei zu arrangieren. Er urteilt über Musik mit großer -Bestimmtheit, und wie ich bemerkt habe, schließen sich alle seinem -Urteile willig an. - -Wie reiche Leute immer ein paar Parasiten um sich haben, so ist es auch -mit der Wissenschaft und mit der Kunst. Es gibt wohl auf der Welt -keine Kunst oder Wissenschaft, die von Fremdkörpern, in der Art dieses -Herrn Gnecker, frei wäre. Ich bin kein Musiker und irre mich vielleicht -hinsichtlich dieses Herrn, den ich zudem nur wenig kenne; aber die -autoritative Würde, mit der er am Flügel steht und zuhört, wenn jemand -singt oder spielt, kommt mir gar zu verdächtig vor. - -Man mag hundertmal ein Gentleman und Geheimrat sein, aber wenn man -eine Tochter hat, so kann man sich durch nichts vor dem Spießbürgertum -sichern, das einem durch die Courmacherei, den Heiratsantrag und die -Hochzeit ins Haus hineingetragen wird und einem die Stimmung verdirbt. -So kann ich mich z. B. schlechterdings nicht mit der feierlichen Miene -abfinden, die meine Frau jedesmal annimmt, wenn Herr Gnecker bei uns -sitzt, auch nicht mit den Flaschen Lafitte, Portwein und Sherry, die -nur seinetwegen auf den Tisch kommen, um ihn durch den Augenschein zu -überzeugen, wie behaglich und luxuriös wir leben. Ich kann auch Lisas -abgebrochenes Lachen nicht vertragen, das sie sich im Konservatorium -angewöhnt hat, und ihre Manier, die Augen zusammenzukneifen, wenn -Herren bei uns zu Besuch sind. Und vor allen Dingen kann ich absolut -nicht begreifen, warum da tagtäglich ein Mensch in mein Haus kommt -und mit mir zu Mittag speist, der zu meinen Gewohnheiten, zu meiner -Wissenschaft, zu meiner ganzen Lebensweise nicht im geringsten paßt -und mit denjenigen Menschen, die ich gern habe, nicht die geringste -Ähnlichkeit besitzt. Meine Frau und die Dienerschaft flüstern heimlich, -das sei »ein Freiersmann«; aber ich habe trotzdem kein Verständnis -für seine Anwesenheit; sie erregt bei mir eine solche Verwunderung, -als hätte sich ein Zulukaffer zu mir an den Tisch gesetzt. Und ebenso -seltsam kommt es mir vor, daß meine Tochter, die ich für ein Kind -anzusehen gewohnt bin, diese Krawatte und diese Augen und diese weichen -Backen liebt ... - -Früher machte das Mittagessen mir Freude oder ließ mich gleichgültig; -aber jetzt erregt es mir nur Langeweile und macht mich nervös. Seit -ich Exzellenz geworden und eine Zeitlang Dekan der Fakultät gewesen -bin, hat meine Familie es aus einem mir unverständlichen Grunde für -nötig befunden, das Menü und die gesamte Ordnung unseres Mittagessens -vollständig umzuändern. Statt der einfachen Gerichte, an die ich -mich gewöhnt hatte, als ich noch Student und praktischer Arzt war, -bekomme ich jetzt eine Püree-Suppe, in der irgendwelche weiße Klütern -schwimmen, und Nieren in Madeira zu essen. Mein Generalsrang und -meine Berühmtheit haben mich auf immer der Kohlsuppe beraubt und der -schmackhaften Piroggen und des Gänsebratens mit Äpfeln und des Brassens -mit Grütze. Sie haben mich auch des Stubenmädchens Agascha beraubt, -einer geschwätzigen, lachlustigen alten Person, statt deren jetzt -beim Mittagessen Jegor serviert, ein dummer, hochmütiger Bursche, mit -einem weißen Handschuh auf der rechten Hand. Die Pausen zwischen den -Gerichten sind nur kurz, erscheinen aber außerordentlich lang, weil wir -nichts haben, womit wir sie ausfüllen könnten. Es fehlt die frühere -Heiterkeit, die ungezwungenen Gespräche, die Scherze, das Gelächter, -die gegenseitigen Zärtlichkeiten und jene Freude, die ehemals die -Kinder und meine Frau und ich schon darüber zu empfinden pflegten, daß -wir uns im Eßzimmer zusammenfanden; für mich, einen vielbeschäftigten -Mann, war das Mittagessen eine Zeit der Erholung, des Wiedersehens -mit den Meinen, und für meine Frau und die Kinder war es eine wenn -auch kurze, so doch vergnügte und fröhliche Feierzeit, wo sie wußten, -daß ich für eine halbe Stunde nicht der Wissenschaft und nicht den -Studenten, sondern einzig und allein ihnen und sonst niemandem gehörte. -Jetzt kann ich nicht mehr das Kunststück ausführen, mich an einem -einzigen Gläschen zu betrinken, und Agascha ist nicht mehr da, und der -Brassen mit Grütze ist nicht mehr da, und auch der Lärm fehlt, der -immer die kleinen aufregenden Ereignisse beim Mittagessen begleitete, -wenn z. B. der Hund und die Katze sich unter dem Tische bissen oder -das Tuch, das sich Katja um die Backe gebunden hatte, ihr in den -Suppenteller fiel. - -Die jetzige Mittagsmahlzeit zu schildern ist ebenso unerfreulich wie -sie wirklich durchzumachen. Auf dem Gesichte meiner Frau liegt eine -gewisse Feierlichkeit, eine gekünstelte Würde und der gewöhnliche -sorgenvolle Ausdruck. Unruhig blickt sie auf unsere Teller und sagt: -»Ich sehe, der Braten schmeckt euch nicht. Sagt doch die Wahrheit: -er schmeckt euch wirklich nicht?« Und ich bin dann genötigt zu -antworten: »Du machst dir unnütze Sorge, liebe Frau; der Braten -schmeckt sehr gut.« Und dann sie wieder: »Du willst mich immer -verteidigen, Nikolai Stepanowitsch, und sagst nie, was Du wirklich -denkst. Warum hat denn Alexander Adolfowitsch so wenig gegessen?« Und -in dieser Art geht es während des ganzen Mittagessens weiter. Lisa -lacht in ihrer abgebrochenen Manier und kneift die Augen zusammen. -Ich sehe meine Frau und meine Tochter an und werde mir gerade jetzt -beim Mittagessen vollständig klar darüber, daß das innere Leben der -beiden schon längst meiner Beobachtung entschlüpft ist. Ich habe ein -Gefühl, als hätte ich früher einmal mit meiner richtigen Familie -zu Hause gelebt, wäre aber jetzt bei einer fremden Dame, nicht bei -meiner richtigen Frau, zum Mittagessen und sähe da ein fremdes junges -Mädchen, nicht meine richtige Lisa, vor mir. Mit beiden ist eine starke -Veränderung vorgegangen, und ich habe diesen langen Veränderungsprozeß -gewissermaßen verschlafen, und so ist es denn kein Wunder, daß ich -jetzt nichts begreife. Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen? -Ich weiß es nicht. Möglicherweise rührt das ganze Unglück daher, daß -Gott meiner Frau und meiner Tochter nicht so viel Kraft verliehen hat -wie mir. Ich war von meiner Kindheit an gewöhnt, äußeren Einflüssen -Widerstand zu leisten, und habe mich hinlänglich abgehärtet; solche -Katastrophen im Leben wie das Berühmtwerden, die Erlangung des -Generalsranges, der Übergang von einem auskömmlichen Leben zu einem -Leben, das die Mittel übersteigt, der Eintritt in den Verkehr mit -vornehmen Leuten, und mehr dergleichen, all das hat mich daher kaum -berührt, und ich bin heil und unversehrt geblieben; aber auf meine -Frau und Lisa, die schwach und nicht abgehärtet waren, ist dies alles -zusammengestürzt wie eine große Schneewand und hat sie erdrückt. - -Die jungen Damen und Herr Gnecker reden über Fugen, über Kontrapunkt, -über Sänger und Pianisten, über Bach und Brahms; meine Frau aber, -welche in den Verdacht der Unwissenheit auf musikalischem Gebiete -zu kommen fürchtet, lächelt interessiert und murmelt: »Ganz reizend -... Wirklich? Gewiß, gewiß ...« Herr Gnecker ißt tüchtig, macht -wohlanständige Scherze und hört nachsichtig die Bemerkungen der -jungen Damen an. Mitunter bekundet er das Bestreben, ein schlechtes -Französisch zu sprechen, und dann hält er (ich weiß nicht warum) für -nötig, mich ~votre excellence~ zu titulieren. - -Ich aber bin ärgerlich. Augenscheinlich geniere ich sie alle, und sie -genieren mich. Nie habe ich früher etwas von Feindschaft gegen einen -andern Stand gewußt; jetzt aber quält mich tatsächlich etwas von dieser -Art. Ich bemühe mich, an Herrn Gnecker nur schlechte Eigenschaften -herauszufinden, finde solche auch wirklich bald und bin mißgestimmt -darüber, daß da als Bewerber um die Hand meiner Tochter ein Mensch -sitzt, der einem ganz andern Kreise angehört als ich. Seine Anwesenheit -hat auch noch in einer andern Hinsicht einen schlechten Einfluß auf -mich. Gewöhnlich, wenn ich allein bin oder mich in Gesellschaft von -Leuten befinde, die mir sympathisch sind, denke ich gar nicht an meine -Verdienste, oder wenn mir doch der Gedanke an sie kommt, so erscheinen -sie mir so geringfügig, als wäre ich erst gestern ein Gelehrter -geworden; aber in Gegenwart solcher Leute, wie Herr Gnecker, kommen -mir meine Verdienste wie ein sehr hoher Berg vor, dessen Gipfel in den -Wolken verschwindet, und an dessen Fuße, für das Auge kaum sichtbar, -die Menschen von der Art des Herrn Gnecker sich herumbewegen. - -Nach Tische gehe ich in mein Arbeitszimmer und rauche dort ein -Pfeifchen, das einzige während des ganzen Tages; mehr ist von meiner -früheren schlechten Gewohnheit, vom frühen Morgen bis in die Nacht -hinein zu paffen, nicht übriggeblieben. Während ich rauche, kommt meine -Frau zu mir herein und setzt sich hin, um mit mir zu reden. Gerade so -wie am Vormittage weiß ich auch jetzt, wovon unser Gespräch handeln -wird. - -»Ich habe mit dir etwas Ernstes zu besprechen, Nikolai Stepanowitsch,« -beginnt sie. »Ich wollte von Lisa reden. Warum wendest du darauf keine -Aufmerksamkeit?« - -»Was meinst du damit?« - -»Du tust, als ob du nichts merktest; aber das ist doch ein falsches -Benehmen. Man darf die Sache nicht so gehen lassen, ohne sich darum zu -kümmern. Gnecker hat ernste Absichten auf Lisa. Was sagst du dazu?« - -»Daß er ein schlechter Mensch ist, kann ich nicht sagen, da ich -ihn nicht kenne; aber daß er mir nicht gefällt, habe ich dir schon -tausendmal gesagt.« - -»Aber es ist unrecht ... es ist unrecht ...« - -Sie steht auf und geht in großer Erregung auf und ab. - -»Es ist unrecht, einer ernsten Sache gegenüber einen solchen Standpunkt -einzunehmen,« sagt sie. »Wenn es sich um das Lebensglück der Tochter -handelt, dann muß man alles Persönliche ausschalten. Ich weiß, daß er -dir nicht gefällt ... Das kann ja sein ... Aber wenn wir ihn jetzt -abweisen und die Sache verhindern, dann ist zu befürchten, daß Lisa -uns ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen wird. Es wimmelt heutzutage -nicht von Freiern, und es kann leicht kommen, daß sich ihr keine andere -Partie mehr bietet. Er liebt Lisa sehr, und anscheinend findet auch sie -an ihm Gefallen. Er hat ja allerdings keine gesicherte Stellung; aber -was ist da zu machen? So Gott will, wird er schon mit der Zeit irgendwo -ankommen. Er ist aus guter Familie und reich.« - -»Woher weißt du das?« - -»Er hat es gesagt. Sein Vater besitzt in Charkow ein großes Haus und in -der Nähe von Charkow ein Gut. Kurz gesagt, Nikolai Stepanowitsch, du -mußt unbedingt nach Charkow reisen.« - -»Warum?« - -»Du mußt da Erkundigungen anstellen. Du bist ja dort mit einigen -Professoren bekannt; die werden dir behilflich sein. Ich würde selbst -hinfahren; aber ich bin ein Weib. Ich kann es nicht.« - -»Ich reise nicht nach Charkow,« erwidere ich mürrisch. - -Meine Frau bekommt einen Schreck, und auf ihrem Gesichte erscheint ein -Ausdruck qualvollen Schmerzes. - -»Um Gottes willen, Nikolai Stepanowitsch!« fleht sie mich schluchzend -an. »Um Gottes willen, nimm mir diese schwere Sorge von der Seele! Ich -leide darunter entsetzlich!« - -Wie ich sie so ansehe, tut sie mir leid. - -»Nun gut, Warja,« sage ich freundlich. »Wenn du es wünschest, will ich -meinetwegen nach Charkow fahren und alles tun, was du möchtest.« - -Sie drückt das Taschentuch gegen die Augen und geht auf ihr Zimmer, um -zu weinen. Ich bleibe allein. - -Nach einiger Zeit bringt man mir Licht. Von den Sesseln und dem -Lampenschirm lagern sich auf den Wänden und auf dem Fußboden die mir -längst bekannten, längst zuwider gewordenen Schatten, und wenn ich sie -ansehe, so will es mir scheinen, daß es schon Nacht sei, und daß meine -nichtswürdige Schlaflosigkeit schon beginne. Ich lege mich ins Bett; -dann stehe ich wieder auf und wandere im Zimmer auf und ab; dann lege -ich mich wieder hin ... Gewöhnlich erreicht nach dem Mittagessen, vor -dem Abend, meine nervöse Erregung ihren höchsten Grad. Ich fange ohne -Veranlassung zu weinen an und stecke den Kopf unter das Kopfkissen. -In solchen Augenblicken fürchte ich mich davor, daß jemand eintreten -könnte; ich fürchte, plötzlich zu sterben, schäme mich meiner Tränen, -und meine ganze Seele ist von einem allgemeinen, unerträglichen -Schmerz erfüllt. Ich fühle, daß ich nicht länger imstande bin, meine -Lampe, meine Bücher, die Schatten auf dem Fußboden anzusehen und die -aus dem Salon herübertönenden Stimmen anzuhören. Eine unsichtbare, -unbegreifliche Macht zieht mich gewaltsam aus meiner Wohnung hinaus. -Ich springe auf, kleide mich hastig an und gehe vorsichtig, damit -meine Hausgenossen es nicht gewahr werden, auf die Straße. Wo soll ich -hingehen? - -Die Antwort auf diese Frage steckt schon längst fertig in meinem -Gehirn: zu Katja. - - - - -III - - -Sie liegt wie gewöhnlich auf dem türkischen Sofa oder einer -Chaiselongue und liest ein Buch. Sobald sie mich erblickt, hebt sie -träge den Kopf in die Höhe, setzt sich aufrecht und streckt mir die -Hand entgegen. - -»Immer liegst du,« sage ich, nachdem ich ein Weilchen geschwiegen -und mich erholt habe. »Das ist ungesund. Du solltest dir irgendeine -Tätigkeit zurechtmachen.« - -»Was sagen Sie?« - -»Ich sage, du solltest dir irgendeine Tätigkeit zurechtmachen.« - -»Was für eine Tätigkeit? Eine Frau kann weiter nichts sein als entweder -einfache Arbeiterin oder Schauspielerin.« - -»Nun gut: wenn du also nicht Arbeiterin sein kannst, so werde wieder -Schauspielerin.« - -Sie schweigt. - -»Du solltest heiraten,« sage ich halb im Scherz. - -»Ich wüßte nicht, wen. Und es liegt mir auch nichts daran.« - -»So, wie du lebst, das ist kein Leben.« - -»Ohne Mann? Große Sache! Männer könnte ich haben, soviel ich wollte, -wenn ich nur Lust hätte.« - -»Das ist häßlich, Katja.« - -»Was ist häßlich?« - -»Was du da eben gesagt hast.« - -Da sie merkt, daß ich mich verletzt fühle, möchte sie den üblen -Eindruck wieder gutmachen und sagt: - -»Kommen Sie! Wir wollen anderswohin gehen. Dorthin.« - -Sie führt mich in ein kleines, sehr behagliches Zimmerchen und sagt, -indem sie auf einen Schreibtisch hinweist: - -»Da! Ich habe ihn für Sie angeschafft. Hier können Sie arbeiten. Kommen -Sie alle Tage her und bringen Sie Ihre Arbeit mit! Dort bei Ihnen zu -Hause stört man Sie doch nur. Wollen Sie hier arbeiten? Ja? Wollen Sie?« - -Um sie nicht durch eine abschlägige Antwort zu kränken, erwidere -ich ihr, ich würde bei ihr arbeiten, und das Zimmer gefalle mir -außerordentlich. Darauf lassen wir uns beide in dem gemütlichen -Zimmerchen nieder und fangen an, uns zu unterhalten. - -Die Wärme, die anheimelnde Umgebung und die Anwesenheit eines mir -sympathischen Menschen erwecken in mir jetzt nicht wie in früheren -Zeiten ein Gefühl des Vergnügens, sondern einen starken Drang zu klagen -und zu murren. Ich habe die Vorstellung, wenn ich murre und klage, wird -mir leichter ums Herz werden. - -»Es ist ein übles Ding, mein liebes Kind!« beginne ich mit einem -Seufzer. »Ein sehr übles Ding ...« - -»Was denn?« - -»Ich will dir sagen, um was es sich handelt, meine Liebe. Das schönste -und heiligste Recht der Könige ist das Recht der Begnadigung. Und -ich bin mir immer wie ein König vorgekommen, da ich dieses Recht in -unbegrenztem Maße ausübte. Ich habe nie über jemand den Stab gebrochen, -bin nachsichtig gewesen und habe gern allen Menschen rings um mich -herum verziehen. Wo andere protestierten und empört waren, da habe ich -nur durch Ratschläge und Überredung zu wirken gesucht. Mein ganzes -Leben hindurch ist mein Bestreben nur darauf gerichtet gewesen, meiner -Familie, den Studenten, den Kollegen, den Dienstboten den Verkehr -mit mir erträglich zu machen. Und dieses mein Betragen den Menschen -gegenüber hat, das weiß ich, auf alle, die mit mir zu tun hatten, -erzieherisch gewirkt. Aber jetzt bin ich kein König mehr. In meiner -Seele bildet sich eine Gesinnung heraus, die nur für Sklavenseelen -paßt; in meinem Kopfe wimmelt es Tag und Nacht von bösen Gedanken, -und in meinem Herzen hat sich ein ganzer Schwarm von Empfindungen -eingenistet, wie ich sie früher nie gekannt habe. Ich hasse, verachte, -bin mißvergnügt und empört und fürchte mich. Ich bin über die Maßen -streng, anspruchsvoll, reizbar, unliebenswürdig und argwöhnisch -geworden. Selbst Dinge, die mir früher lediglich Anlaß gaben, einen -munteren Scherz zu machen und gutmütig zu lachen, rufen jetzt bei mir -ein drückendes, beängstigendes Gefühl hervor. Auch meine Logik hat sich -geändert: früher richtete sich meine Verachtung nur gegen das Geld; -jetzt aber hege ich ein feindseliges Gefühl gegen die Reichen, als ob -diese irgendwelche Schuld träfe; früher haßte ich Gewalttätigkeit und -Willkür; aber jetzt hasse ich die Menschen, die gewalttätig verfahren, -als ob sie allein schuld wären und nicht vielmehr wir alle, die wir -einander nicht zu erziehen verstehen. Woher kommt das? Wenn diese -neuen Gedanken und neuen Empfindungen in einer Veränderung meiner -Überzeugungen ihren Ursprung haben, welchen Grund mag dann diese -Veränderung haben? Ist die Welt schlechter geworden und ich besser, -oder war ich früher blind und achtlos? Wenn aber diese Veränderung -von einem allgemeinen Verfall meiner körperlichen und geistigen -Kräfte herrührt (ich bin ja tatsächlich krank und verliere täglich an -Gewicht), dann ist meine Lage eine ganz klägliche, dann sind meine -neuen Gedanken nicht normal, sondern krankhaft, und ich muß mich ihrer -schämen und sie für völlig wertlos erachten ...« - -»Ihre Krankheit hat damit nichts zu tun,« unterbricht mich Katja; »es -sind Ihnen einfach die Augen aufgegangen; das ist das Ganze. So haben -Sie erblickt, was Sie früher aus irgendwelchem Grunde nicht wahrnehmen -wollten. Meiner Ansicht nach ist vor allen Dingen notwendig, daß Sie -sich von Ihrer Familie trennen und von ihr fortgehen.« - -»Du redest Torheiten.« - -»Sie lieben sie nicht mehr; wozu da noch heucheln? Und ist denn das -eine Familie für Sie? Ganz wertlose Geschöpfe! Wenn sie heute stürben, -so würde sie schon morgen kein Mensch mehr vermissen.« - -Katja verachtet meine Frau und meine Tochter ebenso stark, wie diese -beiden sie hassen. Man darf in unserer Zeit ja kaum von einem Rechte -der Menschen reden, einander zu verachten. Aber wenn man sich auf -Katjas Standpunkt stellt und das Vorhandensein eines solchen Rechtes -behauptet, dann muß man allerdings sagen, daß sie mit demselben Rechte -meine Frau und Lisa verachtet, mit welchem diese sie hassen. - -»Ganz wertlose Geschöpfe!« sagt sie noch einmal. »Haben Sie heute -zu Mittag gegessen? Mich wundert nur, daß Ihre Angehörigen nicht -vergessen haben, Sie zu Tisch zu rufen, daß sie überhaupt noch an Ihre -Existenz denken.« - -»Katja,« sage ich in strengem Tone, »ich bitte dich zu schweigen.« - -»Meinen Sie denn, daß es mir Vergnügen macht, von ihnen zu reden? Ich -wäre froh, wenn ich sie überhaupt nicht kennte. Hören Sie auf mich, -teurer Freund: lassen Sie alles im Stich, und reisen Sie weg! Reisen -Sie ins Ausland! Je eher, um so besser.« - -»Was für Unsinn! Und die Universität?« - -»Lassen Sie auch die Universität im Stich! Was haben Sie von der? -Etwas Gescheites kommt ja doch nicht dabei heraus. Da halten Sie nun -schon dreißig Jahre lang Vorlesungen, und was ist aus Ihren Schülern -geworden? Haben Sie etwa viele berühmte Gelehrte herangebildet? -Zählen Sie sie doch einmal zusammen! Und um die Zahl dieser Ärzte -zu vermehren, die die Unwissenheit der Patienten ausbeuten und -Hunderttausende von Rubeln zusammenscharren, dazu bedarf es keines -talentvollen, herzensguten Menschen. Sie sind hier völlig entbehrlich.« - -»Mein Gott, was hast du für eine scharfe Zunge!« sage ich erschrocken. -»Was für eine scharfe Zunge! Schweig still, sonst gehe ich fort. Ich -verstehe mich nicht darauf, auf deine bissigen Reden zu antworten.« - -Das Stubenmädchen tritt ein und ruft uns zum Tee. Beim Samowar -wendet sich unser Gespräch glücklicherweise anderen Gegenständen zu. -Nachdem ich bereits zur Genüge geklagt habe, bekomme ich Lust, der -andern Schwäche, die mein Alter mit sich gebracht hat, freien Lauf -zu lassen, dem Umherkramen in Erinnerungen. Ich erzähle Katja aus -meiner Vergangenheit und teile ihr zu meinem eigenen größten Erstaunen -allerlei Einzelheiten mit, von denen ich gar nicht geahnt habe, daß -sie sich noch in meinem Gedächtnis erhalten haben. Sie aber hört mir -gerührt, stolz, mit angehaltenem Atem zu. Besondere Freude macht es -mir, ihr davon zu erzählen, wie ich ehemals Seminarschüler war, und wie -es das Ziel meiner Sehnsucht war, die Universität zu beziehen. - -»Manchmal ging ich in unserem Seminargarten spazieren,« erzähle ich. -»Da trug der Wind aus irgendeiner fernen Schenke die Töne einer -quiekenden Harmonika und eines Liedes herüber, oder es jagte an dem -Zaune des Seminargartens eine Troika mit Schellengeklingel vorbei, und -dies genügte vollständig, um plötzlich ein Gefühl des Glückes nicht -nur in meiner Brust, sondern auch in meinem Bauche, in den Beinen, -in den Händen hervorzurufen. Ich horchte nach der Harmonika oder dem -verklingenden Schellengeläute hin und stellte mir vor, ich sei Arzt, -und malte mir Bilder aus, eines immer schöner als das andere. Und nun -sind, wie du siehst, meine Träume in Erfüllung gegangen. Ich habe -mehr erreicht, als ich zu hoffen wagte. Dreißig Jahre lang bin ich -ein beliebter Professor gewesen, habe vortreffliche Kollegen gehabt -und mich eines ehrenvollen Renommees erfreut. Ich habe geliebt, habe -aus leidenschaftlicher Liebe geheiratet; es sind mir Kinder geboren. -Kurz, wenn ich zurückblicke, so erscheint mir mein ganzes Leben wie -eine hübsche, talentvolle Komposition. Jetzt bleibt mir nur noch eines -zu tun: dafür zu sorgen, daß ich das Finale nicht verderbe. Zu diesem -Zwecke muß ich in einer menschenwürdigen Weise sterben. Wenn der Tod -wirklich eine Gefahr ist, so muß ich ihm so entgegentreten, wie es -sich für einen Lehrer, für einen Gelehrten und für den Bürger eines -christlichen Staates ziemt: mutig und ruhigen Herzens. Aber ich werde -das Finale verderben. Ich bin nahe daran, zu ertrinken, komme zu dir -hergelaufen und bitte um Hilfe; du aber sagst zu mir: ›Ertrinken Sie -nur; das muß so sein!‹« - -Aber in diesem Augenblick ertönt im Vorzimmer die Klingel. Wir beide, -Katja und ich, erkennen diese Art zu klingeln und sagen: - -»Das ist gewiß Michail Fedorowitsch.« - -Und wirklich tritt einen Augenblick darauf mein Kollege, der Philologe -Michail Fedorowitsch, ins Zimmer, ein hochgewachsener, wohlgebildeter -Mann von etwa fünfzig Jahren, mit dichtem, grauem Haar, schwarzen -Brauen und glatt rasiertem Gesicht. Er ist ein guter Mensch und ein -vorzüglicher Kollege. Er stammt aus einer alten Adelsfamilie, die eine -recht glückliche Vergangenheit hat, viele talentvolle Männer zu ihren -Mitgliedern zählt und in der Geschichte unserer Literatur und Bildung -eine bedeutende Rolle spielt. Auch er selbst ist klug, talentvoll -und hochgebildet, aber nicht frei von Sonderbarkeiten. Bis zu einem -gewissen Grade sind wir ja alle seltsame, wunderliche Käuze; aber seine -Sonderbarkeiten zeigen sich ausschließlich seinen Bekannten gegenüber -und sind für diese nicht ungefährlich. Unter seinen Bekannten kenne ich -nicht wenige, die über seinen Sonderbarkeiten gar kein Auge für seine -zahlreichen guten Eigenschaften haben. - -Als er zu uns ins Zimmer tritt, zieht er langsam die Handschuhe aus und -sagt mit seiner weichen, tiefen Stimme: - -»Guten Abend. Sie sind beim Tee? Das kommt mir sehr zupaß. Es ist -nichtswürdig kalt draußen.« - -Dann setzt er sich an den Tisch, nimmt sich ein Glas und beginnt -sogleich zu reden. Das Charakteristischste an seiner Art zu reden ist -sein beständig scherzhafter Ton, eine Art Mischung von Philosophie -und Possenreißerei, wie bei den Shakespearischen Totengräbern. Er -redet immer über ernste Dinge, aber niemals in ernster Art. Seine -Urteile sind immer scharf und spöttisch; aber infolge des weichen, -gleichmäßigen, scherzhaften Tones verletzen die Schärfe und der Spott -nicht das Ohr des Hörers, und man gewöhnt sich bald daran. Jeden Abend -bringt er fünf bis sechs Anekdoten aus dem Universitätsleben mit und -fängt sie meist zu erzählen an, sobald er sich an den Tisch setzt. - -»Mein Gott!« seufzt er und bewegt dabei spöttisch seine schwarzen -Augenbrauen. »Was gibt es doch für komische Gesellen auf der Welt!« - -»Wieso?« fragt Katja. - -»Ich komme heute aus meiner Vorlesung und treffe auf der Treppe diesen -alten Idioten, unsern N. N. Er steigt die Treppe hinauf, hält wie -gewöhnlich sein Pferdekinn nach vorn gestreckt und sucht jemand, dem er -über seine Migräne, über seine Frau und über die Studenten, die seine -Vorlesungen nicht besuchen wollen, etwas vorklagen kann. ›Na,‹ denke -ich, ›gesehen hat er mich nun einmal; jetzt bin ich geliefert, es wird -mir schlimm ergehen ...‹« - -Und so fort, immer in derselben Art. Oder er beginnt so: - -»Gestern war ich in der öffentlichen Vorlesung unseres Kollegen Z. -Ich wundere mich, wie unsere ~alma mater~ es übers Herz bringen kann, -dem Publikum (mit Verlaub gesagt) solche Tölpel und patentierten -Holzköpfe zu präsentieren wie diesen Z. Er ist ja doch ein Dummrian -erster Klasse! Ich bitte Sie, in ganz Europa findet man bei Tage mit -der Laterne kein zweites derartiges Exemplar! Stellen Sie sich das nur -einmal vor: er liest, als wenn er Kandiszucker lutschte! Zju, zju, -zju ... Er bekam es mit der Angst, konnte sein Manuskript schlecht -lesen, und die dürftigen Gedanken krochen nur ganz langsam dahin, mit -der Geschwindigkeit eines radfahrenden Archimandriten; und, was die -Hauptsache war, man konnte absolut nicht verstehen, was er eigentlich -sagen wollte. Es herrschte eine furchtbare Langeweile, so daß die -Fliegen davon starben. Diese Langeweile läßt sich nur mit derjenigen -vergleichen, die in unserer Aula bei dem jährlichen Aktus herrscht, -wenn die herkömmliche Rede gehalten wird. Hol sie der Teufel!« - -Und dann fährt er mit einem scharfen Übergange fort: - -»Vor drei Jahren (hier unser Nikolai Stepanowitsch wird sich noch daran -erinnern) hatte ich diese Rede zu halten. Es war heiß und schwül, die -Uniform kniff mich unter den Armen, -- es war zum Krepieren! Ich las -eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb Stunden, zwei Stunden. ›Na,‹ -dachte ich, ›Gott sei Dank, jetzt sind es nur noch zehn Seiten.‹ Und -ganz am Schluß hatte ich vier Seiten, die ich gut und gern ungelesen -lassen konnte, und ich nahm mir vor, sie wegzulassen. ›Also dann -bleiben nur noch sechs,‹ dachte ich. Aber denken Sie sich: ich warf -einen flüchtigen Blick nach den Zuhörern und sah, daß da in der ersten -Reihe nebeneinander ein General mit einem Ordensbande und ein Bischof -saßen. Die armen Kerle waren ganz starr vor Langerweile und rissen -krampfhaft die Augen auf, um nicht einzuschlafen; aber sie bemühten -sich trotzdem, ihren Gesichtern den Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit -zu geben, und taten, als ob sie meine Vorlesung verständen und Genuß -davon hätten. ›Na,‹ dachte ich, ›wenn es euch so viel Vergnügen macht, -dann will ich es euch gründlich geben! Euch zum Possen!‹ Und ich las -auch noch die ganzen vier letzten Seiten mit.« - -Wenn er spricht, so lächeln bei ihm, wie überhaupt bei spottlustigen -Leuten, nur die Augen und die Brauen. In seinen Augen liegt zu solcher -Zeit nichts von Haß oder Bosheit, wohl aber viel Witz und jene -besondere fuchsartige Schlauheit, die man nur bei Menschen mit sehr -gut entwickelter Beobachtungsgabe bemerken kann. Von seinen Augen -möchte ich ferner erwähnen, daß ich an ihnen noch eine besondere -Eigentümlichkeit wahrgenommen habe. Jedesmal wenn er von Katja ein -gefülltes Glas hinnimmt oder eine von ihr gemachte Bemerkung anhört -oder ihr mit dem Blicke folgt, wenn sie einmal für kurze Zeit das -Zimmer verläßt, bemerke ich in seinem Blicke etwas Sanftes, Flehendes, -Reines ... - -Das Stubenmädchen nimmt den Samowar fort und stellt ein großes Stück -Käse, allerlei Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein auf den Tisch, -einen ziemlich schlechten Wein, an dem aber Katja, als sie in der -Krim wohnte, Geschmack gewonnen hat. Michail Fedorowitsch nimmt von -einer Etagère zwei Spiele Karten und legt Patience. Nach seiner -Versicherung erfordern einige Arten von Patience viel Kombinationssinn -und Aufmerksamkeit; aber trotzdem redet er während des Legens munter -weiter. Katja verfolgt aufmerksam seine Manipulationen mit den Karten -und ist ihm mehr durch Mimik als durch Worte behilflich. Von dem Weine -trinkt sie den ganzen Abend über nicht mehr als zwei Gläser, und ich -trinke ein Viertel Glas; der übrige Teil der Flasche entfällt auf -Michail Fedorowitsch, der viel trinken kann, ohne daß es ihm in den -Kopf steigt. - -Während des Patiencelegens disputieren wir über allerlei Fragen, -namentlich höherer Art, wobei das, was wir beide am meisten lieben, am -schlimmsten wegkommt, nämlich die Wissenschaft. - -»Die Wissenschaft ist, Gott sei Dank, am Ende ihres Daseins angelangt,« -sagt Michail Fedorowitsch; er spricht in einzelnen Absätzen. »Mit der -geht es auf die Neige. Ja, ja. Die Menschheit verspürt bereits das -Bedürfnis, etwas anderes an die Stelle der Wissenschaft zu setzen. -Die Wissenschaft ist auf einem Boden von falschen Vorstellungen -entsprossen, hat sich von falschen Vorstellungen genährt und bildet -jetzt eine ebensolche Quintessenz von falschen Vorstellungen, wie -ihre abgelebten Großmütter: Alchimie, Metaphysik und Philosophie. Und -wirklich, was hat sie der Menschheit gegeben? Zwischen den gelehrten -Europäern und den aller Wissenschaft entbehrenden Chinesen ist doch der -Unterschied nur ein minimaler, rein äußerlicher. Die Chinesen haben -keine Wissenschaft gekannt; aber was haben sie dadurch verloren?« - -»Auch die Fliegen kennen keine Wissenschaft,« entgegne ich, »aber was -folgt daraus?« - -»Sie ärgern sich ganz unnötigerweise, Nikolai Stepanowitsch. Ich -rede ja so nur hier, wo wir unter uns sind. Ich bin vorsichtiger, -als Sie meinen, und werde das nicht öffentlich aussprechen, Gott -behüte. Die große Menge ist in der falschen Vorstellung befangen, -die Wissenschaften und Künste ständen höher als Ackerbau, Handel und -Gewerbe. Unsere Sekte lebt von dieser falschen Vorstellung, und es -ist nicht meine und Ihre Sache, diese Vorstellung zu zerstören. Gott -behüte!« Während des Patiencelegens bekommt auch die Jugend gehörig -etwas ab. - -»Unsere Hörerschaft ist heutzutage einer argen Verflachung anheim -gefallen,« bemerkt Michail Fedorowitsch seufzend. »Ich will gar nicht -einmal von Idealen und solchen Dingen reden; wenn sie nur wenigstens zu -arbeiten und vernünftig zu denken verständen! Da trifft das Wort zu: -›Ich schaue nur mit Schmerz das heutige Geschlecht.‹« - -»Ja, die jetzige Generation ist entsetzlich verflacht,« stimmt ihm -Katja bei. »Sagen Sie, haben Sie in den letzten fünf, zehn Jahren unter -Ihren Hörern auch nur einen einzigen hervorragenden Menschen gehabt?« - -»Ich weiß nicht, wie es damit bei andern Professoren steht; aber unter -meinen eigenen Hörern kann ich mich auf keinen solchen besinnen.« - -»Ich habe in meinem Leben viele Studenten, viele junge Gelehrte, viele -Schauspieler kennen gelernt; aber nie habe ich das Glück gehabt, ich -will gar nicht einmal sagen einem Geistesheros oder einem Talente, -sondern nur ganz einfach einem interessanten Menschen darunter zu -begegnen. Alles grau, talentlos, voll Dünkel und Anmaßung ...« - -Alle diese Gespräche über Verflachung wirken auf mich jedesmal ebenso, -wie wenn ich unversehens häßliche Bemerkungen über meine Tochter -erlauschte. Es ist mir verdrießlich, daß die Anklagen sich so allgemein -gegen die ganze Jugend richten und sich auf solche längst abgenutzten -Schlagwörter gründen, wie es die Redensarten von Verflachung und von -einem Mangel an Idealen und der Hinweis auf die schöne Vergangenheit -sind. Jede Anklage, auch wenn sie in Damengesellschaft vorgebracht -wird, muß möglichst präzise formuliert sein; sonst ist es eben keine -Anklage, sondern eine leere, anständiger Menschen unwürdige Verleumdung. - -Ich bin ein alter Mann und stehe schon dreißig Jahre in meinem -Amte; aber ich bemerke weder eine Verflachung noch einen Mangel an -Idealen und kann nicht finden, daß es jetzt in dieser Hinsicht übler -bestellt wäre als früher. Mein Portier Nikolai, dessen Erfahrung -auf diesem Gebiet nicht ohne Wert ist, sagt, die heutigen Studenten -seien nicht besser und nicht schlechter als die früheren. Wenn mich -jemand fragte, was mir an meinen jetzigen Hörern mißfalle, so würde -ich keine zusammenfassende Antwort geben, sondern einige Punkte mit -hinlänglicher Präzision aufzählen. Die Mängel meiner Studenten -kenne ich genau und brauche daher nicht zu nebelhaften, allgemeinen -Schlagworten meine Zuflucht zu nehmen. Mir mißfällt, daß sie Tabak -rauchen, alkoholische Getränke genießen und spät heiraten; ferner -daß sie gedankenlos in den Tag hineinleben und oft eine solche -Gleichgültigkeit zeigen, daß sie unter sich Hungernde dulden und an -den Verein zur Unterstützung bedürftiger Studenten ihre fälligen -Beiträge nicht bezahlen. Sie verstehen die neueren Sprachen nicht -und können sich auf russisch nicht korrekt ausdrücken; erst gestern -klagte mir mein Kollege, der Hygieniker, er müsse die Zeitdauer seiner -Vorlesung verdoppeln, weil sie so wenig Physik verständen und mit -der Meteorologie gar nicht Bescheid wüßten. Sie lassen sich in ihren -Ansichten gern von den Schriftstellern der neuesten Zeit leiten, -aber keineswegs von den besten; dagegen stehen sie Klassikern wie -Shakespeare, Marc Aurel, Epiktet, Pascal völlig kühl gegenüber. In -dieser Unfähigkeit, das Große vom Kleinen zu unterscheiden, zeigt -sich am allermeisten das Unpraktische ihres Wesens. Alle schwierigen -Fragen, die mehr oder weniger eine soziale Bedeutung haben, wie z. B. -die Frage der Freizügigkeit, entscheiden sie durch Abstimmungslisten -statt auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung und Erfahrung, -wiewohl dieser Weg ihnen durchaus zugänglich ist und ihrem Berufe am -meisten entsprechen würde. Gern werden sie Präparatoren, Assistenten, -Laboranten, Repetenten, und es kommt ihnen nicht darauf an, in solchen -Stellungen bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahre zu verbleiben, obwohl -Selbständigkeit, Freiheitssinn und persönliche Initiative in der -Wissenschaft nicht minder notwendig sind als beispielsweise in der -Kunst oder im Handel. Ich habe Schüler und Hörer, aber keine Gehilfen -und Nachfolger, und daher mag ich sie zwar gern leiden und habe für sie -alle Teilnahme, aber ich bin nicht stolz auf sie. Usw. usw. ... - -Solche Mängel, wieviel ihrer auch sein mögen, können eine -pessimistische oder zornige Stimmung nur bei kleinmütigen, ängstlichen -Menschen erzeugen. Alle diese Mängel sind ihrem ganzen Wesen nach -nur zufällig und vorübergehend und hängen durchaus von den gesamten -Lebensverhältnissen ab; ein paar Jahrzehnte genügen, damit sie -verschwinden oder, da es nun einmal ohne Mängel nicht geht, ihren -Platz andern neuen Mängeln abtreten, die dann ihrerseits wieder den -Kleinmütigen einen Schreck einjagen werden. Die Studentensünden -ärgern mich oft; aber dieser Ärger will nichts besagen im Vergleiche -mit der Freude, die ich nun schon dreißig Jahre lang empfinde, wenn -ich mit meinen Schülern ein Gespräch führe, ihnen Vorlesungen halte, -ihr Verhalten untereinander beobachte und sie mit Angehörigen anderer -Kreise vergleiche. - -Michail Fedorowitsch führt Lästerreden, Katja hört ihm zu, und beide -merken nicht, in was für einen tiefen Abgrund ein anscheinend so -unschuldiges Vergnügen wie das Aburteilen über den Nächsten sie -allmählich hineinzieht. Sie fühlen nicht, wie ein harmloses Gespräch -Schritt für Schritt in Verspottung und Verhöhnung übergeht, und wie sie -beide sogar die Kunstgriffe der Verleumdung zu gebrauchen anfangen. - -»Es gibt doch gar zu komische Kunden,« sagt Michail Fedorowitsch. -»Gestern komme ich zu unserem Jegor Petrowitsch und treffe dort einen -Studiosus, einen von Ihren Medizinern, ich glaube aus dem dritten -Kursus. Ein Gesicht hatte er so im Stile des Kritikers Dobroljubow, -auf der Stirn den Stempel tiefen Denkens. Wir kamen miteinander ins -Gespräch. ›Ja, junger Mann,‹ sage ich, ›es passieren die wunderbarsten -Dinge. Da habe ich gelesen, daß ein Deutscher (seinen Namen habe ich -vergessen) aus dem menschlichen Gehirn ein neues Alkaloid, Idiotin, -gewonnen hat.‹ Was meinen Sie? Er glaubte es, und es malte sich sogar -auf seinem Gesicht eine Art von Respekt: ›Ja, das ist eine Leistung -unserer Berufsgenossen!‹ Und neulich komme ich ins Theater und setze -mich auf meinen Platz. Gerade vor mir in der nächsten Reihe sitzen zwei -junge Männer, der eine ›einer von unsere Lait‹ und anscheinend Jurist, -der andere mit strubbligem Kopf ein Mediziner. Der Mediziner war -betrunken wie ein Schuster und achtete gar nicht auf das, was auf der -Bühne vorging. Er schlief, und der Kopf fiel ihm fortwährend nach vorn. -Aber sowie ein Schauspieler laut einen Monolog sprach oder überhaupt -die Stimme erhob, fuhr mein Mediziner zusammen, stieß seinen Nachbar -in die Seite und fragte: ›Was hat er gesagt? Etwas Moralisches?‹ -›Ja, etwas Moralisches,‹ antwortete der Jude. ›Bravo!‹ brüllte der -Mediziner. ›Sehr gut! Bravo!‹ Sehen Sie, dieser betrunkene Tölpel war -nicht um der Kunst willen, sondern um der moralischen Gedanken willen -ins Theater gekommen. Moralische Gedanken, das war ihm ein Bedürfnis.« - -Katja hört zu und lacht. Sie hat eine ganz sonderbare Art zu -lachen: Einatmen und Ausatmen wechseln schnell und mit rhythmischer -Regelmäßigkeit miteinander ab, ähnlich wie wenn sie Harmonika spielte, -und dabei lachen auf ihrem Gesichte nur die Nasenflügel. Mir wird ganz -schwach zumute, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ganz außer mir, -werde ich blutrot, springe von meinem Platze auf und schreie: - -»So schweigt doch endlich! Was sitzt ihr da wie zwei Kröten und -vergiftet die Luft mit eurem Atem? Laßt's genug sein!« - -Und ohne abzuwarten, bis sie mit ihren Lästerreden aufhören, schicke -ich mich an, nach Hause zu gehen. Auch ist es schon Zeit: zehn Uhr -durch. - -»Ich bleibe noch ein Weilchen hier,« sagt Michail Fedorowitsch; -»gestatten Sie, Jekaterina Wladimirowna?« - -»Gewiß,« antwortet Katja. - -»~Bene.~ Dann lassen Sie also, bitte, noch ein Fläschchen bringen!« - -Beide begleiten mich mit Licht in das Vorzimmer, und während ich mir -den Pelz anziehe, sagt Michail Fedorowitsch: - -»Sie sind in der letzten Zeit furchtbar abgemagert und gealtert, -Nikolai Stepanowitsch. Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?« - -»Ja, ein wenig.« - -»Und dabei unternimmt er keine Kur ...« fügt Katja unwillig hinzu. - -»Aber warum denn nicht? Das ist ja unverantwortlich. Den Vorsichtigen -behütet Gott, lieber Freund. Empfehlen Sie mich Ihren Angehörigen, und -entschuldigen Sie mich bei ihnen, daß ich nicht hinkomme. In diesen -Tagen, vor meiner Abreise ins Ausland, werde ich vorsprechen, um -Lebewohl zu sagen. Ganz bestimmt! Ich reise in der nächsten Woche.« - -Ich gehe von Katja in gereizter Stimmung weg, erschreckt durch das -Gespräch über meine Krankheit und unzufrieden mit mir selbst. Ich lege -mir die Frage vor: Soll ich mich wirklich von einem meiner Kollegen -behandeln lassen? Und sogleich male ich mir auch aus, wie der Kollege, -nachdem er mich untersucht hat, schweigend von mir weg zum Fenster -geht, eine Weile nachdenkt, sich dann zu mir umwendet und, indem er -sich Mühe gibt, mich nicht auf seinem Gesichte die Wahrheit lesen -zu lassen, in gleichgültigem Tone sagt: »Vorläufig sehe ich nichts -Besonderes; aber doch möchte ich Ihnen raten, Herr Kollege, Ihre -Tätigkeit zu unterbrechen.« Und das wird mich dann der letzten Hoffnung -berauben. - -Wo gäbe es jemand, der nicht hoffte? Seht, wo ich mir selbst die -Diagnose stelle und mich selbst behandle, hoffe ich zeitweilig, daß -mich meine Unwissenheit täuscht und ich mich hinsichtlich des Eiweißes -und des Zuckers irre, die ich bei mir finde, und hinsichtlich des -Herzens und hinsichtlich der Anschwellungen, die ich schon zweimal -bei mir morgens entdeckt habe; jetzt, wo ich mit dem Eifer eines -Hypochonders die Lehrbücher der Therapie durchblättere und täglich mit -der Arznei wechsle, jetzt meine ich immer, ich würde noch auf irgend -etwas Tröstliches stoßen. Dieses ganze Benehmen ist kleinlich. - -Mag der Himmel mit Wolken bedeckt sein oder mögen Mond und Sterne an -ihm glänzen, jedesmal, wenn ich nach Hause zurückkehre, blicke ich -zu ihm hinauf und denke daran, daß mir bald der Tod kommen wird. Man -könnte meinen, meine Gedanken müßten zu dieser Zeit tief sein wie der -Himmel und klar und großartig; aber nein! Ich denke an mich selbst, -an meine Frau, an Lisa, an Herrn Gnecker, an die Studenten, an die -Menschen überhaupt; ich denke häßlich und kleinlich, mache vor mir -selbst Winkelzüge, und meine Weltanschauung in solchen Augenblicken -läßt sich mit den Worten ausdrücken, die der berühmte Araktschejew -in einem seiner intimen Briefe schrieb: »Alles Gute in der Welt kann -nicht ohne Schlechtes sein, und gibt es immer mehr Schlechtes als -Gutes.« Das heißt: alles ist garstig, und das Leben ist zwecklos, und -die zweiundsechzig Jahre, die ich bereits gelebt habe, muß ich als -verloren betrachten. Ich ertappe mich auf diesen Gedanken und suche mir -einzureden, sie seien nur zufällig und vorübergehend in meinem Kopfe -vorhanden und säßen da nicht tief; aber sogleich denke ich wieder: - -»Wenn es so ist, warum zieht es mich denn jeden Abend zu diesen beiden -Kröten hin?« - -Und ich schwöre es mir zu, nie wieder zu Katja hinzugehen, obwohl ich -weiß, daß ich morgen doch wieder zu ihr gehen werde. - -Nachdem ich an meiner Haustüre die Klingel gezogen habe, und während -ich dann die Treppe hinaufsteige, fühle ich, daß ich keine Familie -mehr habe und nicht einmal den Wunsch hege, sie wiederzugewinnen. Es -ist offenbar, daß die neuen Araktschejewschen Gedanken sich nicht -nur so zufällig und nur für kurze Zeit bei mir eingefunden, sondern -mein ganzes Wesen in Besitz genommen haben. Mit krankem Gewissen, -niedergeschlagen, träge, kaum die Glieder bewegend, als ob ich viele -Zentner an Gewicht zugenommen hätte, lege ich mich ins Bett und schlafe -bald ein. - -Aber dann folgt die Schlaflosigkeit. - - - - -IV - - -Der Sommer kommt heran, und das Leben ändert sich. - -Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir in mein Zimmer und sagt in -scherzendem Tone: - -»Wollen Euer Exzellenz kommen! Es ist alles bereit.« - -Man führt meine Exzellenz auf die Straße, läßt sie in eine Droschke -steigen und fährt mit ihr davon. Beim Fahren lese ich aus Langerweile -die Schilder von rechts nach links. Aus dem Worte ~traktir~[2] wird -dann Ritkart. Das wäre ein passender Name für eine freiherrliche -Familie: Baronesse Ritkart. Weiter geht die Fahrt zwischen Feldern hin -an einem Kirchhof vorbei, der aber auf mich gar keinen Eindruck macht, -obwohl ich bald auf ihm liegen werde; dann fahre ich durch einen Wald -und wieder zwischen Feldern. Alles sehr uninteressant. Nach einer -zweistündigen Fahrt wird meine Exzellenz in die untere Etage eines -Landhauses geführt und in einem kleinen, sehr freundlichen Zimmerchen -mit himmelblauen Tapeten einquartiert. - -In der Nacht leide ich wie früher an Schlaflosigkeit; am Morgen aber -kann ich lange Zeit nicht recht wach werden, höre auch meine Frau -nicht aufstehen, sondern mache, im Bette liegend, ohne zu schlafen, -eine Art Dämmerzustand durch, bei dem man nur ein halbes Bewußtsein -hat und zwar weiß, daß man nicht schläft, aber doch träumt. Um Mittag -stehe ich auf und setze mich gewohnheitsmäßig an meinen Schreibtisch; -aber ich arbeite nicht, sondern zerstreue mich durch die Lektüre -französischer Bücher in gelben Umschlägen, die mir Katja schickt. -Es wäre ja freilich patriotischer, russische Autoren zu lesen; aber -offen gestanden, ich verspüre zu diesen keine besondere Neigung. Von -zwei bis drei etwas älteren Schriftstellern abgesehen, kommt mir die -ganze moderne russische Literatur nicht wie eine wirkliche Literatur, -sondern wie ein Zweig einer Hausindustrie vor, die nur dazu da ist, -daß man sie fördert, deren Erzeugnisse man aber nur ungern benutzt. -Selbst das beste von den materiellen Erzeugnissen der Hausindustrie -kann man nicht »gut« nennen und kann es nicht aufrichtig loben, ohne -ein »aber« hinzuzufügen; und dasselbe muß ich auch von allen jenen -literarischen Neuheiten sagen, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn -Jahren gelesen habe: nicht eine darunter ist »gut«, und bei keiner geht -es ohne ein »aber«. Manche sind verständig und moralisch, aber nicht -talentvoll; andere talentvoll und moralisch, aber nicht verständig; -wieder andere endlich talentvoll und verständig, aber nicht moralisch. - -Ich will nicht sagen, daß die französischen Bücher zugleich talentvoll -und verständig und moralisch wären. Auch sie befriedigen mich nicht. -Aber sie sind nicht so langweilig wie die russischen, und man -findet in ihnen nicht selten das wichtigste Moment schöpferischer -Tätigkeit: ein Gefühl der persönlichen Freiheit, das bei den -russischen Schriftstellern fehlt. Ich besinne mich auf keine einzige -russische Novität, bei der der Verfasser sich nicht gleich von der -ersten Seite an bemüht zeigte, sich durch alle möglichen mit seinem -Gewissen abgeschlossenen Abmachungen und Verträge zu binden. Der eine -scheut sich, von einem nackten Körper zu reden; ein anderer hat sich -durch den selbstauferlegten Zwang zu psychologischen Erörterungen -an Händen und Füßen gebunden; ein dritter bedarf »eines warmen -Verhältnisses zur Menschheit«; ein vierter schmiert absichtlich -ganze Seiten mit Naturschilderungen voll, um nicht in den Verdacht -der Tendenzschriftstellerei zu kommen. Der eine möchte in seinen -Schriften um jeden Preis eine bürgerliche, der andere um jeden Preis -eine aristokratische Gesinnung an den Tag legen usw. Absichtlichkeit, -Behutsamkeit, Querköpfigkeit, aber keine Freiheit, kein Mut, so zu -schreiben, wie man möchte, und infolgedessen auch keine schöpferische -Kraft. - -Alles dies bezieht sich auf die sogenannte schöne Literatur. - -Was nun russische Abhandlungen ernsten Inhalts anlangt, z. B. über -Nationalökonomie, über Kunst u. dgl., so ist der Grund, weshalb ich -sie nicht lese, einfach meine Zaghaftigkeit. Als kleines Kind und -als Knabe empfand ich eine eigentümliche Furcht vor Portiers und -Theaterdienern, und diese Furcht ist mir bis auf den heutigen Tag -geblieben; ich fürchte mich auch jetzt noch vor ihnen. Man sagt, -furchtbar erscheine nur das, was man nicht verstehe. Und es ist auch -wirklich sehr schwer zu verstehen, warum die Portiers und Theaterdiener -eine solche Grandezza, Aufgeblasenheit und majestätische Unhöflichkeit -an den Tag legen. Wenn ich ernste russische Abhandlungen lese, empfinde -ich eine ganz ähnliche unbestimmte Furcht. Die gewaltige Wichtigtuerei, -der scherzhafte Ton der Überlegenheit, die familiäre Manier, in -der auswärtige Autoren behandelt werden, die Geschicklichkeit, mit -Würde leeres Stroh zu dreschen: alles dies ist mir unverständlich -und beängstigend und gleicht so gar nicht der Bescheidenheit und -dem vornehm-ruhigen Tone, an den ich bei der Lektüre der Schriften -unserer älteren Ärzte und Naturforscher gewöhnt bin. Und nicht nur -solche ernsten Abhandlungen, die ursprünglich russisch geschrieben -sind, sondern auch solche, die ins Russische übersetzt sind, zu lesen -fällt mir schwer. Der hoffärtige, herablassende Ton der Vorworte, -die Unmenge von Anmerkungen des Übersetzers, die mich hindern, meine -Aufmerksamkeit auf die Sache zu konzentrieren, die Fragezeichen und -eingeklammerten ~sic~, die der Übersetzer mit freigebiger Hand über die -ganze Abhandlung oder über das ganze Buch ausstreut, erscheinen mir wie -ein Attentat auf die Person des Verfassers und auf meine, des Lesers, -Selbständigkeit. - -Ich war einmal zu einer Verhandlung des Bezirksgerichtes als -Sachverständiger zugezogen; in einer Pause machte mich ein anderer -Sachverständiger, ein Kollege von mir, auf das grobe Benehmen des -Staatsanwaltes gegen die Angeklagten aufmerksam, unter denen sich -zwei gebildete Frauen befanden. Ich glaube, ich machte mich keiner -Übertreibung schuldig, als ich meinem Kollegen antwortete, dieses -Benehmen sei nicht gröber als das, welches die Verfasser ernster -Abhandlungen wechselseitig zur Anwendung brächten. Und tatsächlich -ist dieses Benehmen so grob, daß man davon nur mit einer peinlichen -Empfindung reden kann. Sie benehmen sich untereinander und gegen die -Schriftsteller, deren Werke sie kritisieren, entweder so übermäßig -respektvoll, daß sie dabei ihre eigene Würde nicht wahren, oder sie -behandeln sie umgekehrt weit dreister, als ich in meinen Gedanken -und in diesen Aufzeichnungen meinen künftigen Schwiegersohn Herrn -Gnecker behandle. Beschuldigungen der Unzurechnungsfähigkeit, -unlauterer Absichten, ja sogar aller möglichen Kriminalverbrechen -bilden den gewöhnlichen Schmuck ernster Abhandlungen. Und nun gar die -Art, in der sich unsere jungen Ärzte in ihren kleinen Aufsätzen mit -Vorliebe ausdrücken, das ist das Nonplusultra! Ein solches Benehmen -muß unvermeidlich in der Darstellungsweise der jungen Generationen -unserer belletristischen Schriftsteller seinen Reflex finden, und -daher wundere ich mich gar nicht darüber, daß in den Novitäten, die -unsere belletristische Literatur in den letzten zehn bis fünfzehn -Jahren hervorgebracht hat, die Helden viel Branntwein trinken und die -Keuschheit der Heldinnen zu wünschen übrig läßt. - -Ich lese französische Bücher und blicke ab und zu nach dem -offenstehenden Fenster hin; dort sehe ich die Zacken meines -Gartenzaunes, zwei oder drei kümmerliche Bäume und weiterhin hinter dem -Zaune einen Weg, ein Feld und dann einen breiten Streifen Nadelwald. -Oft beobachte ich mit Vergnügen, wie zwei Kinder, ein Knabe und ein -Mädchen, beide blondhaarig und in zerrissenen Kleidern, an dem Zaune -in die Höhe klettern und sich über meine Glatze lustig machen. In -ihren glänzenden Äuglein lese ich deutlich die Worte: »Guck mal, ein -Kahlkopf!« Das sind hier fast die einzigen Menschen, die sich weder um -meine Berühmtheit noch um meinen Rang kümmern. - -Besucher stellen sich jetzt nicht alle Tage ein. Ich erwähne nur -die Besuche Nikolais und Peter Ignatjewitschs. Nikolai kommt -gewöhnlich an Sonn- und Festtagen zu mir, angeblich in geschäftlichen -Angelegenheiten, hauptsächlich aber um mich wiederzusehen. Er kommt -stark angeheitert, was bei ihm im Winter nie vorkommt. - -»Nun, was bringst du?« frage ich ihn, wenn ich zu ihm auf den Flur -hinaustrete. - -»Euer Exzellenz!« sagt er, indem er die Hand aufs Herz drückt und mich -entzückt wie ein Verliebter anblickt. »Euer Exzellenz! Gott straf mich! -Der Donner soll mich gleich auf dem Fleck rühren! ~Gaudeamus igitur -juvenestus!~« - -Und er küßt mich eifrig auf die Schulter, auf die Rockärmel, auf die -Knöpfe. - -»Ist in der Stadt alles bei uns in Ordnung« frage ich ihn. - -»Euer Exzellenz! Beim heiligen Gott ...« - -Er schwört unaufhörlich ohne jeden Anlaß; ich werde seiner bald -überdrüssig und schicke ihn in die Küche, wo er Mittagessen erhält. -Peter Ignatjewitsch kommt gleichfalls an Sonn- und Festtagen zu mir, -speziell um mich zu besuchen, und zum Zwecke des Gedankenaustausches. -Er sitzt gewöhnlich bei mir in meinem Zimmer am Tische, bescheiden, -sauber, vernünftig, und erlaubt sich nicht, ein Bein über das andere zu -schlagen oder die Ellbogen auf den Tisch zu bringen; und die ganze Zeit -über erzählt er mir mit seiner leisen, gleichmäßigen Stimme geläufig -und buchmäßig allerlei nach seiner Meinung sehr interessante und -amüsante Neuigkeiten, die er in Journalen und Büchern gelesen hat. Alle -diese Neuigkeiten haben untereinander eine große Ähnlichkeit und lassen -sich auf folgenden Typus zurückführen: ein Franzose hat behauptet, -eine Entdeckung gemacht zu haben; ein anderer, ein Deutscher, hat ihn -der Unredlichkeit überführt durch den Nachweis, daß diese Entdeckung -schon im Jahre 1870 von einem Amerikaner gemacht worden ist; und -ein dritter, ebenfalls ein Deutscher, ist klüger gewesen als sie -beide, indem er gezeigt hat, daß sie sich arg blamiert und unter dem -Mikroskop Luftbläschen für dunkles Pigment gehalten haben. Peter -Ignatjewitsch erzählt sogar dann, wenn er es darauf anlegt, mich zum -Lachen zu bringen, langsam und umständlich, als ob er eine Dissertation -verteidigte, mit detaillierter Aufzählung der literarischen Quellen, -die er benutzt hat, und bemüht sich, in den Zahlen, in den Nummern der -Journale und in den Namen jeden Irrtum zu vermeiden, wobei er nicht -einfach Petit sagt, sondern stets Jean Jacques Petit. Manchmal bleibt -er bei uns zum Mittagessen, und dann erzählt er während der ganzen -Mahlzeit jene selben amüsanten Geschichten, die auf alle Tischgenossen -niederdrückend wirken. Wenn Herr Gnecker und Lisa in seiner Gegenwart -das Gespräch auf Fugen und Kontrapunkt, auf Brahms und Bach bringen, -so schlägt er bescheiden die Augen nieder und wird verlegen; er schämt -sich, daß in Anwesenheit so ernsthafter Leute, wie ich und er, von so -unwürdigen Dingen gesprochen wird. - -Bei meiner jetzigen Gemütsverfassung genügen mir fünf Minuten, um -seiner so überdrüssig zu werden, als hätte ich ihn schon eine ganze -Ewigkeit gesehen und angehört. Ich hasse den armen Kerl. Von seiner -leisen, gleichmäßigen Stimme und buchmäßigen Ausdrucksweise wird mir -ganz schwach, seine Erzählungen machen mich stumpfsinnig. Er hegt -gegen mich die treueste Gesinnung und redet mit mir lediglich, um -mir Vergnügen zu bereiten, und ich lohne es ihm damit, daß ich ihm -hartnäckig ins Gesicht sehe, als ob ich ihn hypnotisieren wollte, und -dabei denke: »Scher dich weg, scher dich weg, scher dich weg!« Aber er -reagiert nicht auf meine schweigende Aufforderung, sondern sitzt und -sitzt und sitzt ... - -Solange er bei mir sitzt, kann ich schlechterdings nicht von dem -Gedanken loskommen: »Sehr möglich, daß, wenn ich sterbe, er meine -Stelle bekommt«, und mein armes Auditorium erscheint mir dann wie -eine Oase, in der der Bach vertrocknet ist, und ich bin gegen Peter -Ignatjewitsch unliebenswürdig, schweigsam, mürrisch, als wäre er an -diesen meinen Gedanken schuld und nicht vielmehr ich selbst. Wenn er -anfängt, nach seiner Gewohnheit die deutschen Gelehrten zu preisen, so -mache ich nicht mehr wie früher gutmütige Scherze, sondern ich brumme -verdrießlich: - -»Ihre Deutschen sind Esel.« - -Mein Benehmen hat Ähnlichkeit mit dem des verstorbenen Professors -Nikita Krylow, der sich einmal in Reval mit Pirogow zusammen badete, -sich über das sehr kalte Wasser ärgerte und nun schimpfte: »Diese -Schufte, die Deutschen!« Ich benehme mich gegen Peter Ignatjewitsch -häßlich, und erst wenn er fortgeht und ich durch das Fenster sehe, wie -sein grauer Hut hinter dem Gartenzaun vorbeistreift, möchte ich ihn -anrufen und zu ihm sagen: - -»Verzeihen Sie mir, lieber Freund!« - -Das Mittagessen verläuft jetzt bei uns langweiliger als im Winter. Eben -jener Herr Gnecker, den ich jetzt hasse und verachte, ißt bei uns fast -täglich mit. Früher duldete ich schweigend seine Anwesenheit; aber -jetzt richte ich an seine Adresse Stichelreden, über die meine Frau und -Lisa rot werden. Von meinem Ingrimm hingerissen, rede ich oft geradezu -Dummheiten und weiß nicht einmal recht, warum ich sie rede. So kam es -einmal vor, daß ich Herrn Gnecker lange verächtlich ansah und ohne jede -Veranlassung plötzlich herausstieß: - - »Der Aar schwebt wohl einmal hinab zum Hühnervolke, - Doch schwingt sich nie das Huhn zu jenem in die Wolke.« - -Und das Ärgerlichste ist, daß bei solchen Gelegenheiten das Huhn -Gnecker sich weit verständiger benimmt als der Aar Professor. Da er -weiß, daß meine Frau und meine Tochter auf seiner Seite stehen, so -beobachtet er folgende Taktik: er beantwortet meine Stichelreden mit -herablassendem Schweigen, welches besagt: »Der Alte ist verrückt -geworden; wozu da lange mit ihm reden?« oder er macht sich in -gutmütiger Weise über mich lustig. Es ist wirklich erstaunlich, bis zu -welchem Grade der Mensch verflachen kann: ich bin imstande, während -des ganzen Mittagessens mich in Gedanken darüber zu ergehen, wie Herr -Gnecker sich als Abenteurer entpuppen wird, wie Lisa und meine Frau -ihren Irrtum einsehen werden, und wie ich sie dann damit aufziehen -werde. Solchen und ähnlichen törichten Gedanken überlasse ich mich zu -einer Zeit, wo ich doch schon mit einem Fuße im Grabe stehe! - -Jetzt kommen auch Mißhelligkeiten vor, von denen ich früher nur durch -Hörensagen einen Begriff hatte. Wie beschämend es auch für mich ist, so -will ich doch einen derartigen Vorfall erzählen, der sich neulich nach -dem Mittagessen zutrug. - -Ich saß in meinem Zimmer und rauchte eine Pfeife. Da kam wie gewöhnlich -meine Frau herein, setzte sich hin und fing an davon zu reden, daß es -doch gut wäre, wenn ich jetzt, solange es noch warm sei und ich freie -Zeit hätte, nach Charkow reisen und mich dort erkundigen wollte, was -unser Herr Gnecker für ein Mensch sei. - -»Schön, ich werde hinreisen,« erwiderte ich. - -Meine Frau war mit mir zufrieden, stand auf und ging zur Tür, kehrte -aber sogleich wieder zurück und sagte: - -»Bei der Gelegenheit möchte ich dir noch eine Bitte aussprechen. Ich -weiß, du wirst ärgerlich werden; aber es ist meine Pflicht, dich zu -warnen. Nimm es nicht übel, Nikolai Stepanowitsch, aber alle unsere -Bekannten und Nachbarn fangen schon an darüber zu reden, daß du so -viel bei Katja verkehrst. Sie ist ja klug und gebildet, das stelle ich -nicht in Abrede, und man verbringt in ihrer Gesellschaft die Zeit sehr -angenehm; aber du mußt selbst zugeben, es ist einigermaßen sonderbar, -wenn ein Mann in deinen Jahren und in deiner gesellschaftlichen -Stellung an ihrer Gesellschaft Vergnügen findet. Und außerdem ist ihr -Renommee von der Art, daß ...« - -Alles Blut strömte plötzlich von meinem Gehirn fort, Funken sprühten -mir aus den Augen; ich sprang auf, griff mir an den Kopf, stampfte mit -den Füßen und schrie mit entstellter Stimme: - -»Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe!« - -Mein Gesicht mußte wohl schrecklich aussehen und meine Stimme seltsam -klingen; denn meine Frau wurde auf einmal ganz blaß und schrie mit -gleichfalls fremdartig klingender, verzweifelter Stimme laut auf. -Auf unser Geschrei kamen Lisa, Herr Gnecker und dann auch Jegor -herbeigelaufen. - -»Laßt mich in Ruhe!« schrie ich. »Geht hinaus! Laßt mich in Ruhe!« - -Die Füße wurden mir taub, als ob sie gar nicht da wären; ich fühlte, -wie ich jemandem in die Arme sank; dann hörte ich eine kurze Zeit -Weinen und fiel in eine Ohnmacht, die zwei bis drei Stunden dauerte. - -Jetzt von Katja. Sie besucht mich täglich gegen Abend, und das muß -natürlich den Bekannten und Nachbarn auffallen. Sie kommt angefahren, -tritt nur auf einen Augenblick bei mir ein und nimmt mich dann mit auf -ihre Spazierfahrt. Sie hat ein eigenes Pferd und einen neuen ~char à -banc~, den sie sich in diesem Sommer gekauft hat. Überhaupt lebt sie -auf großem Fuße: sie hat sich ein teures Landhaus mit großem Garten -für sich allein gemietet und ihr ganzes Mobiliar aus der Stadt dorthin -schaffen lassen, hält sich zwei Stubenmädchen und einen Kutscher ... -Oft frage ich sie: - -»Katja, wovon wirst du leben, wenn du das väterliche Geld vergeudet -haben wirst?« - -»Das wollen wir später sehen,« antwortet sie. - -»Dieses Geld, liebes Kind, würde wohl eine etwas rücksichtsvollere -Behandlung verdienen. Es ist von einem braven Manne durch ehrliche -Arbeit erworben.« - -»Das haben Sie mir schon früher gesagt. Ich weiß es.« - -Zuerst fahren wir zwischen Feldern hin, dann durch den Nadelwald, den -ich von meinem Fenster aus sehen kann. Die Natur erscheint mir ebenso -schön wie früher, obwohl mir der Böse zuflüstert, daß alle diese Tannen -und Fichten, diese Vögel und weißen Wolken am Himmel, wenn ich nach -drei bis vier Monaten tot sein werde, von meinem Fehlen nichts merken -werden. Katja findet Vergnügen daran, das Pferd selbst zu lenken, und -sie freut sich, daß es schönes Wetter ist und ich neben ihr sitze. Sie -ist guter Laune und führt keine bissigen Reden. - -»Sie sind ein sehr guter Mensch, Nikolai Stepanowitsch,« sagt sie. »Sie -sind ein seltenes Exemplar, und es gibt keinen Schauspieler, der Sie -spielen könnte. Mich oder z. B. Michail Fedorowitsch kann selbst ein -schlechter Schauspieler kopieren, Sie aber niemand. Und ich beneide -Sie, gewaltig beneide ich Sie! Denn ich, was bin ich? Was bin ich?« - -Sie denkt einen Augenblick nach und fragt mich dann: - -»Nikolai Stepanowitsch, ich bin ja doch wohl eine negative Erscheinung, -nicht wahr?« - -»Ja«, antworte ich. - -»Hm ... Was soll ich denn aber nun tun?« - -Was soll ich ihr erwidern? Es ist leicht zu sagen: »Arbeite!« oder: -»Gib deine Habe den Armen!« oder: »Erkenne dich selbst!«, und weil das -eben so leicht zu sagen ist, so weiß ich nicht, was ich ihr erwidern -soll. - -Meine Kollegen, die Therapeuten, geben in der Lehre von der Behandlung -der Kranken den Rat, man solle jeden einzelnen Fall individuell -behandeln. Wer diesen Rat befolgt, wird sich überzeugen, daß die -Mittel, die in den Lehrbüchern schablonenmäßig als die besten und als -durchaus brauchbar empfohlen werden, sich in den Einzelfällen als -völlig unbrauchbar erweisen. Dasselbe gilt auch von seelischen Leiden. - -Aber irgend etwas muß ich ihr doch antworten, und so sage ich denn: - -»Du hast zuviel freie Zeit, meine Liebe. Du mußt dich mit etwas -beschäftigen. Wirklich, warum willst du nicht wieder Schauspielerin -werden, wenn du doch einen inneren Beruf dazu hast?« - -»Ich kann es nicht.« - -»Dein Ton und deine Art machen den Eindruck, als ob du dir wie ein -Opfer vorkommst. Das gefällt mir nicht, meine Liebe. Du trägst selbst -die Schuld. Erinnere dich nur: du begannst damit, dich über die -Schauspieler und ihre Art zu ärgern, hast aber nichts getan, um diese -und andere Menschen zu bessern. Du hast mit dem Schlechten nicht -gerungen, sondern bist vorzeitig müde geworden und bist nicht ein Opfer -des Ringens, sondern deiner Kraftlosigkeit. Nun freilich, du warst -damals noch jung und unerfahren; aber jetzt kann alles einen anderen -Verlauf nehmen. Wirklich, geh zur Bühne! Da wirst du arbeiten, der -heiligen Kunst dienen ...« - -»Reden Sie nicht, was Sie selbst nicht meinen, Nikolai Stepanowitsch!« -unterbricht mich Katja. »Lassen Sie uns ein für allemal die Verabredung -treffen: wir wollen über Schauspieler reden, über Schauspielerinnen, -über Schriftsteller; die Kunst aber wollen wir aus dem Spiele lassen. -Sie sind ein prächtiger Mensch, ein seltener Mensch; aber Sie besitzen -nicht so viel Verständnis für die Kunst, daß Sie sie mit gutem Gewissen -›die heilige Kunst‹ nennen dürften. Sie haben für die Kunst keinen -Sinn und kein Gefühl. Ihr ganzes Leben lang sind Sie mit Ihrer Arbeit -beschäftigt gewesen und haben keine Zeit gehabt, sich dieses Gefühl -zu erwerben. Überhaupt ... ich kann diese Gespräche über Kunst nicht -leiden!« fuhr sie nervös fort; »ich kann sie nicht leiden! Die Kunst -ist so schon hinlänglich profaniert worden. Ich mag nichts weiter -hören!« - -»Wer hat die Kunst profaniert?« - -»Die Schauspieler haben die Kunst profaniert durch ihre Trunksucht, die -Zeitungen durch eine gar zu familiäre Stellungnahme ihr gegenüber, die -verständigen Leute durch ihre Philosophie.« - -»Die Philosophie hat damit nichts zu schaffen.« - -»O doch. Wenn jemand über einen Gegenstand philosophiert, so bedeutet -das, daß er kein Verständnis für ihn hat.« - -Damit das Gespräch nicht zu scharf wird, beeile ich mich, das Thema zu -wechseln, und schweige dann längere Zeit. Erst in dem Augenblicke, wo -wir aus dem Walde herausfahren und die Richtung nach Katjas Landhause -einschlagen, kehre ich wieder zu dem früheren Gegenstande zurück und -frage: - -»Du hast mir immer noch nicht geantwortet: Warum willst du nicht wieder -Schauspielerin werden?« - -»Nikolai Stepanowitsch, das ist aber doch gar zu grausam von Ihnen!« -ruft sie aus und wird plötzlich dunkelrot. »Wollen Sie wirklich, -daß ich Ihnen laut die Wahrheit sage? Nun, wenn Sie es wünschen, -meinetwegen: ich besitze kein Talent. Ich besitze kein Talent, wohl -aber einen großen Ehrgeiz! Das ist der Grund!« - -Nachdem sie mir dieses Geständnis gemacht hat, wendet sie das Gesicht -von mir weg und zieht, um das Zittern ihrer Hände zu verbergen, stark -an den Zügeln. - -Als wir uns ihrem Landhause nähern, sehen wir schon von weitem Michail -Fedorowitsch, der am Tore auf und ab geht und ungeduldig auf uns -wartet. - -»Wieder dieser Michail Fedorowitsch!« sagt Katja ärgerlich. »Bitte, -schaffen Sie ihn mir vom Halse! Ich bin seiner überdrüssig; er ist -schal geworden ... Ich mag ihn nicht!« - -Michail Fedorowitsch sollte schon längst im Auslande sein; aber er -schiebt seine Abreise von einer Woche zur andern auf. In der letzten -Zeit sind mit ihm einige Veränderungen vorgegangen: er ist magerer -geworden, wird vom Weine berauscht, was früher bei ihm nie der Fall -war, und seine schwarzen Augenbrauen beginnen grau zu werden. Wenn -unser ~char à banc~ am Tore hält, macht er aus seiner Freude und -seiner Ungeduld kein Hehl. Mit großer Beflissenheit ist er Katja und -mir beim Aussteigen behilflich, stellt eilig allerlei Fragen, lacht -und reibt sich die Hände; und jener sanfte, flehende, reine Ausdruck, -den ich früher nur in seinem Blicke wahrnahm, hat sich jetzt über sein -ganzes Gesicht ausgebreitet. Er freut sich, und gleichzeitig schämt -er sich seiner Freude, schämt sich dieser Gewohnheit, Katja jeden -Abend zu besuchen, und hält es für nötig, sein Kommen durch irgendeine -handgreifliche Abgeschmacktheit zu motivieren, von dieser Art: »Ich kam -gerade vorbei, als ich mir etwas besorgen wollte, und da dachte ich: -ich will doch auf einen Augenblick herangehen.« - -Wir gehen alle drei in die Wohnung; zuerst trinken wir Tee; dann -erscheinen auf dem Tische die mir längst bekannten zwei Spiele -Karten, ein großes Stück Käse, Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein. -Die Themata unserer Gespräche sind keine neuen, sondern immer noch -dieselben wie im Winter. Die Universität und die Studenten und die -Literatur und das Theater müssen tüchtig herhalten; die Luft wird von -den Lästerreden dichter und schwüler, und es vergiften sie jetzt nicht -mehr zwei Kröten mit ihrem Atem wie im Winter, sondern drei. Außer dem -samtweichen Lachen eines Baritons und einem andern Lachen, das wie eine -Harmonika klingt, hört das Stubenmädchen, das uns bedient, noch ein -drittes, unangenehm knarrendes Lachen, so wie in den Vaudevilles die -Generale lachen: »He-he-he!« - - - - -V - - -Es kommen manchmal schreckliche Nächte vor, mit Blitz und Donner, Regen -und Wind, die das Volk Sperlingsnächte nennt, weil die Sperlinge dabei -vor Angst aus den Nestern herauskommen. Eine solche Sperlingsnacht -habe ich in meinem eigenen Leben durchgemacht ... - -Ich wache nach Mitternacht auf und springe plötzlich vom Bette in die -Höhe. Aus einem unverständlichen Grunde glaube ich, daß ich im nächsten -Augenblick sterben werde. Warum glaube ich das? Im Körper habe ich -keine derartige Empfindung, die auf ein schnelles Ende hinwiese; aber -auf meiner Seele lastet eine solche Angst, als ob ich auf einmal den -riesigen roten Schein einer entsetzlichen Feuersbrunst erblicke. - -Ich zünde schnell Licht an, trinke Wasser unmittelbar aus der Karaffe -und eile dann zum offenen Fenster. Draußen ist herrliches Wetter. Es -duftet nach Heu und sonst noch nach etwas Schönem. Ich sehe die Zacken -des Gartenzaunes, die verschlafenen, kümmerlichen Bäume am Fenster, den -Weg, den dunklen Waldstreifen; an dem wolkenlosen Himmel steht ruhig -der sehr helle Mond. Tiefe Stille; kein Blatt regt sich. Mir scheint, -daß alles mich anschaut und lauscht, wie ich sterben werde ... - -Mir ist bange zumute. Ich schließe das Fenster und laufe wieder zum -Bette hin. Ich fühle mir den Puls, und da ich ihn an der Hand nicht -finde, suche ich ihn an den Schläfen, dann am Kinn und wieder an der -Hand; alles ist an mir kalt und schlüpfrig von Schweiß. Mein Atem wird -schneller und schneller; der ganze Körper zittert; alle inneren Teile -sind in Bewegung; auf dem Gesicht und auf der Glatze habe ich ein -Gefühl, als ob sich ein Spinngewebe darauf lege. - -Was soll ich tun? Soll ich die Meinigen rufen? Nein, das hat keinen -Zweck. Ich wüßte gar nicht, was meine Frau und Lisa tun sollten, wenn -sie zu mir herein kämen. - -Ich stecke den Kopf unter das Kissen, schließe die Augen und warte, -warte ... Mich friert am Rücken; es ist mir, als zöge er sich nach -innen hinein, und ich habe ein Gefühl, als werde der Tod sich mir -jedenfalls von hinten nahen, ganz leise ... - -»Kwi, kwi!« ertönt auf einmal ein Kreischen in der nächtlichen Stille, -und ich weiß nicht, wo es ist, ob in meiner Brust oder auf der Straße. - -»Kwi, kwi!« - -Mein Gott, wie entsetzlich! Ich möchte gern noch mehr Wasser trinken; -aber ich fürchte mich, auch nur die Augen aufzumachen und den Kopf -in die Höhe zu heben. Ich habe eine sinnlose, animalische Angst und -kann gar nicht begreifen, warum ich mich eigentlich fürchte: weil ich -weiterleben möchte, oder weil mir ein neuer Schmerz bevorsteht, den ich -noch nicht kenne? - -Oben, in dem Zimmer über mir, klingt es halb wie Stöhnen, halb wie -Lachen. Ich lausche. Nach einer kleinen Weile sind auf der Treppe -Schritte zu hören. Es kommt jemand eilig herunter, steigt aber dann -wieder hinauf. Eine Minute später werden die Schritte wieder unten -vernehmbar; es bleibt jemand an meiner Tür stehen und horcht. - -»Wer ist da?« rufe ich. - -Die Tür öffnet sich; mit einem kühnen Entschlusse mache ich die Augen -auf und sehe meine Frau vor mir. Ihr Gesicht ist blaß, ihre Augen -verweint. - -»Du schläfst nicht, Nikolai Stepanowitsch?« fragte sie. - -»Was willst du?« - -»Um Gottes willen, komm doch mit zu Lisa und sieh sie dir einmal an. Es -muß ihr etwas zugestoßen sein ...« - -»Gut ... gern ...« murmele ich, sehr zufrieden damit, daß ich nicht -mehr allein bin. »Gut ... den Augenblick.« - -Ich gehe hinter meiner Frau her, höre an, was sie mir mitteilt, und -verstehe vor Aufregung nichts davon. Das Licht, das sie trägt, läßt auf -den Treppenstufen helle Flecke umherhüpfen und unsere langen Schatten -sich zitternd bewegen; meine Füße verwickeln sich in den Schößen meines -Schlafrockes; ich kann kaum atmen, und es ist mir, als ob mich jemand -verfolgte und mich am Rücken packen wollte. »Jetzt werde ich gleich -hier auf dieser Treppe sterben,« denke ich. »Gleich diesen Augenblick -...« Aber da sind wir schon die Treppe hinaufgestiegen, haben bereits -den dunklen Korridor mit dem italienischen Fenster passiert und treten -in Lisas Zimmer. Sie sitzt im bloßen Hemde auf dem Bette, läßt die -nackten Beine herunterhängen und stöhnt. - -»Ach mein Gott ... ach mein Gott!« murmelt sie und kneift, von unserem -Lichte geblendet, die Augen zusammen. »Ich kann nicht, ich kann -nicht ...« - -»Lisa, mein Kind,« sage ich, »was fehlt dir?« - -Sobald sie mich erblickt, schreit sie auf und fällt mir um den Hals. - -»Mein guter Papa ...« schluchzt sie. »Mein lieber Papa ... Mein süßer, -bester Papa! ... Ich weiß nicht, was mit mir ist ... Mir ist so schwer -ums Herz!« - -Sie umarmt mich, küßt mich und stammelt zärtliche Koseworte, wie ich -sie von ihr gehört habe, als sie noch ein kleines Kind war. - -»Beruhige dich, mein Kind! Gott möge dir beistehen!« sage ich. »Du mußt -nicht weinen. Mir ist selbst traurig zumute.« - -Ich gebe mir Mühe, sie zuzudecken, meine Frau reicht ihr zu trinken, -und wir beide bewegen uns ungeschickt an ihrem Bette umher, so daß wir -einander stoßen: mit meiner Schulter stoße ich an die Schulter meiner -Frau, und in diesem Augenblicke schießt mir die Erinnerung durch den -Kopf, wie wir früher einmal unsere Kinder zusammen gebadet haben. - -»Hilf ihr doch, hilf ihr doch!« fleht mich meine Frau an. »Gib ihr doch -etwas zum Einnehmen!« - -Aber was kann ich tun? Gar nichts. Dem Mädchen lastet etwas Schweres -auf der Seele; aber ich begreife nichts davon, weiß nichts und kann nur -murmeln: - -»Es ist nichts Schlimmes, nichts Schlimmes ... Das wird vorübergehen -... Schlaf nur, schlaf! ...« - -Gerade in diesem Augenblick ertönt auf einmal auf unserem Hofe -Hundegeheul, anfangs leise und unentschlossen, dann laut, zweistimmig. -Ich habe solchen Vorzeichen wie Hundegeheul und Eulenruf nie -irgendwelche Bedeutung beigemessen; aber jetzt krampft sich mein Herz -schmerzlich zusammen, und ich beeile mich, mir über dieses Geheul klar -zu werden. - -»Dummes Zeug ...« denke ich. »Der Einfluß eines Organismus auf -einen andern. Meine starke nervöse Spannung hat sich auf meine Frau -und auf Lisa und auf den Hund übertragen, weiter nichts ... Durch -eine derartige Übertragung lassen sich alle Vorahnungen und alles -Vorhersehen erklären ...« - -Als ich bald darauf in mein Zimmer zurückkehre, um für Lisa ein Rezept -zu schreiben, denke ich nicht mehr an meinen nahe bevorstehenden Tod, -sondern empfinde nur ein drückendes, widerwärtiges Gefühl am Herzen, so -daß es mir sogar leid tut, daß ich nicht plötzlich gestorben bin. Lange -stehe ich regungslos mitten im Zimmer und überlege, was ich wohl meiner -Tochter verschreiben könnte; aber das Stöhnen in dem über mir gelegenen -Zimmer verstummt, und so entscheide ich mich denn dafür, nichts zu -verschreiben; aber ich bleibe trotzdem stehen ... - -Es herrscht eine Totenstille, eine solche Stille, daß, wie sich einmal -ein Schriftsteller ausgedrückt hat, sie einem sogar in den Ohren -klingt. Die Zeit vergeht nur ganz langsam; die Streifen des Mondlichtes -auf dem Fensterbrette ändern ihre Lage nicht, gerade wie wenn sie -erstarrt wären ... Bis zur Morgendämmerung ist es noch lange hin. - -Aber da knarrt das Pförtchen im Gartenzaun; es schleicht jemand herein, -bricht von einem der dürftigen Bäume einen Zweig ab und klopft damit -vorsichtig ans Fenster. - -»Nikolai Stepanowitsch!« höre ich eine Stimme flüstern; »Nikolai -Stepanowitsch!« - -Ich öffne das Fenster und glaube zu träumen: unter dem Fenster, sich -gegen die Wand drückend, steht eine Frau in schwarzem Kleide, hell vom -Monde beleuchtet, und blickt mich mit großen Augen an. Ihr im Mondlicht -blaß, streng und seltsam erscheinendes Gesicht sieht wie von Marmor -aus; ihr Kinn zittert. - -»Ich bin es,« sagt sie. »Ich ... Katja!« - -Bei Mondlicht erscheinen alle Frauenaugen groß und schwarz, und die -Menschen größer und blasser; dies ist wohl der Grund, weshalb ich sie -im ersten Augenblicke nicht erkannt hatte. - -»Was willst du?« - -»Verzeihen Sie,« sagt sie. »Mir wurde plötzlich, ich weiß nicht warum, -so unerträglich schwer ums Herz ... Ich konnte es nicht aushalten -und fuhr hierher ... Ich sah Licht hinter Ihrem Fenster ... und da -entschloß ich mich, anzuklopfen ... Entschuldigen Sie ... Ach, wenn Sie -wüßten, wie schrecklich mir zumute war! Was tun Sie denn jetzt?« - -»Nichts ... Ich kann nicht schlafen.« - -»Ich hatte eine Art Ahnung. Aber das ist ja dummes Zeug.« - -Ihre Brauen ziehen sich in die Höhe, ihre Augen glänzen von Tränen, und -auf ihrem ganzen Gesichte strahlt wie ein helles Licht jener Ausdruck -von Zutraulichkeit auf, der mir so wohl bekannt ist, den ich aber so -lange nicht mehr gesehen habe. - -»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie in flehendem Tone und streckt beide -Hände nach mir hin. »Teurer Freund, ich bitte Sie ... ich flehe Sie an -... Wenn Sie meine Freundschaft und Verehrung für Sie nicht verachten, -so erfüllen Sie mir eine Bitte!« - -»Was für eine Bitte?« - -»Nehmen Sie das Geld, das ich noch besitze, von mir an!« - -»Aber was sind das für Einfälle! Was soll ich mit deinem Gelde?« - -»Fahren Sie irgendwohin, um eine Kur zu gebrauchen! ... Sie haben eine -Kur durchaus nötig. Wollen Sie es annehmen? Ja? Lieber, Guter, ja?« - -Sie sieht mir in gespannter Erwartung ins Gesicht und wiederholt: - -»Ja? Wollen Sie es annehmen?« - -»Nein, meine Liebe, das nehme ich nicht an ...«, antworte ich; »ich -danke dir.« - -Sie wendet mir den Rücken zu und läßt den Kopf herunterhängen. -Wahrscheinlich habe ich bei der abschlägigen Antwort mich eines Tones -bedient, durch den ein weiteres Gespräch über die Geldangelegenheit -unmöglich gemacht wurde. - -»Fahre wieder nach Hause,« sage ich, »und lege dich schlafen! Morgen -sehen wir uns wieder.« - -»Also Sie halten mich nicht für Ihre Freundin?« fragt sie -niedergeschlagen. - -»Das habe ich nicht gesagt. Aber von deinem Gelde kann ich jetzt keinen -Gebrauch machen.« - -»Verzeihen Sie!« erwidert sie und läßt dabei die Stimme um eine ganze -Oktave sinken. »Ich verstehe Sie. Einer Frau, wie ich, verpflichtet zu -sein, einer ehemaligen Schauspielerin, das ist ... Nun, dann leben Sie -wohl! ...« - -Sie geht so schnell fort, daß ich nicht einmal Zeit habe, ihr Lebewohl -zu sagen. - - - - -VI - - -Ich bin in Charkow. - -Da ich doch keinen Nutzen davon hätte, gegen meine jetzige -Gemütsverfassung anzukämpfen, und auch gar nicht dazu imstande bin, so -habe ich beschlossen, daß meine letzten Lebenstage wenigstens nach der -formellen Seite hin vorwurfsfrei sein sollen; wenn ich meiner Familie -gegenüber im Unrecht bin (und ich bin mir recht wohl bewußt, daß dem -so ist), so will ich wenigstens bemüht sein, so zu handeln, wie sie es -wünscht. Ich sollte nach Charkow reisen; nun, so bin ich denn jetzt -in Charkow. Zudem bin ich in der letzten Zeit gegen alles dermaßen -gleichgültig geworden, daß es mir wirklich ganz einerlei ist, wohin ich -reise, ob nach Charkow oder nach Paris oder nach Berditschew. - -Ich bin um zwölf Uhr mittags hier angekommen und in einem Hotel nicht -weit vom Dom eingekehrt. Im Waggon bin ich arg durchgerüttelt worden, -auch zog es empfindlich; jetzt sitze ich auf dem Bette, halte mir den -Kopf und warte auf meinen ~tic douloureux~. Ich sollte eigentlich heute -zu den Professoren fahren, mit denen ich bekannt bin; aber ich habe -keine Lust und keine Kraft dazu. - -Der Kellner, ein älterer Mann, tritt herein und fragt, ob ich -Bettwäsche bei mir führe. Ich halte ihn etwa fünf Minuten lang zurück -und lege ihm einige Fragen über Herrn Gnecker vor, um dessentwillen ich -hierher gekommen bin. Es stellt sich heraus, daß der Kellner, obwohl er -ein geborener Charkower ist und in dieser Stadt wie in seiner eigenen -Westentasche Bescheid weiß, kein Haus kennt, das sich im Besitz einer -Familie Gnecker befände. Ich erkundige mich nach einem Gute einer -solchen Familie, aber mit demselben Resultate. - -Auf dem Korridor schlägt die Uhr eins, dann zwei, dann drei. Die -letzten Monate meines Lebens, in denen ich auf den Tod warte, kommen -mir weit länger vor als mein ganzes Leben. Auch habe ich es früher nie -verstanden, mit der Langsamkeit der Zeit so zufrieden zu sein, wie -jetzt. Wenn ich früher manchmal auf dem Bahnhofe auf einen Zug wartete -oder als Mitglied der Prüfungskommission beim Examen saß, erschien mir -eine Viertelstunde wie eine Ewigkeit; jetzt dagegen kann ich die ganze -Nacht hindurch, ohne mich zu rühren, auf dem Bette sitzen und ganz -gleichmütig daran denken, daß morgen eine ebensolche lange, farblose -Nacht kommen wird, und übermorgen wieder eine ... - -Im Korridor schlägt es fünf Uhr, sechs, sieben. Es wird dunkel. - -In der Backe fühle ich ein dumpfes Ziehen: damit fängt der -Gesichtsschmerz, der ~tic~, an. Um mich mit Gedanken zu beschäftigen, -versetze ich mich auf meinen früheren Standpunkt, als ich noch nicht -so teilnahmlos war, und frage mich: warum sitze ich, ein berühmter -Mann, ein Geheimrat, in diesem kleinen Hotelzimmer, auf diesem Bette -mit der fremden, grauen Bettdecke? Warum sehe ich diese billige, -blecherne Waschschüssel an und höre, wie auf dem Korridor eine elende -Uhr tickt? Entspricht denn etwa alles dies meiner Berühmtheit und der -hohen Stellung, die ich in der Welt einnehme? Und auf diese Frage -besteht meine Antwort in einem Lächeln. Ich lächle über die Naivität, -mit der ich einst in meiner Jugend die Bedeutung der Berühmtheit und -der exklusiven Stellung, welche berühmte Männer anscheinend genießen, -weit überschätzte. Ich bin berühmt, mein Name wird mit Ehrerbietung -genannt, mein Bild hat in der Niwa[3] und in der Allgemeinen -Illustrierten Zeitung gestanden, meine Biographie habe ich sogar in -einer deutschen Zeitschrift gelesen: und was habe ich nun von alledem? -Ich sitze mutterseelenallein in einer fremden Stadt, auf einem fremden -Bette und reibe mit der Hand meine kranke Backe. Familiengezänk, -Hartherzigkeit von Gläubigern, Grobheit der Eisenbahnbeamten, die -Unbequemlichkeiten des Paßwesens, die teure und ungesunde Kost in den -Bahnhofsrestaurationen, die allgemeine Unhöflichkeit und Grobheit im -Verkehr, alles dies und vieles andere, dessen Aufzählung zu lang werden -würde, berührt mich nicht weniger als jeden beliebigen Kleinbürger, -den niemand kennt als die Bewohner seiner Gasse. Worin kommt denn die -Exklusivität meiner Stellung zum Ausdruck? Und wenn ich tausendmal ein -berühmter Mann bin, ein hervorragender Geist, auf den das Vaterland -stolz ist, -- nun ja, man druckt in allen Zeitungen Bulletins über -meine Krankheit ab, und es gehen mir durch die Post teilnehmende -Zuschriften von Kollegen, von Schülern und aus dem Publikum zu; aber -alles dies hindert mich nicht, auf einem fremden Bette, in Gram und -Kummer, in völliger Vereinsamung zu sterben. Gewiß, es trifft niemanden -dabei eine Schuld; aber obwohl es fast wie eine Sünde klingt: ich habe -an der Popularität meines Namens keine Freude. Es kommt mir vor, als -hätte mich diese Popularität betrogen. - -Um zehn Uhr schlafe ich ein; trotz meines Gesichtsschmerzes schlafe ich -fest und würde lange geschlafen haben, wenn ich nicht aufgeweckt worden -wäre. Bald nach ein Uhr wird plötzlich an meine Tür geklopft. - -»Wer ist da?« - -»Eine Depesche.« - -»Das hätte auch bis morgen Zeit gehabt,« sage ich ärgerlich, als ich -die Depesche von dem Kellner in Empfang nehme. »Nun werde ich nicht zum -zweitenmal einschlafen.« - -»Verzeihen Sie! Ich sah, daß bei Ihnen Licht brannte, und glaubte, Sie -schliefen noch nicht.« - -Ich öffne die Depesche und sehe vor allem nach der Unterschrift: von -meiner Frau. Was will sie? - -»Gestern hat sich Gnecker mit Lisa heimlich trauen lassen. Komm zurück!« - -Ich lese diese Depesche und bekomme einen Schreck, der allerdings -nicht lange dauert. Worüber ich erschrecke, das ist nicht der Schritt, -den Lisa und Gnecker unternommen haben, sondern der Gleichmut, mit -dem ich die Nachricht von ihrer Verheiratung aufnehme. Man sagt, die -Philosophen und die wahren Weisen seien gleichmütig. Das ist nicht -wahr; der Gleichmut ist eine Paralyse der Seele, ein vorzeitiger Tod. - -Ich lege mich wieder ins Bett und überlege, mit was für Gedanken -ich mich wohl beschäftigen könnte. Worüber soll ich nachdenken? Mir -scheint, es sei schon alles von mir durchdacht worden, und es gebe -nichts, was jetzt imstande wäre, meine Denktätigkeit anzuregen. - -Als es hell wird, sitze ich auf dem Bette, umfasse die Knie mit den -Händen und versuche aus Langerweile mich selbst zu erkennen. »Erkenne -dich selbst!« das ist ein schöner, nützlicher Rat; schade nur, daß die -Alten nicht daran gedacht haben, die Mittel anzugeben, wie man sich -dieses Rates bedienen könne. - -Wenn mich früher die Lust ankam, das Wesen irgend jemandes oder mein -eigenes zu erkennen, so richtete ich mein Augenmerk nicht auf die -Handlungen, bei denen ja alles von den äußeren Umständen abhängt, -sondern auf die Wünsche. Sage mir, was du wünschest, und ich werde dir -sagen, wer du bist. - -Auch jetzt prüfe ich mich selbst: was möchte ich? - -Ich möchte, daß unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Freunde und unsere -Schüler an uns nicht den Namen, das Aushängeschild und das Etikett -liebten, sondern die Menschen, die gewöhnlichen Menschen. Was noch? Ich -möchte Gehilfen und Nachfolger haben. Was noch? Ich möchte nach etwa -hundert Jahren erwachen und wenigstens einen kurzen Blick auf den Stand -der Wissenschaft werfen. Ich möchte noch zehn Jahre leben ... Was noch -weiter? - -Weiter nichts. Ich überlege, überlege lange und kann nichts mehr -ersinnen. Und wie lange ich auch überlege, und wohin ich auch meine -Gedanken richten würde, das ist mir klar, daß meinen Wünschen etwas -sehr Wesentliches, gerade das Wichtigste fehlen würde. Meinem -leidenschaftlichen Interesse für die Wissenschaft, meinem Wunsche -weiterzuleben, diesem Sitzen auf dem fremden Bette und dem Versuche, -mich selbst zu erkennen, allen Gedanken, Gefühlen und Begriffen, die -ich mir über alle Dinge bilde, alledem fehlt das gemeinsame Band, durch -das alles erst zu einem einheitlichen Ganzen verknüpft werden würde. -Jedes Gefühl und jeder Gedanke führt in mir sein Sonderdasein, und in -allen meinen Urteilen über die Wissenschaft, über das Theater, über -die Literatur, über meine Schüler und in all den Bildern, die meine -Einbildungskraft entwirft, würde selbst der geschickteste Psychologe -nicht das finden, was man die Gesamtidee oder den »Gott im lebendigen -Menschen« nennt. - -Wenn aber das fehlt, so ist alles andere nichtig und wertlos. - -Bei solcher Armut haben ein ernstes körperliches Leiden, die Furcht -vor dem Tode, die Einwirkung äußerer Umstände und anderer Menschen -ausgereicht, um alles das, was ich früher für meine Weltanschauung -hielt, und worin ich den Inhalt und die Freude meines Lebens erblickte, -völlig umzustürzen und in Trümmer zu legen. Daher ist es kein Wunder, -daß ich mir die letzten Monate meines Lebens durch Gedanken und Gefühle -verdunkelt habe, die nur eines Sklaven und Barbaren würdig sind, und -daß ich jetzt teilnahmlos hier sitze und auf den Tagesanbruch nicht -achte. Wenn im Menschen nicht das vorhanden ist, was höher und stärker -ist als alle äußeren Einwirkungen, dann genügt wahrhaftig schon ein -tüchtiger Schnupfen, um ihn das Gleichgewicht verlieren und in jedem -Vogel eine Eule sehen, in jedem Ton ein Hundegeheul hören zu lassen. -Und sein ganzer Pessimismus oder Optimismus mit seinen großen und -kleinen Gedanken hat in solchen Zeiten lediglich die Bedeutung eines -Symptoms, aber keine reelle Wirkung. - -Ich bin besiegt. Wenn es so steht, dann hat es weiter keinen Zweck, -nachzudenken und zu reden. Ich werde so sitzen bleiben und schweigend -abwarten, was da kommen wird. - -Am Morgen bringt mir der Kellner Tee und die soeben erschienene Nummer -des Lokalblattes. Mechanisch überfliege ich die Annoncen auf der -ersten Seite, den Leitartikel, die Auszüge aus anderen Zeitungen und -Journalen, die Tageschronik. Und in dieser letzteren finde ich unter -anderm folgende Notiz: »Gestern ist unser berühmter Gelehrter, der -hochverdiente Professor Nikolai Stepanowitsch ***, mit dem Kurierzuge -in Charkow eingetroffen und im Hotel *** abgestiegen.« - -Offenbar sind berühmte Namen dazu geschaffen, ein Sonderleben neben -ihren Trägern zu führen. Jetzt wandert mein Name ungestört in Charkow -umher; nach drei Monaten wird er in goldenen Buchstaben auf meinem -Grabdenkmal blitzen wie die Sonne, während ich selbst bereits unter -einer Moosdecke liegen werde. - -Ein leichtes Klopfen an der Tür; es will jemand zu mir. - -»Wer ist da? Herein!« - -Die Tür öffnet sich; erstaunt trete ich einen Schritt zurück und -schlage eiligst die Schöße meines Schlafrocks übereinander. Vor mir -steht Katja. - -»Guten Morgen!« sagt sie, noch ganz außer Atem vom Treppensteigen. »Das -haben Sie wohl nicht erwartet? Ich bin auch ... bin auch hergekommen.« - -Sie setzt sich und fährt stockend und ohne mich anzusehen fort: - -»Warum sagen Sie mir nicht Guten Tag? Ich bin auch hergekommen ... -heute ... Ich erfuhr, daß Sie in diesem Hotel abgestiegen seien, und da -bin ich zu Ihnen hergekommen.« - -»Ich freue mich sehr, dich zu sehen,« sage ich achselzuckend. »Aber -ich bin erstaunt ... Du erscheinst hier so plötzlich wie vom Himmel -gefallen. Warum bist du denn eigentlich hier?« - -»Ich? Nun, ohne besonderen Anlaß ... Ich habe mich einfach aufgesetzt -und bin hergefahren.« - -Stillschweigen. Auf einmal steht sie mit einer raschen, heftigen -Bewegung auf und tritt auf mich zu. - -»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie; sie ist ganz blaß geworden und -drückt die Hände gegen die Brust. »Nikolai Stepanowitsch! Ich kann so -nicht mehr weiterleben! Ich kann es nicht! Um Gottes willen, sagen Sie -mir schnell, augenblicklich: was soll ich tun? Sagen Sie mir: was soll -ich tun?« - -»Was kann ich dir sagen?« erwidere ich verwundert. »Ich kann dir nichts -sagen.« - -»Sagen Sie es mir doch, ich flehe Sie an!« fährt sie, schwer atmend und -am ganzen Leibe zitternd, fort. »Ich schwöre Ihnen, daß ich so nicht -weiterleben kann! Meine Kraft ist zu Ende!« - -Sie fällt auf einen Stuhl nieder und beginnt zu schluchzen. Sie hat den -Kopf zurückgeworfen, ringt die Hände und stampft mit den Füßen; der Hut -ist ihr vom Kopfe gefallen und schaukelt am Gummibande; das Haar ist -ihr in Unordnung geraten. - -»Helfen Sie mir! Helfen Sie mir!« fleht sie. »Ich kann nicht mehr!« - -Sie holt das Taschentuch aus ihrem Reisetäschchen hervor und zieht -damit zugleich ein paar Briefe heraus, die dann von ihren Knien auf -den Fußboden fallen. Ich hebe sie auf, erkenne bei einem derselben die -Handschrift Michail Fedorowitschs und lese zufällig ein Stück von einem -Worte: »leidenschaft...« - -»Ich kann dir nichts sagen, Katja,« wiederhole ich. - -»Helfen Sie mir!« schluchzt sie, ergreift meine Hand und küßt sie. »Sie -sind ja doch mein Vater, mein einziger Freund! Sie sind ja klug und -gebildet und haben lange gelebt! Sie sind Lehrer gewesen! Sagen Sie mir -doch: was soll ich tun?« - -»Auf Ehre und Gewissen, Katja: ich weiß nicht ...« - -Ich bin fassungslos, verlegen, von ihrem Schluchzen gerührt und kann -mich kaum auf den Beinen halten. - -»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich mit einem gezwungenen -Lächeln. »Hör doch auf zu weinen!« - -Und unmittelbar darauf füge ich mit leiserer Stimme hinzu: »Ich werde -bald nicht mehr sein, Katja ...« - -»Nur ein Wort, nur ein einziges Wort!« ruft sie weinend und streckt die -Hände nach mir aus. »Was soll ich tun?« - -»Eine wunderliche Person bist du, wahrhaftig,« murmle ich. »Es ist mir -unbegreiflich! Sonst so verständig ... und nun zerfließt du auf einmal -in Tränen ...« - -Es tritt ein Stillschweigen ein. Katja bringt ihr Haar in Ordnung und -setzt den Hut auf; dann knittert sie die Briefe achtlos zusammen und -schiebt sie in die Reisetasche; alles das tut sie schweigend und ohne -Hast. Ihr Gesicht, ihre Brust und ihre Handschuhe sind noch feucht von -Tränen; aber der Ausdruck ihres Gesichtes ist bereits streng und fest -... Ich sehe sie an und schäme mich, daß ich glücklicher bin als sie. -Der Mangel dessen, was meine Kollegen, die Philosophen, die Gesamtidee -nennen, ist mir erst kurz vor meinem Tode, beim Niedergange meiner -Tage, zum Bewußtsein gekommen; die Seele der armen Katja aber hat -bisher nie das Gefühl des Geborgenseins kennen gelernt und wird es ihr -ganzes Leben lang nicht kennen lernen! - -»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich. - -»Nein, danke,« antwortet sie kühl. - -Es vergeht noch eine Minute unter beiderseitigem Stillschweigen. - -»Charkow gefällt mir nicht,« beginne ich dann. »Es macht alles so einen -grauen Eindruck. Eine graue Stadt.« - -»Ja, das ist wohl richtig ... Eine häßliche Stadt ... Ich bin nur auf -kurze Zeit hier ... Auf der Durchreise. Ich fahre heute noch weiter.« - -»Wohin?« - -»Nach der Krim ... ich wollte sagen: nach dem Kaukasus.« - -»So. Auf lange?« - -»Ich weiß nicht.« - -Katja steht auf und reicht mir mit einem kalten Lächeln und ohne mich -anzusehen die Hand. - -Ich möchte sie fragen: »Dann bist du also zu meinem Begräbnisse nicht -da?« Aber sie sieht mich nicht an, und ihre Hand liegt so kühl in der -meinen, als ob sie mir eine Fremde wäre. Ich begleite sie schweigend -bis an die Tür ... Nun hat sie mein Zimmer verlassen und geht den -langen Korridor entlang, ohne sich umzusehen. Sie weiß, daß ich ihr -nachschaue, und wird sich wohl an der Ecke noch einmal umblicken. - -Nein, sie hat sich nicht umgeblickt. Das letzte Stück ihres schwarzen -Kleides ist verschwunden, ihre Schritte sind verhallt ... Lebewohl, du -mein Teuerstes auf der Welt! - - - - -Fußnoten - - - [1] In Gribojedows Lustspiel: »Verstand schafft Leiden«. Anm. des - Übers. - - [2] = Restaurant. Anmerkung des Übersetzers. - - [3] Eine sehr verbreitete illustrierte Wochenschrift, einigermaßen - ähnlich der Gartenlaube. Anm. des Übers. - - - - - * * * * * * - - - - -Weitere Anmerkungen zur Transkription - - Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. - - Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE*** - - -******* This file should be named 52605-0.txt or 52605-0.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/2/6/0/52605 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it -under the terms of the Project Gutenberg License included with this -eBook or online at <a -href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook.</p> -<p>Title: Eine langweilige Geschichte</p> -<p> Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes</p> -<p>Author: Anton Pavlovich Chekhov</p> -<p>Release Date: July 19, 2016 [eBook #52605]</p> -<p>Language: German</p> -<p>Character set encoding: UTF-8</p> -<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE***</p> -<p> </p> -<h4>E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team<br /> - (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br /> - from page images generously made available by<br /> - HathiTrust Digital Library<br /> - (<a href="http://www.hathitrust.org/digital_library">http://www.hathitrust.org/digital_library</a>)</h4> -<p> </p> -<table border="0" style="background-color: #ccccff;margin: 0 auto;" cellpadding="10"> - <tr> - <td valign="top"> - Note: - </td> - <td> - Images of the original pages are available through - HathiTrust Digital Library. See - <a href="https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.a0008509630"> - https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=uc1.a0008509630</a> - </td> - </tr> -</table> -<p> </p> -<p> </p> -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am <a href="#tnextra">Ende -des Buches</a>.</p> -</div> -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p> </p> -<p> </p> -<p> </p> - -<div class="chapter"> -<p class="h2"> -Anton Tschechow</p> -<h1>Eine langweilige Geschichte</h1> -<p class="center larger"> -Aus den Aufzeichnungen<br /> -eines alten Mannes</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> -<p class="center"> -Aus dem Russischen<br /> -übertragen von H. Röhl</p> -<p class="center larger p2"> -Im Insel-Verlag zu Leipzig -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<p class="center">Gedruckt bei Breitkopf & Härtel in Leipzig</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p> - -<h2 id="I">I</h2> -</div> - -<p class="drop">Es lebt in Rußland ein hochverdienter Professor, namens Nikolai -Stepanowitsch *** (ich unterdrücke den Familiennamen), Geheimrat, -Ritter pp.; er besitzt so viele russische und ausländische -Orden, daß, wenn er Veranlassung hat sie anzulegen, die Studenten -ihn mit der bunten Bilderwand in der Kirche vergleichen. Sein -Bekanntenkreis ist ein höchst vornehmer; wenigstens hat es in den -letzten fünfundzwanzig bis dreißig Jahren in Rußland keinen berühmten -Gelehrten gegeben, mit dem er nicht näher bekannt gewesen -wäre. Jetzt mag er sich mit niemand mehr anfreunden; aber wenn -von der Vergangenheit die Rede sein soll, so schließen die lange -Reihe seiner berühmten Freunde Männer wie Pirogow, Kawelin -und der Dichter Nekrasow, die ihm ihre aufrichtige, warme Freundschaft -schenkten. Er ist Ehrenmitglied aller russischen und dreier ausländischen -Universitäten, usw. usw. Alles dies und vieles, was man -noch hinzufügen könnte, bildet das, was man meinen Namen nennt.</p> - -<p>Dieser mein Name erfreut sich einer großen Popularität. In Rußland -ist er jedem gebildeten Menschen bekannt, und im Auslande -wird er auf den Kathedern mit den Beiworten »der bekannte« und -»der verehrte« erwähnt. Er gehört zu jenen wenigen glücklichen -Namen, die zu schmähen oder leichtfertig in den Mund zu nehmen -beim Publikum und bei der Presse als schlechter Ton gilt. Und -das ist auch nur in der Ordnung. Ist doch mit meinem Namen -der Begriff eines berühmten, reich begabten und der Menschheit -zweifellos nützlichen Mannes eng verbunden. Ich bin arbeitsam -und ausdauernd wie ein Kamel, was von Wichtigkeit ist, und ich -besitze Talent, was von noch größerer Wichtigkeit ist. Außerdem -bin ich, beiläufig gesagt, ein wohlerzogener, bescheidener, ehrenhafter -Mensch. Niemals habe ich meine Nase in Literatur und Politik -hineingesteckt, habe nie durch Polemik mit Unwissenden populär -zu werden gesucht, nie Reden bei Diners oder am Grabe von Kollegen -gehalten. Überhaupt haftet an meinem Gelehrtennamen kein -Flecken, und mein Name hat keinen Grund sich zu beklagen. Er -ist glücklich.</p> - -<p>Der Träger dieses Namens, also mein Ich, ist ein Mann von zweiundsechzig -Jahren, mit kahlem Kopfe, falschen Zähnen und einem -unheilbaren Gesichtsschmerz, einem <em class="antiqua">tic</em>. So glänzend und schön<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -mein Name ist, ebenso trübselig und häßlich bin ich selbst. Kopf -und Hände zittern mir vor Schwäche; mein Hals hat, wie bei der -Heldin einer Turgenjewschen Erzählung, Ähnlichkeit mit dem Griffe -eines Kontrabasses; die Brust ist eingefallen, der Rücken schmal. -Wenn ich spreche oder Vorlesung halte, so zieht sich mein Mund -schräg nach der Seite hin; wenn ich lächle, so bedeckt sich mein -ganzes Gesicht mit greisenhaften, starren Runzeln. An meiner -ganzen kläglichen Figur ist nichts, was Interesse erwecken könnte; -nur etwa wenn ich an meinem Gesichtsschmerz krank bin, tritt bei -mir ein gewisser besonderer Ausdruck hervor, der wohl bei jedem, -der mich ansieht, den ernsten, bedeutsamen Gedanken hervorruft: -»Wahrscheinlich wird dieser Mensch bald sterben.«</p> - -<p>Ich trage bei meinen Vorlesungen, wie früher, nicht schlecht vor; -wie in früheren Zeiten vermag ich die Aufmerksamkeit der Hörer -zwei Stunden lang zu fesseln. Über meiner Wärme für den Gegenstand, -der Klarheit der Erörterung und dem guten Humor, den ich -dabei entwickele, vergißt man fast die Mängel meiner Stimme, -die trocken und scharf ist und etwas Singendes hat, wie man es -sonst bei Frömmlern findet. Das Schreiben dagegen gelingt mir -schlecht. Jener Teil meines Gehirnes, der die schriftstellerische Fähigkeit -dirigieren soll, versagt den Dienst. Mein Gedächtnis ist schwach -geworden, meinem Denken fehlt die nötige Folgerichtigkeit, und -sobald ich meine Gedanken auf das Papier bringe, habe ich jedesmal -die Empfindung, daß ich das Gefühl für ihre organische Verknüpfung -verloren habe; die Konstruktion ist eintönig, die Ausgestaltung -der Sätze gar zu bescheiden und ärmlich. Oft schreibe ich -gar nicht das, was ich eigentlich beabsichtige; wenn ich das Ende -schreibe, habe ich den Anfang nicht mehr im Kopfe. Oft kann ich -mich auf die gewöhnlichsten Ausdrücke nicht besinnen, und ich muß -immer erst große Energie aufwenden, um bei einem Schriftstück -überflüssige Redensarten und unnötige Eingangssätze zu vermeiden; -beides zeugt deutlich von einem Verfalle der geistigen Fähigkeiten. -Und merkwürdig: je einfacher das betreffende Schriftstück ist, um -so qualvollere Anstrengung kostet es mich. Bei der Abfassung eines -wissenschaftlichen Aufsatzes fühle ich mich weit freier und fähiger -als bei einem Gratulationsbriefe oder bei einem amtlichen Berichte. -Noch eines: es wird mir leichter, Deutsch oder Englisch zu schreiben -als Russisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<p>Was meine jetzige Lebensweise anlangt, so muß ich vor allem die -Schlaflosigkeit erwähnen, an der ich in der letzten Zeit leide. Wenn -mich jemand fragen wollte: »Was bildet jetzt den wichtigsten, den -fundamentalen Zug deines Daseins?« so müßte ich antworten: -die Schlaflosigkeit. Wie früher entkleide ich mich gewohnheitsmäßig -pünktlich um Mitternacht und lege mich ins Bett. Ich schlafe schnell -ein; aber zwischen eins und zwei wache ich auf, und zwar mit einem -Gefühle, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen. Ich muß aufstehen -und die Lampe anzünden. Eine oder zwei Stunden lang gehe -ich dann im Zimmer von einer Ecke nach der anderen und betrachte -die mir längst bekannten Bilder und Photographien. Wenn ich dieser -Wanderung überdrüssig werde, setze ich mich an meinen Schreibtisch. -Ich sitze unbeweglich, ohne etwas zu denken und ohne irgendwelchen -Wunsch zu empfinden; liegt ein Buch vor mir, so ziehe ich -es mechanisch zu mir heran und lese ohne alles Interesse. So habe -ich neulich in einer einzigen Nacht mechanisch einen ganzen Roman -mit dem sonderbaren Titel: »Was die Schwalbe sang« durchgelesen. -Oder aber ich zwinge mich, um meinen Geist zu beschäftigen, bis -tausend zu zählen, oder ich vergegenwärtige mir das Gesicht irgendeines -meiner Kollegen und suche mich zu besinnen, in welchem Jahre -und unter welchen Umständen er ins Amt getreten ist. Gern horche -ich auch auf allerlei Geräusche. Bald redet zwei Zimmer von mir entfernt -meine Tochter Lisa hastig etwas im Traume vor sich hin; bald -geht meine Frau mit einer Kerze durch den Saal und läßt unfehlbar -das Streichholzschächtelchen auf den Boden fallen; bald knackt ein -zusammentrocknender Schrank, oder der Brenner an meiner Lampe -beginnt unerwartet zu summen, – und alle diese Geräusche haben, -ich weiß nicht warum, für mich etwas Aufregendes.</p> - -<p>Wenn man in der Nacht nicht schläft, so ist man sich dabei jeden -Augenblick bewußt, daß man sich nicht in normalem Zustande befindet, -und daher warte ich mit Ungeduld auf den Morgen und den -Tag, wo ich ein Recht habe nicht zu schlafen. Aber es vergeht viel -qualvolle Zeit, bis auf dem Hofe der Hahn zu krähen beginnt. Dies -ist mein erster Freudenbote. Sobald er kräht, weiß ich, daß nun -in einer Stunde unten der Portier aufwachen und, ärgerlich -hustend, zu irgendwelcher Verrichtung die Treppe heraufkommen -wird. Und dann wird es draußen vor den Fenstern allmählich heller -werden, auf der Straße werden Stimmen laut werden usw.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p> - -<p>Der Tag beginnt bei mir mit dem Eintreten meiner Frau. Sie -kommt zu mir ins Zimmer im Unterrock, unfrisiert, aber bereits -gewaschen und nach Eau de Cologne duftend. Sie macht ein Gesicht, -als käme sie nur so zufällig herein, und sagt jedesmal ein und -dasselbe:</p> - -<p>»Entschuldige, ich wollte nur einen Augenblick … Hast du wieder -nicht geschlafen?«</p> - -<p>Dann löscht sie die Lampe aus, setzt sich an den Tisch und beginnt -zu reden. Obwohl ich kein Prophet bin, weiß ich im voraus, wovon -sie sprechen wird. Es ist jeden Morgen dasselbe. Nachdem -sie sich besorgt nach meinem Befinden erkundigt hat, fällt ihr gewöhnlich -auf einmal unser Sohn ein, der als Offizier in Warschau -steht. Am zwanzigsten jedes Monats schicken wir ihm fünfzig Rubel -hin, und das dient nun als hauptsächlichstes Thema unseres Gespräches.</p> - -<p>»Es fällt uns ja freilich schwer,« sagt meine Frau seufzend, »aber -solange er noch nicht auf eigenen Füßen stehen kann, ist es doch -unsere Pflicht, ihn zu unterstützen. Der Junge wohnt an einem -fremden Orte, und sein Gehalt ist nur klein … Indessen, wenn du -willst, können wir ihm ja im nächsten Monat statt fünfzig nur -vierzig Rubel schicken. Was meinst du?«</p> - -<p>Aus der täglichen Erfahrung könnte meine Frau lernen, daß Ausgaben -dadurch nicht kleiner werden, daß man oft von ihnen spricht; -aber meine Frau läßt die Erfahrung nicht gelten und unterhält -mich pünktlich jeden Morgen von unserem Offizier und davon, daß -das Brot Gott sei Dank billiger geworden sei, der Zucker aber leider -zwei Kopeken teurer, – und alles das in einem Tone, als ob sie -mir eine Neuigkeit mitteilte.</p> - -<p>Ich höre zu und äußere mechanisch meine Beistimmung; aber wahrscheinlich -infolge der schlaflosen Nacht kommen mir sonderbare, unnütze -Gedanken. Ich sehe meine Frau an und wundere mich wie -ein Kind. Verständnislos frage ich mich: ist diese alte, sehr korpulente, -plumpe Frau mit dem stumpfen Ausdruck kleinlicher Sorge -und Angst um das tägliche Brot, mit diesem von steten Gedanken -an Schulden und Not verschleierten Blicke, diese Frau, die von weiter -nichts zu reden weiß als von Ausgaben, und der nur die Wohlfeilheit -der Lebensmittel ein Lächeln entlockt, ist diese Frau wirklich -einmal jene schlanke Warja gewesen, in die ich mich leidenschaftlich<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -verliebte wegen ihres guten, klaren Verstandes, wegen ihrer reinen -Seele, wegen ihrer Schönheit und, wie Othello in Desdemona, -wegen ihres »Mitleides« mit meiner Wissenschaft? Ist diese Frau -wirklich jene meine Warja, die mir einst einen Sohn gebar?</p> - -<p>Ich blicke der fetten, plumpen alten Frau forschend in das Gesicht -und suche in ihr meine Warja; aber von ihrem gesamten früheren -Wesen ist nur die Angst um meine Gesundheit bestehen geblieben, -und dann noch ihre wunderliche Art, mein Gehalt »unser Gehalt« -zu nennen und meine Mütze »unsere Mütze«. Es ist mir schmerzlich, -sie anzusehen, und um ihr wenigstens eine kleine Liebe anzutun, -lasse ich sie sprechen, was sie mag, und schweige sogar still, wenn -sie über andere Menschen ungerecht urteilt oder mir Vorwürfe macht, -weil ich keine Praxis ausübe und keine Lehrbücher herausgebe.</p> - -<p>Unser Gespräch endet immer auf die gleiche Weise. Meiner Frau -fällt zu ihrem Schrecken plötzlich ein, daß ich noch keinen Tee getrunken -habe.</p> - -<p>»Was sitze ich hier?« sagt sie, sich erhebend. »Der Samowar steht -längst auf dem Tische, und ich plaudere hier. Wie gedankenlos ich -geworden bin, o Gott!«</p> - -<p>Sie geht schnell zur Tür, bleibt aber dort stehen, um zu sagen:</p> - -<p>»Wir sind Jegor noch seinen Lohn für fünf Monate schuldig. Du -weißt es doch? Man darf mit der Lohnzahlung an die Dienstboten -nicht nachlässig sein, das habe ich dir doch schon wer weiß wie oft -gesagt! Zehn Rubel jeden Monat zu bezahlen ist viel leichter als -fünfzig mit einem Mal für fünf Monate.«</p> - -<p>Wenn sie aus der Tür hinaus ist, bleibt sie wieder stehen und sagt:</p> - -<p>»Niemand tut mir so leid wie unsere arme Lisa. Das Kind besucht -doch das Konservatorium und verkehrt stets in guter Gesellschaft; -aber dabei ist ihre Toilette so kümmerlich. Ihr Pelz befindet sich -in einem solchen Zustande, daß sie sich schämen muß, sich damit auf -der Straße zu zeigen. Wäre sie aus anderer Familie, dann käme -es ja nicht darauf an; aber so wissen doch alle Leute, daß ihr Vater -ein berühmter Professor und Geheimrat ist!«</p> - -<p>Nachdem sie mir so meinen Ruf und Stand zum Vorwurfe gemacht -hat, geht sie endlich fort. Auf diese Weise beginnt mein Tag. -Und der weitere Verlauf ist nicht besser.</p> - -<p>Während ich Tee trinke, kommt meine Tochter Lisa zu mir ins -Zimmer, in Pelz und Mützchen, die Notenmappe am Arm, völlig<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -fertig, um ins Konservatorium zu gehen. Sie ist zweiundzwanzig -Jahre alt. Nach ihrem Äußeren würde man sie für jünger halten; -sie ist recht hübsch und hat einige Ähnlichkeit mit meiner Frau, wie -diese in ihrer Jugend aussah. Sie küßt mir zärtlich die Schläfe -und die Hand und sagt:</p> - -<p>»Guten Morgen, Papachen. Fühlst du dich wohl?«</p> - -<p>Als sie noch ein Kind war, aß sie sehr gern Gefrorenes, und ich -mußte sie oft in die Konditorei führen. Eis war ihr der Maßstab -für alles Schöne. Wenn sie mich loben wollte, so sagte sie: »Du -bist von Sahneneis, Papa.« Von ihren Fingerchen hieß eines das -Pistazienfingerchen, das andere das Sahnenfingerchen, das dritte -das Himbeerfingerchen usw. Wenn sie morgens zu mir kam, um -mir Guten Tag zu sagen, setzte ich sie gewöhnlich auf meinen Schoß, -küßte ihre Fingerchen und sagte dabei:</p> - -<p>»Sahnenfingerchen, Pistazienfingerchen, Zitronenfingerchen …«</p> - -<p>Auch jetzt küsse ich aus alter Gewohnheit Lisas Finger und murmele:</p> - -<p>»Pistazienfingerchen, Sahnenfingerchen, Zitronenfingerchen …«; -aber es hat nicht mehr den richtigen Klang. Ich bin kalt dabei, und -darüber schäme ich mich. Wenn meine Tochter zu mir hereinkommt -und mit den Lippen meine Schläfe berührt, so zucke ich zusammen, -wie wenn mich eine Biene in die Schläfe stäche, lächle gezwungen -und wende mein Gesicht ab. Seit ich an Schlaflosigkeit leide, bohrt -in meinem Gehirn ein bestimmter Gedanke herum: meine Tochter -sieht oft, daß ich, ein alter Mann, ein berühmter Professor, peinlich -erröte, weil ich dem Diener Geld schulde; sie sieht, daß die Sorge -um kleine Schulden mich oft zwingt, die Arbeit hinzuwerfen, ganze -Stunden lang von einer Ecke nach der andern zu gehen und nachzudenken; -aber warum ist sie nie hinter dem Rücken ihrer Mutter -zu mir gekommen und hat mir zugeflüstert: »Vater, da sind meine -Armbänder, meine Uhr, meine Ohrringe, meine Kleider. Trag das -alles ins Leihhaus, wenn du Geld brauchst!«? Sie sieht doch, daß -wir, ihre Mutter und ich, aus einem falschen Schamgefühle den -Leuten unsere Armut zu verbergen suchen; warum verzichtet sie da -nicht auf das kostspielige Vergnügen, Musik zu studieren? Annehmen -würde ich ja weder die Uhr noch die Armbänder noch sonstige Opfer, -Gott behüte; das liegt nicht in meinen Wünschen.</p> - -<p>Dabei denke ich dann auch an meinen Sohn, den Warschauer Offizier. -Er ist ein verständiger, ehrenhafter, nüchterner Mensch. Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -mir genügt das nicht. Ich meine, wenn ich einen alten Vater hätte -und wüßte, daß bei ihm Augenblicke vorkommen, wo er sich seiner -Armut schämt, dann würde ich meine Offizierstelle jemand anders -überlassen und selbst eine Erwerbstätigkeit ergreifen. Solche Gedanken -über meine Kinder vergiften mir meine Seele. Was haben -solche Gedanken für Zweck? Gegen Menschen gewöhnlichen Schlages -nur deshalb ein böses Gefühl hegen, weil sie keine Helden sind, -das kann nur ein engherziger oder verbitterter Mensch. Aber genug -davon.</p> - -<p>Um dreiviertel zehn muß ich zu meinen lieben Studenten gehen, um -ihnen eine Vorlesung zu halten. Ich kleide mich an und wandere -auf dem Wege hin, der mir schon seit dreißig Jahren bekannt ist -und für mich seine Geschichte hat. Hier steht ein großes, graues -Haus mit einer Apotheke; da stand ehemals ein kleines Häuschen, -und darin befand sich ein Bierlokal; in diesem Bierlokale überlegte -ich meine Dissertation und schrieb ich meinen ersten Liebesbrief an -Warja. Ich schrieb ihn mit Bleistift auf einen Bogen mit dem -Kopfdruck: <em class="antiqua">Historia morbi</em>. Da ist ein kleiner Viktualienladen; -einstmals gehörte er einem Juden, der mir Zigaretten auf Kredit -verkaufte, dann einer dicken Frau, die alle Studenten in ihr Herz -geschlossen hatte, weil doch jeder von ihnen eine Mutter habe; jetzt -sitzt ein rothaariger Kaufmann darin, ein sehr gleichmütiger Mensch, -der aus einer kupfernen Kanne Tee trinkt. Und da ist ja auch schon -das seit langer Zeit nicht renovierte Universitätstor und der sich -langweilende Hausknecht in seinem Schafpelz und ein paar Besen -und große Schneehaufen. Auf einen frischen jungen Menschen, der -aus der Provinz kommt und die Vorstellung mitbringt, der Tempel -der Wissenschaft werde auch in seiner äußeren Erscheinung ein -Tempel sein, kann ein solches Tor keinen guten Eindruck machen. -Überhaupt muß man sagen: die Baufälligkeit der Universitätsgebäude, -die Dunkelheit der Korridore, die verstaubten, verräucherten -Wände, der Mangel an Licht, das klägliche Aussehen der Stufen, -der Kleiderhaken und der Bänke, dies alles nimmt in der Geschichte -des russischen Pessimismus einen der ersten Plätze unter den prädisponierenden -Ursachen ein. Da ist auch unser Universitätsgarten. -Seit meiner eigenen Studentenzeit ist er, wie ich glaube, nicht besser -und nicht schlechter geworden. Ich kann ihn nicht leiden. Es wäre -weit verständiger, wenn statt der schwindsüchtigen Linden, der gelblichgrünen<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -Akazien und des dürftigen, beschnittenen Flieders dort -hohe Fichten und kräftige Eichen wüchsen. Der Student, dessen -Stimmung meist durch seine Umgebung stark beeinflußt wird, muß -da, wo er studiert, auf Schritt und Tritt nur Hohes, Kräftiges -und Schönes sehen. Bewahre ihn Gott vor dem Anblick dürrer -Bäume, zerbrochener Fensterscheiben, grau gewordener Wände und -mit zerrissenem Wachstuch beschlagener Türen!</p> - -<p>Wenn ich mich derjenigen Tür des Universitätsgebäudes nähere, -die zu meinen Räumen führt, so öffnet sie sich, und es begrüßt mich -mein langjähriger Dienstgenosse, Altersgenosse und Namensvetter, -der Portier Nikolai. Nachdem er mich eingelassen hat, räuspert er -sich und sagt:</p> - -<p>»Es ist kalt heute, Euer Exzellenz!«</p> - -<p>Oder wenn mein Pelz naß ist, bemerkt er:</p> - -<p>»Es regnet heute, Euer Exzellenz!«</p> - -<p>Darauf läuft er vor mir her und öffnet auf meinem Wege alle -Türen. In meinem Arbeitszimmer nimmt er mir behutsam den -Pelz ab und teilt mir gleichzeitig schleunigst irgendeine Universitätsneuigkeit -mit. Dank der nahen Bekanntschaft, die zwischen -allen Universitätsportiers und -pedellen besteht, weiß er alles, was -in den vier Fakultäten, in der Kanzlei, im Arbeitszimmer des Rektors -und in der Bibliothek vorgeht. Was bliebe ihm unbekannt? -Zu Zeiten, wo bei uns z. B. der Rücktritt des Rektors oder eines -Dekanes die brennende Tagesfrage bildet, höre ich manchmal, wie -er im Gespräche mit jüngeren Pedellen die Kandidaten aufzählt -und zugleich erläuternd bemerkt, den und den werde der Minister -nicht bestätigen, der und der werde selbst verzichten, und wie er sich -dann in phantastischen Einzelheiten ergeht über geheimnisvolle -Schriftstücke, die in der Kanzlei eingegangen seien, über eine geheime -Unterredung zwischen dem Minister und dem Kurator usw. -Sieht man von diesen Einzelheiten ab, so erweist sich, daß er im -allgemeinen fast immer recht hat. Die Charakteristiken, die er von -einem jeden der Kandidaten gibt, sind originell, aber gleichfalls zutreffend. -Wer etwa zu erfahren wünscht, in welchem Jahre jemand -seine Dissertation verteidigt hat, ins Amt getreten ist, sich hat pensionieren -lassen oder gestorben ist, der rufe das gewaltige Gedächtnis -dieses ehemaligen Soldaten zu Hilfe; dieser wird nicht nur das -Jahr, den Monat und den Tag angeben, sondern auch über die<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -näheren Umstände Mitteilung machen, die das eine oder andere Ereignis -begleitet haben. So sich erinnern kann nur, wer mit dem -Herzen dabei ist.</p> - -<p>Er ist der Hüter der Universitätstradition. Von seinen Vorgängern -im Portieramt hat er viele Legenden aus dem Universitätsleben -geerbt; zu diesem Schatze hat er dann viel eigenes Gut hinzugefügt, -das er in seiner Dienstzeit erworben hat, und wenn jemand ein Verlangen -danach äußert, so erzählt er ihm eine Menge langer und -kurzer Geschichten. Er kann von außerordentlich klugen Männern -erzählen, die »alles wußten«, von merkwürdig arbeitsfähigen Professoren, -die ganze Wochen lang nicht schliefen, von zahlreichen -Märtyrern und Opfern der Wissenschaft; das Gute triumphiert in -seinen Erzählungen immer über das Böse, der Schwache besiegt -den Starken, der Kluge den Dummen, der Bescheidene den Stolzen, -der Junge den Alten. Man braucht ja nicht gerade alle diese Legenden -und Erdichtungen für bare Münze zu nehmen; aber man filtriere -sie, und es wird als Rückstand etwas Brauchbares auf dem -Filter bleiben: unsere guten Traditionen und die Namen wahrer, -allgemein anerkannter Geistesheroen.</p> - -<p>Was man in der sogenannten besseren Gesellschaft unserer Stadt -über die Welt der Gelehrten weiß, das sind lediglich Anekdoten über -außergewöhnliche Zerstreutheit alter Professoren, sowie zwei oder -drei Witze, die bald auf Gruber, bald auf mich, bald auf Babuchin -zurückgeführt werden. Für die gebildete Gesellschaft ist das eigentlich -etwas wenig. Wenn diese Kreise die Wissenschaft, die Gelehrten -und die Studenten so liebten, wie es Nikolai tut, so würde -die hiesige Literatur schon längst ganze Heldengedichte, Erzählungen -und Biographien aus diesem Gebiete besitzen, deren sie jetzt leider -ermangelt.</p> - -<p>Nachdem Nikolai mir seine Neuigkeit mitgeteilt hat, nimmt sein -Gesicht einen sehr ernsten Ausdruck an, und es entspinnt sich zwischen -uns ein fachmännisches Gespräch. Wenn ein Fremder dabei -mit anhörte, wie flott Nikolai die Terminologie handhabt, so könnte -er vielleicht gar denken, das sei ein als Portier maskierter Gelehrter. -Aber beiläufig gesagt: die Gerüchte über die Gelehrsamkeit der -Universitätsunterbeamten sind stark übertrieben. Allerdings kennt -Nikolai über hundert lateinische Benennungen, versteht sich darauf, -ein Skelett zusammenzufügen, unter Umständen auch ein Präparat<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -herzustellen, die Studenten durch irgendein langes, gelehrtes Zitat -zum Lachen zu bringen; aber z. B. die so einfache Lehre vom Blutumlaufe -ist ihm jetzt noch ebenso dunkel wie vor zwanzig Jahren.</p> - -<p>An einem Tische in meinem Arbeitszimmer sitzt, tief über ein Buch -oder ein Präparat gebeugt, mein Prosektor Peter Ignatjewitsch, ein -fleißiger, bescheidener, aber talentloser Mensch, etwa fünfunddreißig -Jahre alt, aber schon kahlköpfig und dickbäuchig. Arbeiten tut er -vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein; er liest eine große -Menge und hat für alles Gelesene ein vorzügliches Gedächtnis. In -dieser Hinsicht ist er Goldes wert; aber im übrigen ist er ein Lastpferd -oder, wie man sich auch auszudrücken pflegt, ein gelehrter -Dummkopf. Die charakteristischen Merkmale des Lastpferdes, durch -die dieses sich von einem talentvollen Manne unterscheidet, sind -folgende: sein Gesichtskreis ist eng und scharf begrenzt, da er eben -nur ein Spezialfach umfaßt; außerhalb seines Spezialfaches ist -ein solcher Mann naiv wie ein Kind. Ich erinnere mich, daß ich -eines Morgens in das Arbeitszimmer hereinkam und sagte:</p> - -<p>»Denken Sie sich, dieses Unglück! Es heißt, Skobelew sei gestorben.«</p> - -<p>Nikolai bekreuzte sich, Peter Ignatjewitsch aber sah mich an und -fragte:</p> - -<p>»Was für ein Skobelew?«</p> - -<p>Ein andermal (es war etwas früher) teilte ich ihm mit, daß Professor -Perow gestorben sei. Der gute Peter Ignatjewitsch fragte:</p> - -<p>»Worüber hat er denn gelesen?«</p> - -<p>Und wenn dicht vor seinen Ohren die Patti zu singen anfinge, wenn -Chinesenhorden über Rußland herfielen, wenn ein Erdbeben stattfände, -so würde er vermutlich kein Glied rühren und seelenruhig -mit zusammengekniffenem Auge in sein Mikroskop hineinsehen. Mit -einem Worte: was kümmert ihn Hekuba? Ich würde viel darum -geben, einmal zu sehen, wie dieser trockene Stock bei seiner Frau -schläft.</p> - -<p>Ein zweiter Charakterzug eines solchen Menschen ist: ein fanatischer -Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft und namentlich -alles dessen, was die Deutschen schreiben. Er hat ein festes Vertrauen -zu sich selbst und zu seinen Präparaten, kennt nach seiner -Überzeugung den Zweck des Menschenlebens und weiß absolut nichts -von jenen Zweifeln und Enttäuschungen, von denen talentvolle -Männer graue Haare bekommen. Er hegt einen sklavischen Respekt<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -vor Autoritäten; das Bedürfnis, selbständig zu denken, kennt er -nicht. Ihn zu einer andern Ansicht zu bringen ist schwer, mit ihm -zu disputieren unmöglich. Man disputiere einmal mit einem Menschen, -der fest überzeugt ist, die beste Wissenschaft sei die Medizin, -die besten Menschen die Ärzte, die besten Traditionen die medizinischen. -In Wirklichkeit hat sich von der recht üblen Vergangenheit -der Medizin nur ein einziger traditioneller Brauch erhalten: die -weiße Krawatte, die die Doktoren jetzt tragen, und für einen Gelehrten -und überhaupt für einen Gebildeten gibt es nur allgemein -akademische Traditionen, ohne jede Scheidung in medizinische, juristische -usw.; aber Peter Ignatjewitsch kann sich nicht entschließen, -das zuzugeben, und ist bereit, mit einem anders Gesinnten darüber -bis zum Jüngsten Tage zu debattieren.</p> - -<p>Seine Zukunft kann ich mir klar vorstellen. Er wird im Laufe -seines ganzen Lebens mehrere hundert außerordentlich saubere Präparate -anfertigen, viele trockene, sehr korrekte Referate schreiben, -etwa ein Dutzend gewissenhafte Übersetzungen herstellen; aber das -Pulver wird er nicht erfinden. Zum Pulvererfinden gehören Phantasie, -Erfindungsgabe, Kombinationssinn, und von solchen Dingen -besitzt Peter Ignatjewitsch nichts. Kurz, er ist in der Wissenschaft -nicht ein Hausherr, sondern ein Arbeitsmann.</p> - -<p>Wir drei, ich, Peter Ignatjewitsch und Nikolai, sprechen halblaut -miteinander. Es ist uns nicht recht behaglich zumute. Es ist doch -ein besonderes Gefühl, wenn man auf der anderen Seite der Tür -die Zuhörerschar wie ein Meer lärmen hört. In diesen ganzen dreißig -Jahren habe ich mich an dieses Gefühl nicht gewöhnt und empfinde -es jeden Morgen mit Mißbehagen. Nervös knöpfe ich mir den -Rock zu, richte an Nikolai überflüssige Fragen und ärgere mich über -mich selbst. Es sieht ganz so aus, als ob ich feige wäre; aber es ist -nicht Feigheit, sondern etwas anderes, was ich weder zu benennen -noch zu beschreiben imstande bin.</p> - -<p>Ohne daß es nötig wäre, sehe ich nach der Uhr und sage:</p> - -<p>»Nun, wie ist's? Wir müssen gehen.«</p> - -<p>Und wir schreiten in folgender Ordnung einher: voran geht Nikolai -mit den Präparaten oder den großen Abbildungen, hinter ihm ich, -und hinter mir wandelt, den Kopf bescheiden gebeugt, das Lastpferd; -oder aber es wird, wenn es nötig ist, vor uns her auf einer Bahre -ein Leichnam getragen, hinter dem Leichnam geht Nikolai usw. Bei<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -meinem Erscheinen stehen die Studenten auf; dann setzen sie sich -wieder, und das Getöse des Meeres verstummt plötzlich. Es tritt -Windstille ein.</p> - -<p>Ich weiß, worüber ich zu sprechen habe; aber ich weiß nicht, wie -ich sprechen und womit ich anfangen und aufhören werde. In -meinem Kopfe ist kein einziger fertiger Satz vorhanden. Aber ich -brauche nur meinen Hörsaal anzusehen (er ist amphitheatralisch -gebaut) und die herkömmlichen Worte: »In der vorigen Vorlesung -sind wir bei … stehen geblieben«, zu sprechen, so kommen die -Sätze in langer Reihe aus meinem Innern herausgeströmt, und nun -bin ich im Zuge! Ich rede mit unaufhaltsamer Schnelligkeit und -großer Wärme, und man möchte glauben, daß es keine Gewalt gebe, -die den Lauf meiner Rede unterbrechen könnte. Um gut vorzutragen, -d. h. so, daß das Interesse der Zuhörer geweckt wird und sie Nutzen -davon haben, muß man außer dem Talente auch noch eine gewisse -Kunstfertigkeit und Erfahrung besitzen; man muß eine klare Vorstellung -von der eigenen Kraft, von der Persönlichkeit der Zuhörer -und von dem Gegenstande des Vortrages haben. Außerdem muß -man ein energischer Mensch sein, muß scharf beobachten und darf -keinen Teil des Gesichtsfeldes auch nur für eine Sekunde aus den -Augen verlieren.</p> - -<p>Ein guter Kapellmeister verrichtet, wenn er den Gedanken eines -Komponisten zu Gehör bringt, zwanzig verschiedene Dinge zu gleicher -Zeit: er liest die Partitur, schwingt den Taktstock, beobachtet -den Sänger, macht eine Bewegung zur Seite hin bald nach der -Trommel, bald nach dem Waldhorn usw. Ebenso mache auch ich -es, wenn ich vortrage. Vor mir habe ich hundertfünfzig Gesichter, -von denen keines dem anderen ähnlich ist, und dreihundert Augen, -die mir gerade ins Gesicht schauen. Mein Ziel ist, diese vielköpfige -Hydra zu besiegen. Wenn ich während meines Vortrages in jedem -Augenblicke eine klare Vorstellung von dem Grade der Aufmerksamkeit -und des Verständnisses meiner Zuhörer habe, dann sind -diese in meiner Gewalt. Ein anderer Gegner steckt in mir selbst. -Dies ist die endlose Mannigfaltigkeit der Formen, Erscheinungen -und Gesetze und die dadurch bedingte Fülle eigener und fremder -Gedanken. In jedem Augenblick muß ich die Geschicklichkeit besitzen, -aus diesem gewaltigen Material das Wichtigste und Notwendigste -herauszugreifen und ebenso schnell, wie meine Rede dahinfließt,<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -meine Gedanken in eine solche Form zu kleiden, daß sie dem Verständnis -der vielköpfigen Zuhörerschaft angemessen ist und deren -Interesse erwecken kann, wobei genau darauf zu achten ist, daß die -Gedanken nicht so, wie sie sich angehäuft haben, sondern in einer -gewissen Ordnung übermittelt werden, die zu einer regelrechten -Komposition des Gemäldes, das ich entwerfen will, unerläßlich ist. -Ferner gebe ich mir Mühe, dafür zu sorgen, daß mein Vortrag -sprachlich korrekt, die Definitionen kurz und bestimmt, der Satzbau -möglichst einfach und schön sei. Jeden Augenblick muß ich mich -selbst zügeln und mir ins Gedächtnis zurückrufen, daß ich nur eine -Stunde und vierzig Minuten zur Verfügung habe. Kurz, es ist -genug zu tun. Ich muß mich gleichzeitig als Gelehrter, als Pädagog -und als Redner betätigen, und es wäre ein schlimmes Ding, -wenn der Redner in mir über den Pädagogen und Gelehrten den -Sieg davontrüge, oder umgekehrt.</p> - -<p>Man trägt eine Viertelstunde, eine halbe Stunde vor, und da bemerkt -man, daß die Studenten nach der Zimmerdecke und nach -Peter Ignatjewitsch zu blicken anfangen, und daß einer sein Taschentuch -hervorholt, ein anderer sich bequemer hinsetzt, ein dritter -über seine eigenen Gedanken lächelt. Das sind Anzeichen dafür, -daß die Aufmerksamkeit müde und stumpf wird. Dagegen müssen -Maßregeln ergriffen werden. Ich benutze die erste geeignete Gelegenheit, -um irgendein Späßchen anzubringen. Alle hundertfünfzig -Gesichter verziehen sich zu einem breiten Lächeln, die Augen -leuchten vergnügt auf, das Brausen des Meeres läßt sich für kurze -Zeit wieder vernehmen. Ich lache ebenfalls. Die Aufmerksamkeit -ist wieder angefrischt, und ich kann fortfahren.</p> - -<p>Kein Sport, keine Zerstreuungen und Spiele haben mir jemals -einen solchen Genuß gewährt wie das Halten von Vorlesungen. -Nur bei den Vorlesungen konnte ich mich ganz meinem Affekte -überlassen und verstand, daß die Eingebung nicht eine Erfindung -der Dichter ist, sondern tatsächlich existiert. Und ich glaube, Herkules -hat nach der großartigsten seiner Heldentaten nicht eine so -wonnige Ermattung empfunden, wie ich sie jedesmal nach einer -Vorlesung durchmachte.</p> - -<p>So war das früher. Jetzt dagegen empfinde ich bei den Vorlesungen -nur Qual. Es vergeht keine halbe Stunde, so beginne ich in den -Beinen und Schultern eine unüberwindliche Schwäche zu fühlen;<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -ich setze mich auf den Stuhl; aber im Sitzen vorzutragen ist mir ungewohnt; -eine Minute darauf stehe ich wieder auf und fahre stehend -fort; dann setze ich mich von neuem hin. Die Mundhöhle wird -mir trocken, die Stimme heiser, der Kopf schwindlig. Um den Zuhörern -meinen Zustand zu verbergen, trinke ich öfters Wasser, huste, -schneuze mich oft, als ob mir ein Schnupfen lästig wäre, mache an -unpassenden Stellen Späße und schließe zuletzt die Vorlesung früher, -als es in der Ordnung ist. Aber hauptsächlich schäme ich mich.</p> - -<p>Gewissen und Verstand sagen mir, daß das Beste, was ich jetzt tun -könnte, wäre: den Studenten eine Abschiedsvorlesung zu halten, ihnen -Lebewohl zu sagen, ihnen alles Gute für ihren weiteren Lebensweg -zu wünschen und meinen Platz jemandem abzutreten, der jünger und -kräftiger ist als ich. Aber Gott möge mich richten: es fehlt mir -der Mut, so zu handeln, wie mich mein Gewissen handeln heißt. -Unglücklicherweise bin ich weder ein Philosoph noch ein Theologe. -Ich weiß ganz genau, daß ich nicht mehr länger als ein halbes -Jahr leben werde; man sollte nun meinen, jetzt müßten mich vor -allem die Fragen nach den Visionen, die meinen Schlaf im Grabe -vielleicht heimsuchen werden, und nach dem dunklen Dasein im -Jenseits beschäftigen. Aber merkwürdigerweise will meine Seele -von diesen Fragen nichts wissen, obwohl der Verstand die hohe -Wichtigkeit derselben anerkennt. Wie vor zwanzig bis dreißig Jahren, -so interessiert mich auch jetzt vor dem Tode ausschließlich die -Wissenschaft. Wenn ich meinen letzten Seufzer ausstoße, so werde -ich doch noch an dem Glauben festhalten, daß die Wissenschaft das -Wichtigste, Schönste und Notwendigste im Leben ist, daß sie immer -die höchste Offenbarung der Liebe gewesen ist und sein wird, und -daß nur durch sie der Mensch die Natur und sich selbst besiegen kann. -Dieser Glaube ist vielleicht naiv und mangelhaft begründet; aber ich -kann nichts dafür, daß ich diesen Glauben habe und keinen andern; -und diesen Glauben in mir zu zerstören, dazu bin ich außerstande.</p> - -<p>Aber darum handelt es sich nicht. Ich bitte nur, man wolle meine -Schwäche nachsichtig beurteilen und es sich klar machen, daß, wenn -man einen Menschen, den die Veränderungen des Knochenmarkes -mehr interessieren als das Endziel des Weltgebäudes, von seinem -Katheder und von seinen Schülern wegreißt, dies dasselbe bedeutet, -wie wenn man, ohne zu warten, bis er gestorben ist, ihn in einen -Sarg legen und diesen zunageln wollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p> - -<p>Infolge der Schlaflosigkeit und des anstrengenden Kampfes mit der -zunehmenden Schwäche begegnet mir etwas ganz Seltsames. Mitten -in der Vorlesung steigen mir plötzlich die Tränen in die Kehle, die -Augen fangen mir an zu jucken, und ich empfinde den leidenschaftlichen, -hysterischen Wunsch, die Arme nach vorn zu strecken und laut -zu klagen. Ich möchte es laut hinausschreien, daß das Schicksal -mich, den berühmten Mann, zum Tode verurteilt hat, daß nach ungefähr -einem halben Jahre hier in diesem Auditorium schon ein anderer -walten wird. Ich möchte es hinausschreien, daß ich vergiftet bin; -neue Gedanken, die ich früher nicht gekannt habe, haben meine letzten -Lebenstage vergiftet und stechen fortdauernd mein Gehirn wie Moskitos. -Und meine Lage erscheint mir bei solchen Anfällen so furchtbar, -daß ich wünsche, alle meine Hörer möchten einen entsetzlichen Schreck -bekommen, von ihren Plätzen aufspringen und in panischer Angst -mit verzweifeltem Geschrei zum Ausgang hinstürzen.</p> - -<p>Es ist nicht leicht, solche Augenblicke zu durchleben.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="II">II</h2> -</div> - -<p class="drop">Nach der Vorlesung sitze ich bei mir zu Hause und arbeite. Ich lese -Zeitschriften und Dissertationen oder bereite mich auf die folgende -Vorlesung vor; manchmal schreibe ich auch etwas. Ich arbeite mit -Unterbrechungen, da ich dabei Besucher empfangen muß.</p> - -<p>Die Klingel ertönt. Ein Kollege ist gekommen, um mit mir etwas Geschäftliches -zu besprechen. Er tritt mit Hut und Stock in mein Zimmer, -streckt mir in jeder Hand einen dieser Gegenstände entgegen und sagt:</p> - -<p>»Ich komme nur auf einen Augenblick, nur auf einen Augenblick! -Bleiben Sie sitzen, Kollege! Nur zwei Worte!«</p> - -<p>Zunächst suchen wir einander zu zeigen, daß wir beide außerordentlich -höfliche Menschen und beide sehr erfreut sind, einander zu sehen. -Ich nötige ihn in einen Lehnsessel, und er sucht mich zum Sitzen -zu veranlassen; dabei streicheln wir uns wechselseitig behutsam an -der Rocktaille und berühren die Knöpfe des andern; es sieht so aus, -als ob wir einander betasteten, uns aber hierbei zu verbrennen fürchteten. -Wir lachen beide, obwohl wir nichts Lächerliches sagen. Nachdem -wir zum Sitzen gekommen sind, beugen wir uns mit den Köpfen -zueinander und beginnen halblaut zu reden. Mögen wir einander -auch noch so freundlich gesinnt sein, es ist dennoch unumgänglich<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -nötig, daß wir unsere Reden mit allerlei chinesischen Phrasen vergolden, -als da sind: »Sie beliebten sehr richtig zu bemerken«, oder: -»Wie ich schon die Ehre hatte Ihnen zu sagen«, und es ist unumgänglich -nötig, daß wir lachen, wenn einer von uns einen Witz -macht, mag er auch noch so geringwertig sein. Nach Beendigung -des geschäftlichen Gespräches steht der Kollege mit einer hastigen -Bewegung auf, weist mit seinem Hute nach meiner Arbeit hin und -beginnt sich zu empfehlen. Wieder betasten wir uns gegenseitig -und lachen dabei. Ich begleite ihn bis ins Vorzimmer; hier bin ich -meinem Kollegen beim Anziehen des Pelzes behilflich; aber er -wehrt sich in jeder Weise gegen diese hohe Ehre. Wenn dann Jegor -die Tür öffnet, versichert mir der Kollege, ich würde mich erkälten; -ich aber tue, als hätte ich vor, sogar bis auf die Straße hinter ihm -her zu gehen. Und wenn ich dann endlich in mein Arbeitszimmer -zurückkehre, so fährt mein Gesicht, wohl infolge des Beharrungsvermögens, -immer noch fort zu lächeln.</p> - -<p>Nach einem Weilchen klingelt es wieder. Es tritt jemand ins Vorzimmer, -zieht sich lange aus und hustet. Jegor meldet, es sei ein -Student da. Ich sage: »Ich lasse bitten.« Einen Augenblick darauf -tritt ein junger Mensch von angenehmem Äußern in mein Zimmer. -Schon seit einem Jahre stehen wir beide miteinander auf gespanntem -Fuße: er gibt bei mir im Examen abscheulich schlechte Antworten, -und ich erteile ihm das Prädikat Nicht genügend. Solcher -jungen Leute, die ich, um studentisch zu reden, durchplumpsen oder -durchrasseln lasse, sammeln sich bei mir im Laufe eines Jahres -ungefähr sieben Stück an. Diejenigen unter ihnen, die das Examen -wegen Unfähigkeit oder wegen Krankheit nicht bestehen, tragen -ihr Kreuz gewöhnlich mit Geduld und machen nicht den Versuch, -mich umzustimmen; dagegen neigen die Sanguiniker dazu, zu mir -ins Haus zu kommen und mit mir zu feilschen und zu handeln; das -sind leichtlebige Naturen, denen die Nötigung, das Examen noch -einmal abzulegen, den Appetit verdirbt und an regelmäßigem Besuche -der Oper hinderlich ist. Den ersteren gegenüber übe ich gern -Nachsicht; aber die zweite Sorte lasse ich ein ganzes Jahr lang -durchfallen.</p> - -<p>»Nehmen Sie Platz,« sage ich zu dem Besucher. »Was bringen Sie?«</p> - -<p>»Entschuldigen Sie die Störung, Herr Professor,« beginnt er stotternd -und ohne mir ins Gesicht zu sehen. »Ich hätte nicht gewagt,<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -Sie zu belästigen, wenn ich nicht … Ich habe bei Ihnen schon -fünfmal das Examen gemacht und … und bin durchgefallen. -Ich bitte Sie inständig, haben Sie die Güte und geben Sie mir -Genügend; denn …«</p> - -<p>Die Begründung, die alle Faulpelze zu ihren Gunsten vorbringen, ist -immer ein und dieselbe: sie hätten das Examen in allen Fächern sehr -gut bestanden, nur in meinem seien sie durchgefallen, und dies sei um -so erstaunlicher, da sie gerade in meinem Fache immer sehr fleißig -studiert hätten und gut darin Bescheid wüßten; sie seien nur infolge -irgendeines unbegreiflichen Mißverständnisses durchgefallen.</p> - -<p>»Entschuldigen Sie, lieber Freund,« sage ich zu dem Besucher, -»genügend kann ich Ihnen nicht geben. Repetieren Sie noch ein -bißchen, und kommen Sie dann wieder! Dann wollen wir sehen.«</p> - -<p>Es tritt in dem Gespräche eine Pause ein. Es reizt mich, den -Studenten ein bißchen zu quälen, zur Strafe dafür, daß er das -Bier und die Oper mehr liebt als die Wissenschaft, und ich sage -mit einem Seufzer:</p> - -<p>»Meiner Ansicht nach ist das Beste, was Sie jetzt tun können, -ganz aus der medizinischen Fakultät auszutreten. Wenn es Ihnen -bei Ihren Anlagen schlechterdings nicht gelingen will, das Examen -zu bestehen, so haben Sie offenbar weder die Neigung noch den Beruf -dazu, Arzt zu werden.«</p> - -<p>Das Gesicht des Sanguinikers zieht sich in die Länge.</p> - -<p>»Verzeihen Sie, Herr Professor,« erwidert er lächelnd, »aber das -würde doch von meiner Seite wenigstens sehr sonderbar sein. Fünf -Jahre zu studieren und dann auf einmal abzuspringen!«</p> - -<p>»Nun ja, gewiß! Aber es ist doch besser, fünf Jahre zu verlieren, -als nachher das ganze Leben lang eine Tätigkeit auszuüben, die -man nicht liebt.«</p> - -<p>Aber sogleich fängt er mir auch an leid zu tun, und ich beeile mich -hinzuzufügen:</p> - -<p>»Handeln Sie übrigens, wie es Ihnen gut scheint! Also arbeiten -Sie noch ein bißchen, und kommen Sie dann wieder!«</p> - -<p>»Wann?« fragt der Faulpelz in dumpfem Tone.</p> - -<p>»Wann Sie wollen. Meinetwegen morgen.«</p> - -<p>Und in seinen gutmütigen Augen lese ich den Gedanken: »Kommen -könnte ich schon; aber du Racker würdest mich ja doch wieder durchfallen -lassen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p> - -<p>»Gewiß,« sage ich, »Sie werden nicht gelehrter dadurch werden, -wenn Sie sich noch fünfzehnmal von mir examinieren lassen; aber -es wird zu Ihrer Charakterbildung beitragen. Und das ist doch auch -ein schöner Gewinn.«</p> - -<p>Es folgt wieder eine Pause. Ich erhebe mich und warte, daß der -Besucher fortgeht; aber er bleibt stehen, blickt nach dem Fenster hin, -zupft an seinem Bärtchen und überlegt. Die Sache beginnt langweilig -zu werden.</p> - -<p>Die Stimme des Sanguinikers ist angenehm und volltönend, seine -Augen verständig und etwas spöttisch, das Gesicht seelengut, vom -vielen Biertrinken und dem langen Herumliegen auf dem Sofa ein -wenig aufgedunsen; anscheinend könnte er mir viel Interessantes -über die Oper, über seine Liebesabenteuer und über die Kommilitonen, -die er gern hat, erzählen; aber leider ist es nicht üblich, von -dergleichen zu sprechen. Ich würde es ganz gern hören.</p> - -<p>»Herr Professor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn Sie mir -Genügend geben, so werde ich …«</p> - -<p>Sowie das Gespräch beim Ehrenworte angelangt ist, winke ich abwehrend -mit den Händen und setze mich an den Tisch. Der Student -denkt noch eine Minute lang nach und sagt dann niedergeschlagen:</p> - -<p>»Dann also adieu … Entschuldigen Sie!«</p> - -<p>»Adieu, lieber Freund. Möge es Ihnen gut gehen!«</p> - -<p>Er geht unentschlossen in das Vorzimmer und zieht sich dort langsam -an; nachdem er auf die Straße hinausgetreten ist, denkt er -wahrscheinlich nochmals lange nach. Aber da ihm nichts weiter -einfällt als mit Bezug auf mich »Alter Satan!« vor sich hinzumurmeln, -geht er in ein schlechtes Restaurant, um Bier zu trinken -und Mittagbrot zu essen, und dann nach Hause, um zu schlafen. -Friede deiner Asche, du ehrlicher Freund der Arbeit!</p> - -<p>Es klingelt zum dritten Male. In mein Zimmer tritt ein junger -Arzt in einem neuen, schwarzen Anzuge, mit einer goldenen Brille -und selbstverständlich mit einer weißen Krawatte. Er stellt sich vor. -Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und frage, was zu seinen Diensten -steht. Nicht ohne eine gewisse Erregung beginnt der junge Priester -der Wissenschaft mir zu erzählen, er habe in diesem Jahre sein Doktorexamen -bestanden und müsse jetzt nur noch eine Dissertation -schreiben. Er möchte gern bei mir, unter meiner Leitung, arbeiten,<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -und ich würde ihn zu großem Dank verpflichten, wenn ich ihm ein -Thema für seine Dissertation angeben wollte.</p> - -<p>»Ich freue mich sehr, Ihnen nützlich sein zu können, Herr Kollege,« -sage ich. »Aber lassen Sie uns zunächst darüber einig werden, was -denn eigentlich eine Dissertation ist. Unter diesem Worte pflegt -man doch eine Abhandlung zu verstehen, die ein Produkt selbständigen -Schaffens darstellt. Nicht wahr? Eine Abhandlung aber, -die über ein fremdes Thema und unter fremder Leitung geschrieben -ist, die nennt man anders …«</p> - -<p>Der Doktorand schweigt. Ich werde hitzig und springe von meinem -Stuhle auf.</p> - -<p>»Ich begreife nicht, warum die Herren alle zu mir kommen!« rufe -ich ärgerlich. »Bin ich denn ein Händler? Ich habe keine Themata -feil! Zum tausendundersten Male bitte ich Sie alle, mich in Ruhe -zu lassen! Entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit; aber die Sache -ist mir wahrhaftig schließlich zum Ekel geworden!«</p> - -<p>Der Doktorand schweigt, und nur in der Gegend der Backenknochen -erscheint auf seinem Gesicht eine leichte Röte. Seine -Miene drückt eine hohe Achtung vor meinem berühmten Namen -und vor meiner Gelehrsamkeit aus; aber an seinen Augen sehe ich, -daß er mich wegen meines erregten Tones und wegen meiner kläglichen -Gestalt und wegen meiner nervösen Bewegungen geringschätzt. -Ich erscheine ihm in meinem Zorne als ein wunderlicher -Geselle.</p> - -<p>»Ich bin kein Händler!« wiederhole ich ärgerlich. »Es ist doch auch -wunderlich: warum wollen Sie denn nicht selbständig sein? Warum -ist Ihnen denn die Freiheit so zuwider?«</p> - -<p>Ich rede viel; er aber schweigt dauernd. Schließlich beruhige ich mich -allmählich und gebe natürlich nach. Der Doktorand wird von mir -ein Thema erhalten, das keinen Dreier wert ist, wird unter meiner -Aufsicht eine Dissertation schreiben, von der niemand etwas hat, -wird mit Würde die langweilige Disputation überstehen und einen -akademischen Grad erhalten, der ihm nichts nützt.</p> - -<p>Manchmal wird meine Klingel einmal nach dem andern in Bewegung -gesetzt, ohne Ende; aber hier beschränke ich mich darauf, nur -noch einen vierten Besuch zu erwähnen. Es klingelt zum viertenmal, -und ich höre bekannte Schritte, das Rascheln eines Frauenkleides -und eine liebe Stimme …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p> - -<p>Vor achtzehn Jahren starb ein Kollege von mir, ein Augenarzt, -und hinterließ eine siebenjährige Tochter Katja und etwa sechzigtausend -Rubel. In seinem Testamente hatte er mich als Vormund -eingesetzt. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahre lebte Katja in meiner -Familie; dann gab ich sie in ein Erziehungsinstitut, und sie verlebte -bei mir nur die Sommermonate, wo sie Ferien hatte. Mich mit -ihrer Erziehung zu beschäftigen, dazu hatte ich keine Zeit; ich beobachtete -das Mädchen nur in meinen Mußestunden und kann daher -über ihre Kindheit nur sehr wenig sagen.</p> - -<p>Das Erste, was mir im Gedächtnis haftet und mir eine liebe Erinnerung -bildet, ist die außerordentliche Zutraulichkeit, mit der sie in -mein Haus eintrat, mit der sie sich in Krankheitsfällen von den -Ärzten behandeln ließ, und die überhaupt immer auf ihrem Gesichtchen -leuchtete. Manchmal saß sie mit verbundener Backe irgendwo -in einem Eckchen, und dann konnte man sicher sein, daß sie irgend -etwas mit Aufmerksamkeit betrachtete. Und ob sie nun zu solchen -Zeiten zusah, wie ich schrieb und in Büchern blätterte, oder wie -meine Frau in der Wirtschaft tätig war, oder wie die Köchin in der -Küche die Kartoffeln wusch, oder wie der Hund spielte: immer -drückten dabei ihre Augen unabänderlich einen und denselben Gedanken -aus: »Alles, was in dieser Welt geschieht, ist schön und vernünftig.« -Sie war wißbegierig und sprach sehr gern mit mir. Oft -saß sie am Tische mir gegenüber, verfolgte mit den Augen meine -Bewegungen und stellte Fragen. Es interessierte sie, zu wissen, -was ich läse, und was ich in der Universität täte, und ob ich mich -vor den Leichen nicht fürchtete, und was ich mit meinem Gehalt -anfinge.</p> - -<p>»Prügeln sich die Studenten in der Universität?« fragte sie.</p> - -<p>»Ja, das tun sie, liebes Kind.«</p> - -<p>»Und lassen Sie sie dafür zur Strafe knien?«</p> - -<p>»Ja, das tue ich.«</p> - -<p>Und es kam ihr komisch vor, daß die Studenten sich prügelten und -ich sie knien ließe, und sie lachte herzlich darüber. Sie war ein -sanftes, geduldiges, seelengutes Kind. Nicht selten bekam ich zu -sehen, wie man ihr etwas wegnahm, sie ohne Grund bestrafte -oder ihre Wißbegierde nicht befriedigte; dann gesellte sich zu dem -ständigen Ausdrucke von Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte noch -ein Ausdruck von Traurigkeit, aber weiter nichts. Ich verstand<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -nicht, sie gebührend in Schutz zu nehmen, und nur wenn ich ihre -Traurigkeit sah, regte sich in mir das Verlangen, sie an mich zu -ziehen und im Tone einer alten Kinderfrau bedauernd zu ihr zu sagen:</p> - -<p>»O du meine liebe Waise!«</p> - -<p>Ich besinne mich auch, daß sie Freude daran hatte, sich gut zu -kleiden und sich mit Parfüm zu bespritzen. In dieser Hinsicht hatte -sie mit mir Ähnlichkeit. Auch ich habe schöne Garderobe und gute -Parfüms sehr gern.</p> - -<p>Ich bedaure, daß ich keine Zeit und Lust hatte, den Beginn und die -Entwickelung einer Leidenschaft zu verfolgen, in deren Bann Katja -schon im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren vollständig -hineingeraten war. Ich meine ihre leidenschaftliche Liebe zum -Theater. Wenn sie für die Ferienzeit aus dem Institute zu uns -kam und bei uns lebte, sprach sie von nichts mit solchem Vergnügen -und solcher Wärme wie von Theaterstücken und Schauspielern. Sie -ermüdete uns durch ihre beständigen Gespräche über das Theater. -Meine Frau und meine Kinder hörten ihr nicht mehr zu. Nur ich -hatte nicht den Mut, ihr meine Aufmerksamkeit zu verweigern. -Wenn bei ihr der Wunsch rege wurde, ihren Enthusiasmus mit jemandem -zu teilen, so kam sie zu mir in mein Arbeitszimmer und -sagte in flehendem Tone:</p> - -<p>»Nikolai Stepanowitsch, erlauben Sie mir, mit Ihnen ein bißchen -vom Theater zu reden?«</p> - -<p>Ich wies auf die Uhr und sagte: »Ich gewähre dir eine halbe -Stunde. Fang an!«</p> - -<p>Später brachte sie ganze Dutzende von Porträts der von ihr angebeteten -Schauspieler und Schauspielerinnen mit; darauf versuchte -sie einige Male, bei Liebhabervorstellungen mitzuwirken, und schließlich, -als sie die Schule durchgemacht hatte, erklärte sie mir, sie sei -zur Schauspielerin geboren.</p> - -<p>Ich habe Katjas Schwärmerei für das Theater nie geteilt. Meine -Ansicht ist die: wenn ein Stück gut ist, so braucht man, damit es -den richtigen Eindruck macht, nicht erst die Schauspieler zu bemühen; -man kann sich mit der Lektüre begnügen; wenn das Stück aber -schlecht ist, so ist kein Spiel imstande, ein gutes daraus zu machen.</p> - -<p>In meiner Jugend habe ich häufig das Theater besucht, und jetzt -nimmt meine Familie zweimal im Jahre eine Loge und schleppt -mich auch mit hin, »zum Auslüften«. Das reicht ja freilich nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -dazu aus, um mich zu einem Urteil über das Theater zu berechtigen; -aber ich will doch ein paar Worte darüber sagen. Meiner Ansicht -nach ist das Theater nicht besser geworden, als es vor dreißig bis -vierzig Jahren war. Wie früher kann ich weder in den Korridoren -des Theaters noch im Foyer ein einfaches Glas Wasser bekommen. -Wie früher nehmen mich die Theaterdiener für meinen Pelz in eine -Geldstrafe von zwanzig Kopeken, obwohl doch in dem Tragen warmer -Kleidung zur Winterszeit nichts Anstößiges liegt. Wie früher spielt -in den Zwischenakten ohne jeden Anlaß die Musik und fügt zu dem -durch das Stück hervorgerufenen Eindruck einen neuen, unerbetenen -hinzu. Wie früher gehen die Männer in den Zwischenakten zum -Büfett, um alkoholische Getränke zu genießen. Wenn so in Kleinigkeiten -kein Fortschritt sichtbar ist, so würde ich ihn auch in wichtigeren -Dingen vergebens suchen. Wenn ein Schauspieler, der sich -vom Kopf bis zu den Füßen in die Traditionen und Vorurteile des -Theaterwesens verstrickt hat, seine Bemühung darauf richtet, den -ganz schlichten, gewöhnlichen Monolog »Sein oder nicht sein« -nicht in schlichter Art, sondern aus einem unerfindlichen Grunde -mit obligatem Zischen und mit Krämpfen im ganzen Körper vorzutragen, -oder wenn er mir um jeden Preis einzureden sucht, daß -Tschazki<a id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>, der sich so viel mit Dummköpfen unterhält und eine -dumme Frauensperson liebt, ein sehr verständiger Mensch und -»Verstand schafft Leiden« ein interessantes Stück sei, dann weht -mich von der Bühne ebenderselbe öde Geist an, der mir schon vor -vierzig Jahren langweilig war, als man mich mit klassisch sein -sollender Heulerei und An-die-Brust-schlagen regalierte. Und jedesmal -komme ich aus dem Theater mit konservativerer Gesinnung -heraus, als ich hineingegangen bin.</p> - -<p>Der empfindsamen, leichtgläubigen Menge kann man einreden, daß -das Theater in seinem jetzigen Zustande eine Bildungsstätte sei. -Aber wer da weiß, was eine Bildungsstätte im wahren Sinne des -Wortes ist, den fängt man nicht mit diesem Köder. Wie die Sache -nach fünfzig bis hundert Jahren aussehen wird, weiß ich nicht; -unter den gegenwärtigen Verhältnissen jedoch kann das Theater -nur als Mittel zur Zerstreuung dienen. Aber diese Zerstreuung -kommt der menschlichen Gesellschaft auf die Dauer denn doch<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -etwas zu teuer zu stehen. Denn sie entzieht dem Staate Tausende -von jungen, gesunden, talentvollen Männern und Frauen, die, -wenn sie sich nicht dem Theater gewidmet hätten, gute Ärzte, Landwirte, -Lehrerinnen und Offiziere sein könnten; sie entzieht dem -Publikum die Abendstunden, die beste Zeit zu geistiger Arbeit und -geselliger Unterhaltung. Ich rede gar nicht einmal von den Geldausgaben -und von dem sittlichen Schaden, den der Zuschauer erleidet, -wenn er sieht, wie auf der Bühne Mord, Ehebruch und Verleumdung -in unrichtiger Weise behandelt werden.</p> - -<p>Katja aber war ganz anderer Meinung. Sie beteuerte mir, das -Theater stehe, auch in seinem jetzigen Zustande, hoch über allen -Auditorien und Büchern und über allem, was es in der Welt gebe. -Das Theater sei eine Macht, die alle Künste in sich vereinige, und -die Schauspieler seien Missionare der wahren Bildung. Keine Kunst -und keine Wissenschaft sei für sich allein imstande, so stark und so sicher -auf die menschliche Seele zu wirken wie die Bühne, und daher erfreue -sich mit gutem Grunde selbst ein Schauspieler mittleren -Ranges im Lande einer weit größeren Popularität als der trefflichste -Gelehrte oder Künstler. Und keine andere gemeinnützige -Tätigkeit könne einen solchen Genuß und eine solche Befriedigung -gewähren wie die schauspielerische.</p> - -<p>Und eines schönen Tages trat Katja in eine Schauspielertruppe -ein und reiste weg, ich glaube nach Ufa; sie nahm eine bedeutende -Geldsumme, eine Unmenge buntschillernder Hoffnungen und eine -ideale Auffassung ihres Berufes mit.</p> - -<p>Ihre ersten Briefe von der Fahrt waren bewundernswürdig. Ich las -sie und war geradezu erstaunt, wie diese kleinen Papierbogen so viel -Jugendfrische, seelische Reinheit, heilige Naivität und gleichzeitig so -viel feine sachliche Urteile, die einem guten Männerverstande Ehre gemacht -hätten, enthalten konnten. Die Wolga, die Natur, die Städte, -die sie besuchte, die Kollegen, was sie an Erfolgen und Mißerfolgen erlebte, -alles das schilderte sie nicht sowohl, sondern sie besang es; jede -Zeile atmete die Zutraulichkeit, die ich auf ihrem Gesichte zu sehen gewohnt -gewesen war, – und dabei eine Masse von orthographischen -Fehlern, und die Interpunktionszeichen fehlten fast vollständig.</p> - -<p>Es verging kein halbes Jahr, da empfing ich einen im höchsten -Grade poetischen, schwärmerischen Brief, der mit den Worten begann: -»Ich habe mich verliebt.« Beigelegt war diesem Briefe eine<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -Photographie, die einen jungen Mann mit glatt rasiertem Gesichte -darstellte, einen breitkrempigen Hut auf dem Kopfe, ein Plaid über -die Schulter geworfen. Die darauf folgenden Briefe waren ebenso -prächtig wie die früheren; aber es tauchten in ihnen schon zahlreichere -Interpunktionszeichen auf, die orthographischen Fehler -waren verschwunden, und alles an ihnen deutete auf die Mitarbeiterschaft -eines Mannes hin. Katja begann mir solche Dinge -zu schreiben: es würde ein guter Gedanke sein, irgendwo an der -Wolga ein großes Theater zu erbauen, und zwar jedenfalls auf -Aktien, und zu diesem Unternehmen reiche Kaufleute und Dampfschiffsreeder -heranzuziehen; Geld werde auf diese Art in Menge zur -Verfügung stehen; die Einnahmen würden ganz gewaltige sein; die -Schauspieler würden auf Grund eines Gesellschaftsvertrages -spielen. Vielleicht war das alles wirklich ein guter Gedanke; aber -es schien mir, daß solche Pläne nur aus dem Kopfe eines Mannes -hervorgegangen sein könnten.</p> - -<p>Wie dem auch sein mochte, anderthalb bis zwei Jahre lang schien -alles gut und nach Wunsch zu gehen: Katja liebte, sie glaubte an -ihren Beruf und war glücklich; aber dann begann ich in ihren -Briefen deutliche Anzeichen des Niederganges wahrzunehmen. Dies -fing damit an, daß Katja sich bei mir über ihre Kollegen beklagte; -das ist immer das erste und mißlichste Symptom; wenn ein -junger Gelehrter oder Schriftsteller bei Ausübung seiner Tätigkeit -sich über andere Gelehrte oder Schriftsteller bitter beklagt, so bedeutet -das, daß er bereits müde geworden ist und zu seiner Berufsarbeit -nicht mehr taugt. Katja schrieb mir, ihre Kollegen kämen -nicht zu den Proben und könnten ihre Rollen niemals ordentlich; -an dem Dringen auf Ausführung abgeschmackter Stücke und an -ihrer Art, sich auf der Bühne zu benehmen, merke man bei einem -jeden von ihnen eine völlige Mißachtung des Publikums; den einzigen -Gegenstand ihres Gespräches bildeten die Einnahmen, und im -Interesse der Einnahmen erniedrigten sich die dramatischen Schauspielerinnen -zum Singen von Chansons, und die Tragöden sängen -Couplets, deren Inhalt Späße über betrogene Ehemänner und über -die Schwangerschaft treuloser Gattinnen bildeten. Überhaupt müsse -man sich wundern, daß das Bühnenwesen in der Provinz noch nicht -vollständig zugrunde gegangen sei und sich auf einer so schwachen, -morschen Grundlage halten könne.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<p>Als Antwort schickte ich Katja einen langen und, wie ich bekennen -muß, sehr langweiligen Brief. Unter anderem schrieb ich ihr: »Ich -habe nicht selten Gelegenheit gehabt, mit älteren Schauspielern zu -reden, vornehm denkenden Männern, die mir ihr freundliches -Wohlwollen zuwandten; aus den Gesprächen mit ihnen konnte -ich entnehmen, daß die Art ihrer Tätigkeit nicht sowohl von ihrem -eigenen Urteil und ihrem freien Willen als vielmehr von der -Mode und der Stimmung des Publikums abhing; selbst die besten -unter ihnen mußten ihr Leben lang bald in Tragödien, bald in Operetten, -bald in Pariser Schwänken, bald in Feerien spielen, und -hatten dabei doch immer gleichmäßig das Gefühl, daß sie auf geradem -Wege wanderten und Nutzen stifteten. Somit hat man, -wie du siehst, die Ursache des Übels nicht bei den Schauspielern -zu suchen, sondern tiefer, in der Kunst selbst und in dem Verhältnisse -des ganzen Publikums zur Kunst.« Dieser mein Brief -hatte nur den Erfolg, Katja in heftige Erregung zu versetzen. Sie -antwortete mir: »Wir beide, Sie und ich, reden von ganz verschiedenen -Dingen. Ich schrieb Ihnen nicht von den vornehm -denkenden Männern, die Ihnen ihr freundliches Wohlwollen zuwandten, -sondern von einer Gaunerbande, die von vornehmer -Gesinnung nichts weiß. Es ist eine Horde von Wilden, die nur -deswegen auf die Bühne geraten sind, weil man sie an keiner -andern Stelle angenommen haben würde, und die sich lediglich -aus Unverschämtheit Künstler nennen. Kein einziges Talent ist -darunter, wohl aber viele Unbegabte, Trunkenbolde, Intriganten -und Zwischenträger. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es -mich schmerzt, daß die Kunst, die ich so sehr liebe, in die Hände -dieser mir verhaßten Menschen geraten ist, und wie weh es mir -tut, daß die besten Menschen das Übel nur von fern sehen, nicht -näher herantreten mögen und, statt sich der Sache anzunehmen, -in schwerfälligem Stile Gemeinplätze und Moralpredigten schreiben, -die niemandem etwas nützen können …« und so weiter, immer -in demselben Tone.</p> - -<p>Es verging wieder einige Zeit, da erhielt ich folgenden Brief: »Ich -bin in unmenschlicher Weise betrogen worden. Ich kann nicht -weiterleben. Verfügen Sie über mein Geld, wie Sie es für angemessen -halten! Ich habe Sie geliebt wie einen Vater und als -meinen einzigen Freund. Verzeihen Sie mir!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p> - -<p>Es hatte sich herausgestellt, daß auch ihr »Er« zu der »Horde von -Wilden« gehörte. Später konnte ich aus einigen Andeutungen erraten, -daß sie einen Versuch gemacht hatte, sich das Leben zu -nehmen. Sie hatte versucht, sich zu vergiften. Ich mußte annehmen, -daß sie darauf ernstlich krank geworden war, da ich den -nächsten Brief schon aus Jalta erhielt, wohin sie wahrscheinlich -von den Ärzten geschickt worden war. Dieser enthielt die Bitte, -ihr möglichst schnell tausend Rubel nach Jalta zu schicken, und -schloß folgendermaßen: »Entschuldigen Sie, daß dieser Brief so -trübe klingt. Ich habe gestern mein Kind begraben.« Nachdem sie -in der Krim etwa ein Jahr lang gelebt hatte, kehrte sie nach Hause -zurück.</p> - -<p>Ihr Umherreisen von Ort zu Ort hatte ungefähr vier Jahre gedauert, -und während dieser ganzen vier Jahre hatte ich, wie ich -eingestehen muß, ihr gegenüber eine sonderbare, ziemlich klägliche -Rolle gespielt. Als sie mir zuerst erklärt hatte, sie wolle Schauspielerin -werden, und mir dann von ihrer Liebe geschrieben hatte, -und als sie periodisch von Verschwendungssucht ergriffen worden -war und ich ihr häufig auf ihr Verlangen bald tausend, bald -zweitausend Rubel hatte schicken müssen, und als sie mir von -ihrer Absicht zu sterben und dann von dem Tode ihres Kindes geschrieben -hatte, da hatte ich jedesmal nicht recht gewußt, was ich -tun sollte, und meine ganze Anteilnahme an ihrem Geschick hatte -sich nur darin geäußert, daß ich viel nachdachte und ihr umfängliche, -langweilige Briefe schrieb, die ich gut und gern hätte ungeschrieben -lassen können. Und dabei sollte ich ihr doch eigentlich -den leiblichen Vater ersetzen und liebte sie auch wirklich wie eine -Tochter!</p> - -<p>Jetzt wohnt Katja nur eine halbe Werst von mir entfernt. Sie hat -sich eine Wohnung von fünf Zimmern gemietet und sich darin ziemlich -komfortabel und nach ihrem persönlichen Geschmack eingerichtet. -Wenn jemand ihre Einrichtung charakterisieren wollte, so müßte -er als das bedeutsamste Moment die Trägheit bezeichnen. Da sind -für den trägen Körper weiche Chaiselongues und weiche Sessel, für -die trägen Füße weiche Teppiche, für das träge Auge blasse, trübe, -matte Farben, für den trägen Geist an den Wänden eine Unmasse -billiger, buntbemalter Fächer und kleiner Bilder, bei denen der dargestellte -Gegenstand hinter der Originalität der Ausführung zurücktritt,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -eine Menge von Tischchen und Regalen, die mit unnützen, -wertlosen Dingen ganz vollgestellt sind, formlose Lappen statt der -Vorhänge usw. Diese ganze Einrichtung mit der sich darin bekundenden -Scheu vor hellen Farben, vor Symmetrie und vor freiem -Raum zeugt nicht nur von seelischer Trägheit, sondern auch von -einer Verbildung des natürlichen Geschmacks. Ganze Tage lang -liegt Katja auf einer Chaiselongue und liest Bücher, vorzugsweise -Romane und Novellen. Das Haus verläßt sie nur einmal am -Tage, nachmittags, um mich zu besuchen.</p> - -<p>Ich arbeite; Katja aber sitzt nicht weit von mir auf dem Sofa, -schweigt und wickelt sich in ihren Schal, als ob sie fröre. Sei es, -weil sie mir sympathisch ist, oder weil ich an ihre Besuche noch von -der Zeit her gewöhnt bin, wo sie als Mädchen so oft in meinem -Zimmer war: ihre Anwesenheit hindert mich nicht, meine Aufmerksamkeit -auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ab und zu richte ich -mechanisch irgendeine Frage an sie, und sie gibt mir eine sehr kurze -Antwort; oder ich wende mich, um mich einen Augenblick zu erholen, -zu ihr und sehe, wie sie, in Gedanken versunken, in irgendein -medizinisches Journal oder in eine Zeitung blickt. Und dabei -bemerke ich, daß der frühere Ausdruck von Zutraulichkeit auf ihrem -Gesichte nicht mehr vorhanden ist. Ihr Gesicht sieht jetzt kalt, -gleichgültig und zerstreut aus, wie bei Reisenden, die lange auf den -Zug warten müssen. Gekleidet ist sie wie früher schön und einfach, -aber nachlässig; man sieht, daß ihrer Toilette und ihrer Frisur die -Chaiselongues und Schaukelstühle, auf denen sie tagelang umherliegt, -nicht gut bekommen. Auch ist sie nicht mehr wißbegierig, wie -sie es doch früher war. Sie richtet an mich keine Fragen mehr; es -ist, als hätte sie im Leben schon alles durchgemacht und erwartete -nicht mehr etwas Neues zu hören.</p> - -<p>Kurz vor vier Uhr macht sich im Saale und im Salon eine Bewegung -bemerklich. Es ist Lisa, die aus dem Konservatorium -gekommen ist und ein paar Freundinnen mitgebracht hat. Man -hört, wie sie Klavier spielen, ihre Stimmen versuchen und lachen. -Im Eßzimmer deckt Jegor den Tisch und klappert mit dem Geschirr.</p> - -<p>»Leben Sie wohl,« sagt Katja. »Zu Ihren Damen gehe ich heute -nicht mehr hinein; sie müssen mich schon entschuldigen; ich habe -keine Zeit. Besuchen Sie mich!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<p>Während ich sie bis ins Vorzimmer begleite, blickt sie mich unzufrieden -vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagt ärgerlich:</p> - -<p>»Aber Sie werden immer magerer! Warum gebrauchen Sie keine -Kur? Ich werde mich an Sergei Fedorowitsch wenden und ihn -herschicken. Der soll Sie gründlich untersuchen.«</p> - -<p>»Das ist nicht nötig, Katja.«</p> - -<p>»Ich begreife nicht, wie Ihre Angehörigen das mitansehen können! -Es ist geradezu eine Sünde!«</p> - -<p>Sie zieht mit heftigen Bewegungen ihren Pelz an, wobei aus ihrer -nachlässig hergestellten Frisur mit Sicherheit zwei oder drei Haarnadeln -auf den Fußboden fallen. Die Frisur wieder zurechtzumachen, -ist sie zu träge, hat auch keine Zeit dazu; sie schiebt die heruntergefallenen -Locken unordentlich unter ihr Mützchen und geht.</p> - -<p>Wenn ich in das Eßzimmer trete, fragt mich meine Frau:</p> - -<p>»Katja ist eben bei dir gewesen? Warum ist sie denn nicht zu uns -hereingekommen? Das ist doch geradezu sonderbar …«</p> - -<p>»Aber Mama!« sagt Lisa in vorwurfsvollem Tone. »Wenn sie -nicht will, dann läßt sie es bleiben. Wir werden sie doch nicht auf -den Knien darum bitten!«</p> - -<p>»Jedenfalls ist es eine arge Nichtachtung. Sitzt da drei Stunden -lang in Papas Arbeitszimmer und denkt nicht an uns. Na, aber -wie es ihr beliebt!«</p> - -<p>Warja und Lisa hassen Katja. Dieser Haß ist mir unverständlich, -und wahrscheinlich muß man, um ihn zu verstehen, ein Weib sein. -Ich möchte mich mit meinem Kopfe dafür verbürgen, daß unter -den hundertfünfzig jungen Männern, die ich fast täglich in meinem -Auditorium sehe, und den hundert älteren, mit denen ich jede Woche -zusammenkomme, sich kaum einer findet, der für diesen Haß und -Abscheu gegen Katjas Vergangenheit (weil sie nämlich ein uneheliches -Kind gehabt hat) ein Verständnis besäße; und gleichzeitig -kann ich mich auf kein weibliches Wesen unter den Frauen und -jungen Mädchen meiner Bekanntschaft besinnen, das nicht, sei es -bewußt, sei es instinktiv, gegen eine solche Geschlechtsgenossin von -jenen Gefühlen des Hasses und Abscheus erfüllt wäre. Und das -kommt nicht etwa daher, daß die Frau keuscher und reiner ist als -der Mann; denn wenn Keuschheit und Reinheit mit solchen boshaften -Gefühlen verbunden sind, so sind sie nur wenig besser als -das Laster. Sondern ich erkläre mir das einfach aus der Rückständigkeit<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -der Frau. Wenn der heutige Mann beim Anblick eines -solchen Unglücks ein wehmütiges Gefühl des Mitleids empfindet -und sein Gewissen ihn peinigt, so lassen mich diese Empfindungen -eher auf eine hohe Stufe der Kultur und Sittlichkeit schließen als -jener Haß und Abscheu. Das heutige Weib besitzt noch dieselbe -Neigung zum Weinen und dieselbe Härte des Herzens wie das Weib -des Mittelalters. Und meines Erachtens handeln diejenigen ganz -richtig, die den Frauen raten, ihrer Bildung dieselbe Richtung zu -geben wie die Männer.</p> - -<p>Meine Frau kann Katja auch deswegen nicht leiden, weil sie Schauspielerin -gewesen ist, ferner wegen ihrer Undankbarkeit und wegen -ihres Stolzes und wegen ihres exzentrischen Benehmens und wegen -all der zahlreichen Laster, die eine Frau immer an einer andern -herauszufinden versteht.</p> - -<p>Außer mir und meiner Familie pflegen bei uns noch zwei oder drei -Freundinnen meiner Tochter zu Mittag zu speisen, sowie ein Herr -Alexander Adolfowitsch Gnecker, ein Verehrer Lisas, der sich um ihre -Hand bewirbt. Er ist ein junger Mann, kaum dreißig Jahre alt, -blond, von mittlerer Statur, sehr wohlgenährt, breitschultrig, mit -einem rötlichen Backenbart an den Ohren und einem dunkelgefärbten -Schnurrbärtchen, das seinem vollen, glatten Gesichte das Aussehen -einer Spielzeugfigur verleiht. Er trägt ein sehr kurzes Jackett, -eine bunte Weste, großkarierte Beinkleider, die oben sehr weit und -unten sehr eng sind, und gelbe Halbstiefel ohne Absätze. Seine Augen -stehen hervor wie bei einem Krebse; die Krawatte hat mit einem -Krebsschwanze Ähnlichkeit, und es will mir sogar so vorkommen, -als ob dieser ganze junge Mensch nach Krebssuppe röche. Er ist -bei uns täglich zu Besuch; aber niemand in meiner Familie weiß, -von welcher Herkunft er ist, wo er seine Bildung genossen hat, und -wo er die Mittel zum Leben herbekommt. Er spielt kein Instrument -und singt nicht, hat aber doch eine gewisse Beziehung sowohl zur -Instrumentalmusik als auch zum Gesange; er verkauft irgendwo für -irgend jemand Klaviere, hält sich oft im Konservatorium auf, ist mit -allen Berühmtheiten bekannt und hat bei Konzerten allerlei zu arrangieren. -Er urteilt über Musik mit großer Bestimmtheit, und wie -ich bemerkt habe, schließen sich alle seinem Urteile willig an.</p> - -<p>Wie reiche Leute immer ein paar Parasiten um sich haben, so ist es -auch mit der Wissenschaft und mit der Kunst. Es gibt wohl auf<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -der Welt keine Kunst oder Wissenschaft, die von Fremdkörpern, in -der Art dieses Herrn Gnecker, frei wäre. Ich bin kein Musiker und -irre mich vielleicht hinsichtlich dieses Herrn, den ich zudem nur wenig -kenne; aber die autoritative Würde, mit der er am Flügel steht und -zuhört, wenn jemand singt oder spielt, kommt mir gar zu verdächtig -vor.</p> - -<p>Man mag hundertmal ein Gentleman und Geheimrat sein, aber -wenn man eine Tochter hat, so kann man sich durch nichts vor dem -Spießbürgertum sichern, das einem durch die Courmacherei, den -Heiratsantrag und die Hochzeit ins Haus hineingetragen wird und -einem die Stimmung verdirbt. So kann ich mich z. B. schlechterdings -nicht mit der feierlichen Miene abfinden, die meine Frau -jedesmal annimmt, wenn Herr Gnecker bei uns sitzt, auch nicht mit -den Flaschen Lafitte, Portwein und Sherry, die nur seinetwegen -auf den Tisch kommen, um ihn durch den Augenschein zu überzeugen, -wie behaglich und luxuriös wir leben. Ich kann auch Lisas abgebrochenes -Lachen nicht vertragen, das sie sich im Konservatorium -angewöhnt hat, und ihre Manier, die Augen zusammenzukneifen, -wenn Herren bei uns zu Besuch sind. Und vor allen Dingen kann -ich absolut nicht begreifen, warum da tagtäglich ein Mensch in mein -Haus kommt und mit mir zu Mittag speist, der zu meinen Gewohnheiten, -zu meiner Wissenschaft, zu meiner ganzen Lebensweise -nicht im geringsten paßt und mit denjenigen Menschen, die ich gern -habe, nicht die geringste Ähnlichkeit besitzt. Meine Frau und die -Dienerschaft flüstern heimlich, das sei »ein Freiersmann«; aber ich -habe trotzdem kein Verständnis für seine Anwesenheit; sie erregt bei -mir eine solche Verwunderung, als hätte sich ein Zulukaffer zu mir -an den Tisch gesetzt. Und ebenso seltsam kommt es mir vor, daß -meine Tochter, die ich für ein Kind anzusehen gewohnt bin, diese -Krawatte und diese Augen und diese weichen Backen liebt …</p> - -<p>Früher machte das Mittagessen mir Freude oder ließ mich gleichgültig; -aber jetzt erregt es mir nur Langeweile und macht mich -nervös. Seit ich Exzellenz geworden und eine Zeitlang Dekan -der Fakultät gewesen bin, hat meine Familie es aus einem mir -unverständlichen Grunde für nötig befunden, das Menü und die -gesamte Ordnung unseres Mittagessens vollständig umzuändern. -Statt der einfachen Gerichte, an die ich mich gewöhnt hatte, als -ich noch Student und praktischer Arzt war, bekomme ich jetzt eine<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -Püree-Suppe, in der irgendwelche weiße Klütern schwimmen, und -Nieren in Madeira zu essen. Mein Generalsrang und meine Berühmtheit -haben mich auf immer der Kohlsuppe beraubt und der -schmackhaften Piroggen und des Gänsebratens mit Äpfeln und des -Brassens mit Grütze. Sie haben mich auch des Stubenmädchens -Agascha beraubt, einer geschwätzigen, lachlustigen alten Person, -statt deren jetzt beim Mittagessen Jegor serviert, ein dummer, hochmütiger -Bursche, mit einem weißen Handschuh auf der rechten -Hand. Die Pausen zwischen den Gerichten sind nur kurz, erscheinen -aber außerordentlich lang, weil wir nichts haben, womit wir sie -ausfüllen könnten. Es fehlt die frühere Heiterkeit, die ungezwungenen -Gespräche, die Scherze, das Gelächter, die gegenseitigen Zärtlichkeiten -und jene Freude, die ehemals die Kinder und meine Frau -und ich schon darüber zu empfinden pflegten, daß wir uns im Eßzimmer -zusammenfanden; für mich, einen vielbeschäftigten Mann, -war das Mittagessen eine Zeit der Erholung, des Wiedersehens mit -den Meinen, und für meine Frau und die Kinder war es eine wenn -auch kurze, so doch vergnügte und fröhliche Feierzeit, wo sie wußten, -daß ich für eine halbe Stunde nicht der Wissenschaft und nicht den -Studenten, sondern einzig und allein ihnen und sonst niemandem -gehörte. Jetzt kann ich nicht mehr das Kunststück ausführen, mich -an einem einzigen Gläschen zu betrinken, und Agascha ist nicht -mehr da, und der Brassen mit Grütze ist nicht mehr da, und auch -der Lärm fehlt, der immer die kleinen aufregenden Ereignisse beim -Mittagessen begleitete, wenn z. B. der Hund und die Katze sich -unter dem Tische bissen oder das Tuch, das sich Katja um die Backe -gebunden hatte, ihr in den Suppenteller fiel.</p> - -<p>Die jetzige Mittagsmahlzeit zu schildern ist ebenso unerfreulich wie -sie wirklich durchzumachen. Auf dem Gesichte meiner Frau liegt -eine gewisse Feierlichkeit, eine gekünstelte Würde und der gewöhnliche -sorgenvolle Ausdruck. Unruhig blickt sie auf unsere Teller -und sagt: »Ich sehe, der Braten schmeckt euch nicht. Sagt doch die -Wahrheit: er schmeckt euch wirklich nicht?« Und ich bin dann genötigt -zu antworten: »Du machst dir unnütze Sorge, liebe Frau; -der Braten schmeckt sehr gut.« Und dann sie wieder: »Du willst -mich immer verteidigen, Nikolai Stepanowitsch, und sagst nie, was -Du wirklich denkst. Warum hat denn Alexander Adolfowitsch so -wenig gegessen?« Und in dieser Art geht es während des ganzen<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -Mittagessens weiter. Lisa lacht in ihrer abgebrochenen Manier und -kneift die Augen zusammen. Ich sehe meine Frau und meine Tochter -an und werde mir gerade jetzt beim Mittagessen vollständig klar -darüber, daß das innere Leben der beiden schon längst meiner Beobachtung -entschlüpft ist. Ich habe ein Gefühl, als hätte ich früher -einmal mit meiner richtigen Familie zu Hause gelebt, wäre aber jetzt -bei einer fremden Dame, nicht bei meiner richtigen Frau, zum -Mittagessen und sähe da ein fremdes junges Mädchen, nicht meine -richtige Lisa, vor mir. Mit beiden ist eine starke Veränderung vorgegangen, -und ich habe diesen langen Veränderungsprozeß gewissermaßen -verschlafen, und so ist es denn kein Wunder, daß ich jetzt -nichts begreife. Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen? Ich -weiß es nicht. Möglicherweise rührt das ganze Unglück daher, daß -Gott meiner Frau und meiner Tochter nicht so viel Kraft verliehen -hat wie mir. Ich war von meiner Kindheit an gewöhnt, äußeren -Einflüssen Widerstand zu leisten, und habe mich hinlänglich abgehärtet; -solche Katastrophen im Leben wie das Berühmtwerden, die -Erlangung des Generalsranges, der Übergang von einem auskömmlichen -Leben zu einem Leben, das die Mittel übersteigt, der Eintritt -in den Verkehr mit vornehmen Leuten, und mehr dergleichen, all -das hat mich daher kaum berührt, und ich bin heil und unversehrt -geblieben; aber auf meine Frau und Lisa, die schwach und nicht -abgehärtet waren, ist dies alles zusammengestürzt wie eine große -Schneewand und hat sie erdrückt.</p> - -<p>Die jungen Damen und Herr Gnecker reden über Fugen, über Kontrapunkt, -über Sänger und Pianisten, über Bach und Brahms; -meine Frau aber, welche in den Verdacht der Unwissenheit auf -musikalischem Gebiete zu kommen fürchtet, lächelt interessiert und -murmelt: »Ganz reizend … Wirklich? Gewiß, gewiß …« Herr -Gnecker ißt tüchtig, macht wohlanständige Scherze und hört nachsichtig -die Bemerkungen der jungen Damen an. Mitunter bekundet -er das Bestreben, ein schlechtes Französisch zu sprechen, und dann -hält er (ich weiß nicht warum) für nötig, mich <em class="antiqua">votre excellence</em> -zu titulieren.</p> - -<p>Ich aber bin ärgerlich. Augenscheinlich geniere ich sie alle, und sie -genieren mich. Nie habe ich früher etwas von Feindschaft gegen -einen andern Stand gewußt; jetzt aber quält mich tatsächlich etwas -von dieser Art. Ich bemühe mich, an Herrn Gnecker nur schlechte<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -Eigenschaften herauszufinden, finde solche auch wirklich bald und -bin mißgestimmt darüber, daß da als Bewerber um die Hand meiner -Tochter ein Mensch sitzt, der einem ganz andern Kreise angehört -als ich. Seine Anwesenheit hat auch noch in einer andern -Hinsicht einen schlechten Einfluß auf mich. Gewöhnlich, wenn ich -allein bin oder mich in Gesellschaft von Leuten befinde, die mir -sympathisch sind, denke ich gar nicht an meine Verdienste, oder wenn -mir doch der Gedanke an sie kommt, so erscheinen sie mir so geringfügig, -als wäre ich erst gestern ein Gelehrter geworden; -aber in Gegenwart solcher Leute, wie Herr Gnecker, kommen -mir meine Verdienste wie ein sehr hoher Berg vor, dessen Gipfel -in den Wolken verschwindet, und an dessen Fuße, für das Auge -kaum sichtbar, die Menschen von der Art des Herrn Gnecker sich -herumbewegen.</p> - -<p>Nach Tische gehe ich in mein Arbeitszimmer und rauche dort ein -Pfeifchen, das einzige während des ganzen Tages; mehr ist von -meiner früheren schlechten Gewohnheit, vom frühen Morgen bis -in die Nacht hinein zu paffen, nicht übriggeblieben. Während ich -rauche, kommt meine Frau zu mir herein und setzt sich hin, um mit -mir zu reden. Gerade so wie am Vormittage weiß ich auch jetzt, -wovon unser Gespräch handeln wird.</p> - -<p>»Ich habe mit dir etwas Ernstes zu besprechen, Nikolai Stepanowitsch,« -beginnt sie. »Ich wollte von Lisa reden. Warum wendest -du darauf keine Aufmerksamkeit?«</p> - -<p>»Was meinst du damit?«</p> - -<p>»Du tust, als ob du nichts merktest; aber das ist doch ein falsches -Benehmen. Man darf die Sache nicht so gehen lassen, ohne sich -darum zu kümmern. Gnecker hat ernste Absichten auf Lisa. Was -sagst du dazu?«</p> - -<p>»Daß er ein schlechter Mensch ist, kann ich nicht sagen, da ich ihn -nicht kenne; aber daß er mir nicht gefällt, habe ich dir schon tausendmal -gesagt.«</p> - -<p>»Aber es ist unrecht … es ist unrecht …«</p> - -<p>Sie steht auf und geht in großer Erregung auf und ab.</p> - -<p>»Es ist unrecht, einer ernsten Sache gegenüber einen solchen Standpunkt -einzunehmen,« sagt sie. »Wenn es sich um das Lebensglück -der Tochter handelt, dann muß man alles Persönliche ausschalten. -Ich weiß, daß er dir nicht gefällt … Das kann ja sein … Aber<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -wenn wir ihn jetzt abweisen und die Sache verhindern, dann ist zu -befürchten, daß Lisa uns ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen -wird. Es wimmelt heutzutage nicht von Freiern, und es kann -leicht kommen, daß sich ihr keine andere Partie mehr bietet. Er liebt -Lisa sehr, und anscheinend findet auch sie an ihm Gefallen. Er hat -ja allerdings keine gesicherte Stellung; aber was ist da zu machen? -So Gott will, wird er schon mit der Zeit irgendwo ankommen. -Er ist aus guter Familie und reich.«</p> - -<p>»Woher weißt du das?«</p> - -<p>»Er hat es gesagt. Sein Vater besitzt in Charkow ein großes Haus -und in der Nähe von Charkow ein Gut. Kurz gesagt, Nikolai -Stepanowitsch, du mußt unbedingt nach Charkow reisen.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Du mußt da Erkundigungen anstellen. Du bist ja dort mit einigen -Professoren bekannt; die werden dir behilflich sein. Ich würde -selbst hinfahren; aber ich bin ein Weib. Ich kann es nicht.«</p> - -<p>»Ich reise nicht nach Charkow,« erwidere ich mürrisch.</p> - -<p>Meine Frau bekommt einen Schreck, und auf ihrem Gesichte erscheint -ein Ausdruck qualvollen Schmerzes.</p> - -<p>»Um Gottes willen, Nikolai Stepanowitsch!« fleht sie mich schluchzend -an. »Um Gottes willen, nimm mir diese schwere Sorge von -der Seele! Ich leide darunter entsetzlich!«</p> - -<p>Wie ich sie so ansehe, tut sie mir leid.</p> - -<p>»Nun gut, Warja,« sage ich freundlich. »Wenn du es wünschest, -will ich meinetwegen nach Charkow fahren und alles tun, was du -möchtest.«</p> - -<p>Sie drückt das Taschentuch gegen die Augen und geht auf ihr Zimmer, -um zu weinen. Ich bleibe allein.</p> - -<p>Nach einiger Zeit bringt man mir Licht. Von den Sesseln und dem -Lampenschirm lagern sich auf den Wänden und auf dem Fußboden -die mir längst bekannten, längst zuwider gewordenen Schatten, -und wenn ich sie ansehe, so will es mir scheinen, daß es schon Nacht -sei, und daß meine nichtswürdige Schlaflosigkeit schon beginne. -Ich lege mich ins Bett; dann stehe ich wieder auf und wandere im -Zimmer auf und ab; dann lege ich mich wieder hin … Gewöhnlich -erreicht nach dem Mittagessen, vor dem Abend, meine nervöse -Erregung ihren höchsten Grad. Ich fange ohne Veranlassung zu -weinen an und stecke den Kopf unter das Kopfkissen. In solchen<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -Augenblicken fürchte ich mich davor, daß jemand eintreten könnte; -ich fürchte, plötzlich zu sterben, schäme mich meiner Tränen, und -meine ganze Seele ist von einem allgemeinen, unerträglichen -Schmerz erfüllt. Ich fühle, daß ich nicht länger imstande bin, -meine Lampe, meine Bücher, die Schatten auf dem Fußboden anzusehen -und die aus dem Salon herübertönenden Stimmen anzuhören. -Eine unsichtbare, unbegreifliche Macht zieht mich gewaltsam -aus meiner Wohnung hinaus. Ich springe auf, kleide mich hastig -an und gehe vorsichtig, damit meine Hausgenossen es nicht gewahr -werden, auf die Straße. Wo soll ich hingehen?</p> - -<p>Die Antwort auf diese Frage steckt schon längst fertig in meinem -Gehirn: zu Katja.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="III">III</h2> -</div> - -<p class="drop">Sie liegt wie gewöhnlich auf dem türkischen Sofa oder einer Chaiselongue -und liest ein Buch. Sobald sie mich erblickt, hebt sie träge -den Kopf in die Höhe, setzt sich aufrecht und streckt mir die Hand -entgegen.</p> - -<p>»Immer liegst du,« sage ich, nachdem ich ein Weilchen geschwiegen -und mich erholt habe. »Das ist ungesund. Du solltest dir irgendeine -Tätigkeit zurechtmachen.«</p> - -<p>»Was sagen Sie?«</p> - -<p>»Ich sage, du solltest dir irgendeine Tätigkeit zurechtmachen.«</p> - -<p>»Was für eine Tätigkeit? Eine Frau kann weiter nichts sein als -entweder einfache Arbeiterin oder Schauspielerin.«</p> - -<p>»Nun gut: wenn du also nicht Arbeiterin sein kannst, so werde -wieder Schauspielerin.«</p> - -<p>Sie schweigt.</p> - -<p>»Du solltest heiraten,« sage ich halb im Scherz.</p> - -<p>»Ich wüßte nicht, wen. Und es liegt mir auch nichts daran.«</p> - -<p>»So, wie du lebst, das ist kein Leben.«</p> - -<p>»Ohne Mann? Große Sache! Männer könnte ich haben, soviel -ich wollte, wenn ich nur Lust hätte.«</p> - -<p>»Das ist häßlich, Katja.«</p> - -<p>»Was ist häßlich?«</p> - -<p>»Was du da eben gesagt hast.«</p> - -<p>Da sie merkt, daß ich mich verletzt fühle, möchte sie den üblen Eindruck -wieder gutmachen und sagt:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p> - -<p>»Kommen Sie! Wir wollen anderswohin gehen. Dorthin.«</p> - -<p>Sie führt mich in ein kleines, sehr behagliches Zimmerchen und -sagt, indem sie auf einen Schreibtisch hinweist:</p> - -<p>»Da! Ich habe ihn für Sie angeschafft. Hier können Sie arbeiten. -Kommen Sie alle Tage her und bringen Sie Ihre Arbeit mit! -Dort bei Ihnen zu Hause stört man Sie doch nur. Wollen Sie -hier arbeiten? Ja? Wollen Sie?«</p> - -<p>Um sie nicht durch eine abschlägige Antwort zu kränken, erwidere -ich ihr, ich würde bei ihr arbeiten, und das Zimmer gefalle mir außerordentlich. -Darauf lassen wir uns beide in dem gemütlichen Zimmerchen -nieder und fangen an, uns zu unterhalten.</p> - -<p>Die Wärme, die anheimelnde Umgebung und die Anwesenheit eines -mir sympathischen Menschen erwecken in mir jetzt nicht wie in früheren -Zeiten ein Gefühl des Vergnügens, sondern einen starken Drang -zu klagen und zu murren. Ich habe die Vorstellung, wenn ich murre -und klage, wird mir leichter ums Herz werden.</p> - -<p>»Es ist ein übles Ding, mein liebes Kind!« beginne ich mit einem -Seufzer. »Ein sehr übles Ding …«</p> - -<p>»Was denn?«</p> - -<p>»Ich will dir sagen, um was es sich handelt, meine Liebe. Das -schönste und heiligste Recht der Könige ist das Recht der Begnadigung. -Und ich bin mir immer wie ein König vorgekommen, da -ich dieses Recht in unbegrenztem Maße ausübte. Ich habe nie über -jemand den Stab gebrochen, bin nachsichtig gewesen und habe gern -allen Menschen rings um mich herum verziehen. Wo andere protestierten -und empört waren, da habe ich nur durch Ratschläge und -Überredung zu wirken gesucht. Mein ganzes Leben hindurch ist mein -Bestreben nur darauf gerichtet gewesen, meiner Familie, den Studenten, -den Kollegen, den Dienstboten den Verkehr mit mir erträglich -zu machen. Und dieses mein Betragen den Menschen gegenüber -hat, das weiß ich, auf alle, die mit mir zu tun hatten, erzieherisch -gewirkt. Aber jetzt bin ich kein König mehr. In meiner -Seele bildet sich eine Gesinnung heraus, die nur für Sklavenseelen -paßt; in meinem Kopfe wimmelt es Tag und Nacht von bösen -Gedanken, und in meinem Herzen hat sich ein ganzer Schwarm -von Empfindungen eingenistet, wie ich sie früher nie gekannt habe. -Ich hasse, verachte, bin mißvergnügt und empört und fürchte mich. -Ich bin über die Maßen streng, anspruchsvoll, reizbar, unliebenswürdig<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -und argwöhnisch geworden. Selbst Dinge, die mir früher -lediglich Anlaß gaben, einen munteren Scherz zu machen und gutmütig -zu lachen, rufen jetzt bei mir ein drückendes, beängstigendes -Gefühl hervor. Auch meine Logik hat sich geändert: früher richtete -sich meine Verachtung nur gegen das Geld; jetzt aber hege ich ein -feindseliges Gefühl gegen die Reichen, als ob diese irgendwelche -Schuld träfe; früher haßte ich Gewalttätigkeit und Willkür; aber -jetzt hasse ich die Menschen, die gewalttätig verfahren, als ob sie -allein schuld wären und nicht vielmehr wir alle, die wir einander -nicht zu erziehen verstehen. Woher kommt das? Wenn diese neuen -Gedanken und neuen Empfindungen in einer Veränderung meiner -Überzeugungen ihren Ursprung haben, welchen Grund mag dann -diese Veränderung haben? Ist die Welt schlechter geworden und ich -besser, oder war ich früher blind und achtlos? Wenn aber diese Veränderung -von einem allgemeinen Verfall meiner körperlichen und -geistigen Kräfte herrührt (ich bin ja tatsächlich krank und verliere -täglich an Gewicht), dann ist meine Lage eine ganz klägliche, dann -sind meine neuen Gedanken nicht normal, sondern krankhaft, und -ich muß mich ihrer schämen und sie für völlig wertlos erachten …«</p> - -<p>»Ihre Krankheit hat damit nichts zu tun,« unterbricht mich Katja; -»es sind Ihnen einfach die Augen aufgegangen; das ist das Ganze. -So haben Sie erblickt, was Sie früher aus irgendwelchem Grunde -nicht wahrnehmen wollten. Meiner Ansicht nach ist vor allen -Dingen notwendig, daß Sie sich von Ihrer Familie trennen und -von ihr fortgehen.«</p> - -<p>»Du redest Torheiten.«</p> - -<p>»Sie lieben sie nicht mehr; wozu da noch heucheln? Und ist denn das -eine Familie für Sie? Ganz wertlose Geschöpfe! Wenn sie heute -stürben, so würde sie schon morgen kein Mensch mehr vermissen.«</p> - -<p>Katja verachtet meine Frau und meine Tochter ebenso stark, wie -diese beiden sie hassen. Man darf in unserer Zeit ja kaum von -einem Rechte der Menschen reden, einander zu verachten. Aber -wenn man sich auf Katjas Standpunkt stellt und das Vorhandensein -eines solchen Rechtes behauptet, dann muß man allerdings -sagen, daß sie mit demselben Rechte meine Frau und Lisa verachtet, -mit welchem diese sie hassen.</p> - -<p>»Ganz wertlose Geschöpfe!« sagt sie noch einmal. »Haben Sie -heute zu Mittag gegessen? Mich wundert nur, daß Ihre Angehörigen<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -nicht vergessen haben, Sie zu Tisch zu rufen, daß sie überhaupt -noch an Ihre Existenz denken.«</p> - -<p>»Katja,« sage ich in strengem Tone, »ich bitte dich zu schweigen.«</p> - -<p>»Meinen Sie denn, daß es mir Vergnügen macht, von ihnen zu -reden? Ich wäre froh, wenn ich sie überhaupt nicht kennte. Hören -Sie auf mich, teurer Freund: lassen Sie alles im Stich, und reisen -Sie weg! Reisen Sie ins Ausland! Je eher, um so besser.«</p> - -<p>»Was für Unsinn! Und die Universität?«</p> - -<p>»Lassen Sie auch die Universität im Stich! Was haben Sie von -der? Etwas Gescheites kommt ja doch nicht dabei heraus. Da -halten Sie nun schon dreißig Jahre lang Vorlesungen, und was ist -aus Ihren Schülern geworden? Haben Sie etwa viele berühmte -Gelehrte herangebildet? Zählen Sie sie doch einmal zusammen! -Und um die Zahl dieser Ärzte zu vermehren, die die Unwissenheit -der Patienten ausbeuten und Hunderttausende von Rubeln zusammenscharren, -dazu bedarf es keines talentvollen, herzensguten -Menschen. Sie sind hier völlig entbehrlich.«</p> - -<p>»Mein Gott, was hast du für eine scharfe Zunge!« sage ich erschrocken. -»Was für eine scharfe Zunge! Schweig still, sonst gehe -ich fort. Ich verstehe mich nicht darauf, auf deine bissigen Reden -zu antworten.«</p> - -<p>Das Stubenmädchen tritt ein und ruft uns zum Tee. Beim Samowar -wendet sich unser Gespräch glücklicherweise anderen Gegenständen -zu. Nachdem ich bereits zur Genüge geklagt habe, bekomme -ich Lust, der andern Schwäche, die mein Alter mit sich gebracht -hat, freien Lauf zu lassen, dem Umherkramen in Erinnerungen. -Ich erzähle Katja aus meiner Vergangenheit und teile ihr zu meinem -eigenen größten Erstaunen allerlei Einzelheiten mit, von denen -ich gar nicht geahnt habe, daß sie sich noch in meinem Gedächtnis -erhalten haben. Sie aber hört mir gerührt, stolz, mit angehaltenem -Atem zu. Besondere Freude macht es mir, ihr davon zu erzählen, -wie ich ehemals Seminarschüler war, und wie es das Ziel meiner -Sehnsucht war, die Universität zu beziehen.</p> - -<p>»Manchmal ging ich in unserem Seminargarten spazieren,« erzähle -ich. »Da trug der Wind aus irgendeiner fernen Schenke die Töne -einer quiekenden Harmonika und eines Liedes herüber, oder es jagte -an dem Zaune des Seminargartens eine Troika mit Schellengeklingel -vorbei, und dies genügte vollständig, um plötzlich ein Gefühl<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -des Glückes nicht nur in meiner Brust, sondern auch in meinem -Bauche, in den Beinen, in den Händen hervorzurufen. Ich horchte -nach der Harmonika oder dem verklingenden Schellengeläute hin -und stellte mir vor, ich sei Arzt, und malte mir Bilder aus, eines -immer schöner als das andere. Und nun sind, wie du siehst, meine -Träume in Erfüllung gegangen. Ich habe mehr erreicht, als ich -zu hoffen wagte. Dreißig Jahre lang bin ich ein beliebter Professor -gewesen, habe vortreffliche Kollegen gehabt und mich eines ehrenvollen -Renommees erfreut. Ich habe geliebt, habe aus leidenschaftlicher -Liebe geheiratet; es sind mir Kinder geboren. Kurz, wenn ich -zurückblicke, so erscheint mir mein ganzes Leben wie eine hübsche, -talentvolle Komposition. Jetzt bleibt mir nur noch eines zu tun: -dafür zu sorgen, daß ich das Finale nicht verderbe. Zu diesem -Zwecke muß ich in einer menschenwürdigen Weise sterben. Wenn -der Tod wirklich eine Gefahr ist, so muß ich ihm so entgegentreten, -wie es sich für einen Lehrer, für einen Gelehrten und für den Bürger -eines christlichen Staates ziemt: mutig und ruhigen Herzens. -Aber ich werde das Finale verderben. Ich bin nahe daran, zu ertrinken, -komme zu dir hergelaufen und bitte um Hilfe; du aber -sagst zu mir: ›Ertrinken Sie nur; das muß so sein!‹«</p> - -<p>Aber in diesem Augenblick ertönt im Vorzimmer die Klingel. Wir -beide, Katja und ich, erkennen diese Art zu klingeln und sagen:</p> - -<p>»Das ist gewiß Michail Fedorowitsch.«</p> - -<p>Und wirklich tritt einen Augenblick darauf mein Kollege, der Philologe -Michail Fedorowitsch, ins Zimmer, ein hochgewachsener, wohlgebildeter -Mann von etwa fünfzig Jahren, mit dichtem, grauem -Haar, schwarzen Brauen und glatt rasiertem Gesicht. Er ist ein -guter Mensch und ein vorzüglicher Kollege. Er stammt aus einer -alten Adelsfamilie, die eine recht glückliche Vergangenheit hat, viele -talentvolle Männer zu ihren Mitgliedern zählt und in der Geschichte -unserer Literatur und Bildung eine bedeutende Rolle spielt. -Auch er selbst ist klug, talentvoll und hochgebildet, aber nicht frei -von Sonderbarkeiten. Bis zu einem gewissen Grade sind wir ja -alle seltsame, wunderliche Käuze; aber seine Sonderbarkeiten zeigen -sich ausschließlich seinen Bekannten gegenüber und sind für diese -nicht ungefährlich. Unter seinen Bekannten kenne ich nicht wenige, -die über seinen Sonderbarkeiten gar kein Auge für seine zahlreichen -guten Eigenschaften haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p> - -<p>Als er zu uns ins Zimmer tritt, zieht er langsam die Handschuhe -aus und sagt mit seiner weichen, tiefen Stimme:</p> - -<p>»Guten Abend. Sie sind beim Tee? Das kommt mir sehr zupaß. -Es ist nichtswürdig kalt draußen.«</p> - -<p>Dann setzt er sich an den Tisch, nimmt sich ein Glas und beginnt -sogleich zu reden. Das Charakteristischste an seiner Art zu reden ist -sein beständig scherzhafter Ton, eine Art Mischung von Philosophie -und Possenreißerei, wie bei den Shakespearischen Totengräbern. Er -redet immer über ernste Dinge, aber niemals in ernster Art. Seine -Urteile sind immer scharf und spöttisch; aber infolge des weichen, -gleichmäßigen, scherzhaften Tones verletzen die Schärfe und der -Spott nicht das Ohr des Hörers, und man gewöhnt sich bald daran. -Jeden Abend bringt er fünf bis sechs Anekdoten aus dem Universitätsleben -mit und fängt sie meist zu erzählen an, sobald er sich an -den Tisch setzt.</p> - -<p>»Mein Gott!« seufzt er und bewegt dabei spöttisch seine schwarzen -Augenbrauen. »Was gibt es doch für komische Gesellen auf der -Welt!«</p> - -<p>»Wieso?« fragt Katja.</p> - -<p>»Ich komme heute aus meiner Vorlesung und treffe auf der Treppe -diesen alten Idioten, unsern N. N. Er steigt die Treppe hinauf, -hält wie gewöhnlich sein Pferdekinn nach vorn gestreckt und sucht -jemand, dem er über seine Migräne, über seine Frau und über die -Studenten, die seine Vorlesungen nicht besuchen wollen, etwas -vorklagen kann. ›Na,‹ denke ich, ›gesehen hat er mich nun einmal; -jetzt bin ich geliefert, es wird mir schlimm ergehen …‹«</p> - -<p>Und so fort, immer in derselben Art. Oder er beginnt so:</p> - -<p>»Gestern war ich in der öffentlichen Vorlesung unseres Kollegen Z. -Ich wundere mich, wie unsere <em class="antiqua">alma mater</em> es übers Herz bringen -kann, dem Publikum (mit Verlaub gesagt) solche Tölpel und -patentierten Holzköpfe zu präsentieren wie diesen Z. Er ist ja doch -ein Dummrian erster Klasse! Ich bitte Sie, in ganz Europa findet -man bei Tage mit der Laterne kein zweites derartiges Exemplar! -Stellen Sie sich das nur einmal vor: er liest, als wenn er Kandiszucker -lutschte! Zju, zju, zju … Er bekam es mit der Angst, -konnte sein Manuskript schlecht lesen, und die dürftigen Gedanken -krochen nur ganz langsam dahin, mit der Geschwindigkeit eines -radfahrenden Archimandriten; und, was die Hauptsache war, man<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -konnte absolut nicht verstehen, was er eigentlich sagen wollte. Es -herrschte eine furchtbare Langeweile, so daß die Fliegen davon -starben. Diese Langeweile läßt sich nur mit derjenigen vergleichen, -die in unserer Aula bei dem jährlichen Aktus herrscht, wenn die -herkömmliche Rede gehalten wird. Hol sie der Teufel!«</p> - -<p>Und dann fährt er mit einem scharfen Übergange fort:</p> - -<p>»Vor drei Jahren (hier unser Nikolai Stepanowitsch wird sich noch -daran erinnern) hatte ich diese Rede zu halten. Es war heiß und -schwül, die Uniform kniff mich unter den Armen, – es war zum -Krepieren! Ich las eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb -Stunden, zwei Stunden. ›Na,‹ dachte ich, ›Gott sei Dank, jetzt -sind es nur noch zehn Seiten.‹ Und ganz am Schluß hatte ich vier -Seiten, die ich gut und gern ungelesen lassen konnte, und ich nahm -mir vor, sie wegzulassen. ›Also dann bleiben nur noch sechs,‹ -dachte ich. Aber denken Sie sich: ich warf einen flüchtigen Blick -nach den Zuhörern und sah, daß da in der ersten Reihe nebeneinander -ein General mit einem Ordensbande und ein Bischof saßen. -Die armen Kerle waren ganz starr vor Langerweile und rissen -krampfhaft die Augen auf, um nicht einzuschlafen; aber sie bemühten -sich trotzdem, ihren Gesichtern den Ausdruck gespannter -Aufmerksamkeit zu geben, und taten, als ob sie meine Vorlesung -verständen und Genuß davon hätten. ›Na,‹ dachte ich, ›wenn es -euch so viel Vergnügen macht, dann will ich es euch gründlich -geben! Euch zum Possen!‹ Und ich las auch noch die ganzen vier -letzten Seiten mit.«</p> - -<p>Wenn er spricht, so lächeln bei ihm, wie überhaupt bei spottlustigen -Leuten, nur die Augen und die Brauen. In seinen Augen liegt zu -solcher Zeit nichts von Haß oder Bosheit, wohl aber viel Witz und -jene besondere fuchsartige Schlauheit, die man nur bei Menschen -mit sehr gut entwickelter Beobachtungsgabe bemerken kann. Von -seinen Augen möchte ich ferner erwähnen, daß ich an ihnen noch -eine besondere Eigentümlichkeit wahrgenommen habe. Jedesmal -wenn er von Katja ein gefülltes Glas hinnimmt oder eine von ihr -gemachte Bemerkung anhört oder ihr mit dem Blicke folgt, wenn -sie einmal für kurze Zeit das Zimmer verläßt, bemerke ich in seinem -Blicke etwas Sanftes, Flehendes, Reines …</p> - -<p>Das Stubenmädchen nimmt den Samowar fort und stellt ein -großes Stück Käse, allerlei Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -auf den Tisch, einen ziemlich schlechten Wein, an dem aber Katja, als -sie in der Krim wohnte, Geschmack gewonnen hat. Michail Fedorowitsch -nimmt von einer Etagère zwei Spiele Karten und legt Patience. -Nach seiner Versicherung erfordern einige Arten von Patience viel -Kombinationssinn und Aufmerksamkeit; aber trotzdem redet er während -des Legens munter weiter. Katja verfolgt aufmerksam seine -Manipulationen mit den Karten und ist ihm mehr durch Mimik als -durch Worte behilflich. Von dem Weine trinkt sie den ganzen Abend -über nicht mehr als zwei Gläser, und ich trinke ein Viertel Glas; -der übrige Teil der Flasche entfällt auf Michail Fedorowitsch, der -viel trinken kann, ohne daß es ihm in den Kopf steigt.</p> - -<p>Während des Patiencelegens disputieren wir über allerlei Fragen, -namentlich höherer Art, wobei das, was wir beide am meisten lieben, -am schlimmsten wegkommt, nämlich die Wissenschaft.</p> - -<p>»Die Wissenschaft ist, Gott sei Dank, am Ende ihres Daseins angelangt,« -sagt Michail Fedorowitsch; er spricht in einzelnen Absätzen. -»Mit der geht es auf die Neige. Ja, ja. Die Menschheit -verspürt bereits das Bedürfnis, etwas anderes an die Stelle der -Wissenschaft zu setzen. Die Wissenschaft ist auf einem Boden -von falschen Vorstellungen entsprossen, hat sich von falschen Vorstellungen -genährt und bildet jetzt eine ebensolche Quintessenz von -falschen Vorstellungen, wie ihre abgelebten Großmütter: Alchimie, -Metaphysik und Philosophie. Und wirklich, was hat sie der Menschheit -gegeben? Zwischen den gelehrten Europäern und den aller -Wissenschaft entbehrenden Chinesen ist doch der Unterschied nur -ein minimaler, rein äußerlicher. Die Chinesen haben keine Wissenschaft -gekannt; aber was haben sie dadurch verloren?«</p> - -<p>»Auch die Fliegen kennen keine Wissenschaft,« entgegne ich, »aber -was folgt daraus?«</p> - -<p>»Sie ärgern sich ganz unnötigerweise, Nikolai Stepanowitsch. Ich -rede ja so nur hier, wo wir unter uns sind. Ich bin vorsichtiger, als -Sie meinen, und werde das nicht öffentlich aussprechen, Gott behüte. -Die große Menge ist in der falschen Vorstellung befangen, die Wissenschaften -und Künste ständen höher als Ackerbau, Handel und Gewerbe. -Unsere Sekte lebt von dieser falschen Vorstellung, und es ist nicht -meine und Ihre Sache, diese Vorstellung zu zerstören. Gott behüte!« -Während des Patiencelegens bekommt auch die Jugend gehörig etwas -ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p> - -<p>»Unsere Hörerschaft ist heutzutage einer argen Verflachung anheim -gefallen,« bemerkt Michail Fedorowitsch seufzend. »Ich will -gar nicht einmal von Idealen und solchen Dingen reden; wenn sie -nur wenigstens zu arbeiten und vernünftig zu denken verständen! -Da trifft das Wort zu: ›Ich schaue nur mit Schmerz das heutige -Geschlecht.‹«</p> - -<p>»Ja, die jetzige Generation ist entsetzlich verflacht,« stimmt ihm -Katja bei. »Sagen Sie, haben Sie in den letzten fünf, zehn Jahren -unter Ihren Hörern auch nur einen einzigen hervorragenden -Menschen gehabt?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, wie es damit bei andern Professoren steht; aber -unter meinen eigenen Hörern kann ich mich auf keinen solchen besinnen.«</p> - -<p>»Ich habe in meinem Leben viele Studenten, viele junge Gelehrte, -viele Schauspieler kennen gelernt; aber nie habe ich das Glück gehabt, -ich will gar nicht einmal sagen einem Geistesheros oder einem -Talente, sondern nur ganz einfach einem interessanten Menschen -darunter zu begegnen. Alles grau, talentlos, voll Dünkel und Anmaßung …«</p> - -<p>Alle diese Gespräche über Verflachung wirken auf mich jedesmal -ebenso, wie wenn ich unversehens häßliche Bemerkungen über meine -Tochter erlauschte. Es ist mir verdrießlich, daß die Anklagen sich -so allgemein gegen die ganze Jugend richten und sich auf solche -längst abgenutzten Schlagwörter gründen, wie es die Redensarten -von Verflachung und von einem Mangel an Idealen und der Hinweis -auf die schöne Vergangenheit sind. Jede Anklage, auch wenn -sie in Damengesellschaft vorgebracht wird, muß möglichst präzise -formuliert sein; sonst ist es eben keine Anklage, sondern eine leere, -anständiger Menschen unwürdige Verleumdung.</p> - -<p>Ich bin ein alter Mann und stehe schon dreißig Jahre in meinem -Amte; aber ich bemerke weder eine Verflachung noch einen Mangel -an Idealen und kann nicht finden, daß es jetzt in dieser Hinsicht -übler bestellt wäre als früher. Mein Portier Nikolai, dessen Erfahrung -auf diesem Gebiet nicht ohne Wert ist, sagt, die heutigen -Studenten seien nicht besser und nicht schlechter als die früheren. -Wenn mich jemand fragte, was mir an meinen jetzigen Hörern -mißfalle, so würde ich keine zusammenfassende Antwort geben, -sondern einige Punkte mit hinlänglicher Präzision aufzählen. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -Mängel meiner Studenten kenne ich genau und brauche daher nicht -zu nebelhaften, allgemeinen Schlagworten meine Zuflucht zu -nehmen. Mir mißfällt, daß sie Tabak rauchen, alkoholische Getränke -genießen und spät heiraten; ferner daß sie gedankenlos in -den Tag hineinleben und oft eine solche Gleichgültigkeit zeigen, -daß sie unter sich Hungernde dulden und an den Verein zur Unterstützung -bedürftiger Studenten ihre fälligen Beiträge nicht bezahlen. -Sie verstehen die neueren Sprachen nicht und können sich auf -russisch nicht korrekt ausdrücken; erst gestern klagte mir mein Kollege, -der Hygieniker, er müsse die Zeitdauer seiner Vorlesung verdoppeln, -weil sie so wenig Physik verständen und mit der Meteorologie -gar nicht Bescheid wüßten. Sie lassen sich in ihren Ansichten -gern von den Schriftstellern der neuesten Zeit leiten, aber keineswegs -von den besten; dagegen stehen sie Klassikern wie Shakespeare, -Marc Aurel, Epiktet, Pascal völlig kühl gegenüber. In dieser Unfähigkeit, -das Große vom Kleinen zu unterscheiden, zeigt sich am -allermeisten das Unpraktische ihres Wesens. Alle schwierigen Fragen, -die mehr oder weniger eine soziale Bedeutung haben, wie z. B. die -Frage der Freizügigkeit, entscheiden sie durch Abstimmungslisten -statt auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung und Erfahrung, -wiewohl dieser Weg ihnen durchaus zugänglich ist und ihrem Berufe -am meisten entsprechen würde. Gern werden sie Präparatoren, -Assistenten, Laboranten, Repetenten, und es kommt ihnen nicht -darauf an, in solchen Stellungen bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahre -zu verbleiben, obwohl Selbständigkeit, Freiheitssinn und persönliche -Initiative in der Wissenschaft nicht minder notwendig sind -als beispielsweise in der Kunst oder im Handel. Ich habe Schüler -und Hörer, aber keine Gehilfen und Nachfolger, und daher mag -ich sie zwar gern leiden und habe für sie alle Teilnahme, aber ich -bin nicht stolz auf sie. Usw. usw. …</p> - -<p>Solche Mängel, wieviel ihrer auch sein mögen, können eine pessimistische -oder zornige Stimmung nur bei kleinmütigen, ängstlichen -Menschen erzeugen. Alle diese Mängel sind ihrem ganzen Wesen -nach nur zufällig und vorübergehend und hängen durchaus von -den gesamten Lebensverhältnissen ab; ein paar Jahrzehnte genügen, -damit sie verschwinden oder, da es nun einmal ohne Mängel nicht -geht, ihren Platz andern neuen Mängeln abtreten, die dann ihrerseits -wieder den Kleinmütigen einen Schreck einjagen werden. Die<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -Studentensünden ärgern mich oft; aber dieser Ärger will nichts -besagen im Vergleiche mit der Freude, die ich nun schon dreißig -Jahre lang empfinde, wenn ich mit meinen Schülern ein Gespräch -führe, ihnen Vorlesungen halte, ihr Verhalten untereinander beobachte -und sie mit Angehörigen anderer Kreise vergleiche.</p> - -<p>Michail Fedorowitsch führt Lästerreden, Katja hört ihm zu, und -beide merken nicht, in was für einen tiefen Abgrund ein anscheinend -so unschuldiges Vergnügen wie das Aburteilen über den Nächsten -sie allmählich hineinzieht. Sie fühlen nicht, wie ein harmloses Gespräch -Schritt für Schritt in Verspottung und Verhöhnung übergeht, -und wie sie beide sogar die Kunstgriffe der Verleumdung zu -gebrauchen anfangen.</p> - -<p>»Es gibt doch gar zu komische Kunden,« sagt Michail Fedorowitsch. -»Gestern komme ich zu unserem Jegor Petrowitsch und treffe dort -einen Studiosus, einen von Ihren Medizinern, ich glaube aus dem -dritten Kursus. Ein Gesicht hatte er so im Stile des Kritikers -Dobroljubow, auf der Stirn den Stempel tiefen Denkens. Wir -kamen miteinander ins Gespräch. ›Ja, junger Mann,‹ sage ich, -›es passieren die wunderbarsten Dinge. Da habe ich gelesen, daß -ein Deutscher (seinen Namen habe ich vergessen) aus dem menschlichen -Gehirn ein neues Alkaloid, Idiotin, gewonnen hat.‹ Was -meinen Sie? Er glaubte es, und es malte sich sogar auf seinem -Gesicht eine Art von Respekt: ›Ja, das ist eine Leistung unserer -Berufsgenossen!‹ Und neulich komme ich ins Theater und setze -mich auf meinen Platz. Gerade vor mir in der nächsten Reihe -sitzen zwei junge Männer, der eine ›einer von unsere Lait‹ und anscheinend -Jurist, der andere mit strubbligem Kopf ein Mediziner. -Der Mediziner war betrunken wie ein Schuster und achtete gar -nicht auf das, was auf der Bühne vorging. Er schlief, und der -Kopf fiel ihm fortwährend nach vorn. Aber sowie ein Schauspieler -laut einen Monolog sprach oder überhaupt die Stimme erhob, fuhr -mein Mediziner zusammen, stieß seinen Nachbar in die Seite und -fragte: ›Was hat er gesagt? Etwas Moralisches?‹ ›Ja, etwas -Moralisches,‹ antwortete der Jude. ›Bravo!‹ brüllte der Mediziner. -›Sehr gut! Bravo!‹ Sehen Sie, dieser betrunkene Tölpel war nicht -um der Kunst willen, sondern um der moralischen Gedanken -willen ins Theater gekommen. Moralische Gedanken, das war ihm -ein Bedürfnis.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p> - -<p>Katja hört zu und lacht. Sie hat eine ganz sonderbare Art zu -lachen: Einatmen und Ausatmen wechseln schnell und mit rhythmischer -Regelmäßigkeit miteinander ab, ähnlich wie wenn sie Harmonika -spielte, und dabei lachen auf ihrem Gesichte nur die Nasenflügel. -Mir wird ganz schwach zumute, und ich weiß nicht, was -ich sagen soll. Ganz außer mir, werde ich blutrot, springe von -meinem Platze auf und schreie:</p> - -<p>»So schweigt doch endlich! Was sitzt ihr da wie zwei Kröten und -vergiftet die Luft mit eurem Atem? Laßt's genug sein!«</p> - -<p>Und ohne abzuwarten, bis sie mit ihren Lästerreden aufhören, -schicke ich mich an, nach Hause zu gehen. Auch ist es schon Zeit: -zehn Uhr durch.</p> - -<p>»Ich bleibe noch ein Weilchen hier,« sagt Michail Fedorowitsch; -»gestatten Sie, Jekaterina Wladimirowna?«</p> - -<p>»Gewiß,« antwortet Katja.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bene.</em> Dann lassen Sie also, bitte, noch ein Fläschchen bringen!«</p> - -<p>Beide begleiten mich mit Licht in das Vorzimmer, und während -ich mir den Pelz anziehe, sagt Michail Fedorowitsch:</p> - -<p>»Sie sind in der letzten Zeit furchtbar abgemagert und gealtert, -Nikolai Stepanowitsch. Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?«</p> - -<p>»Ja, ein wenig.«</p> - -<p>»Und dabei unternimmt er keine Kur …« fügt Katja unwillig -hinzu.</p> - -<p>»Aber warum denn nicht? Das ist ja unverantwortlich. Den Vorsichtigen -behütet Gott, lieber Freund. Empfehlen Sie mich Ihren -Angehörigen, und entschuldigen Sie mich bei ihnen, daß ich nicht -hinkomme. In diesen Tagen, vor meiner Abreise ins Ausland, -werde ich vorsprechen, um Lebewohl zu sagen. Ganz bestimmt! -Ich reise in der nächsten Woche.«</p> - -<p>Ich gehe von Katja in gereizter Stimmung weg, erschreckt durch -das Gespräch über meine Krankheit und unzufrieden mit mir selbst. -Ich lege mir die Frage vor: Soll ich mich wirklich von einem -meiner Kollegen behandeln lassen? Und sogleich male ich mir auch -aus, wie der Kollege, nachdem er mich untersucht hat, schweigend -von mir weg zum Fenster geht, eine Weile nachdenkt, sich dann zu -mir umwendet und, indem er sich Mühe gibt, mich nicht auf seinem -Gesichte die Wahrheit lesen zu lassen, in gleichgültigem Tone -sagt: »Vorläufig sehe ich nichts Besonderes; aber doch möchte ich<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -Ihnen raten, Herr Kollege, Ihre Tätigkeit zu unterbrechen.« Und -das wird mich dann der letzten Hoffnung berauben.</p> - -<p>Wo gäbe es jemand, der nicht hoffte? Seht, wo ich mir selbst die -Diagnose stelle und mich selbst behandle, hoffe ich zeitweilig, daß -mich meine Unwissenheit täuscht und ich mich hinsichtlich des Eiweißes -und des Zuckers irre, die ich bei mir finde, und hinsichtlich -des Herzens und hinsichtlich der Anschwellungen, die ich schon zweimal -bei mir morgens entdeckt habe; jetzt, wo ich mit dem Eifer -eines Hypochonders die Lehrbücher der Therapie durchblättere und -täglich mit der Arznei wechsle, jetzt meine ich immer, ich würde -noch auf irgend etwas Tröstliches stoßen. Dieses ganze Benehmen -ist kleinlich.</p> - -<p>Mag der Himmel mit Wolken bedeckt sein oder mögen Mond und -Sterne an ihm glänzen, jedesmal, wenn ich nach Hause zurückkehre, -blicke ich zu ihm hinauf und denke daran, daß mir bald der -Tod kommen wird. Man könnte meinen, meine Gedanken müßten -zu dieser Zeit tief sein wie der Himmel und klar und großartig; -aber nein! Ich denke an mich selbst, an meine Frau, an Lisa, an -Herrn Gnecker, an die Studenten, an die Menschen überhaupt; ich -denke häßlich und kleinlich, mache vor mir selbst Winkelzüge, und -meine Weltanschauung in solchen Augenblicken läßt sich mit den -Worten ausdrücken, die der berühmte Araktschejew in einem seiner -intimen Briefe schrieb: »Alles Gute in der Welt kann nicht ohne -Schlechtes sein, und gibt es immer mehr Schlechtes als Gutes.« -Das heißt: alles ist garstig, und das Leben ist zwecklos, und die -zweiundsechzig Jahre, die ich bereits gelebt habe, muß ich als verloren -betrachten. Ich ertappe mich auf diesen Gedanken und suche -mir einzureden, sie seien nur zufällig und vorübergehend in meinem -Kopfe vorhanden und säßen da nicht tief; aber sogleich denke ich -wieder:</p> - -<p>»Wenn es so ist, warum zieht es mich denn jeden Abend zu diesen -beiden Kröten hin?«</p> - -<p>Und ich schwöre es mir zu, nie wieder zu Katja hinzugehen, obwohl -ich weiß, daß ich morgen doch wieder zu ihr gehen werde.</p> - -<p>Nachdem ich an meiner Haustüre die Klingel gezogen habe, und -während ich dann die Treppe hinaufsteige, fühle ich, daß ich keine -Familie mehr habe und nicht einmal den Wunsch hege, sie wiederzugewinnen. -Es ist offenbar, daß die neuen Araktschejewschen<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -Gedanken sich nicht nur so zufällig und nur für kurze Zeit bei mir -eingefunden, sondern mein ganzes Wesen in Besitz genommen -haben. Mit krankem Gewissen, niedergeschlagen, träge, kaum die -Glieder bewegend, als ob ich viele Zentner an Gewicht zugenommen -hätte, lege ich mich ins Bett und schlafe bald ein.</p> - -<p>Aber dann folgt die Schlaflosigkeit.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="IV">IV</h2> -</div> - -<p class="drop">Der Sommer kommt heran, und das Leben ändert sich.</p> - -<p>Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir in mein Zimmer und -sagt in scherzendem Tone:</p> - -<p>»Wollen Euer Exzellenz kommen! Es ist alles bereit.«</p> - -<p>Man führt meine Exzellenz auf die Straße, läßt sie in eine Droschke -steigen und fährt mit ihr davon. Beim Fahren lese ich aus Langerweile -die Schilder von rechts nach links. Aus dem Worte <em class="antiqua">traktir</em><a id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> -wird dann Ritkart. Das wäre ein passender Name für eine freiherrliche -Familie: Baronesse Ritkart. Weiter geht die Fahrt -zwischen Feldern hin an einem Kirchhof vorbei, der aber auf mich -gar keinen Eindruck macht, obwohl ich bald auf ihm liegen werde; -dann fahre ich durch einen Wald und wieder zwischen Feldern. -Alles sehr uninteressant. Nach einer zweistündigen Fahrt wird -meine Exzellenz in die untere Etage eines Landhauses geführt und -in einem kleinen, sehr freundlichen Zimmerchen mit himmelblauen -Tapeten einquartiert.</p> - -<p>In der Nacht leide ich wie früher an Schlaflosigkeit; am Morgen -aber kann ich lange Zeit nicht recht wach werden, höre auch meine -Frau nicht aufstehen, sondern mache, im Bette liegend, ohne zu -schlafen, eine Art Dämmerzustand durch, bei dem man nur ein -halbes Bewußtsein hat und zwar weiß, daß man nicht schläft, aber -doch träumt. Um Mittag stehe ich auf und setze mich gewohnheitsmäßig -an meinen Schreibtisch; aber ich arbeite nicht, sondern zerstreue -mich durch die Lektüre französischer Bücher in gelben Umschlägen, -die mir Katja schickt. Es wäre ja freilich patriotischer, -russische Autoren zu lesen; aber offen gestanden, ich verspüre zu -diesen keine besondere Neigung. Von zwei bis drei etwas älteren -Schriftstellern abgesehen, kommt mir die ganze moderne russische<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -Literatur nicht wie eine wirkliche Literatur, sondern wie ein Zweig -einer Hausindustrie vor, die nur dazu da ist, daß man sie fördert, -deren Erzeugnisse man aber nur ungern benutzt. Selbst das beste -von den materiellen Erzeugnissen der Hausindustrie kann man -nicht »gut« nennen und kann es nicht aufrichtig loben, ohne ein -»aber« hinzuzufügen; und dasselbe muß ich auch von allen jenen -literarischen Neuheiten sagen, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn -Jahren gelesen habe: nicht eine darunter ist »gut«, und bei -keiner geht es ohne ein »aber«. Manche sind verständig und -moralisch, aber nicht talentvoll; andere talentvoll und moralisch, -aber nicht verständig; wieder andere endlich talentvoll und verständig, -aber nicht moralisch.</p> - -<p>Ich will nicht sagen, daß die französischen Bücher zugleich talentvoll -und verständig und moralisch wären. Auch sie befriedigen mich -nicht. Aber sie sind nicht so langweilig wie die russischen, und man -findet in ihnen nicht selten das wichtigste Moment schöpferischer -Tätigkeit: ein Gefühl der persönlichen Freiheit, das bei den russischen -Schriftstellern fehlt. Ich besinne mich auf keine einzige -russische Novität, bei der der Verfasser sich nicht gleich von der -ersten Seite an bemüht zeigte, sich durch alle möglichen mit seinem -Gewissen abgeschlossenen Abmachungen und Verträge zu binden. -Der eine scheut sich, von einem nackten Körper zu reden; ein anderer -hat sich durch den selbstauferlegten Zwang zu psychologischen -Erörterungen an Händen und Füßen gebunden; ein dritter bedarf -»eines warmen Verhältnisses zur Menschheit«; ein vierter schmiert -absichtlich ganze Seiten mit Naturschilderungen voll, um nicht in -den Verdacht der Tendenzschriftstellerei zu kommen. Der eine -möchte in seinen Schriften um jeden Preis eine bürgerliche, der -andere um jeden Preis eine aristokratische Gesinnung an den Tag -legen usw. Absichtlichkeit, Behutsamkeit, Querköpfigkeit, aber keine -Freiheit, kein Mut, so zu schreiben, wie man möchte, und infolgedessen -auch keine schöpferische Kraft.</p> - -<p>Alles dies bezieht sich auf die sogenannte schöne Literatur.</p> - -<p>Was nun russische Abhandlungen ernsten Inhalts anlangt, z. B. -über Nationalökonomie, über Kunst u. dgl., so ist der Grund, weshalb -ich sie nicht lese, einfach meine Zaghaftigkeit. Als kleines -Kind und als Knabe empfand ich eine eigentümliche Furcht vor -Portiers und Theaterdienern, und diese Furcht ist mir bis auf den<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -heutigen Tag geblieben; ich fürchte mich auch jetzt noch vor ihnen. -Man sagt, furchtbar erscheine nur das, was man nicht verstehe. -Und es ist auch wirklich sehr schwer zu verstehen, warum die -Portiers und Theaterdiener eine solche Grandezza, Aufgeblasenheit -und majestätische Unhöflichkeit an den Tag legen. Wenn ich ernste -russische Abhandlungen lese, empfinde ich eine ganz ähnliche unbestimmte -Furcht. Die gewaltige Wichtigtuerei, der scherzhafte -Ton der Überlegenheit, die familiäre Manier, in der auswärtige -Autoren behandelt werden, die Geschicklichkeit, mit Würde leeres -Stroh zu dreschen: alles dies ist mir unverständlich und beängstigend -und gleicht so gar nicht der Bescheidenheit und dem vornehm-ruhigen -Tone, an den ich bei der Lektüre der Schriften unserer -älteren Ärzte und Naturforscher gewöhnt bin. Und nicht nur -solche ernsten Abhandlungen, die ursprünglich russisch geschrieben -sind, sondern auch solche, die ins Russische übersetzt sind, zu lesen -fällt mir schwer. Der hoffärtige, herablassende Ton der Vorworte, -die Unmenge von Anmerkungen des Übersetzers, die mich hindern, -meine Aufmerksamkeit auf die Sache zu konzentrieren, die Fragezeichen -und eingeklammerten <em class="antiqua">sic</em>, die der Übersetzer mit freigebiger -Hand über die ganze Abhandlung oder über das ganze Buch ausstreut, -erscheinen mir wie ein Attentat auf die Person des Verfassers -und auf meine, des Lesers, Selbständigkeit.</p> - -<p>Ich war einmal zu einer Verhandlung des Bezirksgerichtes als -Sachverständiger zugezogen; in einer Pause machte mich ein anderer -Sachverständiger, ein Kollege von mir, auf das grobe Benehmen -des Staatsanwaltes gegen die Angeklagten aufmerksam, -unter denen sich zwei gebildete Frauen befanden. Ich glaube, ich -machte mich keiner Übertreibung schuldig, als ich meinem Kollegen -antwortete, dieses Benehmen sei nicht gröber als das, welches die -Verfasser ernster Abhandlungen wechselseitig zur Anwendung -brächten. Und tatsächlich ist dieses Benehmen so grob, daß man -davon nur mit einer peinlichen Empfindung reden kann. Sie benehmen -sich untereinander und gegen die Schriftsteller, deren Werke -sie kritisieren, entweder so übermäßig respektvoll, daß sie dabei ihre -eigene Würde nicht wahren, oder sie behandeln sie umgekehrt weit -dreister, als ich in meinen Gedanken und in diesen Aufzeichnungen -meinen künftigen Schwiegersohn Herrn Gnecker behandle. Beschuldigungen -der Unzurechnungsfähigkeit, unlauterer Absichten,<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -ja sogar aller möglichen Kriminalverbrechen bilden den gewöhnlichen -Schmuck ernster Abhandlungen. Und nun gar die Art, in -der sich unsere jungen Ärzte in ihren kleinen Aufsätzen mit Vorliebe -ausdrücken, das ist das Nonplusultra! Ein solches Benehmen -muß unvermeidlich in der Darstellungsweise der jungen -Generationen unserer belletristischen Schriftsteller seinen Reflex -finden, und daher wundere ich mich gar nicht darüber, daß in den -Novitäten, die unsere belletristische Literatur in den letzten zehn -bis fünfzehn Jahren hervorgebracht hat, die Helden viel Branntwein -trinken und die Keuschheit der Heldinnen zu wünschen übrig -läßt.</p> - -<p>Ich lese französische Bücher und blicke ab und zu nach dem offenstehenden -Fenster hin; dort sehe ich die Zacken meines Gartenzaunes, -zwei oder drei kümmerliche Bäume und weiterhin hinter -dem Zaune einen Weg, ein Feld und dann einen breiten Streifen -Nadelwald. Oft beobachte ich mit Vergnügen, wie zwei Kinder, -ein Knabe und ein Mädchen, beide blondhaarig und in zerrissenen -Kleidern, an dem Zaune in die Höhe klettern und sich über meine -Glatze lustig machen. In ihren glänzenden Äuglein lese ich deutlich -die Worte: »Guck mal, ein Kahlkopf!« Das sind hier fast die einzigen -Menschen, die sich weder um meine Berühmtheit noch um -meinen Rang kümmern.</p> - -<p>Besucher stellen sich jetzt nicht alle Tage ein. Ich erwähne nur die -Besuche Nikolais und Peter Ignatjewitschs. Nikolai kommt gewöhnlich -an Sonn- und Festtagen zu mir, angeblich in geschäftlichen -Angelegenheiten, hauptsächlich aber um mich wiederzusehen. -Er kommt stark angeheitert, was bei ihm im Winter nie vorkommt.</p> - -<p>»Nun, was bringst du?« frage ich ihn, wenn ich zu ihm auf den -Flur hinaustrete.</p> - -<p>»Euer Exzellenz!« sagt er, indem er die Hand aufs Herz drückt -und mich entzückt wie ein Verliebter anblickt. »Euer Exzellenz! -Gott straf mich! Der Donner soll mich gleich auf dem Fleck rühren! -<em class="antiqua">Gaudeamus igitur juvenestus!</em>«</p> - -<p>Und er küßt mich eifrig auf die Schulter, auf die Rockärmel, auf -die Knöpfe.</p> - -<p>»Ist in der Stadt alles bei uns in Ordnung« frage ich ihn.</p> - -<p>»Euer Exzellenz! Beim heiligen Gott …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p> - -<p>Er schwört unaufhörlich ohne jeden Anlaß; ich werde seiner bald -überdrüssig und schicke ihn in die Küche, wo er Mittagessen erhält. -Peter Ignatjewitsch kommt gleichfalls an Sonn- und Festtagen zu -mir, speziell um mich zu besuchen, und zum Zwecke des Gedankenaustausches. -Er sitzt gewöhnlich bei mir in meinem Zimmer am -Tische, bescheiden, sauber, vernünftig, und erlaubt sich nicht, ein -Bein über das andere zu schlagen oder die Ellbogen auf den Tisch -zu bringen; und die ganze Zeit über erzählt er mir mit seiner leisen, -gleichmäßigen Stimme geläufig und buchmäßig allerlei nach seiner -Meinung sehr interessante und amüsante Neuigkeiten, die er in -Journalen und Büchern gelesen hat. Alle diese Neuigkeiten haben -untereinander eine große Ähnlichkeit und lassen sich auf folgenden -Typus zurückführen: ein Franzose hat behauptet, eine Entdeckung -gemacht zu haben; ein anderer, ein Deutscher, hat ihn der Unredlichkeit -überführt durch den Nachweis, daß diese Entdeckung schon -im Jahre 1870 von einem Amerikaner gemacht worden ist; und -ein dritter, ebenfalls ein Deutscher, ist klüger gewesen als sie beide, -indem er gezeigt hat, daß sie sich arg blamiert und unter dem -Mikroskop Luftbläschen für dunkles Pigment gehalten haben. -Peter Ignatjewitsch erzählt sogar dann, wenn er es darauf anlegt, -mich zum Lachen zu bringen, langsam und umständlich, als ob er -eine Dissertation verteidigte, mit detaillierter Aufzählung der literarischen -Quellen, die er benutzt hat, und bemüht sich, in den -Zahlen, in den Nummern der Journale und in den Namen jeden -Irrtum zu vermeiden, wobei er nicht einfach Petit sagt, sondern -stets Jean Jacques Petit. Manchmal bleibt er bei uns zum Mittagessen, -und dann erzählt er während der ganzen Mahlzeit jene -selben amüsanten Geschichten, die auf alle Tischgenossen niederdrückend -wirken. Wenn Herr Gnecker und Lisa in seiner Gegenwart -das Gespräch auf Fugen und Kontrapunkt, auf Brahms und -Bach bringen, so schlägt er bescheiden die Augen nieder und wird -verlegen; er schämt sich, daß in Anwesenheit so ernsthafter Leute, -wie ich und er, von so unwürdigen Dingen gesprochen wird.</p> - -<p>Bei meiner jetzigen Gemütsverfassung genügen mir fünf Minuten, -um seiner so überdrüssig zu werden, als hätte ich ihn schon eine -ganze Ewigkeit gesehen und angehört. Ich hasse den armen Kerl. -Von seiner leisen, gleichmäßigen Stimme und buchmäßigen Ausdrucksweise -wird mir ganz schwach, seine Erzählungen machen mich<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -stumpfsinnig. Er hegt gegen mich die treueste Gesinnung und redet -mit mir lediglich, um mir Vergnügen zu bereiten, und ich lohne -es ihm damit, daß ich ihm hartnäckig ins Gesicht sehe, als ob ich -ihn hypnotisieren wollte, und dabei denke: »Scher dich weg, scher -dich weg, scher dich weg!« Aber er reagiert nicht auf meine -schweigende Aufforderung, sondern sitzt und sitzt und sitzt …</p> - -<p>Solange er bei mir sitzt, kann ich schlechterdings nicht von dem -Gedanken loskommen: »Sehr möglich, daß, wenn ich sterbe, er -meine Stelle bekommt«, und mein armes Auditorium erscheint -mir dann wie eine Oase, in der der Bach vertrocknet ist, und ich bin -gegen Peter Ignatjewitsch unliebenswürdig, schweigsam, mürrisch, -als wäre er an diesen meinen Gedanken schuld und nicht vielmehr -ich selbst. Wenn er anfängt, nach seiner Gewohnheit die deutschen -Gelehrten zu preisen, so mache ich nicht mehr wie früher gutmütige -Scherze, sondern ich brumme verdrießlich:</p> - -<p>»Ihre Deutschen sind Esel.«</p> - -<p>Mein Benehmen hat Ähnlichkeit mit dem des verstorbenen Professors -Nikita Krylow, der sich einmal in Reval mit Pirogow zusammen -badete, sich über das sehr kalte Wasser ärgerte und nun -schimpfte: »Diese Schufte, die Deutschen!« Ich benehme mich -gegen Peter Ignatjewitsch häßlich, und erst wenn er fortgeht und -ich durch das Fenster sehe, wie sein grauer Hut hinter dem Gartenzaun -vorbeistreift, möchte ich ihn anrufen und zu ihm sagen:</p> - -<p>»Verzeihen Sie mir, lieber Freund!«</p> - -<p>Das Mittagessen verläuft jetzt bei uns langweiliger als im Winter. -Eben jener Herr Gnecker, den ich jetzt hasse und verachte, ißt bei -uns fast täglich mit. Früher duldete ich schweigend seine Anwesenheit; -aber jetzt richte ich an seine Adresse Stichelreden, über -die meine Frau und Lisa rot werden. Von meinem Ingrimm hingerissen, -rede ich oft geradezu Dummheiten und weiß nicht einmal -recht, warum ich sie rede. So kam es einmal vor, daß ich Herrn -Gnecker lange verächtlich ansah und ohne jede Veranlassung plötzlich -herausstieß:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Der Aar schwebt wohl einmal hinab zum Hühnervolke,<br /></span> -<span class="i0">Doch schwingt sich nie das Huhn zu jenem in die Wolke.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Und das Ärgerlichste ist, daß bei solchen Gelegenheiten das Huhn -Gnecker sich weit verständiger benimmt als der Aar Professor. Da -er weiß, daß meine Frau und meine Tochter auf seiner Seite<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -stehen, so beobachtet er folgende Taktik: er beantwortet meine -Stichelreden mit herablassendem Schweigen, welches besagt: »Der -Alte ist verrückt geworden; wozu da lange mit ihm reden?« oder -er macht sich in gutmütiger Weise über mich lustig. Es ist wirklich -erstaunlich, bis zu welchem Grade der Mensch verflachen kann: ich -bin imstande, während des ganzen Mittagessens mich in Gedanken -darüber zu ergehen, wie Herr Gnecker sich als Abenteurer entpuppen -wird, wie Lisa und meine Frau ihren Irrtum einsehen werden, und -wie ich sie dann damit aufziehen werde. Solchen und ähnlichen -törichten Gedanken überlasse ich mich zu einer Zeit, wo ich doch -schon mit einem Fuße im Grabe stehe!</p> - -<p>Jetzt kommen auch Mißhelligkeiten vor, von denen ich früher nur -durch Hörensagen einen Begriff hatte. Wie beschämend es auch -für mich ist, so will ich doch einen derartigen Vorfall erzählen, der -sich neulich nach dem Mittagessen zutrug.</p> - -<p>Ich saß in meinem Zimmer und rauchte eine Pfeife. Da kam wie -gewöhnlich meine Frau herein, setzte sich hin und fing an davon -zu reden, daß es doch gut wäre, wenn ich jetzt, solange es noch -warm sei und ich freie Zeit hätte, nach Charkow reisen und mich -dort erkundigen wollte, was unser Herr Gnecker für ein Mensch sei.</p> - -<p>»Schön, ich werde hinreisen,« erwiderte ich.</p> - -<p>Meine Frau war mit mir zufrieden, stand auf und ging zur Tür, -kehrte aber sogleich wieder zurück und sagte:</p> - -<p>»Bei der Gelegenheit möchte ich dir noch eine Bitte aussprechen. -Ich weiß, du wirst ärgerlich werden; aber es ist meine Pflicht, -dich zu warnen. Nimm es nicht übel, Nikolai Stepanowitsch, -aber alle unsere Bekannten und Nachbarn fangen schon an darüber -zu reden, daß du so viel bei Katja verkehrst. Sie ist ja klug und -gebildet, das stelle ich nicht in Abrede, und man verbringt in ihrer -Gesellschaft die Zeit sehr angenehm; aber du mußt selbst zugeben, -es ist einigermaßen sonderbar, wenn ein Mann in deinen Jahren -und in deiner gesellschaftlichen Stellung an ihrer Gesellschaft -Vergnügen findet. Und außerdem ist ihr Renommee von der Art, -daß …«</p> - -<p>Alles Blut strömte plötzlich von meinem Gehirn fort, Funken -sprühten mir aus den Augen; ich sprang auf, griff mir an -den Kopf, stampfte mit den Füßen und schrie mit entstellter -Stimme:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<p>»Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe!«</p> - -<p>Mein Gesicht mußte wohl schrecklich aussehen und meine Stimme -seltsam klingen; denn meine Frau wurde auf einmal ganz blaß -und schrie mit gleichfalls fremdartig klingender, verzweifelter -Stimme laut auf. Auf unser Geschrei kamen Lisa, Herr Gnecker -und dann auch Jegor herbeigelaufen.</p> - -<p>»Laßt mich in Ruhe!« schrie ich. »Geht hinaus! Laßt mich in Ruhe!«</p> - -<p>Die Füße wurden mir taub, als ob sie gar nicht da wären; ich -fühlte, wie ich jemandem in die Arme sank; dann hörte ich eine -kurze Zeit Weinen und fiel in eine Ohnmacht, die zwei bis drei -Stunden dauerte.</p> - -<p>Jetzt von Katja. Sie besucht mich täglich gegen Abend, und das -muß natürlich den Bekannten und Nachbarn auffallen. Sie -kommt angefahren, tritt nur auf einen Augenblick bei mir ein und -nimmt mich dann mit auf ihre Spazierfahrt. Sie hat ein eigenes -Pferd und einen neuen <em class="antiqua">char à banc</em>, den sie sich in diesem Sommer -gekauft hat. Überhaupt lebt sie auf großem Fuße: sie hat sich ein -teures Landhaus mit großem Garten für sich allein gemietet und -ihr ganzes Mobiliar aus der Stadt dorthin schaffen lassen, hält sich -zwei Stubenmädchen und einen Kutscher … Oft frage ich sie:</p> - -<p>»Katja, wovon wirst du leben, wenn du das väterliche Geld vergeudet -haben wirst?«</p> - -<p>»Das wollen wir später sehen,« antwortet sie.</p> - -<p>»Dieses Geld, liebes Kind, würde wohl eine etwas rücksichtsvollere -Behandlung verdienen. Es ist von einem braven Manne durch -ehrliche Arbeit erworben.«</p> - -<p>»Das haben Sie mir schon früher gesagt. Ich weiß es.«</p> - -<p>Zuerst fahren wir zwischen Feldern hin, dann durch den Nadelwald, -den ich von meinem Fenster aus sehen kann. Die Natur erscheint -mir ebenso schön wie früher, obwohl mir der Böse zuflüstert, daß -alle diese Tannen und Fichten, diese Vögel und weißen Wolken am -Himmel, wenn ich nach drei bis vier Monaten tot sein werde, von -meinem Fehlen nichts merken werden. Katja findet Vergnügen -daran, das Pferd selbst zu lenken, und sie freut sich, daß es schönes -Wetter ist und ich neben ihr sitze. Sie ist guter Laune und führt -keine bissigen Reden.</p> - -<p>»Sie sind ein sehr guter Mensch, Nikolai Stepanowitsch,« sagt -sie. »Sie sind ein seltenes Exemplar, und es gibt keinen Schauspieler,<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -der Sie spielen könnte. Mich oder z. B. Michail Fedorowitsch -kann selbst ein schlechter Schauspieler kopieren, Sie aber -niemand. Und ich beneide Sie, gewaltig beneide ich Sie! Denn -ich, was bin ich? Was bin ich?«</p> - -<p>Sie denkt einen Augenblick nach und fragt mich dann:</p> - -<p>»Nikolai Stepanowitsch, ich bin ja doch wohl eine negative Erscheinung, -nicht wahr?«</p> - -<p>»Ja«, antworte ich.</p> - -<p>»Hm … Was soll ich denn aber nun tun?«</p> - -<p>Was soll ich ihr erwidern? Es ist leicht zu sagen: »Arbeite!« oder: -»Gib deine Habe den Armen!« oder: »Erkenne dich selbst!«, und -weil das eben so leicht zu sagen ist, so weiß ich nicht, was ich ihr -erwidern soll.</p> - -<p>Meine Kollegen, die Therapeuten, geben in der Lehre von der Behandlung -der Kranken den Rat, man solle jeden einzelnen Fall individuell -behandeln. Wer diesen Rat befolgt, wird sich überzeugen, -daß die Mittel, die in den Lehrbüchern schablonenmäßig als die -besten und als durchaus brauchbar empfohlen werden, sich in den -Einzelfällen als völlig unbrauchbar erweisen. Dasselbe gilt auch -von seelischen Leiden.</p> - -<p>Aber irgend etwas muß ich ihr doch antworten, und so sage ich -denn:</p> - -<p>»Du hast zuviel freie Zeit, meine Liebe. Du mußt dich mit etwas -beschäftigen. Wirklich, warum willst du nicht wieder Schauspielerin -werden, wenn du doch einen inneren Beruf dazu -hast?«</p> - -<p>»Ich kann es nicht.«</p> - -<p>»Dein Ton und deine Art machen den Eindruck, als ob du dir -wie ein Opfer vorkommst. Das gefällt mir nicht, meine Liebe. Du -trägst selbst die Schuld. Erinnere dich nur: du begannst damit, -dich über die Schauspieler und ihre Art zu ärgern, hast aber -nichts getan, um diese und andere Menschen zu bessern. Du hast -mit dem Schlechten nicht gerungen, sondern bist vorzeitig müde -geworden und bist nicht ein Opfer des Ringens, sondern deiner -Kraftlosigkeit. Nun freilich, du warst damals noch jung und -unerfahren; aber jetzt kann alles einen anderen Verlauf nehmen. -Wirklich, geh zur Bühne! Da wirst du arbeiten, der heiligen Kunst -dienen …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p> - -<p>»Reden Sie nicht, was Sie selbst nicht meinen, Nikolai Stepanowitsch!« -unterbricht mich Katja. »Lassen Sie uns ein für allemal -die Verabredung treffen: wir wollen über Schauspieler reden, über -Schauspielerinnen, über Schriftsteller; die Kunst aber wollen wir -aus dem Spiele lassen. Sie sind ein prächtiger Mensch, ein seltener -Mensch; aber Sie besitzen nicht so viel Verständnis für die Kunst, -daß Sie sie mit gutem Gewissen ›die heilige Kunst‹ nennen dürften. -Sie haben für die Kunst keinen Sinn und kein Gefühl. Ihr ganzes -Leben lang sind Sie mit Ihrer Arbeit beschäftigt gewesen und haben -keine Zeit gehabt, sich dieses Gefühl zu erwerben. Überhaupt … -ich kann diese Gespräche über Kunst nicht leiden!« fuhr sie nervös fort; -»ich kann sie nicht leiden! Die Kunst ist so schon hinlänglich profaniert -worden. Ich mag nichts weiter hören!«</p> - -<p>»Wer hat die Kunst profaniert?«</p> - -<p>»Die Schauspieler haben die Kunst profaniert durch ihre Trunksucht, -die Zeitungen durch eine gar zu familiäre Stellungnahme -ihr gegenüber, die verständigen Leute durch ihre Philosophie.«</p> - -<p>»Die Philosophie hat damit nichts zu schaffen.«</p> - -<p>»O doch. Wenn jemand über einen Gegenstand philosophiert, so -bedeutet das, daß er kein Verständnis für ihn hat.«</p> - -<p>Damit das Gespräch nicht zu scharf wird, beeile ich mich, das -Thema zu wechseln, und schweige dann längere Zeit. Erst in dem -Augenblicke, wo wir aus dem Walde herausfahren und die Richtung -nach Katjas Landhause einschlagen, kehre ich wieder zu dem früheren -Gegenstande zurück und frage:</p> - -<p>»Du hast mir immer noch nicht geantwortet: Warum willst du -nicht wieder Schauspielerin werden?«</p> - -<p>»Nikolai Stepanowitsch, das ist aber doch gar zu grausam von -Ihnen!« ruft sie aus und wird plötzlich dunkelrot. »Wollen Sie -wirklich, daß ich Ihnen laut die Wahrheit sage? Nun, wenn Sie -es wünschen, meinetwegen: ich besitze kein Talent. Ich besitze kein -Talent, wohl aber einen großen Ehrgeiz! Das ist der Grund!«</p> - -<p>Nachdem sie mir dieses Geständnis gemacht hat, wendet sie das -Gesicht von mir weg und zieht, um das Zittern ihrer Hände zu verbergen, -stark an den Zügeln.</p> - -<p>Als wir uns ihrem Landhause nähern, sehen wir schon von weitem -Michail Fedorowitsch, der am Tore auf und ab geht und ungeduldig -auf uns wartet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span></p> - -<p>»Wieder dieser Michail Fedorowitsch!« sagt Katja ärgerlich. »Bitte, -schaffen Sie ihn mir vom Halse! Ich bin seiner überdrüssig; er ist -schal geworden … Ich mag ihn nicht!«</p> - -<p>Michail Fedorowitsch sollte schon längst im Auslande sein; aber er -schiebt seine Abreise von einer Woche zur andern auf. In der letzten -Zeit sind mit ihm einige Veränderungen vorgegangen: er ist magerer -geworden, wird vom Weine berauscht, was früher bei ihm nie der -Fall war, und seine schwarzen Augenbrauen beginnen grau zu -werden. Wenn unser <em class="antiqua">char à banc</em> am Tore hält, macht er aus -seiner Freude und seiner Ungeduld kein Hehl. Mit großer Beflissenheit -ist er Katja und mir beim Aussteigen behilflich, stellt eilig -allerlei Fragen, lacht und reibt sich die Hände; und jener sanfte, -flehende, reine Ausdruck, den ich früher nur in seinem Blicke wahrnahm, -hat sich jetzt über sein ganzes Gesicht ausgebreitet. Er freut -sich, und gleichzeitig schämt er sich seiner Freude, schämt sich dieser -Gewohnheit, Katja jeden Abend zu besuchen, und hält es für nötig, -sein Kommen durch irgendeine handgreifliche Abgeschmacktheit zu -motivieren, von dieser Art: »Ich kam gerade vorbei, als ich mir -etwas besorgen wollte, und da dachte ich: ich will doch auf einen -Augenblick herangehen.«</p> - -<p>Wir gehen alle drei in die Wohnung; zuerst trinken wir Tee; dann -erscheinen auf dem Tische die mir längst bekannten zwei Spiele -Karten, ein großes Stück Käse, Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein. -Die Themata unserer Gespräche sind keine neuen, -sondern immer noch dieselben wie im Winter. Die Universität und -die Studenten und die Literatur und das Theater müssen tüchtig -herhalten; die Luft wird von den Lästerreden dichter und schwüler, -und es vergiften sie jetzt nicht mehr zwei Kröten mit ihrem Atem -wie im Winter, sondern drei. Außer dem samtweichen Lachen eines -Baritons und einem andern Lachen, das wie eine Harmonika klingt, -hört das Stubenmädchen, das uns bedient, noch ein drittes, unangenehm -knarrendes Lachen, so wie in den Vaudevilles die Generale -lachen: »He-he-he!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="V">V</h2> -</div> - -<p class="drop">Es kommen manchmal schreckliche Nächte vor, mit Blitz und -Donner, Regen und Wind, die das Volk Sperlingsnächte nennt, -weil die Sperlinge dabei vor Angst aus den Nestern herauskommen.<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -Eine solche Sperlingsnacht habe ich in meinem eigenen Leben -durchgemacht …</p> - -<p>Ich wache nach Mitternacht auf und springe plötzlich vom Bette -in die Höhe. Aus einem unverständlichen Grunde glaube ich, daß -ich im nächsten Augenblick sterben werde. Warum glaube ich das? -Im Körper habe ich keine derartige Empfindung, die auf ein -schnelles Ende hinwiese; aber auf meiner Seele lastet eine solche -Angst, als ob ich auf einmal den riesigen roten Schein einer entsetzlichen -Feuersbrunst erblicke.</p> - -<p>Ich zünde schnell Licht an, trinke Wasser unmittelbar aus der -Karaffe und eile dann zum offenen Fenster. Draußen ist herrliches -Wetter. Es duftet nach Heu und sonst noch nach etwas Schönem. -Ich sehe die Zacken des Gartenzaunes, die verschlafenen, kümmerlichen -Bäume am Fenster, den Weg, den dunklen Waldstreifen; an -dem wolkenlosen Himmel steht ruhig der sehr helle Mond. Tiefe -Stille; kein Blatt regt sich. Mir scheint, daß alles mich anschaut -und lauscht, wie ich sterben werde …</p> - -<p>Mir ist bange zumute. Ich schließe das Fenster und laufe wieder -zum Bette hin. Ich fühle mir den Puls, und da ich ihn an der -Hand nicht finde, suche ich ihn an den Schläfen, dann am Kinn -und wieder an der Hand; alles ist an mir kalt und schlüpfrig von -Schweiß. Mein Atem wird schneller und schneller; der ganze -Körper zittert; alle inneren Teile sind in Bewegung; auf dem Gesicht -und auf der Glatze habe ich ein Gefühl, als ob sich ein Spinngewebe -darauf lege.</p> - -<p>Was soll ich tun? Soll ich die Meinigen rufen? Nein, das hat -keinen Zweck. Ich wüßte gar nicht, was meine Frau und Lisa tun -sollten, wenn sie zu mir herein kämen.</p> - -<p>Ich stecke den Kopf unter das Kissen, schließe die Augen und warte, -warte … Mich friert am Rücken; es ist mir, als zöge er sich nach -innen hinein, und ich habe ein Gefühl, als werde der Tod sich mir -jedenfalls von hinten nahen, ganz leise …</p> - -<p>»Kwi, kwi!« ertönt auf einmal ein Kreischen in der nächtlichen -Stille, und ich weiß nicht, wo es ist, ob in meiner Brust oder auf -der Straße.</p> - -<p>»Kwi, kwi!«</p> - -<p>Mein Gott, wie entsetzlich! Ich möchte gern noch mehr Wasser -trinken; aber ich fürchte mich, auch nur die Augen aufzumachen<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -und den Kopf in die Höhe zu heben. Ich habe eine sinnlose, animalische -Angst und kann gar nicht begreifen, warum ich mich eigentlich -fürchte: weil ich weiterleben möchte, oder weil mir ein neuer -Schmerz bevorsteht, den ich noch nicht kenne?</p> - -<p>Oben, in dem Zimmer über mir, klingt es halb wie Stöhnen, halb -wie Lachen. Ich lausche. Nach einer kleinen Weile sind auf der -Treppe Schritte zu hören. Es kommt jemand eilig herunter, steigt -aber dann wieder hinauf. Eine Minute später werden die Schritte -wieder unten vernehmbar; es bleibt jemand an meiner Tür stehen -und horcht.</p> - -<p>»Wer ist da?« rufe ich.</p> - -<p>Die Tür öffnet sich; mit einem kühnen Entschlusse mache ich die -Augen auf und sehe meine Frau vor mir. Ihr Gesicht ist blaß, ihre -Augen verweint.</p> - -<p>»Du schläfst nicht, Nikolai Stepanowitsch?« fragte sie.</p> - -<p>»Was willst du?«</p> - -<p>»Um Gottes willen, komm doch mit zu Lisa und sieh sie dir einmal -an. Es muß ihr etwas zugestoßen sein …«</p> - -<p>»Gut … gern …« murmele ich, sehr zufrieden damit, daß ich -nicht mehr allein bin. »Gut … den Augenblick.«</p> - -<p>Ich gehe hinter meiner Frau her, höre an, was sie mir mitteilt, und -verstehe vor Aufregung nichts davon. Das Licht, das sie trägt, -läßt auf den Treppenstufen helle Flecke umherhüpfen und unsere -langen Schatten sich zitternd bewegen; meine Füße verwickeln sich -in den Schößen meines Schlafrockes; ich kann kaum atmen, und es -ist mir, als ob mich jemand verfolgte und mich am Rücken packen -wollte. »Jetzt werde ich gleich hier auf dieser Treppe sterben,« -denke ich. »Gleich diesen Augenblick …« Aber da sind wir schon -die Treppe hinaufgestiegen, haben bereits den dunklen Korridor mit -dem italienischen Fenster passiert und treten in Lisas Zimmer. Sie -sitzt im bloßen Hemde auf dem Bette, läßt die nackten Beine herunterhängen -und stöhnt.</p> - -<p>»Ach mein Gott … ach mein Gott!« murmelt sie und kneift, -von unserem Lichte geblendet, die Augen zusammen. »Ich kann -nicht, ich kann nicht …«</p> - -<p>»Lisa, mein Kind,« sage ich, »was fehlt dir?«</p> - -<p>Sobald sie mich erblickt, schreit sie auf und fällt mir um den Hals.</p> - -<p>»Mein guter Papa …« schluchzt sie. »Mein lieber Papa …<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -Mein süßer, bester Papa! … Ich weiß nicht, was mit mir ist … -Mir ist so schwer ums Herz!«</p> - -<p>Sie umarmt mich, küßt mich und stammelt zärtliche Koseworte, -wie ich sie von ihr gehört habe, als sie noch ein kleines Kind -war.</p> - -<p>»Beruhige dich, mein Kind! Gott möge dir beistehen!« sage ich. -»Du mußt nicht weinen. Mir ist selbst traurig zumute.«</p> - -<p>Ich gebe mir Mühe, sie zuzudecken, meine Frau reicht ihr zu trinken, -und wir beide bewegen uns ungeschickt an ihrem Bette umher, -so daß wir einander stoßen: mit meiner Schulter stoße ich an die -Schulter meiner Frau, und in diesem Augenblicke schießt mir die -Erinnerung durch den Kopf, wie wir früher einmal unsere Kinder -zusammen gebadet haben.</p> - -<p>»Hilf ihr doch, hilf ihr doch!« fleht mich meine Frau an. »Gib -ihr doch etwas zum Einnehmen!«</p> - -<p>Aber was kann ich tun? Gar nichts. Dem Mädchen lastet etwas -Schweres auf der Seele; aber ich begreife nichts davon, weiß nichts -und kann nur murmeln:</p> - -<p>»Es ist nichts Schlimmes, nichts Schlimmes … Das wird vorübergehen -… Schlaf nur, schlaf! …«</p> - -<p>Gerade in diesem Augenblick ertönt auf einmal auf unserem Hofe -Hundegeheul, anfangs leise und unentschlossen, dann laut, zweistimmig. -Ich habe solchen Vorzeichen wie Hundegeheul und Eulenruf -nie irgendwelche Bedeutung beigemessen; aber jetzt krampft sich -mein Herz schmerzlich zusammen, und ich beeile mich, mir über -dieses Geheul klar zu werden.</p> - -<p>»Dummes Zeug …« denke ich. »Der Einfluß eines Organismus -auf einen andern. Meine starke nervöse Spannung hat sich auf -meine Frau und auf Lisa und auf den Hund übertragen, weiter -nichts … Durch eine derartige Übertragung lassen sich alle Vorahnungen -und alles Vorhersehen erklären …«</p> - -<p>Als ich bald darauf in mein Zimmer zurückkehre, um für Lisa ein -Rezept zu schreiben, denke ich nicht mehr an meinen nahe bevorstehenden -Tod, sondern empfinde nur ein drückendes, widerwärtiges -Gefühl am Herzen, so daß es mir sogar leid tut, daß ich nicht plötzlich -gestorben bin. Lange stehe ich regungslos mitten im Zimmer -und überlege, was ich wohl meiner Tochter verschreiben könnte; -aber das Stöhnen in dem über mir gelegenen Zimmer verstummt,<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -und so entscheide ich mich denn dafür, nichts zu verschreiben; aber -ich bleibe trotzdem stehen …</p> - -<p>Es herrscht eine Totenstille, eine solche Stille, daß, wie sich einmal -ein Schriftsteller ausgedrückt hat, sie einem sogar in den Ohren klingt. -Die Zeit vergeht nur ganz langsam; die Streifen des Mondlichtes auf -dem Fensterbrette ändern ihre Lage nicht, gerade wie wenn sie erstarrt -wären … Bis zur Morgendämmerung ist es noch lange hin.</p> - -<p>Aber da knarrt das Pförtchen im Gartenzaun; es schleicht jemand -herein, bricht von einem der dürftigen Bäume einen Zweig ab und -klopft damit vorsichtig ans Fenster.</p> - -<p>»Nikolai Stepanowitsch!« höre ich eine Stimme flüstern; »Nikolai -Stepanowitsch!«</p> - -<p>Ich öffne das Fenster und glaube zu träumen: unter dem Fenster, -sich gegen die Wand drückend, steht eine Frau in schwarzem Kleide, -hell vom Monde beleuchtet, und blickt mich mit großen Augen an. -Ihr im Mondlicht blaß, streng und seltsam erscheinendes Gesicht -sieht wie von Marmor aus; ihr Kinn zittert.</p> - -<p>»Ich bin es,« sagt sie. »Ich … Katja!«</p> - -<p>Bei Mondlicht erscheinen alle Frauenaugen groß und schwarz, und -die Menschen größer und blasser; dies ist wohl der Grund, weshalb -ich sie im ersten Augenblicke nicht erkannt hatte.</p> - -<p>»Was willst du?«</p> - -<p>»Verzeihen Sie,« sagt sie. »Mir wurde plötzlich, ich weiß nicht -warum, so unerträglich schwer ums Herz … Ich konnte es nicht -aushalten und fuhr hierher … Ich sah Licht hinter Ihrem Fenster -… und da entschloß ich mich, anzuklopfen … Entschuldigen -Sie … Ach, wenn Sie wüßten, wie schrecklich mir zumute war! -Was tun Sie denn jetzt?«</p> - -<p>»Nichts … Ich kann nicht schlafen.«</p> - -<p>»Ich hatte eine Art Ahnung. Aber das ist ja dummes Zeug.«</p> - -<p>Ihre Brauen ziehen sich in die Höhe, ihre Augen glänzen von Tränen, -und auf ihrem ganzen Gesichte strahlt wie ein helles Licht -jener Ausdruck von Zutraulichkeit auf, der mir so wohl bekannt ist, -den ich aber so lange nicht mehr gesehen habe.</p> - -<p>»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie in flehendem Tone und streckt -beide Hände nach mir hin. »Teurer Freund, ich bitte Sie … ich -flehe Sie an … Wenn Sie meine Freundschaft und Verehrung -für Sie nicht verachten, so erfüllen Sie mir eine Bitte!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p> - -<p>»Was für eine Bitte?«</p> - -<p>»Nehmen Sie das Geld, das ich noch besitze, von mir an!«</p> - -<p>»Aber was sind das für Einfälle! Was soll ich mit deinem -Gelde?«</p> - -<p>»Fahren Sie irgendwohin, um eine Kur zu gebrauchen! … Sie -haben eine Kur durchaus nötig. Wollen Sie es annehmen? Ja? -Lieber, Guter, ja?«</p> - -<p>Sie sieht mir in gespannter Erwartung ins Gesicht und wiederholt:</p> - -<p>»Ja? Wollen Sie es annehmen?«</p> - -<p>»Nein, meine Liebe, das nehme ich nicht an …«, antworte ich; -»ich danke dir.«</p> - -<p>Sie wendet mir den Rücken zu und läßt den Kopf herunterhängen. -Wahrscheinlich habe ich bei der abschlägigen Antwort mich eines -Tones bedient, durch den ein weiteres Gespräch über die Geldangelegenheit -unmöglich gemacht wurde.</p> - -<p>»Fahre wieder nach Hause,« sage ich, »und lege dich schlafen! Morgen -sehen wir uns wieder.«</p> - -<p>»Also Sie halten mich nicht für Ihre Freundin?« fragt sie niedergeschlagen.</p> - -<p>»Das habe ich nicht gesagt. Aber von deinem Gelde kann ich jetzt -keinen Gebrauch machen.«</p> - -<p>»Verzeihen Sie!« erwidert sie und läßt dabei die Stimme um eine -ganze Oktave sinken. »Ich verstehe Sie. Einer Frau, wie ich, verpflichtet -zu sein, einer ehemaligen Schauspielerin, das ist … Nun, -dann leben Sie wohl! …«</p> - -<p>Sie geht so schnell fort, daß ich nicht einmal Zeit habe, ihr Lebewohl -zu sagen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="VI">VI</h2> -</div> - -<p class="drop">Ich bin in Charkow.</p> - -<p>Da ich doch keinen Nutzen davon hätte, gegen meine jetzige Gemütsverfassung -anzukämpfen, und auch gar nicht dazu imstande bin, so -habe ich beschlossen, daß meine letzten Lebenstage wenigstens nach -der formellen Seite hin vorwurfsfrei sein sollen; wenn ich meiner -Familie gegenüber im Unrecht bin (und ich bin mir recht wohl bewußt, -daß dem so ist), so will ich wenigstens bemüht sein, so zu -handeln, wie sie es wünscht. Ich sollte nach Charkow reisen; nun,<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -so bin ich denn jetzt in Charkow. Zudem bin ich in der letzten Zeit -gegen alles dermaßen gleichgültig geworden, daß es mir wirklich -ganz einerlei ist, wohin ich reise, ob nach Charkow oder nach Paris -oder nach Berditschew.</p> - -<p>Ich bin um zwölf Uhr mittags hier angekommen und in einem Hotel -nicht weit vom Dom eingekehrt. Im Waggon bin ich arg durchgerüttelt -worden, auch zog es empfindlich; jetzt sitze ich auf dem -Bette, halte mir den Kopf und warte auf meinen <em class="antiqua">tic douloureux</em>. -Ich sollte eigentlich heute zu den Professoren fahren, mit denen ich -bekannt bin; aber ich habe keine Lust und keine Kraft dazu.</p> - -<p>Der Kellner, ein älterer Mann, tritt herein und fragt, ob ich Bettwäsche -bei mir führe. Ich halte ihn etwa fünf Minuten lang zurück -und lege ihm einige Fragen über Herrn Gnecker vor, um dessentwillen -ich hierher gekommen bin. Es stellt sich heraus, daß der -Kellner, obwohl er ein geborener Charkower ist und in dieser Stadt -wie in seiner eigenen Westentasche Bescheid weiß, kein Haus kennt, -das sich im Besitz einer Familie Gnecker befände. Ich erkundige -mich nach einem Gute einer solchen Familie, aber mit demselben -Resultate.</p> - -<p>Auf dem Korridor schlägt die Uhr eins, dann zwei, dann drei. Die -letzten Monate meines Lebens, in denen ich auf den Tod warte, -kommen mir weit länger vor als mein ganzes Leben. Auch habe -ich es früher nie verstanden, mit der Langsamkeit der Zeit so zufrieden -zu sein, wie jetzt. Wenn ich früher manchmal auf dem -Bahnhofe auf einen Zug wartete oder als Mitglied der Prüfungskommission -beim Examen saß, erschien mir eine Viertelstunde wie -eine Ewigkeit; jetzt dagegen kann ich die ganze Nacht hindurch, -ohne mich zu rühren, auf dem Bette sitzen und ganz gleichmütig -daran denken, daß morgen eine ebensolche lange, farblose Nacht -kommen wird, und übermorgen wieder eine …</p> - -<p>Im Korridor schlägt es fünf Uhr, sechs, sieben. Es wird dunkel.</p> - -<p>In der Backe fühle ich ein dumpfes Ziehen: damit fängt der Gesichtsschmerz, -der <em class="antiqua">tic</em>, an. Um mich mit Gedanken zu beschäftigen, versetze -ich mich auf meinen früheren Standpunkt, als ich noch nicht -so teilnahmlos war, und frage mich: warum sitze ich, ein berühmter -Mann, ein Geheimrat, in diesem kleinen Hotelzimmer, auf diesem -Bette mit der fremden, grauen Bettdecke? Warum sehe ich -diese billige, blecherne Waschschüssel an und höre, wie auf dem<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -Korridor eine elende Uhr tickt? Entspricht denn etwa alles dies -meiner Berühmtheit und der hohen Stellung, die ich in der Welt -einnehme? Und auf diese Frage besteht meine Antwort in einem -Lächeln. Ich lächle über die Naivität, mit der ich einst in meiner -Jugend die Bedeutung der Berühmtheit und der exklusiven Stellung, -welche berühmte Männer anscheinend genießen, weit überschätzte. -Ich bin berühmt, mein Name wird mit Ehrerbietung genannt, mein -Bild hat in der Niwa<a id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> und in der Allgemeinen Illustrierten Zeitung -gestanden, meine Biographie habe ich sogar in einer deutschen -Zeitschrift gelesen: und was habe ich nun von alledem? Ich sitze -mutterseelenallein in einer fremden Stadt, auf einem fremden -Bette und reibe mit der Hand meine kranke Backe. Familiengezänk, -Hartherzigkeit von Gläubigern, Grobheit der Eisenbahnbeamten, -die Unbequemlichkeiten des Paßwesens, die teure und ungesunde -Kost in den Bahnhofsrestaurationen, die allgemeine Unhöflichkeit -und Grobheit im Verkehr, alles dies und vieles andere, dessen Aufzählung -zu lang werden würde, berührt mich nicht weniger als -jeden beliebigen Kleinbürger, den niemand kennt als die Bewohner -seiner Gasse. Worin kommt denn die Exklusivität meiner Stellung -zum Ausdruck? Und wenn ich tausendmal ein berühmter Mann -bin, ein hervorragender Geist, auf den das Vaterland stolz ist, – -nun ja, man druckt in allen Zeitungen Bulletins über meine -Krankheit ab, und es gehen mir durch die Post teilnehmende Zuschriften -von Kollegen, von Schülern und aus dem Publikum zu; -aber alles dies hindert mich nicht, auf einem fremden Bette, in -Gram und Kummer, in völliger Vereinsamung zu sterben. Gewiß, -es trifft niemanden dabei eine Schuld; aber obwohl es fast wie -eine Sünde klingt: ich habe an der Popularität meines Namens -keine Freude. Es kommt mir vor, als hätte mich diese Popularität -betrogen.</p> - -<p>Um zehn Uhr schlafe ich ein; trotz meines Gesichtsschmerzes schlafe -ich fest und würde lange geschlafen haben, wenn ich nicht aufgeweckt -worden wäre. Bald nach ein Uhr wird plötzlich an meine -Tür geklopft.</p> - -<p>»Wer ist da?«</p> - -<p>»Eine Depesche.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p> - -<p>»Das hätte auch bis morgen Zeit gehabt,« sage ich ärgerlich, als -ich die Depesche von dem Kellner in Empfang nehme. »Nun werde -ich nicht zum zweitenmal einschlafen.«</p> - -<p>»Verzeihen Sie! Ich sah, daß bei Ihnen Licht brannte, und glaubte, -Sie schliefen noch nicht.«</p> - -<p>Ich öffne die Depesche und sehe vor allem nach der Unterschrift: -von meiner Frau. Was will sie?</p> - -<p>»Gestern hat sich Gnecker mit Lisa heimlich trauen lassen. Komm -zurück!«</p> - -<p>Ich lese diese Depesche und bekomme einen Schreck, der allerdings -nicht lange dauert. Worüber ich erschrecke, das ist nicht der Schritt, -den Lisa und Gnecker unternommen haben, sondern der Gleichmut, -mit dem ich die Nachricht von ihrer Verheiratung aufnehme. Man -sagt, die Philosophen und die wahren Weisen seien gleichmütig. -Das ist nicht wahr; der Gleichmut ist eine Paralyse der Seele, ein -vorzeitiger Tod.</p> - -<p>Ich lege mich wieder ins Bett und überlege, mit was für Gedanken -ich mich wohl beschäftigen könnte. Worüber soll ich nachdenken? -Mir scheint, es sei schon alles von mir durchdacht worden, und es -gebe nichts, was jetzt imstande wäre, meine Denktätigkeit anzuregen.</p> - -<p>Als es hell wird, sitze ich auf dem Bette, umfasse die Knie mit den -Händen und versuche aus Langerweile mich selbst zu erkennen. -»Erkenne dich selbst!« das ist ein schöner, nützlicher Rat; schade -nur, daß die Alten nicht daran gedacht haben, die Mittel anzugeben, -wie man sich dieses Rates bedienen könne.</p> - -<p>Wenn mich früher die Lust ankam, das Wesen irgend jemandes -oder mein eigenes zu erkennen, so richtete ich mein Augenmerk nicht -auf die Handlungen, bei denen ja alles von den äußeren Umständen -abhängt, sondern auf die Wünsche. Sage mir, was du wünschest, -und ich werde dir sagen, wer du bist.</p> - -<p>Auch jetzt prüfe ich mich selbst: was möchte ich?</p> - -<p>Ich möchte, daß unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Freunde und -unsere Schüler an uns nicht den Namen, das Aushängeschild und -das Etikett liebten, sondern die Menschen, die gewöhnlichen Menschen. -Was noch? Ich möchte Gehilfen und Nachfolger haben. -Was noch? Ich möchte nach etwa hundert Jahren erwachen und -wenigstens einen kurzen Blick auf den Stand der Wissenschaft -werfen. Ich möchte noch zehn Jahre leben … Was noch weiter?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p> - -<p>Weiter nichts. Ich überlege, überlege lange und kann nichts mehr -ersinnen. Und wie lange ich auch überlege, und wohin ich auch -meine Gedanken richten würde, das ist mir klar, daß meinen Wünschen -etwas sehr Wesentliches, gerade das Wichtigste fehlen würde. -Meinem leidenschaftlichen Interesse für die Wissenschaft, meinem -Wunsche weiterzuleben, diesem Sitzen auf dem fremden Bette und -dem Versuche, mich selbst zu erkennen, allen Gedanken, Gefühlen -und Begriffen, die ich mir über alle Dinge bilde, alledem fehlt -das gemeinsame Band, durch das alles erst zu einem einheitlichen -Ganzen verknüpft werden würde. Jedes Gefühl und jeder Gedanke -führt in mir sein Sonderdasein, und in allen meinen Urteilen über -die Wissenschaft, über das Theater, über die Literatur, über meine -Schüler und in all den Bildern, die meine Einbildungskraft entwirft, -würde selbst der geschickteste Psychologe nicht das finden, -was man die Gesamtidee oder den »Gott im lebendigen Menschen« -nennt.</p> - -<p>Wenn aber das fehlt, so ist alles andere nichtig und wertlos.</p> - -<p>Bei solcher Armut haben ein ernstes körperliches Leiden, die Furcht -vor dem Tode, die Einwirkung äußerer Umstände und anderer -Menschen ausgereicht, um alles das, was ich früher für meine -Weltanschauung hielt, und worin ich den Inhalt und die Freude -meines Lebens erblickte, völlig umzustürzen und in Trümmer zu -legen. Daher ist es kein Wunder, daß ich mir die letzten Monate -meines Lebens durch Gedanken und Gefühle verdunkelt habe, die -nur eines Sklaven und Barbaren würdig sind, und daß ich jetzt -teilnahmlos hier sitze und auf den Tagesanbruch nicht achte. -Wenn im Menschen nicht das vorhanden ist, was höher und stärker -ist als alle äußeren Einwirkungen, dann genügt wahrhaftig schon -ein tüchtiger Schnupfen, um ihn das Gleichgewicht verlieren und -in jedem Vogel eine Eule sehen, in jedem Ton ein Hundegeheul -hören zu lassen. Und sein ganzer Pessimismus oder Optimismus -mit seinen großen und kleinen Gedanken hat in solchen Zeiten lediglich -die Bedeutung eines Symptoms, aber keine reelle Wirkung.</p> - -<p>Ich bin besiegt. Wenn es so steht, dann hat es weiter keinen Zweck, -nachzudenken und zu reden. Ich werde so sitzen bleiben und schweigend -abwarten, was da kommen wird.</p> - -<p>Am Morgen bringt mir der Kellner Tee und die soeben erschienene -Nummer des Lokalblattes. Mechanisch überfliege ich die Annoncen<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -auf der ersten Seite, den Leitartikel, die Auszüge aus anderen Zeitungen -und Journalen, die Tageschronik. Und in dieser letzteren -finde ich unter anderm folgende Notiz: »Gestern ist unser berühmter -Gelehrter, der hochverdiente Professor Nikolai Stepanowitsch ***, -mit dem Kurierzuge in Charkow eingetroffen und im Hotel *** -abgestiegen.«</p> - -<p>Offenbar sind berühmte Namen dazu geschaffen, ein Sonderleben -neben ihren Trägern zu führen. Jetzt wandert mein Name -ungestört in Charkow umher; nach drei Monaten wird er in -goldenen Buchstaben auf meinem Grabdenkmal blitzen wie die -Sonne, während ich selbst bereits unter einer Moosdecke liegen -werde.</p> - -<p>Ein leichtes Klopfen an der Tür; es will jemand zu mir.</p> - -<p>»Wer ist da? Herein!«</p> - -<p>Die Tür öffnet sich; erstaunt trete ich einen Schritt zurück und -schlage eiligst die Schöße meines Schlafrocks übereinander. Vor -mir steht Katja.</p> - -<p>»Guten Morgen!« sagt sie, noch ganz außer Atem vom Treppensteigen. -»Das haben Sie wohl nicht erwartet? Ich bin auch … -bin auch hergekommen.«</p> - -<p>Sie setzt sich und fährt stockend und ohne mich anzusehen fort:</p> - -<p>»Warum sagen Sie mir nicht Guten Tag? Ich bin auch hergekommen -… heute … Ich erfuhr, daß Sie in diesem Hotel abgestiegen -seien, und da bin ich zu Ihnen hergekommen.«</p> - -<p>»Ich freue mich sehr, dich zu sehen,« sage ich achselzuckend. »Aber -ich bin erstaunt … Du erscheinst hier so plötzlich wie vom Himmel -gefallen. Warum bist du denn eigentlich hier?«</p> - -<p>»Ich? Nun, ohne besonderen Anlaß … Ich habe mich einfach -aufgesetzt und bin hergefahren.«</p> - -<p>Stillschweigen. Auf einmal steht sie mit einer raschen, heftigen -Bewegung auf und tritt auf mich zu.</p> - -<p>»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie; sie ist ganz blaß geworden und -drückt die Hände gegen die Brust. »Nikolai Stepanowitsch! Ich kann -so nicht mehr weiterleben! Ich kann es nicht! Um Gottes willen, -sagen Sie mir schnell, augenblicklich: was soll ich tun? Sagen -Sie mir: was soll ich tun?«</p> - -<p>»Was kann ich dir sagen?« erwidere ich verwundert. »Ich kann -dir nichts sagen.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<p>»Sagen Sie es mir doch, ich flehe Sie an!« fährt sie, schwer atmend -und am ganzen Leibe zitternd, fort. »Ich schwöre Ihnen, -daß ich so nicht weiterleben kann! Meine Kraft ist zu Ende!«</p> - -<p>Sie fällt auf einen Stuhl nieder und beginnt zu schluchzen. Sie -hat den Kopf zurückgeworfen, ringt die Hände und stampft mit -den Füßen; der Hut ist ihr vom Kopfe gefallen und schaukelt am -Gummibande; das Haar ist ihr in Unordnung geraten.</p> - -<p>»Helfen Sie mir! Helfen Sie mir!« fleht sie. »Ich kann nicht -mehr!«</p> - -<p>Sie holt das Taschentuch aus ihrem Reisetäschchen hervor und zieht -damit zugleich ein paar Briefe heraus, die dann von ihren Knien -auf den Fußboden fallen. Ich hebe sie auf, erkenne bei einem derselben -die Handschrift Michail Fedorowitschs und lese zufällig ein -Stück von einem Worte: »leidenschaft…«</p> - -<p>»Ich kann dir nichts sagen, Katja,« wiederhole ich.</p> - -<p>»Helfen Sie mir!« schluchzt sie, ergreift meine Hand und küßt -sie. »Sie sind ja doch mein Vater, mein einziger Freund! Sie -sind ja klug und gebildet und haben lange gelebt! Sie sind Lehrer -gewesen! Sagen Sie mir doch: was soll ich tun?«</p> - -<p>»Auf Ehre und Gewissen, Katja: ich weiß nicht …«</p> - -<p>Ich bin fassungslos, verlegen, von ihrem Schluchzen gerührt und -kann mich kaum auf den Beinen halten.</p> - -<p>»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich mit einem gezwungenen -Lächeln. »Hör doch auf zu weinen!«</p> - -<p>Und unmittelbar darauf füge ich mit leiserer Stimme hinzu: »Ich -werde bald nicht mehr sein, Katja …«</p> - -<p>»Nur ein Wort, nur ein einziges Wort!« ruft sie weinend und -streckt die Hände nach mir aus. »Was soll ich tun?«</p> - -<p>»Eine wunderliche Person bist du, wahrhaftig,« murmle ich. »Es -ist mir unbegreiflich! Sonst so verständig … und nun zerfließt -du auf einmal in Tränen …«</p> - -<p>Es tritt ein Stillschweigen ein. Katja bringt ihr Haar in Ordnung -und setzt den Hut auf; dann knittert sie die Briefe achtlos zusammen -und schiebt sie in die Reisetasche; alles das tut sie schweigend -und ohne Hast. Ihr Gesicht, ihre Brust und ihre Handschuhe sind -noch feucht von Tränen; aber der Ausdruck ihres Gesichtes ist bereits -streng und fest … Ich sehe sie an und schäme mich, daß ich -glücklicher bin als sie. Der Mangel dessen, was meine Kollegen,<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -die Philosophen, die Gesamtidee nennen, ist mir erst kurz vor meinem -Tode, beim Niedergange meiner Tage, zum Bewußtsein -gekommen; die Seele der armen Katja aber hat bisher nie das Gefühl -des Geborgenseins kennen gelernt und wird es ihr ganzes -Leben lang nicht kennen lernen!</p> - -<p>»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich.</p> - -<p>»Nein, danke,« antwortet sie kühl.</p> - -<p>Es vergeht noch eine Minute unter beiderseitigem Stillschweigen.</p> - -<p>»Charkow gefällt mir nicht,« beginne ich dann. »Es macht alles -so einen grauen Eindruck. Eine graue Stadt.«</p> - -<p>»Ja, das ist wohl richtig … Eine häßliche Stadt … Ich bin -nur auf kurze Zeit hier … Auf der Durchreise. Ich fahre heute -noch weiter.«</p> - -<p>»Wohin?«</p> - -<p>»Nach der Krim … ich wollte sagen: nach dem Kaukasus.«</p> - -<p>»So. Auf lange?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht.«</p> - -<p>Katja steht auf und reicht mir mit einem kalten Lächeln und ohne -mich anzusehen die Hand.</p> - -<p>Ich möchte sie fragen: »Dann bist du also zu meinem Begräbnisse -nicht da?« Aber sie sieht mich nicht an, und ihre Hand liegt so -kühl in der meinen, als ob sie mir eine Fremde wäre. Ich begleite -sie schweigend bis an die Tür … Nun hat sie mein Zimmer verlassen -und geht den langen Korridor entlang, ohne sich umzusehen. -Sie weiß, daß ich ihr nachschaue, und wird sich wohl an der Ecke -noch einmal umblicken.</p> - -<p>Nein, sie hat sich nicht umgeblickt. Das letzte Stück ihres schwarzen -Kleides ist verschwunden, ihre Schritte sind verhallt … Lebewohl, -du mein Teuerstes auf der Welt!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="footnotes"> -<h2 id="Fussnoten">Fußnoten</h2> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> In Gribojedows Lustspiel: »Verstand schafft Leiden«. Anm. des Übers.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> = Restaurant. Anmerkung des Übersetzers.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Eine sehr verbreitete illustrierte Wochenschrift, einigermaßen ähnlich der Gartenlaube. -Anm. des Übers.</p></div> -</div> - -<hr class="chap" /> -<p> </p> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> -</div> - -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE***</p> -<p>******* This file should be named 52605-h.htm or 52605-h.zip *******</p> -<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> -<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/2/6/0/52605">http://www.gutenberg.org/5/2/6/0/52605</a></p> -<p> -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed.</p> - -<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact</p> - -<p>For additional contact information:</p> - -<p> Dr. Gregory B. Newby<br /> - Chief Executive and Director<br /> - gbnewby@pglaf.org</p> - -<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS.</p> - -<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition.</p> - -<p>Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org</p> - -<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p> - -</body> -</html> - diff --git a/old/52605-h/images/cover.jpg b/old/52605-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f4f4fb5..0000000 --- a/old/52605-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/52605-h/images/signet.png b/old/52605-h/images/signet.png Binary files differdeleted file mode 100644 index a0d2c56..0000000 --- a/old/52605-h/images/signet.png +++ /dev/null |
